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11 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

bosnien, roman, robert prosser, bürgerkrieg, longlist deutscher buchpreis

Phantome

Robert Prosser
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Ullstein fünf, 15.08.2017
ISBN 9783961010097
Genre: Romane

Rezension:

Die Buchbeschreibung dieses Romans, der es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 geschafft hat, verrät:
„Robert Prosser schildert intensiv ein fast vergessenes Kapitel der jüngeren Geschichte: Der Jugoslawienkrieg, der die letzte große innereuropäische Flüchtlingswelle in den 1990ern auslöste, dessen drastische Verbrechen bis heute nicht aufgearbeitet sind und weit in die Generation der Kinder der Geflüchteten nachwirken.
Anisa flüchtet 1992 aus Sarajewo nach Wien. In den beginnenden ethnischen Säuberungen hat sie ihren Vater zurückgelassen – und wird ihn nie wiedersehen. Auch von ihrem Freund Jovan, einem bosnischen Serben, der zum Militärdienst eingezogen wurde, konnte sie sich nicht verabschieden. Jahrzehnte später reist Anisas Tochter Sara auf den Spuren ihrer Mutter nach Bosnien-Herzegowina.“
Dieser Text machte mich neugierig und ich versprach mir von diesem Buch einen besseren Einblick in die damaligen Geschehnisse zu bekommen – in einen Krieg, der gar nicht so weit weg von uns stattfand und von dem ich das Gefühl habe, eigentlich kaum etwas darüber zu wissen. Stattdessen führte mich das Buch im ersten Drittel in die Graffiti-Szene Wiens ein. Auch lernte ich etwas über die Sprayer-Szene Bosniens, über die der Ich-Erzähler – der Freund von Anisas Tochter Sara – bei seinem dortigen Besuch ebenso berichtet, wie über die Gedenkstätten und den heutigen Umgang mit den Greueltaten des Krieges. Der Ich-Erzähler schreibt, wie er zu sprechen scheint. Liest man den Text und stellt sich dabei einen österreichischen Akzent vor, fühlen sich Satzbau und einzelne Begrifflichkeiten stimmiger an, auch wenn sie sich für mich teilweise nicht flüssig lesen lassen. Hinzu kommen Graffiti-Ausdrücke und der wohl übliche Slang, den ich nicht mochte und der mich zudem überhaupt nicht interessierte. Das nahm mir den Lesespaß und auch mein Interesse an der Jugoslavien-Thematik reichte nicht aus, um dem Buch weiterhin unvoreingenommen zu folgen. Ein ums andere Mal überlegte ich, das Buch einfach abzubrechen – einzig die Tatsache, dass es sich dabei um ein Rezensionsexemplar handelt, bewog mich weiter zu lesen.
Beinahe aus dem Nichts heraus endet schließlich dieses erste Buchdrittel und statt des Ich-Erzählers, folgt plötzlich eine personale Erzählweise, bei der im Wechsel die Kriegserlebnisse von Anisa und Jovan geschildert werden. Während Jovan den Krieg hautnah durchlebt, versucht Anisa als Flüchtling in Wien ihr Auskommen zu finden. Berührende und erschütternde Szenen, die so bildhaft und einfühlsam mitsamt sprachlicher Schönheit geschildert werden, dass sie beeindrucken und unter die Haut gehen. Und doch überwiegen die Passagen, die langatmig sind und sich einfach nur sperrig lesen lassen. Aber oft regt das Gelesene auch zum nachdenken an und man findet gedanklichen Anschluss bei den Flüchtlingen jüngeren Datums. Immer wieder stellte sich mir die Frage, was diese alles erleben mussten und noch müssen.
Der letzte Teil des Buches spielt wiederum im Jahr 2015 und zeigt die Überlebenden in der Gegenwart. Nachdem ich im Anschluss die Danksagung des Autors gelesen hatte, wünschte ich mir wieder einmal, dass diese gleich zu Anfang des Buches gestanden hätte. Sie hätte mich vielleicht besser durchs Buch geführt, das sich für mich wie aus mehreren Federn geschrieben und ungelenk zusammengeführt anfühlte.

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66 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 50 Rezensionen

österreich, berge, berg, bergwelt, liebe

Durch alle Zeiten

Helga Hammer
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Ullstein fünf, 13.10.2017
ISBN 9783961010080
Genre: Romane

Rezension:

Helga Hammer erzählt in „Durch alle Zeiten“ die zum Teil aus Erinnerungen bestehende und zum Teil fiktive Geschichte von Elisabeth, einer einfachen Frau aus den österreichischen Alpen. Auf einer Hochzeit verliebt sie sich als siebzehnjährige in Niklas, einen jungen Mann aus einer angesehenen Familie. Ihre Liebe leben sie heimlich, denn Niklas ist bereits mit einer anderen, standesgemäßeren Frau verlobt. Enttäuscht verlässt Elisabeth ihre Heimat und geht als Kindermädchen nach England. Als ihre Mutter stirbt, kehrt sie zurück und merkt, dass sie ein Kind erwartet. Sie heiratet Martin, der nicht ahnt, dass seine schöne junge Frau nicht von ihm schwanger ist.
Elisabeths einfaches wie hartes Leben ist geprägt von verlogener Moral – und der Sehnsucht nach der alles erfüllenden Liebe. Eine archaische Bergwelt, geprägt von harter Arbeit und gesellschaftlichen Zwängen. „Eine Frau, die sich ihren Weg nicht aussuchen kann und am Ende doch ihr Glück findet“, verrät bereits der Klappentext.
Und im ‚Erinnerungen‘ genannten Epilog erzählt die Autorin:„Wenn ich an den späten Nachmittagen zu ihr den Berg hinunter ging, wir uns an den Kachelofen setzten, ein Glas Rotwein tranken, drehten sich unsere Gespräche meist ums Familienleben, die Aufzucht unserer Kinder, das Auf und Nieder mit den Männern, der Kampf um die Liebe und Gefühle, die Tragödien und Verletzungen; wir lachten viel, doch Tränen gab es auch.“ (S. 269)
Genau dieses Gefühl hatte ich beim Lesen dieses Buches auch. Ich nahm in meinem Lesesessel platz und ließ mir von der Autorin ganz gemütlich die Geschichte ihrer besten Freundin erzählen. Die kurzen Kapitel lassen sich leicht weglesen und wechseln zwischen der jungen und älteren Elisabeth hin und her, bis alles aufgelöst ist und die Handlung in der Gegenwart endet. Irgendwie nett und ich mochte, wenn auch manchmal stirnrunzelnd, das Buch zuende lesen.
Die Autorin wertet nicht, interpretiert nicht, schmückt nicht aus und so bleibt die Sprache meist relativ einfach, ergreifende Szenen bleiben eher oberflächlich, die Charaktere kommen einem nicht wirklich nah und bleiben blass. Helga Hammer erzählt die Geschichte ihrer „genialen Freundin“, wie sie sie selbst bezeichnet so vorsichtig mit angezogener Handbremse, dass man sich als Leser fragt, ob man Elisabeths Fehlverhalten tatsächlich nicht gut finden darf und man entgegen des Klappentextes doch der Meinung sein kann, dass auch zu damaligen Zeiten Frauen sich bereits bessere Wege gesucht haben, als die von der Protagonistin gewählten.
Alles in allem hat die heute fast achtzigjährige Elisabeth ein hartes und bewegtes Leben geführt und es ist ihr zu gönnen, dass sie noch viele glückliche Jahre im restaurierten originalen Brandstätterhof verleben darf. Auch wünsche ich ihr, dass ihr die Lektüre dieses Buches Freude bereitet hat. Meine Erwartungen hat es – besonders nach der sehr eindringlichen Leseprobe – leider nicht erfüllen können, weil ich eigentlich mehr als ein nettes Buch für zwischendurch erwartet hatte.

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

abnehmen, dick, alltag, kolumne, soziale probleme

Weil ich ein Dicker bin

Bertram Eisenhauer
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 25.01.2016
ISBN 9783570102183
Genre: Sachbücher

Rezension:

„Es ist einfach so: Wer ums Abnehmen kämpft, wird auf sich selbst zurückgeworfen. Es geht ständig um den eigenen Körper, den man belauert, als sei man sein eigener Stalker, um die Regungen der eigenen Seele. Und auch wenn Kollegen, Partner, Kinder dich ermuntern: Letztlich machst du die Sache mit dir selbst aus, allein.“ (S. 26)
Gleichzeitig scannt man seine Umwelt nach diesem Thema ab und so stieß ich auch auf „Weil ich ein Dicker bin“, das im vergangenen Jahr erschienen ist und sich seitdem auf meiner Bücherwunschliste befand.
Er war ein pummeliger Teenager, er war ein dicker Student, heute ist er ein adipöser Erwachsener. Übergewicht hat ihn definiert, so lange er zurückdenken kann. Jetzt schreibt er darüber, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, der zu viel wiegt. Was es nicht nur körperlich kostet, sondern emotional. Was das Fettsein mit der Seele macht und welche Lebenschancen es einem stiehlt.
In diesem Buch schildert Bertram Eisenhauer seine Zeit in der einjährigen Therapie in einer medizinisch betreuten Abnehmgruppe und setzt sich mit dem auseinander, was sein Dasein ausmacht: Warum man Dicker ist, so wie man Alkoholiker ist. Das Sexshop-Feeling beim Kleiderkauf. Seine dunkle Liebesgeschichte mit dem Fastfood und die schnuckelige Ernährungsberaterin, die ihn an vegetarische Kost heranführen will. Heimliche Fressanfälle und öffentliche Beschämungen.
Entstanden ist dieses Buch zum Teil aus Kolumnen, die in zumeist stark veränderter Form bereits im Ressort „Leben“ der F.A.S. erschienen sind. Jedem der 52 Kapitel, die jeweils einer Woche entsprechen, ist ein Statusreport vorangestellt, in dem das Gewicht beim letzten Wiegen, das aktuelle Gewicht und die Veränderung verzeichnet sind – oder auch nicht. Nachfolgend ist dann über die Lebensumstände, Erfolge und Hürden bei den Abnehmversuchen des Autors zu lesen. Bertram Eisenhauer verliert niemals seinen trockenen Humor, der für so manches Schmunzeln sorgt. Als dicke Leserin kann ich seine Schilderungen nachvollziehen und fühle mich gleichzeitig selbst dabei verstanden.
Dem folgen Informationen, Studien, Interviews und Gedanken rund um das Thema Gewichtsverlust und Ernährung, die ich mit großem Interesse gelesen habe. Wer jedoch eine genaue Anleitung oder einen detaillierten Abnahmebericht erwartet, der dürfte enttäuscht sein. Hier geht es vorrangig um Hinweise, Anregungen und Informationen, die sich mit der Problematik des Abnehmens beschäftigen und einen an den Erfahrungen eines Menschen teilhaben lassen, der nicht plötzlich zum Superhelden der Gewichtsabnahme avanciert ist, sondern bei dem es gemächlich vorwärts geht und bei dem es auch Rückschläge gibt.
„Aber Dicker, das zumindest ist meine Erfahrung, bist du, wie du Alkoholiker bist: Dein Verhältnis zu dem Stoff wird niemals normal. Auch wenn du abnimmst, du musst immer aufpassen. Das Essen werde ‚Lebensthema‘ bleiben für mich, sagte die Psychologin meiner Abnehmgruppe beim Eingangsgespräch.“ (S. 43)
„Weil ich ein Dicker bin“ ist kein lustiges Abnehmbuch, sondern ein Buch, in dem sich Bertram Eisenhauer auf ruhige ernsthafte Art mit trockenem Humor gespickt mit dem Dicksein und dem Dünner werden auseinander setzt. Lesenswert!

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belloc, frankreich

Ein Jahr in Frankreich

Birgit Kaspar
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Verlag Herder, 18.08.2017
ISBN 9783451068973
Genre: Sonstiges

Rezension:

Von Beirut nach Belloc – Die deutsche Journalistin Birgit Kaspar, geboren 1963 in Köln, ist nach mehr als zehn Jahren Nahostberichterstattung nach Europa zurückgekehrt. Seit August 2011 lebt sie nahe Toulouse in Südwestfrankreich, zwischen Atlantik, Mittelmeer und Pyrenäen und genießt dort die neuen Herausforderungen in „la France profonde“.
„Eigentlich hätte es schon lange Frankreich sein sollen. Doch dann kam der Nahe Osten dazwischen. Heute weiß ich: Alles hat seine Zeit.“ (S. 7)
In „Ein Jahr in Frankreich“ schreibt Birgit Kaspar auf amüsante und unterhaltsame Weise über ihr erstes Jahr in ihrer neuen Wahlheimat, dem kleinen französischen Dorf Belloc, und führt den Leser durch 12 Kapitel, die den Monaten ihres ersten Jahres entsprechen. Dabei erzählt die sympathische und aufgeschlossene Journalistin von kleineren und größeren Unwegsamkeiten, von Kuriositäten und Eigenheiten von Land und Leuten. Teilweise ist sie mit oder ohne ihren Mann aus beruflichen oder privaten Gründen auch in verschiedenen Gebieten Frankreichs unterwegs, so dass man einen kleinen Eindruck über die Vielfältigkeit dieses Landes bekommen kann. So erkundet sie unter anderem die Hauptstadt des Parfums, fliegt aus der Provinz nach Paris um schnell wieder in die Provinz zurückzukehren, beobachtet am Montblanc die Gletscherschmelze und erfährt auf Korsika Neues über das Streben nach Eigenständigkeit der Insel.
Sie behält zum Teil französische Begriffe und kurze Redewendungen bei und erzeugt dadurch beim Lesen eine besondere Atmosphäre. Mein eingerostetes Schulfranzösisch reichte aus, um vieles zu verstehen, aber die Autorin verknüpft die französische Sprache mit der deutschen so geschickt, dass unbekannte Vokabeln sich im Text selbst erklären ohne dass es stumpf übersetzt wirkt. Durch diese Verquickung der Sprachen ergibt sich im Kopf eine besondere Lesemelodie, die einen noch ein wenig mehr nach Frankreich versetzt und dafür sorgt, dass man sich am liebsten gleich auf den Weg machen möchte, um dieses Land auf eigene Faust zu erkunden. Auch wächst einem beim Lesen nicht nur das Land sondern auch die sympathische Journalistin ans Herz, die von sich sagt:
„Vermutlich werde ich immer l’Allemande bleiben. Aber eine Fremde, mit der man befreundet sein kann, die man respektiert. Weil auch sie die Bellocois mit ihren Eigenheiten, Traditionen und Bräuchen achtet. Jedenfalls wünsche ich mir das.“ (S. 177)

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südkorea, roman, gewalt, studentenaufstand, verlust

Menschenwerk

Han Kang , Ki-Hyang Lee
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 15.09.2017
ISBN 9783351036836
Genre: Romane

Rezension:

Nachdem die südkoreanische Bevölkerung 18 Jahre unter Militärherrschaft leben musste, hoffte sie 1979 nach Ermordung des damaligen Präsidenten auf die Demokratisierung ihres Landes. Als sich dann jedoch ein General an die Macht putschte, kam es landesweit zu Massenunruhen und Protesten. Die friedlichen Demonstrationen der Zivilbevölkerung in Gwangju wurden am 18. Mai 1980 vom Militär gewaltsam niedergeschlagen.
Das Buch „Menschenwerk“ erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven die Geschichte des Jungen Dong-Ho und all derjenigen, die mit ihm die Zeit des Gwangju-Massakers erlebt haben: Ein Junge sucht nach der Leiche seines Freundes, der bei einem gewaltsam niedergeschlagenen Studentenaufstand gestorben ist. Eine Mutter trauert um ihren Sohn. Eine Schwester versucht weiterzuleben. Ein Folteropfer versucht, sich nicht zu erinnern. Alle Erzählungen sind schmerzvolle Rückblicke, datiert auf die Folgejahre des Massakers. Es geht um Haft und Folter, Depression, Einsamkeit und Schuldgefühle. Und von der Unmöglichkeit, normal weiterzuleben. Im Epilog kommt schließlich die Autorin selbst zu Wort und versucht, in all dem einen Sinn auszumachen.
„Ich glaube nicht, dass sich die Gewalterfahrung nur auf den Zeitraum von zehn Tagen beschränken lässt, in denen der Aufstand sich ereignete. Die Atomkatastrophe von Tschernobyl war auch nicht auf den Tag es Unglücks beschränkt, sondern wirkte noch Jahrzehnte nach.“ (S. 112)
Han Kang schildert auf eindringliche Weise Gewalt und Brutalität über die leserische Schmerzgrenze hinaus. Dabei geht es jedoch nicht um Effekthascherei sondern vielmehr schafft sie es, dass man diesem menschlichen Handeln irgendwann nur noch fassungslos gegenüber steht. Aber das Buch hat auch ruhigere, ja sogar leise Momente zu bieten, diese sind allerdings von Leid, Schmerz und Hoffnungslosigkeit geprägt.
„Am darauffolgenden Abend, als sie vom Dachboden herabstieg, erzählte ihr ihre Mutter, dass die Lastwagen der städtischen Müllabfuhr die Leichen abgeholt hätten, um sie auf die Friedhöfe zu bringen. Nicht nur diejenigen, die bei dem Springbrunnen zurückgelassen worden waren, sondern auch die Särge aus der Turnhalle und die nicht identifizierten Körper.“ (S. 71)
„Menschenwerk“ ist kein Buch, das sich einfach so weglesen lässt. Es will verdaut und überdacht werden. Auch weckt es Ungläubigkeit und es wäre mir lieber gewesen, wenn ich im Internet nicht Berichte und Bilder über das Gwangju-Massaker gefunden hätte, die einem die Gewissheit geben, dass dieser Roman nicht ausschließlich fiktiv ist. Für zartbesaitete Leser ist dieses Buch eher nicht zu empfehlen, allen anderen sei es ans Herz gelegt.
Han Kang wurde in Gwangju, Südkorea, geboren. 1993 debütierte sie als Dichterin, ihr erster Roman erschien 1994. Für ihr literarisches Schreiben wurde sie mit dem Yi- Sang-Literaturpreis, den Today’s Young Artist Award und dem Manhae Literaturpreis ausgezeichnet. Derzeit lehrt sie kreatives Schreiben am Kulturinstitut Seoul.

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70 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 38 Rezensionen

neuseeland, flucht, neuanfang, suche, verschwinden

Niemand verschwindet einfach so

Catherine Lacey , Bettina Abarbanell
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 18.08.2017
ISBN 9783351036805
Genre: Romane

Rezension:

Die 28jährige Elyria verlässt von jetzt auf gleich ihren Mann, ohne eine Nachricht zu hinterlassen und löst ein One-Way-Ticket nach Neuseeland. In Neuseeland angekommen, verliert sie immer mehr den Boden unter den Füßen und versumpft in ihrem ewig um die gleichen Themen kreisenden Gedankenstrudel um den tragischen Tod ihrer Adoptivschwester Ruby, ihre verkorkste Kindheit und die Eintönigkeit ihrer Ehe mit Charles.
Catherine Lacy lässt den Leser Elyrias Odyssee in der Ich-Form durchleben und kommt ihm damit näher, als ihm gut tun kann. Die Geschichte selbst ist handlungsarm und wird in Form des nicht enden wollenden Bewusstseinsstroms der Protagonistin, ihren inneren Monologen und inneren Dialogen mit ihrem Mann erzählt. Dabei durchlebt man gemeinsam mit Elyria, wie sie geistig immer verwirrter wird, verwahrlost und immer weniger in der Lage ist, eigenverantwortlich zu handeln. Diese dunkle pessimistische Story lässt zwar tief in den verstörten Abgrund seiner Protagonistin schauen, belässt aber doch so vieles im Unklaren, dass man als Leser selbst eine gewisse Unsicherheit verspürt. Diese düstere depressive Geschichte schaffte es sogar, mich in eine eben solche Stimmung zu versetzen, so dass ich bereits nach kurzer Zeit nicht mehr zu dem Buch greifen mochte, obwohl ich mich normalerweise auch gerne in schwierige Charaktere und Handlungsstränge einlese.
Auch der Schreibstil konnte mich nicht begeistern. Ein Bild reihte sich an das andere, so dass der eigentliche Sinn kaum noch durchscheinen konnte.  Außerdem gefielen mir die verwendeten Bilder größtenteils nicht. Da hatte Haut die Beschaffenheit von billigem Klopapier,  Tränen sammelten sich und sie fühlte sie dort blubbern und summen wie einen Teekessel, kurz bevor das Wasser kocht oder in einem anderen Fall fühlte sich die Protagonistin wie eine Dose Hundefutter.
Die endlosen Bandwurmsätze kosten viel Konzentration, erschweren das Lesen und Verstehen und verleiteten mich irgendwann nur noch zum Überfliegen des Textes, weil mich die Bilder, Metaphern und die Schreibweise überstrapazierten. Dieses Buch verursacht nicht nur eine gedrückte Stimmung, es liest sich zudem außerst sperrig und lässt jede Freude beim Lesen vermissen. Beispielhaft möchte ich hier einen der Sätze zitieren, bei denen ich nur mit den Augen rollen konnte:
„Ich wusste, dass er es nicht gewollt hatte, oder ich meine, es gewusst zu haben, oder es war besser zu meinen, dass er es nicht wollte, aber ich fragte mich, woher ich es mit Sicherheit wissen konnte und ob es nicht treffender gewesen wäre, zu sagen, ich glaubte er habe es nicht gewollt, aber wenn ich das tatsächlich glaubte, hätte ich ja auch ohne weiteres sagen können, ich wisse es, was aber offenbar nicht stimmte, weil ich ja den Rest der Nacht wach lag und darüber nachdachte, woher ich mit Sicherheit wissen konnte, dass er es nicht gewollt hatte, und was diese mangelnde Sicherheit darüber aussagte, wie sehr ich meinem Mann vertraute oder nicht vertraute und darüber, wie gut oder nicht gut unsere Ehe funktionierte, und ob es möglich war, dass wir einander ernsthaften Schaden zufügen wollten, und es war eine Tatsache, dass ich die Alpträume meines Mannes nur entschuldigen konnte, indem ich sie für vollkommen unabhängig von ihm erklärte, was aber wiederum extrem unwahrscheinlich, wenn nicht gar unmöglich war, weil mein Mann hauptsächlich aus seinem Kopf bestand und ich glaubte, dass es dieser Kopf war, der die Alpträume verursachte.“ (S. 118)
Nichtsdestotrotz wird dieser Roman international gefeiert und als eines der eindrücklichsten Debüts der letzten Jahre bezeichnet. Obwohl ich mich bis zum Schluss des Buches durchgequält habe, kann ich das nicht nachvollziehen.
Für gelungen halte ich hingegen das Cover, welches das immer tiefere Versinken der Protagonistin in ihre finstere Gedankenwelt gut verbildlicht. Auch ist es Catherine Lacey darüber hinaus gelungen die konfuse Gedankenwelt von Elyria glaubhaft zu Papier zu bringen, auch wenn mir die Art und Weise nicht gefallen hat. Wer so etwas lesen möchte, der könnte vielleicht an „Niemand verschwindet so einfach“ seine Freude haben. Ansonsten kann ich diesen Roman nicht weiterempfehlen.
Catherine Lacey wurde in Mississippi geboren und lebt in Chicago. Für ihren ersten Roman »Niemand verschwindet einfach so« wurde sie mit dem Whiting Award 2016 ausgezeichnet. Bettina Abarbanell wurde für ihre Übersetzung dieses Romans ins Deutsche mit dem Brandenburger Kunstförderpreis ausgezeichnet.

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90 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 58 Rezensionen

adel, graf, wahrsagerin, schloss, belgien

Töte mich

Amélie Nothomb , Brigitte Große
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 23.08.2017
ISBN 9783257069891
Genre: Romane

Rezension:

Graf Henri Neville ist glücklich verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder, die wunderbar geraten sind. Nur die jüngste Tochter, die 17-jährige Sérieuse, ist unberechenbar. Da sie befürchtet, empfindungslos geworden zu sein, setzt sie sich lebensbedrohlichen Gefahren aus. Sie verletzt sich, um Schmerz wahrzunehmen, und wäre sie bei dem Versuch Kälte zu spüren beinahe erfroren.
Der Begriff „Emotionen“ traf Neville wie eine Ohrfeige. Es war nicht das erste Mal, dass er ihn hörte. Seit ein paar Jahren begnügten sich die Leute aus unerfindlichen Gründen nicht mehr mit Gefühlen, Wahrnehmungen oder Eindrücken, die doch ihre Aufgabe perfekt erfüllten. Jetzt mussten es Emotionen sein. Neville reagierte allergisch auf dieses lächerliche und prätentiöse Wort. (S. 8)
Zur Sorge um seine Tochter kommt eine weitere hinzu: Eine Wahrsagerin prophezeit dem Grafen, er werde bei seinem demnächst stattfindenden Gartenfest jemanden töten. Obwohl der freundliche Aristrokat sich das beim besten Willen nicht vorstellen kann, fürchtet er sich doch davor, dass die Worte der Wahrsagerin in Erfüllung gehen könnten. Sérieuse hingegen sieht in dieser Prophezeiung, die zur fixen Idee ihres Vaters wird, ihre Rettung: Der Vater soll sie töten, denn sie will nicht mehr leben.
„›Du hast viel dazu beigetragen, dass ich auf der Welt bin. Es wäre nur gerecht, wenn du sie auch von mir befreist.«»Nach dieser Logik müsstest du dein Ansinnen eher an deine Mutter richten.«»Nein. Mama hat mich unter Schmerzen geboren, deshalb sollst du mich unter Schmerzen töten.«“ (S. 66)
Mit „Töte mich“ hat Amélie Nothomb auf knapp 112 Seiten einen skurrilen schwarzhumorigen Roman geschaffen, dessen Dialoge mich durchaus unterhalten konnten und mich das ein oder andere Mal schmunzeln ließen. Der Schreibstil ist ansonsten eher knapp und nüchtern. Die Ausführungen über das schräge adelige Gebaren konnten mich nicht interessieren – die Umsetzung erschien mir etwas langatmig, der Humor wirkte angestrengt und insgesamt war alles zu sehr überzeichnet. Nichtsdestotrotz ein unterhaltsames Buch, das durch die bizarre Logik in den Gesprächen zwischen Vater und seiner Tochter glänzt.

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142 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 68 Rezensionen

ukraine, prostitution, gewalt, kukolka, straßenkind

Kukolka

Lana Lux
Fester Einband: 375 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 18.08.2017
ISBN 9783351036935
Genre: Romane

Rezension:

„Obwohl ich nichts außer dem Heim kannte, hatte ich keine Angst, es zu verlassen. Ich hatte auch keine anderen Gefühle. Keine Freude, nicht mal Aufregung. Ich hatte einfach beschlossen, raus zu gehen, zum Bahnhof zu fahren und dann einen Zug nach Deutschland zu Marina zu nehmen.“
Und so flieht in den 1990er Jahren das siebenjährige Zigeunermädchen Samira aus dem Martyrium des Kinderheims ‚Sonnenschein‘ in der Ukraine, um sich auf den Weg zu ihrer erst kürzlich von deutschen Eltern adoptierten Freundin zu machen. Da dies jedoch nicht so einfach ist, wie sie es sich vorgestellt hatte, ist sie froh, als sie auf den erwachsenen Georgier Rocky trifft, der gleich begeistert von ihr ist:
„Du kommst mit zu mir. Bei mir wohnen noch ein paar andere Kids. Auch so Leute wie du und ich, die diese Scheißgesellschaft ausgespuckt hat. Bei mir haben alle ein Dach über dem Kopf, und was zu futtern ist auch immer da. Du wirst dich mit denen verstehen. Ich zeig dir, wie du an ein paar Moneten kommst…“
Schnell wird sie sein „Juwel“ erbettelt Geld am Bahnhof, klaut Portemonnaies, singt als Straßenmusikerin und wird seine ‚Kukolka‘ – sein Püppchen. Alles Geld bekommt Rocky, aber wenn sie ihn lange genug ‚massiert‘, gibt er ihr sogar Schokolade. Als Samira zwölf ist, lernt sie Dima kennen. Er ist schön, er hat Geld, er verwöhnt sie und er nimmt sie mit nach Deutschland. Alles scheint perfekt zu sein.
Aber man ahnt beim lesen bereits, wie dieser Roman sich weiter entwickeln wird, weil Geschichten dieser Art leider nicht der reinen Fiktion entsprechen und man von Mädchen aus dem Ostblock, die verschleppt und zur Prostitution gezwungen werden, bereits vielfach in den Medien gehört oder gelesen hat.
Lana Lux lässt die naive und ungebildete Kukolka ihre Geschichte in der Ich-Form in einer erschütternd einfachen Sprache selbst erzählen. Das unterstreicht die kindliche Blauäugigkeit ihrer Protagonistin, spiegelt aber auch ungeschönt und brutal das Erleben einer zwölfjährigen wider, die jeden Tag missbraucht wird.
Dieses Buch ist nichts für zart besaitete Leser. Es ist voller Passagen, die ich lieber nicht gelesen hätte, weil allein die Vorstellung, dass so etwas in der Realität durchaus möglich sein könnte, grausam und unmenschlich ist. Ein Buch, das beim lesen schmerzt – erschütternd.
Lana Lux wurde 1986 in Dnipropetrowsk/Ukraine geboren und wanderte im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern als Kontingentflüchtling nach Deutschland aus. Sie machte Abitur und studierte zunächst Ernährungswissenschaften in Mönchengladbach. Später absolvierte sie eine Schauspielausbildung am Michael Tschechow Studio in Berlin. Seit 2010 lebt und arbeitet sie als Schauspielerin und Autorin in Berlin.

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Tags: kindesmissbrauch, prostitution, ukraine, zwangsprostitution   (4)
 

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sklaverei, ghana, afrika, usa, amerika

Heimkehren

Yaa Gyasi , Anette Grube
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 22.08.2017
ISBN 9783832198381
Genre: Romane

Rezension:

„Instinktiv hob Marjorie die Hand zur Kette um ihren Hals. Erst ein Jahr zuvor hatte ihr Vater sie ihr gegeben und gesagt, dass sie jetzt alt genug sei, um darauf aufzupassen. Sie hatte der alten Dame gehört und Abena vor ihr und davor James und Quey und Effia der Schönen. Mit Maame hatte es begonnen, der Frau, die ein großes Feuer gelegt hatte. Ihr Vater hatte erzählt, dass die Kette ein Teil ihrer Familiengeschichte sei, und sie dürfe sie nie ablegen oder weggeben.“ (S. 366)
‚Heimkehren‘ beginnt im Ghana des 18. Jahrhunderts und endet dort sowie in den USA der Gegenwart. Die Geschichte setzt mit Effia und Esi ein – Schwestern, deren Lebenswege in Ghana von Anfang an getrennt verlaufen. Es ist Effias Stamm, die Fante, der Hand in Hand mit den Briten das Geschäft der Versklavung Tausender betreibt. Über Jahrhunderte profitieren Effias Nachkommen davon oder verzweifeln daran, so wie ihr Enkel James. Dessen Urenkel wiederum, der kluge Yaw, muss erkennen, dass man in diesem gnadenlosen Spiel als Schwarzer nur verlieren kann, weil am Ende stets die Weißen profitieren.
„»Du solltest Geld sparen und nach England oder Amerika gehen, um dich besser ausbilden zu lassen. Vom Pult eines Lehrers aus kann man keine Revolution anführen«, sagte Edward. »Ich bin schon zu alt für eine Revolution. Außerdem – wenn wir uns von den Weißen ausbilden lassen, lernen wir nur das, von dem sie wollen, dass wir es lernen. Wir kommen zurück und bauen das Land so auf, wie es die Weißen wollen. Ein Land, das ihnen weiterhin dient. Dann werden wir nie frei sein.«“ (S. 307)
Esi, ihre Kinder und Kindeskinder kämpfen hingegen vom ersten Tag an in Amerika ums Überleben. Ihre willensstarke Tochter Ness nimmt jedes Leid auf sich, um ihr Kind zu retten. Ihr Enkel schuftet in den Kohleminen Alabamas für ein besseres Leben in Freiheit, das jedoch selbst seiner Tochter Willie im Harlem der Sechzigerjahre verwehrt bleibt. Und auch die letzte Generation dieses Buches sucht einen Platz in der Gesellschaft, wo sie nicht als Menschen zweiter Klasse angesehen wird.
„»Wir können nicht zurück, oder?« Sie blieb stehen und berührte seinen Arm. Sie sah ernster aus als zuvor, als würde ihr erst jetzt klar, dass er real war und nicht jemand, den sie träumte. »Wir können nicht irgendwohin zurückkehren, wo wir noch nie gewesen sind. Das ist nicht unser Platz. Der ist hier.« Sie machte eine ausholende Handbewegung, als wollte sie ganz Harlem, ganz New York, ganz Amerika umfassen.“ (S. 350)
In chronologischer Reihenfolge erzählt jeweils ein Nachkomme Effias und Esis im Wechsel in seinem Kapitel von den Geschehnissen. Zur besseren Übersicht befindet sich am Ende des Buches der Stammbaum. Gespannt folgt man den Entwicklungen der Familien in den unterschiedlichen Ländern. Und weil man immer auch bereits etwas über die Vorfahren weiss, hat man beinahe das Gefühl in jedem Kapitel zwar einen neuen Nachfahren kennenzulernen, der einem jedoch niemals ganz fremd ist. Einfühlsam erzählt Yaa Gyasi von Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit, die beiden Familienzweigen widerfährt und gewährt tiefe Einblicke in das Leben und Erleben ihrer Protagonisten. „Heimkehren“ ist ein intensiver Roman, der berührend und beeindruckend die Entwicklung einer Familie aus Ghana über den Zeitraum von 300 Jahren – von der Versklavung bis in die Gegenwart – erzählt. Ein großartiges Buch!
Yaa Gyasi wurde 1989 in Ghana geboren und ist im Süden der USA aufgewachsen, wo sie auch heute lebt. Ihr Debüt ‚Heimkehren‘, das in den USA wochenlang auf den Bestsellerlisten stand, wird in über 20 Sprachen erscheinen und ist bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden.

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

Halali

Ingrid Noll
Fester Einband
Erschienen bei Diogenes, 26.07.2017
ISBN 9783257069969
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

„Bevor ich ins Gras beiße, soll Laura erfahren, dass die vermeintlich so biedere Jugendzeit ihrer Großmutter ziemlich aufregend war.“ (S. 156)
Das denkt sich die 82jährige Witwe Holda, deren Enkelin Laura im gleichen Hochhaus wohnt und oft zu Besuch kommt. Als Leser wird man Zeuge der herzlich erfrischenden Beziehung zwischen der Großmutter und ihrer jungen erwachsenen Enkeltochter und fühlt sich, als nehme man gleich neben Laura auf dem Sofa platz und ließe sich durch Holdas Erzählungen ins Bonn der 1950er Jahre versetzen.
Nach und nach erfährt man Holdas Geschichte. Wie sie mit 20 Jahren, als noch nicht volljähriges unverheiratetes Fräulein nach Bad Godesberg zieht und als Sekretärin im Innenministerium in Bonn arbeitet. Wie sie mit ihrer gleichaltrigen Kollegin und besten Freundin Karin ihre Freizeit verbringt. Wie sie einen passenden Ehemann suchen und etwas finden, das einen Agenten auf sie aufmerksam macht. Wie Karin und Holda sich immer mehr in kriminelle Handlungen verstricken – und natürlich wie das alles ausgeht.
Beim Erzählen zieht Holda direkte Vergleiche zwischen damals und heute und verdeutlicht die technische Entwicklung, die Änderung von Berufsbildern und Berufsbezeichnungen und den Zeitgeist. Dabei ließ sie vor meinem inneren Auge ein ums andere Mal einen humorvollen herzlichen Schwarzweißfilm der 1950er Jahre entstehen, der zwar in Agentenmanier daherkommt, dem man vor Leichtigkeit seiner Charaktere aber trotz schwerwiegender Handlungen keine Ernsthaftigkeit abnimmt – geschweige denn Holda und ihre Freundin womöglich für bösartig halten könnte.
Mit „Halali“ unternimmt man eine heimelige Zeitreise in die 1950er Jahre und taucht in das Lebensgefühl junger Frauen dieser Zeit ein – ein unterhaltsamer humorvoller Roman mit einem besonderen Flair, den ich nicht aus der Hand legen mochte.

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71 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

brasilien, entführung, thriller, menschenunwürdig, mord

Sag kein Wort

Raphael Montes , Kirsten Brandt
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Limes, 26.06.2017
ISBN 9783809026785
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Téo Avelar ist Einzelgänger und ein Medizinstudent, der sich im Seziersaal der Medizinischen Fakultät am wohlsten fühlt . Echte menschliche Gefühle bringt er nur für seine dortigen Studienobjekte auf – bis er Clarice begegnet, einem Partygirl aus gutem Hause. Vom ersten Moment an ist Téo überzeugt, dass Clarice die Frau seines Lebens ist. Er beginnt, sie zu verfolgen und zu beobachten, macht ihr Geschenke, ist geradezu besessen von ihr. Als Clarice ihn zur Rede stellt und unmissverständlich deutlich macht, dass sie nichts von ihm wissen will, schlägt Téo sie bewusstlos und entführt sie in ein entlegenes Hotel in den Bergen. Was nun folgt, sind aus Téos Sicht tatsächlich perfekte Tage. Dass er Clarice fesseln und knebeln muss, sobald er sie allein lässt, liegt schließlich nur daran, dass sie so widerspenstig und unvernünftig ist.
So ruhig die Geschichte anfängt, so schnell nimmt sie an Fahrt auf. Allmählich bekommt man tiefere Einblicke in Téos Denkweise und weiß, dass die Art, wie er agiert und reagiert mit etwas Fürchterlichem enden muss. Distanzlos und schockierend beschreibt der Autor Menschliches und unmenschliches Handeln des Medizinkundigen, was schockierend ist, wobei jedoch nicht das Augenmerk auf blutrünstige Taten gelegt wird. Dieser Thriller lebt eher davon, dass der personale Erzähler den Leser tief in die Psyche des verklemmten, liebeskranken, realitätsfremden, aber nicht dummen Stalkers blicken lässt, der einem beinahe schon leid tun könnte, weil klar ist, dass er die so sehr von ihm ersehnte Gegenliebe von Clarice auf diese Art niemals gewinnen kann.
Der Schreibstil ist flüssig und auch wenn einem weder Téo noch Clarice sympathisch sind, so will man doch immer wissen, wie dieser Thriller weiter geht. Stellenweise wirkte die Handlung ein wenig konstruiert und unrealistisch. Dennoch fand ich das Buch spannend und fühlte mich gut unterhalten. Wer gerne einen Stalking-Thriller der etwas anderen Art lesen möchte, dem könnte „Sag kein Wort“ gefallen.
Der Autor Raphael Montes, geboren 1990 in Rio de Janeiro, ist Jurist und Autor. Sein Debütroman wurde u. a. für den Sao Paulo Literaturpreis nominiert, und in seiner Heimat wird Raphael Montes als ‚Stephen King Brasiliens‘ gefeiert. Mit seinem zweiten Spannungsroman ‚Sag kein Wort‘, der in siebzehn Ländern erscheint, sorgt Montes auch international für Furore.

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21 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

Die Frau nebenan

Yewande Omotoso , Susanne Hornfeck
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 10.03.2017
ISBN 9783471351444
Genre: Romane

Rezension:


In „Die Frau nebenan“ erzählt Yewande Omotoso von den Nachbarinnen Marion und Hortensia, die beide die 80 überschritten haben und auf beeindruckende Karrieren zurückblicken können. Hortensia ist die einzige Schwarze in dem wohlhabenden Viertel Katterijn in Kapstadt und hat bei den regelmäßigen Eigentümerversammlungen Gelegenheit auf ihre Widersacherin zu treffen, der sie ansonsten aus dem Weg zu gehen weiß.


„Die anderen Mitglieder kannten die Rivalität zwischen den beiden und lehnten sich nur zu gern zurück, um dem Schauspiel seinen Lauf zu lassen. Es war bekannt, dass die beiden Frauen nicht nur eine Hecke teilten, sondern auch eine gesunde Abneigung füreinander hegten; beides kultivierten sie mit einem Elan, der nicht recht zu ihrem fortgeschrittenen Alter passen wollte.“ (S. 17)


Und so beginnt das Buch mit den Streitereien der beiden Frauen, die keine Gelegenheit auslassen, um einander ihre Missbilligung zu zeigen. Die Spanne reicht von kleinen Piesackereien und Schrulligkeiten, die einen schmunzeln lassen, bis hin zu Aktionen und Aussagen, die ihre tiefe Verbitterung zeigen und derer man recht bald überdrüssig wird. Doch gerade noch rechtzeitig erfolgen im eigentlichen Handlungsverlauf der Geschichte Rückblenden, die Hortensia und Marion zu lebendigen vielschichtigen Charakteren werden lassen. Die Autorin erschafft unsympathische Protagonistinnen, mit denen man zwar nicht so recht warm wird, denen man jedoch ein gewisses Maß an Verständnis entgegen bringen kann, weil man erkennt, dass das Leben diesen Frauen Ecken und Kanten beigebracht und sie zu den komplexen eigenwilligen Menschen geformt hat, zu denen sie schließlich geworden sind.


„Hortensia setzte ein Lächeln auf. Sie hatte gelernt, dass – besonders in Kapstadt – eine lächelnde Schwarze in ihrer offensichtlichen Harmlosigkeit eine gefährliche Waffe darstellte. Ein Köder, mit dem man Leute anlockte, während man ihre Schwachstellen auslotete.“ (S. 114)


Ein Schaden an Marions Haus und Hortensias Unfähigkeit mit Pflegediensten zu kooperieren sorgt dafür, dass Marion vorübergehend zu Hortensia zieht. Das zwingt die Frauen zu unwillkommener Nähe. Ihre Gespräche sind temperamentvoll, doch sie erkennen in der anderen auch etwas Vertrautes. Beide haben harte Verluste und Ungerechtigkeiten erfahren. Oft genug waren auch ihre eigenen Entscheidungen falsch. Mit dem Mut zur Wahrheit und der Kraft der neu gewonnenen Freundschaft stellen sie sich den großen Fragen des Lebens.


Doch der Weg dorthin ist nicht gerade einfach und so erfährt man duch die Rückblicke auch einiges über die Apartheid und ihre Auswirkungen auf schwarze und weiße Menschen allgemein, aber auch im Besonderen auf Marion und Hortensia in ihrem wohlhabenden Vorort, wo seinerzeit Schwarze aufgrund ihrer Hautfarbe enteignet wurden und Weiße zu Spottpreisen ihre Grundstücke kaufen konnten. Auch Hortensias Ehe mit einem weißen Mann stieß auf Probleme, während Marions Umgang mit Schwarzen nicht immer einwandfrei war.


„Die Frau nebenan“ ist eine skurrile Geschichte in bissig lockerem Ton, die auf das Leben zweier starker Frauen zurückblicken und ein Stück weit Apartheid gestern und heute erleben lässt, die aber auch zeigt, dass es nie zu spät für Annäherungen ist.


Die Autorin Yewande Omotoso, in Barbados geboren, wuchs in Nigeria auf. Anfang der neunziger Jahre zog sie mit ihrer Familie nach Südafrika. Ihr erster Roman „Bom Boy“ wurde mit dem South African Literary Award für Debütautoren ausgezeichnet. Sie lebt in Johannesburg, wo sie als Architektin und Designerin arbeitet.

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spiralschneider, backen, kochen

Kochen mit dem Spiralschneider Low Carb

Denise Smart
Flexibler Einband
Erschienen bei Südwest, 03.04.2017
ISBN 9783517096070
Genre: Sachbücher

Rezension:


Entwickelt wurden die Rezepte für den Spiralschneider von der Foodstylistin Denise Smart, die bereits zahlreiche Kochbücher veröffentlicht hat. Der Klappentext dieses Buches meint:


Hier kommen die leichten Alternativen zu Pasta, Brot, Reis und vielen Gerichten mit schweren Kohlenhydraten: Mit dem Spiralschneider machen Sie aus Obst und Gemüse ganz einfach Nudeln, Reis oder Teig und ersetzen so die täglichen Carbs. Statt Eiernudeln gibt’s spiralisierten Rettich bei asiatischen Gerichten, aus Blumenkohlreis wird der Teig für die Pizza und aus Zucchini werden knusprige Käsechips. Die 80 Rezepte sind einfach und schnell zubereitet und schmecken richtig lecker – genießen Sie Ihre Lieblingsgerichte in einer neuen und gesünderen Form!


Das Buch beginnt mit einer Einführung, in der die unterschiedlichen Spiralschneider vorgestellt werden und der Gebrauch des im Buch verwendeten Exemplars genauer erklärt wird – es handelt sich um den gleichen, der auf dem Bild zu sehen ist. Außerdem erfährt man, wie Gemüsereis hergestellt wird und bekommt allgemeine Tipps rund um Spiralschneider, sowie geeignete Obst- und Gemüsesorten.


Danach folgen in den Rubriken
- Frühstück & Brunch,
- Kleine Mahlzeiten,
- Hauptgerichte und
- Gebäck & süße Sachen“
die 80 Rezepte, von denen die meisten mit ansprechenden und appetitanregenden Fotos bebildert sind.


Jedes Rezept in diesem Buch ist mit einem Symbol versehen, sodass auf einen Blick zu erkennen ist, ob es glutenfrei, Low Carb, vegetarisch oder vegan ist. Für mich persönlich wäre das nicht notwendig gewesen und es hätte mich auch nicht gestört, wenn einige Rezepte nicht angepasst worden wären, um sie zwanghaft in die Sparte glutenfrei einordnen zu können. So ist in den Rezepten vom Backpulver bis zu den gerösteten Erdnüssen alles in glutenfreier Variante angegeben. Darauf hatte mich der Klappentext leider nicht vorbereitet. Mich nervt es ein wenig, aber ich kann auch über das Wort „glutenfrei“ hinweglesen.


Nicht ignorieren konnte ich hingegen, dass ich mich für dieses Buch interessiert habe, weil es mir auf dem Cover in großer orangefarbener Schrift „Low-Carb-Rezepte für den Spiralschneider verspricht. Ich hatte mich also auf 80 Rezepte eingestellt, die genau diesem Ernährungskriterium entsprechen. Gewundert habe ich mich beim ersten Durchblättern des Buches darüber Rezepte vorzufinden, die ich in diesem Buch keinesfalls erwartet hätte, beispielsweise die Kürbis-Orangen-Marmelade und den in Zuckersirup getränkten Mandelkuchen, übrigens beides glutenfrei und vegetarisch laut Einteilung, aber leider nicht Low Carb. Das brachte mich schließlich auf die wahnwitzige Idee zu kontrollieren, wie viele der 80 Rezepte tatsächlich dem Kriterium Low Carb entsprechen: Es sind 45. Mein Eindruck trügte also nicht, sorgte aber dafür, dass ich mich von diesem Buch getäuscht fühlte.


Trotz Enttäuschung habe ich schließlich doch einige Rezepte nachgekocht und war angenehm überrascht. Zwar fehlen bei einigen die Angaben ob beim backen Umluft oder Ober-/Unterhitze verwendet wird, aber insgesamt sind die Anleitungen gut verständlich, die Mengen sind passend angegeben und die Ergebnisse konnten sich sehen lassen. Aber am Wichtigsten: Sie schmeckten hervorragend. Tipp: Mini-Frittatas mit Speck, Tomaten & Ricotta, aber auch die Süßkartoffel-Spaghetti Carbonara waren sehr lecker.


So kam es zwischen mir und diesem Buch beinahe doch noch zu einem Happy End. Wer also ein Kochbuch mit unterschiedlichen meist glutenfreien Rezepten für den Spiralschneider sucht, die auch Low Carb sein können, kann es sich ja mal anschauen.

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7 todsünden, neid, sieben nächte, angst, literatur

Sieben Nächte

Simon Strauß
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 08.07.2017
ISBN 9783351050412
Genre: Romane

Rezension:


„Sieben Nächte“ von Simon Strauss ist ein Buch, das sich zwischen Roman, Essay und Selbstversuch bewegt. Ebenso wie der Autor, ist der Protagonist, der als Ich-Erzähler unter dem Namen S. in Erscheinung tritt, neunundzwanzig Jahre alt. Er sieht sich als Teil einer privilegierten Generation, die behütet und scheinbar glücklich aufwuchs, sich allerdings niemals etwas erkämpfen musste.


„Davor, später nur auf graue, gerade Linien zurückzuschauen, habe ich Angst. Dass mir die Gefühle abhanden kommen, sich Gewohnheit einstellt. Vor der trockenen Sicherheit, dem Kniefall vor der Konvention. Nie geschrien zu haben, immer nur kleinlaut geblieben zu sein, davor fürchte ich mich.“ (S. 14)


Kurz vor dem 30. Geburtstag zieht er ein Resümee seines bisherigen Lebens. Er hat das Gefühl, bisher nicht richtig gelebt zu haben und nun an der Schwelle des für ihn endgültigen Erwachsenwerdens nicht mehr nur gefallen zu wollen und ins Gesellschaftsbild zu passen, sondern seinen wirklich eigenen Lebensweg zu finden zu wollen.


„Dann habe ich ein Angebot bekommen. Einer, den ich kaum kannte, dem ich vor Kurzem begegnet bin, hat mit mir einen Pakt geschlossen. Er wolle mich führen, hat er gesagt, dorthin, wohin es mich drängt. […] Er blickte mich an, führte mich in Versuchung. Und am Ende, nachdem ich ganz aus mir heraus gesprochen hatte, sagte er mit einem Zucken um seinen Mund, er wisse genau, was mir fehle. Und er kenne den Weg dorthin. Immer um sieben Uhr abends würde er sich melden und mich auf einen Streifzug schicken durch die Stadt. Immer würde ich einer Sünde begegnen, einer der sieben Todsünden. ‚Auf dass du eine findest, in der du dich wohlfühlst. Oder dich für immer von ihnen abkehrst‘, hat er gesagt. […] Ich werde eingehen auf seinen Vorschlag: Werde gierig, hochmütig und faul sein, neiden und wüten, Völlerei und Wollust treiben. Sieben Nachtschichten einlegen, um der drohenden Zukunft noch einmal zu entkommen.“ (S. 18/19)


Und so erledigt er gewissenhaft die sieben Todsünden in sieben Nächten und schreibt anschließend seine Gedanken nieder. In ihnen steckt Mut, Sehnsucht und Angst. Aber auch Gesellschaftskritik und Generationskonflikte. Ein ums andere Mal pflichtete ich dem Gelesenen bei und konnte mich mit den Gedankengängen identifizieren oder sie zumindest nachvollziehen. Da ich jedoch vom Alter her zur Elterngeneration des Autors und seines Protagonisten S. zähle, liegt allerdings genau darin auch ein Problem, weil die Reibungswärme des Kampfes und daraus resultierenden möglichen Erfolgen wachsende Selbstvertrauen entfällt, wenn man zu leicht auf Verständnis und gleiche Meinungen trifft. Es gibt in diesem Buch viel Stoff zum Nachdenken, auch wenn man die dreißig bereits deutlich überschritten hat.


Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen und konnte mich durch die kraftvollen sprachlichen Bilder mitreißen. Und doch ist dieses knapp 144 Seiten schlanke Buch keines, das sich einfach weglesen lässt. Es beeindruckt und wirkt nach, auch wenn S. „Kinderfragen gestellt hat und nach Sinn und Sagbarem gesucht und Umrisse in den Sand gezeichnet hat“. Empfehlenswert!

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64 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 22 Rezensionen

rache, thriller, thrille, kalt, psychothriller

Drei Meter unter Null

Marina Heib
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Heyne, 06.03.2017
ISBN 9783453271111
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Geschrieben ist „Drei Meter unter Null“ aus der Ich-Perspektive einer 34jährigen selbstbewussten unabhängigen Frau, die nach ihrem Einser-Abi und dem abgeschlossenen Informatik Studium einen guten Job hat und in Berlin-Mitte eine schicke Eigentumswohnung bewohnt. Und doch brodelt es unter der scheinbar so perfekten Fassade, wie dem Leser schnell deutlich wird. Ab der ersten Seite spürt man ihre Aggressionen und ahnt, dass sie von großen seelischen Problemen getrieben wird. Kein sympathischer, sondern ein von Besessenheit getriebener Charakter, dem man in diesem Buch folgt.


2 Monate lang nimmt die Frau sieben Stunden pro Tag unerbittlichen Unterricht in Kampfsport. Alles ist erlaubt, es gibt keine Regeln. Und während man als Leser gleich von der bildhaften und teilweise poetischen Sprache  mitgerissen wird, erfährt man, dass die junge Frau in wohlbehüteten Verhältnissen aufgewachsen ist und dennoch ein aggressives verhaltensauffälliges Kind war, das sich gern in Phantasiewelten flüchtete. Ihr Berufswunsch war Pippi Langstrumpf, Tarzan oder Winnetou zu werden. Als Kind dachte sie noch, dass man sich aussuchen kann, was man werden möchte.


„Jetzt stelle ich mich meinem Schicksal und meiner Bestimmung. Mein neues Ziel ist weniger Beruf als Berufung. Ich werde Mörderin.“


Fürchtete ich bei dieser Aussage einem naiven Thriller aufgesessen zu sein, in dem ab diesem Zeitpunkt ein wildes sinnloses morden folgt, wurde ich glücklicherweise eines besseren belehrt.


Die Frau wählt den Weg der Gewalt nicht grundlos, wie man nach und nach in Form von Rückblicken erfährt. Sie beobachtet ihre Opfer. Sie plant ihre Morde. Nichts will sie dem Zufall überlassen, nimmt in ihrer Firma ein Sabbatical und eröffnet ihre ganz persönliche Jagdsaison:


„Heute prügele und schubse ich nicht mehr. Ich töte. Aber ich töte weder Menschenschafe noch Opferlämmer, ich töte Wölfe. Wölfe, die Lämmer zur Schlachtbank führen.“ (S.71)


Und sie tötet brutal. Auch hier liegt der Fokus auf dem, was in der Frau vor sich geht und weniger auf blutrünstigen Tötungsakten. Allerdings ist die Phantasie beim Lesen ausreichend genug stimuliert, so dass dies auch gar nicht notwendig ist. Schließlich erfährt der Thriller noch eine Wendung, die für mich in der Art nicht vorhersehbar war und zu einem Ende führt, das nachvollziehbar ist, aufgrund der Geschehnisse aber niemals befriedigend sein kann, egal für welchen Ausgang der Geschichte sich die Autorin entschieden hätte – die Thematik geht einfach zu nah.


„Drei Meter unter Null“ ist ein spannender psychologischer Thriller, der unter die Haut geht und durch seine besondere Schreibweise besticht. Empfehlenswert!

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

sozialamt, geister

Taschenbücher / Jeder Tag ist Muttertag

Hilary Mantel , Werner Löcher-Lawrence
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 18.05.2017
ISBN 9783832164102
Genre: Romane

Rezension:


Bei „Jeder Tag ist Muttertag“ handelt es sich um den 1985 in England und 2016 in deutscher Sprache erschienen Debütroman von Hilary Mantel. Sie wurde 1952 in Glossop, England, geboren und war nach ihrem Jura-Studium in London als Sozialarbeiterin tätig. 2009 und 2012 erhielt sie den Booker-Preis, den wichtigsten britischen Literaturpreis.


In diesem Roman befinden wir uns in England in den 1970er Jahren. Die Nachbarn haben es längst aufgegeben, mit Evelyn und Muriel Axon Kontakt zu pflegen. Das ist Evelyn, die früher als Medium arbeitete und sich nun von Geistern verfolgt fühlt, nur recht. Zusammen mit ihrer behinderten Tochter verbarrikadiert sie sich in ihrem Haus, das mehr und mehr verfällt.


Bei aller Stumpfheit ist ihre Tochter Muriel jedoch nicht dumm. Als kleines Kind setzt sie in Nullkommanichts ein Puzzle mit der Rückseite nach oben zusammen. Mutter Evelyn liebt und versteht zwar ihre Tochter nicht, hat aber dennoch Angst sie zu verlieren. Und so wächst Muriel in brutal einengender Lieblosigkeit auf, in der die beiden Frauen sich belauern und auf ihre jeweils eigene Art bekriegen.


„Sie öffnete den Schrank und holte ihr Frühstücksei heraus. Sie balancierte es auf der offenen Hand und erlaubte ihm, herunterzurollen und auf dem Boden zu zerschellen. Das Ergebnis war befriedigend. Evelyn machte so merkwürdige Geräusche, wenn sie sich bückte, um den Boden zu säubern. ‚Du nutzloses Stück‘, schrie sie dann.“ (S. 94)


Mit den Sozialarbeitern, die ihre geistig behinderte Tochter fördern wollen, wird Evelyn schnell fertig. Doch dann ist Muriel, obwohl sie das Haus fast nie verlässt, plötzlich schwanger. Ihre Mutter sorgt dafür, dass kein Außenstehender etwas davon mitbekommt – auch Isabel Field nicht, die neuste Sozialarbeiterin, die beharrlicher als die vorherigen zu sein scheint. Sie ist ähnlich verbissen und starrköpfig wie Evelyn. Und hat ebenso viele Probleme: einen sexuell sehr aktiven Vater, der seine Eroberungen in den Waschsalons der Kleinstadt macht, und einen schwärmerischen, aber angstgetriebenen Liebhaber, Colin Sydney, der Abendkurse besucht, um seiner herrischen Frau zu entkommen.


Wäre da noch Muriel. Sie scheint ganz offensichtlich ihr eigenes Leben zu haben, von dem weder ihre Mutter noch die Sozialarbeiter etwas ahnen. Und man fragt sich, ob Muriel wirklich so behindert ist, wie alle glauben.


Hilary Mantel zeichnet unglaublich plastische Charaktere und lebendige Dialoge voller Sarkasmus und schwarzem englischen Humor. Keine ihrer Personen weckt Sympathien und selbst aufkeimendes Mitleid verfliegt schnell, doch man will unbedingt wissen, wie es weiter geht. Die Innenperspektiven von Mutter und Tochter sind verstörend und zeigen psychische Dimensionen auf, die so schaurig in ihrer Auswirkung sind, dass es zugleich berührend und entsetzlich ist. Es gibt Szenen, die mich dazu zwangen das Buch erstmal aus der Hand zu legen, weil ich sie kaum ertragen konnte. Natürlich handelt es sich hierbei um eine fiktive Geschichte, aber die lebhafte und authentische Art in der die Autorin auf der anderen Seite das hoffnungslose Familienleben und das Verhältnis des Familienvaters mit der Sozialarbeiterin schildert oder dem Leser Auszüge aus den Sozialakten präsentiert, lässt einen beim lesen so nah an der Realität sein, dass man die Befürchtung hegt, dass viel mehr möglich sein kann, als man sich nur annähernd vorstellen kann.


Mich konnte dieses Buch fesseln und ich wollte unbedingt wissen, wie die Geschichte weiter geht, da zum Schluss doch noch einzelne Fragen für mich offen blieben. Diese waren zwar nicht schwerwiegend, so dass man diesen Roman auch für sich allein stehen lassen könnte, aber ich war neugierig und habe gleich im Anschluss die Fortsetzung „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“ gelesen (Rezension folgt).

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

linie 4, zeitgeschehen, magdeburg, schnellbus, öffentlice verkehrsmittel

Die Städtesammlerin

Annett Gröschner
Flexibler Einband: 220 Seiten
Erschienen bei Penguin, 13.03.2017
ISBN 9783328100720
Genre: Biografien

Rezension:


„Wenn ich erzähle, dass ich überall, wo ich bin auf der Welt, mit der Linie 4 fahre (vorausgesetzt, es gibt eine und sie fährt über der Erde), dann werde ich oft gefragt, warum die 4? Warum nicht die 1 oder die 6? Es gibt eine einfache Erklärung: Die 4 ist die Straßenbahnlinie meiner Kindheit.“ (S. 9)


Da ich gerne Reiseberichte lese und mich diese ungewöhnliche Idee gleich begeisterte, war ich neugierig auf das, was Annett Gröschner in ihrem Buch „Die Städtesammlerin“ über ihre Art der Stadterkundung zu berichten hatte.


Immer wieder ist es für die Autorin laut eigener Aussage, ein kleines Abenteuer, mit der Linie 4 in einem Bus, Minibus oder der Straßenbahn zu fahren, da sie im Vorfeld nie genau weiß, wohin sie im einzelnen fährt und was es für sie dabei zu entdecken gibt. In dem Buch führt sie diese Linie laut Titel an die entlegensten (?) Orte der Welt, gemeint sind damit Magdeburg, Alexandria, Astana, Buenos Aires, Istanbul, Jekaterinenburg, Kasan, Klausenburg, Minsk, New York, Peking, Reykjavik, Riga, Shanghai, Tartu, Tbilissi, Tel Aviv und Temeswar.


Dabei schildert sie nicht nur das Aussehen des jeweiligen Gefährts oder wie die Fahrscheine gelöst werden, sondern erzählt auch über das, was ihr in den einzelnen Städten bei ihrer Fahrt begegnet. Es entstehen Beschreibungen der Orte, wie man sie in den üblichen Städteportraits eher nicht findet, da die Linie 4 ja nicht zwingend an Sehenswürdigkeiten vorbei führt – und das kann mitunter auch trist und ziemlich unspektakulär sein. Die zusätzlichen Informationen über die Stadt oder sogar das Land blähen den Text dann nur noch künstlich auf, bevor sie abrupt für den Leser enden, ohne dass man das Kapitelende nachvollziehen oder mit einer Endstation der Linie 4 in Verbindung bringen könnte.


Der Schreibstil konnte mich nicht überzeugen. Aufgrund der kreativen Reiseidee und der Anpreisung des Klappentextes war ich auf „Städteportraits, so abenteuerlich, wie nur das Leben sein kann“ eingestellt. Stattdessen hatte ich den Eindruck dass die Autorin, wie man bei uns so schön sagt ‚von Höcksken auf Stöcksken‘ kommt und mit ihren eher sachlichen Schilderungen krampfhaft Buchseiten füllen will.


Insgesamt finde ich es immer noch interessant eine Stadt auf diese willkürliche Art zu erkunden, bin aber der Meinung dass es wohl am spannendsten für den Reisenden selbst ist. Darüber zu lesen, fand ich eher ermüdend, weshalb ich dieses Buch nicht weiterempfehlen kann.

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147 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 44 Rezensionen

frankreich, bibliothek, bücher, literatur, bretagne

Das geheime Leben des Monsieur Pick

David Foenkinos , Christian Kolb
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei DVA, 13.03.2017
ISBN 9783421047601
Genre: Romane

Rezension:


In den Vereinigten Staaten entstand Anfang der 1990er Jahre in Vancouver im Bundesstaat Washington die Brautigan Library, deren Ziel es ist, verwaiste Texte zu beherbergen. In dem Roman ‚Das geheime Leben des Monsieur Pick‘ folgt diesem realen Beispiel der Bibliothekar der bretonischen Gemeinde Crozon und gründet im Oktober 1992 die französische Version der Bibliothek der abgelehnten Manuskripte.


Die erfolgreiche Lektorin Delphine besucht mit ihrem Freund, dem erfolglosen Autor Frédéric, ihre Eltern in ihrer Heimatstadt Crozon und stößt auf eben diese Bibliothek, deren Inhalt sie sich näher anschaut.


„Sie lachten sich schief, wenn sie allein die Titel lasen, erlebten aber auch berührende Momente, schmökernd in Tagebüchern, die vielleicht schlecht geschrieben waren, in denen jedoch die Wahrheit der Gefühle steckte.“ (S. 55)


Doch sie finden auch ein Manuskript, dessen Stil seltsam, einfach und doch poetisch ist und das sie für ein Meisterwerk halten. Dem Autor, dem vor zwei Jahren verstorbenen Pizzabäcker Monsieur Pick, der nach Aussagen seiner Frau weder gelesen noch mehr als den wöchentlichen Einkaufszettel geschrieben hat, wird dieses Werk allerdings nicht so recht zugetraut. Trotz einiger Ungereimtheiten wird das Buch verlegt und ein riesengroßer Erfolg. Nebenbei wirbelt es das Leben der achtzigjährigen Autorenwitwe, ihrer Tochter und nicht zuletzt der Lektorin ziemlich durcheinander.


Und mehr mag ich an dieser Stelle gar nicht vorwegnehmen, weil man diesen mit trockenem Humor und französischer Leichtigkeit geschriebenen Roman möglichst unvoreingenommen genießen sollte. Dann fliegt man nur so durch dieses Buch. Stellenweise sind die Charaktere und die Handlung zwar etwas flach, aber das nimmt man dem Autor und der lockeren Geschichte nicht allzu übel.


Einzig das Ende wollte mir nicht so recht schmecken, doch die Enttäuschung war schnell verflogen, weil der Epilog der ganzen Geschichte schließlich eine Wendung gibt, die doch noch zu einem runden befriedigenden Abschluss des Romans führt.


„Das geheime Leben des Monsieur Pick“ ist ein vergnüglicher Unterhaltungsroman, den ich auch besonders Lesern empfehlen kann, die gerne Bücher lesen, die von Büchern und deren Drumherum handeln.

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241 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 65 Rezensionen

japan, mord, geständnisse, schule, schuld

Geständnisse

Kanae Minato , Sabine Lohmann
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 27.03.2017
ISBN 9783570102909
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


„Geständnisse“ erzählt die Geschichte vom Mord an einer Vierjährigen begangen durch zwei dreizehnjährige Schüler. Die Lehrerin Yuko Moriguchi, die Mutter des ermordeten Mädchens, hält am letzten Schultag vor ihrer Klasse eine Rede. In dieser Rede erklärt sie, warum sie überhaupt Lehrerin wurde, erzählt dann, dass sie ihre Stelle gekündigt hat, beschuldigt zwei ihrer Schüler des Mordes an ihrer Tochter und verrät distanziert und eiskalt, warum sie diese nicht an die Polizei verraten wird. Stattdessen teilt sie ihnen mit, auf welche ganz persönliche Art und Weise sie Rache an ihnen genommen hat. Daraufhin nimmt ein tödliches Drama seinen Lauf, an dessen Ende keiner – weder Jugendlicher noch Erwachsener – ungeschoren davonkommt.


Dieses Buch erschließt sich dem Leser in einer nicht linearen Erzählform durch ein perfektes Zusammenspiel der im Buch enthaltenen Geständnisse. Obwohl man als Leser bereits nach dem ersten Kapitel grob weiß, was passiert ist und die Geschehnisse sich aus jeweils anderen Perspektiven geschildert wiederholen, wird es nicht langweilig. Nach und nach erhält man immer mehr Einblick in das, was tatsächlich geschehen ist und warum die einzelnen Protagonisten so handelten, wie sie es taten. Dabei wird die Geschichte mit jedem Kapitel abgründiger und entwickelt einen Sog, so dass man das Buch nicht mehr aus den Händen legen mag.


Nach jedem Geständnis finden sich neue Puzzle-Teile, die sich passend ins Gesamtbild einfügen. Es gibt Überraschungen und Wendungen, die für mich nicht vorhersehbar waren. Die Grenzen zwischen Opfern und Tätern sind an manchen Stellen fließend, Mitleid erscheint manchmal erst auf den zweiten Blick als angebracht – oder ist es vielleicht sogar gänzlich unangebracht? Nach so manchem Kapitel brauchte ich eine Pause, um erstmal das Gelesene zu verdauen. Und auch das grausame und stimmige Ende ließ mich das Buch zuklappen und erstmal tief durchatmen, um Luft zu holen nach dieser ebenso packenden wie ungewöhnlichen Geschichte.


Es geht um verblendete Liebe und erdrückende Fürsorge, um Gleichgültigkeit und Misshandlung; um Kinder, die an einer auf Leistung und Erfolg ausgerichteten Gesellschaft zerbrechen, die jeglichen Sinn für Gut und Böse verloren haben und in ihrer verzweifelten Suche nach Zuneigung und Anerkennung alle menschlichen Grenzen überschreiten. Die fiktive Handlung spielt in Japan und natürlich fließen auch die Wertvorstellungen und gesellschaftlichen Konventionen dieses Landes mit ein. Nichtsdestotrotz finden sich hier Probleme bezüglich des Jugendstrafrechts oder der Erziehung , die auch in unserem Land existieren und die viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren bieten.


„Geständnisse“ ist ein Roman, der in diesem Jahr zu meinen absoluten Highlights gehört und den ich Lesern empfehlen kann, die keine Angst davor haben, tief in menschliche Abgründe zu blicken.

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12 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

australien, persönliche erlebnisse, wie wir es sehen, eigene erfahrung, down under

Australien, wie wir es sehen

Erik Lorenz , Katrin Tramp-Lutz , David Cole , Ernst Erdt
Flexibler Einband: 324 Seiten
Erschienen bei Drachenmond-Verlag, 08.08.2013
ISBN 9783931989859
Genre: Sonstiges

Rezension:  
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(205)

371 Bibliotheken, 7 Leser, 2 Gruppen, 131 Rezensionen

sekte, 1969, mord, kalifornien, drogen

The Girls

Emma Cline , Nikolaus Stingl
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.07.2016
ISBN 9783446252684
Genre: Romane

Rezension:


Als inzwischen erwachsene Frau erzählt Evie in der Ich-Perspektive rückblickend von ihrem Erleben im Jahr 1969 und wie sie als vierzehnjährige in ihrem Heimatort „die Girls“ zum ersten mal sieht. Sie ist gleich beeindruckt – ihr lautes, freies Lachen, das Haar lang und ungekämmt, die ausgefransten Kleider. Diese jungen Frauen sind so ganz anders als Evie und scheinen nicht von dieser Welt zu sein. Sie gerät in den Bann der älteren Suzanne und folgt ihr auf eine Ranch, auf der sich vorwiegend junge Mädchen sektenähnlich um den charismatischen aber erfolglosen Musiker Russel scharen.


„‚Hast du mal irgendwas über Russel gehört?‘ Ich verstand die Frage nicht. Ich begriff nicht, dass sie einzuschätzen versuchte, wie viel von den Gerüchten ich gehört hatte: über Orgien, wilde Acid-Trips und jugendliche Ausreißerinnen, die dazu gezwungen wurden, älteren Männern gefällig zu sein. An mondhellen Stränden geopferte Hunde, im Sand verwesende Ziegenköpfe. Wenn ich außer Connie noch andere Freunde gehabt hätte, hätte ich vielleicht auf Partys Klatsch über Russel gehört, irgendein Getuschel in der Küche. Und vielleicht gewusst, dass ich auf der Hut sein musste. Aber ich schüttelte bloß den Kopf. Ich hatte nichts gehört.“


Und so flüchtet sich Evie immer mehr vor ihren pubertären Problemen in eine von ihr verklärte und für die Realität blinde Sichtweise bezüglich der Ranch und der dort lebenden Personen. Dabei gelingt es der Autorin die seelischen Nöte der Heranwachsenden glaubhaft und nachvollziehbar darzustellen. Und doch war mir dies auch etwas zu viel, fühlte ich mich doch zum Teil an die eigene Adoleszenz mitsamt ihrem nervtötenden Gefühlschaos erinnert. Doch genau das sorgt auch dafür, dass man als Leser eine leise Ahnung davon bekommt, woher Evies Verhalten und ihre Sucht nach Liebe und Anerkennung kommt.


Der Klappentext verrät bereits, dass es sich in diesem fiktiven Roman bei Russel um einen Typ wie Charles Manson handelt, der in der Realität junge Frauen um sich scharte und 1969 zum Morden trieb. Dieses Wissen schwingt beim Lesen mit und wird noch durch Rückblicke, Erklärungsversuche und Andeutungen der erwachsenen Evie spannend gestaltet. Man weiß, dass Schlimmes geschehen wird und wer die Geschichte um Charles Manson kennt, kann sich auch in etwa vorstellen was passieren wird. Doch als Leser möchte man auch das „Wie“ und „Warum“ erfahren und welche Rolle Evie bei dem ganzen spielt. Das sorgte neben der bildhaften Darstellung und der atmosphärischen Schreibweise dafür, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen mochte, auch wenn mich die Darstellung von Evies Leben in der Gegenwart überhaupt nicht überzeugen konnte.


Insgesamt ist „The Girls“ ein Buch, das noch nachwirkt. Es sorgte dafür, dass ich mehr über Charles Manson und seine Mädchen erfahren wollte und darüber im Netz auch einiges fand. Für mich bleibt der Fall unerklärlich und ich finde es beinahe beruhigend, dass ich Begeisterung und Hörigkeit gegenüber Russel/Manson bzw. ähnlich geartetem Personenkult nicht nachvollziehen kann. Das Buch ist interessant und unterhaltsam zu lesen und ich kann es Lesern empfehlen, die sich für diese Thematik interessieren.

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typischsissi, sissi, nur was ich mag

Nur was ich mag

Sissi Kandziora
Flexibler Einband: 180 Seiten
Erschienen bei Books on Demand, 03.05.2017
ISBN 9783743191389
Genre: Sachbücher

Rezension:


Auf ihrem YouTube Kanal TypischSissi startete Sissi Kandziora Anfang 2015 zusammen mit ihren Zuschauern das Projekt #NURWASICHMAG. Daraus entstand die Idee zu ihrem ersten Buch mit gleichnamigem Titel. Der Ratgeber beschäftigt sich damit, wie man seine Wohnung von unnötigem Ballast befreit und sich vor erneuten Fehlkäufen bewahrt.


Aufmerksam geworden bin ich auf den Youtube Kanal etwa zu Beginn dieses Jahres. Sissis sympathische Art und die simple aber effektive Methode, einzelne Themenbereiche seines Lebensumfelds unter dem Aspekt "Was ich mag" zu entrümpeln, hat mich gleich angesprochen. Auch wenn ich einige Bereiche bereits gut für mich geklärt hatte, gab es doch noch das ein oder andere für mich zu entdecken.


Das bewog mich letztlich auch dazu das Buch zu kaufen, in dem ich hilfreiche Tipps fand, die ich nach und nach umsetzen möchte. Das Taschenbuch ist ansprechend und modern gestaltet und auch Sissis Schreibweise ist in der bereits vom Youtube-Kanal bekannten lockeren ansprechenden Art.


Im Buch enthalten ist die aus 35 Teilen bestehende #NURWASICHMAG Challenge, zu der ergänzend wöchentlich Youtube-Videos auf Sissis Kanal erscheinen. Die ersten 4 Folgen sind zum jetzigen Zeitpunkt bereits online.


Beim Kapitel "Das kann sofort weg", in dem eine Liste mit 100 Dingen aufgeführt ist, die auf der Stelle aussortiert werden können, fühlte ich mich ertappt. Dort war allerlei Zeugs aufgeführt, das auch ich aus unerfindlichen Gründen aufbewahrt habe.


Insgesamt geht es allerdings nicht darum, seine Sachen radikal auszumisten, wegzuwerfen, zu verkaufen oder zu spenden, sondern vielmehr darum, sich selbst und seine Bedürfnisse besser kennen zu lernen. Nur so können erneute Fehlkäufe weitestgehend vermieden werden.


Das Buch hat mir gut gefallen und doch denke ich, dass es auch sinnvoll ist, sich die Videos anzuschauen, da sich beides wunderbar ergänzt.

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kreuzfahrt, meer, gepäck, landgang, anreise

Wo bitte geht's zum Meer?

Bettina Querfurth
Flexibler Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Diana, 09.01.2017
ISBN 9783453285439
Genre: Sachbücher

Rezension:


Warum begeben sich Menschen in Scharen auf ein Schiff, das mehr Leute unterbringt, als eine Kleinstadt Einwohner hat? Weil es die bequemste und modernste Art zu reisen ist, findet die erfahrene Kreuzfahrt-Urlauberin Bettina Querfurth. Seit zwanzig Jahren unternimmt sie Kreuzfahrten und hat die unterschiedlichsten Routen und Schiffe ausprobiert.


„Jeder Kreuzfahrtnovize muss sein persönliches Traumschiff aber erst einmal finden. Das ist gar nicht immer so einfach. Großes Schiff – kleines Schiff. Expeditionsfahrt, um Land und Leute kennenzulernen, oder ein schwimmendes Freizeitressort? Deutsch oder international? Mit Schlittschuhbahn und Surfsimulator oder lieber ohne? Das alles gilt es abzuwägen und noch vieles mehr.“ (S. 13)


Und dabei nimmt einen die Autorin an der Hand und führt in die kuriosen Sitten und Gebräuche, die den genauen Ablauf auf einem Schiff regeln ein. Sie greift dabei auf ihren großen Erfahrungsschatz zurück und erzählt auf humorvoll ironische Weise ihre besten Geschichten und Anekdoten über den Alltag an Bord. So behandelt sie auf unterhaltsame Weise in locker flockiger Schreibweise alle für den Kreuzfahrt-Neuling wichtigen Themen und fasst auch zum Ende jedes Kapitels die wichtigsten Tipps und Tricks kurz und knackig als sogenannte „Rettungsringe“ zusammen.


Als Kreuzfahrt-Fan weiß Bettina Querfurth zwar auch um die negativen Seiten dieser Art zu Reisen:


„All die ehrwürdigen Orte und berühmten UNESCO-Weltkulturerbestätten verlieren sicher ein bisschen von ihrem Charme bei diesem Massenbetrieb. Wenn wir den Superstars unter den Sehenswürdigkeiten einen Besuch abstatten, müssen wir uns wohl oder übel damit abfinden, dass sie nicht nur uns eine Audienz gewähren. Doch sei’s drum. […] Wir Kreuzfahrtreisenden sind daran wahrlich nicht alleine schuld. Den Louvre oder den Markusplatz wollen außer uns eben auch noch andere besuchen. Der Tourismuswahnsinn wird durch uns nur noch ein wenig zugespitzt.“ (S. 173)


Wer sich jedoch tiefer gehend und kritischer mit den Schattenseiten von Schiffsreisen auseinandersetzen möchte, der sollte lieber zu anderer Literatur greifen.


Dieses Buch hat mich als Nicht-Kreuzfahrerin auf kurzweilige Art gut unterhalten und ich kann es jedem empfehlen, der sich für das Thema „Kreuzfahrt“ generell interessiert, sich bisher aber noch nicht darüber informiert hat.

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Nachts ist es leise in Teheran

Shida Bazyar
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2017
ISBN 9783462050578
Genre: Romane

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bipolare störung, manisch-depressiv, biographie, autobiographie, roman

Die Welt im Rücken

Thomas Melle
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Berlin, 26.08.2016
ISBN 9783871341700
Genre: Biografien

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