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34 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

Das Rauschen in unseren Köpfen

Svenja Gräfen
E-Buch Text: 240 Seiten
Erschienen bei Ullstein eBooks, 12.05.2017
ISBN 9783843714938
Genre: Sonstiges

Rezension:

So ein hübsches kleines Buch. Es liegt gut in der Hand, wird durch ein sich küssendes Paar geschmückt und, oho, erzählt eine Liebesgeschichte. Svenja Gräfen führt uns nach Berlin, setzt uns dort in einer hübschen Altbauwohnung aus und stellt uns einigen mehr oder minder studentischen Gestalten vor. Das könnte langweilig, für den einen oder anderen vielleicht auch zu alltäglich sein, aber zum Glück kann Frau Gräfen schreiben.

Lene lernt Henrik kennen. Sie liebt seine Locken und Wollpullis, beide berauschen sich an Berliner Nächten und vor allem aneinander. Jedes Wetter fühlt sich plötzlich nach Sommer an, aus entlegensten Zutaten werden gastronomische Erlebnisse. Zu Lenes und Henriks romantischem Erzählstrang gesellen sich bald jene der Zeit, die ihrem buchstäblichen Ineinanderlaufen in Berlin vorausgeht. Organisch, traurig und logisch fühlt es sich an, wenn nach und nach das Leben vor dem Wir an Bedeutung gewinnt.

„Henrik kratzt mit dem Messer das Marmeladenglas aus; was für ein banaler Moment, denke ich, was für eine furchtbar banale Handlung.“ Genau mit dieser Banalität kokettiert Das Rauschen in unseren Köpfen: Das Geräusch des Messers im Marmeladenglas, eine gesellig verrauchte Küche, ein Glas, in dem Oliven schwimmen – Svenja Gräfen fotografiert sprachlich die Sinneseindrücke ihrer Figuren und lässt den Lesenden mitschmecken, -riechen, -hören und -fühlen. Diese Bilder führen dazu, dass es schwer fällt, das Büchlein nicht in einem Rutsch zu verschlingen.

Das Lesen mit allen Sinnen macht auch vor den schlimmen Tagen nicht halt: Letzte Zigaretten, die im Morgengrauen zur Übelkeit führen, und pappiges Toastbrot lassen leider den Lauf, den die Geschichte von Henrik und Lene nimmt, vorausahnen. „Über meinen Augen lag ein Schleier, als wäre ich kurzsichtig geworden, ich erkannte die Dinge nicht mehr richtig.“ Das, was Lene nicht sehen kann oder will, wird jedoch nie vollends determiniert, beim Namen benannt – eine weitere Stärke des kleinen Romans.

„Sobald man dem Ding einen Namen gibt, bekommt es ja eine andere Dimension“, sagte Svenja Gräfen, die ebenso wie ihre Figuren in ihren Zwanzigern ist und in Berlin wohnt, im April in einem Interview mit jetzt.de. Diese rauschige Sicht auf traumatische Ereignisse, die sich in die Liebes- und Lebensgeschichten mischen, ähnelt einem Votum für emotionales statt kognitives Schreiben und Lesen. Das Rauschen in unseren Köpfen wimmelt vielleicht nicht vor großen und innovativen Gedanken, lässt aber die der Lesenden zu. Beim nächsten Besuch im Buchladen einfach mal mitnehmen.

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15 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

Kämpfen

Karl Ove Knausgård , Paul Berf , Ulrich Sonnenberg
Fester Einband: 1.280 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 22.05.2017
ISBN 9783630874159
Genre: Romane

Rezension:

Karl Ove Knausgård steht mit seinem Freund und Fotografen Thomas an einem See in Südschweden. Den Blick aufs Wasser gerichtet erzählt Thomas von Glockenfröschen, kleinen Kröten, die glockenähnliche Klänge von sich geben. Knausgård hört und sieht sie nicht. Wenig später schwärmt sein Freund von den in Höganäs ansässigen Nachtigallen, doch auch sie bleiben abwesend. „Es war wie ein perfekter Anfang für einen Roman.“ Vielleicht auch für eine Rezension.


„Kämpfen“ heißt der sechste und letzte Band von Knausgårds Buchprojekt, das sich ganz sicher nicht von ihm als Autor abtrennen lässt. Über den Tod seines Vaters, seine Liebschaften, Träume oder Kindheitserinnerungen hat der norwegische Autor bereits geschrieben, in „Kämpfen“ kehrt jedoch all dies noch einmal wieder. Knausgård kämpft für seine Freiräume, darum, schreiben zu können, mit dem Alltag und vor allem mit jenen Menschen, die seit 2009 öffentlich zu Figuren seiner Romane geworden sind. Endlich ist zu erfahren, wie es seine Ex- oder jetzige Frau aufgenommen haben, ihre Beziehungen öffentlich diskutiert zu wissen. Knausgård zeigt sich dabei wider Erwarten nicht abgebrüht oder narzisstisch, sondern naiv und verletzlich, menschlich. Der Autor schafft es, dass man ihm glauben möchte, dass Schreiben eine sich derart in Abgeschiedenheit vollziehende Handlung ist, dass die sozialen Folgen davon für ihn gedanklich nicht absehbar waren. Die Reaktionen der Angehörigen nachzuempfinden, liest sich berührend, aber auch mal ein bisschen, als hätte Knausgård seine eigene Klatschspalte geschaffen, in der er Interessierten die, zugegeben äußerst beschwerliche, Recherche in der norwegischen oder schwedischen Regenbogenpresse abnimmt.


Kurz gefasst hat sich Knausgård dabei keineswegs. Vom Schutzumschlag befreit könnte sich auf den über 1200 dünnen Seiten zwischen den schwarzen Buchdeckeln auch das „Büch der Bücher“, die Bibel, verbergen. Manchmal scheint es, als habe Knausgård, der selbst an der neuesten norwegischen Bibelübersetzung mitgearbeitet hat, genau so ein Buch schreiben wollen, ein Manifest zum Verstehen der Welt und ihrer Zusammenhänge. Eingerahmt von den gewohnten autobiografischen Zoomeinstellungen hat Knausgård fast 500 Seiten Deutung von Welt- und Ideengeschichte, einen Essay, wie er es nennt, in „Kämpfen“ versteckt. Warum jetzt genau? „Die Bücher, die ich gelesen habe, sind ebenso untrennbarer Teil meiner Geschichte wie alles, was ich erlebt habe.“ In diesem etwas übermütigen Philosophie- und Literaturstudium, durch das Knausgård den Lesenden zerrt, verbirgt sich neben Analysen von Lyrik Celans oder Homers Epen auch eine Erklärung für den Namen „Min Kamp“, „Mein Kampf“, den Knausgårds sechsbändiges Projekt im Original trägt: „Hitlers Kindheit und Jugend ähneln meiner eigenen, seine Liebe aus der Distanz, sein verzweifelter Wunsch, etwas Großes zu werden, um sich selbst zu erhöhen, die Liebe zu seiner Mutter, der Hass auf den Vater, sein Gebrauch der Kunst als Ort der Ich-Auslöschung und der großen Gefühle.“


Jene leicht pathetische Reise, die vielleicht als einzelne Publikation hätte veröffentlich werden dürfen, macht zum Glück irgendwann wieder dem Knausgårdschen Mikrokosmos Platz. Vanja, Heidi und John werden heute schon so alt sein, dass sie lesen können, wie ihr Vater über sie gedacht und geschrieben hat. Knausgård verspricht jedoch, sich an diesen Entwicklungen fortan nicht mehr im gewohnt realistischen Stil zu bedienen und lässt seinen Kampf im Jahr 2011 zu Ende gehen. Als Autor von höchst wahrscheinlich fiktionaleren Texten kehrt er jedoch schon im Herbst zu uns zurück. Vielleicht ja mit der Nachtigall.



Kämpfen ist im Mai 2017 bei Luchterhand erschienen, umfasst 1277 Seiten und ist für 29 Euro zu erstehen. 

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22 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

weltverbesserer, gesellschaftskritik, sinnsuche, zukunftsvision, aussteiger

Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen

Emma Braslavsky
Fester Einband: 462 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.09.2016
ISBN 9783518425442
Genre: Romane

Rezension:

Roana sitzt in Argentinien auf einem Vulkan und langweilt sich. Erleuchtung sollte ihr der Aufenthalt am Ojos del Salado bringen, stattdessen findet sie Steine. Jivan, der Einfachheit halber auch Ivan genannt, sitzt in einem Dönerladen in Berlin und wartet auf den nächsten Bauauftrag, stattdessen darf er auch heute wieder anschreiben.

Roana ist jung, liebt Borges, will die Welt verändern. Jivan hat durch ein paar Jahre mehr auf der Welt schon ein paar Illusionen verloren, sucht sein Glück im Spiel und träumt davon, mit Bunkersystemen die Finanzwelt zu unterwandern. Was eint diese beiden, außer dem spanischen Namen? Emma Braslavsky katapultiert sie in die, vielleicht nicht ganz so weit entfernte, Zukunft und lässt jedem von ihnen einen eigenen Erzählstrang zukommen. Ob sich diese irgendwann kreuzen, ist erst einmal gar nicht so wichtig. Spannend angelegt sind sie beide.

Neben Roana und Jivan bevölkern so viele Figuren Braslavskys Roman, dass ihm ein Personenregister vorangestellt ist. Menschliche Gorillas, Organisatoren einer neuen oder besseren Welt und ein Amateurspiderman tauchen darin auf. Sie alle kämpfen auf ihre Art mit den Bedingungen der Welt, in der sie sich befinden, als N-Global, ein Nachrichtenportal, vielleicht auch das einzige, das noch existiert, die Sichtung einer noch unberührten Insel meldet.

 

Felsen- und Sandzonen gehen ineinander über, in den Pinien und Palmen sitzen Vögel und schauen ungestört in die Brandung. ‚Bitte schön, hier ist eure neue Welt. Dort könnt ihr uns zeigen, wie man besser lebt.‘



Schon kurze Zeit später ist die Insel von Flotten umzingelt, kein Staat gönnt dem anderen den Schritt ins Paradies. Ein etwas eigensinniges Forscherehepaar entwickelt derweil aus Menschenhaar Eizellen und Spermien, um dem neuen Land einen perfekten Menschen zur Seite zu stellen.

Vielleicht liest sich das alles etwas abstrus, etwas radikal, aber Leben ist nun mal keine Art, mit einem Tier umzugehen. Jenen Titel leiht sich Braslavsky von Kurt Vonnegut bzw. dem Grabstein seiner Figur Kilgore Trout, den Vonnegut in Anbetracht des Wissens um die Wiederwahl von George W. Bush aus dem Leben scheiden ließ. Der Titel ist bei weitem nicht das einzige, in das die Autorin Gedanken gesteckt hat. Emma Braslavsky hat acht Jahre lang recherchiert, mit Kabbalisten oder Genforschern diskutiert und das geballte Material so ausgezeichnet editiert, dass ganz nebenbei ein bisschen Heideggerterminologie oder Genetikwissen in den Lesenden rutscht.

Für mich bedeutete Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen ein nahezu wahnhaftes Lesewochenende angefüllt mit bleiern-komischen Ideen und bleibenden Bildern. Lesen ist die adäquate Art, mit diesem Buch umzugehen.



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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Stress and the City

Mazda Adli
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 09.05.2017
ISBN 9783570102701
Genre: Sachbücher

Rezension:

Es ist schon 23 Uhr. Um halb 8 klingelt der Wecker. Von oben ist wieder das Dröhnen zu hören. War das Frank Plasbergs Stimme? Um 7 Uhr morgens wacht dann auch noch vor mir ein Presslufthammer auf – Lärm ist einer von vielen Faktoren, die das Leben in Städten für viele Menschen zu einem Ärgernis oder sogar gesundheitlichen Risikofaktor werden lassen.

Der Berliner Psychiater und Stressforscher Mazda Adli sucht in Stress and the City nach Möglichkeiten, Städte gesünder für ihre Bewohner zu machen. Seiner Profession entsprechend fokussiert er sich dabei nicht nur auf besondere Bauweisen, sondern vor allem auf den Menschen selbst. Adlis Erfahrungen in der interdisziplinär arbeitenden Gruppe für Neurourbanistik, die er mitbegründet hat, zeigen, dass kleine Verhaltensübungen bereits vielerlei alltägliche Belastungen lindern können. Am Beispiel des „territorialen Stresses“, den der fernsehende Nachbar oder die lärmende Baustelle auslösen können, hilft schon das Wissen darüber, was genau warum vor sich geht. Die Bewertung von Lärm als nützlich oder verständlich wirkt sich laut Adli direkt auf das Stressempfinden aus. In meinem Fall hört der Herr von oben etwas schlecht und so gönne ich ihm seine lautstarke Unterhaltung. Die Baustelle vor dem Haus wiederum sorgt für funktionierende Wasserversorgung – das ist in meinem Interesse.

Neben praktischen Kniffen dieser Art finden sich in Stress and the City bekömmliche Fragmente aus Architektur, Soziologie oder Psychologie sowie Schlaglichter aus Adlis Biografie. Jener ist in Köln geboren, hat jedoch als Kind die Islamische Revolution in Teheran miterlebt, bevor er mit seinen Eltern, einem Botschafterehepaar, zurück nach Deutschland kam. Der Autor unterliegt dabei nicht der Versuchung, seine Stadteindrücke generalisieren zu wollen, sondern eröffnet mit seiner persönlichen Wahrnehmung einen weiteren Zugang zum Gegenstand Stadt. Ebenso unterhaltsam lesen sich auch die Passagen, in denen Adli die Umstände seines Schreibens schildert – mal von Palmen umgeben in Sri Lanka, mal eingekerkert in eine Bibliothek.

Wenn eine Passage so intensiv auf diverse Botenstoffe im Gehirn eingeht, dass der eine oder andere Leser verlorengehen könnte, folgt sodann eine Illustration von Florian Dengler. Ein überlaufener Gehweg, Dachterrassenromantik oder die Kurve der Qual der Wahl – mit allem weiß der Berliner das Auge zu erfreuen. Letztere zeigt auf, dass die Vielzahl an Möglichkeiten, die Städte mit sich bringen, Menschen ab einem Angebot von 10 Optionen unzufriedener werden lassen. Adli ermutigt vor allem dazu, bei einer Entscheidung, z.B. für eine Freizeitaktivität oder ein Restaurant, zu bleiben, anstatt sich stets die alternativen Ausgänge einer Situation vor Augen zu halten. Auch hier ist wieder der Einzelne gefragt, seine Denkweise an die Stadt anzupassen statt anders herum.

Komplettiert wird das Buchprojekt von Kurzinterviews mit Experten der Stadtforschung. Neben Soziologiegröße Richard Sennett kommt der Architekt Jürgen Mayer zu Wort, welcher der Neurourbanistik ganz nebenbei einen logischen Überbau verleiht: „Der Beruf [des Architekten] ist dem Arztberuf vielleicht relativ ähnlich, weil man als Architekt natürlich auch diagnostiziert. Man recherchiert, fragt, wo liegen die Schmerzpunkte einer Stadt, und versucht dementsprechend Interventionen zu finden.“ Jene Schmerzpunkte des öffentlichen Stadtraums sind laut Adli fehlende Grünflächen, Autoverkehr im Übermaß und vor allem Menschen, die dem Kern einer Stadt, unterschiedlichsten sozialen und kulturellen Begegnungen, aus dem Weg gehen.

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68 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

familie, österreich, indigo, mysteriös, suhrkamp

Indigo

Clemens J. Setz
Flexibler Einband: 475 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.11.2013
ISBN 9783518464779
Genre: Romane

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289 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 21 Rezensionen

dystopie, zukunft, utopie, gesundheit, kontrolle

Corpus Delicti

Juli Zeh
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei btb, 09.08.2010
ISBN 9783442740666
Genre: Romane

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80 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

menschen, depressionen, trennung, depression, ronja von rönne

Wir kommen

Ronja von Rönne
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 04.03.2016
ISBN 9783351036324
Genre: Romane

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3.375 Bibliotheken, 44 Leser, 9 Gruppen, 68 Rezensionen

dystopie, klassiker, big brother, überwachung, utopie

1984

George Orwell , Michael Walter
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 01.06.1994
ISBN 9783548234106
Genre: Klassiker

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119 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 12 Rezensionen

ehe, trennung, familie, scheidung, amerika

Hier bin ich

Jonathan Safran Foer , Henning Ahrens
Fester Einband: 688 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 10.11.2016
ISBN 9783462048773
Genre: Romane

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379 Bibliotheken, 35 Leser, 1 Gruppe, 51 Rezensionen

freundschaft, missbrauch, ein wenig leben, roman, hanya yanagihara

Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara , Stephan Kleiner
Fester Einband: 958 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 30.01.2017
ISBN 9783446254718
Genre: Romane

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Psychogeografie

Colin Ellard , Sigrid Ruschmeier
Fester Einband
Erschienen bei btb, 09.05.2017
ISBN 9783442756285
Genre: Sachbücher

Rezension:

Aus verschiedensten Gründen kommen Menschen in diesen Tagen auf die Idee, Mauern zu bauen: Um einem Wohnraum unterschiedliche Funktionen zuzuweisen, sich vor den Blicken der Nachbarn zu schützen oder gar ganze Nationen voneinander zu separieren. So divers diese Bauprojekte auch sein mögen, Gefühle und veränderte Verhaltensweisen bringt jede neu gezogene Wand mit sich. Der kanadische Neurowissenschaftler Colin Ellard zeigt auf, dass nicht nur Mauern, sondern sämtliche architektonischen Feinheiten auf die Psyche des Einzelnen eine große Wirkung ausüben.

Schon das Äußere des Buches verrät, dass es sich bei Psychogeografie – wie die Umgebung unser Verhalten und unsere Entscheidungen beeinflusst nicht um eine Studie im traditionell-trockenen Sinne handelt, denn Satz, Papierwahl und Umschlag erinnern eher an einen hochwertigen Roman als an ein wissenschaftliches Journal, das am Schreibtisch mit Post-its versehen werden soll. Auch der Stil Ellards bzw. der Übersetzerin Sigrid Ruschmeier kommt eher persönlich und niedrigschwellig daher, ohne jedoch den Leser in Anekdoten und Ich-Bezug zu ertränken. Beides ist jedoch sympathisch und sogar humorvoll eingestreut, Clemens-Setz-Momente inklusive. Zur Verdeutlichung:

„Ein Opfer von Messietum erzählte zum Beispiel, wie sie einmal versuchte, ein paar leere Plastikboxen in die Wertstofftonne zu entsorgen. Nachdem sie die Behälter sorgsam gespült und weggeworfen hatte, musste sie die ganze Zeit darüber nachdenken, dass es ihnen da draußen vielleicht unangenehm feucht war, weil sie gerade erst gewaschen worden waren."

Neben dem ethnologischen Blick auf alltägliche, raum- und objektbezogene Phänomene kommt jedoch auch die wissenschaftliche Sphäre keineswegs zu kurz. Ellard weiß sich im interdisziplinären Raum zwischen Größen der Philosophie, wie Gaston Bachelard oder John Locke, den Architekten Jan Gehl oder Le Corbusier sowie diversen Psychologieschulen zu bewegen. Derartige Theoriehäppchen bebildert er stets mit Auszügen aus seiner Arbeit als Experimentalpsychologe, wobei schon einmal Versuchspersonen mit Virtual-Reality-Helmen ausgestattet imaginäre Räume durchschreiten und so ihre Gefühle zu bestimmten Grundrissen, Wohnformen oder Materialien offenbaren.

Die Erkenntnisse von Ellards Studien führen wiederholt zu mahnenden Worten gegenüber der Nutzung von neuer Technologie, auch wenn der Autor immer wieder betont, dieser dennoch positiv gegenüber zu stehen (und diese in seinen Experimenten auch einsetzt). In einer Smart-City, wie z.B. Songdo City in Korea, die ihren Einwohnern ungefragt sämtliche Wünsche erfüllt, und in GPS-Apps sieht Ellard jedoch die Gefahr der Fernsteuerung und des Kontrollverlusts an große Unternehmen. Sowohl in Bezug auf den virtuellen als auch den physischen Raum geht es dem Psychogeografen um die Bewusstmachung der räumlichen Strukturen und der Macht die diese ausüben können – sei es die Anregung zum Glücksspiel durch die Simulation des antiken Roms in Las Vegas oder die Lenkung zu Spontankonsum in jedwedem Kaufhaus.

Statt der reizintensiven scheint jedoch auf Dauer die langweilige Umgebung größere Gefahren in sich zu bergen. Der ständige Aufenthalt in unambitionierten Reihenhausgassen und an sterilen Bankfassaden würde Menschen verkümmern lassen, denn so weit geht laut Ellard die „responsive Beziehung“, die Mensch und Raum miteinander pflegen. Da besonders runde Formen wiederum die Stimmung aufhellen, schlägt Ellard mit einem Augenzwinkern den Einbau von Türen im „Hobbit-Stil“ in besonders unangenehme Bauten vor. Damit und mit diesem Buch bin ich sehr einverstanden.

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414 Bibliotheken, 25 Leser, 1 Gruppe, 73 Rezensionen

brandenburg, dorf, dorfleben, gesellschaftsroman, juli zeh

Unterleuten

Juli Zeh
Fester Einband: 640 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 08.03.2016
ISBN 9783630874876
Genre: Romane

Rezension:

Gerhard Fließ schaut bestimmt, aber freundlich in die Kamera. Er hat ein Anliegen, das wird beim Betrachten seines Gesichtsausdrucks bereits deutlich. Der umgebende Text erklärt, dass Fließ sich für den Vogelschutz engagiert, wobei ihm die rare Gattung der Kampfläufer besonders am Herzen liegt. Der Tierschützer ist einer von vielen Bewohnern des Dorfs Unterleuten, durch deren unterschiedliche Perspektiven Juli Zeh ihren gleichnamigen Roman zum Leben erweckt.

In Unterleuten, das Zeh in Brandenburg, gerade weit genug weg und nah genug dran am brodelnden Berlin, situiert, wohnen neben dem frisch aus der Hauptstadt zugezogenen Fließ die alteingesessene Crazy-Cat-Lady Hilde Kessler, die Erzfeinde Gombrowski und Kron oder die Pferdenärrin und Jungunternehmerin Linda Franzen. Die Liste ist lang, genau wie Juli Zehs Roman. Auch nach seinen 640 Seiten will dieser kein Ende nehmen; stattdessen hat Juli Zeh ein Gesamtkunstwerk komponiert, das ihren Figuren eigene Facebook- oder Xingprofile zukommen lässt sowie dem Dorfrestaurant und eben auch dem Vogelschutzverein, inklusive Foto des Vorsitzenden, eine eigene Homepage einräumt. Es gibt Newsletter, Tagesgerichte oder Hintergrundinformationen zur alten LPG „Gute Hoffnung“, die das Dorf und ihre Bewohner entzweit hat, als die BRD und DDR sich hingegen von der Mauer verabschiedeten. Während jedoch die virtuelle Variante heimelig wirkt, konfrontiert Juli Zeh ihr Figurenensemble zwischen den Buchdeckeln mit lauten Rasenmähern am Sonntagmorgen und der Frage nach dem Stellenwert des Gemeinwohls gegenüber den eigenen Bedürfnissen. Wie auch schon bei „Adler und Engel“ oder „Spieltrieb“ bleibt Zeh nicht dabei, zu informieren, sondern sie betrifft und zieht den Leser mit hinein in psychische Untiefen der Dorfbewohner und in den Untergrund von Unterleuten.

Zehn Jahre hat die studierte Juristin, die selbst gerade die Stadtresidenz gegen ein Landhaus getauscht hat, voller Akribie und laut eigener Aussage mit gelegentlichem Realitätsverlust an ,,Unterleuten“ gearbeitet. Online ist sie dabei zu beobachten, wie sie vor einer eigens angefertigten Flurkarte ihres Romanschauplatzes steht. Jedes Grundstück der Bewohner Unterleutens ist eingezeichnet, ebenso wie ein Windpark, der, Fortschritt und saubere Energie versprechend, in Unterleuten entstehen soll. An den Windrädern kumuliert sich das dörfliche Chaos, winkt mit finanziellem Segen für den einen und überrollt den anderen. Nicht zuletzt sieht auch Neu-Unterleutner und Vogelfreund Gerhard Fließ sich und die Kampfläufer bedroht und beginnt zu verstehen, wie Unterleuten funktioniert: „Er hatte gerade eins der großen Rätsel der Menschheit gelöst, nämlich die Frage, warum es so viel Gewalt auf der Welt gab. Die Antwort lautete: Weil Gewalt verdammt einfach war.“

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4 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

donald trump, populismus, verantwortung, wahlen, rechtspopulismus

Die große Regression

Arjun Appadurai , Zygmunt Bauman , Donatella della Porta , Nancy Fraser
Flexibler Einband: 319 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.04.2017
ISBN 9783518072912
Genre: Sachbücher

Rezension:

So ein kleines Buch, so ein großes Vorhaben. Die große Regression betreibt mit seinem kompakten Format und der schlichten Umschlaggstaltung (aber sehr angenehmen Haptik) ein Understatement, denn auf knapp über 300 Seiten finden sich, unter der Herausgeberschaft des Suhrkamp Lektors Heinrich Geiselberger selbst, theoretische Überlegungen 15 bedeutender Autoren, Journalisten und Soziologen zu keinem geringeren Gegenstand als dem Heute, unserer Gegenwart.


Für das Projekt gewinnen ließen sich unter anderem zwei meiner liebsten Theoretiker, der kürzlich verstorbene Kritiker der Postmoderne, Zygmunt Bauman, sowie die nicht minder kritische Soziologin Eva Illouz. Jene bringt in ihrem Aufsatz den Populismus in ihrem Herkunftsland Israel mit der Entwicklung rund um Trump in den USA in Verbindung. Die sich allerorts verbreitende „reaktionäre Politik“ sei in Israel bereits seit 10 Jahren zu beobachten und ähnele beispielsweise im Bereich des Umgangs mit Einwanderern jenem, den Donald Trump propagiert. Die massivste Kritik Illouz‘ sowie nahezu aller Beitragenden gilt jedoch nicht pomadierten Feindbildern, sondern der Linken selbst. Während sie das Versäumnis aufführt, als jene politische Kraft auch die Stimme der israelischen Arbeiterbewegung zu sein, wertet der Soziologe Wolfgang Streeck das Nicht-Erkennen des Willens der ,,Verdrängten“ weltweit, in die politische Sphäre zurückzukehren, als ein Versagen der eigentlichen Vordenker.

Hans-Martin Schönherr-Mann stört sich im Deutschlandfunk zwar daran, dass in diesem Buch primär linke Stimmen zu Wort kommen, verkennt damit aber das Ziel des Projekts: Die Linke muss die für ebenjene Vertreter zunächst gänzlich unverständlichen regressiven Entwicklungen in Richtung einzelstaatlicher Abschottung, Neoliberalismus und Populismus aus eigentlich freien und demokratischen Gesellschaften heraus erst einmal verstehen und beim ungestörten Verbleib unter sich verarbeiten, um selbst wieder handlungsfähig zu werden. Bis dahin bleibt zu hoffen, dass beispielsweise Zygmunt Baumans differenzierte Betrachtung von Migration als ungerichteter Bewegung von etwas weg im Gegensatz zu Im- und Emigration, die er an einen Essay Umberto Ecos anlehnt, von den entscheidenden Personen gehört wird. Denn „in der heutigen Welt kann man zwar die Einwanderung (mit mäßigem Erfolg) zu begrenzen versuchen, die Migration jedoch folgt unabhängig von dem, was wir tun, ihrer eigenen Logik“.

Die große Regression ist sicherlich kein Lösungsmanual für Probleme dieser Zeit, aber eine längst fällige Bemühung, internationale Debatten in Gang zu bringen, die sich sonst oftmals nur in wissenschaftlichen Elfenbeintürmen abspielen. Der Sammelband wird weltweit in Partnerverlagen publiziert und das Haus Suhrkamp strengt seine geballten Digitalmarketingkräfte an, um den Diskurs auch außerhalb des Buches voran zu treiben; mit eigener Onlinepräsenz und dem Hashtag #greatregression. So ein kleines Buch, so ein großes Vorhaben.

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38 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

tod, krebs, liebe, drogen, journalismus

Nina & Tom

Tom Kummer
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 17.03.2017
ISBN 9783351050351
Genre: Romane

Rezension:

Eine Kunststudentenparty in Neukölln. Ein Pärchen betritt fernab von jedem Fußballevent in Deutschlandtrikots, mit Billigdosenbier in den Händen und Brustbeuteln um den Hals die im genau richtigen Maße abgeranzte Wohnung. Der Mittelpunkt gehört ihnen. Sie haben einen Tag des offensiven Grölens in Berlin-Mitte hinter sich und verraten mir, dass sie morgen vielleicht 90er-Technofans mit Igelfrisuren oder Metalheads sein werden. Eine Performance, ein Leben als Kunstform. Ähm, und wer seid ihr wirklich? Nina und Tom?

Nina liebt Tom. Tom liebt Nina. Nina schlägt Tom. Tom schlägt Nina. Irgendwo zwischen Romantik, Genie und Wahnsinn spielt sich die Liebes- und gemeinsame Lebensgeschichte der beiden Figuren ab, die ihre Namen von Autor Tom Kummer und seiner inzwischen verstorbenen Frau Nina entliehen haben. Zu dieser sehr grundlegenden Plotinformation fehlt noch der Stempel „Roman“, das präsentische Erzählen und die einfache, mit Vorliebe derbe und parataktische Sprache, um Nina & Tom neben Joachim Bessing und Lottmann oder Benjamin von Stuckrad-Barre  zwischen Popliteraten und Autofiktionshelden ins heimische Bücherregal einzusortieren.

Tom Kummer treibt das Spielchen nur noch ein kleines bisschen weiter, denn nicht einmal mehr seine Figuren sind sich sicher, dass sie die sind, die sie vorgeben zu sein. „Wir sind zu abstrakten Zeichen geworden, alles fühlt sich künstlich an. Wir sind wie erfunden.“ Vielleicht offenbart uns Kummer aber an dieser Stelle auch nur, was für eine Macht er selbst über seinen Text, seine fiktionalisierte Autobiographie hat. Er konstruiert, kombiniert und selektiert, so wie es sich für einen Borderline-Journalisten, als der er sich keinen guten, aber immerhin einen Namen gemacht hat, gehört. „Ich inszeniere Geschichten, die wie Wahrheit klingen“, sagt die Tom-Figur übereinstimmend mit Autor Kummer. Diese Geschichte lässt Nina dahinsiechend Windeln und Reizwäsche tragen, vielerlei Substanzen konsumieren und schließlich sterben. Tom ist in ihrem Bann, macht alles mit.

Dramatisch soll es sein, wenn Tom nach der Vagina seiner halb toten Frau lechzt, schockierend, wenn das Paar sich gegenseitig würgt und dabei sexuelle Höchstleistungen vollbringt. Schön ist das, vor allem sprachlich, nicht. Aber vielleicht erquickt auch den einen oder anderen Leser ein „ich erkenne schönes, glattes Frauenfleisch“ oder ein „mein Schwanz steht im spitzen Winkel hoch“. Zum Glück hat Tom zumindest einen Nachnamen, der ihn zu einer traurig lächelnden Wortkreation wie dem Kummer-Bett, dem Ort, an dem Nina ihre letzten Stunden zubringt, führt.

Ohne an dieser Stelle in die Plagiatsdebatte um Kummer einstimmen zu wollen, wirkt doch jeder zweite Abschnitt ein kleines bisschen zu bekannt. Die Morgensonne spiegelt sich in Fensterfronten, die Freeways von L.A. versprechen Freiheit und die Menschen von Beverly Hills sehen entweder nach Pornostars aus oder sind verdrogte Gangmitglieder, auch gern beides. Weil diese Collage aber so schön gepuzzelt ist, dass sie im Ganzen tatsächlich etwas Neues, einen Roman ergibt, lässt sich Kummer hier eher lobpreisen als verteufeln. Das gekonnte Sampling führt Lesende geistig noch einmal durch lange zurückliegende Lektüren und erinnert daran, dass nahezu alles schon einmal gedacht oder geschrieben wurde. Vielleicht nutzt ein Christian Kracht nur weniger verbreitete Inspirationsquellen.

Wenn all dies verständlicherweise eher abschreckt als einlädt, sei als lektüreanregendes Argument zuletzt noch Nina selbst angebracht. Sie wird von Erzähler-Tom mehrere Jahrzehnte lang geliebt, aber nie richtig verstanden. Wie auch die beiden Neuköllner Vollzeitperformer, die ich auf der Kunststudentenparty traf, könnte sie schon morgen aussehen wie eine Altonaer Yogamama, nachdem sie gerade eine Woche als Lederdomina oder Tomboy zu erleben war. Jenseits von sexueller Härte und sprachlichen Barrieren liest sich die Bewunderung für dieses menschliche Wesen eigentlich ganz schön.

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