hundimbuchs Bibliothek

11 Bücher, 11 Rezensionen

Zu hundimbuchs Profil
Filtern nach
11 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(13)

20 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

psychiatrie, ddr, wiedervereinigung, deutsche literatur, weltschmerz

Die Sonnenposition

Marion Poschmann
Flexibler Einband: 337 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 15.09.2014
ISBN 9783518465462
Genre: Romane

Rezension:

Marion Poschmanns Roman Die Sonnenposition ist ein klassischer Fall für meine Rubrik „Buch ohne Hund“! Das Buch kommt zwar komplett ohne Hunde aus, ist aber ein so besonderes Stück Literatur, dass ich es an dieser Stelle unbedingt besprechen muss. In Die Sonnenpostion kommen nämlich zwei weitere meiner Leidenschaften voll und ganz auf ihre Kosten: Meine Begeisterung für historische Architektur und mein Faible für skurrile Typen. Marion Poschmann beherrscht es, beides in Literatur umzusetzen.

Schauplatz des Romans ist ein morbides Barockschloss, irgendwo im Osten Deutschlands, das – nach wechselhafter Nutzungsgeschichte – schließlich als psychotherapeutische Klinik dient. In dieser Klinik versieht der zunehmend schrulliger werdende Arzt Altfried Janisch seinen Dienst. Er ist der Protagonist des Romans, ein leicht übergewichtiger Einzelgänger, aus dessen Perspektive der Text auch erzählt wird. Der überraschende Tod seines Freundes Odilo lässt Altfrieds halbwegs geordnete Welt in den Fugen ächzen. Odilo – ebenfalls Außenseiter und Sonderling – hatte sein Leben der Bioluminiszenzforschung verschrieben und war darüber schlaflos geworden. Nächte verbringt er mit der Beobachtung der Leuchtorgane von Tannenzapfenfischen. Außer ihrer eigenbrötlerischen Lebensweise teilen die beiden Freunde ein entlegenes Hobby: Sie jagen in der Eifel gemeinsam nach Erlkönigen.

Marion Poschmann verortet ihre Protagonisten sorgfältig. Dies gilt sowohl für die räumliche Einordnung (Odilos Elternhaus siedelt sie direkt gegenüber den Weck-Werken in Bonn an) als auch für die Ausfaltung des familiären Hintergrunds. Die Herkunft von Altfrieds Eltern und Großeltern präpariert sie Schicht für Schicht heraus.

Altfried Janichs Leben verläuft zunächst in geordneten Bahnen. Er wohnt in der psychiatrischen Klinik, in der er arbeitet, versorgt seine Patienten nach Kräften und akzeptiert die Autorität seiner Chefin. Er benutzt altertümliche Begriffe wie „Podex“ und wirkt überhaupt etwas aus der Zeit gefallen. All das wirkt allerdings angesichts seines Arbeitsplatzes und des bröckelnden Gebäudes um ihn herum nicht unstimmig. Altfried scheitert, wenn es darum geht Beruf von Privatheit zu trennen, seine privaten Wohnräume verschwimmen albtraumhaft mit den übrigen Zimmern des Schlosses. So kommt es vor, dass sich in der allgemeinen Orientierungslosigkeit der Einrichtung „wie in einem Möbelkaufhaus, immer wieder einzelne, versprengte Besucher“ zu Altfried verirren.

Wenn Marion Poschmann die Erlkönigjagd beschreibt, werden die Jagdobjekte der sonderbar lebendig, als wären sie Tiere und keine bemäntelten Automobile: „Die ideale Witterung für Erlkönige, deren Aktivitäten zum Weihnachtstauwetter ihr Jahreshoch erreichen, da sie dann (…) besonders unauffällig bleiben (…).“ Die beiden Freunde entscheiden sich vordergründig für weidgerechte Kleidung: „Tarnkleidung je nach Wetterlage“, aber Altfried weiß: „auf die Kleidung kommt es nur nachrangig an. Die innere Haltung entscheidet. Selbstvernebelung, ein Zustand, in dem ich mir entgleite.“ Der Jäger passt sich dem Gejagten an, übernimmt seine nebelhafte Wesenlosigkeit. Zwei selbstvernebelte Typen, selbst abwesend und unsichtbar stöbern – meist erfolglos –nach motorisierten Phantomen.

Poschmann streut immer wieder Krankenberichte in den Roman ein. Eigentlich variieren diese immer wieder ein sehr ähnliches Motiv: Ein Mensch (wie Du und ich) nimmt ein paar Marotten an, funktioniert aber weiterhin. An irgendeinem schwer definierbaren Punkt wird sein Verhalten zuerst auffällig dann pathologisch. Und schließlich sitzt er Altfried Janich gegenüber. Die Romanhandlung greift dieses Muster auf: Altfried zeigt zunächst ein paar Marotten, wie man sie einem Psychiater gerne zugestehen mag. An irgendeinem – auch in der Romanhandlung schwer zu greifenden Punkt – werden zunächst seine Gedankengänge und schließlich auch sein Handeln „auffällig“. Man kann Parallelen zu den Fallbeispielen nicht ausschließen und fürchtet, dass Janich den Ausweg aus dem maroden Schloss so schnell nicht finden wird. Es wird für ihn (bereits in der Mitte des Buches) deutlich „dass ich aus diesem Schloss nicht mehr wegkommen kann.“

Es sind vor allem zwei Aspekte, die mich als Leserin überzeugen: Marion Poschmanns anschauliche und detailverliebte Sprache und – eng damit zusammenhängend – ihre Fähigkeit, Räume zu betrachten, zu analysieren und in Sprache zu verwandeln. Ihre Beschreibungen der unterschiedlichen Architekturen sind so präzise und akribisch, dass sie dem Leser ein plastisches Bild der visuellen Wirklichkeit vermitteln. Dies geschieht bis in die kleinsten Details, so dass aus an sich unbedeutenden Gegenständen und Fundstücken überraschend schillernde Stillleben entstehen: „Die Glühbirne leuchtet auf rotes Linoleum, darauf schwammen einige Brotkrümel, Teilchen von braunen Zwiebelschalen, die weißen leichten Hüllen von Knoblauchzehen, die jeder Lufthauch weiterbewegte, (…)“. Banale Dinge erhalten Gewicht, gewinnen an Lebendigkeit und lassen ahnen, dass es hinter den sanierungsbedürftigen Fassaden (des Schlosses und seiner Menschen) rumort.

Bei aller sprachlichen Raffinesse des Textes und aller Morbidität von Akteuren und Architekturen wohnt Poschmanns Text Humor inne, auch dann, wenn es an die großen Dinge geht: Dem harmlosen Nachtisch Götterspeise beispielsweise attestiert Poschmann „dieses Göttrige (…), die glibbrige Durchsichtigkeit, das formlos Ungreifbare“.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

hunde, roman

Winston oder Der Hund, der mich fand

Hilmar Klute , Dirk Schmidt
Fester Einband: 155 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 03.09.2008
ISBN 9783888975363
Genre: Sonstiges

Rezension:

Eigentlich glaubte ich immer, dass man die Menschen sauber und ordentlich in zwei Sorten einsortieren kann: In diejenigen, die Hunde lieben, und in solche, die Hunde hassen. Hilmar Klute (Jahrgang 1967 und Redakteur der Süddeutschen Zeitung) zählt sich zu einer dritten Gruppe: Zu den Menschen, denen Hunde völlig gleichgültig sind. Diese Position der Gleichgültigkeit ermöglicht Klute eine distanzierte, sezierende Beobachtung von Hundebesitzern: Menschen, die gekleidet in irgendetwas zwischen Schlaf- und Straßenanzug, zu unmöglichen Zeiten (meist abends spät oder morgens früh) den unterschiedlichen Wettererscheinungen trotzen. Menschen die, den Hund an der Leine, dessen kleine und großen Verrichtungen beobachten und letztere nach kritischer Prüfung entfernen. Klute beobachtet und beschreibt die ganz normalen Momente im Leben des Hundehalters mit der neutralen Analysefähigkeit eines Ethnologen, der nicht am Amazonas unterwegs ist, sondern irgendwo im Münchner Süden.

Was passiert nun, wenn an einem kalten Winterabend ein ausgesetzter Hundewelpe die kultivierte Wohnung eines solch kultivierten Hundegleichgültigen betritt? Natürlich, man ist kein Unmensch. Das Tierchen darf über Nacht bleiben. Und weil das Tierheim belegt und der Welpe noch jung ist, behält man ihn, bis sich etwas Besseres für den Kleinen findet. Schritt für Schritt erobert der kleine Bullterrier namens Winston mit dem „Gurkengesicht“ die Wohnung des Ich-Erzählers Hilmar Klute. Winston geht seinem Zerstörungswerk nach. Er zerbeißt Stuhlbeine, sortiert den Müll um, zerfetzt Schuhe und ist nicht stubenrein. Das ganz normale Programm also.

Hilmar Klute beschreibt alles mit sehr viel Humor, was vor allem auch in der distanziert-neutralen Betrachtung des Zusammenlebens Mensch-Hund begründet liegt. Klute wagt es nicht so recht, sich zum Hundeliebhaber zu bekennen. Findet es befremdlich, in seinen Taschen zerbröselnde Hundebiskuits und Häufchen-Beutel mit sich zu führen. Er findet es verstörend, im Schlafanzug den nächtlichen Gassi-Gang des Welpen zu begleiten. Aber Winstons neues Herrchen tut dies Alles. Der Hund gehört dazu, darf mit in den Urlaub, wird mit sämtlichen Hunde-Must-Haves ausgerüstet, bekommt karierte Mäntelchen und albernes Spielzeug gekauft.

„Von einem Tag auf den anderen bin ich Teil dieser wahnsinnigen Welt geworden (…), in der die Grenzen zwischen Mensch und Tier in einer Weise verschwimmen, die daran zweifeln lässt, dass es überhaupt Unterschiede zwischen Tieren und Menschen gibt.“

Natürlich lernt der frischgebackene Hundebesitzer auch die Hundewiesen Münchens kennen. Die Gespräche, sie drehen sich wie auf allen Hundewiesen des Landes natürlich nicht nur um den Hund, sondern um das allgemein Menschliche, eröffnen dem Gassi-Neuling einen „ganzen Kosmos“.

Die Zuneigung zu Winston ist nicht ungetrübt: Er macht Probleme in der Hundetagesstätte und bringt den Hundetrainer zum Aufgeben der Erziehungsversuche. Er ist für seinen Herrn explizit „kein Therapeutikum (…). Er ist ein aggressives Nervengift.“ Klute bleibt bei aller Sympathie zu Winston aufrichtig, wenn es darum geht, die negativen Seiten des Hundebesitzerlebens zu benennen. Gleichzeitig wachsen die Gemeinsamkeiten mit dem Hund: Die gemeinsame Verachtung gegenüber Nordic Walkern beispielsweise schweißt Herr und Hund zu einem Team zusammen.

Mit dem autoritären Habitus von Hundebesitzern im Allgemeinen können weder Winston noch Klute etwas anfangen Die vielgelobten Treue des Hundes – als seine Kardinalstugend – ist Klute suspekt. Auch Thomas Manns Herrschaftsallüren gegenüber seinem Hund Bauschan, wie sie in seinem Idyll „Herr und Hund“ beschrieben sind, empfindet Klute als schwer erträglich. Auch hier würde Winston sicher zustimmen. Obwohl, manchmal träumt Klute schon davon, „nichts als ein richtig asozialer Hundebesitzer zu sein, der seine Töle herbeipfeift und nichts als Gehorsam und Unterwerfung erntet.“ Natürlich sind diese Allmachtsphantasien vom „Vollproleten“ in Trainingshose und Muskelshirt, der seinen Hund auf dem Hundeplatz abrichtet, nicht ernstgemeint. Aber eines ist ihm auch klar: „Der Hund wird sich unsere Schwäche und Gutmütigkeit immer zunutze machen und seine Interessen vertreten.“

Viele Hundebesitzer, die sich nicht zur autoritären Hundeplatzerziehung bekennen mögen, kennen dieses Dilemma: Von tiefsten Herzen der antiautoritären Erziehung zugeneigt, möchte man sich eigentlich nicht zum autoritären Rudelführer aufschwingen. Die unerwünschten Entwicklungen, die sich zeitgleich sich am anderen Ende der Leine manifestieren, möchte man aber auch nicht dulden. Und wer – Hand aufs Herz – hat in der einen oder anderen Situation noch nicht davon geträumt, dass der Hund aufs erste „Fingerschnippen“ reagiert?

Hilmar Klutes Buch ist lesenswert, weil er sich bei seiner Untersuchung der Beziehung zwischen Hund und Herrchen (oder Frauchen oder Vati oder Mutti) einmal abseits der ausgetretenen Pfade bewegt. Abseits von Ratgeberliteratur und sentimentalem Hundekitsch ist „Winston“ nicht nur ein Buch, dass man jedem Hundeneuling auf den Nachttisch legen sollte, sondern auch ein unterhaltsamer Sittenspiegel für altgediente Hundeleute.

Ein nettes Gimmick ist der Anhang. Hier finden sich nicht nur kulturhistorische Ausflüge zu prominenten Hunden und Herr(ch)en (man erfährt, dass Schopenhauer seinen Pudel Atmann liebevoll Butz nannte und Richard Wagner seinen Fips), sondern auch Literaturhinweise und ein praktischer, nicht ganz ernst gemeinter, Entschuldigungszettel. Um den Lesespaß perfekt zu machen, wurde das Buch von Dirk Schmidt liebevoll illustriert.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Kandinsky, Marc un der Blaue Reiter

Ulf Küster , Ulf Küster
Fester Einband: 56 Seiten
Erschienen bei Hatje Cantz Verlag, 31.08.2016
ISBN 9783775742269
Genre: Sachbücher

Rezension:


In den wenigen Jahren von 1908 bis zum Ersten Weltkrieg schlossen sich in München Künstlerinnen und Künstler zusammen, um die Kunst zu verändern. Ziel des sogenannten Blauen Reiters war „die Befreiung der Farbe vom Zwang etwas darstellen zu müssen, die Befreiung der Linie von der Kontur und die der Fläche von der Illusion der Gegenständlichkeit“, wie Samuel Keller und Ulf Küster in der Einleitung zum Ausstellungskatalog Kandinsky, Marc & Der Blaue Reiter feststellen, der anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Fondation Beyeler (Riehen/Basel, 4. September 2016 – 22. Januar 2017) erschienen ist.

Anders als bei der Dresdner Brücke (1905 bis 1913) handelte es sich bei den Münchnern um keine festgefügte Künstlergruppe. Der Blaue Reiter ist der Name des Almanachs, den Wassily Kandinsky und Franz Marc erstmals Mitte Mai 1912 herausgaben, und steht darüber hinaus für die Ausstellungs- und Publikationstätigkeit beider Künstler. Den Namen erfanden sie, so Wassily Kandinsky, am Kaffeetisch der Sindelsdorfer Gartenlaube: „Beide liebten wir Blau, Marc – Pferde, ich – Reiter.“

Im Ausstellungskatalog sind die wesentlichen Werke des Blauen Reiters abgebildet. So ist ein eigenes Kapitel den Murnauer Arbeiten Kandinskys gewidmet, die von Arbeiten Gabriele Münters, Marianne Werefkins und Alexej von Jawlenskys ergänzt werden. Eindrucksvoll werden in dieser Zusammenschau die gemeinsamen Auffassungen von Farbsynthese und Farbigkeit der beiden Künstlerpaare Kandinsky – Münter und Werefkin – Jawlensky nachvollziehbar, die in den Jahren von 1908 bis 1911 im ländlichen Idyll entstanden. Parallel zu den Murnau-Bildern lässt sich anhand Kandinskys Improvisationen sein Weg von der Figuration zur Abstraktion verfolgen.

Die farbstarken Ölgemälde Franz Marcs, die seine Begeisterung für Pferde und Tiere im Allgemeinen dokumentieren, werden von einer Auswahl kleinerer Aquaralle und Druckgrafiken flankiert (darunter mehrere Postkarten).

Die Abbildung der – teilweise doppelseitigen –  Gemälde sind in sehr guter Druckqualität hergestellt. Einführend sind den Gemälden grundlegende Aufsätze vorgestellt. Genannt seien hier Oskar Bätschmanns Zusammenfassung der wesentlichen Aspekte von Kandinskys Kunstwende und Andreas Beyers Beitrag zu den Gemeinsamkeiten des Redaktionsprojekts mit Aby Warburg.

Kernstück des Katalogs ist Ulf Küsters Aufsatz zum Almanach Der Blaue Reiter. 1912 herausgegeben, wurde er in verschiedenen Ausstattungen im Piper-Verlag (München) gedruckt. Im Almanach versammelten die Herausgeber Kandinsky und Marc Texte zeitgenössischer Künstler und stellten sie Werken europäischer und außereuropäischer Kunst und Volkskunst gegenüber, die ihnen als Inspiration und Beispiel dienten. Ausstellungskurator Ulf Küster stellt nun (in der Ausstellung wie auch im Katalog) den schwarz-weißen Abbildungen des Almanachs die originalen Kunstobjekte zur Seite. Es finden sich chinesische Miniaturen und japanische Malerei sowie bayerische Spiegelmalereien, Votivbilder und Hinterglasmalereien in bunten Farben und naivem Stil. Außerdem werden die – teilweise ebenfalls farbig gefassten – Holzfiguren aus Bali und Borneo gezeigt. Für die Blaue Reiter-Herausgeber führen diese außereuropäischen und bayerisch-volkskünstlerischen Arbeiten zu den „Wurzeln einer ursprünglichen und unverfälschten Kunst“ und stellen eine wesentliche Inspirationsquelle dar.

Abgerundet wird der Katalog von einer Zeittafel, die mit zahlreichen privaten Fotografien der Künstler illustriert ist. Insgesamt vermittelt Kandinsky, Marc & Der Blaue Reiter einen gut nachvollziehbaren und anschaulichen Einstieg in das künstlerische Schaffen und die theoretischen Hintergründe des Blauen Reiters.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(31)

68 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 12 Rezensionen

tiere, natur, seele, sachbuch, peter wohlleben

Das Seelenleben der Tiere

Peter Wohlleben
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Ludwig, 13.06.2016
ISBN 9783453280823
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ist es tatsächlich so, dass die Schöpfung (oder wer es lieber mag: Die Evolution) speziell für uns Menschen einen „biologischen Sonderweg“ entwickelt hat? Sind wir die einzigen, die ein bewusstes Leben mit einem großen Spektrum an Emotionen und Gefühlsäußerungen führen können? Nun, wer sich diese Frage gar nicht erst stellt, würde sich nicht über 240 lesenswerte Seiten damit befassen. Peter Wohlleben, studierter Forstwirt, stellt sich dieser Frage und kommt zu interessanten Ergebnissen.

Natürlich ist Wohlleben (von ihm stammen auch die Bücher „Das geheime Leben der Bäume“ und „Der Wald – eine Entdeckungsreise“) voreingenommen. Tier- und naturinteressiert von Kindesbeinen an, ahnt er, dass die uns umgebenden Tiere keine „stumpfen Bioroboter“ sind sondern „treue, liebenswerte Seelen“.

Was den Tierfreunden unter uns (und hierzu zähle ich mich ausdrücklich) eigentlich von vornherein klar ist, versucht Wohlleben anhand seiner zahlreichen Beobachtungen empirisch nachzuweisen. Man merkt es beim Lesen der zahlreichen Anekdoten und an der Art, wie sorgfältig der Autor bei seinen Beobachtungen zu Rande geht: Die Frage nach der Seele der Tiere ist Peter Wohlleben eine Herzensangelegenheit. Dies macht ihn natürlich parteiisch, wenn es darum geht, den Mensch als „Krone der Schöpfung“ in Frage zu stellen.

Bringt man strenge wissenschaftliche Anforderungen in Stellung, wenn es um die Bearbeitung einer Forschungsfrage geht, entspricht diese Herangehensweise natürlich nicht ganz den Standards der scientific community. Dies ist jedoch kein Makel dieses Buches. Wohlleben ist kein Dogmatiker. Er stellt fest, deutet seine Beobachtungen, zieht seine Fazits und untermauert seine Position mit einer Fülle wissenschaftlicher Untersuchungen. Ein umfangreicher Anmerkungsapparat lädt dazu ein, sich die entsprechenden wissenschaftlichen Publikationen eingehender anzusehen. Wohlleben weiß, dass man beispielsweise „Glück und Liebe bei Fischen“ nicht eindeutig mit wissenschaftlichen Methoden beweisen kann. Das Gegenteil ist jedoch genauso wenig beweisbar. Kann man das Vorhandensein solcher Gefühle vielleicht (noch) nicht nachweisen, so sein Appell, sollte man „sicherheitshalber andersherum argumentieren, um Tiere nicht unnötig zu quälen“.

Das Buch regt zum Nachdenken und Überdenken eingefahrener Überzeugungen an und ist daher ein wichtiges Buch, das man manchem Entscheider in Agrar- und Pharmaindustrie (um nur einige Sparten zu nennen) als Lektüre auf den Nachttisch legen möchte. Aber auch derjenige Leser, der von der Beseeltheit der Tiere vornherein überzeugt ist, kommt ins Nachdenken. Spätestens, wenn es um die emotionale Ausstattung der bekannter Weise hochintelligenten Hausschweine geht. Das macht Wohllebens Buch auch zu einem unbequemen Lesestoff.

Mehr zu Bücherhunden und Hundebüchern? Auf meinem Blog "Hund im Buch" https://hundimbuch.wordpress.com/

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die Tiere von Picasso

Boris Friedewald
Fester Einband: 120 Seiten
Erschienen bei Prestel, 29.09.2014
ISBN 9783791349893
Genre: Sachbücher

Rezension:

Das kleine Bändchen über Picassos Tiere ist ein wahrer Schatz. Es führt in knapper, gut lesbarer Form in Picassos Leben und Werk ein. Man erfährt einiges über seine Frauen, Kinder und Liebschaften sowie über die Orte, an denen er arbeitete und lebte. Ganz nebenbei gelingt dem Kunsthistoriker Boris Friedewald eine Werkschau in nuce.

Auch Menschen, die zur Kunst (oder gar zur Malerei Picassos) keinerlei Bezug haben, können Picassos künstlerischen Weg anhand dieses Büchleins und Picassos Tierdarstellungen besser verstehen. Die ersten Skizzen des kleinen Pablo aus dem Jahr 1892 zeigen, mit welcher Akribie und Begeisterung er die Tauben seines Vaters porträtiert. Anhand einer Serie von Stier-Darstellungen aus den Jahren 1946/47 kann man nachvollziehen, wie virtuos Picasso durch radikale Reduktion den Blick für das Wesentliche öffnete.

Besonders interessant ist jedoch Picassos enges Verhältnis zu seinen vielen, vielen Haustieren und sein großes Interesse an Tieren allgemein. Ein Wermutstropfen vorweg für alle Tierfreunde: Picasso war -- bei aller Liebe zum Tier im Allgemeinen – begeisterter Anhänger des Stierkampfs. Auf oben erwähntem frühen Blatt mit den liebevoll dargestellten Tauben ist – der Junge ging sparsam mit Papier um – auch eine Stierkampfszene skizziert. Ich lasse Pablo Picassos Haltung zum Stierkampf (die ich ausdrücklich nicht teile) hier beiseite – es würde zu weit weg vom Thema des Buches führen. Wesentlicher – und daher passt das Buch auch so hervorragend in diesen Blog – ist das innige Verhältnis das Picasso mit all seinen Tieren verband.

Picasso machte die Taube mit seinem Plakat zum Friedenskongress 1962 zum Inbegriff der Friedensbewegung. Als Kind nahm er Tauben mit in die Schule, als Erwachsener hielt er Tauben in Volieren. Im Atelier flog seine Lieblingstaube frei herum, wenn sie nicht auf Schulter oder Kopf des Künstlers Platz nahm.

Von Picasso ist folgende Aussage überliefert: „Nur Kinder und Tiere können das Atelier durchqueren ohne dabei etwas zu zerstören.“ So ist es nicht mehr als konsequent, dass Hunde aller Rassen, Katzen und Vögel mit ihm nicht nur seine Wohnung teilten, sondern auch sein Atelier bevölkerten.

Vielfach porträtierte er seine Tiere. Den Mischlingsrüden Clipper, sein erster Hund, malte er bereits 1895. 13 Jahre alt verewigt er ihn in Öl auf einer Leinwand, auf der ursprünglich der Heilige Antonius abgebildet war. Picasso übermalte den Heiligen selbstbewusst. Clipper war ihm das lohnendere Porträt. Sein Dackel Lump war für Picasso Liebe auf den ersten Blick, der Dachshund avancierte zum unangefochtenen Star des Hauses. Picasso widmete ihm einen Porzellanteller mit Lumps Konterfei und gestaltete aus Papier einen Hasen für Lump. Als dieser den Kunsthasen zerfetzte, stellte Picassos damalige Geliebte Jacqueline Roque fest: „Lumpito dürfte das einzige Lebewesen sein, das einen echten Picasso verspeist hat.“

Boris Friedewald spürt weitere Tiere in Picassos Leben und Kunst auf: Das Äffchen Monina, ein junges Käuzchen, ein weißer Ziegenbock, eine Ziege namens Esmeralda: Alle durften in seinem Haus Leben. Es war dem Künstler egal, ob der Ziegenbock und das Käuzchen streng rochen oder das Haus mit ihren Hinterlassenschaften verunreinigt. „Wenn ich schon eine kleine Ziege habe, möchte ich sie überall umherlaufen sehen. Ich liebe sie wie eins meiner Kinder,“ verteidigte Picasso die Anwesenheit des stinkenden Bocks im Hause. „Ich liebe ihn mehr als dich,“ sagte er im Streit zu seiner Frau Francoise, als sie darum bat, das Tier aus dem Haus zu verbannen.

Viele Anekdoten vereint Friedewald in seinem Picasso-Buch, die den Künstler erlebbar machen in seiner rastlosen Kreativität und als Mensch mit einer großen Achtung vor allen Kreaturen. Friedewald regt dazu an, Picasso aus einer anderen, neuen Sicht wahrzunehmen.

Ein persönliches Vorwort steuert der Fotograf David Douglas Duncan bei. Er kannte Picasso persönlich und veröffentlichte mehrere Bildbände über Picasso (und Lump): „Es freut mich deshalb sehr, dass dieser Band sich auf jene wunderbaren Geschöpfe konzentrieren wird, die auch mir immer so viel bedeutet haben – und die dann durch Picasso berühmt wurden.“

Duncans Lob ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Boris Friedewald gelingt mit seinem kleinen Buch etwas Besonderes: Er vermittelt die enge Bildung von Künstler und Tier, Schöpfendem und Geschöpf. Damit verschafft er dem Kunstfreund Zugang zur Liebe zu allem Lebenden und dem Tierfreund eine Eintrittskarte in die Welt der modernen Kunst. Was will man mehr?

Mehr über Hunde und Bücher? Auf meinem Blog Hund im Buch: https://hundimbuch.wordpress.com/2017/02/23/ueber-boris-friedewalds-buch-die-tiere-von-picasso/


  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

haustier, hund, comic, humor

Plumdog

Emma Chichester Clark , Ulrike Becker
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 11.02.2015
ISBN 9783956140334
Genre: Sonstiges

Rezension:

Hat ein Hund eigentliche gute Vorsätze fürs neue Jahr? Na klar! Die charmante Mischlingshündin Plum zählt ihre auf: Mutiger sein, eine Katze und einen Fuchs erwischen und im Bett von Herrchen und Frauchen schlafen. Jede Nacht. Nicht bloß manchmal.

Die Hundedame Plum ist eine liebenswerte Mischung aus Windhund, Jack-Russell-Terrier und Pudel. „Wipusell“ nennt sie ihre Rasse selber, auch wenn sie keinen Stammbaum hat, legt sie wert darauf, dies festzustellen. Plum liebt, was andere Hundemögen: Croissants und Fuchskacke, weggeworfene Pommes und Hähnchenschenkel aber: -und das unterscheidet sie von ihren Artgenossen- sie schreibt ihr eigenes Tagebuch. Ein ganzes Jahr lang dürfen wir die kleine Hündin dabei begleiten, wie sie charmant an der Seite ihres Frauchens, der Zeichnerin Emma, am Londoner Großstadtleben teilnimmt. Es sind keine großen Dinge die Plum zuhause und auf Reisen erlebt. Im Tagebuch bestimmen die alltäglichen Kleinigkeiten den Rhythmus ihres Hundelebens: Das Spazierengehen, die großen und kleinen Streitigkeiten mit anderen Hunden, verbotene Leckereien im Stadtpark und gemütliche Nachmittage im Bett. Und dennoch: Plums Tagebuch liest sich in keiner Zeile langweilig. Zu raffiniert und hintersinnig sind Plums Reflektionen, zu scharf ihre Beobachtungen, vor allem was Herrchen und Frauchen (Mum und Dad) anbelangt. Generell nimmt Plum das Leben eher von der sonnigen Seite und bleibt, auch wenn sie hinsichtlich ihrer guten Vorsätze versagt, heiter. Schließlich gelingt es ihr einen ihrer guten Vorsätze in die Tat umsetzen: Zum Jahresende hat sie es geschafft, sie hat Emma und ihrem Mann beigebracht, dass der einzig wahre Platz eines Hundes in der Mitte des Bettes ist.

Natürlich kommt Plum bei der Gestaltung ihres Tagebuches nicht ganz alleine klar. Sie führt zwar -wie sollte es auch anders sein- ihr Tagebuch selbst, die liebevollen Illustrationen stammen jedoch von Emma Chichester Clark, einer renommierten britischen Illustratorin und Zeichnerin, die über 60 Bücher veröffentlicht hat. Von ihr stammen auch die britischen Kinderbuchserien Blue Kangaroo und Melrose and Croc. Plums Tagebuch ist humorvoll geschrieben (großes Lob an die sprachbegabte Plum), Emma Chichester Clark sorgt mit ihren Zeichnungen stets für eine Spur Selbstironie und Witz. Plumdog ist das erste Buch von Emma Chichester Clark, das auf Deutsch erschienen ist. Es ist gestalterisch anspruchsvoll und detailfreudig ausgestattet, vor allem erfreut auch der Umschlageinband mit seiner hübschen Illustration.

Emma Chichester Clark veröffentlicht auf ihrem Blog http://emmachichesterclark.blogspot.de/ Plums Tagebuchnotizen seit dem Jahr 2012.

Interesse an Hunden und Büchern? Besucht mich auf meinem Blog:

https://hundimbuch.wordpress.com/

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Hund & Hase - Liebesversuche

Ursula Priess
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei btb, 02.03.2015
ISBN 9783442756056
Genre: Romane

Rezension:

Kann Liebe glücken, wenn durch einen Hund die Paarbeziehung zur Dreieckskonstruktion wird? Wie geht eine Frau damit um, wenn der Partner Hunde liebt, sie aber das Hündische in sich selbst und am Vierbeiner hasst? Ursula Priess hat das Problem einem Mensch-Tierversuch unterzogen. Und da ein Versuch allein nicht zählt, dekliniert sie das Grundmotiv in mehreren Einzeltests, sie führt Liebesversuche durch, wie es im Untertitel ihres Romans anklingt.

Das prinzipielle Setting besteht jedes Mal aus einer Frau (der Protagonistin Ursina) einem Mann (Lino) und einem Hund. Mann und Frau sind das, was wir heute Silver-Ager nennen, um die 60 herum, meist gehobenes Bildungsbürgertum. Eher ökologisch-links als konservativ und spießig. Ursina und Lino kennen sich bereits seit Kindheit und Jugend und treffen nach vielen Jahren wieder aufeinander. Beide haben ein Leben, Beziehungen und Ehen hinter sich, sind geschieden oder verwitwet, unabhängig. Und wollen es noch einmal mit der Liebe versuchen. Kann das gelingen?

Eingebettet in einen Liebesversuch in Berlin (der Hund heißt in diesem Fall Assja, die Protagonisten bleiben namenlos) flechtet Ursula Priess ihre Liebesversuche ein, die sie an unterschiedlichen Schauplätzen zu unterschiedlichen Jahreszeiten stattfinden lässt. Die erste Station ist die Emilia Romagna im Frühling. Ursina ist in diesem Testlauf Juristin, die an den Ort ihrer Kindheit zurückkehrt, und Lino ein Bauerssohn, der sein Dorf nie verlassen hat, Landwirtschaft betreibt und einen Hund namens Berlusco hält. Ein Anknüpfen an das, was einst zwischen den Beiden bestanden haben mag, ist unmöglich. Zu groß die Unterschiede zwischen beiden.

Im Zürcher Oberland siedelt Priess das Scheitern einer weiteren Beziehung an. Zwischen Lino, dem Gastarbeitersohn und Ursina, der Tochter einer Textilfabrikanten-Dynastie stehen die Unterschiede der Elternhäuser. Gleichgültig, dass Lino es zum promovierten Soziologen geschafft hat und Ursina ihre Textilien aus Nachhaltigkeitsprojekten in Kaschmir bezieht.

Herbst im Märkischen Oderland: Wieder haben Ursina und Lino sich gewandelt, wieder misslingt ihre späte Liebe. Ursina arbeitet in einer Bio-Laden-Dorf-Kooperative. Lino engagiert sich als emeritierter Professor für Armenien, Ursina für die Uckermark. Ursina will Nähe, Lino Freiheit. Ursina findet keinen Platz in Linos Leben. Enttäuschung. Ende.

Nordfriesland im Winter gibt die Szenerie für einen letzten Liebesversuch ab: Ursina hält am Sarg des verstorbenen Lino die Totenwache. Auch in dieser Fallkonstellation findet die Liebesgeschichte kein Happy End. Lino hatte sich zu Lebzeiten von Ursinas Liebe erdrückt gefühlt. Sein Tod beendet die Beziehung mit vollständiger Endgültigkeit. Im Schlusstableau bleibt Ursina alleine übrig, ihr zur Seite Tigor, Linos Hund.

Ursula Priess baut ihr Buch nicht in großen Spannungsbögen auf. Es fehlen überraschende Wendungen und klare Auflösungen, die am Ende einen „Ach so!“-Effekt geben könnten. Sie liefert keine konkreten Gründe, warum genau die Liebesversuche allesamt zum Scheitern verurteilt sind. Aber gerade das Fehlen von Effekten und Überraschungen verleiht dem Buch Qualität und dem Geschehen eine große Authentizität. Wie im Leben gibt es auch im Buch keine simplen Erklärungen. Die Versuche werden akribisch beschrieben, um die Analyse und die Folgerungen muss der Leser sich selber kümmern. Mögliche Schlussfolgerungen sind bitter: Wenn Ursina von den gleichaltrigen Linos immer wieder als „Frau im Alter seiner Mutter“ bezeichnet wird, lässt dies wenig Hoffnung keimen für romantische Gefühle in der „Generation 60plus“.

Priess´ Testreihe ist literarischer Beweis für die Richtigkeit des „ Anna-Karenina-Prinzips“. „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“, so Tolstois erster Satz in seinem Roman Anna Karenina. Umgedeutet auf die Liebesversuche bedeutet dies: Unglückliche Beziehungen sind alle auf ihre eigene Weise unglücklich. Wenn ein einzelner Faktor zum Glück fehlt, gibt es kein Gelingen von Liebe. Und irgendetwas fehlt immer. Sei es die gemeinsame Liebe zum Hund und zum Hündischen.

Bei aller Hoffnungslosigkeit, die sämtlichen Fallkonstellationen von Beginn an Inne wohnt, ist das Buch voller Schönheit und pittoresker Details. Kirschen, Aprikosen, geerbte Korallenketten und silbernen Nescafé-Dosen werden in den einzelnen Geschichten zu immer wieder neuen Kompositionen inszeniert, es entsteht ein Panorama voller Farben und Düfte. Immer wieder kehrt das Leitmotiv des Hündischen; die „hündisch unwandelbare Anhänglichkeit“, wie Ursula Priess (Anna) Freud zitiert, ist durchgängiges Thema. Anhänglichkeit als Zeichen von Liebe, Anhänglichkeit die den anderen erdrückt, Anhänglichkeit, die im Gegensatz steht zu Vagheit und Freiheit.

Hund & Hase ist Ursula Priess dritter Roman. Die Ähnlichkeit des Vornamens Ursina und die Wahl der Schauplätze eröffnen die Möglichkeit zu einer autobiografischen Lesart (vor allem der Rahmengeschichte), was die Authentizität des Stoffes verstärkt und den Reflexionen der Protagonistin Ursina eine große Ehrlichkeit verleiht.

Interesse an Hunden und Büchern? Besucht mich auf meinem Blog:

https://hundimbuch.wordpress.com/

Anja Beisiegel

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Das Museum der Tiere

Jenny Broom , Katie Scott
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei Prestel, 29.09.2014
ISBN 9783791371771
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Eintritt frei! So heißt es auf dem Cover dieses großformatigen Buches. Hereinspaziert und sich verzaubern lassen, von der bunten Tierwelt. Die Illustratorin Katie Scott hat gemeinsam mit Jenny Broom, die für die Texte zuständig ist, ein opulentes Buch geschaffen; Das Museum der Tiere, das zum Durchstöbern und Erforschen der Fauna unserer Erde einlädt.

Eingeleitet von Sandra Knapp, einer renommierten Botanikerin, die am Naturhistorischen Museum London arbeitet und forscht, ist nicht nur ein prächtiger Bildband entstanden, sondern auch ein lehrreiches Buch, das uns bekannte und unbekanntere Tieren vorstellt. Katie Scott verbindet in ihrer Arbeit wissenschaftliche Genauigkeit und Präzision mit einer höchst künstlerischen Komposition. Die Anordnung der Tiere auf den Bildertafeln erhält so etwas Ornamentales und Dekoratives.

Konzipiert ist der Band tatsächlich als museale, wissenschaftliche Ausstellung. Anstelle in Kapitel ist das Buch in sechs Säle, einem Entré und einer Bibliothek, in der ein ausführlicher Index untergebracht ist, eingeteilt. Der Eingang vermittelt eine knappe Einführung in die Entwicklung des Lebens. Das „Hauptexponat“ in diesem Bereich ist eine doppelseitige Abbildung des „Baums des Lebens“, einem Stammbaum der Arten von den Wirbellosen bis zu den Säugetieren und Vögeln. Der Mensch, als „Krone der Schöpfung“, erscheint als kleine Figur unter vielen, als einer von drei anderen Primaten in der obersten Reihe. Da Scott prinzipiell auf die Wiedergabe realer Größenverhältnisse verzichtet, ist der Mensch nicht größer als eine Seegurke, der Wal nicht größer als ein Goldfisch. Dies nivelliert alle Hierarchien zwischen den Kreaturen und ist ein äußerst erfrischendes Verfahren, um alles Leben, auch das Winzigste, als einzigartig und bedeutend zu vermitteln. Wenn eine Libelle nicht kleiner ist als ein Seelöwe, dann schärft diese Herangehensweise auch den Blick für das große Ganze. Sandra Knapp bringt das Bildprogramm in Worte: „Denn auch wir, die Menschen, sind genau wie die Fliegen, Quallen und Giraffen Teil des Artenreichtums – eine Spezies unter anderen, mit denen wir unseren Planeten teilen.“ Mit so wenig erhobenem Zeigefinger kann man auskommen, um Kindern und Erwachsenen Verantwortung für das globale Ökosystem zu vermitteln.

Beim Rundgang durch die sechs Säle werden mit jeweils kurzen Einführungen von Jenny Broom Wirbellose, Fische, Amphibien, Reptilien und schließlich — am Ende der Evolutionskette — Vögel und schließlich Säugetiere präsentiert. Jedes einzelne abgebildete Tier erhält eine kurze Erläuterung. Genannt werden hier auch der lateinische, wissenschaftliche Name des Tieres, seine reale Größe und einige interessante Details zu den Tieren. So erfahren wir, dass manche Eintagsfliegen nur eine Stunde lang leben, der Sekretär (ein Greifvogel) seine Beute zu Fuß verfolgt und schließlich zu Tode trampelt und die Brustfärbung der Blaumeise von den Farben der Raupen abhängt, die sie verspeist hat.

Einzelne Tiere werden genauer vorgestellt, so der Frosch in seiner Entwicklung vom Laich zum ausgewachsenen Tier und der Hai (mit einem etwas drastischen Schnitt durch den Rumpf des Tieres). Besonders schön anzusehen sind die unterschiedlichen Lebensräume (unter anderem Tundra, Korallenriff, Regenwald und europäischer Mischwald): Unter Glasglocken sind hier einzelne Tiere und Pflanzen in Szene gesetzt, die die einzelnen Lebensräume besiedeln und auf den Erhalt genau dieser Lebensräume daher auch angewiesen sind.

Das Museum der Tiere ist ein Buch, das wohltuend nostalgisch anmutet. Gerade die Lebensräume unter Glashauben versetzen einen in die museale Präsentationspraxis des 19. Jahrhunderts. Die Illustrationen als solche greifen in ihrer Machart noch weiter zurück: Sie erinnern sie an die große Zeit der Tier- und Pflanzenillustrationen des 17. Und 18. Jahrhunderts, an den Stil einer Maria Sibylla Merian und ihrer Zeitgenossen und Nachfolger. Dieser Rückgriff auf eine statisch-museale Präsentation der Tiere stellt jedoch keinen Makel dar, sondern ist eine wohltuende Alternative zu zeitgenössischer Multimedia-Ausstellungspädagogik.

Das Buch ist nach Verlagsangaben für Kinder ab 8 Jahren gedacht. Kleinere Kinder haben jedoch ebenfalls Freude beim Durchblättern und dem Kennenlernen von Tieren wie dem Tüpfelkuskus und dem Warzigen Makifrosch. Die Texte könnten Kinder unter 10 Jahren eventuell überfordern, sind jedoch für alle Menschen ab diesem Alter ein großer Gewinn.

Interesse an Hunden und Büchern? Besucht mich auf meinem Blog:

https://hundimbuch.wordpress.com/

Eure Anja Beisiegel

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(10)

19 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

arzt, sexfremdwörter, alkohol, comedy, benimm

Der König der Tiere

Jürgen Lippe
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Knaus, 09.01.2017
ISBN 9783813507300
Genre: Humor

Rezension:

Gehört Jürgen von der Lippes Kurzprosa in einen Buchblog? Wie landet ein militanter Anti-Veganer ausgerechnet in einem kynologischen Blog, der sich der Achtung und Wertschätzung aller Tiere verschrieben hat? Nun: Hunde sind Karnivoren und von der Lippe bekanntlich auch. Von der Lippe schreckt auch vor Bifi, der Wurst die ein „bisschen fies schmeckt“ nicht zurück. Wenn man seinen Texten Glauben schenken darf, höhlt er sie aus und süffelt sein Bier durch diesen fleischigen Strohhalm.

Aber von der Lippes kulinarische Extravaganzen und seine Vorliebe für gekochtes und gebratenes totes Tier sind nicht Grund für meine Lektüre und diese Rezension. Nein, ich bin bekennender Fan seiner Fernseh- und Live-Auftritte. Ich schätze seine erfrischende Unkorrektheit, seine Besserwisserei en gros und en detail. Er ist ein Meister der Pointe und des Timings. Vor dem Fernseher verzeihe ich gerne seine groben Schoten und auch die Schenkelklopfer. Weil sie gut erzählt sind. Ich lache über Vegetarier- und Nichtraucher-Witze. Weil man über sich selbst am besten lacht.

Als Elke Heidenreich seinen Humor mit „5000 Jahre Herrenwitz im Bierzelt“ abtat, dachte ich: Ja sie hat recht. Lustig sind seine Witze aber trotzdem. Vor allem die Schlüpfrigen. Ja, zugegeben: Manches ist frauenfeindlich. Alice Schwarzer als Identifikationsfigur der deutschen Frauenbewegung für Männer über 60 bekommt auch in den vorliegenden Texten einmal mehr ihr Fett ab. Aber von der Lippe ist auch Meister der Selbstironie. Seine Witze gehen auch auf Kosten seiner eigenen Person und die seiner Geschlechtsgenossen. In dieser Hinsicht besteht durchaus eine Pattsituation. Mit der Tendenz, dass Männer fast immer schlecht wegkommen und Frauen nur meistens.

Was bietet von der Lippe nun an Zoologischem oder gar Kynologischem? Nun, einiges zum Thema Hundekacke und wie man sie in einem Nachbarstreit so kreativ wie zielführend einsetzen kann und welche Namensgebung für einen Mischlingsrüden  zur Kontaktanbahnung zweckmäßig ist. Von der Lippe schlägt „Giselher“ vor. In der Tradition Äsops fasst von der Lippe die Titelgeschichte Der König der Tiere: Eine Fabel um die Königswahl im Urwald, die witzig zu lesen und sogar politisch so aktuell ist.

Spaßig ist auch die Hintergrundstory, die von der Lippe bezüglich einer traulichen Fotografie der Windsors (Kate und Prinz William samt kleinem Prinz George und dem Familienhund Lupo) vorschlägt (in Beim Dehnen singe ich Balladen). Weiterhin sinniert der Autor über tierische Balz und menschliches Sexualverhalten, Jägerlatein und der Frage, ob Tiere Humor haben.

Von der Lippe ist – so fasse ich es zusammen – ein hervorragender Entertainer. Einer, bei dem kein Auge trockenbleibt (er selbst würde dies deftiger ausdrücken). Einer der changiert zwischen derbem Stammtischkumpel und altsprachlich firmem Universalgenie. Sprachkünstler, Storyteller, Gesellschaftskritiker.

Trotz all dieser Vorschusslorbeeren ist die Lektüre von mehr als 400 Seiten von der Lippe (wenn ich Beim Dehnen singe ich Balladen und Der König der Tiere zusammennehme) ein hartes Brot. Klar, die Geschichten sind witzig. Von der Lippe kann auch schreiben und einen Plot setzen. Aber 2 mal gut 200Seiten sind einfach zuviel. Schert man die Geschichten und Glossen über einen Kamm (was man aus meiner Sicht ohne schlechtes Gewissen tun kann), ist die thematische Bandbreite äußerst schmal: Es geht vornehmlich um Sex (hier mit einem Schwerpunkt auf Potenzproblemen und anderen Hemmnissen), häufig ums „Kacken“ (ich mag nicht drum herumreden) und immer wieder um allbekannte Beziehungskisten. Vielleicht hat Heidenreich doch recht. Der Gedanke kommt mir beim Lesen nicht nur einmal. Ein gestandener Mann (Lippe ist Jahrgang 1948) kreiselt in präpubertärer Fixiertheit um das männliche Geschlechtsteil und seine Einsatzmöglichkeiten und hat die anale Phase – um, wie der Autor es gerne tut, auf Freud zurück zu greifen – anscheinend nicht völlig überwunden.

Natürlich darf man sich nicht wundern. Diese Themenwahl dürfte einem aus von der Lippes Auftrtitten hinlänglich bekannt sein. Aber Schwarz auf Weiß gedruckt und in zwei Bänden fühlt sich das Ganze anders an. Vielleicht, um milde zu sein, wäre die Lektüre unterhaltsamer, wenn man sie über eine längere Zeitstrecke hin ausdehnte. So als Gute-Nacht-Geschichte. Oder als Lesung im Freundeskreis. Beim Grillen oder beim Kaffeekränzchen. Mag sein. Ich glaube jedoch, dass diese Texte für den professionellen Vortrag gedacht sind. Meinetwegen auch dafür, dass der Großmeister von der Lippe sie höchst-selbst vorliest. Das tut er auf seinen Lesereisen und auf Hörbüchern. Ich kann mir vorstellen, dass er die Lacher auf seiner Seite hat. Selbst und still gelesen fehlt den Geschichten die spezifische Diktion Jürgen von der Lippes und vor allem: Sein Timing. Seine Fähigkeit, Pointen heraus zu zögern. Immer dann, wenn man glaubt, das war´s noch einen drauf zu setzen. Dann – und nur dann – verzeihe ich gern die thematische Einfältigkeit.

Was bleibt haften nach 400 Seiten? Der verstörende Gedanke daran, Bier durch einen Bifi-Strohhalm zu trinken.

Interesse an Hunden und Büchern? Besucht mich auf meinem Blog:

https://hundimbuch.wordpress.com/

Eure Anja Beisiegel

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(15)

23 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

humor, kurzgeschichten, jürgen von der lippe, lustig, comedy

Beim Dehnen singe ich Balladen

Jürgen von der Lippe
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Penguin, 12.12.2016
ISBN 9783328100362
Genre: Humor

Rezension:

Gehört Jürgen von der Lippes Kurzprosa in einen Buchblog? Wie landet ein militanter Anti-Veganer ausgerechnet in einem kynologischen Blog, der sich der Achtung und Wertschätzung aller Tiere verschrieben hat? Nun: Hunde sind Karnivoren und von der Lippe bekanntlich auch. Von der Lippe schreckt auch vor Bifi, der Wurst die ein „bisschen fies schmeckt“ nicht zurück. Wenn man seinen Texten Glauben schenken darf, höhlt er sie aus und süffelt sein Bier durch diesen fleischigen Strohhalm.

Aber von der Lippes kulinarische Extravaganzen und seine Vorliebe für gekochtes und gebratenes totes Tier sind nicht Grund für meine Lektüre und diese Rezension. Nein, ich bin bekennender Fan seiner Fernseh- und Live-Auftritte. Ich schätze seine erfrischende Unkorrektheit, seine Besserwisserei en gros und en detail. Er ist ein Meister der Pointe und des Timings. Vor dem Fernseher verzeihe ich gerne seine groben Schoten und auch die Schenkelklopfer. Weil sie gut erzählt sind. Ich lache über Vegetarier- und Nichtraucher-Witze. Weil man über sich selbst am besten lacht.

Als Elke Heidenreich seinen Humor mit „5000 Jahre Herrenwitz im Bierzelt“ abtat, dachte ich: Ja sie hat recht. Lustig sind seine Witze aber trotzdem. Vor allem die Schlüpfrigen. Ja, zugegeben: Manches ist frauenfeindlich. Alice Schwarzer als Identifikationsfigur der deutschen Frauenbewegung für Männer über 60 bekommt auch in den vorliegenden Texten einmal mehr ihr Fett ab. Aber von der Lippe ist auch Meister der Selbstironie. Seine Witze gehen auch auf Kosten seiner eigenen Person und die seiner Geschlechtsgenossen. In dieser Hinsicht besteht durchaus eine Pattsituation. Mit der Tendenz, dass Männer fast immer schlecht wegkommen und Frauen nur meistens.

Was bietet von der Lippe nun an Zoologischem oder gar Kynologischem? Nun, einiges zum Thema Hundekacke und wie man sie in einem Nachbarstreit so kreativ wie zielführend einsetzen kann und welche Namensgebung für einen Mischlingsrüden  zur Kontaktanbahnung zweckmäßig ist. Von der Lippe schlägt „Giselher“ vor. In der Tradition Äsops fasst von der Lippe die Titelgeschichte Der König der Tiere: Eine Fabel um die Königswahl im Urwald, die witzig zu lesen und sogar politisch so aktuell ist.

Spaßig ist auch die Hintergrundstory, die von der Lippe bezüglich einer traulichen Fotografie der Windsors (Kate und Prinz William samt kleinem Prinz George und dem Familienhund Lupo) vorschlägt (in Beim Dehnen singe ich Balladen). Weiterhin sinniert der Autor über tierische Balz und menschliches Sexualverhalten, Jägerlatein und der Frage, ob Tiere Humor haben.

Von der Lippe ist – so fasse ich es zusammen – ein hervorragender Entertainer. Einer, bei dem kein Auge trockenbleibt (er selbst würde dies deftiger ausdrücken). Einer der changiert zwischen derbem Stammtischkumpel und altsprachlich firmem Universalgenie. Sprachkünstler, Storyteller, Gesellschaftskritiker.

Trotz all dieser Vorschusslorbeeren ist die Lektüre von mehr als 400 Seiten von der Lippe (wenn ich Beim Dehnen singe ich Balladen und Der König der Tiere zusammennehme) ein hartes Brot. Klar, die Geschichten sind witzig. Von der Lippe kann auch schreiben und einen Plot setzen. Aber 2 mal gut 200Seiten sind einfach zuviel. Schert man die Geschichten und Glossen über einen Kamm (was man aus meiner Sicht ohne schlechtes Gewissen tun kann), ist die thematische Bandbreite äußerst schmal: Es geht vornehmlich um Sex (hier mit einem Schwerpunkt auf Potenzproblemen und anderen Hemmnissen), häufig ums „Kacken“ (ich mag nicht drum herumreden) und immer wieder um allbekannte Beziehungskisten. Vielleicht hat Heidenreich doch recht. Der Gedanke kommt mir beim Lesen nicht nur einmal. Ein gestandener Mann (Lippe ist Jahrgang 1948) kreiselt in präpubertärer Fixiertheit um das männliche Geschlechtsteil und seine Einsatzmöglichkeiten und hat die anale Phase – um, wie der Autor es gerne tut, auf Freud zurück zu greifen – anscheinend nicht völlig überwunden.

Natürlich darf man sich nicht wundern. Diese Themenwahl dürfte einem aus von der Lippes Auftrtitten hinlänglich bekannt sein. Aber Schwarz auf Weiß gedruckt und in zwei Bänden fühlt sich das Ganze anders an. Vielleicht, um milde zu sein, wäre die Lektüre unterhaltsamer, wenn man sie über eine längere Zeitstrecke hin ausdehnte. So als Gute-Nacht-Geschichte. Oder als Lesung im Freundeskreis. Beim Grillen oder beim Kaffeekränzchen. Mag sein. Ich glaube jedoch, dass diese Texte für den professionellen Vortrag gedacht sind. Meinetwegen auch dafür, dass der Großmeister von der Lippe sie höchst-selbst vorliest. Das tut er auf seinen Lesereisen und auf Hörbüchern. Ich kann mir vorstellen, dass er die Lacher auf seiner Seite hat. Selbst und still gelesen fehlt den Geschichten die spezifische Diktion Jürgen von der Lippes und vor allem: Sein Timing. Seine Fähigkeit, Pointen heraus zu zögern. Immer dann, wenn man glaubt, das war´s noch einen drauf zu setzen. Dann – und nur dann – verzeihe ich gern die thematische Einfältigkeit.

Was bleibt haften nach 400 Seiten? Der verstörende Gedanke daran, Bier durch einen Bifi-Strohhalm zu trinken.

Interesse an Hunden und Büchern? Besucht mich auf meinem Blog:

https://hundimbuch.wordpress.com/

Eure Anja Beisiegel

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Wenn Hunde sprechen könnten!

Henning Wiesner , Katharina Thalbach , Katharina Thalbach
Audio CD
Erschienen bei Der Hörverlag, 25.02.2013
ISBN 9783867179898
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Zwei Hunde liegen gemeinsam vor dem Kamin in Professor Wiesners Haus: Die alte Bernhardiner-Hündin Olga und der unerfahrene Pharaonenhund-Rüde Maxi unterhalten sich über all das, was Menschen über Hunde wissen sollten. Hündische Altersweisheit trifft – gelesen von der wunderbaren Katharina Thalbach — auf jugendliche Neugier. Sowohl Junghund Maxi als auch zweibeinige Zuhörer lauschen gebannt den Ausführungen der erfahrenen Hundedame. Schließlich weiß sie einiges zu berichten und mit einigen Vorurteilen und Ammenmärchen aufzuräumen.

Gleich zu Beginn die erste Richtigstellung: Alle Hunde stammen vom Wolf ab. Punkt. Die These vom Goldschakal als Urvater des Hundes (wie sie Carl von Linné aufstellte und Konrad Lorenz übernahm) ist überholt. Zweitens: Der Hund ist das erste Haustier des Menschen, er wurde bereits in der Steinzeit domestiziert. Wiesner setzt die Hundwerdung des Wolfes vor 16.000 Jahren an. Andere wissenschaftliche Schätzung greifen zwar deutlich weiter zurück (100.000 Jahre), dies muss aus meiner Sicht für ein Kinder-Hörbuch jedoch nicht ausbuchstabiert werden.

Mit einem Ammenmärchen macht Olga gleich zu Beginn Schluss: Mit der Mär vom Schnapsfässchen, mit welchem der Bernhardiner angeblich den von Lawinen Verschütteten zur Rettung eilte. Die kluge Hündin weiß es besser: Alkohol ist bei Unterkühlten nämlich sogar schädlich.

In 18 kurzen Dialogen arbeitet Henning Wiesner (beziehungsweise seine beiden sprachmächtigen Hunde) auf kurzweilige Weise wesentlichen Themen kynologischer Relevanz ab. Die beiden Hunde plaudern über Knochen und archäologische Funde aus der Frühzeit der Hund-Mensch-Beziehung. Man lernt, dass das Zangengebiss beim Flöhe-Knacken gute Dienste leistet ist, jedoch den gängigen Rassestandards widerspricht. Maxi und Olga geben auch Kuriositäten preis: So erfahren wir, dass sich die Ringelschwänze (die trugen schon die Urhunde) in Europa meist nach rechts ringeln und in Afrika und Asien häufig nach links. Das war mir neu, ebenso wie die Tatsache, dass die frühen Torfspitze vor allem dazu dienten, die Pfahlbau-Siedlungen von Mäusen frei zu halten. Katzen waren nämlich noch nicht domestiziert.

Dass Hunde bellen ist allgemein bekannt. Dass Hunde, die bellen, wirklich nie beißen, glaubt heute kaum noch jemand. Henning Wiesner erläutert, dass das hündische Bellen dem Hund nicht von Anbeginn an gegeben war. Das Bellen wurde ihm erst angezüchtet. Als Jagdhund muss er spurlaut sein, als Hütehund muss er Gefahren und Eindringlinge anzeigen. Und wir trainieren dem Hund das Bellen heute wieder ab, der Nachbarn und der eigenen Nerven zu liebe.

Auch vor allerlei Unappetitlichem macht Wiesner nicht halt: Wir verstehen nach diesem Hörbuch besser, warum Hunde sich für Häufchen ihrer Artgenossen interessieren und weshalb sie Kot zum Fressen gernhaben. Was wir widerlich finden, ist für Hunde normal. Der Stoff Skatol (als Bestandteil von Kot und Aas) ist für den Hund ein unwiderstehlicher Duft. Niedrig dosiert kommt Skatol übrigens auch in der Parfümindustrie zum Einsatz.

Nicht eklig genug? Treuherzig erklärt die kluge Bernhardinerin Olga, dass in der Volksmedizin harte, weiße, gut durchgetrocknete Hundeköttel (am Johannistag gesammelt) als gesund galten. Hygienebewusste müssen jedoch keine Angst vor negativen pädagogischen Folgen des Hörbuchs haben: Henning Wiesner (Tierarzt und langjähriger Zoologischer Direktor des Münchner Tierparks Hellabrunn) weist dezidiert auf die Gefahren hin, die der allzu enge Umgang mit dem Hund haben kann, indem er beispielsweise die Risiken des Fuchsbandwurms erläutert.

Wiesners Hündin Olga kann nicht nur sprechen, sondern auch lesen. Die Lektüre von Thomas Manns Idylle „Herr und Hund“ verärgert die Hündin derartig, dass sie jedes Mal knurrt, wenn sie sich dem Bücherregal nähert. Bei aller Begeisterung für Thomas Mann im Allgemeinen und für seine autobiografische Erzählung „Herr und Hund“ im Besonderen: Die Schilderung der Prügelstrafe, die der Hühnerhund Bauschan von seinem Herrn erfährt, ist tatsächlich beim Lesen schwer erträglich. Zeigt sich hier doch eines der Kernprobleme im Zusammenleben von Hund und Mensch: Der Hund ist in seinem Verhalten – verstärkt durch die Zuchtauswahl — auf bestimmte Aufgaben hin programmiert. In Bauschans Fall ist dies das Jagen. Und genau dafür, dass er diese spezifische Fähigkeit einsetzt, hagelt es Prügel. Weil es dem Menschen – in diesem Fall dem großen Schriftsteller Thomas Mann — an grundlegender Kenntnis des Hundeverhaltens fehlt. Denn eines ist klar: Alles Prügeln hält den Jagdhund nicht vom Jagen ab.

Wiesner stellt klar: Der Mensch nutzt die angeborene Unterordnungsfähigkeit des Hundes (ehemals unter den Leitwolf) aus. Der Hund lässt sich formen und erziehen. Erziehung durch Prügel ist jedoch verboten. Der Mensch muss sich mit hündischem Charakter auskennen. Dies erfordert Kenntnis, Verständnis, Liebe und viel, viel Zeit. Bücher und Hörbücher wie dieses von Henning Wiesner legen eine wichtige Basis für einen solchen Umgang mit dem Hund. Sie vermitteln leichtverständlich und unterhaltsam fundiertes Wissen und schaffen Verständnis. Liebe und Empathie stellen sich von selbst ein, wo Kinder (und Erwachsene) die Gelegenheit haben, sich auf sachgerechte Weise mit Hunden und anderen Tieren zu befassen.

Interesse an Hunden und Büchern? Besucht mich auf meinem Blog:

https://hundimbuch.wordpress.com/

Eure Anja Beisiegel

  (0)
Tags:  
 
11 Ergebnisse

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach!

Hol dir mehr von LovelyBooks