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Die werten Herren

Rainer Juriatti , Alois Schöpf , Bernd Schuchter
Fester Einband
Erschienen bei Limbus Verlag, 04.09.2017
ISBN 9783990391150
Genre: Sonstiges

Rezension:

Der ausgezeichnete Pressetext: Am Beginn des neuen Essays von Rainer Juriatti steht Bedrückung: »Bedrückend die Idiotie mancher Kandidaten, die sich der Präsidentenwahl 2016 stellten.« Als man im Süden Österreichs begann, sich Waffen zu besorgen, begann Juriatti zu schreiben. Im Kern des Essays steht der Monolog eines Delinquenten, der eine Frage beantwortet: Was geschieht, wenn rechtspopulistische Parteien sich durchsetzen? Es begegnen uns altbekannte Fratzen, die zumeist rechte Propagandamaschinen leiten. Sie kennen rhetorisch kein Erbarmen, andere Parteien werden als „linke Gesinnungsstasi“ und „Freudomarxisten“ bezeichnet. Ihr Ziel ist eine grundlegende Neuordnung der Gesellschaft, damit rechtfertigen sie jegliche Form des Übergriffs. Zugleich geraten international Krisenherde in Bewegung, und das hilft rechtspopulistischen Gruppierungen in vielen europäischen Ländern – Gruppierungen, die sich gegen das herrschende System richten und Nationen fordern, die ihre Bevölkerungen vor Migranten, vor allem aber vor dem Islam beschützen sollen.

Meine Erfahrung als Leser: Im Grunde ist der vorangestellte Essay eine Art Feigenblatt - wohl auf Wunsch des Innsbrucker Verlegers entstanden. Das zeigt schon die trockerne, eher lustlos wirkende, bürokratische Sprache. Eine Pflichtübung, die das Nachfolgende erklären soll, es aber nicht wirklich tut. Der inkriminierte und diskutierte Text "eines Wiener Lokalpolitikers" wird so wenig klar benannt wie der Urheber, das hat wohl juristische Gründe. Hier spricht daher leider nicht Rainer Juriatti (geboren 1964) aus Bludenz, zuletzt wohnhaft in Graz und Wien, ein Autor von durchaus kafkaeskem Format.

Dieses sprachliche Format erschlägt mich als Leser dann mit umso größerer Wucht in dem anschließenden Theatermonolog. Das heißt, genau genommen ist es ein Trialog für einen Schauspieler: Der Politiker, eine Lautsprecher-Stimme aus dem Off und der Delinquent sind drei und könnten auch dramaturgisch durchaus drei sein. Warum also "Monolog"? Aus Personalmangel?

Im Übrigen gibt es nichts zu bemängeln an diesem im Gegensatz zum vorangsetellten Essay sehr literarischen Text. Selbst die ausgiebigen Regieanweisungen dienen der präzisen Zeichnung der Figuren, die eben sehr unterschiedlich sind: arrogantes Arschloch als ideologischer Brandstifter, kalt und brutal ausführendes Organ ("Es ist unsere Pflcht, Sie letztmalig zu fragen, ob Sie noch etwas zu sagen haben, bevor wir fortfahren"), und das wehrlose Opfer mit autobiographischen Zügen, das vor dem Erschießungskommando steht und nichts mehr zu verlieren hat.

Das Ganze macht unmissverständlich klar, was hätte kommen können, wenn 2016 die Wahl des österreichischen Bundespräsidenten anders ausgegangen wäre: eine Dystopie, eine negative Zukunftsvision, die gleichwohl ohne konkretes Gemetzel auskommt und sich mit szenischen Andeutungen begnügt. Umso mehr bleibt Raum für die Phantasie des Lesers oder Publikums, sich das Fehlende auszumalen. Das ist nun aber, typisch Jutiatti, ein rein verbales Schlachtfest. Da gab es zwar Steilvorlagen in Form tatsächlich verwendeter Begriffe, die der Autor gekonnt aufspießt, beantwortet und in dramatischer Klimax einsetzt, aber eben keine Aktion außer sechs kleinen roten Laserpunkten, die zwischendurch immer mal wieder auf das Herz des Delinquenten zielen.

Es ist die Macht der Wörter, die mich beim Lesen durch und durch zum Frieden gebracht hat. Alles ist ja noch einmal gut gegangen, doch die Rechtsradikalen sind nach wie vor da und werden keine Ruhe geben. Niemals und nirgends. Da können wir sicher sein. Ein großer Text, der mit tödlicher Konsequenz Anfänge in Form verbaler Entgleisungen zu Ende bringt. Ein Text, der Pflichtlektüre an den Schulen werden sollte.

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Der falsche Überlebende

Javier Cercas , Peter Kultzen
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 27.04.2017
ISBN 9783100024619
Genre: Romane

Rezension:

Der Unterschied zwischen Don Qujote alias Alonso Quijano von Cervantes und Enric Marco, der echten Hauptfigur dieses Romans ohne Fiktion von Javier Cercas, ist relativ einfach: Cervantes hat einen Romanhelfen erfunden, das ganz offen gesagt und einen fiktiven Roman geschrieben. Marco hat sich einen Heldenroman ausgedacht und als sein Leben verkauft.
Doch während Don Quijote, der "Ritter von der traurigen Gestalt", die Welt vom Bösen befreien wollte und gegen Windmühlen kämpfte, am Ende die Realität und sich selbst erkennt, depressiv wird und stirbt, zeigte Marco auch mitten im Skandal keine Reue und wurde weder depressiv noch starb er. Vielmehr versuchte er den Autor zu manipulieren: Cercas sollte eine Verteidigung in Romanform für seinen ewigen Nachruhm schreiben. Er versuchte jahrelang, sich vor diesem Buch zu drücken, schon weil er das ahnte und sich nicht korrumpieren lassen wollte, andererseits auch wusste, dass er hier echt vielen Leuten auf die Füße treten würde: allen, die absichtlich oder aus Faulheit und Dummheit aus unterschiedlichen Motiven Marco gefördert, gestützt und von ihm direkt oder indirekt profitiert hatten.
"Der falsche Überlebende" erzählt die Geschichte des Katalanen Enric Marco, der sich mit einer erfundenen Biographie als Held im Bürgerkrieg gegen Franco und im antifaschistischen Untergrund an die Spitze der größten Anarchistengewerkschaft Spaniens mogelte, als Nazigegner und Naziopfer Vorstand einer einflussreichen Elternvertretung sowie Vorsitzender der Vereinigung ehemaliger spanischer KZ-Insassen wurde. Das personifizierte Gewissen seines Landes in der Erinnerungskultur gegen Nationalsozialismus und Faschismus hatte jedoch nie in einem KZ gesessen.
2005, als ein Historiker das Kartenhaus dieses Betrügerlebens mit großem öffentlichen Getöse zum Einsturz brachte, gab es einen weltweiten Skandal. Denn bis dahin hatte Marco Tausende von Vorträgen an Schulen und in Gemeinden gehalten, im In- und Ausland Interviews gegeben und zahllose Artikel geschrieben, weil er "sich auf allen Zeitungsfotos sehen wollte". Das Irre ist ja: Er hat tatsächlich entscheidend zur Bildung eines Bewusstseins über das historische Unrecht des Faschismus und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Dritten Reich und während der Franco-Diktatur in seinem Land beigetragen. Bloß hat er diese Geschichte als eine eigene ausgegeben. Vielleicht wäre er sogar weitgehend damit durchgekommen, wäre das Thema KZ und Holocaust nicht so heikel - selbst in Spanien.
Nach Francos Tod jedoch besuchte Marco zunehmend Kongresse im In- und Ausland, fuhr etwa ins KZ Flossenbürg und recherchierte genau, was es darüber zu wissen gab und dass dort nur wenige Spanier inhaftiert gewesen waren. Er fälschte eine Eingangsliste des Konzentrationslagers und pflegte enge Kontakte mit seinen "Leidensgenossen". Von denen waren viele tot und die anderen zu gebrechlich, um ihn zur Rede zu stellen. In seiner maßlosen Eitelkeit aber überzog Marco derart, dass echte ehemalige KZ-Häftlinge misstrauisch wurden und ein Historiker schließlich Witterung aufnahm. Dabei liest sich schon das wirkliche Leben des Enric Marco, ohne alle Fiktion, wie ein Abenteuerroman, manchmal auch ein Schelmenroman.
Enric Marco war kein Held, sondern ein Feigling wie fast alle anderen auch. Er war ein kleiner Mechaniker und Anarchist, aber auch ein begnadeter Blender und Schauspieler mit einem Schlag bei Frauen, der durch fleißige Arbeit, rhetorisches Geschick und entschlossenen, absolut moralfreien  Betrug Karriere machte. 1921 wurde er in einer Irrenanstalt geboren, weil seine Mutter die Trennung von ihrem Mann nicht verkraftete, der sie misshandelt hatte. Danach wurde der Junge in den Familien von Tanten lieblos durchgefüttert und herumgereicht. Bei einer dieser Tanten kam er durch einen ewig besoffenen Onkel, der Drucker war, in Anarchistenkreise und lernte alles zu lesen, was ihm in die Finger kam. Mit 17 Jahren meldete er sich freiwillig zu einem der Anarchistenbatallione, die zu Beginn des spanischen Bürgerkriegs seine Heimatstadt Barcelona rasch von den faschistischen Putschisten befreiten. An der Ebro-Front lernte er sogar flüchtig einen legendären Kommandanten kennen. Da hätte noch ein Heldernroman draus werden können.
Weil er zu den Verlierern des Krieges gehörte und weder Geld hatte noch weg wollte, verkroch er sich unter Frauenröcken. Er versteckte sich traumatisiert und gedemütigt bei seiner Tante, wo er seine erste Frau kennen lernte. Wie allen waffenfähigen Genossen drohte ihm ein dreijähriger Militärdienst, der für Francos Offiziere eine willkommene Gelegenheit war, ihre einstigen Gegner zu schikanieren und zu drangsalieren. Um der Registrierung zu entgehen, ließ er sich frisch verheiratet freiwillig für die deutsche Kriegsindustrie für die Arbeit an einer Kieler Werft anwerben. Dort hing er viel mit Anarchisten herum und wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Im KZ hat er nie gesessen. Aber er lernte die Gesinnungsjustiz der Nazis und deren Knast kennen.
Als sich abzeichnete, dass Deutschland den Krieg verlieren würde, fuhr er auf Urlaub nach Barcelona und blieb einfach. Als das Falangisten-Militär das erfuhr und ihn wegen Fahnenflucht suchte, verließ er von heute auf morgen seine Frau mit zwei kleinen Kindern, fand in einer anderen Stadt durch einen alten Kumpel Arbeit in dessen Kfz-Werkstatt, änderte seinen Namen und lernte bald seine zweite Frau kennen. Mit eindrucksvollem Fleiß schuf er die Basis für eine Teilhaberschaft und lernte seine zweite Frau kennen. Dieses Verfahren hat er noch mindestens zwei Mal durchgezogen: den Namen, die Stadt und die Frau zu wechseln, wenn ihm der Boden zu heiß wurde.
Beim nächsten Mal, nach Francos Tod, war er durch seine Kontakte Vertreter für Kfz-Ersatzteile geworden, hatte gut verdient, als Reisender aber auch ein unsolides Leben kennen gelernt und wegen einer Frau Schulden gemacht. Er fing an, Ersatzteile auf eigene Rechnung zu verkaufen, und als die Polizei ihn suchte, kam die zweite große Rochade. Nun ging er in den Autohandel, machte wieder viel Geld, und lernte eine Frau aus Andalusien kennen, deren Familie ihn anhimmelte und ihm half, Gewerkschaftsboss zu werden, obwohl er keine Gewerkschaftserfahrung hatte. Nützlich dabei war, dass die alten Hasen im Exil gewesen waren und ihn nicht kannten, während die Jungen an seinen Lippen hingen, wenn er von seinen Heldentaten im Bürgerkrieg und als antifaschistischer Untergrundkämpfer gegen Hitler und Franco erzählte. Es waren häufig Studenten, die ihn bei der Karriere unterstützten und für einen Intellektuellen hielten.
Als die Flügelkämpfe zwischen diesen beiden Gruppen die Gewerkschaft ruinierten, fand Marco Ersatzbefriedigung im Vorstand einer einflussreichen linken Elterbereinigung und fing mit seinen Vorträgen an. Als die ebenfalls wegen interner Streitigkeiten unwichtig wurde, kam er auf die Idee mit der Vereinigung ehemaliger spanischer KZ-Häftlinge. Die konnte einen Redner und "Kenner" wie ihn bestens gebrauchen, und so legte er auch hier einen Blitztsart hin: Neuer Job, neue Frau (die dritte war eine französische Intellektuelle, die ihn bewunderte und unterstützte), leicht geänderter Name, Ortswechsel zurück nach Barcelona. Jetzt war unser Held auf dem Trip als Erinnerungsheld und KZ-Opfer. Bald war eine angesehene Persönlichkeit des öffentlichen Interesses und weithin anangreifbar. Bis zum Knall. Wäre das alles nötig gewesen? In der Sache nicht, aber in der Psychologie eines solchen Menschen schon. Lebenslügen sind ja so selten nicht.
 Der Autor Javier Cercas hat bereits Aufsehen erregt mit dem dokumentarischen Roman "Anatomie eines Augenblicks", der den Guardia-Civil-Oberstleutnant Tejero porträtiert. 1981 besetzte der als Speerspitze eines Putsches revanchistischer Generäle das Parlament in Madrid. Ältere Zeitgenossen werden sich an die komische Figur mit Schnauzer und antiquiertem Dreispitz erinnern, die dort herumbrüllte und aus der Dienstpistole ein paarmal in die Decke schoss.
Den Vereinnahmungsversuchen Marcos entzog sich der Autor durch das penible Erzählen seiner Ermittlungen inklusive der Ausweichmanöven Marcos und einen wahren Interview-Marathon, der es ihm trotz aller kritischen Distanz ermöglichte, das Vertrauen des falschen Helden zu erwerben. Außerdem reflektiert Cercas immer wieder seine und Marcos Motive, aber auch die moralischen Dimensionen des Schreibens über so eine Lebenslüge. Das schafft Spannung, Glaubwürdigkeit und psychologische Tiefe zugleich.
Spätestens hier wird deutlich, wie viel von Enric Marco in uns allen steckt. Wer hat nicht schon einmal kleine, nützliche Schönheitskorrekturen an der eigenen Biographie versucht oder ein Profilbild aufgehübscht? Sogar unsere Wirtschaft - bis hin zu Universitäten, öffentlich-rechtlichen Medien und Behörden, ist ja inzwischen schon gesetzlich gesetzlich verpflichtet, nur gute oder geschönte Zeugnisse auszustellen.Dem Zwang, dem Grundsatz "mehr Schein als Sein" zu folgen, kann sich fast niemand mehr entziehen. Gerade wir Deutschen feiern uns gern Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung, aber jetzt wird uns dieser Titel von einem Spanier streitig gemacht. Hierzulande hat jedenfalls noch niemand solche Bücher geschrieben. Chapeau!

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Madrid, Mexiko

Antonio Ortuño , Hans-Joachim Hartstein
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 08.03.2017
ISBN 9783956141652
Genre: Romane

Rezension:

Mit "Die Verbrannten" hat Antonio Ortuno einen knallharten Thriller über das organisierte Verbrechen in Mexiko geschrieben. Jetzt folgt in der gleichen, wuchtig-schonungslosen Sprache ein Roman über die Flucht eines Mannes namens Yago nach dem verlorenen spanischen Bürgerkrieg nach Mexiko - und die Flucht seines Enkels Omar vor der Mafia aus Mexico nach Madrid. Die Idee hat was, aber die Durchführung ist leider unnötig kompliziert geraten. Der Reihe nach:
1923 konkurrieren die jungen Anarchisten Yago Almansa und sein Freund Benjamín um die Liebe der schönen María. Im Spanischen Bürgerkrieg kämpft Yago dann bei den Anarchisten, Benjamín aber bei der Kommunisten. So werden sie Todfeinde. Beide fliehen gegen Ende des Bürgerkrieges nach Mexiko - Benjamín aber mit dem gestohlenen Goldschatz seiner Kampfgruppe. Dementsprechend schlechter geht es María und Yago, die auch in Mexiko enge Verbindungen zu den dort jedoch völlig korrupten Gewerkschaften pflegen.
1997 hat Yagos Enkel Omar ein Verhältnis mit seiner wesentlich älteren Chefin Catalina. Die erfolgreiche Antiquitätenhändlerin ist mit Mariachito liiert, dem mächtigen Boss der Eisenbahnergewerkschaft, und verdient sich eine goldene Nase mit dieser Connection. Als die zwei in flagranti erwischt werden, endet das für Mariachito und Catalina tödlich, doch Omar kann mit einem Haufen Geld entkommen. Auf der Flucht vor der (unfähigen) Polizei und dem brutalen Handlanger Mariachitos landet er schließlich mit Frau und Kindern in Madrid.
Beide Handlungsstränge zeigen die Verwicklung vieler "normaler" Leute ins organisierte Verbrechen - sowohl in Spanien als auch in Mexiko. Dass die Kommunisten eine wesentliche Mitschuld am Sieg Francos hatten, weil sie ihre anarchistischen und sozialistischen Verbündeten auf Betreiben Moskaus massenhaft liquidiert und verraten haben, ist eine unbequeme historische Tatsache. Ebenso
undurchdringlich ist die Verstrickung vieler Mexikaner in ekelhaften Rassismus ("Sie hassen Euch dafür, dass ihr dieses Land kolonisiert habt, wollen aber, dass ihr ihre Töchter heiratet") und die üble Mischung aus allgegenwärtiger Korruption und Drogenmafia. So gut wie jeder hat irgendwo die Pfoten im Dreck oder lässt sich bumsen, um Vorteile zu haben.
Das ist ebenfalls typisch für diesen Autor, der 2010 als einer der besten seines Landes geehrt wurde, obwohl er mt 41 Jahren noch recht jung für die Branche ist: Sein Personal ist alles andere als nett. Er beschreibt Menschen, die halt so sind, wie sie sind - und so reden, wie die Leute nun mal reden. Das ist oft alles andere als schön zu lesen, aber kreuzehrlich.
Schade nur, dass die zwei gespiegelten Handlungsstränge so unordentich in zeitlich gegenläufigen Kapiteln einander folgen. Auf "Guadajara, 1997" folgt "Ein Strand von Veracruz, 1946", danach wieder Guadajara 1997 und dann plötzlich "Madrid, 1923" - und so weiter. Das stiftet eine unnötige Verwirrung (schon weil man dadurch die Figuren erst spät wirklich kennen lernt), die man anders hätte auflösen müssen.

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Jahrbuch der Lyrik 2017

Christoph Buchwald , Ulrike Almut Sandig
Fester Einband: 232 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 08.05.2017
ISBN 9783895616808
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

Hier gibt es keine Autoren zu feiern (es sind zu viele), sondern ein Konzept: Seit inzwischen 31 Jahren gibt es diesen roten Faden durch die aktuelle deutschsprachige Poesielandschaft. Und noch immer ist er lesenswert, teilweise anstrengend (wie sich´s gehört für die intellektuellste aller Literaturgattungen), teilweise auch unterhaltsam (was sicher nicht bloß von mir gern genossen wird), oft überraschend (was das größmögliche Lob ist). Die Verlage haben öfters gewechselt, weil Lyrik eben so gut wie unverkäuflich ist, aber dennoch, wie alle Herausgeber durch die Bank betont haben, von unsterblicher Bedeutung für die Literatur - als deren sensibelster sprachlicher Seismograph.
Das Verfahren ist jedoch stets gleich geblieben: Jeder kann sich bewerben. Zwei Lektoren sichten, lesen und wählen dann aus rund 5000 eingesandten Texten, die heute fast ausschließlich per Email kommen. Einer Lektoren ist ein alter Hase (Christoph Buchwald), einer wechselt von Jahr zu Jahr - diesmal ist Ulrike Almut Sandig dran, die besonders große (und begabte) Ohren für den Klang von Gedichten hat. Die Arbeit ist machbar, aber nach Ansicht der Macher irgendwo zwischen "Schlimmer als Kies schaufeln!" (Thomas Rosenlöcher) und "Zwei Monate Ausnahmezustand, mit steifem Hals und ohne nennenswerten Schlaf" (Ulrike Almut Sandig).
Das Ergebnis kann sich sehen bzw. lesen lassen - nicht nur als "mentaler Wasserstand im deutschen Sprachraum": Das Buch ist auch formal eine Fundgrube für originelle Stimmen, Töne, erstaunliche Einsichten, rhetorische Saltos, beeindruckende Zeit- und Epochenbilder. Und, auch wenn Lyrik so gut wie unverkäuflich ist, so schreibt Ulrike Almut Sandig vollkommen zu Recht: "Ja, in deutscher Sprache wird viel und gut gedichtet." Und: "Nie ging es der deutschsprachigen Lyrik besser, ... denn allen Beerdigungsgesängen zum Trotz ist der Anteil der lesefähigen Bevölkerung höher als je zuvor." Ich möchte ergänzen: auch der lese- und aufnahmebereiten Mitmenschen, gerade unter den jungen, was etwa bei Verantaltungsmarathons wie "Leipzig liest" oder den Rauriser Literaturtagen zu besichtigen ist.
Nur haben sich Rezeptionsformen bzw. -Wege verändert und sich unabhängig vom klassischen Buchmarkt gemacht, der ja heute eher wie Amazons Deppendorfer Mainstream erscheint. Das Internet und Veranstaltungen geben flexible Antworten darauf. Sandig widerspricht auch deutlich der Verlags-PR im Klappentext ("die besten zeitgenössischen Gedichte"), wenn sie betont, dass der Zwang zur Auswahl keineswegs jene diskriminiert, die nicht mehr ins Buch passen: "Wenn etwas nicht zu dieser in deutscher Sprache dichtenden Cloud passt, dann ist es das Werten an sich, das Auflisten bester Gedichtbände, das schwarzweiße Schachspiel von Hopp oder Topp, Gut oder Schlecht, Raus oder Rein".
Kurze Informationen über Autoren und Gedichtbände sind hilfreich bei dieser Lyrikschwemme, ein ausführliches Inhaltsverzeichnis ebenfalls. Die Herausgeber tun sich schwer, Trends zu benennen, was auch nehezu unmöglich ist von Jahr zu Jahr. Zu viele Bäume verstellen den Wald. Dass Gedichte mal politischer sind und mal mehr um den eigenen Bauchnabel der Selbstfindung kreisen - sei´s drum. Mir als langjährigem Kritiker und Lyriker ist trotzdem etwas aufgefallen: Ich suche immer bei Lesen von Gedichten nach Antworten auf bestimmte Standardfragen zu Humor, Erotik, Politik, Natur, dem gesellschaftlichen Miteinander, Utopien, Sozialkritik. Das alles findet sich hier in fünf Kapiteln exemplarisch durchexerziert, auch formal (es sind sogar Sonette dabei) - bis auf die Erotik. "Nackig machen" sich etwa nur Apfelbäume im Herbst. Obwohl das erste Kapitel den provokanten Titel "weithin sichtbar: körper" trägt, ist hier so gut wie nichts körperlich. Ist da deine neue Keuschheit im Zeitalter von Kopftuch- Nikabdebatten ausgebrochen? Fakt jedenfalls bleibt eine auffallende Zurückhaltung bei verbaler Erotik - und auch im letzten Kapitel, das erstmals Bildgedichte präsentiert.
Dazwischen finden sich unter dem Titel "völkerball" politisch-gesellschaftlich-sozioökonomische Themen oder Bildergalerien. Utopisches und Verrücktes sammelt das Kapitel "denn ich trage einen sternengürtel" und Nachdichtungen finden sich unter "Mein Liebchen, schlopst du?" (was aber aus dem Text "Wofür Sprachen da sind" kein erotisches Gedicht macht, bloß weil es da lakonisch heißt "Plautdietsch ist die Sprache der Liebe und der Hausarbeit"). Insgesamt ein großartiges Buch - mal wieder.

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barcelona, spanien, carlos ruiz zafón, friedhof der vergessenen bücher, zafón

Das Labyrinth der Lichter

Carlos Ruiz Zafón , Peter Schwaar
Fester Einband: 944 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 16.03.2017
ISBN 9783100022837
Genre: Romane

Rezension:

Er begann als Autor von Schauerromanen und hat in der Zunft den Ruf eines genialen Arschlochs, was auch immer das heißen mag. Carlos Ruiz Zafón hat jedenfalls in den Romanen seines Barcelona-Zyklus mit "Der Schatten des Windes", "Das Spiel des Engels", "Der Gefangene des Himmels" und "Marina" gezeigt, dass er auf sehr hohem Niveau schreibt. Alle seine Bücher wurden Bestseller (was nichts mit der Qualität eines Autors zu tun hat), aber alle haben nicht nur das Publikum, sondern auch die Kritiker begeistert (was ziemlich viel mit der Qualität eines Autors zu tun hat). Mit dem Roman "Das Labyrinth der Lichter" legt Zafón jetzt das große Finale dieses genialen Zyklus vor: Fast 1000 Seiten dick und doch keine einzige davon langweilig. Wo andere vielleicht Zeilen schinden oder sich geschwätzig in den Wirren eines komplexen Plots verlieren, fällt diesem Autor immer noch etwas ein, um die Spannung zu steigern. Überraschungen sind sein Metier ebenso wie seine Heimatstadt Barcelona. Da sollte man meinen, man kennt das Zubehör und Überraschungen seien nicht mehr wahrscheinlich. Weit gefehlt! Man mag ja auch die Zutaten eines guten Kochs auf dem Markt schon lange kennen und vielleicht auch selbst einkaufen. Aber das allein macht noch keinen guten Koch. Der wird man erst durch gute Rezepte und geniale Ausführung. Was zu begründen wäre:
Das Konzept ist eine furiose Mischung aus Gruselgeschichte, Polit-Thriller und historischem Roman über die Leiden einer Buchhändlerfamilie im spanischen Bürgerkrieg, in der Francodiktatur und in der Zeit danach. Da hat nämlich ein Teufelspakt zwischen Nationalisten und Sozialisten in Madrid dafür gesorgt, dass die Mörder nicht nur ungeschoren davonkamen, sondern auch nahezu unbehelligt weitermachen konnten. Die Zeit nach Franco war in vieler Hinsicht eine Zeit der Beutesicherung für die Sieger: Zu Unrecht erlangte Posten, geraubte Vermögen, erseilschaftete politische Macht in Behörden, Banken, Baukonzernen, Kunst- und Kulturbetrieb wurden mit Methoden des organisierten Verbrechens und politisch gedeckter Vertuschung nachhaltig zementiert und immunisiert gegen juristische Verfolgung. Vergangenheitsbewältigung? - Fehlanzeige in der spanischen Realität. In der Literatur muss man aber neben das Werk des leider 2015 verstorbenen Rafael Chirbes inzwischen einen zweiten Namen stellen: Zafón. Beide lassen nicht locker, haben sich regelrecht verbissen in einen gesellschaftlichen und historischen Skandal, der wirklich mehr als nur einen spannenden Plot hergibt. Dennoch muss man diese wüste, saharanesk riesige Stoffmenge erst einmal sammeln, sichten, sortieren und bewältigen. Zafón meistert diese Mammutaufgabe souverän.
Hier, in diesem mutmaßlich letzten Roman des Zyklus, verschwindet ein "begnadeter" Kulturminister spurlos, der sich im Lauf detektivischer Recherchen als Massenmörder, Folterknecht, Titelbetrüger und Dieb entpuppt, der auch noch mit gefälschten Staatspapieren handelte, um das Maß voll zu machen. Seine Opfer haben ihn erst entführt und sich dann grausam gerächt, was perfekt ins Konzept einer intriganten Grauen Eminenz passt, die einen lästigen Mitwisser entsorgt sehen will, der einfach zu viel Mist gebaut hat. Diese Graue Eminenz  missbraucht Geheimdienstler und Kripo als Marionetten, wie das nur Politiker können. Irgendwann kippt halt eine Lebensvesicherung, die darin besteht, mit mächtigen Leuten buchstäblich viele gemeinsame Leichen im Keller zu haben, ins Risiko.
Dann die Charaktere: Von Bösewichten und Opfern bis zu heldenhaft beharrlichen, aber keineswegs eindimensionalen Ermittlern mit menschlichen Schwächen zeichnet Zafón glaubwürdige Figuren und stattet sie mit historisch korrektem Outfit, dem nachvollziehbaren Auftreten und einer passenden Sprache aus. Sie spielen sorgfältig ausdifferenzierte Rollen und reden so, wie man halt in so einer Rolle nur allzu oft redet. Manchmal sehr sachlich, lakonisch und knapp. Auch komisch und durchaus witzig. Manchmal satirisch oder salbadernd und eitel, manchmal hochgestochen und saudumm politisch, an den richtigen Stellen naiv oder arrogant, brutal oder verletzlich, je nach Standpunkt auch sarkastisch oder zynisch. Zafon behherrscht diese Tonarten alle, und das brillant. Wo er dabei seine Sympathien hat, ist letztlich wurscht. Das Buch ist ein fulminantes Sprachkunstwerk, das eine ganze Gesellschaft ausschließlich mit erzählerischen Mitteln im Kopf entstehen lässt. Das alles in der Übersetzung nachzuvollziehen, ist das große Verdienst von Peter Schwaar.
Die Gabe des Erfindens schließlich: Zafón nutzt nicht nur historische Steilpässe fürs Famulieren, sondern hat mit seinen Ausflügen in das unterirdische Barcelona und den grandiosen, labyrinthischen "Friedhof der vergessenen Bücher Schauplätze mit psycholgisch dichter Atmosphäre geschaffen, die denen des real existierenden Barcelona mit seinen Hafenspelunken und Cafés, seinen historischen Villen an den Hängen des Montjuic und den Folterkellern der Geheimpolizei in nichts nachstehen. Eine nette Klammer, die alle Romane in diesem Zyklus verbindet und nur hier aufgelöst wird: Den Wächter dieses Friedhofs der vergessenen Bücher stellt traditionell ein Mitglied der Buchhändlerfamilie Sempére. Mittendrin natürlich immer schöne Frauen und herzzerreißende Geschichten von Liebe, Betrug, Abhängigkeit, Genie und Wahnsinn, in denen die beteiligten Männer eher unglücklich bis ahnungslos agieren.

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flucht, rotes kreuz, verräter, nachkriegszeit, rattenlinien

Rattenlinien

Martin von Arndt
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei ars vivendi, 24.10.2016
ISBN 9783869137247
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Martin von Arndts Roman "Rattenlinien": ein tolles Stück historischer Literatur über Nazi-Fluchtrouten in den Alpen nach dem Zweiten Weltkrieg. Hervorragend recherchiert, spannend gebaut und ausgezeichnet geschrieben. Es ist der zweite Roman mit der Hauptfigur des Kommissars Andreas Eckart, der im Ersten Weltkrieg im Schützengraben als Verschütteter traumatisiert wurde und in Berlin bei der Kripo ist.
War der erste Fall rund um eine Gruppe "Nemesis" gebaut, die in Berlin vor der Machtergreifung der Nazis Fememorde an geflüchteten Verantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern aus dem Jahr 1915 beging, so spielt der zweite Fall nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Mit diesem traumatisierten Helden, der keiner ist und als halber Italiener den Irrsinn des Nationalismus kennt, der aber aus seinen Schwächen manchmal auch Stärken macht, zieht er in den Kampf gegen führende Nazis, die sich unerkannt absetzen wollen.
Geschrieben ist das Ganze wieder enorm spannend, mit Witz, Bosheit und wo nötig auch Schärfe in Urteil und Ton. Die Redeweise von kroatischen Ustascha-Leuten, die Arroganz führender US-Geheimdienstleute beim Umdrehen gegnerischer "Fachkräfte" gegen Kommunisten und das hinterhältige Verheizen der eigenen Leute - das kommt alles dermaßen realistisch daher, dass wir uns fröstelnd an die üblen Praktiken CIA und NSA oder an das Auftreten aktueller Neonazis erinnern. Tatsache ist: Damals wurden die Grundlagen für die heutigen Widersprüche in der US-Spionage geschaffen.
Kaum weniger realistisch die Sprache des Monsignore im Vatikan, der salbungsvoll seine Fluchhilfe-Organisation für SS-Leute als "Rettung verirrter, bekehrter Seelen" schönredet und aggressiv wird, als ihn der Ermittler mit den Fallzahlen und dem Schweigen des Papstes zur Judenverfolgung konfrontiert.
Eckarts Verbitterung angesichts solcher Heuchelei ist ebenso ansteckend wie im Fall der US-Führungsoffiziere. Als die aber den meistgesuchten SS-Flüchtling zwei Mal entkommen lassen, weil sie ihn gegen kommunistische Regimes einsetzen wollen, nimmt der Fall eine überraschende Wendung. Eckart entdeckt, dass sein italienischer Kollege ein amerikanisch-israelischer Doppelagent ist, und beide wechseln die Seiten, um ihr Ziel doch noch zu erreichen und den Oberschweinehund nach Palästine zu entführen.
Die Doku-Fiction mit belastbaren, gut recherchierten Fakten und einem dramaturgisch dichten Plot scheint die literarische Form zu sein, die von Arndt besonders gut liegt. Da baut sich was auf im besten Sinne.

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154 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 89 Rezensionen

fantasy, osten ard, high fantasy, tad williams, das herz der verlorenen dinge

Das Herz der verlorenen Dinge

Tad Williams , Cornelia Holfelder-von der Tann
Fester Einband: 380 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 11.03.2017
ISBN 9783608961447
Genre: Fantasy

Rezension:

Bei Sauwetter und Erkältung hält nichts die Seele besser aufrecht als als so ein Buch wie "Das Herz der verlorenen Dinge" von Tad Williams. Der Autor bekennt freimütig, dass sein großes Vorbild "Der Herr der Ringe" war, und so konnte er auch keinen besseren deutschen Verlag finden als die Hobbit Presse bei Clett-Cotta in Stuttgart. Der 60jährige Kalifornier war wohl der erfolgreichste "Schüler" Tolkiens und hat sein Meisterstück mit der vierbändigen Saga von Osten Ard vorgelegt, die in deutscher Übersetzung erstmals 1988 bis 1993 erschien. Auf die Taschenbuchausgabe (mit Ebook-Version) der ersten 4 Bände "Der Drachenbeinthron", "Der Abschiedsstein", "Die Nornenkönigin" und "Der Engelsturm" folgt nun die Rückkehr in die phantastische Welt des Kontinents Osten Ard. "Das Herz der verlorenen Dinge" erzählt die Geschichte uralter und unerbittlicher Kämpfe, Intrigen und Abgründe zwischen Menschen und nichtmenschlichen Wesen weiter, nachdem diese einen blutigen Eroberungskrieg verloren haben. Die Krieger von König Simon und Herzog Isgrimnur verfolgen versprengte Trupps vom Elbenvolk der Nornen und belagern deren letzten Rückzugsort in den Bergen des Nordens. Die Menschen wollen den Urhebern der Gemetzel keine Gelegenheit mehr geben, je wieder Krieg zu führen, die Nornen dagegen kämpfen mit dem Rücken zur Wand ums Überleben. 

So weit, so ungut die ewige Geschichte vom Kampf zwischen Gut und Böse - nur dass Gut und Böse auf beiden Seiten zu finden sind, ebenso wie Sympathieträger und Feindbilder, Helden, Feiglinge, Verräter und Rassisten. Diese Tatsache macht aus einem Märchen das Spiegelbild menschlicher Unzulänglichkeiten schlechthin. So komplex und vielschichtig die Völker der Erde, so komplex und vielschichtig hat Williams auch den erfundenen Kontinent Osten Ard und dessen Bewohner beschrieben. Inhaltsangaben will ich hier nicht einfach wiederholen, sie finden sich für Neueinsteiger und alte Fans von Osten Ard im Vorwort und in mehreren Anhängen reichlich.

Besondere Hinweise haben aber der spannende Aufbau, das Ensemble der Charaktere und Völker sowie die unterschiedlichen Ebenen der Handlung verdient. Durchaus reale Vorbilder haben die fiktiven Menschenvölker der "Sterblichen": Erkynländer, die der Autor ähnlich wie klassische Engländer des Mittellters modelliert. Im ersten Band es neuen Zyklus spielen die Rimmensgarder Nordmänner die Hauptrolle, die an Winkinger erinneren. Hinzu kommen das Reitervolk der Hernestyri, die römisch-byzantinisch wirkenden Nabannai, die dunkelhäutigen Wranna aus den tropischen Sümpfen und das Steppenvolk des Thrithing.  Die nicht-menschlichen Quanuc erinnern an die Trolle und Zwerge unserer Märchen und kommen sowohl als Riesen als auch in anderen Gestalten vor. Sie sind mehr oder weniger intelligent und spiegeln das Spektrum exotischer Naturvölker wieder. Die großen Gegenspieler der "Sterblichen" aber sind die "Unsterblichen".

Die Geschwistervölker der Sithi und Nornen sind eigentlich nur extrem langlebig und untereinander zerstritten bis verfeindet. Diese Feenwesen werden viele Jahrtausende alt, und im Großen Ganzen kann man sagen: Die Sithi, mit golfarbener Haut und weißen Haaren, sind eher Verbündete der Sterblichen. Die Nornen (den Namen kennen wir aus der Edda  und aus Wagners Ring des Nibelungen als "Schicksalsschwestern" der Götter) aber hassen die Menschen und wollen sie ausrotten. Nun, diese Gefühle basieren durchaus auf Gegenseitigkeit. Umso spannender, dass Williams nicht nur abwechselnd aus der Perspektive der Nornen und der Menschen erzählt, sondern quasi in neutraler Position eine Chronistin der Sithi über die Ereignisse berichten lässt. Besonders sie formuliert häufig zeitlos aktuelle Fragen, die auch in Zeiten von "Fake News" zum Nachdenken anregen:

"Die Ungewissheit jener Tage brachte auch viele Geschichten und Gerüchte hervor, die bis heute umgehen und die Arbeit einer einfachen Chronistin unendlich erschweren. In solchen Zeiten ist die Wahrheit immer schwer fassbar. Man könnte sogar sagen, wenn die Königin schläft, gibt es plötzlich viele Wahrheiten... In ihrer Abwesenheit sind Tatsachen nicht mehr verlässlich." Man ersetze die Königin des Märchens durch das Vertrauen in Demokratie und Rechtsstaat - und schon lässt sich dieses Buch auch sehr modern deuten und ist keine Flucht mehr aus einer hässlichen Wirklichkeit.

"Das Herz der verlorenen Dinge" ist ein uralter Talisman, ein kostbares Amulett, das von Generation zu Generation unter den Großmeistern des Nornen-Ordens der Bauleute vererbt wird. Es symbilisiert sowohl das verlorene Paradies der Nornen aus der Zeit vor der Trennung von den Sithi als auch eine Vision von einer künftigen, gemeinsamen Zuflucht mit den Sithi. 

Es wäre übertrieben, Nornen und Sithi einfach als schwarze und weiße Magier abzutun; aber sie haben besondere Fähigkeiten, ungewöhnliche Macht durch Kenntnise der Natur und der Psyche. Sie sind so etwas wie Tolkiens Elfen - erweitert um das Spektrum asiatischer Kampfsportler. Ihre Schwäche liegt in einem extrem durchritualisierten Kastenwesen mit sehr starren Traditionen - ein massives Gegengewicht zu jener Kreativität, die sie sonst verkörpern. Elemente einer faszinierenden Hochkultur stehen hier in brutalem Kontrast zu einer lähmenden, grausamen Bürokratie religiösen Zuschnitts. - Na, und dass auch Menschen keine Intrige auslassen, ist ja hinlänglich bekannt.

Für mich ist der faszinierendste Aspekt der Saga, die hier wieder auflebt, die Diskussion von Identität und Anderssein, Krieg und Frieden. "Das Herz der verlorenen Dinge" ist ein philosophisch und psychologisch kluges Buch, geschrieben in einer spannenden, eleganten Sprache, die niemals ermüdet: ein echter Pageturner. 

Ich kenne Tolkien, bin aber Neuling in Sachen Tad Williams. Das Ergebnis dieser Lektüre war Genuss ohne Reue. Es hat sich gelohnt, sich auf diesen Autor einzulassen, auch wenn der Werberummel um den Roman manchmal lauter ist als das Schlachtegetöse darin. Schon für August ist der nächste Band geplant, "Die Hexenholzkrone", und im Oktober kommt Tad Williams auf Lesereise nach Deutschland. Der Tanz um dieses goldene Kalb dürfte viel Aufmerksamkeit von anderen Büchern abziehen, die auch etwas verdient hätten.

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überleben, schiffbruch, menschliches schicksal, historischer roman, floß

Das Floß der Medusa

Franzobel
Fester Einband: 592 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 30.01.2017
ISBN 9783552058163
Genre: Historische Romane

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Der Franzobel alias Franz Stefan Griebl hat noch nie appetitliche Büchlein geschrieben. Er ist bekann für seine derben Grotesken und Trash-Krimis. Das hier aber hat historische Ausmaße: Die Geschichte von 15 der 147 ausgesetzten Floßpassagiere der historischen französischen Fregatte Medusa (nomen est omen, wieder mal!), die 1816 vor der Küste des Senegal strandete, ist nichts für Freunde der gepflegten Salonlektüre und nichts zum Goutieren. Da ist von Kannibalismus die Rede, aber das dient nur als historisierende Folie für eine ERZÄHLTE Abrechnung mit der ganzen (zumindest der ganzen westlichen) Zivilisation. Nicht, dass wir die noch echt nötig gehabt hätten nach den Balkankriegen des feinen Herrn Milosevic. Die haben uns wohl daran erinnert, wie dünn der Putz unserer Zivilisation ist und wie schnell der bröckelt, wenn es Druck gibt. Doch so grauenvoll gut hat das Grauen wohl noch kaum einer in die Form eines Romans gepresst und so fein gebacken: Da gibt es Szenen des Kannibalismus von Menschen aus gutem Hause, die übereinander herfallen vor Hunger und Pisse trinken vor Durst, die schlimmer als Tiere miteinander umgehen und sämtliche schönen Märchen des Humanismus Lügen strafen. Da ist der Mensch des Menschen Wolf, da gibt es Brutalitäten und Hass und Verachtung gratis oben drauf. Da gibt es aber auch jede Menge Parallelen zu den Verhältnissen von heute, die können nämlich jede Sauerei durch technische Fortschritte um ein paar Potenzen noch steigern. Da gibt es geschmackliche und literarische Grausamkeiten im Dutzend billiger. Das alles wäre nicht zu ertragen ohne Franzobels rabenschwarzen Humor und die Gewissenheit: Der Mann hat Recht mit seinem Zorn auf die Gesellschaft, ist ein gnadenlos guter Beobachter und schreibt mit einem brillanten schwarzen Humor. Absolut Preisverdächtig!
Ein Wermutstropfen muss aber doch sein: Kannibalismus ist schon moralisch und physisch ekelhaft genug, man muss sich nicht so darin suhlen wie Franzobel. Der westlichen Gesellschaft "aufgeklärter Humanisten" kann man die Maske auch mit deutlich weniger Lust am Skandalösen und Grausamen die Maske vom Gesicht reißen. Am Ende sind hier sämtliche Elemente des Unterhaltungsromans gabz einfach unangebracht.

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Kinder der verlorenen Gesellschaft

Safiye Can
Fester Einband
Erschienen bei Wallstein, 27.02.2017
ISBN 9783835330481
Genre: Gedichte und Drama

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gedichte, lyrik, moderne, safiye can, türkei

Rose und Nachtigall

Safiye Can
Fester Einband
Erschienen bei Größenwahn Verlag, 24.01.2014
ISBN 9783942223645
Genre: Gedichte und Drama

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