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105 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 80 Rezensionen

spanischer bürgerkrieg, spanien, spionage, bürgerkrieg, franco

Der Preis, den man zahlt

Arturo Pérez-Reverte , Petra Zickmann
Fester Einband: 295 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 10.09.2017
ISBN 9783458177197
Genre: Historische Romane

Rezension:

Spanien im Jahr 1936: ein hochrangiger Politiker der rechtsgerichteten Falangisten soll in Alicante aus dem Gefängnis der ‚Roten‘ befreit werden. Beauftragt wird der Agent Falcó und ihm zur Seite stehen ein paar weitere Nationale, die ihn in dieser Mission unterstützen sollen - unter ihnen die mysteriöse Eva. Falcó hat alle Attribute, die ein kinotauglicher Agent ‚mit der Lizenz zum Töten‘ haben muss: ein gut aussehender Frauenheld mit markanten Zügen, ein charismatischer und eloquenter Macho, der sich in Gesellschaften bewegen kann, ein Einzelgänger, der es gewohnt ist, Dinge allein und ohne Aufsicht zu erledigen, ein Insider, der auch mit dubiosen Geschäften vertraut ist, ein Vollstrecker, der auch vor dem Töten nicht zurück schreckt. Der Auftrag entwickelt sich anders als gedacht und plötzlich steht weniger die Befreiung des Politikers als die Beziehung zwischen Falcó und Eva im Vordergrund der Geschichte.


Für die Lektüre dieses Buches ist es ratsam, Grundkenntnisse über den spanischen Bürgerkrieg mitzubringen, denn der Autor spart nicht mit Namen, Bezeichnungen politischer Lager und Abkürzungen für diverse Nachrichten- und Geheimdienste. Die Handlung der Geschichte ist solide, erwartbar spannend, stilistisch gut erzählt und bis hierher entspricht sie dem Klischee eines guten Agententhrillers. Unerwartet ist für mich, dass Falcó nicht ‚im Auftrag einer guten Sache’ unterwegs ist sondern frei von Moral und Gewissen auf höchst fatalistische, ja, nihilistische Art und Weise nur ‚seinen Job macht‘ und dabei auch ohne mit der Wimper zu zucken unschuldige Menschenleben opfert. Wenn das Ziel dieses Romans eine Persönlichkeitsstudie über einen fragwürdigen Held war, dann ist das meiner Meinung nach leider gescheitert, denn man erfährt über Falcó nicht mehr, als dass er ein stark rauchender, Frauen verführender Agent ist, der Kollegen ins Verderben laufen lässt, für den das professionelle Töten eine ‚Kategorie‘ ist, bei der man gewisse Qualitäten braucht und der ein Menschenleben allenfalls rettet, um nicht in der Schuld zu stehen. Warum er so ist, wie er ist, erfährt man nicht. Schade.



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(73)

106 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 67 Rezensionen

marx, darwin, london, charles darwin, karl marx

Und Marx stand still in Darwins Garten

Ilona Jerger
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 11.08.2017
ISBN 9783550081897
Genre: Romane

Rezension:


Darwin und Marx haben zur gleichen Zeit in unmittelbarer Nähe in London gewohnt, beiden haben für ihre Zeit und auf ihrem Gebiet jeweils bahnbrechende, nachhaltig verändernde Beobachtungen gemacht und Thesen aufgestellt und doch sind sie sich nie persönlich begegnet.  
Die Erwartungen an das (fiktive) Aufeinandertreffen von Marx und Darwin waren dementsprechend groß, da man doch die Darwin’schen Erkenntnisse der Evolution als naturwissenschaftliche Grundlage für den Kommunismus deuten könnte, indem der Schöpfergedanke überwunden wird, die Theorie des ‚survival of the fittest‘ aber, vom kommunistischen Standpunkt aus, höchst kritisch zu sehen ist. 
Nun, die hohen Erwartungen wurden nicht ganz erfüllt, da das Zustandekommen dieses Treffens doch einigermaßen konstruiert wirkt und der Verlauf dieses Gesprächs über offensichtliche Gemeinsamkeiten und Differenzen nicht hinaus kommt. Man merkt deutlich den Respekt der Autorin vor den historischen Personen und es ist in der Tat ein heikles Unterfangen, den beiden die Worte füreinander in den Mund zu legen!
Statt dessen nähert sich Ilona Jerger den beiden in persönlicher Hinsicht und widmet sich deren Charakter, Privatleben und vor allem Darwins Forschung in einem sehr amüsanten, intelligenten, bildhaft-vergleichenden - ja, fast  glossenartigen Schreibstil, der sprachverliebte Leser ein ums andere Mail schmunzeln lässt.
Alles in allem ist dieses Buch eine unterhaltsame, intelligente Lektüre, an die man nicht zu viele Erwartungen an das Treffen zwischen Darwin und Marx haben sollte.

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107 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 68 Rezensionen

freundschaft, hautfarbe, rassismus, london, großbritannien

Swing Time

Zadie Smith , Tanja Handels
Fester Einband: 640 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 17.08.2017
ISBN 9783462049473
Genre: Romane

Rezension:


Die Geschichte zweier Freundinnen mit gemeinsamer Liebe zum Tanzen, deren Lebens- und Berufswege sich trennen und im Verlaufe der nächsten zwanzig Jahre immer mal wieder kreuzen, erinnert an die Elena Ferrante Trilogie, kommt aber glücklicherweise ohne deren übertrieben unterwürfigen Pathos aus. Eine der beiden, Tracey, besitzt genügend tänzerisches Talent, um diesen Berufsweg einzuschlagen und erhält kleinere Engagements. Die andere, die Ich-Erzählerin ohne Namen, wird nach einigen Stationen schließlich die persönliche Assistentin einer Pop-Sängerin von Weltruhm (ich konnte mich des Eindrucks, es handele sich hier um Madonna nicht erwehren) und stellt nicht nur ihr Berufs- sondern auch ihr gesamtes Privatleben in deren Dienst.
Passend zum Titel ‚swingt‘ die Ich-Erzählerin hin und her zwischen Kindheitserinnerungen und Stationen ihrer eigenen Entwicklung und manchmal scheint dieser Rhythmus aus dem Takt, da dem Lebensweg von Tracey nur ein recht kleiner Raum zukommt und auch die Bedeutung der Freundschaft, meiner Ansicht nach, von den beiden sehr unterschiedlich gewichtet wird.
Auffallend ist auch die relative Bedeutungslosigkeit eines starken ‚plots’; vielmehr beschreibt Zadie Smith kaleidoskopartig verschiedenste ethnische und religiöse, politische und soziale, emotionale und familiäre Themen im Umfeld der Protagonistin, die alle hochaktuell sind und vor allem das Thema des Scheiterns beinhalten. Mit scharfer Beobachtungsgabe, wunderbar eleganten Formulierungen und einer guten Portion Ironie schafft Zadie Smith eine Bestandsaufnahme unserer Zeit, in der vor allem alles relativ ist: wenn der Traumberuf als Tänzerin nur zu zweitklassigen Rollen reicht, wenn das Durch-die-Welt-Jetten zum Verlust von emotionalen Bindungen führt, wenn Charity-Projekte sich ins Gegenteil verkehren und wenn einflussreiche und herausragende schwarze Künstler ihre Haut bleichen. Ein beeindruckendes Buch, wenn auch mit leichten Rhythmusstörungen und einem Hauch von Fatalismus.

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Tags: emanzipation, freundschaf, hautfarbe, scheitern   (4)
 
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