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geschwister, familie, lebensmuster, roman, sinnhaftigkeit

Der Rest der Zeit

Bernadette Nemeth
Fester Einband: 328 Seiten
Erschienen bei Verlag Wortreich, 16.01.2017
ISBN 9783903091238
Genre: Romane

Rezension:

Der Roman „Der Rest der Zeit“ von Bernadette Nemeth führt den Lesenden in die Geschichte der Familie Enek, die ihre Wurzeln in Ungarn hat. Die Autorin schildert den Umgang des früheren Ungarns mit seinen Bürgern, deren Bespitzelung und  Vernehmungsmethoden bis hin zu gestellten Unfällen zum Zweck des Machterhalts. Sie erspart dem Lesenden nicht die Auswirkungen einer Fluchterfahrung, die lebenslange Traumatisierung, die Flüchtende – so auch der Vater der Familie – zum Bestandteil des neuen Lebens in Freiheit machen müssen.

Die Hauptfigur des Romans ist Tünde, eine Ärztin. Sie eint mit ihren Geschwistern, dass alle Drei gebildet und sozial eingebettet sind, sich jedoch in Sinnkrisen befinden. Die Seele als maßgeblicher Bestandteil von Lebensqualität wird nicht ihren Wünschen entsprechend bedient – der Bruder sieht seine Berufung entgegen seinem Broterwerb in der Geistlichkeit, die Schwester befindet sich in der Unzufriedenheit einer Beziehung und Tünde selbst sehnt sich danach, Schriftstellerin zu werden.

Authentisch schildert die Autorin den Alltag in einem Spital, mit Machtspielen, der als Hierarchie getarnten Hackordnung, der fehlenden Unterstützung und skrupelloser  Demoralisierung neu Hinzukommender. Sie benennt schonungslos den Ärztemangel und die Realität von Dienstzeiten (Zitat): „Man darf nicht an den falschen Tagen krank sein“. Ein Hauch von Sarkasmus macht die bittere Pille des Systems eines Krankenhauses für den Lesenden erträglich.

Bernadette Nemeth macht aber auch deutlich, wie schwer es ist, die Logik einer Familiengeschichte zu durchbrechen: Die einen flüchten aus ihrer Heimat, die anderen vor einer geplanten Hochzeit. Es ist in beiden Fällen die Flucht vor einem unerwünschten Leben. Aber auch das Muster elterlicher Verantwortung dem Kind das ersparen zu wollen, was sich für das eigene Leben als Irrweg herausgestellt hat und damit in Wirklichkeit den Weg des Kindes zu behindern, wird nicht tabuisiert.

Bei allen Familiendetails geht es im Endeffekt um gelebte Werte und Rollenverteilungen, die trotz besten Absichten nicht immer zum gewünschten Ergebnis führen. Zwänge bestimmen den Alltag - im Beruf, in Beziehungen oder im Waschen der Hände - Zwänge durch Erwartungshaltungen diktiert oder durch vorauseilenden Gehorsam selbst auferlegt. Als Lesender würde man am liebsten protestieren, um den zu erwartenden Verlauf zu stoppen, wenn ein junger Mann im Lieblingsrestaurant der Eltern um die Hand seiner Angebeteten anhält.

Der Roman beschreibt Herausforderungen wie Patchwork in Familien oder die Rolle eines sozialen Vaters. Er macht aber auch betroffen, wenn er Ausgrenzung durch fremden Akzent in der Sprache oder den Umgang mit dem Tod in seinen unterschiedlichen Facetten thematisiert. Die Autorin konfrontiert unbarmherzig den Lesenden mit dem Gefühl des Versagens der Protagonistin, was zwangsläufig zur Reflexion auch des eigenen Lebens führt.    

Bernadette Nemeth hat einen großartigen Schreibstil. Sie erzeugt mit vielen wunderbaren Metaphern klare Bilder in der Vorstellung des Lesenden. Die freizügige Beschreibung der erotischen Szenen überrascht, stellt man sich doch im Laufe der Erzählung auf biedere Familienwerte und Gehorsamkeit in Bezug auf familiäre Erwartungshaltungen ein, was erst gedanklich mit Freizügigkeit in Einklang gebracht werden muss. Die großzügige Verwendung von Semikolons lässt den Lesenden nicht zur Ruhe kommen und hält in der Handlung der Erzählung gefangen, zumal zeitweilig der Eindruck vermittelt wird, im Tagebuch der Autorin zu lesen. Das versöhnliche Ende des Romans entlässt den Lesenden aus der Spannung, in dem es Tündes Leben wieder zu einem einheitlichen Ganzen fügt.

Ein gelungenes Werk, das Lust auf das Lesen weiterer Bücher von Bernadette Nemeth macht!

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Tags: familie;, flucht, krankheit, sinn, veränderung;   (5)
 
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