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Heimat

Nora Krug
Fester Einband
Erschienen bei Penguin, 27.08.2018
ISBN 9783328600053
Genre: Biografien

Rezension:

Der Begriff Heimat löst bei einigen nicht nur positive Gefühle aus. Die Schriftstellerin und Illustratorin Nora Krug zum Beispiel ist nach Brooklyn ausgewandert und tut sich noch heute schwer mit ihrer deutschen Herkunft. Was genau bedeutet Heimat für sie? Wie hat ihre Familie im Zweiten Weltkrieg gelebt und welche Verantwortung trägt sie für ihre familiären Wurzeln? Das wollte die Autorin genau wissen, begab sich auf Spurensuche und verarbeitete ihre Fundstücke, Erkenntnisse und Gedanken zu einem illustrierten Tagebuch.

Der ungewöhnlich gestaltete Text- und Bildband enthält sowohl persönliche Erinnerungsstücke wie Fotos und Briefe als auch zeitgeschichtliches Material aus Archiven. Immer wieder ist ihr Gefühl von deutscher Schuld zu spüren, das in ihrer Jugend durch Erlebnisse im Ausland ausgelöst und sich mit den Jahren verstärkt hat. Dann wieder gibt es heitere Abschnitte wie einen Katalog deutscher Dinge, an die sich die „heimwehkranke Auswanderin“ gern erinnert, zum Beispiel Hansaplast Pflaster, die Gallseife oder Wärmflasche.

Parallel erfahren wir Details, die Nora Krug nach und nach über ihre Familiengeschichte herausfindet. Hier interessiert sie vor allem die Frage nach Schuld und Unschuld von Mitläufern. Anhand der Erzählungen ihrer Mutter versucht sie, den Lebensweg ihres Großvaters zu rekonstruieren, der in Karlsruhe als Chauffeur eines jüdischen Textilhändlers arbeitete und später eine Fahrschule eröffnete. Ich hatte das Gefühl, dass die Autorin bei ihren Recherchen von der Hoffnung getrieben wurde, „entlastendes“ Material zu finden, das die Schuld der eigenen Familie mindert.

Am meisten bewegt haben mich ihre illustrierten und handgeschriebenen Geschichten im Comic-Stil. In den gezeichneten Gesichtern und Kommentaren spiegelt sich mal das Grauen der Verbrechen, mal das Gefühl von Befangenheit oder Wehmut wider. Ich bewundere die Autorin, die sich in dieser Form der Vergangenheit ihrer Familie gestellt hat, keinen Fragen ausgewichen ist und ein kleines Kunstwerk geschaffen hat.

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91 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 59 Rezensionen

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Weit weg von Verona

Jane Gardam , Isabel Bogdan
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 23.07.2018
ISBN 9783446260405
Genre: Romane

Rezension:

"Nicht verrückt, aber auch nicht ganz normal." So beschreibt sich die Ich-Erzählerin Jessica Vye in diesem Debütroman von Jane Gardam. In der Tat fügt sich die 12-Jährige, die in dem kleinen englischen Küstenort Cleveland Sands aufwächst, so gar nicht in das Bild einer braven Pfarrerstochter. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und eckt sowohl bei den Schulkameradinnen als auch Lehrerinnen an. Das macht ihr aber herzlich wenig aus – viel wichtiger ist für sie, dass ein Schriftsteller, der vor einigen Jahren zu einer Lesung in die Schule kam, ihr schriftstellerisches Talent bezeugte. Nach diesem einschneidenden Erlebnis ist sie versessen darauf, Geschichten zu erzählen und verschlingt einen englischen Klassiker nach dem anderen.

Ihre Kindheit ist überschattet vom Zweiten Weltkrieg und den Luftangriffen der Deutschen, doch sie trotzt den Nöten und Ängsten durch ihre eigenwillige, mutige und zielstrebige Art. Jane Gardam schreibt so frech, erfrischend und authentisch, dass ich mich fast an meine eigene Teenagerzeit erinnert fühlte. Ich bin gespannt, wieviel sich von diesem Stil in ihren aktuellen Romanen wiederfindet.

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14 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Nacht über Tanger

Christine Mangan , Irene Eisenhut
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Blessing, 13.08.2018
ISBN 9783896676030
Genre: Romane

Rezension:

Der Roman handelt von zwei sehr gegensätzlichen Frauen, die in der Collegezeit eng befreundet waren und nach einem tragischen Vorfall getrennte Wege gingen. Die psychisch labile Alice Shipley ist nach einer überstürzten Heirat ihrem Mann John McAllister nach Marokko gefolgt, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Lucy Mason dagegen hat die Trennung nie überwunden und sucht ihre ehemalige Zimmergenossin im Jahr 1956 in Tanger auf.

Gleich zu Beginn schafft die Autorin viele Spannungsmomente, indem sie mehrere Fragen aufwirft: Was für eine Art von Freundschaft verband damals die Studentinnen, was steckt hinter dem immer wieder angedeuteten Unglück in Vermont, das die beiden endgültig entzweite, und wie wird Alice auf Lucys Überraschungsbesuch reagieren?

Genau genommen gibt es neben Alice und Lucy noch eine dritte Hauptfigur in der Geschichte und zwar die Stadt Tanger. Während Alice es auch nach mehreren Jahren nicht geschafft hat, mit der Umgebung und den Einheimischen warm zu werden, fühlt sich Lucy schon nach wenigen Tagen zugehörig. Sehr anschaulich und sinnlich beschreibt die Autorin Lucys erste Eindrücke und Empfindungen in der pulsierenden Stadt, die auf die Figuren eine ganz unterschiedliche Wirkung ausüben: Für Lucy verkörpert sie Freude und Neuanfang, für Alice Angst und Einsamkeit.

Leider ließ meine Begeisterung nach dem vielversprechenden Anfang stark nach. Zum einen ist die Handlung vorhersehbar, zum anderen wirken die Nebenfiguren wie Alice’s Ehemann John oder Lucys Verbündeter Youssef zu schablonenhaft. Hinzu kommt, dass die Autorin sehr bemüht ist, jede Gefühlsregung so präzise und ausführlich wie möglich zu beschreiben, so dass für die eigene Vorstellungskraft kein Spielraum bleibt. Ich fragte mich auch, wie oft die Figuren denn noch die Stirn runzeln. Aus dem explosiven Stoff rund um Obsession, Eifersucht und Kulturschock hätte man mehr machen können.

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27 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

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Die Büglerin

Heinrich Steinfest
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2018
ISBN 9783492056632
Genre: Romane

Rezension:

Ich kenne so einige, die das Bügeln als Strafarbeit ansehen. Tonia Schreiber jedoch nimmt dies im neuesten Roman von Heinrich Steinfest durchaus wörtlich. Sie gibt sich die Schuld für ein tragisches Unglück, dass bei einem gemeinsamen Kinobesuch ihrer Nichte Emilie zustößt, und beschließt, ihr restliches Leben damit zu verbringen, Buße zu tun – indem sie die Wäsche reicher Heidelberger Kunden bügelt.

Allein diese Romanidee hat mich derart fasziniert, dass ich dieses Buch unbedingt lesen musste. Und ich wurde nicht enttäuscht. Denn es gibt noch viele andere Aspekte, die den Roman zu etwas ganz Besonderem machen. Der Autor erzählt zum Beispiel von der ungewöhnlichen Freundschaft, die die Tonia mit dem Gemüsehändler Karl Dyballa schließt. Mit welcher Hinwendung beide ihrer Arbeit nachgehen und wie sie trotz ihrer tragischen Vergangenheit gemeinsam einige Glücksmomente im Alltag finden, erzählt Heinrich Steinfest in einem schwebenden, poetischen Ton.

Das Ganze ist eingebettet in eine intelligent komponierte Handlung, denn eines Tages stößt Tonia beim Bügeln auf eine Stickerei, die auf einen Zusammenhang mit Emilies Tod hinweist. Bei ihrer Spurensuche zeigt der Autor sein volles Repertoire an aberwitzigen Ideen, klugen Gedanken, gesellschaftspolitischen Themen und wunderbaren Formulierungen.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

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The Wife

Meg Wolitzer
Flexibler Einband: 328 Seiten
Erschienen bei Vintage, 05.08.2004
ISBN 9780099478195
Genre: Sonstiges

Rezension:

Das verspricht keine angenehme Reise zu werden. Joan Castleman, Ich-Erzählerin dieses Romans, begleitet ihren Ehemann Joe nach Helsinki zur Verleihung eines renommierten Literaturpreises und hat den Entschluss gefasst, ihn zu verlassen. Natürlich möchte der Leser wissen, wie es dazu gekommen ist. Damit baut die Autorin einen Spannungsbogen auf und navigiert uns durch Höhen und Tiefen von vierzig Ehejahren.

Joan zählt zu jenen Frauen, die ihr eigenes Leben zurückstellen, um die Karriere ihrer Männer zu fördern. Der Stoff ist nicht neu, doch das Besondere an dieser Geschichte ist, wie minuziös die Erzählerin den Charakter und das Verhalten ihres Mannes auseinandernimmt. Genauso gründlich geht sie aber auch mit sich selbst ins Gericht und macht sich klar, dass sie von Anfang kein anderes Leben wollte.

Als 19-jährige Studentin war sie talentierter als ihr Literaturprofessor, den sie in einem Seminar für Kreatives Schreiben kennenlernte. Trotzdem konnte sie sich keine Karriere als Schriftstellerin vorstellen, erfreute sich an den Erfolgen ihres Mannes und Einladungen zu Verlagsparties und Preisverleihungen und ging in der Rolle als treusorgende Ehefrau und Mutter von drei Kindern auf. Doch auch ihre Opferbereitschaft und ihr Verständnis für seine Eskapaden und Affären hat ihre Grenzen.

Wolitzers bissige Seitenhiebe gegen den elitären Literaturbetrieb, der von egozentrischen Männern dominiert wird, sind einerseits ein großes Lesevergnügen, andererseits ernüchternd, wenn man bedenkt, das sie ein typisches Frauenschicksal in den Sechziger Jahren beschreibt.

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Tags: ehe, literatur   (2)
 

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35 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 17 Rezensionen

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Arthur und die Farben des Lebens

Jean-Gabriel Causse , Nathalie Lemmens
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 10.04.2018
ISBN 9783570103463
Genre: Romane

Rezension:

Man malt sich im Leben so manche Horrorszenarien aus, doch selten eines wie in diesem Roman. Der Autor und Farbdesigner Jean-Gabriel Causse konfrontiert uns darin mit einer Welt ohne Farben! Die Protagonisten Arthur Astorg und Charlotte da Fonseca müssen mit ansehen, wie eine Farbe nach der anderen verschwindet und eine Tristesse in schwarz, weiß und grau hinterlässt. Das heißt, auf Charlotte trifft dies nicht ganz zu, denn sie ist blind. Die Radiomoderatorin und Expertin auf dem Gebiet der Farbwahrnehmung ist jedoch genauso besorgt wie alle anderen und sucht nach einer wissenschaftlichen Erklärung für das Phänomen.

Arthur wohnt gegenüber von Charlotte und ist ihr heimlicher Verehrer. Bis vor kurzem arbeitete er noch in der Buntstiftfabrik Gaston Cluzel, die jedoch wegen Konkurs schließen musste. Ein pinker Buntstift, den er eines Tages Charlottes kleiner Tochter Louise schenkt, bringt ihn nicht nur seiner Auserwählten näher, sondern scheint auch der Schüssel dazu zu sein, die Farben wieder in die Welt zurückzuholen. Während der Lektüre wurde mir erst richtig bewusst, welche immense Bedeutung Farben in verschiedensten Lebensbereichen haben. Sie stellen den Verkehr sicher, regen unseren Appetit an, kurbeln den Konsum an und tragen wesentlich zur Lebensfreude bei. 

Ein Ex-Mitarbeiter einer Buntstiftfabrik, eine blinde Farbexpertin, ein indischer Taxifahrer und Synästhetiker – Jean-Gabriel Causse hat ein witziges Ensemble für seine schöne Romanidee erschaffen. Als jedoch die chinesische Mafia ins Spiel kommt und sich die Ereignisse überstürzen, wirkt die Handlung und Auflösung etwas zu bemüht und konstruiert. So habe ich mich lieber vom typisch französischen Charme, dem humorvollen Schreibstil und den interessanten Anekdoten über die Symbolik der Farbe unterhalten lassen.

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Tags: farben   (1)
 

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

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Nur das Geistige zählt

Ré Soupault , Manfred Metzner
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Das Wunderhorn, 31.03.2018
ISBN 9783884235881
Genre: Romane

Rezension:

Bei der Lektüre dieser Biografie wurde mir regelrecht schwindlig. Wenn es im Titel heißt "Vom Bauhaus in die Welt“, dann ist das wörtlich zu verstehen. Ré Soupault, um die es hier geht, hat ihren Wohnort so oft gewechselt, dass ihr Leben einer Weltreise gleicht – allerdings keiner freiwilligen.

Geboren als Erna Niemeyer in Pommern ging sie 1921 nach Weimar, um am Bauhaus zu studieren. Diese Lebensphase war für mich die interessanteste. Sie berichtet von Johannes Ittens prägenden Einflüssen, von Paul Klees befremdlichen Lehrmethoden, von lebhaften Diskussionen zwischen Studenten aus Polen, Ungarn, Russland oder Österreich, die aus ganz unterschiedlichen Gründen ans Bauhaus kamen, und der großen Aufbruchstimmung.

Ré Soupault selbst kann sich noch auf keinen Kunstzweig festlegen. So geht sie nach Berlin, um mit Viking Eggeling an einem Avantgarde-Film zu arbeiten, fertigt Modezeichnungen für den Berliner Scherl Verlag an, erfindet später ein Transformationskleid für arbeitende Frauen und schafft ihre eigene Modelinie. Ich hatte den Eindruck, dass sie weniger aus innerem Antrieb als vielmehr durch äußere Umstände und aus existenzieller Not zu diesen vielfältigen Beschäftigungen kommt. Ihr Wunsch bleibt stets der gleiche: ein finanziell sorgloses und freies Leben führen zu können.

Als sie 1933 den Journalisten und Surrealisten Philippe Soupault kennenlernt und heiratet, beginnt eine neue Lebensphase für sie. Sie begleitet ihn auf Reportagereisen und entdeckt eine neue Leidenschaft: die Fotografie. Die Zeit in Tunis scheint eine der glücklichsten für sie zu sein. Doch als ihr Mann verhaftet wird, wendet sich wieder das Blatt. Es beginnt eine mühsame Odyssee, von Algier über New York nach Mexico, Guatemala, Buenos Aires, Basel, Paris …

Man hat das Gefühl, dass sie nur noch von Ort zu Ort hastet, in ihren Tagebüchern flüchtig die Lebensbedingungen und Klimaverhältnisse festhält, aber weite Teile ihrer Gedanken ausspart. Mich hätte interessiert, wie es ihr bei der künstlerischen Arbeit erging, doch zu groß waren die existenziellen Nöte als idealistischen Vorstellungen nachzuhängen. So wirft diese Sammlung ihrer biografischen Texte, Briefe und Tagebücher Schlaglichter auf das kulturelle Leben der europäischen Avantgarde im 20. Jahrhundert sowie auf ein entbehrungsreiches und zugleich produktives Leben.

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Tags: bauhaus, fotografie, journalismus, mode   (4)
 

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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Das Marillenmädchen

Beate Teresa Hanika
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei btb, 09.07.2018
ISBN 9783442716937
Genre: Romane

Rezension:

Die Vergangenheit hinter sich lassen und in die Zukunft blicken – das sagt sich so leicht, doch nicht jeder schafft es, loszulassen und zu vergessen. Besonders dann nicht, wenn man solch ein traumatisches Erlebnis hatte wie Elisabetta Shapiro, Ich-Erzählerin dieses Romans.

Jedes Mal, wenn die Jüdin nach mütterlicher Tradition aus den Früchten ihres Marillenbaumes Marmelade kocht und den Duft einatmet, kommen die Erinnerungen an ihre Familie hoch. Sie war gerade einmal neun Jahre alt, als ihre Eltern und ihre beiden älteren Schwestern Rahel und Judith 1944 ins KZ deportiert wurden, und kehrte als einzige Überlebende ins Familienhaus zurück.

Dass eines Tages die junge deutsche Balletttänzerin Pola zur Untermiete in ihr Haus einzieht, macht die Sache nicht leichter. Elisabetta führt ständig Zwiegespräche mit ihren verstorbenen Schwestern und durchlebt in ihren Gedanken die Vergangenheit ein zweites Mal. Die Autorin wechselt dabei nicht nur die Zeitebenen, sondern auch die Erzählperspektive. So erfahren wir parallel von Polas enger Freundschaft mit einem Mädchen, das ebenfalls Rahel hieß, und welche Verbindung zu Elisabettas Leben besteht.

Beate Teresa Hanika schreibt bildgewaltig, intensiv und poetisch. Manche Szenen sind so beklemmend, dass sie noch eine ganze Weile nachwirken. Allerdings hatte ich immer wieder Schwierigkeiten, der Handlung zu folgen. Sowohl die Zeitebenen als auch die gleichnamigen Frauen lassen sich nur schwer auseinanderhalten und sorgen oftmals für Verwirrung.

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32 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 10 Rezensionen

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Wie ich mich auf einer Parkbank in einen bärtigen Mann mit sehr braunen Augen verliebte

Emmy Abrahamson , Anu Stohner
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 20.04.2018
ISBN 9783423217262
Genre: Liebesromane

Rezension:

Diese Geschichte hat nicht nur einen verrückten Titel, sie ist auch viel zu verrückt, um wahr zu sein. Und doch erzählt Emmy Abrahamson in diesem Roman von ihren eigenen Erlebnissen, nämlich wie sie ihren Ehemann kennen- und lieben lernte.

Die Hauptfigur Julia ist Schwedin, gibt Englischunterricht an einem Sprachinstitut in Wien und fristet ein typisches Singledasein. Eines Tages lernt sie auf einer Parkbank den obdachlosen Kanadier Ben kennen und sofort funkt es zwischen ihnen. Julia ist nicht nur hin und weg von seinen schönen braunen Augen, sondern auch von seinem völlig anderen Lebensstil und seiner Selbstsicherheit. 

Während Ben ihr schon bei der ersten Begegnung verkündet, dass sie heiraten und Kinder haben werden, regen sich bei Julia schnell die ersten Zweifel. Ihre anfängliche Begeisterung schlägt nach und nach in Wut und Frustration um, weil sie keine Perspektive für eine gemeinsame Zukunft sieht. 

Emmy Abrahamson erzählt nicht nur eine bewegende und abenteuerliche Liebesgeschichte, sondern zeigt auch, wie eine einzigartige Begegnung das Leben auf den Kopf stellen kann. Es braucht viel Mut und Stärke, um seine Vorurteile abzulegen und Neues zuzulassen, wird dafür aber reichlich belohnt. Die Autorin schreibt so humorvoll und warmherzig, dass ich Julias Wandlung und emotionale Achterbahn mit höchstem Vergnügen und Tränen begleitet habe.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

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Silas Marner

George Eliot
Fester Einband: 260 Seiten
Erschienen bei ars vivendi, 24.07.2018
ISBN 9783869139029
Genre: Romane

Rezension:

Dieser britische Literaturklassiker von George Eliot alias Mary Anne Evans ist im Vorfeld ihres 200. Geburtstags in einer edlen leinengebundenen Ausgabe erschienen. Die Geschichte beruht auf einem klassischen Handlungsschema. Ein Fremder ist vor 15 Jahren in das Dorf Raveloe gezogen und führt ein Außenseiterdasein. Es handelt sich dabei um den jungen Leinweber Silas Marner, der in seiner Heimat Lantern Yard von seinem besten Freund hintergangen und aus der Gemeinde ausgestoßen wurde. Nachdem er nicht nur seine Verlobte, sondern alles verloren hat, was ihm je etwas bedeutete, lebt er in völliger Isolation und schürt dadurch das Misstrauen der Dorfbewohner.

Die Figur ist nicht gerade ein Sympathieträger, doch durch Eliots sprachlicher Finesse und psychologischem Gespür kann man seinen Groll, seine Resignation und Isolation gut nachempfinden. Der Webstuhl ist ein treffendes Symbol, um die mechanische Tätigkeit und den monotonen Alltag zu verdeutlichen. Silas’ einziger Lebensinhalt ist seine Arbeit und die Mehrung seines Goldschatzes. Doch sogar dieser wird ihm eines Tages gestohlen, so dass er vor dem Nichts steht. Erst als er ein Findelkind vor der Tür vorfindet, nimmt sein Leben eine positive Wende.

George Eliot hat ihre Botschaft, auch nach mehrfachen tragischen Rückschlägen nicht den Glauben und das Vertrauen in die Welt zu verlieren, in eine bewegende Geschichte verpackt. Das Findelkind Eppie, das Silas Marner adoptiert und großzieht, beschert ihm eine zweite Chance und verwandelt seine Verzweiflung und seinen Hass auf die Mitmenschen allmählich in Liebe und Warmherzigkeit. Ein interessanter Zug der Autorin ist, dass nicht nur der Leinweber, sondern eine zweite zentrale Figur, die sich als Vater des Kindes zu erkennen gibt, ebenfalls eine Läuterung durchmacht. Gespannt verfolgt man das Schicksal der unterschiedlichen Charaktere und taucht dabei in das ländliche Leben Englands zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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Less

Andrew Sean Greer
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Lee Boudreaux Books, 18.07.2017
ISBN 9780316316125
Genre: Sonstiges

Rezension:

Wer träumt nicht davon, auf eine Weltreise zu gehen und Einladungen nach Turin, Berlin, Marokko, Indien oder Japan anzunehmen. Der Anlass ist für Arthur Less, tragischer Held dieses Romans, weniger erfreulich. Er wurde zur Hochzeit seines Ex-Geliebten Freddie eingeladen und sucht nun aus lauter Kummer das Weite.

Jede Ablenkung ist dem mäßig erfolgreichen Autor aus San Francisco, der auf die 50 zugeht recht. So stellt er sich für verschiedenste Events und Aufträge zur Verfügung, zum Beispiel die Moderation einer Science-Fiction-Lesung in New York oder einen Artikel über japanische Kaiseki-Küche, von der er keinen blassen Schimmer hat. Während der Reise reflektiert er über sein vergangenes Leben, die Liebe, das Schwulsein und diverse Verluste wie seine große Liebe Freddy, seine Jugend oder eine steile Karriere als Schriftsteller.

Es gibt einige witzige Situationen in dem Roman, besonders in Berlin, wo er in einem überfüllten Studentenseminar in Berlin seine miserablen Deutschkenntnisse zum Besten gibt. Leider gab es trotz der interessanten Schauplätze keine besonderen Highlights in der Handlung, so dass ich die positive Resonanz nur teilweise nachvollziehen kann.

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Tags: reise   (1)
 

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19 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

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Der Mann ohne Schatten

Joyce Carol Oates , Silvia Morawetz
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 23.05.2018
ISBN 9783103972764
Genre: Romane

Rezension:

Der Roman handelt von einer höchst ungewöhnlichen Beziehung zwischen einer Neurowissenschaftlerin und ihrem Forschungsobjekt. Seit einer Entzündung im Gehirn ist das Kurzzeitgedächtnis von Elihu Hoope gestört. Der 37-Jährige kann sich gerade einmal siebzig Sekunden lang erinnern.

Mit großem Enthusiasmus stürzt sich die ehrgeizige Neuropsychologin Margo Sharpe auf den Fall, der eine große berufliche Chance für sie darstellt. Man könnte meinen, dass es mühsam ist, sich jedes Mal seinem Probanden vorstellen zu müssen. Doch Margot fühlt sich in seiner Gesellschaft wohl und führt lange vertraute Gespräche mit ihm. Während sie Elihus Erinnerungsvermögen mit einer Reihe von Tests untersucht, kommen auch aus seinem vergangenen Leben mysteriöse Bruchstücke zum Vorschein, was die Spannung erhöht.

Der interessanteste Aspekt ist sicher die ambivalente Figur der Margo. Einerseits legt sie großen Wert auf ihre Karriere und Professionalität, andererseits lässt sie sich von ihren romantischen Gefühlen zu Elihu leiten, gaukelt ihm sogar vor, sie sei seine Ehefrau und bindet trotz ethischer Bedenken ihr Forschungs- und Liebesobjekt völlig an sich.

Für mich hatte die Geschichte ein paar Längen, doch abgesehen davon hat mich das hohe literarische Niveau, die gut gezeichnete Hauptfigur und Oates interessante Gedanken über unser Gehirn und Erinnerungsvermögen schwer beeindruckt.

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681 Bibliotheken, 20 Leser, 9 Gruppen, 84 Rezensionen

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Die Eleganz des Igels

Muriel Barbery
Flexibler Einband: 380 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 01.05.2008
ISBN 9783423246583
Genre: Romane

Rezension:

Dies ist garantiert kein Buch, das man in einem Zug verschlingt. Immer wieder gab es Passagen, die ich mehrmals lesen musste, um sie zu verstehen. Zum einen ist Barberys Sprache hochgestochen und komplex, zum anderen sind die philosophischen Gedanken und der Weltschmerz der zwei Ich-Erzählerinnen keine leichte Kost.

Beide Figuren leben in einem Pariser Stadtpalais in der Rue de Grenelle 7. Die eine heißt Renée, ist 54, arbeitet als Concierge und frönt heimlich ihrer Leidenschaft für Kunst, Literatur und Film. Die andere, Paloma, ist hochbegabt, Tochter reicher Eltern und plant, an ihrem 13. Geburtstag Selbstmord zu begehen. Sie haben also nicht vieles gemeinsam – außer, dass sie beide auf der Suche nach der Schönheit in der Welt sind.

Nach vielen Enttäuschungen hatten beide eigentlich diese Suche aufgegeben. Doch als der japanische Geschäftsmann Kakuro Ozu in die Residenz einzieht, scheint sich die Balance und Stimmung im Haus ein wenig zu verschieben. Das war auch für mich der Zeitpunkt, an dem mein Interesse für den Fortgang der Geschichte geweckt wurde. Bis dahin war ich oft in der Versuchung, die Lektüre abzubrechen, weil mir die Ansprache auf rein intellektueller Ebene zu anstrengend wurde.

Der Japaner bringt auf elegante und subtile Weise frischen Wind in den tristen Alltag der Hausbewohner und hilft Renée und Paloma, hinter der hässlichen und profanen Oberfläche das Schöne zu entdecken – ganz im Sinne des japanischen ästhetischen Konzepts Wabi-Sabi. Das beschert auch dem Leser kurze, genussvolle Momente voller Emotionen und Intensität, zum Beispiel als Paloma den außergewöhnlichen Augenblick eines Chorauftritts erlebt oder Renée einen Moment der Wonne und glücklichen Entspanntheit in Gesellschaft von Monsieur Ozu genießt.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Im Sommer

Karl Ove Knausgård , Paul Berf
Fester Einband: 440 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 29.05.2018
ISBN 9783630875132
Genre: Romane

Rezension:

Dies ist der vierte und letzte Teil der Jahreszeiten-Bände von Ove Knausgård. Er bleibt seinem Prinzip treu und führt uns durch seine Gedankenwelt in Form von Essays und Tagebuchnotizen. Auch diesmal nimmt er scheinbar belanglose Gegenstände und Lebewesen wie Rasensprenger, Schnecken, Fledermäuse oder Speiseeis unter die Lupe und stellt sie wie ganz einzigartige Geschöpfe dar. Wenn wir Früchten wie Johannisbeeren bisher keine besondere Bedeutung beigemessen haben, dann wird uns spätestens nach der Lektüre klar, welche Exklusivität sie besitzen.

Der Autor beschreibt zunächst die äußere Erscheinung und geht dann über zu den Erinnerungen, Stimmungen und Gefühlen, die die Dinge bei ihm auslösen. Dabei gibt er wie gewohnt viel Persönliches preis wie seine Schamgefühle oder Ängste vor autoritären Personen. In diesem vierten Teil zeigt er sich literarisch noch experimentierfreudiger als zuvor. So schlüpft er mitten in seinem Tagebuch in die Rolle einer Norwegerin und erzählt uns eine völlig fremde fiktionalisierte Geschichte, die im Zweiten Weltkrieg spielt. Mit diesem Part konnte ich allerdings nur wenig anfangen – er fiel zu sehr aus dem Rahmen.

Knausgårds besondere Stärke liegt für mich in den ungewöhnlichen Assoziationen und fantasievollen Vergleichen, zum Beispiel zwischen Kirschbäumen vor der Blüte und unscheinbaren Schülern, die ihre Pracht noch nicht entfaltet haben, oder zwischen Wespennestern und griechischen Stadtstaaten. Immer wieder war ich gespannt darauf, welchem Objekt er als nächstes seine Aufmerksamkeit schenken und ein Kapitel widmen wird. Die wunderschönen Aquarelle von Anselm Kiefer runden das schön gestaltete Buch ab und sind eine wahre Augenweide.

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241 Bibliotheken, 8 Leser, 1 Gruppe, 108 Rezensionen

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Das Mädchen, das in der Metro las

Christine Féret-Fleury , Sylvia Spatz
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 30.08.2018
ISBN 9783832198862
Genre: Romane

Rezension:

Juliette, Heldin dieser Geschichte, liest nicht nur selbst leidenschaftlich gern, sie beobachtet auch mit Vorliebe andere beim Lesen. Sehr gut dafür eignet sich die tägliche Fahrt zu ihrer Arbeit in der Métro. Dabei fragt sie sich, was wohl in den Köpfen der Leser, die in eine Insektenenzyklopädie, ein Kochbuch oder einen Liebesroman vertieft sind, vorgehen mag. Leider ist in der Realität solch ein Anblick selten geworden, denn heutzutage starren die Pendler meist nur noch auf ihre Handys.

Als Juliette eines Tages zwei Stationen früher aussteigt, um ihrem Alltagstrott zu entfliehen, stößt sie auf ein Antiquariat der ganz besonderen Art. Dort sorgt der Buchnarr Soliman dafür, dass Menschen genau die Bücher erhalten, die sie brauchen und die ihr Leben positiv beeinflussen können. Juliette scheint ihm prädestiniert dafür, ebenfalls als Bücherkurier tätig zu werden.

Dass Musik und Literatur eine heilende oder gar lebensverändernde Wirkung haben, scheint derzeit ein beliebtes Thema zu sein. Die Hauptfigur Frank in "The Musik Shop" von Rachel Joyce hat die Gabe, für seine Kunden genau die passende Musik auszuwählen. Auch Juliette scheint als Bookcrossing-Agentin ihre Berufung gefunden zu haben. Etwas mehr Handlung und Spannung hätte ich mir in diesem recht kurzen Roman gewünscht. Immerhin versprüht er einen typisch französischen Charme und vermittelt eine Botschaft, die ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann: Bücher, die man genau zur rechten Zeit liest, können tatsächlich das Leben verändern.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

belletristik, cosy krimi, england

I Found You

Lisa Jewell
E-Buch Text: 450 Seiten
Erschienen bei Cornerstone Digital, 14.07.2016
ISBN 9781473507906
Genre: Sonstiges

Rezension:

Es bedarf schon viel Mut, um einem wildfremden Mann an einem Strand aufzugabeln und ihn zu Hause aufzunehmen. Noch dazu, wenn dieser weder weiß, wie er dorthin gekommen ist noch wie er heißt. Doch Alice Lake, Protagonistin dieses Thrillers, entspricht ohnehin keiner Durchschnittsfrau. Die Alleinerziehende hat drei Kinder von verschiedenen Vätern, drei Hunde, lebt in einem Cottage im englischen Küstenort Ridinghouse Bay und verdient ihren Lebensunterhalt damit, aus Weltkarten Figuren zu basteln.

Wer ist dieser Fremde, dem Alice den Namen Frank gibt, und warum leidet er unter einem Gedächtnisverlust? Diese Frage treibt den Leser durch die unheimlich spannend konstruierte Geschichte. In drei Erzählsträngen liefert die Autorin nach und nach neue Puzzleteile. Da gibt es eine Familie, die im Sommer 1993 Urlaub an dieser Küste machte und einen mysteriösen Mann kennenlernte; dann eine Frau namens Lily Monrose, die ihren Ehemann vermisst und sich auf die Suche begibt; und schließlich Alice, die Frank dabei hilft, sich an seine Vergangenheit zu erinnern, in der ein tanzender Pfau eine Rolle spielte.

Lewis Jewell versteht es, den Leser bis zur letzten Seite zu fesseln. Sie lässt jedes Kapitel mit einem Cliffhanger enden, wartet mit überraschenden Wendungen auf und liefert interessante Charakterstudien, die sowohl menschliche Tugenden als auch tiefe Abgründe offenbaren.

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Im Morgengrauen

Tom Bouman
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei ars vivendi, 26.06.2018
ISBN 9783869139005
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Eine vermisste Person ist immer guter Stoff für einen Krimi – so auch in diesem Krimi von Tom Bouman. Nach „Auf der Jagd“ lässt der amerikanische Schriftsteller seine Figur Henry Farrell in einem neuen Fall ermitteln: Die drogenabhängige Penny Pellings, die mit ihrem Freund Kevin O’Keeffe in einem Wohnwagen hauste, wird vermisst. Kevin gibt zu, einen Mann erschossen zu haben, kann sich aber sonst an nichts mehr erinnern. Henry will keine voreiligen Schlüsse ziehen und beleuchtet gründlich das gesamte Umfeld der vermissten Person.

Während er Pennys Bekannte und Verwandte nacheinander abklappert, erfahren wir nicht nur ihre Vorgeschichte, sondern auch viele Details über die Lebensbedingungen der Menschen nd Missstände. Die Region ist stark gebeutelt durch Heroinhandel, ungelöste Mordfälle und den industriellen Niedergang.

Schon in seinem letzten Buch fiel mir auf, dass sich Boumans Geschichten von typischen Krimis stark unterscheidet – und das nicht nur, weil Officer Henry als einziger in seiner Dienststelle alles selbst machen muss. Man merkt auch, wie sehr dem Autor die Umgebung vertraut ist. Immer wieder nimmt er sich Zeit, die Landschaft, Tier- und Pflanzenarten detailliert zu beschreiben und erweckt die tiefen Wälder von Wild Thyme zum Leben. Darunter leidet jedoch die Dramaturgie und Spannung. Das Tempo war mir zu gemächlich, die Ermittlungsfortschritte zu langsam. Immerhin hatte ich so die Gelegenheit, völlig in den Schauplatz einzutauchen und mich an Boumans stilistischem Können zu erfreuen.

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140 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 39 Rezensionen

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Die Ladenhüterin

Sayaka Murata , Ursula Gräfe
Fester Einband: 145 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 09.03.2018
ISBN 9783351037031
Genre: Romane

Rezension:

Seinen ersten Job anzutreten, kann ein einschneidendes Erlebnis sein. Für Keiko Furukura, Heldin dieses Romans ist es jedoch weitaus mehr. Für sie gibt es ein Leben vor und nach der Anstellung in einem sogenannten „Konbini“ (Convenience Store), einem 24-Stunden-Supermarkt.

Schon als Kind war Keiko eine Außenseiterin, die sagte und tat, was ihr in den Sinn kam. Ihre Spontanität wurde ihr so lang ausgetrieben, bis sie sich völlig zurückzog und schwieg. In ihrer Stelle als Ladenhilfe weiß sie das erste Mal, wie sie sich zu verhalten hat ohne Anstoß zu erregen. In einer Schulung bekommt sie sogar eine genaue Anleitung – vom Morgenappell über das Tragen der Uniform bis hin zum Auffüllen der Tiefkühlregale.

Das ist Keiko jedoch zu wenig. Um ganz sicher zu gehen, dass sie als vollwertiges Mitglied des Ladens akzeptiert wird, kopiert sie unauffällig das Verhalten und den Tonfall ihrer Kolleginnen. Sie perfektioniert immer mehr ihre Rolle im Supermarkt während sie sich draußen nach wie vor wie ein „Fremdkörper“ fühlt. Dafür sorgen vor allem ihre Eltern und Freundinnen, die sie zur Heirat und zu einem geordneten Leben drängen. Und was passiert, wenn ein weiterer Außenseiter in den Convenience Store und somit in ihr Leben tritt? Er sorgt auf jeden Fall für eine interessante Wende.

Ich habe die Geschichte in einem Zug durchgelesen und musste noch öfter an die eine oder andere Szene denken. Originell finde ich die Idee, dass hie die Hauptfigur keineswegs aus dem Hamsterrad ausbrechen will, sondern in der genormten Welt regelrecht aufgeht. Hinter dem trockenen Humor, der Situationskomik und den skurrilen Figuren verbirgt sich eine Welt, die in Japan durchaus der Realität entspricht, sei es die extrem ausgeprägte Arbeitsethik, die Vorurteile gegen unverheiratete Frauen oder gegen Aushilfskräfte. Ich habe schon viele Bücher über Außenseiter/innen gelesen, doch die Figur der Keiko, die eine ganz ungewöhnliche Berufung gefunden hat, werde ich nicht so schnell vergessen.

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Tags: japan, supermarkt   (2)
 

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11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

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So also endet die Welt

Philip Teir , Thorsten Alms
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Blessing, 21.05.2018
ISBN 9783896676061
Genre: Romane

Rezension:

Urlaub bedeutet für die einen Erlebnis und Abenteuer, für die anderen Rückzug und Erholung. In diesem Roman scheint der zehnwöchige Sommerurlaub der Familie Holmberg an der finnischen Westküste eher eine Flucht aus ihrem Leben zu sein.

Vater Erik, IT-Experte in einem Warenhaus, wurde kurz vor der Abreise entlassen, verschweigt es aber seiner Frau Julia und versucht, durch Unternehmungen mit den Kindern, später durch Alkohol, auf andere Gedanken zu kommen. Julia zieht sich zurück, um ihren zweiten Roman zu schreiben, verbringt jedoch mehr Zeit damit, ihr Leben und ihre Ehe zu hinterfragen. 

In dieser seelisch labilen Lage ist es nicht verwunderlich, dass sie sehr empfänglich sind für neue Impulse. Durch die unerwartete Begegnung mit Julias einstiger Jugendfreundin Marika und ihrem Mann und Umweltaktivisten Chris oder mit Eriks Bruder Anders, der sie spontan besucht, lernt das Paar völlig andere Lebensformen kennen. Sehr spannend inszeniert der finnische Autor, wie der Personenkreis und damit auch die zwischenmenschlichen Spannungen immer mehr zunehmen.

Philip Teir räumt jeder einzelnen Figur, Erwachsenen wie Kindern, viel Raum ein, um ihr Seelenleben offenzulegen. Jeder scheint auf der Suche nach echten Gefühlen und einem passenden Lebenskonzept zu sein. Viele Metaphern und Symbole deuten darauf hin, dass der kleine Mikrokosmos für eine ganze Gesellschaft steht, die subtil seziert wird. Der Sogwirkung dieses Romans kann man sich nur schwer entziehen.

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30 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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The Unlikely Pilgrimage Of Harold Fry

Rachel Joyce
Flexibler Einband
Erschienen bei Transworld, 07.03.2012
ISBN 9780857520654
Genre: Romane

Rezension:

Eine Pilgerreise will gut vorbereitet sein. Die nötige Zeit einplanen, sich mit der Familie abstimmen, das Equipment besorgen … Selten entschließt man sich dazu so spontan wie Harold Fry, Held dieser Geschichte. Eigentlich wollte der 65-jährige Rentner nur zum nächsten Briefkasten gehen, um einen Antwortbrief abzuschicken. Doch auf dem Weg dorthin wird ihm klar, dass dieser Brief nicht genügt. Er muss Queenie Hennessy, eine frühere Arbeitskollegin, die ihm nach zwanzig Jahren plötzlich einen Abschiedsbrief geschrieben hat, weil sie im Sterben liegt, persönlich treffen. Und so beginnt Harold seinen Fußmarsch von Kingsbridge im Süden quer durch England zum Hospiz in Berwick.

So verrückt das Unterfangen auch klingt, für den Leser wird es nachvollziehbar, weil die Autorin sehr glaubwürdig schildert, wie Harolds Entschluss allmählich in ihm reift. Zum einen hat er das Bedürfnis, in seinem Leben zum ersten Mal etwas drastisch zu verändern, zum anderen treibt ihn – angespornt durch ein Mädchen, das ihm eine bewegende Geschichte erzählt – der Glaube, dass er durch seinen Akt Queenie retten kann.

So wird Harold in jeder Hinsicht aus seiner Komfortzone herausgerissen. Obwohl er weiterhin versucht, möglichst unauffällig zu bleiben, wird er im Frühstücksraum eines Hotels schnell zum Gesprächsthema Nr. 1 und sorgt später sogar für richtigen Medienrummel.

Rachel Joyce schreibt jede Etappe und Begegnung während der Pilgerreise so bildhaft, dass man das Gefühl hat, Seite an Seite mit Harold zu marschieren. Zum ersten Mal nimmt er die Schönheit der Landschaft, an der er als Brauereivertreter so oft vorbeigefahren ist, bewusst wahr. Die intensiven Sinneseindrücke vermischen sich mit seinen Erinnerungen an seinen Sohn David, seine Frau Maureen, an Queenie und seine Reue über all seine Versäumnisse.

Ähnlich wie in ihrem aktuellen Buch „The Music Shop“ geht es Rachel Joyce auch in diesem wunderbaren Roman darum, dass etwas Größeres die Menschen mit ihren Einzelschicksalen verbindet und dass der Glaube an eine Sache mehr wiegen kann als die Vernunft.

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adult, fiction, musik

The Music Shop

Rachel Joyce
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Doubleday, 13.07.2017
ISBN 9780857521934
Genre: Sonstiges

Rezension:

Ich würde mich schon wundern, wenn ich eigentlich Musik von Chopin kaufen wollte und statt dessen mit einem Album von Aretha Franklin nach Hause gehe. Genau das bewirkt Frank, Held dieser Geschichte von Rachel Joyce.

Frank hat weder eine musikalische Ausbildung, noch spielt er ein Instrument. Doch er versteht etwas von Musik, oder genauer gesagt, welchen Song oder welche Sinfonie ein Mensch in einer bestimmten Lebenslage braucht. Auch der „Mann, der nur Chopin hört“ ist überrascht, dass „Oh No Not My Baby“ von Aretha Franklin ihn über den Betrug seiner Frischvermählten hinweghilft.

So führt Frank ein geregeltes Leben in seinem Plattenladen, weigert sich strikt CDs in sein Sortiment zu nehmen ... bis eines Tages eine Frau im grünen Mantel das Geschäft betritt – eine in jeder Hinsicht ungewöhnliche Erscheinung, die Frank völlig den Kopf verdreht. Sie fällt in Ohnmacht, verschwindet ganz plötzlich und lässt bei ihrem zweiten Besuch ihre Handtasche da.

Was Frank besonders verwirrt, sind nicht nur seine romantischen Gefühle für sie, sondern dass sie keine Musik mag. Dennoch fragt sie ihn über Stücke wie die „Vier Jahreszeiten“ aus, statt sich das Stück anzuhören, und bittet ihn sogar um Musikunterricht.

Es dauert noch eine Weile, bis ihr Geheimnis gelüftet wird, aber auch danach kann man das Buch nur schwer aus der Hand legen. Zu sehr sind einem die Figuren ans Herz gewachsen, die die Autorin so liebevoll und mit feinem sensiblem Gespür zeichnet wie Frank seine Kunden berät. Außerdem nimmt die Geschichte ständig eine neue Wendung – bis zum finalen Paukenschlag, der nicht nur Musikliebhaber mitreißen wird.

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37 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

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Die rote Frau

Alex Beer
Fester Einband
Erschienen bei Limes, 21.05.2018
ISBN 9783809026761
Genre: Historische Romane

Rezension:

August Emmerich und Ferdinand Winter sind nicht zu beneiden. Den Kriminalbeamten der Abteilung ‚Leib und Leben‘ werden trotz der erfolgreichen Aufklärung ihres letzten Falls nur Schreibarbeiten zugeteilt. Dabei würden sie sich viel lieber in einem aktuellen Fall, bei dem der beliebte Stadtrat Richard Fürst ermordet wurde, nützlich machen. Unverhofft bekommen sie die Gelegenheit dazu – allerdings mit einem Haken: Sie müssen die Tat innerhalb von 72 Stunden aufklären.

Alex Beer baut gleich mehrere Spannungselemente ein: Zum einen müssen sich Emmerich und Winter ganz schön ins Zeug legen – schließlich steht ihre zukünftige Karriere auf dem Spiel. Für den allem Anschein nach unschuldig Inhaftierten hängt sogar sein Leben davon ab, ob der wahre Täter gefasst wird. Und es ist nicht einmal klar, ob ein politisches, wirtschaftliches oder persönliches Motiv hinter der Tat steckt.

Erneut skizziert Alex Beer das Nachkriegswien mit all seinen Gesichtern, diesmal noch vielschichtiger als im letzten Fall. Man hat das Gefühl, in jeden Winkel der Stadt einzutauchen, sei es die Straßen voller Hungerleidenden und Kriegsveteranen, das Nachtleben, die Unterwelt, die Palais der Reichen oder die illustre Filmindustrie. Die Autorin schildert die Lebensumstände und Atmosphäre so authentisch, als wäre ihr jedes Terrain vertraut. Nebenbei erläutert sie interessante Details über bedeutende Bauwerke und Lokale, die heute noch existieren.

So stelle ich mir meine ideale Lektüre vor: Ein raffinierter Plot eingebettet in ein facettenreiches historisches Setting und detailliert recherchiertes Zeitgeschehen. Ich freue mich schon auf den nächsten Fall des gut eingespielten Ermittlerduos.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

leben, sachbuch, spiel

Rettet das Spiel!

Gerald Hüther , Christoph Quarch
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei btb, 14.05.2018
ISBN 9783442716371
Genre: Sachbücher

Rezension:

Das WM-Fieber steigt und steigt. Der Fußball spielt auch in diesem Buch eine Rolle. Schließlich sind Fußballspiele „die öffentlichkeitswirksamsten Kulturereignisse unserer Zeit“, so die Autoren Gerald Hüther und Christoph Quarch. Doch inwieweit haben sie ihre spielerische Leichtigkeit und Lebendigkeit bewahren können? Und warum müssen Spiele im allgemeinen  – wie der Buchtitel suggeriert – gerettet werden?

Um diesen Fragen nachzugehen, nehmen uns die Autoren zunächst mit auf eine Zeitreise in die Antike – denn bereits die Griechen waren von der Idee beseelt, das Leben als ein Spiel zu feiern und in vielfältigen Spielen das wahre Menschsein auszubilden. Im Laufe des Buches begegnen wir weiteren Verfechtern des Spiels, zum Beispiel Schiller, der freie Spielräume und Spielzeiten forderte, um der Schönheit zu huldigen, oder die Romantiker, die die Magie des Lebens mit seinen unendlichen Möglichkeiten entfesseln wollten.

In diesem kulturgeschichtlichen Abriss macht das Autorenduo deutlich, dass das Spielen Freiräume öffnet, in denen die Spieler in einer guten Balance von Verbundenheit und Freiheit ihre Geschicklichkeit, Talente und Emotionen zeigen können. Der Homo ludens werde in der heutigen Zeit jedoch immer mehr durch den Homo oeconomicus verdrängt, der nach Effektivität und Produktivität strebt.

In einer Mischung aus philosophischen Gedanken und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen beleuchten Hüther und Quark verschiedene Spielvarianten und entlarven auch gefährliche Spielverderber. Stellenweise schien mir die Lobpreisung des Spiels etwas übertrieben und ihre Vorstellungen sehr idealistisch, doch beschreiben sie eine Welt, die auch aus meiner Sicht unbedingt erstrebenswert ist. Das Buch ist ein überzeugendes Plädoyer für das zwang- und absichtslose Spiel, das das volle kreative Potenzial der Spieler zum Vorschein bringen kann, Lebensfreude weckt und das Gefühl des Miteinanders in Beruf, Familie und Freizeit stärkt.

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128 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 70 Rezensionen

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Leinsee

Anne Reinecke
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 28.02.2018
ISBN 9783257070149
Genre: Romane

Rezension:

Ein Selbstmord in der Familie ist nur schwer zu verkraften. Bei Karl Stiegenauer, Hauptfigur dieses Romans, ist die Sache jedoch weitaus komplizierter. Sein Vater August hat sich erhängt, weil er ohne seine Frau Ada, die an Krebs erkrankt ist, nicht mehr leben wollte. Er konnte ja nicht ahnen, dass sie die Operation überlebt. Im Leben dieses berühmten Künstlerpaars war für Karl schon als Kind kein Platz. Kein Wunder, dass ihn die Rückkehr in sein Elternhaus in Leinsee überfordert.

Der einzige Halt für ihn ist die achtjährige Tanja, die eines Tages ganz plötzlich im Kirschbaum seines Gartens sitzt und ihn beim Entrümpeln beobachtet. Gerade weil Karl sein Leben im Moment so absurd und surreal vorkommt, passt die Erscheinung des Mädchens, das lauter verrückte Dinge anstellt wie Steinformationen in seinem Garten zu bilden, so gut ins Bild.

Ich war ganz fasziniert von der ungewöhnlichen Beziehung, die sich langsam zwischen ihnen aufbaut. Es bedarf keiner Worte – allein die Präsenz des anderen in der Nähe zu spüren macht die beiden glücklich. Die Rückkehr in seine Heimat und die Begegnung mit Tanja bringt Karl nicht nur dazu, sich den Erinnerungen an eine einsame Kindheit zu stellen, sondern entfacht auch sein künstlerisches Schaffen.

Der Roman hat mich auf der ganzen Linie begeistert: die gut ausgearbeiteten, teils skurrilen Figuren, allen voran der eigenbrötlerische und doch sympathische Karl, der seinen Lebenssinn und seine Heimat neuentdeckt, die Seitenhiebe auf die sich wichtig nehmende Kunstszene und den Promikult, der schwarze Humor (selten wurde ein Polizeibesuch so ungemein witzig beschrieben), Reineckes prägnante und der Situation angepassten Sprache, aber vor allem die bezaubernde Poesie, die sich in der abstrusen und tragikomischen Handlung entfaltet.

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

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Teich

Claire-Louise Bennett , Eva Bonné
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 23.04.2018
ISBN 9783630875569
Genre: Romane

Rezension:

Was haben selbst geerntete Kartoffeln und Dicke Bohnen mit einer Liebesaffäre zu tun? Nichts könnte man meinen, doch die Schriftstellerin Claire-Louise Bennett schafft es, eine Verbindung zu schaffen. In ihrem Roman tauchen noch mehr solcher überraschenden Gedankensprünge auf. Ging es gerade noch um die Gartenarbeit in ihrem Cottage an der irischen Westküste, dreht sich das Thema auf einmal um die Brutalität der Liebe in der Literaturgeschichte.

Die Autorin hat sichtlich Spaß daran, mit dem Leser zu spielen und ihn mitunter auf die falsche Fährte zu führen. Man fragt sich ständig, ist das wichtig, was sie gerade erzählt, oder belanglos und keine größere Aufmerksamkeit wert. Bennett scheint es selbst nicht genau zu wissen oder vermittelt zumindest den Eindruck. Sie erzählt vieles im Konjunktiv und weckt den Anschein, dass sie sich gar nicht festlegen möchte. Viele Sätze leitet sie mit „Ehrlich gesagt“ ein, als sei sie bemüht, ihre wahren Gefühle offenzulegen.

So finden viele Episoden nur in ihrem Kopf statt, manche darunter durchaus humorvoll: Sie stellt sich beispielsweise vor, wie sie sich verhalten würde, wenn sie auf ihrer eigenen Party eingeladen wäre. Die Neugier, welcher schräge Gedanke oder welche ungewöhnliche Formulierung als nächstes kommen wird, trieb mich in erster Linie durch die handlungsarme Geschichte. Obwohl mir die Erzählerin bis zum Schluss unsympathisch blieb, hoffte ich doch in jedem Kapitel, etwas mehr über ihr Leben und ihr Wesen zu erfahren.

Dieser Roman zählt zu jenen, die weniger durch die Handlung als vielmehr durch die unkonventionelle Erzählweise faszinieren, doch diese Faszination ließ bei mir zum Ende hin nach. Zurück blieb ein bitterer Nachgeschmack und die verstörende Erkenntnis, was die selbst gewählte Einsamkeit mit einem Menschen anstellen kann.

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