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63 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

irland, aberglaube, frauen, feenvolk, behinderung

Wo drei Flüsse sich kreuzen

Hannah Kent , Leonie Reppert-Bismarck
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Droemer, 01.09.2017
ISBN 9783426199794
Genre: Historische Romane

Rezension:




Nach ihrem überzeugenden Debüt „Das Seelenhaus“. Dessen Handlung sie im Island des Jahres 1828 ansiedelte, verlegt die australische Schriftstellerin Hannah Kent das Geschehen ihre neuen Romans „Wo drei Flüsse sich kreuzen“ erneut nach Europa, dieses Mal nach Irland. Wieder schildert das Leben von Menschen im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. Ein hartes, schweres Leben, in Irland geprägt von der Religion und von einer immer noch starken Macht eines jahrhundertealten Aberglaubens, gegen den auch Vertreter der Amtskirche nichts auszurichten vermögen.
Die Handlung des hervorragend recherchierten Romans (Hannah Kent hielt sich hierfür monatelang in Irland auf) basiert auf einer wahren Geschichte.

Nora Roche ist eine angesehene Bewohnerin ihres Dorfes, als sie einen schweren Schicksalsschlag erlebt, als ihr Mann plötzlich stirbt. Nachdem sie erst kurz davor den Verlust ihrer Tochter zu verkraften hatte, steht sie nun mit ihrem Enkelsohn Michael allein, der nach dem Tod der Tochter zu Nora und ihrem Mann gekommen ist. Vor zwei Jahren haben sie ihn zum letzten Mal gesehen und können ihn nun kaum mehr wieder erkennen. Das Kind, das jetzt bei ihnen ist, ist schwer behindert, sehr verzögert in seiner Entwicklung und sofort beginnen im Dorf die Gerüchte, das Kind sei ein von den Feen verwunschener Wechselbalg. Sogar den Tod von Martin und die Tatsache, dass die Kühe in der Gegend wenig Milch geben oder sterben, bringen die abergläubischen Menschen mit dem Kind in Verbindung.

Weil Nora ohne Mann die ganze Arbeit , die sie insbesondere durch das bewegungsunfähige Kind hat, nicht allein  bewältigen kann, verdingt sie mit der 14- jährigen Nora auf einem Markt in der nahe gelegenen Stadt eine Magd, die ihr besonders mit dem Jungen  zur Hand gehen soll.
Für das junge Mädchen ist das eine anspruchsvolle und anstrengende Aufgabe, die sie aber mit viel Empathie annimmt. Bald schon hat sie zu Michael eine starke emotionale Bindung aufgebaut.
Von den immer heftiger aufkommenden Gerüchten, Michael sei ein von den Feen verwunschener Wechselbalg, halt Mary im Gegensatz zu Nora nichts.

Nora indes schenkt den Gerüchten große Aufmerksamkeit und verfällt zunehmend dem Glauben, dass ihr kleiner Junge mit einem Feenwesen vertauscht wurde. Sie begibt sich zu der weisen Nance, die fachkundig in der Kräuterlehre ist und von sich selbst behauptet, mit den Feen in Kontakt zu stehen. Sie soll helfen, den wahren Michael wieder von den Feen zurückzuholen.  Der neue Pfarrer, der im Gegensatz zu dem alten vom Aberglauben der Landbevölkerung gar nichts hält,  droht Nora mit Folgen, sollte sie weiter den Kontakt zur weisen Nance halten.

Nora, Nance und, mit vielen inneren Widerständen auch Mary, verfolgen aber ihren Weg weiter. Sie wollen Michael von den Feen zurückholen und sie riskieren dabei alles, zuletzt sogar sein Leben und ihrer aller Zukunft.

Ein mitreißendes Drama um die Macht von Angst und Aberglaube - basierend auf einer wahren Geschichte aus dem 19. Jahrhundert.





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23 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

Achtzehn Hiebe

Assaf Gavron , Barbara Linner
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 26.02.2018
ISBN 9783630875637
Genre: Romane

Rezension:




Eitan Einoch, den aufmerksame Leser israelischer Literatur noch kennen  aus dem 2008 erschienenen Roman „Ein schönes Attentat“ von Assaf Gavron, in dem er kurz hintereinander drei Attentate überlebte und für kurze Zeit zum Shooting-Star der Medien wurde, ist auch in diesem neuen Roman der ich-erzählende Protagonist.

Zehn Jahre nach seiner Karriere in der Hightech-Industrie und den überlebten Attentaten ist seine Ehe gescheitert. Eitan arbeitet durchaus zufrieden als Taxifahrer in Tel Aviv, einer Stadt, die er genauso liebt, wie sein Schöpfer Assaf Gavron. Mit seinen Fahrgästen aus aller Welt liebt er es zu reden und sie mit interessanten Details über die Lebensgeschichte der Menschen zu unterhalten, nach denen die Straßen und  Plätze benannt sind, die er in ihrem Auftrag ansteuert. Er freut sich die ganze Woche auf die Tage, an denen er seine Tochter Noga sehen darf und hält sich fit, indem er zweimal pro Woche zum Boxen geht.
Eines Tages bekommt er einen Auftrag, der für die nächsten Wochen sein Leben durcheinander bringen wird. Die Geschichte, die Gavron hier wie ein Krimi erzählt, spannt sich von der Liebesgeschichte zwischen zwei britischen Soldaten und zwei jüdischen Mädchen im Palästina des Jahres 1946 und ihren angeblich historischen Folgen (aus denen sich der Titel des Buches „Achtzehn Hiebe“ erklären wird) bis zur aktuellen Gegenwart. Denn die Auftraggeberin der die Handlung eröffnenden Fahrt ist eine der beiden jungen jüdischen Frauen. Sie heißt Lotta Perl und besucht ab nun täglich mit Eitan einen weiter entfernt gelegenen exklusiven Friedhof, wo ihr damaliger Geliebter seit einigen Tagen begraben liegt. Auf den langen Fahrten erzählt Lotta Perl dem von dieser Frau und ihrer Geschichte faszinierten Taxifahrer nicht von ihrer großen Liebe zu dem britischen Soldaten, sondern auch über das Leben in Palästina kurz vor der Gründung des Staates Israel.

Zusammen mit seinem Freund Bar, mit dem er schon einmal relativ erfolglos eine Detektei betrieb, erhält Eitan von Lotta den Auftrag über den Tod des Briten, mit dem Lotta die alte Liebe erst wenige Wochen zuvor wieder aufgefrischt hatte, zu recherchieren.

Was er dann herausfindet nicht nur über die Umstände des Todes von mehreren Personen des damaligen Liebesquartetts, was geschehen ist jetzt in Tel Aviv und damals in Haifa, all das hat Assaf Gavron mit viel jüdischem Humor und literarisch anspruchsvoll in eine krimihafte Geschichte gekleidet, die gleichzeitig erzählt von der sagenumwobenen Gründungszeit des Staates Israel, deren Widersprüche in den letzten Jahren zunehmend von verschiedenen Schriftstellern und Historikern kritisch beleuchtet werden.

Mit liebevoller Reminiszenz an seine Heimatstadt Tel Aviv ist Assaf Gavrons Buch trotz ernstem Themas unterhaltsam und spannend zu lesen und kommt auf eine sympathische Weise leichtfüßig und warmherzig zugleich daher.

Ob er seinem Taxifahrer Eitan Enoch in den nächsten zehn Jahren ein weiteres, drittes Buch widmen wird? Seien wir gespannt.


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dreißigjähriger krieg, festschrift, krähe, nachtarbeit, roman

Munin oder Chaos im Kopf

Monika Maron
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 22.02.2018
ISBN 9783100488404
Genre: Romane

Rezension:




In ihrem neuen, politisch wenig korrekten Roman, lässt die mittlerweile 76-jährige Schriftstellerin Monika Maron ihre Ich-Erzählerin eine ganze Menge wohl eigener Beobachtungen und Einschätzungen formulieren und aussprechen.

Die Ich-Erzählerin heißt Mina Wolf. Sie arbeitet als journalistische Freelancerin und Gelegenheitstexterin und hat, auf welchem Wege auch immer, von der kommunalen Spitze einer westfälischen Kleinstadt den Auftrag erhalten, für eine städtische Festschrift einen Beitrag über der Dreißigjährigen Krieg zu verfassen.
Zunächst eher widerwillig (sie hat ja den ganzen Sommer Zeit) beginnt sie zu recherchieren, und zu lesen, denkt nach über deutsche Befindlichkeiten und die Verwerfungen der Welt und über Religionskriege damals und heute. Ihre Beobachtungen und Vergleiche bewegen sich gegen den medialen Mainstream der letzten Jahre, politisch sehr unkorrekt, aber durchaus im Rahmen dessen, was eine Mehrheit einer zunehmend schweigenden Bevölkerung schon lange denkt über die Schwierigkeiten der Integration von Millionen junger muslimischer Männer (Maron spricht tatsächlich von „Millionen“) und über die Gefahr von Parallelgesellschaften.
Mina Wolf ist zunächst zögernd, dann aber immer zutraulicher werdend, eine einbeinige Krähe zugeflogen. Sie kommt nicht täglich, aber wenn sie da ist und das ausgelegte Futter verspeist hat, ist sie der Journalistin eine skeptisch-pessimistische, aber sehr meinungsfreudige Gesprächspartnerin. Diese Dialoge mit der klugen Krähe, die so was symbolisiert wie eine zweite innere Stimme der Erzählerin, bilden das literarische Zentrum des Romans und sind für den Leser eine wahre intellektuelle Freude.

Schon bald hat Mina Wolf den Eindruck, in einer sogenannten Vorkriegszeit zu leben, so wie es Michael Stürmer in der Ausgabe der WELT vom 19.12.2016 formulierte. Gestützt und befeuert wird dieser für sie bestürzende Eindruck durch das, was die Rahmenhandlung des Romans bildet und eine literarisch gelungene Parabel darstellt für das Wutpotential in unserer Gesellschaft, das sich an den unterschiedlichsten Stellen Bahn bricht, das aber niemand wirklich richtig verstanden hat. In der direkten Nachbarschaft der ansonsten recht stillen und unauffälligen Wohnstraße in Berlin-Schöneberg, in der Mina Wolf lebt, lebt auch eine psychisch kranke Frau, die jeden Tag von morgens bis abends lauthals auf ihrem Balkon singt. Ihr Singen ist eher eine disharmonisches Schreien, das schon bald die anderen Anwohner nervt und in einer Einwohnerversammlung zusammenbringt. Doch diese Versammlung bringt keine Einigung, sondern bringt die Unterschiede in der politischen Haltung der Anwohner erst zu Tage (linke, liberale und stramm rechte) mit schlimmen Folgen für das weitere Zusammenleben.

Dieser immer weiter zunehmende Aufruhr und die damit verbundene Aggression in der kleinen, engen Straße, der auch vor Anschlägen und persönlichen Beleidigungen und Angriffen nicht Halt macht und der tägliche Terror und Krieg in den Medien vermischen sich in Minas Kopf mit dem, was sie über den Dreißigjährigen Krieg herausfindet.

Sie schläft mittlerweile tagsüber, um nachts vor dem Geschrei der irren Nachbarin geschützt zu sein. In vielen Nächten ist die Krähe, der sie den Namen Munin gegeben hat, ihr kluger und widerborstiger Gesprächspartner, der sie immer mehr von seiner skeptischen Haltung was die Lernfähigkeit des Menschen betrifft, überzeugt.

Immer mehr hat sie den Eindruck, dass sie tatsächlich in einer neuen Vorkriegszeit lebt und dass sich der kleine Krieg der Nachbarn im „großen Krieg in Deutschland“ spiegelt.

Mit einer wunderbaren Sprache erzählt, voller kluger Beobachtungen und mit viel literarischem Witz, entwirft Monika Maron in diesem Alterswerk nicht nur ein provozierendes Stimmungsbild unserer Zeit, sondern zieht auch ein eher skeptisches Resümee ihrer eigenen politischen Haltung.

Ein sehr aktueller Roman, der eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis verdient hätte.








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74 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 58 Rezensionen

münchen, roman, krimi, kriminalroman, gesellschaftskritik

Kühn hat Ärger

Jan Weiler
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2018
ISBN 9783492057578
Genre: Romane

Rezension:




Nachdem sich der Schriftsteller Jan Weiler, einer der erfolgreichsten seiner Zunft in Deutschland, nach seinem ersten Roman über den Münchner Kommissar Martin Kühn, den er 2015 veröffentlichte, in den letzten beiden Jahren vorwiegend mit seinem „Pubertier“ und anderen literarischen Projekten beschäftigte, legt er nun mit „Kühn hat Ärger“ seinen zweiten und hoffentlich nicht letzten Roman über das Leben und die Arbeit eines ganz besonderen Kommissars vor, mit dem er wie beim ersten auch sehr subtile und kluge Beobachtungen gesellschaftlicher Phänomen literarisch gekonnt verknüpft mit Einsichten in menschliche Innenwelten ( nicht nur die des Kommissars selbst).

In der letzten Zeit ist es Martin Kühn nicht eben gut gegangen. Nachdem er seinem ungesunden Lebensstil und den immer stärker werdenden Anstrengungen seines Berufs Tribut zollen musste und nach einem Zusammenbruch sich in einem Reha-Zentrum für Beamte mehr oder weniger gut erholt hat, kann er sich nach seiner Heimkehr nicht lange mit der ich n nach wie vor quälenden Frage auseinandersetzen, ob er in seinem Leben eher Opfer oder Täter ist.

Nachdem sie direkt nach seiner Rückkehr aus der Reha eine recht gute Zeit miteinander hatten, muss Martin Kühn nun wieder seiner Arbeit nachgehen und feststellen, dass seine Frau Susanne sich merkwürdig verhält. Das wird in der Folge der Handlung so weit gehen, dass Martin sie unter dem Verdacht hat, mit seinem rechtsradikalen Nachbarn ein Verhältnis zu haben und er selbst auf ihm bisher unbekannte Weise versucht ist, selbst einen intimen Fehltritt zu begehen.

Und die früher eher gelöste Stimmung unter seinen Kollegen ist angespannt, seit eine neue Leitungsstalle ausgeschrieben worden ist, und jeder den anderen unter den Bewerbern vermutet.

Auf solch doppelte Weise verunsichert, wird Kühn zusammen mit seinem Kollegen Steierer mit den Ermittlungen im Todesfall eines aus Libanon stammenden Jugendlichen namens Amir beauftragt. Er wurde nachts an einer Bushaltestelle von einer Gruppe anderer Jugendlicher brutal erschlagen, so jedenfalls ist die erste Vermutung. Amir war befreundet mit Julia, Tochter aus guten Hause. Die Familie van Hauten ist durch zweifelhafte Patentgeschäfte der Vorfahren sehr reich geworden. Neben der Tochter Julia gibt es noch den etwas älteren Sohn Florin, von dem sich herausstellen wird, dass sich hinter seiner freundlichen Fassade etwas verbirgt, was seine Eltern schon seit seiner Geburt übertünchen wollen.

Als Kühn die Familie zum ersten Mal besucht, ist er sehr angetan von dem Umgangsformen und der wohltuenden Freundlichkeit der Familie, die er als echt wahrnimmt. Er erfährt, dass der ehemals kleinkriminelle Amir, kaum hat er Julia kennengelernt, eine wahre Metamorphose in seinem verhakten und seinem Auftreten durchläuft,. Er geht wieder in die Schule, lernt, schreibt gute Noten und erfolgreiches Abitur liegt zum ersten Mal in seinem bisher verkorksten Leben im Rahmen des Möglichen. Das legt auch an der überaus freundlichen Aufnahme, die Amir durch Julias Familien erfährt, die ihn sogar im Sommer für drei Wochen mit in den Familienurlaub nimmt.  

Doch warum und von wem wurde Amir dann ermordet, brutal erschlagen und dann auf der Straße liegen gelassen? Mit aller seiner Kraft hängt sich Kühn in diesen Fall, versucht die geheimnisvolle Dynamik der Familie van Hauten  zu verstehen, die er schon beim  allerersten Besuch gespürt hat.

All das natürlich auf dem Hintergrund des unterschwellig gärenden Konkurrenzkampfes im Dezernat, der so jedenfalls neu ist für Kühn und ihm genauso zusetzt, wie die Diagnose seines Amtsarztes, den er erst nach wochenlangen Erinnerungen seiner Vorgesetzten endlich aufsucht und der ihm einen extrem hohen PSA-Wert bei der letzten Blutprobe offenbart, die Vermutung einer ernsten Erkrankung der Prostata äußert und sofort weitere Untersuchungen fordert.

Doch dafür hat Kühn zunächst genauso wenig Zeit, wie dafür, sich um eine sich ihm entfremdenden Frau zu kümmern. Immer Zeit aber hat für seine ausufernden philosophischen Gedanken über Gott und die Welt und vor allen seine eigenen Platz darin. Diese Überlegungen sind neben den ironischen und bissigen Hieben Weilers auf die Gesellschaft und der eigentlichen Krimihandlung so etwas wie das literarische Salz in diesem spannenden und unterhaltsamen Roman.

Die Beschreibung von Martin Kühns eigenbrötlerischen und außergewöhnlichen Verhörmethoden, die seine Gegenüber, ohne dass sie es merken, zu den entscheidenden Aussagen bringen, ist für jeden Krimiliebhaber ein besonderer Genuss.

Weiler hat mit Martin Kühn wieder eine hoffentlich bald wiederkehrende Figur erfunden, die dem Leser menschlich ganz nahe kommt, er hat seine Geschichte eingebunden in den normalen Alltag von Kleinbürgern in einer Münchener Vorstadt und Megareichen außerhalb und seinen ermittelnden Kommissar mit einer Täterstruktur konfrontiert, die ihn alle ihm zu Verfügung stehende Intuition abfordert und ihn dennoch an die Grenze bringt.

Ob und wie er diese Grenze überwindet, wird hier nicht verraten. Vieles wird auch erst der dritte Kühn-Roman ans Licht bringen, den wir hoffentlich schon nächstes Jahr werden lesen können.





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Erhelle meine Nacht

Bernhard Lang
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 26.01.2018
ISBN 9783406719653
Genre: Sachbücher

Rezension:




In allen Religionen gibt es Gebete, die auch nach langem Gebrauch nichts von ihrem ursprünglichen Glanz verloren haben. Die schönsten dieser Gebete, deren Ernsthaftigkeit, Lebendigkeit und "Stimmigkeit" sich uns am unmittelbarsten mitteilt, hat Bernhard Lang in diesem Band versammelt und durch kurze Erläuterungen erschlossen. Das empfehlenswerte Buch erscheint nun in einer vierten Auflage.

Zu Gott oder göttlichen Mächten zu beten, ist eine der ältesten und am weitesten verbreiteten religiösen Äußerungen der Menschheit. Bernhard Lang hat aus den Zeugnissen aller Religionen und Länder die schönsten Gebete zusammengetragen. Indianer kommen hier ebenso zu Wort wie Ägypter, Griechen, Juden, Muslime, Hindus und Christen. Viele Texte stammen von den Großen der Religions-, Literatur- und Kirchengeschichte - von Echnaton, Platon, Jesus, Mohammed, Franziskus von Assisi, Martin Luther, Teresa von Avila, Dietrich Bonhoeffer, Edith Stein und Else Lasker-Schüler. Das Buch richtet sich an Leser, die sich an früher einmal gehörte oder gesprochene Gebete erinnern wollen, sei es das Vaterunser, einfache Tischgebete oder poetische Gebete wie das Morgenlied "Führe mich, o Herr, und leite / meinen Gang nach deinem Wort ...". Es spricht alle an, die sich für Gebete aus anderen Religionen interessieren, weil sie den Dialog suchen oder weil sie diese Gebete selber sprechen wollen. Und nicht zuletzt will diese Anthologie Menschen erreichen, die in der Einsamkeit oder in Gemeinschaft Gebete neu entdecken wollen.







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freundschaft, bilderbuch, fliegen, heimat, kinderbuch

Irgendwohin oder der Tag, an dem George das Fliegen lernte

Gus Gordon , Gundula Müller-Wallraf
Fester Einband
Erschienen bei Knesebeck, 19.02.2018
ISBN 9783957280268
Genre: Kinderbuch

Rezension:




Es gibt viele verschiedene Vögel. Allen ist gemeinsam. Dass sie irgendwohin fliegen. Manche in den Süden. Manche in der Norden. Wenige von ihnen nehmen lieber den Bus. Doch die Gans George Laurent ist da ganz anders. Er fliegt nicht hierhin und auch nicht dorthin, weil es ihm zuhause am besten gefällt. Weil er dort seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen kann, dem Backen. Er backt so gut, dass viele Freunde zu ihm geflogen kommen, um seine Naschereien aus der Backstube zu probieren.
Das gefällt George gut, nur: im Winter, wenn die Freunde alle weit weg sind wo es warm ist, das fühlt er sich alleine.  In einem solchen  Winter lernt er den Bären Pascal Lombard kennen, der gerade auf der Suche nach einem warmen Ort ist, wo er den Winter verbringen kann. Sie finden sich beide sympathisch, und Pascal beginnt systematisch nachzufragen, warum George nicht fliegen will oder kann.  Pascal lässt sich von mannigfaltigen und sehr fantasiereichen Ausreden Georges nicht irritieren und endlich gelingt es ihm, George in einen Ballon zu bekommen, mit dem sie zuerst nach Paris fliegen. Es folgen die Arktis und viele weitere Gegenden in der Welt, zu denen sie auf ihrer monatelangen Reise gelangen.

Wieder zuhause kredenzt George seine selbstgebackenen Kuchen und antwortet auf Pascals Frage, wo sie denn im nächsten Winter hinfliegen: „Einfach irgendwohin!“

Eine schönes Bilderbuch über die Freude am Reise und Entdecken und über den schönste Ort auf der ganzen  Welt: das eigene zuhause.















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Haselnusstage

Emmanuel Bourdier , André Langevin ZAÜ
Fester Einband: 32 Seiten
Erschienen bei Michael Neugebauer Edition, 01.09.2017
ISBN 9783865663238
Genre: Kinderbuch

Rezension:



„Eine Stunde.
Eine Stunde mit ihm. Um mich in sein Lachen zu kuscheln,
seinen Haselnussduft zu atmen,
ihm beim Muskelaufpumpen und Ohrenwackeln zuzuschauen,
von ihm ‚mein Sohn‘ genannt zu werden und den Hals
nach draußen zu den Wolken zu recken. Nur eine mickrige Stunde.“

Diese eine Stunde im Leben eine Jungen wird in dem schon 2014 in Frankreich erschienenen traurigen und düsteren Bilderbuch erzählt, eine Stunde an einem Mittwoch zwischen 14 und 15 Uhr, als er seinen Vater, der zu einer sehr langen Gefängnisstrafe verurteilt ist, im Besucherzimmer des Gefängnisses gegenüber sitzt.
Es ist für den Jungen eine Stunde einer extremen emotionalen Achterbahnfahrt. Bourdier beschreibt seine Gefühle, Gedanken und Hoffnungen in knappen Sätzen und mit düsteren, farblosen und tief traurigen Bildern.

Einmal, als er sich vorstellt, nach der Entlassung des Vaters mit ihm ein Wettrennen zu veranstalten, keimt kurz so etwas wie Hoffnung, die aber sofort von der Erkenntnis zerstört wird, dass der Vater dann  zu alt sein wird.

Der Junge lebt mit seiner Mutter ein armseliges Leben. Wenn  er in ihrer Augen schaut, dann hasst er den Vater. In der Schule ist er schlecht und wird von den anderen Kindern gemieden und gemobbt. Sein Vater will, dass er besser in der Schule wird, dass er nicht so wird wie er selbst.

Als seine Mutter und der Jungen sich nach einer Stunde verabschieden, weint der Vater. Und der Junge versucht seinen Haselnussgeruch in der Nase zu behalten. Bis zum nächsten Mittwoch um 14 Uhr.

„Haselnusstage“ ist ein Wagnis. Ein mutiges, weil so tief trauriges und hoffnungsloses Bilderbuch, das den Blick öffnen und schärfen will für die Kinder, die schon zu Beginn ihres Lebens auf der Verliererseite sind, und dort wohl auch bleiben werden.








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22 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

aufarbeitung, camping, familie, reise, schweiz

Am Ende der Reise

Edward Docx , Anna-Christin Kramer , Jenny Merling
Fester Einband
Erschienen bei Kein & Aber, 30.08.2017
ISBN 9783036957654
Genre: Romane

Rezension:



Es ist eine Situation, in die man selbst niemals kommen möchte, die der britisch-russische Schriftsteller Edward Docx in seinem neuen Roman seinen Ich-Erzähler Lou schildern lässt.   Er fährt zusammen mit seinem todkranken Vater Larry, seines Zeichens Literaturprofessor, der unter der unheilbaren Krankheit ALS leidet, die ihn bald bewegungsunfähig machen wird, in einem alten VW-Bus von England aus quer durch Europa nach Zürich, wo der Vater die lange von ihm geplante und vorbereitete Sterbehilfe bei Dignitas in Anspruch nehmen will.

Auch die Reise selbst hat der Vater minutiös vorbereitet und alle Stationen genauestens geplant. Orte, die er vor seinem Tod noch einmal sehen, Dinge, die er noch einmal machen möchte. Über eine lange Zeit hat Larry mit Lou Gespräche geführt, und es scheint zunächst so, dass der Sohn mit der Entscheidung seines Vaters einverstanden ist. Und irgendwann dazwischen wird ihm Folgendes klar: „Erstens: Der Tod macht die Liebe stärker. Das Unterbewusstsein (das weiß, dass es nicht ewig leben wird) nährt das Bewusstsein (das weiß, dass es im Moment noch am Leben ist). Zweitens: Im Leben geht es darum, seinen Frieden mit der beständig wachsenden Liste der erlittenen Verluste zu machen. Drittens: Intellektuelles Verständnis hat praktisch keinen Einfluss auf die Gefühle, die dabei mit im Spiel sind.“

Die Erfahrung machen mehr oder weniger auch die beiden Stiefbrüder von Lou, die im Laufe der Reise zu den beiden stoßen und sofort nicht nur in die immer nur angedeuteten Gespräche über das, was bevorsteht hineingezogen werden, sondern mit immer mehr innerfamiliären Befindlichkeiten und Erinnerungen sich konfrontiert sehen.

In zahlreichen Rückblenden lässt Docx nicht nur seine Figuren, sondern auf eine berührende Art auch seine Leser die Familiengeschichte der vier Protagonisten erleben, überraschend lustige Momente werden da beschrieben, die Fehler kommen zur schmerzhaften Sprache,  die Versäumnisse werden spürbar. Und die tiefe Liebe, die alle füreinander empfinden. Und die Angst vor einer Entscheidung. Sie kommen schlussendlich ans „Ende der Reise“, nach Zürich. Welches Ende aber die Geschichte der vier nimmt, soll hier offen bleiben. Lesen Sie selbst diesen Roadtrip zwischen Weinen und Lachen, dieses gefühlvolle, witzige, hintergründige Buch voll wunderbarer Formulierungen mit einem Thema , das keinen Leser kalt lassen wird, weil er sich konfrontiert sieht mit der eigenen Endlichkeit.,






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165 Bibliotheken, 6 Leser, 3 Gruppen, 64 Rezensionen

neapel, italien, freundschaft, neapolitanische saga, elena ferrante

Die Geschichte des verlorenen Kindes

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 614 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 02.02.2018
ISBN 9783518425763
Genre: Romane

Rezension:


Der lange von einer immer größeren Fangemeinde erwartete Abschluss einer literarisch einzigartigen Tetralogie einer sich immer noch erfolgreich in der Anonymität haltenden italienischen Autorin liegt nun vor und ich nehme an, zehntausende von Lesern haben in den letzten Tagen so wie der Rezensent kaum etwas anderes getan, als die letzten 600 Seiten dieses monumentalen Werkes über eine absolut ungewöhnliche lebenslange Frauenfreundschaft zu verschlingen und zu erfahren, wie sich das im ersten Band als Grund für dieses Werk genannte plötzliche Verschwinden von Lila im Alter von 66 Jahren erklärt.

Zunächst blendet Elena Ferrante zurück in die Zeit Mitte der siebziger Jahre, als Elena, eine mittlerweile auch in anderen Ländern bekannte Schriftstellerin jeglichen Kontakt zu ihrer lebenslangen Freundin Lila vermeidet. Doch 1979 zieht sie, offiziell um authentischer schreiben zu können, wieder in den Rione in Neapel zurück und die alte Nähe zu Lila wird neu belebt. Die ist mittlerweile zusammen mit ihrem Partner eine erfolgreiche Unternehmerin geworden. Beide Freundinnen erfolgreich und reif geworden – das hätte normalerweise die Grundlage sein können für eine Abkehr von der jahrzehntealten Konkurrenz, die sie beide pflegen bis hin zur Grenze der Selbstzerstörung.

Mir ist gerade in diesem letzten vierten Band, der das Verhältnis der beiden Frauen und ihr jeweiliges unruhiges Leben von Mitte der siebziger Jahre bis hin zu ihrem Alter und Lilas mysteriösem Verschwinden beschreibt, nachdem sie unter ähnlich ungeklärten Umständen lange Zeit vorher ihre Tochter verlor (beide Freundinnen waren etwa zeitgleich von den Männern, die sie am meisten liebten, mit denen sie aber kein Glück finden konnten, schwanger geworden – Grund und Ursache für erneute Konkurrenz und permanente Vergleiche), nicht wirklich klar geworden, von wem diese lebenslange Feindschaft und Missgunst innerhalb einer stellenweise idealen Freundschaft tatsächlich ursächlich ausgegangen ist.

Die im vorliegenden abschließenden Band mehr als in den drei vorherigen sehr selbstkritische Einsicht und Lebensbilanz der ich-erzählenden Elena lässt vermuten, dass ihr eigener Anteil daran nicht gering zu schätzen ist.  War man in den ersten Bänden noch relativ sicher, dass es sich bei den vier Romanen um so etwas wie eine Autobiographie handelt, halte ich es mittlerweile für denkbar, das Elena Ferrante, ihr Bekanntes und von ihr in Neapel und anderswo Erlebtes integrierend, die Handlung und die Personen der Tetralogie erfunden hat.

So oder so, die „Neapolitanische Saga“, wie sie nach dem ersten Band schon genannt wurde, ist eine der besten und literarisch beeindruckendsten Romanserien, die ich jemals gelesen habe. Ob das große Geheimnis um Lila gelüftet wird, soll hier an dieser Stelle offen bleiben. Bleiben Sie gespannt, auch auf ihr im Sommer 2018 erscheinendes Buch „Frantumiglia: Mein geschriebenes Leben“.

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Neues ABC-Buch

Karl Philipp Moritz , Wolf Erlbruch
Fester Einband: 72 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 14.02.2018
ISBN 9783956142253
Genre: Sonstiges

Rezension:



Lange war es nach seinem ersten Erscheinen im Jahr 2000 vergriffen, nun hat es der Antje Kunstmann Verlag wieder aufgelegt. Die vor langer Zeit Ende des 18. Jahrhunderts erschienene ABC-Fibel von Karl Philipp Moritz in der genialen Übertragung von Wolf Erlbruch, der auch mit den für ihn typischen Foto-Bild-Collagen, das für Erwachsene und Kinder geeignete Buch illustriert hat. Nach wie vor will dieses Buch zum Lesen und zum Schreiben anregen, und daneben grundsätzliche Fragen des Menschseins ansprechen.
Die Beschreibung wichtiger gesellschaftlicher, alltäglicher und moralischer Grundsätze und Erklärungen neben dem Jahres-Kreislauf der Natur, Arbeit, Leben und Tod, die Vergänglichkeit menschlicher und dinglicher Existenz, die Bedeutung von Verstand, Tugend, Genügsamkeit und Bildung werden eindrücklich durch kurze logische Texte nahegebracht.

Auf den letzten vier Seiten kann man erfahren, wer Karl Philipp Moritz war, welche Philosophie ihn bewegte. Und bei vielleicht gemeinsamen Lektüre von Erwachsenen und Kindern lernen beide miteinander, was den besonderen pädagogischen Wert dieser Einheit von Wort und Bild ausmacht: der permanente Hinweis auf die Unzulänglichkeit des Menschen, die Aufforderung, sich der Natur anzupassen, sich gegenseitig zu helfen. Bescheidenheit und Demut, in unseren Tagen nahezu abhanden gekommene Qualitäten, hatten zu Moritz´ Zeit einen hohen Stellenwert.

An sie zu erinnern ist der Hauptsinn dieses preiswürdigen Buches.



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35 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

araber, david ben gurion, einsamkeit, gesellschaft, 1959

Judas

Amos Oz , Mirjam Pressler
Flexibler Einband: 331 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.04.2016
ISBN 9783518466704
Genre: Romane

Rezension:



Der neue Roman von Amos Oz ist, obwohl er seine Handlung unverdächtig in das Jahr 1959 verlegt hat, von hoher Aktualität und steckt voller Anspielungen auf die gegenwärtige Politik in Israel und den Zustand seiner zerrissenen Gesellschaft. Gleichzeitig ist es ein Liebesroman und eine theologisch spannende Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Verrats im Allgemeinen und mit der Figur Jesusjüngers Judas im Besonderen.

Wir befinden uns zu Beginn des Romans in Jerusalem, Ende 1959. Der junge Schmuel Asch ist an einen vorläufigen Tiefpunkt seines Lebens gekommen. Seine Verlobte hat ihn verlassen und einen anderen Mann geheiratet. Sein Vater ist in Konkurs gegangen und kann ihm sein Studium nicht mehr finanzieren. Und mit seiner Magisterarbeit über "Jesus in den Augen der Juden" steckt er auch fest - je tiefer er in die Materie eindringt, desto klarer wird ihm, dass zwei Jahrtausende völlig gereicht haben, zu diesem Thema alles zu sagen. Er beschließt alles, was er hat zu verkaufen und in die Wüste zu gehen. Er will dort bei einem Siedlungsprojekt als Hilfskraft arbeiten. Da entdeckt er am Schwarzen Brett der Universität ein Stellenangebot: Gesucht wird ein Gesprächspartner für einen gebildeten, gehbehinderten alten Mann; geboten wird etwas Geld sowie freie Kost und Logis.


Der alte Mann, er heißt Gerschom Wald, lebt nicht allein. Mit im Haus wohnt seine schöne Schwiegertochter Atalja, in die sich Schmuel schnell verliebt. Sie jedoch ist sehr zurückhaltend mi ihrer Zuneigung, genauso wie mit Informationen über ihre Geschichte und ihr Leben. Erst im langen Verlauf des Romans offenbaren sich die Geheimnisse ihrer Vergangenheit sowie der ihres Vaters. Er war einer der führenden Persönlichkeiten bei der Gründung des Staates Israel. Seine idealistischen Vorstellungen vom künftigen Zusammenleben von Juden und Arabern hatten zum Zerwürfnis mit denen geführt, die dann die Teilung Palästinas durchsetzten, z. B. David Ben Gurion und damit zum unrühmlichen Ende seiner politischen Karriere. Fortan galt er als Verräter.

Als Verräter gilt auch seit 2000 Jahren im ganzen christlichen Abendland der Jesusjünger Judas Ischarioth. Schmuel fragt sich im Rahmen seiner Forschungen immer wieder, wieso der wohlhabende Judas seinen Herrn für dreißig Silberlinge an die Römer ausliefert und er (respektive Amos Oz) entwickelt eine Theorie, die Judas und seine Motivationen in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Judas war wohl von Jesus als dem Messias so überzeugt, dass er mit der Verhaftung Jesus dazu bringen wollte, sich nun endlich zu offenbaren und sozusagen als glorreicher Retter vom Kreuz zu steigen. Und sein Selbstmord ist demnach nicht Ausdruck von Schuldgefühlen, sondern von endloser Enttäuschung über seinen theologischen Irrtum.

Lizzie Doron hat in ihrem etwa zeitgleich mit Oz` Buch „Judas“ in Deutschland erschienenem Roman „Who The Fuck Is Kafka“ die Überzeugung vertreten, dass die beiden verfeindeten Völker, wollen sie eine Chance haben zu überleben, das Unverständnis füreinander überwinden müssen. Gleichzeitig ist sie sich mit David Grossmann und vielen anderen einig, dass ohne die israelische Armee das Land schon längst nicht mehr existieren würde, und die Juden, wie es Nasser zuerst formulierte, von den Arabern ins Meer getrieben worden wären.
Amos Oz lässt den greisen Gerschom Wald, den er mit dem jungen Schmuel unzählige Gespräche über die Geschichte Israels führen lässt, im Jahr 1959 etwas sagen, was in der Gegenwart nach wie gültig ist:
„Die Wahrheit ist, dass alle Macht der Welt den Feind nicht in einen Freund verwandeln kann. Man kann den Feind zum Sklaven machen, aber nicht zu einem Liebenden. Mit aller Macht der Welt kann man einen Fanatiker nicht zu einem aufgeklärten Menschen machen. Und mit aller Macht der Welt kann man aus einem Rachedurstigen keinen Freund machen. Und genau da liegen die existentiellen Probleme des Staates Israel: einen Feind zum Liebenden zu machen, einen Fanatiker zu einem Gemäßigten, einen Rachsüchtigen zu einem Freund.“

Auch die Haltung seiner Schwiegertochter Atalja (sie hat ihren Mann, den Sohn von Wald, im Unabhängigkeitskrieg verloren), könnte in der Gegenwart und für die Gegenwart formuliert sein, was sicher auch die Absicht von Oz war:
„Einen Staat habt ihr gewollt“, schleudert sie Gerschom Wald entgegen als spucke sie ihre Worte aus. „Unabhängigkeit habt ihr gewollt. Ihr habt ganze Flüsse reinen Blutes vergossen. Ihr habt eine ganze Generation geopfert. Ihr habt Hunderttausende Araber aus ihren Häusern vertrieben. Ihr habt Schiffsladungen von Hitler-Überlebenden direkt vom Kai aufs Schlachtfeld geschickt. Nur damit es hier den Staat der Juden gab. Und jetzt kann man sehen, was ihr bekommen habt.“

Wie Lizzie Doron ist auch Amos Oz, so wie David Grossmann und viele andere, bei aller auch fundamentaler Kritik davon überzeugt, dass die militärische Macht und ihr Einsatz notwendig sind, um den schnellen Tod Israels und seiner jüdischen Bevölkerung zu verhindern. Ohne die Armee hätten die Araber ihre seit Nasser immer wieder wiederholte Drohung wahrgemacht und die Juden ins Meer getrieben.

Es war und ist eine verzweifelte Zwickmühle, die da mit großer literarischer Kunst beschrieben wird. Beim Lesen dieses Buches spürt der Leser geradezu körperlich die Qual, die Intellektuelle wie Doron, Oz oder Grossmann nicht erst seit gestern aushalten. Ich kann es allen Menschen sehr empfehlen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, weigern, die Hoffnung für dieses Land und seine Menschen aufzugeben, und denen die einseitige Parteinahme für die Palästinenser von vielen Medien, den Linken und auch der SPD gegen den Strich geht.
Und doch schleicht sich beim Leser immer mehr die Gewißheit ein, dass es für den Konflikt zwischen Juden und Araber keine Lösung gibt und auch in baldiger Zukunft nicht geben wird. Warum man dennoch nicht aufgeben darf, das hat Amos Oz mit seinem vielleicht besten Buch literarisch großartig gezeigt.









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48 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

todesstrafe, rassismus, louisiana, drama, gesellschaftskritisch

Mercy Seat

Elizabeth H. Winthrop , Hansjörg Schertenleib
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 01.03.2018
ISBN 9783406719042
Genre: Historische Romane

Rezension:



Dem Lektorat des literarischen Teils des C.H. Becks Verlags ist wieder einmal eine wunderbare Entdeckung gelungen. Die 1979 geborene und mit ihrer Familie in Massachusetts lebende Schriftstellerin Elizabeth H. Winthrop ist hierzulande noch unbekannt. Nun hat C.H. Beck ihren dritten Roman „Mercy Seat“, der zeitgleich in den USA erscheint, von dem Schriftsteller Hansjörg Schertenleib, dessen letzten Romane bei Aufbau in Berlin erschienen sind, ins Deutsche übersetzen lassen, was ihm hervorragend gelungen ist.

Inspiriert von dem Song „Mercy Seat“ von Nick Cave & The Bad Seeds und einer wahren Begebenheit hat Elizabeth H. Winthrop eine Geschichte erzählt, die einen, hat man den Roman erst einmal begonnen, nicht mehr los lässt. Eine Geschichte von Rassismus und Unterdrückung, die dem Leser unter die Haut geht und ihn lange weiter beschäftigen wird.

Die Handlung spielt im Jahr 1943 in Louisiana. Ein junger Schwarzer namens Will ist in dem kleinen Ort St. Martinsville zum Tode verurteilt worden, weil er angeblich ein weißes Mädchen, die Tochter eines ortsansässigen Ladenbesitzers, vergewaltigt haben soll. Tatsächlich aber haben sich die beiden geliebt und das Mädchen hat sich aus Verzweiflung über die Verhaftung und Verurteilung von Will umgebracht.

Alle im Ort wissen ganz genau, dass das Todesurteil ein Skandal ist, doch Kritik gibt es nur hinter vorgehaltener Hand. Selbst der neu ernannte Staatsanwalt, der sich doch so viel vorgenommen hatte, um in einer von Rassismus und „white supremecy“ geprägten Gesellschaft für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, hat , obwohl er von Wills Unschuld überzeugt ist, das Urteil verlangt, weil eine Gruppe von Klan-Anhängern gedroht hat, seinen Sohn erneut zu entführen und dieses Mal zu töten.

Will selbst hat im Gefängnis sich mit seinem Schicksal abgefunden und aus großer Trauer und Schuldgefühlen seiner Freundin gegenüber in seinen bevorstehenden Tod eingewilligt. Der ist in Gestalt eines mobilen elektrischen Stuhls schon nach St. Martinsville unterwegs.  Es sind die letzten Stunden, bevor um Mitternacht der elektrische Stuhl zum Einsatz kommen soll und Elizabeth H. Winthrop begleitet verschiedene Personen, die abwechselnd zu Wort kommen. Da ist neben Will und seinem Vater Frank, der auf dem Weg ins Gefängnis ist, um nach der Hinrichtung seinen Sohn mit einem richtigen Sarg, den er auf Kredit gekauft hat, zu beerdigen.

Da ist der verzweifelte und in seiner Berufsehre zerstörte Staatsanwalt, sein Sohn Gabe und seine Frau Polly, die ihm schwere Vorwürfe macht. Der an seinem Glauben zweifelnde Priester Hannigan, der Will über lange Zeit im Gefängnis seelsorgerlich betreut hat, und an seiner Aufgabe fast zerbricht. Der Tankwart Dale, und seine Frau Nell, die für Will eine letzte Mahlzeit kochen wird.

Feinfühlig erzählt die Autorin, wie die einzelnen Personen mit dem Urteil und ihrem jeweils eigenen Gewissen umgehen. Spannend entwickelt sie eine Handlung, bei der alles auf die entscheidende nächtliche Stunde der Hinrichtung zuläuft, die auf jeden von ihnen eine ganz besondere persönliche Anziehung ausübt. Natürlich versammelt sich vor dem Gefängnis auch der rechte rassistische Mob, doch die Menschen, die Winthrop zu Wort kommen lässt, sind Menschen, aus deren mutiger Haltung sich zwanzig Jahre später die schwarze Bürgerrechtsbewegung entwickeln wird.

Die Ereignisse überschlagen sich bis zu einem überraschenden Ende, das aber nur einen Aufschub gewährt. Das Buch lebt von seiner Multiperspektive, die Winthrop geschickt zu einem Gesamtbild zusammenfügt, das den Leser gefangen nimmt und ihn gleichermaßen empört.

Und zu der Erkenntnis bringt, dass sich im Wesentlichen in den USA nicht viel verändert hat, was den Rassismus betrifft. Es ist zu wünschen dass C.H. Beck weitere Romane dieser beeindruckenden Schriftstellerin verlegen wird.



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1968

Norbert Frei
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 08.12.2017
ISBN 9783423349208
Genre: Sachbücher

Rezension:



Unter den zahlreichen Büchern, die in diesem Frühjahr, 50 Jahre nach den Ereignissen von 1968, auf dem deutschen Buchmarkt erscheinen, ragt das vorliegende Buch des renommierten Zeithistorikers Norbert Frei auf unterschiedliche Weise heraus. Zum einen ist es ein Buch, das geschrieben wurde von einem Geschichtswissenschaftler, der, 1955 geboren, an den damaligen Ereignissen nicht persönlich beteiligt war. Schon von daher hat er, anders als etwa Götz Aly, Peter Schneider, Gerd Koenen oder Wolfgang Kraushaar, die allesamt mit zum Teil umfangreichen Büchern ebenfalls in den letzten Wochen auf dem Buchmarkt erschienen sind, nicht das Problem, zu erklären, wie er aus heutiger Sicht bestimmte, nach 50 Jahren teilweise totalitär anmutende Erscheinungsformen der "Bewegung" sieht, und vor allen Dingen seine eigenen Reden und Haltungen damals zu rechtfertigen oder sich von ihnen zu distanzieren.

Zum anderen geht es Norbert Frei darum zu zeigen, dass es eine weltweite Entwicklung gewesen ist, die um das Jahr 1968 herum nicht nur jungen Menschen und vor allen Dingen nicht nur Studenten bewegte. Er beschreibt die Anfänge in den USA und widmet sich dann unter der Überschrift "Ein deutscher Sonderweg ?" der Entwicklung in Deutschland. In diesem Kapitel ist besonders der Abschnitt "Kinder der Verdrängung: Die Geburt einer Generation aus dem Geist der NS-Kritik" lesenswert, in der der ausgewiesene NS-Forscher Frei beschreibt, mit welchen aus heutiger Sicht teilweise abstrusen Thesen damals operiert wurde. Vor allen Dingen ist dieses Kapitel wichtig, wenn man sich mit den Thesen Götz Alys auseinandersetzen will, der in seinem Buch "Unser Kampf" geistige Verbindungen zwischen 1933 und 1968 zieht.

Weitere Kapitel befassen sich mit der Entwicklung des Protestes in anderen westlichen Ländern, wie Japan und den Niederlanden zum Beispiel und auch mit der Entwicklung im Osten. Denn schon hier werden die ersten Samenkörner gelegt für einen Prozess, der 1989 seinen nur vorläufigen Abschluss fand.

"1968 war nicht das Jahr, das alles verändert hat, dazu war bereits zu viel im Gang. Aber nach '68' war fast nichts mehr wie vorher. Und in diesem Sinne war '68' überall".

Mit diesen Sätzen beschließt der Autor ein Buch, das besonders den jungen Lesern empfohlen werden kann und allen, die an den fortgesetzten ideologischen Auseinandersetzungen und den Vorwürfen und Rechtfertigungen, die die anderen erwähnten Bücher doch teilweise dominieren, kein Interesse haben, sondern sich einfach informieren wollen, wie es dazu kam, dass sie so leben und so leben können wie sie es heute tun.
Ein sehr empfehlenswertes Geschichtsbuch, übersichtlich, leicht verständlich und dennoch mit einem ausführlichen weiterführenden Apparat ausgestattet. Hier liegt es, 10 Jahre nach seinem ersten Erscheinen, in einer aktualisierten und erweiterten Neu

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Es war einmal eine Familie

Lizzie Doron , Mirjam Pressler
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 10.11.2017
ISBN 9783423146029
Genre: Romane

Rezension:



Wie schon in Lizzie Dorons dritten ins Deutsche übersetzten Roman "Der Anfang von etwas Schönem" handelt auch dieser vorliegende, in Israel schon 2002, also vor ihren bisherigen Büchern veröffentlichte Roman verfremdet von ihrer Kindheit im Tel Aviver Viertel Yad Elijahu, einem kleinen, aber geschlossen wirkenden Viertel, in das damals fast nur Überlebende der Konzentrationslager zogen.
Schon in ihrer autobiographischen Novelle "Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?" hat die 1953 geborene Lizzie Doron von Yad Elijahu erzählt, von ihrer prinzipienfesten Mutter, die über ihre Vergangenheit in den Lagern der Nazis wie so viele andere beharrlich schwieg. Doron hat erzählt von den Aufträgen und Botschaften der Mutter, die wollte, dass die Tochter ihr Leben ganz auf die Zukunft ausrichtet. Dass ihre Tochter sich womöglich für ein Leben im Kibbuz entscheiden könnte, war ihr ein schrecklicher Gedanke. Und doch kam es genauso.

Dorons Figuren sitzen in ihren Büchern allesamt wie in einer Falle. So wie sie sie schildert, versucht sie nachzuweisen, dass es keinen "richtigen" Umgang mit dem Gedenken an die Shoa und ihre Opfer geben kann.
Die zweite Generation, aufgewachsen im auch aggressiv vorgetragenen Schweigen ihrer Eltern, hat für ihr ganzes Leben wirksame Beschädigungen erlitten, weil sie ihr Leben nur verstehen können als Trost für die Eltern.

Lizzie Doron versucht mit ihren Büchern das Schweigen zu brechen. Es gibt niemand sonst, der in der Lage ist, die widerstrebenden Gefühle der Nachkommen der Überlebenden tiefer und schmerzhafter auszuloten. Man spürt der sensiblen und gelungenen Übersetzung Mirjam Presslers ab, welche unsagbare Anstrengung das Schreiben dieser Bücher für Lizzie Doron bedeutet.

Das vorliegende Buch muss sie wohl ganz besonders viel Kraft gekostet haben. Es ist der durch mit vielen Erinnerungen durchtränkte Bericht einer Schiwa, der einwöchigen Trauerzeit der Juden. Elisabeth, das Alter Ego von Lizzie Doron kommt Anfang der neunziger Jahre nach Yad Elijahu zurück. Helena, ihre Mutter, die wir aus den bisher veröffentlichten Bücher im Jüdischen Verlag gut kennen, ist gestorben. Sie hat mit vielen alten Überlebenden der Shoah bis zu ihrem Tod in diesem Viertel gelebt, aus dem die Jungen früher oder später alle weggezogen sind, weil sie die Alpträume ihrer Eltern hinter sich lassen, endlich ein normales Leben führen wollten.

Doch viele dieser Kinder, mit denen Elisabeth damals aufgewachsen ist, haben im Jom-Kippur-Krieg ihr Leben verloren. Elisabeth will ihrer Mutter die letzte Ehre erweisen, und bleibt sieben Tage in ihrem Elternhaus. Die beiden uns ebenfalls schon aus den anderen Büchern bekannten Schiwa-Expertinnen Sonia und Genia unterstützen sie dabei.

Viele Nachbarn und Bekannte kommen ins Haus und bringen nicht nur Trost mit für Elisabeth, sondern auch ihre Geschichten und Erinnerungen. Indem sie, zunächst etwas widerwillig, dann aber mehr und mehr sich fallen lassend in die tröstende Hülle einer Schiwa, all diesen Menschen zuhört und ihren bewegenden Geschichten lauscht, kehrt die lange für Elisabeth versunkene und verdrängte Welt ihrer Kindheit wieder zurück.

Nach dem Ende der einwöchigen Trauerzeit hat Elisabeth eine für ihr weiteres Leben sehr wichtige Erkenntnis: sie, die nie eine andere Verwandte hatte als ihre Mutter, ist doch nicht ohne eine Familie aufgewachsen. Dieses Viertel, das in den fünfziger und sechziger Jahren für unzählige Überlebende eine neue Wohnstatt wurde, in dem sie mehr oder weniger erfolgreich versuchten, sich ein neues Leben aufzubauen, dieses Viertel war einmal ihre Familie. Das wird ihr Kraft geben für ihr weiteres Leben ( und auch für Dorons Bücher).

Sonia spürt etwas davon, wenn sie mit jüdischem Witz am Ende des Buches sagt: "Die Schiwa war wirklich sehr gelungen, nur schade, dass Helena nicht dabei war."

In ihrem Vorwort schreibt Lizzie Doron:
"Und dieses Land, das mit seinen Toten schon seit vielen Jahren dahinstirbt, ist noch einmal auferstanden. Nur sieben Tagen war es noch einmal da, das unbekannte Land. Das Land, das mir Heimat und Familie war. Und das ist seine Geschichte."

Eine bewegende Geschichte aus der zweiten Generation der Überlebenden, die zeigt, dass es immer noch nicht vorbei ist ....

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Tiere!

Angela Weinhold
Spiralbindung
Erschienen bei Ravensburger Buchverlag, 09.01.2018
ISBN 9783473326815
Genre: Kinderbuch

Rezension:




Dieses Buch aus der durchweg empfehlenswerten Sachbuchreihe Wieso? Weshalb? Warum? für Kinder von vier bis sieben Jahren aus dem Ravensburger Verlag gibt auf insgesamt acht Doppelseiten mit vielen Klappen, die Einblicke ermöglichen und  Bewegungen und Abläufe veranschaulichen, eine Einführung in das Leben vieler unterschiedlicher Tiere, ihre Lebensräume, ihre Fortpflanzung, ihr Verhalten. Immer wieder werden lustige Fragen gestellt, wie zum Beispiel, ob ein  Faultier wirklich faul ist, ob Tiere lügen können und  warum ein Zebra gestreift ist.

Ohne dass es in einem der vielen informativen Texte an irgendeiner Stelle ausdrücklich erwähnt würde, vermitteln das Buch und seine wunderbaren Illustrationen einen Eindruck von der Schönheit der Schöpfung und seiner tierischen Bewohner. Es ist eine von Angela Weinhold getroffene Auswahl von Tieren und Lebensräumen (etwa das Riff oder die Tiefsee).
Ein Sachbilderbuch für Kinder zwischen vier und sieben Jahren, dem es sehr gut gelungen ist, die Vielfalt des Themas altersgerecht darzustellen, das mit vielen Klappen zum Entdecken und Weiterfragen einlädt.




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Es fährt ein Boot nach Schangrila

Lene März , Barbara Scholz
Fester Einband
Erschienen bei Thienemann ein Imprint der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, 13.02.2018
ISBN 9783522458672
Genre: Kinderbuch

Rezension:




Kinder mögen Reime. Mit ihnen antizipieren sie ihre Muttersprache, erweitern ihren Wortschatz und befördern ihre unbegrenzte Phantasie.
Kinder mögen Tiere. Nicht zuletzt deshalb finden sich in so vielen, auch klassisch gewordenen Bilderbüchern Tiere als Identifikationsobjekte für Kinder.
Etliche Kinder kennen auch in der heutigen, säkular und areligiös gewordenen Welt noch die Geschichte von der Arche Noah, die alle Tiere fasste und vor der großen Flut rettete.
Und Kinder lieben lustige Bilder, originell, aber nicht zu abstrakt, farbenfroh gemalt und auch zur Identifikation einladend.

Lene März’, von Barbara Scholz wundervoll illustriertes neues Bilderbuch „Es fährt ein Boot nach Schangrila“ vereint alle diese Qualitäten in ganz hervorragender Weise. Dass die Autorin das Buch auch als Zählbuch verstanden wissen will, das den Kindern helfen soll, über die Nummern der Schiffsstege, an denen das Boot auf seinem Weg nach Schangrila Station macht einerseits, und über die Zahl bestimmter Tiere, die an den einzelnen Stationen zusteigen, andererseits die Zahlen von 1-10 aufwärts und von 10-1 abwärts zu lernen, wird beim wiederholten Lesen und Vorlesen so zu Nebensache, dass dieses Zahlenlernen unbewusst vor sich geht. Sehr gut und geschickt gemacht.

Und so wird bei jeder Station das Boot voller, und eine Menge lustiger Gesellen ist zu bestaunen und lädt zum Lachen ein.
Die Favoriten meines zweieinhalbjährigen Sohnes David sind eindeutig der Specht, der sich zunächst als blinder Passagier auf das  Boot schleicht, um dann, zwei Stationen später in den Fluß zu reihern, weil ihm schlecht geworden ist, die Krabben, die den Zebras ins Bein und den Kapitän in die Nase zwicken, und die fünf Koalabären, die sich furchtbar über den Auswurf des Spechtes aufregen und dabei wunderbare Grimassen schneiden.

Mehrmals am Tag will er dieses Buch vorgelesen haben, und es hat sich, seit es vor einer Woche ins Haus gekommen ist, zu einem seiner Lieblingsbücher gemausert.

Ein wunderschönes Bilderbuch, zu dem man dem Verlag nur gratulieren kann. Mehr von solchen Reimbüchern !


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Cartoons für die moralische Elite mit Bildung, Geld & gutem Geschmack

Til Mette
Fester Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Lappan, 31.01.2018
ISBN 9783830334866
Genre: Comics

Rezension:


Til Mette ist einer der bekanntesten Cartoonisten in Deutschland. Nicht nur seine seit 1995 erscheinende wöchentliche Seite Im STERN, sondern auch viele Cartoonbände und Ausstellungen haben ihn einem großen Publikum bekannt gemacht.

Auf 128 Seiten und edel aufgemacht zeigen die hier vorliegenden  "Aufzeichnungen für die moralische Elite mit Geld und gutem Geschmack" das Beste aus seinem Schaffen der letzten Jahre. In etlichen Ausstellungen in diesem Frühjahr, werden Teile dieser Werke überall im Land gezeigt.
Was bewegt uns aufgeklärte Menschen, was treibt uns an? Und wo entstehen dabei die komischen Momente? Darum geht es Til Mette, der sich schon lange als ein hervorragender Beobachter des Alltags zeigt. Ein Chronist, der lustvoll die peinlichen Momente aufsucht und beleuchtet, der das Abstruse im gut situierten Leben  goutiert und es in witzigen bis nachdenklichen Cartoons zu Papier bringt. Dabei sind seine Pointen weder höhnisch noch zynisch, mit feiner Ironie bringt er seine Leserschaft dazu, über sich selbst zu lachen, wenn er ihnen den Spiegel vorhält.

Absolut witzig und auf hohem Niveau. Cartoons vom Allerbesten. Wahre Kunst.

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heimat, familie, farm, farmleben, schicksal

Unsere Jahre in Miller's Valley

Anna Quindlen , Tanja Handels
Fester Einband
Erschienen bei DVA, 21.08.2017
ISBN 9783421047588
Genre: Romane

Rezension:




Die Autorin Anna Quindlen gehört in den USA zu den ganz großen Autorinnen, die es nicht nur in die Bestsellerränge der Romanlisten, sondern auch der Sachbuchlisten schafft. Und diese Leidenschaft für zwei unterschiedliche Sparten merkt man den Romanen auch an. Schon als ich den Vorgängeroman „Ein Jahr auf dem Land“,  komponiert nicht nur als Befreiungsgeschichte einer Frau, sondern auch als Liebesgeschichte mit einem Happyend, 2015 gelesen habe, war ich von dieser Autorin und ihrem Stil begeistert.

Erzählt wird die neue Geschichte von der am Anfang des Buches etwa um 1965 herum 11-jährigen Mimi Miller, die zusammen mit ihren Eltern und ihren beiden Brüdern auf der Millerfarm im Millervalley wohnt. Über 200 Jahre schon währt die Tradition dieser Familie, die sich in der unwirtlichen und feuchten Tallandschaft eingerichtet hat und im ganzen Tal bekannt und beliebt ist. Eine schrullige Tante bewohnt ein kleines Haus am Anfang der Auffahrt zur Farm. Mimis Mutter bestreitet als Nachtschwester im Krankenhaus den Hauptteil des Familieneinkommens, während der Vater überall im Tal kleine Reparaturen übernimmt, bis ein  Schlaganfall ihn zum Nichtstun verurteilt.

Nach und nach erfahren wir von Mimi Details aus dem nur auf den ersten Blick eintönigen Leben der Farmer des Tals und den Beginn der Aufregung über den schon lange von der Regierung geplanten Staudamm, der das Ende alle Häuser und Farmen im Tal bedeuten würde.

Mimi ist mit LaRhonda, der Tochter des Dinerbesitzers befreundet, ein Mädchen, das sich im Gegensatz zu Mimi um nichts kümmern muss. Mit dem Jungen Donald, dessen Mutter weit weg wohnt und der immer wieder für lange Monate zu seinen Großeltern ins Tal kommt, verbindet Mimi eine enge Freundschaft, die auch am Ende des Buches, als die Erzählerin schon eine ältere Frau geworden ist, noch überaus lebendig ist.

Mimi erlebt, wie der große Bruder als Jahrgangsbester an die Uni geht und später weit weg eine Familie gründet. Sie erlebt erschüttert, wie ihr mittlerer Bruder Tommy, sich zur Army meldet und total zerstört und sich immer weiter selbst zerstörend aus Vietnam zurückkehrt und sie setzt sich im Laufe ihrer Jugend und ersten Erwachsenjahre mit dem geplanten Überflutung des Tals auseinander, deckt Missstände und Betrug der Regierungsstellen auf.

Mimi`s Leben ist, je älter sie wird, immer mehr mit diesem Fluten des Tales verknüpft, sei es durch ihren Freund Steven, sei es durch ihr Studium, sei es durch ihre Familie... und letztendlich bleibt diese Verknüpfung bis an ihr Lebensende bestehen.

Eine kraftvolle, emotionale Geschichte über eine Familie und eine Dorfgemeinschaft, die sich unabwendbaren Veränderungen stellen muss; über sonnendurchflutete Kindheitstage, Wachstumsschmerzen und die Kunst, sich selbst und eine neue Heimat zu finden. Unsere Jahre in Miller's Valley erinnert uns daran, dass der Ort, an dem wir aufgewachsen sind, und die Menschen darin zwar verschwinden mögen, aber in unserem Herzen auf immer weiterleben.

Gute und anspruchsvolle Unterhaltung auf hohem erzählerischen Niveau, wie schon bei „Ein Jahr auf dem Land“.

















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2 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

In 30 Städten um die Welt

Leena Flegler , James Brown , Lily Murray
Fester Einband
Erschienen bei Gerstenberg Verlag, 01.01.2018
ISBN 9783836956208
Genre: Kinderbuch

Rezension:



Von New York bis nach Tokio: dieses großformatige Buch des britischen Illustrators James Brown nimmt die ganze Familie mit auf eine Weltreise in einzigartigen Bildern. Denn dieses Buch richtet sich an Kinder und Erwachsene gleichermaßen. James Brown zeigt die Städte und ihre berühmten Wahrzeichen in großformatigen, doppelseitigen Plakaten, auf denen er sehr geschickt Wissenswertes und Kurioses in kurzen Texten verbindet mit außergewöhnlich atmosphärischen Grafiken im Retrostil.
Es ist beeindruckend, wie Brown Stimmung, Wahrzeichen und Spezialitäten der Städte einzufangen versteht. Es sind die typischen Farben und Formen, die er wie Elemente eines Steckbriefes einsetzt. Kairo etwa zeigt er als magische Silhouette an einem tiefblauen Nil vor einer gelb aufragenden Pyramide. Tokio wird von einem im Kirschblütenmeer ruhenden Buddha symbolisiert, mit dem schneebedeckten Fuji im Hintergrund und einer roten Sonne am Horizont. London inszeniert der Zeichner unter anderem mit Big Ben, Doppeldecker-Bus, Tower Bridge und Dauerregen; weiße Linien auf blauem Hintergrund.
Als Reiseführer dienen die im Retrostil gehaltenen Illustrationen sicher nicht. Aber sie sind zum schön, setzen Wesentliches originell in Szene, und Fernweh wecken sie allemal!





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Smon Smon

Sonja Danowski ,
Fester Einband: 48 Seiten
Erschienen bei NordSüd Verlag, 01.01.2018
ISBN 9783314104152
Genre: Kinderbuch

Rezension:



Mit ihrem Fabelwesen Smon Smon, das auf dem Planeten Gon Gon lebt, hat die mehrfach preisgekrönte Illustratorin Sonja Danowski eine Bilderbuchfigur und ein feinsinniges Universum in einen zauberhaften Bilderbuch geschaffen, das die kleinen Betrachter dieses Buches in eine fantastische Bilder- und Sprachwelt entführt, in der sie schnell eintauchen und sich auf eine ungewöhnliche Art wohlfühlen werden.
"Das Smon Smon lebt auf dem Planeten Gon Gon. Morgens hängt das Smon Smon sein letztes Ron Ron neben sein Won Won und schwimmt in einem Ton Ton davon."   Mit einer wundersamen und absolut ungewöhnlichen Sprache beginnt die Geschichte des puppenhaften Wesens Smon Smon, die in einem vollkommen fantastischen Raum spielend, das zunächst in eine große Not gerät am Ende doch auf wundersame Weise sein ganz persönliches Glück findet, als es auf sein Ebenbild trifft und eine wunderbare Freundschaft ihren Anfang nimmt.

Es geht in erster Linie um die Darstellung einer fantastischen Welt und darum, den Reichtum unsere Sprache bewusst zu machen. Denn das lieben Kinder ganz besonders, wenn sie für fremde Dinge eigene Begriffe zulassen und erfinden können.

Von dieser, mit vielen Doppel-worten ausgestatteten Sprache werden die Kinder ebenso bezaubert und begeistert sein, wie von der magischen Welt, in die sie die Künstlerin Sonja Danowski mit ihren Bildern entführt.

Eine zarte und fein gesponnene Geschichte über Zusammenhalt und Freundschaft. Absolut preiswürdig.



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3 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

Das Flüstern des Orients

Franziska Meiners , Franziska Meiners
Fester Einband
Erschienen bei NordSüd Verlag, 01.01.2018
ISBN 9783314104299
Genre: Kinderbuch

Rezension:


„Das Anderssein des Anderen als Bereicherung des eigenen Seins begreifen; sich verstehen, sich verständigen, miteinander vertraut werden, darin liegt die Zukunft der Menschheit.“

Diese weisen Worte des Pädagogen Rolf Niemann hat Franziska Meiners als eine philosophische Überschrift über ihre von ihr selbst ausgewählte, nacherzählte und auch illustrierte Sammlung von sechs arabischen Volksmärchen gestellt. Sie entführt mit diesen Geschichten Erwachsene und Kinder ab etwa dem Grundschulalter in die faszinierende Welt des Morgenlandes. Die magischen Geschichten erzählen von dem Geist aus der Flasche, einem verzauberten Prinzen und einer geheimnisvollen Meerjungfrau.

Zauberhafte an Holzschnitte erinnernde Illustrationen geben dem Buch eine ganz eigene Note und präsentieren es in einem schönen Design.

Die Mitmachseiten im Anhang liefern zum einen kindgerechte Informationen zum Orient, zum anderen gibt es tolle Märchenmotive zum Selbstausmalen.

Das Buch und seine Geschichten können Kindern und Erwachsenen bei der gemeinsamem Lektüre oder Vorlesen einen authentischen Eindruck von einer Kultur vermitteln, von der in diesen Zeiten schon Kinder lernen, dass sie angeblich mit der unseren nicht vereinbar sei.

Das Anderssein des Anderen als Bereicherung des eigenen Seins begreifen – zu dieser großen Menschheitsaufgabe können Bücher wie das vorliegende einen  wichtigen Beitrag leisten.


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57 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

faceless, alyssa sheinmel, hanser, gesichtstransplantation, jugendbuch

Faceless

Alyssa Sheinmel , Jessika Komina , Sandra Knuffinke
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.09.2017
ISBN 9783446257030
Genre: Jugendbuch

Rezension:



Maisie, die ich-erzählende Hauptperson dieses 2015 in New York erschienenen Jugendbuches von Alyssa Sheinmel, ist eine sportbegeisterte 16- jährige, die bei guten und besorgten Eltern aufwächst, eine sehr gute, fleißige und ehrgeizige Schülerin und erfolgreiche Sportlerin. Seit einiger Zeit ist sie mit Chirag befreundet und es steht fest, dass sie bald mit ihm zum Abschlussball gehen wird.

Doch eines Tages verändert sich ihr Leben von einer Sekunde auf die andere. Während sie morgens Laufen geht, wird Maisie von einem Gewitter überrascht und ein Blitz trifft die Oberleitung, unter der Maisie gerade durch läuft. Der entstehende Funkenregen verbrennt ihren Körper und besonders ihr Gesicht auf eine furchtbare Weise.

Als sie dick verpackt im Krankenhaus aufwacht, spürt sie vor allem an der Reaktion ihrer Eltern, dass etwas Furchtbares passiert sein muss und langsam kommt ihre Erinnerung zurück.  Wer ist sie nun noch, nachdem ihr das Kinn, die Nase und eine Wange fehlen, wie ihr vor allem ihr Vater offenbart. Ihre Mutter versucht ihr dauernd zu vermitteln, sie habe bei allem noch Glück gehabt. Glück nennt sie auch einige Zeit später die Entscheidung der Ärzte, ihr ein Spendergesicht, bzw. Elemente davon zu transplantieren. Maisie stimmt notgedrungen zu und muss sich damit auseinandersetzen, dass sie, um die Abstoßung des fremden Gewebes zu verhindern, ihr Leben lang starke und mit vielen Nebenwirklungen behaftete Medikamente nehmen muss.

Bei aller Einsicht, dass ihr die Transplantation wohl das Überleben gerettet hat, empfindet Maisie ihre OP nicht als Glück. Im Spiegel, den ihr der Vater auf ihr flehendes Bitten reicht, kann sie sich nicht mehr erkennen. Ihr Freund Chirag hält zu ihr, obwohl sie immer mehr spürt, dass er eigentlich nur aus Mitleid bei ihr bleibt.

Als sie nach vielen Monaten so weit hergestellt ist, dass sie wieder in die Schule gehen kann, beginnt für sie eine schwere Zeit, von der sie zunächst nicht glaubt, dass sie sie überleben wird. Und immer strahlt jener Satz vom Anfang des Buches nach: „Zerstört. Was für ein unpassendes Wort. Zerstört sind Dörfer, über die ein Tsunami hereingebrochen ist. Oder Gebäude, die von einer Bombe getroffen wurde. Schiffe, die auf den Meeresgrund sinken. Aber etwas so Kleines, Unbedeutendes wie das Gesicht eines einzelnen Menschen kann doch nicht zerstört werden.“

Ihre beste Freundin versucht ihr Bestes, doch auch diese Freundschaft leidet an der Situation. Wer bin ich noch, wenn sich mein Äußeres so verändert hat, dass ich weder für mich noch für andere noch erkennbar bin?

Alyssa Sheinmel beschreibt mit einer beeindruckenden und unter die Haut gehenden Sprache ein junges Mädchen auf der Suche nach ihrer alten Identität und beim schwierigen Entdecken einer neuen. Und sie hat dazu mit den Eltern, den Freunden und Lehrern Figuren geschaffen, deren jeweilige und unterschiedliche Auseinandersetzung mit dem, was passiert ist, überzeugend und bewegend dargestellt wird.

Ich dachte auf den ersten Seiten zunächst, so etwas wie eine mehr oder minder vollständige Gesichtstransplantation gäbe es gar nicht, doch ein Blick ins Internet konfrontierte mich mit Bildern, die ich dann beim weiteren Lesen nicht mehr aus dem Kopf bekam, die mir aber eine intensive und plastische Vorstellung davon gaben, vor welche enormen psychischen Leistungen die Hauptfigur Maisie sich gestellt sieht.

Erst als sie vermehrt Menschen trifft zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe, die ihr früheres Gesicht nicht kennen, lernt sie Schritt für Schritt, sich auch mit anderen Augen zu sehen und ihr neues Ich zu akzeptieren.

Ein wunderbares Buch, ein anspruchsvolle Lektüre nicht nur für Jugendliche mit einer wichtigen Botschaft. Es ist nicht unser Äußeres, das definiert, wer wir wirklich sind.





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Anatomie

Hélène Druvert , Jean-Claude Druvert , Sarah Pasquay
Fester Einband
Erschienen bei Gerstenberg Verlag, 01.01.2018
ISBN 9783836959896
Genre: Kinderbuch

Rezension:



Einmal einen Blick in den menschlichen Körper werfen - dieses Buch macht es ganz ohne Röntgengerät möglich.  Zwar ist das für Kinder gedachte Buch vor allem für Grundschulkinder in seinen Erklärungen noch etwas schwer zu verstehen, aber sie bekommen einen guten Einblick. So sind etwa die Nieren und die Fortpflanzungssysteme  verständlich und angemessen dargestellt. Die Klappensysteme wecken die Neugierde und helfen dabei, unter der Oberfläche zu forschen, was sich im menschlichen Körper so alles tut.  Das allmähliche Verstehen wird dann mit der weiteren Beschäftigung der Kinder mit Buch wachsen.

Dem Buch gelingt es mit Lasercutschnitten das Innenleben eines Menschen darzustellen, den Aufbau des Skeletts vor Augen zu führen,  sie veranschaulichen Atmung, Verdauung und das Herzkreislaufsystem. Unter den großzügigen Klappen verbergen sich Organe, Muskeln und Knochen und geben ein Bild davon, wie das Herz schlägt, wie Hören und Sehen funktionieren und was in unseren Köpfen vor sich geht.

Ein lehrreiches Buch, dessen Nutzung für jüngere Kinder manchmal vielleicht die Unterstützung von Erwachsenen nötig macht. Ein Buch, das helfen kann, mit dem eigenen Körper und dem von anderen achtsamer umzugehen.



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thriller, hangman, daniel cole, london, köder

Hangman - Das Spiel des Mörders

Daniel Cole , Conny Lösch
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 02.01.2018
ISBN 9783548289212
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:



"Hangman“ ist nach "Ragdoll" der zweite Roman aus der "William Fawkes"-Reihe von Daniel Cole, auch wenn der im ersten Band am Ende spurlos verschwundene „Wolf“ im zweiten Band erst ganz am Ende im Epilog auftaucht, und für den nächsten Band eine wieder tragendere Rolle verspricht. Cole schriebt im Nachwort, man müsse „Ragdoll“ nicht unbedingt gelesen haben, um „Hangman“ zu verstehen ( was er auch durch zahlrieche Rückblicke zu unterstützen versucht), ich jedoch fand es hilfreich, dass ich beide Bücher innerhalb einer Woche hintereinander gelesen habe.

Nachdem Emily Baxter schwer verletzt den ebenfalls verletzten „Wolf“ im Gerichtssaal laufen ließ, ist sie mittlerweile befördert worden zum Detective Chief Inspector und hat acht Monate bevor die Handlung von „Hangman“ beginnt, mit dem Anwalt Thomas einen Mann kennengelernt, der ihr auf ihr bisher unbekannte Art Sicherheit gibt durch sein sanftes und verständnisvolles Wesen. Auch die Freundschaft zu Edmunds und seiner Frau Tia hat sich intensiviert. Dennoch ist Emily keine andere geworden. Sie kämpft weiter mit den Dämonen aus ihrer Vergangenheit, die Daniel Cole auch im zweiten Buch für kurze Momente lüftet.

Eben noch bei einem gemütlichen Abend mit Thomas, Edmunds und Tia zusammen, wird Emily mit einem neuen Fall konfrontiert, der nicht nur sie an die „Ragdoll“ erinnert.
In New York wurde ein Toter an der Brooklyn Bridge aufgehängt, das Wort „Köder“ tief in seine Brust geritzt. Das lässt für die FBI-Ermittler nur einen Schluss zu: Ein Killer kopiert den berühmten Londoner Ragdoll-Fall. Chief Inspector Emily Baxter wird sofort von den US-Ermittlern angefordert. Wenig begeistert, fliegt Baxter in die USA und macht sich zusammen mit den FBI Agents Curtis und Rouche an einen Wettlauf gegen die Zeit. Denn der Druck der Medien in den USA ist groß, erst recht  als ein zweiter Toter entdeckt wird, dieses Mal mit dem Wort „Puppe“ auf der Brust.

Und dann geschehen in schneller Abfolge abwechselnd grausame Morde in London und New York, die das zunächst sehr ungleiche Ermittlertrio DCI Emily Baxter von New Scotland Yard, FBI Agentin Eliot Curtis und CIA Agent Damien Rouche  vor fast unlösbare Aufgaben stellen. Sie fühlen sich wie ein Spielball eines grausamen Mörders, der sie jeweils unterschiedlich mit ihren eigenen Schatten aus der Vergangenheit konfrontiert.  Die Beschreibungen und Andeutungen dieser aus den jeweiligen Lebensgeschichten der Ermittlerpersonen herrührenden Persönlichkeiten machten für mich eine der vielen Stärken des Buches aus.

Sie raufen sich zusammen, überwinden ihr gegenseitiges Misstrauen und versuchen, auch mit Edmunds tatkräftiger Hilfe auf der anderen Seite des Atlantiks, das immer undurchsichtiger werdende Netz an Mordfällen aufzuklären. Wer steckt hinter diesem mörderischen Wahnsinn m? Und was hat er für ein Motiv?
So wie „Ragdoll“ ist auch „Hangman“ ein – vielleicht zu schnell auf den ersten Band folgender-  spannend geschriebener Thriller, der mit jeder Seite an Spannung gewinnt und zum Schluss in einem Showdown mit viel Action endet. Daniel Cole führt seinen Leser lange immer wieder in Irre bis zu einem dann doch völlig überraschenden Ende.

Ich wünsche Daniel Cole, dass er sich mit den nächsten Band mehr Zeit lässt, und so besser an der sprachlichen Gestalt seiner Geschichten feilen kann. Denn hier ist noch Luft nach oben.




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schneeballsystem, münchen, betrug, adele spitzeder, biographie

Adele Spitzeder

Julian Nebel , Julian Nebel
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei FinanzBuch Verlag, 13.11.2017
ISBN 9783959720489
Genre: Sachbücher

Rezension:



Julian Nebel erzählt in dem vorliegenden Buch in einer spannenden und lockeren Weise von Adele Spitzeder, einer Frau die in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in München mit einer später als Schneeballgeschäft bezeichneten Geschäftsidee Furore machte und schließlich  mindesten 30.000 Menschen aus München und ganz Bayern in den Ruin trieb.

Ursprünglich als Sängerin und Schauspielerin tätig, hatte sie eines Tages eine lukrative Idee. Sie lieh sich Geld von Freunden sozusagen als Startkapital. Dann ging sie an die Öffentlichkeit und versprach für Einlagen bei der „Spitzeder`schen Privatbank“ monatliche Zinsen von bis zu 10%. Die zahlte sie auch gleich für die ersten zwei Monate aus (von dem Geld, das die Leute in immer größeren Mengen zu ihr brachten). Und so kamen immer mehr und ein richtiger Hype brach aus, obwohl es an kritischen Stimmen nicht fehlte.

Als sie selbst, von Zweifeln geplagt, bei den Behörden nachfragte, ob ihr Handeln denn rechtmäßig sei, bekam sie den Bescheid, alles sei rechtens. Solange die Geldzufuhr andauerte, konnte sie dieses Geschäftsmodell fortführen, bis es schließlich im November 1872 zusammenbrach und Adele Spitzeder verhaftet und zu drei Jahren Haft verurteilt wurde.

Auf lockere und sehr unterhaltsame Weise erzählt Julian Nebel die Lebensgeschichte dieser Frau, bei deren Lektüre man mehr als einmal geneigt ist, Parallelen zu heutigen Finanzphänomen zu ziehen.




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