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Ein Versprechen von Gegenwart

Clemens Berger
Fester Einband: 120 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 28.05.2013
ISBN 9783630874104
Genre: Romane

Rezension:

Valentin, von dem man annehmen kann, er wäre zwischen Ende zwanzig und Mitte dreißig, führt als angestellter Kellner eine elegante Bar in Wien, und außerdem mit einer Julia eine Beziehung ohne viel Engagement, die er also als gegenwärtig hinnimmt: zeitlich und örtlich vorübergehend präsent. Diese Julia spielt in Clemens Bergers Roman allerdings keine aktive Rolle, wie auch der ich-erzählende Kellner, dessen Name ein einziges Mal genannt wird, in der Hauptsache Beobachter ist; Beobachter vor allem jenes faszinierenden Paars, das eines Abends in der Bar auftaucht, nach Mitternacht, und fortan häufiger kommt, ein-, zweimal pro Woche. Sie ist offenbar wohlhabend und so unfassbar schön, dass "neun von zehn Männern alles Hab und Gut für sie aufgeben würden", er verströmt unprätentiöse Lässigkeit, was Valentin vermuten lässt, es mit einem Schauspieler zu tun zu haben. Sicher ist er sich, dass sie immer nach dem Sex kommen, höchstwahrscheinlich nach betrügerischem Sex, wofür ein Indiz ist, dass er die Frau - sie heißt Irina - eines Tages in der Stadt trifft, mit Ehering am Finger und zehnjährigem Kind an der Hand. Alles andere errät und vermutet der Kellner, der mehr und mehr in den Bann der beiden gerät, über Gesprächsfetzen, die er hört, über Gesten, Kleidung, Attitüde - alles notiert er akribisch auf den hinteren Seiten eines alten Kassabuchs. Die über alle Maßen begehrenswerte Frau und ihr cooler Begleiter, die ein eigentlich nicht zusammenpassendes Paar bilden, verkörpern für Valentin die "zweite Welt", jenes Dasein hinter den Kulissen, die die erste, "richtige" Welt bildet, die ohne jene verruchte, direkte, emotionale, gefährliche zweite nicht existieren könnte und kann.

Das recht kurze, wunderbar dichte und im positiven Sinn eigenartige neue Buch des Österreichers, von dem u.a. der hinreißende Roman "Das Streichelinstitut" (2010) stammt, erzählt von Projektion und Wunschdenken, vom Begehren nicht nur sexueller Art, in gewisser Weise sogar von Ständen und Klassen, die längst überwunden sein sollten. Einziger Makel ist der Klappentext, der eine überwiegend erotische Geschichte vorgaukeln will: "Ein Versprechen von Gegenwart" hat seine erotischen Momente und thematisiert Sex, handelt aber nicht überwiegend hiervon. Leseempfehlung!

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Das Streichelinstitut

Clemens Berger
Fester Einband: 356 Seiten
Erschienen bei Wallstein, 01.03.2010
ISBN 9783835306196
Genre: Romane

Rezension:

Der glückliche Mensch

Was für ein seltsames, im Wortsinn bemerkenswertes Buch.

Sebastian ist Mittdreißiger, Wiener, eigentlich kurz vor der Promotion (die Fakultät wird allerdings nicht genannt, vermutlich Politologie oder ähnliches), gutaussehend und Kommunist, wenn sich denn in ein Wort pressen lässt, was im Kopf des nicht mehr ganz jungen Mannes vor sich geht. In gewisser Weise hadert er mit allem - mit der Stadt (eigentlich: der Welt), in der er lebt, mit der Frau, die er liebt (der schlauen Dozentin Anna), mit ehemaligen Beziehungen, gar mit seinen wenigen Freunden, vor allem aber mit der Tatsache, dass Entscheidungen anstehen, obwohl Sebastian keine zu fällen bereit ist. Letztlich auch, um sich aus dieser Situation ein wenig herauszumogeln, gründet er, einer Idee Annas folgend, das "Streichelinstitut", eine Serviceeinrichtung, in der sich die Wiener seinen sanften, fast magischen Händen hingeben, um den Alltag vergessen oder angenehmer bewältigen zu können. Das Institut, mitten in Neubau, der Eso-Gegend Wiens, wird schnell erfolgreich. Ob es Ministerialbeamte sind, die sich im Zwei-Wochen-Turnus die verkorksten Beziehungen zu ihren Vätern wegstreicheln lassen, oder elegante, reiche Mittvierzigerinnen, die bei dieser Gelegenheit mit ihrer verblühenden sexuellen Attraktivität kokettieren - Sebastian, der sich den Künstlernamen Severin Horvath gibt, streichelt sie alle. Fünfundvierzig Minuten für fünfundsiebzig Euro. Doch es ist weder einfach, die Seiten zu wechseln, also linkes Denken und rechtes Leben unter einen Hut zu bringen, noch lässt sich der im Wortsinn sehr nahe gehende Beruf vom privaten Dasein trennen. Überhaupt wird erst einmal offenbar, dass Leben nicht immer dasselbe ist.

Es ist nicht leicht, dieses besondere Buch in wenigen Worten zu würdigen. Zuweilen liest es sich wie eine Autobiographie, wie eine Bestandsaufnahme - Rückbesinnung und Ausblick zugleich. Andererseits gibt es Elemente des klassischen Entwicklungsromans, ein Füllhorn voller Konflikte, und viele erhellende Informationen über das Wien des einundzwanzigsten Jahrhunderts - von dem sich der Held übrigens an einer wunderbaren Stelle im Buch wünscht, es gäbe eine gespiegelte, zweite Version der Stadt, aber eine, in der nicht alles schiefgelaufen ist.

Die Katharsis des Protagonisten wird durch Frau Dr. Irene Fischer verkörpert, die schöne, wohlhabende und selbstbewusste Frau, die zuerst die Grundregel Nummer des Streichelinstituts - kein Sex - torpediert, dann in Sebastians fragile Beziehung zu Anna eindringt, um schließlich den allmählich ermüdenden, aber nach wie vor extrem erfolgreichen Berufsstreichler mit den Reizen des Kapitalismus' zu konfrontieren.

"Das Streichelinstitut" ist aber kein politisches Buch, jedenfalls nicht nur oder in der Hauptsache, sondern auch eine Liebesgeschichte, eine Milieustudie - und ein sehr persönlicher (nicht im Sinne von "autobiografisch"!) Roman über einen jungen Mann, dessen Optionen und Wünsche nicht in Deckung zu bringen sind. Über jemanden, der sich Gedanken macht, hin und wieder auch zu viele, und der damit zeigt, wie ungut es ist, sich nur mit den verfügbaren Alternativen abzufinden. Denn es ist so, wie es das Bild zeigt, das im Streichelinstitut hängt: Der glückliche Mensch kann glücklich vermutlich nur ganz alleine sein, und das will letztlich auch niemand, und Sebastian/Severin schon gar nicht.

Mein Lieblingssatz ist ein sehr kurzer: "Während ich." Besser kann man einen tiefgehenden Konflikt nicht in Worte fassen.

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