Leserpreis 2018

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161 Bibliotheken, 16 Leser, 1 Gruppe, 70 Rezensionen

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Muttertag

Nele Neuhaus
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 19.11.2018
ISBN 9783550081033
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Herzlichen Glückwunsch zum Muttertag? Besser nicht. Schenkt man dem neuen Krimi von Nele Neuhaus Glauben, kann dieser besondere Tag sogar tödlich enden, zumindest für einen bestimmten Kreis von Müttern mit einer gewissen Vorgeschichte in ihrer Biografie. Ins Rollen kommt die Aufklärung einer Mordserie durch den Tod von Theo Reifenrath, der zusammen mit seiner Frau Rita jahrzehntelang Pflegekindern eine offensichtlich behütete Heimstatt bot. Dumm nur, dass jemand unmittelbar nach Theos Tod seinen Hund in den Zwinger gesperrt und dieser auf der Suche nach Futter Knochen ausgebuddelt hat, menschliche Knochen wohlgemerkt. Ein neuer Fall für Pia Sander und Oliver von Bodenstein, den sie natürlich wie erwartet souverän lösen. Bis dahin dauert es aber über 500 Seiten, in denen die Autorin in gewohnter Weise Spuren legt, auf Fährten führt, Verdacht erweckt. Da haben viele Personen ihre Finger im Spiel, Gründe für den Tod von zehn Frauen gibt es viele. Aber wo ist der gemeinsame Nenner zu finden? Und überhaupt: War schon der Tod von Rita Reifenrath vor Jahren tatsächlich Selbstmord? So werden im Laufe der Ermittlung immer wieder Zweifel gesät, Hoffnungen geweckt. Aber erstens kommt es anders, als man meistens zweitens denkt. Damit hält Nele Neuhaus Leserinnen und Leser bei der Stange, genauestens recherchiert, detailliert geschildert, minutiös protokolliert. Nicht ganz so leicht, dabei immer die Übersicht über das gesamte Personentableau und dessen Beziehungen zu behalten. Zum Ende hin hat man zwar den Eindruck, dass es ein bisschen viel der Zufälligkeiten eben dieser Beziehungen gibt, aber unterhaltsam und spannend bleibt es bis zum Schluss. Das Ganze endet in einem Showdown am und im und unterhalb des Frankfurter Flughafens, der mich als nicht-IT-affiner Leser doch etwas überfordert. Und tatsächlich entpuppt sich etwas überraschend … keine Angst, wird nicht verraten. Vielleicht nicht unbedingt ein Muttertagsgeschenk, aber bis dahin ist ja auch noch etwas hin. Ansonsten solide, spannende Krimikost für trübe Wintertage.

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(94)

148 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 87 Rezensionen

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Ein Winter in Paris

Jean-Philippe Blondel , Anne Braun
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 24.09.2018
ISBN 9783552063778
Genre: Romane

Rezension:

Haushaltsauflösung und Umzug zwangen mich dazu, den Roman zunächst beiseite zu legen. Endlich komme ich nun dazu, ihn zu lesen und das in einem Rutsch.

Warum fühle ich mich dem achtzehnjährigen Protagonisten Victor sofort so eng verbunden? Ich entdecke mich in ihm wieder, wir sind eindeutig seelenverwandt. Aus der Provinz kommend, im verwirrend-verstörenden Universitätsbetrieb angekommen, hoher Druck und das Gefühl, alleingelassen, unsichtbar zu sein. Victor scheint es nicht zu stören, dass im ersten Jahr keiner mit ihm redet. Dann endlich ist ein Freund in Sicht. Man redet wenig miteinander, raucht in den Pausen zusammen, immerhin. Doch Mathieu ist der Situation am Lycée D. nicht gewachsen, er leidet unter der kaltschnäuzigen Art der Lehrenden. Sein Freitod bietet Victor ironischerweise die Chance, Kontakte zu gewinnen, zu Mitstudierenden und vor allem zu Mathieus Vater, dem der Tod seines Sohnes schmerzlich zusetzt. Als Freund des Opfers ist Victor plötzlich gefragt und begehrt. Wie Jean-Philippe Blondel die weitere Entwicklung des jungen Mannes beschreibt, ist geradezu meisterlich gelungen! In völlig unaufgeregtem-unspektakulärem Schreibstil lässt er uns Leser Victors weiteren Weg begleiten und teilhaben an der  persönlichen Entwicklung und der Reifung seines Charakters.

Das Buchcover ist äußerst treffend gewählt. Was könnte die Situation und die Gefühlslage des jungen Victor besser widerspiegeln?

Ein Lesevergnügen der besonderen Art, bestens geeignet für stille Herbstabende.  

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(73)

85 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 69 Rezensionen

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Die Tote im Wannsee

Lutz Wilhelm Kellerhoff
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 10.08.2018
ISBN 9783550050640
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Heidi Gent arbeitet in der Kanzlei des Anwalts und Mitglieds der linken Szene Horst Mahler, der inzwischen ja bekanntlich zum Rechtsausleger mutiert ist. Jetzt liegt Heidi Gent am Strandbad des Wannsees, allerdings mausetot. An Kommissar Wolf Heller ist es nun, den Mörder der verheirateten zweifachen Mutter ausfindig zu machen. Der Weg dorthin führt durch das 1968er Berlin, und Hellers Ermittlungen erweisen sich als hochkarätige Stiche in ein Wespennest unsäglicher Verstrickungen. Da wimmelt es von allen denkbaren Zutaten, die der geteilten Stadt und dieser aufgeheizten Zeit ihren Stempel aufgedrückt haben: Mauer und Stasi, Staatsschutz und Spionage, Nazi-Vergangenheit und Studentenunruhen, Kommune I und Springer-Konzern, Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke, Drogen und Homosexuellen-Milieu, und alles scheint mit allem irgendetwas zu tun zu haben. Ein bisschen zuviel des Guten? Keineswegs! Das Autorentrio Lutz, Wilhelm, Kellerhoff versteht es meisterlich, die verzweigten Handlungsstränge zu einem Ganzen zusammenzufügen, das den Leser unweigerlich vor sich hertreibt. Die perfektionierte Liebe zum Detail mit exakten Orts- und Zeitangaben und erstaunlich offener Einbindung real existierender Personen ruft das Gefühl absoluter Authentizität hervor. (Hellers Mutter liegt nicht nur auf dem Friedhof Heerstraße begraben, sondern in Feld IX, Reihe A, Grab Nr. 23, gleich neben der Friedhofshalle! Wahrscheinlich ist die Grabstätte längst anderweitig belegt. Ich werde trotzdem bei meinem nächsten Friedhofsbesuch nachsehen …). Fazit: ein kurzweiliger, spannender (Polit-)Krimi mit abwechslungs- und temporeicher Handlung, historisch-realen und prägnant-fiktiven Typen, gelungener Dramaturgie, flüssig lesbar. Kurzum: unbedingt lesenswert! Für alle Leser, denen die Materie nicht (mehr) vertraut ist, erweist sich das Glossar als gute Idee.

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(85)

150 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 77 Rezensionen

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Der Horror der frühen Medizin

Lindsey Fitzharris , Volker Oldenburg
Flexibler Einband: 276 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 09.07.2018
ISBN 9783518468869
Genre: Sachbücher

Rezension:

„Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Wer im 19. Jahrhundert zur Behandlung ins Krankenhaus ging, begab sich unweigerlich in Gefahr. In Lebensgefahr, denn die Gewissheit, auf der Suche nach Hilfe ebenda umzukommen, war sehr groß. Wir können uns glücklich schätzen, in einer Zeit zu leben, in der die medizinischen (Er-)Kenntnisse und Errungenschaften ein hohes Niveau erreicht haben. Auf dem Weg dorthin haben unsere Vorfahren geradezu Unmenschliches erleiden müssen. Amputationen ohne Narkose, Operationen, die der Chirurg mit schmutzigen Händen und Skalpell erledigte, während seine Kleidung von den Resten und Sekreten der vorherigen OP nur so strotzte. Keimfreiheit – ein absolutes Fremdwort. Dass Keime nach erfolgreicher Operation in die Wunde eindringen könnten, um dort ihr todbringendes Unwesen zu treiben, wollten allzu viele Ärzte nicht wahrhaben oder wussten es einfach nicht besser. Über weite Passagen hinweg benötigt man für Lindsey Fitzharris’ Schilderungen starke Nerven, (als „Vorgeschmack“ empfohlen  : https://www.youtube.com/watch?v=KYNfG8iXtVI).

Für heutige Verhältnisse übersteigen die Zustände in den britischen Krankenhäusern (und sicher nicht nur dort) des 19.Jahrhunderts unser Vorstellungsvermögen.

Gegen alle Widerstände seiner Standeskollegen macht sich der junge Joseph Lister auf, den „Kampf gegen Kurpfuscher, Quacksalber und Knochenklempner“ aufzunehmen. Letztlich mit Erfolg, aber der Weg dorthin ist für den sensiblen zurückhaltenden Chirurgen mühsam, steinig und von Rückschlägen und heftigsten Anfeindungen geprägt. Seinem Durchhaltevermögen, seinem unbändigen Willen, die enorm hohe Sterberate in den Hospitälern drastisch zu reduzieren, verdanken wir unseren heutigen medizinischen Standard. Die Autorin erzählt die Wechselfälle dieses Pionierlebens abwechslungsreich und spannend, und mit jeder Seite mehr empfindet man als Leser Dankbarkeit für die Leistungen Joseph Listers.  

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(68)

93 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 62 Rezensionen

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Guten Morgen, Genosse Elefant

Christopher Wilson , Bernhard Robben
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.08.2018
ISBN 9783462050769
Genre: Romane

Rezension:

Vom Milchwagen angefahren, anschließend von der Straßenbahn, als Kleinkind ins Gehege der sibirischen Tiger gekrabbelt, vom Dach gefallen, vom Blitz getroffen – eine beachtliche Schadensbilanz, die bei ihm „einen bleibenden Eindruck“ hinterlassen habe. Der 12-jährige Juri ist der Sohn des Doktors Zipit, Veterinärmediziner des Hauptstadtzoos von Moskau, wohnhaft ebenda, gleich neben dem Elefantengehege. Und so stellen sich schon beim Lesen des Titels gewisse Assoziationen ein. Aber erstens kommt es bekanntlich anders, als man meistens zweitens denkt. „Genosse Elefant“ entpuppt sich als der „große Führer“ Josef Stalin, auf dessen Datscha Juri unfreiwillig landet. Er erlebt einige Wochen hautnah im brutalen Umfeld der Sowjetmacht und erhält als Vorkoster und enger Vertrauter des mächtigsten Mannes der Sowjetunion tiefe Einblicke in menschliche und politische Abgründe.

Die Leseprobe des Romans empfand ich als erfrischend offene, ehrliche, lakonische, kindlich naive Erzählung des Protagonisten. Im weiteren Verlauf hält der Roman trotz aller Tragik nicht das, was er anfangs verspricht. Nicht selten gerät die Handlung recht langatmig. Für mich ist es trotz aller Fiktionalität eines Romans wichtig, dass Personen und Handlungen real möglich und denkbar sind. Diese Erwartungen erfüllen sich hier allerdings nicht. Ich nehme einem 12-Jährigen diese Stellung bei „Diktators Hofe“ einfach nicht ab. Auch seine Gedankengänge, seine Sprechweise, sein Wissen, sein Verstehen der Dinge passen nicht zu einem Kind dieses Alters.

Wie im Klappentext angekündigt, geht es um die „lustige, traurige, spannende, lehrreiche, herzzerreißende“, aber für mich eben oftmals allzu unglaubwürdige Geschichte Juris.

 

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(59)

67 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 54 Rezensionen

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Der Sprengmeister

Henning Mankell , Verena Reichel , Annika Ernst
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 23.07.2018
ISBN 9783552059016
Genre: Romane

Rezension:

„Oskars Fall war unerklärlich. Die Sprengexperten sprachen von elektrischen Impulsen, Überhitzung. Die Ärzte sprachen von erstaunlich glimpflichen Verletzungen. Aber der Fall wurde ´´im Grunde als unmöglich´´ eingestuft.“ Sprengmeister Oskar Johansson wird in jungen Jahren 1911 Opfer einer Fehlzündung, schwer verletzt und für die Zukunft gezeichnet. Sein Überleben ist ein Glücksfall, natürlich für ihn, aber auch für den Leser. Letzterer darf dadurch nämlich teilhaben an Oskars wechselvollem, bescheidenen Leben, das gleichsam Synonym einer Arbeiterbiografie im Schweden der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist.

In kurzen, prägnanten, nicht chronologischen Kapiteln, in einfachem, klaren Erzählstil, immer getragen vom Gedanken der sozialen Gerechtigkeit gelingt es Henning Mankell in seinem Debütroman von 1973 meisterlich, Oskars Leben mit der historischen gesellschaftspolitischen Entwicklung zu verbinden. An Aktualität hat der Romanstoff bis heute nichts verloren.

Ungewöhnlich der häufige Wechsel der Erzählperspektiven, der Zeit- und Handlungsebenen. Anders als anfangs erwartet, erweist sich diese Art des Romanaufbaus aber keineswegs als verwirrend – im Gegenteil. Es wäre schade gewesen, wenn der 45 Jahre alte Roman nicht 2018 erstmals in deutscher Übersetzung erschienen wäre. Gerne begleitet man als Leser den trotz seines Schicksals immer nach vorn blickenden Oskar, ob als junger Mann oder in späteren Jahren, in denen er die Sommermonate in einer ausgedienten Militärsauna verbringt. Fast wehmütig nimmt man am 9. April 1969 von ihm Abschied, auch wenn der Tod jetzt für ihn Erlösung bedeutet.

Was bleibt von Oskar zurück? „Niemand hat je etwas von dem abgeholt, was Oskar in der Sauna zurückgelassen hat … Auch sein Geruch bleibt. Der Geruch nach altem Mann.“

Was aber gewiss bleibt, ist sein Platz im Herzen der Leser.

 

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(39)

67 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 34 Rezensionen

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Wir sind dann wohl die Angehörigen

Johann Scheerer
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2018
ISBN 9783492059091
Genre: Biografien

Rezension:

Johann Scheerer war 13 Jahre als, als sein Vater Jan Philipp Reemtsma 1996 entführt wurde. Rückblickend erzählt der Sohn über die 33 Tage dauernde Anspannung und große Angst um das Opfer. Diese extreme Ausnahmesituation schildert der Autor sehr eindringlich und nachvollziehbar. Manches mutet aus heutiger Sicht geradezu absurd an, emotional ist der Leser immer auf seiten des Jungen, dessen jugendliche Unbekümmertheit unter diesem Schicksalsschlag zu leiden hat. Dass neben der Spannung auch komisch-humorvolle Momente sichtbar werden, ist ein Verdienst des heute 35-Jährigen. Derart belastende Situationen suchen sich eben ein Ventil, um sie überhaupt ertragbar zu machen. Bei manchen Textpassagen erscheinen die Gedankengänge zwar ausgesprochen untypisch und äußerst detailliert für einen 13-Jährigen. Aber aus der Distanz von mehr als zwei Jahrzehnten ist es verständlich, wenn die Erfahrungen und Erkenntnisse des heutigen Erwachsenen teilweise auf den Jugendlichen projiziert werden. interessant ist es, das Buch als Pendant zu Reemtsmas persönlicher Aufarbeitung der schrecklichen Erlebnisse ("Im Keller") zu lesen, um die Ereignisse aus der anderen Perspektive zu erfassen.

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(58)

76 Bibliotheken, 3 Leser, 5 Gruppen, 55 Rezensionen

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Barbarentage

William Finnegan , Tanja Handels
Flexibler Einband: 566 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 07.05.2018
ISBN 9783518468739
Genre: Biografien

Rezension:

Hang Five, Hang Ten, Cutback, Duck-Dive  -  Zugegeben, ich verstehe vom Surfen so viel wie der amerikanische Präsident von Diplomatie. Also: rein gar nichts! Sollte man dennoch zu William Finnegans „Barbarentage“ greifen? Jein.

Seit seinem elften Lebensjahr surft der 1952 geborene Autor und lässt den Leser an seiner Obsession reichlich teilhaben. Für den nicht surf-affinen Leser mitunter eine echte Herausforderung, beschäftigen sich doch weite Textpassagen mit eben diesem Sport und seinen Eigenheiten. Auch wenn im Glossar die Fachtermini erklärt sind, wirken diese Passagen doch sehr schnell langatmig und trüben das Lesevergnügen. Permanentes Nachschlagen der Fachbegriffe hemmt den Lesefluss erheblich. Wohlgemerkt: für den Nichtsurfer! Ich habe diese weitschweifigen, detailversessenen Textstellen schließlich quer- bzw. überlesen und mich auf die biografischen Punkte konzentriert. Und die sind durchaus lesenswert. Wenn man wie ich derselben Generation wie der Autor angehört, trifft man nicht selten auf eigene Lebensparallelen. Phasenweise kam bei mir das Gefühl grenzenloser Freiheit und Weltläufigkeit auf, um den ich den damals jungen William insgeheim beneidet habe. Die Gedanken über spezifische Gegebenheiten und Einstellungen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren sind für mich die Stärken des Buches. So wird z.B. einem Kind dieser Zeit wieder bewusst, dass Gewalt in der Erziehung durchwegs als „notwendig und sinnvoll“ erachtet und praktiziert wurde – mit heute geradezu archaisch anmutender Überzeugung. Schon bei der Leseprobe hat mich die Sprache des Autors fasziniert. Den Pulitzer-Preis hat das Buch durchaus verdient.

Fazit: Lohnenswerte Lektüre für Surfer, für alle anderen mit den oben genannten Einschränkungen.

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(141)

210 Bibliotheken, 6 Leser, 3 Gruppen, 122 Rezensionen

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Die Herzen der Männer

Nickolas Butler , Dorothee Merkel
Fester Einband: 477 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 11.02.2018
ISBN 9783608983135
Genre: Liebesromane

Rezension:

So sind sie also, die „Herzen der Männer“ – geformt durch Freundschaft, Schwächen, Stärken, Selbstbewusstsein, Werte und amerikanisch-idealisiertem Heldentum. Letzteres aber durchaus in vielschichtigen Variationen. Über drei Generationen hinweg, im Zeitraum von 1962 bis 2019, begegnen wir Männern (und den Frauen an ihrer Seite). Bindeglied zwischen den Zeiten sind Nelson als Person und Pfadfindercamps als Ort der Handlung.

Der dreizehnjährige Nelson entspricht ganz und gar nicht der Vorstellung seines Vaters von einem zukünftigen Mann. Fehlendes Selbstbewusstsein, Außenseiterstatus und Sensibilität sind in seinem Bild der Männerwelt fehl am Platz. Dass sich ausgerechnet Jonathan, das krasse Gegenteil von Nelson, sich diesem als Freund andient, macht zunächst stutzig. Erstaunlich, dass diese Verbindung dennoch all die Jahre trägt. Nelson muss allerdings bittere Erfahrungen machen, muss Erniedrigungen erdulden, wie sie drastischer kaum sein können. In der zweiten Generation zeigt uns Jonathan, was er unter der Erziehung seines Sohnes Trevor zum Mann versteht. Für ihn gehören frühzeitiger Alkoholgenuss, Striplokal und die „Liebe“ käuflicher Frauen unbedingt dazu. Keinesfalls aber Trevors Zuneigung zu Rachel, die für seinen Vater zum Objekt der Lächerlichkeit wird. Währenddessen „reift“ Nelson im Vietnamkrieg zum Kriegshelden, der weiterhin der Pfadfinderbewegung treu bleibt.

Vielleicht ist es überinterpretiert, aber für mich war die zentrale Funktion des „Pfadfinder“tums Synonym für das Suchen nach Wegen im Leben und dem Finden von Pfaden. Im dritten Teil (der Zukunftsvision 2019) nimmt Trevors Sohn Thomas zwar weiterhin, diesmal unter Begleitung seiner Mutter Rachel, an dem Pfadfindercamp teil, wenn auch eher widerwillig. Die Bewegung mit den althergebrachten Bräuchen und Riten erscheint als Anachronismus, aus der Zeit herausgefallen, zur Prägung von Männerherzen nicht mehr geeignet. Lagerfeuerromantik und Orientierung anhand des Sternenhimmels sind in Zeiten von Smartphones, digitaler Vernetzung und GPS nicht mehr angesagt.

Zweifellos ist Nickolas Butler ein vielschichtiges, mitunter drastisches, zeitweise sensibles Buch gelungen. Ein Buch mit Höhen und Tiefen, Kurzweiligkeit, aber auch deutlichen Längen im zweiten Teil. Zum Glück gelingt es ihm aber rechtzeitig, der Langatmigkeit durch eine Spannungssteigerung ein Pendant entgegen zu setzen. Ein Buch, das man lesen kann, aber nicht zwingend muss.

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(148)

205 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 125 Rezensionen

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Lied der Weite

Kent Haruf , Rudolf Hermstein
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 12.01.2018
ISBN 9783257070170
Genre: Romane

Rezension:

Bei „Lied der Weite“ handelt es sich um die Neuauflage eines Romans, der erstmals 2001 unter dem eigenartig trivialen Titel „Flüchtiges Glück“ erschienen ist. Drei Jahre nach dem Tod des Autors nun die Neuauflage mit nicht minder seltsamem Titel. Aber der Roman hat es verdient, erneut aufgelegt zu werden. Harufs letztes Werk „Unsere Seelen bei Nacht“ war für mich eines der besten Bücher des Jahres 2017 und das Lesen von „Lied der Weite“ somit nur konsequent.
Die McPherons-Brüder sind zwei alte eigensinnige, allein lebende und ein wenig grobschlächtige Viehzüchter. Auf Bitten der Lehrerin Maggie Jones nehmen sie nach anfänglichem Zögern die siebzehnjährige Victoria bei sich auf. Das Mädchen ist schwanger und wurde von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt. Erstaunlich, welche Verwandlung die beiden kauzigen Alten durchmachen, seit Victoria auf ihrer Farm lebt. Noch erstaunlicher, wie einfühlsam es Kent Haruf gelingt, diese Entwicklung zu vermitteln. Das ist das, was ich an seinem Erzählstil so schätze: diese Empathie, diese sprachliche Sorgfalt, diese liebevolle Detailbesessenheit, ohne je ins Triviale, Banale, Nebensächliche, Langatmige abzugleiten. Das zeigt sich einmal mehr auch in den beiden kleinen Brüdern Ike und Bobby Guthrie, die allein bei ihrem Vater leben, seit die Mutter die Familie verlassen hat. Geradezu väterlich begleitet der Autor die beiden auf ihrem Weg, lässt den Leser teilhaben an ihren Problemen, aber auch an ihrer Sehnsucht nach der Mutter und den liebevollen Begegnungen mit ihr. Andererseits findet er aber nicht nur die richtigen Worte in gefühlsstarken Momenten, sondern auch bei drastischen Ereignissen wie etwa der Obduktion eines ihrer beiden Pferde, bei dem Ike und Bobby bewusst Augenzeugen sind.
Ein warmherziges, mitunter aufwühlendes Buch über Liebe und Zusammenhalt, über Stärken und Schwächen, über Menschlichkeit und Hoffnung – ideal für diese grauen Wintertage.

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(91)

122 Bibliotheken, 1 Leser, 3 Gruppen, 64 Rezensionen

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Verschieben Sie die Deutscharbeit - mein Sohn hat Geburtstag!

Lena Greiner , Carola Padtberg
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 13.10.2017
ISBN 9783548377490
Genre: Humor

Rezension:

Der Helicopter U.S. Navy 66 rettete seinerzeit die von ihrer Rückkehr ins All heimgekehrten amerikanischen Astronauten aus dem Pazifik. Hubschrauber sind bei uns täglich im Einsatz, um Menschenleben zu retten. Wer aber rettet Jaden-San Diego und Emily-Sidney vor den lebensgefährlichen Unbilden ihres Alltags im Deutschland des 21. Jahrhunderts? Richtig, die eigenen Helikopter-Eltern! Höre ich da jemanden „Klischee“ rufen? Derjenige sollte bitte zuerst dieses Buch über die real existierenden Erziehungs- und Ernährungs-Taliban lesen. Zum Glück ist die Zahl der so genannten Helikopter-Eltern (noch) relativ gering. Sie aber kreisen mit enormer Intensität über ihrem gehelikopterten Premiumkind. Vom prenatalen Zustand, über Kita, Schule, Uni bis hin zum Vorstellungsgespräch gilt: Mama und Papa sind immer dabei, halten ihren Hasis und Schatzis geflissentlich das zitternde Händchen und nerven penetrant Mit-Eltern, Erzieher, Lehrer, Professoren, Ausbilder. Sie schreiben ihnen Unterricht und Verhaltensweisen vor, wollen ihre Teilnahme an Klassenfahrten einklagen und drohen auch ansonsten liebend gerne mit der Justiz. Die Reaktionen beim Lesen der Anekdotensammlung über den bedauernswerten Nachwuchs an veganen Weißmehl-Zucker-Gluten-Verweigerern reicht vom haltlosen Lachen bis zum fassungslosen Kopfschütteln.

Eines ist es auf jeden Fall: ein großes Lesevergnügen! Erklärungsversuche für das Verhalten dieser Spezies von Eltern seitens des Kinder- und Jugendpsychiaters Michael Winterhoff dürfen wohl in einem solchen Buch nicht fehlen. Sie bleiben aber eher obligatorisches Anhängsel. Die Beispiele sprechen für sich und erlauben das Fazit:  Jeder blamiert sein Kind, so gut er kann. Leidtragende sind die zur Lebensuntauglichkeit verzogenen Kinder, die ihren vermeintlich wohlmeinenden Über-Eltern ebenso ausgeliefert sind wie das gesamte bedauernswerte Umfeld. Neben allen Absurditäten („Nach dem Schwimmunterricht ging eine Mutter mit ihrem 14-jährigen Sohn in die Umkleidekabine, um ihm beim Anziehen zu helfen“) kann der Leser auch noch etwas lernen. Oder haben Sie gewusst, was „Kiss-and-Go-Zonen“ sind? Ich weiß es jetzt …

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80 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 56 Rezensionen

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Durch alle Zeiten

Helga Hammer
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Ullstein fünf, 13.10.2017
ISBN 9783961010080
Genre: Romane

Rezension:

Liebe und Leiden, Untreue und Verschweigen, Tragödien und Schmerz, Leben und Tod – der Stoff, aus dem Romane sind. Das gilt auch für Helga Hammers „Durch alle Zeiten“. Im Mittelpunkt: Elisabeth. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, vor äußerlich idyllischer Bergweltkulisse, hinter der sich Abgründe auftun. Ihre Ausbildung zur Hausbesorgerin scheint dem Rollenverständnis der Zeit zu entsprechen, dem sittsamen Frauenbild der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts entspricht Elisabeth aber keineswegs. Drei Kinder von drei verschiedenen Männern; sie nimmt sich, was sie an Liebe bekommen kann und bleibt dennoch ständig auf der Suche. Die Geliebten sind nicht ehekompatibel. Ihr erster Mann Martin, kriegsversehrt, treusorgend, schweigsam, liebt Elisabeth von Herzen und die beiden Kinder Franz und Marta abgöttisch, ohne zu wissen, dass es nicht seine leiblichen sind. An die Stelle des zutiefst enttäuschten Martin tritt der reiche Josef, versoffen und gewalttätig. Mit dem debilen Alfons wird schließlich das dritte Kind in das Leben auf dem Hof geboren. Von Niklas, Elisabeths erster großer Liebe, kommt sie zeit ihres Lebens nicht los. In ihrem wechselvollen, heftigen Leben geht sie immer wieder Wege, die ihr ein anderes Leben eröffnen als das, welches ihr das Schicksal vorgezeichnet hat. Sie leidet unter „ihrer Unentschlossenheit, ihrem Überdruss, ihrem Zweifel, unter der Angst vor den toten Träumen und der Angst vor einem Leben ohne Träume“ und der Leser leidet durchaus mit. Neben fiktiven Elementen verbirgt sich hinter der Protagonisten lt. Nachwort eine reale Person. Der Autorin gelingt es durch geschickten Spannungsaufbau, überzeugende Sprache und Erzähltalent Empathien zu wecken. Dabei ist der Roman durch die Handlungsstränge in verschiedenen Zeitepochen raffiniert komponiert. Zugleich ist das aber auch ein Manko. Oftmals erkennt der Leser erst recht spät, in welcher Zeit und in welchem Lebensabschnitt Elisabeths er sich gerade befindet. Hier wären vorangestellte Jahreszahlen, klein und kursiv gedruckt, zu Beginn der Kapitel eine gute Orientierungshilfe. Fazit: ein lesenswerter Roman über das einfache und harte Leben einer Frau auf der immerwährenden Suche nach der erfüllenden Liebe.

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124 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 65 Rezensionen

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Drei Tage und ein Leben

Pierre Lemaitre , Tobias Scheffel
Fester Einband: 270 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 20.12.2017
ISBN 9783608981063
Genre: Romane

Rezension:

Drei Tage dauert die Unwetterkatastrophe, die über das französische Dorf Beauval niedergeht und ein Leben, nämlich das von Antoine Courtin, entscheidend beeinflussen könnte. Eine furchtbare Tat lastet auf dem Zwölfjährigen: Er hat tags zuvor den sechsjährigen Rémi Desmedt erschlagen. Nein, es war kein Mord, vielmehr eine Affekthandlung. In ihr entlud sich die Wut gegen Rémis Vater, der seinen eigenen Hund Odysseus erschossen und wie Müll entsorgt hatte. Die Naturkatastrophe könnte dafür sorgen, dass die Leiche des Kleinen unentdeckt bleibt. Fortan muss Antoine mit dieser schier unerträglichen Schuld leben und der ständigen Angst, als Kindsmörder mit allen Konsequenzen entlarvt zu werden. Als Leser ist man hin- und hergerissen zwischen Tragik und Schuld, die das junge Leben des Protagonisten von einem Moment zum nächsten auf den Kopf stellt. Das geht schon mächtig unter die Haut, die Tat ebenso wie der verzweifelte Versuch, trotz ständiger Albträume ein unauffälliges, normales Leben zu führen.  Sehr einfühlsam beschreibt Pierre Lemaitre die Ereignisse im Dorf, charakterisiert die Bewohner treffsicher, lässt den Leser unmittelbar teilhaben an aufwühlenden Momenten und eben auch der Frage nach Schuld und Verantwortung. Dabei gelingt es ihm gekonnt, die eigenartige Spannung, die über den erzählten Zeiten (1999, 2011 und 2015) liegt, bis zum unerwarteten Ende aufrecht zu halten. Ausgesprochen ansprechend und sehr gut gewählt ist das Motiv des Covers, drückt es doch die Niedergeschlagenheit und Verlassenheit des jungen Antoine auf sehr subtile Weise aus. Trotz alledem muss ich noch einen negativen Aspekt erwähnen. So gut mir der Roman insgesamt gefallen hat, so sehr hat mich beim Lesen der inflationäre Gebrauch von Auslassungspunkten gestört. Dieses Mittel hat sinnvoll angewendet durchaus seine Berechtigung. Aber in nicht nur gefühlt hundertfacher Häufung wirkt es enorm störend und ist einfach nur ärgerlich. Ist es leichter, etwas auszulassen, als etwas auszudrücken? Warum schreitet ein Lektor da nicht ein?

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555 Bibliotheken, 18 Leser, 1 Gruppe, 134 Rezensionen

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Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag, 15.08.2018
ISBN 9783832198398
Genre: Romane

Rezension:

Ja, schön ist er, der Westerwald. Als Nachbarbewohner kenne ich die Landschaft sehr gut. Ob die Menschen dort allerdings glauben, dass tote Mäuse gegen Augenleiden helfen und ein Dieb gestohlenes Gut zurückbringt, wenn man Friedhofserde in der Pfanne brät, weiß ich nicht. Ist aber eh nicht wichtig. Schließlich ist „Was man von hier aus sehen kann“ ein Roman und damit in seiner Fiktion völlig frei. Und so bewegen sich Figuren und Handlung im Mikrokosmos eines überschaubaren Ortes. Da bringt die nicht richtig schließende Tür eines Regionalzugs einen jungen Mann zu Tode, der Vater der Ich-Erzählerin Luise ist zwecks Lebensverwirklichung nahezu permanent auf Reisen, ihre Mutter betreibt einen Blumenladen und ein Verhältnis mit dem Eiscafébesitzer, der Optiker will den Jäger umbringen und liebt Luises Oma Selma, die das Orakel in Person ist. Träumt sie von einem Okapi (!), stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Und Luise selbst? Arbeitet bei einem Buchhändler und ist verliebt in einen buddhistischen Mönch aus Japan, der eines Tages unvermittelt durch das westerwäldische Unterholz in ihr Leben einbricht. Stoff genug für einen intensiven Blick auf die dörfliche Struktur, in der nun einmal jeder mit jedem in irgendeiner Verbindung steht. An und für sich liebe ich Literatur, die ihr Augenmerk auf einen solchen regional begrenzen Kosmos und seine Bewohner richtet. Entsprechend euphorisch habe ich mit dem Lesen begonnen, freute ich mich doch darauf, in dieses Beziehungsgeflecht einzutauchen, alle denkbaren Typen mit ihren guten, schlechten, skurillen Charakterzügen kennen zu lernen. Letztlich war der Roman für mich wie eine Achterbahnfahrt mit einigen Höhen, vielen Tiefen und dem mehrmaligen Drang, das Buch einfach beiseite zu legen. Aber wie das so ist: Bei Achterbahnfahrten steigt man auch nicht einfach während der Fahrt aus, und so habe ich tapfer durchgehalten. Leider wurden meine anfänglichen Erwartungen nicht erfüllt, es entwickelte sich keinerlei Empathie für die Personen, die Handlung blieb mir seltsam fremd, mitunter absurd, banal, spannungsarm und blutleer. Auch der Sprache konnte ich wenig abgewinnen. Mir erscheint der Roman wie eine Zettelkastensammlung von Ideen, die zusammengefügt kein Ganzes ergibt. Vielleicht fehlt mir auch einfach das Verständnis dafür, dass es sich lt. Klappentext um ein „Buch über die Liebe unter besonderen Vorzeichen“ handeln soll, eine Liebe, „die scheinbar immer die ungünstigen Bedingungen wählt“.  Dass die Autorin „zu den kraftvollsten, den unverwechselbaren Stimmen der deutschen Literatur“ gehören soll, kann ich nur schwerlich nachvollziehen. 

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184 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 89 Rezensionen

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Der Freund der Toten

Jess Kidd , Klaus Timmermann , Ulrike Wasel
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag, 04.09.2017
ISBN 9783832198367
Genre: Romane

Rezension:

„Sieh dich vor. Es gibt in diesem Dorf keine vertrauenswürdige Seele. Jeder von ihnen hat mindestens zwei Gesichter.“ Mrs Cauley weiß, wovon sie redet. Diese eigenwilligen, mitunter schrulligen und verschrobenen irischen Sturköpfe und Eigenbrötler mögen keine Fremden. Die alte Mrs Cauley residiert als ehemalige Schauspielerin schon seit Jahrzehnten divenhaft und unerschrocken im Dorf Mulderrig. Mahony, der eigentlich Francis Sweeney heißt, ist mit Mitte zwanzig eher noch ein Jungspund und in die irische Provinz gekommen, um seine Herkunft und vor allem das ungeklärte Schicksal seiner verschwundenen Mutter  zu klären. Er weiß nicht, was der Leser bereits im Prolog erfährt: Sie ist tot, wurde ermordet und auf der kleinen Insel im Fluss verscharrt. Für Mahony, als Baby auf wundersame Weise vor dem Mörder der Mutter gerettet, wird ein Dubliner Waisenhaus zur Heimat und später zum Ausgangspunkt seiner Suche, hat er doch nach dem Tod einer Nonne einen versiegelten Umschlag erhalten, der Rätsel aufgibt. Mrs Cauley ist sofort Feuer und Flamme für sein Schicksal und will das alljährlich von ihr inszenierte Theaterstück im Gemeindehaus zur Aufklärung des ominösen Falles nutzen.

Auf fast 400 Seiten gelingt der Autorin Jess Kidd ein wunderbar lesbarer, sprachlich ausgefeilter, spannender, unterhaltsamer, mit geradezu fantasievollem Sprachschatz und messerscharfen Beobachtungen gesegneter Roman. Für manchen Leser mag die übernatürliche Fähigkeit Mahonys, als „Freund der Toten“ die Verstorbenen zwischen all den lebenden Zeitgenossen agieren zu sehen, etwas befremdlich und gewöhnungsbedürftig zu sein. Immerhin erscheint ihm seine eigene Mutter nicht. „Er hat gesucht, aber sie hat nie geantwortet.“ So bleibt ein Rest Hoffnung, dass sie vor Zeiten den Ort einfach nur verlassen hat.

Man taucht als Leser tief ein in dieses besondere dörfliche Biotop, von dem man meint, es derart originär nur in der irischen Provinz finden zu können. Was sich hier auf engstem Raum an eigenwilligen Charaktertypen tummelt, macht das Lesen zum Vergnügen. Da gibt es nicht eine einzige aalglatte Figur, jede hat ihre Ecken und Kanten, Schrullen, Macken und Geheimnisse. Und einen verwegen aussehenden jungen Mann, der in diesen Geheimnissen herumstochert, ist das Letzte, was man in Mulderrig braucht.

Für mich ist der Roman ein überaus gelungenes Debut der Autorin, zugleich  ein spannendes Lesevergnügen zu jeder Tages- und Nachtzeit!

 

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197 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 73 Rezensionen

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Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf , pociao
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 22.03.2017
ISBN 9783257069860
Genre: Romane

Rezension:

„Es geht nicht um Sex. Es geht darum, die Nacht zu überstehen. Zu reden, zusammen im Bett zu liegen. Die ganze Nacht.“

Mit diesem Ansinnen klingelt die 70jährige Witwe Addie Moore bei ihrem Nachbarn Louis Waters, seit dem Tod seiner Frau ebenfalls allein. Man kennt sich seit vielen Jahren, aber besonders eng war die Beziehung nicht. Beide blicken auf ein Leben zurück, das nicht immer nur von Glück und Gradlinigkeit geprägt war. Da gab es manche wechselvollen, auch tragischen Momenten. Und über all das möchte Addie gerne reden, jeden Abend, und dabei die ganze Nacht neben Louis verbringen. Louis willigt ein, und so erzählen sie sich fortan gegenseitig ihr Leben.

Es gibt Bücher, an die man sich noch jahrelang erinnert, die einem fest im Gedächtnis bleiben werden, weil sie zutiefst berührend sind. Ich neige nicht zu Überschwänglichkeiten, aber dieses Buch ist zweifellos eines der besten, die ich je gelesen habe! Eine wunderbare Geschichte, ein absolutes Meisterwerk! Addie und Louis bieten mit ihren keineswegs heimlichen gegenseitigen Besuchen der Kleinkariertheit, der Spießigkeit und dem Argwohn der Bewohner des fiktiven Ortes Holt ein gefundenes Fressen. Die Beziehung wird mitunter auf eine harte Probe gestellt. Dennoch bleiben beide, die nur ein wenig Glück und Zweisamkeit gegen die Einsamkeit des Alters suchen, stark und einander in besonderer Weise verbunden. Dabei lassen sie den Leser auf eine wunderbar zärtliche Art an ihrem Leben teilhaben, nicht voyeuristisch, sondern immer empathisch, liebevoll, vertraut. Ich habe den (kurzen) Roman förmlich verschlungen, konnte ihn einfach nicht aus der Hand legen. Es ist Kent Harufs fünfter und letzter Roman, der Autor starb 2014. Ein absoluter Verlust für die Literatur! Seine Sprache, sein Erzählstil sind unaufgeregt, dabei so treffend und präzise, so ehrlich, anrührend  und ungekünstelt, dass es einen nicht mehr loslässt. Danke für ein wunderbares, liebevolles literarisches Vermächtnis!

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129 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 73 Rezensionen

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Der Mörder und das Mädchen

Sofie Sarenbrant , Hanna Granz
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Rütten & Loening Berlin, 17.02.2017
ISBN 9783352008931
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Unheimliche kommt nachts, schleicht durchs Haus, berührt die kleine Astrid und verschwindet wieder. Dumm nur, dass der Familienvater Hans am nächsten Morgen tot in seinem Bett aufgefunden wird. Alkohol und Gewalt spielten in seiner Beziehung zu Cornelia eine entscheidende Rolle. So hält sich die Trauer der Ehefrau eher in Grenzen, lässt sie aber zugleich in den Kreis der Verdächtigen geraten. Und so beginnt der Thriller „Der Mörder und das Mädchen“ gleich mit einer gehörigen Portion Spannung. Hinzu gesellen sich zahlreiche Figuren, deren Beziehungsgeflecht und Verhalten samt diverser Geheimnisse, Fremdgehen, Stalking und Intrigen der Leser erst einmal verinnerlichen muss. Es bleibt nicht bei dem einen Mord, und geschickt versteht es die Autorin Sofie Sarenbrant, Verdächtigungen zu streuen, Fährten zu legen und vermeintliche Beweise deuten zu lassen, um den Leser über 366 Seiten bei der Stange zu halten. Das fällt zugegebenermaßen überhaupt nicht schwer.  Da werden nächtliche Ur-Ängste geweckt! Sprachlich ist das Ganze nicht der große Wurf. Der Erzählstil wirkt oft seltsam distanziert, vermittelt eher den Eindruck der Aufzählung von Ereignissen als den eines  empathischen Mitnehmens des Lesers. Aber mit dem Tempo der Handlung und der Vielzahl der Kapitel (105!) treibt die Autorin den Leser förmlich vor sich her. Man kann das Buch in der Tat nur schwer aus der Hand legen - ein Kapitel geht doch noch, und dann noch eins, und noch eins und … Nicht alles ist logisch nachvollziehbar, ändert aber nichts daran, dass man es mit einem durchaus gelungenen Thriller zu tun hat. Natürlich erfährt man, wer der Täter ist, dennoch bleibt das Ende raffinierterweise offen und lässt für die (in Schweden wohl bereits erschienene) Fortsetzung einiges erwarten. Vor allem für die schwangere Ermittlerin Emma Skjöld dürfte es äußerst prekär werden. Wer gerne wieder einmal etwas atemlos herunterlesen möchte, ist mit diesem Thriller bestens bedient.

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136 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 68 Rezensionen

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Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

Susann Pásztor
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462048704
Genre: Romane

Rezension:

Fred Wiener, der Langweiler, von seinen Kollegen Wienerwürstchen genannt, trifft nach seiner Ausbildung zum Sterbebegleiter auf die todkranke Karla - und gleich prallen zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Da ist der übergewichtige alleinerziehende Vierzigjährige, der seinem Leben durch ein Ehrenamt einen tieferen Sinn geben will, und Karla, die um ihre äußerst begrenzte Lebenszeit weiß, alle bisherigen Elisabeth-Kübler-Ross-Phasen des Sterbens durchlitten hat und sich in der letzten Phase, die der Zustimmung, befindet. Auf den ersten Blick wirkt sie allzu tough, zynisch, fast schon aggressiv gegenüber Fred, der sich ihr als erste „Klientin“ aus besten Motiven heraus und mit viel Empathie, wenn auch zunächst sehr unsicher, nähert. Sie redet mit ihm Tacheles und zeigt ihm ganz klar seine Grenzen auf – und diese Grenzen bestimmt ausschließlich sie selbst. Die nicht spannungsfreie erste Begegnung der beiden erzählt Suzann Pásztor mit viel Liebe zum Detail und einem Einfühlungsvermögen, das sie auch im weiteren Verlauf des Romans konsequent unter Beweis stellt. Die Authentizität beziehen Personen und Handlung wohl nicht zuletzt aus der Tatsache, dass die Autorin selbst eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin absolviert hat und in diesem sensiblen Bereich seit Jahren tätig ist. Erzählerisch dicht, immer nah an ihren Personen (Warum habe ich mir Supervisionen immer genau so vorgestellt?), der Umgang mit Sterben und Leben bis zuletzt, das sind die Pluspunkte dieses Romans. Dem Konflikt zwischen Klara und ihrer Schwester Gudrun, die seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr haben, steht die Entwicklung der Vater-Sohn-Beziehung zwischen Fred und Phil gegenüber. Der Dreizehnjährige wird phasenweise zur einzigen Kontakt- und Vertrauensperson der Todkranken. Die zweifellos berührendsten Passagen des Buches sind Phils „Rap für Oma“ (als Synonym für Karla und ihr Sterben aus der offenen und ehrlichen Sicht eines Jugendlichen) und die zärtliche Begegnung zwischen Fred und Karla („Ich bitte Sie darum, mich zu berühren.“), als sie ihm anvertraut, den Prozess des Sterbens beschleunigen zu wollen. Einfach wunderbare, unvergessliche Lesemomente! Der Roman ist eine gelungene Mischung zwischen der Ernsthaftigkeit von Tod und Sterbebegleitung, der trotz allem greifbaren Heiterkeit und Bejahung des Lebens, getragen von Empathie und leisen Zwischentönen, glaubwürdigen Charakteren und vielen anrührenden Momenten. 

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94 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 37 Rezensionen

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Realitätsgewitter

Julia Zange
Fester Einband: 157 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 14.11.2016
ISBN 9783351036584
Genre: Romane

Rezension:

Marla kommt aus der Provinz und lebt jetzt in Berlin. Sie zählt zur Generation derjenigen, die pausenlos miteinander vernetzt und dennoch im Grunde ihres Herzens einsam und alleingelassen sind. Der monatliche Scheck des Vaters bleibt alsbald aus und Marla muss notgedrungen für ihren eigenen Unterhalt sorgen. Dazu verhilft ihr ein Job bei einem hippen Modemagazin. Ansonsten ist ihr Leben gefüllt mit Sich-Treiben-Lassen und Getrieben-Werden durch die Anonymität der Großstadt. Banales, Alltägliches begleitet sie, oberflächliche Beziehungen, flüchtiger, leerer, schneller, aber seltener Sex. Ihr Bekanntenkreis besteht gleichfalls aus Gestrandeten, die auf der Suche sind nach Gefühlen und Bedürfnisbefriedigung. All das bleibt seltsam oberflächlich, beziehungslos. Man ist ständig online, kommuniziert per Messages, Posts und Likes und versinkt in grenzenloser Verlorenheit, wenn das Netz schweigt.

 „Ich trete aus dem Büro in den anbrechenden Abend. Ich habe nichts geplant. Mein Handy gibt keine Nachrichten von sich. Offensichtlich bin ich ganz allein.“ (S. 72)

 

Ein Besuch zu Hause reißt alte Wunden wieder auf und endet im Desaster. Auch eine Bekanntschaft auf Sylt bringt nicht die erhoffte Vertrautheit und Seelenbeziehung mit einem anderen Menschen. So bleibt letztlich nur die Rückkehr nach Berlin, die Rückkehr in die alten Lebensgewohnheiten.

Tauschen möchte man mit Marla nicht. An keiner Stelle dieses leicht lesbaren und durchaus lesenswerten Romans habe ich die junge Frau beneidet. Eher empfinde ich Mitleid mit ihr und ihrem letztlich eintönigen und beziehungslosen Leben. Vielleicht zu Unrecht; aber weil ich dieser Generation längst entwachsen bin, ist mir ihr Leben seltsam fremd, dieses vermeintlich aufregende Großstadtleben voller Inhaltslosigkeit und Kälte.

„Für den Rest des Abends schweigt mein Telefon. Obwohl ich 1675 Facebook-Freunde habe.“ (S. 94)

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171 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 53 Rezensionen

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Anton hat kein Glück

Lars Vasa Johansson , Ursel Allenstein , Antje Rieck-Blankenburg
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Wunderlich, 21.10.2016
ISBN 9783805203876
Genre: Romane

Rezension:

Anton, seines Zeichens professioneller Zauberer ohne durchschlagenden Erfolg, landet nach einem Autounfall in der mysteriösen Welt von Tiveden und trifft auf diverse eigenartige Typen und Fabelwesen. Ich muss es gleich vorab sagen: Ich hatte etwas völlig anderes erwartet, und zu meinem Leidwesen driftete die Handlung nahezu vollständig in den Fantasybereich ab. Als Teilnehmer der Leserunde habe ich den Roman natürlich bis zum Ende gelesen, obwohl es für mich eher Quälerei als Lesevergnügen war. Das Buch ist eindeutig etwas für die Leser, die es unterhaltsam und spannend finden, wenn die Hauptperson Anton von der Königin des Waldes (genannt „Miststück“!) mit einem Todesfluch belegt wird, weil er einem kleinen Mädchen (der Waldfee) nicht die geforderten Blumen pflückt. Um diesen Fluch zu besiegen, muss er drei Prüfungen bestehen: Trauerschmuck basteln, einen „Wiedergänger“ vertreiben und den Verlauf eines Plastikbandes verändern. Skurril und originell? Nein danke, ebenso langweilig und banal wie alles, was in diesem ominösen Tiveden lebt und diverse Dinge treibt. Man muss schon ein enormes Faible haben für Fantasy, magischen Realismus oder wie immer man das Genre nennen mag, um Empathie für Tränentriefer und Garnschweine zu entwickeln, für Grenzziehungen mittels Salzstreifen und Besteckteilen, für das Besprühen mit Flüssigkeit gegen Fabelwesen, für Hexen, die einen Ausflug machen und dabei einen Ameisenhaufen bauen, für einen Lauschenden und einen Tratschenden Wald und unendlich viele weitere abstruse Zutaten. Die Rückblenden auf Antons Leben sind für mich das einzig Lesenswerte und böten Stoff genug für einen guten Roman.

Vielleicht würde die Geschichte als Film funktionieren, schließlich kann der Verfasser nicht leugnen, dass er Drehbuchautor ist. Banale Dialoge über staubige Erdnüsse in der Minibar eines Hotels, über Schnitzel-Kartoffel-Kombinationen auf einer Speisekarte, über klemmende Türen auf Tankstellen-Herrentoiletten und permanentes Backen von Biskuitrollen eignen sich eventuell als Film- und Running Gags, im Buch sind sie dagegen deplaziert, überflüssig und völlig sinnfrei.

Bei allem Wohlwollen: Mir fehlt einfach jegliche Affinität zu diesem Genre. Weitaus gravierender ist allerdings, dass der Roman inhaltlich und sprachlich nicht überzeugen kann, er ist weder in Ansätzen gelungen, noch skurril, humorvoll, spannend oder unterhaltsam. Fazit: „Anton hat kein Glück“ ist wirklich nur etwas für hartgesottene Fans von Fantasyromanen. Alle anderen sollten getrost die Finger davon lassen. Ich habe schon seit vielen Jahren nicht mehr derart Belang- und Einfallsloses zwischen zwei Buchdeckeln gelesen. So, und jetzt freue ich mich darauf, wieder ein gutes Buch zu lesen.

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425 Bibliotheken, 11 Leser, 3 Gruppen, 109 Rezensionen

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Die Nachtigall

Kristin Hannah , Karolina Fell
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Rütten & Loening Berlin, 19.09.2016
ISBN 9783352008856
Genre: Romane

Rezension:

Zugegeben, hätte ich nicht ein Exemplar des Romans gewonnen, um an der Leserunde teilzunehmen, wäre ich über die Seite 100 wohl kaum hinausgekommen. Die Thematik interessierte mich brennend, aber sprachlich fand ich keinen Zugang zu dem Roman. Der Erzählstil gefiel mir nicht so recht, Sprache, Wortwahl und bildhafte Vergleiche erschienen mir nicht selten allzu trivial. Gott sei dank habe ich weiter gelesen, denn inhaltlich entwickelte sich die Geschichte um die so unterschiedlichen Protagonistinnen, die beiden Schwestern Vianne und Isabelle,  zunehmend spannender und fesselnder.

 

Kriegsjahre in Frankreich. Die Bevölkerung hat unter der Nazibesatzung zu leiden. Viannes Mann ist an der Front, sie ist voller Sorge um ihre Tochter Sophie und deren Schutz. Ihre impulsive Schwester Isabelle (die „Nachtigall“), tritt dem verhassten Naziregime vehement entgegen, schließt sich dem französischen Widerstand an und bringt sich oftmals selbstlos in Gefahr. Während Vianne eher zu Anpassung und Unterordnung unter die bestehenden Verhältnisse neigt, gibt sich Isabelle kämpferisch und kompromisslos. Im weiteren Verlauf habe ich beim Lesen ein Wechselbad der Gefühle durchlitten, getragen von großer Empathie für die beiden Schwestern und die Menschen ihres persönlichen Umfelds bis hin zu tiefstem Hass und Verachtung für die Vertreter des barbarischen nationalsozialistischen Regimes. Man weiß ja um die entsetzlichen Ereignisse dieser Zeit, meint, auf alles gefasst zu sein. Dennoch erschlägt einen die Konfrontation mit den unerträglichen Schicksalen völlig unschuldiger Menschen immer wieder aufs Neue, und Kristin Hannah mutet uns Lesern einiges zu. Fassungslos taucht man ein in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele, begleitet aber auch Charaktere wie Vianne, die über sich selbst hinauswachsen und einem den Glauben an einen Rest von Humanität zurückgeben. Je weiter ich die Geschichte gelesen habe, umso schwerer fiel es mir, das Buch aus der Hand zu legen. Temporeich und ohne Längen wird die Handlung vorangetrieben. Wie ein roter Faden durchziehen die zentralen Fragen die Ereignisse: Was bedeuten Liebe und Freundschaft in diesen Zeiten des Krieges? Wie weit können meine Verantwortung und mein Einsatz für Fremde gehen, wenn ich dadurch mein eigenes und das Leben meiner Liebsten riskiere? Mit ihren Figuren deckt die Autorin ein breites charakterliches Spektrum ab, wobei Vianne die erstaunlichste Entwicklung vollzieht. Sie wird zu einer unglaublich starken Frau, die bedingungslos jüdischen Kindern durch riskantes Handeln das Leben rettet und für ihre Ziele auch die abscheulichsten Demütigungen durch Nazi-Schergen über sich ergehen lässt.

Fazit: Meine Kritik an der Sprache bleibt. Wer darüber hinwegsehen kann, den erwartet ein Roman, der ihm mehr als einmal das Blut in den Adern stocken und ihn nicht selten verzweifeln lässt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

  

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113 Bibliotheken, 1 Leser, 4 Gruppen, 55 Rezensionen

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Die unsterbliche Familie Salz

Christopher Kloeble
Fester Einband: 440 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 26.08.2016
ISBN 9783423280921
Genre: Romane

Rezension:

          „Meine Großmutter starb zwei Mal. Nur war sie nach dem ersten Mal nicht tot.“ So beginnt Emma Salz aus der dritten Generation der unsterblichen Familie Salz 2015 ihre Erzählung auf die Sicht der Dinge und eröffnet damit die Familienchronik, die sich über 100 Jahre spannt. Dreh- und Angelpunkt ist das Leipziger Prachthotel Fürstenhof, das „Herr“ Salz 1914 kauft. Der Autor Christoph Kloeble hat mit dem Roman „Die unsterbliche Familie Salz“ ein außergewöhnliches Portät einer weiß Gott nicht heterogenen Familie geschaffen, das zu lesen sich unbedingt lohnt. Neben Emma Salz lässt er die einzelnen Kapitel aus der Perspektive weiterer Familienmitglieder schildern, um letztlich den Erzählbogen wieder mit Emma Salz und ihrem erneuten „Meine Großmutter starb zwei Mal …“ abzurunden. Alle Protagonisten erhalten die Möglichkeit, die Entwicklung und Ereignisse um diese zerrüttete Familie in der Ich-Perspektive darzustellen. Lediglich die labile Aveline Salz berichtet aus ihrer Sicht konsequent in der zweiten Person – wie ich finde, ein genialer Schachzug des Autors. Dazwischen macht der Leser Bekanntschaft mit der äußerst wechselvollen Geschichte der Familie vor dem Hintergrund der epochalen deutschen und europäischen Historie des vorigen Jahrhunderts. Das ist im weiteren Verlauf zugegebenermaßen nicht immer einfache Kost und stellt gewisse Anforderungen an den Leser. Aber gerade das macht die Qualität von Inhalt und Sprache des Romans aus. Ich habe es selten erlebt, dass es einem Schriftsteller so hervorragend gelingt, Charaktere und Geschichten prägnant in einen Raum zu stellen. Das Umschlagbild greift eine zentrale Frage des Romans auch bildlich auf: Welche Schatten werfen wir auf die Generationen nach uns? Dazu kommt im Roman der Schatten selbst zu Wort als „Das Gebiet hinter einem beleuchteten Körper, in das kaum Licht eindringt“. Auch das eine ausgezeichnete Idee innerhalb der Romankomposition. Ich habe unterhaltsame, kurzweilige Lesestunden hinter mir, dank Christoph Kloebles unsterblicher Familie Salz mit all ihren Widersprüchen, Eigenheiten und Eigenwilligkeiten. Für mich einer der besten Romane des Jahres!
       

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178 Bibliotheken, 1 Leser, 5 Gruppen, 90 Rezensionen

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Bühlerhöhe

Brigitte Glaser
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 12.08.2016
ISBN 9783471351260
Genre: Romane

Rezension:

Bundeskanzler Adenauer verbringt mit seiner Tochter Libeth Anfang der 1950er Jahre die Sommerferien auf der Bühlerhöhe im Schwarzwald, einem Hotel, das die reiche jüdische Breslauerin Herta Isenbart als Genesungsheim für Offiziere hat bauen lassen. Es ist die Zeit der angestrebten Aussöhnung mit Israel und der Debatte um die (finanzielle) „Wiedergutmachung“ des unsäglichen Leids, das die Juden während der braunen Diktatur erlitten haben. Soweit der historisch belegte Hintergrund des Romans. Alle weiteren Personen sind fiktiver Natur: Rosa Silbermann, aus Köln stammend, jetzt im israelischen Kibbuz lebend und für den Geheimdienst Mossad tätig, wird mit dem ihr bis dato unbekannten Agenten Ari als Ehepaar auf Zeit auf die Bühlerhöhe geschickt, um ein geplantes Attentat auf Adenauer zu verhindern. Zu ihr gesellen sich Sophie Reisacher, Französin aus Straßburg, Hausdame des Hotels, die sowohl bei ihrem der SS angehörenden Ex-Ehemann als auch bei der Nazi-Ideologie aufs falsche Pferd gesetzt hat, weitere Agenten, Waffenhändler, von Besatzungssoldaten misshandelte Schwarzwälder Bauernmädchen, ein traumatisierter Staatsanwalt, unvermeintlich Ewiggestrige – also ein durchaus explosiver Personenmix und somit die Grundlage für eine eigentlich spannende Handlung. Eigentlich. Von den letzten der 433 Seiten abgesehen, habe ich „Bühlerhöhe“ aber nicht als spannend, abwechslungsreich, fesselnd und unterhaltsam empfunden. Trotz des durchaus gelungenen Plots bleibt der Roman seltsam blass, blutleer und betulich erzählt. Selbst brenzlig-brisante Situationen haben mich nicht wirklich am Geschehen teilnehmen lassen, haben keine Empathie oder andere Gefühle bei mir ausgelöst. Die Handlung dümpelt auf den Schwarzwaldhöhen zwischen den Hotels Bühlerhöhe und Hundseck hin und her. Auf mich wirken Ereignisse und Konstellationen oftmals zufällig, konstruiert und unglaubwürdig. Ganz sicher hat Brigitte Glaser für ihren Roman umfangreich recherchiert und sich bei der Kombination von Realität und Fiktion denkbar Mühe gegeben. Trotzdem wurden meine Erwartungen nicht erfüllt; die Geschichte hat mich leider enttäuscht.  

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Die Eismacher

Ernest van der Kwast , Andreas Ecke
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei btb, 09.05.2016
ISBN 9783442756803
Genre: Romane

Rezension:

Um es gleich vorweg zu sagen: Die folgenden Zeilen werden eine Liebeserklärung an Ernest van der Kwasts Roman „Die Eismacher“. Er zergeht wie Eis auf der Zunge, ist ein sprachlicher, literarischer, erotischer, sinnenfroher, tragikomischer Genuss. Im Mittelpunkt steht die Familie Talamini, die in der fünften Generation die Kunst des Eismachens beherrscht, und eine Kunst ist es in der Tat. Während der Urgroßvater noch das Eis mühsam vom Gletscher der Berge holte, experimentiert die junge Generation mit allen nur denkbaren Zutaten (Wobei das Eis mit Blauschimmelkäse, Apfel und Birne noch zu probieren wäre!). Im Sommer betreibt man die Gelateria in Rotterdam, im Winter geht es in die heimatlichen Dolomiten. Luca, der jüngste Familienspross, übernimmt die Eisdiele von seinem Vater, während der zwei Jahre ältere Giovanni mit der Familientradition bricht und seine Passion für die Poesie lebt. Seine Welt ist nicht das Eismachen, ist nicht der chinesische Gast, der behauptet, ein Landsmann habe das Eis erfunden. Seine Welt ist die Literatur, sind die Kneipen seines Studienortes Amsterdam mit ihren Dichtern. Beide Brüder haben ein inniges Geschwisterverhältnis, gehen bis zur ersten Verliebtheit meist Hand in Hand durch die Straßen. Sie verlieben sich beide in Sophia, und van der Kwast erzählt diese erwachende Leidenschaft mit unglaublicher Behutsamkeit, Feingefühl und Empathie. Der Leser wird getragen zwischen kreativen Eisideen, traditionellen und modernen Familienbanden, zwischen leidenschaftlichen Momenten und inniger Liebe zur Poesie. Die Hinweise auf die zitierten Gedichte finden sich im Anhang, sodass man sich auf die Suche nach den lyrischen Texten begeben und sie parallel zum Roman genießen kann. Skurriles, Anekdotisches, feinste Beobachtungen und eine beneidenswerte Sprache machen „Die Eismacher“ zu einem besonderen Roman. Ich kann nur jedem empfehlen, sich in seiner Gelateria seinen Lieblingseisbecher zu bestellen, dazu das Buch zu lesen – das ist purer Genuss im eher trostlosen Sommer 2016. Für mich ist es bisher der Roman des Jahres!

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Boy in the Park – Wem kannst du trauen?

A. J. Grayson , Karl-Heinz Ebnet
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Droemer Taschenbuch, 01.08.2016
ISBN 9783426305713
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die Handlung des Romans kommt anfangs ausgesprochen ruhig daher. Doch man spürt beim Lesen zunehmend, dass sich Unheil anbahnt. Und in der Tat erweist sich diese Ruhe als trügerisch. Dylan, Ich-Erzähler, Kassierer in einem Laden für Naturkost und Nahrungsergänzungsmittel und selbst ernannter, jedoch bisher verkannter Dichter, kommt wie jemand vor, den ich schon lange kenne. Fast beschaulich und unaufgeregt erzählt er über sein recht monoton verlaufendes Arbeitsleben in San Francisco. Die seit eineinhalb Jahren währende Beobachtung eines blonden Jungen im Botanischen Garten - für Dylan gehört sie in seiner Mittagspause einfach dazu. Heute aber macht ihn eine Verletzung des Kindes aufmerksam. Als er sich deshalb dem Kind nähert, verschwindet es plötzlich spurlos und Dylan nimmt die Suche nach ihm auf. Ich liebe dieses langsame Eintauchen in Personen und Handlungen, diese sich einschleichende Spannung, den unaufgeregten Sprachstil und die sich geschickt hinziehende Ungewissheit. Erst ganz am Ende des Buches erfährt der Leser die psychologisch-raffinierte Auflösung des Falles. Dazwischen aber liegen leider über 300 Seiten, die es zu überbrücken gilt. Dabei gelingt es dem Autor nicht, die aufgebaute Spannung zu halten und die Erwartungen zu erfüllen. Die Handlungsfolge erscheint mitunter ausgesprochen willkürlich, unlogisch, zäh, langatmig und kaum nachvollziehbar. Nachdem man dann letztendlich die Konstellation durchschaut, ist es für den Leser müßig, sich alle diese Details im Nachgang nochmals zu vergegenwärtigen, um sie entsprechend interpretieren zu können. Der Verlag wird für das im November erscheinende Buch bundesweit fleißig die Werbetrommel rühren und sicher eine entsprechend hohe Leserzahl requirieren. Meine anfänglichen hohen Erwartungen hat der Roman leider nicht erfüllt.

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