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27 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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And Then There Were None

Agatha Christie
Flexibler Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Harpercollins, 29.03.2011
ISBN 9780062073488
Genre: Sonstiges

Rezension:

„And then there were none“ gilt als erfolgreichster Krimi aller Zeiten, laut Wikipedia wurden 100 Millionen Exemplare verkauft. Ich würde ihn jedem empfehlen, der noch nichts von der Queen of Crime gelesen hat, aber zumindest einmal in ihr umfangreiches Werk hineinschnuppern will. Hier gibt es keine Miss Marple, keinen Hercule Poirot, keine Anspielungen auf ältere Werke, nur einen meisterhaft konstruierten Fall mit einer glasklaren Ausgangssituation und einer schlüssigen, aber meiner Meinung nach unmöglich zu erratenden Auflösung. Obwohl Agatha Christie „And then there were none“ bereits vor 80 Jahren geschrieben hat, hat die Geschichte nichts von ihrer Spannung eingebüßt. Die Grundidee ist so einfach wie fesselnd: Zehn einander unbekannte Menschen werden unter verschiedenen Vorwänden in eine Luxusvilla auf einer kleinen, einsamen Insel gelockt. Nach dem ersten Abendessen findet die gute Stimmung ein jähes Ende: Eine zuerst nicht zuordbare Stimme verliest zehn Anklagen – jeder der Anwesenden wird mit einem ungesühnten Tötungsdelikt in Verbindung gebracht. Schock und Empörung sind groß, man ist sich schnell einig, die Insel am nächsten Morgen wieder verlassen zu wollen. Doch ein Sturm zieht auf und schon einer der Anwesenden wird nicht mal mehr diesen ersten Abend überleben …

Beim Wiederentdecken des Krimis musste ich an einen anderen denken, den ich vor ein paar Monaten gelesen habe. Die Autorin hat sich eventuell sogar von Agatha Christie inspirieren lassen; sie schilderte ein Klassentreffen in einer abgelegenen Hütte im Wald, bei der gleich mehrere der ehemaligen Klassenkameraden nach und nach ermordet werden. Dieser Krimi hatte mich ziemlich enttäuscht: Er war verworren, überladen und die Auflösung am Ende einfach billig. Der Unterschied zu „And then there were none“ ist wie Tag und Nacht: Agatha Christie geht sehr reduziert vor. Die Anzahl der handelnden Figuren ist überschaubar, über das Leben der einzelnen Protagonisten erfährt man nur so viel wie nötig. Auch der Schauplatz ist schnell beschrieben, selbst der unbekannte Mörder macht seine Absichten relativ deutlich klar. Und dennoch tappt man als Leser komplett im Dunkeln – bis zur Auflösung. Diese ist höchst raffiniert, schlüssig durchdacht und glaubwürdig. Und dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass man von alleine darauf kommen kann – ganz großes Kino! Dessen war sich auch die Autorin bewusst; der englischen E-Book-Ausgabe ist eine Notiz von ihr vorangestellt: „I had written this book because it was so difficult to do that the idea had fascinated me. […] I wrote the book after a tremendous amount of planning, and I was pleased with what I had made of it. It was clear, straightforward, baffling, and yet had a perfectly straightforward explanation […] It was well received and reviewed, but the person who was really pleased with it was myself, for I knew better than any critic how difficult it had been.”

“And then there were none” war Agatha Christies 26. Krimi. Sie schrieb ihn also mit großer Erfahrung und ihre Einschätzung des Textes zeugt von einem gesunden Selbstbewusstsein. Ich kann nur sagen: zu Recht!

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81 Bibliotheken, 15 Leser, 1 Gruppe, 37 Rezensionen

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Mit der Faust in die Welt schlagen

Lukas Rietzschel
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 07.09.2018
ISBN 9783550050664
Genre: Romane

Rezension:

Lukas Rietzschels Debüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ handelt vom Leben der sächsischen Familie Zschornack und schildert das Heranwachsen der Söhne Philipp und Tobias. Die Handlung beginnt im Jahr 2000 auf einer Baustelle, auf der gerade das neue Eigenheim der Zschornacks gebaut wird. Tobias ist ungefähr fünf Jahre alt, Philipp geht bereits in die Grundschule, der Vater arbeitet als Elektriker, die Mutter als Krankenschwester. Diese Ausgangssituation wirkt eigentlich hoffnungsvoll, und doch schwingt bereits auf jeder Seite eine gewisse Trostlosigkeit mit, die sich durch den gesamten Roman zieht. Eine Trostlosigkeit, die auch die Kinder schon zu spüren und in sich aufzunehmen scheinen. Die stillgelegte und langsam verfallende Ziegelesse in der Nachbarschaft. Arbeiter mit Ausbildungen, die nichts mehr wert sind. Das abschätzige Gerede über die Sorben, deren Sprache man nicht versteht. Der Kollege des Vaters, dessen Frau allein in den Westen gezogen ist und über den sich das Gerücht hält, er wäre Stasi-Spitzel gewesen.

Die Coming-of-Age-Geschichte von Philipp und Tobias zieht sich in drei großen Zeitabschnitten bis ins Jahr 2015. Kindheit und Jugend werden in einer losen Abfolge vor allem kleinerer Ereignisse geschildert. Sie verlaufen weder besonders glücklich noch besonders unglücklich; es gibt steife Familienfeiern und Misserfolge in der Schule – so weit, so normal. Prägend scheint jedoch eine gewisse Sprachlosigkeit in der Familie zu sein, die sich durch alle Generationen zieht. Die Großeltern schweigen, die Eltern schweigen. Die Kinder schweigen irgendwann auch, nachdem ihre Fragen zu lange unbeantwortet geblieben sind. In der Familie Zschornack wird über den Alltag gesprochen, aber nicht über die Vergangenheit. Nicht über Gefühle, nicht über Perspektiven, nicht über Zukunftsträume. Letztere gibt es wohl gar nicht; die Eltern scheinen schon vor langer Zeit resigniert zu haben und diese Resignation unbewusst an beide Kinder weiterzugeben. Man fühlt sich klein, man macht sich klein. Für die Söhne funktioniert das irgendwann nicht mehr.

Rietzschel, 1994 in Ostsachsen geboren und damit ungefähr im gleichen Alter wie seine Protagonisten, macht in seinem Erstling Macht- und Mutlosigkeit greifbar. Beides scheint sich von einer Generation auf die andere zu übertragen. Einige Figuren begehren dagegen auf, was aber nicht bedeutet, dass sie sich aktiv um ein besseres Leben bemühen. Stattdessen reift der Wunsch, „Mit der Faust in die Welt schlagen“ zu wollen. Es wird plausibel dargestellt, wie manche Jugendliche ihr Ventil finden: sich zusammenrotten, Stärke durch Einschüchterung Schwächerer demonstrieren. Andere flüchten sich in Alkohol und Drogen, das Glück scheint es nur im verhassten Westen zu geben, wo die Gutmenschen leben, die man nicht kennt und auch nicht kennenlernen will. Die Wut wächst, wenn man sich ungeliebt und vergessen fühlt. Der Hass auf das Fremde ist endlich ein Gefühl, über das man reden kann; die Fremden sind Menschen, denen man sich endlich mal überlegen fühlt. Es liest sich bedrückend in seiner Nachvollziehbarkeit.

Ich habe in diesem Roman nach dem einen Punkt gesucht, der der Wendepunkt war – der, an dem die Dinge hätten anders verlaufen können, wenn vielleicht ein, zwei Parameter anders geartet gewesen wären. Ich konnte ihn nicht finden. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ lässt mich daher teils ratlos zurück. Und doch habe ich Einblicke in Denkweisen bekommen, die mir unbekannt waren, habe eine bessere Idee davon erhalten, was Trost-, Macht-, Mut- und Perspektivlosigkeit mit einem machen können. Lukas Rietschel hat einen Roman geschrieben, der nicht wertet, der keine Lösungen aufzeigt, der es dem Leser nicht leicht macht. Aber er klingt nach.

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53 Bibliotheken, 19 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

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NSA - Nationales Sicherheits-Amt

Andreas Eschbach
Fester Einband
Erschienen bei Bastei Lübbe, 28.09.2018
ISBN 9783785726259
Genre: Historische Romane

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148 Bibliotheken, 7 Leser, 2 Gruppen, 87 Rezensionen

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Ein unvergänglicher Sommer

Isabel Allende , Svenja Becker
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 13.08.2018
ISBN 9783518428306
Genre: Romane

Rezension:

Ich hatte noch nie zuvor ein Buch von Isabel Allende gelesen, aber die Ausgangssituation von „Ein unvergänglicher Sommer“ zog mich gleich in ihren Bann. Eine eiskalte Winternacht in New York bringt drei höchst unterschiedliche Personen zusammen: Den Universitätsprofessor Richard, seine chilenische Untermieterin Lucia und die Guatemaltekin Evelyn, die sich illegal in den USA aufhält. Eine der drei genannten Figuren hat im wahrsten Sinne des Wortes eine Leiche im Kofferraum, die diese neugebildete Schicksalsgemeinschaft notgedrungen zusammen loswerden will. Ein Roadtrip beginnt – kurz nach einem Jahrhundertschneesturm. Und wird das Leben von Richard, Lucia und Evelyn für immer verändern.

Anfangs war ich irritiert, dass mich die Autorin wiederholt aus diesem Roadtrip herausriss. Kapitelweise widmet sie sich immer wieder der Vergangenheit ihrer Protagonisten, die schließlich mehr Raum einnimmt als die eigentliche Geschichte in der Romangegenwart. Von dieser wird man als Leser schon sehr weit weggeführt, wenn man sich z.B. in Evelyns Kindheit vertieft. Sie wächst in extrem ärmlichen Verhältnissen bei ihrer Großmutter auf, einer starken und liebevollen Frau, doch als ihr ältester Bruder sich einer Gang anschließt, brechen sich entsetzliche Ereignisse Bahn. Evelyn als jüngste der drei Hauptfiguren hat schon so viel erlebt, dass es für einen eigenen Roman gereicht hätte und so ist es dann auch ein langer Weg, bis ihre Vergangenheit schließlich mit der Gegenwart zusammengeführt wird. Gleiches gilt für die anderen beiden Protagonisten: Auch ihr bewegtes Leben wird detailliert erzählt. Allende ist eine wahre Meisterin der Beschreibung menschlicher Schicksale, doch an manchen Stellen war mir die Häufung persönlicher Unglücksfälle dann doch zu viel und schien mir auch etwas übertrieben – der Verzicht auf ein, zwei Schicksalsschläge hätte dem Buch vielleicht noch besser getan. Stellenweise kam mir „Ein unvergänglicher Sommer“ überladen vor, aber das gab sich im letzten Buchdrittel, in dem sich alles federleicht zusammenfügt. Die Autorin versteht ihr Handwerk, auch die Sprache des Romans ist durchgängig schön und bei ihrer Schilderung der Romangegenwart hat sie sich außerdem noch einen feinen Humor erlaubt, der dem Buch immer wieder die Schwere nimmt. Allende schafft es, ihre Leser gleich in mehrere Welten zu entführen, die auch noch völlig unterschiedlich sind. Sie legt dabei ihren eigenen Spannungsbogen immer wieder brach, weswegen ich mich gelegentlich zum Weiterlesen aufraffen musste, doch insgesamt hat mir dieser vielschichtige und dramatische Roman gefallen.

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51 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 41 Rezensionen

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Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte

Rachel Khong , Tobias Schnettler
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2018
ISBN 9783462049725
Genre: Romane

Rezension:

„Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte“ erzählt genau das, was der Titel verspricht: Das Jahr im Leben der 30-jährigen Kalifornierin Ruth, in dem sie noch einmal zu Hause einzieht, und in dem ihr Vater schließlich versucht, auf ungewöhnliche Art und Weise ein Steak zuzubereiten. Grund dafür ist, dass er sich an die herkömmliche Zubereitungsart zumindest in diesem Moment nicht mehr erinnert. Ruths Vater, ein ca. 60 Jahre alter, erfolgreicher Geschichtsprofessor, ist an Alzheimer erkrankt. Als ihre Mutter Ruth an Weihnachten bittet, das nächste Jahr noch einmal zu Hause einzuziehen, hat die Tochter gerade den Boden unter den Füßen verloren; ihr Verlobter hat sie verlassen. Nach eigenem Empfinden sitzt sie im „Boot der Unverheirateten, Karrierelosen. Das eher eine Art Kanu ist.“ Sie braucht einen Neuanfang und kommt dem Wunsch ihrer Mutter nach. Das Jahr in ihrem Elternhaus beschreibt sie in knappen, tagebuchartigen Einträgen. Rachel Khongs Stil fand ich dabei sehr besonders: Sie lässt ihre Ruth fragmentarisch erzählen, in lakonischer Kürze teilt sie kleine Episoden aus ihrem Alltag mit. Sie beschreibt ihre Erlebnisse sachlich und kurz, viele Einträge umfassen maximal eine Seite. Und trotzdem schwingen Tragik, aber auch Komik, Trauer und Freude bei jeder Schilderung leise mit. Es geht dabei längst nicht nur um die Krankheit des Vaters, es geht um Familie, Liebe, Freundschaft, begangene Fehler und die Verarbeitung von unwiderruflich Vergangenem. Ihr reduzierter Stil hindert Rachel Khong in keinster Weise daran, ein ganzes Spektrum von Gefühlen auszudrücken, das hat mir sehr gefallen. Ruth ist keine ganz unsperrige Protagonistin, sie hat eine Reihe von mehr oder weniger liebenswerten Marotten, unter anderem sammelt sie Mandeln, die ungewöhnlich geformt sind und unnützes Wissen. Sie hat einen ungewöhnlichen Blick auf die Dinge: „Ich sah mir das Steak an und stellte fest, wie wunderbar du es angebraten hattest. Ich briet die andere Seite in einer Pfanne und dann salzten und aßen wir es.“

Auch wenn sie – wie sämtliche Romangeschehnisse – nicht detailliert beschrieben werden, schimmern die schweren Momente durchaus durch. Doch Khong lässt ihre Ich-Erzählerin nie ihre Leichtigkeit verlieren. Und so liest sich auch dieser Roman zwar durchgängig leicht, berührt dabei aber trotzdem tief. Ein schönes Buch.

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60 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 29 Rezensionen

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Die Hochhausspringerin

Julia von Lucadou
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 23.07.2018
ISBN 9783446260399
Genre: Romane

Rezension:

Wie könnte sich unsere Welt irgendwann einmal entwickeln? Autorin Julia von Lucadou gibt auf diese Frage eine ziemlich düstere Antwort. Dabei leben die, die es geschafft haben, in ihrer Dystopie „Die Hochhausspringerin“ in einer funkelnden Stadt voller strahlender Wolkenkratzer. Ihr Leben ist perfekt durchorganisiert und hocheffizient geregelt. Die Erfolgreichen gehen den Jobs nach, für die sie am besten geeignet sind, treffen die potentiellen Beziehungspartner, die ein Algorithmus für sie auswählt und betreiben zur Entspannung ein eigens auf den Einzelnen zugeschnittenes Fitness- und Meditationsprogramm. Das Leben in der Stadt könnte leicht sein – wenn man sich nach den Wünschen des Systems optimiert steuern lässt. Gerade das aber verweigert Riva, eine seit ihrer Kindheit höchst erfolgreiche Hochhausspringerin, von einem Tag auf den anderen. Sie will ihrem Hochleistungssport – Sprünge von Wolkenkratzern im Flysuit, Performances von akrobatischen Figuren im freien Fall und Wiederaufschwingen in der letzten Millisekunde vor dem Aufprall – nicht weiter nachgehen und lässt sich auch von dem drohenden Verlust ihrer Privilegien nicht umstimmen. Die Wirtschaftspsychologin Hitomi wird auf Riva angesetzt und versucht, unter anderem durch lückenlose Videoüberwachung – die in dieser schönen neuen Welt quasi zum Standard gehört – die Motive der Sportlerin zu ergründen. Sie gerät dabei mehr und mehr unter Druck, denn was Riva in ihrer Lethargie nicht zu schrecken scheint – eine Ausweisung aus der Stadt und ein Leben in den Peripherien mit all denjenigen, die es (noch) nicht geschafft haben – ist für Hitomi ein absoluter Alptraum, der jedoch wahr zu werden droht, wenn sie ihren Auftrag, Riva wieder auf Spur zu setzen, nicht erfüllt.

„Die Hochhausspringerin“ handelt von diesen beiden unterschiedlichen Frauen. Ihre geschilderte, in allen Bereichen durchoptimierte Realität ist quasi Beiwerk, sie wird nicht groß vorgestellt, sondern eröffnet sich dem Leser nur nach und nach durch Randbemerkungen. Gerade das fand ich extrem gelungen; zwar ist das System dadurch nicht komplett durchschaubar, aber als Leser erfährt man genug, um die Geschichte nachzuvollziehen – und sich bei dem Gedanken, dass es wirklich mal so kommen könnte, gehörig zu gruseln. Braucht Hitomi ein paar freundliche Worte, ruft sie einen „Mutterbot“ an – eine Hotline, bei der eine Computerstimme auf Wunsch die liebevollen Reaktionen einer besorgten Mutter imitiert. Trifft sie einen potentiellen Partner, folgt danach die gegenseitige Bewertung im Internet. Kommt sie übermüdet zur Arbeit, ist ihr Chef schon über die Dauer und Erholsamkeit ihres Schlafes informiert. Lucadou hat einen absoluten Überwachungsstaat entworfen – zum Wohle der Gesellschaft und zum Besten des jeweiligen optimierten Individuums. Oder?

Die Dystopie bringt zum Nachdenken: Bringt Perfektion Glück? Wie wichtig ist die Freiheit des Einzelnen? Was macht ein gelungenes Leben aus? Ich fand dieses Gedankenexperiment hochspannend und habe die Entwicklung der Protagonisten gebannt verfolgt. Es bleibt die Frage, wie gut man selbst darin wäre, sich an ein derartig lückenlos optimiertes Leben und ein rein leistungsorientiertes System anzupassen. Und die Erkenntnis, dass das gar nicht in allen Bereichen so weit weg ist, wie man hoffen würde.

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32 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

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Als die Kirche den Fluss überquerte

Didi Drobna
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.08.2018
ISBN 9783492059206
Genre: Romane

Rezension:

„Als die Kirche den Fluss überquerte“ ist eine in zwei Teile zerfallende Familiengeschichte. Sie kreist um die beiden tiefen Einschnitte im Leben des Ich-Erzählers Daniel, die zusammenhanglos relativ dicht aufeinanderfolgen – oder besser gesagt: Der Ich-Erzähler selbst kreist um diese zwei Ereignisse und der Leser dreht sich gezwungenermaßen mit. Während der ersten Romanhälfte fühlte ich mich teils wie auf einem Karussell, aus dem es keinen Ausstieg gab, das änderte sich dann jedoch abrupt. Aber der Reihe nach.

Zu Beginn des Buches trennen sich Daniels Eltern, scheinbar aus heiterem Himmel, was ihn schwer trifft. Der Sohn hat immense Schwierigkeiten, mit der neuen Situation klarzukommen. Die Familie scheint sein einziger Lebensinhalt zu sein: Freunde spielen keine Rolle, auch Hobbys, eine Ausbildung oder ein Studium werden nicht erwähnt. Tatsächlich hat sich mir lange nicht erschlossen, was der Protagonist den lieben langen Tag macht, und das fand ich höchst erstaunlich, ist er doch bereits zu Beginn des Buches 20 Jahre alt. Diese Altersangabe konnte ich lange nicht mit seinem Denken und Fühlen in Einklang bringen. Nicht nur aus diesem Grund blieb mir Daniel über viele Kapitel fremd – doch das änderte sich in Folge des zweiten lebensverändernden Ereignisses, das der Hauptfigur widerfährt. Daniels Mutter Lieselotte erkrankt schwer und ohne Hoffnung auf Genesung und plötzlich wurde das Gefühlschaos des Protagonisten absolut nachvollziehbar dargestellt. Hatte ich vorher das Gefühl, dass die Autorin keinen komplett stimmigen Ton traf, fuhren mir Trauer, Verzweiflung, Angst und Wut plötzlich in einer unterwarteten Intensität unter die Haut. Sprachlich steht der erste Teil dem zweiten in nichts nach, aber die Schönheit von Didi Drobnas Formulierungen konnte ich erst komplett würdigen, als ich mich nicht mehr unwillkürlich fragte, was mit dem Ich-Erzähler bloß nicht stimmt.

Was beide Teile eint, sind die kapitelweise eingefügten Anekdoten aus Daniels Kindheit, in denen er sich an Ereignisse erinnert, die ihn und die ganze Familie geprägt haben. Passend zum Buchcover ging mir der Refrain eines Popsongs der Künstlerin Pink durch den Kopf: „In our family portrait we look pretty happy, we look pretty normal, let’s go back to that.“ Daniel sehnt sich nach einer unwiderruflich vergangenen Zeit, nach der vermeintlich heilen Welt seiner Kindheit. Seine Erinnerungen waren von Beginn an packend geschildert und halfen mir anfangs über die unreife Jammergestalt hinweg, die er in der Romangegenwart abgab. Überhaupt hat Autorin Drobna ein Händchen für die Schilderung von kuriosen, tragikomischen Geschichten so wie sie auch Emotionen sehr greifbar schildert. Bei der Schilderung dramatischster Krisen läuft sie zu Höchstform auf. „Als die Kirche den Fluss überquerte“ liest sich nicht einfach so weg, es hinterlässt Spuren. Am Ende war ich mit der Hauptfigur völlig versöhnt und kann mir überdies vorstellen, „Als die Kirche den Fluss überquerte“ irgendwann noch ein zweites Mal zu lesen. Es ist ein weises Buch über Familie, Beziehungen und Gefühle und nicht nur Daniel wächst an seinen schmerzhaften Erfahrungen, sondern nimmt die Leser des Romans auch in dieser Beziehung mit.

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98 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 66 Rezensionen

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Vier Tage in Kabul

Anna Tell , Ulla Ackermann
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 21.08.2018
ISBN 9783499273841
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Thriller, die von Geiselnahmen handeln, gibt es viele. Ihre Autoren sind jedoch in den seltensten Fällen Kriminalkommissare. Die schwedische Schriftstellerin Anna Tell ist eine dieser Ausnahmen; ihr Fachwissen macht „Vier Tage in Kabul“ besonders. Hauptfigur Amanda Lund arbeitet wie ihre Schöpferin als Kriminalkommissarin und Unterhändlerin. Die Protagonistin ist in Nordafghanistan, um eine internationale Einsatztruppe aufzubauen, als sie alarmierende Nachrichten erhält: In Kabul sind zwei schwedische Diplomaten entführt worden. Lund soll mit den Geiselnehmern verhandeln, um ihre Landsleute freizubekommen. Doch die erfahrene Unterhändlerin stößt nur auf Probleme: Die Geiselnehmer melden sich nicht, der schwedische Botschafter in Kabul verhält sich abweisend und unkooperativ. Ihr Vorgesetzter bekommt außerdem massiven Druck aus dem schwedischen Justizministerium, dessen Mitarbeiter zum Teil ganz eigene Ansichten haben, wie im Falle der Geiselnahme vorzugehen ist. Hat Lund so überhaupt eine Chance, die Geiseln freizubekommen?

Autorin Tell war laut der ihrem Thriller vorangestellten Kurzbiografie während ihrer 20-jährigen Karriere sowohl im Schweden als auch im Ausland im Einsatz. Wo genau, wird nicht spezifiziert, aber ihre Schilderungen von Afghanistan sind so glaubhaft und detailliert, dass es für mich schwer vorstellbar ist, dass sie das Land nicht selbst kennen könnte. Auch sonst zeigt ihre Detailtreue die Insiderin: Welcher Uniformteil drückt, wo was verstaut wird, das Prozedere bei Sicherheitskontrollen etc. – mit ihrer Protagonistin Lund hat sie keine Superheldin geschaffen, dafür aber einen höchst authentisch wirkenden Charakter. „Vier Tage in Kabul“ haben mich nicht in atemlose Spannung versetzt und oft genug fühlt sich auch die Hauptfigur zu untätigem Abwarten verdammt. Undurchsichtige Einmischungen aus der Politik frustrieren die Polizisten-Protagonisten und die Leser gleichermaßen. Doch das Ganze scheint so realistisch, dass mich der Thriller trotzdem gepackt hat. Tells Erzählweise trägt dazu bei: Verschiedene Ereignisse in Schweden und Afghanistan werden aus den Perspektiven verschiedener Protagonisten erzählt. Irgendwann fügt sich alles zusammen – zwar nicht mit einem großen Knall, aber doch zufriedenstellend. „Vier Tage in Kabul“ ist der erste Band einer um Unterhändlerin Amanda Lund geplanten Reihe und so ist es nicht verwunderlich, dass auch das Privatleben der Hauptfiguren angerissen wird – mehr jedoch nicht, was ich sehr wohltuend empfand; sowohl die Autorin als auch die Protagonisten stellen den eigentlichen Fall komplett in den Vordergrund. Ich kann mir gut vorstellen, von Amanda Lund bzw. Anna Tell noch mehr zu lesen.

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Kampfsterne

Alexa Hennig von Lange
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 20.08.2018
ISBN 9783832197742
Genre: Romane

Rezension:

Die Verlagsankündigung von „Kampfsterne“ beginnt wie folgt: „1985 – Es ist ein verrückter, heißer Sommer, in dem Boris Becker Wimbledon gewinnt, vier Passagierflugzeuge innerhalb eines Monats abstürzen, alle großen Rockstars bei Life Aid für das hungernde Afrika singen und in einer Siedlung am Rand der Stadt drei Familien zu zerbrechen drohen.“
Das Buch machte mich neugierig, weil ich mehr über den verrückten, heißen Sommer 1985 erfahren wollte – ich dachte, es könnte spannend sein, mit Hilfe dieses Romans in diese Zeit einzutauchen. Boris Becker und Life Aid werden allerdings nur sehr am Rande erwähnt und über den Absturz der vier Passagierflugzeuge habe ich eigentlich gar nichts gelesen. Stattdessen kreist das Buch allein um die erwähnten drei Familien, die von außen betrachtet alles haben: ein Eigenheim im Grünen, gesunde Kinder und genügend Geld, um deren Musikstunden zu bezahlen. Glückliches Bildungsbürgertum, könnte man meinen. Aber niemand ist glücklich, das weiß der Leser aus erster Hand, lernt er doch fast alle Figuren dank der „stream of consciousness“-Technik teils besser kennen, als ihm lieb ist. Selbst Lexchen (kurz für „Alexa“, also eine Namensvetterin der Autorin), mit ihren acht Jahren das jüngste erwähnte Kind, das sich alle Mühe gibt, Glück zu verbreiten, stößt schließlich an ihre Grenzen.

Die Verkorkstheit der übrigen Kinder und Teenager ließe sich größtenteils auf normale Eifersüchteleien und die Pubertät schieben, wären da nicht ihre Eltern: Ignorant. Einsam. Verkrampft. Schwach. Überspannt. Betrogen. Missverstanden. Größenwahnsinnig. Emanzipiert. Opfer. Täter. Allesamt verlorene Seelen. Fliegende Kampfsterne, zumindest einige von ihnen. Dankenswerterweise lässt Alexa Hennig von Lange ihren Lesern trotzdem die Hoffnung, dass die heranwachsende Generation etwas glücklicher, ehrlicher und aufrechter durchs Leben gehen wird als ihre Eltern. Und vielleicht besteht sogar noch mehr Hoffnung: Am Ende des Buches gibt es gleich mehrere große Knalle, die die bestehende Siedlungsordnung in ihren Grundfesten erschüttern. Vielleicht entsteht daraus tatsächlich etwas Gutes, wer weiß das schon – vermutlich nur die Autorin, denn das Buch endet so abrupt, dass mein erster Impuls war, den Verlag anzuschreiben und nachzufragen, ob es sein kann, dass die E-Book-Version unvollständig ist.

Wie haben mir die „Kampfsterne“ nun gefallen? Zunächst fand ich die Charaktere skurril. Dann war ich etwas enttäuscht, als ich realisierte, dass der Roman ausschließlich vom Siedlungs-Leben handelt – das restliche 1985 geht relativ spurlos an der Erzählung vorbei. Die Enttäuschung wich irgendwann der Erleichterung: Eine ganz eigene und durchaus auch eigenartige Stimmung zieht sich durch den Roman, und wenn das die Stimmung dieser Zeit auch nur ansatzweise widerspiegelt, sollte ich vielleicht froh sein, dass ich damals noch zu jung war, um sie mitzubekommen.
Tja, und dann – packte mich das Buch irgendwann doch noch. Nachdem die Protagonisten mehr als den halben Roman lang durch ihre festgefahrenen Leben dümpeln, wird ihre Welt immens durcheinandergeschüttelt. Wie sich schließlich etwas in Gang setzte, erst zögerlich, dann aber immer unaufhaltbarer – das faszinierte mich dann, denn es war richtig gut geschrieben. Und plötzlich konnte ich sogar mitfühlen. Das kam spät und war für mich um so erstaunlicher, aber jetzt sitze ich hier und bedaure, dass ich schreibe, statt noch zu lesen, dass das Buch einfach schon zu Ende ist, nachdem mir das Wohlergehen seiner schrägen Charaktere endlich am Herzen liegt. So kann’s gehen.

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216 Bibliotheken, 18 Leser, 0 Gruppen, 111 Rezensionen

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Vier.Zwei.Eins.

Erin Kelly , Susanne Goga-Klinkenberg
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei FISCHER Scherz, 22.08.2018
ISBN 9783651025714
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der auf den ersten Blick seltsame Zahlentitel dieses Romans wird im Untertitel erklärt: „Vier Menschen. Zwei Wahrheiten. Eine Lüge.“ Und tatsächlich fängt mit der schicksalhaften Begegnung von vier jungen Menschen Anfang 20 alles an: Das Pärchen Laura und Kit ist zu einem Festival nach Cornwall gereist, um dort die totale Sonnenfinsternis am 11. August 1999 zu erleben. Sonnenfinsternisse zu jagen ist Kits Hobby, er und sein Zwillingsbruder sind bereits als Kinder mit ihrem Vater quer um den Globus gereist um die spektakulären Phänomene mitzuerleben. Laura hingegen erlebt ihre erste Sonnenfinsternis und fühlt sich in ihren Grundfesten berührt. Trotz widriger Wetterbedingungen hätte es also ein wunderschöner Tag sein sollen – doch auf dem Rückweg von ihrem Aussichtspunkt wird Laura Zeugin einer Vergewaltigung. Zumindest wirkt es wie eine Vergewaltigung, obwohl der mutmaßliche Täter sofort behauptet, dass alles einvernehmlich sei. Da die Frau, Beth, das jedoch nicht bestätigt und auch sonst wie erstarrt wirkt, rufen Laura und Kit die Polizei. Die vier sehen sich im Mai 2000 vor Gericht wieder, als Zeugen, Angeklagter und Klägerin. Und das hätte eigentlich ihr letztes Aufeinandertreffen sein können, doch so ist es nicht …

Im März 2015 ist Laura schon lange mit Kit verheiratet und außerdem hochschwanger mit Zwillingen. Die beiden leben so anonym wie nur möglich in London, haben sogar ihren Nachnamen geändert. Der Grund: Die panische Angst vor Beth, die 15 Jahre zuvor als Opfer vor Gericht stand. Was ist nur passiert?

Genau diese Frage wird nach und nach geklärt. Dabei wechselt Autorin Erin Kelly zwischen zwei Zeitebenen. Kapitel, die die Geschehnisse rund um die Sonnenfinsternis 1999 und die Gerichtsverhandlung im darauffolgenden Jahr schildern, wechseln sich ab mit solchen, die erzählen, wie Kit 2015 einer weiteren Sonnenfinsternis hinterherjagt, während Laura in Sorge um ihn in London sitzt. Außerdem wechseln auch immer wieder die Perspektiven: Mal schildert Laura die Erlebnisse, mal Kit. Manchmal sind kombinierte Zeit- und Erzählerwechsel ja verwirrend, aber Autorin Kelly verwebt alles so geschickt, dass die ständigen Brüche fast unmerklich geschehen und den Lesefluss überhaupt nicht stören, sondern bereichern: Es baut sich immer größere Spannung auf. „Vier.Zwei.Eins.“ wird nicht als Thriller, sondern als Roman bezeichnet, doch Nervenkitzel ist durch die erstaunliche Vielzahl von unvorhersehbaren und dennoch glaubhaften Wendungen garantiert. Meisterhaft beschreibt Kelly, wie eine Lüge in eine Abwärtsspirale voller weiterer Unwahrheiten führen kann und es letztlich keinen Ausweg aus der eigenen Schuld mehr gibt. Immer wieder wurden Situationen geschildert, bei denen ich mich unwillkürlich fragte, wie ich an Stelle der Figuren gehandelt hätte. „Vier.Zwei.Eins.“ handelt von Licht und Schatten, doch schwarzweiß ist die Geschichte bei Weitem nicht.

Gegliedert ist dieses feine Erzählkonstrukt wie die fünf Phasen einer totalen Sonnenfinsternis: Erster Kontakt, Zweiter Kontakt, Totalität, Dritter Kontakt und Vierter Kontakt. Das ist nicht nur wegen Sonnenfinsternisjäger Kit wunderbar passend, sondern auch, weil es ebenfalls um Kontakte zwischen Menschen geht bzw. die Angst davor. Nicht nur die Sonne, sondern auch die Gemüter einiger Protagonisten scheinen sich im Laufe des Romans zu verdunkeln. Doch werden sie sich im Zuge des vierten Kontakts – der Mond verdeckt die Sonne nicht mehr – auch wieder lichten? Ich kann nur empfehlen, das selbst herauszufinden.

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81 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 54 Rezensionen

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Guten Morgen, Genosse Elefant

Christopher Wilson , Bernhard Robben
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.08.2018
ISBN 9783462050769
Genre: Romane

Rezension:

So nah wie in „Guten Morgen, Genosse Elefant“ kommt man Ich-Erzählern selten, dieser hier spricht einen sogar immer wieder an. Im Jahr der Romanhandlung, 1953, ist Juri Zipit zwölfeinhalb Jahre alt. Er ist ein äußerst ungewöhnlicher Zwölfjähriger, was nicht zuletzt daran liegt, dass er mit sechs Jahren von einem Milchwagen angefahren wurde und vor eine Straßenbahn fiel, die ihn dann noch überfuhr. Sein Gehirn hat dabei leichten Schaden genommen, unter anderem leidet der Protagonist an mit Furchtlosigkeit gepaarter Impulsivität und sagt eigentlich immer, was ihm gerade in den Sinn kommt – nicht die beste Überlebensstrategie im Russland der 1950er Jahre. Beim Unfall keinen Schaden genommen hat hingegen Juris Gesicht, dass anscheinend reine Herzenswärme ausstrahlt und andere Menschen dazu bringt, Juri ihre Geheimnisse anzuvertrauen – worauf dieser allerdings gut verzichten könnte.
Unser ungewöhnlicher Romanheld lebt im Moskauer Zoo, da sein Vater dort der Chefveterinär ist. Und als solcher wird der Tierarzt eines nachts zu Genossen Elefant gerufen – womit allerdings kein Dickhäuter im Zoo gemeint ist. Sein neuer Patient, den einer seiner Minister als elefantenähnlich, nämlich „überaus mächtig, sehr weise und auch sehr freundlich, falls er nicht gerade sehr wütend wird“ beschreibt, entpuppt sich als Stalin höchstpersönlich. Der Diktator hat gerade einen leichten Schlaganfall hinter sich, will davon aber nichts hören. Juris Vater fällt durch seine Diagnose sogleich in Ungnade – aber Juri, mit seinem Engelsgesicht, wird als neuester Vorkoster des „Gärtners des menschlichen Glücks“ auserwählt. Der sogenannte Stählerne leidet nämlich unter der Angst, vergiftet zu werden – und diese ist nicht unberechtigt, hoffen doch eine Menge Menschen auf das Ableben des „Architekten der Freude“ ...

Was ist „Guten Morgen, Genosse Elefant“ nun für ein Buch? Komödie, Satire? Ein historischer Roman? Ein Schlüsselroman? Von allem etwas, würde ich sagen. Juri versichert seinen Lesern: „Das was ich erzähle, ist alles wahr. Absolut, komplett, total wahr. Fast. Bis auf die paar Kleinigkeiten, die ich ändere. Ändern muss. Aber nur, was Zeiten angeht. Orte, Namen und Ereignisse.“
Unser Erzähler nimmt sich also die größte schriftstellerische Freiheit überhaupt heraus – und doch reicht es, sich auf Wikipedia das Kapitel zu Stalins letzten Wochen durchzulesen um große Parallelen zu erkennen, Namen zu entschlüsseln etc.

Worin Autor Christopher Wilson allerdings das größte Geschick beweist, ist die Darstellung des Schrecklichen durch die Augen eines Kindes, dem Angst und Verzweiflung krankheitsbedingt fremd sind. Er lässt seinen Juri dessen Beobachtungen auf solch eine kurios-komische Art und Weise schildern, dass sich selbst das Furchtbarste erträglich lesen lässt. Und trotzdem bleibt klar, dass es das Furchtbarste ist, dass Juri in seiner Sonderstellung nur der Hofnarr ist, der das für jeden anderen Unerträgliche erträglich darstellt. Und so liest sich der Roman locker-flockig, ohne eine seichte Lektüre zu sein. Je mehr man über die stalinistische Ära weiß, desto mehr kann man dabei vermutlich rauslesen. „Guten Morgen, Genosse Elefant“ hat eine größere Tiefe, als der erste Blick enthüllt. Der enthaltene Humor ist quasi der Zucker im Kuchen, er macht die Bitternis des Ganzen durchgängig bittersüß.

Gerne hätte ich noch herausgefunden, wie Christopher Wilson auf die Idee kam, dieses Buch zu schreiben. Er scheint Engländer zu sein, hat die Psychologie des Humors ergründet und kreatives Schreiben unterrichtet. Vielleicht wollte er mit seinem Roman demonstrieren, wie Humor alles erträglicher gestalten kann. In jedem Fall hat er mit Juri einen Helden geschaffen, den seine Leser sofort ins Herz schließen und so schnell nicht wieder vergessen werden.

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Das weibliche Prinzip

Meg Wolitzer , Henning Ahrens
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 24.07.2018
ISBN 9783832198985
Genre: Romane

Rezension:

Anfangs hatte ich mit diesem Roman ein bisschen zu kämpfen. Alles an ihm schien sperrig: Der Beginn, die Charaktere, die Handlung. Autorin Meg Wolitzers Art, Dinge zu beschreiben, fand ich jedoch von Anfang an ansprechend – in „Das weibliche Prinzip“ gibt es weise Sätze wie „Beziehungen waren ein Luxus, den sich nur Menschen leisten konnten, die nicht in einer Krise steckten“. Oder: „Ich denke manchmal, dass Introvertierte, die sich beigebracht haben, extrovertiert zu sein, die effektivsten Menschen der Welt sind.“ Ich habe mir einige interessante Gedanken markiert, doch manchmal wirkte der Stil der Autorin auch etwas überladen auf mich.

Und dann sprang der Funke doch noch über. Rückblickend denke ich, dass das geschah, nachdem der größte Coming-of-Age-Teil überstanden war. Natürlich verhalten sich die Hauptfigur und ihre Freunde mit Anfang/Mitte 20 noch nicht ganz erwachsen, aber die Irrungen und Wirrungen, die Schulabschluss und Universitätsbeginn mit sich bringen, waren irgendwann überstanden – für sie und für mich.
„Das weibliche Prinzip“ handelt von der ehrgeizigen Greer Kadetsky, die zu Beginn des Buches ihr Studium am Ryland College beginnt, nachdem ihre Eltern ihre Anmeldung in Yale vermasselt haben. Während ihre Jugendliebe Cory nach Princeton geht und ihm die Welt von nun an zu Füßen zu liegen scheint, fühlt sich Greers neues Leben im Vergleich zunächst minderwertig an – zumindest für sie selbst. Doch sie findet bald Freunde am Ryland College und obwohl die Dichte an interessanten Abendveranstaltungen natürlich nicht mit der in Princeton mithalten kann, hört Greer an ihrer Hochschule einen Vortrag, der ihr Leben verändern wird: Den der Feministin Faith Frank. Diese Figur, die zu Beginn des Romans Mitte 60 ist, habe ich mir als eine Art Alice Schwarzer vorgestellt: bekannte Feministin und Bestsellerautorin mit eigener Zeitschrift, die ihre erfolgreichste Zeit bereits hinter sich hat. Im Roman ist Faith Frank immer noch eine Galionsfigur der Frauenbewegung, der man gerne zuhört, doch die Auflagenzahlen ihres Magazins „Bloomer“ sinken und andere Feministinnen mit radikaleren Ansichten erhalten inzwischen mehr Aufmerksamkeit als sie. Dennoch ist Faith Franks Vortrag für Greer eine Art Erweckungserlebnis, der ihr Leben nachhaltig prägt – nicht zuletzt, weil sie danach noch ein kurzes Gespräch mit der Rednerin führen kann und sich nach dem Studium bei „Bloomer“ bewirbt.

Greer wird nach und nach eine begeisterte Feministin und bleibt dabei eine glühende Bewunderin Faith Franks. Doch nach ihrem Abschluss am Ryland College, wenn der Leser sie durch die ersten Jahre ihres Arbeitslebens begleitet, muss die Hauptfigur entdecken, dass man zwar für das Wohl der Frauen im Allgemeinen kämpfen kann, das jedoch nicht bedeutet, dass man sich den eigenen Freundinnen immer loyal und fair gegenüber verhält. Was macht erfolgreicher – Kompromisslosigkeit oder Abwägen? Greer lernt, kämpft und muss sich schließlich selbst behaupten – und das regt zum Nachdenken an. Wichtige Nebenrollen spielen neben Faith Frank Greers Freundin Zee und Cory, der mit Princeton das große Los gezogen zu haben schien. Aber: „Er würde immer ein Mensch sein, der nicht weglief, sondern half“ – wieder so ein starker Wolitzer-Satz von der Art, wie sie in diesem Roman massenhaft zu finden sind. Schon für diese Art von Beschreibungen lohnt es sich, „Das weibliche Prinzip“ zu lesen.
Die Selbstfindung der Protagonisten mitzuerleben sowie kapitelweise auch mal hinter die Fassade von Faith Frank und anderen Figuren blicken zu können, riss mich nach dem ersten Buchdrittel doch mit. Die Charaktere in diesem komplexen Romankonstrukt sind außergewöhnlich vielschichtig. Autorin Meg Wolitzer macht es ihren Lesern nicht immer leicht, doch die Lektüre lohnt sich. „Das weibliche Prinzip“ bietet jede Menge gedankliche Anregungen, nicht nur über Bedeutung und Entwicklung des Feminismus in der heutigen Zeit, sondern auch darüber, was wirklich wichtig im Leben ist.

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Mädchen, Mädchen, tot bist du

Mel Wallis de Vries
Fester Einband
Erschienen bei ONE, 29.06.2018
ISBN 9783846600757
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Leila ist tot. Die Sechzehnjährige baumelt erhängt von einem Dachbalken in ihrem Zimmer. Selbstmord, so scheint es. Doch direkt auf den ersten Seiten meldet sich ein namenloser Erzähler zu Wort, der den Leser informiert: Es war Mord. Und es wird nicht der letzte bleiben … Nach Leilas Tod begleitet der Leser nacheinander drei weitere blonde, sechzehnjährige Mädchen durch diesen Jugendthriller. Sie alle haben Stress mit ihren Eltern, zicken sich mal mit ihren Freundinnen an, gehen in die Schule, zum Hockeytraining und auf Partys – typische Teenager halt. Wer will ihnen Böses? Und warum? Auch wenn sich dieser Jugendthriller rasant weglesen lässt, tappt man als Leser doch lange im Dunkeln. Genau wie die Protagonistinnen, die in anonymen Briefen bedroht und vorgewarnt werden, sich darauf jedoch keinen Reim machen können.

Anfangs störte mich, dass die einzelnen Mädchen recht rasch abgehandelt werden. Da sie alle Ich-Erzählerinnen sind, kommt man ihnen zwar kurz nahe, aber bevor man sich einen wirklichen Eindruck machen kann, wechselt Autorin Mel Wallis de Vries auch schon zur nächsten Figur. Da die Mädchen kaum miteinander zu tun haben, entstehen so harte Brüche. Im letzten Buchdrittel führt die Autorin jedoch schwungvoll und gekonnt alle Informationen zu einem Gesamtbild zusammen, auf das ich als Leserin nie gekommen wäre – und gerade das macht ja einen guten Thriller aus. Außerdem gefiel mir, dass fast keine der Figuren schwarzweiß ist – nur gut, nur böse. Die Autorin zeigt Jugendliche in der Selbstfindungsphase mit Ecken und Kanten, mal grausam gedankenlos, mal noch recht kindlich. Die Themen, die sie anschneidet, dürfte jeder von seinem eigenen Heranwachsen kennen: Beliebtheit, Mobbing, Erfolge und Misserfolge im Schulsport, der Wunsch, nur mit den richtigen Leuten gesehen zu werden, der Wunsch nach Anerkennung und Zuneigung. Ein spannendes, stellenweise gruseliges Jugendbuch, das ich mir bis zur Mitte allerdings etwas ausführlicher gewünscht hätte.

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31 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

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Nichts ist verziehen

Ninni Schulman , Susanne Dahmann
Flexibler Einband: 440 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 27.07.2018
ISBN 9783404176977
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dies ist schon der dritte „Schwedenkrimi“ um die Journalistin Magdalena Hansson. Ich habe die beiden Vorgänger nicht gelesen und konnte mir vermutlich deswegen auf manches keinen Reim machen. Die Hauptfigur blieb mir in ihrem Denken und Handeln zum Teil fremd, wenn ich sie aus früheren Büchern besser gekannt hätte, wäre dies vielleicht nicht der Fall gewesen.

Die Krimihandlung ist schnell angerissen: Besagte Magdalena geht lustlos zu ihrem 25-jährigen Abitreffen, das als Wiederholung eines legendären Übernachtungswochenendes während der Schulzeit in der Hütte eines ehemaligen Lehrers stattfindet, abgeschieden im Wald, in der Nähe eines Sees. Es sind ungefähr 15 der ehemaligen Mitschüler gekommen und nach der ersten Wiedersehensfreude zeigt sich, dass sich durchaus nicht alle sympathisch sind und es einige ungute Erinnerungen an die gemeinsame Schulzeit gibt. Der Abend schreitet fort, und schließlich wird eine Leiche gefunden. Und das ist erst der Anfang …

Autorin Ninni Schulman führt zu Beginn des Buches viele Figuren auf wenigen Seiten ein. Ein Klassentreffen mit 15 Leuten kam mir zunächst überschaubar vor, wenn aber erst mal alle Beteiligten mehr oder weniger ausführlich vorgestellt werden, ist es das nicht mehr. Tatsächlich wäre eine dem Krimi vorangestellte Übersicht der Protagonisten wohl hilfreich gewesen. Denn es hört nicht etwas bei den ehemaligen Klassenkameraden auf – auch Magdalenas Privatleben sowie das der im Mordfall ermittelnden Polizeibeamten spielt eine größere Rolle und so kommen neben ihnen noch deren Lebenspartner, Kinder, Kollegen etc. vor. Das hat das Ganze für mich doch sehr überladen – musste der unerfüllte Kinderwunsch der Frau des Polizeibeamten, dessen Schwester zufällig an dem Klassentreffen teilnahm, tatsächlich eine größere Rolle spielen? Und war dieser Zufall überhaupt nötig? Ich denke, dass der Verzicht auf einige Nebenschauplätze dem Krimi gutgetan und ihn etwas gestrafft hätte.

„Nichts ist verziehen“ ist stellenweise durchaus spannend. Allerdings steht und fällt ein Krimi für mich auch mit der Auflösung, und von dieser war ich dann doch enttäuscht. So kompliziert das Personengefüge aufgebaut wurde, so einfach hat es sich die Autorin meinem Empfinden nach am Ende gemacht. Und so werde ich die anderen Fälle um Journalistin Magdalena wohl nicht mehr lesen, auch wenn mich dieser zwischenzeitlich durchaus gefesselt hat.

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113 Bibliotheken, 1 Leser, 3 Gruppen, 83 Rezensionen

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Eine Liebe, in Gedanken

Kristine Bilkau
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 12.03.2018
ISBN 9783630875187
Genre: Romane

Rezension:

Eine Tochter räumt nach dem Tod ihrer verstorbenen Mutter deren Wohnung aus. Die namenlose Erzählerin findet alte Briefe und Fotos und verliert sich in Gedanken an das Leben der ruhelosen Antonia. Diese hatte mit Anfang 20 – lange vor der Geburt der Tochter – ihre große Liebe in Edgar gefunden. Die Erzählerin trägt zusammen, was sie über die Liebesgeschichte von Antonia und Edgar weiß. Und so erstehen die 1960er Jahre in „Eine Liebe, in Gedanken“ noch einmal auf. Antonia wächst einem dabei schnell ans Herz, diese beherzte, freiheitsliebende junge Frau, die gleichzeitig bereit ist, sich voll und ganz den Bedürfnissen ihres Edgars unterzuordnen. Gerade weil sie sich für eine traditionelle Versorgungsehe zu modern fühlt, stellt sie keine Forderungen an ihren Liebsten. Doch was will, was plant der grüblerische, vorsichtige Edgar eigentlich?

„Eine Liebe, in Gedanken“ war für mich anders als erwartet. Die Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Antonia und der Erzählerin wird eher indirekt beleuchtet, im Zentrum steht Antonias Liebe zu Edgar. Nacherzählt wird die Liebesgeschichte zwar von der Tochter, die hier jedoch fast als allwissende Erzählerin auftritt, bis sie gegen Ende des Buches wieder aus dem Schatten der Geschichte ihrer Mutter heraustritt. Und eigene Erfahrungen macht, die wie ein Nachhall erscheinen. So ermöglicht sie sich selbst wie dem Leser ein größeres Verständnis für Antonias Geschichte, ein größeres Verständnis vielleicht auch für Antonia. Es scheint fast, als würde die Erzählerin sich nach dem Tod der Mutter mehr auf deren Wünsche und Sehnsüchte einlassen können als zu ihren Lebzeiten. Dieser melancholische Roman nimmt damit ein versöhnliches Ende.

Hervorzuheben ist Bilkaus behutsame Sprache, mit der sie vorsichtig-zurückhaltend Gedanken, Gefühle und Erinnerungen schildert. Dabei sitzt jedes Wort. Der Roman kommt ohne Längen aus, erzählt, was nötig ist, mehr aber auch nicht. Ich habe den knappen Stil der Autorin als besonders berührend empfunden, er lässt genug Spielraum, um ihren präzisen Formulierungen nachzuschmecken. Die geschilderte Zeit war mir fremd, wurde mir aber nach und nach sehr nahegebracht. Am Ende dieser leisen Geschichte konnte ich wie die Erzählerin meinen Frieden mit ihr machen. Ein intensives Leseerlebnis und ein Roman, der seine Leser auch fordert: „Eine Liebe, in Gedanken“ ist zwar kein dickes Buch, aber trotzdem auch keins, das sich einfach so wegliest. Man braucht etwas Zeit sowie die Bereitschaft, sich stimmungsmäßig voll und ganz darauf einzulassen. Und muss am Ende aushalten, dass sich nicht alles zufriedenstellend aufklären lässt – wie im richtigen Leben. Vermutlich bleibt „Eine Liebe, in Gedanken“ gerade deswegen im Gedächtnis.

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Ein Himmel voller Bücher

Amy Meyerson
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 04.06.2018
ISBN 9783959671620
Genre: Romane

Rezension:

Die 28-jährige Miranda Brooks scheint eigentlich zufrieden. Sie ist Geschichtslehrerin, unterrichtet Achtklässler in Philadelphia und ist mit ihrem Kollegen Jay liiert. Ihr Leben verläuft in ruhigen Bahnen, bis sie erst eine anonyme Büchersendung erhält und kurz darauf vom Tod ihres Onkels Billy erfährt, zu dem ihre Familie seit 16 Jahren keinerlei Kontakt mehr hatte. Dennoch beschließt Miranda, zu seiner Beerdigung heim nach Los Angeles zu fliegen. Und macht zwei Entdeckungen: Ihr Onkel hat ihr seinen kleinen Buchladen Prospero Books vermacht. Und: Die anonyme Büchersendung war von ihm – er lädt sie auf eine letzte Schnitzeljagd ein, ähnlich denen, die er sich für Miranda ausgedacht hat, als sie noch ein Kind war. Zunächst weiß Miranda weder mit der Buchhandlung noch mit dem ersten literarischen Hinweis der Schnitzeljagd viel anzufangen. Doch dann lässt sie sich auf das Abenteuer ein – nicht ahnend, dass es ihr Leben gehörig durcheinanderwirbeln und für immer verändern wird.

Den Titel „Ein Himmel voller Bücher“ habe ich als ziemlich kitschig empfunden, der Inhalt ist es dagegen nicht. Im Zentrum des Romans steht die bibliophile Schnitzeljagd, bei der auch die Leser miträtseln können, wenn sie sich denn mit klassischer englischer Literatur auskennen. Gleichzeitig ist „Ein Himmel voller Bücher“ eine Familiengeschichte, mal dramatisch, mal mysteriös, mal herzzerreißend. Sie hat mich nicht mehr losgelassen, obwohl ich das Handeln und Fühlen der Hauptfiguren längst nicht immer nachvollziehen konnte und es außerdem einige Längen zu überstehen galt. Leichte Kürzungen hätten dieser Geschichte gutgetan, stattdessen geht es am Ende plötzlich hopplahopp, weswegen die Erzählweise etwas unausgewogen auf mich wirkte. Dennoch habe ich mitgefühlt und mitgerätselt und den wunderschön beschriebenen Buchladen Prospero Books konnte ich richtiggehend vor mir sehen. Trotz einer gehörigen Prise Drama war es alles in allem doch ein Wohlfühlbuch über zwischenmenschliche Beziehungen aller Art und vor allem viele lesenswerte Bücher.

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77 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 58 Rezensionen

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Häuser aus Sand

Hala Alyan , Michaela Grabinger
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 18.06.2018
ISBN 9783832198558
Genre: Romane

Rezension:

In „Häuser aus Sand“ begleitet der Leser Palästinenserin Alia durch fünf Jahrzehnte: 1963 steht sie kurz vor ihrer Hochzeit mit ihrer Jugendliebe Atef, 2014 ist sie eine alte Frau, die ein ruheloses Leben hinter sich hat. Alia hat ihre frühe Kindheit in Jaffa verbracht, in Nablus die Zeit bis zu ihrem ersten Ehejahr, ihre Kinder sind in Kuweit zur Welt gekommen und als diese aus dem Haus waren, ist sie nach Amman gezogen. Alle Umzüge eint, dass diese nicht freiwillig geschahen, sondern aus Flucht oder Vertreibung resultierten. Und so scheint Alia immer nur in vergänglichen „Häusern aus Sand“ gewohnt zu haben – eine Beduinin wider Willen. Auch wenn sie sich nirgends mehr so heimisch fühlte wie in Nablus, ist ihr Leben erfüllt. Der Leser erlebt es auszugsweise mit – mal aus Alias Sicht, mal aus der verschiedener Familienmitglieder. Mit jedem neuen Kapitel wechselt die Perspektive, gleichzeitig gibt es einen Zeitsprung, mal um ein Jahr, mal um zehn. So entfaltet sich nach und nach eine komplexe Familiengeschichte, in der geliebt, gestritten und getrauert wird. Kinder werden erwachsen, Menschen kommen sich näher und entfernen sich voneinander, hadern oder schließen Frieden mit sich selbst. Autorin Alyan hat ein kunstvolles Gefüge geschaffen und macht das Leben der Familie Yacoub quasi im Zeitraffer erfahrbar. Vor meinem inneren Auge entstanden dabei Bilder von Orten, die ich bislang höchstens aus den Nachrichten kannte. Nun rieche ich beim Gedanken an Jaffa schon fast den Duft sonnengereifter Orangen und kann mir die sengende Hitze in Kuweit so ansatzweise vorstellen wie das quirlige Großstadtleben in Beirut.

Auch wenn Alia und ihre Familie immer wieder umziehen müssen, handelt „Häuser aus Sand“ längst nicht nur von räumlichen Veränderungen. Es geht auch um Generationskonflikte, den Bruch mit Traditionen und die Rückbesinnung auf Werte. Schon Alias Kinder entwickeln sich so unterschiedlich, dass sie selbst nur staunen kann. Der Verlust von Traditionen, Ritualen und auch Bindungen scheint durch die häufigen Ortswechsel begünstigt. Doch auch wenn die einzelnen Familienmitglieder zum Teil über tausende Kilometer verstreut voneinander leben, wenn sie im Alltag kaum mehr arabisch sprechen und ihr gegenwärtiges Leben keinerlei Rückschlüsse auf ihre eigentlichen Wurzeln mehr zulässt, muss das laut Alyan nicht den kompletten Heimatverlust bedeuten. Denn Heimat ist nicht zwangsweise an einen Ort gebunden, auch Familie kann Heimat sein, so unähnlich sich ihre Mitglieder auch sein mögen. So der Tenor von „Häuser aus Sand“ - und das ist nur einer der tröstlichen Gedanken, die ich aus diesem sprachlich schönen und inhaltlich nachdenklich machenden Roman mitgenommen habe.

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30 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

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Frauen, die Bärbel heißen

Marie Reiners
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei FISCHER Scherz, 08.03.2018
ISBN 9783651025233
Genre: Humor

Rezension:

„Frauen, die Bärbel heißen“ – mit denen hat Drehbuchautorin Marie Reiners schon Erfahrung, ist sie doch Schöpferin der großartigen Krimiserie „Mord mit Aussicht“, in der es ebenfalls eine Bärbel gibt. Diese hat allerdings wenig Ähnlichkeiten mit der Hauptfigur in Reiners erstem Roman: Die 54-jährige Bärbel Böttcher ist eine arbeitslose Tierpräparatorin, die mit ihrer Hündin Frieda sehr zurückgezogen lebt und damit durchaus zufrieden ist. Als sie beim Gassigehen eine Leiche findet, wird ihr Leben jedoch gehörig durcheinandergewirbelt – die Polizei befragt sie, ein Reporter lauert ihr auf und schließlich steht auch noch die Ehefrau des Opfers vor ihrer Tür und greift zu ziemlich rabiaten Methoden, als Bärbel sie abzuwimmeln versucht. Dabei möchte Bärbel doch einfach nur Tartar essen und Shoppingsendungen gucken. Doch wie heißt es schon bei Schiller: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Wobei Bärbels Nachbar nicht das Problem ist – auch wenn er sie im weiteren Verlauf des Buches als „sonderbar“, „psychisch gestört“ und „unheimlich“ beschreibt. Und Eigenbrötlerin Bärbel ganz und gar nicht zu den Frömmsten gezählt werden kann, aber immerhin nach dem Motto „leben und leben lassen“ zu handeln versucht – vor allem aus Eigeninteresse, sie will schließlich einfach nur ihre Ruhe.

Als Dermoplastikern hat Hauptfigur Bärbel – wie auch ihre Hündin Frieda – keine Scheu vor Körperflüssigkeiten jeglicher Art und ist auch wenig zimperlich. Die Ich-Erzählerin hat mich immer wieder überrascht – positiv, den kompletten Roman hindurch jagt ein unvorhersehbares Ereignis das nächste, und zwar auf herrlich schräge Art und Weise. „Frauen, die Bärbel heißen“ ist ein bisschen Krimi, ein bisschen Charakterstudie und vor allem skurril. Trotzdem ist es Reiners gelungen, ihre Romanhandlung irgendwie gar nicht so abwegig erscheinen zu lassen. Ein paar schöne Seitenhiebe gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen, mit dem die Autorin langjährige Erfahrungen hat, gibt’s obendrauf. Ich habe mich bei der Lektüre fortlaufend amüsiert und Bärbel am Ende nur ungern ziehen lassen. Allerdings hoffe ich auf eine Fortsetzung, denn die Geschichte scheint mir noch lange nicht auserzählt – eigentlich fängt sie gerade erst so richtig an. „Frauen, die Bärbel heißen“ sind offensichtlich immer für Überraschungen gut!

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240 Bibliotheken, 8 Leser, 1 Gruppe, 108 Rezensionen

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Das Mädchen, das in der Metro las

Christine Féret-Fleury , Sylvia Spatz
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 30.08.2018
ISBN 9783832198862
Genre: Romane

Rezension:

Das wunderschöne Cover dieses Buches hat mich gleich angesprochen. Es zeigt Bücher über Bücher und illustriert den Romaninhalt damit ganz wunderbar. „Das Mädchen, das in der Metro las“ ist Protagonistin Juliette. Sie liest vor allem morgens und abends, auf dem Hin- und Rückweg zu ihrer sie langweilenden Arbeit in einem Maklerbüro. Außerdem beobachtet sie die anderen pendelnden Leser und ihre Bücher und macht einige skurrile Beobachtungen. Insgesamt führt sie ein ruhiges, ereignisloses Leben – ein Leben, wie es sich ihre Mutter immer für sie gewünscht hat: ohne größere Probleme, Sorgen, Aufregungen. Dass es zu einer radikalen Veränderung ihres Lebens führt, als sie einmal spontan beschließt, ein paar Stationen früher aus der Metro auszusteigen und einen kleinen Spaziergang zu machen, ist dann auch am wenigsten für Juliette selbst abzusehen. Doch als sie den Antiquariats-ähnlichen Laden „Bücher ohne Grenzen“ bemerkt und betritt, kommen Ereignisse ins Rollen, die Hauptfigur und Leser gleichermaßen überraschen.

Ich möchte diese Ereignisse nicht vorwegnehmen – bei einem nur 174 Seiten umfassenden Buch ist sonst schnell der halbe Roman erzählt. Nur so viel: Es geht immer wieder um Bücher, Autorin Christine Féret-Fleury betreibt ein richtiggehendes Literatur-Namedropping. Immer wieder wird thematisiert, dass das richtige Buch zur richtigen Zeit durchaus etwas bewirken und ein Leben verändern kann. Trotz aller Bibliophilie bleibt jedoch nicht unerwähnt, dass Lesen kein Ersatz für leben ist – Bücher können ein Leben bereichern, aber wer über das Lesen sein Leben vergisst, verpasst ebenfalls etwas. Protagonistin Juliette erfährt all das am eigenen Leib. Die Häufung dieser Ereignisse gerade gegen Romanende hat mich dabei sehr überrascht; ich bin mir immer noch nicht ganz klar darüber, was ich nun eigentlich davon halte. „Das Mädchen, das in der Metro las“ hat stellenweise etwas Zauberhaftes, das mich an „Die fabelhafte Welt der Amélie“ erinnerte. Andere Elemente wollten nicht so recht zu dieser märchenhaften Stimmung passen, wie der Leser wird auch „Das Mädchen, das in der Metro las“ schmerzhaft in die Realität zurückgeholt. Und das Romanende ist eigentlich wieder ein Anfang, dem dann auch noch eine Bücherliste folgt, die schon ein halber Klassikerkanon ist. Puh!

Der träumerische Grundton zu Beginn des Buches verliert sich über die Langstrecke zwar, aber dass am Ende dann alles so schnell ging – so ganz kam ich da doch nicht mit. Vielleicht wollte Autorin Féret-Fleury hier zu viel auf zu wenig Seiten erreichen. Die Autorin hat lange als Verlagslektorin gearbeitet und bringt ihre Liebe zu Büchern auf vielfache Weise zum Ausdruck, aber ihrer eigentlichen Handlung hätte sie für meinen Geschmack mehr Seiten einräumen sollen.

Was bleibt, ist das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben. „Das Mädchen, das in der Metro las“ ist kein schlechtes Buch, scheint aber inhaltlich nicht komplett ausgegoren. Eine gelungene Hommage an die Literatur, aber als Roman nicht komplett überzeugend. Vielleicht hätte mich das wunderschöne Cover doch vorwarnen sollen?

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40 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

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Der rote Swimmingpool

Natalie Buchholz
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 14.05.2018
ISBN 9783446259096
Genre: Romane

Rezension:

„Der rote Swimmingpool“ ist ein sommerlich leichter Coming-of-Age-Roman, in dem der Leser Hauptfigur Adam durch Höhen und Tiefen begleitet. Dabei gibt es zwei parallele Handlungsstränge; Vergangenheit – hauptsächlich die Monate vor Adams 18. Geburtstag – und Gegenwart – irgendwann im Laufe seines 19. Lebensjahres – wechseln sich kapitelweise ab. Adams Erwachsenwerden und Selbstfindung sind ein holpriger Prozess, nachhaltig gestört von der für ihn aus heiterem Himmel kommenden Trennung seiner Eltern, die doch immer ein Vorzeigepaar gewesen waren: Seine Mutter eine extravagante Französin, sein Vater ein erfolgreicher Unternehmensberater, der seiner Frau einen rotgekachelten Swimmingpool in den Garten bauen ließ, nachdem sie die französische Küste so vermisste. Doch plötzlich ist alles vorbei, Adam versteht die Welt nicht mehr und niemand will sie ihm erklären.
Während das Unheil in der Vergangenheit seinen Lauf nimmt, gibt es für Adam in der Romangegenwart Hoffnung: Er lernt Tina kennen und scheint sich zum ersten Mal zu verlieben. Dumm nur, dass sein bester Freund Tom ebenfalls ein Auge auf sie geworfen hat …

Autorin Natalie Buchholz hat die Geschichte geschickt konstruiert. Die beiden Handlungsstränge gleichen sich zeitlich immer mehr an, bis der Leser schließlich erfährt, welche Ereignisse der Vergangenheit zur Gegenwart geführt haben. Das ist gut gemacht und steigert die Spannung in diesem Roman, in dem ab und an auch die Zeit stillzustehen scheint: Wenn die Mutter ihre Bahnen durch den Pool zieht oder Adam mit seinen Freunden am See abhängt, kann man die Atmosphäre eines wolkenlosen, trägen Sommertages, an dem niemand etwas von einem will, quasi mit Händen greifen. Adam wächst dem Leser ans Herz, seine inneren Kämpfe sind nachvollziehbar, man leidet fast mit. Etwas blass bleiben dagegen seine Eltern, die für Adams Verwirrung und Orientierungslosigkeit verantwortlich sind. Aber auch das ist gut dargestellt: Anfangs noch die Helden seiner Kindheit, gelangt Adam schließlich zur Erkenntnis, dass seine Eltern auch nur Menschen sind – und dabei vielleicht sogar besonders fehlbare Exemplare.

Ich habe „Der rote Swimmingpool“ gerne gelesen. Dabei brauchte ich ein paar Kapitel, um wirklich in die Geschichte mit ihren beiden Zeitsträngen hineinzufinden, aber danach konnte ich das Buch kaum mehr aus der Hand legen. Eine leichte, aber doch anrührende und nachdenklich machende Lektüre – ob nun an einem heißen Sommertag an einem roten Swimmingpool gelesen oder nicht.

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63 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 40 Rezensionen

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Die Lichter unter uns

Verena Carl
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 25.04.2018
ISBN 9783103973631
Genre: Romane

Rezension:

Was für ein stimmungsvolles Buchcover mit seinen Blau- und Weißtönen. Obwohl die abgebildete Frauenfigur nur von hinten zu sehen ist, lässt sich bestens vorstellen, dass sie sehnsüchtig aufs Meer schaut. Und sehnsüchtig ist auch Hauptfigur Anna. Ihre zweite (und letzte) Urlaubswoche auf Sizilien ist bereits angebrochen. Ihr Mann Jo und sie waren hier vor Jahren in den Flitterwochen in der vornehmen Villa Mare. Inzwischen haben sie zwei Kinder, den sechsjährigen Bruno und die elfjährige Judith und an einen Urlaub in dem Nobelhotel ist nicht mehr zu denken, die gebuchte, günstige Ferienwohnung jedoch nur ein schaler Ersatz. Und auch Flitterwochengefühle stellen sich nicht ein, das Paar scheint sich auseinandergelebt und nicht mehr viel zu sagen zu haben. Anna funktioniert als Mutter, wirkt jedoch abwesend und hängt meist ihren trüben Gedanken nach. Bis sie eines Abends Alexander beobachtet und es zu einem kurzen Blickkontakt zwischen ihnen kommt. Alexander, Anfang 50, gepflegt, erfolgreich, wohlhabend, auf der Sonnenseite des Lebens und im Urlaub mit seinem studierenden Sohn aus erster Ehe und seiner jungen, schwangeren Frau. Zumindest ist das die Fassade, die Anna sieht – und die sie anzieht. Ist sein Leben nicht viel attraktiver als ihres – bzw. wäre ihr Leben nicht viel attraktiver, wenn es an seiner Seite stattfände?

Der Romanbeginn ist in erster Linie aus Annas Perspektive geschildert und wirkt durch ihre Unzufriedenheit schnell deprimierend. Doch Autorin Carl lässt ihre Leser bald auch hinter die Fassade von Erfolgsmensch Alexander blicken. Nach und nach werden die anderen erwachsen Figuren ebenfalls zu Erzählern und es zeigt sich, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Die Kirschen in Nachbars Garten sind süßer – zumindest ist das die Vorstellung auf der eigenen Seite des Zauns. Über der ganzen Szenerie hängt ein Hauch von Vergänglichkeit, Herbst, Verwesung: Urlaub und Feriensaison gehen gleichermaßen zu Ende – und vielleicht auch Annas Ehe?

Carl formuliert sprachlich schöne Sätze, sie findet stimmige Metaphern für ihren von Molltönen durchzogenen Roman. Gekonnt lässt sie ihren Lesern einen gewissen Interpretationsspielraum, ohne dass diese komplett im Trüben fischen – das fand ich bei der Lektüre sehr angenehm und anregend. Dennoch brauchte ich eine Weile, um mich auf die Geschichte einzulassen. Es fällt nicht leicht, mit Anna warm zu werden, einer gestandenen Frau, die sich wie ein junges Mädchen einer gedanklichen Schwärmerei ergibt und für die das Familienleben oft nur noch eine Pflichtübung zu sein scheint. Auch die anderen Figuren sind nicht unbedingt Sympathieträger. Doch ihre Geschichten sind komplexer angelegt, als es auf den ersten Blick scheint und so entwickelt sich der Roman und zieht den Leser langsam mit. Als ich schon nicht mehr damit gerechnet habe, hat mich dieses Buch doch noch berührt und schließlich nachdenklich zurückgelassen. Als Sommer- oder gar Urlaubslektüre möchte ich es nicht empfehlen, aber zum Herbst könnte es stimmungsmäßig gut passen.

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147 Bibliotheken, 3 Leser, 2 Gruppen, 68 Rezensionen

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Die Morde von Pye Hall

Anthony Horowitz , Lutz-W. Wolff
Fester Einband: 600 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 11.03.2018
ISBN 9783458177388
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

„Die Morde von Pye Hall“ haben mich gleich auf den ersten Seiten verblüfft. Ich-Erzählerin Susan Ryeland, Cheflektorin eines kleinen Londoner Buchverlags, beschreibt, wie sie es sich in ihrer schnuckeligen Eigentumswohnung für ein Lesewochenende gemütlich macht. Ihr Bestsellerautor Alan Conway hat gerade den achten Band seiner äußerst erfolgreichen Krimireihe abgegeben, sie freut sich auf die Lektüre. Und dann geht es quasi auch schon los – mit besagtem Manuskript. Irgendwie nahm ich an, Protagonistin Ryeland würde hineinlesen und dann schnell durch irgendein Ereignis bei ihrer Lektüre gestört werden, was mich als Leserin dann wieder in ihre Erzählgegenwart zurückkatapultiert hätte – aber weit gefehlt. Stattdessen bin ich selbst in Alan Conways neuen Krimi „Morde von Pye Hall“ versunken – über 300 Seiten lang ohne Unterbrechung!

Das Buch „Morde von Pye Hall“ im Buch „DIE Morde von Pye Hall“ (verwirrend, ich weiß) ist ein Cosy Crime um einen Hercule Poirot-ähnlichen Ermittler namens Atticus Pünd. Es spielt im Jahr 1955 und ist ein typischer Whodunnit. Vom Stil her erinnert „Morde von Pye Hall“ an Agatha Christie. Nachdem ich gerade noch das Leben einer Verlagslektorin im Jahr 2015 gedanklich begleitet hatte, brauchte ich ein paar Seiten, um in das stilistisch doch anders geartete Cosy Crime einzutauchen. Doch das machte zunehmend Spaß, bis es etwas abrupt endete und ich mich wieder im Leben von Susan Ryeland wiederfand. Diese wird wie der Leser aus ihrer Lektüre gerissen – das Manuskript ist nämlich unvollständig, die letzten Kapitel fehlen. Ein Missgeschick, denkt die Protagonistin, doch dann hört sie im Radio, dass ihr Bestsellerautor unerwartet verstorben ist. Sie begibt sich auf die Suche nach dem verschollenen Buchende, entdeckt jedoch nach und nach noch etwas ganz anderes …

„Die Morde von Pye Hall“ haben mir gleich doppeltes Lesevergnügen bereitet – kein Wunder, enthält das Buch doch zwei unterschiedlich geartete Krimis in einem. Durch die Buch-im-Buch-Thematik gibt es außerdem noch ein paar nette Einblicke in die Buchbranche. Insgesamt fand ich den einen Krimi von der Auflösung her gelungener als den anderen, aber das ist Kritik auf hohem Niveau – beide Geschichten sind spannend, verwickelt und zum Miträtseln. Dass der Autor Anthony Horowitz in einem Buch zwei komplett verschiedene Geschichten miteinander verquickt, die sich auch stilistisch unterscheiden, aber beide gleichermaßen glaubwürdig und intensiv erzählt sind, fand ich sehr raffiniert. Ein kunstvoll geschriebenes Buch – Experiment geglückt, Leser gefesselt! Auch das schick gestaltete Cover möchte ich noch erwähnen – optisch heben sich „Die Morde von Pye Hall“ ebenfalls von der Masse ab. Klare Empfehlung für alle Liebhaber klassischer Krimis und raffiniert verschachtelter Erzählungen.

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223 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 115 Rezensionen

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Kleine Feuer überall

Celeste Ng , Brigitte Jakobeit
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 20.04.2018
ISBN 9783423281560
Genre: Romane

Rezension:

Schon am Anfang von „Kleine Feuer überall“ löst sich buchstäblich alles in Rauch auf: Das Haus der wohlhabenden Familie Richardson im Clevelander Vorzeige-Vorort Shaker Heights brennt ab. Die drei älteren Kinder der Familie können nur tatenlos zusehen, während das jüngste, das den Brand mutmaßlich gelegt hat, verschwunden ist. Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen?
Nach dem fulminanten Einstieg in das Buch hatte ich, um im Bild zu bleiben, gleich Feuer gefangen. Doch dann lässt es Autorin Ng (sprich: Ing) langsam angehen und rollt die Geschichte von Anfang an auf, wobei sie sich als überaus geschickte Erzählerin erweist. „Kleine Feuer überall“ handelt von zwei Familien, den Richardsons und den Warrens. Letztere sind die alleinerziehende Künstlerin Mia mit ihrer Tochter Pearl, die die neuen Mieter der Richardsons sind. Die Warrens scheinen das genaue Gegenteil ihrer Vermieter zu sein: Sie leben wie moderne Nomaden, während letztere eine der alteingesessenen Familien in Shaker Heights sind. Die Warrens haben einen minimalistischen Lebensstil, der nicht zuletzt ihrem schmalen Geldbeutel geschuldet ist, während sich die Richardsons über ihre Finanzen keine Gedanken machen müssen. Am meisten unterscheiden sich die Mütter der jeweiligen Familien: Mia Warren ist ein Freigeist, während Elena Richardson ganz nach den in Shaker Heights geltenden Konventionen lebt und das – zum Wohle der Gesellschaft – auch von anderen erwartet. Doch Gegensätze können sich bekanntlich anziehen und so findet die 15-jährige Pearl Warren bald Anschluss bei den Richardson-Kindern. Die nur unwesentlich jüngere Izzy Richardson zieht dagegen Mia Warrens radikaler und unkonventioneller Lebensstil an. Die Warrens und die Richardsons scheinen sich gut zu ergänzen, doch Mias und Elenas konträre Einstellungen kommen sich irgendwann in die Quere. Und dann wird auch noch eine Lebenslüge aufgedeckt …

„Kleine Feuer überall“ hat mich schnell in seinen Bann gezogen. Der Kontrast, den die unterschiedlichen Lebensentwürfe von Mia Warren und Elena Richardson zueinander bilden und was ihre jeweiligen Kinder daraus machen, ist mitreißend geschildert. Als Leser kommt man nicht umhin, sich zu (hinter-)fragen: Wie tolerant ist man selbst gegenüber anderen Lebensweisen? Was ist einem wichtiger: Idealismus oder Pragmatismus? Und was ist einem selbst ein vermeintlich „gutes“ Leben wert?

Einige Figuren wirken anfangs etwas eindimensional, doch Celeste Ng räumt ihnen Platz für Entwicklungen ein, zeichnet ihre Vergangenheit nach und lässt den Leser so die Beweggründe jedes Einzelnen verstehen. Auch die immer größer werdenden Verknüpfungen zwischen den beiden Familien werden nachvollziehbar geschildert und als Leser fühlt man förmlich, wie die Verkettung verschiedener Ereignisse etwas ins Rollen bringt, das nicht mehr aufzuhalten ist. Ich habe die Richardsons und Warrens am Ende des Buches nur schweren Herzens wieder verlassen, wüsste ich doch zu gern, wie es mit ihnen weitergeht. „Kleine Feuer überall“ kann ich nur empfehlen, sie haben mich berührt, gefesselt und beschäftigt. Ich konnte das Buch schon nach dem ersten Drittel kaum mehr aus der Hand legen und habe auch nach der Lektüre noch einige Zeit über das Romangeschehen und die Frage nach dem “richtigen“ Leben sinniert. Der Funke ist komplett übergesprungen …

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302 Bibliotheken, 8 Leser, 2 Gruppen, 127 Rezensionen

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Dumplin'

Julie Murphy , Kattrin Stier
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei FISCHER FJB, 21.03.2018
ISBN 9783841422422
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Schon das Cover hat mich davon überzeugt, dass ich dieses Buch lesen muss: Eine kräftigere Frau im roten Abendkleid hat vor schwarzem Hintergrund ihren großen Auftritt. Sie hebt Hände und Kopf nach oben, genießt offensichtlich ihren Applaus. Über ihr steht der Untertitel des Buches: „Go big or go home“. Was für ein Auftritt!
Die auf dem Cover illustrierte Haltung erwartete ich dann von der Hauptfigur, der 16-jährigen Willowdean Dickson. Sie ist die titelgebende „Dumplin‘“, ihre Mutter hat ihr den Spitznamen „Knödel“ in frühester Jugend verpasst. Als eine frühere Schönheitskönigin, die sich damit rühmt, immer noch in ihr Wettbewerbskostüm von vor fast 20 Jahren zu passen, steht Rosie Dickson dem Übergewicht ihrer Tochter äußerst kritisch gegenüber. Verschärft wird der Konflikt dadurch, dass Rosies Schwester Lucy, mit der Mutter und Tochter zusammenwohnten, vor Kurzem mit 36 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben ist, der auf ihre Gewichtsprobleme zurückzuführen war.
Doch Will lässt sich von ihrer Mutter keine Komplexe einreden und ist mit sich im Reinen - eigentlich. Ihre beste Freundin El sieht zwar aus wie ein Model und hat schon ewig einen festen Freund, während Will ihren Fast Food Imbiss-Kollegen Bo nur in Gedanken anschwärmt, aber sie ist durchaus selbstbewusst und zufrieden, wenn man davon absieht, dass sie ihre verstorbene Tante sehr vermisst. Dann aber überstürzen sich die Ereignisse …

„Dumplin‘“ ist eine Coming of Age-Geschichte der anderen Art. Will fragt sich, wer sie ist, wie sie gesehen wird und was sie vom Leben will, zusätzlich ist aber ein großes Thema, ob und wie sehr sie sich von anderen über ihr Gewicht definieren lässt – und wie sehr sie sich selbst darüber definiert. Die Botschaft des Buches ist ganz klar: „Du bist gut so, wie Du bist!“ Anfangs macht es den Eindruck, als wäre sich die Protagonistin dessen vollkommen bewusst, doch dann scheint ihr Leben in seinen Grundfesten erschüttert und sie muss zu einem neuen Selbstverständnis finden. Ihre Probleme waren für mich nicht immer nachvollziehbar und zum Teil auch ziemlich hausgemacht, aber das waren meine Probleme mit 16 vermutlich auch ... Zum Teil macht es den Charme des Buches aus, dass Will nicht immer die strahlende Heldin ist, die man auf dem Cover sieht. Sie hat durchaus Kanten, Charakterschwächen und Tiefs. Letztere bewirken, dass der Roman längst nicht immer so unterhaltsam ist, wie ich es aufgrund des Covers und der ersten Kapitel erwartet hatte. Einige andere Figuren kamen mir etwas zu kurz, Julie Murphy hatte sie zwar komplex angelegt, aber dann in meinen Augen nicht ganz ausgestaltet – zum Teil hätte ich gerne noch mehr über Wills Umfeld erfahren. Etwas ratlos lässt mich auch das Übergewicht der Hauptfigur zurück: Murphy beschreibt es nicht näher, was ich gut finde, so kann sich jeder sein eigenes Bild von Will machen. Dass sie liebenswert ist, egal wie viel sie wiegt – gar keine Frage. Ihre verstorbene Tante wog allerdings 225 kg und hat das Haus kaum mehr verlassen, was im Buch irgendwie als unumstößliche Tatsache akzeptiert wird. Auf der einen Seite ist das verständlich: Die Tante ist gestorben, es lässt sich eh nichts mehr ändern …  auf der anderen Seite hat es mich jedoch gestört, dass ihr Gewicht so schicksalsergeben akzeptiert wurde. Dass Will ein glückliches Leben ohne Idealmaße führt – wunderbar. Aber dass es wichtig ist, darauf zu achten, dass man einigermaßen gesund bleibt – an irgendeiner Stelle hätte das ruhig mal Erwähnung finden können.
Amüsiert hat mich dagegen die starke amerikanische Färbung – „Dumplin‘“ spielt in Texas! Von Dating-Kultur über Kirchenbesuch bis hin zum Schönheitswettbewerb war das immer wieder spürbar.
Insgesamt ist „Dumplin‘“ gute, aber auch nachdenklich machende Unterhaltung, insbesondere zu den Themen Selbstbewusstsein, Freundschaft und generell zwischenmenschliche Beziehungen. Ein lesenswertes Jugendbuch mit kleinen Schwächen.

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19 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

Born A Crime: Stories from a South African Childhood

Trevor Noah
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei John Murray, 17.11.2016
ISBN 9781473635296
Genre: Sonstiges

Rezension:

Der deutsche Titel dieses grandiosen Buches ist „Farbenblind“. Warum, hat sich mir nicht erschlossen, denn die Gesellschaft, in die der Südafrikaner Trevor Noah 1984 hineingeboren wird, ist nicht „farbenblind“, sondern zutiefst farbenfixiert, was er von klein auf zu spüren bekommt. Trevor Noahs Hautfarbe belegt ab dem Tag seiner Geburt, dass gegen „Immorality Act No. 5“ der Apartheidsgesetze verstoßen wurde: Er ist farbig – obwohl er eine schwarze Mutter hat. Was nur bedeuten kann, dass sein Vater weiß ist, und dass er und Trevors Mutter den genannten Paragraphen missachtet haben, der Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben sexuelle Beziehungen untersagt und Verstöße mit bis zu fünf Jahren Gefängnis ahndet. Vor diesem Hintergrund erklärt sich der Titel der englischen Ausgabe auf einen Blick: „Born a crime“. Was für ein Start ins Leben – ein Leben, in dem der weiße Vater in der Öffentlichkeit panisch die Flucht vor seinem „Daddy“ rufenden Kleinkind ergreift, die Mutter zum Spaziergang im Park gerne eine farbige Freundin mitnimmt und die schwarze Großmutter den Enkel in ihrer Hütte versteckt hält, wenn er sie in Soweto besucht. Trevor Noah ist mit einer besonderen Sensibilität in Bezug auf Hautfarben aufgewachsen – gezwungenermaßen. Er konnte sich die hier gemeinte „Farbenblindheit“ nicht leisten.

In seinen autobiographischen Rückblicken lässt er den Leser an seiner Kindheit und Jugend in Johannesburg teilhaben. Mit fantastischer Leichtigkeit schildert Noah, was es für ihn als farbiges Kind bedeutet hat, im Apartheids- und Postapartheids-gebeutelten Südafrika aufzuwachsen. Bereits auf den ersten Seiten schafft er es mühelos, auch seine ausländischen Leser in diese zutiefst rassistische Welt mitzunehmen und ihren Horizont zu erweitern.
Ich habe Trevor Noahs „Born a crime“ als Geschenk empfunden. Der Autor ist nur zwei Jahre jünger als ich. Er ist unter Bedingungen aufgewachsen, die mir kaum fremder sein könnten und schafft es trotzdem, seine damaligen Lebensumstände gleichsam unterhaltsam und nachvollziehbar zu schildern. Er nimmt seine Leser an die Hand und erklärt, worauf ein nicht-südafrikanischer Leser vermutlich nicht kommt: Wieso bleiben Menschen freiwillig in Townships wohnen? Wieso kam es vor, dass schwarze Mütter ihre Söhne „Hitler“ nannten? Wieso hatten Gebetskreise in Soweto die Hoffnung, dass Gott ein farbiges Kindes eher erhören würde als schwarze Frauen?

Trevor Noah musste von klein auf lernen, was es heißt, anders zu sein, wuchs er doch in einem Land auf, dass Menschen ausschließlich über ihre Hautfarbe und Stammesangehörigkeit definierte. Er lernte nach und nach, sich wie ein Chamäleon an seine Umgebung anzupassen – sein Schlüssel war dabei die Sprache, er beherrschte neben Englisch noch isiXhosa, isiZulu und andere und verblüffte damit, dass er sich so nicht in die Schublade sortieren ließ, in die der typische Farbige gesteckt wurde. Meine naive Vorstellung war ja, dass sich das Thema Hautfarbe mit dem Ende der Apartheid in Südafrika zu größeren Teilen erledigt hätte, doch diese wurde schnell ausgeräumt.

Eine Freundin, die das Buch auf Deutsch angelesen hat, äußerte sich mir gegenüber enttäuscht über die Einfachheit der Sprache. Bei meiner Lektüre auf Englisch ist mir nicht aufgefallen, dass Noahs Stil in irgendeiner Art und Weise schlicht wäre. Ich kenne die Übersetzung jedoch nicht und bin im Englischen sicher nicht so sprachsensibel wie im Deutschen. Es ist klar, dass Trevor Noah kein Literat ist – das ist nicht sein Metier. Der Südafrikaner ist ein höchst erfolgreicher Comedien, der seit 2015 als Nachfolger von Jon Stewart die Late-Night-Show „The Daily Show“ in den USA moderiert. Er ist Unterhalter und hat ein höchst unterhaltsames und trotzdem sehr reflektiertes Buch geschrieben – angesichts des Inhalts ist das in meinen Augen eine große Leistung.

„Born a crime“ vermittelt dem Leser eine leise Ahnung davon, was Apartheid für die Betroffenen wirklich bedeutet hat - und was in Südafrika bis heute im Argen liegt. Es verdeutlicht, warum "Farbenblindheit" bis heute ein frommer Traum ist und ist trotzdem nicht verbittert, sondern feiert das Leben. Ich kann es nur empfehlen.

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