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spionagethriller, marionetten, john le carre

Marionetten

John le Carré
E-Buch Text: 368 Seiten
Erschienen bei Ullstein eBooks, 11.10.2013
ISBN 9783843706506
Genre: Sonstiges

Rezension:

Genre:
Spionagethriller (mit satirischen Elementen). 


Inhalt:
Ein muslimischer Flüchtling aus Tschetschenien reist illegal nach Deutschland ein. Er erbt von seinem Vater ein mit über 12 Millionen Dollar Blutgeld gefülltes Schwarzkonto bei einer angesehenen Hamburger Privatbank. Deutsche, britische und amerikanische Geheimdienste werden auf den Flüchtling aufmerksam. Aufgrund seiner Herkunft und seiner Einreise mit Hilfe von Schleusern verdächtigen sie ihn, mit terroristischen Aktivitäten zu sympathisieren. Sie haben es jedoch auf einen dickeren Fisch abgesehen, einen angesehenen islamischen Gelehrten, den sie der Finanzierung von Terrororganisationen bezichtigen. Es gibt keine belastbaren Beweise, aber Indizien, die ihnen ausreichend erscheinen. Das Ziel: sie wollen den für seine gemäßigte Haltung bekannten Gelehrten in eine Situation bringen, die es ihnen ermöglicht, die Daumenschrauben anzulegen und den Verdächtigen umzudrehen, so dass er als Agent der westlichen Geheimdienste wertvolle Informationen über geplante Anschläge und deren Hintermänner liefern muss. Sie zwingen die Anwältin des Flüchtlings und den Bankier, der sein Erbe verwaltet, einen Kontakt zum Gelehrten herzustellen. Der Flüchtling, der das Geld selbst aus religiösen Gründen nicht haben will, soll bewogen werden, die Summe dem Gelehrten und den von ihm benannten wohltätigen islamischen Organisationen zu spenden, hinter denen die Geheimdienste terroristische Aktivitäten vermuten. Kurz nach der Überweisung des Geldes soll der Gelehrte entführt und umgedreht werden.


Der Autor:
John le Carré war in den 60er-Jahren, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, als Angehöriger eines britischen Nachrichtendienstes in Bonn und Hamburg stationiert. Zahlreiche seiner Thriller sind im Spioneagemilieu angesiedelt. Eine Kleine Stadt in Deutschland spielte in Bonn und nahm die Bonner Republik aufs Korn, der vorliegende 21. Roman von John le Carré ist in Hamburg angesiedelt, in der Zeit nach 9/11, als die Geheimdienste angesichts ihres Versagens, den Anschlag zu verhindern, jeden Verdächtigen, der auch nur halbwegs in ihr Raster passte, ihrer Verfolgung aussetzten.

Der reale Hintergrund:
John le Carré hat in Vorbereitung des Romans den Deutsch-Türken Murat Kurnaz interviewt, der 2001 von den USA während einer Pakistanreise nach Guantanamo verschleppt und dort mehr als vier Jahre festgehalten wurde, weil man ihn verdächtigte, ein „ungesetzlicher Kombattant“ zu sein. Obwohl die USA der BRD seine Rückführung bereits 2002 angeboten hatten, wurde dies von deutscher Seite offenbar abgelehnt. Die Koordinierungsprobleme zwischen Verfassungsschutz, BND und CIA, sowie Vorwürfe, Kurnaz sei von Bundeswehrangehörigen in Guantanamo gefoltert worden, haben zwei Untersuchungsausschüsse des Bundestages beschäftigt, ohne zu befriedigenden Erkenntnissen zu führen, u. a. , weil Unterlagen der Behörden spurlos verschwunden sind. Alle Anklagen gegen Kurnaz wurden fallengelassen. Ob er dennoch radikale politische Positionen vertritt, ist strittig. Auch die im Roman genannte Hilfsorganisation für Asylbewerber hat einen realen Hintergrund. Der tatsächliche Name der Organisation ist flucht.punkt.

Struktur und Spannungsbogen:
John le Carré versteht es geschickt, aus einem harmlosen Drama um einen tollpatschigen und wirren Flüchtling und seine gutwilligen Helfer einen Thriller zu machen, in dem weder der Leser noch die agierenden Figuren einen Durchblick über die wirkliche Sachlage haben. Jeder glaubt das zu sehen, was er sich in seinem Inneren wünscht, obwohl jederzeit auch das exakte Gegenteil möglich scheint. Jede Figur im Roman versucht die anderen zu manipulieren und übersieht in ihrem Eifer, das sie selbst ebenso manipuliert wird. Die Realität als Orientierungsanker gerät mehr und mehr in den Hintergrund, bis sie durch den Anschein als neue Realität vollständig ersetzt wird. Revierkämpfe, Kompetenzgerangel und persönliche Befindlichkeiten lassen den Thriller in der letzten Phase seiner Metamorphose in einer Posse oder einer Politsatire gipfeln, in der jeder guten Willens war und doch jeder kläglich versagt hat. Das Ende ist ebenso schwarz wie offen. Jeder verliert. Übrig bleibt beim Leser das ungute Gefühl, dass diese Satire eben doch nahezu genau so ablaufen könnte, so unwahrscheinlich dies dem vernunftbegabten Menschen auch erscheinen mag. Das Wenige, was aus der Welt der Geheimdienste – in der Regel zufällig (Pleiten, Pech und Pannen) oder aus plumper Unfähigkeit der beteiligten Bürokraten – bekannt wird, bestätigt diese Hypothese. Dass Guantanamo bis heute existiert, hat seinen Grund. Mangelnde Gefängniskapazitäten in den USA darf man ausschließen. Dass Carré den Roman im Epizentrum des naiven Gutmenschentums, also in Deutschland, angesiedelt hat, ist ein geschickter Schachzug. Die hiesigen Behörden und Geheimdienste wirken in ihrer provinziellen Unfähigkeit auf den ersten Blick harmlos, sie lassen sich damit allerdings auch umso leichter durch andere instrumentalisieren, z. T. mit fatalen Folgen für die Opfer. Ein weiterer kluger Zug von le Carré: er schafft keine schwarz-weiße Landschaft, in der die Welt der Flüchtlinge und Asylbewerber tugendhaft und jene der Geheimdienste verwerflich ist. Es bleibt bis zum Schluss offen, ob hinter dem Flüchtling nicht doch ein geschickter Krimineller und hinter dem gemäßigten Gelehrten nicht doch ein Terrorpate steckt. Le Carré ist als ehemaliger Praktiker nicht naiv. Diesen Fluchttunnel aus der Wirklichkeit bietet er dem menschelnden Leser nicht.

Charaktere:
Hier liegt die Stärke des Romans. Es ist ein zutiefst menschliches Buch, dessen Handlung hinter den Figuren zurücksteht. Das Genre Thriller trifft insofern nur bedingt zu. Alle Hauptfiguren streben nach Rettung. Gleichzeitig münden ihre (gutgemeinten) Versuche im exakten Gegenteil.

Die Anwältin des Flüchtlings hat jüngst einen Asyl-Mandanten durch Suizid verloren. Sie sucht die Rettung von ihrer Schuld in der Rettung des Flüchtlings. Sie liest aus den wirren Verhaltensweisen des Flüchtlings - nach anfänglichem Misstrauen - immer das heraus, was ihr Wunschdenken bestätigt. Für Zweifel bleibt kein Raum. Sie will ihn retten – um jeden Preis. Und genau diesen Umstand nutzen die Geheimdienste aus.

Den englischstämmigen Privatbankier plagt die innere Leere seines Lebens. Anfangs ganz der sich an den Konventionen seines Berufsstandes orientierende Bankier, der dem Flüchtling mit gebotenem Misstrauen begegnet, verliebt er sich alsbald in die weitaus jüngere Anwältin und erklärt sie zu seinem (einzigen) Ausweg aus der Sinnlosigkeit seines Tuns und aus seiner privaten Misere. Er ordnet sein Handeln von diesem Augenblick an ausschließlich der Frage unter, ob seine Angebetete seine Aktionen gutheißen würde oder nicht. Auch seine Abhängigkeit machen sich die Geheimdienste zunutze.

Der Flüchtling selbst sucht seine Rettung in religiösen Idealen, die er nicht versteht und denen er folglich auch nicht gerecht werden kann, so ehrlich sein Bemühen auch sein mag. Gleichzeitig verliebt er sich in seine Anwältin, die er einerseits verklärt und bewundert, die er aufgrund seiner religiösen Überzeugungen (oder dem, was er dafür hält) als Mann allerdings übertrumpfen muss, um sich ihrer als würdig zu erweisen und der Stellung des Mannes gegnüber der Frau in der islamischen Gesellschaft gerecht zu werden. Sie legt ihm ein Verhalten nahe, das ihr der Geheimdienst nahegelegt hat, damit sie ihn retten und ihm einen deutschen Pass besorgen kann. Er folgt den Vorschlägen, um in ihrem Ansehen aufzusteigen. Erst indem er den Anweisungen der Geheimdienste Folge leistet, genügt er den Anforderungen, die sie selbst an einen Terrorverdächtigen stellen. Sein Verhalten wirkt auf seine Umwelt widerspüchlich, so dass sich jeder die ihm genehme Interpretation seines Verhaltens aussuchen kann. Die Anwältin sieht in ihm den hilflosen Gefolterten, die Geheimdienste den cleveren Kriminellen, der Bankier versucht in ihm das zu sehen, was die Anwältin in ihm sieht und der islamische Gelehrte versucht in ihm den tiefreligiösen Wohltäter zu erkennen, obwohl jede seiner Fragen eine Antwort erhält, die alle Alarmglocken in ihm schrillen lassen.

Der deutsche Geheimdienstler, der die Operation gegen die Terrorverdächtigen leitet, startet im Roman als kampferprobter Praktiker, der eine einsame Schlacht gegen die Bürokraten der konkurrierenden deutschen Geheimdienste führt und der gleichzeitig einen operativen Treffer landen muss, um seine eigene Existenz zu rechtfertigen. Er endet als bedeutungslose Marionette, die sich zwischen Befehlen, Nichtbefehlen und möglichen Befehlen seiner Vorgesetzten verheddert, die ihren Wunsch nach Bedeutung und ihre Angst vor Verantwortung als Wortschrauben tarnen, die beliebig interpretiert werden können. Geköpft wird bei Fehlschlägen immer der Handelnde, belohnt wird im Erfolgsfall immer der Bürokrat. Schließlich wird der deutsche Geheimdienstler von denjenigen aus dem ‚Projekt’ gerammt (und das ist wörtlich zu nehmen), die die deutsche Flügellähme als Einladung begreifen, ihre eigenen Ziele umzusetzen: die CIA.

Sprache/Duktus:
Die Sprache ist bildreich und detailverliebt, jedoch zu keiner Zeit unangemessen im Hinblick auf die transportierten Inhalte. Die Charaktere werden sprachlich nuanciert und lebendig ausgeleuchtet. Mit Klischees wird gespielt, sie werden jedoch nicht platt gesetzt, sondern durch die Doppeldeutigkeit der Figuren immer wieder in Frage gestellt. Aber das ist eine bekannte Stärke von John le Carré, die man in seinem 21. Roman voraussetzen darf, ohne sie vertiefen zu müssen. Die Beschreibung des Settings kommt m. E. manchmal etwas zu kurz, was angesichts der Anlage des Romans aber zu verschmerzen ist. Der Text ist sprachlich nicht außergewöhnlich anspruchsvoll, keine Hochliteratur, aber für einen Unterhaltungsroman sicher in der oberen Liga. Wie viel die deutsche Übersetzung ‚vergeigt’ hat, kann ich nicht beurteilen, weil ich den Roman nur in der deutschen Übersetzung gelesen habe, was ich bei englischen Texten idR zu vermeiden versuche.

Fazit:
Ich würde den Roman gerne als Theaterstück realisiert sehen. Trotz des für Bildungsbürger verdächtigen Herkunftsstempels ‚Spionagethriller’ hat er alle Qualitäten eines existenzialistischen Dramas. Die Hilflosigkeit der Figuren, ihr Scheitern an der Realität und an sich selbst, ihre Ausrichtung auf ein hehres Ziel, das der Überprüfung nicht standhält, erinnern mich an Stücke von Sartre und Camus, aber insbesondere an ‚En attendant Godot’ von Beckett. Auch hier wird das Drama zur Farce, zur Gesellschaftssatire, Ideale werden betriebsblind verfolgt, Anzeichen als Beweise umgedeutet, nur um seinem Handeln einen Sinn zu geben, und um die Hoffnung nicht zu verlieren, die einen antreibt.

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Tags: john le carre, marionetten, spionagethriller   (3)
 

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thriller, museum, pendergast, spannung, new york

Maniac - Fluch der Vergangenheit

Douglas Preston , Lincoln Child , Michael Benthack
Flexibler Einband: 575 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.11.2008
ISBN 9783426636541
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Genre:
Thriller

Inhalt:
Um von einem Skandal abzulenken, beschließt das New York Museum of Natural History in seinen Räumen eine pompöse Ausstellung zum Grab des Senef aus Ägypten durchzuführen, ein Vorhaben, das bereits in den 30er Jahren aufgrund von Todesfällen, die angeblich mit einem auf dem Grabmal liegenden Fluch zu tun hatten, abgebrochen werden musste. Das auf verschlungenen Wegen nach New York gelangte Grabmal war damals in den Kellergwölben des Museums eingemauert worden und war in Vergessenheit geraten.

Wieder kommt es bei den Vorbereitungen zur Ausstellung zu grausamen Todesfällen unter den Mitarbeitern des Museums, die die Museumleitung jedoch nicht von ihrem Vorhaben abbringen können.

Laura Hayward, ein Captain der New Yorker Polizei, übernimmt die Ermittlungen. Schnell stellt sich heraus, dass die Todesfälle offenbar von Mitarbeitern des Museums verübt wurden, die alle eine seltsame Gehirndeformation aufweisen. Die Ursachen bleiben im Unklaren. Parallel zu den offiziellen Ermittlungen von Captain Hayward nimmt sich eine Gruppe um den ehemaligen und derzeit unschuldig im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses einsitzenden FBI Special Agent Aloysuis Pendergast des Falles an. Sie verdächtigen Diogenes Pendergast, den wahnsinnigen Bruder des Agenten, mit den Taten in Zusammenhang zu stehen und außerdem einen Anschlag während der Eröffnungsfeierlichkeiten zu planen. Sie befreien den Agenten und versuchen gemeinsam, den Anschlag zu vereiteln und Diogenes zur Strecke zu bringen.


Autoren:
Douglas Preston und Lincoln Child sind ein Duo, das bereits zahlreiche Bestseller gemeinsam verfasst hat. Maniac ist Teil einer Romanreihe um Pendergast.

Perspektive:
IdR kapitelweise wechselnde, personale Perspektiven.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Das Museum als Haupthandlungsort wird sehr detailliert und kenntnisreich beschrieben. Einer der Autoren hat früher in diesem Museum gearbeitet. Die Schilderung der Örtlichkeiten ist authentisch und bildgewaltig und sicher die zentrale Stärke des Romans. An Originalität und Kopfkino-Potenzial mangelt es dem Setting nicht. Die riesigen Kellergewölbe des Museums voller seltsamer Artefakte erweisen sich als perfekte Kulisse. Selbst ohne Handlung wäre diese Reise spannend.

Struktur und Spannungsbogen:
Das auslösende Ereignis ist im Falle dieses Thrillers kein actionreicher Knaller (Attentat etc.), sondern ein Paket ohne Absender, das dem Museum zugestellt wird und in dem sich die zu Staub zerstoßene und zuvor entwendete Juwelensammlung des Museums befindet. Um diesen Zwischenfall vergessen zu machen, plant die Museumsleitung die Ausstellung, um die sich der Großteil der Handlung dreht. Dass der Antagonist der Absender des Paketes ist, ahnt der Leser relativ schnell, da sich alles um die geplante Ausstellung dreht und jeder halbwegs vernünftige Autor dieses Ereignis zum Zeitpunkt des zentralen Auftritts des Antagonisten wählen würde. Das tut der Spannung jedoch keinen Abbruch. Der Roman ist eine Kombination eines klassischen Whodunit-Krimis, in dem ein Kommissar ermittelt, wer für die Todesfälle im Museum verantwortlich ist und einem Verhinderungs-Thriller, in dem verschiedene Personen versuchen, einen Anschlag zu verhindern.

Die Autoren nutzen dieses duale Potential geschickt. Zusammen mit den wechselnden Perspektiven der handelnden Personen werden immer wieder neue Twists und Spannungshochs erzeugt, die schließlich im Anschlag und einem Nachspiel münden, indem der bereits bekannte Täter gejagt wird. Selbst Sidestories, wie die Befreiung des Bruders des Antagonisten aus dem Gefängnis, sind clever gemacht, handlungsgetrieben und spannend.

Die Autoren arbeiten ihre Storyline professionell ab, praktisch jedes Kapitel endet mit einem angemessenen Cliff Hanger, der den Leser zwingt, weiterzulesen.

Eine Stärke des Romans ist seine inhaltliche Originalität. Sowohl das Setting als auch die perfide und intelligente Methode, mit der der Antagonist seine Opfer in den Wahnsinn treibt, sind sehr speziell.

Der Storyaufbau und die eingesetzten Techniken sind professionell und in der Wirkung spannend, aber auch nicht wirklich ausgefallen. Die Inhalte werden dem Leser im Gedächtnis bleiben, der Aufbau ist dagegen m E etwas zu schematisch geraten.

Charaktere:
Hier hat der Roman für mich seine größte Schwäche. Die Autoren schaffen durch die Vielzahl der mit einer eigenen Erzählperspektive ausgestatteteten Figuren ein hohes Erzähltempo. Der negative Effekt ist, dass es zwar einen definierten Antagonisten gibt, der, wenn auch etwas spät, ausreichend Kontur erhält, dass es daneben aber mit der Polizistin, ihrem Ex, einer Kuratorin, ihrem (überflüssigen) Journalisten-Ehemann, einem Techniker, seinem Kollegen, einem fiesen FBI-Mann, einem Gefängnisdirektor nebst Mitarbeitern und A. Pendergast und seinem Mündel einfach zu viele Figuren gibt, in deren Perspektive der Leser eintaucht. Das ist overdone. Aufgrund der quantitativen Dichte wird bei einzelnen Figuren auf Klischées im Hinblick auf Rollenmodelle zurückgeriffen und die Zuordnung gut vs. böse gerät, mit Ausnahme des Antagonisten, zu eindimensional. Ein echter Protagonist, der ausreichend Identifikationspotential für den Leser aufweist, und ein Opfer, das man besser kennenlernt und um dessen Schicksal man fürchtet, hätte der Geschichte gut getan. A. Pendergast ist dieser Protagonist, er gibt aber zu viel Handlung an die Kuratorin und an die Polizistin ab, die beide dennoch eindimensional und farblos bleiben. Natürlich nimmt A. Pendergast im Höhepunkt das Heft in die Hand, aber das ist nicht genug, um die Handlung aus seiner Perspektive tier genug mitfühlen zu können.

Besonders das Ende der Geschichte, das zuvor auf einen klassischen existentiellen Bruderkampf hinauszulaufen scheint, wird aus Sicht des Protagonisten verschenkt, er wird zum Zuschauer und bekommt außer schemenhaften Eindrücken von der Kampfszene nichts mit. Der Leser leider auch nicht, da diese Szene aus seiner Sicht geschildert wird, obwohl nur sein Mündel und der Antagonist aktiv beteiligt sind. Plötzlich ist der Antagonist weg. Verschwunden im Vulkan, den man in der Szene leider auch nicht en détail zu sehen bekommt. Ein potenziell großartiges Bild wird vergeben, man stelle sich vor, dass der Protagonist seinen eigenen Bruder in den Vulkan stürzen muss, um sein Mündel zu retten. Er wäre zugleich Sieger und Verlierer gewesen, ein tragischer Held, der dadurch an Format und Identifikationspotenzial für den Leser gewonnen hätte. Die Szene hätte sich uns unauslöschlich eingebrannt. Angesichts der Professionalität und ‚Bilderfreundlichkeit’ der Autoren bleibt das Ende für mich unverständlich. Wenn der Antagonist in einem evtl. angedachten 4. Teil der Serie wieder auftauchen soll – na gut, aber das hätte man befriedigender lösen können.

Das Problem der mangelnden Figurentiefe haben viele Thriller, nur hier wäre es nicht nötig gewesen. Eine interessante Nebenfigur, aus der man mehr hätte machen können, ist z B das Mündel von A. Pendergast, das vom Antagonisten sehr elegant verführt wird und das ganz zum Schluss der Geschichte die dominierende protagonistische Figur wird. Sie ist seltsam, geheimnisvoll und spielt, obwohl sie einen geringen quantitativen Anteil an der Geschichte hat, qualitativ in der Liga der beiden Pendergasts. Da Maniac der dritte Titel einer Serie ist, haben die Autoren offenbar eine bessere Vertrautheit der Leser mit den Figuren vorausgesetzt. Meine Kritik bezieht sich auf die Stand-alone – Sicht von Maniac. Die Teile 1 und 2 vorausgesetzt, verändert sich der Eindruck ggf..

Sprache/Duktus:
Die Sprache ist, so weit man dies bei einer Übersetzung beurteilen kann, bildhaft, kraftvoll und für einen Thriller mindestens angemessen. Etwas zu klischéehaft sind eine Reihe von Methapern geraten. ‚Blut in den Adern gefrieren’ etc. kann man eleganter lösen, aber des Lesers Kopfkino wird insgesamt sehr effektiv bedient. Insbesondere die sprachliche Umsetzung des Museums-Settings ist herausragend.

Fazit:
Die Schwäche, die das Buch allerdings mit vielen Serien-Thrillern gemein hat, ist, dass der Roman zwar inhaltlich besticht, dass die Schreibtechnik dahinter allerdings vorhersehbar bleibt. Plotaufbau, Perspektiven, Kapitelübergänge, etwas klischéehafte Figuren und Metaphern – die Formalia des Schreibens sind für meinen Geschmack sehr professionell, aber eine Idee zu schematisch umgesetzt. Vieles wirkt drehbuchartig durchkonzipiert. Im Hinblick auf die Anforderungen mancher Verlagslektoren für Spannungsliteratur, ist der Roman ‚checklistenfreundlich’. Die Punktzahl, die dabei herauskommt ist sehr hoch, aber etwas mehr Individualität hätte ich mir angesichts des Potenzials, das Setting und Handlung bieten, gewünscht. Hinsichtlich des wichtigsten Ziels eines Thrillerautoren, fesselndes Kopfkino zu erzeugen, reüssiert das Autorenduo durch authentische Settings und eine bildhafte sprachliche Umsetzung der abwechslungsreichen und durchweg spannenden Handlung uneingeschränkt.

Subjektive Bewertung:
Wer spannend und inhaltlich originell unterhalten werden möchte und kenntnisreich beschriebene Settings liebt, dem sei Maniac uneingeschränkt empfohlen. Für diejenigen Leser, die sprachliche Orginalität und Virtuosität höher bewerten und mehrdimensionale und tiefe Charaktere auch in einem Thriller erwarten, gibt es bessere Lösungen.

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Tags: douglas preston, lincoln child, maniac, thriller   (4)
 

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thriller, the dead room, robert ellis

The Dead Room

Robert Ellis
E-Buch Text: 416 Seiten
Erschienen bei null, 14.06.2011
ISBN B0055X0OLM
Genre: Sonstiges

Rezension:

Umfang:
ca. 416 S. (Print Version)

Inhalt:
Teddy Mack, ein junger Anwalt wird von seinem Chef, dem Partner einer renommierten Kanzlei für Wirtschaftsrecht, als Verteidiger eines Mordverdächtigen eingesetzt. Der Fall scheint aussichtslos. Der Verdächtige, ein grobschlächtiger Postbote und ehemaliger Metzger, wurde blutverschmiert am Tatort gesehen, in seinem Besitz wurde die Tatwaffe gefunden, und er hat eindeutige Spuren auf der Leiche hinterlassen. Das Opfer, eine attraktive junge Frau aus einer „Old Money“-Familie in Philadelphia, wurde mit einem Messer brutal zugerichtet. Der Verdächtige gibt schließlich in einem Geständnis die Tat zu, obwohl er offensichtliche Gedächtnislücken zum Tathergang hat. Er ist psychisch stark angeschlagen.

Der Staatsanwalt, der für den Posten des Bürgermeisters kandidieren will, nutzt den scheinbar sicheren Fall, um sich in der Öffentlichkeit zu profilieren. Der Verdächtige wird medial nach allen Regeln der Kunst vorverurteilt. Die Todesstrafe scheint sicher.

Teddy Mack kommen erste Zweifel an der Schuld seines Mandanten, als er bei der Überprüfung seines Backgrounds feststellt, dass er ein talentierter Künstler ist, der liebevoll mit den wenigen Menschen umgeht, die ihn trotz seines Äußeren nicht meiden. Als er merkt, dass selbst sein Chef an einem Freispruch des Mandanten aus familiären Gründen nicht interessiert ist, reagiert der Anwalt mit Trotz. Sein eigener Vater war vor Jahren auf Grund eines Justizirrtums verurteilt und im Gefängnis ermordet worden. Teddy Mack gewinnt einen Juraprofessor, der dem Staatsanwalt bereits eine fehlerhafte Verurteilung zur Todesstrafe nachweisen konnte, als Partner für seinen Fall. Als weitere parallele Todesfälle in der Vergangenheit ermittelt werden, wird klar, dass man es mit einem Serienkiller zu tun hat. Ein neuer Entführungsfall, der während der Inhaftierung seines Mandanten stattfindet, erhärtet seinen Verdacht, dass seinem Mandanten die Täterschaft angehängt werden soll. Teddy Mack ermittelt einen weiteren Verdächtigen, der vom Staatsanwalt geschützt wird, weil seine Familie ihn mit Wahlkampfspenden unterstützt. Langsam tauchen immer mehr Risse in der Beweisführung der Staatsanwaltschaft auf. Auch andere Beteiligte haben Eigeninteressen, die der Wahrheitsfindung entgegenstehen.

Dem tatsächlichen Killer, einem gefährlichen Psychopathen und Massenmörder, bleiben die Bemühungen des Anwalts nicht verborgen, wodurch dieser selbst in Gefahr gerät.

Ort der Handlung: Philadelphia

Perspektive:
personale Persp., überwiegend aus der Sicht von Teddy Mack, jedoch z T auch aus Sicht anderer handelnden Personen, z. B. des Killers.

Erzählzeit: Vergangenheit

Struktur und Spannungsbogen:
Die Struktur ist für einen Thriller dieser Art nicht wirklich ungewöhnlich: Underdog-Anwalt kämpft in einem aussichtslosen Fall gegen übermächtige Gegner. Spannend wird die Story vor allem durch zahlreiche Set-up’s, die erst spät aufgelöst werden und durch eine Vielzahl cleverer Twists. Nichts ist wie es scheint und selbst als die Wahrheit langsam Kontur anzunehmen scheint, stellt ein finaler Twists alles wieder in Frage. Immer wieder wird geschickt mit der persönlichen Historie des Protagonisten gespielt, die ihm einerseits hilft, den nötigen Biss für den Fall zu entwickeln, die ihn andererseits aber auch empfänglich für Manipulationen macht. Diese Vielschichtigkeit hebt das Buch über viele andere Thriller dieses Genres hinaus. Darüber hinaus ist die Geschichte ausgesprochen handlungsorientiert, ganz anders als die Mehrzahl der Justizthriller von Grisham & Co. Dass der Autor aus der Filmindustrie kommt und Ahnung von Drehbüchern und deren typischen Fallen hat, merkt man dem Buch jederzeit an. Es ist sehr professionell geschrieben.

Eine kurzzeitige Schwäche hat das Buch nach dem actionreichen Höhepunkt. Man erwartet einen kurzen, klärenden Epilog, doch immer wieder wird ein neues Kapitel angehängt. Dass ganz am Ende nochmal ein finaler Twist kommt, versöhnt, aber einige Kapitel hätte man hier kürzen können. Dass der Wertewandel des Protagonisten und seine Reaktion auf die letzte moralische Herausforderung ganz am Ende offen gelassen wird, ist aus meiner Sicht kein Nachteil. Es regt zum Nachdenken an.

Charaktere:
Der Protagonist und seine wichtigsten Gegenspieler werden sehr detailliert ausgeleuchtet, wobei der Autor darauf achtet, nicht deskriptiv (langweilig!) zu werden, sondern über die Handlung die Charaktere für den Leser erschließt.

Etwas zu kurz kommt die (unvermeidliche) Lovestory mit der Mitarbeiterin des Staatsanwalts. Daraus hätte man auf der psychologischen Ebene noch mehr machen können.

Sprache/Duktus:
Die Sprache ist dem Genre jederzeit angemessen. Die Sätze sind nicht pseudobarock aufgebläht, sondern reflektieren die Handlungsorientierung, dennoch ist die Sprache nicht platt. Der Wortschatz orientiert sich eher am oberen Ende des Genres. Wie die deutsche Übersetzung reüssiert, kann ich nicht beurteilen. Ich habe die Story im amerikanischen Original gelesen, was ich ohnehin nur empfehlen kann. Zu oft ruinieren die Übersetzungen das Lesevergnügen, gerade im Hinblick auf Dt.-Engl.. Die Sprachen sind grammatikalisch und verbal einfach zu unterschiedlich.

Fazit:
Sehr spannende Unterhaltung, die ein paar Kapitel Anlauf braucht und kurz vor Ende einen kleinen Hänger hat. Der sorgfältig ausgearbeitete Plot ist authentisch und originell. Der Protagonist macht einen Wertewandel durch, der nachvollziehbar ist und der eine soziale Aussage stützt, die einen nachdenken lässt, auch wenn es sich (nur) um einen Thriller handelt. In die Falle des todsicheren Vorurteils tappt jeder in den verschiedensten Lebenslagen. Wer damit psychologisch und medial clever spielen kann und die richtigen Knöpfe drückt, hat als Politiker, Manager oder in seinem normalen sozialen Umfeld leichtes Spiel und bestimmt, wohin die Reise geht. Die Frage „ Was ist das tatsächliche Motiv eines Menschen hinter dem offensichtlichen?“ kann man sich nicht oft genug stellen. Nur selten sind Appearance & Reality deckungsgleich. Dass das Leitthema des Thrillers jeden Leser in seinem täglichen Leben berührt (ohne dass gleich Blut fließen muss), sorgt für Empathie. Wer sich für das Thema auf etwas höherem Niveau interessiert, dem sei „Primary Colors“ ans Herz gelegt.

Die Hauptfiguren bieten ausreichende Tiefe und Identifikationspotenzial, auch wenn das ein oder andere Klischée bedient wird (insb. im Hinblick auf den Staatsanwalt und seinen Polizisten-Gehilfen). Die private Seite des Protagonisten außerhalb der Vater-Sohn-Beziehung kommt etwas zu kurz. Vieles wird nur angerissen und dann fallengelassen. Die Hauptfiguren werden durch die Nebenfiguren insgesamt gut unterstützt.

Der Text ist sprachlich oberer Durchschnitt (für einen Thriller), in einzelnen Passagen auch exzellent.

Stärkster persönlicher Eindruck:
Die Schilderung des „Dead Room“. Hier hat jemand Pate gestanden, der schon die eine oder andere Hinrichtung erleben durfte.

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Tags: robert ellis, the dead room, thriller   (3)
 

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thriller, robert ellis, the lost witness, leichengift

Leichengift

Robert Ellis , Karin Dufner
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Goldmann Verlag, 01.01.2010
ISBN 9783442466276
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Genre:
Thriller

Umfang:
ca. 352 S. (US - Print Version)

Serie:
ja (Lena Gamble)

Inhalt:
Lena Gamble wird vom Polizei-Chief von Los Angeles mit einem Mordfall betraut, der in jeder Beziehung rätselhaft ist. Das Opfer, eine junge Frau, wurde offenbar von einem erfahrenen Chirurgen zerlegt und in einer Mülltonne deponiert. Ihre Identität klärt sich erst auf, als Lena annonym der Ausweis der Toten und ein USB-Stick mit einer unscharfen Aufnahme des Täters zugeschickt wird. Nicht nur die Unauffindbarkeit des Zeugen macht Lena zu schaffen. Im Laufe der Ermittlungen wird deutlich, dass der Polizeichef, sein Adjudant und der Bezirksstaatsanwalt Lenas Arbeit konsequent hintertreiben. Lena befürchtet, dass man sie ‚abschießen’ will, weil sie sich in einer früheren Ermittlung mit den Polizeioberen angelegt hat. Zusammen mit ihrem Partner ermittelt Lena, dass der milliardenschwere Vorstand eines Pharmaunternehmens und sein Sohn in den Fall verwickelt sind und ihre Vorgesetzten alles daran setzen, ihn zu schützen. Während sie intern behindert wird, räumt der Killer einen Zeugen nach dem anderen aus dem Weg, bis nur noch der letzte unauffindbare Zeuge den Schlüssel zur Lösung des Falles in Händen hält. Ihn aufzuspüren, wird zum Wettlauf mit der Zeit und seinen Verfolgern.

Ort der Handlung:
Los Angeles. Das Setting wird ausreichend tief beschrieben, um der Handlung den für das Kopfkino wichtigen Wahrnehmungsrahmen zu geben. Ungewöhnlich ist die Schilderung von LA im Winter. Das nimmt der Stadt zwar viel von ihrer Ausstrahlung und Spezifik im Vergleich zu anderen Handlungsorten. Das Klischée an dieser Stelle einmal nicht zu bedienen, empfinde ich allerdings als erfrischend. Die Bedeutung der Stadt und ihres politisierten Polizeiapparates wirkt authentisch, wenn auch nicht wirklich neu. Mich erinnert das Setting sehr an die Romane von Michael Connelly, die ich nahezu alle gelesen habe. Auch Lena Gamble könnte von ihrer Einstellung und ihren Konflikten her als männliche Version des Protagonisten der Connelly Serie (Harry Bosch) durchgehen. Da Connelly als weitaus bekannterer Autor Robert Ellis Bücher in der Presse überaus positiv bewertetet hat, kann man vielleicht wirklich von einer gewissen Vorbildfunktion ausgehen.

Perspektive:
Personale Persp., überwiegend aus der Sicht der Protagonistin, jedoch z T auch aus Sicht anderer handelnden Personen wie dem Killer.

Erzählzeit:
Vergangenheit

Struktur und Spannungsbogen:
„The Lost Witness“ (Der deutsche Titel „Leichengift“ wurde wie üblich sinnfrei gewählt) kombiniert Elemente des klassischen Whodunit Krimis mit Thriller-Elementen. Das ist für amerikanische Spannungsromane nicht ungewöhnlich, aber es bietet natürlich mehr dramaturgische Möglichkeiten als bei reinrassigen Vertretern der beiden Genres. Ellis nutzt dieses Potenzial umfassend und routiniert.

Ähnlich wie in seinen anderen Thrillern verwebt Ellis den aktuellen Fall der Protagonistin mit ihrer persönlichen Geschichte, in diesem Fall mit dem Mord an ihrem Bruder, der in einem vorherigen Roman der Serie thematisiert wird. Hierdurch erhält die Geschichte Empathie, man spürt, dass etwas an der Protagonistin nagt, das sie gleichzeitig antreibt und quält. Man hätte aus dieser psychologischen Konstellation allerdings deutlich mehr machen können.

Spannend wird der Roman vor allem dadurch, dass er ausgesprochen actionreich ist und von vielen unvorhergesehenen Twists profitiert, die die Protagonistin in immer neue Konflikte und Herausforderungen stürzen. Dass sie dabei nicht nur den Serienkiller verfolgen muss, sondern gleichzeitig auch noch polizeiinterne Kämpfe ausfechtet, in denen sie die Rolle des Underdogs einnimmt, erhöht das Leidenspotenzial der Protagonistin und nimmt den Leser noch mehr für sie ein. Sie ist Opfer und Heldin zugleich. Das Stake (das, was auf dem Spiel steht) wird dadurch außerordentlich hoch angesetzt. Es geht nicht nur um die Lösung des Falls und das Stoppen des Killers, sondern immer auch um das eigene Schicksal der Protagonistin. Man fürchtet in jeder neuen Situation um sie, und das macht die Story außerordentlich spannend.

Der Versuch, zusätzlich sozialkritische Elemente in den Plot einzuweben, ist weniger geglückt. Die Kritik an der mangelnden psychologischen Betreuung der Kriegsveteranen, die Gewissenlosigkeit von Pharmaunternehmen, die die Interessen ihrer Aktionäre über diejenigen ihrer Patienten stellen und die aussichtslose wirtschaftliche Lage der Underdogs in der Stadt des Scheins (LA), bleibt oberflächlich. Das Ganze wirkt checklistenartig abgearbeitet, auch wenn jeder genannte Problempunkt nicht nur in den USA gesellschaftlich hochrelevant ist. Sozialkritik in einen Krimi zu integrieren, ist natürlich lobenswert, da man hier große Lesergruppen erreichen kann, aber das bekommen Mankell und Le Carré besser hin, weil sie sich auf ein Thema fokussieren und ihre Krimis hinsichtlich des reinen Handlungsablaufs deutlich weniger komplex sind. Bzgl. des Pharmathemas sei an dieser Stelle nur „The Constant Gardener“ von Le Carré genannt.

Das Ende der Story ist (wie bereits bei „The Dead Room“) nach dem Höhepunkt m E zu lang geraten. Es gibt zwar auch hier ganz am Ende einen weiteren handlungsreichen Twist, aber ein strafferes Auslaufen der Geschichte wäre dramaturgisch sinnvoller gewesen. Auch das der Killer ganz zum Schluss (und relativ motivfrei) noch einmal eingreift, um die Bestrafung des letzten Bösewichts sicherzustellen, wirkt auf mich wie ein Deus ex machina, der Gott aus der Maschine, den die Dramaturgen in der antiken griechischen Tragödie einsetzten, um einer verfahrenen Situation die letzte entscheidende Wendung zu geben. Das Verfahren findet heute eher in der Politik als in der Literaur Anwendung. ;-)

Ich habe bisher nur zwei Romane des Autors gelesen, aber es ist auffallend, dass er viele Ideen, Typisierungen, Rollenmodelle etc. wiederverwendet, obwohl The Dead Room und The Last Witness keine Serienbeziehung haben. Es heisst zwar Never change a winning team, aber das kann bei Autoren, die viel veröffentlichen, auch nach hinten losgehen. Bei zwei gelesenen Büchern ist das natürlich nur ein erster Eindruck.

Charaktere:
Die Protagonistin und der psychotische Killer werden detailliert ausgeleuchtet. Das reicht für die Handlung vollkommen aus. Verbesserungspotenziale gibt es dennoch.

Protagonistin: etwas mehr Privatleben zusätzlich zur kurz angerissenen Historie hätte der Figur gut getan. Möglicherweise setzt der Autor darauf, dass der Leser den vorhergehenden Roman der Serie bereits kennt. Das naheliegende Problem, das männliche Autoren mit weiblichen Figuren haben, tritt hier weniger zu Tage, da der Autor die typisch weiblichen psychischen Elemente der Figur durch den extrem handlungsgetriebenen Ansatz umgeht. Ellis macht das durchaus clever, aber er vergibt dadurch auch das weibliche Potenzial der Figur. Lena könnte man durch Leon austauschen. Der Leser würde diesen Eingriff nicht bemerken.

Killer: seine Medikamentenabhängigkeit gibt ihm Originalität, aber da der Auslöser seiner psychischen Probleme in seinem Kriegseinsatz liegt, hätte die Figur um typische PTBS-Symptome wie Flashbacks angereichert werden können. Ein Killer, der selbst nicht mehr unterscheiden kann, ob er sich in der Realwelt oder seiner Kriegserinnerung bewegt, wäre noch unberechenbarer herübergekommen und hätte für den Leser den Spannungseffekt, dass er selbst immer im Zweifel wäre, ob eine Tat, die er aus der personalen Perspektive des Killers miterlebt, tasächlich stattgefunden hat.

Opfer: die Figur des „verlorenen Zeugen’ kommt in der Geschichte kaum vor, auch wenn sie das Leitmotiv ist. Die Schilderung ihrer Flucht vor den Verfolgern hätte für zusätzliche Spannung sorgen können.

Sprache/Duktus:
Die Sprache ist genretypisch knapp und handlungsorientiert, der Wortschatz wirkt diesmal eher durchschnittlich und etwas weniger ansprechend, als in „The Dead Room“. Zudem sind mir diesmal zu viele Klischées ins Auge gesprungen, die nicht hätten sein müssen. Der Autor scheint einen bspw. ausgesprochenen Augenfetisch zu haben. Fast alle Figuren haben blaue Augen, damit verbundene typische Adjektive wie „stechend“, „wahnsinnig“ etc., werden einfach zu oft strapaziert. Der Charakter einer Figur scheint sich hier vor allem über die Augen zu erschließen, de facto ist das Repertoire der menschlichen Körpersprache doch etwas größer. Die deutsche Übersetzung kann ich nicht beurteilen, da ich die Story im amerikanischen Original gelesen habe.

Fazit:
The Lost Witness / Leichengift ist ein sehr spannender und actiongetriebener Thriller, der mit vielen überraschenden Twists aufwartet. Der komplexe Plot ist sehr professionell angelegt. Der Leser erhält in nahezu jeder Szene das Look & Feel aus personaler Perspektive, wobei alle Sinne bedient werden. Das Kopfkino kommt jederzeit leicht in Gang. Die Protagonistin ist sympathisch und aktiv. Sie bietet ein gutes Identifikationspotential für den Leser, auch wenn ich mir mehr weibliche Vielschichtigkeit gewünscht hätte. Der Text ist sprachlich genretypisch, der schnellen Handlung angemessen, aber nicht wirklich originell oder anspruchsvoll. Obwohl die Handlung fesselt, werden wie bei vielen Thrillern Rollenmodelle und Klischées strapaziert. Dadurch, dass der Autor bei den zahlreichen Twists um den Höhepunkt herum die Aufladung einiger Charaktere kippen lässt, fällt dieser Aspekt allerdings hier weniger ins Gewicht. Man kann sich als Leser nie sicher sein, ob sich eine Figur letztendlich als gut oder böse herausstellen wird. Dem typischen Kunstgriff vieler Krimiautoren, die vertrauenswürdigste Nebenfigur am Ende zum Täter deklarieren, verfällt Robert Ellis nicht. Man muss bei ihm immer damit rechnen, dass seine Figuren einen doppelten Wechsel der Aufladung durchmachen. Dadurch bleibt bis zur letzten Seite immer Spannung in der Geschichte. Insgesamt ein inhaltlich kurzweiliger und fesselnder Thriller mit durchschnittlichem sprachlichem Anspruch.

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Tags: leichengift, robert ellis, the lost witness, thriller   (4)
 

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science fiction, internet, thriller, daniel suarez, cyberthriller

DAEMON

Daniel Suarez , Cornelia Holfelder-von der Tann , Hauptmann & Kompanie, Werbeagentur
Flexibler Einband: 640 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 02.05.2011
ISBN 9783499256431
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Genre:Cyber-Thriller

Serie:
ja (Darknet ist der Folgeroman)

Inhalt:
Mathew Sobol, ein erfolgreicher Erfinder von Multiplayer-Computerspielen, hat einen Daemon (ein im Hintergrund laufendes Programm) entwickelt, der nach seinem Tod vernetzte Computer infiziert und die Kontrolle über die Systeme und die Menschen, die sie bedienen, übernimmt. Daemon ist lernfähig (Künstliche Intelligenz) und nutzt seinen Zugang zu den im Netz abgelegten Informationen der Nutzer, um sie zu erpressen, zu manipulieren und auf die Ziele seines Erfinders einzuschwören. Dabei verwendet er die für jedermann zugänglichen Online-Spiele, um die für seine Zwecke besonders geeigneten Menschen zu identifizieren und als Handlanger für seine Zwecke einzuspannen. Daemon betrachtet die Welt als großes Computerspiel. Er agiert dabei ausschließlich nach Logikkriterien, nutzt jedoch die messbaren emotionalen Regungen der Menschen, um ihre Handlungen vorherzusagen und zu beeinflussen. Menschenleben haben für ihn nur insofern einen Zweck, als sie für ihn und seine Sache zweckdienlich sind. Die Handlanger werden ähnlich wie Sektenmitglieder durch finanzielle Zuwendungen, Schutz und Aufstiegsmöglichkeiten in der Hierarchie belohnt. Durch spezielle Brillen, wie man sie bspw. von Special Forces Soldaten heutzutage kennt, werden die Handlanger mit dem Daemon und untereinander vernetzt. Die Infiltration der Gesellschaft erfolgt parallel durch das Software-Programm und die realen Menschen, die dem Daemon dienen.

Vertreter der Polizei und diverser Nachrichtendienste sowie ein mit Computerspielen besonders vertrauter IT-Experte versuchen, den Daemon und seine wachsende Anhängerschar zu stoppen.

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven zahlreicher handelnder Figuren. Der Wechsel erfolgt z T auch abschnittsweise innerhalb von Kapiteln und nimmt dadurch zeitweise nahezu auktoriale Züge an. Eine Reduktion der mit einer eigenen Perspektive ausgestatteten Figuren und eine deutlichere Abgrenzung der Perspektivwechsel würde dem Leser die Identifikation mit den Charakteren erleichtern.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Struktur und Spannungsbogen:
Das Grundprinzip der Story entspricht derjenigen der James Bond Thriller. Jemand versucht die Weltherrschaft zu erobern, andere versuchen dies zu verhindern. Der Hauptunterschied: es gibt zwar einen zentralen Antagonisten (M. Sobol rsp. das ihn nach seinem Tod repräsentierende Programm), aber es gibt keinen herausragenden Protagonisten, sondern eine ganze Reihe gleichberechtigter Figuren.

Die Story startet nicht mit einem Big Bang als auslösendem Ereignis, sondern mit einem scheinbar konventionellen Todesfall, der den ermittelnden Polizisten und das hinzugerufene FBI zu Mathew Sobols Softwareunternehmen führt. Dort wird nach einem weiteren Todesfall schnell klar, dass der Auslöser über das Netz gekommen sein muss.

Während die Ermittler dem Daemon näherkommen, gewinnt dieser über das Online-Spiel, aus dem er entstanden ist, seine menschlichen Unterstützer, die er zusammen mit seinen elektronischen Mitteln gegen seine Gegner in die Schlacht führt.

Neben den klassischen Mittel der Spannungserzeugung (Hochschaukeln der Spannung bis zum Höhepunkt: der Daemon stellt immer größere Herausforderungen an die Ermittler, scheinbare Problemlösungen und falsche Verdächtige multiplizieren die Herausforderung) webt der Autor geschickt die latente Angst der Leser davor ein, dass in der modernen Hightech-Gesellschaft jeder mit einer Vielzahl von persönlichen Informationen und Prozessen im Internet und seinen Ablegern vertreten ist, die ihn verwundbar machen, wenn die Sicherheitsmechanismen überwunden werden.

Das Buch ist von der Anlage her eine Mischung aus einem James Bond Roman in der Hightech–Version und George Orwells 1984. Es gibt weit mehr reale Action, als man bei dieser Art Roman vermuten sollte, und das Zusammenwachsen von Spiel und Realität sowie die unterbewusste Ahnung der meisten Computernutzer, dass ihre Aktivitäten im Netz jederzeit als Bumerang in Form von Identitätsdiebstahl und anderen Nettigkeiten auf sie zurückfallen können, ergeben eine spannende Mischung.

Charaktere:
Mathew Sobol als Antagonist erhält vor allem indirekt, also durch das Daemon-Programm und das Computerspiel, auf dem es basiert, ein Gesicht. Trotz der starken technischen Komponente, besitzt die Figur ein hohes Spannungspotential, das geschickt ausgeschöpft wird. Leider hat er keinen gleichwertigen Gegenspieler, obwohl einige der Figuren (der Polizist, der IT-Experte und die Geheimdienst-Ermittlerin) hierfür die nötigen Grundlagen hätten. Ein starker Protagonist mit einem nachvollziehbaren Wertewandel hätte der Geschichte gut getan. So bleiben die Figuren relativ flach und bieten für den Leser nur ein begrenztes Empathiepotential.

Sprache/Duktus:
Die Sprache ist relativ einfach und sachlich, aber auch nicht platt oder reißerisch. Man merkt, dass der Autor nicht aus der literarischen, sondern aus der technischen Ecke kommt. Sprachliche Höhenflüge und ausgefallene Metaphern sucht man vergeblich. Aufgrund der Anlage des Romans und der besonderen Bedeutung technischer Aspekte für den Plot, ist dieses Manko allerdings vertretbar. Die Story bleibt trotzdem spannend und das Kopfkino kommt insbesondere bei der Schilderung der Spielsituationen und bei den erstaunlich guten Actionszenen auf seine Kosten. Die technischen Aspekte werden realitätsnah, mit großem Expertenwissen und trotzdem auch für mäßig versierte IT-Nutzer verständlich beschrieben.

Fazit:
Ein interessanter Cyber-Thriller, der vor allem von der guten Grundidee (ein bereits Verstorbener strebt die Weltherrschaft an) und von der großen technischen Kompetenz des Autors profitiert. Die Story wirkt zwar auf den ersten Blick fiktional sehr abgehoben, und dass Maschinen die Weltherrschaft übernehmen wollen, ist ein wohlbekanntes Sujet, aber die Umsetzung ist auf der Höhe der Zeit und in vielen Aspekten bedrohlich realistisch. Mit den technischen Äquivalenten unserer Sinne und des emotionalen Ausdrucks gräbt uns der Daemon auch den letzten Rest dessen ab, was uns als Individuen ausmacht und was uns in unserem Selbstverständnis über die „Maschine“ erhebt. Und das ist intelligent und spannend gemacht und regt zum Nachdenken an. Das Ende ist vergleichsweise offen gestaltet und lässt Raum für einen Folgeroman.

Defizite hat der Roman bei der Figurenentwicklung und bei der sprachlichen Umsetzung der Bildhaftigkeit und der Emotionalität. Sie bleiben jedoch im Hinblick auf das Genre im vertretbaren Rahmen. Da Daemon der erste (und ursprünglich sogar im Eigenverlag veröffentlichte) Roman des Autors ist, gehe ich davon aus, dass die nächsten Bücher (Darknet ist der bereits erschienene Folgeroman) auch diesbezüglich gereift sind. Das Potential dafür hat Daniel Suarez ohne Zweifel.

Ein empfehlenswertes Buch für Leser mit einer gewissen Technikaffinität. Für die Gamer Community ist der Roman ein Muss.


Nice to know:
Ein Daemon ist in der Computersprache nicht zu verwechseln mit dem Demon (Satan). Es handelt sich lediglich um die Bezeichnung für ein im Hintergrund laufendes Software-Programm. Historisch gesehen ist der Daemon jedoch die alte Form des Demon, aber mit einer ebenfalls anderen Bedeutung. In der Antike verstand man darunter eine Art Schutzengel. Plato führt den Daemon als das moralische Gewissen ein. Die Doppeldeutigkeit macht gerade in der letzten Szene des Romans Sinn. Ob dies von Suarez beabsichtigt war, weiß ich jedoch nicht

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privatdetektiv, usa, john connolly, seri, krimi

Der Kollektor

John Connolly , Georg Schmidt
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 10.11.2010
ISBN 9783548282732
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Genre:
(Mystery-) Thriller

Umfang:
ca. 470 Seiten (Print)

Serie:
ja (Charlie Parker)

Inhalt:
Der Privatdetektiv Charlie Parker wird von Rebecca Clay beauftragt, sie vor einem mysteriösen Fremden zu schützen, der sie mit Fragen nach ihrem Vater belästigt. Der Fremde stellt sich als ein ehemaliger Berufskiller heraus, der auf der Suche nach seiner Tochter ist, die vor Jahren spurlos verschwand, während er selbst im Knast saß. Daniel Clay, Rebeccas Vater, hatte das Mädchen als Kinderpsychologe betreut, kurz bevor er selbst als verschollen gemeldet und Jahre später vom Gericht für tot erklärt wurde. Da seine Leiche niemals gefunden wurde, existieren zahlreiche Gerüchte über das Schicksal des Psychologen, der ein Experte für die Behandlung sexuell missbrauchter Kinder war. Bei seinen Ermittlungen stößt Charlie Parker auf ein Netzwerk von Päderasten, die offenbar von einer einsamen Waldsiedlung aus operieren, in deren Nähe auch der Wagen von Daniel Clay gefunden wurde. Der Detektiv beschließt, vor Ort Ermittlungen anzustellen, doch nicht nur er und der besorgte Vater des verschwundenen Mädchens sind den Päderasten auf der Spur, sondern auch ein unheimlicher Fremder mit besten Verbindungen ins Reich der Toten.

Perspektive:
Mit wenigen Ausnahmen Ich-Erzähler (Charlie Parker). Der Leser dringt durch die Ich-Perspektive tief in die Wahrnehmungswelt des Protagonisten ein, die für den Fortgang der Story von entscheidender Bedeutung ist. Die wenigen Perspektivwechsel wirken eher verwirrend. Das gilt insbesondere für das 1. Kapitel, in dem eine Figur (ein Schausteller) eingeführt wird, die für den Plot nahezu bedeutungslos ist. Leider, denn die Figur ist interessant angelegt und macht Appetit auf mehr.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Portland und das dünn besiedelte Hinterland von Maine bilden die Kulisse für die Story. Insbesondere die einsamen Wälder mit ihren hinterwäldlerischen Bewohnern unterstützen in idealer Weise die zunehmend mystische Stimmung des Romans.

Struktur und Spannungsbogen:
Das Thema Kindesmissbrauch hält für die meisten Leser auch ohne das fiktionale Gewand schon mehr als genug Horror-Elemente bereit. Connolly verarbeit das Thema jedoch nicht reißerisch. Er fokussiert sich nicht auf die ekelbeladene Missbrauchssituation und das Abarbeiten der gängigen Täterklischees. Die Täter sind zwar die Zielobjekte der Handlung, aber Connolly stellt die Opfer und die Auswirkung des Missbrauchs auf ihren Lebensweg in den Mittelpunkt. Auf Effekthascherei und Plattitüden wird dabei weitgehend verzichtet. Man merkt, dass sich der Autor dezidiert und unter fachlicher Anleitung mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Er zeigt neue Facetten des Themas auf und flechtet sie geschickt in die Story ein. Kein Vergleich mit der banalen Schwarz-Weiß – Logik der Schablonendenker aus den TV-Redaktionen, die Voyeurismus mit Spannung verwechseln und Klischeebefriedigung zum Credo für ihre Drehbuchautoren machen.

Im vorliegenden Roman entsteht Spannung weniger aus der Frage, ob das Mädchen noch rechtzeitig vor seinen Peinigern gerettet werden kann – ein Aspekt, den Tatort-Autoren bis zum Erbrechen ausgewalzt hätten. Die Rettung des Opfers tritt in den Hintergrund. Sie erscheint ohnehin unmöglich, weil dem Leser die Spätfolgen des Missbrauchs jederzeit bildhaft präsent sind. Den Protagonisten und damit auch den Leser treibt vielmehr die Frage um, wie das Geflecht von Suche, Rache, Schuld und Leid mit der immer mehr durchscheinenden mystischen Schicht der Geschichte hinter der offensichtlichen Wahrnehmungswelt zusammenhängt. Überhaupt ist das Thema Wahrnehmung ein Leitmotiv, das sich durch den gesamten Plot zieht.

Auffallend im Vergleich zu typischen Genrevertretern ist der langsame Spannungsaufbau der Story. Es gibt keinen ‚Big Bang’, der den Leser in den Plot hineinreißt. Das ist angesichts tradierter Lesegewohnheiten der Thriller-Kundschaft nicht ohne Risiko. Da es sich jedoch um eine bereits eingeführte Serie handelt, wissen Connolly-Liebhaber vermutlich, was sie erwartet.

Charaktere:
Charlie Parker wird als der allgegenwärtige Protagonist auch in seiner psychischen Wahrnehmungswelt detailliert ausgeleuchtet. Der Charakter bietet dem Leser ein hohes Identifikationspotential, er ist entscheidungsstark und treibt die Story kraftvoll voran. Natürlich hat er, wie im Genre mittlerweile üblich, die entsprechenden Macken und Risse in seiner Biographie. Die Trennungsquote unserer Romandetektive dürfte diejenige ihrer Entsprechungen in der Realwelt (Polizisten, Detektive etc.) mittlerweile sogar noch übertreffen. Diese Schwächen geben dem Protagonisten zwar ein größeres Empathiepotential und das notwendige Quentchen ‚menschliche Anmutung’, aber so langsam bekommen dieses Schema und seine auch in diesem Fall vollkommen einfallslose Umsetzung etwas Lächerliches. Ich kann es einfach nicht mehr lesen. Punkt. Auch hätte dem Helden m. E. etwas weniger Heldenhaftigkeit und ein Quentchen mehr Privatleben gut getan.

Dass sein muskulöser Helfer Louis sowohl schwarz als auch schwul ist und als Sahnehäubchen auch noch einen weißen Lover hat, ist zwar der Gipfel der Political Correctness, aber es geht in einem Roman nunmal darum, originelle und trotzdem glaubwürdige Figuren zu kreieren – und kein Wahlkampfteam für die US-Demokraten.

Viel besser gelungen sind die dunklen Charaktere, allen voran Merrick, der animalische Killer und liebende Vater und der Kollektor, eine mystifizierte Figur, die an der Schwelle zwischen Ober- und Unterwelt zu agieren scheint. Man wird die Bilder und den Geruch der beiden nicht mehr los, auch lange nachdem man den Roman beendet hat. Der englische Originaltitel ‚The Unquiet’ trifft das mystische Feeling, das der Roman verbreitet, deutlich besser als ‚Der Kollektor’. Letzterer erinnert an einen gewöhnlichen Serienkiller, der sich anhand seiner Mitbringsel an seinen Taten aufgeilt. Eine solche Figur ist der diesseitige Jenseitige in dieser Story in keiner Weise.

Zentral für die Botschaft der Geschichte ist für mich jedoch eine andere, von den quantitativen Anteilen her viel unbedeutendere Figur. Es handelt sich um ein ehemaliges Missbrauchsopfer, das eben dieses Adjektiv aushebelt. Ein Kindesmissbrauch ist nie ehemalig, sondern (für das Opfer) immer gegenwärtig, egal wie viel Zeit vergangen ist. Andy Kellog ist ein Missbrauchsopfer, dessen asozial-aggressives Verhalten im Gefängnis in den Kontext dessen gesetzt wird, was ihm widerfahren ist. Ein unverschuldetes Kindheitserlebnis führte zu seinem sozial abweichenden Verhalten, dieses zu einer endlosen Gefängniszeit, die wiederum seine Behandlung verhinderte, wodurch sein Verhalten noch unberechenbarer wurde usw. usw.. Andy wird zum Opfer seiner Peiniger, zum Opfer der anderen Gefängnisinsassen, der Wärter und des Systems, das letztendlich das Werk der Päderasten mit bürokratischem Gleichmut vollendet. Connolly gelingt es meisterhaft, das Bild seiner Tragödie in einer einzigen Schlüsselszene in das Gedächtnis der Leser zu brennen. Man fragt sich unwillkürlich, wie viele der scheinbar arbeitsscheuen Obdachlosen und psychisch Gestörten, denen man in jeder Großstadt zu jeder Tages- und Nachtzeit begegnet, eine ähnliche Geschichte haben und wo man selbst geendet wäre, wenn ...

Sprache/Duktus:
Connolly verwendet eine äußerst bildreiche Sprache, die das mystische Grundthema der Story gut transportiert. Das Kopfkino des Lesers wird hervorragend unterstützt. Man liest bei Connolly in Bildern, nicht in Worten. Das sprachliche Niveau (der dt. Übersetzung) und der Detailreichtum der Beschreibungen sind für das Genre und insbesondere für eine Serie überdurchschnittlich. Mein einziger Kritikpunkt: Connolly übertreibt es mit der Anzahl der von ihm herangezogenen Metaphern etwas. Wenn man alle paar Zeilen ein neues Bild bemüht und mit stoischer Regelmäßigkeit ein Wie an das nächste reiht, dann gehen die wirklich für den Plot wichtigen Bilder unter. Ingesamt jedoch ist die sprachliche Ausgestaltung eine Stärke des Romans.

Fazit:
Der Kollektor ist ein Thriller mit einem leicht mystischen Touch, dessen Spannungselement stark von der düsteren Grundstimmung und den pointierten Charakteren getragen wird. Die Stärke des Buches liegt in der sprachlichen Umsetzung des Themas. Abzüge gibt es für die Ausgestaltung der positiven Charaktere, deren Tiefe nicht mit derjenigen ihrer dunklen Vettern mithalten kann. Störend ist das Dauerfeuer der Metaphern, das die wirklich wertvollen Bilder überlagert.

Stärkste Szene:
Das Interview mit dem Missbrauchsopfer Andy Kellog im Gefängnis.

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unglück, luciania, guillermo martínez, schriftsteller, psychodrama

Der langsame Tod der Luciana B.

Guillermo Martínez , Angelica Ammar , Guillermo Martìnez
Flexibler Einband: 199 Seiten
Erschienen bei Fischer Taschenbuch, 01.12.2009
ISBN 9783596182640
Genre: Romane

Rezension:

Genre:
Krimi / Psychodrama / Parabel.
Der Roman lässt sich nicht eindeutig zuordnen. Es geht zwar auch um die Frage, ob eine Reihe von Todesfällen Mordanschläge eines Verdächtigen waren, aber dieser Aspekt ist nur der Anlass für den Autor, um sich mit existentiellen Fragestellungen auseinanderzusetzen, die sich im Spannungsfeld von Realität und Fiktion, Zufall und Vorbestimmung bewegen.

Umfang:
Ca. 200 Seiten (Print).

Serie:
Nein.

Inhalt:
Die hübsche Studentin Luciana B. verdient sich als Schreibkraft für den berühmten Krimiautor Koster etwas dazu. Als Koster ihr gegenüber zudringlich wird, lässt sie sich von ihrer Anwältin dazu überreden, den Schriftsteller anzuzeigen und zerstört damit unbeabsichtigt seine Familie. Als immer mehr Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld auf unnatürliche Weise zu Tode kommen, macht Luciana Koster hierfür verantwortlich. Sie ist davon überzeugt, dass der Autor einen Racheplan verfolgt und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis auch sie selbst und ihre jüngere Schwester Koster zum Opfer fallen. Da niemand ihren Vorwürfen Glauben schenken will, wendet sie sich in ihrer Not an einen anderen Schriftsteller, für den sie zehn Jahre zuvor ebenfalls gearbeitet hatte. Der junge Autor, der einst selbst in Luciana verliebt und auf Koster eifersüchtig war, hält Luciana zunächst für neurotisch. Als sich die seltsamen Todesfälle jedoch häufen, gerät seine Überzeugung, dass es sich lediglich um eine zufällige Verkettung von Ereignissen handelt, ins Wanken und er stellt Koster zur Rede. Koster streitet jede unmittelbare Beteiligung an den Todesfällen ab und wartet mit einer zutiefst verstörenden Erklärung auf.

Perspektive:
Ich-Erzähler (der von Luciana herangezogene junge Autor).

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Hauptsächlich Buenos Aires.

Struktur und Spannungsbogen:
„Man sollte nicht über das schreiben, was war, sondern über das, was gewesen sein könnte.“
Dieses Zitat aus dem Roman formuliert präzise das Leitmotiv, an dem sich die Erwartung des Lesers ausrichtet. Der namenlose Ich-Erzähler bietet dem Leser die perfekte (weiße) Projektionsfläche, um seine wachsende Unsicherheit mit zu erleiden. Aus anfänglicher Ablehnung gegenüber den Vorwürfen von Luciana und ihren vehement vorgetragenen Ansprüchen an seine Unterstützung wird zunächst Sorge um Lucianas psychische Gesundheit, dann ein vager Zweifel , ein Verdacht, den Koster geschickt zerstreut, bis Kosters manipulative Art schließlich zur Konfrontation führt.

Die Motive für die Unsicherheit des Autors sind vielfältig. Einige werden offen eingestanden, wie der Neid auf den berühmten Kollegen, andere werden subtil angedeutet. Die Leidenschaft Kosters für Luciana B. entwickelte sich nahezu parallel zu jener des Ich-Erzählers, bis hin zu den männlich überinterpretierten möglichen sexuellen Signalen des jungen Mädchens. Jede Anschuldigung Lucianas an Koster ist damit zugleich eine Anschuldigung an den Ich-Erzähler, was seine Objektivität im Hinblick auf die Vorwürfe in Frage stellt. Hinzu kommt, dass Luciana all ihre optischen Reize mittlerweile verloren hat. Die erotische Komponente der Motivation fällt damit auch weg. Und auch die rationale Grundeinstellung des Ich-Erzählers steht der Identifikation mit der neurotischen Luciana B. gegenüber, die jede Tatsache in ihre konstruierte Wirklichkeit einordnet, wie ein Puzzleteil in ein ex ante unverrückbar vorgegebenes Bild. Der Leser folgt dem Ich-Erzähler mit äußerster Skepsis gegenüber Luciana B. in die Geschichte.

Je intensiver sich der Ich-Erzähler mit dem Fall und dem möglichen Täter beschäftigt, desto mehr gerät sein rationales Selbstbild ins Wanken. Wie viel Zufall ist mathematisch denkbar? Welche Bedeutung hat demgegenüber das Mögliche? Wie beeinflusst uns die Möglichkeit in unserer Wahrnehmung der Realität? Gibt es so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit im biblischen und im mathematischen Sinn? Koster eröffnet mit eingestreuten philosophischen Betrachtungen immer neue Perspektiven auf das Mögliche, die den Ich-Erzähler immer orientierungsloser zurücklassen, je mehr Hinweise zur Orientierung er bekommt. Aber auch die intellektuelle Überlegenheit Kosters, der seine Umgebung nach Belieben zu lenken scheint, bekommt Risse, als deutlich wird, dass sein Handeln mehr und mehr von der in seinem literarischen Lebenswerk selbst geschaffenen Fiktion bestimmt wird, die er schließlich als schicksalsgebend akzeptiert.

Auch wenn die Frage der Schuld Kosters an den Sterbefällen den Leser bis zum Schluss in Atem hält, wirkt der Wunsch nach Orientierung in der zunehmenden Orientierungslosigkeit des Ich-Erzählers nicht weniger stark.

Die Handlungsarme des Romans sind ausgereift und gut durchkomponiert. Alle Set-ups, die der Autor setzt, werden aufgenommen und sinnvoll ausgeführt.

Defizite hat der Roman m. E. im Bereich der klassischen Spannungselemente. Die Verzweiflung von Luciana und auf seine Weise auch jene von Koster hätte man in einem zentralen Höhepunkt besser zusammenführen können. Dass Luciana am Ende aus dem Fenster springt, ist zwar im Gesamtkontext der Story glaubhaft, diese Reaktion wirkt, da weder der Erzähler noch Koster unmittelbare Zeugen sind, jedoch seltsam losgelöst und sachlich. Auch hätte man zum Ende hin aus Kosters zunehmendem Determinismus mehr Reibung und damit Spannung für den Roman entwickeln können.

Charaktere:
Die Charaktere stehen für Typen und Sichtweisen, die der Autor benötigt, um philosphische Gegensätze darzustellen. Sie haben Werkzeugcharakter. Während ihre psychischen Befindlichkeiten mit großer Tiefenschärfe ausgeleuchtet werden, bleibt alles, was vom Kern der Geschichte ablenken würde, im Dunkeln. Selbst die Namen sind Platzhalter. Die kindlich emotionale Luciana hat keinen Nachnamen, der scheinbar abgeklärte (erwachsene) Koster hat keinen Vornamen und der zwischen den beiden hin und her schwankende Ich-Erzähler bleibt namenlos. Die Anlage der Charaktere erinnert in mancherlei Hinsicht an Figuren in Kafkas Parabeln oder in existenzialistischen Dramen.

Sprache/Duktus:
Die sprachliche Ausführung ist - wie bei vielen südamerikanischen Autoren – eine zentrale Stärke des Romans. Auch wenn der Klappentext den Leser marketingfreundlich in das umsatzstarke Thrillergewässer lockt, so wird anhand der textlichen Ausführung schnell klar, dass Martinez seinen Roman sprachlich deutlich feiner justiert, als konventionelle Genreautoren. Der Roman ist sprachlich unaufgeregt, dafür transportiert Martinez feinste psychische Befindlichkeiten. Dennoch übertreibt der Autor m. E. den passiven Erzählstil. Starke innere Hilflosigkeit, die ihren Ausdruck in miterlebbarer Handlung findet, hätte dem Roman gut getan. Die vielen Rückblenden verlangsamen zusätzlich Handlung und Sprachfluss.

Fazit:
Wir schwanken unsicher dem Höhepunkt entgegen, der uns statt in befriedigender religiöser Erleuchtung in aufgewühlter philosophischer See zurücklässt. Freunde von Action-Thrillern werden den ‚Krimi’ enttäuscht aus der Hand legen. Wer sich für sprachliche und philosophische Zwischentöne erwärmen kann, wird gut, wenn auch unaufgeregt unterhalten.

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gewalt, western, belletristik, überfall, schuld

Die Gefürchteten

Tom Franklin , Wolfgang Müller
Flexibler Einband: 414 Seiten
Erschienen bei Heyne, W, 02.01.2008
ISBN 9783453431980
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Autor:
Tom Franklin ist ein Literaturprofessor aus Mississippi, der unter Kritikern als vielversprechendes Talent der jüngeren amerikanischen Literatur gilt.

Genre:
Südstaaten-Western

Umfang:
ca. 400 Seiten (Print)

Inhalt:
Alabama, Ende des 19. Jahrhunderts. Zwei Farmerjungen überfallen in einem abgelegenen Landstrich einen wohlhabenden Kaufmann, um an das Geld für ihren ersten Bordellbesuch zu kommen. Der halbherzig ausgeführte Raub mißlingt und der Kaufmann wird unabsichtlich tödlich verletzt. Ein enger Verwandter des Opfers ruft eine Gruppe von Männern ins Leben, die sich zum Ziel setzt, den Täter zu jagen und zur Strecke zu bringen. Aus diesem Bündnis, das sich auch verpflichtet, arme Landpächter gegenüber ausbeuterischen Städtern (Grundbesitzer, Kreditgeber) zu verteidigen, entwickelt sich schließlich eine Bande, die Kaufleute und Farmer gleichermaßen überfällt und sie zwingt, sich ihrer Gemeinschaft anzuschließen. Wer sich widersetzt, wird getötet. Da niemand weiß, dass sie für den auslösenden Mord verantwortlich sind, werden auch die beiden Jugendlichen angeworben. Ein alternder Sheriff versucht, der Bande Einhalt zu gebieten, die den gesamten Bezirk terrorisiert und die Farmer in Angst und Schrecken versetzt. Als dies nicht gelingt, ruft der Richter des Ortes eine Bürgerwehr ins Leben, die er unter den Befehl eines eiskalten Killers stellt. Die Bürgerwehr kann die Bandenmitglieder stellen. Bevor ihnen dies allerdings gelingt, töten sie zahlreiche Unschuldige, die sie irrtümlich für Bandenmitglieder halten. Der Sheriff stellt sich dem lynchenden Mob und der Bande entgegen.


Das sozialkritische Thema des Romans ist gerade in den USA auch heute noch hochaktuell. Viele kleinere Landwirte haben ihre Farmen für Bankkredite verpfändet und müssen diese an die Gläubiger abtreten, da sie die Kredite nicht mehr bedienen können. Foreclosure-Schilder (dt. 'Zwangsvollstreckung') sind nicht nur in den Agrargebieten der USA so häufig wie die Reklametafeln der Werbeindustrie. Drei Millionen Hauseigentümer haben 2011 in den USA Vollstreckungsurteile erhalten.

Perspektive:
Überwiegend wechselnde personale Perspektiven der wichtigsten Figuren.

Erzählzeit:
Vergangenheit

Setting:
Die Geschichte spielt in einem entlegenen Landstrich in der Nähe von Alabama – den sogenannten Mitcham Beats. Die Beschreibungen der Settings sind detailliert, plastisch und wirken absolut authentisch. Der Leser kann sich sehr gut in die unterentwickelte Agrarlandschaft der Südstaaten zum Ende des 19. Jahrhunderts hinein versetzen. Das Land verlangt seinen Bewohnern alles ab und wirkt genauso gewalttätig und lebensverachtend wie die Gesellschaft aus Farmern, Knechten und kleinen Kaufleuten, die ihm das wenige abringen, was sie am Leben hält.

Historischer Hintergrund:
Der Roman basiert auf einem historischen Ereignis, das als The Mitcham War of Clarke County in die Geschichte der amerikanischen Südstaaten eingegangen ist. Der Konflikt zwischen wohlhabenden Städtern, die die arme Landbevölkerung ausbeuteten und Farmern, die keinen Ausweg aus ihrer Situation sahen, als sich in Banden zusammenzuschließen, nahm Ende der 1890er bürgerkriegsähnliche Ausmaße an. Gewaltausbrüche zwischen Stadtbewohnern und der Landbevölkerung von Clarke County wurden bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts verzeichnet, das Misstrauen hielt weit darüber hinaus bis in die 70er Jahre an.

Struktur und Spannungsbogen:
Der Autor lässt den Leser daran teilhaben, wie sich ein fehlgeschlagener Jungenstreich in einer Gesellschaft, die sich durch Misstrauen, Brutalität und grenzenlose Ausbeutung auszeichnet, fast zu einem Bürgerkrieg auswächst. Franklin versucht keinen belehrenden historischen Abriss zu zeichnen, auch wenn ihn das o. g. reale Ereignis zu seiner Geschichte inspiriert hat. Er fokussiert sich auf die sozialen Aspekte, die den für Außenstehende unfassbaren Ausbruch von Gewalt ermöglicht haben. Franklin verfolgt das Schicksal einiger weniger Menschen, die sich immer mehr in die ausufernden Konflikte verstricken, bis sich die Spannungen in einer bürgerkriegsähnlichen Eruption entfesseln. Der Höhepunkt der Geschichte ist außerordentlich gewalttätig, aber im Gegensatz zu vielen Serienthrillern, ist hier die Gewalt kein losgelöster Selbstzweck, der schockverwöhnte Leser befriedigen soll. Sie ist tief in den Figuren und ihrer Historie verankert und jederzeit glaubwürdig.

Charaktere:
Es gibt in dieser Geschichte keinen singulären Protagonisten oder Antagonisten. Eine besondere Bedeutung kommt jedoch der unschuldigsten Figur des Romans zu, dem sensiblen Waisenjungen Mack, der aus Nervosität seine Pistole auf einen Mann abfeuert und damit den Funken liefert, an dem sich das Drama entzündet. Die Figur ist mit großem Empathiepotential ausgestattet, ohne dabei kitschig zu wirken. Der Leser folgt in der Story weitgehend Mack durch das Grauen, das ihn aus seiner kindlichen Unschuld zerrt. Wohin er auch blickt, herrscht blanke Gewalt. Tiere werden wie selbstverständlich gequält oder getötet, Kinder werden von ihren Vätern wie Sklaven gehalten und behandelt und selbst die Natur trachtet den Menschen in Form von giftigen Tieren, Missernten und unwegsamem Gelände nach dem Leben. Gewalt ist die einzige Form der Kommunikation, sowohl gegenüber der Familie, als auch gegenüber denjenigen, die das eigene Überleben gefährden. Wer in diese Welt hineingeboren wird, ist ihr schutzlos ausgeliefert und macht sich früher oder später ihre Gesetzmäßigkeiten selbst zu eigen. Die Spirale der Gewalt scheint endlos und nur wenige versuchen ihr zu widerstehen, doch selbst sie bekommen blutige Hände und töten, um den Tod aufzuhalten. Der Sheriff, Waite, ist eine solche protagonistische Figur. Er betäubt sein Grauen mit Whiskey und verkörpert dennoch die Stimme der Vernunft. Doch seine Vernunft wird ihm in einer Gesellschaft, die nur die Sprache von Strafe und Rache kennt, als Schwäche ausgelegt. Dennoch versucht er als Einziger zu deeskalieren und die Zügel wieder in die Hand zu bekommen, um das Schlimmste zu verhindern.

Eine weiterer wichtiger protagonistischer Charakter ist Granny, eine Witwe, die als Hebamme fast jede Figur der Story auf die Welt geholt hat und mit ansehen muss, wie die Gier das Wenige zerstört, das die Menschen in dieser lebensfeindlichen Umgebung noch zusammenhält. Sie hat Gute wie Schlechte aus dem Mutterleib auf die Welt gezerrt und war selbst bei den Waisenkindern, die sie aufgezogen hat, nicht in der Lage, ihnen den notwendigen Schutz zu gewähren. Auch sie ist kein sentimentaler Charakter, auch sie hat Blut an den Händen. Sie tötet u. a. mit selbstverständlicher Regelmäßigkeit die Welpen ihrer Hündin oder fordert ihre Pflegekinder dazu auf. Antagonistischen Figuren wie den Killern Lev und Ardy sowie Tooch als Drahtzieher der Hell-at-the-Breech – Bande fällt es leicht, in diesem Klima unter dem Mantel von Phrasen Anhänger zu gewinnen und ihre eigenen Ziele zu verfolgen.

Sprache/Duktus:
Tom Franklin verwendet eine einfach strukturierte, aber ungemein bildhafte Sprache, um den Kosmos zu entwerfen, in dem sich die Geschichte abspielt. Viele europäische Romane leiden unter dem umgekehrten Phänomen.

Kritikpunkt: Gerade in der ersten Hälfte des Romans wirkt der Sprachrhythmus zu ruhig und abgeklärt, um die kochenden Emotionen und die Verzweiflung der protagonistischen Kräfte angemessen zu transportieren. Der Inhalt ist grausam, aber der Autor blickt über weite Strecken mit der Abgeklärtheit eines Sachbuchautors auf das Schlachtfeld, das sich vor ihm ausbreitet.

Die Bildersprache und das hierdurch angestoßene Kopfkino sind eine Stärke des Romans, während die Beschreibung der psychischen Seite der Figuren sprachlich nicht ganz an diese hohe Qualitätsvorgabe anknüpfen kann. Es ist durchaus möglich, dass die Übersetzung den Roman Sprachkraft gekostet hat. Wenn ich das engl. Original in die Hände bekomme, kann ich hierzu mehr sagen.

Fazit:
‚Die Gefürchteten’ ist ein spannender Western mit inhaltlichem und sprachlichem Tiefgang. Figuren, Setting und Handlung wirken gleichermaßen authentisch und unterstützen sich gegenseitig. Die ungeheuere Härte des Inhalts wird manchen Leser abstoßen, doch wer sich mit dem historischen Fall, an den der Roman lose anknüpft, vertraut gemacht hat oder vergleichbare Zeitzeugenberichte aus der Pionierzeit gelesen hat, wird dem Autor kaum widersprechen können. Die geschilderten Vorfälle sind in dieser Form durch eine Vielzahl von historischen Dokumenten belegt. Und abgesehen davon hilft ein kurzer Blick in die jüngere Geschichte, um uns der Illusion, dass die Lehren aus der Vergangenheit uns heute einen moralisch überlegenen Rückblick auf unsere Vorväter ermöglichen, zu berauben. Gegen die Bürgerkriege in Jugoslawien, mit ihren bis heute andauernden Nachwirkungen und Spannungen, liest sich ‚Die Gefürchteten’ vergleichsweise harmlos. Und das ist nur ein Beispiel.

Tom Franklin zeigt in seinem Roman eindrucksvoll auf, dass ein winziger ‚Spark’ ausreicht, um in einer hinreichend ungebildeten und gewaltbereiten Gesellschaft jeden Menschen mit dem Wundbrand des Hasses zu infizieren. Wenige können viele aufhetzen und mit den fadenscheinigsten Argumenten in den Tod treiben. Es geht immer um Macht und es geht immer um Geld. Und es geht immer um beides für wenige. Wir kennen alle die Schlagworte, die im historischen oder aktuellen politischen Kontext herangezogen wurden und werden, um die einen gegen die anderen in die Schlacht zu führen. Lebensraum, Ressourcen, Rasse, Religion oder die Bedrohung durch (eingebildete) ‚Massenvernichtungswaffen’ sind nur einige dieser Begriffe, die jeden von uns auch in den nächsten tausend Jahren noch veranlassen werden, uns auf die eine oder andere Seite zu stellen und einigen wenigen in die Hand zu spielen. Insofern ist das Südstaaten-Westerndrama hochaktuell und wird es leider auch bleiben.

Die Umsetzung des Themas ist bis auf den z. T. zu trockenen sprachlichen Ausdruck gut gelungen.

Eine empfehlenswerte Lektüre selbst für Westernphobiker.

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Tags: tom franklin, western   (2)
 

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glynn, politthriller, bloodland

Bloodland

Alan Glynn
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Faber & Faber, London, 20.03.2012
ISBN 9780571275441
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Genre:
Politthriller.

Umfang:
Ca. 382 Seiten (Print).

Serie:
Einzelne Charaktere der Story kommen auch in anderen Romanen Glynns vor (z. B. im Vorgänger Winterland).

Inhalt:
Jimmy Gilroy, ein junger irischer Journalist, der in der Finanzkrise seinen Job verloren hat, versucht sich mit einer Biographie über ein drei Jahre zuvor bei einem mysteriösen Hubschrauberabsturz zu Tode gekommenes Starlet über Wasser zu halten. Als er von einem befreundeten PR-Manager im Auftrag eines Mandanten gebeten wird, die Finger von der Story zu lassen, wird er misstrauisch und stellt eigene Nachforschungen an. Während eines Interviews mit dem ehemaligen irischen Staatschef erhält er den Tipp, dass nicht das Starlet, sondern ein ebenfalls beim Absturz umgekommener UN-Mitarbeiter, das Ziel des vermeintlichen Anschlags war. Er hatte während einer Konferenz erfahren, dass ein internationaler Rohstoffkonzern im Congo von einem Rebellenführer die Lizenz für den Abbau eines seltenen und für den Bau von neuartigen Waffensystemen wichtigen Metalls gekauft hat. Der Konzern verfügt über eine eigene Söldnertruppe, die nicht nur den UN-Mitarbeiter, sondern auch den irischen Ex-Premier und weitere Personen liquidiert, die seinen Geschäften gefährlich werden können. Für den Konzernchef steht nicht nur das Congo-Geschäft auf dem Spiel, sondern auch die US-Präsidentschaftskandidatur seines Bruders, der in den Congo-Deal involviert war und dessen Cover-Story aufzufliegen droht. Der Konzernchef und seine politischen Strippenzieher unternehmen alles, um den jungen Journalisten zum Schweigen zu bringen.

Bloodland bewegt sich in einem ähnlichen inhaltlichen Fahrwasser wie sein Vorgänger Winterland und der von Hollywood verfilmte Folgeroman Limitless. Das Buch beleuchtet die Verstrickung von Wirtschaft und Politik und ihre zunehmende Loslösung von gesellschaftlichen Normen und moralischen Grundsätzen.

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven der wichtigsten Figuren. Da sehr viele Figuren mit etwa gleichen Anteilen abgedeckt werden, geht zumindest in der ersten Hälfte der Geschichte der persönliche Touch und die Projektionsfläche für den Leser, die ein starker Protagonist in eine Handlung einbringt, verloren.

Erzählzeit:
Gegenwart. Hierdurch wirkt die Handlung spontan und der Leser fühlt sich jederzeit involviert.

Setting:
U. a. London, New York, Dem. Rep. Congo, Italien. Das Setting hat eine untergeordnete Bedeutung für den Plot. Gerade dem Congo hätte man allerdings im Hinblick auf die Bevölkerung, auf die Bedeutung der Kriegsherren und den Einfluss von Rohstoffkonzernen mehr abgewinnen können. Im Vgl. zu The Constant Gardener von Le Carré wirkt das afrikanische Setting oberflächlich. Der Einfluss der Chinesen als aktuelle polit. Entwicklung wird zwar mehrfach angesprochen, aber nur beiläufig als zusätzlicher Wettbewerbsfaktor. Lokalkolorit kommt nicht auf.

Struktur und Spannungsbogen:
Das von Glynn verwendete Grundmodell ‚Underdog kämpft gegen weitaus überlegende Gegner’ ist bei Politthrillern ein Standart, um Spannung zu erzeugen und dem Leser, der sich naturgemäß mit dem ‚David’ identifiziert, das notwendige Grauen abzuringen.

Die Story stellt zu Anfang eine ganze Reihe von Ereignissen und Charakteren nebeneinander, deren Verknüpfung sich erst spät erschließt. Die erste Szene verspricht Action, indem ein vermuteter Überfall auf einen Konvoi beschrieben wird. Danach verliert der Plot abrupt an Fahrt und gleitet ins Beschreibende ab. Der Autor beleuchtet intensiv das Innenleben seiner Figuren, allerdings nicht durch aktive (sichtbare) Handlung, sondern durch den intensiven Gebrauch der indirekten Rede, durch Deskription und ausgiebige Selbstgespräche. Auch Dialoge zwischen Personen werden an vielen Stellen nur passiv aus der Sicht der jeweiligen Perspektive wiedergegeben. Das nimmt zu viel Fahrt aus der Geschichte. Man hat den Eindruck, dass der Autor sehr viele Informationen zu den zahlreichen Handlungssträngen abladen möchte und das geht durch Aufzählen natürlich schneller, als wenn man die Informationen in Handlungen oder Dialogen verkleiden muss. Das ist ohne Zweifel ökonomisch, aber nicht mitreißend. Der Leser fühlt sich eher als Beobachter, denn als Teilnehmer der Story.

Etwa nach gut der Hälfte der Story ändert sich dieses Schema. Die inhaltlichen Zaunpfähle sind jetzt gesetzt, der Autor wirkt geradezu erleichtert und der Roman wird deutlich handlungsorientierter. Auch der Erzählanteil des Protagonisten (idR die Identifikationsfigur des Lesers) steigt deutlich an. Der Höhepunkt ist schließlich ausgesprochen spannend und aktionsgetrieben und entschädigt für die zuvor abgeforderte Geduld. Dass eine zuvor kaum eingeführte Figur das Finale entscheidet, erinnert etwas an das dramaturgische ‚Deus ex machina’ – Verfahren der griechischen Antike. Der Spannung tut der Griff in die Trickkiste an dieser Stelle keinen Abbruch, auch wenn man mit einer eingeführten Figur als Leser natürlich mehr mitleidet.

Charaktere:
Plus: Die Ausgestaltung der Figuren ist neben dem sehr interessanten und aufwendig konstruierten Thema die Stärke des Romans. Jede Figur wirkt authentisch und jederzeit möglich. Die Seelen- und Motivationslage der Player ist detailreich und glaubhaft. Alle Figuren der Story sind echte Originale, die in der Erinnerung des Lesers ihren Platz finden.

Minus: Zu viele Figuren stehen gleichwertig nebeneinander. Erst ab der Hälfte der Story übernimmt der Protagonist auch quantitativ die Regie und der Leser kann sich besser in den Plot hineinversetzen.

Sprache/Duktus: (bezieht sich auf die engl. Originalausgabe)
Glynns Stärke ist es, die Seelenlage seiner Figuren pointiert sprachlich auszuleuchten zu können. Hierfür auch innere Monologe zu verwenden und Dialoge z T indirekt (durch den Erzählenden reflektiert) wiederzugeben, ist vertretbar. M. E. hat der Autor mit den vielen passiven Sprachkonstruktionen jedoch zu viel Geschwindigkeit aus dem Plot genommen. Mehr direkte Handlung hätte der ersten Hälfte des Romans gut getan. Es wird versucht, zu viele Informationen in den Text hineinzupressen. Nachdem die inhaltliche Basis der zugegebenermaßen komplexen Story gesetzt ist, wird auch die Sprache flotter, handlungsorientierter, mitreißender. Der Autor versteht es insbesondere im letzten Drittel, wenn die Story auf den Höhepunkt zustrebt, die Handlung auch sprachlich schnell zu machen. Die Sätze werden kürzer, die Figuren handeln mehr, als dass sie sinnieren – kurzum Handlung und Sprache sind kongruent, sie pushen einander und reißen den Leser in thrillertypischer Atemlosigkeit mit.

Dass Glynns Sprache deutlich komplexer ist, als jene seiner amerikanischen Genre-Konkurrenten, passt insgesamt gut zur Hintersinnigkeit der aufwendig konstruierten Story.

Fazit:
Langsamer Start – spannendes Finale. Geduldige Leser, die detailreiche Stimmungsbeobachtungen ‚Action from the Start’ vorziehen, werden belohnt.

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Tags: bloodland, glynn, politthriller   (3)
 

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getäuscht, london, wettlauf gegen die zeit, internatinal gesuchte topterroristin, christopher reich

Getäuscht

Christopher Reich , Damaris Brandhorst , Wolfgang Neuhaus
Flexibler Einband: 572 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 01.01.2011
ISBN 9783404160426
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Genre:
Thriller

Umfang:
ca. 570 Seiten (Print)

Serie:
Der Roman baut auf seinem Vorgänger auf. Er bietet jedoch eine abgeschlossene Handlung.

Inhalt:
Der Arzt Jonathan Ransom kehrt aus Kenia nach London zurück, um an einer Konferenz teilzunehmen. Dort trifft er sich mit seiner Frau Emma, die sich auf der Flucht befindet, seit sie ein Komplott ihres ehemaligen Arbeitgebers, einem US-Geheimdienst, aufgedeckt hat. Als Jonathan Emma unbemerkt folgt, gerät er in einen Bombenanschlag, der offenbar einen russischen Politiker zum Ziel hatte. Jonathan gerät in Verdacht, als Komplize seiner Frau selbst in den Anschlag verwickelt zu sein. Er flüchtet vor der Polizei und versucht seine Frau zu finden, um seine Unschuld zu beweisen und um sie vor den Häschern des Geheimdienstes zu schützen, die sie ausschalten wollen. Je näher er Emma kommt, desto beunruhigender sind die Fakten, die Jonathan über ihre Vergangenheit erfährt. Sie ist eine vollkommen andere, als diejenige, als die sie sich während ihrer Ehe ausgegeben hatte. Als Jonathan erfährt, dass sie einen Anschlag auf ein französisches Atomkraftwerk plant, versucht er seine Frau aufzuhalten.

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven unterschiedlicher Figuren. In kleineren Passagen sind auch auktoriale Elemente enthalten.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
London; unterschiedliche Orte in Frankreich und Italien.

Struktur und Spannungsbogen:
Das Grundmuster des Romans ist vertraut. Ein Underdog (Protag. Jonathan) kämpft gegen scheinbar überlegene Gegner. Das auslösende Ereignis ist ein Attentat, das es aufzuklären gilt. Ein zusätzliches Spannungsmoment entsteht dadurch, dass der Protagonist nicht weiß, wer seine Frau eigentlich ist. Alles, woran er geglaubt hat, bricht nach und nach zusammen, und er muss sich mit einer unbequemen Erkenntnis anfreunden. Er ist innerlich zerrissen zwischen dem Wunsch, seiner Frau zu helfen und der Notwendigkeit, ein verheerendes Attentat mit vielen unschuldigen Opfern zu verhindern.

Stärken:
Der Roman wartet mit viel Action auf und hat kaum Hänger. Die Szenen sind durchweg mitreißend gestaltet und werden dem Thriller-Anspruch voll gerecht. Formale Spannungstools werden professionell eingesetzt (Cliff Hanger etc.).

Schwächen:
Die Action ist gut gelungen, aber zahlreiche Szenen sind im Zusammenhang mit dem Protagonisten vollkommen unglaubwürdig.
Beispiele (nur eine kleine Auswahl!):
Jonathan ist ein Mediziner bei Ärzte ohne Grenzen - ein Intellektueller, dem Gewalt fremd ist. Dennoch gelingt es ihm unbewaffnet gleich mehrfach, bewaffnete Polizisten zu überwältigen, darunter auch einen ehemaligen brit. SAS-Mann (vergleichbar mit der deutschen GSG 9). Er beherrscht aber auch den Umgang mit Waffen (woher?), er schwimmt sieben Kilometer im Meer gegen die auflaufende Flut (die schneller ist als jeder Mensch) und den größten Teil davon auch noch unter Wasser (das schafft selbst ein Weltrekordtaucher nicht). Nachdem er ganz lässig einen Profikiller getötet hat, flüchtet er mit dessen Leiche im Auto auf einer kurvigen Küstenstraße vor der Polizei. Die Polizei zerschießt einen seiner Reifen, was ihn nicht daran hindert, in voller Fahrt weiter um die Kurven zu zirkeln (das würde selbst ein Profi-Rennfahrer nicht schaffen). Doch nicht genug damit: während die Polizei auch noch seine Windschutzscheibe zerschießt, schafft es unser Held während der Fahrt in Sekunden mit dem toten Beifahrer den Platz zu tauschen (was selbst bei einem stehenden Auto extrem schwierig und zeitraubend ist). Dann springt er bei 100 km/h aus dem Auto auf die Straße, rollt sich lässig ab, rennt gleich weiter und hat nur ein paar kleine Schrammen. Selbst James Bond wäre bei dieser Geschwindigkeit tot und der Kinobesucher vor Lachen selbst vom Sitz gefallen.
Bei einer Thriller-Groteske mit Mister Bean in der Hauptrolle geht so ein Blödsinn in Ordnung, aber bei einem Thriller ist danach die Spannung weg, weil man dem Autor als Leser schlichtweg nichts mehr glaubt.

Charaktere:
Die Figuren wurden vom Autor offenbar schon bei einem vorherigen Roman eingeführt. Sie bleiben (deswegen) relativ oberflächlich – für einen Thriller allerdings noch in vertretbarem Rahmen. Die Verwendung von Klischées ist grenzwertig. Warum muss ein ital. Schönheitschirurg unbedingt gut aussehen, Eitel sein und Ferrari fahren und der amerikanische Geheimdienstler ein optisches und charakterliches Ekelpaket sein? Dass sein englischer Counterpart aussieht, als wäre es einem John Le Carré – Roman entsprungen, also distinguiert, blass und unauffällig, muss ich wohl nicht betonen.

Jonathans Motivation ist halbwegs nachvollziehbar, Emma dagegen bleibt als Charakter unverständlich. Warum ist sie vom FSB zum US-Geheimdienst und dann wieder zurück gewechselt? Warum macht sie dabei mit, ein Atomkraftwerk in die Luft zu jagen, was einem Massenmord gleichkommt, wenn sie sich wegen eines harmloseren Vorfalls mit dem US-Geheimdienst anlegte? Auch ihre Beziehung zu Jonathan wirkt seltsam uninspiriert. Bzgl. dieser Figur passt vieles nicht zusammen, zumindest, wenn man den Roman ‚stand alone’ betrachtet.
Die Ermittler Kate Ford und Graves agieren nachvollziehbar, auch wenn ihre Kompetenzen unrealistisch sind. Kate ermittelt in Frankreich und Italien so selbstverständlich wie in ihrem Heimatland. Selbstverständlich nehmen sie bewaffnet und an vorderster Front an Aktionen der ausländischen Polizei teil. Gerade in der Grande Nation ist dies ein absurder Gedanke. Die anschließenden politischen Verwicklungen würden allerdings etwas von der Euro-Krise ablenken. Wenn das die Absicht des Autors war, dann natürlich gerne (solange kein deutscher Ermittler in Athen herumballert).

Sprache/Duktus:
Satzbau und Wortschatz sind einfach und actionorientiert. Auf ausgefallene Metaphern zur Beschreibung von Emotionen oder Settings wird verzichtet. Die verbalen Ungereimtheiten sind zahlreich. Einige mögen auch der Übersetzung geschuldet sein. Bsp (eines von vielen): Menschen mit schlechtem Gedächtnis haben im Text kein Kleinhirn. Hm? Auch ohne Tiefenkenntnisse des menschlichen Gehirns, sollte sich herumgesprochen haben, dass jeder Mensch ein Kleinhirn besitzt. Wie gut es funktioniert, ist eine andere Frage.

Auf einigen simplen Bildern wird unnötig herumgeritten. Bsp.: Schuhe sind bei mehreren Figuren so blank geputzt, dass man sich in ihnen spiegeln kann. Das ist ein Klischée-Bild. Einmal (max.) reicht.

Der Text ist ohne große Anstrengung zu lesen. Mit aufwendigen Schachtelsätzen und Konjunktionen sowie ausgefallenen Wortspielen muss sich der Leser nicht ‚herumschlagen’.

Fazit:
‚Getäuscht’ hat mich enttäuscht. Shame on me, aber der Steilvorlage konnte ich nicht widerstehen. Leser, die eine einfache Urlaubslektüre suchen, die actiongeladen ist und die man auch bei Umweltstörungen (nervender Ehepartner, quengelnde Kinder, Tsunamiwarnung) nebenbei lesen kann, ist mit dem Thriller gut bedient. Sprachverliebten Lesern, die zudem noch bei Logikbrüchen Magenkrämpfe bekommen, steht eine unruhige Urlaubsreise bevor.

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Tags: christopher reich, getäuscht, thriller   (3)
 

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island, krimi, selbstmord, kälteschlaf, mord

Kälteschlaf

Arnaldur Indriðason , Coletta Bürling
Flexibler Einband: 380 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 18.02.2011
ISBN 9783404165469
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

 Genre:
(Island-)Krimi

Umfang:
Ca. 380 Seiten (Print)

Inhalt:
Als in einem Ferienhaus die an einem Balken aufgehängte Leiche einer Frau gefunden wird, sieht für Kommissar Erlendur alles nach Selbstmord aus. Als dem Ermittler ein Tonband zugespielt wird, das darauf hinweist, dass die Frau kurz vor ihrem Tod eine Séance besucht hat, um mit ihren verstorbenen Eltern Kontakt aufzunehmen, bekommt der Fall eine neue Dimension. Erlendur glaubt weder an ein Leben nach dem Tod noch an die seherischen Fähigkeiten eines Medium, dennoch forscht er weiter nach und kommt einem möglichen Motiv für ein Tötungsdelikt auf die Spur. Die Methode, die seines Erachtens zum Einsatz gekommen ist, ist perfide und kaum nachzuweisen.

Parallel zu den Mordermittlungen beschäftigen den Ermittler die Fälle einer jungen Frau und eines Mannes, die vor vielen Jahren spurlos verschwunden sind. Erlendur war es seinerzeit nicht gelungen, den Verbleib der jungen Leute zu ermitteln. Erst als sich ein möglicher Zusammenhang der Fälle andeutet, gelingt dem Kommissar der entscheidende Durchbruch.

Perspektive:
Überwiegend personale Perspektive des Ermitters. Einzelne Kapitel aus personaler Sicht weiterer beteiligter Figuren sowie Rückblenden aus Sicht der vermeintlichen Selbstmörderin Maria.

Einzelne Sätze weisen eine auktoriale Perspektive auf. Der Wechsel wirkt unbeabsichtigt (Bsp. S. 318 u.; Widergabe eines Telefonates aus personaler Persp. Erlendurs; „Also, dann braucht man das Ding ...“, antwortete der Mann und fuhr zusammen, als Erlendur genervt den Hörer aufknallte.“; Anm.: Das Zusammenfahren des Gesprächspartners am anderen Ende der Leitung kann Erlendur aus personaler Persp. nicht beobachtet haben.).

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Island. Die karge Landschaft und ihre mundfaulen Bewohner werden authentisch beschrieben. Für die meisten Leser von Island-Krimis macht der Glaube vieler Isländer an Märchen und mythologische Wesen einen großen Teil des Reizes dieser Literaturgattung aus. Beobachtungen, die bei uns absurd erscheinen würden oder als Fantasy qualifiziert würden, lassen sich in diesem Setting auch im Rahmen eines Krimis verwenden.

Struktur und Spannungsbogen:
Der Krimi startet sehr langsam und eröffnet parallel eine ganze Reihe von Side-Stories, deren Bedeutung sich erst spät erschließt. Bis etwa zur Hälfte des Buches gewinnt man den Eindruck, eine esoterisch angehauchte Erzählung ohne einen ‚echten’ Kriminalfall vor sich zu haben. Es kommt relativ wenig Spannung auf und die Befürchtung, mit einer Auflösung im paranormalen Bereich abgespeist zu werden, mag manch klassischen Krimileser verschrecken. Zugegeben, fast hätte ich das Buch nach 150 Seiten beiseite gelegt, aber ich bin froh, dass ich die Hürde der gepflegten Langeweile genommen habe. Freunde von Island-Krimis wissen um den sanften Start ihrer literarischen Helden und werden mit interessanten Auflösungen entlohnt. Die zweite Hälfte des Buches entschädigt dann mit Krimi-Feeling. Das Ende ist ‚noir’ und man sollte nicht erwarten, mit einer Schwarz-Weiß-Lösung à la Derrick abgespeist zu werden.

Ungewöhnlich sind die Sidestories der beiden Vermisstenfälle, die man als (traditioneller) Leser immer wieder in den Kontext des Hauptfalls zu stellen versucht. Auch hier ist die Auflösung ungewöhnlich und nicht krimitypisch.

Die Gesamtkonstruktion der Geschichte ist stimmig. Alles fällt schließlich an seinen Platz, auch wenn es nicht die Stelle ist, die man aus 08/15-Krimis gewöhnt ist.

Charaktere:
Der Protagonist Erlendur wird mit großer Tiefenwirkung beschrieben. Der Autor schafft dies nicht auf die platte deskriptive Art, die weniger talentierte Schreiber gerne nutzen, sondern indem er die familiären Spannungen der Figur auslotet. Zugegeben, auch das machen viele Autoren, aber die Art und Weise hat literarische Qualität. Die Dialoge mit seiner Tochter und eine exzellente Szene mit seiner Ex-Frau machen aus Erlendur eine zutiefst empathische Figur. Man fühlt mit, was er gerne würde und doch nicht kann. Seine Schuldgefühle machen die große persönliche Beteiligung Erlendurs an der Aufklärung auch der Side-Stories glaubhaft. Er ist ein ‚Lonely Wolf’, aber keiner jener selbstverliebten Exzentriker, die die Thrillerlandschaft inflationär bevölkern.

Sprache/Duktus:
Die Sprache ist nordisch unaufgeregt mit übersichtlichen Satzkonstruktionen und angenehm sparsamer Verwendung von Adverbien und Adjektiven. Gefühle und Stimmungen werden häufig über Dialoge transportiert. Überhaupt ist der Text sehr dialoglastig, aber ohne sprachlich überladen zu wirken. Die Dialoge sind passgenau und lassen den Mangel an klassischer Action und das Fehlen der üblichen Gruselschilderungen aus der Pathologie (die niemanden mehr gruseln) vergessen. Die Story bedarf einer gewissen Eingewöhnungszeit, aber es lohnt sich, durchzuhalten.

Fazit:
Kälteschlaf ist ein ungewöhnlicher Krimi, der auf viele klassische Elemente des Genres verzichtet. Wer sich für einen literarischen Krimi mit geschliffenen Dialogen, kluger Figurenzeichnung und struktureller Finesse erwärmen kann, sollte Kälteschlaf eine Chance geben. Leser, die Action erwarten und beim Lesen im Hintergrund die traditionelle Thriller-Checkliste abarbeiten, werden, so wie ich um ein Haar, das Buch enttäuscht aus der Hand legen.

Subjektive Bewertung:
3 Sterne (von max. 5); Zusammensetzung: 2 Sterne für die ersten 150 Seiten und 4 für den Rest. Freunde von Islandkrimis dürfen getrost noch einen Stern hinzurechnen.

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Tags: arnaldur indridason, island krimi, kälteschlaf   (3)
 

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frauen, hausfrauen, rachel cusk, arlington park, gesellschaftssatire

Arlington Park

Rachel Cusk , Sabine Hedinger
Flexibler Einband: 318 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Taschenbuch, 02.05.2008
ISBN 9783499244582
Genre: Romane

Rezension:

Genre:
Gesellschaftsdrama (mit satirischen Elementen).

Umfang:
Ca. 320 Seiten (Print).

Inhalt:
Rachel Cusk beschreibt das Leben in der fiktiven Londoner Vorstadt Arlington Park aus der Sicht unterschiedlicher Frauen. Arlington Park ist eine typische begrünte Enklave für Familien der oberen Mittelschicht, wie man sie in jedem Industrieland im Umfeld der Metropolen findet. Die Frauen, aus deren Sicht ein verregneter Tag in Arlington Park beschrieben wird, repräsentieren scheinbar unterschiedliche Lebensmodelle im Bermudadreieck von Kindern, Ehemännern und Selbstfindung. Gemein ist den Frauen die Angst, ihre eigenen Ziele und ihre eigene Identität für das aufgegeben zu haben, was andere von ihnen erwarten. Unterschiedlich ist der Umgang mit dem Identitätsverlust. Von Hygieneticks über Rachegelüste an Kindern und Männern bis hin zu Dauerschwangerschaften reicht das Kuriositätenkabinett, mit dem die Käfigtiere des Wohlstandszoos auf die Bedeutungslosigkeit ihres Seins reagieren.

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven mehrerer Frauen der Enklave. Dadurch, dass sie einander in unterschiedlichen Konstellationen begegnen, werden Selbst- und Fremdbild relativiert. Cusk gelingt es sehr gut, sich in ihre Figuren hineinzudenken und die Realität, die sie selbst im Hinterkopf hat, mit den Augen und der subjektiven Erfahrungswelt ihrer Charaktere zu betrachten.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Arlington Park, ein fiktiver, aber authentisch beschriebener Vorort Londons. Der Dauerregen, der auf die Geschichte und ihre Bewohner niederprasselt, gibt dem Setting etwas Unentrinnbares, das mit den Ängsten der Frauen gut korrespondiert.

Struktur und Spannungsbogen:
Der Roman folgt keinem durchgehenden Plot. Er reiht Alltagserlebnisse jeweils aus personaler Sicht wechselnder Figuren aneinander. Der besondere Reiz des Romans liegt in der detaillierten Analyse des Alltäglichen und der pointierten Schilderung der Eigenarten, mit denen die Figuren auf ihr scheinbar privilegiertes und sorgenfreies Leben reagieren.

Charaktere:
Die Frauen, die den Roman bevölkern, werden mit großer sprachlicher Finesse bis in die tiefsten Winkel ihrer Psyche ausgeleuchtet. Ihre Reaktion auf die subjektive Wahrnehmung ihrer Umgebung wirkt zwar mitunter skurril, aber der Roman gleitet dennoch nicht ins Lachhafte ab. Die Figuren und ihre Probleme bleiben nachvollziehbar. Man fühlt mit ihnen mit, und es stellen sich zuweilen unangenehme Einsichten in das eigene Familienleben ein.

Sprache/Duktus:
Rachel Cusk versteht es mit beeindruckender sprachlicher Präzision, ein Psychogramm der Vorort-Mittelschicht zu zeichnen. Sie verwendet hierbei eine Fülle von Bildern und Vergleichen, die immer wieder eine neue Perspektive auf einen Aspekt ermöglichen und die zudem den fiktiven Ort und seine Bewohner als Kopfkino miterlebbar machen, ohne belehrend zu wirken. IdR würde ich die Quantität der Vergleiche bemängeln, man wird vom Einfallsreichtum der Autorin geradezu bombardiert und natürlich besteht die Gefahr, dass die besten Bilder in der Fülle an Eindruckskraft verlieren. Arlington Park ist die Ausnahme von der Regel. Die Qualität der Bilder ist nahezu durchgehend außerordentlich.

Fazit:
Arlington Park überzeugt mit spielerischer Sprachakrobatik und Figuren, die trotz ihrer Skurrilität miterlebbar bleiben. Ein Lesevergnügen, das inhaltlich für Frauen in der Familien-/Wohlstandsfalle fesselnder sein dürfte, als für die Männerwelt. Und das ist die einzige Einschränkung. Sprachlich ist der Roman begeisternd. Der Roman erinnert von der Anlage her an Mrs Dalloway von Virginia Woolf. Allerdings hat die Mittelschicht als aktuelle gesellschaftsprägende Schicht die Funktion der High Society übernommen, die Woolf im Nachkriegs-England (WW I) angesiedelt hat.

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marseille, freundschaft, liebe, jean-claude izzo, neo noir

Die Marseille-Trilogie

Jean-Claude Izzo , Katarina Grän , Ronald Vouillé
Flexibler Einband: 672 Seiten
Erschienen bei Unionsverlag, 01.09.2009
ISBN 9783293204621
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Jean-Claude Izzo hat drei hervorragende Neo-Noir - Krimis geschrieben, die in einem Sammelband erschienen sind: Die Marseille-Trilogie: Total Cheops, Chourmo, Solea. Inh.: Ein kleiner Polizist mit mehr Freunden unter den Kriminellen, als unter den Kollegen versucht u. a. den Tod zweier Freunde aus seiner eigenen kriminellen Vergangenheit aufzuklären.

Izzo schreibt sehr realistische Romane, in denen die Grenzen von Polizei und Kriminalität verwischen. Er hat ein Herz für die Verlierer, die Migranten, die Außenseiter. Ein melancholischer Lonely Wolf auf der Suche nach gerechten, aber nicht immer rechtmäßigen Lösungen. Die Trilogie ist auch sprachlich Oberklasse.

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Tags: jean-claude izzo, marseille-trilogie, neo noir   (3)
 

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neo noir, shirker, chad taylor

Shirker

Chad Taylor , Chris Hirte
Flexibler Einband: 271 Seiten
Erschienen bei DTV
ISBN 9783423206327
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein modernes Pendant zu Chandler ist zB der Autor Chad Taylor. Sein Roman Shirker ist ein Neo Noir-Krimi mit surrealen Elementen. Er wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht eines abgefuckten Anlageberaters geschildert. Ein Marlow-Typ, der in seinem schäbigen Büro lebt und der sich ziellos durchs Leben schlägt. Er findet eine Brieftasche, die ihn auf die Spur eines Serienkillers führt, der Zeit und Raum überdauert zu haben scheint. Schon der 1. Satz ist so ungewöhnlich wie der ganze Roman. "Der jüngere der zwei Polizisten bückte sich und zog mir die Uhr vom leblosen Handgelenk." Der Roman ist auch sprachlich modern und schnörkellos.

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thriller, zeitung, rassismus, fetischismus, kalifornien

Sein letzter Auftrag

Michael Connelly , Sepp Leeb
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.05.2012
ISBN 9783453435261
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Genre:
Thriller.

Umfang:
Ca. 550 Seiten (Print, US-Ausgabe, Orion).

Serie: ja (Jack McEvoy; einzelne Figuren kommen bereits in The Poet vor)

Inhalt:
Der LA Times – Reporter Jack McEvoy steht kurz vor seiner Entlassung aufgrund von Einsparmaßnahmen. Er will sich mit einem Big Bang aus der Redaktion verabschieden, um sich zukünftig seinem lange brach liegenden Romanprojekt zu widmen. Als er von der Großmutter eines wegen Mordes verurteilten jugendlichen Gangmitglieds mi der Bitte angesprochen wird, den Fall näher zu beleuchten, wittert Jack Pulitzerpreis-Material. Als während seiner Recherchen feststellt, dass zuvor ein fast identischer Mord in Las Vegas verübt wurde, wird ihm klar, dass er einem Serienkiller auf die Spur gekommen ist, der seine Taten anderen in die Schuhe schiebt. Jack kann seine Ex Rachel Walling, eine FBI-Agentin, dazu überreden, ihn zu unterstützen.

Als der Killer, der als Computerexperte in einem IT-Unternehmen arbeitet, feststellt, dass man ihm auf der Spur ist, tötet er Jacks Reporterkollegin, um seine Spuren zu verwischen. Auch Jack und Rachel geraten ins Visier des Killers.

Perspektive:
Ich-Erzähler (Jack/Prot.), personale Perspektive des Antagonisten (Carver), idR alternierend. Insbesondere der für Connelly ungewöhnliche Ich-Erzähler hilft dem Leser, tief in die Figur des Protagonisten einzutauchen und eine emotionale Identität herzustellen.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Regionales Setting: Los Angeles (LA Times) und Las Vegas (Server Farm).
Soziales Setting: Die größte Stärke des vorliegenden Romans ist die authentisch und detailreich beschriebene Arbeitswelt des Protagonisten. Der Autor hat selbst viele Jahre als erfolgreicher Polizeireporter in LA gearbeitet. Der Kampf um Lead-Stories, Story-Budgets, Zeilenumfänge und auch der wachsende Einfluss von Wirtschaftlichkeitsüberlegungen auf die Arbeit der Reporter wird von Connelly geschickt in den Roman eingeflochten. Der Newsroom wird für den Leser zu einem zu Hause auf Zeit. Der Leser kann jederzeit die Motivationslage des Protagonisten nachvollziehen, der aus Not, Trotz und auch aus verletzter Eitelkeit alles auf eine Karte setzt. Mit seinem Job verliert Jack auch den Boden unter den Füßen. Er handelt aus einer existenziellen Schwäche heraus und das macht die Figur umso vielschichtiger – auch und gerade im Vergleich zu anderen Serienprotagonisten des Autors, wie zB Harry Bosch. Setting und Charakter gehen eine perfekte Symbiose ein.

Auch der Antagonist wird in ein originelles Setting eingebettet. Er arbeitet ‚unter Tage’, in einer Art Bunker, in dem die Server betrieben werden, auf denen Kunden ihre sensitiven Daten lagern. In Zeiten regelmäßiger Berichte über Datendiebstahl, Identitätsdiebstahl etc. ist auch dieses Setting geeignet, Ängsten ein geeignetes Biotop zu bieten. Die Beschreibungstiefe ist laiengerecht.

Struktur und Spannungsbogen:
Vom Aufbau des Plots her ist 'Sein letzter Auftrag'/'The Scarescrow' (engl.) eine Kombination von Whodun’it-Krimi und Thriller. Das auslösende Ereignis ist ein Anruf der besorgten Großmutter des zu Unrecht Verurteilten bei Jack. Der Wunsch, mit einem Pulitzerpreis seine durch die Entlassung angeknackste Ehre zu retten und die Konkurrenz zu seiner Nachfolgerin liefern den emotionalen Sprit, der die Story befeuert. Durch die wechselnden Perspektiven ist der Antagonist für den Leser frühzeitig offensichtlich. An dieser Stelle übernimmt das Thrillerelement die Spannungsentwicklung. Der Antagonist wird aktiv und bekämpft die protagonistischen Kräfte. Die Sorge des Lesers um Jack und Rachel trägt die Story über Zwischenhochs bis zum furiosen Finale.

Hauptcharaktere:
Jack (Prot.)
Rachel (FBI, Prot-Unterstützerin)
Carver (Antagonist)
Stone (Antag.-Unterstützer)

Insbesondere der Protagonist wird auch emotional umfassend ausgeleuchtet. Die Eindringtiefe beim Antagonisten ist mE ausbaufähig. Seine Motivation wird nur oberflächlich und in Teilen klischeehaft beschrieben, indem auf seine Jugend verwiesen wird. Der Leser erlebt leider keine einzige seiner Taten akiv mit. Die Faszination des Killers für Beinprothesen (Iron Maiden) ist originell, aber aktive Handlung würde das Kopfkino mehr beflügeln, als Deskription. Das interessante Setting lässt diesen Mangel allerdings weniger deutlich werden, als man erwarten würde.

Sprache/Duktus:
Thrillergerecht.
Wie bei den meisten amerikanischen Texten des Genres ist die Sprache wohltuend knapp. Der Fokus liegt eindeutig auf der Handlung. Satzbau und Verbalisierung korrespondieren gut mit der inhaltlichen Ausgestaltung des Plots.
Die Qualität der dt. Übersetzung kann ich nicht beurteilen, da ich den Text bislang nur im amerikanischen Original gelesen habe.

Nice to know:
Im Gegensatz zu Jack McEvoy war Michael Connelly als Reporter tatsächlich einmal Finalist für den Pulitzer-Preis.

Viele Stories von Connelly haben einen True Crime – Background. Wer sich dafür interessiert, dem sei Crime Beat (dt.: L.A. Crime Report, Heyne) empfohlen. Hier gibt der Autor einen persönlichen Einblick in seine Arbeit und schildert reale Verbrechen aus der Sicht des Reporters. Insbesondere der Auslöser für seine Reporter-Karriere ist so real wie interessant und hat mich an James Ellroys Hintergrund erinnert.

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Tags: jack mcevoy, michael connelly, sein letzter auftrag, thriller   (4)
 

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abenteuerroman, nicholas christopher, franklin flyer

Franklin Flyer

Nicholas Christopher , Pociao , Roberto de Hollanda , Pociao
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 01.06.2006
ISBN 9783423134668
Genre: Romane

Rezension:

Autor:
Nicholas Christopher ist ein bedeutender amerikanischer Lyriker, der mittlerweile auch als Romanautor Erfolge feiert. Er ist als Professor an der Columbia University in New York tätig.

Genre:
Gehobener Abenteuerroman.

Umfang:
Ca. 400 Seiten (Print).

Inhalt:
Franklin Flyer wird 1907 in einem entgleisenden Zug geboren. Sein Leben bleibt abenteuerlich. 1929, am Tag des New Yorker Börsencrashs kündigt er seinen Job, um die Welt zu bereisen. 1930 überlebt er nur knapp ein Schiffsunglück in der Antarktis, dabei gelingt es ihm, den Schiffskater Archie zu retten, der ihn auf seinen weiteren Abenteuern begleiten wird. Während einer Expedition in Südamerika lernt er einige Männer kennen, die auf der Suche nach dem seltenen Metall Zilium sind. Franklin begleitet sie als Dolmetscher. Zurück in den USA tritt Franklin einen Job als Zeichner in einem Comic Verlag an, um seine wahre Leidenschaft, das Erfinden, zu finanzieren. Einige seiner Erfindungen, z. B. eine Farbmischmaschine, werden große kommerzielle Erfolge, die Franklin bereits in jungen Jahren zu einem reichen Mann machen. Franklin kauft den Comic-Verlag von seinem Gründer, dem deutschstämmigen Otto Zuhl und baut ihn zu einem führenden Medienkonzern aus. Zuhl unterstützt die aufkommenden Nationalsozialisten in Deutschland durch seine Kontakte in den USA. In seinem Umfeld agieren auch die Männer, die Franklin bereits aus Argentinien kennt. Es stellt sich heraus, dass sie Zilium nach Deutschland einführen wollen, weil es sich als wichtig für die Waffenherstellung herausgestellt hat. Franklin meldet seine Beobachtungen den amerikanischen Behörden, die daraufhin Kontakt zu ihm aufnehmen. Franklin erklärt sich bereit, seine internationalen Kontakte in den Dienst des US-Geheimdienstes zu stellen. Später nimmt er aktiv an konspirativen Einsätzen im Ausland teil, die ihn nach Ausbruch des II. Weltkrieges wiederholt in große Gefahr bringen. Die Nazis fassen ihn schließlich im faschistischen Bruderland Italien, aber er kann ihnen entkommen.

Parallel zu seinen zahlreichen Abenteuern treten im Laufe der Jahre mehrere Frauen in Franklins Leben, die ihn auf unterschiedliche Weise unterstützen. Mit einer seiner Liebschaften hat er ein gemeinsames Kind, das er aus dem besetzten Frankreich retten kann.

Als Franklin seine Abenteuer überstanden hat, bittet er einen Mitarbeiter seines Verlages die Fotos der wichtigsten Frauen in seinem Leben zu einem einzigen Bild zusammenzusetzen. Dieses Bild entspricht einer Fotografie, die Franklin 1929, am Anfang seiner Abenteuer, in einem leerstehenden Büro gefunden hatte. Offenbar waren alle seine Gefährtinnen Inkarnationen der Frau auf diesem Bild. Franklin hatte diese mysteriöse Fremde lange Zeit gesucht, aber nie gefunden.

Im Jahr 2007, Franklin ist mittlerweile 100 Jahre alt, besucht er noch einmal das alte Bürogebaude, in dem er 1929 das Foto fand.

Perspektive:
Fast durchgängig personale Perspektive des Protagonisten. Es gibt einige wenige auktoriale ‚Ausflüge’ des Autors.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Der Leser begleitet den Protagonisten auf seinen weltweiten Einsätzen, die ihn in die Antarktis (unfreiwillig), nach Südamerika, in unterschiedliche europäische Länder und wieder zurück nach New York führen.

Die Settings werden im Spiegel ihrer Zeit beleuchtet. Insbesondere das unter der Herrschaft der Nazis erstarrte Europa korrespondiert bildlich mit der emotionalen Befindlichkeit der Figuren.

Struktur und Spannungsbogen:
Auch wenn die Abenteuer, die Franklin erlebt, willkürlich und zT auch konstruiert aneinander gereiht werden, verfügt der Roman über mehrere durchgehende und miteinander verwobene Fäden.

Zu einen ist dies die politische Gemengelage, die immer wieder scheinbar lose Sub-Stories zusammenfügt. Der in Europa, Südamerika (Argentinien) und selbst in vielen Bereichen der US-amerikanischen Gesellschaft aufblühende Faschismus ist die zentrale antagonistische Kraft, die den Protagonisten immer wieder zu Handlungen zwingt, die ihn in Gefahr bringen. Die Sorge um Franklin Flyer und seine idR weiblichen Unterstützer sorgt für die notwendige Spannung, die den Leser trotz der vielen Sub-Stories ‚in der Spur’ hält.

Eine weitere Konstante sind die bereits genannten Frauen, die immer wieder verschwinden, um kurze Zeit später in einer neuen Figur und in einem neuen Abenteuer wieder aufzutauchen. Sie sind verknüpft mit dem altägyptischen Mystizismus, der Franklin in unterschiedlicher Weise während seiner Abenteuer begegnet.

Der Autor hat seinen Roman als Framestory angelegt, die in einem scheinbar nebensächlichen Ereignis im Jahre 1929 seinen Anfang nimmt und mit dem gleichen Ereignis 2007 wieder abschließt. Franklins wegfliegender Hut ist das auslösende Ereignis, das ihn zum Foto der mysteriösen Fremden führt und das die Handlung auch wieder beschließt. Der Hut taucht in den Abenteuern immer wieder auf. Auch auf dem ausgesprochen gelungenen Cover der gebundenen Ausgabe ist er drucktechnisch hervorgehoben und springt sofort ins Auge.

Natürlich läuft ein Abenteuerroman dieser Art schnell Gefahr, unrealistisch und überzogen zu wirken, was sich negativ auf das Spannungsmoment auswirken würde. Der Autor umschifft diese Klippe geschickt, indem er immer wieder verbürgte geschichtliche Ereignisse und reale Figuren in den Plot integriert. Immer, wenn die Geschichte in Richtung abstrakter Fantastik abhebt, holt ein solcher wiedererkennbarer Plot-Anker den Leser in die Realität zurück.

Charaktere:
Der Protagonist ist sehr originell angelegt und wird intensiv ausgeleuchtet. Ein weltreisender Erfinder und Comiczeichner, der (um mit James Bond zu sprechen) auszieht, die Welt zu retten, dürfte in der Romanlandschaft einzigartig sein. Die Neugierde auf die Entwicklung des Protagonisten macht einen Gutteil des Lesereizes aus.

Franklin Flyer findet sein Alter Ego in seiner Katze Archie, die zum einen menschliche Züge hat, die aber auch mystische Charakteristika aufweist. Nicht umsonst kommt der Katze in der ägyptischen Mythologie eine besondere Rolle zu. Immer wieder wird auch auf die neun Leben der Katze Bezug genommen. Die Katze ist der einzige dauerhafte Lebenspartner des Protagonisten. Sie ist neben Franklin der Sympathieträger des Romans.

Die Frauen in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen als (Teilzeit-)Partnerinnen Franklins sind sehr ausgefallen angelegt. Auch hier tauchen immer wieder Bezüge zur ägyptischen Mythologie auf.

Unter den antagonistischen Figuren sticht Otto Zuhl heraus, in dessen Umfeld weitere antagonistische Kräfte auftauchen, die Franklin herausfordern.

Aufgrund der Vielzahl der Nebenfiguren bleibt nicht aus, dass einige zu blass wirken und über wenig Empathiepotenzial verfügen. Dies ist mE einer der gewichtigeren Kritikpunkte an der Story. Eine zentrale Partnerin hätte der Figur des Protagonisten zwischenmenschliche Potenziale eröffnet (auch Konfliktpotenziale) und Raum für zusätzliche Spannungsmomente geschaffen (z.B.: Prot. hat Angst um die Partnerin und stürzt sich in unabsehbare Risiken, um sie zu retten). So ist Franklin, bis auf wenige Ausnahmen, nur für sich selbst verantwortlich. Der Autor hat aus diesem Grund vermutlich auch Franklins ihm zuvor unbekannte Tochter in die Geschichte aufgenommen. Sie bleibt jedoch zu blass und taucht zu spät im Plot auf, um den o. g. Mangel ausgleichen zu können. Andererseits ist gerade die Wandelbarkeit der Frau eines der Grundmotive der Story, so dass man dem Autor kaum den Vorwurf machen kann, zu viele Partnerinnen Franklins in den Plot zu integrieren.

Sprache/Duktus:
Der Autor bewegt sich am oberen Ende der bei Abenteuerromanen üblichen sprachlichen Qualität. Er kann sich durchaus mit Green oder le Carré messen, aber er schießt auch nicht über das Ziel hinaus, eine Gefahr, die bei jemandem, der 1994 als bester amerikanischer Lyriker geehrt wurde, durchaus gegeben wäre.

Fazit:
Franklin Flyer ist ein sprachlich und inhaltlich anspruchsvoller Abenteuerroman, der von der Fantasiebegabung des Autors lebt. Dass es Nicholas Christopher gelingt, seine ausgefallenen Ideen und Sub-Stories zudem in ein historisch sensibel ausgeleuchtetes Setting zu verweben, macht den besonderen Reiz der Geschichte aus. Der Gefahr des inhaltlichen Overkills (u. a. Abenteuer, Technik, Mystizismus, Zeitgeschichte) erliegt der Autor nur in einzelnen Passagen. Allein dies zeugt von seiner schriftstellerischen Begabung. Kleinere Defizite sehe ich im Bereich des Empathiepotenzials der Figuren. Absolut empfehlenswert.

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Tags: abenteuerroman, franklin flyer, nicholas christopher   (3)
 

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krimi, england, barbara havers, mord, london

Wer dem Tode geweiht

Elizabeth George , Charlotte Breuer , Norbert Möllemann
Flexibler Einband: 832 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 19.03.2012
ISBN 9783442477784
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Genre:
Krimi.

Umfang:
Ca. 830 Seiten (TB, Print).

Serie:
Ja (Inspektor Linley).

Inhalt:
Eine unbekannte Tote wird auf einem alten Londoner Friedhof aufgefunden. Isabelle Ardery, die sich um die offene Stelle eines Detective Superintendent bei New Scotland Yard beworben hat, wird von ihrem Chef mit dem Fall betraut. Ihre Beförderung wird von ihrem Ermittlungserfolg abhängig gemacht. Sie weiß, dass sie im ehemaligen Team des nach dem Tod seiner Frau beurlaubten DI Thomas Linley einen schweren Stand haben wird. Linley war außerordentlich erfolgreich und bei seinen Kollegen beliebt. Eigentlich war Linley für den Posten vorgesehen, den Ardery nun anstrebt. Aus taktischen Gründen und um den schwierigen Fall zu lösen, bittet Ardery Linley zurück ins Team zu kommen – allerdings als ihr Untergebener. Linley stimmt zu ihrer eigenen Überraschung zu.

Auch nachdem die Identität der Toten festgestellt werden kann, bleibt das Motiv der grausamen Tat unklar. Gleichzeitig gibt es eine ganze Reihe potenziell Verdächtiger, die mit dem Opfer in der einen oder anderen Weise in Kontakt standen. Ardery ist dem starken Druck, endlich einen Täter zu präsentieren, nicht gewachsen. Sie macht zahlreiche Ermittlungsfehler, die fast zum Tod eines Verdächtigen führen. Nur durch die Unterstützung von DI Lynley, der sich ihr gegenüber loyal verhält und durch DS Barbara Havers hartnäckige eigene Ermittlungen gelingt es, dem Tatmotiv und dem Täter auf die Spur zu kommen.

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven der Hauptfiguren. IdR finden die Wechsel kapitelweise statt, z T wird absatzsweise eine neue Perspektive eingenommen.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Authentische und originelle Schauplätze sind in all ihren Romanen die Stärke der Autorin. Auch in diesem Fall gelingt es George aufgrund ihrer Detailverliebtheit und ihrer sprachlichen Ausdruckskraft, den Leser in so verschiedene Settings wie einen aufgelassenen Friedhof oder das ländliche Hampshire an der Südküste Englands zu katapultieren. Das Kopfkino wird jederzeit bestens bedient und der ein oder andere Leser wird zum Reiseprospekt greifen, um der Autorin auch im Real Life in ihre Romanwelten zu folgen. Was Dan Brown für Rom ist, ist Elizabeth George für England. Die Autorin lebt übrigens mittlerweile in den USA, wenn auch in einer Gegend, die mit ähnlichen Wettervorhersagen gepeinigt wird, wie das Königreich. Warum das Cover ein Sujet (aufgewühltes Meer) präsentiert, das nicht das Geringste mit dem Roman zu tun hat, wird das Geheimnis des Verlags bleiben. Gerade der Friedhof hätte wunderbare Motive bereit gehalten, um die Albträume der Leser zu befeuern.

Struktur und Spannungsbogen:
Die Romane von Elizabeth George sind hinsichtlich der Plotstruktur ebenso komplex wie durchkalkuliert. Es gibt zahlreiche Set-up’s, die den Leser ‚bei der Stange’ halten. Alle werden im Verlauf der Geschichte mit befriedigenden Pay-off’s bedient. Die Autorin hat ihren Plot zweigleisig angelegt. Neben dem aktuellen Mordfall wird ein weiteres Verbrechen geschildert, das bereits vor vielen Jahren stattfand. Drei Jugendliche aus sozial problematischen Familien entführen und ermorden ein Kleinkind. Dieser in Form eines Ermittlungsberichts präsentierte Handlungsstrang nimmt deutlich weniger Raum ein als der Hauptfall, und es wird erst sehr spät im Plot erkennbar, wie die beiden so unterschiedlichen Fälle zusammenhängen. Auch dieser Aspekt ist ein Grund, warum der Leser an der Story dran bleibt. George nutzt wie gewohnt den ganzen Werkzeugkasten des erfahrenen Krimiautors.

Die Plotkonstruktion ist hochprofessionell, wenn auch ein wenig schematisch. Dass das Spannungspotenzial der Story nicht voll ausgeschöpft wird, liegt mE an Defiziten im Bereich der Figuren und der Sprache (s. u.).

Charaktere:
Isabelle Ardery (intelligent, gerissen, will den Job um jeden Preis, hat ein Alkoholproblem und ist dem Druck alleine letztlich nicht gewachsen). Ardery ist aufgrund ihrer Verkrampftheit, des taktischen Kalküls und ihrer Schroffheit im Umgang extrem unsympathisch gezeichnet. Man stellt sie sich unwillkürlich als eine etwas attraktivere Ausgabe unserer Kanzlerin vor. Wieso Linley aufgrund ihrer Bitte zurück ins Office kommt und sie selbstlos unterstützt, bleibt sein Geheimnis. Dass er so ganz nebenbei auch noch mit Ardery ins Bett steigt, kurz nachdem er sie aus dem Wodkarausch wiederbelebt hat, lässt dem Leser das Blut in den Adern gefrieren. Leider nicht vor Spannung, es hat eher etwas mit dem Magen zu tun.

Thomas Linley (der bekannte Held der Serie; ein Earl, der Polizist aus Leidenschaft ist; L. war nach der Ermordung seiner Frau psychisch gebrochen und aus dem Dienst ausgeschieden). Der Serienprotagonist Linley wird durch sein lahmes und unmotiviertes Verhalten –insb. im Verhältnis zu Ardery – als Protagonist geradezu kastriert. Er hat diesmal nur eine Nebenrolle, was für die Serie sogar belebend sein könnte, wenn eine andere Figur die Rolle des vorantreibenden Protagonisten übernehmen würde. Fehlanzeige. Havers, die das charakterliche Potenzial hätte, agiert am Rande und weitgehend unabhängig und der Rest der Figuren bleibt farblos. Leider wird auch nicht das psychologische Moment der Dreierkonstellation Ardery-Linley-Havers ausgeschöpft (Linley zwischen zwei Frauen). Trotz des interessanten Plots bleibt die Geschichte durch diese Mängel überraschend lahm. Es fehlt einfach eine Projektionsfläche für den Leser. Empathie kommt nur selten auf.

Barbara Havers (das Anti-Modepüppchen aus einfachen Verhältnissen, das sich in den bisherigen Romanen der Serie mit dem Adligen zusammenrauft und für ihn mehr empfindet, als sie sich eingestehen will und als er erkennt). Die Figur ist gewohnt rauflustig und originell angelegt. Da sie hier weitgehend eigenständig agiert, fehlt die Reibung zu ihrem Hassobjekt (Ardery) und zu ihrem zurückgekehrten Idol. Sie sieht zu und wundert sich über sein Verhalten. Der Leser auch.

Gordon Jossie (Dachdecker; der Ex-Freund des Opfers und einer der Haupt-Verdächtigen). Eine sympathische Figur, der man den Verdächtigen nicht wirklich abnimmt. Tiefe erhält Jossie erst am Ende, wenn die beiden Handlungsstränge zusammenlaufen.

Meredith (Freundin der Toten, die Jossie verdächtigt). Die Figur ermittelt selbst, stellt sich extrem naiv und tollpatschig an und gerät dadurch in der Klimax in Lebensgefahr. Am Ende bringt sie ein wenig Spannung in die Bude, aber insgesamt bleibt die Figur unglaubwürdig und büßt dadurch ihr Empathiepotenzial ein.

Robbie Hastings (Bruder des Opfers; Wildhüter; hässlich wie die Nacht). Die Figur wirkt originell, aber sie ist in der ‚Armee der Charaktere’ zu unbedeutend und für die Geschichte letztlich irrelevant. Erst im Epilog verschafft Hastings dem Leser etwas emotionale Erleichterung, weil sich eine Prinzessin findet, die das männliche Aschenputtel erhört. Vielleicht erwarten die Leserinnen von Elizabeth George einige rosa Wolken am Ende. Die Soap ist nicht allerdings mehr als bemüht. Sie wirkt wie eine nachträglich angeklatschte Marketingvorgabe des Verlags („bitte noch etwas Herzschmerz Elza-Schatz“).

Jemina (das Opfer; taucht nur indirekt auf; hüpft von Mann zu Mann; hat Gordon Jossie verlassen und gibt ihm dadurch ein Motiv). Ihre Motivation für die Erpressung ihres Ex ist nur schwer nachzuvollziehen. Sie ist einfach zu naiv und blass.

Frazer (ein Eislauflehrer und Verführer). Frazer ist ein reiner Antagonist. Die Figur taucht erst am Ende stärker auf. Sie ist unipolar (bad guy) angelegt und deshalb nicht empathiefähig. Eigentlich ist sie – wie der Leser erst am Ende erfährt – der negative Treiber der Handlung. Durch ihre schwache Positionierung im Plot macht die Figur in dieser wichtigen Funktion nur wenig Sinn.

Die schwache Figurenzeichnung und –interaktion schadet der interessant angelegten Story außerordentlich. Weniger und dafür tiefer ausgeleuchtete Figuren wären das bessere Rezept gewesen.

Sprache/Duktus:
Die sprachlichen Fähigkeiten der Autorin sind unbestritten und auch in dieser Story präsent. Das Kopfkino des Lesers wird mühelos durch den komplexen Plot bewegt. Auffällige sprachliche Hänger habe ich trotz beachtlicher 830 Seiten nicht ausmachen können. Der Satzbau ist für ursprgl. englischsprachige Texte relativ komplex. Wieviel davon der Übersetzung geschuldet ist, kann ich nicht beurteilen. Es gibt lediglich einen Aspekt, der meines Erachtens unnötig Fahrt aus der Story nimmt. Viele Handlungen und Dialoge werden in der indirekten Rede wiedergegeben. Das geschieht zwar sprachlich ausgesprochen elegant, aber für einen Krimi ist die Unmittelbarkeit des Geschehens ein nicht zu unterschätzender Antrieb.

Fazit:
Plus: Exzellent komponierter Plot und elegante sprachliche Umsetzung.

Minus: Ungewohnt blasse Charaktere und empathisch schwer nachvollziehbare Interaktionen der Hauptfiguren. Ardery ist zu unipolar negativ besetzt, der Sympathieträger der Serie Lynley wirkt seltsam abwesend und sein Alter Ego Hastings ist zu weit außerhalb des Geschehens, um Lynley Farbe zu geben. Der Versuch, der weltweit beliebten Serie neue Impulse zu geben, ist mutig und sinnvoll, aber das kann nur gelingen, wenn empathische Alternativcharaktere eingeführt werden. Ardery ist nicht kraftvoll genug, um die genial kauzige Hastings zu ersetzen. In diesem Fall hat die Suche nach Alternativen mE zur gleichzeitigen Schwächung aller Figuren geführt. Der Roman ist aufgrund des Erzähltalents der Autorin dennoch lesenswert.

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autobiographie, mark twain, autor, amerika, sach- und fachbuch

Meine geheime Autobiographie

Mark Twain , Hans-Christian Oeser , Andreas Mahler , Rolf Vollmann
Fester Einband: 1.056 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 01.10.2012
ISBN 9783351035136
Genre: Biografien

Rezension:

"Mir schien, ich könnte so frank und frei und schamlos wie ein Liebesbrief sein, wenn ich wüsste, dass das, was ich schreibe, niemand zu Gesicht bekommt, bis ich tot und nichtsahnend und gleichgültig bin."

So begründete der Schriftsteller und Journalist Mark Twain den ungewöhnlichen Entschluss, seine Lebenserinnerungen erst 100 Jahre nach seinem Tod veröffentlichen zu lassen. Ich wünschte, Politiker würden eine vergleichbare Geduld bei der Veröffentlichung ihrer substanzfreien Selbstbetrachtungen aufbringen. Twain hat sich stattdessen 30 Jahre lang ergebnislos gequält, dann eine ungewöhnliche Methode gewählt, um seine Erinnerungen zu Papier zu bringen, nur um uns weitere 100 Jahre schmoren zu lassen. Das Meisterwerk ist von der Presse gefeiert worden und liegt nun in der deutschen Übersetzung vor (Aufbau Verlag).

Absolut empfehlenswert!

Eine Kostprobe vorab findet sich in der 'Zeit'.

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Tags: autobiographie, mark twain   (2)
 

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roslund-hellström, thriller

Three Seconds. 3 Sekunden, englische Ausgabe

Anders Roslund , Börge Hellström , Kari Dickson
Flexibler Einband: 638 Seiten
Erschienen bei Quercus, 26.01.2011
ISBN 9780857384065
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Genre:
Thriller

Umfang:
Ca. 500-600 Seiten (Print, je nach Ausgabe)

Inhalt:
Piet Hoffman ist ein ehemaliger Sträfling, der undercover für die schwedische Polzei arbeitet. Es gelingt ihm, sich in den Rängen einer polnischen Gruppierung der organisierten Kriminalität so weit vorzuarbeiten, bis die Führungsspitze auf ihn aufmerksam wird. Er erhält die Möglichkeit, einen neuen Geschäftszweig für die Organisation aufzubauen: den Amphetaminhandel innerhalb von Gefängnissen. Die Polizei wittert ihre Chance, den Polen das Handwerk zu legen. Als Piet Zeuge wird, wie ein weiterer V-Mann von den Gangstern getötet wird, vertuscht die Polizei Piets Beteiligung, um seinen Einsatz nicht abbrechen zu müssen. Mit Hilfe seines Führungsbeamten, Eric Wilson, und einiger eingeweihter Beamter aus dem Justizapparat sowie der Gefängnisverwaltung wird eine Legende für Piet aufgebaut, die ihm im Gefängnis die notwendige Glaubwürdigkeit verleihen soll. Aus dem ehemaligen Kleinkriminellen wird auf dem Papier ein gefährlicher Psychopath, der sich bereits des versuchten Polizistenmordes schuldig gemacht hat. Niemanden respektieren die Knacki’s mehr, als einen Polizistenmörder - ein aufgedeckter V-Mann hätte dagegen hat keine Nachsicht zu erwarten. Piet Hoffman ist sich der Gefahr bewusst, dennoch erklärt er sich zu der Aktion bereit. Die Justiz sagt ihm jegliche Unterstützung zu und will ihm und seiner Familie nach seinem Einsatz eine neue Identität verschaffen. Piet lässt sich verhaften und innerhalb kürzester Zeit gelingt es ihm, die notwendigen Drogen in das Gefängnis einzuschmuggeln und mit Hilfe zweier Kompagnons aus den Reihen der Polen den Handel aufzunehmen.

Währenddessen versucht Kommissar Ewert Grens den Mord an dem anderen V-Mann aufzuklären. Immer wieder wird er von seinen Kollegen ausgebremst, dennoch gelingt es ihm, eine Verbindung zwischen Piet Hoffman und dem Mordfall herzustellen. Insbesondere die Strafakte von Piet macht den Kommissar misstrauisch. Als er einen Vernehmungstermin mit dem V-Mann anberaumt, geraten einige der beteiligten Beamten in Panik und beschließen Piet zu ‚verbrennen’, indem sie die Information an die Polen durchsickern lassen, dass er für die Polizei arbeitet. Als die Polen versuchen, ihn im Gefängnis zu töten und die Polizei nichts zu seinem Schutz unternimmt, wird Piet klar, dass man ihn fallengelassen hat. Er nimmt Geiseln und verschanzt sich in einem Büro der Gefängnisverwaltung.

Kommissar Ewert Grens wird beauftragt, die Geiselnahme zu beenden. Mit Hilfe eines Scharfschützen soll Piet Hoffman ausgeschaltet werden. Zu spät bemerkt Grens, dass man ihn benutzt hat, um den in Ungnade gefallenen V-Mann auszuschalten, doch Piet Hoffman weiß sich zu wehren.

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven der Hauptfiguren. Es gibt ein paar auktoriale Ausrutscher, die aber nicht weiter ins Gewicht fallen.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Hauptsächlich Stockholm. Die zweite Hälfte des Romans spielt größtenteils im Gefängnis. Insbesondere letzteres Setting wird authentisch geschildert. Die klaustophobische Atmosphäre kommt sehr gut herüber. Selbst kleinste Details wirken realistisch. Der Leser fühlt sich nach wenigen Kapiteln selbst wie ein Insasse. Die Autoren haben sich offenbar von ‚Insidern’ beraten lassen.

Struktur und Spannungsbogen:
Ausgehend vom auslösenden Ereignis, der Ermordung des 2. V-Manns, entwickeln sich zwei parallele Handlungsstränge, die im Höhepunkt zusammenlaufen. Der Zusammenhang zwischen der Mordermittlung von Grens und Piet Hoffman’s Aktivitäten im Knast sind für den Leser jederzeit offensichtlich – hier wurde Spannungspotenzial verschenkt. Es wäre sinnvoller gewesen, das Gerüst der Story erst im finalen Höhepunkt offenzulegen.

Die Story kommt sehr langsam in Fahrt, thrillerwürdige Spannung kommt erst ab etwa 40% des Textes (Kindle Ed.) auf. Das ist zu spät. Wenn der Roman nicht den Schwedischen Krimipreis gewonnen hätte, wäre ich spätestens nach 20% ausgestiegen. So hat mich das Prinzip Hoffnung bei der Stange gehalten. Insgesamt hätte eine deutliche Kürzung der Story gut getan. Mit 350 statt der 500-600 Seiten (je nach Ausgabe) wäre aus ‚Three Seconds’ eine runde Sache geworden.

Die Stärken des Romans sind einerseits die authentische Gefängnisatmosphäre und der damit verbundene ‚Fish Bowl – Effect’, der den Protagonisten und damit den Leser aller Fluchtmöglichkeiten beraubt und darüber hinaus, die überaus fantasiereiche Art und Weise, wie Piet Hoffman seinen Job hinter Gittern ausführt und auf die zahlreichen Bedrohungen reagiert. So ausgefuchst seine Methoden auch sind, man hat jederzeit das Gefühl, dass sie in Realität anwendbar sind. Amateur-Dopeschmuggler können hier einiges dazulernen.

Übertrieben haben es die Autoren diesbezüglich allerdings mit der Klimax. Dass der Protagonist das Verhalten der Polizei in jedem Punkt genau vorausberechnen kann und sich auf dieses eine Szenario verlässt, als wäre es ein Naturgesetz, ist unglaubwürdig. Das Gleiche gilt für die Wirkung seines Sprengsatzes und andere technische Finessen. Schade, durch dieses unnötige Überziehen wird aus dem gepeinigten Täter-Opfer mit hohem Identifikationspotenzial für den Leser ein Über-James Bond, der nur in einem Actionstreifen wirkt, wenn man sich vorher eine Handvoll Popkorn in den Mund stopft und das Gehirn zu Gunsten des audiovisuellen Großangriffs des Regisseurs ausschaltet. Bei einem Buch bleibt das Gehirn an und ein Krimi gerät schnell zur Parodie seiner selbst

Charaktere:
Ein Schwachpunkt des Romans ist mE die unklare Motivlage der Figuren, die es schwer macht, ein emotionales Feeling für die Handlung und die Akteure zu entwickeln. Piet Hoffman ist ein Ex-Kleinkrimineller und Ex-Junkie, der nun selbstlos für die Guten im Einsatz ist, auch wenn sich die Guten später als die eigentlichen Schlechten erweisen. Er hat eine ihn liebende Ehefrau, die nichts von seinem Job weiß, nebst zwei kleinen Jungs und einem Einfamilienhäuschen. Der unvermeidliche Stöckchen apportierende Labrador fehlt, aber über dieses Manko kann man hinwegsehen. Nein Spaß beiseite, das figürliche Setting des Protagonisten ist etwas klischeehaft geraten, aber für einen Thriller akzeptabel. Gravierender sind andere Fragen: Was veranlasst Piet Hoffman zu seinem lebensgefährlichen Einsatz hinter den Gefängnismauern? Einerseits hat er ein schlechtes Gewissen, wenn er seine Jungs zu spät vom Kindergarten abholt, aber damit, nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner gesamten Familie den Killern der polnischen Mafia auszusetzen, hat er seltsamerweise keine Probleme. Gezwungen wird er zu der Aktion nicht, sein Führungsbeamter weist ihn mehrmals darauf hin, dass er es freiwillig macht. Seltsam. Noch seltsamer ist, dass Piet seiner Frau erst am Vorabend seines Gefängnisaufenthalts kurz vor dem Schlafengehen von seinem jahrelangen V-Mann-Status und der lebensgefährlichen Aktion erzählt und ihr eine Art Notfallplan in die Hand drückt, für den Fall, dass etwas schief geht. Sie sagt keinen Ton und macht später, als Piet den Plan in Gang setzt, haargenau, was er ihr aufgetragen hat. Welche Frau würde einfach so akzeptieren, dass ihr Mann das Leben ihrer kleinen Kinder gefährdet und sie auch noch für den Rest ihres Daseins in den Zeugenschutz schickt? Für ein paar Drogendealer? No way!

Die Figur des Kommissars Ewert Grens ist typisch für schwedische Krimis, aber dennoch originell. Bei ihm gehen Handlungsweise und optische Erscheinung eine ideale Symbiose ein. Grens ist durch einen Vorfall in seiner Vergangenheit belastet. Er ist psychisch und physisch ein Wrack, das vorzugsweise auf dem Boden seines Büros nächtigt, unsozial (um nicht zu sagen asozial) zu seinen Kollegen und Chefs, kurzum er ist ... interessant. Und trotz seiner Eigenheiten ist er glaubwürdig und irgendwie liebenswert, denn er ist ehrlich, geradeheraus und nicht um seinen eigenen Vorteil bemüht. Kurzum, in der deutschen Politik wäre er undenkbar, in der schwedischen Kriminalistik ist er – aus deutscher (Leser)Sicht dagegen - ideal plaziert. Seine Motivationslage ist für jeden Leser spätestens seit Mankell sofort verständlich, auch wenn sie intellektuell vollkommen absurd ist.

Die übrigen Figuren bleiben blass. Ein echter Anthagonist fehlt leider, da Piet Hoffman nur scheinbar der Gegenspieler des Kommissars ist. Tatsächlich sind beide Figuren Protagonisten, die gegen einen weitgegehend unsichtbaren Gegner kämpfen.

Ein echter Anthagonist, sei es auf Seiten der korrumpierten Justiz oder auf Seiten der polnischen Mafia hätte dem Konfliktpotenzial der Story gut getan.

Sprache/Duktus:
Ich kann nur die englische Übersetzung und nicht das schwedische Original bewerten. Die Bildhaftigkeit der Sprache bedient gut die Vorstellungskraft des Lesers. Besonders eindrucksvoll gelungen sind die Gefängnisszenen und die Schilderung des Kommissars. Das Vokabular ist schwedentypisch dunkel, karg und hart, die Sprachkomplexität ist thrillertypisch eher einfach. Die ersten 40% des Textes sind für meinen Geschmack zu aus- und abschweifend geraten. In der zweiten Hälfte wird parallel zur Handlung auch die Sprache schneller und dichter.

Script-Doctor:
Was hätte man anders machen können? Da das Mäkeln eine ebenso leichte wie beliebte Tätigkeit ist, anbei ein kreativer Vorschlag: Man könnte zB die Figur des getöteten 2. V-Mannes aufwerten. Es könnte sich um den Mentor von Piet Hoffman handeln, der ihn einst angeworben und angelernt hat. Eine Vaterfigur, als Ersatz für einen Vater, den er so nie gehabt hat. Machen wir aus ihm alternativ den Vater seiner Frau (er hat sie über den Kontakt kennengelernt), dann hätte Piet ein persönliches Anliegen (Rache), seine Opferbereitschaft würde nachvollziehbar und auch seine Frau würde die lebensgefährliche Aktion leichter mittragen.

Fazit:
‚Three Seconds’ ist ein Thriller mit einem ungewöhnlichen und einfallsreichen Plot. Alle notwendigen Elemente für einen spannungsreichen Roman sind gegeben, sie werden jedoch nicht alle optimal eingesetzt. Die stärksten Szenen des Romans spielen im Gefängnis. Die Klaustophie und die Ausweglosigkeit der Örtlichkeit korrespondieren exzellent mit der Handlung und der geschilderten Stimmungslage der Hauptfigur. Schwächen hat der Roman auf den ersten 40%. Hier ist der Text zu lang geraten, die Handlung ist nicht zwingend genug und die Motivlage der Hauptfigur ist nicht ausreichend nachvollziehbar. So verschenkt der intelligent und aufwendig konstruierte Roman viel von seinen Möglichkeiten. ‚Three Seconds’ ist dennoch lesenswert und thematisch hochaktuell. Der Einsatz von V-Leuten, das hiermit verbundene Manipulieren von Akten und nicht zuletzt die plötzliche bürokratische Amnesie, wenn etwas schief geht, ist auch hierzulande ein beliebter Freizeitsport der Ermittlungsorgane. Wir erinnern uns an die geschredderten Akten des Vefassungsschutzes angesichts des NSU-Debakels. Darüber spannende Stories mit einem ‚moral appeal’ zu schreiben, das haben uns die Skandinavier allerdings voraus.

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schweden, mord, kinder, abtreibung, entführung

Aschenputtel

Kristina Ohlsson , Susanne Dahmann
Fester Einband: 476 Seiten
Erschienen bei Limes Verlag, 26.10.2011
ISBN 9783809025917
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Genre:
Thriller.

Umfang:
Ca. 500 Seiten (Print).

Serie:
Ja. Der Folgeroman heißt 'Tausendschön'.

Inhalt:
Eine Mutter reist mit ihrer kleinen Tochter mit dem Zug nach Stockholm. Als sie während eines ungeplanten Zwischenstopps den Zug verlässt, um zu telefonieren, verpasst sie die Weiterfahrt. Ein Unbekannter nutzt ihre Abwesenheit, um die Tochter zu entführen. Wenig später wird das Mädchen tot aufgefunden. Der Täter hat es in der Nähe einer Klinik abgelegt. Auf seiner Stirn steht ‚Unerwünscht’. Als ein weiteres Kind verschwindet und unter ähnlichen Umständen tot aufgefunden wird, wird der Polizei klar, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun hat, der offenbar eine Komplizin hatte. Eine Täterbeschreibung dieser Frau führt zu einer Spur.

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven insbesondere der beteiligten Ermittler sowie der Komplizin des Täters in ihrer eigenen Opferrolle. Es findet kein Protagonist-Antagonist-Perspektivwechsel statt.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Regionales Setting: Im Wesentlichen Stockholm, die Tatorte, sowie und die Wohnorte der Verdächtigen und Zeugen. Die Beschreibungen der Settings bleiben oberflächlich, was die Verbildlichung der Handlung für den Leser erschwert. Lediglich das Haus der Mutter eines Verdächtigen wird detaillierter ausgeführt und findet in ihrer Figur eine komplementäre Entsprechung.
Soziales Setting: Vernachlässigung von Kindern und Gewalt gegen Frauen. Auch das soziale Setting bleibt oberflächlich. Die Stationen, die ein Kind bei Pflegefamilien und Heimen durchlebt hat, aufzuzählen, reicht nicht aus, um emotionale Nähe herzustellen. Der Leser kann das soziale Setting nur intellektuell begreifen, aber nicht miterleben und um Letzteres geht es in einem Roman. Für den Rest reicht auch die Lektüre der Tageszeitung.

Struktur und Spannungsbogen:
Ausgehend vom auslösenden Ereignis, der Entführung des Mädchens aus dem Zug, werden unterschiedliche Spuren verfolgt. Spannunginstrument ist zu Anfang die Sorge um das Mädchen und die Hoffnung auf ihre Rettung durch das rechtzeitige Auffinden des Täters, nach ihrem Tod geht es um die Verhinderung weiterer Taten des (dann) offensichtlichen Serientäters.

Die Grundanlage des Romans entspricht dem typischen Serienmörder-Krimi. Es wird leider viel Spannungspotenzial verschenkt, weil dem Leser die Taten nur indirekt vermittelt werden, indem er die Ermittler bei der Spurensuche begleitet. Bei einem reinen Whodunit-Krimi ist das akzeptabel, sofern die Aufklärung genügend interessante Twists bereit hält. Ein Thriller mit einer Tatverhinderungsmotivation hat demgegenüber idealerweise eine zusätzliche Handlungskomponente, die in diesem Roman fast vollständig wegfällt. Der Leser erlebt die Taten nicht mit, was mit einem alternierenden Wechsel auf die Täterperspektive leicht realisierbar gewesen wäre. Auch auf Spannung durch Bedrohung wird verzichtet. So wird weder ein potenzielles Opfer noch einer der Ermittler vom Täter bedroht. Lediglich die Komplizin des Täters erlebt eine Bedrohungssituation. Aufgrund ihrer Komplizenschaft und ihrer starken psychischen Störung bietet sie für den Leser jedoch kaum Empathiepotenzial – die Grundvoraussetzung für das Mitleiden und Mitfürchten des Lesers.

Es gibt zwar wechselnde Spuren – aber sie wechseln ohne miterlebbare Konsequenzen und versanden mehr, als dass sie harte Handlungstwists auslösen. Die Ermittler sind zwar verstimmt, wenn sie auf eine falsche Spur gesetzt haben, aber das reicht nicht. Ein Opfer aktiv (miterlebbar) sterben zu lassen, weil die Ermittler versagt haben und die Ermittler anschließend mit der Wut und Sensationsgeilheit von Pressevertretern, Angehörigen und der angesichts eines Serienkindermörders panischen Öffentlichkeit zu konfrontieren, würde den Rahmen für eine spannungsgeladene Handlung liefern. Stattdessen blubbert der Plot auf niedriger Flamme vor sich hin. Dass der Roman in einem sozial relevanten Kontext wie Gewalt gegen Frauen und Vernachlässigung von Kindern und Abtreibungen spielt, ist zwar löblich, aber die Handlung ist zu distanziert von diesen Realitäten, als dass sie hiervon profitieren könnte. Es bleibt beim passiven Lesen, das Miterleben wird von der Handlung nicht ausreichend getriggert.

Die Anlage des Romans ist zwar konventionell, sie bietet dennoch ausreichend Spannungspotenziale. Zum Beispiel ist die Vorstellung, dass eine Mutter miterleben muss, wie der Zug mit ihrem kleinen hilflosen Kind in der Ferne verschwindet, geradezu traumatös und auch visuell gut umsetzbar. Wer würde sich nicht in Selbstvorwürfen zerfleischen und alle denkbaren Bedrohungen für das Kind in der Fantasie durchspielen? Aus Sicht des Kindes wäre das Entrissensein aus der Sicherheit der mütterlichen Obhut ebenso miterlebbar bedrohlich. Man könnte an dieser Stelle einen sympathischen Mitreisenden einführen, der sich des Kindes annimmt - mit der ganzen Doppeldeutigkeit seiner möglichen Motivation. Die Potenziale für spannungsreiche Situationen noch vor der Tat, für das Spielen des Autors mit den Emotionen des Lesers, sind unendlich, aber sie werden nicht genutzt. Es geht darum, die Angst vor der Tat maximal auszuspielen, die Tat selbst hat, wenn sie nicht miterlebt werden kann, nur Nachrichtenwert.

Tools wie Cliffhanger werden im Text nur selten genutzt, um den Leser am Ende eines Kapitels zum Weiterlesen zu bewegen. Oft enden die Kapitel stattdessen mit einem abgeschlossenen Teil-Plot, der keine neuen Fragen aufwirft. Eine zum Ende eines Kapitels/einer Sequenz/eines Aktes hin abfallende Spannung weckt kein Interesse daran, wie es weitergeht. Ein Kapitel sollte idealerweise mit einem Konflikt rsp. einer Herausforderung für den Protagonisten enden, die im inhaltlich anschließenden Kapitel durch eine Handlung gelöst wird, die zu einer noch größeren Herausforderung führt usw. usw. bis der Protagonist in der finalen Herausforderung obsiegt oder scheitert. Der vorliegende Thriller nutzt diese Plot-Standards zur Spannungsentwicklung und ‚Leserbindung’ zu selten.

Die Klimax wird - wie auch viele andere Textstellen mit Spannungspotenzial - indirekt und in einer Rückschau geschildert. Das ist eine sichere Methode, um den Leser aus der Handlung herauszuhalten und die Spannung zu reduzieren. Warum? Und vor allem, warum gerade im Höhepunkt, in dem der Täter endlich einmal jemanden bedroht (ein 3. Kind-Opfer)? Leider wird auch dieses Opfer nicht näher beschrieben, es bleibt neutral, so dass, obwohl es sich um ein Kind handelt, nur wenig Empathie aufkommt. Kurz vor der Klimax taucht ein möglicher alternativer Verdächtiger auf, der das Leben einer Polizistin und ihrer Kinder gefährden könnte. Die Figur wird leider innerhalb weniger Sätze sofort wieder als Täter ausgeschlossen, ohne das mit der Bedrohungssituation gespielt worden wäre. Das ist eine vergebene Chance für einen spannenden Twist. Ein Thrillerleser will sich fürchten. Er braucht keine ex ante - Auflösungen als verbales Beruhigungsmittel. Dass die Klimax zudem noch mit einer Überschrift versehen ist, die das (positive) Ende vorwegnimmt, lässt mich ratlos zurück. 'Langsame Erholung' heißt der Teil 3 des Buches, der nur dieses eine kurze Klimax-Kapitel enthält. 'Langsame Erholung' - kein Scherz. Gut zu wissen, dass nichts Schlimmes mehr passiert, bevor das Finale auch nur begonnen hat. Ein Thriller, in dem der Protagonist nicht zumindest die Chance hat, im finalen Höhepunkt zu scheitern, geht am Thema vorbei. Ganz einfach.

Hauptcharaktere:
Alex Recht: Ermittlungsleiter, gilt als erfolgreich, setzt jedoch auf die falsche Spur, ist deswegen unsicher, mag ebenso wie Peder keine ‚Akademiker’ (Anm.: gibt es in Schweden leitende Kommissare ohne Studium?), er steht Fredrika deshalb kritisch gegenüber und beklagt ihren mangelnden Respekt vor den alten Hasen.
Fredrika Bergman: junge Ermittlerin, analytisch, akademisch, engagiert, fühlt sich von den Kollegen übergangen, sie begreift die Zusammenhänge als Erste, liebt einen verheirateten älteren Mann.
Peder Rydh: die rechte Hand des Ermittlungsleiters, emotional, betriebsblind, geht fremd, hat Probleme mit seiner Frau, zu Anfang stark gegen Fredrika eingenommen, erkennt zunehmend ihre Kompetenz an.

Der Roman wird ausschließlich von den protagonistischen Kräften determiniert. Abgesehen von der Komplizin des Täters, deren Perspektive in wenigen Abschnitten eingenommen wird und in denen der Täter kurz vorkommt, bleiben die antagonistischen Kräfte von aktiven Handlungsbeiträgen ausgeschlossen. Das schränkt den Handlungsrahmen für einen Thriller sehr ein. Spannung kann somit nur durch ein latentes Bedrohungspotenzial entstehen, das im vorliegenden Text mangels geeigneter Identifikationsobjekte für den Leser allerdings kaum spürbar ist.

Den Befindlichkeiten der Ermittler wird sehr viel Raum gegeben. Insbesondere Peder und Fredrika reflektieren permanent ihre Positionen in der Ermittlung und auch im privaten Kontext. Ihre charakterlichen Gegensätze bieten viele Konfliktmöglichkeiten, die anfänglich auch gut für die Plotentwicklung genutzt werden. Fredrika und Peder machen auch einen gewissen Wertewandel durch. Irgendwann läuft sich jedoch jede Nabelschau tot und ihre privaten Probleme sind nicht so exotisch und haben zu wenig Berührungspunkte mit dem Fall, als dass sie für sich genommen den Leser ausreichend fesseln könnten. Ein Ermittler, der in seiner Kindheit in einem dem Fall ähnlichen sozialen Setting aufgewachsen wäre, würde (nur als Bsp.) diese Berührungspunkte bieten. Dadurch bedingte Überreaktionen könnten zu spannungsgeladenen Konflikten führen. Insgesamt wirken die Ermittler in ihrer Unsicherheit fast kindlich. Fredrika fürchtet bspw. in einer Vernehmung bereits die Kontrolle zu verlieren, nur weil ihr Gegenüber ihr einen Kaffee anbietet. Umgekehrt interpretiert sie, wenn ihr nichts angeboten wird, diesen Umstand als Ablehnung. Die ist nur eines von vielen Beispielen dieser Art, die zusammengenommen für eine Kindergärtnerin in der Probezeit noch durchgehen mögen, bei einer Mordermittlerin aber unglaubwürdig sind.

Alex Recht wird als erfolgreicher und erfahrener Kommissar eingeführt, er macht jedoch mehr Ermittlungsfehler als jeder Polizeischüler. Sein Ruf und seine Stellung stehen im exakten Gegensatz zu seinem Handeln.

Auch die Methoden der Ermittler wirken steinzeitlich. Alex Recht kommt zB erst in der Spätphase der Ermittlungen auf die Idee, die Zusammenhänge des Ermittlungsstandes auf einem Blatt Papier auf seinem Schreibtisch zu skizzieren. Ganz am Ende malt er sogar eine Zeitleiste, um sich merken zu können, was wann passiert ist. Hallo? Zur Erinnerung: es geht nicht um Ermittlungen in einem Fahrraddiebstahl, sondern um ein mehrköpfiges Team in einem hochtechnisierten Land, das einen Serienkiller jagt. Flipcharts, Whiteboards und Metaplantafeln sind heutzutage Standard bei der Polizei, um Informationen und Ermittlungsergebnisse vom 1. Tag an so zu visualisieren, dass jeder im Team auf dem gleichen Stand ist und in den Meetings mitdiskutieren kann.
Lustig wird es, als Peder auf die grandiose Idee kommt, einen Profiler hinzuzuziehen, nachdem die Polizisten mit ihrem Latein am Ende sind. Als er ihn dem Team präsentiert ist er ganz stolz. "Dr. Rowland ist ein sogenannter Profiler" sagt er, weil er anscheinend davon ausgeht, dass niemand im Team weiß, was das ist. Mordermittler, die nicht wissen, was ein Profiler ist? Gibt es heutzutage einen 12-Jährigen, der nicht weiß, was das ist? Mal abgesehen davon, dass ein Profiler in solchen Fällen selbstverständlich standardmäßig hinzugezogen wird. Immerhin scheint der Experte seine Glaskugel dabei zu haben. Er vermutet einen militärischen Hintergrund des Täters (keine Ahnung warum), hält ihn für ein Genie (?), sowie gut ausgebildet und gut aussehend, weil es ihm im Abstand von Jahren gelungen ist, zwei Frauen von sich zu überzeugen. Charles Manson war übrigens ein stockhässlicher Analphabet mit mehr als zwanzig Freundinnen (gleichzeitig!). Ach ja, daraus, dass der Täter keine Fingerabdrücke hinterlässt, schließt der Profiler messerscharf, dass jener seine Fingerkuppen manipuliert hat. Handschuhe scheinen nicht ins Profil zu passen - warum auch immer. Respekt! Der Mann hat das Zeug für eine eigene Fernsehshow: 'SSDS - Schweden sucht den Superprofiler.'

Für jeden tatsächlichen Kriminalbeamten hätten die Ermittlungen satirische Qualitäten.

Sprache/Duktus:
Die sprachliche Ausgestaltung des Romans ist vom Satzbau und der Verbalisierung her für einen Krimi akzeptabel. Da sich jedoch ein erheblicher Teil des Textes mit den psychischen Befindlichkeiten der Ermittler befasst und nicht als Handlung beobachtbar ist, reicht dieser sprachliche Ansatz nicht aus. Klischees wie „er lächelte schief“ oder ‚sie spürte, wie sie rot wurde“ (das passiert Fredrika ständig) zu verwenden, um Unsicherheit auszudrücken, ist zu wenig, um das Kopfkino des Lesers in Gang zu setzen. Es gibt zu viele sich wiederholende Beschreibungen der Stimmungslage. Eine etwas größere Variationsbreite hätte dem Text gut getan, um das Interesse des Lesers aufrecht zu erhalten. Wie viel hiervon der Übersetzung ins Deutsche geschuldet ist, kann ich nicht beantworten.

Persönliches Fazit:
Der Roman ist mE für einen Krimi nicht komplex genug, für einen Psychothriller zu wenig abgründig und für einen klassischen Thriller zu handlungsarm, um den Leser zu fesseln. Vorhandene Spannungspotenziale des Plots werden nicht genutzt. Insgesamt bleibt der Roman zu blass, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich die Rezension veröffentlichen soll. Ich hätte gerne ein konstruktiveres Feed-back gegeben. Kommerziell war der Roman offenbar erfolgreich und da der Markt immer Recht hat, habe ich im Zweifel Unrecht. Entscheiden Sie selbst.

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m. agejew, wadim maslennikow, roman mit kokain

Roman mit Kokain

M. Agejew , Valerie Engler , Norma Cassau , Karl-Markus Gauß
Fester Einband: 270 Seiten
Erschienen bei Manesse, 22.10.2012
ISBN 9783717522867
Genre: Romane

Rezension:

Verlag: Manesse.

Umfang (Geb. Ausgabe): 256 Seiten.

Inhalt:
Im von gesellschaftlichen Skandalen und Exzentrik geprägten Moskau am Vorabend der Revolution wächst der Protagonist und Ich-Erzähler Wadim Maslennikow bei seiner verwitweten Mutter in armen Verhältnissen auf. Wadim bestiehlt seine Mutter, schlägt sie und lässt sie seinen Hass und seine Ablehnung spüren, bis sie sich schließlich erhängt. Seine Tage und Nächte verbringt Wadim in Moskauer Bars, er verkehrt mit Prostituierten, infiziert ein junges Mädchen mit Syphilis und demütigt seine einzige Liebe. Wadim verfällt immer mehr seiner Kokainsucht, er ist zerrissen zwischen emotionalen Hochs und Tiefs, zwischen Mutter-Hass und Selbsthass und verzweifelt an der Unvereinbarkeit von Körper und Geist. Die Droge wird schließlich seine einzige und ideale Geliebte, fähig, ihm Glücksmomente zu suggerieren, während er tatsächlich dem paranoiden Wahnsinn und Tod entgegentreibt.
Zum Schluss holt Wadim die Weltgeschichte (in Form der Oktoberrevolution) ein, die ihm die weiße Freundin erspart hatte. Sein ehemaliger Mitschüler Burkewitz, der es mit eiserner Disziplin zum Sowjet-Kommissar gebracht hat, verweigert Wadim die Aufnahme in ein Sanatorium und damit die Rettung. Er sei von keinem Wert für die Revolution.
Im Epilog berichtet ein Moskauer Arzt, dass Wadim Maslennikow mit einer Überdosis Kokain Selbstmord verübt habe. In seiner Tasche fanden sich seine in ein Tuch eingenähten ‚Erinnerungen’.

Erzählzeit: Vergangenheit.

Erzählperspektive: Ich-Erzähler Wadim Maslennikow

Setting: Moskau.

Anstelle meiner üblichen Analyse von Sprache und Duktus ein Zitat aus dem Roman, das für sich selbst spricht:
"Hinter dem Fenster begann das benachbarte Haus Falten zu werfen. Sein Schornstein riss sich los und zerfiel nass im metallischen Himmel. Ich gab mir keine Mühe, die Tränen wegzublinzeln, die meine Augen füllten."

Der Autor – eine Spurensuche:
Genauso interessant wie die psychische Pathologie des Protagonisten ist die Suche nach seinem Erschaffer. Sie hätte perfekt in Woody Allens Paris-Ode ‚Midnight in Paris’ gepasst.

Das erstmals 1936 in einem Pariser Verlag für russische Exil-Schriftsteller erschienene Werk war gut vierzig Jahre lang in Vergessenheit geraten, als die russischstämmige Französin Lydia Chweitzer ein Exemplar des Romans bei einem Bouquinisten an den Ufern der Seine wiederentdeckte. Sie war von der Lektüre des Buches, das sie bereits aus ihrer Jugend kannte, so begeistert, dass sie den Roman ins Französische übersetzte, um ihn einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Ihre französische Edition war der Ausgangspunkt für weitere Übersetzungen und für den späten internationalen Erfolg des Romans. Auch eine deutsche Ausgabe erschien Mitte der 80er Jahre bei Rowohlt. Sie wurde von Daniel Dubbe übersetzt – allerdings aus der französischen Version, nicht aus dem russischen Original des Autors. Dieses Versäumnis wurde nun vom Manesse Verlag nachgeholt.
Doch wer steht eigentlich hinter dem Pseudonym M. Agejew? In ihrem Vorwort konnte Lydia Chweitzer damals nur Anhaltspunkte über den Autor nennen. Der Roman sei ursprünglich in einem russischen Emigranten-Magazin in Paris erschienen. Das Manuskript habe der Autor offenbar aus Konstantinopel an den Verleger geschickt.
Viele vermuteten Nabokov hinter dem Pseudonym. Diese-Spur erwies sich jedoch als ‚Wishful Thinking’. Vera Nabokov, die Witwe des weltberühmten Autors kommentierte: "Mein Mann hat den '’Roman mit Kokain’’ nicht geschrieben, das Pseudonym Agejew nie benutzt ... Er war nie in Moskau, hat nie Kokain genommen und schrieb, im Gegensatz zu Agejew, ein sauberes und korrektes Petersburger Russisch.“
Eine weitere Spur wies in Richtung der Exil-Russin Lidija Tscherwinskaja, die Agejew gekannt haben sollte. Ein Freund der Frau, der Pariser Slawistik-Professor Rene Guerra, kannte ihr Domizil: ein Altersheim in der Nähe von Paris.
Lidija Tscherwinskaja, die 1907 in Kiew geboren wurde, emigrierte 1919 mit ihren Eltern nach Konstantinopel. Später zog sie nach Paris und gehörte schnell zur intellektuellen Bohème am Montparnasse, dem bevorzugten Viertel der Exil-Russen, die vor der Oktoberrevolution geflohen waren. Ein Mitarbeiter des Emigranten-Magazins, das den Roman veröffentlicht hatte, bat 1934 die Russin Kontakt zu Agejew in Konstantinopel aufzunehmen, da sie weiterhin regelmäßig ihre Eltern dort besuchte, und mit der Örtlichkeit vetraut war. Die Adresse, die man ihr nannte, führte Lidija Tscherwinskaja schließlich zu einer Nervenheilanstalt im jüdischen Viertel von Konstantinopel. Agejew, ein russischer Jude, der tatsächlich Mark Levi hieß, wurde im Sanatorium wegen „Zittern der Hände" und „Halluzinationen" behandelt. Der Russin gelang es, dem Autor in einer Buchhandlung einen Job zu vermitteln. Natürlich verliebten sich die beiden. Wie Woody Allen diesen hollywoodreifen Fall übersehen konnte, ist mir ein Rätsel.
Lidija Tscherwinskaja erzählte, dass Mark Levi im Bürgerkrieg einen Offizier der Roten Armee erschossen hatte. Danach sei er aus Russland nach Berlin geflohen, das damals rund 500.000 Exilrussen beherbergte. Während seiner Zeit in Berlin schrieb Mark Levi ‚Roman mit Kokain’ unter dem Pseudonym M. Agejew. Nach ihrer kurzen Affäre bestieg Lidija Tscherwinskaja den Orientexpress in Richtung Paris und hatte nie wieder Kontakt zu Mark Levi. Aktuelle Nachforschungen haben ergeben, dass Levi wahrscheinlich 1973 im armenischen Jerewan starb. Er hatte offenbar in die Sowjetunion zurückkehren dürfen, weil er sich 1942 an einem Attentat auf den deutschen Botschafter in Ankara beteiligte.

Persönliches Fazit:
Die Story hinter der Story ist fast so gut wie der Roman selbst. Fast. ‚Roman mit Kokain’ ist eine absolute Lese-Empfehlung. Der psychisch en détail sezierte Protagonist, der dramaturgisch perfekte Plot und die sprachgewaltige Ausgestaltung gehen eine perfekte Symbiose ein.

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harry hole, norwegen, krimi, thriller, oslo

Die Larve

Jo Nesbø , Günther Frauenlob
Flexibler Einband: 576 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 09.11.2012
ISBN 9783548284934
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Genre:
Thriller.

Umfang:
Ca. 561 Seiten (Taschenbuch)

Serie:
Ja (Harry Hole Nr. 9).

Inhalt:
Der ehemalige Ermittler Harry Hole kehrt aus seinem selbstgewählten Exil in Hongkong nach Oslo zurück, weil der Sohn (Oleg) seiner großen Liebe wegen Mordverdachts festgenommen wurde. Der Mord ist das auslösende Ereignis für die nun folgende Whodunit-Story. Harry versucht die Unschuld des jungen Drogenabhängigen zu beweisen, er kann hierbei auf seine inoffiziellen Kontakte zu ehemaligen Kollegen zurückgreifen. Schnell stellt sich heraus, dass die Drogenszene von Oslo mittlerweile in der Hand einer Gang ist, die eine hochpotente künstlich hergestellte Droge namens Violin vertreibt. Oleg war zusammen mit dem Mordopfer für den Paten der Organisation als Dealer tätig. Der Pate wird von einer ehrgeizigen Politikerin und Polizeikräften unterstützt, da sich durch das Drogenmonopol und die im Vergleich zu Heroin geringere Mortalitätsrate der Anhängigen die sichtbare Kriminalität verringert hat, was ihnen politisch nützt. Als sich Harry in die Ermittlungen einschaltet und ein Drogenkurier als Kronzeuge aussagen will, wird der Pate nervös. Auf Harry wird ein Killer angesetzt und auch Oleg gerät ins Fadenkreuz der Organisation. Harry kann das Versteck des Paten schließlich aufspüren, doch der paranoide Gangster hat vorgesorgt.

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven der wichtigsten Figuren. Die Wechsel finden nach keinem festen Muster statt, zT wird sogar innerhalb von Szenen absatzweise eine neue Perspektive eingenommen. Aufgrund der Vielzahl der Perspektiven, zu denen amüsanterweise auch jene einer Ratte gehört und der hohen Wechselfrequenz, ist es nicht ganz einfach, den Überblick zu behalten. Zu den personalen Perspektiven kommt ein Ich-Erzähler hinzu, dessen Textteile jedoch kursiv gekennzeichnet sind. Der Ich-Erzähler ist zum Zeitpunkt der Haupthandlung bereits tot. Sounds complicated? It is!

Erzählzeit:
Vergangenheit – jedoch wird mit unterschiedlichen zeitlichen Ebenen gearbeitet. Das Buch beginnt mit einem längeren Absatz aus der Sicht der Ratte. Dieser Absatz setzt zeitlich am Ende der Haupthandlung des Romans an. Das ist allerdings erst in einem der letzten Kapitel festzustellen. Danach beginnt der Ich-Erzähler, der im Sterben liegt, mit einem Rückblick auf sein Dasein als Junkie und auf die Drogenszene. Sein Tod ist das auslösende Ereignis der Haupthandlung. Im Verlauf des Romans wird immer wieder auf den Ich-Erzähler umgeschaltet. Das ist anfangs durchaus verwirrend, denn wer erwartet schon, dass während der Aufklärung des Mordes immer wieder das Mordopfer ‚zu Wort kommt’. Die abgesetzte Schrift hilft jedoch dabei, die Übersicht zu behalten und nach einigen Kapiteln gewöhnt man sich an diesen für einen Thriller ungewöhnlichen Erzählansatz. Das Spiel mit den Perspektiven und Zeitebenen macht für mich einen Großteil des Reizes dieses Romans aus. Ich kann mir vorstellen, dass viele Leser jedoch hiervon abgeschreckt werden.

Setting:
Geogr.: Oslo.
Inhaltlich spielt sich ein erheblicher Teil der Handlung in der Junkieszene von Oslo ab.

Struktur und Spannungsbogen:
Der Roman startet auf der Handlungsebene relativ langsam. Auch die Sorge um den vermeintlich unschuldig im Gefängnis sitzenden Oleg, der für Harry eine Art Ziehsohn ist, hat kaum Spannungseffekte, da Oleg nur über ein geringes Empathiepotenzial für den Leser verfügt. Er wird größtenteils aus der Sicht von Harry und Gusto (Mordopfer) geschildert und seine persönliche Seite, die über die Junkierolle hinausgeht, bleibt oberflächlich. Spannung durch Action ergibt sich erst nach gut 200 Seiten, als Harry das Konglomerat aus Drogensumpf und polizeilicher/politischer Korruption so aufgemischt hat, dass er zunehmend ins Visier der Gangster und ihrer Unterstützer gerät. Die Sorge um den empathiefähigen Protagonisten, der in zahlreiche gefährliche Situationen gerät und der sich auf einer Art privatem Sühnefeldzug befindet, führt schließlich zu einem guten Spannungslevel. Die zweite Hälfte des Romans ist definitiv stärker, aber das Ausharren lohnt sich. Insbesondere die Klimax mit einer Noir-Auflösung ist herausragend.

Hauptcharaktere:
Harry Hole: Protagonist, Ex-Junkie, Ex-Alkoholiker, Ex-Bulle, Ex-Lover, Ex-(Fast-)Vater. Harry’s Leben ist EX. Er ist körperlich durch eine Narbe im Gesicht entstellt und sein Drang in die selbstzerstörerische Sucht ist immer noch ungebrochen. Was ihn aufrecht erhält, ist einzig seine Liebe zu seiner ehemaligen Lebensgefährtin und der Wunsch, an ihr und Gero etwas gut zu machen von der Schuld, die er sich aufgeladen hat, als er sie vor Jahren verließ, um sich in Hongkong zu verkriechen. Schließlich entscheidet sich Rachel, ihm noch eine Chance zu geben und dieses Licht am Ende des Tunnels, in dem sich Harry befindet, treibt ihn an und lässt den Leser hoffen. Harry hat trotz oder gerade wegen seiner Laster und seines ehrlichen und selbstlosen Kerns ein außergewöhnlich hohes Empathiepotenzial – selbst wenn die Nr. 9 der erste Harry Hole – Roman ist, den man liest. Die Figur ist unverwechselbar und hat charakterliche Tiefe. Sie trägt den ganzen Roman.
Gusto: Junkie, zeitweise Kronprinz des Paten, er führt den Leser in die Welt der Drogen ein. Die Sucht und die Verschiebung der eigenen Prioritäten, bis nur noch der nächste Schuss zählt und selbst Freunde zur Ware werden, wird aus der Gusto-Perspektive ausführlich dargestellt. Was mir an dieser Stelle fehlt, ist die emotionale Tiefe. Was Harry überreichlich hat, haben Gusto und Gero zu wenig, um den Leser mitfühlen zu lassen, was es heißt, süchtig zu sein. Insbesondere die Ebene des körperlichen und geistigen Verfalls und auf der anderen Seite die durch die Droge im Rausch erreichte extreme Sensitivität, die Explosion der Wahrnehmung - all dies kommt zu kurz. Leider, denn der Ich-Erzähler Gusto bietet formal ja gerade die Chance, mitzuerleben.
Gero:Sohn von Harry’s Liebe, Junkie, Gustos engster Freund, selbst verliebt in eine Drogensüchtige, bleibt zu blass
Ataman: Antagonist, Pate, der Mann, der die Fäden zieht, hat Originalität, kommt aber in der Story zu kurz
Tord Schultz: Kurier, Pilot, bietet sich als Kronzeuge an, kommt nur am Anfang vor
Truls Berntsen: rechte Hand des Chefs des Dezernats für Organisierte Kriminalität, arbeitet mit Ataman zusammen, um sich zu bereichern, Muskelmann, hat überraschend hohe Storyanteile
Mikael Bellman: Chefs des Dezernats für Organisierte Kriminalität, Aufsteiger, intelligenter aalglatter Manipulator, will Kriminaldirektor werden, kooperiert mit Ataman, interessante Figur
Isabelle Skojen: politische Aufsteigerin, ‚Cougar’, eine der stärkeren Figuren mit viel Originalität, spielt mit den Männern, kooperiert mit Ataman und Bellman
Die übrigen Figuren sind Nebendarsteller.
Wer die Serie kennt, ist mit einigen der Figuren bereits vertraut, so dass der Autor auf detailreiche Charakterisierungen verzichten kann.

Sprache/Duktus:
Skandinavisch schnörkellos. Etwas mehr Emotionalität hätte den Junkieszenen gut getan. In den Harry Hole – Szenen ist die Verbalisierung dagegen herausragend. Großes Kino - man sieht, riecht, fühlt und leidet mit.

Fazit:
Ich finde die Anlage des Romans für einen Thriller recht anspruchsvoll und interessant. Die formale Ausgestaltung lässt über die Spannungsdefizite auf den ersten 200 Seiten hinweg sehen. Zum Ende hin wird der Plot deutlich besser. Das Spiel mit Harry’s auswegloser Situation, seinem körperlichen Verfall und dem kleinen Funken Hoffnung am Horizont gelingt dem Autor hervorragend. Es gibt genügend Twists, um vom wahren Täter abzulenken, bis er sich im unausweichlichen Finale offenbart und Harry zu einer Alles-oder-Nichts – Entscheidung nötigt. Ich finde den Roman nicht ganz so stark wie seinen Vorgänger ‚Leopard’, aber er ist dennoch hochprofessionell und liegt über dem Durchschnitt der Konkurrenz. Der deutsche Titel ‚Larve’ ist dagegen genauso sinnfrei wie das hübsche Coverbild.

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60 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 8 Rezensionen

thriller, thrill, verhaltenspsychologe, parkinson, bath

Dein Wille geschehe

Michael Robotham
E-Buch Text: 593 Seiten
Erschienen bei Goldmann Verlag, 24.06.2009
ISBN B004OL2TYG
Genre: Sonstiges

Rezension:

Genre:
Psycho-Thriller.

Umfang:
Ca. 592 Seiten Seiten (TB).

Serie: Ja (um den Psychologie-Professor Joe O'Loughlin)

Inhalt:
Prof. Joe O'Loughlin wird von der Polizei gebeten, sie zu einer potenziellen Selbstmörderin zu begleiten, die nackt auf einer Brücke steht und allem Anschein nach die Absicht hat, in die Tiefe zu springen. Auf der Brücke angekommen, versucht O'Loughlin mit der Frau zu sprechen – vergeblich. Sie spricht mit jemandem über ihr Handy und springt. Während die Polizei den Fall als klassischen Selbstmord behandelt, sind die Umstände für O'Loughlin verdächtig. O'Loughlin spricht mit der Tochter der Selbstmörderin und bittet schließlich seinen Freund, den ehemaligen Detective Ruiz gemeinsam mit ihm die Umstände zu ermitteln. Erst als es ihnen gelingt, erste Indizien für eine Fremdeinwirkung beizubringen, ist die leitende Kriminalbeamtin bereit, sich in den Fall einzuschalten. Sie bittet O'Loughlin um Mithilfe. Als eine weitere junge Frau aus dem Bekanntenkreis des 1. Opfers unter ähnlichen Umständen ums Leben kommt, ist klar, dass ein Serientäter im Spiel ist, dem es gelingt, durch die Vorspiegelung einer Kindesentführung die Frauen per Handy in den Suizid zu treiben. Was zunächst unglaublich erscheint, bringt das Ermittlerteam schließlich auf die Spur eines ehemaligen Verhör- und Folterexperten des britischen Militärgeheimdienstes. Als O'Loughlin sich per TV an den Täter wendet, dreht dieser den Spieß um und entführt die Tochter des Psychologen. Diesmal allerdings tatsächlich. Diese Entwicklung bringt den unter Parkinson leidenden Professor an die Grenzen seiner Kräfte. Der Täter spielt mit den Ängsten seines Gegenspielers, um seine eigenen Ziele durchzusetzen.

Perspektive:
Die Wahl der Erzählperspektiven ist ausgesprochen ungewöhnlich: Der Autor verwendet den Ich-Erzähler, allerdings aus zwei verschiedenen Perspektiven, derjenigen des Protagonisten und jener des Antagonisten. Mögliche Verwirrungen des Lesers werden durch die Absetzung der Antagonisten-Textteile in kursiver Schrift vermieden. Der nicht ungefährliche technische Trick des Autors gelingt: der Leser fühlt sich in beiden Perspektiven zu Hause, was auch daran liegt, dass selbst der Antagonist aufgrund seiner persönlichen Lage empathiefähig ist – trotz seiner perfiden Grausamkeit. Für Autoren ist das Studium dieses Ansatzes am vorliegenden Beispiel durchaus lehrreich.

Erzählzeit:
Präsenz. Kombiniert mit der Ich-Perpektive erreicht der Autor hiermit ein Maximum an Unmittelbarkeit. Absolut gelungen.

Setting:
London. Das Kopfkino wird durch die gelungene Metaphorik (s. Sprache) gut bedient. Landschaft, Häuser und die klimatischen Verhältnisse korrrespondieren gut mit der Situation der Figuren.

Struktur und Spannungsbogen:
Alles steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit des auslösenden Ereignisses. Das ist der Knackpunkt, der diese Story entweder zur Lachnummer macht oder den Leser auf einen Trip durch seine größten psychischen Ängste und Schwachstellen schickt. Und das ist die Frage: Ist es realistisch, – dass ein völlig Fremder per Telefon eine selbstbewusste moderne Frau dazu bringt, nackt durch die Stadt zu laufen, sich selbst als Hure zu demütigen und sich anschließend auf grausamste Weise selbst zu töten? Und das alles, indem ihr vom Täter suggeriert wird, dass sie ihr Kind durch ihren ‚Freitod’ retten kann. Der Mutter wird dabei kein Beweis der Entführung vorgelegt, der Täter behauptet lediglich, dass das Kind in seiner Gewalt ist, indem er Details aus seinem Leben nennt, die er vorher in Erfahrung gebracht hat und die vermeintlich nur das Kind kennt. Eine Kontaktaufnahme mit dem Kind unterbindet der Täter. In anderen Worten: Wie weit kann man einen Menschen treiben, indem man seine größte kompromisslose (weil angeborene) Schwäche ausnutzt – die Mutterliebe und die damit einhergehende Opferbereitschaft?

Robotham geht sehr geschickt vor, indem er den Protagonisten und seine Frau ebenfalls mit zwei Töchtern ausstattet und en détail ihre Beziehung zu den Kindern ausleuchtet. Man merkt deutlich, dass der Autor selbst drei Töchter hat. Dazu kommt, dass der Protagonist als Psychologe entsprechende Hinweise gibt und der Background des Täters als Verhörexperte weitere Steine für das Fundament der Story liefert.

Für einen Mann ohne Kinder schrammt der Plot knapp an der Unglaubwürdigkeit vorbei. Für Leserinnen (also die Mehrheit) ist der Plot mit Sicherheit hochspannend und aufgrund der plastischen sexuellen Drohungen des Antagonisten bisweilen sicher auch belastend. Es ist definitiv keine Lektüre, die man seinen Töchtern vorlesen kann.

Der Plot ist over all sehr professionell gestrickt. Eine der wenigen Schwächen ist aus meiner Sicht, dass der Täter sehr früh identifiziert wird, wodurch die Story von einem Whodunit-Krimi zu einem reinen Thriller wird. Zumindest ein Alternativtäter (zB der Chef des Protagonisten) mit den entsprechenden Twists hätte zusätzliches Spannungspotenzial bereit gehalten. Auch das Motiv des Täters hätte man erst nahe der Klimax offenbaren müssen. Ich hätte sein Motiv auch stärker formuliert. Dass jemand, dem die Ex-Frau das Kind wegenommen hat, die früheren Freundinnen der Frau in den Tod treibt, obwohl sie mit dem Vorgang gar nichts zu tun haben, ist grenzwertig.

Die Klimax selbst ist dagegen sehr gelungen. Es ist eine Alles-oder-Nichts – Situation mit hohem zeitlichem Druck. Wie aus dem Lehrbuch.

Charaktere:
Prof. Joe O'Loughlin (Prot.): Die Figur ist außergewöhnlich tief und originell angelegt. O'Loughlin leidet wie ein Tier an seiner fortschreitenden Parkinson-Erkrankung. Er taumelt geradezu durch die Geschichte, physisch wie psychisch. Er hat Angst, seine Frau zu verlieren, die Karriere macht, seit er sich mit der Rolle des Hausmanns begnügen muss. Seine Frau wiederum neidet ihm die Nähe, die er zu seinen Töchtern aufgebaut hat. Dazu kommt die Belastung der Beziehung durch den Fall. O'Loughlin hatte seine Familie schon einmal durch eine Ermittlung in Gefahr gebracht und seine Frau setzt ihn unter Druck, den Fall abzugeben. Andererseits fühlt sich O'Loughlin schuldig, weil es ihnm nicht gelungen ist, die Frau vom Sprung in die Tiefe abzuhalten. Der Protagonist befindet sich also in einem starken persönlichen Konflikt.
Gideon Tyler (Antagon.): Auch Gideon ist ein Leidender. Er leidet unter dem Entzug von seiner Tochter. Seine kontrollsüchtige, krankhafte Persönlichkeitsstruktur und sein Frauenhass machen ihn in den Augen des Lesers zum Schuldigen. Dennoch ist auch diese Figur nicht eindimensional. Man ahnt, dass Gideon sich um sein Kund genauso sorgt wie die Frauen, die er in den Tod treibt. Seine Kriegserlebnisse scheinen einen erheblichen Anteil an seinem Verhalten zu haben. Dass die Armee versucht, den Fall zu vertuschen, lässt den wahren Schuldigen hervortreten. Die Figur enthält auch Ungereimtheiten. Dass jemand, der so an seiner Tochter hängt, ein anderes Mädchen entführt und ängstigt, ist schwer vorstellbar.
Veronica Cray: Die Ermittlungsleiterin. Eine Lesbe, die wie ein Feldherr ihre Truppen befehligt und die Joe O'Loughlin gegen den Willen ihres Old School – Chefs in die Ermittlung integriert.
Ruiz: Ein Ex-Cop, der optisch und von seinem Verhalten her mit einem Grizzly zu vergleichen ist. Harte Schale, aber ein herzensguter Kern. Seit er O'Loughlin in einem früheren Fall irrtümlich als Täter festsetzte, sind die beiden beste Freunde.

Die Hauptfiguren sind originell bis seltsam und trotzdem glaubwürdig, auch wenn sie nicht ganz frei von Klischees sind.

Sprache/Duktus:
Das sprachliche Niveau ist für das Genre überdurchschnittlich. Insbesondere die ausgefallenen Metaphern fallen ins Auge. Allein ihre hohe Frequenz ist ein Kritikpunkt. Das einzelne Bild verliert in der Menge an Kraft.

Die Dialoge sind eine weitere Stärke des Romans. Viele emotionale Feinheiten der Figuren erschließen sich im Gespräch und im Verhalten, ohne dass sie explizit (und platt) vom Autor benannt werden müssen.

Ein Kritikpunkt ist, dass der Autor eine durchgehend sehr kühle Sprache verwendet, die im Gegensatz zur aufgewühlten emotionalen Verfassung der Figuren steht. Der Gegensatz hat auch seinen Reiz, und ich bin kein Freund von der massenhaften Verwendung von Adjektiven und Adverbien, aber eine Idee mehr wäre vertretbar gewesen. Aber das ist Geschmackssache.

Zitate:
Rückblick-Szene: Der Protagonist hatte unwissentlich einen Urlaub für sich und seine schwangere Frau (Julienne) in einer Nudisten-Ferienanlage in Jamaika gebucht. Am Strand müssen sie sich ausziehen.

„Julienne hätte mich umbringen sollen. Stattdessen ist sie in Gelächter ausgebrochen. Sie hat so heftig gelacht, dass ich befürchtete, ihre Fruchtblase könne platzen und unser erstes Kind könnte von einem Jamaikaner namens ‚Tripod’ mit nichts außer Sonnenmilch auf der Haut auf die Welt gebracht werden ...“

Ein Bsp. für ein ausgefallenes und nachhaltiges Bild:
„An der Wäscheleine flattert ein vergessenes Handtuch wie eine Hand, die niemandem zuwinkt.“

Fazit:
‚Dein Wille geschehe’ ist ein harter und sprachlich überdurchschnittlicher Psychothriller mit originellen Figuren, der insbesondere für Leserinnen an die Grenzen geht. Ob der ausgefallene Plot in den Augen der LeserInnen als realistisch ‚durchgeht’, dürfte insbesondere von der persönlichen Lebenssituation abhängen. Wer Kinder, insbesondere Töchter, hat, lernt Grenzbereiche der psychischen Manipulation kennen, die mit Sicherheit Eindruck hinterlassen. Für viele Männer ohne Nachwuchs mögen die Handlungsweisen der weiblichen Opfer weniger nachvollziehbar sein. Schwächen hat das Buch im Bereich der Motivation des Antagonisten, die zu weit hergeholt ist. Ein paar zusätzliche Unwägbarkeiten und Twists hätten noch eingebaut werden können, um das Spannungspotenzial auf mehrere Säulen zu stellen.

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mexiko, drogenkrieg, drogen, mafia, gewalt

Tage der Toten

Don Winslow , Chris Hirte
Flexibler Einband: 689 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 16.04.2012
ISBN 9783518463406
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Genre:
Politthriller (im weitesten Sinne).

Umfang:
Ca. 689 Seiten (TB).

Serie:
Nein.

Inhalt:
Der Drogenfahnder Art Keller kämpft im Auftrag der USA gegen die Drogenkartelle in Mexiko. Als es ihm gelingt, einen der alten Paten auszuschalten, ebnet er damit unwissentlich seinem ehemaligen Verbündeten, dem Leiter des mexikanischen Geheimdienstes und seinen Neffen den Weg, ein noch mächtigeres Drogensyndikat ins Leben zu rufen. Nicht nur die Paten und der von ihnen bestochene mexikanische Polizeiapparat erweisen sich als nahezu unüberwindliche Gegner, auch die eigene Regierung macht mit den Kartellen gemeinsame Sache, um sich ihrer Unterstützung im Kampf gegen kommunistische Strömungen in Südamerika zu versichern. Unterstützung erhält Keller schließlich von unerwarteter Seite und erstmals scheinen die Kartelle ins Wanken zu geraten.

Perspektive:
Personale Perspektiven unterschiedlicher Figuren sowie längere auktoriale Passagen. Die kaum abgesetzten Perspektivwechsel irritieren zeitweise. Darüber hinaus gewinnt der Leser hierdurch einen Abstand zu den Figuren, der das emtotionale Miterleben aus der Story heraus schwer macht. Andererseits passt dieses Stilmittel zum dokumentarischen Charakter des Romans.

Erzählzeit:
Präsenz mit zahlreichen im Präteritum geschilderten Rückblenden.

Setting:
Grenzgebiet von Mexiko zur USA, Kalifornien (insb. San Diego), New York, Kolumbien.

Struktur und Spannungsbogen:
Winslow schildert den Drogenkrieg der USA und Mexiko anhand der Karrieren einiger Beteiligter auf unterschiedlichen Seiten, die sich im Laufe der Geschichte vermischen und neu miteinander oder gegeneinander positionieren. Winslow deckt dabei einen Zeitraum von etwa 30 Jahren ab. Der Prolog greift in das Jahr 1997 vor und schildert ein besonders brutales Ereignis, das Art Keller indirekt mit seinen nicht immer sauberen Mitteln verursacht hat. Die eigentliche Geschichte startet dann im Jahre 1975 und schildert den Aufstieg und Fall der Akteure in mehreren im Verlauf immer mehr verflochtenen Sub-Stories bis zum finalen Showdown im Jahr 1999. Der Epilog beleuchtet Art Kellers Schicksal einige Jahre (2004) nach der Klimax.

Die Anlage des Romans ist in ihrer Komplexität vergleichbar mit Mario Puzos Mafia-Epos ‚Der Pate’, der Fokus von Don Winslow ist jedoch vollkommen unterschiedlich. Es geht ihm nicht um den Aufstieg und Fall einer Dynastie von Drogenbaronen, sondern um die nahezu dokumentarische Aufzeichnung der Interaktion der zahlreichen Stakeholder im Drogenkrieg und ihre im Zeitablauf wechselnden Ziele und Bündnisse. Wer sich ein wenig mit der Materie auskennt, wird eine ganze Reihe tatsächlicher Vorfälle und Anleihen bei realen Personen der Zeitgeschichte finden. Insofern – auch wenn Winslow nicht explizit darauf hinweist – hat der Roman True Crime – Qualitäten und der fast journalistische Sprachstil passt ideal zu diesem (ungenannten) Anspruch. Spannung ergibt sich deshalb weniger aus den Einzelschicksalen und der Sorge des Lesers um ‚die Guten’, stattdessen sind die Verwicklungen der verschiedenen Interessengruppen im Drogenkrieg hochspannend und man hat jederzeit das Gefühl, eben nicht einen Fall von Fiktion vor sich zu haben, sondern reale Geschichte – also True Crime, mit einer starken Überschneidung von Kriminalität, Polizeiarbeit und Politik und den tatsächlich Leidtragenden, der Zivilbevölkerung, die immer den Kürzeren zieht, ganz unabhängig davon, wer gerade an der Macht ist.

Winslow wählt für sein Epos einen cleveren Ansatz, indem er seinen Figuren Zeit gibt, mit der Story zu wachsen. Wir haben nicht einen Paten auf dem Höhepunkt seiner Macht vor uns, dem sich ein Held entgegenstellt, sondern wir beobachten sehr detailgetreu, wie sich die Akteure mal geplant, mal zufällig von kleinsten Anfängen entwickeln, aufeinandertreffen, trennen und in neuen Paarungen wiederfinden. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen sich zunehmend, selbst der Protagonist greift schließlich, nachdem sein Kollege gefoltert und getötet wurde, zu Mitteln, die sich jenen seiner Gegner annähern.

‚Tage der Toten’ ist ein ungeheuer realistischer, exzellent recherchierter und drastisch-brutaler Roman, der vor allem deswegen so bedrohlich wirkt, weil wir wissen, oder zumindest ahnen, dass sich die tasächlichen Ereignisse tagtäglich genauso abspielen. Die in jedem US-Wahlkampf wiederkäuten Glaubensbekenntnisse der Politik gegen den Drogenhandel werden im Verlauf des Romans durch immer wieder eingestreute Informationen erodiert, bis sie letztendlich zusammenbrechen und jegliche moralische Rechtfertigung des Kampfes gegen die Dropgen wie Gips zerbröckelt. Die Zielsetzungen der Politiker und Drogenbarone erweisen sich als weitaus kompatibler, als die Ziele der Politik und der sie legitimierenden Bevölkerung (beiderseits der Grenze).

Der Roman lässt den Leser insofern ratlos und neo noir zurück. Jeder verliert und abgesehen von zahllosen Toten wäre das Ergebnis genauso, wenn man sich die dreißig Jahre Drogenkrieg gespart hätte. Es gäbe genauso viele Drogentote in den USA, die Gangs würden sich in Mexiko gegenseitig genauso abschlachten, und die Bevölkerung, insbesondere die Campesinos, würden genauso ausgebeutet werden. Nun gut – die Preise für Drogen wären geringer, wodurch die Einnahmen der Drogenbarone sinken würden (gleiche Absatzmengen vorausgesetzt). Ist Nichtstun – der Albtraum jedes selbstinzenierungverliebten Politikers - die bessere Option? Winslow gibt dem Leser keine eindeutige Antwort, aber das ist auch nicht seine Aufgabe als Romancier. Er gibt uns eine neue Perspektive auf die Realität und das gelingt ihm in vorzüglicher Weise.

Charaktere:
Der Roman enthält eine Vielzahl von Figuren, die annähernd gleichberechtigt nebeneinander stehen. Jede Figur rsp. Figurengruppe steht für einen Stakeholder im Drogenkonflikt. Der Vorteil dieser Methode ist offensichtlich: der Autor ist in der Lage, ein sehr komplexes Beziehungsgeflecht abzubilden, das das Kernthema über eine Periode von immerhin 30 Jahren abbildet. Die wichtigsten Figuren werden von ihren Anfängen im Drogen-Business bis zum Höhepunkt ihrer Macht und dem anschließenden Machtverfall begleitet. Über die Beziehungen zu den Nebenfiguren und der Intergation der Figuren in reale historische Bezüge entsteht ein nahezu komplettes und für den Leser nachvollziehbares Bild. Fans von knorrigen Ermittlern à la Wallander wird der Roman dennoch irritieren. Die Komplexität des Figurenkabinetts und auch die sprachlichen Mittel verhindern, dass man mit einem der Akteure wirklich warm wird. Es geht dem Autor eindeutig mehr um ein möglichst getreues Abbild der tatsächlichen Verhältnisse, als um das persönliche Miterleben der tragischen Entwicklungen einzelner Figuren durch den Leser. Auch das Empathiepotenzial der positiv beginnenden Charaktere (zB des Protagonisten) ist begrenzt, da negativ besetzte persönliche Entwicklungen zu einem Wertewandel führen. Private Rachemotive durchsetzen im Plotverlauf selbst die scheinbar unschuldigen Figuren. Die Identifikation mit den Charakteren wird zudem durch die ständig wechselnden Perspektiven erschwert. Insbesondere die auktorialen Passagen haben einen fast journalistischen Charakter. ‚Tage der Toten’ ist im Grunde genommen eine True Crime – Doku im Gewand eines fiktionalen Romans.

Die wichtigsten Figuren und ihre Zuordnung:

Art Keller: Protagonist, DEA – Ermittler, lebt von Frau und Kind getrennt, Typ einsamer Wolf mit anfangs hehren Zielen, die zunehmend von Rachemotiven verwässert werden, als sein Freund und Kollege Ernie ermordet wird; er hat Mitleid mit den einfachen Menschen und eckt mit seinen non-konformen Ansichten regelmäßig bei seinen Chefs an; Keller hat etwas von einem ‚Sozialarbeiter’, allerdings einem, der nicht vor Gewalt zurückschreckt.

Miguel Ángel Barrera: Antagonist, Gründer und Lenker des Drogen-Kartells, Ex-Geheimdienstler (mex. DFS), politisch vernetzt, besticht Polizei und Politiker gleichermaßen, Habitus Gentleman-like, arbeitet zu Anfang mit Art Keller zusammen, später erbitterte Feinde, Macho, steht auf (sehr) junge Mädchen, die Frauen sind seine Schwachstelle
Adán Barrera: Neffe von Miguel, löst seinen Onkel als Pate ab, als dieser Crack-süchtig wird, intelligent, Teil der High Society, Familienmensch mit behinderter Tochter, versucht Brutalität zu vermeiden, was ihm immer weniger gelingt; er ist der Prostituierten Nora verfallen und macht sich dadurch angreifbar; kooperiert mit den kolumbianischen Kokain-Kartellen, später auch mit der FARC, Opportunist, die Liebe zu Nora und zu seiner behinderten Tochter sind seine Schwachstellen
Raúl Barrera: Adáns Bruder, brutaler Vollstrecker, die rechte Hand von Àdan

Callan: junger Killer irischer Abstammung, der für einen italienischen Mafioso arbeitet; durch die Kooperation der Mafia mit der CIA arbeitet er später auch als unabhängiger Contract-Killer für die Amerikaner in verschiedenen Krisenregionen und für die mex. Kartelle; er ist eigentlich ein netter Kerl, der in seine Killer-Karriere hineingerutscht ist und versucht, den Absprung zu finden; er verliebt sich in Nora und versucht sie zu schützen
Nora: Edel-Prostituierte, die viele Gangster als Kunden hatte; sie hat eine soziale Ader und ist eine enge Freundin von Erzbischof Juan Parada, nach seiner Ermordung lässt sie sich aus Rache von Art Keller einspannen, um den Barrera Clan zur Strecke zu bringen, Ádan Barrera ist ihr verfallen, sie verliebt sich stattdessen in Canaan, gemeinsam versuchen die beiden vor den Häschern des Kartells zu fliehen

Sal Scachi: CIA-Mann, der eng mit der Mafia und den mexikanischen Kartellen kooperiert, wenn es ‚der Sache’ dient, unterstützt rechte Milizen und Todesschwadronen u. a. in Mexiko, Kolumbien, El Salvador und Nicaragua, Opus Dei - Mitglied, Malteserritter, Vollstrecker von John Hobbs
John Hobbs: CIA, Chef von Scachi, Verbindungsmann zur US-Politik, Kommunistenjäger, nutzt die Drogenkartelle, um rechte Gruppierungen und Terrororganisationen verdeckt zu finanzieren; im Gegenzug schützt er die Kartelle vor behördlichen Nachstellungen

Erzbischof Juan Parada: sozial engagierter Kirchenmann, der die Machenschaften von Politik und Drogenbossen durchschaut; er lässt sich nicht korrumpieren und legt sich mit den Gangstern und seinen kirchlichen Vorgesetzten an, denen Antikommunismus wichtiger ist, als der Schutz der Bevölkerung vor den Banden; die Hure Nora ist seine engste Vertraute; Parada wird vom Kartell ermordet

Sprache/Duktus:
Winslows Erzählstil ist journalistisch geradlinig ohne jeglichen Emotionsbarock. Adjektive und Adverbien werden sparsam eingesetzt. Die Verwendung des Präsenz setzt zudem auf Unmittelbarkeit. Der Satzbau ist genauso hart wie die geschilderten Inhalte. In der deutschen Thrillerlandschaft lassen sich nur wenige sprachlich vergleichbare Texte aus der ‚Hard boiled’ oder ‚Pulp fiction’ – Fraktion finden. US-affine Leser können mit James Ellroy auf einen Großmeister dieses Stils zurückgreifen. Auch inhaltlich finden sich viele Gemeinsamkeiten mit Ellroy (Polizeikorruption, politische Einbettung, True Crime – Ansatz). Dass Ellroy zu den größten Bewunderern Winslows gehört, ist sicher kein Zufall. Ein jüngerer Autor mit einem ähnlichen Sprachstil ist James Frey, dessen Roman ‚Strahlend schöner Morgen’ das angespannte Verhältnis von US-Amerikanern und Mexikanern von einer anderen Perspektive (Einwanderer) angeht, ohne allerdings das gleiche Genre wie Winslow zu bedienen.

Winslows ist (ebenfalls ähnlich wie Ellroy) ein Liebling der Kritiker, weil er das wenig anerkannte Genre der Kriminalliteratur sprachlich und inhaltlich auf eine andere Ebene hebt. Gleichzeitig geht mit Winslows Stil ein Effekt einher, den traditionelle Krimileser nicht schätzen werden: er abstrahiert und distanziert den Leser vom Inhalt. Obwohl viele Passagen ungeheuer brutal sind, bleibt das Mitleiden und Mitängstigen, anders ausgedrückt der persönliche Grusel aus, der für die meisten Krimileser das zentrale Kriterium darstellt. Man beobachtet die Figuren, man lernt auch viel über die (tatsächlichen) Zusammenhänge und Verhältnisse im Drogenkrieg, aber man ist als Leser kein Teil der Story. Hier unterscheidet sich Winslow beispielsweise von Puzzo, dessen Mafia Epos ‚Der Pate’, mit dem ‚Tage der Toten’ zuweilen verglichen wird, zentraler um eine Figur arrondiert wurde, in die man als Leser leichter hineinfindet.

Fazit:
‚Tage der Toten’ spielt ohne Frage in der obersten Liga der Thrillerliteratur, wenn man den Text überhaupt diesem Genre zuordnen möchte. Es ist mE eher kriminelle Zeitgeschichte in Romanform. Die sprachliche Nüchternheit korrespondiert perfekt mit dem Anspruch, in die tatsächlichen kriminellen, politischen und sozialen Abgründe des Drogenkrieges einzutauchen.

Für wen ist der Roman geeignet? Wer sich schon immer gefragt hat, warum die USA Drogenkartelle gleichzeitig fördern und bekämpfen und welche Folgen das verwirrende Zusammenspiel von Politik, Geheimdiensten, Militär, Kartellen, Polizei und Kirche (!) in Mexiko hat, der wird ‚Tage der Toten’ nicht mehr aus der Hand legen.

Viele Fans von traditionellen Serienkiller-Thrillern werden den Roman dagegen als zu trocken und unpersönlich empfinden.

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thriller

The Shadow Hunter

Michael Prescott
E-Buch Text: 385 Seiten
Erschienen bei Thomas & Mercer, 11.09.2012
ISBN 9781611095463
Genre: Sonstiges

Rezension:

Genre:
Thriller.

Umfang:
Ca. 385 (TB, Print).

Serie:
Ja (Abby Sinclair).

Inhalt:
Die als freiberufliche Risiko-Analystin für eine Sicherheitsfirma in LA arbeitende Abby Sinclair ahnt nicht, dass sie in ein Wespennest sticht, als sie den Fall einer TV-Sprecherin übernimmt, die von einem Mann belästigt wird. Abby gelingt es, das Vertrauen des Stalkers zu erwerben und schnell wird ihr klar, dass der Mann den Tod seiner Angebeteten plant, weil er sich von ihr hintergangen fühlt. Als Abbys Tarnung auffliegt, eskaliert die Situation und sie gerät selbst in das Fadenkreuz des Psychopathen und seines nicht minder gefährlichen Partners.

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven der wichtigsten Figuren. Insbesondere der Protagonistin und dem Stalker als ersten Antagonisten wird hierbei viel Raum gegeben. Oft kombiniert Prescott die Perspektivwechsel geschickt mit Cliff Hangern, die den Leser ‚bei der Stange halten’. Die Häufigkeit der Perspektivwechsel korrepondiert mit der Spannungsentwicklung. Je mehr Action im Plot stattfindet, desto häufiger wechseln die Perspektiven, so dass in diesen Passagen auch formal eine hohe Geschwindigkeitswahrnehmung beim Leser erzeugt wird.

Der Nachteil vieler Erzählender kommt allerdings auch in dieser Story zum Tragen. Die Identifikation mit der Hauptfigur ist geringer, als bei einer singulären Sichtweise. Bei einem schnellen Thriller kann man dieses Manko jedoch tolerieren.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Los Angeles, insbesondere Malibu und Hollywood (der Stadtteil Hollywood hört sich toll an, er ist aber ein kriminelles Pflaster und hat nichts mit Beverly Hills zu tun). Der Gegensatz zwischen dem Überfluss der Stalkingopfer und dem gesellschaftlichen Abseits, in dem sich die meisten Star-Stalker selbst befinden, wird stark vereinfacht, aber bildlich trotzdem gut umgesetzt. Dass auch die Fassade des Life Styles der Stars ihre Risse hat, ist ein Umstand, mit dem der Autor geschickt spielt. Wer sich in Malibu auskennt, wird übrigens feststellen, dass Prescott ‚sein Revier’ sehr genau recherchiert hat. Das bewachte Reichenghetto in Malibu, das Prescott schildert ,ist die sog. ‚Malibu Colony’, in der sich Tom Hanks und Leo di Caprio vor ihren mehr oder weniger hartnäckigen Fans verstecken. (Prescott hat den Ort, der mich trotz Hauspreisen um die 10 Mio $ immer an eine Schrebergartenkolonie erinnert, allerdings umbenannt. Vermutlich aus juristischen Gründen.)
Zu den authentischen Locations kommen in den Actionszenen Settings, die per se bildlich bedrohlich wirken (leerstehendes Hochhaus, dunkler Waschkeller, das Sumpfgebiet der Malibu Lagoon) Das Kopfkino wird durch die Settings gut bedient.

Struktur und Spannungsbogen:
‚The Shadow Hunter’ ist ein hochspannender Thriller, der ein Phänomen, das nahezu jeden Star in LA (auch die männlichen) betrifft, geschickt nutzt, um ein Bedrohungsszenario zu entwerfen. In Kalifornien ist Star-Stalking so verbreitet, dass hierfür eigene Gesetze verabschiedet werden mussten, um das Problem zumindest rechtlich in den Griff zu bekommen. Auch wenn das Ausgangsszenario in Deutschland nicht gleichermaßen relevant und bekannt ist, dürften insbesondere Leserinnen die Bedrohung leicht nachvollziehen können.

Dadurch, dass Prescott bereits im Prolog einen Fall aufgreift, bei dem Abby aus ihrer Sicht gescheitert ist (mit der Konsequenz eines getöteten Mandanten) wird dem Thema Stalking sogleich ein thrillerwürdiges Bedrohungspotenzial an die Hand gegeben.

Auch wenn der Stalker von Anfang an bekannt ist, nutzt Prescott zahlreiche Twists, um den Leser zu verwirren und neue Figuren ins Spiel zu bringen.

Das Manko: an einigen Stellen wirkt ‚The Shadow Hunter’ zu schnell gestrickt; m. a. W. die Handlungen entwickeln sich nicht immer aus einer ausreichenden Motivation der Figuren heraus. Krimifreunde werden den ein oder anderen Logikbruch bemerken, aber man kann, wenn man sich auf diese Art des Buches (s. u.) einlässt, darüber hinwegsehen. Auf die Bsp., die mir aufgefallen sind, muss ich ausnahmsweise verzichten, da man sich die Lektüre von ‚The Shadow Hunter’ danach sparen könnte.

Hauptcharaktere:
Abby Sinclair: Protagonistin, Privatermittlerin (Risiko Assessment), Einzelgängerin, wehrhaft, bisweilen ruppig, kämpft seit dem Tod eines Mandanten mit Schuldgefühlen, verbeisst sich in den Fall und geht viele Risiken ein, um ihre Schuld abzutragen, hohes Empathiepotenzial (Mut, Ehrlichkeit, sympathische Schwächen)
Raymond Hickle: 1. Antagonist, Psychopath, gewalttätig, impulsiv, soziophobes Verhalten, fixiert sein Leben auf seinen Star, naiv, für mich die beste Figur, da ambivalent: obwohl sein Verhalten verachtenswert ist, wünscht man ihm eine Liebe, die ihn rettet; als Abby sich mit ihm anfreundet, verändert sich sein Verhalten zum Positiven – durch ihren Verrat (aus seiner Sicht) stürzt er nur noch tiefer (angedeuter doppelter Wertewandel: -+-)
Kris Barwood: Opfer, Nachrichtensprecherin, schön, fühlt sich mit 40 dennoch zu alt, wird von ihrem Mann betrogen, was sie ahnt, relativ flacher Charakter
Howard: ihr Mann, reich, Schürzenjäger, willensschwach
Travis: Abby’s Chef, Besitzer eines Sicherheitsunternehmens mit Starkundschaft, zugleich Abby’s Liebhaber, beide schätzen ihre Unabhängigkeit; er bekommt zum Ende der Story Bedeutung, dennoch flacher Charakter
Wyatt: Polizist, mit Abby befreundet, er liebt sie, ohne ihr seine Zuneigung zu gestehen; wird zum Ende der Story wichtiger, ansonsten flach

Durch die diversen Beziehungskonstellationen der Story zieht sich ein Leitmotiv: unerwiderte Liebe. Und diese Schwäche ist es auch, die die Figuren empathisch macht, weil wir uns mit ihnen identifizieren können. Selbst das an sich verachtenswerte Verhalten des Antagonisten bekommt durch das Leitmotiv eine Form von Nachvollziehbarkeit. Man merkt, dass auch er leidet und an etwas krankt, was für ihn schicksalsgebend ist. Der/das reine Böse ist für einen Thriller unbrauchbar. Der Leser muss zumindest die Chance haben, ein klein wenig Antagonist spielen zu können, um die Konflikte zwischen und innerhalb (das sind die wichtigeren) der Figuren erspüren zu können. Ohne Konflikt – keine Spannung, nur Action.

Ich will jedoch keine falschen Erwartungen erzeugen: ‚The Shadow Hunter’ ist ein schneller Thriller – kein Entwicklungsroman, der der Entfaltung seiner Figuren den nötigen Raum gibt, und in dem selbst die Nebenfiguren einen Wertewandel durchlaufen. Abgesehen von Abby und Hicks sind alle relativ Figuren flach. Keine einzige macht einen echten Wertewandel durch.

Sprache/Duktus: (nur in Bezug auf das amerikanische Original)
Die Sprache ist in ihrer Struktur einfach, jedoch hochprofessionell und sie korrespondiert gut mit der inhaltlichen Entwicklung des Textes. Ausgefallene Metaphern und eine Virtuosität im Hinblick auf die Verbalisierung und den Satzbau wird man jedoch vergeblich suchen. Die Anstöße für das Kopfkino entstehen aus der Handlung, nicht aus dem Spiel mit der Sprache.

Fazit:
Wer einen spannenden Pageturner für den Urlaub oder das abendliche Abschalten sucht, während der Partner sich an DSDirgendwas vergeudet, der wird mit ‚The Shadow Hunter’ ideal bedient. Wer sprachlich und inhaltlich mehr erwartet, gar intellektuelle Lerneffekte zeitigen möchte, der findet, sofern er dem Genre überhaupt treu bleiben möchte, angemessenere Lektüre (z. B. Ellroy für die Anglophilen oder Izzo für die Frankophilen).

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