YukBooks Bibliothek

133 Bücher, 120 Rezensionen

Zu YukBooks Profil
Filtern nach
133 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Der Insulaner

Henning Boëtius
Fester Einband: 992 Seiten
Erschienen bei btb, 11.09.2017
ISBN 9783442756780
Genre: Romane

Rezension:


Eine Sicherungskopie seines Lebens erstellen – keine leichte Aufgabe, die sich der Ich-Erzähler B. in diesem autobiografischen Roman vorgenommen hat. Zumal die Zeit drängt, denn B. muss einen Gehirntumor operieren lassen und hat Angst, alles zu vergessen, was seine Identität ausmacht. In einem Narkosetraum erzählt einem Analytiker seine ganze Lebensgeschichte.

Auf Vollständigkeit legt B. großen Wert, denn er berichtet nicht nur chronologisch, sondern holt weit aus und macht uns zunächst mit der Herkunft seiner Eltern vertraut. Alle geschilderten Details sollen schließlich dazu dienen, herauszufinden, wie und warum B. so geworden ist wie er ist.

Die Schauplätze wechseln unter anderem zwischen Föhr, Rendsburg und Frankfurt. Er schildert nicht nur seinen eigenen Lebensweg vom hochbegabten Physiker hin zum experimentierfreudigen Dichter, sondern charakterisiert auch sehr sorgfältig die Menschen, die ihn begleitet und beeinflusst haben, wie Verwandte, Mitschüler und Lehrer. Dabei gibt es eine Konstante in seinem Leben: die Suche nach einem Freund, einem Seelenverwandten. Er wird jedoch immer wieder enttäuscht. Weder sein Vater, seine Schulkameraden noch die Mädchen und Frauen, in die er sich verliebt, können ihm das ersehnte Gefühl der Nähe geben. Er fragt sich, ob er sie durch seine klugen Belehrungen vertreibt oder ob es in der Natur des Menschen liegt, allein zu leben wie ein Insulaner.

Seine einziger Verbündeter ist die Natur, die neben dem Erzähler die zweite Hauptrolle in dieser Geschichte spielt. Je grausamer B. die Wirklichkeit erlebt, desto mehr Trost spendet ihm das Meer. In den Naturbeschreibungen zeigt sich die überbordende Fantasie und Fabulierkunst des Autors am deutlichsten. Es geht aber auch um das Vergessen, Erinnern und Rekapitulieren. Seine „Lebensbeichte“ ergänzt B. durch Tagebucheintragungen seiner Mutter und Briefinhalte. Er lässt die Vergangenheit im wahrsten Sinne des Wortes lebendig werden, denn manchmal hat er Halluzinationen und begegnet auf dem Weg von seinem Hotel zum Institut Gespenstern der Vergangenheit.

Der Roman hat einige Längen, zum Beispiel die Schilderung des alljährlichen Weihnachtsfests oder seine Erlebnisse auf hoher See. Die außergewöhnliche Lebensgeschichte ist jedoch mit viel sprachlicher Finesse und schonungsloser Offenheit geschrieben, dass sich die Lektüre der knapp 1000 Seiten lohnt.

  (12)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Die Zeit ist ein Augenblick

Gabriele Henkel
Fester Einband
Erschienen bei DVA, 14.08.2017
ISBN 9783421048080
Genre: Biografien

Rezension:

„Ein Tag mit Kunst ist ein guter Tag.“ Mit diesem Satz hat mich Gabriele Henkel geködert. Sonst hätten die Memoiren der Ehefrau von Konrad Henkel vermutlich nicht mein Interesse geweckt. Dieser Satz umschreibt sehr treffend ihr Leben, das sie mit großer Hingabe der Kunst widmete.

Es ist bezeichnend, dass die Autorin nicht chronologisch vorgeht, sondern mit dem Kapitel „Das Glück der Liebe“ beginnt. Damit macht sie gleich deutlich, dass es sich um keine Lebensgeschichte, sondern um Reminiszenzen handelt, die sich vor allem um die Liebe zu ihrem Mann, zu der Kunst und ihren zahlreichen Freunden drehen. Diese Momentaufnahmen geben Einblick in ihren illustren Lebensweg von der Tochter eines Chefarztes über die Unternehmensgattin zur Kunstmäzenin und Professorin für Kommunikationsdesign.

Wenn sie erzählt, wie sie mit 16 Jahren nach London zog, sich dort verliebte und den Journalismus für sich entdeckte, fühlt man sich ihr fast nahe. Doch wenige Seiten später erinnert sie sich an hundert rote Rosen, die ihr der Regisseur William Wyler aufs Hotelzimmer schickte, und an eine Segeltour mit Fiatchef Gianni Agnelli, und man taucht in eine völlig fremde Welt ein. Schon als junge Journalistin hat sie es mit hochrangiger Prominenz zu tun. Nach der Heirat mit Konrad Henkel, der nach dem Tod seines Bruders die Leitung des Konzerns übernimmt, weitet sich der Kreis weiter rapide aus.

Manchmal hatte ich das Gefühl, in einem Who’s Who Kompendium zu blättern und fühlte mich erschlagen von den vielen Namen. Bemerkenswert ist jedoch, dass Gabriele Henkel offensichtlich nicht viel von oberflächlichen Bekanntschaften hielt. Aus jedem Satz spricht ihre Zuneigung und Bewunderung für ihre Freunde und deren Arbeiten heraus. Wenn sie regelmäßig Salonabende organisierte und mit fantasievollen Dekorationen und Kunstinstallationen für Furore sorgte, war dies ihre Art der Wertschätzung und Würdigung der Gäste.

Gabriele Henkel baute die umfangreiche Kunstsammlung des Henkel-Konzerns auf. Dabei konnte ich so manch Interessantes über meine Heimatstadt Düsseldorf als Mittelpunkt der avantgardistischen deutschen Kunstszene erfahren. Mir imponiert, wie Gabriele Henkel sich immer wieder neuen Aufgaben stellte und zum Beispiel als Professorin Seminare und Studienreisen organisierte. Immer wieder fragte ich mich: „Wo nimmt die Frau nur ihre Energie her?“ So allmählich verstand ich ihren Antrieb: Nachdem sie als Kind die Kriegszeit und später viele tragische Krankheits- und Todesfälle miterleben musste, wollte sie wohl so lange es geht ihren Leidenschaften nachgehen und so viele schöne Augenblicke wie nur möglich sammeln. Das scheint ihr gelungen zu sein.

  (17)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(13)

15 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

kunst, berlin, walchensee, malerei, selbstbewusst

Charlotte Berend-Corinth und Lovis Corinth

Margret Greiner
Flexibler Einband
Erschienen bei Verlag Herder, 12.04.2016
ISBN 9783451068416
Genre: Biografien

Rezension:

Margret Greiner versteht es einfach ein Frauenleben fesselnd zu zeichnen. Nach „Charlotte Salomon“ und „Emilie Flöge“ ist dies die dritte Romanbiografie, die ich von ihr gelesen habe. Charlotte Berend ist die erste Schülerin von Corinth, der 1901 seine erste „Malschule für Weiber“ gründete und sich damals noch mit Unterricht finanziell über Wasser hielt. Ohne Sentimentalitäten beschreibt die Autorin, wie sich die beiden bei ihrem ersten gemeinsamen Urlaub an der Ostsee näher kommen und den besonderen Augenblick, in dem sich Charlotte in den zwanzig Jahre älteren Mann verliebt und sich mit Haut und Haaren für ihn entscheidet.

Es beginnt ein aufregendes und abwechslungsreiches Leben, in dem Charlotte in die höhere Gesellschaft eingeführt wird, Atelierfeste erlebt und ihre große Liebe heiratet. Margret Greiner hebt immer wieder hervor, welche Stütze sie für den Künstler war, der von Depressionen gepeinigt wurde. Sie baut ihm sogar ein Haus in Urfeld am Walchensee, damit er sich künstlerisch verwirklichen kann und stellt ihre künstlerischen Ambitionen zurück. Zu ihren Stärken zählt aber nicht nur ihr Durchhaltevermögen, sondern auch ihr Antrieb, Neues zu entdecken und zu erfahren. Sie taucht in das Berliner Nachtleben ein, erlebt die lesbische Liebe, was wiederum ihre Kunst beflügelt. Und wieviel Reisen diese Frau unternommen hat! An die Riviera, nach Rom, St. Moritz, Andalusien, Ägypten ... Auch nach dem Tod ihres Mannes gibt es keinen Stillstand. Sie lebt zehn Jahre in Italien und emigriert in die USA.

Diese spannende und hervorragend recherchierte Lebensgeschichte beschreibt eine komplexe Persönlichkeit, die aus tiefer Liebe ihren Mann unterstützt und sich dennoch bis zum Schluss selbst treu blieb. Schade, dass so wenige Werke von der Malerin erhalten geblieben sind.

  (16)
Tags: kunst   (1)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Rewrite your life

Tatijana Milovic
Flexibler Einband: 196 Seiten
Erschienen bei Kailash, 18.09.2017
ISBN 9783424631517
Genre: Sachbücher

Rezension:

„Rewrite your life“ fordert uns Tatijana Milovic auf. Das klingt fast so, als könnten wir einfach unser Leben umschreiben, eine Art Wunschbiografie entwerfen. Unser Leben können wir vielleicht nicht so schnell ändern, doch unsere Sicht auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wie das geht, erklärt sie anhand von vier Rewriting-Prinzipien. Danach gilt es, unsere Glaubenssätze aufzuspüren, unsere authentische Stimme zu finden, Erlebnisse in einen neuen Zusammenhang zu setzen und loszulassen.

Am Anfang war mir noch nicht klar, in welche Richtung mich der Ratgeber führt. Geht es um autobiografisches Schreiben oder darum, mein Leben zu reflektieren und mich neu zu orientieren? Allmählich verstand ich, wie beides ineinander greift. Was mir besonders gefiel, waren die vielen Erzählformen, die sie vorstellt – immer unter dem Aspekt, sich dabei schreibend selbst zu erforschen. In Märchen könnte man sich zum Beispiel überlegen, welche Aufgaben der Held meistern und welche Wandlungen er durchmachen wird. Wenn mich ein Erlebnis stark aufgewühlt hat, wäre eher die Form des Dramas geeignet, um eine Geschichte daraus zu spinnen. Ich ertappte mich während der Lektüre dabei, wie ich an Situationen aus jüngster Vergangenheit dachte, die das Zeug zu einem Bühnenstück mit viel Pathos und fetzigen Dialogen hätten. Spätestens da war meine Fantasie und meine Schreiblust in Gang gesetzt.

Ihr schöner und flüssiger Stil tut sein Übriges, um ihre Texte nicht nur zu genießen, sondern selbst zur Feder zu greifen. Mir gefällt auch ihr Bild der Schreiblokomotive, denn ich fühlte mich tatsächlich so, als würde ich durch verschiedene Erzählformen reisen und dabei Möglichkeiten entdecken, verschiedene Stimmen in mir zu aktivieren. Das Buch enthält nicht nur viele inspirierende Gedanken und Schreibübungen, sondern ist auch optisch sehr ansprechend aufgemacht. Nach der Lektüre fühlte ich mich beschwingt und beflügelt, mich schreibend in neue Gefilde zu wagen.

  (8)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

freunde, auszeit, vergangenheit, arbeit, erfolg

This is not a love song

Jean-Philippe Blondel , Anne Braun
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 17.07.2017
ISBN 9783442485932
Genre: Romane

Rezension:

Vincent, Ich-Erzähler dieses Romans, schwant nichts Gutes, als seine Frau Susan sich eine kleine Auszeit wünscht. Eine Woche ganz für sich, während ihre Eltern auf die Kinder aufpassen. Noch weniger begeistert ihn ihr Vorschlag, in der Zeit seine Familie in Frankreich zu besuchen. Doch allmählich freundet er sich mit der Idee an, zumal es seinem Ego gut tun würde, in seiner Heimat mit seiner Laufbahn zum erfolgreichen Unternehmer und glücklichen Familienvater zu prahlen.

Gleich am Anfang werden die unterschiedlichen Elternpaare von Susan und Vincent vorgestellt, und man ahnt, dass Familie und Herkunft eine zentrale Rolle spielen werden. Im Gegensatz zu den bisherigen Kurzbesuchen wird Vincent diesmal eine ganze Woche Zeit haben, die Diskrepanz zwischen seiner Jugend in der französischen Provinz und dem derzeitigen erfüllten Leben in London zu spüren. Schon damit baut der Autor eine Spannung auf, denn man hat bereits eine leise Vorahnung, dass Vincent nach dieser Woche nicht mehr der Gleiche sein wird.

Ich konnte mich auf vielen Ebenen erstaunlich gut mit der Hauptfigur identifizieren. Mir ist zwar meine Geburtsstadt, die ich mit 19 Jahren verließ, nicht verhasst wie Vincent seine, doch das euphorische Gefühl, in einer anderen Großstadt, wo einen niemand kennt, völlig neu anzufangen, konnte ich gut nachvollziehen. Obwohl der Erzähler keinen Hehl daraus macht, wie arrogant und selbstgefällig er geworden ist und auf den Lebensstil anderer herabsieht, war er mir sympathisch; wahrscheinlich gerade weil er so ehrlich und schonungslos seinen Charakter offenlegt. Durch eingestreute Rückblenden, die schildern, wie er zum Schulversager und Außenseiter wurde und mit seinem besten Freund Étienne kurz vor dem Absturz stand, versteht man langsam, warum er so wurde, wie er heute ist.

Blondels Stärke besteht darin, mit wenigen Worten viel auszusagen, zum Beispiel über die enge und doch ambivalente Freundschaft zwischen Vincent und Étienne. Überraschend war nicht nur die Wende in der Geschichte, sondern auch das Verhalten manch einer Figur, die so viel Größe zeigte, dass sie mir Tränen in die Augen trieb. Dieser feine, elegant geschriebene Roman, der um Themen wie Freundschaft, Familie, Zusammenhalt und Schuldgefühle kreist, hat mich schlichtweg umgehauen.

  (14)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(64)

106 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 49 Rezensionen

musik, gitarre, blues, rock, gitarren

Vintage

Grégoire Hervier , Alexandra Baisch , Stefanie Jacobs
Fester Einband
Erschienen bei Diogenes, 23.08.2017
ISBN 9783257070026
Genre: Romane

Rezension:

Wer hätte nicht gern eine Million Dollar, um ein sorgloses Leben als Rockgitarrist zu führen. Das denkt sich auch Hauptfigur Thomas Dupré. Als Musikjournalist und Verkäufer in einem Pariser Gitarren-Laden hält er sich finanziell über Wasser. Kein Wunder, dass er das Angebot eines Kunden nicht ausschlagen kann: Er soll für ihn den Beweis liefern, dass die sagenumwobene E-Gitarre Gibson Moderne existiert hat.

Von diesem Auftrag ahnt er noch nichts, als er den mysteriösen Käufer Lord Charles Winsley in den schottischen Highland aufsucht. Dieser hat gerade die seltene, wertvolle Gitarre Les Paul Goldtop erworben – unter der Bedingung, dass man sie ihm persönlich überbringt. So landet Thomas im Boleskine House in Loch Ness, einem Landhaus, das einst dem Led Zeppelin-Gitarristen Jimmy Page gehörte, und in dem er nun vom Lord empfangen wird. Dieser zeigt ihm stolz seine umfangreiche Sammlung von Kultgitarren. Seine Freude ist jedoch getrübt, denn angeblich ist ihm das wertvollste Stück durch einen Diebstahl abhanden gekommen: ein Original der Gibson Moderne. Damit die Versicherung einen Schadenersatz zahlt, bittet er Thomas für einen Finderlohn von 1 Million Dollar den Beweis für die Existenz zu erbringen.

Und so beginnt für Thomas ein Road-Trip, der über viele legendäre und prestigeträchtige Stationen in Memphis und Australien führt und sich als gefährlicher herausstellt als erwartet. Ging das 1957 entworfene E-Gitarren-Modell tatsächlich in Produktion oder gab es womöglich nur einen Prototypen? Der Autor lässt in dieser wendungsreichen Story viel Wissen über die Geschichte des Blues und Rock’n’Rolls einfließen. Stellenweise wurde ich von der Begeisterung und Leidenschaft der Figuren regelrecht angesteckt, dann wieder ließ meine Aufmerksamkeit vor lauter Fachsimpelei etwas nach. Doch die sympathische Hauptfigur und ihre spannende Jagd auf die Gitarre hält auch Musiklaien bis zum Schluss bei der Stange.

  (13)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die Perlentaucher-Methode

Annette Sewing
Flexibler Einband: 220 Seiten
Erschienen bei Arkana, 16.10.2017
ISBN 9783442342273
Genre: Sachbücher

Rezension:

Aus Erfahrung weiß ich: Am meisten quält man sich, wenn man sich nicht entscheiden kann. Annette Sewing würde uns in dieser Situation sicher die Perlentaucher-Methode empfehlen. In ihrem gleichnamigen Buch erklärt uns die Ärztin und Coach, wie wir mit vier einfachen Fragen so ziemlich jede Lebenssituation meistern können. Als ich die vier Fragen las, war mein erster Gedanke: Diese Art der Umkehrung von Aussagen kenne ich doch schon aus „The Work“ von Byron Katie. Tatsächlich las ich wenige Seiten später, dass die Autorin lange Zeit mit dieser Vorgehensweise gearbeitet hat, bevor sie ihr eigenes Konzept entwickelte.

Die fünffache Mutter berichtet nicht nur, wie die Methode ihr selbst in vielen kritischen Situationen geholfen hat, sondern beschreibt auch verschiedene „Tauchgänge“ mit ihren Klienten. Die Beispiele zeigen, dass sich die Methode in verschiedenen Lebens- und Themenbereichen einsetzen lässt, zum Beispiel um ein negatives Erlebnis zu verarbeiten und Frieden zu finden, die Beziehung zu seinen Kindern zu verbessern oder Klarheit für den nächsten Karriereschritt zu finden. Sie zeigt, wie man die Methode steigern kann, wie man neue Themen, die dabei hochkommen, wiederum der Vier-Fragen-Technik unterziehen kann und macht einen interessanten Exkurs zu unseren Grundbedürfnissen Sicherheit, Dominanz und Stimulanz.

So erlebte ich ihr Buch selbst wie einen Tauchgang. Was mit vier simpel klingenden Fragen begann, gewann durch ihre Ausführungen immer mehr an Tiefe. Schicht für Schicht deckt Annette Sewing auf, wie wir tief in uns hineinspüren und Antworten finden können, die unseren wahren Gefühlen entsprechen und durch logische Argumentation allein nicht sichtbar sind. Ich fand es sehr angenehm, wie die Autorin mich in einer klaren Sprache, Offen- und Sanftheit an das Thema heranführte – und war am Ende überrascht zu lesen, dass ihr die Sanftheit der Methode besonders am Herzen liegt. Mission erfüllt.

  (17)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die schnellsten Frauen der Welt

Matthew Goodman , Almuth Carstens , Leon Mengden
Flexibler Einband: 720 Seiten
Erschienen bei btb, 11.09.2017
ISBN 9783442715411
Genre: Biografien

Rezension:


Wenn wir heute auf Reisen gehen, genießen wir die Muße fernab von der Hektik des Alltags. Davon kann in diesem Roman kaum die Rede sein. Denn wie der Titel schon sagt: Um Schnelligkeit und nichts anderes ging es bei der Weltumrundung, die zwei Journalistinnen am14. November 1889 antraten. Statt in 80 Tagen, die Jules Vernes Romanfigur Phileas Fogg gebraucht hatte, wollen Nellie Bly von der Zeitung 'New York World' und Elizabeth Bisland von der Zeitschrift 'Cosmopolitan' bereits nach 75 Tagen wieder in ihrer Heimat New York zurück sein. Matthew Goodman hat die Wettfahrt der beiden Frauen, die in entgegensetzte Richtungen aufbrachen, in eine mitreißende Reportage verpackt.

Zunächst werden die zwei Protagonistinnen vorgestellt, die höchst gegensätzlich sind. Nellie Bly hat sich als investigative Journalistin einen Namen gemacht und schreckt vor keinem Abenteuer zurück, auch nicht vor einer Weltumrundung, die sie selbst der Redaktion vorschlägt. Dagegen steht ihre Kontrahentin aus vornehmem Hause gar nicht gern im Rampenlicht, liebt Gedichte, Romane und wird von ihrem Arbeitgeber zu der strapaziösen Reise mehr oder weniger gezwungen.

Denn strapaziös ist sie gewiss – die Reise, die unter anderem über London, Brindisi, Suez, Singapur, Hongkong und San Francisco führt. Man leidet mit Nellie Bly mit, der die Seekrankheit arg zu schaffen macht, und fühlt die Verzweiflung Elizabeth Bislands nach, die benommen vor Kälte, Hunger und Erschöpfung versucht, ihren Dampfer zu erreichen. Genauso detailreich wie die Wege werden auch die Städte und die Atmosphäre geschildert, in die sie, wenn auch nur kurz, eintauchen. Goodmans Beschreibungen sind so üppig mit Lokalkolorit garniert, dass ich das Gefühl hatte, hautnah dabei zu sein, das Rattern der Züge zu spüren, den Curry in Indien zu schmecken oder die Seeluft in Yokohama zu riechen. Vermutlich ging es den Zeitungslesern damals genauso, die gespannt auf Neuigkeiten der rasenden Reporterinnen warteten und mitfieberten.

Darüber hinaus erfuhr ich viel Interessantes über die damalige Zeit, zum Beispiel über die Zeitungsbranche, die statt Frauen lieber studierte Männer mit klassischer Bildung einstellte, den harten Konkurrenzdruck im Schiffbau, die rasante Ausweitung des Eisenbahnnetzes oder den Komfort amerikanischer Züge, die neben Schlaf- und Speisewagen auch über Bibliotheks- und Salonwagen, Stenografen und Kammerzofen verfügten. Diese in rasantem Tempo erzählte historische Reportage führt mitten durch das Herz des viktorianischen Zeitalters und wird nicht nur Reiselustige begeistern. 

  (12)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

2 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Irgendwas mit Schreiben

Jan Fischer , Nikola Richter
Flexibler Einband: 292 Seiten
Erschienen bei mikrotext, 17.05.2017
ISBN 9783944543512
Genre: Sonstiges

Rezension:

Viele verdienen ihren Lebensunterhalt damit, Texte zu schreiben. Manche haben dafür studiert, manche nicht. Welche Möglichkeiten bieten sich eigentlich Absolventen von Schreibschulen? Wie stehen sie zu ihrem Beruf und haben sich ihre Erwartungen erfüllt? Einen Eindruck von ihren Erfahrungen bekommt man in dieser Anthologie.

Dabei muss es nicht einmal ein einzelner Beruf, der aus einem Schreibstudium in Hildesheim oder Leipzig resultiert. Martina Hefter zum Beispiel arbeitet als Lektorin, Schreibcoach, Autorin und unterrichtet in einem Poledance-Studio. Sie sieht sich als Künstlerin, die auch Texte schreibt und wäre dafür, dass Schreibschulen mit Kunst-, Theater-, Musik- und Tanzhochschulen zusammengelegt würden.

Die Kunst steht auch in dem Beitrag von Luba Goldberg-Kuznetsova im Mittelpunkt. Sie bedauert, dass manche Übungen und Pflichtseminare am Literaturinstitut in Hildesheim nur dazu da sind, das Schreibinstitut als wissenschaftliche Institution zu rechtfertigen. Ihrer Meinung nach gehört das Schreiben von Literatur zu den Künsten und sollte deshalb nicht im wissenschaftlichen Kontext betrachtet und bewertet werden.

Jacqueline Moskau stellt fest, dass es keinen allgemeingültigen Ausbildungsweg zum Schriftsteller gibt. Ein Schriftsteller-Dasein könne man sich ebenso wenig wie ein literarisches Lebenswerk als konkretes Ziel setzen und planen. Sie teilt mit den Lesern ihre Gedanken über den idealen Schreibraum, die Frequenz, das Auskommen und wieviel gesellschaftlicher Umgang gut tut.

Doch auch ganz andere Arten von Diplomautoren kommen zu Wort wie zum Beispiel ein „Fastfood-Journalist“, der für eine Versicherungszeitung schreibt oder ein ehemaliger Schreibschulstudent, der zum Schreibschuldozenten wurde. Beim Fernsehen, so berichtet ein anderer, liege die Kunst darin, industrielle Fertigung von Texten mit Kreativität zu verbinden und ein gutes Arbeitsklima zu schaffen und zu erhalten. Mal kritisch, mal witzig und selbstironisch erzählen die Autoren und Autorinnen von ihren Lebensläufen und geben Einblick in typische Hürden, Krisen, Träume und Ambitionen.

  (24)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(37)

63 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 26 Rezensionen

italien, hotel, flitterwochen, geist, 19. jahrhundert

Grandhotel Angst

Emma Garnier
Flexibler Einband: 392 Seiten
Erschienen bei Penguin, 14.08.2017
ISBN 9783328100881
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Emma Garnier versteht es, auf wenigen Seiten den Leser vollkommen in den Bann zu ziehen. Im Prolog wirft sie gleich zwei Köder aus: Sie katapultiert uns ins Jahr 1899 und in einen paradiesischen Ort vor der Kulisse der Seealpen, an dem wir gern ein wenig länger verweilen möchten, und konfrontiert uns zugleich mit einer kriminellen Tat, die nichts als Fragen aufwirft.


Rückblenden verraten uns in Versatzstücken, wie die Protagonistin Nell innerhalb einer Woche in ihre ausweglose Lage geriet. Dabei fing alles so traumhaft für sie an: Die Ankunft in dem idyllischen Bordighera an der ligurischen Küste mit ihrem frisch angetrauten Mann und die Aussicht auf unbeschwerte Flitterwochen im Luxushotel Grandhotel Angst. Doch von Tag zu Tag benimmt sich ihr Ehemann seltsamer, hüllt sich in Schweigen, wenn es um seine verstorbene Frau Kate geht, und trifft sich mit zwielichtigen Geschäftspartnern.


Noch bedrohlicher empfindet Nell das Hotel, in dem merkwürdige Dinge geschehen – besonders nachdem sie von der Legende rund um Lucrezia erfährt, die nicht nur von ihrem einstigen Grundstück vertrieben und verbrannt wurde, sondern Nell offenbar sehr ähnlich sieht. Überall wittert Nell Gefahr und ist sich nicht sicher, ob diese von der herumgeisternden, auf Rache sinnenden Lucrezia oder von einem perfiden Komplott ihres Ehemannes ausgeht.


Die Autorin verwebt bewusst das glamouröse und romantisch anmutende Ambiente mit gruseligen Elementen, die an Hitchcocks Verfilmung „Rebecca“ oder an Schauerromanen von Edgar Allan Poe erinnern. Ihre Beschreibungen – sei es die opulente Hotelausstattung, die mediterrane Landschaft oder das vornehme Gebaren der reisefreudigen Engländer – regen das Kopfkino an und verzeihen so manche Übertreibungen und kleine Schwächen in der Handlung. Das Grandhotel Angst und seine Legende existieren tatsächlich und haben Emma Garnier zu ihrem Thriller inspiriert. Ihr gelingt es, die einstige Pracht des Hotels und die Atmosphäre jener Zeit spannend und mit einem Hauch von Mystik aufleben zu lassen.

  (25)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

3 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

kreativität

Mut zur Kreativität

Doreen Virtue , Angelika Hansen
Fester Einband
Erschienen bei Irisiana, 25.09.2017
ISBN 9783424153224
Genre: Sachbücher

Rezension:

Es hat seinen Grund, warum nicht nur der Titel dieses Buches mit dem Wort „Mut“ beginnt, sondern jedes der insgesamt 17 Kapitel. Denn an Kreativität, so die Überzeugung der amerikanischen Autorin, mangelt es den Menschen nicht, jedoch an Mut.

Der erste Teil des Buches hat mich stark angesprochen, weil sie erläutert, wie wichtig die eigenen Gefühle für den kreativen Prozess sind. Unter diesem Aspekt hatte ich das Thema Kreativität noch nicht betrachtet. Die Psychologin und Familientherapeutin empfiehlt, besonders auf unsere Ängste und Unsicherheiten zu achten, da genau diese Gefühle uns Menschen miteinander verbinden. Nutzen wir diese Gefühle als Ausgangspunkt für Kreativität, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir mit unserer Kunst andere berühren. Das würde auch erklären, warum mich bestimmte Kunstwerke wie ein abstraktes Gemälde von Picasso, das weder ästhetisch noch harmonisch ist, mich in meinem tiefen Inneren anspricht. Sie sind vermutlich einem authentischen Gefühl entsprungen, das unverfälscht und kreativ zum Ausdruck gebracht wurde.

Aus dem Grund rät Doreen Virtue auch davon ab, seine Vision durch äußere Faktoren wie die Meinung anderer oder Markttauglichkeit zu verwässern. Nur so gelang es ihr wahrscheinlich, ihr erstes Buch nach vier Absagen weiteren 40 Verlagen zuzusenden und nicht den Mut zu verlieren, bis sie schließlich vier Zusagen erhielt. Mir gefällt ihre Anregung, seine Kreativität als ein Geschenk zu sehen, das man sich selbst macht und als Nebeneffekt auch anderen helfen kann. Doch wie geht man auf andere zu und macht auf seine Kunst aufmerksam? Dazu gibt Doreen Virtue im zweiten Teil des Buchs viele praktische Tipps, von der Unterstützung durch Agenten und Netzwerken über die eigene Website bis hin zu Fachportalen und passenden Veranstaltungen.

Auf einige Wiederholungen hätte die Autorin verzichten können. So geht sie mehrmals auf typische Verzögerungstaktiken und Ausreden ein, warum viele Menschen dauerhaft im Vorbereitungs-Modus bleiben, statt aktiv zu werden. Andererseits macht sie dadurch deutlich, dass genau aus dem Grund unzählige Ideen in der Schublade landen und nie in ein konkretes Projekt umgesetzt werden. 

Doreen Virtue, die auf Hawaii lebt, stammt aus einer hellseherisch begabten Familie und ist vor allem durch ihre Engel-Therapie bekannt geworden. Auch in diesem Buch geht sie darauf ein, wie Engel uns die Richtung weisen und uns auf dem Weg zu einer kreativen Karriere unterstützen können. Durch ihre ausgewogene Mischung aus spirituellem und praktischem Wissen und ihrem motivierenden und einfühlsamen Schreibstil macht sie den Lesern Mut, mögliche Hindernisse und Glaubenssätze aus dem Weg zu räumen, um ein kreatives Leben zu führen, das einen nicht nur erfüllt, sondern auch finanziell versorgt.

  (33)
Tags: kreativität   (1)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Das unaufhaltsame Fließen

Christian Haller
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 11.09.2017
ISBN 9783630875576
Genre: Romane

Rezension:

Es gibt Einschnitte im Leben, die einen zwingen, auf sein bisheriges Leben zurückzublicken und sich neu zu orientieren. Bei Christian Haller war es ein Hochwasser, das sein Haus am Rhein wegriss. Im zweiten Band seines autobiografischen Romanprojekts "Das unaufhaltsame Fließen" besichtigt er die Renovierungsarbeiten und erinnert sich, dass ihm seine Existenz als Zwanzigjähriger ähnlich brüchig vorkam wie das Fundament seines Hauses. Mit seinen Gedanken und Erfahrungen konnte ich mich stellenweise gut identifizieren. Ich kenne sie auch – diese Phasen, in denen man an mehreren Schreibprojekten arbeitet, aber nirgends so richtig vorankommt. Auch der Ich-Erzähler wartet auf einen Befreiungsschlag. Nachdem er für seine Märchen und Gedichte keinen Verleger findet, stürzt er sich euphorisch auf ein neues Projekt: den Nachlass des Dichters Adrien Turel zu sichten und zu sichern.

Gut nachvollziehen konnte ich auch das Gefühl, in einer Parallelwelt zu leben, in der man von literarischen Texten und Romanfiguren umgeben ist. Man spürt die Notwendigkeit, sich der Wirklichkeit zu stellen und mit realen Menschen in Kontakt zu treten, findet jedoch keine passende Gelegenheit. Erstaunt hat mich dann doch, dass der Ich-Erzähler nach einer Tätigkeit als Aushilfslehrer ein Zoologie-Studium aufnimmt, was so gar nicht zu dem Bild passte, das ich mir bis dahin von ihm gemacht hatte. Das Gebiet stellt sich zwar auch nicht als seine Berufung heraus, liefert ihm jedoch immerhin interessante Einsichten, zum Beispiel wie gegensätzlich die Vorgehensweisen in der wissenschaftlichen und in der literarischen Arbeit sind.

Während Haller noch auf der Suche nach dem für ihn stimmigen Lebenskonzept ist, geht seine Freundin Pippa als Theaterschauspielerin zielstrebig ihren Weg. Dass er durch Zufall einen Posten in der Gottfried Duttweiler Stiftung bekommt, ist Ironie des Schicksals. Zunächst glaubt er, nun endlich die große Welt kennenzulernen und in der Gegenwart und Wirklichkeit anzukommen. Er erkennt jedoch schnell, dass er auch an seinem neuen Arbeitsplatz nichts weiter ist, als eine Figur in einem makabren Drehbuch, das er nicht einmal selbst geschrieben hat. Er wird zur Marionette, die für politische und wirtschaftliche Machenschaften ausgenutzt wird.

Einen Vorteil kann er daraus nur ziehen, indem er einfach mitspielt und Stoff für künftige literarische Arbeiten sammelt. Ich bewundere die Offenheit, mit der der Autor seine verschiedenen Lebensstationen und ernüchternden Erfahrungen beschreibt und kritisch mit sich ins Gericht geht. Bei der Zeichnung der Nebenfiguren und -schauplätze hätte ich mir etwas mehr Tiefe gewünscht. So ließ in manchen Passagen meine Aufmerksamkeit etwas nach. Vielleicht wartete ich auch vergeblich darauf, dass Haller durch seine vielseitigen Erfahrungen zu einer Erkenntnis kommt, die ihm endlich den richtigen Weg weist. Aber das geschieht ja vielleicht im dritten Band. Man darf gespannt sein.

  (39)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(10)

16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

märchen, fabeln, burma, blessing verlag, fabel

Das Geheimnis des alten Mönches

Jan-Philipp Sendker
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Blessing, 11.09.2017
ISBN 9783896675811
Genre: Sonstiges

Rezension:

Es gibt verschiedene Arten, sich dem Kultur- und Gedankengut eines Volkes zu nähern. Der Schriftsteller Jan-Philipp Sendker hat mehrmals Burma bereist und für seine bekannten Romane über Land und Leute recherchiert. Eine Tradition faszinierte ihn wohl besonders: die Märchenkultur. Er begleitete Einheimische in die Dörfer rund um den Ort Kalaw, besuchte Klöster und ließ sich Märchen und Fabeln erzählen. Die mündlich übertragenen Erzählungen hat er nun in diesem Band zusammengetragen und für uns zugänglich gemacht.

Es ist erstaunlich, wie sich die großen Themen der Menschheit decken, ganz gleich ob man die Märchen von Christian Andersen, der Gebrüder Grimm oder diese aus Burma liest. Sie handeln meist von unerschütterlicher Liebe, von Zuversicht, Habsucht oder Vergebung.
Was ist nun das Besondere an den burmesischen Fabeln? Auffällig fand ich, dass sich keine bestimmte Formel erkennen lässt, zum Beispiel dass die Guten stets die Bösen besiegen. Einige hatten sogar einen offenen oder überraschenden Ausgang und machten erst recht nachdenklich. 

Ein Thema, das in verschiedenen Variationen immer wiederkehrt, ist der Neid auf andere und die Versessenheit auf Gerechtigkeit. Bevor man jemandem etwas Besseres gönnt, leidet man lieber selbst. Gilt dies nicht auch für die heutige Zeit? Manche können ein noch so luxuriöses Heim bauen – solange der Nachbar eine größere Villa hat, wird er nie zufrieden sein. Wie unglücklich man sich mit dieser typisch menschlichen Schwäche macht, zeigt die tragische Geschichte „Wie die Drossel ihr farbenprächtiges Gefieder verlor“. Aus lauter Habgier verliert eine Drossel etwas äußerst Wertvolles, das unwiederbringlich ist.

Die Märchen sind so vielfältig und kurzweilig, dass ich sie in einem Rutsch gelesen habe. Manche brachten mich zum Schmunzeln, zum Beispiel „Der Mond im Brunnen“, in der ein Mann versucht, den Mond aus dem Brunnen zu retten und sich hinterher freut, wie gut ihm das gelungen ist. In Situationen, wo man sich in der heutigen Zeit rechtlichen Beistand holen würde, lassen die Protagonisten kluge Hasen oder Affen als Schiedsrichter fungieren. Besonders gut gefielen mir die Märchen, die buddhistische Weisheiten durchschimmern lassen: zum Beispiel, dass alles auf der Welt Ansichtssache ist oder dass sich die Menschen durch Selbsttäuschung das Leben schwer machen.

Aber nicht alle Geschichten sind so leichtfüßig. „Die Flut“ zum Beispiel führt drastisch vor Augen, zu welch grausamen Taten Menschen aus Verletztheit oder Rachegefühl fähig sind. Sendker beweist wieder einmal, was für ein begnadeter Schriftsteller er ist und lässt uns in einem wunderbaren Erzählstil am Zauber der burmesischen Märchen teilhaben.

  (36)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(6)

9 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

paris, biographie, kunst

Die Witwe der Brüder van Gogh

Camilo Sánchez , Peter Kultzen
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Unionsverlag, 21.07.2014
ISBN 9783293004771
Genre: Romane

Rezension:

Künstlerbiografien lese ich wahnsinnig gern. Mindestens so spannend ist aber oftmals das Leben der nahestehenden Personen wie zum Beispiel die Tochter Chagalls, die Ehefrau von Franz Marc oder Hemingways Geliebte. Meist stehen sie im Schatten extravaganter Maler, Schriftsteller oder Komponisten, sind Muse und Inspirationsquelle oder Antreiber.

Auch Johanna von Bonger-Gogh war mir bisher nicht bekannt, bis ich dieses Buch von Camilo Sánchez las. Sie war die Ehefrau von Theo van Gogh, dem Bruder des weltbekannten Impressionisten. Die Konstruktion der Romanbiografie ist ungewöhnlich, denn sie beginnt kurz nach dem Selbstmord von Vincent van Gogh im August 1890. So erfahren wir nur in Rückblicken und anhand von Johannas Tagebucheinträgen ausgewählte Details aus van Goghs Leben und künstlerischem Schaffen. Ihre Gedanken kreisen um ihren trauernden Ehemann Theo, den tödlichen Schuss und die Beerdigung Van Goghs sowie ihren kleinen Sohn Vincent. 

Theo bemüht sich um eine Retrospektive und Biografie seines Bruders, studiert Vincents Briefe und lebt in einem Wechsel zwischen hektischer Betriebsamkeit und Apathie. Interessant fand ich, welche Reaktionen van Goghs Kunst auslöste. Der Galerist Durand-Rule lehnt eine Ausstellung ab, weil ihn die Wucht der Bilder und die radikalen Stilbrüche irritieren. Mehrmals wird Johanna von seltsamen Leuten behelligt, die dem Werk van Goghs dunkle Kraft zusprechen und ihr nahelegen, die Bilder zu zerstören. Unfassbar!

Durch die erste Hälfte des Buches muss man sich etwas mühsam durchkämpfen, denn ständig ist von Theos nervlichen Zusammenbrüchen und seiner fortschreitenden Lähmung die Rede, die nicht nur Johanna, sondern auch den Leser mental herunterziehen. Johanna versucht, Theos schwieriges Verhalten durch ihr Tagebuch zu verarbeiten und schreibt ihre Gedanken nieder. 

Nach dem Tod ihres Mannes nimmt die Geschichte jedoch an Fahrt auf. Nach Theos Tod vertieft sich Johanna in van Goghs Briefwechsel mit seinem Bruder, in der Hoffnung, mehr über ihren Ehemann zu erfahren. Überrascht stellt sie fest, welches schriftstellerische Talent in Vincent steckte. Sie beschließt eine Ferienpension zu eröffnen und kauft eine Villa in Bussum. Angespornt von Van Goghs Gemälden, die die Wände der Pension schmücken und seinen Briefen, bemüht sich Johanna, die Bilder ihres Schwagers in Umlauf zu bringen.

Camilo Sánchez gibt mit dieser Biografie nicht nur einen interessanten Einblick in die Kunstwelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts, sondern porträtiert auch eine sensible, kluge und resolute Frau, der wir die Bewahrung eines der größten Kunstschätze zu verdanken haben.

  (27)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(37)

75 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 29 Rezensionen

freundschaft, berge, italien, alpen, einsamkeit

Acht Berge

Paolo Cognetti , Christiane Burkhardt
Fester Einband
Erschienen bei DVA, 11.09.2017
ISBN 9783421047786
Genre: Romane

Rezension:

Viele Großstädter zieht es in ihrer Freizeit sommers wie winters in die Berge, was regelmäßig für verstopfte Autobahnen sorgt. Bei den Mailändern ist es wohl nicht anders. Paolo Cognetti erzählt in seinem Roman von der Familie Guasti, die regelmäßig die Sommermonate im Feriendorf Grana im Aostatal verbringt. Vor der Kulisse des Monte-Rosa-Massivs begegnet der elfjährige Sohn Pietro dem gleichaltrigen Kuhhirten Bruno und freundet sich zögerlich mit ihm an. Sie tun das, was Jungs in dem Alter gewöhnlich tun: Sie stromern an Wildbächen entlang und unternehmen Streifzüge durch die verlassenen Häuser des Bergdorfs. Die Spannung der Geschichte wird vor allem durch starke Kontraste erzeugt – zwischen dem zurückhaltenden Jungen aus einer intellektuellen Familie und dem selbstbewussten Sohn eines Bergbauern, oder auch zwischen der Schönheit und der Härte der Natur.

Dynamik in die Handlung bringen auch Pietros Eltern hinein. Während die Mutter Brunos Schulbildung fördern und ihm Zukunftsperspektiven bieten möchte, fühlt sich Bruno eher von dem naturverliebten Vater Pietros verstanden. Die Figuren sind unglaublich fein ausgearbeitet: zum Beispiel Pietros Vater, der die Gipfelbesteigung als Training ansieht, seinen Sohn ebenfalls dafür begeistern will und nichts lieber tut, als auf der Hütte Gästebücher zu studieren. Oder Bruno, dessen Ansichten so starr sind wie das Bergmassiv, das ihn umgibt und das er über alles liebt, sogar mehr als Frau und Kind. Für ihn steht fest, dass er niemals sein Heimatdorf verlassen wird. Pietro dagegen ist eher wie ein Fluss, der seinen Platz auf der Welt noch nicht gefunden hat, und sich auf Reisen begibt, unter anderem nach Nepal, um Dokumentarfilme zu drehen.

Paolo Cognetti hat eine wunderbare Geschichte über die Freundschaft zwischen zwei gegensätzlichen Jungen und ihr Erwachsenwerden geschrieben. Ihre Beziehung ist weniger durch Worte als durch gemeinsame Taten geprägt. Als Kinder fühlen sie sich wie Abenteurer, die ihre Umgebung erkunden und erobern, später bauen sie wie ein eingespieltes Team gemeinsam eine Berghütte. Obwohl ihre Lebenskonzepte so unterschiedlich sind, zieht es Pietro immer wieder nach Grana zu seinem Freund zurück. Zwei Bilder sind mir besonders im Gedächtnis geblieben: Pietro, der sich im Wildbach wäscht, um den Geruch der Stadt loszuwerden, und Bruno, der sich von den Gämsen die Technik abgeguckt hat, auf allen vieren Steilhänge zu erklimmen. Ähnlich wie die Figur Bruno vermag Cognetti ganz unspektakulär durch seine klare und kraftvolle Sprache eine intensive Atmosphäre zu schaffen, die mit allen Sinnen erfahrbar wird.

  (19)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

schreiben, schreibwerkstatt, schreibratgeber, worte, ratgeber

Federleicht - Die kreative Schreibwerkstatt

Barbara Pachl-Eberhart
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Integral, 18.09.2017
ISBN 9783778792797
Genre: Sachbücher

Rezension:

Wer schon mal mit dem Gedanken gespielt hat, einen Schreibworkshop zu besuchen, könnte mit diesem Buch einen guten Einstieg finden. Der Untertitel „Die kreative Schreibwerkstatt“ ist Programm. Hier geht es nicht darum, zu lernen, wie man eine Romanhandlung aufbaut, Biografien verfasst oder Schreibroutinen in seinen Alltag einbaut. Vielmehr möchte die Autorin den Leser ermutigen, sich spielerisch dem Schreiben anzunähern, eine persönliche Beziehung zur Sprache und Vertrauen in seine eigenen Texte aufzubauen.

Das zeigt sich bereits in der ersten Übung, in der wir alle Themen aufschreiben sollen, über die wir schreiben könnten, „wenn es so einfach ginge“. Der kleine Zusatz nimmt gleich den Druck heraus und trifft einen Glaubenssatz, der sicherlich viele vom Schreiben abhält: Schreiben ist schwer. Ich schreibe nicht gut genug. Warum sollte ich schreiben, wenn andere es schon so toll beherrschen?

Zunächst stellt die Schreibpädagogin grundlegende Bausteine des kreativen und therapeutischen Schreibens vor. Die jeweiligen Übungen sind darauf ausgerichtet, schlummernde Ideen und Gedanken aufzuspüren, Gefühle durch passende Worte zum Ausdruck zu bringen und das Geschriebene zu verdichten. Im zweiten Teil richtet sich der Blick nach außen: Welche literarischen Werkzeuge können wir so einsetzen, dass sie unser Schreiben beleben? Wir üben, Gedichte und Dialoge zu schreiben und unsere Texte so zu polieren, dass wir sie mit Lesern teilen können.

Barbara Pachl-Eberhart vergleicht das Schreiben mit einem Streifzug durch den Naschgarten. Jeden geschriebenen Satz sollte man so feilen und verkosten wie Karamellbonbons oder andere Leckereien und sich dabei vor allem Mühe geben – im übrigen eine Haltung, die man auf jeden anderen Lebensbereich übertragen kann. Das Schreiben sieht sie ohnehin als lebensbegleitende, stärkende Maßnahme, wenn sie durch Ehrlichkeit, Neugier und Selbstannahme geprägt ist.

Die größte Bereicherung für mich sind die 111 Schreibübungen, die ich nun Tag für Tag absolviere, darunter viele, die die Fantasie anregen und uns auffordern, auch mal Regeln zu brechen und Unsinn zu erfinden. Einige interessante Methoden, um mich mit einem noch ungeschriebenen Text anzufreunden, Dialoge lebendiger zu gestalten oder unverbrauchte Metaphern zu finden, sind dabei. Hilfreich fand ich auch das Kapitel zum Thema Überarbeiten – eine Phase, vor der es mir meistens graust. Oft war ich zu sehr auf die Form oder das Ergebnis fixiert; das Buch hat bei mir die Lust geweckt, wieder mehr mit Sprache zu spielen, die Vielfalt auszuschöpfen und mich auch mal an ein mir ganz fremdes Genre wie die Gedichtform zu wagen.

  (29)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

frauen schreiben, literaturkanon

Schriftstellerinnen!

Katharina Mahrenholtz , Dawn Parisi
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 17.02.2017
ISBN 9783455370416
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ganz schön mutig von Katharina Mahrenholtz und Dawn Parisi aus Hamburg, ein Buch über „Schriftstellerinnen“ zu verfassen. Wie will man eine angemessene Auswahl treffen ohne sich von seinen eigenen Präferenzen verleiten zu lassen. Bekannte und weniger bekannte schreibbegeisterte Frauen werden porträtiert, mal im Schnelldurchlauf, mal etwas ausführlicher. Wir bekommen einen kurzen Einblick in ihren Lebenslauf, wie sie zum Schreiben kamen und unter welchen Bedingungen sie es taten: mal heimlich, mal nachts, mal neben dem Haushalt. Ihre wichtigsten Werke werden mit einer kurzen Inhaltsangabe vorgestellt und in einem Zeitstrahl historisch eingeordnet.

Aufgelockert wird das Ganze durch „Smalltalk-Info“, die uns hinter die Kulissen blicken lässt, aber vor allem durch wunderschöne abwechslungsreiche Illustrationen. Die humorvoll gezeichneten Porträts und Kurzcharakterisierungen machen die Schriftstellerinnen noch lebendiger und wecken Erinnerungen an jene, denen ich meine Leseleidenschaft zu verdanken habe wie Astrid Lindgren oder Enid Blyton. Allerdings hätte ich nicht gedacht, dass Blyton eine der produktivsten Autorinnen war und auf 658 Werke kommt. Ich erfuhr viele weitere interessante Fakten und witzige Anekdoten wie die Angewohnheit von Alice Munro, beim Kartoffelschälen an ihren Sätzen zu feilen und alles schnell aufzuschreiben, während die Kartoffeln vor sich hin brutzelten.

Die Autorinnen decken die Bandbreite zwischen anspruchsvoller und Unterhaltungsliteratur ab, so dass man schwere Kost wie die Werke von Djuna Barnes ebenso in diesem Band findet wie die Schmonzetten von Rosamunde Pilcher. Manches Mal hatte ich Lust, Bücher, die ich vor Ewigkeiten gelesen habe wie „Die Frau in Weiß“ von Wilkie Collins oder „Salz auf unserer Haut“ von Benoîte Groult erneut herauszukramen und noch einmal zu lesen. Ich entdeckte aber auch viele mir unbekannte Autorinnen wie Gabriele Teigt, die eine intelligente Mediensatire mit dem witzigen Titel „Bier erobert den Kurfürstendamm“ geschrieben hat, oder Gabriela Mistral Chile, die über 400 Gedichte veröffentlichte und 1945 als erste Frau Lateinamerikas den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Eine besondere Bereicherung sind die gelungenen Übersichtsbilder, die verschiedene Zusammenhänge veranschaulichen wie „Freunde und Rivalen im 19. Jahrhundert“ oder die Salonkultur in der Alten Welt. Der Sprachstil war mir teilweise etwas zu salopp, passte aber andererseits ganz gut zur verspielten Aufmachung. Das Buch macht auf jeden Fall neugierig auf weitere Bände dieser Reihe wie "Literatur! Eine Reise durch die Welt der Bücher".

  (28)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

gäste, krista posch, philosophie professor, hörbuch, neue familie

Zum Leuchtturm

Virginia Woolf , Gaby Hartel , Marcus Huber , Gaby Hartel
Audio CD
Erschienen bei Der Hörverlag, 26.06.2017
ISBN 9783844525533
Genre: Klassiker

Rezension:

Der Roman „Zum Leuchtturm“ von Virginia Woolf besticht weniger durch die Handlung als durch die Form, die mit Konventionen bricht. Umso interessanter ist diese Hörspielfassung, die die experimentelle Erzählweise brillant umsetzt und den Zugang zu dem literarisch anspruchsvollen Werk erleichtert.

Die dreiteilige Geschichte, in der die Schriftstellerin ihre Kindheitserinnerungen einfließen ließ, beginnt mit einer Szene in einem Ferienhaus auf der Hebrideninsel Skye. Mr und Mrs Ramsay verbringen dort mit ihren acht Kindern seit jeher ihren Urlaub, im Hintergrund ist Meeresrauschen zu hören. Die Atmosphäre ist jedoch alles andere als idyllisch. Die Mutter verspricht dem sechsjährigen James, am folgenden Tag eine Bootstour zum Leuchtturm zu unternehmen. Der patriarchalische Vater raubt ihm jedoch jegliche Illusionen, indem er sagt, dass es regnen wird, und tatsächlich fällt die Fahrt ins Wasser. Von Anfang an ist eine beklemmende Spannung in der Familie zu spüren, die während des gesamten Urlaubs kaum nachlässt.

Mrs Ramsay ist eine ambivalente Figur, die mich gleich in den Bann zog. Einmal fällt der Satz „Mitgefühl ist die wichtigste Tugend der Frauen“, der ihren Charakter sehr treffend beschreibt. Sie hat ein ausgeprägtes Mitgefühl und das Bedürfnis, Menschen zueinander zu führen. Besonders deutlich zeigt sich dies bei einem gemeinsamen Abendessen mit den Feriengästen, bei dem sie immer wieder versucht, ein Gespräch in Gang zu bringen und erst dann zufrieden ist, als sie aus den isolierten Individuen eine einigermaßen harmonische Gruppe schafft. Auch sehnt sie sich nach Dingen, die immun gegen den Wandel und die Vergänglichkeit sind.

Das Motiv, aus losen Enden etwas Ganzes zu schaffen wiederholt sich mehrmals: Zum Beispiel sitzt Mrs. Ramsay an der Terrassentür und strickt eine Socke während ihr Gast Lily Briscoe versucht, ein Bild fertigzustellen. Die gesamte Geschichte besteht aus losen Gefühlsbeschreibungen, verschiedenen Zeitebenen, Beobachtungen, Fantasien und Bewusstseinsströmen der Figuren. Unterstrichen wird das Fragmenthafte durch die ständig wechselnden Erzählerinnenstimmen und Perspektiven.

Während im ersten Teil die psychologische Studie der Figuren im Vordergrund steht, kommt im zweiten Teil das lyrische Talent der Autorin zum Tragen. Zehn Jahre, in denen der Erste Weltkrieg stattfindet, Mrs. Ramsay verstirbt, Tochter Prue die Geburt ihres Kindes nicht überlebt und Sohn Andrew im Krieg fällt, werden zu einem einzigen Schauplatz verdichtet: das Sommerhaus, das während dieses Zeitraums immer mehr verkommt. Nur die leeren Räume, Möbel, zurückgelassenen Gegenstände und Kleider erinnern an die Familie Ramsay und vergangene Zeiten. Das Motiv der Vergänglichkeit wird durch die poetische Schilderung der wechselnden Jahreszeiten und den Klang des Meeres verstärkt.

Erst der dritte und letzte Teil, in dem endlich die Fahrt zum Leuchtturm – wenn auch mit dedizierter Mannschaft – stattfinden kann und Lily Briscoe ihr Gemälde fertigstellt, hat etwas Versöhnliches. In Textform hätte ich sicher meine Schwierigkeiten mit dem Werk gehabt, doch diese akustische Umsetzung mit wechselnden Sprechern, der Mischung aus Natur- und Alltagsgeräuschen, untermalt durch Klavierklänge, die die trübe oder bedrohliche Stimmung unterstreichen, hat mich begeistert.

  (35)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

usa

Einatmen, Ausatmen

Natasa Dragnic
Fester Einband: 220 Seiten
Erschienen bei ars vivendi, 08.08.2017
ISBN 9783869137193
Genre: Romane

Rezension:

Man stelle sich folgende Situation vor: Eine geliebte Person liegt nach einem Autounfall im Koma. Noch völlig geschockt von der Nachricht eilen drei Nahestehende in die Klinik in Hudson und erleben dort nur noch mehr unangenehme Überraschungen. So ergeht es den Protagonisten in diesem Roman von Nataša Dragnič.

Der Erste, der das Krankenzimmer betritt, ist Giorgias Ehemann Konrad, ein Philosophieprofessor, der sie seit acht Jahren nicht mehr gesehen hat. Verheiratet sind sie nur noch auf dem Papier, denn nach dem Tod ihrer gemeinsamen Tochter verließ sie ihn und ging ihren eigenen Weg als Jazz-Sängerin.

Als zweiter betritt der 38-jährige Ben die Bühne. Der Drummer ist Giorgias Lebensgefährte, gründete mit ihr eine Band und macht sich Vorwürfe, dass er sie nach einem Auftritt allein Auto fahren ließ. Als er Konrad begegnet und erfährt, er sei ihr Ehemann, fällt er aus allen Wolken. Gibt es noch mehr, was er über Giorgia nicht wusste? Ja, gibt es, denn zu guter Letzt gesellt sich ein weiterer Unbekannter zu ihnen: Césco, ein venezianischer Brückenbauer und Saxofonist, der sich als Giorgias bester Freund ausgibt und gesteht, sie sei schon immer seine wahre Liebe gewesen.

Durch diese interessante Konstruktion wird Giorgias Person, ihr Charakter und ihr vergangenes Leben Stück für Stück enthüllt. Abwechselnd erzählen die Männer aus ihrer Perspektive, was sie mit Giorgia verbindet, und versuchen, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Wer von ihnen war wichtiger in Giorgias Leben? Originell ist die Idee, jeder Figur ein passendes Instrument zuzuordnen und die Kapitel wie verschiedene Musikstücke wiederzugeben.

So wechselt die Geschichte zwischen Dissonanz und Harmonie, denn seltsamerweise führt der Wettstreit zwischen den so gegensätzlichen Männern auch zu einer ungewollten Verbrüderung, da klar wird, dass Giorgia ihnen so einiges verschwiegen hat. Auch jetzt schweigt sie wieder, wenn auch gezwungenermaßen. Gerade das lässt viel Raum für Fantasie, da sie nicht in der Lage ist, sich zu den Streitereien zu äußern, etwas richtigzustellen oder aufzuklären. Immerhin lässt die Autorin sie stumm „zu Worte“ kommen in Form eines Gedankenstroms ohne Punkt und Komma.

Zum Schluss wird deutlich, dass sowohl Konrad als auch Césco zu feige waren, um sich auf die Liebe zu Giorgia einzulassen und ihre Chance verspielt haben. Der eine, weil er Angst vor seinen eigenen Gefühlen hatte, der andere, weil er die Gefühle anderer nicht verletzen wollte. Mit viel Gespür für feine Nuancen zeigt Nataša Dragnič in ihrem Roman, wie alles, was eine Jazz-Session ausmacht wie richtiges Timing, Tempo, Stimmigkeit und Intensität, auch in zwischenmenschlichen Beziehungen zum Erfolg oder Scheitern führen kann.

  (26)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(12)

15 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

familie, roman, skurril, humor, andrew kaufman

Geborene Freaks

Andrew Kaufman , Eva Bonné
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei btb, 10.07.2017
ISBN 9783442715275
Genre: Humor

Rezension:

Eine Großmutter liegt im Sterben und möchte ein letztes Mal ihre Enkelkinder bei sich versammeln. Diese Romanidee ist sicher nicht neu. Etwas anders ist die Lage in der Geschichte von Andrew Kaufman, denn die Großmutter liegt in einer Klinik in Vancouver und hat ihren Todestag selbst festgelegt. Nicht nur das: Im Augenblick des Todes will sie den Fluch ihrer Enkelkinder zurücknehmen.

Angie Freak, die jahrelang keinen Kontakt zur Familie hatte, bekommt die bedeutsame Aufgabe, ihre Geschwister Lucy, Richard, Kent und Abba innerhalb von drei Tagen zusammenzutrommeln. So beginnt eine abenteuerliche Reise quer durch Kanada, bei der sie ein skurriles Familienmitglied nach dem anderen aufliest.

Durch eingeschobene Rückblenden erfahren wir, wie die Geschwister als Kinder zusammenlebten. Eine besonders schöne Szene beschreibt, wie sie an einem regnerischen Tag auf dem Dachboden eine Stadt aus Pappe bauten und sie „Rainytown“ nannten. Man erinnert sich dabei an seine eigene Kindheit, in der man viele verrückte Dinge anstellte. Nach dem Tod des Vaters bricht die Familie jedoch auseinander und jede Figur verarbeitet den Einschnitt im Leben auf andere Weise. Erst auf der der gemeinsamen Reise zum Sterbebett der Großmutter kommen sich die Geschwister wieder näher.

Was die Situationskomik und die schrulligen Eigenschaften der Figuren angeht, beweist der Autor viel Fantasie und eine Vorliebe für Märchenhaftes. Auch die Idee, sie mit unterschiedlichen Flüchen zu belegen, ist originell, jedoch nicht sehr überzeugend umgesetzt. Daraus hätte man mehr machen können. So war die abenteuerliche und wendungsreiche Familienzusammenführung unterhaltsam zu lesen, doch mir fehlte der emotionale Tiefgang.

  (25)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Villa Metaphora

Andrea De Carlo , Maja Pflug
Flexibler Einband: 1.088 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 28.09.2016
ISBN 9783257243710
Genre: Romane

Rezension:

Ein Ort, wo ich ganz sicher keinen Urlaub verbringen möchte, ist die „Villa Metaphora“, Schauplatz des gleichnamigen Romans von Andrea de Carlo. Und das, obwohl es sich um ein Luxusresort auf der sizilianischen Insel Tari handelt. Protagonist und Stararchitekt Gianluca Perusato kann nach einer siebenjährigen nervenaufreibenden Bauphase endlich die Pforten öffnen.

Klar, dass sich nicht Hinz und Kunz, sondern nur eine höchst elitäre Gesellschaft dort einfindet, zum Beispiel Hollywood-Diva Lynn Shaw mit Ehemann oder der schwerreiche Münchner Banker Dr. Reitt. Einen krassen Gegensatz dazu bildet das Hotelpersonal wie Perusatos taresische Assistentin Lucia, der eingebildete spanische Koch Ramirez oder der Möbelschreiner und Asket Paolo.

In jedem Kapitel steht eine andere Figur im Fokus. Dabei gelingt dem Autor der Perspektivwechsel sowohl fachlich als auch sprachlich meisterhaft. Die Journalistin Simone Poulanc, die blitzschnell die Schwachpunkte hinter der perfekten Fassade erkennt und Klischees und Haltungen entlarvt, könnte fast de Carlos Sprachrohr sein. Perusato hatte mit der Villa Metaphora die Vision, eine wilde Insel zu bändigen und dort eine Stätte für hochkultivierte, menschliche Begegnungen zu schaffen. Er hat die Rechnung jedoch ohne die Gäste und ihre Neurosen gemacht.

Ein Paparazzi, der heimlich Aufnahmen von der Schauspielerin macht und auf der Flucht tödlich verunglückt, löst eine Kettenreaktion in unbeschreiblichem Maße aus. Andrea de Carlo lässt die exzentrischen Figuren in diesem Mikrokosmos aufeinander los, treibt ihre Befindlichkeiten ins Extreme, lässt sie zur Höchstform auflaufen, bis sie sich gegenseitig in den Abgrund reißen. Umso erstaunter war ich über die Resilienz der Hauptfigur. Hegte Perusato angesichts der Katastrophen kurz zuvor noch Selbstmordgedanken, genügt ein kleiner Hoffnungsschimmer, um mit einem Mal wieder Vertrauen und Zuversicht zu gewinnen.

Ich bin ein großer Fan des italienischen Schriftstellers und seinen gesellschaftskritischen Romanen. „Villa Metaphora“ übertrifft allerdings in seinem Zynismus und Sarkasmus alles, was ich bisher von ihm gelesen habe. Es ist ein Rundumschlag gegen menschliche Schwächen wie Dummheit, Eitelkeit und Habgier, gegen die italienische Politik, den Sensationsjournalismus, den Starkult, die Umweltverschmutzung, das italienische Fernsehen, den auf Nervenkitzel ausgelegten Tourismus, die sozialen Netzwerke…

Auch wie de Carlo die Naturgewalt als weiteren unberechenbaren Faktor auftrumpfen lässt, verleiht der ganzen Geschichte etwas tief Existenzielles, fast Elegisches. Er will die Menschheit wachrütteln, einen Gesinnungswandel, eine Läuterung, ein Reset herbeiführen. Für die einen mag das alles zu viel und zu stereotyp sein, was er auf über 1.000 Seiten ausbreitet – ich habe mich auf jeder Eskalationsstufe sehr amüsiert und jeden Satz wie Ramirez’ Gourmethäppchen ausgekostet.

  (22)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(61)

113 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 14 Rezensionen

bücher, südamerika, bibliophilie, literatur, bibliophil

Das Papierhaus

Carlos María Domínguez , Elisabeth Müller
Fester Einband: 89 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 20.10.2014
ISBN 9783458176152
Genre: Romane

Rezension:

Büchernarren aufgepasst: Auch wenn die Versuchung groß ist, solltet Ihr ein frisch ergattertes Buch erst zu Hause lesen. Sonst ergeht es Euch wie Bluma Lennon in dieser Erzählungvon Carlos María Domínguez. Gleich im ersten Satz wird die traurige Nachricht verkündet, dass besagte Bluma in einer Buchhandlung in Soho ein Gedichtband von Emily Dickinson kaufte und an der nächsten Straßenecke, als sie beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren wurde. Dieser Anfang hätte einen Platz in dem Buch „Der erste schönste Satz“ verdient. Man kann gar nicht anders als weiterzulesen, besonders wenn der nächste Satz lautet „Bücher verändern das Schicksal der Menschen“. Wer war diese Bluma Lennon und was hat es mit dem Gedichtband auf sich?

Dabei geht es in der Geschichte um etwas ganz anderes, nämlich das Buch „Die Schattenlinie“ von Joseph Conrad, das dem Kollegen und Liebhaber der verstorbenen Literaturprofessorin in die Hände fällt. Dieser ist äußerst verwirrt, denn das Buch ist nicht nur mit Zementresten verschmutzt, sondern enthält auch eine Widmung von Bluma an einen Carlos Brauer. Der Ich-Erzähler will der Sache auf den Grund gehen, macht die Adresse des Absenders ausfindig und reist von Cambridge über Buenos Aires nach Uruguay, um den Unbekannten aufzuspüren.

Die Suche gestaltet sich allerdings schwierig, denn Brauer scheint verschollen zu sein. Bei der Suche trifft der Erzähler auf allerlei verrückte Gestalten, allesamt bibliophil wie Agustin Delgado, der sich eine Bibliothek mit 18.000 Büchern aufgebaut hat und viel Aufwand betreibt, um seine Bestände zu hegen und zu pflegen. Ihm liegt zum Beispiel viel daran, Werke von zerstrittenen Autoren im Regal nicht nebeneinander zu stellen. Welch abstruser Gedanke! Passionierte Leser werden noch so manch andere skurrile Anregungen finden, zum Beispiel Bücher aus dem 19. Jahrhundert bei Kerzenlicht zu lesen. Oder Werke mit der passenden musikalischen Untermalung zu kombinieren, zum Beispiel Baudelaire mit Debussy oder Goethe mit Wagner.

Den Gipfel bildet schließlich die letzte Station, die Lagune von Rocha, die eine Erklärung des Buchtitels liefert. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Die Handlung fand ich ziemlich zäh, doch hat mich das Buch auch zum Schmunzeln und Nachdenken gebracht. Der Autor beleuchtet die Bibliomanie aus verschiedenen Winkeln, beschreibt die Freude, Bücherschränke von Bekannten zu inspizieren, den Aufwand, seine eigene Bibliothek in Schuss zu halten, aber auch die zerstörerische Seite, wenn die Lesesucht und Sammelwut zur Obsession wird.

  (22)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(19)

39 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

new york, buchhandel, buchhandlung, frauen, literatur

Sunwise Turn

Madge Jenison , Ariane Böckler
Fester Einband: 199 Seiten
Erschienen bei edition ebersbach, 01.09.2006
ISBN 9783938740248
Genre: Biografien

Rezension:

Bücher sind selten Sackgassen. Sie öffnen nicht nur Türen in neue Welten, sondern initiieren gleich die nächste Buchanschaffung. In dem Buch „Shop Girls" beispielsweise nannten zwei Buchhändlerinnen einen Titel, der sie bei der Gründung ihres Ladens besonders inspirierte hatte: „Sunwise Turn" von Madge Jenison. Darin schildert die Autorin, wie sie gemeinsam mit Mary Mowbray-Clarke im Jahr 1916 eine Buchhandlung in Manhattan gründete und sich ihren Traum erfüllte.

Von Anfang an müssen sich die zwei Gründerinnen der harten Realität stellen. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind schwierig – besonders für Buchhandlungen, die sich meist nur durch den Verkauf von anderen Artikeln wie Schreibwaren halten können. Dennoch sind Madge und Mary von ihrer Idee überzeugt: Manhattan braucht eine neue Art von Buchhandlung, die alle Facetten des modernen Lebens aufgreift und sie den Menschen zugänglich macht.

An der 5th Avenue, Ecke 31. Straße entsteht schließlich ihr Laden, der vor allem durch seine gewagte Farbgebung die Passanten anzieht. Bei der ersten Bestellung kaufen sie alle Bücher, die ihnen selbst gefallen und denen sie viele Leser wünschen – so hätte ich es an ihrer Stelle sicher auch gemacht. Als Madge sich einmal in einer anderen Buchhandlung in der Nähe umsieht, fühlt sie sich eingeschüchtert, weil dort alles so perfekt und professionell wirkt im Gegensatz zu ihrer improvisierten Buchhandlung. Als sie jedoch in ihren Laden zurückkehrt und sieht, wie lebendig und authentisch die Atmosphäre ist, sind all ihre Zweifel verflogen.

Ähnlich wie in dem biografischen Roman „Meine wundervolle Buchhandlung“ von Petra Hartlieb wird auch hier der Geschäftsalltag mit wechselnden Hilfskräften geschildert. Die meist gehandelte Ware, so betont Madge immer wieder, sei das Gespräch. Kunden kommen, um nicht nur über Bücher, sondern über die Nachbarschaft, das Tagesgeschehen oder ihre persönlichen Probleme zu sprechen. So rückt der eigentliche Verkauf der Bücher fast in den Hintergrund, denn Mary und Madge lassen sich immer wieder Strategien einfallen, um Neuland zu erschließen und Bücher an ungewohnt Orte zu bringen. 

Sie verbringen mehrere Tage damit, Titellisten für verschiedene Branchen zu erstellen und Bibliotheken zu schaffen, zum Beispiel für einen Kindergarten in London. Erstaunlich fand ich, dass es vor allem gebildete Frauen aus gehobenen Schichten waren, die die beiden Ladeninhaberinnen immer wieder ohne Bezahlung unterstützten. Auch sie spürten wohl, dass sie Teil einer wichtigen Mission waren, die die Autorin sehr oft zur Sprache bringt.

Angetrieben werden die Buchhändlerinnen zum einen natürlich durch ihre Liebe zu Büchern. Wenn Madge mit einem Buch unterwegs ist, fühle es sich an wie warmes Gold. Eine Mußestunde und ein bequemer Sessel würden genügen, um in höhere Gefilde aufzusteigen. Wie wahr! Die Liebe allein hätte aber sicher nicht gereicht, um 'Sunwise Turn' so weit zu bringen. 

Es war vor allem ihre Überzeugung, dass Bücher unentbehrlich für die Menschheit sind. Sie haben die Macht, Frieden und Bildung zu fördern und spenden Lebenskraft und -freude. Für diese Idee kämpften sie wie Heldinnen und kamen sich manchmal vor wie Don Quichote. „Bücher schenken uns Motive, Möglichkeiten, Prüfungen und Vorlieben." Das ist nur einer von vielen klugen Sätzen, die auch nach hundert Jahren noch ihre Gültigkeit haben.

  (29)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(184)

364 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 59 Rezensionen

buchhandlung, wien, bücher, buchhandel, familie

Meine wundervolle Buchhandlung

Petra Hartlieb
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 15.12.2014
ISBN 9783832197438
Genre: Biografien

Rezension:

Träumt nicht jede Leseratte insgeheim davon, eine Buchhandlung zu besitzen? Besitzen ja, aber nicht unbedingt darin arbeiten, könnte das Fazit nach der Lektüre dieses Buchs lauten. Die Buchhandlung mag wundervoll sein, doch der Arbeitsalltag ist oft weit davon entfernt, weiß die Autorin Petra Hartlieb nach langjähriger Erfahrung zu berichten.

Schon nach wenigen Seiten kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen: Zu verrückt ist die Entscheidung von Petra Hartlieb und ihrem Mann Oliver, spontan eine kleine Traditionsbuchhandlung in Wien, die in Konkurs gegangen ist, zu kaufen und die Zelte in ihrer Heimat Hamburg abzubrechen, um sich einen Lebenstraum zu erfüllen. Da will man einfach wissen, was das Paar aus den 40 Quadratmetern macht und wie ihr neues Buchhändlerleben in Wien aussehen wird. Alles andere als schillernd und glorreich, stellen die beiden sehr bald fest. Während sie vorübergehend mit ihrer Tochter bei Freunden unterkommen, treiben sie den Umbau der Buchhandlung und die Einrichtung ihrer Wohnung unter höchsten Strapazen voran. 

Auch nach der Eröffnung ist ihr Alltag geprägt durch Dauerschöpfung, Überforderung und permanent schlechten Gewissen. Zwar kommen beide aus der Buchbranche – sie als Pressereferentin und Literaturkritikerin und er als Marketing-Manager bei einem renommierten Verlag – doch ein geregelter Arbeitstag scheint in weiter Ferne zu liegen. Das Personal wird vom Fleck weg engagiert, denn trotz des holprigen Starts steigt von Tag zu Tag die Zahl der Besucher und Verkäufe, als hätten die Nachbarschaft nur auf die Wiedereröffnung des Ladens gewartet. Bald wissen die Hartliebs nicht mehr, wohin mit den bestellten Büchern. Das erinnerte mich doch stark an meinen Bücherberg in unserer letzten Wohnung, den ich wegen Platzmangel zunehmend in Küchen- und Kleiderschränke verlagerte.

Die Autorin erzählt amüsant und ehrlich von den Höhen und Tiefen ihres Berufes, wie anstrengend es sein kann, den Kunden immer wieder Bücher nachzuerzählen und wie der Alltag ist, wenn der Reiz des Neuen verflogen ist. Wir erfahren, was es heißt, Chefin, Verkäuferin, Beraterin und Buchhalterin zugleich zu sein und welche Entscheidungen zu treffen sind, wenn der Laden aus allen Nähten platzt. 

In diesem täglichen Mix aus Staunen, Panik und Erschöpfung triumphiert jedoch immer wieder ihre Leidenschaft, die mit kurzen Momenten der Erfüllung und Glückseligkeit belohnt wird, zum Beispiel, wenn sie mit ihrer individuellen Beratung oder originellen Events ihre Kundschaft beglücken kann. Ganz klar, dass ich bei meinem nächsten Wienbesuch einen Abstecher zu dieser besonderen Buchhandlung mache, um den Schauplatz mit eigenen Augen zu sehen.

  (25)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(49)

95 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 40 Rezensionen

marc chagall, chagall, paris, liebe, frankreich

Die Tochter des Malers

Gloria Goldreich ,
Flexibler Einband: 592 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 21.09.2015
ISBN 9783746631820
Genre: Historische Romane

Rezension:

Der Aufbau Verlag hat vor einiger Zeit eine Romanbiografie-Reihe über Frauenfiguren gestartet, die im Schatten von großen Künstlern stehen – ein Thema, das mich stark fasziniert. In „Madame Picasso“ von Anne Girard war es Eva Gouel, die mit den schwierigen Launen eines exzentrischen Künstlers zu kämpfen hatte. Nun machte ich Bekanntschaft mit Ida Chagall. In "Die Tochter des Malers" zeichnet Gloria Goldreich das Porträt einer starken und doch ambivalenten Frau, die während der Judenverfolgung in Frankreich eine unglaubliche Willens- und Tatkraft entwickelt, ihre mentale Abhängigkeit von ihrem dominanten Vater jedoch nicht ablegen kann.

Schon als junge Frau beugt sie sich stets dem Willen ihres Vaters, auch dann, als er sie zwingt, ein uneheliches Kind von ihrem Geliebten Michel abzutreiben und ihn zu heiraten. Die Autorin versteht es, die typischen Ängste und Sorgen der Emigranten, die ständig auf der Flucht waren, spürbar zu machen. Idas Mutter hat sich zwar nach der Flucht aus Russland und aus Berlin nun ihr Zuhause in Paris so schön wie möglich eingerichtet, doch sie lebt immer noch in der Vergangenheit und klammert sich an die friedlichen Tage im russischen Dorf Witebsk. Marc Chagall trauert ebenfalls der glücklichen Zeit nach und verarbeitet seine Gedanken und Gefühle in seinen Gemälden. Nun verstehe ich auch, was ihn sowohl zu den düsteren als auch fantasievollen und verträumten Motiven antrieb. Chagall malte die Landschaften der Heimatlosen, Häuser und Räume ohne Böden, umherirrende Tiere und schwebende Liebende. Seine Werke werden in Paris begeistert aufgenommen. Schriftsteller, Dichter, Intellektuelle und Diplomaten treffen sich regelmäßig zu Salonabenden in ihrem Haus. Während Marc und Bella ihre Freundschaften mit der intellektuellen und künstlerischen Elite von Paris kultivieren, arbeitet sich Ida zielstrebig in die Kunstszene ein und erobert mit ihrem Charme und ihrer Ausstrahlung nicht nur die Pariser, sondern auch die Londoner Gesellschaft.

Währenddessen spitzt sich die Lage für die jüdische Bevölkerung zu. Faschisten und Nationalsozialisten gelangen an die Macht. Der Einmarsch der Deutschen in Frankreich ist zu befürchten und Ida drängt ihre Eltern, sich in Sicherheit zu bringen. Ihr sturer Vater ist jedoch so von sich und seinem Ruf als Künstler überzeugt, dass er keine Notwendigkeit sieht zu flüchten. Zuflucht sucht er eher in seinem künstlerischen Schaffen, das ihm wichtiger ist als menschliche Einzelschicksale. So begleiten wir Ida auf einem hürdenreichen Weg in mannigfaltigen Rollen: als Tochter, Modell, Kunsthändlerin, Sekretärin und Beschützerin. Trotz einiger Wiederholungen gelingt es Gloria Goldreich, diese für Außenstehende kaum nachvollziehbare gegenseitige Abhängigkeit zu verdeutlichen. „Die Frau an Chagalls Seite“ – so hätte man Ida und den Titel dieses Buches auch ohne weiteres nennen können.

  (26)
Tags:  
 
133 Ergebnisse

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach!

Hol dir mehr von LovelyBooks