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The future is female!

Scarlett Curtis , Karla Paul , Tijen Onaran , Stefanie Lohaus
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 08.10.2018
ISBN 9783442159826
Genre: Sachbücher

Rezension:

„Die Lügen, die uns über den Feminismus erzählt worden sind, wurden verbreitet, um uns von einer Bewegung fernzuhalten, die eigentlich alle Menschen meint“, schreibt Scarlett Curtis im Vorwort.

Wie radikal sich das akute Jetzt von der erweiterten Gegenwart im weißen Westen der Welt unterscheidet, belegt ein Tagebucheintrag von Helen Fieldings Heldin Bridget Jones, dessen Fiktionalität die Realität vollkommen abbildet. Jones dokumentiert einen von „Saturday Night Fever“ ausgelösten Wutausbruch.
„Das war der sexistischste, grauenhafteste, widerlichste Film, den ich je gesehen habe … Wenn John Travolta so was heute machen würde, würde er nie wieder einen Film machen.“
So ist es. – Und wie unvorhersehbar war das 1977, als der Film in die Kinos kam und dem Hauptdarsteller neben Weltruhm eine Oscar-Nominierung bescherte. Vierzig Jahre später ist die popkulturell lackierte Sozialkritik im Film unlesbar geworden, obwohl der Soundtrack noch immer grünt. Die Dechiffrierung des von Travolta verkörperten Hobbytänzers Tony Manero führt zu nichts mehr. Sein Charakter ist egal, wo er nicht abstoßend erscheint. Travolta liefert als Manero ein Beispiel für Machoschrott. Stellt man sich eine Umgebung vor, in der seine Weltsicht Gültigkeit besitzt, ergibt sich zwanglos ein Trailerpark Szenario. Heute wäre Manero keine steilgehende Vorstadtstilikone mehr, der die Türen aufgehalten werden, sondern ein Marginalisierter, dem keine Türsteherin Zutritt gewähren würde.
Ganz anders sieht die Welt in den Augen von Tapiwa H. Maoni aus. Die Autorin schildert afrikanische Verhältnisse, die offene Diskriminierung von Frauen und Mädchen perpetuieren. Sie schreibt: „Für mich bedeutet Feminismus, dass ich etwas wert bin.“
Nimco Ali ist eine Aktivistin gegen Female Genital Mutilation. Sie schildert das Traditionsgatter, in dem solche Verstümmelungen gesellschaftliche Praxis und normgerechtes Verhalten sind. Alis erste aktivistische Aktion war ein Banner mit der Aufschrift #FingerwegvonmeinerMuschi.
Zwischen Fielding und Ali spannt sich der Horizont eines Kampfes auf, dessen Schockwellen längst einen Tsunami der Veränderungen in Gang gesetzt haben. #MeToo hat mehr Männer von der Macht getrennt als jede Kampagne zuvor. Die global-virale Twitter-Solidarität rasiert Kunst- und Kulturbegriffe. Wir erleben eine Kulturrevolution. Es geht kein Nabokov, kein Polanski und kein Bukowski mehr. Kann sich jemand Claude-Oliver Rudolph 2018 in einer Hauptrolle vorstellen? Es wird Jahre dauern, bis die Allgemeinplätze der Feuilletonopportunisten wieder einen festen Grund haben werden. Bis dahin rollen Köpfe.
Keira Knightley beschreibt die Geburt ihrer Tochter als Exzess.
„Meine Vagina riss auf … Ich erinnere mich an die Scheiße, die Kotze, das Blut, das Genähtwerden. Ich erinnere mich an mein Schlachtfeld.“
Toxisch findet Jameela Jamil die männliche Perspektive, in die Jungen mit Pornografie und Gruppenzwängen nach wie vor hineinrekrutiert werden.
Alison Sudols behauptet:
„Jetzt sind wir an der Reihe die Welt zu verändern.“
Amani Al-Khatahtbeh postuliert: „Hört auf, Männer so wichtig zu nehmen.“
Das Wort als Waffe ersetzt Armeen. Der Hashtag ist die Kalaschnikow der Netzzeit. The future is female. Zu den Autorinnen, die in „Was Frauen über Feminismus denken“ zu Wort kommen, zählen Emma Watson, Keira Knightley, Saoirse Ronan, Dolly Alderton, Jameela Jamil, Kat Dennings, Rhyannon Styles, Katrin Bauerfeind, Karla Paul, Tijen Onaran, Fränzi Kühne, Milena Glimbovski und Stefanie Lohaus.

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Haymatland

Dunja Hayali
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 12.10.2018
ISBN 9783550200175
Genre: Sachbücher

Rezension:

Mitte der 1950er Jahre bleibt ein achtzehnjähriger Iraker auf dem Weg nach Amerika in Wien hängen. Die österreichische Kapitale ist ein Mekka der orientalischen Migration – ein arabischer Schauplatz in Europa. Da trifft Hayali eine aus seiner Heimatstadt Mossul – einer Stadt mit wechselvoller Geschichte und fast mythischem Ursprung als Nachfolgerin der assyrischen Metropole Ninive. Zwei junge Menschen machen Nägel mit Köpfen, während im Irak Köpfe rollen. Wen der Verdacht trifft, Kommunist zu sein, der ist auch in Wien nicht sicher. So kommt es, dass das Paar aus dem Laissez-faire einer studentischen Lebensweise herausgerissen und zur härteren Gangart des Exils genötigt wird. Der Witz anbei: die Hayalis sind gemäßigt-konservative Leute. Mit den Rebellen geraten sie in eine Fluchtbewegung Richtung Deutschland. Integration und Assimilierung sind noch lange kein Thema. Es gibt kaum Gastarbeiter, aber den Ausländer als Studenten kennt man. Man findet private Lösungen zur Untermiete, erst in Mainz, dann in Datteln. Da kommt Dunja Hayali zur Welt.

Mir gefällt, wie die Autorin den Vorlauf ihrer Existenz schildert, das Informelle und Zufällige. Eine hilfreiche Hand kann auf unvorhersehbare Weise Weichen stellen.

Hayali greift gleich in die Gegenwart. Sie wehrt sich gegen Zuschreibungen, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Sie wird rechts genauso wie links in Schubladen gesteckt und natürlich entgeht sie nicht dem Vorwurf, „linksgrün versifft“zu sein.

Die Migration ist eine kolossale Projektionsfläche für negative Entladungswünsche aus der Mehrheitsgesellschaft. Für Linksradikale ist Heimat eine aufgegebene Kategorie. Für Hayali – „ich bin weder links noch rechts“ - bleibt Heimat als positiver Begriff brauchbar. Das macht sie deutlich in der aktuellen Klemme zwischen Wutbürgern, die Deutschland in eine national befreite Zone verwandeln wollen, mit ihren zunehmend lauter werdenden Haupthähnen auf den Meinungsmisthaufen, und den anderen, denen man nicht radikal genug an Deutschland Kritik übt.

Ich glaube, jeder, der Deutschland aus einer Migrantenperspektive kennengelernt hat, kann sich vor einer Sehnsucht nach mehrheitsgesellschaftlicher Anerkennung nicht schützen. Das gehört zur Anpassung an oft ungnädige Verhältnisse. Das ist übrigens auch ein Grund, weshalb viele erfolgreiche Migranten im konservativen Spektrum ihre Standpunkte finden. Nach den Abenteuern und Scherbengerichten der Einwanderung setzt sich ein Bedürfnis nach geordneten Verhältnissen unter dem Schirm einer Hoffnung auf Beständigkeit durch.

Auf diesem Hoffnungsmarkt treffen sich Eingewanderte mit der Mehrheit. Alle wollen ihren Jägerzaun. Wäre Deutschland in den 1960er und 1970er Jahren permissiver gewesen, würden von den Dazugekommenen auch deutlich mehr Weihnachten feiern und Weihnachtsbaumüberbietungswettbewerbe veranstalten, analog zum um sich greifenden Helloween Fieber.

Das Sein prägt das Bewusstsein, sagt Marx. Im Verlauf ihrer Heimaterkundungen kehrt Hayali zurück zu ihren biografischen Wurzeln. Da erscheint Heimat „im Idealfall als der Ort, wo man mental auftanken und die Seele baumeln lassen kann“.

Hayali nennt sich „durch und durch Deutsch“, obwohl es seit dem rechtsextrem-rassistischen Vormarsch „einen Bereich in (ihrem) Hinterkopf gibt, der auf Alarm eingestellt ist“.

Das geht mir auch so.

Hayali lässt sich ihre Heimat von keinem madig machen. Ihr Credo lautet:

„Die Evolution echter Toleranz beginnt in unseren Köpfen und Herzen.“

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Wildnis ist ein weibliches Wort

Abi Andrews , Mayela Gerhardt
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Tempo, 04.10.2018
ISBN 9783455004182
Genre: Romane

Rezension:

Als Kind wollte Erin auf den Mond fliegen, jetzt steigt sie noch nicht einmal mehr in ein Flugzeug. Wer je in seinem Leben eine lange Reise bei guter Gesundheit unternommen hat, kann eine Feststellung der neunzehnjährigen Engländerin bestätigen, die der Umwelt zuliebe den Atlantik auf einem Frachter befährt. Unterwegs entwickelt die Heldin in Abi Andrews Roman „Wildnis ist ein weibliches Wort“ „ein ungewöhnliches Interesse an Essen und Essenszeiten“, obwohl es bis zur Eintönigkeit Fischeintopf gibt. Im Übrigen sammelt sie Informationen über den Feminismus auf Island und sortiert delfinische Klicklaute in digitale Ordner.
Erin hält es für möglich, dass Orcas den Menschen evolutionär überholt - und auf der Schnellspur eine „kollektive Selbstwahrnehmung“ entwickelt haben.
Sie ist mutig, aber nicht unerschrocken. Wenn sie auf dem Weg nach Alaska durch Kanada trampt, gehört das zu einem, mit einer Filmdokumentation verknüpften Autonomieprojekt, das auch literarisch verankert ist. Erin zitiert Sylvia Plath: „Ich möchte auf offenem Feld schlafen, nach Westen ziehen und nachts frei herumlaufen“. Einer besorgten Fahrerin präsentiert sich die Tochter schwer besorgter Eltern als Vollwaise. Sie kommt von Henry D. Thoreau auf Ted Kaczynski. Im Roman steht nichts anderes als in einem Spiegel Artikel: „In Harvard nahm Kaczynski an einem Experiment von Henry Murray teil. Der Psychologieprofessor testete für die CIA-Vorgängerorganisation OSS Techniken der Gedankenkontrolle. Murray setzte seine ahnungslosen Studenten, darunter Kaczynski, intensiven Verhören aus, die Murray selbst als vehemente, drastische und persönlich herabwürdigende Attacken bezeichnete.“

Erin verfolgt die Auswertungen einer „feministischen Abenteuer-Blog-Avantgarde“. Eine Aktivistin wählt die Kerouac Route, beschrieben in „Unterwegs“, einem Titel aus dem Jahr 1957. Von da bis zu einer Erwähnung des Vaters der kanadischen Eisenbahn ist es nicht weit. Es kommt erstaunlich viel alter Kram vor, einschließlich der Goldrauschgeschichten von Jack London. „Wildnis ist ein weibliches Wort“ antwortet Londons „Ruf der Wildnis“. Erin dekonstruiert den Mountain Man und entdeckt dem Leser „eine Arschloch-Variante des MM – arrogant und selbstgerecht“ sowie den MMM – „den Möchtegern Mountain Man“. Man glaubt oft nicht, dass da eine Neunzehnjährige unterwegs ist und ihre Beobachtungen macht. Mitunter liest sich die Reiseerzählung wie eine Ansammlung umgeschriebener Wikipedia Artikel. In einer Steppe verflachten Wissens weiß Erin, dass „die Dakota (in ihrer Sprache) kein Wort für Tier“ haben. Alles, was auf den Kalenderblättern der Gegenwart eine triviale Dauerrepräsentanz hat, vom Permafrost bis zum altruistischen Bonobo, reiht sich im Text auf. Trotzdem erreicht Erin ihr Ziel. Mit den Interventionen der Erzählerin wird die Wildnis zum weiblichen Weltraum und hört auf, ein exklusiver Paradeplatz männlicher Bewährung zu sein.

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Gegen Judenhass

Oliver Polak
Flexibler Einband: 127 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 02.10.2018
ISBN 9783518469842
Genre: Sachbücher

Rezension:

Alexander Gauland kratzt der Populismusvorwurf von jeher nicht. Er schildert Populismus als Selbstverteidigung, mit der sich die ursprüngliche Bevölkerung (eines europäischen Landes) gegen einen Ansturm zur Wehr setzt. Aufladen lässt sich der Ansturm mit der Globalisierung, den Flüchtlingen, dem in Europa ankommenden afrikanischen Youth Bulge. Gauland sprach zuletzt von „globalisierten Eliten“. Das ist nicht weit weg vom „internationalen Finanzjudentum“, dem Geld ohne Heimat und einer Politik ohne Vaterland, betrieben von Leuten ohne Bindungen außerhalb ihrer Klasse oder ihres Kartells. Die globalisierten Eliten ergänzen als Formulierung den reaktionären Neusprech, der einer Verdunklung absichtlich schlecht dient; so wie jeder Lapsus (ob echt oder inszeniert) die Sprecherintension sowohl auf- als auch zudeckt. Strategisch geht es bei der Bestimmung der Grenzen des Sagbaren in rassistischen und antidemokratischen Sprechweisen um Verschlechterungen der Standards zum Schutz von Minderheiten. Man sagt „Kultur“ statt „Rasse“, „kulturfremd“ statt „rassisch minderwertig“ und „ethnopluralistisch statt geh hin, wo du herkommst, vor allem jedoch, bleib da“, aber die Dezenten meinen das Gleiche wie die Derben, nämlich eine von fremden Einflüssen angeblich gefährlich gestörte volksgemeinschaftliche Homogenität, die den (fiktiven) globalen Eliten ganz egal sei. Die Ereignisse in Chemnitz, wo Menschen wegen ihrer Hautfarbe gejagt wurden, Menschenjäger das Verständnis des Innenministers fanden und der Versuch, den Mob medial wegzuzaubern, beinah geglückt wäre, zeigen wie schnell aus einem Deutschen mit Migrationshintergrund (Passdeutschen) ein Ausländer werden kann.

Im Subtext des kulturellen Nationalismus steht: Dein deutscher Pass macht dich zwar nicht zum Deutschen, aber dafür macht dich deine Religion/Hautfarbe/Herkunft zum Ausländer.

Die Aggression von Chemnitz erscheint im Gauland als Notwehr. Dass der Demagoge damit nicht nur durch-, vielmehr breit ankommt, beweist das Versagen einer Zivilgesellschaft, die auf die politischen Schocks der Gegenwart nicht vorbereitet ist.

Viel zu lange hielten wir einen bestimmten Standard so wie gewisse Bollwerke gegen Rassismus/Antisemitismus und Rechtsradikalismus für unumstößlich. Daran erinnert Oliver Polak in seinem Aufschrei „Gegen Judenhass“. Was man in den 1970er und -80er Jahren als Relikte einer fossilen Epoche wahrnahm, entschleiert seine Resistenz. Der alte Judenhass erneuert sich offenbar in jeder Generation. Im Mittelstand etabliert er sich als Antisemitismus mit abgespreiztem Finger.

Polak sagt: Mein Text „ist keine Anklage und nicht verhandelbar“. Geschrieben hat er das Buch: „weil mir auffiel, dass Sachen salonfähig wurden, bei denen es vorher immer hieß Nie wieder! und Wehret den Anfängen!”. Sein Fazit:Judenhass hat sein Stigma verloren, „im Bundestag sitzt die AfD, die stolz sein möchte auf die Taten” der Wehrmacht.

Polak zeichnet „die feine Linie zwischen Israelkritik und Antisemitismus” nach. Er zeigt, wie und auf welchen Vorfeldern solche Überschreitungen organisiert werden und welche Ressentiments sie bedienen. Das geht über Geschichtsrevisionismus weit hinaus. Das ist ein Markt, auf dem ein Selbstverständnis im Plural der Mitspieler*innen dynamisiert wird. Polak liefert die Beispiele, lesen Sie selbst.

Ich bin kein Antisemit, aber …

Beschworen wird das angebliche „Tabu, etwas gegen Juden sagen zu dürfen“. In einer Welt voller antisemitischer Äußerungen entlarvt es sich nicht einfach als das, was es ist – nämlich als eine Fiktion. – Ein Phantasma aus dem Fundus der Obsessionen. Von der Realität wird dieses „Tabu“ verfehlt, die Verfehlung bleibt aber unbeachtet. Stattdessen „emanzipiert“ sich der Antisemit „von einer Meinungsdikatur“. Die Presse erklärt er für „gleichgeschaltet“. (Eine Variation: Die Israelis stehen der SS in Nichts nach.) Derealisation nennen Fachleute das Phänomen. 

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Das Haus am Kanal

Georges Simenon
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 04.10.2018
ISBN 9783455004700
Genre: Romane

Rezension:

Im März 1954 schreibt Georges Simenon in Rekordroutine den (Jahrzehnte später mit Philippe Noiret in der Hauptrolle verfilmten) Roman „Der Uhrmacher von Everton“. Nach einem Einschluss von acht Tagen ist das Werk vollbracht.

Der Belgier zelebriert in einer Vorstadt von Salisbury im Bundesstaat Connecticut vor den Toren New Yorks den amerikanischen Traum in der Suburbia Variante. Er registriert Einprägungen der Peter Stuyvesant Ära, als New York noch Nieuw Amsterdam hieß und sich als Handelsplatz auf die königliche Kolonie Nieuw Nederland auswirkte. Simenon gefallen die Schnittmuster der skandinavisch-niederländisch-angelsächsisch getönten Mittelklasse, die aufgeräumte Weiträumigkeit ihrer Anwesen, der selbstverständliche Luxus ihrer Eisschränke und Klimaanlagen, ihre Sprit fressenden Straßenkreuzer und deren Häfen. Ihn fasziniert das unverdiente Glück von Leute, die in einem Land leben, dass seit neunzig Jahren von keinem Krieg umgepflügt wurde. Der Schriftsteller besucht die Barbecue Partys seiner Nachbarn. Allgemein geht man gerade dazu immer, Gin mit Wodka zu ersetzen, während McCarthy in der Durchsetzung des Communist Control Act den Zenit seiner Macht erreicht, Rock’n’Roll populär und die Lederjacke zum Symbol einer Jugendbewegung wird.
Simenon mäht den Rasen vor seinem Haus, tauscht Cocktail Rezepte und betreibt Mimikry in einer Gesellschaft von Pendlern, die an jedem Werktag New York mit dem Zug erreichen und verlassen.
Er liebt die Stimmungen des Indian Summer in den offenherzigen Habitaten. Dem sommersprossig spröden Neu-England dichtet er die Kleinstadt Everton an. Da lebt der alleinerziehende Uhrmacher Dave Clifford Galloway mit seinem Sohn Ben. Eines Abends brennt der Heranwachsende in der Gesellschaft eines Mädchens aus der Nachbarschaft namens Lillian Hawkins zunächst mit dem Lieferwagen des Vaters durch. Die halbstarke Aktion im Vorgriff auf „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ löst eine Verfolgungsjagd quer durch die Vereinigten Staaten aus.
Auch Bens Mutter verschwand einst von jetzt auf gleich nach einer beschämend kurzen Spanne als Galloways Gattin. Das Unglück bricht in stillgelegte Verhältnisse ein. Der Uhrmacher führt sein Leben in kleinsten Radien kurz vor dem Stumpfsinn. Simenon verwendet wieder einen psychologischen Aufbau, der die Anfälligkeit des Kleinbürgers für autoritäre Lösungen und eine grundsätzliche Überforderung zeigt. Als die Polizei vor seiner Haustür aufkreuzt, ahnt Galloway, dass Ben in Schwierigkeiten steckt. Er will kooperieren und sich gefällig zeigen, ohne dem Sohn zu schaden.
„Er musste wie ein Ehrenmann auftreten, der das Gesetz achtete.“
Er duckt sich weg, taucht innerlich ab und ist schon am Ende seiner Kraft, bevor die Geschichte mit einem Mord Fahrt aufnimmt.
Ein Vater erfährt, dass sein Sohn verdächtigt wird, einen Mann erschossen zu haben, nur um in dessen Oldsmobile die Flucht schnell und komfortabel fortsetzen zu können. Natural Born Killers lassen grüßen. Wieder zeigt sich Simenons Gespür für die Tendenzen einer Zeit, in der James Dean und Marlon Brando zu Ikonen einer konservativen Rebellion werden, und wieder wählt der Autor einen Schleichweg, um zum Ziel seiner Erzählung zu kommen. Galloways verlangsamter Schritt bestimmt die Handlungsgeschwindigkeit. Das FBI-Ermittlungstempo so wie alles andere Action Versprechende bleibt unerzählt. Stattdessen geht es darum, wie jemand seinen Kaffee trinkt. Zigaretten werden angeboten. Galloway erinnert sich daran, dass Ben noch mit vier Bettnässer war. Eine Nachbarin kann wegen ständig geschwollener Füße nur Pantoffeln tragen.
Der Freiheitstrip der Jugendlichen kommt nur in den Trott unterbrechenden Nachrichten vor. Einmal heißt es, sie seien im Jefferson County von Virgina „gesichtet“ worden so als sei das eine Stelle am Horizont und überliefere etwas Phänomenales. In Wahrheit dient die Reise dem höchst konventionellen Zweck einer frühen Eheschließung. Die Kinder wollen heiraten in einem Staat, dessen Gesetze das zulassen.
Simenon fühlt dem Beat des Jahrzehnts den Puls, aber er erzählt nicht wie Kerouac von einem (alternativen) Leben auf der Straße. Sein Fokus verlässt nicht die erschöpfte Hilflosigkeit eines vorzeitig gealterten Mannes, der bis zu den Ereignissen in der Handlungsgegenwart nichts Aufregenderes erlebt hat, als die Verachtung von Bens Mutter. Man begreift die ozeanische Tiefenströmung in Simenones Werk an solchen Stellen in dieser verknappten Psychologie. Die Frau, die sich rücksichtslos in Galloways umsah, da nichts von Interesse fand und den Armleuchter mit einem Kleinkind sitzenließ, thront wie eine Göttin im Himmel über Amerika. Galloway existiert lethargisch in der Konsequenz ihres vernichtenden Urteils. Nun ergänzt Ben das Urteil. Er rehabilitiert seine Mutter, indem er sich der Liebe gewachsen zeigen will … in der Bereitschaft, dafür über Leichen zu gehen. Oder weniger pompös gesagt: sie nicht den Notwendigkeiten eines Alltags anzupassen.
Ben erwartet nichts von seinem Vater, der nicht nur mit der Polizei kooperiert, sondern auch mit der Presse. Er lässt sich vorführen. Schließlich werden Bonnie und Clyde in Indiana vor einer bäurischen Kulisse gestellt.
Simenon hat noch viel zu erzählen. Es geht immer weiter um einen Mann, der noch jeden Menschen verloren hat, der sich wegbewegen konnte. Der eingesperrte Sohn bietet sich der vollendeten Nachsicht einigermaßen wehrlos an. Trotzdem bleibt Galloway der Unterlegene im Verhältnis zu Bens gescheiterter Radikalität.  

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Die Schwarze von Panama

Georges Simenon
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 04.10.2018
ISBN 9783455004458
Genre: Romane

Rezension:

„Dann sind Sie also dazu verdammt hierzubleiben, einfach weil Sie kein Geld haben?“ – In dem Roman „Die Schwarze von Panama“ schildert George Simenon einen Abstieg, der sich auch als Ausstieg begreifen lässt.
Der Roman erschien zum ersten Mal 1935 unter dem Titel „Quartier nègre“. Der Kern des Geschehens dreht sich um die Deklassierung eines französischen Ehepaars, dass in Panama sozialen Schiffbruch erleidet. Während Germaine Dupuche als Kassiererin in der weißen Sphäre eines Hauptstadthotels unterkommt und so den bürgerlichen Schein wahren kann, landet ihr Gatte jenseits der Armutsgrenze auf der schwarzen Seite des Kanals im Ghetto von Cólon. Es geht zu wie in Heiner Müllers Erinnerung an eine Revolution: „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Sie ist bankrott.“ Es gibt keinen Auftrag mehr. Der Auftrag des mit dem Ansehen und den Aussichten eines Direktors angereisten Ingenieurs geht gemeinsam mit dem Ansehen in der Konkursmasse einer Konzernpleite verloren. Joseph Dupuche verdingt sich als Hafenarbeiter und verkommt auf einer Strecke vom weißen Ich zum schwarzen Wir.
Simenons rasiermesserscharfe Darstellung des Niedergangs einer bürgerlichen Person, die den Halt ihrer Klasse verliert und im Absinthrausch aus ihrem Herkunftskorsett schlüpft, liefert Dupuches Lustgewinne an der Hintertür ab. Eine aus dem Fundus des Erotomanen Simenon gefischte Veronique erscheint im Gauguin Stil als Antagonistin der erstarrten, vom Vater an den Gatten weitergereichten Germaine. Die Legitime flüchtet in die Bigotterie. Sie verurteilt Joseph im Verein mit der französischen Gemeinde vor Ort.
Simenon schildert die Ächtung des Ingenieurs vorderhand als Desaster und hinterhältig als Aussteigermärchen, in dem berufliches Scheitern zu privatem Glück dann doch nicht führen darf. Der Autor vollführt seine Kunststücke auf narrativen Schwebebalken. Er schafft eine Kassiberkunst – Vixierbilder.
Der Abstieg beginnt mit dem Abstieg des hochtrabenden, lediglich seiner vorübergehend fast erschöpften Mittel wegen besorgten Ehepaars im Hôtel de la Cathédrale. Es besteht ein Mangel an Flüssigkeit, der in der Alten Welt längst behoben wäre. Der Hotelbesitzer François Colombani, genannt Tsé-Tsé, erkennt die Zeichen und macht Germaine ein unmoralisches Angebot. Die Not liegt in seinem Ermessen. Er trennt das Paar. Die Beiläufigkeit und das schlichte Dekor des omnipotenten Aktes beweist einmal mehr Simenons psychologisches Genie und seine aus dem Gelenk geschüttelte, keiner zweiten Durchsicht bedürftigen erzählerischen Raffinesse. Was wie Hilfsbereitschaft aussieht, ist ein Übergriff. Tsé-Tsé und seine korsische Entourage isolieren den Gestrandeten. Sie zeigen ihm das Revier ihrer Entfaltung als Schauplatz einer geschlossenen Gesellschaft. Sie lassen ihn auflaufen und wie einen Idioten aussehen.
„Allmählich wurde Dupuche alles klar. Diese Leute gehörten einer anderen Welt an … Man gab sich zwar den Anschein, ihm helfen zu wollen, aber in Wirklichkeit tat man alles, um ihn los zu werden.“
In der Anordnung steckt auch ein Verrat Germaines an ihrem Mann. Zur Abhängigkeit erzogen, wendet sie sich automatisch dem Licht der Macht zu und übergibt sich dem Nächstbesten. Ihre Unmündigkeit wird vorausgesetzt, jemand muss die Verantwortung übernehmen. Auf der schlichten Mechanik liegt ein Schleier wie zur Verbergung der Pudenda. Dass Tsé-Tsé eine Fremde an die Kasse lässt, verdient Beachtung. Simenon hätte Germaine zum Mündel von Tsé-Tsés Frau machen können, doch verzichtet er nicht auf die Verbindung von Geschlecht und Geld. Dass, was dem Ehepaar Dupuche zur Konsistenz fehlte, nämlich das Geld, um bürgerlich zu bleiben, fließt nun ständig durch Germaines Hände. Zum begeisterten Publikum ihrer Performance gehört Tsé-Tsés.
Tsé-Tsé setzt Germaine an die Kasse und Joseph auf die Straße. Der Ingenieur tröstet sich mit Veronique, die in der kolonialen Logik als Entrechtete nur berechnend auf ihre Kosten kommt. Sie erscheint dem versprengten Franzosen als Naturkind.

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Striptease

Georges Simenon , Sophia Marzolff
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 04.10.2018
ISBN 9783455004472
Genre: Romane

Rezension:

Das Villenviertel von Cannes heißt La Californie. Da trifft man 1957 Georges Simenon. Ein Spalier aus Korkeichen säumt den Kieselpfad zu seiner Villa an der Französischen Riviera. Aus kleinsten Verhältnissen ist der Dreiundfünfzigjährige soweit aufgestiegen. Der Ruhm und das Geld verdanken sich panischem Fleiß und tagelangen Schreibexzessen. Dreihundert Titel, vierzig Romane wurde verfilmt, manche mehrmals - dem Furor zum Trotz ist die Prosa schnörkellos und die Psychologie schonungslos einfach. Simenon kennt kein Erbarmen bei der Schilderung seiner Mutter, die mit Rückenschmerzen zwischen zwei Jobs und dem Haushalt hin und her hetzte, getrieben von Armut. Der Sohn schmeichelt ihr mit Wahrhaftigkeit. Eine Kindheit im Dreck von Lüttich befähigt ihn, seine Arbeit mit dem flämischen Gold in den Bildern der Alten Meister so dosiert anzureichern, dass der Glanz subkutan wirkt. Das ist eines von Simenons Geheimnissen. Genauso unterschwellig teilt er die Ergebnisse seiner Untersuchungen der sozialen Muskulatur des Personals mit. Es gibt in den Romanen doppelte Böden, versteckte Zugänge, Texte zwischen Zeilen, die wie mit Geheimtinte geschrieben sind und sich unter der vorgehaltenen Flamme gebannter Aufmerksamkeit offenbaren. Die Leser reisen wie blinde Passagiere an Bord der Textsonden zum Saturn des kollektiven Unbewussten.
Die Kunst kommt aus der Angst, ins Elend zurückzufallen. Das ist ihr erstes Agens. Das zweite Agens seiner Produktivität verleitet Simenon wiederholt zu Schilderungen verfügbarer Frauen aus kleinen Verhältnissen.
„Sie zogen an … (Madame Florence) vorbei wie Klosterschülerinnen an der Mutter Oberin und sie hatten auch die gleichen Ängste.“
Für mich gleicht die Simenon Lektüre ein Ritt zurück in die Kindheit. Die Leute verloren sich in Romanen und krochen seelisch immer noch aus den Trümmern des II. Weltkriegs. Beim Wiederlesen erstaunt mich, wie haltbar die Prosa ist. Sie erreicht die Konsistenz von Truman Capotes Meisterwerken. Die Textfestigkeit kommt daher, dass Simenon seine Form in sich vorfand. Er experimentierte nicht mit Modernitätsfloskeln. In jedem Thema erspürte er den überzeitlichen Kern. Trotzdem schrammt er am Kitsch manchmal nicht nur vorbei. Stets stopft sich einer sorgfältig die Pfeife. Simenons Frauenbild bleibt weit hinter dem zurück, wozu der Schriftsteller psychologisch in der Lage war. Er litt unter einer Zofensucht. Es war nicht die Madame, die ihn reizte, sondern „die Kleine“, die in dem Aufsteiger einen Herrn zu sehen vermochte und nicht nur den Parvenu, der sich in einen Platz in der reisenden Klasse erschrieben hatte. (Mobilität buchstabierte zu Simenons Lebzeiten das Alphabet des Reichseins.)
Unbedarfte Kleinstadtschönheiten und angeschlagene Dienstmädchen erscheinen an allen Ecken und Enden. Exemplarisch ist die Striptease-Schönheit Marie-Lou. Der Roman „Striptease“ entsteht im Juni 1957 in der üblichen Eile; das ehemalige (das geborene) Dienstmädchen mit der „schwarzen Warze unter der linken Brust“ verläuft sich in der Halbwelt. Simenon fasst Marie-Lou in der Manier und Manie eines Toulouse-Lautrec auf. Sie ist „von freimütiger Sinnlichkeit“. Morgens um vier hakt sie sich emphatisch bei einem Freier unter, während das Meer vor Cannes aufrauscht und „die Fischer ihre Bootsmotoren anwerfen“. Ein dubioses Paar passiert Bäuerinnen, die mit Körben und Kisten dem Marktplatz entgegenstreben.
Gemeinsam mit ihrer WG-Genossin Célita arbeitet Marie-Lou im „Monico“. In dem Nachtclub genießt Célita als ausgebildete Tänzerin eine Sonderstellung. Ihre Exklusivität untermauert sie mit einem berühmten Vater, der allerdings erst nach dem Verhältnis mit ihrer Mutter zum Star wurde, und mit dem Verhältnis, das den (mit „Madame“ Florence verheirateten) Clubchef Léon so lange an sie bindet, bis Maud Leroy die Bühne des „Monico“ betritt. Genial verkörpert sie das Genre der sündigen Unschuld. Nach dem Einmaleins der Nacht ist Maud halb so alt wie Célita. Die Arrivierte zieht in den Kampf, schon mit der Ahnung, zum ersten Mal auf verlorenem Posten zu stehen.
Simenon verschanzt sich hinter Léon. Ihn lässt er seine Obsessionen ausbaden. Der Schriftsteller macht einen Bettler aus dem Luden. Der Chef verliert das Gewicht eines dicken Katers, der mit seinen Mäusen/Miezen/Mädchen spielt. Léon erlebt das Glück und die Verzweiflung der sexuellen Hörigkeit. Er maskiert seine Unterwerfung mit omnipotentem Gehabe, doch ist er für sein Metier verloren.
Auch seine Frau leidet.
„Sie wurde bald vierzig Jahre alt und manchmal war sie des Kämpfens müde.“
Schließlich fällt Florence aus, aber Célita rückt nicht automatisch auf. Maud steht ihr im Weg. 

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Der Uhrmacher von Everton

Georges Simenon
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 04.10.2018
ISBN 9783455004724
Genre: Romane

Rezension:

Im März 1954 schreibt Georges Simenon in Rekordroutine den (Jahrzehnte später mit Philippe Noiret in der Hauptrolle verfilmten) Roman „Der Uhrmacher von Everton“. Nach einem Einschluss von acht Tagen ist das Werk vollbracht.

Der Belgier zelebriert in einer Vorstadt von Salisbury im Bundesstaat Connecticut vor den Toren New Yorks den amerikanischen Traum in der Suburbia Variante. Er registriert Einprägungen der Peter Stuyvesant Ära, als New York noch Nieuw Amsterdam hieß und sich als Handelsplatz auf die königliche Kolonie Nieuw Nederland auswirkte. Simenon gefallen die Schnittmuster der skandinavisch-niederländisch-angelsächsisch getönten Mittelklasse, die aufgeräumte Weiträumigkeit ihrer Anwesen, der selbstverständliche Luxus ihrer Eisschränke und Klimaanlagen, ihre Sprit fressenden Straßenkreuzer und deren Häfen. Ihn fasziniert das unverdiente Glück von Leute, die in einem Land leben, dass seit neunzig Jahren von keinem Krieg umgepflügt wurde. Der Schriftsteller besucht die Barbecue Partys seiner Nachbarn. Allgemein geht man gerade dazu immer, Gin mit Wodka zu ersetzen, während McCarthy in der Durchsetzung des Communist Control Act den Zenit seiner Macht erreicht, Rock’n’Roll populär und die Lederjacke zum Symbol einer Jugendbewegung wird.
Simenon mäht den Rasen vor seinem Haus, tauscht Cocktail Rezepte und betreibt Mimikry in einer Gesellschaft von Pendlern, die an jedem Werktag New York mit dem Zug erreichen und verlassen.
Er liebt die Stimmungen des Indian Summer in den offenherzigen Habitaten. Dem sommersprossig spröden Neu-England dichtet er die Kleinstadt Everton an. Da lebt der alleinerziehende Uhrmacher Dave Clifford Galloway mit seinem Sohn Ben. Eines Abends brennt der Heranwachsende in der Gesellschaft eines Mädchens aus der Nachbarschaft namens Lillian Hawkins zunächst mit dem Lieferwagen des Vaters durch. Die halbstarke Aktion im Vorgriff auf „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ löst eine Verfolgungsjagd quer durch die Vereinigten Staaten aus.
Auch Bens Mutter verschwand einst von jetzt auf gleich nach einer beschämend kurzen Spanne als Galloways Gattin. Das Unglück bricht in stillgelegte Verhältnisse ein. Der Uhrmacher führt sein Leben in kleinsten Radien kurz vor dem Stumpfsinn. Simenon verwendet wieder einen psychologischen Aufbau, der die Anfälligkeit des Kleinbürgers für autoritäre Lösungen und eine grundsätzliche Überforderung zeigt. Als die Polizei vor seiner Haustür aufkreuzt, ahnt Galloway, dass Ben in Schwierigkeiten steckt. Er will kooperieren und sich gefällig zeigen, ohne dem Sohn zu schaden.
„Er musste wie ein Ehrenmann auftreten, der das Gesetz achtete.“
Er duckt sich weg, taucht innerlich ab und ist schon am Ende seiner Kraft, bevor die Geschichte mit einem Mord Fahrt aufnimmt.
Ein Vater erfährt, dass sein Sohn verdächtigt wird, einen Mann erschossen zu haben, nur um in dessen Oldsmobile die Flucht schnell und komfortabel fortsetzen zu können. Natural Born Killers lassen grüßen. Wieder zeigt sich Simenons Gespür für die Tendenzen einer Zeit, in der James Dean und Marlon Brando zu Ikonen einer konservativen Rebellion werden, und wieder wählt der Autor einen Schleichweg, um zum Ziel seiner Erzählung zu kommen. Galloways verlangsamter Schritt bestimmt die Handlungsgeschwindigkeit. Das FBI-Ermittlungstempo so wie alles andere Action Versprechende bleibt unerzählt. Stattdessen geht es darum, wie jemand seinen Kaffee trinkt. Zigaretten werden angeboten. Galloway erinnert sich daran, dass Ben noch mit vier Bettnässer war. Eine Nachbarin kann wegen ständig geschwollener Füße nur Pantoffeln tragen.
Der Freiheitstrip der Jugendlichen kommt nur in den Trott unterbrechenden Nachrichten vor. Einmal heißt es, sie seien im Jefferson County von Virgina „gesichtet“ worden so als sei das eine Stelle am Horizont und überliefere etwas Phänomenales. In Wahrheit dient die Reise dem höchst konventionellen Zweck einer frühen Eheschließung. Die Kinder wollen heiraten in einem Staat, dessen Gesetze das zulassen.
Simenon fühlt dem Beat des Jahrzehnts den Puls, aber er erzählt nicht wie Kerouac von einem (alternativen) Leben auf der Straße. Sein Fokus verlässt nicht die erschöpfte Hilflosigkeit eines vorzeitig gealterten Mannes, der bis zu den Ereignissen in der Handlungsgegenwart nichts Aufregenderes erlebt hat, als die Verachtung von Bens Mutter. Man begreift die ozeanische Tiefenströmung in Simenones Werk an solchen Stellen in dieser verknappten Psychologie. Die Frau, die sich rücksichtslos in Galloways umsah, da nichts von Interesse fand und den Armleuchter mit einem Kleinkind sitzenließ, thront wie eine Göttin im Himmel über Amerika. Galloway existiert lethargisch in der Konsequenz ihres vernichtenden Urteils. Nun ergänzt Ben das Urteil. Er rehabilitiert seine Mutter, indem er sich der Liebe gewachsen zeigen will … in der Bereitschaft, dafür über Leichen zu gehen. Oder weniger pompös gesagt: sie nicht den Notwendigkeiten eines Alltags anzupassen.
Ben erwartet nichts von seinem Vater, der nicht nur mit der Polizei kooperiert, sondern auch mit der Presse. Er lässt sich vorführen. Schließlich werden Bonnie und Clyde in Indiana vor einer bäurischen Kulisse gestellt.
Simenon hat noch viel zu erzählen. Es geht immer weiter um einen Mann, der noch jeden Menschen verloren hat, der sich wegbewegen konnte. Der eingesperrte Sohn bietet sich der vollendeten Nachsicht einigermaßen wehrlos an. Trotzdem bleibt Galloway der Unterlegene im Verhältnis zu Bens gescheiterter Radikalität.  

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Intime Memoiren

Georges Simenon
Fester Einband: 1.376 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 04.10.2018
ISBN 9783455004021
Genre: Biografien

Rezension:

Jean Gabin findet er in der Rolle des Kriminalkommissars Jules Maigret zu flamboyant. Heinz Rühmann erscheint ihm zu schmächtig. George Simenon fasst seinen berühmtesten Helden unheroisch auf. Wieder und wieder zeichnet er einen Beamten, bequem, wenn die Verhältnisse es zulassen, robust, sobald es sein muss – und phantasievoll nur bei der Ergründung des Bösen. Maigret ist nichts Menschliches fremd. Doch steht er den Dumm- und Gemeinheiten seiner Kundschaft fern. Ein Maigret macht sich nicht gemein. Er dutzt und wird gesiezt. Er klopft seine Pfeife an den Rändern fremder Abgründe aus und bleibt selbst unergründlich. Das Milieu zeigt Achtung vor einem, der natürliche mit amtlicher Autorität verbindet.
Maigret verkörpert das, was man im letzten Jahrhundert über jeden Zweifel erhaben fand – die Unangreifbarkeit eines braven Mannes, der allen Anfechtungen zum Trotz anständig bleibt. Simenon stilisiert ihn an der eigenen Triebhaftigkeit und den eigenen Abgründen vorbei. Der Schriftsteller ist zeit seines Lebens vor sich selbst nicht sicher und auf der Flucht von einem Schloss zum anderen, um einen Titel von Louis-Ferdinand Céline ins Spiel zu bringen. Geboren 1903 in Liège/Belgien, beginnt er mit sechzehn zu schreiben. Er schreibt zwanghaft, unintellektuell, unbewusst. Er interessiert sich für alles, seine Neugier ist grenzenlos.
„Ich bin kein Bourgeois. Ich bin mit den kleinen Leuten.“
Vierhundert Seiten später: „Auch die allergrößten Helden haben ihre jämmerlichen Seiten.“
Simenon spitzt seine psycholgischen Interieurs raffiniert zu. Die Zuspitzung rührt aus der Krise, die den Erzählanlass liefert. Simenon schildert „die Fabrikware der Natur“ (Arthur Schopenhauer) unter Druck. Genial nebenbei zeigt er, was an ihrem Verhalten (nach seinen Begriffen) über die persönlichen und kulturellen Bindungen hinaus allgemeine Gültigkeit beweist.
Seine rasende Produktion folgt den Entwicklungen des Kinos und nimmt sie vorweg. Simenon synchronisiert die Evolution des Kinos mit der Literatur. Regisseur lieben den Schriftsteller und adaptieren seine Stoffe manchmal so magisch präzise, dass der in Simenon wiedergeborene Émile Zola sich auf der Leinwand zeigt.
1978 erschießt sich Simenons Tochter Marie-Jo im Alter von fünfundzwanzig Jahren. Der Vater schreibt u.a. die tote Tochter in seinen „Intimen Memoiren“ an und veröffentlicht darin ihre Briefe. Er gibt die Deckung auf und zerlegt seine bürgerliche Fassade. Jedem seiner Kinder erläutert er den Zeugungszusammenhang. Ende der Vierzigerjahre, Simenon und seine Familie leben in Amerika, lässt sich der Schriftsteller widerwillig von einer minderjährigen Angehörigen der First Nation verführen, bevor er mit seiner Sekretärin (und späteren Ehefrau) Denyse Ouimet Johnny zeugt: „Und weißt du, dass das Verhältnis eines Hengstes zu einer Stute sehr zärtlich ist?“
Nach den Memoiren wird der Goethe der schweigenden Mehrheit bis zu seinem Tod 1989 in Lausanne/Schweiz nichts mehr veröffentlichen.
Bahnsteig im Nebel
Der alte Simenon weiß, was er dem Hunger seiner Kindheit und Jugend verdankt. Die Fähigkeit im Atmen und Schauen (kompensierend) Sensationen zu entdecken, kommt direkt aus dem Delirium der Armut. Der Heranwachsende saugt das Leben durch die Nasenflügel ein. Er treibt sich herum und beobachtet obsessiv. In allem erscheint er maßlos. Er geht Frauen nach und sucht Gelegenheiten für schnellen Sex. Die äußeren Umstände bilden ein besonderes Faszinosum. Simenon ist ein Liebhaber obskurer Schauplätze. Die Details werden Text. Im Text wimmeln die Strumpfbänder.
Von allem fühlt er sich angesprochen. In der Hierarchie seiner Aufmerksamkeit rangiert der anonyme Frauenhintern jedoch an erster Stelle. Die Zufälligkeit der Ansicht steigert den Reiz. Simenons Leidenschaft dreht sich um die fremde Frau. „Das Ziel meiner unablässigen Suche war im Wesentlichen nicht eine Frau, sondern „die“ Frau, die „wahre“ Frau, die Geliebte und Mutter zugleich war, ohne Ehrgeiz … ohne „Status“. Der alternde Autor spiegelt sich in dem adoleszenten Hungerhaken, der einer Frau nachjagte, etwa „auf einem schlecht beleuchteten Bahnsteig, nachts in Lüttich. Nebel dramatisiert die Szenerie“. Das könnte in einem Drehbuch stehen: Außen/Nacht – Ein Bahnsteig im Nebel.
Das sind Konstanten wiederkehrender Konstellationen so wie die Komponenten eines Fetisch-Arrangements: Die fremde, von einer Not ergriffene/angegriffene Frau, der freibeuterische Mann, die Verfremdung oder Dramatisierung einer Alltagssituation.
Simenon verlässt Belgien nach dem Wehrdienst und lässt sich in Paris nieder. 1923 heiratet er eine Malerin und betrügt die eifersüchtige, mit Selbstmord drohende Tichy vor ihren Augen „erst halb … und schließlich zu neun Zehnteln“ mit der subalternen Boule. Geld verdient er als besserer Laufbursche so wie, ab 1924, mit Groschenromanen. Um das Jahr 1930 geht er mit der Erfindung Maigrets durch das Tor zum Reichtum. Zehn Jahre später erklärt ihn ein Arzt zum Sterbenskranken. Er schreibt seine erste Autobiografie. 1950 lebt er immer noch. Er lässt sich in Reno von Tigy scheiden und heiratet am nächsten Tag Johnnys Mutter Denyse. Die zweite Ehefrau erscheint als D. in den Aufzeichnungen eines Nachtragenden. Tigy bleibt in seiner Nähe so wie Boule und schließlich Teresa Sburelin, die Simenon bis zum Tod begleitet.
Allmählich verwandelt sich der große Jongleur, der die Bälle der Hochkultur mit den Keulen einer eingängigen Volkskunst gemischt, Jahrzehnte in die Luft halten konnte, in einen seelisch Insolventen. Das Ressentiment nagt an ihm und nimmt ihm die Weisheit. Simenon beschwert sich beim Leser über D., die ihre Existenz als Gattin eines Weltberühmten als Hochamt zelebriert. Der Ehemann erlebt sich als Opfer von Anmaßung und Verschwendungslust.
Der Autodidakt genießt immerhin sein Renommee. Er hält Vorträge und trägt seine amerikanischen Erfahrungen wie ein Bote in Europa aus. Impulsvorträge, Improvisationen im Auditorium maximum, literarischer Free Jazz vor akademischem Publikum – Simenon schildert die Stationen seines Aufstiegs schon aus der sterilen Perspektive der Rückschau auf eine verlorene Potenz. Er ignoriert sein Erfolgsprogramm der Verknappungen, harten Schnitt und psychologischen Punktlandungen. Er beschwert sich wie an einer unbesetzten Rezeption.
Er lässt Marie-Jo sagen: „Alles, was sie (Teresa) für dich getan hat, hätte ich doch auch für dich tun können, nicht?“
Er entgleist. 

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Neujahr

Juli Zeh
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Erschienen bei Der Hörverlag, 10.09.2018
ISBN B07H3X2BR7
Genre: Romane

Rezension:

Theresa und Henning sind ganz gut als Paar. Da sie mehr verdient, macht er mehr im Haushalt. Er grübelt auch mehr. Er leidet unter Panikattacken, deren Ursachen unergründet in der Kindheit liegen – als nie diagnostizierte Belastungsstörung. Seine Selbstzweifel und die (in einem resonanzfreien Raum auftretenden) verzögerten psychischen Reaktionen bekämpft er mit körperlicher Anstrengung.

Theresa und Henning praktizieren Familie mit Jonas und Bibbi in Göttingen. Gerade machen sie Urlaub auf Lanzarote. Da fängt die Geschichte an. Henning fährt Rad. Er hat sich für ein paar Stunden aus dem System genommen. Während die Familienarbeit ruht, bedenkt er sein Leben. Seine Routinen reichen nicht mehr.

Juli Zeh, „Neujahr“, Roman, Luchterhand, 191 Seiten, 20,-

„Das Radfahren tut gut.“ Es „verbrennt“ die Angst. Juli Zeh schildert einen fadenscheinigen Moment der Freiheit: „Ein Mann im Urlaub auf einem Rad, im Kampf gegen den Wind, angespornt vom grandiosen Anblick der Landschaft.“

Solche Bilder schuf Martin Walser im „Fliehenden Pferd“, nur dass das Fahrrad ein Segelboot war. Spielarten der bürgerlichen Lebensangst und Selbstentfremdung lassen sich aus den Introspektionen des häuslichen Selbst gewinnen. Das ist wie Keschern im Aquarium; man hat alles in einer Pfütze.

Gestern haben Theresa und Henning einigermaßen preiswert auf das neue Jahr angestoßen. Deutlich vor Augen steht Henning, was Leuten möglich ist, die billig nicht nötig haben. Diesem Mehr stellt er sich am Berg als Wurst in der Plastikpelle. Henning denkt daran, wie losgelöst seine Frau mit einem Franzosen getanzt hat: ganz anders als mit dem unzulänglichen Gatten. Theresa setzt Henning mit zwanghaftem Optimismus zu. Nur im Gespräch mit ihren Eltern hört sie auf, aus allem das Beste zu machen und verliert sich in kindlicher Klage. Dass sie sich so stets auch bei Mama und Papa über Henning beklagt, müssen wir nicht besprechen.

In der langen Rückblende bergauf begegnet das Überschaubare und Vorhersehbare dem Wundersamen. Theresas Eltern sind Hedonisten ohne Bodenhaftung. Sie kommen mit dem Flugzeug soweit es eben fliegt, also bis nach Hannover, in Erwartung eines familiären Shuttle Service. Ihrer Großartigkeit hat Henning biografisch nichts entgegenzusetzen. Auch an dieser Stelle expandiert seine Unterlegenheit und gipfelt in der Feststellung:

„Tatsächlich wäre Henning schneller, wenn er absteigen und schieben würde.“

Obwohl er noch nie auf Lanzarote war, bewegt ihn das Gefühl, auf bekanntem Terrain zu scheitern. Hoch über Femés halluziniert Henning Theresas Absicht, ihn zu verlassen. So dehydriert wie unterzuckert begegnet er der Künstlerin Lisa. Sie richtet den beinah Ohnmächtigen wieder auf und lädt ihn zum Bleiben ein. Henning besinnt sich zwischen Oleander, Hibiskus und Malven. Er erinnert sich und ein Kreis schließt sich. Am Ende einer bizarren Reminiszenz schickt ihn Lisa fort, er kehrt zu seiner Familie zurück, von Trennung war nie die Rede. Auch Lisa könnte bloß ein Hirngespinst gewesen sein.

Irgendwo las ich, Zeh thematisiere in „Neujahr“ Probleme, die erst auftauchen, wenn Paare gleichberechtigt agieren. Theresa und Henning führen überhaupt keine gleichberechtigte Ehe. Henning verdient weniger, ist weniger belastbar und bringt weniger aus seiner Herkunftsfamilie mit. Er ist Theresa unterlegen, ihn plagt die Inferiorität. Wenn Theresa von ihm verlangt, „ein Mann zu sein, den ich lieben kann“, bleibt ihm nur Selbsthass und Wut auf die Welt. Er variiert jenen Werner, der als sein Säufervater im Roman weiter keine Rolle spielt. Henning wehrt sich gegen einen wehleidigen Tropf und Jammerlappen, der in ihm steckt. Ich glaube, er wehrt sich vergeblich.

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Die Volksverführer

Daniel Bax
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Westend, 01.08.2018
ISBN 9783864891786
Genre: Sachbücher

Rezension:

„Deutschland ist mit der AfD in der Realität angekommen“, schreibt Daniel Bax in seiner Anleitung zum Verständnis des politischen Augenblicks „Die Volks-Verführer - Warum Rechtspopulisten so erfolgreich sind“.
Die ganze Welt tanzt nach den Pfeifen rechter Populisten den neovölkischen Pogo. Sollte Deutschland zur Beute der AfD werden, wird im Trivialmythos der Kampfzeiterzählung der kleine Mann als besorgter Bürger der Stimme seines Herzens bis zum Sieg der Vernunft gefolgt sein. Ich nehme den Text vorweg: Der Feind nannte populistisch, was wir legitim fanden – nämlich die Herrschaft im eigenen Land im Geist einer homogenen Gesellschaft.
Bax bemerkt, dass Alexander Gauland sich den Populismusvorwurf jederzeit gefallen lässt. Die AfD stellt sich als repräsentativ angestrichener Bürgerprotest dar – als parlamentarische Bewegung. Angeblich trägt die Partei im Bündnisstil jenes Plebiszit in den Bundestag, dass die Grundgesetzautor*innen aus der Verfassung heraushielten, nicht nur, weil Hitler legal an die Macht gekommen war.
Gauland will erklärtermaßen die Grenzen des Sagbaren erweitern und fremdenfeindliche Formulierungen etablieren. Ihm geht es darum, Sichtweisen strategisch zu verschieben und den politischen Diskurs zu verändern. Populisten sind Demagogen und an „der Lösung realer Probleme nicht interessiert“. Das erklärt alles. Das Phantasma der von Migration ungestörten, ethnisch-kulturell mäßig diversen Volksgenossenschaft dient der Entlastung im Zuge einer Abkehr von spannungsreich sich gegenseitig garantierender Koexistenz des Verschiedenen. Diese Bereitschaft zur Aushöhlung und Untergrabung des Demokratischen setzt ein parasitäres Verhältnis zur Demokratie voraus. Die Alternative für Deutschland ist autoritär. Autoritäre Strukturen bieten (vermeintlich) Sicherheit und erlösen die Bürger vom Druck ständiger Neuaushandlungen im Wettbewerb.
In attraktiven Einwanderungsgesellschaften ergibt sich eine starke soziale Dynamik aus Identitäten. Die Veränderungsgeschwindigkeit ihrer Verhältnisse erscheint den Migranten sowie den eingesessenen „Abgehängten“ schicksalhaft, den meisten Autochthonen aber nicht. Sie wissen, dass sich das Tempo zu ihren Gunsten regulieren lässt. An dieser Schraube drehen Populisten vor allem, indem sie sich da bedienen, wo „Besserverdienende und ein sozialdarwinistisch eingestelltes, verrohtes Bürgertum“ nach einem überlieferten Muster ihre Pfründe zu sichern versuchen. Das beschreibt Daniel Bax in seiner Anleitung zum Verständnis des politischen Augenblicks „Die Volks-Verführer.
Die Führer der rechten Bewegungen in Europa gerieren sich als Zampanos der Vereinfachungen. Die populistischen Ablehnungsbescheide richten sich gegen Muslime, während Russlanddeutsche, so Bax, auf Russisch umworben werden. Ein rechtspopulistischer Kanon bestimmt die Talkshow Themen: Flüchtlinge, Islam, Terrorismus. Die Bildzeitung trägt das weiter auf dem Boulevard. So entsteht selbst in der Kritik eine Akzeptanz demokratiefeindlicher Kräfte, die ihre autoritäre Agenda mit dem Design pluraler Politik abdecken.
Die Medien „gehen der AfD oft auf den Leim - allein schon dadurch, dass sie ihrer Erzählung folgen, dass Migration, Integration und Flüchtlinge die Schicksalsfrage unserer Nation seien.“

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Mit der Faust in die Welt schlagen

Lukas Rietzschel
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 07.09.2018
ISBN 9783550050664
Genre: Romane

Rezension:

Bevor sie Andreas heiratete, war Kathrin mit Stefan Zschornack in einem anderen Land liiert gewesen. In der Gegenwart des Romananfangs gibt es das Land seit elf Jahren nicht mehr. Der Wohlstand von Kathrin (Krankenschwester) und Andreas (Fernfahrer) ist dem Elektriker Stefan rätselhaft. Er selbst schaffte den Sprung aus der Platte ins Eigenheim. Er zeugte zwei Söhne in der neuen Zeit, während der alte Hauptarbeitgeber vor Ort, ein Schamottewerk, aus dem Geschäftsverkehr gezogen wurde.
„Eine Zeitlang war es noch möglich gewesen, in der Kantine mittags essen zu gehen.“
Die Perspektive des jüngeren Sohnes bestimmt die Darstellungen in Allianzen mit einem allwissenden Erzähler, der sich dem kindlichen Blick soweit annähert, dass man die beiden oft nicht unterscheiden kann und Stefan seinen Namen einbüßt, um überall nur noch als Vater zu erscheinen. Vater auf dem Bau, im Auto, beim Bäcker - und auf Uwes Beerdigung. Uwe diente bis zu seinem bitteren Ende beispielhaft der Figur des Wendeverlierers. Er versenkte sich mit seinem Auto in einem Teich.
Das Haus der Großeltern verschimmelt. Manche Räume sind unbewohnbar. Im Sommer ziehen da Ameisen über ihre Heerstraßen. Die Natur sitzt dem Verfall im Nacken. Der Verfall signiert alles. Mit Kinderpunsch und Donauwelle gaukelt die Großmutter den Enkeln familiäre Normalität vor. Doch ahnen Philipp und Tobias, dass sie in einem Ausnahmezustand leben.
Auch Frau Zschornack kommt nur als Mutter vor. Das Ehepaar Zschornak und ihre Söhne rutschen gemeinsam mit Kathrin und Andreas ins neue Jahr; sie hat ihm erst nach der Hochzeit gesagt, dass sie keine Kinder kriegen kann.
Lukas Rietzschels Erzählmanier lässt mich an waldbäurische Holzschnitte denken. Jeder Abgrund hat eine allegorische Hausnummer. Die halbresignierten Erwachsenen trifft der Protest ihrer Nachkommen als Statusmeldungen des Versagens. Unmerklich gleiten Philipp und Tobias in eine Abhängigkeit von älteren Jungen, die mit dem Hitlergruß provozieren und ihre erodierende Umgebung tyrannisieren. Im Faustrecht erlösen sie sich von der Schwäche der Väter, die in den Söhnen ihre Rächer sehen. Die Alten haben eine Regierung von der Macht getrennt und sind jetzt arbeitslos. Die Jungen nehmen kleine ethnische Säuberungen vor. Wer ihnen nicht passt, kann einpacken.
Anders gesagt: Wer eine Zukunft hat, ist schon weg. Die Zurückgebliebenen baden in vollgelaufenen Steinbrüchen. Sie spielen Publikum, als die Esse des Schamottewerks - das Symbol vergangener Wirtschaftskraft, wörtlich: „Wir waren mal groß und mächtig“– gesprengt wird.
Dies geschieht in Neschwitz, einem Dorf der sächsischen Oberlausitz nahe der wendischen Kapitale Bautzen. Der Autor erzählt von einem Zwist zwischen Sorben (Wenden) und anderen Sachsen.
Die Sorben „sind Katholiken, die einzigen im ganzen Osten“.
Gerade wurde die D-Mark ersetzt, auch sie ein Machtzeichen, das flöten ging. Das alles kehrt über das narrative Förderband zurück ins Bewusstsein. Der Leser erinnert sich, und Philipp übt im Keller seines Elternhauses den Hitlergruß. Im Weiteren erwartet er seinen ersten Samenerguss. Vierzehn Jahre später bilden Philipp und Tobias mit anderen einen harten Kern im Kampf gegen die Überfremdung: „Ich war mal in Frankfurt … Da gibt es Stadtteile, wo du keinen Deutschen mehr siehst. Arbeitslose Kamelficker, die ihre Frauen verhüllen. Die kriegen dumme Kinder wie Heu.“   

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Deutsches Haus

Annette Hess
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 21.09.2018
ISBN 9783550050244
Genre: Romane

Rezension:

Im April 1940 ordnet Heinrich Himmler die Einrichtung eines Lagers zunächst für zehntausend Häftlinge in einem ehemaligen österreichischen Kasernenkomplex nahe Auschwitz an. Da finden bald Experimente zur „Endlösung der Judenfrage“ statt. Im September 1941 ermordet die SS im Keller von Block Elf des Stammlagers experimentell sechshundert sowjetische Kriegsgefangene und zweihundertfünfzig zivile Häftlinge mit Zyklon B, einem Desinfektionsmittel, das u.a. die „Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung“ bereitgestellt hat.
Das Ereignis liefert dem Roman „Deutsches Haus“ eine Schlüsselszene. Dreiundzwanzig Jahre nach dem Probelauf für die industrielle Menschenvernichtung informiert ein Auschwitz Überlebender den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903–1968) sowie die Staatsanwälte Georg Friedrich Vogel, Joachim Kügler und Gerhard Wiese über den erprobenden Gaseinsatz, dessen Vorbereitung und Nachlese Häftlingen wie ihm oblagen. Bauer und seine Männer fürchten die Torpedierung des anstehenden ersten Auschwitzprozesses, der als Steuergeldverschwendung und Nestbeschmutzung deklariert wird. Bereits 1963 fordern die meisten Deutschen einen Schlussstrich. Die nationalsozialistischen Verbrechen haben mit ihnen nichts zu tun. Vielmehr betrachten sie sich als Opfer des alliierten Bombenterrors und der Vertreibungen. Die Täter-Opfer-Umkehr funktioniert reibungslos und die Verdrängung ist der stärkste Motor des Wirtschaftswunders mit seinem Kitschkino.

Eva Bruhns, um die sich im Roman alles dreht, kommt als Ersatz für einen Übersetzer ins Spiel, der in Polen aufgehalten wurde. Die auf Wirtschaftssachverhalte und Schadensersatzforderungen spezialisierte Dolmetscherin muss nachschlagen, um zu verstehen, was sie gehört hat. Plötzlich fällt ihr ein, dass sie auf Polnisch schon vor dem ersten Sprachunterricht zählen konnte. Bilder steigen in ihr auf, für die sie keinen Erinnerungsrahmen hat.

Eva ist mit dem deutschen Heimatfilm großgeworden. Sie lebt in einer Schmonzette und ertrotzt ihre Verlobung, um nicht länger ein Fräulein sein zu müssen. Ihre Eltern sind sagenhaft anständige, rechtschaffende, schwer arbeitende, ordentlich eingefügte, an ihre Verhältnisse schmerzhaft geschnallte Leute. Sie protzen mit ihrer Gewöhnlichkeit. Sie polieren die Handläufe der Normalität. Schnaufend vor redlichem Fleiß, führen sie die Gaststätte „Deutsches Haus“ im eingemeindeten Dorf Bornheim. Bornheim war einst „der Venushügel“ von Frankfurt. Dahin ging man zum Tanz auf der Tenne.

Der Wirt kocht, seine Frau serviert.

Hess gelingen bestechende Milieustudien – lauter Kammerspiele der Genauigkeit. Ich rieche den modrigen Schmodder in den Ritzen angeschlagener Häuser, die Abtritt-Aromen und 4711-Wolken. Ich erinnere die Beschwörungen echter Butter und echten Bohnenkaffees. Ich sehe die Wäsche auf den Leinen im Rußregen. Die erste Waschmaschine im Haushalt der Familie Bruhns kommt als Weihnachtsgeschenk für Mutti an.

Hess schildert die Übergänge zwischen Tristesse und Idylle in der „meist ungelüfteten Wohnung“ über dem Arbeitsplatz letztlich der ganzen Familie, auch wenn Evas Schwester Annegret außerdem als Säuglingsschwester auf Abwegen unermüdlich ist.

Achttausend SS-Angehörige dienen von Mai 1940 bis zum Eintreffen der Roten Armee im Januar 1945 der Vernichtung in Auschwitz. Die meisten gehören zu den Wachmannschaften, Hunderte halten die Mordmaschine auf administrativer Ebene in Gang. Verurteilt werden unmittelbar nach der Befreiung achthundert Täter, die meisten von polnischen Gerichten. Darin erschöpft sich der Verfolgungswille. Soviel zum Thema Aufarbeitung und Schuldeinsicht. 1958 sieht sich die Staatsanwaltschaft Stuttgart äußerst widerstrebend dazu gezwungen, Wilhelm Boger und einige Schergen verhaften zu lassen. Boger war die Bestie von Auschwitz. So heißt er auch im Roman, in dem alle Personen der Zeitgeschichte nur Merkmalsnamen tragen, als physiognomische oder charakterliche Marken. So entsteht ein Rummelplatz Panoptikum. Der Hauptangeklagte besitzt die scharfgeschnittenen Züge eines Raubvogels. Einen seiner Adlaten vergleicht Eva mit einem Schimpansen. Der Generalstaatsanwalt erscheint als knorrige Gestalt. Eva darf in dem fünf Jahre herausgezögerten Prozess übersetzen. Zweihundertzweiundfünfzig Zeugen sagen aus. Die Ungeheuer von Auschwitz platzen aus dem rechtsstaatlichen Gefüge. Die gesetzlichen Instrumente greifen nicht richtig. Der ehemalige Oberscharführer Boger verhöhnt von ihm Misshandelte. Eva weiß nicht, wo ihr der Kopf steht. Sie glaubt, die Frau des Hauptangeklagten zu kennen. Sie entwickelt ein Misstrauen gegenüber der Schwester. Sie weiß nun, dass die Eltern hinter ihren Schildern der Harmlosigkeit etwas verbergen.

Aber was?

Der Schwurgerichtssaal am Frankfurter Gericht ist zu klein - deshalb findet der Megaprozess im Bürgerhaus Gallus statt. Der Hauptbahnhof und die Messe liegen nah in der Topografie einer boomenden Stadt. Das Stadtteilzentrum hat eine Betongitterfassade. Das Funktionale bestimmt auch das Dekor.

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Im Vulkan

Martin Amis , Daniel Kehlmann , Joachim Kalka
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 12.09.2018
ISBN 9783036957883
Genre: Biografien

Rezension:

Bertolt Brecht konnte nicht schreiben, wenn er erkältet war. Martin Amis nimmt die Frage eines Leserbriefschreibers zum Anlass, sich als Arbeiter am Schreibtisch darzustellen – so abhängig von der Verfassung des Leibes wie jeder, der nur seine Körperkraft im Verein mit einem Können auf den Markt werfen kann. Amis beschreibt seine Produktion als physischen Prozess ohne den Aspekt der Entfremdung. Der Vergleich mit dem Arbeiter humpelt solange, bis man an seiner Stelle einen Athleten auftreten lässt. Der Autor schildert Schreiben als Sport: professionell betrieben auf den Ebenen des Romans; spielerisch-belustigt und angeturnt in Ausnahmesituationen (so wie bei einem London Trip mit Tony Blair im gepanzerten Jaguar auf geräumten Straßen, den Triumphbogen des Constitution Arch tunnelnd und alle roten Ampeln überfahrend) in den Niederungen der Zeitungsprosa. Eine von Daniel Kehlmann herausgegebene Sammlung von Amis‘ Besprechungen und essayistischen Übungen zeigt den hingerissenen und (vom Premier) mitgenommenen Amateur, der ohne professionellen Abstand zu seinen Gegenständen zum Sekretär einer rauschenden Gegenwart wird.

„Nun fällt mir auf, dass der Premierminister nicht angeschnallt ist.“

Amis erklärt Blairs jugendliches Aussehen mit einer Quarantäne: „Zehn Jahre in einer Welt ohne Straßenverkehr.“ Er überliefert, was er zu Blair gesagt hat. Die Reportage „Unterwegs mit Tony Blair“ liest sich, als habe der Staatschef kaum Gelegenheit gefunden, dem Autor gegenüber ausführlich zu werden.

Amis erscheint als Rezensent so engagiert wie Prinz Philipp von Griechenland als Ehemann einer Königin, die zehn Premierminister überlebte und nur bei ihrer Taufe in der Öffentlichkeit auf Contenance verzichtete. Er stürzt sich auf die Titel, Thesen, Termine und Temperamente, die ihm offeriert werden. Er reißt das Thema einer Stunde mit einem intellektuellen Nackenbiss, auf Figuren zur Textaufwertung stets verzichtend. Der Griff einer Frau in ihr Haar, eine obsolete Redewendung oder der verregnete Anblick einer vergessenen Sache lösen Romane aus den Klammern des Vorbewussten. Den Schwung für die Gelegenheitsarbeiten erhält das Golfen auf avancierten Allgemeinplätzen. Der Tod einer traurigen Prinzessin, „die Nachricht erreichte Balmoral Castle um ein Uhr früh am 31. August 1997“, zwang Königin Elisabeth zu Vorspiegelungen, die Amis eine Chance boten, das Haus Windsor introspektiv einzunehmen.

„Die Rede der Königin“ entstand 2002. Im Text kehrt der Autor zurück zum Anfang eines Endes. Er malt sich den jungen Philipp in der Rolle des Verehrers als Habenichts mit „sensationellem Stammbaum“ aus. Er geht steil: „Freud persönlich riet Philipps Mutter, da sie sich einbildete, die Geliebte von Buddha und Jesus zu sein, zu einer Bestrahlung der Eierstöcke, um das Einsetzen des Klimakteriums zu beschleunigen“.

Amis beruft sich auf Orwell in seiner Erklärung, warum die repräsentative Monarchie das XX. Jahrhundert überlebt hat. Angeblich gibt es einen Trutz der Zuneigung, der „fast so alt ist wie die Geschichte. Die Idee, dass der König (die Königin) und das gemeine Volk eine Allianz gegen die herrschende Klasse bilden.“

Manches erscheint so exaltiert, als habe sich ein Troll an der Übersetzung vergriffen. Das gilt zumal für die Titelgeschichte „Im Vulkan“ - in Anspielung auf Malcolm Lowrys Hauptwerk „Unter dem Vulkan“. Ich weiß nicht, ob Amis seine wilden Feststellungen auf der Grundlage einer Biografie traf, die Gordon Bowker unter dem Titel „Pursued by Furies“ veröffentlichte, oder ob er, als Sohn von Kingsley Amis fürstlich informiert, über jeden Zweifel erhabenen Betriebstratsch in die Konsumentensphäre streute. Ich finde die Ladung so überspannt, dass ich das Original vom 12.12.1993 googele. „Demons under the volcano: A new life of Malcolm Lowry shows the 'internal romance' of the boozy, bragging drifter“ liefert dem Text die herabsetzende Überschrift. Die Übersetzung trifft aber jeden Punkt einer irrwitzig engagierten Auseinandersetzung.

„Lowry war zusätzlich mit einem besonders kleinen Penis ausgestattet, was geholfen haben dürfte.“

Wobei denn?

Die Bemerkung wird von negativen Zuschreibungen gerahmt. Der „fünfunddreißig Jahre lang (nahezu ununterbrochen) beschickerte“ Lowry sei unzuverlässig gewesen, ein zwanghafter Lügner und Aufschneider vielmehr.

„Um als Alkoholiker wirklich erfolgreich zu sein, um bis zum Ende durchzuhalten, muss man (noch) eine Reihe anderer Eigenschaften haben: Man muss … vor kaum etwas zurückschrecken, solipsistisch leben, unsicher und unermüdlich.“  Der Satz bricht da ab. Gleichwohl überliefert er den blutleeren Exzess eines Mannes, der sein Leben an die Sucht delegierte, nicht anders als William Seward Burroughs, den Amis unterschlägt.

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Muslim Men

Sineb El Masrar
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Verlag Herder, 17.09.2018
ISBN 9783451381560
Genre: Sachbücher

Rezension:

Den schlechtesten Ruf der Welt haben muslimische Männer mit einem arabischen Herkunftsschatten. Sie werden wahrgenommen als die Unholde unserer Epoche. Sie repräsentieren eine Anti-Moderne, die sich auf einer Gegenschräge der Aufklärung in Stellung gebracht hat. Dem gediegenen Europäer dienen sie als Antagonisten. Gäbe es den Muslim Man nicht, müsste man ihn erfinden als den Anderen aka Gegner des abendländischen Fortschritts. Der Muslim Man betreibt offensiv Manspreading, sogar wenn er allein an seiner Konsole sitzt, wo er die Zukunft verpasst. Angeblich fehlen ihm Voraussetzungen für die wichtigste gesellschaftliche Verabredung in der verdichteten Unterschiedlichkeit des Jetzt - der Mäßigung. Während man in ihm den Täter schlechthin sieht, erlebt er sich selbst als Opfer von Vorurteilen und weiteren Diskriminierungen. Seine Inferiorität verdeckt er mit Omnipotenzgebaren.

Ihm widmet sich Sineb El Masrar in ihrem neuen, sehr gelungenen Buch. Die Autorin zieht selten das Ticket der Klischees an den Schaltern des Ressentiments. Sie bleibt sachlich in einem Tsunami der Diversität. Es gibt mal wieder alles und so auch den Islam als Masche; der Berufsmuslim greift dem Glaubensbruder in die Tasche. Er verspricht ihm die Flatrate des Jenseits noch vor dem Tod. Doch davor muss abgedrückt werden: zum Beweis des Gemeinsinns und der religiösen Redlichkeit. Das verweist auf einen Binnendruck, dem Muslime in einer Praxis der „freiwilligen“ Isolation ausgesetzt sind. Da, wo sie Anerkennung erwarten, verbindet sich der Benefit mit Forderungen, die einer Anpassung an die mehrheitsgesellschaftlichen Normen entgegenwirken. Sie entscheiden sich für die Umma und gegen den Wettbewerb. Sineb El Masrar beschreibt die Vermeidungsstrategie und ihre Folgen. Der (erzwungene) Blick nach innen suggeriert eine Vulnerabilität, die von der Mehrheitsgesellschaft ohne Empathie begriffen wird.

„Überall müssen Kinder, die von Regeln der eigenen Gesellschaft unterdrückt werden, den Leistungsdruck abfedern, den schon ihre Eltern nicht aushalten konnten.“ Hamed Abdel-Samad

Sineb El Masrar erklärt das Phänomen Großfamilie/Klan Struktur - eine Patriarchen Ordnung, die alle einengt. Um sich von den „Gehorsamsfesseln“ zu befreien, bedarf es „emanzipatorischer Konzepte“ für junge, von Erziehungsgewalt traumatisierte Männer.

Der Gruppendruck ergibt sich oft aus der Familiengeschichte. In den Übergangsräumen zwischen dem osmanisch-türkischen und arabisch-babylonischen Mesopotamien entstanden in Jahrhunderten multi-ethnische Verbände in tribalen Gemeinschaften, die so sehr zu etwas Eigenem wurden, dass sie sich nicht als syrisch, irakisch, kurdisch, türkisch, assyrisch, armenisch oder griechisch versprengt identifizieren lassen. In den Prozessen von Flucht und Vertreibung erhielt sich die romaneske Originalität, die zu allem, was sie streift, einen Gegensatz bildet. Sineb El Masrar klärt diesen Zusammenhang. Sie sagt, was los ist. Der Klan ist eine Schweißarbeit der Scham – einer überholten und tradierten Scham aus den Nöten unvermeidlicher Abweichung. Es gibt kein Außerhalb, man gehört der Familie.

„Das Ende vom Lied … sind gebrochene Herzen“, denn selbstverständlich, darf man nicht heiraten, wen man will. 

Die Kollision von Wertvorstellungen, die über Behauptungen nicht hinausweisen, illustriert eine Szene, in der ein junger Arabischstämmiger ohne die Erwartung einer widerständigen Entgegnung die von ihm betriebene Entmündigung seiner Frau im Brustton der Überzeugung zum Besten gibt. Er macht die Ansage, um bei Sineb El Masrar auf den Punkt zu kommen:

„Ich nehme an, du bist eher westlich orientiert.“

Ich erkläre ihm kurz, dass für mich Selbstbestimmung nicht westlich, sondern universell ist.

„Okay, aber bei uns hat eine Frau in Clubs nichts zu suchen.“

Da sitzt das Problem. In der Vorstellung, eine Sonderzone etablieren zu können, in denen die Gesetze dieses Landes nicht gelten. Aber auch in der Autorin funktionieren Vorurteile. Sie trifft einen Gesprächspartner und stellt fest:

„Auf der Straße hätte ich ihn für alles Mögliche halten können. Für einen Dealer, für einen jungen Postboten …“

Wie sehen Dealer aus? Arabisch?

Sineb El Masrar beschreibt einen Geschäftsmann, der Viagra in seiner Moschee vertickt und auch Imame versorgt. Die Geistlichen vermitteln und praktizieren Ehen auf Zeit beziehungsweise nach islamischem Recht, die außerhalb eines Gedankengettos jede rechtliche Grundlage entbehren. In diesen Verbindungen nutzen Männer den Umstand aus, dass alleinstehende Musliminnen stigmatisiert werden. Die in einem parallelgesellschaftlichen Korsett feststeckenden Frauen suchen Schutz in Moscheen und bei Imamen und erleben doch nur eine besonders perfide Variante der Ausbeutung.

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Die letzten Tage des Patriarchats

Margarete Stokowski
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Rowohlt, 25.09.2018
ISBN 9783498063634
Genre: Sachbücher

Rezension:

Sie wirbelt da Staub auf, „wo es eh schon dreckig ist“. Zugleich warnt Margarete Stokowski: „Wer nicht aufpasst, macht durch Sprache alles schlimmer.“ Seit 2011 bereichert die Spiegel-Online-Kolumnistin das öffentliche Gespräch und fördert die Debattenkultur in den Kommentarspalten.
Eine Sammlung von Beiträgen erscheint nun unter dem Titel „Die letzten Tage des Patriarchats“. In „Hamse jedient im Genderkrieg“ moniert die Autorin den bellizistischen Duktus und atemlosen Frontberichterstattungston in Darstellungen des „Geschlechterkampfes“.
„Und dann bringt ein Mann seine Frau um, und was wird daraus? Ein Beziehungsdrama“.
Stokowski zeigt, wie die Meldung eines Mordes unter ihrer lyrischen Garnitur die Dimensionen einer Gewalttat zu verlieren droht, während feministische Diversität und weibliche Wut als gesellschaftliche Störungen geschildert werden. Der Herrschaftstext setzt sich gegen alternative Sprechweisen durch. Die Kolonisierten tradieren ihre Zu- und Abrichtungen, um in den Zwingern nicht den Halt zu verlieren. Richtig soll sein, was alltäglich/normal ist.
Die Bluttat nach einer Zurückweisung schillert als „Unerwiderte Liebe in Thüringen“. Der herbeifabulierte romantische Hintergrund baut eine Kulisse auf, vor der sich ein in tödlicher Ohnmacht seinen Tiefpunkt erreichendes Gefälle als eskapistischer Liebesakt darstellt. Mit Stokowski fragt man sich, woher die Not rührt, ein Verbrechen, in dem sich Machtverhältnisse spiegeln, mit Delinquenz verschattenden Bewertungen zu verknüpfen.
Da legt die journalistische Narration ein Verständnis im Spektrum der Leidenschaft nah; sie suggeriert aber „Feindseligkeit“, sobald das überschießende Temperament sich in weiblichen Forderungen kontextualisiert.
„Wir verfügen über einen riesigen Apparat aus Rechtfertigungsstrategien für Gewalt durch Männer.“
Das maskuline Repertoire im Spektrum von Anmaßung und Übergriff schildert sich scheinbar selbständig als naturphänomenal. Tatsächlich ergeben sich die Apologien aus der Deutungshoheit. Der „weiße mittelalte heterosexuelle Mann“ ist das Subjekt der Welt. Er deutet sich selbst so wie alle anderen. Ihm eingeschrieben ist ein gigantischer Herabsetzungstext.
Stokowski extrahiert in ihren Untersuchungen die Überlegenheitsmetaphern, -formeln, -floskeln. Sie hilft zu verstehen, warum es so mühsam ist, dem Offensichtlichen Geltung zu verschaffen. Ihre Kolumnen beweisen aber, dass das Patriarchat unter Druck geraten ist. Überall da, wo der Druck eine Schmerzgrenze erreicht hat, vernehmen wir die Klage des Bedeutungsverlustes.  

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Das Jahr der Katze

Christoph Peters
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 03.09.2018
ISBN 9783630874760
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Man streitet darüber, wie groß der Anteil des Bushido am Karate ist. Der japanische Kriegerkodex (Kodex der Bushi/Dienenden aka Samurai) kultivierte vom Mittelalter bis zur Neuzeit eine privilegierte Art der Begegnung armierter und mehrfach Bewaffneter. Ein Kampf ohne (den Körper verlängernde) Waffen rangierte in diesem System auf dem Siechfeld einer Randsportart. Jiu-Jitsu bot Lösungen nach einer Entwaffnung.

Natürlich setzten japanische Ritter notfalls Hände & Füße offensiv und defensiv ein. Doch hatte das entsprechende Training keine Priorität. Wo aber der Kampf nur mit den Waffen des Körpers sowie mit Haushaltsgegenständen als oppositionelle Reaktion auf feudale Verachtung des Bäurischen geübt wurde, ergab sich ein anderes Bild. Die Leute auf Okinawa durften keine Waffen tragen. Sie modifizierten und verhärteten vor allem das Gong-fu der chinesischen Nachbarn und nannten das hybride Format Okinawa-Te. In den Kodifikationen des Okinawa-Te im 19. Jahrhundert liegt der Ursprung des Karate.

Karate als Straßenkunst

Vom Karate als Straßenkunst der Yakuza erzählt Christoph Peters in seinem Roman „Das Jahr der Katze“. Die Yakuza bildet keine Cosa Nostra, wie der Autor treffend feststellt. Vielmehr dient sie in einem Kastensystem der nationalen Selbstverteidigung unter den Flaggen der Ultranationalisten. Das Fußvolk rekrutiert sich aus den Verworfenen und ethnisch Versprengten. Die Bosse sind Verschwiegene des Establishments. Kuromaku nennt man einen wie Herrn Okabe. Der Herr zieht die Fäden im Hintergrund und erscheint als graue Eminenz sowohl im Verhältnis zur Regierung als auch in der Unterwelt. Er ist ein Dreh- und Angelpunkt im Management der XXXII. Olympiade, die vom 24. Juli bis zum 9. August 2020 in Tokio stattfinden - und bis dahin von einem mörderischen Verteilungskampf auf allen gesellschaftlichen Ebenen beflügelt werden wird.

Wirtschaft ist Krieg und Karate die Schrumpfform einer Kriegskunst. We are warriors on the budo path (Ōyama Masutatsu). Schon Ende der Sechzigerjahre verdrängte Japan die Bundesrepublik von Platz drei der wirtschaftlich stärksten Nationen. Nur hundert Jahre zuvor hatten Samurai mit dem Schwert nicht anders als im Mittelalter für ein Land ohne Dampfmaschinen gefochten. Es gab kein hochseetaugliches Schiff, keine Eisenbahn und keine Universität in Japan.

Die Hauptinsel ist kleiner als Frankreich und nur ein Drittel der Fläche bietet sich einer Nutzung an. Vierundfünfzig Vulkane bedrohen die Bevölkerung. Siebentausend Erdbeben werden im Jahr registriert. Bodenschätze sind rar.

Okabe steht in der Tradition des Politgangsters Kodama Yoshio (1911 - 1984). Bereits als Zwölfjähriger schlug Kodama Yoshio Gewerkschaftler zusammen. Er lernte Karate von Chibana Chōshin und akklimatisierte sich politisch in einem Milieu der Geheimlogen, die Japan als imperiale Macht mit einem Anspruch auf Ostasien begriffen. Er gehörte zu Gen’yōsha und Kenkoku-kai. In beiden Clubs plante man blutige Ernten in China und Korea.

„Ergreife des Feindes Schwert, kehre es um, und erschlage ihn damit.“ Takuan Shuho

Kodama Yoshio verfasste Heimatlyrik und patriotische Streitschriften, die von Kaiser Hirohito nicht ignoriert wurden. Er war der Mann aus dem Volk, das Salz der Erde, vielseitig verwendbar im Spektrum zwischen Mord und Totschlag. Er koordinierte die Niederschlagung des antijapanischen Widerstands in der Mandschurei und stellte eine eigene Miliz auf. Er war ein Freund von Ōnishi Takijirō, der das Kamikaze-Konzept bis zu Einsatzreife entwickelte. Er verband die Yakuza mit den Triaden und trieb sich als Spion herum. Er marodierte mit seiner Miliz in besetzten Gebieten. Die Niederlage Japans erlebte er im Rang eines Konteradmirals. Er verzichtete auf rituellen Selbstmord und stieg in die demokratische Politik ein. Zwanzig Jahre festigte er die Beziehungen der Regierung zu den Yakuza in Absprachen mit der CIA.

Kriegerwallfahrt

Keine Ahnung hat Nikola von diesem Typus eines Konsolidierungsexperten. Die in Tokio gestrandete Deutsche kennt nur das Berliner Graubrot des Offensichtlichen, die ungeschickten Manöver der Einfältigen, die nichts wissen (wollen) vom buddhistischen Gebirge des Seins.

„Im Zen wird nichts beschönigt, nichts verklärt, nichts verleugnet, und für Angst gibt es keinen Platz.“

Selbst Nikolas Liebhaber, ein begabter Killer mit der opaken Aura des kompletten Einzelgängers, beweist mehr Takt als die Deutsche. Die expansive Auslegung eines Auftrags im Zuge einer Kriegerwallfahrt hat Onishi in Schwierigkeiten gebracht. Ein versoffener Abteilungsleiter der Yakuza verlangt erst einen halben Finger und dann den Tod als Entschuldigung. Oyabun (Boss/Pate) Takeda sitzt selbst auf einem absteigenden Ast. Ihm dient Meister Harada als Ratgeber und Seelenführer. Der Schwertkampf- und Karatelehrer fällt nun gemeinsam mit Onishi in Ungnade. Die Helden überstehen ein paar Angriffe, bevor sie die Initiative übernehmen. Sie halten ihre Form mit einer Spielart des intensiven Sitzens –Zazen.

Für die Männer um Harada behält Gültigkeit, was ein chinesischer Mönch im 17. Jahrhundert am Vorabend seiner Erleuchtung unter einer Birke murmelte. Nachahmung erscheint ihnen erstrebenswerter als Originalität. Sie rücken von Überkommenem auch dann nicht ab, wenn es keine Lösungen mehr bietet. In einer Tradition zu stehen, ist für sie das Höchste.

Kritische Äußerungen sind das Letzte. Gegessen wird, was in den Napf kommt. Nikola läuft dagegen Sturm.

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85 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 39 Rezensionen

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Gun Love

Jennifer Clement , Nicolai von Schweder-Schreiner
Fester Einband: 251 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.09.2018
ISBN 9783518428320
Genre: Romane

Rezension:

 „Ich wuchs in einem Auto auf.“

Pearl ist die Tochter einer Wohlstandsverweigerin, die als Siebzehnjährige ihren Ford Mercury Topaz Automatik auf dem Besucherparkplatz einer Wohnwagensiedlung in Florida abstellte und zur Wohnung erklärte. Pearl und Margot essen von Limoges Porzellan, als Hommage an die Herkunft der Mutter. Margot wurde als höhere Tochter schwanger. Die Prekären leben auf verseuchtem Boden und in direkter Nachbarschaft einer giftig stinkenden Müllhalde auf der selben sozialen Stufe wie Obdachlose. Die kaputte Erde ist der Ersten Nation noch heilig. Ans Ursprüngliche erinnert allein der Name der Behelfssiedlung. Die Bewohner des „Indian Waters Trailer Park“ sind schießwütig. Der Bodensatz lässt seine Kinder mit Pistolen spielen und kennt von der Verfassung nur den 2. Zusatzartikel (Second Amendment to the United States Constitution), der es seit 1791 jeder Regierung verbietet, das Recht auf Waffenbesitz einzuschränken.

Jennifer Clement, „Gun Love“, Suhrkamp, 251 Seiten, 22,-

„Das Leben war wie ein Schuh am falschen Fuß.“

Pearls Verhältnisse erzeugen lauter Oppositionen zu gut. Alles ist umgekippt, auch ein zur Jauche verkommener Bach, der hochtrabend Fluss genannt wird. Einmal taucht ein siamesischer Zwillingsalligator auf, dem Ei kaum entschlüpft. Er wird abgeknallt. Das erzählt Jennifer Clement in „Gun Love“ aus der Perspektive der Heranwachsenden. Pearl erleidet in der Handlungsgegenwart den bis eben nicht für möglichen gehaltenen Verlust ihrer stärksten Bindung. Lange war ihre Beziehung zu der jungen Mutter partnerschaftlich-symbiotisch. Beide besorgte die Aussicht, eine Behörde oder ein Abschleppdienst könne ihr familiäres Provisorium beenden. Sie hielten Abstand zur Menschheit und schützten ihre Lebensgemeinschaft vor Penetrationen.

„Ein Freund kann schnell zum Richter werden“, erklärte Margot.

Das gilt nicht mehr, seit Margot sich verliebt hat. Der Liebhaber verdrängt Pearl buchstäblich aus ihrer Wohnung.

Clement addiert in „Gun Love“ Massaker zu beliebigen Bilanzen. Als Gast des Internationalen Literaturfestivals sprach sie darüber mit Daniel Schreiber. Clement lebt in Mexiko, wo jährlich eine Viertelmillionen nordamerikanische Schusswaffen eingeführt werden. Illegaler Waffenhandel treibt auch die Romanhandlung an.

Clement ist Präsidentin des P.E.N. International und hat eine feministische Mission. Sie riet zum weiblichen Sturm auf Spitzenpositionen und zu einer strategischen Besetzung von Männerdomänen. Clement weiß, dass sich US-Waffengesetze nicht europäisieren lassen. Für viele Amerikaner sind Schusswaffen Garanten ihrer Integrität. Ihr Staatsbegriff geht nicht von einer fürsorglichen Übermacht aus, sondern von einem Leviathan, der in Schach gehalten werden muss. Der Patriotismus bezieht sich auf das Land, nicht auf eine Regierung.

Dieses Konzept fördert eine schrankenlose, das heißt oft bewaffnete Individualisierung. Das Museum der National Rifle Association in Washington nennt Clement eine Kirche. Sie sprach die erotische Dimension von Feuerwaffen an.

Gun Love/ZZTop

She likes to shoot her gun,
Shootin' at the target of love.
She likes to load her chamber,
Hot and tight like a black leather glove.
She's a little freak, but she'll take you in.
You might be sittin' at the end of a firing pin.
Gun love, gun love, gun love,
She's a real gun lover,
Gun love, gun love, gun love,
She's a real gun lover tonight.

Folsom Prison Blues/Johnny Cash

When I was just a baby
My Mama told me, Son
Always be a good boy
Don't ever play with guns,
But I shot a man in Reno
Just to watch him die.

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 5 Rezensionen

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Die Verängstigten

Dima Wannous , Larissa Bender
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Blessing, 27.08.2018
ISBN 9783896676276
Genre: Romane

Rezension:

„Literatur war in der arabischen Welt lange eine Gefangene der Politik“, sagt Dima Wannous. Sie hat an der Sorbonne studiert und lebt in London. Ihre ersten Erzählungen kündigten bereits 2007 die syrische Revolution von 2011 an. In „Dunkle Wolken über Damaskus“ schildert sie Diktaturgeschädigte in allen Schattierungen der Anpassung. Sie beschreibt die Spielarten des vorauseilenden Gehorsams von Schranzen in einer paranoiden Günstlingswirtschaft. Überall lauern Spitzel. Auch Assads alawitische Adlaten sind Gefangene einer kollektiven Depression.
Dann kam die Revolution und zerstörte, so sagt es Wannous, Familien und Freundschaften. Die gesellschaftlichen Risse gingen durch die Decken der Häuslichkeit und zerfetzten die letzten Abschirmungen. Wannous gehörte zu der Schicht, die das Sagen hatte – zu jenen Alawiten (nicht Aleviten), die den engsten Ring um den Assad Klan bildeten. Alawiten bilden einen Mysterienkult, also eine Geheimgesellschaft. In Syrien kassierte ein Staat im Staat den Staat. Das konnte gelingen, weil Alawiten in der französischen Kolonialarmee, zunächst in der Légion syrienne und ab 1925 in den Troupes spéciales du Levant privilegiert wurden: im Gegenzug für die Bereitschaft, gegen die sunnitische Mehrheit vorzugehen. Vielleicht erklärt das Assads indifferentes Blutvergießen. Die syrische Mehrheit steckt nicht in der alawitischen Matrix. Das sind nicht seine Leute. Wannous stellt fest: In Syrien tobt kein Bürgerkrieg. Da lässt die Regierung das Volk zusammenschießen.“ Sie prophezeit: „Wir werden nicht wieder miteinander leben können.“
„Syrien ist ein besetztes Land.“
Plötzlich drehten sich auch die Gespräche der Auserwählten um Kontrollpunkte und steigende Lebensmittelpreise. Die Nähe zur Macht verschonte die Wannous‘ nicht von alltäglicher Not. Mit Freunden und Bekannten traf man sich nur noch, um festzustellen, wie fremd man sich geworden war. Das ist der Ausgangspunkt in Wannous‘ Roman „Die Verängstigten“. Der schreibende Arzt Nassim flüchtet vor dem Krieg nach Deutschland und geht da auf Tauchstation. Er überlässt es seiner Geliebten sich Sorgen zu machen und Mutmaßungen anzustellen. Suleima verdient so wenig, dass ihr Gehalt von den Fahrtkosten verpulvert wird. Sie arbeitet bei einer privaten Fluglinie, die prosperiert, seit der staatliche Luftverkehr auf die Bereitstellung einer Maschine reduziert wurde. Die permanente Nähe zu den Spielräumen der komfortabel den Kriegshärten nach Saudi-Arabien entgehenden Besserverdienern gibt Suleima ein „Gefühl bleiernder Leichtigkeit“. Ihre Seele trennt sich vom Körper und sie verliert jeden Halt.
Eines Tages empfängt Suleima ein Manuskript ihres desertierten Geliebten, das ihre Biografie spiegelt. Vorderhand geht es um religiöse Spannungen und totalitäre Verhältnisse. In Wahrheit geht es um das Eingemachte der Empfängerin. Auf den Brückenbögen der Lektüre bricht Suleima zu einer Selbstkonfrontation auf. Sie begreift: Das Regime spaltet die Gesellschaft vorsätzlich. Jeder soll sich nur seinem Milieu verbunden fühlen.
Gleichzeitig erlebt ein Offizier der republikanischen Streitkräfte seine Verhaftung. Man degradiert ihn, bis er sich nackt unter Nackten in einer überfüllten Zelle wiederfindet, froh darüber, den schmerzhaftesten Zumutungen gerade einmal nicht ausgesetzt zu sein. Einem Kameraden im Leid ist die Unterhose nicht weggenommen worden. Das gibt dem Offizier ein Rätsel auf. Er fragt in die Runde, doch niemand erklärt ihm die Sache.
Jeden Morgen werden die Gefangenen nacheinander der Folter unterworfen. Eines Tages kehrt der Mann mit Unterhose aus dem Behandlungszimmer zurück und bricht tot in der Zelle zusammen. Die Überlebenden stürzen sich auf die Leichen und kämpfen um die Unterhose. Dem Sieger gehört sie bis zu seiner Begnadigung im Tod.
Wannous schildert den Umschwung von Liebe in Hass und den Durchmarsch einer Psychose, die nach allen greift. Die Psychose, das ist der Krieg. Seine postumen Rationalisierungen sind Kunstwerke der Unwahrheit.

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Fremde oder Freunde?

Jaafar Abdul Karim , Jasna Zajček
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 21.08.2018
ISBN 9783499633904
Genre: Sachbücher

Rezension:

Sie kommen aus Syrien nach Deutschland und noch bevor sie ausgepackt haben, engagieren sie einen Scheidungsanwalt. Sie trennen sich von Männern, die ihnen in Zwangsehen zugemutet wurden. Das berichtet Jaafar Abdul Karim in „Fremde oder Freunde?“. Den Titel unterschreibt: „Was die junge arabische Community denkt, fühlt und bewegt.“
Der Autor porträtiert Frauen, die sich ihrer Fesseln entledigen und die Werkzeuge der Befreiung in Facebook Gemeinschaften austauschen. Er beschreibt Emanzipationsschübe und Diskursverschiebungen als Migrationsfolge. Syrerinnen, die auf der Flucht vor dem Krieg in der Türkei als Kellnerinnen das Geld für die Weiterreise nach Westeuropa verdienten, wollen ihre auf die harte Tour gewonnenen Freiheitsgewinne nicht mehr in der Verhandlungsmasse eines Ehealltags untergehen lassen.
Natürlich ragen über den emanzipatorischen Nebenwirkungen von Flucht und Vertreibung Elendsmassive auf. Karim besteigt sie professionell. Er moderiert die mehrfach ausgezeichnete arabischsprachige DW-Sendung Shabab Talk, in der sich junge Leute mitteilen können und die schon für manchen Eklat gesorgt hat. Karim geht dahin, wo es wehtut, ohne seine Ängste zu verschweigen. In „Fremde oder Freunde?“ erzählt er noch einmal die Geschichte vom Arabischen Frühling, als via Facebook und Twitter die Zensur umgangen wurde und ein Rausch der Ermächtigung Millionen erfasste, die sich als eine Generation im Aufbruch erlebten. Man merkt Karims einladendem Schreibstil noch an, wie bewegungsorientiert und sozialmedial der Anfang war. Leute mitnehmen, ihnen eine Stimme geben und da, wo sie selbst sprechen wollen, ein Mikrofon: dieser Impetus spricht sich im Text aus.
„Die junge Generation ist voller Energie und Ambitionen und will etwas aus ihrem Leben machen. Was die Älteren nicht raffen, ist, dass sich die Jugend per Knopfdruck in andere Welten beamen und sich Zugang zu Informationen verschaffen kann.“
Inzwischen rangiert Karim als Mentor „der jungen Leute“, die ihn überall erkennen und für seinen Aufstieg mehr achten als für seine Ideen. In ihrer kritischen Bewunderung – „Jaafar, du gibst den Frauen zu viele Rechte“ - erkennt er seinen Auftrag. Karim macht keinen Hehl daraus, dass er sich den westlichen Werten verpflichtet fühlt. Er will nicht, dass ethnisch differente Gruppen in Deutschland nach ihren eigenen Rechtsbegriffen handeln und die Dinge „unter sich“ austragen. Er weiß aber, „dass die Angst vor dem Skandal diese Menschen beherrscht“. Schande wiegt schwerer als der Tod.
Dagegen geht der Journalist aufklärerisch vor. Doch findet auch seine Findigkeit keinen Dreh zum Glück mehr, wenn er irgendwo in Afrika einen Flüchtling aufgabelt, der drei Mal im Mittelmeer gekentert ist und nun das Geld für den vierten Versuch, nach Europa zu gelangen, auf die mühseligste Weise zusammenkratzt. Dabei ist ihm sonnenklar, dass er als asylunwürdiger Wirtschaftsflüchtling angesehen wird und ihm in der weißen Welt nur die Hinterzimmer der Illegalität nicht vollkommen verschlossen bleiben.      

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Das Birnenfeld

Nana Ekvtimishvili , Ekaterine Teti , Julia Dengg
Flexibler Einband: 221 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 13.08.2018
ISBN 9783518468821
Genre: Romane

Rezension:

Georgien in den Neunzigern, die sowjetischen Nachbilder sind verblasst. Der Republik droht mehr als ein Kollaps. Zwischen Aufbruch, Putsch, Gegenputsch, Separation und Annextionsversuchen verflüchtigt sich das staatliche Interesse an den Zöglingen in einem „Internat für geistig beeinträchtige Kinder“. Vereinzelt machen sich die Kinder als Bettler*innen und Prostituierte auf den Bahnhöfen von Tbilissi selbständig.
Eine Achtzehnjährige verharrt rauchend hinter ihren Kindheitsgittern. Lela managt die Vergessenen und Verwaisten. Sie bewahrt Erinnerungen an heldenhafte Vorgänger*innen – an Entlassene mit phantastischen Biografien und unklaren Diagnosen, die zu den Beeinträchtigten gesteckt worden waren vielleicht nur infolge elternhäuslicher Miseren.
Die Verwahrten zeigen allenfalls abweichendes Verhalten. Schwachsinnig sind sie nicht. Sie verstehen sich auf Verbesserungen ihrer Lage mit ausgeklügelter Kommunikation. Sie bilden Mannschaften und finden Gegner unter „Normalen“.
Lela übernimmt die Mutterrolle bei einem von seiner leiblichen Mutter vernachlässigten Jungen. Ihr explosives Wesen verbindet zarte Regungen mit Ruppigkeit. Sie erträgt kaum, wie Irakli unter der Liebesverweigerung leidet. Sie selbst wurde von dem Lehrer Wano missbraucht. Er vergreist in der Handlungsgegenwart. Lela „schaut in (Wanos) welkes, altes Gesicht, seine schwarzumränderten Augen, die trüb hinter der Brille zu erkennen sind. Sie schaut auf seinen schlaffen, heruntergezogenen Mund …“
Auch der Titel „Das Birnenfeld“ kommt direkt aus der Heimhölle. Auf dem Birnenfeld fanden in Lelas Kindheit Vergewaltigungen statt. Die Opfer blieben auf dem Feld zurück, während sich die Täter*innen zerstreuten. Schließlich schlossen sich die Erniedrigten wieder einer Gruppe an, ohne Aussicht auf Gerechtigkeit und Rache. Sie liefen einfach mit, als sei ihnen nichts geschehen. So einfach lässt sich eine Persönlichkeitsspaltung erzählen.
Ekvtimishvilis Sprache entbindet jenes Grauen, das wir mit geschlossenen Anstalten assoziieren. Sie erzählt von körperlicher Gewalt und geistiger Armut. Sie beschreibt eine Normalität der Abweichung. Ein amerikanisches Ehepaar auf Adoptivschau verguckt sich in Irakli. Lela besorgt ihm eine Englischlehrerin für das Gröbste des Neustarts. Auf der Gegenschräge ihrer Fürsorge treibt sie ein mörderischer Hass auf Wano an.  

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Das Integrationsparadox

Aladin El-Mafaalani
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.08.2018
ISBN 9783462051643
Genre: Sachbücher

Rezension:

Die offene Gesellschaft ermöglicht Austausch, Kooperation und Streit. Ihre Gegner sind im Konservatismus vereint. Sie kultivieren Ausschluss- und Verweigerung. Sie verschanzen sich hinter Barrieren der Exklusivität und schüren die Angst vor Überfremdung. Ihre Kultur gründet in der Angst. Die Angst haben Salafisten und Rechtsradikale gemeinsam. Die mentale Nähe ist da am größten, wo die extremsten Positionen formuliert werden. Zu diesem Ergebnis kommt Aladin El-Mafaalani in seinem Aufklärungsbuch „Das Integrationsparadox – Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“. Darin beschreibt er die Geburtsschmerzen einer neuen Gesellschaft, die nach den Leistungsmaximen und entgegen völkischer Devisen autochthone Verlierer im Staub der Vergangenheit liegen lässt. Die Migration befeuert einen evolutionären Prozess der Umverteilung. Wie eh und je geht es um Verdrängung und Partizipation.

Der Unterschied zwischen Skandieren und Skalieren

„Die Verbesserung der Teilhabechancen führt nicht zu mehr Konsens in der Gesellschaft, sondern zu Neuaushandlungen.“

El-Mafaalani erklärt, „warum es gut ist, dass gelungene Integration das Konfliktpotential steigert.“ Der Politikwissenschaftler besichtigt den Grand Canyon der Differenz zwischen Skandieren (von Parolen) und Skalieren (ziviler Chancen).

Wir haben längst Verhältnisse, in denen die ethnische Herkunft nichts mehr garantiert. Die Minderheiten drängen in den öffentlichen Raum und auf die Märkte der Ur-Einheimischen. Manchmal bestimmen sie den Diskurs und verstärken so den Protest der schweigenden Mehrheit, die sich von ihren demokratischen Gewalten nicht ausreichend repräsentiert sieht. Es zeigt sich die Effektivität der Versprengten, die eine im Grunde aktivistische Empowerment-Politik betreiben, die sich nicht gegen sie ins Feld führen lässt. Die Initiativen der Beteiligung machen sich in Räumen der Sozialarbeit und der Nachbarschaftshilfe unauffällig. Sie werden dezent begrüßt, in einem evolutionären Sog der Anpassung - Wen du nicht besiegen kannst, den musst du umarmen.

Manchmal bleibt El-MafaalanisAnalyse im Vokabular stecken. Der Autor exponiert die Gewinne für viele und unterschlägt Kosten der Transformation. Er spricht von einem „breit verankerten Problembewusstsein“ in den Instanzen, die etwa zur Verbesserung der Sprachkompetenz führt. Syrische Flüchtlinge seien in einem Parcours der Deutschkurse und des ehrenamtlichen Engagements schneller zur Mitte aufgerückt als sämtliche älteren Einwanderergenerationen. Sie leben in Deutschland gleichwohl nicht so wie zum Beispiel koreanische Migranten in Amerika, die ohne Anlauf verbürgerlichen.

Deutschplus

Die Zugangskodes werden mit den Qualifikationen verteilt. Jeder individuelle Fortschritt steigert die Erwartungen und setzt die Schmerzgrenzen herab. Verminderungen der Hinnahmebereitschaft sind folgenreich. Einzelbewertungen ergeben sich aus divers gegossenen Fundamenten. Religion, Qualifikation, Geschlecht, Alter, soziale und ethnische Herkunft so wie politische Überzeugungen ergeben tausend Muster in einer Gesellschaft.

El-Mafaalani feiert die Integration, wo eine Avantgarde längst in der Zukunft der Desintegration das Gold der Beteiligung schürft. Wie es Max Czollek gesagt hat: Es gibt kein ohne uns mehr. Die Operation Metamorphose läuft. Der fünfte Teil der deutschen Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund, davon die Hälfte mit deutschem Pass. Die neuen Deutschen nennen sich „deutschplus“ und sorgen in den Ballungsräumen für Superdiversity. „National befreite Zonen“ können da nicht entstehen.

El-Mafaalani verlässt sich oft auf anekdotische Evidenz. Er erinnert an die Ära der durchsetzungsfähigen Hausmeister, die in Blockwartmanier die Grünflächen zwischen den Siedlungshäusern bewachten. Sie verteidigten den Rasen gegen Heranwachsende. Man war aneinander gewöhnt. Die Verschiebung der Machtverhältnisse ging fast unmerklich über die Bühnen der Teilhabeverhandlungen. Irgendwann tauchten die Hausmeister als zustimmend rauchende Zeitgenossen an den Spielfeldrändern auf und in den Quartierskadern schnürten sich Jérôme Boateng, Sami Khedira, Mesut Özil, Lukas Podolski und Miroslav Klose die Siegerschuhe. Das war eine Abstimmung mit den Füßen. Sie änderte alles.

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Kinder der verlorenen Gesellschaft

Safiye Can
Fester Einband: 96 Seiten
Erschienen bei Wallstein, 27.02.2017
ISBN 9783835330481
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

Sie steht „am Laufband Richtung Kasse“, während im Abspann der Assoziationen überall auf der Welt Menschen auf Laufbändern an ihrer Selbstoptimierung feilend scheitern. Sie scheitern schwitzend. Die Szene hallt vor Redundanz wie ein Kirchenschiff im Orgelsturm und eröffnet dem „Konservendosengefühl“ der Erzählerin einen weiten Raum. Das Ich schweift aus im Liebes-Du. Es erzählt eine Geschichte mit poetischen Putzmitteln. Die Laufbandgeräusche sind so oder so universell. Sie versichern eine Verliebte gegen Tod und Not im Überangebot.
Safiye Can, „Kinder der verlorenen Gesellschaft“, Gedichte, Wallstein Verlag, 90 Seiten, 18,-
So steht es geschrieben in den Linien „Deine(r) Archäologenhände“, einem Gedicht im Paarungsrausch mit seiner Nachbarin aus dem Can Weg 35, die weiter von der Liebe spricht. Nein, Safiye Can schreibt keine „Damit-verdienst-du-keinen-Cent-Gedichte“; so wie das Ich in „Aus dem Boden schießen Bäume“ wohl auch nicht; so verwandt erscheint es der Dichterin, die eine Liebesgeschichte lyrisch transformiert, indes keineswegs kommunardisch vom Ich zum Wir schreitend in einem überschaubaren Glückswinkel.
Can erlebt Poesie als „unendlichen Prozess“. Sie hat auf ihrer Strecke die Grenzen der Zirkelprominenz gesprengt. In einem Seitenfach der Literatur avancierte sie zur Bestsellerautorin. Seit Nâzım Hikmet und Pablo Neruda könnte es diese Kombination nicht mehr gegeben haben.
In einem Interview mit Türkân Kurt verkündete Can: „Alles kann als Inspiration dienen, um Worte zum Leben zu erwecken.“
Sie sagt: „Wer sein Herz nicht bändigen kann, der lebt.“
Sie sagt: Vielleicht ist Heimat das Hineinfallen ins eigene Bett …“
Sie sagt: „Wann immer ich Solingen höre, brennt ein Haus vor meinen Augen.“
Das sagt Can in den Tonfällen ihrer lyrischen Avatare.

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Anmut und Feigheit

Frank Schulz
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 16.08.2018
ISBN 9783869711737
Genre: Romane

Rezension:

Der Erzählband „Anmut und Feigheit“ erklärt sich selbst zum „Prosa-Album über Leidenschaft“. Die Titelunterschrift weckt Erinnerungen an gerontologisch getunte Binsen, üb‘ immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab, die schönschriftlich eingetragen wurden in die Poesiealben der Anderen, sowie an die Poesie der Radiorockrezensionen: das neue Album (die neue Scheibe) der „Who“ ist im Vergleich zur letzten Scheibe (zum letzten Album) … In den Themenkreis passte eine persönliche Verbesserung vom gläubigen Absitzen deutschen Schlagerschmus auf Omas Sofa zu der Einsicht, dass Ilja Richter mit Rock nichts zu tun hat. Endlich rechnete man sich zum festen Hörerstamm des internationalen Top Ten Rodeos. Die Moderatoren versauten die Mitschnitte absichtlich mit langen Ansagen.
Die zweite oder dritte Single-Generation spielten Tonträger mit fünfundvierzig Umdrehungen pro Minute auf Kofferapparaten mit (im Deckel) integriertem Lautsprecher mitunter noch im Mono Modus ab.
Nun ist alles Mono. In „Anmut und Feigheit“ versammelt Frank Schulz Artefakte einer untergegangenen Welt von Neckermann nicht zuletzt. Seine in der Ereignisarmut Ergrauten und Eingestaubten biegen nach einer Serie von Fehlstarts im Augenblick der Handlungsgegenwart auf ihren Zielgeraden ein, um endlich zu erkennen, dass sie ein Leben lang kein Land gewinnen konnten. Sie kehren zurück in die Bruchbuden ihrer Herkunft und scheitern als Heimkehrer noch einmal. Zur individuellen Lebensleistung „verkrachte Existenz“ kommt der Raubbau am Vertrauten. Das örtliche Wahrzeichen, ein majestätischer Kastanienbaum, wird gefällt und Hinni Heitmanns Kneipe geschliffen. Das erlebt Bodo, der als Journalist und Romancier genretypisch scheiterte, und nun auch noch seine kleinen Hoffnungen auf einen Daseinsrest vor Kindheitskulissen begraben muss. Man sieht förmlich die im Bart hängengebliebenen Bröckchen schlichter Mahlzeiten im Rahmen eines schlichten Lebenszuschnitts. Die Bescheidenheit schnürt ihm die Kehle zu. Hohn und Häme treiben ihn seinem Grab entgegen.
Einer Bodo-Variante namens Kortsch erweiterte ein Schlaganfall zum Sechzigsten den Hades Horizont. Hinter ihm liegen sechs Jahre mit der dreiundzwanzig Jahre jüngeren Yvonne. Kortsch trägt sich zünftig, allein ihm fehlt der Glaube an die eigene Konkurrenzfähigkeit. Trotzdem strapaziert er sich noch präpotent auf den Zufallsgipfeln einmaliger Gastspiele. Den postkoitalen Bekenntnissen unter Fremden, die ihre Müdigkeit mit nachträglichen Erregungen abwehren, dichtet er einen Reiz an.
Schulz nähert sich den Schlussschlichen und finalen Seufzern seiner Versager leidensgenossenschaftlich. Verkürzt zitiert er eine Einsicht von Bette Davis: Old age ain‘t no place for sissies.

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Post von Karlheinz

Hasnain Kazim
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Penguin, 25.04.2018
ISBN 9783328102724
Genre: Humor

Rezension:

Inzwischen geben sie ihre Titel und Telefonnummern an. Anwälte und Architekten fürchten keine Statusverluste mehr, wenn ihre Kommentarspaltenexzesse und andere Entladungen der Anonymität ohne Weiteres entzogen werden können. Manche sagen „Kultur“ statt „Rasse“ und „kulturfremd“ statt „rassisch minderwertig“, aber alle meinen das Gleiche, nämlich eine von fremden Einflüssen gefährlich gestörte volksgemeinschaftliche Homogenität, die zu verteidigen als vornehme Aufgabe verstanden wird.
Bei der Bestimmung der Grenzen des Sagbaren in den Sprechweisen des Ressentiments steht die Meinungsfreiheit bloß als Popanz auf dem Prüfstand. Die Amme der Demokratie wird strapaziert, um in ihrem Ach und Weh andere Angriffsgeräusche untergehen zu lassen. In Wahrheit schießen Keyboard Warrior nicht auf die Meinungsfreiheit, sondern auf die Unantastbarkeit der menschlichen Würde. Strategisch geht es um Verminderungen der Standards zum Schutz von Minderheiten. Geschliffen werden die Achtungswälle. Angegangen werden Personen, die sich als Repräsentanten von Minderheit im öffentlichen Raum schildern lassen. Die größte Zumutung liegt in der Zuschreibung. Ein deutscher Journalist mit indisch-pakistanischen Eltern gerät so automatisch in die Rolle des Gemeindesprechers ohne Gemeinde. Er muss sich mit Fiktionen auseinandersetzen. Davon berichtet der Journalist Hasnain Kazim in „Post von Karlheinz“.
Nicht seine Kritik (an was oder wen auch immer) erscheint dem Leserpostschreiber als das Übel, sondern die Herkunft des Kritikers. Ein „Ausländer“ soll kein Recht auf eine Stimme im Streit der Deutschen haben. Natürlich ist Kazim kein Ausländer und es gelingt auch keinem „echten Deutschen“ seine Sprecherkompetenz herabzusetzen. Bedenklich ist gleichwohl Kazims Erreichbarkeit für Hass. Längst trennt Kazim kein intellektueller Jägerzaun mehr von seinen Angreifern aus dem Bauch der gesellschaftlichen Mitte als dem neuen rechten Rand.
Zwei Jahre erwies Kazim seinen Kritikern die Ehre humorvoller Repliken. Er übte sich in grotesker Kunst und machte aus dem Dreck der Invektiven ein Fest der Schlagfertigkeit. Kazim erkannte: „Islamisten und Neonazis sind Geschwister im Geiste“
Rechtsextremismus ist Regression – eine infantile Reaktion auf Vielfalt. Das beweist der Satzbau deutscher und türkischer Karlheinzis. Mit Nachdruck reagieren sie auf den semantischen Rückstoß. Ein hohes Aufkommen von Ausrufezeichen zeigt sie an. Ihre Rechtschreibung ist eskapistisch. Es wird an die Wand gestellt, ausgerottet und angezeigt, als läge wenig Bemerkenswertes zwischen einer Exekution, einem Genozid und einer Gerichtsverhandlung. Allerdings glauben nur die deutschen Karlheinzis, dass man jeden Muslim ungestraft „Ziegen-“ wahlweise „Kamelficker“ nennen darf.   

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