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Wir können alles sein

Johanna Kramer
Flexibler Einband: 286 Seiten
Erschienen bei Independently published, 27.10.2018
ISBN 9781724192806
Genre: Sonstiges

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Ich muss mit einem Punkt beginnen, der mir bei Büchern generell sehr wichtig ist und das ist Qualität. Bei selbst verlegten Büchern habe ich (Achtung, Vorurteil!) immer die Befürchtung, dass sowohl die optische Aufmachung, die inhaltliche/dramaturgische Ausarbeitung als auch ein fehlerfreier Text nicht in dem Maße gewährleistet werden können wie mit einem großen Verlag im Rücken. Mit ihrem Debütroman hat die Autorin genau dieses Vorurteil zerschlagen. Auf 286 Seiten bin ich über nur genau zwei Zeichenfehler gestolpert, das Buch fühlt sich in der Hand hochwertig und angenehm an und die Seiten sind mit kleineren und größeren Zeichnungen der Schauplätze unglaublich liebevoll gestaltet.

Direkt mit den ersten Seiten hat mich die Geschichte in ihren Bann gezogen. Die Autorin schreibt sehr gefühlvoll über Zwischentöne menschlicher Empfindung und über Themen, die ich selten in Büchern wahrnehme, ohne dass es in die Fantasyrichtung abdriftet: Vorherbestimmung, Wiedergeburt und Wahrnehmung, die über das Natürliche hinausgeht. Diese Themen fließen eher unterschwellig ein und werden dennoch als Selbstverständlichkeit verstanden. Mich hat das sehr fasziniert, denn ich halte deren Existenz für möglich; möchte an dieser Stelle jedoch denjenigen davon abraten das Buch zu lesen, die Energien und Auren für absoluten Quatsch halten. Wer sich demgegenüber nur ein bisschen öffnen kann: Greif zu! 

Die Stärken dieses Romans liegen definitiv in der Feinfühligkeit und Emotionalität. Wenn ein Buch es schafft, emotional zu einem durchzudringen und einen im tiefsten Inneren zu berühren, hat es meiner Meinung nach das erreicht, was ein gutes Buch können muss. Ein gutes Buch bringt uns weiter, lässt uns ein Stück mit den Protagonisten mitwachsen. Und genau das ist mir hier passiert. Ich habe dazugelernt, habe Mut erlebt, auf sein Gefühl zu hören und der einen letztendlich dorthin bringt, wo man im Leben hingehört. Dieser Roman kann wieder den Glauben daran zurückgeben, dass Gutes passieren wird, wenn man sich dafür öffnet und dass da draußen Menschen sind, die sich uns tief verbunden fühlen können.

Wo Stärken sind, sind auch Schwächen, genau wie bei uns Menschen. Für mich hat die Geschichte unglaublich stark angefangen und auch so geendet, hat jedoch zwischendurch etwas an Tempo verloren. Damit meine ich nicht, dass Schlag auf Schlag etwas passieren muss, sondern mir ist aufgefallen, dass meine Gedanken beim Lesen manchmal abgeschweift sind, weil die Handlung nicht vorankam. Bis Carolina die Entscheidung fällt, nach Schottland zu gehen und für sich selbst einzustehen, wurde die Geschichte kurzzeitig etwas zäh. Das könnte allerdings auch Absicht gewesen sein; denn im realen Leben gibt es diese zähen Phasen, bis man letztendlich eine Entscheidung trifft, schließlich auch zuhauf.

Ein weiterer Punkt sind die Nebencharaktere, die im Vergleich zu den beiden Protagonistinnen etwas blass wirken. Beide Frauen sind zu Beginn in einer Beziehung mit einem Mann, und beide Männer sind Teil der Handlung. Warum die beiden jedoch überhaupt mit ihren derzeitigen Partnern zusammen sind, hat sich mir durch die Geschichte nicht erschlossen. Was macht diese Personen aus? Was hat Carolina und Brida einst dazu gebracht, mit ihnen zusammenzukommen? Auch ein Gefühl für Bridas Tochter, die eine kleine Rolle spielt, habe ich nicht richtig gefunden. Das ist letztendlich nur ein kleiner Kritikpunkt, denn durch die etwas blassen Nebencharaktere wirken Brida und Carolina nur umso schillernder und dreidimensionaler. In Brida habe ich mich selbst ein bisschen verliebt und frage mich, ob es sie vielleicht doch irgendwo gibt. 

Abschließend möchte ich noch hinzufügen, dass ich mich sehr über das Erscheinen dieses Buchs gefreut habe. Es gibt inzwischen immer mehr Jugendbücher mit queeren Liebesgeschichten, doch richtig gute Bücher mit Protagonisten jenseits der 20 gibt es selten. Wir können alles sein ist in jedem Fall eines davon, das ich fast bedingungslos empfehlen kann. 

Fazit

Wir können alles sein hat mich sehr berührt und ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch selbst verlegte Bücher von hoher Qualität sein können. Es erzählt sehr feinfühlig die Geschichte einer großen, die Zeit überdauernden Liebe, der sich nichts dauerhaft in den Weg stellen kann. Denn Liebe findet ihren Weg, egal wie. Dass die Nebencharaktere ein wenig blass wirken, lässt die beiden Protagonistinnen nur umso mehr leuchten, in die man sich beim Lesen einfach mitverlieben muss. Eine Empfehlung an Schottland-Liebhaber, Menschen, die an die Macht der Liebe glauben oder wieder glauben wollen, Spiritualität gegenüber offen sind und diejenigen, die schon lange nach einer lesbischen Geschichte mit erwachsenen Protagonistinnen suchen.

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114 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 35 Rezensionen

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Erhebung

Stephen King , Bernhard Kleinschmidt
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.11.2018
ISBN 9783453272026
Genre: Romane

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Auf diesen 144 Seiten, die als Roman betitelt werden, für mich aber eher seinen Novellen oder Kurzgeschichten gleichen, hat sich Stephen King verhältnismäßig kurz gehalten. Dies tut der Geschichte allerdings keinen Abbruch; vielmehr würde es an mancher Stelle in seinen anderen Büchern auch nicht schaden. Erhebung ist keine Horrorgeschichte. Scotts Gewichtsverlust stellt zwar ein nicht erklärbares, übernatürliches Element dar, jedoch bleibt die Stimmung auf das menschliche Miteinander fokussiert.

Deirdre und Missy haben schon viel ertragen müssen und fallen nun insbesondere durch die Tatsache, dass sie miteinander verheiratet sind, in der konservativen Kleinstadt negativ auf. Sie sind beide Powerfrauen und talentiert in dem, was sie tun. Das Essen in ihrem Restaurant schmeckt vorzüglich und Deirdre ist eine begnadete Läuferin. Hätten sich die beiden mit ihrer Sexualität bedeckt gehalten, hätte Castle Rock das verkraftet, doch mit ihrer Heirat scheinen sie ein Statement setzen zu wollen, das den Bürgern nicht passt.

Stephen King lässt das Ende der Geschichte offen; wir erfahren nicht, woher Scotts stetiger Geichtsverlust rührt. Vielmehr erinnert mich der Roman an eine Parabel, die in vielerlei Richtungen gedeutet werden kann. Scott wird immer leichter, bis er sich schließlich in einer Art Schwerelosigkeit befindet. Er fühlt sich dabei nicht schlecht – im Gegenteil – er fühlt sich erleichtert oder auch »erhaben«, wie sich auch Deirdre beim Laufen fühlt. Er fühlt sich vielleicht sogar erhaben über das Irdische, indem er sowohl seine Last von den Schultern nimmt, als auch Deirdre durch seine Freundschaft ein Stück der Last von ihren Schultern nimmt, die sie seit jeher begleitet. Vielleicht ist Scotts Überwindung auch ein Schritt der Erhebung der Gesellschaft, die irgendwann über der Diskriminierung unterschiedlicher Sexualitäten steht.

Diese Geschichte gibt den Anstoß zum Weiterdenken und gibt Impulse zum Umdenken des konservativen Kleinbürgers. Doch was hat den Autor dazu bewogen, seine üblichen Muster der Darstellung von Homosexualität in seinen Büchern zu durchbrechen? Fand er es an der Zeit, der homophoben Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und einem lesbischen Paar ein Happy End zuzugestehen, noch dazu in einer mehrheitlich Trump-wählenden Kleinstadt Amerikas? Spielt vielleicht auch die Homosexualität seiner Tochter eine Rolle, die selbst mit einer Frau verheiratet ist? Die Geschichte ist zwar aus Scotts Sicht geschrieben, jedoch entwickeln sich die beiden Frauen zu Hauptnebencharakteren; denn der Fokus liegt hier mehr auf Scotts Beziehung zu ihnen als auf seinem Gewichtsverlust und damit drohendem Ende.

Fazit

Mit Erhebung hat Stephen King keine klassische Horrorgeschichte geschrieben, sondern eine liebevolle Novelle, in der er mit seinen üblichen Mustern bricht und einem lesbischen Paar ein Happy End schenkt. Dabei fließt als übernatürliches Element Scotts schwindendes Gewicht ein, das zwar nicht erklärbar ist, durch seine »Erleichterung« und sein »erhabenes« Gefühl allerdings viel Deutungsspielraum erzeugt und durch den Parabel-Charakter zum Nachdenken anregt. Erhebung ist nicht das, was man von einem King typischerweise erwartet, hat mich jedoch bestens unterhalten und mein Herz erwärmt. Eine schöne Geschichte für zwischendurch, die die wachsende Bereitschaft der Gesellschaft zu Akzeptanz auf besondere und etwas unerklärliche Weise erlebbar macht.

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20 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

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Hör auf zu lügen

Philippe Besson , Hans Pleschinski
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 08.10.2018
ISBN 9783570103418
Genre: Romane

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Besson hat es mehrmals geschafft, meine Erwartungen zu widerlegen und mir zu zeigen, dass das Leben anders läuft. Kaum hatte ich mich mit der einen Wendung angefreundet und gedacht, ich hätte nun verstanden, worauf seine Geschichte hinausläuft, legt er in einem neuen Zeitabschnitt wieder völlig neue Wege frei, die das Leben geht.

Der Autor hat einen einzigartigen Schreibstil, der schwankt zwischen stilfrei, Gedankenausguss, penibler Wortwahl und System. Der Prolog zieht sich über zwei Seiten und besteht aus nur einem einzigen Satz. Man könnte vermuten, Thomas‘ Tod hätte in Besson einen Wortausbruch zu Tage gefördert, den er einfach nur niederschreiben musste. Dennoch gehe ich davon aus, dass er genau wusste, mit welchem Wort er welche Emotion beim Leser auslöst. Genau deshalb reichen 160 Seiten auch vollkommen aus, um die Tragweite der Ereignisse zu begreifen und den Leser in die Ohnmacht des Autors hinabzuziehen, die er durch Thomas‘ Tod erfahren haben muss.

Bessons Geschichte zeigt, dass wir Spuren hinterlassen bei Menschen, denen wir mal nah standen. So oft wir uns manchmal an vergangene Momente und Beziehungen zurück entsinnen und uns fragen, ob wir wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, ob diese Begegnung auch für das Gegenüber noch Auswirkungen hat, so werden wir das in den meisten Fällen niemals erfahren. Doch Besson zeigt uns durch seine Geschichte einen genau dieser Fälle, in denen diese Auswirkungen durchsickern, wenn auch erst Jahrzehnte später. Denn so unbedeutend wir uns manchmal selbst nehmen, so viel setzen wir durch unsere Begegnung manchmal bei unserem Gegenüber in Gang.

Der Titel Hör auf zu lügen ist Gesetz, denn durch diese Veröffentlichung als autobiografischer Roman gesteht er sich zum ersten Mal ein, schon immer über sein Leben geschrieben zu haben. »Lügen«, so nannte seine Mutter es, wenn er sich Lebensgeschichten zu Personen ausdachte, die ihm in seinem Alltag begegneten. »Lügen« nennt er dadurch selbst seine Romane, denn offiziell waren diese Geschichten frei erfunden und beruhten nicht auf seinem Leben. Gelogen hat Thomas sein ganzes Leben lang, bis zu einem kleinen Schritt am Ende, der als Rebellion gedeutet werden kann, sodass er seine Geheimnisse nicht mit ins Grab nahm. Und Besson selbst hört durch diesen autobiografischen Roman auf zu lügen, er teilt eine seiner tiefsten Erfahrungen mit uns, über die er vor Fertigstellung dieses Werks mit niemandem gesprochen hat.

Fazit

Philippe Besson lässt uns mit Hör auf zu lügen tief in seine Lebensgeschichte und hinter seine Fassade blicken, die er bis zur Veröffentlichung aufrechterhalten hat. Er lässt uns seine Geschichte erleben, wie nur das Leben sie schreiben kann. Das für mich Aufwühlendste war die Tatsache, dass die Ereignisse wirklich so eingetreten sind. Das Buch lenkt uns in eine Richtung, die Besson selbst gegangen ist, denn wir müssen aufhören zu lügen und uns selbst annehmen. Wir müssen zu uns selbst stehen, um ein erfülltest Leben führen zu können und vielleicht eine erfüllte Liebe finden.

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31 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

Nur in der Dunkelheit leuchten die Sterne

Marieke Nijkamp , Mo Zuber
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei FISCHER FJB, 24.10.2018
ISBN 9783841440266
Genre: Romane

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Dieses Buch hat mich seit Langem mal wieder völlig in die Irre geführt und mit seiner starken ersten Hälfte super unterhalten. Viele Jugendbücher verlaufen nach Schema F und können mich kaum noch überraschen, während Nur in der Dunkelheit leuchten die Sterne mich ständig hat hinterfragen lassen, was ich eigentlich vor mir habe. Ein Drama über Verlust und Tod? Einen Krimi über einen Mord? Einen Horrorthriller über eine verrückt gewordene Meute? Wahrscheinlich ist die einzige Antwort: Ein bisschen was von allem. Und das macht das Buch in meinen Augen so lesenswert.

Das Drama beschäftigt sich mit Coreys Verzweiflung, ihre beste Freundin verloren zu haben und damit, nicht genug für sie da gewesen zu sein. Kyra hatte schwer mit ihrer bipolaren Störung zu kämpfen, die Behandlung schlug nicht an. Niemand im Dorf wollte damit etwas zu tun haben, und als Corey ging, blieb Kyra allein zurück. Sie wollte mehr von Corey, doch Corey würde wohl nie von jemandem etwas wollen. Trotzdem liebte sie Kyra. Hat Kyra sich wirklich selbst getötet? Anscheinend ertrank sie mitten im Winter im See, der allerdings von einer dicken Eisschicht überzogen war. Wollte sie jemand vielleicht endgültig loswerden? Immer wieder hat Corey das Gefühl, als wäre Kyra in der Nähe und hinterließe ihr Botschaften. Ist sie wirklich tot? Warum machen alle im Dorf so ein Geheimnis darum, huldigen sie wie ein Orakel und sind zufrieden mit ihrem Tod?

Die Geschichte wirft so viele Fragen auf, dass ich noch nicht mal an Ende sagen kann, was wirklich passiert ist. Die Wahrheit ist eben immer nur eine Sichtweise und kann nie in ihrer Ganzheit begriffen werden. Oft hat mich die Geschichte an »Der Besuch der alten Dame« von Dürrenmatt erinnert, in der die Bürger einen Wandel vollziehen, der spürbar zunimmt, doch von niemandem zugegeben wird. Trotzdem verbreitet sich eine bedrohliche Stimmung, die mit dem Tod Ills endet und eine gewisse Zufriedenheit bei den Bürgern hinterlässt.

Das Ende war für mich eine kleine Enttäuschung, denn es fühlte sich an, als sei es einfach verpufft. Als hätte die Geschichte keine Spuren hinterlassen und niemand würde zur Rechenschaft gezogen werden. Doch auch das ist nur eine Wahrnehmung. Denn bei mir hat die Geschichte definitiv Spuren hinterlassen.

Marieke Nijkamp baut in ihre Geschichten viele queere Charaktere ein – so ist nicht nur Corey asexuell und Kyra pansexuell, sondern bildet sich auch ein schwules Nebencharakter-Pärchen, das einen Lichtblick in die Entwicklung Lost Creeks zu einer offeneren Gemeinde wirft.

Fazit

Nur in der Dunkelheit leuchten die Sterne ist ein Buch, das verwirrt, unterhält, einen alles in Frage stellen lässt und nicht mehr loslässt. Es lässt einen das Gute im Menschen hinterfragen und hebt die Gefahr kollektiven Handelns hervor, welches manchmal grauenhafte Dinge hervorbringt. Auch wenn für mich durch das unbefriedigende Ende die Aussage der Geschichte etwas an Vehemenz verloren hat, hallt sie bei mir trotzdem lange nach. Es wird definitiv nicht mein letztes Buch von Marieke Nijkamp gewesen sein, die in ihre Geschichten stets queere Figuren einbaut, ohne sich auf deren Sexualität zu fokussieren. Eine klare Empfehlung, wenn ihr Diversität fernab der klassischen Coming-Out-Romane und queeren Sidekicks sucht!

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53 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

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Geschrieben für Dich

Sylvia Brownrigg , Andrea Krug
Fester Einband: 287 Seiten
Erschienen bei Krug u. Schadenberg, 23.06.2005
ISBN 9783930041459
Genre: Romane

Rezension:

Geschrieben für dich liebe ich ungefähr so sehr wie Salz und sein Preis/Carol von Patricia Highsmith. Gemein haben beide Bücher eine wahnsinnig poetische Sprache, die nichts direkt anspricht, und doch alles sagt und noch viel mehr. Sylvia Brownrigg löst damit tiefsitzende Emotionen aus, Verlangen nach einem anderen Körper, Verlangen nach Liebe, doch wirkt dabei durch ihre sehr gewählten Worte stets gehoben und literarisch. Ebenfalls eine Ähnlichkeit ist der Altersunterschied zwischen den Frauen, die Faszination der Jugend sowie die der Reife. Denn die 17-jährige Studentin Flannery lässt sich auf eine hinreißende Liebesbeziehung mit der 28-jährigen Tutorin Anne ein, die eigentlich Welten voneinander trennen.

Im Gegensatz zu Carol geht die Leidenschaft Geschrieben für dich deutlich tiefere Wege – sie nimmt hier einen viel präsenteren Teil ein, wenn auch nicht weniger poetisch beschrieben. Der entscheidende Unterschied der beiden Romane liegt allerdings im Fokus der Geschichte. Während Carol auf ein »Glücklich bis ans Lebensende« abzielt, dem sich Widrigkeiten in den Weg stellen, beleuchtet Geschrieben für dich das Aufflammen einer Leidenschaft sowie deren Erlöschen, sobald die Zeit dafür gekommen ist und die Wege der beiden Liebenden wieder unterschiedliche Richtungen einschlagen. Denn genau das passiert immer wieder im Leben: Manchmal treffen sich Menschen, die für diesen Moment genau das sind, was sie brauchen. Sie wachsen aneinander, doch irgendwann haben sie sich alles gegeben, was sie geben können. Und dann hält das Leben andere Dinge für sie bereit.

Dieses Jahr ist die Fortsetzung zu diesem Roman erschienen. Flannery und Anne begegnen sich viele Jahre später wieder, die beide mit einem Mann verheiratet. Als sie unverhofft im literarischen Umfeld aufeinandertreffen, flammen alte Gefühle wieder auf… Zumindest Flannery, die diese Ehe nur aufgrund ihrer Schwangerschaft einging, jetzt Hausfrau, Mutter und Ehefrau eines sie in den Schatten stellenden Mannes. Leider wird diese Fortsetzung vom Verlag Krug & Schadenberg nicht übersetzt werden, da es thematisch nicht genug in die »frauenliebende« Richtung passt. Ich hatte auf eine zweite Chance für Flannery und Anne gehofft, doch durch diesen Hinweis vom Verlag gehe ich nun davon aus, dass das nicht der Fall sein wird. Trotzdem werde ich sicher irgendwann zur englischen Ausgabe greifen, um die erneute Begegnung der beiden Frauen zu verfolgen, die vielleicht genau die Aussage unterstützt, die Geschrieben für dich für mich hatte – nämlich dass eine solch hingebungsvolle Liebesbegegnung nicht von Dauer und vor allem einmalig ist.

Fazit

Geschrieben für dich ist ein Buch, zu dem ich immer wieder gerne greife, wenn ich mit Haut und Haaren in eine aufregende und leidenschaftliche Geschichte abtauchen möchte. In ihrer Poesie hat sie mich oft an Carol erinnert, doch die Hingabe ist hier weit ausgeprägter gegeben. Es ist eine der gefühlvollsten Liebesgeschichten, die der Herbst zu bieten hat und hinterlässt dabei eine bleibende Botschaft: Liebe intensiv, lass dich auf das ein, was in dein Leben tritt, und lass los, wenn die Zeit gekommen ist.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

Der schottische Bankier von Surabaya

Ian Hamilton , Andrea Krug
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Verlag Krug & Schadenberg, 05.10.2018
ISBN 9783959170130
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Wertung: 3,5 Sterne

Ich lese kaum Krimis, und besonders nach Beenden dieses Buchs frage ich mich, warum eigentlich. Der schottische Bankier von Surabaya war intelligent, vereinnahmend, teilweise brutal; vor allem aber wahnsinnig spannend. Ian Hamilton lebt in Kanada und hat selbst viel Zeit im asiatischen Raum verbracht, sodass sich seine Beschreibungen so anfühlen, als sei man tatsächlich vor Ort. Völlig selbstverständlich schreibt er über eine lesbische Heldin, aufgewachsen zwischen den Kulturen. Sie erscheint in strahlender Selbstsicherheit und zeigt sich zeitweise trotzdem verletzlich, was es nur selbstverständlicher macht, ihr voll und ganz zu verfallen. Ian Hamilton ist der erste männliche Autor, des es ins Verlagsprogramm Krug & Schadenberg geschafft hat – in meinen Augen hat er sich diesen Platz vollstens verdient. Er besticht durch seinen Blick für Details, sein Feingefühl und die Unbarmherzigkeit, die sich durch Gewohnheit einschleicht.

Hin und wieder kommen in Gesprächen zwischen den Figuren frühere Fälle zur Sprache. Wider Erwarten fühlte ich mich nicht um diese Fälle betrogen – denn ein Verständnis für die Charaktere weiß der Autor auch so aufzubauen – sondern fühlte mich nostalgisch zurückerinnert, obwohl ich sie noch gar nicht kenne. Besonders dadurch habe ich richtig Lust bekommen, ebendiese vorigen Fälle zu lesen, um tiefer in die Welt um Ava Lee einzutauchen. Die Figuren sind Ian Hamilton sehr dreidimensional gelungen. Der Autor lässt sie weder besonders emotional auftreten, noch verrennt er sich in Beschreibungen. Ein paar Worte genügen – der Rest geschieht über das Auftreten der Charaktere. Sie wirkten auf mich wahnsinnig lebensecht und irgendwie so, als könnte ich ihnen auch einfach so mal über den Weg laufen. Wie sich das anfühlen mag, wenn man mehrere Teile der Reihe gelesen hat; darauf bin ich sehr gespannt.

Mein einziger Kritikpunkt ist, dass es für meinen Geschmack etwas lang gedauert hat, bis die Geschichte voll im Gang war und die Spannung mich nicht mehr losgelassen hat. Das passiert definitiv, nur konnte ich das Buch während des ersten Drittels auch gut zur Seite legen. Ava Lee erholt sich von ihrem letzten Fall, überlegt noch eine Weile hin und her, ob sie den Fall überhaupt übernehmen soll und beginnt schließlich langsam, den Spuren zu folgen. Ich verstehe, warum es diese langsame Annäherung gibt – denn Ava Lee ist eben auch eine Person, die ein Leben außerhalb der turbulenten Fälle führt, die an einem Wendepunkt steht und sich fragt, wo sie ihre weitere Reise hinführen soll. Das ist wichtig um zu zeigen, wer hinter der Fassade steckt und dass sich in diesem fünften Teil eine Veränderung abzeichnet, die in Zukunft unumgänglich wird. Trotzdem hätte ich mir hier gewünscht, dass der Autor etwas schneller zum Punkt kommt.

Ich freue mich sehr, dass der Verlag den Ava-Lee-Romanen ein neues Zuhause bietet, mich hat die Roman-Heldin auf jeden Fall in ihren Bann gezogen. Es wird schon fleißig an der Übersetzung des nächsten Bandes gearbeitet, der bald ebenfalls auf Deutsch erscheinen soll.

Fazit

Wir haben es hier mit einem der wenigen Krimis zu tun, der eine selbstverständlich lesbische Heldin in den Mittelpunkt stellt, ohne daraus ein großes Thema zu machen. Man kann die Ava-Lee-Romane gut unabhängig voneinander lesen, und dieser hier hat mich bestens unterhalten. Auch wenn er im ersten Drittel spannungstechnische Anlaufschwierigkeiten hat, wurde er spätestens ab dem zweiten Drittel zum klassischen Page-Turner und macht definitiv Lust auf mehr. Ich freue mich schon auf den nächsten Teil!

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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Perfect Rhythm

Jae Jae
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Ylva Verlag, 10.10.2017
ISBN 9783955339067
Genre: Liebesromane

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Auf die Umsetzung dieses Themas war ich wahnsinnig neugierig. Ich habe mich selbst bisher kaum mit Asexualität beschäftigt und wusste, außer dass sie existiert, nicht viel darüber. Beim Lesen hatte ich jedoch das Gefühl, dass die Autorin sehr sorgfältig recherchiert hat. Wir erleben die Geschichte sowohl aus Leos als auch aus Hollys Sicht, wodurch sie sich intensiv mit den Gedanken und Gefühlen beider Seiten auseinandersetzen musste. Meine wichtigste Lernerfahrung war: Asexuell ist nicht gleich asexuell. Jeder Mensch ist anders und Asexualität ist ein Spektrum.

In dieser Geschichte geht es allerdings nicht nur um die Herausforderungen einer Liebesbeziehung zwischen unterschiedlich sexuellen Menschen. Es geht um Musik und wie das Showbusiness einem den Traum nehmen kann, den man eigentlich leben wollte. Den Unterschied dessen, was die Masse hören will und was wirklich gute Musik ist, in die die Seele eines Künstlers einfließt. Es geht um verpasste Chancen des Familienzusammenhalts und darum, wie sich Standpunkte mit der Zeit verschieben und weiterentwickeln können. Die Geschichte handelt davon, Gemeinsamkeiten zu finden, wo auf den ersten Blick keine zu sehen sind, aufeinander zuzugehen und sich zu öffnen. Ein weiteres Thema ist der Umgang mit Krankheit und Verlust. Die Zerrissenheit zwischen Karriere und der Familie und den Wurzeln. Den Weg, beides miteinander zu verbinden und sein Glück zu finden.

All diese Themen verbindet die Autorin zu einer unterhaltsamen, ein bisschen aufwühlenden und vor allem liebevollen Geschichte, in der zwei Menschen ihr unverhofftes Glück finden. Die Charaktere sind realistisch und sehr nahbar ausgearbeitet und lassen einen wieder an das Gute im Menschen glauben. Ich würde mir wünschen, dass möglichst viele Menschen dieses Buch lesen, um die Akzeptanz für Asexualität in der Gesellschaft voranzutreiben und das Bewusstsein dafür zu stärken, dass Asexualität noch lange kein Todesurteil für eine Beziehung darstellt.

Fazit

Was bedeutet es eigentlich, asexuell und homoromantisch zu sein? Wie wirkt sich das auf zwischenmenschliche Beziehungen aus? Was macht überhaupt wahre Intimität aus? Diesen Fragen stellt sich Jae in Perfect Rhythm, was mir ein paar warme, wohlige und erkenntnisreiche Lesestunden beschert hat. Der eigentliche Fokus in der Geschichte liegt jedoch darauf, was Glück bedeutet, Frieden mit seiner Vergangenheit zu schließen und was es bedeutet, nach jahrelanger Funkstille in der Familie wieder aufeinander zuzugehen. Ich möchte diese Geschichte besonders denjenigen ans Herz legen, die denken, asexuelle Charaktere seien »nichts für sie«. Jaes Liebesgeschichten gehen stets tief und erlauben einem doch wieder, an ein »Happy End« für jeden zu glauben.

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94 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

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Am Ende sterben wir sowieso

Adam Silvera , Katharina Diestelmeier
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Arctis ein Imprint der Atrium Verlag AG, 21.09.2018
ISBN 9783038800194
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Wertung: 4,5 Sterne

Der größte Spoiler ist der Titel, wenn auch der original englische noch deutlicher ist. Beide Protagonisten sterben an diesem Tag, es führt kein Weg daran vorbei. Das ist vielleicht das Schlimmste und gleichzeitig Beste an der Geschichte. Mateo ist 18, Rufus 17 Jahre alt, kerngesund und natürlich viel zu jung zum Sterben. Das Buch steckt voller Gegensätze: Es ist grausam und gleichzeitig wunderschön. Herzzerreißend und versöhnlich. Überraschend und vorhersehbar.

Adam Silvera lässt die Emotionen unglaublich realistisch aufblühen. Wie würdest du dich fühlen, wenn dir jemand sagst, dass du heute stirbst, und du weißt, er hat Recht? Ich schätze, ich wäre wütend, traurig, ängstlich, hoffnungslos. Vielleicht verbittert, weil ich mein Leben nicht voll ausgekostet habe. Voller Tatendrang, weil ich meine letzten Stunden nicht verschwenden möchte. Und voller Liebe für die, die mein Leben lebenswert gemacht haben. All diese Emotionen verpackt der Autor geschickt in Momente, ohne kitschig zu werden oder zu dick aufzutragen. Trotz ihrer Angst oder ihres Bedauerns setzen Rufus und Mateo ein Zeichen dafür, etwas zu wagen und sich selbst nicht im Weg zu stehen. Sie machen dir wieder bewusst, was wirklich wichtig ist im Leben: zu leben.

Fast das ganze Buch über musste ich immer wieder weinen, über die kleinen Dinge oder die Aussichtslosigkeit. Über Abschiede und pures Glück. Man durchlebt die typische Achterbahn der Gefühle. Das Ende kommt nicht abrupt. Als es schließlich so weit war, war ich einverstanden. Ich konnte loslassen. Und das war für mich das vielleicht Überraschendste an diesem Buch: Ich fühlte mich am Ende nicht verloren und unfähig, meinem Alltag zu begegnen, sondern gestärkt und irgendwie… zufrieden. Es ist schlimm, dass Menschen früh sterben. Aber wenn du dein Leben so lebst, wie du es schon immer wolltest, sind 18 Jahre besser als nichts. Dann ist ein Tag besser als nichts und besser als ein Leben, in dem man nur vor sich hin vegetiert.

Die queere Komponente, für diejenigen, die gezielt danach suchen: Rufus ist bisexuell und zu Beginn kürzlich getrennt von seiner Freundin. Mateo ist, nun ja… das wird nie genau erläutert. Fakt ist aber, die beiden finden irgendwie einen Draht zueinander. Jedes Geheimnis, das du einem Todgeweihten erzählst, nimmt er schließlich mit ins Grab und so entsteht zwischen den beiden so verschiedenen Jungen eine sehr intime Offenheit und Nähe.

Noch ein wenig zum Hintergrund und Klagen auf hohem Niveau: Die Geschichte spielt in der heutigen Zeit, genauer gesagt am 5. September 2017, auf unserer Erde. Vielleicht in einem Paralleluniversum, weil es dieses Unternehmen der Todesboten schon seit ein paar Jahren gibt. Woher der Todesbote den Todestag kennt, darüber darf er nichts sagen. Logisch, ja, aber bei jedem Fantasy- oder Science-Fiction-Aspekt finde ich es schön, wenn er irgendwie versucht wird zu erklären. Ich hatte ein kleines Flashback zu meinem Erlebnis nach dem dritten Teil der Silber-Trilogie von Kerstin Gier, in dem eine Erklärung völlig unter den Tisch fällt. Das als kleiner Kritikpunkt, der jedoch lang nicht so schwer ins Gewicht fällt wie bei Silber.

Fazit

Am Ende sterben wir sowieso ist ein wunderschönes, gefühlvolles, in seinen Möglichkeiten realistisches und mitreißendes Jugendbuch über den letzten Tag zweier Teenager in New York. Es ist spannend, trotz der makaberen Seite humorvoll und lässt einen auf jeder Seite mitfiebern, auch wenn man schon weiß, dass es aussichtslos ist. Es reißt einen permanent in die Tiefe, nur um einen im nächsten Moment wieder aufzubauen. Nach dem Beenden des Buchs habe ich mich allerdings nicht, wie erwartet, zerstört gefühlt, sondern mutig, mit dem Blick nach vorn gerichtet und versönlich. Es ist wie es ist. Du musst nur leben.

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Wicker King

Kayla Ancrum , Uwe-Michael Gutzschhahn
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 21.09.2018
ISBN 9783423762335
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Kurzbeschreibung Inhalt

August und Jack sind seit ihrer Kindheit tief verbunden, auch wenn sie in der Schule völlig gegensätzlichen Kreisen angehören. Als Jack beginnt, Dinge und Wesen zu sehen, die es nicht geben dürfte, sollte ihn August eigentlich darin bestärken, sich ärztliche Unterstützung zu suchen. Die Wesen wollen etwas von Jack, er ist ihr Wicker King, der sie retten soll, mit August als Ritter an seiner Seite. Doch August lässt sich auf dieses Spiel ein und treibt mit Jack immer weiter auf den Abgrund zu…

Meine Meinung

Ich gebe es zu – allein diese Kurzbeschreibung klingt wirr. Und das ist dieses Buch auch, trotz seiner eigentlich klaren Struktur. Die Seiten beginnen weiß und werden mit Verlauf der Geschichte immer dunkler, bis sie schließlich komplett schwarz sind. Je schlechter es um Jack steht, desto dunkler die Seiten.

Kayla Ancrum erzeugt mit wenigen, wohlüberlegten Worten eine absolut bedrückende Stimmung. Die Kapitel sind selten länger als eine Seite. Die Charakterisierung der Personen wird durch Playlists unterstützt und Bilder offizieller Dokumente oder Notizen schaffen ein klareres Bild, ohne viel erzählen zu müssen. Es ist kein Buch zum Durchfliegen. Oft musste ich mir nach einem halbseitigen Kapitel kurz Zeit nehmen, um das Gelesene wirken zu lassen und zu verarbeiten.

Auch die Gefühle zwischen August und Jack werden nie explizit ausgesprochen. Wir erleben sie in wenigen versteckten Gesten. In Handlungen. In Empfindungen, die kurz angerissen werden. Sexualität zu benennen spielt in dieser Geschichte absolut keine Rolle, und das finde ich wunderschön.

Als ich beim Lesen in diese Welt hineingezogen wurde, hatte ich immer mehr Angst vor dem Ende. Davor, dass die Auflösung nicht zufriedenstellend sein und mir die ganze Leseerfahrung verderben würde. Doch das ist nicht passiert. Ich hätte mir keinen passenderen und versöhnlicheren Schluss vorstellen können.

Fazit

Wicker King ist ein Buch, das ich wahnsinnig zu schätzen weiß. Es verspricht durch wenige, aber exakt ausgewählte Worte ein unglaublich bedrückendes und intensives Leseerlebnis. Es ist kein Buch, das zu Sturzbächen geführt hat, mich aber doch gegen Ende ein paar Tränchen hat verdücken lassen; spätestens bei Kayla Ancrums Nachwort. Dieses Buch wird nicht jedem gefallen. Es ist einzigartig in jeder Hinsicht und für mich eines derjenigen Bücher, weshalb ich überhaupt lese.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

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Pirouetten

Tillie Walden , Sven Scheer
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Reprodukt, 12.09.2018
ISBN 9783956401619
Genre: Comics

Rezension:

Originalrezension: queerbuch.wordpress.com

Wertung: 3,5 Sterne

Pirouetten von Tillie Walden war meine erste Graphic Novel. Hätte ich nur schon früher zu Graphic Novels gegriffen, es hat mich nämlich unheimlich fasziniert, so schnell und so visuell in eine Geschichte auf Papier abzutauchen! Aber das nur so am Rande. Mein Interesse geweckt hat dieses Buch jedenfalls zum einen, weil ich selbst viele Jahre lang Turniertanz (nicht Eiskunstlauf!) betrieben habe und zum anderen, weil Tillie Walden mit dieser autobiographischen Graphic Novel ihren Weg zum selbstbewussten Umgang mit ihrer Homosexualität beschreibt. Es ist eine Coming-Out- und Coming-off-Age-Geschichte, in der es auch um’s Eislaufen geht.

Kurzbeschreibung Inhalt

Von klein auf kennt Tillie nicht außer Eislaufen. Einzeltraining vor der Schule, Synchrontraining abends bis zum Umfallen. Wettkämpfe an den Wochenenden. Schminken, lächeln, abliefern. Tillie ist besonders talentiert und maht daher immer weiter, auch wenn ihr Schönheitswahn und scheinbare Perfektion eigentlich zuwider sind; denn sie liebt es, zu gewinnen. Sie weiß schon lange, dass sie lesbisch ist, glaubt aber, in dieser scheinbar heilen Welt kein Verständnis dafür zu finden, ganz zu schweigen von einem Mädchen, das ihre Gefühle erwidert. In der Schule hat sie unter Mobbing zu leiden. Sie wird älter, findet eine Liebe, muss sie wieder loslassen. Und sie findet letztendlich ihren ganz eigenen Weg und schafft es, das loszulassen, was sie jahrelang begleitet hat, aber nicht mehr zu ihr passt.

Meine Meinung

Pirouetten hat mir ein ausgesprochen schönes Leseerlebnis beschert. Da ich bisher keine anderen Graphic Novels gelesen habe, kann ich es nicht mit diesen, sondern nur mit Romanen oder Biografien vergleichen. In den Zeichnungen habe ich viele fast vergessene Emotionen wiedergefunden. Wir erleben zusammen mit Tillie, wie ihr Weg sie weg vom Eiskunstlauf und hin zu sich selbst geführt hat. Welche Einflüsse sie auf ihrem Weg zum »Erwachsenenalter« begleitet und was diese ausgelöst haben. Wie sie mit Mobbing umgeht, die erste Liebe findet, mit Homophobie, Sexismus und sexueller Belästigung zu kämpfen hat.

Sie führt uns außerdem hinter den Schein der schönen Welt des Eiskunstlaufs. Wie viel Blut, Schweiß, Tränen und Konkurrenzkampf sich hinter dem breiten Lächeln verbergen, das sie bei jedem Wettkampf aufsetzt. Ich kann euch nur empfehlen: Werft einen Blick in die Leseprobe, und schaut, ob euch der Stil gefällt. Denn dann ist diese Graphic Novel über Tillies Weg eine wunderbare Welt zum Abtauchen und Mut fassen. Wenn ihr mehr über Tillie Waldens Hintergründe erfahren wollt, werft gerne einen Blick in das Interview, das ich euch unten verlinkt habe. Ich fand es sehr spannend!

Fazit

In Pirouetten beschreibt Tillie Walden in einer wunderbaren Coming-Out- und Coming-off-Age-Geschichte ihren Weg zu sich selbst und wie sie es nach vielen Jahren geschafft hat, dem Eiskunstlauf, ihrer Hass-Liebe, den Rücken zu kehren. Durch ihre Zeichnungen konnte ich mich sehr gut in Tillies damalige Empfindungen hineinversetzen und für ein paar Stunden in eine zwar oft frustrierende, am Ende aber mutmachende Welt abtauchen.

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208 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 51 Rezensionen

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Eine Krone aus Feuer und Sternen

Audrey Coulthurst , Katja Hald
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei cbt, 13.08.2018
ISBN 9783570311875
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Wertung: 3,5 Sterne

Wie so oft bin ich bei Büchern, an die ich zuvor hohe Erwartungen hatte, zwiegespalten. Ich habe mich zu Beginn schnell in die Geschichte eingefunden und das, obwohl ich nicht oft Fantasy lese und es daher nicht gewöhnt bin, in komplett fremde Welten einzutauchen. Das ging hier allerdings wunderbar. Trotzdem wartete ich fast 200 Seiten lang darauf, gepackt zu werden. Es ist nicht so, dass nichts passiert wäre – es passieren nur andere Dinge, als ich erwartet hatte. Und genau darin liegt auch meine Zerrissenheit: Das Buch kann in seiner Gesamtheit überzeugen, wenn man gerne über politisch motivierte Anschläge und Strategieverhandlungen liest und ebendies vom Buch erwartet. Eine politische Geschichte, die queere Charaktere selbstverständlich auftreten lässt und letztendlich eine Abwägung zwischen Liebe und politischer Vernunft erfordert. Da ich von diesem Buch mehr Auseinandersetzung mit Dennas Feuermagie, der Magiewirkung im Allgemeinen und vor allem mehr Liebe zwischen Denna und Mara erwartet hatte, war ich von der ersten Hälfte der Geschichte ziemlich enttäuscht.

Glücklicherweise ist es dabei nicht geblieben, denn zumindest die Liebesgeschichte nahm ab der zweiten Häfte Fahrt auf. Die innere Zerrissenheit zwischen dem, was sein Herz will und dem, was gut für viele anderen Menschen wäre, kam stark zur Geltung. Angst, was passiert, wenn jemand etwas von der verbotenen Gabe oder den Gefühlen für die falsche Person erfährt. Die letzten 100 Seiten waren dann genauso cool, emotional mitreißend, kämpferisch und spannend, wie ich mir das erhofft hatte. Allein dafür hat es sich gelohnt, das Buch zu lesen, denn der Showdown am Ende hat etwas Episches. Natürlich dürfen auch schwere Verluste und Intrigen zu Hofe nicht fehlen – auch wenn ich bei einer Person schon früh das Gefühl hatte, dass sie nicht so ehrlich ist, wie sie tut, aber darüber konnte ich leicht hinwegsehen. Wenn mich ein Buch packt, dann weine ich beim Lesen oft; sei es vor Freude, Wut oder Trauer. Bei diesem Buch hatte ich die Sorge, dass das nicht mehr geschehen würde. Doch ganz am Schluss verdückte ich ein paar Tränchen, weil mich ein Charakter doch noch überrascht hat, der eigentlich keine besonders große Rolle im Buch eingenommen hat.

Was ich gesondert erwähnen möchte, ist der Umgang mit Diversität. Eine solche Selbstverständlichkeit vom Homo- oder Bisexualität habe ich in Büchern bisher selten erlebt. Die Angst vor Magienutzern mag zwar an unsere Homophobie erinnern – Sexualität und Geschlecht spielen allerdings überhaupt keine Rolle. Die Thronnachfolge wird an jenes Kind weitergegeben, das diese Aufgabe erfüllen möchte oder besser erfüllen kann. So gibt es also Könige UND Königinnen, die mit ihren Ehepartnern ihr Land regieren. In führenden Positionen sind Männer ebenso wie Frauen vertreten und ob jemand besonders hinterhältig oder wohlwollend agiert, ist in dieser Geschichte nicht am Geschlecht auszumachen. Diese Selbstverständlichkeit geht so weit, dass sie mir erst mit der Zeit bewusst wurde – denn die Autorin hält sich nicht mit Erklärungen über Sexualität auf, sondern lässt Liebschaften zwischen Menschen unabhängig ihres Geschlechts einfach nebenbei einfließen. Dadurch ist in Dennas Situation nicht das Problem, dass Mara eine Frau ist, sondern dass mit ihrer arrangierten Ehe die politische Allianz gesichert werden soll. Diese Einbindung von Diversität muss ich Audrey Coulthurst wirklich hoch anrechnen, denn damit hat sie genau meinen Geschmack getroffen.

Im März erscheint der englischsprachige Folgeband Of Ice and Shadows. Das Ende von Eine Krone aus Feuer und Sternen macht definitiv Lust auf mehr und stellt erst den Anfang einer Geschichte dar, die vermutlich mehr in die magische Richtung geht, die ich erwartet hatte. Ich hoffe einfach, dass der Folgeband auch übersetzt wird – denn das wäre schon ziemlich genial. Trotzdem kann man diesen ersten Teil auch gut für sich lesen.

Fazit

In Eine Krone aus Feuer und Sternen habe ich eine langersehnte Young Adult Fantasyromanze gefunden, über deren Erscheinen ich wahnsinnig froh bin. Die Selbstverständlichkeit verschiedener Sexualitäten und Gleichberechtigung der Geschlechter habe ich in Büchern selten erlebt und ist definitiv sehr positiv hervorzuheben. Es ist ein Buch, das durch ausführliche politisch-strategische Handlungen sowie flache Nebencharaktere in der ersten Hälfte langgezogen wirkt und etwas mehr Zeit braucht, um in Fahrt zu kommen, mich dann allerdings doch noch in seinen Bann gezogen hat und gespannt auf die Fortsetzung zurücklässt.

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38 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

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Unland

Antje Wagner
Flexibler Einband: 381 Seiten
Erschienen bei Julius Beltz GmbH & Co. KG, 28.05.2018
ISBN 9783407745118
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Unland ist bisher der einzige Roman der Autorin, bei dem sich etwas mehr über die Handlung sagen lässt, ohne eine Welle an Spoilern zu hinterlassen. Trotzdem lässt diese Beschreibung kaum erahnen, was sich hinter Unlands Geheimnis verbirgt. Antje Wagner schreibt atmosphärisch dicht, man kann sich ihrem Sog kaum entziehen. Auch wenn dieses Buch mit einer recht jungen Protagonistin insbesondere für Jugendliche geschrieben wurde, hat es auch mir Schauer über Schauer über den Rücken gejagt und mich atmosphärisch eingesogen. Denn Franka strahlt eine unglaubliche Stärke und Reife aus, sie lässt sich nicht von Kleinigkeiten beeindrucken, sondern sieht nur die wesentlichen Dinge. Dadurch wirkt die ganze Geschichte trotz Mystery-Elementen wahnsinnig echt.

Die bereits angesprochene Atmosphäre hat mich an einige andere Werke erinnert, die ich wahnsinnig gelungen finde. So ist die Suche nach Unlands Geheimnis in Ursula Poznanskis Erebos wiederzufinden, auch wenn die Auflösung kaum unterschiedlicher sein könnte. Die skurrile Welt der Dorfbewohner und die Schule, die in den Pausen immer mit ohrenbetäubender Musik beschallt wird, ließ in mir die ausweglose Willkür und Ohnmacht aus Franz Kafkas Der Prozess wiederaufleben – sozusagen der ganz große »Hä, warum?«-Moment, der niemals aufgeklärt wird. Man befindet sich beim Lesen also in einer sehr merkwürdigen und gleichzeitig sehr bekannten Welt, unter einem Gefühl ständiger Beobachtung, das man nicht richtig zuordnen kann.

Die Autorin schreibt spannend, situationskomisch, sarkastisch und anspruchsvoll, dabei aber jederzeit verständlich. Dass ich beim Lesen völlig die Zeit vergesse, kommt inzwischen nicht mehr so oft vor – bei Unland habe ich meine Umwelt jedoch völlig ausgeblendet (zuhause mag das ja gehen, aber im Zug fast meine Haltestelle zu verpassen, war mir neu). Die Charaktere lassen stets eine unglaubliche Tiefe vermuten, gerade auch deshalb, weil sie nur teilweise aufgedeckt werden. Die Geschichte ist zeitlos und damit auch nach fast zehn Jahren immer noch aktuell. Es werden gesellschaftskritische Themen angesprochen, wie z. B. Normalität vs. Andersartigkeit und wie diese voneinander abhängig sind, Ausgrenzung und die Sicherheit, die daraus für die Mehrheit entsteht, aber auch Themen wie (selbst gewählte) Familie und Zusammenhalt, Verständnis, Raum für Freiheit und queere Liebe, die sehr subtil einfließt sowie die sanfte Annäherung und die Uneindeutigkeit, die Sexualität eigentlich mit sich bringt. Denn auch Franka kann ihre Gefühle nicht klar zuordnen, die jedoch von der Ausweglosigkeit der Geschehnisse fast überdeckt werden.

Das Ende ist das bisher offenste, das ich in Antje Wagners Büchern gelesen habe. Damit muss man also zurecht kommen. Wer dem Ende wirklich komplett unwissend entgegentreten möchte, liest am besten hier nicht weiter, denn die folgenden Fragen könnten möglicherweise minimal SPOILERN. Mit dem ersten Schritt der Auflösung beantwortet die Autorin zwar einige Fragen, wirft gleichzeitig aber viele neue auf. Das hat in mir so ein unbefriedigendes Gefühl hinterlassen, dass ich nicht umhin kam, mir über einige essenzielle Dinge Gedanken zu machen: Was ist überhaupt echt? Wie gut kennen wir uns selbst? Wie ehrlich können wir zu uns selbst sein? Alles hat zwei Seiten – aber gibt es überhaupt eine richtige und eine falsche Seite, oder kann jede Seite beides sein? Wie viel Gut und Böse haben wir in uns? Wie viel wissen wir noch von dem, was wir vergessen wollten? Wie viel Entscheidungsmacht haben wir und wie viel ist vorherbestimmt? Sind wir nur Marionetten im perfiden Spiel des Lebens? Können wir dem Kreislauf, der uns auferlegt wurde, aus eigener Kraft entkommen?

Fazit

Unland ist düster, trockenhumorig, echt und lässt einen am Ende fast völlig kapitulieren. Die Spannung steigert sich immer weiter, während man mit Franka Unlands Geheimnis entdeckt und einen mit in die Tiefe zieht. Auf sehr subtile Weise fließen gesellschaftskritische Themen wie die Bedeutung von »Andersartigkeit« und queerer Liebe mit ein, die bei mir nicht selten einen »Aha-Effekt« ausgelöst haben. Nicht zuletzt durch das offene Ende ist dieses Buch voll von Fragen, die einen in den Strudel seiner eigenen Gedanken ziehen können – es ist eines derjenigen, die dich verändern.

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35 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

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Traumtänzerin

Alicia Zett
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Books on Demand, 17.08.2018
ISBN 9783752839593
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Wertung: 2,5 Sterne

Traumtänzerin folgt einer Reihe an lesbischen Jugendbüchern zum Thema Coming Out, die in den letzten Monaten von jungen Autorinnen veröffentlicht wurden. Diese Entwicklung finde ich großartig, denn es braucht Menschen, die (noch) nah an der Zielgruppe sind, um ihre Ängste und Sorgen authentisch darzustellen und ihnen hoffentlich ein bisschen Angst zu nehmen. Den Zeitgeist hat Alicia Zett mit ihrer Geschichte auf jeden Fall eingefangen.

Durch ihren Schreibstil habe ich mich relativ schnell in die Geschichte eingefunden, weil mir diese Art schon aus ähnlichen Büchern bekannt war. Die Kapitel haben eine angenehme Länge, ihr Schreibstil ist mit eher kurzen Sätzen und einer leichten, manchmal umgangssprachlichen Wortwahl einfach gehalten und trifft damit genau die Zielgruppe der eher jungen Leser ab zwölf Jahren. Leider haben sich sehr viele Kommafehler eingeschlichen und die Zusammenschreibung von kombinierten Wörtern wurde mehr oder weniger ignoriert. Das finde ich sehr schade, da ich das Gefühl habe, dass beim Selfpublishing als Erstes am Lektorat und Korrektorat gespart werden muss. Als ich in der Danksagung las, dass ihre Deutschlehrerinnen seit jeher an ihrer fehlenden Interpunktion – insbesondere der Kommasetzung – verzweifelt sind, musste ich allerdings ein bisschen schmunzeln. 

Am gelungensten fand ich die Charakterdarstellung von Charlies neuem Love Interest. Für mich war zwar schnell klar, wer das sein würde, aber auf Grund der Spoilergefahr werde ich den Namen trotzdem nicht nennen. Wie diese Person sich Charlie und auch ihrer Familie gegenüber verhält, fand ich einfach nur herzerwärmend und mutig. Ich kann sehr gut verstehen, warum Charlie ihr verfällt. Zu Charlie selbst habe ich leider kaum Zugang gefunden. Sie hält sich auch dem Leser gegenüber recht verschlossen und so hatte ich das Gefühl, als Bebachter außen zu stehen, obwohl die Geschichte aus der Ich-Perspektive geschrieben ist. Auch wenn es durchaus realistisch ist, dass ein Charakter in Charlies Situation so verkrampft und verschlossen agiert, hätte ich mir doch gewünscht, mehr von ihrem Innenleben zu erfahren.

Die übrigen Charaktere bauen sich auf alteingesessenen Klischees auf: Der theatralische schwule beste Freund, die topmodische, mobbende Zicken-Clique, ein aggresiver Vater, eine schwache, zurückhaltende Mutter und nicht zuletzt die engelsgleiche beste Freundin, die aus der Ferne einem gutaussehenden Typen hinterherschmachtet. Diese Klischees haben mich zwar gestört, weil ich in Büchern gerne etwas fernab der Norm lese und damit gerade im Kopf von jungen Lesern ein Bild von Stereotypen gefestigt werden könnte, allerdings glaube ich auch, dass diese Stereotypen oft gar nicht so unrealistisch sind. Ich bin in meinem Leben genauso schon einem theatralisch-schwulen Luke begegenet, wie ich mich im Jugendalter sowohl in Chalies Verklemmtheit, als auch in der Mädelsgruppe der »VIPs«, wiederfinden konnte. Dass Frauen in Gegenwart gewalttätiger Männer oft den Kopf einziehen und nicht für sich selbst einstehen, ist leider wohl auch viel häufiger der Fall, als ich mir das wünschen würde. Dennoch hat mir besonders bei Charlie die Charakterentwicklung gefehlt. Bis zum Schluss verhält sie sich großteils passiv und kann auch in den letzten beiden Möglichkeiten nicht über ihren Schatten springen, etwas riskieren und für sich einstehen. Auch das ist kein Muss in einer Geschichte, doch in einem Coming-Out-Roman hätte ich mir diese Entwicklung zum Mutigsein einfach gewünscht.

Die ersten 300 Seiten haben mich stark an Unser Platz in dieser Welt erinnert, der Teil, in dem Charlie sich mit ihren Gefühlen und ihrer Sexualität auseinandersetzt. Er verläuft großteils ruhig und wird lediglich von ein paar Coming-Out-Szenen unterbrochen, die ich sehr gelungen finde. Jede verläuft anders, kostet die Protagonistin Mut, Kraft und Überwindung  und lässt einem bei jedem Mal das Herz ein Stückchen leichter werden. Eine dieser Szenen hat mich zu Tränen gerührt und ich habe darin genau das gefunden, was ich im Rest der Geschichte etwas vermisst habe. Im letzten Viertel gewinnt die Story rasant an Tempo und hat in mir ähnliche Gefühle wie SAMe Love (Nur mit dir) ausgelöst. Die Dramatik steigt – wird jedoch deutlich schneller wieder aufgelöst.

Zum Ende hat die Autorin nicht alle Handlungsstränge aufgelöst. Es ist in mancher Hinsicht ein offenes Ende und ich frage mich, ob sie nicht den richtigen Weg gefunden hat, die Handlung abzuschließen oder ob sie sich damit die Möglichkeit einer Fortsetzung offenhalten wollte – denn der Grund für Charlies dramatisches Handeln besteht nach wie vor und eine Lösungsmöglichkeit wurde nicht angedeutet. Möglicherweise wird diese Auflösung aber auch Teil ihres Bachelorfilms, wenn man dem Nachwort Glauben schenkt… Denn Alicia Zimmermann studiert Motion Pictures und wird ihren Abschlussfilm über diese Geschichte drehen.

Fazit

Traumtänzerin ist ein weitgehend ruhiger Coming-Out-Roman über ein Mädchen, das, anstatt in seiner heterosexuellen besten Freundin, die erste große Liebe ganz unverhofft in einem anderen Mädchen findet. Es geht um Selbstfindung, Freundschaft und den Umgang mit Gewalt in der Familie, dem sich Charlie stellen muss und so ein bisschen erwachsener wird. Auch wenn mich die Geschichte durch einige Schwächen nicht ganz überzeugen konnte, wird sie gerade jüngeren Leserinnen und Fans von Unser Platz in dieser Welt und SAMe Love (Nur mit dir) vermutlich gut gefallen. Für einen Debütroman ohne starken Verlag im Rücken lässt er sich schnell und leicht lesen und zeugt vom Potenzial der jungen Autorin Alicia Zett, das sich noch weiter ausschöpfen lässt.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte

Ahima Beerlage
Flexibler Einband: 152 Seiten
Erschienen bei Verlag Krug & Schadenberg, 17.05.2018
ISBN 9783959170154
Genre: Biografien

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte hat in mir die verschiedensten Gefühle ausgelöst. Die Autorin ist aus demselben Jahrgang wie meine Mutter. Ich bin also in einer völlig anderen Zeit aufgewachsen als sie und habe trotzdem einen Bezug dazu. Vieles war damals anders – queere Menschen hatten weniger Rechte, bis 1994 stand Homosexualität bei Männern sogar noch unter Strafe. Sie waren weniger sichtbar als heute. Ich mag Biografien, weil ich so einen ungefilterten Einblick in die persönlichen Erlebnisse von Personen erhalte, die in einer Zeit lebten, die ich selbst nicht kenne.

Diese Biografie ist nicht nur ungeheuer informativ und regt zum Nachdenken an, die Autorin hat auch einen (für mich sehr lustigen) trockenen Humor. Sie erzählt ganz sachlich und ohne Selbstmitleid, wie ihr Leben als lesbisch-feministische Frau ausgesehen hat, und später, auf Grund mehrerer Bandscheibenvorfälle, aus der Sicht einer Behinderten. Durch diese trockenhumorige Art hat sie mich nicht selten sehr berührt. Die beste Stelle war für mich die, in der sie beschreibt, wie sie ihre Frau kennengelernt hat; sie strotzt vor Ironie und zeigt gleichzeitig, dass es wohl wirklich für jeden Topf einen passenden Deckel gibt.

Heute sprechen wir meist von queeren Menschen. Labels werden immer unwichtiger, es heißt weniger »Lesben oder Schwule«, wir sind alle eine große queere Community, in der sich niemand festlegen muss. So der Plan, bzw. so die Tendenz, die ich wahrnehme. Dass das heute so ist, kommt allerdings nicht von irgendwoher. Jemand musste sich für uns einsetzen und stark machen, damit wir heute so frei leben können, wie das die meisten von uns tun.

Wenn ich auch manchmal darüber gestolpert bin, dass die Autorin von ihrer lesbischen Identität schreibt, so kann ich das inzwischen besser nachvollziehen. Für mich bildet dieser Teil von mir nicht meine Identität, sondern eben nur ein kleines Puzzlestück meiner Identität. Wenn man hinsichtlich dieses Puzzlestücks aber nur auf taube Ohren stößt und zurückgestoßen wird, so kann dieses Teilchen einen deutlich größeren Raum einnehmen, als es anfangs war oder als es sein könnte. Was ich damit sagen möchte: Mit diesem Buch verstehe ich mehr und mehr, woher die frühere Abspaltung und visuelle Hervorhebung von lesbischen, feministischen Frauen und Aktivistinnen rührt. Sie setzten sich für Sicherheit und gleiche Rechte ein, damit wir heute so frei leben können, wie wir es tun und uns die »Arroganz« herausnehmen können zu sagen, wir seien doch alle gleich und müssten uns nicht mehr abheben (auch wenn der Weg dahin immer noch nicht ganz gegangen ist). Durch die vielen ehrenamtlichen Stunden bekommen viele dieser Frauen heute sehr wenig Rente. Mir stellte sich die Frage, warum so viele Frauen so viel auf sich genommen haben. Ahima Beerlage beantwortet das in einem Satz: Sie hatte keine Wahl. Sie konnte nicht anders, als für Frauen und andere Minderheiten einzustehen.

Fazit

Lasst uns nicht vergessen, wie wir an den Punkt kamen, wo wir heute stehen. Ahima Beerlage schreibt trockenhumorig über ihre Erlebnisse als lesbisch-feministische Aktivistin, als Veranstalterin der ersten gemeinsam-queeren Partys. Ich finde, diese Biografie gibt einen sehr persönlichen Einblick in das Leben der Autorin und die LGBT+-Bewegung der letzten vier Jahrzehnte, in denen sich wahnsinnig viel getan hat. Es ist ein Aufruf an uns alle, egal welcher Sexualität oder Generation, wieder mehr ins Gespräch zu kommen und weiter zu bleiben.

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59 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 18 Rezensionen

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We could be heroes

Laura Kuhn
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 24.03.2017
ISBN 9783551316912
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

We could be heroes ist ein wirklich süßes Buch. Ich hatte nach den ersten Seiten eine leichte, vorhersehbare Liebesgeschichte erwartet, doch Laura Kuhn hat mich spätestens ab der zweiten Hälfte mit ihrer Tiefgründigkeit überrascht. Einige Charaktere scheinen sehr lebendig und liebenswert, einige bleiben etwas blass zurück. Irgendwann war ich mir wirklich nicht mehr so sicher, ob ich der erahnten Entwicklung richtig lag. Die Autorin führt den Leser mehrmals in verschiedene Richtungen, um ihn zu verwirren und sich, wie Lou, seiner Sache nicht mehr so sicher sein zu lassen. Wer empfindet denn nun eigentlich was für wen? Glücklicherweise löst sich fast alles irgendwann auf (manche Dinge bleiben offen, wie das im Leben nunmal so ist), und schenkt uns ein wunderschönes Ende. Wunderschön nicht nur im Sinne der Liebe, sondern auch im Sinne der Familie und Freundschaft.

So süß die Geschichte allerdings ist, so sehr hat mir im großen ersten Teil die Spannung gefehlt. Es dauert recht lange, bis die Geschichte in Fahrt kommt und bis dahin fühlte sie sich für mich eher wie ein gemütlches Miterleben des Teenageralltags im neuen Zuhause an. Der Schreibstil lässt großes Potenzial der Autorin erahnen, bleibt jedoch hin und wieder etwas holprig und umgangssprachlich. Ab und zu unterbrechen kurze kursive Passagen den regulären Erzählfluss – und man beginnt erst nach einer Weile zu verstehen, was diese für eine besondere Beueutung haben.

Was mir sehr gefallen hat, ist, dass die Protagonistin zum einen schon zu Beginn weiß, dass sie lesbisch ist und sie zum anderen keine große Angst davor hat, dass es jemand erfährt. Sie stellt sich zwar nicht jedem als homosexuell vor, allerdings fällt die anfängliche Panik, die viele Betroffene kennen, irgendjemand könnte davon erfahren und der Struggle, man sei nicht richtig so, völlig unter den Tisch. Das finde ich großartig, denn so sollte es sein und ich hoffe, dass immer mehr jungen Menschen, die sich ihrer Sexualität bewusst werden, inzwischen so fühlen, dass es okay ist. Ich glaube auch mich zu erinnern, dass das Wort „lesbisch“ nur einmal in Zusammenhang mit einem Chat gefallen ist, nach dem sie googelt (und bei einer Internetsuche muss man schließlich explizit sein) und einmal, als sich ein Nebencharakter beiläufig outet. Lou weiß einfach: Sie verliebt sich bisher nur in Mädchen und das muss sie auch nicht groß zerdenken. Die Autorin räumt mit Vorurteilen auf und führt als Kernproblem auf, dass man nie sicher wissen kann, ob das Gegenüber genauso empfindet wie man selbst.

Fazit

We could be heroes ist eine süße Geschichte über die Entwicklung der ersten Liebe, die mich in ihrer Tiefe ab der zweiten Hälfte überrascht hat. Die junge Autorin räumt mit Vorurteilen auf und  lässt das Coming Out deutlich unkomplizierter wirken als das allgemeine Problem, dass man nie genau weiß, was sein Gegenüber empfindet, wenn man nichts riskiert. Neben der Liebe behandelt sie auch die Themen Verlust, Freundschaft und Familienzusammenhalt. Trotz der sich nur langsam entwickelnden Spannung und dem stellenweise einfach-umgangssprachlichen Schreibstil zeigt sich das Potenzial der Autorin. Ich kann dieses LGBT+ Jugendbuch als angenehme Zwischendurchlektüre empfehlen.

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232 Bibliotheken, 9 Leser, 3 Gruppen, 136 Rezensionen

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Die Schönheit der Nacht

Nina George
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Knaur, 02.05.2018
ISBN 9783426654064
Genre: Romane

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Dieses Buch ist in so vielen Facetten wunderschön. Angefangen bei seiner Hülle, der Gestaltung des Covers und sehr besonderen Stoffbindung mit geradem Buchrücken, einem türkisfarbenem Lesebändchen und gleichfarbigen Vorsatz mit zwei Zeilen, die sogleich die Tiefe des Inhalts widerspiegeln: »Im jedem Blick suchen wir das Meer. Und in jedem Meer den einen Blick.«

Ein weiterer Hinweis darauf, dass man mit diesem Buch etwas Besonderes vor sich hat, ist die Widmung »Für die Freiheit der Frauen.«, die für mich genau die Essenz wiedergibt, um die es in dieser Geschichte eigentlich geht. Denn es geht nicht um die Dramatik dessen, dass eine Frau ihren Mann betrügt, denn als solcher Betrug wird das gar nicht gesehen. Die Verbindung einer Ehe steht auf einer ganz anderen Ebene als das kurze sexuelle Flüchten in andere Welten, dem beide Ehepartner regelmäßig nachgehen. Es geht um die Aufopferung Claires, die sie seit dem Tag ihrer Einschulung begleitet und um die Frage nach dem »Was brauchst du?« vor dem »Was brauche ich?«. Gilles, der seine künstlerische Frustration in Liebschaften mit anderen Frauen auslebt und doch seine Ehe mit Claire nie in Frage stellt. Es geht um Missverständnisse, fehlende Nähe und fehlende Annäherung, die Claire vergessen lassen, wo sie eigentlich hinwollte, welche Träume und Pläne sie hatte. Claire, die nicht nur Mutter, Ehefrau, erfolgreiche Verhaltensbiologin, Mutter sein will sondern Claire.

Und dann kommt Julie. Julie, die noch überhaupt nicht weiß, wer sie ist, voller Erwartung an das Leben, an etwas, das sie brennen lässt, damit sie spürt, was es heißt zu leben. In Nico, Claires Sohn, hofft sie genau das zu finden. Und so ungünstig Claires und Julies Kennenlernen auch sein mag, so einfach gestaltet sich die Annäherung auf Basis der Geheimnisse, die sie vor ihrer Umwelt haben. Claire, die Ehebrecherin, die eigentlich von einer künstlerischen Tätigkeit träumt; Julie, die nicht schwimmen kann, die für ihr Leben gern singt aber Angst hat, die für Nico nicht das fühlt, was sie fühlen will.

Mit diesem Hintergrund war es für mich doch nicht ganz klar, worauf das Buch hinausläuft, fand es am Ende angekommen aber doch sehr stimmig. Für alle, die sich fragen, ob das nun ein Buch über zwei Frauen ist, die zusammenkommen, möchte ich zunächst mit folgenden beiden Zitaten antworten (es folgen Spoiler):

Vier Sorten Salz. Das Salz des Meeres. Das Salz der Tränen. Das Salz des Schweißes. Das Salz des »Ursprungs der Welt«, wie Gustave Courbet die dunkle Blüte einer Frau nannte. (S. 22)

Claire nahm Julies Hand und zog sie hoch, sie liefen über die Wiese zurück ins Haus, sie zogen einander die Schwimmanzüge aus, sie kosteten vier Sorten Salz. (S. 296)

Trotzdem sind die Frauen nicht für ein gemeinsames Leben gemacht, sondern genau das, was sie in dem Moment brauchen, was sie brauchen, um wieder zu sich zu finden (Claire) und herauszufinden, wer immer neben ihnen schwimmt (Julie). Um herauszufinden, dass sie nicht »Frau von«, »Mutter von«, »Schwägerin von« sein wollen, sondern einfach Juliet und Claire. Dass sie frei sein wollen und genau danach streben, was sie ausmacht.

Wer eine lesbische Liebesgeschichte sucht, den wird Die Schönheit der Nacht enttäuschen, denn das ist es nicht. Wie das im Leben oft der Fall ist, begegnen wir Menschen, an denen wir wachsen, die uns für eine gewisse Zeit die Welt bedeuten und in diesem Fall die Suche nach uns selbst ermöglichen. Zwei Menschen, die nach einiger Zeit wieder getrennte Wege gehen und die sich gegenseitig in warmer Erinnerung behalten. Auch gibt dieses Buch Hoffnung für Ehen, die verloren scheinen, und die vielleicht doch noch eine Chance erhalten, wenn jeder nach seinen Zielen und Idealen strebt und ehrlich zu sich selbst ist.

Die größte Schönheit dieser Geschichte liegt für mich allerdings im Schreibstil der Autorin. Selten lese ich Werke, bei denen jedes einzelne Wort so sorgsam ausgesucht scheint und so bedacht gewählt, dass die Sätze einen wellenartig wie das Meer durch die Seiten tragen und eine vollkommene Unvollkommenheit bilden. Nina George schreibt in voller Poesie und lässt uns diese Freiheit, man selbst zu sein und vor allem, mit sich selbst zu sein, nur zu deutlich spüren.

Fazit

Die Schönheit der Nacht hat mich sehr berührt. Es wühlt auf und schenkt ein Stück der Freiheit, die man vielleicht schon hin und wieder in Andeutungen gespürt hat und hofft, irgendwann selbst zu finden. Zwei Frauen, die sich durch ihre gegenseitige Annäherung selbst finden und irgendwann wieder loslassen. Geschrieben in zutiefst poetischer Sprache, in der man nur so versinken kann. Vom Lieben, Loslassen und Wiederfinden. Eines meiner Jahreshighlights und unbedingt empfehlenswert.

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220 Bibliotheken, 7 Leser, 2 Gruppen, 33 Rezensionen

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Love, Simon (Filmausgabe)

Becky Albertalli , Ingo Herzke
Flexibler Einband: 344 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 31.05.2018
ISBN 9783551317520
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Wertung: 4,5 Sterne

Eine wunderbare Sache vorweg: Schwulsein wird hier nicht als Problem dargestellt. Im Gegenteil. Wir leben heute in einer viel aufgeklärteren und toleranteren Gesellschaft als noch vor zehn, zwanzig oder noch mehr Jahren, sodass diejenigen die »Bösen« sind, die sich über Homosexualität lustig machen und zur Rechenschaft gezogen werden. Diese Menschen, die Homosexualität als Grund zur Beleidigung nehmen, gibt es zwar immer noch, werden aber inzwischen von einem großen Teil der Gesellschaft dafür verachtet. Jippie! Das Problem an der Erpressung von Simon ist also eigentlich gar nicht, dass Simon Angst davor hätte, wenn alle wüssten, dass er schwul ist, sondern die Entscheidung, etwas doch so Persönliches über sich seiner Familie, seinen Freunden oder der ganzen Welt zu verkünden, einem tatsächlich Angst machen kann.

Was einen wiederum zur berechtigten Frage führt: Warum müssen sich nur queere Menschen outen? Warum ist hetero die Normalität oder Weiß als Hautfarbe? Logischerweise sind zwar die LGBT+-Personen eine Minderheit, aber diese Minderheit ist trotzdem so groß, dass irgendwie jeder jemanden kennt.

Simon ist mit sich selbst also ziemlich im Reinen, möchte aber aus seiner Homosexualität keine große Sache machen, weshalb er sie bis jetzt verschwiegen hat. Kommt euch das nicht auch bekannt vor, wenn Eltern aus jeder noch so kleinen Veränderung oder Entwicklungsschritt eine große Sache machen und am liebsten eine Party feiern würden? Wenn er erste Schock verdaut ist. Nachdem ich meine Sexualität akzeptiert hatte, ging es mir da gar nicht so unähnlich. Blue dagegen ist noch nicht so weit wie Simon und möchte daher ihr erstes Aufeinandertreffen so weit wie möglich hinauszögern, um ihre besondere Art der Beziehung nicht kaputt zu machen.

Und diese Liebesgeschichte ist wahnsinnig süß. Sie ist vorbehaltlos und ehrlich und zum Dahinschmelzen kribbelig. Kann man sich überhaupt über Mails ineinander verlieben? Doch wenn du dich bei deinem Gegenüber so aufgehoben und verstanden fühlst und den ganzen Tag an nichts anderes als seine Worte denken kannst… Möglicherweise schon. Ich habe von Anfang an mitgefiebert und -geraten, wer sich wohl hinter Blue versteckt, auch wenn irgendwann nach der Hälfte des Buchs ein »Das ist Blue« in meinen Kopf gepflanzt wurde, womit ich am Ende auch Recht behielt. Das ist aber nicht schlimm, denn Simon sieht den Wald vor lauter Bäumen einfach nicht. So wurde das »Wer ist Blue?« auch nicht zum Hauptteil der Geschichte, sondern vielmehr Simons Weg zu sich selbst, und das auf unglaublich humorvolle und einfühlsame Weise, auf dem ihn seine Freunde und Familie begleiten.

Da es über Love, Simon (bzw. Nur drei Worte) nun doch schon einige Rezensionen gibt, kam ich nicht umhin, die Kritik zu lesen, die der ein oder andere Leser hatte. Nein, besonders realistisch ist die Geschichte nicht. Doch welcher Young Adult Contemporary Roman ist das schon? Wir wollen über Mut lesen, über süße Protagonisten, darüber, dass Liebe funktionieren kann. Dass in allen Menschen das Gute steckt und sie einsichtig sind, auch wenn sie manchmal Fehler machen. Dass es glückliche, wenn auch verschrobene Familien gibt, die ihre Kinder lieben, egal was sie tun.

Fazit

Jeder, der eine süße, mutmachende und homorvolle Geschichte sucht, die tolle und liebenswerte Charaktere einbindet, sollte Love, Simon (bzw. Nur drei Worte) lesen. Es mag ein Mainstream-Buch sein, das sowieso jeder liest; aber genau das ist das Tolle daran. Dass eine so süße Geschichte über einen schwulen Jungen und seine erste und so besondere Liebe zum gehypten Mainstream-Buch wurde. Und ich freue mich sehr darüber, dass es inzwischen ein Sequel über Leah gibt: Leah on the Offbeat, die selbst bisexuell ist.

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19 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

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Dieses Leben gehört: Alan Cole – bitte nicht knicken

Eric Bell , André Mumot
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei FISCHER Sauerländer, 25.04.2018
ISBN 9783737354882
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Ein Feigling – dafür hält sich Alan seit seiner Geburt. Sein Vater nennt ihn immer nur »Goldfisch«; ein Tier, das man nur aus Gründen der Dekoration hat, das aber sonst nichts kann. Sein Bruder Nathan taucht immer wieder aus dem Nichts auf, zwingt ihn zu allen möglichen Dingen, droht mit Gewalt und wendet diese auch an. Es bereitet ihm großes Vergnügen, Alan zu demütigen. Mich hat dieses Verhältnis der Geschwister und das Verhalten von Nathan sehr schockiert, weil ich einfach nicht mit dieser Thematik gerechnet hatte. Bis zu den ersten Szenen mit dem Vater, der seine Kinder als größtmögliche Enttäuschung betrachtet und dessen Frau einfach nichts zu melden hat, sondern nur ängstlich zurückzuckt, fragte ich mich doch tatsächlich, ob ich in meiner Kindheit da etwas falsch verstanden habe und Jungs so miteinander umgehen (ich habe nur eine Schwester). Diese Alltäglichkeit der Gewalt in Familien hat Eric Bell so selbstverständlich einfließen lassen, dass es mir die Haare zu Berge stehen ließ. Ich hätte Alan die meiste Zeit über am liebsten in den Arm genommen und ihm gesagt, dass es nicht so sein muss, dass das NICHT normal und okay ist, dass er so nicht leben muss. Dass er mehr wert ist.

In diesem Buch geht es um Akzeptanz, um Selbstakzeptanz und Vielseitigkeit. Na klar, denkt ihr euch jetzt bestimmt, es geht ja auch um Homosexualität. Diese Schlagworte treten aber in einem ganz anderen Zusammenhang auf, dass Alan akzeptiert, dass er schwul ist, ist nur der kleinste Teil davon. Madison, ein Junge mit einem Mädchennamen, ist übergewichtig und ein Superhirn – er verhält sich eigentlich wie ein intellektueller Erwachsener. Zack lässt sich leicht ablenken, seine Haare stehen in alle Richtung ab und er wird nicht nur als leicht beschränkt, sondern auch als sehr merkwürdig wahrgenommen. Madison und Zack sind wie Alan Außenseiter, Gemeinsamkeiten haben sie auf den ersten Blick nicht. Die Hauptaussage dieser Geschichte ist eigentlich: Wir sind alle verschieden, aber wir sind auch alle gleich. Und so werden Madison, Zack und Alan nach und nach Freunde.

Ich mochte die Geschichte sehr gerne. Sie ist bittersüß – grausam und schön zugleich. Ein bisschen musste ich bei Alan an den Alan von Two and a Half Men denken, der von seinem Bruder Charlie als Kind (sowie als Erwachsener) malträtiert wurde. Wer weiß, was aus diesem Alan geworden wäre, wenn er den Mut gefasst hätte, sich gegen seinen Bruder aufzulehnen?

Das Buch wird vom Verlag für Kinder zwischen 8 und 12 Jahren empfohlen. Ich hatte ja schon erwähnt, dass ich es großartig finde, dass die LGBT+-Thematik nun auch mehr im Kinderbuchbereich auftaucht. Ich erinnere mich noch daran, wie ich in der ersten Klasse vehement verkündet habe, dass es doch total doof ist, einen Jungen heiraten zu müssen und ob ich nicht auch meine Freundin heiraten könne. Damals begriff ich natürlich nicht nicht, dass das als »gesellschaftlich verwerflich« angesehen wurde. Hätte ich solche Bücher schon damals gelesen, hätte ich es vielleicht früher kapiert (und auch meine Eltern!). Ein weiteres LGBT+-Kinderbuch für diese Altersgruppe ist George, in dem es um das Transmädchen George geht.

Ein wenig gestört hat mich die Schwarzweiß-Darstellung des Vaters. Es wird zwar irgendwann erklärt, aufgrund welchen Traumas er sich so verhält, ich fand allerdings die Darstellung etwas sehr vereinfacht… Nun gut, für Kinder muss man das wohl etwas weniger ausführlich erklären. Den englischen Titel Alan Cole Is Not A Coward (Alan Cole ist KEIN Feigling) finde ich zwar wie immer passender gewählt, aber das ist ebenso Klagen auf hohem Niveau. Was mich sehr gefreut hat, ist, dass im Oktober die Fortsetzung Alan Cole Doesn't Dance auf Englisch erscheint. :) Denn das Ende von dieser Geschichte ist nur ein Anfang, es geht weiter!

Fazit

Dieses Leben gehört: Alan Cole hat mich wahnsinnig überrascht. Es ist ein ganz wichtiges Buch über Mut und darüber, dass du dir nicht alles gefallen lassen musst. Dass nicht alles deine Schuld ist. Dass du toll bist. Das Thema Homosexualität wird alltäglich dargestellt und eher weniger als Problem gesehen, als Gewalt in Familien. Es zeigt uns, dass wir viel erreichen können und Menschen zum Umdenken bewegen können, von denen wir das niemals erwartet hätten. Wenn wir nur zu uns selbst stehen und den Mut aufbringen uns als das zu sehen, was wir alle sind – großartig. Für das Buch gibt es von mir eine uneingeschränkte Leseempfehlung von mir!

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124 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

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Call Me by Your Name Ruf mich bei deinem Namen

André Aciman , Renate Orth-Guttmann
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 09.02.2018
ISBN 9783423086561
Genre: Romane

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Dieses Buch hat mich umgehauen. Sprachlich, literarisch, emotional an Intensität kaum zu übertreffen. Als weibliches Gegenstück dazu könnte man wohl Die Schönheit der Nacht von Nina George sehen, das ich kürzlich gelesen und zu einem meiner Jahreshighlights erklärt habe, wobei mich Call Me by Your Name fast noch mehr in den Tiefenrausch gezogen hat. Es ist wuchtiger, erotischer, wenn auch wenig explizit beschrieben, sondern poetisch in erinnerten Gefühlen dargestellt wird. Das ist, ohne das Buch selbst gelesen zu haben, vermutlich schwer nachvollziehbar. Vielleicht wird es so klarer:

Die Worte sind sorgfältig ausgewählt und wirken, obwohl Elio aus einer Akademiker-Familie stammt, zu intellektuell für einen 17-Jährigen; so mein erster Eindruck. Erst mit der Zeit, fast gegen Ende, wird klar, dass diese Worte nicht von einem 17-Jährigen stammen, sondern von einem Erwachsenen Mann, der über diese Jugendliebe sinniert und sich zurückerinnert. Der Großteil der Handlung ist in den 80er Jahren angesiedelt und sie endet 20 Jahre später, wenn beide Protagonisten längst ihrer Wege gegangen sind. Dadurch sind wir nie wirklich inmitten der Geschehnisse, da wir genau spüren, dass es sich um eine Erinnerung handelt. Und trotzdem erleben wir Elios Gefühle so intensiv, als würden sie niemals nachlassen.

Woher diese Intensität der Anziehung kommt, habe ich mich auch gefragt. Wäre nicht in einem Nebensatz gefallen, dass es sich nicht um die heutige Zeit, sondern eine Zeit vor gut 30 Jahren handelt, wäre mir vermutlich nicht klar gewesen, worin die heftige Abneigung sich selbst gegenüber als Antwort auf gelebtes Verlangen liegt. Doch Elio und Oliver lieben sowohl Frauen als auch Männer, und Worte wie Homo- oder Bisexualität sucht man in der Geschichte vergebens. Sie sind nicht bekannt, wenn nicht sogar verpönt, doch das interessiert auch gar nicht, denn hier geht es nur um die wachsende Anziehung zwischen den beiden. Trotzdem haben beide mit dieser Art des Verlangens zu kämpfen. Elio und Oliver werden Eins, sie rufen sich gegenseitig bei ihrem eigenen Namen, alles verschwimmt und sämtliche Barrieren werden aufgehoben, die einen, egal wie nah man sich steht, normalerweise vom Anderen trennt.

Im nächsten Abschnitt folgen SPOILER zum Ausgang der Geschichte.

Wie sehr ich mir in Büchern oft wünsche, die Protagonisten mögen auf ewig glücklich und zufrieden zusammenbleiben, so sehr gewinnt die Geschichte an Wucht und Nachhall, wenn das nicht der Fall ist. Eine Beziehung, die auf unbändigem Verlangen aufbaut und plötzlich und heftig ausgelebt wird, mit dem Wissen, dass nur noch Tage bleiben, bis die unausweichliche Trennung eintritt, ist nicht für die Ewigkeit geschaffen, denn das würde ihr die Intensität nehmen. Doch ihre Intensität mit dem Verlauf zu mildern, um sie weiterzuspinnen, hätte ich ertragen. Auf den letzten Seiten erlebt man 20 Jahre im Schnelldurchlauf, wie die Leben der beiden getrennt voneinander weitergehen und sie doch nie ganz voneinander loskommen. Die zeigen, wie besonders ihre Begegnung in jenem Sommer war. Und das hat mir das Herz zerrissen. Es hätte ein gemeinsames Leben geben können, irgendwie, doch es wurden andere Leben daraus, Parallel-Leben, die weniger wuchtig und trotzdem lebenswert sind. Doch seitdem ich den letzten Satz gelesen habe, komme ich nicht umhin mir vorzustellen, was gewesen wäre, wenn. Wenn die Welt in den 80ern schon offener und toleranter gewesen wäre. Wenn sie sich gegen die Sicherheit und für das Wagnis entschieden hätten. Für das große Ganze. Mein Herz bleibt blutend zurück.

Fazit

Call Me by Your Name (Ruf mich bei deinem Namen) ist ein in jeder Hinsicht herausragender Roman, sowohl sprachlich als auch emotional. Er hat mich umgehauen und in seine Tiefen gezogen. Eine solche Intensität habe ich beim Lesen selten empfunden. Es versprüht eine derartig heftige Nähe und Intimität, dass es gar nicht anders kommen kann, als irgendwann zu enden. Es ist eine Geschichte, die noch lange im Kopf und in jeder Faser des Körpers bleibt.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Kyra und das Volk der Jägerinnen

Taya Gondar
E-Buch Text: 262 Seiten
Erschienen bei Independently published, 26.10.2017
ISBN B076WRQKRS
Genre: Sonstiges

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Bevor ich meine Meinung zu diesem Buch in Worte fasse, muss ich die Kurzbeschreibung noch etwas ausbauen. Die Handlung ist dabei in der Jungsteinzeit, dem sogenannten »Neolithikum« angesiedelt, der Übergangszeit der Jäger und Sammler zum sesshaften Menschen. In diesem Buch sind zwei Bände vereint, die auch gut als »Teil 1« und »Teil 2« eines einzigen Buchs durchgehen würden, wobei jeder Teil seine eigene Spannungskurve besitzt. Im ersten Teil werden wir in das Leben der Jägerinnen und die lange Reise des anderen Volkes eingeführt, das »Naiset« genannt wird, und erleben das Aufeinandertreffen und Kennenlernen der beiden Völker. Kyra verfällt dabei der schönen Feija, eine Frau der Naiset, doch hat sie auch noch ihre Leibdienerin und Freundin Yuna aus Kindheitstagen an ihrer Seite, die einen festen Platz in ihrem Herzen hat. Nachdem die Bedrohung, die die Jägerinnen erwartet, immer präsenter wird, muss Kyra eine Entscheidung treffen: Folgt sie der schönen Fremden in ihr Land, wird ihr Volk das überstehen? Das Gefühlsdreieck aus Feija, Kyra und Yuna macht die Sache nicht leichter…

Ein Buch, in dem fast nur Frauen als Charaktere vorkommen, in dem die Anzahl an lesbischen Beziehungen und Liebschaften vergleichsweise hoch ist, ist etwas, das ich bisher noch nicht kannte und ziemlich erfrischend fand. Die Frau als solches wird hier gehuldigt und sowohl geistig als auch kämpferisch den Männern als häufig überlegen dargestellt. Das hat mir sehr gut gefallen, denn da Männer vermutlich in der früheren Zeit vermehrt ihrem (tierischen und kämpferischen) Instinkt gefolgt sind und sich dabei weniger überlegt und vorausschauend verhalten haben, war es schön mitzuerleben, wie sich ein reines Frauenvolk in dieser Zeit entwickeln und durchsetzen kann, trotz ihrer durchschnittlichen körperlichen Unterlegenheit. Auf der anderen Seite fand ich die männliche Darstellung teilweise etwas hart, da die meisten als hochgradig machtgierig, rücksichtslos und herablassend im Umgang mit Frauen beschrieben wurden, weshalb sich die Jägerinnen auch dem Dienste der Sonnengöttin verschrieben haben, die die Existenz der Männer eher als Fehler betrachtet.

Der Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen und auch die Ausarbeitung der (Haupt-)Charaktere finde ich sehr gelungen. Die Sprache passt zu einer früheren Zeit, sie ist anmutig und über manche Formulierung musste ich schmunzeln, da Menschen vor so langer Zeit wohl noch nicht so viele Wörter kannten wie heute, um sich auszudrücken. Kyra, aus deren Sicht wir das Geschehen miterleben, ist eine sehr starke Persönlichkeit, eine junge Anführerin, die selbst im Kampf an vorderster Front steht. Manchmal ist sie etwas blind für Dinge, die direkt vor ihren Augen geschehen und ihre Leidenschaft wird erst von der fremden Feija geweckt, die dann kaum noch zu zügeln ist. Feija ist groß, schön und so zärtlich und herzlich, sodass man nicht anders kann, als sie in sein Herz zu schließen. Sie ist die gute Seele, die für ihre Überzeugungen einsteht und dabei stets das Wohl der anderen im Kopf hat. Auch Yunas Charakter ist so vereinnahmend, dass man, obwohl der Großteil des Buchs aus Kyras Sicht geschildert wird, nicht anders kann, als mit ihr zu fühlen. Mein Lieblingscharakter war allerdings die Medizinfrau Awen, die sich nicht darum schert, was andere über sie denken und dadurch der in meinen Augen bunteste Charakter ist, der mich beim Lesen immer wieder zum Schmunzeln und laut Loslachen gebracht hat. Awen ist der Knaller!

Was mir beim Lesen allerdings oft gefehlt hat und worin auch mein Hauptkritikpunkt liegt, ist die Spannung und die Heftigkeit der Handlung. Immer wieder werden Bedrohungen angekündigt, leise Vorahnungen, schreckliche Bilder, die wohl die Zukunft voraussagen. Wenn es dann soweit ist, ziehen sie aber so schnell vorüber, dass man nur eine Ahnung von Spannung erfährt. Fängt dieses mitreißende Gefühl an, ist die Situation auch schon wieder überstanden und vergleichsweise glimpflich verlaufen. Über den gesamten Handlungsverlauf sind (fast) keine Verluste zu verzeichnen, und so sehr wir darunter leiden, wenn uns geliebte Charaktere unter dramatischen Umständen verlassen, so sehr bleibt das Buch doch in Erinnerung. Nach dem Tod eines geliebten Charakters verfalle ich oft selbst in tiefe Trauer, doch genau so eine Heftigkeit an Gefühlen wie Angst, Wut und Stärke ist das, was für mich eine spannende Geschichte ausmacht. Wer allerdings in eine wunderbar beschriebene, schöne Welt eintauchen möchte, dem sei dieses Buch hier ans Herz gelegt.

Taya Gondar schafft es, vor den Augen des Lesers eine schillernde Welt zu erschaffen, in der man sich selbst heimisch fühlen kann. Diese Welt wirkt so traumartig schön, dass man sich nur wünschen kann, als Frau dieses Land und diese Gemeinschaft zu erleben. Obwohl die Handlung in eine so frühe Zeit gelegt wurde, spricht die Autorin gesellschaftlich später wichtige Themen wie Rücksicht und Wert des Alters, Umgang mit körperlichen Beeinträchtigungen, ja sogar Polyamorie an und verleiht den beiden Frauenvölkern eine Haltung und Akzeptanz, die ihrer Zeit weit voraus ist.

Fazit

Die Geschichte um Kyra und die Frauenvölker hat mich in ihre schöne Welt gezogen, in der man sich als frauenliebende Frau nur zu gut aufgehoben fühlt. Durch die Einbindung einiger Fantasy-Elemente hat die Autorin eine Welt geschaffen, in die man beim Lesen gerne versinkt. Auch die Liebesgeschichte und das Gefühlschaos um Kyra, Feija und Yuna hat mich überzeugt. Durch die für mich etwas schwache Spannungskurve ist es keine Geschichte, über die ich noch lange philosophieren werde. Ich habe mich beim Lesen aber gut unterhalten gefühlt und kann sie jedem/r empfehlen, der/die sowieso lieber ruhigere Bücher liest, auf große Verluste verzichten kann und einfach für einige Zeit in eine wunderbare Welt abtauchen möchte.

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3 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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Kyra - Der Aufbruch

Taya Gondar
Flexibler Einband: 276 Seiten
Erschienen bei Independently published, 16.04.2018
ISBN 9781980753698
Genre: Sonstiges

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Bevor ich meine Meinung zu diesem Buch in Worte fasse, muss ich die Kurzbeschreibung noch etwas ausbauen. Die Handlung ist dabei in der Jungsteinzeit, dem sogenannten »Neolithikum« angesiedelt, der Übergangszeit der Jäger und Sammler zum sesshaften Menschen. In diesem Buch sind zwei Bände vereint, die auch gut als »Teil 1« und »Teil 2« eines einzigen Buchs durchgehen würden, wobei jeder Teil seine eigene Spannungskurve besitzt. Im ersten Teil werden wir in das Leben der Jägerinnen und die lange Reise des anderen Volkes eingeführt, das »Naiset« genannt wird, und erleben das Aufeinandertreffen und Kennenlernen der beiden Völker. Kyra verfällt dabei der schönen Feija, eine Frau der Naiset, doch hat sie auch noch ihre Leibdienerin und Freundin Yuna aus Kindheitstagen an ihrer Seite, die einen festen Platz in ihrem Herzen hat. Nachdem die Bedrohung, die die Jägerinnen erwartet, immer präsenter wird, muss Kyra eine Entscheidung treffen: Folgt sie der schönen Fremden in ihr Land, wird ihr Volk das überstehen? Das Gefühlsdreieck aus Feija, Kyra und Yuna macht die Sache nicht leichter…

Ein Buch, in dem fast nur Frauen als Charaktere vorkommen, in dem die Anzahl an lesbischen Beziehungen und Liebschaften vergleichsweise hoch ist, ist etwas, das ich bisher noch nicht kannte und ziemlich erfrischend fand. Die Frau als solches wird hier gehuldigt und sowohl geistig als auch kämpferisch den Männern als häufig überlegen dargestellt. Das hat mir sehr gut gefallen, denn da Männer vermutlich in der früheren Zeit vermehrt ihrem (tierischen und kämpferischen) Instinkt gefolgt sind und sich dabei weniger überlegt und vorausschauend verhalten haben, war es schön mitzuerleben, wie sich ein reines Frauenvolk in dieser Zeit entwickeln und durchsetzen kann, trotz ihrer durchschnittlichen körperlichen Unterlegenheit. Auf der anderen Seite fand ich die männliche Darstellung teilweise etwas hart, da die meisten als hochgradig machtgierig, rücksichtslos und herablassend im Umgang mit Frauen beschrieben wurden, weshalb sich die Jägerinnen auch dem Dienste der Sonnengöttin verschrieben haben, die die Existenz der Männer eher als Fehler betrachtet.

Der Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen und auch die Ausarbeitung der (Haupt-)Charaktere finde ich sehr gelungen. Die Sprache passt zu einer früheren Zeit, sie ist anmutig und über manche Formulierung musste ich schmunzeln, da Menschen vor so langer Zeit wohl noch nicht so viele Wörter kannten wie heute, um sich auszudrücken. Kyra, aus deren Sicht wir das Geschehen miterleben, ist eine sehr starke Persönlichkeit, eine junge Anführerin, die selbst im Kampf an vorderster Front steht. Manchmal ist sie etwas blind für Dinge, die direkt vor ihren Augen geschehen und ihre Leidenschaft wird erst von der fremden Feija geweckt, die dann kaum noch zu zügeln ist. Feija ist groß, schön und so zärtlich und herzlich, sodass man nicht anders kann, als sie in sein Herz zu schließen. Sie ist die gute Seele, die für ihre Überzeugungen einsteht und dabei stets das Wohl der anderen im Kopf hat. Auch Yunas Charakter ist so vereinnahmend, dass man, obwohl der Großteil des Buchs aus Kyras Sicht geschildert wird, nicht anders kann, als mit ihr zu fühlen. Mein Lieblingscharakter war allerdings die Medizinfrau Awen, die sich nicht darum schert, was andere über sie denken und dadurch der in meinen Augen bunteste Charakter ist, der mich beim Lesen immer wieder zum Schmunzeln und laut Loslachen gebracht hat. Awen ist der Knaller!

Was mir beim Lesen allerdings oft gefehlt hat und worin auch mein Hauptkritikpunkt liegt, ist die Spannung und die Heftigkeit der Handlung. Immer wieder werden Bedrohungen angekündigt, leise Vorahnungen, schreckliche Bilder, die wohl die Zukunft voraussagen. Wenn es dann soweit ist, ziehen sie aber so schnell vorüber, dass man nur eine Ahnung von Spannung erfährt. Fängt dieses mitreißende Gefühl an, ist die Situation auch schon wieder überstanden und vergleichsweise glimpflich verlaufen. Über den gesamten Handlungsverlauf sind (fast) keine Verluste zu verzeichnen, und so sehr wir darunter leiden, wenn uns geliebte Charaktere unter dramatischen Umständen verlassen, so sehr bleibt das Buch doch in Erinnerung. Nach dem Tod eines geliebten Charakters verfalle ich oft selbst in tiefe Trauer, doch genau so eine Heftigkeit an Gefühlen wie Angst, Wut und Stärke ist das, was für mich eine spannende Geschichte ausmacht. Wer allerdings in eine wunderbar beschriebene, schöne Welt eintauchen möchte, dem sei dieses Buch hier ans Herz gelegt.

Taya Gondar schafft es, vor den Augen des Lesers eine schillernde Welt zu erschaffen, in der man sich selbst heimisch fühlen kann. Diese Welt wirkt so traumartig schön, dass man sich nur wünschen kann, als Frau dieses Land und diese Gemeinschaft zu erleben. Obwohl die Handlung in eine so frühe Zeit gelegt wurde, spricht die Autorin gesellschaftlich später wichtige Themen wie Rücksicht und Wert des Alters, Umgang mit körperlichen Beeinträchtigungen, ja sogar Polyamorie an und verleiht den beiden Frauenvölkern eine Haltung und Akzeptanz, die ihrer Zeit weit voraus ist.

Fazit

Die Geschichte um Kyra und die Frauenvölker hat mich in ihre schöne Welt gezogen, in der man sich als frauenliebende Frau nur zu gut aufgehoben fühlt. Durch die Einbindung einiger Fantasy-Elemente hat die Autorin eine Welt geschaffen, in die man beim Lesen gerne versinkt. Auch die Liebesgeschichte und das Gefühlschaos um Kyra, Feija und Yuna hat mich überzeugt. Durch die für mich etwas schwache Spannungskurve ist es keine Geschichte, über die ich noch lange philosophieren werde. Ich habe mich beim Lesen aber gut unterhalten gefühlt und kann sie jedem/r empfehlen, der/die sowieso lieber ruhigere Bücher liest, auf große Verluste verzichten kann und einfach für einige Zeit in eine wunderbare Welt abtauchen möchte.

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Kyra - Sammelband

Taya Gondar
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Books on Demand, 15.06.2018
ISBN 9783752830521
Genre: Romane

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Bevor ich meine Meinung zu diesem Buch in Worte fasse, muss ich die Kurzbeschreibung noch etwas ausbauen. Die Handlung ist dabei in der Jungsteinzeit, dem sogenannten »Neolithikum« angesiedelt, der Übergangszeit der Jäger und Sammler zum sesshaften Menschen. In diesem Buch sind zwei Bände vereint, die auch gut als »Teil 1« und »Teil 2« eines einzigen Buchs durchgehen würden, wobei jeder Teil seine eigene Spannungskurve besitzt. Im ersten Teil werden wir in das Leben der Jägerinnen und die lange Reise des anderen Volkes eingeführt, das »Naiset« genannt wird, und erleben das Aufeinandertreffen und Kennenlernen der beiden Völker. Kyra verfällt dabei der schönen Feija, eine Frau der Naiset, doch hat sie auch noch ihre Leibdienerin und Freundin Yuna aus Kindheitstagen an ihrer Seite, die einen festen Platz in ihrem Herzen hat. Nachdem die Bedrohung, die die Jägerinnen erwartet, immer präsenter wird, muss Kyra eine Entscheidung treffen: Folgt sie der schönen Fremden in ihr Land, wird ihr Volk das überstehen? Das Gefühlsdreieck aus Feija, Kyra und Yuna macht die Sache nicht leichter…

Ein Buch, in dem fast nur Frauen als Charaktere vorkommen, in dem die Anzahl an lesbischen Beziehungen und Liebschaften vergleichsweise hoch ist, ist etwas, das ich bisher noch nicht kannte und ziemlich erfrischend fand. Die Frau als solches wird hier gehuldigt und sowohl geistig als auch kämpferisch den Männern als häufig überlegen dargestellt. Das hat mir sehr gut gefallen, denn da Männer vermutlich in der früheren Zeit vermehrt ihrem (tierischen und kämpferischen) Instinkt gefolgt sind und sich dabei weniger überlegt und vorausschauend verhalten haben, war es schön mitzuerleben, wie sich ein reines Frauenvolk in dieser Zeit entwickeln und durchsetzen kann, trotz ihrer durchschnittlichen körperlichen Unterlegenheit. Auf der anderen Seite fand ich die männliche Darstellung teilweise etwas hart, da die meisten als hochgradig machtgierig, rücksichtslos und herablassend im Umgang mit Frauen beschrieben wurden, weshalb sich die Jägerinnen auch dem Dienste der Sonnengöttin verschrieben haben, die die Existenz der Männer eher als Fehler betrachtet.

Der Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen und auch die Ausarbeitung der (Haupt-)Charaktere finde ich sehr gelungen. Die Sprache passt zu einer früheren Zeit, sie ist anmutig und über manche Formulierung musste ich schmunzeln, da Menschen vor so langer Zeit wohl noch nicht so viele Wörter kannten wie heute, um sich auszudrücken. Kyra, aus deren Sicht wir das Geschehen miterleben, ist eine sehr starke Persönlichkeit, eine junge Anführerin, die selbst im Kampf an vorderster Front steht. Manchmal ist sie etwas blind für Dinge, die direkt vor ihren Augen geschehen und ihre Leidenschaft wird erst von der fremden Feija geweckt, die dann kaum noch zu zügeln ist. Feija ist groß, schön und so zärtlich und herzlich, sodass man nicht anders kann, als sie in sein Herz zu schließen. Sie ist die gute Seele, die für ihre Überzeugungen einsteht und dabei stets das Wohl der anderen im Kopf hat. Auch Yunas Charakter ist so vereinnahmend, dass man, obwohl der Großteil des Buchs aus Kyras Sicht geschildert wird, nicht anders kann, als mit ihr zu fühlen. Mein Lieblingscharakter war allerdings die Medizinfrau Awen, die sich nicht darum schert, was andere über sie denken und dadurch der in meinen Augen bunteste Charakter ist, der mich beim Lesen immer wieder zum Schmunzeln und laut Loslachen gebracht hat. Awen ist der Knaller!

Was mir beim Lesen allerdings oft gefehlt hat und worin auch mein Hauptkritikpunkt liegt, ist die Spannung und die Heftigkeit der Handlung. Immer wieder werden Bedrohungen angekündigt, leise Vorahnungen, schreckliche Bilder, die wohl die Zukunft voraussagen. Wenn es dann soweit ist, ziehen sie aber so schnell vorüber, dass man nur eine Ahnung von Spannung erfährt. Fängt dieses mitreißende Gefühl an, ist die Situation auch schon wieder überstanden und vergleichsweise glimpflich verlaufen. Über den gesamten Handlungsverlauf sind (fast) keine Verluste zu verzeichnen, und so sehr wir darunter leiden, wenn uns geliebte Charaktere unter dramatischen Umständen verlassen, so sehr bleibt das Buch doch in Erinnerung. Nach dem Tod eines geliebten Charakters verfalle ich oft selbst in tiefe Trauer, doch genau so eine Heftigkeit an Gefühlen wie Angst, Wut und Stärke ist das, was für mich eine spannende Geschichte ausmacht. Wer allerdings in eine wunderbar beschriebene, schöne Welt eintauchen möchte, dem sei dieses Buch hier ans Herz gelegt.

Taya Gondar schafft es, vor den Augen des Lesers eine schillernde Welt zu erschaffen, in der man sich selbst heimisch fühlen kann. Diese Welt wirkt so traumartig schön, dass man sich nur wünschen kann, als Frau dieses Land und diese Gemeinschaft zu erleben. Obwohl die Handlung in eine so frühe Zeit gelegt wurde, spricht die Autorin gesellschaftlich später wichtige Themen wie Rücksicht und Wert des Alters, Umgang mit körperlichen Beeinträchtigungen, ja sogar Polyamorie an und verleiht den beiden Frauenvölkern eine Haltung und Akzeptanz, die ihrer Zeit weit voraus ist.

Fazit

Die Geschichte um Kyra und die Frauenvölker hat mich in ihre schöne Welt gezogen, in der man sich als frauenliebende Frau nur zu gut aufgehoben fühlt. Durch die Einbindung einiger Fantasy-Elemente hat die Autorin eine Welt geschaffen, in die man beim Lesen gerne versinkt. Auch die Liebesgeschichte und das Gefühlschaos um Kyra, Feija und Yuna hat mich überzeugt. Durch die für mich etwas schwache Spannungskurve ist es keine Geschichte, über die ich noch lange philosophieren werde. Ich habe mich beim Lesen aber gut unterhalten gefühlt und kann sie jedem/r empfehlen, der/die sowieso lieber ruhigere Bücher liest, auf große Verluste verzichten kann und einfach für einige Zeit in eine wunderbare Welt abtauchen möchte.

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111 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 47 Rezensionen

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Hyde

Antje Wagner
Fester Einband: 408 Seiten
Erschienen bei Julius Beltz GmbH & Co. KG, 10.07.2018
ISBN 9783407754356
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Was für ein großartiges Buch! Ich hatte hohe Erwartungen und wurde nicht enttäuscht. Ich finde es wahnsinnig schwer, eine Rezension zu schreiben, die den Kern des Buches wiedergibt und trotzdem nicht zu viel verrät. Vorneweg: HYDE ist besonders. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, abwechselnd und gleichzeitig zwei verschiedene Romane zu lesen: einen Real-Thriller und einen Mysteryroman. Antje Wagner vereint beides zu einem Gesamtwerk. Denn obwohl die beiden Erzählstränge in ihrer Art kaum unterschiedlicher sein könnten, könnte der eine doch nicht ohne den anderen existieren. Ständig getrieben von den Fragen »Was ist passiert?« und »Was passiert hier gerade?« war es mir spätestens ab der Hälfte nicht mehr möglich, dieses Buch aus den Händen zu legen. Wie David Mitchells Der Wolkenatlas, nur weniger komplex, wie Stephen Kings Shining, nur weniger explizit. Wie furchtbare reale Fälle, nur etwas weniger furchtbar (werden aufgrund Spoilergefahr nicht genannt); vereint zu einem bis ins kleinste Detail abgestimmten Gesamtkunstwerk, das in seinen Nuancen dessen, was wir ertragen können, perfekt zusammengesetzt scheint.

Katrina als Protagonistin

Finde ich sehr spannend gewählt. Wenn ich ein Wort für ihre Rolle wählen müsste, so wär es »Prota-Antagonistin«. Ihre ungewöhnliche Art, ihre Leiden, ihr vermummtes Gesicht – all das sind Dinge, die man nicht von einer Protagonistin erwartet. Sie ist intelligent, hat aber Schwierigkeiten, sich auszudrücken. Sie ist uns so fern, doch trotzdem sind wir ihr sehr nah. Die Autorin hat die Fähigkeit, eine solch sonderbare Person uns völlig nah und »normal« erscheinen zu lassen; zuletzt war ich bei Jeff Lindsays Dexter so überrascht, wie gut ich mich in den Protagonisten hineinversetzen konnte (in diesem Fall ein Serienmöder im Serienformat) – denn wir erleben alles aus »der anderen« Perspektive.

Hyde

Hyde war das Zuhause von Katrina, Zoe und ihrem Papa. Da haben sie sich wohlgefühlt. To hide – verstecken, Dr. Jekyll und Mr. Hyde – ein Geheimnis, ein zweites Gesicht. Hyde lag im Wald, tief verborgen, wo Katrina aufgewachsen ist. Dort war sie frei, versteht die Welt der Tiere und Pflanzen blind, ist ein Teil von ihr. Verwahrlost ist sie nicht. Die Idee dahinter finde ich richtig klasse, denn die Welt da draußen kann Angst machen. Inwieweit sind wir noch mit ihr verbunden? Die Autorin führt uns nach und nach hinter die Maske, zeigt und die Wahrheit über Hyde, die jeder selbst deuten kann und nicht zwangsläufig, wie erwartet, das Böse ist.

Das Haus

Dieses Haus hat mir nicht nur einmal einen Schauer über den Rücken gejagt. Es fängt ganz langsam an. Das mulmige Gefühl schleicht sich ganz unbemerkt ein, sodass es plötzlich da ist und man gar nicht merkt, wie es dazu gekommen ist. Kleinste Bemerkungen, die bei mir nur ein leises »Hm? War da was?« ausgelöst haben, entspinnen sich zu einer schaurigen Präsenz, die man nicht mehr loswird. Dann irgendetwas ist mit diesem Haus, irgendjemand oder irgendetwas LEBT. Und irgendwann sitzt man nachts auf dem Sofa, dreht sich alle paar Sekunden um, weil sich die Geräusche, die beschrieben werden, irgendwie in die reale Welt übertragen. Genau das hat mich dabei an Stephen Kings Shining erinnert, da auch er es weiß, das Grauen ganz langsam zu eröffnen. Und genau wie bei King habe ich eine kleine Kritik, ein Klagen auf hohem Niveau: Der letzte Schritt war mir zu viel. Die letzte Eröffnung ließ bei mir eine kleines »echt jetzt?« zurück. Vielleicht ist das aber auch eine Eigenart an mir, dass ich zu viel Mystery ohne genaue Erklärung irgendwann hinterfrage. Der Unterschied zu King ist übrigens: Antje Wagner verströmt nicht nur Grauen. Wie im realen Leben ist nicht alles entweder schwarz oder weiß. Es ist beides. Das bringt mich zum nächsten Punkt:

Das Thema Liebe

Es gibt in diesem Buch keine klassische Liebesgeschichte. Das finde ich unglaublich erfrischend. Katrina wächst nicht in der gesellschaftlichen Welt auf, in der es das gefühlt höchste Ziel ist, endlich einen Partner zu finden. Sie lebt mit anderen, wie ich finde viel wichtigeren Werten und sie liebt auf eine andere, viel tiefere und ursprünglichere Weise. Und diese Liebe eröffnet sich erst zum Schluss, obwohl sie sich den ganzen Handlungsverlauf über angedeutet hat. Sie zeigt eine ganz ungewöhnliche Form der wahren Liebe, die mich am Ende, nach der ewigen Kälte, wieder vollständig aufwärmen konnte.

Die LGBT+-Thematik

Dazu kann ich nur wenig sagen, ohne zu spoilern. Generell kann ich sagen, dass die Autorin in all ihren Büchern queere Charaktere einbindet. Auch die LGBT+-Thematik eröffnet sich erst zum Schluss. Ganz spoilerfrei formuliert zeigt sie sich darin, dass Liebe kein Geschlecht hat. So. Das muss euch jetzt reichen, bis ihr die Geschichte selbst gelesen habt. :D

Antje Wagner hält die Spannung konstant aufrecht, bis sie gegen Ende exponentiell explodiert. Die Geschichte strotzt vor Überraschungen, die ich nicht habe kommen sehen, obwohl ich es sonst oft erlebe, dass sich meine Ahnungen bewahrheiten. Hier nicht. Sie schafft es, dass man im Hochsommer wie im tiefsten Winter zittert. Ihre Geschichte ist düster und zugleich voller Wärme. Sie ist anspruchsvoll, aber doch für jeden leicht zu verstehen, der ein Buch zum Mitdenken sucht. Es würde mich nicht wundern, wenn HYDE in nicht allzulanger Zeit als Schullektüre verwendet wird – wie GERN ich eine solche Schullektüre gehabt hätte. HYDE hat wohl für jeden eine andere Bedeutung und beschäftigt noch lange nach dem Lesen. Eines ist jedoch garantiert: HYDE bleibt in Erinnerung.

Ich möchte euch noch auf zwei coole Dinge hinweisen: 1. gibt es für HYDE eine Playlist auf Spotify mit Liedern, die Antje Wagner beim Schreiben beeinflusst haben. Ich LIEBE diese Playlist. Ich habe sie beim Lesen rauf und runter gehört, sie hat nochmal für einen extra düsteren, wütenden, traurigen Stimmungsschwung gesorgt. Einen solchen Einblick in den Schreibprozess finde ich immer toll. Und 2. veranstaltet der Verlag gerade noch zwei coole Gewinnspiele, bei denen ihr entweder eine signierte Ausgabe von HYDE und sogar ein Meet & Greet inkl. Escape Room mit der Autorin gewinnen könnt – ich finde es klasse! Mehr dazu findet ihr auf www.hyde-das-buch.de. :)

Fazit

HYDE ist ungewöhnlich, besonders und eines der besten Bücher, die ich seit Langem gelesen habe. Es ist fesselnd, fordernd und vereinnahmend. Literarisch anspruchsvoll; wer für gewöhnlich leichte Literatur liest, wird eventuell Schwierigkeiten haben, der Handlung zu folgen. Wer aber etwas Unkonventionelles sucht, sollte HYDE unbedingt eine Chance geben. Und vor allem dranbleiben – denn der wahre Charakter eröffnet sich erst ab gut der Hälfte des Buchs. Durch die Gut-UND-Böse-Thematik eignet es sich auch bestens für Zartbesaitete, die mit Horror nichts am Hut haben; denn Antje Wagner findet genau das richtige Maß an Grusel und Wärme. Ich kann HYDE von Anfang bis Ende nur jedem empfehlen, der offen für ein wenig Mystery ist.

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Unser Platz in dieser Welt

Luisa Strunk
Flexibler Einband: 444 Seiten
Erschienen bei Books on Demand, 13.12.2018
ISBN 9783752836073
Genre: Romane

Rezension:

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com


Wertung: 3,5 Sterne


Als ich das Cover zum ersten Mal sah, konnte ich gar nicht glauben, wie schön es ist. Endlich mal ein Cover, das Mädchenträume wahr werden lässt. Ich würde es mir am liebsten als Poster an die Wand hängen. Das kurz vorne weg, weil für mich ein gutes Cover einfach so viel ausmacht und besonders die »älteren« Jugendbücher über die Liebe zweier Mädchen und ihr Coming-Out für mich oft zum Davonlaufen waren. Es wurde also langsam Zeit, dass es auch hübsche Bücher darüber gibt, die man sich gern ins Regal stellt (Anne Freytag mit Den Mund voll ungesagter Dinge oder Nadine Roth mit SAMe Love haben zwar schon ordentlich vorgelegt, kommen in meinen Augen aber doch nicht ganz an dieses Schmuckstück ran). So viel zum Cover, ich schätze ihr merkt, dass ich es liebe.

Unser Platz in dieser Welt ist der Debütroman von der jungen Autorin Luisa Strunk. Es ist ein Jugendroman über das erste Entdecken der Liebe, die ersten vollkommenen Glücksgefühle, die sie auslöst. Für mich war dieses Buch eine Zeitreise in die Schulzeit, zu meiner ersten Verliebtheit. Im Gegensatz zur meiner gibt es in dieser Geschichte allerdings ein Happy End. Das Buch hat Emotionen in mir ausgelöst, die schon lange in Vergessenheit geraten waren. Gefühle, die mich völlig aus den Socken gepustet haben, bei denen ich glaubte, mein Herz müsste explodieren, so glücklich war ich. Wie aber jeder, der schon mal verliebt gewesen ist, weiß, halten diese Gefühle niemals an, sondern vergehen irgendwann wieder und machen anderen (auch nicht zu verachtenden, aber nicht so intensiven) Gefühlen Platz. Die Autorin hat mich mit der Geschichte von Marie und Gwen völlig unvorbereitet getroffen und mir genau das Happy End gegeben, das ich bei meiner ersten Verliebtheit missen musste. Was fehlte mir damals? Der Mut? Das Selbstvertrauen? Offenheit meines Gegenübers? Was die Autorin uns mit auf den Weg gibt, ist Mut. Und Selbstvertrauen. Versuch es einfach, kämpf um dein Glück, denn zu verlieren hast du viel weniger als zu gewinnen. Mit 14 hätte ich dieses Buch wahnsinnig gern schon gehabt.

Der Schreibstil ist sehr einfach gehalten, was mir am Anfang leider auch den Einstieg etwas schwer machte. Manchmal holperte es am Anfang noch ein wenig. Es dauerte etwas, ein Gefühl für die Charaktere zu bekommen, sie als das zu sehen, was sie am Ende des Buchs ausmachen, mir den Ort und die Schule vorzustellen. Die Autorin fokussiert sich weniger auf Details der Umgebung als auf die Details der Gefühlswelt von Marie (die sie übrigens sehr gut trifft). Ich brauchte etwas, bis ich mich vollkommen in Marie hineinversetzen konnte und sie nicht auch als die schüchterne Heulsuse zu betrachten, wie es ihre Mitschülerinnen tun. Doch irgendwann ist es passiert und ich WAR Marie. Also keine Angst, falls euch die ersten Seiten noch nicht völlig ins Gefühlschaos ziehen – das geschieht früh genug. 🙂 Man merkt auch sehr stark, wie sehr sich die Autorin selbst im Schreibverlauf entwickelt hat, was mir sehr gut gefallen hat. Das Positive am einfachen Schreibstil ist wohl auch, dass er genau die Zielgruppe erreicht, der dieses Buch so viel bringen kann. Ich habe mich auch deshalb so sehr von der Stimmung vereinnahmen lassen, weil ich mich sehr an Tagebucheinträge meines 14/15-jährigen Ichs erinnert gefühlt habe. Philosophische Worte eines zutiefst missverstandenen, stimmungsschwankenden und hochemotionalen Mädchens. Das meine ich noch nicht mal ironisch, denn man denkt als Jugendliche(r) wohl viel intensiver, als das jemals wieder der Fall sein wird. Und genau diese intensiven, emotionalen Gedanken hat die Autorin erschreckend gut getroffen, so, dass man sich auch als etwas älteres Mädchen mit einem Lächeln zurückerinnern kann.

Da Lusia Strunk und ich fast gleichalt sind, ging sie etwa zur gleichen Zeit wie ich zur Schule und hat diese Zeit wahrscheinlich ganz ähnlich erlebt wie ich. Manchmal hat sich mir beim Lesen die Frage eingeschlichen, ob das heute ind er Schule wirklich immer noch so ähnlich ist wie damals. Gerade die (fehlende) technische Entwicklung hat mich manchmal etwas gewundert, da ich dachte, dass White Boards, Tablets oder Smartphones inzwischen auch an Schulen (und nicht nur im Unterreicht!) eine viel größere Rolle spielen. Speziell in Bezug auf Mobbing findet doch inzwischen viel auf Social-Meida-Basis statt. Da ich allerdings heute nicht mehr zur Schule gehe udn es deshalb kaum ahnen kann, wie sich der Schulalltag inzwischen gestaltet, lasse ich das mal als meine subjektive Wahrnehmung stehen. In den Alltag bindet die Autorin jedenfalls Smartphones und sogar Bücherblogs mit ein, die eine nicht zu geringe Rolle spielen. 🙂

Die Charaktere und ihre Entwicklung finde ich sehr gut gelungen. Besonders den Nebencharakter Pia mag ich wirklich gern. Ich hätte mir fast ein paar mehr Auftritte von ihr gewünscht. Aber auch die beiden Mädchen Marie und Gwen oder Maries Vater empfinde ich sehr lebensecht beschrieben. Sehr schön fand ich auch die liebevolle Beziehung zwischen Marie und ihrem Vater. Ganz besonders auf ihre Kosten kommen in dieser Geschichte übrigens auch Harry-Potter-Liebhaber. Die Autorin hat zahlreiche Anspielungen versteckt oder aber direkte Vergleiche eingebaut, was ich in Büchern sowieso immer gern lese.

Fazit

Unser Platz in dieser Welt hat mich vollkommen überrascht. Es ist voller längst vergessener Emotionen und hat mir ein Stückchen des Happy Ends geschenkt, das ich mir als Jugendliche so gewünscht hatte. Wer selbst in dem Alter ist und sich vielleicht in einer ähnlichen Situation befindet wie Marie, dem wird dieses Buch Mut machen und Hoffnung geben. Der Schreibstil ist gerade zu Beginn noch etwas holprig, entwickelt sich aber mit Verlauf der Geschichte deutlich weiter. Ich freue mich schon sehr auf weitere Bücher der Autorin. Wenn ich eins prophezeihen möchte, dann, dass Luisa Strunks Bücher einfach glücklich machen.

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29 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

So beschissen schön ist nur das Leben

Shaun David Hutchinson , Ulrike Köbele , Christine Larsen
Fester Einband: 360 Seiten
Erschienen bei Arena, 02.02.2018
ISBN 9783401604145
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Originalrezension: queerbuch.wordpress.com

Kurzbeschreibung Inhalt

Drew ist 17 und lebt im Krankenhaus. Er hat sich einen Schlafplatz in einem unbenutzten, halbrenovierten Bereich eingerichtet und erzählt jedem eine andere Geschichte, warum er eigentlich da ist. Dass er dort wohnt, muss er verstecken, denn seit seine Familie nach einem Unfall in diesem Krankenhaus gestorben ist, versteckt sich Drew vor dem »da draußen«. Als eines Tages ein Junge, Rusty, mit großflächigen Verbrennungen eingeliefert wird, wird Drew unaufhaltsam von ihm angezogen. Man erzählt sich im Krankenhaus, er sei von Schulkameraden angezündet worden, weil er schwul ist. Drew beginnt, Rusty zu besuchen und ihm zu zeigen, dass er nicht allein ist. Doch er muss aufpassen, denn keiner darf ja merken, dass er nie nach Hause geht…

Meine Meinung

Ich finde es wirklich schwer, meine Gefühle zu diesem Buch zu ordnen und in Worte zu fassen. Wie auch zum Beispiel Carrie Macs 100 schlimme Dinge, die mir bestimmt passieren, ist die Geschichte über Andrew Brawley ein ruhiges Buch, es gibt keine große Spannungskurve, außer kurz gegen Ende, es plätschert so vor sich hin. Dabei ist es aber keineswegs langweilig. Bei dem Thema Gewaltverbrechen aus Homophobie dachte ich mir schon, dass mich Tiefgang erwartet und dass ich möglicherweise emotional mitgenommen zurückbleiben würde. So in etwa ist das auch gewesen, aber ganz still und heimlich.

Die Geschichte lebt von seine Nebencharakteren. Andrew ist als Hauptperson nicht unsympathisch, handelt aber doch häufig egoistisch und unlogisch. Das hat auch durchaus seinen Sinn. Der Originaltitel The Five Stages of Andrew Brawley ist in meinen Augen sehr viel treffender gewählt und gibt zudem noch viel mehr Aufschluss über das, was dieses Buch eigentlich behandelt. Es ist nicht die Homophobie, Gewaltverbrechen oder irgendeine Art von Coming Out. Hier geht es um Traumaverarbeitung. Um Verlust, um Schuld, um Selbstvergebung und um Loslassen. Drew hat Furchtbares erleben müssen und wir erleben mit ihm die 5 Phasen der Trauer, ohne das explizit vor die Nase gesetzt zu bekommen. Wer sich aber schon mal zumindest oberflächlich mit dieser Thematik auseinandergesetzt hat, der wird schnell feststellen, dass das teilweise irreale und unverständliche Verhalten von Drew genau daher rührt, dass er etwas verarbeiten muss, aber davor davonläuft. Um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, zeichnet er immer wieder an seiner Graphic Novel über »Patient F«, der durch die Zeit reist und versucht seine Familie zu beschützen, gleichzeitig aber gegen Widersacher kämpfen muss, die sich gegen ihn wenden. Diese Zeichnungen fließen immer wieder nach einzelnen Kapiteln in das Buch mit ein, wenn man genau hinsieht, kann man dadurch auch das Puzzle über Drews Psyche immer ein Stückchen weiter zusammensetzen. 

Die oben erwähnten Nebencharaktere sind der Wahnsinn. Ob die drei Pfleger und Krankenschwestern, die Drew zu seiner Familie auserkoren hat, seine zwei an Krebs leidenden Freunde, die ihn nie ungeschoren davonkommen lassen, wenn er sie ein paar Tage nicht besucht hat, der Kantinenchef der ihn schwarz bezahlt oder sogar ein Pfarrer; sie alle lassen die Geschichte so lebendig werden, dass man jedes Wort genießt. Sie sorgen für ein derartiges Wohlbefinden, dass man fast, aber nur fast, vergisst, dass das Krankenhaus eigentlich vom Tod umgeben ist und dem jederzeit ein Ende setzen kann.

Und das passiert. Logischerweise. Ich hatte die meiste Zeit über das Gefühl, ja, das ist eine schlimme Geschichte, die toll verpackt ist. Aber wann kommt der Knall? Wann reißt sie mich in die Tiefe? Geschehnisse verstricken sich, sorgen für Glücksgefühle und verwirren einen doch immer weiter und dann kommt er, der Knall. Zahlreiche andere Geschichten haben es vorgelebt, man hätte es eigentlich wissen können. Ich habe es zwar erahnt, aber als es dann tatsächlich passierte, brach auch bei mir endlich der Damm und ich weinte und weinte und weinte.

Doch damit ist es nicht zu Ende. Drew ist und bleibt die Hauptperson und ist nicht mal eben so von seinem Erlebnis geheilt, nur weil das Buch zu Ende ist. Rusty und Drew haben zwar völlig verschiedene Dinge erlebt, haben aber beide die größte Angst davor, wieder ins Leben »da draußen« zu treten. Ob das Krankenhausleben realistisch dargestellt wird, kann ich nicht beurteilen. Aber die Gedanken, die Gefühle, die wir mit Drew durchleben, fühlen sich verdammt echt an. Die beiden können sich vielleicht nicht gegenseitig retten, denn sein Glück in die Hände eines anderen zu legen, wäre auch im wahren Leben der völlig falsche Ansatz. Aber sie können sich Verständnis geben. Und Mut, und Vertrauen.

Die Leseempfehlung hat der Verlag auf 12 bis 15 Jahre gesetzt. Ich würde hier eher bei frühestens 15 Jahren ansetzen. Ich glaube, dass das Erleben dieser Trauerphasen so verwirrend sein kann, dass die Geschichte sonst einfach nicht verstanden wird und eher durcheinander bringt, als Erkenntnis erzeugt. Auch wenn das Ende Mut macht, hätte es mein 14-jähriges Ich mit einem großen Fragezeichen und sehr aufgewühlt zurückgelassen.

Fazit

So beschissen schön ist nur das Leben ist ruhiges Buch mit einer sehr nahbaren Darstellung der Trauerphasen und Schuldgefühle, wenn man als einziger überlebt. Es ist lustig, zugleich aufwühlend und gnadenlos, auch wenn manche Geschehnisse etwas vorhersehbar sind. Trotzdem hat es mich sehr mitgerissen. Die LGBT+-Thematik wird ganz nebenbei eingewoben, ohne aufdringlich zu wirken. Besonders hervorzuheben ist die Einbindung der Graphic Novel, die Drews Gefühlswelt auf auflockernde Weise mehr Tiefe verleiht.

Humor: ●●●○○
Anspruch: ●●○○○
Spannung: ●●●○○
Liebe: ●●●●○
Erotik: ●○○○○
Originalität: ●●●●○

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