Leserpreis 2018

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27 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 15 Rezensionen

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Ich, Ophelia

Lisa Klein , Klaudia Ruschkowski
Flexibler Einband: 367 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 12.11.2018
ISBN 9783458363767
Genre: Romane

Rezension:

Zu Harry Potter und anderen modernen Helden der Literatur gibt es jede Menge Fanforen im Internet, deren Schreiberlinge sich parallele Handlungsstränge, Nebencharaktere und alternative Enden ausdenken, um beispielsweise ihre Lieblingsfiguren vor dem Tod zu retten. So ähnlich kommt mir auch „Ich, Ophelia“ vor – wie eine Art Fan-Fiction um Shakespeares Hamlet-Drama, verfasst von einem überzeugten Ophelia-Fan. Deren Schicksal in „Hamlet“ ist leider nicht allzu rosig, damit wird jedoch in diesem Buch gründlich aufgeräumt. Gut, an den „Fakten“ lässt sich mittlerweile – 400 Jahre nach Shakespeares Zeiten – nicht mehr allzuviel ändern: Hamlet, der versehentlich Ophelias Vater Polonius erdolcht hat, stirbt selbst im Kampf mit ihrem Bruder Laertes, der ebenfalls daran glauben muss, und auch Gertrud, ihre Arbeitgeberin, kommt tragisch ums Leben.

Es wäre also nur allzu verständlich, würde Ophelia nun selbst ins Wasser gehen, um sich das Leben zu nehmen. Doch wie hätte die Geschichte weitergehen können, wenn sie genau das nicht getan hätte? Diese Frage stellt Lisa Klein in ihrem Buch und beantwortet sie auf überraschende Weise. Zunächst lernen wir die junge Ophelia kennen, die wie ein Wildfang ohne Mutter nur bei ihrem Vater und Bruder aufwächst, aber zugleich eine gute Bildung genießt. Erst als sie von Königin Gertrud zur Hofdame gemacht wird, erhält sie eine klassische weibliche Ausbildung in Fächern wie Nähen und Sticken. Hamlet, den sie schon seit Kindertagen kennt, wird zu ihrer leidenschaftlichen Liebe, einer Liebe, bei der Wahn und Wirklichkeit zu verschwimmen beginnen und die von der Außenwelt nicht anerkannt wird.

In einer facettenreichen shakespearschen Sprache, die die Übersetzerin Klaudia Ruschkowski auch im Deutschen gut trifft, mit allerlei Verkleidungs- und Täuschungsgeschichten und den bekannten Charakteren aus „Hamlet“ erzählt die Autorin eine alternative Lebensgeschichte Ophelias, die leider nur zum Teil zu überzeugen vermag. Obwohl sie Ophelia als intelligentes, lebensfrohes Mädchen, bei ihrer Herrscherin beliebte Hofdame und passionierte Liebende schildert, weist die Handlung immer wieder logische Ungereimtheiten auf. Auch wenn mich die Ausgangsidee des Buches sehr angesprochen hat, war der Verlauf der Geschichte für mich nicht vollständig nachvollziehbar. Immerhin hat mir das Buch allerdings die Charaktere aus „Hamlet“ noch einmal deutlich ins Gedächtnis gerufen und hat insofern seine Zielsetzung als Fan-Fiction durchaus erfüllt!

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Tags: fan fiction, hamlet, scheintod, shakespeare, weibliche perspektive   (5)
 

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

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Die polyglotten Liebhaber

Lina Wolff , Stefan Pluschkat
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 04.10.2018
ISBN 9783455001433
Genre: Romane

Rezension:

Der neue Roman von Lina Wolff macht etwas ganz Erstaunliches: Er erzählt sich im Grunde selbst. Aus der Sicht dreier Figuren und in verschiedenen Konstellationen von Liebe und Abneigung wird die Geschichte eines Manuskripts namens „Die polyglotten Liebhaber“ erzählt – seiner Entstehung, aber auch der unvorhersehbaren Wendungen, die es im Laufe der Zeit erlebt. Die Personen, die darin vorkommen, lernen wir aus ihrer jeweiligen Perspektive kennen: die 40-jährige südschwedische Hobbykämpferin Ellinor, den Mittfünfziger Max, einen polyglotten Autor auf der Suche nach einer Frau, die mit seinem Kosmopolitismus mithalten kann, und die unscheinbare Lucrezia, mittellose Nachfahrin einer italienischen Adelsfamilie. Dazu gesellen sich noch so schräge Charaktere wie ein übergewichtiger Literaturkritiker, ein blindes Medium und eine suizidale Rezeptionistin.

Der teilweise sehr poetische, teilweise recht derbe Stil enthält sowohl zahlreiche literarische Bezüge als auch üble Beschimpfungen, wobei ein Ausdruck, der eigentlich wie eine ordinäre Beleidigung klingt, sich unerwarteterweise auch mal als italienische Liebeserklärung entpuppt. In der zirkulären Geschichte geht es um Beziehungen zwischen Männern, die Frauen gelegentlich auf houellebecqsche Art heruntermachen (O-Ton einer Figur über eine Mitarbeiterin: „alter, gestrandeter Pottwal“), und Frauen, die sich auf ihre ganz eigene Weise zu wehren wissen. Die Unterschiedlichkeit der aufeinandertreffenden Figuren führt mitunter zu recht robusten Zusammenstößen zwischen ihnen, aber auch zu manch komischer Situation. Die dritte Hauptrolle spielt die Sprache selbst: So wimmelt es nur so von herrlichen Sätzen wie „Das Gedicht war überragend mies“, „Er saß still in seinem Sessel wie ein punktiertes Soufflé“ oder „Die innere Ruhe, die im Idealfall so kerzengerade wie ein Schnurlot in einem hinabbaumelt, war in meinem Fall ein verheddertes Knäuel“, aber auch von englischen, französischen, italienischen und spanischen Zitaten.

Mich hat das Buch wirklich in seinen Bann gezogen. Es hat sowohl etwas Urschwedisches, da es teilweise in Schonen und bei Stockholm spielt, als auch etwas sehr Internationales - mehrere Passagen sind in Rom und in den Marken angesiedelt, worin sich sicherlich auch die Lebensgeschichte der Autorin widerspiegelt, die selbst zweieinhalb Jahre in Italien gelebt hat. Die nuancierte Übersetzung von Stefan Pluschkat, die mit so hübschen Wörtern wie plemplem, futsch oder schnieke aufwartet, liest sich wunderbar flüssig. Ein anspruchsvolles, mitreißendes Buch, das Lust aufs Lesen macht – nicht zuletzt, weil eine passionierte Leserin darin vorkommt – und das einem trotz allem zwischenmenschlichen Konfliktpotential Hoffnung schenkt!

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Tags: italienische marken, kampfclub, literaturkritiker, rache der frauen, schonen, sehnsucht, stockholm, verfluchter schriftsteller   (8)
 

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21 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 13 Rezensionen

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Mord auf der Donau

Beate Maly
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Emons Verlag, 11.10.2018
ISBN 9783740804565
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Bei „Mord auf der Donau“ handelt es sich um den dritten Band einer Krimiserie der Wiener Autorin Beaty Maly um die ehemalige Lateinlehrerin Ernestine und ihren Freund Anton, Apotheker im Ruhestand. Ich kannte die bisherigen zwei Bände allerdings nicht und konnte der Geschichte trotzdem gut folgen.

Infolge glücklicher Umstände – auch wenn Anton das im Laufe der Fahrt etwas anders zu sehen beginnt – dürfen die beiden Protagonisten an einer Donaukreuzfahrt von Wien nach Budapest teilnehmen, auf der auch „Das Cabinet des Dr. Caligari“ ausgestrahlt wird. Trotz des charmanten Ambientes und allerlei illustrer Gäste an Bord kommt es auf der Fahrt erst zu einem, dann zu einem zweiten Mord. Die unerschrockene Ernestine und ihr Begleiter lassen sich von den Selbstdarstellungen der Gäste nicht blenden und versuchen, dem Mörder auf die Schliche zu kommen …

In einem leicht zu lesenden, mit einigen österreichischen Dialektpassagen durchsetzten Stil lässt die Autorin ihre Leser sowohl an der Flusskreuzfahrt als auch an Ausflügen nach Budapest sowie durch die Straßen Wiens teilnehmen. Auch die damals gerade aktuellen Theorien Sigmund Freuds kommen zur Sprache, stehen aber im Kontrast zur tatsächlichen Realität in einer Nervenheilanstalt. Der Stil ist mitunter etwas touristisch, doch die regelmäßigen kulinarischen Schmankerl haben es mir angetan: Mal werden auf der Budapester Kettenbrücke kandierte Veilchen erstanden, dann gibt es an Bord Szegediner Fischsuppe oder im Café Gerbeaud Esterházytorte … hmmm! Allerdings kommen auch tragische Ereignisse zur Sprache, so der lange verbreitete Missbrauch von Dienstmädchen durch ihre wohlhabenden Herrschaften und die katastrophalen Folgen. Ein historischer Fall von #MeToo, der letztlich auch den tragischen Geschehnissen an Bord der „Jupiter“ zu Grunde liegt … Ein historischer Krimi mit Atmosphäre und Sozialkritik an den damaligen Verhältnissen – passt wunderbar zu einer Melange und einem feinen Stück österreichisch-ungarischer Konditoreikunst!


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Tags: 1920er jahre, budapest, café gerbeaud, das cabinet des dr. caligari, donaudampfer, krimi, österreich, puszta   (8)
 

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29 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

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Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt

Maya Angelou , Harry Oberländer
Flexibler Einband: 321 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.09.2018
ISBN 9783518468975
Genre: Biografien

Rezension:

Marguerite, genannt Maya, deren Eltern sich früh getrennt haben, wächst in den 1930er Jahren zusammen mit ihrem Bruder Bailey im Krämerladen ihrer Großmutter am Rande einer Baumwollplantage in Arkansas auf. Obwohl sie nicht zur ärmsten Bevölkerungsschicht der Baumwollpflücker gehören, erlebt sie die volle Realität der Segregation mit. So muss nach der angeblichen „Vergewaltigung“ einer weißen Frau durch einen Afroamerikaner in der Nähe ihr Onkel einmal eine ganze Nacht in der Kartoffelkiste verbringen aus Angst vor Lynchjustiz. Der hymnische schwarze Gottesdienst wird geschildert, mit teilweise grotesken Erweckungserlebnissen vor dem Altar des Predigers, die bei den Kindern für wochenlange Lachanfälle sorgen. Aber auch die harte Arbeit, die schon die Kinder leisten, das disziplinierte Lernen und die Unterordnung gegenüber der weißen, meist eher aus der Ferne erlebten Bevölkerung werden anschaulich geschildert. Von krassen persönlichen Gewalterfahrungen über eine Aussteigerzeit auf einem Schrottplatz in Kalifornien bis hin zum Erlebnis, Mutter zu werden, umfasst das Buch die ersten sechzehn ereignisreichen Lebensjahre der afroamerikanischen Bürgerrechtlerin Maya Angelou.


Dieser erste Teil ihrer Autobiographie erschien zuerst 1969 in den USA und wurde von James Baldwin als epochal gefeiert. Angelous Stil umfasst viele Facetten - von der Unbefangenheit des kleinen Kindes, das vom Respekt gegenüber seiner Momma geprägt ist, bis hin zum Gedankenfluss einer traumatisierten Jugendlichen, die schon viel zu früh mit Gewalt in Berührung kommt. Idyllische Szenen, wie beispielsweise während der Radioübertragung eines schwarz-weißen Boxkampfs im Laden, wechseln sich mit Diskriminierungs- und Außenseitererfahrungen ab. Musikalische und literarische Zitate, ein mitreißender Rhythmus sowie zahlreiche urkomische Szenen sorgen für großen Lesegenuss. Dem Übersetzer Harry Oberländer gelingt es, den Klang der Sprache auch im Deutschen überzeugend rüberzubringen. Eine faszinierende Frau, ein fantastisches Buch!

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Tags: afroamerikanerin, autobiographie, baumwollplantage und krämerladen, metoo, mutterschaft, san francisco, schwarze kindheit während der rassentrennung, stamps, arkansas   (8)
 

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21 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

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Madame Moneypenny: Wie Frauen ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen können

Natascha Wegelin
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 21.08.2018
ISBN 9783499633744
Genre: Sachbücher

Rezension:

Natascha Wegelin ist Unternehmerin und betreibt einen Finanzblog für Frauen. „Madame Moneypenny“ ist nun das Buch zum Blog, in dem sie Frauen Tipps gibt, wie sie ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen können. Ausgehend von einem Gespräch bei einer familiären Grillparty beschreibt sie, warum Frauen häufig schlechter informiert sind, was das Thema Geld angeht, und entwirft einen Schritt-für-Schritt-Plan hin zur finanziellen Unabhängigkeit. Vom Thema Rentenlücke über Schuldenabbau bis hin zur persönlichen Investitionsstrategie kommen dabei verschiedene wirtschaftliche Aspekte zur Sprache, verbunden mit praktischen Aufgaben für die Leserin, um die eigenen Finanzen in den Griff zu bekommen.

Der Ratgeber ist ansprechend und motivierend geschrieben und enthält ein kleines Glossar sowie Hinweise auf andere Produkte wie Online-Kurse und ein Finanzjournal der Autorin, aber auch auf weitergehende Literatur und Blogs. In fünf Kapiteln werden grundlegende Konzepte zum Schuldenab- und Vermögensaufbau vorgestellt und mit konkreten Challenges für die Leserinnen verbunden. Am Kapitelende steht jeweils ein Interview mit einer Frau aus der Madame-Moneypenny-Community, in dem anschaulich über individuelle finanzielle Transformationen berichtet wird. Sehr empfehlenswert für alle, die mit dem Thema Geld hadern und sich in dieser Hinsicht mehr Durchblick und Selbstbestimmtheit wünschen!

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Tags: anlagestrategie, finanzielle selbstbestimmtheit, frauen, geld, langfristiger vermögensaufbau, motivation, ratgeber, rentenlücke   (8)
 

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174 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 58 Rezensionen

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Mädchen aus dem Moor

S. K. Tremayne , Susanne Wallbaum
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 03.09.2018
ISBN 9783426522486
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Da ich als Jugendliche mal einen Ausflug ins Dartmoor gemacht habe, war ich sehr gespannt auf S.K. Tremaynes Psychothriller „Mädchen aus dem Moor“ (im Original: „Just Before I Died“, übersetzt von Susanne Wallbaum), der in dieser Gegend spielt. Die studierte Archäologin Kath arbeitet beim Tourismusbüro des Nationalparks, ihr Mann Adam ist Ranger im Park und ihre Tochter Lyla, ein echter Wildfang, weist typische Asperger-Symptome auf, was ihre Eltern jedoch nicht offiziell diagnostizieren lassen wollen. Nach einem Unfall, bei dem Kath beinahe in einem See ertrunken wäre, ist jedoch nichts mehr wie zuvor: Adam ist sauer auf sie, Lyla scheint sich Sorgen um ihre Mutter zu machen und Kaths Erinnerungen sind durcheinandergeraten wie einst der Haushalt ihrer verstorbenen Hippie-Mutter Penny.

Als Kath mitgeteilt wird, ihr Sturz in den See sei kein Unfall, sondern ein Selbstmordversuch gewesen, gerät ihr Selbstbild komplett ins Wanken und sie setzt alles daran, herauszufinden, was sie zu diesem Schritt bewogen haben könnte. Zugleich kommt es in ihrer Umgebung zu unheimlichen Vorfällen: Auf der Fensterbank ihres Büros liegen plötzlich Hexensteine, die gegen den bösen Blick wirken sollen, Lyla sieht gelegentlich einen Mann im Wald, der sie zu beobachten scheint, und Kath findet Muster aus toten Tieren und persönlichen Gegenständen von ihr selbst im Moor. Nach und nach kehren, ausgelöst von Gerüchen oder Orten, ihre Erinnerungen zurück und sie beginnt, sich ein Bild vom Tag ihres vermeintlichen Unfalls zu machen ...

Der Gruselfaktor des Buchs ist ziemlich hoch, zumal sich der Autor lokaler Sagen und Legenden bedient, um seinen Stoff zu unterfüttern, zum Beispiel der Geschichte von der Selbstmörderin Kitty Jay. Die Perspektive wechselt von der Ich-Erzählerin Kath, die im Präsens erzählt wird, hin zur Erzählsituation anderer Protagonisten in der 3. Person, die kurioserweise in der Vergangenheit erzählt werden. Kaths retrograde Amnesie bietet einen guten Aufhänger, um die Spannung nach und nach aufzubauen, und Lylas besondere Fähigkeiten als Asperger-Kind bringen die Geschichte an einigen Punkten auf ungewöhnliche Weise voran. Die Landschaften des Dartmoors mit seinen Tors, Steinkreisen und Moorlandschaften werden großartig beschrieben, wobei das Buch wegen seiner düsteren Passagen als Reiseführer wohl nur begrenzt geeignet ist. Als spannende Herbstlektüre für dunkle Stunden bei einem englischen Tee kann ich es hingegen uneingeschränkt empfehlen!

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Tags: asperger-syndrom, dartmoor, hag stones, legende von kitty jay, möglicher selbstmordversuch, nationalpark, psychothriller, retrograde amnesie   (8)
 

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53 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 31 Rezensionen

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Mein wunderbarer Küstenchor

Janne Mommsen
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 24.07.2018
ISBN 9783499274442
Genre: Romane

Rezension:

Britta ist eine Frau im besten Alter, lebt im beschaulichen Klütz an der mecklenburgischen Ostseeküste und ist leidenschaftliche Chorsängerin. Als kurzfristig der Dirigent ihres heißgeliebten Dorfchors wegzieht und sich partout kein Nachfolger finden lässt, steht plötzlich die Existenz des ganzen Chores auf dem Spiel. Zufälligerweise lernt sie genau in diesem Moment einen Pianisten von der Lübecker Musikhochschule kennen, der sich nicht nur als Klavierbegleiter für die Chorproben anbietet, sondern in Britta auch noch ein echtes Talent zum Dirigieren erkennt. Als Gasthörerin nimmt sie an einem Dirigierkurs teil und wächst über sich hinaus, um den Chor und eine geplante Chorreise nach Finnland zu retten.

„ Mein wunderbarer Küstenchor“ lässt sich locker-flockig lesen und vermittelt eine wunderbar anheimelnde norddeutsche Atmosphäre … von der Regenjacke mit Gummistiefeln bis zu kleinen Platteinsprengseln ist alles dabei. Typische Laienchorprobleme wie der ständige Männermangel kommen ebenso darin vor wie bewegende musikalische Momente im Krankenhaus oder beim Kindskiek bei einem neugeborenen Baby. Von Profimusikern über Trucker bis hin zu finnischen Rentierfellvertretern setzt sich das das Personal bunt zusammen, und bei den Liedern, die vom Chor – in einem übrigens sehr eleganten Schloss – geprobt werden, ist der ein oder andere Ohrwurm dabei, der sich auch schon beim Lesen überträgt.

Da sich die Emotionen jedoch nicht nur auf die Liedtexte beschränken, sondern auch in den Beziehungen der Chormitglieder untereinander eine große Rolle spielen, enthält das Buch durchaus eine gehörige Portion Herzschmerz, aber auch viele humorvolle Szenen. Unbedingt empfehlenswert für alle Chorsängerinnen und Liebhaber von Chormusik sowie solche, die es noch werden wollen!

  (72)
Tags: chorgesang, dirigieren, dorfgemeinschaft, freundschaft, liebe, mecklenburg, ohrwurm, ostsee   (8)
 

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37 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 22 Rezensionen

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Miss Olivia und der Geschmack von Gin

Catherine Miller , Barbara Steckhan , Katharina Förs
Flexibler Einband: 326 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 13.08.2018
ISBN 9783458363491
Genre: Romane

Rezension:

Miss Olivia ist eigentlich eine Misses, da sie schon einmal verheiratet war und nun als Witwe allein in Cornwall lebt. Vor kurzem ist sie, auf Anraten ihres Sohnes, aber auch aus eigenem Antrieb, in eine Seniorenresidenz gezogen und kämpft nun damit, sich dort einzuleben. Besonders machen ihr dabei die strikten Anwesenheitsvorschriften des Heims zu schaffen, da sie außerdem Eigentümerin einer kleinen Hütte ein Stück den Strand hinunter ist, wo sie sich besonders gern aufhält, entweder um frühmorgens nackt zu schwimmen oder um mit ihren Nachbarn zu plaudern und Sandwiches zu essen oder – und dies am liebsten abends – verschiedene Gin-Spezialitäten zu verkosten.

Nachdem sie sich zusammen mit zwei neuen Freunden und ebenso renitenten Geistern aus der Residenz das ein oder andere Mal heimlich weggestohlen und einen Ginhüttenclub am Strand gegründet hat, kommt es, wie es kommen muss: Sie und die überaus strenge Hausmutter geraten aneinander. Auch ihr Sohn Richard, der ab und zu aus London zu Besuch kommt und sich sehr um ihre Sicherheit sorgt, ist ihr in dieser Hinsicht leider keine große Hilfe. Infolge dessen igelt sie sich ein und verliert ihre überschäumende Lebensfreude, die bislang ihr Markenzeichen war. Eine kriminalistische Spurensuche im Seniorenheim, die Gründung einer offiziellen Gin-Hütten-Bar und die persönliche Aufarbeitung eines familiären Traumas in der Beziehung zu Richard kulminieren in einem spannenden Showdown, der bis aufs Dach des Heims führt.

In locker-leichter, humorvoller Sprache gelingt es Autorin und Übersetzerin, den Leser am Leben von Olivia teilnehmen zu lassen. Schon nach den ersten Seiten hat man sofort selbst Lust auf Gin, Strand und Baden. Ihre Lebenslust und ihr wacher Widerstandsgeist wirken absolut ansteckend und so lassen sich die Seiten flott lesen. Eine unterhaltsame Lektüre für Gin-Liebhaber und solche, die es werden wollen!

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Tags: cornwall, familientrauma, gin, nacktbaden, rüstig-rebellische rentnerin, seniorenresidenz, strandhütte, widerstandsgeist   (8)
 

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362 Bibliotheken, 22 Leser, 1 Gruppe, 105 Rezensionen

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Vox

Christina Dalcher , Marion Balkenhol , Susanne Aeckerle
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 15.08.2018
ISBN 9783103974072
Genre: Romane

Rezension:

Jean ist eine gestandene Frau, kognitive Linguistin, verheiratet und Mutter von vier Kindern. Seit in den USA, wo sie lebt, Frauen allerdings nur noch 100 Wörter am Tag sprechen dürfen, nicht mehr arbeiten und kaum mehr am öffentlichen Leben teilnehmen dürfen, hat sich ihr Leben und das ihrer kleinen Tochter von Grund auf verändert. Bei Übertreten dieser Anzahl sondert ein Wortzähler am Handgelenk Stromstöße ab. Die staatlichen Polizei- und Sicherheitsdienste sorgen für die Einhaltung religiöser Normen, wie zum Beispiel der Monogamie - interessanterweise werden bei Regelbrüchen allerdings nur die Frauen bestraft. Das Verhältnis zu ihrem Mann Patrick ist angespannt: Einerseits führen sie eine vertraute Beziehung und er unterstützt sie, andererseits ist ihnen die Leidenschaft nach langen Ehejahren und unter den schwierigen neuen Bedingungen der ziemlich abhanden gekommen.

Als Jean für ein Forschungsprojekt der Regierung ausnahmsweise wieder zusammen mit ihrem früheren Team zu einer Forschung an ihrem früheren Kernthema Wernicke-Aphasie (der Verlust der Bedeutung der Wörter) herangezogen wird, beginnen aufregende Tage für sie. Da ihr Wissen gebraucht wird, hat sie eine gewisse Macht gegenüber den regierenden Machos, weiß jedoch, dass diese nur so lange andauern wird, bis sie das von ihr geforderte Anti-Wernicke-Serum gefunden hat. Eine frühere Liebesgeschichte zu ihrem Kollegen Lorenzo flammt wieder auf, und als sie feststellt, dass sie von ihm schwanger ist, spitzt sich die Situtation zu. 

Die originelle Ausgangsidee der begrenzten täglichen Wörterzahl verarbeitet Christina Dalcher hier zu einem packenden Roman, der Elemente einer Liebesgeschichte, eines Wissenschaftskrimis und einer Widerstandserzählung enthält. Neben der feministischen Bewegung geht es um religiösen Fundamentalismus, kognitive Linguistik, Laborexperimente und subversives Handeln, mit zahlreichen aktuellen Bezügen. Trotz ihres Umfangs von 400 Seiten wird die Geschichte in einem schnellen Tempo erzählt. Während man Interessantes über die Wernicke-Aphasie lernt, sind andere wissenschaftliche Fakten, zum Beispiel über bestimmte Blickrichtungen als Hinweis aufs Lügen, leider weniger erhärtet. Aus weiblicher Sicht ist das ultrasexistische Verhalten mancher Männer im Buch nur schwer zu ertragen; in diesem Sinn ist es sicherlich dystopisch. Auch macht es einem eine Wendung in der Mitte des Buchs nicht ganz leicht, Jeans private Lebensentscheidungen nachvollziehen, so dass sie nicht zur strahlenden Heldin taugt, und das Ende wirkt ziemlich konstruiert. Insgesamt bietet das Buch aber ein spannendes Leseerlebnis, das einen dazu animiert, seine Stimme zu erheben und die eigenen unbegrenzten Wörter voll auszukosten!

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Tags: 100 wörter, kognitive linguistik, patriarchatsdystopie, religiöser fundamentalismus, sprache und macht, unterdrückung von frauen, wernicke-aphasie, widerstand   (8)
 

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51 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 29 Rezensionen

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Warum ich trotzdem an Happy Ends glaube

Alessia Gazzola , Renée Legrand
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Thiele & Brandstätter Verlag, 01.08.2018
ISBN 9783851794076
Genre: Romane

Rezension:

Emma de Tessent ist 30, kürzlich von ihrer verheirateten Langzeitaffäre getrennt und lebt als schlecht bezahlte Dauerfilmpraktikantin noch bei ihrer Mutter in Rom. Trotz der widrigen Umstände und dem jahrelangen Ausgenutztwerden zeichnet sie eine besondere Fähigkeit zum Träumen aus. Sie träumt von der Verfilmung ihres Lieblingsbuchs, mit dessen Autor Tameyoshi Tessai sie diskret befreundet ist, von einer Glyzinienvilla am Stadtrand und von einer festen Stelle. In der Realität sieht ihre Lage jedoch ziemlich anders aus, und als sie schließlich sogar ihre Praktikumsstelle verliert und dann auch noch ein höllisch fieses Vorstellungsgespräch über sich ergehen lassen muss, ist sie am Ende ihres Lateins. Dank einer liebenswerten älteren Dame, in deren Kindermodengeschäft sie ein Nähpraktikum absolviert, und einem Filmproduzenten, der trotz allem an sie glaubt, findet sie jedoch wieder zu sich und als sie sich plötzlich zwischen zwei Jobangeboten aus der Filmbranche entscheiden muss, nehmen die Dinge Fahrt auf …

Ein enger Familienzusammenhalt zu ihrer Mutter, Schwester und ihren zwei kleinen Nichten, einige Familiengeheimnisse und ein paar sehr menschliche Schwächen, zum Beispiel für englische Regency-Romane, lassen einem Emma ans Herz wachsen. Obwohl die Schriftstellerin Alessia Gazzola selbst ursprünglich aus Messina stammt, gelingt ihr dieser Rom-Roman sehr gut – die Perspektive wirkt wie die einer Einheimischen und vermeidet typische Klischees. Die einzelnen Kapitel sind originell übertitelt und haben eine angenehme Länge, so dass sich das Buch flott lesen lässt. Mir hat es gut gefallen und ich kann es insbesondere als Sommer- oder Urlaubslektüre empfehlen. Eine Geschichte, die auch hoffnungslosen Fällen Mut macht!

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Tags: an seine träume glauben, beziehungschaos, filmbranche, generation praktikum, italien, kindermode von hand nähen, rom, sommerlektüre   (8)
 

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72 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 33 Rezensionen

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Lempi, das heißt Liebe

Minna Rytisalo , Elina Kritzokat , Elina Kritzokat
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 23.07.2018
ISBN 9783446260047
Genre: Romane

Rezension:

Aus der Sicht dreier ihr nahestehender Menschen wird über Lempi erzählt, deren Name auf Altfinnisch Liebe bedeutet. Im lappländischen Rovaniemi wachsen sie und ihre Zwillingsschwester Sisko als Töchter eines Ladeninhabers auf. Sisko, die das größere Fremdsprachentalent hat, fängt an, als Schreibkraft für die Deutschen zu arbeiten, die Anfang der 40er Jahre als Waffenbruder gegen die Sowjetunion im Land sind. Dabei freundet sie sich mit Max, einem deutschen Wehrmachtsoffizier, an. Obwohl sich die Schwestern regelmäßig aus einem Buch über das Liebesleben in der Ehe vorlesen, hat die sieben Minuten ältere Lempi, die weiterhin im Laden des Vaters arbeitet, noch keinen Erfahrungen mit der Liebe. Um dies zu ändern, fordert ihre Schwester sie zu einem Spiel heraus, bei dem sich Lempi schließlich tatsächlich in den Bauern Viljami verliebt, der auf einem Hof weiter nördlich lebt. Er und Lempi heiraten und ziehen nach Pursuoja, zusammen mit der Magd Elli. Die Lebenswege der Schwestern, die bis dahin so eng miteinander verwoben waren, entwickeln sich auf einmal in völlig unterschiedliche Richtungen ...

In einer sinnlichen, betörenden Sprache lässt die lappländische Autorin Minna Rytisalo die Zeit des Zweiten Weltkriegs und danach in Nordfinnland lebendig werden. Aus drei unterschiedlichen Perspektiven – der von Viljami, der Magd Elli und von Lempis Schwester Sisko – wird Lempis Leben in Rovaniemi und auf dem Hof Pursuoja beschrieben. Viljami, der bald nach seiner Hochzeit in den Krieg musste, ist schwer kriegstraumatisiert, was die Autorin sehr gut darstellt. Auch die Erfahrungen von Sisko, die nach ihrer Rückkehr nach Finnland als „Deutschenhure“ behandelt wird, werden anschaulich vermittelt. Wunderbare Naturschilderungen lassen einen unmittelbar in die lappländische Landschaft mit ihren Mooren, Fichten, Preiselbeerbüschen und dem Harzduft ihrer Wälder eintauchen. Der Übersetzerin Elina Kritzokat gelingt es, die Sprache im Deutschen zugleich zeittypisch und poetisch klingen zu lassen, und in einem kurzen Nachwort ordnet sie das Geschehen historisch ein.

Eine intensive und dramatische Geschichte, die die wechselhaften Geschehnisse der damaligen Zeit widerspiegelt. Kein einfacher Stoff, aber eine unglaublich lohnende Lektüre!

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Tags: deutschenflittchen, deutsch-finnische waffenbruderschaft, kriegstrauma, lappländische natur, lapplandkrieg, liebe, zweiter weltkrieg, zwillinge   (8)
 

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dissidenten, georgien, gulag, hochachtungslos, kaukasus, sowjetunion

Heiliges Dunkel

Lewan Berdsenischwili , Christine Hengevoß
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Mitteldeutscher Verlag, 01.03.2018
ISBN 9783954629916
Genre: Romane

Rezension:

Der Altphilologe Lewan Bersenischwili gründete 1978 in Georgien zusammen mit seinem Bruder David und zwei weiteren Dissidenten die Republikanische Partei Georgiens; später, nach dem Zusammenbruch der UdSSR, wurden beide ins georgische Parlament gewählt. Da die Gründung einer Alternativpartei zur KPdSU in der Sowjetunion als „antisowjetische Agitation und Propaganda“ galt, verbrachte er von 1984 bis 1987 drei Jahre im Gulag, teilweise zusammen mit seinem Bruder. Ausgelöst durch einen Zusammenbruch auf einer Reise und eine Begegnung mit einer ebenfalls im DubrawLag - einem Sonderlager für politische Gefangene - geborenen Ärztin in den USA, erinnert er sich an die drei „besten Jahre seines Lebens“ und stellt in kurzen, pointierten Skizzen seine Mithäftlinge aus dieser Zeit vor.

Man lernt Zahlenkünstler kennen, Tüftler und Alltagsgenies, Fußballfans, Theaterliebhaber und vor allem viele sehr integre Menschen, über die er schreibt: „Nie wieder habe ich mich später unter Menschen befunden, die der KGB so sorgfältig ausgesucht hat.“ Neun Stunden täglich müssen die Häftlinge mit dem Nähen von Arbeitsfäustlingen verbringen, wofür sie mit virtuellem Geld bezahlt werden, das sie nur im Lagerladen „Larjok“ ausgeben oder für die Bestellung von Büchern verwenden dürfen. Nebenher wird viel diskutiert, Machorka geraucht, werden Sprachen unterrichtet und gelernt und es wird gelegentlich den Aufsehern eins ausgewischt, wenn nicht gerade eine mehrwöchige Isolationshaft zu verbüßen ist. Es geht um Weltliteratur von Rustaweli über Isaak Babel bis hin zu Anna Achmatowa ebenso wie um Dissidentenfolklore von Jewgeni Kljatschkin und Wladimir Wyssozki. Zur Unterhaltung organisieren die Häftlinge untereinander Erzählwettbewerbe und sokratische Dialoge, spielen Schach, Tischtennis oder Nardi. Lebensmittel werden über Monate gehortet, um sie dann zu entsprechend feierlichen Anlässen hervorzuholen, und das Teetrinken wird, mangels Alkohol im Lager, innerhalb der „christlichen Föderation der Völker des Südkaukasus“ schon mal mit ausgiebigen Trinksprüche zelebriert.

Ein ironisches, wehmütiges Buch an eine Zeit der Entbehrungen und Erniedrigungen, aber auch des bereichernden Austauschs mit außergewöhnlichen Weggefährten, die sich nach ihrer Zeit im Gulag bald in alle Himmelsrichtungen zerstreut haben. Dank der tollen Übersetzung von Christine Hengevoss und ihrer klugen Anmerkungen zu den kulturellen und zeitgeschichtlichen Hintergründen lässt sich das Buch auch dann sehr gut lesen, wenn man die Sowjetzeit nicht mehr (bewusst) miterlebt hat. Für mich war es eine sehr bereichernde, faszinierende und anregende Lektüre, die ich nur weiterempfehlen kann!


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Tags: antisowjetische agitation und propaganda, dissidenten, dubrawlag, georgien, gulag, hochachtungslos, kaukasus, sowjetunion   (8)
 

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Nur Gisela sang schöner

Dany R. Wood
Flexibler Einband: 342 Seiten
Erschienen bei Arturo Verlag, 28.04.2018
ISBN 9783981701647
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dany R. Wood stammt, wie man seinem Namen nicht anmerkt, aus dem Saarland und hat einen sehr saarländischen Dorfkrimi geschrieben. Im beschaulichen Hirschweiler scheint das Leben noch in Ordnung zu sein, die Dorfbewohner bereiten sich auf das Sommerfest der Kirchengemeinde vor und die größten Konflikte gibt es zwischen Eheleuten, mit Nachbarn und Schwiegermüttern. Da wird plötzlich Kirchenchorsängerin Beate, Nachbarin der Familie Backes, tot in der Badewanne aufgefunden. War es, wie ein Abschiedsbrief nahelegt, Selbstmord? Oder hat Inge, die Frau des ermittelnden Oberkommissars Jupp Backes, recht, die nicht an einen Suizid glaubt?

Zusammen mit Inge und seiner unternehmungslustigen Schwiegermutter Käthe begibt sich der joviale Jupp auf Täter(innen)suche – nicht immer mit den professionellsten oder modernsten Methoden. Zum Glück kennt im Saarland jeder jeden und Jupp seine Pappenheimer, so dass er auch gelegentlich zu unkonventionellen Mitteln greifen kann. Nebenher besuchen er und Inge noch eine Paartherapie, Wittnä Justen hat zwei kurze Auftritte und auch ein saarländischer Elvis-Imitator sorgt für Unterhaltung. Auch wenn einige Witze recht seicht daherkommen und man sich manchmal über die altmodischen Rollenbilder von Inge und Jupp wundert, ist der Text ganz flott und amüsant zu lesen. Im Laufe der Geschichte tauchen noch zwei weitere Leichen auf, beides ebenfalls Kirchenchorsängerinnen, es wird reichlich Saarländisch geschwätzt (z.B. die schöne Drohung „Dann tapp ich dir halt in die Hupp!“) und natürlich auch der Schwenkgrill angeschmissen.

Leider kann man bei der Tätersuche nicht miträtseln, dafür kommen gegen Ende noch zu viele neue Informationen ins Spiel. Die Atmosphäre ist sehr dörflich, zum Glück bringt jedoch die Berlin-Ausreißerin Käthe etwas großstädtisches Flair in die Familie. In teilweise recht derber, mündlicher Sprache und mit allerlei schrägen Figuren schafft es der Autor, die Dorfatmosphäre gut einzufangen und gelegentlich auch zu karikieren. Für Freunde von Regionalkrimis, Saarlandfans und Dialektliebhaber!

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Tags: dialekt, dorfkrimi, familienermittlungsteam, humor, kirchenchor, saarland, spischelschränksche, tödliches schaumbad   (8)
 

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Skandinavisches Viertel

Torsten Schulz
Fester Einband: 265 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 10.03.2018
ISBN 9783608981377
Genre: Romane

Rezension:

Matthias Weber arbeitet als Immobilienmakler im Skandinavischen Viertel Berlins, und zwar ausschließlich. Dort ist er aufgewachsen, mit diesen Straßen verbinden ihn Erinnerungen und alte Familiengeheimnisse, denen er selbst erst ganz allmählich auf die Spur kommt. Nachdem er zwischenzeitlich mehrere Jahre im Ausland gelebt hat, ist er zurückgekehrt und hat gesehen, was aus dem ehemaligen Grenzgebiet in unmittelbarer Mauernähe geworden ist: ein Hipsterviertel, in dem die Miet- und Immobilienpreise rasant steigen, während die Bindungen der Bewohner an ihren Kiez rapide abnehmen. Dem stemmt er sich entgegen, wie einst Sisyphos, an den er immer wieder denken muss, indem er bei der Vergabe von Immobilien versucht, die kleinen Leute mit einem persönlichen Bezug zur Gegend zu bevorzugen und reiche Spekulanten abblitzen zu lassen. Er nennt dies sein persönliches Spiel und ist schon seit Kindertagen ein begnadeter Erzähler selbst erlebter, vor allem aber ausgedachter Geschichten, aber auch ein einsamer Wolf, der viel mit sich selbst ausmacht.

Der Roman wechselt zwischen Matthias' Kindertagen im Prenzlauer Berg und der heutigen Zeit nach seiner Rückkehr in die Gegend. Während er sich früher vorgestellt hat, sämtliche Straßen im Viertel nach skandinavischen Orten zu benennen, wurden einige Straßen nach der Wende tatsächlich umbenannt. Nach und nach kommt er hinter verschiedene Geheimnisse innerhalb seiner Familie, die das Familienleben belastet haben – leider meist erst nach dem Tod der jeweiligen Personen. Obwohl er keine finanziellen Sorgen hat, ist er auch nicht gerade ein Gewinnertyp, denn trotz seines mittleren Alters und verschiedener amouröser Verstrickungen lebt er allein und empfindet seine Maklertätigkeit nicht als Beruf(ung), sondern bloß als Job.

Das Buch handelt nicht nur von der unaufhaltbaren Gentrifizierung Berlins, insbesondere des Prenzlauer Bergs, sondern auch vom Weggehen, Zurückkommen und Wiederaufbrechen. In dem Flanierroman folgt man dem Protagonisten nicht nur auf seinen Wegen durch echte und imaginäre Straßen im Nordischen Viertel, sondern auch durch Buenos Aires, Südafrika und Kalifornien, bis man schließlich in Helsinki landet und dort wiederum auf deutsche Straßennamen stößt. Es kommen Zirkusclowns darin vor, Trinkernasen, Stanniolpapierkunstwerke und ein unbegnadeter Trauerredner mit Föhnfrisur ebenso wie Eckkneipen mit selbstkreierten Namen wie Kummer-Eck oder Gute-Laune-Destille. Mir hat er viel über das Lebensgefühl in Ostberlin zu Vorwendezeiten vermittelt und ich habe ihn mit Gewinn gelesen!

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Tags: ddr, familiengeheimnisse, flaneur, gentrifizierung, immobilienmakler, kapitalismuskritik, ostberlin, sisyphos, straßenumbenennungen   (9)
 

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Der Weihnachtosaurus

Tom Fletcher , Franziska Gehm , Simon Jäger
Audio CD
Erschienen bei Der Audio Verlag, 13.10.2017
ISBN 9783742402394
Genre: Kinderbuch

Rezension:

William sitzt im Rollstuhl und lebt nach dem Tod seiner Mutter allein mit seinem weihnachtsliebenden Vater zusammen. Als eine neue Schülerin an seine Schule kommt und er sich ihr gegenüber ungeschickt verhält, wird er eines Tages plötzlich von seinen Klassenkameraden gehänselt und gemieden. Als großer Saurierfan wünscht er sich vom Weihnachtsmann einen Dino, weil er meint, dass all seine anderen Wünsche ohnehin unerfüllbar seien. Aufgrund einer Verkettung zufälliger Umstände hat am Nordpol in unmittelbarer Nachbarschaft des Weihnachtsmanns ein Dinosaurierei das Aussterben seiner Artgenossen überlebt und ist zu einem Weihnachtosaurus angewachsen … und so nimmt die abenteuerliche Geschichte um William, seinen Vater, den Weihnachtsmann, einen trophäenjagenden Jäger und Williams Mitschülerin Brenda ihren Lauf.

Eine weihnachtliche Geschichte für Groß und Klein, mit viel Lust am Fabulieren erzählt und sehr schön ins Deutsche übertragen von Franziska Gehm. Es geht ums Anderssein, um Familie, Freunde, Dinosaurier, Angst, Wünsche, Mut … und der ein oder andere reimende Weihnachtswichtel kommt auch drin vor. Sehr empfehlenswert und toll vorgelesen von Simon Schäfer! Wo bekommt man bloß so eine zauberhafte zweizonal zoomende Zuckerstange her, um auch mal beim Weihnachtsmann vorbeizuschauen?

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Tags: dinosaurier, familiengeheimnisse, hörbuch, kinderbuch, rentiere, rollstuhl, weihnachten, weihnachtsmann   (8)
 

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Kirchberg

Verena Boos
Fester Einband: 366 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 15.09.2017
ISBN 9783351036904
Genre: Romane

Rezension:

Der Roman kreist um Hanna, eine Heimkehrerin, die nach einem weitgereisten Leben, einer unglücklichen Liebesgeschichte und einem Schlaganfall heimkehrt in das Dorf ihrer Großeltern. Bei denen wuchs sie als uneheliches Kind, deren Mutter nichts von ihr wissen wollte, auf. In schlaglichtartigen Ausschnitten ihres Lebens und Nachlebens von ihrer Geburt 1974 an in zehnjährigen Abständen bis zum Jahr 2024 lernen wir sie und ihr Umfeld kennen und erfahren, wie es sich anfühlt, halbseitig gelähmt und sprachlich stark eingeschränkt zu sein. Obwohl sie in ihrem Beruf als Literaturwissenschaftlerin weit herumgekommen ist, fühlt sie sich ihrem Heimatort Kirchberg und dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist, nach wie vor eng verbunden. Trotz – oder wegen – ihrer Einschränkungen lässt sie eine neue Nähe zu alten und neuen Freunden zu und erfährt, was es heißt, sich als Hilflose helfen zu lassen und zu vertrauen.

An dem Roman habe ich lange gelesen, weil ich mir Zeit für ihn nehmen wollte; er hat mich ziemlich beschäftigt. Besonders gut haben mir die süddeutschen Ausdrücke wie Käpsele, Häs oder Kruscht gefallen, mit denen der Text gesprenkelt ist, ebenso wie mit italienischen Ausdrücken. Auch der abgehackte Stil gegen Ende, wo Verena zeitweilig ihre Fassung und ihre Sprache verliert, hat mich ziemlich beeindruckt. Die Kindheitserinnerungen, die unglückliche Liebe, aber auch die Liebesfreundschaft zu Patrizio fand ich wunderbar geschildert. Und nicht zuletzt ist das Buch von viel Musik durchzogen - von Saxophonimprovisationen zu mittelalterlichen Totengesängen bis hin zu italienischen Schlagern und Rocksongs.

Eine lohnenswerte und beglückende Lektüre über eine Frau, ein Haus und ein Dorf mit Geschichte!


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Tags: freundschaft, italiener in deutschland, kindheitserinnerungen, liebe, musik, schlaganfall, schwäbisch, verlorene sprache   (8)
 

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Turtles All the Way Down

John Green
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Penguin, 10.10.2017
ISBN 9780241335437
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Aza ist 16 und geht auf die White River High School in Indianapolis. Dort gehört sie zwar nicht zu den angesagtesten Schülerinnen, hat jedoch eine Freundin, auf die sie sich verlassen kann: Daisy. Als diese Wind bekommt von einer $ 100.000-Belohnung, die für das Auffinden eines korrupten Milliardärs ausgesetzt ist, machen sich die beiden auf, Näheres über das Verschwinden von Russell Pickett herauszufinden, der zufällig der Vater eines Kinderfreunds von Aza ist. Die Wiederbegegnung mit seinem Sohn Davis löst neue Gefühle in Aza aus, die unter einer Zwangsstörung leidet. Sie hat die Phobie, an einer bakteriellen Infektion zu erkranken, und wird immer wieder in unendliche Gedankenspiralen hineingezogen, so dass sie die Welt um sie herum kaum mehr wahrnimmt.


Während Aza und Davis sich annähern, kommen sie und Daisy einem polizeilich unbekannten Hinweis zum Verschwinden von Davis' Vater auf die Spur. Um zu vermeiden, dass die beiden zur Polizei gehen, gibt Davis Aza selbst $ 100.000 aus der Kaffeekasse seines Vaters. Aza teilt das Geld gerecht mit Daisy, die selbst in einer Restaurantkette arbeitet und aus einer weniger begüterten Familie stammt. Parallel leiden wir mit Aza, deren innere Monologe sie manchmal zu überrollen scheinen, lernen Tua, das Tuataraweibchen kennen, nehmen an Therapiesitzungen mit Dr. Singh teil und erfahren von Azas verstorbenem Vater.


John Green vermag es geschickt, echte und virtuelle Begegnungen seiner Protagonisten abzuwechseln – die Protagonisten begegnen sich sowohl im wirklichen Leben an der High School und bei Applebee's als auch über Smartphone-Textnachrichten und im Netz auf Blogs und in Fan Fiction-Foren. Dabei schöpft er aus einem umfangreichen Register an Ausdrucksmöglichkeiten: einerseits einer sehr umgangssprachlichen Ausdrucksweise mit Abkürzungen wie IRL und BTW, anderseits einer Reihe smarter Zitate in Davis' Blog. Von Aza lässt sich sehr viel über Mikrobiologie lernen, während Daisy ein Star Wars-Fan ist und Davis sich super mit Sternenkonstellationen auskennt. Bei einer guerillamäßigen Kunstausstellung von Daisys Freund Mychal im Abwassersystem von Indianapolis kommen die beiden Mädchen schließlich dem Grund des Verschwindens von Mr. Pickett auf die Spur.


Azas Liebe zu Davis scheitert letztlich an ihrem Unvermögen, sich aus ihren Gedankenspiralen zu befreien und näheren körperlichen Kontakt zuzulassen. Dennoch sind sich die beiden sehr nah gekommen, was sowohl für den kontaktscheuen Milliardärssohn wie auch für das zwangsgestörte Mädchen unglaublich bedeutsam ist. Ihre Freundschaft zu Daisy wird auf eine harte Probe gestellt, als sich Aza in den Fan Fiction-Geschichten wiedererkennt und bloßgestellt fühlt. Nach einem dramatischen Streit, der zu einem Autounfall führt, versöhnen sich die beiden jedoch wieder und lernen zu schätzen, was sie aneinander haben.


Ein packender, nicht ganz ekelfreier Roman über ein außergewöhnliches Thema, nach dem man sich selbst die Frage stellt, ob wir nicht alle ein bisschen fiktional sind?

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Tags: $ 100.000, arm & reich, detektivische suche, erste liebe, fan fiction, freundschaft, halbwaisen, indianapolis, mikrobiologie, psychotherapie, sternbilder, tuatara, zwangsstörung   (13)
 

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Bret Easton Ellis und die anderen Hunde

Lina Wolff , Stefan Pluschkat
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Tempo, 18.07.2017
ISBN 9783455001075
Genre: Romane

Rezension:

Die schwedische Schriftstellerin Lina Wolff hat einen katalanischen Roman geschrieben, in dem es um die Irrungen und Wirrungen der Liebe heute geht. Araceli lebt mit ihrer Mutter in Barcelona und studiert an der Schule für Übersetzer und Dolmetscher in der Nähe des Park Güell. Sie verbringt ihre Zeit damit, die wechselnden Liebhaber ihrer Mutter zu typisieren – da gibt es den Jogginghosenmann, den Tatarmann und den Kanarienmann – und die unter ihnen wohnende exzentrische Schrifstellerin Alba Cambó mitsamt ihrer Haushälterin Blosom zu beobachten. Obwohl sie selbst außer dem Studium nicht viel erlebt, selbst ihren Sommerurlaub verbringt sie nur als Anhängsel ihrer Studienfreundin Muriel und deren Freunds, hat sie eine hervorragende Beobachtungsgabe und kann Personen scharfzüngig charakterisieren. 


 Als Alba Cambó, die an Krebs leidet, mit ihrem Freund zusammenzieht, sucht sie eine neue Bleibe für Blosom. Diese wird Aracelis Mutter als unersetzliche Haushaltsperle quasi aufgedrängt, obwohl sie sie gar nicht bezahlen kann, und verdrängt dann ihrerseits mit einer entschiedenen Ansage Araceli aus ihrem Zimmer. Blosoms Weg aus einer guatemaltekischen Kleinstadt nach Spanien, der Verfall der Ehe eines Bekannten von Alba Cambó und eine schräg-romantische Begegnung von Araceli mit einem „Candyman“ am Strand von Perpignan, der ihr einen ganzen Eiswagen organisiert, als es sie danach gelüstet, stellen weitere Episoden dar, die sich um die Leben von Araceli und Alba ranken. Wunderbar beschrieben sind außerdem die Übersetzungslehrerin Elaine Moreau und ihr Widersacher, der Schulwirt mit dem schönen Namen Camillo Pochintesta, die sich in Aracelis Schulalltag einen unterhaltsamen Kleinkrieg liefern. Madame Moreau biedert sich schließlich Alba Cambó als Freundin an und erklärt sich nach deren Tod zu ihrer Vermächtnisverwalterin.
 

Am Ende rundet sich alles zu einem großen Bogen, der das Leben von Alba Cambó aus verschiedenen Perspektiven wiedergibt. Auf den letzten Seiten erfahren wir, dass Araceli nach einem erfolglosen Versuch, bei einer Escortagentur tätig zu werden, von Albas Geliebtem damit beauftragt wurde, einen Nachruf auf seine verstorbene Freundin zu verfassen – das Buch war also ein Versuch, deren Leben durch das Zusammensetzen vieler verschiedener Mosaiksteinchen zu beschreiben, in denen sich das Leben der Erzählerin gleichsam spiegelt. Ein lässiger, kunstvoll verschlungener Roman mit allerlei Bukowski-Zitaten, der sich auch auf Deutsch ausgezeichnet liest!

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Tags: barcelona, charles bukowski, eiswagenromantik, exzentrische schriftstellerin, feminismus, krebserkrankung, liebe heute   (7)
 

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Der Preis, den man zahlt

Arturo Pérez-Reverte , Petra Zickmann
Fester Einband: 295 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 10.09.2017
ISBN 9783458177197
Genre: Historische Romane

Rezension:

Im Roman um den Agenten Lorenzo Falcó wird man ins politisch zerrissene Spanien der 1930er Jahre zu Zeiten des Bürgerkriegs katapultiert. Falcó ist der klassische Antiheld: ehemaliger Waffenhändler, gefühlloser Agent ohne eigene Überzeugungen, der für die Faschisten den Söldner gibt und Frauen wahlweise mit Schmeicheleien umgarnt oder sich mit Gewalt gefügig macht. Es ist schwierig, sich mit diesem gewissens- und skrupellosen Macho zu identifizieren, was zugleich die größte Herausforderung beim Lesen des Romans darstellt. Eine weitere Herausforderung ist die verworrene politische Gemengelange zur damaligen Zeit: Alle möglichen verschiedenen Geheimdienste und politischen Gruppierungen sind in Spanien aktiv und bespitzeln und bekämpfen sich gegenseitig, was allerdings vermutlich ziemlich realistisch ist.


Im Zuge eines großen Auftrags, bei dem er einen Gefangenen aus einem Gefängnis der spanischen Republik befreien soll, ist Falcó zur Zusammenarbeit mit einer Gruppe Falangisten gezwungen. Dabei lernt er Eva Rengel kennen, eine Frau, die nicht in sein übriges Beuteschema passt, ihn aber dennoch (oder gerade deshalb?) besonders fasziniert. In einer unglaubwürdigen und gewalttätigen Liebesszene kommen sie sich näher. Diese intuitive Faszination beruht möglicherweise darauf, dass auch sie eine Spionin ist, was er allerdings erst später erfährt, und zwar für die russische Seite. Sie stehen also auf diametral entgegengesetzten Seiten, sind allerdings gezwungen zusammenzuarbeiten. Dies bringt natürlich Situationen hoher Anspannung mit sich – aufbautechnisch ist es für uns als LeserInnen gut gelöst, weil wir der Perspektive Falcós folgen und daher am Ende genauso überrascht sind wie er, als er von Evas doppeltem Spiel erfährt.


Inhaltlich bordet das Buch vor Gewalt über vor Gewalt- und Folterdarstellungen, was nicht immer leicht verdaulich ist. Gut gelungen sind die Schilderungen der Atmosphäre der damaligen Zeit, das Retroflair der Dampflokomotivenzeit, als man noch Hispano-Suiza gefahren ist und pausenlos geraucht hat und alles irgendwie eleganter war. Für mich waren nicht alle Charakterdarstellungen stimmig – die Entwicklung Falcós vom gewissenlosen Chauvinisten zum verliebten Idioten habe ich ihm nicht ganz abgenommen und auch Eva Rengel, die vorgibt, aus idealistischen Gründen zu handeln und sich dann aber trotzdem für Falcó einsetzt, wirkt nicht ganz überzeugend. Empfehlenswert für Fans von Agententhrillern, die keine Scheu vor Gewaltdarstellungen haben und auch vor komplizierten politischen Situationen nicht zurückschrecken – enthält interessante historische Einsprengsel über die Rolle Hitler-Deutschlands zu Beginn der Franco-Diktatur.

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Tags: agentenkrimi, antiheld, ein macho entdeckt die liebe?, falangisten, franco-regime, spanischer bürgerkrieg, spionage, verrat   (8)
 

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117 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 34 Rezensionen

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Das Ministerium des äußersten Glücks

Arundhati Roy , Anette Grube
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 10.08.2017
ISBN 9783100025340
Genre: Romane

Rezension:

Seit langem hat mich kein Buch mehr so begeistert wie dieses! Allerdings habe ich auch sechs Wochen dafür gebraucht, sehr viel länger als für andere Bücher desselben Umfangs. Es ist kein leichter Stoff, den Arundhati Roy hier webt, aber dafür ist es ein unglaubliches faszinierendes Geflecht verschiedener Erzählstränge, die abwechselnd in der Altstadt von Delhi und im Kaschmirtal spielen und von verschiedenen Personen und Episoden der indisch-kaschmirischen Geschichte erzählen.

Da gibt es Anjum, eine Hijra, die als Aftab mit männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen geboren wurde, als Junge aufwächst, aber sich irgendwann in einer missglückten Operation zur Frau operieren lässt. Fortan lebt sie in der Kwabgah, einem Ort in der Altstadt Delhis, an dem Menschen mit ganz unterschiedlichen geschlechtlichen Identitäten zusammenleben.

Dann ist da Tilo oder auch S. Tilottama, Geliebte des kaschmirischen Aufständischen Musa, zeitweilige Ehefrau von Naga, dem berühmten indischen Journalisten, der heimlich mit dem Nachrichtendienst kooperiert, und heimliche Angebetete von Garson Hobart, ihrem dritten Studienfreund, mittlerweile ranghoher Mitarbeiter des Nachrichtendiensts. Die verworrene Geschichte der vier, die sehr unterschiedlichen Wege, die sie nach ihrer gemeinsamen Studienzeit gehen und die glücklich-unglückliche Liebesgeschichte von Tilo und Musa bildet den zweiten Erzählstrang der Geschichte.

Weitere Rollen spielen zwei berüchtigte Folterer der indischen Armee, Amrik Singh und HKP Pinky, Bismillah, die Frau mit der Stimme wie eine Bushupe und der Wildheit und Ruchlosigkeit eines Mafiabosses aus Chicago, Miss Jebeen die Erste und Miss Udaya Jebeen die Zweite, der Hausbootbewohner Gulrez genannt Gul-kak mit seinem Gockel und seinen zwei Kätzchen, Dr. Azad Bhartiya, Begum Renata Mumtaz Madam, eine rumänische Bauchtänzerin, Tilos Mutter Maryam Ipe, Saddam Hussain, dessen Vater als angeblicher Kuhmörder gelyncht wurde, eine Bandikutratte, die mollige Ankita genannt Rolypoly, ein kaschmiri-englisches Alphabet, Genossin Maase Revathy sowie ein Mistkäfer.

Ein fesselnder Roman um die Verwerfungen in und um Kaschmir, Aufstände, Verhöre und Folterungen, die Probleme im heutigen Indien mit seinem Hindu-Nationalismus, dem Kastensystem und dem alltäglichen Rassismus, Menschen, die nicht ins Raster passen, ungeahnte Babyfunde auf den Straßen Delhis und Solidarität zwischen Außenseitern und an ungewöhnlichen Orten. Gewidmet ist er den Ungetrösteten – nach der Lektüre fühlt man sich wahrhaft getröstet!

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Tags: aufstand, aussterbende vögel, folter, friedhof, hijra, hindu-nationalismus, indien, kaschmir, liebe, old delhi, rüsselkäferphilosophie, srinagar, untergrund   (13)
 

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architektur, italien, palladio, renaissance, veneto

Palladio-Aldinen VOL. 1

Ulrike Eichhorn
Flexibler Einband: 488 Seiten
Erschienen bei Edition Eichhorn, 19.05.2017
ISBN 9783944377100
Genre: Sachbücher

Rezension:  
Tags: architektur, italien, palladio, renaissance, veneto   (5)
 

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anekdoten, bibelübersetzung, biografie, deutsch, deutscher, erfurt, junker jörg, leben, luther, martin luther, reformation, reformator

Aus einem traurigen Arsch fährt nie ein fröhlicher Furz

Mario Süßenguth
Fester Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Eulenspiegel Verlag, 12.09.2016
ISBN 9783359017271
Genre: Sonstiges

Rezension:

Ein unterhaltsames Anekdotenbändlein um Martin Luther, gesammelt von Mario Süßenguth und aufgeteilt in acht Kapitel, allerdings leider ohne Inhaltsverzeichnis. Unter Überschriften wie "Luther legendär", "Luther laut und leise" oder "Luther liebend" wird das ganze Spektrum seines Schaffens und Wirkens in allerlei Episoden aufgezeigt. Von seinem Aufwachsen als Sohn eines Bauern und Berghäuers in Mansfeld über seine Studien- und Lehrzeit bis hin zu seiner Schaffenszeit als Prediger und Bibelübersetzer erfährt man einiges Unbekanntes über den Reformator, beispielsweise, dass er seine Vorlesungen am liebsten zwischen 6 und 7 Uhr morgens abhielt und einst zu Fuß bis nach Rom wanderte. Bei seiner geplanten, aber hektischen Entführung auf die Wartburg, wo er nach dem Anschlag seiner Wittenberger Thesen und dem Reichstag zu Worms erst einmal in Sicherheit gebracht wurde, konnte er gerade noch in letzter Sekunde seine Bibeln mitnehmen. Er war einerseits selbstkritisch, beichtet als junger Mönch auch harmlose Dinge, andererseits wird er später aufgrund seiner Sprachgewalt auch als "gewaltiger Dolmetscher" bezeichnet. Man erfährt einiges über seine Spracharbeit und -besessenheit, ebenso wie ein paar Details über das Verhältnis zu seiner Frau Katharina von Bora, die er wegen ihrer Durchsetzungskraft auch "mein Herr Käthe" nannte. Seine problematischen Ansichten zu Hexen, Juden, Menschen mit Behinderungen und anderen Gruppen kommen in dem Büchlein allerdings nicht vor; es liest sich eher wie ein flotter anekdotischer Begleiter zum Luther-Jahr.

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Tags: bibelübersetzung, junker jörg, martin luther, reformation   (4)
 

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359 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 105 Rezensionen

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Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge

Ruth Hogan , Marion Balkenhol
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 19.05.2017
ISBN 9783471351475
Genre: Romane

Rezension:

Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge ist eine moderne Erzählung der Geschichte des heiligen Antonius von Padua, des Schutzheiligen für verlorene Gegenstände. Ruth Hogan verlegt die Geschichte ins England der Jetztzeit und erzählt sie in zwei großen Erzählsträngen, von denen einer bis ins Jahr 1974 zurückreicht.

Der von Marion Balkenhol übersetzte Roman spielt einerseits in einem Landhaus im ländlichen England, andererseits in einem Verlegerbüro in London. Dort fängt Eunice 1974 als Assistentin bei dem Verleger Bomber an, in den sie sich prompt verliebt, nachdem sie zuvor ein kleines Medaillon auf der Straße gefunden und als Talisman an sich genommen hat. Ihre Liebe bleibt zwar unerwidert – es stellt sich heraus, dass Bomber schwul ist -, jedoch arbeiten sie beide lange Jahre zusammen und entwickeln ein enges freundschaftlich-platonisches Verhältnis sowie eine große Liebe zu Hunden. Selbst Bombers schreckschraubige Schwester, die selbst jahrelang einen Roman nach dem anderen schreibt, in denen sie englische Klassiker plagiiert, kann sie nicht abschrecken, obwohl sie sich wirklich alle Mühe gibt.

Der zweite Handlungsstrang spielt im Landhaus Padua irgendwo im ländlichen England. Dort arbeitet Laura als Haushälterin und persönliche Assistentin bei dem in die Jahre gekommenen Schriftsteller Anthony Peardew. Sowohl sein als auch der Name des Hauses spielen dabei fast schon wie ein Wink mit dem Zaunpfahl auf die Legende des heiligen Antonius an, der unter anderem der Schutzheilige für verlorene Gegenstände und Singles ist. Mr. Peardew hat sich nach einem persönlichen Schicksalsschlag – er verlor gleichzeitig ein Medaillon seiner Geliebten und diese selbst – sein Leben lang Vorwürfe gemacht, durch den Verlust des Medaillons den Tod seiner Geliebten herbeigeführt zu haben, und wurde daraufhin zum Sammler verlorener Dinge. Sein einziger Lebenszweck war es, diese ihren rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben. Zugleich schrieb er Kurzgeschichten, die sich um die gefundenen Gegenstände rankten und von denen einige im Buch abgedruckt sind – dabei handelt es sich um teilweise hochemotionale Miniaturen, in denen einem noch einmal zahlreiche neue Charaktere begegnen. Nach Anthonys Tod vermacht er Laura sein Haus, zusammen mit der Aufgabe, die rechtmäßigen Eigentümer der Dinge ausfindig zu machen, um so sein Lebenswerk zu vollenden.

Die Perspektive wechselt zwischen den Zeit- und Handlungsebenen Bomber/Eunice und Laura/Anthony hin und her, wobei häufig der nächste Text an ein passendes Stichwort des vorangegangenen Abschnitts anknüpft. Zunächst fragt man sich, wie die zwei Geschichten wohl zusammengehören, aber am Ende fügt sich doch alles zu einem homogenen Ganzen und es kommt auch zur persönlichen Begegnung von Eunice und Laura. Das Buch enthält zahlreiche sehr britische Elemente – neben den Anspielungen auf die englischen Klassiker (von Jane Eyre bis Harry Potter) kommen auch eine Geistergeschichte und eine Liebesgeschichte mit einem Gärtner darin vor. Das Britische darin hat mir sehr gut gefallen, zugleich haben mich die vielen teilweise nur kurz angedeuteten Einzelschicksale jedoch  etwas überfordert. Leider wird der wundervoll nostalgische Landsitz Padua am Ende mit einem Breitbandanschluss und einer eigenen Website für die verlorenen Gegenstände ausgestattet und die Bewohner sind nur noch mit dem Katalogisieren der Dinge beschäftigt, wodurch er deutlich an Charme verliert. Der leuchtendste Charakter ist die wundervolle Sunshine, die sich keinen Deut um ihr Down-Syndrom schert, sondern es vermag, mit ihrem Einfühlungsvermögen und ihren übersinnlichen Fähigkeiten eine sehr liebevolle Atmosphäre um sich herum zu schaffen. Auch der fortschreitende Alzheimer von Bomber und seinem Vater werden anschaulich geschildert.

Lesens- und empfehlenswert für Hundeliebhaber, Freunde von Geistergeschichten und der englischen Lebensart, Sammlerinnen und Sammler und Fans des heiligen Antonius!

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Tags: alzheimer, down-syndrom, england, glückliche und unglückliche liebe, heiliger antonius von padua, sammelleidenschaft   (6)
 

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Mitternachtsnotar

Bettina Kerwien
Flexibler Einband: 312 Seiten
Erschienen bei Jaron, 31.03.2017
ISBN 9783897738157
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Bettina Kerwien hat einen temporeichen Krimi um die Escortlady Liberty Vale und den traumatisierten Privatdetektiv Martin Sanders geschrieben. Im Norden Berlins sollen eine Kleinhaussiedlung luxussaniert und die alteingesessenen Mieter hinausgeekelt werden. Doch plötzlich wird der Hausmeister tot am Dachbalken aufgefunden ...

Abwechselnd aus Sicht der sehr unterschiedlichen Charaktere Liberty Vale, der energischen Escortlady, die sich jobmäßig zwar den Männern an den Hals wirft, privat aber eher auf Abwehr gebürstet ist, und des vom Leben ziemlich gezeichneten Privatermittlers Martin Sanders werden die Ermittlungen beschrieben, an denen beide auf ihre Weise beteiligt sind. In kurzen Kapiteln mit knackigen Überschriften und zahlreichen Songtiteln geht die Geschichte flott voran und bringt allerlei Verwicklungen mit sich. Während Sanders mich ziemlich an den schön gestörten Kommissar Faber aus dem Dortmunder Tatort erinnert hat – er hat eine fast noch dramatischere Familiengeschichte hinter sich und lebt in einer halben Traumwelt -, hat Libby mit ihrer Leidenschaft für Eierlikör und Erdbeeren bei mir gepunktet. Das Geschehen ist sehr genau in Berlin verortet; neben der Reinickendorfer Siedlung kommen auch ziemlich treffende Schilderungen von Moabit, dem Ku'damm und der Domkuppel vor. Zudem besticht der Text durch einige gelungene berlinerische Einsprengsel!

Das Ende mit einem wirklich dramatischen Showdown war für mich absolut nicht vorhersehbar, aber spannend erzählt! Die Atmosphäre ist ziemlich trashig und die erzählten Wahrheiten sind reichlich desillusionierend - einzig der Funke Hoffnung, der zwischen den beiden Hauptcharakteren aufglimmt, lässt einen noch an das Gute im Menschen glauben. Ein melancholischer Berlin-Krimi um ein leider sehr aktuelles Thema mit zwei ungewöhnlichen Hauptdarstellern – empfehlenswert!

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Tags: action & liebe, berlin, ermittelnde escortlady, gentrifizierung, krimi, luxussanierung, problembeladener privatdetektiv, renitente mieter   (8)
 

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atmosphäre, begegnung, dänemark, helle helle, im wald verirrt, joggen, lebensgefahr, natur, spannung, wenn du mags

Wenn Du magst

Helle Helle , Flora Fink
Buch: 180 Seiten
Erschienen bei Dörlemann, 05.09.2016
ISBN 9783038200345
Genre: Romane

Rezension:

Ein Mann und eine Frau, die sich nicht kennen, gehen unabhängig voneinander im selben Wald irgendwo in Jütland joggen. Beide kennen sich dort nicht aus, beide verlieren die Orientierung und treffen sich schließlich. Zusammen versuchen sie, aus dem Wald herauszufinden, verirren sich aber nur immer weiter in dem ihnen unbekannten Gebiet. Die Perspektive wechselt und ist mal bei der namenlosen Erzählerin, mal bei dem zehn Jahre älteren Roar, der unterschiedlich große Schuhe trägt und sich daher eine schmerzende Blase gelaufen hat. Während sie gegen die Unwegsamkeiten ihrer Umgebung ankämpfen – keine Orientierung, nicht genug zu trinken, kein Handyempfang, Kälte und Regen, zunehmende körperliche Schwäche – erinnert sich die Frau an verschiedene Stationen ihres Lebens: vom ersten Job über das Leben in ihrer ersten WG bis hin zum Kennenlernen ihres Lebensgefährten, dem gemeinsamen Leben mit dessen Sohn und der Arbeit im Möbelgeschäft. Die existentielle Bedrohung bringt die beiden zuvor Fremden schließlich auf engstem Raum zusammen: aneinandergelehnt in einer Hütte und schließlich in einem Gästehäuschen nebeneinander im selben Bett. Die sinnlichen Beschreibungen der Natur, der Oktoberluft und der beklemmenden Situation, überzeugend übersetzt von Flora Fink, lassen einen das Geschehen unmittelbar miterleben. Werden sie gemeinsam einen Ausweg finden?

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Tags: atmosphäre, begegnung, dänemark, im wald verirrt, joggen, lebensgefahr, natur, spannung   (8)
 
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