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41 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

zitate, george rr martin, weisheiten, witz und weisheiten des tyrion lennister, tyrion lannister

Witz und Weisheiten des Tyrion Lennister

George R.R. Martin , Andreas Helweg , Jörn Ingwersen
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Penhaligon, 27.03.2017
ISBN 9783764531577
Genre: Sachbücher

Rezension:


Tyrion Lennister ist das dritte und jüngste Kind von Lord Tywin Lennister und Lady Joanna von Casterlystein. Er ist kleinwüchsig, weshalb man ihn häufig Gnom oder Halbmann nennt und er ist der wohl beliebteste und berühmteste Charakter aus George R. R. Martins Buchreihe „Das Lied von Eis und Feuer“, die als englischen Originaltitel und verfilmt den Namen „Game of Thrones“ trägt. Tyrion ist bekannt für seine spitze Zunge, seinen beißenden Sarkasmus und seinen gnadenlosen Spott. Sein Witz und seine Weisheiten sind in diesem knapp 160 Seiten starken Büchlein zu finden.


Jeweils eine Seite ist jedem seiner teils witzigen und teils weisen Aussprüche gewidmet. Unterteilt sind diese in folgende Kapitel:


– Über das Leben als Zwerg
– Über die Macht der Worte
– Über die Liebe
– Über Familienwerte
– Über das Menschsein
– Über Musik
– Über Essen und Trinken
– Über das Königtum
– Über Realpolitik
– Über die Kriegskunst
– Über die Kunst, die eigene Haut zu retten
– Über die Kunst des Lügens
– Über Drachen und andere Mythen
– Über Religion


Aufgelockert wird das ganze durch einige zum Thema passende Tuschezeichnungen, die den Gnom humorvoll in Szene setzen.


Ob man beim Lesen das gleiche Vergnügen empfindet, wenn man lediglich die Bücher kennt, kann ich nicht beurteilen, da ich bislang nur die ersten beiden Bände von „Das Lied von Eis und Feuer“ gelesen habe. Als bekennender Fan der Serie „Game of Thrones“ sehe ich jedoch beim lesen Peter Dinklage in der Rolle des Tyrion Lennister vor meinem inneren Auge und konnte doch über so einiges mit und über den sympathischen Zwerg schmunzeln. Und genau das macht auch für mich den Reiz dieses Buches aus.


Es handelt sich hierbei nicht um Lebensweisheiten, die sich auf das tägliche Leben übertragen ließen, sondern tatsächlich um die Weisheiten des fiktiven Charakters Tyrion Lennister. Als solches sind sie zwar nicht von persönlichem Nutzen, aber sie machen stellenweise einfach Spaß. So handelt es sich hierbei um ein Buch, das man zwar nicht unbedingt haben muss, aber als Fan vielleicht haben möchte um sich die Wartezeit bis zur nächsten Staffel „Game of Thrones“ mit dem unvergleichlichen Halbmann zu versüßen.

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

bepflanzung, balkon, pflanzen

Balkon für Faule

Ursula Kopp
Fester Einband
Erschienen bei Bassermann, 27.03.2017
ISBN 9783809437703
Genre: Sachbücher

Rezension:


Es ist Frühling. Die Sonne zeigt sich immer öfter und gewinnt zunehmend an Kraft. Es zieht mich hinaus ins Grüne – oder auf den Balkon. Und immer dann, wenn ich dort gerade nicht meine Nase in Bücher stecke, bietet sich mir dort ein trostloses Bild: Grauer Beton und mittendrin am Rand ein ebenso grauer fest eingemauerter Betonblumenkasten, in dem stolz ein total verholzter Rosmarin die noch zurückhaltend hervorsprießenden winterharten Kücherkräuter vom letzten Jahr überragt. An einer Seite des Balkons dümpelt Efeu an einem Rankgitter vor sich hin und gleich daneben steht noch ein großer Topf mit einer Clematis, die zwar seit mehreren Jahren meine Erwartungen nicht erfüllt, die ich aber dennoch nicht gänzlich aufgegeben habe. Und das alles, obwohl ich schon mal vor einigen Jahren einen eigenen Garten hatte, der mir viel Freude bereitet hat. Doch mein knapp vier Quadratmeter großes Balkonien ist floristisches Ödland.


Ich habe beschlossen, dass sich das in diesem Jahr ändern soll. Meine kleine Eukalyptusbank benötigt eine frische Ölung und für den Betonboden habe ich bereits Holzfliesen ins Auge gefasst. Das wäre dann auch der einfache Teil meines Vorhabens. Bei der Begrünung soll mir Ursula Kopp mit ihrem Buch „Balkon für Faule – Ganzjährig grün mit winterharten Pflanzen“ weiter helfen.


Wie viele andere Balkongärtner, so scheue auch ich einen hohen Pflegeaufwand und wünsche mir eine dauerhafte Bepflanzung mit natürlicher Wirkung, die möglichst über viele Jahre hinweg hält und vom Frühjahr bis zum Winter etwas zu bieten hat. Der Klappentext verspricht mir genau das und ich wage gespannt einen Blick ins Buch, das in folgende Kapitel unterteilt ist:


– Die richtige Planung
– Pflanzenauswahl und Kauf
– Den Ganzjahresbalkon pfanzen und pflegen
– Mit Zwerggehölzen gestalten
– Winterharte Balkonpflanzen im Portrait
– Arten- und Sachregister


Dabei geht es unter anderem um Dinge, wie den richtigen Standort, Wasserversorgung, Gefäße, Substrat, Düngen und Winterschutz. Aber auch die Frage nach dem Gewicht, das ein Balkon tragen kann bleibt nicht unberücksichtigt. Die für mich so wichtigen und wertvollen Kräuter werden ebenfalls thematisiert. Die Gestaltung mit Zwerggehölzen gefällt mir richtig gut und bei den vielen wunderschönen Fotos von Pflanzbeispielen kann ich mich derzeit noch kaum entscheiden, in welche Richtung genau die Bepflanzung meines Balkons gehen soll. Gefallen hat mir, dass einige der winterharten Balkonpflanzen gegen Ende des Buches nicht nur bildlich dargestellt sind, sondern außerdem eine genauere Beschreibung des Aussehens, des bevorzugten Standorts und einige Pflegetipps angegeben sind. Auch die enthaltenen Listen über schwachwüchsige Nadel- und Laubgehölze, winterharte Stauden und Zwiebelblumen und von Balkonblumen mit ihren Blütezeiten finde ich hilfreich.


Für jemanden, der keine tiefschürfenden Kenntnisse über Pflanzen und übers Gärtnern hat, seine Sehnsucht nach einem Stück Natur auf dem eigenen Balkon aber dennoch erfüllen möchte, hat dieses Buch für den Anfang nicht nur vielerlei Wissenswertes zu bieten, sondern enthält auch mit zahlreichen geschmackvollen Pflanzbeispielen jede Menge Anregungen um dies umzusetzen. Dieses Buch ist mir hinsichtlich des geplanten pflegeleichten Ganzjahresbalkons eine große Hilfe und ich konnte nicht umhin und habe mir bereits im Gartencenter einige Pflänzchen genauer angesehen. Es kann losgehen :)

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66 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 35 Rezensionen

liebe, alter, einsamkeit, roman, vorablesen

Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf , Pociao
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 22.03.2017
ISBN 9783257069860
Genre: Romane

Rezension:


Eines Tages klingelt Addie, eine Witwe von 70 Jahren, bei ihrem Nachbarn Louis, der seit dem Tod seiner Frau ebenfalls allein lebt. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte?


„Es geht nicht um Sex.[…] Ich spreche davon, die Nacht zu überstehen. Es gemütlich und warm zu haben. Zusammen im Bett zu liegen, die ganze Nacht. Die Nächte sind am schlimmsten. Findest du nicht?“ (S. 10)


Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie schon kurz darauf Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihre Leben.


Ebenso wie beiden Protagonisten sich gegenseitig, lernt man als Leser die beiden Charaktere nach und nach immer besser kennen. In ihren rund 70 Lebensjahren haben die beiden vieles erlebt und als Nachbarn haben sich ihre Wege immer mal wieder von Zeit zu Zeit gekreuzt. Mit ihrer sympathischen ruhigen und manchmal auch erfrischenden Art strahlen die beiden eine Gelassenheit aus, die sie immer mehr zusammenwachsen lässt und schaffen es auch, Addies Enkel in seinen Ferien die Geborgenheit zu geben, die er nach den ständigen Streitigkeiten seiner Eltern so dringend braucht. Man gönnt Addie und Louis einfach, dass sie zueinander finden und wünscht ihnen aufrichtig, dass sie ihren Lebensabend gemeinsam miteinander verbringen. Doch leider weckt die Beziehung der beiden zunächst in dem Städtchen und schon bald darauf bei den nächsten Angehörigen Argwohn und Missgunst.


Der Autor schafft lebendige authentisch wirkende Charaktere, die sich ihres Alters bewusst sind und offen die Dinge ansprechen, die sie bewegen. Ungewöhnlich empfand ich in dem Buch, dass die Dialoge nicht durch Anführungszeichen oder Ähnliches gekennzeichnet sind. Dies ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, erzeugt jedoch auch beim lesen die Ruhe und Unaufgeregtheit, mit der Addie und Louis agieren und kennzeichnet die Art, in der diese Geschichte erzählt wird. Und diese ist, auch wenn sie eher von der leisen Sorte ist, keinesfalls langweilig. Eher habe ich mich um dieses ungewöhnliche Paar gesorgt und wollte immer wissen, wie es mit ihnen weiter geht.


Eine Verfilmung dieses Buches mit Jane Fonda und Robert Redford ist in Vorbereitung. Ich könnte mir vorstellen, dass in dieser Besetzung ein durchaus sehenswertes Ergebnis zustande kommt, das ich mir wohl ansehen werde.


„Unsere Seelen bei Nacht“ ist Kent Harufs (1943-2014) letzter Roman und wurde kurz vor seinem Tod in den USA veröffentlicht. Ihm ist damit ein besonderes Buch über spätes Glück gelungen, das mich sehr berührt hat und das ich wärmstens empfehlen kann.

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33 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

geheimnis, familienschicksal, lüge, familiendram, spannung pur

Deadline

Renée Knight , Andreas Jäger
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 16.01.2017
ISBN 9783442485291
Genre: Krimi und Thriller

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11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Warten auf Bojangles

Olivier Bourdeaut , Norma Cassau
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2017
ISBN 9783492057820
Genre: Romane

Rezension:


Georges liebt seine Frau hingebungsvoll. Er nennt sie nicht länger als zwei Tage beim selben Namen, die beiden mixen sich Cocktails, sie tanzen zum einzigen Lied, das auf ihrem Plattenteller laufen darf: Nina Simones ‚Mr. Bojangles‘. Ihr Leben ist ein rauschendes Fest voller Originalität und wahnwitziger Ideen.


„Fahren Sie schneller, sonst holen Ihre Lügen uns noch ein“, rief sie, die Arme aus dem Cabrio nach oben gestreckt.“ (S. 56)


Gemeinsam mit ihrem Sohn machen sie Urlaub in ihrem Wolkenschloss in Spanien; Georges Frau nimmt alle für sich ein, sie ist extravagant und charismatisch.


„Die Wahrheit taugt nichts, dabei war sie diesmal sogar lustiger als jede Lüge…“ (S. 9)


Das lernt der Namenlose Ich-Erzähler des Romans „Warten auf Bojangles“ schon sehr früh und wächst mit der Verrücktheit seiner Eltern in einer Umgebung auf, in der gefeiert wird, wann immer es geht, wo ein skurriller Umgang miteinander herrscht, weil jeder sich Siezt und wo das Leben daraus besteht, sich gegenseitig phantasievolle Geschichten aufzutischen.


Auch aus der Sicht seines Vaters George wird dieser Roman erzählt. Als dieser eines Tages nach Hause kommt, findet er seine Frau völlig verwirrt auf einer Krankentrage vor dem Haus. Mit einer ihrer verrückten Ideen hat sie aus Versehen die Wohnung in Brand gesetzt. Jetzt finden die Ärzte ein eine Diagnose für ihre Verrücktheit.


„Hysterie, Bipolarität, Schizophrenie, die Ärzte hatten sämtliche wissenschaftliche Terminologie aufgefahren, um ihren Wahn in Worten festzuhalten.“ (S. 112)


Und sie haben auch eine Therapie. Doch die würde bedeuten, dass Georges und seine Frau alles verlieren, wofür sie bislang gelebt haben. Und so entführen Vater und Sohn sie kurzerhand nach Spanien, in der Hoffnung, ihr Leben dort wie bisher weiterführen zu können.


„Das Unternehmen Liberty Bojangles war der Tritt in den Arsch der Vernunft, den mein Sohn angeregt hatte. Ich wollte mich nicht damit abfinden, den Roman, der unser Leben war, ohne theatralischen Schlusspunkt zu beenden. Wir mussten doch unserem Sohn ein Ende bieten, das auf der Höhe der Erzählung lag, ein Finale, das es in sich hatte, ein Ende voller Heiterkeit und Gefühle.“ (S. 124)


Traurig und schön zugleich, anmutig leicht und doch tief berührend – „Warten auf Bojangles“ war der Überraschungsbestseller des französichen Bücherjahres, wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Vorausschauend heißt es schon gegen Ende dieses Romans so treffend:


„Verkehrt herum gelogen, richtig herum gelogen, das Buch meines Vaters eroberte die Buchhandlungen auf der ganzen Welt.“ (S. 156)


Mich lässt dieses Buch jedoch zwiespältig zurück. Ich habe den liebevoll verrückten Umgang und die Leichtigkeit, mit der Georges und seine Frau das Leben zu genießen wissen, sehr gemocht. Hier wird man Zeuge einer abgedrehten nicht schnulzigen Liebesgeschichte, die Spaß macht und einem aufgrund der Sprache und der gut gewählten Formulierungen das ein oder andere Schmunzeln entlockt. Doch ab einem gewissen Punkt wurde mir das alles zu viel, weil mein Mutter-Ich überhand nahm und ich nicht damit zurechtkam, dass ihr Junge in verantwortungsloser Umgebung aufwächst, in der Phantasie, Wahrheit und Lüge kaum zu unterscheiden sind. Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los und so konnte ich an diesem Roman bis zum Schluss und erst recht mit dem Schluss keine Freude mehr haben.


Hinsichtlich der manisch-depressiven Erkrankung und der Psychiatrie gibt es in diesem Roman nichts zu erfahren. Man merkt im Gegenteil, dass der Autor hier seiner Phantasie freien Lauf lässt. Als von dieser Krankheit selbst Betroffene möchte ich sogar so weit gehen und ebenfalls Erkrankten von der Lektüre dieses Buches eher abraten, da es unter Umständen triggern könnte.


Wer jedoch eine liebevoll verrückte und traurige Liebesgeschichte lesen möchte und dabei die vorgenannten Punkte ausblenden kann, dem könnte dieses Buch gefallen – den übrigen sei andere Lektüre empfohlen.

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25 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 24 Rezensionen

lebensweisheiten, japan, glück, hundertjährige, héctor garcía

Ikigai: Gesund und glücklich hundert werden

Francesc Miralles , Héctor García (Kirai)
E-Buch Text: 224 Seiten
Erschienen bei Ullstein eBooks, 10.03.2017
ISBN 9783843715607
Genre: Sonstiges

Rezension:


Den Japanern zufolge hat jeder Mensch ein Ikigai. Laut dieses Buches ist das Ikigai das, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen, oder auch ganz einfach: der Sinn des Lebens. Es ist allerdings in uns verborgen, und wir müssen nach ihm forschen. Finden wir unser Ikigai, haben wir die Chance, gesund und glücklich alt zu werden, verspricht der Klappentext.


Das Buchcover finde ich ansprechend und passend gestaltet, da ich in den beiden abgebildeten Fischen Koi Karpfen zu erkennen meine. Diese verbildlichen die fest in der japanischen Kultur verankerten Werte Stärke, Ausdauer und Strebsamkeit. Doch auch Reichtum, Glück und Erfolg lassen sich damit assoziieren. Somit unterstreichen diese symbolisch den Weg, um „Gesund und glücklich hundert werden“.


Der Beginn jedes neuen Kapitels wird mit einer zarten stilistisch schön umgesetzten schwarz-weiß Zeichnung der beiden Fische des Buchcovers eingeleitet. Die Kapitel selbst, setzen sich wie folgt zusammen:


1. Die Philosophie des Ikigai – Die Kunst zu altern und dennoch jung zu bleiben.
2. Alltagsfaktoren, die einen langen, angenehmen Lebensweg begünstigen
3. Berichte der ältesten Menschen aus Ost und West
4. Wie wichtig es ist, einen Lebenssinn zu finden, um länger und besser zu leben
5. Wie man Arbeit und Freizeit zu einem Raum des Wachsens macht
6. Traditionen und Maximen aus Ogimi, Schlüssel zu einem langen, glücklichen Leben
7. Was essen und trinken die ältesten Menschen der Welt?
8. Sanfte körperliche Aktivität für ein längeres Leben
9. Wie man Probleme und Veränderungen im Leben bewältigt, ohne durch Stress und Sorgen zu altern


Schaubilder und die zeichnerische Abbildung von Bewegungsabläufen verbildlichen und verdeutlichen einzelne Themen dieses Buches.


Zur Orientierung und als Vorbild haben die Autoren die Einwohner der japanischen Insel Okinawa befragt. Dort leben die meisten Hundertjährigen, die uns hier jeder ihr eigenes Geheimnis eines langen Lebens verraten. Dies fand ich auch wirklich interessant und habe sehr gerne darüber gelesen. Der Schreibstil ist flüssig und die Themen sind aufschlussreich beschrieben.


Nicht passend übersetzt fand ich in diesem Buch den Begriff Ikigai, der besonders zu Beginn des Buches leider inflationär eingesetzt wird. Der Sinn des Lebens scheint mir hier zu hoch gegriffen, begrifflich für mich persönlich zu schwammig und abschreckend. Vielmehr verstehe ich anhand des Buches Ikigai als sinnvolle erfüllende Beschäftigung, die als solches vieles der im Buch angesprochenen Dinge sein kann.


Auch wird gleich in den ersten Abschnitten Arbeit als Ikigai betitelt und der Ruhestand als böses todbringendes Übel. Hier hätte ich mir mehr Tiefgang gewünscht und nicht pauschal für alle Menschen festgelegt, dass die Arbeit der einzige Sinn des Lebens sein kann. Welch fatales Urteil für Menschen, deren Arbeit lediglich zum Broterwerb dient, deren Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt aus welchen Gründen auch immer unerwünscht ist oder die aus gesundheitlichen Gründen keiner Arbeit nachgehen können. Dass stattdessen eine sinnvolle erfüllende Beschäftigung als Ausgleich gefunden werden sollte, damit das Leben lebenswert bleibt, hat mir hier gefehlt.


Da ich mich für die Themen gesunde Ernährung, Flow, positive Psychologie und Resilienz seit längerem interessiere und bereits in Meditation und fernöstlichen Bewegungsübungen erprobt bin, gab es für mich nicht allzu viel Neues zu erfahren. Dennoch war dieses Buch eine schöne grobe Zusammenfassung dieser Themen. Einiges wurde mir wieder ins Gedächtnis gerufen und anderes konnte ich für mich insgeheim abhaken, weil ich es bereits verinnerlicht oder umgesetzt habe.


So hinterlässt das Buch insgesamt ein gutes Gefühl bei mir und ich könnte mir vorstellen, dass Menschen, die noch auf der Suche nach mehr Glück und Zufriedenheit sind, in diesem Ratgeber vielleicht den ein oder anderen Denkanstoß finden können.


Denn wie heißt es in dem Buch eingangs so treffend:


„Nur wenn du aktiv bleibst, wirst du dir wünschen, hundert Jahre zu leben.“ (Japanisches Sprichwort)


Ich versuche erstmal 50 und dann sehen wir weiter :)

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

manesse, sensei, japan, klassiker weltliteratur

Kokoro

Soseki Natsume , Oscar Benl , Oscar Benl
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Manesse, 26.09.2016
ISBN 9783717524182
Genre: Romane

Rezension:


Natsume Soseki (1867–1916) begeisterte sich früh für klassische chinesische Literatur und Haiku-Dichtung. Er studierte englische Literatur, lebte zwei Jahre in London und unterrichtete schließlich an der Kaiserlichen Universität Tokio. Ab 1907 widmete er sich ganz dem Schreiben. Seine Romane gelten als die ersten modernen Werke in japanischer Sprache und der Manesse Verlag wirbt damit, dass „Kokoro“, was so viel wie Gefühl oder Herz bedeutet, Japans meistgelesener Roman ist.


Der Erzähler in den ersten beiden Teilen des Buches ist ein Student, der einen älteren Mann beim Baden am Meer kennen lernt. Der Jüngere wird auf den Älteren aufmerksam, weil dieser offenbar mühelosen Umgang mit einem Europäer pflegt, der sich ebenfalls am Strand aufhält. Er freundet sich mit dem älteren und hochgebildeten, doch offensichtlich unter einem tragischen Schulderlebnis leidenden Mann an, den er „Sensei“ nennt – in Japan eine respektvolle Anrede für einen an Alter und Erfahrung überlegenen Mann von unbezweifelbarer geistiger Autorität. Nach Tokyo zurückgekehrt, sucht der Student den Sensei, der vermögend ist und deshalb keiner Erwerbsarbeit nachgehen muss, öfter zu Hause auf. Doch dieser hält bei aller Freundlichkeit Distanz zu ihm, ähnlich behandelt er seine Frau, die anscheinend mit seinem Geheimnis zu tun hat.


„Die Erinnerung daran, dass man einst vor einem anderen niedergekniet ist, weckt später das Verlangen, den Fuß auf dessen Kopf zu setzen. Um mir diese Schande einmal zu ersparen, möchte ich auf Ihre Verehrung jetzt verzichten. Um nicht eines Tages eine noch viel bittere Einsamkeit ertragen zu müssen, will ich die augenblickliche geduldig auf mich nehmen.“


Der zweite Teil schildert den jungen Mann bei seiner Familie auf dem Land. Der Vater, der sich in seiner provinziellen und sich den Konventionen widerspruchslos fügenden Art von der des Sensei stark unterscheidet, ist schwer krank.


„Nach seiner Auffassung arbeiteten alle wirklich wertvollen Menschen in einer hohen Stellung, und er schien den Schluss zu ziehen, dass der Sensei nirgendwo tätig war, weil er zu nichts taugte.“


Als der Vater schließlich im Sterben liegt, verlässt ihn sein Sohn, weil der Sensei ihm in seinem Brief seinen bevorstehenden Freitod mitgeteilt hat.


Im dritten Teil, in ebendiesem Brief, schildert der Sensei – der im ersten Teil mit den Augen des Studenten betrachtet wurde und im zweiten, wenn auch unsichtbar, stets im Hintergrund zugegen war – dem jungen Mann seine Vergangenheit und gesteht nicht nur eine schwerwiegende Verfehlung seiner Jugend ein.


Die Vereinsamung des Menschen und sein streben nach innerem Frieden ist auch in diesem Roman Natsume Sosekis Thema. Letzteres scheint unerreichbar, weil in der allmählich einsetzenden Zeit der individuellen Entfaltung der Bruch mit den strengen Konventionen nur den familiären Ausschluss und somit die Einsamkeit des modernen Menschen zur Folge haben kann. Deutlich spürbar ist an vielen Stellen im Buch der enorme Druck, der Menschen psychisch zerstört und Suizid als einzige mögliche Lösung darstellt.


Da ich mich bislang nicht eingehend mit der japanischen Kultur beschäftigt habe, sind meine Kenntnisse eher gering und fußen auf einigen wenigen japanischen Büchern und Filmen. Dennoch wollte ich mich auf diesen Roman einlassen, um über eine andere Zeit und einen völlig anderen Kulturkreis zu lesen. Ich habe es nicht bereut – es war für mich ein besonderes Leseerlebnis. Die handelnden Personen blieben mir zwar fremd und ihr Verhalten war für mich nicht immer nachvollziehbar, aber diesen Anspruch hatte ich auch nicht. Vielmehr fühlte ich mich in der Rolle eines Beobachters, der sich in die Sitten und Gebräuche zwar nicht einfühlen, deren Problematik jedoch zu verstehen meinte.


Der Sprachstil dieses japanischen Klassikers ist leicht und flüssig zu lesen. In relativ kurzen Kapiteln wird man durch die drei Teile dieses Buches geführt. Viele japanische Eigennamen wurden beibehalten und mit Fußnoten versehen. Da ich das eBook gelesen habe, hätte ich mir gewünscht, dass mein eReader und/oder das eBook eine Möglichkeit zum bequemen hin- und herspringen zwischen Fußnote und Erläuterung bieten würde. Da dies jedoch fehlt, würde ich eher zum Buch in Papierform raten. Aber selbst wenn man nicht jeden Begriff nachschlagen möchte, mindert es nicht das Leseverständnis, sondern einzig das Vorstellungsvermögen wie ich aus Bequemlichkeit letztlich feststellen konnte.


„Kokoro“ ist zum einen ein Roman, der ein wenig in das traditionsreiche Japan mitnimmt, zum anderen aber auch den inneren Kampf des Menschen dagegen zugunsten seiner individuellen Bedürfnisse aufzeigt. Ein Buch, bei dem es den Protagonisten geholfen hätte, ein wenig mehr miteinander zu reden und das mich wertschätzen lässt, dass ich hier und heute in Deutschland lebe und nicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Japan.

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charlotte salomon

Charlotte

David Foenkinos , Christian Kolb
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Penguin, 14.11.2016
ISBN 9783328100225
Genre: Romane

Rezension:


„Der folgende Roman beruht auf dem Leben der deutschen Malerin Charlotte Salomon. Sie war sechsundzwanzig und schwanger, als sie ermordet wurde. Ihr autobiografisches Werk Leben? Oder Theater ist die Quelle, auf die ich mich hauptsächlich beziehe.“


Dies teilt der Autor mit, bevor er uns einem Roman überlässt, dessen Textgestaltung schon ungewöhnlich ist. Jeder, der meist kurzen Sätze beginnt in einer neuen Zeile, so dass es eher scheint, als habe man hier Lyrik statt eines Romans in Händen. Die fast schon abgehackt wirkende Erzählweise und die im Präsens erzählte Geschichte Charlottes lässt einen beim Lesen zunächst stocken, erzeugt aber nachfolgend immer mehr den Eindruck, als berichte der gelegentlich in der Ich-Form auftauchende Autor in aufgeregter Weise über die ihn stark bewegende Biografie dieser Künstlerin.


„Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?
Welche Form sollte das Ganze annehmen?
Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich verspürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.


Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.“ (S. 73/74)


Und so fliegt man aufgrund des Erzählstils geradezu durch dieses Buch, in dem eindringlich das Leben Charlottes zu einem Roman geformt und gefühlvoll untermalt wird, dabei aber glücklicherweise nicht ins Rührseelige abdriftet. „Das ist mein ganzes Leben“ – mit diesen Worten übergibt Charlotte einem Vertrauten 1942 einen Koffer voller Bilder. Sie erzählen ihre viel zu kurze Geschichte: von der Kindheit im Berlin der 20 Jahre, dem frühen Tod der Mutter, dem Zugang zu Berlins Künstlerkreisen durch die neue Frau des Vaters, dem Studium an der Kunstakademie, dem Leben als Malerin. Und dann: Flucht vor den Nationalsozialisten nach Südfrankreich, Leben im Exil, aber auch Liebe und Hochzeit. Nur ihre Bilder überleben – und damit ihre Geschichte, die David Foenkinos anrührend erzählt. Charlotte ist das Porträt eines verheißungsvollen Lebens, das viel zu früh beendet wurde.


„Charlotte, mon obsession.
Ich habe an den Schauplätzen ihres Lebens gesucht.
Im Traum, in der Wirklichkeit.
Nach den Farben in ihren Bildern.
Mir gefielen die verschiedenen Gesichter von Charlotte, denen ich begegnete.
Es waren viele Gesichter.
Am wichtigsten bleibt für mich jedoch ihr Werk, Leben? Oder Theater?
In dem sie durch den Filter der Kunst auf ihr Leben schaut.
Um ihre Sicht der Dinge zu verzerren.“ (S. 186)


Und so blickt uns auf dem Buchcover ein Ausschnitt aus dem Selbstporträt Charlotte Salomons (Gouache, um 1940) an, das eine gewisse Traurigkeit ausstrahlt und mich ebenso in den Bann zu ziehen vermag, wie der Schreibstil und die Geschichte, die dieser Roman erzählt. Ich mochte das Buch nicht mehr aus der Hand legen und kann es nur wärmstens empfehlen. „Charlotte“ von David Foenkinos ist für mich ein echtes Lesehighlight und wird in meinem Bücherregal einen Ehrenplatz bekommen.

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51 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 41 Rezensionen

krebs, weltreise, roman, leben, überleben

Überleben ist ein guter Anfang

Andrea Ulmer
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 10.02.2017
ISBN 9783548613086
Genre: Romane

Rezension:


Brustkrebs, Metastasen in den Knochen, unheilbar. So lautet die Diagnose von Anja, die Ende 40 ist, als sie sich auf Drängen ihres Mannes einer Selbsthilfegruppe anschließt. Dort pflegen die Frauen einen erfrischend unverkrampften Umgang miteinander und schon bald werden die regelmäßigen Treffen zu Anjas Wochenhighlight. Schließlich plant die 84jährige Sieglinde, das älteste Mitglied der Gruppe, eine Weltreise.


"Sie hat gesagt, dann sitzt man da und hat sich nie was getraut. Aber es passiert einem trotzdem was Schlimmes, und man wird krank. Da hätte man sich genauso gut was trauen können, und es hätte sich zumindest gelohnt." (S. 85)


Doch Sieglinde verstirbt, bevor sie sich auf den Weg machen kann und so beschließen die anderen Gruppenmitglieder an ihrer Stelle die Weltreise anzutreten. Dabei besuchen sie Südfrankreich, besichtigen den Grand Canyon und die Anden, bereisen Australien und Indien und beenden ihren ganz besonderen Selbsterfahrungstrip in Ägypten.


Ein ernstes Thema und bei Anjas Diagnose geht man als Leser davon aus, dass es sich bei diesem Roman um kein fröhliches Buch handeln kann. So haben einzelne Frauen der Selbsthilfegruppe auf der Reise auch tatsächlich mit gesundheitlichen Problemen oder mit Schwierigkeiten der zuhause gebliebenen Familienangehörigen zu kämpfen. Das sind jedoch eher Zwischenspiele in diesem Buch. Die Probleme werden zur Kenntnis genommen, wenn nötig behandelt oder es wird gehandelt und dann geht das Leben weiter. Dabei tauchen gelegentlich auch ernstere Gedanken und Dialoge auf.


"War es das, was der Krebs mit einem machte? Er knapste gar nicht vom hinteren Ende des Lebens ein paar Jahre ab, in denen man sich ohnehin mit allerlei Wehwehchen herumgeschlagen hätte. Er stahl einem die Jahre davor, in denen man sich noch fit und gesund hätte fühlen können, und versetze einen schlagartig in die Wehwehchen-Phase, von der man geglaubt hatte, sie läge noch weit in der Zukunft. Krebs war ein ziemlicher Arsch." (S. 120)


Doch bevor sich beim lesen Betroffenheit einstellen kann, sorgen die Protagonistinnen mit ihrem Humor dafür, dass es mit einem Schmunzeln weiter gehen kann. So herrscht in diesem Roman dauerhaft eine positive Grundstimmung, die einen mit einer nur gelegentlich etwas getrübten Leichtigkeit durchs Buch führt. Dadurch betrübt einen das Buch zwar nicht, aber es berührt auch nicht.


Die Charaktere bleiben eher oberflächlich und klischeehaft, was ich ihnen beim Lesen allerdings nicht so recht übel nehmen konnte, weil ich mir insgeheim wünsche, dass Krebspatientinnen auf die geschilderte Art mit ihrer Erkrankung umgehen können. Auch ist es angenehm zu beobachten, wie sich einige Personen auf dieser Reise weiter entwickeln und die Gruppe noch näher zusammenwächst. 


"Entweder man verbrachte jede freie Minute damit, sich selbst leidzutun, oder man machte halt das Beste aus dem, was man hatte." (S. 265)


Unangenehm und überzogen fand ich hingegen die Darstellung der daheimgebliebenen Familienangehörigen und das übertriebene Geglucke der Frauen dieser Selbsthilfegruppe.


Das Buchcover finde ich optisch zwar ansprechend, aber es scheint mir nicht passend gewählt. Es ist mir für den Inhalt zu verspielt und auf den Bildern scheinen Menschen in einer Altergruppe abgebildet worden zu sein, die mit der des Buches nicht übereinstimmt.


"Überleben ist ein guter Anfang" basiert auf dem Schicksal der Mutter der Autorin. Deren sehr positiver Lebenseinstellung wollte sie in dem Roman ein Denkmal setzen. Ich denke, das ist Andrea Ulmer gelungen auch wenn es sich bei diesem Buch um leichte Unterhaltung ohne allzuviel Tiefgang für zwischendurch handelt.

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334 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 77 Rezensionen

thriller, mord, melanie raabe, die falle, falle

Die Falle

Melanie Raabe
Flexibler Einband: 350 Seiten
Erschienen bei btb, 11.04.2016
ISBN 9783442714179
Genre: Krimi und Thriller

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97 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 58 Rezensionen

alter, bäume, freundschaft, roman, sibirien

Betrunkene Bäume

Ada Dorian
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Ullstein fünf, 24.02.2017
ISBN 9783961010011
Genre: Romane

Rezension:


Zu Beginn des Romans „Betrunkene Bäume“ lernen wir Erich in jungen Jahren auf einer Expedition in den Wäldern Sibiriens kennen. Dort trifft er auf Wolodja, der ihn führen und für ihn übersetzen soll. Dieser Teil der Geschichte ist anschaulich und bildhaft geschrieben und sorgte dafür, dass ich nach der Leseprobe unbedingt weiter lesen wollte.


Nachfolgend erleben wir Erich mit über 80 Jahren als schrulligen alten Mann und erfahren, wie dem ehemaligen Wissenschaftler die Bewältigung seines Alltags zunehmend schwerer fällt. Als er immer mehr auf Hilfe angewiesen ist, organisiert ihm seine Tochter gegen seinen Willen eine unliebsame Pflegekraft. Erich wird aktiv und nimmt stattdessen Hilfe von der kürzlich in der verkommenen Nachbarwohnung untergeschlüpften noch minderjährigen Ausreißerin Katharina an.


Sie ist die erste, die er gezwungenermaßen in sein Schlafzimmergeheimnis einweiht, das bereits auf der Rückseite des Buches preisgegeben wird:


„Kraftlos ließ er sich auf die Matratze fallen und legte den Kopf auf das Kissen. Durch die weit geöffneten Fenster drang die warme, duftende Sommerluft und bewegte die Blätter über seinem Kopf. Erich schloss die Augen und lauschte für einige Sekunden dem leisen Knistern, das die Äste an der Tapete erzeugten. Der Stamm reichte bis zur Decke und sorgte dafür, dass die Krone sich fächerförmig ausbreitete. Erich liebte den Geruch der Pflanzen, er erleichterte ihm den Schlaf. Seit die Nachbarin unter ihm gefragt hatte, ob auch er ein Problem mit feuchten Decken habe, war er noch vorsichtiger geworden. Niemand sollte ihm seinen Wald nehmen. Es war alles, was er noch hatte.“


Als ich diese Passage im Buch las, war ich von der Idee verzaubert (auch wenn ich mich beherrschen musste, nicht gleich das eigene Schlafzimmer aufzuforsten). Erichs große Liebe und Besessenheit von der Wissenschaft der Bäume wird so besonders deutlich und macht sein handeln nachvollziehbarer. Auch erfahren wir in dem Buch, was es mit dem Phänomen der „Betrunkenen Bäume“ auf sich hat. Ein nicht ausuferndes, aber interessantes Detail, das als Titel des Buches überaus passend gewählt ist.


Was mit Erich zu tun hatte, konnte mich interessieren und berühren. Der Charakter ist gut ausgearbeitet und bildhaft beschrieben, ganz im Gegensatz zu Katharina, der anderen Protagonistin des Romans. Sie erscheint mir sehr klischeehaft: Eine trotzige Minderjährige, die von zu Hause ausreißt, weil sie mit der Trennung der Eltern nicht zurecht kommt und auch den Drogen nicht abgeneigt ist. Dieser Charakter bleibt ebenso flach, wie die anderen Personen, was den Gesamteindruck des Buches sehr schmälert. Der Part um Katharina konnte mich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr begeistern. Sie hebt die Verzauberung auf, die um Erichs Person geschaffen wurde. Der Roman wirkt irgendwann nur noch konstruiert, lässt alles gewollt und oberflächlich erscheinen.


Leider wird Erichs Vergangenheit erst sehr spät in diesem Buch wieder aufgegriffen und weiter erzählt. Die Stimmung des Buchanfangs kommt dann leider nicht mehr auf. Die Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit scheinen mir willkürlich gewählt und stören den Lesefluss, besonders weil beim Lesen eines neuen Kapitels oft erst spät deutlich wird, ob man sich in der Gegenwart oder in der Vergangenheit befindet.


„Betrunkene Bäume“ ist Ada Dorians Debütroman und weiß mit einigen wunderschönen Ideen und bildhaften Beschreibungen zu bezaubern, anderes hingegen ist durchaus noch ausbaufähig. Ich denke, man darf weiteren Werken der Autorin gespannt entgegensehen.

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vater-sohn-beziehung, äußerlichkeiten, paris, bildung, suche

Mein Vater ist Putzfrau

Saphia Azzeddine , Birgit Leib
Flexibler Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Wagenbach, K, 23.09.2016
ISBN 9783803127617
Genre: Romane

Rezension:

In „Mein Vater ist Putzfrau“ von Saphia Azzeddine geht es um Paul, genannt Polo, der laut eigener Aussage ziemlich klein, hässlich, weiß und arm ist. In der Schule sind alle cooler als er und wenn schon nicht reich, dann wenigstens arabisch, jüdisch oder schwarz. In seiner Freizeit hilft er seinem Vater beim putzen, doch er kümmert sich in einer Bibliothek nicht nur um den Staub auf den Büchern, sondern hat auch begonnen sie zu lesen und sich zu bilden.

„Zwischen den Taschenbüchern und den gebundenen Büchern, den bebilderten und den schlichten Buchdeckeln gab es Milliarden von Wörtern. Manche davon waren längst gescheitert, andere hatten viele erschüttert. Ich hatte Lust, sie auszuprobieren. Diese ganzen Bücher, wie sie da eines neben dem anderen militärisch, senkrecht und gerade aufgereiht standen, starrten mich an und forderten mich jedes Mal heraus, wenn ich an ihren vorüberging.“ (S. 8)

Als Leser begleitet man den pubertierenden Ich-Erzähler Polo ab seiner 8. Schulklasse und wird Zeuge seiner Gedankenwelt, die von finsterstem Sarkasmus, tiefster Verachtung seiner Familie und seiner Umwelt gegenüber, Neid, bitteren Sehnsüchten, zerbrechlicher Liebe, von den Zweifeln und der Unsicherheit eines Heranwachsenden und der Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Themen geprägt ist.

„Wäre Tamimount ein Land, wäre sie die USA: Sie verteidigt sich immer, nachdem sie dich als Erstes angegriffen hat, vorbeugend verpasst sie dir eine Kopfnuss und glättet sich anschließend seelenruhig den Pony, der eine Narbe auf der Stirn verdeckt, weil ihr Vater sie verdrischt. Auch vorbeugend.“ (S. 41)

Nachdem ich zu lesen begonnen hatte, mochte ich nicht mehr aufhören. Es war interessant Polos Entwicklung anhand seiner Denkweise und Gefühlswelt zu folgen, die eine bunte Mischung aus tatsächlichem Erleben und Phantasie ist. Die Sprache ist bildhaft und eindringlich, rutscht aber auch schon mal in derbe und derbere Ausdrucksweisen ab, was den Charakter allerdings authentisch wirken lässt.

„-Was heißt enden wie du, Papa? -Das heißt öfter den Boden als den Himmel im Blick zu haben, was dich nicht daran hindert, trotzdem in die Scheiße zu treten…
Insgeheim musste ich ihm beipflichten. Mein Vater ist intelligent. Nur dass die Wörter in dem Schlamassel zu nichts taugen. Der Boden, der Himmel und die Scheiße, das fügte sich hier perfekt zusammen.“ (S. 66)

„Mein Vater ist Putzfrau“ ist eine liebevolle Vater-Sohn-Geschichte voller Situationskomik und Galgenhumor, die viel Stoff zum Nachdenken, schmunzeln und mitfühlen zu bieten hat. Ein Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und deshalb wärmstens empfehlen kann.

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italien, kinderemigration, mailand, süditalien, erinnerung

Das Leben wartet nicht

Marco Balzano , Maja Pflug
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 22.02.2017
ISBN 9783257069839
Genre: Romane

Rezension:


Marco Balzano greift in dem Roman „Das Leben wartet nicht“, das Phänomen der Kinderemigration auf, das in der Zeit von 1959 bis 1962 noch ein letztes Mal heftig zunahm. Es handelte sich hierbei um Kinder aus armen oder sehr armen Familien, vorwiegend aus Süditalien. Der Autor interviewte zu diesem Thema fünfzehn Personen mit einer solchen Biographie und verwendete das Erzählte für sein Buch.


In zwei Erzählsträngen begleiten wir den den Protagonisten und Ich-Erzähler Ninetto durch diesen Roman. Zum einen befinden wir uns im Heute, wo Ninetto im Alter von Ende 50 nach mehreren Jahrzehnten Fabrikarbeit und einer verbüßten 10jährigen Haftstrafe versucht mit der auf sich geladenen Schuld zurechtzukommen und sich auch den veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen stellen muss. Zum anderen begleiten wir ihn bei seinen Rückblicken in eine Zeit, die rund 50 Jahre zurück liegt.


Als seine Mutter einen Schlaganfall bekommt, geht der Sizilianer Ninetto, der in großer Armut aufwächst und dessen Spitzname pelleossa ist, was so viel wie „Haut und Knochen“ bedeutet, sofort von der Grundschule ab, um fortan auf dem Feld als Tagelöhner zu arbeiten. „Nach Zank, Tagen ohne Essen und unerträglichem Gekeife“ schließt er sich mit Zustimmung seines Vaters einem erwachsenen Kollegen an, um von seiner sizilianischen Heimatstadt nach Mailand auszuwandern – in eine Stadt, die damals durch das sogenannte Wirtschaftswunder aufblühte und in die Arbeiter aus allen Regionen Italiens kamen, weil sie auf ein besseres Leben hoffen ließ.


„Es war Ende 1959, ich war neun und in dem Alter möchte man immer lieber ins seinem Dorf bleiben, auch wenn es ein beschissenes Dorf ist und keineswegs das Schlaraffenland. Aber irgendwo hört’s auf, und wenn dir scheint, das Elend werde dich gleich verschlingen wie eine Sturzwelle, dann ist es besser, du packst dein Bündel und haust ab, Schluss aus.“ (S. 17)


In Mailand angekommen, findet Ninetto schon bald Arbeit als Botenjunge und arrangiert sich mit einer Welt, in der zwar immer noch Armut herrscht, die aber nun eine Umwelt aus beengten Mietskasernen und Fabrikschloten zu bieten hat. Einziger Lichtblick bleibt lange Zeit der 15. Geburtstag, der bedeutsam ist, weil er als Einstiegsalter für die Fabrikarbeit gilt. Denn eine Anstellung in einer Fabrik zu bekommen bedeutet eine regelmäßige Arbeit zu haben, die ein eigenes zu Hause und die Gründung einer Familie ermöglicht.


In diesem Zusammenhang erscheint mir auch das auf dem Buchcover gezeigte Bild von Ben McLaughlin mit dem Titel „The income of American Workers is not keeping pace with inflation, a survey has shown“ nicht nur vom Titel sondern auch von der Abbildung sehr passend ausgewählt.


Man fühlt aufgrund der bildhaften Beschreibungen mit dem vorwitzigen lebenshungrigen Ninetto mit. Und auch wenn es das Leben nicht immer gut mit dem Kleinen zu meinen scheint, erweckt dieser Roman nicht den Eindruck, als wolle er Mitleid für die harte Kindheit seines Protagonisten erhaschen. Ganz selbstverständlich und ohne zu klagen nimmt Ninetto sein Schicksal an und kämpft, wenn es nötig ist. Auch sieht er sich selbst nicht als Einzelfall an und begreift als Erwachsener seine Vergangenheit als ein Stück seiner Lebensgeschichte, auf die er mit einem gewissen Stolz zurückblickt.


„Kein Mensch weiß im voraus, wen er findet und wen er verliert und welche Wohnung und welche Fabrik Gott für ihn vorgesehen hat.“ (S. 151)


In melancholischer Stimmung führt Marco Balzano den Leser durch eine Handlung, von der man gerne wissen möchte, wie sie weiter geht. Doch dieser Roman ist nicht nur unterhaltsam, sondern regt auch zum Nachdenken über die heutzutage wieder stattfindende Kinderemigration an und macht auch Auswanderungsgründe, die nicht ausschließlich mit Kriegen in Zusammenhang stehen, nachvollziehbar.

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Tags: italien, kinderemigration, mailand, süditalie   (4)
 

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Junigewitter

Stefanie Gercke
Flexibler Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.12.2016
ISBN 9783453419995
Genre: Romane

Rezension:


Die junge Restauratorin Alice und ihr Mann Pierre wandern nach Südafrika aus und bauen sich dort ein neues Leben auf. Die Geburt ihres Sohnes Christoph krönt ihr Glück. Gemeinsam überstehen sie die Wirren und das Ende der Apartheid. Eines Tages verschwindet Christoph spurlos und als es Jahre später für Alice und Pierre endlich wieder bergauf zu gehen scheint, verschwindet auch Pierre. Daraufhin verlässt Alice Südafrika und kehrt zurück nach Lübeck zu ihrer Familie.


Die erste Hälfte des Buches erzählt vom Kennenlernen und Auswandern der Protagonistin Alice und ihrem Mann Pierre nach Südafrika. Als Leser erfährt man einiges über die südafrikanischen Gepflogenheiten und die Lebensweise, über die Armut und die hohe Kriminalität, über die Tier- und Pflanzenwelt und liest wunderbare Beschreibungen der Landschaft. Letzteres weckte in mir auch gleich die Sehnsucht, dieses wunderschöne aber zwiespältige Land irgendwann ein weiteres Mal bereisen zu wollen. Die Autorin verstand es, vor meinem geistigen Auge Bilder aufleben zu lassen und Zusammenhänge zwischen bereits Beobachtetem und im Buch Geschilderten zu entdecken. Auch den geschichtlichen Ausflug in die Zeit der Apartheid fand ich sehr interessant. Eingewoben in die Geschichte zeigte sich das alles noch ein wenig greifbarer.


„Der Zulu war ein Klotz von einem Mann, der nie lächelte. Ein Terrorist? Der Gedanke jagte ihr eiskalt durch die Adern. „Sie nennen sich Freiheitskämpfer“, flüsterte sie. „Die Münze hat zwei Seiten.“ (S. 110)


Bis zur Mitte dieses Romans war ich begeistert und glaubte schon in Stefanie Gercke eine neue Autorin für mich entdeckt zu haben, doch als sie ihre Protagonistin Alice schließlich nach Lübeck zu ihrer Familie zurückkehren lässt, kippt für mich die Geschichte.


„Alice legte das Messer zurück in die Schublade. Allmählich musste sie sich daran gewöhnen, dass dieses wohlgeordnete Land nichts mit dem wilden, aufregenden Afrika zu tun hatte, ihr hier niemand auf Schritt und Tritt nach dem Leben trachtete. Weder vierbeinig, zweibeinig noch schlängelnd ohne Beine. Hier war alles gemäßigt, nicht wild und ungezügelt. Zarte Aquarellfarben, nicht glühend wie van Gogh.“ (S. 258)


Plötzlich hatte ich das Gefühl einen beliebigen Familienroman zu lesen, in dem es ein unglaubwürdiges Familiengeheimnis zu lösen und einen Schatz zu bergen gilt, in den eine kitschige Liebesgeschichte eingewoben wurde und die weiteren handelnden Personen lieblos und oberflächlich irgendwelchen Klischees entsprungen sind. Die Charaktere bleiben flach und selbst mit Alice, die mit einigen Schicksalsschlägen zu kämpfen hat, konnte ich nicht mitfühlen, sondern blieb immer ein distanzierter Beobachter. Auch habe ich einige Logikfehler in dem Buch entdeckt, die mir den Lesespaß genommen haben. Die Handlung wirkt konstruiert und ist meist vorhersehbar, weil man als Leser schnell erkennt, dass sich in diesem Teil des Buches einfach alles zum Positiven wenden muss.


Insgesamt ließ mich das Buch enttäuscht zurück. So sehr ich den ersten Teil des Buches gemocht und mit 4 von 5 Bewertungssternen versehen hätte, so schlecht fand ich den zweiten Teil, für den ich nur 2 Sterne vergeben hätte. Daraus ergibt sich eine Durchschnittsbewertung von 3 Sternen, mit der gefühlsmäßigen Tendenz zu 2.


Ich habe den Eindruck, dass die Autorin in diesem Buch zu viele Geschichten und Ideen unterbringen wollte. Mich hat sie damit nicht überzeugen können, weshalb ich das Buch leider nicht empfehlen kann.

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112 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

flughafen, lebensfragen, schizophrenie, roman, philosophie

Kosmetik des Bösen

Amélie Nothomb , Brigitte Große
Flexibler Einband: 106 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 26.07.2005
ISBN 9783257234756
Genre: Romane

Rezension:


Der Name war mir zwar schön öfter begegnet, aber gelesen hatte ich von der Autorin Amélie Nothomb bislang noch nichts. Da mir "Kosmetik des Bösen" eines ihrer bekanntesten und am meisten gelobten Bücher zu sein schien, wollte ich die Schreibweise der Autorin, die ihre Romane vorzugsweise in Dialogform verfasst, dadurch kennen lernen. Ich wurde nicht enttäuscht.

Diese Geschichte spielt im Wartesaal eines Flughafens, wo der Geschäftsmann Jérôme Angust erfährt, dass sein Flug um unbestimmte Zeit verschoben wurde. Als sich ein Mann neben ihn setzt, der sich als Textor Texel vorstellt, und ihm auf aufdringlichste Weise von seinem Leben erzählen will, versucht sich Jérôme erst sanft, dann jedoch immer unmissverständlicher zu entziehen. Nachdem auch ein Sitzplatzwechsel und Drohungen nicht helfen, ergibt er sich schließlich widerwillig in ein Gespräch voller seelischer Abgründe, in dem sein Gegenüber seine dunkelsten Seiten offenbart.

Als Leser durchlebt man mit Jérôme unterschiedlichste Gefühlszustände und kann einen spannenden Wandel dieses Charakters verfolgen. Die Verärgerung und das genervt sein von dem lästigen Sitznachbarn ist nachvollziehbar dargestellt und man kann über die Dreistigkeit des Textor Texel nur den Kopf schütteln. Man empfindet Mitleid für das vermeintliche Opfer, das mit einem erzwungenen Gesprächspartner gestraft ist, der Widerwärtiges und Abstoßendes über sich zu erzählen weiß und dazu noch einen gewalttägigen gewissenlosen Eindruck macht. Während Jérôme anfangs noch unbeeindruckt mit bösem Sarkasmus auf Textors Erzählungen reagiert, was beim Lesen doch das ein oder andere amüsierte Schmunzeln hervorruft, lässt er sich doch immer mehr auf einen Dialog ein, der schließlich eine überraschende Wendung bringt.

Allein durch das Gespräch dieser beiden Personen, die im Flughafen nebeneinander sitzen, wird diese Geschichte erfahrbar. Was auf den ersten Blick eintönig klingen mag, ist es auf keiner Seite dieses Buches. In flüssiger Schreibweise und durch interessante, lebendige und teils bösartige Dialoge erzählt die Autorin meisterhaft diese Geschichte von Vergewaltigung, Mord und tiefgehenden seelischen Abgründen. Als Leser fliegt man durch dieses Buch und folgt gespannt den überraschenden Entwicklungen.

Nach Beendigung dieses Romans habe ich ihn erstaunt durchgeblättert und einige Stellen gleich nochmal gelesen, um die Dialoge auf eine nun um die Hintergründe wissende Weise neu zu erfahren. "Kosmetik des Bösen" war für mich eine besondere Leseerfahrung und ich möchte unbedingt noch mehr von der Autorin lesen, weshalb ich für dieses Buch eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen kann.

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78 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 56 Rezensionen

fliegen, frauenbewegung, pilotinnen, nationalsozialismus, frauen

Unsere Hälfte des Himmels

Clarissa Linden
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 10.01.2017
ISBN 9783426519011
Genre: Romane

Rezension:


1935 geht es um Hanni und Amelie, zwei Freundinnen, die ihre Leidenschaft zum Segelfliegen fest zusammengeschweißt hat. Ihr großer Traum ist es, in Berlin gemeinsam als Pilotinnen ausgebildet zu werden und so als eine der ersten Frauen mit dem Fliegen Geld verdienen zu können. Zu der Zeit gab es zwar bereits einige wenige Fliegerinnen, aber die aufkeimende Emanzipation wurde vehement vom Regime unterdrückt. Frauen gehörten in dieser Zeit an den Kochtopf und sollten dem Führer viele Kinder schenken. Als für Hanni und Amelie die Verwirklichung ihrer Träume endlich in greifbare Nähe zu rücken scheint, lernen die beiden Freundinnen Felix kennen.


1971 erleidet Amelie einen schweren Unfall und fällt ins Koma. Uneigenständig und fast völlig von ihrem Mann abhängig reist ihre Tochter Lieselotte zu ihr, um ihr beizustehen. Dabei lernt sie Amelies Nachbarin und Freundin, eine junge Studentin, kennen. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach Amelies Vergangenheit und Lieselottes Vater. Doch hierbei erhält Lieselotte nicht nur die lange ersehnten Antworten auf ihre vielen Fragen, sondern lehnt sich endlich auch gegen ihren gefühlskalten despotischen Mann auf um ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Das Buch beginnt mit einem Personenverzeichnis, auf das ich allerdings nicht zurückgreifen musste, da die Zahl der handelnden Personen meines Erachtens übersichtlich blieb. Im Anhang gibt es ein Nachwort und einige interessante Hintergrundinformationen, wo unter anderem auch die Namen der Fliegerinnen aus früheren Zeiten aufgeführt sind, einige ausgewählte Ereignisse aus der Geschichte des (Frauen-)Fliegens genannt werden und weiterführende Literatur empfohlen wird.

Die Kapitel, in denen man sich im Jahr 1935 befindet, werden jeweils mit dem Zitat einer berühmten Fliegerin eingeleitet. Die Beschreibungen vom Fliegen sind so wunderbar beschrieben, dass man die Eindrücke bildlich vor Augen hat und am liebsten gleich selbst erleben möchte. Man atmet förmlich die Leidenschaft fürs Fliegen ein und auch vom Gefühl der tiefen Freundschaft zwischen Hanni und Amelie bleibt man nicht unberührt. Beim Blick auf das Cover des Buches, glaubt man eine Fotografie der beiden vertraut flüsternden fröhlichen jungen Frauen abgebildet zu sehen, die sich aufmachen werden, um ihre Hälfte des Himmels zu erobern.

„Frauen tragen die Hälfte des Himmels.“
(Chinesisches Sprichwort und Slogan der internationalen Frauenbewegung)

In diesem Buch geht es aber auch um Zeiten, in denen die Frau dem Mann unterstellt ist und ihr einziger Lebenszweck darin besteht, diesen zu bedienen und sich um die Kinder zu kümmern, die sie am besten zahlreich auf die Welt bringt. Noch in den 1970er Jahren durften Frauen in West-Deutschland nicht selbst entscheiden und mussten für viele Dinge noch die Genehmigung ihrer Ehemänner einholen. In meiner Kindheit befanden sich diese Strukturen bereits im Umbruch und es herrschte ein anderer Zeitgeist. Das Buch machte nachdenklich und ließ mich immer wieder innehalten um mich zu fragen, wie wohl meine Mutter und Großmutter diese Jahre erlebt hatten. Wie viel Energie hatten sie aufbringen müssen, um sich stückchenweise ihre Freiheiten zu erkämpfen? Und gegen welche Widerstände hat man als Frau heute noch zu kämpfen?

Dieser Roman ist auf unterschiedliche Arten emotional, aber dennoch nicht kitschig. Er ist berührend, machte mich teilweise wütend und wusste mich für sich einzunehmen. Ich mochte das Buch kaum aus der Hand legen. Und doch hatte ich nach dem Lesen das Gefühl, dass mir etwas an der Geschichte gefehlt hat. Das lag wohl zum einen daran, dass die Zeitebenen nicht gut miteinander verknüpft waren und zum anderen für meinen Geschmack zu viele Klischees verwendet wurden: Die neugierige alte Nachbarin, der herrische gefühlskalte Ehemann, die aufmüpfige Studentin, das eingeschüchterte Hausmütterchen, die lieblose Mutter und so weiter. Das erzeugte trotz guter Beschreibungen eine gewisse Oberflächlichkeit.

Insgesamt hat mich das Buch jedoch gut unterhalten, zum nachdenken angeregt und mir einige interessante Aspekte über Frauen in der Geschichte des Fliegens aufgezeigt. Wer außerdem noch etwas über die Themen Freundschaft, Emanzipation der Frau und tragische Liebe lesen mag, dem könnte dieses Buch gefallen.

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Tags: berli, emanzipatio, fliege, frankfur, kasse, ns-zeit, pilotin   (7)
 

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13 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Denn alles ist vergänglich

Irvin D. Yalom , Liselotte Prugger
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei btb, 12.09.2016
ISBN 9783442714735
Genre: Romane

Rezension:


Da ich von Irvin D. Yalom bereits die Romane „Die rote Couch“ und „Nietzsche weinte“ gelesen und die Verquickung von psychologischen und philosophischen Themen sehr gemocht hatte, war ich auf „Denn alles ist vergänglich“ sehr gespannt. Mit über 80 Jahren am Ende einer langen außergewöhnlichen Karriere angekommen nutzt der US-amerikanische Psychoanalytiker, Psychotherapeut, Psychiater, emeritierte Professor für Psychiatrie an der Universität Stanford und Schriftsteller Irvin D. Yalom seine gesammelte therapeutische Erfahrung, um sich mit den zwei größten Herausforderungen des Menschseins auseinanderzusetzen: Wie es gelingen kann, ein sinnvolles Leben zu führen. Und wie sich die Tatsache ertragen lässt, dass dieses Leben ganz unvermeidlich ein Ende finden wird.


In zehn wahren Geschichten, in denen er Wiedererkennbares zum Schutz der Personen zum Teil verändert hat, legt Yalom den Fokus auf das Hier und Jetzt, wobei seine höchste Priorität auf der Entwicklung einer aufrichtigen, transparenten und heilsamen Bindung zwischen ihm und seinen Patienten liegt. Als Leser bekommt man Gelegenheit, Mäuschen in seinen Therapiesitzungen zu spielen und erhält Dank der Ich-Perspektive Einblick in seine empathische wohldurchdachte Gedankenwelt. Teils ist es erschreckend, wie schnell er unter Zeitdruck seine Patienten zu durchschauen vermag und sie scheinbar im Hauruck-Verfahren therapiert, andererseits sind die Gespräche aber auch gerade dadurch sehr intensiv und kommen schnell auf den Punkt. Oft ergeben sich durch die Erzählungen Themen, die einen das Buch beiseite legen lassen, und zum nach- und weiter denken anregen und im besten Fall für interessanten Gesprächsstoff mit einem ebenso nachdenklichen Mitmenschen sorgen.


„Ich musste daran denken, wie vollkommen unmöglich es doch war, jemals herausfinden zu wollen, wie Psychotherapie wirklich funktioniert. Wir Therapeuten bemühen uns so fieberhaft um Präzision in unserer Arbeit, wir streben danach, fein abgestimmte Empiriker zu sein, die versuchen, perfekt zugeschnittene Lösungen für die Bindungsschäden oder fehlerhaften DNA-Sequenzen unserer Patienten zu liefern. Doch die Realtitäten unserer Arbeit lassen sich nicht in dieses Modell zwängen, und oft ertappen wir uns beim Improvisieren, sobald wir uns gemeinsam mit unseren Patienten auf den holprigen Weg zur Gesundung machen.“ (S. 96)


Das macht den Autor sympathisch. Er hat keine Patentrezepte parat und gesteht sich auch Unsicherheiten und Fehler ein. Die Patienten in seinen Geschichten profitieren immer wieder auf eine Art und Weise, die er laut eigener Aussage unmöglich hätte voraussehen können. Und so erzählt er auf anschauliche Art und in einem flüssigen gut lesbaren Schreibstil von einem Patienten, für den es wichtig war, dass eine für ihn bedeutsame Person ihn als bedeutend erachtet; eine andere Patientin begreift, dass das wirkliche Leben im gegenwärtigen Augenblick gelebt wird; das Leben des nächsten Patienten ändert sich, weil Yalom ihm eine Haushälterin empfohlen hatte; eine Krankenschwester macht Bekanntschaft mit ihrem besseren Selbst; eine verstummte Schriftstellerin findet ihre Stimme wieder; die letzten Tage einer sterbenden Patientin füllen sich mit Sinn; eine Patientin erkennt, dass eine Diagnose das Verstehen beeinträchtigen und Verzerren kann; ein Patient findet sich selbst, indem er die Methode eines Denkers aus der Antike anwendet.


Dieses Buch ist keine leichte Kost und lässt sich nicht einfach so nebenher weglesen. Man hat Menschen und deren Gefühle und Problematiken vor Augen, was neben den Themen des Alterns und des Todes intensiv ist und nahe gehen kann. Gleichzeitig versteht Yalom es jedoch auch Hoffnung zu geben, indem er aufzeigt, welche Lösungen und Verhaltensweisen er gemeinsam mit seinen Patienten erarbeitet hat. Wenn man vor ernsten Themen nicht zurück schreckt und sich auf „Alles ist vergänglich“ von Irvin D. Yalom einlassen mag, kann man unter Umständen interessante Denkanstöße für sein eigenes Leben finden. Ein lohnenswertes Buch, wie ich finde.

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104 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

thriller, true-crime-autorin maggie rose, isle of wight, thrille, er liebt sie nicht

Er liebt sie nicht

Sharon Bolton , Marie-Luise Bezzenberger
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Manhattan, 03.10.2016
ISBN 9783442547678
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Charismatisch, erfolgsverwöhnt, gut aussehend, intelligent und ein verurteilter Serienkiller, der vier stark übergewichtige Frauen umgebracht haben soll, ist Hamish Wolfe. Er beteuert jedoch seine Unschuld. Damit sein Fall neu aufgerollt werden kann, bittet er Maggie Rose, eine erfolgreiche knallharte Anwältin und True-Crime-Autorin, die schon mehrere verurteilte Straftäter wieder freibekommen konnte, um Hilfe. Sie widersetzt sich seinen Bitten, was dem Polizisten, der Hamish seinerzeit festgenommen hat, sehr recht ist. Dieser Thriller lebt davon, wie die Protagonisten miteinander umgehen und was sie sagen oder nicht sagen. Als Leser ist man ständig auf der Suche nach Hinweisen, die einem verraten können, was wirklich vorgefallen ist und wer hier falsch spielt.

Den deutschen Titel des Buches halte ich für gut gewählt, das Cover spricht mich allerdings nicht an und ich kann im nachhinein auch keinen Bezug zum Inhalt des Buches herstellen. Beim englischen Original finde ich das besser und ansprechender gelöst.

Der Thriller spielt im Südwesten Englands und wird aus personaler Erzählperspektive dargestellt, wobei teilweise eine recht bildhafte Sprache gewählt wird, die für eine gute Vorstellungskraft sorgt:

„Die Kammer ist riesig, als wäre die ganze Felswand hohl, und noch immer sehen die Felsen um sie herum aus wie lebendiges Gewebe. Fast könnte sie sich einbilden, im Bauch irgendeiner gigantischen Kreatur zu sein. Dass, wenn sie die Hand ausstreckt und die Wände berührt, diese warm wären, unter ihren Fingern nachgeben würden, dass Blut darin pulsieren würde.“ (S. 77)

Dennoch handelt es sich bei diesem Thriller um kein Buch, bei dem die unschön zu Tode gekommenen Opfer über Gebühr blutrünstig beschrieben werden oder ein Fokus auf gewalttätige Szenen gelegt wird.

Maggie und Hamish sind gut ausgearbeitete, aber auch sehr eigenwillige und ungewöhnliche Charaktere, deren scharfsinnige und kluge Denkweise wir aufgrund der Erzählperspektive mitverfolgen können. Ihre Art und Handlungsweise ist vor allem berechnend und manipulativ. Richtig sympathisch werden einem diese Personen nicht. So fiebert man zwar der Auflösung entgegen, die am Ende auch überraschend ist, aber durch die mangelnde Nähe zu den agierenden Personen fühlt man ansonsten nicht mit.

Die Handlung erschließt sich auf anschauliche und abwechslungsreiche Weise. Neben dem Erzähler erfahren wir durch handschriftliche Briefe zwischen Maggie und Hamish, Briefe von Hamish an eine Unbekannte, Briefe einer Unbekannten an Hamish, eMails, unterschiedlichste Zeitungs- und Online-Artikel, ein psychiatrisches Gutachten und nicht zuletzt durch Maggies Buchentwurf unterschiedlichste Details, die sich zu einem lückenhaften Gesamtbild zusammenfügen, bei dem die Spannung bis zum Schluss erhalten bleibt.

Wer einen spannenden Thriller mit ungewöhnlichen Protagonisten und einem überraschenden Ende lesen möchte, dem könnte „Er liebt sie nicht“ von Sharon Bolton gefallen.

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Tags: thrille   (1)
 

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

performanc, autobiography, performance-kunst, kuns, art

Durch Mauern gehen

Marina Abramović , Charlotte Breuer & Norbert Möllemann
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 14.11.2016
ISBN 9783630875002
Genre: Biografien

Rezension:


Eine Frau, die an ihre physischen und psychischen Grenzen geht – und dabei die Grenzen der Kunst sprengt. Marina Abramovic erzählt von einem Leben jenseits eingefahrener Konventionen, beschreibt die Momente, die sie persönlich und künstlerisch geprägt haben: ihre privilegierte und doch einsame Kindheit im kommunistischen Jugoslavien, ihre ersten radikalen Performances, das unvergessliche Zusammentreffen mit Joseph Beuys. Ihre leidenschaftliche Beziehung mit dem deutschen Künstler Ulay, mit dem sie zwölf Jahre in einem umgebauten Citroen-Bus die Welt bereiste. Sie schildert, was ihr überraschender Erfolg auf der Biennale in Venedig und der Umzug nach New York auslösten. Und was ihr die Langzeit-Performances der letzten Jahre bedeuten, die Hunderttausende begeisterten.

Bereits das Cover mit dem ausdrucksstarken Portrait Marina Abramovics zog mich in seinen Bann noch bevor ich den Klappentext des Buches las. Perfomance-Kunst hatte ich bislang noch nicht vor Ort erleben dürfen und was ich bislang im Fernsehen anschaute, konnte mich nicht berühren. Dennoch machte es mich neugierig, welche Absicht eine Künstlerin damit verfolgt, wenn sie sich mit einer Glasscherbe ein Pentagramm in den Bauch ritzt, vier Tage lang bei glühender Hitze stinkende Rinderknochen schrubbt oder ein dreimonatiges Sit-In veranstaltet, bei dem die Besucher ihr gegenüber auf einem Stuhl platz nehmen und ihr in die Augen blicken. Skurril und fremdartig genug, bewegte es mich dazu, die Autobiografie Marina Abramovics lesen zu wollen.

Unaufgeregt erzählt sie von ihrem leidenschaftlichen Leben für die Kunst und ihre Performances. Sie lebt und leidet für die Kunst.

"Das ist mein Motto bei jeder Performance. Ich gebe alles, und dann passiert etwas oder auch nicht." (S. 189)

Man erfährt in dem Buch, aus welchen Ideen heraus einige ihrer Perfomances entstanden sind und wie sie entwickelt wurden. Es war unglaublich interessant einem Freigeist wie Marina Abramovic durch ihr bisheriges Leben folgen zu dürfen. Die zahlreichen Bilder machten dieses Buch zu etwas Persönlichem und halfen dabei, sich die Performances der Künstlerin besser vor Augen führen zu können, sofern man sie nicht kennt.

Da Marina Abramovic ein sehr spiritueller Mensch ist, führte sie ihr Lebensweg auch immer mal wieder zu Sufi Meistern und Philosophen nach Indien oder zu Schamanen nach Brasilien. Eher sachlich schildert sie teilweise Unglaubliches, doch ich hatte nicht den Eindruck, dass sie damit zum Glauben bekehren möchte, sondern dass sie einfach nur ihre Erfahrungen und Einflüsse mitteilt.

"Das alles erinnert mich sehr stark an das, was ich bei Langzeit-Performances erlebt habe. Die Stücke sind äußerst monoton und gleichförmig: Es gibt keine Überraschungen für den Körper, und so kann der Verstand sich abmelden. Auf diese Weise gelangt man in einen Zustand der vollkommenen Harmonie mit allem um einen herum..." (S. 180)

Als Leser scheint man ihr gegenüber Platz zu nehmen und sie einfach nur erzählen zu lassen. Ich habe mir immer wieder gern das Buch zur Hand genommen und der flüssige Schreibstil trug mich mit Leichtigkeit durchs Buch. Performance-Kunst ist mir dadurch zwar nicht näher gekommen, aber ich verstehe sie inzwischen als eine künstlerische Ausdrucksform, die ich persönlich zwar nicht immer nachvollziehen und gut finden kann, es aber auch nicht muss, da sie wohl von der Wirkung zwischen Publikum und Künstler vor Ort zu leben scheint.

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erzählunge, essays, schottland

Szenen aus Schottland

James Leslie Mitchell , Esther Kinsky
Fester Einband: 170 Seiten
Erschienen bei Guggolz Verlag, 01.03.2016
ISBN 9783945370063
Genre: Klassiker

Rezension:


James Leslie Mitchell (1901-1935) schrieb immer wieder über seine Heimat Schottland. In diesem Band mit Erzählungen und essayistischer Prosa ist seine literarische Kunst in komprimierter Form zu entdecken. Menschen, Gespräche, Landstriche, Jahreszeiten, Historie und Mythen werden in einer Sprache geschildert, die gleichermaßen sanft wie auch schroff ist und mit all ihren Eigenheiten der schottischen Landschaft selbst zu entsprechen scheint.

Eher schlicht von der Aufmachung kommt dieses 170 Seiten starke und mit zurückhaltenden Tuschezeichnungen versehene Büchlein daher. Bereits nach den ersten Sätzen steht jedoch fest, dass man hier einen kleinen Schatz in Händen hält, weil der Autor über ein Sprachgefühl und eine poetische Ausdrucksweise verfügt, vor der man sich als Leser einfach nur voller Hochachtung verneigen kann. Vor dem inneren Auge bauen sich stimmige schottische Bilderwelten auf, in denen ganz selbstverständlich und greifbar urig kauzige Protagonisten wandeln.

„…ich erinnere mich an die frühen Sommermorgen, die safrangetüpfelt über den Heuraufen von meines Vaters Hof heraufzogen, das Wispern und Knistern der Getreideähren, Grün, das zu Gelb wurde auf den langen Feldern, die sich vor unserer Haustür erstreckten, das Rumpeln und Quietschen des Aufsatzes eines vorüberfahrenden Kastenwagens, das muntere, etwas spöttische ‚He!‘ des Bauernburschen mit lachenden Augen, der unrasiert auf der Vorderkante des Kastens hockte…“ (S. 39)

So sehr ich die bemerkenswerten Beschreibungen von Landschaft, Natur und Menschen mit der von alten schottischen Wörtern durchsetzten Sprache in den insgesamt 4 Erzählungen genossen habe, so zwiespältig las ich die 3 Essays. Immer wieder musste ich mir die Frage stellen, ob mein geringes Vorwissen von der schottischen Mentalität und den geschichtlichen Begebenheiten in den 1930er Jahren tatsächlich ausreichte, um die Tragweite und den Sinn der journalistischen Texte, mitsamt der darin enthaltenen Ironie tatsächlich vollends erfassen zu können. Hier konnte jedoch das von der Übersetzerin Esther Kinsky verfasste Nachwort, das ich mir als Vorwort gewünscht hätte, weiter helfen. Darin erfuhr man von der sozialen Ungerechtigkeit in den Städten, vor allem von der Menschenunwürdigkeit der legendären Glasgower Slums und die daraus resultierende politische Einstellung Mitchells: Er blieb Zeit seines Lebens ein überzeugter, leidenschaftlicher Sozialist.

Insgesamt handelt es sich hierbei um ein Buch, das mich eher sprachlich zu bezaubern wusste, meinen Wunsch, irgendwann einmal Schottland besuchen zu wollen, aber dennoch verstärken konnte.

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Tags: erzählunge, essays, schottland   (3)
 

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erzählungen, magischer realismus, kurzgeschichten, fantasy

Schlafanstalt für Traumgestörte

Karen Russell , Malte Krutzsch
Fester Einband: 298 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 01.03.2008
ISBN 9783036955131
Genre: Romane

Rezension:


Mit unbändiger Phantasie zaubert Karen Russell Welten aufs Papier, wo Wolfsmädchen in einem Umerziehungsheim zu wertvollen Gliedern der Gesellschaft zurechtgebogen werden, da verdient eine Familie ihren Lebensunterhalt mit Alligatorwrestling in einem Vergnügungspark, und orakelträumende Kinder werden von ihren Eltern in der Schlafanstalt für Traumgestörte abgegeben. Russells Geschichten aus den Sümpfen Floridas und den Inseln im Golf von Mexiko erzählen von Exzentrikern und Rastlosen. Nicht zuletzt geht es auch um Freundschaft und Initiation und uns wird auf souveräne Weise vorgeführt, wer wir sind und wie wir leben.

Aufmerksam geworden bin ich auf dieses Buch durch Ilke von Buchgeschichten. Neben ihrer Beschreibung, konnte mich auch das Cover neugierig machen. Mir gefällt die Farbgestaltung und inzwischen weiß ich, dass die eigenartig anmutende Zeichnung zur letzten Geschichte des Buches gehört.

Aber auch der Inhalt konnte mich überzeugen. Mit großem Einfallsreichtum werden hier 10 Geschichten auf jeweils etwa 30 Seiten erzählt. Sofort wird man in Situationen mitgenommen, in die man sich aufgrund der schönen Sprache und der bildhaften Beschreibungen gut einfinden kann. Auf den ersten Blick scheint es sich hierbei schonmal um mehr oder weniger alltägliche Umstände zu handeln, doch immer wandeln sich die lebendigen und anschaulichen Erzählungen früher oder später zu surrealen Geschichten, die einen bis zum Schluss mitnehmen.

Es handelt sich hierbei um intensive Kurzgeschichten, die ich nicht hintereinanderweg lesen konnte und wollte. Jede wirkte auf ihre Art und es machte mir Spaß nach dem Lesen jeder einzelnen inne zu halten und das Gelesene zu überdenken – meist mit einem Lächeln auf den Lippen, weil diese Kurzgeschichten zu überraschen und zu bezaubern wissen.

„Es ist einer jener seltenen Augenblicke, da die Luft derart von Erinnerungen knistert und duftet, dass die Welt der Phantasie und die Wirklichkeit sich zu überlappen scheinen.“ (S. 85)

Wer magischen Realismus mag, dem möchte ich den Erzählband „Schlafanstalt für Traumgestörte“ von Karen Russel empfehlen. Wenn man dem Buch etwas vorwerfen möchte, dann dass manche Geschichten zu kurz waren, weil sie von der Atmosphäre dazu einluden, endlos weiterlesen zu wollen.

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Tags: erzählungen, magischer realismus   (2)
 

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Flucht

Hakan Günday , Sabine Adatepe
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei btb, 29.08.2016
ISBN 9783442754762
Genre: Romane

Rezension:


Gazâ ist erst neun Jahre alt, als er erfährt, dass sein Vater Schleuser und Menschenhändler ist. Von da an muss er ihm helfen und hasst die Flüchtlinge dafür, dass er keine normale Kindheit haben kann. Für den Jungen sind sie nur eine verabscheuungswürdige Ware, die im Garten in einem „Depot“ zwischengelagert und irgendwann zur Ägäisküste weitertransportiert wird. Schon früh begreift er, welche Macht er über die Flüchtlinge hat und beginnt sie auszubeuten. Er installiert eine Kamera und spielt intrigante Spielchen mit ihnen, um sie zu beobachten und wissenschaftlich auszuwerten. Im Alter von 10 Jahren verschuldet Gazâ zum ersten Mal den Tod eines Flüchtlings und schreckt später auch nicht davor zurück, Frauen zu vergewaltigen. Sein Schicksal scheint sich erst zu wenden, als es zu einem Unfall kommt, bei dem sein Vater stirbt und er tagelang unter einem Berg von toten Flüchtlingen gefangen ist.

Das Cover finde ich interessant und passend gewählt. Der stilisierte Weg spiegelt das Thema Flucht wieder und mit etwas Phantasie erkennt man auf dem dreigeteilten Bild einen der Schauplätze aus dem Buch wieder.

Unterteilt ist das Buch ist in vier Abschnitte, die jeweils mit einer kleinen Erläuterung einer der vier Hauptmaltechniken der Renaissance eingeleitet werden. Sie lassen leise erahnen, wie der Autor seinen Protagonisten nachfolgend „zeichnen“ wird.

„Wäre mein Vater kein Mörder gewesen,…“ So beginnt der Roman und lässt einen fortan nicht mehr los. Gradlinig und sehr eindringlich erweckt Hakan Günday einen Protagonisten zum Leben, dessen Denken und Handeln der Leser in der Ich-Perspektive miterlebt. Das ist nicht immer angenehm, da der Autor so intensiv und bildhaft schreibt, dabei vom Ausdruck aber auch so unmissverständlich und brutal ist, dass ich beim lesen immer wieder schockiert innehalten musste. Auch kam es vor, dass mich das Beschriebene oder der Protagonist dermaßen angewidert hat, dass ich erstmal nicht weiterlesen mochte (Stichwort: Nekrophilie).

Immer dann, wenn die zwiespältigen Gefühle beim Lesen etwas abkühlen und man zum Teil nachvollziehen kann, warum Gazâ so geworden ist und in welche Schwierigkeiten ihn das gebracht hat, bekommt man im nächsten Moment die Bestätigung dafür, warum man es mit einem wirklich hassenswerten Charakter zu tun hat, für den man auf keinen Fall in irgendeiner Form Verständnis aufbringen kann.

Trotz alledem konnte der Roman mich immer wieder packen. Wohl wissend, dass es sich hierbei um eine fiktive Geschichte handelt, die man als düstere Phantasie werten könnte, waren dennoch Bezüge zur grausamen, längst in den Medien verbreiteten Realität erkennbar. Dass der Flüchtlings-Mensch als Ware gehandelt wird, dem teilweise übel mitgespielt wird, verdeutlicht das Buch schmerzhaft. Und doch hofft man beim Lesen immer wieder, dass das, was man da liest, pure Phantasie ist und keinen Funken Wirklichkeit enthält. Dabei ahnt man, dass die Realität oft an Grausamkeiten nicht zu überbieten ist. Aber so erschreckend und abstoßend Gazâs Denken und sein Verhalten ist, so interessant ist es auch, seinen Gedanken in die Welt der Politik und die Verhaltensforschung von Mensch und Tier zu folgen. Zur Abwechslung erlebt man hierbei Gazâs ebenso kluge, wie bedrückende und schockierende Gedanken. Hier erhält man viel Stoff zum nachdenken.

So erzählt Hakan Günday auf verstörend eindrucksvolle Weise in „Flucht“ davon, dass die Verzweiflung der einen, den Hass der anderen zur Folge haben kann. Es ist kein Buch für schwache Nerven, sondern einer der Romane, die man eigentlich weglegen möchte, es aber nicht kann – ein beeindruckendes Buch, das mir sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben wird.

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bipolare störung, gavin extence, libellen im kopf, roman, psychiatrie

Libellen im Kopf

Gavin Extence , Alexandra Ernst
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Limes, 14.11.2016
ISBN 9783809026341
Genre: Romane

Rezension:


Nachdem Abby eines Abends ihren Nachbarn Simon tot in seiner Wohnung auffindet, gerät das Leben der unter einer Bipolaren Störung leidenden Mittzwanzigerin wieder mal aus dem Gleichgewicht. Schließlich führt ihr Absturz von euphorischen Glücksphasen in die tiefe Depression so weit, dass sie sich in eine geschlossene psychiatrische Abteilung einweisen lässt.

Das Buchcover fällt durch die farbenfrohe Gestaltung gleich ins Auge. Die abgebildeten Libellen greifen stilvoll den Titel des Buches auf und wiederholen sich auf schöne Art als Gestaltungselement bei den Kapitelüberschriften im Buch.

Bei diesem Roman handelt es sich um eine fiktive Geschichte, in die der Autor, der selbst an einer Bipolaren Störung (manisch-depressive Erkrankung) leidet, zum Teil seine eigenen Erfahrungen mit einfließen lässt. So erzählt er auf teils humorige Art die Geschichte von Abby und ihrem der Krankheit ausgeliefert sein, sowie ihrem späteren Umgang mit den daraus resultierenden Folgen.

So ernst dieses Thema auf den ersten Blick klingen mag, so unterhaltsam wurde es umgesetzt. Eine flüssige Schreibweise und ein Handlungsaufbau, der einen wie von selbst durch das Buch trägt, und man immer wissen möchte, wie die Geschichte weiter geht, sorgen dafür, dass man diesen Roman kaum aus der Hand legen mag.

Aber die Stärke dieses Buches liegt in den eindringlichen Schilderungen aus der Gefühlswelt und des Erlebens der Protagonistin mit dieser psychischen Erkrankung. Diese kommen der Realität recht nahe, wie ich aus eigener leidvoller Erfahrung weiß. Der Autor hat hier die richtigen Worte gefunden, sodass man als Leser nachempfinden kann, was Abby gerade durchlebt. Auch die Gedanken und Gefühle ihres Lebenspartners werden beleuchtet und zeigen, was diese Erkrankung für die Beziehung bedeutet.

Besonders hervorheben möchte ich allerdings die Anmerkungen von Gavin Extence am Ende des Buches, in denen er auf wenigen Seiten sehr persönlich über seine Erkrankung schreibt. Diese fand ich eigentlich interessanter, als den Roman selbst. Denn obwohl der Autor Abby in der Ich-Form erzählen lässt, bleibt sie für mich eine fiktive Romanfigur, die mir nicht nahe kommt und trotz Gefühlsechtheit beim Lesen nur einen groben und doch eher oberflächlichen Einblick in die Kuriositäten und die Dramatik dieser Erkrankung bietet. Da es sich bei diesem Buch allerdings um einen Roman und nicht um ein Sachbuch handelt, empfinde ich dies auch als völlig ausreichend.

Empfehlen kann ich „Libellen im Kopf“ Lesern, die in erster Linie einen unterhaltsamen Roman über eine Mittzwanzigerin lesen möchten, deren Leben und Erleben durch ihre Bipolare Störung auf den Kopf gestellt wird.

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Tags: bipolare störung, manisch-depressiv   (2)
 

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schizophrenie, asperger

Im Netz der Spinne (Maria Martinez 1)

Nikki Owen , Antonia Noris
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 16.05.2016
ISBN 9783442483297
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Die Chirurgin Dr. Maria Martinez leidet unter dem Asperger-Syndrom und findet sich im Zustand geistiger Verwirrung in einem Gefängnis wieder. Sie wurde zu einer langjährigen Haftstrafe für den Mord an einem Priester verurteilt – eine Tat, an die sie keine Erinnerung hat. Stattdessen sieht sie Bilder und wirre Szenen in ihrem Kopf. Je näher Maria der Wahrheit kommt, desto mehr gerät sie in Gefahr – in tödliche Gefahr, der sie im Gefängnis nicht entkommen kann.

Als Leser erleben wir die Gedankenwelt der Ich-Erzählerin Dr. Maria Martinez, die unter dem Asperger-Syndrom leidet. Ebenso wie ihr, fällt es dem Leser schwer, beziehungsweise es ist bis kurz vor Ende des Buches unmöglich zwischen Phantasie, Erinnerung und Realität zu unterscheiden. Durchwirkt wird die ganze Erzählung noch von Symptomen und Reaktionen, die zum Teil dem Asperger Syndrom und andere der Schizophrenie zugeordnet werden. Die Gedankenwelt und Empfindungen waren glaubhaft dargestellt und ich fand es interessant, einen Thriller aus dieser ungewöhnlichen Perspektive zu lesen.

Die Autorin hat im Laufe des Buches Marias Verstand immer weiter aufklaren lassen und mich als Leser dabei gerade noch rechtzeitig mitgenommen, bevor ich das Buch aufgrund eigener Verwirrung beiseite gelegt hätte. So bekommt man gegen Ende eine Ahnung davon, worum es in diesem Thriller überhaupt geht. Doch zeitgleich verliert Maria beinahe alle Eigenheiten und selbst ihre dem Asperger geschuldeten Verhaltensweisen treten in den Hintergrund. Damit verliert diese Geschichte für mich auch komplett ihren Reiz. Was übrig bleibt, ist verworren und wirkt so konstruiert, oberflächlich und unrealistisch, dass mich das Buch letztendlich nicht begeistern konnte.

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stalker, stalking, thriller, you, caroline kepnes

YOU - Du wirst mich lieben

Caroline Kepnes , Katrin Reichardt
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei INK ein Imprint der Bastei Lübbe AG, 07.05.2015
ISBN 9783863960797
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Als die Studentin Beck die Buchhandlung betritt, in der Joe arbeitet, ist er augenblicklich besessen von ihr. Da sie ihren Einkauf mit der Kreditkarte bezahlt, googelt und stalkt er sie virtuell und auch im wirklichen Leben. Als er schließlich ihr Handy an sich bringen kann, überwacht er auch ihre eMails und Socialmedia-Kontakte. Er inszeniert und manipuliert und bald kann Beck gar nicht mehr anders, als sich in den seltsamen, aber irgendwie charismatischen Typen zu verlieben, der wie für sie gemacht zu sein scheint. Joe räumt derweil jedes mögliche Hindernis aus dem Weg, das sich zwischen ihn und Beck drängt.

Hierbei handelt es sich nicht um einen typischen Stalker-Roman, bei dem beispielsweise der eine Ex-Partner nicht vom anderen lassen kann. Sondern wir erleben diesen Roman aus der Sicht und Denkweise des psychisch hochgradig gestörten Joe. Sein einziger Lebensinhalt neben seiner Arbeit darin besteht, eine überstarke Besessenheit für junge Frauen zu entwickeln, diese zu stalken um sie bis ins kleinste Detail kennenzulernen, damit er sie manipulativ für sich gewinnen kann.

Als Leser erlebt man alle Personen und durchlebt die Handlung einzig und allein in der Ich-Perspektive aus dem Blickwinkel von Joes Besessenheit. Sein Denken kreist unentwegt um das Objekt seiner Begierde und jede noch so kleine Kleinigkeit deutet er so, wie es gerade für ihn und seine teils völlig verklärte und manchmal rüde obszöne Gedankenwelt passt. So zieht er für sich völlig logische Schlussfolgerungen, die man als Leser teilweise nachvollziehen kann und doch gleichzeitig den Kopf schüttelt. Es war für mich befremdlich, dass ich darum auch diesen Stalker „verstehen“ konnte oder manchmal über seine Art von Humor schmunzeln musste.

Und genau das machte diesen Roman für mich aus, auch wenn schnell fest stand, dass dieser Protagonist äußerst gefährlich und verabscheuungswürdig ist. Die Autorin hat es geschafft, dass ich der von mir hochgradig verhassten Figur eines Stalkers ein gewisses Maß des Verstehens aufbringen konnte, das ich keinesfalls Verständnis nennen möchte. Diese Grundspannung erzeugte für mich einen unwiderstehlichen Sog, sodass ich das Buch kaum aus der Hand legen mochte. Die Entwicklung und das Ende wurden ab einem gewissen Punkt vorhersehbar, was mich allerdings nicht enttäuschte, sondern letztlich nur eine logische Konsequenz im Handlungsverlauf war.

Mit "Hidden Bodies – Ich werde dich finden" hat Caroline Kepnes bereits im Juni 2016 eine Fortsetzung zu diesem Buch veröffentlicht, die ich in Kürze lesen werde.

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