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schicksal

Gott gibt das Maß - Schicksale unserer Zeit


Fester Einband
Erschienen bei null, 01.01.1990
ISBN B001LEQH2E
Genre: Sonstiges

Rezension:

Inhalt

„Gott gibt das Maß“ ist eine Sammlung von wahren Kurzgeschichten, meist nicht mehr als vier oder fünf Seiten, die verschiedene Einzelschicksale aus den Nachkriegsjahren näher beleuchtet, wobei der Krieg als solcher keine Erwähnung findet.
Die Geschichten handeln ausnahmslos von „normalen“ Menschen, wie es sie in jedem Dorf und in jeder Stadt gibt. Sie alle haben ihre Probleme, meist zwischenmenschlicher Art, für die auf die eine oder andere Art eine Lösung gefunden wird.
Beispielhaft sei hier die fünfjährige Maria erwähnt, die mit anderen Kindern am Ufer eines Sees Ball spielt. Als sie sieht, wie sich ein älterer Mann in den See stürzen will, wirft sie den Ball hinein. Der Mann sieht sich gezwungen, das Spielzeug zu retten - und findet aufgrund dieser Tat seinen Lebensmut wieder. Andere Geschichten handeln von Kriegswaisen, die Adoptiveltern finden, oder von Erwachsenen, die nach einem Schicksalsschlag wieder einen Sinn in ihrem Leben finden.

Meinung

Ich muss zugeben, dass ich anfangs von den Geschichten etwas enttäuscht war. Das Buch trägt den Untertitel „Schicksale unserer Zeit“, den es auf eine etwas andere Art einlöst, als ich erwartet hatte. Wie bereits erwähnt handelt es sich um die Erlebnisse und entscheidenden Momente ganz normaler Menschen, wie sie jeder in seinem eigenen Bekanntenkreis wiederfinden wird.
Springenschmid erzählt nicht von Geschehnissen, die einen merkbaren Einfluss auf die Weltgeschichte haben. Es stellt sich schnell die Frage, warum man seine Zeit damit verbringen sollte, Geschichten über Max Mustermann und Co. zu lesen, die sowohl einen großen zeitlichen aus als auch einen persönlichen Abstand zu einem selbst aufweisen.
Dann aber merkt man, dass die Geschichten einen doch berühren, vielleicht auch weil sie vom Leben ganz normaler Menschen erzählen. Fürs Weltgeschehen sind sie bedeutungslos, für die Schicksale der Betreffenden aber entscheidend. Sind es nicht gerade die Kleinigkeiten, die das Leben ausmachen? Und sind es nicht gerade die Leben vieler Einzelnen, die sich stimmig aneinander fügen und das große Ganze ergeben?

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

PS: Wem der Stil meiner Rezension bzw. die Auswahl der vorgestellten Bücher gefällt, findet auf meinem Blog (https://cynthor.wordpress.com) weitere „Bücherschätze“ und auch Infos zu meinem eigenen gesellschaftskritischen Fantasy-Roman Ethopia – Erwachen.

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Tags: schicksal   (1)
 

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seele, illustriert, mystery, surreal

The Fountain

Darren Aronowsky , Kent Williams
Flexibler Einband
Erschienen bei Panini, 17.01.2007
ISBN 9783866073371
Genre: Comics

Rezension:

Inhalt

Warnung: die Handlung des Comics ist inhaltlich sehr komplex und nur schwer in wenigen Worten beschreibbar! Ursprünglich als Film geplant, musste Arronofsky von der Verfilmung Abstand nehmen und entschloss sich, das Drehbuch in dieser Form zu veröffentlichen. Kurze Zeit später kam es dann – glücklicherweise – doch noch zur Entstehen eines Films…

Auf drei Zeitebenen kämpft der Ritter Tomas/der Forscher Thomas/der Mönch(?) Tommy (im Film dargestellt von „Wolverine“ Hugh Jackman) um seine Liebe Izzy Creo (im Film Rachel Weisz) in Gestalt der spanischen Königin/Ehefrau/großer Baum(!). Zur Zeit der spanischen Inquisition sucht Tomas im Auftrag seiner Königin im Dschungel Südamerikas nach dem Baum ewigen Lebens. In der Gegenwart forscht Thomas an einem Heilmittel für Krebs. Er steht dabei unter enormem Zeitdruck, da seine Frau Izzy an einem Gehirntumor leidet, wobei sie parallel an einem Roman über die Suche des Spanischen Ritters schreibt.
Die dritte Handlungsebene spielt in einer fernen Zukunft. Die dritte Verkörperung Thomas fliegt in einem Raumschiff in Form einer riesigen Seifenblase samt einem sterbenden Baum in Richtung des sterbenden Sterns Xibalba, von dem Izzy fasziniert war, weil er in der Mythologie der Maja dem Reich der Toten entsprach.

Meinung

Auch wenn ich die Art und Weise, wie die Bilder dieses Comics in Szene gesetzt wurden, nicht hundertprozentig mag, ist es dennoch eines der bewegendsten Bücher, die ich je gelesen habe. Aronofsky hat eine derart komplexe Handlung und Vielschichtigkeit aufgebaut, die

Bemerkenswert ist die enorme Vernetzung der drei Handlungsebenen, was durch die Verwendung der gleichen Symbole (wie das Ringmotiv oder das Baummotiv) geschaffen wird.

Hauptmotiv der Figur Thomas – vermutlich nach dem Ungläubigen aus der Bibel benannt, dazu ergibt der Nachname seiner Frau „Creo“, also „ich glaube“, einen schönen Kontrast – ist das Streben nach Unsterblichkeit. Der Tod ist für ihn das absolute Ende, das ihn von seiner großen Liebe trennt. An ein danach, eine tieferen Sinnhaftigkeit glaubt er nicht – es sei angemerkt, dass es sich wie immer leicht diskutieren lässt, wenn man nicht selbst in der gleichen Situation steckt. Tommy verschließt aus Angst vor dem Verlust die Augen vor dem, was seine Frau am dringendsten benötigen würde – Zeit mit ihm – und vergräbt sich in seine Arbeit.

Izzy hat hingegen ihren Tod akzeptiert und ist, wie die Vorgesetzte und Freundin der Familie treffend bemerkt, damit weit über sich hinausgewachsen. Sie hat den großen Wahrheitsgehalt des Spruches eines alten Südamerikaners erkannt:

Der Tod ist der Weg zur Ehrfurcht

Nur weil unser Leben endlich ist, und wir uns eines Tages von allem verabschieden müssen, was wir im Laufe unseres Lebens angesammelt haben an Familie, Freunden und Erinnerungen, sind wir in der Lage, das alles zu schätzen. Wer am Ende seines Lebens zurückblicken und sagen kann, er habe etwas Gutes geleistet, der kann in Würde abtreten und getrost dem entgegen sehen, das ihn da erwartet.

Man mag einwenden, dass der Comic zu viele verschiedene „esoterische“ Themen miteinander vermischt, aber ich halte das Werk für in sich stimmig. Auch der Reinkarnationsgedanke, der mitschwingt, wenn man die Handlung in Südamerika nicht bloß als Romaninhalt, sondern als „reale“ Historie auffasst, ordnet sich gut in das Gesamtkonzept ein. Zumal die Reinkarnationsthematik durchaus mehr als einen Gedanken wert ist.

Auch wenn dies eigentlich ein Bücherforum ist, kann ich nicht widerstehen, noch ein paar Worte zur Verfilmung dazulassen: diese besticht nochmal besonders durch enorm viele Einzelheiten und Details, durch die Verwendung von Licht und Schatten, Kamerawinkel etc. die bei auch beim zweiten und dritten Ansehen nicht langweilig werden. Dazu kommt noch eine „psychedelische“, wirklich bombastische Musik von Clint Mansell, und die stellenweise brachiale Gewalt der Bilder, wobei hier vor allem die Szenen rund um den sterbenden Stern zu nennen sind. Ich mag den Film noch mehr als den Comic…

Fazit: unbedingt ansehen ... äh... lesen!

Sonnige Tage und erholsame Nächte!


PS: Wem der Stil meiner Rezension bzw. die Auswahl der vorgestellten Bücher gefällt, findet auf meinem Blog (https://cynthor.wordpress.com) weitere „Bücherschätze“ und auch Infos zu meinem eigenen gesellschaftskritischen Fantasy-Roman Ethopia – Erwachen.

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Tags: seele   (1)
 

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dystopie, klassiker, big brother, überwachung, utopie

1984

George Orwell , Michael Walter
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 01.06.1994
ISBN 9783548234106
Genre: Klassiker

Rezension:

Inhalt

In einer nicht allzuweit entfernten Welt haben sich alle Staaten zu drei großen Machtblöcken zusammengeschlossen: Ozeanien, Eurasien und Ostasien befinden sich in abwechselnden Konstellationen miteinander im Krieg. Der „Historiker“ Winston arbeitet im Ministerium für Wahrheit und passt täglich die Vergangenheit an die aktuellen politischen Gegebenheiten an. So werden beispielsweise Produktionszahlen gefälscht und alte Bündnispartner als Kriegsgegner von jeher behandelt. Andere Kontrollmechanismen der Inneren Partei unter ihrem Diktator, der schlicht als „Großer Bruder“ agiert, sind Totalüberwachung und Einführung der Sprachvariante „Neusprech“, die es schwer macht, Kritik am Staatsapparat zu üben.
Winston beginnt eine gefährliche Beziehung mit der parteikritischen Julia. Gemeinsam versuchen sie, Kontakt zu Rebellen aufzunehmen,  werden aber gefangen genommen.  Julia und Winston werden mit Folter und Gehirnwäsche umerzogen.

Meinung

1984 ist wohl mit Abstand die bekannteste Dystopie, die andere Klassiker wie Brave New World aufgrund „besserer“ Voraussagen und einer größeren Realitätsnähe bei weitem übertrifft.

Grund dafür mag auch die Genauigkeit sein, mit der Orwell zukünftige Entwicklungen vorhergesagt hat: Ursache und Ziel von neusten Sprachkonzepten wie „political correctness“ oder „genderization“ mögen von der Absicht hinter der Neusprech-Entwicklung grundverschieden sein, Debatten um den feinen sprachlichen Unterschied zwischen „Studenten“ und „Studierende“  erinnern immer öfter an Orwells linguistischen Albtraum. Um eine dritte Neusprech-Variante zu erleben, reicht es allerdings schon, aktuellen Schülergenerationen zu lauschen…

Doppeldenk, also die Fähigkeit, nicht nur an die Wahrheit unterschiedlicher, sondern sogar fundamental entgegengesetzter Thesen zu glauben, findet inzwischen auch immer weiter Verbreitung. Nicht im Sinne eines vielleicht noch förderlichen Multitaskings, sondern aufgrund einer überaus komplexen Welt mit vielen Ansprüchen, Informationsüberflutung und Verstrickungen.

Weiterer großer Pluspunkt sind die detaillierten Folterszenen und Beschreibungen der Gehirnwäsche-Praktiken, die zeigen, wie aus dem selbstbewussten Revolutionär ein gebrochener Mensch ohne eigenen Willen wird. Besonders die Instrumentalisierung von Raum 101 als absolut schrecklicher Ort, an dem Winston schließlich das verrät, was ihm am wertvollsten war – seine Liebe zu Julia – ist zugleich berührend und erschreckend.

Fazit: nicht umsonst haben zahlreiche Ideen und Begriffe wie „Neusprech“ oder „Big Brother“ aus Orwells Dystopie Einzug in die alltägliche Lebenswelt gefunden. Problematisch ist allenfalls, dass aufgrund der vielen Nutzung dieser Begrifflichkeiten ihre immense Bedeutung viel leichter unterschätzt und vergessen wird.

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

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Tags: dystopie   (1)
 

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klassiker, rache, drama, dürrenmatt, gesellschaft

Der Besuch der alten Dame

Friedrich Dürrenmatt
Flexibler Einband: 152 Seiten
Erschienen bei Diogenes Verlag, 01.08.2003
ISBN 3257230451
Genre: Klassiker

Rezension:

Inhalt

Die Milliardärin Claire Zachanassian, vormals Kläri Wäscher, besucht ihren Geburtsort, das völlig verarmte Güllen, dessen Bewohner große Hoffnungen auf ihren Reichtum und die damit verbundene mögliche Hilfeleistungen setzen. Bei einem Empfang verspricht sie, Güllen und seinen Bewohnern eine Milliarde zu spenden – Voraussetzung ist allerdings, dass diese den Gemischtwarenhändler Alfred Ill ermorden. Dieser war einst Claires Liebhaber und zeugte mit ihr ein Kind, verließ sie aber und „belegte“ mit falschen Schwüren gekaufter Männer, dass er nicht Vater des Kindes war. Claire war gezwungen, Güllen zu verlassen, wurde Prostituierte und kam mittels mehrerer Hochzeiten und Scheidungen zu ihrem gewaltigen Vermögen.
Trotz Beteuerungen, das Angebot niemals anzunehmen, beginnen die Bewohner Güllens in Erwartung des baldigen Geldsegens, sich vieles neu zu leisten. Ill gerät unterdessen langsam in Panik. Dann bricht ein schwarzer Panther, Claires Schoßtier und ihr einstiger Kosename für Ill aus. Die Dörfler bewaffnen sich und machen Jagd auf den schwarzen Panther.

Meinung

Neben seinen Physikern mein Lieblingsstück von Dürrenmatt. Das Motiv des Panthers, der als Stellvertreter Ills von der Dorfgemeinschaft zur Strecke gebracht wird, und zufällig gerade vor Ills Laden verendet, ist überaus gelungen. Großartig ist Dürrenmatts Humor, der sich in der Namensgebung von Claires Bediensteten ausdrückt: sie tragen Namen wie Toby, Koby, Loby, Roby und Boby – selbst die ständig wechselnden Ehemänner werden passend umbenannt. Man verwechselt die Protagonisten dadurch zwar das eine oder andere Mal, aber der Eindruck Claires, der dadurch entsteht, macht dies mehr als wett.

Großes Thema des Bühnenstückes ist Gerechtigkeit. Claire sieht sich moralisch im Recht, sie behauptet, „sich Gerechtigkeit zu kaufen“. Aufgrund der Konstruktion des Plots ist der Leser in der Zwickmühle: sicherlich ist Ills Verhalten alles andere als ehrenhaft, und für seine Verfehlung gehört er bestraft, aber trotz Claires Motivation balanciert ihr Verhalten jenseits der Grenze zur Selbstjustiz. Insgesamt also nicht einfach zu beurteilen – vor allem unter der weitergehenden Frage, was geschehen wäre, wenn sich Claire ein zufälliges, aber wirklich unschuldiges Opfer gesucht hätte.

Der moralische Verfall des Dorfes, das vor Claires „Einmarsch“ nur wirtschaftlich am Ende war, wird detailliert beschrieben – ein schöner Einfall war es, dass sich jeder Bürger ähnliche „neue, gelbe Schuhe“ kauft. Auch wenn niemand es offen zugibt, spekuliert jeder auf Ills Tod, und selbst moralische Instanzen wie Pfarrer und Lehrer scheitern an ihrem Auftrag. Der erste warnt Ill in einem jähen Anflug von Selbsterkenntnis zurecht, dass der Mensch nur schwach sei, und rät Ill zur Flucht. Der Lehrer versucht vergeblich, Claire zur Umkehr zu bewegen und ertränkt seine Sorgen und seine Schwäche im Alkohol. Als er versucht, der Presse die brutale Wahrheit zu stecken, bittet Ill selbst ihn zu schweigen – der Kaufmann hat sich mit seinem Tod abgefunden und akzeptiert seine Schuld.

Insgesamt ein ethisch anspruchsvolles Werk mit viel Potenzial zum Diskutieren und Nachdenken.

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Tags: rache   (1)
 

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gefängnis

Ohne Gnade

Bryan Stevenson , Jürgen Neubauer
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.11.2016
ISBN 9783492310031
Genre: Sachbücher

Rezension:

Inhalt

Disclaimer für Sachbücher: In einer Rezension muss die Komplexität des Sachverhalts gezwungenermaßen heruntergebrochen werden, wenn auf den Inhalt des Werkes eingegangen werden soll. Das hast zur Folge, dass die vertretenen Thesen sich ebenfalls nur verkürzt und vereinfacht darstellen lassen, was manche Ungenauigkeiten zur Folge haben mag, aber leider unvermeidlich ist.

Der US-amerikanische Anwalt Bryan Stevenson erzählt von seinem Leben im Kampf gegen ungerechte Justizsysteme im Süden der Staaten, die vor allem Schwarze und Jugendliche stark benachteiligen. Anhand vieler Fallbeispiele zeigt Stevenson Absurditäten des Strafrechts auf und scheut sich nicht davor, auch den tief sitzenden Rassismus vieler hochrangiger Beamter anzuprangern. Am ausführlichsten wird hierbei auf den Fall „Walter McMillan“ eingegangen, der trotz nachweislich erpresster Falschaussagen und Dutzenden Zeugen, die seine Unschuld beteuerten, zu Unrecht zum Tode verurteilt wurde und erst nach sechs Jahren Haft im Todestrakt freikam – eine psychische Belastung, an der er schlussendlich zerbrach.
Stevenson berichtet von einer Justizwahnsinn, der für Leser von der anderen Atlantik-Seite zuweilen groteske Züge annimmt: die Privatisierung der Gefängnisanstalten führte zu einem neuem Industriezweig (von 80 mrd. $), der mit massiver Lobbyarbeit für gut gefüllte Haftanstalten sorgt: so sitzen allein 500.000 Menschen aufgrund von Drogendelikten, viele aufgrund des (später wieder abgeschafften) „Strikes-Three-Laws“: wer dreimal straffällig wird, bekommt unabhängig von der Schwere der einzelnen Verbrechen lebenslänglich. Trotz nachgewiesener Unschuld wurden Dutzende Menschen hingerichtet, weit mehr erhielten lebenslange Haftstrafen. In einigen Staaten werden auch Jugendliche bis hin zu 13, 14 Jahren nach dem Strafrecht für Erwachsene verurteilt.

Meinung

Stevenson hat ein flammendes Manifest für Menschlichkeit und Gerechtigkeit verfasst, das beim Leser ein wirklich beklemmendes Gefühl zurücklässt. Auch wenn der Autor viele Statistiken anführt, beschreibt er fast ausschließlich Einzelschicksale näher, aber genau diese sind es, um die es schlussendlich geht. Es geht ausdrücklich nicht darum, Schwerverbrecher in irgendeiner Weise zu entschuldigen, sondern allein darum, ein gerechteres Justizsystem für die benachteiligten Schwarzen zu finden, und diejenigen stärker in Schutz zu nehmen, die  diesen Schutz aufgrund ihres Alters und ihrer Reife besonders bedürfen: Kinder und Jugendliche.

 „Wir vergewaltigen Vergewaltiger zur Strafe nicht, aber scheuen uns nicht, Mörder zu ermorden?“ Ein Zitat, das zum Nachdenken anregt. Recht und Vermögen der Gesellschaft über Verfehlungen zu richten, sind ein durchaus diskussionswürdiges Thema, zu dem dieses Buch seinen – sehr eindrucksvollen und berührenden – Teil dazu beiträgt. Wer ein paar Gedanken über den enormen Einsatz verschwendet, den Menschen wie Stevenson bringen, um für eine gerechtere – bessere – Welt zu kämpfen, kommt nicht umhin, ihnen Respekt zu zollen. Es bleibt die stille Hoffnung, dass sie den Kampf nicht verlieren werden.

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

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satire

Flächenland

Edwin Abbott Abbott , Gitta Peyn , Antje Kaehler , Gitta Peyn
Flexibler Einband: 172 Seiten
Erschienen bei RaBaKa-Publishing, 01.04.2009
ISBN 9783940185150
Genre: Klassiker

Rezension:

Inhalt

Im zweidimensionalen Flächenland nimmt Mathematik, und insbesondere Geometrie, einen herausragenden Stellenwert ein: während der Körper der Frauen einem Geradenstück entspricht,  haben Männer die Form von regelmäßigen Vielecken. Weil die Intelligenz mit der Anzahl der Ecken zunimmt, bilden die Dreiecke das ausgebeutete Proletariat, Vier- und Fünfecke die gebildete Mittelschicht und Kreise – Vielecke mit einer so hohen Zahl von Ecken, dass sie nahezu rund erscheinen – stellen die höchsten Staatsbeamten.
Der Gelehrte A. Square, selbst ein Viereck,  erzählt sehr eindrücklich von den besonderen Mechanismen und dem einzigartigen Leben in Flächenland, die sich aus dem Mangel der dritten Dimension ergeben. Als ihm in einer Silvesternacht eine Kugel aus der dritten Dimension erscheint, die ihn das „Wunder“ weiterer, ihm bisher verborgener Dimensionen offenbart, wird Square zum Revolutionär.

Meinung

„Flächenland“ ist eine einzigartige Kombination aus mathematischem Lehrbuch über einen (einfachen) Dimensionsgedanken und einer Satireschrift des Viktorianischen Zeitalters, also die Epoche, in der dieses Buch geschrieben wurde.
Mit faszinierender Virtuosität überträgt der Autor Vorurteile und Klischees seiner Zeit in sein zweidimensionales Traumland. Frauen, dem Klischee nach dumm und unfähig, werden zu affektgeladenen Geradenstücken, die mangels Ecken logischerweise auch keine Intelligenz aufweisen können. Die hinterlistige Brutalität, mit der die hohen Beamten Revolutionen im Keim ersticken wird ebenso in Relation zur Geometrie gesetzt wie die extreme Ausbeutung der niederen Schichten.
Abgesehen vom sehr gelungenen satirischen Teil des Buches gelingt es dem Autor auch gut, das Wesen der Dimensionen zu erfassen. Wenn A. Square schließlich das eindimensionale Linienland besucht und die Problematik der ihm unbegreiflichen dritten Dimension zu verstehen beginnt, denkt man zwangsweise an eine vierte räumliche Dimension, die einem selbst ebenso verborgen bleibt wie den Flächenländern die dritte.
Interessanterweise schafft Square allerdings den Sprung, und fordert seinen Besucher aus dem dreidimensionalen Raum auf, ihm die vierte, fünfte und sogar sechste Dimension zu offenbaren. Auch jetzt wiederholt sich das alte Spiel: die Kugel bestreitet zunächst die mögliche Existenz einer solchen, gibt dann widerstrebend zu erkennen, dass Square vielleicht doch haben könnte. So wird der Messias selbst zum Bekehrten.
Die Flächenländer sperren den Propheten Square als Ketzer ein, weil es ihm nicht möglich ist, seine Behauptungen zu beweisen.  Die Erkenntnisse, die der Gelehrte seinen Mitbürgern zu vermitteln versucht, dürfen durchaus als „unnützes“ Wissen bezeichnet werden: aufgrund ihrer begrenzten Mittel ist es den Flächenländern unmöglich, etwas mit der dritten Dimension anzufangen, sie irgendwie zu messen oder sogar zu verwenden. Man könnte also den Standpunkt vertreten, dass es keine Rolle spielt, ob eine dritte Dimension existent ist oder nicht – auf das reale Leben hat dies überhaupt keinen Einfluss. Ich neige allerdings eher zum zweiten Standpunkt: die Flächenländer sind dazu verdammt, 1000 Jahre auf das Eintreffen des nächsten dreidimensionalen Wesens zu warten, das sie aus der Höhle ihrer Unkenntnis zu führen vermag.

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lernen, gehirn, medien, demenz, internet

Digitale Demenz

Manfred Spitzer
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Droemer, 03.08.2012
ISBN 9783426276037
Genre: Sachbücher

Rezension:

Inhalt

Disclaimer für Sachbücher: In einer Rezension muss die Komplexität des Sachverhalts gezwungenermaßen heruntergebrochen werden, wenn auf den Inhalt des Werkes eingegangen werden soll. Das hast zur Folge, dass die vertretenen Thesen sich ebenfalls nur verkürzt und vereinfacht darstellen lassen, was manche Ungenauigkeiten zur Folge haben mag, aber leider unvermeidlich ist.

In seinem Buch „Digitale Demenz“ fasst Spitzer die neusten Erkenntnisse aus Hirnforschung und Psychologie zusammen, denen er aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen kritisch gegenüberstellt.
Nach einer kurzen Einführung in die Gehirnphysiologie um dem Leser zu vermitteln, wie das Gehirn lernt, und wie sich dieses Lernen in Veränderungen im Gehirn niederschlägt (kurz gesagt, wachsen die Synapsen zwischen einzelnen Neuronen bei Betätigung und funktionieren dadurch besser), thematisiert Spitzer zunächst die Oberflächlichkeit der Lernmethoden, die mit den digitalen Medien Einzug in die Klassenzimmer gehalten hat. Nicht nur, dass die Technologie als solche zu diversen Problemen führt (Rechnerabstürze, Softwareupdates, Datenschutzprobleme, Ablenkung der Schüler durch fachfremde Inhalte etc.), sondern auch der Umgang mit dem Lerninhalt ist weniger tiefgreifend als zuvor.

Sinkende Gedächtnisleistung bei einem Verlassen auf die Speicherkapazitäten des Rechners wird ebenfalls aufgegriffen wie auch die Problematik in sozialen Netzwerken, was Mobbing durch Anonymität oder auch die Auswirkungen von Facebook und Co. auf den realen Freundeskreis betrifft, angesprochen und mit vielen Forschungsergebnissen und Experimenten belegt wird. Zu guter Letzt geht Spitzer auf die schädlichen Auswirkungen des Fernsehkonsums von Kleinkindern und von gewaltverherrlichenden Computerspielen ein, bevor er mit einer Beschreibung der Misere von Politik und Lobbyismus endet.

Meinung

Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, kommt nicht umhin, Spitzers Ansichten zuzustimmen. Der gewaltige Einfluss, den digitale Medien gerade auf die jüngsten Mitbürger besitzen, lässt sich angesichts aktueller Entwicklungen und Diskussionen kaum bestreiten, und das eine oder andere Beispiel deckt sich sicherlich mit den eigenen Erfahrungen des Lesers.

Großes Plus an Spitzers Beitrag zur Debatte sind vor allem sehr anschauliche Analogien, die aufzuzeigen vermögen, wie absurd manche Ausprägungen moderner Bildungspolitik eigentlich geworden sind. Außerdem gelingt es ihm spielerisch leicht, die psychologischen Experimente auch dem Laien zu erklären, was das Nachvollziehen seiner Argumentationskette deutlich unterstützt.

Insgesamt ein sehr empfehlenswertes Buch, das einen sehr breiten Überblick über das Thema „Digitale Demenz“ und sein Umfeld bietet.

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Tags: digital   (1)
 

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kurzgeschichten

Jorge Luis Borges - Werke in zwölf Bänden. Neuausgabe / Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Band 5: Der Erzählungen erster Teil

Jorge Luis Borges , , ,
Fester Einband: 426 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 19.09.2000
ISBN 9783446198784
Genre: Klassiker

Rezension:

- Rezension bezieht sich auch auf den Nachfolgeband mit weiteren Erzählungen -

Inhalt

Kurzgeschichten und auch ihre Sammelbände sind inhaltstechnisch schwer zu beschreiben, und Borges Werk ist leider (aber eigentlich besser: Gottseidank) alles andere als die Ausnahme zur Regel: Borges Geschichten sind unmöglich knapp zusammenzufassen. Insofern hier also nur ein grober Überblick über behandelte Themen, im Meinungsteil findet sich dann mehr zu einzelnen Kurzgeschichten.
Viele von Borges kurzen Erzählungen sind dem Reich der Phantastik zuzuordnen, auch wenn das Fiktionale meist eher beiläufig in die Welt ganz normaler Menschen tritt. Die  Auswirkungen hingegen sind in fast allen Fällen erschreckend und führen zu tiefgreifenden Veränderungen im Weltbild der Menschen.
Nicht wenige Geschichten spielen in Argentinien, und erzählen von ganz gesetzestreuen Bürgern oder kriminellen Verbrechern. Offensichtlich Fiktionales sucht man in ihnen vergebens, auch wenn Borges seine Geschichten gerne sowohl mit realen, als auch mit erfundener Quellliteratur zu verifizieren und belegen sucht.

Meinung

Borges Geschichten sind ein Muss für jeden Liebhaber stilistisch außergewöhnlicher Literatur. Auch wenn ich selbst nicht all seinen Erzählungen etwas abgewinnen konnte, vor allem weil mir der argentinische Hintergrund fehlt, der für manche Geschichten mit Sicherheit von Vorteil gewesen wäre, gibt es doch einige „Perlen“, die sich nicht nur für Bibliophile lohnen.

Als erstes ist hier natürlich die Geschichte mit dem Titel „Die Bibliothek von Babel“ zu nennen: Borges beschreibt ein Universum, das von sechseckigen Räumen ausgefüllt ist. In jedem Raum finden sich Bücher, und weil das Universum unendlich ist, schließen die Bewohner der „Bücherwaben“ daraus, dass in ihrer Bibliothek jedes nur denkbare Buch zu finden ist – leider ist es gerade deswegen auch nahezu aussichtslos, ein „sinnvolles“ Buch zu finden.

Borges beschreibt dies übrigens so (ein langes Zitat, ich weiß, aber ich konnte nicht widerstehen):

[…] dass die Bibliothek total ist, und dass ihre Regale alle nur möglichen Kombinationen der zwanzig und soviel  orthographischen Zeichen (deren Zahl , wenn auch außerordentlich groß, nicht unendlich ist) verzeichnen, mithin alles, was sich irgend ausdrücken lässt: in sämtlichen Sprachen. Alles: die minutiöse Geschichte der Zukunft, die Autobiographien der Erzengel, den getreuen Katalog der Bibliothek, Tausende und Abertausende falscher Kataloge, den Nachweis ihrer Falschheit, den Nachweis der Falschheit des echten Katalogs, das gnostische Evangelium des Basilides, den Kommentar zu diesem Evangelium, den Kommentar zum Kommentar dieses Evangeliums, die wahrheitsgetreue Darstellung deines Todes, die Übertragung jeden Buches in sämtliche Sprachen, die Interpolation jeden Buches in allen Büchern, den Traktat, den Beda hätte schreiben können (und nicht schrieb), über die Mythologie der Angelsachsen, die verlorenen Bücher des Tacitus.[\Ende]

Vielleicht nicht das beste und charakteristischste Zitat, das man hätte wählen können, aber eines, das den Irrsinn (?) dieser Idee vielleicht am besten beschreibt.

Sequenzen wie diese findet man ständig in Borges Erzählungen. Auch wenn man, was den Hintergrund der Figuren betrifft, oft im Unklaren gelassen wird, gelingt es dem Autor in wenigen Wörtern, eine ganz eigene, fesselnde Stimmung aufzubauen, und die geschliffenen und auf Hochglanz polierten Sätze, oft Bandwürmern gleich, sind schlicht und ergreifend von einer nicht oft zu findenden Virtuosität.

Abgesehen vom hochwertigen Schreibstil punktet Borges im Bereich der phantastischen Kurzgeschichten mit überaus interessanten Ideen, beispielsweise in der Erzählung „Das Aleph“: unter der Kellertreppe eines x-beliebigen Menschen befindet sich das titelstiftende Aleph, ein Punkt, der in sich das gesamte Universum enthält. Erneut sind die Beschreibungen, was der Mann sieht, als er hineinblickt, gigantisch. Alternativ die Geschichte „Das Sandbuch“, das ein einziges Buch zur Handlung hat, welches allerdings unendlich viele Seiten besitzt und seinen Besitzer langsam in den Wahnsinn zu treiben scheint.

Es sei noch erwähnt, dass ich nicht allen seiner Geschichten einen Sinn abringen konnte. Damit ist ausdrücklich nicht auf das oben erwähnte fehlende Verständnis zu Argentinien verwiesen, sondern darauf, dass manche Erzählungen aufgrund ihrer Kürze und der „seltsamen Ereignisse“, die sich in ihr abspielen, ohne Erklärung bleiben und es zumindest mir nicht leicht machen, den Sinn oder die Absicht des Autors zu entschlüsseln.

Insofern sind die Kurzgeschichten sicherlich nichts für zwischendurch, man braucht seine Zeit, um sich auf Borges Schreib- und Erzählstil einzulassen. Wer dies allerdings tut, wird mit absolut einmaligen Geschichten belohnt.

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

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Tags: kurzgeschichten   (1)
 

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dystopie, zukunft, klassiker, utopie, aldous huxley

Schöne Neue Welt

Aldous Huxley , Uda Strätling ,
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 06.03.2014
ISBN 9783596905737
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Inhalt

Im Jahr 2540 werden Menschen nicht mehr geboren, sondern in großen Fabriken gezüchtet und auf ihr Leben in ihrer spezifischen Kaste konditioniert. Der Psychologe Bernard Marx, Angehöriger der obersten Klasse, also ein Alpha, verabredet sich mit der Beta und Fabrikarbeiterin Lenina Crown zu einem Ausflug in ein amerikanisches Reservat. Dort werden Menschen „gehalten“, die sich nicht in die moderne Gesellschaft integrieren wollen. Sie treffen John, den Sohn einer ehemaligen Beta,  die es vor Jahrzehnten unfreiwillig ins Reservat verschlagen hat.
Dieser verliebt sich in Lenina, kommt aber mit der freizügigen Sexualmoral nicht zurecht.
Seine Versuche, die Gesellschaft mittels Versen von Shakespeare zu verändern, scheitern – der Weltaufsichtsrat erklärt, dass die Menschen den Inhalt schlichtweg nicht mehr verstehen würden, und das sei gut so. Schlussendlich entschließt sich John zu einem Leben als Eremit. Als ihn aufgrund von Reportagen allerdings zahllose Schaulustige aufsuchen und beobachten wollen, begeht der „edle Wilde“ Selbstmord.

Meinung

„Brave, New World“, bzw. „Schöne Neue Welt“ von Aldous Huxley gehört nicht von ungefähr zu den absoluten Klassikern dystopischer Literatur, und hält locker mit Werken wie „1984“ oder „Fahrenheit 451“ mit – meiner Meinung nach überflügelt der Roman diese sogar. Das liegt vor allem an der besseren Prophezeiungsfähigkeit des Autors, der heutige Entwicklungen mit erstaunlicher Präzision vorhergeahnt und  noch einmal mehrere hundert Jahre in die Zukunft konsequent extrapoliert hat.

Der hohe Technologisierungsgrad der zivilisierten Menschheit äußert sich vor allem in ihrer Fähigkeit, ein gesellschaftliches Kastensystem entwickelt zu haben, bei dem die Menschen physio- und psychologisch dahingehend manipuliert werden, mit ihrem Leben und ihrer Kaste zufrieden zu sein. Das Bokanowski-Verfahren, bei dem (realistisch betrachtet und ehrlich ausgesprochen) beschränkt intelligente, willige Arbeitssklaven herangezogen werden, die nicht einmal den Ehrgeiz zur Revolution besitzen, ist das wohl größte Anzeichen einer Gesellschaft, die alle Menschlichkeit verloren hat. Auch wenn der Mensch von Heute noch einige Jahre von einer solchen „Zivilisationsstufe“, als die sie nur ein Zyniker bezeichnen könnte, entfernt, aber anhaltende Debatten um Wunschkinder im Reagenzglas und ähnliche, erbittert geführte Diskussionen führen in genau diese Richtung.

Andere Themengebiete werden nur nebenbei angeschnitten, wie das Konsumverhalten der Menschen in der Zukunft: Spiele sind zu Materialschlachten verkommen, Arbeitern wird eingeimpft, gerne ins Grüne zu fahren, weil nur durch den ständigen Verbrauch von Gütern die Wirtschaft in Gang gehalten werden kann – Parallelen zu den heutigen Lebenszyklen mancher Produkte sind selbstverständlich rein zufällig…

Frühsexualisierung, sexuelle Freiheit und tabuisierte Begriffe wie „Mutter“ und „Vater“, oder noch entsetzlicher, „natürliche Geburt“ sind ebenfalls Gegenstand fortlaufender Meinungsverschiedenheiten. Dazu kommt die legale Volksdroge „Soma“, deren Gebrauch von allen Widrigkeiten des Lebens ablenken soll, wodurch die Bürger zur manipulierbaren Masse mutieren.

Es ist bemerkenswert, dass trotz all dieser Ablenkung den Menschen eine geistige Leere zu spüren verbleibt, die selbst der genial beschriebene „technologische Religionskult“ um den Automobilhersteller Ford mitsamt seinen orgiastischen Vereinigungsfeiern nicht zu überdecken vermag. Immerhin werden Abweichler und Außenseiter nicht zur Strecke gebracht wie in anderen Dystopien, sondern ganz human auf entlegene Inseln abgeschoben, was dem Zyniker als Hoffnung reichen muss.

Huxley greift auch das Motiv des „Edlen Wilden“ auf, das Prinzip des Menschen, der als primitiv bezeichnet und betrachtet wird, in Wahrheit – und für den Leser vollkommen offensichtlich – moralisch weitaus höher stehend ist als der Rest der „zivilisierten“ Menschheit.

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

PS: Wem der Stil meiner Rezension bzw. die Auswahl der vorgestellten Bücher gefällt, findet auf meinem Blog (https://cynthor.wordpress.com) weitere „Bücherschätze“ und auch Infos zu meinem eigenen gesellschaftskritischen Fantasy-Roman „Ethopia – Erwachen“.

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Tags: dystopie, sci-fi   (2)
 

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utopie, kommunismus, staatsutopie, philosophie, sozialismus

Die Sonnenstadt

Tommaso Campanella , Jürgen Ferner , Jürgen Ferner
Flexibler Einband: 148 Seiten
Erschienen bei Reclam, Philipp, 01.06.2008
ISBN 9783150185100
Genre: Romane

Rezension:

Inhalt

Ein Seemann erzählt seinem Gastgeber von seinen Reisen und berichtet insbesondere von seinem Aufenthalt in der Sonnenstadt, einem utopischen Stadtstaat.

Meinung

Auch wenn Campanellas Sonnenstadt viele Parallelen zu Morus Utopia aufweist, unterscheiden sie sich doch in wichtigen Details.
Während bei Morus alle Religionen gleichberechtigt sind, wird die Sonnenstadt theokratisch beherrscht, d.h. der „Regierungschef“, als Sonne bezeichnet, ist gleichzeitig auch oberster Priester, der mit einem Beratergremium von drei Mann, deren Titel bzw. Ansprache Macht, Weisheit und Liebe sind, die Geschicke des Sonnenstaates lenkt. Diese drei haben auch die Befehlsgewalt über die entsprechenden Regierungsbereiche: Macht kümmert sich um Kriegsangelegenheiten, Liebe um die Kinder und deren Zeugung (dazu später mehr), Weisheit schließlich um die Bildung. Diese wird mit einem großen Fokus auf die Allgemeinbildung vermittelt, Kinder lernen von klein auf die wesentlichen Erkenntnisse kennen, die die Bewohner des Sonnenstaats erlangt haben. Interessanterweise sind diese an die steinernen Ringwände der Stadt geschrieben und gemalt. Mein Religionslehrer sagte immer, dass die Kirchengemälde das Fernsehen des Mittelalters waren, die Malereien der Sonnenstadt stellten dann sozusagen das antike „Fernsehprogramm“  dar - ein Vergleich zum heutigen ist an dieser Stelle wohl überflüssig.

Das Zeugungsprogramm der Stadtbewohner und ihr Versuch, mittels vorgeschriebenen Fortpflanzungspartnern eine „neue, starke Menschenrasse“ zu züchten, wie man heute sagen würde, ist dann schon wieder überaus fragwürdig. Nicht ganz so stark wie der Vorläufer, gibt trotzdem Stoff zum Nachdenken.

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

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Tags: utopie   (1)
 

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klassiker, utopie, revolution, tiere, schweine

Farm der Tiere

George Orwell , Michael Walter , Friedrich K. Waechter
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Diogenes
ISBN 9783257057140
Genre: Klassiker

Rezension:

Inhalt

Auf der Farm des Bauern Jones übernehmen die Hoftiere unter Führung der intelligenten Schweine die Macht. Sie stellen ihre eigenen Gesetze auf, nach denen sie leben wollen, und beginnen, die bis dahin mehr oder weniger brachliegende Farm in einen blühenden Betrieb umzubauen.
Zuerst führen die beiden Schweine Napoleon und Schneeball noch gemeinsam die „Revolution“ voran. Dann  allerdings lässt Napoleon Schneeball vom Hof jagen, weil dieser angeblich die Farm wieder an den menschlichen Besitzer verkaufen wollte. Ohne einen geistig ebenbürtigen Gegner ist es  für Napoleon leicht, mehr und mehr Macht an sich zu reißen.

Meinung

Dass Orwells „Farm der Tiere“ durchaus als Parabel auf die gesellschaftliche Entwicklung Russlands, insbesondere hinsichtlich der kommunistischen Revolution gelesen und verstanden werden kann, wird oft beschrieben – und meistens auch besser, als ich es könnte. Deswegen an dieser Stelle der Blick auf die Parallelen des „Märchens“ zur heutigen Gesellschaft.

Was am meisten auffällt, ist die Art, wie Orwell die verschiedenen Tiergattungen anthropomorphisiert, bzw. umgekehrt, typisch menschliche Verhaltensmuster passenden Spezies zuordnet. Wer sich die heutige Gesellschaft genauer ansieht, wird nicht umhin kommen zu bemerken, dass Orwell diese Typen zwar überspitzt, aber gekonnt beschreibt.

Da wären zum einen die Pferde, die am ehesten als Gutmenschn, pardon Guttiere, durchgehen können. Sie erfüllen das Klischee dieses Menschenschlags – etwas naiv, gutmütig, aber sehr willig und überaus tatkräftig – in vollendeter Weise. Die übervorsichtigen Hühner entsprechen den Verzagten, die aus Prinzip (wohlgemerkt nicht aufgrund von Argumenten) gegen jegliche Neuerung sind. Die Schafe, die kaum mehr als blöken können, und Sinnbild der dumpfen, manipulierbaren, gesichtslosen Masse darstellen. Der Esel Benjamin ist Stellvertreter der „Ich habe es ja gesagt“-Leute, der Zyniker, die zwar durchaus das Recht auf ihrer Seite haben, aber unfähig oder nicht willens sind, dafür einzutreten. Die Hunde sind die indoktrinierten Soldaten, folgen treu ergeben und ohne selbst zu denken ihrem (An)führer. Und zuletzt die intelligenten, raffgierigen Schweine, die verderbteste Gattung von allen, die hemmungslos manipuliert und betrügt. Sie wollen nicht das größte Stück vom Kuchen – sie wollen ihn ganz, und es gelingt ihnen dabei sogar, ihre Gefräßigkeit als Opfer für die Allgemeinheit zu verkaufen!

Aber all diese Tiere sind nicht nur fiktive Figuren einer alten Geschichte – sie alle sind Teil unseres alltäglichen Lebens, wir treffen ständig auf ihre realen Verkörperungen, und es täte gut, den einen oder anderen sanft darauf hinzuweisen.

Wie auch in „1984“ ist ein großes Thema Orwells die Geschichtsfälschung bzw. –umdeutung. In „Farm der Tiere“ äußert sie sich auf zwei Arten. Zum einen wird Schneeball Stück für Stück vom Helden zum Verräter stigmatisiert. Nur weil die Tiere kaum schriftlichen Aufzeichnungen, sondern bloß ein lückenhaftes Gedächtnis besitzen, können sie derart fehlgeleitet werden. Zum anderen ändern sich die Gesetze, die für die Tiere gelten, ständig – und immer zum Vorteil für die Schweine. Aus „Kein Tier soll Alkohol trinken“ wird „Kein Tier soll Alkohol trinken im Übermaß.“, „Alle Tiere sind gleich.“ mutiert zu „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.“, und weil kaum jemand lesen kann, bleibt auch dieses Verbrechen unbemerkt, was etwas an „political correctness“ und Gendergerechtigkeit erinnert, die z.T. sehr verwirrende Blüten treiben. Es bleibt dazu nur ein Satz zu sagen,  der in der einen oder anderen Formulierung oft zitiert wurde und vermutlich Santanaya zugeschrieben werden kann: Wer die Fehler der Vergangenheit vergisst (oder aus ihnen nicht lernt), ist verurteilt, sie zu wiederholen.

Abschließend noch ein Wort über den Schluss der Fabel: Orwell hat eines der ausdruckstärksten Buchenden geschaffen. Die Blicke von den Schweinen zu den Menschen und wieder zurück, bzw. die Ununterscheidbarkeit der Spezies, sind schlicht und ergreifend genial.

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

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Tags: dystopie   (1)
 

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dystopie, internet, social media, überwachung, dave eggers

Der Circle

Dave Eggers , ,
Flexibler Einband: 560 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.10.2015
ISBN 9783462048544
Genre: Romane

Rezension:

Inhalt

Aufgrund ihrer Kontakte aus College-Zeiten erhält die junge Mae einen Job beim „Circle“, des Internetgiganten der Zukunft, der die aktuellen Riesen wie Facebook oder Google weit hinter sich gelassen hat. Bahnbrechend war hierbei der Siegeszug des „TrueYou“, eine Art Deanonymisierung der Internetnutzer.  
Während Mae sich durch die sozialen Hierarchien und Gepflogenheiten des Circles kämpft, überflutet der Kreis die Welt mit preiswerten und hochwertigen Kameras. Als einer der ersten Menschen wird Mae „transparent“, das heißt, ihr ganzes Leben wird von einer der Kameras begleitet – ihre Privatsphäre ist damit zunichte und der Totalüberwachung Vorschub geleistet. Dann taucht der mysteriöse Kalden auf und beginnt, ein seltsames Spiel mit ihr zu treiben…

Meinung

Auch wenn der Roman von seiner literarischen Qualität eher schwach ausfällt, sowohl was das schriftstellerische Niveau als auch die der Handlung betrifft, hat Eggers einige nette Ideen, wie eine informationstechnische, zukünftige Dystopie aussehen könnte.

Das beginnt schon mit der Schilderung der „Circle“-Zentrale: ein gläserner Bau, ähnlich wie ein Panoptikum aufgebaut, Transparenz und Durchsichtigkeit, wohin man sieht. Um die Angestellten abzulenken, das darf man zweien der drei Weisen getrost unterstellen, wird er mit luxuriösem Ambiente und materiellen Konsumgütern abgelenkt. Für jeden Geschmack finden sich Gleichgesinnte. Kann eine Firma schlecht sein, die ihren Angestellten so viel Gutes tut? Kaum, dass dieser Gedanke auftaucht, ist er auch schon wieder zwischen Wellnesstempeln und wilden Partys verschollen. Auch die Kameras greifen unter dem Namen „SeaChange“ das Panoptikum-Thema wieder auf: moderne Technik macht die besondere Architekturform unnötig.

Symptomatisch für die völlige Überfrachtung der Mitarbeiter ist die tägliche Zunahme von Maes Bildschirmen – erneut eine geniale Idee des Autors. Die Informationsflut, die täglich, nein stündlich auf Mae niedergeht, hat schon bald die Ausmaße eines Tsunami angenommen. Aufgrund der Vielzahl an „Zings“, dem Twitter/Facebook/Instagram/et. –Ersatz kann Mae sich kaum noch auf ihre Arbeit konzentrieren, bzw. verbringt Stunden damit, mit wildfremden Leuten zu kommunizieren.

Unweigerlich fühlt man sich an die aktuellen Entwicklungen erinnert. Kaum ein schöner Augenblick, der nicht sofort über Netz verteilt, kommentiert und geliked werden kann, keine Unterhaltung, kein Essen, ohne dass ständig der Blick in Richtung Smartphone geht – Eggers beschreibt bloß satirisch eine mögliche, aber realistische Entwicklung. Etwas stutzig macht allenfalls die Zahl von Maes Kontakten: sie steht in Kontakt mit allen Circlern (mehr als 10.000), bei jeweils „vorgeschriebenen“ 10 Zings am Tag und bei einer rekordmäßigen Sekunde pro Nachricht, wäre Mae schon allein mit dem beantworten der Zings bzw. dem Lesen rund um die Uhr beschäftigt. Der PartizipationsRang erinnert an den Wert der Daten in Elsbergs „Zero“ (dieses Buch habe ich ebenfalls rezensiert), und wenn Mae von „sozialem Rückstand“, also unbeantworteten Zings spricht, muss man Mercers Ansicht zustimmen:  Maes Ex, beschrieben beinahe als internetfeindlicher, hoffnungslos konservativer Hinterwäldler, bezeichnet es richtigerweise als Klatsch und Tratsch.

Die „moralische“ Verpflichtung, in den sektenähnlichen Kreis der Circler vollumfänglich einzutreten, zu partizipieren, die Aufgabe der Anonymität im Internet durch das wahre ich, des TrueYou, und das geniale Ende (der angedrohte Angriff auf die gedankliche Privatsphäre –  „Die Gedanken sind frei“ war einmal) machen den Roman zu einer fantasievollen Dystopie mit vielen gelungenen Elementen. Insgesamt lesenswert, wenn auch wie bemerkt mit literarischen Schwächen.

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

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Tags: dystopie, internet   (2)
 

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klassiker, philosophie, utopie, insel, religion

Utopia

Thomas Morus
Flexibler Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Nikol, 20.10.2011
ISBN 9783868201178
Genre: Klassiker

Rezension:

Inhalt

Das Buch ist in zwei Bereiche gegliedert, deren Rahmenhandlung durch eine Unterhaltung  des Seemanns Raphael mit dem englischen Staatsmann Thomas Morus gegeben ist. Zuerst diskutieren beide – mit zuweilen satirischen Untertönen – über (damals) aktuelle politische Streitthemen wie Todesstrafen auch für „leichte“ Vergehen wie Diebstahl oder über den Beraterstab des Königs
Im zweiten, bekannteren, und vor allem zeitlosen(!) Teil erzählt Raphael vom Idealstaat Utopia, einem fernen Inselreich. Detailliert beschreibt er die Lebensweise der Utopier, ihre Städte und Bauernhöfe, ihre Ansichten zu den Handwerken und ihre Regierungsform. Im Anschluss werden die philosophischen Ansätze zu Schmuck, Reichtum und Privateigentum thematisiert. Das Buch endet mit einem Plädoyer für Toleranz in Glaubensfragen.

Meinung

Mit „Utopia“ hat Thomas Morus nicht nur das Bild (s)eines idealen Staates geschaffen, sondern eine ganze literarische Gattung neu begründet, deren Anfang Platons Philosophenstaat bildet. Während manche seiner Thesen nicht nur aus heutiger Sicht befremdlich wirken, lassen sich andere leichten Herzens unterschreiben – und machen darauf aufmerksam, wie wenig sich in den letzten Jahrhunderten eigentlich getan hat.

Noch im ersten Teil fällt eine der zynischsten Bemerkungen Raphaels, der sich weigert, in den Dienst des Königs zu treten und diesen zu beraten. Da er mit seinen Ansichten isoliert dastehen würde, müsste er sie entweder anpassen, oder würde bei dem Versuch, die anderen Berater zu überzeugen, selber irre werden – also lässt er es gleich bleiben. Wenn man die heutige Diskussionskultur betrachtet, in der (vollkommen egal in welche Richtung) abweichende Meinungen isoliert und niedergeschrien werden, ist es schwer, die Mutation zum Raphael zu verteufeln. Genial ist hierbei die Methode der Utopier, erst einen Tag nach Antragstellung über eben diesen zu debattieren, was vermeiden würde, unüberlegt mit der eigenen Meinung herauszuplatzen.

Auch andere kulturelle Eigenheiten der Utopier erinnern an aktuelle Debatten.

Um ihre Bürger vor Verrohung zu schützen, wird der Metzgerberuf beispielsweise nur von Sklaven durchgeführt. 500 Jahre später morden und metzeln sich Jugendliche in virtuellen Welten ungehemmt nieder.

Das Streben der Bürger nach Bildung, beispielsweise durch Besuchen öffentlicher Vorlesungen, klingt wie Hohn, berücksichtigt man die anhaltende Debatte allein um Schulbildung, und die aktuelle Arbeitsbelastung lässt auch kaum Zeit, sich nach dem anstrengenden Berufsalltag mit tiefschürfenden, komplexen Themen zu beschäftigen.

Die strenge, aber sinnvolle Sexualmoral der Utopier gehört ebenso wie ihre Genügsamkeit und Bescheidenheit in der heutigen Konsumgesellschaft zu altmodischen Relikten mittelalterlichen Wertvorstellungen. Insbesondere utopisches Ansätze einer Art „Nudging“ (Gold wird mit Sklaverei, Perlen mit dem Kindesalter in Verbindung gebracht und damit unansehnlich gemacht) klingen auf den ersten Blick vollkommen unglaubwürdig. Auf den zweiten wäre es schön, wenn es vergleichbares auch bei uns gäbe.

Das Wichtigste ist allerdings der Schluss des Romans: Raphael beschreibt die religiöse Toleranz der Utopier, das friedliche Koexistieren verschiedener Glaubensmodelle und einen ideellen Missionierungsgedanken. Dieser ist auf sachliche Argumente beschränkt, weder dürfen fremde religiöse Glaubensvorstellungen niedergemacht noch eigene Anhänger aufgehetzt werden. Eine bewundernswerte Toleranz, die aus einer Einsicht resultiert, die auch heute vielen gut zu Gesicht stünde. 

Was allerdings sehr befremdlich erscheint, und auch moralisch äußerst fragwürdig, ist das Ausnutzen „unzivilisierter, barbarischer“ Nationen für den Krieg. Insbesondere das „ausbluten lassen“,  lässt die Utopier in keinem guten Licht erscheinen, und trübt die sonstige positive Sicht.

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

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experiment, schule, faschismus, nationalsozialismus, jugendbuch

Die Welle

Morton Rhue , Hans-Georg Noack
Flexibler Einband: 185 Seiten
Erschienen bei Ravensburger Buchverlag, 01.06.2017
ISBN 9783473580088
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Inhalt

Weil seine Schüler sich nicht vorstellen können, wie breite Teile der deutschen Bevölkerung zur Zeit des Nationalsozialismus Vertreibung und Massenmord stillschweigend geduldet hatten, startet der Lehrer Ben Ross an einer amerikanischen Schule ein Experiment: er gründet eine eigene Bewegung, „Die Welle“ genannt, deren Grundsätze „Macht durch Disziplin“, „Macht durch Gemeinschaft“ sowie „Macht durch Handeln“ große Begeisterung bei den meisten Schülern auslösen.
Das Experiment entwickelt eine sehr gefährliche Eigendynamik, die selbst  dem Lehrer nicht vollkommen klar wird, schließlich lassen sich am Anfang positive Veränderungen feststellen: Außenseiter finden Anschluss und der Schulstoff wird gründlicher gelernt. Als allerdings Schüler Missfallen an der Bewegung äußern, beginnt der Konflikt zwischen Mitgliedern der „Welle“ und ihren Kritikern. Ross, selbst von den Auswirkungen überrascht, muss einen Weg finden, die Katastrophe zu verhindern.

Meinung

„Die Welle“ dient oft als Paradebeispiel für den Umgang mit sektenähnlichen Gemeinschaften und das Gefahrpotenzial, das eine solche Gruppierung birgt. Das Experiment, das als Grundlage von Rhues Roman gilt, hat mit leichten Abwandlungen in der Realität stattgefunden und zählt mittlerweile zu den klassischen Experimenten der Psychologie, insbesondere im Bereich der Konformität und des Gruppendrucks.

Ohne jede Frage zeigt das Experiment deutlich auf, was geschehen kann, wenn sich Menschen zu Gruppen mit gemeinsamen Zielen zusammenschließen. Es ist allerdings zu einfach, das Resultat auf jede Form von Gemeinschaft zu übertragen. Lauries Mutter formuliert es schon richtig, wenn sie die „Welle“ als Sekte bezeichnet, ist doch die selbstgewählte Isolierung bzw. Abgrenzung von Nichtmitgliedern sowie der Missionierungsgedanke entsprechend stark vertreten. Ebenso besitzt die Welle zwar Grundsätze, diese sind aber ausschließlich struktureller Natur.

„Macht durch Disziplin, Gemeinschaft und Handeln“, das macht deutlich, worum es sich bei der Welle nicht handelt: um eine Bewegung mit inneren Werten, mit einem stabilen Gerüst aus Normen, mit einem Sinn, das die Gemeinschaft in eine positive Richtung lenken würde. „Die Welle“ ist eine inhaltsleere Bewegung, eine ohne tieferen Sinn – und das wirft Laurie ihrem Lehrer auch vor, wenn sie es vielleicht auch etwas anders meinte. Damit ist nicht gesagt, dass Disziplin bzw. das Hochhalten der Gemeinschaft als solche keine Werte sind, sondern dass diese Schlagworte eben nicht ausreichen, um das Abrutschen einer Gruppierung und ihren Drift in – in diesem Fall faschistoide – Richtungen zu verhindern.

Was (echte) Gemeinschaften zu leisten imstande sind, mag ein Paradebeispiel verdeutlichen: als 1565 die Osmanen Malta belagerten, standen die dortigen Ritter Unmenschliches durch. Eine lesenswerte Schilderung findet sich unter dem Titel „Der Schild Europas“, geschrieben von Ernle Bradford).

Aber zurück zum Roman:

Rhue schildert die Ansichten der verschiedenen Typen von Schülern, ihre Zweifel und ihre Begeisterung, ihre Kritik und ihr Lob überaus eindrücklich. Von Tag zu Tag spaltet sich die Schule stärker in zwei Lager auf, die bloß konsequente Fortsetzung des alltäglichen Schulalltags sind, auch wenn sich die personale Zusammensetzung etwas geändert hat: es gibt die angesehenen, die beliebten, die coolen, und dann eben noch die Gruppe der Außenseiter.
Da sich die gesamte Handlung innerhalb weniger Tage abspielt, bleibt kaum Zeit für eine tiefgreifende Charakterentwicklung. So ist es kein Wunder, dass sowohl das Umdenken von Laurie als auch David durch zwei Schockmomente (das Verprügeln eines jüdischen Jungen bzw. die Gewalt gegen seine Freundin) wesentlich vorangetrieben wird.

Leider konzentriert sich das Buch sehr auf die beiden Schüler sowie ihren Lehrer. Das Innenleben anderer Schüler wird nur kurz thematisiert, was schade ist, da deren Konstellation und ihre Motivationen stellenweise im Dunkeln bleiben - trotzdem eine klare Leseempfehlung.

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Tags: psychologie   (1)
 

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jugendliteratur

Das Zelt war leer

Karlhermann Bergner , Klaus jr Hinkel
Flexibler Einband
Erschienen bei Spurbuchverlag, 01.01.1992
ISBN 9783887780104
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Inhalt

Kurz nach dem zweiten Weltkrieg gerät eine junge Pfadfindersippe, die „Frundsberger“, bei ihrer ersten Wanderung in die Fänge einer russischen Waffenschieberbande. Die ortsansässige Sippe der „Waldläufer“ versucht zu helfen, scheitert aber zunächst am Widerstand der Obrigkeiten, die den dahergelaufenen Pfadfindern nur geringschätzig gegenüberstehen.
Es bleibt den Pfadfindern keine andere Wahl, als selbst aktiv zu werden und es mit der Russenmafia aufzunehmen.

Meinung

Das Buch gehört zur Jugendbuchliteratur und zählt damit nicht zu dem üblichen vorgestellten Portfolio. Trotzdem kann ich es auch Erwachsenen – Jugendlichen (aber keinen Kindern)  natürlich noch viel mehr – wärmstens ans Herz legen. Es sind zwar „nur“ Kinder, die in dem Buch eine tragende Rolle spielen, während die Erwachsenen abgesehen von den Polizisten am Ende entweder eindeutig zu den Bösen gehören (Waffenschieber), oder zumindest als unfähig dargestellt werden (Bürgermeister), aber diese sind von einer Charakterstärke und einer Reife, die man in der heutigen Zeit bei vielen vermisst.

Vicki, der fünfzehnjährige Sippenführer der ortsansässigen „Waldläufer“, zeichnet sich durch seine Beharrlichkeit aus. Zum einen hält er seine kleine, aber schlagkräftige Gruppe gegen jeglichen Widerstand zusammen, zum anderen setzt er alle Hebel in Bewegung, um den Frundsbergern aus der Klemme zu helfen. Während der Jünglingsverein nur ein erbärmlicher Schatten seiner früheren Selbst ist, ist es Vicki gelungen, die Einsatzbereitschaft und Tatkraft seiner Mannen in schaffensfreudige Bahnen zu lenken.

Vor allem ist hier „Pudel“ zu nennen, der von seinem Onkel ausgebeutet wird und den ganzen Tag schwer ackern muss – und doch hilfsbereit ist, sobald es darauf ankommt. Der Junge weiß genau, dass es zuhause Ärger geben wird, wenn er sich davonstiehlt, und doch zögert er keine Sekunde, um seinen Freunden bei dem gefährlichen Abenteuer beizustehen. „Den Freund erkennt man in der Not“, in Zeiten oberflächlicher Netzkontakte bewahrheitet sich dieses Sprichwort leider zu oft im negativen Sinne.

Ralf, Sippenführer der „Frundsberger“, hat mit strukturell ähnlichen Problemen zu kämpfen. Er ist kaum fünfzehn Jahre alt, und das lassen ihn die Eltern seiner Leute deutlich spüren – zwei dürfen nicht mit auf Fahrt, weil die Eltern Ralf seine Erfahrung absprechen. Unter der Last der Verantwortung  knickt Ralf aber nicht ein. Für die Lage, in die seine  Sippe geraten ist, kann er nichts, und doch setzt er alles daran, aus der unverschuldet misslichen Lage zumindest seine anvertrauten Schützlinge heil hinauszubringen.

Man mag vielleicht der Ansicht sein, Ralfs Opfer sei komplett überhöht beschrieben, wie in einer Aristie der Griechen. Dass kein Kind/Jugendlicher derart charakterstark sein könnte, um sich so zu verhalten, wie Ralf es tat. Zugegeben, die Geschichte ist fiktiv, aber auch in der Realität gibt es immer wieder Situationen, in denen Jugendlicher ihre Charakterstärke bewiesen – auch wenn sie leider viel zu selten sind.

Warum ich das Buch empfehle? Angesichts vieler Entwicklungstrends der heutigen Jugend können ein kleines bisschen Rückbesinnung und mehr Achtsamkeit kaum schaden.

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190 Bibliotheken, 7 Leser, 0 Gruppen, 29 Rezensionen

internet, thriller, überwachung, marc elsberg, datenschutz

ZERO - Sie wissen, was du tust

Marc Elsberg
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 17.10.2016
ISBN 9783734100932
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Inhalt


Eine Hackertruppe spioniert unter dem Namen „ZERO“ dem US-Präsidenten hinterher – und überträgt die Videos live ins Internet. Die Reporterin Cynthia Bonsant berichtet – und gerät selbst in die Schlagzeilen, als ein Freund ihrer Tochter vor den Augen der Öffentlichkeit ums Leben kommt, weil er die eigentlich ihr zu Verfügung gestellte hochmoderne Datenbrille trägt.
Gesponsert von Freemee, einem Unternehmen, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die von seinen Nutzern freiwillig zu Verfügung gestellten Daten zu versilbern, versucht sie, hinter die Identität des Hackerkollektivs zu gelangen. Gleichzeitig  benutzt ZERO die neu gewonnene Popularität und Aufmerksamkeit, um die Missstände in der digitalen Welt, angefangen von Datensicherheit bis hin zum gläsernen Menschen, anzuprangern. Bonsant entfesselt unabsichtlich ein perfides Katz-und-Maus-Spiel und wird selbst zum Spielball.

Meinung

Plotmäßig nicht ganz so überragend wie sein Vorgänger (die Parallelen zwischen Zero und Blackout sind nicht zu übersehen), nimmt sich Elsberg einem ebenso, vielleicht sogar wichtigeren  Thema an: den Umgang der Menschen mit ihren Daten. Auch wenn es etwas unglaubwürdig ist, dass Bosnant als Journalistin überhaupt keine Ahnung vom aktuellen Trend hat und damit ständig belehrt werden muss (was natürlich vor allem dazu dient, den Leser langsam in die Welt der 1en und 0en einzuführen).

Hier liegt auch ein großer Pluspunkt: Elsberg hat eine Vielzahl netter Anekdoten und Beispiel von aktueller Überwachung und Datenanalyse recherchiert, beispielsweise den Fakt, dass Drogerieketten aufgrund der gekauften Produkte nicht nur die Schwangerschaft, sondern auch den ungefähren Geburtstermin ihrer Kundinnen kennen. Auch der Scareness-Faktor, die absichtliche Einspielung unpassender Werbung um den PC-Nutzer nicht zu sehr zu gruseln, wurde zu Recht ausgegraben.

In seinem Bekanntenkreis wird man mit Sicherheit das eine oder andere Mal das (unzulässige) Argument gehört haben, man sei unbescholtener Bürger und habe nichts zu verbergen. Nach der Lektüre von Zero sollte klar sein, dass der Umgang mit den persönlichen Daten jeden betrifft – gerade diejenigen, die glauben, selbst von der Thematik überhaupt nicht betroffen zu sein.

Gekonnt führt der Autor aktuelle Entwicklungen weiter und stellt Prognosen auf, die sich in den nächsten Jahren durchaus bewahrheiten könnten. Schon jetzt werden Daten als Gold der Zukunft bezeichnet, und dass naive Bürger ihre eigenen Daten für einen geringen Nebenverdienst an Unternehmen verkaufen, ist bloß eine konsequente Fortsetzung aktuellen Geschehens. Das gleiche gilt für die „ActApps“, kleine Programme, die Menschen bewerten und nach Maßstäben zu verbessern suchen, die angeblich von der Gesamtheit aller definiert werden, in Wahrheit aber (zumindest möglicherweise) von einigen wenigen vorgegeben werden können.

Auch wenn wir von einer Freemee-ähnlichen Firma noch (ein bisschen) entfernt sind, sind uns die sozialen Netzwerke mit all ihren Strukturen bekannt, andere Menschen und deren kommunikative Beiträge zu loben, bestätigen oder abzustrafen.

Wenn etwas umsonst ist, ist der Nutzer das Produkt, diesen Spruch sollte man in der digitalen Welt niemals vergessen. In Zeiten angeblich manipulierter Wahlkämpfe, FakeNews, WikiLeaks, Abhörskandalen etc. pp. gibt zumindest das Schlagwort Glasshole etwas Hoffnung.

Vielleicht ist es noch nicht zu spät.

Und vielleicht darf man Hoffnung aus Zeros Schlussworten schöpfen, aus der geschichtlichen Anspielung am Ende eines jeden Videos. Der Wunsch nach der Zerstörung der Datenkraken erinnert nicht von ungefähr an „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam!, Catos Wunsch, Karthago endlich zu zerstören. 146. v. Christus wurde Karthago geschleift. Hoffen wir, dass sich auch Zeros Wunsch erfüllt.

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

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Tags: dystopie   (1)
 

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selbstlosigkeit, ehre, opfer, kampf

Der Schild Europas

Ernle Bradford
Flexibler Einband
Erschienen bei Ullstein TB, 01.06.1997
ISBN 9783548349121
Genre: Sonstiges

Rezension:


Inhalt

Auf Malta stehen sich 40.000 Soldaten des osmanischen Reiches und knapp 750 Johanniter-Ritter und 8000 Malteser gegenüber. Neben ihrer zahlenmäßigen Übermacht setzen die Türken massiv Artillerie ein, um die maltesischen Festungen dem Erdboden gleich zu machen. Auf St. Elmo, einer strategisch bedeutsamen Feste, gehen so mehr als 6000 80kg-Kugeln nieder – pro Tag (das macht mehr als vier Kugeln pro Minute!).
Obwohl die belagerten Ritter und Malteser wochenlang vergeblich auf Hilfe von Spanien und Italien warten, verlieren sie ihren unerbittlichen Verteidigungswillen nicht, was vor allem der unglaublichen Charakterfestigkeit des Johanniter-Großmeisters Jean Parisot de la Valette zu danken ist. La Valette, bereits türkischer Gefangener und Galeerensträfling gewesen und inzwischen über 80 Jahre alt, geht seinen Kriegern mit beispiellosem Vorbild voran.

Meinung

Wenn diese Geschichte nicht wahr wäre, müsste man sie erfinden.

Eigentlich braucht man gar nicht mehr zu schreiben, aber ein paar besondere Begebenheiten will ich trotzdem kommentieren. Zuallererst ist der Abwehrkampf der Ritter (der Johanniterorden existiert als Malteserorden noch heute) ohne die einheimische Bevölkerung nicht denkbar. Auch wenn nur wenige Malteser namentlich bekannt wurden, leisteten auch sie beachtliches.

Es gehört Mut dazu, zu sterben, aber noch mehr Mut ist erforderlich, um Männer in den Tod zu schicken. Die Osmanen konzentrierten ihre Truppen anfangs auf die vorgelagerte Festung St. Elmo, und nachdem sie mit ihren Kanonen und Schützen auch die angrenzende Bucht kontrollieren, wird es la Valette nahezu unmöglich gemacht, Verstärkungen zu schicken. Noch endlosen Tagen des Kämpfens ist klar, dass die Festung früher oder später endgültig fallen wird. La Valette sieht davon ab, Männer in den verlorenen Außenposten abzukommandieren, und sofort melden sich Dutzende Ritter, die freiwillig nach St. Elmo übersetzen wollen. Und ein solches Freiwilligenkorps findet sich nicht nur einmal, sondern mehrmals. Tagelang gehen Ritter freiwillig nach St. Elmo, ohne Hoffnung, lebendig von dort zurückzukehren.

Für mich war die Glaubensstärke dieser Menschen zutiefst beeindruckend.

Während die Osmanen davon ausgingen, das kleine St. Elmo innerhalb weniger Tage zu nehmen, hielt die Festung fast einen ganzen Monat stand.

Der Großmeister la Valette hat trotz aller Leuchtkraft seines Vorbilds aber auch seine schwachen Momente, als er beispielsweise türk. Gefangenen die Köpfe abschlagen und zum osmanischen Heer schießen lässt, nachdem diese die letzten Ritter in St. Elmo kopflos gekreuzigt hatten. Aber gerade diese Schwäche ist es, die ihn menschlich macht, und aufzeigt, wie oft der Großmeister über sich hinausgewachsen ist und einen nahezu Geist und Willen demonstrierte – wenn er beispielsweise nur notdürftig gerüstet selbst das Schwert ergreift, um in die Bresche zu springen und seinen Rittern Kraft zu spenden.

Zu guter Letzt sei an einen Satz aus einer seiner Reden erinnert, der sich mit den französischen Worten „Noblesse oblige“, also „Adel verpflichtet“, wiedergeben lässt. La Valette ist von Anfang an bewusst, dass die Zukunft des Ordens auf Messers Schneide steht und ihre Lage eher aussichtlos ist. Was ihn dennoch zum Widerstand gegen die osmanische Macht bewegt, ist nicht nur, dass der Orden einen weiteren Rückzug vielleicht nicht überleben würde. Es ist auch die Tatsache, dass von alters her die Ritter eine Verpflichtung gegenüber Gott und dem Volk eingegangen sind: der gemeine Mann versorgt sie, und umgekehrt ist es die Pflicht des Ritters, diesen (auch mit seinem Leben) zu beschützen. Zitat:

Wer privilegiert ist, muss auch die Tatsache bejahen, dass die einzige Rechtfertigung unser Ausnahmestellung in der Bereitschaft liegt, alles zu opfern, wenn der Ruf an uns geht.

Wenn man den alten Adel als Führer des Volkes bezeichnet, dann übernehmen diese Rolle heutzutage die Politiker, schließlich werden auch sie vom „gemeinen Mann“ dafür bezahlt, die Geschicke des Staates zu lenken. Wer allerdings hält einem Vergleich mit den damaligen Privilegierten stand, was Gerechtigkeit, Selbstlosigkeit, Einsatzbereitschaft und Opferbereitschaft angeht?

Es wäre allerdings zu einfach, alle Schuld von sich selbst zu weisen. Wir alle sind für die Gesellschaft verantwortlich, in der wir leben. Deshalb zum Abschluss ein passendes Sprüchlein:

Kann ich nicht Dombaumeister sein,
behau ich als Steinmetz einen Stein.
Fehlt mir auch dazu Geschick und die kräftige Hand,
trage ich Mörtel herbei und Sand.
                                                                     Rudolf Baumbach

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

PS: Wem der Stil meiner Rezension bzw. die Auswahl der vorgestellten Bücher gefällt, findet auf meinem Blog (https://cynthor.wordpress.com) weitere „Bücherschätze“ und auch Infos zu meinem eigenen gesellschaftskritischen Fantasy-Roman Ethopia – Erwachen.

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Tags: ehre, kampf, opfer, selbstlosigkeit   (4)
 

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2.458 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 39 Rezensionen

klassiker, komödie, physiker, drama, mord

Die Physiker

Friedrich Dürrenmatt
Flexibler Einband: 93 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 01.10.1998
ISBN 9783257208375
Genre: Klassiker

Rezension:


Inhalt

Nachdem ein Patient einer Irrenanstalt eine Krankenschwester ermordet hat, ermittelt Inspektor Voß, scheitert aber am Widerstand der Leitung in Gestalt von Dr. Mathilde von Zahnd. Drei ihrer Patienten sind besonders wichtig, von denen sich zwei für Einstein bzw. Newton handeln, während Möbius, dem dritten, angeblich Salomo erschienen ist.
Möbius, ein hervorragender Physiker, verliert aufgrund der Erscheinungen Reputation und Beruf, anschließend die Familie, und lebt nun alleine.Es stellt sich heraus, dass auch die beiden anderen Physiker von Weltformat sind, die von ihren jeweiligen Regierungen (Washington bzw. Moskau) dazu gebracht wurden, ihre Unzurechnungsfähigkeit auch mittels Mord zu beweisen, um an das Wissen zu kommen, das Möbius besitzt.

Meinung

Kennen wahrscheinlich viel aus der Schule – aus dem Deutsch- nicht dem Physikunterricht. Dürrenmatt gelingt eine exzellente Mischung aus Tragödie und Komödie.

Genial finde ich zum einen die auffallende Parallelität zwischen erstem und zweitem Akt, nur dass die Handlung mit umgekehrtem Vorzeichen abläuft. Ist Voß anfangs noch bemüht, den ersten Mord an der Krankenschwester aufzuklären, genießt er schnell die Möglichkeit, sein Gewissen und damit die Gerechtigkeit einmal ruhen zu lassen. Was zeichnet es für das Bild der personifizierten Justitia, die nicht aufgrund ihrer Neutralität blind ist, sondern weil sie einfach keine Lust hat, sich selbst mit einem Mordfall (!) zu befassen? Überaus düstere Ansichten des Schriftstellers, was polizeiliche Ordnungsgewalt angeht.

Mit der Figur des Möbius hat Dürrenmatt den Prototypen eines idealen Wissenschaftlers geschaffen: hochintelligent, schließlich gelingt ihm nicht weniger als das, was die Physiker seit Jahrhunderten umtreibt, nämlich das Aufstellen der Weltformel. Auch wenn dies nicht auf naturwissenschaftlicher Basis explizit beschrieben wird, es es Möbius also gelungen, die vier Grundkräfte in einen logischen Zusammenhang zu bringen, was auch eine Manipulation der Gravitation ermöglicht.
Möbius zweite hervorstechende Charaktereigenschaft ist sein Vermögen, aus seinen Schlussfolgerungen die richtigen Konsequenzen zu ziehen und zu diesen zu stehen. Der Physiker drückt sich keineswegs vor der Verantwortung, die sich aus seiner Forschung bzw. seinem Wissen ergibt. Über die Väter der Atombombe wurde genug geschrieben, und Möbius „Erfindung“ übertrifft die positiven und negativen Möglichkeiten der Atomkraft nochmals bei weitem, aber ich halte es für müßig, über Auswirkungen zu philosophieren.
Viel entscheidender ist die reine Tatsache, dass Möbius sich nicht auf dem sprichwörtlichen Elfenbeinturm der Wissenschaft versteckt, sondern alles aufgibt, was ihm wichtig ist: Frau, Kinder und Beruf, auf all das verzichtet er sehenden Auges, weil es seiner Meinung nach die einzige Chance ist, die Situation zu einem befriedigenden Ende zu führen. Unbestritten ist Möbius bewusst, dass mit seinem Wissen viel Gutes getan werden könnte. Schlichtweg die Tatsache, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt, treibt ihn zu seinem Opfer, und das ist Zeichen eines beeindruckend bewundernswerten Charakters, der sein Selbst und sein persönliches Wohlergehen – selbst in Verbindung mit dem Glück seiner Familie – weit geringer ansieht als das Wohlergehen der Menschheit.

Er mordet selbst die unschuldige Krankenschwester, deren einziges Vergehen darin bestand, die Wahrheit herauszufinden. Möbius Verhalten ist konsequent, und er legt an sie nicht mehr als den gleichen Maßstab an, dem auch er sich unterworfen hat: ähnlich wie er ist auch Monika Wissen zuteil geworden, und weil dieses niemals ans Licht kommen darf, sieht Möbius ihren Tod als einzigen Ausweg.

Abgesehen von dem eigentlichen Stoff der „Geschichte“, wie Dürrenmatt sie in seinen 21 Punkten bezeichnet, sind ebendiese tiefschürfender, als ihre Schlichtheit vermuten lässt.

„Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen.“,

lautet Punkt Nummer 16 und ist die Quintessenz des Dramas, der Satz, der Triebfeder des Handelns Möbius ist.

Auch die Nummer 18,

„Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.“,

verdeutlicht die Problematik ebenso. Möbius Selbstopfer ist zwar gut gemeint, aber nicht nur sinnlos, sondern führt gerade erst zur schlimmstmöglichen Wendung. Dürrenmatt fordert Partizipation. Wenn Schwierigkeiten auftreten, die sich auf die Gesamtheit der Menschheit erstrecken, dann muss auch ebendiese Gesamtheit aktiv werden, das Problem angehen und eine Lösung finden – wobei man sich vor allzugroßer Kompromissbereitschaft hüten sollte. In dem globalen Dorf, zu dem unsere Welt leider (?) geworden ist, ist sonst nichts zu holen.

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

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Tags: drama, ethik, forschung, physik, verantwortung, wissenschaft   (6)
 

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fantasy, vampire, magie, wächter der nacht, zwielicht

Wächter der Nacht

Sergej Lukianenko , Christiane Pöhlmann
Flexibler Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.09.2015
ISBN 9783453316188
Genre: Fantasy

Rezension:

Inhalt (bezieht sich – ohne zu spoilern - auf die gesamte Reihe)

Die Anderen leben mitten unter uns – und das seit Jahrhunderten. Die Anderen, das sind Hexen, Magier, Gestaltwandler und Vampire, die in zweierbittert verfeindeten Gruppen um die Vorherrschaft streiten. Die Wächter der Nacht symbolisieren dabei die Kräfte des Guten, während die Wächter des Tages die dunkle Seite repräsentieren. Die Vertreter der Mächte des Dunkels und des Lichts können dabei Magie wirken, unterliegen aber alten Regeln, die den Kampf um die Macht in ein komplexes Spiel voller Intrigen und Täuschungen verwandeln.

Der Leser begleitet Anton, anfangs bloß ein gewöhnlicher Magier mit geringen Fähigkeiten, der im Laufe der Buchreihe deutlich an Macht und Reife gewinnt. Dabei offenbaren sich ihm Buch für Buch weitere Wahrheiten über die Magie und die Welt der Anderen.

Meinung

Eine Buchreihe, die ich von Anfang bis Ende verschlungen habe – und ich muss sagen, dass Lukjanenko es geschafft hat, nach einem großartigen Finale zum richtigen Zeitpunkt aufzuhören. Meiner Meinung nach ist die Wächter-Reihe, die aus immerhin sechs Bänden besteht, zu Recht so erfolgreich, und das aus mehreren Gründen:

Anton ist der wesentliche Protagonist der Bücher und je mehr Geheimnisse und Rätsel er lüftet, desto mehr erfährt auch der Leser über die Welt der Anderen und des Zwielichts. Am Anfang ebenso naiv und unerfahren wie der Magier, werden mit jedem weiteren Buch größere Zusammenhänge offenbart. Lukjanenko gelingt es dabei, den Leser mitzunehmen und ihn nicht bloß vor vollendete Tatsachen zustellen bzw. Anton als Oberlehrer zu missbrauchen, sodass die Spannung stets erhalten bleibt und der Leser mit den Protagonisten mitfiebert.

Wenn auch Kämpfe und actionreiche Sequenzen Teil aller Bände sind, liegt der Fokus doch mehr auf den tiefgreifenden Verbindungen der Welt der Anderen. Die Finesse und Genialität, mit der die dunklen bzw. lichten Mächte, vertreten durch Sebulon und Geser, Zug um Zug ihres undurchsichtigen Schachspiels planen und durchziehen und ihre höchst intelligenten Intrigen sind absolut brillant geschildert. Dazu kommt die Tatsache, dass beide mit höchst undurchsichtigen Karten spielen, und ihre Maske so gut wie niemals lüften. Selbst als Anton Geser ebenbürtig ist, zumindest was Kraft, wenn auch nicht Wissen und Erfahrung angeht, rückt er sein Wissen nur zögerlich raus, weil er genau weiß, dass er bloße Spielfigur und nicht Spieler ist.

Der größte Pluspunkt der Wächterreihe ist für mich abgesehen von der angesprochenen Komplexität ein anderer: an „normaler“ Fantasy stört mich im Normalfall die fehlende Tiefe. Zu oft wird einfach nur die klassische Heldenreise a la James Joyce abgerissen (Zusammengefasst: zuerst bricht der Held zu seiner Mission auf. Dabei übersteht er brenzlige Situationen, lernt und erleidet vieles, muss Versuchungen Widerstehen und große Risiken auf sich nehmen. Zuletzt besiegt er den Feind, in welcher Form auch immer, und beendet die Mission erfolgreich.).

Bei Lukjanenko wird die Heldenreise von einer Tiefgründigkeit geprägt, die ich bisher selten gefunden habe. Was man in vielen Büchern klassischerweise als Kampf gut gegen böse liest, wird bei ihm zu einem Kampf in der Grauzone. Die Kräfte des Lichts sind keineswegs eine Personifikation des Guten, und umgekehrt ist auch die böse Seite zutiefst menschlich – auch wenn sich der Leser eher den Lichten verbunden fühlt.

Die Dualität nicht zu verteufeln, sondern bewusst zu akzeptieren und mit ihr zu spielen, ist die große Stärke des Autors, und insbesondere Band vier und sechs weisen philosophische Züge auf. Band vier behandelt das Thema Tod und Wiedergeburt, bzw. die Tatsache, dass es ohne ersteren kein letzteres geben kann. Band sechs enthüllt viele Geheimnisse um das Zwielicht und thematisiert den grundlegenden Pakt der Menschen mit dem Zwielicht, wobei die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen.

Fazit: auch wer Geschichten über Vampire und Werwölfe nicht mag, sollte mal Probe lesen – man stößt auf spannende, gut durchdachte Literatur, die dazu anregt, sich mit zentralen Themen des menschlichen Daseins zu beschäftigen. Absolut empfehlenswert!

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

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Tags: fantasy, magie, russland, urban fantasy   (4)
 

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dystopie, klassiker, gesellschaftskritik, bücher, science fiction

Fahrenheit 451

Ray Bradbury , ,
Audio CD
Erschienen bei Diogenes, 27.05.2008
ISBN 9783257801804
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Inhalt

In einer dystopischen Zukunft sind Bücher verboten. Erlaubte Medien sind Radio und Fernsehen, die allerdings die Bürger manipulieren und abstumpfen lassen. Der Protagonist des Romans trägt den Namen Guy Montag und ist Feuerwehrmann – d.h., seine Aufgabe besteht darin, verbotenerweise gesammelte Bücher zu verbrennen.
Guy zweifelt insgeheim allerdings am aufgebauten System, und seine Zweifel werden noch verstärkt, als er auf Clarisse trifft, eine junge Frau die ihm die Schönheit und den Wert des gedruckten Wortes vor Augen führt. Guy beginnt zu rebellieren und wird schnell zum ungeliebten Staatsfeind.

Meinung

Klassische Dystopie, die durchaus mit den Genreklassikern mithalten kann. Das geschichtliche Setup ist nichts neues, Guy lebt in einem absolutistischen Staat, dessen Führung damit beschäftigt ist, das einfache Volk von den wesentlichen Dingen abzuhalten.

„Neu“ ist allerdings die Art und Weise, wie die unbekannten Herrscher vorgehen: im Gegensatz zum Großen Bruder Orwells, in dessen Welt die Geschichte ständig neu gedeutet, uminterpretiert und umgeschrieben wird (FakeNews lassen grüßen!), sodass niemand mehr weiß, was wahre Historie und was Fiktion ist, werden in Bradburys Roman kurzerhand alle schriftlichen – und damit langlebigen – Werke verbannt - aus den Augen, aus dem Sinn, sozusagen. Nicht umsonst ist die Entwicklung einer Schrift eine der höchsten Leistungen eines Volkes, und alle frühen Hochkulturen waren gerade durch die Existenz einer Schriftform gekennzeichnet.

Der gesunde Menschenverstand gebietet allerdings eine andere „Kulturform“, um die Bürger von den dringenden Problemen ihrer Zeit abzulenken (wie dem nebenbei erwähnten Krieg). Prophetischerweise – Fahrenheit 451 wurde bereits 1953 geschrieben – sind die Medien der Wahl vor allem Radio und Fernsehen, mit denen die Stadtbürger geradezu bombardiert werden. Anstelle von informationslastigen Dokumentationen oder Tatsachenberichten, politischen Interviews oder ähnlich sinnvollen Bildergeschichten werden die Zuschauer im wahrsten Sinne des Ortes mit stumpf produzierten Shows zugemüllt und verblödet. Unwillkürlich stellt sich dem heutigen Leser die Frage, ob es bei dem nachmittäglichen Programm gewisser Sender nicht an der Zeit wäre, die Reißleine zu ziehen – gewisse Parallelitäten sind nicht zu übersehen, und die Folgen davon bekommt ebenfalls jeder mit, der mit offenen Augen durchs Leben geht.

Geniale Idee – und wieder ein prophetischer Vorgriff auf die Political Correctness heutiger Tage – ist die Umdeutung des Begriffs Feuerwehr (bzw. die Zweideutigkeit des Wortes Firemen im Englischen). Die einstigen Helden der Brandbekämpfung, die (Vorsicht, Klischee) alten Omas ihre Kätzchen vom Baum holen, sind zu Verrätern ihres Heldentums und zu Unterstützern des Systems geworden, ein absolut feinsinniger Kunstgriff Bradburys.

Zu was der Zerfall schriftlicher – und  damit streng genommen jeglicher  – Kultur führt, wird auch am Beispiel der Jugendlichen deutlich,  für die es zum neusten Trend geworden ist, fremde Bürger aus Jux und Tollerei zu Tode zu hetzen.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und den aktuellen Prozess in Berlin vor Augen hat.

Euch wünsche ich allerdings sonnige Tage und erholsame Nächte!

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Tags: dystopie, gesellschaftskritik, prophezeiung, satire   (4)
 

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1.007 Bibliotheken, 39 Leser, 1 Gruppe, 107 Rezensionen

stromausfall, thriller, europa, blackout, katastrophe

BLACKOUT - Morgen ist es zu spät

Marc Elsberg
Flexibler Einband: 800 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 17.06.2013
ISBN 9783442380299
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Inhalt

Eine Gruppe anarchischer Hacker gelingt es, das gesamte Stromnetz Europas lahmzulegen. Während Regierungsbehörden und staatliche bzw. internationale Organisationen damit kämpfen, einerseits die Auswirkungen der Katastrophe in den Griff zu bekommen, und andererseits deren Verursacher zur Strecke zu bringen, stürzt Europa ins Chaos.
Nachdem in ganz Italien der Strom ausgefallen ist, findet der italienische IT-Fachmann Manzano erste Hinweise, dass der Blackout keine „natürliche“ Ursache hat: Unbekannte haben die intelligenten Stromzähler manipuliert und somit den Stromausfall initiiert. Weil ihm in Italien niemand Glauben schenkt, informiert Manzano über einige Umwege Europol, die mit ihm gemeinsam beginnen, die unbekannten Terroristen zu jagen. Gleichzeitig versuchen Menschen in ganz Europa, die Kraftwerke und damit die Stromversorgung wieder in Gang zu bringen, während mit jeder Stunde die Auswirkungen der Katastrophe dramatischer werden: die Wasserversorgung bricht zusammen, Lebensmittel werden knapp, die Notstromversorgung in Krankenhäusern fällt aus, Probleme bei der Kühlung der Atomkraftwerke führt zu einer Evakuierung vom tausenden Menschen, die in Notunterkünften zusammengepfercht leben müssen.

Meinung

Elsbergs Science-Thriller gewährt dem Leser Einblick in die sonst weitgehend unbekannte Welt des elektrischen Stroms. Dass dieser in Kraftwerken diversester Arten produziert und über Leitungen in die Privathaushalte eingespeist wird, dürfte jedem klar sein, aber die beinahe filigrane Komplexität dieses Unterfangens bleibt dem Normalbürger eigentlich verborgen. Diese sorgt wiederum für den hohen Realitätsgrad des beschriebenen Szenarios – einmal aus dem Gleichgewicht gebracht, ist der Koloss Stromversorgung eben nur schwer wieder in Bewegung zu versetzen.

Der Autor konzentriert sich vor allem auf die Arbeit der Regierungen und regierungsähnlichen Institutiuonen. Das ist verständlich, wird dort doch die Handlung vorangetrieben und man ist so nahe am Geschehen wie möglich. Etwas enttäuschend ist es allerdings schon, dass gerade die Auswirkungen, die einen selbst im Falle eines echten Blackouts treffen würden, nur anhand einer Familie, die in engem Kontakt zu Europol steht, anhand von Regierungsberichten und anhand der Erlebnisse des Italieners beschrieben werden, die allesamt nicht gerade dem typischen Normalbürger Max Mustermann entsprechen.

Dies ist umso ärgerlicher, weil Elsberg die Gefahren und Folgen der Katastrophe eindrucksvoll zu schildern vermag: der Kampf um Nahrungsmittel, Sterbehilfe, Erpressung und Diebstahl, all dies wird in einer guten Mischung von empfindsam bis zynisch beschrieben. Einige weitere dieser kleinen Ausflüge in das Leben des Standardbürgers hätten der Verbrecherjagd nicht geschadet.

Der größte Pluspunkt ist das zutiefst realistische Menschenbild, das genau die Erwartungen erfüllt, die der Leser  (zumindest ist es mir so ergangen) hat – was natürlich auch einiges über einen selbst aussagt. Elsberg ergeht sich nicht in endlosen Oden über Solidarität und Nächstenliebe der Bürger in ihrem Kampf gegen Kälte und Hunger, sondern extrapoliert den Zeitgeist konsequent weiter. Die Lieblosigkeit unserer Tage im alltäglichen Umgang miteinander (nicht in der Familie, sondern darüber hinausgehend), die Ellbogen-Mentalität und der Glaube an das Recht des Stärkeren werden folgerichtig zum neuen Mantra der Zeit.

Wer nicht im Glashaus sitzt, kann leicht mit Steinen werfen – das gilt wie immer auch bei beschriebenen Szenario in besonderem Maße, schließlich kann man keinem Menschen ernsthaft vorwerfen, im Kampf ums Überleben halbe Sachen zu machen. Wenn dabei aber alles auf der Strecke bleibt, was den Menschen zum Menschen macht,  ist der weitere Weg unausweichlich. Kein Wunder, dass die großen Firmenchefs zwar als fähig, aber moralisch ungeeignete Persönlichkeiten dargestellt werden, die selbst im Angesicht tausender weiterer Opfer versuchen, aus der Krise Profit zu schlagen bzw. die Firma zu retten, und fraglos finanzielle Mittel auf der Prioritätenliste oberhalb von Menschenleben verordnen. Nette Seitenhiebe, etwa der Kommentar, für einen Krieg könne man doch sehr leicht Gründe finden, das habe das Beispiel Irak doch deutlich gezeigt, oder der Wahnsinn, sich auf unzuverlässige Kraftwerke wie Windräder etc. zu verlassen, runden die ganze Geschichte ab.

Was von dem Roman bleibt?

Mit Sicherheit die Diskussion über die Sicherheit neuer Medien, die seit Jahren anhält und erbittert geführt wird. Eine 100%-Sicherheit kann und wird es niemals geben, das hat Elsberg deutlich gemacht (war aber auch schon vor ihm bekannt). Trotzdem ist es ihm zu verdanken, jedem seiner Leser vor Augen geführt zu haben, welcher potenziellen Entwicklung wir entgegensteuern, insbesondere, wenn sich der Großteil der Bürger an Datenschutzdebatten weder beteiligt, noch ihre Stimme in die Waagschale wirft.  

Außerdem bleibt bei dem ein oder anderen vielleicht auch ein kleines bisschen Genugtuung. Den Argumenten der anarchischen Hacker – und damit Elsbergs Gesellschaftskritik – kann man sich nicht vollkommen verschließen. Ihre Ansichten sind keineswegs diejenigen vollkommen durchgeknallter Irrer, wenn auch die angeblichen Wahrheiten und Rechte, die sie daraus ableiten, mit normalem Menschenverstand nicht zu erklären sind. Auch wenn ihr Masterplan in seiner Gesamtheit gescheitert ist, haben sie ihr Ziel – ein Umdenken der Bürger – vielleicht doch schon erreicht. Wenn die extrem hohen Opferzahlen unschuldiger Menschen nicht wären, täte insofern ein kurzer Blackout dem ein oder anderen vielleicht sogar gut.

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

PS: Wem der Stil meiner Rezension bzw. die Auswahl der vorgestellten Bücher gefällt, findet auf meinem Blog (https://cynthor.wordpress.com) weitere "Bücherschätze" und auch Infos zu meinem eigenen gesellschaftskritischen Fantasy-Roman "Ethopia - Erwachen".

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Tags: dystopie, strom   (2)
 

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dystopie, überwachung, science fiction, zukunft, totalitärer staat

Wir

Jewgenij Samjatin , Evgenij Samjatin
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Europäischer Literaturverlag, 25.02.2011
ISBN 9783862670772
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Inhalt

Im Vereinigten Staat, der nach einem 200 Jahre währenden Krieg gegründet wurde, werden Abweichler und Revolutionäre mit dem Tode bestraft. Das Dasein eines jeden Menschen ist geprägt von klaren Regeln und strengster Ordnung mathematischer Präzision. Das momentane Großprojekt der Gesellschaft ist der Bau eines Raumschiffs, der „Integral“, die alle Errungenschaften der Zivilisation in fremde Welten bringen soll. Ihr Konstrukteur trägt den Namen D-503 und schreibt ein Tagebuch, dessen Inhalt den Roman darstellt.
D-503 beginnt eine Beziehung zu einer mysteriösen Frau, die seine klare Welt aus den Fugen geraten lässt. Er beginnt, an den vom „Wohltäter“ aufgestellten Wahrheiten und am System zu zweifeln, was ihn zum Revolutionär macht.

Meinung

Bereits 1920 geschrieben, stellt „Wir“ eine Art Keimzelle oder Ursprungsform der Dystopie dar, zu der spätere Werke wie „1984“ oder „Brave New World“ unverkennbar Parallelen aufweisen (beispielsweise entspricht Orwells Großer Bruder dem Wohltäter Samjatins). Das heißt nicht, dass „Wir“ deswegen lesenwerter oder weniger empfehlenswert ist – es bestärkt nur meine Ansicht, dass Bücher Ideen transportieren, die zur Inspirationsquelle anderer Autoren werden, und dass diese Gedanken aufgegriffen, variiert und wieder abgegeben werden.

Die Behauptung, man würde den Spaß an Orwells und Huxleys Dystopien verlieren, wenn man „Wir“ zuerst liest, wie man sie ab und an im Netz vorfindet, unterstütze ich nicht. Es gibt natürlich Ähnlichkeiten, aber die Schwerpunkte der Autoren liegen auf unterschiedlichen Themen und es gibt genug Unterschiede, um an allen Werken Vergnügen zu haben.

Glück ohne Freiheit oder Freiheit ohne Glück – eine andere Möglichkeit gibt es nicht.,

diese Aussage, vor bald 100 Jahren geschrieben, ist heute aktueller denn je. Im Kampf gegen Terrorismus und im Zuge der Bekämpfung fundamentalistischer Gruppen egal welcher Couleur wird im Zuge der Sicherheit Stück für Stück die Freiheit eines jeden Menschen angegriffen und aufgegeben. Überwachung per GPS und Handyortung, das Abhören von Telefongesprächen, Überprüfung des eMail-Verkehrs, die Sammelwut der Datenkraken usw., eine endlose Liste, die Samjatin bestürzt hätte.

Die Frage ist nur, ob wir damit glücklich werden können? Die große Mehrheit wird sie wohl mit ja beantworten, denn heutzutage wird Schweigen schon als Zustimmung gewertet. Davon, dass die Menschen des Vereinigten Staates allerdings glücklich sind, ist wenig zu merken, und ich halte die Menschen unserer Zeit auch nicht für glücklicher als die Menschen von früher. Sich Glück durch die Aufgabe von Freiheit erkaufen zu können, ist ein gefährlicher Irrglaube.

Ähnlich wie in Rands „Hymne“ weißt auch „Wir“ sprachliche Besonderheiten auf: die logische Welt, in der D-503 sich befindet, prägen ihn ebenso wie sein Beruf. Seine Sprache besteht zum großen Teil aus mathematischen Ausdrücken, in die man sich erst einfinden muss – zumindest, wenn man keinen mathematisch-naturwissenschaftlichen Hintergrund besitzt.

Insgesamt also sehr empfehlenswert.

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

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Tags: dystopie, mathematik, rebellion, russland   (4)
 

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107 Bibliotheken, 3 Leser, 2 Gruppen, 5 Rezensionen

dystopie, comic, faschismus, graphic novel, gesellschaftskritik

V wie Vendetta Comic

Alan Moore , David Lloyd
Flexibler Einband
Erschienen bei Panini, 13.06.2007
ISBN 9783866075054
Genre: Comics

Rezension:

Inhalt

England, nur knapp einem dem dritten – atomar geführten – Weltkrieg entkommen, ist zu einem faschistischen Überwachungsstaat geworden. Sämtliche Abweichler von der Normalität wie Homosexuelle oder Ausländer werden in Konzentrationslager gesteckt und – politisch korrekt ausgedrückt  - „therapiert“. Ein anonymer in Guy-Fawkes-Maske, der sich schlicht V nennt, plant die Rebellion.

Meinung

Der erste Comic, den ich mir jemals gekauft habe – abgesehen von div. Disney-Bildstrips meiner Jugend. Und auch wenn die Verfilmung mich auf den Comic aufmerksam gemacht hat, und nicht umgekehrt, habe ich es nicht bereut, sondern muss sagen, dass auch seine anderen Werke wie Watchmen oder die Liga außergewöhnlicher Gentleman ihre Besonderheiten aufweisen, die sie zu literarischen Kleinoden machen.

V ist ein vielschichtiger Charakter. Ihn auf seine Rolle als Kämpfer gegen den faschistischen Staat zu beschränken, wäre irreführend. Der Mann hinter der Guy-Fawkes-Maske ist brutal und gnadenlos, auf seinem Weg schreckt er weder vor perfider Rache noch vor dem Tod Unschuldiger zurück. Evey wird gefoltert und ihr Wille gebrochen, um sie „frei“ zu machen, wie V es nennt. Sein Verhalten ist durchaus psychopatisch zu nennen.

Die Frage, die sich dem Leser stellt, ist die altbekannte: heiligt der Zweck die Mittel? V versucht die Menschheit zu retten, handelt aber selbst zumindest zuweilen unmenschlich. Immerhin ist er konsequent und weiß, dass für ihn in seiner neuen Welt kein Platz mehr ist – er lässt sich töten und beendet sein Leben mit einemriesigen Knalleffekt. Trotzdem beantwortet er die Frage uneingeschränkt mit ja.

Darf man sich aber der Mittel seines Feindes bedienen, um ihn zu töten? Darf man auf das Niveau seines Gegners herabsinken, wenn man diesen nur so besiegen kann? Ich glaube, man kann auf diese Weise niemals gewinnen, sondern verliert in dem Moment, indem man nachgibt und sich zu einem Verhalten hinreißen lässt, das einem selbst eigentlich unwürdig ist. Auch wenn es niemand mitbekommt, haftet am inneren Selbstbild doch ein Makel, man hat ein schlechtes Gewissen und Gedanken, die man nie wieder los wird.

Eine guter Einfall ist die Bezeichnung der verschiedenen Wachorgane, die nach dem menschlichen Organismus benannt sind. Die Polizisten bzw. Vollstrecker der Befehle des Führers heißen Fingermänner, die Männer an den Kamerabildschirmen bzw, Wanzen Augen und Ohren. Die anatomische Namensgebung verstärkt des Gefühl eines gewachsenen Staatsgebildes, das im Laufe der Jahre seine Fänge immer stärker nach den Bürgern ausstreckte.

Eine Antwort auf die Frage nach der richtigen Balance zwischen Faschismus und Anarchie geben weder V direkt noch Moore implizit. V fordert die Menschen nur auf, ihren Verstand zu gebrauchen und gibt ihnen die Möglichkeit, dieses auch zu tun, indem er alle Staatsinsignien stürzt und
–repräsentanten ermordet, aber schlussendlich bleibt es den Bürgern überlassen, was sie mit ihrer neu erlangten Freiheit anfangen. Vielleicht driften sie erneut in den Faschismus, vielleicht herrschen jahrelang chaotisch Zustände, man weiß es nicht.
Letztendlich ist die direkte Staatsform vielleicht auch weniger entscheidend als der Einsatz und der Wille der Bürger. Wer sich mit antiken Utopien wie der von Morus oder der Idee des Philosophenstaats von Platon befasst, wird oft auf eine Monarchie- bzw. Diktaturähnliche Herrschaftsform stoßen. Selbst der Begriff des Dikatators war in seinen Anfangstagen zunächst positiv besetzt. Das Amt diente im alten Rom dazu, dass ein starker Mann in Notzeiten die Geschicke des Staates wieder in sinnvolle Bahnen lenken konnte, ohne durch politische Hindernisse aufgehalten zu werden. Es ist wohl immer eine Frage des genauen Führungspersonals – eine korrupte Beamtenschaft kann trotz demokratischer Legitimation schädlicher sein als ein gerechter und gütiger König, ebenso ist ein Leben unter einem gewalttätigen Tyrann ungewünschter als unter einem verantwortungsvollen Senat oder ähnlichem Beratergremium.

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

PS: Wem der Stil meiner Rezension bzw. die Auswahl der vorgestellten Bücher gefällt, findet auf meinem Blog (https://cynthor.wordpress.com) weitere „Bücherschätze“ und auch Infos zu meinem eigenen Roman Ethopia – Erwachen.

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

dystopie, fortschrit, kollektiv, ich, totales kollektiv

Hymne

Ayn Rand
Flexibler Einband: 111 Seiten
Erschienen bei Gesellschaft für erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung, 01.01.2002
ISBN 9783932564628
Genre: Sonstiges

Rezension:

Inhalt

In einer fernen Zukunft befindet sich die Menschheit wieder auf dem technologischen Stand eines späten Mittelalters – erst kürlich wurde die Kerze erfunden. Die Menschen kennen nur die Gemeinschaft und eine extreme Form des Kommunismus. Egoismus hingegen ist nicht nur verboten, sondern gänzlich unbekannt.
Gleichheit 7-2521, aufgrund seiner Aufmüpfigkeit zum Dasein eines Straßenkehrers verdonnert, erforscht verbotenerweise die menschliche Historie. Als seine Versuche, die anderen Menschen mit seinen neuen Erkenntnissen in eine bessere Zukunft zu führen, scheitern, flieht er mit seiner Geliebten in die Wälder.

Meinung

Hymne ist eine Dystopie mit vielen klassischen Elementen, aber auch interessanten Details, die sie von anderen unterscheidet.

Dass die Menschheit nach einem weiteren (zweiten oder dritten) Weltkrieg ihre Hochtechnologie nicht erhalten kann und wieder auf eine primitivere Zivilisationsstufe zurückfällt, ist ein Schachzug, der viel Spielraum schenkt, ohne zu einer Entfremdung von Leser und Welt des Werkes zu führen. Gerade weil der Leser mit einer mittelelalterlichen Welt so vetraut ist, findet er sich schnell in diese ein.

Der extreme Kommunismus, der ählich wie der Gemeinschaftssinn in „Wir“ aufgezogen ist, spiegelt sich vor allem in der brillanten „Suche“ nach dem verbotenen Word Ego bzw. Ich wieder. Bis auf den letzten Abschnitt, der sich mit den visionären Zielen und Hoffnungen von Prometheus befasst, taucht kein einziges Mal das Wort „Ich“ auf, weil selbst der Potagonist von sich selbst als „Wir“ spricht und die Gesamtheit mit einbezieht.

Überaus nett, und gleichzeitig traurig,  ist das Gestammel der Goldenen, die nicht einmal die Liebeserklärung per se, den Satz „Ich liebe dich“ formulieren kann, weil weder die Begriffe ich noch dich, geschweige denn ihre Bedeutungen existieren.

Zu guter Letzt sei noch die Namensgebung erwähnt. Die Charaktere sind nach eher links-spezifiischen Schlagworten wie Gleichheit, Internationalität oder Freiheit benannt. Als Protagonist samt Anhang dies Macht hinter dieser Namensgebung durchschauen, gegeb sie sich neue Namen. Der Erzähler nennt sich Prometheus, und in diesem Namen schwingt der griechische Feuerbringer und damit die ultimative Hoffnung auf ein neues Zeitalter mit. Die Goldene nimmt den Namen Gaia an, was  auf die Rolle der Muttergöttin hinweißt.

Insgesamt also nicht die völlige Überraschung, aber aufgrund netter Einfälle trotzdem gut.

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

PS: Wem der Stil meiner Rezension bzw. die Auswahl der vorgestellten Bücher gefällt, findet auf meinem Blog (https://cynthor.wordpress.com) weitere „Bücherschätze“ und auch Infos zu meinem eigenen Roman Ethopia – Erwachen

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Tags: dystopie, fortschrit, gesellschaftskritik, kommunismus, liebe   (5)
 

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krieg, satire, molche, kapitalismus, ausbeutung

Der Krieg mit den Molchen

Karel Čapek , Eliska Glaserová , Karel Čapek
Flexibler Einband: 328 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 10.12.2008
ISBN 9783746661094
Genre: Klassiker

Rezension:

Inhalt

Čapek, ein überaus produktiver tschechischer Schriftsteller (1890 – 1938),  schreibt über die Konsequenzen des Aufeinanderprallens zweier sehr unterschiedlicher Kulturen, die gegenseitigen Abhängigkeiten und Verstrickungen und letztendlich den Kampf um den Platz an der Spitze der Pyramide der Macht. In Südostasien entdeckt der Kapitän eines Handelsschiffes auf einer abgelegenen Insel eine unbekannte Tierart: große, intelligente Molche, die abgesehen von gelegentlichen Kämpfen gegen ihr Erzfeinde, die Haie, vollkommen friedlich und anspruchslos in den Buchten des unbekannten Eilands leben. Der etwas naive, aber bauernschlaue Kapitän van Toch erkennt die Intelligenz der Tiere und beginnt einen Tauschhandel. Die Molche suchen den Meeresgrund nach Perlmuscheln ab, während er ihnen Waffen liefert, mit denen sich die Tiere selbst verteidigen können.
Um den Handel auszuweiten, braucht van Toch große finanzielle Mittel, die er von einem Großindustriellen erhält, ein wirtschaftliches Bündnis, das Schritt für Schritt in die Katastrophe führt. Nachdem das Geheimnis der geheim gehaltenen Molche an die Öffentlichkeit gedrungen ist, entwickelt sich schnell ein florierender Handel mit den Tieren, die als billige Arbeitskräfte für Hafenanlagen und, weiterhin konsequent, später auch als Marinesoldaten eingesetzt werden.
Eher früher als später rächt sich die Ausbeutung der intelligenten Tiere, die zunehmend eigene Interessen durchzusetzen versuchen und schließlich den Krieg gegen die Menschen beginnen.

Meinung

Gleich vorneweg: die literarische Mischung aus Satire, Dystopie, Parodie, SchwarzerHumor, bitterer Menschenkenntnis und Science-Fiction führt zu einem Roman, den ich allen Freunden obiger Rubriken uneingeschränkt empfehlen kann.

Čapeks Schreibstil ist unterhaltsam, sein Humor feinsinnig und überaus schwarz. Wenn man die Existenz der intelligenten Amphibien akzeptiert, ist der Lauf der Geschichte, beginnend bei dem erstmaligen Kontakt mit den Molchen bis zum Weltkrieg gegen sie, detailliert und derart vollkommen logisch geschildert, dass der Leser selbst von der Entwicklung gewissermaßen überrollt wird. Man muss sich der Frage stellen, ab welchem Punkt der Geschichte das drohende Verhängnis eigentlich klar zu erkennen war, und was man hätte tun können, um es zu verhindern.
Eine geniale Idee ist auch die Umsetzung des Romans, der anfangs klassisch das Leben van Tochs schildert, im zweiten Teil aber zur Arbeit fiktionaler Historiker wird, die anhand Tausender Zeitungsberichten versuchen herauszufinden, wie es zu der Katastrophe kommen konnte. Mit ausufernden Fußnoten im Stile eines Pratchetts, in denen viele der Zeitungsartikel z.T. wörtlich abgedruckt sind, gelingt es Čapek, die (eigentlich absurde?) Ausgangssituation erschreckend real erscheinen zu lassen.

Ein weiterer Pluspunkt sind die bissigen und sarkastischen Zwischenbemerkungen, von denen sich nicht wenige auf den Faschismus und den drohenden zweiten Weltkrieg beziehen (das Buch erschien 1936). Nachdem sich beispielsweise jede Küstennation mit eigenen Molchtruppen versorgt hat, gilt in Deutschland nach Erfolgen im marinen Baugewerbe folgende Parole:

Solche Erfolche
erreichen nur deutsche Molche!

England andererseits, verbietet den Handel mit Molchen im Empire, und wenn ein paar Seiten später trotzdem englische und französische Molche im Ärmelkanal gegeneinander kämpfen, wundert sich der Leser nicht wirklich über Realsatire moderner Politik, die vordergründig Versprechungen macht ohne überhaupt den Versuch zu machen, sie zu halten.

Čapeks Pessimismus zieht sich ungetrübt und ungestört durchs ganze Buch hindurch. Selbst, als Molche gegen Menschen kämpfen, werden sie noch von manchen Staaten mit Waffen versorgt, weil sonst das globale Wirtschaftsgefüge  auseinander bricht, und man fühlt sich unwillkürlich an gewisse Konflikte in Afrika und dem Nahen Osten erinnert.

Zuletzt sei angemerkt,  dass Čapek nach einem brillant düsteren Roman ein nur schwaches Ende gelungen ist. Beinahe hat man den Eindruck, als wollte er das Buch endlich abschließen, und er hakt auf wenigen Seiten ab, was er durchaus hätte ausführlicher schildern können. Auch der erneute Stilwechsel, hin zu einem Selbstgespräch zwischen menschlichem und beobachtendem Selbstaspekt des Autors passt nicht zu der vorhergehend aufgebauten historischen Fiktionalität, die in wenigen Sätzen gnadenlos zerstört wird.

Trotz des Endes ein herrlich tiefgründiges Werk vollgepackt mit Zynismus, schwarzem Humor und einem schwermütigen Fatalismus, das zu Lesen wirklich Vergnügen bereitet.

Sonnige Tage und erholsame Nächte!

PS: Wem der Stil meiner Rezension bzw. die Auswahl der vorgestellten Bücher gefällt, findet auf meinem Blog (https://cynthor.wordpress.com) weitere „Bücherschätze“ und auch Infos zu meinem eigenen Roman Ethopia – Erwachen.

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Tags: dystopie, fantasy, gesellschaftskritik, parodie, satire, schwarzer humor   (6)
 
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