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rache, thriller, thrille, buchflüsterer, marina heib

Drei Meter unter Null

Marina Heib
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Heyne, 06.03.2017
ISBN 9783453271111
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Geschrieben ist „Drei Meter unter Null“ aus der Ich-Perspektive einer 34jährigen selbstbewussten unabhängigen Frau, die nach ihrem Einser-Abi und dem abgeschlossenen Informatik Studium einen guten Job hat und in Berlin-Mitte eine schicke Eigentumswohnung bewohnt. Und doch brodelt es unter der scheinbar so perfekten Fassade, wie dem Leser schnell deutlich wird. Ab der ersten Seite spürt man ihre Aggressionen und ahnt, dass sie von großen seelischen Problemen getrieben wird. Kein sympathischer, sondern ein von Besessenheit getriebener Charakter, dem man in diesem Buch folgt.


2 Monate lang nimmt die Frau sieben Stunden pro Tag unerbittlichen Unterricht in Kampfsport. Alles ist erlaubt, es gibt keine Regeln. Und während man als Leser gleich von der bildhaften und teilweise poetischen Sprache  mitgerissen wird, erfährt man, dass die junge Frau in wohlbehüteten Verhältnissen aufgewachsen ist und dennoch ein aggressives verhaltensauffälliges Kind war, das sich gern in Phantasiewelten flüchtete. Ihr Berufswunsch war Pippi Langstrumpf, Tarzan oder Winnetou zu werden. Als Kind dachte sie noch, dass man sich aussuchen kann, was man werden möchte.


„Jetzt stelle ich mich meinem Schicksal und meiner Bestimmung. Mein neues Ziel ist weniger Beruf als Berufung. Ich werde Mörderin.“


Fürchtete ich bei dieser Aussage einem naiven Thriller aufgesessen zu sein, in dem ab diesem Zeitpunkt ein wildes sinnloses morden folgt, wurde ich glücklicherweise eines besseren belehrt.


Die Frau wählt den Weg der Gewalt nicht grundlos, wie man nach und nach in Form von Rückblicken erfährt. Sie beobachtet ihre Opfer. Sie plant ihre Morde. Nichts will sie dem Zufall überlassen, nimmt in ihrer Firma ein Sabbatical und eröffnet ihre ganz persönliche Jagdsaison:


„Heute prügele und schubse ich nicht mehr. Ich töte. Aber ich töte weder Menschenschafe noch Opferlämmer, ich töte Wölfe. Wölfe, die Lämmer zur Schlachtbank führen.“ (S.71)


Und sie tötet brutal. Auch hier liegt der Fokus auf dem, was in der Frau vor sich geht und weniger auf blutrünstigen Tötungsakten. Allerdings ist die Phantasie beim Lesen ausreichend genug stimuliert, so dass dies auch gar nicht notwendig ist. Schließlich erfährt der Thriller noch eine Wendung, die für mich in der Art nicht vorhersehbar war und zu einem Ende führt, das nachvollziehbar ist, aufgrund der Geschehnisse aber niemals befriedigend sein kann, egal für welchen Ausgang der Geschichte sich die Autorin entschieden hätte – die Thematik geht einfach zu nah.


„Drei Meter unter Null“ ist ein spannender psychologischer Thriller, der unter die Haut geht und durch seine besondere Schreibweise besticht. Empfehlenswert!

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sozialamt, geister

Jeder Tag ist Muttertag

Hilary Mantel , Werner Löcher-Lawrence
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 18.05.2017
ISBN 9783832164102
Genre: Romane

Rezension:


Bei „Jeder Tag ist Muttertag“ handelt es sich um den 1985 in England und 2016 in deutscher Sprache erschienen Debütroman von Hilary Mantel. Sie wurde 1952 in Glossop, England, geboren und war nach ihrem Jura-Studium in London als Sozialarbeiterin tätig. 2009 und 2012 erhielt sie den Booker-Preis, den wichtigsten britischen Literaturpreis.


In diesem Roman befinden wir uns in England in den 1970er Jahren. Die Nachbarn haben es längst aufgegeben, mit Evelyn und Muriel Axon Kontakt zu pflegen. Das ist Evelyn, die früher als Medium arbeitete und sich nun von Geistern verfolgt fühlt, nur recht. Zusammen mit ihrer behinderten Tochter verbarrikadiert sie sich in ihrem Haus, das mehr und mehr verfällt.


Bei aller Stumpfheit ist ihre Tochter Muriel jedoch nicht dumm. Als kleines Kind setzt sie in Nullkommanichts ein Puzzle mit der Rückseite nach oben zusammen. Mutter Evelyn liebt und versteht zwar ihre Tochter nicht, hat aber dennoch Angst sie zu verlieren. Und so wächst Muriel in brutal einengender Lieblosigkeit auf, in der die beiden Frauen sich belauern und auf ihre jeweils eigene Art bekriegen.


„Sie öffnete den Schrank und holte ihr Frühstücksei heraus. Sie balancierte es auf der offenen Hand und erlaubte ihm, herunterzurollen und auf dem Boden zu zerschellen. Das Ergebnis war befriedigend. Evelyn machte so merkwürdige Geräusche, wenn sie sich bückte, um den Boden zu säubern. ‚Du nutzloses Stück‘, schrie sie dann.“ (S. 94)


Mit den Sozialarbeitern, die ihre geistig behinderte Tochter fördern wollen, wird Evelyn schnell fertig. Doch dann ist Muriel, obwohl sie das Haus fast nie verlässt, plötzlich schwanger. Ihre Mutter sorgt dafür, dass kein Außenstehender etwas davon mitbekommt – auch Isabel Field nicht, die neuste Sozialarbeiterin, die beharrlicher als die vorherigen zu sein scheint. Sie ist ähnlich verbissen und starrköpfig wie Evelyn. Und hat ebenso viele Probleme: einen sexuell sehr aktiven Vater, der seine Eroberungen in den Waschsalons der Kleinstadt macht, und einen schwärmerischen, aber angstgetriebenen Liebhaber, Colin Sydney, der Abendkurse besucht, um seiner herrischen Frau zu entkommen.


Wäre da noch Muriel. Sie scheint ganz offensichtlich ihr eigenes Leben zu haben, von dem weder ihre Mutter noch die Sozialarbeiter etwas ahnen. Und man fragt sich, ob Muriel wirklich so behindert ist, wie alle glauben.


Hilary Mantel zeichnet unglaublich plastische Charaktere und lebendige Dialoge voller Sarkasmus und schwarzem englischen Humor. Keine ihrer Personen weckt Sympathien und selbst aufkeimendes Mitleid verfliegt schnell, doch man will unbedingt wissen, wie es weiter geht. Die Innenperspektiven von Mutter und Tochter sind verstörend und zeigen psychische Dimensionen auf, die so schaurig in ihrer Auswirkung sind, dass es zugleich berührend und entsetzlich ist. Es gibt Szenen, die mich dazu zwangen das Buch erstmal aus der Hand zu legen, weil ich sie kaum ertragen konnte. Natürlich handelt es sich hierbei um eine fiktive Geschichte, aber die lebhafte und authentische Art in der die Autorin auf der anderen Seite das hoffnungslose Familienleben und das Verhältnis des Familienvaters mit der Sozialarbeiterin schildert oder dem Leser Auszüge aus den Sozialakten präsentiert, lässt einen beim lesen so nah an der Realität sein, dass man die Befürchtung hegt, dass viel mehr möglich sein kann, als man sich nur annähernd vorstellen kann.


Mich konnte dieses Buch fesseln und ich wollte unbedingt wissen, wie die Geschichte weiter geht, da zum Schluss doch noch einzelne Fragen für mich offen blieben. Diese waren zwar nicht schwerwiegend, so dass man diesen Roman auch für sich allein stehen lassen könnte, aber ich war neugierig und habe gleich im Anschluss die Fortsetzung „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“ gelesen (Rezension folgt).

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linie 4, zeitgeschehen, magdeburg, schnellbus, öffentlice verkehrsmittel

Die Städtesammlerin

Annett Gröschner
Flexibler Einband: 220 Seiten
Erschienen bei Penguin, 13.03.2017
ISBN 9783328100720
Genre: Biografien

Rezension:


„Wenn ich erzähle, dass ich überall, wo ich bin auf der Welt, mit der Linie 4 fahre (vorausgesetzt, es gibt eine und sie fährt über der Erde), dann werde ich oft gefragt, warum die 4? Warum nicht die 1 oder die 6? Es gibt eine einfache Erklärung: Die 4 ist die Straßenbahnlinie meiner Kindheit.“ (S. 9)


Da ich gerne Reiseberichte lese und mich diese ungewöhnliche Idee gleich begeisterte, war ich neugierig auf das, was Annett Gröschner in ihrem Buch „Die Städtesammlerin“ über ihre Art der Stadterkundung zu berichten hatte.


Immer wieder ist es für die Autorin laut eigener Aussage, ein kleines Abenteuer, mit der Linie 4 in einem Bus, Minibus oder der Straßenbahn zu fahren, da sie im Vorfeld nie genau weiß, wohin sie im einzelnen fährt und was es für sie dabei zu entdecken gibt. In dem Buch führt sie diese Linie laut Titel an die entlegensten (?) Orte der Welt, gemeint sind damit Magdeburg, Alexandria, Astana, Buenos Aires, Istanbul, Jekaterinenburg, Kasan, Klausenburg, Minsk, New York, Peking, Reykjavik, Riga, Shanghai, Tartu, Tbilissi, Tel Aviv und Temeswar.


Dabei schildert sie nicht nur das Aussehen des jeweiligen Gefährts oder wie die Fahrscheine gelöst werden, sondern erzählt auch über das, was ihr in den einzelnen Städten bei ihrer Fahrt begegnet. Es entstehen Beschreibungen der Orte, wie man sie in den üblichen Städteportraits eher nicht findet, da die Linie 4 ja nicht zwingend an Sehenswürdigkeiten vorbei führt – und das kann mitunter auch trist und ziemlich unspektakulär sein. Die zusätzlichen Informationen über die Stadt oder sogar das Land blähen den Text dann nur noch künstlich auf, bevor sie abrupt für den Leser enden, ohne dass man das Kapitelende nachvollziehen oder mit einer Endstation der Linie 4 in Verbindung bringen könnte.


Der Schreibstil konnte mich nicht überzeugen. Aufgrund der kreativen Reiseidee und der Anpreisung des Klappentextes war ich auf „Städteportraits, so abenteuerlich, wie nur das Leben sein kann“ eingestellt. Stattdessen hatte ich den Eindruck dass die Autorin, wie man bei uns so schön sagt ‚von Höcksken auf Stöcksken‘ kommt und mit ihren eher sachlichen Schilderungen krampfhaft Buchseiten füllen will.


Insgesamt finde ich es immer noch interessant eine Stadt auf diese willkürliche Art zu erkunden, bin aber der Meinung dass es wohl am spannendsten für den Reisenden selbst ist. Darüber zu lesen, fand ich eher ermüdend, weshalb ich dieses Buch nicht weiterempfehlen kann.

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frankreich, bibliothek, literatur, bretagne, bücher

Das geheime Leben des Monsieur Pick

David Foenkinos , Christian Kolb
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei DVA, 13.03.2017
ISBN 9783421047601
Genre: Romane

Rezension:


In den Vereinigten Staaten entstand Anfang der 1990er Jahre in Vancouver im Bundesstaat Washington die Brautigan Library, deren Ziel es ist, verwaiste Texte zu beherbergen. In dem Roman ‚Das geheime Leben des Monsieur Pick‘ folgt diesem realen Beispiel der Bibliothekar der bretonischen Gemeinde Crozon und gründet im Oktober 1992 die französische Version der Bibliothek der abgelehnten Manuskripte.


Die erfolgreiche Lektorin Delphine besucht mit ihrem Freund, dem erfolglosen Autor Frédéric, ihre Eltern in ihrer Heimatstadt Crozon und stößt auf eben diese Bibliothek, deren Inhalt sie sich näher anschaut.


„Sie lachten sich schief, wenn sie allein die Titel lasen, erlebten aber auch berührende Momente, schmökernd in Tagebüchern, die vielleicht schlecht geschrieben waren, in denen jedoch die Wahrheit der Gefühle steckte.“ (S. 55)


Doch sie finden auch ein Manuskript, dessen Stil seltsam, einfach und doch poetisch ist und das sie für ein Meisterwerk halten. Dem Autor, dem vor zwei Jahren verstorbenen Pizzabäcker Monsieur Pick, der nach Aussagen seiner Frau weder gelesen noch mehr als den wöchentlichen Einkaufszettel geschrieben hat, wird dieses Werk allerdings nicht so recht zugetraut. Trotz einiger Ungereimtheiten wird das Buch verlegt und ein riesengroßer Erfolg. Nebenbei wirbelt es das Leben der achtzigjährigen Autorenwitwe, ihrer Tochter und nicht zuletzt der Lektorin ziemlich durcheinander.


Und mehr mag ich an dieser Stelle gar nicht vorwegnehmen, weil man diesen mit trockenem Humor und französischer Leichtigkeit geschriebenen Roman möglichst unvoreingenommen genießen sollte. Dann fliegt man nur so durch dieses Buch. Stellenweise sind die Charaktere und die Handlung zwar etwas flach, aber das nimmt man dem Autor und der lockeren Geschichte nicht allzu übel.


Einzig das Ende wollte mir nicht so recht schmecken, doch die Enttäuschung war schnell verflogen, weil der Epilog der ganzen Geschichte schließlich eine Wendung gibt, die doch noch zu einem runden befriedigenden Abschluss des Romans führt.


„Das geheime Leben des Monsieur Pick“ ist ein vergnüglicher Unterhaltungsroman, den ich auch besonders Lesern empfehlen kann, die gerne Bücher lesen, die von Büchern und deren Drumherum handeln.

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171 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 36 Rezensionen

japan, mord, mobbing, hass, psychothriller

Geständnisse

Kanae Minato , Sabine Lohmann
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 27.03.2017
ISBN 9783570102909
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


„Geständnisse“ erzählt die Geschichte vom Mord an einer Vierjährigen begangen durch zwei dreizehnjährige Schüler. Die Lehrerin Yuko Moriguchi, die Mutter des ermordeten Mädchens, hält am letzten Schultag vor ihrer Klasse eine Rede. In dieser Rede erklärt sie, warum sie überhaupt Lehrerin wurde, erzählt dann, dass sie ihre Stelle gekündigt hat, beschuldigt zwei ihrer Schüler des Mordes an ihrer Tochter und verrät distanziert und eiskalt, warum sie diese nicht an die Polizei verraten wird. Stattdessen teilt sie ihnen mit, auf welche ganz persönliche Art und Weise sie Rache an ihnen genommen hat. Daraufhin nimmt ein tödliches Drama seinen Lauf, an dessen Ende keiner – weder Jugendlicher noch Erwachsener – ungeschoren davonkommt.


Dieses Buch erschließt sich dem Leser in einer nicht linearen Erzählform durch ein perfektes Zusammenspiel der im Buch enthaltenen Geständnisse. Obwohl man als Leser bereits nach dem ersten Kapitel grob weiß, was passiert ist und die Geschehnisse sich aus jeweils anderen Perspektiven geschildert wiederholen, wird es nicht langweilig. Nach und nach erhält man immer mehr Einblick in das, was tatsächlich geschehen ist und warum die einzelnen Protagonisten so handelten, wie sie es taten. Dabei wird die Geschichte mit jedem Kapitel abgründiger und entwickelt einen Sog, so dass man das Buch nicht mehr aus den Händen legen mag.


Nach jedem Geständnis finden sich neue Puzzle-Teile, die sich passend ins Gesamtbild einfügen. Es gibt Überraschungen und Wendungen, die für mich nicht vorhersehbar waren. Die Grenzen zwischen Opfern und Tätern sind an manchen Stellen fließend, Mitleid erscheint manchmal erst auf den zweiten Blick als angebracht – oder ist es vielleicht sogar gänzlich unangebracht? Nach so manchem Kapitel brauchte ich eine Pause, um erstmal das Gelesene zu verdauen. Und auch das grausame und stimmige Ende ließ mich das Buch zuklappen und erstmal tief durchatmen, um Luft zu holen nach dieser ebenso packenden wie ungewöhnlichen Geschichte.


Es geht um verblendete Liebe und erdrückende Fürsorge, um Gleichgültigkeit und Misshandlung; um Kinder, die an einer auf Leistung und Erfolg ausgerichteten Gesellschaft zerbrechen, die jeglichen Sinn für Gut und Böse verloren haben und in ihrer verzweifelten Suche nach Zuneigung und Anerkennung alle menschlichen Grenzen überschreiten. Die fiktive Handlung spielt in Japan und natürlich fließen auch die Wertvorstellungen und gesellschaftlichen Konventionen dieses Landes mit ein. Nichtsdestotrotz finden sich hier Probleme bezüglich des Jugendstrafrechts oder der Erziehung , die auch in unserem Land existieren und die viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren bieten.


„Geständnisse“ ist ein Roman, der in diesem Jahr zu meinen absoluten Highlights gehört und den ich Lesern empfehlen kann, die keine Angst davor haben, tief in menschliche Abgründe zu blicken.

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australien, persönliche erlebnisse, wie wir es sehen, eigene erfahrung, down under

Australien, wie wir es sehen

Erik Lorenz , Katrin Tramp-Lutz , David Cole , Ernst Erdt
Flexibler Einband: 324 Seiten
Erschienen bei Drachenmond-Verlag, 08.08.2013
ISBN 9783931989859
Genre: Sonstiges

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352 Bibliotheken, 7 Leser, 2 Gruppen, 127 Rezensionen

sekte, 1969, kalifornien, mord, usa

The Girls

Emma Cline , Nikolaus Stingl
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.07.2016
ISBN 9783446252684
Genre: Romane

Rezension:


Als inzwischen erwachsene Frau erzählt Evie in der Ich-Perspektive rückblickend von ihrem Erleben im Jahr 1969 und wie sie als vierzehnjährige in ihrem Heimatort „die Girls“ zum ersten mal sieht. Sie ist gleich beeindruckt – ihr lautes, freies Lachen, das Haar lang und ungekämmt, die ausgefransten Kleider. Diese jungen Frauen sind so ganz anders als Evie und scheinen nicht von dieser Welt zu sein. Sie gerät in den Bann der älteren Suzanne und folgt ihr auf eine Ranch, auf der sich vorwiegend junge Mädchen sektenähnlich um den charismatischen aber erfolglosen Musiker Russel scharen.


„‚Hast du mal irgendwas über Russel gehört?‘ Ich verstand die Frage nicht. Ich begriff nicht, dass sie einzuschätzen versuchte, wie viel von den Gerüchten ich gehört hatte: über Orgien, wilde Acid-Trips und jugendliche Ausreißerinnen, die dazu gezwungen wurden, älteren Männern gefällig zu sein. An mondhellen Stränden geopferte Hunde, im Sand verwesende Ziegenköpfe. Wenn ich außer Connie noch andere Freunde gehabt hätte, hätte ich vielleicht auf Partys Klatsch über Russel gehört, irgendein Getuschel in der Küche. Und vielleicht gewusst, dass ich auf der Hut sein musste. Aber ich schüttelte bloß den Kopf. Ich hatte nichts gehört.“


Und so flüchtet sich Evie immer mehr vor ihren pubertären Problemen in eine von ihr verklärte und für die Realität blinde Sichtweise bezüglich der Ranch und der dort lebenden Personen. Dabei gelingt es der Autorin die seelischen Nöte der Heranwachsenden glaubhaft und nachvollziehbar darzustellen. Und doch war mir dies auch etwas zu viel, fühlte ich mich doch zum Teil an die eigene Adoleszenz mitsamt ihrem nervtötenden Gefühlschaos erinnert. Doch genau das sorgt auch dafür, dass man als Leser eine leise Ahnung davon bekommt, woher Evies Verhalten und ihre Sucht nach Liebe und Anerkennung kommt.


Der Klappentext verrät bereits, dass es sich in diesem fiktiven Roman bei Russel um einen Typ wie Charles Manson handelt, der in der Realität junge Frauen um sich scharte und 1969 zum Morden trieb. Dieses Wissen schwingt beim Lesen mit und wird noch durch Rückblicke, Erklärungsversuche und Andeutungen der erwachsenen Evie spannend gestaltet. Man weiß, dass Schlimmes geschehen wird und wer die Geschichte um Charles Manson kennt, kann sich auch in etwa vorstellen was passieren wird. Doch als Leser möchte man auch das „Wie“ und „Warum“ erfahren und welche Rolle Evie bei dem ganzen spielt. Das sorgte neben der bildhaften Darstellung und der atmosphärischen Schreibweise dafür, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen mochte, auch wenn mich die Darstellung von Evies Leben in der Gegenwart überhaupt nicht überzeugen konnte.


Insgesamt ist „The Girls“ ein Buch, das noch nachwirkt. Es sorgte dafür, dass ich mehr über Charles Manson und seine Mädchen erfahren wollte und darüber im Netz auch einiges fand. Für mich bleibt der Fall unerklärlich und ich finde es beinahe beruhigend, dass ich Begeisterung und Hörigkeit gegenüber Russel/Manson bzw. ähnlich geartetem Personenkult nicht nachvollziehen kann. Das Buch ist interessant und unterhaltsam zu lesen und ich kann es Lesern empfehlen, die sich für diese Thematik interessieren.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

typischsissi, sissi, nur was ich mag

Nur was ich mag

Sissi Kandziora
Flexibler Einband: 180 Seiten
Erschienen bei Books on Demand, 03.05.2017
ISBN 9783743191389
Genre: Sachbücher

Rezension:


Auf ihrem YouTube Kanal TypischSissi startete Sissi Kandziora Anfang 2015 zusammen mit ihren Zuschauern das Projekt #NURWASICHMAG. Daraus entstand die Idee zu ihrem ersten Buch mit gleichnamigem Titel. Der Ratgeber beschäftigt sich damit, wie man seine Wohnung von unnötigem Ballast befreit und sich vor erneuten Fehlkäufen bewahrt.


Aufmerksam geworden bin ich auf den Youtube Kanal etwa zu Beginn dieses Jahres. Sissis sympathische Art und die simple aber effektive Methode, einzelne Themenbereiche seines Lebensumfelds unter dem Aspekt "Was ich mag" zu entrümpeln, hat mich gleich angesprochen. Auch wenn ich einige Bereiche bereits gut für mich geklärt hatte, gab es doch noch das ein oder andere für mich zu entdecken.


Das bewog mich letztlich auch dazu das Buch zu kaufen, in dem ich hilfreiche Tipps fand, die ich nach und nach umsetzen möchte. Das Taschenbuch ist ansprechend und modern gestaltet und auch Sissis Schreibweise ist in der bereits vom Youtube-Kanal bekannten lockeren ansprechenden Art.


Im Buch enthalten ist die aus 35 Teilen bestehende #NURWASICHMAG Challenge, zu der ergänzend wöchentlich Youtube-Videos auf Sissis Kanal erscheinen. Die ersten 4 Folgen sind zum jetzigen Zeitpunkt bereits online.


Beim Kapitel "Das kann sofort weg", in dem eine Liste mit 100 Dingen aufgeführt ist, die auf der Stelle aussortiert werden können, fühlte ich mich ertappt. Dort war allerlei Zeugs aufgeführt, das auch ich aus unerfindlichen Gründen aufbewahrt habe.


Insgesamt geht es allerdings nicht darum, seine Sachen radikal auszumisten, wegzuwerfen, zu verkaufen oder zu spenden, sondern vielmehr darum, sich selbst und seine Bedürfnisse besser kennen zu lernen. Nur so können erneute Fehlkäufe weitestgehend vermieden werden.


Das Buch hat mir gut gefallen und doch denke ich, dass es auch sinnvoll ist, sich die Videos anzuschauen, da sich beides wunderbar ergänzt.

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14 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

kreuzfahrt, meer, bettina querfurth, anreise, gepäck

Wo bitte geht's zum Meer?

Bettina Querfurth
Flexibler Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Diana, 09.01.2017
ISBN 9783453285439
Genre: Sachbücher

Rezension:


Warum begeben sich Menschen in Scharen auf ein Schiff, das mehr Leute unterbringt, als eine Kleinstadt Einwohner hat? Weil es die bequemste und modernste Art zu reisen ist, findet die erfahrene Kreuzfahrt-Urlauberin Bettina Querfurth. Seit zwanzig Jahren unternimmt sie Kreuzfahrten und hat die unterschiedlichsten Routen und Schiffe ausprobiert.


„Jeder Kreuzfahrtnovize muss sein persönliches Traumschiff aber erst einmal finden. Das ist gar nicht immer so einfach. Großes Schiff – kleines Schiff. Expeditionsfahrt, um Land und Leute kennenzulernen, oder ein schwimmendes Freizeitressort? Deutsch oder international? Mit Schlittschuhbahn und Surfsimulator oder lieber ohne? Das alles gilt es abzuwägen und noch vieles mehr.“ (S. 13)


Und dabei nimmt einen die Autorin an der Hand und führt in die kuriosen Sitten und Gebräuche, die den genauen Ablauf auf einem Schiff regeln ein. Sie greift dabei auf ihren großen Erfahrungsschatz zurück und erzählt auf humorvoll ironische Weise ihre besten Geschichten und Anekdoten über den Alltag an Bord. So behandelt sie auf unterhaltsame Weise in locker flockiger Schreibweise alle für den Kreuzfahrt-Neuling wichtigen Themen und fasst auch zum Ende jedes Kapitels die wichtigsten Tipps und Tricks kurz und knackig als sogenannte „Rettungsringe“ zusammen.


Als Kreuzfahrt-Fan weiß Bettina Querfurth zwar auch um die negativen Seiten dieser Art zu Reisen:


„All die ehrwürdigen Orte und berühmten UNESCO-Weltkulturerbestätten verlieren sicher ein bisschen von ihrem Charme bei diesem Massenbetrieb. Wenn wir den Superstars unter den Sehenswürdigkeiten einen Besuch abstatten, müssen wir uns wohl oder übel damit abfinden, dass sie nicht nur uns eine Audienz gewähren. Doch sei’s drum. […] Wir Kreuzfahrtreisenden sind daran wahrlich nicht alleine schuld. Den Louvre oder den Markusplatz wollen außer uns eben auch noch andere besuchen. Der Tourismuswahnsinn wird durch uns nur noch ein wenig zugespitzt.“ (S. 173)


Wer sich jedoch tiefer gehend und kritischer mit den Schattenseiten von Schiffsreisen auseinandersetzen möchte, der sollte lieber zu anderer Literatur greifen.


Dieses Buch hat mich als Nicht-Kreuzfahrerin auf kurzweilige Art gut unterhalten und ich kann es jedem empfehlen, der sich für das Thema „Kreuzfahrt“ generell interessiert, sich bisher aber noch nicht darüber informiert hat.

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Tags: kreuzfahrt, reise, urlaub   (3)
 

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Nachts ist es leise in Teheran

Shida Bazyar
Flexibler Einband: 284 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2017
ISBN 9783462050578
Genre: Romane

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bipolare störung, manisch-depressiv, biographie, autobiographie, roman

Die Welt im Rücken

Thomas Melle
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Berlin, 26.08.2016
ISBN 9783871341700
Genre: Biografien

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51 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 47 Rezensionen

australien, reisen, reise, reportage, campingbus

Der weiteste Weg

Bruno Blum
Flexibler Einband: 222 Seiten
Erschienen bei Delius Klasing, 10.04.2017
ISBN 9783667109149
Genre: Sonstiges

Rezension:


Zu gerne begebe ich mich mit Weltenbummlern auf Entdeckungsreise und konnte daher nicht widerstehen „Der weiteste Weg“ von Bruno Blum zu lesen, der bereits zweimal mit dem Motorrad die Welt bereist hast. Dieses Mal geht es gemeinsam mit seiner Freundin und dem umgebauten Campingbus innerhalb von zweieinhalb Jahren und 90.000 Kilometern durch die unterschiedlichsten Länder, Kulturkreise und Landschaften – von der Schweiz über den Nahen Osten und Indien auf den „roten Kontinent“ mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten, nach Japan und seine faszinierende Kultur, durch Osteuropa und die Mongolei, durch Sonne und Eis, durch Sturm und Hitze, durch Höhen und Tiefen.


Ich habe dieses Buch gern gelesen und fand die 161 enthaltenen Farbbilder teilweise beeindruckend und wunderschön. Sie machen für mich den eigentlichen Reiz dieses Buches aus. Auch mag ich die Geschichten zu manchen Bildern, historische und religiöse Hintergründe, Abergläubisches, Landestypisches und Rituelles. Gerne las ich auch über Unwegsamkeiten auf dieser Reise und noch lieber davon, wie diese überwunden wurden. Und doch bleibt mir das alles zu oberflächlich.


Leider ist für mich teilweise nicht nachvollziehbar über welche Zeiträume an den einzelnen Zielen verweilt wurde. Auch hätte ich mir ein wenig mehr Informationen über die Personen gewünscht, mit denen man sich dank dieses Buches auf die Reise begibt. Ein Kurzportrait, wie man es beispielsweise in Romanen über den jeweiligen Autoren findet, habe ich hier vermisst. So war einzig von Beginn an ersichtlich, dass es sich bei Bruno Blum um einen schweizer Weltenbummler handelt, der sich nun erstmalig mit seiner Freundin statt allein auf die Reise begibt. Auch hätten mich beispielsweise das Alter der Reisenden und ihre Berufe interessiert und wie sie es bewerkstelligen und finanzieren konnten, zweieinhalb Jahre aus ihrem Schweizer Leben auszusteigen und noch so vieles mehr. Ich habe hier keine Anleitung zum Weltreisen oder ähnliches erwartet, aber insgesamt stellten sich für mich beim lesen doch einige grundlegende Fragen, auf die ich in dem Buch keine Antworten bekam.


Letztlich muss ich jedoch gestehen, dass ich hier auf hohem Niveau jammere. Trotz vorgenannter Informationslücken habe ich es genossen, mich leserisch mit Bruno Blum und seiner Freundin Yvonne auf Weltreise zu begeben, auch wenn sie mir nie wirklich nah waren. Das Lesen weckt mitsamt der bildschönen Fotos die Reise und Abenteuerlust und ich würde mich am liebsten gleich auf den Weg machen um die Reiseroute der beiden Weltenbummler nachzuverfolgen.

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46 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

russland, reisebericht, couchsurfing, couchsurfing in russland, stephan orth

Couchsurfing in Russland

Stephan Orth
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei MALIK, 20.03.2017
ISBN 9783890294759
Genre: Sachbücher

Rezension:


Zehn Wochen lang reist Stephan Orth von Couch zu Couch, von Moskau bis Wladiwostok, besucht unter anderem eine Diamantenmine in Jakutien, eine Datscha mitten in der Großstadt und das Dorf einer Weltuntergangssekte in Sibirien. Dabei trifft er nicht nur Putin-Versteher, Wodkatrinker und Waffennarren, sondern auch herzliche Musiker, einen intellektuellen Pedanten und die schönste Frau des Landes. Er erfährt, wie grüne Männchen auf der Krim landeten und entdeckt sogar das Geheimversteck der sagenumwobenen russischen Seele.


Neben farbigen Abbildungen ergänzen zahlreiche schwarz-weiß Fotos den Text. Jede Station hat im Buch ein eigenes Kapitel, das mit dem Ortsnamen in kyrillischer und lateinischer Schrift, der Einwohnerzahl, der Angabe des Föderationskreises und der eingezeichneten Lage auf der Russland-Karte eingeleitet wird. Besonders letzteres ist bei der Orientierung sehr hilfreich. Auf den Innenseiten der Klappenbroschur lässt sich die Reiseroute anhand der Karte in der Gesamtübersicht nachverfolgen – eine imposante Strecke, die der Autor zurückgelegt hat und von der er nachfolgend auf unterhaltsame informative Weise berichtet.


Dabei entdeckt er für sich Wahrheiten, die es immer wieder zwischendurch kurz und knapp auf den Punkt bringen:


„Wahrheit Nummer 6: Mit dem Satz ‚Das ist Russland‘ lassen sich viele Sachverhalte erklären, für die es ansonsten keine vernünftige Erklärung gibt.“ (S. 76)


Stephan Orth findet Unterschiede, entdeckt Ungewöhnliches und Kurioses. Darüber schreibt er in humorvoller Weise, oft auch mit einem Augenzwinkern, zieht aber nichts ins Lächerliche. Er lebt zu Hause bei Einheimischen, diskutiert mit ihnen über Politik, Propaganda und Pelmeni und lässt sich von ihnen ihre Welt zeigen. Von Gastgeber zu Gastgeber ergibt sich ein persönliches Bild dieses riesigen Landes. Es werden immer auch brisante Themen angesprochen und teilweise in knapper Form auch kritisch hinsichtlich der Weltpolitik beleuchtet.


Durchs Couchsurfing hat Stephan Orth die Gelegenheit mit dem ‚Mann von der Straße‘ zu sprechen und ihn in seinem unmittelbaren Umfeld zu erfahren. Hier wird zwar auch über Politik gesprochen, aber nicht politisch gehandelt. Das macht die Menschen sympathisch und ich hatte das Gefühl einen kleinen authentischen Einblick in das Land mit seinen liebenswerten Seiten und seinen Eigenheiten zu bekommen. Allerdings hätte ich an einigen Stellen gern mehr erfahren, manchmal bleibt mir der Autor zu oberflächlich.


Interessant sind auch die im Buch verteilten Info-Kästen, in denen man allerlei Zusatzinformationen finden kann, wie beispielsweise, dass es ein Waschmittel mit dem Namen „Frau Schmidt“ gibt, das zwar in Russland hergestellt wird, aber den Kunden Qualität „Made in Germany“ vorgaukeln soll. Wen wundert’s, dass auch in Russland der Verbraucher verschaukelt wird. Reizend fand ich hingegen folgendes:


„Blin bedeutet Pfannkuchen, ist aber auch ein universal einsetzbarer und irgendwie niedlicher Fluch. Ich glaube, wenn mehr Leute auf der Welt wüssten, dass Russen „Pfannkuchen!“ rufen, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht, würden sie dieses Land geopolitisch nur noch als halb so bedrohlich empfinden.“ (S. 152)


Mir hat das Lesen dieses Buches viel Freude bereitet und ich bin Stephan Orth gerne als Leser durch dieses große Land gefolgt. Ich konnte viel Neues erfahren und möchte das Buch jedem empfehlen, der daran interessiert ist einen vorsichtigen Blick hinter den eisernen Vorhang zu wagen. Abschließend möchte ich noch folgendes zitieren:


„In verschiedener Intensität hat jeder Vorurteile über andere Länder, weil die Informationen, die wir zusätzlich zu unserem Grundwissen bekommen, meistens das Außergewöhnliche beschreiben und nicht das Alltägliche.“ (S. 246)


Dem kann jedoch wie folgt abgeholfen werden... ;)


„Wahrheit Nummer 21: Man sollte mehr reisen, statt am Computer zu sitzen.“ (S. 245)

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32 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

Das kalte Blut

Chris Kraus
Fester Einband
Erschienen bei Diogenes, 22.03.2017
ISBN 9783257069730
Genre: Romane

Rezension:


„Das kalte Blut“ offenbart sich dem Leser aus der Sicht von Koja Solm, der 1974 mit einer Kugel im Kopf auf der Hirnstation in einem Münchner Krankenhaus ist und seinem Bettnachbarn, einem Hippie, sein Leben erzählt. Was diesem zunächst noch sympathisch, unterhaltsam und witzig erscheint, wird jedoch zunehmend grausam, desillusionierend und belastend.


„Warum weinen Sie nicht? Ist Ihnen nicht klargeworden, dass Sie, bitte verstehen Sie das nicht falsch, unerträglicher Abschaum sind?“ (S. 478)


Die Geschichte beginnt im Zarenreich und erzählt von den beiden deutschbaltischen Brüdern Hub und Koja Solm, die einander in aufrichtiger Bruderliebe zugetan sind: strahlend-extrovertiert der Ältere, empfindsam der Jüngere. Koja möchte wie sein Vater als Künstler leben, doch politische Umbrüche und finanzielle Sorgen verhindern dies. Und so lässt sich Koja in den dreißiger Jahren von seinem großen Bruder Hub in die NS-Bewegung in Lettland und später in Berlin hineinziehen. Koja und sein Bruder werden Nazis und wenig später als SS-Offiziere und Agenten des nationalsozialistischen SD zu Tätern. Die beiden Brüder aus Riga machen Karriere: erst in Nazideutschland, dann als Spione der jungen Bundesrepublik.


Beiden Brüdern gemeinsam ist die leidenschaftliche Liebe für ihre Adoptivschwester Ev. Als sich herausstellt, dass Ev jüdische Wurzeln hat, kann Koja, inzwischen Obersturmführer der SS, sie vor der Vernichtung bewahren. Im Lauf der Zeit ist Ev mal Hubs, mal Kojas Geliebte. In der leidenschaftlichen Ménage à trois tun sich moralische Abgründe auf, die zu abenteuerlichen politischen Verwicklungen führen.


Nach dem Krieg und seiner Rückkehr aus sowjetischer Gefangenschaft muss sich Koja neu erfinden und verstrickt sich als Doppelagent immer mehr in Verrat und Lüge. Selbst Ev gegenüber, mit der er nach Israel zieht und die nur noch eines will: die Wahrheit über die Täter von damals zu Tage fördern.


„Warum glauben immer alle (bis auf Geheimagenten natürlich), dass Ehrlichkeit am längsten währt? Ehrlichkeit hat niemals eine Zukunft, es sei denn, sie lässt sich als List gebrauchen.“ (S. 834)


Wer sich auf dieses 1200 Seiten umfassende Werk einlässt, dem wird einiges geboten. Wir haben es hier mit interessanten vielschichtigen Charakteren zu tun, die weder komplett gut noch komplett böse sind. Das Handeln der Personen ist nachvollziehbar oder eben nicht nachvollziehbar, wird den Protagonisten aber zugetraut. Es ist gefühlvoll, herzergreifend, nicht gerade moralisch einwandfrei, manchmal brutal, widerwärtig und abstoßend. Eine Stelle im Buch ließ mich beim lesen erschrocken zusammenzucken. Doch dieser Roman baut nicht auf Schockmomente, auch wenn diese vorhanden sind, sondern vielmehr berührt die Gefühlsvielfalt, die einem diese Personen bieten und durchleben lassen – und vor allem die Informationen, die Chris Kraus hier vermittelt.


So hat der Autor diesen Roman parallel neben seiner unveröffentlichten Familiengeschichte verfasst und einen umfangreichen Literatur- und Quellenverweis der Fachbücher (online) aufgelistet, ohne die ihm ein Zugang in die Welt der westlichen und östlichen Geheimdienste und ihres nationalsozialistischen Äquivalents, des SD, verschlossen geblieben wäre. Auch in den Vorbemerkungen des Buchs weist der Autor darauf hin, dass nur ein kleiner Teil der geschilderten Geschehnisse und politischen Affären gänzlich erfunden sind. Und so lässt er seine fiktiven Figuren inmitten realer früherer Geheimdienstoperationen agieren und erzählt davon, wie der BND in der noch jungen Bundesrepublik von ehemaligen Nazis gegründet und geführt wurde. Sicherheitshalber steht jedoch auch im Vorwort: „Ihre Gültigkeit haben die Handelnden wie auch ihre beschriebenen Handlungen dennoch nur in der fiktiven Welt des folgenden Romans. Außerhalb davon mag es sich so oder auch anders zugetragen haben.“


Und so konnte mich Chris Kraus mit diesem Roman dank des ironischen, teilweise sarkastischen Erzähltons, gefühlvoller Schilderungen und der bildhaften Sprache gut unterhalten. Gleichzeitig habe ich über die Verstrickungen der Geheimdienste gelesen und mir einige Gedanken über die NS-Zeit, sowie den Aufbau der Bundesrepublik gemacht. Dieses Buch kann ich jedem empfehlen, der sich für diese Themen interessiert.

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33 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

vogel, rollstuhl, freundschaft, querschnittslähmung, bildband

Penguin Bloom

Cameron Bloom , Bradley Trevor Greive , Ralf Pannowitsch
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Knaus, 13.02.2017
ISBN 9783813507614
Genre: Biografien

Rezension:


„Wunderschön erzählt und mit einmaligen Fotos, erinnert uns die unglaubliche, aber wahre Geschichte der kleinen Elster Penguin Bloom daran, dass Liebe und Freundschaft aus ganz unerwarteten Richtungen kommen können. Und egal wie ausweglos eine Situation erscheint, es gibt immer einen Grund zur Hoffnung.“ So viel verrät vorab der Klappentext, der ausreichte, um mich auf dieses Buch neugierig zu machen.


Ich mag Rabenvögel und so konnten mich schon beim ersten durchblättern die zahlreichen Bilder der Kinder der Familie Bloom zusammen mit der australischen Elster, die eigentlich zur Familie der Würgekrähen gehört, begeistern. Wunderschöne innige, aber auch zum Teil kuriose und humorvolle Bilder des Vogels zusammen mit seiner menschlichen Familie machen Freude und zaubern einem so manches Lächeln ins Gesicht.


Erst im zweiten Schritt nahm ich mir die Ruhe und las das Buch. Zunächst erzählt Cameron davon, wie er Sam kennenlernt, sie gemeinsam ihr Leben genießen, viel reisen und schließlich nach und nach mit ihren drei Kindern zu einer kleinen Familie heranwachsen. Bei einer Reise durch Thailand stürzt Sam jedoch knapp sechs Meter in die Tiefe und ihr Unterkörper ist fortan aufgrund schwerer Wirbelsäulenverletzungen gelähmt. Die einst sehr sportliche Frau kämpft zwar, baut jedoch psychisch immer mehr ab, bis der Titelheld dieses Buches, das kleine Elsterküken, aus seinem Nest fällt. Das unter anderem am Flügel verletzte Tier wird von Sam und ihrer Mutter gefunden und mit nach Hause genommen. Dort kümmern sich Sam und die drei Kinder liebevoll um den Vogel und geben ihm den Namen Penguin. Doch nicht nur der Zustand von Penguin bessert sich allmählich, sondern auch Sam fasst dank des kleinen Vogels und der Liebe ihrer Familie wieder neuen Mut.


Das klingt natürlich alles sehr rührseelig und das ist es auch. Aber es folgen Bilder von Penguin und seiner Pflege-Familie durch die man sich gut vorstellen kann, dass dieser freche Vogel eine angenehme Ablenkung war und frischen Wind zu den Blooms gebracht hat. Kleine Texte erläutern und ergänzen die schönen Fotografien. Die Grundstimmung bleibt ernst, wird jedoch immer wieder aufgelockert. Sam sieht man auf den Bildern mitsamt Penguin und Familie ausschließlich lächelnd und fernab vom Rollstuhl, während die Texte doch immer wieder auch die Probleme aufgreifen. Im Epilog kommt Sam schließlich selbst zu Wort und schildert ihre Sicht der Dinge. Dabei verspricht sie, brutal ehrlich zu sein. Und das ist sie auch, was sie nicht nur sympathisch sondern auch authentisch erscheinen lässt. Sie schildert ihre Erfahrungen und gibt Tipps.


„Natürlich ist jede Art von Aktivität, die Sie gern ausüben gut für Sie, und je mehr Anstrengung und Konzentration damit verbunden sind, desto besser. Langeweile ist unser Feind Nummer eins – wenn Ihr Geist nichts zu tun hat, als sich auf Ihre Beschwerden zu konzentrieren und auf Ihren Zorn über das, was mit Ihnen geschehen ist, kann er schrecklich destruktiv werden. Man nimmt die Schmerzen immer stärker wahr und wird immer depressiver.“ (S. 198)


Vor allem erfährt man aber, wie sie ihr Leben meistert und was sie sich als Behinderte von ihrem Umfeld wünscht. Daneben liest man offene Worte, die nahe gehen und Bewunderung für diese Frau und die Familie hinterlassen, die gemeinsam den schweren Schicksalschlag durchgestanden und mit ihm zu leben gelernt haben. So hat mich dieses Buch, von dem ich ursprünglich nur erwartet hatte, dass es mich mit schönen Fotografien eines menschenbezogenen Rabenvogels unterhalten würde, sehr berührt und zum nachdenken gebracht. Aber es ist vor allem auch ein Buch, das Mut macht!

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60 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

witz und weisheiten des tyrion lennister, tyrion lannister, zitate, dasliedvoneisundfeuer, illustrationen

Witz und Weisheiten des Tyrion Lennister

George R.R. Martin , Andreas Helweg , Jörn Ingwersen
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Penhaligon, 27.03.2017
ISBN 9783764531577
Genre: Sachbücher

Rezension:


Tyrion Lennister ist das dritte und jüngste Kind von Lord Tywin Lennister und Lady Joanna von Casterlystein. Er ist kleinwüchsig, weshalb man ihn häufig Gnom oder Halbmann nennt und er ist der wohl beliebteste und berühmteste Charakter aus George R. R. Martins Buchreihe „Das Lied von Eis und Feuer“, die als englischen Originaltitel und verfilmt den Namen „Game of Thrones“ trägt. Tyrion ist bekannt für seine spitze Zunge, seinen beißenden Sarkasmus und seinen gnadenlosen Spott. Sein Witz und seine Weisheiten sind in diesem knapp 160 Seiten starken Büchlein zu finden.


Jeweils eine Seite ist jedem seiner teils witzigen und teils weisen Aussprüche gewidmet. Unterteilt sind diese in folgende Kapitel:


– Über das Leben als Zwerg
– Über die Macht der Worte
– Über die Liebe
– Über Familienwerte
– Über das Menschsein
– Über Musik
– Über Essen und Trinken
– Über das Königtum
– Über Realpolitik
– Über die Kriegskunst
– Über die Kunst, die eigene Haut zu retten
– Über die Kunst des Lügens
– Über Drachen und andere Mythen
– Über Religion


Aufgelockert wird das ganze durch einige zum Thema passende Tuschezeichnungen, die den Gnom humorvoll in Szene setzen.


Ob man beim Lesen das gleiche Vergnügen empfindet, wenn man lediglich die Bücher kennt, kann ich nicht beurteilen, da ich bislang nur die ersten beiden Bände von „Das Lied von Eis und Feuer“ gelesen habe. Als bekennender Fan der Serie „Game of Thrones“ sehe ich jedoch beim lesen Peter Dinklage in der Rolle des Tyrion Lennister vor meinem inneren Auge und konnte doch über so einiges mit und über den sympathischen Zwerg schmunzeln. Und genau das macht auch für mich den Reiz dieses Buches aus.


Es handelt sich hierbei nicht um Lebensweisheiten, die sich auf das tägliche Leben übertragen ließen, sondern tatsächlich um die Weisheiten des fiktiven Charakters Tyrion Lennister. Als solches sind sie zwar nicht von persönlichem Nutzen, aber sie machen stellenweise einfach Spaß. So handelt es sich hierbei um ein Buch, das man zwar nicht unbedingt haben muss, aber als Fan vielleicht haben möchte um sich die Wartezeit bis zur nächsten Staffel „Game of Thrones“ mit dem unvergleichlichen Halbmann zu versüßen.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

bepflanzung, balkon, pflanzen

Balkon für Faule

Ursula Kopp
Fester Einband
Erschienen bei Bassermann, 27.03.2017
ISBN 9783809437703
Genre: Sachbücher

Rezension:


Es ist Frühling. Die Sonne zeigt sich immer öfter und gewinnt zunehmend an Kraft. Es zieht mich hinaus ins Grüne – oder auf den Balkon. Und immer dann, wenn ich dort gerade nicht meine Nase in Bücher stecke, bietet sich mir dort ein trostloses Bild: Grauer Beton und mittendrin am Rand ein ebenso grauer fest eingemauerter Betonblumenkasten, in dem stolz ein total verholzter Rosmarin die noch zurückhaltend hervorsprießenden winterharten Kücherkräuter vom letzten Jahr überragt. An einer Seite des Balkons dümpelt Efeu an einem Rankgitter vor sich hin und gleich daneben steht noch ein großer Topf mit einer Clematis, die zwar seit mehreren Jahren meine Erwartungen nicht erfüllt, die ich aber dennoch nicht gänzlich aufgegeben habe. Und das alles, obwohl ich schon mal vor einigen Jahren einen eigenen Garten hatte, der mir viel Freude bereitet hat. Doch mein knapp vier Quadratmeter großes Balkonien ist floristisches Ödland.


Ich habe beschlossen, dass sich das in diesem Jahr ändern soll. Meine kleine Eukalyptusbank benötigt eine frische Ölung und für den Betonboden habe ich bereits Holzfliesen ins Auge gefasst. Das wäre dann auch der einfache Teil meines Vorhabens. Bei der Begrünung soll mir Ursula Kopp mit ihrem Buch „Balkon für Faule – Ganzjährig grün mit winterharten Pflanzen“ weiter helfen.


Wie viele andere Balkongärtner, so scheue auch ich einen hohen Pflegeaufwand und wünsche mir eine dauerhafte Bepflanzung mit natürlicher Wirkung, die möglichst über viele Jahre hinweg hält und vom Frühjahr bis zum Winter etwas zu bieten hat. Der Klappentext verspricht mir genau das und ich wage gespannt einen Blick ins Buch, das in folgende Kapitel unterteilt ist:


– Die richtige Planung
– Pflanzenauswahl und Kauf
– Den Ganzjahresbalkon pfanzen und pflegen
– Mit Zwerggehölzen gestalten
– Winterharte Balkonpflanzen im Portrait
– Arten- und Sachregister


Dabei geht es unter anderem um Dinge, wie den richtigen Standort, Wasserversorgung, Gefäße, Substrat, Düngen und Winterschutz. Aber auch die Frage nach dem Gewicht, das ein Balkon tragen kann bleibt nicht unberücksichtigt. Die für mich so wichtigen und wertvollen Kräuter werden ebenfalls thematisiert. Die Gestaltung mit Zwerggehölzen gefällt mir richtig gut und bei den vielen wunderschönen Fotos von Pflanzbeispielen kann ich mich derzeit noch kaum entscheiden, in welche Richtung genau die Bepflanzung meines Balkons gehen soll. Gefallen hat mir, dass einige der winterharten Balkonpflanzen gegen Ende des Buches nicht nur bildlich dargestellt sind, sondern außerdem eine genauere Beschreibung des Aussehens, des bevorzugten Standorts und einige Pflegetipps angegeben sind. Auch die enthaltenen Listen über schwachwüchsige Nadel- und Laubgehölze, winterharte Stauden und Zwiebelblumen und von Balkonblumen mit ihren Blütezeiten finde ich hilfreich.


Für jemanden, der keine tiefschürfenden Kenntnisse über Pflanzen und übers Gärtnern hat, seine Sehnsucht nach einem Stück Natur auf dem eigenen Balkon aber dennoch erfüllen möchte, hat dieses Buch für den Anfang nicht nur vielerlei Wissenswertes zu bieten, sondern enthält auch mit zahlreichen geschmackvollen Pflanzbeispielen jede Menge Anregungen um dies umzusetzen. Dieses Buch ist mir hinsichtlich des geplanten pflegeleichten Ganzjahresbalkons eine große Hilfe und ich konnte nicht umhin und habe mir bereits im Gartencenter einige Pflänzchen genauer angesehen. Es kann losgehen :)

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130 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 68 Rezensionen

liebe, alter, roman, einsamkeit, kent haruf

Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf , Pociao
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 22.03.2017
ISBN 9783257069860
Genre: Romane

Rezension:


Eines Tages klingelt Addie, eine Witwe von 70 Jahren, bei ihrem Nachbarn Louis, der seit dem Tod seiner Frau ebenfalls allein lebt. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte?


„Es geht nicht um Sex.[…] Ich spreche davon, die Nacht zu überstehen. Es gemütlich und warm zu haben. Zusammen im Bett zu liegen, die ganze Nacht. Die Nächte sind am schlimmsten. Findest du nicht?“ (S. 10)


Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie schon kurz darauf Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihre Leben.


Ebenso wie beiden Protagonisten sich gegenseitig, lernt man als Leser die beiden Charaktere nach und nach immer besser kennen. In ihren rund 70 Lebensjahren haben die beiden vieles erlebt und als Nachbarn haben sich ihre Wege immer mal wieder von Zeit zu Zeit gekreuzt. Mit ihrer sympathischen ruhigen und manchmal auch erfrischenden Art strahlen die beiden eine Gelassenheit aus, die sie immer mehr zusammenwachsen lässt und schaffen es auch, Addies Enkel in seinen Ferien die Geborgenheit zu geben, die er nach den ständigen Streitigkeiten seiner Eltern so dringend braucht. Man gönnt Addie und Louis einfach, dass sie zueinander finden und wünscht ihnen aufrichtig, dass sie ihren Lebensabend gemeinsam miteinander verbringen. Doch leider weckt die Beziehung der beiden zunächst in dem Städtchen und schon bald darauf bei den nächsten Angehörigen Argwohn und Missgunst.


Der Autor schafft lebendige authentisch wirkende Charaktere, die sich ihres Alters bewusst sind und offen die Dinge ansprechen, die sie bewegen. Ungewöhnlich empfand ich in dem Buch, dass die Dialoge nicht durch Anführungszeichen oder Ähnliches gekennzeichnet sind. Dies ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, erzeugt jedoch auch beim lesen die Ruhe und Unaufgeregtheit, mit der Addie und Louis agieren und kennzeichnet die Art, in der diese Geschichte erzählt wird. Und diese ist, auch wenn sie eher von der leisen Sorte ist, keinesfalls langweilig. Eher habe ich mich um dieses ungewöhnliche Paar gesorgt und wollte immer wissen, wie es mit ihnen weiter geht.


Eine Verfilmung dieses Buches mit Jane Fonda und Robert Redford ist in Vorbereitung. Ich könnte mir vorstellen, dass in dieser Besetzung ein durchaus sehenswertes Ergebnis zustande kommt, das ich mir wohl ansehen werde.


„Unsere Seelen bei Nacht“ ist Kent Harufs (1943-2014) letzter Roman und wurde kurz vor seinem Tod in den USA veröffentlicht. Ihm ist damit ein besonderes Buch über spätes Glück gelungen, das mich sehr berührt hat und das ich wärmstens empfehlen kann.

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42 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

geheimnis, familienschicksal, lüge, familiendram, spannung pur

Deadline

Renée Knight , Andreas Jäger
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 16.01.2017
ISBN 9783442485291
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Als Catherine das Buch eines unbekannten Autors aufschlägt, das ihr scheinbar zufällig in die Hände geraten ist, stellt sie schockiert fest, dass die Geschichte sie 20 Jahre zurück in ihre eigene Vergangenheit führt und ein Geheimnis offenbart, von dem sie niemanden erzählt hat, nicht einmal ihrem Ehemann. Dieses Buch endet mit ihrem Tod, was sie in Angst versetzt, weil sie den Schriftsteller nicht kennt und nicht weiß, wie weit er gehen wird.


In spannender Weise wird in diesem Buch in kurzen Kapiteln abwechselnd über das Jahr 1993 und das Jahr 2013, der Jetzt-Zeit, entweder in personaler Erzählweise oder in der Ich-Form über die Gedanken- und Erlebniswelt des Schriftstellers geschrieben. Im Laufe des Romans setzen sich die Handlungsstränge in logischer Reihenfolge zusammen und wenn man eigentlich glaubt zu wissen, wie alles zusammenhängt und warum es so weit gekommen ist, wendet sich das Blatt auf unvorhersehbare Weise. Danach werden die bis dato noch offengebliebenen Fragen nach und nach beantwortet, so dass dieses Buch schließlich zu einem runden Ende kommt.


Die Charaktere sind in ihren unterschiedlichen Facetten beschrieben und weder ausschließlich gut noch ausschließlich böse. Sie sind zwar nicht vielschichtig, aber durchaus interessant und sorgen neben einer flüssigen Schreibweise und dem fast bis zum Schluss sorgsam gehüteten Geheimnis dafür, das man als Leser unbedingt wissen möchte wie es weiter geht und mehr oder weniger durchs Buch fliegt.


"Deadline" hat mich gut unterhalten und ich würde das Buch jedem empfehlen, der Lust auf einen unblutigen, aber psychologisch grausamen und spannenden Unterhaltungsroman hat.

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39 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

selbstmord, bojangles, glück, tanzen, musik

Warten auf Bojangles

Olivier Bourdeaut , Norma Cassau
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2017
ISBN 9783492057820
Genre: Romane

Rezension:


Georges liebt seine Frau hingebungsvoll. Er nennt sie nicht länger als zwei Tage beim selben Namen, die beiden mixen sich Cocktails, sie tanzen zum einzigen Lied, das auf ihrem Plattenteller laufen darf: Nina Simones ‚Mr. Bojangles‘. Ihr Leben ist ein rauschendes Fest voller Originalität und wahnwitziger Ideen.


„Fahren Sie schneller, sonst holen Ihre Lügen uns noch ein“, rief sie, die Arme aus dem Cabrio nach oben gestreckt.“ (S. 56)


Gemeinsam mit ihrem Sohn machen sie Urlaub in ihrem Wolkenschloss in Spanien; Georges Frau nimmt alle für sich ein, sie ist extravagant und charismatisch.


„Die Wahrheit taugt nichts, dabei war sie diesmal sogar lustiger als jede Lüge…“ (S. 9)


Das lernt der Namenlose Ich-Erzähler des Romans „Warten auf Bojangles“ schon sehr früh und wächst mit der Verrücktheit seiner Eltern in einer Umgebung auf, in der gefeiert wird, wann immer es geht, wo ein skurriller Umgang miteinander herrscht, weil jeder sich Siezt und wo das Leben daraus besteht, sich gegenseitig phantasievolle Geschichten aufzutischen.


Auch aus der Sicht seines Vaters George wird dieser Roman erzählt. Als dieser eines Tages nach Hause kommt, findet er seine Frau völlig verwirrt auf einer Krankentrage vor dem Haus. Mit einer ihrer verrückten Ideen hat sie aus Versehen die Wohnung in Brand gesetzt. Jetzt finden die Ärzte ein eine Diagnose für ihre Verrücktheit.


„Hysterie, Bipolarität, Schizophrenie, die Ärzte hatten sämtliche wissenschaftliche Terminologie aufgefahren, um ihren Wahn in Worten festzuhalten.“ (S. 112)


Und sie haben auch eine Therapie. Doch die würde bedeuten, dass Georges und seine Frau alles verlieren, wofür sie bislang gelebt haben. Und so entführen Vater und Sohn sie kurzerhand nach Spanien, in der Hoffnung, ihr Leben dort wie bisher weiterführen zu können.


„Das Unternehmen Liberty Bojangles war der Tritt in den Arsch der Vernunft, den mein Sohn angeregt hatte. Ich wollte mich nicht damit abfinden, den Roman, der unser Leben war, ohne theatralischen Schlusspunkt zu beenden. Wir mussten doch unserem Sohn ein Ende bieten, das auf der Höhe der Erzählung lag, ein Finale, das es in sich hatte, ein Ende voller Heiterkeit und Gefühle.“ (S. 124)


Traurig und schön zugleich, anmutig leicht und doch tief berührend – „Warten auf Bojangles“ war der Überraschungsbestseller des französichen Bücherjahres, wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Vorausschauend heißt es schon gegen Ende dieses Romans so treffend:


„Verkehrt herum gelogen, richtig herum gelogen, das Buch meines Vaters eroberte die Buchhandlungen auf der ganzen Welt.“ (S. 156)


Mich lässt dieses Buch jedoch zwiespältig zurück. Ich habe den liebevoll verrückten Umgang und die Leichtigkeit, mit der Georges und seine Frau das Leben zu genießen wissen, sehr gemocht. Hier wird man Zeuge einer abgedrehten nicht schnulzigen Liebesgeschichte, die Spaß macht und einem aufgrund der Sprache und der gut gewählten Formulierungen das ein oder andere Schmunzeln entlockt. Doch ab einem gewissen Punkt wurde mir das alles zu viel, weil mein Mutter-Ich überhand nahm und ich nicht damit zurechtkam, dass ihr Junge in verantwortungsloser Umgebung aufwächst, in der Phantasie, Wahrheit und Lüge kaum zu unterscheiden sind. Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los und so konnte ich an diesem Roman bis zum Schluss und erst recht mit dem Schluss keine Freude mehr haben.


Hinsichtlich der manisch-depressiven Erkrankung und der Psychiatrie gibt es in diesem Roman nichts zu erfahren. Man merkt im Gegenteil, dass der Autor hier seiner Phantasie freien Lauf lässt. Als von dieser Krankheit selbst Betroffene möchte ich sogar so weit gehen und ebenfalls Erkrankten von der Lektüre dieses Buches eher abraten, da es unter Umständen triggern könnte.


Wer jedoch eine liebevoll verrückte und traurige Liebesgeschichte lesen möchte und dabei die vorgenannten Punkte ausblenden kann, dem könnte dieses Buch gefallen – den übrigen sei andere Lektüre empfohlen.

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45 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 41 Rezensionen

bewegung, glück, japan, leben, hardcover

Ikigai: Gesund und glücklich hundert werden

Francesc Miralles , Héctor García (Kirai)
E-Buch Text: 224 Seiten
Erschienen bei Ullstein eBooks, 10.03.2017
ISBN 9783843715607
Genre: Sonstiges

Rezension:


Den Japanern zufolge hat jeder Mensch ein Ikigai. Laut dieses Buches ist das Ikigai das, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen, oder auch ganz einfach: der Sinn des Lebens. Es ist allerdings in uns verborgen, und wir müssen nach ihm forschen. Finden wir unser Ikigai, haben wir die Chance, gesund und glücklich alt zu werden, verspricht der Klappentext.


Das Buchcover finde ich ansprechend und passend gestaltet, da ich in den beiden abgebildeten Fischen Koi Karpfen zu erkennen meine. Diese verbildlichen die fest in der japanischen Kultur verankerten Werte Stärke, Ausdauer und Strebsamkeit. Doch auch Reichtum, Glück und Erfolg lassen sich damit assoziieren. Somit unterstreichen diese symbolisch den Weg, um „Gesund und glücklich hundert werden“.


Der Beginn jedes neuen Kapitels wird mit einer zarten stilistisch schön umgesetzten schwarz-weiß Zeichnung der beiden Fische des Buchcovers eingeleitet. Die Kapitel selbst, setzen sich wie folgt zusammen:


1. Die Philosophie des Ikigai – Die Kunst zu altern und dennoch jung zu bleiben.
2. Alltagsfaktoren, die einen langen, angenehmen Lebensweg begünstigen
3. Berichte der ältesten Menschen aus Ost und West
4. Wie wichtig es ist, einen Lebenssinn zu finden, um länger und besser zu leben
5. Wie man Arbeit und Freizeit zu einem Raum des Wachsens macht
6. Traditionen und Maximen aus Ogimi, Schlüssel zu einem langen, glücklichen Leben
7. Was essen und trinken die ältesten Menschen der Welt?
8. Sanfte körperliche Aktivität für ein längeres Leben
9. Wie man Probleme und Veränderungen im Leben bewältigt, ohne durch Stress und Sorgen zu altern


Schaubilder und die zeichnerische Abbildung von Bewegungsabläufen verbildlichen und verdeutlichen einzelne Themen dieses Buches.


Zur Orientierung und als Vorbild haben die Autoren die Einwohner der japanischen Insel Okinawa befragt. Dort leben die meisten Hundertjährigen, die uns hier jeder ihr eigenes Geheimnis eines langen Lebens verraten. Dies fand ich auch wirklich interessant und habe sehr gerne darüber gelesen. Der Schreibstil ist flüssig und die Themen sind aufschlussreich beschrieben.


Nicht passend übersetzt fand ich in diesem Buch den Begriff Ikigai, der besonders zu Beginn des Buches leider inflationär eingesetzt wird. Der Sinn des Lebens scheint mir hier zu hoch gegriffen, begrifflich für mich persönlich zu schwammig und abschreckend. Vielmehr verstehe ich anhand des Buches Ikigai als sinnvolle erfüllende Beschäftigung, die als solches vieles der im Buch angesprochenen Dinge sein kann.


Auch wird gleich in den ersten Abschnitten Arbeit als Ikigai betitelt und der Ruhestand als böses todbringendes Übel. Hier hätte ich mir mehr Tiefgang gewünscht und nicht pauschal für alle Menschen festgelegt, dass die Arbeit der einzige Sinn des Lebens sein kann. Welch fatales Urteil für Menschen, deren Arbeit lediglich zum Broterwerb dient, deren Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt aus welchen Gründen auch immer unerwünscht ist oder die aus gesundheitlichen Gründen keiner Arbeit nachgehen können. Dass stattdessen eine sinnvolle erfüllende Beschäftigung als Ausgleich gefunden werden sollte, damit das Leben lebenswert bleibt, hat mir hier gefehlt.


Da ich mich für die Themen gesunde Ernährung, Flow, positive Psychologie und Resilienz seit längerem interessiere und bereits in Meditation und fernöstlichen Bewegungsübungen erprobt bin, gab es für mich nicht allzu viel Neues zu erfahren. Dennoch war dieses Buch eine schöne grobe Zusammenfassung dieser Themen. Einiges wurde mir wieder ins Gedächtnis gerufen und anderes konnte ich für mich insgeheim abhaken, weil ich es bereits verinnerlicht oder umgesetzt habe.


So hinterlässt das Buch insgesamt ein gutes Gefühl bei mir und ich könnte mir vorstellen, dass Menschen, die noch auf der Suche nach mehr Glück und Zufriedenheit sind, in diesem Ratgeber vielleicht den ein oder anderen Denkanstoß finden können.


Denn wie heißt es in dem Buch eingangs so treffend:


„Nur wenn du aktiv bleibst, wirst du dir wünschen, hundert Jahre zu leben.“ (Japanisches Sprichwort)


Ich versuche erstmal 50 und dann sehen wir weiter :)

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

manesse, sensei, japan, klassiker weltliteratur

Kokoro

Soseki Natsume , Oscar Benl , Oscar Benl
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Manesse, 26.09.2016
ISBN 9783717524182
Genre: Romane

Rezension:


Natsume Soseki (1867–1916) begeisterte sich früh für klassische chinesische Literatur und Haiku-Dichtung. Er studierte englische Literatur, lebte zwei Jahre in London und unterrichtete schließlich an der Kaiserlichen Universität Tokio. Ab 1907 widmete er sich ganz dem Schreiben. Seine Romane gelten als die ersten modernen Werke in japanischer Sprache und der Manesse Verlag wirbt damit, dass „Kokoro“, was so viel wie Gefühl oder Herz bedeutet, Japans meistgelesener Roman ist.


Der Erzähler in den ersten beiden Teilen des Buches ist ein Student, der einen älteren Mann beim Baden am Meer kennen lernt. Der Jüngere wird auf den Älteren aufmerksam, weil dieser offenbar mühelosen Umgang mit einem Europäer pflegt, der sich ebenfalls am Strand aufhält. Er freundet sich mit dem älteren und hochgebildeten, doch offensichtlich unter einem tragischen Schulderlebnis leidenden Mann an, den er „Sensei“ nennt – in Japan eine respektvolle Anrede für einen an Alter und Erfahrung überlegenen Mann von unbezweifelbarer geistiger Autorität. Nach Tokyo zurückgekehrt, sucht der Student den Sensei, der vermögend ist und deshalb keiner Erwerbsarbeit nachgehen muss, öfter zu Hause auf. Doch dieser hält bei aller Freundlichkeit Distanz zu ihm, ähnlich behandelt er seine Frau, die anscheinend mit seinem Geheimnis zu tun hat.


„Die Erinnerung daran, dass man einst vor einem anderen niedergekniet ist, weckt später das Verlangen, den Fuß auf dessen Kopf zu setzen. Um mir diese Schande einmal zu ersparen, möchte ich auf Ihre Verehrung jetzt verzichten. Um nicht eines Tages eine noch viel bittere Einsamkeit ertragen zu müssen, will ich die augenblickliche geduldig auf mich nehmen.“


Der zweite Teil schildert den jungen Mann bei seiner Familie auf dem Land. Der Vater, der sich in seiner provinziellen und sich den Konventionen widerspruchslos fügenden Art von der des Sensei stark unterscheidet, ist schwer krank.


„Nach seiner Auffassung arbeiteten alle wirklich wertvollen Menschen in einer hohen Stellung, und er schien den Schluss zu ziehen, dass der Sensei nirgendwo tätig war, weil er zu nichts taugte.“


Als der Vater schließlich im Sterben liegt, verlässt ihn sein Sohn, weil der Sensei ihm in seinem Brief seinen bevorstehenden Freitod mitgeteilt hat.


Im dritten Teil, in ebendiesem Brief, schildert der Sensei – der im ersten Teil mit den Augen des Studenten betrachtet wurde und im zweiten, wenn auch unsichtbar, stets im Hintergrund zugegen war – dem jungen Mann seine Vergangenheit und gesteht nicht nur eine schwerwiegende Verfehlung seiner Jugend ein.


Die Vereinsamung des Menschen und sein streben nach innerem Frieden ist auch in diesem Roman Natsume Sosekis Thema. Letzteres scheint unerreichbar, weil in der allmählich einsetzenden Zeit der individuellen Entfaltung der Bruch mit den strengen Konventionen nur den familiären Ausschluss und somit die Einsamkeit des modernen Menschen zur Folge haben kann. Deutlich spürbar ist an vielen Stellen im Buch der enorme Druck, der Menschen psychisch zerstört und Suizid als einzige mögliche Lösung darstellt.


Da ich mich bislang nicht eingehend mit der japanischen Kultur beschäftigt habe, sind meine Kenntnisse eher gering und fußen auf einigen wenigen japanischen Büchern und Filmen. Dennoch wollte ich mich auf diesen Roman einlassen, um über eine andere Zeit und einen völlig anderen Kulturkreis zu lesen. Ich habe es nicht bereut – es war für mich ein besonderes Leseerlebnis. Die handelnden Personen blieben mir zwar fremd und ihr Verhalten war für mich nicht immer nachvollziehbar, aber diesen Anspruch hatte ich auch nicht. Vielmehr fühlte ich mich in der Rolle eines Beobachters, der sich in die Sitten und Gebräuche zwar nicht einfühlen, deren Problematik jedoch zu verstehen meinte.


Der Sprachstil dieses japanischen Klassikers ist leicht und flüssig zu lesen. In relativ kurzen Kapiteln wird man durch die drei Teile dieses Buches geführt. Viele japanische Eigennamen wurden beibehalten und mit Fußnoten versehen. Da ich das eBook gelesen habe, hätte ich mir gewünscht, dass mein eReader und/oder das eBook eine Möglichkeit zum bequemen hin- und herspringen zwischen Fußnote und Erläuterung bieten würde. Da dies jedoch fehlt, würde ich eher zum Buch in Papierform raten. Aber selbst wenn man nicht jeden Begriff nachschlagen möchte, mindert es nicht das Leseverständnis, sondern einzig das Vorstellungsvermögen wie ich aus Bequemlichkeit letztlich feststellen konnte.


„Kokoro“ ist zum einen ein Roman, der ein wenig in das traditionsreiche Japan mitnimmt, zum anderen aber auch den inneren Kampf des Menschen dagegen zugunsten seiner individuellen Bedürfnisse aufzeigt. Ein Buch, bei dem es den Protagonisten geholfen hätte, ein wenig mehr miteinander zu reden und das mich wertschätzen lässt, dass ich hier und heute in Deutschland lebe und nicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Japan.

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charlotte salomon, nationalsozialismus, antisemitismus, kunst im dritten reich, david foenkinos

Charlotte

David Foenkinos , Christian Kolb
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Penguin, 14.11.2016
ISBN 9783328100225
Genre: Romane

Rezension:


„Der folgende Roman beruht auf dem Leben der deutschen Malerin Charlotte Salomon. Sie war sechsundzwanzig und schwanger, als sie ermordet wurde. Ihr autobiografisches Werk Leben? Oder Theater ist die Quelle, auf die ich mich hauptsächlich beziehe.“


Dies teilt der Autor mit, bevor er uns einem Roman überlässt, dessen Textgestaltung schon ungewöhnlich ist. Jeder, der meist kurzen Sätze beginnt in einer neuen Zeile, so dass es eher scheint, als habe man hier Lyrik statt eines Romans in Händen. Die fast schon abgehackt wirkende Erzählweise und die im Präsens erzählte Geschichte Charlottes lässt einen beim Lesen zunächst stocken, erzeugt aber nachfolgend immer mehr den Eindruck, als berichte der gelegentlich in der Ich-Form auftauchende Autor in aufgeregter Weise über die ihn stark bewegende Biografie dieser Künstlerin.


„Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?
Welche Form sollte das Ganze annehmen?
Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich verspürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.


Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.“ (S. 73/74)


Und so fliegt man aufgrund des Erzählstils geradezu durch dieses Buch, in dem eindringlich das Leben Charlottes zu einem Roman geformt und gefühlvoll untermalt wird, dabei aber glücklicherweise nicht ins Rührseelige abdriftet. „Das ist mein ganzes Leben“ – mit diesen Worten übergibt Charlotte einem Vertrauten 1942 einen Koffer voller Bilder. Sie erzählen ihre viel zu kurze Geschichte: von der Kindheit im Berlin der 20 Jahre, dem frühen Tod der Mutter, dem Zugang zu Berlins Künstlerkreisen durch die neue Frau des Vaters, dem Studium an der Kunstakademie, dem Leben als Malerin. Und dann: Flucht vor den Nationalsozialisten nach Südfrankreich, Leben im Exil, aber auch Liebe und Hochzeit. Nur ihre Bilder überleben – und damit ihre Geschichte, die David Foenkinos anrührend erzählt. Charlotte ist das Porträt eines verheißungsvollen Lebens, das viel zu früh beendet wurde.


„Charlotte, mon obsession.
Ich habe an den Schauplätzen ihres Lebens gesucht.
Im Traum, in der Wirklichkeit.
Nach den Farben in ihren Bildern.
Mir gefielen die verschiedenen Gesichter von Charlotte, denen ich begegnete.
Es waren viele Gesichter.
Am wichtigsten bleibt für mich jedoch ihr Werk, Leben? Oder Theater?
In dem sie durch den Filter der Kunst auf ihr Leben schaut.
Um ihre Sicht der Dinge zu verzerren.“ (S. 186)


Und so blickt uns auf dem Buchcover ein Ausschnitt aus dem Selbstporträt Charlotte Salomons (Gouache, um 1940) an, das eine gewisse Traurigkeit ausstrahlt und mich ebenso in den Bann zu ziehen vermag, wie der Schreibstil und die Geschichte, die dieser Roman erzählt. Ich mochte das Buch nicht mehr aus der Hand legen und kann es nur wärmstens empfehlen. „Charlotte“ von David Foenkinos ist für mich ein echtes Lesehighlight und wird in meinem Bücherregal einen Ehrenplatz bekommen.

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krebs, weltreise, roman, leben, überleben

Überleben ist ein guter Anfang

Andrea Ulmer
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 10.02.2017
ISBN 9783548613086
Genre: Romane

Rezension:


Brustkrebs, Metastasen in den Knochen, unheilbar. So lautet die Diagnose von Anja, die Ende 40 ist, als sie sich auf Drängen ihres Mannes einer Selbsthilfegruppe anschließt. Dort pflegen die Frauen einen erfrischend unverkrampften Umgang miteinander und schon bald werden die regelmäßigen Treffen zu Anjas Wochenhighlight. Schließlich plant die 84jährige Sieglinde, das älteste Mitglied der Gruppe, eine Weltreise.


"Sie hat gesagt, dann sitzt man da und hat sich nie was getraut. Aber es passiert einem trotzdem was Schlimmes, und man wird krank. Da hätte man sich genauso gut was trauen können, und es hätte sich zumindest gelohnt." (S. 85)


Doch Sieglinde verstirbt, bevor sie sich auf den Weg machen kann und so beschließen die anderen Gruppenmitglieder an ihrer Stelle die Weltreise anzutreten. Dabei besuchen sie Südfrankreich, besichtigen den Grand Canyon und die Anden, bereisen Australien und Indien und beenden ihren ganz besonderen Selbsterfahrungstrip in Ägypten.


Ein ernstes Thema und bei Anjas Diagnose geht man als Leser davon aus, dass es sich bei diesem Roman um kein fröhliches Buch handeln kann. So haben einzelne Frauen der Selbsthilfegruppe auf der Reise auch tatsächlich mit gesundheitlichen Problemen oder mit Schwierigkeiten der zuhause gebliebenen Familienangehörigen zu kämpfen. Das sind jedoch eher Zwischenspiele in diesem Buch. Die Probleme werden zur Kenntnis genommen, wenn nötig behandelt oder es wird gehandelt und dann geht das Leben weiter. Dabei tauchen gelegentlich auch ernstere Gedanken und Dialoge auf.


"War es das, was der Krebs mit einem machte? Er knapste gar nicht vom hinteren Ende des Lebens ein paar Jahre ab, in denen man sich ohnehin mit allerlei Wehwehchen herumgeschlagen hätte. Er stahl einem die Jahre davor, in denen man sich noch fit und gesund hätte fühlen können, und versetze einen schlagartig in die Wehwehchen-Phase, von der man geglaubt hatte, sie läge noch weit in der Zukunft. Krebs war ein ziemlicher Arsch." (S. 120)


Doch bevor sich beim lesen Betroffenheit einstellen kann, sorgen die Protagonistinnen mit ihrem Humor dafür, dass es mit einem Schmunzeln weiter gehen kann. So herrscht in diesem Roman dauerhaft eine positive Grundstimmung, die einen mit einer nur gelegentlich etwas getrübten Leichtigkeit durchs Buch führt. Dadurch betrübt einen das Buch zwar nicht, aber es berührt auch nicht.


Die Charaktere bleiben eher oberflächlich und klischeehaft, was ich ihnen beim Lesen allerdings nicht so recht übel nehmen konnte, weil ich mir insgeheim wünsche, dass Krebspatientinnen auf die geschilderte Art mit ihrer Erkrankung umgehen können. Auch ist es angenehm zu beobachten, wie sich einige Personen auf dieser Reise weiter entwickeln und die Gruppe noch näher zusammenwächst. 


"Entweder man verbrachte jede freie Minute damit, sich selbst leidzutun, oder man machte halt das Beste aus dem, was man hatte." (S. 265)


Unangenehm und überzogen fand ich hingegen die Darstellung der daheimgebliebenen Familienangehörigen und das übertriebene Geglucke der Frauen dieser Selbsthilfegruppe.


Das Buchcover finde ich optisch zwar ansprechend, aber es scheint mir nicht passend gewählt. Es ist mir für den Inhalt zu verspielt und auf den Bildern scheinen Menschen in einer Altergruppe abgebildet worden zu sein, die mit der des Buches nicht übereinstimmt.


"Überleben ist ein guter Anfang" basiert auf dem Schicksal der Mutter der Autorin. Deren sehr positiver Lebenseinstellung wollte sie in dem Roman ein Denkmal setzen. Ich denke, das ist Andrea Ulmer gelungen auch wenn es sich bei diesem Buch um leichte Unterhaltung ohne allzuviel Tiefgang für zwischendurch handelt.

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thriller, mord, melanie raabe, falle, die falle

Die Falle

Melanie Raabe
Flexibler Einband: 350 Seiten
Erschienen bei btb, 11.04.2016
ISBN 9783442714179
Genre: Krimi und Thriller

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