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italien, rote brigaden, mailand, bewaffneter kampf, bankraub

Ausbruch

Dominique Manotti , Andrea Stephani
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Argument Verlag mit Ariadne, 01.03.2014
ISBN 9783867542180
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Filippo ist ein Kleinkrimineller in Rom. Im Gefängnis teilt er seine Zelle mit dem berühmten Carlo, berühmt, weil er in den Siebzigern ein Führer der terroristischen roten Brigaden in Italien war. Dessen Erzählungen faszinieren Filippo und als Carlo aus dem Gefängnis ausbricht, schließt sich ihm Filippo kurzentschlossen an.

 Doch Carlo hält nichts von dem Taschendieb, er trennt sich von ihm und nennt ihm nur eine Adresse in Paris, falls er aus Italien flüchten müsse.

 Einen Monat später wird Carlo bei einem mißglückten Banküberfall getötet. Die Polizei und die Zeitungen verdächtigen Filippo, an dem Überfall beteiligt gewesen zu sein und er flieht nach Paris, zu der Adresse, die ihm Carlo gegeben hat: Eine ehemalige Freundin von Carlo. Sie versorgt ihn mit einer Wohnung und einer Nachtwächterstelle, doch ansonsten interessiert sie sich auch nicht mehr als Carlo für Filippo.

Der ist frustriert. Carlo hat ihm die Kämpfe Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger in Italien so farbenprächtig geschildert, er hat davon geträumt, mitzukämpfen, doch jetzt sitzt er in einem Kabuff in einem Hochhaus und beobachtet die Monitore, damit sich niemand nachts in das Gebäude stiehlt.

So beginnt er zu schreiben. Die Geschichte von Filippo und Carlo, wie er sie gerne erlebt hätte. Zwei Freunde, die jeder Gefahr trotzen, zwei Robin Hoods, die zusammenstehen, in guten und in bösen Tagen und nur der Verrat kann sie trennen. Den Bankraub (oder das, was er darüber gelesen hat), baut er geschickt in die Geschichte ein. Er will damit seine Vermieterin beeindrucken, ebenfalls eine politische Italienerin, die aus Italien floh, die ihm aber nicht die Aufmerksamkeit schenkt, die er sich wünscht.

Die Vermieterin ist begeistert und vermittelt ihn an einen Verlag. Und das Verhängnis nimmt seinen Lauf, der Verlag veröffentlicht das Buch, für die Kulturredakteure ist es ein gefundenes Fressen, genau die Geschichte, die sie sich ebenfalls erträumen. Natürlich sind alle überzeugt, es sei autobiografisch.

Leider stößt das Buch nicht überall auf freundliche Aufnahme. Da ist die Ex von Carlo, die immer noch ihren alten Träumen nachtrauert und eifersüchtig ist, dass jetzt ein hergelaufender Kleinkrimineller das Bild von Carlo, dem Bandenchef malt. Da ist die italienische Polizei, die mit dem Bankraub eigene Pläne verfolgt und die extreme italienische Rechte, die Filippos Buch ebenfalls ausnutzen möchte. So kommt es dazu, dass ...

Nein, das müssen Sie jetzt selbst lesen.

Dominique Manotti hat nicht nur einen spannenden Krimi geschrieben, sie hat auch die Literaturschickeria aufs Korn genommen und die Medien, die Mythen so lieben und sie als "wahre Geschichten" verkaufen. Kein Zweifel, die Autorin kennt diese Szene, die Personen stehen dem Leser lebendig vor Augen, die Geschichte reißt den Leser mit.

Leider ist der Anfang mühselig, die ersten fünfzig Seiten im gleichförmigen Stakkato-Stil geschrieben und die Figuren reden hölzern, immer voll ausformulierte Sätze, die den Duden freuen, den Leser aber nicht. Filippo, der Kleinkriminelle, der kaum lesen und schreiben kann, sagt Sätze, die ihm die Autorin in den Mund legt, die aber nicht zu ihm passen. Und Carlo erzählt so platt, dass ich mich wundere, dass diese steifen politischen Glaubensbekenntnisse Filippo so beeindrucken, dass sie ihn zu seinem Buch beflügeln. Sicher, die radikale, terroristische Linke ist nicht für anschaulichen Stil bekannt, sondern dafür, dass ihre Statements sich so aufregend lasen, wie die neuesten EU-Paragraphen. Aber seitenlange Ergüsse in solchem Stil, mit viel Klischee vermengt, fördern nicht den Lesefluss.

"Carlo erzählte von den bald schon täglichen Versammlungen in seiner Fertigungshalle, in seiner Fabrik, wo jedermann das Wort ergriff und wo jedermanns Wort gleich viel wog, wo man tastend ein kollektives Denken, einen kollektiven Willen entwickelte.

Dann flammte Begeisterung in Carlo auf, wenn er beschrieb, wie sie fasziniert die Macht von Menschen entdeckten, die gemeinsam handeln, und die alle gleich sind."

Leider werden diese Erzählungen nie konkret, die Autorin sagt, wie es war, aber der Leser erlebt es nicht. Außer einmal, wenn Carlo eine Szene mit seinem Großvater schildert. Auch die Ex-Freundin Carlos wird nie richtig lebendig. Was in den Teilen über den Literaturbetrieb, über die Intrigen der italienischen Politik und Gerichte so farbig erzählt wird, fehlt in Szenen über die alten Rotbrigadisten leider weitgehend. Ob das deshalb so ist, weil die Autorin den Buchmarkt und die italienische Politik kennt, die Rotbrigadisten aber nur durch ihre Pamphlete? Ich weiß es nicht.

Möglicherweise ist deshalb mancher Leser versucht, das Buch vielleicht vorzeitig zuzuklappen. Doch "Ausbruch" ist eines der wenigen Bücher, bei denen es sich lohnt, einen nur bedingt spannenden Anfang durchzustehen. Die weitere Geschichte entschädigt für alles, das verspreche ich Ihnen.

Fazit: Holpriger Anfang, der aber bald Fahrt gewinnt und den Leser in eine spannende Geschichte über Mythenbildung und Politik verwickelt.

 

Leseprobe: leider keine Leseprobe

Interview mit der Autorin: http://www.argument.de/ak/manotti_interview.html


Ausbruch, Dominique Monetti, Argument, März 2014

ISBN-13: 978-3867542180, gebunden, 256 Seiten, Euro 17,00

 

 

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algerie, deutschland, rüstungsindustri

Ein paar Tage Licht

Oliver Bottini
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 13.02.2014
ISBN 9783832196608
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Djamel spielt Fußball, als sein Vater verschwindet. Die Militärs haben ihn abgeholt, er taucht nie wieder auf. Pech gehabt. Einer der hundertausende, die in den Neunzigern zwischen die Fronten von Militär und Islamisten geraten und für immer verschwinden. Berichten darf man in Algerien noch immer nicht davon.

 

Dann reist ein deutscher Waffenhändler an, Peter Richter, der ein Lizenzwerk in Algerien betreuen will. Das Werk liegt in Constantine und er ist begeistert über die Landschaft. Doch als er Abends die Altstadt besichtigen will, hindern ihn seine Bewacher daran. Zu gefährlich. Und dann wird er entführt. Eine unbekannte islamistische Splittergruppe übernimmt die Verantwortung. Die Islamisten sind oft der Vorwand für die Militärs, ihre Unterdrückung zu perfektionieren. Und aus Deutschland Waffen zu beziehen. Korruption munkelt man, aber Beweise hat niemand. Oder rückt sie nicht heraus.

 

Ralf Eley ist BKA Kontaktbeamter bei der deutschen Botschaft in Algier. Doch die algerischen Behörden verbieten ihm die Ermittlungen. Zu gefährlich sagen sie. Eley glaubt nicht an die Splittergruppe, er weiß, dass die Islamisten der alten Garde -  "le pouvoir" nennen sie die Algerier - oft als Vorwand dienen. Um sich zu bereichern, um sich an der Macht zu halten.

 

Djamel, nun erwachsen, will seinen Vater rächen. Und damit nimmt eine rasante Geschichte ihren Lauf. Spannend, schockierend, bedrückend.

 

Oliver Bottini hat sich tief in die Geschichte Algeriens eingearbeitet. Von dem Befreiungskrieg gegen die Franzosen bis heute spannt sich der Rahmen. Er schildert die Landschaften, dass man meint, sie am Fenster vorbeifliegen zu sehen, er lässt die Personen lebendig werden, der Leser begreift, warum es in Algerien keinen arabischen Frühling gegeben hat und wie Waffenexporte in Deutschland laufen.

 

Schwarz-weiß Malerei ist nicht sein Ding. Alle seine Personen sind in eine Geschichte verwoben, habe ihre eigenen Leichen im Keller, wir verstehen, warum sie handeln, wie sie handeln und gerade das macht den Roman so bedrückend. Ein Roman, der die Liebe zu einem großartigen Land atmet und die Verzweiflung darüber, dass es immer wieder in Blut und politischer Gewalt ertränkt wird. Danach hat man nicht nur einen superspannenden Roman gelesen, man weiß eine Menge über Land, Leute und Geschichte und auch einiges über deutsche Rüstungsexporte. Und am Ende gibt es ein ausführliches Nachschlagekapitel, das aufzählt, was im Buch erfunden und was bittere Wahrheit ist. Wäre schön, wenn auch andere Bücher dies übernehmen würden.

 

Ein wenig erinnert es an Yasmina Khadras "Die Schuld des Tages an die Nacht" oder an "Nacht über Algier", ebenfalls ein guter Roman über Algerien, ebenfalls ein Krimi, der dem Leser staunend und entsetzt zurücklässt.

 

Ach ja, das Buch stand im April auf der Krimizeit Bestenliste auf Platz 2. Verdient, finde ich.

 

Hans Peter Roentgen

 

Leseprobe: http://www.bic-media.com/dmrs/widget.do?buyButton=no&showTitle=no&lang=de&isbn=9783832196608&width=200&height=375&pageHost=www.dumont-buchverlag.de&LocalHost=http:&jumpTo=book&configUrl=http://www.bic-media.com/dmrs/widget/&startingPage=1&searchStr=&matchesStr=&&myAdress=http%3A//www.dumont-buchverlag.de/buch/OliverBottiniEinpaarTageLicht/13559&widgetSource=http%3A//www.dumont-buchverlag.de/buch/OliverBottiniEinpaarTageLicht/13559

Homepage des Autors: http://www.bottini.de/

 

Ein paar Tage Licht, Kriminalroman, Oliver Bottini, Dumont, Februar 2014

ISBN-13: 978-3832196608, gebunden, 512 Seiten, Euro 19,99 (Ebook: 14,99)

 

 

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Fehlurteil

Sascha Berst
Flexibler Einband: 340 Seiten
Erschienen bei Gmeiner-Verlag, 05.02.2014
ISBN 9783839215128
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Als ich ihn neben ihr stehen und auf sie einreden sah mit seinem schwarzen Hut, von dem der Regen tropfte, der dicken Jacke, deren schwarz-weißes Fischgräten-Muster zuletzt vor 20 Jahren modern gewesen sein mochte, den eindringlichen Gesten und einem Blick, der wie besessen schien, hielt ich ihn für einen Querulanten, wie man sie auf den Gängen der Gerichte, Behörden und Kanzleien immer wieder trifft. Männer meist, oft ungepflegt und ungewaschen, die davon überzeugt sind, dass ihnen bitterstes Unrecht geschehen ist, und nun, bewaffnet mit Stapeln von zerschlissenen Papieren, Unterlagen, Urteilen, ausgerissenen Zeitungsartikeln, Briefen, Bittschriften und Petitionen einen Richter oder einen Anwalt suchen, der ihnen helfen soll, ja, helfen muss, das vermeintliche Unrecht ungeschehen zu machen. Sie fordern Gerechtigkeit!, lautstark und unbedingt, und ahnen dabei nicht, dass das Wort allein schon den Juristen unangenehm berührt«

 

Ein alter Mann, ein Jude spricht die junge Staatanwältin Margarethe an. Er hatte versucht, das Haus seines Vaters zurück zu gewinnen, das dieser in der Nazizeit einem Deutschen für ein Spottgeld verkaufen musste. Doch ein Gericht hat diese Rückübereignung abgelehnt und nun hat er einen Strafantrag gestellt. Wegen Rechtsbeugung, gegen den Senat eines Oberlandesgerichts.

 

Rechtsbeugung! Klarer Fall von Querulantentum, so sieht es zunächst aus, so sieht es der junge italienischstämmige Staatsanwalt Tedeschi. Doch seine Kollegin Margarethe bemerkt Ungereimtheiten. Nicht nur die Akte ist verschwunden, auch die zugehörige Karteikarte. Und nach und nach tauchen weitere Merkwürdigkeiten auf. Der Vorsitzende des Senats ist allerdings ein mächtiger Mann im Ländle, war Abgeordneter und Justizminister. Keiner, der in der Justiz etwas werden will, legt sich mit so einem an. Das meint auch Margarethes Verlobter, der als Verteidiger Karriere machen will. Er ist nicht der einzige, der ihr Steine in den Weg legt.

 

Auch ihr Kollege Tedeschi rät ihr, die Sache einzustellen. Doch dann packt auch ihn dieser Fall und die beiden verfolgen diesen merkwürdigen Fall gemeinsam. Nicht ungefährlich, im Justizsystem sich mit der obersten Hierarchie anzulegen.

 

Der Schriftsteller und Rechtsanwalt Ellen Stanley Gardner hat vor etlichen Jahrzehnten amerikanische Gerichtsthriller geschrieben und gezeigt, welche Spannung man damit erzeugen kann. Herbert Rosendorfer, ebenfalls ein Jurist, hat in seinen Büchern immer wieder Justizfragen aufscheinen lassen. „Fehlurteil“ erinnert an die beiden Vorbilder. Sascha Berst ist Anwalt und jede Zeile seines Buches zeigt, dass er weiß, wovon er schreibt. Wir tauchen in die Freiburger Justiz ein, erleben Anwälte, Richter und Staatsanwälte, ihre Träume und ihren Berufsalltag, die Intrigen und die Arroganz der Macht.

 

Nicht zu vergessen: der kleine, dickliche Tedeschi, Sohn eines italienischen Gastarbeiters, der in Sindelfingen am Band schuftete. In der sehr deutschen Justiz der Neunziger Jahre eine ungewöhnliche Figur, die meisten Juristen stammen aus alteingesessenen Bürgerfamilien. Tedeschi, dieser schwäbelnde Deutsch-Italiener weiß nicht genau, wo er eigentlich zu Hause ist, und er ist auch nicht wirklich der Held der Geschichte. Er ist Dr. Watson neben Sherlock Margarethe. Aber Watson alias Tedeschi erzählt sie uns, erzählt über seine Kollegin, die er heimlich verehrt, über Männerbünde und Burschenschaften, über Freiburg und Skandale, über eine Frau, die sich so auf Männer versteht und sie für sich einspannen kann und doch wählt sie sich den falschen Freund aus.

 

Ein spannender Gerichtskrimi also. Aber es ist noch viel mehr. Da ist einmal die genaue Beschreibung, jeder Ort, jede Person steht lebendig vor dem Leser; da ist die Sprache, bei der jedes Wort genau gewählt wurde und passt; da ist der langsame, aber gekonnte Aufbau einer Spannung, die einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt. Obwohl: Soviel passiert dort gar nicht. Kein Blut, kein Serienkiller, keine Schießerei und doch ist es spannender als viele, viele Krimis voller Action. Dass wir dabei auch eine Zeitreise durch die Geschichte der deutschen Justiz machen, kommt noch hinzu. Krimi at his best und gleichzeitig gute Literatur.

 

 

Leseprobe: http://www.amazon.de/Fehlurteil-Justiz-Thriller-Krimi-im-Gmeiner-Verlag-ebook/dp/B00HWRF5ZY/ref=sr_11?ie=UTF8&qid=1391977379&sr=8-1&keywords=fehlurteil#readerB00HWRF5ZY

 

Fehlurteil, Krimi, Sascha Berst, Gmeiner, Februar 2014

ISBN-13: 978-3839215128, Tb, 309 Seiten, Euro 11,99 (E-Book Euro 9,99)

 

 

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59 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 36 Rezensionen

thriller, gibraltar, terrorbekämpfung, spionage, folgen

Empfindliche Wahrheit

John Le Carré , Sabine Roth
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 18.11.2013
ISBN 9783550080364
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Paul, ein Diplomat im Dienste ihrer Majestät, spielt das rote Telefon bei einer geheimen Aktion in Gibraltar. Ein privater Geheimdienst soll einen islamistischer Waffenhändler dingfest machen. Doch die Aktion geht schief und Paul, der gar nicht Paul heißt, wird vor dem Ende abgezogen - und befördert.


Ein junger Nachwuchsdiplomat wird Sekretär eines Ministers und erfährt Dinge, die er nicht erfahren soll.

Und der Offizier, der die Aktion befehligte, geht vor die Hunde, weil er seine Erinnerungen nicht zum Schweigen bringen kann.

Le Carre hat ein Meisterwerk geschrieben, so aktuell, dass man glauben mag, dass es eine Dokumentation ist, keine ausgedachte Geschichte. Der drittklassige Minister ohne Moral; der smarte Chef des privaten Geheimdiensts, den er beauftragt; der Botschafter, der weiß, wie verkehrt die Außenpolitik läuft und der dennoch mitmacht und all die anderen Figuren aus Politik und Geheimdienst sind so realistisch gezeichnet, dass man glaubt, man habe sie gestern in den Nachrichten gesehen, wie sie die Horch- und Guck-Aktionen von NSA und anderen Geheimdiensten verteidigten und neue Gesetze zur Überwachung vorschlagen.

Langsam erzählt Le Carré seine Geschichte, Stück für Stück enthüllt er sie, lässt den Hintergrund lebendig werden und die Figuren und quält den Leser, der wissen will, wie es weitergeht. Spannung pur.

Ein beklemmendes Buch, politisch aktuell und literarisch meisterhaft geschrieben vom Altmeister der Geheimdienst-Thriller.

 

Leseprobe: http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullstein/inc/forward_leseprobe.php?isbn=9783550080364

Autorenhomepage: http://www.johnlecarre.com/

 

Empfindliche Wahrheit, Thriller, John Le Carré, Ullstein, November 2013

Originaltitel: A Delicate Truth, Übersetzerin: Sabine Roth

ISBN-13: 978-3550080364, gebunden, 400 Seiten, Euro 24,99 (Ebook Euro 19,99)

 

 

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begehren, beziehung, abgebrochen, vergehen, nordsee

Vogelweide

Uwe Timm
Fester Einband
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 15.08.2013
ISBN 9783462045710
Genre: Romane

Rezension:

Eschenbach lebt auf einer kleinen Insel in der Nordsee als Vogelwart. Und immer wieder erinnert er sich, an seine Zeit mit Selma, an Elma und Anna, ein befreundetes Paar. Beide gehören zum gehobenen Bildungsbürgertum, ein bißchen Schickeria, ein bißchen auf intelligent machen und viel Geld.

 

Eschenbach hatte eine Softwarefirma, in der er - laut Timm - überflüssiges wegrationalisierte. Eine Aussage, so sinnfrei, wie ein Arzt, der "Krankheiten heilt". Dann fängt Eschenbach ein Verhältnis mit Anna an und geht pleite. Das Verhältnis, so klärt uns Timm auf, hat mit Begehren zu tun und über Begehren wird im Buch viel geredet - allerdings spüre ich nirgendwo Begehren, höchsten "Begehren light". So flach, wie die Figuren bleiben, sind sie für wirkliches Begehren wohl auch kaum geschaffen.

 

In einem Nebenplot hat eine alte Leiterin eines Umfrageinstituts (gemeint ist wohl Noelle Neumann) Eschenbach engagiert, um "Begehren" zu untersuchen. Allerdings agiert die Dame (und Eschenbach) so naiv, dass es fast schon unfreiwilliger Humor ist. Was ein derart flacher Strang in dem Roman zu suchen hat, weiß ich nicht.

 

Positiv ist anzumerken, dass Timm erzählen kann und deshalb bleibt das Buch trotz aller Untiefen lesbar und ich habe es zu Ende gelesen, was ich normalerweise bei solchen Büchern nicht tue. Timm beherrscht das Schreibhandwerk perfekt, schade, dass er das nicht mit einer besser Geschichte, mit lebendigern Figuren kombiniert hat.

 

Fazit: Gut geschriebenes Fast Food mit etlichen Klischees.

 

 

Leseprobe: https://www.bic-media.com/dmrs/widget.do?layout=singlepage&buyButton=no&clickTeaser=yes&arrowTeaser=yes&https=yes&showLanguageButton=yes&cid=1593026&widgetSource=https://www.bic-media.com/dmra/content/detail/detail-widget.do?cid=1593025&isbn=9783462045710

Autorenhomepage: www.uwe-timm.com

 

Vogelweide, Roman, Uwe Timm, Kiepenheuer & Witsch, 2013

ISBN-13: 978-3462045710, gebunden, 336 Seiten, Euro 19,99 (Ebook 17,99)

 

 

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lektorat, lektorieren, überarbeiten, autoren, überarbeitung

So lektorieren Sie Ihre Texte

Sylvia Englert
Buch
Erschienen bei Autorenhaus-Verlag, 01.09.2013
ISBN 9783866711051
Genre: Sachbücher

Rezension:

So lektorieren Sie Ihre Texte, Schreibratgeber, Sylvia Englert

 

Jeder erfahrene Autor weiß es: Manuskripte müssen überarbeitet werden, in der Regel mehrfach. "Der erste Entwurf ist immer Scheiße", wußte schon Hemingway, der einige Texte angeblich über dreißigmal überarbeitet hat.

 

Doch wie lektoriert man eigene Texte? Während es jede Menge Schreibratgeber gibt, die zeigen wollen, wie man Romane verfasst, gibt es in Deutschland nur zwei Bücher zum Thema, beide sind vergriffen und nur für teures Geld antiquarisch zu kaufen: «Die Überarbeitung» und «Über das Schreiben». Obendrein ist "Die Überarbeitung" vornehmlich für literarische Autoren gedacht.

 

Sylvia Englert hat jetzt ein Buch darüber vorgelegt. Als Verfasserin zahlreicher Bücher, darunter das Standardwerk «Autoren-Handbuch: So finden Sie einen Verlag für Ihr Manuskript» weiß sie, wie wichtig die Überarbeitung ist - und wie gerne Nachwuchsautoren sich davor drücken oder einfach nicht wissen, wie sie vorgehen sollen.

 

Der erste Abschnitt beginnt mit den Figuren, dass man nicht "über sie" schreiben sollte, sondern in ihre Köpfe schlüpfen muss und manches mehr, das ein Autor überprüfen sollte, damit seine Figuren für die Leser lebendig werden. Nach den Figuren kommt der Plot, die Konflikte; der Szenendoktor für die Szenen und, ganz wichtig, die ersten und die letzten fünf Seiten.

 

Damit stellt die Autorin die Überarbeitung der Struktur an den Anfang, in Deutschland besonders wichtig, wo der Stil oft als das Entscheidende angesehen wird. Aber ein Manuskript, bei dem die Struktur, die Personen und der Plot nicht stimmen, wird auch der beste Stil nicht retten.

 

Der Stil wird im zweiten Abschnitt behandelt, zusammen mit Ton und Tempo der Geschichte und der äußeren Gestaltung.

 

Der dritte Teil behandelt das Feedback: Testleser, bezahlte Lektorate, die Hilfe von Verlagslektoren und Redakteuren.

 

So bietet das Buch eine umfassende Übersicht über die Überarbeitung, erstaunlich, dass es dennoch kurz und übersichtlich bleibt. Kein dicker, abschreckender Schinken. Sylvia Englert schreibt kurz, prägnant und leicht verständlich.

 

Ein wenig habe ich es bedauert, dass der erste Abschnitt über Personen und Plot nicht mehr Beispiele enthält. Für den erfahrenem Autor ist das kein Problem, er findet hier eine gute Zusammenfassung, die man immer wieder zu Hilfe nehmen kann, wenn es ums Überarbeiten geht. Aber für Nachwuchsautoren wären mehr Beispiele wie im zweiten Abschnitt nützlich. Gut wäre auch ein Index und ein Literaturverzeichnis am Schluss.

 

Doch da die Autorin ihre Bücher vor Neuauflagen immer wieder überarbeitet, dürfen wir hoffen. Und alles Gemecker von mir ändert nichts daran, dass das ein mehr als nützliches Standardwerk ist, das ich allen Autoren empfehlen kann.

 

 

Leseprobe: http://www.blickinsbuch.de/center/cm/cm_cm.php?Zmxhc2g9MSZ2MzE1Nj04MTUwODM4Njg3JnY3Mzc2PTk3ODM4NjY3MTEwNTEmdGFyZ2V0X2lkPTMmdjkzNjk9YU1uOHRxaGc2Tw==&mxbook=f59a4bc6df8870ec3f2a8869da1f1497

Homepage der Autorin: http://www.sylvia-englert.de/

 

So lektorieren Sie Ihre Texte, Schreibratgeber, Sylvia Englert, Autorenhaus, 2013

ISBN-13: 978-3866711051, Tb, 153 Seiten, Euro 12,95

 

 

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frankreich, liebe, bücher, trauer, paris

Das Lavendelzimmer

Nina George
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Knaur, 02.05.2013
ISBN 9783426652688
Genre: Romane

Rezension:

Monsieur Perdu betreibt eine Buchhandlung in einem alten Lastkahn auf der Seine. Eine Bücherapotheke soll es sein, er verkauft nur Bücher, die seine Kunden heilen sollen. Einzunehmen bei Liebeskummer, Weltschmerz und zur Überwindung von Erwachsenenängsten.

 

Sich selbst kann er nicht heilen durch die Bücher. Im Gegenteil, er hat aus Büchern eine Mauer um sich herumgebaut, eine Mauer, die ihn vor dem Leben schützen soll. Besonders dick ist die Mauer vor dem Lavendelzimmer, dem Zimmer seiner großen Liebe, die ihn vor einundzwanzig Jahren verlassen hat. Jetzt zieht eine neue Frau in dem Mietshaus ein und Monsieur Perdu traut sich erstmals seine Büchermauer einzureißen und das Zimmer zu betreten. Denn er will der neuen Mieterin, die keine Möbel hat, einen Tisch und einen Stuhl schenken.

 

Mauern einzureißen, ist nicht ungefährlich, das gilt auch für Mauern aus Büchern. Schon gar nicht, wenn die Mauer auf „1984" aufgebaut wurde. Und mit dem Fall dieser Mauer fällt auch die Versteinerung seines Herzens. Erstmals nach über zwanzig Jahren löst er die Leinen seines Bücherschiffes und fährt los. Die Seine hinab, über die Kanäle Frankreichs in die Provence. Dorthin, wo er mit seiner großen Liebe glücklich war.

 

Ein junger, verstörter Autor springt in letzter Minute auf sein Schiff, einen Bestseller hat er geschrieben und jetzt ist er ratlos und sichert sich mit Ohrenschützern gegen das Leben ab. Hinzu kommen ein neapolitanischer Koch und eine Büchernärrin, die beide ...

 

Nein, das erzähle ich jetzt nicht. Das müssen Sie schon selbst lesen.

 

Das Lavendelzimmer hat alle Zutaten zu einem Kitschroman. Viel Liebe, viel Lebensweisheiten, sogar ein Happy-End, für viele deutsche Literaten sicheres Anzeichen für "Finger weg". Nur ist es kein Kitschroman. Sondern eine ruhige Fahrt durch den Sommer; Landschaften, die man riecht und sieht, wenn sie beim Lesen vorbeigleiten; vier Leben, die langsam zu sich selbst finden und vor dem Leser ihre Geheimnisse Stück für Stück preisgeben; viel sinnlicher Tango und Erotik und die Erkenntnis, dass man Erinnerungen und das Leben nicht einfach aussperren kann. "Erinnerungen sind wie Wölfe. Du kannst sie nicht wegsperren und hoffen, dass sie dich ignorieren."

 

Doch so einfach ist das alles nicht. Denn "Im Kopf stand er [Monsieur Perdu] immer noch im Flur seiner Wohnung, vor einer Bücherwand, die ihn einmauerte." Ihm steht noch einiges mehr bevor als eine gemütliche Wasserreise in einem alten Lastkahn.

 

Poetisch und herzzerreißend, traurig und tröstend, anregend und vor dem Schlafengehen einzunehmen ist dieses Buch selbst eine Herzmedizin. Eines der Bücher, die man nicht schnell liest, sondern langsam an sich vorbeigleiten lässt, Stückchen für Stückchen, immer wieder aus der Hand legt, weil man Atem holen, seinen eigenen Träumen nachhängen will. Ein Buch, das lange nachklingt.

 

 

 

Leseprobe: http://www.amazon.de/Das-Lavendelzimmer-Roman-Nina-George-ebook/dp/B00AAABJIM/ref=cmcr-mr-title#readerB00AAABJIM

Homepage der Autorin: http://www.ninageorge.de/

Interview mit der Autorin: http://www.focus.de/kultur/vermischtes/nina-george-nina-george-man-braucht-jahre-um-ueber-nacht-den-durchbruch-zu-schaffenaid1065252.html

 

Das Lavendelzimmer, Roman, Nina George, Droemer Knaur, Mai 2013

ISBN-13: 978-3426652688, gebunden, 382 Seiten, Euro 14,99 (Ebook: 12,99)

 

 

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

nationalsozialismu, christdemokraten, kommunismus, stalinismus, liberalismus

Das demokratische Zeitalter: Eine politische Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert

Jan-Werner Müller
E-Buch Text: 521 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp Verlag, 21.01.2013
ISBN 9783518732472
Genre: Sachbücher

Rezension:

Jan-Werner Müller will die politischen Ideen und ihr Zusammenspiel mit den politischen Bewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts untersuchen. Keine reine Ideengeschichte also, sondern:

 

»Um ein solches Verständnis zu gewinnen, dürfen wir uns nicht mit den vorliegenden Darstellungen der Entwicklung bedeutender politischer Philosophen des europäischen 20. Jahrhunderts begnügen. Wir sollten uns vielmehr auf das konzentrieren, was sich zwischen dem mehr oder weniger akademischen politschen Denken auf der einen Seite und der Schaffung (und Zerstörung) politischer Institutionen auf der anderen Seite abspielt. Mit einem Wort: Wir müssen jene politischen Theorien erfassen, die politisch folgenreich waren.«

 

So beginnt er konsequenterweise mit dem klassischen Liberalismus der Epoche vor dem ersten Weltkrieg. Ein ungebrochener Fortschrittsglaube, der Staat in den Händen verantwortungsvoller Parlamentarier, die freilich nur von einem Teil der Gesellschaft gewählt wurden. Denn der Plebs würde, gäbe man ihm die Macht, die Gesellschaft zerstören. Das galt auch für die Frauen, denen die Fähigkeit zum Wählen, geschweige denn gar zum Regieren, rundweg abgesprochen wurde. Monarchien begründeten sich aus Gott und Aristokratie.

 

Diese Vorstellungen zerstörte der erste Weltkrieg. Den alten Eliten und dem Liberalismus der Vorkriegszeit war es nicht gelungen, den Krieg zu verhindern, geschweige denn, dass die Probleme der Gesellschaften zu lösen.

 

Auf diesem Hintergrund entstanden verschiedene politische Bewegungen samt Theorien, die den klassischen Liberalismus der Vorkriegszeit ersetzen wollten. Mussolinis Faschisten, die Nazis, die Kommunisten, klerikale Regime wie die von Franco und Salazar, Nationalstaaten, die ein einheitliches Volk mit einheitlichem Willen schaffen wollten. Sie alle benötigten Ideen, die sie legitimieren würden, aber auch die Ausgestaltung ihrer Politik prägten. Allen gemeinsam war, dass sie sich auf das Volk beriefen, dass sie, auch wenn sie nicht demokratisch waren, sich einen demokratischen Anschein geben wollten.

 

Zugleich waren die Staaten im Krieg immer mächtiger geworden. Dass das deutsche Reich Lenin als Vorbild für seinen Sozialismus diente, lag auch daran, dass sich dieses Reich während des Krieges zu einer riesigen Maschine, einer Bürokratie entwickelte, die eine Macht beanspruchte, die vor dem Krieg kein Staat innehatte. Das galt auch für die anderen Staaten im Krieg.

 

Müller untersucht die verschiedenen Ideen und Theorien, die zwischen den Weltkriegen aufkamen und die, die nach dem Krieg erst prägend für Westeuropa, später auch für Osteuropa wurden. Sein Buch liest sich gut, wenn er sich am Anfang bei Max Weber auch sehr in Details verliert, die vielleicht Wissenschaftler interessieren mögen, für Otto Normalleser aber weit hergeholt erscheinen. Doch das gibt sich bald, denn der Autor versteht es, in den folgenden Kapiteln verständlich und stringent seine Thesen zu entwickeln.

 

Und deren zentrale ist: Es ist kein Zufall, dass sich nach dem ersten Weltkrieg alle möglichen Ideologien Boden gewannen. Aber das zwanzigste Jahrhundert ist nicht das Jahrhundert der blutigen Ideologien, wie es oft dargestellt wird. Es ist auch ein Jahrhundert der Demokratien. Wie sie sich entwickelten, welche Strukturen und Ideen dafür prägend waren, kann das Buch spannend darstellen. Etwa die Bedeutung von Verfassungsgerichten, die nicht gewählt werden, aber einen ganz zentralen Baustein heutiger europäischer Staaten bilden.

 

Für die Nachkriegszeit legt er den Schwerpunkt auf die Christdemokraten. Das ist sicher richtig, denn Adenauer, de Gaspari, Schuhmann waren Christdemokraten. Und die Christdemokraten hatten ideengeschichtlich den weitesten Weg zurückzulegen. Der klassische Katholizismus, auch der politische, stand schließlich bis zum Ende des zweiten Weltkriegs der Demokratie sehr distanziert gegenüber. Es ist der Verdienst der christdemokratischen Parteien, dass das heute ganz anders ist und Müller schildert auch, welche Theoretiker und welche Ideen diesen Weg ebneten.

 

Interessant ist sein Kapitel über das, was als „68er“ berühmt wurde. Sehr richtig weist er darauf hin, dass die Hochzeit dieser Bewegung nicht 1968 stattfand, sondern in den Siebziger Jahren. Aber er tut sich schwer, eine prägende Theorie für diese Bewegung zu finden. Im Kapitel „Theorie? Nein danke!“ versucht er über Agnoli und Marcuse eine Theorie des Jugendprotestes zu finden, gibt dann aber zu, dass „Autonomie“ wohl der Kernbegriff dieser Bewegung war (und die Revolutionierung des Alltagslebens), sich aber eine einheitliche Theorie nicht finden lässt. Was natürlich einen ganz neuen Blick darstellt. Immerhin gab es wenige Bewegungen, die so verzweifelt versucht haben, eine politische Theorie für sich zu schaffen – und damit immer wieder aufs neue scheiterten.

 

Was in Müllers Buch völlig fehlt, ist die Sozialdemokratie. Stalinismus und Faschismus, Christdemokratie und klassichen Liberalismus schildert er. Doch die Sozialdemokratie lässt er fast völlig weg. Warum? Dass es die Christdemokraten waren, die nach dem Krieg zunächst die Macht innehatten, kann kein Grund sein, schließlich wurden diese durch die Konkurrenz mit Sozialdemokraten geprägt; viele politische Ideen der C-Parteien sind mehr oder minder gelungene Kopien sozialdemokratischer Ideen. Die „soziale Marktwirtschaft“ wäre ohne konkurrierende Sozialdemokraten (und kommunistischen Block) nie entstanden.

 

Doch sieht man von diesem blinden Fleck ab, ist das Buch ein ebenso lesenwertes wie lehrreiches Werk und ein Beispiel dafür, wie lebendig Wissenschaft sein kann – und wie unterhaltsam.

 

Leseprobe


 Das demokratische Zeitalter, Politisches Sachbuch, Jan-Werner Müller, Suhrkamp, 2013

ISBN-13: 978-3-518-58585-6, gebunden, 509 Seiten, Euro 39,95 (Ebook: Euro 34,99)

 

 

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Tags: 68, christdemokraten, demokratie, faschismus, kommunismus, liberalismus, nationalsozialismu, neoliberal, stalinismus   (9)
 

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81 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 36 Rezensionen

düsseldorf, politik, schwarzgeld, nrw, korruption

Schwarzlicht

Horst Eckert ,
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Wunderlich, 20.09.2013
ISBN 9783805250573
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Für die Handvoll Demonstranten hinter der Absperrung war der Fall klar: Profitgier, Ausbeutung, die korrupte Politik.

Vincent stapfte durch aufgeweichte Erde. Kein Grün, so weit er blicken konnte. Die Seestern-Arkaden sollten hier entstehen, ein von Beginn an umstrittenes Projekt der Osterkamp-Entwicklungsgesellschaft. Das Schild an der Zufahrt zeigte eine Computergraphik mit transparenten Fassaden, Bäumen und blauem Himmel. Dazu den Slogan: Die Zukunft beginnt jetzt.

Der Wind trug Protestparolen herüber und das Rauschen der nahen Schnellstraße. Davon abgesehen war es still, seit der Nacht ruhte die Arbeit, wo sonst die Maschinen rund um die Uhr dröhnten. Uniformierte suchten das Gelände ab – vielleicht lag irgendwo ein weggeworfener Benzinkanister.«

 Ein Ministerpräsident, der in einem teuren Loft tot aufgefunden wurde, war es Selbstmord oder Mord? Er ließ die Büros der Oppositionspartei verwanzen - oder wusste er gar nichts davon und die Opposition war selbst der Täter? Was ist mit dem Baulöwen, der ihm teure Urlaube spendiert hatte und den Schwarzgeldkonten? Dazu ein Kommissar, dessen Mutter bei der RAF war und der Opa bei Einsatzkommandos in Polen.

 

Klingt das alles nach einem überfrachteten Kolportageroman, der sämtliche Politevents der letzten Jahre ausschlachten will?

 

Ja. Aber ein Spitzenkoch zeichnet sich dadurch aus, dass er aus den üblichen Zutaten ein höchst unübliches Dinner zaubern kann. Und Horst Eckert beweist, dass das auch für Romane gilt. Vieles in dem Krimi haben wir in anderer Form bereits gelesen, von Wulff bis Barschel, von Meinhof bis Schleyer. Doch Eckert webt daraus ein Sittengemälde bundesdeutscher Realitäten der ganz eigenen Art. Bevölkert mit Menschen, die man oft nach wenigen Sätzen schon zu kennen meint, etwas Klischee, etwas eigenes Profil. Wie Menschen in Deutschland eben sind.

 

Alles beginnt mit dem Brand auf einer Baustelle. Der Baulöwe beschäftigt Arbeiter aus der Ukraine, die er in einem Zelt unterbringt. Die Zeltplane war nicht feuerfest, es gab nur einen Feuerlöscher, der zudem leer war und in dem Zelt hätten auch bestenfalls Baumaschinen untergebracht werden dürfen. Jetzt sind drei der Ukrainer tot. Und die Behördenleitung dreht durch, die Medien wittern einen neuen Anschlag, die Kripo bekommt von allen Seiten Druck.

 

Dann wird der Ministerpräsident tot im Schwimmbecken des Lofts gefunden, das nicht ihm, sondern dem Baulöwen gehört. Und nur der pedantischen Arbeit von Vincent Veih ist es zu verdanken, dass doch noch Zweifel an der Selbstmordthese auftauche. Veih hat gerade die Leitung der Dienststelle übernommen. Kein angenehmer Vorgesetzter, meint mancher, mischt sich überall ein und zu pedantisch. Dieser Veih hat außerdem eine Mutter, die bei der RAF war und wurde von dem Opa großgezogen, einem Urgestein der Düsseldorfer Polizei. Und über seine Beförderung ist er voller Zweifel: Mit dem Team etwas trinken gehen – er fragt sich, ob das endgültig der Vergangenheit zählt.

 

Mit geschickter Hand verwebt Eckert bekannte Ereignisse und eine Vielzahl von Personen zu einer ganz neuen Geschichte, die ein spannender Krimi ist und gleichzeitig ein Sittengemälde deutscher Wirklichkeiten. Ein toter Politiker, der zunächst als Selbstmord präsentiert werden soll, dann ist es doch Mord; eine Ehefrau, der angeblich die Affären ihres Mannes nichts ausmachen; eine Ex-Terroristin, die sich mit Kunst durchs Leben schlägt und keine Hemmungen hat, ihre terroristische Vergangenheit für ihre neue Karriere auszuschlachten; Kollegen, die intrigrieren und andere, sich anpassen, wenn auch mit schlechtem Gewissen; Journalisten, die hinter der großen Story her sind und dann doch die Wahrheit senden; dazu die Polizeiarbeit.

 

Und die besteht ausnahmsweise mal nicht aus dem Hauptkommissar und seinem Kollegen, sondern aus einer richtigen Mordkommission. Eckert kennt sich aus, das merkt man auf jeder Seite seines Romans. Obendrein versteht er sein Handwerk, da ist kein Wort zuviel, da sitzt jeder Satz und zieht den Leser in die Geschichte hinein. Gerade die prägnanten Schilderungen sind es, die die Geschichte wie einen Film ablaufen lässt. Alltag, wie wir ihn oft erlebt haben, wir wussten gar nicht, dass er so spannend beschrieben werden kann.

 

Das Buch zeigt, was ein Krimi alles sein kann: Spannende Unterhaltung und Sittengemälde, Polizeiarbeit und Alltag und vor allem: Ein neuer Blick auf Altbekanntes.

 

So kann ich nur ein Fazit ziehen: Ein Muss für Krimifans.

 

 

Leseprobe: http://www.rowohlt.de/fm/131/Eckert_Schwarzlicht.pdf

Homepage des Autors: http://www.horsteckert.de/

 

Schwarzlicht, Kriminalroman, Horst Eckert, Wunderlich, September 2013

ISBN-13: , gebunden, 384 Seiten, Euro 19,95 (Ebook: 16,99)

 

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Tags: barschel, nazi, polizei, raf, schwarzgeld, wulf   (6)
 

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19 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 15 Rezensionen

zeitgeist, erinnerungen, kurze geschichten, sachbuch, gute unterhaltung

Jäger des verlorenen Zeitgeists

Frank Jöricke
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Solibro Verlag, 04.03.2013
ISBN 9783932927553
Genre: Sachbücher

Rezension:

Früher war nicht alles besser, aber vieles anders, erklärt uns Frank Jöricke und will die ins Kraut schießende Nostalgie roden. Mit seinem Roman Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage hatte er bereits eine sehr unterhaltsame Zeitreise unternommen, egal ob es um die sexuellen Revolution im Hunsrück oder die Folgen des Mauerfalls bei Kleinkriminellen ging.

 

Auf den ersten zwanzig Seiten nimmt er uns mit durch die achtziger, neunziger und die nuller Jahre. Dann folgen verschieden Essays, von Peter Alexander und Rudi Dutschke über James Bond (der im Vergleich zu Sean Connery wie ein zweiter Hermann Grönemeyer wirkt) bis zu den Mad Men vor der Ära Alice Schwarzer. Ein bunter Essayblumenstrauß, dessen Themen weit variieren, manchmal aber wenig mit Zeitgeist zu tun haben. Etwa der Essay über Vietnam oder einen aufmüpfigen Weinbauern. Ab und an verfällt er selbst dem Nostalgieren und geht dem Zeitgeist auf den Leim.

 

Zum Beispiel bei den Jugendbüchern. Als Harry Potter vor etlichen Jahren die Bestsellerparaden stürmte, erkannten Verlage erstmals, dass Jugendbücher auch von Erwachsenen gelesen werden. Einige Kulturredakteure – vom Typ Literatursachbearbeiter, die in den Sechzigern die verderblichen Comics bekämpft hatten, in den Siebzigern Momo vorwarfen, gesellschaftlich nicht relevant zu sein und den Kindern Märchen verbieten wollten – schlussfolgerten daraus, dass heute die Leser immer kindischer werden, während früher, in der guten alten Zeit, erwachsene Leser nur ernste, erwachsene Literatur gelesen hätten. Dass auch „Oliver Twist“, „Huckleberry Finn“ und „Die unendliche Geschichte“ unendlich viele erwachsene Leser hatten (und sogar in die Literaturgeschichte eingingen) war diesen Möchtegerngurus entgangen. Seltsam, dass ausgerechnet Jöricke diese absurde Theorie unkritisch wiederkäut. Auch der ein oder andere Text klingt manchmal ein wenig nach Bedenkenträger a la Wolfgang Niedecken, die er sonst kräftig karikiert. Etwa in dem Text über den Facebook Gründer, der das beliebteste soziale Netzwerk schuf und selbst frei von jeglichen Beziehungsfähigkeiten ist. Ein glänzend geschriebener Text, doch am Ende wird es zu einem Lamento, das Facebook das Ende aller Freundschaften bedeuten wird.

 

Doch in den meisten anderen Essays wärmt er nicht kalten Kaffee auf, sondern schreibt mit spitzer Feder und zeigt, dass man neue Ideen durchaus unterhaltsam vorstellen kann. Mit einem Satz stellt er bessere Zusammenhängen dar, als manch anderer mit einem ganzen Buch. Egal ob er über die Rollingstones schreibt, denen die Wut abhanden kam oder aus „Sex and the City“ den Schluss zieht, dass Männer besser nicht versuchen sollten, Frauen zu verstehen, weil es ihre Beziehung ruinieren könnte.

 

Jeder Artikel enthält als Bonbon einen Verweis auf Filme, Musik oder Bücher, die für das Thema typisch sind und einen Merkspruch, Zeitgeistregel genannt. Über deren Brauchbarkeit kann man streiten, zum Nachdenken regen sie auf jeden Fall an.

 

Fazit: Eine unterhaltsame Essaysammlung zu unterschiedlichsten Themen, doch dem Zeitgeist geht Jöricke manchmal selbst auf den Leim. Mit dem liebestollen Onkel hat er ihn sehr viel genauer beschrieben.

 

Leseprobe: http://www.solibro.de/leseprobe-jaeger

 

Jäger des verlorenen Zeitgeists, Sachbuch, Frank Jöricke, Solibro, März 2013

ISBN-13: 978-3932927553, Tb, 217 Seiten, Euro 12,80 (Ebook 9,90)

 

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11 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

schreiben, thriller, krim, kreativ, ratgeber

Crime - Kriminalromane und Thriller schreiben

Larry Beinhart , Kerstin Winter
Flexibler Einband: 235 Seiten
Erschienen bei Autorenhaus-Verlag, 01.10.2003
ISBN 9783932909504
Genre: Sachbücher

Rezension:

»Die Muse des Krimigenres ist wankelmütig, aber dem Autor, den sie erwählt, schenkt sie Gaben aus purem Gold. Das größte und wichtigste Geschenk ist – ein Publikum und das bringt all die anderen wunderbaren Gaben und Vorteile mit sich.

Wie bei Nachrichten oder Pornografie ist das Publikum unersättlich.«

 

Larry Beinhart hat etliche sehr erfolgreiche Krimis geschrieben, er hat zahlreiche Preise gewonnen und sein Roman [[ASIN:3462033247 American Hero]] wurde mit Dustin Hoffman und Robert De Niro verfilmt.

 

Was ihn ermutigte, Krimis zu schreiben, waren zwei unglaublich miese Krimis. Nach deren Lektüre war er überzeugt, dass er auch Krimis schreiben könnte. Und er hatte recht. Mit diesem Buch möchte er anderen Autoren Mut machen und ihnen etwas von seinen Erfahrungen als Krimiautor mitgeben.

 

In einer kurze Einführung zum Krimigenre (dem offenbar auch in den USA noch immer der Geruch des Minderwertigen anhaftet) erläutert er, welche Bedeutung Formeln im Krimi haben, wie man aus gewohnten Mustern trotzdem Neues schaffen kann und warum es im Krimi eben nicht nur Verbrechen geht. Schon hier zeigt er, dass er anschaulich schreiben kann und eine eigene, gut fundierte Sicht auf Geschichten hat.

 

Dann folgt ein Kapitel über "erzählerische Dynamik". Diese Überschrift ist etwas unglücklich übersetzt, es geht nämlich um den "narrative drive", also um das, was eine Geschichte vorantreibt. Und das ist mit das wichtigste beim Krimi: Etwas wird geschehen, dieses Etwas ist wichtig für die Geschichte und der Leser möchte es unbedingt wissen.

 

In weiteren Kapiteln behandelt er den Plot, Szenenaufbau, Haken (hook) und Aufhänger, Klarheit und zahlreiche weitere Themen bis hin zu den Unterschieden zwischen dem klassichen Landhauskrimi und dem mit dem hardboiled Detective. Das letzte Kapitel fragt: "Können Sie nach dieser Anleitung ein Buch schreiben?"

 

Das Buch ist ein bunter Blumenstrauß, kein logisch aufgebauter Schreibratgeber, bietet aber gerade deshalb eine Fülle von Anregungen für Autoren. Man sollte schon etwas Erfahrungen mit dem Schreiben haben, damit man diese Anregungen auch nutzen kann.

 

Fazit: Guter Schreibratgeber für Autoren, die sich schon einmal mit Krimis versucht haben und wissen möchten, wie sie es in Zukunft besser machen können.

 

 

Leseprobe: http://www.amazon.de/gp/product/393290950X/ref=cmcrmtsprodimg#reader_393290950X

Homepage des Autors: http://www.larrybeinhart.com/

ISBN-13: 978-3932909504, Tb, 232 Seiten, 16,80 € (Ebook: 9,99 €)

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Tags: krim, krimi schreiben, mystery, thriller   (4)
 

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4 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

ems, schlick, ostfriesland, papenburg

Emsgrab

Wolfgang Santjer
Buch: 320 Seiten
Erschienen bei Leda-Verlag, 26.06.2013
ISBN 9783864120640
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Jean Claude steuerte sein Binnenschiff durch den Nebel. Der Franzose hatte kein gutes Gefühl auf diesem letzten Teil der Reise. Durch die leicht geöffnete Tür des Ruderhauses drang das gleichmäßige Geräusch des Dieselmotors.

Seine Kollegen hatten ihm schon viel von diesem Fluss erzählt. Durch den Nebel warf er einen kurzen Blick auf die Beschriftung der riesigen Halle der Cruise Liner Werft. Über diesen schmalen Fluss manövrierten sie die Kreuzfahrtschiffe zur Nordsee?«

 

Die Ems wird ständig ausgebaggert, damit die Ozeanriesen der Werften in Papenburg in Meer fahren können. Eigentlich ist der Fluss für solche Pötte nicht geeignet, weshalb es ein eigenes Sperrwerk gibt, das zusätzlich zu den Ausbaggerungen den nötigen Wasserstand garantiert. Das Flußwasser wird dadurch nicht besser, ist voller Schlick und die Umweltschäden sind immens. Aber es geht um Arbeitsplätze, also wird es geduldet.

 

Wolfgang Santjer hat auf diesem Hintergrund seinen Kriminalroman geschrieben. Ein Saugbagger saugt eine menschliche Leiche beim Baggern an und Jan Broning von der Kripo soll die Ermittlungen leiten. Einer der besten war er früher, doch seit seine Frau bei einem Unfall ums Leben kam, trinkt er zuviel und ist nicht mehr der Alte.

 

Bald stellt sich heraus, dass es nicht nur eine Leiche gibt, sondern auch Anschläge auf Schiffe. Stecken Umweltschützer dahinter, die sich nun mit Gewalt gegen die zunehmende Verschmutzung wehren wollen?

 

Wolfgang Santjer war bei der Wasserschutzpolizei in Emden und kennt die Szenerie genau. Das merkt man dem Buch an, egal, ob es um den Alltag zwischen Tankern geht, die fahren, wenn sie wegen Nebel eigentlich nicht fahren dürften, um die Probleme bei Brückenöffnungen oder darum, was ein "Bärenführer" bei der Polizei macht. Hinzu kommt ein spannender, überzeugender Plot, konsequent gestrickt, der den Leser bei der Stange hält.

 

Manchmal allerdings wirkt die Schreibe etwas bieder, etwa, wenn schon wieder eine der Personen "über die letzte Stunde nachgrübelt", damit der Autor eine Rückblende einschieben kann oder ein Dialog offensichtlich nur dem Zweck dient, Informationen an den Leser zu bringen.

 

Doch der solide recherchierte Hintergrund und die spannende Geschichte sorgen dafür, dass man dies schnell überliest. Was zeigt, dass eine gute Geschichte immer noch das Wichtigste für das Lesevergnügen ist. Und dass es einem Buch nicht schadet, wenn darin nicht nur gemordet wird, sondern der Leser zusätzlich Informationen über Region und Polizeiarbeit erhält.

 

Fazit: Spannender Krimi, der außerdem dem Leser eine Menge über die Ems und die Umweltprobleme durch die Flußwerften erzählt.

 

 

Leseprobe: leider keine Leseprobe

 

Emsgrab, Krimi, Wolfgang Santjer, Leda, August 2013

ISBN-13: 978-3864120640, Tb, 318 Seiten, Euro 10,95

 

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Tags: ems, ostfriesland, papenburg, schlick   (4)
 

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22 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

münsterland, krimi, jürgen kehrer, münster, yasi ana

Münsterland ist abgebrannt

Jürgen Kehrer , ,
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 02.05.2013
ISBN 9783499266508
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Abgesehen von den bräunlichen Flecken auf dem Parkettboden, war die Einrichtung perfekt. Eine kuschelige Sofaecke, so groß, dass eine ganze Grundschulklasse darauf hätte herumhüpfen können. Alte Schränke und Hightech, alles aufeinander abgestimmt. Die Bilder an der Wand waren sicher keine billigen Drucke, und der Farbton der blutroten Landschaft neben dem Kamin passte exakt zu dem klotzigen Kronleuchter, an dem der Hausherr baumelte. Von da oben hatte man bestimmt einen phantastischen Blick über die sanft abfallenden Wiesen bis zum Waldrand.

Bastian Matt dachte an seine schäbige Zweizimmerwohnung im münsterschen Geistviertel.«

 

Carl Benedikt Mergentheim ist Privatbankier mit exquisitem Geschmack und außerdem ist er tot, Bastian Matt ein Mitglied der K-Wache, also der Kripo Bereitschaft, der gerne zur KK 11 versetzt werden würde, also zu den Mordexperten. Und Mergentheim könnte ihm vielleicht diese Chance bieten, hofft er. Doch leider sieht es erst mal nach einem Selbstmord aus. Bei der Obduktion trifft er eine attraktive chinesische Rechtsmedizinerin, die eigentlich keine Chinesin ist und sehr eigene Vorstellungen von Männerbeziehungen hat aufgrund ihres kulturellen Hintergrund. In Spitzbergen gibt es eine Samenbank der ganz eigenen Art und im Münsterland eine lukrative kleine Pharmafirma, die ein Patent hält, über dessen Hintergrund es unterschiedliche Auffassungen gibt ...

Jürgen Kehrer hat Biopiraterie, Spitzbergen und zwei sehr unterschiedliche Protagonisten zu einem spannenden Krimi vereint. Gut geschrieben, spannend zu lesen und abseits der üblichen Verdächtigen ragt die Geschichte aus den gängigen Texten heraus und verdient uneingeschränkt fünf Sterne. Einfach nur gut.

 

Leseprobe: http://www.rowohlt.de/fm/131/KehrerMuensterlandist_abgebrannt.pdf

Homepage des Autors: http://www.juergen-kehrer.de/

 

Münsterland ist abgebrannt, Krimi, Jürgen Kehrer, Rowohl, Mai 2013

ISBN-13: 978-3499266508, Tb, 352 Seiten, Euro 9,99

 

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Verurteilt

Robert Pragst
Flexibler Einband: 220 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 01.07.2013
ISBN 9783423249829
Genre: Sachbücher

Rezension:

Robert Pragst wird als Richter auf Probe eingestellt. Und wie er im Buch [[ASIN:342324903X Auf Bewährung: Mein Jahr als Staatsanwalt]] seine Erlebnisse als Staatsanwalt schildert, so schildert er jetzt den Alltag als Richter, erst als Betreuungsrichter, dann als Beisitzer bei einem Strafgericht.

 

Große und kleine Fälle schildert er, auch die juristischen Hintergründe, die er für Laien sehr gut zu erklären weiß. Manches sind berührende Fällen, etwa der der 99jährigen, die eine Betreuung ihres 102 Jahre alten Mannes von Gericht anfordert, weil sie selbst das nicht mehr leisten könne. Manches ist witzig, etwa der eines Mannes mit IQ 140, der jahrelang als Arzt arbeitete, ohne einer zu sein und nun eine Betreuung für sich sich und seine Finanzen beantragt, weil er sonst sein Geld schon in den ersten Tagen des Monats ausgeben würde. Oder der Fall eines derjenigen, die behaupten, das deutsche Reich existiere weiter und er sei Polizeipräsident von München, der eine Rechtspflegerin bedroht hat und nun energisch gegen sein Betreuungsverfahren vorgeht.

 

Auch die Strafsachen sind selten das große Kino, das wir in den Medien erleben. Betrügerische Anlageberater, Brandstiftung, um Versicherungsgelder zu kassieren, die falschen Abrechnungen in einem Heim für Asylbewerber und einen kleinen Drogendealerring, den ein Kontaktbeamter der Polizei hochgehen lässt. Leider nicht ganz entsprechend der Vorschriften, so dass einzelne Beweise nicht verwendet werden können. Diese Geschichte begleitet das ganze Buch, sie wird Schritt für Schritt verfolgt, wir erleben die Ermittlungen, die Tricks eines Verteidigers, der mit endlosen Fragen die Verhandlung erst platzen lässt, sie dann immer wieder in die Länge zieht, bis er schließlich sein Mandant niederlegt. Die Höhen und Tiefen eines Strafprozesses.

 

Pragst schildert auch die Probleme, etwa die bei einem Deal zwischen Gericht, Verteidiger und Staatsanwalt, der gegen ein Geständniss ein vorher ausgemachtes Strafmaß, meist mit Bewährung beinhaltet. Für das Gericht ist das weniger Arbeit, für den Angeklagten Sicherheit im Strafmaß, aber natürlich bleibt dabei die Frage offen, wieweit sich das mit dem Rechtsempfinden verträgt. Er schildert auch an einem Fall unter welchen Druck ein Gericht geraten kann, wenn aufgrund der Stellung der Angeklagten (Promi) sich das Fernsehen einmischt und oft durch Bilder eine verfälschte Darstellung bis hin zur Vorverurteilung suggeriert.

 

Robert Pragst versteht es, den Gerichtsalltag unterhaltsam und realistisch zu schildern. Wer den Arbeitsalltag eines Richters ungeschminkt kennenlernen möchte, ist mit diesem Buch gut bedient.

 

Einziges Manko: Da das Buch nicht nur die Erlebnisse beim Strafgericht schildert, sondern auch beim Betreuungsgericht und Verkehrsgericht, kann es nicht so in die Tiefe gehen, wie der Untertitel verspricht. Der suggeriert, dass es nur um die Erfahrungen als Strafrichter gehe.

 

 

Leseprobe: http://www.dtv.de/special/robertpragstverurteilt/leseprobe/1632/

 

Verurteilt – mein Jahr als Strafrichter, Sachbuch, Robert Pragst, dtv, Juni 2013

ISBN-13: 978-3423249829, Tb, 217 Seiten, Euro 14,90

 

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kuba, sowjetunion, weltrevolution, kalter krieg, che guevara

Traumpfade der Weltrevolution

Gerd Koenen
Flexibler Einband: 602 Seiten
Erschienen bei Fischer Taschenbuch, 06.12.2011
ISBN 9783596185764
Genre: Biografien

Rezension:

Che Guevara und die kubanische Revolution haben tausende Intellektuelle begeistert. Und während der real existierende Sozialismus in sich zusammenstürzte, ohne dass ihm viele nachweinten, bleibt der Mythos Ché so lebendig, dass sogar Hollywood eine Schmonzette darüber drehen wollte. Dass ausgerechnet die Traumfabrik der imperialistischen Supermacht, die er sein Leben lang bekämpft hatte, ihn verfilmen und verehren wollte, das gehört zu den besten Hintertreppenwitze der Weltgeschichte. Nur der juristische Einspruch der Mutter von "Tanja la Guerillera", einer Kampfgenossin Chés, verhinderte das.

 

Doch wer war Ché wirklich, was hat er wirklich getan, was waren seine Ziele, was trieb ihn an?

 

Gerd Koenen, selbst einer derer, die ihn verehrt hatten, will in diesem Buch den echten Ché vorstellen. Der junge Ché, eher nicht politisch, sondern mehr literarisch interessiert (und erotisch, wie in diesem Alter nicht unüblich), der Gedichte schreibt und durch Südamerika tourt. Dabei wird er von der dünnen Oberschicht überall willkommen geheißen und weitergereicht, ein realistischer Einblick in die Verhältnisse Südamerikas in den Vierziger und Fünfziger Jahren. Er schreibt schwülstige Gedichte (auch das in dem Alter nicht unüblich), studiert später Medizin und dann fährt er wieder durch den Subkontinent. Ein extremer Individualist, der seine Rolle im Leben sucht. Als Angehöriger der Oberschicht blickt er voller Verachtung auf Kommerz und Geld herab; in einem Job Tag für Tag das gleiche zu tun, das reizt ihn nicht, er will eine wichtige Rolle spielen. Die Welt zu retten, wäre ihm adäquat, noch besser, bei dieser Rettung zu sterben, sein Leben zu opfern und ihm dadurch Bedeutung zu verleihen. Auch das ist in dem ALter nicht unüblich und dürfte ihn kaum von anderen jungen Männern unterschieden haben.

 

Obendrein teilt er den Hass vieler Latinos auf die Gringos, auf das reiche Nordamerika, das an allem Übel dieser Welt und insbesondere an allen Übeln Südamerikas schuld ist. Diese Überzeugung wird er bis zu seinem Tode nicht ändern.

 

Dann trifft er Castro. Und der kann ihm das bieten: Kuba vom Tyrann Batista befreien, eine heroische Landung in der Höhle des Löwen und die Chance sein Leben für die Freiheit einzusetzen. Ché schlägt ein, der Rest ist Geschichte. Die kleine Truppe vollbringt das Unmögliche, sie landet unter dem Feuer der Batista-Soldaten, kann sich in die Sierra Maestra durchschlagen, führt dort einen Partisanenkrieg und stürzt schließlich den Diktator.

 

In diesen Jahren wird Ché zum Politiker. Dass eine kleine, entschlossene Gruppe von Männern (Frauen kommen im Weltbild des Ché als Mitkämpfer kaum in Betracht) einen Diktator stürzen kann, diese Vorstellung baut er von nun an aus. "Sieg im Volkskrieg" ist die Parole. Der große Krake USA kann geschlagen werden, man muss nur den Mut und die Entschiedenheit dazu besitzen. Folgerichtig hält es ihn nur kurz auf dem Stuhl eines Ministers. Ein Leben als Verwalter, Bürokrat ist nichts, das ihn reizt. Auch wenn er die kurzen Jahre als Minister nutzt, auf der diplomatischen Bühne mit frechen Sprüchen sowohl den Feind USA wie den Bundesgenossen Sowjetunion zu düpieren. Zusammen mit Castro schafft er es, dass das kleine Cuba einige Jahre lang die Weltgeschichte bestimmt. Sowohl die USA wie die Sowjets werden immer wieder überrascht und ausmanövriert.

 

Die ironischen Sprüche, die so ganz anders klingen als die steifen Formeln, hinter denen sich die beiden Supermächte mittlerweile eingegraben haben, die immer neuen unerwarteten Wendungen der kubanischen Politik sind es denn auch, die Ché und Castro die Herzen zufliegen lassen. Selbst eingefleischte CDU Wähler grinsen über „den fidelen Castro“ und können die klammheimliche Schadenfreude nicht verbergen. Hier liegt ganz sicher ein Grund für die ungebrochene Faszination für „den Ché“. Dass jemand die Dinge beim Namen nennt, statt sie mit diplomatischen oder weltanschaulichen Formeln zu kaschieren, gefällt.

 

In Cuba sieht es allerdings ganz anders aus. Die versprochenen Wahlen werden nie abgehalten, schnell wird das Land gleichgeschaltet, wer sich nicht hinter Castro und Co einreiht, muss das Land verlassen, landet im Umerziehungslager oder gar vor dem Erschießungskommando. „Paredon! Paredon! Paredon!“ (An die Wand!) heißt die Parole.

 

Ché selbst, der absolute Individualist, der Mann, der selbst im Feld abgesondert von den anderen sitzt und ein Buch liest, hält flammende Appelle gegen den Individualismus:

 

„Der Individualismus als solcher, als isoliertes Handeln eines Menschen [...] muss verschwinden. Der Individualismus von morgen sollte die angemessene Nutzbarmachung des ganzen Individuums zum uneingeschränkten Wohl der Gemeinschaft sein.“

 

Dass er den eigenen Individualismus nie aufgab, ist einer der Widersprüche seiner Person. Dass er außerdem einen neuen Menschen nach seinem Ebenbilde schaffen wollte, ein anderer. Er selbst wollte seine ganze Kraft für die große Idee einsetzen:

 

„Ich arbeite 16-18 Stünden täglich und schlafe 6 Stunden, wenn ich kann [...] ich glaube, dass ich eine Mission zu erfüllen habe auf dieser Welt, und dieser Aufgabe muss ich alles opfern, jedes tägliche Vergnügen, ein Zuhause, persönliche Sicherheit und möglicherweise auch mein eigenes Leben.“

 

Wenn allerdings das zu einem Lebensentwurf wird, dem alle Menschen zu folgen haben, wird es gefährlich. So ist eine 40 Stunde Woche in Ché Weltbild nicht vorgesehen und allein schon der Gedanke daran konterrevolutionär.

 

Wie alle südamerikanischen Caudillos vereinigte Ché Großzügigkeit und Grausamkeit in seiner Person. Er hatte keine Hemmungen, politische Gegner zu erschießen, konnte aber auch mit großer Geste vergeben. Sein Weltbild war immer noch das Weltbild der lateinamerikanischen Oberklasse. Der Führer geht voran, denkt für die armen Bevölkerungschichten, sorgt für sie. Demokratie scheint nie mehr als ein Lippenbekenntnis gewesen zu sein. Und seine Verachtung für Kommerz entspricht der Verachtung des preußischen Adels, der ebenfalls nur im Waffenhandwerk, im Kampf das adäquate Betätigungsfeld eines Edelmannes sah und für den Leute, die für Geld arbeiteten, von vorneherein minderwertig waren.

 

Gerd Koenen schildert in dem Buch anschaulich den Werdegang Ché von dem Hippie, der durch Südamerika zieht bis zu dem Berufsrevolutionär, der mit der Waffe in der Hand durch die Welt reist, um überall die Revolution zu entfachen. Gut lesbar, mit vielen Zitaten und ausführlichem Literaturverzeichnis am Ende fehlt dennoch etwas. Für die meisten Zitate und Behauptungen fehlt der Verweis, woher sie stammen. Fußnoten gibt es leider nur wenige und gar kein Verzeichnis der verwendeten Zitate.

 

Manches ist auch mehr als fraglich. So verweist der Autor auf Chés Begeisterung für Stalin, allerdings konnte mich das nicht überzeugen. Zwar war auch Ché bereit, notfalls über Leichen zu gehen, zu Kompromissen nicht bereit und Anhänger einer staatlich gelenkten Wirtschaft. Es finden sich auch einige Zitate, die Stalin loben. Dennoch gibt es deutliche Unterschiede. Bei Stalin war die Partei das A und O, bei Ché war es der Kampf und manches andere auch deuten nicht auf allzu große Übereinstimmung hin. Mir scheint es, dass hier der Autor auf Stalin verweist, weil er damit Ché entzaubern will.

 

Der schwächste Teil des Buches befasst sich mit Tamara Bunke, einer Deutschen, die bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr in Argentinien lebt, gegen ihren Willen von den Eltern in die DDR verfrachtet wird, sich dort als linientreue Genossin darstellt, um schließlich ohne Erlaubnis der SED die DDR Richtung Kuba zu verlassen und sich der Guerilla Chés als "Tanja la Guerillera" in Bolivien anzuschließen. Koenen schildert sie als brave Parteisoldatin, die allen Anforderungen der SED treudeutsch nachkommt und sie übererfüllt. Dazu zitiert er aus Stasi-Papieren und Texten Tamaras.

 

Nur vergisst er eins: Tamara hatte nur dann eine Chance zurück nach Lateinamerika zu gelangen, wenn sie sich absolut parteitreu zeigte. Das brave Mädchen, das sie spielte (und das sowohl die SED wie Koenen ihr abnehmen) war sie wohl nicht. Denn gegen den Willen der SED Führung nach Kuba zu fliehen, erfordert nicht nur Mut (immerhin war das Republikflucht), sondern spricht auch nicht für die 150% Genossin. Eine glühende Sozialistin war sie gleichwohl sicher. Nur dass die Morgenröte der jungen kubanischen Revolution und deren ebenfalls junger Führer ihr erheblich anziehender erschien als die verknöcherte Gerontenrepublik der DDR. Was einmal mehr verständlich macht, warum Ende der Sechziger soviele junge Leute begeistert von der kubanischen Revolution waren.

 

Auch den Zitaten Chés glaubt das Buch, übernimmt sie 1:1 als Wirklichkeit, selbst in Gedichten. Doch Gedichte spiegeln nie hundertprozentig die Auffassungen des Dichters wieder, hier wäre mehr Distanz, mehr Interpretation wünschenswert gewesen.

 

Koenens Buch wirft natürlich weitere Fragen auf, die nicht alle in dem Buch behandelt werden konnten.

 

Während er ausgiebig Chés Stalin Zitate darstellt, wird Chés Asthma nur insofern erwähnt, dass er deswegen stets Medikamente braucht. Aber was bedeutete es für einen Jungen in den Dreißiger Jahren Asthma zu haben? Auch in Deutschland war es die Hochzeit des Männlichkeitswahns, ein Junge musste eine Sportskanone, ein „richtiger Kerl“ sein, kein Weichei. Ich vermute, dass dieses Asthma eine ganz zentrale Rolle in Chés Persönlichkeit spielte. Sein ganzes erwachsenes Leben lang spielte er den ganzen Kerl, den Mann, den nichts umhauen kann, den Mann, der weder Tod noch Teufel fürchtet. Lord Byron fällt mir da ein, der durch einen Klumpfuß gehandikappt war und ebenfalls einer Revolution beitrat, nämlich der griechischen. Überhaupt ähnelt Ché Byron, die romantische Pose, die Verachtung für realistische Politik und der Glaube daran, dass man alleine mit Willenskraft alles schaffen könne. Nicht zu vergessen der frühe Tod, der beide zu Helden und Heiligen machte.

 

Im Buch wird auch die Zeit der Guerilla in der Sierra Maestra nur kurz gestreift. Aber wieweit hat gerade diese Zeit Ché nicht geprägt, war seine goldene Zeit? Immerhin erlebte er hier, der Einzelgänger und Individualist erstmals ein Gemeinschaftserlebnis, eines, dem er immer wieder nachlief, eines, das er immer wiederholen wollte und das er als Ideal allen Menschen aufpfropfen wollte?

 

Aber was kann man besseres über ein Buch sagen, als dass es zu weiterem Nachdenken anregt? So sind die Traumpfade der Weltrevolution ein lesenswertes Buch, das nicht nur über Ché berichtet, sondern auch die zahlreichen Irrungen und Wirrungen der realsozialistischen Staaten spiegelt, etwa die entsetzte Prüderie der SED und Stasi über die vermeintliche „Unmoral“ der kubanischen Revolution.

 

Leseprobe: leider keine Leseprobe

Homepage des Autors: http://www.gerd-koenen.de/

 

Traumpfade der Weltrevolution – das Guevara Projekt, Sachbuch, Gerd Koenen, Fischer, Dezember 2011

ISBN-13: 978-3596185764, Tb, 698 Seiten, Euro 12,99

 

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Alles Boulevard

Mario Vargas Llosa , Thomas Brovot
Fester Einband: 231 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 15.04.2013
ISBN 9783518423745
Genre: Sachbücher

Rezension:

Um es gleich zu sagen: Das Buch behandelt nur in dem ersten Abschnitt den Boulevard, die anderen Abschnitte kreisen um Aufgabe der Kultur, um die Grenzen der Freiheit, das Verschwinden der Erotik, das Verhältnis von Kultur, Politik und Macht und um die Religion. Das Buch ist eine Sammlung von Essays, die bis zu zwanzig Jahren alt sind.

 

Und Llosa gehört nicht zu denen, die in den beliebten Kanon "Untergang des Abendlandes" einstimmen, mit dem man heute viele Leser und viel Beifall finden kann - vor allem auf dem Boulevard.

 

Er stellt fest, dass es die Kultur, die es früher gab, heute nicht mehr gibt oder, genauer gesagt, dass sie sich gewandelt hat. Bis in die Sechziger Jahre gab es eine feste Vorstellung, was Kultur ist, was dazu gehört und was nicht. Ein Regelwerk, sehr starr, eine Kultur, die den (wenigen) Gymnasiasten eingebleut wurde. Demgegenüber herrscht heute die Beliebigkeit. "Die große Mehrheit des Menschengeschlechtes praktiziert und produziert heute keine andere Form von Kultur als jene, die früher von den gebildeten Kreisen nur abschätzig betrachtet wurde, als reine Freizeitbeschäftigung, ohne jede Verwandtschaft mit den geistigen, künstlerischen und literarischen Betätigungen, auf denen Kultur gründet."

 

Dazu muss man natürlich sagen, dass es diese Freizeitbeschäftigung schon immer gegeben hat. Im antiken Rom pilgerten Hunderttausende in den Circus, der ganz sicher kulturell nicht wertvoller war als "Deutschland sucht den Superstar". Allerdings kann man DSDS heute als Teilnehmer lebendig - wenn auch nicht immer unbeschadet - verlassen, was im antiken Circus Maximus keineswegs selbstverständlich war.

 

Und nicht alles aus dieser riesigen Freizeit- und Unterhaltungsbranche ist intellektuell minderwertig, Llosa weiß das im Gegensatz zu all den modischen "Untergang des Abendlandes"-Propheten. "Um nicht mißverstanden zu werden: Ich verurteile keineswegs die Autoren einer solchen unbeschwerten Unterhaltungsliteratur, denn es gibt unter ihnen echte Talente." Nicht zu vergessen, dass der alte Kulturbegriff, eben weil er feste Regeln setzte, so manches wertvolle ausschloß: Dashiell Hammett und Chandler hatten Krimis in Groschenheften veröffentlicht, Günther Grass Gossensprache verwendet, beides schloss sie für viele Vertreter des alten Kulturbegriffs von vorneherein aus der Kultur aus. Regeln setzen eben Grenzen und ebendiese Grenzen bewahren zwar einen einheitlichen Begriff dessen, was zur Kultur gehört und was ein gebildeter Mensch kennen sollte. Aber Grenzens grenzen eben auch aus, darunter so manches, was wert wäre, bewahrt zu werden.

 

Statt der festen Vorstellung, was Kultur ist und zu ihr gehört, gibt es heute das "Anything goes". Alles ist gleichwertig, denn wer sind wir, dass wir eine Hierarchie festlegen wollen? Heidi Klum und Nelson Mandela, Goethe und "Shades of Grey". Wir haben die alten Grenzen niedergerissen, Kampagnen gegen "Schmutz und Schund" keine Chancen mehr. Aber wir haben dafür etwas verloren: Maßstäbe, nach denen wir Prioritäten setzen. Und wir haben den Mut verloren, neues zu wagen.

 

"Aber wenn heute kaum noch jemand so gewagte literarische Abenteuer in Angriff nimmt, wie ein Joyce, eine Virginia Woolf, ein Rilke oder ein Borges dies taten, dann liegt das nicht allein an den Schriftsteller; es liegt auch daran, dass die Kultur, in der wir nun versinken, solch furchtlose Anstrengungen nicht nur nicht begünstigt, sondern behindert, Anstrengungen, die in Werken gipfeln, welche dem Leser eine fast so große geistige Konzentration abverlangen wie die, die sie ermöglicht hat. Heutige Leser wollen leichte Bücher, und die Nachfrage übt einen Druck aus, der für die Autoren zu einem machtvollen Kriterium wird."

 

Diesen Druck gab es allerdings auch schon früher, Joyce wurde schon zu Lebzeiten von den wenigsten gelesen (daran war auch die Zensur schuld). Ich habe starke Zweifel, dass Llosa mit seiner verklärten Nostalgie recht hat, die glaubt, dass früher mehr Leser bereit waren sich auf Experimente wie "Ulysseus" einzulassen. Bleibt natürlich die Frage, warum Bücher heute zwar geschätzt werden wie nie zuvor (jede Kleinstadt hat heute ihre Literaturtage, ihre Literaturpreise), aber die Schriftsteller sowenig Bedeutung haben und sowenig Risiken eingehen? Vielleicht, weil es keine Grenzen mehr gibt, gegen die sie anlaufen können? Flaubert wurde wegen Madame Bovary noch vor Gericht gezerrt, "Fifty Shades of Gray" laufen nur Gefahr, dass man sich darüber mokiert.

 

Vielleicht spielt aber auch etwas anderes eine Rolle: "Ein Grund ist gewiss, dass sich gleich mehrere Generationen von Intellektuellen mit ihren Sympathien für die Totalitarismen, ob Nationalsozialismus, Sowjetkommunismus oder Maoismus, in Verruf gebracht haben, mit ihrem Schweigen und ihrer Blindheit angesichts der Schrecken des Holocausts, der Gulags und der blutigen Kulturrevolution." Leider verfolgt Llosa diesen Gedanken nicht weiter, ich halte ihn für eminent wichtig. Die großen Debatten, Glaubenskämpfe haben große Gedanken hervorgebracht. Aber auch jede Menge blutiger Irrtümer. Weder das eine noch das andere kann einem mit "Fifty Shades of Gray" passieren.

 

Das zweite große Thema des Buches ist die Religion. Llosa ist ein Kind der Aufklärung, er sieht die Gefahren, wenn Religionen sich des Staates bemächtigen. Aber er sieht auch, dass Religionen vielen Menschen Halt geben, dass der Bedeutungsverlust der klassischen Religionen eine Vielzahl von Sekten hervorgebracht haben, die die religiösen Bedürfnisse auf ihre Art zu erfüllen trachten. Auch hier konstantiert er den Verlust der klassischen festgefügten Werte, ein Verlust, der mehr Freiheit brachte, aber eben auch ein Verlust war. Allein diese Abhandlung über Gefahren und Notwendigkeit der Religion ist es wert, gelesen zu werden.

 

"In keiner der heutigen Demokratien streben die jüngeren Generationen danach, dem Staat mit jener Begeisterung zu dienen, mit der sich noch vor wenigen Jahrzehnten die idealistische Jugend in der dritten Welt der revolutionären Aktion verschrieb. Diese Hingabe führte in den Sechziger und siebziger Jahren Hunderte von Jungen Leuten in den Dschungel und die Berge fast ganz Lateinamerikas, Menschen, die in der sozialistischen Revolution ein Ideal sahen, das es wert war, dafür ihr Leben zu geben." Hier spricht Llosa an, was zunehmend ein Problem moderner Demokratien wird. Obwohl sie viel mehr Freiheiten gewähren, als die Glaubensdiktaturen aller Couleur, tun sie sich hart, Menschen wirklich in Bann zu schlagen. Wer will schon in die Politik gehen, wenn Politiker mieses Ansehen genießen, sehr viel schlechter als in der Wirtschaft bezahlt werden und jederzeit Gefahr laufen, wegen eines Nebensatzes, den sie irgendwo geäußert haben, ein Shitstorm auszulösen. Dazu kommt eine Presse, die ohne große Risiken einzugehen, Telefone abhören und das Privatleben von Politikern ausspähen darf. In der Politik hat das Primat der Unterhaltung vor der inhaltlichen Auseinandersetzung schwerwiegende Folgen.

 

Der schwächste Teil des Buches ist der über Erotik. Vargas Llosa ist kein Anhänger der katholischen Morallehre, schon gar nicht im Bereich Sexualität. Dennoch ist er von ihr geprägt. "Bei wohl keiner anderen Betätigung hat man zwischen Tierischem und Menschlichem eine so klare Grenze gezogen wie beim Sex", "zurück in die Steinzeit, als die Paare, wie die Affen und die Hunde, noch nicht gelernt hatten, miteinander zu schlafen, sondern nur zu kopulieren" sind zwei Beispiele dafür. Dass diese Auffassung der strikten Trennung von Tieren, die "nur kopulieren" und den Menschen, bei denen Sex noch eine andere Bedeutung hat, dass diese Auffassung von der Verhaltensforschung schon vor über vierzig Jahren widerlegt wurde, ist ihm entgangen. So enthält der Abschnitt über den Verlust der Erotik zwar einige richtige Beobachtungen, aber schwimmt weit weg von den Realitäten.

 

Auch an anderen Stellen merkt man, das einige der Artikel schon ziemlich alt sind, etwas bei: "HEute erleben wir das Primat der BIlder über die Ideen" Das stammt wohl noch aus den Vorinterzeiten, als nur das Fernsehen die Öffentlichkeit prägte. Gegen INternet-Shitstorms lässt sich eine Menge sagen, aber sie werden mit Worten geführt. Und soviele Katzenbilder sich auch bei Facebook finden, es ist immer noch ein Medium des Wortes. Was zeigt, wie schnell sich heutzutage die gesellschaftlichen Bedingungen ändern können.

 

Nichtsdestotrotz bietet das Buch gut geschriebene Essays, die zu lesen sich nicht nur lohnt, sondern auch Spaß macht. Langeweile ist Llosas Ziel nicht, allem Kulturpessimismus zum Trotz.

 

 

Leseprobe: http://www.bic-media.com/dmrs/widget.do?bgcolor=1750E2&arrowTeaser=yes&clickTeaser=no&buttonOrder=book&metadata=no&download=no&layout=singlepage&layoutPopUp=doublepage&showTitle=no&showTitleInPopUp=yes&buyButton=yes&buyUrl=http://www.suhrkamp.de/warenkorb/additem/buch/42374/&showTAFButton=yes&socialSelfBackLink=yes&isbn=9783518423745

 

Über den Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/MarioVargasLlosa

 

Alles Boulevard, Essays, Mario Vargas Llosa, Suhrkamp, April 2013

ISBN-13: 978-3518423745, gebunden, 231 Seiten, Euro 22,95, Ebook: Euro 19,99

 

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Abserviert

James M. Cain , Gunter Blank
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei WALDE + GRAF bei Metrolit, 04.03.2013
ISBN 9783849300623
Genre: Romane

Rezension:

In den Siebziger Jahren geschrieben, spielt dieser Roman Ende der Fünfziger Jahre. Joan wurde früh von ihrem Freund schwanger, die beiden mussten, wie damals üblich, heiraten, und sie verlor ihren Mann, weil er betrunken gegen eine Wand fuhr. Jetzt hat sie kein Geld, Strom und Telefon wurden schon abgestellt und die Polizei verdächtigt sie, dass sie am Tod ihres Mannes nicht ganz unschuldig war.

Da hat sie Glück. Sie bekommt einen Job als Kellnerin in einer Bar. Sie ist hübsch, sexy und trägt bei der Arbeit ein sehr offenherziges Kostüm. Das spricht die Männer an und führt zu großen Trinkgeldern. Außerdem interessiert sich Earl, ein reicher, älterer Mann mit Herzproblemem für sie, den sie heiraten möchte. Damit sie ihr Kind wieder zu sich nehmen kann. Doch weiche Knie bereitet ihr nicht Earl, sondern Tom, ebenfalls ein Kunde der Bar. Der hat aber kein Geld.

James M. Cain lässt Joan ihre Geschichte erzählen und wie sie diese erzählt. In der Ich-Perspektive, atemlos, packt sie den Leser, er fiebert mit ihr und weiß doch nicht, was er der Dame glauben darf. Ist sie so naiv oder einfach nur gerissen? Cain lässt die Fünfziger Jahre aufleben, den Sex, der eigentlich Pfui ist, aber gerade deswegen überall präsent, die junge Frau mit dem alten Mann, der sie retten könnte und dem jungen Burschen, der ein Hallodri ist, für den sie aber Gefühle entwickelt, die es eigentlich gar nicht geben dürfte.

Ich weiß nicht, was ich mehr loben soll, den konsequent durchgehaltene Stil der Erzählung, der die junge Frau lebendig werden lässt; den stringent erzählte Plot, der den Leser mit immer neuen Verwicklungen in Bann schlägt oder den Schluss, der eine völlig überraschende, ebenfalls aber glaubwürdige Lösung bietet. "ABSERVIERT wird Sie fesseln und mit seinem unglaublichen Ende schockieren" urteilte Stephen King und er hat ganz sicher recht.

Obendrein enthält das Buch ein sehr gutes Nachwort. Die Leser liebten James M. Cain, er sprach Millionen an, bei der Kritik galt er aber als Mainstream, als Lieferant von grellem Schund, der die niederen Instinkte der Leser bediente. Was beim Lesen natürlich die Frage keimen lässt, wieviele der heutigen Autoren, die von Kritikern aus gleichen Gründen verrissen werden,  in fünfzig Jahren vielleicht als Literaten hochgeschätzt werden.

Dazu findet sich eine ausführliche Schilderung von Charles Ardai, der diesen letzten Roman von Cain entdeckte, wie er die Einzelteile fand und daraus schließlich eine kohärente Fassung zusammenfügte. Das jedenfalls ist ihm bestens gelungen.

Fazit: Ein Pulp-, ein Trashroman der alten Schule, der immer noch zu faszinieren vermag.

Leseprobe: http://www.amazon.de/Abserviert-Roman-James-M-Cain/dp/3849300625#reader_B00BN7YH5I

 

Abserviert, Krimi, James M. Cain, Walde und Graf, März 2013

ISBN-13: 978-3849300623, gebunden, 352 Seiten, Euro 22,99

 

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

kripo, reale fälle, vermisstenfälle, polizei

SOKO im Einsatz

Ingo Thiel , Bertram Job , Bertram Job
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Ullstein extra, 12.11.2012
ISBN 9783864930126
Genre: Sachbücher

Rezension:

Die Suche nach dem Verschwundenen Mirco war eine der größten Fahndunsaktionen der Bundesrepublik. Tausenden von Spuren und Hinweisen ging die bis zu 80 Mann starke Sonderkommission (SoKo) nach, bis der Täter gefasst und die Leiche entdeckt wurden.

 

Ingo Thiel, der Leiter der SoKo, beschreibt in diesem Buch diese Arbeit zusammen mit dem Journalisten Bertram Job. Dabei liegt der Schwerpunkt nicht auf spektakulären Ereignissen, sondern auf dem Alltag in einer solchen SoKo. Die vielen verschiedenen Polizisten, jeder hat andere Fähigkeiten und eine andere Persönlichkeit. Von dem, der die pausenlosen Anrufe aus der Bevölkerung entgegennimmt und in den Computer einträgt über die verschiedenen Vernehmer bis zu den Nerds, die am Computer unzählige Daten verknüpfen. So entstand erst eine Fahrtroute, die der Täter genommen haben musste, aus der später anhand tausender Telefonortungsdaten eine herausgefunden wurde, deren Besitzer zu der fraglichen Zeit genau diesen Weg zurückgelegt hatte.

 

So manches Vorurteil wird dabei korrigiert. Etwa, dass Presse und Polizei eher gegensätzliche Ziele verfolgen. Ingo Thiel setzte dagegen auf die Presse, weil er möglichst viele Rückmeldungen aus der Bevölkerung erhalten wollte. Auch wenn dies eine Menge Arbeit bedeutete und manche Spinner auf den Plan rief, von Selbstbezichtigern angefangen bis zum täglichen Kurt, der der Polizei vorschreiben wollte, wie sie ihre Fahndungen organisieren müsse, um Erfolg zu haben.

 

Zwei weitere, weniger bekannte Fälle werden ebenfalls in dem Buch behandelt.

 

In allen Fällen hatte man den Eindruck, dass die Täter fast schon erleichtert waren, wenn sie ihre Taten endlich gestehen konnten. Das setzte viel Einfühlungsvermögung bei der Vernehmung voraus, die Bereitschaft, sich in Menschen zu versetzen, deren Motive zu verstehen, die furchtbares getan hatten und das noch zu begründen versuchten.

 

Das Buch liefert einen guten Einblick in die tägliche Arbeit einer Sonderkommission, bei der, anders als im Krimi, viele kleine Spuren und deren Kombination zum Erfolg führen und nicht die eine, große Entdeckung samt Show-Down.

 

Wer einen Eindruck von der Polizeiarbeit in solchen Sonder- oder Mordkommissionen erhalten will, wird hier fündig. Dazu bietet das Buch auch einen guten Überblick darüber, wieviele sehr unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten an solchen Fällen beteiligt sind. Und man erfährt auch, wie unterschiedlich die Täter sind. Der eine eher unberührt von der Tat, der andere, der erst im Gefängnis Boden unter den Füßen erhält, endlich eine Rolle im Leben findet - und immer wieder mit dem Ermittler telefoniert. Weil er draußen niemand anders hat.

 

 

Leseprobe: http://www.ullsteinbuchverlage.de/media/9783864930126.pdf

 

SoKo im Einsatz, Sachbuch, Ingo Thiel/Bertram Job, Ullstein, November 2012

ISBN-13: 978-3864930126, Tb, 222 Seiten, Euro 14,99

 

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dystopie, partials, jugendbuch, krieg, kira

Partials - Aufbruch

Dan Wells , Jürgen Langowski
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Piper, 12.03.2013
ISBN 9783492702775
Genre: Jugendbuch

Rezension:

 Das neugeborene Mädchen 485GA18M starb am 30. Juni2076 um 6.07 Uhr morgens. Es war drei Tage alt. Seit dem Zusammenbruch betrug die durchschnittliche Lebenserwartung eines menschlichen Säuglings sechsundfünfzig Stunden. Man gab ihnen nicht einmal mehr Namen. Kira Walker sah hilflos zu, wie Dr. Skousen den winzigen Körper untersuchte. Die gesichtslosen, mit Gasmasken und Overalls geschützten Schwestern – die Hälfte von ihnen war ebenfalls schwanger – notierten die Einzelheiten zu Leben und Tod. Die Glasscheiben dämpften das Wehklagen der Mutter im Flur. Sie hieß Ariel McAdamsund war gerade einmal achtzehn Jahre alt. Die Mutter eines Leichnams. Eine Schwester ging die Messwerte des Thermometers durch. »Körpertemperatur siebenunddreißigzwo bei der Geburt.« Die Worte drangen blechern durch die Maske. Kira kannte ihren Namen nicht. Eine andere Schwester übertrug die Zahlen sorgfältig auf einen gelben Zettel. »Siebenunddreißigzwo um vier Uhr heute Morgen. Dreiundvierzig zum Zeitpunkt des Todes.« Leise bewegten sie sich in dem Raum hin und her, hellgrüne Schatten in einem Land der Toten.

 

Paragen, eine Gentechnik Firma, hat künstliche Menschen (Partials) geschaffen, deren Wunden schneller heilen, die Krankheiten überstehen und im Kampf jedem Menschen überlegen sind. Genmanipulierte Soldaten, die sich hervorragend bewähren. Bis sie sich gegen ihre Schöpfer wenden, in einem Aufstand die Menschheit fast völlig ausrotten mittels eines Virus, gegen den es kein Mittel gibt. Nur einige tausend haben in East Meadow auf Long Island überlebt. Und wenn sie Kinder bekommen, sterben diese nach wenigen Tagen an dem Virus.

 

Der Senat in East Meadow hat ein Zukunftsgesetz erlassen. Das verpflichtet jede erwachsene Frau pro Jahr ein Kind zu bekommen. Irgendwann, so hofft man, wird ein Kind geboren werden, dass nicht gleich nach der Geburt stirbt, sondern immun ist und überlebt. Irgendwann.

 

Kira will nicht so lange warten. Sie ist angehende KRankenschwester, hilft bei den Geburten und erlebt, wie die Babys sterben und die Verzweiflung der Mütter.

 

Sie will etwas tun und beginnt auf eigene Faust nachzuforschen. Und entdeckt etwas. Ein Mittel könnte vielleicht gefunden werden, wenn man sich mit den Partials zusammentun würde. Immerhin ist der Krieg seit vielen Jahren vorbei, Partials und Menschen leben aber nach wie vor streng getrennt in unterschiedlichen Gegenden. Also bricht Kira mit Freunden ins Land der Partials auf. Was streng verboten ist ...

 

Nach "Ich bin ein Serienmörder" hat Dan Wells einen ganz anderen Roman vorgelegt, der in einem düsteren Weltuntergangsszenario spielt. Solche Szenarios hat es schon oft gegeben, doch das Buch wiederholt nicht einfach die gängigen Klischees. Faszinierend, wie der Autor seine Geschichte weiterentwickelt, den Leser immer wieder überrascht, die Dinge in immer neuem Licht erscheinen lässt. Nie kann man sich sicher sein: Jetzt weiß ich Bescheid.

 

Das Buch erzählt aber auch viel über Politik und Macht. Darüber, wie es Menschen verändert, wie die Senatsmitglieder - jeder auf seine Weise - durch die Katastrophe bestimmt werden und wie sie an einmal gewählten Lösungen festhalten.

 

So ist ein spannender SF-Thriller entstanden, der den Leser in Bann schlägt.

 

 

Leseprobe: http://www.piper.de/buecher/leseprobe/partials-i-isbn-978-3-492-96175-2/extract

Homepage des Autors: http://www.fearfulsymmetry.net/

 

Aufbruch: Partials I, Science Fiction, Dan Wells, Piper (ivi), März 2013

ISBN-13: 978-3492702775, gebunden, 506 Seiten, Euro 16,99

 

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Mr. Amazon

Richard L. Brandt
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Ambition Verlag, 01.04.2012
ISBN 9783942821117
Genre: Biografien

Rezension:

Amazon steht in der Kritik wegen seiner Leiharbeit. Aber warum ist es überhaupt so groß geworden? Das zeigt dieses Buch

Die einen hassen es, weil es angeblich die deutsche Buchkultur bedrohe, die anderen lieben es, weil es so anwenderfreundlich sei. Aber kalt lässt Amazon niemanden.

Richard Brandt schildert die Entwicklung Jeff Bezos, des Amazon Gründers und die Entwicklung Amazons von der kleinen Start-Up Klitsche bis zu dem Giganten heute. Das ist interessant, weil es so manche Falschmeldung korrigiert und auch daran erinnert, dass vieles, das wir heute für selbstverständlich erachten, von Amazon erfunden wurde und das oft gegen die Mahnungen von Kritikern. Als Amazon seine Leserrezensionen online stellte, erklärte es die Konkurrenz für verrückt, weil es auch negative Kritiken zuließ.

Amazons Gründer Jeff Bezos war von frühester Jugend an ein Nerd, der sich in Computer verliebte, als er den ersten zu Gesicht bekam. Diese Liebe dauert bis heute an. Aber er war auch eine Leseratte, die sämtliche SF-Bücher las, die sie bekommen konnte. Logischerweise studierte er Computing Science, legte eine steile Karriere hin und beschäftigte sich mit der Vernetzung von Computern. Als das Internet entstand, erkannte er sofort die Möglichkeiten, die es bot. Und er wollte das beste und größte virtuelle Kaufhaus schaffen, eines, das kundenfreundlicher war als alle anderen.

Eigentlich hätte er mit jedem beliebigen Produkt sein Projekt starten können, doch er wählte aus drei Möglichkeiten aus, die er kannte: Software, Bücher und Musik. Perfektionistisch, pedantisch wie er war, wog er die Vor- und Nachteile jedes der drei ab und startete mit Büchern. Diese perfektionistische Planung, die fanatische Sucht, auch jedes noch so unwichtige Detail in die Planung einzubeziehen, sollte auch später der wichtigste Grund für Amazons Erfolg sein. Dass er aber Wirtschaftswissenschaft studiert habe und nach deren Vorgaben seinen Erfolg berechnete, stimmt nicht. Ebenso falsch ist die Behauptung, dass er gar keine Beziehung zu Büchern hat. In seiner Jugend war er eine Leseratte und ist mit einer Schriftstellerin verheiratet, die für Toni Morrison gearbeitet hatte.

Im Gegenteil, die Geschichte Amazons ist reich an Beispielen, dass Bezos keinerlei Hemmungen hatte, gegen eherne WIrtschaftsgesetze zu verstoßen und Risiken einzugehen. Die ersten Jahre bis ins Jahr 2000 machte Amazon nicht nur keinen Profit, Bezos verkündete gar, dass dies sein Ziel sein. Er wolle erst das perfekte anwenderfreundliche Kaufhaus schaffen, dann werde der Profit schon kommen. Die Dot-Com Blase 2000 zwang ihn dann doch zu profitsteigernden Maßnahmen wie Massenentlassungen und Einsparungen.

Ein wesentlicher Grund für den Erfolg war auch die Bereitschaft, auf die Kunden zu hören. Kaum eine andere Firma nahm Kundenbeschwerden oder Anregungen so ernst wie Amazon und auch innerbetrieblich war die Bereitschaft, mit neue Ideen zu experimentieren weit größer als üblich.

Kein Wunder, dass in Umfragen Amazon immer wieder die Nummer eins bei Kundenzufriedenheit wurde.

Eine weitere Konstante in Jeff Bezos' Plänen war der Glaube, dass Computeralgorithmen Kunden besser beraten können als menschliche Verkäufer. Darüber wird immer noch heftig gestritten, Fakt ist, dass Amazons "Andere Kunden haben auch gekauft"-Hinweise oft erstaunlich gut funktionieren.

2000 wollte Bertelsmann zusammen mit der amerikanischen Buchhandelskette Barnes und Nobles Amazons Wachstum stoppen. Beide waren damals noch erheblich größer und einflußreicher als der Newcomer, der keine Gewinne machte. Wallstreet-Analysten war klar, wer der Gewinner sein würde: Natürlich Bertelsmann. Sie irrten, übrigens nicht zum letzten Mal. Als Amazon mit dem Lesegerät Kindle auf den Markt kam, hatten schon mehrere Firmen mit solchen Geräten Schiffbruch erlitten. Doch Jeff Bezos wiederholte nicht die Fehler seiner Vorgänger. Der Kindle war passgenau auf die Leser zugeschnitten, Perfektionismus und Liebe zum Detail sorgten dafür, dass er kein Flop wurde wie seine Vorgänger.

Wie sehr Amazons Erfolg darauf beruht, dass es kundenorientiert arbeitet, zeigt sich oft im Detail. Seit vielen Jahren gibt es dort Leseproben - die Konkurrenz hat es bis heute nicht verstanden, wie wichtig dies ist und bietet das nur in Ausnahmefällen an.

Das Buch beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Aufstieg Amazons, die Entwicklung der letzten Jahre ist eher oberflächlich beschrieben. Wer etwas über Jeff Bezos Privatleben erfahren will, wird ebenfalls enttäuscht. Das Buch handelt von Amazon und Bezos' Firmenphilosophie, privates findet sich fast gar nicht.

 Interessant ist natürlich die Entwicklung von Amazon und auch diese Mischung aus Geschäftssinn mit der fast schon fanatischen Vision, dass Software und Vernetzung die Menschen und vor allem die Kunden glücklich machen werde. Ähnliches findet sich bei Apple, Steve Jobs scheint ein Zwillingsbruder von Jeff Bezos zu sein, was seine berufliche Karriere angeht. Die gleiche Hingabe an Details, verbunden mit visionärem Blick auf die neuen Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet, Geschäftsinn gepaart mit einer fast religiösen Vision, der man alles hintanstellt. In diesem Punkt irrt das Buch, das behauptet, Steve Jobs habe eine Vision gehabt, Jeff Bezos denke nur an den Profit. Das Buch selbst zeigt das genaue Gegenteil.

Fazit: Wer wissen will, warum Amazon so erfolgreich, so groß wurde, der erfährt es hier. Ein gutes Buch das zeigt, dass Amazon nicht aufgrund irgenwelcher bösen Mächte groß wurde, sondern aufgrund seiner Kundenorientierung.

 

Leseprobe: http://www.ambition-verlag.de/upload/amb12pdf00000843.pdf

 

Mr. Amazon: Jeff Bezos und der Aufstieg von amazon.com, Sachbuch, Richard L. Brandt, Ambition, März 2012

ISBN-13: 978-3942821117, gebunden, 200 Seiten, 24,99 Euro

One Click (englische Fassung), ISBN: 978-1591845850, Tb, ca. 10,00 Euro

 

 


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14 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

68 er generation, freiburg, rebbellion, freunde, rebellen

Rebellen

Wolfgang Schorlau
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 09.03.2013
ISBN 9783462040760
Genre: Romane

Rezension:

»Das Erste, was er von Paul sah, war die Glut seiner Zigarette.
Zunächst dachte er, es sei eines jener selten gewordenen Glühwürmchen, die er manchmal abends von seinem Zimmer aus beobachtete, wenn sie drüben auf der anderen Seite des niederen Buchbaumszaunes ihre Tänze aufführten und so eigenwillige Kurven und Linien flogen, so schnell die Richtung ihres Fluges änderten, dass es ihm nie gelang, ihre Bahnen vorherzusagen. Doch dieses Glühwürmchen leuchtete jäh auf und verlosch gleich wieder. Alexander drückte sich enger an die Wand und schob die Gardine ein wenig weiter zur Seite. Er kniff die Augen zusammen, um durchs Dunkel besser sehen zu können, und drüben auf der Heimwiese verwandelte sich der Schatten in eine Kontur, und die Kontur wurde zur Gestalt, zur Gestalt eines Jungen, kaum älter als er, vielleicht schon dreizehn Jahre alt. Mit dem Rücken lehnte er gegen den Stamm des alten Apfelbaum und rauchte.
Unvermittelt überfiel ihn Neid. Ekelhafter, sündiger Neid. Neid, den er am Samstag würde beichten müssen.«

Alexander ist der Sohn eines Unternehmers in Freiburg, Paul lebt im benachbarten Waisenhaus. Der eine geht auf das Gymnasium, der andere tritt mit vierzehn eine Lehre an. Trotzdem und gerade deshalb werden sie Freunde. Es sind die sechziger Jahre, mit festgefügten Schranken zwischen oben und unten, wer wohin gehört, ist bereits mit der Geburt in Beton gegossen. Aber gleichzeitig die Zeit, in der Jugendliche diese Trennung immer mehr in Frage stellen. So werden Alexander und Paul Freunde, erleben 68 und die Auseinandersetzungen um die Fahrpreise in Freiburg, Demos und Paul genießt die Aufmerksamkeit, die ihm als Arbeiter plötzlich seitens der Studenten entgegenschlägt. Früher war er das Heimkind, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte, jetzt prügeln sich die Studentinnen um ihn.

Heute ist Alexander Unternehmer, seine revolutionäre Vergangenheit hat ihm eine Menge beigebracht, das er jetzt nutzen kann. Paul hat das Rebellentum weitergetragen und jetzt ist er tot. Sie haben beide das gleiche Mädchen geliebt und Toni hat sich nie eindeutig für einen von ihnen entscheiden können.

Wolfgang Schorlau schildert die wilde Zeit Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger anschaulich, lässt lebendig werden, warum es damals zu der Jugendrevolte kam und was heute aus den Rebellen geworden ist. Machmal ist es ein bißchen klischeehaft, meist sehr genau geschildert.

Doch die Maoistenphase, die wird nur in wenigen Szenen angerissen. Warum sind diese Rebellen in den stalinistichen KBW eingetreten, haben übelsten Dogmatismus gepredigt und später die dort erlernten Techniken als Neoliberale weiter betrieben. Fast scheint es, sie hätten sich nicht geändert, sondern nur ihren politischen Ansichten einen neuen. cooleren Anstrich verpasst. Sieht man sich an, wieviele Ex-Maoisten heute in Wirtschaft und Politik führend sind, könnte ein Alien glauben, dass Mao kein Revolutionär, sondern ein Management-Guru war.

Romane über die Jugendrevolte rund um 68 gibt es viele, doch kaum welche, die sich mit dieser Mao-Phase beschäftigen. Schorlau ist zu danken, dass er es erstmals anreißt, aber schade, dass es nur am Rande des Romans geschehen ist.

Fazit: Spannender Roman über Rebellen, die in die Jahre und Amt und Würden gekommen sind, auch wenn die Liebe zu Mao und den diversen führenden Parteien der Arbeiterklasse etwas zu kurz kommt.

Leseprobe: https://www.bic-media.com/dmrs/widget.do?layout=singlepage&buyButton=no&clickTeaser=yes&arrowTeaser=yes&https=yes&showLanguageButton=yes&cid=1593026&widgetSource=https://www.bic-media.com/dmra/content/detail/detail-widget.do?cid=1593025&isbn=9783462040760
Homepage des Autors: http://www.schorlau.de/

Rebellen, Roman, Wolfgang Schorlau, KiWi, März 2013
ISBN-13: 978-3-462-04076-0, gebunden, Euro 19,99

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freundschaft, liebe, abenteuer, könig, raukland

Rauklands Sohn

Jordis Lank
Flexibler Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Verlagshaus el Gato, 07.03.2013
ISBN 9783943596045
Genre: Jugendbuch

Rezension:

„Was hast du getan?“
Der Schrei trieb durch seine bleierne Müdigkeit. Ein Schatten wuchs über ihm, Hände krallten sich in sein Haar und rissen seinen Kopf zurück. Der Schatten war sein Vater.
Ronans Herz pochte so wild gegen seine Rippen, dass es schmerzte. Er konnte sich nicht rühren, es war, als läge eine tonnenschwere Felswand auf ihm. Nichts ergab einen Sinn.
Sein Vater schlug ihm ins Gesicht. „Du bist betrunken!“

Ronan ist der beste Schwertkämpfer rund um das ganze Nordmeer. Doch die Liebe zum Schwert ist die einzige Liebe die er kennt. Dann legt ihn ein Mädchen mit vergiftetem Wein herein und seinetwegen verliert sein Vater, der König von Raukland, eine Schlacht. Der König ist nicht für seine Nachsicht bekannt, er lässt den Sohn auspeitschen und verbannt ihn auf eine einsame Insel im Nordmeer, die bisher noch ein unabhängiges Königreich ist. Das soll er für Raukland gewinnen, sonst verliert er Thron und Leben.

Doch diese Insel namens Lannoch hat strenge Vorschriften. Wer dort herrschen will, muss seine Tauglichkeit in mehreren Prüfungen beweisen. Die erste: Finde einen Freund. Ronans einziger Freund ist sein Schwert und das reicht nicht.

Da wird ein Schiffbrüchiger angespült. Ronan rettet ihn und glaubt, jetzt habe er seinen Freund gefunden. Doch so einfach ist das nicht ...

Ich muss ehrlich sein. Ich bin nicht objektiv, was dieses Buch angeht. Denn ich habe es schon bei der Entstehung ein Stück weit begleitet und die Geschichte hat mich schon damals fasziniert. Spröde wie der Norden liest es sich und fasziniert gerade dadurch. Abenteuer, Schwertkämpfe und ein junger Mann, der seinen Weg finden und lernen muss, dass man mit dem Schwert allein keine Herzen erobert. Eine Coming of Age Geschichte der ganz eigenen Art, ein All-Ager und vor allem ein Buch, das auch Jungen jeden Alters wieder zu Lesen animieren könnte. Das man mit 16 ebenso verschlingt wie mit 60.

Leseprobe: http://www.jordis-lank.de/raukland-trilogie/1-rauklands-sohn/leseprobe/
Homepage der Autorin: http://www.jordis-lank.de/

Rauklands Sohn, Fantasy, Jordis Lank, El Gato, März 2013
ISBN-13: 978-3943596045, Tb, 364 Seiten, Euro 12,90

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kaltenbach, band 1

Teufelskanzel

Thomas Erle
Flexibler Einband: 277 Seiten
Erschienen bei Gmeiner-Verlag, 04.02.2013
ISBN 9783839213940
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Emmendingen ist ein verschlafenes Städtchen, 20 Kilometer von Freiburg entfernt. Dort lebt der Weinhändler Kaltenbach sein zurückgezogenes Leben, in dem auch nicht viel passiert. Der Besuch der örtlichen Klatschtante ist schon der Höhepunkt des Tages.

Doch dann erzählt sie ihm, dass auf dem Kandel, auch Teufelskanzel genannt, ein Toter liegt. Und den, so schlußfolgern manche, hätten die Kandelhexen erledigt, denn diese "Teufelskanzel" galt schon immer als der badische Blocksberg, an dem sich die Hexen versammeln.

Das weckt Kaltenbachs Neugier. Dass er auf dem Kandel einer geheimnisvollen Schönen begegnet, tut das ihrige dazu.

Der Roman beginnt gemütlich, fast schmerzhaft gemütlich. Kleinstadtleben breitet der Autor gekonnt vor uns aus, nur ab und zu unterbrochen von dem geheimnisvollen Todesfall. Langsam zieht er die Spannung an, eine Achterbahn durch die badische Esoterikszene beginnt, bis es dann zum Showdown kommt. An dessen Anfang hatte ich als Leser einige Probleme, zu ungeschickt stellte sich plötzlich der Protagonist an. Der Schluss hat dann doch noch einige Überraschungen parat.

Fazit: Guter Krimi, der die badischen Provinz lebendig werden lässt

Leseprobe: http://www.amazon.de/Teufelskanzel-Kaltenbachs-erster-Thomas-Erle/dp/3839213940/ref=cmcr-mr-title#readerB00B5CYF5I
Homepage des Autors: http://www.thomas-erle.de/

Teufelskanzel, Krimi, Thomas Erle, Gmeiner, Februar 2012
ISBN-13: 978-3839213940, Tb, 277 Seiten, Euro 9,99

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krieg, tatsachenberichte, israel, spionage, zeitgeschichte

Der Mossad

Victor Ostrovsky , Einar Schlereth , Einar Schlereth
Flexibler Einband: 439 Seiten
Erschienen bei Goldmann Verlag, 01.07.2000
ISBN 9783442150663
Genre: Sachbücher

Rezension:

Er gilt oft als der erfolgreichste Geheimdienst der Welt, für die Juden ist er der Schutz ihres Volkes, der einen neuen Holocaust verhindern soll. Jetzt hat ein Ex-Mossad Agent ausgepackt und schildert, wie sehr dieser Geheimdienst zum Staat im Staat geworden ist, den niemand kontrolliert und der selbstherrlich entscheidet, was den Juden nützt und wer leben darf und wer sterben muss.

Wir alle kennen die Pleiten und Pannen von CIA und BND, wissen, wie die Stasi zur Krake geworden ist. Victor Ostrovsky schildert, dass auch der Mossad längst ein Eigenleben führt, sich seine eigenen Gesetze gibt und vor nichts zurückschreckt. Weil es den Holocaust gegeben hat und weil jeder Jude davon und der Furcht geprägt ist, dass er sich wiederholen könne, findet der Mossad überall auf der Welt freiwillige Helfer - doch die wenigsten sind sich darüber klar, wie dieser Dienst wirklich funktioniert und welche Ziele er verfolgt. Leider auch keine besseren als andere Geheimdienste.

Ostrovskys Buch liest sich spannend und überzeugend, man spürt, dass hier ein Insider spricht. Natürlich dürfte das eine oder andere subjektiv geprägt sein, der Autor hat den Mossad enttäuscht verlassen und ist deshalb wohl kaum in allen Belangen objektiv.

Dennoch ist seine Schilderung eine glaubwürdige Darstellung und vermutlich trifft auch manches, das über den Mossad geschrieben wird, auch auf viele andere Geheimdienste zu. Wer einmal einen realistischen Blick hinter die Kulissen werfen will, wird hier fündig. Auch wenn das Buch mittlerweile zwanzig Jahre alt ist.

Der Mossad, Sachbuch, Victor Ostrovsky, Goldmann, Juli 2000
ISBN-13: 978-3442150663, Tb, 414 Seiten, Euro 9,95

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münchen, krimi, deutschland, migration, arabisch

Kommissar Pascha

Su Turhan
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 04.01.2013
ISBN 9783426511916
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Ziemlich genau vor einem Jahr fasste Kommissar Zeki Demirbilek einen Entschluss: Er wollte statt jeden Sonntag nur noch jeden zweiten Sonntag Schweinebraten essen. Zum einen wegen der Kalorien, zum anderen hatte er ein schlechtes Gewissen. Denn dem Münchner türkischer Abstammung war sehr wohl bewusst, mit den Essgewohnheiten gegen die Regeln seines Glaubens zu verstoßen.
Nur, er konnte nicht anders.
Obwohl seine Eltern Fatma und Zülfü ihrer Pflicht nachgekommen waren und ihren einzigen Sohn in die Koranschule schickten, wie es die Tradition verlangte. Bis zum zwölften Lebensjahr lernte Zeki, den Koran zu lesen, und wurde in religiösen Fragen unterrichtet. Dies war ein selbstverständlicher Bestandteil seines Alltags. Bis zu dem Tag, an dem seine Eltern sein Leben auf den Kopf stellten.«

Zeki Demirbilek liebt Münchener Schweinebraten und Istanbul und hat Pascha-Allüren. Außerdem ist er Kommissar der Münchener-Kripo und jetzt soll er das Sonderdezernat für Schwerkriminalität mit Migrationshintergrund leiten.

Und der Münchener Eisbach schwemmt ihm auch gleich eine Leiche zu. Gut, dass die junge Kollegin Kollegin Jale Cengiz mit türkischem Temperament und Berliner Schnauze das Team verstärkt. Sie ist vor ihrem jüngeren Bruder nach München geflohen, der seit dem Wegzug des älteren Bruder die Tugend seiner Schwester bewachen will.

Hinzu stößt die niederbayrische Kollegin Isabel Vierkant, und Pius Leipold, ebenfalls ein Pascha, allerdings das bayrische Modell. Ein wenig erinnert es an Adler-Olsens Thriller um das Sonderdezernat Q, aber Turhan kann mit seinem bayrisch-türkischem Milieu sehr eigene Akzente setzen. Und alleine diese Milieuschilderung macht dieses Buch zu etwas Besonderem, Ungewöhnlichem.

Da ist die Ehefrau des Ermordeten, die in Ganzschleier auf der Polizeirevier erscheint, aber ohne Hemmung über den verblichenen Ehemann und dessen Fehler herzieht - "Er hätte nie geboren werden dürfen!". Da ist Süleyman Güzelogu, Chef einer großen Döner-Kette, dessen Tocher immer wieder in den Jet-Set Postillen auftaucht und deren Eskapaden zu unterbinden er längst aufgegeben hat: Nur Jungfrau soll sie bleiben, das ist ihm wichtig. Denn er will sie mit dem Sohn seines alten Freundes in Istanbul verheiraten und so deren beiden Gesellschaft zu einem internationalen Player machen. Gül ist einverstanden, sie genießt es, die Männer mit ihrem Outfit heiß zu machen, an Sex hat sie aber kein Interesse.

Wie Gül stehen auch die anderen Figuren im Roman zwischen Tradition und Moderne. Nicht, weil sie zwangsverheiratet oder ehrengemordet werden - sonst die übliche Lösung in Krimis -, sondern weil ihnen Familie und Traditionen wichtig sind und sie gleichzeitig auf die eine oder andere Art auch die Moderne schätzen.

Selbst Nebenrollen kann Sur Turhan eindrücklich schildern. Etwa Antonia, die in einem Wellness Puff vor und hinter der Theke arbeitet, mit viel Selbstsicherheit geschult durch ihre Arbeit mit Männern, die auch ein türkischer Kommissar nicht so leicht erschüttern kann.

So gehört dieses Buch zu den wenigen, die gleich zweimal gelesen habe. Und nur eins kann ich dem Buch vorwerfen: Bei der Vielzahl der Personen wäre eine Personenliste zum Nachschlagen sehr nützlich. Doch das ist auch schon das einzige, das ich kritisieren kann.

Mit kurzen Szenen, flüssigem Stil schlägt das Buch den Leser in Bann. Für Fans von Georges Simenon und Friedrich Ani, aber auch für jeden, der einmal andere Milieus erleben will, genau das Richtige.

Hoffen wir, dass das nicht das einzige Buch um Kommissar Pascha und seine Crew bleibt!

Leseprobe: http://www.amazon.de/Kommissar-Pascha-Fall-Zeki-Demirbilek/dp/3426511916/ref=sr_11?ie=UTF8&qid=1360434884&sr=8-1#readerB008CJ6BHW

Kommissar Pascha, Krimi, Su Turhan, Knaur Januar 2012
ISBN-13: 978-3426511916, Tb, 328 Seiten, Euro 8,99

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