Leserpreis 2018

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Töte mich

Amélie Nothomb , Brigitte Große
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 23.08.2017
ISBN 9783257069891
Genre: Romane

Rezension:

Rezension „Töte mich“


"Doch die Vorstellung, dass er einen seiner Gäste töten könnte, entsetze Neville. Das macht man nicht. Und ausgerechnet bei der letzten Garden Party auf 'Le Pluvier' sollte ihm ein solcher Fehler unterlaufen!"

Graf Henri Neville lebt mit seiner wunderschönen Frau, die er mehr als alles andere liebt, sowie seinen drei Kindern Oreste, Électre und Sérieuse irgendwo in den belgischen Ardennen auf dem Familienschloss Château de Pluvier. Schon früh musste er lernen, dass der gesellschaftliche Status über allem steht, so entwickelte er sich zu einem begnadeten Gastgeber für Veranstaltungen. Seine alljährliche Gartenparty am Ostersonntag ist jedes Jahr in aller Munde, jeder der etwas auf sich hält nimmt die Einladung mit Freude an. Doch nun sind die Nevilles bankrott, können das Schloss nicht halten und geben die letzte dieser Veranstaltung, ein besonderes Ereignis für den Grafen.


Einige Tage zuvor jedoch, die Planungen laufen auf Hochtouren, wird die 17 Jährige Sérieuse schlotternd vor Kälte im Wald von einer Wahrsagerin entdeckt. Sie habe dort auf dem Boden gelegen, erklärt die alte Frau anschließend dem Grafen, der gekommen ist um sie nach Hause zu holen. Er ist eigenartiges Verhalten seiner Tochter gewöhnt, erläutert in langen Monologen die Veränderung seiner ehemals geliebten Tochter von einem fröhlichen, lebensbejahenden Kind zu einem introvertierten, von dunkler Energie und pessimistischen Gedanken umgebenem, mürrischen Teenager.
Doch zusätzlich zu seiner Tochter, übergibt die Wahrsagerin ihm eine Prophezeiung. Er werde auf der anstehenden Party einen seiner Gäste eigenständig töten. Zuerst ungläubig, dann jedoch völlig schockiert reagiert der Graf auf diese Nachricht.

Jedoch besorgt ihn weniger die Tat an sich, vielmehr die Auswirkungen auf seine soziale Stellung, sowie die seiner Familie. Was sollen die Leute denken, es würde die Veranstaltung ruinieren. Er sucht nach Präzedenzfällen, der Graf rätselt welcher Gast sterben könnte, welcher es verdient hätte, geht die Gästeliste durch und fragt seine Frau, mit welchem Besucher sie zuletzt in Konflikt geraten sei.
Es findet sich jedoch keine Person, die es in seinen Augen verdient hätte zu sterben, und so durchlebt er schlaflose Nächte, existenzphilosophische Monologe und viele Krisen.


Doch dann unterbreitet seine depressiv anmutende Tochter Sérieuse ihm einen Vorschlag: wenn er schon einen Gast töten müsse, dann könnte er doch ihr das Leben nehmen. So seien zwei Probleme mit einem Schlag aus der Welt geschafft. Sie wäre ihr Leben los, welches sie ab einem Gewissen Zeitpunkt nicht mehr genießen konnte, weil sie weder Freude, noch Trauer oder körperlichen Schmerz empfindet und der Graf müsse keinen seiner Gäste töten.
Zuerst völlig abgeneigt, beginnt der Graf jedoch sich mit der Vorstellung anzufreunden, wiegt ab, gibt ihr ein Versprechen und hadert wenig später wieder mit sich. Vater und Tochter beginnen wunderbare Dialoge zu führen, in denen sie die Vor- und die Nachteile, sowie mögliche Folgen dieses völlig absurden Vorhabens erläutern.

Wahnsinnig wortgewandt und mit grandios gesetztem Witz lässt Amélie Nothomb hier ihre Figuren interagieren. Wie die kurze, auf 110 Seiten erzählte Geschichte ausgeht, möchte ich nicht verraten, lest dieses sprachliche Meisterwerk selbst.
Nothomb ist eine Meisterin darin, Figuren mit wenigen Sätzen zu zeichnen. So breitet sie Stück für Stück das Leben des Grafen Henri aus, seine Kindheit und sein Aufwachsen, seine frühere Familie und deren Hintergründe. So wird schnell klar, wieso solche Veranstaltungen eine so ungeheure Wichtigkeit für ihn darstellen.
Man versteht seine Verzweiflung darüber, eben diese Veranstaltungen durch etwas so profanes wie einen Mord ruinieren zu "müssen".

Denn nach der Prophezeiung wandelt diese sich scheinbar schnell in einen Handlungsbefehl. Aus der Tatsache, dass es geschehen wird, dass es voraus gesagt wurde zieht Graf Neville mit der Zeit den klaren Willen es auch auszuführen, durch ebendiese starke Überzeugung, dass es so kommen wird.
Ein weiterer grandioser Schachzug Nothombs ist die Beschreibung der atemberaubend schönen Landschaft, der Umgebung des Schlosses, welche durchgehend als starker Kontrast zur grauenvollen und brutalen Kernhandlung steht.

So wie in vielen ihrer Bücher bildet das Böse, die Gewalt, die Verdorbenheit der Menschen das Zentrum und wird umgeben von detaillierten Beschreibungen des Schönen. Ihre Romane sind bitterböse, voller Ironie und brillanten Dialogen, die scharfsinnig und psychologisch gewieft ebendiese Abgründe aufzeigen.
Mit feinem Witz ,der sich durch das Buch zieht behält sie den Leser bei sich, auch die Übersetzung aus dem Französischen ist grandios, voller Leichtigkeit mit interessant aufgebauten Sätzen.


Dieses Buch erinnert an ein modernes Märchen, an die Koketterie Hoffmanns, welches es dennoch schafft Fragen aufzuwerfen, den Leser einzubinden und ihn selbst vor die moralischen Abgründe zu stellen, mit denen der Protagonist konfrontiert wird.

Man glaubt der Autorin alles, beginnt Sympathie für die sympathieunwürdigsten Gestalten und Handlungen zu entwickeln und diese nachzuvollziehen.
Nothomb bietet mit "Töte mich" allerfeinste Unterhaltung mit Tiefgang, gespickt mit satirischen Elementen, Wortspielen und fabelhaften Dialogen, die einen schmunzeln lassen.

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179 Bibliotheken, 7 Leser, 0 Gruppen, 89 Rezensionen

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Die Unsterblichen

Chloe Benjamin , Norbert Möllemann , Charlotte Breuer
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei btb, 29.10.2018
ISBN 9783442758197
Genre: Romane

Rezension:

Wie würdest du dein Leben führen, wenn du wüsstest wann es vorbei ist? Bewusster, mit offenen Augen und Abendteuergeist? Wärst du neugierig und wissbigie3rig, wenn du weißt, dass deine Zeit begrenzt ist? Oder würdest du dich zurücklehnen, wenn du wüsstest du lebst lange?

Und was passiert, wenn diese Prophezeiung nicht zutrifft?

All diese Fragen wirft das Buch mit dem äußert treffenden Titel "Die Unsterblichen" auf.
Chloe Benjamin nimmt die Leser mit in das Jahr 1969, an die New Yorker Eastside.
Die Geschwister Varya, Daniel, Klara und Simon genießen ihren Sommer, der ihnen endlos erscheint, ziehen gemeinsam durch die aufgeheizten Straßen und suchen Beschäftigung. Als sie dann durch Zufall von einer geheimnisvollen Frau hören, die in ihrer kleinen Wohnung irgendwo in der Nachbarschaft lebt und die Fähigkeit besitzt das Todesdatum ihres Gegenüber zu bestimmen sind die Geschwister neugierig.
Sie beschließen ihr Erspartes zusammenkratzen und der Frau einen Besuch abzustatten. Als sie dort ankommen, wissen sie nicht was sie erwartet, betreten alle getrennt ihre Wohnung und treffen sich anschließend alle hinter der Wohnung wieder. Sie schweigen über ihr vorausgesagtes Datum, sind verwirrt und verunsichert über die Prophezeiung. Sollen die Geschwister ihr Glauben schenken?

Chloe Benjamin wagt einen Zeitsprung in die Zukunft, begleitet die Geschwister über vier Jahrzehnte hinweg, geteilt in ebenso viele Teile. Je ein Teil des Buches ist also einem der Geschwister gewidmet, begleitet sie nacheinander durch wichtige Stationen in ihrem Leben, verwebt sie jedoch, obwohl sich ihre Wege zunächst trennen auch wieder miteinander.
Zuerst wird die Geschichte der beiden jüngsten, Klara und Simon erzählt, die ihre Familie verlassen und nach San Francisco ziehen. Für den homosexuelle Simon ist dieser Schritt wie ein Befreiungsschlag, er kann endlich er selbst sein. Dort sind die Menschen toleranter, freier und Simon beginnt Ballet-Unterricht zu nehmen. Doch auch dort haben die beiden mit Problemen zu käpmfen, mit Geldmangel und Krankheiten. Doch Vorallem sind sie Getriebene, ebenso wie ihre anderen Geschwister. Getrieben von dem Datum, das ihre Prophezeiung erhielt.
Nach und nach werden die Leben der Geschwister wieder miteinander verbunden.
Klara entdeckt die Welt der Zauberkünste und droht zwischen Illusion und Realität verloren zu gehen, Daniel sucht nach 9/11 Schutz als Arzt bei der Army und Varya macht sich einen Namen in der Altersforschung.
Die Autorin verwebt diese komplexe Familiengeschichte jedoch auch mit zeitgeschichtlichen Ereignissen, lässt ihre Figuren vor diesem Hintergrund agieren, leiden und leben.
Die Geschichten, die diese außergewöhnliche Familie erlebt sind vielfältig und umfangreich.
Aber lest selbst womit die vier zu käpmfen haben, inwiefern die Prophezeiung der alten Frau ihr Leben beeinflusst und ob sie letzendlich eintritt.
Chloe Benjamin hat hier ein intelligentes Buch geschrieben, die Charaktere sind grandios gezeichnet, jeder auf seine Weise bleibt dem Leser im Gedächtnis. Man wird entführt in das Amerika der 80er Jahre und sieht sich an der Seite der Geschwister. Wie eine große Familienchronik konnt dieser Roman daher, besonders interessant fand ich jedoch auch die Fragen, die aufgeworfen werden.
Lebt man sein Leben anders, wenn man um seine zeitliche Begrenzung weiß?

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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

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Und du bist nicht zurückgekommen

Marceline Loridan-Ivens , Judith Perrignon , Eva Moldenhauer
Flexibler Einband: 109 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.04.2017
ISBN 9783518467664
Genre: Biografien

Rezension:

Aber im Grunde weiß ich nicht, was für ein Mann du gewesen wärst. Ich habe das Gefühl, dich nicht wirklich gekannt zu haben. Wir sind in dem Moment getrennt worden, als wir hätten anfangen können.“


Vor ein paar Jahren las ich die ersten Seiten eines Buches in einer Buchhandlung, die mich sofort beeindruckten, fesselten. Dann musste ich los, schaffte es nicht mehr das Buch mitzunehmen und verzweifelte die Tage darauf daran, mich an den Namen zu erinnern.
Umso größer war also meine Freude darüber, eben dieses Buch zuerst auf der Seite des Suhrkamp Verlags, und einige Tage später in meinem Briefkasten zu entdecken.

Der Titel lautet "Und du bist nicht zurückgekommen", geschrieben von Marceline Loridan-Ivens. Die französischsprachige Autorin entschloss sich 2015 im Alter von 87 Jahren, ihre Geschichte niederzuschreiben, das Buch sorgte daraufhin für viel Bewegung in Frankreich, auch hier löste es viel aus, gab Denkanstöße.
Es handelt sich bei den 111 Seiten um einen Brief von Marceline an ihren Vater, mit dem sie im März des Jahres 1944 deportiert wurde. Sie nach Birkenau, er nach Auschwitz. Mittlerweile trennt nur ein Bindestrich beide Lager, für die damals 15 Jahre alte Marceline schien ihr Vater jedoch unerreichbar. Bis er es schaffte, ihr über einen Boten einen Brief zukommen zu lassen, dessen Inhalt Marceline jedoch sofort vergaß, nachdem sie ihn las. Ihr ganzes Leben versucht sie, sich an seine Worte zu erinnern. „Mein liebes kleines Mädchen“, das, die Anrede ist ihr geblieben. Doch sie weiß, dass dieser Brief ihr damals Mut und Kraft gegeben hat und sie beschließt ihrem Vater nun, siebzig Jahre später zu antworten. In dem Wissen, dass dieser ihre Worte nie lesen wird.

Marceline erzählt von ihrem Leben vor ihrer Deportation in Auschwitz, ihr Leben mit ihrer Familie, besonders ihrem Vater, der ihr viel beibrachte, eine große und wichtige Rolle für sie spielte. Dann schreibt sie über ihr Ankunft im Konzentrationslager, ihr zusammentreffen mit Mengele, wie sie von ihrem Vater getrennt wurde. Sie erzählte von ihrem Überleben, den Preis den sie bezahlte, schreibt von Freundschaften die sie schloss, aber auch von Freunden die sie verlor.

Loridan-Ivens nimmt den Leser mit, zeigt ihm Fragen zur Schuld auf, versucht sich selbst zu positionieren, ihre Schuld und Verantwortlichkeit zu finden in dieser Hölle.
Lange Zeit weiß sie nicht wie es ihrem Vater geht, ob er noch lebt oder wie lange noch.
"Du wirst zurückkommen, du bist noch jung". Dieser Satz ihres Vaters verfolgt sie, bis zu ihrer Befreiung, ihr ganzes Leben lang.
Denn Marceline skizziert auch die Zeit nach dem Kriegsende, als sie wieder zurück zu ihrer Familie gebracht wird. Die Enttäuschung, mit der sie empfangen wird, als sie ohne ihren Vater zurückkehrt.

„Meine Rückkehr ist Synonym für deine Abwesenheit“

Mit diesem Buch thematisiert Marceline auch, das unvorstellbare, das schwer beschreibbare zurückfinden in das Leben bevor Auschwitz. Psychisch und physisch ist sie stark geschwächt, gibt sich das Versprechen, keine Kinder zu bekommen, weil sie sie in eine solche Welt nicht setzen mag.
Ihre Familie versteht nicht was sie überlebt hat, versteht ihre Ängste und ihre Wünsche nicht. Statt in einem Bett, auf dem harten Boden schlafen zu wollen. Sie scheinen, als wollten sie gar nicht hören, was sie erleben und durchleiden musste, als wollten sie gar nicht verstehen. Und so bleibt ihr Vater, in seiner Abwesenheit ihr einzig Verbündeter, ihr Tröster, ihre Konstante und ihr Weg zurück ins Leben. Zumindest zu kleinen, möglichen Teilen.
Später zieht Marceline dann mit ihrem zweiten Ehemann um die Welt, um Dokumentarfilme zu drehen, ist die Erste, die in Auschwitz zu Veröffentlichungszwecken filmen darf. Und nun, mit 87 Jahren hat sie sich dazu entschlossen ihre und die Geschichte ihres geliebten Vaters aufzuschreiben, ihm endlich zu antworten auf den Brief, an dessen Inhalt sie sich bis heute nicht erinnern kann, aber das muss sie vielleicht auch nicht. Sein Brief, das Wissen, dass er dort draußen war und für sie und zusammen mit ihr um sein Überleben kämpft gaben ihr Kraft.

Ich komme mir vor als wäre es unpassend, ja sogar anmaßend ein solch persönliches Buch zu bewerten und auf seine Sprache hin zu untersuchen.
Aber eben diese hat sich wunderbar parallel zu dem wichtigen und gewichtigen Inhalt verhalten. In einer unfassbar poetischen und sensiblen Sprache erzählt die Autorin uns von ihren persönlichsten Empfindungen und schreibt Sätze, die noch lange nachhallen. Weil sie so subtil, aber dennoch wortgewandt etwas derart Wichtiges aussagen. Man möchte sich Textpassagen markieren und sie mit allen teilen.

Diese Poesie in ihrer Sprache lässt den Leser auf einer ganz tiefgreifenden Ebene teilhaben, an ihrem Schmerz aber auch an ihrer bedingungslosen Liebe zu ihrem Vater. Ein Buch, dass mich sehr traurig machte, aber auch Mut lehrt.
Deswegen spreche ich eine große, laute Leseempfehlung aus, denn dieses Buch ist wichtig, das spürt man in jeder Zeile. Ich habe es gelesen ohne es aus der Hand zu legen, habe gelacht und geweint und als ich es zuschlug, informierte ich mich stundenlang über Marceline, las Interviews die sie gab und schaute Filme, bei denen sie mitwirkte. Leider las ich bei dieser Recherche auch, dass Marceline Loridan-Ivens im September diesen Jahres verstarb. Doch in ihrem Wirken, ihrer Lebensgestaltung und ihren Hinterlassenschaften bleibt sie definitiv im Gedächtnis der Menschen.
Dieser Brief lehrt eine Episode der Geschichte, nicht indem er Fakten präsentiert, sondern ein ganz individuelles Schicksal. Das Buch zeigt die Grauen und Schrecken dieser Zeit auf, und das in einer wundervollen, intensiven Sprache, die berührt.


»Wir werden hier Kostüme haben«. Ich klebte die Wörter der Zivisilation auf das, was uns erwartete, ich zog es der Stummheit vor, die dich und alle anderen befallen hatte. Ich leistete bereits Widerstand.“


Danke, Lieber Suhrkamp Verlag, für das Verlegen eines so großartigen Buches und dafür, dass ich die Möglichkeit hatte diese großartige Autorin durch ein Rezensionsexemplar von euch zu entdecken, wieder zu entdecken.

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Tags: auschwitz, biografie, brief, holocaust, konzentrationslager, überleben   (6)
 

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Mit der Faust in die Welt schlagen

Lukas Rietzschel
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 07.09.2018
ISBN 9783550050664
Genre: Romane

Rezension:

Rezension „Mit der Faust in die Welt schlagen“


Die Geschichte von Lukas Rietzschel's Debüt beginnt im Jahre 2000, in einem Dorf in Sachsen.
Die zwei Brüder Tobias und Philipp wachsen in diesem trostlosen Dorf auf, die Zeit scheint still zu stehen, nichts passiert.
Alle hoffen auf die Zukunft, auf Änderung und Verbesserung, aber die kommt nicht.
Einmal im Jahr gibt es einen Rummel. Die Hinterlassenschaften der DDR, die kollektive Perspektivlosigkeit scheinen die Jugendlichen zu erdrücken.


Der Jüngere der beiden Brüder bewundert die Jungs, die im Auto vor der Schule sitzen - die Musik laut aufgedreht - und Eistee aus Tetrapaks trinken. Jeden Tag werden sie vom Schulgelände verscheucht, jedoch nur halbherzig, denn sie kommen immer wieder.
Mit denen einmal befreundet sein, erscheint dem unsicheren Jungen paradiesisch. Dass sie „Nazi-Musik“ hören, stört ihn nicht, dazugehören ist wichtig, wichtiger.


Beide Brüder wandern mehr und mehr rüber, in diese Kreise, werden eingespannt in diese toxischen Freundschaften, nehmen Teil an offiziellen Demonstrationen und inoffiziellen „Racheaktionen“.
Die Familie bietet keinen Halt mehr, hat sie eigentlich noch nie, die Liebe sowieso nicht.
Was bleibt, ist also der Freundeskreis, sie treffen sich im Bungalow, trinken, schmieden Pläne, hassen ganz intensiv alles was anders ist. Der Neid ist groß, ihre Eltern kümmern sich nicht und die "Sorben und Bonzen", später auch die Flüchtlinge würden ja alles bekommen.

Die Wut richtet sich gegen sorbische Jungen im Schwimmbad, gegen die Familie, die ein türkisches Mädchen adoptiert hat, gegen syrische Jugendliche beim Rummel.


Sie landen also, erst langsam, dann immer mehr und umfassender bei der Nazi-Truppe des Dorfes, dabei wollen die Brüder doch nur irgendwie ihrem Alltag entfliehen, der beherrscht wird von Tristesse.

Einer zieht sich in sich selbst zurück, der andere rutscht tiefer hinein in das Neonazi Milieu, radikalisiert sich scheinbar unbewusst. „Man muss ja etwas tun“, es „sei ja nur Spaß“ und niemand weiß wirklich was vor sich geht, Hauptsache man kann zusammen gegen etwas sein.

Als dann auch noch das alte Schulgebäude, der Ort an dem alles irgendwie noch in Ordnung war zu einer Unterkunft für Flüchtlinge werden soll, bricht der Hass aus.


Dieser Roman soll nicht erklären, wie „rechts“ funktioniert und warum es manche sind. Er erzählt die Geschichte eines einzelnen Schicksals.
Was den Erzählstil so besonders macht? Lukas Rietzschel lässt seine Figuren einfach geschehen, spannt keine Handlungen auf oder inszeniert Momente.
So muss er auch keine Empathie schaffen, für die Protagonisten, die man von der Kindheit an begleitet.

Oder für Menzel, den skrupellosen, brutalen Initiator dieser Gruppe, über dessen Hintergrund der Leser kaum etwas erfährt, nur über seine Taten.


Besonders ist auch der Satzbau, der mich anfangs etwas stocken lies.

In ganz abgehackten Sätzen, teilweise ohne Verb wird die Kindheit der Brüder geschildert. Die Sprache entwickelt sich jedoch mit wachsendem Alter der Zwei, sie bleibt zwar schmucklos und eher unaufgeregt, was es aber nicht unaufregend macht.

Denn durch ganz subtil gesetzte Symbole, wird bereits früh im Buch eine gewisse unterschwellige Spannung, eine Unruhe aufgebaut. Der Leser wartet darauf, dass sich diese entlädt, es zum Umbruch kommt, irgendwas muss passieren, das weiß man.
Das Ende ist weniger konkret als ich erwartet hatte, definitiv nicht geschlossen, doch lest selbst.


Als ich anfing, das Buch zu lesen, hatte ich die Handlung betreffend keine Erwartungen, einfach weil der Klappentext nicht viel verrät. Da viele Pressestimmen jedoch von einem hochaktuellen Buch sprechen und der Ort des Geschehens Sachsen, die erwähnte Emotion Wut ist, lag das Thema nahe.
Es handelt sich hierbei jedoch nicht um einen Versuch, zu erklären was einen Menschen zu einem Rechtsextremen werden lässt. Man findet hier keine Versuche einer Analyse, keine Verallgemeinerung. Vielmehr ist das Buch eine Art Studie, welche ein Leben, ein Schicksal begleitet. Das der zerrütteten Familie, ebenso das der Dorfbewohner, die sich im Stich gelassen fühlen und vor allem das der beiden Brüder.


Der Stil dieses Romans hat trotz der harten Thematik etwas sehr poetisches, die Tristesse des Dorfes ist fast greifbar, man hat durchgehend ein klares Bild vor Augen.

In keinem Satz wird Rietzschel plakativ, er zeichnet psychologisch und literarisch ausgefeilt das Portrait einer gescheiterten Kindheit, eines gescheiterten Erwachsenwerdens.


Ein Dankeschön an den großartigen Ullstein Verlag, dafür, dass ich diesen wichtigen Roman als Rezensionsexemplar lesen durfte.

Ich freue mich auch schon sehr darauf, Lukas Rietzschel im nächsten Jahr auf seiner kleinen Reise durch Buchhandlungen selbst lesen hören zu können.

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Tags: lukas rietzschel, mit der faust in die welt schlagen, ullsteinverlag   (3)
 

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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Stimmen

Wolfgang Herrndorf
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Berlin, 25.09.2018
ISBN 9783737100571
Genre: Romane

Rezension:

Ich habe das Buch verschlungen, innerhalb eines Tages. Um mit dem Schreiben einer Rezension anzufangen, brauchte ich jedoch deutlich länger.
Einfach, weil ich nicht wusste, wie ich das Gelesene beschreiben oder sogar werten soll.

Das Buch "Stimmen" ist das letzte, das mit neuen Texten von Wolfgang Herrndorf erscheinen wird, weswegen dieses Projekt ein ganz besonderes ist. Marcus Gärtner und Cornelius Reiber haben einige seiner vielen unveröffentlichten oder bisher nur in einem Forum erschienenen Texte - in welchem er unter dem Pseudonym „Stimmen“ schrieb - zusammenfasst und ein letztes Sammelsurium entstehen lassen.


Besonders wichtig war bei diesem Projekt für alle Beteiligten, Herrndorfs letzten Wünsche und Äußerungen zur Bewahrung seines Nachlasses zu respektieren und nur Texte zu veröffentlichen, denen er selber zugestimmt hat, oder hätte. Er wollte nicht, dass unvollständige, unüberarbeitete Texte, solche mit denen er unzufrieden war nach seinem Tod erscheinen werden, weshalb er bereits zu Lebzeiten vieles digital und analog vernichtete.

Der Inhalt lässt sich nicht in einem Satz zusammenfassen, da es sich um eine Sammlung verschiedenster Texte handelt, bestenfalls die Themen: seine Kindheit, die Jugendjahre, Unsicherheit und die Literatur als Form der Kunst.

Der Erste Teil des Buches besteht aus Kurzgeschichten, manchmal ist nicht klar wo die Eine aufhört und die Nächste beginnt, ob sie in Zusammenhang miteinander stehen oder es sich nur um kleine Erinnerungsfragmente handelt.

Sie alle sind grandios, wer Herrndorf liest oder gelesen hat, weiß was ich meine, wenn ich von seiner Genialität und Grandiosität spreche.

Er hat einen ganz besonderen Stil, das Können bedeutungsschwere Momente und Schicksale mit unverwechselbarem Humor zu verbinden.
Die Tatsache, dass ich mir während ich das Buch las sehr viele Zitate heraus geschrieben habe, zeigt dies.
Auch das kleine Theaterstück und die Lyrik am Ende des Buches sind lesenswert, ich schätze an Herrndorf jedoch seine Erzählungen.
Sein Stil ist alterslos, damit meine ich sowohl, dass er auch in vielen Jahren noch gelesen und verstanden werden kann, als auch, dass der Leser das Alter des Autors nicht einschätzen kann. Das spricht, wie ich finde, immer für die schriftstellerische Qualität eines Autors.

Herrndorfs Stimme in diesen Glossen und Erzählungen ist satirisch, zynisch und wütend, fast durchgehend wirkt er unsicher. Dieser Unsicherheit begegnet er jedoch nicht mit Verzweiflung, sondern mit Sarkasmus, ein klein wenig Verachtung für sich und alle anderen, einem unverwechselbaren Humor und vielen Spielen mit der Sprache.

Voller Komik und Sehnsucht taucht er ein in seine Jugendjahre, entführt den Leser zu den Schauplätzen seiner Geschichte und versteht sich gut darin, Fiktion und Biographie miteinander zu verweben.


Aber auch, wenn man Herrndorf nicht kennt, ist dieses Buch ein guter Einstieg in seine Welt.

Doch das Lesen dieser bewegenden Texte, erinnert auch noch einmal schmerzlich daran, dass dieser Autor nie wieder einen seiner Gedanken zu Papier bringen wird, auch wenn seine Werke, wie der Untertitel lautet „bleiben sollten“.


Wenn ich könnte, würde ich hier unzählige Texte zitieren, da sie einfach gelesen werden müssen, ich verbleibe aber lieber mit dem Wunsch, dass mehr Menschen sich dieses grandiose Buch kaufen.

Eines muss dennoch sein:


Und ist es am Ende so, dass Kleinkinder und Literaturwissenschaftler die Einzigen sind, die zwischen Fiktion und Realität nicht recht unterscheiden können und es deshalb nennenswert finden?“


Lieber Rowohlt Verlag, Danke für die tolle Aufarbeitung eines so großartigen Autors, danke für den würdevollen Umgang mit seinem Nachlass und letzten Wünschen. Und natürlich danke dafür, dass ich dieses Buch als Rezensionsexemplar lesen durfte, ich habe es sehr genossen.

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