an_gerken

an_gerkens Bibliothek

1 Buch, 1 Rezension

Zu an_gerkens Profil
Filtern nach
1 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(0)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

gerken, kant, berkeley, erkenntnistheorie

eklatant, Herr Kant!

An Gerken
Buch: 222 Seiten
Erschienen bei winterwork, 19.10.2009
ISBN 9783940167927
Genre: Sachbücher

Rezension:

Gerken widerlegt das erkenntnistheoretische System Kants
Erkenntnistheorie, die eigentliche Grunddisziplin aller Philosophie, wird heute allgemein ganz anders diskutiert als etwa zu Kants Zeiten. Das hat als Ursache, dass gerade Kant entsprechend äußerst markante Hürden auf diesem Gebiet errichtet hat, die bis heute Bestand haben. Kant wurde unendlich diskutiert, mit ihm ist man nie wirklich fertig geworden. Descartes, Locke, Berkeley, Hume - einer setzte jeweils den anderen ab - überbot ihn an philosophischer Reife. Mit Kant scheint dieser Reifungsprozess abgeschlossen zu sein. Nach ihm neigt bald die Philosophie mehr und mehr dazu in sprachliche bzw. logische Analysen auszuweichen. Z. B: Frege, Wittgenstein, Heidegger, Russel, Popper, ... - das hat dann kaum noch etwas mit ursprünglicher Philosophie im Sinne der Herren Locke und Kollegen zu tun. Dieses Ausweichen in den sprachlich-logischen Bereich fußt eher auf Verlegenheit als auf Notwendigkeit, wie Gerken beweist. Nach Carnap od. Wittgenstein sind Kants Argumente im Kern Scheinprobleme, nach Gerken sind es hingegen keineswegs Scheinprobleme, sondern echte Schwierigkeiten, die bei Kant allerdings sehr oft auf äußerst riskante, unerwiesene, wenn nicht schlicht falsche oder gar völlig abwegige Grundgedanken basieren.

Zwei Werke seien kurz erwähnt, die "immerhin" auf die angesprochene "Wende" in der Philosophie ins sprachlich-logische Gebiet aufmerksam machen und ohnehin als jeweilige generelle Einführung recht brauchbar sein dürften. Grundprobleme der Erkenntnistheorie: Von Descartes zu Wittgenstein (Uni-Taschenbücher S) Erkenntnistheorie im 20. Jahrhundert: Klassische Positionen Einen breiteren Blick über die Philosophie allgemein bietet z. B. Der Weg der Philosophie 2. Von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert: 17. bis. 20. Jahrhundert oder Kleine Weltgeschichte der Philosophie.

Der besondere Reiz von "eklatant, Herr Kant!" besteht nun darin, dass es ganz überraschende, teils völlig ungeahnte fachliche Argumente bietet, die man in kaum einen anderen Buch findet. Profis werden es für nicht möglich halten, dass heutzutage noch etwas wirklich Neues in der erkenntnistheoretischen Debatte passieren -, oder gar dass Kant letztendlich doch noch entscheidend geschlagen werden könnte. Und doch, hier wird Kant gemaßregelt nach Strich und Faden. Unstrittig, Gerken steht mit dieser Arbeit zunächst einmal gänzlich im Abseits, zu krass ist der Kontrast zum "Üblichen". Seine Ansätze sind in der Regel kurz, direkt und bilden insgesamt systematischen Zusammenhang, wobei er schließlich dermaßen auf Distanz zur allgemeinen Philosophie gerät, dass er schon fast ein neues Fach für sich beansprucht.

Gerken zeigt deutliche Neigung ins mathematisch-physikalische Lager, er sucht praktischen Bezug (obwohl er z. B. den amerikanischen Pragmatismus entschieden ablehnt) - reine Theorie, wie rein logisches - um nicht zu sagen: philosophisches - Denken liegt ihm nicht, eher spannungsgeladene Dramatik. Unverkennbar sein Hang zur Präzision - zu ganzer Sache. Er will etwas bewegen. Er ist voll und ganz vom totalen Schwindel des Kantschen Systems überzeugt. Nicht minder überzeugt ist er offenbar von der Schwäche mehr oder weniger aller Philosophen nach Kant, weil sie allesamt es versäumt haben, den eigentlichen Schwindel des Kantschen Systems auch nur annähernd aufzudecken. "Wie ist es nur möglich, dass Kant sich bis heute halten konnte?", scheint er sich unablässig zu fragen und reiht gleich serienweise einen angeblichen Beweis entsprechender Widerlegung an den anderen.

Einige ganz wesentliche Kriterien Gerkens Strategie gegen Kant: "Bedingungen (der Möglichk. d. Gegenstände d. Erfahrung)", "Gesetze (subjektive G. a priori)", "äußerer roher Stoff (der durch subjektive Gesetze a priori innerlich zu Erfahrungsinhalten, im Sinne Kants, geformt wird)", "Ordnung bzw. Formgebung (eben jenes rohen Stoffs)", "Ding an sich", "Universalien", ... Selbst "Träume", "Fernsehen" und "Heisenbergs Unschärferelation" spielen eine gewisse Rolle. Direktes Ziel seines Angriffs, das Hauptwerk Kants: Philosophische Bibliothek, Bd.505, Kritik der reinen Vernunft. Nach der 1. und 2. Originalausgabe, mit einer Bibliographie. - aus dem er evident gerne zitiert. Berkeley wird, nebst Kant, auch relativ häufig kritisiert.

Resümee: Höchst eigenwilliger Stil mit übermäßig vielen Zitaten, eine zu ausführliche Einleitung, äußerst gewagt der ganze Aufzug ohnehin. Nicht wenige werden das Buch schlicht für zu eigensinnig halten. Dennoch, ein Power-Paket, eine Art alternativer Philosophie - ein Plädoyer für den gesunden Menschenverstand - für den naiven Realismus, eine generelle Absage an den Idealismus, speziell eine Widerlegung des Transzendentalen Idealismus Kants. Kant! der in dieser Hinsicht doch bis heute als unwiderlegbar gilt! Unvorstellbar also, dass diese Arbeit auch nur annähernd irgendeinem Uni-Fahrplan der Gegenwart (od. der Vergangenheit) entspricht.
Ein Uni-Professor, etwa Höffe, würde sagen, "Gerken hat Kant nie kapiert, nicht einmal im Ansatz, lasst die Finger davon!" Gerken selbst würde dem vielleicht nicht einmal unbedingt widersprechen. "Ok, wer z. B. bei Professor Höffe den Doktor machen will und ohnehin eher Karriere als Philosophie im Auge hat, muss halt eben vor allem nach der Pfeife seines Doktor-Vaters parieren ohne merklichen Eigensinn [etwa eines Gerken]- völlig klar! Wer sich aber verhältnismäßige Unvoreingenommenheit, kombiniert mit gesunder Neugierde, noch erlauben kann, findet hier sicher interessanten Stoff. Kant kann niemand wirklich verstehen", würde Gerken weiter kontern, "ebenso wie man eine runde Ecke, eine gerade Kurve oder eine falsche Wahrheit im direkten Sinne nicht verstehen kann. Kants Kritik d. r. Vernunft ist falsch - ist ein einziger Schwindel, ein Hohelied der Widersprüche, eine intellektuelle Verdrehung der Wirklichkeit in Gott-ferne Nebel der Verführung und Lüge! Der Mensch (und also nicht Gott!) wird gerade mit Kant unweigerlich zum Maß aller Dinge - eine ungeheuerliche Provokation für jedes nur halbwegs noch nüchterne Menschenkind und spätestens ab diesem Stand wird Philosophie schädlich und gefährlich - ein Vorspiel zum Humanismus unserer Tage (der grundsätzlich dazu neigt, das "Echte" der Religion, den Geist, zu relativieren, zu neutralisieren - zu "humanisieren"), die Einleitung des Abfalls von Gott-gegebener Wahrheit zur fast alles tolerierenden Gesellschaft, die kaum noch etwas anderes registriert als Sport, Spaß, Fernsehen und allerlei geistlose Unterhaltung zum bloßen Vergnügen, wie um bewusst nicht den Ernst, und also auch nicht die Chancen, des Lebens wirklich wahrhaben zu wollen! Kant hat sehr wesentlich zu dieser Entwicklung beigetragen, nicht zuletzt mit seiner "Kritik d. r. Vernunft" - insgesamt ein Blendwerk der übelsten Sorte, das lange genug darauf gewartet hat, endlich widerlegt und der Falschheit überführt zu werden!"

Das lässt bereits erkennen, dass es mit dem vorliegenden Werk letztlich um weit mehr als um bloße "Erkenntnistheorie" geht. Wie aus dem Vorwort ersichtlich, ist "eklatant, Herr Kant!" lediglich der erste Teil, die Basis, zu einer dreiteiligen umfassenden aktuellen Gesellschaftskritik. Sollte Gerkens Widerlegung zu Kant sich langfristig durchsetzen, so wäre dies zweifellos eine fachliche, wie allgemein-kulturelle Sensation ersten Ranges. Denn es handelt sich ja nicht um eine verhältnismäßige Nebensächlichkeit. Kants System, das ist ein ganz wesentlicher Grundpfeiler der Philosophie, der Wissenschaft generell, wie des allgemeinen Geistes unserer Zeit. Wenn Kant fällt, fällt einiges mit ihm! Peinlich wie ein solcher Fall an sich bereits wäre, er wäre gleich doppelt ungemütlich, käme ein solcher Schlag nicht aus den eigenen Reihen. Gerken ist weder Professor, noch hat er den Doktorhut – nicht einmal einen Masters kann er vorweisen – ja er hat nicht einmal Abitur! Das spricht freilich eher gegen ihn – es disqualifiziert ihn gewissermaßen gleich zu Beginn, gerade im doch so überaus formalen Deutschland. Und so einer will eine der festesten Burgen unseres Wissens im Alleingang niederreißen – das ist schlicht zu hart! Wer will ihm das abkaufen? Die begleitenden Fakten sprechen zumindest sehr deutlich gegen ihn.
Und doch, ob sich hier ein Flopp oder eine Sensation anbahnt, das wird zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum irgendjemand in der Welt mit Sicherheit beurteilen können, jedenfalls nicht, ohne das Buch entsprechend durchgearbeitet zu haben. Erste Reaktionen (von einigen Uni-Prof.) scheinen hingegen mit absoluter Gewissheit sagen zu können – bei der kurz angedeuteten Vorgeschichte nicht sehr verwunderlich - dass das fragwürdige Werk definitiv nichts taugt – nichts taugen kann, ohne rückhaltige Zeugnisse, überhaupt etwas zu können (Abitur, etc.) – obgleich die jeweiligen Kritiker nachweislich bestenfalls sehr flüchtige Kenntnis von jener Arbeit an sich haben. Gehässigkeit ist immer verdächtig! Nun, Gerken braucht so oder so ein dickes Fell, ein sehr dickes! Unwidersprochen wird die Konkurrenz keineswegs abtreten wollen, schon gar nicht unter diesen Umständen. Es geht halt nicht lediglich ums rein wissenschaftlich Fachliche (sondern vor allem – wie so oft im Leben, seien wir ehrlich - um Prestige, Geld, Macht, usw. Zumindest so gesehen ist Wissenschaft eben doch sehr, sehr menschlich, oder?). Und jene Konkurrenz besteht immerhin aus ehrgeizigen Fachleuten höchster Kategorie, Uni-Professoren, Kant-Autoren und einer breiten Schicht der geistigen Elite der ganzen Welt. Und der Gegner hat nicht einmal Abitur – na, wenn das nicht dreist ist? – da wäre eine Niederlage beim vorgegebenen Potential gleich doppelt schmerzlich, peinlich – oder gar gefährlich, eventuell sehr gefährlich! Sie muss daher auf jeden Fall verhindert werden – weniger aus Wissenschaftlichkeit, als vielmehr aus Sorge ums persönliche Ansehen.
Würdige Gegner zur Genüge, die hat Gerken mit “eklatant, Herr Kant!“ garantiert gratis vorneweg – etwas zu würdige würden manche sagen, angesichts der vorgegebenen Standesunterschiede, Qualifikations-Kontraste und Kompetenzdifferenzen. Warum aber überhaupt Lärm um einen angeblichen Luftikus? Ist das Buch vielleicht doch nicht ganz so ohne, ungeachtet aller formaler Widrigkeiten, die es zweifellos begleiten? Offenbar völlig unbeeindruckt von solchen Schwierigkeiten marschiert Gerken drauf los, weltfremd, naiv, allein auf weiter Flur, mit der Kraft ferner Ideale, Visionen und Überzeugungen.
Kant hat hier einen ganz außergewöhnlichen Kritiker, einen schwer abzuschätzenden Außenseiter. Somit bedingt die Originalität dieses Buches sicher die unterschiedlichsten Reaktionen. Die einen werden es ebenso vehement ablehnen, wie es andere annehmen werden.

  (4)
Tags: berkeley, erkenntnistheorie, gerken, kant   (4)
 
1 Ergebnisse