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195 Bibliotheken, 8 Leser, 1 Gruppe, 119 Rezensionen

thriller, serienkiller, berlin, spannung, psychopath

Targa - Der Moment, bevor du stirbst

B. C. Schiller
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Penguin, 10.07.2017
ISBN 9783328101512
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Barbara und Christian Schiller versprechen mit Targa, eine neue Reihe um eine etwas andere Ermittlerin aufzubauen – und in meinen Augen ist das tatsächlich gelungen. Ich liebe Bücher, die sich mit dem Abgründigen und Abseitigen der menschlichen Psyche beschäftigen, so dass die Prämisse dieses neuen Thrillers mich sofort angesprochen hat.
 
> Stimmige Charaktere mit spannender Dynamik
Sowohl Falk Sandmann als auch die titelgebende Targa Hendricks werden schnell eingeführt und es ist von Beginn an klar, dass beide besondere Menschen sind. Bei Targa ist es offensichtlicher, sie hat Zwangsstörungen und gibt unumwunden zu, dass sie wenig Emotionen verspürt, insbesondere Liebe ist ihr fremd. In vielen Büchern sind es männliche Charaktere, die diesen speziellen psychischen Defekt erhalten, hier aber haben sich die Autoren eine Frau ausgesucht und es funktioniert wunderbar. Besonders gefällt mir, wie mühelos die Autoren ihre Emotionslosigkeit darstellen, während man gleichzeitig aus dem Subtext heraus liest, dass Targa sehr wohl Gefühle hat und menschlich reagiert. Das macht sie nur noch interessanter, da man ahnt, dass sie früher oder später einen Zusammenbruch erleiden wird. Als Hauptfigur war sie mir von Beginn an sympathisch, auch wenn sie nicht zur Identifikation taugt. Sie ist cool, ohne übermenschlich gut in ihrem Job zu sein. Ich bin mir sicher, dass auch weitere Romane über sie Anklang finden werden.
Auf der anderen Seite steht Sandmann, ein gutaussehender und charismatischer Mann, der genau weiß, wie man Frauen verführt und hörig macht. Seine Faszination mit jenem Moment, in dem ein Mensch stirbt, ist genau jene Art von psychischem Abgrund, die ich bei Serienmördern in Thrillern liebe. Er lebt seine Bösartigkeit aus, ohne sich zu verstellen. Der Tod durch Ersticken ist extrem grausam, gleichzeitig ist Strangulation ein recht klassischen Element von Fetisch-Sex, das zumindest mir schon öfter über den Weg gelaufen ist. Das Gefühl, dem Tod nahe zu kommen, kann in sonst eher apathischen Menschen ungekannte Lebendigkeit auslösen – weswegen sich Targa augenblicklich von ihm angezogen fühlt. Die Dynamik stimmt. Er lässt sie fühlen. Er sieht in ihr eine verwandte Seele. Sie ist interessant, das wichtigste Merkmal an Frauen, wenn es nach Sandmann geht. Ich war beim Lesen begeistert, nicht nur zwei stimmige Charaktere zu haben, sondern auch eine passende Dynamik in ihrer Beziehung vorzufinden.
 
> Handwerkliche Schwierigkeiten im Schreibstil
Der Plot selbst ist stringent aufgebaut und temporeich erzählt. Ehe man es merkt, sind die 400 Seiten auch schon wieder vorbei. Einige Szenen mit Figuren, die man nicht einordnen kann, sind trotzdem spannend und am Ende versteht man, was man da über wen gelesen hat. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Sandmann und Targa macht Spaß, auch wenn die Auflösung am Ende vergleichsweise zu actionlastig war und ich nicht in jedem Absatz verstanden habe, was genau gerade geschieht.
Was mich auch zu meinem Kritikpunkt führt: So flüssig der Schreibstil sich auch liest, handwerklich ist hier nicht alles im Reinen. Wir haben verschiedene Charaktere, aus deren Perspektive wir die Geschichte verfolgen. In manchen Szenen ist aber überhaupt nicht klar, wessen Perspektive wir gerade verfolgen, was aber gerade bei diesem Thriller wichtig ist, da die Einschätzung kleiner Details je nach Figur verschieden ist und Spannung erzeugen kann. Oft genug dachte ich, dass ich gerade etwas durch die Augen von Sandmann verfolge, weil die Autoren Formulierungen wie „die Frau“ benutzen, wenn sie über Targa sprechen. So würde aber Targa auch in der dritten Person nicht über sich sprechen. Es sind Kleinigkeiten, die anderen Lesern vielleicht gar nicht auffallen, mich aber doch immer wieder massiv gestört haben. Wenn ich von Absatz zu Absatz verwirrt bin, wessen Perspektive ich gerade verfolge und ob ich nervös sein sollte, dass Sandmann gerade intime Einblicke in Targas Leben erhält, reißt mich das aus dem Fluss heraus. Gleichzeitig macht es besonders die Actionszenen unübersichtlich, weil kein richtiger Fokus herrscht und man zwischen Wasser und Blut verloren geht.
 
> Ein Cliffhanger, der es spannend macht
Trotz der Schwierigkeiten im Schreibstil gerade zum Ende hin hat mir der Abschluss gefallen. Die Geschichte um Sandmann findet ein Ende, insofern ist der Roman abgeschlossen, doch die Hintergrundgeschichte um Targa geht weiter, in der Hinsicht ist das Ende offen. Ich war davon zunächst ein wenig überrascht, weil ich beim Lesen tatsächlich vergessen hatte, dass es nur der Auftakt zu einer Reihe ist, doch wenn man daran denkt, ergibt dieses Ende sehr viel Sinn und ist ein guter Cliffhanger.
Vor dem Hintergrund hoffe ich auch, dass einige der anderen Figuren, die wir hier kennengelernt haben, auch in den künftigen Bänden wieder auftreten werden. Auch, wenn einige davon nur kurze Auftritte hatten, sind sie doch spannend genug, dass ich mehr von ihnen lesen will. Auch das spricht für die Kunst der Autoren, gute Charaktere zu erschaffen.

FAZIT:
Der Thriller „Targa – Der Moment, bevor du stirbst“ von B. C. Schiller ist ein sehr gelungener Auftakt zu einer Reihe rund um die titelgebende Heldin Targa Hendricks. Sowohl sie als auch der Serienmörder Falk Sandmann, um den es in diesem Band geht, sind spannende Charaktere, die in ihrer Andersartigkeit faszinierend zu beobachten sind. Der Schreibstil lässt sich flüssig lesen, auch wenn handwerkliche Schwächen manchmal zu Unübersichtlichkeit führen. Plastische Darstellungen des Erstickens und die funktionierende Dynamik zwischen Ermittlerin und Mörder machen diesen Thriller trotzdem zu einem großen Lesevergnügen.

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74 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 43 Rezensionen

liebe, sex, liebesroman, seduction, portland

Eine Prise Liebe

Kristen Proby , Gabriele Ramm , Sonja Fiedler-Tresp
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei MIRA Taschenbuch, 10.07.2017
ISBN 9783956497148
Genre: Liebesromane

Rezension:

Bei diesem Buch handelt es sich um den zweiten von bisher drei Romanen rund um das Restaurant Seduction. Dieses Mal stehen Camille, genannt Cami, und Landon im Mittelpunkt. Es ist ein erotischer Liebesroman und eine entsprechende Geschichte darf man erwarten.

 

Eine starke erste Hälfte

Die Rückkehr von Landon nach seinem unfreiwilligen Ausstieg bei der Navy und die Arbeit von Cami im Seduction sind der Hintergrund für eine sehr heiße Liebesbeziehung. Obwohl beide anfangs unsicher sind, knistert es ziemlich schnell und die Autorin versteht es, heiße und abwechslungsreiche Sexszenen zu schreiben. Die erste Hälfte des Buches hat entsprechend meine Erwartungen voll erfüllt und ich war mehr als glücklich beim Lesen. Da konnte ich durchaus darüber hinwegsehen, dass sowohl Landon als auch Cami offenbar utopisch schöne Menschen sind.

In jedem Roman dieser Art gibt es irgendwann einen Wendepunkt, an dem sich ein Problem auftut, welches die beiden Liebenden erst einmal verdauen müssen. Meistens führt es zu einer kurzfristigen Trennung, die jedoch schnell genug überwunden wird. Auch hier habe ich mit einer Wendung gerechnet, sie kam tatsächlich auch und fiel wesentlich weniger dramatisch aus als befürchtet. Doch das angesprochenen Thema – näheres sage ich nicht, da ich nicht spoilern will – interessiert mich leider überhaupt nicht. Es ist durchaus üblich in Liebesromanen, doch für mich tatsächlich fast schon genug, um ein Buch aus der Hand zu legen. Das ist ein sehr eigenes Geschmacksurteil, entsprechend sollte man sich von meiner Enttäuschung in diesem Punkt nicht abschrecken lassen.

 

Zu schnelle emotionale Wechsel

Wesentlich stärker fällt für mich ins Gewicht, dass die Autorin sich in der zweiten Hälfte des Buches anscheinend keine Zeit mehr nehmen konnte. Die Wendung kommt plötzlich, wie es sich gehört, doch die beiden liebenswerten, rationalen Charaktere lösen das Problem umstandslos. Generell tauchen entlang des Weges immer wieder kleinere Hindernisse auf, die einfach viel zu schnell gelöst werden.

Beispielsweise stellt Cami zwischendurch fest, dass regelmäßig Geld in der Kasse des Restaurants fehlt. Zwischen Feststellung des Problems, Information an die Kolleginnen und schließlich der harmlosen Aufklärung vergehen ganze zwei Seiten. Die Szene hätte gut weggelassen werden können, ohne dass die Geschichte oder die Länge des Buches gelitten hätten. Uns wird zwar gesagt, dass Cami über das Fehlen des Geldes verwirrt ist und sie es auf ihre merkwürdige Müdigkeit der letzten Tage schiebt, doch da wirklich Geld fehlt, ist es eben doch keine Verwirrung und der ganze Sinn der Szene ist dahin. Problem wird aufgetan und sofort gelöst. Eine Sache, die leider immer und immer wieder auftaucht.

Allzu häufig kommt in Cami oder Landon ein Gefühl hoch, welches jeweils erst als merkwürdig und irrational empfunden wird, dann jedoch erkennen sie die tiefere Bedeutung und zwei Seiten später sind sie mit sich im Reinen und sprechen offen darüber. Das mag zwar insbesondere aus Landon einen einfühlsamen, erwachsenen Charakter machen, doch häufiger bleibe ich als Leserin zurück und frage mich, warum das Problem überhaupt erst erwähnt wurde.

 

Solide, aber unentwickelte Charaktere

Ein Liebesroman lebt davon, dass seine Heldinnen und Helden interessante Menschen sind und wir uns für ihr Glück interessieren. Cami hat mich relativ schnell von sich überzeugen können, Landon hat länger gebraucht, doch auch ihn habe ich ins Herz geschlossen. Das Problem ist nur: Cami hat offenbar tiefe Verletzungen erfahren, die es ihr unmöglich machen, Landon wirklich zu vertrauen. Dass er fortging nach Portland hat sie nie verarbeitet. Entsprechend emotional reagiert sie manchmal auf Landons Handlungen. Doch obwohl ich als Leser weiß, woher ihre Gefühle kommen, wirken sie doch zu oft zu extrem. Es bleibt flach.

Ebenso findet keine Charakterentwicklung bei den beiden statt. Gewiss, Landon lernt, dass er sich auch in seiner Heimat wohlfühlen kann, selbst wenn er die Navy vermisst, doch das ist nur bedingt eine Charakterentwicklung. Sie gehen als dieselben Menschen aus dieser Liebesgeschichte hinaus, wie sie hereingekommen sind. Das ist schade, denn gerade die Entwicklung ist es, die ich in Liebesromanen – ja, auch in den erotischen – gerne lese. Hier jedoch geschieht wenig.


FAZIT:

Der Liebesroman „Eine Prise Liebe“ von Kristen Proby erzählt die sehr vielversprechende Geschichte von Landon und Cami. Die Sexszenen sind heiß, die Liebe der beiden füreinander plastisch beschrieben. Darüber hinaus enttäuscht mich der Roman leider in mehrfacher Hinsicht, da sowohl die Hauptfiguren flach bleiben und viele Entwicklungen zu schnell geschehen und daher fragwürdig erscheinen. Insbesondere in der zweiten Hälfte hätte die Autorin sich mehr Zeit lassen können. Dennoch ist es ein solider Genre-Roman, der Fans der erotischen Literatur gewiss begeistern kann. 

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61 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 37 Rezensionen

thriller, norwegen, psychologischer thriller, serie, verlag rowohlt

... und morgen werde ich dich vermissen

Heine Bakkeid , Ursel Allenstein
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 23.06.2017
ISBN 9783499290558
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Für mich war der Roman „… und morgen werde ich dich vermissen“ der erste, richtige Krimi seit langer Zeit. Gerade bei skandinavischen Krimis erwarte ich zudem immer spannende Charaktere und seine sehr düstere Atmosphäre. Da Heine Bakkeid bisher eher für Jugendbücher bekannt war, habe ich mich gespannt auf die Lektüre eingelassen – und ich wurde belohnt!
 
Unverstellte Nordmänner
Thorkild Aske ist ein vollständig gebrochener Mann. Als ehemaliger Polizist, der sich auf Verhöre bei internen Ermittlungen spezialisiert hat, weiß er eine Menge über Psychologie, doch natürlich hilft das einem Menschen nie bei eigenen Problemen. Ein Vorfall bei seinem letzten Fall hat ihn nicht nur hinter Gittern gebracht, sondern auch tiefe seelische Wunden hinterlassen. Davon erfahren wir schon zu Beginn sehr viel und über den ganzen Roman hinweg spielen seine Pillen und sein psychologischer Aufpasser eine große Rolle. Seine Schmerzen, seine Halluzinationen und seine gesamte Einstellung dem Leben gegenüber machen Thorkild zu einem spannenden Mann. Das Buch ist aus der Ich-Perspektive von ihm geschrieben, vollständig, auch in den kurzen Rückblenden, die uns mehr Aufschluss darüber geben, was damals geschehen ist. Interessanterweise sind seine inneren Reflexionen durchaus tiefgründig, aber gleichzeitig haben sie bei mir manchmal das Gefühl hinterlassen, es nicht mit einem älteren, erfahrenen Mann, sondern mit einem Jugendlichen zu tun zu haben. Das fiel mir bereits auf, bevor ich von den Jugendbüchern des Autors wusste, doch ich führe das darauf zurück: Er ist ihm noch nicht vollständig gelungen, einen erwachsenen Protagonisten zu kreieren. Glücklicherweise ist es kein ernstzunehmender Störfaktor.
Die übrigen Gestalten sind ebenso grob wie glaubwürdig gezeichnet. Hakkeid verschwendet keine Zeit darauf, Nebencharaktere tiefgründig zu gestalten, dennoch erhalten alle genug Charakter, um ernstgenommen werden zu können. Es gibt deutlich mehr Männer als Frauen in diesem Roman, doch daran habe ich mich nicht gestört. Die Beamten, die wir kennenlernen, ebenso wie die einfachen Bewohner des Küstendorfes sind schlichte Leute, die ihre eigenen, nicht unbedingt weltoffenen Meinungen haben, und obwohl sie Fremden gegenüber nicht allzu offen sind, äußern sie ihre Gedanken bereitwillig und ungefiltert. Das macht sie nicht unbedingt sympathischer, aber genau davon lebt der Roman.
 
Ein unerklärliches Verschwinden
Eigentlich ist Thorkild in den Norden gefahren, um den verschollenen Rasmus zu finden, doch in der stürmischen Nacht auf der Leuchtturminsel findet er stattdessen eine Frauenleiche. Seine Ermittlungen dazu gehen nur schleppend voran, da diverse hindernde Umstände ihn ablenken. Einerseits ist der Schatten seiner Vergangenheit noch immer groß und düster, andererseits ist die örtliche Polizei auch mehr als feindselig. Als Leser hat man unwillkürlich das Gefühl, dass die Dorfbewohner alle mehr wissen, als sie zugeben, jeder von ihnen wirkt verdächtig. Wirklich vorwärts gehen die Ermittlungen erst auf den letzten hundert Seiten, nachdem Thorkild sich daran erinnert, dass er einst ein ernstzunehmender Ermittler, der unerbittlich und scharfsinnig einer Spur folgen kann, war. Ihn dann jedoch bei der Arbeit zu beobachten, macht sehr, sehr viel Spaß. Nichts anderes zählt mehr, als die Aufklärung des Falls. Warum Rasmus verschwunden ist und wer die Leichte ist, scheint sich niemand erklären zu können, doch Thorkild lässt nicht locker.
Mir gefallen Krimis, in denen man tatsächlich Polizeiarbeit beobachten kann. Seien es Verhöre, seien es pathologische Befunde, als Laie bin ich davon fasziniert. Und auch, wenn dieser Roman als Auftakt einer längeren Reihe vor allem den Ermittler etablieren muss, bekommen wir doch genug von diesen Dingen präsentiert, um mich zu unterhalten und bei der Stange zu halten. Ein klein wenig konstruiert waren manche Erklärungen zu Verhören oder der Pathologie schon, als wollte der Autor beweisen, wie viel er zu dem Thema recherchiert hat, doch da es amüsant verpackt war, kann ich das verzeihen.
 
Ein wenig Wasser im Wein
Um die Worte meines Professors zu benutzen, muss ich am Ende dennoch ein wenig Wasser in den Wein gießen. Nicht alles in diesem Buch ist gelungen. Ich kann akzeptieren, dass es kein reiner Kriminalroman ist, sondern auch ein Thriller mit Mystery-Elementen. Trotzdem hatte ich erwartet, dass alles eine realistische Erklärung erhalten würde. Was Thorkild manchmal sieht und wahrnimmt, lässt sich bspw. problemlos auf seine Psychopharmaka zurückführen. Doch dann gibt es diese eine Episode, die tatsächlich übernatürlich wird, ohne dass es dafür realweltliche Erklärungen geben kann. Ich vermutete kurzfristig, dass es eventuell konstruiertes Theater ist, doch dem war nicht so. Es war wirklich übernatürlich. So gut das auch geschrieben war, ich war vollkommen aus dem Fluss des Lesens rausgerissen. Es wirkte wie ein Fremdkörper. Ich hoffe sehr, dass in weiteren Romanen der Reihe keine weiteren solcher Episoden stattfinden werden.
Ebenso sind einige Ereignisse zu verwirrend beschrieben. Ich kann verstehen, dass Thorkild verwirrt ist und seine Umwelt zwischenzeitlich nicht mehr korrekt wahrnehmen kann, doch ich als Leserin bin tatsächlich manchmal verloren gegangen und habe gar nicht mehr verstanden, wo wir sind und was passiert. Das hat mich doch sehr frustriert.

FAZIT:
Der Kriminalroman „… und morgen werde ich dich vermissen“ von Heine Bakkeid ist ein düsterer, aber auch unterhaltsamer Trip durch die Abgründe der menschlichen Seele. Während der Ermittler Thorkild Aske mit seiner Vergangenheit beschäftigt ist, löst er Stück für Stück das Rätsel um die Vorfälle auf einer abgelegenen Leuchtturminsel. Auf typische Weise bedrückend und zynisch, ist die Lektüre ebenso interessant wie unterhaltsam. Obwohl es einige unpassende Elemente gab, ist die Figur des Ermittlers doch spannend genug und die Fähigkeit des Autors, Atmosphäre zu schaffen, so gut, dass ich schon jetzt weiß, dass diese Krimi-Reihe erfolgreich sein wird. Wer Skandinavien-Krimis mag, wird hier definitiv glücklich. 

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35 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

diogenes, roman, william james sidis, leselust

Das Genie

Klaus Cäsar Zehrer
Fester Einband
Erschienen bei Diogenes, 23.08.2017
ISBN 9783257069983
Genre: Romane

Rezension:



Ein junger, intelligenter Boris Sidis, getrieben von unstillbarem Ehrgeiz und Leidenschaft, ist sich sicher, dass Elektrizität, die für alle nutzbar ist, der Schlüssel zu einem neuen Zeitalter ist. Ebenso ist er sich sicher, dass Bildung die Unterschiede zwischen den Menschen verschwinden lassen kann. Wenn nur jedes Kind richtig und frühzeitig gefördert wird, kann jeder intelligent genug sein, um nicht länger von Demagogen und anderen Verführern abhängig sein zu müssen, sondern ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Boris Sidis, der idealistische, gebildete Einwanderer, will im Land der unbegrenzten Möglichkeiten tatsächlich unbegrenzte Möglichkeiten für alle ermöglichen.In der nicht unbedingt hochintelligenten, aber fleißigen und mindestens ebenso ehrgeizigen Sarah findet Boris die perfekte Ehefrau, um sein Leben nach seinen Vorstellungen leben zu können. Und wer würde sich besser eignen, der Welt zu beweisen, dass seine Erkenntnisse über Psychologie und das Subwaking Self, wie er es nennt, stimmen, als der eigene Sohn? Boris und Sarah ziehen an einem Strang, um ihrem gemeinsamen Sohn die Tore der Welt zu öffnen.


Von Anfang an lehrt Boris seinen Sohn, dass er keinen Respekt vor älteren Menschen oder Institutionen haben soll. Allein das Maß der Bildung, das Maß des Intellekts zählt. Wer sich nicht um Bildung bemüht, verdient keinen Respekt. Die Erziehungsmethoden von Boris und Sarah wirken mal logisch, mal abstoßend. Eindringlich wird geschildert, wie sie alle Sinnes-eindrücke für ihr kleines Kind filtern, um ihm zu helfen, die Welt schneller zu begreifen. Tat-sächlich tut William James das auch, in atemberaubender Geschwindigkeit erlernt er nicht nur Dinge, für die andere Kinder Jahre brauchen, sondern entwickelt auch Verständnis für komplexere Zusammenhänge, die selbst Erwachsenen verborgen bleiben. Doch was auf der einen Seite verlockend und wundervoll klingt, hat seine eindeutigen Schattenseiten.


Immer wieder schildert der Autor Szenen, in denen die stolzen Eltern ihr hochintelligentes Kind vor anderen zu Schau stellen, Szenen, in denen sie William auffordern, sein Wissen oder sein Denkvermögen zu demonstrieren, nicht etwa, weil sie stolz auf seine Leistung sind, nein. Sie sind stolz, dass ihre Erziehungsmethode funktioniert. Rund um die Uhr ist William umgeben von einer Atmosphäre des Lernens. Gewiss, die Eltern legen Wert darauf, dass er Spaß am Lernen hat und sie ermuntern ihn dazu, eigenen Interessen nachzugehen. Doch dabei geht es nie um ihn, sondern nur um den Beweis, dass die Sidis-Methode funktioniert. Es ist beim Lesen bisweilen hart, die Eltern nicht zu verfluchen für ihre Unfähigkeiten, jenseits des rational-logischen Teils eine gute Erziehung zu liefern.Es ist entsprechend wenig verwunderlich, wie schwer sich William, genannt Billy, in der Schule tut. Nicht nur lebt sein Vater ihm Verachtung für diese Institution vor. Die Institution selbst lässt sich tatsächlich auf das Spiel ein: Immer wieder überspringt er eine Stufe, steigt auf, kommt mit älteren Kindern zusammen, bis er mit gerade elf Jahren im Rahmen eines Förderungsprogramms für hochbegabte Kinder an der Harvard Universität aufgenommen wird. Ebenso wenig wundert man sich darüber, dass er mit den Studenten im Wohnheim nicht zu-recht kommt, dass er sich schwer tut, den Vorlesungen zu folgen und generell Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen hat. Er versteht nicht, dass sein Drang, jederzeit alles zu hinterfragen und jederzeit auf alles die richtige Antwort zu geben, gesellschaftlich problematisch ist. Seine Eltern haben dieses Verhalten immer gefördert und in dem jungen William lodert das Feuer kindhafter Neugier.


Erziehung und Bildung ist schon seit der Aufklärung ein sehr beliebtes Thema. Hatten sich Ratgeber vor der Zeit vor allem damit beschäftigt, wie man den Willen des Kindes brechen kann, damit er einem gottgefälligen Pfad folgt und nicht den Verlockungen des Teufels er-liegt, ging es seit dem 18. Jahrhundert vor allem um die Frage, wie man (zumindest reiche und/oder adelige) Jungen (und später auch Mädchen) so erziehen kann, dass sie ihren Ver-stand best möglich nutzen. Und so sehr die Aufklärer auch die Vernunft lobten, so gut begriffen sie doch, dass unsere Menschlichkeit in Gefühlen, vor allem im Mitgefühl für andere Menschen, verankert liegt. Sie wussten, eine gute Erziehung bildet nicht nur den rationalen, son-dern auch den emotionalen Teil des Menschen. Genauso gibt es genügend Aufsätze aus jener Zeit darüber, wie wichtig es ist, Kindern Grenzen zu setzen und sie unter die Aufsicht von Erwachsenen zu stellen, um ihre moralische und intellektuelle Bildung zu überwachen.Nichts davon scheint Boris und Sarah bekannt zu sein. Als nämlich William schließlich nach Harvard zurückkehrt, macht er eine für sich selbst enorm wichtige Entdeckung:

Offensichtlich haben seine Eltern es versäumt, ihm Grenzen aufzuzeigen. Sein Alltag hat sich stets nur darum gedreht, immer mehr und mehr zu lernen und immer mehr und mehr Fragen zu stellen. Aber Grenzen, die Eltern ihren Kindern setzen, sind nichts anderes als abgenommene Entscheidungen. Die Welt ist zu groß und zu verwirrend, als dass ein Kind alle Entscheidungen für sich selbst treffen könnte. Nicht umsonst bemerkt man als junger Erwachsener plötzlich, dass Erwachsensein ganz schön beängstigend ist. Man kann alles tun - aber man muss die Entscheidung dazu selbst treffen. Die Entscheidung, die Vorlesung zu besuchen. Die Entscheidung, sich um Rechnungen, Steuern und den Einkauf zu kümmern. All das sind Entscheidungen und jede Entscheidung kostet Energie. Je weniger Entscheidungen man treffen muss, umso mehr Energie hat man übrig. Es ist sehr klug von William, sich einen ausführlichen Katalog von Prinzipien zu erstellen, der ihm diverse Alltagsentscheidungen abnimmt. So hat er mehr Energie für sich, das Lernen und das Leben übrig. Doch so intelligent ein Vierzehnjähriger auch ist, er hat nicht die Lebenserfahrung, um über alle Materien ein ausgewogenes Urteil fällen zu können. Ebenso kann man sich sehr schnell darin verrennen - und genau das tut William.Entsprechend verwundert es nicht, dass er als Mann Mitte zwanzig plötzlich an der Welt verzweifelt. Er hat viel erlebt in der Zeit und er kann Amerika nicht mehr als das Land der Freiheit sehen.


William sehnt sich nach nichts mehr als nach einem normalen Leben. Er will keine Aufmerksamkeit durch die Presse, ebenso wie er keine Gehaltserhöhung und anspruchsvollere Arbeit ob seines Intellekts will. Er liebt die Anonymität und die Abgeschiedenheit. Längst könnte er zur intellektuellen Elite gehören, genau das ist es, was seine Eltern von ihm erwartet hatten, doch genau das ist es, was er nicht will.Es ist herzzerreißend zu lesen, wie sich William selbst die Schuld daran gibt, dass sein Va-ter Boris sein Lebenswerk, die Entwicklung der Sidis-Methode, zerstört sieht. Insbesondere seine Mutter hält ihm immer wieder vor, was er schon alles hätte erreichen sollen und wie un-verständlich ihr war, dass er ihr gemeinsames Lebenswerk durch sein gedankenloses Handeln in Verruf gebracht hatte. Denn die Presse hört nicht auf über das Wunderkind von einst zu sprechen, doch statt lobend äußern sie sich zunehmend verachtend und höhnisch. Dass zeit-gleich durch Freud die Psychoanalyse populär wird und an den psychiatrischen Methoden von Boris verstärkt Zweifel aufkommen, hilft der Familie auch nicht.Aus William James Sidis hätte ein großer Universalgelehrter werden können. Stattdessen beschäftigt er sich in den letzten Jahren seines Lebens mit Straßenbahntickets und führt einen aussichtslosen juristischen Kriegen gegen die New York Times. Die Lebensgeschichte von William James Sidis ist wahr, er hat wirklich gelebt und der Klaus Cäsar Zehrer hat intensive Recherchen durchgeführt, um sie so authentisch wie möglich darzustellen. Trotzdem - oder genau deswegen - ist das angesprochene Thema unwahrscheinlich wichtig. Immer wieder begegnet man Eltern, die in ihrem Drang, in der Erziehung alles richtig  zu machen, völlig über-sehen, worauf es eigentlich ankommt: Liebe. Ein Kind muss durch die Eltern erfahren, dass es bedingungslos geliebt wird, um seiner selbst Willen, um zu einem selbstbewussten, glücklichen Menschen heranwachsen zu können. Wer in seiner Kindheit nie erfahren hat, dass er ohne Bedingungen liebenswert ist, wird das als Erwachsener kaum noch nachholen können. Ebenso macht nichts ein Kind unglücklicher, als sich Erwartungen ausgeliefert zu sehen, die es nicht erfüllen kann. Dass es Eltern gibt, die nicht ertragen können, dass ihr Kind eventuell nicht für das Gymnasium oder ein Studium geeignet ist, ist tragisch.William scheint darüber hinaus nie gelernt zu haben, dass Kunst und Schönheit um ihrer selbst Willen eine Existenzberechtigung haben. Sie sind nicht nützlich, zumindest in keinem rational erfassbaren Rahmen. Er hat Liebe nie verstanden - zumindest in der Schilderung des Autors. Er hat sein Leben lang damit gehadert, dass seine Eltern Erwartungen an ihm haben, ein Hadern, das ihn schließlich in abgrundtiefen Hass insbesondere gegen die eigene Mutter getrieben hat. Zu früh hat er begriffen, dass er immer ein anderer bleiben wird. Er ist alleine, unverstanden und zu interessant, als dass die Öffentlichkeit ihn in Ruhe lassen könnte. So spannend und aufschlussreich die Theorien von Boris auch sind, seine maßlose Übertreibung hat einem jungen Menschen die Möglichkeit genommen, glücklich zu werden. Trotz des schwierigen Themas ist das Lesen dieses Romans ein Genuss. Der Schreibstil ist fantastisch, er spiegelt stets den Charakter wieder, durch dessen Augen wir das Geschehen gerade wahrnehmen. Mal haben wir die strenge Sarah, mal den idealistischen Boris als Perspektive und später den kindlich-naiven William. Das Amerika zur Jahrhundertwende und im Ersten Weltkrieg wird so anschaulich, aber trotzdem nebenher beschrieben, dass man sich tat-sächlich in der Zeit zurückversetzt fühlt. Es ist beinahe nicht zu glauben, dass dies der erste Roman des Autors ist. 



FAZIT:

Mit seinem Debütroman "Das Genie" ist es Klaus Cäsar Zehrer gelungen, die Biografie eines sehr spannenden Mannes lebensnah und unterhaltsam zu erzählen. Die Vorstellung, dass William James Sidis tatsächlich so ein Leben gelebt hat, ist ebenso tragisch wie lehrreich. Die psychologischen und philosophischen Lehren dieses Buches, aber auch die politiktheoretischen und mathematisch-physikalischen Erörterungen regen zu immer neuem Nachdenken an. Nicht selten lacht man auf der einen Seite, um auf der nächsten Seite schon wieder starr vor Entsetzen zu sein. Die Mischung aus Tragik und scharfzüngiger Realitätsbeschreibung macht diesen Roman zu einem strahlenden Juwel. Ich kann nur wärmstens eine umfassende Kaufempfehlung aussprechen. Das Buch war anregender als jeder Kaffee, denn ich habe die über 600 Seiten innerhalb von zwei Tagen inhaliert, ohne zu ermüden.

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98 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 65 Rezensionen

marx, darwin, london, charles darwin, karl marx

Und Marx stand still in Darwins Garten

Ilona Jerger
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 11.08.2017
ISBN 9783550081897
Genre: Romane

Rezension:

Marx und Darwin, was für eine interessante Kombination. Als Master der Politikwissenschaft ist mir natürlich Marx mehr als bekannt, ebenso wie wohl kein Schüler in diesem Land im Biologie-Unterricht um Darwin herum kommen kann. Grundlegendes Wissen über diese beiden Männer ist also durchaus vorhanden beim Leser, doch das, was Ilona Jerger hier schreibt, geht weit darüber hinaus.
Mit Hilfe der Figur des Dr. Beckett schafft sie ein Bindeglied zwischen zwei bedeutenden Persönlichkeiten, die sich in der realen Geschichte nie leibhaftig begegnet sind, auch wenn sie natürlich von der Existenz des anderen gewusst haben. Was hätten die beiden wohl zueinander zu sagen gehabt? Das Dinner im Hause Darwin, welches im Klappentext erwähnt wird, findet tatsächlich erst recht spät im Buch statt, und so unterhaltsam es auch ist, es ist nur eine kurze Szene, eher eine Anekdote. Meine Erwartungen in der Hinsicht wurden enttäuscht, doch in jedem anderen Aspekt hat dieser Roman meine Erwartungen übertroffen.
Der Schreibstil von Jerger ist eine überraschende Kombination aus plastischer, lebhafter Darstellung und subtiler, zurückhaltender Beobachtung. Sie schafft es mühelos, Marx und Darwin in all ihrer Menschlichkeit zu zeigen, ohne dabei respektlos zu werden. Ich kannte Marx schon immer als aufbrausenden, nicht sonderlich feinen Herrn, doch die sanftmütige Seite von Darwin habe ich erst durch diesen Roman kennengelernt. Vom Temperament her könnten diese beiden Wissenschaftler unterschiedlicher kaum sein. Trotzdem spürt man, dass sie in ihrem Wissensdurst sehr ähnlich sind. Ein sehr interessanter Punkt für mich war dabei, dass Marx, der Geisteswissenschaftler, glaubt – oder zumindest vorgibt zu glauben – dass er die gesellschaftliche Welt entschlüsselt hat, während Darwin, der Naturwissenschaftler, stets vorsichtig, zweifelnd und zurückhaltend bleibt. Üblicherweise ist es die Naturwissenschaft, die für sich beansprucht, die Welt zu erklären, wie sie ist, während die Geisteswissenschaft auf jede Frage nur stets mit neuen Fragen antwortet und sich alles um das beste Argument, die beste Verknüpfung von Theorien und Ideen dreht. Doch Marx, wie er hier beschrieben wird, ist ein Kämpfer, der so fest an die Korrektheit seiner Thesen glaubt, dass er niemals aufhören kann zu kämpfen, während Darwin mit zunehmendem Wissen nur immer mehr spürt, wie unzulänglich ein einzelnes Leben, ein einzelner Verstand ist.
Da wir die beiden Männer aus den Augen eines Arztes präsentiert bekommen, dreht sich natürlich ein großer Teil des Romans um die verschiedensten Leiden dieser beiden. Sie sind alt und auf vielfältige Weise krank. Das Londoner Klima am Ende des 19. Jahrhunderts tut zudem keinem der beiden gut. Doch Beckett, als Verfechter neuerer medizinischer Methoden und in dem festen Glauben, dass es einen Zusammenhang zwischen psychischen und physischem Wohlergehen gibt, hilft, wo er kann. Er hört aufmerksam zu und sein scharfer Verstand erlaubt es ihm, Zusammenhänge zwischen Darwin und Marx zu sehen – und genau dort liegt die Stärke in diesem Roman.
Natürlich sind Marx und seine Anhänger begeistert davon, dass Darwin wissenschaftlich fundiert Gott abgeschafft hat. Ebenso natürlich muss Marx dessen These vom „survival of the fittest“ ablehnen, da sie suggeriert, dass es naturgegeben, richtig und notwendig ist, dass es Klassenunterschiede gibt. Auf der anderen Seite scheut Darwin nichts mehr, als politisch instrumentalisiert zu werden. Direkt zu Beginn plagt ihn ein Alptraum, dass Kirchenanhänger ihn ob seiner Veröffentlichungen verfolgen. Er will sich gar nicht mit der Kirche überwerfen, er kann nur nicht anders, als die Welt durch die Augen eines Naturwissenschaftlers sehen. Obwohl er sich anfangs dagegen sperrt, mit Beckett über Marx zu sprechen, ist sein Interesse doch geweckt, als der Arzt seine eigenhändig entwickelte These präsentiert: Marx, dessen Eltern ehemals Juden waren und der selbst von Hass auf Juden geprägt ist, lehnt die Kirche mit all seinem Wesen ab, schafft aber mit seinem Kommunismus eine eigene Religion nach jüdischem Vorbild: Statt der Juden sieht er die Arbeiter unterdrückt, statt den Ägyptern ist die Bourgeoisie der Feind und statt Moses ist Marx der Prophet, der das Volk befreit und ins Paradies, eine kommunistische Gesellschaft, führt.
Beckett ist begeistert von dieser Einsicht, insbesondere auch, weil er in der Entfremdung, über die Marx ständig spricht, einen direkten Bezug zu dessen Leben sieht: Die Juden sind in der Welt entfremdet, Marx ist seiner Familie entfremdet und er ist seiner Heimat entfremdet, weil er wegen seiner Veröffentlichungen politisches Asyl in England suchen musste. Diese Bezüge zwischen dem Judenhass und der Religionskritik bei Marx und seiner eigenen Biografie sind nicht neu, doch Jerger lässt Beckett dies in so schillernden Farben ausführen, dass man unwillkürlich selbst wissenschaftliche Erregung ob dieser neuen Erkenntnis verspürt. Es ist unmöglich, einen Autor ohne seinen biografischen Kontext zu interpretieren, auch wenn man es tunlichst vermeiden sollte, alles auf seine Lebensumstände zurückzuführen. Dass Jerger hier einen kurzen Moment im Leben von Marx so anschaulich darstellt und darin all das verdichtet, was Marx in seinem Leben erfahren hat, während sie gleichzeitig seinen fortwährenden Kampf mit seinem Körper, seinen Büchern und fremden Theorien beschreiben kann, ist eine Meisterleistung, vor der ich tiefen Respekt habe.
In einem Interview hat sie selbst gesagt, dass sie sich Darwin näher fühlt und das zeigt sich in dem Buch durchaus. Wir erfahren weit mehr über Darwin, erleben weit mehr auch aus seiner Vergangenheit. Trotzdem – vielleicht, weil ich Politikwissenschaftlerin bin? – empfand ich die von Marx ausgehenden politiktheoretischen Teile als deutlich spannender. Ich kann Darwins Begeisterung für Regenwürmer vielleicht verstehen, aber nicht nachempfinden. Dass er sich nicht politisch instrumentalisieren lassen will, ist ihm hoch anzurechnen, doch als Philosophin weiß ich nur zu genau, dass es unmöglich ist, fremde Theorien, die auch nur entfernt nützlich erscheinen, nicht in eigene Theorien einzubauen. Insofern bin ich Marx deutlich näher.
Das Buch ist ein biografischer Roman mit einem großen Schuss eigener Fantasie. Es geht hier nicht darum, einen Handlungsbogen zu entwickeln und über die bekannten Schritte zu einem spannenden Höhepunkt zu kommen. Dessen muss man sich als Leser bewusst sein, sonst wird man enttäuscht. Stattdessen erhalten wir auf sehr leichte, aber eingängige Weise politik- und naturwissenschaftliche Konzepte erklärt und lernen, dass auch große historische Persönlichkeiten von ganz menschlichen Zweifeln und Problemen geplagt werden. Ich war hingerissen von der Lektüre.

FAZIT:
Der Roman „Und Marx stand still in Darwins Garten“ von Ilona Jerger ist ein wundervoller Einblick in das Leben zweiter bedeutender Männer. Einfühlsam, aber ungeschönt lässt sie uns an einigen Wochen teilhaben. Mit Hilfe der erfundenen Figur Dr. Beckett diskutiert sie die Berührungspunkte und Widersprüche in den Theorien beider Wissenschaftler, während sie zugleich großen Wert auf menschliche Darstellung legt. Das Buch hat mich zum Nachdenken angeregt, ebenso wie es mich insbesondere während des im Klappentext erwähnten Dinner zu unkontrolliertem Lachen verführt hat. Ich kann jedem neugierigen Geist dieses Buch nur wärmstens empfehlen. 

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paris, james joyce, samuel beckett, tanz, missbrauch

Die Tänzerin von Paris

Annabel Abbs , Ulrike Seeberger
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 14.07.2017
ISBN 9783746633169
Genre: Romane

Rezension:

Dieser Roman hat aufgrund des Covers und des Titels mein Interesse geweckt. Da ich selbst Tänzerin bin und vor kurzem erst in Paris war, habe ich ohne zu zögern zugegriffen. James Joyce steht zwar in meinem Regal, doch gelesen habe ich ihn nie, entsprechend wusste ich nicht, worauf ich mich bei einem biografischen Roman über seine Tochter einlassen würde. Nach der Lektüre ihres tragischen Schicksals blieb ich mehr als verstört und betroffen zurück. Ich empfehle euch also, eine Decke und eine Tasse heißen Tees zu nehmen, denn auch eine Besprechung dieses Romans wird nicht leicht.

 

Segen und Fluch der Psychoanalyse

Die Geschichte eröffnet mit einer Szene im Jahr 1934 in Zürich, also nach den Ereignissen, um die es im Buch größtenteils gehen wird. Wir sehen Lucia Joyce in einer Therapiesitzung bei C. G. Jung, einem ehemaligen Wegbegleiter von Sigmund Freud, der sich jedoch zum Zeitpunkt dieser Therapie bereits von ihm abgewandt hatte. Hier erscheint Lucia verwirrt und merkwürdig fixiert auf Kleinigkeiten, die für den Leser noch rätselhaft bleiben. Dieser Epilog führt auf gelungene Weise dazu, dass man sich während der gesamten Erzählung bewusst ist, dass die junge Frau an tiefgreifenden psychischen Problemen leidet oder leiden wird. Das Lesen geschieht also von Anfang an unter besonderen Vorzeichen.

Jung ist von Beginn an darauf fokussiert, Lucia von ihrem Vater James Joyce zu lösen. Er nimmt in einer Szene, die es mir kalt den Rücken runter laufen ließ, das Wort der Übertragung in den Mund und erklärte ihr, nur wenn ihr Vater Zürich (und damit sie) verlässt, kann eine Übertragung ihrer Gefühle für den Vater auf ihn, den Therapeuten stattfinden. Aus meinem Verständnis der Psychologie heraus ist eine Übertragung, insbesondere auf den Therapeuten, genau das Gegenteil dessen, was man erreichen will. Die Methoden der frühen Psychoanalyse scheinen mir mehr als ungeeignet für eine Heilung, entsprechend unwohl fühlte ich mich bei jeder Szene zwischen Lucia und Doktor Jung. Sie begleiten das Buch, da die eigentliche Geschichte die Erzählungen Lucias für Jung sind, und sie liefern auch wichtige Einblicke in das, was die tragischen Ereignisse ausgelöst hat. Dennoch wurde mir zunehmend übel, körperlich übel, wann immer eine Therapiesitzung eingebaut wurde.

 

Der lange Schatten des Vaters

Die eigentliche Geschichte spielt im Paris Anfang der 1920er Jahre, erzählt aus der Ich-Perspektive von Lucia Joyce. Sie ist eine talentierte Tänzerin, hat ein stabiles, soziales Umfeld und hilft zu Hause aus, wo sie nur kann. Ihr berühmter Vater, James Joyce, hat ein Augenleiden, dass ihn zunehmenden erblinden lässt, so dass er auf die Hilfe seiner Tochter und einiger williger Schmeichler, wie Lucia sie nennt, angewiesen ist. Einer davon ist Samuel Beckett, ein ebenfalls aus Irland stammender Schriftsteller, der auf den ersten Blick ihre Liebe auf sich zieht.

Obwohl das Paris der zwanziger Jahre eine freie, zügellose Stadt ist, wächst Lucia in einem strengen, irisch-katholischen Elternhaus auf, so dass sie emotional und sexuell völlig unerfahren ist. Während sie im Tanzen immer erfolgreicher wird, steigert sie sich zunehmend in ihre Liebe zu Beckett hinein, der ihr auch das ein oder andere Mal körperlich Nahe kommt. Hier zeigt sich die Macht eines unzuverlässigen Ich-Erzählers: Beinahe mühelos gelingt es Annabel Abbs, dem Leser vorzugaukeln, dass Beckett die Gefühle erwidert, während gleichzeitig stets unterschwellige Zweifel vorhanden sind, da man spürt, wie einseitig die Beobachtungen Lucias sind.

Gleichzeitig kämpft sie mit ihrem berühmten Vater und der Mutter, die das ganze Leben nur auf das Wohlergehen des Vaters ausrichtet. Wo Lucia tanzen will, schlagen die Eltern vor, sie könnte das Bücherbinden lernen, um dem Vater zu helfen. Wenn sie tanzt, dann wünscht sich ihr Vater, dass sie es nur für ihn tut, nicht öffentlich, damit er von ihr inspiriert werden kann. Wann immer sie eigenständige Entscheidungen treffen will oder unabhängig von der Familie leben möchte, redet insbesondere ihre Mutter ihr ins Gewissen, dass sie den Vater nicht im Stich lassen kann, dass er sie braucht, sowohl pragmatisch als auch als Muse. Verzweifelt sieht man zu, wie sich darüber in Lucia ein immer größerer Hass auf die Mutter aufbaut, wie sie aber gleichzeitig immer wieder nachgibt und den Wünschen des Vaters nachkommt. Sie sieht sich selbst als Sprössling im Schatten einer uralten, mächtigen Platane.

 

Vergiftete Familienbeziehungen

Familienbande sind Segen und Fluch zugleich. Nichts kann einem mehr Halt geben als das Wissen, dass die Eltern und die Geschwister immer und vorbehaltlos da sind, wann immer man sie braucht. Sie spenden Geborgenheit, sie kennen die tiefsten seelischen Leiden, sie lieben ohne Vorurteil. Genauso leicht kann die Beziehung zur Familie jedoch umkippen. Das Beispiel von Lucia zeigt tragisch und verstörend, wie diese eigentlich durch Liebe geprägte Beziehung vollkommen vergiftet wird. Wenn die Familienmitglieder nicht ebenbürtig sind, wenn die Wünsche der Kinder den Ambitionen der Eltern geopfert werden, wenn die Kinder ihren Wert beweisen müssen, statt bedingungslose Liebe zu erfahren, dann wird die Familie zum Gefängnis.

Der Gegensatz zwischen Pariser Bohème und dem strengen Leben der Familie Joyce sind drastisch. Immer wieder muss sich Lucia beispielsweise von ihrer Mutter anhören, dass in Irland nur Schlampen und Huren tanzen. Das Thema der Scham wird subtil immer wieder im Roman aufgegriffen, denn auch wenn Lucia es selbst selten so nennt, entspringt viel ihrer Wut aus einem für sie nicht fassbaren Schamgefühl heraus. Während ihre Eltern sehr daran interessiert sind, die öffentlichen Gesangsauftritte ihres Bruders Giorgio zu besuchen, schämen sie sich beinahe für die Tanzauftritte der Tochter. Es ist Lucia von Beginn an unmöglich, ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen. Die unterdrückten Kindheitserinnerungen, die Jung auszugraben versucht, tun ihr Übriges, um Lucias Erwachsenenleben ins Dunkel zu werfen.

Es ist bemerkenswert, wie eindringlich Abbs diesen problematischen Komplex beschreibt, ohne dass man sich von der Psychoanalyse-Keule erschlagen fühlt. Ihr Schreibstil – und die grandiose Übersetzung durch Ulrike Seeberger – sind angemessen glamourös und bildgewaltig, aber auch einfühlsam und leise, wenn es sein muss. Zunächst unbemerkt schleicht sich immer mehr das in Lucias Betrachtungen ein, was in der damaligen Zeit gerne als Neurose bei Frauen beschrieben wurde. Abbs Schreibstil erlaubt es, dass wir uns das lebendige Paris ebenso wie die beklemmende Enge der Joyce’schen Wohnung plastisch vorstellen können.

 

Ein paar Kritikpunkte zum Schluss

Das Buch ist mir über 500 Seiten sehr lang, dennoch bekam ich zum Ende hin das Gefühl, dass die Autorin zu schnell vorging. Neue Personen tauchten auf und ehe ich sie einordnen konnte, waren sie schon wieder verschwunden. Das steht in einem deutlichen Kontrast zum Anfang, wo manche Passagen beinahe zu ausführlich wirkten. Zudem wirkte insbesondere eine Figur auf merkwürdige Weise unbeteiligt, obwohl der Charakter zentral war. Hier hätte ich mir zumindest Andeutungen einer Beteiligung gewünscht, damit die Aufklärung, was das Kindheitstrauma war, ein wenig schlüssiger gewirkt hätte. Die Autorin hat gekonnt eine falsche Spur gelegt, doch dabei scheint es beinahe, dass sie sämtliche Beziehungen gekappt hat, auch jene, die notwendig gewesen wären.

Darüber hinaus finden sich einige kleinere Logikfehler, die leicht vermeidbar gewesen wären oder, falls sie absichtlich vorhanden waren, ein wenig besser erklärt hätten werden sollen. So erfahren wir beispielsweise auf der einen Seite, dass die Mutter kaum Lesen und Schreiben kann, während sie aber andererseits sehr wohl Briefe geschrieben hat – und zwar Briefe, die sie definitiv nicht von einem Schreiber hätte anfertigen lassen. Der Roman ist faszinierend tiefgründig recherchiert, da fallen solche Fehler leider besonders auf. Aber für den Genuss der Geschichte selbst ist es glücklicherweise nicht erheblich.

 

FAZIT:

Der Roman „Die Tänzerin von Paris“ von Annabel Abbs ist die verstörende, tragische Lebensgeschichte von Lucia, der Tochter des großen James Joyce. Mit ihrer bildgewaltigen Sprache schafft die Autorin es, uns das wilde Leben im Paris der zwanziger Jahre, aber auch das strenge Leben in dem irisch-katholischen Haushalt der Joyce-Familie näherzubringen. Emotional aufwühlend und eindringlich erleben wir den seelischen Niedergang von Lucia mit. Am Ende dieses Buches war ich völlig verstört, aber auch nachdenklich und interessiert daran, mehr über alle auftretenden Personen zu erfahren. Man muss sich auf dieses Buch einlassen, um es genießen zu können, doch wer offen und interessiert ist, wird definitiv belohnt.


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künstliche intelligenz, bolivien, heartware, suche, liebe

Heartware

Jenny-Mai Nuyen
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 21.07.2017
ISBN 9783499267079
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Bevor ich mit meiner Rezension beginne, warne ich vor leichten Spoilern, die der Text beinhalten wird. Ich werde nicht über den Fortgang der Handlung sprechen, aber zentrale Thematiken, die erst später im Buch erörtert werden, aufgreifen. Wer also wirklich gar nichts über diesen Roman wissen möchte, sollte hier nicht weiterlesen. Alle anderen lade ich dazu ein, sich eine Tasse Kaffee zu schnappen, es sich in einem Sessel gemütlich zu machen und die höchste Aufmerksamkeitsstufe zu aktivieren - wir haben viel zu besprechen, denn dieser Thriller ist keine leichte Kost. Entsprechend schreibe ich auch keine klassische Rezension zu diesem Buch, sondern eher eine Besprechung mit Diskussion.

 

Die Definition der Freiheit

Wir sind alle Geschöpfe Gottes, sagt die Philosophin Catharine Macaulay (02.04.1731 - 22.06.1791). Als er uns geschaffen hat, hat Gott uns allen die Vernunft geschenkt. Mit Hilfe dieser Vernunft, so ist es Gottes Wille, sind wir in der Lage, gut und böse zu unterscheiden und uns für das Gute zu entscheiden. Als Anhängerin des Postmillenialism geht Macaulay davon aus, dass der einzelne Mensch und die Menschheit als Ganze stetig tugendhafter wird, bis schließlich alle Menschen tugendhaft sind und ein tausendjähriges Reich Gottes voller Glück auf uns wartet, eingeläutet vom zweiten Erscheinen von Christus. Sie hielt die Französische Revolution für den Beginn dieses tausendjährigen Reiches und verstarb, ehe sie die grausame Wendung miterleben konnte. Zentraler Kern ihrer Philosophie ist, dass Gott uns den freien Willen gegeben hat, so dass wir uns zwischen gut und böse entscheiden können. Dass es das Böse gibt, liegt daran, dass wir nur im Kampf gegen das Böse zu wahrer Tugendhaftigkeit gelangen können. Das Gute wiederum ist der Wille Gottes. Ihn zu erkennen bedeutet, Freiheit zu erfahren. Der wahrhaft freie Mensch wird sich also immer für das Gute entscheiden. Wer sich für das Böse entscheidet, ist nicht frei. In Macaulays Lehre ist es dem vernünftigen Menschen unmöglich, sich nicht für das Gute zu entscheiden. Und weil das so ist, ist es unaufhaltsam, dass wir den Zustand weltweiter, endgültiger Glückseligkeit erreichen werden.

Warum erzähle ich euch das? Jenny-Mai Nuyen hat ihren Roman in drei Teile aufgeteilt und der letzte ist hochgradig philosophisch. Schon vorher begegnen wir sozialistischen Gedanken und es wird schnell klar, dass es hier irgendwie um Größeres geht. Doch erst im letzten Teil wird klar, wie groß dieses Größere eigentlich ist. Durch das ganze Buch ziehen sich Andeutungen, wie mächtig jene sind, die den Informations- und Technikvorsprung haben. Der bereits im Klappentext erwähnte Internettycoon Balthus bspw. hat ein wahrhaft grauenerregendes Programm geschrieben, welches auch von der Hauptperson Adam Eli genutzt wird, um nicht ganz legale Recherchen anzustellen. Wer Programme schreiben, nutzen und verkaufen kann, hat die Macht. Im Nachteil sind wie immer jene, denen die Bildung und das Geld dazu fehlt. Die Welt ist ungerecht. Warum ist sie ungerecht? Weil die Menschen ihren negativen Trieben nachgehen und andere nicht gleichberechtigt beteiligen. Am Ende werden wir mit der These konfrontiert, dass es unmenschlich ist, kein Mitleid mit seinen Mitmenschen zu haben (eine These, die auch schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel hat) und dass wahre Menschlichkeit darin besteht, sich, wird man vor die Wahl gestellt, für den guten Teil in sich zu entscheiden. So könnten alle sich demokratisch an Wohlstand und Wissen beteiligen. Und im Hintergrund würde ein Gott agieren, der darauf achtet, dass alle ihre Freiheit genießen können - während er gleichzeitig dafür sorgt, dass jeder Mensch motiviert ist, sich für seine Menschlichkeit, für das Gute zu entscheiden.

Freiheit wird auch hier definiert darüber, sich für das Gute, für das Richtige, für die so ausgelegte Menschlichkeit zu entscheiden. Ein Utopia, in dem alle glücklich sein können, weil alle dazu motiviert werden, sich für das Gute zu entscheiden. Na, hast du auch schon eine Gänsehaut?

Das Spannende an diesem Thriller ist, dass Nuyen uns diese Zukunftsvision präsentiert, ohne selbst klar Stellung zu beziehen. Empfindet die Autorin dies als Dystopie oder Utopie? Wie steht eigentlich die Hauptperson Adam Eli zu dieser Aussicht? Und die anderen Charaktere, die wir kennenlernen? Wir bleiben im Ungewissen. Klar ist nur, dass im Hintergrund Mächte am Wirken sind, die genau dieses Utopia anstreben - und andere, die alles, wirklich alles tun würden, um so eine Zukunft zu verhindern. Welche Seite gewinnt? Wer weiß.

 

Psychologische Grausamkeiten

So viel also zum philosophischen Grundgerüst. Verpackt wird das alles in einen gut funktionierenden Thriller, der auch auf psychologischer Ebene unter die Haut geht. Jede Figur, die wir näher kennenlernen, schleppt ein schweres Bündel mit sich rum. Adam Eli krankt an seiner Liebe zu Willenya, die er nur Will nennt. Er überlebt von Tag zu Tag, doch seit er sie verloren hat, hat er aufgehört zu leben. Entsprechend braucht es nicht viel, damit Marigny, die zweite Hauptperson, ihn für die Suche nach Will einspannen kann. Er hat ein offensichtlich gestörtes Verhältnis zu seinem Körper und zu anderen Menschen. Ebenso wie Marigny, die frühe Kränkungen erfahren hat und sich heute zwar ihrer weiblichen Macht über Männer bewusst ist und diese einsetzt, trotzdem aber innerlich voller Zweifel bleibt. Viel Handlung erleben wir aus der Sicht dieser beiden. Besonders erstaunlich und ein offensichtliches Zeichen für Nuyens Talent ist dabei, dass ich Marigny Teilen stets Mitleid mit ihr hatte und sie sympathisch fand, während ich sie in Elis Abschnitten und aus seinen Augen anstrengend, ja beinahe abstoßend fand. Die beiden entwickeln schnell eine sehr merkwürdige Beziehung, die getränkt ist von Misstrauen und Anziehung, wobei letzteres insbesondere Eli zu schaffen macht. Denn er will treu zu Will stehen.

Auch andere Personen haben ihre Momente, selbst wenn es nur bezahlte Mörder im Auftrag der Bösen sind. Alle sind zutiefst menschlich, alle sind auf ihre Art so eigen, wie man es nur werden kann, wenn man das eine oder andere Trauma mit sich herumschleppt.

Und dann ist da Will, die wir fast nur aus der Perspektive von anderen erleben. Je mehr man über Will lernt, je näher wir sie kennenlernen, umso weniger wird sie als Person greifbar. Sie hatte eine furchtbare Kindheit, unvorstellbar für Leser wie mich, doch als junge Erwachsene widerfährt ihr beinahe noch Schlimmeres. Die Liebe von Adam Eli wirkt wie ein Weichzeichner, man will sie mögen, doch immer wieder steht man als Leser vor Will und fragt sich: Wer ist sie wirklich? Was will sie wirklich? Lügt sie? Kann sie überhaupt noch die Wahrheit sagen? Weiß sie eigentlich noch, was die Realität ist? Ist sie Opfer oder Täter? Kann man das überhaupt klar trennen?

Wo immer wir in diesem Thriller Menschen begegnen, begegnen wir auch Sexualität. Da ist Marigny, die schamlos flirtet, um an ihr Ziel zu kommen. Da ist der böse Schatten, der Adam und Marigny folgt, der in sexistischen Begriffen von seiner Auftraggeberin spricht und generell eine stark sexualisierte Sicht auf die Welt zu haben scheint. Da sind die Wissenschaftler, die auch vor Kinderpornografie nicht zurückschrecken, solange es der Sache dient. Und natürlich sind da Adam Eli und Willenya, die trotz aller Umstände die Finger nicht voneinander lassen können. Gibt es in diesem Roman eigentlich irgendeine Figur, die nicht in irgendeiner Form ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper hat? Ich glaube fast nicht.

Es ist spannend zu sehen, wie Nuyen hier einen Kommentar zum Sozialismus mit Erörterungen über sexuelle Gewalt verknüpft und daraus einen Tech-Thriller webt. Besonders spannend wird das, wenn man es vor dem Hintergrund politikwissenschaftlicher Konzepte wie der Biopolitik sieht. Wir kennen Sozialismus nur in Form von Diktatur und Diktatur ist dann besonders leicht zu stabilisieren, wenn der Staat Macht über den Körper hat, sowohl über den politischen als auch über den menschlichen Körper. Nichts richtet so viel Schaden in der Seele der Menschen an wie die grausame Schattenseite der Sexualität. Dabei muss es gar nicht um den Geschlechtsakt als solchen gehen, wie wir auch in diesem Buch eindrücklich erfahren. Es ist eine düstere Welt, in die uns Nuyen wirft, wo selbst die zarteste, unschuldigste, aufrichtigste Liebe machtlos erscheint gegen die Grausamkeit der Umgebung.

 

Ein paar kritische Gedanken

Um zum Ausgangspunkt meiner Rezension zurückzukommen: Schon Macaulay hat in meiner Auffassung die Menschen falsch definiert und das geschieht auf exakt die gleiche Art und Weise im Buch. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Nuyen selbst die Auffassung nicht teilt, doch ich kann nur mit dem philosophischen Konzept ringen, welches mir präsentiert wurde, also nehme ich dies als Gegner: Ja, wir Menschen müssen uns tagtäglich mit Entscheidungen auseinandersetzen, die im Kern auf gut oder böse hinauslaufen. Ja, es wäre wünschenswert, wenn immer die Entscheidung für das Gute fallen würde. Aber: So sind wir Menschen nicht gestrickt. Das Böse gehört zu uns. Ganz essentiell zu uns. Wir sind triebhafte Menschen, von Emotionen, Hormonen, von chemischen Reaktionen gesteuert. Wir haben unsere Vernunft und können lernen, unsere negativen Gefühle zu kontrollieren. Doch wenn wir diese negativen Gefühle, die Triebe, die uns unmenschlich erscheinen lassen, unterdrücken, werden wir krank. Neid, Eifersucht, Geltungsdrang, der Wunsch, sich von anderen abzuheben, all das ist ein natürlicher Teil von uns. Weder ein christlicher Gott noch ein moderner Gott (welche Form auch immer er annehmen würde) haben das Recht, uns unsere Menschlichkeit zu nehmen. Was im dritten Teil in Nuyens Thriller entworfen wird, wäre für mich eine Dystopie.

Zum Abschluss will ich doch noch einige klassische Rezensions-Bemerkungen anbringen: Der Schreibstil ist wundervoll, zugleich eindringlich, empathisch und an passenden Stellen angemessen technisch. Die Figuren sind authentisch und menschlich und klar voneinander zu unterscheiden. Die Handlung bleibt bis zum Schluss nachvollziehbar, selbst wenn man im Dunkeln tappt, es geschieht viel, aber nie zu viel. Trotzdem bin ich am Ende mit ein paar Fragen zu viel zurückgeblieben. Ich muss nicht jede Charaktermotivation auf dem Silbertablett serviert bekommen, doch wenn ich am Ende bei jedem einzelnen Charakter zweifle, ob ich seine Motivation tatsächlich kenne und verstanden habe, bin ich unzufrieden. Die Motivation aller unwichtigen Personen ist so schlicht wie einsichtig. Die Motivation aller wichtigen Personen ist so komplex wie undurchsichtig. Ich hätte mir gewünscht, dass sich die Autorin hier ein wenig offener gezeigt hätte.


FAZIT:

Der Thriller "Heartware" von Jenny-Mai Nuyen ist nicht nur eine atemberaubend spannende Suche eines jungen Mannes nach seiner Jugendliebe, sondern eine philosophisch und psychologisch fundierte Frage danach, was es heißt, Mensch zu sein. Während im Hintergrund abstrakte Mächte, von denen man bis zum Schluss nicht weiß, wer gut und wer böse ist, die philosophische Seite der Frage aushandeln, bleibt der Fokus auf Adam Eli und seiner geliebten Willenya, um in die Tiefe der Psyche hinabzusteigen. Heraus kommt ein Roman, der sehr viel richtig mach und am Ende nur ein wenig zu viele Frage unbeantwortet lässt, um rundum gelungen zu sein. Ich spreche eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aus, denn das Buch ist gleichermaßen lehrreich wie unterhaltsam. 

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thriller, jonas winner, murder park, vergnügungspark, freizeitpark

Murder Park

Jonas Winner
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Heyne, 13.06.2017
ISBN 9783453421769
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Die Prämisse für diesen Thriller ist ein bekanntes, immer wieder gerne genommenes Konzept: Eine Anzahl von unschuldig wirkenden Personen sitzen auf einer Insel, einem Berg oder anderswo für einige wenige Tage fest, vollständig von der Außenwelt abgeschnitten, und ein Mörder geht um. Schon in Agatha Christies And Then There Were None lesen wir davon, ähnlich funktioniert auch der Edgar-Wallace-Film Das Indische Tuch. Auch in der Manga-Reihe Detektiv Conan gehört diese Idee zum Grundkonzept, das regelmäßig auf neue Weise verarbeitet wird. Entsprechend vertraut bin ich damit und ich weiß, dass ich es sehr, sehr gerne lese.


Doch gerade weil das Konzept so bekannt ist, muss man sich als Autor etwas einfallen lassen, um trotzdem noch etwas Neues, Spannendes zu erzählen. In diesem Falle würzt Jonas Winner die Geschichte damit, dass einst ein Serienmörder als Triebtäter unterwegs gewesen ist auf dem Gelände von Zodiac Island. Entsprechend erfahren wir recht viel über die Sexualität der zwölf Protagonisten, gerade bei Paul Greenblatt, aus dessen Sicht wir das meiste erleben, dreht sich sehr viel um Sex. Die Morde der Vergangenheit sind besonders deswegen verstörend, weil die sexuelle Perversion dahinter so bizarr und abstoßend ist. Das zu beschreiben gelingt dem Autor fantastisch. Ich habe mich tatsächlich beim Lesen mehrfach sehr unwohl gefühlt.


Von diesen verstörenden Details erfahren wir vor allem auch durch Interviews, die das Buch durchziehen. Von Anfang bis zum Ende bekommen wir Interviews aller zwölf Opfer mit einem Psychiater zu lesen, die vor dem Beginn der Handlung spielen. Das soll dem Leser Aufschluss über die Charaktere geben, Hintergrundinformationen vermitteln und über das Beziehungsgeflecht aufklären. Generell ist das gut gemacht und es gefällt mir auch, doch leider empfand ich hier – wie auch im Rest der Geschichte -, dass die Dialoge nicht vollständig überzeugen. Winner bemüht sich darum, die Personen sprechen zu lassen, wie Menschen wohl sprechen – Sätze sind grammatikalisch nicht korrekt, oft unterbrechen sie sich selbst, Gedanken werden gestammelt, man wiederholt sich mehrfach, wenn man ein Thema umgehen will. Während mir das eingangs positiv aufgefallen ist, habe ich doch schnell festgestellt, dass alle exakt auf dieselbe Art und Weise reden. Alle zwölf Personen sprechen so, der einzige Unterschied besteht darin, dass die Männer eine geringfügig härtere Ausdrucksweise wählen. In meinen Augen sollte man sich als Autor darum bemühen, zumindest den wichtigsten Personen auch durch ihre Sprechweise etwas Eigenes, Persönliches zu geben. Abgesehen davon ist der Schreibstil jedoch gut, teilweise sogar auf eine Art und Weise plastisch, die uns unaufdringlich den Horror in die Glieder treibt. Das vermisse ich oft bei Thriller, umso mehr fiel es hier positiv auf.


Während des Lesens der eigentlichen Geschichte jedoch habe ich mich streckenweise ein wenig gelangweilt. Es geht also ein Mörder um, anfangs zweifelt man noch, ob es real ist, irgendwann ist man sich sicher, dass es real ist. Die Opfer stellen fest, dass das Hotel, in dem sie untergebracht sind, diverse Fallen, geheime Vorrichtungen und andere Überraschungen bereithält, die es dem Mörder einfach machen, unerkannt und unbemerkt sogar in abgeschlossene Zimmer zu gelangen. Ein Mord in einem verschlossenen Raum, eines der schönsten Rätsel in Krimis! Schade, dass mindestens eine der Lösungen exakt so, aber wirklich bis aufs Haar in „Das Indische Tuch“ vorgekommen ist und generell eine der beliebtesten Fallen darstellt. Aufgrund dieser Ähnlichkeit fühlte ich mich auch wieder an Agatha Christies Roman erinnert, an dessen Auflösung am Ende und wer tatsächlich noch übrig war. Sofort schlichen sich bei mir Zweifel über das Gelesene ein.


Mit Paul Greenblatt haben wir zudem einen eher unzuverlässigen Erzähler. Das bemerkt man recht schnell, da er immer wieder kurze Gedanken und Traumbilder hat, die man auch Halluzinationen nennen könnte, die mit der Realität wenig zu tun haben. Als Leser weiß man daher nie, woran man wirklich ist – und ob nicht, obwohl wir alles aus seiner Sicht erleben, am Ende er gar der Mörder ist. An sich ist das clever gemacht, da es zumindest mich ständig in Hab-Acht-Stellung gehalten hat, doch die Art, wie um Paul zunehmend ein riesiges Mysterium, eventuell gar ein schreckliches Geheimnis konstruiert wurde, hat mich gegen Ende dann doch gestört. Es ist in Ordnung, dem Leser zu sagen, dass Paul eventuell selbst nicht weiß, was ihm geschieht, aber wir müssen das nicht in derartiger Häufigkeit lesen.


Die Aufklärung erfolgt am Ende in zwei Schritten, einerseits wird aufgedeckt, wer die zwölf Opfer auf der Insel umbringt, andererseits erfahren wir endlich die Wahrheit über den Serienmörder von vor zwanzig Jahren, der überhaupt erst Anlass gegeben hatte, den Vergnügungspark in den titelgebenden „Murder Park“ umzugestalten. Ich gebe zu, das Konzept hinter dem Murder Park hat mich von Anfang an zweifeln lassen, ich kann mich nicht vorstellen, dass das in der Realität umsetzbar wäre. Die Aufklärung dazu tat ihr Übriges. Gewiss, dies ist Fiktion und da kann man die Regeln durchaus mal biegen, aber das hier war für mich leider doch ein wenig zu weit hergeholt.


Wirklich spannend ist eigentlich das Porträt von Jeff Bohner, dem Serienmörder, der einst drei Frauen umgebracht hat. Als Inspiration für den Murder Park spielt auch er eine große Rolle und wir steigen ziemlich tief in die Abgründe der menschlichen Psyche und Sexualität, um mehr über ihn, seine Opfer und die Betroffenen zu erfahren. Das ist spannend, da hat das Buch seine Stärken. So haarsträubend es stellenweise auch erscheinen mag, sexuelle Perversion ist ein spannendes Thema, in dem es leider auch in der Realität keine Grenzen gibt. Die Wahrheit, die hier am Ende ans Licht kam, war überraschend, gut inszeniert, aber leider nicht vollständig gelungen in meinen Augen. Die Überraschung ist für den Schluss vorgesehen und so hatte der Autor keine Zeit mehr, den Bösewicht ebenso tiefgründig zu analysieren wie die übrigen Figuren. Seine Motive, sein Trieb werden angedeutet, ich verstehe sie auch, doch ein klein wenig mehr Information hätte mich dennoch gefreut. Schon alleine, weil der Autor ganz offensichtlich begabt darin ist, diesen Aspekt des Menschen anschaulich darzustellen.


Wir bekommen hier also eine spannende Triebtäter-Analyse vor dem Hintergrund einer „And Then There Were None“-Situation. Während ich letzteres wirklich gerne mag, muss ich doch sagen, wurde es in diesem Thriller nach etwa der Hälfte etwas zäh und ich hoffte beinahe, dass möglichst bald alle sterben, damit es endlich mit dem interessanten Teil weitergehen kann. Der alte Fall des Serienmörders hingegen ist spannend, gerade weil er uns wie ein Puzzle präsentiert wird. Auch hier wäre noch mehr möglich gewesen, doch es ist definitiv die Stärke in diesem Roman.




Fazit:
Der Thriller „Murder Park“ von Jonas Winner nimmt das bekannte Konzept einer abgeschiedenen Gruppe von Menschen, die sich einem unbekannten Mörder gegenüber sehen, um vor diesem Hintergrund einen zwanzig Jahre alten Serienmörderfall wie in einem Puzzle zu präsentieren. Während das aktuelle Geschehen stellenweise recht zäh ist, sind die Informationen, die wir über den Triebtäter von damals, die Opfer und die Umstände erfahren, höchst spannend. Der Schreibstil ist plastisch, so dass abstoßende Szenen tatsächlich Unwohlsein auslösen. Leider sind viele kleine Details nicht ganz so gut ausgearbeitet, wie es diesem talentierten Autor sicher möglich gewesen wäre, so dass ich am Ende nicht vollständig überzeugt bin. Trotzdem ist das Buch unterhaltsam genug, dass ich mit gutem gewissen eine Kaufempfehlung aussprechen kann. 

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dystopie, prepper, postapokalypse, thriller, felix a. münter

Prepper: Dystopischer Thriller

Felix A. Münter
E-Buch Text
Erschienen bei Papierverzierer Verlag, 08.06.2017
ISBN 9783959621274
Genre: Sonstiges

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norwegen, das erdbeermädchen, munch, roman, roma

Das Erdbeermädchen

Lisa Stromme
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Heyne, 13.06.2017
ISBN 9783453419742
Genre: Historische Romane

Rezension:


Manchmal greife ich nach einem Buch, ohne tatsächlich zu wissen, was mich erwartet. So ging es mir mit der Geschichte vom Erdbeermädchen Johanne. Der Klappentext und das Cover versprachen mir eine romantische, wenn auch vielleicht tragische Liebesgeschichte, doch was ich bekommen habe, war sehr viel mehr. Zusätzlich muss ich gestehen, dass ich als Liebhaberin der Impressionisten (schon als Kind war ich von Monets Werken verzaubert) noch nie sonderlich viel mit Expressionismus anfangen konnte, weder in der Malerei, noch in der Literatur. Entsprechend war mir das gesamte Buch über nicht bewusst, dass der Maler Edvard Munch tatsächlich ein existierender Künstler gewesen ist. Er war nicht irgendeiner, ihm wird zugeschrieben, den Expressionismus insbesondere in Deutschland begründet zu haben. Obwohl auch hinter dem titelgebenden Bild „Das Erdbeermädchen“ ein echtes Gemälde steckt, ist es doch eigentlich Munchs Der Schrei, um das es hier geht. Das alles war mir jedoch erst nach Abschluss der Lektüre klar. Meinem Verständnis und Genuss tat meine naive Unwissenheit jedoch keinen Abbruch.


Johanne Lien ist ein von der Autorin erdachtes, sechszehnjähriges Mädchen, welches sie als Vorbild für Heyerdahls Gemälde „Das Erdbeermädchen“ darstellt. Die Geschichte ist aus ihrer Sicht in der Ich-Perspektive geschrieben, doch sie ist nicht die wirkliche Hauptperson. Die Geschehnisse werden auf eine Art erzählt, die deutlich macht, dass sie mit viel Abstand und dem Wissen und der Weisheit des Alters für den Leser präsentiert werden. Der Schreibstil ist reflektierend, mitreißend und einfühlsam auf eine Weise, die beinahe verstörend ist.


Am Rande des Dorfes Åsgårdstrand lebt der im Jahre 1893 noch nicht berühmte Maler Edvard Munch. Johanne ist ihm schon als Kind häufiger begegnet, sie fühlt sich zu ihm hingezogen, da sie seine Art, die Welt zu betrachten, teilt. Sie denkt in Farben und Emotionen, er schenkt ihr Goethes Werk Zur Farbenlehre, um ihr Interesse und ihr Talent zu fördern. Während des schicksalhaften Sommers arbeitet Johanne als einfaches Dienstmädchen für die – ebenfalls real existierende – Familie Ihlen, deren zwanzig Jahre alte Tochter Regine, genannt Tullik, in ihr sofort eine Freundin sieht. Mit Hilfe von Johanne kommt Tullik in Kontakt zu Edvard Munch, Tragik ist vorprogrammiert. Die Liebe zwischen Tullik und Edvard Munch wird die zentrale Geschichte in diesem Buch.


Edvard Munch ist am Ende des 19. Jahrhunderts bei den Bewohnern von Åsgårdstrand geächtet, weil seine Bilder als sündhaft gelten. Insbesondere die Familie Ihlen hasst ihn, da bereits die Tochter Milly eine Affäre mit ihm gehabt hatte, welche zum Ehebruch führte. Ein weiterer Skandal mit diesem Maler würde die Familie zerbrechen. In Kristiania, dem heutigen Oslo, gehört Munch zur Bohéme, eine Künstlergruppe, die bewusst anti-bürgerlich lebt und denkt. Auch das wird in Åsgårdstrand als Bedrohung empfunden, denn klassische Hierarchien, Anstand und gute Sitten sind hier in allen Familien fest verankert. Genau jene rebellische, intellektuelle Ader ist es jedoch, durch welche sich die hoffnungslos romantische Tullik angezogen fühlt. Sie verfällt Munch sofort, so wie er in ihr augenblicklich eine Muse findet. Johanne beobachtet die Beziehung, lügt für ihre Herrin und Freundin, steht Ängste und Befürchtungen durch und will Tullik eigentlich vor ihrem Untergang bewahren, doch tief in sich ist auch Johanne rebellisch und empathisch. Sie kann nicht anders, als Tullik zu unterstützen.


Es ist ein klassisches Motiv in Romanen des 18. und 19. Jahrhunderts, die gegen alle Vernunft liebende Frau als hysterisch und verrückt darzustellen. Sie wird gleichzeitig als heroische Figur romantisiert, die an ihrem gebrochenen Herz sterben könnte, und als alle Normen sprengende Wahnsinnige verurteilt. Es ist beachtlich, wie mühelos es Lisa Strømme gelingt, genau dieses Motiv aus einer vergangenen Zeit wieder zum Leben zu erwecken. Edvard Munch wiederum kämpft mit Alkoholproblemen, er wird als chronisch traurig und auch als verrückt beschrieben. Noch erkennt man psychische Krankheiten nicht, noch steckt man insbesondere Frauen einfach in Krankenhäuser für Wahnsinnige, wenn sie hysterisch und unsittlich wirken. Auch das wird durch die eindringlichen, oft von Farben durchsetzen Beschreibungen aus dem Mund von Johanne mitreißend dargestellt.


Als Tullik schließlich durch ihre eigenen Familie gezwungen wird, den Kontakt zu Munch abzubrechen, verfällt sie in tiefe Depressionen, wird wirr und kränklich. Sie verwandelt sich in eine klassische Heldin der romantischen Literatur, die an gebrochenem Herzen zu sterben droht. Ihre strahlende Schönheit verschwindet, ihre Haut verfärbt sich gelblich-grün, sie weint sehr viel, schreit, drückt ihre Verzweiflung hemmungslos aus. Und Edvard Munch malt. Er malt, wie Tullik aussieht, ohne zu wissen, dass sie tatsächlich leidet und tatsächlich so aussieht. Das Gemälde, das Johanne von ihm bekommt, um es zu Tullik zu bringen, nennt er „Der Schrei“, und es ist ein Abbild der Qualen, die Tullik durchleidet. Auch wenn dies nicht die tatsächliche Entstehungsgeschichte hinter jenem Bild ist, so wirkt es dennoch authentisch, fesselnd, emotional. Tullik kann nicht anders, als Munch zu lieben, doch Munch ist zu kaputt, als dass er jemals seine Kunst für eine Frau zurückstellen könnte. Dennoch liebt auch er Tullik und zerbricht daran nur weiter.


Ich habe das Buch angefangen in der Erwartung einer Liebesgeschichte, bei der eventuell Johanne und Tullik gegeneinander um die Gunst von Edvard Munch ringen. Bekommen habe ich etwas ganz anderes. Auch, wenn ich selbst beim Anblick expressionistischer Kunst nicht dieselben Gefühle, dieselbe Tiefe verspüre wie Johanne, so verstehe ich doch auf einem intuitiven Level, was Tullik erleidet. Der Reiz, den erwachsene Männer, die intellektuell überlegen und anarchistisch wirken, auf junge Frauen haben, ist mir nur zu bekannt. Die Worte, die Strømme wählt, die wiederholte Verwendung von Farben, die für Gefühle und für Geschlecht stehen, zeichnen ein verzweifeltes Bild. Doch die Verzweiflung ist selbst gewählt. Es ist die Entscheidung von Tullik, sich mit allem, was sie hat, in eine tragische Beziehung zu werfen. Sie ist hoffnungslos romantisch und leidet, aber sie weiß, wie es um Edvard Munch steht. So wird die Verzweiflung, die man als Leser automatisch verspürt, nur noch größer. Das Buch hat mich zerstört, ganz wortwörtlich meine Emotionen durcheinander gewirbelt und mich für einige Stunden in einem Zustand zurückgelassen, wo die Grenzen zwischen den Emotionen der Buchfiguren und meinen eigenen zerstört waren. Das schaffen nur wenige Bücher.




FAZIT:


Mit dem Roman „Das Erdbeermädchen“ entführt uns Lisa Strømme in ein schillerndes 19. Jahrhundert, das nah an der Realität der damals lebenden Menschen erscheint. Johanne, die Erzählerin, ist ebenso trotzig wie ergeben, während Tullik gleichzeitig romantisch und rebellisch ist. Dem Buch liegt eine intensive Recherche über den Maler Edvard Munch zu Grunde und das spürt man auf jeder Seite. Mit eindringlicher Intensität schildert Strømme eine tragische Liebesgeschichte, die das Herz berührt und die Seele weinen lässt. Es ist keine leichte Kost, doch wer sich auf die Reise einlässt, wird mehr als belohnt. Ich spreche eine ganz klare Kaufempfehlung aus, denn dieses Buch muss man gelesen haben. 

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212 Bibliotheken, 9 Leser, 1 Gruppe, 89 Rezensionen

okapi, westerwald, tod, liebe, leben

Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 13.09.2017
ISBN 9783832198398
Genre: Romane

Rezension:


Ich bin noch immer sprachlos nach der Lektüre dieses Buches. Ich glaube, wenn man einen Text von Mariana Leky gelesen hat, einen Roman, in dem jeder Satz sorgfältig konstruiert ist und trotzdem zauberhaft simpel bleibt, kann man gar nicht in Worte fassen, was man empfindet, denn jedes Wort verblasst. Dennoch – oder vielleicht auch gerade deswegen – muss ich euch von diesem Buch erzählen.


Ich habe dieses Buch gelesen, weil die Idee, dass nach einem Okapi-Traum jemand stirbt, so derart abstrus und anders ist, dass ich unwillkürlich neugierig geworden bin. Das Buch ist in drei Abschnitte geteilt und der gesamte erste Teil dreht sich nur um das Traum.Okapi und die Folgen, die das Wissen um den baldigen Tod hat. Die Geschichte spielt in einem kleinen Dorf irgendwann am Ende des 20. Jahrhunderts, die Menschen kennen sich, sind alle auf ihre Weise verschroben, doch eines eint sie: der Glaube an die prophetische Kraft von Selmas Traum. Selbst jene, die es vehement abstreiten, glauben daran.


Aus der Sicht der zehnjährigen Luise, Selmas Enkelin, geschrieben, erleben wir mit, wie die verschiedensten Charaktere mit der Angst vor dem Tod umgehen. Es ist ein faszinierendes Spektakel, das durch die simple Naivität, welche mit der Perspektive eines jungen Menschen einhergeht, eine erstaunliche Authentizität erhält. Leky berichtet, wie die Dorfbewohner viel von „immer“ und „niemals“ schreiben, ausführlicher muss sie nicht werden, jeder Leser versteht intuitiv, was gemeint ist. Genau darin liegt auch ihre Stärke: Sie verspürt nicht den Drang, uns die Details unter die Nase zu halten, uns auf dem Silbertablett die Erkenntnis zu präsentieren. Sie deutet an und der Rest wird gefüllt von den Erfahrungen, die der Leser selbst im Leben gemacht hat.


Dass am Ende jemand stirbt, ist nicht verwunderlich, doch geschockt war ich davon, wen es traf. Mein Herz tat tatsächlich weh. Es ist ein simpler Satz, den Leky für diesen Todesfall verwendet, und umso mächtiger hallt er wider. Auf einige der Personen hat dieser spezielle Tod eine nachhaltige Wirkung, auch das ist realistisch, so nebensächlich es anfangs auch erwähnt wird.


Lakonisch, beinahe neutral wird die Reise von Luise fortgesetzt. Um sie herum geht das Leben weiter seinen Gang, selbst dann, als eine Begegnung mit dem japanischen Mönch Frederik sie selbst völlig aus der Bahn wirft. Sie weiß, dass er ihre große Liebe sein wird und zeigt sich für wenige Augenblicke ungewöhnlich mutig, nur um sich dann doch dem gewohnten Gang des Lebens unterzuordnen. Nichts in diesem Roman scheint stärker zu sein als der gewohnte Gang des Lebens. In diesem Dorf verändert man sich nicht. Immerhin ist es auch Selmas Maxime, dass man gerade denn, wenn man Angst hat und das Morgen nicht kennt, genau das tut, was man immer tut. Gewohnheit gibt Halt.


Doch genauso ist Gewohnheit für großes Leid verantwortlich. Selbst dann, wenn die Gewohnheit darin besteht, ständig etwas Ungewöhnliches zu tun – wie beispielsweise immer neue Orte auf dem Globus zu besuchen -, kann diese Gewohnheit einem am Ende um einen kostbaren, nie nachzuholenden Moment bringen. Die Unfähigkeit, rechtzeitig mit seinen gewohnten Handlungen zu brechen, hat mir in diesem Buch gegen Ende hin erneut mein Herz gebrochen. Ebenso führt die Gewohnheit dazu, dass Luise nicht gegen ihre Verstocktheit ankämpft und nicht ihrer großen Liebe nachjagt. Es ist einfacher, in gewohnter Umgebung und mit gewohntem Alltag unglücklich zu sein, als für ein eventuelles Glück einen Sprung ins Ungewisse zu wagen.


Die Dorfmenschen sind ehrliche Leute. Sie sind einfach, teilweise kann man sie tatsächlich schlicht nennen, doch gerade darin besteht ihre Stärke. Sie sehen die Welt, wie sie ist, sie sehen die Welt, wie ihr eigenes Leben sie geformt hat. Und egal, wie groß die Macke des Nachbarn ist, es ist und bleibt der Nachbar und man sorgt und kümmert sich. Selbst, wenn man mit einer Flinte bedroht wird. Jeder ist seltsam und anders, aber zusammen ergeben alle ein gewohntes Bild, das es zu erhalten gibt.


Während des Lesens dieses Romans fühlte ich mich mehr und mehr an ein Buch aus meiner Kindheit erinnert. Ich wusste, das Gefühl, das mir dieses Buch vermittelt, war bekannt. Und am Ende wusste ich, woran ich mich erinnert fühlte: Michael Endes „Momo“. Die Geschichte von Momo ist ein wenig stringenter erzählt, immerhin ist es eine Kindergeschichte, doch das Prinzip bleibt dasselbe: Wir erhalten Einblicke in Menschen, präsentiert mit einem sehr simplen, selbstverständlichen Tonfall. So ist es eben, sagen diese beiden Bücher, und weil es eben so ist, ist es gut. Wenn Momo erwachsen wäre, wäre sie wohl Selma.




FAZIT:


Der Roman „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky lässt sich schwer in Worte fassen. Die außergewöhnliche Sprache, die gerade in ihrer Schlichtheit so intensiv wirkt, ermöglicht uns einen intimen Blick in das Leben einiger weniger Dorfmenschen, wie selbst das empathischste Erzählen, die größte Anhäufung von Adjektiven es nicht gekonnt hätte. Das Schicksal der Protagonistin Luise, ihrer Großmutter Selma und aller anderer Dorfbewohner wird schlagartig interessant, es ist unmöglich, der Erzählerin nicht zuzuhören, gerade weil alles in seiner Andersartigkeit doch so normal und authentisch wirkt. Ich kann für dieses Buch unumwunden eine wärmste Kaufempfehlung aussprechen. 

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28 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

alien, luzifer verlag, alien covenant, scifi, aliens

Alien: Covenant

Alan Dean Foster , Peter Mehler
Flexibler Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Luzifer-Verlag, 19.05.2017
ISBN 9783958352223
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Ich habe in meinem Leben schon einige Bücher zu Filmen gelesen, doch keines konnte mich bisher so überzeugen wie dieses. Alan Dean Foster hat einen magnetischen Schreibstil, der Aufmerksamkeit verlangt und einen vom ersten bis zum letzten Buchstaben fesselt.

Die Ereignisse von "Alien: Covenant" folgen denen des Vorgängers, "Prometheus - Dunkle Zeichen", doch die wahren Zusammenhänge erschließen sich erst im Laufe der Geschichte. Schon das erste Kapitel jedoch zieht den Leser in seinen Bann: Aus der Sicht des Androiden David erkunden wir winzige Ausschnitte der Welt. Seine zuerst naive Wahrnehmung mutet beinahe philosophisch an und zeigt damit den Pfad für den Rest der Geschichte auf.

Selbst, wenn man sich im Alien-Universum nicht auskennt, sorgt der Schreibstil doch dafür, dass man sich mühelos zurecht findet, obwohl Beschreibungen und Erklärungen sparsam bleiben. Der Leser wird direkt ins Geschehen geworfen, lernt die Protagonistin Daniels und den Androiden Walter kennen und erfährt über die Kolonisierungsmission. Doch Menschen wären nicht Menschen, wenn ihre Neugier und die Aussicht auf eine einfachere Lösung sie nicht vom rechten Pfad abbringen würden. Gerade, weil die Entscheidung über das Abweichen vom Kurs so kurz diskutiert wird, wirkt sie authentisch. Wo die Karotte vor der Nase baumelt, wird nicht viel nachgedacht.

Ein wenig war ich dann aber doch enttäuscht vom Fortgang der Geschichte: Zu viele Personen mit Entscheidungsgewalt wirken inkompetent, zu viele Erkundungsmitglieder scheinen absolut naiv im Umgang mit einem unbekannten Planeten und so nehmen die verhängnisvollen Ereignisse ihren Lauf. Was würde ein Alien-Universum wohl ohne all die naiven, neugierigen, absolut dämlichen Crewmitglieder tun, die einfach mal zurückbleiben und Dinge ungeschützt erkunden? Ohne die Dummheit der Menschen gäbe es keine Geschichte zu erzählen und das ist schon ein wenig schwierig als Aufhänger.

Trotz dieser Probleme gelingt es dem Autor, eine unheimliche Atmosphäre zu erschaffen, die nur so vor Spannung knistert, ehe das Chaos und der Tod über die Landungsmannschaft herein bricht. Viele tote Crewmitglieder und einige überraschende Wendungen später scheint dann alles wieder in Ordnung, aber wann ist schon jemals wirklich alles in Ordnung im Alien-Universum?

Dieses Buch - und natürlich der Film - tragen viel dazu bei, die Hintergrundgeschichte des ersten Alien-Films zu beleuchten und nachvollziehbar darzustellen. Es gibt genug klassische Science Fiction und eine Menge Horror, die beide trotzdem gut gemischt werden mit Erklärungen und Querverweise zu Dingen, die man aus diesem Universum bereits kennt. Obwohl viele Tropes bedient werden und man sich hin und wieder fragt, ob die Handlungen der einzelnen Personen auch nur einen Hauch von Logik besitzen, macht das Buch doch Spaß und liest sich unfassbar schnell.

 Fazit:

Der Science-Fiction-Horror "Alien: Covenant" von Alan Dean Foster ist eine spannende, manchmal sogar philosophische Reise durch die Anfänge des Alien-Universums. Mit einem faszinierenden Schreibstil, der auch über Logikprobleme hinweg hilft, gelingt es dem Autor, eine düstere, vor Spannung knisternde Atmosphäre zu erschaffen, die den Leser von der ersten Seite an fesselt. Ich spreche eine klare Kaufempfehlung aus, auch für jene Leser, die noch vollkommen neu in diesem Universum sind. Diese Geschichte erinnert an einen guten Espresso, der unser Blut angemessen in Wallung bringt.

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109 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 53 Rezensionen

thriller, mary kubica, chicago, don't you cry - falsche tränen, falsche tränen

Don't You Cry - Falsche Tränen

Mary Kubica , Rainer Nolden
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 12.06.2017
ISBN 9783959671057
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dieses Buch ist ein Thriller, so steht es jedenfalls auf dem Cover. Von einem Thriller erwarte ich, dass ich mich grusele, oder gespannt Seite um Seite weiter blättere, dass ich mit den Protagonisten mitfiebere und wissen will, was hinter allem steckt. Das einzige, was dieses Buch geschafft hat, war, dass ich wissen wollte, was hinter allem steckt.

Schon der Schreibstil ist mir direkt negativ aufgefallen: Ich-Perspektive und Präsens, durchbrochen von Erzählungen aus der Vergangenheit, die in der entsprechenden Zeitform geschrieben sind. An sich ist das Buch gut geschrieben, doch insbesondere die Zeitform hat mich häufig gestört. Meines Erachtens trägt der gewählte Stil nichts dazu bei, die Geschichte spannender zu machen oder sie anderweitig zu unterstützen.

Abwechselnd aus der Perspektive von Quinn, der jungen Frau aus dem Klappentext, und Alex, einem jungen Mann, der zunächst schwer zuzuordnen ist, werden wir über Esther und einige andere involvierte Menschen aufgeklärt. Das ist interessant. Aber auch wahnsinnig langweilig. Immer wieder nimmt sich die Autorin Zeit, Kleinigkeit sehr ausführlich zu beschreiben, sodass meine Thriller-Instinkte aufmerksam lesen, weil ich ahne, dass es später wichtig sein wird für die Aufklärung. Leider ist das nicht der Fall. Obwohl ich vor Ende des Buches auf die Lösung gekommen bin, trugen etwa 90 Prozent der ausführlichen Beschreibungen nichts zur Erkenntnis bei. Sie waren einfach nur da, für den Plot unerheblich, für die Charakterdarstellung selten von Belang. Ich bin mir sehr sicher, dass man das Buch um etwa 100 Seiten raffen könnte, ohne Inhalt zu verlieren.

Tatsächlich ist es nämlich auch so, dass die ersten 250 bis 300 Seiten nichts geschieht, was der Klappentext nicht bereits angedeutet hätte. Gewiss, wir wussten vom Klappentext nichts über Alex, doch seine Abschnitte erscheinen so belanglos, dass man sie schnell wieder vergisst. Die Ermittlungen von Quinn hingegen kommen über sehr, sehr weite Strecken des Buches nicht über den Klappentext hinaus. Das ist ungünstig, da so keinerlei Spannung entsteht.

Entsprechend erscheint das Ende dann recht plötzlich. Viele Erkenntnisse kommen mit einem Mal, viel wird gleichzeitig aufgeklärt, es wird spannend und dramatisch und dann ist es schon wieder vorbei. Man muss bei diesem Buch wirklich ganz bis zum Schluss durchhalten, um den Ansatz eines Thrillers geliefert zu bekommen. Das ist nicht für jeden etwas, so interessant die eigentliche Geschichte auch ist. Zusätzlich saß ich am Ende da und fragte mich, was mir diese Geschichte nun eigentlich sagen wollte. Kaputte Familien produzieren kaputte Menschen? Gib Acht auf deine Mitbewohner? Ich weiß es leider nicht.


FAZIT:
Der Thriller „Don’t you cry – Falsche Tränen“ von Mary Kubica ist ein interessantes Buch, welches über die ersten 300 Seiten hinweg leider keinerlei Spannung aufbauen kann. Der gewählte Stil ist ungewöhnlich, viele Passagen erscheinen übermäßig gestreckt und erzeugen damit das Gefühl von Langatmigkeit und Langeweile, obwohl es sich ansonsten flüssig liest. Insgesamt geschieht erstaunlich wenig in diesem Buch. Auch, wenn es nicht wirklich schlecht war, kann ich doch keine Kaufempfehlung aussprechen.

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295 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 94 Rezensionen

liebe, drogen, brittainy c. cherry, wie das feuer zwischen uns, liebesroman

Wie das Feuer zwischen uns

Brittainy C. Cherry
Flexibler Einband: 350 Seiten
Erschienen bei LYX ein Imprint der Bastei Lübbe AG, 21.07.2017
ISBN 9783736303560
Genre: Liebesromane

Rezension:

Für mich war dies das erste Buch von Brittainy C. Cherry, doch natürlich habe ich bereits viel von dieser Autorin gehört, entsprechend neugierig war ich auf die Geschichte. Ich gebe zu, ich wurde während der Lektüre mehrfach überrascht, mal positiv, mal negativ.

Die Geschichte von Alyssa, die den Spitznamen High trägt, und Logan, der in Anlehnung an „Low“ den Spitznamen Lo trägt, ist in der Ich-Perspektive abwechselnd aus der Sicht der beiden Protagonisten geschrieben. Ich bin generell kein großer Freund dieses Stils und auch hier habe ich lange gebraucht, um ihn akzeptieren zu können. Darüberhinaus weist das Buch eine unverhältnismäßig große Dichte an Dialogen auf, über weite Strecken lesen wir Gespräche. Interessanterweise ist das etwas, was ich normalerweise als Anfängerfehler bezeichnen und kritisieren würde, nicht jedoch bei diesem Buch. Hier habe ich tatsächlich innerhalb kürzester Zeit festgestellt, dass die Dialoge gerade die Stärke der Autorin sind. Es sind Gespräche, wie sie echte Menschen miteinander führen würden, und die Emotionen der Charaktere werden sehr, sehr subtil zum Ausdruck gebracht. Die Feinfühligkeit der Äußerungen, bei denen man als Leser mehr spürt als wirklich liest, was dahinter steckt, ist beachtlich. Die ersten fünfzig Seiten war ich entsprechend gefesselt von dem Buch.

Leider kippte es bald. Denn so subtil die Dialoge auch sind, so aufdringlich ist der Rest geschrieben. Alyssas Gefühle, Logans Gefühle, alles binden uns die beiden direkt auf die Nase, sie fühlen unendlich viel, denken ständig und winken dabei so stark mit dem Zaunpfahl, dass wir über ihr Schicksal weinen sollen, dass bei mir das Gegenteil eingetreten ist. Ich persönlich vermute, dass eine andere Erzählperspektive die extreme Emotionalität des Buches verhindert hätte – im positiven Sinne. Weniger ist manchmal mehr. Interessanterweise ist die Autorin bei den Dialogen genau dazu in der Lage, doch in den erzählenden Teilen ist die Emotionalität mir persönlich zu extrem.

Die Geschichte selbst trägt ihr übriges dazu bei. Logan kämpft als Mitglied der bildungsferneren, ärmeren Schicht mit Drogen, Alyssa hingegen ist im Grunde genommen ein wohlbehütetes Mädchen. Beide haben Probleme mit ihren Eltern, wenn auch gänzlich unterschiedlicher Art. Dann kommen Schicksalsschläge hinzu, immer mehr, immer stärker gehäuft, und Charaktere, die angeblich offen und ehrlich zueinander sind, geben sich keine Zeit mehr, irgendetwas zu erklären, so dass die klischeehaften Missverständnisse entstehen, welche zur Katastrophe führen. Das Leben von Alyssa und Logan ist so stark durch Tragik gekennzeichnet, dass ich es nicht mehr ernst nehmen kann. Gewiss, ich stelle nicht in Abrede, dass das Leben für manche Menschen genau so verläuft, dennoch kam es hier für mich leider nicht authentisch, sondern extrem konstruiert und gewollt daher. Zudem werden Nebenstränge in der Erzählung aufgemacht, die ebenfalls tragisch und berührend sein sollen, so dass die Achterbahnfahrt nur noch höhere Geschwindigkeiten erreicht.

Dass dann am Ende für mehr oder minder alle betroffenen Personen ein Happy End in Aussicht gestellt wird, hat mich den Kopf schütteln lassen. Genau dadurch hat nämlich die Tragik von zuvor einen noch größeren Glaubwürdigkeitsverlust erlitten. Dabei sage ich nicht einmal, dass alle am Ende ein tolles Leben haben, darüber lässt sich schließlich auch streiten. Aber ein bisschen weniger pinke Watte und Gänseblümchen hätten der Geschichte auch nicht geschadet.


FAZIT:

„Wie das Feuer zwischen uns“ von Brittainy C. Cherry wird oft als emotionale Achterbahnfahrt bezeichnet. Ich stimme dieser Einschätzung zu, allerdings nicht ausschließlich positiv. Die Art, wie Tränen seitens der Autorin forciert werden, und die Schicksalsschläge aller auftretenden Personen sich häufen, hat mich beinahe mit einem Schleudertrauma zurückgelassen. Dadurch habe ich immer wieder den Kontakt zum Buch verloren. Die sensiblen, subtilen Dialoge sind eine herausragende Ausnahme zu dieser Kritik. Auch, wenn mir der Erzählstil nicht unbedingt gefallen hat, ließ sich das Buch doch flüssig und schnell lesen, es ist eine interessante Lektüre, die für jeden, der gerne extremes Drama liest, gut geeignet ist. Für diesen Leserkreis spreche ich eine Kaufempfehlung aus.

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119 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 79 Rezensionen

thriller, gerechtigkeit, mord, band 6, phil brennan

Du sollst nicht leben

Tania Carver , Sybille Uplegger
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 14.07.2017
ISBN 9783548613512
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der letzte Woche neu auf dem deutschen Markt erschienene Thriller „Du sollst nicht leben“ war das erste Werk, das ich von Tania Carver* gelesen habe. Entsprechend war ich mit den Figuren dieser Reihe nicht vertraut, doch das hat meinem Lesevergnügen keinen Abbruch getan.

An der Oberfläche haben wir es hier mit einem Serientäter zu tun, der sich dazu berufen fühlt, Gerechtigkeit dorthin zu bringen, wo das Auge des Gesetzes aus dem einen oder anderen Grund blind ist. Detective Inspector Phil Brennan, welcher der Ehemann der namensgebenden Marina Esposito ist, wird von diesem Täter auserkoren, als Verbindung zur Polizei und zur Presse zu dienen. Während jene Ermittlungen laufen, verfolgen wir Marina, wie sie eine sehr merkwürdige Dame untersucht und für die Polizei ein psychologisches Profil erstellen soll. Darüber hinaus gibt es die anfangs schwer einzuordnende Geschichte um eine Prostituierte und einen ehemaligen Gang-Boss. Man spürt, dass es Verbindungen gibt, doch man weiß nicht genau, wo diese verlaufen.

Obwohl ich die Chakatere nicht aus vorigen Büchern kannte, konnte ich doch alle schnell einordnen und mir ein Bild ihrer Eigenschaften machen. Sie erlangen nie echte Tiefe, doch haben ausreichend Leben in sich, dass sie interessant bleiben und die Geschichte voran bringen. Leider habe ich mich in zwei Charaktere verliebt, die offensichtlich nur für dieses Buch vorgesehen waren und keine wiederkehrenden Figuren sein werden.

Tatsächlich war es nämlich die Geschichte um die Prostituierte und den ehemaligen Gang-Boss, welche mich am meisten berührt hat. Diese beiden Charaktere waren so lebensecht und so tragisch, dass ich nicht anders konnte, als mit ihnen mitzufühlen. Sie geben der Stadt, in der die Geschichte spielt, sofort ein authentisches, hartes, unverzeihliches Gefühl, das mich gepackt und festgehalten hat. Auch die Hintergrundgeschichte zu den beiden, die wir Stück für Stück erfahren, hat mich mitgerissen.

Anders war es leider mit den Geschehnissen rund um Marina. Normalerweise bin ich für verrückte Psychopathen, die offensichtlich sehr intelligent sind, immer zu haben, doch irgendetwas an dieser speziellen Frau hat mich schnell gelangweilt. Die ersten paar Abschnitte mit ihr waren noch in Ordnung, doch dann wurde das Spiel ermüdend. Ja, sie hat vermutlich noch einige Tricks in ihrem Ärmel, doch wenn es nicht die Absicht der Autorin ist, das zeitnah aufzuklären, muss sie das nicht ständig mit dem Holzhammer demonstrieren.

Auf der anderen Seite ist der psychopathische „Rechtsprecher“, der den Mittelpunkt dieses Thrillers bildet, eine wirklich interessante Figur. Natürlich entsprechen solche Charaktere immer einem bestimmten Stereotyp, man kann bei einem intelligenten Serienmörder schlecht das Rad neu erfinden. Und so fühlte ich mich augenblicklich an den Antagonisten aus „Ich bin die Nacht“ von Ethan Cross erinnert, welchen ich, wie der Rezension zu entnehmen ist, sehr schlecht konstruiert fand. Carver macht nämlich mit dem „Rechtsprecher“ genau das richtig, was ich bei Ackerman von Cross kritisiert hatte: Er wird uns als intelligent präsentiert, er hat eine Ideologie, die er durchzieht und die gerade so verständlich ist, dass man sich als Leser irgendwie damit identifizieren könnte, und er ist brutal genug, um wahnsinnig zu wirken. Natürlich hat auch er ein heftiges psychisches Problem, doch anstatt dass uns das direkt auf die Nase gebunden wird, wartet die Autorin bis zum Schluss und klärt es häppchenweise auf. Die Ursachen seiner Probleme ergeben ein stimmiges Bild, auch wenn die Aufklärung vielleicht ein wenig eleganter hätte geschehen können. Sie wird am Ende für meinen Geschmack zu leicht und zu direkt einfach erzählt.

Das ist tatsächlich auch einer meiner größten Kritikpunkte an diesem Thriller: Die Autorin gibt uns immer mal wieder Einblicke in die Hintergründe der Figuren, doch so interessant und wichtig dies auch ist, so unelegant löst sie das. Jedes Mal, wenn so ein ein- bis dreiseitiger Abschnitt über die Hintergründe einer Figur kam, wurde ich aus dem Fluss gerissen und hörte den netten CinemaSins-Erzähler „Narration“ und „Exposition“ sagen. Es waren Fremdkörper in einem ansonsten runden Text. Ich bin mir auch sicher, dass es problemlos möglich gewesen wäre, diese Informationen in kleinere Stücke aufzuteilen und sie in mehreren verschiedenen Szenen deutlich beiläufiger einfließen zu lassen. Mit anderen Aspekten der Handlung und der Hintergründe ist Carver das nämlich auch gelungen.

Das Ende des Falls selbst ist ein wenig überraschend, aber angemessen dramatisch, ohne übertrieben zu wirken. Lediglich der noch schnell hinterher geschobene Cliffhanger, der wohl auf das nächste Buch hindeuten soll, hat mir nicht so gefallen, da er zu deutlich als Cliffhanger zu spüren war. Vielleicht nehmen Fans, welche die Figuren besser kennen und die Geschehnisse besser einordnen können, dies anders wahr, für mich jedoch war das tatsächlich ein Fall von übertriebener Dramatik.


FAZIT:

Der Thriller „Du sollst nicht leben“ von Tania Carver ist ein gutes Beispiel dafür, wie man einen richtigen Thriller schreibt. Die Figuren haben genug Tiefe, der Fall ist interessant und auch die Antagonisten werden auf eine Art beschrieben, dass sie anfangs furchteinflößend wirken. Die drei unterschiedlichen Handlungsstränge werden so geschickt präsentiert, dass man sich selten langweilt und nie verloren geht. Trotz kleinerer Probleme im Verlauf des Buches hatte ich sehr viel Spaß bei der Lektüre und würde nicht nur Fans, sondern auch Neueinsteigern empfehlen, dem Duo Esposito/Brennan eine Chance zu geben!

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* Tania Carver ist das Pseudonym für Martyn Waites. Da es das explizite Anliegen des Autors und seines Lektors war, einen weiblichen Thriller-Autor zu kreieren, werde ich in meinem Text stets von „der Autorin“ sprechen, um dem gerecht zu werden.

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30 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

geister, mystery, serie, krimi, horror

Die Heimsuchung von Grayson Manor

Cheryl Bradshaw
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Mantikore-Verlag, 12.07.2017
ISBN 9783945493755
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Klappentext mit seinem Versprechen, dass wir eine Spuk-Villa vorfinden, hat mich neugierig gemacht.

Die Hauptfigur, Addison Lockhart, ist froh, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter eine Möglichkeit hat, der vertrauten Umgebung, in der sie alles an die Mutter erinnert, zu entkommen. Auch, wenn das neue Anwesen baufällig ist, will sie doch direkt dort wohnen. Mit Hilfe von Luke, einem Architekten, macht sie sich an die Renovierungsarbeiten – und wird beinahe von Anfang an von Geistern und Visionen geplagt. Obwohl sie sich anfangs dagegen wehren will, realisiert sie doch schnell, dass ein dunkles Geheimnis auf dem Haus lastet und beginnt zu ermitteln.

Obwohl die Visionen und Geistererscheinungen durchaus häufiger auftreten im Verlauf dieses Buches, verbringen wir doch einen Großteil der Geschichte mit Ermittlungen und der Befragung von Zeitzeugen, die wissen, was „damals“ geschehen ist. Luke steht Addison dabei stets zur Seite, trägt jedoch nicht wirklich selbst etwas bei und erscheint mir entsprechend oftmals als überflüssig. Eine romantische Beziehung zwischen beiden wird von verschiedenen Nebenfiguren gerne angedeutet, tatsächlich entwickelt sich jedoch nicht wirklich etwas. Generell bleibt Luke eine sehr flache Figur und auch Addison bekommt nur minimal mehr Tiefe. Die Geschichte konzentriert sich mehr darauf, uns zu erzählen, was damals geschehen ist, als die Figuren zu entwickeln.

Das ist generell nicht schlimm, gerade weil das Damals das alte Hollywood ist und mich die Zeit fasziniert. Je mehr die Zeitzeugen erzählen, umso mehr kann mich sich die Zeit der glamourösen Parties und Liebschaften vorstellen. Das hat mir sehr gut gefallen. Andererseits ist dies jedoch der Auftakt zu einer Reihe, in deren Mittelpunkt Addison Lockhart stehen soll. Meines Erachtens sollte man sich als Leser eine Figur verbunden fühlen, da andernfalls kein großes Interesse an weiteren Büchern mit diesen besteht.

Das Ende ist, ohne es verraten zu wollen, in meinen Augen recht unspektakulär, passt aber dazu, dass das gesamte Buch sich eher wie ein Kriminalroman und nicht wie ein Horror- oder Mystery-Buch liest. Für mich kam leider zu keinem Zeitpunkt Grusel auf und spannend war es auch nur insofern, als dass ich mich für die Auflösung des Falls interessiert habe. Der Schreibstil selbst konnte mich nicht fesseln.

In diesem Fall kam für mich erschwerend hinzu, dass die Übersetzung nicht vollständig gelungen ist. Andrea Blendl hat mehrere Bücher übersetzt, die ich vom Mantikore-Verlag gelesen habe, und bei einigen war sie erfolgreicher als bei anderen. Hier sind es vor allem die Dialoge, die teils steif klingen, teils nicht viel Sinn ergeben.


Fazit:

„Die Heimsuchung von Grayson Manor“ von Cheryl Bradshaw ist der erste Band in der Addison-Lockhart-Mystery-Reihe. Es handelt sich dabei um einen Roman aus dem Bereich Horror, allerdings ist die Geschichte selbst nicht gruselig und nur mäßig spannend. Die Figuren bleiben flach und eine echte Identifikation mit ihnen stellte sich bei mir nicht ein. Dafür hatte ich großes Interesse an den Ermittlungen in einem altem Kriminalfall, der im weitesten Sinne das Hollywood der fünfziger Jahre betraf. Als Krimi mit übernatürlichen Elementen funktioniert das Buch durchaus, als Horror-Geschichte leider weniger. 

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1.266 Bibliotheken, 26 Leser, 1 Gruppe, 198 Rezensionen

thriller, serienkiller, ethan cross, serienmörder, mord

Ich bin die Nacht

Ethan Cross
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 20.12.2013
ISBN 9783404169238
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


ACHTUNG: SPOILER!


Es gibt zwei Dinge an diesem Buch, die ich gut finde: Das Cover bzw. die gesamte Aufmachung des Buches und den Klappentext. Beides bewerte ich jedoch bei keinem Buch, entsprechend fließt es auch hier nicht mit ein. Ich konnte keine Rechtschreibfehler oder Übersetzungprobleme finden, doch auch das beeinflusst meine Bewertung nur, wenn ich gravierende Mängel entdecke. Alles andere, und ich meine wirklich: alles andere ist in meinen Augen schlecht.


Der Klappentext verspricht einen sehr spannenden Serienmörder namens Francis Ackerman junior. Tatsächlich kommt er in diesem Buch auch vor, aber er ist nicht der namensgebende "Shepherd", um den es in dieser Reihe geht. Die wahre Hauptperson ist Marcus Williams, ein ehemaliger Polizist, der sich in einer abgelegeneren Stadt ein neues Leben aufbauen möchte. Er wird direkt in eine Schlägerei verwickelt und kommt so in Kontakt zum örtlichen Sheriff und dessen Tochter Maggie. Während Ackerman fröhlich mordet, verfolgen wir die Geschichte von Marcus, bis sich die Wege kreuzen. Marcus stolpert über eine von Ackerman hinterlassene Leiche. Ziemlich schnell wird ihm klar, dass der Tatort mehr als eine Ungereimtheit aufweist, er kehrt also nachts zusammen mit dem Sheriff zurück und entdeckt - der Sheriff hat Ackerman festgesetzt und will offenbar Lynchjustiz begehen.


Von dem Punkt an wird der Plot immer abstruser: Marcus ist nicht begeistert von den Plänen des Sheriffs, er flieht und wird von der Polizei verfolgt, entdeckt, dass es offenbar ein ganzes Netzwerk von durchgedrehten Polizisten und Justizbeamten gibt, die sich anmaßen, eigenständig über Verbrecher richten zu dürfen, so dass er keinem mehr trauen kann. Während Marcus auf der einen Seite Ackerman weiter verfolgt, muss er sich vor der Polizei verstecken und sucht einen Weg, alles offen zu legen - am besten so, dass man ihm auch glaubt und niemand im Hintergrund dagegen wirken kann. Überraschend kommen ihm Personen zu Hilfe, bspw. Maggie, die verdeckt für den angeblichen Immobilienmakler ermittelt, der in Wirklichkeit vom FBI ist und Marcus verrät, dass seinen Erkenntnissen nach sogar der Präsident der Vereinigten Staaten hinter dem Netzwerk stecken könnte. Ein Showdown steht an, Verbündete verraten sich gegenseitig und am Ende ist doch wieder alles ganz anders, als man dachte.


Zunächst: Ein Thriller muss nicht immer weltumspannende Bedrohungen oder politische Intrigen auf höchster Regierungsebene beinhalten, um spannend zu sein. Dass plötzlich und aus dem Nichts der Präsident mit drin hängen soll, hat mich zu heftigem Augenrollen veranlasst. Nicht immer muss die Welt auf dem Spiel stehen.


In meinen Augen lebt ein guter Thriller von seinen Figuren. Wenn ich als Leser mich mit einer Figur identifizieren kann, fesselt mich das Geschehen ganz anders. Vielleicht finde ich auch einfach nur einen Charakter ungemein spannend und will mehr erfahren. In jedem Fall aber muss es für mich das Zusammenspiel der Protagonisten und Antagonisten sein, die die Geschichte vorwärts treiben. Das ist hier leider nicht der Fall. Es gibt einen - wie man am Ende erfährt - klar gestrickten Plot und der Autor setzt Himmel und Hölle in Bewegung, damit alle Figuren sich plot-angemessen verhalten. Das hat Konsequenzen, sehr negative.


Keine die Figuren hat einen Charakter. Niemand. Francis Ackerman jr. hat im Klappentext mehr Charakter, als er es später im Buch hat. Natürlich steckt in jedem Serienmörder irgendein psychisches Problem. Doch das möchte ich nicht in der ersten Szene, in der er auftritt, erfahren. Ich möchte mich zumindest eine Zeit lang gruseln, über seine abgrundtiefe Bösartigkeit entsetzt sein und fasziniert der eiskalten Berechnung des Killers zuschauen. Stattdessen bekomme ich von Anfang an einen Menschen, der von seinen Kindheitstraumata und den daraus resultierenden psychischen Problemen definiert ist. Eine psychische Krankheit ist kein Charakterzug! Ackerman bleibt charakterlos, da der Autor sich viel zu sehr mit seiner psychischen Krankheit auseinandersetzt. Entsprechend bleibt Ackerman uninteressant und austauschbar.


Ebenso Marcus Williams: Er ist die Hauptfigur und wir erfahren wortwörtlich nichts über ihn. Er war einmal ein Polizist und ist es nicht mehr, da er - in einer wahnsinnig schockierenden Wendung - einst selbst Lynchjustiz benutzt hat, um einen Serienvergewaltiger und Mörder zu töten, von dem er wusste, dass er davon kommen würde. Das ist seine wahnsinnig dunkle Vergangenheit, die ihn bis in seine Träume verfolgt und sein Handeln stets zu determinieren scheint. Ständig ist die Rede von einer Bestie, die in seinem Innersten lauert und ihn Ackerman gleichstellt. Er zweifelt sogar an sich, und es soll bestimmt ein zentraler Punkt in diesem Thriller sein, dass Marcus einst genau das getan hat, was nun der Sheriff tut und was er nun so heftig ablehnt: Justiz außerhalb des rechtlichen Rahmens. Nur leider funktioniert das nicht. Da werden Äpfel mit Birnen verglichen. Marcus hat ein Vergewaltigungsopfer vor sich und der Täter, der schon viele andere vorher vergewaltigt und ermordet hat, verhöhnt ihn, weil er Senator ist und bisher immer seine Spuren vertuscht wurden. Marcus tötet ihn und ist bereit, dafür ins Gefängnis zu gehen. Er sieht, dass die Justiz hier blind ist, er reagiert emotional und aus einem menschlichen Instinkt heraus, und auch, wenn er nie wirklich Reue über sein Handeln empfinden konnte, so weiß er doch, dass er illegal gehandelt hat und dafür bestraft werden muss. Das ist die einzelne Entscheidung eines einzelnen Mannes, der seine moralische Urteilskraft genutzt hat und zu dem Schluss kam, dass er das Gesetz berechen muss. Etwas ganz anderes ist ein organisierter Ring von Polizisten und Justizbeamten, die mit eiskalter Rationalität der Meinung sind, sie stünden über dem Gesetz und hätten das Recht, über Leben und Tod zu urteilen. Dieser zentrale Dreh- und Angelpunkt der Geschichte funktioniert nicht, er ist plump und weil er nicht funktioniert, bricht die gesamte Geschichte in sich zusammen.


Auch alle anderen Figuren bleiben charakterlos. Entsprechend bleibt es für mich als Leser ohne jegliche emotionale Konsequenz, wenn der eine den anderen verrät. Ich bin unbeteiligter Beobachter. Viel zu viele Figuren sind so offensichtlich einfach nur da, damit der Plot weitergehen kann, dass es zunehmend langweilig wird. Niemand hat eine echte Verbindung zu irgendjemandem, alle tun stets nur das, was es braucht, um in der Geschichte voranzukommen. Das spiegelt sich leider auch in den Dialogen. Da die zwischenmenschlichen Beziehungen flach und die Figuren charakterlos bleiben, sind die Gespräche hölzern. Authentische Figuren haben immer ihre eigene Art zu sprechen. Es muss nicht auffällig anders sein, aber doch zumindest ein Hauch von Eigenheit. Nichts davon ist hier zu spüren. In einem Moment ist der Sheriff warm und verständnisvoll und wie ein Kumpel, dann redet er wie ein durchgedrehter, eiskalter Wahnsinniger und am Ende ist er der größte Anführer überhaupt. 


Zusätzlich werden vom Autor viel zu viele Klischees bedient. Die einfachen Polizisten, die nicht wissen, was los ist und keinerlei Chance gegen den Serienmörder oder sonst irgendjemanden haben. Die wehrlosen Opfer, die augenblicklich in Panik verfallen und weinen und betteln. Das eine Opfer, das den Täter berührt und ihn zum Nachdenken bringt, bei dem er sich sogar bedankt, dass sie mit ihm wie mit einem echten Menschen gesprochen habe. Der Held, der keine sozialen Bindungen hat und deswegen bereit ist, gleichzeitig sein Leben für alle zu riskieren und für immer woanders hin zu verschwinden und sich eine neue Identität zuzulegen. Das schöne Mädchen, das als starke Frau vorgestellt wird, dann aber doch immer nur gerettet werden muss. Nicht nur werden diese Tropes bedient, es finden sich auch unzählige Sätze, die so schon von anderen tausendmal genutzt worden sind, abgedroschen klingen und genau deswegen das Gegenteil von Spannung verursachen.


Ich hatte mich auf einen Serienmörder gefreut, der hochintelligent und absolut wahnsinnig ist, der mit seinen Opfern Spiele spielt, die mir die Nackenhaare zu Berge stehen lassen. Bekommen habe ich einen in Selbstmitleid versinkendes Kind in Erwachsenengestalt, das sogar nur eine Randfigur im eigentlichen Geschehen ist. Ich habe mich viel geärgert, viel gelangweilt und ich habe viel gelacht.




*Fazit:*
„Ich bin die Nacht“ von Ethan Cross ist der Auftakt zur mehrteiligen Shepherd-Reihe, in deren Mittelpunkt der ehemalige Polizist Marcus Williams steht. Was als Thriller über einen wahnsinnigen Serienmörder angepriesen wird, ist in der Realität einer eine Intrige innerhalb der Polizei. Die Figuren sind flach, der Plot unglaubwürdig und alle Wendungen so abstrus, das für mich zu keinem Zeitpunkt Spannung aufgekommen ist. Nichts in diesem Buch hat mir gefallen.

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17 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 9 Rezensionen

journalismus, thriller, politik

Stadt der Intrigen

Christina Kovac , Andrea Brandl
Flexibler Einband
Erschienen bei Penguin, 10.04.2017
ISBN 9783328101581
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einen gut recherchierten Thriller wie diesen habe ich lange nicht mehr gelesen. Die Autorin Christina Kovac hat lange Zeit als Produzentin und Redakteurin beim Fernsehen gearbeitet, entsprechend authentisch sind ihre Schilderungen des Alltags ihrer Protagonistin. Gerade bei einem Thriller, der in einem politischen Umfeld spielt, ist es wichtig, dass der Laie das Gefühl bekommt, die Dinge könnten sich in der Realität ganz genauso abspielen. Das ist Kovac in ihrem Debüt gut gelungen.

Das Buch startet langsam, denn obwohl die Hauptfigur Virginia gleich zu Beginn über das Bild der vermissten Frau stolpert, zeichnet sich zunächst nicht ab, welche Bedeutung ihr Verschwinden bekommen würde. Tatsächlich dauert es etwa bis zur Hälfte des Thrillers, bis sich den Helden die Größe dessen offenbart, womit sie es zu tun haben. Das ist realistisch gestrickt, da auch Menschen, die ihr täglich Brot mit politischem Journalismus verdienen, selten damit rechnen, in eine riesige Intrige zu stolpern. Die Art, wie Virginia zusammen mit ihren Kollegen Ben, Isaiah und anderen Informanten befragt und langsam das Puzzle zusammensetzt, baut ganz langsam, aber unaufhaltsam Spannung auf.

Während auf der einen Seite die Ermittlungen zum Verschwinden der Frau voranschreiten, bekommen wir auch Einblicke in das Privatleben und das berufliche Umfeld der Personen. Auf der einen Seite entwickelt sich eine sehr vorsichtige, und genau deswegen realistische Liebesgeschichte zwischen Virginia und ihrem Kollegen, während gleichzeitig Personalkürzungen und betriebsinterne Intrigen allen Beteiligten das Leben schwer machen. Auch das Verhältnis der Journalisten zu ihren Quellen, seien es Zivilisten oder Polizeiangehörige, wird immer wieder beleuchtet. Als jemand, der selbst für verschiedene Zeitungen und Radios gearbeitet hat, kann ich bestätigen, dass Loyalität und Vertrauen zwischen Reportern und Informanten das Fundament jeglicher journalistischer Arbeit ist. Der ständige Kampf, eine Geschichte auf Basis präsentierbarer Fakten zu produzieren, und Quellen zu beschützen und bei der Stange zu halten, ist manchmal ein Spagat, der kaum machbar ist.

Die Geschichte selbst ist solide dargestellt, realistisch insbesondere im Kontext von Washington, und entwickelt sich in einem angemessenen Tempo. Trotzdem konnte das Buch mich nicht überzeugen. Das Problem liegt bei dem Erzählstil: Wir haben es mit einer Ich-Erzählerin zu tun, das Buch wird konsequent ausschließlich aus der Perspektive von Virginia geschrieben. Paradoxerweise führt das dazu, dass Virginia ein oberflächlicher Charakter bleibt. Zwar bekommen wir immer wieder kurze Einblicke in ihren Hintergrund und ihre Kindheit, doch werden diese Pfade nicht wirklich weiter verfolgt und entwickeln keine Relevanz für ihren Charakter. So gut sie in ihrer Arbeit als Journalistin ist, bleiben die präsentierten Mängel ihres Charakters immer oberflächlich. Einige ihrer Entscheidungen sind für mich entsprechend nicht nachvollziehbar, insbesondere das Ende – welches ich hier nicht verraten werde – hat mich vollkommen sprachlos und ungläubig hinterlassen. In meinen Augen ist ihr Charakter nicht entwickelt genug, um sie wirklich verstehen zu können.

Das ist schade, denn dieser Thriller lebt von den zwischenmenschlichen Beziehungen. Insbesondere in jenen Momenten, da es um verletzte Eitelkeiten und Affären geht, hat das Buch seine Stärken. Sogar die angedeutete Sexszene ist herausragend ausgeführt. Leider blieb Virginia immer kalt für mich, wenn ich mit Charakteren mit litt und um sie bangte, waren es immer die anderen, nicht sie selbst. Ich frage mich, ob eine andere Erzählperspektive, die erlaubt hätte, Virginia von außen zu sehen, der Geschichte geholfen hätte, die Hauptfigur tiefer zu gestalten.


Fazit:

Der Thriller „Stadt der Intrigen“ ist ein gelungenes Debüt von Christina Kovac. Die immer größer werdenden Kreise, welche die Intrige rund um das Verschwinden der Frau zieht, sind gekonnt inszeniert und bauen systematisch Spannung auf. Wir erhalten tiefe Einblicke in die Nachrichtenwelt und das politische System von Washington, wo anscheinend jeder seine ganz eigenen Motive hat. Leider bleibt die Hauptfigur Virginia Knightley bis zuletzt blass, so dass manche Entscheidungen und Entwicklungen nicht so nachvollziehbar und authentisch sind, wie sie sein sollten. Trotzdem konnte ich die Lektüre mehr als genießen.

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

lustig, tiefgründi, zukunft, lyx verlag, herzzerreißend

Filthy Beautiful Lust - Von ganzem Herzen (Filthy-Beautiful-Reihe 3)

Kendall Ryan
E-Buch Text: 169 Seiten
Erschienen bei LYX.digital, 06.07.2017
ISBN 9783736306141
Genre: Sonstiges

Rezension:

Wenn man ein Buch wie „Filthy Beautiful Lust“ liest, muss man sich bewusst sein, was man da in den Händen hält. Es geht hier nicht um eine tiefgreifende Geschichte, sondern um prickelnde Erotik und die Erfüllung von Fantasien. Mit genau diesen Erwartungen bin ich an dieses Buch heran gegangen, aber gänzlich zufrieden bin ich dennoch nicht.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Pace und Kylie erzählt, jeweils aus der Ich-Perspektive. Die Autorin hält sich dabei streng an die Spielregeln und lässt uns die Welt deutlich aus verschiedenen Blickwinkeln wahrnehmen. Wie Kylie sich selbst sieht, stimmt nicht mit dem überein, wie Pace sie sieht. Das ist gut gemacht und entspricht wohl der Wirklichkeit für viele von uns. Sie ist eben eine relativ frische Mama, deren Körper entsprechende Veränderungen durchlebt hat. Wenn einen der Vater des Kindes zu Beginn der Schwangerschaft verlässt, können die zusätzlichen Pfunde und die Änderungen in der Figur schon das Selbstbewusstsein ankratzen. Auch, wenn ich selbst keine Kinder habe, kann ich diesen Aspekt von Kylies Gefühlswelt nachvollziehen.

Generell empfinde ich Kylie als authentisch und warm. Sie liebt ihren einjährigen Sohn, würde alles für ihn opfern und zeigt ganz klar, dass er die Priorität ist – in allem. Leider führt das auch dazu, dass sie sich damit abfinden will, für immer Single zu bleiben, weil sie sich nicht traut, einen neuen Mann an sich heranzulassen, oder schlimmer noch, ihren Sohn damit zu verwirren, eventuell kurzzeitig einen Vater zu haben und dann wieder nicht mehr oder einen neuen. Man hat es wirklich nicht leicht als Single-Mom – oder als Single-Dad.

Pace hingegen – ja, er soll natürlich dem Klischee des reichen, party-verwöhnten Playboys entsprechend, aber Halleluja. Auf der einen Seite betrachtet er Frauen wirklich ausschließlich als Objekte, auf der anderen Seite verfällt er Kylie beim ersten Anblick – bzw. beim ersten Mal, das er sie in schönen Kleidern sieht. Sie ist anders, sie ist echt, also will er sie. Dieser Gedankengang geht ihm in der ersten Hälfte des Buches unzählige Male in verschiedenen Formen durch den Kopf, so oft in der Tat, dass ich einfach nur mit den Augen rollen konnte. Da wurde uns Leserinnen aber mit dem Holzhammer gezeigt, dass er sie will und sich sogar ändern würde, um sie zu bekommen.

Natürlich ist mir bewusst, dass bei Geschichten wie dieser die Handlung nur den Hintergrund bilden soll. Trotzdem habe ich den Anspruch, dass die Handlung zumindest ein kleines Bisschen vorhanden und logisch ist. Das einzige, was mich auf den ersten Seiten davon abgehalten hat, das Buch wegzulegen, war, dass ich mir gesagt habe: Warte auf die Sexszenen, nur um die geht es hier doch.

Ich bin froh, dass ich durchgehalten habe, denn eines muss man Kendall Ryan lassen: Sie kann hocherotischen Sex schreiben und Nina Bellem gelingt es außerordentlich, das ins Deutsche zu übertragen. In dieser Geschichte gelingt es, dass der Sex gleichzeitig realitätsnah ist und trotzdem wie einer guten Fantasie entsprungen wird. Das ist selten.

Leider ist die Geschichte abgesehen davon zu glatt. Alles läuft zu perfekt, selbst das winzige Hindernis ist schneller aus dem Weg geräumt, als es erwähnt wird, und so ziemlich alle Szenen aus der Sicht von Pace sind zu tief in der Klischeekiste hervor gegraben worden, als dass ich sie wirklich ernst nehmen könnte. Das ist schade, mit ein bisschen mehr Mühe hätte auch der Hintergrund dieser erotischen Geschichte gut sein können.

 

FAZIT:
„Filthy Beautiful Lust – Von ganzem Herzen“ von Kendall Ryan bietet prickelnde Erotik auf höchstem Niveau, aber nicht mehr. Die männliche Hauptfigur bleibt ein flaches Klischee, während die Frau lebensnah und warm erscheint. Die Hintergrundhandlung ist sogar für eine Geschichte wie diese zu dünn, als dass man sie hätte genießen können. Wer jedoch nach hervorragend geschriebenen Sexszenen sucht, ist hier definitiv richtig.

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22 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

halloween, sleepy hollow, horror, mystery, thriller

Verflucht – Nacht der Toten (Mystery-Thriller)

Rob Blackwell
Flexibler Einband: 460 Seiten
Erschienen bei Mantikore-Verlag, 05.07.2017
ISBN 9783945493953
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die beiden Hauptfiguren Quinn und Kate sind von ihrem ersten Auftreten an sympathisch. Quinn könnte eigentlich ein gutaussehender Kerl sein, doch die Alpträume, die ihn im Oktober heimsuchen, zehren an seinen Nerven und das wirkt sich auch auf sein Äußeres aus - welch' willkommene Abwechslung zu den stets schönen Männern der New-Adult-Welt! Quinn steht dauerhaft unter Strom und rechnet jederzeit damit, endgültig dem Wahnsinn anheim zu fallen. Dennoch erledigt er die Aufgaben innerhalb der Redaktion gewissenhaft, wenn auch nicht mit allzu viel Begeisterung. Das ändert sich, als er Kate trifft: Kate erscheint wunderschön, beinahe zerbrechlich in ihrem Auftreten, doch es dauert nicht lange, bis sie in der Redaktionskonferenz trotz ihrer gerade erst erfolgten Anstellung dem Besitzer der Zeitung lautstark Kontra gibt. Sie hat einen eigenen Willen und ist entschlossen, ihr Ziel zu erreichen.

Interessanterweise weiß Kate gar nicht so genau, was ihr Ziel eigentlich ist. Sie will nicht länger davonlaufen, deswegen ist sie nach Loudon gekommen, doch einen genauen Plan hat sie nicht. Es ist Schicksal, dass sie gemeinsam mit Quinn die Ermittlungen zu den neuen Serienmorden aufnimmt und so kommt die Geschichte ins Rollen. Wir erfahren stetig mehr über beide, der gutherzige, aber schräge Kollege Janus kommt mit ins Team und je weiter man liest, umso klarer wird: Hier ist etwas Übernatürliches im Gange. Oder ist Quinn einfach nur wahnsinnig? Die journalistische Arbeit der drei wird nah an der Realität, aber literarisch ansprechend und wohl dosiert übertrieben dargestellt, so dass man als Leser tatsächlich das Gefühl bekommt, man könnte mit rätseln, wer der Mörder ist. Das macht Spaß und ich glaube fast, wenn man wirklich aufmerksam ist, ist der Plot-Twist am Ende nicht mehr überraschend. Ich war jedoch zu abgelenkt von anderen Geschehnissen, als dass ich den Mörder erahnt hätte. Ich glaube, jeder ist zu abgelenkt von jenen Geschehnissen.

In die Kapitel eingestreut sind Briefe des Serienmörders, die er vor zwölf Jahren an einen Journalisten schrieb. Sie sind ein deutlicher Hinweis auf seinen Gemütszustand und können helfen, die Identität zu entschlüsseln. Ebenfalls finden sich viele kurze Passagen über die Legende von Sleepy Hollow (welche am Ende des Buches in deutscher Übersetzung vollständig abgedruckt ist) sowie zunächst mysteriös wirkende und verwirrende Schnipsel über einen eher unbekannten, verstorbenen Autor. Das hilft, die Geschichte mit historischem Hintergrund und übernatürlichen Andeutungen zu unterfüttern, welche die aktuellen Geschehnisse nur noch spannender machen.

Leider weist das Buch jedoch handwerkliche Mängel auf, über die ich nicht hinweg sehen kann. Einerseits ist der Stil von Rob Blackwell noch nicht geschliffen genug. Die Anfänge nimmt dieser Roman laut Blackwells eigenen Notizen im NaNoWriMo 2001, also schon eine ganze Weile her. Trotz der diversen Überarbeitungen seitdem stören mich einige Kleinigkeiten, insbesondere, dass er quasi durchgängig "head-hopping" betreibt: Das Buch wird größtenteils aus der Sicht von Quinn oder Kate erzählt, doch innerhalb diverser Szenen bekommen wir sowohl Einblicke in Quinns als auch in Kates Gedanken. Wenn während eines Dialogs mehrfach die Perspektive wechselt, ist das für den Leser unangenehm und verwirrend, und außerdem, zumindest in meinen Augen, schlechter Stil. Entweder wir betrachten die Szene aus Quinns Augen, dann sind uns Kates echte Gefühle verborgen, oder umgekehrt. Deswegen haben wir beim Schreiben Perspektiven: Damit wir die Welt aus der Sicht der Charaktere wahrnehmen. Das hat mich leider öfter gestört.

Noch negativer fällt jedoch die Übersetzung ins Gewicht. An wirklich unzähligen Stellen bin ich über Wörter gestolpert, die wortwörtlich ins Deutsche übersetzt wurden, obwohl sie dadurch sinnentstellt werden. Regelmäßig gehen in Dialogen Sie/sie/ihr/ich durcheinander. Teilweise machen ganze Gespräche keinen Sinn, weil irgendetwas so falsch übersetzt wurde, dass ich nicht einmal mehr aufs Original schließen konnte. Es ist wirklich bedauernswert, dass der Zustand der Übersetzung so schlecht ist, dass man auch als Hobby-Leser nicht anders kann, als es zu bemerken. Besonders überrascht mich das, da eine der beiden Übersetzerinnen (Andrea Blendl) auch "Der Nekromant - Totennacht" übersetzt hat, welches zwar ebenfalls nicht fehlerfrei war, aber bei Weitem nicht so auffällig wie dieses Buch. Ich habe das Buch mehrfach mit frustrierten Flüchen aus der Hand gelegt.


Fazit:

Der Horror-Mystery-Thriller "Verflucht - Nacht der Toten" von Rob Blackwell ist ein angenehm gruseliger, durchaus spannender erster Band der Sanheim Chronicles und verspricht, dass wir noch eine Menge Spaß mit Quinn und Kate haben werden. Die Suche nach dem Mörder ist ausführlich genug geschildert, dass der geneigte Leser mit rätseln kann, während das Übernatürliche so nebenher einschleicht, dass man bis zum Schluss am Verstand der Hauptcharaktere zweifelt. Das ist durchaus gut gelungen. Leider holpert der Schreibstil hier und da und die deutsche Übersetzung weist deutliche Mängel auf, die einfach nicht übersehen werden können. 

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175 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 79 Rezensionen

teufel, hölle, liebe, benne schröder, in der liebe ist die hölle los

In der Liebe ist die Hölle los

Benne Schröder
Flexibler Einband: 450 Seiten
Erschienen bei LYX ein Imprint der Bastei Lübbe AG, 24.04.2017
ISBN 9783736304499
Genre: Fantasy

Rezension:


Von diesem witzigen Liebesroman hat man in den Sozialen Netzwerken in den letzten Monaten viel gehört und so konnte auch ich der Versuchung nicht widerstehen, es mir näher anzuschauen. Auch das Cover hat direkt meinen Geschmack getroffen, ein Hinweis, den ich normalerweise in Rezensionen nicht bringe, aber hier ist die Gestaltung in meinen Augen einfach herausragend.


Der Roman ist größtenteils aus der Ich-Perspektive der Protagonistin Catalea Morgenstern geschrieben, welche die Tochter des Teufels ist und recht widerwillig in seiner Firma hilft. Die Hölle hat sich in diesem Universum der Moderne angepasst, so dass sie tatsächlich stark bürokratisch aufgebaut ist und eine unfassbare Menge an Regulierungen zu besitzen scheint. Zunächst verwirrend, dann aber zunehmend erheitern bekommt der Leser dafür Auszüge aus einem Hilfebuch für frisch Verstorbene zu lesen. Diese Abschnitte sind trocken und sachlich formuliert, gerade in der Präsentation diverser Statistiken und Umfragen bietet sich großartiges Potential für augenzwinkernden Humor.


Der Plot selbst erschien mir über weite Strecken ein wenig konstruiert und damit nicht immer logisch. Ein Mordfall, der Catalea in die Schuhe geschoben werden soll, setzt eine ganze Reihe von ungewöhnlichen Ereignissen in Gang, doch nie bekommt man den Eindruck, dass Catalea sich wirklich für den Toten oder den wahren Mörder zu interessieren scheint. Auftritt Timur, der für ihren Schutz zuständig ist, aber selbst Geheimnisse hat, die er lieber vor der Welt der Firma verschweigt. Catalea findet ihn gutaussehend, so tut man es als Leserin auch, und tatsächlich erschien er mir stets charismatisch, stringent und authentisch. Zwischen ihnen findet die Liebesgeschichte statt und vom ersten Treffen an versteht der Leser, was Catalea an ihm findet.


Umgekehrt kann ich leider selbiges nicht bestätigen. Was genau Timur in Catalea sieht, blieb mir bis zum Schluss verborgen. Das liegt in meinen Augen daran, dass der gewählte Stil – die Ich-Perspektive – genau das Gegenteil dessen zur Folge hat, was man erwarten würde: Statt sich tief in die Hauptperson einfühlen zu können, bleibt Catalea flach, erscheint jünger als angegeben und handelt häufig so deutlich im Sinne des Plots, dass einem schwindelig wird. Gewiss, sie stellt sich gerne quer und will ihre eigenen Entscheidungen treffen, während sie genauso häufig einfach dem zustimmt, was auch immer Timur oder andere Personen für sie geplant haben. Leider konnte ich darin nie eine einheitliche Linie erkennen, die auf einen Charakter schließen lassen würde, sondern lediglich eine Figur, die den Plot vorantreiben soll. Entsprechend konnte ich auch keine echte Charakterentwicklung bei ihr entdecken, auch wenn man zugestehen muss, dass sie sich zunehmend für das Schicksal einiger weniger anderer Figuren zu interessieren beginnt.


Die Welt, die Benne Schröder erschaffen hat, ist faszinierend, auch wenn wir in diesem ersten Band ganz offensichtlich nur an der Oberfläche kratzen. Genügend Details lassen ein Glöckchen in uns ringen, wenn wir uns an den Religionsunterricht oder andere Bibelstunden erinnern. Die grundsätzliche Idee ist innovativ und extrem lustig. Ich persönlich denke, dass ein wenig mehr Fokus auf die einzelnen Figuren und ihre Verbindung zum Universum der Geschichte gut tun würde, da man zumindest in diesem ersten Teil manchmal ein kleines Schleudertrauma davon trägt, so rasant und nicht immer logisch aufeinander aufbauend entwickelt sich der Plot.




FAZIT


Der romantische Fantasy-Roman „In der Liebe ist die Hölle los“ von Benne Schröder erfüllt über weite Strecken alle Erwartungen. Der Plot und der Schreibstil sind so witzig, wie die Grundidee des Klappentextes vermuten lässt, und die verschiedenen Figuren sind manchmal grandios absurd. Trotzdem konnte ich persönlich nie eine echte Bindung zur Hauptperson Catalea aufbauen, auch wenn mir ihre Liebesgeschichte mit Timur gefallen hat. Zu häufig hatte ich den Eindruck, dass die Figuren dem Plot dienen und dadurch Handlungen nicht mehr authentisch wirkten. Trotzdem hat mir die Lektüre viel Spaß bereitet und ich spreche gerne eine Kaufempfehlung auf. 

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65 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 62 Rezensionen

liebe, texas, erotik, öl, erbe

Texas Heat: Gefährliche Leidenschaft

Gerry Bartlett
E-Buch Text
Erschienen bei Forever, 03.07.2017
ISBN 9783958181762
Genre: Erotische Literatur

Rezension:

In dieser Geschichte ist eine Menge los. Vor allem scheint das Buch zwischendrin zu vergessen, was es eigentlich wollte, und schlägt daher eine überraschende und leider unpassende Wendung ein. Doch von Anfang: Wir lernen Cassidy, genannt Cass, kennen, die von ihrer ersten Begegnung mit Mason an ihre Hormone kaum noch unter Kontrolle hat. Sie ist eigentlich ein kluges Mädchen - und ja, der herabwürdigende Unterton, den diese Formulierung besitzt, ist Absicht -, aber die Situation mit dem Erbe überfordert sie vollständig. Mason wiederum hatte von Anfang an vor, sich Cassidy zu nähern, um das beste aus einer schlechten Situation zu machen. Die erste Hälfte des Buches ist eine flotte Liebesgeschichte, gewürzt mit den typischen Gewissensbissen über den baldigen Ex-Freund bei ihr und der schäbigen Profit-Gier bei ihm. Das ist nicht neu, liest sich aber nett und erfüllt die Erwartungen, die ich an einen erotischen Liebesroman habe.

Doch was geschieht dann? Ich hatte mich schon während der Lektüre immer wieder gefragt, warum die drei neuen Geschwister von Cassidy sowie die beiden anderen Ex-Ehefrauen ihres verstorbenen Vaters immer mal wieder erwähnt werden und in Szenen mit dabei sind, obwohl sie zur Liebesgeschichte rein gar nichts beisteuern. Nur kurz lassen sie durchblicken, dass sie es gut fänden, wenn Cassidy sich mit Mason gut stellt, da sie aus recht konstruierten Gründen selbst daran Interesse haben. Neben der Haushälterin, der Assistentin und der besten Freundin sind das eine Menge Nebenfiguren, so dass ich mich fragte: warum? Zu viele Figuren verderben den Spaß. Ebenso konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Liebesgeschichte zwischen Cassidy und Mason ein wenig zu glatt läuft. Gewiss, es ist das erwartete Katz-und-Maus-Spiel mit ein bisschen Sex - der leider alles andere als heiß beschrieben wird -, aber echte Konflikte gibt es nicht zu lösen.

Was daran liegt, dass es hier gar nicht um die Liebesgeschichte geht. Zumindest nicht in der zweiten Hälfte des Romans. Immer mal wieder war schon während der ersten Hälfte Cassidys neue Rolle in der Firma ihres Vaters angedeutet worden, doch das ist ja üblich in Liebesromanen: Irgendeine Hintergrundgeschichte braucht es als Kulisse für das Liebespaar. Diese Hintergrundgeschichte tritt aber unvermittelt in den Vordergrund, während die Liebesgeschichte unwichtig wird. Plötzlich befinden wir uns in einer Art Thriller, der einen Hauch von Wirtschaftskrimi und ziemlich viel Familiendrama mit sich bringt. Der Wechsel ist so schleichend, dass ich es erst begriffen habe, als ich die letzte Seite gelesen habe. Denn anstatt dass noch einmal die Liebesgeschichte aufgegriffen und ein Konflikte dort gelöst werden muss, endet die Geschichte mit der Auflösung der der Krimi-Geschichte und das Liebespaar wird nur noch am Rande erwähnt.

Ich habe nichts gegen Thriller. Ich habe auch nichts gegen seichte Liebesromane. Aber wenn man mir das eine verkauft und ich das andere erhalte, bin ich zuerst einmal irritiert. Und dann muss ich in diesem konkreten Fall sagen: Die Geschichte um Cassidy und Mason ist zu seicht, als dass sie zu einem plötzlich spannenden Thriller getaugt hätte. Man nimmt die Gefahr nicht ernst, da man sie weiterhin lediglich für den Hintergrund hält, vor dem bspw. Mason sich als Retter in strahlender Rüstung hervortun kann. Dass das nicht der Trope ist, der bedient werden soll, ist lobenswert, dennoch hat die Geschichte zu wenig Tiefgang, um sie glaubwürdig zu machen. Vor dem Hintergrund der schwankenden Ölfirma und angedeuteten Industriespionage hätte dieser Liebesroman wunderbar funktioniert und mich gut unterhalten. Doch der Umschwung in der zweiten Hälfte war weder angekündigt, noch gut vorbereitet und versinkt damit in Morast der seichten Oberflächlichkeit.


Fazit:

Der Liebesroman "Texas Heat - Gefährliche Leidenschaft" von Gerry Bartlett beginnt mit einem heißen, von Hormonen getrieben Katz-und-Maus-Spiel. Was eine klassische Liebesgeschichte hätte werden können, wandelt sich jedoch in der zweiten Hälfte des Buches zu einem Thriller. Das wiederum gibt jedoch der seichte Stoff nicht wirklich her, so dass der Leser bis zum Schluss im Unklaren darüber bleibt, was er hier eigentlich wirklich liest. Das ist schade. Hätte die Autorin sich ganz auf die Entwicklung der Liebesgeschichte konzentriert, wäre ihr eine amüsante, wenn auch nicht unbedingt neue Geschichte gelungen. Für einen Thriller, der spannend und mitreißend ist, reicht diese Geschichte leider nicht.

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47 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 37 Rezensionen

liebe, chaos, liebe und andere missgeschicke, zu sprunghaft, frauen

Liebe und andere Missgeschicke

Katharina Wolkenhauer
E-Buch Text: 221 Seiten
Erschienen bei dp DIGITAL PUBLISHERS, 24.05.2017
ISBN 9783960871828
Genre: Liebesromane

Rezension:

Dieses Buch hätte lustig sein können. Es hätte romantisch sein können. Es hätte spannend sein können. Etwas Neues. Etwas Eigenes. Irgendetwas. Stattdessen ist dieses Buch leider ein großer Haufen Nichts. Das ist unendlich schade.


Dabei ist die Idee wirklich lustig: Eine ganze Reihe von Menschen sind auf die verrücktesten Arten und Weisen miteinander verbunden, im Zentrum steht ein Mann, auf den alle abfahren, der aber selbst gar nicht weiß, was er will und je mehr aufgedeckt wird und je mehr die Charaktere voneinander erfahren, umso verwickelter wird es. Das ist ein super Rezept für eine romantische Komödie!


Aber:


Der Erzählstil ist schwierig!
Wenn man Charaktere entwickeln will, braucht man Zeit. Man braucht lange Szenen. Man muss es aushalten, die Kamera für eine lange Episode ganz still und nur auf einen Charakter zu halten - denn nur, wenn ein Charakter gezwungen ist, eine lange, lange Szene durchzuhalten und darin zu agieren, formt sich aus der Skelett Figur für den Leser ein Charakter aus Fleisch und Blut. Das Hinwerfen von Szenen Brocken ist ein schönes Stilmittel, gewiss, aber es ist eben auch nur das: ein Stilmittel. Man nutzt es manchmal, gezielt, überlegt, um eine bestimmte Wirkung beim Leser zu erzielen. Einen kompletten Roman so zu schreiben ist Irrsinn. Ich hoffe, das ändert sich noch, denn, wie einige schon gesagt haben, dieses Dauerlauf Lesen ist anstrengend, nicht mitreißend. 



Die Charaktere bleiben distanziert!
Wir bekommen zwar regelmäßig Szenen aus dem Blickwinkel verschiedener Personen präsentiert, doch das sorgt nicht dafür, dass wir mehr über das Innenleben und die Charaktere der Personen erfahren. Jeder, absolut jeder der Charaktere scheint seine eigenen Handlungen immer mit einer merkwürdigen Distanz zu betrachten, als würden sie sich mit sarkastischem Herabschauen selbst beim Handeln zuschauen. Auch das kann man machen, das ist ein schönes Stilmittel, um einzelne Charaktere hervorzuheben oder einer einzelnen Szene eine besondere Perspektive zu verschaffen. Aber auch hier ist es ein ständiger Begleiter und so wird aus einem hübschen Stilmittel ein sehr, sehr schlechter Erzählstil. 



Es findet keinerlei Charakterentwicklung statt!
Ein Liebesroman ist ein typisches Beispiel für einen charakterfokussierten Roman, das bedeutet, die Charaktere werden analysiert und machen im besten Fall eine Entwicklung durch, die am Ende steht. In seltenen Fällen kann auch mal eine Figur genau keine Entwicklung durchmachen und dann ist das das Ergebnis. Aber bei einer solchen Fülle von Figuren alle, ohne Ausnahme, keinerlei Entwicklung durchmachen zu lassen? Einige sind jetzt in einer Beziehung, andere nicht, aber de facto hat sich niemand geändert. Keiner der Charaktere hat von dem, was geschehen ist, irgendwelche Spuren davon getragen. Es hätte genauso gut nichts passieren können! 



Dieses Buch lässt mich sehr unglücklich zurück. Aus der Idee hätte so viel gemacht werden können, stattdessen hat der Erzählstil und das in jeder Hinsicht offene Ende dafür gesorgt, dass man genauso gut hätte nicht lesen können. Schade, schade.

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curtis sittenfeld, vermählung, stolz und vorurteil, adaption, jane austen

Vermählung

Curtis Sittenfeld , Sabine Schilasky
Flexibler Einband: 600 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 12.06.2017
ISBN 9783959671149
Genre: Liebesromane

Rezension:

Ich war schon erwachsen, als ich das erste Mal mit Jane Austens „Pride and Prejudice“ in Berührung kam, dennoch bin ich dem Buch von der ersten Seite an verfallen. Es war romantisch, es war witzig und es war ein akkurates Gemälde der Zeit. Die Geschichte der jungen Frau, die gegen alle Widerstände den sozialen Aufstieg schafft und den reichen Mann heiratet, ist so alt, wie die Zeit selbst, doch selten war sie so originell und lebendig erzählt wie hier. Gleichzeitig bin ich schon seit meiner Jugend aktive Fanfiction-Schreiberin und -Leserin. Ich was, was transformative Werke sind und erkenne ihren eigenen, originellen Wert an. Auch, wenn ich mir sicher bin, dass es niemals jemandem gelingen wird, Austens Genialität mit einer Transformation ihres Werkes zu toppen, bin ich doch mehr als bereit, mich auf Fanfictions einzulassen. Entsprechend begeistert war ich, als mir „Vermählung“ von Curtis Sittenfeld in die Hände fiel.

Die Geschichte um Liz Bennet und Fitzwilliam Darcy folgt beinahe punktgenau den Ereignissen aus „Pride and Prejudice“, allerdings in einer modernen Zeit, denn wir schreiben das Jahr 2013. Dass Töchter Anfang zwanzig als Probleme gelten, wenn sie unverheiratet sind, ist längst nicht mehr üblich, und so hat die Autorin das Alter angehoben. Jane und Liz sind beide in der späteren Hälfte ihrer Dreißiger. Viel Zeit wird zu Beginn darauf verwendet, die Hintergründe aller Figuren zu beleuchten. Das könnte ermüdend sein, doch es war spannend geschrieben und die Autorin hat sich Mühe gegeben, den Figuren des Originals treu zu bleiben. Während Jane und Liz bereits auf eigenen Beinen stehen und Liz sogar genug Geld verdient, um vollständig unabhängig von den Eltern zu sein, leben Lydia, Kitty und Mary immer noch zu Hause, obwohl auch sie bereits alle die Zwanzig überschritten haben.

Einer der berühmtesten Sätze des Originals ist Darcys Aussage, Elisabeth Bennet sei „not handsome enough to tempt me“ – und Sittenfeld hat es sich nicht nehmen lassen, auch den modernen Darcy von Anfang an arrogant zu zeichnen: Es wundere ihn nicht, dass Liz noch Single sei. Liz ist entsprechend beleidigt und sie zeigt es ihm auch. Genauso, wie sie Caroline Bingley ihr Missfallen zeigt. Sie ist offener und direkter als ihr Vorbild, da es in unserer Zeit üblicher ist, offen und direkt zu sein. Manchmal wird auch sie dabei übermäßig beleidigend, aber der eine Punkt, der bei Austen so wichtig war, kommt hier dafür umso mehr zum Vorschein: Liz Bennet ist voller Vorurteile. Sie urteilt schnell und mit Hingabe, insbesondere über jene, die weniger weltgewandt sind als sie (ihre Familie) und jene, die vom Kleinstadtleben nichts wissen und deswegen Snobs sind (Darcy und Anhang). Jane auf der anderen Seite ist ihr liebenswürdiges, etwas naives Selbst, perfekt ausgedrückt in ihrem Beruf als Yoga-Lehrerin, mit dem sie nicht genug verdient, um ihren Lebensstil in New York zu finanzieren. Sie ist ein ausgeglichener, aber dennoch leicht zu verunsichernder Mensch.

Am lustigstens in diesem Buch war die Verwandlung von Bingley: Denn Bingley hat tatsächlich in der titelgebenden Reality-TV-Sendung „Vermählung“ mitgemacht, was im Buch immer wieder erwähnt wird und eine große Rolle spielt. Es ist beinahe niedlich, wie alle Beteiligten immer so tun, als würden sie das nicht sehen, aber dennoch bestens informiert sind. Wer gibt schon zu, dass er Reality-TV, insbesondere den „Bachelor“, schaut? Außer natürlich Lydia und Kitty, die keinerlei Probleme damit haben. Sie sind ihre vulgären, nur mäßig intelligenten Selbsts, aber: Sie sind herausragend schön und durchtrainiert und folgen einer neumodischen Diät.  Auch das erscheint mir mehr als passend, denn natürlich würden Lydia und Kitty dem neuesten Schrei hinterher rennen und dann auf alle herabsehen, die zu zurückgeblieben sind, um den Trend zu verstehen.

Die Geschichte folgt auf turbulentem Pfade dem Original, doch die Autorin baut auch diverse Geschehnisse und Handlungsfäden ein, die neu sind. Während im Original außer der Entwicklung der zwischenmenschlichen Beziehungen rein gar nichts passiert (was für das Leben in der Zeit auch aussagekräftig ist), passieren hier tatsächlich Dinge. Es gibt Konflikte und Probleme, die über das Zwischenmenschliche hinausgehen. Dennoch frage ich mich, ob es wirklich 600 Seiten gebraucht hätte, um diese Geschichte zu erzählen. Streckenweise wird aus den neu eingebauten Ereignissen mehr gemacht, als wirklich nötig gewesen wäre, und so empfand ich einige Geschehnisse als übertrieben und unnötig. Trotzdem habe ich mich sehr gut amüsiert und immer wieder laut aufgelacht, wenn Darcy und Lizzy mal wieder einen besonders pointierten Schlagabtausch geführt haben.

FAZIT:

Mit „Vermählung“ ist Curtis Sittenfeld eine Adaption des berühmten „Pride and Prejudice“ gelungen, die sich nicht verstecken braucht. Deutlich modern und mit eigenen Einfällen, bleibt das Buch doch stets nahe genug an der Vorlage, um allen Fans Freude zu bereiten. Gelegentlich sind die gesellschaftskritischen Untertöne oder Charakterisierungen nicht so subtil wie im Original, so dass Handlungen übertrieben wirken, doch es hat meine Leselust nie wirklich gebrochen. Dieser Roman kann es problemlos mit einem starken Kaffee aufnehmen, denn ich habe ihn in einem Zug durchgelesen, ohne dabei müde zu werden.

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22 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

arzt, chile, patientin, krankenhaus, geschichte

Die Tochter der Patientin

Felix Bonke
Flexibler Einband: 356 Seiten
Erschienen bei hockebooks, 20.03.2017
ISBN 9783957512048
Genre: Romane

Rezension:

Ein Buch wie "Die Tochter der Patientin" lässt sich nicht so leicht rezensieren, zu viel passiert hier, zu viel müsste man besprechen. Felix Bonke vermittelt spannende Einsichten in den Alltag eines Krankenhaus-Arztes. Er arbeitet ein spannendes Stück chilenischer Geschichte auf. Er erzählt eine feurige Liebesgeschichte. Alles drei würde alleine schon genug Stoff für einen Roman hergeben, doch zusammen ergibt sich ein prächtiges Gemälde über die Irrungen und Wirrungen der Menschen, das seinesgleichen sucht.

Ich werde hier also nur einen Aspekt behandeln, nämlich jenen, der mich in Romanen stets am meisten fasziniert: die Charaktere und ihre Entwicklung. So spannend der Klinikalltag auch beschrieben ist und so lehrreich die Ausführungen über Chile und Pinochet auch sind, es sind die Charaktere, die dieses Buch zu einem schimmernden Juwel machen.

Der Ich-Erzähler Niklas, von Beruf Arzt ohne Leidenschaft, ist ein wahnsinnig durchschnittlicher Mann. Er wäre sterbenslangweilig, wenn er nicht eine atemberaubende Fähigkeit zur Selbstreflexion hätte. Vielleicht liegt es daran, dass er als Arzt oft einen kühlen Kopf bewahren muss, doch die Art, wie er sich selbst und sein Handeln von Außen betrachten kann, ist erstaunlich. Trotzdem - oder vielleicht sogar genau deswegen? - ist er seinen Emotionen hilflos ausgeliefert und taumelt beinahe willenlos durchs Leben. Er fühlt sich zu den schönen, aber traurigen Frauen hingezogen, was ich ihm nicht verübeln kann. Traurige Frauen waren schon in den Glanzzeiten Hollywoods vor bald 100 Jahren die faszinierendsten Geschöpfe. Er erliegt ihnen, weil er sie nicht durchschauen kann.

Genau so eine Frau ist Paulina. Sie ist ein zutiefst unglücklicher Mensch, doch sie weigert sich, unglücklich zu sein. Sie hat in ihrer Kindheit herbe Verletzungen erfahren, die sie nie verarbeitet hat, so dass sie als junge Erwachsene vor allem eines will: rebellieren. Sie stilisiert sich selbst als Diva, als eine immer gut gelaunte, aber gleichzeitig launenhafte Frau, die unnahbar und nicht zu beeindrucken ist. Wenn sie dann doch einmal Tränen zeigt, hat sie ihre Umgebung sofort um den Finger gewickelt, weswegen sie gerne zu dieser Manipulation greift. Sie manipuliert alles und jeden und insbesondere Niklas.

Paulina erscheint aus der Sicht von Niklas voller Gegensätze und irrational in ihrem Verhalten, doch wenn man darunter schaut und sich in ihre Situation versetzt, werden ihre Handlungen plötzlich klar und folgen einem offensichtlichen Muster. Es ist faszinierend zu sehen, wie Niklas gleichzeitig lernt, Paulina immer besser zu verstehen, und sie gleichzeitig immer wieder verstehen kann und will. Er erkennt ihre Manipulationen, doch auch er kann sich ihr nicht vollends entziehen. Denn er weiß, hinter all ihrer sorgfältig aufgebauten Fassade steckt eine verletzliche, aber trotzdem starke, interessante, kluge Frau, eine Frau, in die er sich verliebt und sie es sich zu lieben lohnt. Doch die Angst, dass Paulina immer öfter manipulativ und immer seltener ehrlich sein wird, hält ihn zurück.

Umgekehrt ist auch Niklas für Paulina Segen und Fluch. Er verkörpert alles, wonach sie sich sehnt: Ehrlichkeit, Bodenständigkeit, Geborgenheit. Doch gerade, weil er ehrlich ist, lässt er nicht zu, dass sie ihn manipuliert - und damit ist er unbequem. Kann sie wirklich die Kraft und das Vertrauen aufbringen, sich auf einen derart unbequemen Menschen einzulassen? Sie fürchtet Ablehnung so sehr, dass es ihr schwer fällt, seine wiederholten Abfuhren zu verarbeiten und sich nicht verscheuchen zu lassen.

Neben diesen beiden gibt es noch Nacho, den Mitbewohner von Niklas, der selbst mit seiner Vergangenheit zu hadern hat, aber eine gänzlich andere Strategie für die Bewältigung sucht. Paulinas Mutter Melanie, die mit Krebs als Patientin von Niklas die Geschichte überhaupt ins Rollen bringt und selbst so eine schillernde Person ist, dass neben ihr alle anderen zu verblassen drohen. Selbst die kleinste Nebenfigur erscheint so komplex und authentisch, dass man zu keiner Sekunde daran zweifelt, dass dies alle echte Personen sein könnten.

 

Fazit:

In seinem Debüt-Roman "Die Tochter der Patientin" beweist Felix Bonke, dass er ein Meister des Erzählens ist. Nicht nur sein Schreibstil ist gleichzeitig amüsant und gefühlvoll, auch die Figuren, die er aufbaut und entwickelt, sind komplex und authentisch. Seine intime Charakterstudie baut er vor dem Hintergrund eines Arztromans, versehen mit Geschichtsstunde und Romantik, so geschickt auf, dass man gar nicht so recht mitbekommt, wie die Personen plötzlich zum Leben erwachen. Für mich ist dieser Roman das Highlight der ersten Hälfte 2017.

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