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Gemina

Amie Kaufman , Jay Kristoff , Gerald Jung , Katharina Orgaß
Fester Einband: 672 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 21.09.2018
ISBN 9783423762328
Genre: Jugendbuch

Rezension:

*Illuminae* war überraschend mein Januar-Highlight und hat sich mit seinen vielen Details, der packenden Story, den starken Charakteren und seiner originellen Form mit einem Knall in mein Herz geschlichen. Klar, dass ich mich tierisch auf "Gemina", den zweiten Teil der Trilogie, gefreut und diesen sogar gekauft habe, ohne den Klappentext zu lesen. Was zur Folge hatte, dass mich die Geschichte von Band 2 anfangs ziemlich überrascht hat und ich mich zumindest auf den ersten 50 Seiten nicht ganz abgeholt fühlte, denn zunächst treffen wir nicht erneut auf Kady und Ezra, die Helden aus Band 1, und erfahren auch nicht, wie es mit den Überlebenden auf der Hypatia weitergeht. Kaufman und Kristoff springen an einen ganz anderen Winkel der Galaxie - nämlich nach Heimdall, der Sprungstation, auf die sowohl die Hypatia als auch eine Angriffsflotte mit dem Namen Kennedy zusteuern.

Der neue Handlungsort, die völlig neue Situation und die neuen Protagonisten Hanna und Nik haben mich zu Beginn etwas aus der Materie geworfen. Ich war einfach so auf Kady und Ezra eingeschossen und noch derart gefangen genommen von den Geschehnissen in "Illuminae", das mich die Ruhe vor dem Sturm auf Heimdall zunächst irgendwie irritiert hat. Auch die Konstellation Hanna - Nik hat mich nicht so ganz überzeugt, denn mit Kady und Ezra hatten die Autoren in Band 1 einfach ein so starkes und toughes Duo eingeführt, dass man sich nur schwerlich an die neuen Charaktere gewöhnt. Zumal das Zusammenspiel zwischen Hanna und Nik gerade am Anfang recht erzwungen wirkt und einfach nicht an das Miteinander von Ezra und Kady heranreicht. In Hinblick auf die Figuren fand ich außerdem einen weiteren Punkt problematisch: Kaufman und Kristoff schicken ein 24-köpfiges Kampfteam nach Heimdall und veranstalten damit ein ziemlich unübersichtliches Figuren-Potpourri, dem man nur mühsam folgen kann.

Ebenso undurchsichtig erscheint zunächst die Handlung - denn diese konzentriert sich in der Hauptsache auf eine nervenzerfetzende Jagd durch die Sprungstation und die zieht sich. Hier hätte ich mir ein bisschen mehr Brisanz und Überraschung gewünscht, denn die ungewöhnliche Aufmachung des "Romans" kennt man schließlich schon von Band 1, sodass das Buch nicht mehr nur mit seiner genialen Gestaltung punkten kann. Aber: Hat man sich erst einmal eingelesen und sich mit den neuen Charakteren und der Sprungstation Heimdall vertraut gemacht, entwickelt auch "Gemina" schnell einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Die Handlung ist zwar, wie gesagt, vor allem in den ersten zwei Dritteln auf Action und Spannung reduziert, entwickelt sich aber in eine Richtung, die mir während des Lesens zunehmend gefallen hat.

Der Genremix aus Science Fiction, Thriller, Young Adult und Dystopie gewinnt erneut die Oberhand und erreicht im Zusammenspiel mit der für die Reihe typischen Akten-Form, dass man schlichtweg fasziniert und begierig auf neue Informationen ist. Auch "Gemina" setzt sich wieder aus Tagebucheinträgen, Chatverläufen, Video-Transkriptonen, Dokumentationen, Webeinträgen, Gesprächs-Mitschnitten und so weiter zusammen, enthält gestalterisch zwar wenige neue Elemente, schafft aber im letzten Drittel einen genialen Bogen zu den Geschehnissen in "Illuminae" und erreicht damit, dass dem Leser auch diesmal wieder vor Staunen der Mund offen stehen bleibt. Neben der KI AIDAN wartet "Gemina" mit einer galaktischen Verschwörung enormen Ausmaßes und verschiedensten wissenschaftlichen Theorien auf - dabei werden sämtliche Fäden auf so geschickte Art und Weise miteinander verwoben, dass das Ergebnis schlichtweg erstaunlich ist.

Obwohl "Gemina" in Bezug auf Handlung und Charaktere zwar nicht ganz seinen Vorgänger herankommt, weiß die Fortsetzung zu begeistern, den Blickwinkel noch einmal zu verlagern und am Ende mit unerwarteten Entwicklungen und Verwicklungen zu überraschen. Nachdem ich die Startschwierigkeiten überwunden hatte, hat mich die Geschichte bis zum Ende in Atem gehalten und mich (auch und vor allem dank eines miesen-fiesen Cliffhangers par excellence) verzweifelt nach Band 3 lechzen lassen. Was uns da wohl erwartet? Ich bin unglaublich gespannt darauf!

Mein Fazit
So fulminant und spektakulär wie sein Vorgänger "Illuminae" wirkte "Gemina" auf mich nicht, denn vor allem Handlung und Charaktere fand ich anfangs nicht ganz so ausgeklügelt wie erwartet. Danach aber habe ich mich beim Lesen kopfüber in ein weiteres galaktisches Abenteuer gestürzt, die Visualität des "Romans" unglaublich genossen und wieder einmal den erstaunlichen Einfallsreichtum der beiden Autoren bewundert. Nicht ganz so stark wie der Reihenauftakt, aber dennoch ein würdiger und vor allem spannender und unterhaltsamer zweiter Band.

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Tags: angriff, liebe, mord, science fiction, universum, weltall, wurmloch   (7)
 

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Sophies Tagebuch

Nicolas Remin
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Kindler, 23.10.2018
ISBN 9783463406954
Genre: Romane

Rezension:

Nicolas Remin ist ein Autor, von dem ich bisher noch nichts gelesen hatte. Sein neuester Roman, der erst vor Kurzem bei Kindler erschienen ist, hat mich aber direkt angesprochen: Es geht um eine Zeit, die es mir (so makaber das vielleicht auch klingen mag) seit meiner Kindheit irgendwie angetan hat. Es geht um den Zweiten Weltkrieg, um den Mauerfall, um große Geheimnisse und um eine Tochter, die herauszufinden versucht, wer ihre Eltern wirklich waren. Die Geschichte wirkt dabei von Anfang an besonders eindringlich, was vermutlich daran liegt, dass sich der Leser in der eigentlichen Handlung an Erika zur Lindes Seite im Westberlin zur Zeit des Mauerfalls befindet, gemeinsam mit ihr aber immer wieder stückchenweise in das Tagebuch ihrer Mutter eintaucht und damit fast 50 Jahre in der Zeit zurückreist. Mir hat es gefallen, dass Erika die Vergangenheit ihrer Eltern ausgerechnet in der turbulenten Zeit der politischen Wende in Deutschland ergründet, weil die Handlung dadurch wesentlich lebendiger und authentischer wirkt.

Authentisch sind überhaupt die Darstellungen in Remins Roman: Die Zustände in Berlin kurz vor der Wende, Erika zur Linde, die nach dem Selbstmord ihres Vaters regelrecht in eine Existenzkrise gerät und sich Hals über Kopf in das Lesen des Tagebuchs stürzt, und ganz besonders die Tagebuchaufzeichnungen von Sophie zur Linde. Denn in diesen zeichnet Remin das Bild einer regimetreuen, jungen Frau, die gar nicht groß über Hitler nachdenkt, sondern das, was er tut quasi als gegeben hinnimmt und ihr Leben dementsprechend ausrichtet. Das ist eine Sichtweise, die einem in Romanen und Filmen über den Zweiten Weltkrieg nur selten begegnet, eben weil sie so ehrlich ist und vermutlich die Gesinnung der meisten Deutschen zu dieser Zeit hervorragend trifft. Dass Remin es dennoch schafft, dass man Erikas Mutter nicht unsympathisch findet, sondern sie vielleicht eher für unbedarft und naiv hält, ist ein mit Bravour gemeisterter Drahtseilakt. Allerdings habe ich Sophies Tagebucheinträge stellenweise als wenig schwungvoll, zu lieblos und pragmatisch für eine anfangs 19-Jährige empfunden. Ganz besonders, wenn es um Felix Auerbach geht. Es werden zwar an mehreren Stellen Erklärungen für ihre nüchternen Aufzeichnungen gemacht, mich haben diese allerdings nicht immer ganz überzeugen können. Als Charakter blieb mir Sophie zur Linde daher zu vage und blass.

Was mir an den Tagebucheinträgen hingegen sehr imponiert hat, ist die Differenziertheit, mit der Remin die handelnden Figuren zeichnet. In den Schilderungen von Sophie begegnen dem Leser nicht nur grausame Nazis auf der einen und die Juden auf der anderen Seite. Die Tagebucheinträge geben vielmehr Einblick in ganz verschiedene Persönlichkeiten - sie zeigen, dass auch während des Zweiten Weltkriegs nicht alles Schwarz und Weiß war. Remin stilisiert nicht, er präsentiert keine Stereotypen, sondern komplexe Figuren mit Grundsätzen und Beweggründen, die vielleicht nicht immer auf den ersten Blick zu verstehen und nachzuvollziehen sind.

Mich hat die Geschichte von Sophies Mutter sehr schnell in ihren Bann gezogen. Ich finde es allerdings gut, dass Remin sie sozusagen wohl dosiert in die Rahmenhandlung einbettet. Nach wenigen Tagebucheinträgen lässt er Erika zur Linde stets bei ihren Recherchen innehalten, gibt ihr und dem Leser die Gelegenheit, das Gelesene zu verarbeiten und wendet sich auch den Geschehnissen im "Hier und Jetzt", also dem Fall der Berliner Mauer, zu. Mir gefällt dabei, dass er Erika zur Linde die Entdeckungen, die sie über ihre Mutter macht, rekapitulieren und auswerten lässt - dass sie nicht nur die Augen stellt, durch die wir die Geschichte von Sophie sehen beziehungsweise lesen können, sondern dass sie immer ein aktiver Charakter bleibt - denn so hat Erika mich immer wieder zum Nachdenken angeregt und mir Aspekte gezeigt, die ich so vielleicht nicht wahrgenommen hätte.

Ich habe mich nach den ersten 100 Seiten in einen regelrechten Sog gelesen, was mich anfangs ein wenig erstaunt hat, denn Remins Schreibstil ist eher nüchtern, schnörkellos und auf den Punkt - ja, an einigen Stellen mag er vielleicht sogar emotionslos wirken. Bei dieser Geschichte hat mich das aber überhaupt nicht gestört: Der Stil passt perfekt zur Handlung und zu den zwei völlig verschiedenen "Berlins", die Remin in seinem Roman skizziert. Er bleibt bei seinen Worten naturalistisch und authentisch und genau das braucht die Geschichte.

Mein Fazit
"Sophies Tagebuch" hat mich wirklich begeistert - ich habe die Geschichte mit Faszination gelesen und jedes von Remins Worten in mich aufgesogen. Auf meisterhafte Weise verwebt er die Schicksale der unterschiedlichsten Personen miteinander und hat mich damit auf vielen Ebenen erreicht. Einzig mit Sophie zur Linde wollte ich nicht so recht warm werden, aber alles in allem war dieser Roman ein unglaublich gutes Leseerlebnis und vor allem etwas, das ich so bisher noch nicht gelesen hatte.

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Tags: berlin, geheimnisse, mauerfall, verbotene liebe, wende, zweiter weltkrieg   (6)
 

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490 Bibliotheken, 55 Leser, 0 Gruppen, 93 Rezensionen

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Der Insasse

Sebastian Fitzek
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Droemer, 24.10.2018
ISBN 9783426281536
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Alle Jahre wieder: Ein neuer Fitzek! Und wieder habe ich mich schon lange auf den neuesten Psychothriller aus der Feder von Sebastian Fitzek gefreut. Obwohl ich leider sagen muss, dass schon bei den letzten Romanen (abgesehen von *AchtNacht*, das für mich ein echter Überraschungs-Hit war) ein wenig die Luft raus war - und das hat sich in meinen Augen mit "Der Insasse" leider fortgesetzt. Ohne Frage hat mich auch dieser Thriller wieder gut unterhalten, er ließ sich wie gewohnt flüssig runterlesen und wusste an vielen Stellen anzuwidern und zu packen. Genau das also, was man von einem guten Thriller erwartet. Nur die Überraschung, die Aha-Momente, die man von Fitzek kennt und die man liebt - diese blieben leider auf der Strecke.

Denn die neueren Werke von Sebastian Fitzek folgen mittlerweile einem zu festgezurrten, ziemlich starren Schema F. Ich muss dazu sagen: Ich schreibe diese Rezension natürlich aus Sicht eines Fitzek-Kenners, wenn man das so ausdrücken will. Ich habe bis auf drei Ausnahmen sämtliche seiner Bücher gelesen und weiß daher mittlerweile genau, wie seine Geschichten aufgebaut sind - angefangen vom zumeist männlichen Protagonisten, auch hier wieder ein Familienvater mit beruflichen und privaten Problemen, über die Psyche des Täters bis hin zu den vielen Richtungswechseln der Handlung. Die auch in "Der Insasse" gut gemacht, durchdacht und geschickt platziert sind. Aber sie haben mich nicht mehr in dem Maße überrascht, in dem ich es erwartet hätte. Denn der gesamte Aufbau des Romans ist zwar gut, aber eben so typisch Fitzek, dass man mittlerweile einfach ganz genau weiß, was einen erwartet. Natürlich nicht bis ins kleinste Detail, aber doch genug, um eben nicht mehr in Schnappatmung zu verfallen, wenn ein Twist die komplette Handlung umwirft.

Und genau das ist es, was die Geschichte (und das ist natürlich nur meine subjektive Meinung) eher mittelmäßig als außergewöhnlich und innovativ macht. Wenn man weiß, auf welche Art und Weise Fitzek mit der Psyche seiner Figuren und mit den Erwartungen des Lesers spielt, dann weiß man einfach von Anfang an, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln wird. So zumindest ging es mir beim Lesen. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, wieder einmal geschockt und aus den Socken gehauen zu werden, aber Fitzek hat mir einfach haargenau das gegeben, was ich schon aus vielen seiner Bücher kannte. Er ist sozusagen auf der sicheren Seite geblieben, hat nicht wirklich experimentiert oder ist neue Wege gegangen. Und das enttäuscht mich leider ziemlich.

Weil, und das ist daran so schade, ich ganz genau weiß, wie genial Fitzeks Verwirrspiele mit der menschlichen Psyche eigentlich sind. Und weil ich mir ziemlich sicher bin, dass "Der Insasse" Leser, die noch gar kein Buch von Fitzek kennen oder vielleicht bisher nur ein, zwei seiner Romane gelesen haben, wirklich umhauen wird. Mich als Intensiv-Fitzek-Leser kann die Story aber leider nicht mehr begeistern. Wie gesagt: Wir haben wieder einen Familienvater, wieder ein verschwundenes Kind, wieder einen irren Killer mit wahnwitziger Motivation, wieder eine vollkommen wahnsinnige Ausgangsposition und wieder einige Twists am Ende, die der Handlung eine völlig neue Richtung geben. Und wäre das "wieder" nicht, wäre "Der Insasse" für mich ein wirklich packender Psychothriller mit grausigen Elementen und unerwarteten Wendungen gewesen.

Leider ist Fitzeks neuer Roman für mich aber regelrecht erwartbar gewesen. Ich hätte mir gewünscht, dass Fitzek einmal ganz anders an die Geschichte herangeht - es ist eben schon die Konstellation verzweifelter-Familienvater-der-auch-im-Job-so-seine-Probleme-hat-und-kurz-vor-dem-Ehe-Aus-steht-mobilisiert-noch-einmal-all-seine-Kräfte-und-wagt-das-Unvorstellbare, die die Handlung in vorhersehbare Bahnen lenkt. Man kennt das aus "Der Augensammler", "Flugangst 7A", "Die Therapie", "Abgeschnitten" und so weiter - und man weiß oder ahnt zumindest, wie es ausgeht. Und dieses Wissen will ich wieder loswerden, ich will wieder überrascht, geschockt, geflasht werden und deswegen wünsche ich mir sehr, dass Fitzek in seinem nächsten Roman einmal völlig aus seinem Schema ausbricht und sich vielleicht wieder früheren Romanen wie zum Beispiel "Der Nachtwandler" oder "Der Seelenbrecher" annähert - was das Experimentelle, das Originelle und Unerwartete betrifft.

Mein Fazit
Fitzeks langersehnter neuer Roman "Der Insasse" ist zweifelsohne ein gut gemachter Psychothriller, der vor allem für jene spannend und überraschend sein dürfte, die noch nicht so viele seiner Werke gelesen haben. Mir persönlich war die Geschichte leider zu sehr Schema F - vom Protagonisten Till Berkhoff über den Schauplatz der Handlung, eine Psychiatrie, und das verschwundene Kind bis hin zum alles umkrempelnden Ende. Ich wünsche mir wieder mehr Nervenkitzel, mehr Mindfuck und mehr Unerwartetes.

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Tags: geschlossene anstalt, kinderschänder, mörder, psychiatrie, psychothriller, sebastian fitzek, thriller   (7)
 

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115 Bibliotheken, 10 Leser, 0 Gruppen, 24 Rezensionen

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Die Tochter des Uhrmachers

Kate Morton , Charlotte Breuer , Norbert Möllemann
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Diana, 08.10.2018
ISBN 9783453291386
Genre: Romane

Rezension:

Mit jeder einzelnen Geschichte gelingt es Kate Morton, mich ausf Neue zu fesseln und zu verzaubern. Sie ist eine der Autorinnen, die mich nicht schnell genug mit Nachschub versorgen könnten, denn ich liebe ihre wundervollen Ideen, ihren poetischen Schreibstil und die Nostalgie, die jede ihrer Geschichten durchdringt. "Die Tochter des Uhrmachers" war deshalb bereits vor seinem Erscheinen im Oktober ein absolutes Highlight für mich - und ist es nach der Lektüre erst recht. Was mir an diesem Buch von Anfang an ganz besonders gefallen hat: Kate Morton geht mit der Jahrhunderte umspannenden Geschichte um den tragischen Maler Edward Radcliffe, seine geheimnisvolle Muse und die junge Elodie völlig neue Wege und begeistert auf einer Ebene, die ich so absolut nicht erwartet hatte.

Gemeinsam mit Elodie, die als Archivarin in einem renommierten Londoner Archiv arbeitet und kurz vor ihrer Hochzeit steht, öffnet der Leser auf den ersten Seiten die angestaubte Aktentasche und so beginnt die faszinierende Reise durch mehr als 150 Jahre Geschichte. Genauso ist Kate Mortons neuester Roman aufgebaut. Der Ausgangspunkt ist das anmutige Haus Birchwood Manor, um das sich, wie Elodie bald herausfindet, einige Mythen ranken und in dem sich zu Lebzeiten des Malers Edward Radcliffe eine beispiellose Tragödie ereignete, die all jene, die mit dem Haus in Berührung kommen, auch Jahrzehnte später nicht loslässt. Hat man anfangs noch erwartet, die Handlung würde sich kontinuierlich an Elodies Entdeckung und ihren Nachforschungen entlang hangeln und nur durch kurze Ausflüge in die Vergangenheit unterbrochen werden, so bewegt sie sich schon bald weg von Elodie, hin zu Edward Radcliffe und all den Menschen, die über die Jahre in Birchwood Manor lebten, von der Magie des Hauses angezogen wurden und herauszufinden versuchten, was an diesem verhängnisvollen Tag im Sommer 1862 wirklich geschah.

Mich hat dieses Konzept vollkommen vereinnahmt, besonders weil anfangs noch gar nicht klar ist, in welche Richtung sich diese Geschichte bewegen wird. Einen großen Stellenwert nehmen in "Die Tochter des Uhrmachers" vor allem die Bedeutung von Zeit, von Verlust und Versöhnung, von Liebe und Sterblichkeit ein. Das mag alles recht rätselhaft klingen, aber ich kann gar nicht vielmehr ins Detail gehen, ohne euch maßlos zu spoilern. Was ich aber sagen kann, ist, dass es mich unheimlich fasziniert hat, dass die Handlung mit jedem Kapitel komplexer, verwobener und rätselhafter wird. Dass ich es großartig finde, auf welche sensationelle Art und Weise Kate Morton die Schicksale so vieler verschiedener Figuren miteinander verbindet und wie sich am Ende ein Puzzleteil ins nächste fügt und man mit großen Augen vor dem Buch sitzt und einfach nicht fassen kann, welche verschlungenen Pfade die Geschichte immer wieder eingeschlagen hat, bis sie am Ende alle in Birchwood Manor zusammentrafen.

Anfangs hatte ich noch die Befürchtung, die vielen verschiedenen Charaktere würden es mir erschweren, einen Zugang zu den einzelnen Figuren zu finden und die Geschichte in mein Herz zu lassen. Das war allerdings gar nicht der Fall, vielmehr bin ich mit jeder neuen Person tiefer in die Geschehnisse eingetaucht und habe mich schnell mitreißen lassen von Mortons einzigartiger Erzählweise. Neben den vielen Verwicklungen, die sich in alle möglichen Richtungen ausgedehnt und dafür gesorgt haben, dass ich das Buch kaum zur Seite legen konnte, waren es vor allem die detailreichen Beschreibungen der Handlungsorte, die mich komplett vereinnahmt haben. Ganz besonders Birchwood Manor übt eine magische Anziehungskraft auf die handelnden Charaktere, aber auch auf den Leser aus. Es lässt einen nur schwer los und bietet mit seiner ausgklügelten Architektur, der einzigartigen Umgebung und all den Menschen, die über die Jahrhunderte hinweg dort ein und aus gehen, unheimlich viel Stoff für fesselnde Legenden.

"Die Tochter des Uhrmachers" liest sich beinahe wie im Rausch. Die Geschichte ist so spannend wie ein Krimi, so komplex und vielschichtig wie eine Familiensaga oder ein Historienroman, so dramatisch und voller Leidenschaft wie ein Liebesroman und genau deswegen so besonders und faszinierend. Auch wenn ich vielleicht nichts anderes von Kate Morton erwartet habe, hat mich ihr neuester Roman dennoch wirklich überrascht. Mit all den mystischen, geschickt miteinander verwobenen Elementen, den versteckten Botschaften und den vielen Figuren, die am Ende alle irgendwie miteinander verbunden sind.

Mein Fazit
Spannend, faszinierend und einfach wunderschön: "Die Tochter des Uhrmachers" ist ein fesselnder Pageturner, der einen alles andere vergessen lässt und mich tief hineingezogen hat in diese einzigartige, magische Geschichte über Geheimnisse, Verlust und Liebe. Kate Mortons neuester Roman hat mich wirklich, wirklich tief berührt, mich dabei großartig unterhalten und mich mit all seiner Poesie über die Lektüre hinaus verzaubert. Eine ganz große Leseempfehlung, vor allem für die dunkle Jahreszeit.

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Tags: england, geheimnisse, geister, liebe, london, magie, viktorianisches england   (7)
 

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163 Bibliotheken, 10 Leser, 0 Gruppen, 49 Rezensionen

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Die kleinen Wunder von Mayfair

Robert Dinsdale , Simone Jakob
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Knaur, 01.10.2018
ISBN 9783426226728
Genre: Romane

Rezension:

Ich hatte im Vorfeld noch nichts von diesem Roman gehört, habe mich aber sofort in das atemberaubende Cover und den zauberhaften Klappentext verliebt. Und tatsächlich hat mich auch die Geschichte gleich auf den ersten Seiten gefangen genommen, denn als die schwangere Cathy im Emporium eintrifft, traut weder sie noch der Leser seinen Augen. Robert Dinsdale gelingt es, mit seinen Worten eine so magische und liebevoll ausgestaltete Welt zu erschaffen, dass man sich beinahe augenblicklich in die eigene Kindheit zurückversetzt fühlt. "Die kleinen Wunder von Mayfair" ist ein Buch für Erwachsene, aber es erinnert uns an unser inneres Kind, lässt uns Unglaubliches erleben und staunen. Auf jeder Seite gibt es tausend zauberhafte Kleinigkeiten zu entdecken und Dinsdale beschreibt diese auf so liebevolle und anschauliche Art und Weise, dass man Papa Jacks Emporium von Beginn an vor Augen hat - mehr noch, es fühlt sich an, als wäre man mittendrin.

Mittendrin im Paradies, denn Dinsdale dehnt die Grenzen des Möglichen weit aus - erzählt von treuen Patchworkhunden, von epischen Schlachten zwischen Spielzeugsoldaten, von Spielhäusern, die innen viel größer sind, als man es von außen erwarten würde, von schwebenden Wolkenschlössern, verschlungenen Pfaden innerhalb des Gebäudes und und und. Gerade auf den ersten 100 Seiten haben mich Dinsdales Ideen fasziniert und gefangen genommen - ich war schlichtweg begeistert von diesem sensationellen Setting. Es weist dabei einige deutliche Parallelen zu anderen Büchern auf, ganz besonders zu "Harry Potter" und "Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten" von Alexander Wolkow, was mich aber keineswegs gestört hat - nein, ganz im Gegenteil. Vielmehr haben auch diese Kleinigkeiten mich an meine Kindheit erinnert und mich sozusagen in der Zeit zurückreisen lassen. Ich nehme stark an, dass Dinsdale genau das beabsichtigt hat und er hat es großartig gemacht.

Mir gefällt auch die Botschaft, die hinter Dinsdales magischen Bildern und seiner Geschichte steht - nämlich, dass wir alle tief drinnen immer noch Kinder sind, und dass Spielzeuge auch auf Erwachsene eine heilende Wirkung haben können. Dass ihnen ein besonderer Zauber innewohnt. Ich mag es auch, dass die Geschichte ungefähr ab dem zweiten Drittel deutlich düsterer und an manchen Stellen auch trostloser wird, dass Dinsdale uns die Grenzen der Magie aufzeigt und auf ernstere Themen wie den Ersten Weltkrieg und seine Auswirkungen auf die Menschen eingeht.

Allerdings gibt es auch einige Punkte, die mich an diesem Roman irritiert beziehungsweise einfach nicht befriedigt haben. Ganz besonders sind das die Charaktere. Dinsdale schmückt Papa Jacks Emporium mit glanzvollen Worten aus und geht hier unheimlich in die Tiefe - die Figuren allerdings rücken dabei in den Hintergrund oder werden sogar grob vernachlässigt. Ich konnte bis zum Ende weder zu Hauptperson Cathy noch zu Papa Jack und seinen Söhnen Emil und Kaspar einen Zugang finden. Was dafür gesorgt hat, dass ich die Gründe für ihr Handeln so gut wie nie nachvollziehen konnte. Vor allem der stellenweise ziemlich überzogen dargestellte Zwist zwischen den Brüdern, der bisweilen Ausmaße annimmt, die sich mir einfach nicht erschlossen haben, und die rigorosen Schwarz-Weiß-Kategorisierungen (die klare Einteilung in Gut und Böse, mit nichts dazwischen) haben mich oftmals ratlos zurückgelassen.

Und leider schwächelt auch die Handlung ab der Mitte stark und kommt massiv ins Straucheln. So sehr man am Anfang auch staunte über all die Wunder und zauberhaften Details: Leider verliert das Emporium allzu schnell seinen Glanz, denn die Handlung tritt vor allem im Mittelteil lange auf der Stelle, schleppt sich zäh dahin und folgt keinem erkennbaren roten Faden. Das fand ich sehr schade, denn eigentlich wäre so viel Potenzial da gewesen. Und das Ende hat mich schließlich mich auch wieder ein wenig mit der Geschichte versöhnt - nichtsdestotrotz fehlt mir bei vielen Dingen der Bezug, fehlt mir die charakterliche Tiefe. Und das wird dem sensationellen Schreibstil und dem wundervollen Setting leider in keiner Weise gerecht.


Mein Fazit
"Die kleinen Wunder von Mayfair" ist ein Buch, das voller Magie und voller wunderbarer Botschaften steckt. Das einen zurückversetzt in die eigene Kindheit, einen zum Staunen bringt und zum Nachdenken anregt. Leider konnten Dinsdales fantasievoller Schreibstil und das zauberhafte Emporium mit all seinen kleinen Wundern die oberflächlichen Charaktere und die vor allem im Mittelteil eher fade Handlung nicht ganz aufwiegen. Sodass ich der Geschichte am Ende doch recht zwiegespalten gegenüber stehe - obwohl so vieles daran mich fasziniert hat.

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Tags: erster weltkrieg, kindheit, kindheitserinnerungen, london, magie, magischer spielzeugladen, spielzeug   (7)
 

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Wo wir uns finden

Nicholas Sparks , Astrid Finke
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Heyne, 03.09.2018
ISBN 9783453271739
Genre: Liebesromane

Rezension:

Für mich ist Nicholas Sparks ganz ohne Frage der Meister der Romantik - besonders, wenn es draußen kühler und ungemütlicher wird und wenn es in meinem Leben gerade mal drunter und drüber geht, erden mich seine Geschichten irgendwie. Es sind echte Feelgood-Romane, zu denen auf jeden Fall auch sein neuestes Buch "Wo wir uns finden" gehört. Wie so gut wie alle Romane aus Sparks´ Feder spielt auch dieser wieder zum Großteil in North Carolina, einem US-Staat, in dem ich selbst schon war, was den Schauplatz für mich doppelt besonders macht. Ich verliebe mich bei jeder Geschichte neu in North Carolina, denn Sparks gelingt es immer wieder außergewöhnlich gut, seine Figuren mit der einzigartigen Landschaft und dem wundervollen Charme des Ortes zu verbinden. "Wo wir uns finden" spielt in Sunset Beach, in einem Cottage am Meer - ein Zufluchtsort für die Protagonisten Hope und Tru und ein magischer Ort, der die Fantasie beflügelt, für den Leser.

North Carolina wirkt in Sparks´ Romanen immer heimelig, ruhig und gemütlich - dem steht in "Wo wir uns finden" aber ein zweiter Handlungsort gegenüber, nämlich Simbabwe, die Heimat des Safari-Guides Tru. Sparks entführt den Leser diesmal in ein wildes, atemberaubendes Land, das sich zur Zeit der Handlung im politischen Umbruch befindet. Mich hat dieses zweite Setting ebenso eingenommen wie North Carolina und der zauberhafte Briefkasten am Meer mit dem Namen "Seelenverwandte", der in der Geschichte und ganz besonders für Tru und Hope eine große Rolle spielt. Es wirkt vielleicht komisch, dass ich ellenlang überschwänglich von den Handlungsorten schwärme, aber meiner Meinung nach sind sie das, was "Wo wir uns finden" so besonders und leicht macht.

Obwohl alle Romane von Nicholas Sparks natürlich klar in Richtung Romance gehen, erfindet er sich immer wieder neu und grenzt seine Geschichte so voneinander ab. Was "Wo wir uns finden" so außergewöhnlich macht, ist ganz klar der Fokus auf Ort und Figuren. Hope und Tru stehen fast durchgehend im Mittelpunkt der Geschichte - Freunde und Familienmitglieder treten nur am äußersten Rand auf. Der Erzähler lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers abwechselnd auf Tru und Hope, lässt uns in ihre Seelen blicken und vermittelt ihre Ängste, Sorgen und Gefühle so auf besonders intensive Weise. Mir hat das außerordentlich gut gefallen, denn ich hatte das Gefühl, die beiden aus nächster Nähe zu beobachten. Dadurch, dass der Fokus fast ausschließlich auf den beiden und ihrer Liebe zueinander liegt, fühlt man sich noch tiefer hinein in die Geschichte und ist von Anfang bis Ende hautnah bei den Figuren.

Außerdem finde ich es großartig, wie Sparks in seinem neuen Roman originelle Kniffe ausprobiert und mit dem Leser und seiner Erwartungshaltung spielt. "Wo wir uns finden" ist zwar keine Liebesgeschichte, die man so noch nie gelesen hat (schließlich kann das Rad nicht am laufenden Band neu erfunden werden), aber hier ist ganz klar das "Wie" entscheidend. Wie lernen sich Hope und Tru kennen? Wie haben sie ihr Leben davor verbracht? Wie entwickelt sich ihre Beziehung? Wie wird es mit ihnen weitergehen? Und wie können sie es schaffen, ihrer beider Leben mit ihren Sehnsüchten zu vereinen?

Alles in allem hat mich Nicholas Sparks´ Roman also absolut überzeugt und (was noch viel wichtiger ist) mich gut unterhalten, mich abgeholt, mitgenommen und träumen lassen. Die wundervollen Orte und Hope und Tru als Einzelpersonen haben mich tief berührt - nur die Romanze konnte mich zwischenzeitlich nicht ganz erreichen. Ich weiß leider gar nicht genau, woran das liegt, aber die Magie, die in der Luft liegen muss, wenn zwei Menschen sich innerhalb kürzester Zeit Hals über Kopf ineinander verlieben, hat mir gerade in der Mitte etwas gefehlt. In erster Linie aber hat mir "Wo wir uns finden" einige herrliche Lesestunden beschert und mein Fernweh geweckt - und im Großen und Ganzen hat es meine Erwartungen als leichte Liebesgeschichte, mit der man dem Alltag entfliehen kann, absolut erfüllt.

Mein Fazit
Auch "Wo wir uns finden" verspricht, wie jeder Roman von Nicholas Sparks, große Gefühle, Dramatik und zart-romantische Szenen, die im Gedächtnis und im Herzen bleiben. Besonders gefallen haben mir die Gegensätzlichkeit und der jeweils ganz eigene Charme der Handlungsorte und der durchgehende Fokus auf den beiden Protagonisten. Sparks hat mich mit "Wo wir uns finden" zwar im Endeffekt nicht von den Socken gehauen, aber er hat mich wie erwartet gut unterhalten, mich mitfühlen und mich träumen lassen. Genau das ist es, was seine Geschichten ausmacht.

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293 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 145 Rezensionen

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Der Schatten

Melanie Raabe
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei btb, 23.07.2018
ISBN 9783442757527
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Mein erstes Buch von Melanie Raabe war "Die Wahrheit" - Raabes Ideen und die Stimmung, die sie mit ihren Worten erzeugt, fand ich schon bei diesem Thriller wahnsinnig gut, auch wenn die Story selbst mich am Ende nicht vollends überzeugt hat. Ein großes Problem stellte für mich damals Melanie Raabes Schreibstil dar, der ziemlich nüchtern und schmucklos wirkt. Trotzdem hat ihr neuester Roman "Der Schatten" mein Interesse geweckt und von Anfang an hat es dieses Buch geschafft, mich in einen Sog zu ziehen, der mich nicht mehr loslassen wollte. Vielleicht habe ich mich mittlerweile an Raabes sehr eigenen Schreibstil gewöhnt - beziehungsweise passt dieser zu der Handlung von "Der Schatten" wie die Faust aufs Auge. Raabes Worte sind präzise gewählt, nicht aufgebläht oder beschönigend. Und ihr Stil strahlt etwas Ruhiges, Klares und Unaufgeregtes aus - und genau das hat die Atmosphäre, die sie vom ersten Satz an aufbaut, auf sensationelle Art und Weise unterstrichen und sie beinahe greifbar, auf jeden Fall aber überdeutlich spürbar gemacht.

Von Anfang an scheint ein grauer Schleier über der Geschichte zu liegen - man nimmt das wachsende Unwohlsein, die Verunsicherung der Hauptfigur Norah wahr. Egal, was Norah tut, als Leser fühlt man sich dabei unwohl und beobachtet. Die Geschichte wirkt auf eine unterschwellige Art bedrohlich und beklemmend und das Ganze ist dermaßen genial konstruiert, dass man quasi in das Buch hineingesaugt wird (etwas, das zumindest bei mir nicht sonderlich häufig vorkommt, was ich aber mehr als alles andere beim Lesen liebe). So wird nicht nur Spannung erzeugt, sondern auch eine ganz besondere Nähe zur Protagonistin, mit der man als Leser ansonsten vielleicht nicht besonders viel gemeinsam hat. Dennoch identifiziert man sich mit Norah und nimmt fast schon übermäßigen Anteil an ihrer Situation, eben weil man beim Lesen genau das fühlt, was auch sie fühlt, weil man ihre Ängste teilt, ihre Verwirrung, ihre Einsamkeit. Das hat Melanie Raabe meiner Meinung genial gelöst, denn auch wenn mir ihre Heuptfigur an einigen Stellen nicht unbedingt sympathisch war (was ja völlig in Ordnung ist, denn es kann einem ja auch im echten Leben nicht jeder Mensch sympathisch sein), habe ich so trotzdem von Anfang bis Ende mit ihr mitgefiebert.

Die Atmosphäre und die Art und Weise, wie Melanie Raabe die Geschichte um eine mysteriöse Prophezeiung aufbaut, haben bei "Der Schatten" also absolut gepasst. Aber auch alles andere war in sich stimmig und vor allem erfüllt der Thriller seine Aufgabe überragend gut - ich wollte fast durchgehend an den Nägeln kauen, weil die Geschichte gefühlt am Ende jedes Kapitels von der einen Seite in die entgegengesetzte geschleudert wurde. Weil die Handlung stellenweise so genial konfus war und ich zig Vermutungen hatte, was es mit der Prophezeiung und den Veränderungen, die Norah in ihrer Umgebung wahrnimmt, auf sich haben könnte. Melanie Raabe aber wechselt ein ums andere Mal gekonnt die Richtung, sodass ich am Ende vollkommen überrumpelt vor dem Buch saß und nur dachte: Wie genial ist das denn?

Die Auflösung hat mich kalt erwischt - trotz der vielen winzigen Andeutungen, die Raabe zwischen den Zeilen versteckt und die zwar stets ein ungutes Gefühl erzeugt haben, aber erst am Ende Sinn ergeben. Was ich übrigens bei diesem Buch auch sehr, sehr gut finde, ist, dass Melanie Raabe sich Zeit für die Auflösung und das Ende nimmt. Viel zu oft sind mir Thriller begegnet, die erst auf den letzten 20 Seiten so richtig spannend und nervenzerfetzend wurden und die dann husch, husch zu einem Ende kamen und Hauptfigur und Leser gleichermaßen überrumpelt zurückließen. Melanie Raabe aber gibt Norah und damit auch dem Leser Zeit, die Zusammenhänge zu begreifen und sacken zu lassen, was das Thriller-Erlebnis am Ende noch um einiges besser und echter macht. Kurzum: Anders als Melanie Raabes zweiter Roman "Die Wahrheit" hat mich "Der Schatten" von vorne bis hinten überzeugt, mich überrascht, gepackt und immer wieder umgehauen.

Mein Fazit
Für mich ist "Der Schatten" von Melanie Raabe ganz ohne Zweifel einer der besten und spannendsten Thriller, die ich bisher gelesen habe. Die subtile Bedrohung, die auf jeder Seite mitschwingt, die spürbare Angst und die Beklemmung und die genial konstruierte Handlung, die immer wieder aufs Neue überrascht und Protagonistin wie Leser eiskalt erwischt, erzeugen einen Thrill, der sich gewaschen hat. Ganz große Unterhaltung und sensationell gut gemacht!

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Am Abend vor dem Meer

Khaled Hosseini , Henning Ahrens , Dan Williams
Fester Einband: 48 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 29.08.2018
ISBN 9783103974096
Genre: Romane

Rezension:

Khaled Hosseini hat sich mit seinen Büchern, ganz besonders "Tausend strahlende Sonnen", in mein Herz geschrieben. Seine Geschichten haben mich immer sehr bewegt und mich gelehrt, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Sein neuestes Buch "Am Abend vor dem Meer" ist genau deshalb etwas ganz Besonderes. Es ist weder besonders dick noch erzählt es eine verschachtelte Geschichte mit zahlreichen Wendungen und Figuren. Und eben darum ist es so tiefschürfend und gehaltvoll. Und dabei so berührend und wundervoll.

Von "Am Abend vor dem Meer" sagt Khaled Hosseini selbst, dass es der Versuch sei, "die Millionen von Familien zu ehren, die auseinandergerissen und gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen" (Zitat Buchumschlag). Inspiriert wurde die Geschichte vom Schicksal eines syrischen Jungen, der 2015 im Alter von drei Jahren im Meer ertrank - auf dem Weg in ein besseres Leben. Mit diesem Hintergrundwissen und mit den wundervollen Illustrationen von Dan Williams vor Augen werden Hosseinis eindringliche Worte lebendig. Es sind nicht viele - auf jeder Seite stehen nur wenige Sätze, teilweise werden die Seiten sogar ausschließlich von den Zeichnungen ausgefüllt. Das mag auf den ersten Blick befremdlich wirken, aber in meinen Augen hat es die Geschichte einerseits noch kraftvoller und lauter gemacht und andererseits bieten die fast leeren Seiten dem Leser die Möglichkeit, Hosseinis Worte nachklingen und diese tieftraurige Geschichte auf sich wirken zu lassen.

Ich jedenfalls konnte meine Augen nicht abwenden von diesem herzergreifenden Brief eines Vaters an seinen Sohn - einem Brief, in dem all das in Worte gefasst wird, was wir uns nicht vorstellen können. Es dauert nicht lange, dieses dünne Büchlein zu lesen, aber die Geschichte klingt umso länger nach. Ich finde es deshalb wichtig, mithilfe dieser Geschichte einmal kurz innezuhalten und sich hineinzudenken in all die Familien, die ihre Heimat verlassen mussten, ihre Freunde und Verwandten und all das, was sie ihr ganzes Leben lang kannten. Viel mehr kann ich dazu gar nicht sagen - lest selbst!


Mein Fazit
Danke, Khaled Hosseini! Danke für dieses wundervolle Büchlein und danke dafür, dass du mir wieder einmal gezeigt hast, warum du einer der großen Geschichtenerzähler unserer Zeit bist. Dieses Buch verdient meiner Meinung nach volle Aufmerksamkeit!

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Die Sterne in unseren Händen

Lena Klassen
Flexibler Einband: 250 Seiten
Erschienen bei Drachenmond-Verlag, 24.06.2018
ISBN 9783959914727
Genre: Fantasy

Rezension:

Der Auftakt von Lena Klassens Trilogie um die Legenden der Unaschkin war für mich eine echte Überraschung (*HIER* gehts zur Rezension), denn ich hätte nie damit gerechnet, dass mich eine Fantasygeschichte noch einmal derart gefangen nehmen könnte. Schon in Band 1 haben mir die fremde Welt des Dschungels, das geheimnisvolle Volk der Unaschkin und die starke Protagonistin Meriande, die alles andere als ein verwöhntes Gör aus gutem Hause ist, imponiert. Ich fand die Geschichte frisch, originell und faszinierend - vor allem deswegen war ich unglaublich gespannt auf die Fortsetzung und darauf, wie sich die Liebe zwischen dem ungleichen Paar Meriande und Charal-Jar entwickeln würde. Der zweite Band der Trilogie, "Die Sterne in unseren Händen", startet auch direkt mit einem Knall und hat mich damit sofort zurück in die Geschichte geworfen. Meriande wird als Begleiterin von Charal-Jar im Bestienlager abgezogen, erhält einen höheren Rang und wird mit einem prekären Auftrag betraut - sie soll gemeinsam mit einem Trupp aus Soldaten, Sklaven und Unaschkin in die Königsstadt Banesch ziehen und herausfinden, was mit einer nordunischen Delegation geschah, die dort auf rätselhafte Weise verschwand.

Nicht nur der Handlung gibt diese Ausgangssituation ordentlich Feuer, sondern auch der Romanze zwischen Meriande und Charal-Jar. Als Diplomatin darf sich Meriande unter Androhung von Strafe nicht mehr mit den Bestienkriegern einlassen, nicht einmal mehr mit ihnen sprechen. Das stellt die Liebe zwischen den beiden auf eine harte Probe. Mir gefällt allerdings, dass diese im Verlauf der Handlung ein wenig in den Hintergrund gerät - sie ist zwar stets präsent, der Fokus aber liegt auf den Gefahren des Dschungels und der verschwundenen Handelsdelegation. Die Handlung ist nicht unbedingt sehr komplex, sondern eher geradlinig - aber sie ist spannend, hat mich großartig unterhalten und immer wieder Überraschungen für mich bereitgehalten.

Besonders beeindruckt hat mich nach der Rohheit des Dschungels die Pracht der Stadt Banesch, die jedoch von an Anfang an nicht nur einschüchternd, sondern auch bedrohlich und geheimnisvoll wirkt. Es herrscht eine sehr aufgeladene, knisternde Atmosphäre und mit jedem Puzzlestück, auf das Meriande stößt, wird die Gefahr greifbarer. Lena Klassen hat einen Spannungsbogen geschaffen, der mich in Atem gehalten hat und der die Geschichte trotz ihres eher langsamen Tempos so rasant und explosiv macht. Mit den Baneschiern führt sie nach den Nordunern, den Unaschkin und den kleinen Kriegern außerdem ein weiteres, überaus interessantes Volk mit eigenen Traditionen und Regeln ein - der zweite Teil der Trilogie bietet damit alles, was es braucht, um zu fesseln, zu unterhalten und den Leser mitfiebern zu lassen.

Für mich gibt es bei diesem Buch nur einen einzigen Abstrich und das ist Meriande. Im ersten Teil hat sie eine großartige Verwandlung durchgemacht - von der naiven, verwöhnten Kaufmannstochter zur starken, leidenschaftlichen Soldatin. Letztere ist sie auch in "Die Sterne in unseren Händen" noch und das gefällt mir im Wesentlichen. Aber sie hat keine Ecken und Kanten: Jeder Mensch und jedes Tier, dem sie begegnet, scheint auf sie zu fliegen, jeder ihr zu vertrauen, sie traumhaft schön zu finden, sie zu bewundern. Und auf mich wirkte es so, als würde Meriande von früh bis spät nur das Richtige tun. Kurzum: Sie ist mir in Band 2 zu perfekt, zu glatt, zu unnahbar. Ich wünsche mir sehr, dass ich in Band 3 andere, neue Seiten an ihr kennenlerne, dass sie sich ihre Stärke erhält, sich aber vielleicht in eine andere Richtung weiterentwickelt. Denn die Charaktere um sie herum tun das - nur Meriande scheint zu stagnieren. Das ist aber mein einziger Kritikpunkt, ansonsten hat mir die Geschichte unglaublich gut gefallen und mir großen Spaß beim Lesen bereitet.

Mein Fazit
"Die Sterne in unseren Händen" ist der zweite Teil von Lena Klassens Trilogie um die Legenden der Unaschkin und hat mich mit zwei atemberaubenden Schauplätzen, einer spannungsgeladenen Geschichte und einer faszinierenden Atmosphäre gefangen genommen. Ich bin immer noch in diese einzigartige Geschichte verliebt und sehr gespannt, wie sie in Band 3 ausgeht. Ich hoffe allerdings, dass Meriande sich im letzten Teil noch ein wenig weiter entwickeln darf, da sie mir hier als everbody´s Darling einfach nicht so gut gefallen hat. Dem Lesevergnügen hat das aber letztlich absolut keinen Abbruch getan.

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The Walking Dead

Robert Kirkman , Jay Bonansinga , Wally Anker
Flexibler Einband: 864 Seiten
Erschienen bei Heyne, 11.06.2018
ISBN 9783453319486
Genre: Fantasy

Rezension:

Ich hätte selbst von mir nie gedacht, dass ich mich mal als Fan der Serie "The Walking Dead" bezeichnen würde. Aber seit ich im März krank und mit der Fernbedienung in der Hand auf der Couch lag und neugierig die erste Folge schaute, bin ich voll drinnen im Zombie-Fieber. Mir gefällt an der Serie ganz besonders die Vielschichtigkeit der Charaktere, die sich ähnlich wie bei "Game of Thrones" ständig im Wandel befinden, sich an die grauenhaften Umstände anpassen, aber trotzdem mehr oder weniger ihren Prinzipien treu bleiben. "The Walking Dead" ist gespickt mit interessanten Figuren und ganz unterschiedlichen Typen - einer davon ist der Governor, den man aus der Serie als Oberhaupt des Städtchens Woodbury kennt. Ich will gar nicht zu viel über den Seriencharakter verraten (viele von euch kennen ihn bestimmt), aber seine Vorgeschichte und die Erlebnisse, die ihn zu diesem unerbittlichen und unberechenbaren Mann werden ließen, haben mich seit seinem ersten Auftritt sehr interessiert. Mit dem Doppelband "The Walking Dead - Der Anfang" stillen Robert Kirkman und Jay Bonansinga diese Neugierde - zu meiner großen Freude.

Ich muss allerdings sagen, dass es mir anfangs wirklich schwer fiel, mich in die Geschichte einzulesen. Das Problem waren in erster Linie die Charaktere, die so ganz anders waren als die Figuren, die man aus der Serie kennt. Der Governor, Philip Blake, ist einem ja ganz automatisch von vornherein unsympathisch, seine Begleiter, seine Tochter Penny und auch die Menschen, auf denen er in den ersten Wochen nach Ausbruch der Zombie-Apokalypse trifft (im Übrigen kann man diese an einer Hand abzählen) bleiben jedoch leider ziemlich blass und sind eher Stereotypen als vielschichtige, interessante Figuren. Mir hat hier zum einen eine Identifikationsfigur gefehlt (in der Serie gibt es davon schließlich reichlich, für jeden "Geschmack" etwas sozusagen), zum anderen aber auch die Interaktion zwischen den Charakteren. Die beiden Autoren verlegen sich eher auf das Beschreibende, was bei dieser Thematik an für sich gut ist, die Atmosphäre aber trotzdem nicht so transportiert, wie ich das erwartet beziehungsweise mir erhofft hatte. Der Roman ist zwar auf jeden Fall düster, viele Situationen wirken bedrohlich - die Weltuntergangsstimmung und die pure Verzweiflung, die man beim Schauen der Serie verspürt, lässt die Geschichte allerdings vermissen.

Nun war dies mein erster Zombieroman - es kann also durchaus sein, dass Zombies in der Literatur vielleicht generell weniger bedrohlich wirken als auf dem Bildschirm beziehungsweise, dass sie sich schlicht und ergreifend nicht auf solch packende Art und Weise darstellen lassen. Allerdings hat auch der Schreibstil beziehungsweise der Stil der Übersetzung nicht unbedingt dazu beigetragen, dass ich die Zombie-Apokalypse mit jeder Faser meines Körpers gespürt hätte. Abgesehen von den unzähligen stilistischen und logischen Fehlern war der Schreibstil einfach nicht mein Fall - er bleibt von Anfang bis Ende nüchtern, fällt durch fehlende Originalität und zig Wortwiederholungen auf und hat mich mit einigen, immer wiederkehrenden Formulierungen schier in den Wahnsinn getrieben. Ich schwöre, wenn ich noch einmal irgendwo die Phrase "der rote Lebenssaft" lese, springe ich im Dreieck. Blut, das heißt Blut! Roter Lebenssaft? Sowas gehört doch nicht in einen Horror-Roman - allerhöchstens vielleicht in einen 08/15 Möchtegern-Softporno. Und solche merkwürdigen Formulierungen haben sich leider gehäuft. Ich kann nun leider nicht beurteilen, ob dafür das Autorenduo oder der Übersetzer verantwortlich ist, aber aus stilistischer Sicht ist "The Walking Dead - Der Anfang" leider das schlechteste Buch, das ich seit Langem gelesen habe.

Aber: Nachdem ich mich durch die ersten 200 Seiten gequält und den Governor tausendmal für seine bis dahin doch recht öde Geschichte verflucht habe (das Problem nämlich ist, dass man als "The Walking Dead" Fan einfach schon alles gesehen hat und einen die vielen Zombie-Angriffe gar nicht überraschen oder schocken, kennt man die Serie jedoch nicht, fehlen einem wichtige Hintergrundinfos und vielleicht auch die Vorstellungskraft, um Kirkmans und Bonansingas Beschreibungen folgen zu können), zog die Geschichte mich wider Erwarten doch noch in ihren Bann. Der erste Teil des Doppelbands erzählt haarklein, wie Philip Blake in Begleitung seiner Freunde, seines Bruders und seiner Tochter die ersten Wochen nach dem Ausbruch der Plage erlebt und hält ab dem Eintreffen der kleinen Reisegemeinschaft in Atlanta dann doch noch einige Überraschungen für den Leser bereit. Den Wandel vom ganz normalen Mann, vom liebenden Vater und nachsichtigen Bruder zum grausamen Governor ist rückblickend auf sehr beeindruckende und faszinierende Weise dargestellt, auch wenn man anfangs einen wirklich langen Atem braucht. Und mit Woodbury kommt schließlich ein bekanntes Setting hinzu mit aus der Serie bekannten Charakteren, das man beim Lesen des Romans einmal von einer anderen Seite kennenlernt. Ab da hat mir die Geschichte richtig gut gefallen.

Ein bisschen überrascht war ich, als sich die ersten Seiten des zweiten Teils des Doppelbandes las, denn hier werden auf einmal ganz andere Charaktere eingeführt - die erst einmal gar nichts mit Woodbury zu tun haben. Trotzdem fand ich mich hier deutlich schneller hinein, denn mit Lilly, Josh, Bob, Scott und Megan hat das Autorenduo diesmal eine recht dynamische Gruppe an Figuren geschaffen, die einen immer wieder überrascht hat und an deren Schicksal man recht schnell Anteil nahm. Was diese Fünfergruppe mit Woodbury und dem Governor zu tun hat, offenbart sich im Handlungsverlauf und auch hier sind Kirkman und Bonansinga deutlich geschickter vorgegangen und haben mich mit den Verknüpfungen und dem Zusammenspiel der Charaktere endlich so richtig überzeugt. Der Einblick in das Woodbury, bevor Rick und Co. dort aufschlagen und den Governor so richtig aufmischen, war faszinierend und fesselnd. Nur der Weg dahin war für mich mindestens ebenso beschwerlich wie für Philip Blake und die Gruppe um Lilly und Josh.

Mein Fazit
Ehrlich gesagt bin ich recht zwiegespalten, was den Doppelband "The Walking Dead - Der Anfang" angeht. Er hat sich für mich sehr stockend und quälend angelesen, der Schreibstil (beziehungsweise die Übersetzung?) ist alles andere als literarischerer Hochgenuss und die Figuren haben mich anfangs so gar nicht überzeugt. Ich war teilweise echt frustriert und habe mich gefragt, ob das noch was werden kann. Aber tatsächlich: Es wurde. Einige wirklich geniale Plot Twists, mit denen ich einfach nicht gerechnet hatte, und eine sehr dynamische und spannende Figurenkonstellation im zweiten Teil haben mich schlussendlich doch noch gefangen genommen und mich wahnsinnig neugierig gemacht auf den weiteren Werdegang des Governors. Deswegen ist das Buch, anders wie ich streckenweise befürchtet habe, doch kein Total-Reinfall für mich, sondern ein recht durchwachsener, letzten Endes aber vor allem für TWD-Fans ein richtig interessanter und spannender Roman.

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Tags: apokalypse, the walking dead, untote, zombie-apokalypse, zombies   (5)
 

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Sherlock Holmes & das Necronomicon

Sylvain Cordurié , Laci , Laci
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei Splitter-Verlag, 01.06.2014
ISBN 9783868691078
Genre: Comics

Rezension:

Mittlerweile wisst ihr sicher alle, dass ich ein großer Fan von Sir Arthur Conan Doyle und seinen "Sherlock Holmes" Geschichten bin - auch moderne Pastiches und Adaptionen finde ich sehr spannend, weshalb ich an diesem Comic aus dem Splitter Verlag einfach nicht vorbeikam. "Sherlock Holmes & das Necronomicon" geht ganz andere Wege als die meisten Adaptionen und verbindet den berühmten Meisterdetektiv mit dem Paranormalen, dem Übernatürlichen. Ein grandioses Konzept, das mich bereits auf den ersten Seiten vereinnahmt hat. Anfangs fragt man sich, ob Holmes nach den Erlebnissen am Reichenbachfall und infolge seines, wie wir alle wissen, nicht gerade gemäßigten Rauschmittelkonsums unter Halluzinationen und Wahnvorstellungen leidet. Und nicht nur der Leser fragt sich das, sondern auch Holmes selbst. Er zweifelt an seinem Verstand, kann seinen Sinnen nicht mehr trauen - und das fand ich super spannend und faszinierend zu lesen.

Ziemlich bald stellt sich jedoch heraus, dass Holmes keineswegs verrückt geworden ist, sondern dass im London Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich dunkle Mächte der Nacht ihr Unwesen treiben. Holmes kommt an einen Punkt, an dem er das Übersinnliche akzeptiert und von da an handelt er wieder, wie wir alle es kennen: Besonnen und rational, vor allem aber mit seinem genialen Verstand. Sylvain Cordurié ist es hervorragend gelungen, den Rationalisten Sherlock Holmes mit Mächten zu konfrontieren, die er anfangs nicht begreift: Nämlich denen des sagenumwobenen Necronomicons, ein Buch, das furchtbares Grauen in sich birgt. Diese Begegnung fand ich ungeheuer spannend und großartig umgesetzt. Cordurié erzählt eine ganz andere Sherlock Holmes Geschichte, eine fantastische und mystische und absolut faszinierende Geschichte.

Seine Ideen haben mich sehr beeindruckt und mich tief eintauchen lassen in die düstere und immer wieder überraschende Handlung. Das Crossover aus Sherlock Holmes und Horror ist deshalb für mich absolut gelungen. Lediglich einige kleinere Feinheiten der Story haben mich gestört: So zum Beispiel hat mir Dr. Watson gefehlt - Cordurié stellt Holmes zwar einen nicht minder interessanten Begleiter an die Seite, aber trotzdem. Ohne Watson ist Holmes für mich irgendwie nicht Holmes. Außerdem hätte ich gerne mehr von seinen Fähigkeiten gesehen: Um die dunklen Mächte des Necronomicons aufzuhalten, braucht es zwar natürlich Sherlock Holmes´ scharfen und einzigartigen Verstand, dennoch war mir seine Figur in dieser Geschichte einen Ticken zu passiv. Da hätte gern noch mehr Actio von seiner Seite kommen können. Auch die Baker Street 221B als Dreh- und Angelpunkt für die Ermittlungen beziehungsweise als der Ort, an dem ein Fall seinen Anfang nimmt, habe ich vermisst. Ich finde es wirklich toll, dass Cordurié mit "Sherlock Holmes & das Necronomicon" eigene, ganz neue Wege geht, aber das ein oder andere wichtige Element hätte mich noch mehr in Stimmung gebracht.

Ebenso wichtig wie die Geschichte sind bei einem Comic natürlich die Panels - und diese sind bei "Sherlock Holmes & das Necronomicon" einfach sensationell. Wenn ich ehrlich bin, haben mich die Comics und Graphic Novels aus dem Splitter Verlag bisher visuell immer umgehauen, deswegen ist es eigentlich keine Überraschung, dass mich auch Lacis Zeichnungen absolut gefangen genommen und hypnotisiert haben. Die Panels sind unglaublch realistisch und wirken beinahe filmisch, was die Geschichte sehr plastisch und dynamisch macht. Ich hatte außerdem den Eindruck, dass Laci den Fokus auf die Figuren und auf deren Mimik und Gestik legt. Zwar sind auch die Handlungsorte wahnsinnig detailliert und auf sehr einnehmende Art und Weise dargestellt, die Figuren aber haben mich schlichtweg von den Socken gehauen. Laci legt eine unheimliche Kraft und Intensität in seine Zeichnungen und das ist genau das, was Corduriés Geschichte braucht, um den Leser vollends mitzureißen.

Mein Fazit
Für mich ist "Sherlock Holmes & das Necronomicon" ganz großer Comicspaß, vor allem aber ein originelles, herrlich düsteres und innovatives Sherlock-Holmes-Pastiche, das mit faszinierenden Horror-Elementen, einem altbekannten Meisterdektiv und sensationellen Panels besticht. Mir als altem "Sherlock Holmes" Hasen hat zwar das ein oder andere Schlüsselelement aus den Originalgeschichten gefehlt, aber insgesamt bin ich unglaublich beeindruckt von Sylvains Corduriés Ideenreichtum und finde es großartig, dass er mutig genug war, um mit seiner Adaption einmal ganz neue Wege zu beschreiten. Fantastisch!

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Tags: comic, graphic novel, horror, sherlock holmes, sherlock holmes pastiche   (5)
 

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Zwischen uns ein ganzes Leben

Melanie Levensohn
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 22.08.2018
ISBN 9783596702718
Genre: Romane

Rezension:

Meine Meinung
Ihr kennt mich - Romane über den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg berühren mich immer auf ganz besondere Art und Weise. Bei Melanie Levensohns Roman "Zwischen uns ein ganzes Leben" kommt noch hinzu, dass die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht und diese haben mich schon vor dem Lesen sehr bewegt und mitgenommen. Ich finde es deswegen toll, dass an den Roman ein Interview mit der Autorin angehängt ist, in dem sie von der Frau erzählt, die sie zu ihrer Geschichte inspirierte. Irgendwie hat dieses Interview mich nach dem Lesen noch einmal richtig getroffen und abgeholt.

Aber vor allem ist es natürlich der Roman, der mich mitten ins Herz getroffen hat. Melanie Levensohn erzählt einerseits die Geschichte der jungen Jüdin Judith, die im Paris der 1940er zunehmend unter der deutschen Besatzung leidet, sich inmitten dieser grausamen Zeiten unsterblich verliebt und schließlich spurlos verschwindet. Parallel dazu schildert sie, wie Judiths Halbschwester Jacobina mehr als 50 Jahre später ein altes Versprechen einlösen und Judith finden möchte, gemeinsam mit der erfolgreichen Béatrice, die in ihrem Leben selbst gerade so manche Turbulenzen durchmacht. Diese Ausgangssituation gefällt mir unwahrscheinlich gut und wird von Melanie Levensohn eindrucksvoll als Exposition für eine ebenso tragische wie berührende und authentische Geschichte genutzt. Die Sprünge zwischen den Zeiten sind gelungen und überzeugend umgesetzt, die Schicksale der drei Frauen verstricken sich im Verlauf der Geschichte immer mehr miteinander und so ergibt sich ein ergreifender Plot, der zudem sehr gut recherchiert ist und mich rundum überzeugt hat.

Ich mochte den Wechsel zwischen den Zeiten und den drei verschiedenen Frauen, die das Schicksal auf geheimnisvolle Weise miteinander verbindet, sehr gern. Vor allem an Judiths Erlebnissen habe ich von Anfang an großen Anteil genommen, denn Levensohn zeichnet ein sehr realistisches und in gewisser Weise ansteckendes Bild vom Paris unter deutscher Besatzung. Und sie erzählt uns eine Liebesgeschichte, die vom allerersten Moment an bewegt und ans Herz geht. Judith und Christian kommen aus zwei verschiedenen Welten - sie ist eine arme, jüdische Studentin, die sich um ihre depressive Mutter kümmern muss, er der Sohn eines reichen Bankiers und Nazi-Sympathisanten. Hier prallen Welten aufeinander und doch gelingt es der Autorin, Christian und Judith auf so wundervolle Weise zusammenzubringen, dass man sich dieser Macht einfach nicht entziehen kann.

Mir hat außerdem gut gefallen, dass Levensohn in der Gegenwart den Fokus auf Béatrice legt. Ihr Leben ist turbulent und während ihrer Suche nach Judith alles andere als klar und leicht. Ich mochte es, wie Béas Freundschaft zu der alten Dame Jacobina und ihr Eifer bei der Suche nach ihrer Halbschwester Béa neuen Halt und ihrem Leben eine neue Richtung gegeben haben. Allerdings hat sich der Schwerpunkt im Lauf der Handlung für meinen Geschmack etwas zu sehr in Richtung Béa, ihre beruflichen Probleme und das Liebes-Wirrwarr in ihrem Leben verlagert. Hier blieben mir Jacobina und Judith ein wenig auf der Strecke. Ich hätte sehr gern viel mehr über die Suche nach Holocaust-Überlebenden erfahren, hätte als Leser gern mehr Einblick in die Recherche gehabt. Stattdessen hat Levensohn sich vor allem in der zweiten Hälfte des Romans fast ausschließlich auf Béas Liebesglück konzentriert, sodass die Suche nach Judith quasi nur noch nebenbei abgehandelt wurde. Das fand ich ein bisschen schade, denn hier hätte einfach so viel mehr Potenzial drinnen gesteckt.

Ein klein wenig ernüchtert hat mich außerdem das Ende, denn obwohl es wirklich sehr anrührend und tief bewegend ist, hatte mir Herr Zufall einen Ticken zu überdeutlich seine Finger im Spiel. Es mag ähnliche unglaubliche Lebensgeschichten, vor allem im Zusammenhang mit dem Holocaust, ganz sicher gegeben haben, aber trotzdem wirkte Levensohns Auflösung am Ende ein bisschen zu konstruiert auf mich. Das ist jedoch insgesamt gar nicht schlimm, denn alles, was vorher geschieht, wie sich Judiths Leben entwickelt, wie sich ihre Spuren verlieren und auf welch kraftvolle und intensive Art und Weise Levensohn ihre Geschichte erzählt, hat mich allemal mitgerissen und bis ins Mark getroffen.

Mein Fazit
Levensohns Figuren, die unglaubliche und dabei so bewegende Geschichte, die sie erzählt, und der grausame Hintergrund des Holocaust - all das macht "Zwischen uns ein ganzes Leben" zu einem großen Roman, der mich von Anfang bis Ende tief berührt hat. Ich habe zwar den ein oder anderen Kritikpunkt, da mir Judiths Geschichte hier und da hinter Béas Liebes-Hin-und-Her zurückblieb und mir das Ende einen Ticken too much war, aber dennoch: Dieses Buch lässt kein Auge trocken und deswegen gibt es von mir eine ganz klare Leseempfehlung!

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Tags: deutsche besatzung, frankreich, holocaust, judenverfolgung, paris, paris 1940er jahre, verbotene liebe, zweiter weltkrieg   (8)
 

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Alice im Wunderland

David Chauvelle , Xavier Collette , Lewis Carroll
Fester Einband: 72 Seiten
Erschienen bei Splitter-Verlag, 11.03.2010
ISBN 9783940864116
Genre: Comics

Rezension:

An dieser Stelle muss ich mich erst einmal outen: Gelesen habe ich Lewis Carrolls Klassiker "Alice im Wunderland" noch nicht, beziehungsweise nur auszugsweise im Studium. Deshalb habe ich mich sehr darauf gefreut, die Geschichte durch David Chauvels und Xavier Collettes Comicadaption zu entdecken und erst so richtig kennenzulernen. Begeistert war ich von der ersten Seite an, denn vor allem Collettes hypnotisierende Zeichnungen haben mich voll in ihren Bann gezogen. Bereits das Cover gibt einen ersten Eindruck davon, wie Collette Alice darstellt und ihre Geschichte inszeniert. Nämlich unkonventionell, modern, frisch und unheimlich besonders. Alice ist bei ihm nicht das klassisch blonde Mädchen mit dem Wallehaar, der Schleife im Haar und dem blauen Puffärmel-Kleid mit der weißen Schürze, das wir vor allem aus dem Disney-Film und von unzähligen Illustrationen kennen. Nein, Collette drückt seiner Alice seinen eigenen Stempel auf. Und das gefällt mir unwahrscheinlich gut.

Die Alice im Comic hat zumindest mich an eine Mangafigur erinnert. Nicht nur ist sie schwarzhaarig, trägt einen frechen Bob und hat ein sehr markantes, spitz zulaufendes Gesicht, was sie alles andere als mädchenhaft wirken lässt. Ihre Figur hat bei Collette außerdem etwas Spitzbübisches, Linkisches und vielleicht auch Verschlagenes an sich. Das macht auch die Geschichte erwachsener und reifer - vor allem in Verbindung mit Collettes Darstellung des Wunderlands. Seine Zeichnungen finde ich magisch und fantasievoll, aber nicht schrill, verspielt oder märchenhaft. Sie sind in gewisser Weise düster und faszinierend. Einerseits sind es die überwiegend dunklen und eher gedeckten Farben, die diesen Eindruck erzeugen, andererseits aber auch die Motive, die Mimik und Gestik der Figuren und die schnellen Wechsel zwischen den Szenen. Dieser Stil gefällt mir richtig gut und ich finde es beeindruckend, wie Collette es geschafft hat, dem Leser seine ganz eigene Alice zu präsentieren - losgelöst von all den Illustrationen und Trickfilmen, die das Bild von ihr seit Jahrzehnten geprägt haben. Denn Collettes Alice hat mich gefangen genommen, mich begeistert und mich hypnotisiert. Deswegen ist der Comic für mich in erster Linie ein bildgewaltiges, opulentes Feuerwerk, das mir ein ganz anderes Wunderland gezeigt hat, als ich das erwartet hätte.

Wie ich hingegen Chauvels Texte und Dialoge bewerten soll, war mir nach dem Lesen nicht sofort klar. Denn die Unterhaltungen und die Handlung selbst, die ja auf Carrolls Geschichte beruhen, sind dermaßen abstrus und abgefahren, dass ich zwischenzeitlich ziemlich verwirrt war. Ich weiß aber, dass genau das die Geschichte um Alice im Wunderland ausmacht und dass Lewis Carroll nicht umsonst der wohl bekannteste Vertreter der sogenannten Nonsense-Literatur ist. Demnach gehe ich davon aus, dass Chauvel sich eng an die Vorlage gehalten und trotzdem etwas Eigenes aus der Geschichte gemacht hat. Er schreibt sehr poetisch und einnehmend, was den Comic noch einmal um einiges plastischer macht. Und das Lesen ist definitiv ein unglaublich abgefahrener Trip - meistens weiß man nicht, wie einem geschieht. Mir gefällt dieses Rasante, dieses Flatterhafte und einfach komplett Verwirrende. Ich finde es großartig gemacht. Allerdings hatte ich hier und da das Gefühl, der Geschichte nicht ganz folgen zu können - was möglicherweise einfach an der Kürze des Comics liegt. Auf 72 Seiten ist eben nun mal nicht so viel Platz wie auf 300 und mehr. Ich vermute, dass Chauvel und Collette die Handlung stark eingekürzt haben, was bei einer Comicadaption natürlich absolut gerechtfertigt ist. Ich denke, dass ich der Handlung besser hätte folgen können, wenn ich die Vorlage gekannt hätte. Wie gesagt: Ich bin ohnehin begeistert von diesem Comic, aber Fans von "Alice im Wunderland" werden schlichtweg von den Socken sein.

Mein Fazit
Wenn einem "Alice im Wunderland" nur vage ein Begriff ist, so wie mir, wirkt die Comicadaption vielleicht etwas lückenhaft und zu stark eingekürzt. Nichtsdestotrotz ist sie aber großartig gelungen, denn Chauvel und Collette haben hier einen Klassiker der Weltliteratur genommen und völlig neu interpretiert. Von Alice als schwarzhaarigem, irgendwie verschlagenem Mädchen bis hin zu den Darstellungen des Wunderlands: Der Comic wirkt erwachsener, düsterer und faszinierender als alles, was ich bisher von Alice kannte. Und genau deswegen ist er für mich große Unterhaltung par excellence.

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Tags: alice im wunderland, comic, comicadaption, graphic novel, klassiker, lewis carroll, nonsense literatur   (7)
 

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Artemis

Andy Weir , Jürgen Langowski
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Heyne, 05.03.2018
ISBN 9783453271678
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Andy Weir sagte mir bisher gar nichts, denn "Der Marsianer" habe ich noch nicht gelesen (mittlerweile habe ich aber den Film gesehen und für großartig befunden). Der Klappentext zu "Artemis" hat mich einfach neugierig gemacht, weil er nach irrem Sci-Fi-Krimi auf dem Mond und damit insgesamt richtig cool klang. Und tatsächlich hat mich Andy Weir mit seiner etwas anderen Science-Fiction-Geschichte gleich auf den ersten Seiten komplett abgeholt und das vor allem mit seiner grandiosen Hauptfigur. Erstmal: Wie cool ist das bitte, dass es endlich mal einen modernen Science-Fiction-Roman mit einer weiblichen Protagonistin gibt? Damn, endlich, endlich, endlich! Mich haben die Männer in dem Genre einfach nur noch genervt, Jazz hingegen ist einfach nur der Hammer.

Was bringt Andy Weir nicht alles in ihrem Charakter zusammen: Nicht nur, dass Jazz aus Saudi Arabien kommt und streng genommen eine Muslima ist - nein, sie ist auch ziemlich schräg, hat eine unglaublich große Klappe, hat in der Vergangenheit schon den ein oder anderen Mond-Mann verschlissen und somit einen gewissen Ruf, ist obendrein unglaublich clever und hat jede Menge kriminelle Energie. Aber: Sie hat auch ihre Prinzipien und ist einfach witzig, was wichtig ist, denn so findet man sie trotz ihres sehr speziellen Charakters sympathisch und supercool. Jazz ist eine Mischung aus Antiheld, Superhirn und Schmusebär und damit ein wirklich abgefahrener Charakter, was mich super überrascht und schließlich von den Socken gehauen hat. Da die Geschichte aus Jazz´ Perspektive erzählt wird, bekommt man als Leser ihre teils verdrehten Gedanken ungefiltert ab und das allein macht den Roman zu einem echten Erlebnis.

Aber auch die übrigen Figuren sind stark, unkonventionell und besonders. Ich mochte beispielsweise auch Jazz´ Vater sehr, der einerseits verschroben, andererseits aber auch sehr gütig und warmherzig auf mich wirkte. Oder den Kneipenwirt, der Jazz bei jedem Besuch seine neueste Schnaps-Kreation andreht. Oder den freakigen Svoboda, der Jazz im Verlauf der Geschichte den ein oder anderen Gefallen tut und sich dafür auf etwas andere Art und Weise bezahlen lässt. Oder aber Officer Rudy - der einzige Polizist auf dem Mond und ebenso heiß und attraktiv wie nervtötend. Andy Weir hat in "Artemis" einen großen Pool an richtig coolen Charakteren geschaffen, die einfach von vorne bis hinten Spaß machen und der Geschichte das gewisse Etwas geben.

Natürlich fand ich außerdem das Setting spektakulär und großartig - durch Jazz´ Augen empfindet man Ehrfurcht für die karge, stille und dabei irgendwie anmutige Mondlandschaft. Ihre Liebe zum Mond und zu Artemis kommt sehr schön zum Ausdruck, auch wenn Andy Weir uns natürlich auch die Schattenseiten einer eigenständigen Gemeinde auf dem Mond zeigt. Die kleine Welt von Artemis wird von Geld regiert - die Stadt gilt als abgefahrenes Reise-Ziel und als exklusiver Rückzugsort für die Superreichen, während einfache Arbeitskräfte wie Jazz in schmalen Konservendosen leben und sich nicht mal eine fünfminütige Dusche leisten können. Klar, dass es in Artemis einen Untergrund gibt beziehungsweise einen florierenden Markt für illegale Geschäfte gibt und da passt Jazz wunderbar rein. Ein weiterer Fakt am Rande: Artemis kann man gut als Multi-Kulti-Stadt bezeichnen, denn dort leben Menschen aus allen Winkeln der Erde. Und sie fühlen sich selbst nicht als Saudis oder als Japaner oder als Amerikaner - sie fühlen sich als Artemisier, als eine Gemeinschaft, die ohne die Fähigkeiten des einen nicht existieren kann. Was für eine starke Botschaft!

Ich finde, dass Andy Weir insgesamt sehr plastisch und authentisch erzählt. Er streut viele technische Details in die Handlung ein, die mich aber nicht (wie bei anderen Werken des Genres) überfordert oder ermüdet, sondern die mich interessiert und unterhalten haben. Jazz besitzt jede Menge Know How und sie ist unheimlich clever - eine Tatsache, die den Roman richtiggehend belebt. Er blüht durch seine Nerdigkeit und die vielen freakigen Details auf und das hat mir wahnsinnig gut gefallen. Dadurch bleibt die Handlung durchgehend spannend, obwohl mir diesbezüglich hier und da ein bisschen die Innovation gefehlt hat. Die Geschichte, die Weir um die Kleinkriminelle Jazz und den reichen Unternehmer Trond spinnt, ist zwar alles andere als langweilig oder abgedroschen, aber sie ist eben auch nicht völlig neu und hätte als konventionelle Kriminalgeschichte sicher einige Plot Twists und Überraschungen vermissen lassen. Als Krimi auf dem Mond aber konnte mich "Artemis" schlussendlich überzeugen.

Mein Fazit
Cool, frisch, abgefahren, modern und absolut unterhaltsam: Andy Weir hat mit "Artemis" eine Art von Science Fiction geschrieben, wie ich sie so bisher noch nicht gelesen habe. Besonders großartig fand ich die freakigen und trotzdem liebenswerten Charaktere und das abgespacete Setting. Da konnte ich der Geschichte auch die ein oder andere kleinerere Schwäche verzeihen - ein wirklich großes Lesevergnügen!

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Tags: krimi, leben auf dem mond, mond, science fiction, sci-fi   (5)
 

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Schneewittchen

Lylian , Nathalie Vessillier
Fester Einband: 80 Seiten
Erschienen bei Splitter-Verlag, 23.07.2018
ISBN 9783962191429
Genre: Comics

Rezension:

Ich bin ein Märchen-Fan, auch wenn ich den meisten der modernen Adaptionen klassischer Volksmärchen, die zurzeit gefühlt überall sind, nicht viel abgewinnen kann. Eine Comic-Adaption klang da für mich wesentlich verlockender und ganz ehrlich: Das Cover zu "Schneewittchen" von Lylian und Nathlie Vessillier aus dem Splitter Verlag macht einfach unglaubliche Lust auf ein klassisches Märchen, das modern in Szene gesetzt wurde. Und genau das ist dieser Comic auch. Schon nach den ersten Seiten hat mich Lylians Version der Geschichte, frei nach den Gebrüdern Grimm, vereinnahmt, verzaubert und mitgenommen auf Schneewittchens Reise zu den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen.

Ich habe mich beim Lesen schnell in Lylians fantasievollen, sehr blumigen und poetischen Erzählstil verliebt, der einfach sensationell mit der Geschichte, wie wir sie kennen, harmoniert und ihr gleichzeitig eine moderne und frische Note gibt. Lylian kleidet das Jahrhunderte alte Märchen in ein strahlendes Gewand aus zauberhaften Worten und entführt uns so in eine märchenhafte Welt, die wir alle kennen, die wir dabei aber trotzdem ganz neu entdecken. Anders als viele andere Autoren, die die Erzählung bis heute aufgegriffen haben, hält sich Lylian jedoch nah an die überlieferte Vorlage von Jacob und Wilhelm Grimm. Und das gefällt mir unheimlich gut. Ich finde es vor allem deshalb so großartig, weil es dem Autoren gelingt, einerseits das Rohe und Brutale aus dem Original aufzugreifen, das Märchen andererseits aber dennoch kindgerecht und mit vereinnahmender Leichtigkeit zu erzählen. Gleichzeitig streut Lylian eine genau richtig dosierte Prise Witz und Komik in seine Nacherzählung ein und unterhält so auf extrem hohem Niveau.

Und eines merkt man recht schnell: Lylian und Nathalie Vessillier sind absolut auf einer Wellenlänge. Text und Comic Strip ergänzen sich bei "Schneewittchen" so unfassbar gut, wie ich das bisher selten erlebt habe, und transportieren den Zauber des Märchens auf atemberaubende Art und Weise. Die Zeichnungen sind detailverliebt, anmutig, modern und so unglaublich farbenfroh - sie wirken einerseits kindlich verspielt, andererseits aber auch anspruchsvoll und haben eine ganz eigene Note. Wie Lylian mit seinen Worten verleiht auch Nathalie Vessillier dem Grimmschen Märchen neuen Glanz, lässt Schneewittchen strahlen und hat zumindest mich mit ihren kraftvollen Bildern, den wundervollen Figuren und den Darstellungen der sieben Zwerge und ihrer Heimat in einen Strudel aus Fantasie und Traum gezogen.

Besonders schön finde ich, dass man sich bei dieser Comic-Adaption nicht entscheiden muss - ist es nun eine verharmloste Märchen-Adaption für Kinder oder doch eher eine Geschichte für Erwachsene? "Schneewittchen" legt sich nicht fest. Der Comic ist dank seiner blumigen Sprache und der bunten, detailverliebten Bilder sicherlich gut für Kinder geeignet, aber auch große Märchenfans kommen absolut auf ihre Kosten. Ich jedenfalls konnte beim Lesen des Comics auf jeder Seite etwas Neues entdecken, mich neu in das Märchen von Schneewittchen verlieben - und ich habe mich auf keiner einzigen Seite gelangweilt. Für mich war es ein absoluter Hochgenuss, von vorne bis hinten.

Mein Fazit
Lylians und Nathalie Vessilliers "Schneewittchen" ist märchenhaftes Kino zum Lesen. Die Erzählung ist dicht dran an der überlieferten Originalfassung der Gebrüder Grimm und doch gelingt es Autor und Zeichnerin, dem Märchen mehr zu entlocken, es zu einem bildgewaltigen Erlebnis zu machen und Leser, die die Geschichte von kleinauf kennen, völlig neu zu begeistern. Lylians Texte sind wunderbar blumig und fantasievoll, Vessilliers Zeichnungen eine absolute Wucht. Und ich bin schlicht und ergreifend hin und weg!

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Tags: comic, grimms märchen, märchen, märchenadaption, schneewittchen   (5)
 

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Finsterwalde

Max Annas
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Rowohlt, 24.07.2018
ISBN 9783498074012
Genre: Romane

Rezension:

Vor fast genau einem Jahr habe ich mit Max Annas´ *Illegal* einen Roman gelesen, der mich aufgewühlt und schockiert hat - und mir beziehungsweise uns Deutschen, uns Menschen auf sehr schmerzhafte Art und Weise einen Spiegel vorgehalten hat. Mir war deswegen eigentlich klar, dass Max Annas seiner Linie auch mit seinem neuen Buch "Finsterwalde" treu bleibt - er tut genau das und legt dabei noch einmal eine ordentliche Schippe drauf. Alleine beim Überfliegen des Klappentextes geschweige denn beim Lesen der eigentlichen Geschichte hat man fast augenblicklich einen fetten Kloß im Hals - und das ist gut so.

Während Alltagsrassismus mittlerweile wieder salonfähig geworden ist und die neuesten Entgleisungen einer gewissen Partei in der Öffentlichkeit oftmals nur halbherzig mit dem Spruch "Die Geschichte soll sich nicht wiederholen" kommentiert werden, labert Max Annas nicht lange um den heißen Brei herum. Er verliert sich nicht in "Was wäre, wenn..."-Visionen, sondern er zeigt auf sehr drastische und sehr aufrüttelnde Art und Weise, was die logische Konsequenz daraus wäre, würde in Deutschland erneut eine nationalistische, eine fremdenfeindliche Partei an die Macht kommen. Dass er dieser Partei in seinem Roman kein Gesicht und ihr den schlichten, aber aussagekräftigen Namen "D" gibt, spricht meiner Meinung nach Bände. Mich hat dabei Annas´ deutlicher Fokus sehr beeindruckt: Denn er lässt "D" sozusagen als Puppenspieler im Hintergrund agieren. Der Leser und auch die Figuren bekommen die Parteiangehörigen nicht zu Gesicht. Das ist ein großartiger schriftstellerischer Kniff, denn so erreicht Annas, dass der Leser sich nicht auf "D" als das pure Böse, den einwandfrei Schuldigen oder auch den Bösewicht stürzt. Stattdessen zeigt er auf, was die Machtübernahme der Partei und die Auflösung der EU mit den Bürgern machen. Wie die Menschen in Deutschland ganz ohne viel "Hilfe" von außen zu den Instrumenten einer fremdenfeindlichen Regierung werden.

Ein ebenso beklemmendes wie beeindruckendes Szenario. Denn es zeigt einfach, wie sich die Männer und Frauen an der Spitze bequem zurücklehnen können, während die Bürger ihre Ideale aus Eigenitiative leben und ihre absurden Gesetze rigoros umsetzen. So kann sich auch der kleine Mann als stolzer Deutscher fühlen. Ehrlich gesagt gruselt es mich bei der Vorstellung und ich bekomme Gänsehaut. Denn es ist einfach exakt das, was den Nationalsozialismus so verheerend gemacht hat. Es war schließlich das Volk, das einen grausamen Diktatoren an die Spitze gebracht und seine unvorstellbaren Methoden begrüßt, gefeiert, umgesetzt und geduldet hat. Und wie sich die Geschichte tatsächlich wiederholen kann, wenn wir Rassismus und Nationalismus eine Plattform geben, wenn sich die Menschen erneut kopflos von einer offen fremdenfeindlichen Partei instrumentalisieren lassen, hält Max Annas uns in "Finsterwalde" bis ins Detail vor Augen.

Er erschafft ein Deutschland, das vor allem farbige Menschen beziehungsweise generell Menschen mit ausländischen Wurzeln rigoros verfolgt, ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkennt, ihnen verbietet, zu arbeiten, sie zusammenpfercht und ihnen die Menschenwürde nimmt. Sie in der Folge in die Verzweiflung, den Tod, die Flucht oder die Kriminalität treibt. Das klingt bekannt und genau das macht die Situation in "Finsterwalde" so erschreckend authentisch und lebendig. Man mag es sich nicht vorstellen, aber man muss es sich vorstellen, um es zu begreifen. Und wie schon in "Illegal" findet Max Annas klare Worte, er schreibt schnörkellos, ungeschönt und auf den Punkt - und anders kann man es auch gar nicht machen. Annas will dem Leser nichts diktieren, er will demonstrieren, aufrütteln und den Leser zur Selbsterkenntnis kommen lassen. Und bei mir ist ihm das auf herausragende Weise gelungen.

Jetzt habe ich schon unheimlich viele Worte über die Ausgangssituation und das Setting verloren. Aber auch die Figuren spiegeln Annas´ Konzept durch und durch wider. Sowohl Marie und ihren Kindern als auch Theo und seiner Familie steht man von Anfang an unvoreingenommen gegenüber. Man kann sie nicht einschätzen, versteht sie und ihre Beweggründe auch nicht unbedingt, aber man beobachtet sie. Man beobachtet sie die ganze Zeit über, verfolgt, wie sie sich verändern, wie sie aus verschiedenen Gründen aufeinander zugehen. Annas bildet in seinem Roman auf fesselnde Art und Weise ab, was ein solches Regime, eine solche Stimmung in der Gesellschaft aus unterdrückten Menschen wie Marie und aus eigenständig denkenden Menschen wie Theo macht. Ohne zu werten. Denn das obliegt dem Leser.

Ein Konzept, das absolut aufgeht. Einen kleinen Wermutstropfen gab es für mich aber schließlich doch noch, denn die Handlung habe ich insgesamt als nicht so brisant, spannend und fesselnd empfunden wie das Setting selbst. Der Ausbruch aus Finsterwalde, die Suche nach den Kindern, Theos Faszination für eine Frau, die er gar nicht kennt: All das hat unglaublich viel Potenzial, die Handlung schleppt sich aber trotzdem vor allem in der Mitte stellenweise mühsam dahin. Ich weiß nicht, ob sie mir hier und da zu konstruiert wirkte oder ob ich nicht vielleicht doch etwas mehr hätte erfahren wollen üer "D" und die Zustände in Deutschland (obwohl ich es andererseits wie gesagt absolut passend finde, dass Annas zu großen Teilen den Leser einbindet und vieles dessen Fantasie überlässt). Jedenfalls hat mir der letzte Funke gefehlt, um "Finsterwalde" zum realistisch-dystopischen Meisterwerk zu machen. Nichtsdestotrotz polarisiert die Geschichte, schockiert das Drumherum, schnüren einem Annas´ deutliche Worte die Kehle zu. Und insofern hat der Roman meine Erwartungen absolut übertroffen.

Mein Fazit
Mit "Finsterwalde" hat Max Annas wieder einen Roman geschrieben, der den Leser ordentlich durch die Mangel dreht, der ihn einbezieht und selbst denken lässt. Der uns einen Spiegel vorhält und uns mit einem unguten Gefühl zurücklässt. Leichte Kost ist das sicher nicht, vor allem weil der Fokus gar nicht so sehr auf einer packenden Handlung, sondern vielmehr auf diesem düsteren Setting, der beklemmenden Atmosphäre und dem Wandel der Charaktere liegt. Dabei aber geht Max Annas so geschickt und klug vor, dass man die Augen einfach nicht abwenden kann von diesem erschreckend realistischen Roman. Deswegen gibt es von mir auch eine ganz klare Leseempfehlung.

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Tags: ausländerhass, deutschland, fremdenfeindliche partei, nationalismus, politik, rassismus, zukunft   (7)
 

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Palace of Fire - Die Kämpferin

C. E. Bernard , Charlotte Lungstrass-Kapfer
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Penhaligon, 23.07.2018
ISBN 9783764531980
Genre: Fantasy

Rezension:

Die beiden ersten Teile von C. E. Bernards Debütreihe haben mir gut gefallen - ganz besonders angetan war ich von dem einzigartigen Setting, dieser ganz anderen Zukunftsvision und der Idee, die hinter den Magdalenen und der Angst vor Berührung steckt. Trotzdem hat mir bisher das gewisse Etwas zum Lieblingsbuch gefehlt - vor allem die Liebesgeschichte konnte bei mir gar nicht punkten und Robin ging mir in Band 2 etwas auf den Geist. Ich hatte dann die leise Befürchtung, dass C. E. Bernard es vielleicht nicht schaffen könnte, die Innovation und Brisanz des ersten Bandes (beides habe ich in Teil 2 ein bisschen vermisst) in "Palace of Fire" wiederaufzugreifen. PUSTEKUCHEN. Was für ein grandioses, spektakuläres, nervenzerfetzendes Finale! Innerhalb der Trilogie ist es C. E. Bernard tatsächlich gelungen, einen Spannungsbogen aufzubauen, der in Teil 1 schon steil nach oben geht, in "Palace of Silk" minimal ansteigt und dann im Finale derartig in die Höhe schießt, dass ich beim Lesen stellenweise gar nicht wusste, wo mir der Kopf steht. Wahnsinn, einfach Wahnsinn.

Es ist mir tatsächlich bisher nur sehr selten passiert, dass mich ein Reihenabschluss derart vom Hocker reißen konnte und dass er vor allem die Vorgängerbände noch übertrifft (ich denke da an "Harry Potter", sonst fällt mir allerdings nicht viel ein). Genau deswegen hat es mich auch so wahnsinnig überrascht, dass "Palace of Fire" mich auf jeder einzelnen (!) Seite mitgerissen und gepackt hat, dass ich zu keinem Zeitpunkt sicher sagen konnte, wie die Geschichte enden wird. Und dass die Geschehnisse auf derart rasante Art und Weise explodiert sind - nicht erst auf den letzten Seiten, sondern wirklich von Beginn an. Setting: Ein noch düstereres London mit dem grausamen Weißen König als skrupellosem Regenten an der Spitze. Handlung: Unvorhersehbar, rasant und mit genau der richtigen Tiefe. Charaktere: Komplex und vor allem überraschend. Hier stimmte für mich einfach alles. Natürlich will ich euch aber auch noch im Detail verraten, warum "Palace of Fire" mich so umgehauen hat:

"Palace of Fire" wirkte auf mich weitaus brutaler, expliziter und brisanter als die ersten beiden Bände. Das Grauen der Hetzjagd auf die Magdalenen wird viel realer, greifbarer und echter. Vieles von dem, was in London mit den Magdalenen geschieht, hat mich an die Judenverfolgung im Dritten Reich erinnert (sicher kommt das nicht von ungefähr). C. E. Bernard geht hier bis ins grausamste Detail - sie lässt die Korrektiven, in denen Magdalenen zu unvorstellbar schrecklichen Bedingungen eingepfercht werden, vor dem geistigen Auge auferstehen. Und das tut weh. Ebenso wie die Spuren, die die jahrzehntelange Unterdrückung dieser Minderheit bei den Menschen hinterlassen hat. Und dieses unterschwellige Sehnen nach Berührung und das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, wenn man sich auch nur ansatzweise zu nahe kommt. Und tatsächlich hat all das zumindest in meinen Augen auch etwas mit unserer heutigen Gesellschaft zu tun: Natürlich ist "Palace of Fire" in erster Linie eine Fantasygeschichte, für mich aber symbolisieren die Verfolgung der Magdalenen und das Berührungsverbot, die regelrechte Angst vor Berührung, vielerlei Dinge. Vor allem unsere Angst davor, immer transparenter zu werden (nicht durch Gedankenlesen, aber durch die sozialen Medien und das Internet allgemein - was ab einem gewissen Punkt irgendwie dasselbe ist). Und die Entfremdung voneinander, das Fixieren auf uns selbst, das Wegsehen und das nicht-mehr-füreinander-Einstehen, das unsere Gesellschaft mehr und mehr dominiert. Vielleicht interpretiere ich in Reas Geschichte zu viel rein, aber für mich steht sie für so viele Dinge und allein das beeindruckt mich zutiefst.

Robin! Ich mag Robin, ich bin ihm komplett verfallen und finde ihn großartig. Wie ist das passiert? In Band 2 ging er mir noch ziemlich auf die Nerven und ich hätte ihm zu gern die ein oder andere Ohrfeige verpasst. Aber ich hatte das Gefühl, dass er in "Palace of Fire" mehr Raum bekommen hat, um sich zu entfalten. Er ist nicht mehr nur der Kronprinz, sondern er reagiert auf das, was um ihn herum passiert, er beginnt, selbstständig zu denken, und lässt sich weder von seinem Vater noch von Rea beeinflussen. Er entwickelt sich zu einem starken, selbstbewussten Charakter mit eigenen Prinzipien - und das wirkt auf mich unheimlich sexy. Was zur Folge hatte, dass mich die Lovestory schließlich doch noch gecatcht hat. Und zwar volle Kanone. Ich habe angefangen, mit Rea und Robin mitzufiebern, habe bei jedem Konflikt gebangt und vor allem nägelkauend verfolgt, wie ihre Romanze immer intensiver, atemberaubender und (ja, auch das) gefährlicher wurde. Großartig fand ich auch, dass C. E. Bernard den ein oder anderen neuen Charakter ins Spiel bringt, der die ganze Sache noch spannender macht - ich verrate nichts, aber macht euch auf jeden Fall auf Überraschungen gefasst.

Generell hat mich bei "Palace of Fire" einiges überrascht - Robins Charakterentwicklung, aber auch Rea, die die meiste Zeit über irgendwie zerrissen und unschlüssig wirkt. Was mir im Kontext richtig gut gefallen hat. Auch die Einblicke in ihr Seelenleben beziehungsweise ihren Geist fand ich schlichtweg grandios - C. E. Bernard bedient sich hier wieder ihrer unglaublich bildhaften Sprache und schafft Identitäten, die über das, was wir unter einem Charakter verstehen, weit hinausgehen. Vieles wirkt konfus, aber auch fesselnd, faszinierend, düster und einfach magisch. "Palace of Fire" erzählt uns noch mehr über das Wesen der Magdalenen, lässt uns noch tiefer eintauchen in diese unheimlich interessante, aber auch erschreckende Welt. Dabei jagt ein Hähepunkt den nächsten, sodass man kaum zu Atem kommt. Wie gesagt, ich kam kaum dazu, mir ein mögliches Ende auszumalen, da war ich schon wieder im nächsten Szenario gefangen. Und wenn eine Geschichte mich derart beschäftigt und fordert - dann ist das einfach das Beste, was passieren kann.

Zusammenfassend kann ich also sagen: Ich liebe den gut durchdachten Plot, die rasante Handlung, die explosionsartig auftauchenden Twists, die noch vielschichtigeren Charaktere und auch die kraftvollen Wahrheiten, die C. E. Bernard in ihre Geschichte packt. Am Ende war ich entsetzt, fasziniert, mega aufgeputscht und super traurig darüber, dass es vorbei war. Und nach diesem ebenso sensationellen und passenden wie aber auch ein bisschen frustrierenden Ende will ich mehr. Mehr, mehr, mehr!

Mein Fazit
Rea plagt die Hautgier - ich habe nach dem dritten Band mit der "Palace of Fire"-Gier zu kämpfen. Ich will mehr lesen, mehr erleben, mehr sehen. Auch wenn C. E. Bernard die Geschichte um Rea und Robin zu einem fulminanten Ende bringt, das mich auf ganzer Linie überzeugt und mich unglaublich mitgenommen hat, will ich einfach nicht aufhören. Es kann einfach nicht zu Ende sein! Ich bin restlos begeistert - was für ein wahnsinns Reihenabschluss. Unglaublich!

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Die drei Sonnen

Cixin Liu , Martina Hasse
Flexibler Einband: 592 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.12.2016
ISBN 9783453317161
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Aus eigenem Antrieb hätte ich vermutlich nicht zu Cixin Lius Erfolgsroman "Die Drei Sonnen" gegriffen, da ich Geschichten über Außerirdische für mich persönlich irgendwie schwierig finde. Die vielen positiven Stimmen und mein aufkommender Faible für Science Fiction Literatur haben mich aber letztendlich überzeugt und so ist "Die drei Sonnen" bei mir eingezogen. Ich hatte schon gehört, dass Lius Ansatz ein ganz anderer sein soll und war super gespannt auf seine Geschichte um den Planten mit den drei Sonnen. Erwartungsgemäß hatte ich anfangs ein paar Probleme mit den chinesischen Namen (ja, auch das war Neuland für mich) und ich konnte auch die Geschehnisse um die Kulturrevolution in China nur schwer einordnen, nach etwa 50 Seiten hatte ich mich aber einigermaßen reingefitzt. Einen langen Atem braucht man anfangs trotzdem - ohne den Klappentext hätte ich mit dem Kontakt zu Außerirdischen vermutlich nicht gerechnet.

Die Handlung baut sich sehr langsam auf - Liu liefert unheimlich viel Input, stopft gefühlt alles an Background-Infos in die Geschichte, was möglich ist, und hat zumindest mich damit über weite Strecken überfordert. Ich habe maximal Grundkenntnisse in Physik und ich bin sicher alles andere als ein Wissenschafts-Geek. Das muss man aber definitiv sein, um sich für alles, was Cixin Liu erzählt, zu interessieren und es vor allem ansatzweise zu verstehen. Er vermittelt all das physikalische und historische Wissen leider auf derart trockene Weise, dass man eigentlich fast durchgehend das Gefühl hat, eine wissenschaftliche Abhandlung zu lesen. Und damit bin ich als Gelegenheits-SciFi-Leser eigentlich raus. Ich habe trotzdem weitergelesen, denn die Grundstory hatte einiges, was ich super spannend fand und was mich zum Nachdenken angeregt hat.

Das ist zum Beispiel der Zeitraum, in dem die Geschichte spielt: Cixin Liu lässt seinen Science Fiction Roman nicht etwa 100 Jahre in der Zukunft spielen. Ihren Anfang nimmt die Story in den 1960er und 1970er Jahren in China, zu einer Zeit, in der die Kulturrevolution das Land überrollte und die Wissenschaft sozusagen völlig neu definiert wurde. Und zu einer Zeit, in der das All eine immer größere Faszination auf die Menschen ausübte und die ersten Expeditionen in den Weltraum stattfanden. Auf mich wirkte es so, als würde Cixin Liu ein Gedankenexperiment durchspielen: Wie hätte sich die Menschheit weiterentwickelt, wenn damals, als es ähnliche Abhör- und Sendestationen wie rotes Ufer zweifelsohne gegeben hat, tatsächlich Kontakt zu außerirdischem Leben hergestellt worden wäre? Eine Frage, die ich ziemlich spannend finde und die Cixin Liu in seinem Roman auf sehr erschütterende und fesselnde Art und Weise beantwortet.

Auch die Idee, wie die Menschen mit den Außerirdischen in Kontakt treten, was diese über sich preisgeben und wie das alles mit dem skurrilen Computerspiel Three Body zusammenhängt, hat mich ziemlich beeindruckt. Cixin Liu hat mir hier jede Menge Stoff zum Nachdenken gegeben - über die Kultur und die Lebensbedingungen der Trisolarier und über den Umgang der Menschen mit ihrer Entdeckung. Der Kern der Geschichte hat mich also schon absolut gefesselt und fasziniert, vor allem weil er so clever ausgedacht und gesellschaftskritisch ist. Liu sagt zwar selbst, dass er in "Die drei Sonnen" keine Gesellschaftskritik übt, aber für mich ist das ziemlich eindeutig. Und vor allem mit einem scharfen Blick und einer Raffinesse gemacht, die mich einfach absolut überzeugen.

Für mich hat "Die drei Sonnen" also eigentlich wirklich das Zeug zu einem echten Knüller. Doch trotzdem ich Liu für seinen Einfalllsreichtum und seine Raffinesse bewundere, las sich das Buch insgesamt richtig zäh. Das liegt zum einen eben an Lius Stil, der mir schlicht und ergreifend zu wissenschaftlich ist. Übrigens habe ich in einer anderen Rezension gelesen (und auch mein Freund hat das gesagt, wenn ich mit ihm über das Buch gesprochen habe), dass einiges, was Liu in seinen Roman einfließen lässt, nicht wissenschaftlich fundiert ist, sondern die physikalischen Gesetzmäßigkeiten gewissermaßen aushebelt. Ich selbst kann das überhaupt nicht beurteilen, denn für mich gab es auf jeder Seite gleich einen ganzen Batzen böhmischer Dörfer, aber ich denke eben, dass der Kern der Geschichte jene Kritik an der Menschheit und ihrem Umgang mit dem Planeten Erde ist. Umso unnötiger und aufgeblähter wirkten die vielen, trocken theoretischen Passagen über Protonen, Nanomaterial etc. auf mich. Zum anderen haben mich letztlich auch die Charaktere nicht packen können, weil sie durchgehend blass und oberflächlich bleiben. Sie haben ihre festen Rollen und bewegen sich ausschließlich in den Grenzen, die Liu zuvor sorgfältig abgesteckt hat - so zumindest mein Eindruck. Vor allem Wang Miao, die Hauptfigur im zweiten Teil, hat mich mit seiner Passivität ermüdet und wenig unterhalten. Es gibt so gut wie keine Überraschungen und auch der Twist, den ich mir gegen Ende so sehr gewünscht habe und den die Geschichte meiner Meinung nach so dringend gebraucht hätte, kam letztendlich nicht. Was mich ein bisschen ratlos zurückgelassen hat, denn ich kann mir wirklich überhaupt gar nicht vorstellen, wie Liu diese insgesamt doch sehr träge und sich so langsam aufbauende Geschichte fortsetzen will. Ich bin zwar neugierig, habe aber die Befürchtung, dass mich die Fortsetzung ebenso wenig überraschen wird wie der Auftakt der Trilogie.

Mein Fazit
Es tut mir ja fast ein bisschen leid, dass ich mich all den begeisterten Stimmen zu "Die drei Sonnen" nicht anschließen kann. Aber der extrem theoretische und trockene Schreibstil, die unzähligen Wissenschafts-Infos, die die Geschichte unnötig aufblähen, die sich sehr langsam aufbauende Handlung und die zu schablonenhaften Charaktere haben bei mir über weite Strecken leider keine Spannung aufkommen lassen. Beschäftigt hat mich die Handlung schon und ich bewundere Lius Ideenreichtum und sein feines Gespür für Gesellschaftskritik. Wie er das Ganze verpackt hat, konnte mich aber letztendlich so gar nicht begeistern.

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Tags: 1960er jahre, aliens, all, ausserirdische, china, kulturrevolution, science fiction, weltraum   (8)
 

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Die kleine Inselbuchhandlung

Janne Mommsen
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 27.03.2018
ISBN 9783499291548
Genre: Romane

Rezension:

Leichte Sommergeschichten gehen bei diesem Wetter immer - auch bei mir, denn nichts lässt einen besser in der Sonne entspannen und von Urlaub träumen. Janne Mommsens Roman "Die kleine Inselbuchhandlung" ist quasi dafür gemacht: Man nehme ein traumhaftes Setting inklusive romantischer Insel-Idylle, eine vielversprechende Liebelei und ein gut gehütetes Geheimnis - heraus kommt eine locker luftige Sommergeschichte, die sich wunderbar weg liest und dabei gut unterhält. Janne Mommsen setzt einfach von Anfang an auf Atmosphäre. Die abgelegene Nordseeinsel bietet den perfekten Platz zum Lesen, Entspannen und Träumen und ist für die Protagonistin Greta das komplette Gegenteil zu ihrem hektischen und ereignisreichen Leben als Flugbegleiterin.

Janne Mommsen fängt sehr schön ein, dass die Zeit auf der Insel mitten im Meer viel langsamer läuft. Dass die Insulaner mit ihren liebenswerten Eigenarten einfach herrlich schrullig, vor allem aber loyal und besonders sind. Und man nimmt Greta ab, dass sie sich direkt wieder in diesen Ort und seine Bewohner und in die Idee, hier eine Buchhandlung zu eröffnen, verliebt. Man verliebt sich selbst ein bisschen in all die außergewöhnlichen Charaktere, das Urlaubsfeeling und den Gedanken, einfach irgendwo unbeschwert lesen und leben zu können. Die perfekte Atmosphäre also für einen echten Sommerroman.

Natürlich habe ich keinen besonders ausgeklügelten Plot erwartet - "Die kleine Inselbuchhandlung" bietet einem einfach genau das, was man erwartet. Seichte, unbeschwerte Unterhaltung ohne große Überraschungen, dafür aber mit viel Gefühl und Atmosphäre. Zum Runterkommen nach der Arbeit hat das für mich perfekt funktioniert, trotzdem kam mir die Geschichte stellenweise einfach zu plump und vorhersehbar daher. Dass Greta von heute auf morgen ihr ganzes Lben umschmeißt und sich entgegen aller Vernunft auf der Insel niederlassen will, kann man ja so noch glauben, denn solche Menschen gibt es nun mal (ich bewundere sie übrigens, denn wie schwer ist es, aus dem Alltagstrott auszubrechen und genau das zu machen, was man tun will). Die Liebelei mit Florian und die ganze Story um Claas haben mir aber ein bisschen die Lust am Lesen genommen. Ja natürlich, da muss eine Liebesgeschichte rein, aber muss das denn unbedingt auf derart stereotype und langweilige Art und Weise sein? Das ganze Tamtam erschien mir einfach unnötig, da habe ich mich lieber auf die Bücher in Tante Hilles Wintergarten konzentriert.

Auch das Geheimnis, auf das Greta in einem der Bücher stößt, wirkte einfach in die Geschichte hineingesetzt und wenig originell. Man hat sich da während des Lesens sonst etwas zusammengesponnen und dann kommt am Ende so etwas dabei heraus. Ich verrate natürlich nichts, aber in meinen Augen war das alles zu banal, um ernst genommen zu werden. Es gibt auch keine spannende Rätselsuche, wie man das aus anderen Romanen kennt - das Ganze löst sich quasi von selbst und am Ende praktisch Knall auf Fall. Greta steht, so habe ich es zumindest empfunden, ein bisschen bedröppelt daneben und weiß dazu dann auch nicht mehr viel zu sagen. Ja, nein, das fand ich schlicht und ergreifend nicht gut gemacht. Und auch der Schreibstil hat mich insgesamt nicht so richtig überzeugt, auch wenn Janne Mommsen durch viele plattdeutsche Wendungen Authentizität erzeugt, ist mir sein Stil zu schlicht und simpel. Aber genau das passt ja wiederum zur seichten Sommerlektüre, weswegen es für mich am Ende in Ordnung geht.

Mein Fazit
"Die kleine Inselbuchhandlung" ist ohne Zweifel die perfekte Sommerlektüre für träge Tage am Strand und bringt diesbezüglich alles mit, was man braucht: Ein traumhaftes Setting, schrullige Charaktere, eine kleine Romanze und ein gut gehütetes Geheimnis. Die Geschichte bietet seichte, lockerleichte Unterhaltung, man darf aber definitiv keine großen Würfe erwarten. Vieles wirkte auf mich zu weit hergeholt und plump, die Liebesgeschichte nach Schema F hätte ich nicht gebraucht und der Schreibstil war insgesamt auch nicht meins. Nichtsdestotrotz: Es hat Spaß gemacht und für zwischendurch ist das Buch einfach ideal.

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Tags: bücher, buchhandlung, geheimnis, insel, liebe, nordsee, romantik, romanze, sommer, verlieben   (10)
 

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God's Kitchen

Margit Ruile
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Loewe, 12.03.2018
ISBN 9783785584477
Genre: Jugendbuch

Rezension:

"God´s Kitchen" ist ein Roman, auf den ich am Loewe Verlagsstand auf der Leipziger Buchmesse aufmerksam geworden bin und der vor allem aufgrund der Thematik mein Interesse geweckt hat. Das Ganze ist zwar natürlich ein Jugendbuch, ausgeklügelte oder tief philosophische Science Fiction darf man daher sicher nicht erwarten, trotzdem war ich einfach gespannt darauf, wie Margit Ruile die so brandaktuelle Thematik künstliche Intelligenz in ihrem Roman aufbereitet. Und hier gab es wirklich einige sehr faszinierende Ansätze, die mich schnell in ihren Bann gezogen haben. Allen voran das Wesen des Roboters Chi, das im Verlauf der Handlung mehr und mehr außer Kontrolle gerät und zur echten Bedrohung wird.

Auch wie Chi, dieses süße, harmlose Mädchen, dargestellt ist, jagt einem einen Schauer über den Rücken. Margit Ruile hat einen Roboter entworfen, der einerseits so angepasst und menschlich, andererseits aber auch so abnormal und bedrohlich wirkt. Diese Gegensätzlichkeit, das Für und Wieder, zeigt sich durch Chis Darstellung wirklich sehr gut. In "God´s Kitchen" spielen die Wissenschaftler, wie es ja schon der Titel andeutet, Gott und entwerfen den perfekten Menschen, dessen Aufgabe darin besteht, andere Menschen einzuschätzen, zu entscheiden, was aus ihnen werden wird und wie sie sich entwickeln. Nur dass Chi eben kein Mensch ist, sondern eine künstliche Intelligenz, die die Wissenschaftler immer weiter und weiter füttern, bis sie sich schließlich über sie erhebt und ein gruseliges Eigenleben entwickelt. Eine Story, die mich ebenso fasziniert wie abgeschreckt hat.

Der Kern der Geschichte stimmt also. Was mich hingegen nicht ganz so überzeugen konnte, ist der Rahmen. Das fängt bei der Protagonistin Celine an, einer Psychologiestudentin, die wie zufällig in dieses Projekt hineingerät und die ihrerseits über eine besondere Gabe verfügt. Denn Celine ist hellsichtig (heißt: sie kann gewissermaßen in die Zukunft blicken) und es drängt sich von Anfang an das Gefühl auf, dass diese Fähigkeit etwas mit ihrem Praktikum in God´s Kitchen zu tun hat. Ja, nun. Ich weiß nicht, warum es Celines Hellseherei gebraucht hat. Ich habe dieses Handlungselement irgendwie als sehr störend und überflüssig empfunden, als in die Geschichte hineingepresst. Auch teilweise als Lösung, wenn die Handlung drohte ins Stocken zu geraten. Überzeugt hat mich die in die Zukunft blickende Celine daher nicht wirklich. Auch ihren Charakter bekam ich bis zum Ende nicht zu fassen - ich habe das Gefühl, dass ich immer noch nicht weiß, wer Celine ist (abgesehen natürlich von ihren Visionen, die kenne ich mittlerweile in- und auswendig). Ich hätte dann doch lieber mehr über die echte Celine und vor allem über Chi und die Wissenschaftler, die an ihr arbeiten, erfahren wollen.

Denn die Infos sind insgesamt sehr spärlich. Wie bereits erwähnt, ist "God´s Kitchen" ein Jugendroman - allzu komplex und wissenschaftlich darf der Plot daher vermutlich nicht sein, das kann ich auch gut nachvollziehen. Allerdings kann man der Jugend, finde ich, doch zumindest etwas mehr zutrauen. Mir wirkte das Projekt Chi zu losgelöst, hier und da zu konstruiert. Es fehlen einfach Informationen, die es zu mehr gemacht hätten. Und leider sackte auch die Spannung ab der Mitte gehörig ab - wie Celine mit Chis Übermacht umgeht, wie sie auf des Rätsels Lösung kommt... puh, nein, das war mir zu plump. Ich dachte beim Lesen wirklich: Echt jetzt, das wars? Erst wird mit der künstlichen Intelligenz über viele, viele Seiten hinweg eine grauenvolle Gefahr aufgebaut und dann, bähm, das ist die Lösung? Ich habe mich da am Ende leider wirklich etwas veralbert gefühlt. Nichtsdestotrotz hat Margit Ruile wie gesagt viele interessante und spannende Elemente in ihre Geschichte eingebaut, die mich zum Nachdenken angeregt haben und die uns zeigen, wie unsere Zukunft möglicherweise aussehen könnte. Nur die Umsetzung, das ganze Drumherum hat leider nicht meinen Geschmack getroffen.

Mein Fazit
Margit Ruiles "God´s Kitchen" ist so ein Buch, das ich mit sehr gemischten Gefühlen beendet habe. Einerseits haben mir ihre Ideen und vor allem die Darstellung der künstlichen Intelligenz Chi und ihrer Tücken unheimlich gut gefallen. Andererseits mochte ich dieses übersinnliche Element um Celines Gabe und auch die Auflösung am Ende so gar nicht. Für mich kein spektakuläres Jugendbuch, auch wenn vieles darin den Ton der Zeit trifft.

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Tags: jugendbuch, ki, künstliche intelligenz, roboter, zukunft, zukunftsvision   (6)
 

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comic, detektiv, detektivgeschichte, dr. watson, graphic novel, james moriarty, john watson, reichenbachfall, sherlock holmes

Dr. Watson

Stéphane Betbeder , Darko Perovic
Fester Einband: 96 Seiten
Erschienen bei Splitter-Verlag, 22.02.2018
ISBN 9783958394537
Genre: Comics

Rezension:

Es ist kein Geheimnis: Ich verehre "Sherlock Holmes" und natürlich auch seinen Schöpfer Sir Arthur Conan Doyle und deshalb kenne ich schon eine ganze Reihe an Adaptionen und Pastiches. Betbeders und Perovics Graphic Novel versprach aber einmal etwas völlig Neues und super Interessantes, denn in ihrer Geschichte ist nicht Sherlock Holmes die Hauptfigur, sondern sein treuer Kompagnon Dr. Watson. Auch der Zeitpunkt, zu dem die Geschichte spielt, hat direkt mein Interesse geweckt: Wir treffen Watson wenige Monate nach Sherlock Holmes´ vermeintlichem Tod am Reichenbachfall in London. Wer den Kanon oder auch die grandiose BBC-Serie mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman kennt, weiß (und das gilt hoffentlich nicht als SPOILER - ansonsten bitte ab dem nächsten Abschnitt weiterlesen), dass Sherlock Holmes am Reichenbachfall nicht in den Tod gestürzt ist und einige Zeit später wieder in London auftaucht, um gewohnt genial zu ermitteln. Gerade deshalb war ich gespannt darauf, was Stéphane Betbeder als Autor der Geschichte aus diesem Ausgangspunkt machen würde - würde sein Sherlock Holmes wie bei Doyle zurückkehren?

Relativ schnell wird aber klar, dass Betbeder sich nur sehr bedingt bei Doyle bedient hat, denn mit seiner Geschichte schlägt er einen völlig anderen Weg ein. Das beginnt wie gesagt schon mit Dr. Watson als Hauptfigur. Auf ihm liegt in "Dr. Watson" der Fokus - es geht um seine Erlebnisse und darum, wie schwer ihn der Tod seines engen Freundes getroffen hat. Ein ziemlich spannender Blickwinkel, der einem die Figur des Dr. Watson näherbringt und einfach zur Abwechslung mal das Umfeld von Sherlock Holmes beleuchtet anstatt seine Person. Mir hat diese Herangehensweise wirklich gut gefallen, weil sie zeigt, dass auch Watson neben seiner Menschlichkeit und seinem medizinischen Wissen durchaus seine Qualitäten hat. Und ohne Holmes an seiner Seite kann er diese uneingeschränkt entfalten.

Die Handlung punktet mit einigen unerwarteten Wendungen und vor allem mit Details zu Dr. Watsons Leben vor Sherlock Holmes, die man aus Doyles Erzählungen einfach so nicht kennt. Hier und da empfand ich den Plot zwar als ziemlich wirr und über das Ende, das mich glattweg umgehauen hat, kann man sich sicherlich streiten, aber im Großen und Ganzen ist es wirklich faszinierend, was Betbeder da aus Sherlock Holmes´ Sidekick herausgeholt hat. Und wie er die Beziehung zwischen Holmes und Watson, zu der es ja mittlerweile auch seitenlange Abhandlungen gibt, interpretiert hat. Das war mal etwas wirklich Neues und Innovatives und das hatte ich so definitiv nicht erwartet.

Den Unterhaltungswert der Geschichte heben Perovics Zeichnungen zusätzlich auf ein ziemlich hohes Level. Sein Watson ist mir zugegebenermaßen als etwas zu alt und klapprig dargestellt, wenn man bedenkt, dass er nach Doyle im Jahr 1891 Ende 30 oder Anfang 40 sein müsste. Allerdings wurden sowohl Holmes als auch Watson in vielen Verfilmungen und Adaptionen deutlich älter dargestellt (ein Grund, weshalb ich die BBC-Serie "Sherlock" und die Darsteller so fantastisch finde), sodass Perovic vermutlich nur der Tradition folgt. Watson als alter Mann gefällt mir insgesamt einfach nicht so gut, weil es seine Figur so sehr zum Stereotyp verkommen lässt. Ansonsten haben mir Perovics Comic Strips aber unheimlich gut gefallen: Seine Zeichnungen sind kraftvoll und detailreich, die düstere Atmosphäre des viktorianischen London geradezu spür- und greifbar und auch die Teile, die in Afghanistan spielen, haben mich absolut überzeugt. Betbeders Text und Perovics Zeichnungen bilden eine Einheit, die hypnotisiert und gefangen nimmt. Alles in allem also eine richtig gut umgesetzte und sehr unterhaltsame Graphic Novel.

Mein Fazit
Was für eine coole Geschichte hat Stéphane Betbeder da um Holmes´ Sidekick John Watson herum gebastelt! "Dr. Watson" strotzt nur so vor interessanten und innovativen Ideen und die Geschichte geht in eine Richtung, die ich so absolut nicht erwartet habe. Auch wenn mir Perovics Watson nicht ganz so gut gefällt und der Plot hier und da ein paar kleinere Schwachstellen hat, bin ich insgesamt wirklich begeistert von dieser Graphic Novel. Das ist Unterhaltung auf hohem Niveau!

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Love, Simon (Filmausgabe)

Becky Albertalli , Ingo Herzke
Flexibler Einband: 344 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 31.05.2018
ISBN 9783551317520
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Auf den Film "Love, Simon" freue ich mich schon seit einer ganzen Weile und als ich in Salzburg über die Romanvorlage stolperte, hatte ich große Lust, vorher noch schnell das Buch zu lesen. Gesagt, getan. Ich muss aber leider sagen, dass "Love, Simon" eines dieser Bücher ist, in das ich sehr schwer hineingekommen bin. Rückblickend gefällt mir Becky Albertallis unvermittelter und ziemlich plötzlicher Einstieg zwar richtig gut, am Anfang hatte ich aber gar keinen Draht zu den Figuren und der Geschichte. Bei einigen ist das sogar bis zum Ende so geblieben. Aber der Reihe nach:

Die Geschichte selbst empfinde ich persönlich nicht als so revulotionär wie man das in letzter Zeit häufig hört. Aber das liegt vermutlich einfach daran, dass Homoesexualität für mich eine Selbstverständlichkeit ist. Als Jugendbuch jedoch trifft "Love, Simon" voll ins Schwarze, denn es enttabuisiert ein Thema, das einfach wahnsinnig aktuell ist und es spricht sicher vielen Teenagern aus dem Herzen. Ganz ehrlich: Liebesgeschichten sind im Genre Young Adult an der Tagesordnung und Liebesgeschichten zwischen zwei Jungs oder zwei Mädchen sollten nichts erfrischend Anderes oder gar etwas Außergewöhnliches sein. Und dafür ebnet Becky Albertalli, wie ich finde, den Weg, denn mir gefällt es sehr gut, dass sie die Geschichte von Simon und Blue mit einer lässigen Selbstverständlichkeit erzählt. Dass sie ihre Charaktere zwar Schwierigkeiten damit haben lässt, sich anderen zu öffnen, sie aber nicht an ihrer Identität und an ihrer Sexualität zweifeln lässt.

Blue und Simon verhalten sich einfach wie zwei ganz normale, verliebte und ein bisschen schüchterne Teenager - und genau das sind sie ja auch. Natürlich sind sie verwirrt, natürlich scheuen sie sich davor, mit ihren Eltern und ihren Freunden über ihre Gefühle zu reden. Aber welcher Jugendliche tut das nicht? Genau diese Selbstverständlichkeit meine ich. Ich finde sie großartig und das macht die Geschichte irgendwie normal besonders oder besonders normal. Die Handlung ist dabei typisch Jugendroman, hält nicht unbedingt große Überraschungen oder Plot Twists bereit, aber sie tut im Großen und Ganzen, was sie soll.

Mein Problem bei diesem Buch sind allerdings die Charaktere. Simon und auch Blue bin ich im Lauf der Geschichte durchaus nähergekommen und ich habe das gegenseitige, vorsichtige Abtasten der beiden vor allem gegen Ende begeistert verfolgt. Die zwei sind so unglaublich süß und man kommt nicht umhin, sich darüber zu freuen, dass sie sich gefunden haben. Irgendwie aber wirkt Simon merkwürdig losgelöst von seinem Umfeld. Eigentlich spielen seine drei besten Freunde Nick, Abby und Leah und auch seine Eltern und Schwestern eine wichtige Rolle, aber durch die Bank weg bleiben sie blass und oberflächlich. Ich habe am Ende nicht das Gefühl, eine dieser Figuren auch nur ansatzweise gut zu kennen. Das mag daran liegen, dass Simon selbst, aus dessen Perspektive die Geschichte ja erzählt wird, sich eingesteht, dass er nicht alles über seine Freunde weiß und vielleicht hin und wieder zu wenig Interesse an ihren Leben gezeigt hat. Und trotzdem hat es das für mich unheimlich schwer gemacht, die Geschichte von vorne bis hinten zu mögen. Dass sich alles nur um Simon dreht, steht für mich im krassen Gegensatz zu der zuvor erwähnten Selbstverständlichkeit. Irgendwie geht das für mich ganz schwer zusammen.

Und dann gibt es noch einen Charakter, den ich dermaßen weit hergeholt fand, dass das für mich sogar ein bisschen die Geschichte kaputt gemacht hat: Der Junge, der durch Zufall auf eine von Simons E-Mails stößt und ihm dann das Leben schwer macht. Ich finde es zwar gut, dass Albertalli Mobbing und Vorurteile gegen Homosexuelle thematisiert, wie sie es tut, gefällt mir allerdings nicht so ganz. Erst haben wir da einen "Erpresser", der sich Simons Geheimnis zunutze macht, gleichzeitig aber auch als Freund an seiner Seite steht, bis das Ganze eskaliert. Und dann kommt am Ende der bis in den Himmel erhobene Zeigefinger und eben jener Erpresser macht eine Kehrtwende, die ich ihm so absolut nicht abgekauft habe. Ihr seht schon, ich versuche vage zu bleiben und nichts zur Handlung zu verraten, aber das musste ich einfach noch ansprechen. Denn am Ende wirkt die Entwicklung dieser speziellen Figur einfach zu gewollt und gepresst. In Sachen Charaktere bin ich mit "Love, Simon" einfach insgesamt nicht so richtig zufrieden, obwohl die Liebesgeschichte wirklich süß ist und ich viele Aspekte an dieser Geschichte wie gesagt großartig finde.

Mein Fazit
Was ich an "Love, Simon" großartig finde: Die Selbstverständlichkeit und die Leichtigkeit, mit der Albertalli die Liebesgeschichte zwischen Blue und Simon erzählt. Die Message, die dahinter steht: Nämlich, dass Homosexualität etwas vollkommen Normales und ganz bestimmt kein Grund ist, sich selbst zu hinterfragen oder sich gar zu schämen. Und diese so unglaublich süße und unschuldige Liebe, die Simon und Blue füreinander empfinden. Hach. Was ich hingegen nicht so mochte: Die ziemlich blassen Nebencharaktere, die teilweise nur um Simon zu kreisen scheinen. Und die Charakterentwicklung einer ganz bestimmten Figur, die auf mich am Ende zu erzwungen wirkte. Ich freue mich trotzdem immer noch auf die Verfilmung und finde, dass dieses Jugendbuch zumindest in seiner Selbstverständlichkeit ganz toll geschrieben ist!

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Tags: erste liebe, erwachsenwerden, homosexualität, homosexuell, jugendbuch, jugendliebe, jugendroman, schwul, sexualität, teenager, young adult   (11)
 

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Nicht weg und nicht da

Anne Freytag , Martina Vogl
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Heyne, 19.03.2018
ISBN 9783453271593
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Mit *Den Mund voll ungesagter Dinge* hat sich Anne Freytag direkt in mein Herz geschrieben und für mich stand fest: Alles, was diese Autorin schreibt, werde ich ab jetzt inhalieren. Das liegt in erster Linie daran, dass Anne Freytag sehr modern und jugendlich, aber auch sehr explizit, erfrischend und einfach authentisch schreibt. Es gelingt ihr großartig, den Fokus auf ihre Charaktere zu legen, ihnen Raum zu geben und sie mit dem Leser zu verbinden. Das hat mich bei "Den Mund voll ungesagter Dinge" schon umgehauen und genauso habe ich es wieder bei "Nicht weg und nicht da" empfunden. Dieses Buch ist stiller, ruhiger, melancholischer und irgendwie in sich gekehrter, es ist dabei aber auch so unglaublich stark und kraftvoll. Ich sage euch direkt vornweg: Diese Geschichte hat es in sich.

Und das liegt in erster Linie an den starken Protagonisten - Luise und Jacob. Luise findet nach dem tragischen Selbstmord ihres Bruders nur schwer ins Leben zurück und ich hatte beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass sie sich selbst nicht mehr kennt (oder kennen will) und dass sie mit Kristophers Tod ein großes Stück von sich selbst verloren hat. Was mir aber von Anfang an wahnsinnig imponiert hat: Luise wirkt in ihrer Verletzlichkeit und ihrer Verzweiflung unglaublich selbstbewusst - das mag natürlich zum großen Teil ihre Rüstung sein, aber man kann schon ziemlich früh erahnen, was für eine starke Entwicklung Luise im Lauf der Geschichte durchmachen wird. Und Schuld daran sind zwei Menschen: Kristopher und Jacob. Während Jacob, der sich irgendwie vom ersten Moment an zu Luise hingezogen fühlt und sich seine Faszination für dieses stille, in sich gekehrte Mädchen selbst nicht erklären kann, tatsächlich da ist und sie genau dann unterstützt, wenn sie niemanden mehr an sich heran lässt und sich am liebsten vor der ganzen Welt verstecken will, ist Kristopher die ganze Zeit über präsent, obwohl er tot ist.

Ein bisschen erinnert diese Idee an Jay Ashers "Tote Mädchen lügen nicht" (und tatsächlich gibt es im Buch mehrere Anspielungen auf die gleichnamige Netflix-Serie, die ich übrigens unfassbar gut finde - im Gegensatz zur Romanvorlage) - Hannah Bakers Selbstmord und ihre Kassetten haben Anne Freytag also möglicherweise und ganz vielleicht zu ihrer Geschichte inspiriert. Aber sie geht ganz anders mit der Thematik um und nähert sich ihr auf völlig andere Art und Weise. Denn Kristopher hat seiner Schwester die Mails nicht in erster Linie hinterlassen, um sich zu rechtfertigen oder ihr seine Entscheidung begreifbar zu machen. Kristopher will nach seinem Tod niemanden zur Rechenschaft ziehen - ihm geht es einzig und allein um Luise und darum, dass sie seinen Tod akzeptiert, ihn verarbeitet und wieder Freude in ihr Leben lässt. Kristopher ist der Auslöser für Luises tiefe Trauer und gleichzeitig steht er ihr bei und hilft ihr dabei, sie zu überwinden. Ein Gedanke, der mich von der ersten Seite an mitgenommen hat und der einerseits wahnsinnig traurig und ergreifend, andererseits aber auch unheimlich schön und voller Hoffnung ist.

"Tote Mädchen lügen nicht" (das Buch) hat viele Leerstellen gelassen, was ich sehr problematisch für einen Jugendroman fand. Bei Anne Freytag gibt es diese Leerstellen nicht - sie gibt Luise die Kraft, sich der Tat ihres Bruders zu stellen - so schmerzhaft es auch ist -, sie lässt sie wütend und verzweifelt sein, lässt sie Kristopher hassen und ihn lieben, ihn verdammen und ihn verstehen. Und genau das macht die Geschichte so echt und mitreißend. Anne Freytag erfasst die Ambivalenz eines Selbstmordes - sie romantisiert ihn nicht, aber sie verteufelt ihn auch nicht. Sie zeigt ungeschönt und auf sehr schmerzliche Weise, welche tragischen Auswirkungen Kristophers Entscheidung auf seine Familie hatte. Was sein Selbstmord aus Luise und ihrer Mutter gemacht hat. Sie zeigt aber auch die andere Seite - denn Kristopher war bipolar und es gelingt Anne Freytag wahnsinnig gut, das ständige Auf und Ab seines Lebens in Worte zu fassen.

Man kann Kristopher tatsächlich auf gewisse Weise verstehen. Man kann aber auch Luise verstehen, die ihr Leben lang zu Gunsten ihres Bruders zurückstecken musste. Die vielleicht nicht die Aufmerksamkeit bekam, die sie gebraucht hätte und die früh lernte, ihren älteren Bruder zu beschützen. Die sich nach seinem Tod leer fühlt, aber ganz tief drinnen vielleicht auch frei und genau das macht das Besondere an dieser Geschichte aus. Kristophers Tod ist nicht schwarz oder weiß, er ist grau. Und er ist irgendwie zugleich hoffnungsvoll und tragisch. Luises Umgang mit diesem unglaublichen Verlust steht ganz klar im Fokus, bewegt hat mich aber auch die Reaktion ihrer Mutter, von der Luise sich nach und nach vernachlässigt und unverstanden fühlt. Luise lebt mit dem Geist ihres Bruders und seine Mails sowie auch Jacob, der ihr zu einem Zeitpunkt eine Stütze ist, in dem sie sie am meisten braucht, helfen ihr dabei, ihn gehen zu lassen.

All die Themen, die Anne Freytag in "Nicht weg und nicht da" behandelt, wiegen schwer und gehen beim Lesen unter die Haut - Selbstmord, Depressionen, der Tod eines Bruders und eines Kindes, der Umgang mit Trauer. Anne Freytag geht diese Themen auf gleichermaßen offene und feinfühlige Art und Weise an und sie schafft es, dass man trotz all der Melancholie immer wieder aufatmet. Sich über jeden kleinen Schritt, den Luise zurück in ein glückliches Leben macht, unheimlich freut. Und dass man sich einlässt auf Luise und Jacob - zwei Menschen, die sich in einer Zeit finden, in der sie einander mehr als alles andere brauchen. Ich bin einfach nur hingerissen von der Tragweite dieser Geschichte und all die Gefühle, die beim Lesen auf mich eingestürmt sind, haben mich teilweise mürbe gemacht und fast niedergedrückt. Aber nur fast: Denn die Geschichte gibt so viel Mut und Hoffnung und am Ende steht die pure Freude am Leben. Danke, danke, danke für dieses grandiose Buch!

Mein Fazit
Ich habe eigentlich nichts anderes erwartet: "Nicht weg und nicht da" ist das zweite Buch von Anne Freytag, das mich komplett umgehauen, mich in meine Einzelteile zerlegt und dann wieder zusammengesetzt hat. Ich bewundere vor allem ihren genialen Schreibstil und ich liebe ihre vielschichtigen Charaktere und ich empfinde einfach bei jedem einzelnen Wort mit. Ich kann es nicht anders sagen: "Nicht weg und nicht da" ist für mich eines der besten Jugendbücher, die ich je gelesen habe!

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Tags: depressionen, liebe, selbstmord, tod, tod des bruders, trauer, verlieben   (7)
 

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Das Mädchen, das in der Metro las

Christine Féret-Fleury , Sylvia Spatz
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag, 30.08.2018
ISBN 9783832198862
Genre: Romane

Rezension:

Im Rahmen der Aktion #meinLesemoment vom Dumont Verlag durfte ich mich über zwei Exemplare des wirklich hübschen Büchleins "Das Mädchen, das in der Metro las" freuen (was mit dem zweiten Exemplar passiert, erfahrt ihr später!). Und ich war gleich beim Auspacken richtig begeistert, denn optisch ist der Roman ein echtes Highlight - neben dem tollen Umschlag-Design und dem schicken Lesebändchen punktet die Sonderausgabe nämlich mit mehreren, wirklich hübsch gestalteten Seiten, auf denen man sich Notizen zu seinen Herzensbüchern machen kann. Dieser Rahmen macht die Geschichte einfach noch einmal um einiges interessanter und liefert den perfekten Einstieg ins Geschehen, was gewissermaßen etwas Besonderes ist, denn nur selten gehen die Gestaltung und die Geschichte derart Hand in Hand wie bei "Das Mädchen, das in der Metro las".

Zeit, einen Blick hinter die Kulisse zu werfen, denn viel wichtiger als Cover und Lesebändchen sind natürlich die inneren Werte des Buches. Und die haben mir bereits auf den ersten Blick unheimlich gut gefallen, denn um ihre Protagonistin Juliette baut Christine Féret-Fleury ein sehr zartes, aber gleichzeitig starkes Gerüst aus Büchern, das die Geschichte ähnlich der Zeichnungen auf dem Cover einrahmt und sie so interessant und spannend für Bücherliebhaber wie mich macht. Ich meine damit den Grundgedanken, wenn nicht sogar das Leitmotiv von Féret-Fleurys Geschichte: Dass ein einziges Buch, wenn es denn das richtige ist, das Leben eines Menschen von grundauf verändern kann. Ihm eine neue Richtung, einen neuen Sinn geben und den Menschen am Ende glücklich machen kann. Dieser Gedanke hat mich so verzaubert und gefangen genommen, dass ich eigentlich sofort drinnen war in dieser sehr süßen und sehr poetisch erzählten Geschichte.

Es hat mir wahnsinnig gut gefallen, dass Juliettes Alltag zu Beginn als eher grau, ereignislos und austauschbar geschildert wird. Féret-Fleury arbeitet hier viel mit Bildern - die eklig gelbe Wand mit Aktenordnern in Juliettes Büro, die ihren tristen Arbeitstag und ihr eigentlich tristes Leben versinnbildlicht. Paris im nassen Februar-Grau, das genauso trist wirkt wie die Bürowand und einfach keinerlei Reiz hat. Féret-Fleury hat damit den perfekten Ausgangspunkt, die perfekte Stimmung geschaffen, denn sobald Juliette auf Soliman und seine Bücher trifft, fühlt sich das beim Lesen an wie Frühling. Man spürt, wie alles auf einmal Farbe bekommt, wie die Wolken sich verziehen und das plötzliche Licht Juliette eine Energie gibt, die ihr vorher gefehlt hat. Okay, das klang jetzt sehr kitschig - aber genauso hat es sich beim Lesen für mich angefühlt und genau das zeigt, wie unfassbar gut Féret-Fleury ihr Handwerk beherrscht und wie atmosphärisch und zauberhaft ihre Geschichte ist.

Natürlich war ich auch von Solimans Mission absolut begeistert - das richtige Buch für den richtigen Menschen finden und ihm damit die Kraft geben, sein Leben zu ändern und glücklich zu sein. Dieser Gedanke ist fast schon mythisch, denn sehnen wir uns nicht insgeheim alle nach dem richtigen Buch? Dem Anstoß, der den Stein ins Rollen bringt und uns neue Wege aufzeigt - frei nach dem Motto "Raus aus dem Grau und rein ins Leben"? Bei mir jedenfalls ist das so und deshalb war ich die ganze Zeit ganz nah dran an Juliette und den anderen Figuren in der Geschichte, denen ein einziges Buch ein neues Leben schenkt. Das, was hier zwischen den Zeilen steht, hat jedenfalls eine enorme Kraft und ist dabei wundervoll träumerisch und zart.

Die Geschichte selbst hat nach meinem Gefühl zum Ende hin etwas an Intensität und Kraft verloren - wo Juliettes trister Alltag und dieses Zwischenstadium hin zu einem glücklicheren Leben mich komplett vereinnahmt und mitgenommen haben, gelang das dem sozusagen dritten Teil der Geschichte, in dem Juliette nach ihrer Begegnung mit Soliman ihr Leben endlich in die Hand nimmt, nicht so richtig. Ich weiß gar nicht genau, woran das lag. Möglicherweise daran, dass ich mir vielleicht lieber vorgestellt hätte, auf welche Weise genau ein einziges Buch ein Leben ändert und dass mir Féret-Fleury hier zu offenherzig Lösungen aufzeigt, die meiner Meinung nach nicht hundertprozentig zu den Figuren passen. Nichtsdestotrotz ist dieser Roman magisch und kraftvoll und ganz bestimmt ein besonderes Leseerlebnis, dessen Grundidee einen auch nach dem Zuklappen des Büchleins nicht mehr loslässt.

Mein Fazit
Optisch ein Highlight, atmosphärisch der Hammer, über weite Strecken träumerisch und zauberhaft und einfach DAS Buch für Bücherliebhaber: "Das Mädchen, das in der Metro las" spielt in einer ganz eigenen Liga und hat mich mit seiner Bildhaftigkeit, der poetischen Sprache und dem auf so geniale Weise neu definierten Stellenwert des Buches absolut in seinen Bann geschlagen. Die Geschichte selbst hat für mich gegen Ende etwas ihren Reiz verloren, aber das macht das Erlebnis beim Lesen nicht weniger außergewöhnlich und schön. Definitiv ein Buch, für das die Herzen aller Lesen schlagen sollten!

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Tags: buch, bücher, buecher ueber buecher, erzählung, macht der bücher, roman   (6)
 

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Palace of Silk - Die Verräterin

C. E. Bernard , Charlotte Lungstrass-Kapfer
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Penhaligon, 29.05.2018
ISBN 9783764531973
Genre: Fantasy

Rezension:

Mit "Palace of Glass", dem Auftakt ihrer Trilogie um die Magdalena Rea, hat C. E. Bernard mich im März wirklich überrascht, denn die Geschichte ist so wunderbar anders, so originell und faszinierend. Ganz besonders angetan haben es mir die doch sehr ungewöhnliche Welt, die Bernard da geschaffen hat, und die einzigartigen Charaktere. Umso mehr habe ich mich auf ein Wiedersehen mit Rea, Blanc, Ninon und Co. in Band 2 gefreut. Seit einigen Tagen ist "Palace of Silk - Die Verräterin" nun auf dem Markt und setzt genau dort an, wo der erste Band endet. Rea ist nach den Ereignissen in London aus Großbritannien geflohen und hofft in Paris auf ein sicheres und freies Leben. Die ersten Tagen sind für sie jedoch ein Kulturschock und C. E. Bernard gelingt es auf eindrucksvolle Weise, dieses Gefühl auf den Leser zu projizieren. Gerade hat man sich an dieses doch sehr skurrile und dabei nicht minder faszinierende London in der Zukunft gewöhnt - an die strengen Dogmen und Regeln, die die Gesellschaft bestimmen, an den viktorianischen Kleidungsstil, an Reas Leben als Ausgestoßene. Im nächsten Moment wird man in ein Paris hineingeworfen, das nicht gegensätzlicher sein könnte.

C. E. Bernard zeichnet ein beinahe magisches, paradiesisches Bild von Paris, macht die Stadt fast schon zum Wahrzeichen der Magdalenen. Hier leben die Menschen selbstbestimmt, frei und glücklich, zeigen nackte Haut, berühren sich, zelebrieren die Liebe und verwirklich sich selbst. Paris ist so anders als London und gewissermaßen Balsam für Reas Seele und auch für die des Lesers. Denn zumindest in der ersten Hälfte des zweiten Bandes fehlt die bedrückende, düstere Stimmung, die man aus Band 1 kennt. Rea scheint aufzublühen und es wirkt, als würde ihr Leben in Paris erst richtig beginnen. Auch hier hat mich C. E. Bernards Detail- und Ideenreichtum wieder begeistert und gefesselt. Sie lässt die bunten Straßen von Paris vor dem geistigen Auge des Lesers auferstehen und zeichnet mit ihren Worten Bilder, die sich zumindest mir regelrecht auf die Netzhaut gebrannt haben. Ich mochte ihre sehr bildhafte und eher gemächliche als rasante Erzählweise einmal mehr sehr gerne, denn sie passt einfach so wunderbar zu dieser Geschichte und wird dem fantastischen Setting und den vielschichtigen Charakteren rundum gerecht.

Denn es sind vor allem die Figuren, die mich in diesem zweiten Band gefesselt haben. C. E. Bernard beschreibt sie auf so lebhafte und plastische Art und Weise, dass man zu jedem Charakter ein ganz konkretes Bild im Kopf hat. Ich habe bisher nur wenige Geschichten gelesen, in denen die Charaktere so viel Raum eingenommen haben (als Beispiele nenne ich hier mal "Harry Potter" und "Das Lied von Eis und Feuer") und ich mag das einfach unheimlich gerne. Man ist nicht nur ganz nah an Rea dran, aus deren Sicht die Geschichte nach wie vor erzählt wird, sondern auch an Blanc, René, dem Comte und Ninon, die ich schon nach Band 1 ins Herz geschlossen hat. Die Charaktere entwickeln sich in "Palace of Silk" weiter, es wird mehr über ihre Vergangenheit und ihr Wesen offenbart und das zu lesen, macht einfach wahnsinnig viel Spaß. Mit dem französischen Roi und Madame Hiver hat C. E. Bernard außerdem zwei Figuren geschaffen, die so einzigartig sind und so witzig verschroben beziehungsweise subtil gefährlich wirken, dass man beim Lesen vom einen Lacher ins nächste Frösteln verfällt - wirklich sensationell, überragend gut gemacht.

Wie schon gesagt, entwickelt sich die Handlung auch in Band 2 eher gemächlich, was ich aber gar nicht schlimm, sondern sogar ziemlich gut finde, weil man so Zeit hat, genau hinzusehen und all diese neuen Eindrücke, die Paris und der französische Königshof bieten, auf sich wirken zu lassen. Es gibt natürlich auch in "Palace of Silk" wieder einige romantische und dramatische Szenen sowie den ein oder anderen Konflikt, sodass keine Langeweile aufkommt. Allerdings war mir der Handlungsverlauf ein wenig zu nah dran an dem aus Band 1. Was ich in "Palace of Glass" noch innovativ, neu und originell fand, hat in "Palace of Silk" einfach etwas von seinem Glanz verloren. Zum Beispiel, dass ausgerechnet Rea nun wieder an einen Königshof und wieder die Leibwächterin für einen geliebten Menschen geben muss. Und dass es da wieder eine Person gibt, die ihr und ihrem Geheimnis gefährlich nahe kommt. Oder dass sich das Hin und Her zwischen Rea und Robin weiter in die Länge zieht - mit überraschenden Wendungen am Ende zwar, aber für mich stellenweise doch leicht ermüdend. Ich hätte mir da doch mehr Feuer gewünscht, mehr Plot Twists in der Mitte und zwischen Rea und Robin vielleicht auch mehr Wagnis und mehr Leidenschaft. So ganz überzeugt bin ich von dieser Liebe noch immer nicht und auch nicht von Robin, der eigentlich die einzige Figur ist, mit der ich nicht besonders viel anfangen kann. Sein Vater wollte ihn umbringen lassen - mein Gott, da kann er doch jetzt wirklich auf all die Konventionen schei*en und mit Rea endlich das tun, was er schon die ganze Zet über tun will und was er definitiv tun sollte. :D Wenn Robin in Band 3 immer noch nicht aus dem A*sch kommt, verlier ich vielleicht den Glauben an die Kraft der Liebe :P

Was mir aber wiederum sehr gut gefallen hat, ist, dass wir in Band 2 endlich mehr über die Magdalenen, ihre Fähigkeiten und ihre Geschichte erfahren. Und auch über Rea, die wohl nicht nur einfach irgendeine Magdalena ist, sondern von den visionnaires (ich hoffe, ich habe das richtig geschrieben - ich kann ja leider null Französisch :D) in Paris fast schon als Erlöserin gefeiert wird. Warum das so ist, müsst ihr natürlich selbst herausfinden, ich habe diesen Einblick in die Gemeinschaft der Magdalenen aber sehr genossen und kann nur sagen: Es bleibt diesbezüglich weiter geheimnisvoll, spannend und herrlich magisch. Und am Ende gibt es tatsächlich den ein oder anderen Twist, der auf ein fulminantes Finale in "Palace of Fire" hoffen lässt - auch wenn ich noch ein wenig skeptisch bin, was den Ausblick auf Band 3 betrifft. Aber ich bin mir sicher, dass C. E. Bernard mich einmal mehr überraschen wird!

Mein Fazit
Als Mittelteil der Trilogie ist "Palace of Silk" wirklich gelungen und hat mich wie schon sein Vorgänger mit einem atemberaubenden Setting und vielschichtigen und sehr plastischen Figuren in seinen Bann geschlagen. C. E. Bernard geht bei Band 2 mehr in die Tiefe und füllt ihre fantastische Welt weiter aus, was mir wahnsinnig gut gefallen hat. Die Handlung, deren Verlauf mich doch sehr an Teil 1 erinnert hat, hätte für meinen Geschmack zwar ein paar mehr Höhepunkte und Überraschungen bieten können, dennoch legt "Palace of Silk" definitiv den Grundstein für ein Finale, das sich gewaschen hat. Ich bin unendlich gespannt darauf!

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Tags: gefahr, geheimnis, london, magdalena, palace of glass, paris, verbotene liebe   (7)
 
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