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Bret Easton Ellis und die anderen Hunde

Lina Wolff , Stefan Pluschkat
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Tempo, 12.07.2017
ISBN 9783455001075
Genre: Romane

Rezension:

Der Park Güell in Barcelona dient einer verdämmernden Moderne als weltberühmtes Beispiel für urbanen Freiraum. Ein Magnat des 19. Jahrhunderts gab dem Park seinen Namen. Gestaltet wurde er von dem Architekten Antoni Gaudí. Markant sind großflächige Mosaike – ein keramisches Feuerschluckerkunstgewese zwischen Tierkreiszeichen und Fabelwesen. Salvador Dalí fand die Arrangements präsurrealistisch. Im Wirkungsschatten des Spektakels besucht Araceli Villalobos eine Schule für Übersetzer und Dolmetscher. Zu denken gibt ihr die Klugheit Muriels, die als alttestamentarisch-drakonische Freundin der Erzählerin im Roman auftaucht. Ihre Analyse einer Lehrerin namens Elaine Moreau ist so geistreich, dass sich an ihr alles aufhängen lässt, was sonst bemerkenswert erscheint im Leben einer an der Armutsgrenze kreuzenden, in einem Kosmos extravaganter Schicksalswendungen und psychologischer Unwahrscheinlichkeiten Heranwachsenden und schließlich erwachsen vor sich hin Trudelnden. Eine illegal eingewanderte Guatemaltekin übernimmt Aracelis Kinderzimmer und platziert die Tochter der Hausherrin mir nichts, dir nichts auf dem Sofa. Blosom kapert die Wohnung samt der Belegschaft. Ihre Unverfrorenheit ist nicht von dieser Welt. Lina Wolff schildert einen vitalen Zombie. Sie erkennt eine frei fluktuierende Zerstörungskraft im Wesenskern der lebenden Toten. Ihre Heldin spürt an den Rändern merkwürdiger Ereignisse kompakte Realität wie Seltene Erden auf. Als Kind ließ sie sich mit einem Eisberg beschenken, die Absichten des Spendablen durchschauend. Der Candyman warnte vor sich selbst. Als ein anderer Humbert Humbert wollte er nicht das Schwein sein, das ein verbotenes Begehren mit einer strafbaren Handlung verbindet. Trotzdem rührte er den Brei des Verderbens an. Araceli spielte nach Art der Blinden Kuh mit, bis ihr aufging, worin sich das Verhältnis in der Legalität erschöpfen musste – in einer Mesalliance der Erwartungen und der Vermögen.
„Was, wenn ich bei ihm klingele, und wenn die Tür aufgeht, steht da ein klappriger Casanova … und vielleicht packt er dann mein Handgelenk und flüstert: Endlich, Araceli, endlich!”, so dass der volljährigen Lolita nur die Zuflucht eines abrupten Abschieds bliebe.
Die Erzählerin denkt über die Gründe seelischer Spannweitenverluste im Lebenslauf ihrer Nächsten nach. Die Autorin isoliert Kristallisationen äußerster Souveränität. Sie schildert Prozesse im Geleit der Hochpunkte, das Nachlassen und Absinken und die Verirrungen. Araceli lebt lange in einer Hausgemeinschaft mit der Schriftstellerin Alba Cambó, die den männlichen Körper als Missbrauchsdomäne literarisch besetzt und so allen antwortet, die den weiblichen Körper als Gegenstand männlicher Sensationen in einer Endlosschleife der Redundanz halten. Vermutlich wird sich jede Gesellschaft bis zu ihrem Ende über die Verwendung des Weiblichen definieren und entgegengeschlechtlichen Gleichungen den Vorschub der Plausibilität verweigern. Das begreift man im Begreifen der Erzählerin. Sie legt sich einen Hund zu, der nach einer Nachttischlektüre Bret Easton Ellis heißt. Die Namensfindung entspricht einer Lektion in der feministischen Grundschule. Andere Hunde hören auf die Schriftstellernamen Chaucer und Dante. Sie kriegen verdorbenes Fleisch vorgesetzt, wenn ihre Herrinnen das Vergnügen der Zufriedenheit entbehren. Wolff verhandelt die Ungerechtigkeit auf einer Schaukel der Ambivalenz. Eindeutig fallen die Charakterisierungen der Lehrerin Moreau aus, laut Muriel „der größte Witz, den das weibliche Geschlecht je hervorgebracht hatte. Eine Laune, eine Parenthese, ein punktiertes Soufflé, etwas, das man zurück in den Kühlschrank stellt, um es schleunigst zu vergessen.“

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drogensucht, arbeitslosigkeit, bildung, armut, amerika

Hillbilly-Elegie

J. D. Vance , Gregor Hens
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 07.04.2017
ISBN 9783550050084
Genre: Sachbücher

Rezension:

Sixteen Tons
Some people say a man is made out of mud
A poor man's made out of muscle and blood
Muscle and blood and skin and bones
A mind that's weak and a back that's strong

You load sixteen tons what do you get
Another day older and deeper in debt
Saint Peter don't you call me 'cause I can't go
I owe my soul to the company store

I was born one morning when the sun didn't shine
I picked up my shovel and I walked to the mine ...

Die Liebhaber der Mutter belehren ihn über sein fadenscheiniges Wesen. Zur Not heuchelt er. Für einen alkoholhaltigen Tropfen Anerkennung täuscht J.D. Interesse an Ohrringen, Polizeiautos und Kindern vor, je nachdem, was die Kumpanei mit den Steves, Chips und Kens, die seiner Mutter gerade gefallen, verlangt. Die Frau führt das Leben der Trailerparknomaden. Ständig muss das Kind sich neu einfinden und anpassen. Es wehrt sich gegen Zumutungen, indem es als Heimat verwirft, was die Mutter in ihrem eigenen Protest dafür nimmt. Unumstößliche Zugehörigkeit behauptet es zum Mountainmilieu der Großeltern in Jackson/Breathitt County/Kentucky. In der Wahrnehmung des Heranwachsenden sind Oma und Opa hagestolze Leute, unerschütterlich, bedürfnislos, hilfs- und gewaltbereit auf explosive Weise. In ihrer Obhut gewinnt J.D. eine Identität aus Bruchstücken und Klischees rund um Bergbautristesse, legendäre Familienfehden und weiße Armut in den Appalachen. Im Breathitt County wurden Arbeiter zur Wiederherstellung der Ordnung zusammengeschossen. “State troops were dispatched twice in the 1870s and again in 1903 – after the assassination of U.S. Commissioner James B. Marcum on the courthouse steps – to restore order.” Zitiert nach Wikipedia.
Unbewusst verzichtet der Junge auf Welt. Wenigstens in der Geburtsstadt seiner Großeltern will er randlos dazu gehören. Er verherrlicht eine Armee autarker Großonkel als Garanten biblischer Rechtsbegriffe und Bewahrer konföderierter Traditionen. Die taffen Tattergreise ersetzen im Verein mit der alle überstrahlenden Oma den inexistenten Vater, der auch für die Mutter kaum mehr bedeutet haben dürfte als jeder andere Steve, Chip oder Ken.
Der Autor beglaubigt mit solchen Schilderungen sich selbst als Erben. Er beschwört seine Zuständigkeit für das arme weiße Amerika, zumal in der iroschottischen Variante. Übrigens war es eine iroschottische Missionsbewegung, die ab dem 6. Jahrhundert Mitteleuropa christianisierte. Nun vergleicht Vence die Omaära mit einer erbärmlichen Gegenwart. Die vordem auf ihre Selbständigkeit bedachten, wohlfahrtsabholden Hinterwäldler versinken in Lethargie. Jackson sei von Methamphetamin verseucht, behauptet Vence. Er vermutet die Schuld für den Niedergang nicht jenseits der Eigenverantwortung. Er interpretiert die Verwerfungen nicht als Folgen staatlicher Vernachlässigung vor sich hin rostender Regionen und desaströser Rahmenbedingungen. Es gibt kein Recht auf Hilfe. Auch Vence spielt das Lied vom selbstgeschmiedeten Glück im Moll einer Küchensoziologie, die lediglich vorgibt, dem Verständnis für Verlierer Argumente zu liefern. Die Großeltern hatten sich in den Sechzigern den Torturen der Flexibilität ausgesetzt und waren in den Norden gezogen. Zwar erreichten sie finanziell die Margen des Mittelstandes, doch scheiterten sie mit ihrem phantasmagorisch-eruptiven Lebensstil an urbanen Normen. Sie gingen durch die dreifaltige Hölle Ausgrenzung, Alkoholismus und häusliche Gewalt, wobei Oma wacker mithielt. Einmal zündete sie ihren Mann an. Schließlich kehrte das Paar nach Jackson zurück und widmete sich dem Nachwuchs seiner im permanenten Ehekrach taub gewordenen Kinder. „Und sie verbrachten den Rest ihres Lebens damit ... Fehler wiedergutzumachen.”
Vence wähnt die armen Weißen im Abseits jedweder politischer Repräsentanz. Ihre reaktionäre Grundierung entbehrt der Vernunft. Abgehängt seit Generationen ergeben sich für sie (in der Mittelstandsperspektive) deviante Muster, für die es keine weiße, wohl aber schwarze Referenzen gibt.

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Spätkirmes

Enno Stahl
Flexibler Einband: 250 Seiten
Erschienen bei Verbrecher, 21.04.2017
ISBN 9783957322357
Genre: Romane

Rezension:

Kirchweiler füllt auf Sand und Lehm einen rheinischen Winkel. Ein Kirchweilerer könnte jedem Dahergelaufenen Artifakte aus der fränkischen Zeit vorlegen und ihn unter Eschen und Eichen wie auf einen Thingplatz führen, nur, warum sollte er das tun? Er überblickt als Informierter zwölfhundert Jahre Stadtgeschichte. Erst im 19. Jahrhundert ließ man sich dazu herab, gemeinsam mit den Dorsterern von nebenan größer zu werden. Dazu muss gesagt werden, dass der Bürgermeister stets ein Kirchweilerer war. Inzwischen wurde man zwar zur Beute der Bestien Gebietsreform und „kommunale Neuordnung“. Man ist im Zuge der Eingemeindung aber nicht verblutet.
So liegen die Verhältnisse idyllisch herb, in die akademisch blöd und mit entzündeten Existenzzahnhälsen die Meta Tannert mit der Cora, dem Hannes und dem Hund aufschlägt, als wäre kein Platz mehr in Berlin.
Die Familie bringt das Übliche mit, also nichts, was vor Ort zu gebrauchen wäre. Die Neuen fühlen sich großstädtisch überlegen, während die Rohrzange Anpassung sie kneift. Das erzählt Enno Stahl in Passagen, die wie gemalte Erfahrungsberichte in einem Klassenzimmer aneinandergereiht sind. Dem Autor gefällt die breitgefahrene Anschaulichkeit. Er spannt Meta an die Wäschespinne, wo sie dann angebunden denkt: „Man lebt besser, wenn man einverstanden ist.“
Meta arbeitet für die kleinste Münze legaler Löhnung im „offenen Ganztag“ einer Schule. Das klingt schon sehr nach Vollzugserleichterungen. Hannes überlässt ihr die Hausarbeit. Hat sie studiert, um sich als ihre eigene Magd vorzusagen: mir geht es gut? (Der Kaufmannsladen wartet an der nächsten Ecke. Die Nachbarn sind nett. Mir geht es gut.) (Der Hannes ist rücksichtslos, die Cora launisch: mir geht es gut.) Hannes weiß als Nerd, wie man sich aus dem Alltag drückt und in einer Seidenspinnerei alle und alles an sich vorbei laufen lässt. Noch ernährt er die Familie.
Nun begeht die Bruderschaft der Kirchweiler Schützen ein Jubiläum mit einer „Spätkirmes“. Es gibt die Hüpfburg und das Nostalgiekarussell und jede Menge eingefallener Schaumkronen. Die „Moody Blues“ aus Rehberg spielen Lieder der Sechziger nach, das hätte es früher nicht gegeben. Da wurde von den Brüdern persönlich in die Hörner gestoßen, gleich nach dem „Hahnenköppen“, bei dem ein Gockel bis zum Hals um seinen Kamm gebracht wurde. Wem der entscheidende Schlag glückte, der war Hahnenkönig für ein Jahr. Man ritt Gänse und trat Hühner, man hörte keine knights in white satin oder Ähnliches.
Immerhin erreichen die Brüder auf den letzten Überlebenden ihrer Nutztierbestände hochsitzend das Festzelt. Die Mähren hinterlegen im Sekundentakt vegetarische Endprodukte. Die Müllabfuhr folgt dezidiert, Stahl verliert kein Wort über die ethnische Differenz der Kehrer zur Mehrheitsgesellschaft. Die mikrophone Rückkopplungstheatralik im Zelt findet dann wieder die Aufmerksamkeit des Autors, während Hannes allmählich von der langen Bank kippt, weil er den Kirchweiler Bruderschaftsvertrag als eine Erschöpfung im „Saufen und Schießen“ (nicht) begreift.
Stahl erzählt von Pappbechern, Plastikgabeln und Gummiflaschen voller Ketchup, als hätte er die Dinge an einem Ende von Island gesehen. Oder als sei der Kram von Obsoleszenz bedroht. Mal geht Stahl total in die Genauigkeit, dann rutscht er wieder über den Senf wie aus Prospekten zusammengeschriebener Kümmernisse zu Flora und Fauna. Man möchte ergänzen und Nebendeutungen einfügen in eine Generationsgeschichte, die jetzt oft so erzählt wird, als wäre sie Scheitern und nichts sonst (gewesen). Dabei haben wir doch Glück gehabt, wir Metas & Hannes’. Kein Krieg. Keine Flucht. Kein Hunger. Was setzte es denn mehr als ein paar Stüber für exorbitante Dämlichkeit?

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Ein letztes Mal in Afrika

Paul Theroux , Sigrid Schmid , Reiner Pfleiderer
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 11.04.2017
ISBN 9783455405262
Genre: Biografien

Rezension:

In den Feuchtgebieten der Organisationsform Großfamilie sumpfen ursprünglichste Informationen. Sie überliefern ein System. Personell steigt das System von der Sippe zum Stamm auf. Man staunt, wie klein jene Gruppen waren, die einen Anfang im Jungpleistozän überlebten. Nomadische Beutemachergemeinschaften betrieben inmitten eines Megafaunamassensterbens (waffenlose) Ausdauerjagd nach dem Prinzip andauernder Beunruhigung. Man scheuchte das Wild, bis es sich der Erschöpfung ergab. Heute noch hetzen isolierte Ju/’Hoansi-Gruppen im Nordosten Namibias Tiere zu Tode. Alternativ jagen sie mit Pfeil und Bogen oder stellen Fallen, während die Finanzmärkte einmal wieder weltweit kapriolen und Griechenland der Staatsbankrott droht. Paul Theroux kontrastiert das archaische Programm der Ju/’Hoansi, die lange als „Buschmänner“ diskriminiert wurden, mit dem Panikpuls fortgeschrittener Zivilisationen.
„Die besten Menschen haben nackte Hintern“, glaubt Theroux. Der Mann ist über siebzig, in Afrika läuft seine letzte große Lebensabendveranstaltung. Das Ächzen, die Kurzatmigkeit und Schwerfälligkeit der eigenen Person wird vom „hübschen, elfenhaften Gesicht“ einer jungen Frau aus dem Volk der Besungenen überstrahlt. Die „goldfarbenen“ Ju/’Hoansi erscheinen in ihren Verbreitungsgebieten als Nachfahren der allerersten Nutzer dieser Flächen. Sie überlebten in Vermeidung schwerer Auseinandersetzungen mit ihren europäischen und indigenen Verdrängern und als Spezialisten für trockene Gebiete, um nun in Fetzen aus deutschen Altkleidersammlungen an Stadträndern zu verelenden.
Theroux, Jahrgang 1941, trägt auf seiner Abschiedstournee Informationen zusammen, die mit Anstrengungen redlich erworben wurden und so auch noch einmal das menschliche Maß als Steinzeitformat im Informationszeitalter dokumentieren. Die Aufzählungen und Einlassungen leiern. Theroux äußert sich zu den Themen Amtssprachen („dem Portugiesischen fehlen die knackigen Dentale ... des Italienischen“) Endlichkeit, Vergeblichkeit, Hygiene, Korruption („Schmiergelderpressungen auf Nebenstraßen sind ein untrügerisches Zeichen dafür, dass der ganze Laden korrupt ist”) so wie man als alter Liberaler in einem Club darüber reden könnte, ohne je irgendwo gewesen zu sein. Wo er wir sagt, meint er Amerika und das Engagement der Macht in Afrika. Seine imperiale (koloniale) Perspektive ignoriert er.
Dahin ist der Schwung. Theroux war jung genug, um empfänglich zu sein für heroische Appelle, als John F. Kennedy seiner Nation zurief: „And so, my fellow Americans: ask not what your country can do for you - ask what you can do for your country.“ Der Pfadfinder und Messdiener Theroux schloss sich dem „Peace Corps“ an und startete in der Entwicklungshilfe als Lehrer durch. Er unterrichtete in Uganda und Malawi, ging nach Asien, kehrte aber immer wieder zurück „in das Königreich des Lichts“. Beim letzten Mal spiegelt Afrika den natürlichen Verfall des Eisenbahnliebhabers. Einmal nutzt Theroux das Verkehrsmittel mit der Gewissheit, der einzige Weiße im Zug zu sein.
Was ist er Zug gefahren, um Interessanteres berichten zu können als ein Flugzeugreisender. Vielleicht kommt von daher die Vorstellung, Theroux sei originell. Er ist gewiss nicht der letzte große Fernfahrer auf dem Weg in die ewigen Jagdgründe, eher sind das die noch lebenden Raumfahrer der ersten Expeditionen. Theroux schreibt, als hätte er einen Brühwürfel stets in der eisernen Reserve, neben dem Verbandszeug. Er ist immer noch Pfadfinder, einer der sich „Armutslatrinen und schwelende Müllhaufen“ zumutet. Er notiert das Verschwinden von „Ordnung und Höflichkeit“ auf einer Fahrt von Namibia nach Angola.
„Ich sah eine Kultur, die aus dem Müll lebte.”
Theroux zitiert Grahame Greene, er versucht den Ton hochamtlicher Resignation zu treffen. Doch am Ende wiegt nichts schwerer, als der Klau seiner persönlichen Daten. Wieder und wieder spielt er das Thema an, mit dem ein Verlust von „mehr als” 48.000 Dollar verbunden ist. Das hätte ihm daheim auch passieren können.

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familie, japan, instagram, obsession, social media

Sympathie

Olivia Sudjic , Anna-Christin Kramer
Fester Einband
Erschienen bei Kein & Aber, 29.03.2017
ISBN 9783036957579
Genre: Romane

Rezension:

„Man kommt in seiner Familie an ... und im Raum findet schon seit vielen Generationen vor der eigenen Ankunft ein Gespräch statt.”
Die bewusstseinserweiternde Feststellung ragt aus einer Abbildungswüste aller möglichen Zeitgenossenschaften. Die Zugangs- und Pulswörter inszenieren sich als Textmarken. Sie erinnern den Leser an seine unvollendete Twitter- und Facebook-Existenz - eine Brache. Unter dem Emoticonmond gewinnen Wörter ihre Zeichenhaftigkeit zurück. Hieroglyphe, Design und Signal überlagern den wieder unbegriffenen Schub eines autonomen Fortschritts, gegen den man als Verweigerer suizidal Stellung beziehen müsste wie gegen ein Terrorregime.
Inzwischen gibt es hundert mit Facebook verknüpfter Romane, denen die Verknüpfung nichts genutzt hat. Nun also the first Instagram novel, so Josephine Livingstone in New Republic. Die Journalistin vermutet eine neue irdische Weltraumgrenze, die junge Pioniere der Gegenwart mit Informationen aus der Zukunft vermessen. Man hält die Frontiers für Natives, obwohl Autochthone oft Slumbewohner sind.
Sudjics erster Roman beginnt mit einem Ausschluss, den jeder kennt. Man blockiert vorsätzliche und andere Verkenner der eigenen Vorzüge, Leute, die einem zwanghaft blöd kommen, Parias, die sich in der Gesellschaftsetage geirrt haben und das nicht merken, Jäger, die Fotos von ihren Strecken publizieren, langweilig gewordene Telefonsexpartner_innen und aufgegebene Geliebte. Die Vorstellung eines Schlosses liegt doppelt nah. Das universelle Zugangsverweigerungssymbol ist ein Schloss. Erzählerin Alice Hare, 23, ein Produkt zersetzter Familienverhältnisse, britisch, graduiert, verstrolcht und abergläubisch auf die aktuelle Art, erlebt die Zugangsverweigerung als Liebesentzug. Allerdings kollidieren konventionelle Annäherungswünsche in ihrem Fall mit dem Begehren der Stalkerin, die das Objekt ihres Begehrens, eine japanische Schriftstellerin, lange wie eine Nackte auf der Datenautobahn verfolgen konnte. Mizuko Himura unterrichtet literarisches Schreiben an der Columbia University. Sie dramatisiert Leute mit einem Japanhau, ihre Beine sind so glatt, als hätten sie nie eine Rasur nötig gehabt. Alice versenkt sich in Mizuko, sie fasst die Geliebte auf wie ein Studium. Sudjics Schilderungen einer ungesunden Leidenschaft ergänzen ältere Bekenntnisse. Die Japanerin als geisterhafte Erscheinung mit bondagekompatiblem Fetischcharakter erhält ein Genre. Alice kongt neben Mizuko, sie ist außerdem gut zu Fuß und hart im Nehmen. In New York wohnt sie bei Oma Silvia. Oma kippt allmählich aus den Latschen, Alice versucht ihr mit Einläufen Erleichterung zu verschaffen. Auf ihren Expeditionen entdeckt sie das angeblich älteste Lebewesen der Stadt. Der Tulpenbaum soll schon seinen Platz auf der Welt eingenommen haben, als sich New York in der niederländischen Siedlung New Amsterdam erst ankündigte.
Der Klappentext verlötet „Identität und Liebe im digitalen Zeitalter” mit Supersymmetrie, einem Wissenschaftsbegriff, der den Romantitel ansteuert: „Jedes Partikel besitzt ein sympathisches Gegenpartikel, das es auf ewig anzieht.” Mizuko taugt leider nicht für die Rolle der Superpartnerin. Siehe Wikipedia: „ Die Supersymmetrie ist eine hypothetische Symmetrie der Teilchenphysik, die Teilchen mit ganzzahligem Spin und Teilchen mit halbzahligem Spin ineinander umwandelt. Dabei werden Teilchen, die sich unter einer Supersymmetrie-Transformation ineinander umwandeln, Superpartnerinnen genannt.”
Alice reagiert auf die Reserve des Idols mit Realitätsverlust. Es gibt auch sonst keinen, der die Adoptierte in die große Gleichung eines gelingenden Lebens bringen könnte. Wie gesagt: „Man kommt in seiner Familie an ... und im Raum findet schon seit vielen Generationen vor der eigenen Ankunft ein Gespräch statt.” Für Alice Hare wie Hase gilt das nicht. Sie hat keine Leute, denen sie angehört nach den Regeln von Blut ist dicker als Wasser. Zum Ersatz baut sich Alice in ihren Rechner ein - der Computer als Hasenhöhle und künstliches Paradies aka Wunderland.

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ch: niveau 2017

Sympathie

Olivia Sudjic
E-Buch Text: 480 Seiten
Erschienen bei Kein&Aber, 22.02.2017
ISBN 9783036993515
Genre: Sonstiges

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Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe

Uwe Kopf
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Tempo, 11.04.2017
ISBN 9783455000573
Genre: Romane

Rezension:

„Well, I like sherry brandy/ My baby sure like gin“ - Rory Gallagher, Too Much Alcohol

Er betet zu Beckenbauer, wenn nach dem fünften Teller Fruchtsuppe in der Verschickung die Blase zu platzen droht. Ob Beckenbauer, Bukowski oder Polanski: in Toms Leben herrscht das Assoziative im Verein mit einer randlosen Unschärfe bis zum Selbstmord. Der Kreis zwischen Kind und Greis schließt sich im Wechsel von zu spät und gar nicht. Tom vergreist im Verlauf seiner Jugend und bleibt doch Kind bis zum Tod mit vierzig im Mai Achtundneunzig. Er nimmt den Mund voll als erzählendes Ich, um sich manchmal im Satz das Wort von einem auktorialen Erzähler widerspruchslos entziehen zu lassen. Dann reißt er es wieder klugscheißend an sich. Obwohl er kaum ein Buch zu Ende gelesen hat, kehrt Tom das Wesentliche der Weltliteratur für den Hausgebrauch zusammen. Trotzdem verdampft die Literatur als Tropfen auf dem heißen Stein, wenigstens im Vergleich zu einer Flasche Jever.
Seiner Ursprungsumgebung in Hamburg-Farmsen-Berne bleibt Tom in allen Stadien des an sich erfreulichen Niedergangs erhalten. Er gibt den Mann mit der Ledertasche, siehe Charles B. Er klappert eine Reihe von Gewährsmännern ab, ich nenne Herrn Hirtz, einen taoistisch geschulten Ejakulationsverweigerer. Hirtz verweist auf Dankschreiben zufrieden gestellter Frauen. Er weiß: “Die Männer des Abendlandes onanieren alleine, und wenn sie mit ihren Frauen schlafen, dann onanieren sie praktisch in ihre Frauen.”
Das ist natürlich so egal und zu hoch wie das große Latinum für den Baumschüler. Jede Sexchance löst eine Krise aus, die Tom aus der Fassung dreht. Die größte Annäherung an den Normalverlauf bietet Jenny in einer Totalität der Kleinwüchsigkeit. Es folgt eine randalierende Brandenburgerin mit einem Stiefvater wie Würzfleisch, der besungene Todeskampf der titelmelodischen Seidenraupe und Eva, mit der alles anders werden könnte. Seelisch zuhause ist Tom in der Musik von Rory Gallagher. Er trifft den Bluesrocker in einer Corker Kneipe namens Sin é, wo Gallagher schottischem Whiskey den Vorzug gibt und über einen anderen genialen Trinker, den walisischen Dichter Dylan Thomas, kluge Sachen sagt.
Das Treffen ist ein Romangipfel. Kopf beschreibt Toms fanatische Befangenheit in Gallaghers Gegenwart als Verhungern vor vollen Schüsseln. Von der Warte der Vernunft wäre das ein Augenblick der Anthropophagie. Man isst, was man auf der Welt am besten findet, sie sich so einverleibend. Doch Gallaghers größter Fan kann aus der Nähe zum Idol keinen Lustgewinn ziehen. Er bleibt auf der Strecke seiner mauen Lebhaftigkeit. Das wird großartig erzählt, auch wenn man jedes Detail kennt, als Überlieferung einer Generation von Gesamtschülern, die von ihren kampferprobten Omas ernährt werden und mit ihren Ahnen in der Versenkung verschwinden. Man wird einmal finden, dass Toms Spielraum als Stadtteilindianer und Nischenbewohner eine Nussecke des unverdienten Glücks war.

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Das Buch Goldmann

Ingeborg Bachmann , Marie Luise Wandruszka
Fester Einband: 459 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 08.05.2017
ISBN 9783518426012
Genre: Romane

Rezension:

“Das Buch Goldmann” setzt die Ingeborg Bachmann Gesamtausgabe im zweiten Band fort - Geschildert wird der “Lebenslauf einer Frau mit Haltung und schönen Schultern”, die ein “kleiner Verbrecher” in den Abgrund stößt
Die Schauspielerin Fanny Goldmann fühlt sich vernichtet. Das ist ihr Zustand ohne Ausweg. Da hilft keine Psychologie und nicht die von Gleichgültigkeit gesicherte Rücksicht der Vielen. Die Rücksichtslosigkeit eines Einzelnen überschattet jeden Trost. Der Einzelne heißt in dem Fragment gebliebenen Roman Marek, er schlich sich als drastischer Liebhaber in das Leben einer für die Metaphern der Hörigkeit Empfänglichen. Er meldet der Welt den kalbenden Morgengeruch und die welke Haut einer Frau, die nicht genug auf sich achtet. Er macht Prosa aus der Person, die ihm so und so erschien, jedenfalls anders, als sie ihm erscheinen wollte. Trotzdem soll dieser Anton “Toni” Marek zurückkommen, wenigstens in Momenten. Fanny stellt ihn sich auf einer Wallfahrt nach Canossa vor, wo sie ihren “Schlächter” mit gemischten Gefühlen erwartet. Sie erfindet sich eine Macht, die ihr Marek gefesselt und verdroschen zuführt. Sie erschießt sich vor seinen Augen, um ihn zu interessieren.
Als Furie versagt Fanny. Jeder Bachmannleser kennt die Geschichte im Mantel des wiederholten Liebesscheiterns. 1958 begegnet die Schriftstellerin dem älteren Kollegen Max Frisch, den sie zunächst nur bewundert, der dann aber Paul Celan in der Rolle des Geliebten folgt. 1963 endet das Verhältnis. Die Trennung legalisiert eine frische Verbindung des Schriftstellers. Frisch beteiligt Bachmann am neuen Glück. Er verlangt geradezu ihr Einverständnis. Seine Beschreibungen der Verlassenen in “Mein Name sei Gantenbein” erleidet Bachmann als Entblößung, obwohl ihre tätige Aufmerksamkeit das Manuskript bis zur Publikationsreife begleitete. Bachmann sperrt sich im Schweigen. Sie wehrt sich mit Revenge Text, das nicht fertig gewordene und nun die Gesamtschau fortsetzende “ Buch Goldmann” befestigt eine poröse Verteidigungslinie, die keinen ernsthaften Ausfall der Baumeisterin je über sich ergehen lassen muss. Bachmann bleibt in ihrem Verhau Opfer und Objekt (patriarchalischer Grausamkeit). Sie zeigt Fanny freidrehend im falschen Azorenhoch von mother’s little helper. Fanny putzt die Kacheln der Verzweiflung morgens um fünf, sie versichert sich der glänzenden Aussichten eines Lebensabbruchs. Sie fürchtet ihre Verwandlung in eine Arabeske. Sie denkt ihre Gebärmutter mit ihrem Stuhlgang zusammen. Sie hasst ihre Scheide, den Aussfluss, die Gerüche.
Nabelschnurstrangulationen. Dammrisse. Brockhausexerzitien: Fanny bleibt sich in keiner Hinsicht erspart. Sie erträumt einen Bruder, mit dem Blutschande zur Verschmelzung führt.
Bachmann hielt den Frieden nur für ein Echo des Krieges. Frischs Indiskretionen riefen ältere Traumatisierungen auf. Sie büßte ihre Empfänglichkeit in einer Produktionslücke bis zum Tod und fand doch wieder und wieder die Kraft, die eigene Position im Geschlechterkampf zu veredeln. Ihre splitternden Ichs sind Porzellandamen mit epochemachenden Schultern. Eine gerät an einen diabolischen Psychiater, der sie zum Selbstmord anstiftet. In “Requiem für Fanny Goldmann”, einer 1978 erstmals veröffentlichten Auswahl des hier in Rede stehenden (einem Zyklus in biblischen Dimensionen zugedachten) Konvoluts, trifft sich die schönste Frau einer Hauptstadt mit einem miserablen Schriftsteller, der sie für eine Jüngere verlässt und wie im Vorübergehen Verrat übt, indem er die Jahrhunderterscheinung “ausschlachtet”. Fanny ist übrigens eine verheiratete, philosemitisch vorgehende Goldmann und eine geborene Wischnewski. Sie wuchs heran als Offizierstochter und Klosterschülerin Stephanie, gewöhnt daran, im Hemd zu baden. Den Krieg ignorierte sie so weit in “einer Art Dornröschenschlaf”.
Fanny fühlt sich von Marek verladen - und doch gratuliert sie ihm zu einem Buch, in dem sie heruntergestimmt wird zur Hysterikerin mit slawischem Profil. Sie überlässt sich ihm, indem sie sich von seinem Urteil abhängig macht.
Fanny erlebt die Etappen eines Zusammenbruchs als Ausdauerleistung. Ihr Mangel an Mitteln frappiert. Sie wird konventionell, wenn sie Mareks Tölpeleien aufzählt. Sie denunziert sich selbst in ihrer Verbitterung. Ein schreibender EDV-Fachmann erscheint als Antagonist des Unbelesenen, Oswald Wiener könnte der Figur Modell gestanden haben.
In der Umgebung ihrer “Ermordung” bestimmt Gold- Bachmann ewige Koordinaten des Literaturbetriebs und der anhängigen Gesellschaft. Eiskalt und gekonnt beschreibt sie die Beschaffenheit von Frauen und Männern in dieser Sphäre. Sie gewinnt Nüchternheit an einer Peripherie ihres Themas. Sie überliefert das Stockende, Redundante und Lächerliche in den Kulturmilieus, kurz: all das, worüber man sich einfach erheben kann. Der Text rutscht aus den Scharnieren der Monomanie auf die Bahn einer Verwunderung über Triumphe der Anpassung. Die Geschichte einer Unglücklichen wird zur Materialsammlung und zum Skizzenblock mit einer aufschlussreichen Darstellung der Editionsmechanik zum Schluss.

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Moden

Nora Gomringer , Reimar Limmer
Flexibler Einband: 64 Seiten
Erschienen bei Verlag Voland & Quist, 20.03.2017
ISBN 9783863911690
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

Sie wurde schon als Tochter der Konkreten Poesie in die Arena gerufen. Ihr Vater ist der einzige lebende Großmeister eines konstruktivistischen Prüfungsverfahrens. Lautlaminator Eugen Gomringer gründete “über Sprachen hinweg” eine transkontinental pingpongende Poesie. Die Mutter lebt als Ikone in der oberfränkischen Provinz eine Liebe zur extravaganten Benotung textiler Details guerrillaesk aus. Nora Gomringer behauptet, von ihr jenes “schöne Gehirn” zu haben, das Nina Jäckle, gefangen in einem vulkanischen Widerstreit zwischen Bewunderung und Wassollderscheiß, einst im Klassenzimmer beschwor.
“Stil ist völlig unnötig, wenn man (so) eine Mutter hat” - die Bachmann- und Ringelnatzpreisträgerin bespielt die mütterliche Domäne im Zuschluss einer “Trilogie der Oberflächen und Unsichtbarkeiten”. “Moden” folgt “Monster Poems” und “Morbus”. Nora G. durchforstet nun die gepredigte Freiheit in formaler Vollendung. Sie zeichnet die Konfliktlinien eines Aufstands im Kostüm nach. Die Dichterin klärt, was für sie passt. Die Ergebnisse erinnern an das Fazit von Frühstück bei Tiffany. Vielleicht trat Frau Gomringer die Ältere mit einer Tasche, “die keine Form hat” auf Noras Kindheitsschauplatz Wurlitz zu herausgenommen in Erscheinung und untergrub so die Anpassungsanstrengungen der Tochter, die mit der Elastizität eines Gummitwistbandes zwischen Wurlitz und der Welt gespannt war. Selbstverständlich kommt keiner Gomringer eine formlose Tasche in die Tüte, wahrscheinlich braucht man jedoch die New Yorker Perspektive, um das Ding von einem Sack unterscheiden zu können. Nein? Nein! So wird kein Schuh aus dem Gedicht, das mit einer formlosen Handtasche aufmacht. “Clutch” behandelt das Problem, dass in einer zu kleinen Handtasche nichts richtig aufgehoben ist, außer dem “vom letzten Nichtgebrauch” übriggebliebenen Hemmnis aus vulkanisiertem Kautschuk. Die Landschaft und das Wetter fallen flach in Clutch, während sie in “Camouflage” immerhin als Wüste und Nebel ein Eckensteherdasein führen. Die Emanzipation eines Rocks von seiner Nutzerin führt zur Trennung an anderer Stelle. So geht das weiter in rhythmisierten Kurzgeschichten, die man sich am besten agitativ vorliest. Ich schätze, alles ist erlaubt, auch die Kopfstandlektüre als Ideal zwischen aktiv und kontemplativ. In “Moustache et Lunettes” entstehen die Unterschiede zwischen Bart und König, Hipster und Hippopotamus im Auge der Betrachterin als selbstbetrügerische Geringwertigkeiten.

Jedes Gedicht ist illustriert von Reimar Limmer, die Bilder erinnern an Bastelarbeiten in den Little Mags der Sechziger. Alte Mode wieder neu. Wie beim “Dirndl - Das Mieder schließt den Rumpf gleich einer Vase ein/.../die Schürze bindet Männer an die Mädchen”. Das ist 19. Jahrhundert, aber schön. Ein konservativer Zug rauscht durch den Band. Sprachsturm war gestern. Heute geht es um den Schutz der Schließe vor dem Zahn der Zeit.

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Der Sohn des Hauptmanns

Nedim Gürsel
E-Buch Text: 350 Seiten
Erschienen bei DUMONT Buchverlag, 21.03.2017
ISBN 9783832189433
Genre: Romane

Rezension:

Der Hauptmann macht eine aus dem Waisenhaus zu seiner Frau. Mit zweitem Namen heißt das Mädchen Kader - Schicksal. Es hat ein Mondgesicht. Sein Zopf widersteht wie ein Tau. Kader steigt zur Mutter des Erzählers auf. Sie stirbt zeitig, die Rede ist zuerst von einem Aneurysma. Später sagen die Quartiersauguren, Kader habe sich erschossen, vermutlich aus Versehen. Das naseweise Ich notiert: “Ob Selbstmord oder Unfall, meine Mutter war urplötzlich”. Nach einer anatolischen Weisheit zählte sie zu der Blüte des Landes, die (in einem Zustand vollkommener Gebirgsergebenheit von jeher) stirbt, ohne gelebt zu haben.
Der Yüzbaşı befehligt ein Bataillon. Ihm dient ein Bursche, der mit lauter Verachtung Memet gerufen wird; während man seinen Herrn Plattfuß nennt, sofern man eine Lizenz zum Duzen hat. Freundschaft unter Kemalisten verlangt Löwenmilch - Aslan sütü. Wasser trübt den Rakı zum wolkigen Mix. Jeden Abend hauen sich Plattfuß und andere ihre Würde verblüffend leicht tragende Honoratioren die Hucke voll in einer voll laizistischen Türkei.
Das Militär garantiert die Demokratie und drängt das religiöse Element zurück. Plattfuß fürchtet nur einen Menschen, das ist seine Mutter, die ihn Hasan und eine Enttäuschung nennt. Als Henker Hasan geht er in die Geschichte ein. Er zieht den Kadettenputsch von 1960 durch. Die Angelegenheit endet u.a. mit der Hinrichtung des gestürzten Staatschefs Adnan Menderes und dem Verbot der Demokratischen Partei.
Die türkische Armee als Hüterin der Demokratie zählt zur Jugendromantik nicht nur des Erzählers. Nach Jahrzehnten in der Fremde kehrt er hinfällig heim, um sich räumlich nah der Kindheit ein letztes Mal zu erinnern. Das Nachlassende und Durchsackende des Alters stimmen ihn gnädig. Er wählt den Ton der Hirtengesänge für seine Bilanz. Immer wieder stellt er sich die sinnloseste aller Fragen. Was wäre gewesen, wenn?
Eine einleuchtende Unterscheidung zwischen Gesellschaften beschreibt die Türkei als alte Gesellschaft im Gegensatz zum jungen Amerika. Den römischen Reichsnachfolgebestrebungen zum Trotz ist auch Deutschland mädchenhaft jung im Vergleich zu dem, was sich in Mesopotamien lange vor Rom abspielte. Alte Gesellschaften haben immer etwas Chinesisches. Sie achten den Einzelnen wenig und begrüßen das Autoritäre. Sie sind schlitzohrig und gießen auch das Böse in Humor. So dass es sich einprägt, schließlich hat es sich bewährt.
Als Repräsentant gleichzeitig bewahrender und fortschrittlicher Kräfte steckt Hasan in einer Zwickmühle. Einerseits versteht der Hauptmann die von Atatürk geformte Türkei als Schrumpfform des Osmanischen Reichs und älterer Gesellschaftsformationen auf dem von ihm persönlich beschützten, manchmal auch beschossenen Staatsgebiet und in den verlorenen Weiten babylonischer Prachtentfaltung mit effektiver Vielweiberei, orientalischer Klugscheißerei, Myrrhe- & Weihrauchgedöns, Kameldungexport und jeder Menge Sklaven. Andererseits sieht sich der Kommandant an der Sturmspitze der Zukunft seines Landes. Das Dilemma löst er im Kreis einer Avantgarde von Schwadroneuren allabendlich geschickt auf. Stichwort Wirtshausvollrausch.
Man ahnt einen kritischen Abstand des Erzählers zum Vater. Lieber hält er sich an die Mutter, die zur Hohlform für jeden Verlust wird, da es von ihr keine widerständige Selbstbeschriftung gibt. Ich bin mir nicht sicher, ob Gürsel seinem Andersich die Sentimentalität väterlich nur durchgehen lässt. Jedenfalls weint er ganz schön einem prall vergangenen Leben nach, all den “schwarzen, roten, weißen und sogar grünen Strings”. - Strings kursiv gesetzt. Sexuell sozialisiert wurde er in der Schlüpfer-Ära.
Der Roman erzählt im Schnelldurchlauf von der Verwandlung des Klassenbesten mit dem Wappen von Galatasaray auf der Hemdbrust in einen selbstgesprächig “launig lüsternen Greis” mit Rheuma. Gelegentlich fällt eine spitze Bemerkung zum amtierenden Pharao.

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zwangsarbeit, asowsches meer, ostarbeiterinnen, ukraine

Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 17.02.2017
ISBN 9783498073893
Genre: Biografien

Rezension:

Als Dreiundzwanzigjährige gelangt die Ukrainerin Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko 1943 nach Deutschland. Als “heimatlose Ausländerin” begeht sie da mit sechsunddreißig Selbstmord. Sie lässt einen Mann und zwei Töchter zurück, die ältere Tochter begibt sich schließlich auf Spurensuche. Ihre ins Fiktionale durchstechenden Ermittlungen in eigener Sache greifen den Leser ans Herz. Natascha Wodin wurde für ihre Aufzeichnungen mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.
Kam die Mutter auf den Wegen der Deportation nach Deutschland und starb im Land ihrer Verschleppung? Oder ließ sie sich in der Ukraine von der deutschen Besatzungsmacht anwerben und blieb notgedrungen als Kollaborateurin? Die Autorin spricht zuerst von einer Deportierten, schwächt jedoch die Eindeutigkeit im Darstellungsverlauf ab. Jedenfalls zerstört der “Reißwolf zweier Diktaturen” die Mutter. Ihr gehört kein Leben. In einer Stahlhölle der Flick’schen Rüstungsindustrie wird sie zur Zwangsarbeit gepresst. Natalia, die erzählende Tochter, geboren in einem nationalsozialistischen Arbeitslager und “zu Hause im Ungefähren”, nähert sich auf den Umwegen der eigenen Ortslosigkeit der Geburtsstadt ihrer Mutter - Mariupol am Asowschen Meer. Sie setzt der maritimen Geografie blühende Fantasien zu und verpasst der Ukraine im Ganzen einen sibirischen Schneemantel.
Die Erzählerin als Kind - Natalias Vater geht als Metallhilfsarbeiter in Leipzig durch. Ihre Bleibe ist ein Schuppen. Darin bringt Natalia die Verhältnisse auf einer inneren Tenne zum Tanzen. In ihren “Dunkelkammern” belichtet sie die Welt neu. Biografische Tatsachen behaupten sich dagegen schwer. Die Fantasie wirkt als Schutzschild. Alle Erfindungen dienen dem Ziel, nicht vom grauen Nichts verschlungen zu werden.
Natalie verweigert der Dürftigkeit einer deklassierten, zudem staatenlosen “Ostarbeiterfamilie” das Recht auf Geltung, indem sie den im Keller schimmelnden kyrillisch beschrifteten, ein schwarzes Jahrhundert im Vollbild spiegelnden “Papierkram” der Eltern in die Mülltonne haut. Sie ist acht, als sie sich in einem befreienden Akt um den Identitätssockel negativer Selbstbestimmung bringt. Die Erzählerin beschreibt den Vorgang als Verbrechen. Sie ignoriert die Chancen der Selbsterschaffung als eine andere. Die Sehnsucht danach steht im Buch.
Stalin überzieht Deportierte mit dem Vorwurf der Kollaboration. Die Verschleppten und die Angeworbenen haben keine Heimat, sind aber bei ihren, der nächsten Pole Position zustrebenden Sklavenhaltern besser aufgehoben als in der vor Verdächtigungen knisternden Sowjetunion. Das Erbe der Stigmatisierung motiviert Natalie zu Hoch- und Weitsprüngen der verweigerten Realitätsannahme im öffentlichen Raum. Sie macht sich zum angenommen Kind dieser “rassisch minderwertigen” Leute, bei denen sie wohnt, und beansprucht auf dem Stoppelfeld spärlicher Informationen eine ansehnliche Ahnenreihe mit italienischer Oma.
Überrascht begreift sich die erwachsene Erzählerin als Nachkommende (auch) baltischdeutscher Aristokraten, die im 19. Jahrhundert der griechischstämmigen Bourgeoisie von Mariupol in die Parade fuhren und von der Oktoberrevolution aus ihrem Stand gerissen wurden. Die illustre Verwandtschaft bringt die Recherchierende zum Träumen. Doch als die Wehrmacht die Ukraine okkupierte, war die Familie längst von Hunger und Verbannung zersetzt. Die Mutter fand eine Anstellung ausgerechnet beim Arbeitsamt der Besatzer.
Bei ihren Nachforschungen gerät Wodin immer wieder in Sackgassen. Darin haben Horizonte der Verzweiflung nur eben nichts mit ihrer Familie zu tun. Wodin stapelt Unrechtsgeschichten. Sie fordert und erhält das achtzig Jahre alte “Geständnis” so wie jenes Urteil, das eine ältere Schwester der Mutter zur Verbannten machte. “Lidia, die Starke, die Mutige, die vielleicht schon fast Halsbrecherische”, wird Wodins Gewährsfrau. Sie hinterließ Tagebücher, die, wie es sich gehört, wieder und wieder der Vernichtung entgingen, um zum guten Schluss der Autorin zuzufallen.
Die Mutter könnte sogar Lehrerin gewesen sein; dieser “mit Dreck beworfene Untermensch”, der die Erzählerin in die Welt gesetzt hat. Es scheint, als wolle Wodin die in der Nachsicht Glanz gewinnende Mutter mitnehmen auf ihren Hochseefahrten zu den Häfen der Vergangenheit. Wieder denkt sie sich ein Leben aus, diesmal für die Mutter. Deren Vater war als Revolutionär zu früh daran gewesen. Der Versuch, die Geschichte zu überholen, wurde mit zwanzig Jahren zaristischer Verbannung abgegolten.

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Mexikanische Novelle

Bodo Kirchhoff
Fester Einband: 180 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 07.03.2017
ISBN 9783627002367
Genre: Romane

Rezension:

Vor Jahrzehnten bemerkte Bodo Kirchhoff in einer Poetikvorlesung, dass die “Christianisierung” seiner Sexualität im Internat gescheitert sei. Nach dem Abitur ging er zur “Luftwaffe nach Mengen auf der eisigen Alp”. Im Achtundsechzigervollrausch wollte Kirchhoff sich vom Klassenfeind ausbilden lassen und als Ausbilder Rekruten politisieren. In der Oberschwaben Kaserne verkümmerte Kirchhoffs Unterwanderungseifer. Der agitatorische Elan blieb auf der Strecke des Drills und der Sauferei. Kirchhoff kapitulierte vor der “Sturheit schwäbischer Bordelle”. Ausgebrannt mit einundzwanzig, suchte er das Weite eine Weile in Amerika. Wieder in Deutschland, zog ihn Suhrkamp nach Frankfurt am Main. 1984 veröffentlichte er da die “Mexikanische Novelle”. Darin distanziert sich der Autor von den skizzierten Erfahrungen, indem er sie in die fiktive Biografie des badischen Luftwaffenoffiziers Ritzi verlegt. Das erzählende Ich ist Journalist. Für eine Zeitung porträtiert es den in ihrem Breisgauer Verbreitungsgebiet aufgewachsenen und zur Ausbildung gerade auf einem Stützpunkt an der Grenze zu Mexiko stationierten Leutnant. Der Erzähler fährt ohne Auftrag weiter. Er erlebt sich gedämpft in einer Umgebung, die an Los Robles erinnert, jener Grenzstadt im “Zeichen des Bösen”, in der Orson Welles Ende der Fünfziger als Captain Hank Quinlan den Satan am Stock spielte. An einem Schwimmbeckenrand entdeckt der Journalist in einer Szene wie von David Hockney die Pazifikschönheit Ophelia. Ihre Freunde nennen sie Baby. Für den Fremden möchte sie in aller Ausführlichkeit Baby Ophelia sein. Ihr Alter gibt sie mit dreiundzwanzig an, wie um jeden Zweifel an ihrer Souveränität auszuräumen. Ihrem Bruder Emiliano gehört alles, was aus der Gegend ragt, der Erzähler studiert das Halbprofil des Gangsters. Er erkennt: Man will das, was einem fehlt. Er glaubt an gutes Aussehen. Er “atmet das Dasein ein ... wie ein Tier, das dem Geruchssinn folgt”. Er gibt einem andauernden Verwertungsdruck nach.
Ritzi nennt ihn deshalb einen Verschwender. Der Erzähler ist mit dem Vorwurf vertraut. Sein Selbstgefühl schwindet in der Nähe eines Mannes, der durchgreifend lebt und Schallmauerbrecher fliegen kann. Ritzi hat sich aufs Wesentliche reduziert. Sein Selbstbewusstsein steigt bei Gefahr wie die Säule im Thermometer.
Der Erzähler betrügt Ophelia mit einer “Käuflichen ... ich sah, dass sie keine Taille hatte”.
Als die Novelle zum ersten Mal erschien, zählte Kirchhoff zu den (nach Betriebsmaßstäben) jungen Autoren, die ich unterschätzt fand. Die Flakhelfergeneration saß in den Gremien und bestätigte eine Einsicht, die damals das Selbstverständliche verfehlte. Ich formuliere an Kirchhoffs Wortwahl vorbei: Das Schicksal der Väter war der Krieg gewesen, die dann kamen hatten kein Schicksal. Sie waren nur weiche (entwicklungsgehemmte) Ziele väterlicher Verdrängung.
Kirchhoff hatte sich mit einem “Debüt zum Fürchten” bekannt gemacht. Er erschien wie ein anderer Schakal von Metropolis, narzisstischer und wehrhafter als der Schakal Rolf Dieter Brinkmann. Seine Ästhetik verweigerte sich dem Wuselwalle des mit einem therapeutischen Jargon in die Verlängerung gegangenen deutschen Herbstes. Ich sah ihn gern als Materialprüfer, der am Limit entspannt. Seine frühe Prosa evozierte im Jetzt der Achtzigerjahre das Bild von einer Hand am Schaltknüppel. Die Blicke seiner Protagonisten griffen an. Einem Lebensgefühl lieferten sie Ansichten aus den Themenkreisen Vereisung und Vereinsamung. Die mexikanische Novelle beendete einen fünfjährigen Anlauf mit Geheimtippaspirationen.

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Fürsorge

Anke Stelling
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Verbrecher, 07.03.2017
ISBN 9783957322326
Genre: Romane

Rezension:

Als Tänzerin altert man jung. Der Leib verweigert die Tortur, bevor die besten Jahre beginnen. Seine Waffe ist der Schmerz. Damit erzwingt er die Stilllegung ruinierter Teile. „Wohl dem Abbaugebiet, dass eine neue Bestimmung findet”, salbadert die allwissende Ich-Erzählerin Gesche. Ich & allwissend gehen nicht zusammen, Stelling bezeichnet „Fürsorge“ vorsorglich als „literarisches Experiment“. Das Experiment ist gelungen, der Leser nimmt Gesche als Stalkerin wahr, die das Leben der Berufstänzerin Nadja neidisch erkundet. Der Autorin gelingt ein Wunder in doppelter Ausführung. Etwas Ungeheuerliches stellt sie als unterdurchschnittliches Erleben eng begrenzter Naturen dar. Einer unglaublichen Perspektive gibt sie eine verblüffende Plausibilität.
Gesche weiß: „Nadja hat die Hüfte einer Siebzig- und den Hormonhaushalt einer Fünfzigjährigen“. Als Spätgebärende scheint die Fünfunddreißigjährige keine „neue Bestimmung finden“ zu können. Allerdings hat Nadja schon einen Sohn, er kam in ihrem Leben bisher nur nicht vor. Die eigene, realsozialistisch gepolte, im zehnten Stock einer Leipziger Platte verwitterte Mutter versorgt den Enkel. Für Mario ist Nadja eine Stimme am Telefon, zu der er manchmal Mutti sagt wie aus Versehen. Mutti trifft den Sechzehnjährigen in ihrer Ursprungsumgebung, sie hat nichts Besseres mehr zu tun, als einen Geburtstag ihrer Mutter abzusitzen. Mario wohnt in ihrem alten Zimmer, sogar das Bett vom VEB Möbelwerke Zeulenroda gehört original zu Nadjas Kindheit und Jugend. Der Junge hat sich mit Hanteln zur formschönen Person ausgebildet. Er fährt Auto ohne Führerschein, die Kumpel johlen, als er ihnen die fremde Frau als seine Mutter vorstellt.
Von ihrem Berliner Heimschläfer Daniel, einem Heroin fixenden Komponisten und Manufactumfreak, empfängt Nadja zunehmend höhere Dosen Fremdheit. Er ekelt sich vor ihren kaputten Füßen, sie stört sein Schlafatem. Gesche überwacht die beiden wie ein schwacher Dämon. Sie meldet Verluste, noch bevor die Verluste sich bei Nadja und Daniel gemeldet haben. Diese dem Geschehen vorauseilende Aufmerksamkeit zieht Energie aus Verunglimpfungslust. Da geht es einer zu gut. Vom Golden Goal Schützen Oliver zum Vereinsmeier Bierhoff bedeutet in Nadjas Fach als Dozentin und Juryvorsitzende das sadistische Programm ihrer aktiven Zeit im Gegenzug auf die weichen Ziele der Elevinnen einwirken zu lassen. „Schäfchen“ heißen sie in der Sprache ihrer Zurichtung. Wegen eines Schäfchen reist Nadja wieder in die alte Heimat. Sie trifft Mario, dessen körperliche Vorzüglichkeit sie sich zu Herzen nimmt. Er ist sie in der rohen Erscheinung des idealen Selbst. Das Begehren der verhornten Sadomasochistin tarnt sich nicht mit mütterlicher Fürsorge. Der Sohn funktioniert für Mutti als Tankstelle, sie für ihn als Trainingsmaschine. Natürlich ist das Verhältnis ein selbstsüchtiges, wenn auch nicht steriles Unterfangen, eine Wiederholung der Nichtannahme des Kindes mit anderen Mitteln. Die Verweigerung der Selbstannahme. Missbrauch als Folge von Missbrauch. Die Bestätigung eines Pakts mit dem Teufel. Sehr schön erzählt.

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und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus

Doris Anselm
Fester Einband
Erschienen bei Luchterhand, 13.03.2017
ISBN 9783630875262
Genre: Romane

Rezension:

Doris Anselms Erzählungen verbindet die Plötzlichkeit alltäglicher Überfälle. Man rangiert sofort im Geschehen wie in einem morgentlich-vorstädtischen Haltestellengespräch, das sich nicht vermeiden ließ. Es wird viel vorausgesetzt und wenig ausgeführt. Ins Zentrum rückt ein Vorgang, für den es zig Beispiele in der Nachbarschaft gibt. Ein Interesse keimt an gehetzter Gleichgültigkeit vorbei. Ein Satz “fällt wie aus der Hand”. Eben noch garantiert der gute Ruf einer Haushüterin ein erfreuliches Einkommen. Sie selbst hebt ihre Diskretion und den zu verschwiegenen Aufenthalten sie verurteilenden Takt hervor. Sie setzt sich engere Grenzen als in den Arbeitsplatzbeschreibungen gezogen werden - und im nächsten Augenblick setzt sie ein Haus unter Wasser, um es wie das sinkende Schiff zu verlassen.
Die Autorin erzählt so, als sei der Leser sozial angeschlossen und ereignisnah erreichbar. Eine Staubwolke verflüchtigt sich, auf der “zerhackte(n) Straße” erscheint Tobias Schwarz und startet einen Erinnerungsfilm. Er endet in drei Feststellungen. 1. Die berichtende Anlageberaterin verdross schon in der sechsten Klasse eine stämmige Gesundheit. 2. Tobias litt damals an einer komplizierten Krankheit, die seine körperliche Entwicklung hemmte. 3. Seine Mutter versorgte die Unterstützer_innen ihres Sohnes mit unangenehm “weichen ... Vollwertwaffeln”.
Das ist eine Szene aus dem kollektiven Gedächtnis, es sind auf dem heißen Stein der Gegenwart verdampfende Allerweltserinnerungen. In der zwangsläufigen, die Schilderung förmlich begründenden Begegnung, unternimmt Tobias einen asthmatischen Anlauf zur Verschleierung seiner Hinfälligkeit. Im weiteren Tagesverlauf versagt die aus ihrem Trott gerissene Beraterin beruflich. Abends bemerkt sie einen “schwarzen Spiegelschrank” im Vorfeld einer Veränderung ihrer Verhältnisse. Der Leser erkennt sie wieder als Lora Schmarges. Zwei Geschichten zuvor war sie ein schlampiges, mit einer irritierenden Familie geschlagenes, misstrauisch beäugtes und als Freundin ungeeignetes Kind im Hoheitsgebiet einer hochmütigen Erzählerin. Bei den alten Schmarges schimmelte sogar das Plastik. Loras Eltern rauchten Nebelwände zusammen, während sie Hartnäckigkeit auf verlorenem Posten bewiesen. In der Nähe ihres Hauses gedieh unter Dotterblumen fettes Moos. Jetzt dementiert Loras Selbstbewusstsein diese Vergangenheit. Lora legt das Bürokampfkostüm ab und macht den Invaliden zum Liebhaber.
An anderer Stelle tritt Tobias als Kronzeuge eines akademischen Versagens auf. Er hustet, da ein anderer raucht. Seine unerklärliche Dienstbereitschaft unterwandert freundschaftliche Verhältnisse im Dunst von Wenn & Wäre. Wenn er ... dann wäre/hätte er ... Die Geschichte entgeht einer schlüssigen Auffassung, vielleicht als komponierte Entgleisung oder Umleitung zu einer Sackgasse des Begreifens.
Krolle hält sich nur mit dem eigenen Scheitern auf. Unwillkürlich fragt man sich, wie nah kommt man ihm gefahrlos? Er ist ein Schmuddel mit vom Wanst gespannter Trainingsjacke. Ein Rucksack ist ihm unentbehrlich. Er trägt einen englischen Gasdrucklader in die Kampfzone des S-Bahnverkehrs. Krolle erschöpft sich in kurzfristigen Vorteilnahmen. Bedeutend (in unbeschriebenen Kreisen) macht ihn das seltene Recht, Lea anzurufen. Lea könnte wegen Jul schon einmal auf Karli eifersüchtig gewesen sein? Oder wuchs sie wie Amy in England auf und war christlich, bis zu dem Tag, als sie von Adrian bekehrt wurde?

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80 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 37 Rezensionen

frankreich, krieg, gesellschaft, rassismus, irak

Die Zeit der Ruhelosen

Karine Tuil , Maja Ueberle-Pfaff
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 10.03.2017
ISBN 9783550081750
Genre: Romane

Rezension:

François Vély ist immun gegen Schockelemente. Die Wände seiner Villa decken Bilder, die andere verstörend oder erregend finden, dem Hausherrn aber nur den Hauch einer ästhetischen Befriedigung verschaffen. Das muss man wissen, um zu begreifen, wie es dahin kommen kann, dass ein Mann von überragendem Format und Vermögen sich selbst der Internationale des verurteilenden Facebook-Prekariats zum Frass vorwirft. Für ein Porträt seiner in ihrer Spannweite kaum darstellbaren Persönlichkeit posiert der Unternehmer auf Bjarne Melgaards umstrittener Pornpop-Plastik Black woman in the shape of a chair. Er entspricht der Bitte eines Fotografen, das Objekt zum Schauplatz seiner mit Yoga und Diät in perfekter Form gehaltenen Erscheinung zu machen. François übersieht nonchalant “die politische Brisanz” und den Kommentarcharakter der Inszenierung. Von der Empörungsindustrie an den medialen Pranger gestellt und als Rassist gegeißelt, erschöpft sich seine Selbstverteidigung in der Überzeugungskraft eines feuchten Händedrucks.
Ein Snob sackt durch - François repräsentiert eine von drei Absturzvarianten, denen Karine Tuil in ihrem jüngsten Roman nachgeht. “Die Zeit der Ruhelosen” ist als psychologische Studie und Thriller eine Klasse für sich, sehr gut geschrieben und so belebend wie ein Fahrvergnügen. Die Autorin steuert das Scheitern ihrer Helden von biografischen Zentralpunkten an. François’ Vater, ein Mann der Résistance, stellte einst Buchstaben um. Zum Zweck einer Neuerfindung als reibungslose Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in Frankreich machte er Vély aus Lévy. Nun setzt ein jüdisch eifernder Sohn dem katholisch Angepassten zu.
Romain Roller, Alpenjäger im Offiziersrang, verliert in Afghanistan seine soldatische Zuversicht und den Glauben an Frankreich. Der Chasseur alpin mit maghrebinischem Migrationshintergrund überlebt einen als Hinterhalt deklarierten Planungsfehler, während befreundete Untergebene aus seiner Banlieue zerfetzt werden.
Am Ende eines abseitigen Aufstiegs trainiert der schwarze Sozialarbeiter Osman Diboula (aus Clichy-sous-Bois) an der Seite des französischen Präsidenten, bis er nach einem Kurzversagen seiner Selbstbeherrschung als “Casting-Fehler” abgehakt wird. Die Deklassierung zersetzt ihn. Sie zerstört das Verhältnis zu seiner im Aufstiegsfieber kochenden Gefährtin. Osman vergeht vor Scham, dem “Nährboden für überschäumende Wut, brennenden Ehrgeiz und Rachegelüste”. Er erfährt “das Trauma der verschlossenen Tür”, das ihn, in einer genial erzählten Zusammenführung, mit Romain und François verbindet. Kein Schwarzer, kein Araber und kein Jude erhält (so sagt es Tuil) in Frankreich Zugang zum inneren Kreis der Macht.
In einer als Resort allgemein zugänglichen “Dekompressionskammer” für heimkehrende Teilnehmer an der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) in Paphos auf Zypern begegnet Romain der Journalistin Marion Decker. Wegen ihr sprang François’ erste Frau Katherine aus dem Fenster und die mitarbeitende Geliebte Sophie aus ihrer Fassung. Die neue Gattin führt den ausgebrannten Oberleutnant in die Hörigkeit. Auf dem Weg dahin versagt er gegenüber seiner Familie.
Romain betrachtet sich nun als Wanderer zwischen den Welten der Lebenden und der Toten. Ausgerechnet die fatale Marion reanimiert seine sensitiven Stummel. Er öffnet sich einer gefährlichen Frau, während François die (Marion zuliebe) abgehalferte Sophie gefährlich wird.
Ein Schmetterling schlägt in Rott am Inn gedankenverloren mit den Flügeln und löst so eine Reaktionskette aus, in deren Verlauf ein Erdbeben vor Papakolea Beach einen Tsunami auf die Reise nach Japan schickt. In “Zeit der Ruhelosen” werden drei einander so absurd fern wie in dem Bild vom Schmetterling vor sich hin rollende Steine gleichzeitig angehalten. Im Folgenden erlebt François die von Vernichtungswut befeuerte Skandalisierung seiner Person, zurecht, wie seine Tochter findet, die Kafkas Brief an den Vater zur Vorlage einer Abrechnung macht. Osman kehrt als Versager zurück ins Ghetto. Romain füllt seine innere Leere mit bausteinartigen Nachahmungen richtigen Lebens.
Dann übernimmt es Osman, François zu verteidigen, Romain lässt sich von einer Sicherheitsfirma anheuern, plötzlich sind alle in Bagdad - und die Spannung steigt.

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Male oscuro

Ingeborg Bachmann , Isolde Schiffermüller , Gabriella Pelloni
Fester Einband: 259 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 20.02.2017
ISBN 9783518426029
Genre: Biografien

Rezension:

Ingeborg Bachmann ist die Romy Schneider der Literatur. Schneiders Spiel mit Michel Piccoli löscht Karlheinz Böhm aus. Die Verwandlung von Sissi in eine Verrauchte geht dramatisch über die Bühne. Gemessen an den Margen des Literaturbetriebs absolviert Bachmann eine kongeniale Karriere auf den Feldern der Anerkennung und der bedeutenden Männer so wie in den von psychischen Einbrüchen verheerten Kellern der versuchten Selbstmorde. Beide Ikonen zerreißt die Spannung zwischen gewöhnlichen Bedürfnissen und außergewöhnlichen Fähigkeiten. Beide sind schließlich Gezeichnete. Der Alkohol- und Medikamentenmissbrauch schenkt dem Unglück Jahrhundertgesichter. Manche Namen und weitere Gründe des Bachmann’schen Unglücks kennt man seit Jahrzehnten. Andere gehörten bis jetzt zum Unzugänglichen im Nachlass. Nun erscheint Entsperrtes. Die Herausgeberinnen Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni haben die Grenzen zur Indiskretion zweifellos wie auf Millimeterpapier vermessen, gefangen von philologischen Skrupeln.
Der Autor ist seinem Werk egal, anders könnte es nicht überleben. Wer braucht das, was nicht Werk geworden ist? “Male oscuro” eröffnet die neue Gesamtausgabe mit Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit, mit Traumnotaten, Briefen, Reden und Entwürfen. So führt es der Untertitel ungefähr aus. Der Haupttitel zitiert den Titel des Krisenberichts eines italienischen Schriftstellers. Bachmann rührt divers daran, Male oscuro scheint magisch besetzt zu sein wie zur Ankündigung einer Überschreitung. Die Autorin spricht für andere, wo sie sich an Ärzte wendet. Da vertritt sie “die meisten ... (die) nicht fähig sind, zu formulieren”. Sie setzt das Kafkawort von der “Scham, die uns überlebt” ein. Ihre Scham ist selbst gewaltig, wenn sie in einem Buch “wiederlesen muss, wie sie mit ihrem Mann gelebt hatte, dann wie sie als junges Mädchen das getan oder jenes unterlassen hatte”. Sie fühlt sich ausgeschlachtet und zu Wurst verarbeitet. Sie will keinen Unterschied mehr zwischen einem Schriftsteller und einem Schlachter erkennen.
Ich weiß gerade nicht, ob Heiner Müller oder Bertolt Brecht, doch behauptete einer dieser Suhrkampautoren: Die entscheidende Frage lautet, wer frisst wen? Die Aufzeichnungen zeigen Bachmann in behandlungswürdigen Zuständen, angegriffen vor allem vom misslungenen Scheitern der Beziehung zum robusten Max Frisch in seiner Mein-Name-sei-Gantenbein-Phase Anfang der Sechzigerjahre. Frisch folgte Celan, die Dichter_innen waren sich zuerst begegnet, bevor Celan Gisèle 1952 heiratete. Trotz vehementer außerehelicher Befruchtungen blieb Celan bei seiner Frau. Von ihm ist nicht mehr die Rede, aber von Frischs Verrat, der Bachmann entkräftigt und wehrlos macht, bis daraus wieder Literatur wird. Nächsten Monat erscheint zum Beispiel solcher Umwandlungen von persönlichen Verlusten in literarische Gewinne “Das Buch Goldmann”.
Ein Eingriff nimmt Bachmann aus dem Reproduktionswettbewerb. Berlin wird zum Schauplatz noch eines Zusammenbruchs. Ein Arzt rät zum Festhalten der Träume. Bachmann träumt von Knieoperationen und Fahrradtouren, keinesfalls künstlerisch wertvoll wie seit Rahel Varnhagen so viele aus der ersten Reihe. Hannah Arendt analysierte die mit sozialen Bedeutungen geladenen Schlafresultate als Sublimationen gesellschaftlicher Frustrationen. „Was das Bewusstsein verdrängt, kehrt in der Nacht zurück.“ Gestaltete Träume sind Ausdruck durchgreifenden Selbstgefühls. Das fehlt Bachmann. Sie wirkt wie eine ertappte Elevin mit dem Geständnis: “Ich möchte mit (einem) ... Kamel schlafen.”

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127 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 60 Rezensionen

tod, trauer, verlust, roman, 70er jahre

Ein fauler Gott

Stephan Lohse
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 06.03.2017
ISBN 9783518425879
Genre: Romane

Rezension:

Auch im Sommer 1972 ist die Welt kein sicherer Ort. Die amerikanischen Streitkräfte starten eine Luftoffensive über Nordvietnam. In Irland heizt der Blutsonntag vom Januar weiter die Feindschaft zwischen Nordiren und der britischen Besatzungsmacht. Bei einer Geiselnahme im Olympischen Dorf von München sterben elf israelische Athleten. Die Spiele gehen weiter, “Heide Rosendahl ist unsere Beste”. Sie holt Gold und Silber für Deutschland. Während der fünfzehnjährige “Goldfisch” Shane Gould zum Publikumsliebling (u.a. mit drei Goldmedaillen in Weltrekordzeit) aufsteigt, Mark Spitz das Unvorstellbare gelingt, Josef Ertl unser Bundesminister für Ernährung und Forsten ist und die Wissenschaft erkennt, dass die Schweiz erdgeschichtlich in Afrika liegt, wird Benjamin, Ben für seine Freunde, elf. Sein jüngerer Bruder Jonas ist gerade gestorben “und kann sich alles erlauben”. Ben stellt zum Zweck der Kontaktaufnahme die Frage, wie Seelen miteinander reden. Auf welcher Frequenz funken sie? Sieht Ben bei Windgassens fern, sind die Badehosen der Flipperfreunde “Sändi und Böt” bunt, weil Chrisses Eltern einen Farbfernseher haben. Sie haben auch eine goldene Haustürklinke.
Stephan Lohses schnurrender Erzählton lädt zu einer schnurrigen Besprechung ein. Der Ton durchdringt den Schutt der angehäuften Jahre und erreicht Verschüttetes; all die Schluckaufs und telepathischen Selbstverständlichkeiten der Kindheit. Jonas’ Tod bürdet Ben eine enorme Verantwortung als zusätzliche Belastung auf. Er muss sich um seine alleinerziehende Mutter kümmern, die sich wie eine Verlassene aufführt. Todtraurig wendet sich Ruth dem Notwendigen zu. “Den eigenen Tod sterben wir, den Tod unserer Kinder müssen wir leben.”
“Sie spottet über ein Leben, das nur mehr andauert, eine stete Folge gesichtsloser Tage.”
Täglich prüft sie den Zustand eines vergessenen Wurstbrots in Jonas’ Brotbeutel. Die Stulle als Reliquie - Ben scheinen genug magische Gewissenheiten zu bleiben, um seelisch über die Runden zu kommen. Trauer und Verständnislosigkeit wirken aber in den Zweifeln an der Verlässlichkeit seiner Verhältnisse. Das Kind kämpft mit den Mitteln der Verdrängung um sein Urvertrauen. Ein harter Alltag mit vielen Jungen, die größer sind, fordert Ben bis zur Verausgabung. Das Leben ist ein Handgemenge und Mark Spitz (7km/h) im Vergleich mit jeder Makrele (59km/h) ein lahmer Schnurrbart. Auch Gott lässt zu wünschen übrig in Bens unmittelbarer Weltauffassung. “Gott wohnt gleichzeitig in allen Kirchen ... und hört dort den Menschen beim Beten zu.” Doch weiß keiner, ob er überhaupt Deutsch kann.
Plötzlich will der Erzeuger Zeit mit Ben verbringen. Ben fährt mit Pappi zum Flughafen, die Beziehung ist für eine Klärung zu kompliziert. Ben hält sich an seine Mutter, die kennt er. Doch dann wird sie krank.

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libyen, hisham matar, mussolini, gaddafi

Die Rückkehr

Hisham Matar , Werner Löcher-Lawrence
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 27.02.2017
ISBN 9783630874227
Genre: Romane

Rezension:

“Ich schulde dir eine Universitätsausbildung, danach musst du für dich selbst sorgen.”
Die väterliche Feststellung signalisiert den Kurs einer Existenz in einem Kreis von Existenzen. Sie spiegelt Erwartungen, die eine Führungspersönlichkeit in sich gesetzt sieht. Jaballa Matar, Bayern München-Fan und Kopf einer Anti-Gaddafi-Miliz, begreift sich als connecting link zwischen den Generationen. Nach seinem Ideal trägt jeder Libyer die Geschichte eines Stammes in die Zukunft. Das ist seine Aufgabe auf der ersten Stufe. Alle Schulungen richten ihn dafür ein. Wer zu Größerem befähigt ist, steigt zwangsläufig auf. Keiner hat das Recht, hinter seinen Möglichkeiten zurückzubleiben.
Hisham wird 1970 in New York geboren, er wächst in Kenia, Ägypten und England auf. Sein Bruder Ziad geht in der Schweiz zur Schule. Der Kosmopolitismus ist zuerst der Diplomatenkarriere des Vaters und dann Verlegenheiten des Exils geschuldet. Das Exil verurteilt Hisham dazu, alles für vorläufig halten zu müssen. Er verliebt sich in den englischen Nebel und in die Zauberstimmungen keltischer Landschaften. Daheim in Kairo lernt Hisham von Britannien reiten, schießen und schwimmen. Die Grundausbildung für höhere Söhne absolviert er “hinter den Pyramiden von Gizeh”. Es fehlt nur noch Indiana Jones vor dem Feuerball einer unbarmherzigen Sonne. Nicht, dass Hisham Matar zur Schwelgerei neigt. Er schreibt sachlich. Trotzdem steckt Hitze im Text.
Einmal beobachtet der Vater, wie Hisham Münzen erst zählt, bevor er sie einem Bettler gibt. Matar verlangt: “Das nächste Mal machst du keine Vorführung daraus ... Gib so, als würdest du nehmen.”
Wir brauchen einen Vater, gegen den wir uns auflehnen können, schreibt Hisham. Der fehlt ihm. Gaddafi lässt den guten Mann 1990 entführen und macht ihn zu seinem Nachbarn in Tripolis. Sechs Jahre sitzt Jaballa Matar nachweislich in Abu Salim. Danach verliert sich seine Spur. Im Gefängnis bleibt er isoliert. Trotzdem findet er Wege der Kontaktaufnahme zu inhaftierten Verwandten. Nach Gaddafis Sturz besucht Hisham einen Onkel, der einundzwanzig Jahre in Abu Salim eingesperrt war, wo er den Bruder bis Sechsundneunzig zwar nicht sehen, wohl aber hören konnte - als Rezitator von Gedichten. Wer ein Buch auswendig kennt, trägt ein Haus in seiner Brust.
Nach Matars Entführung zeigt sich kein Befreiungskämpfer der eingeschworenen Truppe und auch sonst kein Dissident den Verzweifelten. “Es war, als hätte uns eine ansteckende Krankheit befallen.” Die Finanzierung der Freischar verbrauchte ein Privatvermögen von sechs Millionen Dollar. Die Mutter, “die ihr ganzes Leben nicht einen Tag für Geld gearbeitet hatte”, steht mittellos da. Hisham ist wie gelähmt nach all den altruistischen Lektionen. Er entgleitet der Erstarrung im Merhamet (Großherzigkeit) der Umma (Gemeinschaft). Erst im befreiten Libyen kommt er wieder zu sich in der beduinischen Stammesgemeinschaft. Sie hat Plätze für ihre Gedichte, Orte der Kontemplation und der Feste. Sie hat die Wüste, auch als Metapher. Hisham gedenkt eines (im letzten Häuserkampf) gefallenen Cousins, für den der Befreiungskampf direkt vor der eigenen Haustür begonnen hatte. In Schlappen war der angehende Bauingenieur Izzo in den Kampf gezogen - gegen Panzer, die Bengasi (die andere Stadt, von Tripolis aus gedacht) planieren sollten. Das Fazit stand schon auf Plakaten: Hier war Bengasi. Sich auf einem Schlachtfeld überhaupt erst mit schweren Sachen zu bewaffnen, war für Izzo und seine Freunde nicht ungewöhnlich gewesen.
Erinnerungen sind Geschichten, die eine Existenz beglaubigen, schreibt Hisham Matar. Die Qualen seines Vaters werden erst mit dem Tod des Sohnes enden. Die Suche nach der Wahrheit, die Frage, was geschah Jaballa Matar im Kerker, untergräbt das Leben des Autors. Er redet mit einem Leser, er antwortet seiner amerikanischen Frau Diana, er bestellt in einem Restaurant Riesengarnelen ... immer mit der Anstrengung, sich von den Tentakeln der Folter, der sein Vater unterworfen war, nicht aus dem Alltag ziehen zu lassen. Er spürt sie wie Fesseln, die den Körper immer erpresserischer einschnüren. Er kann nicht Hamlet sein und (einer See von Plagen) erliegen. Er muss das Zeugnis seines Vaters ablegen.
Tripolis ist längst gefallen, als Hisham Matar 2012 die Lage peilt. Er sondiert in einem Land der Milizen. Wer das Abenteuer nicht sucht, hält die Fensterläden geschlossen. Während über Afrika die Sonne durchdreht, glimmt in den Häusern künstliches Licht.

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roman

Haus für eine Person

Barbara Kenneweg
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 10.03.2017
ISBN 9783550081774
Genre: Romane

Rezension:

Am Ende wird Rosa “wie eine Kuh” schreien und endlich glücklich sein. Am Anfang ist sie gerade umgezogen. Wie weggestellt und vergessen findet sie die Gegend ihrer neuen Anschrift. Vor allem Rentner leben da. Mitten in Ostberlin halten sie sich wie an einem nicht allein topografischen Rand auf. Der Rand könnte Stadtteilzentrum werden, nach einer Verdrängung der Eingesessenen.
“Kleiner als jede Remise” ist Rosas Haus. Es hütet viel Vorbesitzerkram, darunter die siebzehn rotblonden Perücken einer Frau, die sicher gehen wollte, ihr Selbstbild bis zum Schluss reproduzieren zu können. Sie starb vor ihrem Mann, der es nicht fertig brachte, den planwirtschaftlich produzierten Putz wie Plunder zu behandeln.

Alte verlassen ihre Räume selten freiwillig. Man muss sie evakuieren wie in Tschornobyl 1986. Lässt man sie, kehren sie unwillkürlich zurück und vereinsamen radioaktiv zwischen kontaminiertem Spalierobst und eingelegtem Gemüse in Geisterstädten. Hisham Matar sagt: Wer die Verbindung zu seinem Ursprung kappt, wird zu einem toten Baum, hart und leer. So weit ist Rosa noch lange nicht. Sie nagt am Vorrecht der Jugend, sich für unsterblich zu halten. Zu den Sterblichen zählt Herr Scholl, der eisern vergreist. Rosa provoziert der hagestolze Nachbar zu dem Vergleich mit “einem Ritter in voller Rüstung, der zum Laufen auf eine Gehhilfe angewiesen ist”. Auf dem Weg zum “Zenter”, einer Shopping Mall im DDR-Stil, will sie unbemerkt an dem Rüstigen vorbei. Seine Wachsamkeit lässt das nicht zu. Scholl erzwingt den Plausch am Zaun. Einer alltäglichen Verrichtung gewinnt er die ”Suche nach dem gestrigen Tag” ab.
Rosa rezensiert ihre Umgebung. Sie kritisiert Reklame. Überall sieht sie “Schmutzränder und desolate Rückstände”. Die “Wahrheit liegt auf der Straße als schäbiges altes Ding”. “Das Zenter” erlebt sie als “dreistöckigen Müllkorb ... der den Überschuss der Weltwegwerfwirtschaft zu Wegwerfpreisen wohlgeordnet ... auskippt”. Historisch ist der Versorgungstrakt eine Adresse des gehobenen Konsums am Anton Saefkow-Platz. Vor Neunundachtzig zogen die Leute gern aus den maroden Altbauten im Bezirk Prenzlauer Berg in die Lichtenberger Plattenbau-Ensembles mit ihren Müllschächten und Einkaufszentren. Ich bin auch gern in dieser Ecke, der Stimmungsbogen zwischen Vorstadt und Kiez bräuchte zu seiner Darstellung eine Kollwitz. Rosa sieht die Welt mit anderen Augen. Ihre Abneigung gegen die Anton Saefkow-Schwimmhalle streift das Phobische an einer Tangente des Pingeligen. In der Aversion verwandeln sich Schwimmer in Pilze. Rosa sieht “weggeworfene Menschen”. Sie tröstet sich mit Erdbeereis. Sie lehnt den Kopf gegen eine Laterne und “stöhnt”. Ihrer Sehnsucht die Gestalt eines Mannes zu geben, hilft nicht. Glaubt Rosa, dass sie anderen anders erscheint: als ihr die Trinker_innen erscheinen, die vor dem Markt leger geworden sind?
In der Konsequenz einer übertriebenen Begegnung mit Makler Klaus wurde Rosa schwanger. Jetzt merkt sie das. Sie schrullt zur Beratungsstelle, hadernd wie immer mit den Folgen der Berliner Veränderungsgeschwindigkeit. Hallo, in Brandenburg gibt es Käffer, da baut nur noch der Storch. Oder entschleunige dich doch auf dem BER. Das Schwangerschaftsgück kupiert die Spitzen des Räsonnements. Im Textuntergrund lassen sich Celan und Camus vernehmen mit Margaretes goldenem Haar und einer Anspielung auf den berühmtesten ersten Satz der Belletristik. In Rosas Leben zählt er seit einer Weile zur Wirklichkeit: Heute ist Mama gestorben.

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julia wolf, buch, rezension, frankfurter verlagsanstalt, buchbewertung

Walter Nowak bleibt liegen

Julia Wolf
Fester Einband: 158 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 07.03.2017
ISBN 9783627002336
Genre: Romane

Rezension:

Walter Nowak ist einer dieser Achtundsechzigjährigen. Deren Rüstigkeit nervt. Jeden Tag schwimmt der Nussknacker pathetisch in den Schmerz, wenn er seine tausend Meter absolviert, als gäbe es nichts Wichtigeres auf Erden. Er mobilisiert sich und hält sich an seiner Form fest. Er betrachtet sich wie man eine vom Einsturz bedrohte Baracke betrachten könnte.
Julia Wolf spielt mit der Gedankenlosigkeit und Fetzenhaftigkeit von Spruchweisheiten und den ihnen verwandten stereotypen Halbsätzen, die aus den Ätzbädern der Niederliegen keinesfalls zum Trost, wohl aber betäubend aufsteigen. Alles halb so. Es wird nichts so. Morgen ist auch noch. Früh krümmt sich. Was du heute kannst. Es ist wahr, so läuft das ab in einem alten Kopf. Fast nichts mehr formuliert sich zu Ende. Fast nichts mehr ist der individualisierenden Rede wert, es sei denn die Konsistenz des Frühstücksei. Jederzeit könnte Walter, was auch immer, ebenso gut lassen.
“Ein alter Mann, der immer noch denkt, ist eine Groteske. Greise müssen fertig sein”, sagt Gottfried Benn. In der räumlichen und zeitlichen Umgebung der ertüchtigenden Praxis nährt Walter eine trockene Geilheit. Er lockt die unschön geschrumpfte Libido hinter dem Ofen hervor. Er animiert den Restposten mit jungen Müttern, die zuhauf unter sich und den Rentner_innen sind, bis die Schule aus ist und ein Radau der losgelassenen Pubertät den nächsten Umsturz ankündigt. Hallende Wasserklangbilder untermalen die Stunden des geschwätzigen Ausschlusses elementarer Störungen.
Walters vom Chlor und von der Anstrengung getrübter Blick schnappt sich aus Versehen eine Mutter mit dem Bewegungsbild eines Kampfhundes. Sie guckt auch bissig zurück. Bald darauf erwacht Walter aus einer Ohnmacht und findet nicht mehr zurück in den aufgeräumten Trott seines Alltags. Er fährt heim und verwechselt da einen Saft mit seinem Blut. Er gönnt sich ein Essen vor dem Fernseher. In dem totalitären Fürsorgeregime, das bis zum Ablauf von Walters weltlicher Verweildauer herrschen wird, kann das nicht zur Gewohnheit werden. Yvonne hält so ein TV-Lunch für schädlich. Walters Herrin meldet sich von einer Menschenrechtskonferenz, klärt das greise Mündel fernmündlich ab und hat weiter ihren Spaß in weiter Ferne.
Walter verliert den vertrauten Kurs, sein halbwirres Selbstgespräch wird als innerer Monolog zur Kunstform. - Wird ohne einen weiteren Teilnehmer zum Entmündigungsgespräch. Kein Mensch bemüht sich, Yvonne ist schließlich auf der Konferenz oder liegt mit einem “großen, blonden ... (jungen) Gockel” im Kornfeld ihrer verlorenen Jugend. Der Badeunfall hat Walters Bewusstsein zersplittert. Die Matrix ist im Eimer. Walter macht Klimmzüge an biografischen Seitenästen. Er grimassiert vor Anstrengung. Gisela, seine erste Frau, erscheint auf einer extra schäbigen Bühne. Erst jetzt greift die Ahnung, dass Walter immer noch im Schwimmbad Bodenkontakt hält. Vielleicht wird er sich nie wieder erheben, der Titel deutet das an. In Walters Halluzinationen wälzt sich die Vergangenheit wie eine Armee Untoter aus grauen Schächten. Walter hat schon die Freiheit der Irren, wie die Literatur sie verzeichnet. Eine in langer Abwesenheit zur Unbekannten gewordene Autonomie sagt leise Hallo. Sagt: “Tanz mit der Sau.” Sagt: “Immer schön rühren.”
Ja, das war mal, als Gisela noch mit einem Mann verheiratet war. Dem Vater ihres Sohns Felix. Walter Nowak hieß der Mann. Wo ist er geblieben? Walter bittet die Ex um Küchenhilfe. Im Gegenzug verspricht jemand eine “potenzerhaltende Operation”.
So geht das immer weiter, sollte Walter bereits in ein Krankenhaus verbracht worden sein? Julia Wolf bekam 2016 den 3Sat-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs für die nachbildlich purzelnden Eindrücke und den Erinnerungsschneematsch des Herrn Nowak. Oft verknappt sie ihn zu einer Gerüchtefigur und vermarktet seine Schwäche als einzige Hinterlassenschaft. Sie tritt ihn ins Jenseits. Am Ende liegt Walter wieder in veralteter Frische am Beckenrand und träumt hoffentlich schön.

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kafka, paranoia, tristesse, alkoholismus, wahn

SUPERBUHEI

Sven Amtsberg
Fester Einband: 360 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 07.03.2017
ISBN 9783627002343
Genre: Romane

Rezension:

Wieder einmal geht es um das Scheitern in seinen Spielarten. Ein Elvisimitator namens Bronske, der nicht singen kann und dem Original über die Korpulenz hinaus auch nicht ähnlich sieht, verliert seine Frau am 17. August 1993. Das Datum merkt er sich ohne Eselsbrücke und Gedächtnisstütze, da es den sechzehnten Geburtstag seiner Zwillinge Aaron und Jesse beziffert. Angeblich bricht an diesem Tag eine rührend desinteressierte Mutter nach Amerika auf, doch wer weiß, vielleicht siedelt die Missschlemmerstuben-Wettbewerbsteilnehmerin von 1972 auch nur von Hamburg-Rahlstedt nach Sonstwo in Österreich über. Jesse findet einen passenden Taucheranzug und folgt den Eltern “in das brackige Becken der Gewöhnlichkeit”. Wahlweise in das “Ermüdungsbecken der Bedeutungslosigkeit”.
Aaron bleibt alldieweil wie ein Kampftaucher unsichtbar in Schussweite. Will er den Zwilling ersetzen und Jesses studiobraune, mit heimlichen Schlafmittelgaben zum Träumen gebrachte Freundin Mona als falscher Bruder dämonisch erobern?
Sven Amtsbergs Erzählmanier erinnert an Jakob Arjounis B-Film-Melancholakonie mit dieser verschwitzten Vorliebe für Audrey Totter in der abgerockten Daseinswüste des seelisch verkarstenden Vinylfetischisten. Jede Säuferampel wirkt wie ein Analeptikum und alle Tristesse zitiert Edward Hopper.
Amtsberg macht in seinem Debüt zuerst HH-Rahlstedt zur Chiffre verunglückten Lebens. Er erweitert das Programm bis zu einem Meilenstein des Schönerwohnens vor Hannover, ich rede von Langenhagen, “dem Tokio Niedersachsens”, wo Mona von jeher daheim ist: in einem “atmenden Haus”, das ein “landkranker” Seemann einst direkt einem Maismeer als knatternden Strandbau vorgesetzt hat. Mona “füllt den Büstenhalter mit dem Bauch”, Klaus Meine meinte, man müsse Mona schon sehr lieben, um ein Foto von ihr in der Brieftasche zu haben.
Ja, Klaus Meine ist ein wichtiger Mann im Buch. Wikipedia sagt, “Klaus Meine ist der Sänger der Hard-Rock-Formation Scorpions und maßgeblich am Verfassen der Liedtexte und seit Ende der ... “. Jesse bewirtschaftet die Abfüllstation gleichen Namens im Anbau des Supermarktes Buhei, zu dem sich die Kaschemme Klaus verhält wie der Pickel zum guten Arsch. Mona arbeitet an der Marktkasse, sie wacht über Jesses Suff. Jesse steckt lange schon im Suchtkerker, sein Unbehagen schiebt er den Gästen in die Schuhe, die unbefangen durchhängen. Er denunziert die Leute, reibt sich an ihren Schwächen, als gäbe es da was zu holen oder auch nur zu begreifen. Das wird zur Schwäche des Romans, dieses Motzen wegen irgendwelcher Mumien in längst trockengefallenen Brunnen. Die Todgeweihten erwarten den Herrn der Hähne jeden Vormittag mit der speichelnden Vorfreude unserer vierbeinigen Freunde. Um über die Runden zu kommen, mussten sie vortrinken, das Büchsenbier aus dem Supermarkt in Ehren kann einem keiner verwehren. Es folgt die Druckbetankung, ab Nachmittag beamt sich Lord Jim ins Geschehen und gibt die Schlagzahl an. Wann Nachmittag ist, hängt vom Empfinden ab. Die phonetische Nähe von Eichstrich und “Eichelstrich” auch, so weit es die Lustigkeit betrifft. Der Diminutiv ist Chef im Ring. Jesse macht sich Gedanken über das Innere eines Säufers, er stellt sich die beschleunigte Gärung in ihrer Prozesshaftigkeit vor. Er schläft mit einem Gewehr im Bett, wähnt sich aber ständig selbst im Fadenkreuz. Sein Sein leuchtet im Strahlenkranz der Paranoia.

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Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum kam

Britta Boerdner
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 07.03.2017
ISBN 9783627002350
Genre: Romane

Rezension:

Kurz sind die Wege vom Scherz zum Spott. Dem Argwohn folgt das Gerücht. Das Leben wiederholt sich in der Weitergabe von Vorwürfen. Es vollzieht sich in Anspannung und Anpassung. Allein die Eingesessenen halten Vorsprünge des Eigensinns. Zugezogene bleiben auf dem Prüfstand. Das beschreibt die Lage in Randstetten, einem Wetterauer Weiler, gefasst in kodifizierter Lieblichkeit. Streuobstwiesen, Äcker und bezwungene Wälder gliedern sich zu Verherrlichungsansichten. Die Römer besangen eine von Schroffheit unberührte Landschaft, die sich ihrer Zivilisation förmlich anbot. Schriftsteller zerrissen sich in Schilderungen der maßvollen Natur. Die Gegend dient drohenden Taunushängen arglos als Vorland. Nichts weiß sie von den widrigen Windverhältnissen in höheren Lagen. Nun befährt ein amerikanischer Musiker im Käfer ihre Treckerpisten. Es hat lange nicht geregnet, die malerisch ausgefahrenen, im Glutofen des 69er-Sommers hart gebackenen Spuren haben ihren eigenen Reiz. Kies haftet sich an die Reifen und penetriert Profillücken.
Der Musiker heißt Frank Z., Z. wie Zappa. Er kommt aus Kalifornien und spielt die Gitarre in seiner Band, kann aber auch alles andere. Frank hat sich Europa zur Erholung verschrieben. Er fährt spazieren, bis ihn ein Achsenbruch in Randstetten stoppt. So geht die Geschichte los. Am Ende glaubt man, das Atlantis der Flower Power-Ära sei gemeinsam mit Omas guter alter Zeit in Randstetten versunken. Zum Kolorit gehört das Geschepper der Türglocke vom Edeka und das “Henningerbraun” der Wirtshauseinrichtung, auf Phon getrimmte Mopeds, verblendetes und vorgetäuschtes Fachwerk, Freddy Quinns Heimweh-Hymne “O schön, schön war die Zeit/.../Brennend heißer Wüstensand/fern, so fern dem Heimatland” in jeder Kneipenmusiktruhe so wie englische und amerikanische Siegerlyrik, die in Jupps Dorfdiskothek Sunnyside wildestem Remmidemmi Vorschub leistet. Happiness is a warm gun - Im Sommer der Liebe hört man die Beatles noch in Randstetten. Are you lonesome tonight - Seit Presleys Stationierung in Friedberg ist die Wetterau Elvis-County. In Boerdners Roman zählt der Epoche machende Wehrdienst zur erweiterten Gegenwart.
“Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum” kommt, ändert sich für die Belegschaft alles. Der ausschweifende Titel erinnert an Peter Kurzecks “Der Nußbaum gegenüber vom Laden, in dem du dein Brot kaufst”. Ich habe den Titelpunkt weggelassen, den versteht man nicht mehr. Kurzeck hat jede Bodenwelle auf der Strecke Staufenberg - Frankfurt im Text festgehalten. Ihm entging kein Zigarettenautomat an einer Gasthausfront. Er kannte die beleuchtete Einsamkeit der Telefonhäuschen im Nachtschatten der Dorfgemeinschaftshäuser. Boerdner könnte als Petra Kurzeck weiterschreiben. Drei Generationen bewirtschaften das Wirtshaus mit Fremdenzimmern für Durchreisende. Wehe, du willst bleiben. Am Herd steht drakonisch Oma Böhm, eine aus dem Osten Geflüchtete, “aber sauber”. Wie freiwillig sie zu ihrer Tochter gekommen ist, weiß man nicht genau. Rosi könnte ein Russenkind sein, ihre Tochter Ev ist ganz bestimmt eine halbe Texanerin, gezeugt im Nachklapp des Fräuleinwunders. Eine Null im XXL-Format ergänzt die Weiberwirtschaft. Rosis Bruder Rudi “ist der Oma ihr Kind” geblieben. Heimlich macht sich Rudi seinen Flachmann voll mit dem Asbach aus der Dreiliterflasche, die mit dem Hals zum Boden am Buffetschrank jedenfalls mehr leistet als er. Rudis mondgesichtige Nachahmungen männlicher Schaffenskraft können in Randstetten keinen täuschen. Seine siebzehnjährige Nichte besucht in Hanau eine Sprachschule. Ihre Mutter kennt mit vierunddreißig immer noch nicht “das Geheimnis der Anziehung”. Ihre flexible Liebesbereitschaft lädt zu Enttäuschungen ein. Für die Enttäuschungen sorgen Fernfahrer und Vertreter. Doch jetzt ist da dieser amerikanische “Jesus in Leder”. In der Regie ihres Wunschdenkens fällt er Rosi in die Hände wie ein Lore-Roman-Prinz. “Kurz sieht sie ihr Leben Wirklichkeit werden.” Aber Frank sieht an der werbenden Frau vorbei in die schönen Augen ihrer rivalisierenden Tochter. Selbst der alimentierte “Unglücksfrosch” Rudi sucht Anschluss.

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flucht, familie, lissabon, hochstapler, kindheit

So, und jetzt kommst du

Arno Frank
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Tropen, 29.05.2017
ISBN 9783608503692
Genre: Romane

Rezension:

Der krumme Hund als toller Hecht - In “So, und jetzt kommst du” erzählt Arno Frank noch einmal die Geschichte der alten Bundesrepublik mit Klepperzelt, Tupperware Party, Gulaschkanone, sputnikförmiger Zigarettendose und der Kesselschlacht in Opas Erinnerung
1984 diskutiert der Bundesbürger die vorzeitige Verabschiedung und zunächst unehrenhafte Entlassung eines Vier-Sterne-Generals. Der stellvertretende NATO-Oberbefehlshabers für den Großraum Europa, Panzergrenadier Kießling, sieht sich dem Verdacht ausgesetzt, geschlechtlich mit anderen Männern zu verkehren. So einen kann der Russe leicht erpressen, das Risiko darf Verteidigungsminister Manfred Wörner von den Christlichen Demokraten nicht eingehen. Die Sache zieht sich wie Kaugummi, die Stammtische ätzen von Aachen bis zum Amt Südtondern, Homosexualität ist noch igitt und passt am Wenigsten zum Wesen eines Soldaten. Die “Krankheit” untergräbt unsere Abwehrbereitschaft. Zweifellos käme auch ein dreikäsehoher “Dreckspatz” in der Pfalz, der sogar schon das mütterliche Dekolleté eingeschifft hat, zu diesem Ergebnis, wäre er nur ein bisschen mehr auf Zack und nicht ganz so hinter dem Mond daheim.
Das indes, also “schwer von Kapee”, ist der Erzähler in Arno Franks bildschönem Romandebüt. Als vorerst Letzter hat der Journalist die Vorlage einer westdeutschen Jugend abgepaust und so die Konturen der alten Bundesrepublik (dem gelobten Land, das in den Erosionen der Wiedervereinigung abgetragen wurde) nachgezeichnet. Der Erzähler heißt genauso wie der Autor, nach einem Großvater, der wusste, wo es lang geht, seine Tüchtigkeit jedoch nicht weitergab an einen Sohn, dessen zweitliebster Spruch den Titel liefert. Eine Vorstadtpersönlichkeit spielt den Weltmann. Auf Kaskaden abschüssiger Unternehmungen entgleitet Jürgen Frank seinen Wohlstandsträumen. Er ist der krumme Hund als toller Hecht. Der geborene Bankrotteur. Ein schneidiger Versager mit einem Faible für jene Handgelenkstasche, die in der Rackerauchzartwelt der Siebzigerjahre als Necessaire an den Mann gebracht wurde - und von der rheinländischen Oma als “enne Schwuhledäsch” identifiziert wird. Im Roman folgt die Kießling-Affäre. Deshalb weiß der Leser, wann die ausladende, als Urlaub getarnte Absetzbewegung der Franks einsetzt. In lange Ferien fliehen neben und hinter Vater Jürgen, Mutter Jutta, Ich-Arno, Schwester Jeany, Bruder Fabian so wie die Hunde Riese und Zwerg erst einmal von Kaiserslautern zur “Kotasür”. Ein flotter Lügner steigt gerade in die Klasse der von Interpol Gesuchten auf. Vor den Flics versteckt sich “Monsieur Frank” im Schrank. Seine Frau lächelt jede Katastrophe in Grund und Boden. “Vergisst (sie), ihr Lächeln auszuschalten”, glüht es gefährlich weiter wie ein stromintensiver Heizstrahler. Jeany beobachtet Verwesungsprozesse mit Vergnügen. Fabian trägt zur Beruhigung seiner Mutter Tag und Nacht Schwimmflügel, die schlaff kombiniert mit vollen Windeln zu einem Elendstableau beitragen, das wenig zu wünschen übrig lässt.
In Umkehrung gottgewollter Machtverhältnisse beißt Zwerg den großen “Fressfeind”. Die Wunde wird zum Einfallstor für Parasiten. “Riesen weisen die Zuwendungen von Zwergen üblicherweise zurück”, schreibt Frank im Nachgang der Beobachtung, dass der Kleine die offene Stelle gewohnheitsmäßig einspeichelt. Befangen im Brehm’schen Deutungswahn, unterstellt der Autor dem Nachrangigen elegisch ein schlechtes Gewissen. Auch Tücke könnte das Verhalten des Lutschers steuern.
Noch kommt viel Leben aus dem Fernseher. In Frankreich steht Arno ein italienisches Mofa, genannt Moped, als Alternative zur Verfügung. Da geht seine kriminelle Energie hin. Der Vater verzockt “einen Arsch voll Geld”, bis er am Steuer einer “Türkenschaukel” in Portugal Afrika nahe kommt. In seinem erbärmlichen Gefolge bastelt sich Arno dazu einen Soundtrack: “Die Anfänge fehlen meistens, weil ich die Lieder über das Kassettendeck des Ghettoblasters aufgenommen habe, in das Ende plappert oft schon der Moderator hinein.”
Vor ein paar Wochen schrieb Frank als Delegierter der Kassettenrekordergeneration einen offenen Brief an den Radiokönig seiner Jugend. Vertrauensvoll berichtete er Elmar Hörig von einem Onkel, der fortwährend Witze (erzählte), ... meistens sexistisches und rassistisches Zeug. Negerwitze auch. Nicht Witze über Schwarze, Negerwitze. Und Judenwitze. Nicht jüdische Witze, sondern Judenwitze mit Auschwitz und Gas und so.”
Klingt wie eine Obsession. Im Roman ersetzt der Vater Onkel Elmar, um Alltagsrassismus mit “Schokobaby” und “Negerpost” Beispiele zu liefern. In Lissabon improvisiert der Herrenmensch über seine Bedeutung als Manager einer kaum florierenden Begleitagentur. Er verschleiert sein Versagen, Einsicht wäre tödlich. Optimismus muss reichen. Die Hitze macht dem Selfmade-Grandseigneur zu schaffen. Das Einstecktuch hat seine dekorative Funktion verloren. Der Vater hält den Sohn bei der Stange, er braucht die Zuneigung von Eigenfleischundblut. Als alleinreisender Gelegenheitsmacher wäre alles einfacher, doch ist der Durchstecher Familienmensch.

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cambridge, boxen, beziehungen, club, der club

Der Club

Takis Würger
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 22.02.2017
ISBN 9783036957531
Genre: Romane

Rezension:

Sie ist schon todkrank und auf vielen Rückzügen an den Endpunkten, als das Leben in ihr die Neustarttaste drückt. Die Sieche trägt das Kind auf einem niedersächsischen Höhenzug aus. Sie nennt es Hans, vielleicht nach einem Großvater. Hans erlebt die Welt als Wald. Die Mutter kennt da jedes Kraut. Abends hört er sie husten, morgens sieht er nach dem Pferd, dass schon beim Schlachter angekommen war, bevor eine Sterbende ihm das Gnadenbrot versprach. Es gibt sogar einen anwesenden Vater. Er schweigt ins Holz. Takis Würger schildert den Schauplatz einer Kindheit in den Farben des allgemeingültigen Himmels und einer besonderen Verbergung. Die vielgesichtige Geschichte verfolgt Hans und eine englische Halbschwester der Halbtoten - die in Academia lehrend lebende Alex. Der Roman suggeriert einen nicht erzählten epischen Untergrund. So als habe jemand mit den Mitteln des Autorenfilms einen Stoff aus der Vom-Winde-verweht-Kategorie verarbeitet.
Hans verweigert Anpassungen, er bleibt für sich im Trutz der Eltern. Eines Tages schenkt ihm der Vater “schwarze Boxhandschuhe aus Rindsleder”. Die Handschuhe geben eine Richtung an. Das Boxen schafft Orientierung, als Hans - nach seinen Begriffen schuldhaft zum Waisen geworden - Zögling wird. Endlich holt ihn Alex nach Cambridge ans St. John’s College. Sie setzt ihn als Instrument der Aufklärung von Verbrechen und als Werkzeug der Rache in einem erstklassigen Fight Club ein.
Der Roman verdankt seinen Titel einer nach den Regeln des Faustkampfs schlagenden Studentenverbindung: dem Pitt Club. Prinz Charles gehört da zu den Alten Herren, nun kommt Hans aus dem Deister, agitiert von der grollenden Tante und fasziniert von den Riten einer selbstherrlichen Macho-Elite. Im Training schwitzt er die Clubhausgeselligkeit aus, Würger berichtet wie ein Reporter aus der Umkleidekabine. Hans ist kein geborener Boxer, er hat noch nicht mal Talent. Dazu kommen Selbstzweifel. Zugleich steht er im Bann einer Kunst, die in Jahrhunderten der Verfeinerung und Jahrtausenden ihrer Existenz das Verhältnis von Aufwand und Ertrag äußerster Effizienz zuführte. Über Sieg oder Niederlage entscheidet das kontraintuitive Vermögen im Verein mit dem taktischen Verständnis und den technischen Möglichkeiten. Ferner gefordert sind Herz, Luft, Auge (Mut, Kondition, Timing). Das ist nicht viel, reicht aber für alles.
Hans kommt gut an, man zieht ihn in den innersten Verbindungskreis. Nun hat er die Wahl, wen er verraten will: die Tante, die initiierten Kommilitonen oder den Vater seiner Geliebten, der als junger Mann zu dunklen Clubgeheimnissen beitrug.
“Der Club” funktioniert wie ein Krimi. Alex bestellt bei Amazon einen Teleskopschlagstock für vierzehn Pfund. Eine Kundenrezension hat sie überzeugt. Sie nutzt das Werkzeug sachgerecht, danach duscht sie und cremt sich ein. Kein Zweifel an der Rechtmäßigkeit eines Totschlags bedrängt sie. Alex erlebt Selbstjustiz als Notwendigkeit. Das führt zu der Frage: Öffnen die Grenzen des Rechtsstaats einer Gewalt die Tür, die kein Straftatbestand erfasst und deshalb vom Bürger selbst eingedämmt werden darf?

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roman

Der Club

Takis Würger
E-Buch Text: 240 Seiten
Erschienen bei Kein&Aber, 22.02.2017
ISBN 9783036993478
Genre: Sonstiges

Rezension:

Sie ist schon todkrank und auf vielen Rückzügen an den Endpunkten, als das Leben in ihr die Neustarttaste drückt. Die Sieche trägt das Kind auf einem niedersächsischen Höhenzug aus. Sie nennt es Hans, vielleicht nach einem Großvater. Hans erlebt die Welt als Wald. Die Mutter kennt da jedes Kraut. Abends hört er sie husten, morgens sieht er nach dem Pferd, dass schon beim Schlachter angekommen war, bevor eine Sterbende ihm das Gnadenbrot versprach. Es gibt sogar einen anwesenden Vater. Er schweigt ins Holz. Takis Würger schildert den Schauplatz einer Kindheit in den Farben des allgemeingültigen Himmels und einer besonderen Verbergung. Die vielgesichtige Geschichte verfolgt Hans und eine englische Halbschwester der Halbtoten - die in Academia lehrend lebende Alex. Der Roman suggeriert einen nicht erzählten epischen Untergrund. So als habe jemand mit den Mitteln des Autorenfilms einen Stoff aus der Vom-Winde-verweht-Kategorie verarbeitet.
Hans verweigert Anpassungen, er bleibt für sich im Trutz der Eltern. Eines Tages schenkt ihm der Vater “schwarze Boxhandschuhe aus Rindsleder”. Die Handschuhe geben eine Richtung an. Das Boxen schafft Orientierung, als Hans - nach seinen Begriffen schuldhaft zum Waisen geworden - Zögling wird. Endlich holt ihn Alex nach Cambridge ans St. John’s College. Sie setzt ihn als Instrument der Aufklärung von Verbrechen und als Werkzeug der Rache in einem erstklassigen Fight Club ein.
Der Roman verdankt seinen Titel einer nach den Regeln des Faustkampfs schlagenden Studentenverbindung: dem Pitt Club. Prinz Charles gehört da zu den Alten Herren, nun kommt Hans aus dem Deister, agitiert von der grollenden Tante und fasziniert von den Riten einer selbstherrlichen Macho-Elite. Im Training schwitzt er die Clubhausgeselligkeit aus, Würger berichtet wie ein Reporter aus der Umkleidekabine. Hans ist kein geborener Boxer, er hat noch nicht mal Talent. Dazu kommen Selbstzweifel. Zugleich steht er im Bann einer Kunst, die in Jahrhunderten der Verfeinerung und Jahrtausenden ihrer Existenz das Verhältnis von Aufwand und Ertrag äußerster Effizienz zuführte. Über Sieg oder Niederlage entscheidet das kontraintuitive Vermögen im Verein mit dem taktischen Verständnis und den technischen Möglichkeiten. Ferner gefordert sind Herz, Luft, Auge (Mut, Kondition, Timing). Das ist nicht viel, reicht aber für alles.
Hans kommt gut an, man zieht ihn in den innersten Verbindungskreis. Nun hat er die Wahl, wen er verraten will: die Tante, die initiierten Kommilitonen oder den Vater seiner Geliebten, der als junger Mann zu dunklen Clubgeheimnissen beitrug.
“Der Club” funktioniert wie ein Krimi. Alex bestellt bei Amazon einen Teleskopschlagstock für vierzehn Pfund. Eine Kundenrezension hat sie überzeugt. Sie nutzt das Werkzeug sachgerecht, danach duscht sie und cremt sich ein. Kein Zweifel an der Rechtmäßigkeit eines Totschlags bedrängt sie. Alex erlebt Selbstjustiz als Notwendigkeit. Das führt zu der Frage: Öffnen die Grenzen des Rechtsstaats einer Gewalt die Tür, die kein Straftatbestand erfasst und deshalb vom Bürger selbst eingedämmt werden darf?

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