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klassiker, paris, schule, lissabon, täuschung

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Thomas Mann , Monica Bussmann , Heinrich Detering , Thomas Sprecher
Fester Einband: 452 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 23.08.2012
ISBN 9783100483430
Genre: Klassiker

Rezension:

Thomas Manns Wende zum Glück
Fast jedes Jahr im Herbst geschieht ein kleines Wunder in der Bücherwelt. Feuilletons der grossen Zeitungen holen tief Atem, lassen die Bestseller links liegen und präsentieren in gedämpften Superlativen ihrem Lesepublikum ein Buchzwillingspaar in einem eleganten, schwarz lackierten Schuber. Gefeiert wird dann der neuesten Textband der GKFA, flankiert von einem Kommentarband – zwei leinengebundene, fadengeheftete Bücher mit feinseidenen Lesebändchen. Seit 2001 ist die Grosse Kommentierte Frankfurter Ausgabe von Thomas Manns Werken im Durchschnitt jährlich um einen Zwilling angewachsen. Auch mit dem Band „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ samt Kommentar hat der S. Fischer Verlag wieder ein verlegerisches Prachtstück vorgelegt, das die Feuilletonredaktionen jubeln lässt: Es gibt also doch noch richtig gute altmodische Bücher!

Während der Schuber noch im Postauto hierher unterwegs ist, versuche ich zu erraten, wie die Herausgeber die schillernde Krull-Figur in den Griff bekommen. Da ist zunächst der junge Felix, aus „liederlichem Hause“ zwar, aber doch schon ein hübscher Kostümkopf, dessen kleine Diebereien verzeihlich sind, weil er ein Sonntagskind und Günstling des Lebens ist, auf den rohe Bezeichnungen wie „Dieb“ gar nicht anwendbar sind. Klingt das nicht nach einem Schelmenroman oder nach der unmoralischen Chronik eines Künstlers als Charlatan? Beweist die berühmte Musterungsszene Felix’ Talent zur Täuschung oder ist sie eine Kritik des dummen Militärwesens? Da Felix alsbald zum (falschen) Marquis de Venosta avanciert und sogar einen Orden gewinnt, ist der Roman deshalb eine Parodie des deutschen Bildungsromans und eine burleske Nachahmung des Goetheschen „Wilhelm Meister“, gar eine Karikatur von „Dichtung und Wahrheit“? Reisen bildet, nach Paris ist Lissabon die nächste Station. Im Zug dorthin erhält Felix eine Schopenhauerische Privatlektion von Professor Kuckuck, der mit seinen Sternenaugen tief in die Geheimnisse von Seele und Sein blicken kann. Zur Bildung gehört neben der Naturphilosophie aber auch eine sorgfältige Erziehung im Fach Erotik, die Felix sozusagen von der Pieke auf lernt: seine erste Lehrerin ist das vollbusige Zimmermädchen Genovefa im elterlichen Haus. Auf diese Elementarschule folgen höhere Studien in der fortgeschrittenen ars amandi unter der Leitung der erfahrenen Rozsa, die kühn ist und „hochbeinig nach Art eines Füllens“. Als Felix der gurrenden Schriftstellerin Madame Houpflé durch sein fachmännisches Können (und seine knabenhaften Hermes-Beine) eine grosse Freude macht, aber die inständige Werbung Lord Kilmarnocks in einer ergreifenden Szenen ausschlägt, da hat der gerade Zwanzigjähriger längst in eroticis graduiert. Also ein erotischer Roman, in dem sich der fast achtzigjährige Thomas Mann gleichzeitig in der Poetin Houpflé, dem schottischen Lord und dem liebeskundigen Felix Krull verjüngt widerspiegelt? Damit letztlich eine verklausulierte Psycho-biographie Thomas Manns, die Summa seines Lebens im Gewand höherer Heiterkeit? Verwegener ist der Gedanke, dass Felix ein bewusst komödiantischer Gegenentwurf zum tragischen Doktor Faustus ist, der nicht lieben durfte und sich seine Genialität vom Teufel erkaufte um den Preis seiner Seele, während Felix ganz ohne Gott und Teufel auskommt und beseelt wird von „einem grossen Lebens- und Liebesdrang“.

Nun sind die Bücher endlich da, der beleibte Kommentar doppelt so dick wie der Textband und fünfmal so schwer wie mein Taschenbuch aus dem Jahr 1965 mit dem Klappentext von Heinz Winfried Sabais: „Ein kunstvolles Rankenwerk von kaustischem Witz und feiner Skurrilität, von derber Komik und volltönendem Humor.“

Als der Roman 1954 erschien, wurde er mit enthusiastischem Applaus empfangen, von den Grössen der Zunft (Sieburg, Luft, Rychner, Haas, Lukács) genauso begeistert gepriesen wie von den Redakteuren Hinz und Kunz der lokalen Zeitungen. Es war, als hätte Thomas Mann unverhofft einem Publikum, das zwischen Vergangenheitsbewältigung und Wirtschaftswunder ein etwas spiessiges Leben führte, ein wunderbar glänzendes, dazu kulturell so bedeutendes Geschenk gemacht. Die Herausgeber Thomas Sprecher und Monica Bussmann (unter Mitarbeit von Eckhard Heftrich) dokumentieren aber auch sehr ausführlich, dass dieses heiteres Rankenwerk aus feinen Scherzen und geistreichem Amüsement nur einen Teil der Leserreaktionen beschrieb. Kritischere Besprechungen warnten, dass das „ironisch-geistreich-parodistische Spiel“ des Protagonisten Felix nicht die Grundlage einer christlich-moralen Existenz sein könne, dass hier vielmehr Nihilismus und Gottlosigkeit gepredigt werden. Mancher fand den Stoff leer, eigentlich ein „Nichts“ (Joachim Kaiser), wenngleich liebenswert und erholsam. Auch der Mann-Kenner T. J. Reed hielt die Bekenntnisse letztlich für leichtgewichtig. Erst viel später, 1982, hat Hans Wysling in „Narzismus und illusionäre Existenzform“ Felix Krulls Bekenntnisse auf fast 600 Seiten zu einem literarischen Schwergewicht erklärt, in dem sich Mythologie, Philosophie, Autobiographie und vielsagende Spuren des Gesamtwerkes Thomas Manns aufweisen lassen.

Zwischen der „Entstehungsgeschichte“, mit der jeder Kommentarband der GKFA beginnt, und den herrlich altmodisch so genannten Paralipomena, sowie den Notizen und Materialien, die sich auf dem langen Schreib-Wege angesammelt haben, steht das Herzstück der Edition, ein akribisch recherchierter, philologisch fundierter textkritischer Apparat: der Stellenkommentar. Hier werden nicht nur sprachliche und inhaltliche „Stellen“ vertieft und erläutert, sondern man lernt auch Neues. Zum Beispiel, dass Felix sich in früheren Text-Fassungen nicht nur der besinnungslosen Vernarrtheit des jungen Fräuleins Twentyman erwehren musste, sondern auch der Annäherungen ihrer ebenfalls betörten Eltern Mrs. und Mr. Twentyman! Es ist Erika Manns Redaktion zu verdanken, dass eine derartig verzwickte Situation der letzten Romanseite als fulminanter Höhepunkt vorbehalten blieb, und zwar mit unendlich attraktiveren Teilnehmern: der süssen Zouzou und ihrer schönen Mutter Maria Pia Kuckuck.

Alle Herausgeber der GKFA-Bände vollführen einen delikaten Balance-Akt auf dem Grad zwischen Information und Interpretation, vor allem in den Kapiteln „Entstehungsgeschichte“ und „Rezeptionsgeschichte“. Da sie „Essays“ sein sollen und deshalb eine persönliche Auseinandersetzungen der Autoren mit einem Thema nicht ausschliessen und einen weiten methodischen Spielraum erlauben, in dem Gedankenexperimente stattfinden dürfen, fallen sie je nach Autorengeschmack und Temperament unterschiedlich aus. Hermann Kurzke zum Beispiel hielt sich mit seiner Neu-Interpretation der „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (und polemischen Grüssen an Andersdenkende) von Anfang an nicht zurück. Dagegen wahren die Kommentatoren hier ihre Neutralität, besonders in der „Rezeptionsgeschichte“: sie ist prall gefüllt mit Zitaten, alle gleichberechtigt nebeneinander – eine Aufzählung, die vollständig aber (leider?) nie kontrovers sein will. An einer Stelle wagen sich die Herausgeber aber doch etwas hervor. Der kulturpolitischen Hintergrund für die Krull-Rezeption in der Adenauer-Ära wird in sympathischer Offenheit „miefig, muffig, spiessig, freudlos und prüde“ genannt und man freut sich schon auf weiteres Feuerwerk. Aber dann verstecken sich die Autoren doch lieber vorsichtig hinter einem Zitat aus einem Buch von Doering-Manteuffel.

Besonders gut gelungen sind die kurzen Leitfäden, die im Stellenkommentar den drei sog. „Bücher“ der Bekenntnisse vorangestellt sind. Ganz ausgezeichnet zum Beispiel die Skizze „Kosmischer Schein“ über Professor Kuckucks Allsympathie und, merkwürdig verwandt mit diesem erotischen Verhältnis zum Kosmos, der Abschnitt „Glück“, ein Schlüsselbegriff, der für Thomas Mann am Ende seines Lebens den Abschied von Schopenhauers Todesmetaphysik bezeichnete und sein tiefes Einverständnis mit „Goethes erotischem Verhältnis zum Leben“ signalisierte. In dieser autor-biographischen Wende liegt für mich das Schwergewicht der „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“.

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Tags: autobiographisch, humor, klassiker, kommentarband, schelmenroman   (5)
 

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doktor faustus, nationalsozialismus, thomas mann, geschichte, musik

Seelenzauber

Hans R. Vaget
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 09.12.2011
ISBN 9783596170852
Genre: Sachbücher

Rezension:

Seelenzauber mit finsteren Konsequenzen

Dieses subtile, gelehrte, aber auch temperamentvolle Buch mit seinem schönen romantischen Titel hätte eigentlich „Seelenzauber mit finsteren Konsequenzen“ heissen müssen, und ein sperriger Untertitel wie „Der Nexus von Musik und Politik bei Thomas Mann“ hätte den Leser gewarnt, dass es hier nicht um Thomas Manns Lieblingsmusik geht, etwa Wagners „Tristan“ oder Schuberts „Lindenbaum“, sondern um die Aufhellung des dunkelsten Kapitels in der deutschen Geschichte, in der der Seelenzauber guter Musik böse Politik „ermöglicht und begünstigt“ hat. Dabei darf sich ein bloss „kulinarischer Leser“ zunächst auf äusserst anregende Kapitel freuen: Thomas Manns Begegnung mit Opern und Kunstliedern; Einfluss von Wagners „Ring“ auf die Architektur der „Buddenbrooks“; Thomas Manns überaus kritische Haltung zum Mitläufer Furtwängler; ein bewegendes Porträt Bruno Walters, der ein seltener Duz-Freund und der wichtigste musikalische Mentor Thomas Manns war, bevor Theodor Adorno der „wirkliche Geheime Rat“ für die Musikpassagen im „Doktor Faustus“ wurde. Spannend wird beschrieben, wie sich dieses Beraterverhältnis erwärmt, aber doch immer die Distanz wahrt, wobei im Hintergrund Adornos Kritik an Wagner und Schönbergs Abneigung gegen Adorno für Dissonanzen sorgen. Kakophonien werden laut auch im dritten Teil des Buches. Unter der Überschrift „Wehvolles Erbe, dem ich verfallen“ (Amfortas Worte aus dem Parsifal) geht es um die zwiespältige Haltung Thomas Manns zu Bayreuth und um seinen für „die stehengebliebene Wagnerei“ skandalösen Aufsatz „Leiden und Grösse Richard Wagners“ von 1933. Der darauf folgende Protest des Münchner Musik-Establishments um Knappertsbusch, Richard Strauss und Pfitzner veranlasste Thomas Mann, nach einer Vortragsreise nicht wieder nach Deutschland zurückzukehren. Sein Exil und die zwölf Jahre des tausendjährigen Reichs hatten begonnen.

Die Verknüpfung von Thomas Mann individuellem Geschick mit dem Schicksal Deutschlands seit 1933 wird in dem Roman „Doktor Faustus“ zum Zentralthema gemacht – allerdings nicht in dem recht primitiven allegorischen Sinne, wonach ein unschuldiges Deutschland sich dummerweise auf einen Vertrag mit dem Teufel, Hitler, einlässt und dafür bestraft wird, während gute Deutsche wie Thomas Mann es immer schon gewusst und vom Exil aus vor den katastrophalen Folgen gewarnt hätten. Emphatisch wendet sich Vaget dagegen, wenn Leverkühns Teufelverschreibung nicht historisch ernst genommen, sondern, wie bei dem Musikkritiker Joachim Kaiser, höchstens als eine poetisch „plausible Metapher für den scheiternden Genius unseres Volkes“ gesehen und im nachhinein mit allerlei ökonomischen und soziologischen Faktoren der Zeit erklärt und entschuldigt wird.

Weit gefehlt, sagt Hans R. Vaget. Seine These lautet, dass der nationalsozialistische Imperialismus schon in einem seit der Romantik herrschenden Kulturimperialsmus angelegt war – genauer, in der als selbstverständlich angenommenen Vorrangstellung der deutschen Musik spätestens seit Beethoven und Schubert, über Brahms zum Kulminationspunkt Wagner, und, nach Schönbergs Voraussage, sogar „für die nächsten 100 Jahre“. Besonders der weltweite Triumph Wagners galt als Ausdruck einer kulturellen Hegemonie, die durch Hitler und sein (auch intellektuelles und kulturbeflissenes) Gefolge in einen Anspruch auf politische Hegemonie, auf Weltherrschaft umfunktioniert und verhunzt wurde.

Diese mentalitätsgeschichtliche Deutung besagt, dass die Musik als „Seelen- und Geistesvefassung“ eine ganz konkrete Nazi-Barbarei, die „finstere Konsequenz“, nicht nur „antizipiert“, sondern sogar „legitimiert“ hat, und so sei das im Roman zitierte Bibelwort „Wer da Wind säet, wird Sturm ernten“ zu verstehen (was sich nicht mehr nur wie ein „Nexus“ anhört, sondern eine kausale Verursachung suggeriert). Zur tiefen persönlichen Ironie gehört es, wenn Thomas Mann keineswegs verschweigt, dass auch er im Banne Wagners stand und in dessen Namen in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ für den gerechten, notwendigen Krieg Deutschland gegen den feindlichen Rest der Welt argumentiert hatte. (Übrigens gibt es auch heute noch die nationale Arroganz, das Bewusstsein, besser zu sein als der Rest der Welt: man denke nur an den amerikanischen Erwähltheitsdünkel, den exceptionalism.)

In allen Kapiteln dieses höchst bemerkenswerten Buches wird dafür plädiert, unsere jüngere Vergangenheit mentalitätsgeschichtlich zu deuten, wie es, nach Vaget, Thomas Mann mit dem „Doktor Faustus“ vorgemacht habe.

Der engagierte Leser sieht sich fünf Fragen gegenüber: (1) Präsentiert Vaget seine These überzeugend, d.h., sind die textlichen Belege aus dem „Doktor Faustus“ konsistent mit seiner mentalitätsgeschichtlichen Interpretation? (2) Hat Thomas Mann sein Werk, insbesondere den „Doktor Faustus“, tatsächlich so gemeint, wie Vaget es interpretiert, d.h., gibt es ausserhalb des „Doktor Faustus“ hinreichende Unterstützung für eine solche Absicht des Dichters? Die Rede „Deutschland und die Deutschen“ (1945) spraeche dafür. (3) Gibt es, unabhängig von Dichtung und Interpretation, Bestätigungen aus der realen, gelebten Geschichte (sagen wir, von 1850 bis 1950) dafür, dass das Bewusstsein einer Vorrangstellung der deutschen Musik ursächlich gewesen ist für das Streben nach politischer Hegemonie und, wichtiger, für die Naziherrschaft und die nachfolgende Katastrophe und Schande? (4) Wenn auf diese letzte Frage die Antwort „Ja“ lautet, bedeutet dies, zugespitzt, dass es ohne Wagner keinen Hitler und keinen zweiten Weltkrieg gegeben hätte? (5) Und schliesslich: Genossen nicht auch Chemie und Physik – Justus von Liebig über Einstein und Planck bis Heisenberg – in Deutschland eine herausragende Stellung in der Welt? Ist denn auch dieser wissenschaftliche Zauber in einen Ungeist umgeschlagen?

Es ist ein Beweis für den hohen Rang dieses Buches, dass, nachdem die Buchdeckel zugeklappt sind, viele Fragen beantwortet und viele neue hinzugekommen sind. Als Bonus gibt es mehrere gekonnten Wendungen, die der amerikanisierte Autor wohl als „tongue in cheek“ bezeichnen würde. Zum Beispiel:

Wenn Thomas Mann auf Druck von Katia und Erika die Lobpreisung Adornos für dessen Assistenz bei den musikalischen Passagen im Faustus um 120 Zeilen kürzt, dann kommentiert Vaget, dies sei „ein melancholisches Beispiel mehr für die Opferung der Wahrheit auf dem Altar des Familienfriedens.“ An anderer Stelle wird Thomas Manns Art zu philosophieren mit Felix Krulls Tennisspiel verglichen, in dem dieser sich bemühte, mit „Entschlossenheit [...] auf augenverblendende Weise meinen Mann zu stehen in einem Spiel, das ich zwar angeschaut und in mich genommen, in Wirklichkeit aber nie geübt hatte.“

Für den stilempfindlichen Leser bietet Vaget überdies einige Proben aus dem Kathederjargon des Professor Unrat, indem er zum Beispiel 78 mal das steife Füllwort „durchaus“ (übrigens eine Lieblingsfloskel Thomas Manns) benutzt, wie in: „Thomas Mann war sich durchaus bewusst, dass ...“. Man darf sich auch über fremssprachliche Perlen wie „oeuvre“, „Gravamina“, „quantité négligeable“ und Homers „epitheton ornans“ freuen. In diesem Seelenzauberbuch mit seinen feinsinnigen Spurensicherungen, pointierten Polemiken und mutigen Interpretationen wirken diese Eigentümlichkeiten aber eher charmant, wie Sommersprossen auf einem sympathischen und klugen Gesicht.

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Tags: doktor faustus, geschichte, musik, nationalsozialismus, thomas mann   (5)
 

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Thomas Mann-Kommentar

Hans R. Vaget
Flexibler Einband: 349 Seiten
Erschienen bei Artemis & Winkler, 01.03.1998
ISBN 9783538070387
Genre: Sachbücher

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Thomas Mann

Klaus Harpprecht , Wolfgang Kenkel
Flexibler Einband: 2.272 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 01.10.1996
ISBN 9783499139888
Genre: Biografien

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biographie, thomas mann, nobelpreisträger, die manns

Thomas Mann

Klaus Harpprecht , Wolfgang Kenkel
Fester Einband: 2.256 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 21.04.1995
ISBN 9783498028732
Genre: Biografien

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f.d. roosevelt, exil, nazi-deutschland, doktor faustus, zweiter weltkrieg

Thomas Mann, der Amerikaner

Hans R. Vaget
Fester Einband: 592 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 08.06.2011
ISBN 9783100870049
Genre: Sachbücher

Rezension:

Auf der Überholspur der Geschichte

Zwei ganz verschiedene Liebschaften machten es möglich, dass Thomas Mann von einem Exilanten zu einem Amerikaner wurde.

Da war zuerst der schmachtende Enthusiasmus, mit dem die einundfünfzigjährige Agnes Meyer ihrem dreiundsechzigjährigen Idol Thomas Mann begegnete. Ihre Verliebtheit hatte sich an erotischen Szenen im Roman Joseph in Ägypten entzündet, und nun suchte sie entschlossen die Nähe des berühmten Autors, um an seiner Grösse teilzuhaben und ihren Kulturhunger zu stillen. Ihre ekstatisch-direkte Annäherung erschreckte Thomas Mann, der sich mit Mühe aus der Affäre zog, seine Verehrerin aber über viele Jahre hinweg in unzähligen Briefen und Gesprächen an seinen politischen und literarischen Gedanken teilnehmen liess. Sie belohnte diese Vertrautheit mit einem grosszügigen Mäzenatentum – ihr Einfluss verschafften ihm die Anstellungen in Princeton und an der Library of Congress, ihr Geld half mit der Bürgschaft für sein Haus in Kalifornien, und sie assistierte bei seiner Einbürgerung. Literarisch war sie ein Modell für die Frau von Tolna im Doktor Faustus, und sie selbst erkannte sich in der Verführerin Thamar des Joseph-Romans wieder.

In der zweiten Romanze war Thomas Mann der Bewunderer, der Verehrte Franklin D. Roosevelt, amerikanischer Präsident von 1933 bis 1945. Diesen an Kinderlähmung leidenden, aber lebensfrohen, geselligen aristokratischen Demokraten und Architekten des New Deal bewunderte Thomas Mann über alles. In ihm sah er den mystischen Helden, der als „Caesar im Rollstuhl“ das Monster Hitler besiegen würde und dessen Genius er, Thomas Mann, mit Vorträgen und Radioansprachen bis zum bitteren Ende zu unterstützen versprach. Thomas Mann war zweimal Gast im Weissen Haus; aber wegen seiner mangelnden Englischkenntnisse ist es nicht wahrscheinlich, dass es zu einem Gespräch zwischen Autor und Präsidenten kam. Ebenso zweifelhaft ist es, dass Roosevelt je ein Buch von Thomas Mann geöffnet hat. Obwohl also Roosevelt Thomas Manns loyale Hingabe nicht erwiderte, bekam Joseph der Ernährer, der in den USA geschrieben wurde, Züge von Roosevelt, dem „Gesegneten“, und dessen New Deal wurde das Vorbild für Josephs Wirtschaftspolitik in Ägypten.

Ähnlich wie in diesen beiden Kapiteln über Agnes Meyer und Präsident Roosevelt beleuchtet Hans R. Vaget in diesem Buch neun weitere Themenbereiche, darunter Thomas Manns fünf ausgedehnten Vortragsreisen in den USA zwischen 1938 und 1943; seine Erfahrungen an amerikanischen Universitäten und in Hollywood (zu gerne hätte er den Joseph-Roman verfilmt gesehen, mit Robert Montgomery in der Titelrolle!); die beängstigende Berührung mit dem Komitee über „unamerikanische Umtriebe“ und dem FBI, wobei Thomas Mann schon früh sah, wie Amerikas Anti-Nazismus sich in einen grobschlächtigen Anti-Kommunismus wandelte, der den Nährboden für den kommenden kalten Krieg bildete.

Der eigentliche Ehrgeiz dieses Buches offenbart sich aber erst im letzten Drittel des Buches. Dort geht es dem Autor um die These, dass Thomas Mann (der bekanntlich bei seiner Ankunft 1938 in New York noch gesagt hatte „Wo ich bin, da ist Deutschland“) in Amerika eine Perspektive auf Deutschlands geschichtliche Schuld und schwierige Zukunft gewann, die ihn im Vergleich zu den Daheimgebliebenen und der Inneren Immigration auf die „Überholspur der Geschichte“ brachte: „Thomas Mann gewann in den Jahren des amerikanischen Exils einen Vorsprung an historischer und politischer Erkenntnis, die sich in einer von keiner falschen Vaterlandsliebe vernebelten Aussenperspektive auf Deutschland kundtat.“ In Reden und Aufsätzen wie „Deutschland und die Deutschen“ habe er aufgezeigt, dass Hitler und der Nationalsozialismus weit in die deutsche Geistesgeschichte zurückgehen, zur Innerlichkeit der Romantik, zu Nietzsche, ja bis zu Luther. Das böse Deutschland, so heisst es, sei das fehlgegangene gute. (Das ist auch die Ein-Deutschland-Theorie, die dem Doktor Faustus zugrunde liegt.) Daraus folge die historische Schuld des gesamten Deutschtums, auch des „deutschen Geistes“. Die Zerstörung der Städte und das Leiden der Menschen im Krieg sei letztlich selbstverschuldet. Jedenfalls könne man sich moralisch nicht entrüsten angesichts der vorangegangenen Zerstörungen englischer Städte, von dem Holocaust ganz zu schweigen. Nachkriegs-Deutschland müsse wissen, dass auch während seiner allmählichen Rehabilitierung vor der Welt die Krematorien der Konzentrationslager auf lange Sicht als das „Denkmal des Dritten Reiches“ im Gedächtnis der Menschen fortleben würden.

Man muss sich erinnern, dass Thomas Mann diese heute so selbstverständlich klingenden Vorbedingungen für eine Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit schon vor sechzig oder siebzig Jahren ausgesprochen hat.

Trotz solcher tiefernsten Konklusion ist dieses Buch auch unterhaltsam. Thomas Manns Flucht vor Agnes Meyer, die ihm die Furcht vor Frauen nehmen wollte, ist überaus amüsant beschrieben. Hier und da hebt der Verfasser die Stimme, um ein paar polemische Seitenhiebe auf andere Autoren auszuteilen, wie es Professoren nun einmal tun. Auch für den fachkundigen Leser gibt es noch Entdeckungen zu machen, etwa dass Thomas Mann sich bei dem „Movie-Gesindel“ in Hollywood wohler fühlte als bei den Talaren in Princeton, oder wie seine Harvard-Promotion arrangiert wurde, oder wie es zu einer bemerkenswerten Gedankenverwandschaft zwischen Thomas Mann und Willy Brandt kam.

Wulf Rehder

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Tags: doktor faustus, exil, f.d. roosevelt, nazi-deutschland, zweiter weltkrieg   (5)
 
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