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erziehung, pädagogik, schule, bildung, lehrer

Aus Wut Lehrer geworden

Tilo Rosenkranz
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei KLECKS-VERLAG, 01.11.2016
ISBN 9783956834127
Genre: Biografien

Rezension:

Zunächst: Dieses Buch sollten alle angehenden Pädagogen und Lehrer lesen, denen die Erziehung unserer nachfolgenden Generation am Herzen liegt. Denn es ist weit mehr geworden als eine Biographie. Vor dem Hintergrund der Lebensstationen des Autors, die einen lebendigen Einblick in das Lebensklima in der DDR geben und damit selbst für viele Menschen, die in der DDR lebten, eine angenehme und manchmal humorvolle Zeitreise gestatten, beschreibt Dr. Rosenkranz die Entwicklung seiner eigenen Lebenshaltung, zum menschlichen Werden und Wachsen und zu dem, was Heranwachsende für eine gute Entwicklung brauchen: Beziehung, Verständnis und Ermutigung. Der Bogen zieht sich dabei vom Erleben der eigenen Kindheit bis zu seinem Wirken als Lehrer und Pädagoge. Im Kapitel, in dem er beschreibt, „wie er Idealist wurde“, wird deutlich, was ihn beflügelte und antrieb. Erlebte Ungerechtigkeiten gegen sich selbst und Andere legten den Keim für ein Gerechtigkeitsempfinden, welches Basis für sein Wirken war und ihn zuverlässig durch viele Auseinandersetzungen führte. In ihm wuchs gewissermaßen ein grundsätzlich positives Menschenbild, welches er selbst lebte, das ihn aber immer wieder zahlreiche Konflikte innerhalb erstarrter Strukturen mit der Obrigkeit einbrachte. Dennoch: Er zog stets den lebendigen Kontakt, die lebendige Auseinandersetzung einer allzu schnellen Konformität oder vorgekauten Schulweisheit vor.

Der Autor beschreibt an vielen Beispielen eine Lebenshaltung, für die er aus meiner Sicht größte Wertschätzung verdient: Denn wer in der DDR lebte und im pädagogischen Feld arbeitete, wusste, dass es auch in den ehemaligen Ostblockstaaten zum Alltag gehörte, sich mit ideologischen Fronten auseinandersetzen zu müssen. Diese zielen meistens auf ein Negatives ab, brauchen Feindbilder, so wie in der DDR eben die BRD und den Kapitalismus. In diesem Spannungsfeld zwischen Staatsräson und eigener Meinungsbildung spielten sich im Leben des Autors Auseinandersetzungen und Konflikte ab, die beispielhaft dafür sind, wie Menschen mit offenem Geist und den Glauben an eine gute, menschenfreundliche Gesellschaft an starren Utopien entweder scheitern oder wachsen können. Nicht selten hat er einiges dafür riskiert.

Der Autor glaubte an einen menschenfreundlichen Sozialismus, ohne ins Fanatische abzurutschen; sich verblenden zu lassen. Zum Mut in dieser Zeit gehörte es, seinen Blick nicht zu verengen, nicht dem Eifer eines missionarischen Pathos zu erliegen, sondern wach und mit gesundem Menschenverstand in jede Auseinandersetzung zu gehen. Darin war der Autor auch seinen Schülern und Studenten Beispiel: Sich eine eigene Meinung zu bilden, kritisch zu prüfen und zu hinterfragen und dabei jede Scheuklappe abzulegen. Diese Überzeugung, das Wahre durch Forschen, Hinterfragen und Selbstehrlichkeit selbst zu finden, anstatt auf Autoritäten zu hören, zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben des Pädagogen und er macht sich damit nicht nur Freunde. Allerdings genau deshalb macht er sich auch viele Freunde. Denn gelebte Authentizität und Aufrichtigkeit zählen mehr als kollektiver Massen-Konformismus, der zwar bequem, aber eben nicht das Eigene ist. Dieser Überzeugung hielt er die Treue, durch viele Konflikte hindurch, die hier sehr anschaulich beschrieben werden.

Umso mehr traf auch ihn die Wende und die Frage, wie es nach all der Desillusionierung nun für ihn weitergehen kann. Er wusste, nicht nur für ihn wird dies eine Herausforderung sein, mit vergangenen Träumen und Hoffnungen auf eine bessere Gesellschaft aufzuräumen und den Verrat an ihr durch Erstarrung und Korruption in der Führung der DDR und der Einheitspartei zu realisieren, zu verkraften und zu verarbeiten. Je mehr sich jemand mit dem Herzen für eine gute Sache einsetzt, umso schwerer wiegt der Verrat in den eigenen Reihen. Der Autor zog die entsprechenden Konsequenzen und stellte sich dem IFL auch in dieser schweren Zeit zur Verfügung, obwohl er durchaus bequemere Alternativen gehabt hätte, einen anderen, rein akademischen Weg einzuschlagen.

So bleibt nach Ende der Lektüre ein Gefühl der Bewunderung und Wertschätzung für diese Lebensleistung: Als Kind die schwarze Seite der Pädagogik kennengelernt, als Lehrer eine bewusst positive und auf die kindlichen Bedürfnisse abgestimmte Pädagogik gelebt, als Promovend eine individuelle Schülerförderung und Unterrichtsdidaktik vertretend und verteidigend, als Fachschullehrer im unermüdlichen Einsatz für alle zu Unrecht benachteiligten Studenten und schließlich als Schuldirektor nie die Empathie für das Kind und seine Entwicklungsbedürfnisse vernachlässigend, zeugt dieses Buch von einem Lehrer und Pädagogen, der mit Herz und Gefühl seiner Berufung nachging, offen und positiv auf seine Schüler zuging, dabei aber nie naiv oder nachgiebig war. Ein sanfter Pädagoge ist in gewisser Hinsicht auch ein radikaler – im ganz positiven Sinn dieses Wortes: Radikal ehrlich, offen und ermutigend; dennoch die Verantwortung auch da lassend, wo sie dem anderen zugemutet werden kann und muss, auf Augenhöhe mit KollegInnen und Eltern. Eine nicht käufliche Integrität, die ihm und seiner Arbeit hohes Ansehen einbrachte. Ein Pädagoge mit Charakter, wie man ihn heute immer seltener antrifft.

Denn der Untergang der DDR, so ist der Rezensent überzeugt, hat, wie wir heute sehen, nicht zum Ende eines vormundschaftlichen Staates geführt, sondern nur zur Verschiebung der Inhalte und Prämissen. Auch heute gilt es, mit Mut für seine Überzeugungen einzustehen - gegen Sachzwänge einer menschenfeindlichen Ökonomie, einer gnadenlosen Ausbeutung des Menschen und einer Gesellschaft, in der die Menschen von Existenz-Angst, psychischen Druck und Behördenwillkür getrieben werden.

Gerade auch im Bereich der Pädagogik und der Schulbildung wird heute offensichtlich, wie sehr die Regelschule an den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder vorbeigeht. In ihr wirkt immer noch ein negatives Menschenbild, das Kinder als sündhaft, unfertig und ungenügend ansieht und die Dimensionen von Kooperation, Kreativität und Herzensbildung nicht verstanden hat. Die Beziehung zur Zensur scheint wichtiger zu sein, als die Beziehung untereinander oder zum Lehrer. Kinder werden zu Konkurrenten erzogen, jeder denkt zuerst an sich selber. Dass Schule aber durchaus auch ein Ort von Kooperation, Freude und Füreinander sein kann und sollte, zeigt der Autor immer wieder auf. Er führt Beispiele an, wie er als Lehrer zwar Leistung honoriert, den Charaktereigenschaften eines Schülers jedoch eine ebenso große Bedeutung beimisst und die Auseinandersetzungen mit seinen Schülern auch dementsprechend gestaltet. Auch stellt er, zumindest für einige Fächer, die Einführung von Zensuren in Frage. Dass Schule gestern wie heute kein Ort von Gesinnungsproduktion sein darf, sondern ein Ort des freien Geistes, ist für mich ein ganz wesentlicher Punkt in seinem Werk. Fragen ist wesentlicher als Antworten. Die Suchbewegungen der Schüler sind wichtiger als fertige Antworten, in Häppchen serviert!

Dass der Autor den Sozialismus, so wie er schreibt, als einen hoffnungsvollen Keim betrachtet hat, in dem das Potenzial für eine menschenfreundliche Gesellschaft liegt, macht ihn aus meiner Sicht zu einen humanistischen Freidenker und erst recht sympathisch. Dass er sich gleichzeitig von den Funktionären nie hat einwickeln lassen, zeigt ihn als wachen Geist, der sich mit Herz und Offenheit den Lügen und Halbwahrheiten, auch die im Namen des Sozialismus, stellte und aus humanistischer Perspektive hinterfragte.

Der Autor verkündet in seinem Buch keine pauschalen Wahrheiten. Es ist im besten Sinne ein Erfahrungsbericht geworden, in dem sich der Autor immer selbst zu erkennen gibt, indem er sich auch in Frage stellt und nicht zuletzt auch kritisch mit sich selbst umgeht. Viele Einsichten hat er rückblickend und er lässt den Leser daran teilhaben. Sehr angenehm fällt beim Lesen auf, dass Dr. Rosenkranz bei aller Offenheit und Selbstreflexion dennoch für sich einsteht, nie das Gefühl beim Leser entsteht, er müsse hier etwas „beichten“. Hier spricht ein Pädagoge, der auch mit eigenen Fehlern lernte, würdevoll umzugehen und entsprechende Konsequenzen daraus zog.

Ich wünschte mir, es gäbe heute mehr von diesem Engagement und diesem Mut, sich der Obrigkeit auch mal zu widersetzen. Dem Autor war es dabei immer wichtig, dabei keine neuen Feindbilder aufzubauen, nicht neue Scherben zu produzieren, auch darin in der Achtung für sein Gegenüber zu bleiben. Wenn ich mir heute anschaue, wie es unseren Kindern geht, wird mir schwindlig. Unsere Welt ist nicht kinderfreundlich geworden, geschweige denn menschenfreundlich. Die heutige Pädagogik dreht sich aufgebläht um sich selbst (ich überspitze an dieser Stelle bewusst) und hat verlernt, was Freude, Einfachheit und Beziehung ist. Echte Beziehung zu Kindern, die sich gesehen fühlen! Ich bin mir sicher, der Leser wird sich bei der Lektüre dieses Buches ein Bild machen können, was das bedeutet, wie man damals diese Haltung verwirklichen konnte, wie sie nach der Wende möglich war und was es vielleicht heute umso mehr braucht: Aufrechte Menschen ohne Denkschablonen, aber mit Herz.


Unbedingt lesenswert!


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© Uwe Habricht

Berlin, 12/2016

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Tags: bildung, erziehung, lehrer, pädagogik, schule   (5)
 
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