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Wodka und Oliven

Adrian Kasnitz
Buch: 172 Seiten
Erschienen bei CH. SCHROER, 08.08.2012
ISBN 9783954450008
Genre: Romane

Rezension:  
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träume, jando, krankenhaus, liebe, sterne

Sternenreiter - Kleine Sterne leuchten ewig

Jando , ,
Fester Einband: 131 Seiten
Erschienen bei Koros Nord, 24.07.2012
ISBN 9783981486315
Genre: Romane

Rezension:

Man muss die kindliche Anarchie in sich wiederentdecken, um auf den Sternen zu reiten

Der Autor Jando erzählt in seinem Buch „Sternenreiter – Kleine Sterne leuchten ewig“ davon, dass man heute noch an Wunder glauben soll.

Mats ist Angestellter eines renommierten, börsennotierten Unternehmens und glaubt nicht mehr an seine Träume – zu sehr ist er daran gewöhnt, in der Arbeitswelt, die aus Sitzungen, Kundenpräsentationen, Kursschwankungen und koffeinbetriebenen Überstunden besteht, zu funktionieren. Auch seine Frau Kiki erreicht ihn nicht mehr, die Arbeit geht vor, schließlich muss das Haus abbezahlt und der gehobene Lebensstandard gehalten werden. Doch dann kommt es unerwartet zu einem Ereignis, das Mats zwingt, innezuhalten. Ein kleiner Junge hilft ihm dabei, die Welt mit anderen Augen zu sehen und sein Leben neu zu gestalten.

Die Welt mit anderen Augen sehen ist das Thema des Buches, für das der Leser die Bereitschaft aufbringen sollte. „Wenn wir anfangen, auf unser Herz zu hören, werden wir Dinge im Leben erkennen, die uns unvorstellbar erschienen.“, schreibt Jando als Ouvertüre in den Klappentext. Damit ist „Sternenreiter“ thematisch ein Buch, das sich kritisch mit dem Leistungsdenken und den negativen Erscheinungen wie Erfolgsdruck, Versagensangst, Gier und Einsamkeit im gegenwärtigen Neoturbokapitalismus beschäftigt. Das erinnert an Tom Hodgkinson der in „Die Kunst, frei zu sein – Handbuch für ein schönes Leben“ schreibt: „Karrieren gestatten uns nicht, wir selbst zu sein, denn ihr Erfolgsmaßstab sind nicht Spaß an der Arbeit und Kreativität, sondern Geld und Status. Ein Beruf dagegen – im Sinne von Berufung – ist eine Aufgabe, mit deren Erledigung du deinen Lebensunterhalt verdienst und die dir gleichzeitig Spaß macht.“
Wo Hodgkinson rational argumentiert und vorführt, wie man sich aus diesen Zwängen befreien kann, wählt Jando den Stil eines modernen, poetischen Märchens. Das ist logisch, denn er weiß, dass er diejenigen Leser, die am dringendsten darauf angewiesen sind wieder wie als Kind auf ihr Herz zu hören und an Wunder zu glauben, nur mit der Stimme des Herzens und der Poesie erreicht. Und damit erinnert er einerseits in seiner Vision an Friedrich Nietzsches Satz des Zarathustra: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“, dem der Titel dieser Rezension entlehnt ist: Denn es geht nicht darum, das eigene kindliche Chaos zu haben, sondern darum, es wiederzuentdecken und sich wieder anzueignen. Andererseits fühlt man sich an den vielzitierten Satz: “Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ von Antoine de Saint-Exuperys Kleinem Prinzen erinnert.
Diese Herzenssicht entwickelt Jando im Sternenreiter weiter, zu einer wahrhaften und poetischen Erziehung des Herzens:

„Der wertvollste Samen,
der in die Erde eingesetzt wird,
ist die Liebe.
Sie wächst überall dort,
wo sie gesät wird.“ (Sternenreiter, S. 5)

Gemeinsam mit dem anarchischen Ungehorsam gegen das Leistungssystem entsteht ein Plädoyer für Freundschaft, Menschlichkeit und die Verwirklichung von Träumen:

„Ihr großen Menschen hört irgendwann auf, an Träume zu glauben. Manchmal wäre es schön, wenn ihr wieder klein wärest. So könntet ihr euch erinnern, dass Träume nur entstehen, wenn man bereit ist, sie zu leben und zu akzeptieren.“ (Sternenreiter, S. 10)

Der Ausdruck des Sternenreiters von den „großen Menschen“ ist eine bewusst Adaption an „die großen Leute“ des Erzählers aus dem kleinen Prinzen. Stilistisch daran angelehnt setzt Jando die Begegnung des Erzählers mit dem Sternenreiter allerdings – im Gegensatz zu Exupéry – nicht in eine isolierte Situation, sondern in eine realistische Alltagssituation und schafft damit einen neuen poetischen Realismus. Dazu die Leseprobe aus dem Prolog:

Die Sterne leuchteten heller als sonst. Das Meer war ruhig. Im Mondlicht schimmerte es silbrig blau. Um mich herum war es still. Es war eine himmlische Ruhe, wie ich sie nur am Meer erlebte. Fünf Jahre sind vergangen, seit ich diesen sonderbaren – nein, sonderbar wird ihm nicht gerecht – vielmehr einzigartigen Jungen kennenlernen durfte. Schnell wird in unserer heutigen Zeit das Wort „Legende“ benutzt. Doch bei ihm trifft es zu. Seine Geschichte wird Generationen überdauern. Es ist eine Geschichte über Liebe, Mut und Hoffnung. „Na und? Das habe ich schon oft gelesen“, werden vielleicht einige sagen. Das mag stimmen und hat auch seine Berechtigung. Doch wenn ihr euch einlasst auf die Geschichte des Jungen − nur Gott allein weiß, woher er kam − können Träume wahr werden. Ich habe es selbst erlebt. Ich kann mich noch gut an seine Antwort erinnern, als ich zu ihm sagte: „Ach, Träume... Ich habe es aufgegeben, meine Kraft und den Glauben daran zu verschwenden.“ Der Junge antwortete, wie es seine Art war, langsam und bedächtig: „Ihr großen Menschen hört irgendwann auf, an Träume zu glauben. Manchmal wäre es schön, wenn ihr wieder klein wäret. So könntet ihr euch erinnern, dass Träume nur entstehen, wenn man bereit ist, sie zu leben und zu akzeptieren.“ Damals konnte ich wenig mit seiner Antwort anfangen. Na ja, wenn ich es mir eingestehe, schon ein bisschen. Doch zur damaligen Zeit war ich noch nicht bereit, mich damit auseinanderzusetzen. Aber dazu komme ich später. Mir war er der beste Freund, den ich mir wünschen konnte. Irgendwann erwähnte er in einem unserer zahlreichen Gespräche: „Wenn ich einmal groß bin, möchte ich gerne allen Menschen erzählen, wie einzigartig das Leben ist. Ich spreche und höre lieber zu, anstatt zu schreiben. Du wirst einmal ein beachtenswerter Schriftsteller sein. Ich wäre glücklich, wenn du es wärest, der meine Geschichten weiterträgt. Jeder sollte das tun, was er am besten kann und was ihm am meisten Freude bereitet.“ Das war das Geringste, was ich für meinen Freund tun konnte. Für ihn ging aber wieder einmal ein Traum in Erfüllung...“

Was diese Melodie des Textes auf der literarischen Ebene einlöst, begleiten die handgemalten Bilder der Kinder- und Jugedbuchillustratorin Antjeca auf der bildpoetischen Ebene: durch die schlichte Form einer Kalkulation größtmöglicher Einfachheit entsteht die Radikalität der Bildsprache hin zu einer ozeanischen Zärtlichkeit. Diese poetische Wirkung ist die Fähigkeit des Textes und der Bilder, immer neue und andere Lesarten zu erzeugen, ohne sich jemals ganz zu verbrauchen. Dieses ist meine ganz persönliche Lesart.

Mit dem „Sternenreiter“ ist dem Autor – nach seinem Erstling Windträume – wieder ein wundervolles und poetisches Buch gelungen, das ich uneingeschränkt empfehle. Doch nicht nur das, denn ein gutes Buch sollte man empfehlen, ein sehr gutes seinen Freunden ans Herz legen und die wirklich besonders wichtigen Bücher sollte man seinen besten Freunden schenken. Ich freue mich darauf, meinen besten Freunden mit dem „Sternenreiter“ ein Herzensgeschenk zu machen.

Mehr über den Autor:
www.jando-autor.de
www.windtraeume.com

Jando: STERNENREITER. KLEINE STERNE LEUCHTEN EWIG
Mit fünfzehn farbigen Illustrationen von Antjeca
Koros Nord, 24. Juli 2012
131 Seiten, Hardcover gebunden, 13,95 €
ISBN: 978-3981486315

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Tags: anarchie, berufung, chaos, freundschaft, kind, leben, liebe, märchen, poesie, ratgeber, träume, visionen   (12)
 

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71 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 18 Rezensionen

humor, pubertät, liebe, edvard, jugendbuch

Edvard

Zoe Beck
Fester Einband: 190 Seiten
Erschienen bei Baumhaus Verlag, 16.03.2012
ISBN 9783833900532
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter im facebook-Zeitalter.

Ein Roman von Zoë Beck über Teenager und die schlimmsten Pubertätspannen online sowie offline

Edvard wird bald 15 und ist eigentlich schon ein Mann. Neben den normalen offline Problemen wie hormonell bedingtes rasantes Wachstum Schlacksigkeit, ausbleibenden Stimmbruch und fehlender Brustbehaarung, kommen heutzutage die Klippen der online-Welt von facebook & Co. dazu. Zum Beispiel, wenn sein Erzfeind und Klassenbeau Henk, der ausgerechnet scharf auf das Mädchen Constanze ist, in die Edvard verliebt ist, diesen nicht nur beim Kotzen auf dem Autobahnrandstreifen fotografiert, sondern das peinliche Foto auch noch auf facebook öffentlich postet, per MMS an die gesamte Klasse verschickt und ihn lächerlich macht.

Offline hat Edvard außerdem noch mit seinen liberalen und künstlerischen Eltern zu kämpfen; der Vater ist Generalmusikdirektor, die Mutter Kunstgaleristin und im Urlaub verbringen sie eine Woche auf einem Bio-Bauerhof mit Programmpunkten wie „Heuernte wie zu Großvaters Zeiten“. In dieser bäuerlichen Wüste ist sein Netbook mit WLAN Edvards einzige Rettung. Denn weil sich seine Angebetete vehement weigert, seine Freundschaftsanfragen auf facebook anzunehmen, hat er sich unter dem coolen Namen Jason Miles ein Pseudo-Profil mit schickem Fremdfoto samt Familienprofilen und Freundschaftsliste amerikanischer College-Studenten angelegt, dessen Anfrage Constanze sofort bestätigt hat. Soll noch mal einer behaupten, Aussehen wäre für Teenager zweitrangig. Constanze verpeilt die virtuelle mit der realen Welt und als sie sich scheinbar in Jason verknallt, lässt Edvard ihn sterben. Doch weit gefehlt zu denken, damit wäre das Kapitel Jason für sie erledigt, sie steigert sich jetzt erst richtig rein…
Offline lernt Edvard seinen Nachbarn und Buchidol Daniel Tannenbaum kennen, einen ehemaligen Professor für Astrophysik in Harvard. Sie freunden sich an, Tannenbaum wird sein Mentor und Nachhilfelehrer in Physik, Chemie, Mathe und Bio. In der Schule begegnet er der neuen Mitschülerin Karla, die eigentlich aussieht wie ein Junge und freundet sich mit ihr an.
Gerade, als es öffline richtig gut für Edvard läuft und er mit Karli und seinen Kumpeln Arthur, Anselm, dem Punker Piesel und Friends einen Freundeskreis aufbaut, erreicht Tannenbaum die Nachricht, dass ihm der Mietvertrag für sein Haus gekündigt wurde. In der anschließenden Hausbesetzung wächst nicht nur Edvard über sich hinaus, sondern sogar seine Eltern erinnern sich an die Ideale ihrer Jugendzeit, tauen auf und erobern sich ein Stück Anarchismus zurück. Währenddessen entsteht online auf facebook eine riesige Posthum-Community für Jason, bis Edvard die zündende Idee kommt, diese für seine Ziele zu nutzen.

„Edvard“ ist im Stil des Blogs geschrieben, den der Protagonist schreibt. Damit ist die Sprache, die Zoë Beck wählt dicht dran, authentisch, ungeschliffen; enthält Streichungen, Edits, Smileys und Icons; die komplette Online-Klaviatur. Wenn man über facebook schreibt, dann bitte so!

Dramaturgisch großartig ist die gewählte Gegenbewegung; in dem Maße, in dem Edvard sich von der Online-Welt abwendet und auf das wahre Leben fokussiert, dreht seine Angebetete online auf und der facebook-Zirkus um den fiktiven Jason nimmt groteske Ausmaße an.

Der Clou: Humoristisch ist Edvard auf jeder Zeite in seiner tragikkomischen Art absolut zwerchfellergreifend:

„Das mit den Brusthaaren ärgert mich am meisten, weil ich große Hoffnungen darauf gesetzt hatte. Ich war schon immer der Dünnste in der Klasse. Jetzt bin ich noch dünner als die anderen, überrage sie aber um ein paar Meter und habe eine Mädchenstimme. Das wäre noch irgendwie okay gewesen, wenn ich wenigstens Haare auf der Brust bekommen hätte. (…)
In den letzten Wochen habe ich alles probiert, damit mir Brusthaare wachsen, die ich wegrasieren kann. Sogar Papas Koffeinshampoo habe ich jeden Morgen zum Duschen benutzt und extralange auf der Brust einwirken lassen, weil draufsteht, dass es Haarwachstum förderlich ist.
Keine Ahnung, wie ich in Zukunft in der Umkleidekabine überleben soll“

Dazu groteske Szenen zwischen Edvard und seinen Eltern in Sachen Pädagogik und Selbstbestimmung, sein grandios scheiternder Versuch, seine Angebetete mit einem Fake-Profil online auf sich aufmerksam zu machen und schließlich sein totales Engagement bei der Hausbesetzung für seinen Mentor Tannenbaum machen „Edvard“ zu einem stimmigen Entwicklungsroman im facebook-Zeitalter.

Stimmen zum Buch:
„unglaublich toll und lustig“ Deniz Varli auf buechersturm.blogspot.de
„Ich habe mich allerbestens amüsiert.“ Buchhandlung Schmitz Junior
„Dieses Buch kann die Lachmuskeln gefährlich strapazieren.“ Between the lines auf thacms.blobspot.de
„Der Roman ist turbulent, abwechslungsreich und witzig geschrieben.“ Wetzlarer Neue Zeitung

Fazit:
Was Sie schon immer über die männliche Pubertät im facebook-Zeitalter wissen wollten, aber nie zu fragen wagten; Edvard erklärt es Ihnen! Und das in einer so unglaublich charmanten und humoristischen Art und Weise, dass Sie dieses Buch nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen werden, sondern darin lustvoll eintauchen, wie in einem facebook-Chat.
Uneingeschränkte Leseempfehlung!

Zoë Beck
Edvard – Mein Leben, meine Geheimnisse
Roman, Originalausgabe
Baumhaus 2012
191 Seiten, Hardcover
€ (D) 12,99 / € (A) 13,40 / SFr. 18,90
ISBN 978-3-8339-0053-2
Empfohlen ab 14 Jahren

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263 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 63 Rezensionen

familie, dracula, monster, humor, liebe

Happy Family

David Safier , , ,
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Kindler, 14.09.2011
ISBN 9783463406183
Genre: Humor

Rezension:

Eine schrecklich nette Monsterfamilie
In seinem neuen Roman „Happy Family“ schickt David Safier eine desperate Durchschnittsfamilie nach Transsilvanien
Eine verflucht nette Familie Familie Wünschmann ist nicht wirklich glücklich miteinander. Mama Emmas Buchladen geht den Bach runter, Papa Frank steht kurz vor dem Burnout, die pubertierende Fee dreht in der Schule am Rad und eine Ehrenrunde, und Nesthäkchen Max wird von dem Mädel, das er anhimmelt, ins Schulklo getunkt. Wenn die Familie Zeit miteinander verbringt, hacken sie generell aufeinander herum. Kurz, die Wünschmanns stehen kurz vor der Auflösung. Um das familiäre Desaster perfekt zu machen, werden sie allesamt nach einem Kostümfest auch noch von einer Hexe verzaubert: Plötzlich sind sie Vampir, Frankensteins Monster, Mumie und Werwolf. Gemeinsam jagen die frischgebackenen Monster um den halben Erdball, der Hexe hinterher, damit diese den Fluch wieder rückgängig macht. Dabei treffen sie auf jede Menge echte Ungeheuer: Vampire, Riesenechsen und schwäbische Pauschaltouristen. Sogar auf Dracula höchstpersönlich, der mit seinem unwiderstehlichen Charme Mama Emma verführen will.
Das Grundproblem wird schnell klar; in dieser Familie nervt jeder jeden, Tochter Fee mit ihrem pubertären Genöhle die Mutter, der kleine Klugscheißer Max seine Schwester mit Besserwissereien und der lethargische Ehemann Frank seine Frau. Kurz nachdem Emma es ausspricht, dass sie keine richtige Familie mehr sind, werden sie von der Hexe verzaubert. Damit macht Safier sie auch äußerlich zu den Schatten ihrer selbst, die sie als Familie geworden sind. Die Jagd nach der Hexe ist der Überlebenskampf, den sie nur gemeinsam gewinnen können und er relativiert einerseits die vormals hochgeschaukelten familiären Problemchen, außerdem wachsen alle dadurch über sich hinaus.
Auf der humoristischen Ebene läuft Safier zu gewohnter Höchstform auf:
„Emma: ‚Mir war es schon immer schleierhaft gewesen, warum einige Teenager in der Pubertät anfingen, Gras zu rauchen. Eigentlich müssten das doch die Eltern tun, um diese Phase des Lebens durchzustehen.‘“
Angesichts der immer wieder drohenden Gefahr, dass die Familie unrettbar auseinanderbricht, mischt sich dazwischen beim Lesen aber auch immer wieder ein Gefühl von Traurigkeit, gerade in den Momenten, wenn Emma befürchtet, den Schlüssel zu den Herzen ihrer Familie nicht mehr zu finden.
Insofern liegen hier absurder Humor und drohende Familientragödie eng beieinander.
Was Happy Family jedoch stilistisch ganz besonders auszeichnet, ist die Erzählerhaltung: Safier verzichtet auf eine Monoperspektive und erzählt abwechselnd aus Sicht aller Familienmitglieder. Dadurch wird deutlich, wie sehr die vormals familiären Querelen auf dem jeweiligen Beharren des eigenen Standpunktes beruhen. Je mehr sich alle Familienmitglieder mit der Zeit davon lösen und versuchen, den jeweils anderen Standpunkt zu verstehen, desto mehr nähern sie sich ihrer Rettung, nicht als Monster zu enden: „Emma: ‚Auch wenn die Lage hoffnungslos war, wir uns nicht retten konnten und bald sterben würden, war es doch nicht zu spät, meine Familie endlich richtig zu sehen. Nicht in dem Licht des Alltags, des Frustes und der Überforderung. Sondern im Lichte ihrer Möglichkeiten. So schaute ich sie mir alle an. Zum ersten Mal mit anderen Augen.‘“
Happy Family ist Safiers groteske und witzig-schräge Abhandlung eines wichtigen Themas; wie man die Liebe zur eigenen Familie über die Wirrnisse des Alltags rettet Eine vergnügliche Monstertragödie, die dem Leser durch die verschiedenen Erzählperspektiven die Augen öffnet.

David Safier: Happy Family
Roman Kindler
Hardcover, 320 S.
2011
18,95 €
ISBN 978-3-463-40618-3

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84 Bibliotheken, 0 Leser, 3 Gruppen, 35 Rezensionen

liebe, ddr, wende, bauernhof, jugend

Irgendwann werden wir uns alles erzählen

Daniela Krien
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Graf Verlag, 16.09.2011
ISBN 9783862200191
Genre: Romane

Rezension:

Daniela Krien erzählt in ihrem Romandebüt von einer Liebesgewalt zur Wendezeit.

Wir schreiben das Jahr 1990, ein heißer Sommer irgendwo im Osten. Die DDR ist Vergangenheit, die Vereinigung steht kurz bevor. Die Ich-Erzählerin Maria ist sechzehn und wohnt mit Johannes auf dem Bauernhof seiner Eltern, dem Brendel-Hof. Sie schwänzt die Schule und verkriecht sich lieber mit den „Brüdern Karamasow“ in ihr Spinnenzimmer. Gleichzeitig möchte sie von Johannes‘ Familie angenommen werden, schaut ihnen zunächst dabei zu, wie sie Vieh, Haus und Hof bewirtschaften, Gemüse anbauen, in der Küche schaffen und bringt sich zunehmend helfend im Hofalltag ein.
Auf dem benachbarten Hof lebt der vierzigjährige Henner allein. Ein komischer Kauz, den die Leute aus dem Dorf misstrauisch beargwöhnen, weil er trinkt, manchmal in die Stadt fährt und Bücher liest. Die unbeschwerte Landidylle ändert sich schlagartig, als Henner und Maria, die sich gegenseitig magisch anziehen, in einem wollüstigen Gewaltakt das erste Mal übereinander herfallen. Während ihr nichtsahnender Freund Johannes die Welt fast nur noch durch den Sucher seiner neuen analogen Kamera sieht und davon träumt, an der Kunstakademie Fotografie zu studieren lebt Maria ihre erotische Obsession zu dem viel älteren Henner mit einer Wucht der Leidenschaft aus, in der Lust und Schmerz nahe beieinander liegen. Immer mehr wird sie von der Macht des schieren Begehrens nach der Liebesgewalt beherrscht, die nur Henner ihr geben kann. „Sein Wollen hatte etwas Tierisches, Unberechenbares, etwas, das mich an Dinge erinnerte, die lange vor meiner Zeit Geschehen sind.“ Da steuern Zwei auf ihr unentrinnbares Schicksal zu, das aufgrund des libidinösen Wahnsinns beider eigentlich nur in der Katastrophe enden kann. Heimlich still und leise wird zudem in Rückblenden mehr und mehr Henners Vergangenheit deutlich, die ihn zu dem gebrochenen Menschen gemacht haben, der er ist. Was die beiden außerdem verbindet, ist ihre Liebe zur Literatur, die in ihrer intellektuellen Haltung jedoch der Körperlichkeit nachgeordnet ist.
Die heimlichen Treffen mit Henner wechseln sich ab mit Szenen, die poetisch einen Mikrokosmos des Landlebens im Osten ausbreiten. Die Beschreibung des Dorfes und der Höfe, der Räume darin, sowie des Mobiliars, dem alten Küchenofen, dem großen Esstisch und dem wuchtigen Küchenbuffet atmen die Nostalgie einer stehengebliebenen Zeit. Das ursprüngliche Kochen auf dem Hof, das Maria sich selbst mehr und mehr aneignet und detailliert beschreibt, sowie ausgedehnte Szenen der gemeinsamen Mahlzeiten bis zu Momentaufnahmen der Bewirtschaftung des Brendel-Hofs spiegeln dabei den Rhythmus des Landlebens im Osten, das auf eine wunderbare Art und Weise antiquiert wirkt, so dass man sich als Leser fragt, ob die Figuren des Romans sich eigentlich darüber im Klaren sind, was sie durch die Vereinigung verlieren. Johannes‘ Eltern sind pragmatische, anpackende Menschen, die sich eher Gedanken darüber machen, wie sie ihren Hof umstrukturieren können, um im neu gewonnenen Kapitalismus als biodynamischer Demeterhof zu überleben. Was sie an Freiheit gewinnen wird durch den Knecht des Brendel-Hofs Alfred deutlich, der Maria bespitzelt und eine Atmosphäre diffuser Furcht schafft. Ein Verweis auf die Stasi in der DDR, mit deren Existenz auch Henners Schicksal eng zusammenhängt.
Sprachlich amorph und in einer auf das Wesentlich reduzierten Sprache, wird die antiquierte bäuerliche Welt zum Greifen nah spürbar, die Gerüche erlebbar und die Landschaft mit Dörfern, Höfen, Maisfeldern, Weiden und Wäldern vor dem inneren Auge des Lesers sichtbar. Maria wird meist distanziert in der dritten Person von den anderen Familienmitgliedern angesprochen. Die Zusammenkünfte der beiden Liebenden werden nie explizit geschildert, sondern behutsam und zart angedeutet. Die Triebhaftigkeit ihrer Wollust kippt deshalb nie ins obszön-vulgäre sondern bleibt auf einer Ebene poetischer Sanftheit, die erotische Obsession wirkt so sinnlich, dass einem dagegen Johannes in seiner langweiligen Sexualität leid tut.
Das tragische Ende der Liaison begründet Krien im Gespräch: „Die Obsession ihrer Leidenschaft sollte und konnte nicht ins Alltägliche übergehen. Sie treffen sich auf eine absolute, eine kräftezehrende und auch zerstörerische Weise, wie sie höchstens einmal im Leben vorkommt und wie kein Mensch sie über längere Zeit aushalten würde.“ In dem Moment, in dem Maria dazu bereit ist, einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben zu ziehen und dauerhaft mit Henner zu leben, erkennt der genau dieses Dilemma und handelt konsequent bis zum bitteren Ende..
Die 1975 geborene Daniela Krien legt mit „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ ein fulminantes Romandebüt vor, dessen Thema der amour fou durch ihre kraftvolle und zärtliche Sprache für den Leser sinnlich erlebbar wird, der Mikrokosmos des Landlebens vibrierend spürbar. An einer Stelle resümiert Maria die Zeit mit Henner: „Noch nie habe ich so wenig gebraucht und so sehr mir selbst genügt wie an den Tagen mit ihm. Essen, schlafen, lieben, lesen, arbeiten. Mehr ist es nicht. Und es ist doch alles.“
Zum Lesen wünscht man ihr viele weitere Romane von Daniela Krien.

Daniela Krien
Irgendwann werden wir uns alles erzählen
Roman, Graf-Verlag 2011
236 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
€ (D) 18,-
ISBN: 978-3-86220-019-1

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