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Über die Berliner Luft

Friedrich Luft , Wilfried F. Schoeller
Fester Einband: 380 Seiten
Erschienen bei AB - Die Andere Bibliothek, 08.10.2018
ISBN 9783847704058
Genre: Sonstiges

Rezension:

Friedrich Luft ist ein Feuilletonist der alten Schule. Präzise müssen die Texte sitzen. Kein Geschnörkel. Kein Gelaber. Ein einziger Gedanke, der zu Ende geführt wird. Die Texte des Berliner Autors Friedrich Luft sind nun in dem Band „Über die Berliner Luft“ gesammelt veröffentlicht.

Friedrich Luft schreibt Texte, die einen mit ihrer zielgenauen Sprache in den Bann ziehen. Luft nutzt die kleine Form – selten hat ein Text von ihm mehr als zwei Seiten. Kein Wunder, denn lange Jahre war das Radio die Heimat von Lufts kreativem Schaffen.

Meist ist es Alltägliches, das Luft aufgreift und betrachtet oder manchmal auch in abstraktere Überlegungen münden lässt. Manchmal ist es einfach nur ein Gedanke, den er ausführt. Zum Beispiel, dass er nur an den Zweifel glaube. Irgendwann landet er dann bei der Frage, wie Zweifel und Glück vereinbar sind, spricht über die Neugier und endet bei den wunderbaren, überraschenden Augenblicken des Glücks.

Nur selten gelingt es Luft nicht, klar und präzise zu schreiben. Wenn er etwa über den Tod Marilyn Monroes sinniert, wirkt es grausig moralinsauer. Aber das ist die absolute Ausnahme. Lufts Texte kommen leichtfüßig daher und haben doch etwas zu sagen. Viele von ihnen könnte man auch heute problemlos in Zeitungen abdrucken, ohne dass sie an Aktualität verloren hätten. Andere, vor allem der 40er und 50er Jahre, sind ein beredtes Zeugnis der Vergangenheit und schildern eindrücklich Zerstörung und Not der Nachkriegsjahre. Diese Texte wirken dicht und intensiv. Daher wirkt es fast enttäuschend, wenn Luft plötzlich die fiktive Figur des Urbanus ins Spiel bringt, zusammen mit einer Frau namens Ella. Ein wenig geht da die Intensität der Texte verloren.

Als wirklich störend empfand ich aber bei der Sammlung, dass die Texte nicht durchgehend chronologisch sortiert sind, sondern nach Themen bzw. Art der Veröffentlichung. So rutscht man beim Lesen plötzlich in die Nachkriegsjahre, die man eigentlich schon hinter sich glaubte. Zumindest die Texte, die sich direkt mit der Nachkriegszeit beschäftigen, hätten zusammengehört.

Das Nachwort von Wilfried F. Schoeller bietet einen guten Überblick über das Leben Lufts. Wie bei manch anderen Werken aus der „Anderen Bibliothek“ wirkt auch hier das Nachwort auf mich etwas zu abgehoben, etwa wenn nach Schoeller die Texte Lufts „einen geistigen Raum bilden, in dem die Gefühle und Stimmungen einander gleichsam berühren“. Solche Sätze findet man bei Friedrich Luft zum Glück nicht.

 

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Die Känguru-Apokryphen

Marc-Uwe Kling , Marc-Uwe Kling
Audio CD
Erschienen bei Hörbuch Hamburg, 12.10.2018
ISBN 9783957131492
Genre: Humor

Rezension:

Mit dem Nachklapp bzw. dem vierten Teil einer Trilogie ist es immer so eine Sache. Das kann gewaltig ins Auge gehen, wenn die gleiche Geschichte ein wenig anders zum x-ten Mal erzählt wird. Marc-Uwe Kling ist nicht in der Gefahr, diesen Fehler zu machen. Die „Känguru-Apokryphen“ sind wieder eine witzige Sammlung neuer kleiner Geschichten rund ums Känguru & um seinen Mitbewohner Marc-Uwe. Und wie bei allen Vorgängern: das Hörbuch ist für mich immer der erste Zugang zu den Geschichten. Ich finde die Art, wie die Känguru-Bücher vorgetragen werden, absolut genial. Wenn ich dann später das Buch lese, habe ich immer noch die Stimmen im Ohr. 


Während Kling im Vorgängerband, der „Känguru-Offenbarung“, mit einem stringenten Handlungsfaden experimentierte und es in atemberaubendem Tempo quer über den Globus ging, führen die „Känguru-Apokryphen“ wieder zu der Anfangsform der Känguru-Geschichten zurück: kleine Geschichten, die zielgerichtet zu einer Pointe geführt werden.

Das verspricht gute Unterhaltung. Und ja, es ist gute Unterhaltung. Die meisten der Geschichten kann man zweimal hintereinander lesen (oder hören), um sie so richtig zu genießen. Langweilig wird einem auch beim vierten Band der Känguru-Trilogie nicht. Versammelt sind in dem Band witzige Geschichten um eine verpatzte Geburtstagsfeier, um Weihnachten im Juli, und natürlich gibt es auch in diesem Band wieder jede Menge Kleinkunst-Bashing.

Ja, das Buch ist etwas selbstreferenzieller als die Vorgänger, nicht nur einmal geht es um Lesereisen, um Marketing, um die Frage nach einem Känguru-Film. Manches wirkt ein wenig altklug, und man hat den Eindruck, dass Marc-Uwe Kling mit diesem Band seine Känguru-Geschichten erst einmal auch abschließen will. Es gibt viele Bezüge zu den Vorgänger-Bänden, viele Personen werden aufgegriffen, etwas Neues wird aber nicht entwickelt. Auch eine größere Geschichte fehlt in diesem Band. Wie es sich für Apokryphen gehört, wird nachgeliefert, aber nichts Neues angelegt.

Die Känguru-Fans werden ihre Freude an diesem Band haben. Wer von den Känguru-Geschichten bisher nichts gehört hat, sollte lieber mit dem ersten oder zweiten Band beginnen. 

In ein paar Rezensionen ist angemerkt worden, dass das Känguru eine tiefere Stimme habe - ich muss ehrlich sagen, mir ist das nicht aufgefallen. Ich finde es genauso gut gesprochen wie alle anderen vorangehenden Hörbücher. 

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115 Bibliotheken, 7 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

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Die Känguru-Apokryphen

Marc-Uwe Kling
Flexibler Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 12.10.2018
ISBN 9783548291956
Genre: Humor

Rezension:

Mit dem Nachklapp bzw. dem vierten Teil einer Trilogie ist es immer so eine Sache. Das kann gewaltig ins Auge gehen, wenn die gleiche Geschichte ein wenig anders zum x-ten Mal erzählt wird. Marc-Uwe Kling ist nicht in der Gefahr, diesen Fehler zu machen. Die „Känguru-Apokryphen“ sind wieder eine witzige Sammlung neuer kleiner Geschichten rund ums Känguru & um seinen Mitbewohner Marc-Uwe.

Während Kling im Vorgängerband, der „Känguru-Offenbarung“, mit einem stringenten Handlungsfaden experimentierte und es in atemberaubendem Tempo quer über den Globus ging, führen die „Känguru-Apokryphen“ wieder zu der Anfangsform der Känguru-Geschichten zurück: kleine Geschichten, die zielgerichtet zu einer Pointe geführt werden.

Das verspricht gute Unterhaltung. Und ja, es ist gute Unterhaltung. Die meisten der Geschichten kann man zweimal hintereinander lesen (oder hören), um sie so richtig zu genießen. Langweilig wird einem auch beim vierten Band der Känguru-Trilogie nicht. Versammelt sind in dem Band witzige Geschichten um eine verpatzte Geburtstagsfeier, um Weihnachten im Juli, und natürlich gibt es auch in diesem Band wieder jede Menge Kleinkunst-Bashing.

Ja, das Buch ist etwas selbstreferenzieller als die Vorgänger, nicht nur einmal geht es um Lesereisen, um Marketing, um die Frage nach einem Känguru-Film. Manches wirkt ein wenig altklug, und man hat den Eindruck, dass Marc-Uwe Kling mit diesem Band seine Känguru-Geschichten erst einmal auch abschließen will. Es gibt viele Bezüge zu den Vorgänger-Bänden, viele Personen werden aufgegriffen, etwas Neues wird aber nicht entwickelt. Auch eine größere Geschichte fehlt in diesem Band. Wie es sich für Apokryphen gehört, wird nachgeliefert, aber nichts Neues angelegt.

Die Känguru-Fans werden ihre Freude an diesem Band haben. Wer von den Känguru-Geschichten bisher nichts gehört hat, sollte lieber mit dem ersten oder zweiten Band beginnen.

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124 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 72 Rezensionen

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Loyalitäten

Delphine de Vigan , Doris Heinemann
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag, 12.10.2018
ISBN 9783832183592
Genre: Romane

Rezension:

Théo ist 12. Théo braucht den Kick. Am liebsten würde er sich selbst betäuben. Deshalb beginnt er zu trinken.

Delphine de Vigan hat in ihrem Buch „Loyalitäten“ einen Protagonisten geschaffen, der vom Leben nur so gebeutelt ist. Stoff genug für einen ganzen Roman. Doch Delphine de Vigan hat daraus ein Kleinod gemacht, das eher einer Novelle entspricht als einem Roman.

Aus der Sicht von vier Personen (Théo, sein Freund, dessen Mutter und eine Lehrerin) entspinnt sich die Geschichte. Eine Geschichte, die so viel Stoff bietet, weil jeder mit sich selbst beschäftigt ist. Jeder hat seinen eigenen Packen zu tragen, jeder hat seine eigenen Erfahrungen, mit denen er andere beurteilt.

So viel Stoff wirkt bei Delphine de Vigan aber keineswegs erschlagend. Immer wieder lenkt sie geschickt den Blick auf Théo und geschickt bringt sie die Aussagen immer wieder auf den Punkt. Delphine de Vigan ist eine Meisterin der Sprache und der sprachlichen Zuspitzung. Knapp und schnörkellos schreibt sie. „Wir sind alle Verbrecher“, lässt sie die Mutter sagen. Besser kann man ihre Lebenseinstellung kaum auf den Punkt bringen. Helden gibt es bei der französischen Autorin nicht. Nicht einmal kleine Helden.

Théo ist weder Held noch Anti-Held. Im Grunde sind ihm Zuschreibungen von außen sowieso egal. Denn er ist mit sich selbst mehr als genug beschäftigt. Er ist ein Scheidungskind, das heißt: eine Woche verbringt er beim Vater, eine bei der Mutter. Doch niemand scheint zu bemerken, wie überfordert er von dieser Situation ist. Ein Tinnitus ist die Folge. Théo will ihn sich wegtrinken, er will, dass etwas in seinem Gehirn explodiert, er sehnt sich danach, „für ein paar Stunden oder für immer in das dicke Gewebe der Trunkenheit zu fallen, sich davon bedecken, begraben lassen“. Er will das Stadium erreichen, in dem das Gehirn in den Ruhezustand geht.

Diese Entgrenzung verhindert, dass man in Théo einen kleinen Helden sehen kann. Wenn man liest, wie sehr sich Théo um seinen arbeitslosen Vater kümmert, der sich immer mehr gehen lässt, wie er für ihn einkauft, versucht eine Woche lang von 20 Euro zu leben, für ihn aufräumt, ihm Stellenangebote im Internet heraussucht – man glaubt, dass man einen kleinen Helden vor sich hat. Diese Erklärung bricht jedoch in sich zusammen, wenn man sieht, wie sehr Théo von dieser Situation überfordert ist und daran zu zerbrechen droht.

Nein, „Loyalitäten“ ist ein Buch ohne Helden. Ein Buch, das aufzeigt, wie wichtig es ist, miteinander zu reden, weil wir uns nicht von selbst verstehen. Und „Loyalitäten“ zeigt eindrücklich auf, wie sehr Kinder unter ihren familiären Verhältnissen zu leiden haben können.

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Die Morgendämmerung der Worte

Wilfried Ihrig , Ulrich Janetzki , Dotschy Reinhardt , Klaus-Michael Bogdal
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei AB - Die Andere Bibliothek, 06.08.2018
ISBN 9783847704034
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

Eine Lyrik-Anthologie mit Gedichten der Sinti und Roma: eine spannende Sammlung haben da Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki zusammengetragen. Ein „Poesie-Atlas“ ist daraus wohl geworden, weil die Gedichte, die die beiden Herausgeber mühsam zusammengesucht haben, aus ganz unterschiedlichen Ländern und  sogar aus unterschiedlichen Erdteilen stammen. Die über 250 Gedichte aus „Die Morgendämmerung der Worte“ stammen von rund hundert Autorinnen und Autoren, aus rund 20 Sprachen wurden sie ins Deutsche übersetzt. Dass es sich zumeist um Neuübersetzungen handelt, zeigt, wie gründlich die Vorarbeit zu diesem Werk waren.

Somit leistet diese Anthologie einen einzigartigen Blick auf das lyrische Schaffen der Sinti und Roma der letzten rund hundert Jahre. So nimmt es nicht wunder, dass hier ganz unterschiedliche Themen zur Sprache kommen. Zentral ist in vielen Gedichten die Frage nach der eigenen Identität, aber auch nach Vorurteilen, ebenso nehmen Gedichte über Verfolgung einen breiten Raum ein. Hinzu kommen Gedichte über Liebe, Einsamkeit und Trauer. Und natürlich ist auch dabei, worüber Dichter am liebsten schreiben: das Dichten selbst.

Seinen Titel hat der Band von einem Gedicht Rajko Djurics:

Ich warte am Ufer des Flusses
Auf die Dämmerung der Worte

Auch Dezider Banga verbindet die Dunkelheit mit mit dem Dichten:

Ich ging in tiefster Mitternacht
zu nachtschwarzer Stunde
über die Wiese
als die Sterne in die goldenen
Fußstapfen der Sonne traten
die dem Dichter
den Weg wiesen

Die Beschreibung des Dichtens als quasi mystische Beschäftigung kann freilich auch ins Komische abgewendet werden, wie Jack Micheline zeigt:

Ich geh jetzt raus und vertrete mir
die Beine und lache, daß sich die Balken biegen.
Es ist Vollmond.
Ich werde mit dem Mond reden,
werde tanzen
mit den Gerippen auf dem Friedhof.

Immer wieder wird in den Gedichten der Verlust der Worte beschrieben, vor allem bei den nichteuropäischen Autoren, die ihre Roma-Sprache nicht mehr verwenden, sondern ihre Gedichte in den Sprachen ihrer Heimatländer schreiben. Der Verlust der Sprache wird dabei nicht mit dem Verlust der Identität gleichgesetzt – doch ist die Identität dadurch bedroht. „Wer sind wir, Roma ohne Romani“ fragt etwa Jimmy Storey.

Auch die Heimatlosigkeit wird immer wieder in den Gedichten thematisiert. Am schönsten vielleicht bei Thais Barbieux:

Ich bin eine Taube.
Wo ist mein Land?
Denn kein Blau ist unter meinen Flügeln,
kein Himmel in meinem Herzen.

Zur Heimatlosigkeit gehört auch die Rolle des Außenseiters, der sich nicht willkommen sieht und der um seine Rechte kämpfen muss. Am impulsivsten wird dies in „Die Schlacht am Noodledom Platz“ von Ronald Lee besungen, wo die Auseinandersetzung der britischen Roma (Romanichels) mit der Polizei fast schon balladenhaft besungen wird:

Romanichels haben hier gelagert
Auf diesem alten Stück öffentliches Land
Seit sie sich erinnern können
Aber jetzt erklärt die neue Verordnung
Dass Lagern hier verboten ist
Weil es hier kein Scheisshaus und keine Wassertoilette gibt.

Mit den Vorurteilen gegenüber Roma und Sinti wird in den Gedichten ganz unterschiedlich umgegangen: mal resigniert, mal ironisch, mal anklagend. Wenn es aber um die eigene Identität geht, so sind sich die meisten der Schriftsteller einig: die Kultur wird von den Alten, den Ahnen weitergegeben. „Vergesst nicht die Verse der Vorfahren“ – diese Mahnung findet sich nicht nur einmal in den Gedichten des Sammelbandes. Eine Mahnung, die ihren Grund auch im Versuch der Ausrottung der Sinti und Roma hat. Ihre Verschleppung in Lager ist Thema vieler Gedichte. Am eindrücklichsten hat vielleicht Ceija Stojka darüber geschrieben:

Ich
Ceija
sage
Auschwitz lebt
und atmet
noch heute in mir
ich spüre noch heute
das Leid

Das bestehende Leid nach Auschwitz thematisieren auch andere Schriftsteller, wie etwa Stefan Horvath:

Vergessen, das geht nicht,
dafür ist zuviel passiert.
Wir Tote, wir reden
als wären wir heute erst krepiert.

Antonio Ortega warnt in seinem „Unsonett der dunklen Nacht“ dagegen davor, den Schmerz zu inventarisieren: „leben ist nicht sterben voll Wunden“, denn „der Schmerz ist des Lebens nicht würdig“. Und ja, auch das Leben ohne Wunden kommt in den Gedichten des Lyrikbandes zum Tragen. So wird in Cecilia Wolochs Gedicht der Geliebte folgendermaßen beschrieben:

Mein Geliebter mit seinem Haar wie Nachtigallen
Mit seiner Brust wie Taubengeflatter wie graue Tauben die sich in der Dämmerung putzen
Mit seinen Schultern wie zärtliche Balkone halb im Schatten, halb in der Sonne

Und ja: die Vergleiche der Beine, der Zunge, der Zähne, der Finger: sie sind genauso komisch. Überhaupt haben einige der Poeten einen Hang zum Komischen.

Man kann der Anthologie also keinesfalls vorwerfen, einseitig zu sein. Die Gedichte sind vielmehr sehr vielseitig ausgewählt. Was allerdings ein wenig zu bedauern ist, sind die fehlenden Anmerkungen. Bei manchen Gedichte hätte man sich Erklärungen zur Entstehung gewünscht oder auch Erläuterungen zu einzelnen Wörtern. Die sind zwar da, aber sehr unübersichtlich im Vorwort versteckt.

Die Einteilung des Sammelbandes nach Ländern lässt den Wunsch aufkommen, dass weitere Anthologien zur Lyrik der Roma und Sinti entstehen werden, die statt nach Ländern nach Themen sortiert sind – wie Identität, Vorurteile, Liebe, Natur (inklusive des Mondes, der in fast allen Naturgedichten irgendwie besungen wird).

Fazit: Die Lyrik-Anthologie ist ein äußerst gelungenes Werk. Ein Schatz, in dem es viel zu entdecken gibt.

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Der feiste Doktor

Lyndal Roper
Flexibler Einband: 80 Seiten
Erschienen bei Wallstein, 01.10.2012
ISBN 9783835311589
Genre: Sachbücher

Rezension:

Wie kam es, dass Luthers Gegner keine Witze über dessen Leibesfülle machten? Wie hängen Körper und Theologie bei Martin Luther zusammen? In ihrem Buch „Der feiste Doktor. Luther, sein Körper und seine Biographen“ geht die englische Theologin Lyndal Roper der Bedeutung des Körpers bei Martin Luther nach.

Dabei kommt Roper in ihrem kurzen Text von nur knapp 80 Seiten – ursprünglich als Aufsatz veröffentlicht – zu bemerkenswerten Erkenntnissen: Luthers Anhänger hätten es nicht nur geschafft, das Lutherbild selbst zu prägen, der korpulente Luther sei zudem eine „visuelle Revolution“. Denn Luther sei nicht als hagerer Geistlicher beschrieben wie die Heiligen des Mittelalters, noch als Prophet. Luther war eben Luther. Cranachs Werkstatt sei hier stilprägend gewesen.

Wie bei den Porträts der Herrscher des sächsischen Hofs zeige das Gewicht Luthers seine Gewichtigkeit. Auch deshalb, so Roper, hätten Luthers Gegner sich nicht getraut, dessen Leibesfülle zum Spott zu nutzen – und das obwohl in reformatorischen Flugblättern die Päpste und Bischöfe immer dicklich überzeichnet waren.

In den Bildern wird Luther immer mehr zum standhaften Koloss, in den Biographien immer mehr zum Kämpfer für die gerechte, richtige Sache. Doch, ist sich Roper sicher, steckt mehr dahinter: Luthers Körper war für seine Persönlichkeit wesentlich.

Dies zeigt die Theologin daran, wie sehr Luther über die Verdauung gesprochen hat – und das nicht nur in seinen Tischreden. Auch in Briefen beschäftigt ihn die Frage nach den richtigen Abführmitteln direkt neben theologischen Fragen. Das schonungslose, tabulose Reden über Körperliches könne man auch in seinem Denken erkennen.

Durch Luther sei das Verhältnis von Fleisch und Geist  neu beschrieben worden. Für ihn gab es keine scharfe Trennung von Körper und Geist. „Luther konnte tiefe Gefühle und theologische Überzeugungen durch das Medium des Körpers ausdrücken“, sagt Roper.

An zwei Beispielen verdeutlicht sie dies: der Teufel sei bei Luther eher eine „spirituelle Präsenz“ als ein dämonisches Wesen. Und wenn es bei Luther um den Teufel gehe, müsse man immer auch den Humor mitdenken, rät Roper. Wie sonst ließe sich erklären, dass man – nach Luther – den Teufel mit einem Furz bekämpfen kann?

Ropers zweites Beispiel ist das Abendmahl. Luthers Festhalten an dem Materiellen der Eucharistie, der Realpräsenz, sieht sie als Folge von Luthers körperlichem Denken. Letzteres Beispiel hat mich zugegebenermaßen nicht überzeugt.

Insgesamt aber bietet Lyndal Roper einen spannenden Einblick in den Umgang mit der Körperlichkeit Martin Luthers. Einmal von ihm selbst, aber auch von seinen Anhängern. Das Buch wirkt zu sehr wie ein wissenschaftlicher Aufsatz (inklusive ganzseitiger Fußnoten!), um ihn genießen zu können – hier hätte es mehr Essay und etwas weniger Wissenschaft gutgetan. Dennoch ist es ein lesenswerter Text, mit dem man Luther einmal anders kennenlernt.

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

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Leuchttage: Ein Begleiter durch den Advent 2018

Sarah Kersting , Gorana Guiboud-Ribaud , Sophia Frey
Spiralbindung: 48 Seiten
Erschienen bei Adeo, 07.06.2018
ISBN 9783863341763
Genre: Sonstiges

Rezension:

Adventskalender für Erwachsene haben ihren festen Platz in der Vorweihnachtszeit. Adventskalender wie der „Andere Advent“ oder der Wernauer Adventskalender haben mit ihrer Qualität hohe Maßstäbe gesetzt, an denen sich andere Adventskalender messen müssen.

Leuchttage„, der Adventskalender des adeo-Verlags, kann dem Vergleich mit diesen Kalendern gut standhalten. Vor allem Illustratorin Gorana Guiboud-Ribaud hat ihm eine ganz eigene Prägung gegeben. Der Kalender wirkt qualitativ hochwertig, ein Hingucker. Das dicke Papier lässt ihn schwer, aber auch gewichtig erscheinen.

Mit Texten ist „Leuchttage“ nicht überfrachtet. Sonntags erfolgt immer ein Impuls zum Nachdenken mit einer Geschichte, montags dann folgt darauf eine Aufforderung nach den Wochenmottos – ich darf mir Zeit nehmen, ich darf in Bewegung kommen, ich darf mich entdecken, ich darf mich lieben, ich darf neu aufbrechen. Unter der Woche wechseln sich Bastelvorlagen, Ausmalbilder, Backrezepte und andere – kurze – Impulse ab. Mein Favorit dabei: die Anleitung für gefrorene Seifenblasen. Das werde ich in diesem Winter unbedingt ausprobieren.

Wer von einem Adventskalender durchgehend starke religiöse Bezüge erwartet, wird von „Leuchttage“ vielleicht ein wenig enttäuscht sein. Zwar gibt es einige religiöse Texte, vor allem bei den Geschichten aber liegt der Schwerpunkt eindeutig auf der Selbstreflexion. So sind die „Leuchttage“ eher Tage, um sich mit sich selbst zu beschäftigen und sich zu entschleunigen.

Fazit: „Leuchttage“ ist ein hochwertig gestalteter Adventskalender, der viele Impulse bietet, um in der Vorweihnachtszeit runterzukommen und innezuhalten.

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128 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 86 Rezensionen

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Mit der Faust in die Welt schlagen

Lukas Rietzschel
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 07.09.2018
ISBN 9783550050664
Genre: Romane

Rezension:

„Dieses ganze eingefallene, verlassene Zeug. Untergegangene, traurige Scheiße. Kein Mensch auf der Straße. Abriss und Leerstand. […] Die Schulen, die sie schlossen, die Sparkassen und Arztpraxen. Die Kreise, die sie zusammenlegten, die Gemeinden und Städte. Die Wege wurden länger, die Entfernungen größer. Für Griechenland war Geld da gewesen und für unnötige Umgehungsstraßen. Schnellstraßen, damit niemand mehr durch die traurigen Orte fahren musste.“

Es ist dieses trostlose Bild Ostdeutschlands, genauer gesagt der Oberlausitz, das in Lukas Rietzschels Buch „Mit der Faust in die Welt schlagen“ vorherrscht. Die beiden Brüder Philipp und Tobias wachsen in Neschwitz auf, einem kleinen Dorf, das nach der Wende nichts mehr zu bieten hat. Das Schamottewerk hat dicht gemacht, selbst die Kantine wird zur Ruine. Wer kann, geht. Zurück bleibt, wer es nicht geschafft hat.

Bald bröckelt es auch in der Familie der Geschwister. Der Vater geht fremd, verlässt Frau und Kinder. Viel los ist nicht im Dorf, und so bildet sich rasch eine Clique, mit der Philipp unterwegs ist. Nach und nach rutscht die Gruppe ins rechte Milieu ab, wobei es meist bei markigen Worten bleibt. Lukas Rietzschel gelingt es hier, das abzubilden, was gesellschaftlich in Deutschland wahrzunehmen ist: Unzufriedenheit (auch im Westen!), die rechtsradikale Stereotype aufgreift, verbunden mit Politikverdrossenheit. „Es braucht mal wieder einen richtigen Krieg“, sagt Tobias, der jüngere der beiden Brüder. Er schwadroniert von Untermenschen und unfähigen Politikern gleichermaßen. Einer, der sich zurückgesetzt fühlt. Auch von seinem Bruder.

Mit Beginn seiner Ausbildung zieht Philipp daheim aus, für Tobias ist das ein Verrat, die Beziehung der beiden wird auf eine Probe gestellt. Zudem zieht sich Philipp aus der Clique zurück, als Tobias dazukommt. Er macht sein eigenes Ding. Einen anderen Freundeskreis allerdings, so scheint es, kann Philipp sich nicht aufbauen.

So ist der Debutroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ nicht nur ein Buch über den aufkommenden Rechtsextremismus im Osten, sondern zugleich ein Buch über zwei Brüder, die sich immer mehr voneinander entfremden. Gemeinsam haben sie, dass sie ihren Weg selber finden müssen und wenig Halt in Familie und Peer Group finden.

„Mit der Faust in die Welt schlagen“ gibt vielleicht nicht die Antworten auf die Frage, weshalb Rechtsextremismus entsteht und gar gesellschaftsfähig wird, es bildet aber gekonnt die Stimmung ab, die notwendig ist, um Nährboden für Unzufriedene zu sein. Lukas Rietzschel bedient sich dabei der Sprache der kurzen, abgehackten Sätze, oft verbunden mit Wortauslassungen und lässt so eine durchgehend düstere Stimmung. Der Ort Neschwitz mit seinem Schlösschen kann einem Leid tun: Rietzschel schafft es in seinem Roman, daraus einen Un-Ort zu machen, überzeugend.

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59 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 30 Rezensionen

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Ich war Diener im Hause Hobbs

Verena Rossbacher
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.08.2018
ISBN 9783462048261
Genre: Romane

Rezension:

„Ich war eine Schlaftablette, die nicht richtig wirkte, zufrieden und unbedarft segelte ich durch eine glatte See, ich kannte keine Stürme, keine Unwetter, kein Bermudadreieck der Emotionen, ich war ein simples Gemüt.“

So beurteilt sich Christian Kauffmann zum Ende des Buches hin. Kauffmann hat den Beruf des Butlers erlernt. Bei der Familie Hobbs arbeitet er einige Jahre als Diener, bis es zu einem Todesfall kommt, der ihn völlig aus der Bahn wirft.

Es hätte spannend sein können, darüber zu lesen, wie dieser anachronistische Beruf in unserer Zeit in einer Familie mit Leben gefüllt wird. Doch in der Tat ist es so, dass Christian Kauffmann so gar keine interessante Persönlichkeit hat. Es hätte spannend sein können, über die Familie Hobbs, wo Ehemann und Ehefrau unterschiedlicher nicht sein könnten, zu lesen. Doch in der Tat ist es so, dass diese charakterlichen  Gegensätze nachdem sie einmal beschrieben wurden, später kaum noch eine Rolle spielen. Es hätte spannend sein können zu lesen, wie Christian es schließlich gelingt, die Umstände des mysteriösen Todesfalls zu lösen. Doch in der Tat ist es so, dass das Buch mit einer großen Menge an Belanglosigkeiten gefüllt ist und zum Ende hin die Auflösung derart unwahrscheinlich und an den Haaren herbeigezogen ist, dass es keine Freude ist, das Buch zu lesen.

Der Trick des Buches ist, dass es rückblickend erzählt wird – Christian Kauffmann schreibt nachdem er alles herausgefunden hat, seine Geschichte auf. Damit ist das Buch mit Anspielungen gespickt, die man beim zweiten Lesen erkennt – beim zweiten Lesen, da man auf Kleinigkeiten so nicht unbedingt achtet und da Namen oft erwähnt werden, bevor sie überhaupt eingeführt wurden. Man könnte dieses Erzählen als Clou sehen, für mich ist es allerdings einfach nur leserunfreundlich.

Nein, das Buch ist definitiv nichts für mich. Ich finde es trotz mancher guter Passage so gar nicht gelungen. Nicht nur, dass am Schluss sich erweist, dass alles völlig konstruiert ist, auch die Figur des Christian Kauffmann ist für mich keine stimmige Figur. Ein Diener, der eine Abneigung gegen seine Heimatstadt Feldkirch hat, dann aber stinksauer ist, wenn er von seinen früheren Freunden, zu denen er nur lose Kontakt hält, nicht alles erfährt, was geschieht. Dann trennt er sich von seinem Lebenspartner, einfach so, vermutlich weil der vor ihm richtig kombiniert hat und früher wusste, was Sache in dem Todesfall ist. Ein Diener, der sauer ist, wenn alte Freunde ihn zurechtweisen, aber zugleich überhaupt keinen Wert auf ihr Ergehen oder gar auf ihre Meinung legt. Ein treuer Diener, der anfängt, seine Arbeitgeber zu bespitzeln.

Hinzu kommt, dass der Roman völlig willkürlich hin- und herschwingt zwischen zwei Welten – der des Dieners und der der Hobbs, die dann auch noch so absonderlich verknüpft werden müssen, dass es einem die Schuhe auszieht. Dass Christian Kauffmann seinen Bericht über das Geschehene schreibt, weil er sich schuldig fühlt, geht am Ende völlig unter.

Fazit: „Ich war Diener im Hause Hobbs“ ist ein Buch, das zwar gute Seiten hat (etwa wenn das Wesen eines Butlers beschrieben wird), aber insgesamt in keiner Weise stimmig erzählt ist.

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Rilke Projekt - Wunderweiße Nächte

Schönherz & Fleer , Matthias Koeberlin , Julia Koschitz , Nicholas Müller
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Lübbe Audio, 28.09.2018
ISBN 9783838789187
Genre: Romane

Rezension:

„Liebe, ich bin trunken vor lauter Schauen“ – so beginnt die neue CD „Wunderweiße Nächte“ des Rilke-Projekts. Herbst-, Winter- und Weihnachtslieder sind auf dieser CD versammelt.  Genauer gesagt: Texte und Lieder. Wobei die Rilke-Texte immer auch musikalisch untermalt sind.

Ein Schwerpunkt der Texte liegt auf dem Glanz der Welt, den Rilke beschreibt. Vom „späten Glanz“ des Herbstes über den Glanz einer Sternennacht bis hin zum  Heiligen Abend, wo „alles Dunkel sich in Glanz verwandelt“. Für Rilke geht dieser Glanz einher mit der tiefen Ergriffenheit des Beobachters. Für Rilke ist es letztlich die Ergriffenheit vor Gottes großartiger Schöpfung.

So verwundert es nicht, dass die Lieder und Texte überwiegend melancholisch daherkommen. Nur wenige der Sänger und Sprecher brechen hier aus, wie etwa Mathias Koeberlin mit „Seliger Weihnachtstag“, das eher flott daherkommt und auch „So singt die Welt“ bricht nach und nach mit der Melancholie.

Rilkes Gedicht „Du, Nachbar Gott“ greift die Frage nach der Bedeutung des Schauens auf. Die Sinne sind endlich, ohne Heimat, von Gott getrennt. Erst das Ergriffensein führt zur Nähe zu Gott, sodass nur noch eine schmale Wand den Ergriffenen von Gott trennt.

Auch wenn der bekannte „Herbsttag“ („Herr, es ist Zeit…“) auf dieser CD fehlt (er ist ja schon auf einer anderen CD des Rilke-Projekts vorhanden), so ist es doch eine rundum gelungenen Auswahl an Gedichten, die den Weg vom Herbst in den Winter gehen.

Mir haben diese Rilke-Vertonungen – wie schon die Vorgänger des Rilke-Projekts – sehr gefallen. „Wunderweiße Näche“ kann man sich immer wieder anhören.

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37 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

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Der lächelnde Gott

Joseph Fink , Jeffrey Cranor , Birgit Herden
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 30.08.2018
ISBN 9783608962635
Genre: Fantasy

Rezension:

Night Vale ist eine Stadt, in der nichts so ist wie anderswo. Die Uhren gehen anders - wenn sie überhaupt gehen, denn die Zeit folgt in Night Vale ihren eigenen Gesetzen. Joseph Fink und Jeffrey Cranor haben mit "Der lächelnde Gott" eine völlig verrückte Geschichte geschrieben, die durchgeknallter kaum sein könnte.

Ein Bauer, der nicht sichtbares Gemüse in der Wüste anbaut, ein Haus, das eigentlich nicht existiert, ein Hundepark, in dem keine Hunde erlaubt sind und der Zugang zur Anderswelt ist, eine Sekte, die einen Tausendfüßler anbetet - wer sich über derart skurrile Einfälle amüsieren oder gar vor Lachen biegen kann, für den ist der Roman über Night Vale genau das Richtige.

Hat man sich erst mit der Welt von Night Vale angefreundet, was zugegebenermaßen nicht ganz so leicht ist, doch ist dies erst gelungen, kann man sich an dem herrlichen Klamauk ergötzen und sich von den immer wieder neuen skurrilen Ideen des Autoren-Duos überraschen lassen. Ein absolut schräges Vergnügen! 

Doch eigentlich geht es ziemlich ernst zu in Night Vale - denn die Stadt wird bedroht. Immer wieder verschwinden Häuser. Doch wer ist schuld daran, dass Häuser geradezu verschlungen werden? Nilanjana, eine Wissenschaftlerin, will mit ihren Kollegen der Wahrheit auf den Grund kommen. Ihr erster Verdacht: die Kirche des lächelnden Gottes. Denn die betet schließlich einen Gott an, der alles verschlingt. So hat es Prophet Kevin vorausgesagt. Nilanjana beginnt mit ihren Nachforschungen... 

Mich hat Night Vale in seinen Bann gezogen. Ein herrliches Lesevergnügen!

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93 Bibliotheken, 2 Leser, 3 Gruppen, 44 Rezensionen

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Der Platz an der Sonne

Christian Torkler
Fester Einband: 592 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 02.09.2018
ISBN 9783608962901
Genre: Romane

Rezension:

Was für eine tolle Idee, dachte ich mir, als ich den Klappentext las. Was für eine schlechte Umsetzung, dachte ich mir, während ich das Buch las. Was will mir das Buch sagen, dachte ich mir, als ich das Buch fertig gelesen hatte. „Der Platz an der Sonne“ von Christian Torkler lässt mich zwiegespalten zurück.

Die Handlung ist schnell umrissen: Josua kriegt im zerstörten Deutschland der 1980er Jahre keinen Fuß auf den Boden. Deshalb will er ins reiche Afrika, das als Gewinner eines langen zermürbenden Krieges emporstieg, um sein Glück zu machen. So berichtet der erste Teil des Buches vom Steh-auf-Männchen Josua, das es trotz aller widrigen Umstände, trotz aller Korruption, schafft, seine eigene Bar aufzumachen, während der zweite Teil die zermürbende Flucht nach Afrika schildert.

Die Utopie, die Christian Torkler hier aufmacht, hat zunächst ihren Reiz. Was wäre, wenn nach der Niederlage Deutschlands weitergekämpft worden wäre. Wenn die Weltmächte sich aneinander zerrieben hätten. Wenn dadurch Afrika der Aufstieg zur Weltmacht ermöglicht worden wäre. Allerdings begnügt sich Torkler in seinem Buch mit einigen wenigen Anspielungen; die alternative Weltgeschichte, die er aufmacht, bleibt weitestgehend im Dunkeln. Das ist nicht nur schade, sondern enttäuschend, weil man beim Lesen immer auf die genaueren Hintergründe wartet.

Gelungen hingegen ist, wie Torkler die Situation beschreibt, in der Josua leben muss. Überall Willkür, Machtmissbrauch, Korruption. Man bekommt als Leser irgendwann zu viel davon, und so ergeht es auch Josua. Immer mehr hat er die Schnauze voll vom tristen Leben in Deutschland. Genauso gelungen ist auch die Beschreibung der Flucht: Josua wird zwar immer wieder geholfen, doch seinen Schleppern ist er willkürlich ausgeliefert, wird sogar eine Zeitlang versklavt. Wer da Freund, wer Feind ist: es ist kaum zu erkennen.

Nicht sehr geglückt finde ich die Art und Weise, wie erzählt wird. Dass Josua seine Geschichte selbst aufschreibt, während er im Gefängnis sitzt, führt letztlich dazu, dass man zu Josua als Leser keine emotionale Bindung aufbaut. Josua berichtet, erzählt nüchtern und sachlich. Und wenn Josua nach dem Tod seines Sohnes in den Alkoholismus abdriftet, erfährt man das nur am Rande. Ebenso beiläufig sind die Wendungen des Romans: die Auseinandersetzung mit einem Taxi-Passagier und die Rettung eines Mädchens lassen die Handlung weitergehen. Das war mir etwas zu viel deus ex machina.

Die Zweiteilung des Romans finde ich irgendwie nicht gelungen. Was vor der Flucht passiert, ist plötzlich völlig unwichtig, man kann es als Leser ad acta legen und sich auf neue Begegnungen, auf neue Menschen einlassen. Wenn es darum gehen soll, wie jemand verzweifelt sein Glück sucht, dann passt das, dann sind das zwei Seiten einer Medaille, aber als Leser hätte ich mir da etwas anderes gewünscht. Zumindest ein paar rote Linien, eine Entwicklung hin zur Flucht statt eines plötzlichen Aufbruchs. Zwischen den Teilen besteht für mich kein richtiger Zusammenhang.

Das andere, was mich an dem Buch kolossal stört, ist die Sprache. Es gibt fast keine Seite in diesem Buch, auf der nicht irgendein Gespräch wiedergegeben wird. Letztlich schlittert die Handlung von Begegnung zu Begegnung, und das tut dem Roman nicht gut. Torklers Schreibstil hat nichts Fesselndes an sich. Er schreibt nüchtern, viel zu nüchtern, berichtend. Hinzu kommen sehr plumpe Versuche, die Situation sprachlich widerzuspiegeln. Da wird ständig vom „Fraß“ gesprochen, den es zu essen gibt, dann wiederum wird die fehlende Bildung der deutschen Bevölkerung  während der Reise immer wieder plump durch Wortspiele angesprochen (die Landschaft heißt ähnlich wie Apfelsine – aha…).

Richtig klar geworden ist mir nicht, was Christian Torkler mit seinem Buch erreichen will: will er eine alternative Weltgeschichte durchspielen?  – dann wäre das Buch ob der geringen Hintergründe schlichtweg peinlich. Will er Sympathie für Flüchtlinge wecken? – dann hätte das Buch nicht so emotional verkorkst sein dürfen. Will er die Geschichte eines kleinen Mannes erzählen, der einfach nur auf der Suche nach einem Stück vom Glück ist? – dann hätte es einer stärkeren Akzentuierung bedurft.

Was übrig bleibt ist ein Buch, das interessante Seiten hat, mich aber letztlich nicht überzeugen konnte.

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Das Buch der Begegnungen (3 MP3-CDs)

Alexander von Humboldt , Frank Arnold , Ottmar Ette
Schallplatte
Erschienen bei Audiobuch, 31.07.2018
ISBN 9783958620803
Genre: Sonstiges

Rezension:

Alexander von Humboldts „Buch der Begegnungen“ ist keine einfache Kost. Es handelt sich vielmehr um Humboldts Aufzeichnungen, die hier wiedergegeben werden.

So verwundert es nicht, dass man in dem „Buch der Begegnungen“ einen roten Faden vergeblich sucht. Zudem fehlt dem Hörbuch die erklärende Einleitung des Buches, sodass man sich als Leser immer stärker hineingeworfen fühlt in die losen Gedanken eines Entdeckers des ausgehenden 18. Jahrhunderts.

Fünf Jahre lang bereiste Humboldt Südamerika. Auf tausenden Seiten hat Humboldt seine Eindrücke in den „amerikanischen Reisetagebüchern“ notiert. Eine logische Ordnung sucht man dort vergebens. Im Gegenteil: Humboldt wechselt permanent das Thema – von der Beschreibung der Fauna über Begegnungen mit einzelnen Menschen, dann wird die Landschaft vermessen, schließlich finden sich Ausführungen über Missionare und die Sklaverei. Auch in dem „Buch der Begegnungen„, das Auszüge aus den Reisetagebüchern präsentiert, ist diese Unordnung durchgehend spürbar.

Humboldt bestimmt die Dichte von Gneis, die Höhe von Bergen und keine Minute später kann er sich grundlegende Gedanken über die Sklaverei machen. Ich gebe zu: so sehr mir viele Überlegungen von Humboldt gefallen haben und ich mit Interesse zuhörte, so sehr bin ich auch immer wieder aus dem Hörbuch „rausgeflogen“, weil die Themen so schnell wechseln. Dass Humboldt als „Universalgelehrter“ wirklich alles für beobachtens- und untersuchenswert hält, macht das Zuhören bei diesem Hörbuch alles andere als leicht.

Dabei gibt es in dem „Buch der Begegnungen“ viel Spannendes zu entdecken. So macht sich Humboldt über die Missionare lustig, die Schaudergeschichten von Löwen und Krokodilen in ihre Heimat schicken, wo sie doch sicher und komfortabel leben, ohne allzu viel arbeiten zu müssen.

Einen zutiefst kritischen Blick hat der Aufklärer Humboldt auf die Sklaverei. Wer darüber rede, wo Schwarze menschlicher behandelt werden, der verhöhne den Begriff der Menschlichkeit, schreibt Humboldt. Dass Schwarze und Indianer unter den richtigen Bedingungen genauso fleißig sein könnten wie die Weißen, dessen ist sich Humboldt sicher. Wie alle Aufklärer seiner Zeit sieht er den Fehler in der fehlenden Erziehung und in den fehlenden Möglichkeiten der Entfaltung. Dennoch kommt uns auch bei Humboldt heute manches gelinde gesagt veraltet vor, wenn er zum Beispiel den „Negergeruch“ wissenschaftlich analysiert.

Das Nachwort, das am Schluss des Hörbuchs folgt, ist für das Verständnis kaum hilfreich, es beschränkt sich vielmehr auf die Würdigung Humboldts.

Fazit: Wer sich für Humboldt oder für die Aufklärung interessiert, wird an dem „Buch der Begegnungen“ seine Freude und seinen Hörgenuss haben. Eine leichte Kost ist es nicht.

 

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209 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 125 Rezensionen

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Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren

Ali Benjamin , Petra Koob-Pawis , Violeta Topalova
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 23.07.2018
ISBN 9783446260498
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Ali Benjamins Jugendbuch „Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren“ hat eine Protagonistin, die alles andere als einfach ist. Ihre Eltern schicken sie zur Therapeutin, da sie einfach nicht mehr spricht. Mit niemandem. Außer natürlich mit sich selbst. Denn Su hat eine Menge an Fragen an das Leben und an den Tod.

Ohne dass ihre Eltern es mitbekommen, verzweifelt Su fast an der Frage, woran ihre beste Freundin Franny gestorben ist. Mit der einfachen Antwort, dass sie ertrunken ist, will sie sich nicht abfinden. So kommt sie stattdessen auf die Idee, dass Franny von einer giftigen Qualle gestochen worden sein muss.

Um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, beschäftigt sich die 12-jährige Su immer intensiver mit Quallen. Dass die beiden Freundinnen sich kurz vor Frannys Tod auseinandergelebt haben, wird erst nach und nach beleuchtet. Ali Benjamin, die amerikanische Autorin, hat dabei nicht Trauer und Schuld in den Vordergrund gestellt, sondern eine etwas verschroben wirkende 12-jährige eine Protagonistin, die sich an einer Idee festbeißt, die nicht wahrhaben will, dass Dinge einfach so passieren. Ein Mädchen also, das im Grunde – noch – nicht trauern kann.

Dass Su sich ausgerechnet für Quallen interessiert, ist ein großes Glück für den Leser. Denn so erfährt man so einiges über diese Tierart: dass es zum Beispiel Quallen gibt, die theoretisch ewig leben könnten (die turritopsis dohrnii), dass es im Jahr zu etwa 150 Millionen Quallenstichen kommt. Kein Wunder, dass Su dann schließlich auch ihr Biologie-Referat über Quallen hält. Ungewollt bringt das dann ihr Leben wieder ins Lot.

Die eigenwillige Protagonistin mit ihrem Entdeckerdrang macht das Buch zu einer interessanten Lektüre.

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Im Blick

Marie Luise Lehner
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 16.08.2018
ISBN 9783218011099
Genre: Romane

Rezension:

Du sitzt vor mir. Ich lege mein glattes Gesicht an und gebe nichts preis, was mich menschlich macht. So lerne ich dich kennen.

Dieser erste Satz aus Marie Luise Lehners neuem Buch „Im Blick“ hat mich fasziniert. Die Frage der Identität, die hier mitschwingt, die Frage nach dem wer man ist, sein will und wie man von anderen definiert wird, all das hätte Stoff für einen spannenden Roman bieten können. Hätte. Denn das Buch entwickelt keine klare Linie, geschweige denn eine klare Geschichte.

Die Ich-Erzählerin des Buches lebt in einer Beziehung mit einem ominösen „Du“, einer Frau, ist allerdings deutlich öfter zusammen mit ihrer alten Schulfreundin Anja. Zudem wird die Beziehung der Erzählerin noch bedroht durch die „Wölfin“, die Ex ihrer Freundin. Erzählt wird von diesem Beziehungsreigen fragmentarisch, wobei die Geliebte immer als „Du“ angesprochen wird. Eine Entwicklung in diesen Beziehungen ist nicht erkennbar, alles dümpelt so vor sich hin. Mal sagt die Protagonistin, es sei schwer das „Du“ zu lieben, dann wiederum stellt sie fest, dass sie zu einem „Wir“ werden. An anderer Stelle wiederum bemerkt sie, dass sie eigentlich alle liebt: ihre Geliebte, ihre Freundin Anja und irgendwie auch die „Wölfin“. Love is all around.

Dazwischen sind immer wieder Gespräche eingeschoben, die Aspekte der Genderdebatte aufgreifen. Kann man einen Mann, der einer Frau an den Po fasst vergleichen mit einer Frau, die einem Mann an den Po fasst? Gibt es einen männlichen Blick (male gaze) auf die Frau im Kino? Muss man sich als schwul outen? Die Diskussion bleibt jedoch meist im Oberflächlichen, es wird mehr angedeutet, angesprochen als diskutiert. Von einem Buch wie Thomas Meineckes „Tomboy„, das einem die feministischen Theorien nur so um die Ohren haut, ist „Im Blick“ meilenweit entfernt.

Auch in Blick auf die Beziehung der Protagonistin wird vieles nur angedeutet, wenig beleuchtet. So wird Max Frischs Bildnisproblematik aufgegriffen: „Du fragst ich, ob ich eine Projektionsfläche brauche“ – und endet mit der Frage der Ich-Erzählerin, wie ihre Geliebte rauchend Fahrrad fahren kann. Selbst wenn – ganz im Sinne der Postmoderne – auf einen Bildband von Rhys Ernst und Zackary Drucker verwiesen wird, fragt man sich als Leser nur: warum? Will die Ich-Erzählerin auch eine neue Form von Identität, Gender, Sexualität und Queerness? Oder will sie einfach nur ab und zu darüber reden?

Die Ernsthaftigkeit, die das Buch streckenweise hat, wenn es um Identität geht, um Gewalt gegen Frauen und um die Frage, wo Grenzüberschreitungen beginnen, verliert sich leider in einem Wust an Angesprochenem und einer unerquicklichen Handlung.

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41 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 31 Rezensionen

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Das rote Adressbuch

Sofia Lundberg , Kerstin Schöps , Beate Himmelstoß , Susanne Schroeder
Audio CD
Erschienen bei Der Hörverlag, 20.08.2018
ISBN 9783844530209
Genre: Romane

Rezension:

Frauenschicksale, so scheint es, sind wieder stark in Mode. Wurde zunächst viel Tamtam um Ida gemacht, so folgt nun (freilich – noch – nicht in überregionalen Medien) „Das rote Adressbuch“ von Sofia Lundberg. In beiden Hörbüchern müssen sich Frauen in den Wirren der Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg behaupten. Und dabei müssen die beiden Frauen viele Schicksalsschläge hinnehmen.

Während „Ida“ von Katharina Adler sich eher im Geschichtlichen verliert, drückt „Das rote Adressbuch“ ordentlich auf die Tränendrüse und wird am Schluss zum großen Herzschmerzkino. Das Geschichtliche wird hier eher zur Nebensache, denn in den USA unterscheidet man sowieso keine Länder und spricht vom Krieg in Europa. Sofia Lundberg konzentriert sich ganz und gar auf ihre Protagonistin. Wenn sie die Armut im Stockholm der 1920er Jahre aufgreift, dann erfährt man nicht mehr als dass das Kind weggegeben wurde, weil die Familie arm war.

Die Stärken von Sofia Lundbergs Debütroman sind daher anderswo zu finden: Hauptfigur ist die 96-jährige Doris, die auf ihr Leben zurückschaut. Und so ist auch immer wieder in dem Hörbuch das Leben im (hohen) Alter thematisiert. Die Unterstützung im Haus durch ausländische Pflegekräfte, die Frage nach einem Platz im Pflegeheim, der Umgang mit alten Patienten im Krankenhaus. All das ist eingebettet in den Rückblick auf ein bewegtes Leben.  Wo sonst oft die rüstige Greisin erzählt, kommen hier auch Schmerzen und Leid zum Vorschein.

Das Zweite, das ich an diesem Hörbuch spannend finde, ist die Einstellung einer Generation von Frauen zu ihrem Schicksal. Es wird hingenommen. Und so macht auch Doris kein besonderes Aufheben um ihr Schicksal. Sie wird weggegeben: als Hausmädchen hat sie es besser. Überrascht stellt sie fest, als sie Mannequin wird: das ist ja mehr Arbeit als Hausmädchen. Nach einem Jahr meldet sich ihr Freund aus den USA – sie fährt zu ihm, um ihn zu heiraten. Natürlich bleibt Doris oft nichts anders übrig, als mit dem zu leben, was ihr widerfährt. Was aber meines Erachtens typisch für diese Generation ist und von der Autorin wunderbar eingefangen ist, ist die Art, wie darüber berichtet wird. Doris jammert nicht.

Diese Einstellung ändert sie bis zu ihrem Tod nicht. In ihrem roten Adressbuch, das sie als Kind vom Vater zu ihrem zehnten Geburtstag geschenkt bekam, schreibt sie neben alle Verstorbenen „tot“ an den Rand. Als Leser spürt man, dass sie sich einsam fühlt, sagen würde es Doris von sich selbst allerdings nicht. Sie nimmt es hin, so wie sie auch die vielen Schicksalsschläge, die sie ereilen, hinnimmt. Gerade weil diese Schicksalsschläge mit vielen Wendungen in der Handlung einhergehen, eignet sich das Buch ganz wunderbar als Hörbuch. Man fragt sich als Zuhörer, was diese Frau noch alles ertragen soll und folgt atemlos ihrer Odyssee nach Frankreich, in die USA und zurück nach Schweden.

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206 Bibliotheken, 8 Leser, 2 Gruppen, 33 Rezensionen

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Love, Simon (Filmausgabe)

Becky Albertalli , Ingo Herzke
Flexibler Einband: 344 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 31.05.2018
ISBN 9783551317520
Genre: Jugendbuch

Rezension:  
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103 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 77 Rezensionen

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Wie ich fälschte, log und Gutes tat

Thomas Klupp
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 04.09.2018
ISBN 9783827013668
Genre: Romane

Rezension:

Wie ich fälschte, log und Gutes tat„: Der Titel von Thomas Klupps neuem Buch führt ein wenig in die Irre. Klingt er doch eher wie ein Buchtitel von Jonas Jonasson und nicht wie der Titel eines Coming-of-Age-Romans, was Klupps Buch in Wirklichkeit ist.

Benedikt Jäger, Zehntklässler, ist der Protagonist dieses Romans. Thomas Klupp inszeniert ihn als jungen Don Quijote, der einen stetigen Kampf um seine schulischen Leistungen kämpft. Dieser Kampf besteht vor allem darin, Noten und Unterschriften zu fälschen. Denn Benedikt ist zwar in Tennis ein Ass, aber vor allem in Mathematik und den Naturwissenschaften sehen seine Noten alles andere als rosig aus. Die Gefahr aufzufliegen bringt Benedikt immer wieder in große Nöte. Eine etwas aufgesetzte Geschichte also, die den Grund für Thomas Klupps Buch bietet.

Was man dem Protagonisten noch abgewinnen kann, ist eine gewisse jugendliche Widersprüchlichkeit. So lassen sich Benedikt und seine Freunde für eine Anti-Drogen-Kampagne ablichten, haben allerdings keine Schwierigkeiten, auf dem „Butterhof“ ebenjene Drogen zu konsumieren.

Thomas Klupp lässt seine Protagonisten auf Weiden los – und das hat nicht viel zu bieten. Sein Roman ist weder ein Schelmenroman, noch ein Entwicklungsroman. Und mit den Großen seiner Zunft kann er erst recht nicht mithalten. Wo wie im „Fänger im Roggen“ oder in „Tschick“ die jugendlichen Protagonisten auf die Welt losgelassen sind, werden auch die großen Fragen des Lebens angesprochen. Bei Klupp ist hier Fehlanzeige, er bleibt im Banalen hängen und lässt seine jugendliche Hauptfigur lieber über MINT-Fächer räsonieren. Dass er das in Jugendsprache tut, macht es zwar etwas authentischer, aber nicht besser.

Fazit: „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ ist ein Coming-of-Age-Roman, der zwar flüssig zu lesen ist und viel Situationskomik beinhaltet, aber kaum Tiefgang hat.

Gerrit Bartels, Kulturjournalist beim „Tagesspiegel“, schrieb in einem Artikel zum Deutschen Buchpreis 2018, er würde dieses Buch auf der Longlist vermissen. Ich nicht.

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37 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 30 Rezensionen

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Ida

Katharina Adler , Petra Morzé
Audio CD
Erschienen bei Argon, 25.07.2018
ISBN 9783839816523
Genre: Romane

Rezension:

Ida Bauer hat es zu Berühmtheit gebracht. Nicht, weil sie die Schwester des Wiener Sozialdemokraten Otto Bauer war. Vielmehr, weil sie der „Fall Dora“ von Siegmund Freud war. An ihr erforschte Freud seine Übertragungstheorie, seine Hysterie-Annahmen.

Katharina Adler hat nun ein Buch über ihre Urgroßmutter geschrieben. Ein Buch, das überraschend unspektakulär ausfällt. Denn obwohl Ida Bauer zu einem berühmten Fall der Psychoanalyse wurde, bleibt der Besuch bei Freud nur eine Episode in Katharina Adlers Roman. Betrachtet man allerdings Ida Bauers Leben, so vermag das nicht so sehr verwundern, da sie die Therapie bei Dr. Freud nach nur 11 Wochen wieder enttäuscht abbrach.

Vom Aufbau des Romans her betrachtet, ist die Therapie bei Freud durchaus im Zentrum des Buches, nicht aber, was die Bedeutung angeht. Es ist eine von vielen Episoden in Ida Bauers ereignisreichem Leben und dementsprechend wird ihr nicht übermäßig viel Platz eingeräumt.

Von 1882 bis 1945 hat Ida Bauer gelebt. Eine Ironie des Schicksals ist, dass Freud bei seinem Fall Dora die Lebensgeschichte für äußerst relevant hielt. Aufgeschrieben hat diese nun Katharina Adler, freilich ganz anders als Siegmund Freud dies im Sinn hatte.

Mit „Ida“ begibt man sich in das Wien der Kaiserzeit, erlebt den Aufstieg ihres Bruders Otto zum Außenminister Österreichs und seinen Fall. Mit Ida sieht man den Generalstreik scheitern und muss den Aufstieg der Nazis miterleben wie auch die lange und schwierige Flucht über Frankreich in die USA.

Das ist das eine, was Ida lesens- und hörenswert macht: der historische Kontext ist immer wieder überzeugend in den Roman eingebunden.

Gut gelungen ist auch die Charakterisierung Idas, an der man sich abarbeiten kann. Denn allzu charmant wirkt Ida nicht. Zugleich ist „Ida“ auch eine Studie über das – vermeintliche – Großbürgertum und seinen Untergang. Gespickt hat Katharina Adler ihr Buch zudem mit vielen kleinen Anspielungen, vor allem zum Fall Dora. So spricht Freud während einer Therapiesitzung von „Herrn K.“, was Ida korrigiert – in Freuds späterer Veröffentlichung heißt der Mann, der Ida sexuell bedrängt hat, dann wirklich „Herr K.“.

Wenn es auch am Anfang etwas schwerfällt, wegen der vielen Namen und Zeitsprünge in das Hörbuch hineinzufinden: es lohnt sich. Zumindest lohnt es sich, wenn man nicht nur den „Fall Dora“ erwartet, sondern sich einlässt auf ein Leben zwischen der Jahrhundertwende.  Man erlebt ein Kind, das stark gefordert ist, weil es sich um den kranken, anfälligen Vater kümmern muss, zu dessen „Äuglein“ wird, als er sein Augenlicht verliert. Man erlebt eine Jugendliche, die sich den Bedrängungen von Hans nicht wirklich zu erwehren weiß. Und schließlich ist man mit dabei, wenn die 18-Jährige auf Initiative ihres Vaters die Praxis von Dr. Freud betritt.

Hier läuft Katharina Adler dann zur Höchstform auf. Genüsslich schildert sie, wie erfreut Ida ist, dass sie bei Dr. Freud warten muss, weil sie nun weiß, dass er auch andere Patienten hat und nicht nur sie sich diese Gespräche antut. Trotz aller Krankheiten ist Ida als starke Persönlichkeit geschildert, die sich von Freuds Theorien kaum begeistern lässt. Irritiert bleibt sie zurück, wenn Freud ihr gegenüber ausdeutet, was es mit ihrem „Schatzkästlein“ auf sich hat.

Auch wenn der Roman am Ende mit der Emigration nach Amerika ein wenig vor sich hin tröpfelt und man den Eindruck hat, dass der Autorin ein wenig die Puste ausgegangen ist: Katharina Adler hat mit „Ida“ bewiesen, dass sie schreiben kann. Gut schreiben kann. Ihr gelingt der Blick aufs Detail wie aufs große Ganze. Sie beherrscht den leichten, persiflierenden Ton genauso wie die bewusste, liebevolle Distanz zu ihren Figuren.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Öl und Blut im Orient

Essad Bey
Fester Einband: 360 Seiten
Erschienen bei AB - Die Andere Bibliothek, 15.06.2018
ISBN 9783847704027
Genre: Klassiker

Rezension:

Hasardeur könnte die passendste Bezeichnung für Essad Bey sein. Für einen Berichterstatter sind seine Geschichten aus dem Orient zu märchenhaft geschmückt, für einen Aufschneider steckt zu viel Wahrheit in ihnen. Bereits als 1929 sein Buch "Öl und Blut im Orient" in der Erstauflage erschien, zeigten die Reaktionen deutlich, dass Bey die Provokation liebt. Übertreibungen und Münchhausiaden finden sich massenhaft in seinem Buch. Essad Bey inszeniert sich selbst als Orientale, obwohl er als Ausländer der Vermittler ist, der dem Westen die Welt des Orients erklärt.
Zunächst gibt Bey einen Einblick in die Ölstadt Baku und ihre politisch-wirtschaftliche Gemengelage. Er selbst beschreibt sich als Sohn eines Ölbarons, der vor dem Ersten Weltkrieg durch die beginnende Rohölindustrie reich geworden ist. Spannend sind die Ausführungen, wie die Industrie funktionierte: durch private Wachdienste (die sogenannte Ölgarde), Arbeiter von außerhalb, die in heruntergekommenen Baracken leben. Ausgeschmückt sind diese Ausführungen mit kleinen Geschichten über die (vermeintliche) Weisheit der Herrscher bis hin zu der Geschichte von seiner eigenen Entführung. Dass dabei im Orient Könige, Fürsten und Räuber nicht immer leicht zu unterscheiden sind, macht Bey mehr als einmal deutlich. So schildert Bey auch ausführlich, dass Räuber immer wieder - zur Erhaltung der Ordnung - zu Provinzgouverneuren gemacht werden.
Allerdings muss man manches, was Bey schreibt, mit Vorsicht genießen. So weist das Nachwort bereits darauf hin, dass manches, was beschrieben ist, so nicht stimmen kann. In Blick auf die Jesiden kolportiert Bey zum Beispiel das Vorurteil, es handle sich um Teufelsanbeter. Der goldene Pfau, den sie anbeten, stehe für den Teufel, sagt Bey und verweist auf Jesiden, mit denen er sich unterhalten habe. Freilich war der goldene Pfau schon zu Essad Beys Zeiten das Symbol für den obersten Erzengel.
Fast schon humoristisch wirken Beys Ausführungen zu den Rassen. So vertritt er die These, dass das Klima die Rassen verändere - und zwar im Sauseschritt. Als Beispiel führt er die Kinder blonder Männer an, die plötzlich schwarze Haare hätten. Hier sind doch andere Antworten deutlich plausibler. Aber Bey will den Menschen glauben, die ihm erzählen, dass man niemals nie auf die Idee käme, mit jemandem einer anderen Rasse zu verkehren.
Zu wissen, dass nicht alles, was Bey beschreibt und erzählt, stimmt, mindert ein wenig den Lesegenuss. Trotzdem sind die Beschreibungen von Land und Leuten spannend zu lesen. Dazu gehören etwa die Traditionen der Wüstenbewohner oder auch die Beschreibung von Samarkand, was Bey als Ursitz seiner Familie bezeichnet.
Immer wieder schildert Bey auch die Grausamkeit des Orients. Ein wenig wirkt es bei Bey so, als ob Massaker eben zum Orient dazugehören. Der Schrecken wird am ehesten noch bei den Massakern der Sowjetunion deutlich. Mit der Flucht vor den Russen endet auch das Buch. Als auch das Land Georgien, in das Bey mit seinem Vater geflüchtet ist, russisch wird, geht es zurück nach Europa.
Lesenswert ist das Nachwort von Sebastian Januszewski, der vor allem auf die Ungereimtheiten in der Biografie Beys eingeht, aber auch die Historizität des Textes kritisch hinterfragt. 

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Liebe zukünftige Lieblingsfrau

Michalis Pantelouris , Michalis Pantelouris
Audio CD
Erschienen bei Random House Audio, 14.05.2018
ISBN 9783837140774
Genre: Sonstiges

Rezension:

„Liebe zukünftige Ehefrau“ – so beginnen die Kolumnen von Michalis Pantelouris. Er schreibt an seine zukünftige Frau, weil er es leid ist, möglichen zukünftigen Frauen alles immer wieder von Neuem erzählen zu müssen. Nach zehn Jahren Beziehung hat ihn seine Frau verlassen. Nun ist er mit den zwei Töchtern und den Katzen allein. Da passiert so allerhand Komisches, aber auch Ernstes.
Also berichtet er, was sich bisher in seinem Leben so zugetragen hat, was seine Kinder und seine Katzen so tun. Er schreibt, was ihm wichtig ist, was das Leben für ihn ausmacht. Allerdings gibt es auch Passagen, die in der Gegenwart spielen, die nicht so ganz in dieses Konzept passen, sondern eher wie Tagebucheinträge klingen. Dazu gehört auch, dass der Autor immer wieder damit kokettiert, dass er ja für sich schreibe und nicht für eine breitere Öffentlichkeit, um dennoch sehr ausführlich auf die Briefe, die ihn erreichten, einzugehen.
Das Hörbuch ist eine schöne Sommerlektüre und eignet sich für eine längere Autofahrt (oder auch mehrere) sehr gut. Es wird sehr flüssig erzählt, sodass einem das Zuhören leicht fällt. Ein zweites Mal hören muss man es allerdings nicht. 

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Der Fremde im Zug

Attila Jo Ebersbach
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Gerth Medien, 18.06.2018
ISBN 9783957345226
Genre: Sonstiges

Rezension:

„Der Fremde im Zug“ hat mich nicht begeistern können. Die Übertragung biblischer Gleichnisse ins Heute, die Attila Jo Ebersbach vornimmt, bleibt deutlich hinter meinen Erwartungen zurück. Es fehlt der Pfiff, der Clou – sprich: die Überraschung, die einen zum Nachdenken bringt.
Attila Jo Ebersbach hat die Handlung biblischer Gleichnisse (wie auch einzelne biblische Verse, zumeist Aussagen Jesu) in ein anderes Setting gepackt, einen Deutungsansatz darauf, was die biblischen Gleichnisse und Texte heute aussagen können, bietet er jedoch nicht.
Was die Qualität der Geschichten angeht, fand ich manche interessant zu lesen, da sie einem die Handlung der Gleichnisse deutlicher vor Augen führten, andere jedoch fand ich sehr konstruiert, zu ausführlich und auch ist nicht immer prägnant die Pointe des Gleichnisses herausgehoben.
Dennoch bin ich der Meinung, dass einige der Geschichten in Bibelkreisen Verwendung finden könnten, kommt man doch recht schnell von ihnen zum biblischen Gleichnis und kann dann über den Sinn des Gleichnisses reden. Gleichnisse für unsere Zeit freilich sind es nicht. 

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Nichts ist verziehen

Ninni Schulman , Susanne Dahmann
Flexibler Einband: 592 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 27.07.2018
ISBN 9783404176977
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein Klassentreffen ist ist der Ausgangspunkt von Ninni Schulmans neuem Krimi „Nichts ist verziehen“. In einer Hütte mitten im Wald soll übernachtet werden, so wie sie es  früher in der neunten Klasse bereits taten, inklusive nächtlicher Gespensterwanderung. Doch dann wird Jack, der Serienstar geworden ist, während der Wanderung ermordet. Und es bleibt nicht bei einem Toten.

So spannend es ist, zu sehen, wie die alten Beziehungsgeflechte der Schulzeit  während des Klassentreffens wieder reaktiviert werden: ein Klassentreffen bedeutet viele Personen und dies wiederum führt in „Nichts ist verziehen“ zu einer großen Unübersichtlichkeit, die sich nur sehr langsam auflöst, indem einzelne Personen wie etwa der alkoholabhängige Ted stärker in den Fokus gerückt werden.

Hinzu kommen noch jede Menge Ermittler, die jedoch mehr mit sich selbst und ihren Beziehungsproblemen beschäftigt sind als dass sie den Fall lösen. Letztlich wird die Journalistin Magdalena Hansson, die selbst beim Klassentreffen war, zur Ermittlerin, die dem Täter auf die Spur kommt. Warum Ninni Schulman in ihrem Krimi den anderen Ermittlern so viel Raum gegeben hat, ist nicht erkennbar. Gutgetan hat es dem Krimi jedenfalls nicht.

Einigermaßen überzeugen konnte mich der Krimi erst am Schluss.  Nachdem er nur langsam in Fahrt kommt, wird er zum Ende hin fast zu rasant inklusive einer Verfolgungsjagd. Die Auflösung ist recht interessant, sie bietet vor allem viel Stoff, um über die Beweggründe nachzudenken. Allerdings gibt die Autorin einen viel zu großen Schuss Weichspüler hinzu, um das Privatleben der Ermittler wieder ins Lot zu bringen. Warum Ninni Schulman es vorher aus dem Lot bringen musste, bleibt ihr Geheimnis. Interessant ist daran jedenfalls nichts. Die Journalistin Magdalena Hansson überzeugt da schon eher als Figur, wenn auch einiges aus ihrer Vorgeschichte im Unklaren bleibt. Auch wenn „Nichts ist verziehen“ der dritte Band der schwedischen Värmland-Krimis ist, hätte man sich doch mehr Informationen in Kurzform über sie – und ihren Sohn – gewünscht.

Mir persönlich hat zudem nicht gefallen, dass es – neben dem extrem ausgebreiteten Beziehungsleben der zudem kaum ermittelnden Ermittler noch Nebenhandlungen gibt, die mit dem Fall so gar nichts zu tun haben, jedoch immer wieder aufgegriffen werden. Sicherlich: es sind falsche Fährten, die jedoch so weit ausgeführt sind, dass man sich mehr wünscht, als dass sie einfach nur unwichtig sind.

Auch die Rückblicke, die mehrfach eingestreut sind, haben mich nicht überzeugt. Sie wirken einfach nur wie ein Fremdkörper, auch wenn sie später noch eine Funktion bekommen. Das hätte man auch anders lösen können.

Fazit: Ein Krimi, der nur bedingt überzeugt. Zu viele Personen, zu viel Nebenhandlung durch – letztlich überflüssige – Ermittler.  Viel Verwirrung also, die durch die interessante Auflösung der Morde nicht aufgewogen wird.

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Mit 50 Euro um die Welt

Christopher Schacht
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei adeo Verlag, 24.05.2018
ISBN 9783863342098
Genre: Biografien

Rezension:

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen – besonders, wenn die Reise vier Jahre dauert. So lange reiste Christopher Schacht um die Welt. Von Europa aus ging es an Afrika vorbei Richtung Südamerika, dann nach Asien und über Indien zurück nach Deutschland. Die Reise wollte er als Reise erleben und verzichtete deshalb auf das schnelle Flugzeug als Transportmittel.

„Ich habe gelernt, das Leben mit anderen Augen zu sehen“: so fasst Christopher Schacht die Erfahrung dieser vier Jahre zusammen. Die Reise finanzierte er durch Arbeit unterwegs, gestartet ist er mit nur 50 Euro in der Tasche. Immer wieder fand er Schipper, die ihn mitnahmen, lernte Leute kennen, bei denen er übernachten und wohnen konnte. Von diesen Begegnungen vor allem handelt Schachts Buch. Sie waren es wohl, die Schacht so sehr geprägt haben, dass er seinen Plan, Informatik zu studieren aufgab und nun nach seiner Weltreise mit einem Theologiestudium begann.

In seinem Buch „Mit 50 Euro um die Welt“ präsentiert sich Schacht nicht als großen Held, der – bildlich gesprochen – alle sieben Meere besegelt hat, sondern kommt immer wieder zum Nachdenken. So reflektiert er beim Besuch eines Indianerdorfes den Umgang mit den Ureinwohnern, stellte sich die Frage, wie aus Korea ein hochtechnologisiertes Land werden konnte. Und vieles, was ihm möglich war, sieht er als Glück an – oder besser: als Schicksal. Zufrieden, schreibt Schacht, sei er mit wenig gewesen. Übernachten in der Hängematte? Für Schacht kein Problem. Eine kurzfristige Absage für die Mitfahrt auf dem Segelboot? Etwas warten, und die nächste Möglichkeit bietet sich. Nicht nur einmal lief Schacht tatsächlich Gefahr, seine Reise ab- oder unterbrechen zu müssen. Für alle Probleme gab es aber schließlich Lösungen.

Was er alles auf seiner Reise durch 45 Länder erlebt hat, schildert Schacht eindrücklich und immer wieder mit einer Prise Humor. Versehen ist das Buch zudem mit wunderschönen Bildern und Karten, auf denen die Route (und vor allem die großen Entfernungen) deutlich wird.

Mit 19 Jahren startete Schacht nach dem Abitur seine Weltreise, mit 24 kam er zurück – weiser und verlobt. Die Wiedersehensfreude der Familie kann man sich da lebhaft vorstellen.

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Die Kunst des Lobens

Iso Camartin
Fester Einband: 328 Seiten
Erschienen bei AB - Die Andere Bibliothek, 18.05.2018
ISBN 9783847704010
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ein wenig missverständlich ist er schon, der Titel von Iso Camartins Buch der Lobreden. „Die Kunst des Lobens„: das klingt nach Ratgeberliteratur, nach einer Anleitung für Reden zu besonderen Anlässen. Iso Camartin gibt aber in seinem Buch keine Rhetorik-Tipps für erfolgreiche Redner. Es sei denn, man will von gelungenen Beispielen lernen.

„Die Kunst des Lobens“ ist nämlich nichts anderes als eine Sammlung von Lobreden zu unterschiedlichen Anlässen. Nach einem eher verkopften Überblick über die Geschichte der Lobreden demonstriert Iso Camartin was eine Lobrede ausmacht. Wortspiele, Pointen, Witz, das Spiel mit dem Leser: das alles findet man in den Lobreden Camartins. Vor allem aber sind es die überraschenden Verknüpfungen, der Weg zum eigentlichen Thema, der Weg zum Geehrten, die das Besondere von Iso Camartins Lobreden ausmachen. Da erzählt Camartin von dem spanischen Jesuiten Baltasar Gracián, der im 17. Jahrhundert gelebt hat, um schließlich von seinem Buch „Der kluge Weltmann“ auf die freigeistige „Weltfrau“ Nike Wagner zu kommen.

Kommen sie auch leichtfüßig daher, so sind Camartins Lobreden zutiefst durchdacht. Nur selten, wie bei der Lobrede auf Adolf Muschg, wird Vorwissen verlangt. Das ist auch wichtig, denn in „Die Kunst des Lobens“ sind überwiegend Lobreden auf Persönlichkeiten des – zumeist dichterischen – Geistesleben versammelt, die eher unbekannt sind. Auch deshalb gelingt es dem Autor so mühelos, den Leser neugierig zu machen auf  unbekannte Autoren und Werke.

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