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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Im Frühling

Karl Ove Knausgård , Paul Berf
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 26.03.2018
ISBN 9783630875125
Genre: Romane

Rezension:

Nachdem mich „Im Winter“ von Karl Ove Knausgård begeistert hat, war ich sehr gespannt auf den dritten Teil seiner Jahreszeiten-Bände. Auch diesmal wendet sich der Autor mit seinen Schilderungen und Gedanken an seine Tochter, die mittlerweile drei Monate alt ist. Diesmal beschreibt er jedoch nicht Dinge des Alltags und der Natur, sondern einen Tag im Frühling, der um 5:40 Uhr beginnt. 

Der Familienvater bringt seine drei Kinder zum Hort bzw. in die Schule und fährt dann die Tochter spazieren. Die Umgebung und die explodierenden Farben des Frühlings, die er sehr sinnlich und bildhaft beschreibt, wecken bei ihm verschiedene Assoziationen und Erinnerungen, zum Beispiel an die Gartenarbeit, die Kunst oder Literatur. Man muss fast schmunzeln, wenn er dem Baby beispielsweise den Inhalt des Romans 'Väter und Söhne' von Turgenjew erklärt. „Ist das nicht ein bisschen zu hoch für die Kleine?“, möchte man ihn fast zurufen.

An jenem Tag steht auch ein Besuch in der Klinik Helsingborg auf dem Programm und damit kommt Knausgård zu einem sehr qualvollen Thema: den Depressionen seiner Frau. Mir persönlich nahm dieser schwermütige Teil zu viel Raum ein. Andererseits fand ich es bewundernswert, wie er diese schwere Krise bewältigte und niemals die Hoffnung aufgab. In der Geburt der Tochter sahen sie die lang ersehnte Rettung für die Familie – dies alles erzählt der Autor sanft, liebevoll und zuversichtlich, als ob er sich und allen Leidenden Kraft und Mut zusprechen wollte. Die farbenfrohen, expressiven Bilder von Anna Bjerger bilden eine sehr schöne Ergänzung. 

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25 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

lesen, bücher, buchüberbücher, lesefieber, leseratte

Gebrauchsanweisung fürs Lesen

Felicitas von Lovenberg
Fester Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2018
ISBN 9783492277174
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ich frage mich, warum ich eine „Gebrauchsanweisung fürs Lesen“ gekauft habe. Das Lesen beherrsche ich ganz sicher, eher bräuchte ich eine Anleitung, wie ich mehr Zeit dafür gewinne oder wie ich meine Gier nach neuem Lesestoff zügeln kann. Vermutlich war ich nur auf der Suche nach einer Erklärung für meine Lesesucht und nach einer Bestätigung, dass trotzdem alles mit mir in Ordnung ist. Zu meiner großen Erleichterung fand ich in dem Büchlein von Felicitas von Lovenberg beides.

Die Verlegerin des Piper Verlags schildert die Vorzüge des vertieften Lesens aus verschiedensten Blickwinkeln. Sie erklärt, wie das Lesen das Selbstbewusstsein und das Einfühlungsvermögen stärkt und den kritischen Geist fördert. Bücher, so schreibt sie, bereichern uns um Erfahrungen, Gefühle und Erkenntnisse und erlauben uns – wie Klaus Piper es nannte – „doppelt zu leben“, da wir bei der Lektüre neue Gedanken formen und das Gelesene individuell vervollständigen. Marie von Ebner-Eschenbach hatte sicher Recht mit ihrer Feststellung „Lesen ist ein großes Wunder“.

Die Autorin streut immer wieder interessante Betrachtungsweisen und Denkanstöße ein: zum Beispiel dass wir heute ein hohes Privileg genießen, Lektüre in Frieden und Freiheit genießen zu können. Oder dass wir mit einem E-Book-Reader unsere Lesegewohnheiten preisgeben und ein Stück Privatsphäre aufgeben. Von Lovenberg bezeichnet unsere gelesenen Bücher als eine Art ausgelagertes Gedächtnis, als eine Bibliobiografie unseres Lebens. Für meinen Bücherschrank ist dieses kleine, aber feine Büchlein jedenfalls sowohl optisch als auch inhaltlich eine Bereicherung und gibt mir das gute Gefühl: Ich bin mit meiner Leidenschaft nicht allein!

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75 Bibliotheken, 4 Leser, 3 Gruppen, 48 Rezensionen

liebe, roman, 60er jahre, enttäuschung, tod

Eine Liebe, in Gedanken

Kristine Bilkau
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 12.03.2018
ISBN 9783630875187
Genre: Romane

Rezension:

Was für eine Liebesgeschichte, an der uns die Ich-Erzählerin teilhaben lässt! Es ist nicht ihre eigene, sondern die ihrer Mutter Antonia, genannt Toni, die gerade verstorben ist. Erst jetzt, während der Wohnungsauflösung, wird ihr bewusst, was sie in der Beziehung zu ihrer Mutter versäumt hat und bereut ihr Desinteresse in den vergangenen Jahren. Vor allem hätte sie gern mehr gewusst über Tonis große Liebe, die sie nun anhand von Briefen, Erinnerungen und eigenen Gedanken zu rekonstruieren versucht.

Toni und Edgar begegnen sich 1964 in einer Straßenbahn in Hamburg. Ihre ersten Rendezvous und ihr Umgang miteinander werden zauberhaft und mit viel Charme geschildert. Besonders Toni habe ich gleich ins Herz geschlossen. Sie ist klug, abenteuerlustig, selbstbewusst und verkörpert die Aufbruchstimmung in den sechziger Jahren. Genau das fasziniert wohl auch Edgar, ein altmodischer und zurückhaltender Gentleman, der seine Gefühle in romantische Briefe verpackt. Ihre gegenseitige Zuneigung wirkt mal zärtlich und fragil, mal leidenschaftlich und intensiv. Als Edgar jedoch eine berufliche Chance in Hongkong ergreift, ist Toni gezwungen, ihre gemeinsamen Träume in Frage zu stellen.

Berührt hat mich nicht nur Tonis Entschlossenheit und Mut, für die Liebe ihres Lebens alles aufzugeben, sondern auch das Thema Nähe und Distanz zwischen Müttern und Töchtern. Die Ich-Erzählerin muss nicht nur Abschied von ihrer Mutter nehmen, sondern auch von ihrer Tochter Hanna, die bald das Elternhaus verlassen wird. Kristine Bilkau baut durch den Wechsel der Zeitebenen nicht nur Spannung auf, sondern schafft auch eine tolle Balance zwischen Beschwingtheit und Melancholie, zwischen Tagträumerei und Realität.

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fotografie

Magnet

Lars Saabye Christensen , Christel Hildebrandt
Fester Einband: 780 Seiten
Erschienen bei btb, 12.03.2018
ISBN 9783442756995
Genre: Romane

Rezension:

Es ist schon eine ganz eigenwillige Figur, die Lars Saabye Christensen in diesem Roman geschaffen hat. Jokum Jokumsen fotografiert gern heimatlose Dinge, die seinen Weg kreuzen. In ihrer Gesellschaft fühlt er sich weitaus wohler als unter Menschen, die ihm ständig zu nah auf die Pelle rücken. Am liebsten möchte er gar nicht auffallen – was ihm schwerfällt bei seiner Größe von über zwei Metern.

Zu der Fotografie findet der Literaturstudent erst über Synne Sager, seine große Liebe, die Kunstgeschichte studiert. Die beiden werden privat, später auch beruflich ein Paar. Er fotografiert und sie organisiert als Kuratorin seine Ausstellungen.

Der Autor nimmt sich viel Zeit, um Jokums Entwicklung und Karriere, die ihn und seine Frau von Oslo nach San Francisco führen, auszurollen. Mit viel Empathie und nuancenreich schildert er die Gedankengänge eines Künstlers, der in der Öffentlichkeit unbeholfen wirkt, an sich zweifelt und trotz seines Erfolgs selten richtig glücklich ist. Manchmal kam er mir so heimatlos vor wie die Gegenstände, die er fotografiert. Nur in einer Sache ist er sich hundertprozentig sicher: der Liebe zu seiner Frau. 

Christensen macht nicht nur die Kunst und Literatur zum Hauptthema seines Romans, sondern überrascht mit stilistischen Kunstgriffen, indem er den Autor als Figur einbaut. Dieser drängt sich dann mitten im Geschehen ganz plötzlich in den Vordergrund und kommentiert seine Geschichte und Erzählweise. Wie in seinen vergangenen Romanen lässt Christensen immer wieder seinen trockenen Humor aufblitzen und ist sprachlich so gewandt, dass die Lektüre von 960 Seiten erstaunlich kurzweilig ist.

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finnland, hamin, humo, intrieg, finnlan

Die letzten Meter bis zum Friedhof

Antti Tuomainen , Niina Wagner , Jan Costin Wagner
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 24.01.2018
ISBN 9783498065522
Genre: Humor

Rezension:

Vom Regen in die Traufe. Dieser Spruch beschreibt nicht einmal annähernd die katastrophale Lage, in die der Protagonist Jaako schlittert. Erst erfährt er, dass er vergiftet wurde und nicht mehr lang zu leben hat, ertappt dann seine untreue Frau Taina in flagranti und wird zu guter Letzt von zwielichtigen Typen einer Konkurrenzfirma bedroht. Ziemlich viel auf einmal zu verarbeiten…

Das Erstaunliche dabei ist, dass er förmlich auflebt, statt in einem Schockzustand zu verharren oder in eine Depression zu verfallen. Zwei Dinge treiben ihn vor allem an, seine verbleibende Lebenszeit so effektiv wie möglich zu nutzen: herauszufinden, wer ihn vergiftet hat, und seine Firma, die Matsutake-Pilze nach Japan exportiert, zu retten. Die Botschaft vieler Aufmerksamkeitstrainings „Im Hier und Jetzt zu leben“ bekommt hier eine ganz andere Dimension.

Das ist vermutlich der erste Roman eines finnischen Autors, den ich gelesen habe, und er hat mich begeistert. Antti Tuomainen hat einen besonderen Sinn für schwarzen Humor. So fragt sich Jaako, der vor seinem Tod noch eine gute Figur machen will, wie er das Protein im Shampoo seinem Bizeps zuführen kann. Der Autor hat aus seiner originellen Idee eine rasante, tragikomische Geschichte gestrickt, die durch gut gezeichnete bizarre Figuren und viel Situationskomik nicht nur bestens unterhält, sondern auch dazu anregt, jeden Tag so bewusst zu leben, als wäre er der letzte.

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Sehnsucht

Rafik Schami
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei ars vivendi, 27.02.2018
ISBN 9783869138510
Genre: Sonstiges

Rezension:

Stimmt es, dass wir uns immer das wünschen, was wir gerade nicht haben? Bestimmt die Sehnsucht unser Leben? Sechs Autorinnen und Autoren sind in diesem Band dieser Frage nachgegangen und haben sich zu mehreren Kurzgeschichten inspirieren lassen. Sie sind mal heiter, mal dramatisch, mal mystisch und düster. Dabei zeigt sich, in welch unterschiedlicher Art und Intensität die Sehnsucht uns befällt.

Das Verlangen nach einem Menschen hat sicher jeder schon erlebt. Doch was macht man, wenn es so destruktive Ausmaße annimmt wie in der Erzählung "Wie ultramarin" von Root Leeb? Ein Augenarzt verzehrt sich förmlich nach einer Patientin, die er nur flüchtig kennt. Für ihn ist die Anziehungskraft unerklärlich und dennoch bringt sie seinen Alltag völlig durcheinander. Die anfangs bittersüße Sehnsucht zwischen zwei Liebenden kann sich mit der Zeit auch in etwas Grausames und Boshaftes verwandeln, wie eine weitere Geschichte der Autorin zeigt. Ihr Vergleich mit zwei Marionetten, die von einer fremden Kraft mal zueinander angezogen, dann wieder voneinander abgestoßen werden, fand ich sehr treffend.

Die Sehnsucht wird in den Geschichten auf ganz unterschiedliche Weise ausgelöst – mal durch ein vorgetragenes Gedicht der Tochter, mal durch den plötzlichen Tod der Mutter. Die Figuren führen uns vor Augen, dass wir uns entweder vergangene Zeiten herbeisehnen und verpassten Chancen nachtrauern oder uns an eine fixe Idee klammern und den Plan kompromisslos durchziehen.

Doch welchen Preis zahlt man, um seine Sehnsucht zu befriedigen? Der Direktor einer Krankenkasse nimmt höchste körperliche Strapazen in Kauf, wenn das Spitzchen ruft. Er hat sich den Aufstieg des Walliser Weißhorns nun mal in den Kopf gesetzt, da führt kein Weg dran vorbei. Ganz zu schweigen von den seelischen Nöten, an denen so manche Figur zugrunde geht. Autor und Herausgeber Rafik Schami hat in diesem Büchlein lauter literarische Perlen versammelt, die die Sehnsucht wecken nach mehr.

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adoption, geschwister, familie, kinderheim, lisa wingate

Libellenschwestern

Lisa Wingate , Andrea Brandl
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Limes, 05.03.2018
ISBN 9783809026907
Genre: Romane

Rezension:

Familiengeheimnisse, die ans Tageslicht kommen, bieten immer wieder spannenden Stoff für einen Roman. Das ist auch in diesem Buch nicht anders – mit dem Unterschied, dass diese Geschichte auf wahren und erschütternden Begebenheiten beruht.

Als die Ich-Erzählerin Avery Stafford eines Tages in einem Altenheim der über 90-jährigen May Crandall begegnet, ahnt sie noch nicht, dass sie ihr Leben verändern wird. May hat Averys Libellenarmband, ein Familienerbstück, wiedererkannt, doch noch kann Avery die fremde Dame nicht einordnen. So beginnt eine dramatische Spurensuche, die der Protagonistin nicht nur Klarheit über ihre Vergangenheit, sondern auch ihre Zukunft verschaffen wird.

Parallel wird aus Sicht des zwölfjährigen Mädchens Rill Foss erzählt, wie sie und ihre Geschwister 1939 auf dramatische Weise ihrer Familie entrissen und in das Waisenhaus Tennessee Children’s Home Society entführt werden. Der grausame Alltag dort geht einem so nahe, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Besonders mit Rill, die zwischen Mutlosigkeit und Entschlossenheit schwankt, einerseits helfen, andererseits weglaufen möchte, leidet man fiebernd mit. Man kann sich kaum vorstellen, dass intakte Familien von Menschen wie der Kinderheim-Leiterin Georgia Tann aus Profitgier auseinander gerissen wurden.

Beide Zeitebenen bewegen sich immer rasanter aufeinander zu und erzeugen so eine ungeheure Spannung. Dabei gelingt es der Autorin, sowohl für die erwachsene Avery als auch die junge Rill einen authentischen Sprachstil zu finden. Zugleich bekommt man einen Einblick in die Thematik aus verschiedenen Perspektiven: aus Sicht der betroffenen Kinder, der Mitarbeiter eines Kinderheims, aber auch der neuen hoffnungsfrohen Eltern. Es geht um Familienzusammenhalt, starke Geschwisterliebe und den Umgang mit dem Älterwerden. All das hat Lisa Wingate in einen Schicksalsroman verpackt, der meine Erwartungen übertroffen hat.

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elke heidenreich, frau, frauen, frauen und leidenschaften, autorinnen

Frauen und Leidenschaften

Elke Heidenreich , Elke Heidenreich
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Random House Audio, 22.01.2018
ISBN 9783837142044
Genre: Sonstiges

Rezension:

Zum 75. Geburtstag von Elke Heidenreich ist bei Random House ein Hörbuch erschienen, das ausgewählte Lieblingstexte von ihr über „Frauen und Leidenschaften“ versammelt. Dass es im ersten Kapitel um Frauen und Bücher geht, überrascht nicht. Die Literaturexpertin bringt darin nicht nur ihre Liebe zu Wörtern zum Ausdruck, sondern nimmt in ihrer typisch ironisch-bissigen Art auch das schwierige Verhältnis von Männern zu belletristischer Lektüre aufs Korn.

Ihr Ton wird jedoch immer ernster, besonders dann, wenn es um die schreibende Frau in den vergangenen Jahrhunderten geht. Sie erinnert an Schriftstellerinnen wie Virginia Woolf, die den „Wahnsinn des Schreibens“ nicht aushielt und Selbstmord beging oder an jene, die sich minderwertig, überfordert oder sich der Erwartung der Gesellschaft nicht gewachsen fühlten. Bewunderung und Anteilnahme ist herauszuhören, wenn Heidenreich darüber reflektiert, wieviele Frauen ihren Männern den Rücken freihielten oder als Muse dienten, damit diese sich künstlerisch entfalten konnten.

Ich lernte einige mir noch unbekannte Seiten der Autorin kennen wie ihre Liebe zum Meer oder zu weißen Rosen. Sie streut Zitate aus Rosengedichten von Gottfried Benn ein und erklärt, woher der Begriff Rosenkrieg kommt oder welche Bedeutung Rosen in der Literatur hatten. Ihrer unverkennbaren rauhen Stimme, die den passenden Stellen Nachdruck verleiht, folgt man in ihren ausschweifenden Betrachtungen gern.

Im letzten Kapitel widmet sie sich ihrer Leidenschaft für Hunde und gesteht, dass sie ihrem Freund ziemlich wenig, ihrem heißbeliebten Mops dagegen fast alles durchgehen lässt. Hier findet Heidenreich wieder zu ihrem witzigen Ton und Esprit zurück, den sie einfach am besten beherrscht. Das Hörbuch fasst die Themen, die ihr am Herzen liegen, sicher gut zusammen, ist für eine Geburtstagsausgabe jedoch ungewöhnlich wehmütig und kritisch.

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amerika, edward hoppers "nighthawks", malerei

Nighthawks

Lawrence Block , Frauke Czwikla
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Droemer, 02.11.2017
ISBN 9783426281642
Genre: Sonstiges

Rezension:

Jedes Gemälde erzählt eine Geschichte. Ein Gemälde kann aber auch zu einer ganz neuen Geschichte inspirieren. Prädestiniert dafür sind die Bilder von Edward Hopper, die viel Freiraum für Fantasien bieten und mich schon immer fasziniert haben. Das dachte sich wohl auch Lawrence Block, als er dieses Buchprojekt ins Leben rief. 17 amerikanische Autoren, darunter so namhafte wie Jeffrey Denver, Joyce Carol Oates oder Stephen King, haben zu einem Gemälde ihrer Wahl einen Kurzkrimi verfasst.

Dabei gehen die Schriftsteller ganz unterschiedlich vor. In „Zimmer am Meer“ zum Beispiel beschreibt Nicholas Christopher genau, was auf dem Bild zu sehen ist, und weitet dann die Szenerie immer weiter aus, so dass wir spätestens dann der Fantasie des Autors überlassen sind. In der Geschichte „Hotel Lobby“ dagegen wartet man als Leser förmlich darauf, dass das Bild Eingang in die Geschichte findet. Ist es dann endlich so weit, werden die Figuren regelrecht lebendig und man kommt sich vor wie in einer spannenden Filmszene, in der sich die Figuren in jedem Augenblick in Bewegung setzen werden.

Was erzählen uns diese New Yorker Stadtszenen und Momentaufnahmen von einsamen Menschen in Wohnungen, Büros und Motels? Diese Frage wird in „Nachtfalken“ sogar ganz explizit gestellt und zwar an ein Mädchen, das in einem Museum das gleichnamige Bild von Hopper betrachtet und von einem Privatdetektiv beschattet wird. Die 23-jährige möchte sich in der Tat von dem Bild zu einer Story inspirieren lassen. 

Sowohl die Bilder des amerikanischen Malers als auch die Kurzgeschichten, die daraus entstanden sind, entrücken uns auf magische Weise der Wirklichkeit. Neben Krimis hätte ich mir allerdings noch andere Genres gewünscht. Es wäre interessant zu erfahren, zu welchen neuen Bildern diese Geschichten Edward Hopper wiederum inspiriert hätten.

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frankreich

Nichts, um sein Haupt zu betten

Françoise Frenkel , Elisabeth Edl , Patrick Modiano
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei btb, 12.02.2018
ISBN 9783442716081
Genre: Biografien

Rezension:

Dieser Zeugenbericht von Françoise Frenkel ist unglaublich und ergreifend zugleich. Die polnische Jüdin erfüllte sich nach ihrem Literaturstudium in Paris einen Traum und eröffnete 1921 eine französische Buchhandlung in Berlin. 19 Jahre später, kurz vor Ausbruch des Krieges, musste sie das Geschäft aufgeben und nach Paris flüchten. Ab da beginnt eine Odyssee quer durch das besetzte Frankreich über Avignon, Vichy und Nizza bis in die Schweiz, die man sich kaum vorstellen kann, würde die Autorin sie nicht so fesselnd und authentisch schildern.

Sie berichtet von den Lebensverhältnissen während der Vichy-Regierung, als die Bevölkerung den Besatzern und ihrem dekadenten Lebensstil möglichst aus dem Weg ging. Die Lage spitzt sich jedoch immer mehr zu, und bald stehen Diebstähle, Erpressungen, Flucht, Verhaftungen und Deportationen auf der Tagesordnung. Was die Menschen damals nicht alles versucht haben, um sich in Sicherheit zu bringen!

Das Besondere an ihrem Bericht ist, dass Frenkel immer wieder die Menschlichkeit hervorhebt, die sie in ihrem durch Einsamkeit, Angst und Schrecken geprägtes Leben erfahren hat. So beschreibt sie viele bewegende Szenen der Solidarität, zum Beispiel auf der Post, wo sich Menschen voller Hoffnung und Erwartung zusammenfanden und sich Mut zusprachen, im Zug, wo Reisende sich gegenseitig Fotos von Familienangehörigen und Mitbringsel zeigten und Lebensmittel schenkten oder im Hotel Roseraie, das Flüchtlinge verschiedenster Nationalitäten aufnahm.

Wie anders wäre ihr Leben verlaufen, wenn Frenkel nicht Menschen voller Güte und Fürsorge wie das Ehepaar Marius getroffen hätte, die ihr in Nizza Unterschlupf boten und ihr Leben riskierten. Sie versäumt ebensowenig, ihre Empfänglichkeit für die Schönheit der Natur und der Städte zu beschreiben und die Stimmung an der Promenade des Anglais oder auf einem Blumenmarkt atmosphärisch wiederzugeben. Ihr Zeugenbericht ist ein Juwel und hat sich stark in mein Gedächtnis eingeprägt.

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22 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

bärenjagd, dolomiten, vater-sohn-geschichte

Das Fell des Bären

Matteo Righetto , Bruno Genzler
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Blessing, 13.11.2017
ISBN 9783896675996
Genre: Romane

Rezension:

Auch wenn man nicht viel gemein hat mit dem zwölfjährigen Domenico, der am Ufer des Codalonga angelt und sich seinen Träumen hingibt, kann man sich als Leser sofort in seine Gefühlswelt hineinversetzen. Das liegt vor allem an der Sprachkraft Matteo Righettos, der die klare Bergluft in den Dolomiten, den Duft der Bäume und die archaische Landschaft mit allen Sinnen erspüren lässt.

Domenico, der mit seinem Vater Pietro Sieff in Colle Santa Lucia lebt, träumt davon, etwas Großes zu erleben und ein außergewöhnliches Leben zu führen. Er hätte nicht geahnt, dass sich so schnell eine Gelegenheit dazu ergibt: Sein Vater will mit ihm auf die Jagd gehen und den Bären erlegen, der seit geraumer Zeit die Gegend unsicher macht und um den sich viele Mythen ranken.

Während des mühsamen Aufstiegs auf der Suche nach der rotäugigen Bestie kommen sich Vater und Sohn unerwartet näher, und das macht das Besondere dieser Geschichte aus. Der Sohn lernt eine ganz neue Seite seines bisher so abweisenden und griesgrämigen Vaters kennen und erlebt seine Anerkennung und die emotionale Nähe wie eine Neugeburt. In einer schnörkellosen Sprache und mit viel Feingefühl entfaltet der Autor vor der Kulisse der imposanten Bergwelt nicht nur eine körperliche Grenzerfahrung, sondern vor allem Domenicos Wechselbad der Gefühle zwischen existenzieller Angst, Staunen, Stolz und tiefer Rührung.

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niederlande, delft, malerei, porzellan, pest

Nachtblau

Simone van der Vlugt , Eva Schweikart
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 10.07.2017
ISBN 9783959671064
Genre: Historische Romane

Rezension:

Zu manchen Romanfiguren findet man sofort einen Draht. Catrijn war bei mir so ein Fall. Auf wenigen Seiten wird erzählt, wie die Hauptfigur ihren Mann Govert auf einem Fest kennenlernte, ihn heiratete und nach seinem plötzlichen Tod seine Farm erbte. Da musste ich einfach wissen, wie ihr Leben weitergeht und begleitete die junge Witwe auf eine schicksalhafte Reise quer durch Holland.

Catrijn hält es nicht lange in ihrem Heimatdorf De Rijp, denn sie wollte schon immer in die Großstadt und sich am liebsten der Malerei widmen. Welch ein Glück, dass sie den Weltenbummler Mattias van Nulandt kennenlernt und erfährt, dass sein Bruder Adriaen eine Haushälterin sucht. Bei der angesehenen Kaufmannsfamilie in Amsterdam kommt sie nicht nur das erste Mal mit Delfter Porzellan in Berührung – sie lernt auch Rembrandt und seinen Schüler Nicolaes Maes kennen, der Adriaens Frau Brigitta Malstunden geben soll. Als Catrijn heimlich eine chinesische Vase malt, stellt sie die Weichen für ihre Zukunft: Sie darf in der Porzellan-Manufaktur von Adriaens Bruder Evert in Delft als Keramikmalerin einsteigen.

Doch ihre dunkle Vergangenheit, die nur peu à peu preisgegeben wird und sie einholt, sowie lebensbedrohliche Schicksalsschläge legen ihr immer wieder Steine in den Weg. Bis zum Ende fiebert man mit dieser klugen, talentierten und mutigen Protagonistin mit, die mit ihren ausgefallenen Ideen das Keramikgeschäft ankurbelt. Diesen Part hätte ich mir noch detaillierter gewünscht. Nichtsdestotrotz erfährt man in diesem gut recherchierten Buch viel Interessantes über die damaligen Lebensumstände, Standesunterschiede, die Atmosphäre in Alkmaar, Amsterdam und Delft und nicht zuletzt die Geschichte des berühmten Delfter Porzellans. Auch wenn ich mich für Porzellan nicht so sehr interessiere, habe ich Lust bekommen, die Keramikmanufaktur „Royal Delft“ zu besuchen.

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Tags: holland, porzellan   (2)
 

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

emanzipation, biografie

Meine Lebensgeschichte

Fanny Lewald
Flexibler Einband
Erschienen bei Ulrike Helmer Verlag
ISBN 9783927164000
Genre: Sachbücher

Rezension:

Fanny Lewald zählt zu den berühmtesten und erfolgreichsten deutschen Autorinnen des neunzehnten Jahrhunderts. Durch Zufall stieß ich auf ihre Biografie aus dem Jahr 1861. Darin beschreibt sie nicht nur ein Stück spannende Emanzipationsgeschichte, sondern auch wie eine Frau zu ihrer Berufung fand.

Der erste Teil handelt von ihrer Kindheit in Königsberg und schildert Verhältnisse, die wir uns heute kaum vorstellen können: Sie lebt mit acht Geschwistern, die schon in frühen Jahren lernen, vielzählige Arbeiten selbst zu erledigen wie Obsttrockenen, Einkochen, Wurstherstellung, Putz- und Näharbeiten. So pflichtbewusst Fanny die Haushaltsarbeiten auch erledigt, lebt sie erst richtig auf, als sie in die Schule eintritt. Sie muss sich zwar zum ersten Mal die Anerkennung anderer hart erarbeiten, doch schnell sind ihr Ehrgeiz und ihr Bildungshunger geweckt. Schon bald steht ihr Entschluss fest, dass sie „wie ein Mann studieren“ will.

Was mir besonders an der Biografie gefällt, ist, dass Fanny Lewald nicht nur Ereignisse und Erlebnisse chronologisch aneinanderreiht. Vielmehr reflektiert sie rückblickend ihr Verhalten und stellt heraus, welche Erkenntnisse in den jeweiligen Lebensphasen besonders lehrreich für sie waren. In ihrem 15. Lebensjahr stellt sie zum Beispiel fest, dass auch Kinder gegenüber ihren Eltern Rechte haben, und beschließt für sich, niemals jemanden gegen ihren Willen zu heiraten wie ihre Tante. Auch das schwierige Verhältnis zu ihren Eltern, die sie bedingungslos liebt, hat mich berührt. Von ihrer Mutter, die mit Fannys intellektueller Überlegenheit nicht umzugehen weiß, fühlt sie sich unverstanden. Gegenüber ihrem Vater ist sie hin- und hergerissen zwischen absolutem Gehorsam und dem Drang, sich von seiner Kontrolle loszulösen.

Ein weiteres einschneidendes Erlebnis war sicher die erste Reise, die sie mit ihrem Vater nach Berlin und Baden-Baden unternahm. Besonders nach der Begegnung mit weiblichen Bühnenkünstlerinnen sehnt sie sich immer mehr nach Freiheit und Selbstständigkeit. Der quälenden Frage „Was soll aus dir werden?“, die seit ihrer Jugend auf sie lastet, kann sie mit 34 Jahren endlich etwas entgegensetzen: Sie findet Freude am Schreiben und beginnt, Zeitungsartikel zu schreiben und ihre ersten Romane zu verfassen.

Ich bewundere die Autorin, die jeden kleinsten Winkel ihrer Gedanken, ihrer Seele und ihres Herzens offenlegt. Ihr Leben stellt sie als permanenten Lernprozess dar, der sicher nicht nur den Leserinnen ihrer Zeit Mut machte. Auch heute kann man von ihrem Lebensmut und ihrem Willen, auf eigenen Füßen zu stehen und authentisch zu leben, noch sehr viel lernen.

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Tags: biografie, emanzipation   (2)
 

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46 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 8 Rezensionen

bellletristik, ehe, hanser, lauren groff, liebe

Licht und Zorn

Lauren Groff , Stefanie Jacobs
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 22.08.2016
ISBN 9783446253162
Genre: Romane

Rezension:

Ein frisch vermähltes junges Paar in einer überschwänglichen Liebesszene am Strand in Maine. Diese Eingangsszene lässt Unheilvolles vermuten, zumal die Autorin bereits kleine Risse in dieser vermeintlich perfekten Idylle andeutet. So ist man im ersten Teil, der aus der Sicht des Ehemannes und Sunnyboys Lancelot, genannt Lotto, geschildert wird, ständig in einer Habachtstellung. Wann wird die dunkle Seite der schönen, aber stillen und mysteriösen Ehefrau Mathildes ans Licht kommen? Wird die Hals über Kopf geschlossene Ehe in die Brüche gehen?

Die ganz Zeit wundert man sich, was Mathilde eigentlich so treibt, während Lotto zunächst vergeblich auf eine gute Rolle wartet und vom erfolglosen Schauspieler allmählich zum gefragten Dramaturg avanciert. Dass Mathilde diejenige ist, die im Hintergrund die Fäden zieht und ihrem Ehemann den Rücken frei hält, erfahren wir erst im zweiten Teil mit dem Titel Zorn.

Lauren Groff erzählt scharfsinnig und ironisch von einer eher abschreckenden Ehe aus zwei Perspektiven. Bemerkenswert dabei ist, dass Mathilde keineswegs mit ihrem narzisstischen Ehemann abrechnet, denn sie hat sich nicht ausnutzen lassen, wie man meinen könnte, sondern selbst ihren Mann manipuliert. Auch wenn die Konstruktion und die unterschiedliche Erzählart der zwei Teile ungewöhnlich ist, wollte bei mir bis zum Schluss der Funke nicht überspringen. Die Art und Weise, wie die Autorin die Abgründe dieser komplexen Ehe entlarvt, war für mich auf die Dauer zu deprimierend.

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14 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

Der Sohn

Jan Guillou , Lotta Rüegger , Holger Wolandt
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Heyne, 15.01.2018
ISBN 9783453270312
Genre: Romane

Rezension:

In diesem sechsten Band der Brückenbauer-Reihe wird das Schicksal der Familie Lauritzen aus der Sicht des Enkels Eric erzählt. Er wächst im Stockholmer Vorort Saltsjöbaden und führt das typische Leben der Oberschicht. Im Gegensatz zu seinem Vater, der ihm wegen jeder Bagatelle eine Tracht Prügel verpasst, hält sein Großvater große Stücke auf ihn und plant, ihm das Familienimperium zu vererben. Es kommt jedoch anders. Der Großvater stirbt, die Eltern lassen sich scheiden und Eric und seine Mutter müssen ihre Lebensverhältnisse völlig umstellen.

An folgenschweren Wendungen fehlt es dem Roman nicht und dennoch hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte ein wenig dahinplätschert. Eric spielt mit seinen Freunden Cowboy und Indianer, träumt von einer Schwimmkarriere und trainiert hart, leidet später chronisch unter Geldmangel, erlebt die erste Liebe und Enttäuschungen mit einem Mädchen und gerät in ernsthafte Schwierigkeiten. Das alles wird sprachlich flüssig, doch sehr geradlinig und durchweg chronologisch erzählt, so dass ich das Gefühl hatte, in einem Tagebuch zu lesen, das alle Erlebnisse, auch die weniger interessanten, enthält.

Immerhin bekommt man einen guten Einblick in die 50er Jahre, in der sich die Jugend für Coca Cola, Elvis Presley und Jeanshosen begeisterte. Die detailreich beschriebenen Sportereignisse waren nicht so mein Fall. Für mich bot die Figur leider zu wenig Identifikationspotenzial. Über seine Mutter hingegen, die sich für keinen Job zu schade ist und immer wieder neuen Mut fasst, hätte ich gern mehr gelesen.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Schnell, dein Leben

Sylvie Schenk
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 15.01.2018
ISBN 9783442486069
Genre: Romane

Rezension:

Kann man sein Leben auf 200 Seiten erzählen? Sylvie Schenk zeigt in diesem Roman, dass es geht. Und wie es geht! Es funktioniert deshalb, weil sie ihren Fokus auf ein zentrales Thema richtet: die Schwierigkeit einer deutsch-französischen Beziehung in der Nachkriegszeit.

Ungewöhnlich ist nicht nur die Kürze, sondern auch die Form des Romans: Erzählt wird nicht in der Ich-, sondern Du-Form, so als ob die Hauptfigur Louise ihr Leben aus einer Distanz betrachten und reflektieren wollte. Louise wächst in einer katholischen, bürgerlichen Familie auf und erkennt früh, dass Frauen stark benachteiligt sind. Sie will Sprachen studieren und von Männern unabhängig sein. Daher wendet sie sich von ihrem Verehrer und Frauenheld Henri ab und entscheidet sich für ein Leben mit dem deutschen Austauschstudenten Johann, den sie an der Universität in Lyon kennenlernt.

Es ist eine Liebesgeschichte mit Hindernissen zwischen Louise, die eifrig die deutsche Sprache lernt und versucht, sich als Aushilfslehrerin in einem deutschen Dorf einzuleben, und Johann, der seit seinem Studium so frankophil ist, dass er am liebsten als Franzose leben würde. Die kulturelle Annäherung sowie die Last der Vergangenheit beschreibt Sylvie Schenk mehrdimensional und nuancenreich. Louise’ Eltern sind entsetzt, dass ihre Tochter ausgerechnet einen Deutschen heiratet. Auch Henri, deren Eltern von den Nazis umgebracht wurde, versucht, ihr die Heirat auszureden und konfrontiert sie mit einer Schuld, die auf Johanns Vater lastet. Louise dagegen wird von ihren Schwiegereltern mit offenen Armen aufgenommen, auch wenn ihre Vorstellung von Frankreich sehr klischeebehaftet ist.

Wie findet man zu seiner eigenen Identität? Durch seine Familie, die Sprache, die Ehe oder die Liebe? Diese Fragen stellt sich Louise immer wieder und hält sich am liebsten in der Natur auf, wo sich alle Rollen und Bewertungen auflösen, wo sie einfach nur selbst sein kann. Sylvie Schenk schreibt in einem Stil, der auf den ersten Blick wie ein Zeitungsbericht sachlich und nüchtern daherkommt, doch das täuscht. Gerade durch die Straffung und die klare Sprache gewinnt der autobiografisch inspirierte Roman eine ungeheure Intensität und Sogwirkung. Absolut lesenswert!

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Weltfrieden ist aus

Peter Coon
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Books on Demand, 03.01.2018
ISBN 9783746009025
Genre: Romane

Rezension:

Ich mag Kurzgeschichten, die eine verblüffende Wendung nehmen. In diesem Band sind so einige von dieser Sorte dabei. Gleich die erste Erzählung, in der eine Frau ein ‚Opfer‘ unter den Passanten sucht, das für sie Geld abheben soll, führt den Leser zunächst in die Irre, bis der Aha-Effekt eintritt. Auch die titelgebende Story ist sehr originell oder wärt Ihr je auf die Idee gekommen, in der Bäckerei etwas anderes zu kaufen als Backwaren? 

Der Autor erzählt von Alltagssituationen und normalsterblichen Menschen, in die man sich leicht hineinversetzen kann: zum Beispiel von einem Vegetarier, der sich auf einer Grillparty mit seinen Tofuwürstchen fehl am Platz vorkommt oder einer Frau, der die gut gemeinten Beziehungstipps einer Freundin eher schaden. Da gibt es frustrierte Männer, die nur schwer ihre latente Wut und Aggression im Alltag zurückhalten können, oder sich schier verrückt machen, weil sie eine unvollständige Nachricht bekommen haben.

Witzige Einfälle, die immer weiter bis ins Abstruse gesponnen werden, wechseln sich ab mit kritischen Gedanken über die Liebe, Politik, den technischen Fortschritt und heutigen Lebensstil. Die Erzählungen von Peter Coon bringen den Leser – ähnlich wie seine Kurzgeschichtensammlung "Märzchen im November" – mal zum Schmunzeln, mal zum Nachdenken und beweisen wieder einmal: In der Kürze liegt die Würze. 

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mode, wien

Auf Freiheit zugeschnitten: Emilie Flöge

Margret Greiner
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei btb, 11.04.2016
ISBN 9783442714131
Genre: Biografien

Rezension:

Wer kennt nicht Gustav Klimt und sein weltberühmtes Gemälde „Der Kuss“? Aber Emilie Flöge, die Frau an seiner Seite? Von ihr hatte ich noch nie etwas gehört – bis ich auf dieses Buch von Margret Greiner stieß. Dank ihrer Romanbiografie lernte ich wieder einmal ein bemerkenswertes Künstlerpaar kennen, das sich gegenseitig in ihrem künstlerischen Schaffen beflügelte.

Als Emilie Flöge mit siebzehn Jahren den zwölf Jahre älteren Gustav Klimt bei einem steifen Sonntagnachmittagskaffee kennenlernte, ahnte sie ja noch nicht, welchen Einfluss der Maler auf ihr Leben haben würde. Wie spannend muss es für sie gewesen sein, die Gründer der Wiener Werkstätte mitzuerleben und Teil einer neuen Bewegung zu sein. Noch arbeitet sie mit ihren zwei Schwestern in einer Schneiderei, doch sie träumt davon, selbst Kleider zu entwerfen statt fertige zu ändern. Angesteckt von der Euphorie, die die Gründung der Wiener Secession auslöste, und von der Energie und Kreativität der jungen Künstler, festigt sich bei ihr immer mehr die Überzeugung, etwas ähnlich Innovatives leisten zu können.

Wie schon in ihrem Roman Charlotte Salomon lässt Margret Greiner viele Detailkenntnisse über Kunst, Gesellschaft und Politik einfließen und erweckt die Aufbruchsstimmung im Wien der Jahrhundertwende zum Leben. Nur die feinen Wiener Frauen waren von ihrer konservativen Einstellung schwer zu lösen. Umso bewundernswerter ist Emilies Mut und Wille, einen eigenen Modesalon zu eröffnen und die Kleidung zu reformieren, sprich sie von Mieder und Korsett zu befreien. Sie ist klug genug, die Revolution in der Mode als sanfte Neuerung zu verkaufen. Denn im Gegensatz zu vielen Künstlern, die mit ihren Ideen scheiterten, hat Emilie Flöge einen ausgeprägten Geschäftssinn und Hang zum Perfektionismus. Im ‚Salon Flöge’, den sie mit ihren Schwestern betreibt, erwarten die Kundinnen nicht nur eine ausführliche Stilberatung, sondern auch Lebensberatung.

Die Autorin lässt immer wieder ihren trockenen Humor aufblitzen, zum Beispiel wenn sie erzählt, wie Emilie die Pariser Stoffhändler mit Wiener Naschereien becirct. Geprägt durch die Wiener Werkstätte entwickelt die Modeschöpferin ihren eigenen Stil, der das Schlichte und Natürliche zum Ideal erhebt und Freiheit und Schönheit vereint. Obwohl die Biografie recht kurz ist, bekommt man doch ein sehr prägnantes Bild dieser fortschrittlichen und selbstständigen Frau, die sich von den zahlreichen Affären Klimts nicht einschüchtern ließ und selbst die Regeln in ihrer Beziehung bestimmte. 

Trotzdem hätte ich mir noch mehr Details aus ihrem Arbeitsalltag und ihren Kreationen gewünscht. Zu oft drängte sich Klimt, sein Schaffen und seine Krisen in den Vordergrund. Aber er war nun einmal ein wesentlicher Teil ihres Lebens. Nach der Lektüre gewinnt man jedenfalls den Eindruck, dass sie die glücklichsten Momente ihres Lebens nicht in ihrem Atelier, sondern während der Urlaube am Attersee verbracht hat – mit ihrer einzigen großen Liebe Gustav Klimt an ihrer Seite. 

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boston, kunst, träume, wahn, religion

In Boston?

Russell H. Greenan ,
Flexibler Einband: 394 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 26.01.2010
ISBN 9783257239683
Genre: Romane

Rezension:

Alfred Omega besitzt eine besondere Gabe. Er kann auf Knopfdruck in Tagträume verfallen, die ihn in verschiedenste Epochen und Orte katapultieren. Täglich verbringt er zwei Stunden im Bostoner Public Garden und erlebt Abenteuer im Mittelalter oder am anderen Ende der Welt. Aber er besitzt noch ein weiteres Talent: Er ist ein begnadeter Maler, der sich dem Stil der Renaissance verschrieben hat.

Trotzdem kann er genauso wenig wie seine Kollegen und Freunde Leo Kerner und Benjamin Littleboy von seiner Kunst leben. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm dennoch nicht. Er ist von seiner Genialität überzeugt und wagt es sogar, sich mit Gott zu messen. Als er den Kunsthändler Victor Darius kennenlernt, scheint sich das Blatt zum Positiven zu wenden. Auch privat hat er Grund zu Freude: Er verliebt sich in die Galeristin Veronika und heiratet sie. Beide Begegnungen haben jedoch fatale Folgen und verwickeln ihn in Kunstskandale, Täuschungen, Intrigen und Morde.

Dieser Roman lässt sich keinem einzelnen Genre zuordnen. In erster Linie geht es darum, wie man sich eine Künstlerexistenz aufbaut und mit den seelischen und finanziellen Nöten und Qualen umgeht, die so manchen sogar in den Tod treiben. Die Gefühle, die ein Künstler gegenüber seinen Werken hat, beleuchtet Greenan ebenso eindrucksvoll wie die Ausbeutungen, Täuschungen und Betrügereien im Kunsthandel. Nach der Lektüre kann man sich nur noch kopfschüttelnd den Romantitel ins Gedächtnis rufen und sich fragen: „Ist das alles wirklich passiert in Boston?“

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berlin, freundschaft

Der Freund von früher

Wolfgang Mueller
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei btb, 11.12.2017
ISBN 9783442715855
Genre: Romane

Rezension:

Albert Hieronymus Lasser hätte wohl nie gedacht, dass er durch einen Werbespot für Fertiggerichte sein großes Comeback als Schauspieler feiern würde. Zu schade, dass er dies nicht mehr miterlebt. Als ihn sein früherer Freund Oscar besucht, liegt Albert tot auf dem Boden. Ein paar Tage zuvor war er noch quicklebendig gewesen. Oscar hatte ihn ganz zufällig in einem Café wiedergetroffen und hätte gern mehr über seinen Freund erfahren, den er fünf Jahre nicht gesehen hat.

Um seinen Nachlass zu regeln, zieht Oscar für einige Wochen in die einst gemeinsame Wohnung, und damit fangen die Probleme für ihn erst richtig an. Der Romantitel ist treffend gewählt, denn es geht um die Erinnerungen des Ich-Erzählers an eine enge Freundschaft, an ein vergangenes Lebensgefühl und das fehlende Stück in der Chronik, das Oscar nach dem mysteriösen Todesfall nun zu rekonstruieren versucht.

Auf Alberts PC entdeckt er einen Briefwechsel zwischen dem Verstorbenen und einer geheimnisvollen Emma. So lernen wir gemeinsam mit Oscar nach und nach nicht nur die verborgenen Seiten des einst gefeierten und vergnügungssüchtigen Schauspielers kennen, sondern auch die vielen Gesichter Berlins samt den Kreativen, Glamourösen und geldgierigen Immobilienspekulanten. Oscar hatte bewusst die Szene und das wilde Leben hinter sich gelassen und sich mit seiner Freundin in Spandau niedergelassen, aber auch dort ist er nicht wirklich zufrieden mit seinem Leben.

Derweil wird der Werbespot mit dem toten Star auf allen Kanälen gesendet und gefeiert. Wegen des großen Erfolgs soll sogar eine Fortsetzung gedreht werden – mit Oscar als Double. Dies ist eine gelungene Pointe, denn im Laufe der Handlung wächst Oscar tatsächlich ohne viel Zutun immer mehr in die Rolle seines Freundes hinein. Die Beschreibung der Dreharbeiten mit Seitenhieben auf den Starkult und die Medienszene sind ein himmlisches Lesevergnügen!

Ich habe den Roman an einem Tag verschlungen, denn er bietet alles, was für mich eine gute Geschichte ausmacht: Spannung, Tempo, eine sympathische Hauptfigur, Humor, viel Lokalkolorit und eine Portion Gesellschaftskritik. Selten hat ein Toter eine so starke Präsenz gehabt wie in diesem Buch. Unbedingt lesen!

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Tags: berlin, freundschaft   (2)
 

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expedition, alaska, eowyn ivey, abenteuer, 19. jahrhundert

Das Leuchten am Rand der Welt

Eowyn Ivey , Claudia Arlinghaus , Martina Tichy , Ruth Hulbert
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Kindler, 18.08.2017
ISBN 9783463406817
Genre: Romane

Rezension:

Es gibt Regionen, über die ich lieber lese als sie selbst zu bereisen. Dazu gehört zum Beispiel Alaska. Wie gut, dass es Romane wie diesen von Eowyn Ivey gibt, die uns auf eine abenteuerliche Reise mitnehmen – in diesem Fall sogar auf eine ziemlich beschwerliche. Colonel Allen Forrester geht im Jahr 1885 im Namen der US-Armee auf eine Expedition, um den Wolverine River in Alaska zu erforschen. Seine ebenfalls naturbegeisterte Frau würde ihn zu gern begleiten. Sie ist jedoch schwanger und muss in der amerikanischen Garnison Vancouver zurückbleiben.

Was Allen und Sophie während der langen Zeit der Trennung erleben, erfahren wir aus ihren Tagebucheinträgen. Die Texte sind sinnlich und emotional so aufgeladen, dass man sich den Figuren sehr nahe fühlt, Sophie vielleicht noch ein wenig mehr als Allen. Gemeinsam mit dem Expeditionsteam lernen wir die Kultur, Lebensumstände und den Aberglauben der Ureinwohner kennen und erleben die Natur von ihrer atemberaubend schönen, aber auch kräftezehrenden Seite kennen. Nach der Beschreibung mehrerer lebensbedrohlicher Situationen tut es richtig gut, wieder einen Blick nach Vancouver zu werfen, wo Sophie sich immer mehr für die Naturfotografie begeistert. Das junge Ehepaar verbindet nicht nur ihre starke Liebe, sondern auch ihre Leidenschaft für die Natur und ihre Hingabe und Ausdauer bei ihren Projekten.

Abgerundet wird die Geschichte durch Zeitungsberichte über die Expedition, Fotografien und starke Nebenfiguren wie Sophies Dienstmädchen Charlotte und Freundin Evelyn. Das ganze bettet Eowyn Ivey wiederum geschickt in eine Rahmenhandlung, aus der hervorgeht, dass Walter Forrester den Nachlass seines Großonkels dem Museum in Alpine, Alaska zur Verfügung stellen möchte. Die Tagebücher von Allen und Sophie sind sicher nicht nur ein historisch bedeutendes Zeitdokument, sondern auch Ausdruck einer Liebe, die sich weder durch räumliche Trennung und noch durch schwere Schicksalsschläge erschüttern lässt.

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Tags: alaska, expedition   (2)
 

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beziehungen, italien, freiheit, erfahrungen, lebensentwürfe

Als Durante kam

Andrea De Carlo
Fester Einband: 468 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 26.03.2010
ISBN 9783257067439
Genre: Romane

Rezension:

An einem selbst gewählten Ort mit der Frau, die er liebt, ein selbstbestimmtes Leben führen – diesen Traum glaubte Pietro verwirklicht zu haben. Er lebt mit seiner österreichischen Freundin Astrid und Hund Oscar zurückgezogen im norditalienischen Val del Poggio. Sie betreiben eine Weberei und führen scheinbar ein erfülltes Leben. Dass dem nicht so ist, wird ihm auf schockierende Weise bewusst, als aus dem Nichts ein Fremder auftaucht. Durante nennt er sich, trägt Cowboystiefel, einen seltsamen Hut und soll auf dem Hof Morlacchi Reitstunden geben. Seine entwaffnende Ehrlichkeit, Sorglosigkeit, aber auch Einfühlungsvermögen bringt die kleine geschlossene Gesellschaft im Dorf völlig aus dem Konzept.

Pietro fühlt sich in jeder Hinsicht dem Eindringling unterlegen und geht sofort auf Konfrontationskurs. Ihm passt es zum Beispiel gar nicht, dass er den Frauen reihenweise den Kopf verdreht, auch Astrid und deren Schwester Ingrid, die zu Besuch kommt. Noch fataler ist wohl die Tatsache, dass Ingrids Interesse an Durante ihn mehr stört als die seiner Lebensgefährtin. Spätestens da muss er sich eingestehen, dass schon zuvor seine Beziehung und noch vieles mehr in seinem Leben im Argen lag. Durante hat ihm lediglich auf schmerzliche Weise die Augen geöffnet.

De Carlo zeichnet wieder einmal meisterhaft gegensätzliche Charaktere und Lebensentwürfe. Durante, der nur im Augenblick lebt und Besitz und Verpflichtungen ablehnt, macht Pietro nur allzu deutlich, wie festgefahren sein eigenes Leben ist. Ähnlich wie in „Zwei von Zwei“, einer meiner Lieblingsbücher, taucht er tief in die Seelennöte der Figuren ein und umkreist Fragen wie: Wieviele Optionen kann und sollte man in seinem Leben ausschöpfen? Wann merkt man, ob man sein Leben aus Überzeugung oder aus Gewohnheit führt? Welche Opfer fordert grenzenlose Freiheit? Nach einem Roadtrip mit Durante, der noch mehr Überraschungen birgt, kommt Pietro immerhin einer Antwort näher.

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Tags: freiheit, lebensentwürfe   (2)
 

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Sehnsuchtsorte

Bettina Querfurth
Flexibler Einband: 254 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 21.01.2010
ISBN 9783257239645
Genre: Romane

Rezension:

Schauplätze spielen in Geschichten oft eine tragende Rolle. Bettina Querfurth nennt sie "Sehnsuchtsorte" und hat ihre persönliche Auswahl in ihrem gleichnamigen Buch alphabetisch sortiert. Ihre ‚Reise‘ beginnt mit der Abtei in den Hängen des Apennin, Schauplatz von Umberto Ecos „Der Name der Rose“ und endet mit dem Zweistromland, wo Enheduanna, Oberpriesterin des Mondgottes im Jahr 2350 vor Christus, Hymnen verfasste.

Dazwischen begegnen wir vielen namhaften Persönlichkeiten wie Marcel Proust, der ausführlichst über seine Kindheit in der Stadt Combray (die eigentlich Illias heißt und bei Chartres liegt) schrieb oder Honoré de Balzac, für den seine „Comédie Humaine“ realer war als die Wirklichkeit. Es gibt ein kurzes Wiedersehen mit den Kindern von Bullerbü, mit der Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger oder mit Silvia Beach, die die Buchhandlung „Shakespeare & Company“ gründete. Interessant ist, dass nicht nur Schauplätze, sondern auch Entstehungsorte von Geschichten vorgestellt werden: zum Beispiel das Café Nicolson’s in Edinburgh, wo Joanne K. Rowling ihre Harry Potter Romane verfasste oder Sanary-sur-mer, ein Fischerdorf an der Côte d’Azur, wo deutsche und österreichische Schriftsteller Exilliteratur schrieben.

Manche Anekdoten sind eher Appetizer, die Lust machen auf mehr. So hätte ich gern mehr erfahren über das Café Bräunerhof in Wien, in dem der Schriftsteller Thomas Bernhard und seine Protagonisten in „Holzfällen“ viel Zeit verbrachten. Ein schönes Nachschlagewerk, um neue Reiseziele oder interessante Buchtitel für das neue Jahr zu entdecken.

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Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück

Judith Kuckart
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei btb, 13.11.2017
ISBN 9783442715558
Genre: Romane

Rezension:

Zufällig habe ich dieses Buch genau an Silvester gelesen, an dem auch die erste Erzählung beginnt. Der 18-jährige Leonhard verbringt diesen Tag ganz unspektakulär. Seine Eltern sind in den Urlaub gefahren, und er macht sich einen Topf Nudeln und hängt seinen Gedanken nach. Als Leser hat man jedoch schon eine Vorahnung, dass gleich etwas Ungewöhnliches passieren wird. Und so kommt es auch: Am nächsten Morgen liegt eine wildfremde Frau in der Diele.
Das ist ganz typisch für die elf Erzählungen von Judith Kuckart. Es liegt etwas in der Luft und man ist nur einen Hauch davon entfernt, eine positive oder negative Überraschung zu erleben. „Was für ein Vorrat an Leben liegt in der Luft“, heißt es einmal und bringt die Hoffnungen und Sehnsüchte der Figuren zum Ausdruck. An Fantasie mangelt es ihnen dabei wahrlich nicht. Als Leonhard für seinen unerwarteten Gast einen Koffer aus dem Schließfach holt, kommt er sich vor wie in einem Krimi. Auch die pensionierten Lehrerinnen Maria und Emilie, die jedes Jahr zu einer Kur nach Tschechien fahren, lassen sich gern zu Träumereien verleiten. Schon eine Kleinigkeit wie ihren Taxifahrer in Stuttgart, der „so schön ist, dass man ihn vertonen müsste“, Ali Baba zu nennen, verleiht ihrem Leben ein wenig Nervenkitzel.
Judith Kuckart erwähnt immer wieder das Kino und zitiert Filme, so als ob sie die Grenzen zwischen fiktiven und realen Geschichten aufweichen wollte. Tatsächlich sorgen aufregende Begegnungen und Wendungen in Dresden, Stuttgart, Costa Brava oder Shanghai für Szenen, die durchaus filmreif sind. Auch der Polizist Sven kann den Verheißungen, die die Schuhverkäuferin Marilyn verkörpert, nicht widerstehen. Und Karl erlebt nach einer Affäre in Shanghai eine unerwartete Wende in seiner Ehe. Kuckart hat ein interessantes Konstrukt aus verschiedenen Episoden geschaffen, in denen sich die Wege der Figuren kreuzen. Nicht alle Geschichten haben mir gleich gut gefallen, doch ihr ganz eigener Sprachstil und die Art und Weise, wie sie die Glückssuche der Figuren schildert, faszinieren.

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amt, glück, liebe, künstlerin, antrag

Das Glücksbüro

Andreas Izquierdo
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 21.10.2016
ISBN 9783832162252
Genre: Romane

Rezension:

Es gibt Menschen, für die ist die Firma das zweite Zuhause. Aber was wäre, wenn es ihr einziges ist? So wie bei Albert Glück, Protagonist dieses Romans. Der Vollblut-Beamte hat sich im Keller eines Amtes für Verwaltungsangelegenheiten häuslich niedergelassen und das Gebäude seit 30 Jahren nicht verlassen.

In seinem abgesteckten kleinen Spielfeld fühlt er sich wohl und führt seine Arbeit mit großer Sorgfalt und Hingabe aus. Schwierig wird es, wenn er mit etwas Unbekanntem konfrontiert wird – zum Beispiel mit dem Formular E45, das es nicht geben dürfte, das zudem nichts beantragt und zum wiederholten Male auf seinem Tisch landet. Gezwungenermaßen begibt er sich auf die Suche nach der Antragstellerin und lernt so die Künstlerin Anna Sugus kennen und lieben. Sie stellt sein Leben völlig auf den Kopf und bringt immer mehr Farbe in seinen tristen Alltag. Durch sie erkennt er, dass hinter den Formularen, die er Tag für Tag höchst effizient abarbeitet, Menschen mit individuellen Sorgen und Nöten stecken. Und Albert ist der Einzige, der sich im Paragrafendschungel so gut auskennt, dass er ihnen helfen und ein wenig Glück in ihr Leben bringen kann.

Wer schon einmal in einem Unternehmen gearbeitet hat, wird einiges wiedererkennen, zum Beispiel die typischen Sticheleien unter Kollegen, der pünktliche Run in die Kantine oder der Sektumtrunk, der täglich in irgendeiner Fachabteilung stattfindet. Diese kleinen Seitenhiebe hat der Autor in eine äußerst charmante und herzerwärmende Geschichte verpackt. Sie zeigt, dass man sich aus Angst oder Bequemlichkeit in sein Schneckenhaus zurückziehen oder sich hinaus trauen, Anteil am Schicksal anderer nehmen und Positives bewirken. Andreas Izquierdo hat ein wundervolles Buch voller Humor und Poesie über die Liebe und Menschlichkeit geschrieben.

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