himbeerbels Bibliothek

521 Bücher, 86 Rezensionen

Zu himbeerbels Profil
Filtern nach
521 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Heiter bis wolkig

Myrthe Van der Meer , Melanie Czarnik
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei BALANCE Buch + Medien Verlag, 21.12.2017
ISBN 9783867391184
Genre: Romane

Rezension:

Alles spricht dafür, dass ihre Depression der Vergangenheit angehört. Myrthe fühlt sich großartig und gesund. Beschwingt und mit breitem Lächeln fährt sie zu ihrem vermeintlich letzten Therapiegespräch und findet sich völlig unverhofft zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre in der Psychiatrie wieder - und das nur, weil sie sich mit ein paar Tablettenvorräten für den schlimmsten Fall alle Möglichkeiten offen halten wollte und dies dank ihrem Aspergersyndrom mit aller Ehrlichkeit ihrem Psychiater auch genau so mitgeteilt hat.

Es ergibt sich eine neue Diagnose - zu dem Asperger-Syndrom kommt noch die Bipolare Störung, die gemeinhin auch als manisch-depressive Erkrankung bekannt ist, hinzu.

"»Was ich tatsächlich bekommen habe, ist lebenslänglich. Als ich nur depressiv war, konnte ich noch glauben, dass jede Depression die letzte ist.« Ich zögere kurz. »Jetzt scheint auf jede Depression ein neues Tief zu kommen, immer wieder hoch, immer wieder runter.«" (S. 182)

Als Leser durchlebt man mit Myrthe die unterschiedlichen Seiten ihrer neuen Diagnose, erlebt ihr Hadern mit der Krankheit und ihre Entwicklung in der Klinik:
"Ich finde, dass ich für andere da sein können muss, dass ich nützlich sein muss und dass ich eine Daseinsberechtigung haben muss. Das sind schon drei Gründe. Ich will nicht das schwächste Glied in der Kette sein. Und ich will diese Diagnose nicht." (S. 133/134)

Gleichzeitig gewährt einem dieser Roman einen humorvollen ehrlichen Blick in das Innere einer offenen Station mit seinen unterschiedlichsten Patienten, Problemen und Krankheitsbildern, lässt aber gleichzeitig auch ein wenig von der Besonderheit dieser geschützten Atmosphäre erahnen, in der man monatelang all seine Probleme, Frustrationen, Schwächen und Ängste mit Pflegern und Mitpatienten teilt, bis man wieder für ein Leben außerhalb gekräftigt ist. Wichtig sind dabei auch die Angehörigen, die in diesem Roman nicht außer Acht gelassen werden.

Heiter bis wolkig basiert auf den Erfahrungen, die Myrthe van der Meer (Pseudonym) in allen Winkeln der Psychiatrie gesammelt hat. Es geht um den Weg zur Diagnose, die Tagesklinik, die Einweisung in eine psychotherapeutische Klinik und schließlich um ihren zweiten Psychiatrieaufenthalt. Die Geschehnisse fanden in Wirklichkeit also nicht alle in der geschilderten psychiatrischen Abteilung statt und auch nicht nur mit den in diesem Psychiatrieroman beschriebenen Pflegekräften, Therapeuten und Mitpatienten.

Und doch kann man sich als manisch-depressiv erkrankter Mensch in manchem wiedererkennen und fühlt sich an die durchwachsenen, vor allem aber auch an die positiven Aspekte der Klinikzeit zurückerinnert. Wer sich in diese Thematik hineinlesen möchte, dem sei dieses Buch, das einen ein ums andere Mal schmunzeln lässt, unbedingt empfohlen!

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(131)

266 Bibliotheken, 13 Leser, 1 Gruppe, 28 Rezensionen

dystopie, totalitärer staat, der report der magd, frauen, magd

Der Report der Magd

Margaret Atwood , Helga Pfetsch
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Piper, 03.04.2017
ISBN 9783492311168
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

bipolare störung, krimi, manisch-depressiv, psychische behinderung, psychologie

Dir werd ich helfen

Cornelia Schmitz
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei BALANCE Buch + Medien Verlag, 13.03.2018
ISBN 9783867391375
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wie hatte die Dame der Arbeitsagentur gesagt? „Sie brauchen eine sinnstiftende Tätigkeit, Frau Sudfeld, eine Tagesstruktur. Das wird ihnen ganz sicher helfen.“ Als Ergebnis dieser Unterhaltung findet sich Eli, die unter einer Bipolaren Störung leidet, in einer Werkstatt für behinderte Menschen wieder, in ihren Augen keine geeignete Maßnahme, um ihr anhaltendes Stimmungstief zu beheben. Sie vermisst nicht nur die ‚rosarote Brille der Manie‘, die kommunikativen Typen aus der Psychiatrie und ihren Liebsten, sondern eine komplexe Aufgabe zur Belebung ihrer Lebensgeister.

So weit, so interessant, so anschaulich, so lebensnah. Als Leserin, die ebenfalls manisch-depressiv erkrankt und dadurch schwerbehindert ist, machte ich vor einigen Jahren eine berufliche Reha und befand mich in ähnlichen Einrichtungen, wie die Protagonistin dieses fiktiven Werkstattkrimis.

„Es war wie in einem Brunnen, in den kaum Licht fällt: Die Werkstatt und die Menschen darin wurden von der Öffentlichkeit kaum gesehen, nicht die kleinen, manchmal auch großen Erfolge, nicht die Vorsicht, das Zartgefühl, auch die Güte, die es hier, unter den Außenseitern, oftmals gab, auch die Freude am Arbeiten, der Stolz auf das Geleistete, der Wille, anzupacken.“ (S. 121)

Die Menschen und Begebenheiten fand ich sehr gut eingefangen und fühlte mich teilweise in diese sehr anstrengende, aber auch wohl behütete Zeit zurückversetzt.

„Weißt du, Eli“, hatte Gertrud gesagt, „viele bei uns, auch Deborah, wirken auf den ersten Blick ganz normal. Sind es ja auch. Aber auf den zweiten Blick, wenn man genauer hinschaut, dann merkt man eben, warum jemand hier ist. Sie sind labil, können sich nicht wehren, so wie Deborah, oder haben schlimme Albträume, wenn sie überhaupt schlafen, haben Angst, alles falsch zu machen, so wie Melanie, können überhaupt keinen Stress vertragen oder kriegen kein vernünftiges Gespräch zustande, auch wenn es niemanden hier gibt, der gar nichts mehr blickt, verstehst du?“ (S. 72)

Eli versteht und arrangiert sich – anfangs widerwillig – mit der Situation. Ihre Gedankengänge und Vorbehalte sind nachvollziehbar dargestellt. Das ist neben der Schilderung der Werkstatt die eigentliche Stärke und das Interessante an diesem Buch, das meines Erachtens besser kein Krimi geworden wäre. Der „Kriminalfall“ beginnt eigentlich erst im letzten Drittel des Buches und fühlt sich für mich wie ein Fremdkörper an, der nachträglich an die Geschichte angehängt und später mühsam eingeflochten wurde. Als fiktiver Part bringt er eigenartige Auswüchse mit sich. Abstrus finde ich die Schilderung einer in der Einrichtung für psychisch Kranke öffentlichen Bildergalerie mit den bereits verstorbenen Mitarbeitern. Ebenso abwegig erscheint mir, dass in ebendieser Einrichtung von allen Mitarbeitern und Kollegen immer wieder betont wird, dass die zuletzt verstorbene Mitarbeiterin keinen Grund für ihren Suizid gehabt habe. Das sind Floskeln, die sich psychisch Kranke oder Sozialarbeiter in diesem Bereich doch eher verkneifen.

„Das Buch ist Fiktion und abermals Fiktion“ betont die Autorin, die unter Pseudonym schreibt, im Nachwort ausdrücklich. Für mich war allerdings der überwiegende Teil dieses Buches so nah an der Wirklichkeit und die Gedankenwelt der Protagonistin so nachvollziehbar und gut beschrieben, dass mir die unausgereifte Fiktion nicht gefallen mochte. Dennoch kann ich das Buch Lesern empfehlen, die einen kleinen Einblick in die Arbeit der Werkstätten für Menschen mit psychischer Behinderung bekommen möchten – und die sich dafür interessieren, mit welchen gemischten Gefühlen die Arbeit dort verbunden sein kann.

  (2)
Tags: bipolare störung, krimi, manisch-depressiv, psychische behinderung, psychologie   (5)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(12)

26 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

psychopathinnen, mord, psyche, psychologie, sachbuch

Psychopathinnen

Lydia Benecke
Flexibler Einband: 450 Seiten
Erschienen bei Ehrenwirth, 29.03.2018
ISBN 9783431039962
Genre: Sachbücher

Rezension:

Lydia Benecke (www.benecke-psychology.com) arbeitet als selbstständige Psychologin und als Therapeutin, unter anderem in einer Sozialtherapeutischen Einrichtung des Strafvollzugs mit schweren Straftätern. Sie hält regelmäßig Vorträge für ein breites Publikum und hat bereits mehrere Bücher geschrieben, unter anderem „Auf dünnem Eis. Die Psychologie des Bösen“ und „Sadisten. Tödliche Liebe – Geschichten aus dem wahren Leben“.

Gelesen hatte ich bislang noch keines ihrer Bücher, aber da mich die Abgründe der menschlichen Psyche interessieren, behielt ich ihren Namen im Gedächtnis und las nun ihr neustes Werk „Psychopathinnen. Die Psychologie des weiblichen Bösen“.

Der Klappentext verrät:
„Frauen sind wehrlos, sie leiden, sie dulden, sie verzeihen. Doch wenn die Psychopathie in ihrer Seele sich Bahn bricht, töten sie ebenso grausam und skrupellos wie Männer. Lydia Benecke analysiert neueste Forschungsergebnisse zum Thema weibliche Psychopathie und zeigt an aktuellen und historischen Fällen, wie sich Psychopathinnen die Rollenklischees von Frauen zunutze machen. Denn Frauen planen ihre Verbrechen nicht nur eiskalt, sie bleiben auch länger unentdeckt. Besonders gruselig: Die Taten von Psychopathinnen richten sich besonders häufig gegen die eigene Familie…“

Psychopathen sind oft spannende Grundlagen für Figuren in Büchern, Filmen und Serien. Aber wie sieht eigentlich die Wirklichkeit aus, wollte ich wissen. Und nun, nachdem ich das Buch beendet habe, bin ich geschockt, weil mir dieses Buch mehr mitgeteilt hat, als ich persönlich ertragen kann. Erwartet hatte ich, dass sich Fallbeispiele mit Erläuterungen abwechseln würden, durch die ich viel Interessantes und Neues zu dem Thema erfahren würde, mit dem ich mich bisher noch gar nicht auseinandergesetzt hatte. Das habe ich auch bekommen.

Ich weiß nun unter anderem, dass aus wissenschaftlicher Sicht das Konstrukt Psychopathie eine Mischung mehrerer Persönlichkeitsstörungen ist, die eine Person gleichzeitig aufweist und ich weiß, dass es einen Psychopathiewert gibt, mit dem sich das beziffern lässt. Aber ich habe die Wucht, mit der die von der Autorin eher unaufgeregt und sachlich aus psychologischer Sicht geschilderten Fälle über mich hereingebrochen sind, unterschätzt. In dem Bewusstsein, dass es sich nicht um fiktive Ereignisse handelt, las ich über Kindesmissbrauch, sexuelle Übergriffe, Kindstötung, von zwei Extrembeispielen von Müttern mit dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom und vieles mehr. Dabei geht Lydia Benecke zwar nicht mehr ins Detail, als unbedingt nötig, aber oft musste ich das Buch dennoch aus der Hand legen, um mich erstmal von dem gelesenen zu erholen.

In diesem Zusammenhang finde ich es jedoch positiv, dass Lydia Benecke es der Entscheidung des mündigen Lesers überlässt, der sich den ein oder anderen Text oder Sonderkapitel als PDF-Dokument von ihrer Website herunterladen kann, wenn manch grausamer Vorgang noch genauer nachgelesen werden möchte.

Dass zum Teil Fotos von den beschriebenen Personen in den Text eingefügt wurden, führte mir ebenso wie die Literaturhinweise und Quellen am Schluss des Buches vor Augen, dass die im Buch geschilderten Verbrechen tatsächlich vor einiger Zeit passierten. Das war für mich, die ich bisher noch keine True-Crime-Stories gelesen hatte, eine völlig neue Erfahrung und ich war beinahe jedes Mal erleichtert, wenn inmitten der Fälle Texteinschübe folgten, in denen auf Begrifflichkeiten oder unterschiedliche psychische Krankheitsbilder eingegangen wurde oder ein Vergleich der Symptome bei unterschiedlichen Täterinnen erfolgte. Das waren jedoch nicht nur leserische Verschnaufpausen von der ‚harten Kost‘, sondern gleichzeitig aussagekräftige Zusatzinformationen, die mir als Laien die Thematik verständlich rüberbringen konnten.

„Der Kreislauf des sich über Generationen hinziehenden Leids kann nur durch zunehmende, wissenschaftliche Erkenntnisse, Präventionsprogramme, die auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen, sowie effektive, therapeutische Maßnahmen für Opfer und Täter gewährleistet werden.“

Ein Buch, das mich zwiespältig zurücklässt: Es hat mir einerseits eine deutliche Grenze aufgezeigt – ich kann vieles von dem, was Kindern zustoßen kann, nicht ertragen und will so etwas nicht mehr lesen. Aber es war andererseits hochinteressant, die Fälle der Psychopathinnen so intensiv psychologisch beleuchtet und zu einander in Bezug gesetzt zu lesen. Für wen der letztere Punkt überwiegen könnte, dem sei dieses Buch empfohlen.

  (2)
Tags: psychologie, psychopathinnen, sachbuch, true crime   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(154)

320 Bibliotheken, 8 Leser, 0 Gruppen, 64 Rezensionen

nell leyshon, die farbe von milch, roman, missbrauch, bauernhof

Die Farbe von Milch

Nell Leyshon , Wibke Kuhn
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Eisele Verlag, 22.09.2017
ISBN 9783961610006
Genre: Romane

Rezension:

Ein Leseerlebnis der besonderen Art ist „Die Farbe von Milch“ von Nell Leyshon. Am auffälligsten ist die einzigartige Erzählstimme, mit der dieses Buch seine Geschichte preisgibt. Denn hier erzählt, oder besser gesagt, schreibt die fünfzehnjährige Mary im Jahr 1831 zurückblickend ihr bisheriges Leben in der Ich-Form nieder. Denn obwohl sie mit ihren drei Schwestern auf dem Bauernhof ihrer Eltern groß wurde, wo ihr Leben von Lieblosigkeit, ihrem grausamen unberechenbaren Vater und harter Arbeit, statt Schule geprägt war, hat sie doch lesen und schreiben gelernt, als sie im Haushalt des Dorfpfarrers leben und dessen Ehefrau pflegen musste.

Die Sprache des Buches ist so einfach, wie Mary selbst und während man sich beim lesen anfangs noch fragt, wie man diesen simplen Schreibstil ertragen soll, der einer teilweise kindlich aufgeregten Aneinanderreihung von Sätzen gleicht, zwar als Satzzeichen den Punkt kennt, aber fast gänzlich ohne Kommata auskommt, lernt man Mary kennen und lässt sich allmählich in die Handlung des Buches hineinziehen.

So schlicht und klar der Erzählstil ist, so ehrlich, direkt und ungebildet, aber nicht dumm erlebt man Mary. Gleichzeitig wächst einem dieses junge Mädchen, dem viel Ungerechtigkeit widerfährt, das aber darüber nicht jammert sondern damit zu leben lernt, in all seiner Direktheit und Ruppigkeit irgendwie ans Herz. Man spürt zwischen den Zeilen die Gefühle, für die Mary die Worte fehlen. Immer wieder hält sie in ihrem Bericht inne, weil sie diese Erzählpausen braucht und richtet das Wort direkt an den Leser, bittet um Bestätigung und bittet leise und eher flehend darum, ihr zu glauben.

Während man sich noch fragt, was Mary eigentlich passiert ist und wovon sie so dringend erzählen möchte, nimmt die Geschichte langsam ihren Lauf. Selbst wenn man bereits ahnt, in welche Richtung sich die Handlung entwickelt, nachdem die Frau des Pfarrers gestorben ist, er die andere Hausangestellte entlassen hat und fortan mit Mary allein im Haus ist, wird die Geschichte nicht langweilig, sondern bleibt in ihrer besonderen Art ungewöhnlich bis zum Schluss. Das Ende ließ mich schockiert, aber zutiefst beeindruckt zurück.

In diesen knapp 208 Seiten werden Schreibstil und Charakter der Protagonistin in einer Art wiedergegeben und miteinander verwoben, sodass eine sehr authentische Gesamtheit und Atmosphäre beim lesen entsteht, die mir in dieser Form bisher in der Literatur noch nicht begegnet ist. Trotz einfacher Sprache, ist dieses Buch stellenweise poetisch, sehr berührend und intensiv. „Die Farbe von Milch“ ist ein erdrückender, aber faszinierender Roman, den ich kaum aus der Hand legen mochte – ein echtes Lesehighlight, das ich sehr empfehlen kann!

  (4)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

8 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

bestseller, geschichte, gesellschaft, jörg magenau, sachbuch

Bestseller

Jörg Magenau
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 20.02.2018
ISBN 9783455503791
Genre: Sachbücher

Rezension:

Jeder Leser weiß es: Ein Platz auf der Bestsellerliste ist kein Qualitätsmerkmal für ein Buch. Auch wenn mancher verächtlich auf den sich dort widerspiegelnden Mainstream schaut, sind auch immer wieder wahre Schätze darunter zu finden, bei denen es nicht verwundert, dass viele Leser genau diese Bücher mögen. Bei anderen Verkaufsschlagern hingegen möchte man es gern wie Denis Scheck halten und sie ins Nirwana befördern. Als ich kürzlich entdeckte, dass Jörg Magenau in seinem Buch Bestseller genauer unter die Lupe nimmt, stand für mich fest, dass ich es unbedingt lesen muss.
Ich war gespannt, was mich zu diesem Thema erwarten würde und wie der 1961 geborene Jörg Magenau, Literaturkritiker und Sachbuchautor, es behandelt. Vorab sei so viel verraten: Ich bin begeistert.
In den ersten Kapiteln geht es um Allgemeines rund ums Lesen und den Leser, was jedoch schon recht bald zum Buch, dem Bestseller, den Bestsellerlisten und dem Buchmarkt hinführt. Dabei erfährt man nicht nur interessante Fakten, sondern es macht auch Freude sich mit den teils philosophischen Gedanken zu beschäftigen.
„Wer sind wir, wenn wir lesen? Was passiert mit uns, wenn wir langsam, noch zögernd, in die erste Zeile gleiten, welcher Film läuft ab, wenn wir kopfüber in den Text stürzen?“ (S. 27)
Als jemand, zu dessen liebsten Hobbys das Lesen gehört, fühlte ich mich verstanden und in den Leserkreis aufgenommen, zu dem sich auch der Autor zählt, der dieses Buch in der „Wir-Form“ verfasst hat. Und so habe ich in dieser Atmosphäre gern im imaginären Lesesessel gegenüber platzgenommen und mir von Jörg Magenau erzählen lassen, was er zum Thema Bestseller herausgefunden hat.
„Bei jedem einzelnen Erfolgstitel gilt es zu unterscheiden, ob es sich beim ausgelösten Massenzuspruch um einen Fall von Schwarmintelligenz handelt, um überraschende Übereinstimmung oder bloß um ein Beispiel dafür, dass der Teufel halt immer auf den größten Haufen scheißt.“ (S. 35)
In den Bestsellerregalen von 1945 bis heute fahndet er danach, was diese Bücher über uns Leser verraten. Er geht dabei nicht chronologisch vor, sondern untersucht Bestseller und -listen nach bestimmten Themen und unterschiedlichen Betrachtungsweisen und setzt dies in einen geschichtlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang. Denn Bestseller sind mehr als erfolgreiche Bücher – sie sind Spiegel ihrer Zeit. Die Gedankengänge hierzu sind interessant und nachvollziehbar, aber es gibt auch die ein oder andere Verknüpfung zwischen Buch und Zeitgeist, die mir zu gewollt erscheint.
Ein schöner Nebeneffekt dieses Buches ist, dass ich mich beim Lesen auf eine Art Zeitreise begab und dabei Buchtiteln begegnete, die erst im vergangenen Jahr erschienen sind, die ich in meinen 50 Lebensjahren bereits gelesen, von denen ich zumindest gehört habe oder die bei meinen Eltern und Großeltern im Bücherschrank standen und schon für Gesprächsstoff sorgten. Es ist ein bisschen wie nach Hause kommen und guten alten Bekannten zu begegnen. Bei so manchem erwähnten Titel, der dabei angesprochen, kurz zusammengefasst und womöglich leicht ironisch oder mit einem sympathischen Augenzwinkern von Jörg Magenau in Relation gesetzt wird, bekommt man gleich Lust darauf, ihn nochmal oder endlich zu lesen. Hierbei kann natürlich auch die chronologische Auflistung aller erwähnten Bücher hilfreich sein, die sich neben den zahlreichen Anmerkungen zu den Endnoten am Schluss des Buches befindet.
Wer gerne vom Lesen liest und Bücher über Bücher liebt, der könnte an „Bestseller“ von Jörg Magenau seine Freude haben.

  (3)
Tags: bestseller, geschichte, gesellschaft, jörg magenau, sachbuch, zeitgeist   (6)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

deutsch, deutscher, sachbuch

Meine schwierige Mutter:

Waltraut Barnowski-Geiser , Maren Geiser-Heinrichs
E-Buch Text: 176 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 11.03.2017
ISBN 9783608100990
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ein interessantes, aber auch heikles Thema. Wer Schwierigkeiten mit den eigenen Eltern – und erst recht mit der eigenen Mutter – anzusprechen wagt, riskiert es als undankbar, verzogen und eben selbst als schwierig eingestuft zu werden. Schon das vierte Gebot der Bibel besagt, dass wir Vater und Mutter ehren sollen, aber wie weit geht dieses Gebot? Was dürfen Mütter und was ist zu „entschuldigen“? Oftmals wird pauschalisiert: Alle Kinder sollen ihren Müttern danken, alle Mütter haben ihr Bestes getan und wenn es nicht so war, dann müssen die erwachsenen Kinder „einfach nur vergeben“.
Dabei kann es sein, dass die Schwierigkeit der Mutter in ihr als Person begründet ist, weil sie vielleicht an einer Persönlichkeitsstörung oder einer Krankheit leidet, ein komplizierter Charakter ist oder selbst eine Kindheit hatte, die problematisch war. So kann das, was den Lebensraum der Mutter überschattet, auch die Beziehung zum Kind nachhaltig belasten und prägen. Immer dient dem Kind die Mutter als Vorbild, die nicht nur nachahmenswert, sondern auch abschreckend sein kann. Es geht in diesem Buch, das für erwachsene Söhne und Töchter von einem psychologisch geschulten Mutter-Tochter-Paar geschrieben wurde, nicht um Schuldzuweisungen oder darum, Mütter an den Pranger zu stellen, sondern um das Erkennen der unterschiedlichen Problematiken mitsamt ihren Auswirkungen und Einflüssen, um entsprechend handeln und gegensteuern zu können.
Das eigene Leben zum Besseren zu wenden, wenn man mit einer schwierigen Mutter aufgewachsen ist, ist eine Lebensaufgabe, für die in der zweiten Hälfte dieses Buches ein Hilfe-Programm angeboten wird. Dabei geht es nicht darum, seine Mutter ändern zu wollen. Und auch die Kindheit ist eine unabänderliche Größe aus der Vergangenheit. Aber man kann durch die Lebens- und Denkweise auf die heutige Lebensqualität aktiv Einfluss nehmen. Kreative Übungen, in denen einzelne Themen bearbeitet werden oder die zur Achtsamkeit aufrufen, sollen dabei helfen. Da ich die Übungen nicht ausgeführt habe, kann ich über deren Wirkweise kein Urteil fällen. Aber ich habe mir beim lesen vorgestellt, diese Übungen alleine ausführen zu müssen und fand den Gedanken unbefriedigend. Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass dieses Buch wertvolle Impulse liefern kann, wenn man es begleitend zur Therapie liest. Ich persönlich halte den Austausch und die Aufarbeitung von schwierigen Mutter-Tochter-Problematiken gemeinsam mit einem Therapeuten für wichtig und habe dies als bereichernd und klärend schätzen gelernt.
Es finden sich viele Quellenangaben im Text, so dass man die Möglichkeit hat diesen zu folgen und tiefer in die Materie einzusteigen, wenn man es möchte. Das Buch liest sich leicht und ist gut verständlich geschrieben, aber es ist dennoch keine leichte Kost, weil beim Lesen immer auch das eigene Leben auf dem Prüfstand steht: Wie ist die Beziehung zur eigenen Mutter? Wie ist die eigene Beziehung zum erwachsenen Kind? Was ist falsch gelaufen? So manche Erkenntnis tut weh, wenn man selbst unter einer Krankheit leidet, die einen zu einer schwierigen Mutter macht. So habe ich das Buch nicht nur als Kind, sondern immer auch als (schwierige) Mutter gelesen und viele Denkanstöße für mich erhalten, die ich gerne an meine Tochter weitergeben möchte. Ich würde mir wünschen, dass sich viele erwachsene Kinder schwieriger Mütter mit diesem Thema näher befassen, damit die negativen unbewussten Verhaltensweisen erkannt und vermieden werden können. Denn:
„Das Kind von heute ist die Mutter von morgen. Und auch unsere Mutter, so unvorstellbar es scheint, war genau ein Kind wie wir. Mit jedem Zellsterben in uns rücken wir unserer eigenen Mutter ein Stück näher, drohen wir ähnliche Leiden zu erleben, drohen wir familiäre Dramen zu wiederholen und drohen nicht zuletzt auch  dem ultimativen Supergau näher zu rücken: nämlich selbst eine schwierige Mutter zu sein.“
Und genau das gilt es zu verhindern.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(10)

29 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

bericht, biographie, buchempfehlung, erfahrung, heyne

Schwarze Magnolie

Hyeonseo Lee , David John , Elisabeth Schmalen , Merle Taeger
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Heyne, 10.07.2017
ISBN 9783453604339
Genre: Biografien

Rezension:

Ihre Kindheit in Nordkorea ist ‚ganz normal‘ – und doch für unsere Begriffe unvorstellbar: Das Leben der 1980 geborenen Hyeonseo Lee und das ihrer Familie gehören dem Staat. Es gelten strenge Regeln, und wer sie nicht befolgt, muss mit dem Schlimmsten rechnen: Hyeonseo ist sieben Jahre alt, als sie zum ersten mal eine öffentliche Hinrichtung miterlebt. Um wenigstens einmal den Fesseln des Kim-Regimes zu entkommen und kurz die Freiheit zu spüren, schleicht sich Hyeonseo als siebzehnjährige Teenagerin heimlich über die Grenze nach China – aber dann ist ihr der Heimweg versperrt. Zehn Jahre lang schlägt sie sich in China als Illegale durch, muss sich verstecken, nimmt falsche Identitäten an und lebt in ständiger Angst vor Entdeckung und Auslieferung, bevor sie schließlich nach Südkorea gelangt. Doch als sie sich endlich in Sicherheit glaubt und ein neues Leben beginnen möchte, erhält sie einen Notruf ihrer Familie und beschließt, ihre Mutter und ihren Bruder aus Nordkorea herauszuholen.
Bereits beim aufklappen des Buches findet man eine Karte, auf der neben anderen Flüchtlingsrouten auch die der Autorin und ihrer Familie aufgezeichnet sind. Hier werden einem zwar die Entfernungen und Umwege bewusst, die in Kauf genommen werden müssen um als nordkoreanischer Flüchtling über die Botschaften der verschiedenen Länder nach Südkorea zu gelangen, aber wie beschwerlich und lebensgefährlich dies sein kann, erfährt man erst durch die ausführlichen Schilderungen der Autorin, die hier hautnah und sehr spannend geschrieben von ihren Erlebnissen berichtet.
Sie beginnt ihren Rückblick bei ihrer Kindheit, die für nordkoreanische Verhältnisse ganz normal verläuft und bei der man als Leser einen Einblick davon bekommt, wie das Leben dort funktioniert und was dabei augenscheinlich falsch läuft. Obwohl das Dasein von Widersprüchlichkeit, Denunziation, Angst, Korruption und Hungern geprägt zu sein scheint, hatte ich beim Lesen nicht den Eindruck, dass die Autorin lediglich Missstände anprangert, sondern sie schafft es vielmehr, Verständnis für die ausweglose Lage der Bevölkerung zu wecken. Auch macht das Geschriebene auf mich einen sehr authentischen und mitreißenden Eindruck, so dass ich mitfieberte und mich inmitten eines fesselnden Romans fühlte. Doch die Gewissheit, dass es sich hierbei um tatsächlich geschehene Ereignisse handelt und die in der Mitte des Buches wie zum Beweis abgedruckten Fotografien, holten mich aus dem Unterhaltungsmodus heraus und führten mir die Bedrohung und das Menschenverachtende in Hyeonseo Lee’s Leben und das des größten Teils nordkoreanischen Bevölkerung vor Augen. Ein ums andere Mal fragte ich mich betroffen und zugegebenermaßen naiv, wie das in unserer heutigen Zeit möglich sein kann und war schockiert von den zahlreichen Schmiergeldern, die geleistet werden mussten, um den Flüchtlingen ein Fortkommen oder gar ein Überleben mit falschen Pässen zu ermöglichen. Dem  starken Willen, dem Durchhaltevermögen, dem Einfallsreichtum und nicht zuletzt einer großen Portion Glück ist es zu verdanken, dass Hyeonseo Lee und später auch ihrer Familie die Flucht geglückt ist. Doch auch das Umdenken und die Neuorientierung in Südkorea ist für die Nordkoreaner nicht einfach. Hierzu gewährt die Autorin dem Leser ebenfalls interessante Einblicke und liefert insgesamt viel Stoff zum Nachdenken. Auch nach Beendigung des Buches lässt mich das Thema nicht los und ich finde online noch einiges Lesens- und Sehenswertes.
Einzig der deutsche Titel dieses Buches will mir nicht gefallen und scheint willkürlich gewählt. Der Originaltitel „The Girl with seven names“ fühlt sich für mich stimmiger an und lässt erahnen, wie verschlungen und zwielichtig der Fluchtweg der Autorin war. Ansonsten kann ich aber diese spannende, berührende und gefühlvolle Geschichte einer außergewöhnlichen Frau und ihrem langen beschwerlichen Weg in die Freiheit uneingeschränkt empfehlen. „Schwarze Magnolie“ ist ein Buch, das mich tief beeindruckt hat und für mich ein echtes Lesehighlight ist.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(66)

123 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 30 Rezensionen

entführung, thriller, england, neid, bestsellerautor

Die Rivalin

Michael Robotham , Kristian Lutze
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 27.12.2017
ISBN 9783442314096
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Erzählt wird die Geschichte von Agatha und Meghan – zwei Frauen, Ende dreißig, die beide in London wohnen. Und beide erwarten ein Kind. Doch während Meghan bereits zwei wunderbare gesunde Kinder und einen erfolgreichen charmanten Ehemann hat, lebt die Verkäuferin Agatha in eher ärmlichen Verhältnissen und hatte in ihrem Leben schon früh mit Missbrauch und Verlust zu kämpfen.
„Im Königreichssaal hab ich gelernt, dass Neid zu den sieben Todsünden gehört, doch ich mache mich ihrer fast täglich schuldig. Ich beneide die Gutaussehenden, die Wohlhabenden, die Glücklichen, die Erfolgreichen, die fest liierten und Verheirateten. Aber mehr als alle anderen beneide ich junge Mütter. Ich folge ihnen in Geschäfte, beobachte sie in Parks. Ich blicke sehnsüchtig in ihre Kinderwagen.“ (S. 144)
Agatha sieht Meghan jeden Tag im Supermarkt, wenn diese bei ihr einkauft und genau das Leben zu führen scheint, von dem Agatha immer geträumt hat. Sie beginnt Meghan zu stalken und knüpft sogar einen engeren Kontakt. Während Agathas Realität sich jedoch zunehmend als gefährliches Gespinst aus Lügen und Illusionen erweist, geraten die Dinge auch für Meghan außer Kontrolle. Und mehr sei an dieser Stelle über den Inhalt dieses Buches nicht verraten, das einige Überraschungen zu bieten hat.
Dadurch, dass die Geschichte im Präsens abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Agatha und Meghan erzählt wird, kommt man den Personen sehr nah und ist immer dicht am Geschehen. Allmählich lernt man die beiden Protagonistinnen kennen und erfährt doch recht schnell, dass bei beiden Frauen nicht alles so ist, wie es zunächst scheint. Nach einer überraschenden Wendung nimmt das Buch Fahrt auf und ich mochte es nicht mehr aus der Hand legen. Manches erscheint und ist ab diesem Zeitpunkt vorhersehbar, aber nicht in dem Maße, dass es berechenbar und langweilig würde, da es noch einige Wendungen gibt, die ich so nicht erwartet hätte.
„Jeder, der sagt, Ehrlichkeit sei die beste Maxime, lebt in einer Traumwelt. Entweder das oder er war nie verheiratet oder hatte keine Kinder. Eltern belügen ihre Kinder andauernd – über Sex, Drogen, Tod und hundert andere Dinge. Wir belügen die, die wir lieben, um ihre Gefühle zu schonen. Wir lügen, weil das Liebe bedeutet, während bedingungslose Ehrlichkeit grausam und der Gipfel der Ichbezogenheit ist.“ (S. 65)
In diesem Buch gibt kein schwarz-weiß. Die Charaktere sind facettenreich und einfühlsam dargestellt, sodass man zwar immer noch Recht von Unrecht unterscheiden kann, aber auch verstehen kann, was zu welchen Handlungen geführt hat, ohne diese zu verharmlosen. Es geschehen erschreckende grauenvolle Dinge, die jedoch nicht blutrünstig sind und bei denen der Fokus auch nicht auf das Widerliche gelegt wird. Es handelt sich bei diesem Buch eher um einen Psychothriller, der gekonnt mit Ängsten spielt und vor allem die mütterliche Seite in mir angesprochen und gequält hat. Warum mir dieses Buch dennoch richtig gut gefallen und mich hervorragend unterhalten hat, erschließt sich mir jetzt, wo ich ein mulmiges Gefühl in der Magengrube habe, wenn ich nur an das Buch denke, eher nicht – aber ich schätze, dass die Psychologen sicherlich eine plausible Erklärung dafür haben.
Michael Robotham war mir vom Namen her zwar bekannt, aber gelesen hatte ich bislang noch keines seiner Bücher. „Die Rivalin“ hat mich auf den Geschmack gebracht, so dass ich unbedingt mehr von diesem Autor lesen möchte, auch wenn mir zu Ohren gekommen ist, dass dieses Buch so ganz anders als seine bisherigen Thriller sein soll. Ob diese Aussage nun gut oder schlecht ist, muss ich noch herausfinden.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(203)

357 Bibliotheken, 11 Leser, 1 Gruppe, 146 Rezensionen

sklaverei, flucht, amerika, underground railroad, usa

Underground Railroad

Colson Whitehead , Nikolaus Stingl
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 21.08.2017
ISBN 9783446256552
Genre: Romane

Rezension:

„Wie bei allem im Süden fing es mit der Baumwolle an. Die erbarmungslose Baumwollmaschine verlangte ihren Treibstoff, afrikanische Leiber. Schiffe fuhren kreuz und quer über den Ozean und schafften Leiber herbei, damit sie das Land bearbeiteten und weitere Leiber zeugten.“ (S. 164)
Cora ist nur eine von unzähligen Schwarzen, die auf den Baumwollplantagen Georgias schlimmer als Tiere behandelt werden. Eines Nachts hält sie es nicht mehr aus und wagt die Flucht von der Plantage der Randalls, wo sie als Sklavin jeden Tag der Willkür von Schlägen, Auspeitschungen und Vergewaltigungen ausgesetzt ist. Ihr Weg führt sie schließlich zu der titelgebenden Underground Railroad, einer unterirdischen Eisenbahn, die weiße Helfer gemeinsam mit freien Schwarzen im ganzen Land aufgebaut hatten, um Sklaven zur Flucht in den Norden zu verhelfen. Doch jedes Mal, wenn Cora an einer Station aussteigt, findet sie andere Bedingungen vor und nicht alles, was zunächst positiv erscheint, ist es auch. So begegnet man in der Geschichte neben Leichendieben, Kopfgeldjägern, zwielichtigen Ärzten auch hilfsbereiten Bahnhofswärtern. Doch jede Flucht ist nicht nur lebensgefährlich für die Fliehenden, sondern auch für ihre Helfer. So muss im Lauf dieses Romans der ein oder andere unter grausamsten Umständen sein Leben lassen.
Grausamkeit und Menschenverachtung sind zwei Begriffe, die für mich Colson Whiteheads Bestseller in Kurzform beschreiben. Er handelt von einem der dunkelsten Kapitel der Geschichte Amerikas und wurde 2016 mit dem National Book Award und 2017 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Die Underground Railroad gab es tatsächlich, wenn auch nicht in physischer Form, wie es in dem Roman dargestellt wird. Es handelte sich ursprünglich hierbei um ein geheimes Netzwerk, das Sklaven aus den Südstaaten in den freien Norden und bis nach Kanada schleuste und dabei als Code Wörter aus der Welt der Eisenbahn verwendete. Auch diente wohl das Federal Writers‘ Project, das in den 1930er Jahren die Lebensgeschichten ehemaliger Sklaven sammelte neben den Steckbriefen entlaufener Sklaven aus den digitalen Sammlungen der University of North Carolina in Greensboro als Inspirationsquelle für Colson Whitehead.
Dem Autor gelingt mit diesem Roman die Verschmelzung zwischen Tatsachen und erfundener Szenerie so gut, dass einem die Fiktion trotz extremer Grausamkeit und übelster Menschenverachtung nicht abwegig erscheint. Aber er wird auch sehr deutlich und schildert Vorgänge äußerster Brutalität so ungeschönt, dass es mich beim lesen schockiert zusammenzucken ließ. Dieses Buch ist nichts für zartbeseitete Leser, aber es versteht dennoch zu berühren, weil es das Verbrechen der Sklaverei in seiner Vielschichtigkeit aufzeigt, die dadurch im nachhinein entstandenen Probleme verdeutlicht und den zum Teil heute noch herrschenden Rassismus indirekt vor Augen führt. Erschütternd, aber empfehlenswert!
„Mein Vater hat dieses Indianergerede vom Großen Geist gemocht“, sagte Ridgeway. „So viele Jahre später ist mir der amerikanische Geist lieber, derjenige, der uns aus der Alten Welt in die Neue gerufen hat, damit wir erobern, aufbauen und zivilisieren. Und zerstören, was zerstört werden muss. Um die unbedeutenderen Rassen emporzuheben. Und wenn nicht emporzuheben, dann zu unterwerfen. Und wenn nicht zu unterwerfen, dann auszurotten. Unsere Bestimmung kraft göttlicher Vorschrift – der amerikanische Imperativ.“ (S. 224)

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

12 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

herz, denkende, ein, philosophische gedanken, autobiographie

Ein denkendes Herz

Susanna Tamaro , Barbara Kleiner
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.08.2017
ISBN 9783492057615
Genre: Biografien

Rezension:

Vor einigen Jahren las ich von Susanna Tamaro „Geh wohin dein Herz dich trägt“ – ein bewegendes, gefühlvolles und weises Buch über 3 Generationen von Frauen, das ich zu den besonderen Schätzen meines Bücherregals zähle. Als ich in diesem Jahr auf „Ein denkendes Herz“ stieß, das laut Klappentext ein inspirierendes und persönliches Tagebuch sein soll, das die Augen für die verborgene Schönheit der Welt öffnet, machte es mich neugierig und ich war gespannt darauf, was die Autorin über sich zu erzählen hatte.
An die Art der Veröffentlichung hatte ich keine besonderen Erwartungen und war doch überrascht über die Kürze der abgedruckten Beiträge. Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt: „Flugversuche“, „Der unwägbare Teil“ und „Der Leuchtturm in der Nacht“. Diese enthalten kurze, meist ein bis zwei Buchseiten füllende, mit eigenen Überschriften versehene Texte, die sich mit dem Erleben, Fühlen und Denken der Autorin befassen. Dennoch ist es kein Buch, das sich aufgrund der kurzen Kapitel schnell weglesen lässt, dazu ist es zu deprimierend. Aber es ist auch kein Buch, in dessen Thematik ich mich einfinden oder einer Lebensgeschichte folgen konnte, die sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen ließe, dazu waren die Kapitel zu kurz, die Texte zu wenig zusammenhängend.
Susanna Tamaro schildert mal unmissverständlich und mal in bildhafter, fast poetischer Sprache, was sie in ihrer Kindheit oder später als Erwachsene beschäftigte und wie ihre Gedankenwelt geprägt war, beziehungsweise ist. Es ist nicht angenehm, an ihrer düsteren negativ gefärbten Welt teilzuhaben, von der sie sich jedoch meist recht schnell abwendet um gefühlt mit erhobenem Zeigefinger auf das Schlechte im Menschen und der Gesellschaft hinzuweisen. Im Klappentext steht als Beschreibung, dass sie nach dem Wesen des Menschen und nach dem Ursprung der Dinge sucht. Ich hatte eher das Gefühl, dass sie ihre Suche längst beendet hat und den Leser nun mit ihren gefundenen „Wahrheiten“ bekehren möchte.
Immer wieder ist die Ich-Perspektive schnell vergessen und sie geht zum „Wir“ über, um in beinahe belehrender Form das Übel der Welt anzuprangern. Aus diesem „Wir“ bin ich jedoch in vielen Punkten bereits vor Jahren herausgewachsen, so dass ich diesen Verallgemeinerungen nicht nur nichts abgewinnen konnte, sondern sie sogar als störend empfand. Oft hatte ich beim lesen den Eindruck, dass zwischen den Zeilen eine tiefe Verbitterung der Autorin herauszulesen ist, die ihrerseits nur anklagt, anstatt zu verändern, zumindest ist es nicht ersichtlich, ob sie bei sich oder ihrer Umwelt Änderungen bewirkt. Im letzten Teil des Buches beschäftigt sich Susanna Tamaro schließlich überwiegend mit Glaubensfragen und scheint trotz aller Zerrissenheit in der Religion einige Antworten für sich gefunden zu haben. Das gestehe ich jedem zu und habe eigentlich auch kein Problem damit, hier rundete sich jedoch mein Eindruck von dem predigenden Grundton des Buches ab, der mich überhaupt nicht begeistern konnte.
„Geh, wohin dein Herz dich trägt“ wird ein Kleinod in meinem Bücherregal bleiben, das ich gern beizeiten nochmal lesen möchte. „Ein denkendes Herz“ hingegen konnte mir die Autorin nicht näher bringen, wusste keine für mich interessante Lebensgeschichte zu erzählen und ließ mich auch keinen bemerkenswerten Gedankengängen folgen. Ich konnte zu diesem Buch keinen Zugang finden, weshalb ich es leider nicht empfehlen kann.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(7)

12 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

bosnien, roman, robert prosser, bürgerkrieg, longlist deutscher buchpreis

Phantome

Robert Prosser
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Ullstein fünf, 15.08.2017
ISBN 9783961010097
Genre: Romane

Rezension:

Die Buchbeschreibung dieses Romans, der es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 geschafft hat, verrät:
„Robert Prosser schildert intensiv ein fast vergessenes Kapitel der jüngeren Geschichte: Der Jugoslawienkrieg, der die letzte große innereuropäische Flüchtlingswelle in den 1990ern auslöste, dessen drastische Verbrechen bis heute nicht aufgearbeitet sind und weit in die Generation der Kinder der Geflüchteten nachwirken.
Anisa flüchtet 1992 aus Sarajewo nach Wien. In den beginnenden ethnischen Säuberungen hat sie ihren Vater zurückgelassen – und wird ihn nie wiedersehen. Auch von ihrem Freund Jovan, einem bosnischen Serben, der zum Militärdienst eingezogen wurde, konnte sie sich nicht verabschieden. Jahrzehnte später reist Anisas Tochter Sara auf den Spuren ihrer Mutter nach Bosnien-Herzegowina.“
Dieser Text machte mich neugierig und ich versprach mir von diesem Buch einen besseren Einblick in die damaligen Geschehnisse zu bekommen – in einen Krieg, der gar nicht so weit weg von uns stattfand und von dem ich das Gefühl habe, eigentlich kaum etwas darüber zu wissen. Stattdessen führte mich das Buch im ersten Drittel in die Graffiti-Szene Wiens ein. Auch lernte ich etwas über die Sprayer-Szene Bosniens, über die der Ich-Erzähler – der Freund von Anisas Tochter Sara – bei seinem dortigen Besuch ebenso berichtet, wie über die Gedenkstätten und den heutigen Umgang mit den Greueltaten des Krieges. Der Ich-Erzähler schreibt, wie er zu sprechen scheint. Liest man den Text und stellt sich dabei einen österreichischen Akzent vor, fühlen sich Satzbau und einzelne Begrifflichkeiten stimmiger an, auch wenn sie sich für mich teilweise nicht flüssig lesen lassen. Hinzu kommen Graffiti-Ausdrücke und der wohl übliche Slang, den ich nicht mochte und der mich zudem überhaupt nicht interessierte. Das nahm mir den Lesespaß und auch mein Interesse an der Jugoslavien-Thematik reichte nicht aus, um dem Buch weiterhin unvoreingenommen zu folgen. Ein ums andere Mal überlegte ich, das Buch einfach abzubrechen – einzig die Tatsache, dass es sich dabei um ein Rezensionsexemplar handelt, bewog mich weiter zu lesen.
Beinahe aus dem Nichts heraus endet schließlich dieses erste Buchdrittel und statt des Ich-Erzählers, folgt plötzlich eine personale Erzählweise, bei der im Wechsel die Kriegserlebnisse von Anisa und Jovan geschildert werden. Während Jovan den Krieg hautnah durchlebt, versucht Anisa als Flüchtling in Wien ihr Auskommen zu finden. Berührende und erschütternde Szenen, die so bildhaft und einfühlsam mitsamt sprachlicher Schönheit geschildert werden, dass sie beeindrucken und unter die Haut gehen. Und doch überwiegen die Passagen, die langatmig sind und sich einfach nur sperrig lesen lassen. Aber oft regt das Gelesene auch zum nachdenken an und man findet gedanklichen Anschluss bei den Flüchtlingen jüngeren Datums. Immer wieder stellte sich mir die Frage, was diese alles erleben mussten und noch müssen.
Der letzte Teil des Buches spielt wiederum im Jahr 2015 und zeigt die Überlebenden in der Gegenwart. Nachdem ich im Anschluss die Danksagung des Autors gelesen hatte, wünschte ich mir wieder einmal, dass diese gleich zu Anfang des Buches gestanden hätte. Sie hätte mich vielleicht besser durchs Buch geführt, das sich für mich wie aus mehreren Federn geschrieben und ungelenk zusammengeführt anfühlte.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(59)

74 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 55 Rezensionen

österreich, liebe, berg, berge, bergwelt

Durch alle Zeiten

Helga Hammer
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Ullstein fünf, 13.10.2017
ISBN 9783961010080
Genre: Romane

Rezension:

Helga Hammer erzählt in „Durch alle Zeiten“ die zum Teil aus Erinnerungen bestehende und zum Teil fiktive Geschichte von Elisabeth, einer einfachen Frau aus den österreichischen Alpen. Auf einer Hochzeit verliebt sie sich als siebzehnjährige in Niklas, einen jungen Mann aus einer angesehenen Familie. Ihre Liebe leben sie heimlich, denn Niklas ist bereits mit einer anderen, standesgemäßeren Frau verlobt. Enttäuscht verlässt Elisabeth ihre Heimat und geht als Kindermädchen nach England. Als ihre Mutter stirbt, kehrt sie zurück und merkt, dass sie ein Kind erwartet. Sie heiratet Martin, der nicht ahnt, dass seine schöne junge Frau nicht von ihm schwanger ist.
Elisabeths einfaches wie hartes Leben ist geprägt von verlogener Moral – und der Sehnsucht nach der alles erfüllenden Liebe. Eine archaische Bergwelt, geprägt von harter Arbeit und gesellschaftlichen Zwängen. „Eine Frau, die sich ihren Weg nicht aussuchen kann und am Ende doch ihr Glück findet“, verrät bereits der Klappentext.
Und im ‚Erinnerungen‘ genannten Epilog erzählt die Autorin:„Wenn ich an den späten Nachmittagen zu ihr den Berg hinunter ging, wir uns an den Kachelofen setzten, ein Glas Rotwein tranken, drehten sich unsere Gespräche meist ums Familienleben, die Aufzucht unserer Kinder, das Auf und Nieder mit den Männern, der Kampf um die Liebe und Gefühle, die Tragödien und Verletzungen; wir lachten viel, doch Tränen gab es auch.“ (S. 269)
Genau dieses Gefühl hatte ich beim Lesen dieses Buches auch. Ich nahm in meinem Lesesessel platz und ließ mir von der Autorin ganz gemütlich die Geschichte ihrer besten Freundin erzählen. Die kurzen Kapitel lassen sich leicht weglesen und wechseln zwischen der jungen und älteren Elisabeth hin und her, bis alles aufgelöst ist und die Handlung in der Gegenwart endet. Irgendwie nett und ich mochte, wenn auch manchmal stirnrunzelnd, das Buch zuende lesen.
Die Autorin wertet nicht, interpretiert nicht, schmückt nicht aus und so bleibt die Sprache meist relativ einfach, ergreifende Szenen bleiben eher oberflächlich, die Charaktere kommen einem nicht wirklich nah und bleiben blass. Helga Hammer erzählt die Geschichte ihrer „genialen Freundin“, wie sie sie selbst bezeichnet so vorsichtig mit angezogener Handbremse, dass man sich als Leser fragt, ob man Elisabeths Fehlverhalten tatsächlich nicht gut finden darf und man entgegen des Klappentextes doch der Meinung sein kann, dass auch zu damaligen Zeiten Frauen sich bereits bessere Wege gesucht haben, als die von der Protagonistin gewählten.
Alles in allem hat die heute fast achtzigjährige Elisabeth ein hartes und bewegtes Leben geführt und es ist ihr zu gönnen, dass sie noch viele glückliche Jahre im restaurierten originalen Brandstätterhof verleben darf. Auch wünsche ich ihr, dass ihr die Lektüre dieses Buches Freude bereitet hat. Meine Erwartungen hat es – besonders nach der sehr eindringlichen Leseprobe – leider nicht erfüllen können, weil ich eigentlich mehr als ein nettes Buch für zwischendurch erwartet hatte.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(6)

12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

abnehmen, dick, alltag, kolumne, soziale probleme

Weil ich ein Dicker bin

Bertram Eisenhauer
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 25.01.2016
ISBN 9783570102183
Genre: Sachbücher

Rezension:

„Es ist einfach so: Wer ums Abnehmen kämpft, wird auf sich selbst zurückgeworfen. Es geht ständig um den eigenen Körper, den man belauert, als sei man sein eigener Stalker, um die Regungen der eigenen Seele. Und auch wenn Kollegen, Partner, Kinder dich ermuntern: Letztlich machst du die Sache mit dir selbst aus, allein.“ (S. 26)
Gleichzeitig scannt man seine Umwelt nach diesem Thema ab und so stieß ich auch auf „Weil ich ein Dicker bin“, das im vergangenen Jahr erschienen ist und sich seitdem auf meiner Bücherwunschliste befand.
Er war ein pummeliger Teenager, er war ein dicker Student, heute ist er ein adipöser Erwachsener. Übergewicht hat ihn definiert, so lange er zurückdenken kann. Jetzt schreibt er darüber, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, der zu viel wiegt. Was es nicht nur körperlich kostet, sondern emotional. Was das Fettsein mit der Seele macht und welche Lebenschancen es einem stiehlt.
In diesem Buch schildert Bertram Eisenhauer seine Zeit in der einjährigen Therapie in einer medizinisch betreuten Abnehmgruppe und setzt sich mit dem auseinander, was sein Dasein ausmacht: Warum man Dicker ist, so wie man Alkoholiker ist. Das Sexshop-Feeling beim Kleiderkauf. Seine dunkle Liebesgeschichte mit dem Fastfood und die schnuckelige Ernährungsberaterin, die ihn an vegetarische Kost heranführen will. Heimliche Fressanfälle und öffentliche Beschämungen.
Entstanden ist dieses Buch zum Teil aus Kolumnen, die in zumeist stark veränderter Form bereits im Ressort „Leben“ der F.A.S. erschienen sind. Jedem der 52 Kapitel, die jeweils einer Woche entsprechen, ist ein Statusreport vorangestellt, in dem das Gewicht beim letzten Wiegen, das aktuelle Gewicht und die Veränderung verzeichnet sind – oder auch nicht. Nachfolgend ist dann über die Lebensumstände, Erfolge und Hürden bei den Abnehmversuchen des Autors zu lesen. Bertram Eisenhauer verliert niemals seinen trockenen Humor, der für so manches Schmunzeln sorgt. Als dicke Leserin kann ich seine Schilderungen nachvollziehen und fühle mich gleichzeitig selbst dabei verstanden.
Dem folgen Informationen, Studien, Interviews und Gedanken rund um das Thema Gewichtsverlust und Ernährung, die ich mit großem Interesse gelesen habe. Wer jedoch eine genaue Anleitung oder einen detaillierten Abnahmebericht erwartet, der dürfte enttäuscht sein. Hier geht es vorrangig um Hinweise, Anregungen und Informationen, die sich mit der Problematik des Abnehmens beschäftigen und einen an den Erfahrungen eines Menschen teilhaben lassen, der nicht plötzlich zum Superhelden der Gewichtsabnahme avanciert ist, sondern bei dem es gemächlich vorwärts geht und bei dem es auch Rückschläge gibt.
„Aber Dicker, das zumindest ist meine Erfahrung, bist du, wie du Alkoholiker bist: Dein Verhältnis zu dem Stoff wird niemals normal. Auch wenn du abnimmst, du musst immer aufpassen. Das Essen werde ‚Lebensthema‘ bleiben für mich, sagte die Psychologin meiner Abnehmgruppe beim Eingangsgespräch.“ (S. 43)
„Weil ich ein Dicker bin“ ist kein lustiges Abnehmbuch, sondern ein Buch, in dem sich Bertram Eisenhauer auf ruhige ernsthafte Art mit trockenem Humor gespickt mit dem Dicksein und dem Dünner werden auseinander setzt. Lesenswert!

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

belloc, frankreich

Ein Jahr in Frankreich

Birgit Kaspar
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Verlag Herder, 18.08.2017
ISBN 9783451068973
Genre: Sonstiges

Rezension:

Von Beirut nach Belloc – Die deutsche Journalistin Birgit Kaspar, geboren 1963 in Köln, ist nach mehr als zehn Jahren Nahostberichterstattung nach Europa zurückgekehrt. Seit August 2011 lebt sie nahe Toulouse in Südwestfrankreich, zwischen Atlantik, Mittelmeer und Pyrenäen und genießt dort die neuen Herausforderungen in „la France profonde“.
„Eigentlich hätte es schon lange Frankreich sein sollen. Doch dann kam der Nahe Osten dazwischen. Heute weiß ich: Alles hat seine Zeit.“ (S. 7)
In „Ein Jahr in Frankreich“ schreibt Birgit Kaspar auf amüsante und unterhaltsame Weise über ihr erstes Jahr in ihrer neuen Wahlheimat, dem kleinen französischen Dorf Belloc, und führt den Leser durch 12 Kapitel, die den Monaten ihres ersten Jahres entsprechen. Dabei erzählt die sympathische und aufgeschlossene Journalistin von kleineren und größeren Unwegsamkeiten, von Kuriositäten und Eigenheiten von Land und Leuten. Teilweise ist sie mit oder ohne ihren Mann aus beruflichen oder privaten Gründen auch in verschiedenen Gebieten Frankreichs unterwegs, so dass man einen kleinen Eindruck über die Vielfältigkeit dieses Landes bekommen kann. So erkundet sie unter anderem die Hauptstadt des Parfums, fliegt aus der Provinz nach Paris um schnell wieder in die Provinz zurückzukehren, beobachtet am Montblanc die Gletscherschmelze und erfährt auf Korsika Neues über das Streben nach Eigenständigkeit der Insel.
Sie behält zum Teil französische Begriffe und kurze Redewendungen bei und erzeugt dadurch beim Lesen eine besondere Atmosphäre. Mein eingerostetes Schulfranzösisch reichte aus, um vieles zu verstehen, aber die Autorin verknüpft die französische Sprache mit der deutschen so geschickt, dass unbekannte Vokabeln sich im Text selbst erklären ohne dass es stumpf übersetzt wirkt. Durch diese Verquickung der Sprachen ergibt sich im Kopf eine besondere Lesemelodie, die einen noch ein wenig mehr nach Frankreich versetzt und dafür sorgt, dass man sich am liebsten gleich auf den Weg machen möchte, um dieses Land auf eigene Faust zu erkunden. Auch wächst einem beim Lesen nicht nur das Land sondern auch die sympathische Journalistin ans Herz, die von sich sagt:
„Vermutlich werde ich immer l’Allemande bleiben. Aber eine Fremde, mit der man befreundet sein kann, die man respektiert. Weil auch sie die Bellocois mit ihren Eigenheiten, Traditionen und Bräuchen achtet. Jedenfalls wünsche ich mir das.“ (S. 177)

  (2)
Tags: belloc, frankreich   (2)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(36)

95 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 19 Rezensionen

südkorea, roman, gwangju-massaker, gwangju, gewalt

Menschenwerk

Han Kang , Ki-Hyang Lee
Fester Einband: 222 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 15.09.2017
ISBN 9783351036836
Genre: Romane

Rezension:

Nachdem die südkoreanische Bevölkerung 18 Jahre unter Militärherrschaft leben musste, hoffte sie 1979 nach Ermordung des damaligen Präsidenten auf die Demokratisierung ihres Landes. Als sich dann jedoch ein General an die Macht putschte, kam es landesweit zu Massenunruhen und Protesten. Die friedlichen Demonstrationen der Zivilbevölkerung in Gwangju wurden am 18. Mai 1980 vom Militär gewaltsam niedergeschlagen.
Das Buch „Menschenwerk“ erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven die Geschichte des Jungen Dong-Ho und all derjenigen, die mit ihm die Zeit des Gwangju-Massakers erlebt haben: Ein Junge sucht nach der Leiche seines Freundes, der bei einem gewaltsam niedergeschlagenen Studentenaufstand gestorben ist. Eine Mutter trauert um ihren Sohn. Eine Schwester versucht weiterzuleben. Ein Folteropfer versucht, sich nicht zu erinnern. Alle Erzählungen sind schmerzvolle Rückblicke, datiert auf die Folgejahre des Massakers. Es geht um Haft und Folter, Depression, Einsamkeit und Schuldgefühle. Und von der Unmöglichkeit, normal weiterzuleben. Im Epilog kommt schließlich die Autorin selbst zu Wort und versucht, in all dem einen Sinn auszumachen.
„Ich glaube nicht, dass sich die Gewalterfahrung nur auf den Zeitraum von zehn Tagen beschränken lässt, in denen der Aufstand sich ereignete. Die Atomkatastrophe von Tschernobyl war auch nicht auf den Tag es Unglücks beschränkt, sondern wirkte noch Jahrzehnte nach.“ (S. 112)
Han Kang schildert auf eindringliche Weise Gewalt und Brutalität über die leserische Schmerzgrenze hinaus. Dabei geht es jedoch nicht um Effekthascherei sondern vielmehr schafft sie es, dass man diesem menschlichen Handeln irgendwann nur noch fassungslos gegenüber steht. Aber das Buch hat auch ruhigere, ja sogar leise Momente zu bieten, diese sind allerdings von Leid, Schmerz und Hoffnungslosigkeit geprägt.
„Am darauffolgenden Abend, als sie vom Dachboden herabstieg, erzählte ihr ihre Mutter, dass die Lastwagen der städtischen Müllabfuhr die Leichen abgeholt hätten, um sie auf die Friedhöfe zu bringen. Nicht nur diejenigen, die bei dem Springbrunnen zurückgelassen worden waren, sondern auch die Särge aus der Turnhalle und die nicht identifizierten Körper.“ (S. 71)
„Menschenwerk“ ist kein Buch, das sich einfach so weglesen lässt. Es will verdaut und überdacht werden. Auch weckt es Ungläubigkeit und es wäre mir lieber gewesen, wenn ich im Internet nicht Berichte und Bilder über das Gwangju-Massaker gefunden hätte, die einem die Gewissheit geben, dass dieser Roman nicht ausschließlich fiktiv ist. Für zartbesaitete Leser ist dieses Buch eher nicht zu empfehlen, allen anderen sei es ans Herz gelegt.
Han Kang wurde in Gwangju, Südkorea, geboren. 1993 debütierte sie als Dichterin, ihr erster Roman erschien 1994. Für ihr literarisches Schreiben wurde sie mit dem Yi- Sang-Literaturpreis, den Today’s Young Artist Award und dem Manhae Literaturpreis ausgezeichnet. Derzeit lehrt sie kreatives Schreiben am Kulturinstitut Seoul.

  (5)
Tags: gwangju, gwangju-massaker, studentenaufstand, südkorea   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(44)

70 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 40 Rezensionen

flucht, neuseeland, neuanfang, gedanken, ehe

Niemand verschwindet einfach so

Catherine Lacey , Bettina Abarbanell
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 18.08.2017
ISBN 9783351036805
Genre: Romane

Rezension:

Die 28jährige Elyria verlässt von jetzt auf gleich ihren Mann, ohne eine Nachricht zu hinterlassen und löst ein One-Way-Ticket nach Neuseeland. In Neuseeland angekommen, verliert sie immer mehr den Boden unter den Füßen und versumpft in ihrem ewig um die gleichen Themen kreisenden Gedankenstrudel um den tragischen Tod ihrer Adoptivschwester Ruby, ihre verkorkste Kindheit und die Eintönigkeit ihrer Ehe mit Charles.
Catherine Lacy lässt den Leser Elyrias Odyssee in der Ich-Form durchleben und kommt ihm damit näher, als ihm gut tun kann. Die Geschichte selbst ist handlungsarm und wird in Form des nicht enden wollenden Bewusstseinsstroms der Protagonistin, ihren inneren Monologen und inneren Dialogen mit ihrem Mann erzählt. Dabei durchlebt man gemeinsam mit Elyria, wie sie geistig immer verwirrter wird, verwahrlost und immer weniger in der Lage ist, eigenverantwortlich zu handeln. Diese dunkle pessimistische Story lässt zwar tief in den verstörten Abgrund seiner Protagonistin schauen, belässt aber doch so vieles im Unklaren, dass man als Leser selbst eine gewisse Unsicherheit verspürt. Diese düstere depressive Geschichte schaffte es sogar, mich in eine eben solche Stimmung zu versetzen, so dass ich bereits nach kurzer Zeit nicht mehr zu dem Buch greifen mochte, obwohl ich mich normalerweise auch gerne in schwierige Charaktere und Handlungsstränge einlese.
Auch der Schreibstil konnte mich nicht begeistern. Ein Bild reihte sich an das andere, so dass der eigentliche Sinn kaum noch durchscheinen konnte.  Außerdem gefielen mir die verwendeten Bilder größtenteils nicht. Da hatte Haut die Beschaffenheit von billigem Klopapier,  Tränen sammelten sich und sie fühlte sie dort blubbern und summen wie einen Teekessel, kurz bevor das Wasser kocht oder in einem anderen Fall fühlte sich die Protagonistin wie eine Dose Hundefutter.
Die endlosen Bandwurmsätze kosten viel Konzentration, erschweren das Lesen und Verstehen und verleiteten mich irgendwann nur noch zum Überfliegen des Textes, weil mich die Bilder, Metaphern und die Schreibweise überstrapazierten. Dieses Buch verursacht nicht nur eine gedrückte Stimmung, es liest sich zudem außerst sperrig und lässt jede Freude beim Lesen vermissen. Beispielhaft möchte ich hier einen der Sätze zitieren, bei denen ich nur mit den Augen rollen konnte:
„Ich wusste, dass er es nicht gewollt hatte, oder ich meine, es gewusst zu haben, oder es war besser zu meinen, dass er es nicht wollte, aber ich fragte mich, woher ich es mit Sicherheit wissen konnte und ob es nicht treffender gewesen wäre, zu sagen, ich glaubte er habe es nicht gewollt, aber wenn ich das tatsächlich glaubte, hätte ich ja auch ohne weiteres sagen können, ich wisse es, was aber offenbar nicht stimmte, weil ich ja den Rest der Nacht wach lag und darüber nachdachte, woher ich mit Sicherheit wissen konnte, dass er es nicht gewollt hatte, und was diese mangelnde Sicherheit darüber aussagte, wie sehr ich meinem Mann vertraute oder nicht vertraute und darüber, wie gut oder nicht gut unsere Ehe funktionierte, und ob es möglich war, dass wir einander ernsthaften Schaden zufügen wollten, und es war eine Tatsache, dass ich die Alpträume meines Mannes nur entschuldigen konnte, indem ich sie für vollkommen unabhängig von ihm erklärte, was aber wiederum extrem unwahrscheinlich, wenn nicht gar unmöglich war, weil mein Mann hauptsächlich aus seinem Kopf bestand und ich glaubte, dass es dieser Kopf war, der die Alpträume verursachte.“ (S. 118)
Nichtsdestotrotz wird dieser Roman international gefeiert und als eines der eindrücklichsten Debüts der letzten Jahre bezeichnet. Obwohl ich mich bis zum Schluss des Buches durchgequält habe, kann ich das nicht nachvollziehen.
Für gelungen halte ich hingegen das Cover, welches das immer tiefere Versinken der Protagonistin in ihre finstere Gedankenwelt gut verbildlicht. Auch ist es Catherine Lacey darüber hinaus gelungen die konfuse Gedankenwelt von Elyria glaubhaft zu Papier zu bringen, auch wenn mir die Art und Weise nicht gefallen hat. Wer so etwas lesen möchte, der könnte vielleicht an „Niemand verschwindet so einfach“ seine Freude haben. Ansonsten kann ich diesen Roman nicht weiterempfehlen.
Catherine Lacey wurde in Mississippi geboren und lebt in Chicago. Für ihren ersten Roman »Niemand verschwindet einfach so« wurde sie mit dem Whiting Award 2016 ausgezeichnet. Bettina Abarbanell wurde für ihre Übersetzung dieses Romans ins Deutsche mit dem Brandenburger Kunstförderpreis ausgezeichnet.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(75)

100 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 62 Rezensionen

adel, schloss, graf, belgien, wahrsagerin

Töte mich

Amélie Nothomb , Brigitte Große
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 23.08.2017
ISBN 9783257069891
Genre: Romane

Rezension:

Graf Henri Neville ist glücklich verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder, die wunderbar geraten sind. Nur die jüngste Tochter, die 17-jährige Sérieuse, ist unberechenbar. Da sie befürchtet, empfindungslos geworden zu sein, setzt sie sich lebensbedrohlichen Gefahren aus. Sie verletzt sich, um Schmerz wahrzunehmen, und wäre sie bei dem Versuch Kälte zu spüren beinahe erfroren.
Der Begriff „Emotionen“ traf Neville wie eine Ohrfeige. Es war nicht das erste Mal, dass er ihn hörte. Seit ein paar Jahren begnügten sich die Leute aus unerfindlichen Gründen nicht mehr mit Gefühlen, Wahrnehmungen oder Eindrücken, die doch ihre Aufgabe perfekt erfüllten. Jetzt mussten es Emotionen sein. Neville reagierte allergisch auf dieses lächerliche und prätentiöse Wort. (S. 8)
Zur Sorge um seine Tochter kommt eine weitere hinzu: Eine Wahrsagerin prophezeit dem Grafen, er werde bei seinem demnächst stattfindenden Gartenfest jemanden töten. Obwohl der freundliche Aristrokat sich das beim besten Willen nicht vorstellen kann, fürchtet er sich doch davor, dass die Worte der Wahrsagerin in Erfüllung gehen könnten. Sérieuse hingegen sieht in dieser Prophezeiung, die zur fixen Idee ihres Vaters wird, ihre Rettung: Der Vater soll sie töten, denn sie will nicht mehr leben.
„›Du hast viel dazu beigetragen, dass ich auf der Welt bin. Es wäre nur gerecht, wenn du sie auch von mir befreist.«»Nach dieser Logik müsstest du dein Ansinnen eher an deine Mutter richten.«»Nein. Mama hat mich unter Schmerzen geboren, deshalb sollst du mich unter Schmerzen töten.«“ (S. 66)
Mit „Töte mich“ hat Amélie Nothomb auf knapp 112 Seiten einen skurrilen schwarzhumorigen Roman geschaffen, dessen Dialoge mich durchaus unterhalten konnten und mich das ein oder andere Mal schmunzeln ließen. Der Schreibstil ist ansonsten eher knapp und nüchtern. Die Ausführungen über das schräge adelige Gebaren konnten mich nicht interessieren – die Umsetzung erschien mir etwas langatmig, der Humor wirkte angestrengt und insgesamt war alles zu sehr überzeichnet. Nichtsdestotrotz ein unterhaltsames Buch, das durch die bizarre Logik in den Gesprächen zwischen Vater und seiner Tochter glänzt.

  (4)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(113)

189 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 78 Rezensionen

ukraine, prostitution, gewalt, lana lux, kukolka

Kukolka

Lana Lux
Fester Einband: 375 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 18.08.2017
ISBN 9783351036935
Genre: Romane

Rezension:

„Obwohl ich nichts außer dem Heim kannte, hatte ich keine Angst, es zu verlassen. Ich hatte auch keine anderen Gefühle. Keine Freude, nicht mal Aufregung. Ich hatte einfach beschlossen, raus zu gehen, zum Bahnhof zu fahren und dann einen Zug nach Deutschland zu Marina zu nehmen.“
Und so flieht in den 1990er Jahren das siebenjährige Zigeunermädchen Samira aus dem Martyrium des Kinderheims ‚Sonnenschein‘ in der Ukraine, um sich auf den Weg zu ihrer erst kürzlich von deutschen Eltern adoptierten Freundin zu machen. Da dies jedoch nicht so einfach ist, wie sie es sich vorgestellt hatte, ist sie froh, als sie auf den erwachsenen Georgier Rocky trifft, der gleich begeistert von ihr ist:
„Du kommst mit zu mir. Bei mir wohnen noch ein paar andere Kids. Auch so Leute wie du und ich, die diese Scheißgesellschaft ausgespuckt hat. Bei mir haben alle ein Dach über dem Kopf, und was zu futtern ist auch immer da. Du wirst dich mit denen verstehen. Ich zeig dir, wie du an ein paar Moneten kommst…“
Schnell wird sie sein „Juwel“ erbettelt Geld am Bahnhof, klaut Portemonnaies, singt als Straßenmusikerin und wird seine ‚Kukolka‘ – sein Püppchen. Alles Geld bekommt Rocky, aber wenn sie ihn lange genug ‚massiert‘, gibt er ihr sogar Schokolade. Als Samira zwölf ist, lernt sie Dima kennen. Er ist schön, er hat Geld, er verwöhnt sie und er nimmt sie mit nach Deutschland. Alles scheint perfekt zu sein.
Aber man ahnt beim lesen bereits, wie dieser Roman sich weiter entwickeln wird, weil Geschichten dieser Art leider nicht der reinen Fiktion entsprechen und man von Mädchen aus dem Ostblock, die verschleppt und zur Prostitution gezwungen werden, bereits vielfach in den Medien gehört oder gelesen hat.
Lana Lux lässt die naive und ungebildete Kukolka ihre Geschichte in der Ich-Form in einer erschütternd einfachen Sprache selbst erzählen. Das unterstreicht die kindliche Blauäugigkeit ihrer Protagonistin, spiegelt aber auch ungeschönt und brutal das Erleben einer zwölfjährigen wider, die jeden Tag missbraucht wird.
Dieses Buch ist nichts für zart besaitete Leser. Es ist voller Passagen, die ich lieber nicht gelesen hätte, weil allein die Vorstellung, dass so etwas in der Realität durchaus möglich sein könnte, grausam und unmenschlich ist. Ein Buch, das beim lesen schmerzt – erschütternd.
Lana Lux wurde 1986 in Dnipropetrowsk/Ukraine geboren und wanderte im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern als Kontingentflüchtling nach Deutschland aus. Sie machte Abitur und studierte zunächst Ernährungswissenschaften in Mönchengladbach. Später absolvierte sie eine Schauspielausbildung am Michael Tschechow Studio in Berlin. Seit 2010 lebt und arbeitet sie als Schauspielerin und Autorin in Berlin.

  (4)
Tags: kindesmissbrauch, prostitution, ukraine, zwangsprostitution   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(89)

134 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 75 Rezensionen

sklaverei, ghana, usa, afrika, familie

Heimkehren

Yaa Gyasi , Anette Grube
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 29.11.2017
ISBN 9783832198381
Genre: Romane

Rezension:

„Instinktiv hob Marjorie die Hand zur Kette um ihren Hals. Erst ein Jahr zuvor hatte ihr Vater sie ihr gegeben und gesagt, dass sie jetzt alt genug sei, um darauf aufzupassen. Sie hatte der alten Dame gehört und Abena vor ihr und davor James und Quey und Effia der Schönen. Mit Maame hatte es begonnen, der Frau, die ein großes Feuer gelegt hatte. Ihr Vater hatte erzählt, dass die Kette ein Teil ihrer Familiengeschichte sei, und sie dürfe sie nie ablegen oder weggeben.“ (S. 366)
‚Heimkehren‘ beginnt im Ghana des 18. Jahrhunderts und endet dort sowie in den USA der Gegenwart. Die Geschichte setzt mit Effia und Esi ein – Schwestern, deren Lebenswege in Ghana von Anfang an getrennt verlaufen. Es ist Effias Stamm, die Fante, der Hand in Hand mit den Briten das Geschäft der Versklavung Tausender betreibt. Über Jahrhunderte profitieren Effias Nachkommen davon oder verzweifeln daran, so wie ihr Enkel James. Dessen Urenkel wiederum, der kluge Yaw, muss erkennen, dass man in diesem gnadenlosen Spiel als Schwarzer nur verlieren kann, weil am Ende stets die Weißen profitieren.
„»Du solltest Geld sparen und nach England oder Amerika gehen, um dich besser ausbilden zu lassen. Vom Pult eines Lehrers aus kann man keine Revolution anführen«, sagte Edward. »Ich bin schon zu alt für eine Revolution. Außerdem – wenn wir uns von den Weißen ausbilden lassen, lernen wir nur das, von dem sie wollen, dass wir es lernen. Wir kommen zurück und bauen das Land so auf, wie es die Weißen wollen. Ein Land, das ihnen weiterhin dient. Dann werden wir nie frei sein.«“ (S. 307)
Esi, ihre Kinder und Kindeskinder kämpfen hingegen vom ersten Tag an in Amerika ums Überleben. Ihre willensstarke Tochter Ness nimmt jedes Leid auf sich, um ihr Kind zu retten. Ihr Enkel schuftet in den Kohleminen Alabamas für ein besseres Leben in Freiheit, das jedoch selbst seiner Tochter Willie im Harlem der Sechzigerjahre verwehrt bleibt. Und auch die letzte Generation dieses Buches sucht einen Platz in der Gesellschaft, wo sie nicht als Menschen zweiter Klasse angesehen wird.
„»Wir können nicht zurück, oder?« Sie blieb stehen und berührte seinen Arm. Sie sah ernster aus als zuvor, als würde ihr erst jetzt klar, dass er real war und nicht jemand, den sie träumte. »Wir können nicht irgendwohin zurückkehren, wo wir noch nie gewesen sind. Das ist nicht unser Platz. Der ist hier.« Sie machte eine ausholende Handbewegung, als wollte sie ganz Harlem, ganz New York, ganz Amerika umfassen.“ (S. 350)
In chronologischer Reihenfolge erzählt jeweils ein Nachkomme Effias und Esis im Wechsel in seinem Kapitel von den Geschehnissen. Zur besseren Übersicht befindet sich am Ende des Buches der Stammbaum. Gespannt folgt man den Entwicklungen der Familien in den unterschiedlichen Ländern. Und weil man immer auch bereits etwas über die Vorfahren weiss, hat man beinahe das Gefühl in jedem Kapitel zwar einen neuen Nachfahren kennenzulernen, der einem jedoch niemals ganz fremd ist. Einfühlsam erzählt Yaa Gyasi von Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit, die beiden Familienzweigen widerfährt und gewährt tiefe Einblicke in das Leben und Erleben ihrer Protagonisten. „Heimkehren“ ist ein intensiver Roman, der berührend und beeindruckend die Entwicklung einer Familie aus Ghana über den Zeitraum von 300 Jahren – von der Versklavung bis in die Gegenwart – erzählt. Ein großartiges Buch!
Yaa Gyasi wurde 1989 in Ghana geboren und ist im Süden der USA aufgewachsen, wo sie auch heute lebt. Ihr Debüt ‚Heimkehren‘, das in den USA wochenlang auf den Bestsellerlisten stand, wird in über 20 Sprachen erscheinen und ist bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden.

  (4)
Tags: ghana, schwarz, sklaverei, usa, weiß   (5)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(16)

22 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

Halali

Ingrid Noll
Fester Einband
Erschienen bei Diogenes, 26.07.2017
ISBN 9783257069969
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

„Bevor ich ins Gras beiße, soll Laura erfahren, dass die vermeintlich so biedere Jugendzeit ihrer Großmutter ziemlich aufregend war.“ (S. 156)
Das denkt sich die 82jährige Witwe Holda, deren Enkelin Laura im gleichen Hochhaus wohnt und oft zu Besuch kommt. Als Leser wird man Zeuge der herzlich erfrischenden Beziehung zwischen der Großmutter und ihrer jungen erwachsenen Enkeltochter und fühlt sich, als nehme man gleich neben Laura auf dem Sofa platz und ließe sich durch Holdas Erzählungen ins Bonn der 1950er Jahre versetzen.
Nach und nach erfährt man Holdas Geschichte. Wie sie mit 20 Jahren, als noch nicht volljähriges unverheiratetes Fräulein nach Bad Godesberg zieht und als Sekretärin im Innenministerium in Bonn arbeitet. Wie sie mit ihrer gleichaltrigen Kollegin und besten Freundin Karin ihre Freizeit verbringt. Wie sie einen passenden Ehemann suchen und etwas finden, das einen Agenten auf sie aufmerksam macht. Wie Karin und Holda sich immer mehr in kriminelle Handlungen verstricken – und natürlich wie das alles ausgeht.
Beim Erzählen zieht Holda direkte Vergleiche zwischen damals und heute und verdeutlicht die technische Entwicklung, die Änderung von Berufsbildern und Berufsbezeichnungen und den Zeitgeist. Dabei ließ sie vor meinem inneren Auge ein ums andere Mal einen humorvollen herzlichen Schwarzweißfilm der 1950er Jahre entstehen, der zwar in Agentenmanier daherkommt, dem man vor Leichtigkeit seiner Charaktere aber trotz schwerwiegender Handlungen keine Ernsthaftigkeit abnimmt – geschweige denn Holda und ihre Freundin womöglich für bösartig halten könnte.
Mit „Halali“ unternimmt man eine heimelige Zeitreise in die 1950er Jahre und taucht in das Lebensgefühl junger Frauen dieser Zeit ein – ein unterhaltsamer humorvoller Roman mit einem besonderen Flair, den ich nicht aus der Hand legen mochte.

  (3)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(39)

76 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 26 Rezensionen

brasilien, entführung, thriller, menschenunwürdig, mord

Sag kein Wort

Raphael Montes , Kirsten Brandt
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Limes, 26.06.2017
ISBN 9783809026785
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Téo Avelar ist Einzelgänger und ein Medizinstudent, der sich im Seziersaal der Medizinischen Fakultät am wohlsten fühlt . Echte menschliche Gefühle bringt er nur für seine dortigen Studienobjekte auf – bis er Clarice begegnet, einem Partygirl aus gutem Hause. Vom ersten Moment an ist Téo überzeugt, dass Clarice die Frau seines Lebens ist. Er beginnt, sie zu verfolgen und zu beobachten, macht ihr Geschenke, ist geradezu besessen von ihr. Als Clarice ihn zur Rede stellt und unmissverständlich deutlich macht, dass sie nichts von ihm wissen will, schlägt Téo sie bewusstlos und entführt sie in ein entlegenes Hotel in den Bergen. Was nun folgt, sind aus Téos Sicht tatsächlich perfekte Tage. Dass er Clarice fesseln und knebeln muss, sobald er sie allein lässt, liegt schließlich nur daran, dass sie so widerspenstig und unvernünftig ist.
So ruhig die Geschichte anfängt, so schnell nimmt sie an Fahrt auf. Allmählich bekommt man tiefere Einblicke in Téos Denkweise und weiß, dass die Art, wie er agiert und reagiert mit etwas Fürchterlichem enden muss. Distanzlos und schockierend beschreibt der Autor Menschliches und unmenschliches Handeln des Medizinkundigen, was schockierend ist, wobei jedoch nicht das Augenmerk auf blutrünstige Taten gelegt wird. Dieser Thriller lebt eher davon, dass der personale Erzähler den Leser tief in die Psyche des verklemmten, liebeskranken, realitätsfremden, aber nicht dummen Stalkers blicken lässt, der einem beinahe schon leid tun könnte, weil klar ist, dass er die so sehr von ihm ersehnte Gegenliebe von Clarice auf diese Art niemals gewinnen kann.
Der Schreibstil ist flüssig und auch wenn einem weder Téo noch Clarice sympathisch sind, so will man doch immer wissen, wie dieser Thriller weiter geht. Stellenweise wirkte die Handlung ein wenig konstruiert und unrealistisch. Dennoch fand ich das Buch spannend und fühlte mich gut unterhalten. Wer gerne einen Stalking-Thriller der etwas anderen Art lesen möchte, dem könnte „Sag kein Wort“ gefallen.
Der Autor Raphael Montes, geboren 1990 in Rio de Janeiro, ist Jurist und Autor. Sein Debütroman wurde u. a. für den Sao Paulo Literaturpreis nominiert, und in seiner Heimat wird Raphael Montes als ‚Stephen King Brasiliens‘ gefeiert. Mit seinem zweiten Spannungsroman ‚Sag kein Wort‘, der in siebzehn Ländern erscheint, sorgt Montes auch international für Furore.

  (3)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(10)

22 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

Die Frau nebenan

Yewande Omotoso , Susanne Hornfeck
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 10.03.2017
ISBN 9783471351444
Genre: Romane

Rezension:


In „Die Frau nebenan“ erzählt Yewande Omotoso von den Nachbarinnen Marion und Hortensia, die beide die 80 überschritten haben und auf beeindruckende Karrieren zurückblicken können. Hortensia ist die einzige Schwarze in dem wohlhabenden Viertel Katterijn in Kapstadt und hat bei den regelmäßigen Eigentümerversammlungen Gelegenheit auf ihre Widersacherin zu treffen, der sie ansonsten aus dem Weg zu gehen weiß.


„Die anderen Mitglieder kannten die Rivalität zwischen den beiden und lehnten sich nur zu gern zurück, um dem Schauspiel seinen Lauf zu lassen. Es war bekannt, dass die beiden Frauen nicht nur eine Hecke teilten, sondern auch eine gesunde Abneigung füreinander hegten; beides kultivierten sie mit einem Elan, der nicht recht zu ihrem fortgeschrittenen Alter passen wollte.“ (S. 17)


Und so beginnt das Buch mit den Streitereien der beiden Frauen, die keine Gelegenheit auslassen, um einander ihre Missbilligung zu zeigen. Die Spanne reicht von kleinen Piesackereien und Schrulligkeiten, die einen schmunzeln lassen, bis hin zu Aktionen und Aussagen, die ihre tiefe Verbitterung zeigen und derer man recht bald überdrüssig wird. Doch gerade noch rechtzeitig erfolgen im eigentlichen Handlungsverlauf der Geschichte Rückblenden, die Hortensia und Marion zu lebendigen vielschichtigen Charakteren werden lassen. Die Autorin erschafft unsympathische Protagonistinnen, mit denen man zwar nicht so recht warm wird, denen man jedoch ein gewisses Maß an Verständnis entgegen bringen kann, weil man erkennt, dass das Leben diesen Frauen Ecken und Kanten beigebracht und sie zu den komplexen eigenwilligen Menschen geformt hat, zu denen sie schließlich geworden sind.


„Hortensia setzte ein Lächeln auf. Sie hatte gelernt, dass – besonders in Kapstadt – eine lächelnde Schwarze in ihrer offensichtlichen Harmlosigkeit eine gefährliche Waffe darstellte. Ein Köder, mit dem man Leute anlockte, während man ihre Schwachstellen auslotete.“ (S. 114)


Ein Schaden an Marions Haus und Hortensias Unfähigkeit mit Pflegediensten zu kooperieren sorgt dafür, dass Marion vorübergehend zu Hortensia zieht. Das zwingt die Frauen zu unwillkommener Nähe. Ihre Gespräche sind temperamentvoll, doch sie erkennen in der anderen auch etwas Vertrautes. Beide haben harte Verluste und Ungerechtigkeiten erfahren. Oft genug waren auch ihre eigenen Entscheidungen falsch. Mit dem Mut zur Wahrheit und der Kraft der neu gewonnenen Freundschaft stellen sie sich den großen Fragen des Lebens.


Doch der Weg dorthin ist nicht gerade einfach und so erfährt man duch die Rückblicke auch einiges über die Apartheid und ihre Auswirkungen auf schwarze und weiße Menschen allgemein, aber auch im Besonderen auf Marion und Hortensia in ihrem wohlhabenden Vorort, wo seinerzeit Schwarze aufgrund ihrer Hautfarbe enteignet wurden und Weiße zu Spottpreisen ihre Grundstücke kaufen konnten. Auch Hortensias Ehe mit einem weißen Mann stieß auf Probleme, während Marions Umgang mit Schwarzen nicht immer einwandfrei war.


„Die Frau nebenan“ ist eine skurrile Geschichte in bissig lockerem Ton, die auf das Leben zweier starker Frauen zurückblicken und ein Stück weit Apartheid gestern und heute erleben lässt, die aber auch zeigt, dass es nie zu spät für Annäherungen ist.


Die Autorin Yewande Omotoso, in Barbados geboren, wuchs in Nigeria auf. Anfang der neunziger Jahre zog sie mit ihrer Familie nach Südafrika. Ihr erster Roman „Bom Boy“ wurde mit dem South African Literary Award für Debütautoren ausgezeichnet. Sie lebt in Johannesburg, wo sie als Architektin und Designerin arbeitet.

  (3)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

spiralschneider, backen, kochen

Kochen mit dem Spiralschneider Low Carb

Denise Smart
Flexibler Einband
Erschienen bei Südwest, 03.04.2017
ISBN 9783517096070
Genre: Sachbücher

Rezension:


Entwickelt wurden die Rezepte für den Spiralschneider von der Foodstylistin Denise Smart, die bereits zahlreiche Kochbücher veröffentlicht hat. Der Klappentext dieses Buches meint:


Hier kommen die leichten Alternativen zu Pasta, Brot, Reis und vielen Gerichten mit schweren Kohlenhydraten: Mit dem Spiralschneider machen Sie aus Obst und Gemüse ganz einfach Nudeln, Reis oder Teig und ersetzen so die täglichen Carbs. Statt Eiernudeln gibt’s spiralisierten Rettich bei asiatischen Gerichten, aus Blumenkohlreis wird der Teig für die Pizza und aus Zucchini werden knusprige Käsechips. Die 80 Rezepte sind einfach und schnell zubereitet und schmecken richtig lecker – genießen Sie Ihre Lieblingsgerichte in einer neuen und gesünderen Form!


Das Buch beginnt mit einer Einführung, in der die unterschiedlichen Spiralschneider vorgestellt werden und der Gebrauch des im Buch verwendeten Exemplars genauer erklärt wird – es handelt sich um den gleichen, der auf dem Bild zu sehen ist. Außerdem erfährt man, wie Gemüsereis hergestellt wird und bekommt allgemeine Tipps rund um Spiralschneider, sowie geeignete Obst- und Gemüsesorten.


Danach folgen in den Rubriken
- Frühstück & Brunch,
- Kleine Mahlzeiten,
- Hauptgerichte und
- Gebäck & süße Sachen“
die 80 Rezepte, von denen die meisten mit ansprechenden und appetitanregenden Fotos bebildert sind.


Jedes Rezept in diesem Buch ist mit einem Symbol versehen, sodass auf einen Blick zu erkennen ist, ob es glutenfrei, Low Carb, vegetarisch oder vegan ist. Für mich persönlich wäre das nicht notwendig gewesen und es hätte mich auch nicht gestört, wenn einige Rezepte nicht angepasst worden wären, um sie zwanghaft in die Sparte glutenfrei einordnen zu können. So ist in den Rezepten vom Backpulver bis zu den gerösteten Erdnüssen alles in glutenfreier Variante angegeben. Darauf hatte mich der Klappentext leider nicht vorbereitet. Mich nervt es ein wenig, aber ich kann auch über das Wort „glutenfrei“ hinweglesen.


Nicht ignorieren konnte ich hingegen, dass ich mich für dieses Buch interessiert habe, weil es mir auf dem Cover in großer orangefarbener Schrift „Low-Carb-Rezepte für den Spiralschneider verspricht. Ich hatte mich also auf 80 Rezepte eingestellt, die genau diesem Ernährungskriterium entsprechen. Gewundert habe ich mich beim ersten Durchblättern des Buches darüber Rezepte vorzufinden, die ich in diesem Buch keinesfalls erwartet hätte, beispielsweise die Kürbis-Orangen-Marmelade und den in Zuckersirup getränkten Mandelkuchen, übrigens beides glutenfrei und vegetarisch laut Einteilung, aber leider nicht Low Carb. Das brachte mich schließlich auf die wahnwitzige Idee zu kontrollieren, wie viele der 80 Rezepte tatsächlich dem Kriterium Low Carb entsprechen: Es sind 45. Mein Eindruck trügte also nicht, sorgte aber dafür, dass ich mich von diesem Buch getäuscht fühlte.


Trotz Enttäuschung habe ich schließlich doch einige Rezepte nachgekocht und war angenehm überrascht. Zwar fehlen bei einigen die Angaben ob beim backen Umluft oder Ober-/Unterhitze verwendet wird, aber insgesamt sind die Anleitungen gut verständlich, die Mengen sind passend angegeben und die Ergebnisse konnten sich sehen lassen. Aber am Wichtigsten: Sie schmeckten hervorragend. Tipp: Mini-Frittatas mit Speck, Tomaten & Ricotta, aber auch die Süßkartoffel-Spaghetti Carbonara waren sehr lecker.


So kam es zwischen mir und diesem Buch beinahe doch noch zu einem Happy End. Wer also ein Kochbuch mit unterschiedlichen meist glutenfreien Rezepten für den Spiralschneider sucht, die auch Low Carb sein können, kann es sich ja mal anschauen.

  (3)
Tags: backen, kochen, spiralschneider   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(92)

135 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 43 Rezensionen

7 todsünden, sünden, angst, blumenbar, faulheit

Sieben Nächte

Simon Strauß
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 08.07.2017
ISBN 9783351050412
Genre: Romane

Rezension:


„Sieben Nächte“ von Simon Strauss ist ein Buch, das sich zwischen Roman, Essay und Selbstversuch bewegt. Ebenso wie der Autor, ist der Protagonist, der als Ich-Erzähler unter dem Namen S. in Erscheinung tritt, neunundzwanzig Jahre alt. Er sieht sich als Teil einer privilegierten Generation, die behütet und scheinbar glücklich aufwuchs, sich allerdings niemals etwas erkämpfen musste.


„Davor, später nur auf graue, gerade Linien zurückzuschauen, habe ich Angst. Dass mir die Gefühle abhanden kommen, sich Gewohnheit einstellt. Vor der trockenen Sicherheit, dem Kniefall vor der Konvention. Nie geschrien zu haben, immer nur kleinlaut geblieben zu sein, davor fürchte ich mich.“ (S. 14)


Kurz vor dem 30. Geburtstag zieht er ein Resümee seines bisherigen Lebens. Er hat das Gefühl, bisher nicht richtig gelebt zu haben und nun an der Schwelle des für ihn endgültigen Erwachsenwerdens nicht mehr nur gefallen zu wollen und ins Gesellschaftsbild zu passen, sondern seinen wirklich eigenen Lebensweg zu finden zu wollen.


„Dann habe ich ein Angebot bekommen. Einer, den ich kaum kannte, dem ich vor Kurzem begegnet bin, hat mit mir einen Pakt geschlossen. Er wolle mich führen, hat er gesagt, dorthin, wohin es mich drängt. […] Er blickte mich an, führte mich in Versuchung. Und am Ende, nachdem ich ganz aus mir heraus gesprochen hatte, sagte er mit einem Zucken um seinen Mund, er wisse genau, was mir fehle. Und er kenne den Weg dorthin. Immer um sieben Uhr abends würde er sich melden und mich auf einen Streifzug schicken durch die Stadt. Immer würde ich einer Sünde begegnen, einer der sieben Todsünden. ‚Auf dass du eine findest, in der du dich wohlfühlst. Oder dich für immer von ihnen abkehrst‘, hat er gesagt. […] Ich werde eingehen auf seinen Vorschlag: Werde gierig, hochmütig und faul sein, neiden und wüten, Völlerei und Wollust treiben. Sieben Nachtschichten einlegen, um der drohenden Zukunft noch einmal zu entkommen.“ (S. 18/19)


Und so erledigt er gewissenhaft die sieben Todsünden in sieben Nächten und schreibt anschließend seine Gedanken nieder. In ihnen steckt Mut, Sehnsucht und Angst. Aber auch Gesellschaftskritik und Generationskonflikte. Ein ums andere Mal pflichtete ich dem Gelesenen bei und konnte mich mit den Gedankengängen identifizieren oder sie zumindest nachvollziehen. Da ich jedoch vom Alter her zur Elterngeneration des Autors und seines Protagonisten S. zähle, liegt allerdings genau darin auch ein Problem, weil die Reibungswärme des Kampfes und daraus resultierenden möglichen Erfolgen wachsende Selbstvertrauen entfällt, wenn man zu leicht auf Verständnis und gleiche Meinungen trifft. Es gibt in diesem Buch viel Stoff zum Nachdenken, auch wenn man die dreißig bereits deutlich überschritten hat.


Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen und konnte mich durch die kraftvollen sprachlichen Bilder mitreißen. Und doch ist dieses knapp 144 Seiten schlanke Buch keines, das sich einfach weglesen lässt. Es beeindruckt und wirkt nach, auch wenn S. „Kinderfragen gestellt hat und nach Sinn und Sagbarem gesucht und Umrisse in den Sand gezeichnet hat“. Empfehlenswert!

  (3)
Tags:  
 
521 Ergebnisse

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach!

Hol dir mehr von LovelyBooks