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Mit der Faust in die Welt schlagen

Lukas Rietzschel
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 07.09.2018
ISBN 9783550050664
Genre: Romane

Rezension:

Bevor sie Andreas heiratete, war Kathrin mit Stefan Zschornack in einem anderen Land liiert gewesen. In der Gegenwart des Romananfangs gibt es das Land seit elf Jahren nicht mehr. Der Wohlstand von Kathrin (Krankenschwester) und Andreas (Fernfahrer) ist dem Elektriker Stefan rätselhaft. Er selbst schaffte den Sprung aus der Platte ins Eigenheim. Er zeugte zwei Söhne in der neuen Zeit, während der alte Hauptarbeitgeber vor Ort, ein Schamottewerk, aus dem Geschäftsverkehr gezogen wurde.
„Eine Zeitlang war es noch möglich gewesen, in der Kantine mittags essen zu gehen.“
Die Perspektive des jüngeren Sohnes bestimmt die Darstellungen in Allianzen mit einem allwissenden Erzähler, der sich dem kindlichen Blick soweit annähert, dass man die beiden oft nicht unterscheiden kann und Stefan seinen Namen einbüßt, um überall nur noch als Vater zu erscheinen. Vater auf dem Bau, im Auto, beim Bäcker - und auf Uwes Beerdigung. Uwe diente bis zu seinem bitteren Ende beispielhaft der Figur des Wendeverlierers. Er versenkte sich mit seinem Auto in einem Teich.
Das Haus der Großeltern verschimmelt. Manche Räume sind unbewohnbar. Im Sommer ziehen da Ameisen über ihre Heerstraßen. Die Natur sitzt dem Verfall im Nacken. Der Verfall signiert alles. Mit Kinderpunsch und Donauwelle gaukelt die Großmutter den Enkeln familiäre Normalität vor. Doch ahnen Philipp und Tobias, dass sie in einem Ausnahmezustand leben.
Auch Frau Zschornack kommt nur als Mutter vor. Das Ehepaar Zschornak und ihre Söhne rutschen gemeinsam mit Kathrin und Andreas ins neue Jahr; sie hat ihm erst nach der Hochzeit gesagt, dass sie keine Kinder kriegen kann.
Lukas Rietzschels Erzählmanier lässt mich an waldbäurische Holzschnitte denken. Jeder Abgrund hat eine allegorische Hausnummer. Die halbresignierten Erwachsenen trifft der Protest ihrer Nachkommen als Statusmeldungen des Versagens. Unmerklich gleiten Philipp und Tobias in eine Abhängigkeit von älteren Jungen, die mit dem Hitlergruß provozieren und ihre erodierende Umgebung tyrannisieren. Im Faustrecht erlösen sie sich von der Schwäche der Väter, die in den Söhnen ihre Rächer sehen. Die Alten haben eine Regierung von der Macht getrennt und sind jetzt arbeitslos. Die Jungen nehmen kleine ethnische Säuberungen vor. Wer ihnen nicht passt, kann einpacken.
Anders gesagt: Wer eine Zukunft hat, ist schon weg. Die Zurückgebliebenen baden in vollgelaufenen Steinbrüchen. Sie spielen Publikum, als die Esse des Schamottewerks - das Symbol vergangener Wirtschaftskraft, wörtlich: „Wir waren mal groß und mächtig“– gesprengt wird.
Dies geschieht in Neschwitz, einem Dorf der sächsischen Oberlausitz nahe der wendischen Kapitale Bautzen. Der Autor erzählt von einem Zwist zwischen Sorben (Wenden) und anderen Sachsen.
Die Sorgen „sind Katholiken, die einzigen im ganzen Osten“.
Gerade wurde die D-Mark ersetzt, auch sie ein Machtzeichen, das flöten ging. Das alles kehrt über das narrative Förderband zurück ins Bewusstsein. Der Leser erinnert sich, und Philipp übt im Keller seines Elternhauses den Hitlergruß. Im Weiteren erwartet er seinen ersten Samenerguss. Vierzehn Jahre später bilden Philipp und Tobias mit anderen einen harten Kern im Kampf gegen die Überfremdung: „Ich war mal in Frankfurt … Da gibt es Stadtteile, wo du keinen Deutschen mehr siehst. Arbeitslose Kamelficker, die ihre Frauen verhüllen. Die kriegen dumme Kinder wie Heu.“   

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49 Bibliotheken, 8 Leser, 1 Gruppe, 18 Rezensionen

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Deutsches Haus

Annette Hess
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 21.09.2018
ISBN 9783550050244
Genre: Romane

Rezension:

Im April 1940 ordnet Heinrich Himmler die Einrichtung eines Lagers zunächst für zehntausend Häftlinge in einem ehemaligen österreichischen Kasernenkomplex nahe Auschwitz an. Da finden bald Experimente zur „Endlösung der Judenfrage“ statt. Im September 1941 ermordet die SS im Keller von Block Elf des Stammlagers experimentell sechshundert sowjetische Kriegsgefangene und zweihundertfünfzig zivile Häftlinge mit Zyklon B, einem Desinfektionsmittel, das u.a. die „Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung“ bereitgestellt hat.
Das Ereignis liefert dem Roman „Deutsches Haus“ eine Schlüsselszene. Dreiundzwanzig Jahre nach dem Probelauf für die industrielle Menschenvernichtung informiert ein Auschwitz Überlebender den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903–1968) sowie die Staatsanwälte Georg Friedrich Vogel, Joachim Kügler und Gerhard Wiese über den erprobenden Gaseinsatz, dessen Vorbereitung und Nachlese Häftlingen wie ihm oblagen. Bauer und seine Männer fürchten die Torpedierung des anstehenden ersten Auschwitzprozesses, der als Steuergeldverschwendung und Nestbeschmutzung deklariert wird. Bereits 1963 fordern die meisten Deutschen einen Schlussstrich. Die nationalsozialistischen Verbrechen haben mit ihnen nichts zu tun. Vielmehr betrachten sie sich als Opfer des alliierten Bombenterrors und der Vertreibungen. Die Täter-Opfer-Umkehr funktioniert reibungslos und die Verdrängung ist der stärkste Motor des Wirtschaftswunders mit seinem Kitschkino.

Eva Bruhns, um die sich im Roman alles dreht, kommt als Ersatz für einen Übersetzer ins Spiel, der in Polen aufgehalten wurde. Die auf Wirtschaftssachverhalte und Schadensersatzforderungen spezialisierte Dolmetscherin muss nachschlagen, um zu verstehen, was sie gehört hat. Plötzlich fällt ihr ein, dass sie auf Polnisch schon vor dem ersten Sprachunterricht zählen konnte. Bilder steigen in ihr auf, für die sie keinen Erinnerungsrahmen hat.

Eva ist mit dem deutschen Heimatfilm großgeworden. Sie lebt in einer Schmonzette und ertrotzt ihre Verlobung, um nicht länger ein Fräulein sein zu müssen. Ihre Eltern sind sagenhaft anständige, rechtschaffende, schwer arbeitende, ordentlich eingefügte, an ihre Verhältnisse schmerzhaft geschnallte Leute. Sie protzen mit ihrer Gewöhnlichkeit. Sie polieren die Handläufe der Normalität. Schnaufend vor redlichem Fleiß, führen sie die Gaststätte „Deutsches Haus“ im eingemeindeten Dorf Bornheim. Bornheim war einst „der Venushügel“ von Frankfurt. Dahin ging man zum Tanz auf der Tenne.

Der Wirt kocht, seine Frau serviert.

Hess gelingen bestechende Milieustudien – lauter Kammerspiele der Genauigkeit. Ich rieche den modrigen Schmodder in den Ritzen angeschlagener Häuser, die Abtritt-Aromen und 4711-Wolken. Ich erinnere die Beschwörungen echter Butter und echten Bohnenkaffees. Ich sehe die Wäsche auf den Leinen im Rußregen. Die erste Waschmaschine im Haushalt der Familie Bruhns kommt als Weihnachtsgeschenk für Mutti an.

Hess schildert die Übergänge zwischen Tristesse und Idylle in der „meist ungelüfteten Wohnung“ über dem Arbeitsplatz letztlich der ganzen Familie, auch wenn Evas Schwester Annegret außerdem als Säuglingsschwester auf Abwegen unermüdlich ist.

Achttausend SS-Angehörige dienen von Mai 1940 bis zum Eintreffen der Roten Armee im Januar 1945 der Vernichtung in Auschwitz. Die meisten gehören zu den Wachmannschaften, Hunderte halten die Mordmaschine auf administrativer Ebene in Gang. Verurteilt werden unmittelbar nach der Befreiung achthundert Täter, die meisten von polnischen Gerichten. Darin erschöpft sich der Verfolgungswille. Soviel zum Thema Aufarbeitung und Schuldeinsicht. 1958 sieht sich die Staatsanwaltschaft Stuttgart äußerst widerstrebend dazu gezwungen, Wilhelm Boger und einige Schergen verhaften zu lassen. Boger war die Bestie von Auschwitz. So heißt er auch im Roman, in dem alle Personen der Zeitgeschichte nur Merkmalsnamen tragen, als physiognomische oder charakterliche Marken. So entsteht ein Rummelplatz Panoptikum. Der Hauptangeklagte besitzt die scharfgeschnittenen Züge eines Raubvogels. Einen seiner Adlaten vergleicht Eva mit einem Schimpansen. Der Generalstaatsanwalt erscheint als knorrige Gestalt. Eva darf in dem fünf Jahre herausgezögerten Prozess übersetzen. Zweihundertzweiundfünfzig Zeugen sagen aus. Die Ungeheuer von Auschwitz platzen aus dem rechtsstaatlichen Gefüge. Die gesetzlichen Instrumente greifen nicht richtig. Der ehemalige Oberscharführer Boger verhöhnt von ihm Misshandelte. Eva weiß nicht, wo ihr der Kopf steht. Sie glaubt, die Frau des Hauptangeklagten zu kennen. Sie entwickelt ein Misstrauen gegenüber der Schwester. Sie weiß nun, dass die Eltern hinter ihren Schildern der Harmlosigkeit etwas verbergen.

Aber was?

Der Schwurgerichtssaal am Frankfurter Gericht ist zu klein - deshalb findet der Megaprozess im Bürgerhaus Gallus statt. Der Hauptbahnhof und die Messe liegen nah in der Topografie einer boomenden Stadt. Das Stadtteilzentrum hat eine Betongitterfassade. Das Funktionale bestimmt auch das Dekor.

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Im Vulkan

Martin Amis , Daniel Kehlmann , Joachim Kalka
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 12.09.2018
ISBN 9783036957883
Genre: Sonstiges

Rezension:

Bertolt Brecht konnte nicht schreiben, wenn er erkältet war. Martin Amis nimmt die Frage eines Leserbriefschreibers zum Anlass, sich als Arbeiter am Schreibtisch darzustellen – so abhängig von der Verfassung des Leibes wie jeder, der nur seine Körperkraft im Verein mit einem Können auf den Markt werfen kann. Amis beschreibt seine Produktion als physischen Prozess ohne den Aspekt der Entfremdung. Der Vergleich mit dem Arbeiter humpelt solange, bis man an seiner Stelle einen Athleten auftreten lässt. Der Autor schildert Schreiben als Sport: professionell betrieben auf den Ebenen des Romans; spielerisch-belustigt und angeturnt in Ausnahmesituationen (so wie bei einem London Trip mit Tony Blair im gepanzerten Jaguar auf geräumten Straßen, den Triumphbogen des Constitution Arch tunnelnd und alle roten Ampeln überfahrend) in den Niederungen der Zeitungsprosa. Eine von Daniel Kehlmann herausgegebene Sammlung von Amis‘ Besprechungen und essayistischen Übungen zeigt den hingerissenen und (vom Premier) mitgenommenen Amateur, der ohne professionellen Abstand zu seinen Gegenständen zum Sekretär einer rauschenden Gegenwart wird.

„Nun fällt mir auf, dass der Premierminister nicht angeschnallt ist.“

Amis erklärt Blairs jugendliches Aussehen mit einer Quarantäne: „Zehn Jahre in einer Welt ohne Straßenverkehr.“ Er überliefert, was er zu Blair gesagt hat. Die Reportage „Unterwegs mit Tony Blair“ liest sich, als habe der Staatschef kaum Gelegenheit gefunden, dem Autor gegenüber ausführlich zu werden.

Amis erscheint als Rezensent so engagiert wie Prinz Philipp von Griechenland als Ehemann einer Königin, die zehn Premierminister überlebte und nur bei ihrer Taufe in der Öffentlichkeit auf Contenance verzichtete. Er stürzt sich auf die Titel, Thesen, Termine und Temperamente, die ihm offeriert werden. Er reißt das Thema einer Stunde mit einem intellektuellen Nackenbiss, auf Figuren zur Textaufwertung stets verzichtend. Der Griff einer Frau in ihr Haar, eine obsolete Redewendung oder der verregnete Anblick einer vergessenen Sache lösen Romane aus den Klammern des Vorbewussten. Den Schwung für die Gelegenheitsarbeiten erhält das Golfen auf avancierten Allgemeinplätzen. Der Tod einer traurigen Prinzessin, „die Nachricht erreichte Balmoral Castle um ein Uhr früh am 31. August 1997“, zwang Königin Elisabeth zu Vorspiegelungen, die Amis eine Chance boten, das Haus Windsor introspektiv einzunehmen.

„Die Rede der Königin“ entstand 2002. Im Text kehrt der Autor zurück zum Anfang eines Endes. Er malt sich den jungen Philipp in der Rolle des Verehrers als Habenichts mit „sensationellem Stammbaum“ aus. Er geht steil: „Freud persönlich riet Philipps Mutter, da sie sich einbildete, die Geliebte von Buddha und Jesus zu sein, zu einer Bestrahlung der Eierstöcke, um das Einsetzen des Klimakteriums zu beschleunigen“.

Amis beruft sich auf Orwell in seiner Erklärung, warum die repräsentative Monarchie das XX. Jahrhundert überlebt hat. Angeblich gibt es einen Trutz der Zuneigung, der „fast so alt ist wie die Geschichte. Die Idee, dass der König (die Königin) und das gemeine Volk eine Allianz gegen die herrschende Klasse bilden.“

Manches erscheint so exaltiert, als habe sich ein Troll an der Übersetzung vergriffen. Das gilt zumal für die Titelgeschichte „Im Vulkan“ - in Anspielung auf Malcolm Lowrys Hauptwerk „Unter dem Vulkan“. Ich weiß nicht, ob Amis seine wilden Feststellungen auf der Grundlage einer Biografie traf, die Gordon Bowker unter dem Titel „Pursued by Furies“ veröffentlichte, oder ob er, als Sohn von Kingsley Amis fürstlich informiert, über jeden Zweifel erhabenen Betriebstratsch in die Konsumentensphäre streute. Ich finde die Ladung so überspannt, dass ich das Original vom 12.12.1993 googele. „Demons under the volcano: A new life of Malcolm Lowry shows the 'internal romance' of the boozy, bragging drifter“ liefert dem Text die herabsetzende Überschrift. Die Übersetzung trifft aber jeden Punkt einer irrwitzig engagierten Auseinandersetzung.

„Lowry war zusätzlich mit einem besonders kleinen Penis ausgestattet, was geholfen haben dürfte.“

Wobei denn?

Die Bemerkung wird von negativen Zuschreibungen gerahmt. Der „fünfunddreißig Jahre lang (nahezu ununterbrochen) beschickerte“ Lowry sei unzuverlässig gewesen, ein zwanghafter Lügner und Aufschneider vielmehr.

„Um als Alkoholiker wirklich erfolgreich zu sein, um bis zum Ende durchzuhalten, muss man (noch) eine Reihe anderer Eigenschaften haben: Man muss … vor kaum etwas zurückschrecken, solipsistisch leben, unsicher und unermüdlich.“  Der Satz bricht da ab. Gleichwohl überliefert er den blutleeren Exzess eines Mannes, der sein Leben an die Sucht delegierte, nicht anders als William Seward Burroughs, den Amis unterschlägt.

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Muslim Men

Sineb El Masrar
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Verlag Herder, 17.09.2018
ISBN 9783451381560
Genre: Sachbücher

Rezension:

Den schlechtesten Ruf der Welt haben muslimische Männer mit einem arabischen Herkunftsschatten. Sie werden wahrgenommen als die Unholde unserer Epoche. Sie repräsentieren eine Anti-Moderne, die sich auf einer Gegenschräge der Aufklärung in Stellung gebracht hat. Dem gediegenen Europäer dienen sie als Antagonisten. Gäbe es den Muslim Man nicht, müsste man ihn erfinden als den Anderen aka Gegner des abendländischen Fortschritts. Der Muslim Man betreibt offensiv Manspreading, sogar wenn er allein an seiner Konsole sitzt, wo er die Zukunft verpasst. Angeblich fehlen ihm Voraussetzungen für die wichtigste gesellschaftliche Verabredung in der verdichteten Unterschiedlichkeit des Jetzt - der Mäßigung. Während man in ihm den Täter schlechthin sieht, erlebt er sich selbst als Opfer von Vorurteilen und weiteren Diskriminierungen. Seine Inferiorität verdeckt er mit Omnipotenzgebaren.

Ihm widmet sich Sineb El Masrar in ihrem neuen, sehr gelungenen Buch. Die Autorin zieht selten das Ticket der Klischees an den Schaltern des Ressentiments. Sie bleibt sachlich in einem Tsunami der Diversität. Es gibt mal wieder alles und so auch den Islam als Masche; der Berufsmuslim greift dem Glaubensbruder in die Tasche. Er verspricht ihm die Flatrate des Jenseits noch vor dem Tod. Doch davor muss abgedrückt werden: zum Beweis des Gemeinsinns und der religiösen Redlichkeit. Das verweist auf einen Binnendruck, dem Muslime in einer Praxis der „freiwilligen“ Isolation ausgesetzt sind. Da, wo sie Anerkennung erwarten, verbindet sich der Benefit mit Forderungen, die einer Anpassung an die mehrheitsgesellschaftlichen Normen entgegenwirken. Sie entscheiden sich für die Umma und gegen den Wettbewerb. Sineb El Masrar beschreibt die Vermeidungsstrategie und ihre Folgen. Der (erzwungene) Blick nach innen suggeriert eine Vulnerabilität, die von der Mehrheitsgesellschaft ohne Empathie begriffen wird.

„Überall müssen Kinder, die von Regeln der eigenen Gesellschaft unterdrückt werden, den Leistungsdruck abfedern, den schon ihre Eltern nicht aushalten konnten.“ Hamed Abdel-Samad

Sineb El Masrar erklärt das Phänomen Großfamilie/Klan Struktur - eine Patriarchen Ordnung, die alle einengt. Um sich von den „Gehorsamsfesseln“ zu befreien, bedarf es „emanzipatorischer Konzepte“ für junge, von Erziehungsgewalt traumatisierte Männer.

Der Gruppendruck ergibt sich oft aus der Familiengeschichte. In den Übergangsräumen zwischen dem osmanisch-türkischen und arabisch-babylonischen Mesopotamien entstanden in Jahrhunderten multi-ethnische Verbände in tribalen Gemeinschaften, die so sehr zu etwas Eigenem wurden, dass sie sich nicht als syrisch, irakisch, kurdisch, türkisch, assyrisch, armenisch oder griechisch versprengt identifizieren lassen. In den Prozessen von Flucht und Vertreibung erhielt sich die romaneske Originalität, die zu allem, was sie streift, einen Gegensatz bildet. Sineb El Masrar klärt diesen Zusammenhang. Sie sagt, was los ist. Der Klan ist eine Schweißarbeit der Scham – einer überholten und tradierten Scham aus den Nöten unvermeidlicher Abweichung. Es gibt kein Außerhalb, man gehört der Familie.

„Das Ende vom Lied … sind gebrochene Herzen“, denn selbstverständlich, darf man nicht heiraten, wen man will. 

Die Kollision von Wertvorstellungen, die über Behauptungen nicht hinausweisen, illustriert eine Szene, in der ein junger Arabischstämmiger ohne die Erwartung einer widerständigen Entgegnung die von ihm betriebene Entmündigung seiner Frau im Brustton der Überzeugung zum Besten gibt. Er macht die Ansage, um bei Sineb El Masrar auf den Punkt zu kommen:

„Ich nehme an, du bist eher westlich orientiert.“

Ich erkläre ihm kurz, dass für mich Selbstbestimmung nicht westlich, sondern universell ist.

„Okay, aber bei uns hat eine Frau in Clubs nichts zu suchen.“

Da sitzt das Problem. In der Vorstellung, eine Sonderzone etablieren zu können, in denen die Gesetze dieses Landes nicht gelten. Aber auch in der Autorin funktionieren Vorurteile. Sie trifft einen Gesprächspartner und stellt fest:

„Auf der Straße hätte ich ihn für alles Mögliche halten können. Für einen Dealer, für einen jungen Postboten …“

Wie sehen Dealer aus? Arabisch?

Sineb El Masrar beschreibt einen Geschäftsmann, der Viagra in seiner Moschee vertickt und auch Imame versorgt. Die Geistlichen vermitteln und praktizieren Ehen auf Zeit beziehungsweise nach islamischem Recht, die außerhalb eines Gedankengettos jede rechtliche Grundlage entbehren. In diesen Verbindungen nutzen Männer den Umstand aus, dass alleinstehende Musliminnen stigmatisiert werden. Die in einem parallelgesellschaftlichen Korsett feststeckenden Frauen suchen Schutz in Moscheen und bei Imamen und erleben doch nur eine besonders perfide Variante der Ausbeutung.

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Die letzten Tage des Patriarchats

Margarete Stokowski
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 25.09.2018
ISBN 9783498063634
Genre: Sonstiges

Rezension:

Sie wirbelt da Staub auf, „wo es eh schon dreckig ist“. Zugleich warnt Margarete Stokowski: „Wer nicht aufpasst, macht durch Sprache alles schlimmer.“ Seit 2011 bereichert die Spiegel-Online-Kolumnistin das öffentliche Gespräch und fördert die Debattenkultur in den Kommentarspalten.
Eine Sammlung von Beiträgen erscheint nun unter dem Titel „Die letzten Tage des Patriarchats“. In „Hamse jedient im Genderkrieg“ moniert die Autorin den bellizistischen Duktus und atemlosen Frontberichterstattungston in Darstellungen des „Geschlechterkampfes“.
„Und dann bringt ein Mann seine Frau um, und was wird daraus? Ein Beziehungsdrama“.
Stokowski zeigt, wie die Meldung eines Mordes unter ihrer lyrischen Garnitur die Dimensionen einer Gewalttat zu verlieren droht, während feministische Diversität und weibliche Wut als gesellschaftliche Störungen geschildert werden. Der Herrschaftstext setzt sich gegen alternative Sprechweisen durch. Die Kolonisierten tradieren ihre Zu- und Abrichtungen, um in den Zwingern nicht den Halt zu verlieren. Richtig soll sein, was alltäglich/normal ist.
Die Bluttat nach einer Zurückweisung schillert als „Unerwiderte Liebe in Thüringen“. Der herbeifabulierte romantische Hintergrund baut eine Kulisse auf, vor der sich ein in tödlicher Ohnmacht seinen Tiefpunkt erreichendes Gefälle als eskapistischer Liebesakt darstellt. Mit Stokowski fragt man sich, woher die Not rührt, ein Verbrechen, in dem sich Machtverhältnisse spiegeln, mit Delinquenz verschattenden Bewertungen zu verknüpfen.
Da legt die journalistische Narration ein Verständnis im Spektrum der Leidenschaft nah; sie suggeriert aber „Feindseligkeit“, sobald das überschießende Temperament sich in weiblichen Forderungen kontextualisiert.
„Wir verfügen über einen riesigen Apparat aus Rechtfertigungsstrategien für Gewalt durch Männer.“
Das maskuline Repertoire im Spektrum von Anmaßung und Übergriff schildert sich scheinbar selbständig als naturphänomenal. Tatsächlich ergeben sich die Apologien aus der Deutungshoheit. Der „weiße mittelalte heterosexuelle Mann“ ist das Subjekt der Welt. Er deutet sich selbst so wie alle anderen. Ihm eingeschrieben ist ein gigantischer Herabsetzungstext.
Stokowski extrahiert in ihren Untersuchungen die Überlegenheitsmetaphern, -formeln, -floskeln. Sie hilft zu verstehen, warum es so mühsam ist, dem Offensichtlichen Geltung zu verschaffen. Ihre Kolumnen beweisen aber, dass das Patriarchat unter Druck geraten ist. Überall da, wo der Druck eine Schmerzgrenze erreicht hat, vernehmen wir die Klage des Bedeutungsverlustes.  

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Das Jahr der Katze

Christoph Peters
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 03.09.2018
ISBN 9783630874760
Genre: Romane

Rezension:

Man streitet darüber, wie groß der Anteil des Bushido am Karate ist. Der japanische Kriegerkodex (Kodex der Bushi/Dienenden aka Samurai) kultivierte vom Mittelalter bis zur Neuzeit eine privilegierte Art der Begegnung armierter und mehrfach Bewaffneter. Ein Kampf ohne (den Körper verlängernde) Waffen rangierte in diesem System auf dem Siechfeld einer Randsportart. Jiu-Jitsu bot Lösungen nach einer Entwaffnung.

Natürlich setzten japanische Ritter notfalls Hände & Füße offensiv und defensiv ein. Doch hatte das entsprechende Training keine Priorität. Wo aber der Kampf nur mit den Waffen des Körpers sowie mit Haushaltsgegenständen als oppositionelle Reaktion auf feudale Verachtung des Bäurischen geübt wurde, ergab sich ein anderes Bild. Die Leute auf Okinawa durften keine Waffen tragen. Sie modifizierten und verhärteten vor allem das Gong-fu der chinesischen Nachbarn und nannten das hybride Format Okinawa-Te. In den Kodifikationen des Okinawa-Te im 19. Jahrhundert liegt der Ursprung des Karate.

Karate als Straßenkunst

Vom Karate als Straßenkunst der Yakuza erzählt Christoph Peters in seinem Roman „Das Jahr der Katze“. Die Yakuza bildet keine Cosa Nostra, wie der Autor treffend feststellt. Vielmehr dient sie in einem Kastensystem der nationalen Selbstverteidigung unter den Flaggen der Ultranationalisten. Das Fußvolk rekrutiert sich aus den Verworfenen und ethnisch Versprengten. Die Bosse sind Verschwiegene des Establishments. Kuromaku nennt man einen wie Herrn Okabe. Der Herr zieht die Fäden im Hintergrund und erscheint als graue Eminenz sowohl im Verhältnis zur Regierung als auch in der Unterwelt. Er ist ein Dreh- und Angelpunkt im Management der XXXII. Olympiade, die vom 24. Juli bis zum 9. August 2020 in Tokio stattfinden - und bis dahin von einem mörderischen Verteilungskampf auf allen gesellschaftlichen Ebenen beflügelt werden wird.

Wirtschaft ist Krieg und Karate die Schrumpfform einer Kriegskunst. We are warriors on the budo path (Ōyama Masutatsu). Schon Ende der Sechzigerjahre verdrängte Japan die Bundesrepublik von Platz drei der wirtschaftlich stärksten Nationen. Nur hundert Jahre zuvor hatten Samurai mit dem Schwert nicht anders als im Mittelalter für ein Land ohne Dampfmaschinen gefochten. Es gab kein hochseetaugliches Schiff, keine Eisenbahn und keine Universität in Japan.

Die Hauptinsel ist kleiner als Frankreich und nur ein Drittel der Fläche bietet sich einer Nutzung an. Vierundfünfzig Vulkane bedrohen die Bevölkerung. Siebentausend Erdbeben werden im Jahr registriert. Bodenschätze sind rar.

Okabe steht in der Tradition des Politgangsters Kodama Yoshio (1911 - 1984). Bereits als Zwölfjähriger schlug Kodama Yoshio Gewerkschaftler zusammen. Er lernte Karate von Chibana Chōshin und akklimatisierte sich politisch in einem Milieu der Geheimlogen, die Japan als imperiale Macht mit einem Anspruch auf Ostasien begriffen. Er gehörte zu Gen’yōsha und Kenkoku-kai. In beiden Clubs plante man blutige Ernten in China und Korea.

„Ergreife des Feindes Schwert, kehre es um, und erschlage ihn damit.“ Takuan Shuho

Kodama Yoshio verfasste Heimatlyrik und patriotische Streitschriften, die von Kaiser Hirohito nicht ignoriert wurden. Er war der Mann aus dem Volk, das Salz der Erde, vielseitig verwendbar im Spektrum zwischen Mord und Totschlag. Er koordinierte die Niederschlagung des antijapanischen Widerstands in der Mandschurei und stellte eine eigene Miliz auf. Er war ein Freund von Ōnishi Takijirō, der das Kamikaze-Konzept bis zu Einsatzreife entwickelte. Er verband die Yakuza mit den Triaden und trieb sich als Spion herum. Er marodierte mit seiner Miliz in besetzten Gebieten. Die Niederlage Japans erlebte er im Rang eines Konteradmirals. Er verzichtete auf rituellen Selbstmord und stieg in die demokratische Politik ein. Zwanzig Jahre festigte er die Beziehungen der Regierung zu den Yakuza in Absprachen mit der CIA.

Kriegerwallfahrt

Keine Ahnung hat Nikola von diesem Typus eines Konsolidierungsexperten. Die in Tokio gestrandete Deutsche kennt nur das Berliner Graubrot des Offensichtlichen, die ungeschickten Manöver der Einfältigen, die nichts wissen (wollen) vom buddhistischen Gebirge des Seins.

„Im Zen wird nichts beschönigt, nichts verklärt, nichts verleugnet, und für Angst gibt es keinen Platz.“

Selbst Nikolas Liebhaber, ein begabter Killer mit der opaken Aura des kompletten Einzelgängers, beweist mehr Takt als die Deutsche. Die expansive Auslegung eines Auftrags im Zuge einer Kriegerwallfahrt hat Onishi in Schwierigkeiten gebracht. Ein versoffener Abteilungsleiter der Yakuza verlangt erst einen halben Finger und dann den Tod als Entschuldigung. Oyabun (Boss/Pate) Takeda sitzt selbst auf einem absteigenden Ast. Ihm dient Meister Harada als Ratgeber und Seelenführer. Der Schwertkampf- und Karatelehrer fällt nun gemeinsam mit Onishi in Ungnade. Die Helden überstehen ein paar Angriffe, bevor sie die Initiative übernehmen. Sie halten ihre Form mit einer Spielart des intensiven Sitzens –Zazen.

Für die Männer um Harada behält Gültigkeit, was ein chinesischer Mönch im 17. Jahrhundert am Vorabend seiner Erleuchtung unter einer Birke murmelte. Nachahmung erscheint ihnen erstrebenswerter als Originalität. Sie rücken von Überkommenem auch dann nicht ab, wenn es keine Lösungen mehr bietet. In einer Tradition zu stehen, ist für sie das Höchste.

Kritische Äußerungen sind das Letzte. Gegessen wird, was in den Napf kommt. Nikola läuft dagegen Sturm.

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63 Bibliotheken, 9 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

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Gun Love

Jennifer Clement , Nicolai von Schweder-Schreiner
Fester Einband: 251 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.09.2018
ISBN 9783518428320
Genre: Romane

Rezension:

 „Ich wuchs in einem Auto auf.“

Pearl ist die Tochter einer Wohlstandsverweigerin, die als Siebzehnjährige ihren Ford Mercury Topaz Automatik auf dem Besucherparkplatz einer Wohnwagensiedlung in Florida abstellte und zur Wohnung erklärte. Pearl und Margot essen von Limoges Porzellan, als Hommage an die Herkunft der Mutter. Margot wurde als höhere Tochter schwanger. Die Prekären leben auf verseuchtem Boden und in direkter Nachbarschaft einer giftig stinkenden Müllhalde auf der selben sozialen Stufe wie Obdachlose. Die kaputte Erde ist der Ersten Nation noch heilig. Ans Ursprüngliche erinnert allein der Name der Behelfssiedlung. Die Bewohner des „Indian Waters Trailer Park“ sind schießwütig. Der Bodensatz lässt seine Kinder mit Pistolen spielen und kennt von der Verfassung nur den 2. Zusatzartikel (Second Amendment to the United States Constitution), der es seit 1791 jeder Regierung verbietet, das Recht auf Waffenbesitz einzuschränken.

Jennifer Clement, „Gun Love“, Suhrkamp, 251 Seiten, 22,-

„Das Leben war wie ein Schuh am falschen Fuß.“

Pearls Verhältnisse erzeugen lauter Oppositionen zu gut. Alles ist umgekippt, auch ein zur Jauche verkommener Bach, der hochtrabend Fluss genannt wird. Einmal taucht ein siamesischer Zwillingsalligator auf, dem Ei kaum entschlüpft. Er wird abgeknallt. Das erzählt Jennifer Clement in „Gun Love“ aus der Perspektive der Heranwachsenden. Pearl erleidet in der Handlungsgegenwart den bis eben nicht für möglichen gehaltenen Verlust ihrer stärksten Bindung. Lange war ihre Beziehung zu der jungen Mutter partnerschaftlich-symbiotisch. Beide besorgte die Aussicht, eine Behörde oder ein Abschleppdienst könne ihr familiäres Provisorium beenden. Sie hielten Abstand zur Menschheit und schützten ihre Lebensgemeinschaft vor Penetrationen.

„Ein Freund kann schnell zum Richter werden“, erklärte Margot.

Das gilt nicht mehr, seit Margot sich verliebt hat. Der Liebhaber verdrängt Pearl buchstäblich aus ihrer Wohnung.

Clement addiert in „Gun Love“ Massaker zu beliebigen Bilanzen. Als Gast des Internationalen Literaturfestivals sprach sie darüber mit Daniel Schreiber. Clement lebt in Mexiko, wo jährlich eine Viertelmillionen nordamerikanische Schusswaffen eingeführt werden. Illegaler Waffenhandel treibt auch die Romanhandlung an.

Clement ist Präsidentin des P.E.N. International und hat eine feministische Mission. Sie riet zum weiblichen Sturm auf Spitzenpositionen und zu einer strategischen Besetzung von Männerdomänen. Clement weiß, dass sich US-Waffengesetze nicht europäisieren lassen. Für viele Amerikaner sind Schusswaffen Garanten ihrer Integrität. Ihr Staatsbegriff geht nicht von einer fürsorglichen Übermacht aus, sondern von einem Leviathan, der in Schach gehalten werden muss. Der Patriotismus bezieht sich auf das Land, nicht auf eine Regierung.

Dieses Konzept fördert eine schrankenlose, das heißt oft bewaffnete Individualisierung. Das Museum der National Rifle Association in Washington nennt Clement eine Kirche. Sie sprach die erotische Dimension von Feuerwaffen an.

Gun Love/ZZTop

She likes to shoot her gun,
Shootin' at the target of love.
She likes to load her chamber,
Hot and tight like a black leather glove.
She's a little freak, but she'll take you in.
You might be sittin' at the end of a firing pin.
Gun love, gun love, gun love,
She's a real gun lover,
Gun love, gun love, gun love,
She's a real gun lover tonight.

Folsom Prison Blues/Johnny Cash

When I was just a baby
My Mama told me, Son
Always be a good boy
Don't ever play with guns,
But I shot a man in Reno
Just to watch him die.

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Die Verängstigten

Dima Wannous , Larissa Bender
Fester Einband: 220 Seiten
Erschienen bei Blessing, 27.08.2018
ISBN 9783896676276
Genre: Romane

Rezension:

„Literatur war in der arabischen Welt lange eine Gefangene der Politik“, sagt Dima Wannous. Sie hat an der Sorbonne studiert und lebt in London. Ihre ersten Erzählungen kündigten bereits 2007 die syrische Revolution von 2011 an. In „Dunkle Wolken über Damaskus“ schildert sie Diktaturgeschädigte in allen Schattierungen der Anpassung. Sie beschreibt die Spielarten des vorauseilenden Gehorsams von Schranzen in einer paranoiden Günstlingswirtschaft. Überall lauern Spitzel. Auch Assads alawitische Adlaten sind Gefangene einer kollektiven Depression.
Dann kam die Revolution und zerstörte, so sagt es Wannous, Familien und Freundschaften. Die gesellschaftlichen Risse gingen durch die Decken der Häuslichkeit und zerfetzten die letzten Abschirmungen. Wannous gehörte zu der Schicht, die das Sagen hatte – zu jenen Alawiten (nicht Aleviten), die den engsten Ring um den Assad Klan bildeten. Alawiten bilden einen Mysterienkult, also eine Geheimgesellschaft. In Syrien kassierte ein Staat im Staat den Staat. Das konnte gelingen, weil Alawiten in der französischen Kolonialarmee, zunächst in der Légion syrienne und ab 1925 in den Troupes spéciales du Levant privilegiert wurden: im Gegenzug für die Bereitschaft, gegen die sunnitische Mehrheit vorzugehen. Vielleicht erklärt das Assads indifferentes Blutvergießen. Die syrische Mehrheit steckt nicht in der alawitischen Matrix. Das sind nicht seine Leute. Wannous stellt fest: In Syrien tobt kein Bürgerkrieg. Da lässt die Regierung das Volk zusammenschießen.“ Sie prophezeit: „Wir werden nicht wieder miteinander leben können.“
„Syrien ist ein besetztes Land.“
Plötzlich drehten sich auch die Gespräche der Auserwählten um Kontrollpunkte und steigende Lebensmittelpreise. Die Nähe zur Macht verschonte die Wannous‘ nicht von alltäglicher Not. Mit Freunden und Bekannten traf man sich nur noch, um festzustellen, wie fremd man sich geworden war. Das ist der Ausgangspunkt in Wannous‘ Roman „Die Verängstigten“. Der schreibende Arzt Nassim flüchtet vor dem Krieg nach Deutschland und geht da auf Tauchstation. Er überlässt es seiner Geliebten sich Sorgen zu machen und Mutmaßungen anzustellen. Suleima verdient so wenig, dass ihr Gehalt von den Fahrtkosten verpulvert wird. Sie arbeitet bei einer privaten Fluglinie, die prosperiert, seit der staatliche Luftverkehr auf die Bereitstellung einer Maschine reduziert wurde. Die permanente Nähe zu den Spielräumen der komfortabel den Kriegshärten nach Saudi-Arabien entgehenden Besserverdienern gibt Suleima ein „Gefühl bleiernder Leichtigkeit“. Ihre Seele trennt sich vom Körper und sie verliert jeden Halt.
Eines Tages empfängt Suleima ein Manuskript ihres desertierten Geliebten, das ihre Biografie spiegelt. Vorderhand geht es um religiöse Spannungen und totalitäre Verhältnisse. In Wahrheit geht es um das Eingemachte der Empfängerin. Auf den Brückenbögen der Lektüre bricht Suleima zu einer Selbstkonfrontation auf. Sie begreift: Das Regime spaltet die Gesellschaft vorsätzlich. Jeder soll sich nur seinem Milieu verbunden fühlen.
Gleichzeitig erlebt ein Offizier der republikanischen Streitkräfte seine Verhaftung. Man degradiert ihn, bis er sich nackt unter Nackten in einer überfüllten Zelle wiederfindet, froh darüber, den schmerzhaftesten Zumutungen gerade einmal nicht ausgesetzt zu sein. Einem Kameraden im Leid ist die Unterhose nicht weggenommen worden. Das gibt dem Offizier ein Rätsel auf. Er fragt in die Runde, doch niemand erklärt ihm die Sache.
Jeden Morgen werden die Gefangenen nacheinander der Folter unterworfen. Eines Tages kehrt der Mann mit Unterhose aus dem Behandlungszimmer zurück und bricht tot in der Zelle zusammen. Die Überlebenden stürzen sich auf die Leichen und kämpfen um die Unterhose. Dem Sieger gehört sie bis zu seiner Begnadigung im Tod.
Wannous schildert den Umschwung von Liebe in Hass und den Durchmarsch einer Psychose, die nach allen greift. Die Psychose, das ist der Krieg. Seine postumen Rationalisierungen sind Kunstwerke der Unwahrheit.

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Fremde oder Freunde?

Jaafar Abdul Karim
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 21.08.2018
ISBN 9783499633904
Genre: Sachbücher

Rezension:

Sie kommen aus Syrien nach Deutschland und noch bevor sie ausgepackt haben, engagieren sie einen Scheidungsanwalt. Sie trennen sich von Männern, die ihnen in Zwangsehen zugemutet wurden. Das berichtet Jaafar Abdul Karim in „Fremde oder Freunde?“. Den Titel unterschreibt: „Was die junge arabische Community denkt, fühlt und bewegt.“
Der Autor porträtiert Frauen, die sich ihrer Fesseln entledigen und die Werkzeuge der Befreiung in Facebook Gemeinschaften austauschen. Er beschreibt Emanzipationsschübe und Diskursverschiebungen als Migrationsfolge. Syrerinnen, die auf der Flucht vor dem Krieg in der Türkei als Kellnerinnen das Geld für die Weiterreise nach Westeuropa verdienten, wollen ihre auf die harte Tour gewonnenen Freiheitsgewinne nicht mehr in der Verhandlungsmasse eines Ehealltags untergehen lassen.
Natürlich ragen über den emanzipatorischen Nebenwirkungen von Flucht und Vertreibung Elendsmassive auf. Karim besteigt sie professionell. Er moderiert die mehrfach ausgezeichnete arabischsprachige DW-Sendung Shabab Talk, in der sich junge Leute mitteilen können und die schon für manchen Eklat gesorgt hat. Karim geht dahin, wo es wehtut, ohne seine Ängste zu verschweigen. In „Fremde oder Freunde?“ erzählt er noch einmal die Geschichte vom Arabischen Frühling, als via Facebook und Twitter die Zensur umgangen wurde und ein Rausch der Ermächtigung Millionen erfasste, die sich als eine Generation im Aufbruch erlebten. Man merkt Karims einladendem Schreibstil noch an, wie bewegungsorientiert und sozialmedial der Anfang war. Leute mitnehmen, ihnen eine Stimme geben und da, wo sie selbst sprechen wollen, ein Mikrofon: dieser Impetus spricht sich im Text aus.
„Die junge Generation ist voller Energie und Ambitionen und will etwas aus ihrem Leben machen. Was die Älteren nicht raffen, ist, dass sich die Jugend per Knopfdruck in andere Welten beamen und sich Zugang zu Informationen verschaffen kann.“
Inzwischen rangiert Karim als Mentor „der jungen Leute“, die ihn überall erkennen und für seinen Aufstieg mehr achten als für seine Ideen. In ihrer kritischen Bewunderung – „Jaafar, du gibst den Frauen zu viele Rechte“ - erkennt er seinen Auftrag. Karim macht keinen Hehl daraus, dass er sich den westlichen Werten verpflichtet fühlt. Er will nicht, dass ethnisch differente Gruppen in Deutschland nach ihren eigenen Rechtsbegriffen handeln und die Dinge „unter sich“ austragen. Er weiß aber, „dass die Angst vor dem Skandal diese Menschen beherrscht“. Schande wiegt schwerer als der Tod.
Dagegen geht der Journalist aufklärerisch vor. Doch findet auch seine Findigkeit keinen Dreh zum Glück mehr, wenn er irgendwo in Afrika einen Flüchtling aufgabelt, der drei Mal im Mittelmeer gekentert ist und nun das Geld für den vierten Versuch, nach Europa zu gelangen, auf die mühseligste Weise zusammenkratzt. Dabei ist ihm sonnenklar, dass er als asylunwürdiger Wirtschaftsflüchtling angesehen wird und ihm in der weißen Welt nur die Hinterzimmer der Illegalität nicht vollkommen verschlossen bleiben.      

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Das Birnenfeld

Nana Ekvtimishvili , Ekaterine Teti , Julia Dengg
Flexibler Einband: 221 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 13.08.2018
ISBN 9783518468821
Genre: Romane

Rezension:

Georgien in den Neunzigern, die sowjetischen Nachbilder sind verblasst. Der Republik droht mehr als ein Kollaps. Zwischen Aufbruch, Putsch, Gegenputsch, Separation und Annextionsversuchen verflüchtigt sich das staatliche Interesse an den Zöglingen in einem „Internat für geistig beeinträchtige Kinder“. Vereinzelt machen sich die Kinder als Bettler*innen und Prostituierte auf den Bahnhöfen von Tbilissi selbständig.
Eine Achtzehnjährige verharrt rauchend hinter ihren Kindheitsgittern. Lela managt die Vergessenen und Verwaisten. Sie bewahrt Erinnerungen an heldenhafte Vorgänger*innen – an Entlassene mit phantastischen Biografien und unklaren Diagnosen, die zu den Beeinträchtigten gesteckt worden waren vielleicht nur infolge elternhäuslicher Miseren.
Die Verwahrten zeigen allenfalls abweichendes Verhalten. Schwachsinnig sind sie nicht. Sie verstehen sich auf Verbesserungen ihrer Lage mit ausgeklügelter Kommunikation. Sie bilden Mannschaften und finden Gegner unter „Normalen“.
Lela übernimmt die Mutterrolle bei einem von seiner leiblichen Mutter vernachlässigten Jungen. Ihr explosives Wesen verbindet zarte Regungen mit Ruppigkeit. Sie erträgt kaum, wie Irakli unter der Liebesverweigerung leidet. Sie selbst wurde von dem Lehrer Wano missbraucht. Er vergreist in der Handlungsgegenwart. Lela „schaut in (Wanos) welkes, altes Gesicht, seine schwarzumränderten Augen, die trüb hinter der Brille zu erkennen sind. Sie schaut auf seinen schlaffen, heruntergezogenen Mund …“
Auch der Titel „Das Birnenfeld“ kommt direkt aus der Heimhölle. Auf dem Birnenfeld fanden in Lelas Kindheit Vergewaltigungen statt. Die Opfer blieben auf dem Feld zurück, während sich die Täter*innen zerstreuten. Schließlich schlossen sich die Erniedrigten wieder einer Gruppe an, ohne Aussicht auf Gerechtigkeit und Rache. Sie liefen einfach mit, als sei ihnen nichts geschehen. So einfach lässt sich eine Persönlichkeitsspaltung erzählen.
Ekvtimishvilis Sprache entbindet jenes Grauen, das wir mit geschlossenen Anstalten assoziieren. Sie erzählt von körperlicher Gewalt und geistiger Armut. Sie beschreibt eine Normalität der Abweichung. Ein amerikanisches Ehepaar auf Adoptivschau verguckt sich in Irakli. Lela besorgt ihm eine Englischlehrerin für das Gröbste des Neustarts. Auf der Gegenschräge ihrer Fürsorge treibt sie ein mörderischer Hass auf Wano an.  

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Das Integrationsparadox

Aladin El-Mafaalani
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.08.2018
ISBN 9783462051643
Genre: Sachbücher

Rezension:

Die offene Gesellschaft ermöglicht Austausch, Kooperation und Streit. Ihre Gegner sind im Konservatismus vereint. Sie kultivieren Ausschluss- und Verweigerung. Sie verschanzen sich hinter Barrieren der Exklusivität und schüren die Angst vor Überfremdung. Ihre Kultur gründet in der Angst. Die Angst haben Salafisten und Rechtsradikale gemeinsam. Die mentale Nähe ist da am größten, wo die extremsten Positionen formuliert werden. Zu diesem Ergebnis kommt Aladin El-Mafaalani in seinem Aufklärungsbuch „Das Integrationsparadox – Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“. Darin beschreibt er die Geburtsschmerzen einer neuen Gesellschaft, die nach den Leistungsmaximen und entgegen völkischer Devisen autochthone Verlierer im Staub der Vergangenheit liegen lässt. Die Migration befeuert einen evolutionären Prozess der Umverteilung. Wie eh und je geht es um Verdrängung und Partizipation.

Der Unterschied zwischen Skandieren und Skalieren

„Die Verbesserung der Teilhabechancen führt nicht zu mehr Konsens in der Gesellschaft, sondern zu Neuaushandlungen.“

El-Mafaalani erklärt, „warum es gut ist, dass gelungene Integration das Konfliktpotential steigert.“ Der Politikwissenschaftler besichtigt den Grand Canyon der Differenz zwischen Skandieren (von Parolen) und Skalieren (ziviler Chancen).

Wir haben längst Verhältnisse, in denen die ethnische Herkunft nichts mehr garantiert. Die Minderheiten drängen in den öffentlichen Raum und auf die Märkte der Ur-Einheimischen. Manchmal bestimmen sie den Diskurs und verstärken so den Protest der schweigenden Mehrheit, die sich von ihren demokratischen Gewalten nicht ausreichend repräsentiert sieht. Es zeigt sich die Effektivität der Versprengten, die eine im Grunde aktivistische Empowerment-Politik betreiben, die sich nicht gegen sie ins Feld führen lässt. Die Initiativen der Beteiligung machen sich in Räumen der Sozialarbeit und der Nachbarschaftshilfe unauffällig. Sie werden dezent begrüßt, in einem evolutionären Sog der Anpassung - Wen du nicht besiegen kannst, den musst du umarmen.

Manchmal bleibt El-MafaalanisAnalyse im Vokabular stecken. Der Autor exponiert die Gewinne für viele und unterschlägt Kosten der Transformation. Er spricht von einem „breit verankerten Problembewusstsein“ in den Instanzen, die etwa zur Verbesserung der Sprachkompetenz führt. Syrische Flüchtlinge seien in einem Parcours der Deutschkurse und des ehrenamtlichen Engagements schneller zur Mitte aufgerückt als sämtliche älteren Einwanderergenerationen. Sie leben in Deutschland gleichwohl nicht so wie zum Beispiel koreanische Migranten in Amerika, die ohne Anlauf verbürgerlichen.

Deutschplus

Die Zugangskodes werden mit den Qualifikationen verteilt. Jeder individuelle Fortschritt steigert die Erwartungen und setzt die Schmerzgrenzen herab. Verminderungen der Hinnahmebereitschaft sind folgenreich. Einzelbewertungen ergeben sich aus divers gegossenen Fundamenten. Religion, Qualifikation, Geschlecht, Alter, soziale und ethnische Herkunft so wie politische Überzeugungen ergeben tausend Muster in einer Gesellschaft.

El-Mafaalani feiert die Integration, wo eine Avantgarde längst in der Zukunft der Desintegration das Gold der Beteiligung schürft. Wie es Max Czollek gesagt hat: Es gibt kein ohne uns mehr. Die Operation Metamorphose läuft. Der fünfte Teil der deutschen Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund, davon die Hälfte mit deutschem Pass. Die neuen Deutschen nennen sich „deutschplus“ und sorgen in den Ballungsräumen für Superdiversity. „National befreite Zonen“ können da nicht entstehen.

El-Mafaalani verlässt sich oft auf anekdotische Evidenz. Er erinnert an die Ära der durchsetzungsfähigen Hausmeister, die in Blockwartmanier die Grünflächen zwischen den Siedlungshäusern bewachten. Sie verteidigten den Rasen gegen Heranwachsende. Man war aneinander gewöhnt. Die Verschiebung der Machtverhältnisse ging fast unmerklich über die Bühnen der Teilhabeverhandlungen. Irgendwann tauchten die Hausmeister als zustimmend rauchende Zeitgenossen an den Spielfeldrändern auf und in den Quartierskadern schnürten sich Jérôme Boateng, Sami Khedira, Mesut Özil, Lukas Podolski und Miroslav Klose die Siegerschuhe. Das war eine Abstimmung mit den Füßen. Sie änderte alles.

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Kinder der verlorenen Gesellschaft

Safiye Can
Fester Einband
Erschienen bei Wallstein, 27.02.2017
ISBN 9783835330481
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

Sie steht „am Laufband Richtung Kasse“, während im Abspann der Assoziationen überall auf der Welt Menschen auf Laufbändern an ihrer Selbstoptimierung feilend scheitern. Sie scheitern schwitzend. Die Szene hallt vor Redundanz wie ein Kirchenschiff im Orgelsturm und eröffnet dem „Konservendosengefühl“ der Erzählerin einen weiten Raum. Das Ich schweift aus im Liebes-Du. Es erzählt eine Geschichte mit poetischen Putzmitteln. Die Laufbandgeräusche sind so oder so universell. Sie versichern eine Verliebte gegen Tod und Not im Überangebot.
Safiye Can, „Kinder der verlorenen Gesellschaft“, Gedichte, Wallstein Verlag, 90 Seiten, 18,-
So steht es geschrieben in den Linien „Deine(r) Archäologenhände“, einem Gedicht im Paarungsrausch mit seiner Nachbarin aus dem Can Weg 35, die weiter von der Liebe spricht. Nein, Safiye Can schreibt keine „Damit-verdienst-du-keinen-Cent-Gedichte“; so wie das Ich in „Aus dem Boden schießen Bäume“ wohl auch nicht; so verwandt erscheint es der Dichterin, die eine Liebesgeschichte lyrisch transformiert, indes keineswegs kommunardisch vom Ich zum Wir schreitend in einem überschaubaren Glückswinkel.
Can erlebt Poesie als „unendlichen Prozess“. Sie hat auf ihrer Strecke die Grenzen der Zirkelprominenz gesprengt. In einem Seitenfach der Literatur avancierte sie zur Bestsellerautorin. Seit Nâzım Hikmet und Pablo Neruda könnte es diese Kombination nicht mehr gegeben haben.
In einem Interview mit Türkân Kurt verkündete Can: „Alles kann als Inspiration dienen, um Worte zum Leben zu erwecken.“
Sie sagt: „Wer sein Herz nicht bändigen kann, der lebt.“
Sie sagt: Vielleicht ist Heimat das Hineinfallen ins eigene Bett …“
Sie sagt: „Wann immer ich Solingen höre, brennt ein Haus vor meinen Augen.“
Das sagt Can in den Tonfällen ihrer lyrischen Avatare.

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Anmut und Feigheit

Frank Schulz
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 16.08.2018
ISBN 9783869711737
Genre: Romane

Rezension:

Der Erzählband „Anmut und Feigheit“ erklärt sich selbst zum „Prosa-Album über Leidenschaft“. Die Titelunterschrift weckt Erinnerungen an gerontologisch getunte Binsen, üb‘ immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab, die schönschriftlich eingetragen wurden in die Poesiealben der Anderen, sowie an die Poesie der Radiorockrezensionen: das neue Album (die neue Scheibe) der „Who“ ist im Vergleich zur letzten Scheibe (zum letzten Album) … In den Themenkreis passte eine persönliche Verbesserung vom gläubigen Absitzen deutschen Schlagerschmus auf Omas Sofa zu der Einsicht, dass Ilja Richter mit Rock nichts zu tun hat. Endlich rechnete man sich zum festen Hörerstamm des internationalen Top Ten Rodeos. Die Moderatoren versauten die Mitschnitte absichtlich mit langen Ansagen.
Die zweite oder dritte Single-Generation spielten Tonträger mit fünfundvierzig Umdrehungen pro Minute auf Kofferapparaten mit (im Deckel) integriertem Lautsprecher mitunter noch im Mono Modus ab.
Nun ist alles Mono. In „Anmut und Feigheit“ versammelt Frank Schulz Artefakte einer untergegangenen Welt von Neckermann nicht zuletzt. Seine in der Ereignisarmut Ergrauten und Eingestaubten biegen nach einer Serie von Fehlstarts im Augenblick der Handlungsgegenwart auf ihren Zielgeraden ein, um endlich zu erkennen, dass sie ein Leben lang kein Land gewinnen konnten. Sie kehren zurück in die Bruchbuden ihrer Herkunft und scheitern als Heimkehrer noch einmal. Zur individuellen Lebensleistung „verkrachte Existenz“ kommt der Raubbau am Vertrauten. Das örtliche Wahrzeichen, ein majestätischer Kastanienbaum, wird gefällt und Hinni Heitmanns Kneipe geschliffen. Das erlebt Bodo, der als Journalist und Romancier genretypisch scheiterte, und nun auch noch seine kleinen Hoffnungen auf einen Daseinsrest vor Kindheitskulissen begraben muss. Man sieht förmlich die im Bart hängengebliebenen Bröckchen schlichter Mahlzeiten im Rahmen eines schlichten Lebenszuschnitts. Die Bescheidenheit schnürt ihm die Kehle zu. Hohn und Häme treiben ihn seinem Grab entgegen.
Einer Bodo-Variante namens Kortsch erweiterte ein Schlaganfall zum Sechzigsten den Hades Horizont. Hinter ihm liegen sechs Jahre mit der dreiundzwanzig Jahre jüngeren Yvonne. Kortsch trägt sich zünftig, allein ihm fehlt der Glaube an die eigene Konkurrenzfähigkeit. Trotzdem strapaziert er sich noch präpotent auf den Zufallsgipfeln einmaliger Gastspiele. Den postkoitalen Bekenntnissen unter Fremden, die ihre Müdigkeit mit nachträglichen Erregungen abwehren, dichtet er einen Reiz an.
Schulz nähert sich den Schlussschlichen und finalen Seufzern seiner Versager leidensgenossenschaftlich. Verkürzt zitiert er eine Einsicht von Bette Davis: Old age ain‘t no place for sissies.

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Post von Karlheinz

Hasnain Kazim
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Penguin, 25.04.2018
ISBN 9783328102724
Genre: Humor

Rezension:

Inzwischen geben sie ihre Titel und Telefonnummern an. Anwälte und Architekten fürchten keine Statusverluste mehr, wenn ihre Kommentarspaltenexzesse und andere Entladungen der Anonymität ohne Weiteres entzogen werden können. Manche sagen „Kultur“ statt „Rasse“ und „kulturfremd“ statt „rassisch minderwertig“, aber alle meinen das Gleiche, nämlich eine von fremden Einflüssen gefährlich gestörte volksgemeinschaftliche Homogenität, die zu verteidigen als vornehme Aufgabe verstanden wird.
Bei der Bestimmung der Grenzen des Sagbaren in den Sprechweisen des Ressentiments steht die Meinungsfreiheit bloß als Popanz auf dem Prüfstand. Die Amme der Demokratie wird strapaziert, um in ihrem Ach und Weh andere Angriffsgeräusche untergehen zu lassen. In Wahrheit schießen Keyboard Warrior nicht auf die Meinungsfreiheit, sondern auf die Unantastbarkeit der menschlichen Würde. Strategisch geht es um Verminderungen der Standards zum Schutz von Minderheiten. Geschliffen werden die Achtungswälle. Angegangen werden Personen, die sich als Repräsentanten von Minderheit im öffentlichen Raum schildern lassen. Die größte Zumutung liegt in der Zuschreibung. Ein deutscher Journalist mit indisch-pakistanischen Eltern gerät so automatisch in die Rolle des Gemeindesprechers ohne Gemeinde. Er muss sich mit Fiktionen auseinandersetzen. Davon berichtet der Journalist Hasnain Kazim in „Post von Karlheinz“.
Nicht seine Kritik (an was oder wen auch immer) erscheint dem Leserpostschreiber als das Übel, sondern die Herkunft des Kritikers. Ein „Ausländer“ soll kein Recht auf eine Stimme im Streit der Deutschen haben. Natürlich ist Kazim kein Ausländer und es gelingt auch keinem „echten Deutschen“ seine Sprecherkompetenz herabzusetzen. Bedenklich ist gleichwohl Kazims Erreichbarkeit für Hass. Längst trennt Kazim kein intellektueller Jägerzaun mehr von seinen Angreifern aus dem Bauch der gesellschaftlichen Mitte als dem neuen rechten Rand.
Zwei Jahre erwies Kazim seinen Kritikern die Ehre humorvoller Repliken. Er übte sich in grotesker Kunst und machte aus dem Dreck der Invektiven ein Fest der Schlagfertigkeit. Kazim erkannte: „Islamisten und Neonazis sind Geschwister im Geiste“
Rechtsextremismus ist Regression – eine infantile Reaktion auf Vielfalt. Das beweist der Satzbau deutscher und türkischer Karlheinzis. Mit Nachdruck reagieren sie auf den semantischen Rückstoß. Ein hohes Aufkommen von Ausrufezeichen zeigt sie an. Ihre Rechtschreibung ist eskapistisch. Es wird an die Wand gestellt, ausgerottet und angezeigt, als läge wenig Bemerkenswertes zwischen einer Exekution, einem Genozid und einer Gerichtsverhandlung. Allerdings glauben nur die deutschen Karlheinzis, dass man jeden Muslim ungestraft „Ziegen-“ wahlweise „Kamelficker“ nennen darf.   

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Desintegriert euch!

Max Czollek
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 20.08.2018
ISBN 9783446260276
Genre: Sachbücher

Rezension:

Bei jeder Betrachtung Westdeutschlands als scheinselbständige Wiederaufbaugesellschaft erscheint nichts deutlicher als die Verdrängung der Schuld. Die Hauptaufgabe aller Gestalter bestand in Hinterzimmer- und Herrenrundenumdeutungen des faschistischen Deutschlands und seiner Niederlage. Die Niederlage wog viel schwerer als der Holocaust. Im III. Reich war die Geschichte verunglückt. Bei Bedarf war Hitler gar kein Deutscher. Zugleich war unter dem Österreicher nicht alles schlecht gewesen. Ein nahezu antinomisches Unterfangen wurde zum Erfolg geführt. Die Kontinuität deutscher Geschichte blieb für zukünftige (wieder souveräne) Generationen gewahrt, unter einer Patina der Ein- und Zugeständnisse - dem hochmütig-hohlen Verlierersprech des Premiummenschen. Die rechten Ränder von CDU und CSU boten völkischem Einvernehmen genug Lebensraum. In der Gesellschaft von Franz Josef Strauß konnte sich ein Trotzpatriot auf der Höhe der Zeit und im Einklang mit den herrschenden Kräften fühlen. Zum Konsens gehörte die bürgerliche und kleinbürgerliche Rahmung des nationalsozialistischen Volksgenossen. Nach Fünfundvierzig wehten die Reichskriegsflaggen über den Kolonien der Schrebergärtner. Das völkische Denken hörte (als braungrünes Gemisch) nie auf selbstverständlich zu sein. Die Erhaltung des nationalistischen Grundstocks fand weiterhin als vaterländische Pflicht Anerkennung. Verrat beging und Söldner war, wer in den Sechzigerjahren als deutscher Athlet besserer Verdienstmöglichkeiten wegen nach Italien ging.

Desintegrative Eskalation

Max Czollek, geboren 1987 in Berlin, versteht sich und seine Freund*innen als „Teil dieses Landes, auch wenn wir uns mit dem neuen deutschen Nationalstolz nicht identifizieren … wir sind Teil dieses Landes, das jenseits allen Leitkultur- und Integrationsgelabers existiert. Was bedeutet, dass wir die Rolle nicht annehmen, die uns bei der Inszenierung der deutschen Normalität zugedacht wurde“.
Während seine Eltern „im Nichts wurzelten“, wurde die Entwicklung des Nachgeborenen von jüdischen Institutionen begleitet. Da wuchs mit ihm das „Wir“ heran, dominiert von postsowjetischen Einwanderern, die gelegentlich mit Russlanddeutschen verwechselt wurden. Da liegt noch Romangold. Czollek rechnet sich zu den Inglourious Poets, die „Rache als Selbstermächtigung“ üben und wenigstens davon träumen:

„Schon als ich ein kleines Kind war, hatte ich Gewaltphantasien. Ich lag im Bett und stellte mir vor, wie ich Nazis die Arme abschlug.“

Max wollte zurückschlagen. Czollek erkennt einen Zusammenhang zwischen dem Fußballpatriotismus im Sommer der Weltmeisterschaft 2006 im Sinne eines kollektiven Befreiungsschlags - und einer Enthemmung, die von vielen als „Normalisierung“ wahrgenommene wurde. Die Normalisierung (Enthemmung) gipfelte im Einzug der AfD in den Bundestag 2017.

Die Koordinaten einer „negativen Symbiose“ (Dan Diner) bestimmen Leute, die auf Achtundsechzig so abweisend reagieren wie ihre Eltern auf den Holocaust reagiert haben. Vermutlich brauchen sie das „deutsche Gedächtnistheater“ (Y. Michal Bodemann) nicht, in dem sich ältere und anders gestrickte nichtjüdische Deutsche nicht nur exkulpieren, sondern, so Czollek, kulturelle Exploitation & Appropriation mit pornografischen Einschlüssen betreiben. Der Autor schützt sich selbst vor „Repräsentationsfracking“, indem er „vom Kapital der Minderheiten“ nichts herausrückt und deshalb auch keine biografischen Geständnisse macht. Eine Armee aus Absaugern wartet nämlich nur darauf, dass so ein Berliner die Tür aufmacht, um ihn als Pfannkuchen auf den Markt zu werfen.

Czollek schildert Schleichwege der „Eingemeindung jüdischer Positionen in den deutschen Entlastungsdiskurs“ aus. Er zeigt, dass ein ausgezeichnetes Gedicht von Nora Gomringer den „Rahmen primärer (Holocaust-) Assoziationen“ nicht sprengt und in seinen konventionellen Bindungen grauenhaft ist. Wenn nicht sogar eklig.

Und es war ein Tag

Und der Tag neigte sich

Und es war Stehen und es war Warten

...

Und es war Weinen ...

Und es waren Waggons ...

...

Und es war ein seltsamer Name

Au-schw-itz

Er erkennt „die banale Abfolge gesellschaftlich etablierter Bilder“, wo immer sie sich im Integrations- und Gedächtnistheater zeigt und „die innere Vielstimmigkeit der Minderheiten“ planiert. Er kommt dahin, wo auch Doron Rabinovici an der Belastbarkeit der zurzeit beschworenen These von einer „christlich-jüdischen“ Synthese zweifelt. Rabinovici glaubt übrigens, dass die Bedingungen der Judenvernichtung in den deutschen und österreichischen Herrschaftsstrukturen unter Verschlusskappen intakt sind.

Der alte Judenhass wird im plötzlich „jüdisch-christlichen Abendland“ gegen „den Islam in Stellung gebracht“, sagt Rabinovici. Czollek sagt nichts anderes. Wer Muslime ausschließt, läuft sich für den Ausschluss der Juden schon einmal warm.

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Verwirrnis

Christoph Hein
Fester Einband: 303 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 13.08.2018
ISBN 9783518428221
Genre: Romane

Rezension:

Der Krieg ist noch nah. In den Wäldern um Heiligenstadt verrotten weggeschmissene Verliereruniformen neben anderen mit Hakenkreuzen markierten Gegenständen. Friedeward und Wolfgang suchen nach (oder träumen von) einer „funktionstüchtigen Offizierspistole“ für einen sicheren Doppelselbstmord. Hinter ihnen liegt eine herrliche Zeit, in der sie an Ostseestränden und in einem Zelt zueinanderfanden. Weil ein gemeinsames Leben ausgeschlossen ist, wollen sie gemeinsam sterben.
Friedeward wird von seinem Vater unterrichtet, einem gläubigen Despoten, der mit einem „Siebenstriemer“ erzieht und den größten Schmerz der Strafe für den Strafenden beansprucht. Pius Ringeling ist nicht einfach aufzuschließen, aber dass ihm mit allem ernst ist, was man inzwischen allgemein fürchterlich findet, steht außer Frage. So spricht Pauker Pius:
„Es ist eine himmelschreiende Sünde und den Sündern wird ein kirchliches Begräbnis verwehrt … Die Sodomiter leben in Sünde, sie sterben in Sünde, sie haben ihre ewige Seligkeit verloren, Friedeward.“
Darum geht es in Verwirrnis: Jugendliche entdecken ihre Liebe im neuen Deutschland als intern unkomplizierte, das Leben weit machende, im gesellschaftlichen Gefüge anstößige und im staatlichen Rahmen (noch) kriminelle Angelegenheit. (Seit 1957 waren homosexuelle Beziehungen unter Erwachsenen in der DDR nach § 175 nur noch auf dem Papier strafbar. Eine weitherzige Auslegung war ständige Praxis. 1968 wurde der Paragraf aus dem DDR-Strafgesetzbuch gestrichen.) Die Liebenden weichen dem Milieudruck aus und ziehen Stärke aus der Zweisamkeit und der Literatur. Doch dann verschwindet Wolfgang, liebevoll Wölfchen. Sich selbst überlassen, verlegt sich Friedeward aufs Durchhalten. Die bittere Zeit endet in Leipzig, wo die Liebenden vorübergehend wiedervereint als Studenten eine neue Freiheit genießen. Wolfgang ist auch an Frauen interessiert, er strebt konventionelle Lösungen an und stößt damit den hermetischen Friedeward vor den Kopf, so wenn er „mit Helga in den Sommerferien“ auf den Schauplätzen der Kindheit „händchenhaltend“ schwer interessierten Zeitgenossen seine Ehebereitschaft signalisiert. Friedeward hält mit Jaqueline dagegen. Er führt „die Heidin“ seinen Eltern vor, um die Früchte ihrer Erleichterung zu ernten. Die junge Frau heuchelt eine Verlobte. Sie beteiligt sich an dem Täuschungsmanöver als Komplizin in einem Mininetzwerk der Abweichung. Sie setzt dem Patriarchen zu und nennt ihn einen Kinderschinder.
Pius wehrt sich geschickt. Er hält den Siebenstriemer als Erziehungsinstrument hoch und verteidigt die Peitschenpädagogik, da sie ihn davor gefeit habe, den Nazis nachzulaufen. Ihr verdanke sich seine Kraft, unter Kommunisten Christ zu bleiben.
Hein erzählt das in einer erstarrten Sprache. Sie suggeriert die Monotonie des Bizarren in einer Eiswüste. Er geht die Geschichte der DDR durch, passiert „Maßnahmen des Ministerrats zur Sicherung der Republik“, in der westdeutschen Lesart „die Mauer“. Friedeward schult sich an Hans Mayer, bis der Großmeister 1963 von einer Reise ins imperialistische Ausland nicht mehr zurückkehrt. Auch Wolfgang erlebt das Aufrauschen der antiautoritären Bewegung in West-Berlin. Durch die Liebe geht der deutsche Riss.
Heins Prosa leuchtete lange in Farben der Verheißungen. Der Autor schilderte eine Gesellschaft im Recht, legitimiert von der Geschichte und gewiss nicht zweifellos, aber doch … mit den Kräften einer guten Zukunft im Bund. In die aktuelle Retrospektive hat sich Sterilität eingeschlichen; als habe Hein das Gespür für das Selbstgespräch der Republiken verloren. – Für die Spannungen, in denen die Staaten als Vasallen gehalten wurden. – Für die überwundene, aber nie aufgeklärte Unmöglichkeit, einfach weiter zu machen nach dem II. Weltkrieg. – Für die nicht ausgelotete Differenz zwischen Um- und Aussiedlern.
Nach dem Tod des Vaters stellt Friedeward der Mutter eine schlichte Frage, deren Beantwortung in einem Glaubensbekenntnis mündet. Wer Gott liebt, muss offenbar nicht auch noch den Ehemann lieben.
Die Mutter stellt die irdische Liebe als etwas Müßiges hin. Sie lobt Strenge in einer Phase gelockerter Sitten. Friedeward geht kaum weiter als sie. Er begibt sich unter dem Schirm von Academia. Seinem Begehren legt er Zügel an. Er setzt ihm eine Tarnkappe auf.

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Selbstbild mit russischem Klavier

Wolf Wondratschek
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 10.08.2018
ISBN 9783550050701
Genre: Romane

Rezension:

„Meine Generation war nicht darauf vorbereitet, alt zu werden.“ Wolf Wondratschek 


Angeblich gibt es in Wien „nur zwei Sorten Russen: Millionäre und Musiker“. Suvorin hat eine Vergangenheit als Pianist. Nun sieht er aus wie ein Bettler. Der Erzähler trifft einen solventen Greis. „Ich bin, teilte er mir mit, ein Mann, der zu langsam stirbt. Ich habe, was ich haben wollte, gehabt, und was mich hätte umbringen können, überlebt.“ Ein kryptisches Zitat verbirgt sich vielleicht im Abgesang. Man könnte Suvorin und seinen Betrachter mit einem Gedicht von Heiner Müller kurzschließen: „Etwas frißt an mir/ Ich rauche zu viel/ Ich trinke zu viel/ Ich sterbe zu langsam.“
Allerdings verzichtet Suvorin auf Alkohol und verstößt lediglich gegen ein ärztliches Kaffeeverbot. Was Genuss war, ist jetzt Gift für ihn. Ein trockener Trinker sucht Zuflucht in anekdotischer Evidenz. Seine Erinnerungen könnten einem Stück von Tschechow entnommen sein: „Jenseits von Moskau waren Künstler eine Erfindung und Pferde real.“ In der Gegenwart des beschworenen Damals geben Leute einen Monatslohn für zwei Konzertkarten her. Ihre Nöte schmieden sie zu Komödien.
Sie leben in einer Proponentengesellschaft und werden zur Selbstkritik angehalten. Reue kann befohlen werden. Der Alltag eines UdSSR-Untertanen verlangt gegenüber den administrativen Instanzen einen Vorsprung an dummer Schläue. In den Duellen mit ewigen Instanzen ist das zu wenig.
Am Präsens der Verknappung haftet die Patina von fünfzig Jahren. In der Handlungsgegenwart steht Suvorin mit seiner realsozialistischen Prägung und lauter Untergangserfahrungen auf verlorenem Posten. Die Welt hat sich an ihm vorbeigedreht, der Musiker erscheint wie ein plapperndes Nachbild.
Er spielt schon lange nicht mehr, bezeichnet sich als „trockenen Pianisten“. Sein Schöpfer gestattet ihm ein paar grandiose Züge, die das Depot nicht mehr verlassen. Die Frau ist tot, die Kinder sind weg … Suvorin ist allein und muss sterben. Etwas anderes gibt es nicht mehr, sieht man ab von einem italienischen Restaurant mit freundlicher Bedienung und von dem fahlen Interesse des Erzählers, der Suvorin seelisch nicht überragt. Das Paar spiegelt sich in seiner Indolenz. Es spiegelt Wondratscheks musikalische Vorlieben. Für den Autor ist Wien die Stadt des Mozartsaals. Was interessieren ihn Geschichten? Er spürt der Sprache nach, wie sie sich an der Musik versucht. Am 14. August wird er fünfundsiebzig. Ich sehe ihn trotzdem noch, den behänden jungen Mann, der von Frankfurt am Main nach München gezogen war und da angefangen hatte zu boxen, um das Muhammad Ali Gefühl zu begreifen. Der Dichter wusste schon, dass die Ali Shuffle ein Meilenstein der Kampfkunstevolution war, als die einschlägigen Großereignisse noch zu Milieustudien einluden und Henry Maske ein Mann des DDR-Systems war.
Ich denke an Wondratscheks Gedicht über einen, der nicht sein Freund war - Rolf Dieter Brinkmann.
Er war too much für Euch, Leute
Brinkmann hatte wirklich was drauf, aber glaubt nicht, daß ich das hier beweisen will, dieses Abschiedsgedicht auf einen, der nicht mein Freund war und den ich persönlich nur wenige Male getroffen habe, gilt der Zukunft, für die Brinkmann jetzt verloren ist, vielleicht (und die Anzeichen sprechen dafür, haufenweise Gedichte, haufenweise Prosamanuskripte, die keiner zu drucken wagte, weil der Mann keinen Welterfolg vorweisen konnte und der Reibach für solche extremen Schriftstellerbemühungen wie die, die Brinkmann in den letzten Jahren unternahm, zu gering sein würde) vielleicht hätte er die Szene noch mal aufgerollt, schweigsamer als früher, an einem Tisch auf einem Stuhl sitzend …
Behalten habe ich Wondratscheks Bemerkungen oder eine entsprechende Phantasie zu Nelson Algren, dem Simone de Beauvoirs vereinnahmendes Interesse zu viel wurde. – Zurück geblieben ist der romanhafte Eindruck einer Stern-Reportage über John Hustons Verfilmung von Malcolm Lowrys Roman „Unter dem Vulkan“.
Wondratschek war nie aufgeschmissen. Als desolate Erscheinung im Fauserstil kam er nicht vor. Einmal traf ich ihn in einer Frankfurter Lobby beim Frühstück mit dem Autorpiloten Jürgen Ploog. Er äußerte sich schneidend und verjüngte lächelnd den Korridor gemäßigter Sprechweisen. Das wäre nicht nötig gewesen.
Im Nebelwald der Verzerrungen fand ich Wondratschek in eine Reihe mit Handke und Brinkmann gestellt. Der Laudator zitierte richtig Handkes Beschreibungsimpotenz-Verdikt und behauptete falsch weiter, Brinkmann habe Reich-Ranicki mit einer Maschinenpistole bedroht. Dieses Literaturbetriebsmärchen ist schon zig Mal Richtung Wahrheit umgeschrieben worden. Reich-Ranicki verweigerte aus Angst, vorgeführt zu werden, den direkten Schlagabtausch mit Brinkmann. Der Schriftsteller und Kritiker Rudolf Hartung bekam als Juror dann einen Satz ab, der Breton zitiert: „Wäre das hier ein Maschinengewehr“, sagte Brinkmann in einer Berliner Akademie 1969, „würde ich Sie alle über den Haufen schießen.“
„Das hier“ war sein (einziger) Roman „Keiner weiß mehr“. Wenn keiner mehr weiß, wer Heinrich Böll war, werden Wondratscheks frühe Gedichte wie letzte Botschaften eines Jahrhundertsommers der Liebe in einer neuen Keilschrift in den Katakomben der Überlebenden gleich welcher Katastrophen kursieren. 

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12 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

Die Polizisten

Hugo Boris , Amelie Thoma
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 10.08.2018
ISBN 9783550050466
Genre: Romane

Rezension:

„Das Blut auf ihrer Diensthose ist nicht ihr eigenes.“
So beginnt ein Polizeiroman in glänzender belgisch-französischer Manier. Das Flair der Simenon-Romane, das Licht der Melville-Filme, die melancholische Härte des von Grund auf desillusionierten, mit dem Milieu verwandtschaftlich vertrackt-vertrauten Flics, die Monumentalität von Gabin bis Ventura tauchen in Transformationen der Gegenwart wieder auf. Aristide ist ein Typ wie der junge Gérard Depardieu, ein atavistischer Durchbruch der Ordnung in der Uniform eines Garanten der Ordnung. Sein Chef, der geborene Mittelstreckenläufer Érik, erinnert an André Bourvil als Commissaire Mattei in „Vier im roten Kreis“. Auch wenn der Roman das nicht zugibt, verkörpert Érik die bewaffnete Sturheit der Korsen; eine kriegerische Art zivil zu sein, die sich mit einer pedantischen Beachtung der Vorschriften tarnt. Nie käme der Mann auf die Idee, weibliche Untergebene ohne männliche Begleitung auf Streife zu schicken. In der „Männerumkleideatmosphäre“ der Dienststellen stecken alle Polizistinnen in Mehrfachklemmen. Bei voller Schmerzzuteilung und sonstiger unterbezahlter Überforderung erhalten sie nie die volle Anerkennung. Während sich Männer in den Routinen uralter Rituale abreagieren, sich in Rülpswettbewerben zu ihrer Entlastung überbieten und ihre „Desensibilisierung als Resilienz“ falsch verstehen, verstummen die Kolleginnen oder kehren zum steinzeitlichen Reiz-Reaktionsschema zurück.
Virginie sucht ihre Rolle auf einer Außenbahn. Sie garniert Anpassung mit Autonomiebehauptungen. In ihr rumort nicht zuletzt die Erinnerung an einen Vater, der seinen Sohn zur Strafe in den Kühlschrank steckte und ihn da vergaß. Virginie wechselt die von fremdem Blut kontaminierte Uniform nach einer schweren Auseinandersetzung, in der sie keine gute Figur abgegeben hat und Ériks Vorbehalte von ihren Reaktionen bestätigt wurden. Virginie ist verheiratet, Mutter - und schwanger nicht von ihrem Mann. Der Abtreibungstermin steht fest. Er verändert das Betriebsklima, denn Aristide möchte in der schrägen Verbindung gern Vater werden, ohne den Gatten spielen zu müssen. Der Prachtbulle will, dass Virginie das Polizistenkind dem Ehemann unterjubelt. Vielleicht habe ich etwas überlesen, jedenfalls verstehe ich nicht, wieso sich Aristide so sicher ist, dass Kind gezeugt zu haben.
Ach so, der narrative Dreh verspult die Information, dass Virginie die Pille nur einmal zu nehmen vergessen hat, mit einem passenden Datum.
Keine Rückkehr nach Roissy
Der Korpsgeist gibt der Kumpanei, der reduzierten Humanität und dem Kollegensex einen brüchigen Rahmen. Der Rahmen bricht, als Virginie und Aristide einen abgelehnten Asylbewerber am Flughafen Charles de Gaulle aka Roissy „abladen“ sollen. Asomidin Tohirovs Abschiebung ist rechtswidrig. In seiner Heimat erwartet den Tadschiken der Tod. Die Polizist*innen wissen das.

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84 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 61 Rezensionen

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Kampfsterne

Alexa Hennig von Lange
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 20.08.2018
ISBN 9783832197742
Genre: Romane

Rezension:

„Die Welt ist zu. Aber über mir ist so viel Himmel.“
So empfindet Lexchen, das Nesthäkchen in der Sonderheit eines weiblichen Oskar Matzeraths. Es wächst nicht aus seiner Niedlichkeit. Lexchen bleibt putzig und unbedarft in einer bösen Welt. Lexchens große Schwester Constanze, Cotsch genannt, ist ein Fleisch gewordener Powerriegel und erotischer Magnet. Ein titanischer Rainer trumpft in der Vaterrolle auf und schürt das Begehren der Nachbarinnen mit brachialer Virilität. Seine im Garten aufgehende Frau ist ihm vollkommen unterworfen. An eine Liturgie der Demütigungen geknüpfte körperliche Züchtigungen nimmt Ulla hin, obwohl sie sich als Feministin schildert.
„Ich sehe, wie Papas Hand niedersaust und auf meine kniende Mutter eindrischt.“
Die aus der Ich-Perspektive der Protagonist*innen erzählte, in galoppierenden Wahrnehmungswechseln splitternde Geschichte löst im Fortgang den Widerspruch zwischen Feminismus und Ergebenheit nicht auf. In spiegelverkehrter Anordnung beherrscht Ullas beste Freundin Rita einen schlappen Asthmatiker. Georgs Impotenz ist ein öffentliches Geheimnis, das Getrenntschlafen ein Menetekel. Ritas Versager isst sein Knäckebrot im Dunstkreis des Komposthaufens, um nicht in der Küche zu krümeln.
Rita ist scharf auf Ulla & Rainer. Das sind vor Hitze den Asphalt verflüssigende Einbahnstraßen. Die Menschenfresserin läuft heiß in der Leere bürgerlicher Sicherheit.
Schauplatz der Ereignisse ist eine Siedlung, in der sämtliche Kinder mit den Genieerwartungen ihrer Eltern konfrontiert werden und das Musische wie eine Kirche im Zentrum steht. Der Nachwuchs singt im Chor oder spielt Cello. Die Erwachsenen kommen vermeintlich zwanglos in ihren Gärten zusammen. Alle lavieren zwischen Unzufriedenheit und Niedertracht in synthetischen Anwandlungen.
Wenig wirkt echt im Roman. Constanzes Expressionismus erscheint genauso aus der Luft gegriffen wie die Leidensbereitschaft ihrer Mutter in einer gewalttätigen Ehe, in der es trotzdem guten Sex geben soll. Kaum glaubwürdig ist Ritas von Ranküne bestimmtes Verhältnis zu ihrem devoten Mann und dem rabiaten Rainer.
Der Siedlungsreigen datiert auf den Sommer 1985. Anfang Juli gewinnt Boris Becker zum ersten Mal Wimbledon. Er ist siebzehn und der jüngste Sieger in der Geschichte des Wettbewerbs. Seine Erfolgsgeschichte überstrahlt Helmut Kohls moralische Wende in einer Republik auf dem Rückzug aus Mutlangen und dem Wendland in die Nischen des privaten (Un-)Glücks. Heute steht dem Helden von damals der Untergang ins Gesicht geschrieben. Die Kortisonbeule verrät, dass es gegen Beckers Schmerzen kein Mittel gibt, das ihn nicht zum Junkie macht. Seine frühen Siege in Wimbledon scheinen jetzt viel mehr britisch-deutsches Allgemeingut zu sein als seine. Ein gestürzter Gott kann sich auf nichts berufen.
Alexa Hennig von Langes Personal ist zu klein für so eine dramatische Lebensunwucht. Selbst der Gigant im Ensemble, der Architekt mit einer schönen Gärtnerin als Gattin und interessanten Kindern, verfehlt Beckers Fallhöhe. Der schnelle Puls der Perspektivwechsel erlaubt diverse Lesarten. Man kann sich einer Figur anschließen und ihr und ihrem nachtragenden Blick folgen. Einmal bemerkt Rainer am Straßenrand „ein Mädchen mit unglaublich langen Beinen“, und erlebt so seine Tochter Constanze wie eine Fremde. Er lamentiert im Selbstgespräch. Ein Frauenschläger vermisst Rücksicht. Im Gegenzug macht (der von Rita gescheuchte) Georg eine Rechnung auf, in der er solistisch auf seine Kosten kommt. Die introspektiven Volten heben das Geschehen an. Neben den Durchmarschgesängen übersteuerter Stürmer*innen besteht ein überzeugenderer Text. Er handelt vom Mittelstands(un)glück in einem bundesrepublikanischen Winkel, der nur noch in der Literatur vermessen werden kann.



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29 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

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Alle, außer mir

Francesca Melandri , Esther Hansen
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Wagenbach, K, 21.06.2018
ISBN 9783803132963
Genre: Romane

Rezension:

Noch auf der letzten Schwelle hält sich Attilio Profeti für unsterblich. Dass hat er sich mit neun geschworen: Alle (werden sterben) außer mir. Aus diesem Trotz ergibt sich der Titel. Doch nähert sich der Aufstand gegen die irdische Endlichkeit seinem ewigen Ende. Francesca Melandri verkündet den Tod des römischen Patriarchen in einem Vorgriff. Profeti lebt noch, vermindert von Gedächtnisverlusten, als bei seiner Tochter Ilaria der Äthiopier Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti aufkreuzt und behauptet, ein Enkel ihres Vaters zu sein. Der neue Neffe erscheint als Flüchtling. Hinter ihm liegt eine unfassbare Leidensstrecke. Attilaprofeti passierte die Sahara auf einer Schlepperroute. Er überwand „Sandgrenzen, die die koloniale Geopolitik mit unsichtbarer Tinte gezogen hat“. In Libyen erlebte er den Höllenkreis gnadenloser Gefangenschaft – ein Martyrium auf Kaskaden der Agonie. Eines Tages öffnen sich Türen und Tore und die Sonnenfaust der Freiheit trifft Attilaprofeti gemeinsam mit den Hieben der Soldaten, die das Konzentrationslager räumen. Die auf die Straße Geprügelten sind „unrein wie Schweine“. Sie verdienen nur „Schläge und Verachtung“.
Erst Jahre später begreift Attilaprofeti den Grund seiner Entlassung.
Der Tante begegnet er an dem Tag, als der italienische Staatschef Muammar al-Gaddafi in Rom empfängt und so den Wüstendiktator aufwertet. Es geht um Gas und Öl. Zum Deal gehört die temporäre Schließung der übelsten libyschen Kerker. Silvio Berlusconi steht an der Spitze einer Pyramide der Korruption. Die Mafia hat den Staat übernommen. Berlusconi verschleiert kaum, dass er sich als Erbe Mussolinis sieht. In der Beletage ist der Faschismus salonfähig.
Ilaria, links, ledig, Lehrerin, eine Bastion des Widerstands gegen die Krypo-Faschisten an der Macht, liebt mit erfüllter Leidenschaft einen Gefolgsmann Berlusconis. Ein Anruf des Abgeordneten kann Karrieren starten und beenden. Er ist ein Objekt der Begierden in einer verfilzten Gesellschaft. Ein Bruch und Plunder der Beliebigkeit verstellt alle Wege zur Integrität.
Das beschreibt Francesca Melandri als Begleitgeschehen einer Odyssee. Nach der afrikanischen Logik zählt Attilaprofeti zu den Siegern. Er hat die Wüste und das Gefängnis überlebt und ist auf dem Seeweg nach Europa weder ertrunken noch verdurstet. Nun raten ihm Auguren der prekären Migration, sich als Somalier auszugeben und die Erstaufnahmeeinrichtung von Siracusa aufzusuchen. Da wird Attilaprofeti abgelehnt. Melandri schildert den Elendsgang im Stakkato.
In Ilarias Familiengeschichte jagen sich späte Offenbarungen. Die Tochter eines Bigamisten erfuhr erst mit sechzehn von einem Halbbruder. Das Produkt eines Doppellebens ist inzwischen ihr Nachbar. Attilaprofetis Vater kann nur noch postum in der Geschwisterreihe seinen Platz zugewiesen bekommen. Der „halbafrikanische Sohn“ war Attilio Profetis Erstgeborener. Ein bekennender Rassist und glühender Freiwilliger im Kolonialdienst zeugte ihn.
Attilio Profeti führte ein Leben ohne Reue. In der Blüte seiner Jahre war er so korrupt wie alle, die es in seinem Milieu zu etwas gebracht haben. Daraus ergibt sich ein besonderer Blick auf Durchstechereien – die italienische Perspektive. Da, wo sie sich mit der afrikanischen Logik trifft, entsteht ein Schaufenster der Zukunft. Ohne die Exploitationskampagnen seit den westindischen Abenteuern des Kolumbus wäre Europa zu schwach, um auch nur eine Grenze zu halten. Die alten Kolonialreiche erheben als Demokratien weiterhin Anspruch auf Überlegenheit. Sie wollen, so sagt es Patrick Chamoiseau, „Elend, Terror und Armut“ an einem anderen Ende der Welt „anpflocken“. Jahrhundertelang konnten sie vom Youth Bulge über die Lohnkosten und den Müll bis zu ihren Schwerverbrechern Belastungen exportieren und sonst wo vergesellschaften. Jetzt kommt die koloniale Verwüstung Afrikas in Europa an.

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182 Bibliotheken, 13 Leser, 0 Gruppen, 32 Rezensionen

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Good Night Stories for Rebel Girls

Elena Favilli , Francesca Cavallo , Birgitt Kollmann
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.09.2017
ISBN 9783446256903
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Ihr erstes Flugzeug nennt sie Kanarienvogel. Die Pilotin Amelia Earhart (1897 – 1937) stellt 1922 einen Höhenrekord auf, zum Beweis, dass Frauen das können. Sie erlebt sich als Verkörperung von Mut und Tatkraft zur Beschleunigung der Emanzipation. Earhart will „die Frauen aus dem Käfig ihres Geschlechts herauszuholen“. Was sie unternimmt, hat Signalcharakter. Als erste Frau überfliegt sie allein den Atlantik. Nun will sie die Welt in einer Lockheed Electra umfliegen. Ihrem Testament setzt sie die Zeile voran: „Ich will es machen, weil ich es will.“ Im Bewusstsein des Risikos notiert sie: „Wenn Frauen scheitern, muss ihr Scheitern anderen Frauen als Ansporn dienen.“

Elena Favilli, Francesca Cavallo, Good Night Stories for Rebel Girl, Hanser, 223 Seiten, 24,-

Malala Yousafzai hat wahrscheinlich noch nie von Amelia Earhart gehört. Die Pakistanerin des Jahrgangs 1997 wurde zum Idol bevor sie alt genug war, um Vorbilder außerhalb ihrer Umgebung haben zu können. An ihrem sechzehnten Geburtstag hielt sie eine Rede vor den Vereinten Nationen (UNO). Die UNO erklärten daraufhin den 12. Juli zum Malala-Tag.

Aus der Rede:

Liebe Freunde, am 9. Oktober 2012 haben die Taliban auf mich geschossen und meine linke Stirn getroffen. Auch auf meine Freunde haben sie geschossen. Sie haben gedacht, dass die Kugeln uns zum Schweigen bringen würden, aber sie sind gescheitert. Denn aus der Stille kamen tausend Stimmen. Die Terroristen dachten, sie könnten meine Ziele verändern und meinen Ehrgeiz stoppen. Aber in meinem Leben hat sich nichts verändert mit einer Ausnahme: Schwäche, Angst und Hoffnungslosigkeit sind verschwunden, Stärke, Kraft und Mut sind geboren.



Ich bin gegen niemanden, auch bin ich nicht hier, um aus persönlicher Rache gegen die Taliban oder irgendeine andere terroristische Gruppe zu sprechen. Ich bin hier, um meine Meinung zu sagen für das Recht auf Bildung für alle Kinder. Ich wünsche mir Bildung für die Söhne und Töchter der Taliban und aller Terroristen und Extremisten.

Sechzig Jahre im Verlauf des Holocaust-Jahrhunderts liegen zwischen Tod und Geburt von Amelia Earhart und Malala Yousafzai. Das Beispielhafte und Vorbildliche erscheint so verschieden wie Wüste und Meer. In den hundert Gutenachtgeschichten für rebellische Mädchen fügt es sich wie in ein Mosaik. Elena Favilli und Francesca Cavallo liefern mit heroischen, die Selbstermächtigung in sämtlichen Spielarten feiernden Kurzbiografien ein Prägungsmodell für Heldinnen der Zukunft. Die Autorinnen korrigieren eine gleichermaßen überkommene und überholte Perspektive. Sie ordnen ihrem Geschlecht maximale Gestaltungskraft auf allen möglichen Feldern zwischen Paläontologie, Raumfahrt, Mathematik, Sport, Aktivismus und Rap zu.

Favilli und Cavallo haben ihr Handbuch für angehende Rebellinnen vor zwei Jahren mit einer rekordverdächtigen Crowdfunding-Kampagne in Gang gesetzt, bei der eine unglaubliche Beteiligungsbereitschaft, -lust und -freude festgestellt wurde. Als die Partizipationsparty ihren Klimax erreichte, entwässerte eine Bombe ein Hallenbad in Damaskus. Das war der Sportplatz von Yusra Mardini, die nach Deutschland schwamm, um weiter trainieren zu können. Sie sagt: „Ich will, dass alle Flüchtlinge stolz auf mich sind.“

Am Ende des Buchs ist Platz „für deine eigene Geschichte“. Man kann sich auch malerisch selbst darstellen und sich so in eine Reihe produzieren mit den Schwestern Brontë, Kleopatra, Simone Biles - und Rosa Parks, die 1955 auf einem Platz für Weiße sitzen blieb. Die antirassistische Intervention startete den schwarzen „Busboykott von Montgomery“ und in seiner Folge die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Es war keine große Sache für Parks, der Aufforderung, einem Weißen Platz zu machen, nicht nachzukommen. Aber dem Establishment gab es einen Stoß, der alles änderte – vor allem die Wortwahl. Das ist eine Lektion dieses Kinderbuchs: Der Kampf beginnt in der Sprache. Sie entscheidet, wer du bist.

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22 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

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Harte Zeiten für echte Kerle

Safia Monney
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 24.07.2018
ISBN 9783499291647
Genre: Humor

Rezension:

Am Ende einer Strecke männlicher Vorherrschaft entsteht noch ein kleiner Mythenkranz. Die Frage, was der Mann einmal war, wird auf einem Nebengleis zum Gegenstand einer Erzählung, die nicht wahrer ist als die klassische Perspektive auf die griechische Antike – siehe Goethes Blick auf Keramik und Steinmetzarbeiten im Licht der Odyssee. Während Männer im evolutionären Swing weltweit mutieren und hinter sich lassen, was nicht mehr funktioniert, um an der Sexfront auf der Siegerseite zu stehen, reanimiert Safia Monney den guten alten WG-Clemens, wie er an der Bierflasche nuckelt und im Mief seiner Horde zur Höchstform aufläuft; stets „auf (dem Weg) zum Späti“.
Die in Berlin als Tochter einer Französin und eines Irakers geborene, in Paris lebende Schauspielerin, Schriftstellerin und Weltreisende Safia Monney erschien bei der Präsentation ihres zweiten Romans Harte Zeiten für echte Kerle, Rowohlt Taschenbuch, 9.99,- in der Berliner Kulturbrauerei beinah als Nostalgikerin, die einer anachronistischen Geschlechterspannung nachtrauert. Im Gespräch mit dem Kollegen Edgar Rai verriet Monney ein Vergnügen an ihrem Helden, der als Verspäteter in der Machorolle unter Anpassungsdruck gerät. Clemens ist der Mann für journalistische Auslandseinsätze. Er covert seine Reiselust und Extremsportsucht mit Recherchen im Auftrag des Männermagazins Playtime. Im Jetzt des Geschehens verpasst eine Chefredakteurin dem Periodikum einen neuen Look. Es wird relauncht.
„Die Blattlinie ändert sich“, heißt es lapidar im Roman. In Wahrheit ändert sich alles. Wer vom Bestand nicht ausgenommen werden möchte, relauncht sich nach den Direktiven der neuen Blattlinie. Angeblich fallen dabei sämtliche Monstertrucks und Speedboote unter den Teppich der avancierten Gegenwart. Ungesichertes Überhangklettern geht auch nicht mehr. Zukünftig soll sich Clemens um Wellness & Beauty für den Mann kümmern. Der Reporter ohne Grenzen vermeidet die Konfrontation mit der überlebensfähigen Variante der eigenen Person. Noch einmal darf er von der Rallye Dakar berichten, die seit 2009 in Lateinamerika stattfindet. Am Abreisemorgen hält ihn seine aktuelle Affäre Annalena mit der Widersprüchlichkeit ihrer Empfindungen auf. Sie will Schluss machen, Clemens weiß überhaupt nichts von einer Beziehung, die sich beenden ließe. Das war doch nur Spaß zwischen Tür und Angel. Im nächsten Augenblick erwägt Annalena eine Familiengründung mit Clemens.
Monney offenbarte in der Kulturbrauerei, dass sie sich „nur schreibenderweise wohlfühlt. Ich kann nicht glücklich sein, ohne zu schreiben.“
Sie erfindet ihr ferne Welten, in denen Action die Programme bestimmt. So begreift man die Sympathie der Autorin für den aus der Zeit gefallenen, leicht tumb agierenden Clemens. Nimmt er einer greisen Nachbarin die Last ihres Einkaufswagens im Treppenhaus ab, ist das für ihn „wie Duschen. So viel Zeit muss sein.“
Im Taxi nach Tegel ist Clemens dann wieder vollkommen einverstanden mit dem abgedreht-monomanischen Gehabe des Fahrers, der sich im Auto wie in einer mobilen Höhle eingerichtet hat und vom Dienstleistungscharakter und von den Servicefunktionen seiner Tätigkeit schlicht und ergreifend nichts weiß.

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134 Bibliotheken, 6 Leser, 2 Gruppen, 76 Rezensionen

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Das weibliche Prinzip

Meg Wolitzer , Henning Ahrens
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 24.07.2018
ISBN 9783832198985
Genre: Romane

Rezension:

Schließlich ein Satz wie aus einem Lore-Roman: „Sowohl Aussehen als auch Duft vermittelten einen Hauch von Holdings, Immobilien und absoluter Gewissheit.“
Meg Wolitzer beschreibt so - und ihre Heldin Greer Kadetsky erlebt so den Magnaten Emmett Shrader, der als Mäzen das ergraute feministische Periodikum „Bloomer“ davor bewahrt, auf dem Altar des Marktes geopfert zu werden. Im Gegenzug hängen eine altgediente Aktivistin namens Faith Frank als Chefin des zu einer Agentur im Stiftungsmantel relaunchten und als „Loci“ wiedergeborenen Streitmittels und die soeben graduierte, noch in unversehrter Leidenschaft glühende, von dem Übergriff eines Kommilitonen radikalisierte Greer am Tropf eines umstrittenen Entrepreneurs – Lichtjahre entfernt von ihren karitativen Anfängen. Zwischen den Jugendstilen liegen die Moden und Enttäuschungen von Jahrzehnten.
Greers Freund Cory hat sich mit Empfehlungen von Hard Harry, der seine Ratschläge in einer Pornoillustrierten verbreitet, in den Kosmos einer Klitoris geschlichen.
Dem zugespitzten Sinn nach: Fragt nach dem genauen Sitz ihrer Klitoris. Sie werden in der Frage Wertschätzung erkennen. Bringt sie zum Orgasmus und sie tun alles für euch.
Cory heißt in Wahrheit nach seinem Vater anders. In ihm duelliert sich Empfindsamkeit mit dem robusten Repertoire eines Parvenüs, der auch im Namen seiner portugiesischen Einwanderereltern aufsteigt. Sein erster Job führt ihn nach Manila und das Paar in die Verlängerung einer Fernbeziehung mit studentischen Seitensprüngen, die auf Greers Beziehungskonto keinen Ausgleich finden. Greer steigt in Brooklyn bei „Loci“ ein. Sie haut sofort ihre beste Freundin Zee in die Pfanne, um Exklusivität zu ernten.
Das Schlechte scheint gleich gut verteilt. Nicht nur Cory versagt an den Maßstäben der guten Zukunft. Ständig gerät Greer in „die Falle der Unfähigkeit, ihre Gefühle auszudrücken“. Sie hat Angst vor Pizzakäseflecken auf der Bluse und anderen Allgemeinplätzen der Mittelmäßigkeit. „Seelische Brände“ löscht sie mit Wasser. Oft versagt ihre Stimme. Greer sucht ihren Platz im New Yorker Gesellschaftsleben als Vegetarierin unter Liebhaberinnen blutig servierter Steaks. - Oder um es mit Faith zu sagen: „Solange es Läden gibt, in denen man weiß, was die Gäste trinken, ist alles wunderbar.“
Wolitzer schildert Faith als untergrabene Repräsentantin des weißen Mittelstandsfeminismus mit afroamerikanischem Chapter und einem in den Farben der Fürsorge gehaltenen Distinktionsportfolio. Die Veteranin ermutigt Greer zu Beiträgen für Frauen, die erst aus der Verunsicherung heraustreten müssen. In diesen Milieus ist Empowerment eine unverstärkte Angelegenheit. Man kann auch noch „Zigeuner“ sagen. Irgendwann, Trump, „ein Mann mit dem man keinen Augenblick allein gelassen werden möchte, ist Präsident, katapultiert der Kampf um eine tragfähige Stimme Greer in den Autorinnenhimmel. Ihr Buch „Außenstimmen“ setzt sich auf Bestsellerlisten fest. Jetzt erfüllt Greer Vorbildfunktionen für den aktivistischen Nachwuchs. Sie erkennt im Gegenzug, dass Faith nie ihre Freundin war, sondern Greers Begeisterung für die alte Kämpferin konsumiert hat.
Wolitzers Roman zieht seine Reize aus psychologischen Differenzierungen. Die Feministinnen erscheinen nicht als Amazonen aus der Zukunft. Ihre Darstellung ist unheroisch. Die Autorin nimmt sie auseinander und lässt sie teilversehrt hinter sich auf einer von Glamour und Grandiosität illuminierten Erzählstrecke.   

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Bertolt Brecht

Stephen Parker
Fester Einband: 1.030 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.06.2018
ISBN 9783518428122
Genre: Biografien

Rezension:

„Der Mensch wird entweder abgerichtet oder hingerichtet.“ Frank Wedekind

Die Mutter fürchtet das Kind und erkennt sein Genie als persönliche Auszeichnung. Sie stirbt dreißig Jahre lang Tag für Tag in einer Ehe ohne Liebe und in einem Haushalt ohne Freude. In der Zwischenzeit stellt eine Magd den pedantischen Gatten so zufrieden, dass er sie in seinem Testament mit zwölftausend Reichsmark bedenken wird. Für den heranwachsenden Brecht (1898-1956) ist die heimische Bigotterie ein Lehrstück über den Zustand der Welt. Er schreibt (wie er glaubt, als Letzter) Balladen und findet in Liedern der Wandervögel seinen Schlüssel zur Lyrik. Er begleitet sich auf der Gitarre.

Jahrzehnte später kommt er in Ostberlin darauf zurück. Brecht unterweist (erst im Deutschen Theater und dann im Theater am Schiffbauerdamm, der neuen und endgültigen Heimat des Berliner Ensembles) Martin Pohl (1930 – 2007) in der Kunst, Sonette aus dem Ärmel zu schütteln. Er zeigt dem Schüler sein lyrisches, von ihm selbst unter Nihilismus-Verdacht gestelltes Frühwerk und freut sich über freundliche Worte.
„Es sind doch ganz schöne Formen dabei“, findet Pohl.
„Ja, nicht“, antwortet der Meister erleichtert, „und alles lässt sich zur Gitarre singen.“

Brecht wächst in Augsburg auf. Die expressionistische Avantgarde lässt sich da einfach ignorieren. Der „Gymnasialstudent“ spielt Schach, lernt Schlachtenverläufe auswendig, zeichnet sich als Anführer aus und erkennt in Frank Wedekind ein Vorbild. Sein Biograf Stephen Parker vergleicht Brecht mit Dylan. Er schildert den Knaben als ungesunden Kauz; besorgt um sein Herz; zur Wehleidigkeit tendierend.

Parker schildert keinen angenehmen, gleichwohl einen einnehmenden Charakter. Brecht vertritt in Rollenspielen den alten Fritz und Napoleon. Er besteht bei jeder Gelegenheit auf Erstrangigkeit. Trotz seines triumphalen Wesens zeigt er sich zur Freundschaft begabt. Er gewinnt in Augsburg Freunde fürs Leben.

Brecht erscheint dem Publikum seiner Adoleszenz instabil auf eine robuste Weise. Der Künstler als junger Mann überragt sein Milieu in den Zuständen eines Hinfälligen. Auch die Agilitätsbehauptungen des Vaters werden wiederlegt. Die offensiv nervös-fragile Mutter, der scheinstarke Vater und ein physisch poröser Sohn ergänzen sich in einer Neuauffassung Brechts. Parker zerlegt das Bild vom frühreif zotigen, vorsätzlich ungepflegten, wie durch die Kanalisation gezogen stinkenden, politisch aufgeweckten, dem Berlin der Weimarer Republik rabiat entgegenkommenden Baal-Brecht. Der englische Germanist nimmt den größten Dramatiker des 20. Jahrhunderts aus dem politischen Rahmen und erklärt ihn mit seiner Anamnese. Familiäre Katastrophen bringen Brecht dahin, Distanz zu den ungehobelten Leidensäußerungen der Verwandtschaft und des Personals aufzubauen und auch Text als Distanzierungsmittel einzusetzen.

„Ich kann nichts machen gegen meine Abneigungen.“ Brecht mit zwanzig

Ausbrüche der Angehörigen stoßen ihn ab. Er kultiviert Kälte und entwickelt ein zynisches Repertoire. Der Todesnähe an der Front entgeht der Wehrpflichtige in der Münchner Etappe als Medizinstudent. Er äußert sich antisemitisch und misogyn. Frauen werden mit dem Penis „erzogen“. Nicht nur mit dem eigenen. In der nach München expedierten Augsburger Puppenkiste mischt sich brutaler Klamauk mit brutalen Rendezvous.

„Die Frauen sind dumm, ohne Rasse zumeist, ein dicker schleimiger Jude sitzt da, die Müllegger im Arm.“

Brecht zeugt ein Kind mit fehlgebildetem Anus. Ihm, dem die göttliche Kombination von Zeugungswerkzeugen und Ausscheidungsorganen ein Leben lang Kopfzerbrechen bereitet, widerfährt das Schicksal eines unkontrolliert scheißenden Sohns. Brechts Dasein vollzieht sich wie in einem Kabarett, in dem ein wahnsinniger Drehorgelspieler die Musik macht. 1922 kommt „Trommeln in der Nacht“ auf die Bühne. Herbert Ihering feiert Brecht „als die Stimme eines neuen Bewusstseins“. Karl Kraus sieht in dem Debütanten „den einzigen deutschen Autor, der heutzutage in Betracht zu kommen hat“.

Erst jetzt ist Brecht Berlin gewachsen. Helene Weigel kauft ihm einen Daimler, er will Jiu-jitsu lernen und etwas Englisch. Eine Abtreibung betreibt er aus der Ferne. Seine erste Ehefrau verliert er an Theo Lingen. Politisch ist das alles nicht. Es geht um Sex, Eifersucht und Erfolg. Ein unbeherrschter, zur üblen Nachrede aufgelegter Brecht erscheint bei Parker auf der Bühne seiner Biografie.

Der revolutionäre Faktor

Brecht ist nun berühmt genug, um von den Nazis in eine öffentliche Fehde gezogen zu werden. Es reicht nicht mehr, ein pessimistisches Menschenbild aus der Perspektive eines gesellschaftlich avancierten und seelisch verwilderten Halbbürgers von Schauspielern darstellen zu lassen. Der kranke Mann, für den die Nahrungsaufnahme zu den täglichen Verpflichtungen gehört, muss Farbe bekennen. Brecht streicht sich leninistisch an, die Gralshüter des Marxismus wissen es besser.

Brecht ist politisch so unzuverlässig wie in seinen Beziehungen zu Frauen. Seine revolutionäre Attitüde wendet sich gegen Hitler. Er ist stark im Dagegen und schwach im Dafür, soweit es um die Diktatur des Proletariats geht. Er setzt den Kommunismus zur Dynamisierung seiner dramatischen Arbeit ein. Manchmal spricht er wie ein Lehrer der Nation.

Brecht hat die Wahl zwischen Hitler und Stalin. Seine Entscheidung macht ihn zur Jahrhundertfigur. Andere Große wirken kleiner, weil sie den historischen Augenblick verpasst haben, in dem ihre Antwort auf die Machtfrage von Bedeutung war.

Es gibt keine bürgerliche Kraft gegen Hitler. Brecht gilt unter Antifaschisten als Defätist. Er und sein Kreis sind Verdächtigungen von allen Seiten ausgesetzt. Die zweite Ehefrau, Helene Weigel (1900 – 1971), erscheint für eine Rolle zu jüdisch, Nebenfrau Margarete Steffin (1908 - 1941) „kann in Berlin nicht spielen, weil sie Kommunistin ist und in Moskau nicht, weil sie Jüdin ist.“

Brecht kleidet den Satz in eine Frage, inzwischen werden deutsche Exilanten von einer sowjetischen Verhaftungswelle erfasst.

Brecht muss sich verhalten, um zu überleben. Er steht im Zentrum eines Klans, die Forderungen stellen sich wie von selbst. Ruth Berlau erweitert das private Ensemble.

Nach dem Tod meiner Mitarbeiterin M.S.

Im neunten Jahr der Flucht vor Hitler

Erschöpft von den Reisen

Der Kälte und dem Hunger des winterlichen Finnland

Und dem Warten auf den Pass in einen anderen Kontinent

Starb unsere Genossin Steffin

In der roten Stadt Moskau.

Mein General ist gefallen

Mein Soldat ist gefallen

Mein Schüler ist weggegangen

Mein Lehrer ist weg

Mein Pflegling ist weg…

Seit du gestorben bist, kleine Lehrerin

Gehe ich blicklos herum, ruhelos

In einer grauen Welt staunend

Ohne Beschäftigung wie ein Entlassener.

Der Nationalsozialismus muss betrachtet werden als der Sozialismus der Kleinbürger … Ich habe den Nazismus nie für einen Auswuchs gehalten, immer für ein Ergebnis normalen Wachstums.

Gegen Hitler die Stimme erhoben zu haben, zwingt den Ex-Patrioten, Karl-May-Liebhaber, Erotomanen und süddeutsch-bohème-bourgeoisen Egoisten zu marxistischen Glaubensbekenntnissen. Jedenfalls behauptet das Parker. Ob seine Einschätzung die historische Wirklichkeit der 1930er Jahre trifft oder verfehlt, weiß ich nicht. Ich finde es plausibel, dass ein politisch intuitiv urteilender Brecht sich nach Kräften radikalisiert und in der stalinistischen Härte seinen kaltschnäuzigen Kunstbegriff gespiegelt sieht. Als er 1940 mit seinem Stamm in Amerika landet, bringt ihn der Kapitalismus von Hollywood & Broadway in Form. Weigel und Brecht kaufen in Santa Monica ein Haus. Brecht kollaboriert mit dem fürstlich abgestiegenen Feuchtwanger. Er predigt Wasser und trinkt Wein.

Er gerät in die Überwachungsmühlen. Der Kalte Krieg kündigt sich im heißen an. Die neue Zeit positioniert Brecht wie eine Spielfigur. Sein Antifaschismus ist eine außer Kurs gesetzte Währung. Er hat nur noch die kommunistischen Münzen; kann er doch in Amerika nicht bleiben, ohne sich den Bedingungen einer Existenz mit Berufsverbot auszusetzen. Ihm wird sogar die amerikanische Besatzungszone in Deutschland verboten.

Der voreilende Friede der Deutschen mit sich selbst

Brecht strebt Verhältnisse an, die ihm eine theatralische Arbeit erlauben. Er sucht ein Theater, das sich von ihm zu „einer Werkstatt der Erkenntnis“ ausbauen lässt. Er spekuliert auf eine tragende Rolle beim Wiederaufbau von Ostberlin und im Kulturkampf der Systeme. Die in der sowjetisch besetzten Zone eingesetzten deutschen Kommunisten um Ulbricht, sind nicht alle von ihm begeistert.

Brecht spinnt sein Netz von der Schweiz aus. Max Frisch führt ihn herum, Brecht ärgert der Komfort einer Arbeitersiedlung – für ihn ein „verbesserter Slum“. Die Behörden unterstellen ihm kommunistische Agententätigkeit unter Einsatz eines Senders. Während der Autor mit Peter Suhrkamp um ein regelmäßiges Auskommen feilscht.

1949 ziehen Weigel und Brecht nach Ostberlin. Sie bringen eine Inszenierung der „Mutter Courage“ in das Deutsche Theater. Weigel spielt, Brecht führt Regie. Man wirft dem Regisseur Dekadenz und Primitivismus vor und denunziert ihn als „Formalisten“. Brecht kriegt Ärger mit der Zensur. Er fährt in seinem letzten Zug nicht besser als in den Zügen davor.

Ich zitiere mich selbst im Fazit, weil ich es gerade nicht besser formulieren kann.

Ohne Hitler wäre Brecht eine Gestalt von mittlerer Größe geblieben – ein Baal und poetischer Baader für das Berliner Ballhausgeschehen. Ein Zampano der Weimarer Kulturelite. Monumental in den Einfällen, martialisch in Zuspitzungen, klein vor der Geschichte. Dreißig Jahre nach seinem Tod hätte sein Denkmal einen weitgehend Unbekannten präsentiert.

Der Faschismus lieferte Brecht die Welt als Bühne. Der große Feind machte den Dramatiker groß. Als Staatsschriftsteller der DDR fiel Brecht zurück. Leute, die ihm das Wasser nicht reichen konnten, ließen ihn an den Tränken der Macht ihre Vorrechte spüren. Brecht starb, sagt Heiner Müller, „um sich nicht länger verhalten zu müssen“. Verhalten im Sinne von taktieren, lavieren, kungeln und mauscheln. Der sozialistische Realismus verlangte, bei Stalin zu übersehen, was Hitler zum Verbrecher machte. („Gegen Hitler sein hieß, über Stalin zu schweigen.“ Heiner Müller)

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Die Unruhigen

Linn Ullmann , Paul Berf
Fester Einband: 440 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 11.06.2018
ISBN 9783630874210
Genre: Romane

Rezension:

„Ich versuche stets das Buch zu schreiben, dass ich nicht schreiben kann.“
Linn Ullmann stellt ihre Arbeit und ihr Leben in eine Reihe paradoxer Formulierungen.
„Manchmal ist der falsche Zeitpunkt der richtige, um ein (bestimmtes) Buch zu schreiben.“
Ich sehe die Schriftstellerin in den Nordischen Botschaften, eingerahmt von der Journalistin Margarete v. Schwarzkopf und der Schauspielerin Juliane Köhler. Seit Jahrzehnten popularisiert das Trio Ullmann Titel in Deutschland. Linn Ullmann ist die Tochter von Liv Ullmann und Ingmar Bergman und das jüngste von neun Kindern ihres Vaters. Das Botschaftsfoyer fasst das Interesse an ihr soeben. Nachrüstende Maßnahmen sind nötig. Immer wieder wird der Fluchtweg freigekehrt. Der letzte Lesungsbummelant kriegt auch noch einen Stuhl.
Ullmann neues Buch, „Die Unruhigen“, erzählt „drei Leben und drei Lieben“; die Liebe der Eltern füreinander, die Elternliebe für Linn und Linns Heimatliebe. Die Geschichte entstand „auf den Ruinen eines gescheiterten Projekts“.
„Es liegt viel Schönheit und Wahrheit im Scheitern.“
Ein Gemeinschaftswerk von Vater und Tochter, in dem der greise Bergman seine Gedächtnisverluste zu Produktionsgegenständen machen wollte, kam nicht mehr zustande. Die Autor*innen erschöpften sich in Überlegungen auf dem Vorfeld der Planung.
„Wir waren beide Kontrollfreaks und fanden es wichtig, darüber zu diskutieren, welche Tageszeit die beste für unsere Sitzungen sei.“
Ullmann spricht von „seltsamen Problemen“ auf dieser Baustelle ihres Lebens. Bergman war fünf Mal verheiratet. Mit Liv Ullmann lebte in den Sechzigerjahren unverheiratet zusammen. Ingrid v. Rosen löste die Schauspielerin ab. Die gemeinsame Tochter Maria war zum Zeitpunkt der Eheschließung 1971 bereits zwölf Jahre alt. Linn wusste damals nichts von ihr. Sie hatte ihren Vater gewiss nie so für sich, wie sie es gern gehabt hätte.
Vermutlich setzte sie Erfindungen an die Stelle von Erinnerungen. Das deutet sie an. Ullmann nennt „Erinnerung die große Geschichtenerzählerin“.
„Man erfindet Geschichten, wenn die Erinnerung versagt.“
„Wir erinnern in Fragmenten und schaffen Verbindungen zwischen den Fragmenten.“
1995 starb Ingrid an Krebs. Ullmann schildert den Schmerz des Vaters. Er trauert um eine Frau, die nicht Linns Mutter ist. Im Gegenzug erfährt Liv Ullmann eine Glorifizierung.
„Meine erste große Liebe war meine Mutter. Sie war so schön, dass wegen ihr Männer in Ohnmacht fielen.“
Liv Ullmann glänzt nicht der Mutterrolle. Sie ist ständig unterwegs, als weltweit gefragte Person, die manchmal vergisst, zuhause anzurufen. Sie scheint nicht zu begreifen, was ihre Nachlässigkeit anrichtet. Die Tochter vergeht vor Angst und erlebt die Vertrauensbrüche als an höchster Stelle angeordnete Prüfungen. Sie fragt sich:
„Was hat Gott mit mir vor?“
Gott äußert sich nicht dazu. Das Kind könnte ihn mit dem „größten Regisseur aller Zeiten“ verwechseln. Bergman habe seinen letzten irdischen Abschnitt Epilog genannt. Er verliert Wörter.
„Plötzlich war das Wort Scheibenwischer weg.“
Bergman modelliert die Geräusche des Gummis auf der Scheibe und skizziert den Vorgang des Scheibenwischens in die Luft.
Er begegnet der Schlaflosigkeit mit Niederschriften.
„Sein Zimmer war ein Konvolut. Das Notizbuch eines Kindes.“
Ullmann greift tiefer in die Kiste, bis der Vater wieder jung und jeder Tag ein Filmtag ist. Ohne freiwillige Selbstkontrolle mutet er ihr die Moderne im Kino zu. Man zieht sich in die Intimität eines privaten Vorführraums zurück. Der Regisseur erklärt seiner Tochter:
„Als der Stummfilm verschwand, ging eine ganze Sprache verloren.“
Nachtrag:
„Ich wollte als Kind kein Kind sein“, verrät Ullmann. „Während meine Eltern sich ständig auf ihre Kindlichkeit beriefen und ihre Kreativität mit der Agilität ihrer inneren Kinder erklärten.
„Ich pfeife auch heute noch auf mein inneres Kind.“

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