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The Federalist Papers

Alexander Hamilton , James Madison , John Jay
Flexibler Einband: 296 Seiten
Erschienen bei Eigal Meirovich, 30.04.2009
ISBN 9781607961185
Genre: Sonstiges

Rezension:

Jeder weiß, dass die Verfassung der USA ein Musterbild für einen demokratischen Staat ist, und ein Musterbild für einen Bundesstaat noch dazu. Aber warum eigentlich? Was sind die Ideen hinter den teilweise seltsam anmutenden Regelungen dieser Verfassung? Diese Frage wird nicht von der Verfassung selbst beantwortet, sondern von den sogenannten "Federalist Papers", einer Reihe von Zeitungsartikeln von 1787/88, die das Volk des Staates New York davon überzeugen sollten, der vorgeschlagenen Verfassung zuzustimmen. Dieser Klassiker der politischen Philosohie ist auch heute noch lesenswert, weil er Weisheit und Einsicht des Lesers fördert, und weil er zu kritischem Nachdenken über die eigene, heutige Staatsverfassung herausfordert.

Wenn man die eigene Verfassung oder die derzeitige Verfassung der Europäischen Union mit den Ideen der US-Verfassung vergleicht, überkommt einen nicht selten der Zorn über so viel Unsinn und interessegeleiteten Polit-Traditionalismus in Europa, und der Neid auf so viel Klugheit und 200jährige Modernität in Amerika. Fast möchte man zum Revolutionär werden ...

Zum Inhalt:

Die "Federalist Papers" sprechen die US-Verfassung thematisch Punkt für Punkt durch: Sinn des Bundesstaates, Zuständigkeiten von Bund und Einzelstaaten, Gewaltenteilung (Armee, Steuern, etc.), Zusammensetzung und Befugnisse von: Repräsentantenhaus, Senat, Präsident, Justiz. Da es sich um Zeitungsartikel handelt, gibt es manche Wiederholung und kein ganz allzu systematisches Inhaltsschema, aber für ein über 200 Jahre altes Buch liest es sich immer noch recht modern.

Es ist sehr interessant zu sehen, wie die Verfassungswirklichkeit hinter der geschriebenen Verfassung diskutiert wird. Häufig entwickeln sich Dinge nämlich ganz anders, als sie beabsichtigt waren. Eine Regelung wird vielleicht nie genutzt, weil sie Nachteile mit sich bringt, eine andere Regelung wird anders genutzt, als gedacht. Die Balance zwischen den drei Gewalten Legislative, Exekutive und Judikative kommt in Schieflage und eine Gewalt dominiert die beiden anderen Gewalten: Was mit guter Absicht in einer Verfassung geregelt wurde, kann trotzdem schiefgehen, weil es an der Wirklichkeit vorbeigeht.

Um dies zu erkennen, benötigt man Menschenkenntnis, Lebenserfahrung, Geschichtswissen und eine gesunde Skepsis. Das ist hier reichlich zu finden und man kann viel davon lernen. So heißt es z.B. in Nr. 71: "It is a just observation, that the people commonly intend the public good. This often applies to their very errors. But their good sense would despise the adulator who should pretend that they always reason right about the means of promoting it."

Manchmal ist es besser, die Verfassungsorgane blockieren sich gegenseitig: Besser, ein gutes Gesetz wird abgelehnt, als dass ein schlechtes Gesetz angenommen wird. Andererseits wenden sich die Federalist Papers auch gegen eine zu große Skepsis und rät zur Akzeptanz von kleineren Übeln, um die Verfassung funktionsfähig zu halten. Besser, die Exekutive ist in einer starken Hand, als in der Hand eines Kollektivs, das vielleicht informell von einer Person beherrscht wird, und man nicht mehr weiß, welches Mitglied des Kollektvs man verantwortlich machen soll.

Die Gewaltenteilung wird hier ebenfalls anders diskutiert, als man es gemeinhin kennt. Die Gewalten sollen zwar getrennt voneinander sein, aber es werden ganz gezielt und mit voller Absicht diverse Überschneidungen der Gewalten in die Verfassung eingebaut. Der Sinn dahinter ist, dass sich die Gewalten gegenseitig in Schach halten können, um auf diese Weise ihre Trennung auch machttechnisch abzusichern. Denn nur weil es auf dem Papier steht, ist die Trennung der Gewalten noch lange nicht gesichert.

Antike:

Es ist hochinteressant zu sehen, wie die "Federalist Papers" das antike Erbe aufgreifen! Anders als man meinen könnte, wird nicht - praktisch überhaupt nicht! - auf die politische Philosophie der Antike zurückgegriffen. Was Platon, Aristoteles und Cicero über Demokratie und gemischte Verfassung, den Kreislauf der Staatsformen und die Vorzüge der römischen Republik geschrieben haben, wird nirgendwo als Argument herangezogen.

Den Grund erfährt man in Nr. 14 im Rahmen einer Lobrede auf das amerikanische politische Denken: "But why is the experiment of an extended republic to be rejected, merely because it may comprise what is new? Is it not the glory of the people of America, that, whilst they have paid a decent regard to the opinions of former times and other nations, they have not suffered a blind veneration for antiquity, for custom, or for names, to overrule the suggestions of their own good sense, the knowledge of their own situation, and the lessons of their own experience?" - Nicht weil irgendeine Autorität einst irgend etwas sagte, sondern nur wenn es vernünftige Argumente gibt, soll etwas gelten. Obwohl dies auf den ersten Blick nach einer Ablehnung der Antike aussieht, ist es in Wahrheit die genaue Nachahmung des antiken Denkens. Denn wie Platon argumentieren sie ohne Gehorsam gegenüber Autoritäten und nur nach ihrer Vernunft.

In einem weiteren Punkt kommt eine Ähnlichkeit zu Platon zum Ausdruck: Die "Federalist Papers" argumentieren ständig gegen die Argumente der Verfassungsgegner. Diese kommen zwar nicht zu Wort, aber dennoch gewinnen die "Federalist Papers" dadurch einen deutlich dialogischen Charakter. Man hat an manchen Stellen das Gefühl, wie wenn Sokrates mit einem Sophisten spräche und dessen Ansichten zerlege, bis nichts mehr davon übrig ist.

Dass die Autoren der "Federalist Papers" die antike politische Philosophie sehr wohl kannten, kommt an einigen wenigen Stellen zum Ausdruck. So heißt es in Nr. 49: "But a nation of philosophers is as little to be expected as the philosophical race of kings whished for by Plato." - In Nr. 51 heißt es: "But what is government itself, but the greatest of all reflections on human nature?" und: "Justice is the end of government." ("end"=Ziel) - Damit ist eine teils zustimmende Kenntnis von Platons politischer Philosophie klar belegt.

In expliziter Form kommt die Antike auf eine ganz andere Weise massiv zum Tragen: Nicht die Philosophen und ihre politischen Theorien, sondern die antiken Geschichtsschreiber und ihre Berichte über Zustände und Ereignisse in den antiken Staaten werden exzessiv als Beispiele in den "Federalist Papers" herangezogen! Schon immer haben die Staatsphilosophen auf der Grundlage realer historischer Ereignisse argumentiert, und das geschieht natürlich auch hier. Einige wenige Beispiele mögen sein: Die Frage, ob ein Flächenstaat eine Demokratie sein kann; die Macht eines Einzelnen über eine Volksversammlung; das Amt des Dikators in der römischen Republik. Folgende Zitate aus Nr. 63 seien noch angeführt: "... that the position concerning the ignorance of the ancient governments on the subject of representation, is by no means precisely true in the latitude commonly given to it." und: "What bitter anguish would not the people of Athens have often escaped if their government had contained so provident a safeguard against the tyranny of their own passions?" und: "... that history informs us of no long-lived republic which had not a senate. Sparta, Rome, and Carthage are, in fact, the only states to whom that character can be applied."

Man darf auch nicht vergessen, dass hinter praktisch allen Ideen der US-Verfassung antike Ideen wie z.B. die Gewaltenteilung stehen, die über verschiedene Autoren wie z.B. Montesquieu weiterentwickelt wurden, so dass der antike Hintergrund nur indirekt erschließbar ist.

Nicht zuletzt ist die Wahl des Autoren-Pseudonyms "Publius" in Anlehnung an den römischen Konsul Publius Valerius Publicola ein unabweisbarer Bezug zur Antike. Die Anti-Föderalisten nannten sich hingegen "Cato" oder "Brutus": Der geistige Streit fand ganz auf antiker Bühne statt.

Sonstiges:

Das Thema "Parteien" wird überhaupt nicht angesprochen. Diese spielen heute eine große Rolle, kommen aber nicht vor, was schade ist. - Die Frage, ob die Bürger denn überhaupt demokratisch gesinnt sind, wird ebenfalls nicht gestellt. Davon wird einfach ausgegangen. Immer wieder werden Sätze eingestreut wie dieser: "the people of this country, enlightened as they are with regard to the nature, and interested, as the great body of them are, in the effects of good government" (Nr. 37). Wir nehmen die Botschaft mit: Die Qualität einer Demokratie entscheidet sich auch an der Aufgeklärtheit und demokratischen Gesinnung und Anteilnahme ihrer Bürger.

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fantasie, literatur, legenden, sachbuch

Die Geschichte der legendären Länder und Städte

Umberto Eco , Martin Pfeiffer , Barbara Schaden
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 04.11.2013
ISBN 9783446243828
Genre: Sachbücher

Rezension:

Umberto Eco hat es geschafft, ein Buch zu schreiben, das sich neben ähnlichen, bereits existierenden Werken, vollauf sehen lasen kann (z.B. "Atlas der legendären Länder" oder "Atlas der fiktiven Orte"). Sehr gelungen ist die Auswahl der Bilder: Man sieht einiges, was man so noch nicht kannte. Auch ästhetisch ein wirklich schönes Buch! Sehr gelungen aber auch die inhaltliche Aufbereitung.

Am Beispiel Atlantis sieht man deutlich, dass Umberto Eco nicht einfach abgeschrieben hat, was andere schon tausendfach wiederkäuten. Vielmehr hat Umberto Eco auch bei diesem umstrittenen Thema eine eigene, überzeugende Linie gefunden.

Im einzelnen zu diesem Beispiel: Die Historie der verschiedenen Atlantis-Lokationen ist bei Eco nicht wie so oft eine dräuende Klimax mit dem Nationalsozialismus als Kulminationspunkt (Zeigefinger!), sondern eine Reise durch die Geschichte, mit dem Nationalsozialismus als einer Station von mehreren. Auch Olof Rudbeck ist bei Eco kein durchgeknallter "Barock-Nazi", sondern ein seriöser Barock-Gelehrter, der sich eben irrte. Ein Umberto Eco weiß so etwas natürlich historisch richtig einzuordnen. Im Video zum Buch wird der Bezug von Hyperboräa (erstaunlicherweise nicht: Atlantis) zum Holocaust dann doch etwas zu eng dargestellt; wie wenn man zum Nationalsozialisten würde, wenn man sich mit dem antiken Hyperboräa (bzw. Atlantis) beschäftigt ... nun ja, es ist nur das Video, deshalb: Schwamm drüber.

Verlassen wir das leidig-fruchtlose NS-Thema und kommen wir zum eigentlichen Thema Atlantis: Schon im "Foucaultschen Pendel" war Eco beim Thema Atlantis wohltuend zurückhaltend - das kommt auch hier zum Tragen. Die Atlantis-Karte des Barock-Gelehrten Athanasius Kircher wird korrekt als "Lage"-Karte bezeichnet, und nicht als Karte, die angeblich das genaue Aussehen von Atlantis wiedergeben wollte. Auch wiederholt Umberto Eco nicht die unsägliche Mär, dass Aristoteles das Atlantis des Platon explizit für eine Erfindung gehalten habe (vgl. zur Aufklärung dieses verbreiteten Irrtums: Franke: Aristoteles und Atlantis, 2012). Ebenfalls unendlich viel gelehriger als der sonst übliche Unsinn ist der Satz: "Wahrheitsbeteuerungen klingen seit Lukians Wahren Geschichten wie ein Fiktionssignal" (S. 438) - sehr richtig: Seit Lukian, aber eben noch nicht zur Zeit Platons! Schade ist, dass nur eine stark gekürzte Übersetzung der Atlantis-Dialoge beigefügt ist. Übrigens handelt es sich um die durchaus gute Übersetzung von Hieronymus Müller von 1857, während das Register behauptet, es sei die Übersetzung von Schleiermacher (eigentlich: Susemihl!) - Schwamm drüber, jedes Buch hat seine Fehler.

Fazit:

Wie am Beispiel Atlantis abgelesen werden kann, bekommt der Leser hier echte Qualität geboten! Das ist nicht einfach eine copy-paste-Zusammenstellung von Bildern und Texten, auf die der Name "Umberto Eco" draufgepappt wurde, das ist wirklich der universal gelehrte Umberto Eco, der seine Bildung anhand der verschiedensten legendären Orte in Wort und Bild breit und bunt vor den Augen des Lesers auffächert.

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Griechische Denker

Theodor Gomperz , Theodor Gomperz
Medienkombination
Erschienen bei De Gruyter, 01.01.1973
ISBN 9783111781037
Genre: Sachbücher

Rezension:

Das Werk

Obwohl Gomperz' dreibändiges Werk über die "Griechischen Denker" in den Jahren 1896-1909 veröffentlich wurde, ist es dennoch erstaunlich modern: Der Grund dafür ist, dass der Verfasser politisch-weltanschaulich ein klassischer Liberaler war, der auch mit den neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit bestens vertraut war, die bis heute die Grundlage unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes bilden: Evolutionstheorie, Psychologie, Religionskritik, Ethnologie, Ökonomie, Atomphysik und Astrophysik, bis hin zu den Gedanken, dass hinter den Atomen noch kleinere Teilchen stehen könnten oder dass es im Weltraum noch andere Planeten mit Leben geben müsste. Teilweise stand der Autor mit den Vordenkern der Moderne in persönlichem Kontakt, etwa mit Sigmund Freud oder dem Physiker Ernst Mach. Aber auch unter historisch-kritischen Gesichtspunkten ist Gomperz immer noch modern genug: Eine gläubige Verklärung der Antike findet sich bei ihm nicht, auch wenn er noch nicht jede Hinterfragung kennt, von der wir heute, 100 Jahre später, wissen.

Das Werk nimmt mit seiner Eindringtiefe in den behandelten Stoff eine Mittelstellung zwischen kurzer Einführung und tiefgehender Einzelabhandlung ein. Dadurch kann Gomperz etwas bieten, was es heute so nicht mehr gibt: Neben der Behandlung der großen und bekannten Denker wie Demokrit, Platon oder Aristoteles, geht Gomperz einerseits auch auf viele "kleinere" Denker ein, von denen man sonst eher selten liest, so z.B. die Megariker, die Kyrenaiker und die Kyniker, oder Theophrast und Straton. Andererseits kann Gomperz so viel besser die Entwicklungszusammenhänge zwischen den Denkern aufzeigen, so z.B. die Einteilung der Vorsokratiker in die Ionischen Naturphilosophen, die Eleaten und spätere komplexere Denker, oder die Entstehung der Stoiker und Epikureer aus den Kynikern und Kyrenaikern, über die man nur selten liest. Gomperz breitet den ganzen Horizont vor seinen Lesern aus: Nicht nur Philosophen im engeren Sinne, sondern das ganze geistige Umfeld wird erfasst: Er beginnt mit Religion und Mythos, und vergisst nicht den wesentlichen Einfluss von Dichtern und Geschichtsschreibern. Gleichzeitig verliert sich Gomperz aber auch nicht in Teilproblemen, wie dies Spezialabhandlungen tun. Gomperz geht teilweise recht tief, bleibt dabei aber doch immer klar.

Gomperz bringt die Dinge auf den Punkt, und zwar ihren eigenen Punkt. Wo andere eher beschreiben als erklären, oder ihre moderne Ideologie in der antiken Philosophie wieder entdecken wollen, dort ist Gomperz ein Meister in der Kunst, den entscheidenden Punkt, die innere Motivation, die tiefere Triebkraft herauszuarbeiten, die hinter den antiken Entwicklungen steht. So erst werden Inhalte und Entwicklungen der antiken Philosophie wirklich verständlich.

Wer Gomperz lesen will, muss vor allem Geduld und Konzentration mitbringen. Pausen empfehlen sich. Notizen ebenfalls. Man wird später auch immer wieder noch einmal nachlesen, was Gomperz sagte, und dabei immer noch neues entdecken. Man hätte sich eine bessere Gliederung des Stoffes in einer Hierarchie von Unterkapiteln wünschen können, um dadurch einenn besseren Überblick und eine mnemotechnisch nützliche Wissensordnung zu haben. Besonders ungünstig ist die Kapiteleinteilung im dritten Band, aber auch im ersten Band ist z.B. das Kapitel über Demokrit und die Atomlehre ungünstig gehalten. Die Sätze sind manchmal etwas verwickelt und altertümlich, hier hilft lautes Lesen.

Der Inhalt

Das Hauptthema der Antike ist natürlich der Prozess der Aufklärung und die Gewordenheit unserer heutigen geistigen Welt. Gomperz weiß noch ganz genau, warum die Beschäftigung mit der Antike so wichtig ist, während der Zeitgeist uns weismachen will, die Antike sei von gestern.

Gomperz legt aber nicht nur die Entwicklung der Aufklärung in der Antike dar, sondern zeigt ständig die Zusammenhänge und Parallelen zur modernen Aufklärung und Wissenschaft auf. Er erklärt anhand der Antike die aufklärerischen Prinzipien von philosophischem und wissenschaftlichem Denken im Allgemeinen, so dass der der Leser nicht nur die Schritte der Aufklärung der griechischen Denker kennenlernt, sondern auch selbst Schritt für Schritt aufgeklärt wird.

Man kann mit Fug und Recht sagen: Bei Gomperz lernt man das Denken selbst. Dazu gehört nicht nur exakte Berechnung und konsequente Logik, sondern vor allem auch die Fähigkeit der richtigen Einschätzung. Die Kunst des Abwägens. Das Maß der Erkenntnis. Das richtige Interpretieren anhand von Indizien. Man lernt auch, wie Dinge sich entwickeln, und dass vieles nur schrittweise voran geht, dass auch Irrwege nützlich sein können, usw.

Aus heutiger Sicht ist Gomperz erfrischend vernünftig und unideologisch. Die Lektüre dieser 100 Jahre alten Abhandlung ist eine wahre Labsal für die vom Zeitgeist geplagte Vernunft. Gomperz hat in vielen Punkten den richtigen, differenzierten Ansatz, er trifft an den entscheidenden Weggabelungen der Erkenntnis die richtigen Entscheidungen, während ein irriger Zeitgeist die falschen Abzweigungen nimmt und eine schiefe Ideologie entwickelt.

Die Sophisten werden von Gomperz korrekt als eine Stufe des Fortschreitens der Aufklärung gesehen; man darf dabei nur nicht vergessen, dass Sokrates die nächste, höhere Stufe ist: Nach der De-konstruktion kommt die Re-konstruktion. - Bei Platon ist Gomperz ungewöhnlich kritisch: Fast schon respektlos kritisiert er Platon als einen Denker des Absoluten, der in seiner absoluten Präzision oft genug absolut falsch lag. Auch wenn Gomperz hier nicht immer Platons Genialität voll erfasst hat, so ist sein respektlos kritischer Ansatz berechtigt und anregend. - Platon wird bei Gomperz einseitig Demokratie-kritisch und Tyrannen-freundlich gesehen. Hier und in anderen Punkten erliegt Gomperz dem Geist seiner Zeit. - Aristoteles erscheint bei Gomperz als ein Ausbund an Inkonsequenz und kompromisslerischem Pragmatismus. Was für die Philosophie im engeren Sinne eher fragwürdig ist, hat sich für Politik und Wissenschaft jedoch als Segen erwiesen: Hier hat Aristoteles mehr Erfolge bewirkt als Platon. Im letzten dürften sich beide Ansätze jedoch in der Mitte treffen, zumal Platon in den Nomoi bereits den Weg hin zu mehr Pragmatismus zu gehen begonnen hatte, und Aristoteles nicht zufällig ein Schüler Platons war. Diese Erkenntnis deutet sich bei Gomperz an, wird jedoch nicht in dieser Klarheit formuliert.

Der Autor

Erschreckend ist es zu lesen, wie Gomperz kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Auffassung vertritt, die Staaten Europas seien auf einem guten Wege des Friedens, der Freiheit und des Wohlstandes, und würden immer enger zusammenrücken; Krieg sei undenkbar geworden. Im Sinne des "Zauberberges" von Thomas Mann ist Gomperz ein wahrer "Settembrini", ein durchaus sympathischer aber vielleicht doch allzu optimistischer klassischer Liberaler mit etwas zu wenig Einfühlungsvermögen in das "absolute" Denken Platons. Da es aber besser so als andersherum ist, verzeiht man ihm diese Schwäche gern.

Wer ein vernünftiges, rundes, schönes, klares, erhellendes, bildungsbürgerliches, vollständiges, gutes, menschenfreundliches Buch über die antiken Denker lesen möchte, das nicht angekränkelt ist von den Irrtümern unserer Zeit, sondern wesentliche und richtige zeitlose Einsichten als Basis für eigenes Weiterdenken vermittelt, der ist mit den "Griechischen Denkern" von Gomperz bestens bedient. Sicher eines der Bücher, die man gelesen haben sollte.

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Give Me Back My Legions!

Harry Turtledove
Flexibler Einband: 310 Seiten
Erschienen bei St Martins Pr, 13.04.2010
ISBN 9780312605544
Genre: Sonstiges

Rezension:

The novel "Give me back my legions" by Harry Turtledove is disappointing. The author concentrates on the psychology of the two main characters Varus and Arminius, which starts to repeat after a while. Besides this the author forgets a lot of other important things. For example I would have liked to see how Arminius managed to bring together the different Germanic tribes to common action. From a historical or novellist point of view the book is less than moderate. The novel ends with emperor Augustus reducing his plans to conquer Germany, but the fate of Arminius (murdered) and his wife and child (captured) is not part of the novel. Why? This is an integral part of this part of history! Just another disappointment.

What was more interesting is the description how different cultures cannot cope with each other and fall into systematic misunderstandings on each other without escape. This could teach us something. Funny was Varus' statement that Germans and Jews are the most stubborn peoples in the Roman empire.

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thucydides, eternal truth, military, iraq war, asymmetric war

The Father of Us All

Victor Davis Hanson
Fester Einband: 259 Seiten
Erschienen bei Bloomsbury Publishing Plc, 27.04.2010
ISBN 9781608191659
Genre: Sonstiges

Rezension:

Understanding the Logic of War on the basis of our Ancient Heritage
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Victor Davis Hanson's book "The Father of Us All" is one of those books explaining an important aspect of our present world in a timeless and groundbreaking manner, so that this book can be recommeded to everybody. On the basis of our ancient heritage he examines the development of war and discovers basic insights into the logic of war. With these insights it is much easier to understand what is really going on in this world concerning all those troubling wars and conflicts instead of following mainstream media opinions or weird conspiracy theories.
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Especially everybody who tries to oppose the "logic of war" should learn first how this logic works before deciding to oppose it. Because: Logic cannot be overturned - you only can use it in the right or wrong way. If you try to overturn something that cannot be overturned the result will be unpredictable and mostly unwanted. So first, you have to understand how the "logic of war" works. Then you will know how to make and keep peace. Victor Davis Hanson supports you in this.

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Tags: asymmetric war, eternal truth, iraq war, logic of war, military, thucydides, war   (7)
 

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sicily, farming, 1970s, expatriate, seasons

On Persephone's Island

Mary Taylor Simeti , Robin Desser
Flexibler Einband: 329 Seiten
Erschienen bei Random House Inc, 01.10.1995
ISBN 9780679764144
Genre: Sonstiges

Rezension:

Ingenious description of life and customs on Sicily
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As a young student from New York Mary Taylor Simeti came to Sicily, fell in love, married and lived her life on the island as an expatriate. This means she is the double-role of an insider and an outsider and thus the perfect reporter on atmosphere, life and customs on Sicily, far better than any journalist traveling around for some months.
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The book is organized following the seasons of the year thus showing the close relationship of life on Sicily to nature. Farming, plants, flowers, climate, public holidays and harvesting are important parts of her life. But the author also writes about her husband's family and how she integrated step-by-step into the Sicilian society. Greek mythology does not play a central role but it is interesting to see how the author makes practical use of otherwise only academically treated myths. Life with the silent presence of the Mafia is a topic as well as customs like Easter processions and the widely unknown virgineddu. As an American the author wonders how Sicilians organize themselves, such as concerning her children's school or how to get entrance to a historical building on a military site.
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The book covers the time of the 1970s and 1980s and shows many features of the time: The author came to Sicily to support Danilo Dolci driven by a somewhat romantic social idealism, then we read again and again how she marched in demonstrations against American missiles on Sicily, or against the Mafia, or to protect a natural reserve. The author declares to be glad that anti-communism lost its strength. Old fotographs on the Web site of her winery "Bosco Falconeria" show the typical beards and clothings of leftist students around 1968. From today's point of view (2013) this does not seem so political any more but rather like folklore of these times in a certain social milieu. All in all Mary Taylor Simeti did not strive for communism but lived a good life as owner of several houses in Palermo and Alcamo and of course the farm Bosco Falconeria near Palermo, and she lets us readers take part in the sufferings and rewards of such a Sicilian life. Thank you!

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Tags: 1970s, expatriate, farming, mafia, seasons, sicily   (6)
 

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troy, women, fiction, sparta, matriarchy

The Curse of Troy

Luciana Cavallaro
E-Buch Text: 39 Seiten
Erschienen bei Mythos Publications, 08.01.2013
ISBN B00AYSTSSS
Genre: Sonstiges

Rezension:

Fate of a woman in a patriarchal society
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With patriarchal societies it is always the same, be it an archaic Greek, an Arabic, an Indian or any other patriarchal society: Women are moved like chess pieces among men, and love is not expected to happen. Women are never asked, always used, and what they really want is not allowed. Such is the fate of Helen who was made responsible for the Trojan War and the fall of Troy. In her own words the story tells much differently.
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Interesting the author's attempt to describe the process of separation of truth and myth by the introduction of a first historian into the story. Not fully convincing is that he is a fully-developed historian from the beginning; would have been better to see him developing step by step the concept of writing history, and then at the end to realize that he created something new: Writing of History.
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Not fully convincing is the author's try to weave in Ranke-Graves' romantic idea of an ancient matriarchy which gave way to patriarchy. Besides the fact that it is not true, such a cultural change cannot come about so quickly, and what young Helen likes is simply girlish: Dancing, Jewelry, etc. Furthermore, the reasons of war are rarely simply man's greed.
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When reading this short story quite another plot came to me: Why not depicting Helen as the "bad guy" who plotted it all? Maybe she made Theseus "raping" her in order to gain the social prestige of being deflowered by such a famous man? Maybe she charmingly made her father marry her with Menelaos because he is the brother of powerful Agamemnon? Maybe she intentionally seduced poor Paris in order to bring war about Troy and to capture all the wealth for herself, then letting her sister kill Agamemnon, afterwards? So, she being left as the true ruler and winner? Women can be so cunning and plotting, don't they have us men all in their hands?

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Tags: fiction, helen, matriarchy, patriarchy, sparta, troy, women   (7)
 

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athens, fate, crete, poseidon, aphrodite

Aphrodite's Curse: A Short Story

Luciana Cavallaro
E-Buch Text: 31 Seiten
Erschienen bei null, 25.08.2012
ISBN B0092FVJPO
Genre: Sonstiges

Rezension:

Farewell letter concentrating the myths of Minos and Theseus in a nutshell
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In a farewell letter princess Phaedra, daughter of king Minos and wife of Theseus, tells the story how it came that she had to poison herself and thus dying away while writing this letter. Along the way of her account all the known and lesser known myths around Minos and Theseus are told and combined to a greater story culminating in Phaedra's end. The enrichment and refinement of the myths into living stories is done well. The language is pleasent and the story unfolds (mostly) dramatically reasonable. It is an easy read providing an agreeable access to the classical traditions.

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Tags: aphrodite, ariadne, athens, crete, daedalus, fate, love, minos, minotaurus, myth, poseidon, theseus, tragedy   (13)
 

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Atlantis and Syracuse

Gunnar Rudberg , Thorwald C. Franke
Flexibler Einband: 120 Seiten
Erschienen bei Books on Demand, 18.10.2012
ISBN 9783848228225
Genre: Sachbücher

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Aristotle and Atlantis

Thorwald C. Franke
Flexibler Einband: 136 Seiten
Erschienen bei Books on Demand, 18.10.2012
ISBN 9783848227914
Genre: Sachbücher

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diktatur, antike philosophie, idealismus, sizilien, utopie

Der Philosoph und der Diktator

Ludwig Marcuse
Flexibler Einband
Erschienen bei Diogenes
ISBN 9783257211597
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ewige Wahrheiten von Macht und Geist / Verfehlt aber Platons Genialität
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Der Philosoph Ludwig Marcuse zeichnet Schritt für Schritt die Ereignisse nach, die Platon in Syrakus auf Sizilien mit den Tyrannen Dionysios I. bzw. II. zusammengeführt haben, und zeigt, wie Geist und Macht exemplarisch aneinander gerieten. Marcuse geht es dabei allerdings nicht um historische Genauigkeit und die Philosophie Platons, sondern Marcuse benutzt das Geschehen vor allem, um einige "ewige Wahrheiten" aufzuzeigen. Das Ergebnis ist immer noch historisch erstaunlich genau, aber Platon und dessen Philosophie wird deutlich verfehlt.
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Platon ist für Marcuse nur der exemplarische Vertreter eines allzu simplen utopischen Denkens. Er wird reduziert auf einen stubengelehrten Revolutionär, der durch persönlich erlittenes Unrecht und von Klassengegensätzen getrieben würde. Marcuse unterliegt dem Irrtum, Platon leichthin mit Karl Marx gleichsetzen zu können, weshalb er Platon auch den "ersten großen Marxisten" nennt und als rücksichtslosen Diktator im Geiste sieht. Der Unterschied des platonischen Idealstaates zur naiven Utopie entgeht Marcuse, und das Umdenken Platons nach dem Scheitern des Experimentes wird bei Marcuse lediglich als Resignation und als Kontrollsucht aus Altersstarrsinn gedeutet, statt darin den wertvollen Gedanken der Abkehr vom naiven Idealismus zu erkennen. Am Ende begrüßt Marcuse sogar utopische Experimente, denn gerade sie hätten die Menschheit seiner Meinung nach vorangebracht - da fragt man sich, wieviel Marcuse bei all seiner trockenen Nüchternheit der Betrachung wirklich vom Geschehen verstanden hat?
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Marcuses ungeniertes, praktisches, psychologisierendes Hinterfragen der allzu menschlichen Motivationen der Protagonisten liefert manchen wertvollen Hinweis auf das historische Geschehen, andererseits verwirrt Marcuse den Leser mit einem sprunghaften Stil, der vieles nur anreißt und Widersprüche unaufgelöst nebeneinander stehen lässt. Marcuse, der der "Lebensphilosophie" zugerechnet wird, schreibt etwas sperrig und spröde, verdient aber gerade dafür eine gewisse Sympathie, weil er dadurch auch anregend und unkonventionell ist. Alles in allem eine einerseits interessante, anregende, teilweise erhellende und aufklärende Lektüre, die andererseits aber mit Vorsicht zu genießen ist.
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Obwohl es gleich an mehreren Stellen des Büchleins äußerst nahe gelegen hätte, auf Platons Atlantiserzählung zu sprechen zu kommen, bleibt diese konsequent unerwähnt. Marcuse weiß sie offenbar nicht ins Geschehen einzuordnen, da er Platons Philosophie im Kern nicht verstanden hat. Immerhin hat Marcuse richtig erkannt, dass der eigentlich utopische Text Platons - sofern die Bezeichnung Utopie bei Platon überhaupt erlaubt ist - in Platons Politeia zu sehen ist.

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Tags: antike philosophie, diktatur, idealismus, idealstaat, platon, sizilien, syrakus, tyrann, utopie   (9)
 

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templer, verschwörungstheorie, verschwörung, freimaurer, rosenkreuzer

Das Foucaultsche Pendel

Umberto Eco , Burkhart Kroeber
Flexibler Einband: 841 Seiten
Erschienen bei dtv, 18.12.2008
ISBN 9783423211109
Genre: Romane

Rezension:

Gescheiterte literarische Verarbeitung verschwörungstheoretischen Denkens
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Zentrales Thema des Romans "Das Foucaultsche Pendel" von Umberto Eco ist die Leichtgläubigkeit von Verschwörungstheoretikern für Geheimgesellschaften und die von diesen gehüteten oder gesuchten oder enthüllten Geheimnisse. Geheimgesellschaften sind hier z.B. Templer, Rosenkreuzer, Jesuiten, Freimaurer. Geheimnisse sind hier z.B. der Gral, der Stein der Weisen, die Kabbala, Magie oder pseudo-wissenschaftliche Theorien wie Pyramidengeheimnisse, Hohlwelt und Erdströme. Diese Thematik wird anhand eines Lektoren-Trios in einem Mailänder Verlag entfaltet: Immer wieder kommen sie mit verrückten Autoren in Kontakt, die ihnen Manuskripte voller Verschwörungstheorien unterbreiten.
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Das Buch beginnt mit einer furiosen Einleitung, in der der Autor etwas zuviel mit gebildeten Assoziationen brilliert; eine Stilart, die wohl für italienische oder französische Literatur typisch ist. Die ganze erste Hälfte des Buches besteht anschließend darin, in kaum zusammenhängenden Ereignissen die verschiedensten Geheimgesellschaften und Geheimnisse kennen zu lernen, und auch eine Reihe obskurer, typischer Charaktere einzuführen. Dazu entführt der Autor den Leser auch kurz nach Brasilien zu synkretistischen Kulten. Zu lange ist nicht erkennbar, wohin das alles führen soll.
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Die zweite Hälfte des Buches besteht darin, dass die drei Lektoren alle diese Geheimgesellschaften und Geheimnisse aus Spaß nach der Methode der Leichtgläubigkeit der Verschwörungstheoretiker zu einem großen Ganzen verknüpfen: Ausgehend vom Verbot der Templer im Mittelalter würden seitdem verschiedene Abspaltungen der Templer unter verschiedenen Namen der verloren gegangenen Karte zu dem verloren gegangenen Geheimnis der Templer nachjagen: Über Francis Bacon und dessen wissenschaftlicher Utopie "Neu-Atlantis", Athanasius Kircher, der Synarchie von Agartha, bis hin zu Freimaurern und den "Protokollen der Weisen von Zion". Die ganze bekannte Geschichte wird nach diesem Muster umgedeutet. Als einer der Lektoren diesen "großen Plan" einem Verschwörungstheoretiker erzählt und behauptet, er habe das Rätsel der Karte gelöst, wird aus der Phantasie Wirklichkeit: Die leichtgläubigen Verschwörungstheoretiker nehmen den aus Spaß ersonnenen "großen Plan" ernst, sehen sich selbst als die Erben der angeblichen templerischen Gruppierungen, und versuchen, das vermeintliche Geheimnis der Karte zu erpressen.
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Das Ende des Buches ist enttäuschend: Das große Finale in Paris ist frustrierend, weil nur destruktiv. Das eigentliche Geheimnis enthüllt der Autor erst einige Kapitel später: Dass es keine Geheimnisse gibt, und dass es Momente des Glücks im Leben gibt, die man erst hinterher als solche erkennt. So wahr es auch ist: Für ein Werk dieses Autors und bei diesem Thema hätte man sich etwas mehr erwartet; auch die Erkenntnis, dass das verschwörungstheoretische Denken unausrottbar ist, ist nicht sehr originell.
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Zudem gibt es gegen Ende noch ein Kapitel, in dem etwas trocken versucht wird, in aller Kürze eine theoretische Grundlage für die Leichtgläubigkeit von Verschwörungstheoretikern nachzureichen (Kapitel 118, S. 795 ff.): (a) Die Verschwörungstheorie als Ersatz für den Glauben an Gott, als Erklärungsmuster. (b) Zentral ist das analogische, zu schnelle Schließen. (c) Je mehr Verschwörungstheoretiker einen Analogieschluss bekräftigt haben, desto leichter wird er geglaubt. (d) Verschwörungstheoretiker wollen überall Pläne und Zusammenhänge sehen und greifen Anregungen begierig auf. (e) Verschwörungstheoretiker kompensieren eigenes Versagen mit der Idee, dass sie Opfer einer großen Verschwörung wären. (f) Je mehr man etwas bestreitet, desto mehr wird es geglaubt. (g) Ein Geheimnis ist nur so lange interessant, wie es geheim ist, also darf es nie enthüllt werden bzw. der Inhalt zählt in Wahrheit gar nicht. - Entgegengehalten werden zwei Neins: (1) Das Bekenntnis der eigenen Unwissenheit. (2) Die Ablehnung, Verschwörungstheoretiker mit einer Erfindung zufrieden zu stellen.
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Das Experiment, das der Autor mit diesem Buch versucht, ist interessant, aber letztlich gescheitert: Es ist der Versuch, die Leichtgläubigkeit von Verschwörungstheoretikern literarisch vorzuführen. Das scheitert aus zwei Gründen: (1) Wo das Buch literarisch ist, scheitert es, weil die Wirklichkeit die Satire leider überholt, und weil Argumente gegen Fiktionen auf nicht-fiktionaler Ebene eher überzeugen würden. (2) Wo das Buch sachlich eine theoretische Grundlage geben will, ist es zu trocken für ein literarisches Werk, und zu knapp für ein sachliches Werk. Neben dem erwähnten Theoriekapitel fiel dies auch bei der Besprechung der "Protokolle der Weisen von Zion" auf: Der Autor will hier so intensiv aufklären, dass es nicht mehr literarisch wirkt. Es mangelt auch an sauberen Definitionen und Abgrenzungen: Insbesondere Pseudowissenschaft kann im Zusammenspiel mit wissenschaftlichen Irrtümern zum Verwechseln nahe an echter Wissenschaft liegen und ist ein Problem für sich, das eigentlich nicht in das Schema dieses Buches passt.
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Fazit: Ein interessanter, sympathischer, literarisch anspruchsvoller Versuch, mit vielen gelungenen Stücken und Ideen und getragen von guten Intentionen, aber ein Versuch, der dem Thema aus fundamentalen Gründen nicht gerecht werden konnte.
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Das Buch bearbeitet eine ganze Reihe von Nebenthemen:
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Das Elend des Verlagswesen im Allgemeinen und das Unwesen der Zuschussverlage im Besonderen. Der Verlag der drei Lektoren ist zweigeteilt: Ein Verlag für die seriösen Werke, und ein Zuschussverlag im selben Haus, an den man die Verschwörungstheoretiker weiter vermittelt. Charakterstudien von Menschen, die teuer dafür bezahlen, dass ihr Buch gedruckt wird.
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Die Zeit und der Geist von 1968. Treffen in Studentenkneipen, theoretische Diskussionen, Demonstrationen und Terrorismus. Dann der Wandel der 68er zu Esoterikern und Bürgerlichen, die ihre Ideale verraten bzw. auf esoterischer Ebene fortführen, wo sich deren Irrationalität umso deutlicher entlarvt.
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Partisanen und Mitläufer der Faschisten in Italien am Ende des Zweiten Weltkrieges: Der Autor zeigt menschliches Verständnis für Mitläufer, was ein Klischee durchbricht, schweigt aber über die Verbrechen der Partisanen.
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Atlantis wird zwar etwa dreimal kurz erwähnt, ist für den Autor aber praktisch immer nur eines von vielen Elementen in längeren Aufzählungen verschwörungstheoretischer Ideen. Dass Atlantis ursprünglich von Platon erwähnt wurde und dort einen seriösen Zweck hatte (ob erfunden oder nicht), bleibt im Gegensatz zu anderen Verschwörungstheorien unaufgeklärt. Ein möglicher Ort für das untergegangene Atlantis wird nicht angegeben. Die Seite 581 geht noch am ausführlichsten auf Atlantis ein: Dort ist Atlantis kein Ursprungs- sondern eher ein Durchgangsort der Menschheit, ein Glied in der esoterisch-pseudo-wissenschaftlichen Kette von Pangäa, Mu, Atlantis, Ägypten und den Kelten. Diese Darstellung von Atlantis entspricht dem Ansatz dieses Buches: Esoterische Verschwörungstheorien stehen im Mittelpunkt, das Problem der Pseudowissenschaft und wissenschaftlicher Irrtümer hingegen bleibt weitgehend unbeleuchtet.

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Tags: erdströme, freimaurer, geheimgesellschaft, kabbala, leichtgläubigkeit, pendel, rosenkreuzer, templer, verschwörungstheorie   (9)
 

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vernunft, phantasie, kreativität, rationalismus, wissenschaftstheorie

Wider den Methodenzwang

Paul Feyerabend , Hermann Vetter
Flexibler Einband: 422 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 27.10.2011
ISBN 9783518281970
Genre: Sachbücher

Rezension:

Den Rationalismus schärfen, festigen und im Niveau heben
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Das Buch "Wider den Methodenzwang" von Paul Feyerabend und seine Kritik am Rationalismus, vor allem an Karl Popper, ist ein wichtiges Werk zur Wissenschaftstheorie. Allerdings nicht deshalb, weil es Feyerabend gelingen würde, den Rationalismus zu widerlegen, sondern deshalb, weil dieses Werk für jeden Rationalisten eine große Hilfe dabei sein kann, die Denkfallen eines allzu einfach gedachten Rationalismus zu überwinden.
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Die Kritik:
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Feyerabend wendet sich gegen die falsche Auffassung, dass man neue Erkenntnisse gewissermaßen zwangsläufig "ausrechnen" könnte, wenn man nur von den Gegebenheiten ausgehend rational regelgerecht - methodengerecht - weiterdenken würde. Vielmehr sind neue Erkenntnisse gerade dadurch entstanden, dass Forscher die rationalen Regeln ihrer Zeit gebrochen hatten. Rationalität sei gewissermaßen abhängig vom Sprach- und Weltansschauungssystem: Was nach dem alten Paradigma rational war, ist es nach dem neuen nicht mehr, und umgekehrt. Sehr lesenswert Feyerabends Ausführungen zum Welt- und Menschenbild der homerischen Epen. Feyerabend zeigt auch sehr überzeugend, dass die Theorie der Hexenprozesse im Rahmen der damaligen Theologie und Philosophie sehr rational war. Auch heute unterscheide sich die Wissenschaft nach Auffassung von Feyerabend im Kern nicht von der Kirche und habe ihre Dogmen.
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Die rationalistische Lehre von der Falsifikation von Thesen würde zu Dogmen führen, wenn eine Falsifikation schwierig ist, auch wenn vieles für andere Thesen spräche, die genauso wenig falsifizierbar seien, aber das Pech haben, nicht etabliert zu sein oder nicht dieselbe Zeit zur Entwicklung eingeräumt bekommen zu haben. Manche Auffassung hat sich dadurch durchgesetzt, dass die Forscher bewusst mogelten und geschickt darin waren, eine gute Propaganda für ihre neuen Thesen zu machen. Hier verweist Feyerabend z.B. auf Galileo Galilei. Nicht alles neue ist auch besser. Feyerabend lobt hier die Traditionelle Chinesische Medizin gegenüber der Schulmedizin.
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Die Kritik der Kritik:
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Viele der Kritiken Feyerabends sind berechtigt und geben wertvolle Hinweise darauf, wie Wissenschaft funktionieren sollte - und wie nicht. Im Kern jedoch scheint Feyerabend seine Kritik auf einem falschen Verständnis von Rationalismus aufgebaut zu haben.
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Was die Regelüberschreitung und die Begrenzung durch Sprache und Weltanschauung anbelangt, so ist es der Standpunkt des Rationalismus im Sinne Poppers, dass neue Thesen mithilfe von Phantasie geboren werden. Darin, in der Phantasie, ist jede mögliche Überschreitung von Regeln praktisch bereits enthalten. Dass die Vernunft in sich eine gewisse abstrakte, kulturunabhängige Regelhaftigkeit hat, hätte man bei Feyerabend gerne gelesen ("Dass da eins zum anderen passt" könnte man als die innerste Regel der Rationalität formulieren), doch Feyerabend schweigt dazu. Die Auffassung, es gäbe nicht die eine Vernunft, ist falsch; was verschieden ist, sind die Ausgangspunkte, auf die man sie anwendet, die Vernunft ist aber immer dieselbe.
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Feyerabend tut so, als glaubten Rationalisten, dass sie völlig rationale Wesen seien. Nicht dass sie Vernunft hätten, sondern dass sie Vernunft seien. Doch das ist falsch. Der Mensch ist keine Vernunft, er hat Vernunft; und er kann sie gebrauchen oder auch nicht. Und er kann sie nur auf dieses anwenden oder nur auf jenes oder auch auf alles. Vor allem aber hat der Mensch auch noch andere Fähigkeiten, z.B. Phantasie. Der Mensch sollte eben versuchen, diese andere Dimension und die Vernunft in Einklang zu bringen. Es ist das alte Ideal des Weisen. Aus diesem steten Wechselspiel erwächst dann ein Erkenntnisfortschritt.
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Bei Feyerabend hat man öfter den unabweisbaren Eindruck, er plädiere für völlige Irrationalität, für haltlose Anarchie. Doch wenn Phantasie und Kreativität, die auch vorübergehend gegen vermeintlich rationale Sichtweisen verstoßen dürfen, nicht immer wieder mit der Vernunft eingefangen und zu einem neuen rationalen System konsolidiert werden, kommt dabei auf Dauer keine Erkenntnis, sondern Chaos heraus. Erst das ständige, nie endende Wechselspiel beider Seiten, das Bemühen, beidem gerecht zu werden, macht die Erkenntnis aus und hält den Prozess lebendig.
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Auch ist der Rationalismus nicht auf eine simple Scheidung der Erkenntnis in Wissen und Unwissen festgelegt. Vielmehr zeigt sich gute, rationale Wissenschaft häufig gerade daran, wie sie mit verschiedenen Graden von Ungewissheit umgeht und vernünftige Abwägungen trifft, indem sie einzelne Unwägbarkeiten gegeneinander abgleicht und zu einem plausiblen, wahrscheinlichen Gesamtbild integriert. Richtig ist allerdings auch, dass es viele "rationale" Menschen gibt, die nur "hartes Wissen" gelten lassen wollen, und damit in die Irre laufen, denn je sicherer das Wissen, desto seltener ist es.
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Wenn Feyerabend kritisiert, dass sich die Wissenschaft gerne Dogmen schafft und alternative Thesen nicht in angemessener Weise würdigt, kritisiert er eher den real existierenden Wissenschaftsbetrieb als die Idee der Wissenschaft. Natürlich ist es richtig, dass eine Theorie nicht deshalb besser ist, weil sie etabliert ist, weil sie zuerst da war oder weil sie die größere Zahl an Fürsprechern hat, die gar nicht daran denken, ernsthaft nach einer Falsifikation zu suchen, weil eine Falsifikation ihren Status gefährden würde. Und natürlich ist es völlig richtig, dass man einer alternativen Theorie auch Zeit zur Entwicklung geben muss: Man muss eine Hypothese, die man zunächst nicht belegen kann und die wackeliger aussieht als andere Thesen, auch eine Zeitlang in der Schwebe halten und an ihr arbeiten und mit ihr spielen können. Aus diesen Überlegungen kann man Maßnahmen zur Ausbildung von Wissenschaftlern und zur Organisation des real existierenden Wissenschaftsbetriebes ableiten, damit die nötige Weite des Geistes (oder wenigstens Toleranz) herrscht. Eine Kritik am Rationalismus ist das jedoch nicht.
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Die Kritik Feyerabends am real existierenden Wissenschaftsbetrieb ist im Übrigen zu hart und gerät teilweise rabulistisch. Die Gleichsetzung mit der Kirche ist doch stark übertrieben. Es gibt zwar auch in der Wissenschaft Phasen der Erstarrung und der Wissenschaftsgläubigkeit, aber diese Phasen sind meist auf eine Generation beschränkt, was eine grundsätzliche Reformfähigkeit belegt. Die Kirche jedoch kann ihre Dogmen über Jahrhunderte durchhalten, wenn die Umstände ihr kein Um- und Weiterdenken aufzwingen. Feyerabends Einschätzung des Prozesses von Galilei, dass nämlich die Kirche im damaligen Rahmen durchaus rational und richtig urteilte, während Galileo noch zu schwache Argumente hatte, mag zwar in Ordnung sein, aber Feyerabend hätte klarer hinzufügen sollen, dass es unabhängig von der Frage der Richtigkeit des Urteils ein Problem ist, wenn sich die Kirche ein solches Urteil anmaßt und Denkverbote erlässt.
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Sehr unappetittlich ist es, dass Paul Feyerabend sein 1970 veröffentlichtes Buch mit längeren Zitaten von Lenin beginnt. Auch Engels, Ilja Ehrenburg und Mao kommen zu Wort. Es ist grausig, diese naive Unbefangenheit gegenüber mehr oder weniger verbrecherischen Charakteren zu sehen, die offenbar aus einer linksideologischen Verblendung Feyerabends herrührt: Hegel und Marcuse werden auch zitiert. Hier zeigt sich, dass Paul Feyerabend nicht immer erfolgreich darin gewesen sein kann, enge Denksysteme zu überwinden, sonst hätte er wenigstens eine menschenfreundliche Distanz gewahrt. Zudem handelt es sich um Zitate, die man in dieser Form und mit diesem Sinn sicher auch und besser bei anderen und gewiss größeren Persönlichkeiten gefunden hätte. In der bei Linken üblichen Weise unausgegoren ist auch Feyerabends Idee einer Instanz, die nach den sozialen Folgen von Wahrheit fragt; von der Liebe zur Wahrheit oder von einer Sensibilität gegen subtile Zensurmechanismen zeugt dies leider nicht. Wenn man die Unbekümmertheit von Feyerabends Linksdrall betrachtet, bekommt seine heillose Relativierung der Vernunft einen gefährlichen Zug; hatte nicht auch Lenin ein weltverneinendes Faible für Dada, eine Grundverzweiflung an Ordnung und Sinn? Aus dem Urgrund der Seele erwächst unvermutet das Böse.
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Fazit:
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Ein wichtiges Buch für alle Rationalisten, um ihren Rationalismus zu schärfen, zu festigen und im Niveau zu heben: Vernunft ist nicht alles, aber ohne Vernunft ist alles nichts. Letztlich ist es trotz vieler richtiger Einzeleinsichten ein aufs Ganze gesehen irriges Buch.

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Tags: kreativität, ordnung, phantasie, rationalismus, ungewissheit, vernunft, wissenschaftstheorie   (7)
 

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Gilgamesh the King

Robert Silverberg , Silverberg R
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Gazelle Distribution Trade, 16.11.2011
ISBN 1596874139
Genre: Sonstiges

Rezension:

Gelungenes Sinuhe-Remake für sumerische Kultur
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Mit seinem Buch "Gilgamesch - The King" hat Robert Silverberg eine Art Remake des Klassikers "Sinuhe der Ägypter" von Mika Waltari vorgelegt. Wie dort auch läuft vor den Augen des Lesers eine Art psychedelischer Lebensfilm des Protagonisten ab, der gewissermaßen die Innensicht und die weltanschauliche Perspektive eines antiken Menschen nachzubilden versucht, von der Wiege bis zur Bahre. Auf diese Weise wird ein besonders intensiver Einblick in die jeweilige Zeit und Kultur gegeben. War es bei Waltari das alte Ägypten, ist es bei Silverberg die sumerische Kultur.
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Das Remake ist gelungen: Wer nach der Lektüre nach Informationen über die alten Sumerer sucht, wird finden, dass Silverberg die wesentlichen Elemente dieser Kultur verarbeitet hat, und zwar gut verarbeitet. Historische Exaktheit darf man natürlich nicht erwarten, das ist nicht der Sinn der Sache, zumal die Forschung bei diesen frühen Kulturen immer noch sehr in Fluss ist. Es steht das Literarische und Menschliche im Vordergrund; in der alten Kultur spiegeln sich Einsichten, die sehr wohl auch für die Gegenwart gelten.

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epos, ilias, griechenland, homer, troja

Ilias

Homer , Johann H Voss , Hans J Schmidt
CD-ROM
Erschienen bei Vorleser Schmidt, 01.06.2008
ISBN 9783937976976
Genre: Romane

Rezension:

Einmal sollte man die Ilias als ganzes gehört haben
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Es lohnt sich unbedingt, die Ilias als ganzes zu lesen, besser aber zu hören! Jeder kennt die Ilias und weiß so ungefähr, worum es da geht. Aber die Ilias ist eben nicht die Geschichte von dem Trojanischen Krieg mit dem hölzernen Pferd am Ende, die außerhalb der Ilias überliefert ist. Sondern die Ilias ist eine großartige und gewaltige Dichtung vor dem Hintergrund dieses Krieges, die am Anfang der abendländischen Geistesgeschichte steht, und voller tiefgründiger Gehalte ist: Das Walten der Götter und des Schicksals, der Mensch in seinem Streben und Scheitern, Krieg und Kampf, Volk und Herrschaft, Liebe und Zorn, Feindschaft und Vergebung, usw. usf. Es ist eine Dichtung, die eine in sich geschlossene und schlüssige Handlung hat, fast wie ein Theaterstück. Man muss das als ganzes kennen: Wie die Götter die Handlung bestimmen, wie die Menschen in diesem Rahmen agieren, wie Achilleus sich versagt, wie die Troer die Achäer immer ärger bedrängen, dann die Wende durch Zeus, schließlich das gegenseitige Erkennen der Feinde (Achilleus/Priamos) als Menschen, usw. Man sollte es am besten hören: Der beste Ausdruck für die Wirkung der Ilias ist vielleicht "Kopfkino". Beim Hören ist man der Situation, wie die Ilias einst vorgetragen wurde, am nächsten: Ein Sänger trägt sie vor Publikum vor. Die Dichtung ist so reichhaltig, dass sie bis heute fortwirkt, und in vielem drinsteckt, von dem man es nicht vermutete. Jeder sollte sich einen eigenen Eindruck verschaffen, jeder wird es wieder anders und neu entdecken!

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Tags: antike, epos, griechenland, homer, ilias, troja   (6)
 

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archäologie, atlantis, mythologie, griechenland, ägypten

Atlantis

David Gibbins
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Headline
ISBN 9780755324224
Genre: Sonstiges

Rezension:

Archaeo-Fantasy um die Sintflut im Schwarzen Meer und Platons Atlantis
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Der Roman "Atlantis" von David Gibbins (2005) ist leider misslungen. Er funktioniert weder literarisch noch historisch noch archäologisch, wie im folgenden Punkt für Punkt gezeigt wird.
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Story und Erzählweise:
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Als Thriller ist der Roman "Atlantis" von David Gibbins eine Enttäuschung. Das klassische "treasure hunting", das historischen Romanen oft ihren Thrill gibt, ist bereits nach dem ersten Drittel des Romans beendet, und auch die beiden Hauptpersonen haben zu diesem Zeitpunkt bereits intim zueinander gefunden. Es geht im darauf folgenden Hauptteil des Romans nur noch darum, den Ort von Atlantis aufzusuchen und dabei künstlich in die Story eingebrachte Schwierigkeiten zu überwinden. Eine weitere Entwicklung der Charaktere bleibt aus.
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Zu diesen künstlichen Schwierigkeiten gehört vor allem ein eindimensional böse gezeichneter Raubgräber mit der finanziellen Macht und der militärischen Ausrüstung eines ganzen Staates, der zufällig immer an der passenden Stelle auf den Plan tritt. Zudem ist ebenfalls rein zufällig direkt vor dem Eingang von Atlantis ein sowjetisches Atom-U-Boot mit Nuklearsprengköpfen gesunken, um das sich seitdem niemand mehr kümmert. Die Protagonisten leiden im Verlauf der Handlung unter Blutverlust, immer knapper werdender Atemluft, Kerosinmangel oder schwächer werdenden Batterien, und doch erreichen sie immer wieder kurz vor dem Exitus das erwünschte Ziel.
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Weitere unglaubwürdige Zufälligkeiten sind drei gleichzeitige archäologische Funde an drei verschiedenen Orten, die sich natürlich alle drei auf dieselbe Sache beziehen. Unglaubwürdig auch, dass es auf einer kleinen, einsamen Vulkaninsel im Schwarzen Meer einen offenen Zugang in die Unterwelt von Atlantis geben soll, der über viele tausend Jahre unentdeckt blieb. Der Vulkan wird dann natürlich punktgenau zum Ende des Buches ausbrechen, nachdem er viele tausend Jahre lang ruhig blieb.
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Den ganzen Roman über quält der Autor seine Leser mit technischen Begriffen aus der Welt der Schiffahrt, des Tauchens und der Waffentechnik. Zahlreiche technische Abkürzungen verwirren. Vielleicht könnte man als Taucher und Waffennarr dem Roman etwas abgewinnen? Mehr als die Hälfte der Zeit befinden sich die Protagonisten unter Wasser und kämpfen mit der Technik, den Elementen und menschlichen Feinden.
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Völlig unnötig sind die vielen archäologischen Sensationsfunde und Entdeckungen, die die Protagonisten im Vorfeld der Romanhandlung gemacht haben wollen, mit denen die unglaubliche Story zusätzlich gestützt werden soll:
- Ein Fund von verbrannten Schiffen der Griechen vor Troja.
- Die Entzifferung des minoischen Linear A.
- Der Fund eines zweiten Diskus von Phaistos.
- Die Entdeckung eines Archivs in der Athener Akropolis.
- u.v.a.m.
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Zur Schwarzmeer-These im Allgemeinen:
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Ja, es ist zunächst richtig, dass das Schwarzmeerbecken einst besiedelt war. Ja, es ist richtig, dass das Wasser am Bosporus irgendwann durchbrach und das Schwarzmeerbecken flutete. Ja, es ist plausibel, dass die indogermanische Sprachfamilie von dort ihren Ursprung hat. Ja, es ist immerhin nicht unmöglich, dass in den Flutsagen des Gilgamesch und der darauf aufbauenden Bibel eine dunkle Erinnerung an dieses Ereignis enthalten ist. Ja, auf dem Grund des Schwarzen Meeres wird man noch manche steinzeitliche Siedlung finden, die das Bild der Steinzeit revolutionieren wird. Soweit so gut.
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Es ist aber falsch, von diesem Ereignis eine direkte Verbindung zu späteren Hochkulturen wie z.B. Mesopotamien oder Ägypten zu ziehen; die Gründe dafür sind folgende:
1. Die zeitliche Lücke zwischen dem Untergang der Schwarzmeerkultur und dem Aufstieg der späteren Hochkulturen umfasst mehrere tausend Jahre. Solange lässt sich keine detaillierte Überlieferung mündlich weitergeben und schon gar nicht geheimhalten. Mehr als dunkle und grobe Erinnerungen an ein Ereignis sind ohne Schrift nicht überlieferbar. Selbst mit Schrift wäre es schon schwierig genug.
2. Die Schrift entwickelte sich in Ägypten und Mesopotamien eigenständig und unabhängig voneinander und bei Völkern, die nicht der indogermanischen Sprachgruppe angehörten. Wenn die Schwarzmeer-Kultur über eine Schrift verfügte, so war sie schon Jahrtausende zuvor verloren gegangen. Indogermanische Völker wie z.B. die Hethiter oder Griechen übernahmen die Schrift vielmehr aus dem Orient.
3. Es ist offensichtlich, dass sich die späteren Hochkulturen eigenständig und angemessen langsam entwickelt haben, ohne einen Vorläufer, der ihnen einen Entwicklungsschub gegeben hätte.
4. Die späteren Hochkulturen weisen keine Gemeinsamkeiten auf, die auf einen gemeinsamen Ursprung hindeuten würden; nur die indogermanischen Völker weisen natürlich gewisse Gemeinsamkeiten auf; Ägypten und Mesopotamien gehören aber z.B. nicht dazu.
Kurz und gut: Die These von der Überbrückung dieser zeitlichen Lücke hat keine Chance.
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Die Schwarzmeer-These bei David Gibbins:
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Gibbins behauptet nicht nur eine Überbrückung der großen zeitlichen Lücke, sondern dehnt das Erbe der Schwarzmeerkultur auch auf spätere Hochkulturen aus, die a) definitiv nichts mit einem indogermanischen Ursprung zu tun haben, b) zeitlich in ihrem Auftreten sehr variieren, c) in ihrer kulturellen Entwicklung sehr stark auseinanderliegen. Gibbins nennt u.a. Ägypten, Mesopotamien, die Kelten, die Indus-Valley-Kultur, die Israeliten und auf den letzen Seiten sogar die amerikanischen Indianerkulturen. Die Minoer, die bei Gibbins im Zentrum stehen, treten in Wahrheit erst vergleichsweise spät in Erscheinung. Auch ist die Idee, dass die Priesterkaste der Schwarzmeerkultur sich über Jahrtausende die Weltherrschaft gesichert hätte und die kulturelle Entwicklung steuerte, nichts als eine Verschwörungstheorie, die für damals noch unhaltbarer ist als für die Gegenwart.
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Das untergegangene Atlantis wird von Gibbins als eine ziemlich befremdliche Kombination von steinzeitlicher, minoischer und ägyptischer Kultur geschildert: Gebäudekomplexe wie in Catal Hüyük, eine Sphinx in Stiergestalt, gewaltige Stufenpyramiden usw. Es ist ein archäologisches Walt-Disney-Land in Form eines völlig anachronistischen Potpourris der bekannten Hochkulturen.
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Atlantisforschung:
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Der Roman "Atlantis" von David Gibbins bewegt sich leider auf dem Niveau der üblichen pseudo-wissenschaftlichen Thesen rund um das Atlantis des Platon: Am Ende sei Atlantis die uralte Wiege der Zivilisation, was es im Original bei Platon eben nicht ist. Der Leser bekommt keinen realistischen Einblick in die Fragestellungen und die wirklichen Möglichkeiten der wissenschaftlich fundierten Atlantisforschung. Wer Platons Atlantiserzählung gelesen hat, findet seine Vorstellungen von Platons Atlantis in dem "Atlantis" des Romans von Gibbins nicht wieder.
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Die Begegnung von griechischer und ägyptischer Kultur, die eine der Kernfragen der Atlantisforschung ist, wird ganz falsch dargestellt: In Ägypten wurde kein nennenswertes Wissen ausschließlich der mündlichen Überlieferung vorbehalten, die Priester hüteten auch keine Geheimnisse und erst Recht keine Kenntnisse, die weit vor 3000 v.Chr. hinausgereicht hätten. Es ist auch nicht wahr, dass die höheren Priester höhere Weisheiten gewusst hätten; eher im Gegenteil wussten Priester von niederen Graden oft mehr, weil sie spezialisiert waren. Auch logen die ägyptischen Priester griechische Besucher nicht einfach an; die Gründe für Falschinformationen greifen häufig viel tiefer und sind eher als ein Missverstehen zu deuten, wie man bei Herodot sehr gut studieren kann. Gerade von Herodot zeichnet Gibbins ein ziemlich simplifizierendes Bild, u.a. auch im wissenschaftlich gemeinten Nachwort.
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Solons Aufenthalt in Ägypten wird leider völlig anders dargestellt als bei Platon. Wie Gibbins im Nachwort einräumt, geschah dies mit der Absicht, den Besuch des Solon in Sais mit dem Atlantis-Konzept des Romans in Einklang zu bringen. Es ist auch nicht wahr, wie Gibbins im Nachwort meint, dass der Name des Priesters, mit dem Solon sprach, mutmaßlich bekannt ist. Überliefert ist nur der Name Sonchis in der Solon-Biographie des Plutarch. Diese Angabe ist allerdings wenig glaubwürdig, gerade auch deshalb, weil der Priester, der von Atlantis weiß, bei Platon nicht als besonderer, "hoher" Priester dargestellt wird. Platon wird von Gibbins freies Erfinden und grobes Anpassen historischer Stoffe unterstellt; kein vernünftiger Platonforscher würde das so unterschreiben. Die Frage, wie Platon seine Atlantiserzählung konstruierte, ist in der Tat eine der Kernfragen der Atlantisforschung, und kann nicht so beiläufig und einfach abgetan werden.
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Fazit:
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Der Roman "Atlantis" von David Gibbins ist literarisch und historisch eine Enttäuschung. Wenn der Roman auch literarisch nicht gelungen ist, so hätte man sich von einem Unterwasserarchäologen doch wenigstens in historischer Hinsicht mehr versprochen. Aber der Autor zerstört konsequent den Thrill, der sich aus der Möglichkeit entfalten würde, dass eine Geschichte wahr sein könnte, indem sie sich möglichst eng an die reale Welt und die reale Historie anlehnt. Die Versprechungen des Covers: "only this time, it really could be true", oder die Behauptung im Nachwort: "the archaeological backdrop is as plausible as the story allows" werden schlicht nicht eingehalten. Beim Roman "Atlantis" von David Gibbins handelt es sich wohl eher um Archaeo-Fantasy mit Taucher-Thrill als um einen Historien-Thriller.
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Alternative Buchempfehlungen:
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Wer sich auf wissenschaftliche Weise mit dem Atlantis des Platon beschäftigen möchte, dem seien folgende Bücher empfohlen (teilweise nur antiquarisch zu haben):
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Contra Existenz:
- Heinz-Günther Nesselrath: Platon und die Erfindung von Atlantis.
- Pierre Vidal-Naquet: Atlantis - Geschichte eines Traumes.
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Pro Existenz:
- John V. Luce in: E.S. Ramage: Atlantis - Mythos, Rätsel, Wirklichkeit?
- Thorwald C. Franke: Mit Herodot auf den Spuren von Atlantis - Könnte Atlantis doch ein realer Ort gewesen sein?

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Tags: archäologie, atlantis, schwarzes meer, sintflut, steinzeit, tauchen   (6)
 

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entenhausen, utopie, fiktion, phantasieland, atlantis

Atlas der fiktiven Orte

Werner Nell , Steffen Hendel
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Bibliographisches Institut, 21.09.2011
ISBN 9783411083879
Genre: Sachbücher

Rezension:

Vergnügliche Ortskunde für literarisch Gebildete
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Der Atlas der fiktiven Orte ist ein gelungenes Vergnügen für literarisch vielseitig gebildete Menschen. Hier geht es nämlich nicht darum, die aus Esoterik und Pseudowissenschaft sattsam bekannten Kandidaten "verlorener" Städte möglichst spektakulär abzuhaken. Vielmehr orientiert sich die Auswahl an literarischen und kulturellen Gesichtspunkten, wie man an sonst eher selten genannten Orten wie Ardistan, Entenhausen oder Metropolis sehen kann: Orte, die es in der Tat schon lange verdient haben, näher beleuchtet zu werden. Die Präsentation will dem Leser auf leichte Weise einen Mehrwert an Bildung und Anregung zum Selberlesen bieten. Das wird nicht zuletzt auch dank der Illustrationen erreicht, die teils kreativ sind, teils aber auch eine genaue Nachzeichnung des beschriebenen Ortes versuchen.
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Was Atlantis anbelangt ist die Präsentation wenigstens halbwegs erfreulich: Einerseits wird natürlich der literarischen Perspektive der Vorzug gegeben, so dass das Augenmerk eher auf literarische Vorbilder für eine Erfindung gelenkt wird. Hier werden dann natürlich auch spätere Hinzuerfindungen zum Atlantis des Platon aus Esoterik und Pseudowissenschaft erwähnt, die unter literarischen Gesichtspunkten inzwischen ohnehin längst die Oberhand über Platons Original gewonnen haben. Aber immerhin wird dem Leser nicht vorgespiegelt, dass das Thema Atlantis unumstritten und in wissenschaftlichen Kreisen längst geklärt sei. Der Gedanke an einen realen Ort Atlantis wird dennoch ausgeschlossen. Von Forschern wie z.B. Wilhelm Brandenstein, der in der Atlantiserzählung gerade unter literarischer Perspektive einen realen Kern erkennen zu können glaubt, kein Wort; nun ja, das Glas halb voll statt halb leer. Atlantis ist eben keine Literatur, kein Poem, sondern sachlich orientierte Philosophie, und passt damit auch nicht ganz in das Konzept dieses Buches.
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Korrigieren wir noch rasch einige Fehler im Detail: Falsch ist u.a. die Angabe, dass die Insel Atlantis ca. 533 x 355 km groß wäre: Dies ist vielmehr die angebliche Größe der Ebene in der Mitte der Insel. Dass Thule oder Vineta Stützpunkte von Atlantis gewesen seien ist pure Fantasy. Die Behauptung, dass Atlantis unterging, bevor der Krieg mit Athen zu Ende war, ist umstritten. Die Angabe, dass die Sonnenstadt des Campanella "in ihrem Aufbau ganz der Form von Atlantis entspricht", ist grottenfalsch. Die Frage, ob Atlantis für das Utopia des Thomas Morus Pate gestanden hat, ist umstritten; Utopia orientiert sich eher an einer anderen, sehr bekannten Insel im Atlantik: Britannien. Die wissenschaftliche Bedeutung von Rudbecks äußerst innovativer, wenn auch vergeblicher Atlantissuche wird völlig verkannt. Weitere grenzwertige und missverständliche Halbwahrheiten über Atlantis sind enthalten. Literaturangaben oder Internet-Links wie bei anderen besprochenen Orten fehlen leider. Das alles kann jedoch den unentwegten Literaturfreund nicht beirren.
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Etwas zu kurz kommt der Vergleich der verschiedenen literarischen Orte bzw. deren entwicklungsgeschichtlicher Zusammenhang. So hätte man z.B. bei Michael Endes Lummerland auf die Untersuchung "Darwins Jim Knopf" von Julia Voss hinweisen können, in der klar nachgewiesen wird, dass hier die Atlantiserzählung unter einem ganz gewissen Gesichtspunkt Pate gestanden hatte. Überhaupt hätte man die verschiedenen Orte besser chronologisch als alphabetisch geordnet. Das schmälert aber das Vergnügen nicht, der gebildete Leser ist vollauf in der Lage die vorhandenen Lücken selbst zu schließen. Wenn es gar nichts mehr selbst zu denken gäbe, wäre das Buch womöglich langweilig!

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Tags: ardistan, atlantis, entenhausen, fiktion, phantasieland, utopie   (6)
 

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bildung, geschichte, gymnasium, griechenland, geschichtlichkeit

Bildung

Manfred Fuhrmann
Flexibler Einband: 110 Seiten
Erschienen bei Reclam, Philipp, 01.03.2002
ISBN 9783150181829
Genre: Sachbücher

Rezension:

Fetter Bildungshappen mit erstaunlichen Defiziten
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Mit seiner kurz gehaltenen Streitschrift "Bildung" hat Manfred Fuhrmann eine weithin beachtete Debatte angefacht: Inwieweit gehört das Hergebrachte, die Tradition, die Geschichte und das Bewusstsein um Geschichtlichkeit und der Umgang mit ihm noch zur Bildung dazu, bzw. was steht auf dem Spiel, wenn wir es vernachlässigen?
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Zu diesem Zweck skizziert Fuhrmann in äußerst dichter Form den Werdegang der europäischen Bildungsgeschichte von der Antike über das Mittelalter, Renaissance und Reformation, die Goethezeit, das 19. Jahrhundert und die 68er-Bewegung bis heute. Allein dafür hat sich die Lektüre schon gelohnt. Auch die daran anschließende Diskussion orientiert sehr grundlegend.
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Problematisch ist Fuhrmanns Sicht auf die moderne Gesellschaft als Erlebnisgesellschaft, die sich nur noch in Strömungen des gehobenen oder trivialen Konsums von Kultur einteilen lasse. Denn völlig vergessen wird dabei, dass die europäischen Gesellschaften zu einem immer größer werdenden Anteil aus Menschen bestehen, die die überlieferte Kultur nicht etwa trivialisieren, sondern diese vielmehr - bis jetzt jedenfalls - überhaupt nicht zu ihrer Kultur zählen, nämlich ein großer Teil der Zuwanderer aus nichtwestlichen Ländern, insbesondere natürlich viele Muslime.
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Und dadurch ist Manfred Fuhrmann auch eine mögliche Sinngebung für humanistische Bildung völlig entgangen: Die Integration dieser Zuwanderer in unsere westliche Gesellschaft. Denn die antiken Denker wurden in der islamischen Welt teilweise ebenfalls rezipiert, wodurch sich ein erstklassiger Anknüpfungspunkt für Integration in die westliche Kultur ergäbe, auf dem man aufbauen könnte. Außerdem kann nur in eine Kultur aufgenommen werden, wer sich über deren Werdegang definiert, und dazu muss man diesen kennen. Das gilt für Einheimische wie Zuwanderer gleichermaßen.
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Ebenfalls befremdlich erschien mir, dass Manfred Fuhrmann die fehlenden Kenntnisse über Bibel und Christentum in den Mittelpunkt stellt. Meine Wahrnehmung aus der reformierten gymnasialen Oberstufe in Baden-Württemberg (um 1990 mit großem Latinum) ist rückblickend, dass man von der Bibel immerhin noch wusste, was man nicht wusste, aber bezüglich antiker Texte wusste man noch nicht einmal das. So habe ich z.B. von der Existenz der Gefallenenrede des Perikles, die für unsere westliche Welt von Bedeutung ist und von Karl Popper in seiner "Offenen Gesellschaft" zitiert wird, erst lange nach dem Abitur durch eigenes Weiterlesen erfahren.
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Wer sich für Bildung, für Identität, für Kultur, für Integration, für Humanismus, für Aufklärung, für Weltanschauung, für gesellschaftlichen Niedergang bzw. für gesellschaftliche Reformen interessiert, der sollte dieses Büchlein unbedingt lesen, und dann selbst weiterdenken.

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Tags: 1968, altgriechisch, antike, aufklärung, bibel, bildung, bildungsreform, geschichte, geschichtlichkeit, griechenland, gymnasiale oberstufe, gymnasium, historismus, humanismus, identität, integration, kultur, latein, lateinunterricht, orientierung, reform, rom, welltanschauung   (23)
 

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mythologie, mythen, mythos, mythologe, mythenforschung

Mythos

Robert A Segal , Tanja Handels
Flexibler Einband: 211 Seiten
Erschienen bei Reclam, Philipp, 01.11.2007
ISBN 9783150183960
Genre: Sachbücher

Rezension:

Parforce-Ritt durch die Mythenforschung
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"Mythos" von Robert A. Segal ist eine kleine Einführung in die Mythenforschung, d.h. in die Frage, wie die Wissenschaft seit dem 19. Jahrhundert den Mythos definiert und analysiert hat. Dabei unternimmt Segal einen wahren Parforce-Ritt durch die verschiedenen Ansätze, die Mythen unter den Gesichtspunkten Wissenschaft, Philosophie, Religion, Ritual, Literatur, Psychologie, Struktur und Gesellschaft zu deuten versuchen. Dabei orientiert er sich an den Hauptautoren für diese Gebiete. Jeder Ansatz wird immer wieder am gleichen Mythos, dem Adonis-Mythos, ausprobiert, um die Unterschiede in den Ansätzen zu zeigen.
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Die Anordnung der Deutungsansätze ist leidlich chronologisch, dennoch tauchen die Namen mancher Forscher wiederholt auf, weil sie zum Mythos unter verschiedenen Gesichtspunkten etwas zu sagen hatten. Einige Tabellen am Ende des Buches, die die Zusammenhänge noch einmal übersichtlich (nach Zeit, nach Autor, nach Ansatz) zusammengefasst hätten, wären hilfreich gewesen. Alles in allem ein nützliches Büchlein, um schnell ins Thema einzusteigen und einen Überblick zu bekommen. Aber es schwirrt einem hinterher auch der Kopf, und man sehnt sich nach einem Buch, das mehr Ordnung hinein bringt.

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Tags: mythen, mythenforschung, mythologe, mythologie, mythos, mythus   (6)
 

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ideen, philosophie, dialoge, einführung, platon

Platon

Herwig Görgemanns
Flexibler Einband: 186 Seiten
Erschienen bei Universitätsverlag Winter GmbH Heidelberg
ISBN 9783825302030
Genre: Sachbücher

Rezension:

Platon und sein Werk niveauvoll und ganz verstehen
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Platon wird heute fast immer aus der Perspektive der modernen Philosophie heraus gedeutet, d.h., man pickt sich einige Aspekte von Platons Philosophie heraus, die mit moderner Philosophie zusammenpassen, und betrachtet Platons Philosophie weder als ganzes noch aus der Zeit Platons heraus. Auch fällt der literarische Aspekt bei einer modernen philosophischen Betrachtung unter den Tisch. Ganz anders die Einführung von Görgemanns.
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Hier wird Platon als Person seiner Zeit vorgestellt, und sein Werk sowohl philologisch als auch philosophisch vorgestellt. Dabei wird nicht auf Verwertbarkeit aus moderner Sicht geachtet, sondern alles an Platon und seinem Werk so gezeigt, wie es eben ist, und das im größeren Zusammenhang. Wer schon immer mal eine systematische Zusammenfassung der Philosophie Platons lesen wollte, die in seinen Dialogen ja nur verstreut dargelegt wird, der wird hier ebenfalls fündig. Wer immer wissen wollte, warum Platon in Dialogen schrieb, und warum er nicht systematisch schrieb, und manches wegließ, er wird hier fündig.
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Wie in jedem einführenden Werk ist auch hier manches zu knapp geraten, manches auch etwas schief (z.B. das Mythen-Kapitel). Besseres wird man aber kaum finden. Die Darstellung erreicht wissenschaftliches Niveau, weiterführende Literatur ist ebenso angegeben wie die originalen griechischen Begriffe und Aussagen (mit Übersetzung). Die Gliederung ist überzeugend, der in Fußnoten enthaltene Text hält sich in engen Grenzen.
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Absolut empfehlenswert für alle, die Platon wirklich und auf einem wissenschaftlich vertretbaren Niveau verstehen wollen, und bester Ausgangspunkt für weiteres Studium.

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Tags: dialektik, dialoge, einführung, ideen, philosophie, platon, wissenschaftlich   (7)
 

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pseudowissenschaft, toia, faz, anatolismus, ilias

Tatort "Troia"

Frank Kolb
Fester Einband: 310 Seiten
Erschienen bei Schöningh Paderborn, 15.09.2010
ISBN 9783506770097
Genre: Sachbücher

Rezension:

Troja als Trojanisches Pferd der Türkei zum EU-Beitritt
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Dieses Buch ist ein absolutes must-read für jeden historisch Interessierten. Frank Kolb entlarvt einen hochexplosiven Cocktail aus politischen und wirtschaftlichen Interessen, Verbiegungen und Fälschungen von Grabungsergebnissen und deren Deutung, bis hin zur Bedienung von Zeitgeist und Wunschdenkens des Publikums.
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Grundlage:
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Wer verstehen will, was bei der Troja-Grabung schiefgelaufen ist, muss sich zunächst etwas mit der türkischen Staatsideologie vertraut machen: Atatürk schuf gewissermaßen eine Neugründung des osmanischen Vielvölkerstaates im Kleinformat, nämlich beschränkt auf die anatolische Halbinsel. Gemäß der neuen Ideologie des "Anatolismus" gäbe es von Urzeiten an eine gemeinsame "anatolische" Identität aller Völker auf türkischem Staatsgebiet. Auf diese Weise vereinnahmt die Türkei kulturell alles für sich, was auf ihrem Staatsgebiet jemals geschah: Die neolithische Agrarrevolution in der Jungsteinzeit, das Hethiterreich, aber auch die ionischen Naturphilosophen, Herodot von Halikarnassos oder Homer und eben Troja. Indem man Homer nicht zuerst als griechisch sondern als "anatolisch" definiert, kommt man zu der (selbst dann noch ziemlich kurzschlüssigen) Behauptung, dass die griechische Kultur ihre Blüte allein der anatolischen Kultur verdanke. Kurz: Man beansprucht nichts weniger als die Wiege der Menschheitskultur, der Zivilisation schlechthin zu sein.
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Gemäß der türkischen Staatsideologie steht die "Zivilisation" über den einzelnen "Kulturen", die gleichberechtigt nebeneinander leben würden. Diese scheinbare Selbstbescheidung der türkisch-islamischen Kultur als eine Kultur neben anderen im eigenen Land findet in der Realität natürlich nicht statt, wie das in allen Vielvölkerstaaten so üblich ist: So wie in der Sowjetunion unausgesprochen die russische Kultur die Leitkultur war und so wie in Jugoslawien Serbien den Ton angab, so ist in der Türkei natürlich eine massive türkisch-islamische Leitkultur am Werke. Der "Anatolismus" ist nicht nur eine völlig ahistorische Konstruktion, sondern dient auch der Machtsicherung der türkisch-islamischen Leitkultur, die sich hinter einer offiziellen Ideologie von der Gleichberechtigung der Kulturen umso unhinterfragter ausleben kann, denn auf diese Weise muss man z.B. niemandem einen Minderheitenstatus einräumen. Der "Anatolismus" existiert vor allem in den Köpfen von gebildeteren Türken, die breite Masse ist ohne ideologischen Umweg türkisch-nationalistisch orientiert.
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Was hat das alles mit Troja zu tun?
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Frank Kolb gibt uns die Antwort: Seit Manfred Korfmann 1988 in Troja zu graben begann, wurde die historische Interpretation von Troja und Homer Schritt für Schritt im Sinne des "Anatolismus" umgebogen. Homer sei ein Anatolier, dem sich die europäische Kultur verdanke. Überhaupt müsse man die Entstehung der westlichen Kultur endlich "von Osten her" verstehen lernen. Um den Mythos von Troja am Leben zu erhalten, wurde die Siedlung am Hissarlik zu einer bedeutenden "anatolischen" Handelsmetropole hochgejubelt.
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Der Sinn hinter all dem ist klar: Hier wollte sich die Türkei in ihrer Staatsideologie selbst bestätigt sehen und sich kulturell als ein Staat etablieren, der zur europäischen Kultur dazu gehört, ja mehr noch, der die Wiege der europäischen Kultur sei! Assistiert wurde Korfmann bei seinen Deutungen von dem Gräzisten Joachim Latacz, dessen Buch "Troia und Homer" mit einer ganzen Reihe unhaltbarer Thesen zum Bestseller wurde.
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Einflussnahme aus Politik und Wirtschaft:
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Laut Frank Kolb fanden die Ausgrabungen von Korfmann unter einem massiven politischen und ökonomischen Erwartungsdruck statt, und es sieht ganz so aus, als ob Korfmann das lieferte, was man von ihm erwartete. Dafür wurde Korfmann mit der türkischen Staatsbürgerschaft geehrt und bekam als zusätzlichen Vornamen den Namen "Osman" verliehen. Deutsche Politiker mit Türkei-Ambitionen hofierten das SPD-Mitglied Manfred Osman Korfmann. Korfmann meinte, der Islam sei "nichts anderes als eine Reformation des Christentums." Auch "bezüglich der Blutcharakteristika" (!) unterschieden sich die "heutigen Bewohner Anatoliens von den Europäern in Nichts", meinte Korfmann, und lobte die "Bindungen an den Boden und seine Vergangenheit" in der türkischen Kulturpolitik. Anstelle von Fachvorträgen habe Korfmann auch schon einmal längere Plädoyers für den EU-Beitritt der Türkei gehalten.
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Hauptfinancier der Ausgrabungen Korfmanns sei die DaimlerChrysler AG gewesen, die einerseits in der Türkei ökonomisch sehr engagiert ist, andererseits mit Edzard Reuter einen Vorstandsvorsitzenden hatte, der über seine Familiengeschichte eng mit der Türkei verbunden war. Der Konzernsprecher sagte laut Kolb: "Wie er (Korfmann) es versteht, die Geschichte Troias immer wieder auch als 'anatolische' Geschichte zu erzählen, fällt auch auf den Sponsor DaimlerChrysler ... ein Gewinn an Glaubwürdigkeit, der angesichts des wirtschaftlichen Engagements des Konzerns in der Türkei, aber auch angesichts von drei Millionen in Deutschland lebenden Türken gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann." Und: "Das homerische Troia ist für viele auch der erste Ort, der Ort nämlich, von dem aus man das Abendland, seine Literatur, seine Kultur, ja seinen Geist verstehen muss". An Heinrich Schliemann habe der Konzernsprecher gelobt, dass dieser "möglicherweise angebrachte methodische oder wissenschaftliche Hinterfragungen hinter die Public-Relation-Notwendigkeit zurückstellte", und: "Die Erfolgskontrolle des Sponsoring ... ist die Medienresonanz."
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Die unerwünschte Kritik:
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Es ist klar, dass wissenschaftliche Kritiker, die das politisch erwünschte Traumbild angreifen, auf massiven Widerstand stoßen. Der Hügel von Hissarlik war nachweislich keine große Handelsmetropole und lag auch nicht an großen Handelsrouten. Es war vielmehr, so Kolb, eine erstaunlich unbedeutende "Burgsiedlung". Das Projekt von Korfmann hat, so zeigt es Kolb, Grabungsergebnisse überinterpretiert und teilweise auch verfälscht.
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Es ist überhaupt sehr zweifelhaft, ob der Trojanische Krieg um diesen Hügel geführt wurde, und nicht erst in mythischer Rückschau von einem Ort in Griechenland aus einer ferneren Vergangenheit an diesen erst später von Griechen besiedelten Ort transferiert wurde, wie es die historisch-kritische Textkritik glaubwürdig herausgearbeitet hat. Auch sind die östlichen Einflüsse bei Homer in der Wissenschaft schon längst bekannt, sie dürfen jedoch auch nicht übertrieben werden. Eine Einordnung von Troja und Homer als "anatolisch" ist wissenschaftlicher Unsinn wie das ganze Konzept des "Anatolismus". Frank Kolb kann das alles sehr überzeugend darlegen und belegen. Sein Buch ist auch fachlich äußerst lesenswert, es ist keineswegs nur eine wissenschaftspolitische Polemik. Zahlreiche Fußnoten lassen keine Wünsche nach Belegen und Literatur offen.
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Politischer Gegenwind:
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Latacz schrieb zu dieser Kritik: "Ankara ... ist, wie ich höre, über diesen unnützerweise vom Zaun gebrochenen Streit nicht erfreut. Es wäre nicht gut, wenn wir in politische Verwicklungen geraten würden mit der Türkei." Die türkische Altertumsbehörde bezeichnete die Kritik von Frank Kolb als Beleidigung des türkischen Staates. Ein Museumsdirektor, der Kritiker zu einer Podiumsdiskussion einlud, sei von Bundestagsabgeordneten damit bedroht worden, seinen Posten zu verlieren, sollte der die Einladung nicht rückgängig machen.
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Bei der FAZ wurde die Kritik laut Frank Kolb zunächst abgewimmelt, u.a. von Patrick Bahners. Patrick Bahners schrieb damals an Kolb: "Ihre Vorwürfe ... sind so abwegig, dass die Leser an unserem Vertrauen in die eigene Berichterstattung zweifeln müssen, würden wir solche Gegenreden publizieren." In dem Artikel "Warum Däniken?" in der FAZ vom 11.10.2001 polemisierte Patrick Bahners dann gegen die Kritiker. Es handelt sich um denselben Patrick Bahners, der später Chef des FAZ-Feuilleton wurde und im Jahr 2011 mit dem unsäglichen Buch "Die Panikmacher" an die Öffentlichkeit trat, in dem er berechtigte Islamkritik ganz im Sinne des türkischen Ministerpräsidenten Erdogans als intolerante Panikmache abqualifizierte.
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Zangger und Atlantis:
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Eberhard Zangger vermutete bereits vor Korfmann, dass es am Hügel von Hissarlik eine große Unterstadt gäbe, und verknüpfte diese Idee mit der These, dass mit Platons Atlantis das bronzezeitliche Troja gemeint gewesen sei. Mit beiden Ideen lag Zangger falsch, doch griff Korfmann die irrige Idee von der Unterstadt später auf, ohne Zangger als Quelle anzugeben, so Kolb. Vielmehr war Zangger mit dem Vorwurf abgetan worden, er sei ein "Däniken". Aber die Idee mit Atlantis und die daraus entstehende Kritik von Zangger an Korfmann war ein erster und öffentlichkeitswirksamer Querschläger gegen Korfmanns Deutungshoheit, mit dem Korfmann so wohl nicht gerechnet hatte.
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Zanggers Atlantis-These ist zwar falsch, aber sie war fachlich eben doch viel zu gut und zu niveauvoll, so dass sie im Zusammenprall mit Korfmanns fragilen Thesen für ersten Zündstoff sorgte. Was Kolb so nicht darstellt, weil es nicht sein Thema ist: Die Zangger-Debatte hat auch eine enorme Bedeutung für die Atlantis-Forschung: Zangger hatte einen Maßstab für eine realistische Atlantisthese gesetzt, und damit einen wichtigen Beitrag geleistet, eine teils sehr pseudowissenschaftlich abgehandelte Fragestellung wieder ein gutes Stück näher an die Wissenschaft heranzuführen.
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Fazit:
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Frank Kolb hat ein ganz großes Lehrstück geschrieben über die Verfälschung von Wissenschaft unter dem Einfluss von politischen und ökonomischen Erwartungshaltungen, und wie schwierig es ist, sich bei Medien und Publikum Gehör zu verschaffen und wissenschaftlichen Standards zur Geltung zu verhelfen. Es ist ebenso ein Lehrstück darüber, welche Fehler man bei der Interpretation alter Texte im Lichte von Ausgrabungsfunden nicht machen sollte; der historische Kern alter Texte kann manchmal gefalteter und geschachtelter sein, als man meint. Ohne eine fundierte historisch-kritische Textinterpretation hilft einem keine Ausgrabung weiter. Konkret konnte man wieder einmal einiges darüber lernen, wie tief sich türkische Interessenpolitik in Politik, Wirtschaft und Kultur Deutschlands hineingefressen hat.

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Tags: anatolismus, eu-beitritt, faz, homer, ilias, pseudowissenschaft, toia, troja, türkei, wissenschaftspolitik   (10)
 

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Platons Mythen

Platon , Bernhard Kytzler
Flexibler Einband: 222 Seiten
Erschienen bei Insel, Frankfurt, 01.01.1997
ISBN 9783458336785
Genre: Sachbücher

Rezension:  
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bibel, judentum, sachbuch, religion, archäologie

Keine Posaunen vor Jericho

Israel Finkelstein , Neil A. Silberman , Miriam Magall
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 01.12.2004
ISBN 9783423341516
Genre: Sachbücher

Rezension:

Sehr, sehr grundlegendes Allgemeinwissen für jedermann
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Ich zähle "Keine Posaunen vor Jericho" von Finkelstein und Silberman zu den 20 wichtigsten Sachbüchern, die man gelesen haben sollte. Warum? Weil darin sehr grundlegendes Wissen über unsere Weltwirklichkeit mithilfe der historisch-kritischen Methode vermittelt wird.
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Das Buch legt verständlich aber fundiert den derzeitigen Stand der Wissenschaft dar, was der reale Hintergrund für die Entstehung des grundlegenden Teiles der Bibel war: Es handelt sich weniger um Berichte von realen Ereignissen, als vielmehr um Texte, die in theopolitischer Absicht komponiert wurden, zusammengesetzt aus Historie, Mythen, Legenden, Wunschdenken und Zielvorstellungen, geschrieben zur Erreichung eines bestimmten Zwecks in einer konkreten Situation in der damaligen Gegenwart.
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Was profitiert man davon?
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Zunächst wird man von der Illusion befreit, die biblischen Geschichten seien wörtlich wahr. Dies ist für das persönliche Weltbild wichtig, da diese Geschichten immer noch in Kindergarten, Schule und Literatur erzählt werden, wie wenn sie historisch wahr seien.
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Auch wenn man nie selbst an diese Geschichten glaubte, kann man mithilfe dieses Wissens die christlich-jüdisch-islamisch geprägten Kulturen besser verstehen. Und diese Kulturen prägen die gesamte Welt.
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Man erwirbt sich die grundlegende Kompetenz, auch bei anderen Texten historisch-kritisch zu hinterfragen, ob sie denn wahr sein könnten und was die wahre Absicht ihrer Verfasser war. Das einmal kennengelernte Prinzip kann auf jeden anderen Text übertragen werden: Auf das Neue Testament, auf den Koran, auf antike Philosophen und Historiker, bis hin zu modernen Texten und Filmen und ihren Hintergründen.
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Man bekommt auch ein Verständnis dafür, dass eine Entmythologisierung nicht unbedingt die Entwertung eines Mythos nach sich ziehen muss. Was nicht wörtlich wahr ist kann dennoch im übertragenen Sinn von Bedeutung sein. Eine blindwütige Bilderstürmerei ist nicht angesagt.
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Einladung an gläubige Leser:
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Gläubige Leser sollten dieses Buch nicht zuerst als Angriff auf ihren Glauben lesen. Die Erkenntnis, dass ein heiliger Text nicht wörtlich wahr ist, entwertet diesen noch lange nicht als Grundlage für eine Religion. Natürlich bringt dieses Buch Erschütterungen für den Glauben mit sich, aber Erschütterungen können auch heilsam sein! Jedenfalls lehren alle Religionen das Vertrauen in die Vernunft, und dieses Vertrauen sollte man aufbringen. Gläubige Leser sollten sich insbesondere auch nicht gezwungen fühlen, gleich für alles eine Erklärung zu haben, sei es pro oder contra. Vernunft braucht Zeit. Man kann die Erkenntnisse dieses Buches auch erst einmal distanziert zur Kenntnis nehmen und mit ihnen gedanklich spielen. Nach einer Weile wird sich dann ganz zwanglos herauskristallisieren, was sich bewährt, und wo umgedacht werden muss, und wie dieses Umdenken zu einem neuen Ganzen führt. Ganz falsch wäre es sicher, die Ideen dieses Buches bewusst nicht zur Kenntnis zu nehmen. Dann hätte man gegen die Religion gehandelt, weil man nicht auf die Vernunft vertraute.
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Vierteilige Doku:
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Zum Buch gibt es eine sehr gut gemachte vierteilige TV-Doku von 4 x 50 Minuten, die die Inhalte des Buches gut und umfassend präsentiert und mit Bildern von Ausgrabungen, Papyri, Keilschrifttexten usw. unterlegt, sowie Interviews mit an der Forschung beteiligten Wissenschaftlern zeigt. Sie wird unter verschiedenen Titeln auf DVD vertrieben, z.B. "Die Enthüllung der Bibel" oder "Was die Bibel verschweigt". Empfehlung!

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Tags: abraham, altes testament, bibel, glaube, heiliges land, historisch-kritische methode, islam, israel, juda, judentum, koran, messias, moses, palästina, religion, salomon   (16)
 

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philosophie, schriftlichkeit, historisch-kritische methode, platon, dialog

Platon lesen

Thomas A Szlezák
Flexibler Einband: 173 Seiten
Erschienen bei Frommann-Holzboog
ISBN 9783772815782
Genre: Sachbücher

Rezension:

Allgemeinbildende Grundeinsichten zu Platons Dialogen
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Die Dialoge Platons sind grundlegende Texte unserer Kultur der Aufklärung und können und sollten von jedem gelesen werden. Auf einer oberflächlichen Ebene sind sie auch leicht und unmittelbar zu verstehen, doch wer etwas tiefer in die Materie eindringen möchte und die Frage stellt, was Platon mit seinen Dialogen genau bezweckte und sagen wollte, der ist mit "Platon lesen" von Szlezák zunächst ganz gut bedient. Was hier über Platon gesagt wird, gehört genauso zur grundlegenden Allgemeinbildung wie die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung über die Texte von Bibel, Koran u.a. Natürlich ist nicht alles, was Szlezák sagt, unumstritten, so z. B. seine Auffassungen zur Verwendung des Begriffes "Mythos" durch Platon. Dennoch: Leseempfehlung!

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Tags: dialog, historisch-kritische methode, philosophie, platon, schriftlichkeit   (5)
 

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ptolemaios, thule, weltkarte, geodäsie, rezension

Germania und die Insel Thule

Andreas Kleineberg , Christian Marx , Eberhard Knobloch , Andreas Kleineberg
Fester Einband: 131 Seiten
Erschienen bei WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), 10.09.2010
ISBN 9783534237579
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ein Lehrstück für die Interpretation antiker Texte
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Mit "Germania und die Insel Thule" hat das Berliner Team von Wissenschaftlern eine grundlegende wissenschaftliche Arbeit vorgelegt, die die von Ptolemaios überlieferten Koordinaten auf moderne Koordinaten umlegt.
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Dabei mussten sie berücksichtigen: Die systematische Verschiebung von ganzen Ortsgruppen, weil der Ort, an dem sich die Koordinaten der anderen Orte orientieren, falsch bestimmt wurde. - Abschreibefehler über die Jahrhunderte. - Übertragungsfehler von germanischen Ortsnamen ins Lateinische, und von dort ins Griechische. - Art und Qualität der Quellen, aus denen Ptolemaios seine Kenntnisse schöpfte. - Antikes Messwesen und typische Messfehler. - Typische Irrtümer, denen Ptolemaios bei Schlussfolgerungen unterlegen sein könnte. - Entlarvung fälschlicher Benennungen von Orten in der Neuzeit nach verfehlten Lokalisierungen der Orte nach Ptolemaios. - Archäologische Kenntnisse über Orte und Wege in Germanien. - usw. usf.
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Kurz: Für überlieferte Ortsangaben, die hinten und vorne nicht zur Wirklichkeit zu passen scheinen, die oft nach purer Phantasie aussehen, mussten die Autoren eine komplexe Abbildung auf die wirkliche Welt entwickeln, die jeden Ort im hier und jetzt lokalisierte und gut begründete, warum dieser Ort gemeint war. Wer nach Atlantis suchen wollte stünde vor keinen anderen Problemen und hätte keine andere Aufgabe zu lösen als eben diese.
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Das Buch skizziert den angewendeten Algorithmus, führt ihn jedoch nicht bis ins letzte Detail aus, was schade ist. Es wird deutlich, dass am Ende doch keine rein algorithmische Mechanik angewandt wurde, sondern auch sehr viel gesunder Menschenverstand eingeflossen sein muss, um die einzelnen Orte zu lokalisieren. Dieses Vorgehen hätte präziser dargestellt sein können. Bei der Identifizierung der Insel Thule hätte man deutlicher machen sollen, dass kaum eine einzelne kleine Insel gemeint sein konnte, sondern nur Skandinavien als Ganzes. Die Aufschlüsselung und Interpretation der Quellen zu Thule ist aber ebenfalls überzeugend gelungen.
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Fazit:
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Das Buch ist bedeutend unter zwei Gesichtspunkten: Zum einen ist es ein Lehrstück über die Interpretation antiker Texte; in diesem Fall besonders reizvoll, da auch die Mathematik mit hineinspielt. Zum anderen lässt sich vermuten, dass die sichere Lokalisierung so vieler Orte im germanischem Raum die römisch-germanische Archäologie revolutionieren wird.

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Tags: germanien, interpretation, kartographie, ptolemaios, pytheas, thule, überlieferung, weltkarte   (8)
 
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