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380 Bibliotheken, 34 Leser, 1 Gruppe, 51 Rezensionen

freundschaft, missbrauch, ein wenig leben, roman, hanya yanagihara

Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara , Stephan Kleiner
Fester Einband: 958 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 30.01.2017
ISBN 9783446254718
Genre: Romane

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58 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

ehe, schriftsteller, familie, schreiben, englisch

Eine englische Ehe

Claire Fuller , Susanne Höbel
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2017
ISBN 9783492057912
Genre: Romane

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

bestatter, landschaftsgärtner, bäckereifachverkäuferin

Applaus für Bronikowksi

Kai Weyand
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei btb, 13.02.2017
ISBN 9783442714346
Genre: Romane

Rezension:

Mit „Applaus für Bronikowski“ schaffte es Kai Weyand 2015 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises und obwohl ich mich immer sehr für diesen interessiere, ist dieser Titel (leider) an mir vorübergegangen. Das sollte sich mit Erscheinen der Taschenbuchausgabe aber schleunigst ändern, klingt der Inhalt doch unglaublich vielversprechend! Nies ist gerade mal dreizehn, als seine Eltern beschließen nach Kanada auszuwandern und die Verantwortung für Nies von nun an auf seinen großen Bruder übertragen – oder vielmehr auf Nies selbst. Da ist der Punkt erreicht, von dem an Nies trotzig beschließt nicht mehr länger Nies zu sein, sondern „NC“, No Canadian. Während Bernd, NC’s großer Bruder, von Jahr zu Jahr erfolgreicher wird, versucht sich NC mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten und scheint auch mit dreißig kaum ein Stück erwachsener geworden zu sein. Er überlässt sein Leben lieber dem Zufall und den Empfehlungen von Frau März, die ihm nicht nur Streusel, sondern auch die Holpenstraße ans Herz legt, in der er seine neue Arbeitsstelle gefunden zu haben scheint: ein Bestattungsunternehmen! NC arbeitet von nun an als Bestattungshelfer und lernt, dass jeder Tote seine ganz eigene Geschichte und eine individuelle, würdevolle Behandlung verdient. Doch NC wäre nicht NC, wenn er auch dort nicht für Aufsehen sorgen würde… Dieses knapp 187 Seiten dünne Büchlein beinhaltet eine bitterzarte und tragischkomische Geschichte, die ans Herz geht, ohne dabei zu schwer zu sein. Kai Weyand schafft es mit klugem Wortwitz, viel trockenem Humor und einer leichten, neutralen, aber brillanten Sprache einen herzensguten Außenseiter, eine Art verschrobenen Antihelden bildhaft auferstehen zu lassen. NC, für den Freundschaften schon allein deswegen unmöglich erscheinen, weil das Wort „Freundschaft“ mit einem „F“ beginnt und er: „Wörtern, die mit F beginnen grundsätzlich nicht trau[t]. Vom Buchstaben E aus gesehen, fehlt dem F ein Stück, und zwar die Basis, vom G aus gesehen, fehlt ihm der Schwung, und insgesamt betrachtet, ist der Buchstabe nicht ausbalanciert.“ ist ein herrliches Unikat. Es macht Spaß an seinen Gedanken teilhaben zu dürfen: „Es kam ihm vor, als wären die Wörter auch nichts anderes als Zahlen, formbar wie Schlangen. So wie man im Handumdrehen aus einer 6 eine 9 machen konnte, so stellten auch Wörter Dinge auf den Kopf, wenn man nicht aufpasste.“ Auch wenn man seine Denkweise nicht immer nachvollziehen kann, weil sie teilweise doch ein wenig verrückt anmutet, macht ihn das nur umso sympathischer und authentischer. Nach und nach verdichtet sich die Geschichte und man kommt sowohl der Covergestaltung (ich sage nur: dreibeiniger November) als auch dem Titel auf die Schliche. „Applaus für Bronikowski“ ist ein Buch, das einen nachdenklich und beschwingt zugleich zurücklässt und damit ganz nach meinem Geschmack, ich kann es nur weiterempfehlen!

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77 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 8 Rezensionen

liebe, bücher, roman, gabrielle zevin, island

Die Widerspenstigkeit des Glücks

Gabrielle Zevin , Renate Orth-Guttmann
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Diana, 11.10.2016
ISBN 9783453359185
Genre: Romane

Rezension:

Manchmal stolpert man durch Zufall über ein kleines Büchlein und ist erstaunt, welche Wirkung dieses auf einen auszuüben vermag. „Die Widerspenstigkeit des Glücks“ von Gabrielle Zevin ist ein solches Buch, welches ich vermutlich nicht allzu sehr beachtet hätte, hätte ich nicht die vielen positiven Stimmen dazu gehört und gelesen. Daraufhin musste auch ich unbedingt wissen, worum es geht und ob es auch mir so gut gefallen würde.

Da es mein erstes Buch von Gabrielle Zevin war, die mit ihrem Debütroman ‚Anderswo‘ ('Elsewhere') bekannt wurde und mittlerweile erfolgreiche (Drehbuch)-autorin ist, konnte ich relativ unvoreingenommen an das Buch gehen. Dennoch hatte ich natürlich aufgrund der Begeisterung anderer eine gewisse Erwartung an das Buch – und wurde nicht enttäuscht!

In „Die Widerspenstigkeit des Glücks“ geht es um A.J. Fikry, Buchhändler und Inhaber von ‚Alice Books‘, einer kleinen unabhängigen Buchhandlung auf der Insel Alice Island, der recht eigen und starrsinnig versucht sein Leben nach dem Tod seiner geliebten Frau fortzuführen. Dieser lernt die Verlagsvertreterin Amelia kennen, die noch neu in ihrem Job ist, weder A.J. noch seinen Geschmack kennt und ihm deshalb prompt die falschen Bücher empfiehlt. So haben die beiden logischerweise keinen guten Start. Als dann auch noch nach einer durchzechten Nacht der wertvollste Besitz A.J.s gestohlen wird und er stattdessen das zweijährige Waisenmädchen Maya bei sich zu Hause ausgesetzt vorfindet, gerät A.J. Fikrys Leben endgültig aus den Fugen. Nach und nach findet er sich mit seinem neuen, unerwarteten Schicksal ab und die kleine Maya schafft es tatsächlich, ihm Leben und Bücher wieder näher zu bringen. Doch immer wieder muss er an Amelia denken…

Zunächst hatte ich Bedenken, dass es sich bei ‚Die Widerspenstigkeit des Glücks‘ um eine arg kitschige, stark auf die Tränendrüse drückende Geschichte handeln könnte. Das ist aber zum Glück nicht so. Klar sind viele Stellen in dem Buch ziemlich weichgespült und mit Zuckerstreuseln dekoriert, aber es ist nicht so, dass es zum Augenrollen übertrieben wirkt, sondern macht das Buch vielmehr zu einem bezaubernden märchenhaften Leseerlebnis. Als die kleine Maya auftaucht, hatte ich kurzzeitig Angst, das Buch doch noch aus der Hand legen zu müssen, denn oft läuft es dann nach dem gleichen Schema ab. (Kleines Wesen ändert komplett das Leben der unglücklichen Person und alles wird schlagartig gut – so oder so ähnlich.) Hier tendenziell auch, aber irgendwie wirkt es nur ein paar Seiten lang überspannt. Die Autorin schafft es einfach ihren Figuren einen zauberhaften Charme einzuhauchen, sodass man ihr das gar nicht wirklich übelnehmen kann.

Der Einstieg in die Geschichte fiel mir zudem nicht schwer, denn durch die einzelnen, klar gegliederten Kapitel wird sofort deutlich, aus welcher Perspektive das Geschehen geschildert wird. Gabrielle Zevins Schreibstil ist noch dazu locker leicht und liest sich sehr gut weg. Es handelt sich dabei zwar um keine „hohe Literatur“ und es ist kein um-die-Ecke-denken nötig, aber das muss ja auch nicht immer sein. So gelingt der Autorin eine feinfühlige Geschichte, in die man sofort ein- und gar nicht mehr wieder auftauchen möchte. Besonders schön sind die briefartigen Zusammenfassungen von Kurzgeschichten vor den einzelnen Kapiteln, die A.J. Maya empfiehlt zu lesen. Dadurch ist bestimmt nicht nur meine Leseliste um einige tolle Titel reicher geworden! Es ist einfach so wunderbar in dem Buch auf gleichgesinnte Buchliebhaber und liebevolle Nerds zu treffen, dass ich immer noch davon schwärmen muss. Zusammenfassend kann ich also guten Gewissens sagen: Dieses großartige Buch ist eine Hommage an alle Bücherfreunde und solche, die es noch werden wollen!

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176 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 96 Rezensionen

kamerun, usa, new york, finanzkrise, american dream

Das geträumte Land

Imbolo Mbue , Maria Hummitzsch
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462047967
Genre: Romane

Rezension:

Jende Jonga hat es geschafft. Endlich hat er seiner Heimat in Limbe, Afrika, entfliehen können, um in Amerika, besser noch, in New York City Fuß zu fassen, Geld zu verdienen und endlich, endlich 'jemand' zu werden. Das ist nämlich Jende‘s eigentlicher Auswanderungsgrund, nicht die Angst vor Verfolgung, Folter und Strafe, sondern vor Perspektivlosigkeit und der Angst davor, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden zu können. Alles scheint Jende nun möglich, in diesem Land der Träume, das ihm so magisch, fast schon zauberhaft vorkommt. Doch wie schwer es wirklich für ihn, seine Frau Neni und seinen Sohn Liomi werden wird, kann Jende zu Beginn nicht einmal annähernd erahnen. Sehr schnell müssen Jendes Träume einer harten Realität weichen. Sein Asylantrag steht auf der Kippe, das Geld ist knapp und irgendwie, so richtig wohl und ‚angekommen‘ fühlt er sich auch nicht, in dieser riesigen, anonymen Stadt. Neni hat dahingehend zwar weniger Probleme und verfügt sogar über ein Studentenvisum, aber auch ihr werden alles andere als kleine Steine in den Weg gelegt. Nicht zuletzt von Jende selbst. Zum Glück findet dieser nach langer Suche wenigstens eine Anstellung als Chauffeur bei dem Banker Clark Edwards, der wiederum für Lehman Brother’s arbeitet und Neni daraufhin – neben ihrem anderen Job als Pflegerin - als Hausmädchen für die Edwards einstellt. So lernen sich beide Familien, die Jongas und die Edwards, kennen. Ihre Leben beginnen sich miteinander zu verknüpfen, aber auch ihre – sehr unterschiedlichen und doch wiederum ähnlichen – Probleme um Geld, Arbeit und Familie verweben sich. Geheimnisse kommen ans Tageslicht, von denen Jende und Neni lieber nichts gewusst hätten. Beide werden von den Edwards, Jende vor allem von Mr. Edwards und Neni von Mrs. Edwards, immer mehr und immer tiefer in deren private Angelegenheiten hineingezogen - dass das nicht gut gehen kann, ist abzusehen.  Als es dann noch zur großen Finanzkrise unter dem Zusammenbruch der Lehman Brother’s kommt, scheinen alle und alles zu kapitulieren. Nicht nur der Finanzmarkt, sondern auch die Ehe der Jongas und die der Edwards.

Imbolo Mbues Roman „Das geträumte Land“ ist ein kraftvolles Debüt. Kraftvoll nicht nur vor Sprache und Ausdruck, sondern auch des Inhalts wegen. Man mag denken, Jendes Geschichte sei eine „typische“ Einwanderergeschichte, vom Tellerwäscher zum Millionär, Amerika macht‘s möglich. Oder auch: Vom Immigrant zum perspektivlosen Arbeits- und Obdachlosen, ohne Ziel, ohne Plan, ohne Zukunft. Beides hat man schon oft gelesen oder in Filmen gesehen, beide Möglichkeiten wirken dadurch irgendwie schon bekannt, vielleicht sogar uninteressant. Doch man merkt schnell, dass es sich bei „Das geträumte Land“ um mehr als nur das handelt. Die Geschichte um Jende wird mit der seines Arbeitgebers verknüpft. Beide Familien, seien sie auch noch so unterschiedlich, haben Träume, Ziele und müssen lernen, mit dem Schicksal umzugehen, was da auch kommen mag. Jende und Mr. Clark wollen beide als Männer „wer“ sein, sie wollen ihren Familien, ihren Frauen ein sorgenfreies Leben bieten. - Neni und Mrs. Edwards leben beide im Schatten ihrer Männer, die eine, weil sie es in ihrer Kultur so gelernt hat und es ihr schwerfällt, gegen die Entscheidungen ihres Mannes aufzubegehren, die andere, weil sie persönlich so getroffen ist, dass sie es nicht schafft, sich von ihrem Mann zu befreien. Hinzu kommen die Angst vor der Ausweisung bei den Jongas und der psychische Druck sowie die Angst vor dem Versagen in beiden Familien.

Das Buch lebt von Mbues Erzählkunst, welche dem Leser beide Familien sowie deren Sorgen und Nöte auf unglaublich authentische Art und Weise nahebringt und noch dazu von den gängigen Klischees und der ‚Alles-wird-gut-Happiness‘ abweicht. Mbue beschönigt nichts. Sie bleibt realistisch und das tut dem Roman richtig gut. Dadurch fühlt sich der Leser nicht an längst gekannte, zigmal gelesene, ähnliche Geschichten erinnert, die irgendwie nach Traumtänzerei klingen, sondern er bekommt tatsächlich ein Gefühl dafür, wie es sein muss, als Auswanderer vor einer schier endlosen Mauer an Unüberwindlichkeiten zu stehen und gleichzeitig wie verrückt Heimweh zu haben. Zusätzlich zeigt sie, welche Abgründe hinter einer scheinbar heilen Fassade in der Welt der ‚Schönen und Reichen‘ stecken kann, von denen niemand wissen soll bzw. will. Die Autorin schafft es, nicht nur zwei gänzlich unterschiedliche Familien miteinander zu verknüpfen, sondern auch zwei divergente Kulturen und bringt diese dem Leser sogar noch nahe. Der Zusammenbruch der Lehman Brother’s und die Finanzkrise spielen hierbei tatsächlich nur eine Nebenrolle, das sollte vielleicht erwähnt werden, denn auf dieses Detail geht Mbue nur am Rande ein. Das ist aber total in Ordnung. „Das geträumte Land“ handelt nicht grundsätzlich von ‚Reich vs. Arm‘, sondern vielmehr von Träumen, Hoffnungen und Wünschen, die ein jeder von uns hat. Egal ob reich oder arm, egal ob aus Amerika oder Afrika. Nicht immer werden sie wahr und nicht immer lohnt sich der Kampf, aber der Versuch allemal. Mbue’s Debüt überzeugt auf ganzer Linie, vor allem aufgrund ihrer sehr realistischen und nachvollziehbaren Erzählweise, die sowohl sprachlich als auch inhaltlich sofort eine Art Sogwirkung beim Lesen entfaltet und wegen ihrer durchgängig sympathischen Figuren, die alles andere als unfehlbar sind und der Geschichte dadurch nur noch mehr Authentizität verleihen.

Eine klare Leseempfehlung für alle Fans von Gesellschaftsromanen und Themen, wie sie aktueller nicht sein könnten.

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22 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Das Umgehen der Orte

Fabian Hischmann
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 12.01.2017
ISBN 9783827012920
Genre: Romane

Rezension:

„Das Umgehen der Orte“ ist Fabian Hischmanns zweites Buch und da mich sein Debütroman „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ so umgehauen hat, dass ich es innerhalb eines Abends am Stück gelesen habe, war ich sehr gespannt auf seinen zweiten Roman. Die Erwartungen sind da natürlich groß, aber auch die Angst vor einer Enttäuschung. Kann mich das Buch wieder so stark Zeit und Raum vergessen lassen? Werde ich auch hiervon noch tagelang sprechen und sämtliche kreativen Kniffe geistig analysieren wollen? (Denn kreativ schreiben, das kann der Hischmann allemal.)

In „Das Umgehen der Orte“ treffen verschiedene Figuren in unterschiedlichen Situationen aufeinander und sind doch alle miteinander verbunden - vor allem im Umgehen „ihrer“ Orte. Da gibt es „die dicke“ Lisa, die einfach nicht frieren kann und eines Tages ihren toten Vater auf der Toilette findet. Sie lernt Anne kennen, das neue Nachbarmädchen, die mit ihr zusammen die Welt auf den Kopf stellen will. Sie beide gegen den ganzen miesen Rest. Aber irgendwann wirft auch diese Liebe einen dunklen Schatten voraus. Spätestens als Magnus ins Spiel kommt. - Cut – Es treten neue Personen auf -.

Niklas, der in einer Seehundstation arbeitet und irgendwie immer noch an Samuel, seiner (damals nicht eingestehen wollenden?) Liebe, hängt, welcher mittlerweile tot ist. Eines Nachts begegnet er Lennart. Vielleicht ist er der Richtige?

Wir treffen auf Tim, Timmy, dessen Bekanntschaft wir bereits auf den letzten Seiten von „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ machen durften und zusammen mit ihm taucht noch ein weiterer Bekannter auf: Max Flieger, die Hauptfigur aus eben jenem ersten Roman.

Dylan, Katja, Silke, Philip, Clara, Theo, Robin, Hannes, Matteo... – alles Figuren, die mal kurz aufblitzen, dann wieder verschwinden. Alle werden von etwas angetrieben oder auch vertrieben. Sie sind schwer greifbar, aber doch wichtig. - Erneuter Cut – Anne taucht wieder auf und mit ihr gegen Ende auch wieder Lisa. Der Kreis schließt sich und die Geschichte beginnt Sinn zu machen. Jetzt ist der Leser gefragt, denn so langsam dämmert es ihm, dass da mehr dahinter steckt.

Alle Personen in „Das Umgehen der Orte“ sind auf irgendeine bestimmte oder unbestimmte Art und Weise miteinander verbunden. Oft bemerkt man das beim ersten Lesen nicht, man muss schon genauer hinschauen, zurückblättern, nachdenken, Verbindungen und Verbindungsnetze herstellen. Doch nicht nur das, hier „muss“ man alles lesen – vor allem Überschriften und zwischen den Zeilen, dann erkennt man sogar die kleinen Links zu „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ und die übergreifenden Motive in beiden Büchern. Zum Beispiel das Tiermotiv (eine Figur hat immer einen Hang zu Tieren, sei es nun Fotografie/Film oder bloß das Arbeiten mit ihnen), das Todesmotiv eines oder gleich beider Elternteile, das Beziehungs- und Liebeswirrwar und bestimmt noch etliche Dinge, die ich bisher auch noch nicht erkannt habe.

Man kann Hischmann nur für seine Art zu schreiben bewundern. Auch wenn einem während des Lesens oft nicht ganz klar ist, wo das alles hinführen soll, einem manche Stellen zu vulgär oder gar unnötig erscheinen, ergibt am Ende alles einen Sinn – und dann ist das auch noch so klug und kreativ umgesetzt. Es macht Spaß als Leser selbst gefordert zu sein, die Kniffe und kreativen Einfälle zu entdecken und da darf man manchmal auch denken: Äh, was soll denn das? Das ist ok. Das soll so. Irritieren, verwirren und dann zusammenführen, das macht „Das Umgehen der Orte aus“ - sprachlich schwankt Hischmann dabei zwischen gewöhnlich und außergewöhnlich – auch das soll vermutlich so – und es fügt sich gut ein.

Vermutlich sind Fabian Hischmanns Romane nicht jedermanns Sache und höchst wahrscheinlich spricht er eher das jüngere Publikum an - und das ist gut. Wir brauchen mehr junge deutsche Literatur, die bewegt und kunstvoll ist. Auch wenn ich länger gebraucht habe, um mich für „Das Umgehen der Orte“ begeistern zu können als bei „Am Ende schmeißen wir mit Gold“, so finde ich es jetzt umso großartiger. Ich freue mich auf einen hoffentlich dritten Roman von Fabian Hischmann, der mit Sicherheit noch mehr literarisch-kreative Überraschungen bereithält.

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27 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

susan morrow, verschlüsselt, verstörend, tony hastings, mega guter thriller

Tony & Susan

Austin Wright , Sabine Roth
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei btb, 10.02.2014
ISBN 9783442747047
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Erst das Buch lesen, dann den Film schauen – das ist normalerweise meine Vorgehensweise. Doch ab und an läuft es auch umgekehrt ab, wie in dem Fall von „Tony & Susan“ von Austin Wright. Bevor ich den Film „Nocturnal Animals“ im Kino gesehen habe, ist mir gar nicht bewusst gewesen, dass es dazu einen Roman gibt, aber nachdem mich der Film so irritiert, ein wenig verstört und vor allem voller Fragen zurückgelassen hat, habe ich ein wenig recherchiert und Google sei Dank, dieses Buch aus dem btb Verlag gefunden.

Das Grundgerüst der Geschichte ist relativ schnell erzählt. Susan bekommt von ihrem Ex-Mann Edward, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hat, ein Manuskript geschickt. Edward, der sich bereits vor Jahren schon als Schriftsteller versucht hat, dabei aber kläglich gescheitert ist, (was gleichzeitig einer der Gründe dafür ist, warum die Beziehung zwischen Susan und Edward ebenfalls missglückt) versucht nun mit „Nachttiere“ einen Neustart. Das Manuskript soll die Wende in seiner „Karriere“ beschreiben und ihm endlich seinen wohlverdienten Erfolg bescheren. Susan, die zugleich besorgt und neugierig ist, liest sich in das Manuskript ein und gerät in einen tiefen Sog um die darin enthaltene Geschichte von Tony und dessen Familie, die während eines Ausflugs von zwielichtigen Männern von der Straße abgebracht werden, womit eine lange Reihe an sich überbietendem Unglück beginnt. „Nachttiere“ lässt Susan nicht mehr los. Sie kann fast nicht mehr unterscheiden, was Fiktion und was Realität ist und so beginnt sie sich Tony nahe zu fühlen, seinem Elend, seiner Unfähigkeit, seiner Wut und Verzweiflung – so nahe, dass sie beginnt, sich zu fragen, ob Edward auf eine verschlüsselte Art und Weise vielleicht sogar von ihr erzählt?


„Tony & Susan“ ist ein raffiniert und gut geschriebener Roman, der nicht nur Susan, sondern auch den Leser an seine Grenzen des möglich Denkbaren bringt. Was ist Wahrheit? Was ist Fiktion? Dieses literarische Spiel kommt zwar häufiger in Romanen vor, aber nicht immer glückt es auch. In dem Fall von „Tony & Susan“ gelingt es insofern, dass der Leser aufgrund der Perspektive, die er mit Susan einnimmt, sozusagen doppelt Leser ist. Einmal von außen betrachtet (die „normale“ Leseposition) und dann noch einmal im Lesevorgang selbst mit Susan, die als Figur des Romans wiederum einen Roman liest. Dadurch, dass die von Susan gelesene Geschichte „Nachttiere“ („Nocturnal Animals“, nachdem der Film später benannt wird) so spannend und erschütternd und vom Autor so gut inszeniert ist, wird nicht nur die Figur des Romans in den Sog der Geschichte gezogen, sondern auch wir als Leser. Vor und nach jedem Abschnitt des Manuskripts, das Susan liest, werden ihre Gedanken und Erlebnisse wiedergegeben, sodass man als Leser seine eigenen Gefühle beim Lesen von „Nachttiere“ mit denen Susans vergleichen kann und zusätzlich dem Rätsel um Susans und Edwards Vergangenheit auf die Spur kommt bzw. kommen möchte, denn dieses Geheimnis wird immer undurchsichtiger. Was ist damals mit Susan und Edward passiert? Und was ist mit Tony und seiner Familie geschehen? Zwei Erzählstränge, die den Roman „Tony & Susan“ ebenso spannend und erschütternd wirken lassen wie den Film „Nocturnal Animals“. Beides, Film und Buch, ist inhaltlich sogar relativ identisch (bis auf ein paar klug veränderte Details im Film, sodass der Film noch mehr mit Realität und Fantasie spielen kann).

Ich persönlich bin vom Buch fast schon ein wenig enttäuscht, da der Film so gut umgesetzt ist, dass mir „Tony & Susan“ kaum neue Erkenntnisse bringen kann. Offene Fragen, die ich nach „Nocturnal Animals“ gehabt habe, habe ich zum Teil noch immer, aber nichtsdestotrotz sind Buch und Film beide unbedingt lesens- und sehenswert. Vor allem, wenn man ein kluges Verwirrspiel, spannende Szenen, ein wenig verstörende Elemente und offene, fragen hinterlassende, aber dadurch zum Nachdenken anregende Geschichten mag. Lange hat mich kein Film und kein Roman mehr so sehr beschäftigt wie „Tony & Susan“ / „Nocturnal Animals“.

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546 Bibliotheken, 15 Leser, 2 Gruppen, 100 Rezensionen

fantasy, magie, wald, naomi novik, zauberer

Das dunkle Herz des Waldes

Naomi Novik , Marianne Schmidt , Carolin Liepins
Fester Einband
Erschienen bei cbj, 21.11.2016
ISBN 9783570172681
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Auf „Das dunkle Herz des Waldes“ bin ich durch eine etwas ungewöhnliche Buchempfehlung einer Bekannten aufmerksam geworden. „Lies dieses Buch unbedingt, auch wenn das Cover, der Titel und der Klappentext dich zunächst eher abschrecken als anlocken sollte!“ - und in der Tat, das Cover und der dazugehörige Klappentext werden dem Inhalt (auch meiner Meinung nach) nicht mal annähernd gerecht. Doch zuerst, wer ist denn eigentlich Naomi Novik? Noch nie gehört? Ja, das liegt daran, dass das„Das dunkle Herz des Waldes“, ihr erster Roman ist. Vorher arbeitete sie im IT-Bereich, hat aber englische Literatur studiert und lebt heute mit ihrem Mann, sowie sechs Katzen zusammen. Das klingt doch irgendwie sympathisch, oder? Und ihr Debütroman, der ist wirklich vielversprechend, wenn er mich auch nicht gänzlich überzeugen kann.

In „Das dunkle Herz des Waldes“ lebt Agnieszka zusammen mit ihren Eltern in einem friedvollen Dorf, das unweit des Dunklen Waldes liegt. Dieser Ort wird von einer unbekannten dunklen Macht regiert, sodass die Dorfbewohner in Angst und Schrecken leben. Die dunkle Macht bringt Unglück und Krankheit über die Bewohner des Dorfes und nur ein einziger ist in der Lage, die Macht einigermaßen zu besänftigen und unter Kontrolle zu halten: Der „Drache“. Dieser ist kein Drache im eigentlichen Wortsinn, aber im übertragenen - und ein Zauberer, der mit seiner ganzen Kraft gegen die dunkle Macht des Waldes ankämpft. Doch dies tut er nicht, ohne einen Preis dafür zu fordern. Genau alle zehn Jahre wählt er ein junges Mädchen aus dem Dorf aus, welches ihm dienen soll. Als es wieder so weit ist, sind sich alle sicher, dass Kasia, Agnieszka's beste Freundin, vom Drachen auserwählt wird. Denn Kasia ist besonders, in jeglicher Hinsicht. Gegen aller Erwartungen entscheidet sich der Drache für die chaotische, unberechenbare Agnieska. Also muss doch mehr hinter der Wahl stecken, als bloß eine junge Dienerin auf Zeit zu finden, denn Agnieska hat eine besondere Gabe.

Zunächst sträubt sich Agnieska gegen alles, was ihr der Drache befiehlt. Sie möchte weder Zauberkräfte erlernen, noch sich dem Willen des Drachen beugen, aber als der dunkle Wald seine Macht ein ums andere Mal demonstriert und nun auch Kasia in Gefahr gerät, muss sich Agnieszka entscheiden..


Zugegeben, ich habe wirklich einige Seiten gebraucht, um so richtig in die Geschichte einsteigen zu können. Anfangs war ich noch sehr skeptisch, wo das denn alles hinführen würde. Würde das eine „einfache“ Liebesgeschichte werden? (Da bin ich ja eher nicht so der Fan von) Oder würde da noch mehr passieren? (Und ja, es passiert noch mehr.) Novik ist ein schöner Fantasy-Roman gelungen, der es schafft, individuelle Charaktere und Orte zu kreieren, die einen durch das Buch begleiten und zu treuen Gefährten werden lassen. Zu Beginn störte ich mich jedoch noch sehr an der Sturheit Agnieszkas und der Dominanz des Drachens, denn dieser Kontrast wirkt auf mich zu gewollt und unnatürlich. Zeitweilig ist mir persönlich auch alles etwas zu ausführlich beschrieben, richtig „echte“ Fantasyfans werden das aber wohl eher bejubeln als kritisieren. Mit dem Voranschreiten der Geschichte legte sich aber mein Unbehagen und ich habe die Lektüre genossen, bin aber vielleicht doch zu wenig Fantasyfan als dass mich die Geschichte komplett mitreißen konnte. Empfehlen kann ich „Das dunkle Herz des Waldes“ dennoch allen eingefleischten Fantasyliebhabern und solchen, die es noch werden wollen.


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34 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

nobelpreisträger

Der begrabene Riese

Kazuo Ishiguro , Barbara Schaden
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.11.2016
ISBN 9783453420007
Genre: Romane

Rezension:

Vielen dürfte Kazuo Ishiguro vor allem durch seine Romane „Was vom Tage übrig blieb“ (1989), für das er den 'Booker Prize' bekam und „Alles, was wir geben mussten“ (2005) bekannt sein. Beide genannten Werke wurden mit namhaften Schauspielergrößen verfilmt, die Bücher sind weltweite Bestseller - So viel zu den grundlegenden Fakten. Doch was machen Ishiguros Geschichten aus?

Sie berühren und bewegen den Leser sowohl inhaltlich, als auch durch dessen bildhaft schöne und leise Sprache, die selten geworden ist, seitdem moderne Literatur oft eine klare, präzise und lautstarke Wortwahl bevorzugt. In seinem neuesten Roman „Der begrabene Riese“ vermischt Ishiguro nun sämtliche Genres und schafft ein Werk, welches sich zwischen Literatur, Historie und Fantasy bewegt und wirklich alles ist, nur nicht gewöhnlich. Auch hier überwiegen leise Töne und Naturbeschreibungen, sodass man meint, man stünde tatsächlich im Wald und atme dessen frischen Duft ein. Aber, worum geht es in „Der begrabene Riese"?

Wir befinden uns mit Axl und Beatrice im Britannien des 5. Jahrhunderts. Das Paar wird in ihrem Dorf als Außenseiter behandelt, weshalb sie sich dazu entschließen, sich auf die Reise zu ihrem Sohn zu machen, den sie schon lange Zeit nicht mehr gesehen haben. Dabei treffen sie auf allerhand mysteriöse und zauberhafte Gestalten (Drachen, Ritter, Merlin usw.) und sie lernen, dass ihre Welt unter einem Nebel des Vergessens liegt, weshalb alle Figuren praktisch vergangenheitslos sind. Dieser Nebel ist im Begriff alles und jeden einzuhüllen, sie sozusagen auszulöschen. Wird es Axl und Beatrice gelingen ihre Erinnerungen und somit sich selbst zu bewahren?

„Der begrabene Riese“ ist ein Roman, in dem sich zwischen den Zeilen wohl jeder wiederfinden kann, denn nicht nur die Protagonisten sind von dem Nebel betroffen, sondern irgendwie wir alle. Das Leben rauscht nur so vorbei und wir vergessen, was wirklich zählt, wer wir wirklich sind. Hier bietet das Buch viel Raum für Interpretation, die jedem selbst überlassen ist. Ishiguros so wunderbar zarte Sprache und sein Erzählgeist tragen den Leser von der ersten Minute an und ziehen ihn in eine Art traumhaften Sog, dem man sich nicht entziehen kann, geschweige denn möchte. Einziger Nachteil der ausführlichen Beschreibungen Ishiguros sind die Längen, die der Roman dadurch teilweise aufweist. Zusätzlich sollte man, meiner Meinung nach, ein wenig Historie- und Fantasy affin sein – oder sich eben komplett auf die Geschichte einlassen können, dann begeistert das Buch und lässt einen auch lange Zeit später noch in Gedanken darin eintauchen, so lange man nicht dem Nebel des Vergessens begegnet.


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18 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

luchterhand, empfehlung, rezension, freundschaft, erzählungen

Die Liebe unter Aliens

Terézia Mora
Fester Einband: 250 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 26.09.2016
ISBN 9783630873190
Genre: Romane

Rezension:

Manchmal liegt ein Buch aus unbestimmten Gründen länger als beabsichtigt auf dem „Noch-zu-lesen-Stapel“, dann schlägt man die erste Seite auf, liest ein paar Zeilen und fragt sich: „Verdammt, wieso habe ich so lange gewartet?“ - So geschehen mit „Die Liebe unter Aliens“ von Terézia Mora.

„Die Liebe unter Aliens“, das ist ein Buchtitel, der mich sofort anspricht. Ein wenig schräg, eher unkonventionell und irgendwie magisch anziehend. Doch nicht nur das, Terézia Mora ist eine Autorin, die mich mit so ziemlich allem begeistern kann, was sie veröffentlicht – und für „Das Ungeheuer“ erhielt sie 2013 sogar den Deutschen Buchpreis. Nicht immer ein Gütesiegel, aber in diesem Fall schon. Auch für ihren Erzählband „Seltsame Materie“ ist Mora bekannt und mit „Die Liebe unter Aliens“ legt sie einen weiteren, soghaft wirkenden Band voller Erzählungen über Einsamkeit und Hoffnung vor.

Insgesamt enthält das Buch zehn Erzählungen mit eindrucksvollen Titeln wie „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“, „Perpetuum mobile“, „Ella Lamb in Mulligar“ oder „Selbstbildnis mit Geschirrtuch“. Alle Figuren in Moras Erzählungen sind irgendwie, irgendwo durch irgendwas auf der Suche. Sie sind noch längst nicht angekommen in ihrem Leben, in dem, was sie erreichen wollen oder bei der Person, die sie lieben und wirken zum Teil verloren, aber doch voll Hoffnung. Das ist das schöne an diesen Erzählungen, so traurig und einsam die Personen auch wirken, am Ende winkt doch allen ein Hoffnungsschimmer, mag er auch noch so klein sein.

Da gibt es zum Beispiel die junge Mutter Ella, die nach etlichen beruflichen Fehltritten als Fotografin in Berlin lebt und sich dort gerade so durchkämpft. Sie hat Stress mit ihrem Chef, weil sie oft völlig übermüdet und verkatert am Arbeitsplatz auftaucht, Stress mit sich selbst, weil sie ihren eigenen und den von außen an sie herangetragenen Ansprüchen nicht genügt und Stress mit ihrer Mutter, die zu Hause, ein paar Stunden Zugfahrt entfernt, auf ihren kleinen Sohn aufpasst – und eigentlich möchte Ella doch nur alles richtig machen. Nicht nur für sich, sondern vor allem für ihr Kind. - In einer anderen Erzählung kämpft ein Nachtportier mit sich und seinen Gefühlen seiner Halbschwester gegenüber, die diesen Kampf nicht einmal ahnt. - Und dann gibt es da noch den Vater, der einzig für seinen Sohn lebt, welcher er nur an Besuchswochenenden sehen darf. - Oder das Künstlerpaar, das am Abgrund, am Rande der Gesellschaft lebt und letztlich durch ihre Liebe an Zuversicht gewinnt.

All diese Figuren scheinen verloren zu sein, aber doch geben sie ihre Suche nach Freundschaft, Liebe und Glück nicht auf - und das sollten wir alle nicht tun.

Es ist wunderbar, wie Mora ihre Figuren zugleich hart und weich zu zeichnen vermag und erstaunlich, wie viel Ausdruckskraft in ihren Worten liegt, selbst wenn diese noch so leise zu sein scheinen. Auch wenn mich nicht alle Erzählungen restlos begeistern konnten, so haben es dafür andere doppelt getan. Ich bin mir sicher, dass „Die Liebe unter Aliens“ zu so einem Buch wird, welches ich immer mal wieder aus dem Regal nehmen werde, um mir die ein oder andere Geschichte durchzulesen. Einfach so. Für mich. Zum Durchatmen. Um Hoffnung zu schöpfen und den Figuren erneut ganz nah zu sein.

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experiment, wissenschaft, roman, terranauten, usa

Die Terranauten

T. C. Boyle , Dirk van Gunsteren
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 09.01.2017
ISBN 9783446253865
Genre: Romane

Rezension:

T.C. Boyles neuester Roman, „Die Terranauten“, ist kürzlich auf Deutsch im Hanser Verlag erschienen und verknüpft, ganz grob gesagt, Wissenschaft mit Psychoanalyse. Das klingt jetzt erst einmal ziemlich hoch gegriffen, doch tatsächlich sind das die beiden Schlagworte, die mir spontan zu „Die Terranauten“ einfallen. Aber klar, das ist natürlich nicht alles.

Zunächst ist es wohl spannend zu wissen, dass „Die Terranauten“ auf einem wissenschaftlichen Experiment, dem Biosphäre-2-Versuch (Biosphere 2), beruht, welches Anfang der 90er Jahre in den USA stattgefunden hat. Hierbei wurde ein riesiger Gebäudekomplex in Arizona erschaffen, den man sich wie ein enorm großes Terrarium vorstellen kann. Alle Außenwände wurden verglast und unterhalb der Glaskuppel entstand die „Biosphäre-2“ („Biosphäre-1“ entspricht dabei der Erde), welche ein komplett selbstständiges Ökosystem inkl. Selbstversorgung durch Nahrungsanbau und verschiedenster Tierpopulationen, sein sollte. Zu diesem Zweck wurden Teams bestehend aus je vier Frauen und Männern aus unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen für zwei Jahre auf freiwilliger Basis dort „eingeschlossen“ und beobachtet. So der Plan, mit dem man beweisen wollte, dass es möglich ist in einem komplett geschlossenen, eigenen Ökosystem zu leben. Sozusagen leben auf dem Mars, nur doch auf der Erde. Mission 1 (von 1991 – 1993) scheiterte, Mission 2 (1994) ebenso.

„Die Terranauten“ übernimmt die gegebenen Fakten und setzt an der Stelle ein, an der die Mitglieder für Mission 2 ausgewählt werden, nachdem Mission 1 gescheitert war. Mit großem Medienaufgebot werden die vier Männer (Tom, der Technosphärensupervisor; Richard, der Missionsarzt; Ramsay, der Kommunikationsoffizier und Leiter der Bereichs Wassermanagement sowie Troy, der Leiter des Bereichs Analytische Systeme) und vier Frauen (Dawn, die Nutztierwärterin; Gretchen, die Wildbiotopsupervisorin; Diane, die Kapitänin und Nutzpflanzensupervisorin sowie Stevie, die Spezialistin für Meeresökologie) bei ihrem Einzug begleitet und die ganze Zeit über beobachtet. Quasi Bio Big Brother. Was man unbedingt vermeiden möchte, ist ein erneutes Scheitern des Experiments, denn Mission 1 musste abgebrochen werden, die Luftschleuse wurde geöffnet und der Sauerstoff der Biosphäre-1 konnte sich mit dem der Biosphäre-2 wieder vermischen. Das soll kein zweites Mal geschehen und Mission 2 ist daher gewillt, alles dafür zu tun, damit es nicht so weit kommt. Alles? Denn sicher gibt es auch bei Mission 2, die doch alles so viel besser machen will, kleinere und größere Katastrophen, Streitigkeiten, welche die Gruppendynamik stören, Liebeleien und und und. Was eben so passiert, wenn Menschen mit zu wenig und einseitiger Ernährung, kaum Ablenkung und ohne realen Außenkontakt eingeschlossen sind. Klingt irgendwie menschlich, oder?

Der Roman berichtet abwechselnd aus der Perspektive von Dawn Chapman, Ramsay Roothoorp und Linda Ryu. Alle sprechen immer mal wieder den Leser an, als ob sie ihre Geschichte in einem Interview erzählen würden, was dem Leser das Gefühl gibt, Boyle berichte wirklich die Geschichte aus Biosphäre-2 (auch wenn das, was er erzählt, zum größten Teil fiktiv um das herum gebaut ist, was wirklich geschehen ist).

Dawn und Ramsay sind Terranauten der Mission 2, sie haben das Privileg, an diesem einzigartigen Experiment teilzunehmen. Linda Ryu nicht. Sie verkörpert den Typ Außenseiterin, die in Dawn Chapmans Schatten steht, aus dem sie gerne hervortreten würde, es aber einfach nicht schafft. Die Freundschaft zwischen Linda und Dawn wird ein ums andere Mal auf die Probe gestellt, während sich zwischen Dawn und Ramsay eine Romanze entwickelt, die später für einigen Tumult sorgen wird. Für den Roman interessant wird es dadurch, dass wir mittels der verschiedenen Perspektiven immer wieder eine andere Position einnehmen und so die ganze Geschichte, das ganze Ausmaß der Geschehnisse, sowohl von innen als auch außen betrachten können. Hört ein Kapitel auf, setzt das nächste an dieser Stelle, aber mit einem anderen Erzähler ein, sodass immer wieder Spannung entsteht und der Leser dazu geneigt ist, Position für den ein oder anderen zu ergreifen. Mittels der Erzähler lernen wir auch die anderen Beteiligten und für das Geschehen wichtige Personen wie den „Gottvater“ (kurz GV), Judy (GV's Assistentin und Geliebte Ramsays), Johnny (Dawns Freund vor dem Einschluss) und Gavin (ein Anwärter auf Mission 3) kennen und so entsteht für den Leser ein Gesamtbild, gleichzeitig ein Blick auf die Bühne wie hinter die Kulissen.

Hauptsächlich thematisiert „Die Terranauten“ die tiefsten, menschlichen Neigungen zu Neid, Missgunst, Rivalität, Liebe und Hass – sowohl innerhalb der Biosphäre-2 als auch außerhalb. Was sind Menschen bereit zu tun, wenn sie nichts mehr oder im Gegenteil alles zu verlieren haben? Wie verhalten sich Menschen in einer Gruppe, in der Zusammenhalt so wichtig und doch so schwer ist, weil das Eigenwohl irgendwie mehr wiegt?

Auch im Fokus, aber eher als Begleiterscheinung, liegt der wissenschaftliche Aspekt des Experiments. Boyle arbeitet die Ergebnisse und Hindernisse, die so tatsächlich im echten Biosphäre-2 Versuch stattgefunden haben in „Die Terranauten“ mit ein, zum Beispiel die „ungebetenen Gäste“ (Kakerlaken), die einseitige und dadurch entstehende Mangelernährung der Terranauten und im Ganzen der Aufbau der Biosphäre-2 und bastelt die Geschichte um Dawn, Ramsay, Linda und all die anderen drumherum. Das, was sie erleben, das wer-mit-wem, der Neid, die Rivalitäten mag ein wenig an eine Soap oder gar an Big Brother erinnern, aber mit schlauen und wortwitzigen Eingebungen Boyles, die ich für sehr gelungen halte (denn ich gehe stark davon aus, dass es im Boyleschen Sinn ist, nicht alles so bierernst zu nehmen)!

Wer auf einen rein wissenschaftlich fundierten Biosphären-Roman hofft, der wird ihn in „Die Terranauten“ nicht finden, dafür aber jede Menge Unterhaltung mit dem ein oder anderen Nachhall. Manch eine Situation wirkt ein wenig zu arrangiert und mehr Tiefe hätte der ein oder anderen Figur sicher auch nicht geschadet, aber dafür liest sich der Roman spannend und unterhaltsam bis zur letzten Seite. (Und das sind bei knapp 600 schon eine Menge!)

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freundschaft, neapel, italien, roman, studium

Die Geschichte eines neuen Namens

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 623 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.01.2017
ISBN 9783518425749
Genre: Romane

Rezension:

Das #FerranteFever ist wieder da und breitet sich stärker aus als zuvor! In Band zwei der Neapolitanischen Saga, „Die Geschichte eines neuen Namens“, wird endlich die Geschichte von Lina und Elena aus „Meine geniale Freundin“ fortgesetzt. Auch hier geht es wieder um Freundschaft, Liebe, Familie, Verrat, Rivalität, Bösartigkeit, Glück und Pech. Allerdings befinden wir uns nicht mehr im Neapel der fünfziger, sondern ein Jahrzehnt weiter, der sechziger Jahre. Lina und Elena sind dabei, ihrer Kindheit und Jugend zu entwachsen und zu eigenwilligen Frauen, die dem Elend ihres Viertels entfliehen wollen, zu werden. Jede der beiden versucht ihren eigenen Weg zu gehen, sowohl beruflich als auch familiär, was nicht immer einfach ist. Lina als „Senora Carracci“ und Elena als fleißige Schülerin/Studentin. Sowohl Lina als auch Elena kommen immer wieder vom Weg ab, müssen sich neuen Widerständen in Form von Männern, Kindern, Familien und Gerede gegenüberstellen und dabei lernen, sich selbst zu behaupten und ihre eigenen Ziele, egal, was andere denken und sagen, zu verwirklichen. Das ist in der heutigen Zeit schon nicht einfach, aber im Neapel der sechziger Jahre, in der Frauen recht wenig (wenn auch schon mehr als vorher) zu bestimmen hatten, schwierig bis unmöglich. Linas und Elenas Freundschaft wird immer wieder auf die Probe gestellt und schwankt, wie auch schon in Band eins, permanent zwischen inniger Liebe und tiefstem Groll hin und her. Wird ihre Freundschaft den bitteren Kampf um die eigene Identität standhalten können?


„Die Geschichte eines neuen Namens“ von Elena Ferrante beginnt zunächst mit einer siebenseitigen Einleitung der Personen und einer Zusammenfassung der bisherigen Handlung, welche sprachlich einfach, aber dafür sehr verständlich gehalten ist. Um sich wirklich in Geschichte und Personen einfühlen zu können, reichen diese Seiten nicht aus, dennoch sind sie sehr hilfreich, um dem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen (sollte es mit dem Lesen von Band eins schon etwas länger her sein) oder auch mal zwischendurch (sollten einen die vielen ähnlich klingenden Namen und Spitznamen doch mal verwirren).

Auch in Band zwei ist Elena die Erzählerin, die aus ihrer Perspektive die Geschehnisse schildert und die wir durch alle Höhen und Tiefen begleiten dürfen. Zu Beginn des Buches erhält Elena acht Schreibhefte von Lina, in welcher diese ihre Gedanken zum Rione, zu den darin lebenden Menschen und ihrem eigenen Leben festhält. Dies ermöglicht es Elena dem Leser auch an Linas Gedanken- und Erlebniswelt teilnehmen zu lassen (ein raffinierter Schachzug der Autorin). Auch im späteren Verlauf tauchen diese Hefte immer mal wieder auf und der Leser erfährt weitere Details zum Entstehen der Hefte und zu dessen Inhalt. Diese Hefte und auch die sich darin befindende Erzählung „Die blaue Fee“, welche bereits in Band eins eine wichtige Rolle spielte, sind sozusagen der Leitfaden der Geschichte.

Sprachlich ist das Buch gut, jedoch nicht herausragend, dafür aber dessen Inhalt und darin enthaltene zwischenmenschliche Aspekte. Ich habe selten ein Buch so intensiv gelesen, sodass ich wirklich praktisch zwischen den Buchseiten gefangen mitfiebere (da ist es wieder, das Ferrante-Fieber!), mit den Figuren mitleide, sie anfeuere, beglückwünschen oder auch schimpfen möchte. Das ist es auch, was das Buch oder besser gesagt die ganze Neapolitanische Saga zu etwas Besonderem macht. Auch wenn ich nicht behaupten kann, noch nie ein so literarisch hochwertiges Buch gelesen zu haben (denn das habe ich), kann ich doch guten Gewissens sagen, dass ich selten so mitgefiebert habe und selten so unbedingt weiterlesen wollte, wie es hier der Fall ist. Die Geschichte von Lina und Elena besticht vor allem durch ihre Dynamik, den Leser erschütternd zurücklassende Ereignisse und – ich wiederhole mich – das Mitfiebern. Lina und Elena, das ist eine Freundschaft, die wir so schnell nicht vergessen werden können (und dank zwei weiterer Folgebände zum Glück auch noch nicht müssen)!

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italien, neapel, erinnerung, freundschaft, schulzeit

Meine geniale Freundin

Elena Ferrante , Karin Krieger , Eva Mattes
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Der Hörverlag, 01.09.2016
ISBN 9783844523522
Genre: Romane

Rezension:

Zugegeben, zunächst konnte ich mit „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante so gar nichts anfangen. Die vielen Charaktere und deren ähnlich klingenden Namen verwirrten mich endlos und die Geschichte gefiel mir nicht. Ein weltweiter Bestseller, ein im Internet gehyptes Phänomen, das #FerranteFever, viele Freunde und Buchblogger, die fast alle Begeisterung zeigten und ich fand es blöd? Gründe genug, um einen Zweitversuch zu starten. Ich entschied mich also für die Hörbuchfassung aus dem Hörverlag, gelesen von Eva Mattes – und siehe da, das #FerranteFever infizierte nun auch mich. Die ruhige, aber dennoch ausdrucksstarke, an den richtigen Stellen lauter werdende und die Tonart anpassende Stimme der erfahrenen Schauspielerin konnte mich vollends ins Neapel der fünfziger Jahre beamen und mitten hinein in die Geschichte von Lina, Elena und all den anderen Bewohnern des Riones. Aber worum genau geht es nun in der vierteiligen, über alle Kontinente gefeierten Saga?

Elena (die fiktive Ich-Erzählerin des Werkes) und Lina (auch Lila genannt) sind von klein auf beste Freundinnen, sie haben so ziemlich alles miteinander erlebt und durchgemacht, was man als Freundinnen, aufgewachsen im Rione, einem ärmlichen Viertel Neapels der fünfziger Jahre, so erlebt. Gewalt, Unterdrückung, Neid, Missgunst, familiäre Streitigkeiten, Armut, Dreck, Schmutz und Elend. Sie träumen davon, es einmal besser zu haben. Ein gesichertes Leben voll Liebe, Zuversicht, Anerkennung, Freude und Reichtum. Dabei sind beide Mädchen von grundauf verschieden. Lina, als die aufbrausende Tochter eines Schusters und Elena, als die eher zurückhaltende Tochter eines Pförtners, beide nach Bildung strebend, beide sich gegenseitig überbieten wollend. Das Leben im Rione macht aus den Freundinnen rivalisierende Kämpferinnen und führt sie dann wieder zusammen. Immer und immer wieder. Von der Jugend, über das Erwachsenenalter bis in die heutige Zeit, in der Lina plötzlich verschwunden ist und die Geschichte um „Meine geniale Freundin“ startet. Warum verschwindet Lina plötzlich? Was ist passiert? Gibt es Gründe aus ihrer Vergangenheit, die zu ihrem Verschwinden führen? Elena nimmt sich dieser Fragen an und erzählt. Erzählt die Geschichte von ihnen beiden, in einer Welt, in der sie sich nicht nur gegenüber strenger Regeln, alten Ordnungen und brutalen Männern behaupten müssen.


Hauptsächlich dominiert wird die Tetralogie einerseits durch die Freundschaft zwischen Lina und Elena, die permanent zwischen Harmonie und Rivalität schwankt, sowie des Phänomens des „bösen Mannes“. Lina und Elena treffen immer wieder auf Männer, die betrügen, die schlagen, die lügen, (ihre) Frauen und Töchter schlecht behandeln, die sozusagen dem gängigen, stereotypen Bild eines „starken Mannes“ (nicht nur, aber auch) in den fünfziger Jahren entsprechen. Denn: Ein netter Mann gilt als verweichlicht, als ein, wie man ihn heute bezeichnen würde, Pantoffelheld. Die Freundinnen müssen sich der harten Realität stellen, dass Frauen in den Augen der meisten Männer wenig(er) wert sind und daher umso härter um Anerkennung kämpfen müssen. Beide, Lina und Elena, sind sture, unnachgiebige Mädchen, die zu sturen und unnachgiebigen Frauen heranwachsen, aber sie müssen auch einstecken. Von Vätern, von Vätern ihrer Freunde, von ihren Freunden, von Brüdern und Verlobten und späteren Ehemännern. Das Leben im Neapel der fünfziger Jahre ist also, nicht nur für Lina und Elena, alles andere als leicht.

Als Leser folgt man dieser Geschichte teils erstaunt, teils bedrückt, teils fassungslos, aber immer gespannt auf das, was da noch kommt. Ich habe mich selbst dabei ertappt, wie ich immer mal wieder eine der Personen, besonders Elena, anbrüllen oder ihr Ratschläge geben wollte, manchmal schüttelte ich auch einfach nur den Kopf angesichts der vielen Dinge, die Elena macht und die man ihr ausreden möchte. Das ist das Schöne an dieser Form der Ich-Erzählung. Man kann die Protagonistin bis ins kleinste Detail verstehen, man kann und muss ihre Handlungen nicht nachvollziehen können, aber man kann sich einfühlen und das macht enorm viel Spaß, denn dann ist man wirklich angekommen. Angekommen in der Geschichte von Lina und Elena im Neapel der Fünfziger. Ich bin jetzt schon ganz gespannt, wie es in „Die Geschichte eines neuen Namens“ weitergeht und kann die Fortsetzung kaum erwarten.

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73 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 23 Rezensionen

roman, anne tyler, heirat, knaus verlag, familie

Die störrische Braut

Anne Tyler , Sabine Schwenk
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Knaus, 11.10.2016
ISBN 9783813506556
Genre: Romane

Rezension:

„Die störrische Braut“ (engl. Originaltitel 'Vinegar Girl') von Anne Tyler ist ein weiterer Teil aus der Hogarth Shakespeare Reihe, bei der anlässlich des 400. Todestags Shakespeares acht seiner Werke von bekannten Autoren/Autorinnen neu erzählt werden. Nach 'Hag-Seed' (erscheint in Deutschland im Frühjahr 2017) von Margaret Atwood, einer imposanten Neuinterpretation von Shakespeares „Der Sturm“ und „Der weite Raum der Zeit“,einer von Jeanette Winterson auf rasant-amüsante Weise neu interpretierten Version von Shakespeares „Das Wintermärchen“ , ist es für mich persönlich das dritte Buch aus dieser Reihe. Wie bei den beiden Vorgängern erkennt man auch hier deutlich den eigenen Stil der Autorin, welcher raffiniert mit der Originalerzählung „Der Widerspenstigen Zähmung“ verwoben ist. Das macht die Neuerzählung sowohl für Shakespeare-Fans und Nicht-Fans zu einem Lesevergnügen der besonderen Art.


In „Die störrische Braut“ geht es um Kate Battista, die mit ihrem (ich nenne es mal) „nerdigen“ und irgendwie doch liebevoll-exzentrischen Vater und ihrer nervig-verwöhnten, aber doch mit einem großen Herzen ausgestatteten Schwester Bunny zusammenlebt. Kate ist unzufrieden. Das Studium geschmissen arbeitet sie nun als Betreuerin in einem Kindergarten. Nicht gerade ein Traumjob für Kate, kommt sie doch mit Kindern und deren Eltern aufgrund ihrer ehrlichen und direkten Art irgendwie so gar nicht klar. Und auch mit den Männern will es nichts werden. Dafür aber bei ihrer Schwester, die mit dem Nachbarsjungen anbandelt, worüber Kate alles andere als glücklich ist – und der Vater? Ja. Der scheint als Professor nur Augen und Ohren für sein Forschungsprojekt und Pjotr, seinen Kollegen, zu haben, der kurz vor der Ausweisung steht. Da kommt ihm die geniale Idee Pjotr mit Kate zusammenzubringen. Die wiederum findet das so gar nicht witzig und sträubt sich vehement gegen die Heirat mit einem wildfremden Mann. Doch irgendwas scheint Pjotr an sich zu haben, dem sich Kate nicht entziehen kann..


Humorvoll und turbulent erzählt Anne Tyler die uns allen bekannte Geschichte „Der Widerspenstigen Zähmung“ vom manipulativen Vater und der sich widersetzenden Tochter auf moderne Art und Weise. Die einzelnen Figuren werden einem sofort sympathisch, vor allem der liebevolle Pjotr und die aufbrausende Kate konnten mich auf Anhieb überzeugen und so gibt es keinerlei Probleme sich als Leser einen Zugang zur Geschichte zu verschaffen. Auch sprachlich überzeugt vor allem der humorvolle Ton. Gut herübergebracht, auch in der Übersetzung, wird die Sprachbarriere zwischen Pjotr und seinen Mitmenschen, der sich mehr oder weniger einen Spaß daraus macht, dass man ihn schlecht verstehen kann und dem Leser öfter mal ein Lachen entlockt. Leider verliert die Geschichte ungefähr ab der Hälfte etwas an Biss. Man kann sich, nicht nur aufgrund Shakespeares Originalerzählung, bereits denken was passiert und das ist doch ein wenig schade. So plätschert die Geschichte ein bisschen vor sich hin, obwohl das Buch enorm gut anfängt (und auch keinesfalls schlecht ist). Anne Tyler bleibt im Großen und Ganzen recht nah an der Originalgeschichte, ich persönlich hätte mich über einen besonderen Kniff noch mehr gefreut. Dennoch handelt es sich bei „Die stürmische Braut“ um eine witzige, gut gemachte Neuinterpretation „Der Widerspenstigen Zähmung“ und kann sich sehr gut sehen sowie lesen lassen.


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11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Flucht

Hakan Günday , Sabine Adatepe
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei btb, 29.08.2016
ISBN 9783442754762
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz in Hakan Günday's Roman „Flucht“ ist verdammt eindrucksvoll und der Grund, warum ich das Buch überhaupt unbedingt lesen wollte. Er lautet: „Wäre mein Vater kein Mörder gewesen, hätte ich nie das Licht der Welt erblickt.“ Puh. Das muss man erst einmal sacken lassen.

Dass „Flucht“ keine leichte Kost ist, dürfte einem mit dieser Einleitung sofort klar werden, aber dafür ist der Autor auch nicht bekannt.

Hakan Günday ist ein türkischer Schriftsteller und berühmt-berüchtigt für seine provokanten Texte, die sehr oft politischer Natur sind. Sein Schaffen ist niemals normal. Alles, was er kreiert, hat eine Prise „Außergewöhnlichkeit“ und bleibt fernab der Norm. So auch „Flucht“.

Gündays neuestes, frisch ins Deutsch übersetzte Werk wird aus der Perspektive von Gazâ erzählt, der als Sohn eines Schleppers aufwächst. Er lernt von klein auf Menschen als „Ware“ zu sehen. Es ist ihr Geschäft, mit Menschenleben zu handeln. Nicht mehr - und nicht weniger. Der Menschenhandel ist ihre Möglichkeit den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn auch auf sehr viel brutalere und zum Teil unmenschliche Art und Weise – das muss man ja eigentlich gar nicht erwähnen. Gazâ's Vater führt seinen „Betrieb“ mit einer dem Geschäft angemessenen Härte, die sich nach und nach auch auf Gazâ übertragt. Ist er anfangs noch unbeholfen, so wird er immer professioneller und, wie es scheint, auch unmenschlicher. Doch verliert Gazâ wirklich seine Menschlichkeit oder handelt es sich dabei um eine Art notwendigen Schutzmechanismus vor seinem Vater? Als dieser stirbt scheint sich Gazâ's Leben zu ändern. Ihm gelingt die Flucht nach Istanbul, wo er ein Studium beginnt, doch schnell muss er feststellen, dass ihn seine bisherigen Erfahrungen tief gezeichnet und traumatisiert haben. Wird Gazâ dieses Traumata überwinden können und seine Menschlichkeit wiederfinden?

Günday ist ein Provokateur, der es liebt, mit Worten und neuen Ausdrucksformen zu spielen. „Flucht“ besticht nicht nur durch einen harschen und ehrlichen Ton, sondern auch durch „Performance“. Telefonate werden szenisch hervorgehoben, sowie innere Monologe Gazâ's, auch kleinere Kritzeleien lassen den Leser immer wieder innehalten und erhöhen so den Nachdenkprozess. Worum geht es also Günday? Er will nicht nur provozieren, sondern auch aufrütteln und auf Themen aufmerksam machen, die ihm wichtig sind und das politische Weltgeschehen betreffen. Er nutzt dafür keine seicht erzählte, sondern eine brutal ehrliche Geschichte, die zwar aufgrund Gündays Erzählkunst, die eine Mischung aus Drehbuch, „normalem“ Buch und einer Art Performance-Kunst ist, an manchen Stellen verwirrt, aber gerade aufgrund seiner Vielfalt doch so gut ist. Ein politisch-aufweckend-menschlicher Roman, den man zwar nicht unbedingt an einem Stück lesen kann, der aber doch unbedingt lesenswert ist.

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50 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 18 Rezensionen

krieg, familiengeschichte, vergebung, hamburg, geheimnis

Gestorben wird immer

Alexandra Fröhlich , Keil & Keil
Flexibler Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Penguin, 11.10.2016
ISBN 9783328100010
Genre: Romane

Rezension:

„Gestorben wird immer“ von Alexandra Fröhlich ist ein kluger, unterhaltsamer, aber auch mit tragischen Momenten verknüpfter (Familien-)Roman, der sowohl Zeitgeschichte als auch persönliche Einzelschicksale einfängt.

In drei verschiedenen Zeitsträngen und über drei Generationen hinweg wird die Geschichte der Familie Weisgut erzählt. Allen voran das „Familienoberhaupt“ Agnes Weisgut, die lange den familieneigenen Steinmetzbetrieb Weisgut & Söhne betrieben und im Hinblick auf ihre mittlerweile 91 Jahre so einiges erlebt hat. Darunter auch Familiengeheimnisse, die sie jetzt nicht mehr für sich behalten kann und mag. Darum trommelt sie mit Hilfe von Birte, eines ihrer Enkelkinder, alle Familienmitglieder, egal ob zerstritten oder nicht, zusammen, um reinen Tisch zu machen.

In dem zeitlich frühesten Erzählstrang blickt Agnes zurück auf den Anfang ihrer eigenen Geschichte. Sie wächst zur Zeit des zweiten Weltkrieges auf, wird früh verheiratet und hat nicht nur mit ihrem Ehemann zu kämpfen, sondern auch mit ihrer tyrannischen Schwiegermutter. Schon früh erkennt sie, dass sie für ihre Lieben (vor allem ihre Kinder) stark sein und kämpfen muss, egal mit welchen Mitteln. Das führt dazu, dass sie Schuld auf sich lädt – mehr als nur ein Mal. Immer wieder sieht sie sich neuen Herausforderungen (nicht nur dem Krieg, auch allem Fürchterlichen, was dieser mit sich bringt) gegenüber, welche sie bewältigen muss.

Der zweite Erzählstrang befasst sich mit den nachfolgenden Generationen, Agnes Kindern und Enkelkindern. Auch hier ist viel passiert. Agnes Tochter Martha, die aus Gründen, die wir noch erfahren werden, etwas „wunderlich“ ist, verlässt ihren Mann und ihre Kinder Birte und Peter. Ein Schock, der sich tief in die Seelen aller drei frisst und ihr Verhalten wesentlich beeinflusst. Und dann gibt es da noch „Die Sache mit Astrid“..

Im dritten Erzählstrang befinden wir uns im hier und jetzt (also laut Buch in 2008), in dem die große Zusammenführung stattfinden soll. Birte, die mittlerweile eine erfolgreiche, aber auch seelisch angeschlagene Frau geworden ist, soll Agnes bei der Familienvereinigung helfen. Sie soll ihren Vater und ihre Onkel,die zum Teil zerstritten sind und auch ihre eigene Mutter Martha, die sie schon über Jahre hinweg nicht mehr gesehen hat, dazu bringen, sich für das Wiedersehen zu vereinen. Keine leichte Aufgabe.

Alexandra Fröhlich erzählt gut nachvollziehbar eine Geschichte, die so auch wirklich hätte passiert sein können. Sie verknüpft gekonnt die einzelnen Erlebnisse der Familienmitglieder mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund und schafft es den Leser trotz der verschiedenen Erzählsträngen nicht zu verwirren, sondern, im Gegenteil, dadurch erst die Geschichte zu entwirren. Der Sprachstil ist den jeweiligen Erzählsträngen angepasst und leicht verständlich, an manchen Stellen missfällt mir allerdings die Wortwahl. Auch fehlt es mir an ein paar Stellen der Geschichte an Tiefe. Dafür sind die Personen sehr sympathisch gezeichnet. Ganz besonders Agnes als stures, eigenwilliges Familienoberhaupt, die trotz harter Schale ein ziemlich großes Herz hat und Birte, Agnes nicht unähnlich, die so früh ohne Mutter zurückblieb und daher lernen musste, auf sich selbst aufzupassen und dadurch einen enormen Willen und Ehrgeiz entwickelt hat.

Alles in allem ist Alexandra Fröhlich ein sehr schöner Familienroman gelungen, der mich aufgrund seiner Geschichte und der sympathischen Personen überraschen und überzeugen konnte.


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10 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

belletristik, alltag, betrachtungen

Das Amerika der Seele

Karl Ove Knausgård , Paul Berf , Ulrich Sonnenberg
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 31.10.2016
ISBN 9783630874555
Genre: Romane

Rezension:

Auf „Das Amerika der Seele“ von Karl Ove Knausgård bin ich aufmerksam geworden, nachdem ich so viel Interessantes (sowohl Positives als auch Negatives) über sein autobiographisches Projekt „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“, „Leben“, „Träumen“, „Kämpfen“ gelesen und gehört habe. Da ich nicht sofort mit der Reihe beginnen, sondern mich erst einmal in den Schreibstil Knausgårds einlesen wollte, sah ich in „Das Amerika der Seele“ einen guten Start.
Hierin enthalten sind achtzehn Essays, die sich mehr oder weniger um das Leben mit und um Kunst und Künstler drehen. Vor allem geht es aber um die Verknüpfung von Leben und Kunst. Hängt das nicht alles irgendwie zusammen? Betrachten wir die Dinge um uns nicht alle irgendwie als kunstvoll? Und ist der Mensch selbst nicht ein Kunstwerk, indem er sich selbst darstellt, präsentiert und in Form von Texten, Gemälden, Fotografien etc. Selbstverwirklichung findet?
Knausgårds Schreibstil ist bestechend. Er schreibt, als ob man in seinen Gedanken sitzen würde und schafft es alltägliche Vorgänge so detailliert zu beschreiben, als ob man in Echtzeit dabei wäre. Das könnte prinzipiell recht langweilig sein, wenn er es nicht gleichzeitig schaffen würde, „so schön“ zu schreiben und immer wieder neue Denkanstöße zu geben. Es ist einfach eine Freude, Knausgårds Texte zu lesen, weil es immer wieder erstaunlich ist, wie er aus einfachen, alltäglichen Beschreibungen plötzlich zu ganz tiefen Sinneseindrücken gelangt. Und ja, manchmal stellt er auch ziemlich irrsinnige Vergleiche an, die dann aber dennoch enorm schlüssig sind, sodass man ihn nur dafür bewundern kann. Auch für seinen Mut. Denn welcher Literat traut sich schon den „Akt des Scheißens“ mit dem Tod zu vergleichen? Und damit erreicht er nämlich genau das, was er will: Man regt sich darüber auf – oder auch nicht. Ganz egal, aber  man spricht darüber, denn Knausgård provoziert gerne. Er greift radikale und soziale Themen auf, schreibt von der Moderne und dem was-wäre-wenn und gibt immer wieder neue Impulse. Alles begreifen und alles mitnehmen kann man beim ersten Mal durchlesen von „Das Amerika der Seele“ sicher nicht und, ich muss es leider zugeben, nicht alle Essays empfinde ich als inhaltlich gänzlich gelungen. Dafür sind Knausgårds Texte sprachlich großartig und deshalb freue ich mich darauf bald mit seinem autobiographischen Projekt fortzufahren. Da ich mir gut vorstellen kann, dass Knausgårds Gedanken und seine Art diese wiederzugeben nicht jedermanns Sache ist, ist daher „Das Amerika der Seele“ als Einstieg ziemlich gut. Mich hat es in jedem Fall überzeugt, dass Knausgård zurecht zu den wichtigsten norwegischen Gegenwartsautoren zählt.

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379 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 73 Rezensionen

weihnachten, dein leuchten, jay asher, liebe, rezension

Dein Leuchten

Jay Asher , Karen Gerwig
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei cbt, 31.10.2016
ISBN 9783570164792
Genre: Jugendbuch

Rezension:

„Dein Leuchten“ ist Jay Ashers dritter Jugendroman und besonders „Tote Mädchen Lügen nicht“ hat mich aufgrund seiner Originalität und unkitschigen Liebesgeschichte sehr bewegt. In „Dein Leuchten“ geht es nun um Sierra, die mit ihren Eltern jedes Jahr zur Weihnachtszeit nach Kalifornien reist, um Weihnachtsbäume zu verkaufen. Dort trifft sie auf Caleb, der an mittellose Familien Weihnachtsbäume verschenkt und in den sie sich sofort Hals über Kopf verliebt. Doch Caleb hat ein Geheimnis, weshalb er von vielen vorverurteilt wird. Auch Sierras Eltern und ihre Freundinnen haben ihre Bedenken, doch sie hält weiterhin zu Caleb, wodurch sie sich selbst in Schwierigkeiten bringt. Wird Sierra am Ende doch ein gebrochenes Herz haben?

Der neueste Jugendroman von Jay Asher hat alles, was man sich von einem solchen verspricht. Missverständnisse, Geheimnisse, Probleme mit den Eltern und Freunden, Streit, Versöhnung und ganz viel Liebe. Die Geschichte zwischen Sierra und Caleb ist nett, sie ist gut erzählt und sie trifft bestimmt den Nerv vieler Heranwachsender. Zusätzlich kreiert der weihnachtliche Hintergrund eine schöne Atmosphäre und wenn Sierra sich einen Minz-Mokka macht, bekommt man direkt auch Lust darauf sich mit einer heißen Schokolade auf dem Sofa einzuigeln. Aber leider fehlt es „Dein Leuchten“ an Originalität, dafür spart Asher nicht an Romantik (für meine Verhältnisse eine Spur zu viel), wodurch die eigentliche Thematik ‚Vorurteile gegenüber anderen haben‘ in den Hintergrund gerückt wird, was ich sehr schade finde. Sierra und Caleb gehen einem manchmal aufgrund ihrer Perfektion etwas auf die Nerven und ab und zu gibt es Reaktionen in der Geschichte, die sich mir nicht ganz erschließen. Z.B. Calebs Wutanfall oder Sierras Vater, der seine Meinung von einem Moment auf den anderen komplett ändert. Da fehlt es irgendwie an Erklärung und Kontext. Davon abgesehen ist es ein schöner, liebevoll geschriebener Jugendroman mit den typischen Problemen einer Heranwachsenden, aber leider einfach nicht mehr.

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37 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

roaring twenties, zelda fitzgerald, stark, flapper, klassiker

Himbeeren mit Sahne im Ritz

Zelda Fitzgerald , Eva Bonné , Felicitas von Lovenberg
Fester Einband: 250 Seiten
Erschienen bei Manesse, 26.09.2016
ISBN 9783717524007
Genre: Romane

Rezension:

Keiner schafft es die Roaring Twenties so gekonnt, so schön und so lebensecht in Worten wiederzugeben wie die Fitzgeralds, denn das Schriftstellerpaar F. Scott und Zelda Fitzgerald gehört selbst zu den berühmtesten Figuren jener Zeit. Neben Scott, der schon zu Lebzeiten erfolgreich war, blieb Zelda schriftstellerisch eher im Hintergrund und veröffentlichte ihre eigenen Texte zum Teil sogar unter seinem Namen. Nun finden ein paar ihrer Erzählungen in einem wunderschönen Band im Manesse Verlag ihren eigenen Platz. Denn auch wenn man Zelda Fitzgerald immer als Teil „der Fitzgeralds“ und somit auch als F. Scott Fitzgeralds Frau sehen wird, hat sie es doch verdient, als eigenständige Person und vor allem als Schriftstellerin gewürdigt zu werden.

In elf Kurzgeschichten erzählt Zelda Fitzgerald in „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ von Mannequins, Filmdiven, Tänzerinnen und Sängerinnen, die stolz ihr Leben leben, aber dennoch ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Zelda nimmt uns mit auf eine Zeitreise in die goldenen Zwanziger, auf glamouröse Partys, hinter und auf die Bühne und auch ein bisschen in das Seelenleben der Heldinnen. Das alles geschieht aus der beobachtenden Perspektive Zeldas, deren Blick so klar und deren Beschreibungen so intensiv sind, dass man meint, mitten im Geschehen zu stehen. Mal schlüpft Zelda in die Rolle der Bekannten oder der Freundin und mal bleibt sie einfach nur entfernte Beobachterin, aber immer schafft sie es die Frauen in ihren Erzählungen und deren persönliche Lage einfühlsam zu beschreiben, ohne viele Worte im eigentlichen Geschehen zu verlieren. Vielleicht auch, weil ein wenig Zelda in all ihren Heldinnen steckt.

Nicht alle Erzählungen sind vollends gelungen, manch eine könnte man als ein wenig langatmig und langweilig bezeichnen. Doch das macht nichts. Die Atmosphäre, die Zelda Fitzgerald kreiert, ist einmalig und macht das Buch allemal einzigartig und lesenswert - nicht nur für Fitzgerald-Fans.

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bipolare störung, gavin extence, libellen im kopf, roman, psychiatrie

Libellen im Kopf

Gavin Extence , Alexandra Ernst
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Limes, 14.11.2016
ISBN 9783809026341
Genre: Romane

Rezension:

Gavin Extence dürfte vielen von euch durch seinen Überraschungserfolg „Das unerhörte Leben des Alex Woods“ ein Begriff sein. „Libellen im Kopf“ ist nun seit zweiter Roman, der erst kürzlich auf Deutsch erschienen ist.

Mit „Libellen im Kopf“ behält Extence zwar die Grundthemen seines ersten Buches bei: Liebe, Freundschaft, Vertrauen, Tod und Krankheit, aber dennoch erzählt er eine neue, sehr authentische und durchaus mit Humor versehene Geschichte über Abby, die an einer bipolaren Störung leidet und damit nicht nur ihr eigenes Leben auf den Kopf stellt.

Abby ist Mitte zwanzig und lebt mit ihrem Freund Beck zusammen, sie hat ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter. Zu ihrer Schwester und ihrem Vater dafür eher weniger, denn der hat ihre Mutter bilderbuchhaft für ein jüngeres Model verlassen und ihre Schwester nach Abbys Empfinden immer bevorzugt behandelt. Abby arbeitet als freie Journalistin, ist demnach nicht gerade reich, aber eigentlich glücklich. Wären da nicht die kleinen Libellen in ihrem Kopf, die immer mal wieder raus wollen, um sich auszutoben. Als Abby ihren Nachbarn Simon tot in dessen Wohnung vorfindet, wird scheinbar eine neue manische Episode ausgelöst. Sie kann nicht mehr schlafen, steigert sich in eine fixe Idee für einen neuen Artikel hinein, wirft ihr Geld zum Fenster raus (z.B. für ein überteuertes Designerkleid, mit dem sie durch die Stadt spaziert) und steuert langsam, aber stetig auf eine Katastrophe zu. Als sie schreiend in einem Hotelzimmer zusammenbricht gibt es nur noch einen Ausweg: Die Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik. Wie geht es nun mit Abby weiter?

Einfühlsam, authentisch, aber kaum rührselig schreibt Extence davon, wie es ist, wenn die Libellen im Kopf das Steuer übernehmen. Der Roman wird aus Abbys Perspektive geschildert, die einem auf Anhieb sympathisch ist, auch wenn sie wirklich merkwürdige Dinge macht, über die man nur den Kopf schütteln kann. Die Geschichte nimmt rasch an Fahrt auf und lässt dem Leser keine Zeit für Langeweile. Mal abgesehen von den letzten Seiten, die ziehen sich dann doch etwas. Gavin Extence schafft es aufgrund seiner Mischung aus Authentizität und Humor, eine prinzipiell traurige Geschichte (denn sind das Geschichten über Krankheit nicht eigentlich immer?) gerade nicht so wirken zu lassen. Das ist schon eine Kunst, denn viele Bücher und Geschichten über Krankheiten, egal welcher Art, sind einfach nur furchtbar kitschig und realitätsfern geschrieben. Das ist das Schöne an „Libellen im Kopf“, es ist, bis auf den Schluss, absolut echt und nachvollziehbar in der Beschreibung. Einige Gegebenheiten wirken zwar etwas überzogen, hätten aber durchaus so stattfinden können. Lediglich der Schluss bzw. die letzten vierzig Seiten haben mir persönlich nicht ganz so zugesagt, denn man merkt hier, dass der Autor zu einem guten Ende kommen möchte und so fügt sich alles etwas zu passend zusammen. Das ist aber nur ein kleiner Minuspunkt. Von mir bekommt „Libellen im Kopf“ eine klare Leseempfehlung für alle, die gerne eine authentisch geschriebene, durchaus humorvolle Geschichte lesen möchten, die ohne Mitleid auskommt.

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89 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 23 Rezensionen

roman, erika swyler, das geheimnis der schwimmerin, meerjungfrau, familie

Das Geheimnis der Schwimmerin

Erika Swyler , Werner Löcher-Lawrence
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Limes, 17.10.2016
ISBN 9783809026488
Genre: Romane

Rezension:

In „Das Geheimnis der Schwimmerin“ geht es um Simon Watson,  Bibliothekar, der ganz alleine in einem alten, sich dem Zerfall nahenden, Haus an der Küste Long Islands lebt. Seine Eltern sind bereits verstorben, die Mutter hat Selbstmord begangen, der Vater starb aus Kummer darüber und Simons einzige Schwester, Enola, reist mit einem Wanderzirkus durchs Land. Auch in der Liebe scheint es nicht so recht klappen zu wollen, denn das er mit Alice, Arbeitskollegin und Tochter des ehemals besten Freundes seiner Eltern, Frank, zusammen ist, sollte besser niemand erfahren. Als er dann noch die Kündigung erhält, ist das bloß noch eine Zugabe nach der Zugabe. Gut, dass er sich mit dem alten, mysteriösen (Tage-)Buch ablenken kann, welches ihm ein kauziger Buchhändler hat zukommen lassen. In diesem besagten Buch stößt Simon auf merkwürdige Zusammenhänge seiner Vergangenheit und Familie betreffend. Eine besondere Gabe, unnatürlich lange unter Wasser atmen zu können, scheint in der Familie zu liegen. Und nicht nur das. Scheinbar sterben alle Frauen aus Simons Familie exakt am 24. Juli. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich Simon um seine Schwester sorgt, die ihm nach langer Zeit mal wieder einen Besuch abstattet und alles andere als gesund wirkt. Was hat es mit diesem Buch auf sich? Und wird Simon Enola und das marode Haus, das einzige Erbstück seiner Eltern, retten können?

Die Geschichte besteht aus zwei Erzählsträngen. In der Gegenwart berichtet Simon aus seiner eigenen Perspektive von seinem Leben und den Schwierigkeiten darin und von einem alten Tagebuch, was mehr über seine Vergangenheit und seine Familie zu wissen scheint, als irgendjemand sonst. In der Vergangenheit berichtet ein allwissender Erzähler von all den Figuren, die in eben jenem Buch vorkommen: Peabody, Amos, Evangeline, Madame Ryschkowa und all den anderen Schaustellern. Was genau sie nun mit Simon selbst, Enola, Alice, Frank und dem Buchhändler, dem Simon das Tagebuch zu verdanken hat, zu tun haben, findet sich im Verlauf der Geschichte. Jedoch ist eigentlich relativ schnell klar, worum es geht. Die Spannung wird insofern noch aufrecht erhalten, dass man sich als Leser fragt, ob es Simon schafft, Enola zu retten. Eine wirkliche Überraschung ist nicht mehr zu erwarten.

Was ein wenig verwirrend ist und was mir persönlich weniger gut gefallen hat, ist die Darstellung der unterschiedlichen Probleme, mit denen Simon zu kämpfen hat. Er hat das marode Haus, um das er sich kümmern muss, für das er aber kein Geld hat, weil er seinen Job verloren hat. Er möchte mit Alice zusammen sein, kann es aber nicht, weil er sich erhofft von ihrem Vater das Geld für die Instandsetzung des Hauses zu bekommen. Er muss sich um Enola kümmern, die krank zu sein scheint, weil dieser spezielle Tag naht. Und dann hat er auch noch dieses merkwürdige Buch, das mehr Fragen als Antworten aufwirft. Wenn ich das jetzt hier so aufliste, klingt alles ganz schlüssig und verständlich, aber im Verlauf der Handlung wird mal von dem Problem berichtet, dann wieder von dem und irgendwie scheint Simon unfähig sich darum wirklich ernsthaft zu kümmern. Daher wird mir Simon als Hauptfigur nicht wirklich sympathisch und seine Handlungen finde ich teilweise überhaupt nicht nachvollziehbar. Generell bleibt vieles in der Gegenwartshandlung ungeklärt und auch wenn sich herausstellt, dass das Buch fantastische Elemente enthält, so werden diese auch nicht (jedenfalls mir nicht) vollends nachvollziehbar dargelegt. Sprachlich ist der Teil in Ordnung, man hat aber immer mal das Gefühl, dass die Autorin ihren Stil noch nicht ganz gefunden hat. Mal fällt ihre Wortwahl eher konservativ aus, dann wieder humorvoll modern. Im Kontrast dazu steht die Handlung in der Vergangenheit, die sowohl sprachlich als auch erzählerisch geglückt ist. Wäre die Geschichte nur in dieser Perspektive erzählt worden, hätte ich es großartig gefunden. Da ist (für mich) alles soweit schlüssig und verständlich und es macht Spaß, diese Abschnitte zu lesen sowie die Figuren zu begleiten. Wäre die Erzählung in der Vergangenheit weiter ausgebaut worden, dann wäre auch das Mysteriöse glaubwürdiger. So aber leider nicht. Ich verstehe schon, warum die Autorin zwei Erzählstränge gewählt hat, das macht ja auch Sinn, aber dann hätte das sowohl sprachlich als auch inhaltlich besser harmonisieren müssen. So holpert es einfach ein wenig. Meiner Meinung nach wirft die Erzählung letzten Endes doch zu viele Fragen auf, nicht im Hinblick darauf, was passiert, sondern wie es soweit kommen konnte.

Abschließend kann ich sagen, dass ich das Buch zum Teil gerne gelesen habe, zum Teil aber auch nicht. Vielleicht waren meine Erwartungen auch etwas zu hoch, ich weiß es nicht. Jedenfalls bin ich davon überzeugt, dass Erika Swyler Potential hat, wenn sie denn in einer erzählerischen Linie bleibt – oder es so hinbekommt, dass beide Erzählstränge im Einklang miteinander sind.

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15 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

verfolgung, hörbuch, paranoia, schreiben, identitätsverlust

Nach einer wahren Geschichte

Delphine de Vigan , Doris Heinemann , Martina Gedeck
Audio CD
Erschienen bei Random House Audio, 22.08.2016
ISBN 9783837136418
Genre: Romane

Rezension:

Delphine de Vigans neuester Roman „Nach einer wahren Geschichte“ lässt den Leser bzw. Hörer an die Grenzen von Wahrheit und Fiktion gehen bis beides verschwimmt und nicht mehr klar auszumachen ist: Was ist echt und was nicht?


In „Nach einer wahren Geschichte“ trifft die angesehene Schriftstellerin Delphine auf die Ghostwriterin L. Beinahe sofort entsteht eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden. Sie tauschen sich aus, fühlen einander verbunden. Sie führen Diskussionen über den Wahrheitsgehalt von Geschichten. L. ist der Ansicht, dass Geschichten immer wahr sein müssten. Das irritiert Delphine und lässt sie an sich zweifeln. So sehr, dass sie in eine schwerwiegende Schaffenskrise gerät, in der ihr kein Text mehr gelingen will, ja, es sogar soweit geht, dass sie nicht einmal mehr ihren Computer anschalten kann, um einfache Mails zu beantworten. Da ist L. zur Stelle. Sie hört ihr nicht nur zu und versteht sie, sondern hilft ihr auch, indem sie ihr viele Dinge im Haushalt, aber auch ihrer künstlerischen Tätigkeit abnimmt. Sie beantwortet Mails, sagt Interviews ab und bittet den Verlag um zeitlichen Aufschub. Delphine ist erleichtert und sieht in L. eine Verbündete, wie es ihre bisherigen Freunde und Freundinnen nie waren. L. fasziniert sie. L. ist immer da. L. kann sie vertrauen und L. kennt sie besser als Delphine sich selbst, aber irgendetwas ist da, was sie stört, was ihr merkwürdig vorkommt. Ist L. die eine Person, der sie vertrauen kann?


Martina Gedeck verleiht Delphine eine ausdrucksvolle Stimme, wodurch die Lesung an Kraft und Stärke und die Personen an Authentizität gewinnen. Die ruhige, aber doch bestimmende Tonart der Sprecherin unterstreicht den Inhalt und die Aussage des Buches auf gekonnte Art und Weise, weshalb ich es nicht bereue, mich für die Hörbuchversion entschieden zu haben.

Der Roman selbst kommt ohne Ausschmückungen daher, ist klar und präzise erzählt, wenn nicht sogar ein wenig unterkühlt. Dennoch handelt es sich um einen Psychothriller, den man so schnell nicht mehr vergisst. Es sind die Kleinigkeiten im Geschehen, die auf den Leser/Hörer bedrückend und mitreißend zugleich wirken. Zum Beispiel der Name, L., der nie im Ganzen genannt wird und ihr dadurch eine Art mystischen, unnahbaren, aber doch interessanten Charakter verleiht. Bis zum Schluss und vielleicht sogar darüber hinaus wird eine beinahe unerträgliche Spannung aufgebaut und aufrechterhalten, die einen letzten Endes an allem Zweifeln lässt. Was ist Wahrheit, was ist Fiktion? Diese Frage lässt sich auch nach Beendigung des Buches nicht beantworten, das ist aber auch gar nicht gewollt. Vielmehr hat die „wahre“ Geschichte die Intension den Leser etwas verwirrt, aber vor allem nachdenklich zu hinterlassen. Er soll sich fragen, ist die Geschichte wahr oder ist sie es nicht? Das ist de Vigan auf höchst unspektakuläre, aber sehr intensive Art und Weise gelungen. Man wird sich noch lange fragen: Spricht sie von sich selbst oder ist es doch bloß Fiktion?

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55 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 19 Rezensionen

hogarth shakespeare, shakespeare, jeanette winterson, der weite raum der zeit, das wintermärchen

Der weite Raum der Zeit

Jeanette Winterson , Sabine Schwenk
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Knaus, 11.04.2016
ISBN 9783813506730
Genre: Romane

Rezension:

„Der weite Raum der Zeit“ von Jeanette Winterson ist Teil der Hogarth Shakespeare Reihe, bei der anlässlich des 400. Todestags Shakespeares acht seiner Werke von bekannten Autoren/Autorinnen neu erzählt werden. Da ich ‚Hag-Seed‘ von Margaret Atwood (erscheint in Deutschland im Frühjahr 2017) erst kürzlich gelesen und besprochen habe, war ich ziemlich neugierig, wie Winterson Shakespeares „Das Wintermärchen“ umsetzt. Schon vorab: Bei beiden Autorinnen erkennt man deutlich den eigenen Stil, der raffiniert mit der Originalerzählung verwoben ist. Das macht die Neuerzählungen sowohl für Shakespeare-Fans als auch Nicht-Fans zu einem Lesevergnügen der besonderen Art.

In „Der weite Raum der Zeit“ geht es um den cholerischen Leo (=Leontes), der rasend eifersüchtig auf seine hochschwangere Frau MiMi (=Hermione) und seinen alten Freund Xenos (=Polixenes) ist. Leo redet sich ein, dass MiMi und Xenos eine Affäre hätten und lässt dabei alle Vernunft an sich abprallen, denn er sieht Beweise für diese, wo keine sind. Daher glaubt er auch nicht, dass das Kind von ihm ist und verstößt es. Das Kind, Perdita, wird von Shep (=dem Schäfer vom engl. ’shepherd‘) und dessen Sohn Clo in einer Babyklappe gefunden. Als Perdita erwachsen ist, verliebt sie sich, ausgerechnet in den Sohn Xenos. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, Leo zu suchen, um das Geheimnis um Perditas Vergangenheit und somit ihrer Herkunft zu lüften.

In drei Teilen, dem Vorbild nachempfunden, erzählt Jeanette Winterson eine rasante Geschichte, die nah am Original, aber doch sehr viel moderner und unglaublich temporeich ist. Sie versucht im Fließtext eines Romans das Tempo eines Bühnenstücks wiederzugeben und das gelingt ihr außerordentlich gut, auch wenn es teilweise so rasant ist, dass man manchmal nicht mehr weiß, wo man sich gerade befindet. Ihre Sprache ist modern, manchmal leicht vulgär und sehr knapp und präzise, wodurch sie der Geschichte noch mehr Tempo verleiht.

Besonders gefallen haben mir der Wortwitz und der äußerst trockene Humor. Auch gut gewählt ist der Einstieg, der mit einer sehr knappen, aber gelungenen Zusammenfassung des Originals daherkommt. (Da kann man dann auch immer mal nachsehen und vergleichen.) Winterson bleibt nicht nur inhaltlich relativ nah am Original, sondern auch mit den Namen der Figuren. Das macht es umso einfacher, ein eigentlich komplexes Stück zu verstehen.

Mir persönlich war es an ein paar Stellen, wie bereits erwähnt, ein wenig zu schnell und sprunghaft. Dennoch ist „Der weite Raum der Zeit“ ein äußerst gelungener, moderner Roman über Liebe, Eifersucht, Neid, Missgunst, dem allgegenwärtigen Drang sich selbst zu zerstören und letzten Endes der Vergebung. Shakespeare hätte mit Sicherheit seine Freude daran gehabt. Vielleicht wäre er aber auch rasend vor Eifersucht geworden. Wer weiß?

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20er jahre, krimi, btb, thriller

Die Frau an der Schreibmaschine

Suzanne Rindell , Beate Brammertz
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei btb, 11.10.2016
ISBN 9783442748877
Genre: Romane

Rezension:

„Die Frau an der Schreibmaschine“ ist Suzanne Rindells erster Roman und ein sprachlich ausgereiftes, mit raffinierten Wendungen versehenes Debüt.

Wir befinden uns im New York der wilden 20er Jahre, das von Prohibition, rasanten Partys, mutigen Frauen und einer Welt im Wandel dominiert wird. Rose arbeitet als Stenotypistin bei der New Yorker Polizei und ist dadurch so manches gewohnt. Nichtsdestotrotz gehört sie eher dem Typ braves und naives Kleinstadtmädchen an und hat so gar keine Erfahrungen, was das New Yorker (Nacht)leben der Roaring Twenties betrifft. Bis eines Tages Odalie auftaucht und sich als ihre neue Kollegin vorstellt. Rose ist sofort beeindruckt von Odalies glamourösem und selbstbewusstem Auftreten, welches nicht gegensätzlicher zu ihrem eigenen hätte sein können. Odalie nimmt Rose mit in eben jenes Nachtleben und diese ist wie berauscht und bricht Stück für Stück mit ihren alten Gewohnheiten. Es entwickelt sich eine Freundschaft, schon fast eine Obsession, denn Rose sieht in Odalie eine Leitfigur, die sie zugleich bewundert und abstößt. Doch wer war Odalie wirklich und wer gibt sie vor, zu sein? Immer öfter treten Personen aus Odalies Vergangenheit auf, die Rose an deren Identität zweifeln lassen und immer mehr gerät Rose in einen Strudel aus Geheimnissen und Lügen, bis sich alles in einer verzweifelten Nacht entlädt.


Zugegeben, ich brauchte einige Zeit, um mich an den Schreibstil zu gewöhnen, der sehr nah an das zeitliche Geschehen angelehnt ist und stark an Romane aus den 20ern erinnern soll. Das ist Rindell zum Teil auch sehr gut gelungen, man fühlt sich in der Zeit zurückversetzt und spürt förmlich die Atmosphäre der Roaring Twenties aus dem Buch aufsteigen. Doch manches Mal wirkt dies wiederum zu stark aufgesetzt und stoppt den Lesefluss, zumal ihre Sätze oft sehr lang und sehr verschachtelt sind.

Die Geschichte wird recht kühl und distanziert aus der Perspektive Roses erzählt, die sich mittlerweile in einer 'Nervenheilanstalt' befindet und von dort aus rückblickend auf das Geschehene schaut (hier wird Rindells Bewunderung für Fitzgeralds 'The Great Gatsby' deutlich). Auch wenn der Leser, von Rose angesprochen, direkt mit einbezogen wird, erschwert diese Emotionslosigkeit es ihm, Sympathien zu den Figuren aufzubauen. Vermutlich ist das von der Autorin gewollt, als Leser eher Antipathie als Sympathie zu empfinden, aber doch fiel es mir dadurch schwer, eine Bindung zu dem Buch aufzubauen, was ich als sehr schade empfinde. Rindell schafft es zwar immer wieder die Spannung zu erhöhen, indem sie Rose vorgreifen lässt (à la 'ich hätte es wissen müssen'), weshalb das Buch bis zur letzten Wendung ein Pageturner bleibt, aber doch habe ich den mitreißenden Faktor vermisst, den man nur erreichen kann, wenn man mit einer Figur mitfiebert und mitleidet. Auf den letzten 80 Seiten hat mich das Buch dann aber doch stark mitgerissen, da wirklich so einiges passiert, was ich nicht erwartet hätte. Das überraschende Ende und die psychologischen Kniffe und Wendungen sind es, die mir an dem Buch am meisten gefallen haben. Leider hat es dennoch meine Erwartungen nicht ganz erfüllen können, was zum größten Teil daran liegt, dass man sich meiner Meinung nach einfach nicht mit einem F. Scott Fitzgerald messen kann. Dagegen stumpft jeder Versuch ab, auch nur etwas ähnlich sein zu wollen. Trotzdem ist es ein gelungenes Debüt, vor allem für Liebhaber raffinierter Geschichten und der Roaring Twenties. 3,5 von 5 Sternen.

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32 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

japan, niederlande, prozess, 2.wk, kees beijnum

Die Zerbrechlichkeit der Welt

Kees Beijnum , Hanni Ehlers
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 03.10.2016
ISBN 9783570102817
Genre: Romane

Rezension:

„Die Zerbrechlichkeit der Welt“ lautet der Titel des neuesten Romans von Kees van Beijnum, welcher zu den bekanntesten Autoren der Niederlande zählt und bisher elf Romane veröffentlicht hat. Für mich war es das erste Werk von ihm, wovon ich höchst angetan bin. Aber ich verrate schon zu viel.

Mit „Die Zerbrechlichkeit der Welt“ entführt uns van Beijnum ins Tokio der Nachkriegszeit, 1946. Japan ist zerrüttet, zerstört, die Menschen hungern, kämpfen um ihr Überleben und sind gleichzeitig mutig und voller Kraft und Tatendrang, ihr Land wiederaufzubauen. Mittendrin: Der Niederländer Rem Brink, der als Richter im internationalen Tribunal japanische Kriegsverbrecher verurteilen soll. Ihm geht es allerdings weniger um das Verurteilen selbst als um einen fairen Prozess, womit er bei seinen Kollegen auf Unverständnis stößt. Immer öfter sucht er Zerstreuung im Tokioter Nachtleben und trifft dort auf die junge Sängerin Michiko. Zwischen beiden entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte. Doch Brink befindet sich im Zwiespalt zwischen Michiko, die ihm ein völlig neues Gefühl seiner selbst gibt und seinem alten, geregelten Leben als Ehemann und Vater dreier Kinder in Europa. Er steckt in einer Art Identitätskrise zwischen den Werten seines europäischen Lebens und denen Japans fest. Auch Michiko hat zu kämpfen, denn als stolze und traditionsbewusste Japanerin fällt es ihr ebenfalls nicht leicht mit dem Widerstand, auf den ihre Affäre trifft, umzugehen. Als der Cousin Michikos, Hideki, der als Kriegsinvalide gleichermaßen eine Identitätskrise zu bewältigen hat, auf die Hilfe des Richters angewiesen ist, muss dieser eine Entscheidung zwischen seiner beruflichen Ehre und seinen Gefühlen zu Michiko treffen.


In drei Teilen erzählt die „Zerbrechlichkeit der Welt“ abwechselnd aus der Perspektive der drei Hauptpersonen, Brink, Michiko und Hideki. Die Geschichte wird ruhig und sehr atmosphärisch beschrieben und manchmal ist man als Leser erstaunt, was für wunderschöne, bildhafte und gleichzeitig hauchzarte Worte der Autor für zum Teil ganz einfache Begebenheiten findet.

In den einzelnen Kapiteln begleitet der Leser jeweils eine der Hauptfiguren und verfolgt so das Geschehen der Reihe nach, aber immer wieder aus einem anderen Blickwinkel heraus. Nicht allen Autoren gelingt der Übergang von einem Kapitel zum nächsten und einer Figur zur nächsten so fließend wie Kees van Beijnum. Denn auch wenn sich die Figuren an ganz anderen Orten und in ganz anderen Situationen befinden, schafft er es doch immer, eine Verbindung zwischen ihnen herzustellen und oft fügen sich der jeweils letzte und erste Satz der aufeinanderfolgenden Kapitel so zusammen, dass sie an Übergange in einem Kinofilm denken lassen.


„Die Zerbrechlichkeit der Welt“ erzählt keine romantische, „verzärtelte“ Liebesgeschichte, sondern vielmehr von einem Land im Umbruch, in der die Personen aufgrund unterschiedlicher Schicksale und Erfahrungen mit ihrer eigenen Identität zu kämpfen haben. Fast jeder hat etwas oder jemanden verloren, es herrscht Unverständnis, Egoismus und Korruption und inmitten all dieser Wirrnisse und Missstände schreitet das Leben unbarmherzig voran. Der Roman schildert eindrücklich, was ein Mensch zu geben bereit ist, auch wenn er am Abgrund steht. Besonders Michiko und Hideki müssen einiges erdulden und zeigen dennoch bewundernswert viel Stärke und Mut.

Auch wenn „Die Zerbrechlichkeit der Welt“ an ein paar Stellen Längen aufweist, in denen viel erzählt wird, was man sicher auch hätte kürzer verfassen können, hat mich das Buch sehr positiv überrascht. Besonders der Ton und die klare Eleganz mit denen der Autor auch trostlose Situationen auf wundersam schöne Art und Weise beschreibt, haben mich begeistert. „Die Zerbrechlichkeit der Welt“ trägt den Leser bis zum letzten Satz durch das Japan der Nachkriegszeit und hinterlässt eine gewisse angenehme Melancholie diesen Ort und die Figuren verlassen zu müssen.

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