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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Der Sohn des Hauptmanns

Nedim Gürsel
E-Buch Text: 350 Seiten
Erschienen bei DUMONT Buchverlag, 21.03.2017
ISBN 9783832189433
Genre: Romane

Rezension:

Der Hauptmann macht eine aus dem Waisenhaus zu seiner Frau. Mit zweitem Namen heißt das Mädchen Kader - Schicksal. Es hat ein Mondgesicht. Sein Zopf widersteht wie ein Tau. Kader steigt zur Mutter des Erzählers auf. Sie stirbt zeitig, die Rede ist zuerst von einem Aneurysma. Später sagen die Quartiersauguren, Kader habe sich erschossen, vermutlich aus Versehen. Das naseweise Ich notiert: “Ob Selbstmord oder Unfall, meine Mutter war urplötzlich”. Nach einer anatolischen Weisheit zählte sie zu der Blüte des Landes, die (in einem Zustand vollkommener Gebirgsergebenheit von jeher) stirbt, ohne gelebt zu haben.
Der Yüzbaşı befehligt ein Bataillon. Ihm dient ein Bursche, der mit lauter Verachtung Memet gerufen wird; während man seinen Herrn Plattfuß nennt, sofern man eine Lizenz zum Duzen hat. Freundschaft unter Kemalisten verlangt Löwenmilch - Aslan sütü. Wasser trübt den Rakı zum wolkigen Mix. Jeden Abend hauen sich Plattfuß und andere ihre Würde verblüffend leicht tragende Honoratioren die Hucke voll in einer voll laizistischen Türkei.
Das Militär garantiert die Demokratie und drängt das religiöse Element zurück. Plattfuß fürchtet nur einen Menschen, das ist seine Mutter, die ihn Hasan und eine Enttäuschung nennt. Als Henker Hasan geht er in die Geschichte ein. Er zieht den Kadettenputsch von 1960 durch. Die Angelegenheit endet u.a. mit der Hinrichtung des gestürzten Staatschefs Adnan Menderes und dem Verbot der Demokratischen Partei.
Die türkische Armee als Hüterin der Demokratie zählt zur Jugendromantik nicht nur des Erzählers. Nach Jahrzehnten in der Fremde kehrt er hinfällig heim, um sich räumlich nah der Kindheit ein letztes Mal zu erinnern. Das Nachlassende und Durchsackende des Alters stimmen ihn gnädig. Er wählt den Ton der Hirtengesänge für seine Bilanz. Immer wieder stellt er sich die sinnloseste aller Fragen. Was wäre gewesen, wenn?
Eine einleuchtende Unterscheidung zwischen Gesellschaften beschreibt die Türkei als alte Gesellschaft im Gegensatz zum jungen Amerika. Den römischen Reichsnachfolgebestrebungen zum Trotz ist auch Deutschland mädchenhaft jung im Vergleich zu dem, was sich in Mesopotamien lange vor Rom abspielte. Alte Gesellschaften haben immer etwas Chinesisches. Sie achten den Einzelnen wenig und begrüßen das Autoritäre. Sie sind schlitzohrig und gießen auch das Böse in Humor. So dass es sich einprägt, schließlich hat es sich bewährt.
Als Repräsentant gleichzeitig bewahrender und fortschrittlicher Kräfte steckt Hasan in einer Zwickmühle. Einerseits versteht der Hauptmann die von Atatürk geformte Türkei als Schrumpfform des Osmanischen Reichs und älterer Gesellschaftsformationen auf dem von ihm persönlich beschützten, manchmal auch beschossenen Staatsgebiet und in den verlorenen Weiten babylonischer Prachtentfaltung mit effektiver Vielweiberei, orientalischer Klugscheißerei, Myrrhe- & Weihrauchgedöns, Kameldungexport und jeder Menge Sklaven. Andererseits sieht sich der Kommandant an der Sturmspitze der Zukunft seines Landes. Das Dilemma löst er im Kreis einer Avantgarde von Schwadroneuren allabendlich geschickt auf. Stichwort Wirtshausvollrausch.
Man ahnt einen kritischen Abstand des Erzählers zum Vater. Lieber hält er sich an die Mutter, die zur Hohlform für jeden Verlust wird, da es von ihr keine widerständige Selbstbeschriftung gibt. Ich bin mir nicht sicher, ob Gürsel seinem Andersich die Sentimentalität väterlich nur durchgehen lässt. Jedenfalls weint er ganz schön einem prall vergangenen Leben nach, all den “schwarzen, roten, weißen und sogar grünen Strings”. - Strings kursiv gesetzt. Sexuell sozialisiert wurde er in der Schlüpfer-Ära.
Der Roman erzählt im Schnelldurchlauf von der Verwandlung des Klassenbesten mit dem Wappen von Galatasaray auf der Hemdbrust in einen selbstgesprächig “launig lüsternen Greis” mit Rheuma. Gelegentlich fällt eine spitze Bemerkung zum amtierenden Pharao.

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Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 17.02.2017
ISBN 9783498073893
Genre: Romane

Rezension:

Als Dreiundzwanzigjährige gelangt die Ukrainerin Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko 1943 nach Deutschland. Als “heimatlose Ausländerin” begeht sie da mit sechsunddreißig Selbstmord. Sie lässt einen Mann und zwei Töchter zurück, die ältere Tochter begibt sich schließlich auf Spurensuche. Ihre ins Fiktionale durchstechenden Ermittlungen in eigener Sache greifen den Leser ans Herz. Natascha Wodin wurde für ihre Aufzeichnungen mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.
Kam die Mutter auf den Wegen der Deportation nach Deutschland und starb im Land ihrer Verschleppung? Oder ließ sie sich in der Ukraine von der deutschen Besatzungsmacht anwerben und blieb notgedrungen als Kollaborateurin? Die Autorin spricht zuerst von einer Deportierten, schwächt jedoch die Eindeutigkeit im Darstellungsverlauf ab. Jedenfalls zerstört der “Reißwolf zweier Diktaturen” die Mutter. Ihr gehört kein Leben. In einer Stahlhölle der Flick’schen Rüstungsindustrie wird sie zur Zwangsarbeit gepresst. Natalia, die erzählende Tochter, geboren in einem nationalsozialistischen Arbeitslager und “zu Hause im Ungefähren”, nähert sich auf den Umwegen der eigenen Ortslosigkeit der Geburtsstadt ihrer Mutter - Mariupol am Asowschen Meer. Sie setzt der maritimen Geografie blühende Fantasien zu und verpasst der Ukraine im Ganzen einen sibirischen Schneemantel.
Die Erzählerin als Kind - Natalias Vater geht als Metallhilfsarbeiter in Leipzig durch. Ihre Bleibe ist ein Schuppen. Darin bringt Natalia die Verhältnisse auf einer inneren Tenne zum Tanzen. In ihren “Dunkelkammern” belichtet sie die Welt neu. Biografische Tatsachen behaupten sich dagegen schwer. Die Fantasie wirkt als Schutzschild. Alle Erfindungen dienen dem Ziel, nicht vom grauen Nichts verschlungen zu werden.
Natalie verweigert der Dürftigkeit einer deklassierten, zudem staatenlosen “Ostarbeiterfamilie” das Recht auf Geltung, indem sie den im Keller schimmelnden kyrillisch beschrifteten, ein schwarzes Jahrhundert im Vollbild spiegelnden “Papierkram” der Eltern in die Mülltonne haut. Sie ist acht, als sie sich in einem befreienden Akt um den Identitätssockel negativer Selbstbestimmung bringt. Die Erzählerin beschreibt den Vorgang als Verbrechen. Sie ignoriert die Chancen der Selbsterschaffung als eine andere. Die Sehnsucht danach steht im Buch.
Stalin überzieht Deportierte mit dem Vorwurf der Kollaboration. Die Verschleppten und die Angeworbenen haben keine Heimat, sind aber bei ihren, der nächsten Pole Position zustrebenden Sklavenhaltern besser aufgehoben als in der vor Verdächtigungen knisternden Sowjetunion. Das Erbe der Stigmatisierung motiviert Natalie zu Hoch- und Weitsprüngen der verweigerten Realitätsannahme im öffentlichen Raum. Sie macht sich zum angenommen Kind dieser “rassisch minderwertigen” Leute, bei denen sie wohnt, und beansprucht auf dem Stoppelfeld spärlicher Informationen eine ansehnliche Ahnenreihe mit italienischer Oma.
Überrascht begreift sich die erwachsene Erzählerin als Nachkommende (auch) baltischdeutscher Aristokraten, die im 19. Jahrhundert der griechischstämmigen Bourgeoisie von Mariupol in die Parade fuhren und von der Oktoberrevolution aus ihrem Stand gerissen wurden. Die illustre Verwandtschaft bringt die Recherchierende zum Träumen. Doch als die Wehrmacht die Ukraine okkupierte, war die Familie längst von Hunger und Verbannung zersetzt. Die Mutter fand eine Anstellung ausgerechnet beim Arbeitsamt der Besatzer.
Bei ihren Nachforschungen gerät Wodin immer wieder in Sackgassen. Darin haben Horizonte der Verzweiflung nur eben nichts mit ihrer Familie zu tun. Wodin stapelt Unrechtsgeschichten. Sie fordert und erhält das achtzig Jahre alte “Geständnis” so wie jenes Urteil, das eine ältere Schwester der Mutter zur Verbannten machte. “Lidia, die Starke, die Mutige, die vielleicht schon fast Halsbrecherische”, wird Wodins Gewährsfrau. Sie hinterließ Tagebücher, die, wie es sich gehört, wieder und wieder der Vernichtung entgingen, um zum guten Schluss der Autorin zuzufallen.
Die Mutter könnte sogar Lehrerin gewesen sein; dieser “mit Dreck beworfene Untermensch”, der die Erzählerin in die Welt gesetzt hat. Es scheint, als wolle Wodin die in der Nachsicht Glanz gewinnende Mutter mitnehmen auf ihren Hochseefahrten zu den Häfen der Vergangenheit. Wieder denkt sie sich ein Leben aus, diesmal für die Mutter. Deren Vater war als Revolutionär zu früh daran gewesen. Der Versuch, die Geschichte zu überholen, wurde mit zwanzig Jahren zaristischer Verbannung abgegolten.

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Mexikanische Novelle

Bodo Kirchhoff
Fester Einband: 180 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 07.03.2017
ISBN 9783627002367
Genre: Romane

Rezension:

Vor Jahrzehnten bemerkte Bodo Kirchhoff in einer Poetikvorlesung, dass die “Christianisierung” seiner Sexualität im Internat gescheitert sei. Nach dem Abitur ging er zur “Luftwaffe nach Mengen auf der eisigen Alp”. Im Achtundsechzigervollrausch wollte Kirchhoff sich vom Klassenfeind ausbilden lassen und als Ausbilder Rekruten politisieren. In der Oberschwaben Kaserne verkümmerte Kirchhoffs Unterwanderungseifer. Der agitatorische Elan blieb auf der Strecke des Drills und der Sauferei. Kirchhoff kapitulierte vor der “Sturheit schwäbischer Bordelle”. Ausgebrannt mit einundzwanzig, suchte er das Weite eine Weile in Amerika. Wieder in Deutschland, zog ihn Suhrkamp nach Frankfurt am Main. 1984 veröffentlichte er da die “Mexikanische Novelle”. Darin distanziert sich der Autor von den skizzierten Erfahrungen, indem er sie in die fiktive Biografie des badischen Luftwaffenoffiziers Ritzi verlegt. Das erzählende Ich ist Journalist. Für eine Zeitung porträtiert es den in ihrem Breisgauer Verbreitungsgebiet aufgewachsenen und zur Ausbildung gerade auf einem Stützpunkt an der Grenze zu Mexiko stationierten Leutnant. Der Erzähler fährt ohne Auftrag weiter. Er erlebt sich gedämpft in einer Umgebung, die an Los Robles erinnert, jener Grenzstadt im “Zeichen des Bösen”, in der Orson Welles Ende der Fünfziger als Captain Hank Quinlan den Satan am Stock spielte. An einem Schwimmbeckenrand entdeckt der Journalist in einer Szene wie von David Hockney die Pazifikschönheit Ophelia. Ihre Freunde nennen sie Baby. Für den Fremden möchte sie in aller Ausführlichkeit Baby Ophelia sein. Ihr Alter gibt sie mit dreiundzwanzig an, wie um jeden Zweifel an ihrer Souveränität auszuräumen. Ihrem Bruder Emiliano gehört alles, was aus der Gegend ragt, der Erzähler studiert das Halbprofil des Gangsters. Er erkennt: Man will das, was einem fehlt. Er glaubt an gutes Aussehen. Er “atmet das Dasein ein ... wie ein Tier, das dem Geruchssinn folgt”. Er gibt einem andauernden Verwertungsdruck nach.
Ritzi nennt ihn deshalb einen Verschwender. Der Erzähler ist mit dem Vorwurf vertraut. Sein Selbstgefühl schwindet in der Nähe eines Mannes, der durchgreifend lebt und Schallmauerbrecher fliegen kann. Ritzi hat sich aufs Wesentliche reduziert. Sein Selbstbewusstsein steigt bei Gefahr wie die Säule im Thermometer.
Der Erzähler betrügt Ophelia mit einer “Käuflichen ... ich sah, dass sie keine Taille hatte”.
Als die Novelle zum ersten Mal erschien, zählte Kirchhoff zu den (nach Betriebsmaßstäben) jungen Autoren, die ich unterschätzt fand. Die Flakhelfergeneration saß in den Gremien und bestätigte eine Einsicht, die damals das Selbstverständliche verfehlte. Ich formuliere an Kirchhoffs Wortwahl vorbei: Das Schicksal der Väter war der Krieg gewesen, die dann kamen hatten kein Schicksal. Sie waren nur weiche (entwicklungsgehemmte) Ziele väterlicher Verdrängung.
Kirchhoff hatte sich mit einem “Debüt zum Fürchten” bekannt gemacht. Er erschien wie ein anderer Schakal von Metropolis, narzisstischer und wehrhafter als der Schakal Rolf Dieter Brinkmann. Seine Ästhetik verweigerte sich dem Wuselwalle des mit einem therapeutischen Jargon in die Verlängerung gegangenen deutschen Herbstes. Ich sah ihn gern als Materialprüfer, der am Limit entspannt. Seine frühe Prosa evozierte im Jetzt der Achtzigerjahre das Bild von einer Hand am Schaltknüppel. Die Blicke seiner Protagonisten griffen an. Einem Lebensgefühl lieferten sie Ansichten aus den Themenkreisen Vereisung und Vereinsamung. Die mexikanische Novelle beendete einen fünfjährigen Anlauf mit Geheimtippaspirationen.

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Fürsorge

Anke Stelling
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Verbrecher, 07.03.2017
ISBN 9783957322326
Genre: Romane

Rezension:

Als Tänzerin altert man jung. Der Leib verweigert die Tortur, bevor die besten Jahre beginnen. Seine Waffe ist der Schmerz. Damit erzwingt er die Stilllegung ruinierter Teile. „Wohl dem Abbaugebiet, dass eine neue Bestimmung findet”, salbadert die allwissende Ich-Erzählerin Gesche. Ich & allwissend gehen nicht zusammen, Stelling bezeichnet „Fürsorge“ vorsorglich als „literarisches Experiment“. Das Experiment ist gelungen, der Leser nimmt Gesche als Stalkerin wahr, die das Leben der Berufstänzerin Nadja neidisch erkundet. Der Autorin gelingt ein Wunder in doppelter Ausführung. Etwas Ungeheuerliches stellt sie als unterdurchschnittliches Erleben eng begrenzter Naturen dar. Einer unglaublichen Perspektive gibt sie eine verblüffende Plausibilität.
Gesche weiß: „Nadja hat die Hüfte einer Siebzig- und den Hormonhaushalt einer Fünfzigjährigen“. Als Spätgebärende scheint die Fünfunddreißigjährige keine „neue Bestimmung finden“ zu können. Allerdings hat Nadja schon einen Sohn, er kam in ihrem Leben bisher nur nicht vor. Die eigene, realsozialistisch gepolte, im zehnten Stock einer Leipziger Platte verwitterte Mutter versorgt den Enkel. Für Mario ist Nadja eine Stimme am Telefon, zu der er manchmal Mutti sagt wie aus Versehen. Mutti trifft den Sechzehnjährigen in ihrer Ursprungsumgebung, sie hat nichts Besseres mehr zu tun, als einen Geburtstag ihrer Mutter abzusitzen. Mario wohnt in ihrem alten Zimmer, sogar das Bett vom VEB Möbelwerke Zeulenroda gehört original zu Nadjas Kindheit und Jugend. Der Junge hat sich mit Hanteln zur formschönen Person ausgebildet. Er fährt Auto ohne Führerschein, die Kumpel johlen, als er ihnen die fremde Frau als seine Mutter vorstellt.
Von ihrem Berliner Heimschläfer Daniel, einem Heroin fixenden Komponisten und Manufactumfreak, empfängt Nadja zunehmend höhere Dosen Fremdheit. Er ekelt sich vor ihren kaputten Füßen, sie stört sein Schlafatem. Gesche überwacht die beiden wie ein schwacher Dämon. Sie meldet Verluste, noch bevor die Verluste sich bei Nadja und Daniel gemeldet haben. Diese dem Geschehen vorauseilende Aufmerksamkeit zieht Energie aus Verunglimpfungslust. Da geht es einer zu gut. Vom Golden Goal Schützen Oliver zum Vereinsmeier Bierhoff bedeutet in Nadjas Fach als Dozentin und Juryvorsitzende das sadistische Programm ihrer aktiven Zeit im Gegenzug auf die weichen Ziele der Elevinnen einwirken zu lassen. „Schäfchen“ heißen sie in der Sprache ihrer Zurichtung. Wegen eines Schäfchen reist Nadja wieder in die alte Heimat. Sie trifft Mario, dessen körperliche Vorzüglichkeit sie sich zu Herzen nimmt. Er ist sie in der rohen Erscheinung des idealen Selbst. Das Begehren der verhornten Sadomasochistin tarnt sich nicht mit mütterlicher Fürsorge. Der Sohn funktioniert für Mutti als Tankstelle, sie für ihn als Trainingsmaschine. Natürlich ist das Verhältnis ein selbstsüchtiges, wenn auch nicht steriles Unterfangen, eine Wiederholung der Nichtannahme des Kindes mit anderen Mitteln. Die Verweigerung der Selbstannahme. Missbrauch als Folge von Missbrauch. Die Bestätigung eines Pakts mit dem Teufel. Sehr schön erzählt.

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und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus

Doris Anselm
Fester Einband
Erschienen bei Luchterhand, 13.03.2017
ISBN 9783630875262
Genre: Romane

Rezension:

Doris Anselms Erzählungen verbindet die Plötzlichkeit alltäglicher Überfälle. Man rangiert sofort im Geschehen wie in einem morgentlich-vorstädtischen Haltestellengespräch, das sich nicht vermeiden ließ. Es wird viel vorausgesetzt und wenig ausgeführt. Ins Zentrum rückt ein Vorgang, für den es zig Beispiele in der Nachbarschaft gibt. Ein Interesse keimt an gehetzter Gleichgültigkeit vorbei. Ein Satz “fällt wie aus der Hand”. Eben noch garantiert der gute Ruf einer Haushüterin ein erfreuliches Einkommen. Sie selbst hebt ihre Diskretion und den zu verschwiegenen Aufenthalten sie verurteilenden Takt hervor. Sie setzt sich engere Grenzen als in den Arbeitsplatzbeschreibungen gezogen werden - und im nächsten Augenblick setzt sie ein Haus unter Wasser, um es wie das sinkende Schiff zu verlassen.
Die Autorin erzählt so, als sei der Leser sozial angeschlossen und ereignisnah erreichbar. Eine Staubwolke verflüchtigt sich, auf der “zerhackte(n) Straße” erscheint Tobias Schwarz und startet einen Erinnerungsfilm. Er endet in drei Feststellungen. 1. Die berichtende Anlageberaterin verdross schon in der sechsten Klasse eine stämmige Gesundheit. 2. Tobias litt damals an einer komplizierten Krankheit, die seine körperliche Entwicklung hemmte. 3. Seine Mutter versorgte die Unterstützer_innen ihres Sohnes mit unangenehm “weichen ... Vollwertwaffeln”.
Das ist eine Szene aus dem kollektiven Gedächtnis, es sind auf dem heißen Stein der Gegenwart verdampfende Allerweltserinnerungen. In der zwangsläufigen, die Schilderung förmlich begründenden Begegnung, unternimmt Tobias einen asthmatischen Anlauf zur Verschleierung seiner Hinfälligkeit. Im weiteren Tagesverlauf versagt die aus ihrem Trott gerissene Beraterin beruflich. Abends bemerkt sie einen “schwarzen Spiegelschrank” im Vorfeld einer Veränderung ihrer Verhältnisse. Der Leser erkennt sie wieder als Lora Schmarges. Zwei Geschichten zuvor war sie ein schlampiges, mit einer irritierenden Familie geschlagenes, misstrauisch beäugtes und als Freundin ungeeignetes Kind im Hoheitsgebiet einer hochmütigen Erzählerin. Bei den alten Schmarges schimmelte sogar das Plastik. Loras Eltern rauchten Nebelwände zusammen, während sie Hartnäckigkeit auf verlorenem Posten bewiesen. In der Nähe ihres Hauses gedieh unter Dotterblumen fettes Moos. Jetzt dementiert Loras Selbstbewusstsein diese Vergangenheit. Lora legt das Bürokampfkostüm ab und macht den Invaliden zum Liebhaber.
An anderer Stelle tritt Tobias als Kronzeuge eines akademischen Versagens auf. Er hustet, da ein anderer raucht. Seine unerklärliche Dienstbereitschaft unterwandert freundschaftliche Verhältnisse im Dunst von Wenn & Wäre. Wenn er ... dann wäre/hätte er ... Die Geschichte entgeht einer schlüssigen Auffassung, vielleicht als komponierte Entgleisung oder Umleitung zu einer Sackgasse des Begreifens.
Krolle hält sich nur mit dem eigenen Scheitern auf. Unwillkürlich fragt man sich, wie nah kommt man ihm gefahrlos? Er ist ein Schmuddel mit vom Wanst gespannter Trainingsjacke. Ein Rucksack ist ihm unentbehrlich. Er trägt einen englischen Gasdrucklader in die Kampfzone des S-Bahnverkehrs. Krolle erschöpft sich in kurzfristigen Vorteilnahmen. Bedeutend (in unbeschriebenen Kreisen) macht ihn das seltene Recht, Lea anzurufen. Lea könnte wegen Jul schon einmal auf Karli eifersüchtig gewesen sein? Oder wuchs sie wie Amy in England auf und war christlich, bis zu dem Tag, als sie von Adrian bekehrt wurde?

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43 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 20 Rezensionen

krieg, gesellschaft, rassismus, irak, paris

Die Zeit der Ruhelosen

Karine Tuil , Maja Ueberle-Pfaff
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 10.03.2017
ISBN 9783550081750
Genre: Romane

Rezension:

François Vély ist immun gegen Schockelemente. Die Wände seiner Villa decken Bilder, die andere verstörend oder erregend finden, dem Hausherrn aber nur den Hauch einer ästhetischen Befriedigung verschaffen. Das muss man wissen, um zu begreifen, wie es dahin kommen kann, dass ein Mann von überragendem Format und Vermögen sich selbst der Internationale des verurteilenden Facebook-Prekariats zum Frass vorwirft. Für ein Porträt seiner in ihrer Spannweite kaum darstellbaren Persönlichkeit posiert der Unternehmer auf Bjarne Melgaards umstrittener Pornpop-Plastik Black woman in the shape of a chair. Er entspricht der Bitte eines Fotografen, das Objekt zum Schauplatz seiner mit Yoga und Diät in perfekter Form gehaltenen Erscheinung zu machen. François übersieht nonchalant “die politische Brisanz” und den Kommentarcharakter der Inszenierung. Von der Empörungsindustrie an den medialen Pranger gestellt und als Rassist gegeißelt, erschöpft sich seine Selbstverteidigung in der Überzeugungskraft eines feuchten Händedrucks.
Ein Snob sackt durch - François repräsentiert eine von drei Absturzvarianten, denen Karine Tuil in ihrem jüngsten Roman nachgeht. “Die Zeit der Ruhelosen” ist als psychologische Studie und Thriller eine Klasse für sich, sehr gut geschrieben und so belebend wie ein Fahrvergnügen. Die Autorin steuert das Scheitern ihrer Helden von biografischen Zentralpunkten an. François’ Vater, ein Mann der Résistance, stellte einst Buchstaben um. Zum Zweck einer Neuerfindung als reibungslose Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in Frankreich machte er Vély aus Lévy. Nun setzt ein jüdisch eifernder Sohn dem katholisch Angepassten zu.
Romain Roller, Alpenjäger im Offiziersrang, verliert in Afghanistan seine soldatische Zuversicht und den Glauben an Frankreich. Der Chasseur alpin mit maghrebinischem Migrationshintergrund überlebt einen als Hinterhalt deklarierten Planungsfehler, während befreundete Untergebene aus seiner Banlieue zerfetzt werden.
Am Ende eines abseitigen Aufstiegs trainiert der schwarze Sozialarbeiter Osman Diboula (aus Clichy-sous-Bois) an der Seite des französischen Präsidenten, bis er nach einem Kurzversagen seiner Selbstbeherrschung als “Casting-Fehler” abgehakt wird. Die Deklassierung zersetzt ihn. Sie zerstört das Verhältnis zu seiner im Aufstiegsfieber kochenden Gefährtin. Osman vergeht vor Scham, dem “Nährboden für überschäumende Wut, brennenden Ehrgeiz und Rachegelüste”. Er erfährt “das Trauma der verschlossenen Tür”, das ihn, in einer genial erzählten Zusammenführung, mit Romain und François verbindet. Kein Schwarzer, kein Araber und kein Jude erhält (so sagt es Tuil) in Frankreich Zugang zum inneren Kreis der Macht.
In einer als Resort allgemein zugänglichen “Dekompressionskammer” für heimkehrende Teilnehmer an der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) in Paphos auf Zypern begegnet Romain der Journalistin Marion Decker. Wegen ihr sprang François’ erste Frau Katherine aus dem Fenster und die mitarbeitende Geliebte Sophie aus ihrer Fassung. Die neue Gattin führt den ausgebrannten Oberleutnant in die Hörigkeit. Auf dem Weg dahin versagt er gegenüber seiner Familie.
Romain betrachtet sich nun als Wanderer zwischen den Welten der Lebenden und der Toten. Ausgerechnet die fatale Marion reanimiert seine sensitiven Stummel. Er öffnet sich einer gefährlichen Frau, während François die (Marion zuliebe) abgehalferte Sophie gefährlich wird.
Ein Schmetterling schlägt in Rott am Inn gedankenverloren mit den Flügeln und löst so eine Reaktionskette aus, in deren Verlauf ein Erdbeben vor Papakolea Beach einen Tsunami auf die Reise nach Japan schickt. In “Zeit der Ruhelosen” werden drei einander so absurd fern wie in dem Bild vom Schmetterling vor sich hin rollende Steine gleichzeitig angehalten. Im Folgenden erlebt François die von Vernichtungswut befeuerte Skandalisierung seiner Person, zurecht, wie seine Tochter findet, die Kafkas Brief an den Vater zur Vorlage einer Abrechnung macht. Osman kehrt als Versager zurück ins Ghetto. Romain füllt seine innere Leere mit bausteinartigen Nachahmungen richtigen Lebens.
Dann übernimmt es Osman, François zu verteidigen, Romain lässt sich von einer Sicherheitsfirma anheuern, plötzlich sind alle in Bagdad - und die Spannung steigt.

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Male oscuro

Ingeborg Bachmann , Isolde Schiffermüller , Gabriella Pelloni
Fester Einband: 259 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 20.02.2017
ISBN 9783518426029
Genre: Biografien

Rezension:

Ingeborg Bachmann ist die Romy Schneider der Literatur. Schneiders Spiel mit Michel Piccoli löscht Karlheinz Böhm aus. Die Verwandlung von Sissi in eine Verrauchte geht dramatisch über die Bühne. Gemessen an den Margen des Literaturbetriebs absolviert Bachmann eine kongeniale Karriere auf den Feldern der Anerkennung und der bedeutenden Männer so wie in den von psychischen Einbrüchen verheerten Kellern der versuchten Selbstmorde. Beide Ikonen zerreißt die Spannung zwischen gewöhnlichen Bedürfnissen und außergewöhnlichen Fähigkeiten. Beide sind schließlich Gezeichnete. Der Alkohol- und Medikamentenmissbrauch schenkt dem Unglück Jahrhundertgesichter. Manche Namen und weitere Gründe des Bachmann’schen Unglücks kennt man seit Jahrzehnten. Andere gehörten bis jetzt zum Unzugänglichen im Nachlass. Nun erscheint Entsperrtes. Die Herausgeberinnen Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni haben die Grenzen zur Indiskretion zweifellos wie auf Millimeterpapier vermessen, gefangen von philologischen Skrupeln.
Der Autor ist seinem Werk egal, anders könnte es nicht überleben. Wer braucht das, was nicht Werk geworden ist? “Male oscuro” eröffnet die neue Gesamtausgabe mit Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit, mit Traumnotaten, Briefen, Reden und Entwürfen. So führt es der Untertitel ungefähr aus. Der Haupttitel zitiert den Titel des Krisenberichts eines italienischen Schriftstellers. Bachmann rührt divers daran, Male oscuro scheint magisch besetzt zu sein wie zur Ankündigung einer Überschreitung. Die Autorin spricht für andere, wo sie sich an Ärzte wendet. Da vertritt sie “die meisten ... (die) nicht fähig sind, zu formulieren”. Sie setzt das Kafkawort von der “Scham, die uns überlebt” ein. Ihre Scham ist selbst gewaltig, wenn sie in einem Buch “wiederlesen muss, wie sie mit ihrem Mann gelebt hatte, dann wie sie als junges Mädchen das getan oder jenes unterlassen hatte”. Sie fühlt sich ausgeschlachtet und zu Wurst verarbeitet. Sie will keinen Unterschied mehr zwischen einem Schriftsteller und einem Schlachter erkennen.
Ich weiß gerade nicht, ob Heiner Müller oder Bertolt Brecht, doch behauptete einer dieser Suhrkampautoren: Die entscheidende Frage lautet, wer frisst wen? Die Aufzeichnungen zeigen Bachmann in behandlungswürdigen Zuständen, angegriffen vor allem vom misslungenen Scheitern der Beziehung zum robusten Max Frisch in seiner Mein-Name-sei-Gantenbein-Phase Anfang der Sechzigerjahre. Frisch folgte Celan, die Dichter_innen waren sich zuerst begegnet, bevor Celan Gisèle 1952 heiratete. Trotz vehementer außerehelicher Befruchtungen blieb Celan bei seiner Frau. Von ihm ist nicht mehr die Rede, aber von Frischs Verrat, der Bachmann entkräftigt und wehrlos macht, bis daraus wieder Literatur wird. Nächsten Monat erscheint zum Beispiel solcher Umwandlungen von persönlichen Verlusten in literarische Gewinne “Das Buch Goldmann”.
Ein Eingriff nimmt Bachmann aus dem Reproduktionswettbewerb. Berlin wird zum Schauplatz noch eines Zusammenbruchs. Ein Arzt rät zum Festhalten der Träume. Bachmann träumt von Knieoperationen und Fahrradtouren, keinesfalls künstlerisch wertvoll wie seit Rahel Varnhagen so viele aus der ersten Reihe. Hannah Arendt analysierte die mit sozialen Bedeutungen geladenen Schlafresultate als Sublimationen gesellschaftlicher Frustrationen. „Was das Bewusstsein verdrängt, kehrt in der Nacht zurück.“ Gestaltete Träume sind Ausdruck durchgreifenden Selbstgefühls. Das fehlt Bachmann. Sie wirkt wie eine ertappte Elevin mit dem Geständnis: “Ich möchte mit (einem) ... Kamel schlafen.”

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roman, debüt, trauer, tod, empathie

Ein fauler Gott

Stephan Lohse
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 06.03.2017
ISBN 9783518425879
Genre: Romane

Rezension:

Auch im Sommer 1972 ist die Welt kein sicherer Ort. Die amerikanischen Streitkräfte starten eine Luftoffensive über Nordvietnam. In Irland heizt der Blutsonntag vom Januar weiter die Feindschaft zwischen Nordiren und der britischen Besatzungsmacht. Bei einer Geiselnahme im Olympischen Dorf von München sterben elf israelische Athleten. Die Spiele gehen weiter, “Heide Rosendahl ist unsere Beste”. Sie holt Gold und Silber für Deutschland. Während der fünfzehnjährige “Goldfisch” Shane Gould zum Publikumsliebling (u.a. mit drei Goldmedaillen in Weltrekordzeit) aufsteigt, Mark Spitz das Unvorstellbare gelingt, Josef Ertl unser Bundesminister für Ernährung und Forsten ist und die Wissenschaft erkennt, dass die Schweiz erdgeschichtlich in Afrika liegt, wird Benjamin, Ben für seine Freunde, elf. Sein jüngerer Bruder Jonas ist gerade gestorben “und kann sich alles erlauben”. Ben stellt zum Zweck der Kontaktaufnahme die Frage, wie Seelen miteinander reden. Auf welcher Frequenz funken sie? Sieht Ben bei Windgassens fern, sind die Badehosen der Flipperfreunde “Sändi und Böt” bunt, weil Chrisses Eltern einen Farbfernseher haben. Sie haben auch eine goldene Haustürklinke.
Stephan Lohses schnurrender Erzählton lädt zu einer schnurrigen Besprechung ein. Der Ton durchdringt den Schutt der angehäuften Jahre und erreicht Verschüttetes; all die Schluckaufs und telepathischen Selbstverständlichkeiten der Kindheit. Jonas’ Tod bürdet Ben eine enorme Verantwortung als zusätzliche Belastung auf. Er muss sich um seine alleinerziehende Mutter kümmern, die sich wie eine Verlassene aufführt. Todtraurig wendet sich Ruth dem Notwendigen zu. “Den eigenen Tod sterben wir, den Tod unserer Kinder müssen wir leben.”
“Sie spottet über ein Leben, das nur mehr andauert, eine stete Folge gesichtsloser Tage.”
Täglich prüft sie den Zustand eines vergessenen Wurstbrots in Jonas’ Brotbeutel. Die Stulle als Reliquie - Ben scheinen genug magische Gewissenheiten zu bleiben, um seelisch über die Runden zu kommen. Trauer und Verständnislosigkeit wirken aber in den Zweifeln an der Verlässlichkeit seiner Verhältnisse. Das Kind kämpft mit den Mitteln der Verdrängung um sein Urvertrauen. Ein harter Alltag mit vielen Jungen, die größer sind, fordert Ben bis zur Verausgabung. Das Leben ist ein Handgemenge und Mark Spitz (7km/h) im Vergleich mit jeder Makrele (59km/h) ein lahmer Schnurrbart. Auch Gott lässt zu wünschen übrig in Bens unmittelbarer Weltauffassung. “Gott wohnt gleichzeitig in allen Kirchen ... und hört dort den Menschen beim Beten zu.” Doch weiß keiner, ob er überhaupt Deutsch kann.
Plötzlich will der Erzeuger Zeit mit Ben verbringen. Ben fährt mit Pappi zum Flughafen, die Beziehung ist für eine Klärung zu kompliziert. Ben hält sich an seine Mutter, die kennt er. Doch dann wird sie krank.

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Die Rückkehr

Hisham Matar , Werner Löcher-Lawrence
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 27.02.2017
ISBN 9783630874227
Genre: Romane

Rezension:

“Ich schulde dir eine Universitätsausbildung, danach musst du für dich selbst sorgen.”
Die väterliche Feststellung signalisiert den Kurs einer Existenz in einem Kreis von Existenzen. Sie spiegelt Erwartungen, die eine Führungspersönlichkeit in sich gesetzt sieht. Jaballa Matar, Bayern München-Fan und Kopf einer Anti-Gaddafi-Miliz, begreift sich als connecting link zwischen den Generationen. Nach seinem Ideal trägt jeder Libyer die Geschichte eines Stammes in die Zukunft. Das ist seine Aufgabe auf der ersten Stufe. Alle Schulungen richten ihn dafür ein. Wer zu Größerem befähigt ist, steigt zwangsläufig auf. Keiner hat das Recht, hinter seinen Möglichkeiten zurückzubleiben.
Hisham wird 1970 in New York geboren, er wächst in Kenia, Ägypten und England auf. Sein Bruder Ziad geht in der Schweiz zur Schule. Der Kosmopolitismus ist zuerst der Diplomatenkarriere des Vaters und dann Verlegenheiten des Exils geschuldet. Das Exil verurteilt Hisham dazu, alles für vorläufig halten zu müssen. Er verliebt sich in den englischen Nebel und in die Zauberstimmungen keltischer Landschaften. Daheim in Kairo lernt Hisham von Britannien reiten, schießen und schwimmen. Die Grundausbildung für höhere Söhne absolviert er “hinter den Pyramiden von Gizeh”. Es fehlt nur noch Indiana Jones vor dem Feuerball einer unbarmherzigen Sonne. Nicht, dass Hisham Matar zur Schwelgerei neigt. Er schreibt sachlich. Trotzdem steckt Hitze im Text.
Einmal beobachtet der Vater, wie Hisham Münzen erst zählt, bevor er sie einem Bettler gibt. Matar verlangt: “Das nächste Mal machst du keine Vorführung daraus ... Gib so, als würdest du nehmen.”
Wir brauchen einen Vater, gegen den wir uns auflehnen können, schreibt Hisham. Der fehlt ihm. Gaddafi lässt den guten Mann 1990 entführen und macht ihn zu seinem Nachbarn in Tripolis. Sechs Jahre sitzt Jaballa Matar nachweislich in Abu Salim. Danach verliert sich seine Spur. Im Gefängnis bleibt er isoliert. Trotzdem findet er Wege der Kontaktaufnahme zu inhaftierten Verwandten. Nach Gaddafis Sturz besucht Hisham einen Onkel, der einundzwanzig Jahre in Abu Salim eingesperrt war, wo er den Bruder bis Sechsundneunzig zwar nicht sehen, wohl aber hören konnte - als Rezitator von Gedichten. Wer ein Buch auswendig kennt, trägt ein Haus in seiner Brust.
Nach Matars Entführung zeigt sich kein Befreiungskämpfer der eingeschworenen Truppe und auch sonst kein Dissident den Verzweifelten. “Es war, als hätte uns eine ansteckende Krankheit befallen.” Die Finanzierung der Freischar verbrauchte ein Privatvermögen von sechs Millionen Dollar. Die Mutter, “die ihr ganzes Leben nicht einen Tag für Geld gearbeitet hatte”, steht mittellos da. Hisham ist wie gelähmt nach all den altruistischen Lektionen. Er entgleitet der Erstarrung im Merhamet (Großherzigkeit) der Umma (Gemeinschaft). Erst im befreiten Libyen kommt er wieder zu sich in der beduinischen Stammesgemeinschaft. Sie hat Plätze für ihre Gedichte, Orte der Kontemplation und der Feste. Sie hat die Wüste, auch als Metapher. Hisham gedenkt eines (im letzten Häuserkampf) gefallenen Cousins, für den der Befreiungskampf direkt vor der eigenen Haustür begonnen hatte. In Schlappen war der angehende Bauingenieur Izzo in den Kampf gezogen - gegen Panzer, die Bengasi (die andere Stadt, von Tripolis aus gedacht) planieren sollten. Das Fazit stand schon auf Plakaten: Hier war Bengasi. Sich auf einem Schlachtfeld überhaupt erst mit schweren Sachen zu bewaffnen, war für Izzo und seine Freunde nicht ungewöhnlich gewesen.
Erinnerungen sind Geschichten, die eine Existenz beglaubigen, schreibt Hisham Matar. Die Qualen seines Vaters werden erst mit dem Tod des Sohnes enden. Die Suche nach der Wahrheit, die Frage, was geschah Jaballa Matar im Kerker, untergräbt das Leben des Autors. Er redet mit einem Leser, er antwortet seiner amerikanischen Frau Diana, er bestellt in einem Restaurant Riesengarnelen ... immer mit der Anstrengung, sich von den Tentakeln der Folter, der sein Vater unterworfen war, nicht aus dem Alltag ziehen zu lassen. Er spürt sie wie Fesseln, die den Körper immer erpresserischer einschnüren. Er kann nicht Hamlet sein und (einer See von Plagen) erliegen. Er muss das Zeugnis seines Vaters ablegen.
Tripolis ist längst gefallen, als Hisham Matar 2012 die Lage peilt. Er sondiert in einem Land der Milizen. Wer das Abenteuer nicht sucht, hält die Fensterläden geschlossen. Während über Afrika die Sonne durchdreht, glimmt in den Häusern künstliches Licht.

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roman

Haus für eine Person

Barbara Kenneweg
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 10.03.2017
ISBN 9783550081774
Genre: Romane

Rezension:

Am Ende wird Rosa “wie eine Kuh” schreien und endlich glücklich sein. Am Anfang ist sie gerade umgezogen. Wie weggestellt und vergessen findet sie die Gegend ihrer neuen Anschrift. Vor allem Rentner leben da. Mitten in Ostberlin halten sie sich wie an einem nicht allein topografischen Rand auf. Der Rand könnte Stadtteilzentrum werden, nach einer Verdrängung der Eingesessenen.
“Kleiner als jede Remise” ist Rosas Haus. Es hütet viel Vorbesitzerkram, darunter die siebzehn rotblonden Perücken einer Frau, die sicher gehen wollte, ihr Selbstbild bis zum Schluss reproduzieren zu können. Sie starb vor ihrem Mann, der es nicht fertig brachte, den planwirtschaftlich produzierten Putz wie Plunder zu behandeln.

Alte verlassen ihre Räume selten freiwillig. Man muss sie evakuieren wie in Tschornobyl 1986. Lässt man sie, kehren sie unwillkürlich zurück und vereinsamen radioaktiv zwischen kontaminiertem Spalierobst und eingelegtem Gemüse in Geisterstädten. Hisham Matar sagt: Wer die Verbindung zu seinem Ursprung kappt, wird zu einem toten Baum, hart und leer. So weit ist Rosa noch lange nicht. Sie nagt am Vorrecht der Jugend, sich für unsterblich zu halten. Zu den Sterblichen zählt Herr Scholl, der eisern vergreist. Rosa provoziert der hagestolze Nachbar zu dem Vergleich mit “einem Ritter in voller Rüstung, der zum Laufen auf eine Gehhilfe angewiesen ist”. Auf dem Weg zum “Zenter”, einer Shopping Mall im DDR-Stil, will sie unbemerkt an dem Rüstigen vorbei. Seine Wachsamkeit lässt das nicht zu. Scholl erzwingt den Plausch am Zaun. Einer alltäglichen Verrichtung gewinnt er die ”Suche nach dem gestrigen Tag” ab.
Rosa rezensiert ihre Umgebung. Sie kritisiert Reklame. Überall sieht sie “Schmutzränder und desolate Rückstände”. Die “Wahrheit liegt auf der Straße als schäbiges altes Ding”. “Das Zenter” erlebt sie als “dreistöckigen Müllkorb ... der den Überschuss der Weltwegwerfwirtschaft zu Wegwerfpreisen wohlgeordnet ... auskippt”. Historisch ist der Versorgungstrakt eine Adresse des gehobenen Konsums am Anton Saefkow-Platz. Vor Neunundachtzig zogen die Leute gern aus den maroden Altbauten im Bezirk Prenzlauer Berg in die Lichtenberger Plattenbau-Ensembles mit ihren Müllschächten und Einkaufszentren. Ich bin auch gern in dieser Ecke, der Stimmungsbogen zwischen Vorstadt und Kiez bräuchte zu seiner Darstellung eine Kollwitz. Rosa sieht die Welt mit anderen Augen. Ihre Abneigung gegen die Anton Saefkow-Schwimmhalle streift das Phobische an einer Tangente des Pingeligen. In der Aversion verwandeln sich Schwimmer in Pilze. Rosa sieht “weggeworfene Menschen”. Sie tröstet sich mit Erdbeereis. Sie lehnt den Kopf gegen eine Laterne und “stöhnt”. Ihrer Sehnsucht die Gestalt eines Mannes zu geben, hilft nicht. Glaubt Rosa, dass sie anderen anders erscheint: als ihr die Trinker_innen erscheinen, die vor dem Markt leger geworden sind?
In der Konsequenz einer übertriebenen Begegnung mit Makler Klaus wurde Rosa schwanger. Jetzt merkt sie das. Sie schrullt zur Beratungsstelle, hadernd wie immer mit den Folgen der Berliner Veränderungsgeschwindigkeit. Hallo, in Brandenburg gibt es Käffer, da baut nur noch der Storch. Oder entschleunige dich doch auf dem BER. Das Schwangerschaftsgück kupiert die Spitzen des Räsonnements. Im Textuntergrund lassen sich Celan und Camus vernehmen mit Margaretes goldenem Haar und einer Anspielung auf den berühmtesten ersten Satz der Belletristik. In Rosas Leben zählt er seit einer Weile zur Wirklichkeit: Heute ist Mama gestorben.

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Walter Nowak bleibt liegen

Julia Wolf
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 07.03.2017
ISBN 9783627002336
Genre: Romane

Rezension:

Walter Nowak ist einer dieser Achtundsechzigjährigen. Deren Rüstigkeit nervt. Jeden Tag schwimmt der Nussknacker pathetisch in den Schmerz, wenn er seine tausend Meter absolviert, als gäbe es nichts Wichtigeres auf Erden. Er mobilisiert sich und hält sich an seiner Form fest. Er betrachtet sich wie man eine vom Einsturz bedrohte Baracke betrachten könnte.
Julia Wolf spielt mit der Gedankenlosigkeit und Fetzenhaftigkeit von Spruchweisheiten und den ihnen verwandten stereotypen Halbsätzen, die aus den Ätzbädern der Niederliegen keinesfalls zum Trost, wohl aber betäubend aufsteigen. Alles halb so. Es wird nichts so. Morgen ist auch noch. Früh krümmt sich. Was du heute kannst. Es ist wahr, so läuft das ab in einem alten Kopf. Fast nichts mehr formuliert sich zu Ende. Fast nichts mehr ist der individualisierenden Rede wert, es sei denn die Konsistenz des Frühstücksei. Jederzeit könnte Walter, was auch immer, ebenso gut lassen.
“Ein alter Mann, der immer noch denkt, ist eine Groteske. Greise müssen fertig sein”, sagt Gottfried Benn. In der räumlichen und zeitlichen Umgebung der ertüchtigenden Praxis nährt Walter eine trockene Geilheit. Er lockt die unschön geschrumpfte Libido hinter dem Ofen hervor. Er animiert den Restposten mit jungen Müttern, die zuhauf unter sich und den Rentner_innen sind, bis die Schule aus ist und ein Radau der losgelassenen Pubertät den nächsten Umsturz ankündigt. Hallende Wasserklangbilder untermalen die Stunden des geschwätzigen Ausschlusses elementarer Störungen.
Walters vom Chlor und von der Anstrengung getrübter Blick schnappt sich aus Versehen eine Mutter mit dem Bewegungsbild eines Kampfhundes. Sie guckt auch bissig zurück. Bald darauf erwacht Walter aus einer Ohnmacht und findet nicht mehr zurück in den aufgeräumten Trott seines Alltags. Er fährt heim und verwechselt da einen Saft mit seinem Blut. Er gönnt sich ein Essen vor dem Fernseher. In dem totalitären Fürsorgeregime, das bis zum Ablauf von Walters weltlicher Verweildauer herrschen wird, kann das nicht zur Gewohnheit werden. Yvonne hält so ein TV-Lunch für schädlich. Walters Herrin meldet sich von einer Menschenrechtskonferenz, klärt das greise Mündel fernmündlich ab und hat weiter ihren Spaß in weiter Ferne.
Walter verliert den vertrauten Kurs, sein halbwirres Selbstgespräch wird als innerer Monolog zur Kunstform. - Wird ohne einen weiteren Teilnehmer zum Entmündigungsgespräch. Kein Mensch bemüht sich, Yvonne ist schließlich auf der Konferenz oder liegt mit einem “großen, blonden ... (jungen) Gockel” im Kornfeld ihrer verlorenen Jugend. Der Badeunfall hat Walters Bewusstsein zersplittert. Die Matrix ist im Eimer. Walter macht Klimmzüge an biografischen Seitenästen. Er grimassiert vor Anstrengung. Gisela, seine erste Frau, erscheint auf einer extra schäbigen Bühne. Erst jetzt greift die Ahnung, dass Walter immer noch im Schwimmbad Bodenkontakt hält. Vielleicht wird er sich nie wieder erheben, der Titel deutet das an. In Walters Halluzinationen wälzt sich die Vergangenheit wie eine Armee Untoter aus grauen Schächten. Walter hat schon die Freiheit der Irren, wie die Literatur sie verzeichnet. Eine in langer Abwesenheit zur Unbekannten gewordene Autonomie sagt leise Hallo. Sagt: “Tanz mit der Sau.” Sagt: “Immer schön rühren.”
Ja, das war mal, als Gisela noch mit einem Mann verheiratet war. Dem Vater ihres Sohns Felix. Walter Nowak hieß der Mann. Wo ist er geblieben? Walter bittet die Ex um Küchenhilfe. Im Gegenzug verspricht jemand eine “potenzerhaltende Operation”.
So geht das immer weiter, sollte Walter bereits in ein Krankenhaus verbracht worden sein? Julia Wolf bekam 2016 den 3Sat-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs für die nachbildlich purzelnden Eindrücke und den Erinnerungsschneematsch des Herrn Nowak. Oft verknappt sie ihn zu einer Gerüchtefigur und vermarktet seine Schwäche als einzige Hinterlassenschaft. Sie tritt ihn ins Jenseits. Am Ende liegt Walter wieder in veralteter Frische am Beckenrand und träumt hoffentlich schön.

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SUPERBUHEI

Sven Amtsberg
Fester Einband: 360 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 07.03.2017
ISBN 9783627002343
Genre: Romane

Rezension:

Wieder einmal geht es um das Scheitern in seinen Spielarten. Ein Elvisimitator namens Bronske, der nicht singen kann und dem Original über die Korpulenz hinaus auch nicht ähnlich sieht, verliert seine Frau am 17. August 1993. Das Datum merkt er sich ohne Eselsbrücke und Gedächtnisstütze, da es den sechzehnten Geburtstag seiner Zwillinge Aaron und Jesse beziffert. Angeblich bricht an diesem Tag eine rührend desinteressierte Mutter nach Amerika auf, doch wer weiß, vielleicht siedelt die Missschlemmerstuben-Wettbewerbsteilnehmerin von 1972 auch nur von Hamburg-Rahlstedt nach Sonstwo in Österreich über. Jesse findet einen passenden Taucheranzug und folgt den Eltern “in das brackige Becken der Gewöhnlichkeit”. Wahlweise in das “Ermüdungsbecken der Bedeutungslosigkeit”.
Aaron bleibt alldieweil wie ein Kampftaucher unsichtbar in Schussweite. Will er den Zwilling ersetzen und Jesses studiobraune, mit heimlichen Schlafmittelgaben zum Träumen gebrachte Freundin Mona als falscher Bruder dämonisch erobern?
Sven Amtsbergs Erzählmanier erinnert an Jakob Arjounis B-Film-Melancholakonie mit dieser verschwitzten Vorliebe für Audrey Totter in der abgerockten Daseinswüste des seelisch verkarstenden Vinylfetischisten. Jede Säuferampel wirkt wie ein Analeptikum und alle Tristesse zitiert Edward Hopper.
Amtsberg macht in seinem Debüt zuerst HH-Rahlstedt zur Chiffre verunglückten Lebens. Er erweitert das Programm bis zu einem Meilenstein des Schönerwohnens vor Hannover, ich rede von Langenhagen, “dem Tokio Niedersachsens”, wo Mona von jeher daheim ist: in einem “atmenden Haus”, das ein “landkranker” Seemann einst direkt einem Maismeer als knatternden Strandbau vorgesetzt hat. Mona “füllt den Büstenhalter mit dem Bauch”, Klaus Meine meinte, man müsse Mona schon sehr lieben, um ein Foto von ihr in der Brieftasche zu haben.
Ja, Klaus Meine ist ein wichtiger Mann im Buch. Wikipedia sagt, “Klaus Meine ist der Sänger der Hard-Rock-Formation Scorpions und maßgeblich am Verfassen der Liedtexte und seit Ende der ... “. Jesse bewirtschaftet die Abfüllstation gleichen Namens im Anbau des Supermarktes Buhei, zu dem sich die Kaschemme Klaus verhält wie der Pickel zum guten Arsch. Mona arbeitet an der Marktkasse, sie wacht über Jesses Suff. Jesse steckt lange schon im Suchtkerker, sein Unbehagen schiebt er den Gästen in die Schuhe, die unbefangen durchhängen. Er denunziert die Leute, reibt sich an ihren Schwächen, als gäbe es da was zu holen oder auch nur zu begreifen. Das wird zur Schwäche des Romans, dieses Motzen wegen irgendwelcher Mumien in längst trockengefallenen Brunnen. Die Todgeweihten erwarten den Herrn der Hähne jeden Vormittag mit der speichelnden Vorfreude unserer vierbeinigen Freunde. Um über die Runden zu kommen, mussten sie vortrinken, das Büchsenbier aus dem Supermarkt in Ehren kann einem keiner verwehren. Es folgt die Druckbetankung, ab Nachmittag beamt sich Lord Jim ins Geschehen und gibt die Schlagzahl an. Wann Nachmittag ist, hängt vom Empfinden ab. Die phonetische Nähe von Eichstrich und “Eichelstrich” auch, so weit es die Lustigkeit betrifft. Der Diminutiv ist Chef im Ring. Jesse macht sich Gedanken über das Innere eines Säufers, er stellt sich die beschleunigte Gärung in ihrer Prozesshaftigkeit vor. Er schläft mit einem Gewehr im Bett, wähnt sich aber ständig selbst im Fadenkreuz. Sein Sein leuchtet im Strahlenkranz der Paranoia.

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Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum kam

Britta Boerdner
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 07.03.2017
ISBN 9783627002350
Genre: Romane

Rezension:

Kurz sind die Wege vom Scherz zum Spott. Dem Argwohn folgt das Gerücht. Das Leben wiederholt sich in der Weitergabe von Vorwürfen. Es vollzieht sich in Anspannung und Anpassung. Allein die Eingesessenen halten Vorsprünge des Eigensinns. Zugezogene bleiben auf dem Prüfstand. Das beschreibt die Lage in Randstetten, einem Wetterauer Weiler, gefasst in kodifizierter Lieblichkeit. Streuobstwiesen, Äcker und bezwungene Wälder gliedern sich zu Verherrlichungsansichten. Die Römer besangen eine von Schroffheit unberührte Landschaft, die sich ihrer Zivilisation förmlich anbot. Schriftsteller zerrissen sich in Schilderungen der maßvollen Natur. Die Gegend dient drohenden Taunushängen arglos als Vorland. Nichts weiß sie von den widrigen Windverhältnissen in höheren Lagen. Nun befährt ein amerikanischer Musiker im Käfer ihre Treckerpisten. Es hat lange nicht geregnet, die malerisch ausgefahrenen, im Glutofen des 69er-Sommers hart gebackenen Spuren haben ihren eigenen Reiz. Kies haftet sich an die Reifen und penetriert Profillücken.
Der Musiker heißt Frank Z., Z. wie Zappa. Er kommt aus Kalifornien und spielt die Gitarre in seiner Band, kann aber auch alles andere. Frank hat sich Europa zur Erholung verschrieben. Er fährt spazieren, bis ihn ein Achsenbruch in Randstetten stoppt. So geht die Geschichte los. Am Ende glaubt man, das Atlantis der Flower Power-Ära sei gemeinsam mit Omas guter alter Zeit in Randstetten versunken. Zum Kolorit gehört das Geschepper der Türglocke vom Edeka und das “Henningerbraun” der Wirtshauseinrichtung, auf Phon getrimmte Mopeds, verblendetes und vorgetäuschtes Fachwerk, Freddy Quinns Heimweh-Hymne “O schön, schön war die Zeit/.../Brennend heißer Wüstensand/fern, so fern dem Heimatland” in jeder Kneipenmusiktruhe so wie englische und amerikanische Siegerlyrik, die in Jupps Dorfdiskothek Sunnyside wildestem Remmidemmi Vorschub leistet. Happiness is a warm gun - Im Sommer der Liebe hört man die Beatles noch in Randstetten. Are you lonesome tonight - Seit Presleys Stationierung in Friedberg ist die Wetterau Elvis-County. In Boerdners Roman zählt der Epoche machende Wehrdienst zur erweiterten Gegenwart.
“Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum” kommt, ändert sich für die Belegschaft alles. Der ausschweifende Titel erinnert an Peter Kurzecks “Der Nußbaum gegenüber vom Laden, in dem du dein Brot kaufst”. Ich habe den Titelpunkt weggelassen, den versteht man nicht mehr. Kurzeck hat jede Bodenwelle auf der Strecke Staufenberg - Frankfurt im Text festgehalten. Ihm entging kein Zigarettenautomat an einer Gasthausfront. Er kannte die beleuchtete Einsamkeit der Telefonhäuschen im Nachtschatten der Dorfgemeinschaftshäuser. Boerdner könnte als Petra Kurzeck weiterschreiben. Drei Generationen bewirtschaften das Wirtshaus mit Fremdenzimmern für Durchreisende. Wehe, du willst bleiben. Am Herd steht drakonisch Oma Böhm, eine aus dem Osten Geflüchtete, “aber sauber”. Wie freiwillig sie zu ihrer Tochter gekommen ist, weiß man nicht genau. Rosi könnte ein Russenkind sein, ihre Tochter Ev ist ganz bestimmt eine halbe Texanerin, gezeugt im Nachklapp des Fräuleinwunders. Eine Null im XXL-Format ergänzt die Weiberwirtschaft. Rosis Bruder Rudi “ist der Oma ihr Kind” geblieben. Heimlich macht sich Rudi seinen Flachmann voll mit dem Asbach aus der Dreiliterflasche, die mit dem Hals zum Boden am Buffetschrank jedenfalls mehr leistet als er. Rudis mondgesichtige Nachahmungen männlicher Schaffenskraft können in Randstetten keinen täuschen. Seine siebzehnjährige Nichte besucht in Hanau eine Sprachschule. Ihre Mutter kennt mit vierunddreißig immer noch nicht “das Geheimnis der Anziehung”. Ihre flexible Liebesbereitschaft lädt zu Enttäuschungen ein. Für die Enttäuschungen sorgen Fernfahrer und Vertreter. Doch jetzt ist da dieser amerikanische “Jesus in Leder”. In der Regie ihres Wunschdenkens fällt er Rosi in die Hände wie ein Lore-Roman-Prinz. “Kurz sieht sie ihr Leben Wirklichkeit werden.” Aber Frank sieht an der werbenden Frau vorbei in die schönen Augen ihrer rivalisierenden Tochter. Selbst der alimentierte “Unglücksfrosch” Rudi sucht Anschluss.

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flucht, kindheit, lissabon, hochstapler, odyssee

So, und jetzt kommst du

Arno Frank
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Tropen, 11.03.2017
ISBN 9783608503692
Genre: Romane

Rezension:

Der krumme Hund als toller Hecht - In “So, und jetzt kommst du” erzählt Arno Frank noch einmal die Geschichte der alten Bundesrepublik mit Klepperzelt, Tupperware Party, Gulaschkanone, sputnikförmiger Zigarettendose und der Kesselschlacht in Opas Erinnerung
1984 diskutiert der Bundesbürger die vorzeitige Verabschiedung und zunächst unehrenhafte Entlassung eines Vier-Sterne-Generals. Der stellvertretende NATO-Oberbefehlshabers für den Großraum Europa, Panzergrenadier Kießling, sieht sich dem Verdacht ausgesetzt, geschlechtlich mit anderen Männern zu verkehren. So einen kann der Russe leicht erpressen, das Risiko darf Verteidigungsminister Manfred Wörner von den Christlichen Demokraten nicht eingehen. Die Sache zieht sich wie Kaugummi, die Stammtische ätzen von Aachen bis zum Amt Südtondern, Homosexualität ist noch igitt und passt am Wenigsten zum Wesen eines Soldaten. Die “Krankheit” untergräbt unsere Abwehrbereitschaft. Zweifellos käme auch ein dreikäsehoher “Dreckspatz” in der Pfalz, der sogar schon das mütterliche Dekolleté eingeschifft hat, zu diesem Ergebnis, wäre er nur ein bisschen mehr auf Zack und nicht ganz so hinter dem Mond daheim.
Das indes, also “schwer von Kapee”, ist der Erzähler in Arno Franks bildschönem Romandebüt. Als vorerst Letzter hat der Journalist die Vorlage einer westdeutschen Jugend abgepaust und so die Konturen der alten Bundesrepublik (dem gelobten Land, das in den Erosionen der Wiedervereinigung abgetragen wurde) nachgezeichnet. Der Erzähler heißt genauso wie der Autor, nach einem Großvater, der wusste, wo es lang geht, seine Tüchtigkeit jedoch nicht weitergab an einen Sohn, dessen zweitliebster Spruch den Titel liefert. Eine Vorstadtpersönlichkeit spielt den Weltmann. Auf Kaskaden abschüssiger Unternehmungen entgleitet Jürgen Frank seinen Wohlstandsträumen. Er ist der krumme Hund als toller Hecht. Der geborene Bankrotteur. Ein schneidiger Versager mit einem Faible für jene Handgelenkstasche, die in der Rackerauchzartwelt der Siebzigerjahre als Necessaire an den Mann gebracht wurde - und von der rheinländischen Oma als “enne Schwuhledäsch” identifiziert wird. Im Roman folgt die Kießling-Affäre. Deshalb weiß der Leser, wann die ausladende, als Urlaub getarnte Absetzbewegung der Franks einsetzt. In lange Ferien fliehen neben und hinter Vater Jürgen, Mutter Jutta, Ich-Arno, Schwester Jeany, Bruder Fabian so wie die Hunde Riese und Zwerg erst einmal von Kaiserslautern zur “Kotasür”. Ein flotter Lügner steigt gerade in die Klasse der von Interpol Gesuchten auf. Vor den Flics versteckt sich “Monsieur Frank” im Schrank. Seine Frau lächelt jede Katastrophe in Grund und Boden. “Vergisst (sie), ihr Lächeln auszuschalten”, glüht es gefährlich weiter wie ein stromintensiver Heizstrahler. Jeany beobachtet Verwesungsprozesse mit Vergnügen. Fabian trägt zur Beruhigung seiner Mutter Tag und Nacht Schwimmflügel, die schlaff kombiniert mit vollen Windeln zu einem Elendstableau beitragen, das wenig zu wünschen übrig lässt.
In Umkehrung gottgewollter Machtverhältnisse beißt Zwerg den großen “Fressfeind”. Die Wunde wird zum Einfallstor für Parasiten. “Riesen weisen die Zuwendungen von Zwergen üblicherweise zurück”, schreibt Frank im Nachgang der Beobachtung, dass der Kleine die offene Stelle gewohnheitsmäßig einspeichelt. Befangen im Brehm’schen Deutungswahn, unterstellt der Autor dem Nachrangigen elegisch ein schlechtes Gewissen. Auch Tücke könnte das Verhalten des Lutschers steuern.
Noch kommt viel Leben aus dem Fernseher. In Frankreich steht Arno ein italienisches Mofa, genannt Moped, als Alternative zur Verfügung. Da geht seine kriminelle Energie hin. Der Vater verzockt “einen Arsch voll Geld”, bis er am Steuer einer “Türkenschaukel” in Portugal Afrika nahe kommt. In seinem erbärmlichen Gefolge bastelt sich Arno dazu einen Soundtrack: “Die Anfänge fehlen meistens, weil ich die Lieder über das Kassettendeck des Ghettoblasters aufgenommen habe, in das Ende plappert oft schon der Moderator hinein.”
Vor ein paar Wochen schrieb Frank als Delegierter der Kassettenrekordergeneration einen offenen Brief an den Radiokönig seiner Jugend. Vertrauensvoll berichtete er Elmar Hörig von einem Onkel, der fortwährend Witze (erzählte), ... meistens sexistisches und rassistisches Zeug. Negerwitze auch. Nicht Witze über Schwarze, Negerwitze. Und Judenwitze. Nicht jüdische Witze, sondern Judenwitze mit Auschwitz und Gas und so.”
Klingt wie eine Obsession. Im Roman ersetzt der Vater Onkel Elmar, um Alltagsrassismus mit “Schokobaby” und “Negerpost” Beispiele zu liefern. In Lissabon improvisiert der Herrenmensch über seine Bedeutung als Manager einer kaum florierenden Begleitagentur. Er verschleiert sein Versagen, Einsicht wäre tödlich. Optimismus muss reichen. Die Hitze macht dem Selfmade-Grandseigneur zu schaffen. Das Einstecktuch hat seine dekorative Funktion verloren. Der Vater hält den Sohn bei der Stange, er braucht die Zuneigung von Eigenfleischundblut. Als alleinreisender Gelegenheitsmacher wäre alles einfacher, doch ist der Durchstecher Familienmensch.

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cambridge, boxen, high-society, krimi, pitt club

Der Club

Takis Würger
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 22.02.2017
ISBN 9783036957531
Genre: Romane

Rezension:

Sie ist schon todkrank und auf vielen Rückzügen an den Endpunkten, als das Leben in ihr die Neustarttaste drückt. Die Sieche trägt das Kind auf einem niedersächsischen Höhenzug aus. Sie nennt es Hans, vielleicht nach einem Großvater. Hans erlebt die Welt als Wald. Die Mutter kennt da jedes Kraut. Abends hört er sie husten, morgens sieht er nach dem Pferd, dass schon beim Schlachter angekommen war, bevor eine Sterbende ihm das Gnadenbrot versprach. Es gibt sogar einen anwesenden Vater. Er schweigt ins Holz. Takis Würger schildert den Schauplatz einer Kindheit in den Farben des allgemeingültigen Himmels und einer besonderen Verbergung. Die vielgesichtige Geschichte verfolgt Hans und eine englische Halbschwester der Halbtoten - die in Academia lehrend lebende Alex. Der Roman suggeriert einen nicht erzählten epischen Untergrund. So als habe jemand mit den Mitteln des Autorenfilms einen Stoff aus der Vom-Winde-verweht-Kategorie verarbeitet.
Hans verweigert Anpassungen, er bleibt für sich im Trutz der Eltern. Eines Tages schenkt ihm der Vater “schwarze Boxhandschuhe aus Rindsleder”. Die Handschuhe geben eine Richtung an. Das Boxen schafft Orientierung, als Hans - nach seinen Begriffen schuldhaft zum Waisen geworden - Zögling wird. Endlich holt ihn Alex nach Cambridge ans St. John’s College. Sie setzt ihn als Instrument der Aufklärung von Verbrechen und als Werkzeug der Rache in einem erstklassigen Fight Club ein.
Der Roman verdankt seinen Titel einer nach den Regeln des Faustkampfs schlagenden Studentenverbindung: dem Pitt Club. Prinz Charles gehört da zu den Alten Herren, nun kommt Hans aus dem Deister, agitiert von der grollenden Tante und fasziniert von den Riten einer selbstherrlichen Macho-Elite. Im Training schwitzt er die Clubhausgeselligkeit aus, Würger berichtet wie ein Reporter aus der Umkleidekabine. Hans ist kein geborener Boxer, er hat noch nicht mal Talent. Dazu kommen Selbstzweifel. Zugleich steht er im Bann einer Kunst, die in Jahrhunderten der Verfeinerung und Jahrtausenden ihrer Existenz das Verhältnis von Aufwand und Ertrag äußerster Effizienz zuführte. Über Sieg oder Niederlage entscheidet das kontraintuitive Vermögen im Verein mit dem taktischen Verständnis und den technischen Möglichkeiten. Ferner gefordert sind Herz, Luft, Auge (Mut, Kondition, Timing). Das ist nicht viel, reicht aber für alles.
Hans kommt gut an, man zieht ihn in den innersten Verbindungskreis. Nun hat er die Wahl, wen er verraten will: die Tante, die initiierten Kommilitonen oder den Vater seiner Geliebten, der als junger Mann zu dunklen Clubgeheimnissen beitrug.
“Der Club” funktioniert wie ein Krimi. Alex bestellt bei Amazon einen Teleskopschlagstock für vierzehn Pfund. Eine Kundenrezension hat sie überzeugt. Sie nutzt das Werkzeug sachgerecht, danach duscht sie und cremt sich ein. Kein Zweifel an der Rechtmäßigkeit eines Totschlags bedrängt sie. Alex erlebt Selbstjustiz als Notwendigkeit. Das führt zu der Frage: Öffnen die Grenzen des Rechtsstaats einer Gewalt die Tür, die kein Straftatbestand erfasst und deshalb vom Bürger selbst eingedämmt werden darf?

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roman

Der Club

Takis Würger
E-Buch Text: 240 Seiten
Erschienen bei Kein&Aber, 22.02.2017
ISBN 9783036993478
Genre: Sonstiges

Rezension:

Sie ist schon todkrank und auf vielen Rückzügen an den Endpunkten, als das Leben in ihr die Neustarttaste drückt. Die Sieche trägt das Kind auf einem niedersächsischen Höhenzug aus. Sie nennt es Hans, vielleicht nach einem Großvater. Hans erlebt die Welt als Wald. Die Mutter kennt da jedes Kraut. Abends hört er sie husten, morgens sieht er nach dem Pferd, dass schon beim Schlachter angekommen war, bevor eine Sterbende ihm das Gnadenbrot versprach. Es gibt sogar einen anwesenden Vater. Er schweigt ins Holz. Takis Würger schildert den Schauplatz einer Kindheit in den Farben des allgemeingültigen Himmels und einer besonderen Verbergung. Die vielgesichtige Geschichte verfolgt Hans und eine englische Halbschwester der Halbtoten - die in Academia lehrend lebende Alex. Der Roman suggeriert einen nicht erzählten epischen Untergrund. So als habe jemand mit den Mitteln des Autorenfilms einen Stoff aus der Vom-Winde-verweht-Kategorie verarbeitet.
Hans verweigert Anpassungen, er bleibt für sich im Trutz der Eltern. Eines Tages schenkt ihm der Vater “schwarze Boxhandschuhe aus Rindsleder”. Die Handschuhe geben eine Richtung an. Das Boxen schafft Orientierung, als Hans - nach seinen Begriffen schuldhaft zum Waisen geworden - Zögling wird. Endlich holt ihn Alex nach Cambridge ans St. John’s College. Sie setzt ihn als Instrument der Aufklärung von Verbrechen und als Werkzeug der Rache in einem erstklassigen Fight Club ein.
Der Roman verdankt seinen Titel einer nach den Regeln des Faustkampfs schlagenden Studentenverbindung: dem Pitt Club. Prinz Charles gehört da zu den Alten Herren, nun kommt Hans aus dem Deister, agitiert von der grollenden Tante und fasziniert von den Riten einer selbstherrlichen Macho-Elite. Im Training schwitzt er die Clubhausgeselligkeit aus, Würger berichtet wie ein Reporter aus der Umkleidekabine. Hans ist kein geborener Boxer, er hat noch nicht mal Talent. Dazu kommen Selbstzweifel. Zugleich steht er im Bann einer Kunst, die in Jahrhunderten der Verfeinerung und Jahrtausenden ihrer Existenz das Verhältnis von Aufwand und Ertrag äußerster Effizienz zuführte. Über Sieg oder Niederlage entscheidet das kontraintuitive Vermögen im Verein mit dem taktischen Verständnis und den technischen Möglichkeiten. Ferner gefordert sind Herz, Luft, Auge (Mut, Kondition, Timing). Das ist nicht viel, reicht aber für alles.
Hans kommt gut an, man zieht ihn in den innersten Verbindungskreis. Nun hat er die Wahl, wen er verraten will: die Tante, die initiierten Kommilitonen oder den Vater seiner Geliebten, der als junger Mann zu dunklen Clubgeheimnissen beitrug.
“Der Club” funktioniert wie ein Krimi. Alex bestellt bei Amazon einen Teleskopschlagstock für vierzehn Pfund. Eine Kundenrezension hat sie überzeugt. Sie nutzt das Werkzeug sachgerecht, danach duscht sie und cremt sich ein. Kein Zweifel an der Rechtmäßigkeit eines Totschlags bedrängt sie. Alex erlebt Selbstjustiz als Notwendigkeit. Das führt zu der Frage: Öffnen die Grenzen des Rechtsstaats einer Gewalt die Tür, die kein Straftatbestand erfasst und deshalb vom Bürger selbst eingedämmt werden darf?

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Mirabels Entscheidung

Manuel Karasek
Fester Einband: 260 Seiten
Erschienen bei Verbrecher, 01.01.2017
ISBN 9783957321930
Genre: Romane

Rezension:

Die Ressorts werden noch im Kommandoton der Wehrmacht geführt, als Hanns Torzek seine Karriere als Journalist startet. Der Sohn eines armen Schluckers entging seiner Einberufung soeben, nicht aber der nationalsozialistischen Vereinnahmung. Alles, was im Wirtschaftswunderdeutschland Rang und Namen hat und in Amt und Würden sich demokratisch tüncht, könnte eine mörderische Vergangenheit haben. Das schert Torzek nicht. Sein Aufstiegswille erschöpft sich in der Überwindung von Beschränkungen einer kleinen Herkunft. Zuerst beteiligt er sich in Stuttgart an der Kulturberichterstattung. Er wird zu einer Figur der süddeutschen Theaterlandschaft, als fleißiger Besucher von Premieren in Tübungen und Ulm. Umständliche Anreisen im Zug, flache Inszenierungen, fade Wirtshausmahlzeiten, öde Fremdenzimmer: Manuel Karasek schildert den priviligierten Alltag eines Feuilletonredakteurs um 1960 an den Tatsachen vorbei als dürftige Angelegenheit. Torzek strebt eine Premiumexistenz an und kriegt, was er will. Er sucht Erregung in der Arbeit und an ihren Rändern, wo die Volontärinnen und andere Elevinnen defilieren. Zuhause explodiert Mirabel in ihrer Hauptrolle als außerordentlich schöne und gewaltbereite Gattin. Torzek langweilen die Eruptionen des venezolanischen Vulkans in einem erträglichen Maß. Er hält an der Verbindung fest. Zu reizvoll erscheint ihm der semi-karibische Ehecocktail in der Grauzone bundesrepublikanischen Gesellschaftslebens. Torzek hat eine Frau mit Seltenheitswert.
Manuel Karasek kommt aus einer schreibenden Familie. Wer es darauf anlegt, kann sich über Angehörige dieser Familie informieren wie über Fürstenhäuser. Manuel K. schreibt mit einer angenehmen Gleichgültigkeit für das Ausgesuchte, manchmal direkt platt. Schon Vater Hellmuth zeigte keine Neigung, sich aufzuhalten und in den Schmuckschatullen der Sprache zu kramen. Er hatte die süffelige, über alles Beschwerliche hinweggleitende Art einer sanften Planierraupe. Etwas Wässriges ging von ihm aus (sei wie das Wasser: Bruce Lee). Er war so anders als seine verrannten Brüder Horst und Peter. Trotzdem konnte er zuschlagen, so in der Abrechnung mit dem alten Augstein. Hellmuth beschreibt den Mogul, wie er seine leitenden Herren im Bademantel empfängt. Die Redakteure schieben ihre italienischen Schlupfschuhe in den Flokati, stranguliert von ihren Krawatten, während Augsteins Eier vor ihren Augen baumeln. Der Mächtige kennt keine Scham (ungefähr Martin Walser/Walter Benjamin). Er hat einen Blick für Notzuchtgelegenheiten. Wir mokieren uns über ihn und bewundern ihn doch - den durchgreifenden Vater, der die Mutter seiner ältesten Söhne Jorge und Javier zur Steigerung der eigenen Attraktivität einsetzt - und im Feuilleton überregional kursierender Periodika den Gipfel erreicht. Nach zwanzig Ehejahren setzt sich Mirabel 1979 mit Jorge in die alte Heimat ab. Der Sohn, gestaucht von zwei Kulturen, daheim in Hamburg, droht in Caracas zu verdampfen. Jorge sieht aus wie ein Venezolaner, fühlt aber wie ein deutsches Nordlicht. In die Geschichte seiner Schule geht er als “schwules Mädchen” ein. In der Zwischenzeit gründet Hanns Torzek die nächste Familie.
Karasek spielt mit den Möglichkeiten durchsichtiger Verblendungen. Wie in der Bilanz seines Vaters heißt der “Spiegel” “Das Magazin”, dessen Gründer Rudolf Augstein Rainer Fels und Jakob Augsteins leiblicher Vater moussiert als Werner Mulser angesichts der seiner Bedeutung Spalier stehenden Verlagsschönheiten. 1981 kehrt die geflüchtete Schrumpffamilie nach Deutschland zurück. Nun kommt Jorges jüngerer Bruder Javier ins Spiel.

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Tierchen Unlimited

Tijan Sila , Max von der Groeben , Theresia Singer
Audio CD
Erschienen bei Headroom Sound Production, 17.02.2017
ISBN 9783942175838
Genre: Romane

Rezension:

Ein kaum Halbwüchsiger teilt das Schicksal der Bürger von Sarajevo unter dem serbischen Beschuss der Neunzigerjahre. Das Kind kennt die Spielregeln und zeigt sich ihnen gewachsen. In einer Blockgemeinschaft erfährt es Wertschätzung. Es sammelt Akzeptanzpunkte in der unmittelbaren Nachbarschaft und saugt seine Identität aus einer komplex definierten, mächtig hochgehaltenen, ständig mit Händen und Füßen verteidigten Zugehörigkeit.
Das ist der Lohn einer reibungsarmen Eingliederung in Verhältnisse mit wenigen glimpflichen Ausgängen. Da beschließt das akademische Kraftwerk namens Mutter und Vater in einem anderen Land von vorn anzufangen. Die Entwurzelung erlebt der namenlose Erzähler in Tijan Silas Debüt “Tierchen unlimited” als biografische Katastrophe der Eltern. Das spätsozialistische Paar bildet ein Bibliothekswissenschaftler, der kein Deutsch kann, und eine cholerische Physikerin, die sich von einer Flüchtlingsexistenz in der Pfalz weit mehr versprochen hat als den permanenten Abstiegskampf.
Für den Sohn ist die Emigration ein “Gehirnfurz”. Der Leser lernt ihn nackt und blutend auf einem Rennrad kennen. Gleich am Anfang erwähnt sein Schöpfer eine Keimzelle der Kampfkunstevolution wie etwas Nebensächliches. Sila erzeugt das Trugbild einer Ahnungslosigkeit. Sein Erzähler bleibt vage in der festen Überzeugung, dass eine ringende Freundin sämtliche Absolventen der WingTsun-Akademie auf Schloss Langenzell bei Heidelberg unangespitzt in den Boden rammen kann. Sarah zeigt dem Flüchtling ein paar Sachen, die nicht immer haarscharf am Sex vorbei schrammen. Manche Unterstützungen der geborenen Zugriffspersönlichkeit genießt der Nutznießer als “erotische Verkehrungen”. Die Scham nach einem Trainingsorgasmus sorgt dafür, dass er keine Aufmerksamkeit aufbringt für eine Verteidigungstechnik, die am 3. August 1984 zum Weltereignis wurde: Als Pasquale Passarelli im olympischen Finale gegen Masaki Eto in der Ewigkeit von vierundachtzig Sekunden einen Punktvorsprung als Brücke wahrte.
Der Erzähler zieht höhere Töchter der Volksblüte vor. Seine Geliebten haben Neonazibrüder, die im jugoslawischen Bürgerkrieg sterben und von ihren Schwestern verherrlicht werden. Der Erzähler selbst ist mit einem Rechtsradikalen bestens bekannt, dessen bosnische Eltern ihn zur kuriosen Erscheinung in der rassebewussten Skinszene machen. Vermutlich streift das aber auch nur einen stiefelnden Alltag der Unterfünfundzwanzigjährigen. Sila entdeckt dem Leser keine Terra incognita in der eigenen Gesellschaft. Sein Alter ego ist ein zum Student in Heidelberg aufgestiegener Hauptschüler, ein gelungenes Beispiel für Integration, wäre da nicht die institutionalisierte Klauerei. Sila beschreibt die kaum abgebremste Amoralität eines in kulturellen Aneignungsprozessen herausgeforderten Traumatisierten: “Ich hatte diesen verrückten Zorn in mir, und der fuhr mich durch die Gegend.”
Der Roman kehrt immer wieder in die gestörte Kindheit des Erzählers zurück. “Gesichter (veröden) zu Tiefbunkern” unter dem Eindruck unabwendbarer Gewalt. Die Stromzufuhr reguliert Abläufe, die von Comicstudien, Computerspielen und Beschaffungsakten bestimmt sind. “Der Krieg änderte alles, auch unser Vorgehen beim Obstklau.”

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Das letzte Bild der Sara de Vos

Dominic Smith , Sabine Roth , Elisabeth Günther
Audio CD
Erschienen bei Audio Media Verlag, 10.03.2017
ISBN 9783956391972
Genre: Historische Romane

Rezension:

Eleanor “Ellie” Shipley hat eine Wohnung mit eigenem Wetter. Die australische Expertin für Maler des Goldenen Zeitalters (GZ betitelt eine niederländische Epoche) lebt in Brooklyn über dem Chemiemonsun einer Wäscherei der Fünfzigerjahre. Sie restauriert Meisterwerke in einem Schimmelparadies. Ihr kunsthistorisches Repertoire koinzidiert mit dem Wissen der Fälscher. Sie kennt die (Leinwandgrößen bestimmenden) Maße holländischer Webstühle im 17. Jahrhundert. Ellie setzt alte Techniken und Materialien ein. Sie erfindet anachronistische Verfahren neu. Sie schlachtet Originale und verwurstet sie zur Verbesserung bedeutender Bilder.
Ellie ist bis zur Besessenheit gründlich und findig. Die neuweltliche Gegenwart erlebt sie als befremdliche Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten. Für sich existiert sie in der Zeit und in dem Raum ihrer Leidenschaft. Schließlich kopiert sie eine Landschaftsschilderung, geschaffen von der ersten niederländischen Freilichtmalerin, zu einer Zeit als Schicklichkeitsevidenzen Frauen strikt ans Haus banden, so dass sie höchstens mit Stillleben ihr künstlerisches Vermögen vorzeigen konnten. Sara de Vos war das erste weibliche Mitglied der Amsterdamer Malermeistergilde. In der Wiederholung weitgehend vergessener Herstellungsprozesse begreift Ellie, dass sie zur Fälscherin geworden ist. Sie arbeitet nach Fotos, das Gemälde ihres Sündenfalls hängt noch im Schlafzimmer von Marty de Groot, einem New Yorker Anwalt mit philantrophischen Anwandlungen. Seit dreihundert Jahren befindet sich das Kunststück im Familienbesitz, als Ellies Kopie es an seinem Platz ersetzt.
Vierzig Jahre später ist Ellie eine akademisch unangreifbare Koryphäe in Sydney und wird als Spezialistin zur Sichtung des in der Zwischenzeit rätselhaft größer gewordenen De-Vos-Erbes herangezogen. Die Fälscherin als Garantin glaubwürdiger Expertise: allein dieser der Handlung elegant angepasste Sloop lässt das Leserherz höher schlagen. Smith versteht etwas von der Kunst des minimalen Auftrags. Man kann das Detail überlesen und in einer anderen Geschichte stranden wie ein Wal mit heißen Ohren.
Der Roman senkt seinen Theaterboden in die Lebenswelten der Sara de Vos und ihrer Reinkarnation. Marty sucht Ellies Nähe. Ihre Person schließt ihm seine Geschichte auf, die von Reichtum aus den irdischen Verankerungen genommen wurde. Das alte Geld, die Möbel und Bilder der Jahrhunderte zwingen Marty die unpersönliche Lebensweise eines Nachlassverwalters auf. So büßt er für ein Vermögen, zu dem er nichts kann. Die Geschichtel fährt einen in die Verbannungen und auf die Schatzinseln kindlicher Textaufnahme, wenn Marty und Ellie im Zustand der Gnade ihrer zusammen leuchtenden Exzellenz bei einer britisch abgefeierten Auktion in New York flämische Glanzlichter des Goldenen Zeitalters mit einem Enragé ersteigern, als ging es um die Rettung von Robbenbabys.

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entwicklung, gewalt, roman, deutschland, türkei

Ellbogen

Fatma Aydemir
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 30.01.2017
ISBN 9783446254411
Genre: Romane

Rezension:

Die Mutter lebt im Tablettenparadies, der Vater fährt Taxi in der Vergangenheit. Hazal wächst im Wedding in einem Dauerprovisorium namens Übergangslösung auf. Im Zweifelsfall ist sie bereit, einen Fluch seiner Schönheit wegen anzubringen. Ihre Widerständigkeit trägt die Uniform der Verlierer, die kurz alles hätten werden können auf einer Strecke zwischen Ärztin und Arzthelferin und lange die eigene Bedeutungslosigkeit aushalten müssen, weil Abitur nur was für Lappen ist.
Das erzählt Fatma Aydemir in ihrem ersten Roman. “Ellbogen” wurde von Feridun Zaimoglu nicht aus den üblichen Gründen über den grünen Klee gelobt. Als Zaimoglu anfing, das Furioso der Migration von der Straße zu holen, fehlten die FatmAs. Vermisst wurden Mentorinnen des Aufstands, die “den byzantisch-dekadenten Palazzoträumen der männlichen Kanaille“ ihre unerhörten Versionen entgegen schrieben. Die Gebiete weiblicher Selbstbehauptung überlieferte Zaimoglu als unlimitiertes Schlachtfeld. Er glaubte an die subversive Kraft des Boutiquenschicks. Und Aydemir? Hazal klaut einen Lippenstift, so geht die Geschichte los. Am Ende erlebt sie, gerade volljährig, den gescheiterten Putsch vom 15./16. Juli 2016 in der Türkei.
Aydemir lässt ihre Heldin auf dem Niveau andauernder Rage durchdrehen. Die Autorin etabliert neue Bilder der Migration. Sie dokumentiert Verhärtungen am gesellschaftlichen Rand und zugleich Zementierungen von Zuständen aus der Einwanderungssteinzeit. Hazal jobbt beim Onkel im Backwarenbusiness. Daheim serviert sie den Tee. In einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme lernt sie, Bewerbungen so abzufassen, das ein ernstzunehmendes Interesse dahinter zu stecken scheint. Erwartungen erschöpfen sich im Anschein. Hazal unterwirft sich dem alten Reinrausspiel der kulturellen Differenz. Sie steckt in Verehrungskomplikationen mit dem Facebookfreund Mehmet. Ihre Frustrationen bekämpft Hazal mit Breitsein und den Attitüden einer Kanaka-Putztruppenaktivistin gemeinsam mit Gül, Ebru - und der Bosnierin Elma, die unter Aufsicht eines türkischen Rockerloddels in einem Bordell an der Bar arbeitet.
An der Emanzipationsfront hält nur Tante Semra durch, eine ledig gebliebene Sozialarbeiterin. Ihre Freiheitsgewinne (und ihre Hilfsbereitschaft) bieten der Nichte weder Ansporn und Ausweg. Betrunken stösst Hazal den “Studentenkörper Thorsten” (klingt nach Ikeaegal) auf U-Bahngleise. Der Tat folgt die Flucht nach Istanbul, Hazal belagert Mehmet in Kadıköy. Der Angechattete lebt in der Totalität einer Sucht. Er ist ein minimalistischer Liebhaber. Hazal erfüllt aus eigenem Antrieb überkommene Rollenerwartungen. Sie gerät in Schönheitsstress. In einem Buchladen vermisst sie den Spiegel.
Sie verfolgt eine Spur ihrer kurdischen Herkunft und atmet den Dampf politischer Spannungen. Doch verfehlen sie alle Hoffnungen. Mit ihr geht der Kampf nicht weiter. Hazal fehlt etwas Eigenes. Sie kann nichts Gutes aufnehmen und weitertragen. Als Verirrte auf Lebenszeit zeichnet sie immer nur Figuren des Scheiterns. Das ist auch für den Leser schmerzhaft.

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Fleisch

Simone Meier
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 24.01.2017
ISBN 9783036957548
Genre: Romane

Rezension:

Stellen Sie sich einen Mann als Beistelltisch vor oder nehmen Sie zum Beispiel Max. Annas “Begleitfreund” kommt für sich selbst auf, anders als “die Bohemien-Modelle in ihrer Vergangenheit”. Galant übersieht der Lehrer die Verheerungen am Leib der Geliebten. Jeder “gekochte Kartoffelsack” hält sich besser als Annas Arsch im Jenseits der Vierzig. Anstatt würdevoll zu resignieren, salbadert sich Anna in eine Unwirtlichkeit ohne Not. Es fehlt nur noch der Eigengeruchswahn und das Leiden am Damenbart, um den Sack des selbstverschuldeten Unglücks zuzumachen.
Simone Meier beschreibt eine Agonie. Babyfotos lösen Brechreiz aus - Annas Abwehr verrennt sich im Desaster von “Kacke, Kotze, Kreischen”. Ach so, Anna ist zurzeit eine früher selbst geförderte Entscheiderin in der Kulturförderung. Sie sitzt an den Hebeln, die sie lange am Boden hielten. Jetzt spielt sie die Groschengöttin.
Der Weg von der Kinderkacke zur Kulturförderung erscheint kurz. Anna kann sich vor ihrem Zynismus kaum schützen, Max geht es nicht besser. Er kam sich schon vor “wie ein ekelhafter, zusammengeschrumpfter Penis”.
Max kennt nur noch das Ent- und Verlieben als Motor(en) einer Veränderung. Der Begleitfreund mit eigenem Einkommen überholt seine schnorrenden Vorgänger im Abrauschen von Annas Frustrationstoleranz. Als Enttäuschungslieferant verliert er den Boden unter den bürgerlichen Füßen und fällt durch bis ins Bordell. Annas Nachfolgerinnen im Großen und Ganzen des gesellschaftlichen Gegeneinanders heißen Lilly und Sue. Sie hausen mit Kakerlaken, Darknetnerds und Veganpunks in schierer Miesepetrakeit. Alles mufft nach “Slipeinlage ... Tampon” und Tofu und klebt wie Butter zwischen Tellern. Dazu kommen “Kackebilder” - eine fäkale Grundierung beschissener Verhältnisse. In der Dreckswelt kümmert sich Lilly geschwisterlich um den halbwüchsigen Kotmaler Jonas. Sie studiert etwas, dass es ihr erlaubt, über Zwillingsmotive in der Popkultur nachzudenken, “Shining” als wissenschaftlichen Gegenstand zu begreifen und “Bullshit-Metastasen” zu produzieren. (So weit das Auge reicht, tropft Scheiße in Meiers Roman.) Obwohl erst siebenundzwanzig, imaginiert sich Lilly in die Trostlosigkeit der Hängengebliebenen, die im gastronomischen Service schließlich ein Gnadenbrot verzehren. Sie antizipiert und variiert Annas erfahrungsfette Negativität. Man möchte beide in eine Wüste zur Kur schicken.

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freundschaft, neapel, italien, roman, studium

Die Geschichte eines neuen Namens

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 624 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.01.2017
ISBN 9783518425749
Genre: Romane

Rezension:

Sie werden schnell erwachsen, die neapolitanischen Ghettograzien Raffaella Cerullo und Elena Greco, kurz Lila (Lena) und Lenù. In ihrem Viertel verlängert die Camorra im Verein mit der Armut Traditionslinien. In einem Regime gelockerter Leibeigenschaft bestimmen Verbrecherdynastien Bezirksbiografien. Es scheint kein Entkommen zu geben, jedenfalls nicht für die Schustertochter Lila. Sie ist jene “geniale Freundin”, die Elena Ferrante zur Titelheldin des ersten Bandes ihres weltweit besprochenen Emanzipationsepos gemacht hat. Nun liegt die Fortsetzung auf Deutsch vor. “Die Geschichte eines neuen Namens” setzt Lenùs (um die beste Freundin und stärkste Rivalin kreisende) Ich-Erforschung fort. Der Begabteren verweigert man die Förderung, während Lenù weiter lernen darf. Lila revanchiert sich schriftlich mit gnadenlosen Milieuschilderungen. Sechzehnjährig heiratet sie. Die Eheschließung macht ihre Unterwerfung aktenkundig und verurteilt sie zu einem Leben im Zustand der Unterforderung. Stefano Carracci, ein Lebensmittelhändler mit rentablen Verbindungen zu einer (im Rione) herrschenden Familien, nimmt sie in Besitz. Er hintergeht und erniedrigt sie nach steinzeitlichen Kräften, um sich in Lilas Aura bloß zu erschöpfen. Lila erleidet eine Fehlgeburt und zieht sich den Vorwurf der Schwangerschaftsverweigerung (Hexerei) zu. Sie ergibt sich allenfalls zum Schein und bemächtigt sich der Pfründe in Reichweite. Sie beschenkt ihre Verbündeten, Lenù versorgt sie mit Lehrmitteln. Lenù macht ihre Hausaufgaben zwischen Tür und Angel.
Es gibt keinen Himmel für ihre Höhenflüge. Für beide Mädchen geht es immer um den Abstand zum Dreck. Lila vergrößert ihn (zunächst) mit ihrer Strahlkraft und Skrupellosigkeit. Lenù expandiert im Schlepptau einer permanenten Eskalation mit biederem Fleiß.
Ferrante beschreibt Szenen wie zur Verifikation von Didier Eribons Thesen, siehe “Heimkehr nach Reims”. Aufstieg bedeutet Abschied von der Herkunft und Nicht-Ankunft im Zielhafen. Man verödet auf halber Strecke, steril geworden im brutalen Dazwischen, oder um es mit Feridun Zaimoglu zu sagen: Den white trash (wahlweise Kanaken) kannst du dir nimmer aus der Visage wischen. Man könnte auch Hannibal Lecter als Spezialisten da zitieren, wo er den Ehrgeiz von Agent Starling als allergische Reaktion auf die Umgebung ihrer Kindheit verspottet. Siehe “Das Schweigen der Lämmer”.
Lila ruft den Preis auf, den Lenù für die Überwindung ihrer Klasse bezahlt. Dazu berechtigt sie zweifellos Lilas Bereitschaft, die eigene Kraft der anderen einzugeben. Die Befreiung Lenùs ist ein von den Hoffnungsüberschüssen der Neunzehnhundertsechzigerjahre befeuertes Gemeinschaftswerk. Lenù gelingt das Abitur, ein Studium in Pisa und ein Roman, den es ohne Lilas Aufzeichnungen nicht gäbe.
Die Frauen erscheinen manchmal wie die zwei Seiten einer Medaille, bis der Leser wieder begreift, was Lenù ist: ein Abklatsch der Eruption Lila. - Eine in der Verbürgerlichung noch einmal verkleinerte Schmalspurausgabe der anderen. Die Anerkennung, mit der Lenù ausgebootet und in das Paradies der Versprengten verstoßen wird, liefert positiver Diskriminierung Beispiele.
Die Geschichte erlaubt aber auch die entgegengesetzte Ausleuchtung. Dann versagt die überbordende Lila und macht sich selbst zum trotzig fremdgehenden Gespenst in der Salami- und Mortadellaproduktion.

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religion, roadtrip, usa

Loretta

Shawn Vestal , Verena Kilchling
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 24.01.2017
ISBN 9783036957456
Genre: Romane

Rezension:

Jeder kennt das. Der Bremsschirm öffnet sich zu früh, man hängt in der Luft, wie Evel Knievel am 8. September 1974 als Leichtmatrose der Raumfahrt in seiner steam-powered rocket Skycycle X-2 über dem Snake River Canyon im US-Bundesstaat Idaho. Loretta schmiert zur gleichen Zeit und in derselben Gegend ab, indem sie es versäumt mit ihrem Pettingpartner Bradshaw durchzubrennen. Bleibt Old Harder. Der glühende Aufrichtigkeitsapostel führt das Fußvolk seines Mormonenchapters hinters Licht, um sich und Enkel Jason einen Freiraum mit weltlichem Entertainment zu verschaffen. Anstatt, wie angegeben, einen Gottesdienst zu besuchen, mischen sich die beiden für insgesamt fünfzig Dollar unter das Publikum eines Mannes, der sich in einen ballistischen Körper hineinträumt. Opas Lüge und Knievels Erwachen verändern Jasons Weltbild dramatisch.
Loretta rutscht wie Korn durch den Trichter einer absurden Unvermeidlichkeit der Schicksalsmühle entgegen: als fünfzehnjährige Zweitfrau eines Patriarchen in Short Creek, Arizona. Die ihr vorgesetzte Hauptfrau heißt Ruth, Jason ist ein Neffe ihres Mannes Dean. Dessen vor Redlichkeit strotzende Bigotterie kann sich in einem System institutionalisierter Pädophilie sicher fühlen. Loretta kapiert: “Man muss stärker sein als das, was sich einem entgegen stellt.”
“Sie wird sich in ihrem Inneren verschließen”, verkündet Shawn Vestal in seinem ersten Roman, der auf Deutsch “Loretta” wie “Lolita” heißt. Der Originaltitel “Daredevils” zitiert “Evel Knievel’s Motorcycle Daredevils“. Risikounternehmer Knievel setzt Maßstäbe bei Motorradstunts in der Hochzeit des Wettlaufs zum Mond. Das virile Ideal verkörpert der Astronaut, Knievel mischt den Elvisstil dazu. Er gibt den Stutzer mit Gehstock, der Knauf ist versilbert.
Vestal schickt den Leser auf eine Zeitreise. Hippieland ist abgebrannt. Der Sommer der Liebe gehört einem utopischen Damals. Lorettas Eigentum passt in einen Schuhkarton.
Bradshaw erreicht Deans fundamentalistischen Hot Spot, er plant Lorettas Befreiung. Seine Absichten tarnt er mit Fahrdiensten im fremden Familienbetrieb. Doch dann zieht Dean mit der abhängigen Schar nach Idaho in die gemäßigte Nachbarschaft seines Bruders. Jason kriegt die Krätze, der Onkel verdoppelt das Verhasste, die jugendliche Braut gibt Dean als Ruths Nichte aus.
Nun holt Jason Loretta im Chrysler Imperial LeBaron zur Bibelstunde ab. Während ein allwissender Seiler die dünnen Lebensfäden von Loretta, Bradshaw (aka Rex Beker) und Jason verdreht, spricht Evel Knievel selbst freiheitstrunken.
Vestal dreht das Rad zurück in die Gegenwart von Ruths Kindheit. Bundesagenten verhaften ihren Vater so wie alle Männer einer Splittergruppe, die fern loser Sitten in den Städten des Mormonenstaates Utah feurig die Apokalypse erwarten. Die Rückblende erklärt die geleere Strenge jener Frau, die Lorettas Alltag bestimmt. Sie skizziert ein Milieu, das die Voraussetzungen für eine willensstarke Selbstaufgabe schafft. Ruth hat den Verzicht gewählt. Loretta freut sich noch über jede Wahl, die zu treffen ihr übrig bleibt. Ruth sieht sie, als sähe sie sich selbst in einem verjüngenden Spiegel. Fürsorglich reicht sie die Gleitcreme weiter, in der Absicht, Patente des reibungslosen Funktionierens Allgemeingut werden zu lassen. Ihr Fleisch soll Holz sein, die Seele Erz. Ruth ist Gottes Werkzeug als Stoss auf dem Strom einer “rechtschaffenden Blutlinie”.
Vestal achtet Ruths Recht auf Einäscherung zu Lebzeiten. Er weist ihre Selbstverleugnung als Stärke aus, während Lorettas widerständiges Wesen geflügelt bleibt.
Die Geschichte erfindet den Eigenarten des Gatten unzuverlässige Zuträger. Außerhalb seiner ursprünglichen Umgebung erscheint Dean “deformiert” wie ein Kalb, das mit “verdrehten Gliedmaßen” geboren wurde. Solche Ansichten gehen nahtlos über in Kokonschilderungen mormonischen Daseins. Die Spielarten freiwilliger Isolation fächern sich auf und verzweigen sich wie über Terrassen eines antiken Bewässerungssystems. Boyd, (wahrscheinlich) ein Spross der First Nation, schaltet sich ein. Er vermutet seinen Vater in South Dakota.
Das Romangeschehen splattert in einer Hasenjagd, die an das Texas Chain Saw Massacre erinnert und von Zuschauern als Schädlingsbekämpfungsaction im Spektrum zwischen Nazi und notwendig gespeichert wird. Bei Jason löst sie eine neue Zeitrechnung aus. Auf einer Woge von sonst wo die Handlung einnässender Empfindsamkeit verlässt Jason gemeinsam mit Loretta and Boyd im Imperial LeBaron den Schauplatz seiner frühen Jahre. Die Freunde nehmen einen Weg in die Freiheit durch das magische Tal von Süd-Idaho. Evel the Evil Knievel leuchtet ihnen mit der großen Sprecharie mitunter post mortem heim.

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Mein Leben ohne mich

Jutta Winkelmann
Flexibler Einband
Erschienen bei Weissbooks, 14.11.2016
ISBN 9783863371128
Genre: Romane

Rezension:

Schließlich geht es nur noch darum: wach zu sein mit Schmerzen, die leicht unerträglich werden, oder unterzugehen im Medikamentenschlummer nah der Bewusstlosigkeit.
Das Leben am Rand des Todes geizt sogar mit Illusionen. Jutta Winkelmann notiert ihre letzten Reinfälle in der Folge vorsichtiger Hoffnungen. Tumore greifen die Autorin an, ihr zerstörtes Rückgrat wurde mit Zement geflickt. Der sarkomen Gier entreißt Jutta eine Geschichte vom wilden Tier Tod.

James Hetfield bemerkt in einem Interview, er würde sich nirgendwo auf der Welt so lebendig fühlen wie im Wald angesichts einer frischen Strecke. Der Vorgang des Tötens und der Anblick des Getöteten verpassen seiner Befriedigung einen Klimax mit dem Potential einer Katharsis. Um es verschraubter als Hetfield zu sagen: Vielleicht deklarieren wir eine humane Konstante als Atavismus, um uns zu blenden. Kommt es knüppeldick, zeigt sich im Überlebenswillen auch der Veganer ein merkwürdiger Stolz. Der Stolz, andere überlebt zu haben. So stellt sich auf dem Vorhof die Frage, wen könnte man denn noch? Unter dem Druck andauernder Erpressungen, wie sie in den Banditendiktaturen der Knochenfresser üblich sind, klärt sich das Bewusstsein bis zum Wahnsinn - und so stellt Jutta Winkelmann mit geringem Lustgewinn (bei gleichzeitiger Trauer) fest, dass Bommi Baumann vor ihr gehen musste. Und jetzt auch noch Leonard Cohen, der dem Schmerzbuch ein Motto stiftet. Bloß Bob, mit dem Jutta in der Zeit des vollen Glanzes eine Woodstockvoodooséance, die das kosmische Gleichgewicht erschütterte, Sterne in Trance versetzte und Jahwe mit Shiva versöhnte, in der Küche von Dennis Hopper oder Kris Kristofferson abhielt, macht einen auf unsterblich. Am Morgen nach der spirituellen Himmelfahrt flog Jutta into the great wide open. Auf Sardinien landete sie mit Rainer Langhans im Bett. Rainer wollte Energie sparen, Jutta empörte sich: Dafür habe ich Bob Dylan verlassen.
Zeit ihres Lebens kämpft Jutta mit Zwillingsschwester Gisela verh. Getty um ein Leben, in dem Selbstbestimmung und Einzigartigkeit Hochzeit feiern. Niemand konnte ihr bisher erklären, dass kein Mensch so einzigartig frei ist wie sie es wohl für möglich hält. Erst die Krankheit individualisiert sie total, wie schrecklich ist das denn.
Eine, die sich immer zurückgestumpt fühlte, will wenigstens mit dem tödlichsten Schmerz in die erste Reihe der Aufmerksamkeit. Mit Heilerwartungen soll in Indien transzendiert werden, Christa Ritter und Brigitte Streubel erweitern die Reisegesellschaft. Ein Knie, zeigt wie kompliziert es sein kann. Es ist kein Knie von Jutta.
“Innerlich rase ich. Dann bricht es heraus. Im Blog komme ich kaum vor, nicht der Anlass der Reise, nicht, dass ich ihnen die Reise geschenkt habe, undankbare, narzisstisch gestörte Weiber. Und meine Krebskrankheit verkommt zur Bagatelle. Meine!”
Ich. Meine. Der Schmerz formuliert kein Ich. Er ändert nichts am Zwillingsdilemma. Er nimmt der großen Wut & Enttäuschung nur Schwung.
Die Zwillinge sind Lebensstilpionierinnen und Rainer Langhans ist ihr Zeuge auf einer “Nachtfahrt der Seelen”, die als Reise ins Licht begann. Jutta weiß heute: “Karma is a bitch”. Sie erinnert aber das Ideal ihrer Doppeljugend. Die Zwillinge aus Kassel erlebten sich als Eroberinnen von Inseln und Helden im Sommer der Liebe.
Inzwischen fühlt sich Jutta “daheim auf dem Mörderplaneten”. Auch da bleibt das Private politisch. Jutta treibt das Experiment eines wissenschaftlichen Exhibitionismus’ auf die Spitze. Sie verlangt, dass man zur Kenntnis nimmt, was ihrer Schönheit angetan wurde. Sie ändert schließlich die Erzählweise. Von Cut-up zum Comic - bildhaft versichert sie sich letzter Gewissheiten. Immer wieder zeigt sie Rainer in Prozessen gemeinsamen Widerstands und paralleler Ergebenheit. Er soll mit auf die andere Seite, Jutta will da multimedial weitermachen. Ich warte auf die Nachricht von der ersten Witwerverbrennung.

 

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10 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Rosalie

Berni Mayer
Fester Einband: 270 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 17.11.2016
ISBN 9783832198404
Genre: Romane

Rezension:

Konstantin Wolff, genannt der Schwarze, kehrt zur Beerdigung seines Vaters, einem eingesessenen Gastwirt, in das Dorf seiner Herkunft zurück. Praam liegt an der Schwarzen Laaber. Der Donauzufluss war in besseren Zeiten ein Paradies für Krebse, die es bis auf das Siedlungswappen geschafft haben. Das Fischerviertel erinnert nur dem Namen nach an einen geknickten Erwerbszweig. Doch wird die Gegend heute noch in einer Touristik-Prawda als “Flusslandschaft zum Verlieben” über den grünen Klee verkohlt.
Der Tod des Vaters nötigt den Sohn zu innerer Einkehr. Kindheit und Jugend unter der Fuchtel katholischer Fundamentalisten kommen ihm hoch. Sein Schöpfer, Berni Mayer, lässt ihn zwischen den Polen erste Liebe und Faschismus vorläufige und endgültige Grenzen erreichen.
Konstantin lebt mit einem “permanenten Karfreitaggefühl”. Frei fühlt er sich höchstens unfreiwillig, während seine vorderhand konventionelle Schwester tatsächlich ein schwungvolles, von Selbstbestimmung und ungehemmter Eigenliebe loderndes Leben führt. Sie bestimmt Schauplatz und Gepräge des Leichenschmaus’, Kremess auf bayrisch, der die bucklige Verwandtschaft final zusammenführt, so dass sich die Familienfehden zum letzten Mal personalisieren und die Verödungen ihrer Verläufe ein memorables Datum kriegen. So wie der Vater einst den Tod seines Bruders Alfons mit der letzten Kutschfahrt des Bestatters Hinrainer zu einem bei vielen Gelegenheiten besungenen Schatz des Vorhergegangenen gemacht hat. Nach dem Alfons kam der “Hinrainer nur noch mit dem Leichenwagen”.
Das liest sich richtig als Schnurre, süddeutsch sämig serviert. In Praam nimmt man sich gegenseitig auf die Schippe, man ist sich aus Prinzip nicht grün und legt Wert auf die kleinen Unterschiede. Zu Konstantins Vater kamen die Bauern nicht und nicht die Speichellecker der Großköpfe, der alte Wolff hielt das Schwesternbier und den Schweinsbraten für die Arbeiter im Vorrat. Schwesternbier, da von Nonnen gebraut; die Braumeisterin erschien den Jungen monströs. Damals wohnte der Schwarze in einem schwarzen (Kinder)zimmer, während Praam in das Einzugsgebiet größerer Werke geriet, die ihre Busse ausschwärmen ließen, um die Ärmsten auf dem Land einzusammeln. Plötzlich verdienten Arbeiter mehr als Bauern. Das führte zu Verwerfungen wie zum Beispiel besonders falschen Ehen, unauflösbar geschlossen vom Pfarrer Parzefall, dem Garanten der Gottesfurcht vor Ort.
In diesem Klima verliebt sich Konstantin in eine Halbwaise aus der Großstadt. Die Fremde Rosa legt ein erwachsenes Tempo vor, sie macht den Schwarzen auf Kollisionskurs klar. Ihr Vorsprung reißt eine Lücke in die Gewissheiten des Eingesessenen. Er schludert im Jahr von Tschernobyl vor sich hin, schließlich spricht ein athletischer Großbauernsohn mit den Initialen SS die Vorwitzige treffender an.
Mich erinnert Mayers einseifende Melodik an den frühen Helmut Krausser und an den früh verstorbenen Heiner Link. Mir hätte der kleine Plot von der traurigfrohen Rosieliebe zwischen Wirtshaus und Wasserschloss gereicht, eingedenk des Franzdoblerfazits, dass in jeder bayrischen Bretterbude mehr Leben zu erwarten sei als am Nacktbadestrand von Sylt. Der Autor lässt eine schaurige Vergangenheit, mit vom Hinrainer (Senior) gelieferten Kindersärgen und amtlich angeordneten Abtreibungen (Leibesfruchtwegnahmen) bei aus Kinos und Kirchen weggefangenen, polnischen Zwangsarbeiterinnen die Wände der Gegenwart einreißen. Das moralische Versagen der Gemeinde manifestiert sich im Boykott der Gaststätte Wolff.

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