glasperlenspiel13

glasperlenspiel13s Bibliothek

17 Bücher, 16 Rezensionen

Zu glasperlenspiel13s Profil
Filtern nach
17 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Bäume

Hermann Hesse , Volker Michels , Dagmar Morath
Fester Einband: 131 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 14.04.2014
ISBN 9783458193937
Genre: Sonstiges

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Ein Fälscherleben

Sarah Adolfo Kaminsky
E-Buch Text: 225 Seiten
Erschienen bei Verlag Antje Kunstmann GmbH, 15.11.2012
ISBN 9783888976186
Genre: Biografien

Rezension:

"Wie wird man Fälscher?"
"Ich würde sagen ... per Zufall. Naja nicht ganz. Ohne es zu wissen, habe ich in den Jahren, bevor ich mich der Réstistance anschloss, alle Kenntnisse angesammelt, die ich afür brauche. Ich musste sie dann nur noch anwenden."

Das ist die Antwort, die Adolfo Kaminsky seiner Tochter Sarah auf oben gestellte Frage gibt. Ganz so knapp und einfach kann man diese sicher nicht beantworten. Sarah Kaminsky hat dazu ein ganzes Buch geschrieben. Es ist eine Biografie über ihren Vater, über einen Menschen, der sein eigenes Leben mehr als fünf Jahrzehnte für andere geopfert ja sogar viele Male selbst gefährdet hat:

"Wach bleiben. So lange wie möglich. Gegen den Schlaf kämpfen. Die Rechnung ist einfach. In einer Stunde kriege ich dreißig Blankopapiere fertig. Wenn ich eine Stunde schlafe, werden dreißig Personen sterben...
Den Atem anhalten, die Hand darf niemals zittern. Das Fälschen von Papieren ist Tüftelarbeit. Regelrechtes Filigranwerk. Mehr als alles andere fürchte ich technische Fehler, winzige Details, die mir entgehen könnten. Ein Sekundenbruchteil Unaufmerksamkeit kann sich als verhängnisvoll erweisen, von jedem Papier hängt Leben und Tod eines Menschen ab. Ich kontrolliere jeden Papierbogen wieder und wieder. Sie sind perfekt. Aber ich habe noch Zweifel. Ich kontrolliere sie noch einmal. Ich spüre keinerlei Spannkraft mehr. Schlimmer noch ich nicke ein."

Adolfo Kaminsky wurde als Sohn von russischen Juden in Buenos Aires geboren und kehrte als argentinischer Staatsbürger mit vier Jahren nach Frankreich in die Wahlheimat seiner Eltern zurück. Die Jahre des Zwangsexils, als die Familie nach einer vierwöchigen Schiffsreise von Buenos Aires nach Marseille von Frankreich ausgewiesen wurde und in der Türkei Zuflucht fand, prägten ihn sehr. Zwei Jahre lebten sie in furchtbarer Armut mit der Hoffnung, dass sie die gewünschten Passierscheine bekämen. Damals schon wurde Kaminsky die Bedeutung von Papieren bewusst und dass man ohne diese zur Immobilität verurteilt ist.

Selbstporträt Adolfo KaminskysSeine Tätigkeit als Fälscher begann er während des Zweiten Weltkrieges für die Réstistance aber noch im Sommer 1945 als viele seiner Mitkämpfer ihr altes Leben wieder aufgenommen hatten, blieb er Fälscher und produzierte deutsche Papiere für den Geheimdienst der französischen Armee. Als er aber nach Kriegsende Kartenmaterial von Indochina vervielfältigen sollte, verweigerte er den Auftrag, da er Antikolonialist aus Überzeugung war und ist. Er blieb jedoch nicht allzu lange untätig denn schon bald kontaktierten ihn alte Bekannte und so erhielt er einen neuen Auftraggeber: Alja Bet - die illegale Einwanderung von KZ-Überlebenden nach Palästina organisierte. Er erstellte in ihrem Auftrag falsche Kollektivvisa für die Flüchtlinge. Nach der Gründung des Staates Israel zog er für sich Bilanz:

"Ich war stolz darauf, dass ich die illegale Einwanderung von Zehntausenden Überlebenden unterstützt und zur Entstehung des Staates Israel beigetragen hatte. Aber nun rief ich Monsieur Pol an und sagte ihm, dass ich nicht dorthin wollte. Ich bliebe lieber in dem Land, dass sich für die Trennung von Staat und Religion entschieden und die Menschenrechte verkündete hatte, auch wenn sie noch immer nicht respektiert würden, auch wenn ich immer noch illegal sei. ... Mit dreiundzwanzig Jahren war ich also allein, hatte keine Papiere, kein festes Einkommen und keine offizielle Vergangenheit." Für einige Jahre fand er eine feste Stelle in einer Fotofirma bis sich die Ereignisse in Algerien überschlugen und er sich einem Netzwerk anschloss, dass sich für die Unabhängigkeit Algeriens engagierte. Zum Glück besaß er noch all seine seine Chemikalien und Farbstoffe, so dass er nach kurzer Zeit wieder als Fälscher einsteigen konnte. Doch auch nach diesem Konflikt gab es für ihn keine Ruhepause. Wiederum über Dritte wurde er Anfang der 60er gebeten sein Talent für weitere Aktionen einzusetzen.

"Überall in der Welt kämpften Völker um ihre Freiheit. Nach den Dominikanern und Haitianern fielen 1964 die Brasilianer unter das Joch einer Militärdiktatur. Während der Trikont-Konferenz in Havanna 1966 wurde die Solidaritätsorganisation der Völker Lateinamerikas, Afrikas und Asiens gegründet, und Mattéi organisierte von Frankreich aus ein Unterstützernetz für die Revolutionäre Argentiniens, Venezuelas, Salvadors, Nicaraguas, Kolumbiens, Perus, Uruguays und Chiles, die gegen die Moskauer Linie vereint für die Revolution in Lateinamerikas kämpften. Nach und nach kamen all diese Länder auf meine Liste, aber das war noch nicht alles, denn über das Netz von Curiel half Mattéi auch der Anti-Apartheid-Bewegung Südafrikas. Hinzu kamen noch die portugiesischen Kolonien Guinea, Guinea-Bissau und Angola."

Was für ein Spektrum! Beeindruckend für mich war vor allem, dass er nicht nur Ausweise fälschte, sondern diese auch komplett neu herstellte. Das heißt er musste zunächst immer genau die Papierstruktur untersuchen, um diese danach exakt herstellen zu können. Mit den Jahren änderten sich natürlich auch die technischen Möglichkeiten, denen er sich immer wieder anpassen musste. Ja sogar die fälschungssicheren Schweizer Pässe konnte er nach langwierigen Experimenten produzieren. Neben Ausweisen und Pässen stellte er aber auch ganz alltägliche Dokumente (Führerscheine, Eintrittskarten, Beglaubigungen und vieles mehr) her, um die Identität von Flüchtlingen zu legitimieren. Auch vor Geld machte er nicht halt. Er fälschte französisches Papiergeld, um die Wirtschaft des Landes während des Algerienkrieges zu destabilisieren. Erst Anfang der 70er Jahre legte er nach einem Vorfall sein Amt nieder und begann mit 50 Jahren ein neues Leben in Algerien:

Sarah und Adolfo Kaminsky
Birgit Holzer"... plötzlich hatte ich den heftigen Wunsch, noch einmal ganz von vorn anzufangen. Ich hatte ein unerhörtes Glück gehabt, dass ich Gefängnis und Tod entgangen war, das war mir klar. Nun zog ich Bilanz. Hatte ich alles in allem nicht genug Jahre im Schatten, im Untergrund damit verbracht, Leben und Freiheit zu schenken, ohne mich je um mein eigenes Leben, meine eigene Freiheit zu kümmern. Wir heirateten. Dein Bruder Atahualpa wurde geboren dann José, dann du, und es war, als hätte ich mit fünfzig Jahren eine zweite Chance bekommen."

Ein sehr interessantes Buch über einen Mensch, der nie an seinem Engagement gezweifelt hat und durch seine Taten unzähligen Menschen das Leben rettete. Uneigennützig, loyal gegenüber anderen und respektvoll gegenüber dem Leben steht Adolfo Kaminsky mit seiner Biografie für ein Ideal, das man sich in zumindest in der westlichen Welt kaum noch vorstellen kann. Sarah Kaminsky hat das Wesen ihres Vaters auf spannende und zugleich sehr liebevolle Art und Weise eingefangen. Mit eingeworfenen Fragen animiert sie ihn immer wieder zum Erzählen und schafft damit ein persönliches Portrait des Meisterfälschers des 20. Jahrhunderts. Eine kleine Perle unter den Biografien!

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

untergrund, baskenland, freundschaft, bewaffneter kampf, eta

Der bewaffnete Freund

Raul Zelik
Fester Einband: 286 Seiten
Erschienen bei blumenbar, 10.05.2007
ISBN 9783936738278
Genre: Historische Romane

Rezension:

Den Schriftsteller Raul Zelik habe ich letztes Jahr aufeiner Lesung in Frankfurt kennengelernt. Damals stellte er sein aktuelles Buch "Der Eindringling" vor, hatte aber auch noch ältere Titel im Gepäck und so entdeckte ich seinen 2007 erschienen Roman "Der bewaffnete Freund".

Die Geschichte eines Deutschen, der mit einem abgetauchten und gesuchten Basken befreundet ist, fesselte mich sofort. Nach der Lesung und einer näheren Beschäftigung mit der Person Raul Zelik war mir bewusst, dass das Buch eine gewisse Brisanz in sich bergen wird. Wie sehr es mich jedoch aufwühlte, war mir nicht klar. Hoch politisch und polarisierend thematisiert Zelik viele aktuelle Problematiken der heutigen europäischen Gesellschaft: Die Einwanderung der afrikanischen Völker über das Mittelmeer, die ausufernde Gewalt im Baskenlandkonflikt, die Frage nach kultureller und völkerrechtlichen Identität im immer stärker werdenden Europa. Das (meist positiv besetzte) klischeebehaftete Spanien a lá Olé, Stierkampf, Sonne, Flamenco, Wein und Oliven bekommt in diesem Zusammenhang einige wohltuende Risse:

"Spanien" fahre ich fort " hat nie mit der Diktatur gebrochen. Der König wurde von Franco eingesetzt und auch das erst, nachdem Zubietas Organisation Carrero Blanco, den ursprünglichen vorgesehenen Nachfolger, umgebracht hat. Die Verfassung wurde in der Region bei einem Referendum genauso abgelehnt wie der Eintritt in die NATO. Kein Franquist kam je ins Gefängnis, auf den Polizeiwachen wird heute noch gefoltert, und wenn es in den letzten Jahren eskalierte, hat man immer wieder damit gedroht die Panzer aus den Kasernen zu holen."

Kurz zur Geschichte selbst: Alex, wissenschaftlicher Mitarbeiter und in Berlin lebend, erhält den Zuschlag für ein Forschungsprojekt an der Universität von X (Die größte Stadt des Baskenlandes Bilbao wird im Roman konsequent X genannt). Er kennt die Stadt und die Umgebung sehr genau, da er zu Jugend- und Studentenzeiten viele Sommer in der Gegend verbracht hat. Dort machte er auch die Bekanntschaft mit Zubieta. Schon damals engagierte sich dieser für die Unabhängigkeit des Baskenlandes und befreite einen sehr bekannten baskischen Schriftsteller aus dem Gefängnis. In diesem Zusammenhang musste er aus Europa fliehen und nach Lateinamerika flüchten. Die Freundschaft mit Alex blieb aber über die Jahre bestehen. Nun sind beide zurück. Der eine mittlerweile Kopf der verbotenen Organisation, der andere auf dem besten Weg eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen. Alex wird über einen geheimen Kontakt Zubietas angesprochen. Seine Bitte: Alex soll Zubieta durch halb Spanien zu einem bestimmten Treffpunkt fahren. Die Reise gestaltet sich zu einer rasanten Fahrt durch das aktuelle Spanien, getragen von Fragestellung: Was macht eine Freundschaft aus und was hält sie aus?

Neben den gesellschaftlichen brisanten Sachverhalten und den Motiven der Freundschaft nimmt sich Zelik aber auch der komplexen wie emotionsgeladenen Thematik der Sprache (insbesondere des Baskischen) an. Dazu ein Interview mit dem bekannten Schriftsteller Bernado Atxaga, das im Buch wieder gegeben wird:

"Der Schriftsteller wird gefragt, warum er so viel Energie in die längst nicht mehr verbotene, nur noch überflüssige Sprache investiert.
 INTERVIEWER: ... mir wäre es, angenommen, ich könnte das Englische gut genug, egal, meine Muttersprache aufzugeben und ins Englische zu wechseln.
 ATXAGA:  Es kommt selten vor, dass jemand die Sprache, mit der er groß geworden ist, aufgibt. Da geht es um affektive, familiäre Dinge. Wenn Sie mir sagen, dass Ihnen die Beziehung zu Ihren Freunden nicht wichtig ist, mag das stimmen. Ich bin alt genug, um zu wissen, dass so etwas vorkommt. Aber genauso akzeptabel ist es, wenn es jemand anderem nicht so geht. Es gibt Menschen, die wegen einer Liebe 2.000 Kilometer reisen, während andere nicht einmal 1.000 Kilometer gehen würden.
Ich hatte vor kurzem Besuch von einem Schriftsteller, der als einer der renommiertesten englischsprachigen Autoren gilt, obwohl seine Muttersprache nicht Englisch ist. Warum schreibt er auf Englisch? Weil er aus einem Land der Peripherie stammt, und es einen Unterschied macht, ob du deine Autorenrechte in Dollars oder in namibischen Kronen beziehst. Dahinter steckt eine Machtbeziehung - zwischen Nord und Süden, zwischen Reich und Arm. Und dabei glaube ich nicht, dass eine Sprache eine transzendentale Angelegenheit ist. In ihr spiegelt sich kein verborgenes kollektives Bewusstsein, keine festgeschriebene Andersartigkeit. Es ist einfach eine Sprache, die man gerne spricht. Mehr nicht."

Immer wieder bindet Zelik Rückblicke aus der spanischen/europäischen Geschichte ein und gibt interessante Einblicke in das aktuelle spanische Konstrukt. Alex wird als Mensch mit all seinen Fehlern, Gefühlen und Ängsten sehr genau gezeichnet.
Mich hat die Radikalität der Aussagen teilweise überrascht aber auch zum Nachdenken gebracht. Solch Lektüre wünscht man/frau sich mehr und ich bin froh, dass ich dieses Buch für mich entdeckt habe.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die kreisende Weltfabrik

Else Lasker-Schüler , Heidrun Loeper , Heidrun Loeper
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei Transit, 22.08.2012
ISBN 9783887472825
Genre: Sonstiges

Rezension:

"Ich schreibe so selten über Bücher oder Städte, durch die ich spaziere und die einladen zu bleiben. Bücher bedeuten für mich Städte, Städte Bücher, leere und lebensreiche. Und da das Buch mir eine ganze Stadt entfalten kann, mit Straßen und Läden und Menschen, die vor ihrem Schaufenster stehenbleiben, genügt mir schon das Buchhändlerlexikon mit der Anzeige neuerschienener Bücher. Genau wie die Stadt veranlasst oft das Buch noch zu bleiben, alle seine mannigfachen Seiten zu durchstreifen."

Bevor ich mich inhaltlich diesem Buch nähere, muss ich dem Transit Verlag für die wunderschöne Ausgabe meine Anerkennung zollen. Atmosphärische Schwarz Weiß Fotos aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts und ein hoch interessantes Nachwort von Heidrun Loeper, selbst Autorin und Literaturwissenschaftlerin, die die Texte zeit- und literaturgeschichtlich einordnet, runden diese Prosasammlung von Else Lasker-Schüler ab. Die jüdische Autorin schreibt über Begebenheiten, Beobachtungen und Eindrücke aus ihrem Berliner Leben in den 10er und 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Eine Stadt, die damals wie heute Anziehungspunkt für Menschen unterschiedlichster Couleur ist.

Unter anderem schildert sie einen Zirkusbesuch, einen sehr liebevollen und tragischen Text widmet sie ihrem geliebten aber früh verstorbenen Sohn Paul Lasker-Schüler und bekundet in verschiedenen Briefen ihre Meinung zu tagesaktuellen Problemen. Eine herrliche Anekdote beschreibt sie in "Unser Café!"

"Sire, Sie möchten etwas aus unserem Café wissen, aber unser Café ist schon seit ungefähr Pfingsten nicht mehr unser Café. ... Früher war das Stelldichein all dieser Radikalen das Café Größenwahn. Aber eines Tages verbot der Besitzer der Dichterin Else Lasker-Schüler, die zu diesem Kreise gehört, das Lokal, weil sie nicht genug verzehre. Man denke! Ist denn eine Dichterin, die viel verzehrt, überhaupt noch ein Dichterin? Sie empfand das mit Recht als eine unerhörte Beleidigung, als schimpfliches Misstrauen gegenüber ihrer dichterhaften Echtheit. Ebenso dachten die anderen. Daher verließen sie empört das Lokal."

Besonders auffallend finde ich ihre außergewöhnliche Sprache, gespickt von Formulierungen, die farbenreiche Bilder vor dem geistigen Auge entstehen lassen. Zwei Beispiele: Der Tag vor dem Geburtstag wird als "der Vorabend eines Wiegenfestes" bezeichnet und die berührende Beschreibung von Möwen: "Die Möwen vom Zürchersee schreiben mir so sehnsüchtige Briefe und ich sehne mich nach den weißen Vögel, schreiender Schnee, wilde Bräute der Nordsee, weichgefiederte Abenteuerinnen."

Else Lasker-Schüler gelangt mit 25 Jahren durch die Vermählung mit dem Arzt Bertold Lasker nach Berlin. Dort mietet ihr Mann ein Atelier, damit sie ihre künstlerische Ader entsprechend entfalten kann. Sie nimmt zusätzlich Unterricht bei einem Maler und studiert des weiteren die Fotografie. Durch verschiedene Abendgesellschaften lernt sie viele angehende und bereits bekannte Schriftsteller kennen, wie den österreichischen Autor Karl Kraus, den sie verehrt:

"Seine dichterische Strategie sind Strophen feinster Abschätzung. Ein gütiger Pater mit Pranken, ein großer Kater, gestiefelte Papstfüße, die den Kuß erwarten. Manchmal nimmt sein Gesicht die Katzenform eines Dalai-Lama an, dann weht plötzlich eine Kühle über den Raum - Allerleifurcht. Die große chinesische Mauer trennt ihn von den Anwesenden. Seine chinesische Mauer, ein historisches Wortgemälde, o, plastischer noch, denn alle seine Werke treten hervor, Reliefs in der Haut des Vorgangs."

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die Liebestäuschung

Hernán Rivera Letelier , Svenja Becker
Fester Einband: 315 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 17.02.2013
ISBN 9783458175650
Genre: Romane

Rezension:

Hernán Rivera Letelier ist in Deutschland vor allem durch sein Roman "Die Filmerzählerin" bekannt geworden. Ich habe mich vor kurzem seinem letzten auf Deutsch erschienenen Buch "Die Liebestäuschung" gewidmet.

Es ist eine Liebesgeschichte, die im Norden von Chile, genauer gesagt in den Gebieten der ehemaligen Salpeterminen, um die Jahrhundertwende angesiedelt ist. Als Kenner der Region schafft es Hernán Rivera Letelier den Leser in eine detailgetreue Welt zu entführen. Wer sich für das Land und seine Geschichte interessiert, ist mit dieser Lektüre auf jeden Fall bestens ausgestattet. Trotz meines Faibles für Chile bin ich von dem Roman aber leider etwas enttäuscht. Erst mit dem letzten Drittel gewann die Geschichte für mich an Substanz und nahm mich gefangen.

Golondrina, Tochter eines aufrührerischen Friseurs, der unter den Minenarbeiter in den Salpetermienen als Freund der Arbeiter geschätzt wird und einer früh verstorbenen Mutter, lebt mit ihrem Vater in der Stadt Pampa Unión. Sie hat sich durch ihre zahlreichen kulturellen Aktivitäten zu einer angesehenen Persönlichkeit und lokalen Größe entwickelt.

"Neben außergewöhnlicher Schönheit und einer fast durchsichtigen Blässe ihrer Haut hatte das Fräulein Golondrina del Rosario von ihrer Mutter ein feines künstlerisches Gespür geerbt. Sie gab einigen wohlhabenden Damen des Ortes Klavierstunden und unterrichtete außerdem, bei sich daheim und völlig kostenlos ein paar Kinder, die sich zum Morgenappell der kleinen Grundschule besonders hervortaten, in der schwierigen Kunst des Vortrags. Das Fräulein Golondrina del Rosario war die beliebteste Stummfilmbegleiterin weit und breit. Die Filmfreunde vor Ort waren sich einig, dass sie die Beste war, die je an dem einfachen Klavier im Arbeiterlichtspielhaus gesessen hat."

Bello, ein begnadeter Trompetenspieler, war für Musikerkollegen "ein Spinner, und sie hielten es für einen Spleen, dass er sein Instrument nie einpackte. Mit seinem stets unerschütterlichen, eiskalten Lächeln sagte er, die Trompete sei - wie gewisse Frauen auf dieser Welt - dazu geschaffen, ihr Leben nackt zu verbringen, vor allem nachts. Und mit einem fachmännischen Augenzwinkern trank er erst ein gutes Glas Wein - dieses Thema erörterte er ausschließlich mit der Kante eines Tresens vorm Bauch - schob dann seine schmale, gepunktete Flieg zurecht und fügte mit meisterhafter Nonchalance hinzu, in der Nacht würden die Frauen die Liebe aufs schönste vertonen und die Trompeten aus den Tönen umso schönere Harmonien weben ... das habe er ganz allein beim Spielen in den verruchtesten Hurenhäuser gelernt; weil das nämlich die einzigen Orte waren, wo sich ein echter Musiker genauso fühlen konnte: als echter Musiker."

Durch schicksalhafte Wendungen lernen sich die Golondrina und Bello in einer Nacht in Pampa Unión, "dem gefeiertsten Ort der Atacama-Wüste" kennen, lieben und trennen sich, um erst ein Jahr später wieder aufeinander zutreffen. Eine leidenschaftliche Liebesgeschichte beginnt, die beide aber geheim halten. Erst durch den Umstand, dass der ungeliebte Präsident das kleine Städtchen am Ende der Welt besuchen soll, verdichtet sich die Geschichte. Golondrinas Vater sucht eine Möglichkeit sich gegen den Besuch des Diktators zu währen und Bello probt mit seiner Musikkapelle den gebührenden Empfang des Staatsoberhauptes. Am verhängnisvollen Tag des Präsidentenbesuches überstürzen sich die Ereignisse und die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Wie schon erwähnt haben mir die letzten Kapitel besonders gut gefallen. Überraschende Wendungen und eine dynamische Handlung nahmen mir teilweise den Atem. Die tragische Entwicklung wird später im Epilog näher erklärt und der Leser erhält einen weiteren interessanten Einblick in das Leben der damaligen Salpeter-Siedlungen.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Leise Musik hinter der Wand

Viktorija Tokarjewa ,
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 26.03.2013
ISBN 9783257068610
Genre: Romane

Rezension:

Als ich durch den Diogenes Newsletter erfuhr, dass ein neues Buch von Viktorija Tokarjewa erscheint, überkam mich die Lust dieses auch bald mein eigen nennen zu dürfen und es vor allem zu LESEN!  Schon allein der Buchtitel  "Leise hinter der Wand" und der Plot machten mich neugierig.

Adriana, kurz Ada genannt, liebt das Leben und die Liebe. Und ist ihr Verhalten für ihre Umgebung noch so unmoralisch, ihr Glauben an die Liebe rechtfertigt alles. Schon früh heiratet sie Ossja ihren ersten Ehemann und gründet mit ihm eine Familie. Doch schon wenige Jahre nach der Trauung fehlt ihr das kleine Quäntchen Glück und sie fragt sich, ob das nun alles gewesen sei. Natürlich nicht! Das Leben spielt ihr Leonard, ebenfalls verheiratet und mit Kind, in die Hände. Beide verlieben sich kurzerhand ineinander und nach vielen heimlichen Treffen und einer schmerzvollen Trennung, müssen beide erkennen, dass sie ohne einander nicht mehr weiterleben möchten. Sie beschließen das Wagnis einzugehen - und können nur gewinnen. Erst durch den plötzlichen Tod Leonards trennen sich ihre Lebens- und Liebeswege und Ada erfährt mit voller Wucht den Schmerz dieser Tragödie. Mit Swerjew, einem russischen Künstler, findet sie ihr spätes Liebesglück und erfährt dadurch, dass es in einem Leben mehrere Lieben geben kann. Tokarjewa zeichnet nicht nur die Liebesgeschichte von Ada und Leon (später dann Swerjew) nach, sondern schafft es auch mit wenigen Sätzen die Geschichte Russlands darzustellen, natürlich immer eng verwoben mit Adas Lebensgeschichte.

Beeindruckt hat mich mal wieder der besondere Schreibstil von Viktorija Tokarjewa: kurze einfache Sätze, prägnant, nichts Überflüssiges, keine Schnörkel, klar und deutlich; und doch so dicht und poetisch. Es gibt viele wunderschöne Textstellen, die verzaubern, bei denen man inne hält und auf den Nachklang der Wörter lauscht:

"Er sah ihr ins Gesicht. Sie hatte eine schöne Stirn und wunderschöne Augen, aber der größte Schatz eines Gesichts war der Pfad von der Nase zur Oberlippe. Man sagt, dass dieser Pfad die zarte Berührung eines Engels ist, der Engelspfad."

"In der ersten Zeit war Swerjew vierundzwanzig Stunden am Tag einfach nur glücklich. Das Glück war grell und stabil, wie die Hitze im Juli. Dann verging die Hitze, es blieb eine gleichmäßige seelische Wetterlage. Es war wie leise Musik hinter der Wand."

"Sie war glücklich, dass sie nicht in ein leeres Haus zurückkehrte. Jemand wartete auf sie und freute sich über sie. Alles, was er sagte, war für sie interessant und bedeutungsvoll. Sich mit einem interessanten Menschen auszutauschen, das ist nicht weniger wichtig, als sich gesund zu ernähren. Der gedankliche Austausch, das ist auch Nahrung, bloß seelische."

Ich möchte mich beim Diogenes Verlag ganz herzlich für diese wunderbare Buchperle bedanken und hoffe, dass wir noch viel von Viktorija Tokarjewa zu lesen bekommen.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

10 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

wien, kindheit, nobelpreisträger, jugendjahre, bulgarien

Die gerettete Zunge, Sonderausg.

Elias Canetti
Fester Einband: 374 Seiten
Erschienen bei Hanser, 01.07.1994
ISBN 9783446130692
Genre: Sachbücher

Rezension:

Seit längerem hatte ich mir vorgenommen mich Elias Canetti weiter zu nähern. Mit "Der Blendung" hatte er mich vor zwei Jahren überzeugt und nun wollte ich seine dreibändige Autobiografie im Rahmen des hiesigen Literaturkreises in Angriff nehmen. Den ersten Teil "Die gerettete Zunge" habe ich nun erfolgreich gemeistert und ich möchte meine Eindrücke sehr gern mit euch teilen.

Elias Canetti wurde 1905 in Rutschuk (Bulgarien) als Sohn einer Spaniolen-Familie (sephardisch-jüdischen Familie) geboren. Schon mit sechs Jahren erlebte er den ersten prägenden geografischen Wechsel als seine Eltern beschlossen sich vom dominanten Großvater zu lösen und nach Großbritannien zu ziehen.

Seine starke Bindung zum Vater, der schon früh verstarb, und die Dominanz der Mutter prägten seine ersten Lebensjahre und somit auch den ersten Teil seiner Autobiografie. Zu Hause wurde Spanisch und Bulgarisch gesprochen, die deutsche Sprache, die Sprache seiner Eltern, die sich in Wien kennen und lieben gelernt haben, erlernte er erst mit circa acht Jahren unter unwahrscheinlichen Druck der Mutter. "So zwang sie mich in kürzester Zeit zu einer Leistung, die über die Kräfte jedes Kindes ging, und daß es ihr gelang, hat die tiefere Natur meines Deutsch bestimmt, es war eine spät und unter wahrhaftigen Schmerzen eingepflanzte Muttersprache." Hingegen er die Liebe zur englischen Sprache vor allem dem Vater zu verdanken hatte. Nach dessen Tod 1912 siedelte die Mutter mit den drei Söhnen nach Wien um. Doch schon vier Jahre später ging es weiter Richtung Schweiz, die Mutter die meiste Zeit dort zur Kur aufgrund von gesundheitlichen Problemen, die beiden jüngeren Brüder wurden im Internat untergebracht. Canetti selbst wohnte ebenfalls in einem Art Internat mit der Besonderheit, dass er ausschließlich von Frauen und Mädchen umgeben war. Der erste Teil endet 1921 mit dem Umzug nach Deutschland, genauer nach Frankfurt am Main, der von seiner Mutter vorangetrieben wurde. Und wieder die Mutter! Selten habe ich so eine starke Bindung zwischen Mutter und Sohn erlebt, die sich in Liebe aber auch in Abneigung äußerte. Elias war auf jeden männlichen Begleiter an der Seite seiner Mutter eifersüchtig und achtete strengstens darauf, dass es zu keinem körperlichen Kontakt kam. Die Mutter wiederum opferte ihr noch sehr junges Leben für die drei Kinder. Sie behandelte ihren ältesten Sohn Elias schon sehr früh als Gleichgesinnten und weckte in ihm das Interesse für Literatur und Theater. Besonders blieben ihm die gemeinsamen Leseabende mit der Mutter in Erinnerung. Wie viel Respekt und Hochachtung er dieser entgegen brachte, äußert sich an vielen Stellen im Buch. Exemplarisch dafür ein Auszug:

"Eine zweite Wohltat, die mir meine Mutter während dieser gemeinsamer Züricher Jahre erwies, hatte noch größere Bedeutung: sie erließ mir die Berechnung. Ich bekam nie zu hören, daß man etwas aus praktischen Gründen tue. Es wurde nichts betrieben, was nützlich für einen werden konnte. Alle Dinge, die ich anfassen mochte, waren gleichberechtigt. Ich bewegte mich auf hundert Wegen zugleich, ohne hören zu müssen, daß dieser oder jener bequemer, ergiebiger, einträglicher zu befahren sei. Es kam auf die Dinge selber an und nicht auf ihren Nutzen. Genau und gründlich musste man sein und eine Meinung ohne Schwindeleien vertreten können, aber diese Gründlichkeit galt der Sache selbst und nicht irgendeinen Nutzen, den sie für einen haben könnte."

Schlichtweg eine wunderschöne Liebeserklärung, eine Huldigung an die mütterliche Liebe, die ihm besondere Freiheiten gewährte. Besonders angetan bin ich aber von seiner Sprache, die Komplexes auf den Punkt bringt und für den Leser anschaulich macht. Wie genau er seine Gefühle und Gedanken in Worte fassen kann, ohne dabei ins Abstrakte abzurutschen oder in einen philosophischen Plauderton zu verfallen.

Seine Beschreibungen sind insgesamt sehr bildhaft, detailverliebt aber auch interessant und einnehmend. Die ersten sechs Lebensjahre Canettis in Bulgarien erinnern mich ein bisschen an die farbige bunte Welt der Rada Biller in "Melonenschale". Erstaunlich wie klar und deutlich er mit 74 Jahren dies alles aufs Papier bringt. Beeindruckt war ich auch von dem starken Einfluss der Schule, den Lehrern. Wie lebhaft er die einzelnen Facetten der Charakter noch schildern und beurteilen kann - nach all den Jahren.

Fazit: Eine vielschichtige Autobiografie eines Schriftstellers mit Eindrücken aus einem vergangenen Jahrhundert, einem Bekenntnis zur Literatur und Schriftstellerei und ausgeprägter Menschenkenntnis. Lesenswert für all jene, die sich einfühlen können und nicht vor einer sehr beschreibenden Darstellung des Lebens zurückschrecken.

  (3)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(6)

9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

geschichte, kolonialismus, lateinamerika, conquista, unterdrückung

Die offenen Adern Lateinamerikas

Eduardo Galeano , Leonardo Halpern , Anneliese Schwarzer de Ruiz
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Hammer, P/PRO, 01.07.2009
ISBN 9783872941626
Genre: Sonstiges

Rezension:

Ich habe dieses Buch des uruguayischen Schriftstellers Eduardo Galeano lange nicht gekannt aber zum Glück wurde es mir noch rechtzeitig geschenkt. "Die offenen Adern Lateinamerikas" öffnet Augen in Bezug auf die Geschichte des Kontinents, zerstört romantische Illusionen (falls die jemand in Verbindung mit der spanischen Conquista in Lateinamerika haben sollte), nährt die Wut des Lesers in Bezug auf die verschiedenen ausländischen Interventionen der letzten Jahrhunderte und wirbt um Verständnis für die Situation vieler lateinamerikanischer Staaten.

Eduardo Galeano beschreibt Geschichte und komplexe Sachverhalte in einfachen Worten, da er mit den Menschen ins Gespräch kommen möchte. Als nicht spezialisierter Autor wendet er sich an ein nicht spezialisiertes Publikum mit der Absicht, gewisse Tatsachen zu verbreiten, die von der offiziellen Geschichtsschreibung, die eine Beschreibung der Geschichte der Sieger ist, verschleiert und verfälscht wurde.* Aufgrund dieser Ambition wurde es lange in verschiedenen Ländern Lateinamerikas verboten. So geschehen in Chile, Argentinien und Uruguay zu Zeiten der Militärdiktaturen. Galeano, Zeit seines Lebens als Schreibender unterwegs, beschäftigten viele Fragen, die er mit diesem Buch versuchte zu beantworten: "Ist Lateinamerika ein Teil der Welt, der zur Armut und Demütigung verdammt ist? Verdammt von wem? Hat Gott die Schuld oder vielleicht die Natur? Das erdrückende Klima, die minderwertige Rasse? Die Religion, die Bräuche? Oder ist unser Unglück ein Produkt der Geschichte, die von Menschen gemacht wurde und darum auch von Menschen verändert werden kann?"

Das Buch ist in verschiedene Teile untergliedert. Neuere Auflagen beginnen mit dem Einstieg "Sieben Jahre danach". Galeano beschreibt darin Reaktionen auf das Buch und die weitere Entwicklung Lateinamerikas der letzen sieben Jahre nach Erstauflage. Nach der relativ langen Einleitung "Hundertzwanzig Millionen Kinder im Mittelpunkt des Gewitters" folgt Teil 1 mit den Anfängen der Conquista. Teil 2 beschreibt vor allem die "derzeitige Struktur (in den 70er Jahren) der Ausplünderung".

Sicher hat sich seit 1978, als das Buch erschien einiges verändert aber viele angesprochene Probleme bestehen nach wie vor. Und über 30 Jahre später gelangte das Buch zu neuer Bekanntheit, als der venezualische Präsident Hugo Chávez beim fünften Amerika-Gipfel (2009) das Buch dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama überreichte.

  (6)
Tags: conquista, eduardo galeano, geschichte, lateinamerika, lateinamerikanische woche, uruguay   (6)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(15)

29 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

israel, familie, humor, buchvorstellungen, erzählung

Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Meir Shalev , Ruth Achlama
Fester Einband: 281 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 17.02.2011
ISBN 9783257067798
Genre: Romane

Rezension:

Seit langem hat mich kein Buch mehr so berührt. Ich habe gleichermaßen gelacht und geweint und Meir Shalev schenkt mir mit diesem Roman eine literarische, eine dritte Großmutter: Großmutter Tonja. Es ist ein Buch über die Familie des israelischen Erfolgsautors, eine Geschichte über das Israel der frühen Jahre, über das Leben einer ganzen Generation, vor allem aber eine liebevolle Widmung an seine russische Großmutter und ihren amerikanischen Staubsauger "Sweeper".

Zu dieser Geschichte gibt es natürlich, wie in jeder Familie, verschiedene Versionen: "Die Sache war so" war die Eingangsformel für jede Geschichte, die sie erzählte. Sie sprach diese Worte unweigerlich in ihrem starken russischen Akzent, mit dem R, bei dem die Zungenspitze nur so am Gaumen ratterte. Auch ihre Kinder - meine Mutter und deren Geschwister - sagten "die Sache war so" mit demselben Akzent und demselben R, wenn sie eine Geschichte begannen und nicht nur sie. Bis heute benutzen wir diese Eröffnung und diesen Akzent, um zu sagen: Das ist die Wahrheit. Was ich gleich erzähle, entspricht den Tatschen."

Der Staubsauger war ein Geschenk ihres in den USA lebenden Schwagers. Hintergrund: Großmutter Tonia war von einem Putzwahn besessen, den man nicht besser beschreiben kann als dieser kleine Dialog zwischen Meir und einer damaligen Freundin:

"Sie hat einen Sauberkeitsfimmel", sagte ich.
"Macht nichts", erwiderte sie "meine Mutter auch."
Ich lächelte höflich. "Abigail" sagte ich, "glaub mir, du verstehst nicht, worum es geht, um welche Dimension und welches Niveau von Sauberkeit."
"Meine Mutter kratzt die Fugen zwischen den Küchenkacheln mit Zahnstochern aus, und zwar eigenhändig, weil sie der Putzfrau nicht traut", gab sie zurück.
"Abigail", sagte ich, "du kommst der Sache näher, aber du und deine Mutter liegen immer noch weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz. Meine Großmutter wäscht die Wände ab, und auf jede Türklinke und jeden Fenstergriff legt sie einen kleinen Lappen, damit man nicht mit schmutzigen Fingern dranfasst."
"Meine Mutter", konterte Abigail, "desinfiziert die Dusche nach jeder Benutzung."
Ich prustete los. "Bei euch duscht man in der Dusche? Bei meiner Großmutter ist das verboten. Wir haben einen Schlauch an der Wand des Kuhstalls, und das ist eine vorzügliche Dusche, wenn ich das anfügen darf."
"Meine Mutter", sagte sie, "fährt immer noch einen Buick aus den fünfziger Jahren, aber den Staubsauger wechselt sie jedes Jahr, weil das neue Modell womöglich besser saubermacht und noch drei Staubartikel mehr aus dem Teppich saugt."
"Abigail", sagte ich, "aus Liebe und aus Rücksicht auf dich hatte ich das Thema Staubsauger nicht anschneiden wollen, aber da du selbst damit angefangen hast, sollst du wissen, dass auch meine Großmutter eine Staubsauger besitzt."
"Ah ja?", fragte Abigail verwundert, was bedeuten sollte: Na und? Viele Leute haben ein Staubsauger. Dafür braucht man keinen Sauberkeitsfimmel.
"Sie hat einen Staubsauger, benutzt ihn aber nicht", erklärte ich.
"Weil er nicht richtig funktioniert?"
"Weit schlimmer. Sie benutzt ihn nicht, weil er davon schmutzig wird." "Was?!"
"Du hast richtig gehört. Weil er sich mit Staub und Dreck füllt und dann ebenfalls saubergemacht werden muss."
"Du hast gewonnen", gestand sie zu.

Seine Freude am Erzählen spürt man auf jeder Seite. Auf einer Lesereise in Russland wurde er sogar vom ansässigen Publikum als russischer Autor, aufgrund seiner wunderbaren Erzählkunst, betitelt. Seine Beschreibungen der Familienmitglieder, der Landschaften aber auch der damaligen Widrigkeiten der jüdischen Einwanderer aus aller Herren Länder sind so bildhaft dargestellt, dass man wahrhaftig Teil dieser Familie wird und nach Ende der Lektüre eine weitere Version der Geschichte mit "Die Sache war so" beginnen könnte. Gleich eingangs weist er aber daraufhin, dass er die große Geschichte seiner Familie in einem anderen Buch, nicht heute oder morgen auch nicht in den nächsten Jahren schreiben wird. Aber schon jetzt können wir uns auf dieses Buch freuen, denn es wird ein farbenfrohes Mosaik israelischer Geschichte in Verbindung mit einer ganz besonderen Familienchronik.

Schon sein Roman "Im Haus der Großen Frau" überzeugte mich vor wenigen Jahren. Aber erst jetzt verspüre ich Neugierde und Lust auf seinen ersten Roman "Ein Russischer Roman" und die vielen anderen Werke von ihm. Ich lege euch dieses Buch wirklich ans Herz. Es ist für mich die Perle des Jahres 2012!

  (5)
Tags: autobiografisches, buchvorstellungen, familienroman, humor, israel, meir shalev, zeitgenössische literatur   (7)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(33)

76 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 4 Rezensionen

mexiko, liebe, kochen, rezepte, schokolade

Bittersüße Schokolade

Laura Esquivel , Petra Strien
Flexibler Einband: 278 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 22.11.1994
ISBN 9783518388914
Genre: Romane

Rezension:

Bittersüss trifft es genau richtig. Diesen scheinbaren Widerspruch erfährt der Leser in Form einer tragischschönen Liebesgeschichte, ohne dass diese dabei allzu kitschig erscheint. Bitter meint es das Schicksal im Mexiko des frühen 20. Jahrhunderts vor allem mit Tita, der jüngsten Tochter von Mama Elena. Denn in dieser Rolle muss sie eine alte Tradition befolgen, die besagt, dass sie ihre Mutter im Alter pflegen muss und damit auch nicht heiraten darf. Versüßt wird ihr Leben durch Pedro, ihrer einzig wahren Liebe. Schon früh gesteht er auch ihr seine Gefühle, muss sich aber der Tradition beugen, die von Mama Elena strengstens eingehalten wird. Um Tita trotzdem nahe zu sein, heiratet Pedro daraufhin die ältere Schwester Rosaura. Probleme sind damit natürlich vorprogrammiert.

Tita verbrachte ihre Kindheit vorwiegend in der Küche bei Nacha, der Küchenfee des Hauses und erfährt von klein auf all die Geheimnisse der mexikanischen Küche. Und so wird jedes Kapitel mit einem alten mexikanischen Rezept eingeleitet. Titas besondere Kochkünste bleiben auf dem Hof jedoch nicht ohne Konsequenzen. Da ist der Chabela-Hochzeitskuchen, den Tita unfreiwillig mit ihren Tränen würzt und so der Hochzeit von Pedro und Rosaura ein unrühmliches Ende beschert oder die Wachteln in Rosenblättern, die Gertrudis, Titas zweite Schwester, Wollust offenbaren.

Ob Tita und Pedro am Ende doch noch zueinander finden, solltet ihr unbedingt nachlesen. Leicht und schnell liest sich dieses Büchlein, das vor Liebe und Leidenschaft nur so strahlt. Da ich selbst gern den Kochlöffel schwinge und in Mexiko auch schon am Herd stand, um Tamales zuzubereiten, interessierten mich die Rezepte ganz besonders. Eine wunderschöne Liebesgeschichte, die alle Sinne anregt.

  (4)
Tags: buchvorstellungen, kochen, laura esquivel, liebesroman, mexiko, mexiko   (6)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

marokko, buchvorstellungen, mahi binebine, zeitgenössische literatur

Die Engel von Sidi Moumen

Mahi Binebine ,
Fester Einband
Erschienen bei Lenos, 01.09.2011
ISBN 9783857874154
Genre: Romane

Rezension:

2003 explodierten in Casablanca die "Paradiesgürtel" von vierzehn marokkanischen Jugendlichen. Das Land stand unter Schock "denn wir dachten wir seien gegen den Terrorismus gefeit, aber mitnichten! Die Explosion fand bei uns statt, und die Täter sind von hier" erinnert sich Mahi Binebine 2011 in einem Interview.

Die Selbstmordattentäter stammten alle aus einem Elendsviertel am Rande der Stadt: Sidi Moumen - Inbegriff für Armut und ein Leben am Existenzminimum. Binebine sprach während seiner Recherchen mit Angehörigen und Freunden, sondierte alles, was über die Anschläge veröffentlicht wurde und besucht mehrmals Sidi Moumen. Dabei entstand ein Roman, der nicht nur eine ganz andere Seite von Marokko zeigt (die auch dem Autor nicht bekannt war) sondern auch beim Leser ein Gefühl von Wut, Sprachlosigkeit und Entsetzen hinterlässt.

Jaschin ist einer dieser vierzehn Jugendlichen. Aus seiner Sicht werden die Ereignisse erzählt - jedoch ist Jaschin bereits tot. Er, sein großer Bruder und die Freunde aus seiner Fußballmannschaft haben einen harten Alltag, der teilweise aus Gewalt, Hunger, dem Durchwühlen der unendlichen Müllberge und Stehlen besteht. Glückliche Stunden verbringt er nur auf dem Fußballfeld oder zusammen mit Ghislan, seiner großen Liebe. Doch auch wenn es Momente gibt, in denen er diesem Elend entfliehen kann, so ist er sich doch bewusst, dass er das Bidonville nie verlassen wird. Kein Zufall, dass plötzlich der streng religiöse Abu Subair auftaucht und Jaschin und seinen Freunde hilft, wo er nur kann. Mit Geschichten und Erzählungen über das Paradies macht er sie neugierig und letztendlich auch gefügig. So geraten die Jungen in einen Teufelskreis, aus dem es kein Entfliehen gibt und dessen schreckliche Konsequenz nur der Tod ist.

Wie oft fragen wir uns, wie kann man sein eigenes Leben und das anderer einfach so auslöschen? Dieses Buch soll keineswegs eine Art Rechtfertigung sein aber es gibt Antworten auf Fragen und zeigt auf, dass die Täter selbst auch Opfer sein können.

  (4)
Tags: buchvorstellungen, mahi binebine, marokko, marokko, zeitgenössische literatur   (5)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

6 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

el salvador, horacio castellanos moya, familie, politik, diktatur

Der schwarze Palast

Horacio Castellanos Moya , Stefanie Gerhold
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 12.05.2010
ISBN 9783100102232
Genre: Romane

Rezension:

El Salvador im Jahre 1944. Pericles befindet sich im Gefängnis, eigentlich nichts Ungewöhnliches. Kritisiert er doch mit seinen journalistischen Schriften in regelmäßigen Abständen den herrschenden Diktator, der mit seiner Grausamkeit und Ungerechtigkeit das Land im Atem hält. Dieses Mal jedoch soll er länger hinter Gittern bleiben - einen konkreten Grund scheint es nicht zu geben. Seine aufopfernde Frau Haydée schreibt in dieser Zeit ein Tagebuch, um die tragischen Erlebnisse besser verarbeiten zu können.

Freunde und Bekannte machen Haydée Mut und schon fallen auch die ersten Gerüchte über einen möglichen Putsch der Armee. Als es dann wirklich zum Aufstand kommt, steht Pericles und Haydées ältester Sohn Clemente als Radiomoderator an erster Front. Er ruft die Massen auf sich den Putschisten anzuschließen, um die lang ersehnte Freiheit zu erlangen. Zunächst sieht es so aus, als ob alles nach Plan verläuft: der Diktator tot, die Massen stellen sich hinter die Putschisten und die Polizei scheint überzulaufen. Aber wie so oft in der Geschichte läuft es anders. Der General wurde doch nicht getötet und lässt mit unbestechlichen Gefolgsleuten den Aufstand brutal niederschlagen. Es entstehen Todeslisten mit den Namen der Putschisten. Darunter auch Clemente, sein Cousin Jimmy und viele weitere Männer, die dem Bekanntenkreis von Pericles und Haydée angehören. Der Leser erfährt im Wechsel, wie es Clemente und Jimmy gemeinsam auf der Flucht ergeht und Haydée, die zu verzweifeln scheint und die Flucht nach vorn wagt. Mit anderen betroffenen Ehefrauen organisiert sie den illegalen Widerstand, um die Gefangenen frei zu bekommen und weitere Erschießungen durch den General zu verhindern.

"Der schwarze Palast" schildert ausführlich, wie die Politik Familien entzweien kann und aus Freunden Feinde werden. Pericles war nicht immer der unnachgiebige Kritiker des herrschenden Generals, ja er war sogar politischer Berater desselbigen. Und schließlich Pericles Vater, der allen stillen Vorwürfen zum Trotz hinter dem Diktator steht und Haydée das Todesurteil ihres Sohnes Clemente überbringt. Etwas überrascht hat mich das gut betuchte Milieu, was Moya für seinen Roman gewählt hat. So geht Haydée, bevor sie ihren Mann im Gefängnis besucht, noch schnell in den Schönheitssalon, um nicht ganz so desaströs zu erscheinen. Revolution mit Feuchtigkeitsmaske.
Trotzdem empfehlenswert!

  (7)
Tags: buchvorstellungen, der andere literaturklub, el salvador, el salvador, horacio castellanos moya, lateinamerika, städte der zuflucht, zeitgenössische literatur   (8)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

peru, buchvorstellungen, zeitgenössische literatur, frau, terror

Die verwandelte Frau

Teresa Ruiz Rosas
Fester Einband: 187 Seiten
Erschienen bei Verlag Ralf Liebe, 28.10.2009
ISBN 9783941037250
Genre: Romane

Rezension:

Cara a cara - Von Angesicht zu Angesicht - das ist das Leitmotiv der Patientin Elvira Pena, die sich beim bekannten Schönheitschirurg Dr. Bustìos nicht etwa einen Schönheitsmakel korrigieren, sondern das komplette Gesicht neu machen lässt. Bis zur ersten Visite nach der Operation macht sich Bustìos keine weiteren Gedanken über Elviras Beweggründe. Aber nicht ohne Grund hat sie sich mit dem neuen Gesicht auch eine neue Persönlichkeit geschaffen. Sie will endlich die schreckliche Vergangenheit abstreifen, ein neues Leben beginnen und sich einer ganz bestimmten Sache widmen. Dafür braucht Elvira die Hilfe von Dr. Bustìos. Mit ihrer Frage "Würden Sie ihr außergewöhnliches Talent in den Dienst derer stellen, die es am meisten brauchen?" versucht sie den Chirurgen für ihr Projekt zu gewinnen und stößt gleichzeitig einen Gedankenprozess bei ihm an. Schon bald kann sie ihn in ihren Bann ziehen und so eröffnen die beiden fernab von der pulsierenden Hauptstadt Lima eine Klinik namens "cara a cara". Sie machen es sich zur Aufgabe denen zu helfen, die durch die gewaltsamen Konflikte am meisten leiden. Sie behandeln Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Opfer von Anschlägen und Misshandlungen.

Bei den Feierlichkeiten zum 2. Jubiläum von "cara a cara" kommt es dann zu einer schicksalhaften Begegnung. Ein früherer Oberstleutnant, jetzt im Ruhestand, spricht Elvira direkt auf ihre Vergangenheit an und plötzlich kommen all die verdrängten Erinnerungen hoch und der Leser erfährt ihre ganze Geschichte. Sie steht exemplarisch für die vielen Tragödien aus dieser Zeit, zeigt aber auch, dass ein Neuanfang möglich ist. Einzig der dramatische Aufbau hat mich gestört. So lässt Rosas den Leser unnötig lang im Unklaren über Elviras Projekt "cara a cara". Der Versuch dadurch zusätzlich Spannung zu erzeugen misslingt. Eine vorzeitige Aufklärung hätte dem Roman keineswegs geschadet. Trotzdem auf jeden Fall lesenswert!
_____

  (6)
Tags: buchvorstellungen, peru, teresa ruiz rosas, zeitgenössische literatur   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

russland, aserbaidschan, sowjetzeit, buchvorstellungen, krieg

Melonenschale. Lebensgeschichten der Lea T.

Rada Biller , Antje Leetz
Fester Einband: 371 Seiten
Erschienen bei Bloomsbury, 01.09.2003
ISBN 9783827003591
Genre: Romane

Rezension:

Die Lektüre der Lebensgeschichten der Lea T. hat einfach nur viel Freude gemacht. Rada Biller nimmt den Leser an die Hand und führt ihn mit ihren vielen kleinen Geschichten in eine (für mich bis dahin völlig unbekannte) geheimnisvolle und ferne Welt. Die Reise oder vielmehr die Flucht vor den Ereignissen beginnt in Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan und führt über Moskau und Stalingrad nach Prag und Hamburg. "Melonenschale" ist autobiografisches Zeugnis der Rada Biller und fabelhaftes Erzählen zugleich.

Lea (alias Rada Biller), die Tochter einer Jüdin und eines Armeniers wächst im quirligen und orientalischen Baku der 30er Jahre auf. Aufgrund der häufigen Ortswechsel, dem ständigen Kontakt mit den Eltern - die Familie lebt meist zu dritt in einem Zimmer - und den Auswirkungen des Krieges muss Lea Mittel und Wege finden, um sich ihre Kindheit ein stückweit zu bewahren. Unterschiedliche Kulturen, Traditionen und Menschen formen aus dem Mädchen eine Kosmopolitin, die Jahre später mir ihrem tschechischen Mann wiederum flüchten muss - zunächst nach Prag, dann nach Hamburg. "Melonenschale" ist ein Hoch auf das Leben und die Gewissheit, dass es immer weiter geht und man niemals die Hoffnung verlieren sollte.

Diese Aufzeichnungen veröffentlichte sie erst mit 73 Jahren, ihre beiden Kinder schrieben da schon längst. Bisher war mir die Familie Biller leider noch nicht bekannt aber durch den zufälligen Erwerb des Buches entdeckte ich nicht nur Rada Biller, sondern auch ihre schreibenden Kinder Maxim und Elena Biller. Zunächst aber möchte ich mich ganz und gar Rada Biller widmen. Den nächsten Roman "Lina und die anderen" habe ich soeben gekauft.

  (6)
Tags: aserbaidschan, autobiografisches, buchvorstellungen, rada biller, russland, zeitgenössische literatur   (6)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(125)

191 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 12 Rezensionen

berlin, kurzgeschichten, deutschland, humor, alltag

Russendisko

Wladimir Kaminer
Buch: 191 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 01.10.2003
ISBN 9783442456826
Genre: Romane

Rezension:

Hab ich dieses Buch nun endlich auch geschafft. "Russendisko" von Kaminer ist ja schon fast zum Klassiker avanciert. Ganz so euphorisch bin ich nach der Lektüre allerdings nicht. Da hat mir meine Erwartungshaltung mal wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber was hatte ich denn auch erwartet? Sicher die gesammelten Anekdoten über das Leben eines russischen Immigranten in Berlin sind teilweise ziemlich schräg und amüsant bleiben aber nicht wirklich im Gedächtnis hängen. Nun gab mir eine Freundin den entscheidenden Tipp: Kaminer darf man nicht lesen sondern man muss ihn hören! Sein Akzent und seine Art und Weise des Vorlesens machen den besonderen Reiz seiner Geschichten aus. Leider habe ich eine Lesung mit ihm vor kurzen hier in Frankfurt verpasst. Dann hätte ich jetzt den direkten Vergleich.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Der 23-jährige Wladimir Kaminer möchte raus aus dem Moskau der 90er Jahre. Sein Freund Mischa soll ihn dabei begleiten. Ziel ist das quirlige Berlin denn als jüdische Immigranten erhalten sie ein begehrtes Visum für Deutschland. Und dann folgen schon Schlag auf Schlag die unglaublichen Abenteuer in der deutschen Hauptstadt. Der Leser erfährt die Besonderheiten des russischen Telefonsexs, wie Kaminer einmal Schauspieler wurde und warum er noch immer keinen Antrag auf Einbürgerung gestellt hat. Die 50 Geschichten sind nett zu lesen aber als nächstes kaufe ich mir von Kaminer ein Hörbuch.

Ab 29.03 gibt es den gleichnamigen Film mit Mathias Schweighöfer im Kino. Kritische Stimmen bemängeln, dass deutsche Darsteller das russische Wesen und den schon angesprochenen typischen Akzent nicht transportieren können.

  (7)
Tags: berlin, buchvorstellungen, jüdische lebenswelten, russland, wladimir kaminer, zeitgenössische literatur   (6)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(67)

118 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 25 Rezensionen

israel, liebe, deutschland, krieg, tod

Der Russe ist einer, der Birken liebt

Olga Grjasnowa
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 06.02.2012
ISBN 9783446238541
Genre: Romane

Rezension:

Mit dem Debüt von Olga Grjasnowa begann ich meine Messeauslese "abzuarbeiten". Nach wenigen Tage schlug ich das Buch auch schon wieder zu denn Maschas Leben reißt einen raus aus dem Alltag hinein in einen Kosmos voller Trauer, Wut und traumatischer Erlebnisse.

Mascha, ursprünglich Aserbaidschanerin - das Baku ihrer Kindheit ist mir dank Rada Biller nun sehr gut vertraut - lebt mit ihren Eltern in Deutschland. Sie ist ein sprachliches Ausnahmetalent und ihr sehnlichster Wunsch ist eine Anstellung bei der UN. Gute Voraussetzungen hat sie, da sie mehrere Sprachen fließend beherrscht. Die scheinbar heile Welt bricht plötzlich zusammen als ihr Freund Elischa durch einen tragischen Unfall sein Leben verliert. Mascha ist am Boden zerstört und flüchtet sich in Arbeit und Studium. Seit Jahren sorgsam verdrängt, kommen nun auch die schrecklichen Erlebnisse aus ihrer Kindheit in Aserbaidschan wieder hoch und lassen sie mehr denn je resignieren. In ihrer immer schlimmer werdenden Verzweiflung flieht sie nach Israel. Aber auch dort ist sie, wie schon in Deutschland, eher Außenseiterin. Als Jüdin spricht sie kein Hebräisch dafür aber Arabisch. Dass das Konsequenzen hat, versteht sich von allein.

Olga Grjasnowa verarbeitet in "Der Russe ist einer, der Birken liebt" eine Vielzahl von Themen: die Migrantenproblematik in Deutschland und die damit einhergehende Identitätssuche, den Nahost- bzw. den israelisch-arabischen Konflikt und die Umbrüche in der ehemaligen Sowjetunion. Sie findet den Ton und die Sprache der heutigen Generation der 20-/30-Jährigen in einer multikulturellen Gesellschaft und mit ihren präzisen und knappen Dialogen entsteht ein unglaublicher Sog, eine Dynamik, die den Leser mitreißt und nicht loslässt. Unbedingt LESEN!

  (7)
Tags: aserbaidschan, buchvorstellungen, israel, jüdische lebenswelten, nahost, olga grjasnowa, shoa, zeitgenössische literatur   (8)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

6 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

berlin, paris, buchvorstellungen, spanien, biografie

Die Capitana

Elsa Osorio , Stefanie Gerhold
Fester Einband: 331 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 12.12.2011
ISBN 9783458175179
Genre: Romane

Rezension:

"Die Capitana" - Die Geschichte einer bemerkenswerten Frau, die leider von der Geschichtsschreibung vergessen wurde. Elsa Osario füllt diese Lücke mit einem sehr persönlichem Roman über Mika Etchebéhère.

Sie wird 1902 als Jüdin in der Provinz Entre Ríos (Argentinien) geboren, ihre Eltern müssen bereits Ende des 19. Jahrhunderts aus der Ukraine fliehen, weil sie die schrecklichen Lebensbedingungen nicht länger ertragen können. Während ihres Studiums in Buenos Aires trifft Mika die Liebe ihres Lebens: Hipólito. Gemeinsam wollen sie die Welt verändern, stellen dabei ihr Leben in den Dienst der Revolution und verzichten freiwillig auf Familie und ruhige Zweisamkeit. Doch immer wieder macht ihnen die schwere Krankheit von Hipólito einen Strich durch die Rechnung und zwingt sie zu längeren Ruhepause. In den 30er Jahren wird dann endlich ihr Traum wahr und sie gehen nach Europa, zunächst nach Paris, später nach Berlin. Als 1933, nach dem Reichstagsbrand, Jagd auf die Linke gemacht wird, müssen auch sie fliehen. Ihr Weg führt sie zurück in die französische Hauptstadt. Von dort beobachten sie aber sehr genau die Entwicklungen in Spanien und entschließen sich nach Madrid zu gehen. Als der 1936 der Spanische Bürgerkrieg beginnt, ist Mika noch weit davon entfernt eine Capitana zu sein. Erst durch den Verlust ihrer großen Liebe Hipólito greift auch sie zur Waffe und macht den Kampf der spanischen Bevölkerung zu ihrem Krieg.

"... sie hatten festgehalten an ihrer Überzeugung, die auch uns leitete: dem Streben nach einer besseren Gesellschaft. Mit diesem Ziel hatten wir unsere Heimat verlassen, aber erst im Zusammensein mit ihnen begriffen wir, dass wir, so unterschiedlich unsere Herkunft und unsere Lebenswege auch waren, eine einzige Welt teilten und sie nicht ihrem Schicksal überlassen durften. Wir konnten sie ändern. Das glaubten wir wirklich. Inbrünstig."

Vor allem im Spanischen Bürgerkrieg kann man sehr genau die Konflikte innerhalb der Linken beobachten. Moskauer Agenten und spanische Trotzkisten lieferten sich hinter der Front interne Kämpfe. Da wurden sogenannte "Verräter" an den Pranger gestellt und Exempel statuiert. Auch Mika wurde von einem russischen Geheimagent, den sie noch aus Berliner Tagen kannte, verraten und verschleppt. Nur durch einflussreiche Freunde, mit denen sie in den letzten Monaten gemeinsam gekämpft hatte, gelang ihr die Flucht.
Ihren Lebensabend verbrachte sie später in Paris und als alternde Frau beobachtete sie mit Zufriedenheit der 68er Bewegung. Nach ihrem Tod 1992 schrieb Guy Prévan: "Als Revolutionärin der ersten Stunde, Antifaschistin und Antistalinistin blieb sie immer ihrem Weg treu, den sie eingeschlagen hat, als sie noch fast ein Kind war."

  (5)
Tags: argentinien, berlin, biografie, buchvorstellungen, elsa osorio, paris, spanien, spanischer bürgerkrieg, zeitgenössische literatur   (9)
 
17 Ergebnisse