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Schalom und Salam

Muhammad Sameer Murtaza
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Info 3, 07.05.2018
ISBN 9783957790859
Genre: Sachbücher

Rezension:

Friedensgrüße als Programm - Muhammad Sameer Murtaza präsentierte gestern seinen Aufruf „Schalom und Salam: Wider den islamisch verbrämten Antisemitismus“ im Berliner Urania im Gespräch mit Juliane Wetzel, Anne-Béatrice Clasmann (Moderation) und Aiman Mazyek.

Die Tagesschau meldet heute: „Gewalt in Gaza - Am 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels eskalierte die Gewalt in Gaza. Es war der blutigste Tag im Nahostkonflikt seit 2004. Wenigstens sechzig Palästinenser wurden getötet, mehr als 2400 verletzt.“
Das heizt die Stimmung in Wohnzimmern weltweit auf. Eine mitfühlende Wut artikuliert sich. Alles scheint klar. Wer im Recht ist. Wer überzieht. Wer auf die Menschenrechte pfeift. Mit der Gewissheit auf der richtigen Seite wütend zu sein, legt der Nachwuchs in seinen Milieus Protest ein. Nach seinen Begriffen könnte nichts gerechter und notwendiger sein als eine Verurteilung Israels auf dem Schulhof im muslimisch-migrantischen Jugendstil.
„Was sagen wir den jungen Leuten?“ fragte Moderatorin Anne-Béatrice Clasmann anlässlich der Präsentation von Muhammad Sameer Murtazas „Aufrufs zu islamischer Selbstkritik und zum Frieden unter den Bruderreligionen Judentum und Islam“.
Schalom und Salam – Friedensgrüße als Programm. Murtaza wirbt, so weiß es der Klappentext, „für Verständigung und Toleranz zwischen Judentum und Islam“. Er widerspricht jenen, die davon überzeugt sind, dass Judenfeindlichkeit zur DNA des Islam gehört. Er zitiert den Koran an Stellen, die eine historische Koexistenz belegen. Der Prophet habe in den gleichfalls monotheistischen „Leuten der Schrift“ tendenziell Alliierte gesehen. Murtaza analysiert den Mörtel im Fundament der Wüstenreligionen. Er findet keine grundsätzliche Feindschaft.
Der Autor sagte: „Der islamisch verbrämte Antisemitismus ist ein modernes Phänomen“, für das man Brücken in die Vergangenheit gebaut hat, um diese Spielart des Rassismus historisch erscheinen zu lassen. Man kann das mit Nietzsche und leicht abgewandelt eine monumentalische Historie nennen. Murtaza dekonstruiert angeblich vom Koran gestützte antisemitische Stereotype. Er wiederholt sich: Es gab das gute Miteinander. Einschlägige Koranstellen seien wieder und wieder neu kontextualisiert worden; man habe nur keine Konsequenzen daraus gezogen; das heißt, in der Praxis keine Verwendung dafür gehabt.
Davon ist Murtaza überzeugt: Es bestand die längste Zeit eine andere islamische Kontinuität der Wahrnehmung des Judentums (als die aktuelle). Den jungen Leuten müsse man klarmachen, dass der Nahostkonflikt kein heißkalter Religionskrieg sei, sondern ein Kampf um Ressourcen. Vor allem jedoch stünden die Meinungsfürsten der Mehrheitsgesellschaft in der Pflicht, „ein Narrativ zu entwickeln“, dass es Migranten erlaube, Deutschlands besonderes Verhältnis zu Israel besser zu verstehen.
In diesem Sinn äußerte sich auch Aiman Mazyek. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland hält den Islam „für organisch antirassistisch“. Das Glaubensband mache ethnische Auffächerungen unbeachtlich. Mazyek erkannte in manchem salafistischen Umzug lediglich eine Erscheinungsform der Jugendrevolte im Zuge eines unvermeidlichen Aufbegehrens.
„Man kann damit wunderbar provozieren.“
Die Historikerin Juliane Wetzel, seit 1991 Mitarbeiterin des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin, erklärte, dass die gefühlte Zunahme antisemitischer Handlungen, sich empirisch nicht untermauern lasse. Die meisten antisemitistischen Straftaten wurden 2006 registriert, als die Öffentlichkeit noch taub für das Thema war.
„Über neunzig Prozent aller antisemitischen Straftaten haben einen rechtsextremen Hintergrund.“
Die mediale Rezeption des Antisemitismus in Deutschland bildet die Tatsachen nicht ab, meldete Wetzel.

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Achtzehn Hiebe

Assaf Gavron , Barbara Linner
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 26.02.2018
ISBN 9783630875637
Genre: Romane

Rezension:

Ein Ire wird in Tel Aviv begraben.
„Zufällig war er Jude.“
Das bemerkt die Frau seines Lebens nach der Beerdigung beiläufig in Eitan Einochs Taxi. Lotta Perl erinnert ein erotisches Erdbeben mit zwei Herden vor Jahrzehnten. Damals trug ihr Geliebter die Uniform der britischen Armee. Sie wies ihn als Gegner der jüdischen Milizen aus. Die Partisanen wehrten sich auch gegen eine spezielle Erniedrigung im Sanktionsrepertoire der Mandatsmacht – eine mit achtzehn Hieben auf den Hintern vollendete Prügelstrafe. Dieses Leibgericht gibt dem Roman von Assaf Gavron den Titel.
Achtzehn ist der Zahlenwert des hebräischen Worts für Leben. Ein Gebet der jüdischen Liturgie ist das Achtzehn Bitten Gebet. Achtzehn Taxis besitzt Eitans Kollege Morris. Achtzehn Jahre Gefängnis erwarteten einen minderjährigen Attentäter zu der Zeit, als auf Menachem Begin ein Kopfgeld ausgesetzt war, und Jizchak Schamir sich zu Ehren eines irischen Freiheitskämpfers Michael Collins nannte. Schamir, der 1983 Ministerpräsident wurde, engagierte sich gegen Großbritannien als Chef einer Irgun Sezession – der Stern Gang (Lechi).
Wikipedia sagt: „Lechi (Kämpfer für die Freiheit Israels) war eine radikal-zionistische, paramilitärische Untergrundorganisation in Palästina während des britischen Mandats. Die Briten bezeichneten sie nach ihrem Gründer Avraham Stern als Stern Gang.“
Einoch unterhält seine Kundschaft mit historischen Räuberpistolen. Er schwitzt und friert in der Aura einer glorreichen Vergangenheit. Eitan war mal wer. Der Mitvierziger hält sich in einem Boxkeller fit. Die von ihm geschiedene Mutter seiner Tochter Noga nimmt manchmal noch mit dem Ex vorlieb. Die Mutter einer Freundin von Noga nimmt gerade Maß, als das Verschwinden der greisen Perl Einoch zu Ermittlungen veranlasst. Sie führen ihn aus der amtierenden Gegenwart und schließen ihn an den Puls von 1946. Der künftige Staat Israel gewinnt seine Konturen in der Erkenntnis, dass Juden nirgendwo auf der Welt sicher sind. Sie brauchen einen eigenen Staat. Im Gründungsfuror fliegen die Fetzen. Freischärler ergreifen Soldaten und revanchieren sich im Auge-um-Auge-Modus für Demütigungen. Die ominösen achtzehn Hiebe erleidet auch Lottas Geliebter Eddie O‘Leary. Sein Hintern verrät den Peinigern nicht, dass sie einen Juden verdreschen.
Gavron nähert sich auf den Irrwegen der Liebe einem Horizont der weiten Betrachtung. Er untergräbt den patriotischen Indoktrinationstext, mit dem Kinder in Israel die richtige Heldenverehrung lernen.

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Die Reise zum ersten Kuss

Arta Ramadani
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Drava, 27.02.2018
ISBN 9783854358657
Genre: Romane

Rezension:

Arta Ramadani stammt aus einer Familie von Widerstandskämpfern. Ein Urgroßvater wurde wegen einer militant abweichenden Auffassung von den Staatszielen standrechtlich erschossen. Ein Großvater und der Vater gingen für ihre Überzeugungen ins Gefängnis.
„Meine Familie hat mit vielen Traditionen gebrochen“, sagt die Autorin an einem Sommernachmittag vor der Berliner Volksbühne. Sie beschreibt ihren Vater als Rebellen, stark in seinen Überzeugungen und sanft in ihren Darstellungen. Er habe auch der Tochter beigebracht, auf eine sanfte Weise energisch zu sein. Ramadanis Formulierung flippt: „Soft tough zu sein.“
So überlebt man als Dissident in robusten Regimen. Ramadani (Jahrgang 1981) stammt aus Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo, so wie die Heldin ihres ersten Romans – einer Madonna Hörigen. Halb verschossen in Onkel Agim, der sie auf die Spur ihrer musikalischen Vorlieben setzt. Ein großes Kind in den Neunzehnhundertneunzigern, das „der Oma beim Weinen hilft“ und seine Stadt im Belagerungszustand erlebt. Serbische Polizisten kontrollieren die Bürger mitunter nur aus Langeweile oder um Frauen wie Eras Mutter einen Flirt aufzuzwingen. Era erkennt und beschreibt naiv Haltungsschäden: verursacht von der Duldungsstarre Unterworfener. Die Familie wandert schweren Herzens nach Berlin aus und landet in einem Kreuzberger Flüchtlingsheim.
„Das war bei uns aber anders“, erklärt Ramadani einen gravierenden Unterschied zwischen Roman und Wirklichkeit.
„Erstens sind wir nicht in Berlin, sondern in Mannheim gelandet. Und zweitens galt Deutschland in meiner Familie als Musterdemokratie und Hort eines guten Fortschritts. Ich habe mich auf den Umzug gefreut und meine Eltern auch.“
Immerhin gab es den wunderbaren Welterklärer in der Verwandtschaft, der im Roman Onkel Agim heißt. Von ihm lernte Ramadani, dass im Kosovo die Nation über der Religion steht. Drei Konfessionen existieren in spannungsarmer Koexistenz. Für Era ist Madonna „so jemand wie der liebe Gott für Oma“.
Ramadanis Eltern sind Atheisten. Ihre Integration vollzieht sich in reibungslosen Abläufen. Nach der Inspektion des unvermeidlichen Flüchtlingsheim und einem Stopover am sozialen Rand von Mannheim erreichen die Ramadanis ein bürgerliches Quartier. Der Vater findet als Heil- und Sozialarbeiter Anschluss in der ersten Liga. Er engagiert sich. Siehe: https://www.morgenweb.de/mannheimer-morgen_artikel,-mannheim-ramadani-im-landesbeirat-_arid,1186323.html
Die Mutter leitet die albanische Schule in Mannheim gleichsam vom Tag der Ankunft in Deutschland.
„Bei uns daheim drehte sich stets alles um Bildung und Selbstbestimmung, während konventionelle Lebensentwürfe und Rollenerwartungen kritisch betrachtet wurden. Ich wäre meinen Eltern als alleinstehende Mutter willkommen gewesen, aber nicht als Schulabbrecherin.“
Ramadani musste sich nicht emanzipieren, sondern bewähren, indem sie den hohen Emanzipationsstandard der Eltern nicht unterschritt. Eine Weile studierte sie in Amerika. Heute arbeitet sie als ZDF-Redakteurin.
Zum Schluss sagt sie: „Es ist schade, dass die Medien so sehr auf migrantische Problemfälle anspringen. Ist es nicht schön zu sehen, dass es auch Migrantinnen wie mich gibt? Denen das Leben gelingt. Ich möchte Mädchen aus muslimischen Familien dazu inspirieren, an sich zu glauben und ihren Weg konsequent selbstbestimmt zu gehen.“


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kurzporträts, literatur 20. jahrhundert, literaturgeschichte, schriftsteller, verfolgung

Überlebenskünstler

Hans Magnus Enzensberger
Fester Einband: 366 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 16.04.2018
ISBN 9783518427880
Genre: Romane

Rezension:

Ohne Adolf Hitler wäre Bertolt Brecht eine Gestalt von mittlerer Größe geblieben – ein Baal und poetischer Baader für das Berliner Ballhausgeschehen. Ein Zampano der Weimarer Kulturelite. Monumental in den Einfällen, rabiat in Zuspitzungen, klein vor der Geschichte. Dreißig Jahre nach seinem Tod hätte sein Denkmal einen weitgehend Unbekannten präsentiert.
Der Faschismus lieferte Brecht die Welt als Bühne. Der große Feind machte den Dramatiker groß. Als Staatsschriftsteller der DDR fiel Brecht zurück. Leute, die ihm das Wasser nicht reichen konnten, ließen ihn an den Tränken der Macht ihre Vorrechte spüren. Brecht starb, sagt Heiner Müller, „um sich nicht länger verhalten zu müssen“. Verhalten im Sinne von taktieren, lavieren, kungeln und mauscheln. Der sozialistische Realismus verlangte, bei Stalin zu übersehen, was Hitler zum Verbrecher machte. („Gegen Hitler sein hieß, über Stalin zu schweigen.“ Heiner Müller) Ideologischer Gehorsam verträgt sich nicht mit Grandiosität. Oder um es mit Gottfried Benn zu sagen: „Was nicht ins KZ führt, ist albern. Mit Papier kommt man Bestien nicht bei.“
Das Grandiose ist ein Cover. Es klappt den Witz des produktiven Überlebens ein. Während genug Greise der Literatur, von ihrer Konstitution um die Gnade des rechtzeitigen Abgangs gebracht, ihrem Ende entgegen walsern, bleibt Hans Magnus Enzensberger auf seinem Gipfel erratisch souverän. Ihm fehlt „das Mulmige, ohne das“, nach Benn, „die Deutschen den Geist nicht ertragen“. Die Leistung besteht daran, den persönlichen Verfall nicht mit einem Ressentiment gegen die überholende Zeit zu beantworten. Philosophie und Geschichte sind Fluchtwege der Seniorität. In „Überlebenskünstler in 99 literarischen Vignetten“ staubt und bürstet Enzensberger Galionsfiguren ab. „Rätselhaft, wie es diesem kleinwüchsigen, hässlichen Mannequin gelungen ist, sich zu einer europäischen Größe aufzuplustern!“ Enzensberger über Gabriele D‘Annunzio. Er schildert Einbahnstraßen „vom Titanen zum Würdepopo“ (Albert Ehrenstein über Gerhart Hauptmann). Er nennt die Geister, die ihn riefen. Knut Hamsun baut er eine Lade mit genug Platz für Landstreicherei und Landesverrat. Er beschreibt einen Prozess der Selbstdemontage in der Heraufbeschwörung eines Hasssturms, den Hamsun vermutlich absichtlich auf sich zog, indem er 1945 Hitler (den er verachtete) öffentlich ehrte.
Der Titel hat nicht viel zu sagen. Enzensberger trägt zusammen, was ihn noch interessiert. Er teilt seine Lesefrüchte mit dem Leser.
Hamsun steht an erster Stelle im Vignetten Kabinett. Ismail Kadare findet zuletzt Erwähnung. Er ist der einzige, der noch lebt. Enzensberger widmet Kadare einen Nachtrag, der Erinnerungen an Joseph Brodsky und an das Mäzenatentum der Sechziger folgt. Brodsky füllte erst seine Dissidenten- und dann seine Emigrantenrolle mit „frappantem Selbstbewusstsein“ aus. Er lernte die Kunst der Verachtung und des Hochmuts als Staatsfeind der Sowjetunion vor Gericht. Er vollendete sich als eisiger Pate der Poesie auf Empfängen jener Superreichen, die mit Künstlern ihre Umgebung veredelten. Brodskys „Gott war die Sprache“. Dem jungen Enzensberger erschien Benn göttlich. „Gewisse Verse von ihm waren wie eine Droge.“

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Der Maschinenraum des Universums

Raik Kepler
Flexibler Einband: 180 Seiten
Erschienen bei Palma Publishing Berlin, 02.05.2018
ISBN 9783945923238
Genre: Romane

Rezension:

Raik Kepler ist Jamal Tuschick. Ich gebe mir selbst ein Interview:

„Herr Tuschick, warum das Pseudonym?“
„Ursprünglich sollte der „Maschinenraum des Universums“ ein halbfiktives & halbbiografisches Gemeinschaftswerk werden, an dem zwei Personen als Autoren mitwirken, die zweite Person aber nicht enttarnt werden wollte. Das Format verlangte eine Pseudonym. Inzwischen ist ein Roman daraus geworden und das Pseudonym ist einfach nur übriggeblieben.“
„Was können Sie uns über die zweite Person sagen?“
„Es handelt sich um einen Unternehmer, der sich in allen Lebenslagen auf eine Wünschelrute verlässt. Er hält sich für einen Zauberer in der 26. Generation und ist trotzdem Millionär.“
„Heißt das, Sie nehmen ihm den Zauberer nicht ab?“
„Ich nehme seine Behauptungen ernst, habe aber keine einschlägigen Referenzpunkte in meinem Erfahrungsraum. Was mich überzeugt, ist der Erfolg. Der Unternehmer heißt im Buch so wie der Autor – Raik Kepler. Deshalb nenne ich ihn hier so. Raik Kepler sagt: „Es gibt nichts Absurderes als einen armen Zauberer.“ Er arbeitet nur noch, um mit seinem Betrieb verbunden zu bleiben und seinen besten Mitarbeitern folgen zu können. Ansonsten fährt er Rad und Kajak und wandert. Außerdem gibt er an, bis zu fünf Mal am Tag Sex zu haben und zwar nur mit seiner Lebensgefährtin.“
„Glauben Sie das?“
„Ja. Raik Kepler hat es nicht nötig, aufzuschneiden oder sich zu verbiegen. Wie alle reichen Leute, kann er sich die Wahrheit leisten.“
„Was hat Sie an dem Projekt gereizt?“
„Das hessische Provinzgeschehen. Der Betrieb produziert Schuhbodenteile in der Nähe von Fulda. Den konkreten Ort verschweige ich. Im Roman heißt er Hainweiler und der Betrieb heißt Franzschuh. Franzschuh ist in der dritten Generation in Familienbesitz. Raik Kepler behauptet, bereits sein Vater und sein Großvater seien Zauberer gewesen. Seinen Großvater schildert er als Tyrannen, der von einem „Biest“ besessen war. Das Biest wechselt nur innerhalb der Blutlinie und fühlt sich jetzt in Raik Kepler wohl. Es hilft ihm Geld zu verdienen.
Interessant fand ich, dass Raik Kepler ganz selbstverständlich und überhaupt nicht abgehoben oder in irgendeinem Jargon von seiner Zauberei spricht. Er redet darüber wie über die Einlagen, die er in schicken Farben produziert. Er zieht sechs Kinder auf. Nicht alle sind von ihm. Einfälle hat er an Hotelbars in Metropolen. Dann kehrt er wieder höchst zufrieden in sein Kaff zurück. Er hat kein Abitur, hält aber neun Patente. Sein bester Freund ist ein italienischer Gangster, dem seit dreißig Jahren nichts nachgewiesen werden kann. Im Roman heißt er Luciano Montana. Ich habe den Mann kennengelernt. Er verkörpert den urtümlichen Pizzapaten, ist ungewöhnlich liebenswürdig und bis zum Wahnsinn kinderlieb. Seine Großmutter leitet mit greiser Grandezza eines der Restaurants der Familie. Sie hat in ihrer Jugend Gewichte gehoben.“

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debüt 2018, depression, einwanderung, familie, identitätssuche

Beschreibung einer Krabbenwanderung

Karosh Taha
Fester Einband: 250 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 12.03.2018
ISBN 9783832198800
Genre: Romane

Rezension:

So ist das, glaube ich, noch nicht erzählt worden. Die Migration bestellt Kinder zur Aufsicht über ihre in der ersten Runde der Migration gescheiterten Eltern. Die Eltern sind schon angeschlagen in den Ring gestiegen. Von zwei, drei Treffern in die Seile getrieben, hängen sie da vollständig ab. Die neuen Verhältnisse geben ihnen keine Kraft. Vom Nachwuchs werden sie als Krisenherde wahrgenommen. Die Jungen versichern sich gegen die Anfälligkeit der Alten mit den Gepflogenheiten diverser Jugendstilen. Sie sind extrem divers. Das macht sie so tauglich wie unbegreifbar. Frei macht es sie nicht.
Dem Geschehen in Karosh Tahas erstem Roman „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ ging eine Einwanderung aus dem ländlichen Nordirak in eine deutsche Stadt ohne Namen voran. Die Fenster des Ankunftsviertels erscheinen dem erzählenden Ich wie feindliche Augen. Sanaa hat einen Krabbentick, der auf eine kurdische Krabbenstory zurückzuführen ist. Sie nimmt Auszeiten „von den Gesichtern und Geschichten“ ihrer Gegend. Die zweiundzwanzigjährige Studentin lebt bei den Eltern. Die Mutter ist depressiv, der Vater schwach auf der Brust. Eine pubertierende Schwester, die vitale Tante Khalida und deren Korona bilden die Sturmspitze der Sozialkontrolle. Die Traditionalistinnen wollen Sanaa kurdisch einnorden. Der weibliche Dreisatz lautet nach alter Mütter Sitte: Wichtig ist die erste Menstruation. - Ist das erste Mal. - Ist die Geburt des ersten Kindes.
Der soziale Klammerreflex, daran lässt Taha keinen Zweifel, reagiert auf einen Mangel an Perspektiven in der Mehrheitsgesellschaft. Die Verwandten erleben sich als Protagonisten einer Parallelgesellschaft, deren Konturen im Irak vorgezeichnet wurden. Sie verschwenden keinen Gedanken an eine Abweichung von ihrem fundamentalen Abweichungskurs.
Nach westlichen Maßstäben durchschnittliche Lebensäußerungen werden als Verfehlungen deklariert und mit Sanktionen belastet. Der Parallelgesellschaftskörper richtet organisch. Er urteilt und straft wie eine Frau. Das beschreibt Taha in einer Art Raumfahrtreport. Sanaa passiert unbewohnbare Galaxien. Sie kann nirgendwo landen.
Das ist zwar eine Bankrotterklärung, aber eine gut geschriebene. Die „Krabbenwanderung“ lässt die Leserin einiges begreifen. Das Getto installiert sich als Ableger einer überlegenen Kultur. Seine Bewohner*innen halten den westlichen Lebensstil für unausgegoren, im Grunde für barbarisch. Nach ihren Begriffen ist „die Liebe eine üble Krankheit“, gegen die „ein anständiger junger Mann“ immun sein sollte.
Fragt man Tante Khalida, dann fehlt den Deutschen die Weisheit Mesopotamiens. Sanaa pfeift auf die in fünftausend Jahren Zivilisation kodifizierten Regeln einer vorbildlichen Existenz. Sie liebt A. und unterhält außerdem ein Verhältnis zu O. Ferner stalkt sie der Renault fahrende „Volvomann“ und lädt zu vielen Vermutungen ein. Sanaa fürchtet, ihr Vater könne den Mysteriösen auf sie angesetzt haben. Eine Beobachtung suggeriert, der beinah letal Erschlaffte sei im Bett einer Türkin doch noch rüstig.

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deutschsprachige literatur

Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere

Peter Handke
Fester Einband: 559 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 13.11.2017
ISBN 9783518427576
Genre: Romane

Rezension:

Nichts stimmt und doch ist alles wahr. An einer Stelle, wo sich Handke darüber ärgert, dass seine Mutter auf ein Lied der Beatles mit einem Anflug von Ausgelassenheit reagiert, scheint die Zeit still zu stehen.
In seinem Universum zeigt sich Handke erst als Sohn und dann als Vater. Als junger Mann weigert er sich, der Erschöpfung nachzugeben und holt abends ab acht, wenn andere vor dem Fernseher liegen oder in einer Kneipe abschalten, noch etwas aus sich heraus. Die Überdehnungen des Alltags und späten Anstrengungen, nachdem das Kind zu Bett gebracht und seine Tasse (mit Wasser gefüllt) in die Spüle gestellt wurde, liefern ebenso Sinnbilder von Handkes allmächtigem (allumfassenden) Walten wie seine Wut auf die Mutter, da sie es wagt, ihr Vergnügen an einer musikalischen Vorliebe des Sohns zu zeigen.
Nun also „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere”. Die Obstdiebin heißt Alexia oder Aleksija. Sie könnte auch anders heißen. Sie ist sprunghaft dem Sesshaften abhold und ganz das Kind des Vaters. Der Vater pendelt zwischen Spielarten des Abgerissenen mit Einstecktuch. Er lehrt ein nomadisches Geheimwissen. Alexia begreift ihn als Experten für die Gefahren des Gegenlichts. Er vermacht der Tochter den Satz ihres Lebens – eine Bemerkung, die mit einem Fragezeichen Isaak Babel zugeschustert wird: „Sie war nicht mutig, doch immer stärker als ihre Angst.”
Der Erzähler, ein Handke wie er im Buch steht, erdichtet Alexia nach einem Standardverfahren der Originalität als Unzeitige, der es gefallen könnte, von Ludwig dem Heiligen (1214 – 1270) abzustammen. In tausend Verbeugungen zeigt er seine Faszination für die Obstdiebin.
Handke ist nun in dem Alter, in dem selbst Goethe nicht mehr zum Zug kam. Die Minne verfängt nicht mehr, das greise Genie wird zur Gefangenen seltsamer Vorstellungen. Der Eros wandert auf Umwegen und kommt nicht mehr an. Ein Tag im August 2016 schildert sich als erster Tag des Geschehens im „Letzten Epos” aus.
Ein Aufbruch begehrt vollzogen zu werden. Handke strapaziert Schauplätze seiner Existenz. Ausgangspunkt der Reise ist die Paris zuvorkommende „Niemandsbucht”, das Ziel die Picardie, wo der Schriftsteller seine Datsche hat. Von Paris fährt man eine Stunde mit dem Auto, dann ist man in Amiens. Die Somme, der Atlantik, Belgien und Erinnerungen an die Materialschlachten des I. Weltkriegs sind da nah.
Fledermäuse, die wie hängengebliebene Seelen in alten Häusern heimisch sind, schärfen den Orientierungssinn der halbnomadischen Obstdiebin. Ihr futuristisches Design macht sie zu idealen Bewohnern des kybernetischen Alls.
Auf Seite 220 gelangt Alexia nach Courdimanche. Ihr Schöpfer streicht ihr eine Strähne aus der Stirn. Die Züge sind angespannt. Gedankensplitter und Empfindungstropfen fliegen kreuz und quer durch die Gegend.
Courdimanche liegt an der Pariser Peripherie im Département Val-d’Oise. Handke übersetzt dem Leser ein im Gegenwartsgefängnis unvermeidliches Falschverstehen des Ortsnamens. Der Autor tritt vor die etymologisch indifferente Obstdiebin, stellt seinen Bauchladen ab und macht eine Bude des Begreifens auf. Er gelangt zu dem lateinischen Namensgebungsverfahren im westfränkischen Reich der Merowinger und Karolinger und entdeckt eine Koinzidenz zwischen der ursprünglichsten Bedeutung von Courdimanche und den Informationen der Patina. Dimanche – Sonntag ergibt sich in einer Mutation von dominus – dem Eigentümer und Herren. Aus dem Herrensitz wurde ein Sonntagshof. Die erste Bezeichnung bewahrt sich in der letzten.
Handke lässt es dabei bewenden. Er ignoriert zwei Konnotationen von cour. Etwas herrschaftlich Gravierendes könnte sich darin aussprechen so wie ein königlicher Platz. Zweifellos wird ein Gericht angesprochen und sei es nur als Erinnerung an einen Rechtsprechungsbetrieb, der schon eingestellt war, als der Hof sich etablierte. Courdimanche war den Druiden heilig. Die Römer überbauten die kolonisierte Magie mit einem Tempel. Heute leben sechstausend Leute auf einem besonderen Grund und denken sich nichts dabei.
Die Obstdiebin bleibt am Sonntag hängen. Sie interpretiert das Ortsschild als Kalender. Sie strebt dem höchsten Punkt in Courdimanche zu. Das ist die Kirchturmspitze. Der Turm ist ein Eulenquartier. In seinem Schatten erreicht die Obstdiebin ihr Tagesziel. Der Erzähler scheidet das alte Dorf Courdimanche von einer neuen Stadt. Er unterscheidet die Pittoreske von ihren Anlagerungen. Seine narrativen Moves zwischen Unkenruf, Vollmondimpressionismus, Flurnamenkunde und Stadtplanung (Zivilisationskritik) dienen zur Abkühlung der Erzähltemperatur. Die Obstdiebin lässt sich nicht hoch stimmen. Sie wünscht sich einen Fuchs im Panorama und nimmt mit einer Katze vorlieb. Plötzlich wird sie mit ihrem Aliasnamen Alexia angesprochen. Das quittiert sie mit ihrem „alten Kinderlachen”.
Ich fasse zusammen. In Handkes neuem Werk, das wir als Letztes Epos mit großgeschriebenem L zu begreifen haben, führt eine Reise vom Pariser Stadtrand in die Picardie, wo Emmanuel Macron und der ältere Alexandre Dumas geboren wurden. Handke saugt an seinen Ortskenntnissen. Seine Heldin repräsentiert den Erzähler mit Haut und Haar. Der Autor imaginiert ein junges weibliches Ich, das an der Stelle des alten Schreibsacks nicht nur Beobachtungsgewinne, sondern auch Attraktivitätserfolge erzielt. Das Agens der Handke’schen Produktivität ist die verspiegelte Neuerschaffung als eine Person, auf die sich Begehren richtet.
Wer nicht begehrt wird, stirbt. Wer nicht begehrt, ist tot.
Alexia gabelt sich einen Begleiter namens Valter auf. Mit ihm besucht sie in Chars das Café de l’Universe. Es gehört einem „Finsterling“. Eine begabte Köchin ist ihm auf den Leim gegangen. In „der gut einsehbaren winzigen Küche“ vollbringt sie Wunder mit offenem Haar.        

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65 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 17 Rezensionen

ausstieg, biografie, biografien & erinnerungen, gewalt, aussteigerleben

Ein deutsches Mädchen

Heidi Benneckenstein , Tobias Haberl
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Tropen, 04.03.2018
ISBN 9783608503753
Genre: Biografien

Rezension:

Mit der Laubsäge schneidet sie die Bögen des deutschen Grenzverlaufs von 1937 aus einem Stück Holz. Den revanchistischen Geografiebegriff rechnet sie einer höheren Wahrheit zu. Auch über die Gaskammern weiß sie besser Bescheid als die Unterwanderten. Heidrun, genannt Heidi, korrigiert ihre Deutschlehrerin, die von der Nationalhymne nur die dritte Strophe zu kennen scheint. Die Pädagogin duckt sich weg vor dem feuerfesten Hitlermädchen, das mit alternativer Attitüde seinem Weltbild die plakative Offensichtlichkeit verweigert.
Zuhause reinigt der nationalsozialistische Vater die deutsche Sprache und verwüstet die Seelen seiner Kinder. In ländlich-bayrischer Umgebung genießt der Holocaustleugner Ansehen. Man begreift ihn als engagierten Zeitgenossen. Er selbst sieht sich als antisemitisches Bollwerk gegen den Multikulturalismus. In seinem Nachwuchs erkennt er die saubere Zukunft Deutschlands. Er erzieht im Geist des politischen Soldatentums. Er zieht Führungskräfte für das IV. Reich auf.
In ihrer Aussteigerbiografie Ein deutsches Mädchen erzählt Heidi Benneckenstein von einem Faschismus im Dirndl. Sie lotet die Selbstverständlichkeit aus, mit der Faschismus stattfindet. In einer bundesweiten, durchgängig bürgerlichen Gemeinschaft werden die Töchter und Söhne an den demokratischen Strukturen vorbei zu Kadern geschmiedet. Als Erwachsene begegnet man ihnen als Verantwortliche in neonazistischen Gliederungen. Das jedenfalls behauptet Benneckenstein. Sie beschreibt eine rechte Jugendkultur ohne die Merkmale des Mobs. Eine dezente Diversität erschwert zunehmend die Identifizierung. Rechtsradikale kopieren alle möglichen Formate vom Biedermann bis zum Schwarzen Block. Die Demokratiefeinde spielen mit den Formularen der Demokratie. Sie besetzen die Räume, die von einer trägen Mehrheit preisgegeben werden. Anscheinend kann man in unserer Gesellschaft völkisch leben, ohne anzuecken.

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17 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

Die Affekte

Rodrigo Hasbún , Christian Hansen
Fester Einband: 142 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 07.08.2017
ISBN 9783518427644
Genre: Romane

Rezension:

Jede politische Auseinandersetzung ist nicht zuletzt ein Kampf um Bilder. Die überlegene Ästhetik zeigt die überlegene Technik an.

Hans Ertl (1908 - 2000) trat als Alpinist und Kameramann hervor. Er drehte für Luis Trenker und Leni Riefenstahl. Riefenstahls entfesselte Ästhetik wurde von Ertl miterfunden. 1953 wanderte er mit seiner Familie nach Bolivien aus. Er ließ sich zuerst in La Paz nieder. Ertl führte ein abenteuerliches Leben und starb hochbetagt als eremitischer, mit der Welt hadernder Viehzüchter in der Gegend von Concepción, ursprünglich einer jesuitischen Reduktion.

Wer regelte 1971 in Hamburg den Verkehr für Monika Ertl, als sie Roberto Quintanilla Pereira mit drei Kopfschüssen zu den Toten beförderte? Sie nahm gekonnt Rache. Ihr Vater hatte in Bolivien eine Kunstschützin und Herrenreiterin aus ihr gemacht. Monika konnte auch Golf, sie pendelte zwischen Camouflage und Robe. Die Hinrichtung quittierte eine von Pereira befohlene postume Entwürdigung Che Guevaras und die Ermordung des Guevara-Nachfolgers Inti Peredo, der Monika zum bewaffneten Kampf bekehrt hatte.

Rodrigo Hasbún erzählt die Geschichte von Ertls Tochter Monika (1937 – 1973). Der bolivianische Autor lässt Personen aus dem engsten Kreis um Monika fiktiv aussagen. Die älteste von vier Geschwistern sollte nach dem Willen des Vaters als Stammhalter zur Welt kommen. Der Vater prägte das Mädchen. Er formte es athletisch. Monika begleitete Ertl auf Filmexpeditionen. Sie gefiel ihm als Schützin und Reiterin. Sie zeigte sich unerschrocken gegenüber tödlichen Reptilien. Sie verkehrte in einer „Ersatzfamilie“ und erfüllte auch da die Erwartungen, in einer Darstellung der Traumschwiegertochter. Der in gravierender Weise unzulängliche Gatte hielt Monika zu einem konventionellen Gesellschaftsleben an.

Der Rest ist Geschichte. Monika verliebte sich in Inti Peredo und wurde zur Protagonistin im lateinamerikanischen Befreiungskampf. Die Erscheinung der von einem kraftgenialen Vater zur Tat erzogenen Kombattantin verriet ihre Entschlossenheit nicht. Die engagierte Zeitgenossenschaft fand ihren Höhepunkt im Attentat auf einen bolivianischen Geheimdienstoffizier, der in Hamburg den Diplomaten gab. In der Planungspipeline blieb die Entführung des unbehelligt in Bolivien lebenden Klaus Barbie; gemeinsam mit Régis Debray wollte Monika Ertl den „Schlächter von Lyon“ einem Prozess zuführen.

Hasbún führt den Leser auf Schleichwegen zu der historischen Dimension einer Geschichte, die sich ihm widersetzt. Seine Erfindungen sind zu blass, um der vulkanischen Biografie Farben zu geben. Der Autor bleibt vor der Tür seiner Erzählung wie ein Ausgeladener stehen.

Monika Ertl verlor sich angeblich in den Labyrinthen der Konspiration. Sie, so suggeriert es Hasbún, tötete ihre Erinnerungen, ohne den Preis dafür zu begreifen. 1973 starb sie verraten im bolivianischen Straßenkampf.

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Johnny Ruin

Dan Dalton , Marion Hertle
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Tempo, 17.11.2017
ISBN 9783455001693
Genre: Romane

Rezension:

In „Johnny Ruin“ variiert, modernisiert und lyncht (@david) Dan Dalton Jack Kerouacs „Unterwegs“. Sein Neal Cassady heißt Jon Bon Jovi, könnte aber auch Sundance Kid heißen. Im Dalton Universum könnte alles ganz anders sein. Der Erzähler entspannt unter kalifornischen Mammutbäumen, die er noch nie gesehen hat. Er gibt dem Roman seinen Schelmennamen. Der von ihm vielleicht um die Ecke gebrachte Jugendfreund Paul kehrt als blinder Passagier zurück an Bord und reist mit Johnny, Jon Bon Jovi, dem Hund Fisher und der Geliebten Sophia von der amerikanischen Westküste zum Atlantik vielleicht nur in einer Phantasiephantasie. Die Fiktionalisierung der Fiktion soll der Fiktion Realitätskraft geben. Manchmal gelingt das.
Paul hatte nie einen guten Musikgeschmack. Er verlor seine Unschuld zu Senza Una Donna, auf dem Rücksitz des Ford Transit seines Vaters.
„Komm für mich, Baby“ - Sophia „ist nicht wirklich hier“, also da in der Gegenwart des Erzählers. Trotzdem gibt Johnny ihr nach, wenn sie von ihm verlangt, für ihn zu kommen. Dalton erzählt wie aus einer nörgelnden Seitentasche der Wirklichkeit. Der ungesicherte Gegenstand seiner Rede ist eine Reise. Von der Innenwelterkundung bis zum bloßen Rauschzug wird jeder Trip im Trip mit Beatnik Metaphorik ziseliert. Dalton transportiert ein Genre, dessen Manifeste an mechanischen Schreibmaschinen entstanden, in die SMS-Ära. Dazwischen liegen fünfzig Jahre, die dem Beat nicht gut bekommen sind.
„Die Fiktion ist die einzige Chance für den Loser, Geschichte zu schreiben.“
Beim Sex sind Ellbogen im Weg. „Asche fällt wie Schnee vom Himmel.“ In Iowa tanzen Blitze am Horizont zu einem Zombie Groove. „Graue Gestalten (die Unrechten) bewegen sich ungesehen.“ Die Straße „ist übersät mit verlassenen Autos“. Das sind natürlich Zitate, montiert zu einer Collage voller Zeitsprünge. Johnny geht mit Jon Bon Jovi sein Leben durch. Seit dem Erscheinen von „Cross Road“ 1994, lässt sich Johnny von Bon Jovi hochstimmen. Der Musiker erleidet am Steuer, auf dem Beifahrersitz oder am Straßenrand das Schicksal alternder Stars. Jeden Tag könnte ihn jemand oder etwas von der Bühne des Lebens nehmen. Was dann?
Johnny darf man das nicht fragen. Er verlässt sich auf eine halluzinogene psychotrope Substanz, um sich in Form zu halten. Er weiß vielleicht noch gar nicht, dass Scheitern dem Leben Sinn gibt. Wer besser scheitert (Beckett), muss noch mal antreten. Fisher weiß es.
„Er hält alles für ein Spiel.“

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Zwei Schwestern

Åsne Seierstad , Nora Pröfrock
Fester Einband
Erschienen bei Kein & Aber, 27.09.2017
ISBN 9783036957746
Genre: Sachbücher

Rezension:

Die Radikalisierung der Schwestern vollzieht sich weder unter Ausschluss der Öffentlichkeit noch in schleichenden Prozessen. Ihre Verwandlungen von (nach westlichen Maßstäben) normal krass Pubertierenden in Dschihadistinnen flankieren Ayan und Leila mit offensiven Statusmeldungen. Sie machen sich so auffällig, dass sie ins Visier eines Geheimdienstes geraten. Da melden sich zwei ab von der Gesellschaft, in der sie als Flüchtlingskinder Aufnahme fanden, um in Syrien den Tod zu suchen. Sie kehren in den Krieg zurück, als sei dies ihr Schicksal. Zugleich wähnen sich die Schwestern auf einem Gipfel der Selbstbestimmung.
„Nach Syrien geht man, um dort zu sterben“
Asne Seierstad, die in „Einer von uns“ Anders Breivik aufschloss, dokumentiert in „Zwei Schwestern“ die Lebensläufe von Ayan und Leila Juma. Vater Sadiq schaufelte den Weg von Somalia zu einem besseren Leben in Norwegen frei. Mutter Sara existiert in einem Kokon der Unselbständigkeit. Ihr Heimweh lässt kein Angebot des Gastlandes gelten. Sadiq dolmetscht nach allen Richtungen. Die Ansichten des liberalen Moslems stoßen in der somalischen Gemeinde von Bærum auf Kritik. Die Töchter ignorieren die moderate religiöse Praxis im Elternhaus. Für sie bedeutet Islam Identität ohne Zusatzstoffe. Er erfüllt ihre Sehnsucht nach Reinheit. Er liefert dem Wunsch nach Abgrenzung Argumente. Der Islam löst Differenzerfahrungen in universellen Erklärungen auf. Ayan und Leila erleben ihn gleichermaßen als Jugendkultur und Exklusivitätsformat. Sie erschaffen sich neu in Gegenbildern zum skandinavischen Standard. Sie verschleiern sich exzessiv und provozieren so. Sie suchen die Konfrontation. Sie setzen islamische Vorschriften als Brechmittel gegen die Floskelwälle der norwegischen Mediationsgesellschaft ein. Sie fahren ab auf Facebook Präsentationen von Horror und Terror. Sie verlieben sich in kriegerische Prediger, die oft in Jugendbanden sozialisiert wurden und im Extremismus eine globale Heimat gefunden haben.
Seierstad folgt den Ausstiegen in triste Winkel. Sie beleuchtet ein weltweit vernetztes Milieu mit mittelalterlichen Rechtsbegriffen. Für die Sorge der Eltern um ihre ab Oktober 2013 abgängigen Töchter gibt es in Norwegen keinen Rahmen. Nach dem Sittlichkeitsverständnis der diasporischen Umma haben die Eltern versagt. Der Staat zuckt mit den Achseln.
Sadiq erkundet das türkisch-syrische Grenzland auf der Suche nach den Töchtern. Alles hat seinen Preis in den Lagern der Milizen und Schmuggler. Der Vater will Ayan und Leila zurückkaufen.
Seierstad schildert wie Sadiq in die Mühlen des Islamischen Staates gerät und in einer Todeszelle knapp überlebt. Sie erzählt die Geschichte einer Gewaltherrschaft, die nicht zuletzt von ehemaligen Geheimdienstoffizieren des Saddam Hussein Regimes garantiert wird.
Die Schwestern landen in einer Stadt, die seit Jahren Schlagzeilen macht. In ar-Raqqa spielt der Islamische Staat nun keine kraftvolle Rolle mehr. Eine Allianz unter dem Kommando der Kurdin Rojda Felat hat den Kampf mit amerikanischer Luftunterstützung für sich entschieden. Ayan und Leila könnten sich immer noch in der Stadt aufhalten.

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254 Bibliotheken, 10 Leser, 1 Gruppe, 94 Rezensionen

juli zeh, dystopie, roman, leere herzen, deutschland

Leere Herzen

Juli Zeh
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 13.11.2017
ISBN 9783630875231
Genre: Romane

Rezension:

Der Romantitel spielt nicht nur auf ein Lied an, mit dem eine Zwölfjährige im Jetzt einer nahen Zukunft erfolgreich ist. „Empty Hearts“ tauchen überall auf und können alles Mögliche sein. Im IV. Reich der „Leeren Herzen“ ist das bedingungslose Grundeinkommen Realität. „Besorgte Bürger“ regieren dem Anschein nach immer noch nach demokratischen Spielregeln im „Reichtstag“. Die Kanzlerin heißt Regula Freyer. Ihre Partei hat die Migration gestoppt, aber nicht zu brutal. Fressmeilen der Differenz erweitern defensiv das Angebot. Die letzten Offensivvertreter alternativer Lebensformen vergreisen. Das grüne Element und der ökologische Themenkreis haben ihre Adressen im bürgerlichen Lager.
In diesem System zählt Britta Söldner zu den Siegerinnen. Sie wahrt jenen kritischen Abstand, den Eitelkeit intelligenten Leuten vorschreibt. Fragt man Britta, dann sind „Arschlöcher“ an der Macht, „und Demokratie ist nur das System, dass sie dahin gebracht hat“.
„An manchen Tagen liebt Britta Braunschweig, als hätte sie es selbst erfunden.“
Britta lebt vorsätzlich in Braunschweig. Die Mittellage und der avancierte Durchschnitt reizen sie. „In Braunschweig fliegt man unter dem Radar“ der Leistungsgesellschaft. Davon profitiert Brittas Partner Richard, der beruflich einen langen Anlauf nimmt. Das mit Kind Cora komplette Paar unterhält freundschaftliche Beziehungen zu den Doppelverlierern Janina und Knut. Janina und Britta haben sich beim Babyschwimmen kennengelernt, „jede mit einer Tüte Geschrei auf dem Arm“. Knut hat vermutlich nie in seinem Leben Steuern bezahlt. „Er ist ein Typ, den seine Freunde versehentlich Kurt nennen. Das Schicksal hat ihn beschnuppert und beschlossen, sich nicht für ihn zu interessieren“.
Janina, Knut und Vera existieren zwar reduziert, träumen aber von einem Haus auf dem Land, das Britta finanzieren könnte. Darüber unterhält man sich bei vegetarischen Würstchen, während ein Terroranschlag im Frachtterminal des Leipziger Flughafens knapp vereitelt wird.
Ich erzähle das so breit, weil mich der personelle Aufgalopp fasziniert. Die Beschreibungen sind treffend wie Einschläge. Man ahnt die Gewalt im Rücken der Paare. Das Flüchtige jeder Ordnung teilt sich mit, bevor sich der Thrillercharakter des Romans durchsetzt.
Ruhe findet Britta im Ölper Holz. Da atmet die Natur auf. Urzeitkrebse und Wasserwanzen bevölkern Bombentrichter. In ihrer Gegenwart kommt Britta auf Ideen. Sie ist Chefin einer Agentur, die zum Selbstmord Entschlossene unter den Labels diverser terroristischer Vereinigungen bis zur Anschlagsreife begleitet. „Die Brücke“ qualifiziert Märtyrer, die nicht übers Ziel hinausschießen. Eine solide Arbeit sorgte für einen Rückgang der gespenstischen Einzelgänger- und Irrläuferattentate, deren Dilettantismus weltweit operierende Unternehmen wie Daesh nicht davon abhält, sie sich zuzurechnen. Der invertierte irakische IT-Experte Babak Hamwi dient Britta als Wartungsgenie der Selektions- und Manipulationstechnik sowie als Analytiker. Das Team ist sich so einig, dass es sogar seine Geheimnisse im Gleichklang der Seelen hütet. Es tarnt die Killerkommandoleitstelle als psychoanalytische Heilpraxis, in der Frauen nichts verloren haben.
Doch dann kreuzt Julietta auf und zieht bei Babak ein. Julietta durchläuft das Test- und Trainingsprogramm für sendungsbewusste Selbstmörder. Sie nimmt an der Action teil, die einem Angriff auf die „Brücke“ folgt. Aus den Angegriffenen werden in den Überlebensmodus geschaltete Kombattant*innen. Sie ziehen ins Unterholz, high vom hormonellen Alarm.
„Flucht stellt den Normalzustand dar, man neigt nur dazu, es zu vergessen.“
Zum ersten Mal in ihrem Leben agiert Britta in einem Gestaltungsraum, der auf ihre Affekte zugeschnitten ist. Alles klärt sich in der Abwesenheit von Spiegeln. Das Großartige fällt von Britta ab.
Wieder gelingt es Juli Zeh eine spieltheoretische Spannung aufzubauen, in der jeder Schritt der ihrer Ahnungslosigkeit wie einem totalitären Regime Unterworfenen ein Dilemma kreiert.
Ein Zauberer verspricht Rettung. Der reiche Wünschelrutengänger Guido Hatz könnte aber auch ein Mastermind auf der Gegenschräge sein und mit Desinformationen die Verwirrung steigern. Guido nutzt brachliegende Energiefelder für seine Zwecke. Ob Britta dem Meister folgen kann?

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Cinderella

Michael Bijnens , Heike Baryga
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Atrium Zürich, 08.09.2017
ISBN 9783855350216
Genre: Romane

Rezension:

Der Cinderella-Komplex benennt auf dem Umweg einer Angstdefinition ein Gefühl des Ungenügens. Das Gefühl verleitet Frauen dazu, Abhängigkeitsverhältnisse anzustreben. Cinderella verspricht sich wenig von sich und alles von einem Prinzen. So eine ist Iris. Sie sucht einen Retter in tausend Männern. Zu einem Zuhälter, der seine Not mit unabhängigen Frauen beklagt, sagt sie dem Sinn nach: Du brauchst eine Frau, die sich von dir beschützen lässt. Am vorläufigen Ende der Geschichte macht Iris den ältesten Sohn zu ihrem Beschützer. Michael gefällt die Rolle. Er wird zum Zuhälter der Mutter und kauft mit ihr ein Bordell. Das „Cinderella“ liegt an einer Brüsseler Ecke zwischen Paradiesstraße und Friedhofsweg vielleicht nur deshalb, um die psychologische Fährte nicht zu deutlich erscheinen zu lassen.

Michael Bijnens‘ autobiografischer Roman suggeriert einen Realismus, den man literarisch begreifen muss. Er zeigt den Knaben in der Hand einer Frau, die mit fabelhafter Selbstverständlichkeit schrankenlos ist. Von seelischer Verwahrlosung ist nicht die Rede. Iris verfügt über Intelligenz, Poesie, Witz und Mut. Sie verteidigt ihren Lebensstil.

Iris vermutet in der männlichen Sphäre ein Versagen der Welt. Der folgsame Sohn folgt ihr vermutlich auch zu dieser Einschätzung. Manchmal maskiert er seine Bereitschaft mit harten Formulierungen oder haltlosen Distanzbehauptungen. In Wahrheit badet er wie ein Dreijähriger im Fluidum der Huren und genießt die ununterbrochene Erreichbarkeit von Erregungschancen. Ständig steht Michael an einer Bar, kippt Wodka und Whisky ab, gibt der Mutter Feuer und hört sich Geschichten an, die vor Erleben strotzen.

Die Mutter hat im Milieu Prestige. Die Ganeffs akzeptieren Michael als Iris‘ Sohn. Allmählich begreift er, dass er ohne sie nichts ist.

„Dir fehlt eine Antwort auf ihr Leben. … Ohne sie wärst du ein Nichts. … Sie ist dein Blut, deine Sprache, deine ganze Geschichte.“

Es gibt einen Vater.

„Doch seine Wut war größer als sein Wortschatz.“

- Und einen Bruder, den Michael faustrechtlich unterjocht. Gewalt und Nähe bestimmen die Beziehung. Die Brüder lernen im Schlepp der Liebesnomadin Männer kennen, deren väterliche Anwandlungen von Travestie oft nicht zu unterscheiden sind.

Mit Pancho nahm „das Ganze Formen von Erziehung an“.

Vorübergehend lässt ihre Grundversorgung Prinzipien der gesunden Ernährung erkennen. Die Brüder erfahren halbwegs als Jugendliche, dass man sich besser regelmäßig die Zähne putzt.

Wiederholt kehrt der Erzähler zur Schlüsselszene im Roman zurück. Da schließen zwei Ereignisse ein Zentrum auf. Als sich die Hureninitiation seiner Mutter vollzog, öffnete sich für Michael an einer anderen Stelle von Antwerpen und ohne jeden Zusammenhang eine Tür im Nachtbetrieb. Mutter und Sohn strebten unabhängig voneinander „ins Leben“, wie man auch zum Milieu sagt. Die Koinzidenz wird mit einem Abstand von acht Jahren beleuchtet.

Mich wundert, dass „Cinderella“ nicht für viel mehr Aufsehen sorgt. Bijnens ist ein selten guter Erzähler. Seinem Roman fehlt nichts. Manchmal zeigt sich eine rumpelige Nonchalance im Stilgeschehen.

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Der böse Mensch

Lorenz Just
Fester Einband: 150 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 08.11.2017
ISBN 9783832198794
Genre: Romane

Rezension:

Ein Kind findet seine Wege im nächtlichen Dickicht. Im Hochland der Kronen kennt es die letzten verlässlichen Äste vor den Todeszonen. Aus Luft näht es sich ein Kissen. Es ist eine Autonome (seinem Wesen) nach. Nutrias und Eichhörnchen halten es auf dem Laufenden.
Das Kind heißt Fini nach einer anderen Romanperson. Lorenz Just klärt den Zusammenhang. Er bezieht Fini aus Joseph Roths Roman „Der blinde Spiegel“, wo sie als postexpressionistische Stenotypistin im Stil der neuen Sachlichkeit scheitert. „Der böse Mensch“ betitelt eine Sammlung von Erzählungen. Sie lassen sich als Episodenroman am besten lesen. Der Autor verfolgt seine Figuren in Szenen, die ihre Selbständigkeit oft nur behaupten. Ihr Prinzip ist der Perspektivwechsel. Lebhaft werden sie im Spiel mit Erzählmanieren. Mal ist der Ton kräftig wie in Blech geblasen, dann wieder wird pointillisiert. Es braucht Herrn Naumann, um zu erfahren, dass der aus einem afrikanischen Krieg nach Deutschland vielleicht nicht unbedingt geflohene Badewannenmeister aus einer düsteren, dem bösen Menschen unter der Überschrift „Der Nachbar“ nachgehenden Introspektion seinem Erscheinen nach ein Mandingo ist – eine durchgreifende Persönlichkeit, die jeden Deutschen ins Ausland schickt, der seinen Laden betritt. Darin schneidet der grandiose Nachbar betrübten Landsleuten die Haare.
Der Nachbar hat den Krieg vor jeder zivilen Beschäftigung kennengelernt. Er veranlasste die Entvölkerung von Gebieten und erzog den Nachwuchs zu Marodeuren. Auch in der neuen Heimat überragt er jene Männer, die in seinem Geschäft Heimat tanken. Jeden Tag wohnt er seiner Frau Fanta bei, um sich auf Wesentliches zu beschränken. Fanta bietet den Genuss ohne Reue. Auch noch nach vielen Ehejahren erbaut sie der Gatte.
Nachbar Naumann ist aus traurigem Holz geschnitten. Sein Dasein verätzt ihn. Man übergeht ihn im Text wie im richtigen Leben.
Der monumentale Titel überspannt die Erzählbögen. Der Autor hetzt hinter dem bösen Menschen her, ist aber zu langsam. Nach einer Weile weicht die Erwartung, es gäbe seelische Abgründe zu besichtigen, der heiteren Langeweile, mit der man zeitgenössische Literatur sympathisierend zur Kenntnis nimmt.

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Lauter gute Absichten

Christopher Isherwood , Gregor Runge
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 12.09.2017
ISBN 9783455405835
Genre: Romane

Rezension:

„Lauter gute Absichten“ erschien erstmals 1928. Der vierundzwanzigjährige Autor ist noch vollkommen eingenommen von den Stilfiguren und zugeschnitten nach den Schnittbögen seiner Klasse. Der Sturm gegen die Abrichtung findet im Wasserglas der normativen Kraft des Faktischen statt. Es geht um „Warmwasserverschwendung“, gebadet wird aus Langeweile, leider ist kein Buch zur Hand - um Stachelbeermarmelade und einen Roman, der noch geschrieben werden muss. Ein andauerndes, vom Müßiggang bestimmtes Gespräch treibt die Handlung an. Ein Flieder der Empfindungen flankiert sie. Ständig sitzt man beim Tee und ist „lammfromm“ oder „leicht entmutigt“. Oder man verfällt in „überspanntes Gelächter“.
Zweifellos wollte Isherwood die Heuchelei seiner Eltern und Lehrer geißeln und die eigene Indolenz nicht verschweigen.
Der Erzähler geht biografisch im Autor auf. Er variiert den Künstler als jungen Mann. Philip Lindsay absolviert Stationen des britischen Ennuis maskiert und statuarisch. Kein Raum steht einer Blöße zur Verfügung. Der Zwang zur Verstellung führt zur seelischen Erschöpfung. Darüber verbreitet sich Philip so manierlich wie manisch. 1928 begann sein Schöpfer ein Medizin-Studium am Londoner King’s College, das er im Roman vorwegnimmt. In einer Szene grüßt der schneidige Medizinstudent Buck Mulligan (als Philip Lindsay) aus „Ulysses“. Jede Leiche, die zum Sezieren auf den Tisch kommt, „ähnelt … Dante Alighieri“. Das ist schon sehr ausgesucht und zweifellos abgegriffen aus dem Köcher des obsoleten Expressionismus. Benns Schwelgen im Ekel à la Morgue gehört dazu.
Man erkennt die Zeitgenossenschaft und ihre Bindungen. Isherwood experimentiert mit den Möglichkeiten der Verknappung und der Redundanz. Der Debütant wechselt gelegentlich die Erzählperspektive und schwankt von der dritten zur ersten Person.
Nach einer Meditation über die Londoner Langeweile, die das Sujet auf allen Ebenen erreicht, verspricht eine koloniale Beschäftigung in Kenia Abwechslung. Ein schnarrender Plantagenjunker rechnet fest mit Philips Einsatz. Das afrikanische Abenteuer fällt aber ins Wasser.
Isherwood riet dazu, „Lauter gute Absichten“ als „verspäteten viktorianischen Roman“ zu lesen, denn er erinnert an eine Zeit, als Eltern noch mächtige Gegner waren“.
„Wer Glück hatte, starb im Kampf.“
Die Besiegten verkümmerten und die Verkümmerten garantierten das System in der nächsten Generation.
Isherwood sang in den Zwanziger seine Version von „My Generation“*. Später entschuldigte er sich für den Salonsound der ersten Platte und dem zu viel an Joyce im Text. Bei den besten abzuschreiben, ist ein Geniezeichen.
*„Lauter gute Absichten“ - Christopher Isherwoods erster Roman liegt nun erstmals auf Deutsch vor. Er archiviert die Gepflogenheiten einer Klasse, die ihr Verschwinden vermutlich überlebt hat.

*People try to put us d-down
(Talkin' 'bout my generation)
Just because we get around
(Talkin' 'bout my generation)
Things they do look awful c-c-cold
(Talkin' 'bout my generation)
I hope I die before I get old


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Sie allein

Fikry El Azzouzi , Ilja Braun
Fester Einband: 220 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 12.10.2017
ISBN 9783832195809
Genre: Romane

Rezension:

Ayoub ist der Neue im Küchenschmutz des „All Cook Up“. Chefin Eva findet den Flamen mit marokkanischen Eltern erregend undurchsichtig. Sie traktiert ihn mit Fragen, die seine Abschirmung angreifen. Sie lässt ihn keine Wunder der Gelassenheit vollbringen.
In der Sphäre niedriger Dienste bedeutet Coolness nicht selten Kompetenz. Auf Positionen, die nach Eskalation schreien, braucht man einen Stoiker für den letzten Dreck. Oft kommen die Spezialisten aus einer anderen Kultur und haben ihre Schmerzpunkte nicht an den Stellen, wo die Mehrheitsmeisten empfindlich sind. Nach sechzehn Stunden Dienst machen sie pfeifend Feierabend. Ein Bier oder vier hebt sie in den Himmel ihrer Zufriedenheit.
Ayoub hat das Zeug zu einem Gott unter Spülern. Eva übersieht zunächst konsequent seine Qualitäten. Die Erzählerin nennt Ayoub „Abu Abwasch“, vielleicht um sich selbst von ihrer Faszination abzulenken, die der schöne Außenseiter und Held aus El Azzouzis erstem Roman, „Wir da draußen“, ihr abnötigt.
Das „All Cook Up“ ist eines jener Restaurants, in dem das Personal garantiert durchdreht. Solche Fressnäpfe lecken auf allen Ebenen der Geschäftsführung. Sie funktionieren wie Fallen, in denen Scheine hängenbleiben, aber nur um den Preis der Preisgabe sozialer Errungenschaften. Ihre Betreiberinnen spekulieren auf eine Selbstausbeutungsbereitschaft, die entweder aus dem Elend kommt oder aus den Überschüssen guter beruflicher Aussichten in naher Zukunft. Oft haben die Betriebsführerinnen einen besonderen Riecher für Notzuchtgelegenheiten.
„Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd.“ (Frankfurter Küchenweisheit)
Eva schmeißt das „All Cook Up“ mit ihrem Freund, der im Verlauf der Geschichte zum Ex absteigt, bevor er ganz aussteigt. Einst war Stefaan ein erfolgreicher Jurist. Dann verführte ihn seine Kochleidenschaft zu der Dummheit, ein Restaurant zu eröffnen und sich da selbst an den Herd zu stellen. Inzwischen gilt das „All Cook Up“ als „Kriegsgebiet“. Moribunde Strategen aus der Unterschicht verbessern ständig ihr Mobbing und ihren Trash Talk. Ayoub lässt Eva auf der Piste seiner Unwiderstehlichkeit abfahren. – Während Belgien vom Terror erschüttert wird und der Weltbürgerkrieg Fahrt aufnimmt. Das macht „Sie allein“ zum Zeitzeugnis: die Darstellung der Gleichzeitigkeit diverser Terrorsorten und der Liebe. Der Roman ist so atemlos wie die Berichterstattung von laufenden Ereignissen. Europa rennt (vor sich selbst davon). Der belgische Innenminister ist aufgeregt. Stefaan stirbt. Eva träumt schlecht und schmeißt mit Telefonen. Allein Ayoub beweist die Kraft der Ruhe. Er findet „seinen Traumjob“ als Nachtportier. Doch dann überstürzen sich die Dinge. Eva resümiert verzweifelt: „Ich breche wieder in Tränen aus, klammere mich an Ayoub, so fest ich kann, kriege einen Wutanfall und drehe komplett durch.“

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52 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

lüge, ch: niveau 2017, israel, lügnerin, missbrauch

Lügnerin

Ayelet Gundar-Goshen , Helene Seidler
Fester Einband
Erschienen bei Kein & Aber, 27.09.2017
ISBN 9783036957661
Genre: Romane

Rezension:

Nach kurzer Schonzeit bohrt Avischai Milner schon wieder lange dicke Bretter. Der Sänger ist nicht so vermessen, sich für verkannt zu halten. Er glaubt nicht, dass sich seine Begabung mit Ruhm und erstklassiger Bewirtung paaren muss. Er weiß, dass ihn Launen des Schicksals bewegen wie ein Vers den Geneigten. Doch hält er sich nicht für schlechter als viele, denen es besser geht. Er macht sich Luft und verschafft sich Erleichterung, indem er Leute anpöbelt. Das harmlose Vergnügen wird ihm zum Verhängnis. Das ist eine andere Geschichte.
Ayelet Gundar-Goshen kümmert die Tel Aviver Randgestalt wenig. Die Psychologin und Bestsellerautorin konzentriert sich auf die märchenhaften Aufmerksamkeitsgewinne der schulpflichtigen Eisverkäuferin Nuphar Schalev. Ein Zusammenstoß mit Avischai macht das Mädchen zum Star. Seine Darstellung des Kontakts verwandelt eine Kränkung in einen Vergewaltigungsversuch. Die Lüge wird Nuphar nahelegt. Der Wahrheitswille legt Protest ein und unterliegt lediglich überlegenen Gegnern. In einer Fehlbesetzung als Wehrhafte kommt Gundar-Goshens Heldin zu allem, wovon sie vorher nur träumen konnte.
Eine Lüge stößt das Tor zum Leben auf. Es erscheint Nuphar in der Gestalt des Lavie Maimon. Der Sohn eines Strategen hat selbst nicht viel zu bieten. Er hält sich mit Verrat und Beschiss über Wasser. Trotzdem sieht Lavie „wie ein guter Fick“ aus.
Nuphar und Lavie haben ein Abonnement für verlorene Posten. So steht es geschrieben in ihren Lebensbüchern. Nuphars Aufstieg zur „Medienprinzessin“ kann nur ihre Fallhöhe vergrößern.
Gundar-Goshen dokumentiert eine Reihe von Korrumpierungsprozessen. Sie berichtet von Unterschlagungen und Durchstechereien in der Sphäre öffentlicher Verkehrsteilnahme. Gerechtigkeit und Wahrheit sind einfach nicht zu fassen. Alle lügen, oft grundlos und gewohnheitsmäßig. Avischai drohen bis zu sechzehn Jahren Haft für zwei oder drei unangemessene Bemerkungen, die sich nach den Bedürfnissen der Bestien Öffentlichkeit und Eitelkeit zu einer erwiesenen versuchten Vergewaltigung auszuwachsen im Begriff stehen.
Das Romanlicht erhellt schwach den grundschwarzen Abgrund Bigotterie. Eine überlastete Ermittlerin schüttelt ihre Bedenken ab. Zweifelnde Eltern begnügen sich mit den Attrappen des Selbstbetrugs. In der Zwischenzeit lernen Nuphar und Lavie den Liebeskummer kennen. Die neue Erfahrung dominiert ihren sozialen Ordnungssinn. Avischai hat einmal mehr das Nachsehen, die Welt zuckt vor seiner Not mit den Achseln.
Der Roman versammelt eine Reihe von Konstellationen, die ihre Protagonisten dazu zwingen, in ein Dilemma zu investieren. Am deutlichsten zeigt sich das da, wo Mutterliebe mit anderen Gefühlen kollidiert. Der Wunsch, Schuld abzuwenden, vergrößert nur die Belastung.

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74 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 55 Rezensionen

österreich, liebe, berg, berge, bergwelt

Durch alle Zeiten

Helga Hammer
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Ullstein fünf, 13.10.2017
ISBN 9783961010080
Genre: Romane

Rezension:

Elisabeth wird als Tochter eines Bergbauern und Holzfällers im ersten Kriegsjahr geboren. Es gibt eine ältere Schwester, die übrigen Geschwister entstehen bis Fünfundvierzig in den Ferien des Vaters von der Front. Vier Jahre nach der großdeutschen Niederlage kehrt ein in russischer Kriegsgefangenschaft erloschener Mann heim zu einer verbrauchten Frau und „fünf halbverhungerten Kindern“. Der Verstummte spannt sich in ein Tagwerk, bis ihn eine Fichte fällt.

Manche Leute, von denen Helga Hammer erzählt, leben mit ihrem Vieh zusammen, das sie im Winter wärmt. Die Autorin beschreibt Existenzen jenseits der Komfortzonen in einer Bilderbuchlandschaft, die Einheimische anders wahrnehmen als Touristen. Die fundamentalistisch patriarchalischen Bergkameraden verkarsten in unerbittlichem Materialismus vor malerischen Ansichten.

Hammer lokalisiert die Schauplätze des Romangeschehens in der Steiermark. Der Gerichtsbezirk Schladming bietet sich Elisabeth zuerst als ein Raum voller Hoffnungen an. Sie besucht die Haushaltsschule in Öblarn. Mit einer Freundin eröffnet sie eine Schneiderstube. Sie verliebt sich in den vornehmen Niklas Steinrisser, der in Salzburg Veterinärmedizin studiert. Das Glück zerreißt ihr schier die Brust, bis sie Niklas einmal unangemeldet in seiner Studentenbude aufsucht. Doch lernen sich die beiden noch einmal anders kennen.

Elisabeth bestimmt ein starker Eigensinn, der sie heraushebt, isoliert und zugleich harten Belastungen aussetzt. In der Larve eines Kindermädchens wird sie zum ersten Mal schwanger. Elisabeth erklärt einen invaliden Nachtwächter zum Vater. Sie macht ihn auch zu ihrem Ehemann.

Hammer stellt die List ohne Verzierung und Psychologie dar. Sie verzichtet grundsätzlich auf Erklärungen und Entschuldigungen und beweist sich auch insofern als (ohne Vorlauf) versierte Erzählerin. Der Haupterzählstrang verfestigt sich in Ereignissen auf einem Passionsweg. Elisabeth heiratet in zweiter Ehe den grobschlächtigen, vor Gemeinheit triefenden Josef Brandstätter. Der Mann vergeht sich an einer Magd, bis sie Selbstmord begeht. Elisabeth schneidet sie vom Seil. Ihr Mitgefühl ist eine verkümmerte Konvention. Die ganze Person wirkt schroff wie ein Gipfel im Sturm.

Ich finde die Darstellung überzeugend. Elisabeth fehlen Reserven aus dem Fett der Trägheit. Jeder Tag erschöpft sie bis zur Ohnmacht. Trotzdem bewahrt sie sich wunderbar in ihrer Liebe zu ihren Kindern und den Tieren auf dem zum Hotel avancierten Brandstätter Hof. Ihr Mann hält auch einen in der Gegend von Velike Lašče (Slowenien) gefangenen Bären als Touristenattraktion. Die Schilderung einer erwerbsmäßigen Freiheitsberaubung unter Alkoholeinfluss so wie der Verschleppung des Opfers nach Österreich ist ein Kleinod.

Für Elisabeth bedeutet jede Liebe Betrug. Sie heiratet Männer aus einem Kalkül, das die Folgen ihres Leichtsinns in geregelte Bahnen lenken soll. Doch die Versuchung hat kein Ende. Schließlich nimmt das Schicksal von Elisabeth die Bürde des ungeliebten Mannes.

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19 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

familie, flucht, kriminell

Die zwölf Leben des Samuel Hawley

Hannah Tinti , Verena Kilchling
Fester Einband
Erschienen bei Kein & Aber, 30.08.2017
ISBN 9783036957692
Genre: Romane

Rezension:

„Narben sind die Medaillen des Lebens“, sagt Hemingway. Körperliche Verletzungen verbinden sich nicht selten mit guten und starken Erfahrungen. In archaischen Gesellschaften fand man keine Aufnahme unter Erwachsenen ohne Verletzungsschmerz. Initiationskulturen überleben im Sport. Deshalb gibt es immer noch Vorgesetzte, die im klärenden Gespräch fragen: „Welchen Sport praktizieren Sie?
Die Frage zielt auf die Belastbarkeit des Kandidaten jenseits von Anpassung und sozialer Geschmeidigkeit. Wer so fragt, will wissen: Wie verhält sich einer, wenn es hart auf hart kommt. Vorbildlich erscheint in diesem Zusammenhang Herkules. Der Olympier musste zwölf Aufgaben meistern, angefangen bei der Tötung des nemeischen Löwe, dessen Fell Panzerqualitäten hatte. Herkules verstand es, das Tier an seinem Schwachpunkt zu überwinden. Stichwort Achillesferse. Bereits im Titel erklärt Hannah Tinti ihren Roman zur Chronik einer Initiation im antiken Maßstab. „Die zwölf Leben des Samuel Hawley“ müssen in Todesnähe gewonnen werden. Zentraler Schauplatz der Ereignisse ist das Fischernest Olympus (Olymp wie der griechische Gipfel) nahe Rockport und Boston im uralten Essex County von Massachusetts. Olympus gibt es nicht, wohl aber alle Hügel und Weiler in der Umgebung als Fiktionsversteifungen mit dem Kunststoff Realität.
Hawley fehlt ein Ohrlappen. Als junger Mann neigte er dazu, die Ansagen seiner inneren Stimme für Gerüchte zu halten, denen man nicht mehr Beachtung schenken muss, als dem Gerede von Betrunkenen. Tinti beschreibt die fatalen Folgen der Intuitionsverweigerungen. Mehr als einmal traf ihn eine Kugel, die eine Ahnung kommen sah.
Tinti erzählt mit bewährten Mitteln. Ihr Ton amalgamiert historische Schreibweisen von Herman Melville über Jack London und John Steinbeck bis Nelson Algren. In einer „Schienenstrang“ und „Hobo Szene“ (nach London und Steinbeck) reicht der Landstreicher Jove einem vom Sozialamt Verfolgten die Hand. Hawley erschließt sich den Westen auf den Schleichwegen der wirtschaftlichen Depression - mit ihren Überlandelegien in offenen Güterwaggons.
Als krimineller Laufbursche kriegt er es mit einem Wal zu tun. Melville lässt grüßen, zumal die südlich von Boston und so auch in Tintis Erzählkosmos gelegene Hafenstadt New Bedford in „Moby Dick“ eine Rolle spielt.
Als Hawleys Tochter Louise (kurz Loo) ins Spiel kommt, ist der Rumpf des fähigen Vaters und treu das Andenken an Louises Mutter Lily bewahrenden, von einer Vergangenheit als Spezialist für kriminelle Rückholaktionen heimgesuchten Witwers bereits mit zwölf Narben skarifiziert. Die Beweise einer unerschütterlichen Kampfbereitschaft geben dem Mann die richtige Aura. Andere Männer bewundern und fürchten Hawley. Die Frauen begehren ihn. Nur die Schwiegermutter will nichts von dem Asphaltcharismater wissen. Mabel entwickelt aber ein freundliches Verhältnis zu der Tochter ihrer nicht einfach nur bei einem Badeunfall in Wisconsin gestorbenen Tochter. Das Kind übernimmt in der Zuneigung olympische Aufgaben, von denen es gar nichts weiß. Eines Nachts überlässt Mabel der Enkelin ihren Pontiac Firebird – ein magischer Moment im Leben der Adoleszentin.
Louise überstrahlt Hawley. Die Geschichte beginnt an ihrem zwölften Geburtstag und bleibt immer viel mehr bei ihr als bei dem Mann mit den zwölf Narben. Für ihn hat Tinti nur Rückblenden übrig, die wie Folgen einer Schwarzen Serie über die Haupterzählachse flackern.

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Migranten

Patrick Chamoiseau , Beate Thill
Flexibler Einband: 80 Seiten
Erschienen bei Das Wunderhorn, 01.09.2017
ISBN 9783884235775
Genre: Sonstiges

Rezension:

Ohne die Exploitationskampagnen seit den westindischen Abenteuern des Kolumbus wäre Europa zu schwach, um auch nur eine Grenze zu halten. Die alten Kolonialreiche erheben als Demokratien weiterhin Anspruch auf Überlegenheit. Sie wollen, so sagt es Patrick Chamoiseau, „Elend, Terror und Armut“ an einem anderen Ende der Welt „anpflocken“. Jahrhundertelang konnten sie vom Youth Bulge über die Lohnkosten und den Müll bis zu ihren Schwerverbrechern Belastungen exportieren und sonst wo vergesellschaften. Oft waren Verworfene die ersten Weißen an fernen Gestaden. Sie brachten das große Projekt der Zivilisation. Nun formuliert sich der europäische Standpunkt auf einem Berg von Leichen, der zur Abschreckung täglich im Fernsehen gezeigt wird. Chamoiseau schildert Massengräber der Hoffnung, ausgehoben von Schergen an der Peripherie. Er findet traumhaft schöne Bilder für das Grauen. Die Migranten geraten aus Metropolen in ewignächtliche Randgebiete. Chamoiseau entdeckt die Wüsten von Europa. Der in Calais planierte Dschungel bricht durch den Asphalt der Pariser Boulevards.
http://www.zeit.de/video/2017-07/5500705715001/calais-was-aus-dem-dschungel-geworden-ist
Auch dieser Dschungel ist eine europäische Lektion so wie „die vielen kleinen Menschen, von Geburt Staatenlose, Unberührbare, ewige Parias, nirgends zugehörig, verbannt in das Reich der Medusen und gesunkenen Boote“.
Chamoiseau erwähnt die Ausdauer der Migranten. Sie ist das stärkste Streitmittel einer neuen Bürgerrechtsbewegung, so sagt es Hilal Sezgin, sich auf Angela Davis berufend in „Nichtstun ist keine Lösung“. https://www.lovelybooks.de/autor/Hilal-Sezgin/Nichtstun-ist-keine-L%C3%B6sung-1453722252-w/rezension/1493967420/
Chamoiseau erklärt das Internet zum Gehör der Welt. Es versende, „was die Bestie gerissen und gefressen hat“. Für die Barbaren gäbe es keine Insel der Seligen mehr, wo sie ungestört schalten können. Das ist bestimmt zu optimistisch. Chamoiseau besteht darauf, ermutigend zu wirken: „Die Mondialität ist eine Ahnung, von der die gesamte Menschheit in ihrer Diversität ergriffen wird, und die über die Erde in ihrer Weite und Tiefe hinweg alle miteinander verbindet.“

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roman, die außerirdischen, doron rabinovici, dystopie, israelisch-österreichische literatur

Die Außerirdischen

Doron Rabinovici
Fester Einband: 255 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 07.08.2017
ISBN 9783518427613
Genre: Romane

Rezension:

Niemand sah sie kommen und niemand kann sie von Irdischen unterscheiden. Sie erscheinen invasiv wie Partisanen. Mehr noch gleicht ihr Verhalten einem unsichtbaren Angriff gebietsfremder Arten auf ein Ökosystem. Die Außerirdischen setzen Infiltration an die Stelle exemplarischer Gewalt. Sie postulieren Freiheit und Selbstbestimmung. Sie versprechen das Ende von Kriegen und Krankheiten. Ihre parasitische Lebensform haben sie äußerster Kultivierung zugeführt. Sie bewirtschaften die Erdlinge, ohne sich zu bekleckern. Sie denken die Erde und das Alte Testament neu als große Farm und Farmerfibel. Das Rindvieh kehrt selbst die Ställe aus.
Man möchte gar nicht aufhören, Rabinovicis rhapsodisch listiger Erzählmanier nachzugehen. Der Autor treibt jede Floskel der Vermeidung auf eine Spitze und da verendet sie dann.
Rabinovicis „Außerirdische“ sind über das galaktische Larvenstadium der Spielberg’schen Sternenfähren und Raumkreuzer hinaus. Ihre Energie fluktuiert ungebunden. Ihre Matrix verweigert sich der Materialisierung. Den Usurpierten geben sie deshalb schwere Rätsel auf. Ein Feinschmeckerteam um den Erzähler Sol und seine Frau Astrid kreiert das Fernsehformat der Stunde. „Brandheiß“ ist die Sendung, die alle sehen. Sie verbreitet einen Inselwettbewerb im Dschungelcampingstil mit tödlichem Ausgang. Die Verlierer werden geschlachtet und von den neuen Weltmeistern gegessen. „Die Spiele“ sind ein universeller Wirtschaftsmotor. Die Schlachter verlangen bessere Bezahlung.
Besser kann man uns nicht erzählen. Rabinovici trifft jeden Nagel der Lächerlichkeit unserer Art auf den Kopf.
„Kein Hund schlug an“, heißt es am Anfang. Kein Raumschiff zerschellt bei der Landung. Keine extraterrestrische Macht zeigt sich. Trotzdem überziehen Schneisen der Verwüstung den Planeten. Die Menschheit erleidet eine Panikattacke. Sie arrangiert sich und überstimmt ihre eigenen Kritiker und Skeptiker. Ein Hellsichtiger erkennt den Befall der Gattung mit kosmischem Toxoplasma gondii, einem Einzeller, das sich parasitär verhält. Die meisten wollen sich assimilieren, um auf den Trampelpfaden der Unterwerfung bei den Starken aus dem All mitmachen zu dürfen. Sie wollen die Expansion in den Weltraum und die Erschließung neuer Märkte hinter dem Horizont nicht verpassen. Sie unterbreiten Verbesserungsvorschläge zur Menschenfleischversorgung der Galaktiker.
„Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber“. - „Hinter der Trommel her trotten die Kälber. Das Fell für die Trommel liefern sie selber.“ Bertolt Brecht
Dann verschwindet Astrid. Auf der Suche nach ihr erreicht Sol die Insel. Ihn ereilt die Internierung in der Passform eines ganz und gar irdischen Totalitarismus.

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Die Hoffnung

Mich Vraa , Ulrich Sonnenberg
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 05.10.2017
ISBN 9783455001556
Genre: Romane

Rezension:

Afi ist schön und klug. Ihr Herr händigt die Haussklavin einem Abolitionisten aus, um zu sehen, was passiert. Afi wirkt naturgemäß aufreizend. Dazu kommt die Macht aus weißen Vorrechten als berauschender Faktor.
„Während ich sie betrachtete, ging mir ein merkwürdiger Gedanke durch den Kopf. Gehörte sie jetzt mir?“
*
Die Spanier gaben ihren neuweltlichen „Entdeckungen“ bombastische Namen. Ihnen voran ging der Genuese Kolumbus. Den größten Landflecken einer Inselgruppe der Kleinen Antillen nannte er 1493 Santa Ursula y las Once Mil Vírgenes. Die Conquista unterbrach die Verdrängung der ursprünglichen Bevölkerung durch eingewanderte Kariben. Sie vernichtete die Indigenen mit Arbeit und ersetzte die Verluste mit afrikanischen Sklaven. Das größte Verbrechen des Jahrtausends lässt uns ruhig schlafen, es ist die Grundlage unseres Wohlstands und unseres geräumigen Seelenfriedens. Um es wieder einmal mit Heiner Müller zu sagen: Der Skandal des Holocausts besteht darin, dass er in Europa stattfand. Die Jungferninseln boten sich im 16. Jahrhundert als Piratennester an. Sie waren Dänemarks Platz an der Sonne, wie Bismarck die überseeischen Besitzungen der alten Reiche nannte.
In Dänisch-Westindien spielt der Briefroman „Die Hoffnung“ von Mich Vraa. „Hoffnung“ heißt ein dänisches Sklavenschiff, das anderen Zwecken zugeführt werden soll: nach dem Willen des Königs von Dänemark und Norwegen, der nach einer Frist von elf Jahren 1803 den Sklavenhandel auf eine Liste verbotener Beschäftigungen setzt.
Man müsse jedem Menschen und sei er noch so schwarz einen Funken Hoffnung lassen, um ihn am Leben zu halten. So steht es geschrieben ganz am Anfang. Ich kann mir die schmerbäuchige Schläue eines Kapitäns sehr gut vorstellen, der den Wert seiner Fracht mit einfachsten Mittel zu erhalten bestrebt ist. Die Afrikanerinnen überlässt er der Mannschaft. Wo der erzwungene Beischlaf zu Schwangerschaften führt, steigt der Gewinn. Die vergewaltigten Frauen bringen eine Zwischenklasse zur Welt, die zu den Kolonien gehört wie der Rum. Leider verwendet der Autor ungefiltert das abwertende Herrschaftsvokabular und folgt damit einem Trend. Man sagt jetzt wieder „Neger“ und „Mulatte“, weil man so progressiv ist. Stichwort Linksrassismus. Aber sonst alles mit Sternchen und Unterstrich wegen der linguistischen Emanzipation und der Gender Avantgarde.
Vraa behauptet im Nachwort, er habe mit seiner Wortwahl die Epoche des Romangeschehens heraufbeschworen. Das stimmt nicht. Der Autor verfügt über den allergegenwärtigsten Ikeastil. Das ist reine Leichtbauweise.
Die Tochter des Reeders reist 1803 halbwegs als Gefangene auf der „Hoffnung“ von Kopenhagen via Calais und Christiansborg an der Küste des Golfs von Guinea nach Dansk Vestindien. Maria existiert mit einer ethnischen Differenz zur dänischen Mehrheitsgesellschaft. Unterworfen ist sie Kapitän Wilfred Bernt, der weiter Afrikaner in die Karibik verschleppt. Maria schildert eine üble Erscheinung. Für Bernt ist Maria nur ein „Mulattenmädchen“. Die Anführungszeichen sind von mir.
Maria ist eine gute Beobachterin. Ihr entgeht nicht, wie verstrickt ihr Vater in die Machenschaften der Menschenhändlergilde ist. Sein Reichtum stinkt ihm selbst.
Zwanzig Jahre später erreicht der Journalist Mikkel Eide Charlotte Amalie auf St. Thomas. Die Stadt ehrt in ihrem Namen Charlotte Amalie von Hessen-Kassel (1650 – 1714), eine kurhessische Prinzessin, die im Heiratswege zur dänisch-norwegischen Königin wurde. 1665 hatten sich auf der Insel die ersten Dänen festgesetzt. Einig werden mussten sie sich lediglich mit versprengten und zu kurz gekommenen Holländern, die nichts gegen die liberale, Religionsfreiheit gewährende Verstärkung hatten. Die skandinavische Toleranz sorgte schließlich auch dafür, dass man das dänische Kolonialwesen freundlicher fand als andere Regime. Obwohl die Geschichte von dänischen Despoten auf dem Gouverneursstuhl weiß.
Zulauf garantierten Sträflinge, die den Siedlerstamm bildeten und auf Zuckerrohr Plantagen wirtschafteten. Eide dokumentiert die Koordinaten einer in jeder Hinsicht verfestigten Sklavenhaltergesellschaft, bemerkt aber auch eine Symphonie von Gerüchen und Düften sowie monotonen Froschgesang.
Eide verfolgt eine humanistische Mission. Sein Gastgeber korrumpiert ihn noch nicht mal allmählich. Marcussen fächert die Vorzüge der Vorherrschaft des weißen Mannes auf. Er führt den Idealisten in eine Opiumhöhle mit Bordellfunktion. Er überlässt ihm Afi.
Vraa erzählt mit leichter Hand wie ein Operettenkünstler. Er lässt das Personal zu Wort kommen, in diversen Varianten der Verschriftlichung vom Brief, der nie abgeschickt wurde, bis zum Logbucheintrag. So verschränken sich die Ereignisse, so potenzieren sich ihre dramatischen Potentiale.

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philosophie, ehrenamt, engagement, gesellschaftlicher wandel, deutsche autorinnen

Nichtstun ist keine Lösung

Hilal Sezgin
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 18.07.2017
ISBN 9783832198817
Genre: Sachbücher

Rezension:

In der Flüchtlingsdebatte stärkten eine Reihe von Ereignissen, angefangen bei der „Kölner Silvesternacht“ über die Ermordung der Freiburger Studentin Maria L. bis zu dem LKW-Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, die Positionen der Willkommenskulturgegner. Diesem Bollwerk der Ablehnung stemmt sich die Philosophin Hilal Sezgin in aktivistischen Szenarien entgegen. Zuerst rehabilitiert sie den „Gutmensch“. Ihm spricht sie Mut zu. Was anderen gut tut, ist gut, auch wenn es dir selbst guttut und dich das misstrauisch macht. Das Nichtgelingen des Richtigen darf aber der Resignation nicht Vorschub leisten.

Wie konnte es dahin kommen, fragt Sezgin, dass schieres Mitgefühl und moralische Integrität in Verruf geraten - und im Sturm des gesellschaftlichen Hohns einknicken konnten? Sezgin erklärt das psychologisch. Großzügig verteilt sie Gold und Silber aus dem eigenen Erfahrungsschatz.

Menschen, die von ihrem Verantwortungsbewusstsein bestimmt werden, sind nicht zwangsläufig empfindsamer als andere. Auch Hilfsbereitschaft kann zu einer Haltungsfrage erklärt werden. Hilal Sezgin widmet sich in einer Mischung aus Erlebnisbericht und Streitpapier der Wohlfahrtsprärie am Rande gesetzlicher Regelungen. Sie plädiert und appelliert. Sie verbessert die Artikulationsfitness hilfsbereiter Macher. Vor allem erzählt sie. Die Tierschützerin lebt umgeben von Hochständen tief in Niedersachsen. Ihre aktivistische Position findet sogar da Unterstützung, wo die Rechtsprechung in den Händen von Jägern liegt. Einmal fährt sie mit einer Freundin „nach Ostdeutschland, wo irgendwer drei Kaninchen vorm Schlachten gerettet hatte und sie uns übergegen wollte.“ Es regnet „in durchgehenden Schnüren“, die Gegend erscheint zunächst entvölkert wie nach einem Atomschlag. Plötzlich schälen sich Fußgänger aus Dunst und Nebel. Die Freundinnen bringen in Erfahrung, dass es sich um - von einem verantwortungslosen Busfahrer - ausgesetzte Flüchtlinge handelt, die im Nirgendwo den Bahnhof suchen.

Sezgin verbindet Persönliches mit Fernsehbildern und Facebook News. Kinder irren durch das zerbombte Aleppo, strecken Arme durch Stacheldraht, ertrinken im Mittelmeer und verdursten in der Sahara.

„Eine Menschheit, die sich von Kindergesichtern nicht anrühren lässt, ist keinen Pfifferling wert.“

Sezgins Sehnsucht nach einem großen, moralisch starken, weltweit lokal handelnden „Wir“ will wieder ein Anfang sein und zugleich Beitrag einer fortgeschrittenen Debatte über richtige und falsche Welt- und Menschenbilder. Uns ruft die Autorin zu: Seid gut(en Mutes). Auch wenn das für andere so aussehen kann, als sollten sie moralisch ausgestochen werden.

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Und erlöse mich

Konstantin Sacher
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Tempo, 05.10.2017
ISBN 9783455001754
Genre: Romane

Rezension:

In Erwartung des Todes und belehrt von einer Sterbekunst steigt der Erzähler für ein letztes Bekenntnis in die Bütt. Er holt aus und schlägt einen Bogen. Er bemüht sich um ein persönliches Verhältnis zum Leser.
Er debütiert als Erzähler seines Lebens. Wie alle Anfänger holzt er. Die Statik seiner Existenz hängt ab von Berechnungen auf der Grundlage einer ausgebauten, in seiner Ursprungsumgebung institutionalisierten Selbstsucht und der evangelischen Theologie. Gottes Liebe erschöpft sich in der Annahme seiner Person. Mit dieser Rechnung stimmt etwas nicht, der Erzähler hält sich in Schieflage und lässt nach im Kampf gegen die Schwerkraft. Seine Zeit läuft ab, eine Kurskorrektur ist ausgeschlossen.
In diesem Konstruktionsrahmen entwickelt Konstantin Sacher die Geschichte eines Mannes ohne Eigenschaften, der immerhin ein starker Träumer ist. Er träumt Szenen aus Romanen von Cormac McCarthy und William Golding. Die Grenzen zwischen Träumen und anderen Zuständen sind unscharf. Dramatisierungen der Übergänge wirken sich verhängnisvoll aus. Der Erzähler bewegt sich auf das Land der Paranoia zu.
Er erinnert sich an die Liebe, wie sie zu ihm kam in der Gestalt von Sarah. Er beschreibt Szenen häuslichen Unglücks und nennt Gründe früher Resignation: „Wenn sie nicht mitgeht, dann wird das Gleiche passieren, nur anders.“
„Das Gleiche, nur anders“ klingt wie serielle Monogamie. Davon ist im Roman nicht die Rede. Sarah stirbt im Feuer. Im Andenken des Erzählers verwandelt sie sich in eine Ikone. Sie wird zum Du eines Selbstgesprächs – zum blinden Spiegel eines tauben Ichs. Mich erinnert die Attitüde an Krachts Faserlandfahrer und entfernt sogar an Ellis‘ ersten Helden in „Unter Null“.
Nach Jahren trennt sich der Erzähler von der Toten. Beziehungslos taumelt er Richtung Rinnstein und Katzenjammer. Er neigt zu starken Behauptungen, die von seiner Labilität ins Lächerliche gezogen werden. Er vermutet etwas Monströses in sich. Monströs ist allein seine Mickrigkeit.
Sein Schöpfer hat sich vielleicht zuviel ausgedacht. Vielleicht wollte Sacher die unsympathischste Person in seiner Vorstellungswelt isolieren. Jedenfalls möchte ich dem Roman-Ich nicht begegnen. Es erscheint vollkommen reizlos in verhunzten Darstellungen. Dieser Schwanengesang ist ein Andrang des Nichts – die Fleißarbeit eines Untüchtigen.
Warum macht sich einer die Mühe, einen Homunkulus mit Frankenstein’schen Fehler zu erschaffen? Der Erzähler ist ein Sinnsucher, der sich auf Sinn nicht konzentrieren kann, und ein vom Geschlechtlichen angewiderter Womanizer. Er stört die Kreise geerdeter Irrer in Südspanien. Als Aushilfe im Obdachlosencafé macht er schlapp. Nur einmal nähert er sich Vorstufen des Muts, bewaffnet mit einem Stein. Gleich darauf feiert er sich: Christina „war die Frau, die ich vor den Bösen und Fetten, den Stinkenden und Ungewaschenen, den Hirn- und Skrupellosen gerettet hatte.“
Natürlich versiebt er auch dieses Glück in absurden Aktionen.

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Nacht ohne Engel

Ulrich Woelk
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 08.09.2017
ISBN 9783423281119
Genre: Romane

Rezension:

Vincent scheint seine Umgebung nur noch wie durch Milchglas wahrzunehmen. Er ist ein Beschädigter und führt sein reduziertes Leben im Nachgang eines Schädelhirntraumas. Er fährt Taxi und schreibt in Berlin. Das sind zwei Klischees, denke ich zuerst. Dann stocke ich auf. Aber natürlich kriegt Woelk Kredit. Bei diesem Autor denkt doch jeder, warum auch immer er etwas tut, aus Blödheit tut er es nicht.

In Berlin weiß niemand, dass Vincent kein Kriegsdienstverweigerer war. Er beteiligt sich an Antikriegsdemonstrationen und gibt mit Gesellschaftskritik an. Seine beste Zeit hat Vincent als Rekonvaleszent in der Obhut einer Physiotherapeutin, die einen zweiten Körper aus der lädierten Oberschicht herausarbeitet und die Mutter seiner Tochter wird. Die Konstellation ächzt unter den Belastungen ihrer Symbolhaftigkeit. Aber gut. An die Stelle der Psychoanalyse tritt die Physiotherapie. Muskeln werden innerviert und werden sie das nicht, ist Atrophie die Folge. Auch die Liebesfähigkeit kann man muskulös auffassen. Sie muss innerviert werden und wird sie es nicht, ist Atrophie die Folge.

„Vorbehaltlos und unwiderruflich liebt Vincent nur Saskia.“ Die Liebe zur Tochter ist mit seinem Leben verwoben, er atmet im Takt des Gefühls. Das beschreibt eine bedauerliche Exklusivität. Sie schließt Saskias Mutter und Vincents Retterin aus – und genauso jene Yogalehrerin, die im Jetzt der Ereignisse „seine Freundin“ ist „in einer auf Dauer angelegten Beziehung“.

Woelk beschreibt die Verhältnisse mit Wörtern der Distanz. Sie schließen einen erheblichen Abstand des Autors zu Vincent ein. Woelk schildert eine Person, mit der er nicht warm wurde; so als hätte er sie lieber stehengelassen als mitgenommen; als sei es nur aus einem Mangel an Geistesgegenwärtigkeit zu der Verbindung gekommen.

Vincent trifft eine Frau wieder, mit er zurzeit des ersten Irakkriegs eine Nacht in Dahlem verbracht hat. Er verbindet mit Jule seine Amnesie. Sie ist obenauf und lässt sich herab, während sich bei Vincent die Erinnerungslücke zu schließen beginnt. Bilder in den Farben der Restlichtverstärkung steigen in ihm auf, unterlegt mit Kriegsberichten des im Hilton stationierten CNN-Reporters Peter Arnett.

„The bombing of baghdad continues and we will go on with music.”

Woelk mischt den ein Vierteljahrhundert zurückliegenden, von Jules Berlinvisite dicht an die Gedächtnisschleuse gerückten Vorgang der Traumatisierung mit Rückblenden, die Jule und Vincent jung zeigen, und der Sorge um die Tochter, die ihr Studium geschmissen hat, weil sie mehr Zeit für sich zu brauchen glaubt. Vincent mutet ihr harte Wahrheiten zu, obwohl er für nichts geradestehen kann.

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