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47 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 28 Rezensionen

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Mein wunderbarer Küstenchor

Janne Mommsen
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 24.07.2018
ISBN 9783499274442
Genre: Liebesromane

Rezension:

Britta ist eine Frau im besten Alter, lebt im beschaulichen Klütz an der mecklenburgischen Ostseeküste und ist leidenschaftliche Chorsängerin. Als kurzfristig der Dirigent ihres heißgeliebten Dorfchors wegzieht und sich partout kein Nachfolger finden lässt, steht plötzlich die Existenz des ganzen Chores auf dem Spiel. Zufälligerweise lernt sie genau in diesem Moment einen Pianisten von der Lübecker Musikhochschule kennen, der sich nicht nur als Klavierbegleiter für die Chorproben anbietet, sondern in Britta auch noch ein echtes Talent zum Dirigieren erkennt. Als Gasthörerin nimmt sie an einem Dirigierkurs teil und wächst über sich hinaus, um den Chor und eine geplante Chorreise nach Finnland zu retten.

„ Mein wunderbarer Küstenchor“ lässt sich locker-flockig lesen und vermittelt eine wunderbar anheimelnde norddeutsche Atmosphäre … von der Regenjacke mit Gummistiefeln bis zu kleinen Platteinsprengseln ist alles dabei. Typische Laienchorprobleme wie der ständige Männermangel kommen ebenso darin vor wie bewegende musikalische Momente im Krankenhaus oder beim Kindskiek bei einem neugeborenen Baby. Von Profimusikern über Trucker bis hin zu finnischen Rentierfellvertretern setzt sich das das Personal bunt zusammen, und bei den Liedern, die vom Chor – in einem übrigens sehr eleganten Schloss – geprobt werden, ist der ein oder andere Ohrwurm dabei, der sich auch schon beim Lesen überträgt.

Da sich die Emotionen jedoch nicht nur auf die Liedtexte beschränken, sondern auch in den Beziehungen der Chormitglieder untereinander eine große Rolle spielen, enthält das Buch durchaus eine gehörige Portion Herzschmerz, aber auch viele humorvolle Szenen. Unbedingt empfehlenswert für alle Chorsängerinnen und Liebhaber von Chormusik sowie solche, die es noch werden wollen!

  (14)
Tags: chorgesang, dirigieren, dorfgemeinschaft, freundschaft, liebe, mecklenburg, ohrwurm, ostsee   (8)
 

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37 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

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Miss Olivia und der Geschmack von Gin

Catherine Miller , Barbara Steckhan , Katharina Förs
Flexibler Einband: 326 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 13.08.2018
ISBN 9783458363491
Genre: Romane

Rezension:

Miss Olivia ist eigentlich eine Misses, da sie schon einmal verheiratet war und nun als Witwe allein in Cornwall lebt. Vor kurzem ist sie, auf Anraten ihres Sohnes, aber auch aus eigenem Antrieb, in eine Seniorenresidenz gezogen und kämpft nun damit, sich dort einzuleben. Besonders machen ihr dabei die strikten Anwesenheitsvorschriften des Heims zu schaffen, da sie außerdem Eigentümerin einer kleinen Hütte ein Stück den Strand hinunter ist, wo sie sich besonders gern aufhält, entweder um frühmorgens nackt zu schwimmen oder um mit ihren Nachbarn zu plaudern und Sandwiches zu essen oder – und dies am liebsten abends – verschiedene Gin-Spezialitäten zu verkosten.

Nachdem sie sich zusammen mit zwei neuen Freunden und ebenso renitenten Geistern aus der Residenz das ein oder andere Mal heimlich weggestohlen und einen Ginhüttenclub am Strand gegründet hat, kommt es, wie es kommen muss: Sie und die überaus strenge Hausmutter geraten aneinander. Auch ihr Sohn Richard, der ab und zu aus London zu Besuch kommt und sich sehr um ihre Sicherheit sorgt, ist ihr in dieser Hinsicht leider keine große Hilfe. Infolge dessen igelt sie sich ein und verliert ihre überschäumende Lebensfreude, die bislang ihr Markenzeichen war. Eine kriminalistische Spurensuche im Seniorenheim, die Gründung einer offiziellen Gin-Hütten-Bar und die persönliche Aufarbeitung eines familiären Traumas in der Beziehung zu Richard kulminieren in einem spannenden Showdown, der bis aufs Dach des Heims führt.

In locker-leichter, humorvoller Sprache gelingt es Autorin und Übersetzerin, den Leser am Leben von Olivia teilnehmen zu lassen. Schon nach den ersten Seiten hat man sofort selbst Lust auf Gin, Strand und Baden. Ihre Lebenslust und ihr wacher Widerstandsgeist wirken absolut ansteckend und so lassen sich die Seiten flott lesen. Eine unterhaltsame Lektüre für Gin-Liebhaber und solche, die es werden wollen!

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Tags: cornwall, familientrauma, gin, nacktbaden, rüstig-rebellische rentnerin, seniorenresidenz, strandhütte, widerstandsgeist   (8)
 

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234 Bibliotheken, 15 Leser, 0 Gruppen, 85 Rezensionen

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Vox

Christina Dalcher , Marion Balkenhol , Susanne Aeckerle
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 15.08.2018
ISBN 9783103974072
Genre: Romane

Rezension:

Jean ist eine gestandene Frau, kognitive Linguistin, verheiratet und Mutter von vier Kindern. Seit in den USA, wo sie lebt, Frauen allerdings nur noch 100 Wörter am Tag sprechen dürfen, nicht mehr arbeiten und kaum mehr am öffentlichen Leben teilnehmen dürfen, hat sich ihr Leben und das ihrer kleinen Tochter von Grund auf verändert. Bei Übertreten dieser Anzahl sondert ein Wortzähler am Handgelenk Stromstöße ab. Die staatlichen Polizei- und Sicherheitsdienste sorgen für die Einhaltung religiöser Normen, wie zum Beispiel der Monogamie - interessanterweise werden bei Regelbrüchen allerdings nur die Frauen bestraft. Das Verhältnis zu ihrem Mann Patrick ist angespannt: Einerseits führen sie eine vertraute Beziehung und er unterstützt sie, andererseits ist ihnen die Leidenschaft nach langen Ehejahren und unter den schwierigen neuen Bedingungen der ziemlich abhanden gekommen.

Als Jean für ein Forschungsprojekt der Regierung ausnahmsweise wieder zusammen mit ihrem früheren Team zu einer Forschung an ihrem früheren Kernthema Wernicke-Aphasie (der Verlust der Bedeutung der Wörter) herangezogen wird, beginnen aufregende Tage für sie. Da ihr Wissen gebraucht wird, hat sie eine gewisse Macht gegenüber den regierenden Machos, weiß jedoch, dass diese nur so lange andauern wird, bis sie das von ihr geforderte Anti-Wernicke-Serum gefunden hat. Eine frühere Liebesgeschichte zu ihrem Kollegen Lorenzo flammt wieder auf, und als sie feststellt, dass sie von ihm schwanger ist, spitzt sich die Situtation zu. 

Die originelle Ausgangsidee der begrenzten täglichen Wörterzahl verarbeitet Christina Dalcher hier zu einem packenden Roman, der Elemente einer Liebesgeschichte, eines Wissenschaftskrimis und einer Widerstandserzählung enthält. Neben der feministischen Bewegung geht es um religiösen Fundamentalismus, kognitive Linguistik, Laborexperimente und subversives Handeln, mit zahlreichen aktuellen Bezügen. Trotz ihres Umfangs von 400 Seiten wird die Geschichte in einem schnellen Tempo erzählt. Während man Interessantes über die Wernicke-Aphasie lernt, sind andere wissenschaftliche Fakten, zum Beispiel über bestimmte Blickrichtungen als Hinweis aufs Lügen, leider weniger erhärtet. Aus weiblicher Sicht ist das ultrasexistische Verhalten mancher Männer im Buch nur schwer zu ertragen; in diesem Sinn ist es sicherlich dystopisch. Auch macht es einem eine Wendung in der Mitte des Buchs nicht ganz leicht, Jeans private Lebensentscheidungen nachvollziehen, so dass sie nicht zur strahlenden Heldin taugt, und das Ende wirkt ziemlich konstruiert. Insgesamt bietet das Buch aber ein spannendes Leseerlebnis, das einen dazu animiert, seine Stimme zu erheben und die eigenen unbegrenzten Wörter voll auszukosten!

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Tags: 100 wörter, kognitive linguistik, patriarchatsdystopie, religiöser fundamentalismus, sprache und macht, unterdrückung von frauen, wernicke-aphasie, widerstand   (8)
 

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52 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 28 Rezensionen

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Warum ich trotzdem an Happy Ends glaube

Alessia Gazzola , Renée Legrand
Flexibler Einband
Erschienen bei Thiele & Brandstätter Verlag , 01.08.2018
ISBN 9783851794076
Genre: Liebesromane

Rezension:

Emma de Tessent ist 30, kürzlich von ihrer verheirateten Langzeitaffäre getrennt und lebt als schlecht bezahlte Dauerfilmpraktikantin noch bei ihrer Mutter in Rom. Trotz der widrigen Umstände und dem jahrelangen Ausgenutztwerden zeichnet sie eine besondere Fähigkeit zum Träumen aus. Sie träumt von der Verfilmung ihres Lieblingsbuchs, mit dessen Autor Tameyoshi Tessai sie diskret befreundet ist, von einer Glyzinienvilla am Stadtrand und von einer festen Stelle. In der Realität sieht ihre Lage jedoch ziemlich anders aus, und als sie schließlich sogar ihre Praktikumsstelle verliert und dann auch noch ein höllisch fieses Vorstellungsgespräch über sich ergehen lassen muss, ist sie am Ende ihres Lateins. Dank einer liebenswerten älteren Dame, in deren Kindermodengeschäft sie ein Nähpraktikum absolviert, und einem Filmproduzenten, der trotz allem an sie glaubt, findet sie jedoch wieder zu sich und als sie sich plötzlich zwischen zwei Jobangeboten aus der Filmbranche entscheiden muss, nehmen die Dinge Fahrt auf …

Ein enger Familienzusammenhalt zu ihrer Mutter, Schwester und ihren zwei kleinen Nichten, einige Familiengeheimnisse und ein paar sehr menschliche Schwächen, zum Beispiel für englische Regency-Romane, lassen einem Emma ans Herz wachsen. Obwohl die Schriftstellerin Alessia Gazzola selbst ursprünglich aus Messina stammt, gelingt ihr dieser Rom-Roman sehr gut – die Perspektive wirkt wie die einer Einheimischen und vermeidet typische Klischees. Die einzelnen Kapitel sind originell übertitelt und haben eine angenehme Länge, so dass sich das Buch flott lesen lässt. Mir hat es gut gefallen und ich kann es insbesondere als Sommer- oder Urlaubslektüre empfehlen. Eine Geschichte, die auch hoffnungslosen Fällen Mut macht!

  (49)
Tags: an seine träume glauben, beziehungschaos, filmbranche, generation praktikum, italien, kindermode von hand nähen, rom, sommerlektüre   (8)
 

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(34)

61 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 28 Rezensionen

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Lempi, das heißt Liebe

Minna Rytisalo , Elina Kritzokat , Elina Kritzokat
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 23.07.2018
ISBN 9783446260047
Genre: Romane

Rezension:

Aus der Sicht dreier ihr nahestehender Menschen wird über Lempi erzählt, deren Name auf Altfinnisch Liebe bedeutet. Im lappländischen Rovaniemi wachsen sie und ihre Zwillingsschwester Sisko als Töchter eines Ladeninhabers auf. Sisko, die das größere Fremdsprachentalent hat, fängt an, als Schreibkraft für die Deutschen zu arbeiten, die Anfang der 40er Jahre als Waffenbruder gegen die Sowjetunion im Land sind. Dabei freundet sie sich mit Max, einem deutschen Wehrmachtsoffizier, an. Obwohl sich die Schwestern regelmäßig aus einem Buch über das Liebesleben in der Ehe vorlesen, hat die sieben Minuten ältere Lempi, die weiterhin im Laden des Vaters arbeitet, noch keinen Erfahrungen mit der Liebe. Um dies zu ändern, fordert ihre Schwester sie zu einem Spiel heraus, bei dem sich Lempi schließlich tatsächlich in den Bauern Viljami verliebt, der auf einem Hof weiter nördlich lebt. Er und Lempi heiraten und ziehen nach Pursuoja, zusammen mit der Magd Elli. Die Lebenswege der Schwestern, die bis dahin so eng miteinander verwoben waren, entwickeln sich auf einmal in völlig unterschiedliche Richtungen ...

In einer sinnlichen, betörenden Sprache lässt die lappländische Autorin Minna Rytisalo die Zeit des Zweiten Weltkriegs und danach in Nordfinnland lebendig werden. Aus drei unterschiedlichen Perspektiven – der von Viljami, der Magd Elli und von Lempis Schwester Sisko – wird Lempis Leben in Rovaniemi und auf dem Hof Pursuoja beschrieben. Viljami, der bald nach seiner Hochzeit in den Krieg musste, ist schwer kriegstraumatisiert, was die Autorin sehr gut darstellt. Auch die Erfahrungen von Sisko, die nach ihrer Rückkehr nach Finnland als „Deutschenhure“ behandelt wird, werden anschaulich vermittelt. Wunderbare Naturschilderungen lassen einen unmittelbar in die lappländische Landschaft mit ihren Mooren, Fichten, Preiselbeerbüschen und dem Harzduft ihrer Wälder eintauchen. Der Übersetzerin Elina Kritzokat gelingt es, die Sprache im Deutschen zugleich zeittypisch und poetisch klingen zu lassen, und in einem kurzen Nachwort ordnet sie das Geschehen historisch ein.

Eine intensive und dramatische Geschichte, die die wechselhaften Geschehnisse der damaligen Zeit widerspiegelt. Kein einfacher Stoff, aber eine unglaublich lohnende Lektüre!

  (48)
Tags: deutschenflittchen, deutsch-finnische waffenbruderschaft, kriegstrauma, lappländische natur, lapplandkrieg, liebe, zweiter weltkrieg, zwillinge   (8)
 

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

dissidenten, georgien, gulag, hochachtungslos, kaukasus, sowjetunion

Heiliges Dunkel

Lewan Berdsenischwili , Christine Hengevoß
Fester Einband
Erschienen bei Mitteldeutscher Verlag, 01.03.2018
ISBN 9783954629916
Genre: Romane

Rezension:

Der Altphilologe Lewan Bersenischwili gründete 1978 in Georgien zusammen mit seinem Bruder David und zwei weiteren Dissidenten die Republikanische Partei Georgiens; später, nach dem Zusammenbruch der UdSSR, wurden beide ins georgische Parlament gewählt. Da die Gründung einer Alternativpartei zur KPdSU in der Sowjetunion als „antisowjetische Agitation und Propaganda“ galt, verbrachte er von 1984 bis 1987 drei Jahre im Gulag, teilweise zusammen mit seinem Bruder. Ausgelöst durch einen Zusammenbruch auf einer Reise und eine Begegnung mit einer ebenfalls im DubrawLag - einem Sonderlager für politische Gefangene - geborenen Ärztin in den USA, erinnert er sich an die drei „besten Jahre seines Lebens“ und stellt in kurzen, pointierten Skizzen seine Mithäftlinge aus dieser Zeit vor.

Man lernt Zahlenkünstler kennen, Tüftler und Alltagsgenies, Fußballfans, Theaterliebhaber und vor allem viele sehr integre Menschen, über die er schreibt: „Nie wieder habe ich mich später unter Menschen befunden, die der KGB so sorgfältig ausgesucht hat.“ Neun Stunden täglich müssen die Häftlinge mit dem Nähen von Arbeitsfäustlingen verbringen, wofür sie mit virtuellem Geld bezahlt werden, das sie nur im Lagerladen „Larjok“ ausgeben oder für die Bestellung von Büchern verwenden dürfen. Nebenher wird viel diskutiert, Machorka geraucht, werden Sprachen unterrichtet und gelernt und es wird gelegentlich den Aufsehern eins ausgewischt, wenn nicht gerade eine mehrwöchige Isolationshaft zu verbüßen ist. Es geht um Weltliteratur von Rustaweli über Isaak Babel bis hin zu Anna Achmatowa ebenso wie um Dissidentenfolklore von Jewgeni Kljatschkin und Wladimir Wyssozki. Zur Unterhaltung organisieren die Häftlinge untereinander Erzählwettbewerbe und sokratische Dialoge, spielen Schach, Tischtennis oder Nardi. Lebensmittel werden über Monate gehortet, um sie dann zu entsprechend feierlichen Anlässen hervorzuholen, und das Teetrinken wird, mangels Alkohol im Lager, innerhalb der „christlichen Föderation der Völker des Südkaukasus“ schon mal mit ausgiebigen Trinksprüche zelebriert.

Ein ironisches, wehmütiges Buch an eine Zeit der Entbehrungen und Erniedrigungen, aber auch des bereichernden Austauschs mit außergewöhnlichen Weggefährten, die sich nach ihrer Zeit im Gulag bald in alle Himmelsrichtungen zerstreut haben. Dank der tollen Übersetzung von Christine Hengevoss und ihrer klugen Anmerkungen zu den kulturellen und zeitgeschichtlichen Hintergründen lässt sich das Buch auch dann sehr gut lesen, wenn man die Sowjetzeit nicht mehr (bewusst) miterlebt hat. Für mich war es eine sehr bereichernde, faszinierende und anregende Lektüre, die ich nur weiterempfehlen kann!


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Tags: antisowjetische agitation und propaganda, dissidenten, dubrawlag, georgien, gulag, hochachtungslos, kaukasus, sowjetunion   (8)
 

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(19)

19 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

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Nur Gisela sang schöner

Dany R. Wood
Flexibler Einband: 342 Seiten
Erschienen bei Arturo Verlag, 28.04.2018
ISBN 9783981701647
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dany R. Wood stammt, wie man seinem Namen nicht anmerkt, aus dem Saarland und hat einen sehr saarländischen Dorfkrimi geschrieben. Im beschaulichen Hirschweiler scheint das Leben noch in Ordnung zu sein, die Dorfbewohner bereiten sich auf das Sommerfest der Kirchengemeinde vor und die größten Konflikte gibt es zwischen Eheleuten, mit Nachbarn und Schwiegermüttern. Da wird plötzlich Kirchenchorsängerin Beate, Nachbarin der Familie Backes, tot in der Badewanne aufgefunden. War es, wie ein Abschiedsbrief nahelegt, Selbstmord? Oder hat Inge, die Frau des ermittelnden Oberkommissars Jupp Backes, recht, die nicht an einen Suizid glaubt?

Zusammen mit Inge und seiner unternehmungslustigen Schwiegermutter Käthe begibt sich der joviale Jupp auf Täter(innen)suche – nicht immer mit den professionellsten oder modernsten Methoden. Zum Glück kennt im Saarland jeder jeden und Jupp seine Pappenheimer, so dass er auch gelegentlich zu unkonventionellen Mitteln greifen kann. Nebenher besuchen er und Inge noch eine Paartherapie, Wittnä Justen hat zwei kurze Auftritte und auch ein saarländischer Elvis-Imitator sorgt für Unterhaltung. Auch wenn einige Witze recht seicht daherkommen und man sich manchmal über die altmodischen Rollenbilder von Inge und Jupp wundert, ist der Text ganz flott und amüsant zu lesen. Im Laufe der Geschichte tauchen noch zwei weitere Leichen auf, beides ebenfalls Kirchenchorsängerinnen, es wird reichlich Saarländisch geschwätzt (z.B. die schöne Drohung „Dann tapp ich dir halt in die Hupp!“) und natürlich auch der Schwenkgrill angeschmissen.

Leider kann man bei der Tätersuche nicht miträtseln, dafür kommen gegen Ende noch zu viele neue Informationen ins Spiel. Die Atmosphäre ist sehr dörflich, zum Glück bringt jedoch die Berlin-Ausreißerin Käthe etwas großstädtisches Flair in die Familie. In teilweise recht derber, mündlicher Sprache und mit allerlei schrägen Figuren schafft es der Autor, die Dorfatmosphäre gut einzufangen und gelegentlich auch zu karikieren. Für Freunde von Regionalkrimis, Saarlandfans und Dialektliebhaber!

  (52)
Tags: dialekt, dorfkrimi, familienermittlungsteam, humor, kirchenchor, saarland, spischelschränksche, tödliches schaumbad   (8)
 

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35 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 22 Rezensionen

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Skandinavisches Viertel

Torsten Schulz
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 10.03.2018
ISBN 9783608981377
Genre: Romane

Rezension:

Matthias Weber arbeitet als Immobilienmakler im Skandinavischen Viertel Berlins, und zwar ausschließlich. Dort ist er aufgewachsen, mit diesen Straßen verbinden ihn Erinnerungen und alte Familiengeheimnisse, denen er selbst erst ganz allmählich auf die Spur kommt. Nachdem er zwischenzeitlich mehrere Jahre im Ausland gelebt hat, ist er zurückgekehrt und hat gesehen, was aus dem ehemaligen Grenzgebiet in unmittelbarer Mauernähe geworden ist: ein Hipsterviertel, in dem die Miet- und Immobilienpreise rasant steigen, während die Bindungen der Bewohner an ihren Kiez rapide abnehmen. Dem stemmt er sich entgegen, wie einst Sisyphos, an den er immer wieder denken muss, indem er bei der Vergabe von Immobilien versucht, die kleinen Leute mit einem persönlichen Bezug zur Gegend zu bevorzugen und reiche Spekulanten abblitzen zu lassen. Er nennt dies sein persönliches Spiel und ist schon seit Kindertagen ein begnadeter Erzähler selbst erlebter, vor allem aber ausgedachter Geschichten, aber auch ein einsamer Wolf, der viel mit sich selbst ausmacht.

Der Roman wechselt zwischen Matthias' Kindertagen im Prenzlauer Berg und der heutigen Zeit nach seiner Rückkehr in die Gegend. Während er sich früher vorgestellt hat, sämtliche Straßen im Viertel nach skandinavischen Orten zu benennen, wurden einige Straßen nach der Wende tatsächlich umbenannt. Nach und nach kommt er hinter verschiedene Geheimnisse innerhalb seiner Familie, die das Familienleben belastet haben – leider meist erst nach dem Tod der jeweiligen Personen. Obwohl er keine finanziellen Sorgen hat, ist er auch nicht gerade ein Gewinnertyp, denn trotz seines mittleren Alters und verschiedener amouröser Verstrickungen lebt er allein und empfindet seine Maklertätigkeit nicht als Beruf(ung), sondern bloß als Job.

Das Buch handelt nicht nur von der unaufhaltbaren Gentrifizierung Berlins, insbesondere des Prenzlauer Bergs, sondern auch vom Weggehen, Zurückkommen und Wiederaufbrechen. In dem Flanierroman folgt man dem Protagonisten nicht nur auf seinen Wegen durch echte und imaginäre Straßen im Nordischen Viertel, sondern auch durch Buenos Aires, Südafrika und Kalifornien, bis man schließlich in Helsinki landet und dort wiederum auf deutsche Straßennamen stößt. Es kommen Zirkusclowns darin vor, Trinkernasen, Stanniolpapierkunstwerke und ein unbegnadeter Trauerredner mit Föhnfrisur ebenso wie Eckkneipen mit selbstkreierten Namen wie Kummer-Eck oder Gute-Laune-Destille. Mir hat er viel über das Lebensgefühl in Ostberlin zu Vorwendezeiten vermittelt und ich habe ihn mit Gewinn gelesen!

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Tags: ddr, familiengeheimnisse, flaneur, gentrifizierung, immobilienmakler, kapitalismuskritik, ostberlin, sisyphos, straßenumbenennungen   (9)
 

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15 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

dinosaurier, familiengeheimnisse, hörbuch, hörbuch für kinder, kinderbuch, phantasie, rentiere, rollstuhl, weihnachten, weihnachtosaurus, weihnachtsmann, wichtel

Der Weihnachtosaurus

Tom Fletcher , Franziska Gehm , Simon Jäger
Audio CD
Erschienen bei Der Audio Verlag, 13.10.2017
ISBN 9783742402394
Genre: Kinderbuch

Rezension:

William sitzt im Rollstuhl und lebt nach dem Tod seiner Mutter allein mit seinem weihnachtsliebenden Vater zusammen. Als eine neue Schülerin an seine Schule kommt und er sich ihr gegenüber ungeschickt verhält, wird er eines Tages plötzlich von seinen Klassenkameraden gehänselt und gemieden. Als großer Saurierfan wünscht er sich vom Weihnachtsmann einen Dino, weil er meint, dass all seine anderen Wünsche ohnehin unerfüllbar seien. Aufgrund einer Verkettung zufälliger Umstände hat am Nordpol in unmittelbarer Nachbarschaft des Weihnachtsmanns ein Dinosaurierei das Aussterben seiner Artgenossen überlebt und ist zu einem Weihnachtosaurus angewachsen … und so nimmt die abenteuerliche Geschichte um William, seinen Vater, den Weihnachtsmann, einen trophäenjagenden Jäger und Williams Mitschülerin Brenda ihren Lauf.

Eine weihnachtliche Geschichte für Groß und Klein, mit viel Lust am Fabulieren erzählt und sehr schön ins Deutsche übertragen von Franziska Gehm. Es geht ums Anderssein, um Familie, Freunde, Dinosaurier, Angst, Wünsche, Mut … und der ein oder andere reimende Weihnachtswichtel kommt auch drin vor. Sehr empfehlenswert und toll vorgelesen von Simon Schäfer! Wo bekommt man bloß so eine zauberhafte zweizonal zoomende Zuckerstange her, um auch mal beim Weihnachtsmann vorbeizuschauen?

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Tags: dinosaurier, familiengeheimnisse, hörbuch, kinderbuch, rentiere, rollstuhl, weihnachten, weihnachtsmann   (8)
 

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32 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 19 Rezensionen

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Kirchberg

Verena Boos
Fester Einband: 366 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 15.09.2017
ISBN 9783351036904
Genre: Romane

Rezension:

Der Roman kreist um Hanna, eine Heimkehrerin, die nach einem weitgereisten Leben, einer unglücklichen Liebesgeschichte und einem Schlaganfall heimkehrt in das Dorf ihrer Großeltern. Bei denen wuchs sie als uneheliches Kind, deren Mutter nichts von ihr wissen wollte, auf. In schlaglichtartigen Ausschnitten ihres Lebens und Nachlebens von ihrer Geburt 1974 an in zehnjährigen Abständen bis zum Jahr 2024 lernen wir sie und ihr Umfeld kennen und erfahren, wie es sich anfühlt, halbseitig gelähmt und sprachlich stark eingeschränkt zu sein. Obwohl sie in ihrem Beruf als Literaturwissenschaftlerin weit herumgekommen ist, fühlt sie sich ihrem Heimatort Kirchberg und dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist, nach wie vor eng verbunden. Trotz – oder wegen – ihrer Einschränkungen lässt sie eine neue Nähe zu alten und neuen Freunden zu und erfährt, was es heißt, sich als Hilflose helfen zu lassen und zu vertrauen.

An dem Roman habe ich lange gelesen, weil ich mir Zeit für ihn nehmen wollte; er hat mich ziemlich beschäftigt. Besonders gut haben mir die süddeutschen Ausdrücke wie Käpsele, Häs oder Kruscht gefallen, mit denen der Text gesprenkelt ist, ebenso wie mit italienischen Ausdrücken. Auch der abgehackte Stil gegen Ende, wo Verena zeitweilig ihre Fassung und ihre Sprache verliert, hat mich ziemlich beeindruckt. Die Kindheitserinnerungen, die unglückliche Liebe, aber auch die Liebesfreundschaft zu Patrizio fand ich wunderbar geschildert. Und nicht zuletzt ist das Buch von viel Musik durchzogen - von Saxophonimprovisationen zu mittelalterlichen Totengesängen bis hin zu italienischen Schlagern und Rocksongs.

Eine lohnenswerte und beglückende Lektüre über eine Frau, ein Haus und ein Dorf mit Geschichte!


  (60)
Tags: freundschaft, italiener in deutschland, kindheitserinnerungen, liebe, musik, schlaganfall, schwäbisch, verlorene sprache   (8)
 

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(94)

172 Bibliotheken, 11 Leser, 0 Gruppen, 40 Rezensionen

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Turtles All the Way Down

John Green
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Penguin, 10.10.2017
ISBN 9780241335437
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Aza ist 16 und geht auf die White River High School in Indianapolis. Dort gehört sie zwar nicht zu den angesagtesten Schülerinnen, hat jedoch eine Freundin, auf die sie sich verlassen kann: Daisy. Als diese Wind bekommt von einer $ 100.000-Belohnung, die für das Auffinden eines korrupten Milliardärs ausgesetzt ist, machen sich die beiden auf, Näheres über das Verschwinden von Russell Pickett herauszufinden, der zufällig der Vater eines Kinderfreunds von Aza ist. Die Wiederbegegnung mit seinem Sohn Davis löst neue Gefühle in Aza aus, die unter einer Zwangsstörung leidet. Sie hat die Phobie, an einer bakteriellen Infektion zu erkranken, und wird immer wieder in unendliche Gedankenspiralen hineingezogen, so dass sie die Welt um sie herum kaum mehr wahrnimmt.


Während Aza und Davis sich annähern, kommen sie und Daisy einem polizeilich unbekannten Hinweis zum Verschwinden von Davis' Vater auf die Spur. Um zu vermeiden, dass die beiden zur Polizei gehen, gibt Davis Aza selbst $ 100.000 aus der Kaffeekasse seines Vaters. Aza teilt das Geld gerecht mit Daisy, die selbst in einer Restaurantkette arbeitet und aus einer weniger begüterten Familie stammt. Parallel leiden wir mit Aza, deren innere Monologe sie manchmal zu überrollen scheinen, lernen Tua, das Tuataraweibchen kennen, nehmen an Therapiesitzungen mit Dr. Singh teil und erfahren von Azas verstorbenem Vater.


John Green vermag es geschickt, echte und virtuelle Begegnungen seiner Protagonisten abzuwechseln – die Protagonisten begegnen sich sowohl im wirklichen Leben an der High School und bei Applebee's als auch über Smartphone-Textnachrichten und im Netz auf Blogs und in Fan Fiction-Foren. Dabei schöpft er aus einem umfangreichen Register an Ausdrucksmöglichkeiten: einerseits einer sehr umgangssprachlichen Ausdrucksweise mit Abkürzungen wie IRL und BTW, anderseits einer Reihe smarter Zitate in Davis' Blog. Von Aza lässt sich sehr viel über Mikrobiologie lernen, während Daisy ein Star Wars-Fan ist und Davis sich super mit Sternenkonstellationen auskennt. Bei einer guerillamäßigen Kunstausstellung von Daisys Freund Mychal im Abwassersystem von Indianapolis kommen die beiden Mädchen schließlich dem Grund des Verschwindens von Mr. Pickett auf die Spur.


Azas Liebe zu Davis scheitert letztlich an ihrem Unvermögen, sich aus ihren Gedankenspiralen zu befreien und näheren körperlichen Kontakt zuzulassen. Dennoch sind sich die beiden sehr nah gekommen, was sowohl für den kontaktscheuen Milliardärssohn wie auch für das zwangsgestörte Mädchen unglaublich bedeutsam ist. Ihre Freundschaft zu Daisy wird auf eine harte Probe gestellt, als sich Aza in den Fan Fiction-Geschichten wiedererkennt und bloßgestellt fühlt. Nach einem dramatischen Streit, der zu einem Autounfall führt, versöhnen sich die beiden jedoch wieder und lernen zu schätzen, was sie aneinander haben.


Ein packender, nicht ganz ekelfreier Roman über ein außergewöhnliches Thema, nach dem man sich selbst die Frage stellt, ob wir nicht alle ein bisschen fiktional sind?

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Tags: $ 100.000, arm & reich, detektivische suche, erste liebe, fan fiction, freundschaft, halbwaisen, indianapolis, mikrobiologie, psychotherapie, sternbilder, tuatara, zwangsstörung   (13)
 

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barcelona, charles bukowski, eiswagenromanti, exzentrische schriftstellerin, feminismus, krebserkrankung, liebe heute

Bret Easton Ellis und die anderen Hunde

Lina Wolff , Stefan Pluschkat
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Tempo, 18.07.2017
ISBN 9783455001075
Genre: Romane

Rezension:

Die schwedische Schriftstellerin Lina Wolff hat einen katalanischen Roman geschrieben, in dem es um die Irrungen und Wirrungen der Liebe heute geht. Araceli lebt mit ihrer Mutter in Barcelona und studiert an der Schule für Übersetzer und Dolmetscher in der Nähe des Park Güell. Sie verbringt ihre Zeit damit, die wechselnden Liebhaber ihrer Mutter zu typisieren – da gibt es den Jogginghosenmann, den Tatarmann und den Kanarienmann – und die unter ihnen wohnende exzentrische Schrifstellerin Alba Cambó mitsamt ihrer Haushälterin Blosom zu beobachten. Obwohl sie selbst außer dem Studium nicht viel erlebt, selbst ihren Sommerurlaub verbringt sie nur als Anhängsel ihrer Studienfreundin Muriel und deren Freunds, hat sie eine hervorragende Beobachtungsgabe und kann Personen scharfzüngig charakterisieren. 


 Als Alba Cambó, die an Krebs leidet, mit ihrem Freund zusammenzieht, sucht sie eine neue Bleibe für Blosom. Diese wird Aracelis Mutter als unersetzliche Haushaltsperle quasi aufgedrängt, obwohl sie sie gar nicht bezahlen kann, und verdrängt dann ihrerseits mit einer entschiedenen Ansage Araceli aus ihrem Zimmer. Blosoms Weg aus einer guatemaltekischen Kleinstadt nach Spanien, der Verfall der Ehe eines Bekannten von Alba Cambó und eine schräg-romantische Begegnung von Araceli mit einem „Candyman“ am Strand von Perpignan, der ihr einen ganzen Eiswagen organisiert, als es sie danach gelüstet, stellen weitere Episoden dar, die sich um die Leben von Araceli und Alba ranken. Wunderbar beschrieben sind außerdem die Übersetzungslehrerin Elaine Moreau und ihr Widersacher, der Schulwirt mit dem schönen Namen Camillo Pochintesta, die sich in Aracelis Schulalltag einen unterhaltsamen Kleinkrieg liefern. Madame Moreau biedert sich schließlich Alba Cambó als Freundin an und erklärt sich nach deren Tod zu ihrer Vermächtnisverwalterin.
 

Am Ende rundet sich alles zu einem großen Bogen, der das Leben von Alba Cambó aus verschiedenen Perspektiven wiedergibt. Auf den letzten Seiten erfahren wir, dass Araceli nach einem erfolglosen Versuch, bei einer Escortagentur tätig zu werden, von Albas Geliebtem damit beauftragt wurde, einen Nachruf auf seine verstorbene Freundin zu verfassen – das Buch war also ein Versuch, deren Leben durch das Zusammensetzen vieler verschiedener Mosaiksteinchen zu beschreiben, in denen sich das Leben der Erzählerin gleichsam spiegelt. Ein lässiger, kunstvoll verschlungener Roman mit allerlei Bukowski-Zitaten, der sich auch auf Deutsch ausgezeichnet liest!

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Tags: barcelona, charles bukowski, eiswagenromanti, exzentrische schriftstellerin, feminismus, krebserkrankung, liebe heute   (7)
 

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120 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 88 Rezensionen

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Der Preis, den man zahlt

Arturo Pérez-Reverte , Petra Zickmann
Fester Einband: 295 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 10.09.2017
ISBN 9783458177197
Genre: Historische Romane

Rezension:

Im Roman um den Agenten Lorenzo Falcó wird man ins politisch zerrissene Spanien der 1930er Jahre zu Zeiten des Bürgerkriegs katapultiert. Falcó ist der klassische Antiheld: ehemaliger Waffenhändler, gefühlloser Agent ohne eigene Überzeugungen, der für die Faschisten den Söldner gibt und Frauen wahlweise mit Schmeicheleien umgarnt oder sich mit Gewalt gefügig macht. Es ist schwierig, sich mit diesem gewissens- und skrupellosen Macho zu identifizieren, was zugleich die größte Herausforderung beim Lesen des Romans darstellt. Eine weitere Herausforderung ist die verworrene politische Gemengelange zur damaligen Zeit: Alle möglichen verschiedenen Geheimdienste und politischen Gruppierungen sind in Spanien aktiv und bespitzeln und bekämpfen sich gegenseitig, was allerdings vermutlich ziemlich realistisch ist.


Im Zuge eines großen Auftrags, bei dem er einen Gefangenen aus einem Gefängnis der spanischen Republik befreien soll, ist Falcó zur Zusammenarbeit mit einer Gruppe Falangisten gezwungen. Dabei lernt er Eva Rengel kennen, eine Frau, die nicht in sein übriges Beuteschema passt, ihn aber dennoch (oder gerade deshalb?) besonders fasziniert. In einer unglaubwürdigen und gewalttätigen Liebesszene kommen sie sich näher. Diese intuitive Faszination beruht möglicherweise darauf, dass auch sie eine Spionin ist, was er allerdings erst später erfährt, und zwar für die russische Seite. Sie stehen also auf diametral entgegengesetzten Seiten, sind allerdings gezwungen zusammenzuarbeiten. Dies bringt natürlich Situationen hoher Anspannung mit sich – aufbautechnisch ist es für uns als LeserInnen gut gelöst, weil wir der Perspektive Falcós folgen und daher am Ende genauso überrascht sind wie er, als er von Evas doppeltem Spiel erfährt.


Inhaltlich bordet das Buch vor Gewalt über vor Gewalt- und Folterdarstellungen, was nicht immer leicht verdaulich ist. Gut gelungen sind die Schilderungen der Atmosphäre der damaligen Zeit, das Retroflair der Dampflokomotivenzeit, als man noch Hispano-Suiza gefahren ist und pausenlos geraucht hat und alles irgendwie eleganter war. Für mich waren nicht alle Charakterdarstellungen stimmig – die Entwicklung Falcós vom gewissenlosen Chauvinisten zum verliebten Idioten habe ich ihm nicht ganz abgenommen und auch Eva Rengel, die vorgibt, aus idealistischen Gründen zu handeln und sich dann aber trotzdem für Falcó einsetzt, wirkt nicht ganz überzeugend. Empfehlenswert für Fans von Agententhrillern, die keine Scheu vor Gewaltdarstellungen haben und auch vor komplizierten politischen Situationen nicht zurückschrecken – enthält interessante historische Einsprengsel über die Rolle Hitler-Deutschlands zu Beginn der Franco-Diktatur.

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Tags: agentenkrimi, antiheld, ein macho entdeckt die liebe?, falangisten, franco-regime, spanischer bürgerkrieg, spionage, verrat   (8)
 

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118 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 34 Rezensionen

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Das Ministerium des äußersten Glücks

Arundhati Roy , Anette Grube
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 10.08.2017
ISBN 9783100025340
Genre: Romane

Rezension:

Seit langem hat mich kein Buch mehr so begeistert wie dieses! Allerdings habe ich auch sechs Wochen dafür gebraucht, sehr viel länger als für andere Bücher desselben Umfangs. Es ist kein leichter Stoff, den Arundhati Roy hier webt, aber dafür ist es ein unglaubliches faszinierendes Geflecht verschiedener Erzählstränge, die abwechselnd in der Altstadt von Delhi und im Kaschmirtal spielen und von verschiedenen Personen und Episoden der indisch-kaschmirischen Geschichte erzählen.

Da gibt es Anjum, eine Hijra, die als Aftab mit männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen geboren wurde, als Junge aufwächst, aber sich irgendwann in einer missglückten Operation zur Frau operieren lässt. Fortan lebt sie in der Kwabgah, einem Ort in der Altstadt Delhis, an dem Menschen mit ganz unterschiedlichen geschlechtlichen Identitäten zusammenleben.

Dann ist da Tilo oder auch S. Tilottama, Geliebte des kaschmirischen Aufständischen Musa, zeitweilige Ehefrau von Naga, dem berühmten indischen Journalisten, der heimlich mit dem Nachrichtendienst kooperiert, und heimliche Angebetete von Garson Hobart, ihrem dritten Studienfreund, mittlerweile ranghoher Mitarbeiter des Nachrichtendiensts. Die verworrene Geschichte der vier, die sehr unterschiedlichen Wege, die sie nach ihrer gemeinsamen Studienzeit gehen und die glücklich-unglückliche Liebesgeschichte von Tilo und Musa bildet den zweiten Erzählstrang der Geschichte.

Weitere Rollen spielen zwei berüchtigte Folterer der indischen Armee, Amrik Singh und HKP Pinky, Bismillah, die Frau mit der Stimme wie eine Bushupe und der Wildheit und Ruchlosigkeit eines Mafiabosses aus Chicago, Miss Jebeen die Erste und Miss Udaya Jebeen die Zweite, der Hausbootbewohner Gulrez genannt Gul-kak mit seinem Gockel und seinen zwei Kätzchen, Dr. Azad Bhartiya, Begum Renata Mumtaz Madam, eine rumänische Bauchtänzerin, Tilos Mutter Maryam Ipe, Saddam Hussain, dessen Vater als angeblicher Kuhmörder gelyncht wurde, eine Bandikutratte, die mollige Ankita genannt Rolypoly, ein kaschmiri-englisches Alphabet, Genossin Maase Revathy sowie ein Mistkäfer.

Ein fesselnder Roman um die Verwerfungen in und um Kaschmir, Aufstände, Verhöre und Folterungen, die Probleme im heutigen Indien mit seinem Hindu-Nationalismus, dem Kastensystem und dem alltäglichen Rassismus, Menschen, die nicht ins Raster passen, ungeahnte Babyfunde auf den Straßen Delhis und Solidarität zwischen Außenseitern und an ungewöhnlichen Orten. Gewidmet ist er den Ungetrösteten – nach der Lektüre fühlt man sich wahrhaft getröstet!

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Tags: aufstand, aussterbende vögel, folter, friedhof, hijra, hindu-nationalismus, indien, kaschmir, liebe, old delhi, rüsselkäferphilosophie, srinagar, untergrund   (13)
 

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architektur, italien, palladio, renaissance, veneto

Palladio-Aldinen VOL. 1

Ulrike Eichhorn
Flexibler Einband: 488 Seiten
Erschienen bei Edition Eichhorn, 19.05.2017
ISBN 9783944377100
Genre: Sachbücher

Rezension:  
Tags: architektur, italien, palladio, renaissance, veneto   (5)
 

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anekdoten, bibelübersetzung, biografie, deutsch, deutscher, erfurt, junker jörg, leben, luther, martin luther, reformation, reformator

Aus einem traurigen Arsch fährt nie ein fröhlicher Furz

Mario Süßenguth
Fester Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Eulenspiegel Verlag, 12.09.2016
ISBN 9783359017271
Genre: Sonstiges

Rezension:

Ein unterhaltsames Anekdotenbändlein um Martin Luther, gesammelt von Mario Süßenguth und aufgeteilt in acht Kapitel, allerdings leider ohne Inhaltsverzeichnis. Unter Überschriften wie "Luther legendär", "Luther laut und leise" oder "Luther liebend" wird das ganze Spektrum seines Schaffens und Wirkens in allerlei Episoden aufgezeigt. Von seinem Aufwachsen als Sohn eines Bauern und Berghäuers in Mansfeld über seine Studien- und Lehrzeit bis hin zu seiner Schaffenszeit als Prediger und Bibelübersetzer erfährt man einiges Unbekanntes über den Reformator, beispielsweise, dass er seine Vorlesungen am liebsten zwischen 6 und 7 Uhr morgens abhielt und einst zu Fuß bis nach Rom wanderte. Bei seiner geplanten, aber hektischen Entführung auf die Wartburg, wo er nach dem Anschlag seiner Wittenberger Thesen und dem Reichstag zu Worms erst einmal in Sicherheit gebracht wurde, konnte er gerade noch in letzter Sekunde seine Bibeln mitnehmen. Er war einerseits selbstkritisch, beichtet als junger Mönch auch harmlose Dinge, andererseits wird er später aufgrund seiner Sprachgewalt auch als "gewaltiger Dolmetscher" bezeichnet. Man erfährt einiges über seine Spracharbeit und -besessenheit, ebenso wie ein paar Details über das Verhältnis zu seiner Frau Katharina von Bora, die er wegen ihrer Durchsetzungskraft auch "mein Herr Käthe" nannte. Seine problematischen Ansichten zu Hexen, Juden, Menschen mit Behinderungen und anderen Gruppen kommen in dem Büchlein allerdings nicht vor; es liest sich eher wie ein flotter anekdotischer Begleiter zum Luther-Jahr.

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Tags: bibelübersetzung, junker jörg, martin luther, reformation   (4)
 

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355 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 104 Rezensionen

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Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge

Ruth Hogan , Marion Balkenhol
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 19.05.2017
ISBN 9783471351475
Genre: Romane

Rezension:

Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge ist eine moderne Erzählung der Geschichte des heiligen Antonius von Padua, des Schutzheiligen für verlorene Gegenstände. Ruth Hogan verlegt die Geschichte ins England der Jetztzeit und erzählt sie in zwei großen Erzählsträngen, von denen einer bis ins Jahr 1974 zurückreicht.

Der von Marion Balkenhol übersetzte Roman spielt einerseits in einem Landhaus im ländlichen England, andererseits in einem Verlegerbüro in London. Dort fängt Eunice 1974 als Assistentin bei dem Verleger Bomber an, in den sie sich prompt verliebt, nachdem sie zuvor ein kleines Medaillon auf der Straße gefunden und als Talisman an sich genommen hat. Ihre Liebe bleibt zwar unerwidert – es stellt sich heraus, dass Bomber schwul ist -, jedoch arbeiten sie beide lange Jahre zusammen und entwickeln ein enges freundschaftlich-platonisches Verhältnis sowie eine große Liebe zu Hunden. Selbst Bombers schreckschraubige Schwester, die selbst jahrelang einen Roman nach dem anderen schreibt, in denen sie englische Klassiker plagiiert, kann sie nicht abschrecken, obwohl sie sich wirklich alle Mühe gibt.

Der zweite Handlungsstrang spielt im Landhaus Padua irgendwo im ländlichen England. Dort arbeitet Laura als Haushälterin und persönliche Assistentin bei dem in die Jahre gekommenen Schriftsteller Anthony Peardew. Sowohl sein als auch der Name des Hauses spielen dabei fast schon wie ein Wink mit dem Zaunpfahl auf die Legende des heiligen Antonius an, der unter anderem der Schutzheilige für verlorene Gegenstände und Singles ist. Mr. Peardew hat sich nach einem persönlichen Schicksalsschlag – er verlor gleichzeitig ein Medaillon seiner Geliebten und diese selbst – sein Leben lang Vorwürfe gemacht, durch den Verlust des Medaillons den Tod seiner Geliebten herbeigeführt zu haben, und wurde daraufhin zum Sammler verlorener Dinge. Sein einziger Lebenszweck war es, diese ihren rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben. Zugleich schrieb er Kurzgeschichten, die sich um die gefundenen Gegenstände rankten und von denen einige im Buch abgedruckt sind – dabei handelt es sich um teilweise hochemotionale Miniaturen, in denen einem noch einmal zahlreiche neue Charaktere begegnen. Nach Anthonys Tod vermacht er Laura sein Haus, zusammen mit der Aufgabe, die rechtmäßigen Eigentümer der Dinge ausfindig zu machen, um so sein Lebenswerk zu vollenden.

Die Perspektive wechselt zwischen den Zeit- und Handlungsebenen Bomber/Eunice und Laura/Anthony hin und her, wobei häufig der nächste Text an ein passendes Stichwort des vorangegangenen Abschnitts anknüpft. Zunächst fragt man sich, wie die zwei Geschichten wohl zusammengehören, aber am Ende fügt sich doch alles zu einem homogenen Ganzen und es kommt auch zur persönlichen Begegnung von Eunice und Laura. Das Buch enthält zahlreiche sehr britische Elemente – neben den Anspielungen auf die englischen Klassiker (von Jane Eyre bis Harry Potter) kommen auch eine Geistergeschichte und eine Liebesgeschichte mit einem Gärtner darin vor. Das Britische darin hat mir sehr gut gefallen, zugleich haben mich die vielen teilweise nur kurz angedeuteten Einzelschicksale jedoch  etwas überfordert. Leider wird der wundervoll nostalgische Landsitz Padua am Ende mit einem Breitbandanschluss und einer eigenen Website für die verlorenen Gegenstände ausgestattet und die Bewohner sind nur noch mit dem Katalogisieren der Dinge beschäftigt, wodurch er deutlich an Charme verliert. Der leuchtendste Charakter ist die wundervolle Sunshine, die sich keinen Deut um ihr Down-Syndrom schert, sondern es vermag, mit ihrem Einfühlungsvermögen und ihren übersinnlichen Fähigkeiten eine sehr liebevolle Atmosphäre um sich herum zu schaffen. Auch der fortschreitende Alzheimer von Bomber und seinem Vater werden anschaulich geschildert.

Lesens- und empfehlenswert für Hundeliebhaber, Freunde von Geistergeschichten und der englischen Lebensart, Sammlerinnen und Sammler und Fans des heiligen Antonius!

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Tags: alzheimer, down-syndrom, england, glückliche und unglückliche liebe, heiliger antonius von padua, sammelleidenschaft   (6)
 

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15 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

berlin, ermittelnde escortlady, gentrifizierung, krimi, luxussanierung, problembeladener privatdetektiv, renitente mieter

Mitternachtsnotar

Bettina Kerwien
Flexibler Einband
Erschienen bei Jaron, 31.03.2017
ISBN 9783897738157
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Bettina Kerwien hat einen temporeichen Krimi um die Escortlady Liberty Vale und den traumatisierten Privatdetektiv Martin Sanders geschrieben. Im Norden Berlins sollen eine Kleinhaussiedlung luxussaniert und die alteingesessenen Mieter hinausgeekelt werden. Doch plötzlich wird der Hausmeister tot am Dachbalken aufgefunden ...

Abwechselnd aus Sicht der sehr unterschiedlichen Charaktere Liberty Vale, der energischen Escortlady, die sich jobmäßig zwar den Männern an den Hals wirft, privat aber eher auf Abwehr gebürstet ist, und des vom Leben ziemlich gezeichneten Privatermittlers Martin Sanders werden die Ermittlungen beschrieben, an denen beide auf ihre Weise beteiligt sind. In kurzen Kapiteln mit knackigen Überschriften und zahlreichen Songtiteln geht die Geschichte flott voran und bringt allerlei Verwicklungen mit sich. Während Sanders mich ziemlich an den schön gestörten Kommissar Faber aus dem Dortmunder Tatort erinnert hat – er hat eine fast noch dramatischere Familiengeschichte hinter sich und lebt in einer halben Traumwelt -, hat Libby mit ihrer Leidenschaft für Eierlikör und Erdbeeren bei mir gepunktet. Das Geschehen ist sehr genau in Berlin verortet; neben der Reinickendorfer Siedlung kommen auch ziemlich treffende Schilderungen von Moabit, dem Ku'damm und der Domkuppel vor. Zudem besticht der Text durch einige gelungene berlinerische Einsprengsel!

Das Ende mit einem wirklich dramatischen Showdown war für mich absolut nicht vorhersehbar, aber spannend erzählt! Die Atmosphäre ist ziemlich trashig und die erzählten Wahrheiten sind reichlich desillusionierend - einzig der Funke Hoffnung, der zwischen den beiden Hauptcharakteren aufglimmt, lässt einen noch an das Gute im Menschen glauben. Ein melancholischer Berlin-Krimi um ein leider sehr aktuelles Thema mit zwei ungewöhnlichen Hauptdarstellern – empfehlenswert!

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Tags: action & liebe, berlin, ermittelnde escortlady, gentrifizierung, krimi, luxussanierung, problembeladener privatdetektiv, renitente mieter   (8)
 

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atmosphäre, begegnung, dänemark, helle helle, im wald verirrt, joggen, lebensgefahr, natur, spannung, wenn du mags

Wenn Du magst

Helle Helle , Flora Fink
Buch: 180 Seiten
Erschienen bei Dörlemann, 05.09.2016
ISBN 9783038200345
Genre: Romane

Rezension:

Ein Mann und eine Frau, die sich nicht kennen, gehen unabhängig voneinander im selben Wald irgendwo in Jütland joggen. Beide kennen sich dort nicht aus, beide verlieren die Orientierung und treffen sich schließlich. Zusammen versuchen sie, aus dem Wald herauszufinden, verirren sich aber nur immer weiter in dem ihnen unbekannten Gebiet. Die Perspektive wechselt und ist mal bei der namenlosen Erzählerin, mal bei dem zehn Jahre älteren Roar, der unterschiedlich große Schuhe trägt und sich daher eine schmerzende Blase gelaufen hat. Während sie gegen die Unwegsamkeiten ihrer Umgebung ankämpfen – keine Orientierung, nicht genug zu trinken, kein Handyempfang, Kälte und Regen, zunehmende körperliche Schwäche – erinnert sich die Frau an verschiedene Stationen ihres Lebens: vom ersten Job über das Leben in ihrer ersten WG bis hin zum Kennenlernen ihres Lebensgefährten, dem gemeinsamen Leben mit dessen Sohn und der Arbeit im Möbelgeschäft. Die existentielle Bedrohung bringt die beiden zuvor Fremden schließlich auf engstem Raum zusammen: aneinandergelehnt in einer Hütte und schließlich in einem Gästehäuschen nebeneinander im selben Bett. Die sinnlichen Beschreibungen der Natur, der Oktoberluft und der beklemmenden Situation, überzeugend übersetzt von Flora Fink, lassen einen das Geschehen unmittelbar miterleben. Werden sie gemeinsam einen Ausweg finden?

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Tags: atmosphäre, begegnung, dänemark, im wald verirrt, joggen, lebensgefahr, natur, spannung   (8)
 

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dialekt, fantasy, found footage, gruselgeschichten, kamera, kostüm, krimi, legende, monster, mord, mystery, mythologie, mythos, österreich, perchten

Perchtenlauf

Andreas Brugger
Flexibler Einband: 184 Seiten
Erschienen bei CCQ Verlag, 01.11.2015
ISBN 9783950384901
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Im Buch "Perchtenlauf" wird die österreichische Perchtensage in die Gegenwart transportiert. Hierzu bedient sich der Autor Andreas Brugger der Found Footage-Technik, indem er einzelne Szenen in einer Kameraeinstellung nach der anderen vor dem inneren Auge der Leser ablaufen lässt. Eine Gruppe Wiener Studenten reist ins ländliche Österreich, um dort dem Brauch der Perchtenläufe nachzuspüren. Was folkloristisch anfängt, wird nach und nach immer gruseliger, bis es schließlich in einem grausligen Finale endet.

Mein Fall war das Buch nicht ganz, ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so stark in die Horrorrichtung geht und blieb am Ende doch ziemlich verschreckt und mit einigen offenen Fragen zurück (wenn ich gewusst hätte, dass Found Footage hauptsächlich im Horrorgenre verbreitet ist, hätte ich mir natürlich vorher so meine Gedanken gemacht...). Sehr gut gefallen haben mir hingegen die Schilderung der lokalen Bräuche und die Verwendung des österreichischen Dialekts, was dem Text ein echt authentisches Lokalkolorit verleiht.

Leider werden nicht alle Fragen, die der Fall aufwirft, im Buch beantwortet, sondern in Band 3 der Reihe geht es wohl noch weiter. Auch geht die Schilderung der Charaktere aufgrund des Erzählstils nicht allzu sehr in die Tiefe und der Text ist an und für sich recht kurz, allerdings ist er komplett doppelt - auf Hochdeutsch und Österreichisch - abgedruckt.

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Tags: bräuche, dialekt, found footage, österreichisch, perchten   (5)
 

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80 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 35 Rezensionen

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Das Leben wartet nicht

Marco Balzano , Maja Pflug
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 22.02.2017
ISBN 9783257069839
Genre: Romane

Rezension:

Marco Balzano hat zahlreiche Interviews mit Süditalienern geführt, die in den 50er und 60er Jahren nach Norditalien gegangen sind, teilweise noch als Kinder und ohne ihre Familien, um der wirtschaftlichen Misere des Mezzogiorno zu entgehen. Die Erkenntnisse daraus hat er, selbst ein Kind von Süditalienern im Norden, in diesem Buch verdichtet und zu einem Romangeschehen verarbeitet. Das ist ihm überzeugend gelungen.


Ninetto verlässt mit 9 Jahren sein sizilianisches Dorf, nachdem seine Mutter einen Schlaganfall erleidet und sein Vater, ein Tagelöhner, sich mehr und mehr emotional zurückzieht. Schon zuvor, als er täglich von einer Sardine und etwas Brot leben musste und keine Perspektive für sich sah, hatte er diese Pläne geschmiedet. Zusammen mit einem Bekannten fährt er mit der Bahn nach Mailand. Dort schlägt er sich tapfer durch, findet sofort einen Job als Fahrradbote einer Wäscherei und arbeitet später auf dem Bau, bevor er mit 15 endlich in der Fabrik anfangen kann. Er lernt ein Mädchen kennen und fühlt sich mit 15 schon so erwachsen, dass er sie heiratet. Von da an arbeitet er 38 Jahre lang in einer Autofabrik und wird Vater einer Tochter. Er hat mit übermäßiger Eifersucht zu kämpfen und trägt immer ein Messer bei sich, was dazu führt, dass er den Freund seiner Tochter niedersticht und 10 Jahre im Gefängnis verbringen muss. Als er wieder rauskommt, hat er Schwierigkeiten, sich in der Welt ohne feste Strukturen zurechtzufinden, schaut auf sein Leben zurück und kämpft darum, seine Enkelin sehen zu dürfen.

Das Buch wird überwiegend in Rückblenden aus Sicht des 57-jährigen Ninetto erzählt, der sich an die verschiedenen Etappen seines früheren Lebens erinnert. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Kindheit am Fuße des Ätna, die einzige Zeit, in der er sich richtig lebendig gefühlt hat und an die er wehmütig zurückdenkt. Ein Lehrer hat es vermocht, in ihm eine Liebe zur Poesie zu wecken, die ihn sein Leben lang begleitet. Aber auch die Erfahrungen der Fremdheit im Norden, des eintönigen Fabrikarbeiteralltags und des Versuchs der Wiedereingliederung nach seiner Gefängniszeit werden überzeugend geschildert. Die Zeitebenen springen durcheinander, so dass wir langsam und kaleidoskopartig einen Eindruck von Ninettos Leben gewinnen, als würde er uns persönlich davon erzählen. Die Sprache ist meist schlicht gehalten, mit schönen Betrachtungen des Lebens, allerdings kommen durchaus Referenzen zu Dichtern und Büchern vor, die ihn beeindruckt und geprägt haben. Erst gegen Ende wird klar, was Ninettos Verbrechen war und weshalb er so lange im Gefängnis saß, so dass das die Sicht auf ihn sich noch einmal verändert. - Das Buch stellt einen wichtigen Beitrag zu einem Phänomen - die Kindermigration innerhalb Italiens - dar, das mir vorher völlig unbekannt war und das psychologisch feinfühlig ausgeleuchtet wird.

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Tags: arbeit am fließband, italien, kinderflüchtling, mezzogiorno, migration   (5)
 

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25 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

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Mach die Biege, Fliege!

Kai Pannen
Fester Einband: 104 Seiten
Erschienen bei TULIPAN VERLAG , 17.02.2017
ISBN 9783864293399
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Das zweite Buch um Spinne Karl-Heinz und Fliege Bisy von Kai Pannen spielt im Frühling und handelt vom Thema Frühjahrsputz. Allerdings erleben wir Leser den diesmal aus einer neuen Perspektive mit, nämlich der der Insekten, die normalerweise bei der Gelegenheit weggefegt oder ins Freie vertrieben werden. Weder Karl-Heinz noch Bisy haben bislang jemals so einen Hausputz mitgemacht, daher müssen sie sich mit einem Handbuch über das Leben in Menschenwohnungen behelfen. Um ihre Haut zu retten, beschließen sie, selbst zu fliehen und den Weg in die unbekannte Natur zu wagen – für Karl-Heinz, den Pantoffelhelden mit einer Leidenschaft fürs Rumliegen auf dem Sofa, eine besondere Herausforderung. Auf der Suche nach einer neuen Bleibe im Freien begegnen ihnen allerlei fremde Insekten – disziplinierte Ameisensoldaten, joggende Tausendfüßler und eine unternehmungslustige Nashornkäfer-Dame – und auch so unbekannte Lebewesen wie Vögel! Schließlich finden sie ein lauschiges Heckchen für ihr gemeinsames Netz und erkunden nach und nach ihre neue aufregende Umgebung. Ein von Blattläusen betriebener Naschmarkt, auf dem es leckere Süßigkeiten wie Ahorndrops oder Ligusterheckenkamellen gibt, wird besucht, verloren geglaubte Weihnachtsgeschenke tauchen wieder auf und neue Hobbys – Skateboardfahren und Wespenkunstflug – werden entdeckt. Eine amouröse Verwicklung von Karl-Heinz mit einer rosa Raupe stellt die Freundschaft der beiden auf eine arge Probe, doch zum Glück gibt er der launischen Lady bald den Laufpass, die daraufhin beschließt, sich zu verpuppen. Nach einer fröhlichen Überraschungsparty zu Karl-Heinz' Geburtstag und einer kleinen Identitätskrise bei Bisy merken die Freunde erst, was sie aneinander haben, und erfreuen sich an ihrem neuen Heim. 

Erfrischende Frühlingslektüre mit vielen bunten und phantasievollen Illustrationen von Insekten auf Wohnungssuche, beim Stricken oder Feiern … - ein tolles (Vor-)Lesevergnügen für Groß und Klein!

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Tags: flucht, freundschaft, frühjahrsputz, illustration, insekten, kinderbuch   (6)
 

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98 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 29 Rezensionen

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Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen

Margot Lee Shetterly , Michael Windgassen
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 02.01.2017
ISBN 9783959670845
Genre: Biografien

Rezension:

Margot Lee Shetterly erzählt in Hidden Figures die Geschichte der ersten schwarzen Mathematikerinnen des NASA-Vorläufers NACA bis hin zur Mondlandung und den Apollo-Missionen. 

Wir lernen Dorothy Vaughan kennen, die erste schwarze Abteilungsleiterin von Langley, die einige Jahre lang dem Rechenzentrum West vorstand, in dem zu Zeiten der Rassentrennung nur schwarze Frauen arbeiteten, und dort zahlreiche Karrieren schwarzer Frauen anschob und beförderte, bevor ihre Abteilung im Zuge der Desegration schließen musste.

Das Leben und die Arbeit von Mary Jackson werden geschildert, die besser rechnete als ihr Vorgesetzter und sich unermüdlich sowohl im Job als auch privat für ihre schwarze Pfadfinderinnentruppe einsetzte und schließlich ihre Karriere als Gleichstellungsbeauftragte bei Langley beschloss, wo es ihr gelang, die „hidden figures“ sichtbar zu machen und die Beförderung anderer Forscherinnen voranzutreiben ...

... wie die von Christine Darden, einer hartnäckigen und sehr begabten Mathematikerin, die als promovierte Ingenieurin in Langley so weit aufstieg wie noch keine schwarze Frau vor ihr.

Und natürlich werden das Leben und die Verdienste von Katherine Johnson geschildert, der Frau, der der erste amerikanische Erdumrundungspilot John Glenn 1962 mehr vertraute als den Rechenmaschinen und die alle Computerdaten zur Umlaufbahn seines Flugs nachprüfte. Ihr außergewöhnlicher Weg vom schulischen Mathegenie mit einem Talent zum Glücklichsein zu einer Zeit, als Schulen und Arbeitsplätze noch getrennt waren, zur NASA-Datenanalystin, die wesentliche Berechnungen für mehrere Apollo-Missionen anstellte, wird wunderbar erzählt, inklusive ihres unermüdlichen Engagements außerhalb ihres Arbeitsplatzes bis hin zu ihrer Auszeichnung mit der Presidential Medal of Freedom im Jahr 2015.

Die Autorin schreibt fundiert und stützt sich auf ausgiebige Recherchen, zugleich ist ihr Stil jedoch sehr persönlich und man merkt, dass ihr als Tochter eines NASA-Forschers und einer Englischprofessorin die Geschichten wirklich am Herzen liegen. Ich habe beim Lesen viel über das Gefühl, im Amerika zur Zeit der Rassentrennung zu leben, gelernt sowie über die Zeit vor und während der Bürgerrechtsbewegung. Wer hätte gedacht, dass Martin Luther King Jr. Star-Trek-Fan war? Und dass Mathejobs bei der NASA früher nur an Frauen vergeben wurden? Toll, dass diesen beeindruckenden Ladys mit dem Buch so ein schönes Denkmal gesetzt wird!

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Tags: afroamerikanische geschichte, computers in skirts, frauenpower, mathematikerin, nasa   (5)
 

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Emma, der Kaktus und ich

Christopher Lück
Flexibler Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 16.01.2017
ISBN 9783442484997
Genre: Humor

Rezension:

Student, Tollpatsch und Möchtegern-Dichter Gerd Gerthner hat noch nie mit einer Frau geschlafen und möchte dies unbedingt ändern. Der Weg zum ersten Mal wächst sich für ihn zu einer wahren Pleiten-Pech-und-Pannen-Odyssee aus, bei der ihm alle Mittel recht sind (teilweise würfelt er die richtige Kandidatin und die richtige Gelegenheit aus), aber natürlich alles schief geht, was nur schiefgehen kann: von einer Latexallergie der per Würfel ermittelten Kandidatin über ein Missverständnis wegen einer Nachbarin unter seiner Couch bis hin zur spionierenden kleinen Schwester vor dem Schlüsselloch im entscheidenden Moment... Als er dank einer zufälligen Kakteenleidenschaft dann aber doch die Richtige trifft, Gärtnerin Emma nämlich, scheint er gerettet und seine Welt endlich wieder in Ordnung. Doch dann sieht Emma ein missverständliches Foto von Gerd und einer anderen Frau und Gerd muss lernen, dass das Leben nach dem ersten Mal und vor dem ersten Kind nicht unbedingt einfacher wird...

Ein unterhaltsamer Roman in recht mündlicher Schreibe mit Einschüben von Liedtexten, Wikipedia-Artikeln und einigen Gedichten bzw. Gedichtversuchen, der sich locker wegliest. Man fühlt mit Gerd mit, wenn er sich in immer ausweglosere Situationen verstrickt, und muss regelmäßig schmunzeln. Manche Schilderungen und Witze haben allerdings nicht ganz meinen Geschmack getroffen und gelegentlich fand ich die häufigen Schriftwechsel und Rückblenden etwas anstrengend. Dafür gewinnt man immerhin interessante Einblicke in die männliche Psyche!

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Tags: kaktus, liebe, männlicher hera lind   (3)
 

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Seeluft macht glücklich

Janne Mommsen
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 24.03.2017
ISBN 9783499290183
Genre: Liebesromane

Rezension:

Thore, relativ frisch, aber unglücklich getrennter Föhrer Junggeselle, muss unfreiwillig die Verlobungsparty seiner Ex ausrichten und beschließt daraufhin Hals über Kopf, für eine Weile aufs Festland zu flüchten. Jasmin wiederum, Dauersingle aus dem Rheinland, hat sich in ihrem Krankenhausjob in Köln zum Workaholic entwickelt und rettet sich, als sie vor Überarbeitung zusammenklappt und von ihrem Chef kurzerhand für acht Wochen beurlaubt wird, mit letzten Kräften auf die Insel. Bei einem Fahrradplatten lernen sich die beiden kurz vor Thores Aufbruch kennen und vereinbaren spontan einen Wohnungstausch (wobei auch ein Autoquartett eine gewisse Rolle spielt...).

Während Thore sich am Rhein trotz kleinerer kultureller Hindernisse schnell einlebt und bald einen Job als Krankenhausclown findet, der ihn fordert, aber auch belohnt, schläft sich Jasmin in seinem umgebauten Kuhstall auf Föhr erstmal richtig aus. Dank Anstößen von Thore und der passionierten Oldsumer Kupplerin Inge Hansen bleibt sie jedoch nicht lange allein, sondern kommt bei einer Scheunenparty und einem Aushilfsjob als Strandkorbkönigin auch bald unter die Leute. Dass sie sich bei einer Wattwanderung schließlich den Knöchel verknackst, führt nicht nur zum endgültigen Abschied von einem romantischen, aber verjährten Jugendtraum, sondern auch zu einem interessanten Jobangebot in der Inselklinik. Auch Thore, der mittlerweile mit roter Nase zum halben Rheinländer geworden ist, stellt nach einer Weile fest, dass er über seine Verflossene hinweg ist. Nach vielen Telefonaten, Nachrichten und dem Kennenlernen ihrer gegenseitigen Eltern treffen sich die beiden schließlich auf Föhr wieder, wo sie sich erstmals richtig kennenlernen und anfangen können, einen neuen, gemeinsamen Traum zu träumen.

Eine kurzweilige Lektüre für Föhr- und Köln-Fans und solche, die es noch werden wollen. Da ich selbst Föhr wesentlich besser kenne als Köln, kann ich nur sagen, dass die Insel sehr anschaulich mit vielen lebendigen Details, Läden und Ecken geschildert ist, wie man es von Janne Mommsen kennt und liebt. Dank einiger friesischer Einsprengsel und Kölner Karnevalslieder kommt auch das Lokalkolorit nicht zu kurz und es kommen allerlei bunte Charaktere vor. Da beide Orte sehr charmant abwechselnd aus den Perspektiven der beiden Protagonisten geschildert werden, ist es am Ende fast schade, dass sich die beiden für ein Leben auf der Insel entscheiden – aber Köln werden sie sicherlich trotzdem weiterhin die Treue halten!

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Tags: autoquartett, burnout, einsamkeit, föhr, köln, krankenhausclown, liebe, wohnungstausch   (8)
 
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