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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Johnny Ruin

Dan Dalton , Marion Hertle
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Tempo, 17.11.2017
ISBN 9783455001693
Genre: Romane

Rezension:

In „Johnny Ruin“ variiert, modernisiert und lyncht (@david) Dan Dalton Jack Kerouacs „Unterwegs“. Sein Neal Cassady heißt Jon Bon Jovi, könnte aber auch Sundance Kid heißen. Im Dalton Universum könnte alles ganz anders sein. Der Erzähler entspannt unter kalifornischen Mammutbäumen, die er noch nie gesehen hat. Er gibt dem Roman seinen Schelmennamen. Der von ihm vielleicht um die Ecke gebrachte Jugendfreund Paul kehrt als blinder Passagier zurück an Bord und reist mit Johnny, Jon Bon Jovi, dem Hund Fisher und der Geliebten Sophia von der amerikanischen Westküste zum Atlantik vielleicht nur in einer Phantasiephantasie. Die Fiktionalisierung der Fiktion soll der Fiktion Realitätskraft geben. Manchmal gelingt das.
Paul hatte nie einen guten Musikgeschmack. Er verlor seine Unschuld zu Senza Una Donna, auf dem Rücksitz des Ford Transit seines Vaters.
„Komm für mich, Baby“ - Sophia „ist nicht wirklich hier“, also da in der Gegenwart des Erzählers. Trotzdem gibt Johnny ihr nach, wenn sie von ihm verlangt, für ihn zu kommen. Dalton erzählt wie aus einer nörgelnden Seitentasche der Wirklichkeit. Der ungesicherte Gegenstand seiner Rede ist eine Reise. Von der Innenwelterkundung bis zum bloßen Rauschzug wird jeder Trip im Trip mit Beatnik Metaphorik ziseliert. Dalton transportiert ein Genre, dessen Manifeste an mechanischen Schreibmaschinen entstanden, in die SMS-Ära. Dazwischen liegen fünfzig Jahre, die dem Beat nicht gut bekommen sind.
„Die Fiktion ist die einzige Chance für den Loser, Geschichte zu schreiben.“
Beim Sex sind Ellbogen im Weg. „Asche fällt wie Schnee vom Himmel.“ In Iowa tanzen Blitze am Horizont zu einem Zombie Groove. „Graue Gestalten (die Unrechten) bewegen sich ungesehen.“ Die Straße „ist übersät mit verlassenen Autos“. Das sind natürlich Zitate, montiert zu einer Collage voller Zeitsprünge. Johnny geht mit Jon Bon Jovi sein Leben durch. Seit dem Erscheinen von „Cross Road“ 1994, lässt sich Johnny von Bon Jovi hochstimmen. Der Musiker erleidet am Steuer, auf dem Beifahrersitz oder am Straßenrand das Schicksal alternder Stars. Jeden Tag könnte ihn jemand oder etwas von der Bühne des Lebens nehmen. Was dann?
Johnny darf man das nicht fragen. Er verlässt sich auf eine halluzinogene psychotrope Substanz, um sich in Form zu halten. Er weiß vielleicht noch gar nicht, dass Scheitern dem Leben Sinn gibt. Wer besser scheitert (Beckett), muss noch mal antreten. Fisher weiß es.
„Er hält alles für ein Spiel.“

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6 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Zwei Schwestern

Åsne Seierstad , Nora Pröfrock
Fester Einband
Erschienen bei Kein & Aber, 27.09.2017
ISBN 9783036957746
Genre: Sachbücher

Rezension:

Die Radikalisierung der Schwestern vollzieht sich weder unter Ausschluss der Öffentlichkeit noch in schleichenden Prozessen. Ihre Verwandlungen von (nach westlichen Maßstäben) normal krass Pubertierenden in Dschihadistinnen flankieren Ayan und Leila mit offensiven Statusmeldungen. Sie machen sich so auffällig, dass sie ins Visier eines Geheimdienstes geraten. Da melden sich zwei ab von der Gesellschaft, in der sie als Flüchtlingskinder Aufnahme fanden, um in Syrien den Tod zu suchen. Sie kehren in den Krieg zurück, als sei dies ihr Schicksal. Zugleich wähnen sich die Schwestern auf einem Gipfel der Selbstbestimmung.
„Nach Syrien geht man, um dort zu sterben“
Asne Seierstad, die in „Einer von uns“ Anders Breivik aufschloss, dokumentiert in „Zwei Schwestern“ die Lebensläufe von Ayan und Leila Juma. Vater Sadiq schaufelte den Weg von Somalia zu einem besseren Leben in Norwegen frei. Mutter Sara existiert in einem Kokon der Unselbständigkeit. Ihr Heimweh lässt kein Angebot des Gastlandes gelten. Sadiq dolmetscht nach allen Richtungen. Die Ansichten des liberalen Moslems stoßen in der somalischen Gemeinde von Bærum auf Kritik. Die Töchter ignorieren die moderate religiöse Praxis im Elternhaus. Für sie bedeutet Islam Identität ohne Zusatzstoffe. Er erfüllt ihre Sehnsucht nach Reinheit. Er liefert dem Wunsch nach Abgrenzung Argumente. Der Islam löst Differenzerfahrungen in universellen Erklärungen auf. Ayan und Leila erleben ihn gleichermaßen als Jugendkultur und Exklusivitätsformat. Sie erschaffen sich neu in Gegenbildern zum skandinavischen Standard. Sie verschleiern sich exzessiv und provozieren so. Sie suchen die Konfrontation. Sie setzen islamische Vorschriften als Brechmittel gegen die Floskelwälle der norwegischen Mediationsgesellschaft ein. Sie fahren ab auf Facebook Präsentationen von Horror und Terror. Sie verlieben sich in kriegerische Prediger, die oft in Jugendbanden sozialisiert wurden und im Extremismus eine globale Heimat gefunden haben.
Seierstad folgt den Ausstiegen in triste Winkel. Sie beleuchtet ein weltweit vernetztes Milieu mit mittelalterlichen Rechtsbegriffen. Für die Sorge der Eltern um ihre ab Oktober 2013 abgängigen Töchter gibt es in Norwegen keinen Rahmen. Nach dem Sittlichkeitsverständnis der diasporischen Umma haben die Eltern versagt. Der Staat zuckt mit den Achseln.
Sadiq erkundet das türkisch-syrische Grenzland auf der Suche nach den Töchtern. Alles hat seinen Preis in den Lagern der Milizen und Schmuggler. Der Vater will Ayan und Leila zurückkaufen.
Seierstad schildert wie Sadiq in die Mühlen des Islamischen Staates gerät und in einer Todeszelle knapp überlebt. Sie erzählt die Geschichte einer Gewaltherrschaft, die nicht zuletzt von ehemaligen Geheimdienstoffizieren des Saddam Hussein Regimes garantiert wird.
Die Schwestern landen in einer Stadt, die seit Jahren Schlagzeilen macht. In ar-Raqqa spielt der Islamische Staat nun keine kraftvolle Rolle mehr. Eine Allianz unter dem Kommando der Kurdin Rojda Felat hat den Kampf mit amerikanischer Luftunterstützung für sich entschieden. Ayan und Leila könnten sich immer noch in der Stadt aufhalten.

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92 Bibliotheken, 8 Leser, 1 Gruppe, 38 Rezensionen

dystopie, geschäft mit dem tod, leere herzen, juli zeh, roman

Leere Herzen

Juli Zeh
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 13.11.2017
ISBN 9783630875231
Genre: Romane

Rezension:

Der Romantitel spielt nicht nur auf ein Lied an, mit dem eine Zwölfjährige im Jetzt einer nahen Zukunft erfolgreich ist. „Empty Hearts“ tauchen überall auf und können alles Mögliche sein. Im IV. Reich der „Leeren Herzen“ ist das bedingungslose Grundeinkommen Realität. „Besorgte Bürger“ regieren dem Anschein nach immer noch nach demokratischen Spielregeln im „Reichtstag“. Die Kanzlerin heißt Regula Freyer. Ihre Partei hat die Migration gestoppt, aber nicht zu brutal. Fressmeilen der Differenz erweitern defensiv das Angebot. Die letzten Offensivvertreter alternativer Lebensformen vergreisen. Das grüne Element und der ökologische Themenkreis haben ihre Adressen im bürgerlichen Lager.
In diesem System zählt Britta Söldner zu den Siegerinnen. Sie wahrt jenen kritischen Abstand, den Eitelkeit intelligenten Leuten vorschreibt. Fragt man Britta, dann sind „Arschlöcher“ an der Macht, „und Demokratie ist nur das System, dass sie dahin gebracht hat“.
„An manchen Tagen liebt Britta Braunschweig, als hätte sie es selbst erfunden.“
Britta lebt vorsätzlich in Braunschweig. Die Mittellage und der avancierte Durchschnitt reizen sie. „In Braunschweig fliegt man unter dem Radar“ der Leistungsgesellschaft. Davon profitiert Brittas Partner Richard, der beruflich einen langen Anlauf nimmt. Das mit Kind Cora komplette Paar unterhält freundschaftliche Beziehungen zu den Doppelverlierern Janina und Knut. Janina und Britta haben sich beim Babyschwimmen kennengelernt, „jede mit einer Tüte Geschrei auf dem Arm“. Knut hat vermutlich nie in seinem Leben Steuern bezahlt. „Er ist ein Typ, den seine Freunde versehentlich Kurt nennen. Das Schicksal hat ihn beschnuppert und beschlossen, sich nicht für ihn zu interessieren“.
Janina, Knut und Vera existieren zwar reduziert, träumen aber von einem Haus auf dem Land, das Britta finanzieren könnte. Darüber unterhält man sich bei vegetarischen Würstchen, während ein Terroranschlag im Frachtterminal des Leipziger Flughafens knapp vereitelt wird.
Ich erzähle das so breit, weil mich der personelle Aufgalopp fasziniert. Die Beschreibungen sind treffend wie Einschläge. Man ahnt die Gewalt im Rücken der Paare. Das Flüchtige jeder Ordnung teilt sich mit, bevor sich der Thrillercharakter des Romans durchsetzt.
Ruhe findet Britta im Ölper Holz. Da atmet die Natur auf. Urzeitkrebse und Wasserwanzen bevölkern Bombentrichter. In ihrer Gegenwart kommt Britta auf Ideen. Sie ist Chefin einer Agentur, die zum Selbstmord Entschlossene unter den Labels diverser terroristischer Vereinigungen bis zur Anschlagsreife begleitet. „Die Brücke“ qualifiziert Märtyrer, die nicht übers Ziel hinausschießen. Eine solide Arbeit sorgte für einen Rückgang der gespenstischen Einzelgänger- und Irrläuferattentate, deren Dilettantismus weltweit operierende Unternehmen wie Daesh nicht davon abhält, sie sich zuzurechnen. Der invertierte irakische IT-Experte Babak Hamwi dient Britta als Wartungsgenie der Selektions- und Manipulationstechnik sowie als Analytiker. Das Team ist sich so einig, dass es sogar seine Geheimnisse im Gleichklang der Seelen hütet. Es tarnt die Killerkommandoleitstelle als psychoanalytische Heilpraxis, in der Frauen nichts verloren haben.
Doch dann kreuzt Julietta auf und zieht bei Babak ein. Julietta durchläuft das Test- und Trainingsprogramm für sendungsbewusste Selbstmörder. Sie nimmt an der Action teil, die einem Angriff auf die „Brücke“ folgt. Aus den Angegriffenen werden in den Überlebensmodus geschaltete Kombattant*innen. Sie ziehen ins Unterholz, high vom hormonellen Alarm.
„Flucht stellt den Normalzustand dar, man neigt nur dazu, es zu vergessen.“
Zum ersten Mal in ihrem Leben agiert Britta in einem Gestaltungsraum, der auf ihre Affekte zugeschnitten ist. Alles klärt sich in der Abwesenheit von Spiegeln. Das Großartige fällt von Britta ab.
Wieder gelingt es Juli Zeh eine spieltheoretische Spannung aufzubauen, in der jeder Schritt der ihrer Ahnungslosigkeit wie einem totalitären Regime Unterworfenen ein Dilemma kreiert.
Ein Zauberer verspricht Rettung. Der reiche Wünschelrutengänger Guido Hatz könnte aber auch ein Mastermind auf der Gegenschräge sein und mit Desinformationen die Verwirrung steigern. Guido nutzt brachliegende Energiefelder für seine Zwecke. Ob Britta dem Meister folgen kann?

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Cinderella

Michael Bijnens , Heike Baryga
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Atrium Zürich, 08.09.2017
ISBN 9783855350216
Genre: Romane

Rezension:

Der Cinderella-Komplex benennt auf dem Umweg einer Angstdefinition ein Gefühl des Ungenügens. Das Gefühl verleitet Frauen dazu, Abhängigkeitsverhältnisse anzustreben. Cinderella verspricht sich wenig von sich und alles von einem Prinzen. So eine ist Iris. Sie sucht einen Retter in tausend Männern. Zu einem Zuhälter, der seine Not mit unabhängigen Frauen beklagt, sagt sie dem Sinn nach: Du brauchst eine Frau, die sich von dir beschützen lässt. Am vorläufigen Ende der Geschichte macht Iris den ältesten Sohn zu ihrem Beschützer. Michael gefällt die Rolle. Er wird zum Zuhälter der Mutter und kauft mit ihr ein Bordell. Das „Cinderella“ liegt an einer Brüsseler Ecke zwischen Paradiesstraße und Friedhofsweg vielleicht nur deshalb, um die psychologische Fährte nicht zu deutlich erscheinen zu lassen.

Michael Bijnens‘ autobiografischer Roman suggeriert einen Realismus, den man literarisch begreifen muss. Er zeigt den Knaben in der Hand einer Frau, die mit fabelhafter Selbstverständlichkeit schrankenlos ist. Von seelischer Verwahrlosung ist nicht die Rede. Iris verfügt über Intelligenz, Poesie, Witz und Mut. Sie verteidigt ihren Lebensstil.

Iris vermutet in der männlichen Sphäre ein Versagen der Welt. Der folgsame Sohn folgt ihr vermutlich auch zu dieser Einschätzung. Manchmal maskiert er seine Bereitschaft mit harten Formulierungen oder haltlosen Distanzbehauptungen. In Wahrheit badet er wie ein Dreijähriger im Fluidum der Huren und genießt die ununterbrochene Erreichbarkeit von Erregungschancen. Ständig steht Michael an einer Bar, kippt Wodka und Whisky ab, gibt der Mutter Feuer und hört sich Geschichten an, die vor Erleben strotzen.

Die Mutter hat im Milieu Prestige. Die Ganeffs akzeptieren Michael als Iris‘ Sohn. Allmählich begreift er, dass er ohne sie nichts ist.

„Dir fehlt eine Antwort auf ihr Leben. … Ohne sie wärst du ein Nichts. … Sie ist dein Blut, deine Sprache, deine ganze Geschichte.“

Es gibt einen Vater.

„Doch seine Wut war größer als sein Wortschatz.“

- Und einen Bruder, den Michael faustrechtlich unterjocht. Gewalt und Nähe bestimmen die Beziehung. Die Brüder lernen im Schlepp der Liebesnomadin Männer kennen, deren väterliche Anwandlungen von Travestie oft nicht zu unterscheiden sind.

Mit Pancho nahm „das Ganze Formen von Erziehung an“.

Vorübergehend lässt ihre Grundversorgung Prinzipien der gesunden Ernährung erkennen. Die Brüder erfahren halbwegs als Jugendliche, dass man sich besser regelmäßig die Zähne putzt.

Wiederholt kehrt der Erzähler zur Schlüsselszene im Roman zurück. Da schließen zwei Ereignisse ein Zentrum auf. Als sich die Hureninitiation seiner Mutter vollzog, öffnete sich für Michael an einer anderen Stelle von Antwerpen und ohne jeden Zusammenhang eine Tür im Nachtbetrieb. Mutter und Sohn strebten unabhängig voneinander „ins Leben“, wie man auch zum Milieu sagt. Die Koinzidenz wird mit einem Abstand von acht Jahren beleuchtet.

Mich wundert, dass „Cinderella“ nicht für viel mehr Aufsehen sorgt. Bijnens ist ein selten guter Erzähler. Seinem Roman fehlt nichts. Manchmal zeigt sich eine rumpelige Nonchalance im Stilgeschehen.

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Der böse Mensch

Lorenz Just
Fester Einband: 150 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 08.11.2017
ISBN 9783832198794
Genre: Romane

Rezension:

Ein Kind findet seine Wege im nächtlichen Dickicht. Im Hochland der Kronen kennt es die letzten verlässlichen Äste vor den Todeszonen. Aus Luft näht es sich ein Kissen. Es ist eine Autonome (seinem Wesen) nach. Nutrias und Eichhörnchen halten es auf dem Laufenden.
Das Kind heißt Fini nach einer anderen Romanperson. Lorenz Just klärt den Zusammenhang. Er bezieht Fini aus Joseph Roths Roman „Der blinde Spiegel“, wo sie als postexpressionistische Stenotypistin im Stil der neuen Sachlichkeit scheitert. „Der böse Mensch“ betitelt eine Sammlung von Erzählungen. Sie lassen sich als Episodenroman am besten lesen. Der Autor verfolgt seine Figuren in Szenen, die ihre Selbständigkeit oft nur behaupten. Ihr Prinzip ist der Perspektivwechsel. Lebhaft werden sie im Spiel mit Erzählmanieren. Mal ist der Ton kräftig wie in Blech geblasen, dann wieder wird pointillisiert. Es braucht Herrn Naumann, um zu erfahren, dass der aus einem afrikanischen Krieg nach Deutschland vielleicht nicht unbedingt geflohene Badewannenmeister aus einer düsteren, dem bösen Menschen unter der Überschrift „Der Nachbar“ nachgehenden Introspektion seinem Erscheinen nach ein Mandingo ist – eine durchgreifende Persönlichkeit, die jeden Deutschen ins Ausland schickt, der seinen Laden betritt. Darin schneidet der grandiose Nachbar betrübten Landsleuten die Haare.
Der Nachbar hat den Krieg vor jeder zivilen Beschäftigung kennengelernt. Er veranlasste die Entvölkerung von Gebieten und erzog den Nachwuchs zu Marodeuren. Auch in der neuen Heimat überragt er jene Männer, die in seinem Geschäft Heimat tanken. Jeden Tag wohnt er seiner Frau Fanta bei, um sich auf Wesentliches zu beschränken. Fanta bietet den Genuss ohne Reue. Auch noch nach vielen Ehejahren erbaut sie der Gatte.
Nachbar Naumann ist aus traurigem Holz geschnitten. Sein Dasein verätzt ihn. Man übergeht ihn im Text wie im richtigen Leben.
Der monumentale Titel überspannt die Erzählbögen. Der Autor hetzt hinter dem bösen Menschen her, ist aber zu langsam. Nach einer Weile weicht die Erwartung, es gäbe seelische Abgründe zu besichtigen, der heiteren Langeweile, mit der man zeitgenössische Literatur sympathisierend zur Kenntnis nimmt.

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Lauter gute Absichten

Christopher Isherwood , Gregor Runge
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 12.09.2017
ISBN 9783455405835
Genre: Romane

Rezension:

„Lauter gute Absichten“ erschien erstmals 1928. Der vierundzwanzigjährige Autor ist noch vollkommen eingenommen von den Stilfiguren und zugeschnitten nach den Schnittbögen seiner Klasse. Der Sturm gegen die Abrichtung findet im Wasserglas der normativen Kraft des Faktischen statt. Es geht um „Warmwasserverschwendung“, gebadet wird aus Langeweile, leider ist kein Buch zur Hand - um Stachelbeermarmelade und einen Roman, der noch geschrieben werden muss. Ein andauerndes, vom Müßiggang bestimmtes Gespräch treibt die Handlung an. Ein Flieder der Empfindungen flankiert sie. Ständig sitzt man beim Tee und ist „lammfromm“ oder „leicht entmutigt“. Oder man verfällt in „überspanntes Gelächter“.
Zweifellos wollte Isherwood die Heuchelei seiner Eltern und Lehrer geißeln und die eigene Indolenz nicht verschweigen.
Der Erzähler geht biografisch im Autor auf. Er variiert den Künstler als jungen Mann. Philip Lindsay absolviert Stationen des britischen Ennuis maskiert und statuarisch. Kein Raum steht einer Blöße zur Verfügung. Der Zwang zur Verstellung führt zur seelischen Erschöpfung. Darüber verbreitet sich Philip so manierlich wie manisch. 1928 begann sein Schöpfer ein Medizin-Studium am Londoner King’s College, das er im Roman vorwegnimmt. In einer Szene grüßt der schneidige Medizinstudent Buck Mulligan (als Philip Lindsay) aus „Ulysses“. Jede Leiche, die zum Sezieren auf den Tisch kommt, „ähnelt … Dante Alighieri“. Das ist schon sehr ausgesucht und zweifellos abgegriffen aus dem Köcher des obsoleten Expressionismus. Benns Schwelgen im Ekel à la Morgue gehört dazu.
Man erkennt die Zeitgenossenschaft und ihre Bindungen. Isherwood experimentiert mit den Möglichkeiten der Verknappung und der Redundanz. Der Debütant wechselt gelegentlich die Erzählperspektive und schwankt von der dritten zur ersten Person.
Nach einer Meditation über die Londoner Langeweile, die das Sujet auf allen Ebenen erreicht, verspricht eine koloniale Beschäftigung in Kenia Abwechslung. Ein schnarrender Plantagenjunker rechnet fest mit Philips Einsatz. Das afrikanische Abenteuer fällt aber ins Wasser.
Isherwood riet dazu, „Lauter gute Absichten“ als „verspäteten viktorianischen Roman“ zu lesen, denn er erinnert an eine Zeit, als Eltern noch mächtige Gegner waren“.
„Wer Glück hatte, starb im Kampf.“
Die Besiegten verkümmerten und die Verkümmerten garantierten das System in der nächsten Generation.
Isherwood sang in den Zwanziger seine Version von „My Generation“*. Später entschuldigte er sich für den Salonsound der ersten Platte und dem zu viel an Joyce im Text. Bei den besten abzuschreiben, ist ein Geniezeichen.
*„Lauter gute Absichten“ - Christopher Isherwoods erster Roman liegt nun erstmals auf Deutsch vor. Er archiviert die Gepflogenheiten einer Klasse, die ihr Verschwinden vermutlich überlebt hat.

*People try to put us d-down
(Talkin' 'bout my generation)
Just because we get around
(Talkin' 'bout my generation)
Things they do look awful c-c-cold
(Talkin' 'bout my generation)
I hope I die before I get old


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Sie allein

Fikry El Azzouzi , Ilja Braun
Fester Einband: 220 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 12.10.2017
ISBN 9783832195809
Genre: Romane

Rezension:

Ayoub ist der Neue im Küchenschmutz des „All Cook Up“. Chefin Eva findet den Flamen mit marokkanischen Eltern erregend undurchsichtig. Sie traktiert ihn mit Fragen, die seine Abschirmung angreifen. Sie lässt ihn keine Wunder der Gelassenheit vollbringen.
In der Sphäre niedriger Dienste bedeutet Coolness nicht selten Kompetenz. Auf Positionen, die nach Eskalation schreien, braucht man einen Stoiker für den letzten Dreck. Oft kommen die Spezialisten aus einer anderen Kultur und haben ihre Schmerzpunkte nicht an den Stellen, wo die Mehrheitsmeisten empfindlich sind. Nach sechzehn Stunden Dienst machen sie pfeifend Feierabend. Ein Bier oder vier hebt sie in den Himmel ihrer Zufriedenheit.
Ayoub hat das Zeug zu einem Gott unter Spülern. Eva übersieht zunächst konsequent seine Qualitäten. Die Erzählerin nennt Ayoub „Abu Abwasch“, vielleicht um sich selbst von ihrer Faszination abzulenken, die der schöne Außenseiter und Held aus El Azzouzis erstem Roman, „Wir da draußen“, ihr abnötigt.
Das „All Cook Up“ ist eines jener Restaurants, in dem das Personal garantiert durchdreht. Solche Fressnäpfe lecken auf allen Ebenen der Geschäftsführung. Sie funktionieren wie Fallen, in denen Scheine hängenbleiben, aber nur um den Preis der Preisgabe sozialer Errungenschaften. Ihre Betreiberinnen spekulieren auf eine Selbstausbeutungsbereitschaft, die entweder aus dem Elend kommt oder aus den Überschüssen guter beruflicher Aussichten in naher Zukunft. Oft haben die Betriebsführerinnen einen besonderen Riecher für Notzuchtgelegenheiten.
„Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd.“ (Frankfurter Küchenweisheit)
Eva schmeißt das „All Cook Up“ mit ihrem Freund, der im Verlauf der Geschichte zum Ex absteigt, bevor er ganz aussteigt. Einst war Stefaan ein erfolgreicher Jurist. Dann verführte ihn seine Kochleidenschaft zu der Dummheit, ein Restaurant zu eröffnen und sich da selbst an den Herd zu stellen. Inzwischen gilt das „All Cook Up“ als „Kriegsgebiet“. Moribunde Strategen aus der Unterschicht verbessern ständig ihr Mobbing und ihren Trash Talk. Ayoub lässt Eva auf der Piste seiner Unwiderstehlichkeit abfahren. – Während Belgien vom Terror erschüttert wird und der Weltbürgerkrieg Fahrt aufnimmt. Das macht „Sie allein“ zum Zeitzeugnis: die Darstellung der Gleichzeitigkeit diverser Terrorsorten und der Liebe. Der Roman ist so atemlos wie die Berichterstattung von laufenden Ereignissen. Europa rennt (vor sich selbst davon). Der belgische Innenminister ist aufgeregt. Stefaan stirbt. Eva träumt schlecht und schmeißt mit Telefonen. Allein Ayoub beweist die Kraft der Ruhe. Er findet „seinen Traumjob“ als Nachtportier. Doch dann überstürzen sich die Dinge. Eva resümiert verzweifelt: „Ich breche wieder in Tränen aus, klammere mich an Ayoub, so fest ich kann, kriege einen Wutanfall und drehe komplett durch.“

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27 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

lügnerin, roman, lüge, ch: niveau 2017

Lügnerin

Ayelet Gundar-Goshen , Helene Seidler
Fester Einband
Erschienen bei Kein & Aber, 27.09.2017
ISBN 9783036957661
Genre: Romane

Rezension:

Nach kurzer Schonzeit bohrt Avischai Milner schon wieder lange dicke Bretter. Der Sänger ist nicht so vermessen, sich für verkannt zu halten. Er glaubt nicht, dass sich seine Begabung mit Ruhm und erstklassiger Bewirtung paaren muss. Er weiß, dass ihn Launen des Schicksals bewegen wie ein Vers den Geneigten. Doch hält er sich nicht für schlechter als viele, denen es besser geht. Er macht sich Luft und verschafft sich Erleichterung, indem er Leute anpöbelt. Das harmlose Vergnügen wird ihm zum Verhängnis. Das ist eine andere Geschichte.
Ayelet Gundar-Goshen kümmert die Tel Aviver Randgestalt wenig. Die Psychologin und Bestsellerautorin konzentriert sich auf die märchenhaften Aufmerksamkeitsgewinne der schulpflichtigen Eisverkäuferin Nuphar Schalev. Ein Zusammenstoß mit Avischai macht das Mädchen zum Star. Seine Darstellung des Kontakts verwandelt eine Kränkung in einen Vergewaltigungsversuch. Die Lüge wird Nuphar nahelegt. Der Wahrheitswille legt Protest ein und unterliegt lediglich überlegenen Gegnern. In einer Fehlbesetzung als Wehrhafte kommt Gundar-Goshens Heldin zu allem, wovon sie vorher nur träumen konnte.
Eine Lüge stößt das Tor zum Leben auf. Es erscheint Nuphar in der Gestalt des Lavie Maimon. Der Sohn eines Strategen hat selbst nicht viel zu bieten. Er hält sich mit Verrat und Beschiss über Wasser. Trotzdem sieht Lavie „wie ein guter Fick“ aus.
Nuphar und Lavie haben ein Abonnement für verlorene Posten. So steht es geschrieben in ihren Lebensbüchern. Nuphars Aufstieg zur „Medienprinzessin“ kann nur ihre Fallhöhe vergrößern.
Gundar-Goshen dokumentiert eine Reihe von Korrumpierungsprozessen. Sie berichtet von Unterschlagungen und Durchstechereien in der Sphäre öffentlicher Verkehrsteilnahme. Gerechtigkeit und Wahrheit sind einfach nicht zu fassen. Alle lügen, oft grundlos und gewohnheitsmäßig. Avischai drohen bis zu sechzehn Jahren Haft für zwei oder drei unangemessene Bemerkungen, die sich nach den Bedürfnissen der Bestien Öffentlichkeit und Eitelkeit zu einer erwiesenen versuchten Vergewaltigung auszuwachsen im Begriff stehen.
Das Romanlicht erhellt schwach den grundschwarzen Abgrund Bigotterie. Eine überlastete Ermittlerin schüttelt ihre Bedenken ab. Zweifelnde Eltern begnügen sich mit den Attrappen des Selbstbetrugs. In der Zwischenzeit lernen Nuphar und Lavie den Liebeskummer kennen. Die neue Erfahrung dominiert ihren sozialen Ordnungssinn. Avischai hat einmal mehr das Nachsehen, die Welt zuckt vor seiner Not mit den Achseln.
Der Roman versammelt eine Reihe von Konstellationen, die ihre Protagonisten dazu zwingen, in ein Dilemma zu investieren. Am deutlichsten zeigt sich das da, wo Mutterliebe mit anderen Gefühlen kollidiert. Der Wunsch, Schuld abzuwenden, vergrößert nur die Belastung.

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66 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 50 Rezensionen

österreich, berge, berg, bergwelt, liebe

Durch alle Zeiten

Helga Hammer
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Ullstein fünf, 13.10.2017
ISBN 9783961010080
Genre: Romane

Rezension:

Elisabeth wird als Tochter eines Bergbauern und Holzfällers im ersten Kriegsjahr geboren. Es gibt eine ältere Schwester, die übrigen Geschwister entstehen bis Fünfundvierzig in den Ferien des Vaters von der Front. Vier Jahre nach der großdeutschen Niederlage kehrt ein in russischer Kriegsgefangenschaft erloschener Mann heim zu einer verbrauchten Frau und „fünf halbverhungerten Kindern“. Der Verstummte spannt sich in ein Tagwerk, bis ihn eine Fichte fällt.

Manche Leute, von denen Helga Hammer erzählt, leben mit ihrem Vieh zusammen, das sie im Winter wärmt. Die Autorin beschreibt Existenzen jenseits der Komfortzonen in einer Bilderbuchlandschaft, die Einheimische anders wahrnehmen als Touristen. Die fundamentalistisch patriarchalischen Bergkameraden verkarsten in unerbittlichem Materialismus vor malerischen Ansichten.

Hammer lokalisiert die Schauplätze des Romangeschehens in der Steiermark. Der Gerichtsbezirk Schladming bietet sich Elisabeth zuerst als ein Raum voller Hoffnungen an. Sie besucht die Haushaltsschule in Öblarn. Mit einer Freundin eröffnet sie eine Schneiderstube. Sie verliebt sich in den vornehmen Niklas Steinrisser, der in Salzburg Veterinärmedizin studiert. Das Glück zerreißt ihr schier die Brust, bis sie Niklas einmal unangemeldet in seiner Studentenbude aufsucht. Doch lernen sich die beiden noch einmal anders kennen.

Elisabeth bestimmt ein starker Eigensinn, der sie heraushebt, isoliert und zugleich harten Belastungen aussetzt. In der Larve eines Kindermädchens wird sie zum ersten Mal schwanger. Elisabeth erklärt einen invaliden Nachtwächter zum Vater. Sie macht ihn auch zu ihrem Ehemann.

Hammer stellt die List ohne Verzierung und Psychologie dar. Sie verzichtet grundsätzlich auf Erklärungen und Entschuldigungen und beweist sich auch insofern als (ohne Vorlauf) versierte Erzählerin. Der Haupterzählstrang verfestigt sich in Ereignissen auf einem Passionsweg. Elisabeth heiratet in zweiter Ehe den grobschlächtigen, vor Gemeinheit triefenden Josef Brandstätter. Der Mann vergeht sich an einer Magd, bis sie Selbstmord begeht. Elisabeth schneidet sie vom Seil. Ihr Mitgefühl ist eine verkümmerte Konvention. Die ganze Person wirkt schroff wie ein Gipfel im Sturm.

Ich finde die Darstellung überzeugend. Elisabeth fehlen Reserven aus dem Fett der Trägheit. Jeder Tag erschöpft sie bis zur Ohnmacht. Trotzdem bewahrt sie sich wunderbar in ihrer Liebe zu ihren Kindern und den Tieren auf dem zum Hotel avancierten Brandstätter Hof. Ihr Mann hält auch einen in der Gegend von Velike Lašče (Slowenien) gefangenen Bären als Touristenattraktion. Die Schilderung einer erwerbsmäßigen Freiheitsberaubung unter Alkoholeinfluss so wie der Verschleppung des Opfers nach Österreich ist ein Kleinod.

Für Elisabeth bedeutet jede Liebe Betrug. Sie heiratet Männer aus einem Kalkül, das die Folgen ihres Leichtsinns in geregelte Bahnen lenken soll. Doch die Versuchung hat kein Ende. Schließlich nimmt das Schicksal von Elisabeth die Bürde des ungeliebten Mannes.

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19 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

familie, kriminell, flucht

Die zwölf Leben des Samuel Hawley

Hannah Tinti , Verena Kilchling
Fester Einband
Erschienen bei Kein & Aber, 30.08.2017
ISBN 9783036957692
Genre: Romane

Rezension:

„Narben sind die Medaillen des Lebens“, sagt Hemingway. Körperliche Verletzungen verbinden sich nicht selten mit guten und starken Erfahrungen. In archaischen Gesellschaften fand man keine Aufnahme unter Erwachsenen ohne Verletzungsschmerz. Initiationskulturen überleben im Sport. Deshalb gibt es immer noch Vorgesetzte, die im klärenden Gespräch fragen: „Welchen Sport praktizieren Sie?
Die Frage zielt auf die Belastbarkeit des Kandidaten jenseits von Anpassung und sozialer Geschmeidigkeit. Wer so fragt, will wissen: Wie verhält sich einer, wenn es hart auf hart kommt. Vorbildlich erscheint in diesem Zusammenhang Herkules. Der Olympier musste zwölf Aufgaben meistern, angefangen bei der Tötung des nemeischen Löwe, dessen Fell Panzerqualitäten hatte. Herkules verstand es, das Tier an seinem Schwachpunkt zu überwinden. Stichwort Achillesferse. Bereits im Titel erklärt Hannah Tinti ihren Roman zur Chronik einer Initiation im antiken Maßstab. „Die zwölf Leben des Samuel Hawley“ müssen in Todesnähe gewonnen werden. Zentraler Schauplatz der Ereignisse ist das Fischernest Olympus (Olymp wie der griechische Gipfel) nahe Rockport und Boston im uralten Essex County von Massachusetts. Olympus gibt es nicht, wohl aber alle Hügel und Weiler in der Umgebung als Fiktionsversteifungen mit dem Kunststoff Realität.
Hawley fehlt ein Ohrlappen. Als junger Mann neigte er dazu, die Ansagen seiner inneren Stimme für Gerüchte zu halten, denen man nicht mehr Beachtung schenken muss, als dem Gerede von Betrunkenen. Tinti beschreibt die fatalen Folgen der Intuitionsverweigerungen. Mehr als einmal traf ihn eine Kugel, die eine Ahnung kommen sah.
Tinti erzählt mit bewährten Mitteln. Ihr Ton amalgamiert historische Schreibweisen von Herman Melville über Jack London und John Steinbeck bis Nelson Algren. In einer „Schienenstrang“ und „Hobo Szene“ (nach London und Steinbeck) reicht der Landstreicher Jove einem vom Sozialamt Verfolgten die Hand. Hawley erschließt sich den Westen auf den Schleichwegen der wirtschaftlichen Depression - mit ihren Überlandelegien in offenen Güterwaggons.
Als krimineller Laufbursche kriegt er es mit einem Wal zu tun. Melville lässt grüßen, zumal die südlich von Boston und so auch in Tintis Erzählkosmos gelegene Hafenstadt New Bedford in „Moby Dick“ eine Rolle spielt.
Als Hawleys Tochter Louise (kurz Loo) ins Spiel kommt, ist der Rumpf des fähigen Vaters und treu das Andenken an Louises Mutter Lily bewahrenden, von einer Vergangenheit als Spezialist für kriminelle Rückholaktionen heimgesuchten Witwers bereits mit zwölf Narben skarifiziert. Die Beweise einer unerschütterlichen Kampfbereitschaft geben dem Mann die richtige Aura. Andere Männer bewundern und fürchten Hawley. Die Frauen begehren ihn. Nur die Schwiegermutter will nichts von dem Asphaltcharismater wissen. Mabel entwickelt aber ein freundliches Verhältnis zu der Tochter ihrer nicht einfach nur bei einem Badeunfall in Wisconsin gestorbenen Tochter. Das Kind übernimmt in der Zuneigung olympische Aufgaben, von denen es gar nichts weiß. Eines Nachts überlässt Mabel der Enkelin ihren Pontiac Firebird – ein magischer Moment im Leben der Adoleszentin.
Louise überstrahlt Hawley. Die Geschichte beginnt an ihrem zwölften Geburtstag und bleibt immer viel mehr bei ihr als bei dem Mann mit den zwölf Narben. Für ihn hat Tinti nur Rückblenden übrig, die wie Folgen einer Schwarzen Serie über die Haupterzählachse flackern.

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Migranten

Patrick Chamoiseau , Beate Thill
Flexibler Einband: 80 Seiten
Erschienen bei Das Wunderhorn, 01.09.2017
ISBN 9783884235775
Genre: Sonstiges

Rezension:

Ohne die Exploitationskampagnen seit den westindischen Abenteuern des Kolumbus wäre Europa zu schwach, um auch nur eine Grenze zu halten. Die alten Kolonialreiche erheben als Demokratien weiterhin Anspruch auf Überlegenheit. Sie wollen, so sagt es Patrick Chamoiseau, „Elend, Terror und Armut“ an einem anderen Ende der Welt „anpflocken“. Jahrhundertelang konnten sie vom Youth Bulge über die Lohnkosten und den Müll bis zu ihren Schwerverbrechern Belastungen exportieren und sonst wo vergesellschaften. Oft waren Verworfene die ersten Weißen an fernen Gestaden. Sie brachten das große Projekt der Zivilisation. Nun formuliert sich der europäische Standpunkt auf einem Berg von Leichen, der zur Abschreckung täglich im Fernsehen gezeigt wird. Chamoiseau schildert Massengräber der Hoffnung, ausgehoben von Schergen an der Peripherie. Er findet traumhaft schöne Bilder für das Grauen. Die Migranten geraten aus Metropolen in ewignächtliche Randgebiete. Chamoiseau entdeckt die Wüsten von Europa. Der in Calais planierte Dschungel bricht durch den Asphalt der Pariser Boulevards.
http://www.zeit.de/video/2017-07/5500705715001/calais-was-aus-dem-dschungel-geworden-ist
Auch dieser Dschungel ist eine europäische Lektion so wie „die vielen kleinen Menschen, von Geburt Staatenlose, Unberührbare, ewige Parias, nirgends zugehörig, verbannt in das Reich der Medusen und gesunkenen Boote“.
Chamoiseau erwähnt die Ausdauer der Migranten. Sie ist das stärkste Streitmittel einer neuen Bürgerrechtsbewegung, so sagt es Hilal Sezgin, sich auf Angela Davis berufend in „Nichtstun ist keine Lösung“. https://www.lovelybooks.de/autor/Hilal-Sezgin/Nichtstun-ist-keine-L%C3%B6sung-1453722252-w/rezension/1493967420/
Chamoiseau erklärt das Internet zum Gehör der Welt. Es versende, „was die Bestie gerissen und gefressen hat“. Für die Barbaren gäbe es keine Insel der Seligen mehr, wo sie ungestört schalten können. Das ist bestimmt zu optimistisch. Chamoiseau besteht darauf, ermutigend zu wirken: „Die Mondialität ist eine Ahnung, von der die gesamte Menschheit in ihrer Diversität ergriffen wird, und die über die Erde in ihrer Weite und Tiefe hinweg alle miteinander verbindet.“

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roman, auserirdische, dystopie, talkshow, die außerirdischen

Die Außerirdischen

Doron Rabinovici
Fester Einband: 255 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 07.08.2017
ISBN 9783518427613
Genre: Romane

Rezension:

Niemand sah sie kommen und niemand kann sie von Irdischen unterscheiden. Sie erscheinen invasiv wie Partisanen. Mehr noch gleicht ihr Verhalten einem unsichtbaren Angriff gebietsfremder Arten auf ein Ökosystem. Die Außerirdischen setzen Infiltration an die Stelle exemplarischer Gewalt. Sie postulieren Freiheit und Selbstbestimmung. Sie versprechen das Ende von Kriegen und Krankheiten. Ihre parasitische Lebensform haben sie äußerster Kultivierung zugeführt. Sie bewirtschaften die Erdlinge, ohne sich zu bekleckern. Sie denken die Erde und das Alte Testament neu als große Farm und Farmerfibel. Das Rindvieh kehrt selbst die Ställe aus.
Man möchte gar nicht aufhören, Rabinovicis rhapsodisch listiger Erzählmanier nachzugehen. Der Autor treibt jede Floskel der Vermeidung auf eine Spitze und da verendet sie dann.
Rabinovicis „Außerirdische“ sind über das galaktische Larvenstadium der Spielberg’schen Sternenfähren und Raumkreuzer hinaus. Ihre Energie fluktuiert ungebunden. Ihre Matrix verweigert sich der Materialisierung. Den Usurpierten geben sie deshalb schwere Rätsel auf. Ein Feinschmeckerteam um den Erzähler Sol und seine Frau Astrid kreiert das Fernsehformat der Stunde. „Brandheiß“ ist die Sendung, die alle sehen. Sie verbreitet einen Inselwettbewerb im Dschungelcampingstil mit tödlichem Ausgang. Die Verlierer werden geschlachtet und von den neuen Weltmeistern gegessen. „Die Spiele“ sind ein universeller Wirtschaftsmotor. Die Schlachter verlangen bessere Bezahlung.
Besser kann man uns nicht erzählen. Rabinovici trifft jeden Nagel der Lächerlichkeit unserer Art auf den Kopf.
„Kein Hund schlug an“, heißt es am Anfang. Kein Raumschiff zerschellt bei der Landung. Keine extraterrestrische Macht zeigt sich. Trotzdem überziehen Schneisen der Verwüstung den Planeten. Die Menschheit erleidet eine Panikattacke. Sie arrangiert sich und überstimmt ihre eigenen Kritiker und Skeptiker. Ein Hellsichtiger erkennt den Befall der Gattung mit kosmischem Toxoplasma gondii, einem Einzeller, das sich parasitär verhält. Die meisten wollen sich assimilieren, um auf den Trampelpfaden der Unterwerfung bei den Starken aus dem All mitmachen zu dürfen. Sie wollen die Expansion in den Weltraum und die Erschließung neuer Märkte hinter dem Horizont nicht verpassen. Sie unterbreiten Verbesserungsvorschläge zur Menschenfleischversorgung der Galaktiker.
„Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber“. - „Hinter der Trommel her trotten die Kälber. Das Fell für die Trommel liefern sie selber.“ Bertolt Brecht
Dann verschwindet Astrid. Auf der Suche nach ihr erreicht Sol die Insel. Ihn ereilt die Internierung in der Passform eines ganz und gar irdischen Totalitarismus.

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Die Hoffnung

Mich Vraa , Ulrich Sonnenberg
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 05.10.2017
ISBN 9783455001556
Genre: Romane

Rezension:

Afi ist schön und klug. Ihr Herr händigt die Haussklavin einem Abolitionisten aus, um zu sehen, was passiert. Afi wirkt naturgemäß aufreizend. Dazu kommt die Macht aus weißen Vorrechten als berauschender Faktor.
„Während ich sie betrachtete, ging mir ein merkwürdiger Gedanke durch den Kopf. Gehörte sie jetzt mir?“
*
Die Spanier gaben ihren neuweltlichen „Entdeckungen“ bombastische Namen. Ihnen voran ging der Genuese Kolumbus. Den größten Landflecken einer Inselgruppe der Kleinen Antillen nannte er 1493 Santa Ursula y las Once Mil Vírgenes. Die Conquista unterbrach die Verdrängung der ursprünglichen Bevölkerung durch eingewanderte Kariben. Sie vernichtete die Indigenen mit Arbeit und ersetzte die Verluste mit afrikanischen Sklaven. Das größte Verbrechen des Jahrtausends lässt uns ruhig schlafen, es ist die Grundlage unseres Wohlstands und unseres geräumigen Seelenfriedens. Um es wieder einmal mit Heiner Müller zu sagen: Der Skandal des Holocausts besteht darin, dass er in Europa stattfand. Die Jungferninseln boten sich im 16. Jahrhundert als Piratennester an. Sie waren Dänemarks Platz an der Sonne, wie Bismarck die überseeischen Besitzungen der alten Reiche nannte.
In Dänisch-Westindien spielt der Briefroman „Die Hoffnung“ von Mich Vraa. „Hoffnung“ heißt ein dänisches Sklavenschiff, das anderen Zwecken zugeführt werden soll: nach dem Willen des Königs von Dänemark und Norwegen, der nach einer Frist von elf Jahren 1803 den Sklavenhandel auf eine Liste verbotener Beschäftigungen setzt.
Man müsse jedem Menschen und sei er noch so schwarz einen Funken Hoffnung lassen, um ihn am Leben zu halten. So steht es geschrieben ganz am Anfang. Ich kann mir die schmerbäuchige Schläue eines Kapitäns sehr gut vorstellen, der den Wert seiner Fracht mit einfachsten Mittel zu erhalten bestrebt ist. Die Afrikanerinnen überlässt er der Mannschaft. Wo der erzwungene Beischlaf zu Schwangerschaften führt, steigt der Gewinn. Die vergewaltigten Frauen bringen eine Zwischenklasse zur Welt, die zu den Kolonien gehört wie der Rum. Leider verwendet der Autor ungefiltert das abwertende Herrschaftsvokabular und folgt damit einem Trend. Man sagt jetzt wieder „Neger“ und „Mulatte“, weil man so progressiv ist. Stichwort Linksrassismus. Aber sonst alles mit Sternchen und Unterstrich wegen der linguistischen Emanzipation und der Gender Avantgarde.
Vraa behauptet im Nachwort, er habe mit seiner Wortwahl die Epoche des Romangeschehens heraufbeschworen. Das stimmt nicht. Der Autor verfügt über den allergegenwärtigsten Ikeastil. Das ist reine Leichtbauweise.
Die Tochter des Reeders reist 1803 halbwegs als Gefangene auf der „Hoffnung“ von Kopenhagen via Calais und Christiansborg an der Küste des Golfs von Guinea nach Dansk Vestindien. Maria existiert mit einer ethnischen Differenz zur dänischen Mehrheitsgesellschaft. Unterworfen ist sie Kapitän Wilfred Bernt, der weiter Afrikaner in die Karibik verschleppt. Maria schildert eine üble Erscheinung. Für Bernt ist Maria nur ein „Mulattenmädchen“. Die Anführungszeichen sind von mir.
Maria ist eine gute Beobachterin. Ihr entgeht nicht, wie verstrickt ihr Vater in die Machenschaften der Menschenhändlergilde ist. Sein Reichtum stinkt ihm selbst.
Zwanzig Jahre später erreicht der Journalist Mikkel Eide Charlotte Amalie auf St. Thomas. Die Stadt ehrt in ihrem Namen Charlotte Amalie von Hessen-Kassel (1650 – 1714), eine kurhessische Prinzessin, die im Heiratswege zur dänisch-norwegischen Königin wurde. 1665 hatten sich auf der Insel die ersten Dänen festgesetzt. Einig werden mussten sie sich lediglich mit versprengten und zu kurz gekommenen Holländern, die nichts gegen die liberale, Religionsfreiheit gewährende Verstärkung hatten. Die skandinavische Toleranz sorgte schließlich auch dafür, dass man das dänische Kolonialwesen freundlicher fand als andere Regime. Obwohl die Geschichte von dänischen Despoten auf dem Gouverneursstuhl weiß.
Zulauf garantierten Sträflinge, die den Siedlerstamm bildeten und auf Zuckerrohr Plantagen wirtschafteten. Eide dokumentiert die Koordinaten einer in jeder Hinsicht verfestigten Sklavenhaltergesellschaft, bemerkt aber auch eine Symphonie von Gerüchen und Düften sowie monotonen Froschgesang.
Eide verfolgt eine humanistische Mission. Sein Gastgeber korrumpiert ihn noch nicht mal allmählich. Marcussen fächert die Vorzüge der Vorherrschaft des weißen Mannes auf. Er führt den Idealisten in eine Opiumhöhle mit Bordellfunktion. Er überlässt ihm Afi.
Vraa erzählt mit leichter Hand wie ein Operettenkünstler. Er lässt das Personal zu Wort kommen, in diversen Varianten der Verschriftlichung vom Brief, der nie abgeschickt wurde, bis zum Logbucheintrag. So verschränken sich die Ereignisse, so potenzieren sich ihre dramatischen Potentiale.

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philosophie, politisches sachbuch, ehrenamt, vegan, vegetarismus

Nichtstun ist keine Lösung

Hilal Sezgin
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 18.07.2017
ISBN 9783832198817
Genre: Sachbücher

Rezension:

In der Flüchtlingsdebatte stärkten eine Reihe von Ereignissen, angefangen bei der „Kölner Silvesternacht“ über die Ermordung der Freiburger Studentin Maria L. bis zu dem LKW-Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, die Positionen der Willkommenskulturgegner. Diesem Bollwerk der Ablehnung stemmt sich die Philosophin Hilal Sezgin in aktivistischen Szenarien entgegen. Zuerst rehabilitiert sie den „Gutmensch“. Ihm spricht sie Mut zu. Was anderen gut tut, ist gut, auch wenn es dir selbst guttut und dich das misstrauisch macht. Das Nichtgelingen des Richtigen darf aber der Resignation nicht Vorschub leisten.

Wie konnte es dahin kommen, fragt Sezgin, dass schieres Mitgefühl und moralische Integrität in Verruf geraten - und im Sturm des gesellschaftlichen Hohns einknicken konnten? Sezgin erklärt das psychologisch. Großzügig verteilt sie Gold und Silber aus dem eigenen Erfahrungsschatz.

Menschen, die von ihrem Verantwortungsbewusstsein bestimmt werden, sind nicht zwangsläufig empfindsamer als andere. Auch Hilfsbereitschaft kann zu einer Haltungsfrage erklärt werden. Hilal Sezgin widmet sich in einer Mischung aus Erlebnisbericht und Streitpapier der Wohlfahrtsprärie am Rande gesetzlicher Regelungen. Sie plädiert und appelliert. Sie verbessert die Artikulationsfitness hilfsbereiter Macher. Vor allem erzählt sie. Die Tierschützerin lebt umgeben von Hochständen tief in Niedersachsen. Ihre aktivistische Position findet sogar da Unterstützung, wo die Rechtsprechung in den Händen von Jägern liegt. Einmal fährt sie mit einer Freundin „nach Ostdeutschland, wo irgendwer drei Kaninchen vorm Schlachten gerettet hatte und sie uns übergegen wollte.“ Es regnet „in durchgehenden Schnüren“, die Gegend erscheint zunächst entvölkert wie nach einem Atomschlag. Plötzlich schälen sich Fußgänger aus Dunst und Nebel. Die Freundinnen bringen in Erfahrung, dass es sich um - von einem verantwortungslosen Busfahrer - ausgesetzte Flüchtlinge handelt, die im Nirgendwo den Bahnhof suchen.

Sezgin verbindet Persönliches mit Fernsehbildern und Facebook News. Kinder irren durch das zerbombte Aleppo, strecken Arme durch Stacheldraht, ertrinken im Mittelmeer und verdursten in der Sahara.

„Eine Menschheit, die sich von Kindergesichtern nicht anrühren lässt, ist keinen Pfifferling wert.“

Sezgins Sehnsucht nach einem großen, moralisch starken, weltweit lokal handelnden „Wir“ will wieder ein Anfang sein und zugleich Beitrag einer fortgeschrittenen Debatte über richtige und falsche Welt- und Menschenbilder. Uns ruft die Autorin zu: Seid gut(en Mutes). Auch wenn das für andere so aussehen kann, als sollten sie moralisch ausgestochen werden.

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Und erlöse mich

Konstantin Sacher
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Tempo, 05.10.2017
ISBN 9783455001754
Genre: Romane

Rezension:

In Erwartung des Todes und belehrt von einer Sterbekunst steigt der Erzähler für ein letztes Bekenntnis in die Bütt. Er holt aus und schlägt einen Bogen. Er bemüht sich um ein persönliches Verhältnis zum Leser.
Er debütiert als Erzähler seines Lebens. Wie alle Anfänger holzt er. Die Statik seiner Existenz hängt ab von Berechnungen auf der Grundlage einer ausgebauten, in seiner Ursprungsumgebung institutionalisierten Selbstsucht und der evangelischen Theologie. Gottes Liebe erschöpft sich in der Annahme seiner Person. Mit dieser Rechnung stimmt etwas nicht, der Erzähler hält sich in Schieflage und lässt nach im Kampf gegen die Schwerkraft. Seine Zeit läuft ab, eine Kurskorrektur ist ausgeschlossen.
In diesem Konstruktionsrahmen entwickelt Konstantin Sacher die Geschichte eines Mannes ohne Eigenschaften, der immerhin ein starker Träumer ist. Er träumt Szenen aus Romanen von Cormac McCarthy und William Golding. Die Grenzen zwischen Träumen und anderen Zuständen sind unscharf. Dramatisierungen der Übergänge wirken sich verhängnisvoll aus. Der Erzähler bewegt sich auf das Land der Paranoia zu.
Er erinnert sich an die Liebe, wie sie zu ihm kam in der Gestalt von Sarah. Er beschreibt Szenen häuslichen Unglücks und nennt Gründe früher Resignation: „Wenn sie nicht mitgeht, dann wird das Gleiche passieren, nur anders.“
„Das Gleiche, nur anders“ klingt wie serielle Monogamie. Davon ist im Roman nicht die Rede. Sarah stirbt im Feuer. Im Andenken des Erzählers verwandelt sie sich in eine Ikone. Sie wird zum Du eines Selbstgesprächs – zum blinden Spiegel eines tauben Ichs. Mich erinnert die Attitüde an Krachts Faserlandfahrer und entfernt sogar an Ellis‘ ersten Helden in „Unter Null“.
Nach Jahren trennt sich der Erzähler von der Toten. Beziehungslos taumelt er Richtung Rinnstein und Katzenjammer. Er neigt zu starken Behauptungen, die von seiner Labilität ins Lächerliche gezogen werden. Er vermutet etwas Monströses in sich. Monströs ist allein seine Mickrigkeit.
Sein Schöpfer hat sich vielleicht zuviel ausgedacht. Vielleicht wollte Sacher die unsympathischste Person in seiner Vorstellungswelt isolieren. Jedenfalls möchte ich dem Roman-Ich nicht begegnen. Es erscheint vollkommen reizlos in verhunzten Darstellungen. Dieser Schwanengesang ist ein Andrang des Nichts – die Fleißarbeit eines Untüchtigen.
Warum macht sich einer die Mühe, einen Homunkulus mit Frankenstein’schen Fehler zu erschaffen? Der Erzähler ist ein Sinnsucher, der sich auf Sinn nicht konzentrieren kann, und ein vom Geschlechtlichen angewiderter Womanizer. Er stört die Kreise geerdeter Irrer in Südspanien. Als Aushilfe im Obdachlosencafé macht er schlapp. Nur einmal nähert er sich Vorstufen des Muts, bewaffnet mit einem Stein. Gleich darauf feiert er sich: Christina „war die Frau, die ich vor den Bösen und Fetten, den Stinkenden und Ungewaschenen, den Hirn- und Skrupellosen gerettet hatte.“
Natürlich versiebt er auch dieses Glück in absurden Aktionen.

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Nacht ohne Engel

Ulrich Woelk
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 08.09.2017
ISBN 9783423281119
Genre: Romane

Rezension:

Vincent scheint seine Umgebung nur noch wie durch Milchglas wahrzunehmen. Er ist ein Beschädigter und führt sein reduziertes Leben im Nachgang eines Schädelhirntraumas. Er fährt Taxi und schreibt in Berlin. Das sind zwei Klischees, denke ich zuerst. Dann stocke ich auf. Aber natürlich kriegt Woelk Kredit. Bei diesem Autor denkt doch jeder, warum auch immer er etwas tut, aus Blödheit tut er es nicht.

In Berlin weiß niemand, dass Vincent kein Kriegsdienstverweigerer war. Er beteiligt sich an Antikriegsdemonstrationen und gibt mit Gesellschaftskritik an. Seine beste Zeit hat Vincent als Rekonvaleszent in der Obhut einer Physiotherapeutin, die einen zweiten Körper aus der lädierten Oberschicht herausarbeitet und die Mutter seiner Tochter wird. Die Konstellation ächzt unter den Belastungen ihrer Symbolhaftigkeit. Aber gut. An die Stelle der Psychoanalyse tritt die Physiotherapie. Muskeln werden innerviert und werden sie das nicht, ist Atrophie die Folge. Auch die Liebesfähigkeit kann man muskulös auffassen. Sie muss innerviert werden und wird sie es nicht, ist Atrophie die Folge.

„Vorbehaltlos und unwiderruflich liebt Vincent nur Saskia.“ Die Liebe zur Tochter ist mit seinem Leben verwoben, er atmet im Takt des Gefühls. Das beschreibt eine bedauerliche Exklusivität. Sie schließt Saskias Mutter und Vincents Retterin aus – und genauso jene Yogalehrerin, die im Jetzt der Ereignisse „seine Freundin“ ist „in einer auf Dauer angelegten Beziehung“.

Woelk beschreibt die Verhältnisse mit Wörtern der Distanz. Sie schließen einen erheblichen Abstand des Autors zu Vincent ein. Woelk schildert eine Person, mit der er nicht warm wurde; so als hätte er sie lieber stehengelassen als mitgenommen; als sei es nur aus einem Mangel an Geistesgegenwärtigkeit zu der Verbindung gekommen.

Vincent trifft eine Frau wieder, mit er zurzeit des ersten Irakkriegs eine Nacht in Dahlem verbracht hat. Er verbindet mit Jule seine Amnesie. Sie ist obenauf und lässt sich herab, während sich bei Vincent die Erinnerungslücke zu schließen beginnt. Bilder in den Farben der Restlichtverstärkung steigen in ihm auf, unterlegt mit Kriegsberichten des im Hilton stationierten CNN-Reporters Peter Arnett.

„The bombing of baghdad continues and we will go on with music.”

Woelk mischt den ein Vierteljahrhundert zurückliegenden, von Jules Berlinvisite dicht an die Gedächtnisschleuse gerückten Vorgang der Traumatisierung mit Rückblenden, die Jule und Vincent jung zeigen, und der Sorge um die Tochter, die ihr Studium geschmissen hat, weil sie mehr Zeit für sich zu brauchen glaubt. Vincent mutet ihr harte Wahrheiten zu, obwohl er für nichts geradestehen kann.

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Die sechs Freiheitsgrade

Nicolas Dickner , Andreas Jandl
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 30.08.2017
ISBN 9783627002398
Genre: Romane

Rezension:

Wikipedia sagt: „Ein Körper mit Bewegungsfreiheit in sechs Freiheitsgraden kann seine Position, durch Translation entlang der drei lotrechten Achsen vor/zurück, rauf/runter und links/rechts kombiniert mit Veränderungen der Orientierung durch Rotationen um die drei lotrechten Achsen (Roll-Nick-Gier-Winkel), bezeichnet als rollen (Rotation um die Längsachse), nicken (Rotation um die Querachse) und gieren (Rotation um die Gierachse), frei verändern.“

Die „Domaine Bordeur“ ist ein Schauplatz organisierter Randständigkeit. Sie liegt so dicht an der kanadischen Grenze zu den Vereinigten Staaten, das manche Bordeur für eine verballhornende Abweichung von Border halten. Andere assoziieren damit hochtrabende Langeweile: „Domaine Boredom“. Den Elendszipfel der Provinz Québec schmückt die fünfzehnjährige Elisabeth Routier-Savoie, genannt Lisa, mit der Grazie einer Hoffnungsvollen. In der Schilderung ihrer häuslichen Verhältnisse versickert die „deprimierende Vorläufigkeit“ und das „transitorische Wesen“ eines Trailerparks.
Lisa existiert bis auf Weiteres in einer Welt der angeschlagenen Dinge und Leute. Ihr Einfallsreichtum gleicht vieles aus, sie erkennt sogar das Potential ihres Vaters Robert, der bis zum Umfallen arbeitet - und sein Werkzeug verehrt. Das sind Instrumente, wie sie schon lange nicht mehr gebaut werden. Josée, seine geschiedene Frau und Lisas Mutter, erliegt ihren Manien in Huntingdon – einer britischen Gründung zur Abwehr US-amerikanischer Übergriffe im frühen 19. Jahrhundert. Nach dem Ende des Industriezeitalters passiert da gar nichts mehr. Man rechnet Huntingdon zu den Randerscheinungen von Montreal. Eine Internet Bewertung stellt fest: „There is a very nice little park overlooking the Chateaugay river. It is a very nice place to have picnic, and you can get all the supplies that you need at the IGA supermarket in town.”
Lisas Liebe gehört Érik Le Blanc, man versteht das Verhältnis richtig als pubertäre Genieverbindung. - Als eine Allianz von Zukunftsinformationsträger*innen, in der Konspiration und Subversion gymnastische Funktionen haben.
Tochter und Vater misten ein Fledermausheim aus, in dem sich reiche Leute vor langer Zeit ruiniert haben. Damals gab es in der Gegend nur ein mit waldläuferischen Aktivitäten verknüpftes Saisongeschäft. Fast alles war vorübergehend, allein ein paar Häuser standen fest. Sie wurden nach einer „chinesischen Fiskaloffensive“ dem Verfall überlassen. Der besessene Renovierer Robert entdeckt einen Hohlraum, Lisa zwängt sich schmächtig in eine Enklave handgeschmiedeter Nägel. Porzellanisolatoren halten Kabel. Versteinerter Mäusekot hügelt auf Konsumartikel der John Glenn Ära. Jemand, der längst tot sein könnte, hat ein Life-Magazin aufgeschlagen liegengelassen. Irgendetwas unterbrach 1962 seine Lektüre eines Artikels mit dem Titel: „Die sechs Freiheitsgrade“.
In der Zwischenzeit verbüßt die Informationsbrigantin Jay eine Strafe in der Divison C der Bundespolizei als Datenanalystin für Wirtschaftsbetrug. Sie war Vertraute des mexikanischen Großverbrechers Horacio Guzman. Ihr Spezialgebiet ist die „geklonte Kreditkarte“. Zu ihrer Aufsicht bereit stehen Mahesh Chandratreya Gariépy und Laura Wissenberg aus der Abteilung „Grenzpolizeiliche Ermittlungen“. Mahesh sucht schon den Geistercontainer „Zulu Papa – PZIU 12002 7“.

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neapel, freundschaft, italien, freundinnen, klassenkampf

Die Geschichte der getrennten Wege

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 540 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 27.08.2017
ISBN 9783518425756
Genre: Romane

Rezension:

Die Lektüre des dritten Bandes ist wie Ferien im Ferranteland. Ich kenne mich da so aus wie der Gewohnheitsurlauber auf seinem Campingplatz Bescheid weiß. Ich war mit meinen Eltern zwölf Mal in San Michele al Tagliamento - mit dem Volkskäfer über den Brenner und durch die Poebene und immer einmal nach Venedig und einmal zu dem Wadi in einem Pinienhain bei Grado. Weil wir so anorak waren, nahmen wir uns auch jedes Mal den Tagliamento vor, der unbegradigt aus den Alpen fließt. Kein Staudamm, kein Kraftwerk, keine hydrologischen Manipulationen. Der Fluss funktioniert als Biotop. An uns vorbei trieben natürliche Totholzflösse, aus denen Inseln entstehen können, wenn man ihnen den Raum lässt. Hätte man Lila den Raum zur Entfaltung ihrer Begabungen gewährt, wäre Elena in der Konkurrenz mit ihrer besten Freundin und größten Rivalin immer Zweite geblieben. In der Schustertochter vereint sich Intelligenz mit Härte und einem wüsten Temperament. Es bedurfte brachialer Kräfte und eines barbarischen Zerstörungswerks, das lange in Gang gehalten werden musste, um sie zu brechen. Elena Ferrantes neapolitanische Saga ist eine Retrospektive. Im ersten Band erfährt der Leser von Lilas Verschwinden, aber erst jetzt begreift er, was das für die Erzählerin Elena bedeutet – der Verlust ihres Gravitationsfeldes. Elena ist Lila in smart. Die Angepasste hat sich der Starken bemächtigt und die Stärke in Text und Ruhm umgewandelt. Daher kommt die epische Dimension des Werkes. Deshalb funktioniert der Epos weltweit. Im Untergrund der Jugendbewegungen von Lila und Elena gab es einen Wettbewerb, in dem die Frage geklärt wurde: Wer frisst wen?
Unter dem Deckmantel der Freundschaft hacken die Kombattantinnen weiter familiär aufeinander ein. Zugleich lieben sie sich und sind einander eine Notwendigkeit, die sonst keiner begreift.
Zurück zu Lila, auch Lena genannt. Fürwahr Raffaella Cerullo. Geboren im Elend 1944. Lila ist ein Monster an Mut und so aufnahmefähig wie sonst keine im Quartier ihrer Kindheit. Sie wird ihre Ursprungsverhältnisse nie überwinden. Am Ort ihrer Geburt vergeht sie in einem zähen Prozess. Zuerst nimmt sie der Vater von der Schule und schließt sie so von Bildung aus. Das schlägt ihr den Kopf ab. Dann muss Lila einen Camorrista heiraten, der sie vergewaltigt und schlägt, weil sie ihm mit ihrer selbständigen Art Schande macht. Sie verlässt ihn und beginnt zur Hochzeit des italienischen Nachkriegskommunismus eine Dschungelexistenz wie von Upton Sinclair beschrieben. Sie ist einer bestialischen Hackordnung unterworfen und geht fast ein bei der Arbeit in einem Schlachthof, während Elena zur Besiegelung ihres Aufstiegs einen ihr an Intelligenz, Bildung und Herkunft haushoch überlegenen Pietro Airota zu heiraten im Begriff steht. Der Bräutigam ist zugleich Sohn des Verlegerehepaars, das Elenas Debüt groß herausbringt.
*
„Niemand hatte mich dazu erzogen, mir die Zähne zu putzen.“
Es sind solche Bemerkungen, die Elenas Abstand zu den bürgerlichen Standards zeigen. Für das Problemzonenkind sind Kulturtechniken Machtmitteln, deren geschmeidigen Einsatz sie bei anderen bewundert. Sie selbst übt Vorsicht und führt ein Leben als ob. Als ob sie hier- oder davon etwas verstünde. Als ob ihr dies oder jenes etwas bedeuten würde, wie zum Beispiel die Studentenbewegung und der antifaschistische Kampf. Der Preis für den gesellschaftlichen Aufstand ist ein Identitätsverlust, der um sich greift. Elena Greco, genannt Lenuccia oder Lenù, geb. 1944, macht Nägel mit Köpfen auf der ganzen Linie. Sie verwaltet ihre Ressource ökonomisch. Sie kehrt in das Viertel ihrer Kindheit zurück, um da Pietro als den Mann zu empfangen, der bei ihrem Vater um die Hand seiner Tochter anhält. Die Begleitumstände schwanken zwischen katastrophal und burlesk. Der alte Greco fühlt sich von Pietros Herkunft deklassiert, Elenas Mutter versucht den Stolz der Braut mit allen Mitteln zu knicken. Besonders empört sie, dass die Standesamtlichkeit der Ehe von keinem Sakrament angehoben werden soll. Sie steigert sich in einen Wahnsinn hinein, dessen Ellipsen Elena stoisch kontert. Die Schriftstellerin stellt fest: „Wie viele Frauen … lebten nun nicht mehr, weil sie krank geworden waren, weil ihre Nerven dem Schleifpapier der Qualen nicht standgehalten hatten, weil ihr Blut vergossen worden war.“

P.S.
Elena hat eine Zukunft als Schriftstellerin, Ehefrau und Mutter. Die Vergangenheit hält sie aber fest wie eine Geisel. Plötzlich fühlt sie sich unerfüllt. Sie erkennt in ihrem Mann einen Langweiler. Nun beginnen die emotionalen Kosten des Aufstiegs gravierend zu werden. In ihrer zweiten Schwangerschaft erneuert Elena den Bund mit Lila. Die Zurückgebliebene erscheint als Angelus Novus des Informationszeitalters. Sie erklärt wie ein IBM-Rechner funktioniert: „Die zentrale Verarbeitungseinheit ist so groß wie ein dreitüriger Kleiderschrank und der Speicher umfasst acht Kilobyte.“ Mit diesem Wissen endet Lilas proletarische Phase.

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Koslik ist krank

Julia Rothenburg
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 30.08.2017
ISBN 9783627002459
Genre: Romane

Rezension:

René Koslik hatte einen Anfall. Aber sonst geht es ihm gut. Seine Krankengeschichte tut trotzdem weh wie quietschende Kreide. Quietschende Kreide aktiviert die Amygdala genauso wie Angstschreie. In Julia Rothenburgs Debüt „Koslik ist krank“ verwandelt sich das Geschrei in abwiegelnde, beschwichtigende, herunterspielende Gebärden und Bemerkungen. Koslik, ein Breisgauer in seinen Vierzigern, der an der Freiburger Volkshochschule Kurse gibt und sich in Akten der Selbstbegnadigung soweit heruntergewirtschaftet und abgefunden hat, dass nur noch über ihm viel ist, dreht frei in den Mühlen eines Klinikalltags. An Schwellen zur Panik strebt er in den Ruheraum seiner stillschweigenden Existenz zurück und verirrt sich unterwegs auf den Krankenhausfluren wie in einem Labyrinth. Seine Mobilität erschöpft sich in Aktivitäten, die vor Sandkübeln voller Kippen und automatisch schließenden Türen enden.
„Na, kann ich helfen?“ fragt der Pfleger … (es) ist der Mausgesichtige“.
Koslik fühlt sich nicht (krank) und will bloß nach Hause. Das gestattet man ihm nicht. Er verliert seine Selbstbestimmung in einem scheinbar nachgiebigen und kooperativen System. Alles scheint zu seinem Besten geregelt und tadellos in Funktion. Es hält ihn aber wie einen Gefangenen fest. Eine Verlegung erfolgt unter Aufsicht von Pflegern, die wie Wärter auftreten.
Die Beobachtung des Probanden lehrt, dass Bescheidenheit keine Auswege bietet. In den Fängen einer qualligen Verwaltung wird Koslik zum Beifang der Langeweile anderer. Zumal Frank knöpft sich Koslik ständig vor. Die Kranken kennen sich von früher. Frank fasziniert der mit zunehmender Wehrlosigkeit verbundene Niedergang des anderen. Koslik war mal ein „harter Brocken“. Nun taugt sein Repertoire nichts mehr. Jede Verteidigungsanstrengung zieht einen negativen Bindungsknoten fester. Dazu kommt das schlechte Essen, als Fortsetzung einer Entmündigung mit anderen Mitteln.
Koslik lernt Zustände kennen, die er lange zu vermeiden wusste. Die Imperative seines Seelenfriedens ergeben sich stärkeren Kräften. Eine psychische Disruption bricht ihn auf. Er müsste noch mal von vorn anfangen mit sich. Nur wozu?
„Er muss hier weg, denkt er und will losrennen, dann fällt ihm wieder ein, dass er nirgendwohin kann. (Ihm) bleiben nur die Gänge, das Treppenhaus.“

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Das unaufhaltsame Fließen

Christian Haller
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 11.09.2017
ISBN 9783630875576
Genre: Romane

Rezension:

 Manchmal macht sich die Zukunft in Personen bemerkbar, deren prophetische Kraft abstoßend wirkt. Adrien Turel war ein Umstrittener - „Krüppel, Säufer und Egomane, den zu ertragen allein schon eine Leistung war“. Sein visionäres Potential nahm man in der Schweiz nicht auf die leichte Schulter. Trotzdem geht der Nachruhm nicht über die zirkulare Anerkennung hinaus, die seine Einsichten fanden, solange er sie noch selbst verbreiten konnte. Turel wurde 1890 in St. Petersburg geboren. 1957 starb er in Zürich. Er wuchs in der Gegend von Lausanne auf. Als Student trat er in Kontakt zu Magnus Hirschfeld und Oskar Loerke. Er sah den Übergang des Menschen aus dem Holozän in ein kernphysikalisch und molekularbiologisch determiniertes Anthropozän 2.0 (Reizwort „Ultratechnoikum“) voraus. Turel bestimmte die Koordinaten des Kalten Krieges korrekt in den Vierzigerjahren. Er wusste, „dass in einer Art Umkehr der imperialistischen Bewegung Europa mit Flüchtlingen aus den ehemaligen Kolonialgebieten überschwemmt werde“.
Man hielt das für abwegig.
Daran erinnert der Erzähler in Christian Hallers neuem Roman. Er fasst sich selbst zusammen, als einen Autor, der zum Jünger nicht taugt und sich davor hüten muss, als Epigone um die Häuser zu ziehen. Das kleine Licht ist mit dem Nachlass Turels befasst. So findet es Gelegenheit, die Witwe des verrufenen Vordenkers zu kränken. Die Wände ihrer Teetassen sind hauchdünn, ihre Nerven liegen blank. Frau Turel fängt Streit an, sie fühlt sich und den Geist des Toten verraten. Ein Grobian bilanziert: „Eine typisch großbürgerliche Hysterika, die sich in ihrem Unverstand am Geistigen vergreift. … Sie hatte Turel finanziell unterstützt“, nun will sie die Deutungshoheit über die Leiche.
Das erzählende Ich memoriert schwindsüchtig das eigene Scheitern. Es gelingt kein Gedicht zum Ausgleich. Haller protokolliert ein Elend der Indolenz. Höhepunkte erreicht das Versagen in der Beziehung des Erzählers zu seiner Geliebten. Eines Nachts kommt Pippa nicht nach Hause. Ihr ist ein Kollege „passiert“. Dem Gehörnten passiert so was nie, er entdeckt ein „loses Ende seiner Seele“ und nimmt sich Sándor Ferenczis „Versuch einer Genitaltheorie“ vor. Wikipedia sagt: „Ausgehend von der Beobachtung, dass beim Samenerguss ursprünglich zum Dickdarm und zur Harnröhre gehörende Triebqualitäten aufs Geschlechtsorgan verschoben und dort in amphimiktischer Vermengung verdichtet worden seien, hält es Ferenczi für möglich …“
Der (mit Legasthenie geschlagene) Erzähler mischt Ferenczis psychoanalytische Biologie mit Turels „essayistischen“ Stil und entfernt sich so rasant von der Ursache des Übels. Er sublimiert wie im Bilderbuch. So geht es immer weiter in einem Land, in dem Max Frisch und seine „heruntergewirtschaftete Sprache“ zum Skandal werden konnten, während Robert Walser still verreckte.
„Das unaufhaltsame Fließen“ gleicht einem stillen Sturm auf die Schweizer Bastille der freiwillig-selbstgerechten Isolation. Sein Held beweist pädagogischen Scharfsinn. Er untergräbt einen Widerstand, den er nicht leisten will, bei anderen mit antiautoritären Tricks. Alles gerät ihm zum Refugium, bis er in einem Drama der späten Berufung beschließt, Zoologie zu studieren.

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Das neue Leben

Anna Galkina
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 30.08.2017
ISBN 9783627002428
Genre: Romane

Rezension:

Das Lager hat allerhand zu bieten, zum Beispiel eine Telefonzelle, „von der … man kostenlos ins Ausland telefonieren kann“. In der Absonderung gibt es Supermärkte, ein Arbeitsamt und viele Warteschlangen. Das erzählt Nastja, deren russisch-jüdische Familie nach dem Niedergang der UdSSR via Lettland die Route der Kontingentflüchtlinge nach Deutschland genommen hat. In diversen Separationen ist erst einmal alles wie gehabt. Es gibt Antisemitismus, Spottlust, Schadenfreude und die Angst vor dem KGB neben der Freude am Klatsch und an Schokoriegeln. Nastja setzt ihr Leben als anbetungswürdige Adoleszentin nach den sowjetischen Spielregeln fort. Einen Verehrer reißt sie zu drei Oden hin. „Die dritte enthält deutliche Hinweise auf Altersschwachsinn.“
Nastja bietet sich einer Verlobungsfantasie an, deren Flüchtigkeit von Klügeren als Finte erkannt wird. Doch dann trifft sie den scharfzüngigen Max. Fortan torpediert Nastja seinen Aufstiegswillen. Sie lenkt den Ehrgeiz auf sich. Zu ihrem Glück werden Max und seine Leute in dasselbe Notheim umquartiert wie sie.
Nastja schildert ihren Alltag ohne Verzierungen. Die Einraumwohnung schimmelt. Das Klo ist auf dem Gang, die Küche eine Gemeinschaftseinrichtung. Die Verhältnisse erzwingen eine Geselligkeit, die Brechreiz auslöst. Berufene registrieren die nächtlichen Klogänge der Nachbarn. Plötzlich ergibt sich eine Chance, in Hamburg auf andere Gedanken zu kommen.
Ein Roman von Orhan Pamuk heißt „Das neue Leben“. Anna Galkina hat den Titel kassiert. Ihre Nastja kommt als beherztes Ich zur Sache. Sie erzählt locker vom Hocker von mit Pech getunter Glücklosigkeit, die man auf keinen Fall tragisch nehmen darf. Manchmal fällt sie aus der Rolle der Unbeugsamen. Dann verflucht sie die Auswanderung und ekelt sich vor Deutschland und vor ihrer Familie. Sie ist in einen Stillstand verwalteten Lebens geraten, den ihre Jugend ständig außer Kraft setzen möchte. Ihr fehlt die soziale Lethargie der Altvorderen, die schon lange abgerüstet haben und deshalb dem Nachwuchs lemurenhaft und madig erscheinen. Für Nastjas Eltern entspricht Mangel einer Gewohnheit.
„Das neue Leben steht still in dem farblosen Städtchen“. Es stinkt nach „karitativen Klamotten“ und anderem Plunder, mit dem die Flüchtlinge vorliebnehmen sollen. Nastja und Max entdecken einen Friedhof und noch mehr Rückzugsräume. Einem Keller geben sie den abenteuerlichen Anstrich ihrer Intimität. Verhütet wird „auf Russisch“. Das hat Folgen, die das Verhältnis kühlen.


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trauer, raf, schuld, vergangenheit, baader-meinhof-gruppe

In einem anderen Licht

Katrin Burseg
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 08.09.2017
ISBN 9783471351406
Genre: Romane

Rezension:

„Ein Kilo Vergangenheit“ begleiten Miriam und Max nach Angeln. Die Halbinsel zwischen der Flensburger Förde und einem Meeresarm ist Drachenfliegerland. Die Mutter hat einen Animateur für den Sohn gebucht, beide stecken in der Trauer um Max‘ Vater Gregor. Den Kriegsfotografen traf ein Querschläger. Nun bietet sich Drachenbauer Bo als Verehrer und Ersatzvater an. Zugleich recherchiert Miriam die Lebensgeschichte der hanseatisch temperierten Wohltäterin Dorothea Sartorius. Außerdem bereiten die Witwen gemeinsam die Verleihung des Sartorius-Preises für Zivilcourage vor. Angeln wird zum Schauplatz einer Entzauberung. Die Mäzenatin war nicht immer dem Weltlichen so entrückt und über den Wolken schwebend wie im Jetzt des Geschehens. Sie verliert ihren Nimbus an eine Vergangenheit als Groupie von Brian Jones und Rampensau auf Butterfahrtniveau. Doch ist da noch mehr.
„In einem anderen Licht“ scheppern die Koinzidenzen. Alles hängt mit allem schicksalsmächtig und familiär zusammen. Kein loser Erzählfaden lässt den Leser hängen. Katrin Burseg schreibt wie eine zeitgenössische Françoise Sagan so caprioziös. Sie fährt offen, die Melancholie fährt mit. Jedes Ziel erweitert den Horizont. Jeder Garderobenwechsel, jede Quiche und Birnenspalte so wie jeder Bistrokäseteller verdienen Erwähnung. Überall lauern potentielle Liebhaber wie arabische Scharfschützen oder Caféchefs (mit Arc de Triomphe Nasen) und reichen der blühenden Witwe ein Glas vom Besten. Voilà mon amour. Miriam lebt ein kalorienbewusstes Leben am Proseccolimit. Durch diese Hochglanzfolie diffundieren das Olympia Attentat von Zweiundsiebzig und der Deutsche Herbst von Siebenundsiebzig in den Formaten biografischer Brüche/brüchiger Biografien. Das „Kilo Vergangenheit“ im Gepäck der Journalistin ist eine Doktorarbeit über die Rote Armee Fraktion. Es wir noch spannender.
Gregor war keiner von denen. Die am Limit leben müssen, um sich zu spüren. Er glaubte an die Wahrheit der Fotografie unter extremen Bedingungen. Obwohl doch die Wahrheit im Krieg immer zuerst stirbt und selbst Robert Capas „Loyalistischer Soldat im Moment des Todes“ gestellt worden sein könnte und womöglich noch nicht einmal von Capa. Gregors Madonna war eine Kurdin mit grünen Augen in der Uniform der Hoffnung auf nationale Selbstbestimmung.
Dorothea ist keine. Der das Leben mit Zweiundsiebzig nichts mehr zu sagen hat.
Miriam ist keine. Die als Witwe eines Helden keusch werden möchte. Miriam besucht eine Greisin, die von Vergeltung träumt und von Verrat erzählt. Sie weiß: „Der Tod hat nicht das letzte Wort.“ Miriam trifft eine Nonne, die alles weiß. Plötzlich ist man in einem Krimi, als würde eine Übertragung der Fashion Week zum Tatort.
„Fragen Sie Dorothea nach Marguerite“, wird Miriam anonym geraten. Ich rate Ihnen, lesen Sie das Buch.

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Karpathia

Mathias Menegoz , Sina de Malafosse
Fester Einband: 680 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 30.08.2017
ISBN 9783627002381
Genre: Historische Romane

Rezension:

Vielleicht ist das der Augenblick, in dem die Sphinx zum ersten Mal ihre Krallen zeigt - eine in Jahrzehnten ungebraucht altersschwach gewordene Kutsche verkörpert als Fahrzeug der finalen Etappe den desolaten Zustand der Dinge, mit denen Graf Alexander Korvanyi und seine Frau Cara zukünftig rechnen müssen. Alexander ist der schneidige Erbe einer Burg, die in Draculas Karpaten seit Generationen von der Familie vernachlässigt wurde. Die miserable Bewirtschaftung des transsilvanischen Grundbesitzes kursierte als Kunde eines fernen und befremdlichen Geschehens in den städtischen Haushalten der Korvanyis.
Alexanders Schule war der Kasernenhof. Die Liebe der Eltern erschöpfte sich in väterlichen Ermahnungen, nie nachzulassen in der Selbstzucht und dem Stolz, die einen Ehrenmann vom Rest der Welt unterscheidet. Als blessierter Reserveoffizier zieht er 1833 in ein hochstehendes Nebelheim ein. Die geschändete Krypta erinnert an den Sklavenaufstand von 1784.
Alexander fühlt nicht mit den Armen. Ihr Elend gefällt Gott genauso wie die herausgehobene Stellung des Burgherrn. Der Aristokrat macht die Bekämpfung des Schlendrians zu seinem Alltag, um der Gattin ein standesgemäßes Leben bieten zu können. Seine Anstrengungen führen in die verkehrte Richtung, zumal Caras Selbständigkeit manchem Fass den Boden ausschlägt. Das erzählt Mathias Menegoz in seinem, 2014 mit dem Prix Interallié ausgezeichneten Roman. Er beginnt mit einer kurzen Rückschau auf das Jahr 1830, um den restaurativen Charakter Österreich-Ungarns herauszustreichen. Drei Jahre zuvor endete die Griechische Revolution so glücklich wie die Belgische. In Frankreich führte die Julirevolution zum Thronsturz eines Bourbonen und in Polen kam es zum Novemberaufstand. Nichts davon ficht Alexanders Adelshochmut an.
Menegoz vermeidet Anachronismen und genretypische Darstellungen unfreiwilliger Blutspenden. Der Autor reißt Klassengegensätze auf, erfasst Verhältnisse soziologisch und seziert den Aberglauben der als Walachen herabgesetzten Romanen aka Rumänen. Er schildert eine vom Fortschritt unberührte Gegend, in der sich Randgruppen vor der Zukunft zu verstecken scheinen. Sie verteidigen ihre Weiler gegen die Eigenarten der Nachbarn. Nomaden tauchen auf und sind als Erntehelfer mit eigenem Werkzeug, nicht aber als Gäste willkommen. Ein Kind verschwindet, Wölfe reißen Schafe. Man ahnt Graf Draculas Nähe.
Wo das Genre Zuspitzungen verlangt, liefert Menegoz Spannung von der Stange. „Karpathia“ ist kein Schauerroman. Das heimliche Interesse des Autors gilt den rumänisch-ungarisch-sächsischen Milieus in der Landschaft des Unheimlichen. Menegoz unterscheidet sorgfältig. Er beschreibt Ermüdungserscheinungen der Habsburger Monarchie lange vor den Abgesängen. Er erklärt, warum in diesem Winkel Europas das Grauen ein Monopol errichten konnte. Transsilvanien war ein Schauplatz der Völkerwanderung. Unter dem Druck asiatischer Reiterstämme wurden Völker nach Westen verschoben. Was in der Schleuse hängenblieb, mischte sich mit den Nachkommen von Legionären, romanisierten Dakern und einem latinisierten Bodensatz schließlich unter ungarischer Herrschaft, abgesondert von den deutschen und flämischen Kolonisten. Die Namenlosen fasste man in Milizen zusammen und setzte sie zur Grenzsicherung in abweisenden Zonen ein. Achthundert Jahre später dienen sie der magyarischen Elite immer noch als Leibeigene – so wie eben dem Grafen Alexander Korvanyi. Hass und Misstrauen herrschen auf beiden Seiten. Menegoz lädt dazu ein, Draculas Wirkungskreis historisch zu begreifen.

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Guten Morgen, Abendland - Der Westen am Beginn einer neuen Epoche

Bernd Ulrich
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 17.08.2017
ISBN 9783462050493
Genre: Sachbücher

Rezension:


Jedes Volk ermächtigt sich in einer Geschichte, die das Göttliche mit der Geografie verbindet. Besonders blumig erscheint die Selbstvergewisserung, wenn sie von einer beseelten Natur ausgeht und in einer Schlange oder Löwin die Geburtshelferin der Nation erkennt. Fragt man die Leute, dann ist der deutsche Haupttext ein Heldenepos voller Nebel, Tarnkappen und Gemeinheiten. Zeit-Redakteur Bernd Ulrich sieht das anders. In seinem „Weckruf“ „Guten Morgen, Abendland“ behauptet Ulrich, die Helden der Nibelungen seien ausgemustert worden. Stattdessen ginge es in der neuen Großerzählung um Schuld und Sühne als etwas immer weiter Wirkendem. Der Autor sprach über „die Integration der Schuld in die Nationalgeschichte“ und den Ausbruch der Marginalisierten „aus ihren Demutsgefängnissen als einer Nebenfolge der Globalisierung“ mit Wolfgang Schäuble in der Berliner Akademie der Wissenschaften. Schäuble nannte Ulrichs Deutungsversuche indirekt die Dramatisierung eines historischen Wimpernschlags. Was sind schon siebzig Jahre Nachkriegsgeschichte vor dem Hintergrund eines Reichsgeschehens, das mit Childerich blutig anfängt. Behutsam warf Schäuble dem Journalisten Alarmismus vor. Zugleich freute er sich über die im Ruf laut werdende Heimatliebe.
Ulrich stapelt starke Behauptungen auf manchmal sehr treffende Beobachtungen, gelungene Simplifikationen und die Wiedergabe von Einsichten, die auf Sportplätzen, in Gaststätten und im Internet billig gewonnen wurden. Ulrich schreibt: „Mit der merkelschen Entscheidung … kamen eine Million arabisch geprägte, also mutmaßlich „schwierige“ Muslime ins Land“.
Der Autor verfolgt die Entwicklung der Schwierigen auf Facebook: „Ob diese jungen Männer zu „guten Deutschen“ werden oder auf einen islamischen Abweg geraten, hängt … auch von der politischen Kultur (ab), mit der sie konfrontiert sind.“
Ulrich schildert eine „aus den Fugen“ geratene Welt. Schäuble hielt dagegen, dass die Welt für jede Generation aus dem Gleisbett springt. „Gehen Sie nur einmal hundert Jahre zurück. Da hatten wir den Ersten Weltkrieg.“
Die Gesprächspartner waren sich unheimlich nah, der Stuhlkreis-Liberale Ulrich und ein Schäuble im Schafspelz. Schließlich ging es um nichts. Der Politiker bezeichnete das Flüchtlingsmenetekel als „Rendezvous mit der Geschichte“, die nun denen Beine macht, die bisher keinen Grund zum Laufen sahen. Er erwähnte „die Doppelgesichtigkeit des Menschen“ und gab sich halb als Geschichtsfatalist, angeblich kleingehalten von einem Mandat, mit dem man von der Geschichte gar keine Aufträge annehmen kann.


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chinesische geschichte

Sag nicht, wir hätten gar nichts

Madeleine Thien , Anette Grube
Fester Einband: 550 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 04.09.2017
ISBN 9783630875200
Genre: Romane

Rezension:

1966 fielen der Kulturrevolution fünfhundert Klaviere im Konservatorium von Shanghai zum Opfer. Der als Volkserhebung inszenierte Staatsterror zwang Direktor He Lüting (1903 – 1999) auf die Streckbank. Man unterwarf den „bourgeoisen“ Komponisten öffentlich der Folter, um ihn zur Selbstkritik zu ermutigen. Lüting widerstand. Schließlich wurde er in sein Amt zurückgerufen. Davon erzählt Madeleine Thien auf den Umwegen der Fiktionalisierung. Ein Degradierter spielt nachts Schallplatten ab und summt Fragmente von Liedern, die nur noch mündlich und illegal überliefert werden. Seine Tochter, eine Computerkoryphäe, demonstriert Jahrzehnte später auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens und flüchtet nach dem „Zwischenfall vom 4. Juni (1989)“, so die offizielle Sprachregelung, nach Vancouver. Da begegnet AI-Ming dem Kind Marie. In diesem Verhältnis wird sie zur unterweisenden Person.
Thien lässt eine Reihe Hochbegabter in familienförmigen Kolonnen aufmarschieren. Ihre Erzählerin ist die sino-kanadische Mathematikerin Jiang Li-Ling, genannt Marie. Im Alter von zehn wurde sie von einem Doppelschlag des Schicksals getroffen. Ihr Vater, ein dissidenter Pianist, verließ sie und brachte sich dann um. Nun ist sie dreißig und versteht noch immer nicht, was damals geschah. Ein Reiz des Romans ergibt sich aus dem Abstand der Erzählerin zu den Gegenständen der Erzählung. Marie orientiert sich an Charles Dickens – und Godfrey Harold Hardy. Der Zahlentheoretiker sagte einmal: „Ich habe in meinem Leben nie etwas Nützliches getan.“ Thien zitiert ihn mit der Charakterisierung, die Mathematik sei „das Strengste und Unnahbarste“ im kosmischen Angebot. Hardy sprach so über Schönheit.
Maries anglo-kanadische Prägung imprägniert sie. Das chinesische Kriegs- und Revolutionsgeschehen erscheint im Spiegel der zerbrochenen Biografien ihrer Altvorderen phantasmagorisch. Die Metaphorik krampft. Der „abgeschlagene Kopf eines Soldatenjungen auf dem Stadttor“ wird seltsam zum Sinnbild der Einsamkeit.
Die Schlechten setzen die an Babylon heranreichenden Zivilisationserfahrungen in den chinesischen Apparaten gegen die „Reaktionäre“ in Paarungen von organisatorischer Effizienz und Sadismus barbarisch ein. Die Guten sind mit der Bewahrung geistiger Konterbande beschäftigt. Der Treibstoff aller Traditionen und jedes Fortschritts wird unter dem Schorf der ins erweiterte Jetzt geschlagenen Wunden in Sicherheit gehalten. Partituren und andere Aufzeichnungen bleiben wie Schätze verborgen, während Maos Garden „rechtsabweichende“ Intellektuelle malträtieren. „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ liest sich wie eine Fundamentalkritik an Versuchen, die Kulturrevolution als einen Zukunftsmotor der Vergangenheit ins Museum zu stellen.

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