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mord, autorin, krimi, lesereise, eifel

Lesereise in den Tod

Jürgen Schmidt
Flexibler Einband: 200 Seiten
Erschienen bei edition oberkassel, 19.01.2017
ISBN 9783958130807
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Auf Jürgen Schmidts neuen Roman, übrigens seinen ersten Krimi, habe ich mich seit längerem gefreut. Im Januar erschien "Lesereise in den Tod" in der Edition Oberkassel und gibt der Realität entnommene Einblicke in die Selfpublisherszene und ihre Akteure.

Mona de la Mare, eitel, mit den überschwänglichen Lobhudeleien ihrer Blogger- und Fancommunity auf Facebook kokettierend, begibt sich mit ihrem Roman "Passwort Hurensohn" auf Lesereise. An einem Aschermittwoch stellt sie in einer Bücherei in Bad Münstereifel besagten Roman vor, danach isst sie zu Abend und begegnet ein wenig später ihrem Mörder. Zwei Wochen, nachdem Mona de la Mare erstochen aus der Erft geborgen wird, wendet sich ihr Vater, der Arzt Herbert Töpfer an den Privatdetektiv Andreas Mücke.

Mit Andreas Mücke lernen wir einen angenehmen Vertreter seines Berufs kennen, keinen Soziopathen wie in den meisten Krimis, sondern einen zweimal geschiedenen Vater zweier Kinder in unterschiedlichen Entwicklungsstadien mit einem etwas chaotischen Privatleben. Mit Jessica, genannt Jess, würde er gerne eine engere Beziehung führen, doch sie bleibt auf Distanz und eröffnet ihm, während er den ersten gemeinsamen Urlaub mit ihr plant, dass sie mit einer Freundin zum Wandern nach Marokko reist.

Trotz des schwierigen Beziehungslebens verfolgt Mücke hartnäckig den Fall, nimmt die Spuren hoher Geldbeträge auf, die an Mona gezahlt wurden, und sucht auch in ihrem unveröffentlichten Manuskript "Der Fratzenseher" nach Anhaltspunkten. Auch den Weg zu ihrem Ex, dem verpeilten, wie heruntergekommenen Musiker A.C. Stone in Krefeld, sowie zu einem der zahlreichen Liebhaber Monas nimmt Mücke auf sich. Zu den Personen, die Mücke im Verdacht hat, zählt ihr früherer Mentor, Jens Kulik. Schließlich hätte er Mona, die sich als Urenkelin des britischen Schriftstellers Walter de la Mare ausgab, gerne als ernsthafte Autorin aufgebaut, denn phantasievoll sei sie ja gewesen ...

Überraschend, aber sehr überzeugend baute Jürgen Schmidt einzelne Kapitel aus der Sichtweise eines Psychopathen auf Kreuzfahrt durch Skandinavien ein. Stimmen führen ihn, Stimmen befehlen ihm, er sieht Fratzen und kann nicht anders. Diese Kapitel fand ich sehr eindrucksvoll geschrieben. Findet sich ein Hinweis auf den Täter in Monas Manuskript? Wollte er gar die Veröffentlichung verhindern? Wir dürfen mitraten.

Ein weiterer Pluspunkt dieses Krimis ist der tiefe Einblick in die Selfpublisher-Szene. Anspruchslose Romane werden zu Lieblingen des Facebook-Klientels, außerhalb der Communities sind die Namen ihrer Autorinnen und Autoren aber unbekannt. Es geht um Klicks, Likes, Rankings und die Liebe der Fans als Bestätigung des Egos, nicht um Qualität und Authentizität als Person.

Zum Schreibstil: Er ist sehr flüssig und knapp, dadurch liest sich das Buch auch sehr schnell. Trotzdem nimmt der Leser viele wichtige Hinweise aus Dialogen und den Eindrücken Mückes auf. Ich mag die teilweise ruppige, derbe Sprache des Detektivs. Ich mag diesen Mücke und seine Familie und hoffe, bald wieder von ihnen zu lesen.

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Tags: autoren, bad münstereifel, krimi, nordrhein-westfalen, psychothriller, selfpublisher   (6)
 

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schwarzer humor, narzismus, spanien, roman, frauenroman

Frau mit Grill - Königin der Costa Blanca

Sabine Ibing
Flexibler Einband: 252 Seiten
Erschienen bei Ibing, Sabine, 12.12.2016
ISBN 9783033059764
Genre: Romane

Rezension:

Sie ist wieder da. Sophie, die "Frau mit Grill". Vergangenes Jahr durfte ich die Bekanntschaft mit der durchtriebenen Narzisstin Sophie Barradon im gleichnamigen Roman von Sabine Ibing machen. Zur Erinnerung: Die rothaarige alterslose Schönheit (sie ist 60), Produkt der plastischen Chirurgie und diverser Luxuslabels, trieb ihre Männer an den Rand des Wahnsinns und des finanziellen Ruins. Bis sie am Ende den reichen, aber betagten Victor Bäsch heiratete - und ihre Apanage für Promi-Friseurbesuche und Shoppingtouren durch Nobelboutiquen per Ehevertrag geregelt wurde. Blöd nur für Sophie, dass Victor auch noch ein wohltätiger Mensch ist ...

Jetzt hat Sabine Ibing die Fortsetzung "Die Königin der Costa Blanca" geschrieben, die seit 01. Dezember 2016 erhältlich ist. Das Scheusal ist zurück und hat mit der spanischen Putzfrau Maria und deren Freund Alejandro Gesellschaft bekommen, denn ihr und Victors Lebensmittelpunkt ist in Spanien.

Maria de la Concepcion Imaculada putzt die Appartments der betuchten Eigentümer der Wohnanlage. Einst träumte sie von einer Modelkarriere, als Entschädigung für ihren gescheiterten Traum "leiht" sie sich die teuren Kleider verreister Bewohnerinnen und geht mit Alejandro aus. Auch Sophies breitkrempige Hüte fallen ihr auf. So kommt es eines Tages, dass durch eine Ungeschicklichkeit Marias Victor so unglücklich stürzt, dass er bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert wird. Herrlich oberflächlich wird hier Sophie beschrieben: Sie wendet sich in der Zwischenzeit seichten Liebesromanen zu, auf die sie sich dann doch nicht konzentrieren kann. Nicht etwa aus Sorge um das Befinden ihres Ehemanns, sondern, ob er vorzeitig stirbt und sie nicht in Genuss seiner Rente kommt. Auch Victors Neffe, der katholische Geistliche Franz, stellt sich als Rivale im Erbstreit dar. Denn wozu soll Geld für die Erhaltung einer Orgel verschwendet werden, wenn man es auch für Versace und Louis Vuitton ausgeben kann? Schnell wird im Allgäu das Haus ausgeräumt, denn Franz wird kein einziges Möbelstück gegönnt.


Und jetzt tritt Alejandro auf den Plan. Er beglückt ältere verwitwete Engländerinnen, bei denen es auch etwas zu holen gibt. Ein lukratives Geschäft. Auch Sophie gegenüber erweist er sich als charmant, wenn es ihm auch an Manieren fehlt, wie sie feststellt. Da auch alle in der Wohnanlage so gemein zu Sophie sind - ihre Verflossenen und die dicke Berta, die Seele und Bildzeitung der Anlage - will sie wegziehen. Beim Kauf eines Apartments in Altea, dem "Hollywood der Costa Blanca" aufgrund seiner Promi- und Russendichte, ist ihr Alejandro äußerst behilflich ... Ob der spanische Immobiliendeal gut geht? Alejandros Part ist die Parallelgeschichte zu Sophie und mit dem Spanier mit Ronaldo-Frisur hat Sabine einen ebenfalls wenig sympathischen, dafür aber umso schillernden Charakter hinzugefügt.


Apropos Russendichte. Sophie macht Bekanntschaft mit Oleg, einem ukrainischen Oligarchen. Der bringt sie auf die Idee, Bloggerin für Lifestyle zu werden. Was würde auch anderes zu Sophie passen? Süchtig nach Anerkennung und nach Glamour, immer im Mittelpunkt, immer die Schönste und dabei die Verachtung ihrer Mitmenschen in der Seele - genau das arbeitet Sabine Ibing wieder gelungen bei Sophie heraus. Doch nicht nur, denn der scheinbar oberflächliche Charakter hat auch eine traurige Seite:


Immer wieder bekommt Sophie Anfälle von Selbstmitleid. Ihre Männer hätten sie nicht geliebt, sondern nur verarscht und schlecht behandelt. Sie gerät in Zweifel, ob sie jemals Liebe erfahren hat. Ihr neues Wirkungsfeld als Modebloggerin trägt auch nicht zu ihrem Seelenheil bei. So beschreibt Sabine Ibing treffend:


"Wieder bestimmte die Ebbe Sophies Seele. Likes fluteten tagsüber ihre Gefühle, Wellen des Glücks mit bewundernden Postings. Am späten Abend kehrte die Ebbe zurück, wenn sie allein vor dem Fernseher saß, die Rotweinflasche auf dem Tisch, Lachen von draußen, fröhliche Stimmen aus den Nachbarwohnungen ..."


So mag es vielen gehen - quer durch alle Schichten - die sich über Klicks, Likes, Follower und Kommentaren in den sozialen Netzwerken definieren. Virtuelle Freunde sind nicht unbedingt immer echte Freunde und dämpfen die Einsamkeit kaum. Im Gegenteil. Manche Menschen fühlen sich trotz 1000 Facebook-Freunde ziemlich leer.

Genau solche Passagen geben den Büchern von Sabine Ibing bei ihrem flüssigen und beschwingten Erzählstil auch etwas Nachdenkliches, mit dem man sich im Alltag und seinen eigenen Gedanken wiederfindet.


Auch den zweiten Teil von "Frau mit Grill sucht Mann mit Kohle" kann ich weiterempfehlen. Wer den ersten Teil nicht gelesen hat, kommt hier gut rein, weil die Personen um Sophie schnell vertraut werden, auch die neuen Figuren. Wer wie ich bisher noch nie in Spanien war, kann sich dank der detailreichen und bunten Beschreibungen gut an die Schauplätze versetzen. "Die Königin der Costa Blanca" ist eine kurzweilige Lektüre, die bei aller Skurrilität Sophies dennoch Tiefgang hat. Denn hier erwartet uns keine zuckrige Klischeewelt der Reichen und Schönen à la "Sturm der Liebe" oder wie in den Milliardärs-Schmonzetten, sondern ein realistischer Einblick hinter die Fassaden - und das wortwörtlich. Eine Protagonistin muss auch nicht unbedingt sympathisch sein, oder sämtliche Vorbildfunktionen einnehmen. Sie darf ekelhaft, abstoßend, zickig, gemein und unfreiwillig komisch sein, und damit nimmt sie den Raum komplett ein. So wie Sophie eben, die wahre "Königin der Costa Blanca".

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Tags: frauenroman, narzismus, roman, schwarzer humor, spanien   (5)
 

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erde, anja fahrner, science-fiction, sciencefictionliteratur, zukunft

Alkatar

Anja Fahrner
Flexibler Einband: 408 Seiten
Erschienen bei CreateSpace Independent Publishing Platform, 17.06.2016
ISBN 9781533142801
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Die Inhaltsangabe verrät bereits, dass die Menschen im Jahr 2030, also in einer nicht ganz fernen Zukunft, die Erde an den Rand einer Katastrophe gebracht haben. Außerhalb unseres Sonnensystems ist diese Entwicklung nicht unbemerkt geblieben, also starten die Laurasier, entfernte Vorfahren der Menschen, eine Rettungsaktion, indem sie Freiwillige von der Erde für ein Projekt rekrutieren. Diese Menschen sollen auf dem Planeten Zadeg, der der Erde ähnlich ist, im Einklang mit der Natur leben, also von vorne anfangen. Es wird ihnen eine zweite Chance für eine Weiterentwicklung geboten, die Alkatar, der Protagonist, ein laurasischer Heerführer und Telepath, überwachen und begleiten soll. Doch schon bald wird er mit den Abgründen der Spezies Mensch konfrontiert. Als ein intergalaktischer Krieg Zadeg von der Außenwelt abschneidet, setzt sich eine dramatische Entwicklung in Gang ...

Der Roman ist in vier Teile aufgebaut. Im ersten Teil "Sumas" beschreibt Anja Fahrner Alkatars Heimatplaneten Sumas. Dessen Bewohnerinnen und Bewohner sind mit telepathischen Fähigkeiten ausgestattet und es herrscht ein Matriarchat. Auf den ersten Blick scheint das Leben auf Sumas archaisch, denn die Jagd und das Handwerk sind der Lebenserwerb und die Gesellschaft wird von einflussreichen Sippen bestimmt. Männer, die körperlich nicht stark genug sind, um in der Wildnis zu jagen und Kinder - vor allem Töchter als "Senderinnen" und "Koordinatorinnen" - zu zeugen, finden in ihnen keinen Platz. So bleibt ihnen wie dem Schmied Marzellus, Mitglied der Sippe der Magari, die Wahl, Handwerker in der Stadt Ousadap zu werden, oder schlimmer noch, dem schmächtigen Henschel, als Heimatloser auf Almosen zu warten.

Alkatar soll sich nach seiner Initation in Ousadap einer Sippe anschließen, doch im wahrsten Sinne des Wortes verschläft er den Anschluss. Nach einem Überfall Heimatloser wird er von Marzellus aufgepäppelt. Doch Marzellus macht ihm klar, Alkatar muss für ihn in der Schmiede arbeiten. Für den jungen Sumarer, der zum Jäger bestimmt ist, nicht leicht. Zu ungeduldig verrichtet er seine Aufgaben. Es ist auch die Rede vom Interplanetaren Bund, über den Marzellus ähnlich verständnislos schimpft wie bei uns die EU-Verdrossenen. So aber erfährt Alkatar, dass es außerhalb Sumas' noch mehr geben muss. Mit Henschel schließt er eine tiefe Freundschaft und bewegt ihn dazu, sich als Seelsorger beim Interplanetaren Bund zu bewerben. Beim Vorstellungsgespräch bei der Senderin Onida hört Alkatar außerdem, dass es Gleichberechtigung und eine fortschrittliche Gesellschaftsform gibt und wird neugierig.

Doch für Alkatar ist vorerst etwas anderes bestimmt: Er wird von der Sippe der Magari aufgenommen. Dort wird er angesehener Jäger, muss aber auch mit der herrischen Rachil eine Tochter zeugen, während seine Gefühle der sanften Meisha gelten, dessen Sohnes Vater er wird. In der Hierarchie der Sippe aber sind Gefühle und Liebe unerwünscht. Nach einem Jagdunfall verlässt Alkatar die Magari und wird Heerführer beim Interplanetaren Bund.

Der zweite und damit der kürzeste Teil ist der Erde gewidmet. Wenn die derzeitige Entwicklung, öknomisch, politisch und gesellschaftlich so weitergeht, könnte das Szenario, das die Autorin für das Jahr 2030 ansetzt, durchaus realistisch sein. Arbeitslose durchziehen das Land in Gruppen, um nach Essen zu suchen - stellt sich die Frage, ob nicht das kapitalistische System archaischer ist? Nur wer Arbeit und sozialen Status hat, gilt etwas. In Frankreich ist es zu Unfällen in Kernkraftwerken gekommen, die Strahlung hat viele Menschen krank gemacht. Es gibt kaum noch Wälder und mit dem Auto zu fahren, wird aufgrund der knappen Ressourcen unbezahlbar.

In dieser Gegenwart leben die Geschwister Stefa und der Neurobiologe Heinrich, bis sie den Aufruf erhalten, sich als Freiwillige für eine geheime Mission zu melden. Stefa ist eine zurückhaltende, schüchterne und introvertierte junge Frau. Sie flüchtet sich in eine Fantasy-Welt und sucht Trost bei ihrer einzigen Freundin und ihrem Kaninchen. Heinrich ist sehr dominant, nimmt ihr Entscheidungen ab und nennt sie "Stefchen". Die Mutter ist durch die Strahlung schwer krank und der Vater arbeitet schwer, am Feierabend hat er nur noch Interesse daran, sich vom Fernsehprogramm berieseln zu lassen. Stefa leistet ihr freiwilliges soziales Jahr in einem Krankenhaus und lernt bei ihren Patienten Einsamkeit, Krankheiten psychischer und physischer Art als Folge eines Systems kennen, in dem der Mensch nur noch mehr arbeiten muss, um noch mehr konsumieren zu können ...

Schließlich melden sich Stefa, Heinrich und dessen elitäre Freundin, die Chemikerin Ulrike zur Mission.


Bis zum dritten Teil vergehen 70 Jahre im Kälteschlaf, bis die Siedler den erdähnlichen Planeten Zadeg erreichen. Henschel kümmert sich um die Erde und auch fürs Erste um die Neuankömmlinge, während Alkatar ihnen als Wächter zur Seite steht. Die Einwohner Zadegs, die liebenswerten Wallnas, helfen den Menschen, einfache Hütten zu errichten. Ziel ist es, der Menschheit eine zweite Chance und der folgenden Generation die Rückkehr auf die Erde zu ermöglichen, wenn sie lernen, im Einklang mit der Natur und der Überwindung des Klassensystems zu leben. Nur zögerlich schließt Stefa Freundschaften, vor allem mit den Wallnas. Sie verehrt Alkatar und sieht in ihm den Helden ihrer Fantasy-Geschichten.

Heinrich und Ulrike dagegen nutzen Stefa dazu aus, die Hütte sauber zu halten und zu kochen, während sie - unerlaubterweise - das den Menschen zugewiesene Tal für Expeditionen verlassen. Allmählich beginnen sich die beiden von den anderen Menschen abzuheben, beispielsweise durch ihre Kleidung und andere Abtrünnige gegen Alkatar zu finden. Sie verlassen die Siedlung und errichten eine neue, die sie "Gloria" nennen und jedem, der ihnen folgt, bessere Lebensbedingungen versprechen. Bald aber reicht Heinrich "Gloria" nicht mehr aus. Er und seine Anhänger beziehen die verlassene Festung Malatomb und benehmen sich wie die Herrscher, spielen mit Erbgut und greifen damit in die Schöpfung ein, was Alkatar zu seinem erbitterten Feind macht.

Durch die Freundschaft zu Alkatar verändert sich Stefa und wird mutiger und selbstbewusster. Etwas Besonderes kommt in der schüchternen Außenseiterin zu Tage ...

Im vierten Teil züchtet sich Heinrich eine neue Spezies, die "Simplen", die für ihn und seine Gesellschaft arbeiten sollen. Hier kommt sehr schön die Kritik an den Spielereien mit der Genetik und an einem System herüber, das Abhängige schafft und sie arm hält, damit sie sich nicht auflehnen. Die Zustände, so wie sie 2030 auf der Erde waren, sind unter Heinrich die gleichen, wenn nicht noch schlimmere geworden.

Jetzt gilt es, diese Entwicklung zu beenden, und für Alkatar ist klar, er muss Heinrich und seine Kreaturen beseitigen. In diesem Teil des Buches ist so klar herauszulesen, wie Alkatar der Bruch mit seinen Werten zusetzt, dass sich seine Sinne einschränken und er sich selbst fast aufgibt. Wird das ihm und Stefa gelingen, Heinrichs und Ulrikes Spiel zu beenden?


Mein Fazit: "Alkatar" ist ein mitreißend und wunderschön geschriebener Roman. Ein großes Lob an Anja Fahrners bildhaften und lebendigen Schreibstil, dem es zu verdanken ist, dass ich das Buch fast in einem Zug durchgelesen habe. "Alkatar" unterscheidet sich aufgrund seiner Tiefgründigkeit und treffenden Kritik von den meisten Werken des Genres. Sätze wie "Die Spezialisierung würde eure Gemeinschaft töten, noch bevor sie wachsen konnte. Sie hat in euren unvollkommenen Gesellschaftssystemen zu einer Zweiklassengesellschaft geführt, zu einer Beschränkung der schöpferischen Kraft durch Zwang zu einseitigen, oft stumpfsinnigen oder sinnlosen Aufgaben bis hin zu einer Verkrüppelung ethischer und moralischer Werte. Hier in Tamyras wird sich keiner über den anderen erheben, weil er sich zu Höherem berufen fühlt. Ihr seid alle gleichgestellt." sind wahre Worte und sollten den einen oder anderen zum Nachdenken anregen.

Als ich das Buch beendet hatte, musste ich, um mit Alkatar zu sprechen, noch einige Zeit lang nachspüren. Aber lest es selbst ...

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Tags: endzeit-szenario, erde, kapitalismuskritik, science fiction, telepathen   (5)
 

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liebesbeziehungen, geschichte 1970er jahre, kalter krieg 1945-1989, liebe, deutschland

Mein GI für einen Sommer

Paula Dreyser
E-Buch Text
Erschienen bei null, 31.07.2016
ISBN B01JGPV7GK
Genre: Sonstiges

Rezension:

Es ist heiß im Sommer 1976 und man spricht vom Jahrhundertsommer, als die beiden Freundinnen Marita und Sophie von ihren GIs, Anthony und Rick träumen. Wieder ist der Schauplatz von Paula Dreysers Kurzroman "Mein GI für einen Sommer" das deutsch-amerikanische Millieu in Mainz.

Marita und Sophie sind zwei Teenager aus gutbürgerlichen Familien, in denen "anständige deutsche Freunde" erwünschter sind als amerikanische Soldaten und wo zum Fernsehabend der Käseigel aus Plastik neben der Platte mit Leberwurstschnitten kredenzt wird. Wenn sie sich mit dem Italoamerikaner Anthony und dem Hispano Rick treffen, sie an den Lee Barracks abholen, gilt es, sich nicht von tratschsüchtigen Nachbarinnen erwischen zu lassen. So erleben wir einen Sommerabend in einer Sportgaststätte am Waldrand, wo auch das Flair der 1970er Jahre spür- und erlebbar wird. Oder auch in Eisdielen, die den sehnsuchtsbehafteten Namen "Venezia" tragen.

Doch über der Liebe zwischen Marita und Anthony zieht ein Schatten auf: Slade, ein aus Samoa stammender GI, zieht Anthony in dubiose Geschäfte hinein und macht ihn, der seinen kranken Vater in den Staaten unterstützen muss, erpressbar. So erklärt Anthony Marita, dass er nach seinem Heimaturlaub nicht mehr nach Deutschland zurückkehren wird ...

"Mein GI für einen Sommer" ist nicht nur wegen Paula Dreysers flüssigen Schreibstil schön zu lesen, sondern auch die Protagonisten sind sehr sympathisch und spannend. Auf der einen Seite sind Marita und Sophie, junge Mädchen in ihrer Zeit mit Clogs und Dauerwelle, die zum ersten Mal verliebt sind und schon fast komplotthaft das nächste Date planen. Undurchdringlich und unnahbar erscheint Anthony, der seine deutsche Freundin an sich heranzieht und sie gleichzeitig auf Distanz hält. Er ist gewiss kein glatter Charakter, doch genau das macht seine Rolle spannend und interessant. Darum wäre es auch zu einfach zu sagen, er spielt mit Maritas Gefühlen.

Paula Dreyser versteht es, ihre Leser in ein Jahrzehnt zurückzuführen, das sie vielleicht nicht selbst erlebt haben. Das Lebensgefühl der 1970er Jahre umweht einen wie das Baumwollkleid der Schwimmbadbesucherin zur entfernten Hippie-Hymne "If You're Going to San Francisco" gleich zu Anfang, doch Flower Power ist schon wieder Vergangenheit. Dafür erinnern wir uns an Palästinensertücher, verrauchte Kneipen, "Smoke on the Water", den Sieg Helmut Schmidts bei der Bundestagswahl und - hier schließt sich 40 Jahre später der Kreis - die EG-Erweiterung mit dem Vereinigten Königreich und der Idee, ein Europaparlament direkt zu wählen.

40 Jahre später, im Jahr 2016, finden sich Marita und Anthony über eine deutsch-amerikanische Facebookgruppe wieder. Mit der Jetzt-Zeit erlebt Marita ihre eigene Unsicherheit in einem verunsicherten Land, der Brexit, die scheinbar verlorene Idee des Vereinten Europas aus den 1970er Jahren, die Silvesternacht und das Aufkommen neuer rechtsradikaler Strömungen bereiten ihr, wie allen, Sorgen. Da scheint die Erinnerung an eine langsamere, überschaubarere Zeit und das Wiedersehen mit Anthony eine willkommene Atempause.

Ein kurzer wie auch kurzweiliger Roman über die erste Liebe und ihr Risiko, über Verstrickungen und scheinbare Auswege, und über einen langen und heißen Sommer am Rhein.

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Tags: deutschland, geschichte 1970er jahre, kalter krieg 1945-1989, liebesbeziehungen, usa, zeitgeschichte   (6)
 

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mainz, usa, liebe, calling usa, erlebte zeitgeschichte

Calling USA

Paula Dreyser
Buch: 324 Seiten
Erschienen bei VA - Verlag Aretz, 17.03.2016
ISBN 9783944824543
Genre: Romane

Rezension:

Die Deutsche Lydia und der amerikanische GI Steven lernen sich im Sommer 1977 in Mainz kennen, wo Steve stationiert ist.

Es ist die Zeit des Kalten Kriegs, Deutschland ist in zwei Staaten geteilt, die Grenze zum Warschauer Pakt ist nah und der Deutsche Herbst versetzt ein Land in Angst vor Terroranschlägen und Entführungen. Dann, knappe 14 Jahre später, im Februar 1991, wieder Krisenzeiten: Die USA und ihre Alliierten sind im Irak einmarschiert. Lydia ist mit ihren Gedanken und Sorgen bei Steve. Muss er in den Irak?
Etwas ist in der Zeitspanne geschehen, es sollte ein Wiedersehen geben, doch Steve hatte keinen Pass und konnte nicht nach Deutschland zu Lydia fliegen.


Doch zunächst zurück in die Gegenwart. Paula Dreyser arbeitet mit Rückblenden, die immer wieder in die späten 1970er Jahre zur Haupthandlung zurückführen. Lydia, inzwischen geschieden, Mutter einer Tochter im Teenageralter und Bibliothekarin, kann Steve nicht vergessen. Sie ist hin- und hergerissen zwischen dem Versuch, mit ihm über seine Schwestern auf Facebook in Kontakt zu treten und ihn damit wiederzufinden, und der Schachtel Erinnerungen in Form alter Fotos. Dabei fällt die schöne englische Beschreibung "hazel eyes". Das Deutsche nimmt "braunen Augen mit grünen und goldenen Sprenkeln" den Zauber eines einzigen Wortes, das für sich spricht. Glücklicherweise verwendet die Autorin im Kontext "hazel" durchgehend.

Ermutigt von ihrer alten Freundin Birgit, setzt sich Lydia nervös an ihre Laptop und macht Steves Schwester Kelly auf Facebook ausfindig. Die antwortet prompt, allerdings hat sie schlechte Nachrichten: Steve, einst ein stattlicher junger Mann und voller Lebensfreude, leidet an epileptischen Anfällen, lag im Koma, ist dadurch vorzeitig gealtert und verfügt nur noch über sein Langzeitgedächtnis. Für Lydia ein Schock. Kann sich Steve noch an die gemeinsame Zeit erinnern? Und, wie mag es ihm, dem Veteranen, im Trailerpark gehen, dem amerikanischen Alptraum?
Lydia spürt, dass ihr möglicherweise nur diese eine Chance bleibt, Steve wiederzusehen und fliegt in die USA.


Was mir hier besonders gut gefällt, ist der Schnitt, den Paula Dreyser hier macht: Die Flugreise wird zur Reise in die Vergangenheit. Da ist die junge Lydia im Mainz von 1977 und führt uns in eine Zeit des Umbruchs. Die Eltern, insbesondere die Mutter, leben die traditionellen Rollenbilder des Nachkriegsdeutschlands vor. Die Mutter, die sich wörtlich für Haushalt und Familie aufarbeitet, bis hin zum Ruin der eigenen Gesundheit, und der Vater, für den ein gedeckter Tisch und ein sauberes Haus selbstverständlich sind. Lydia ist die neue Generation, die die alten Rollenbilder und Werte der Eltern in Frage stellt.

So trifft sie vor dem Mainzer Bahnhof Steve und es ist Liebe auf den ersten Blick. Lydia hat nichts für die gleichaltrigen "Teetrinker" in ihrer Klasse übrig, die sich in politischen Debatten verfahren. Für die Eltern käme ein amerikanischer Freund nicht in Frage. Auch hier das ambivalente Verhältnis zu den Amerikanern, wie es zur damaligen Zeit wohl üblich war: Einerseits kamen die Amerikaner nach dem Krieg als Befreier vom NS-Regime und Schutzmacht, andererseits gab es Vorurteile, wie etwa Drogenkonsum. Sie haben Angst, ihre Tochter könnte eines Tages in die USA gehen. Die Einzige in der Familie, die für Lydias Beziehung mit Steve Verständnis hat, ist Lydias Großmutter Lina.
Auch in Lydias Freundeskreis gibt es deutsch-amerikanische Beziehungen, und in ihnen werden die kulturellen Unterschiede deutlich.


Einer der großen Unterschiede ist, und den arbeitet Paula Dreyser auch sehr anschaulich heraus, die "German Angst" und der amerikanische Pioniergeist. Für die junge Deutsche ist Sicherheit wichtig, eine Lehre nach der Schule, danach eine Arbeit. Ein Umzug in ein fremdes Land, in dem man auch ungelernt Arbeit finden, aber diese nach dem Prinzip "hire and fire" gleich wieder verlieren kann, wird ihr zunehmend unheimlich. Steve verlängert für Lydia seine Dienstzeit in Deutschland, doch in der Zeit entfremden sich die beiden immer mehr und lassen sich auf eine Affäre ein. Es ist der Anfang vom Ende ... Weder Lydia, noch Steve werden in ihren späteren Ehen glücklich.


"Calling USA" greift die Frage auf, was mit Menschen geschieht, die füreinander bestimmt zu sein scheinen, sich aber dann trennen. Und ob es eine zweite Chance gibt.


Für mich ist "Calling USA" ein zeitgeschichtlich sehr interessanter Roman, der wie ein Film zurück in eine spannende Epoche führt, und auch emotional dürfte er sein Publikum ebenso ansprechen. Ein Roman, den man bis zur letzten Seite liest und dessen Protagonisten man ungern gehen lässt.

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Tags: 1970er, usa   (2)
 

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flüchtlinge, mafia, italien, bodensee, krimi

Der Tote im Gänseteich

Sabine Ibing
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Ibing, Sabine, 07.03.2016
ISBN 9783033054899
Genre: Romane

Rezension:

Kann ein Krimi gleichzeitig spannend sein und sich einer aktuellen Thematik wie dem syrischen Bürgerkrieg widmen, ohne dabei bemüht zu wirken? Ja, das lässt sich vereinbaren und ist der Weise zu verdanken, wie sich die Autorin Sabine Ibing dem komplexen Thema annähert. Ihre beiden Protagonisten, die Journalistin Mia und der pensionierte Gerichtsmediziner Leo, die nicht in die bekannten Schablonen misanthropischer Ermittler passen, führen auf eine angenehm unkonventionelle Weise durch den ersten Teil der Bodenseekrimi-Reihe "Der Tote im Gänseteich".

Mia und Leo kehren nach einem Dorffest am Bodensee zum Biohof ihres Neffen zurück. Es ist spät in der Nacht. Im Gänseteich liegt der unbeliebte Habbo Schnut - tot. Habbos Erwebsquelle war das Reparieren alter Autos und er träumte von Kalifornien. Kurz vor seinem Tod gab es einen handfesten Streit mit dem polnischen Saisonarbeiter Jan, weil Habbo augenscheinlich eine Affäre mit seiner Frau Asta hatte, wie die Fotos auf seiner Kamera glauben machen. Als Experte stellt Leo als Todesursache Genickbruch fest, allerdings auf einer Weise, wie ihn nur ein kampfsporterprobter Täter durchgeführt haben kann. Die Kripo hat zuerst Jan unter Verdacht, doch für Mia und Leo ist er nicht der Täter. Stattdessen gehen sie der Spur eines blauen Mercedes nach, der sie auf einen Bauernhof führt.

Auf eigene Faust verschafft sich Mia nachts Zutritt zu dem Bauernhof und stößt auf furchtbare Zustände einer illegalen Schweinemast. Sie kann Leo überzeugen, mit zu dem Bauernhof zu kommen, weil sie dort eine Spur zu Habbos Mörder vermutet. Doch sie werden Zeugen eines weiteren Mordes, an dem Bauern, verübt von professionellen Killern der Mafia. Während sich Mia und Leo verstecken, stoßen sie auf den syrischen Bürgerkriegsflüchtling Amedy.

Was hat es jetzt mit Amedy auf sich? Wir erfahren von ihm, dass er als Christ mit einer Alevitin verheiratet ist. Die weltlichen Aleviten sind zwischen die unübersichtlichen Fronten des syrischen Bürgerkriegs geraten und werden von Sunniten und Schiiten, sowie dem IS verfolgt, da auch Machthaber Assad dieser muslimischen Glaubensrichtung angehört. Auch Amedys Fluchtweg, zuerst im Land, bis die Front näherrückt, dann über die Türkei durchs Mittelmeer, steht exemplarisch für die Millionen, die für Schutz und Frieden in Europa tagtäglich ihr Leben riskieren - und auseinandergerissen werden, so wie Amedys Khalida und Tochter Maissa in einem italienischen Flüchtlingslager stranden. Auch seine Schwester, eine Ärztin, hat sich auf den Weg ins sichere Schweden gemacht (das nach Deutschland die meisten syrischen Flüchtlinge aufnimmt) und verschwindet spurlos in Istanbul. Er will seine Familie nachholen und seine Schwester wiederfinden. Mia und Leo helfen ihm dabei und organisieren für Frau und Tochter Bahntickets nach Konstanz.

Hier setzt der aktuelle, wie auch gesellschaftskritische Part ein. Leo kümmert sich um Amedy und kleidet ihn neu ein, da er seit der Flucht das selbe trägt. Die Konfrontation mit seinem Vermieter, dem Prototypen des intoleranten Kleinbürgers, ist unvermeidlich. Da brechen Alltagsrassismus und Pegida-Parolen durch, von wegen, die Flüchlinge nehmen den Deutschen alles ... Leo verleiht jenen Menschen eine Stimme, die in den Flüchtlingen vor allem eines sehen, Menschen, die freundlich in einem reichen Land aufgenommen werden wollen und unsere Unterstützung und Solidarität brauchen. An Sätzen wie "Die Demagogen werden das Wort haben und die rechten Ratten werden aus dem letzten Loch herausklettern. Davor habe ich Angst. Das Nachplappern von dem, was die Journalisten vorgeben, ist einfach. Noch einfacher ist es, im Fluss der Masse zu ertrinken" ist deutlich herauszulesen, dass Sabine Ibing den Roman parallel zu den Ereignissen geschrieben haben muss.

Mia folgt erneut dem blauen Mercedes, diesmal zu einer Pizzeria mit grottenschlechtem Essen. Oftmals dienen Pizzerien wie die beschriebene Mafiageschäften, wie etwa Geldwäsche, Drogen- und Menschenhandel. Letzteres scheint durch die Flüchtlingsströme zur lukrativen Haupterwerbsquelle einer Mafiabande geworden zu sein, deren Spur ins Piemont führt. Da sich Mia nicht nur für gutes Essen interessiert, das es im Piemont mit seinen Spezialitäten gibt, macht sie sich auf den Weg dorthin. Doch sie begibt sich in Lebensgefahr, als sie auf von der Mafia verschleppte syrische Frauen stößt ...

Mich hat "Der Tote im Gänseteich" nicht nur aufgrund seines gesellschaftskritischen Aspekts beeindruckt. Dieser Krimi sticht meiner Meinung nach auch wegen seiner Hauptpersonen heraus, was ich anfangs schon angedeutet hatte.

Mia, wie auch Leo stammen aus Hamburg. Man mag den Hanseaten eine gewisse Sprödheit nachsagen, die durchaus sympathisch und liebeswert ist. Aber Sabine Ibing ist keine Autorin, die sich Klischees bedienen muss. Vielmehr legt sie Wert auf die Individualität ihrer Charaktere. Als ehemalige Journalistin ist Mia die unkonventionelle Draufgängerin, auch eine Macherin, eine sehr selbständige und selbstbewusste Frau, die ich auf Mitte Fünfzig schätze. In keinem krasseren Gegensatz könnte Leo zu ihr stehen. Er ist zwar im Ruhestand, aber in sein früherer Beruf als Gerichtsmediziner verlangt Präzision und höchste Konzentration. Er braucht einen geregelten Tagesablauf und wirkt auch in der Art, wie er gekleidet ist und anhand seiner Gewohnheiten ein wenig pedantisch. Mias Handeln auf eigene Faust macht ihn schier verrückt. Doch sie ergänzen sich und spielen in der Handlung gut zusammen, weil sie eigenwillige und darum überzeugende Personen sind. So wechselt die jeweilige Ich-Perspektive Mias, bzw. Leos von Kapitel zu Kapitel als spannungssteigerndes Erzählelement.

Was ich noch an dem Buch schätze, sind die Details, mit denen Sabine Ibing beschreibt, was etwa der Biohof anbaut und seiner Kundschaft anbietet. Fast ausgestorbene Nutztierrassen und Gemüsesorten, die im konventionellen Angebot beinahe verschwunden sind. Oder auch die anschaulichen Beschreibungen von Stimmungen und Landschaften, sei es am Bodensee, in der Schweiz oder im Piemont. Ich mag als Leser zwischen den Zeilen verweilen dürfen und sie nachwirken lassen, wenn ich einmal Pause machen muss. Apropos, es fiel mir schwer, Pausen einzulegen, denn "Der Tote im Gänseteich" bleibt bis zum letzten Wort spannend und ich wollte natürlich wissen, wer überführt wird. Doch das verrate ich an dieser Stelle lieber nicht, sondern empfehle diesen Krimi klar weiter.

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düsseldorf, nachbarin, studentenleben, hale-bopp, kribbeln

Die Nebelfrau - Als der Komet über Düsseldorf stand

Jürgen Schmidt
E-Buch Text: 170 Seiten
Erschienen bei null, 25.01.2016
ISBN B01B3JOK5W
Genre: Sonstiges

Rezension:


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Tags: jürgen schmidt, roma   (2)
 

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bösartiger narzissmus, abgründe menschlicher eitelkeit, humor

Frau mit Grill sucht Mann mit Kohle: ein humorvoller Roman

Sabine Ibing
E-Buch Text: 248 Seiten
Erschienen bei Sabine Ibing, 18.07.2015
ISBN B011EM4F3U
Genre: Sonstiges

Rezension:

Lasst den Titel einfach so stehen, wie er ist. Der Roman der Schweizer Autorin Sabine Ibing hat nichts mit Chick-Lit zu tun. Die "Frau mit Grill" ist Sophie Barradon, eine narzisstische Persönlichkeit, die sich über ihr Aussehen, Statussymbole und nicht zuletzt betuchte Männer definiert. Von letzterer Sorte gibt es einige, die sich von Sophie derart blenden lassen, dass sie ihr jeden Wunsch erfüllen - so lange sie solvent sind.

Inhalt

Die schöne Sophie, der alle Männer zu Füßen liegen, entpuppt sich als Narzisstin. Nichts ist gut genug für sie, kein Mann gut genug. Wo sie auftaucht, hinterlässt sie Scherben. Sie bekommt was sie will, indem sie schnurrt wie eine Katze, faucht wie ein Tiger, heult. Kaum ein Mann kann ihr widerstehen. Sophie selbst hat eine eigene Sicht der Welt: Sie ist die Königin! Bis …

Bereits auf den ersten Seiten beschreibt die Autorin detailliert, wie Sophie aussieht: Zierlich, fuchsrotes Haar und einen Augenaufschlag, der nicht nur auf die Beschützerinstinkte abzielt. Sobald sie in jemandens Leben tritt, so wie in das des Immobilienmaklers Karl, macht sie dies richtig: Mit ihrem gesamten Antikmobiliar, das sich liest wie aus dem Versteigerungskatalog von Christie's. Ehe er sich versieht, darf er gleich die Rechnung für den Umzug von Berlin nach Frankfurt berappen. Was Karl nicht abschreckt, denn schon bald danach begleitet er Sophie zum Luxus-Shoppen. Gleich ein Kleid von Versace, denn Sophie braucht ständig neue Outfits, um in jeder Situation zu glänzen. Vielleicht kommt sie ja in die Illustrierte?

Dann gibt es noch Hugo, den verlassenen Unternehmer aus Berlin. Aus Sophies Sicht ist er der Böse, der sie schlecht behandelt und misshandelt hat. Er ist Thema Nummer eins, Karl hört nichts anderes als, wie ungerecht Hugo zu Sophie war.

Was Hugo seinem Anwalt über Sophie erzählt, als diese ihn mit Unterhaltszahlungen rupfen will, ist eine andere Geschichte.

Karls Familie, seine Noch-Frau und deren Tochter, bemerken, wie sehr sich sein Charakter durch Sophie verändert. Teure Roben, Pelze, Friseurbesuche, flotte Autos der nobelsten Marken, ein Wochenende auf Sylt und Silvester in Zermatt. Dort zeigt Sophie, dass sie jederzeit auch andere Männer um den Finger wickeln kann, während Karl die Lebenshaltungskosten seiner Holden bald nicht mehr decken kann ...

Ich würde der fulminant erzählten Geschichte einer Frau, die ihre Defizite, wie auch depressiven Phasen zu überstrahlen versucht, die Spannung nehmen, wenn ich verrate, wie es ab hier weitergeht. Nur soviel: Wenn für Sophie nichts gut genug ist, ist sie am Ende noch gut genug? Die wahren Dramen entstehen aus Unzufriedenheit.

Hintergrund

Sabine Ibing hat sich, trotz der humorvollen Erzählweise, eines ernsten Themas angenommen. Narzissmus ist eine Krankheit, die - anders als Burnout oder Depressionen - wenig Aufmerksamkeit bekommt. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden eitle Menschen gerne als Narzissten bezeichnet, aber trifft das wirklich so zu? Wie bei allen "Diagnosen" sollte man auch hier nicht Schwarz-Weiß malen, sondern die Zwischennuancen betrachten. Ob sich jemand seines Aussehens, oder an schönen Dingen erfreut, ist eine andere Sache, als sich selbst eine übermäßige Bedeutung beizumessen und seinen Mitmenschen gegenüber mangelnde Empathie zu zeigen.

Bei manchem Kopfschütteln und Unverständnis konnte ich Sophie allerdings nie ganz verteufeln. Sie ist gewiss keine Sympathieträgerin - trotzdem habe ich in ihr eine verlorene Seele gesehen. Man möchte Sophie nehmen und durchschütteln, um ihr klarzumachen, dass das Leben keine Louis Vuitton-Tasche ist und die viel besagten "inneren Werte" wirklich zählen. Was nützt es, wenn man sich bewegt wie ein Model und sich mit Weinlagen und -jahrgängen auskennt, aber nicht spürt, wie es den Menschen in unmittelbarer Nähe geht und unfähig ist, jemanden um seiner selbst zu lieben?

Mein Fazit

Klare 5 Sterne! Sowohl der kurzweilige, teilweise humorvolle Erzählstil konnten mich überzeugen, wie auch die tiefgründigen Passagen, wenn sich die Sophie-Geschädigten austauschen. Ansonsten sage ich: Unbedingt lesen!

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Tags: abgründe menschlicher eitelkeit, bösartiger narzissmus, humor   (3)
 

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estland, russland, familie, prostitution, frauen

Fegefeuer

Sofi Oksanen , Angela Plöger
Flexibler Einband: 395 Seiten
Erschienen bei btb, 12.03.2012
ISBN 9783442742127
Genre: Romane

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Tags: ehemalige sowjetunion, estland, stalinis   (3)
 

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usa, biografie, clinton, politik, präsident

Gelebte Geschichte

Hillary Rodham Clinton , Stephan Gebauer , Ulrike Zehetmayr
Flexibler Einband: 672 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 12.10.2007
ISBN 9783548369914
Genre: Biografien

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Vertagte Zukunft

Peer Steinbrück
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 11.03.2015
ISBN 9783455503487
Genre: Sonstiges

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estland, liebe, krieg, zweiter weltkrieg, finnland

Schwalben

Ira Ebner
E-Buch Text: 375 Seiten
Erschienen bei AAVAA Verlag, 01.06.2014
ISBN 9783845912257
Genre: Historische Romane

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