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94 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 39 Rezensionen

marc chagall, chagall, paris, liebe, frankreich

Die Tochter des Malers

Gloria Goldreich ,
Flexibler Einband: 592 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 21.09.2015
ISBN 9783746631820
Genre: Historische Romane

Rezension:

Der Aufbau Verlag hat vor einiger Zeit eine Romanbiografie-Reihe über Frauenfiguren gestartet, die im Schatten von großen Künstlern stehen – ein Thema, das mich stark fasziniert. In „Madame Picasso“ von Anne Girard war es Eva Gouel, die mit den schwierigen Launen eines exzentrischen Künstlers zu kämpfen hatte. Nun machte ich Bekanntschaft mit Ida Chagall. In "Die Tochter des Malers" zeichnet Gloria Goldreich das Porträt einer starken und doch ambivalenten Frau, die während der Judenverfolgung in Frankreich eine unglaubliche Willens- und Tatkraft entwickelt, ihre mentale Abhängigkeit von ihrem dominanten Vater jedoch nicht ablegen kann.

Schon als junge Frau beugt sie sich stets dem Willen ihres Vaters, auch dann, als er sie zwingt, ein uneheliches Kind von ihrem Geliebten Michel abzutreiben und ihn zu heiraten. Die Autorin versteht es, die typischen Ängste und Sorgen der Emigranten, die ständig auf der Flucht waren, spürbar zu machen. Idas Mutter hat sich zwar nach der Flucht aus Russland und aus Berlin nun ihr Zuhause in Paris so schön wie möglich eingerichtet, doch sie lebt immer noch in der Vergangenheit und klammert sich an die friedlichen Tage im russischen Dorf Witebsk. Marc Chagall trauert ebenfalls der glücklichen Zeit nach und verarbeitet seine Gedanken und Gefühle in seinen Gemälden. Nun verstehe ich auch, was ihn sowohl zu den düsteren als auch fantasievollen und verträumten Motiven antrieb. Chagall malte die Landschaften der Heimatlosen, Häuser und Räume ohne Böden, umherirrende Tiere und schwebende Liebende. Seine Werke werden in Paris begeistert aufgenommen. Schriftsteller, Dichter, Intellektuelle und Diplomaten treffen sich regelmäßig zu Salonabenden in ihrem Haus. Während Marc und Bella ihre Freundschaften mit der intellektuellen und künstlerischen Elite von Paris kultivieren, arbeitet sich Ida zielstrebig in die Kunstszene ein und erobert mit ihrem Charme und ihrer Ausstrahlung nicht nur die Pariser, sondern auch die Londoner Gesellschaft.

Währenddessen spitzt sich die Lage für die jüdische Bevölkerung zu. Faschisten und Nationalsozialisten gelangen an die Macht. Der Einmarsch der Deutschen in Frankreich ist zu befürchten und Ida drängt ihre Eltern, sich in Sicherheit zu bringen. Ihr sturer Vater ist jedoch so von sich und seinem Ruf als Künstler überzeugt, dass er keine Notwendigkeit sieht zu flüchten. Zuflucht sucht er eher in seinem künstlerischen Schaffen, das ihm wichtiger ist als menschliche Einzelschicksale. So begleiten wir Ida auf einem hürdenreichen Weg in mannigfaltigen Rollen: als Tochter, Modell, Kunsthändlerin, Sekretärin und Beschützerin. Trotz einiger Wiederholungen gelingt es Gloria Goldreich, diese für Außenstehende kaum nachvollziehbare gegenseitige Abhängigkeit zu verdeutlichen. „Die Frau an Chagalls Seite“ – so hätte man Ida und den Titel dieses Buches auch ohne weiteres nennen können.

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nordsee

Muschelkäfer morden nicht

Johannes Wilkes
Flexibler Einband: 220 Seiten
Erschienen bei ars vivendi, 07.06.2017
ISBN 9783869137780
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Manchen Schriftstellern gelingt es besonders gut, einen Schauplatz in die Handlung einzubetten. Das gilt auch für Johannes Wilkes und seinem neuen Krimi. Darin verschlägt es Kommissar Mütze und seinen Lebensgefährten Karl-Dieter zum dritten Mal auf die Insel Spiekeroog. Nachdem sie dort schon zwei Mal erfolgreich ein Verbrechen aufklären konnten, haben sie vom Inselbürgermeister als Dank eine Reise dorthin spendiert bekommen.

Schon in der Anfangsszene, die die Schiffsanreise beschreibt, kann sich der Leser auf den bevorstehenden Urlaub der beiden einstimmen. Während Karl-Dieter sich eifrig mit einer jungen Mutter über sein Lieblingsthema ‚Kinder’ unterhält, besorgt sich Mütze eine Bockwurst und einen Jever. Damit sind die Protagonisten in wenigen Worten bestens charakterisiert.

Karl-Dieter erhofft sich diesmal ungetrübte „leichenfreie Inseltage“. Mütze dagegen hätte gegen einen kleinen Nervenkitzel nichts einzuwenden und bedauert, dass sein kriminalistisches Gespür vorerst nicht gefragt ist. Das ändert sich, als die Leiche eines Mannes entdeckt wird, der als Volker Vickermann aus Schwerte identifiziert wird. Die Indizien deuten auf einen Badeunfall. Als Mütze jedoch erfährt, dass der Vogelkundler und Fotograf anscheinend einer heißen Fährte auf der Spur war, kann er nicht mehr stillsitzen. Der Leser weiß indessen mehr als der Kommissar dank einem Muschelkäfer, der Zeuge eines heimtückischen Mordes wurde und dem in diesem Krimi eine gebührende Nebenrolle zuteil wird – eine ganz originelle Idee.

Neben der Aufklärung des Mordfalls ziehen sich zwei weitere Themen durch die Geschichte. Zum einen gibt der Autor dem Schauplatz viel Raum, seine Eigenheiten zu entfalten. Wir bekommen nicht nur einen lebendigen Eindruck von der Landschaft und dem wechselhaften Friesenwetter, sondern erfahren auch etwas über die Entstehungsgeschichte der Insel und die Einsamkeit vieler Bewohner. Der zweite Fokus liegt auf der Beziehung zwischen Mütze und Karl-Dieter. Sie wird hart auf die Probe gestellt wird, als Karl-Dieter ein fremdes Baby vorübergehend unter seine Fittiche nimmt. Seit jeher wünscht er sich ein Kind und lässt nichts unversucht, um seinen Partner für die Idee zu begeistern. Ich hatte fast das Gefühl, im Strandkorb zu sitzen und Zeugin ihrer kleinen Querelen zu werden. Wie sehr Karl-Dieter in seiner Vaterrolle aufgeht, ist durchaus rührend, nimmt in der Geschichte jedoch etwas überhand. Abgesehen davon habe ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen, weil die Lösung des Falls gar nicht leicht zu erraten ist. Ich mag auch Wilkes heiteren und pointenreichen Schreibstil – die ideale Urlaubslektüre für den Strand und für Zuhause.

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Ab morgen wird alles anders

Elke Heidenreich , Elke Heidenreich
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Random House Audio, 26.06.2017
ISBN 9783837139686
Genre: Sonstiges

Rezension:

Amüsante Unterhaltung – das war meine Erwartung an dieses Hörbuch, das eine Sammlung ihrer Kolumnen aus der Zeitschrift „Brigitte“ enthält. Überrascht war ich dann, wie sehr mir die Autorin aus der Seele sprach. Bestes Beispiel ist die Episode „Über Literatur und Fensterputzen“. Ich konnte zu gut nachfühlen, wie schwer es fällt, die Lektüre von „Madame Bovary“ zu unterbrechen, um Fenster zu putzen oder sich einer anderen überfälligen Hausarbeit zu widmen. Sie haben Recht Frau Heidenreich, der Haushalt stellt immer von sich aus Chaos her und arbeitet gegen einen! Ich würde Ihnen gern die Tragetasche mit dem Slogan „LESEN STATT PUTZEN“ schenken, die ich neulich entdeckt habe.

Ganz ähnlich wie sie empfinde ich auch anstrengenden Besuch, bei dem ich mir denke, „Was hätte man alles in der Zeit lesen können?“, oder die Erwartung von Freunden und Bekannten, ihre Kinder süß zu finden. Meine Fantasie würde ich auch gern versichern lassen. Ich habe mich allerdings noch nicht getraut, in einer Parfümerie, in der man stets von unnahbaren „Göttinnen“ umgeben ist, nach einem Make-Up in Wüstenfarbe zu fragen.

Die Autorin knüpft sich Themen und Alltagssituationen vor, die sicher jeder kennt, wie nervige Mitmenschen, Urlaubsbekanntschaften, die Qual der Wahl beim Einkauf oder wieviel Zeit man im Leben mit Warten verbringt. Jeder könnte wohl seinen Senf dazu geben und seine eigene Geschichte erzählen, aber nur wenigen gelingt es vermutlich, sie so pointiert, sprachgewandt und mit bissigem Humor wiederzugeben wie Elke Heidenreich.

Ob Verwunderung, Grauen, Bedauern oder Häme – für jede Gefühlslage findet sie den passenden Ton, so dass ich sogar Wartezeiten im Stau mit einem Lächeln überbrücken konnte. Als sie über kreative Schübe sinniert und beschließt, endlich einmal Sauerkirschmarmelade selbst zu kochen, hatte ich fast das Gefühl, in ihrer Wohnung zu stehen und ihre Selbstgespräche mitzuhören.

Eines wurde mir so richtig bewusst: wie ähnlich wir Menschen doch ticken und unsere Umwelt wahrnehmen. Nach diesem Hörvergnügen ärgere ich mich vielleicht in nächster Zeit nicht so schnell über eine nervige Situation und kann darüber schmunzeln.

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Shop Girls

Tina Schneider-Rading
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Callwey, G, 09.03.2017
ISBN 9783766722546
Genre: Sachbücher

Rezension:

Heutzutage lässt sich ein Online-Business mit wenig Startkapital und Risiko aufziehen. Doch träumt nicht jeder Unternehmer – besonders die weibliche Fraktion – insgeheim von einem eigenen Laden, den er ganz nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten kann? 28 Frauen, die diesen Traum wahr gemacht haben und zu Shop Girls wurden, präsentiert dieses gelungene Buch. Manche Geschäftsideen entstanden aus „einer Weinlaune“ heraus. Aus Friseursalons, die schließen mussten, oder Gartencentern, die abgerissen werden sollten, zauberten die Unternehmerinnen – oft mit tatkräftiger Unterstützung von Familie und Freunden – neue Läden mit ganz persönlichem Touch. So wurden Wände gefliest, um Küchenmöbel und Baraccessoires besser zur Geltung zu bringen, Kücheninseln in Verkaufstresen umfunktioniert oder Birkenäste in Kleiderstangen umgewandelt.

Das Konzept und Angebot ihrer Geschäfte ist ganz unterschiedlich und reicht von Vintagemöbeln aus Belgien und Frankreich, über Blumen und Schreibwaren bis hin zu skandinavischen Accessoires. Vieles haben die Inhaberinnen jedoch gemeinsam. Sie wollen vor allem ihren eigenen Stil verwirklichen, frei sein in ihren Entscheidungen und ein ganz bestimmtes Lebensgefühl verkaufen. Einige haben bereits zuvor als Store Manager gearbeitet oder von zu Hause aus Produkte verkauft und bringen Erfahrungen mit, bevor sie ihren eigenen Laden eröffnen. Doch Gründungscoach Brigitte Windt ermutigt auch Frauen ohne Erfahrungen, den Schritt zu wagen. Am wichtigsten sei es, seine Werte, Bedürfnisse und Ziele genau zu kennen und in der Lage zu sein, sich selbst zu führen.

Wenn man für die Produkte brennt, die man verkauft, arbeiten einige Shop Girls gern rund um die Uhr und dekorieren sogar jede Woche die Schaufenster um wie zum Beispiel Alexa Müller, die mit jedem verkauften Möbelstück das Outfit ihres Ladens in Düsseldorf verändert. Inspirationen holen sie sich meist in anderen Läden, auf Messen und auf Instagram. Das Schmökern im Buch ist so abwechslungsreich und vergnüglich wie ein Bummel durch schöne Geschäftsstraßen, denn jede Seite wartet mit einer neuen kleinen Überraschung auf und lädt die Leser ein, selbst aktiv und kreativ zu werden – zum Beispiel ein Kuchenrezept auszuprobieren, einen Zeitschriftenhocker selbst zu bauen oder aus Pappbechern Geschenkschachteln zu basteln. Der Serviceteil enthält außerdem nützliche Tipps für die Budgetplanung, für die Schaufenstergestaltung, für einen guten Start und vieles mehr. Und welchen Laden würde ich gern als erstes besuchen? Ich schwanke zwischen der Buchhandlung Herr Holgersson und der nostalgischen Papeterie in Wien…

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Ganz andere Geschichten

Ali Smith , Silvia Morawetz
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei btb, 09.05.2017
ISBN 9783442713561
Genre: Romane

Rezension:

Als passionierte Leserin verschlinge ich Tag für Tag neue Geschichten, mal kürzer mal länger. Selten mache ich mir dabei Gedanken über das Verhältnis zwischen Erzähler und Leser – außer es handelt sich um ein Buch von Ali Smith. In ihren Romanen und Kurzgeschichten geht es nämlich meist um das Erzählen selbst. Das war schon in ihrem letzten Buch mit dem Titel „Wem erzähle ich das?“ so. In dieser Kurzgeschichtensammlung rückt sie erneut die Beziehung zwischen Erzähler und Leser bzw. Zuhörer in den Vordergrund und lässt sie sogar als Protagonisten auftreten. Schon in der ersten Erzählung „Gottesgabe“ legt die schottische Schriftstellerin verwirrende Fährten. Besteht ein Zusammenhang zwischen einer kleinen Rettungsaktion im Garten und der Erinnerung an einen Urlaub in Griechenland? Dies bleibt der Fantasie des Lesers überlassen. Fest steht, dass man ihre Geschichten mit größter Aufmerksamkeit liest – denn darum scheint es ihr auch beim Erzählen zu gehen: seine Umgebung mit Aufmerksamkeit zu betrachten, genau hinzusehen und auf Details zu achten, sei es das Kommen und Gehen am Eingang eines Supermarkts oder eine Menschenschlange an der Bushaltestelle. Sie beobachtet die sich ständig verändernde Nähe und Distanz zwischen den Menschen oder auch zwischen Mensch und Tier. Aus diesen Alltagsszenen zaubert sie ungewöhnliche, häufig in sich verschachtelte Geschichten, die mal witzig, mal melancholisch, mal romantisch, mal unheimlich sind. Die für Kurzgeschichten typischen überraschenden Pointen findet man hier weniger – dafür eine sehr interessante Form des experimentellen Schreibens. Ein Thema, das Ali Smith besonders beschäftigt, scheint die Verletzlichkeit zu sein. In einer Geschichte wird um ein Haar eine Drossel getötet, in einer anderen isst ein Mädchen so wenig, dass sie immer weiter abmagert und kurz davor ist, sich ganz aufzulösen. Man könnte meinen, dass der Autorin Geschichten deshalb so wichtig sind, weil sie dadurch vergängliche Momente und Zustände konservieren kann. Am besten gefiel mir „Eine Geschichte von Liebe“, die zeigt, welche Macht der Erzähler auf den Zuhörer ausüben und welche Spielchen er mit ihm treiben kann. In letzter Zeit hörte ich öfters, dass das Vorlesen auch unter Erwachsenen wieder in Mode gekommen ist. Das würde Ali Smith bestimmt gefallen.

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läpple

So viel Anfang war nie

Christhard Läpple
Fester Einband
Erschienen bei btb, 06.03.2017
ISBN 9783442756957
Genre: Sachbücher

Rezension:


Romane über die deutsche Wiedervereinigung hatte ich bisher nicht so im Visier. Eine Leseprobe aus diesem Buch machte mich jedoch neugierig auf die Protagonisten Hans und Linda Blumental, die mit ihrem 7er BMW von ihrer Heimat Düsseldorf nach Brandenburg reisen und ihre ersten Eindrücke schildern. Herzdorf – so heißt der Schauplatz des Geschehens, der in Christhard Läpples Roman nach der Wende eine wundersame Verwandlung durchmacht. Seit den frühen neunziger Jahren, so schreibt Läpple im Prolog, hat der Berliner die Menschen in dieser Region beobachtet, war selbst Teil davon, da seine Familie die Wochenenden auf dem Land verbrachte. Aus zahlreichen persönlichen Interviews, Beobachtungen und Erinnerungen ist das lebendige Porträt eines Musterdorfs entstanden.

Doch zurück zu den Blumentals. Für Ehefrau Linda ist Herzdorf nicht mehr als ein trostloses Kaff in der brandenburgischen Provinz. Ihr Mann dagegen blüht förmlich auf, sieht als Landschaftsarchitekt all das Potenzial, das in diesem Fleckchen Erde steckt. Ursprünglich sollte er sich nur um die Sanierung einer baufälligen Kirche kümmern, doch kaum ist sein Abenteuergeist geweckt, will er gleich das ganze Dorf retten.

Der Autor hat mit Blumental einen ganz unverwechselbaren Charakter gezeichnet. Die Ablehnung und das Misstrauen der Bewohner stacheln den Mittfünfziger nur noch mehr an, die Dorferneuerung als Lebensaufgabe zu sehen und sich zu verwirklichen. Sein verklärter Blick und seine romantischen Visionen ließen mich immer wieder schmunzeln. Geplante Umbaumaßnahmen verpackt er in lyrische Zauberwörter und verkauft sie den Bewohnern als sanften Tourismus und ‚Integrierte Ländliche Entwicklung‘. Schließlich hat ihn Theodor Fontane inspiriert, der die Landschaft in der ostdeutschen Provinz ebenfalls pries und das Dorfleben mit Freiheit gleichsetzte. Damit unterscheidet sich der visionäre Landschaftsplaner zumindest von jenen arroganten Investoren, die großspurig schnelle satte Gewinne versprechen. Die Figur steht aber auch für all die Städter, die dem Konkurrenzdruck und Stress entfliehen wollen und sich nach Freiheit, Ruhe und einem beschaulichen ländlichen Leben sehnen.

Unterdessen wandelt sich Herzdorf zusehends. In der restaurierten Kirche entsteht ein Theater, ein Hotel und ein Freizeitpark werden gebaut. Das Einzige, was sich nicht verändert, sind die Menschen. Der Kontrast zwischen dem tatkräftigen Blumental, der den Gründergeist verkörpert, und den scheuen, misstrauischen, fast apathischen Dorfbewohnern schien mir ein wenig übertrieben, doch offenbar trafen tatsächlich zwei Welten aufeinander. Dass Blumental sein Vorhaben über die Menschen hinweg durchzieht, wird ihm zum Verhängnis. Als er auch noch eine Affäre mit einer jüngeren Frau beginnt, bekommt der dokumentarische Bericht fast Züge einer Seifenoper.

Neuanfänge zählen für mich zu den spannendsten Romanthemen überhaupt, ganz gleich ob sie Figuren oder Orte betreffen. Auch dieses Buch hat mich nicht enttäuscht. Treffender könnte der Titel für dieses historisch lehrreiche und feinsinnige Dorfporträt kaum sein.

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existenzialismus, simone de beauvoir, philosophie, heidegger, philosophi

Das Café der Existenzialisten

Sarah Bakewell , Rita Seuß
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 07.08.2017
ISBN 9783406697647
Genre: Sachbücher

Rezension:

Wenn ich Existentialismus höre, denke ich an Sartre, Camus und vor allem an meinen früheren Französischlehrer, der ihre Werke mit Inbrunst mit uns durchexerzierte. Für ihre Ideen war ich aber auch sehr zu begeistern: Authentisch leben und Verantwortung für die eigene Existenz übernehmen – das hörte sich toll an, damit konnte ich mich identifizieren. Der britischen Schriftstellerin Sarah Bakewell ging es wohl ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass sie sich entschied, Philosophie zu studieren. In ihrem aktuellen Buch erweckt sie die bedeutsame philosophische Strömung des 20. Jahrhunderts zum Leben und lotet ihr Potenzial für die heutige Zeit aus.

Das Buch beginnt mit einer Szene im Café Bec de Gaz in der Pariser Rue Montparnasse, wo der 27-jährige Sartre einen Aprikosencocktail trinkt, erstmals von der Phänomenologie hört und 1933 nach Berlin reist, um sich mit Heideggers Leben und Werk zu beschäftigen. Bakewell holt weit aus, um die Ursprünge, Entwicklung und Nachwirkungen der existenzialistischen Bewegung begreiflich zu machen. Maßgebliche Denker wie Edmund Husserl, Karl Jaspers, Albert Camus oder Maurice Merleau-Ponty sind nach der Lektüre keine abstrakten Figuren mehr, sondern greifbare Menschen, die sich anfreundeten, gemeinsame Skiausflüge unternahmen, sich prügelten und zerstritten. Die Autorin hat viele Anekdoten auf Lager und erzählt so authentisch und leidenschaftlich, dass man sich lebhaft vorstellen kann, wie sich Philosophen, Dichter, Journalisten und Maler in Pariser Cafés trafen, Pfeife rauchten und ihre Debatten führten. Die Hauptfiguren in dem Ensemble sind Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir.

Es ist faszinierend, wie Bücher das Leben radikal verändern konnten. Es gab Frauen, die ihre Ehemänner oder ihre langweiligen Jobs verließen, nachdem sie Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ gelesen hatten. Der Existenzialismus stellte nicht nur die Weichen für den Feminismus, sondern auch für die Rechte der Homosexuellen, das Niederreißen von Klassenbarrieren und den Anti-Rassismus.

Sartre und Beauvoir verpackten ihre Überzeugungen in Romane und Theaterstücke, lösten die Grenzen zwischen Philosophie, Literatur und Leben auf und machten sie so den Menschen zugänglich. Ähnliches gelingt auch Bakewell mit ihrem kenntnisreichen Gedankenpanorama, das zeigt, wie unterhaltend und lebensnah Philosophieunterricht sein kann.

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antarktis, expedition, everland, überlebenskampf, forschung

Everland

Rebecca Hunt , pociao
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 13.06.2017
ISBN 9783630874630
Genre: Romane

Rezension:


Dieser Roman hat mich Kraft gekostet. Sicher nicht in dem Maße wie die Crew der beschriebenen Antarktis-Expedition, doch immerhin. Das liegt zum einen an den vielen Zeitsprüngen. 1913 brechen drei Männer des britischen Forschungsteams ‚Kismet‘ zur fiktiven Insel Everland auf, um sie zu erforschen. Parallel wird von einer zweiten Expedition erzählt, die hundert Jahre später stattfindet. Diesmal macht sich der Expeditionsleiter Decker mit einer unerfahrenen Wissenschaftlerin und einer kompetenten Feldassistentin nach Everland auf, um Feldforschung an Pinguinen und Seebären zu betreiben. Innerhalb dieser zwei Handlungsstränge gibt es wiederum Zeitsprünge, so dass man nur bruchstückartig Details erfährt, die das Geschehen immer wieder in ein neues Licht rücken.

Doch es ist nicht nur die ungewöhnliche Konstruktion, die dem Leser einiges abverlangt. Rebecca Hunt geht es vor allem um das menschliche Verhalten in Extremsituationen, um zwischenmenschliche Dramen und psychologische Spielchen untereinander. Jeder einzelne ist nicht nur den gnadenlosen Naturgewalten, sondern auch menschlicher Eiseskälte und Wahnvorstellungen ausgeliefert.

Feinheiten werden herausgearbeitet, zum Beispiel wie Matrosen herumblödeln, um den Ernst ihrer Situation herunterzuspielen, welche Phobien und Aberglauben sie haben oder wie sich verletzte Crewmitglieder abmühen, anderen nicht zur Last zu fallen und sich nützlich zu machen. Eine verstümmelte Hand kann eine so starke Präsenz ausstrahlen wie ein vierter Mann im Team, ein verletztes Bein kann so viel Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, dass sich zwei Frauen das ‚Sorgerecht‘ darum teilen. Auf solche originellen Ausdrücke muss man erst einmal kommen.

Wie geht man damit um, wenn man erkennt, dass eine unerfahrene Person aus rein egoistischen Motiven angeheuert wurde und damit die ganze Expedition gefährdet? Dieses und noch viele andere Muster wiederholen sich bei beiden Forschungsteams und werden plastisch gegenübergestellt. Die Beschreibung der allumfassenden Kälte sorgte für eine angenehme Abkühlung an den heißen Sommertagen, doch sie ging auch ganz schön an die Substanz. Schonungslos beschreibt Rebecca Hunt ausgemergelte Körper, erfrorene Gliedmaßen und Tierkadaver – das ist nichts für zartbesaitete Gemüter. Der Wechsel zwischen den Zeitebenen ist zum Ende hin immer enger getaktet, die Spannung steigt, bis zum Schluss die Wahrheit ans Licht kommt und ein beklemmendes Gefühl hinterlässt.

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5 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

yoga

Yoga für dein Leben

Dirk Bennewitz , Andrea Kubasch
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Lotos, 26.06.2017
ISBN 9783778782668
Genre: Sachbücher

Rezension:


Wenn es um Yoga geht, haben manche gleich ein Bild vor Augen: komplizierte Körperverrenkungen, Schlabberlook und Räucherstäbchen. Aber wer bringt schon Yoga mit purer Lebensfreude in Verbindung? Genau dies ist das Anliegen von Dirk Bennewitz und Andrea Kubasch. Für ihr neuestes Buch haben sie wohl bewusst den Titel „Yoga für dein Leben“ gewählt, denn sie machen deutlich, dass Yoga in jedem Lebensbereich Positives bewirken kann. Schon das farbenfroh gestaltete Cover mit abwechslungsreichen Bildern vermittelt genau diese Botschaft und macht Lust auf mehr.

Den Inhalt haben die Autoren in die Bereiche Körper, Geist und Herz gegliedert. Das erleichtert besonders Neulingen den Einstieg, denn körperliche Fitness, Stressabbau oder erfüllte soziale Beziehungen sind Themen, die jeden betreffen, ganz unabhängig von Alter, Beruf oder Hobby. Die Leser können dort einsteigen, wo ihnen der Zugang am leichtesten fällt und sich langsam der Praxis annähern. Ziel ist es, die drei Gebiete in seinem Leben gleichermaßen auszubalancieren und zu stärken.

Um Yoga als ganzheitliches Konzept zu vermitteln, erläutern Bennewitz und Kubasch, die ein Yoga-Zentrum in Hamburg führen, Basis-Wissen wie den achtgliedrigen Pfad als Leitfaden für Selbstvervollkommnung oder die Prinzipien der Tensegrity in unserem Körper. Dirk Bennewitz praktiziert auch die japanische Kampfkunst Aikido und weiß über interessante Zusammenhänge zu berichten. Die Texte sind locker und verständlich formuliert und werden von vielen praktischen Übungen und Anregungen begleitet. Das kann eine Bewegungssequenz sein, die dank der anschaulichen Bilder leicht nachzumachen ist, eine Atemübung, ein Rezept für ein Powerfrühstück oder konkrete Tipps für die Tagesgestaltung.

Es gibt Yogabücher und DVDs, die lediglich verschiedene Körperübungen, die Asanas, aneinanderreihen. In diesem Buch jedoch sind sie Teil eines Gesamtkonzepts und werden als unterstützende Maßnahme vorgestellt, um das Leben noch ein wenig besser zu meistern, indem man beispielsweise offener mit Menschen umgeht, seine Ausstrahlung verbessert oder mehr Selbstvertrauen gewinnt. Dieser direkte Bezug sowohl zum Alltag als auch zur Selbstentfaltung gefiel mir besonders gut. Arbeitsblätter mit Fragen zu verschiedenen Lebenssituationen helfen ebenfalls, seinen persönlich größtmöglichen Nutzen aus dem Buch zu ziehen.

Nach der Lektüre wird klar: Yoga ist nicht nur etwas, was eine kleine esoterisch angehauchte Gruppe betreibt, sondern eine Lebensphilosophie, die für jeden Menschen eine Bereicherung sein kann. Skeptiker mögen Zweifel haben, ob die Übungen tatsächlich etwas bringen und uns "transformieren". Da hilft wohl nur eins: Ausprobieren, dranbleiben und sehen, was passiert. Ich für meinen Teil habe schon angefangen, neben meinen geliebten Deep-Work-Stunden im Fitness-Studio einige Übungen aus diesem motivierenden Buch in meinen Alltag einzubauen und bin gespannt.

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44 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

selbstmord, bojangles, glück, debüt, musik

Warten auf Bojangles

Olivier Bourdeaut , Norma Cassau
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2017
ISBN 9783492057820
Genre: Romane

Rezension:

Dass Franzosen wissen, wie man das Leben genießt, ist allseits bekannt. Georges und seine Familie setzen in dem Roman von Olivier Bourdeaut noch eins drauf: Ihr Leben besteht aus rauschenden Parties, Cocktails und unterhaltsamen Lügengeschichten in illustrer Gesellschaft. Vergnügen, Leidenschaft und Tanz bestimmen ihren Alltag. Die passende Melodie liefert die Sängerin Nina Simone mit ihrem mehrfach gecoverten Lied „Mr. Bojangles“. Es ist die einzige Platte, die in Georges Haus rauf und runtergespielt wird – ein Song, der so fröhlich und zugleich traurig ist wie Maman, heißt es an einer Stelle. Die Geschichte wird nämlich hauptsächlich aus der Perspektive des Sohnes erzählt, abwechselnd mit ein paar Passagen aus der Sicht des Vaters.

So erfahren wir, dass Maman jeden Tag anders heißt: nach Lust und Laune mal Marguerite, mal Renée, dann Henriette, Marilou oder Josephine. Georges, der seine extravagante Frau über alles liebt, tut alles, damit sie ihre Verrücktheiten ausleben und ihre manisch-depressiven Phasen bewältigen kann. Die Familie samt exotischem Vogel lebt in ihrer eigenen Welt. Sie siezen sich und haben für sich entschieden, jegliche Konventionen zu ignorieren. Ihre Lebensfreude ist so entfesselnd und ansteckend, dass man am liebsten immer weiter mit dieser Familie durchs Leben tanzen möchte. Als die Mutter in ihrem Wahnsinn zu weit geht, nimmt die Geschichte jedoch einen tragischen Lauf. Poetisch, gefühlvoll und leichtfüßig erzählt der Autor von einer Liebe, die sich durch nichts erschüttern lässt, und hangelt sich geschickt entlang der Grenze zwischen Euphorie und Verzweiflung, zwischen Höhenflug und Absturz.

Die erstaunliche Erfolgsgeschichte von Olivier Bourdeaut, der nach unterschiedlichsten Berufen zuletzt arbeitslos war und in nur sieben Wochen diesen Roman verfasst hat, bietet Stoff für einen eigenen Roman. Sein Debütwerk avancierte zum Bestseller, gewann viele renommierte Preise und wird in zwanzig Sprachen übersetzt.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

psychatrie, manisch depressiv, psychische erkrankung

The Mirror World of Melody Black

Gavin Extence
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Hodder And Stoughton Ltd., 19.03.2015
ISBN 9781444764628
Genre: Romane

Rezension:

Nach dem sehr originellen Debütroman „The Universe Versus Alex Woods" war zu erwarten, dass Gavin Extence auch diesmal keine gewöhnliche Geschichte präsentiert. Schon der Einstieg in „The Mirror of Melody Black" ("Libellen im Kopf") macht Lust auf mehr: Ich-Erzählerin Abby will sich von ihrem Nachbarn eine Dose Tomaten borgen und findet ihn tot in seiner Wohnung vor. Seit diesem Vorfall gerät das Leben der Journalistin aus der Bahn. Sie sprudelt zwar vor Ideen für Artikel, leidet jedoch unter massiven Schlafproblemen. Da hilft nur eins: persönlich Professor Caborn in Oxford aufzusuchen, um ihr Schlafdefizit eingehend mit ihm zu diskutieren. 

Ein Schuss britischer Humor, Selbstkritik und entwaffnende Ehrlichkeit sind die Zutaten, mit denen der Autor Abbys Lebensgeschichte zu einem schmackhaften Leseerlebnis macht – und das obwohl sich herauskristallisiert, dass Abby unter eine bipolaren Störung leidet. Als Außenstehender kann man nur vage erahnen, wie unverstanden sich Abby fühlt – sowohl von ihrer völlig humorlosen Schwester Fran als auch von ihrem Lebensgefährten Beck, der sie bedingungslos liebt. Eine der schönsten Szenen spielt im Luxushotel Dorchester, wo sie sich kurz nach dem Kauf eines extravaganten Abendkleids spontan eincheckt. Sie nimmt ein Bad, setzt sich anschließend nackt an den Schreibtisch und zaubert auf acht Seiten edlem Hotelpapier einen Artikel über Blautöne, den sie als Meisterwerk deklariert. Für einen Augenblick will sie nicht an ihre Probleme oder Zukunft denken, sondern nur das Jetzt beschützen. Auch für den Leser ist es ein Moment voller Schönheit und Klarheit. Wie schnell das Hochgefühl und die Situation kippen können, bestätigt sich wenige Minuten später. Vom Fünf-Sterne-Hotel geht es schnurstracks in die geschlossene Psychiatrie des Hammersmith Hospitals. 

Im Gegensatz zur Hälfte des Romans wird die Handlung dürftiger, dafür bekommt der Leser umso tieferen Einblick in Abbys Innenleben. Man weiß nie, welche emotionalen Abgründe hinter der nächsten Tür lauern. Zum Glück fehlt es Gavin Extence auch hier nicht an Humor. Abby will so schnell wie möglich aus der Klinik entlassen werden, indem sie vortäuscht, wieder völlig gesund zu sein und nimmt sich vor, das Personal auszutricksen. „When you want to die, smiling is not easy“, stellt sie trocken fest. In Melody findet sie endlich eine Person, mit der sie ein normales Gespräch führen kann, ohne sich verstellen oder nachdenken zu müssen, wie sie von anderen bewertet wird. 

Es gibt sehr viele rührende Momente in dieser Geschichte – zum Beispiel wie einfühlsam und souverän Abbys Therapeutin mit ihr umgeht. Oder Becks Versuche, seiner Gefährtin durch lange Briefe wieder näher zu kommen. Man bekommt zu spüren, wie schwierig es für beide Seiten ist, ein ehrliches Gespräch zu führen. Beck möchte ihr helfen und fühlt sich doch angesichts Abby selbstzerstörerischem Verhalten machtlos. Bald ist er sich nicht mehr sicher, ob seine Liebe ausreicht, damit die Beziehung funktioniert. Gavin Extence berichtet in diesem Buch aus eigener Erfahrung, wie er im Nachwort verrät. Beeindruckend, wie authentisch er nicht nur das Krankheitsbild, sondern auch die Konflikte mit Nahestehenden vermittelt.

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83 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 26 Rezensionen

bipolare störung, gavin extence, libellen im kopf, roman, psychiatrie

Libellen im Kopf

Gavin Extence , Alexandra Ernst
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Limes, 14.11.2016
ISBN 9783809026341
Genre: Romane

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16 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

schreiben, schreibratgeber, stephen king, kreatives schreiben

On Writing

Stephen King
Flexibler Einband
Erschienen bei Scribner Book Company, 06.07.2010
ISBN B005ONMJ7K
Genre: Sonstiges

Rezension:

Seitdem ich den Film „Shining“ gesehen habe, war der Schriftsteller Stephen King für mich abgehakt. Nach diesem verstörenden Psychothriller fühlte ich mich außerstande, auch nur eine Romanseite von ihm zu lesen. Bis auf eine Ausnahme: „On Writing – A Memoir of the Craft" („Das Schreiben und das Leben“) ist ein Buch, das im Zusammenhang mit dem Handwerk des Schreibens so oft zitiert wird, dass es meine Neugier weckte.

Kings Schreibratgeber beginnt autobiografisch. Zunächst erzählt er aus seiner Kindheit in Stratford / Conneticut und von seiner wachsenden Leidenschaft für Comics, Science-Fiction, Fantasy und Horrorgeschichten, die ihn zum Schreiben animierte. Er lernt Tabby kennen, seine künftige Ehefrau und „Ideal Reader“, die seine Manuskripte so ehrlich und kritisch beäugt wie einst Alma die Werke ihres Ehemannes Hitchcock. King führt das typische Leben eines Schriftstellers, der ständig in Geldnot ist, eine Geschichte nach der anderen an Magazine verschickt und bei jeder Veröffentlichung mit seiner Frau einen Jubeltanz vollführt. 

Auch für Leser, die seine berühmten Romane wie „Carrie“ oder „Christine“ nicht gelesen haben, sind seine Rückblicke sehr interessant. Er lässt uns an seinen Schreiberfahrungen teilhaben und gibt viele nützliche Tipps. Einer davon, der mir gut gefällt, ist „Write with the door closed, rewrite with the door open.“ Mit anderen Worten: Schreib’ erst einmal alles ohne Zensur nieder, nur für dich allein. Erst im zweiten Schritt bezieht man den Leser mit ein und schreibt die Geschichte für ihn um. Romane sind für ihn wie Briefe an eine Person, die man als idealen Leser vor Augen hat. King motiviert uns, über Dinge zu schreiben, die wir lieben, statt beliebte Themen zu wählen oder den Stil anderer zu kopieren. 

Auch das Handwerkszeug kommt in diesem Buch nicht zu kurz. Auf Adverbien zu verzichten, stimmige Metaphern einzusetzen und die Vorgeschichte kurzzuhalten, zählen zu den Regeln, die man auch aus anderen Ratgebern kennt. Bei Stephen King klingt alles so einfach: Man setze zwei oder mehrere Charaktere einer bestimmten Situation aus und beobachte, wie sie interagieren, sich entwickeln und wachsen. Seiner Meinung nach wird der Plot überbewertet. Er selber habe nie den Aufbau einer Geschichte mit sämtlichen Wendepunkten und Spannungskurven vorher geplant. Bewährt hat sich dagegen der Ansatz „What if“, der ihm beim Duschen, Autofahren oder Spazierganz jede Menge Ideen für Geschichten bescherte. Einen Rat vom Meister des Horrorgenres kann ich jedenfalls ganz mühelos umsetzen: so viel und oft wie möglich zu lesen und zu schreiben.

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frauen, geschichte, literaturgeschichte, literatur, schriftstellerinnen

Frauen und Bücher

Stefan Bollmann
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei btb, 10.08.2015
ISBN 9783442749805
Genre: Sachbücher

Rezension:

Facebook, Instagram, Video on Demand, Bloggen … Immer wieder wird es neue Arten der Freizeitbeschäftigung geben. Was sich in den letzten Jahrhundert jedoch kaum verändert hat, ist die Leidenschaft für Bücher. Das sollten wir am Tag der Münchner Buchhandlungen feiern! Besonders Frauen lasen seit jeher „um zu leben“, wie es Stefan Bollmann ausdrückt. Was er damit genau meint und wie die Macht und Magie des Lesens ihren Anfang nahm, erläutert der Schriftsteller in seinem sehr aufschlussreichen Panorama mit dem Titel „Frauen und Bücher. Eine Leidenschaft mit Folgen“. Wir erfahren, dass Mitte des 18. Jahrhunderts durch Klopstock die erste Dichterlesung erfunden wurde und Literatur in großstädtischen schöngeistigen Zirkeln wie im Pariser Hotel Rambouillet rezitiert und zelebriert wurde. Durch das Lesen konnten Frauen den engen Rahmen ihres Alltags und ihrer Rolle sprengen, sich ihren Gefühlen hingeben und auf eine neue Art das Leben genießen. Chronologisch stellt der Autor Persönlichkeiten vor, die einen bedeutenden Einfluss auf die weiblichen Lesegewohnheiten und die Emanzipation in dem betreffenden Jahrhundert hatten, darunter Mary Wollstonecraft, die erste professionelle Rezensentin der Mediengeschichte oder Jane Austen, die mit ihren romantischen Klassikern die Unabhängigkeit des Denkens und der Lebensführung fördern wollte. Wer hätte gedacht, dass der Nährboden für die heute so gefragten Lebensratgeber bereits Mitte des 19. Jahrhunderts durch E. Marlitt vorbereitet wurde. Sie führte den ersten Serienroman ein, ermunterte ihre Leserschaft, ihre Gestaltungsspielräume und Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen und avancierte nicht nur zur ersten deutschen, sondern auch ersten internationalen Bestsellerautorin. Der Ausflug nach Bloomsbury ins Jahr 1910 vermittelt uns den intellektuellen Geist, der in den Literaten- und Künstlerzirkeln herrschte, und eine neue ungezwungene und unabhängige Lebensweise. Besonders spannend liest sich das Porträt von Sylvia Bean, Gründerin der berühmten Buchhandlung „Shakespeare and Company“ in Paris. Bean war nicht nur Buchhändlerin und Ein-Buch-Verlegerin, sondern auch Netzwerkerin, die Menschen und Bücher, Schriftsteller und Leser, Autorinnen und Autoren verschiedener Nationen zusammenbrachte. Diese vergnügliche und informative Reise in die Literaturgeschichte und die Gefühlswelt weiblicher Leserinnen, in denen ich mich sehr häufig wiedererkannt habe, kann ich allen Leseratten wärmstens empfehlen. Ich schmökere derweil als nächstes in seinen vorangegangenen Bildbänden, in denen der Autor lesende Frauen in der Malerei kommentiert.

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kulturhistorisches

Herrschaft der Dinge

Frank Trentmann
E-Buch Text: 900 Seiten
Erschienen bei Deutsche Verlags-Anstalt, 22.05.2017
ISBN 9783641208189
Genre: Sachbücher

Rezension:

Aufräumtipps, Ordnungssysteme und minimalistischer Lebensstil sind beliebte Themen in der Ratgeberszene. Parallel wird heftig über die Konsumethik und Wegwerfgesellschaft diskutiert. Sind dies Reaktionen darauf, dass die Dinge die Herrschaft übernommen haben? Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Frank Trentmann, Professor für Geschichte am Londoner Birkbeck College, wollte es genau wissen und blickt in seinem opulenten Werk auf 500 Jahre Konsumgeschichte zurück. Dabei macht er immer wieder deutlich, wie die Identität einer Person, einer gesellschaftlichen Schicht, sogar einer Nation, deren Politik und Wirtschaft maßgeblich von dem bestimmt wurden, was und wie sie konsumierte. Im ersten Teil reisen wir zurück in die Zeit der Italienischen Renaissance, erleben den Aufstieg der Städte durch den Luxusgüterhandel und erfahren, wie Gegenstände immer kunstvoller und kostbarer gestaltet wurden. Die Entwicklung der Wohnkultur und der rasante Anstieg von Waren wie Spiegel, Bücher und Kochtöpfe werden in Grafiken veranschaulicht. Erstaunlich, welche Macht und Folgen schon damals Güter auf das Alltagsleben hatten. Sie erhöhten nicht nur den Komfort im Alltag, sondern gaben dem Menschen Selbstwertgefühl, verhalfen zu mehr Anerkennung und trugen sogar eine kulturelle Komponente. So übten die beliebten Kaffeehäuser gleich mehrere Funktionen aus: Sie waren Nachrichtenbörse, Handelsplatz und Hochschule in einem. Während der Lektüre wird einem erst richtig bewusst, wie weitreichend der Begriff Konsum ist. Er betrifft nicht nur die Anschaffung und Anhäufung von materiellen Dingen, sondern auch die Zeitnutzung, städtische Freizeitbeschäftigung und Mediennutzung. Der Autor zeigt dabei interessante Wechselwirkungen auf: Effizienz und Ersparnisse in einem Lebensbereich können vermehrten Konsum in einem anderen Bereich auslösen. Er geht auch auf Zeitgenossen ein, die die Entwicklung kritisch betrachteten – zum Beispiel der Schriftsteller Henry James, der die Psyche des Konsumenten als Sammler bloßlegte. Frank Trentmann dagegen behält durchgehend einen neutralen Standpunkt und geht in seinem historischen Rückblick auf maßlose Luxusgier ebenso ein wie auf den schlichten Wunsch, anständig auszusehen und Dinge wertzuschätzen. Ich bin zutiefst beeindruckt, wie detailreich seine Ausführungen sind. Konkrete Beispiele, zum Beispiel welche ausländischen Seifenmarken im indischen Punjab der heimischen Marke vorgezogen wurden, oder wie japanische Jugendliche einen ganz neuen Markt durch einen besonderen Look schafften, machen das Buch zu einer spannenden und unterhaltenden Zeit- und Weltreise. Frank Trentmann ist vermutlich der erste, der die Geschichte des Konsums aus derart vielen Perspektiven unter die Lupe genommen hat: von der historischen Entwicklung über den Ländervergleich bis hin zum altersspezifischen Konsumverhalten. Dabei lässt es der Autor nicht bewenden. Im zweiten Teil des Werks rollt er das Thema genau umgekehrt auf, geht auf die aktuelle Debatte über Konsum und die Konsequenzen für die Umwelt ein und richtet seinen Blick zurück, um Erklärungen für die heutigen Phänomene zu finden und uns für die zu erwartenden Probleme in der Zukunft zu sensibilisieren. Um einen derart umfassenden Überblick zu bekommen, hätte man etliche Bücher lesen müssen. Frank Trentmann hat sehr viel Wissenswertes für uns in einem Werk zusammengefasst. Für diese Lektüre sollte man sich Zeit nehmen. Es lohnt sich!

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Bevor du weitergehst

Laura Schroff , Alex Tresniowski , Marie Rahn
Flexibler Einband
Erschienen bei Diana, 10.04.2017
ISBN 9783453290716
Genre: Biografien

Rezension:

Es kann so einfach und schön sein, anderen Menschen zu helfen. Warum tun wir es dann nicht viel öfters? Diese Frage stellt man sich unweigerlich nach der Lektüre dieses Buches. Die amerikanische Autorin Lauren Schroff tat einst etwas Kleines, aber Entscheidendes, bevor sie weiterging auf dem Broadway und schrieb ein Buch darüber mit dem Titel „Immer montags beste Freunde“. Es handelt davon, dass sie einen elfjährigen bettelnden Jungen zu einem Mittagessen einlud und aus dieser emphatischen Geste eine lebenslange Freundschaft entstand. Das Buch inspirierte zahlreiche Leser, der Autorin von ähnlichen Geschichten zu berichten.

30 kurze Schicksalsberichte hat Lauren Schroff in ihrem zweiten Buch zusammengetragen und in unterschiedliche Themenschwerpunkte wie Bejahung, Einzigartigkeit und Verbundenheit gegliedert. In allen Geschichten geht es um ‚unsichtbare Bänder’, die zwei fremde Menschen schicksalhaft zusammenführt. Die erste spielt in einem Supermarkt in Tucson, Arizona und war so ergreifend, dass sie mir Tränen in die Augen trieb. Manche Berichte, die sich in ihrem Schema ähnelten, empfand ich als etwas redundant. Sehr oft handeln sie von bedürftigen Kindern, die durch einen Akt der Freundlichkeit in den Genuss einer Mahlzeit, anständigen Kleidung, schönen Sommerferien oder einer vorübergehenden Bleibe kamen. Die Autorin legt ihren Fokus vor allem darauf, wie aus winzigen Momente große Wendepunkte wurden, in denen eine einfache Handlung weitreichende Veränderungen auslöste – und zwar für beide Seiten. Die Empfänger der spontanen Hilfeleistungen wurden für ihr weiteres Leben geprägt und nutzten die nächste Gelegenheit, um sich für die Wohltat zu revanchieren. Auf die Weise stößt ein Akt der Nächstenliebe oftmals einen neuen an. Diejenigen, die helfen, macht es glücklich, dass sie jemandem eine Freude bereiten können. Eine Umarmung aus tiefsten Herzen kann ihnen mehr bedeuten, als Hundert Dollar, die sie gestiftet haben. Diese Erkenntnis ist sicher nicht neu, doch die Schilderungen machen deutlich, warum die Menschen so empfinden. Jeder trägt eine tiefe Sehnsucht nach bedeutsamen, wahrhaften Bindungen zu ihren Mitmenschen. Wir verpassen nur allzu oft die Möglichkeit, solche Bindungen einzugehen, die unsere Entwicklung und unser Glück fördern. Oder nehmen die Wohltaten, die uns zuteil werden, für selbstverständlich.

Das Besondere an dieser Sammlung sind nicht nur die Geschichten, die uns ermutigen, auf unser Mitgefühl zu besinnen, sondern die abschließenden Reflexionen und Kommentare der Autorin nach jeder Episode. Sie stellt heraus, was wir daraus lernen können und regt dazu an, auch einmal etwas Unkonventionelles zu tun, da man Nächstenliebe nicht aus dem Lehrbuch lernen könne. Nur dann kommt man wohl auf so eine brillante Idee wie das Pyjama-Projekt, das mich besonders begeistert hat. Lest am besten selbst!

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The Keeper of Lost Things: The feel-good novel of the year

Ruth Hogan
E-Buch Text: 302 Seiten
Erschienen bei Two Roads, 26.01.2017
ISBN 9781473635494
Genre: Romane

Rezension:

Wieder einmal machte ich literarische Bekanntschaft mit einem verrückten Sammler. In „Die wunderbare Reise eines verlorenen Gegenstands“ von Salvatore Basile war es ein Bahnhofswärter, der seine Wohnung mit Fundsachen vollstopfte. Dieser Roman handelt von Gegenständen, die Anthony Peardews in Straßen findet und sorgfältig archiviert in der Hoffnung sie eines Tages ihren Besitzern zurückgeben zu können. Dass sich dahinter ein noch einzulösendes Versprechen verbirgt, ahnt seine Assistentin Laura nicht, als Peardews verstirbt und ihr sein gesamtes Hab und Gut vererbt. In seinem Testament bittet er sie lediglich, seine Lebensaufgabe fortzuführen. Das ist leichter gesagt als getan. Als Laura die Schränke und Schubladen voller Keksdosen, Ringe, Mäntel und Untertassen inspiziert, fühlt sie sich überfordert. Dabei liegt ihr sehr viel daran, diese verantwortungsvolle Aufgabe in Peardews Sinne fortzuführen. Nach einer überstürzten und gescheiterten Ehe in jungen Jahren war sie von ihm voller Güte aufgenommen worden. Das Haus Padua ist für sie seitdem eine Zuflucht vor der verrückten Welt, ein Ort des Trostes und der Heilung. Bildhaft und atmosphärisch führt uns die Autorin gleich am Anfang in den Schauplatz der Geschichte ein – ein Anwesen voller Erinnerungen an das glückliche Paar Anthony und seiner verstorbenen Frau Therese, aber auch voller Fragmente aus Leben fremder Menschen, die die Fundsachen widerspiegeln. Wie soll Laura all die Dinge mit ihren Besitzern zusammenführen? Immerhin ist sie nicht allein – der Gärtner Freddy, in den sie sich verliebt, unterstützt sie mit einer Website. Sehr originell fand ich die Idee, den Roman mit eingestreuten Kurzgeschichten aufzulockern, die der verstorbene Peardews zu den einzelnen Objekten geschrieben hat, zum Beispiel eine Story über einen weißen Schirm mit roten Herzen, den er eines Tages im Central Park fand. Während der Lektüre dachte ich über meine eigene Beziehung zu Gegenständen und Erinnerungsstücken in unserem Haus nach und mir wurde bewusst, dass sie oft nicht die Wertschätzung bekommen, die sie verdienen. Ermutigt durch ihre Freundin Sarah schafft es Laura schließlich, ihre die Verletzungen in ihrer Vergangenheit loszulassen und die Chance auf einen neuen aufregenden Lebensabschnitt dankbar anzunehmen. Aus dem Ort der Zuflucht wird ein Ort, der neue Träume entstehen lässt. Eine sehr schönes Bild und viele lebensbejahende Botschaften, die Ruth Hogan in eine wunderbar altmodische und herzerwärmende Geschichte verpackt hat. Interessant ist, dass sie selbst begeisterte Sammlerin von Fundstücken ist. Mit ihrem Mann und drei Hunden lebt sie in einem viktorianischen Haus in Bedford und begann nach einer Krebserkrankung mit dem Schreiben.

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ernest hemingway, alfred hitchcock, ingrid bergman, jean renoir, hollywood

Ingrid Bergman

Thilo Wydra
Fester Einband: 750 Seiten
Erschienen bei DVA, 25.04.2017
ISBN 9783421046734
Genre: Biografien

Rezension:

Wenn ich an alte Hollywood-Filme denke, fallen mir eine ganze Reihe von bildschönen Schauspielerinnen ein. Ingrid Bergman gehört ganz sicher dazu – sie war jedoch nicht nur schön und talentiert, sondern hatte etwas ganz Besonderes an sich, was sie von ihren Kolleginnen unterschied. Diesem ‚Phänomen namens Bergman‘ geht der deutsche Autor und Journalist Thilo Wydra in dieser 750 Seiten starken Biografie auf den Grund und zeigt uns, wie einzigartig nicht nur ihre Persönlichkeit und ihr Ruhm, sondern auch ihr Lebensweg war.

Schon in jungen Jahren verlor Ingrid Bergman ihre deutsche Mutter und schwedischen Vater und wuchs bei Onkel und Tante auf, wo sie sich ausgegrenzt fühlte. Sie sehnte sich nach Liebe und Geborgenheit, aber auch nach Künsten und dem Schauspiel als Lebensersatz. Sicher wäre sie noch eine Weile bei der UFA in Berlin geblieben, hätte David O. Selznick sie nicht entdeckt. Der ehrgeizige amerikanische Filmproduzent holte sie nach Hollywood, um neben Vivian Leigh, Joan Fontaine und Jennifer Jones auch aus ihr einen großen Star zu machen. Er nahm sogar in Kauf, dass Ingrid sich nicht dem Schönheitsideal unterwarf, sondern ihr natürliches Aussehen behalten und auch einmal böse Rollen spielen wollte. 

Was für ein Glück, dass Thilo Wydra Zugang zum Nachlass der Schauspielerin hatte, darunter ihre ‚Acting Diaries‘ und Notizhefte. So erleben wir hautnah wichtige Stationen ihres Lebens wie die Überfahrt nach Hollywood, die erste Begegnung mit Hemingway in San Francisco, ihre Liebschaft mit Gary Cooper oder die Entstehungsgeschichte von Casablanca. Der Biograf setzt ihre Zitate sowie Kommentare von Ingrids Tochter Pia oder Daniel Selznick, dem Sohn des Filmproduzenten, sprachlich und dramaturgisch elegant zusammen, so dass wir Ingrids Leben aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und verfolgen können. Besonders gut gefiel mir, dass der Autor seinen Fokus darauf richtet, die Beweggründe der Schauspielerin zu vermitteln und ihr Verhalten begreiflich zu machen, das in der Öffentlichkeit höchst umstritten war: zum Beispiel, dass sie ihre Familie in Schweden zurückließ, um in Hollywood „etwas Bedeutsames“ zu schaffen, oder dass sie Hollywood den Rücken kehrte, um mit ihrer großen Liebe Roberto Rossellini in Italien neu anzufangen. Der internationale Weltstar spielte nicht nur im Film gern unangepasste Rollen, sie setzte auch im wahren Leben ihren Kopf durch, egal was die Leute über sie redeten. Immer wieder stürzte sie sich in die Arbeit – sie war ihr Lebenselixier. Dass sie so offen war für neue ungewöhnliche Stilmittel wie die surrealen Arbeiten von Dalí in Hitchcocks „Ich kämpfe um dich“ – einem meiner Lieblingsfilme – macht sie für mich sehr sympathisch.

Die Kenntnisse des Autors über die Filmszene und Akteure vor und hinter der Kamera sind beeindruckend. Wydra gibt viele Filme inhaltlich wieder und stellt dabei die darstellerische Leistung Bergmans detailliert heraus. Der Kontrast zwischen dem perfekt durchstrukturierten Studiosystem Hollywoods und dem dokumentarischen und improvisierenden Stil Rossellinis muss für die Schauspielerin extrem gewesen sein. Doch Extreme waren ein Markenzeichen ihres Lebens – zwischen sakraler Erhöhung durch Medien und Publikum und moralischem Fall, zwischen Schüchternheit im Privatleben und Durchsetzungsvermögen im Beruf. Vom Umfang der Biografie war ich anfangs leicht abgeschreckt, doch ich habe jede Zeile dieses Buches genossen und bin dankbar, dass mir das ‚Phänomen namens Bergman‘ so spannend und emotional ergreifend nahegebracht wurde. 

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33 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

jane austen, regency-zeit, stolz und vorurteil, stände, nachschlagewerk

Jane Austen. Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt

Holly Ivins , Sabine Roth
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei DVA, 03.04.2017
ISBN 9783421047694
Genre: Sachbücher

Rezension:

Dieses Buch möchte man allein wegen des wunderschönen Covers besitzen. Holly Ivins entführt uns darin in das Universum der weltberühmten Schriftstellerin und ihrer romantischen Klassiker. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mehr Verfilmungen gesehen als Romane von ihr gelesen habe. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass ich für ihr Schaffen, ihren Wortwitz und ihren bedeutenden Einfluss auf die Literatur größten Respekt und Bewunderung hege. Wer war diese Frau, die zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen zählt und begeisterte Leserinnen dazu inspirierte, Fanclubs zu gründen? Antworten finden wir in dieser Austen-Bibel, die einen 360-Grad-Blick auf ihr Leben und ihre Werke erlaubt. Holly Ivins stellt uns jedes Mitglied der Austen-Familie einzeln vor – allesamt leidenschaftliche Leser – und beschreibt das Umfeld, in dem Jane aufwuchs und zum Schreiben ermutigt wurde. Wir lernen ihre verschiedenen Lebensstationen in Hampshire kennen, darunter Chawton, wo sie die schaffensreichsten Jahre verbrachte. Sehr aufschlussreich ist auch der politische und gesellschaftliche Hintergrund, der sich in ihren Romanen widerspiegelt. Die Autorin geht auf die strenge Etikette der Regency-Zeit ein, in der die Menschen strikt nach Vermögen und Rang eingestuft wurden und sich ihrer Stellung entsprechend zu verhalten hatten. So begreift man schnell, warum sich bestimmte Figuren wie Harriet Smith in dem Roman „Emma“ so und nicht anders verhalten haben, welche Fertigkeiten von Frauen erwartet wurden oder dass sich junge Leute nur auf Tanzabenden näherkommen konnten. Bei der Lektüre kommt man sich vor wie in einem lockeren und unterhaltsamen Dialog mit einer leidenschaftlichen Austen-Expertin, die ihre Kenntnisse mit vielen Anekdoten und nützlichen Hinweisen würzt. So lädt sie uns dazu ein, die Entdeckungsreise auf eigene Faust zu erweitern – indem wir zum Beispiel Austens Mahagoni-Schreibtisch in der Schatzkammer der British Library in London besichtigen oder die vielen Landsitze, die als Schauplatz dienten, abklappern. Wahre Fans, auch Janeites genannt, könnten sich die Atmosphäre aus ihren Büchern mit einer typischen Mahlzeit oder Kartenspielen am Abend ins Haus holen. Zum Schluss bekommen wir einen kompakten Überblick über ihre Werke, die einzelnen Protagonisten und literarischen Motive. Holly Ivins stellt besondere Momente heraus und verrät uns, was man von den Heldinnen heute noch lernen kann. Dieser Teil mag etwas ermüdend sein, dient jedoch als nützliches Nachschlagewerk. So hat das Büchlein bei mir die Lust geweckt, mir noch unbekannte Romane wie „Northanger Abbey“ zu lesen. Das Schöne ist ja, dass sich an manchen Themen wie den stürmischen Gefühlen und Schwierigkeiten bei der Partnerwahl bis heute nichts geändert hat. Das zeigen nicht nur die modernen Adaptionen wie „Bridget Jones“, sondern auch aktuelle japanische Fernsehserien. Diese st ellen gerne Heldinnen, die von der Norm abweichen, in den Mittelpunkt – genau wie Elisabeth Bennett aus „Stolz und Vorurteil“, mit Abstand meine Lieblingsfigur in Austens Romanwelt.

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87 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

geheimnis, schriftsteller, identität, portrait, london

Mr Gwyn

Alessandro Baricco , Annette Kopetzki
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 27.02.2016
ISBN 9783455405613
Genre: Romane

Rezension:

Experimentierfreudige Schriftsteller sind immer wieder auf der Suche nach einer neuen literarischen Form, die den Leser verblüffen könnte. Jasper Gwyn, Hauptfigur dieses Romans, scheint sie gefunden zu haben. Er beschließt, Kopist zu werden und Porträts zu verfassen. Damit sind keineswegs Biografien gemeint; das Wort „Porträt“ ist durchaus wörtlich zu verstehen. Eigentlich wollte Mr. Gwyn gar nicht mehr schreiben, weder Romane noch Artikel für den Guardian, worüber sein Literaturagent Tom ganz und gar nicht erfreut ist. Nach einer Weile vermisst er jedoch das Schreiben und startet einen neuen Lebensabschnitt als Kopist. Für diese Tätigkeit mietet er ein Atelier, dass er nach seinen exakten Vorstellungen gestalten lässt. Allein die idealen Arbeitsbedingungen zu schaffen, wird zu einem künstlerischer Akt. Mit Spannung verfolgt der Leser, wie die Arbeitsstätte mit eigens komponierter Hintergrundmusik und handgefertigten Glühbirnen Gestalt annimmt. Nun kann Mr. Gwyn endlich seine erste Kundin Rebecca empfangen. Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, mehrere Stunden am Tag unbekleidet im Atelier zu verbringen. Baricco beschreibt die Sitzungen, in denen sich der Porträtist ganz in das Modell versenkt und aus der reinen Beobachtung eine Geschichte schreibt, die Rebecca und ihren wahren Kern widerspiegeln soll, atmosphärisch dicht. Währenddessen gewöhnt sich das Modell, ausschließlich dem Blick des Künstlers ausgeliefert zu sein. Dadurch, dass es nichts anderes mehr darstellt als den eigenen Körper, legt es alle überflüssigen Rollen und Masken ab, fühlt sich zunehmend befreit und bewegt sich immer natürlicher. Ergreifend ist der Moment, als sich Rebecca tatsächlich in dem fertiggestellten Porträt wieder erkennt, nicht in einer Figur, wie man annehmen könnte, sondern in der Geschichte als Gesamtheit, in ihrer Atmosphäre, ihrem Tempo, ihrer Landschaft. Das Thema Neuanfang wird in diesem Roman auf sehr einfallsreiche Weise umgesetzt: Mr. Gwyn macht Tabula Rasa mit seinem bisherigen Leben, schafft für seine Kunden einen besonderen Raum, und gibt ihnen darin die Möglichkeit, sich auf eine neue Art zu erleben und ihr wahres Ich zu entdecken.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Fürstinnen

Eduard Keyserling , Jens Malte Fischer
Fester Einband
Erschienen bei Manesse, 17.04.2017
ISBN 9783717524366
Genre: Klassiker

Rezension:


Dass Prinzessinnen nicht zu beneiden sind, wissen wir spätestens seit dem Film „Ein Herz und eine Krone“ mit Audrey Hepburn. Ähnlich wie Prinzessin Anne geht es Marie, eine der Hauptfiguren dieses Romans. Die Geschichte spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf einem baltischen Landsitz. Im Gegensatz zu ihren zwei älteren Schwestern, die sich mit standesgemäßen Fürstenhochzeiten und vorbestimmten Lebenswegen zufriedengeben, spürt Marie immer mehr den Drang, aus den Gemäuern von Schloss Birkenstein auszubrechen. 


Ein einschneidendes Erlebnis ist ein kleiner Ausflug in den Wald mit ein paar Jungs aus der Nachbarschaft, darunter Felix, der aufmüpfige Sohn des Grafen von Dühnen. Zum ersten Mal schnuppert Marie die Luft der weiten Welt, fühlt sich lebendig, auch ein wenig verliebt, und will nicht länger aus diesem aufregenden Leben voller Versprechungen ausgeschlossen werden. Sie wird süchtig nach neuen Impulsen, nach dem „Süßen, Verbotenen, Wilden des Lebens“. Ihre Freundin Hilda von Üchlitz ermutigt sie dazu, ein „modernes Mädchen“ zu sein und statt Männer von der Ferne anzuschmachten, selbst zu handeln – zum großen Missfallen von Tante Agnes. Diese ist der Auffassung, dass unverheiratete Prinzessinnen zumindest etwas Sinnvolles tun sollten wie eine Näh- oder Kochschule zu gründen.


Mit ironischem Unterton lädt uns Keyserling in den Kosmos der aristokratischen Gesellschaft ein, die dem Untergang geweiht ist, und verdichtet größere Zusammenhänge in prägnante Sätze. Wenn er über Räume spricht, die zu viel wissen, und über die Trägheit, die von alten Dingen ausgeht, spürt man allzu deutlich, wie groß die Sehnsucht nach Freiheit und Spontanität ist. Die zwanghaften Teestunden am Nachmittag und die langweiligen Abende im Gartensaal, die Marie erdulden muss, stehen im starken Kontrast zu den Ausflügen in die Natur und den aufregenden Theaterbesuchen. Die kritische Milieustudie bereichert der Autor durch üppige Naturbeschreibungen und poetischen Stimmungsbildern. Es ist fast so, als würde man in ein zartes Landschaftsgemälde versinken.

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19 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

hoffen und bangen, unerfüllte sehnsüchte, nähe und distanz, schmerz, ester

Unvollkommene Verbindlichkeiten

Lena Andersson , Gabriele Haefs
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 10.04.2017
ISBN 9783630875248
Genre: Romane

Rezension:

Fällt man bei der Partnerwahl tatsächlich immer in das gleiche Muster? Nach der Lektüre dieses Romans müsste man die Frage bejahen. Mit der Fortsetzung ihres Buchs „Widerrechtliche Inbesitznahme“ lässt uns die schwedische Schriftstellerin erneut teilhaben am Liebesleben von Ester Nilsson, das einmal mehr in eine Katastrophe mündet. 

Anscheinend hat Ester nichts aus ihrer vergangenen Beziehung zu dem Künstler Hugo Rask gelernt. Wieder verliebt sie sich in einen Mann, der sich nicht festlegen will. Verliebt ist stark untertrieben, denn wenn die Dichterin und Essayistin sich erst einmal für jemanden entschieden hat, gibt sie sich ihm mit Haut und Haaren hin. Alles andere existiert für sie nicht mehr. Der Auserkorene heißt diesmal Olof Sten, ist Theaterschauspieler, verheiratet und betont, dass er keine Beziehung mit Ester eingehen kann. Trotzdem trifft er sich immer wieder heimlich mit ihr und nährt Esters Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. 

Die Autorin beherrscht es meisterhaft, das nervenaufreibende Verhältnis zwischen den beiden bis aufs Kleinste zu sezieren – sowohl dramaturgisch als auch sprachlich. Sie sind wie Zahnräder, die sich antreiben – intellektuell, körperlich und verbal, was leider häufig zu Fehldeutungen führt.  Es ist eine ewige Wiederholung von Annäherung und Abstoßung, von Hoffnung und Niedergeschmettert-Sein, von ekstatischem Glücksgefühl und Todessehnsucht.  So grausam es klingt, ich könnte diese Geschichte von Ester und Olof ewig weiterlesen, weil diese verrückte Dynamik und Spannung zwischen ihnen jeden Psychothriller übertrifft. Die höchst gegensätzlichen Figuren werden so präzise charakterisiert, dass man ihren jeweiligen nächsten Schritt fast vorhersagen kann – zumindest den von Ester, die sich nur Klarheit und Aufrichtigkeit wünscht. Immer wieder versucht sie, ihren Intellekt und ihr sprachliches Wissen – ihre stärksten und einzigen Waffen – zu nutzen, um Olofs Verhalten zu begreifen. Auch dieser Aspekt macht dieses Liebesdrama zwischen der Existenzialistin und dem Fatalisten zu einer literarisch höchst anspruchsvollen Lektüre, die den Leser emotional sehr stark fordert und ähnlich wie Esters Gefühle in einen (Lese-)Rausch versetzt. 

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Ein Satz an Herrn Müller

Elmar Tannert
Fester Einband: 180 Seiten
Erschienen bei ars vivendi, 21.03.2017
ISBN 9783869137636
Genre: Romane

Rezension:

Der Ich-Erzähler in diesem Roman hat ein besonderes Anliegen: Er wünscht sich von dem Raumausstatter Horst Müller, den er in einer Tankstelle kennenlernte, einen Entwurf für seine künftige Wohnung. Ungewöhnlich ist die Form seines Auftrags: Er schreibt Herrn Müller einen Brief über 250 Seiten, der aus einem einzigen Satz besteht. 

Schnell wird klar, dass er sich keineswegs mit einer 08/15-Lösung zufrieden gibt. Seine Ansprüche sind hoch, seine Wünsche speziell: Er ist ein Wohnungsflüchter, der sich eine Hausbar mit begrenzten Öffnungszeiten und ein Badezimmer ohne Badewanne vorstellt. Das Bild seiner Idealwohnung bleibt allerdings vage, da der Erzähler immer wieder vom eigentlichen Thema abschweift und sich in leidvollen Erinnerungen an seine Geliebte und in Reflexionen über das Schriftstellerdasein verliert. War soeben noch vom Arbeitszimmer die Rede, das als Kulisse für Fotografen dienen muss, lässt er sich darüber aus, wie wenig er von den Konterfeis hält, die die Buchumschläge zieren. Er sinniert darüber, warum es ein Maler besser hat als ein Schriftsteller, prangert politische Missstände an und stellt eine Menge provokativer Fragen, zum Beispiel ob der Mensch eine Religion brauche. 

Jeder Absatz im Buch bietet Gelegenheit, kurz Luft zu holen, um sich in den nächsten Gedankenstrom  zu stürzen. So liest sich der längste Satz, der mir bisher untergekommen ist, recht flüssig. Allmählich wurde mir klar, warum der Erzähler seinen Satz partout nicht beenden will und seine Überlegungen immer weiterspinnt: Eine zentrale Metapher schien mir der Kreislauf zu sein, der sich durch verschiedenen Themen zieht. Er philosophiert über Lebensstadien, von der Geburt bis zum „Gefühl, tot zu sein“, spricht vom Leben aus der Sehnsucht statt aus der Erfüllung. Sogar das jämmerliche Schicksal von Kartoffelchips geht ihm nahe. Sein Sprachstil ist anspruchsvoll und pointiert. Wer gerne Bücher über den Sinn des Lebens, künstlerisches Schaffen und Lebensträume liest, wird auf seine Kosten kommen. Der Wohnausstatter gestaltet reale Räume, der Schriftsteller Innenwelten – beides ineinander fließen zu lassen, ist eine geniale Idee. Für meinen Geschmack kam der Part der Raumgestaltung etwas zu kurz, hier hätte ich mir noch mehr Details gewünscht. Zwischendurch stellte ich mir vor, wie Herr Müller wohl auf den Brief reagieren würde. Das wäre doch ein interessanter Stoff für einen Fortsetzungsroman!

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29 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 8 Rezensionen

buchempfehlungen, lesen, bücher, geheimnisse des lesens, leseverführer

Lesehunger - Ein Bücher-Menü in 12 Gängen

Hanns-Josef Ortheil
Flexibler Einband: 235 Seiten
Erschienen bei Sammlung Luchterhand, 02.03.2009
ISBN 9783630621531
Genre: Romane

Rezension:

Es sind schon einige Schriftsteller auf die Idee gekommen, eine Sammlung ihrer persönlichen Buchempfehlungen zusammenzustellen und zu veröffentlichen. Hanns-Josef Ortheil macht dies allerdings auf eine höchst originelle und elegante Weise: In diesem Buch lädt er uns zu einem Zwiegespräch ein, das zugleich den Appetit und Geist anregt.

Zunächst erläutert er, wie Lesen und Schreiben durch Raumerfahrungen geprägt werden. Schriftsteller, so sagt er, suchen Wohnungen danach aus, ob sie zum Lesen und Schreiben geeignet sind. Ortheil fand sein ideales Fleckchen an einem Stuttgarter Hang. In seinem weitläufigen Anwesen wechselt er je nach Art der Lektüre gern die Location. Die zum Lesen und Rezensieren frisch eingetroffene Ware landet in einem gläsernen Vorraum, der „Empfangs- und Probier-Station“, in der die Bücher beschnuppert und sortiert werden. Von dort aus finden sie ihren Weg zu den verschiedenen Leseräumen wie das Gartenhaus, die Küche oder das Arbeit- oder Gästezimmer.

Wir begleiten Ortheil Kapitel für Kapitel in seine verschiedenen Bibliotheken. Die Küche zum Beispiel ist für ihn ein offener und geselliger Raum, in dem er von seiner Lektüre unterhalten werden möchte wie in einem anregenden Gespräch mit Gästen. Sie ist daher sein bevorzugter Ort, um Essays zu lesen. Seine Leidenschaft für Briefe, literarische Essays und Tagebücher wurde vor allem durch französische Autoren wie André Breton geweckt. Er selbst pflegt seit frühesten Jahren, alles Erlebte und Gelesene in Form von Notizen und Aufzeichnungen festzuhalten. Mir gefällt sein Ansatz, dass die Lektüre einen tieferen Sinne bekommt, wenn er auf das Gelesene reagiert, zum Beispiel in Form von Kommentaren oder eigenen Geschichten. Auch die Erfahrung, dass man sich viel lieber in ein gutes Buch vertiefen würde, als dummem Geschwätz ausgeliefert zu sein, kenne ich nur zu gut. So vielfältig wie die Räumlichkeiten sind auch seine Buchempfehlungen – von Garten- und Kochbüchern über Gedichtbände und Reisebegleiter bis hin zu Lifestyle-Titeln.

Ortheils 12-Gänge-Menü ist ein köstliches Vergnügen, das dazu animiert, unterschiedliche Lesearten auszuprobieren und sie mit sinnlichen und atmosphärischen Erfahrungen zu bereichern. Außerdem hat es meinen Lesehunger auf viele neue interessante Bücher geweckt, zum Beispiel auf „Tage des Lesens“ von Marcel Proust oder „Kleine Weisheiten für Reiselustige“, die ich euch demnächst vorstellen werde. 

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Der Fall Maurizius

Jakob Wassermann
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Tredition Gmbh, 05.09.2011
ISBN 9783842421202
Genre: Romane

Rezension:

Den Autor Jakob Wassermann entdeckte ich durch seinen grandiosen Roman „Faber – Die verlorenen Jahre“ und brachte mich auf seine Trilogie rund um die Figur Etzel Angergast. In diesem ersten Buch stößt der 16-jährige Etzel auf den titelgebenden Fall Maurizius, der für seinen Vater, der damals als Staatsanwalt die Anklage vertrat, längst abgeschlossen ist. Vor 19 Jahren wurde Leonhart Maurizius in einem Indizienprozess für den Mord an seine Frau verantwortlich gemacht und zu lebenslänglicher Haft verurteilt, obwohl er seine Unschuld beteuerte. Eine merkwürdige Begegnung mit dem Vater des Häftlings, dessen Begnadigungsbitte und seine mitgebrachten Unterlagen wecken Etzels Interesse für den Fall. Je näher er sich mit den Akten beschäftigt, desto mehr zweifelt er an der Aussage des Kronzeugen Waremme  und beschließt, ihn in Berlin aufzusuchen.

Und damit beginnt ein Familiendrama, das an psychologischer Finesse, schockierenden Verstrickungen und zerstörerischer Kraft kaum zu überbieten ist. Etzel verlässt das Elternhaus, um die Unschuld Maurizius’ zu beweisen. Das zwingt den entsetzten Vater,  den Fall zu rekapitulieren. Ein Gespräch mit dem Häftling erschüttert schließlich sein Weltbild. Sprachlich virtuos beschreibt Jakob Wassermann, wie aus dem anfangs von allen respektierte, selbstgerechte Staatsanwalt, der streng nach seinen Prinzipien lebte, ein gebrochener, hilfloser Mann wird. Der Roman dreht sich um die Themen Gerechtigkeitssinn, Identitätssuche sowie krankhafte Liebe und zeigt auf beklemmende Weise, wie schnell ein geregeltes Leben aus den Fugen geraten kann. Zuletzt steht man vor der großen Frage: Ist Gerechtigkeit in dieser Welt überhaupt möglich?

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