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16 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

horror, eingesperrten, erschreckend, hunger, zombies

Tief begraben

Brian Keene
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Festa Verlag, 31.08.2014
ISBN 9783865523129
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Man hat sie »Hamelns Rache« genannt. Die Seu­che befällt zuerst die Rat­ten, die sie durch ihren Biss an die Men­schen wei­ter­ge­ben. Nach­dem die Krank­heit sie dahin­ge­rafft hat, keh­ren sie als lebende Tote zurück. Die Seu­che trifft die Mensch­heit völ­lig unvor­be­rei­tet und ver­brei­tet sich rasend schnell. Und so kommt es, dass sich Pete mit 25 wei­te­ren Men­schen in einem Bun­ker­kom­plex ver­bar­ri­ka­die­ren muss, wel­ches als Relikt aus dem kal­ten Krieg heute als Museum dient.

Wäh­rend die Hor­den der Unto­ten von außen gegen die unüber­wind­ba­ren Bun­ker­tü­ren häm­mern, wird die Lage im Inne­ren immer aus­sichts­lo­ser. Wochen­lan­ger Hun­ger und Ein­sam­keit haben die Ein­ge­schlos­se­nen nicht nur kör­per­lich geschwächt, auch mora­li­sche Werte ver­lie­ren im Kampf um das Über­le­ben zuneh­mend an Bedeu­tung. Das Motto der Wild­nis »fres­sen oder gefres­sen wer­den« bleibt eines Tages der ein­zige Aus­weg – aber nicht für alle. Aus­ge­rech­net Pete ist der erste, der sei­nen Lei­dens­ge­nos­sen als Nah­rung die­nen soll …

Tief begra­ben ist auf den ers­ten Blick und auf den ers­ten Sei­ten ein klas­si­scher Zombie-Roman. Tat­säch­lich jedoch dient die Zombie-Apokalypse ledig­lich als Anlass, eine Gruppe von Men­schen ohne Aus­sicht auf ein Ent­kom­men zusam­men­zu­sper­ren. Für die Hand­lung spielt es keine Rolle, wel­che Gestalt die Apo­ka­lypse außer­halb des Bun­kers hat, und so erschei­nen die Unto­ten ledig­lich hin und wie­der auf den Moni­to­ren der nach drau­ßen gerich­te­ten Überwachungskameras.

Die – glück­li­cher­weise kurze – Geschichte beschränkt sich dar­auf, ein Katz– und Maus-Spiel in einem unter­ir­di­schen Laby­rinth zu beschrei­ben. Glück­li­cher­weise kurz ist die Geschichte mei­ner Mei­nung nach des­halb, weil die Hand­lung nicht allzu viel Abwechs­lung bie­tet — ver­ste­cken, weg­lau­fen, dabei nach und nach die Anzahl der Jäger dezi­mie­ren und neben­bei den Ver­stand ver­lie­ren. Es ist eine Geschichte ohne wirk­li­che Höhe­punkte oder über­ra­schende Wen­dun­gen. Beson­ders das krasse Miss­ver­hält­nis zwi­schen Jägern und Gejag­tem – die Rol­len­ver­tei­lung ändert sich zuwei­len – scha­det der Glaub­wür­dig­keit. Zuge­ge­be­ner­ma­ßen phan­ta­sie­volle Tötungs­me­tho­den sind zu wenig.

Wäh­rend Tief begra­ben also mei­ner Mei­nung nach nicht zu Kee­nes bes­ten Wer­ken gehört, haben die bei­den Erzäh­lun­gen, die gewis­ser­ma­ßen als zusätz­li­ches »Bonus­ma­te­rial« in dem Buch ent­hal­ten sind, eine völ­lig andere – näm­lich die von Keene gewohnt hohe — Qua­li­tät. Sie sind ori­gi­nell, actionreich und auch etwas »durch­ge­knallt« und ret­ten damit den Gesamt­ein­druck des Buches.

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320 Bibliotheken, 10 Leser, 3 Gruppen, 59 Rezensionen

fantasy, krieg, intrigen, anthony ryan, rabenschatten

Das Lied des Blutes

Anthony Ryan , Hannes Riffel , Sara Riffel
Fester Einband: 775 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 13.01.2017
ISBN 9783608939255
Genre: Fantasy

Rezension:

»Bei mei­nem Volk war er nur unter einem Namen bekannt, und die­ser hallte an jenem Mor­gen unab­läs­sig in mei­nem Kopf wider: Hoff­nung­s­tö­ter. Bald wirst du ster­ben und ich werde Zeuge sein, Hoff­nung­s­tö­ter.« (Klap­pen­text)

Die Königs­lande sind ein geein­tes, aber den­noch inner­lich gespal­te­nes Reich. Durch Krieg zusam­men­ge­zwun­gen, schwe­len unter der Ober­flä­che noch die alten Kon­flikte zwi­schen den einst­mals eigen­stän­di­gen Erz­le­hen. Beson­ders unter den Anhän­gern ver­schie­de­ner Glau­bens­leh­ren, die sich miss­trau­isch beäu­gen, kommt es immer wie­der zu töd­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Vor die­sem Hin­ter­grund schickt sich ein jun­ger Krie­ger an, sei­nen Namen in die Geschichts­bü­cher zu schreiben.

Vae­lin Al Sorna ist noch ein Kind, als ihn sein Vater, Ers­tes Schwert und somit obers­ter Kriegs­herr des Königs, der Obhut des Sechs­ten Ordens über­gibt. Es fol­gen Jahre här­tes­ter Aus­bil­dung, die aus dem Jun­gen einen Krie­ger und Ver­tei­di­ger des Glau­bens machen. Schon bald zei­gen sich seine Qua­li­tä­ten als Anfüh­rer und eines Tages erweckt der junge Ordens­bru­der die Auf­merk­sam­keit des Königs. Die­ser ver­folgt große Pläné und macht Vae­lin zu einem wert­vol­len Werk­zeug in sei­nem Intri­gen­spiel, in dem die­ser glei­cher­ma­ßen zum Täter wie zum Opfer wird. Seine Taten machen ihn schnell zu einer Legende, von vie­len gehasst und nur von weni­gen geliebt. »Hoff­nung­s­tö­ter« ist nur einer der Namen, die man ihm geben wird.

»Mein Volk hält des Raben für einen Vor­bo­ten der Ver­än­de­rung. Wenn der Schat­ten eines Raben auf Dein Herz fällt, wird sich Dein Leben wan­deln — ob zum Guten oder zum Schlech­ten, kann nie­mand sagen.«

Wir ler­nen Vae­lin al Sorna als Gefan­ge­nen des alpi­ra­ni­schen Rei­ches ken­nen und befin­den uns damit schon am Ende der Geschichte. Der kai­ser­li­che Geschichts­schrei­ber Ver­niers zeich­net in sei­nem Bericht das Bild eines Kriegs­ver­bre­chers und Mör­ders. Frag­mente von Ver­niers Bericht stellt Anthony Ryan jedem der fünf Teile des Buches voran. Den Schil­de­run­gen aus Sicht eines ehe­ma­li­gen Kriegs­geg­ners stellt er seine Beschrei­bung des Lebens von Vae­lin Al Sorna gegen­über. Die­ser Wech­sel der Erzähl­per­spek­tive erzeugt Span­nung und im Leser den Drang zu erfah­ren, wel­che Umstände Vae­lin zum Hoff­nung­s­tö­ter wer­den ließen.

Das Lied des Blu­tes ist die Lebens– und Lei­dens­ge­schichte eines Man­nes, der von Kin­des­bei­nen an zu bedin­gungs­lo­ser Loya­li­tät gegen­über sei­nem Orden und sei­nem Glau­ben erzo­gen wird und von den Mäch­ti­gen für ihre eige­nen Zwe­cke instru­men­ta­li­siert wird. Diese Geschichte erzählt Ryan auf eine mit­rei­ßende und auch mit­füh­lende Weise, die es den Leser leicht macht, die nicht immer nur ehren­haf­ten Motive und Beweg­gründe sei­nes Prot­ago­nis­ten zu ver­ste­hen. Doch er ver­steht es nicht nur, uns nicht nur die Figur des Vae­lin Al Sorna mit all ihren inne­ren Zwie­späl­ten nahe zu brin­gen, auch andere Cha­rak­tere, allen voran die Gruppe von Vae­lins engs­ten Kame­ra­den, zeich­net er glaub­wür­dig und mit viel Gespür für die ganz indi­vi­du­el­len Eigen­hei­ten sei­ner Figu­ren. Dabei schreckt er aber auch nicht davor zurück, lieb gewon­nene Weg­ge­fähr­ten uner­war­tet ster­ben oder ver­schwin­den zu las­sen. Dies macht den Leser zuwei­len trau­rig, die Geschichte aber umso glaubwürdiger.

Der Autor webt seine Hand­lungs­fä­den mit gro­ßer Erzähl­kunst, die ein­fach Spaß macht und den Leser schon bald nicht mehr los­läßt. Eine geheim­nis­volle Macht trach­tet dem jun­gen Vae­lin nach dem Leben, die Obers­ten der sechs Orden hüten ein Geheim­nis von aller­größ­ter Spreng­kraft, im Ver­bor­ge­nen lau­ert eine fins­tere Macht. Auch um die Ver­gan­gen­heit von Vae­lins Mut­ter schei­nen sich Geheim­nisse zu ran­ken. Vie­les wird nur ange­deu­tet, weni­ges auf­ge­löst. Und so blei­ben zum Schluss lose Hand­lungs­fä­den, die den Leser gespannt — aber nicht frus­triert — auf die Fort­set­zung war­ten las­sen. Wir wis­sen nur eines: es ist nicht alles so, wie es der kai­ser­li­che Geschichts­schrei­ber nie­der­ge­schrie­ben hat …

Das Lied des Blu­tes ist keine gewöhn­li­che Fantasy-Geschichte. Das mitt­ler­weile fast zum Kli­schee ver­kom­mene Standardfiguren-Ensemble  suchen wir hier ver­geb­lich. Die »dunkle Gabe«, eine über­sinn­li­che Fähig­keit, über die nur wenige Men­schen ver­fü­gen, sowie das Vor­han­den­sein einer (noch) im Ver­bor­ge­nen lau­ern­den dämo­ni­schen Macht geben jedoch dem Prä­di­kat »Fan­tasy« seine Berech­ti­gung. Wer möchte, kann die Flos­kel von der »erwach­se­nen Fan­tasy« bemü­hen und trifft damit den Unter­schied zum »Ein­heits­brei«, mit dem sich der geneigte Leser die­ser Tage nur allzu oft kon­fron­tiert sieht, recht genau. Und doch ist es nicht nur Fan­tasy: es ist auch eine Geschichte mit lei­der ganz ver­trau­ten Rea­li­tä­ten. Denn nicht zuletzt geht es um Macht und Ver­rat und um Krieg und Frie­den. Im Thema der Ver­fol­gung von »Anders­gläu­bi­gen« bis hin zum Glau­bens­krieg erken­nen wir ebenso einen Bezug zu unse­rer wirk­li­chen Welt wie im Füh­ren von Krie­gen um neuer Res­sour­cen wil­len. Auch dadurch hebt sich Das Lied des Blu­tes ab.

»Krieg ist stets ein Aben­teuer für die­je­ni­gen, die nie einen erlebt haben.«

Nach Patrick Roth­fuss’ (lei­der immer noch nicht abge­schlos­se­nen aber mei­ner Mei­nung nach zu Recht bereits jetzt hoch­ge­lob­ten) Königsmörder-Chronik habe ich nichts ver­gleich­bar gutes mehr gele­sen. Das Buch macht dank der fes­seln­den Erzähl­weise von Anthony Ryan — und trotz des Umfangs von fast 760 Sei­ten, der doch eigent­lich noch viel zu wenig ist — ein­fach nur gro­ßen Spaß und ich kann es mit gutem Gewis­sen den Freun­den »ernst­haf­ter« Fantasy-Literatur nur aller­wärms­tens empfehlen.

fremdwelten.de

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zombies, zombie, spanien, apokalypse, horror

Apokalypse Z

Manel Loureiro , Sybille Martin
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.04.2014
ISBN 9783453315525
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Was zunächst wie ein »ganz all­täg­li­cher Ter­ror­an­schlag« ausieht, erweist sich bald als der Anfang vom Ende der Mensch­heit. Tsche­tsche­ni­sche Rebel­len ver­üben in der rus­si­schen Repu­blik Dages­tan einen Anschlag auf eine For­schungs­ein­rich­tung, wobei ein  unbe­kann­tes Virus frei­ge­setzt wird. Als das töd­li­che Pote­nial des Erre­gers offen­sicht­lich wird, ist es schon zu spät. Auch die umge­hende Abrie­ge­lung Russ­lands kann nicht ver­hin­dern, dass infi­zierte Per­so­nen das Land ver­las­sen und sich die Epi­de­mie in das rest­li­che Europa und die ganze Welt aus­brei­tet. Das Virus tötet die Men­schen und lässt sie sich kurz dar­auf als wan­delnde Lei­chen wie­der erhe­ben, die nun der Hun­ger auf das Fleisch der Leben­den antreibt. Inner­halb weni­ger Wochen hört die Welt, wie die Men­schen sie kann­ten, auf zu exis­tie­ren. Die letz­ten Über­le­ben­den fin­den sich auf der fast aus­sichts­lo­sen Flucht vor den leben­den Toten wieder.

Ein in Spa­nien leben­der Anwalt berich­tet vom Unter­gang der Mensch­heit zunächst in sei­nem Blog, spä­ter hält er die grau­en­vol­len Gescheh­nisse in sei­nem Tage­buch für die Nach­welt fest. Er trägt die zunächst bruch­stück­haf­ten Infor­ma­tio­nen zusam­men und erkennt bald die gan­zen Aus­maße der bevor­ste­hen­den Apo­ka­lypse. Die Auf­for­de­run­gen an die Bevöl­ke­rung, sich in sichere Zonen zu flüch­ten, igno­riert er, und so ist er gemein­sam mit sei­nem Kater bald auf sich gestellt.

Das Thema Zombie-Apokalypse ist in jün­ge­rer Zeit so aus­gie­big bear­bei­tet wor­den, dass wirk­lich neue Ideen auch hier kaum zu erwar­ten sind. Und so beginnt auch diese Apo­ka­lypse wie schon viele andere vor ihr — irgendwo auf der Welt gerät ein anste­cken­der Erre­ger außer Kon­trolle und ver­wan­delt die Mensch­heit in eine Masse von wan­deln­den Toten. So weit, so alt­be­kannt. Doch warum ist die­ses Buch anders als andere Zombie-Apokalypsen-Geschichten? Da ist zunächst der Schau­platz. Die Kata­stro­phe beginnt in Russ­land und brei­tet sich dann — auch über Deutsch­land — nach Spa­nien aus, wo unser blog­gen­der Anwalt zu Hause ist. Schon dadurch fühlt sich der Leser dem Grauen sehr viel näher als bei den ame­ri­ka­ni­schen Varia­tio­nen des The­mas. Wenn Wla­di­mir Putin die Abrie­ge­lung Russ­lands anord­net und die deut­sche Kanz­le­rin ver­kün­det, dass Ver­let­zun­gen der Aus­gangs­sperre mit der Erschie­ßung geahn­det wer­den, so man man das im Lese­ses­sel sit­zend zwar eigent­lich nicht glau­ben — letz­te­res noch weni­ger als ers­te­res –, doch sorgt gerade die­ser Bezug zur heu­ti­gen rea­len Welt für beklem­men­den Realismus.

Die Zahl der Cha­rak­tere ist über­schau­bar, diese halte ich jedoch sehr gut gelun­gen. Natür­lich gibt es auch hier wie­der die Schur­ken, die aus der Kata­stro­phe ihren Vor­teil zie­hen wol­len. Aber es gibt auch Hoff­nungs­trä­ger, wie den klei­nen ukrai­ni­schen Pilo­ten mit der unbe­hol­fe­nen Aus­drucks­weise und dem Aste­rix­bart, den man ein­fach mögen muss. Die lie­bens­wer­teste und sicher unge­wöhn­lichste Haupt­fi­gur ist der Kater des Blog­gers, der auch ange­sichts der an Türen und Fens­ter häm­mern­den Zom­bies nie seine kat­zen­ty­pi­sche Gelas­sen­heit ver­liert und der dem Prot­ago­nis­ten (fast unun­ter­bro­chen) ein treuer Beglei­ter ist. Wann hat man schon ein­mal gele­sen, dass ein Flücht­ling in der Zombie-Apokalypse einen Kat­zen­korb mit sich herum trägt? Die Ver­mu­tung liegt nahe, dass Manel Lou­reiro selbst ein Kat­zen­lieb­ha­ber ist. Dass auch irgend­wann das unver­meid­li­che hüb­sche Mäd­chen auf­taucht — macht nichts. Und nicht zuletzt ist da unser Blog­ger selbst — bis zum Tag Z ein ganz nor­ma­ler Mann. Die Tat­sa­che, dass er zual­ler­erst an die Ret­tung sei­nes Katers denkt und mit Schuss­waf­fen über­haupt nicht umge­hen kann, macht ihn ebenso mensch­lich und sym­pa­thisch wie der Umstand, dass er manch­mal etwas unge­schickt agiert.

Man­cher Leser mag sie ver­mis­sen: Splat­ter­sze­nen und Met­ze­leien sind hier spar­sam ein­ge­setzte Mit­tel. Das ist nicht miss­zu­ver­ste­hen, natür­lich gibt es die sehr ein­drück­li­chen Schil­de­run­gen der Unto­ten in den ver­schie­dens­ten Erhal­tungs­zu­stän­den, und natür­lich ist Lou­reiro bei sei­nen Schil­de­run­gen nicht über­trie­ben zurück­hal­tend. Den­noch setzt er stark auf Atmo­sphäre und ver­wen­det viel Zeit dar­auf, uns an der immer grö­ßer wer­den­den Ver­zweif­lung sei­ner Figur (warum hat sie übri­gens kei­nen Namen?) teil­ha­ben zu las­sen, ihn mal flu­chen und mal wei­nen zu las­sen. Des­sen Gefühls­welt beschreibt er ebenso über­zeu­gend wie die nicht nur buch­stäb­lich in Trüm­mern lie­gende Zivi­li­sa­tion. Wo Atmo­sphäre und Stim­mung so gekonnt ver­mit­telt wer­den, und das macht Lureiro mei­ner Mei­nung nach wirk­lich außer­or­dent­lich gut, blei­ben manch­mal Erzähl­tempo und Kurz­wei­lig­keit etwas auf der Stre­cke. Ange­sichts der erzäh­le­ri­schen Qua­li­tä­ten des Autors habe ich das jedoch nicht als Nach­teil wahr­ge­nom­men. Apo­ka­lypse Z ist ein sehr lesens­wer­ter, weil etwas ande­rer Zombieroman.

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278 Bibliotheken, 5 Leser, 2 Gruppen, 24 Rezensionen

fantasy, urban fantasy, götter, die chronik des eisernen druiden, vampire

Gehetzt

Kevin Hearne , Alexander Wagner
Flexibler Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 02.12.2016
ISBN 9783608939309
Genre: Fantasy

Rezension:

Was ver­schlägt den letz­ten noch leben­den Drui­den in die Wüste Arizonas?

Atti­cus O’Sullivan sieht man seine 2100 Jahre nicht an. Er wirkt eher wie ein­und­zwan­zig und sieht mit sei­nen Täto­wie­run­gen, den roten Locken und dem lan­gen Kinn­bart aus, als würde er »zu einer Rock­band gehö­ren und jede Menge Gras rau­chen«. Dabei hat er schon Urauf­füh­run­gen von Shake­speares Wer­ken beige­wohnt und ist mit den Hor­den Dsching­his Khans gerit­ten. Wie es sich für einen ech­ten iri­schen Drui­den gehört, ver­fügt er über starke magi­sche Fähig­kei­ten und zieht seine Kraft direkt aus der Erde.

Wäh­rend man im alten Europa stän­dig irgendwo auf irgend­ei­nen Gott trifft, ist Ame­rika ziem­lich gott­los — auch wort­wört­lich. Grund genug für Atti­cus, sich hier nie­der­zu­las­sen. Gemein­sam mit sei­nem bes­ten Freund Obe­ron, einem iri­schen Wolfs­hund, führt er hier mit sei­nem Buch­la­den, in dem er neben aller­lei okkul­ten Schrif­ten auch Kräu­ter, Kris­talle und sons­ti­ges magi­sches Zeug ver­kauft, ein beschau­li­ches Leben. Er schätzt die geringe Göt­ter­dichte und die weit­ge­hende Abwe­sen­heit von Feen, doch damit ist es bald vorbei.

Ein Druide ver­kehrt nicht über viele Jahr­hun­derte mit den Göt­tern, ohne sich mäch­tige Feinde zu machen. Aus­ge­rech­net der kel­ti­sche Gott der Liebe hat es auf Atti­cus und des­sen wert­volls­ten Besitz abge­se­hen, das magi­sche Schwert Fra­ga­rach. Diese mäch­tige Waffe soll ihm hel­fen, die Macht­ver­hält­nisse in der Welt der Göt­ter neu zu ordnen.

Gehetzt ist erfri­schend anders. Statt mit Elfen und Orks bekom­men wir es mit mäch­ti­gen kel­ti­schen Göt­tern und macht­gie­ri­gen Hexen zu tun, mit Vam­pi­ren und Wer­wöl­fen, die hier ein­mal nicht auf der Seite des Bösen ste­hen — wie den Anwalt und Schwert­kampf­trai­ner von Atti­cus, ein Wikin­ger und Vam­pir, der sich seine Dienste mit Blut ver­gü­ten lässt. Die­ses außer­ge­wöhn­li­che Ensem­ble lässt Kevin Hearne eine ebenso ori­gi­nelle wie kurz­wei­lige Geschichte abseits des Fantasy-Mainstreams erzäh­len. Die Rol­len­ver­tei­lung ist dabei nie so ein­deu­tig wie sie anfangs erscheint. Der Hang der Göt­ter zum Intri­gie­ren, dem die Hexen in nichts nach­ste­hen, sorgt für man­che über­ra­schende Wen­dung. Dies, vor­ge­tra­gen in einer humor­vol­len und abwechs­lungs­rei­chen Erzähl­weise ohne Leer­lauf, sorgt für Span­nung und Schmun­zeln. Und so ganz neben­bei erfährt der Leser nicht nur Wis­sens­wer­tes über die kel­ti­sche Mytho­lo­gie, auch benutzt der Autor seine Figu­ren, um an sei­ner statt das eine oder andere kri­tisch zu kommentieren:

   »Ich habe mich ein wenig in Tír Na Nóg enst­pannt, gründ­lich gesät­tigt nach mei­nem Auf­ent­halt in Meso­po­ta­mien — warst Du in letz­ter Zeit mal dort? Man kann sich dort vor­treff­lich vergnügen.«

   »Ver­zei­hung, aber heut­zu­tage nen­nen die Sterb­li­chen die­sen Ort Irak, und nein, ich bin schon seit Jahr­hun­der­ten nicht mehr dort gewesen.«

   Die Vor­stel­lun­gen der Mor­ri­gan [kel­ti­sche Kriegs­göt­tin] von einem vor­treff­li­chen Ver­gnü­gen unter­schei­den sich deut­lich von mei­nen. Als Todes­en­gel schätzt sie nichts so sehr wie einen sich in die Länge zie­hen­den Krieg. Sie trifft sich mit Kali und den Wal­kü­ren auf den Schlacht­fel­dern. Ich für mei­nen Teil habe nach den Kreuz­zü­gen auf­ge­hört, Krieg für eine glor­rei­che Ange­le­gen­heit zu hal­ten. Heut­zu­tage gebe ich Base­ball ein­deu­tig den Vorzug.

 Die Dia­loge zeich­nen sich aus durch Witz und Iro­nie und sind durch­setzt von zahl­rei­chen Anspie­lun­gen und Sei­ten­hie­ben auf unsere amerikanisch-westliche Kul­tur und das ‘wer­be­ver­seuchte Pri­vat­ra­dio’. Beson­ders unter­halt­sam sind die men­ta­len Zwie­ge­sprä­che mit dem Wolfs­hund Obe­ron sowie die Unter­hal­tun­gen mit der leicht schnodd­ri­gen iri­schen Witwe O’Donagh, eine beson­dere Freun­din des Drui­den. Diese ist zu eini­gen Schand­ta­ten bereit, vor allem, wenn es gegen ‘Tom­mys’ geht, gegen die sie — in Anspie­lung an die jün­ge­ren bri­ti­sche Geschichte — eine beson­dere Abnei­gung hat.

Zwar ist die Erzähl­weise durch­ge­hend ironisch-humorvoll, hin und wie­der mit einem leich­ten Hang zur Flap­sig­keit, doch wird auch gekämpft und gestor­ben, und das nicht zu knapp. Und wenn dann die Lei­chen der getö­te­ten Wider­sa­cher besei­tigt wer­den müs­sen, geschieht dies mit einer ordent­li­chen Por­tion schwar­zen Humors:

»Es gibt Abend­es­sen für die ganze Mann­schaft, gleich jetzt im Mit­chell Park. Bring den Kühl­wa­gen mit …ja, es gibt genug für alle, ver­lass dich drauf. Wir sehen uns dort.«

Wow. Er hatte Ghule im Kurz­wahl­spei­cher. Mein Anwalt war wirk­lich ein Teufelskerl.

 Mit Gehetzt ist Kevin Hearne ein unter­halt­sa­mes Stück Urban Fan­tasy gelun­gen, das ein­fach Spaß macht. Es bleibt zu hof­fen, dass Klett-Cotta nach den ers­ten bei­den Tei­len der Reihe um den Eisendrui­den auch die wei­te­ren Bücher in Deutsch­land veröffentlicht.

Einen ein­zi­gen Kri­tik­punkt bie­tet die von Klett-Cotta gewohnt sehr gute Aus­stat­tung. Zwar gibt es einen Anhang, der Hin­weise zur Aus­spra­che der kel­ti­schen Namen gibt, das noch wesent­lich wich­ti­gere Glos­sar zu Per­so­nen und Orten wer­den die meis­ten Leser ver­mis­sen. Es gibt einige wenige Namen, die sich nicht aus dem Text der Geschichte erge­ben und zum bes­se­ren Ver­ständ­nis wäh­rend der Lek­türe nach­ge­schla­gen wer­den sollten.

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Tags: urban fantasy   (1)
 

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98 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

belletristik, monster, trauer, darkling, kinder

Charlotte und die Geister von Darkling

Michael Boccacino , Hubert Straßl
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 17.01.2014
ISBN 9783404207367
Genre: Fantasy

Rezension:

Die junge Witwe Charlotte Markham wird von Henry Darrow, dem Hausherren des Everton-Anwesens, als Gouvernante für seine beiden Söhne Paul und James angestellt. Die ganze Familie lebt kurz nach dem noch allgegenwärtigen Tod der Mutter Lily in tiefer Trauer. Auch Charlotte hat im Laufe ihres jungen Lebens bereits alle geliebten Menschen verloren, zuletzt fand ihr Mann Jonathan den Tod in den Flammen ihres gemeinsamen Hauses.

Als das Kindermädchen der Darrays grausam ermordet wird, sieht Charlotte – wie schon bei ihren früheren Begnungen mit dem Tod – einen unheimlichen schwarzen Mann am Schauplatz des Verbrechens. Mehr und mehr erwächst in ihr der Verdacht, dass diese geisterhafte Erscheinung etwas mit ihr selbst zu tun haben könnte. Unterdessen nimmt sie zusätzlich die Aufgaben des getöteten Kindermädchens wahr und versucht, den Kindern bei der Bewältigung ihrer Trauer zu helfen. Während eines Ausfluges, dessen Ziel einer der Jungen in einem Traum gesehen und aufgezeichnet hat, verlassen sie das heimische Anwesen. Unversehens finden sie sich in einer geheimnisvollen Welt jenseits von Leben und Tod wieder, der Endwelt. Sie betreten das Darkling-Haus, welches nicht nur von unsterblichen übernatürlichen Wesen bewohnt wird, sondern auch von der verstorbenen, aber hier unerklärlicherweise lebendigen Lily Darray. Es bleibt nicht bei einem Besuch, denn Charlotte hat Fragen: warum kann Lily an diesem Ort wieder lebendig sein und welche Rolle spielt sie selbst bei den Geschehnissen im Darkling-Haus?

Covergestaltung, Klappentext sowie die einleitenden Seiten lassen den Leser eine klassische Geistergeschichte erwarten. Das ist das vorliegende Buch jedoch nicht. Die Endwelt liegt irgendwo zwischen der unsrigen und der jenseitigen Welt und ist bevölkert von vielfältigen unsterblichen Geschöpfen, die nur dann die Gestalt von Menschen annehmen, wenn es ihnen beliebt. Die Beschreibung der Endweltbewohner erinnert zuweilen an die Geschichten von H.P. Lovecraft. Dies in Verbindung mit einigen der verwendeten Namen und etwas New England-Lokalkolorit machen die Absicht des Autors erkennbar, eine von Lovecraft inspirierte Geschichte zu erzählen.

Der Auftakt des Romans trägt noch starke Züge einer Geistergeschichte typisch viktorianischer Färbung, in der mehr angedeutet als explizit geschildert wird. Hier gelingt es dem Autor hervorragend, durch eine leicht antiquierte und spannungsarme Sprache und die Einbeziehung von Natur und Jahreszeit eine melancholisch-düstere Stimmung zu erzeugen und Erwartungen im Leser zu wecken. Leider, so muß man sagen, behält er diese Erzählweise auch im weiteren Verlauf der Geschichte bei und lässt zahlreiche Gelegenheiten für mehr Nervenkitzel ungenutzt. Die eigentlich erschreckenden Vorgänge in Darkling entfalten dadurch kaum Wirkung beim Leser, echte Spannung mag nicht aufkommen. Die Figur der Charlotte trägt ihren Teil dazu bei. Kann man ihr Verhalten zu Beginn noch als überlegt und kontrolliert bezeichnen, wirkt es angesichts der Ungeheuer und Ungeheuerlichkeiten, mit denen sie später konfrontiert wird, unerklärlich emotionslos. Dadurch verliert sie viel von ihrer Glaubwürdigkeit und letztendlich die Geschichte ihre Wirkung.

Unter den Bewohnern der Endwelt kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die die Ausmaße von regelrechten Massakern annehmen. Es ist die Rede vom Bürgerkrieg, der sich scheinbar nicht zuletzt an Lilys Aufenthalt in der Endwelt zu entzünden droht. Dass es um die Entscheidung zwischen Tod und ewigem Leben geht, an der sich die Geister der Unsterblichen scheiden, wird nur vage angedeutet. Denn mit Lily hat der Tod nun auch in der Endwelt Einzug gehalten. Über die Hintergründe und die Motivationen der Endweltler erfährt der Leser nur wenig. Und wenn diese Bewohner einer übernatürlichen Welt über Politik und Wahlen schwadronieren, wirkt das in einer Geistergeschichte auf mich hauptsächlich befremdlich.

Wie das Kusiositätenkabinett im Hause Darkling wirkt die Handlung über weite Strecken wie eine Ansammlung von Handlungsfragmenten. Es geschieht vieles, bei dem für mich nicht erkennbar war, ob es für die Geschichte und deren Entwicklung irgendeine Bedeutung hat. Es fiel mir deshalb über weite Strecken sehr schwer, mich in die Handlung hineinzudenken und eine Linie zu erkennen. Dadurch wird das Buch trotz des eigentlich eher geringen Umfangs recht lang. Angesichts des wirklich gelungenen Auftaktes ist das sehr schade.

Nachdem der Leser lange im Unklaren gelassen wurde, was da warum eigentlich vor sich geht in der Endwelt, kommt es auf den letzten Seiten zur Auflösung, die ich als ziemlich überstürzt empfand. Doch selbst die ließ mich, wie man so schön sagt, ratlos zurück.

Für Freunde von Mystery-Geschichten, die nicht auf Spannungsbögen und rote Fäden angewiesen sind, kann man eine Leseempfehlung aussprechen. Wer es etwas spannender mag, wird wahrscheinlich nicht allzu viel Freude mit dem Buch haben.

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Tags: mystery   (1)
 

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29 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

fantasy, steampunk, science fiction, endzeit, sprache

Perdido Street Station: Roman

China Miéville
E-Buch Text: 849 Seiten
Erschienen bei Heyne Verlag, 10.03.2014
ISBN 9783641141707
Genre: Sonstiges

Rezension:

Der Wissenschaftler Isaac Dan dar Grimnebulin hat sich mit dem Lehrkörper der Universität von New Crobuzon überworfen und vertreibt sich seitdem seine Zeit mit privaten Forschungsprojekten, wenn er nicht seine Liebesbeziehung mit Lin auslebt, einer menschlich-insektoiden Hybridin. Als der Garuda Yagharek ihn mit dem Auftrag betraut, ihm wieder das Fliegen zu ermöglichen, wird eine Reihe von Ereignissen in Gang gesetzt, die die Existenz der Stadt und des gesamten Kontinents bedroht. Die Kultur der Garuda kennt als Bestafung für bestimmte Vergehen das Entfernen der Flügel, was den Betroffenen einer Fähigkeit beraubt, die wesentlich für dessen Selbstverständnis ist. Sein neuer Auftrag erfordert es, dass Isaac alles über die Natur des Fliegen herausfindet, was nötig ist, um den Garuda wieder fliegen zu lassen. Es dauert nicht lange, da bevölkert ein Zoo von allen denkbaren und undenkbaren fliegenden Anschauungsobjekten sein Labor. Eine geheimnisvolle Falterlarve, die aus einer zwielichtigen Quelle stammt, entkommt aus der Gefangenschaft und entpuppt (!) sich zu einer tödlichen Gefahr für alles vernunftbegabte Leben. Denn diese Falter ernähren sich von Träumen …

New Crobuzon ist ein stinkender Moloch, ein Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen und Lebensformen. Miévilles Schilderung der Stadt erinnert an eine englische Hafenstadt irgendwann zwischen den Anfängen der Industrialisierung und dem Beginn des 20. Jahrhunderts -  tatsächlich basiert sie nach des Autors eigenen Worten völlig auf London. Zwischen Dampfmaschinen und Luftschiffen leben hier die menschlichen und nicht-menschlichen Subkulturen in “ihren” Stadtvierteln, Hafenarbeiter streiken für bessere Arbeitsbedingungen, eine links-intellektuelle Bohéme schreibt im Untergrund Pamphlete gegen eine wenig demokratische Politik, die einerseits gemeinsame Sache mit der organisierten Kriminalität macht, andererseits mit Milizen dieses Pulverfass gegensätzlicher Lebensformen in Schach hält. Über allem thront Perdido Street Station, gleichzeitig Hauptverkehrsknotenpunkt und politisches und wirtschaftliches Zentrum der Stadt.

Dieses also gar nicht so fremd anmutende New Crobuzon, das der Autor mit seiner bildreichen und intensiven Sprache vor dem inneren Auge des Lesers entstehen lässt, bevölkert er mit einer bunten Gesellschaft von Menschen, Chimären, Kaktusmenschen und lebendig gewordenen Fabelwesen. Anhand der sexuellen Beziehung zwischen Isaac und der Khepri-Frau Lin, eines der zentralen Themen und Hauptmotivation für Isaacs Handeln, beleuchtet Miéville beispielhaft auch das Thema der Diskriminierung von Minderheiten. In dieser und anderen Betrachtungen des sozialen Lebens in seiner Welt wird immer wieder der sozialistische Hintergund des Autors deutlich, ohne jedoch missionierend zu wirken. Bezeichnend ist es allerdings, dass gerade die Verquickung von Politik und Kriminalität die sich entwickelnde Tragödie erst ermöglicht.

In der Schule hatte ich einen Englischlehrer, der sagte, dass Leute, die schreiben wollen, nicht Englisch studieren sollten, sondern eher Sozialwissenschaften. Das ist vielleicht etwas übertrieben — es gibt eine ganze Menge brillanter Schriftsteller, die Literatur studiert haben –, mein Schreiben ist allerdings sehr stark von Sozialwissenschaften und Gesellschaftstheorien beeinflusst. Das war jedoch nicht der Grund, warum ich diese Studiengänge belegt habe — sie haben mich schlicht interessiert, um ihrer selbst willen –, aber bei den Fragestellungen, die mich innerhalb der Erzählliteratur interessieren, geht es um Politik, Klassenzugehörigkeit, Rassismus und dergleichen mehr. All das spielt in den Sozialwissenschaften eine wichtige Rolle.  – China Miéville

Bei aller Exotik und Phantasie manifestiert sich in der Welt von New Crobuzon kein typisches Science Fiction-Setting. Der Autor verleiht den Beschreibungen seiner verschiedenen Millieus ein höheres Gewicht als wissenschaftlich glaubwürdigen Erklärungen technischer Vorgänge. Die Naturwissenschaft, wie wir sie kennen, existiert zwar auch hier, doch ergänzt wird sie um das Element der Thaumaturgie, gewissermaßen die wissenschaftliche Form der Magie. Sie hat nichts gemein mit der Magie, die wir aus der klassischen Fantasy kennen. Roboter heißen Kontrukte, ihre Künstliche Intelligenz (KI) wird mittels Lochkarten und Dampfmaschinen in mechanischen Apparaten bewerkstelligt. Es sind diese in untypischer Weise kombinierten typischen Elemente, die den Begriff Steampunk Fantasy treffender erscheinen lassen als Science Fiction.

Das Buch fordert den Leser in mehrfacher Hinsicht. Die phantasievoll, eigenwillig und bunt erdachte Welt zwingt den Leser, sich auf Neues einzulassen, denn China Miéville schreibt keine Wohlfühl-Fantasy. Die Charaktere sind oftmals sperrig, Handlungen aus ehrenhaften Motiven eher Ausnahme als Regel, und überhaupt sind die Geschehnisse oft ebenso schmutzig wie die Welt, in der sie stattfinden.

Die Sprache wird ihrer Aufgabe gerecht. Sie ist niemals einfach, häufig anspruchsvoll, gleichzeitig aber immer geprägt von großer Erzählfreude und -kunst. Tatsächlich sollte der Leser das Spiel mit der Sprache ebenso lieben wie es der Autor tut, denn Miéville Sprache macht es dem Leser manchmal schwer. Ein ums andere Mal verliert er sich in seitenlangen Schilderungen, die zwar die Handlung – die wenig genug hergibt, um in ein Buch von deutlich geringerem Umfang zu passen – um kein Jota voranbringen, doch sich sprachlich auf hohem Niveau bewegen und den Leser, der sich darauf einlässt, gefangen nehmen können. Wer dies tut und nicht jede Unglaublichkeit hinterfragt, wird mit einem intensiven Leseerlebnis belohnt.

Möglicherweise entwickeln viele Leser immer mehr ein Gefühl dafür, dass die Traditionen der SF und der Fantasy, die wir entwickelt haben, nicht wirklich unveränderlich sind. Entsprechend trifft ein Buch, das sich bewusst in ein Grenzgebiet zwischen bestimmte Genreschubladen wagt, eine bestimmte Stimmung. - China Miéville

In der vorliegenden Neuausgabe sind erstmals die schon früher erschienenen Bücher Die Falter und Der Weber vereint.

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festa verlag, thriller, splatter, festa extrem, horror

Buk und Jimmy ziehen nach Westen - Extrem

Brett McBean
E-Buch Text: 141 Seiten
Erschienen bei Festa, 24.01.2014
ISBN B00I1C27MI
Genre: Sonstiges

Rezension:

Buk ist das, was man mit Fug und Recht einen durchgeknallten Psychopathen nennen kann. Das Töten von Menschen aus geringstem Anlaß bereitet ihm ein Mordsvergnügen, wobei er es meist nicht beim bloßen Töten belässt.

Seine Reise nach Westen beginnt nach dem Abend des 20jährigen Klassentreffens seiner Highschool-Klasse. Eigentlich heißt er William, aber seine Ähnlichkeit mit dem Schriftsteller Charles Bukowski brachte ihm den Spitznamen Buk ein. Die Welt des Films war schon immer seine Leidenschaft und die Helden der Leinwand seine einzigen Freunde in einer durch und durch verkorksten und von Gewalt geprägten Kindheit. Grund genug, nach dem Klassentreffen endlich einmal einen Abstecher nach Hollywood zu machen. Auf dem Highway trifft er unter blutigen Umständen auf Jimmy. Er macht ihn zu seinem Lehrling im Spiel des Tötens und zum – nicht ganz freiwilligen – Begleiter auf seinem Horrortrip. Doch irgendwann hat das Töten ein Ende, und Buk wird auf ganz unerwartete Weise mit sich selbst und seiner Vergangenheit konfrontiert.

Buk und Jimmy ziehen nach Westen ist ein Buch wie ein Roadmovie – hart, schnell und dreckig. Und wäre es ein Film, vielleicht wäre es ein Tarantino. Brett McBeans schnörkellose Sprache und geradlinige Erzählweise machen Spaß, und der Leser glaubt dem Autor das Vergnügen anzumerken, mit dem er die Figur des Buk (über)zeichnet. Bei der Schilderung von dessen sadistischen Exzessen geht es zwar durchaus zur Sache, so extrem wie es die Einordnung in die entsprechende Reihe bei Festa erwarten lässt, ist sie jedoch nicht – solider Stoff für Freunde blutig servierter Lesekost, allerdings eher ein Appetithappen. Denn wie oft in diesem Genre ist die eigentliche Handlung eher dürftig und der Umfang des Buches noch dürftiger. Ein Arbeitstag mit zwei S-Bahn-Fahrten und einer Mittagspause haben für die Lektüre gereicht. Mitunter etwas aufdringlich sind die ständigen Anspielungen auf den Film, wenn Person X mal wieder irgendetwas tut wie die Figur Y aus dem Film Z. Da hätte es etwas weniger auch getan. Originell dagegen ist die Idee, durch eingestreute Drehbuchpassagen die Geschichte wie einen Film zu präsentieren. Dazu passt das Coverdesign im Stile eines Storyboards, das wenige Fragen offen lässt.

Trotz der (wenigen) Kritikpunkte habe ich Buk und Jimmy ziehen nach Westen als schnelle Lektüre für zwischendurch genossen, nicht zuletzt wegen der unerwarteten und bizarren Wendung zum Schluß, bei der nicht nur Charles Bukowski eine Nebenrolle spielt.

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zombies, zombie, endzeit, apokalypse, horror

Vom Überleben unter Toten

Kim Paffenroth
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Festa Verlag, 01.04.2010
ISBN 9783865520913
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein Jahr ist vergangen seit dem “Ausbruch”, dem Tag, an dem die Untoten die Herrschaft übernahmen. Die beständig weniger werdenden Lebenden kämpfen seitdem verzweifelt um das Überleben der Menschheit.

Jonah Caine war Lehrer, nun ist er wie so viele auf der Flucht vor den Toten. Ziellos zieht er durch das Land, immer auf der Suche nach einem Versteck, das ihm eine weitere Nacht das Überleben sichert und ihm einen weiteren trostlosen Tag ermöglicht. Die Suche nach seiner Familie hat er aufgeben. Seitdem bewegt er sich ständig am Rande der Resignation, das Töten der Toten ist zur grausigen Routine geworden. Jeder weitere Kampf mit einer untoten Kreatur kann sein letzter sein.

Das Leben von Jonah wendet sich zunächst zum Guten, als er sich einer Gruppe von Menschen anschließt, die sich in einem Museum verbarrikadiert und dort auf Dauer eingerichtet haben. Diese Gemeinschaft der Überlebenden hat inmitten der Apokalypse zurückgefunden zu einer gesellschaftlichen Ordnung, die jedem einzelnen ein Mindestmaß an Schutz und Sicherheit bietet. Doch in ihrem Leben mit dem alltäglichen Horror haben die Überlebenden eines vergessen: die Untoten folgen einem ebenso unbewußten wie seelenlosen Verlangen. Der Mensch dagegen tötet mitunter aus reiner Mordlust. Eines Tages kommt es zu einer Konfrontation mit dem wahren Bösen in Gestalt einer anderen anderen Gruppe Überlebender …

Dying To Live ist kein typischer Vertreter des Zombie-Genres. Anders als sonst üblich werden explizite Schilderungen von Gewalt vom Autor in sparsamer Dosierung eingesetzt. Bezeichnenderweise ist es die Begegnung mit anderen Überlebenden, die in extremste Gewalt ausartet. Hier hält sich Paffenroth dann auch nicht zurück, so dass gegen Ende des Buches – der Höhepunkt der Eskalation wird erst spät erreicht – auch die bis dahin zu kurz gekommenen Freunde der härteren Gangart versöhnt werden dürften. Bis dahin jedoch ist Dying To Live ein eher langsames Buch – langsam, aber nicht langweilig. Paffenroth nimmt sich Zeit, die gegensätzlichen Charaktere überzeugend – mitunter ein wenig stereotyp auch in der Gestaltung der Dialoge – herauszuarbeiten und dem Leser die Trostlosigkeit der apokalyptischen Welt anschaulich zu machen.

Das zentrale Thema des Buches ist die Frage nach der Menschlichkeit angesichts des größten vorstellbaren Grauens. Wiederholt werden wir daran erinnert, dass selbst die wandelnden Toten in ihrem Leben menschliche Individuen waren. Scheinbar nebensächliche Symbole wie das Familienfoto in des Zombies Brieftasche entfalten eine starke Wirkung. Ein letzter Rest von Achtung vor den Toten steht im Gegensatz zum blanken Hass auf die Monster, die nun Jagd auf die Überlebenden machen. Diesen Gegensatz vermitteln die Figuren des Jonah Caine und der Ex-Soldatin Tanya. Während der eine die durch seine Hand endgültig Gestorbenen um Vergebung bittet, ist die andere voller Hass und Verachtung für die seelenlosen Hüllen.

Ein anderes Protagonistenpaar steht für die Frage, auf welche Weise Menschen in dieser Extremsituation erfolgreich geführt werden können. Da ist auf der einen Seite Jack, der Ex-Soldat und Pragmatiker, der von der Überlebenswichtigkeit klarer und mitunter harter Regeln überzeugt ist. Auf der anderen Seite der eher sanfte alte Milton, den eine spezielle Gabe in den Augen der Menschen zu einer Art spirituellen Führer macht. Ein Gespräch zwischen Jonah und Milton, das sich zwischen Shakespeare, lackierten Fußnägeln und Dantes Inferno bewegt, gehört zu den überzeugenden leiseren Passagen des Buches. Diese machen die sadistische Gewalt, die ausgerechnet von Mit-Menschen ausgeht, umso verstörender.

Dying To Live ist ein für das Genre wohltuend intelligentes Buch mit glaubwürdigen Charakteren und schlüssiger Handlung. Zwar gibt es nichts, was nicht spätestens seit The Walking Dead zur “Standardhandlung” gehört, doch die Beschäftigung mit dem Aspekt der Menschlichkeit in der Apokalypse macht die Geschichte zu etwas Besonderem. Die Tatsache allerdings, dass die Geschichte komplett von einer Handvoll leicht klischeehafter Figuren getragen wird und die weiteren Überlebenden praktisch nicht stattfinden, stellt einen der wenigen nicht allzu schwerwiegenden Kritikpunkte dar.

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