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Mein Leben ohne mich

Jutta Winkelmann
Flexibler Einband
Erschienen bei Weissbooks, 14.11.2016
ISBN 9783863371128
Genre: Romane

Rezension:

Schließlich geht es nur noch darum: wach zu sein mit Schmerzen, die leicht unerträglich werden, oder unterzugehen im Medikamentenschlummer nah der Bewusstlosigkeit.
Das Leben am Rand des Todes geizt sogar mit Illusionen. Jutta Winkelmann notiert ihre letzten Reinfälle in der Folge vorsichtiger Hoffnungen. Tumore greifen die Autorin an, ihr zerstörtes Rückgrat wurde mit Zement geflickt. Der sarkomen Gier entreißt Jutta eine Geschichte vom wilden Tier Tod.

James Hetfield bemerkt in einem Interview, er würde sich nirgendwo auf der Welt so lebendig fühlen wie im Wald angesichts einer frischen Strecke. Der Vorgang des Tötens und der Anblick des Getöteten verpassen seiner Befriedigung einen Klimax mit dem Potential einer Katharsis. Um es verschraubter als Hetfield zu sagen: Vielleicht deklarieren wir eine humane Konstante als Atavismus, um uns zu blenden. Kommt es knüppeldick, zeigt sich im Überlebenswillen auch der Veganer ein merkwürdiger Stolz. Der Stolz, andere überlebt zu haben. So stellt sich auf dem Vorhof die Frage, wen könnte man denn noch? Unter dem Druck andauernder Erpressungen, wie sie in den Banditendiktaturen der Knochenfresser üblich sind, klärt sich das Bewusstsein bis zum Wahnsinn - und so stellt Jutta Winkelmann mit geringem Lustgewinn (bei gleichzeitiger Trauer) fest, dass Bommi Baumann vor ihr gehen musste. Und jetzt auch noch Leonard Cohen, der dem Schmerzbuch ein Motto stiftet. Bloß Bob, mit dem Jutta in der Zeit des vollen Glanzes eine Woodstockvoodooséance, die das kosmische Gleichgewicht erschütterte, Sterne in Trance versetzte und Jahwe mit Shiva versöhnte, in der Küche von Dennis Hopper oder Kris Kristofferson abhielt, macht einen auf unsterblich. Am Morgen nach der spirituellen Himmelfahrt flog Jutta into the great wide open. Auf Sardinien landete sie mit Rainer Langhans im Bett. Rainer wollte Energie sparen, Jutta empörte sich: Dafür habe ich Bob Dylan verlassen.
Zeit ihres Lebens kämpft Jutta mit Zwillingsschwester Gisela verh. Getty um ein Leben, in dem Selbstbestimmung und Einzigartigkeit Hochzeit feiern. Niemand konnte ihr bisher erklären, dass kein Mensch so einzigartig frei ist wie sie es wohl für möglich hält. Erst die Krankheit individualisiert sie total, wie schrecklich ist das denn.
Eine, die sich immer zurückgestumpt fühlte, will wenigstens mit dem tödlichsten Schmerz in die erste Reihe der Aufmerksamkeit. Mit Heilerwartungen soll in Indien transzendiert werden, Christa Ritter und Brigitte Streubel erweitern die Reisegesellschaft. Ein Knie, zeigt wie kompliziert es sein kann. Es ist kein Knie von Jutta.
“Innerlich rase ich. Dann bricht es heraus. Im Blog komme ich kaum vor, nicht der Anlass der Reise, nicht, dass ich ihnen die Reise geschenkt habe, undankbare, narzisstisch gestörte Weiber. Und meine Krebskrankheit verkommt zur Bagatelle. Meine!”
Ich. Meine. Der Schmerz formuliert kein Ich. Er ändert nichts am Zwillingsdilemma. Er nimmt der großen Wut & Enttäuschung nur Schwung.
Die Zwillinge sind Lebensstilpionierinnen und Rainer Langhans ist ihr Zeuge auf einer “Nachtfahrt der Seelen”, die als Reise ins Licht begann. Jutta weiß heute: “Karma is a bitch”. Sie erinnert aber das Ideal ihrer Doppeljugend. Die Zwillinge aus Kassel erlebten sich als Eroberinnen von Inseln und Helden im Sommer der Liebe.
Inzwischen fühlt sich Jutta “daheim auf dem Mörderplaneten”. Auch da bleibt das Private politisch. Jutta treibt das Experiment eines wissenschaftlichen Exhibitionismus’ auf die Spitze. Sie verlangt, dass man zur Kenntnis nimmt, was ihrer Schönheit angetan wurde. Sie ändert schließlich die Erzählweise. Von Cut-up zum Comic - bildhaft versichert sie sich letzter Gewissheiten. Immer wieder zeigt sie Rainer in Prozessen gemeinsamen Widerstands und paralleler Ergebenheit. Er soll mit auf die andere Seite, Jutta will da multimedial weitermachen. Ich warte auf die Nachricht von der ersten Witwerverbrennung.

 

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Rosalie

Berni Mayer
Fester Einband: 270 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 17.11.2016
ISBN 9783832198404
Genre: Romane

Rezension:

Konstantin Wolff, genannt der Schwarze, kehrt zur Beerdigung seines Vaters, einem eingesessenen Gastwirt, in das Dorf seiner Herkunft zurück. Praam liegt an der Schwarzen Laaber. Der Donauzufluss war in besseren Zeiten ein Paradies für Krebse, die es bis auf das Siedlungswappen geschafft haben. Das Fischerviertel erinnert nur dem Namen nach an einen geknickten Erwerbszweig. Doch wird die Gegend heute noch in einer Touristik-Prawda als “Flusslandschaft zum Verlieben” über den grünen Klee verkohlt.
Der Tod des Vaters nötigt den Sohn zu innerer Einkehr. Kindheit und Jugend unter der Fuchtel katholischer Fundamentalisten kommen ihm hoch. Sein Schöpfer, Berni Mayer, lässt ihn zwischen den Polen erste Liebe und Faschismus vorläufige und endgültige Grenzen erreichen.
Konstantin lebt mit einem “permanenten Karfreitaggefühl”. Frei fühlt er sich höchstens unfreiwillig, während seine vorderhand konventionelle Schwester tatsächlich ein schwungvolles, von Selbstbestimmung und ungehemmter Eigenliebe loderndes Leben führt. Sie bestimmt Schauplatz und Gepräge des Leichenschmaus’, Kremess auf bayrisch, der die bucklige Verwandtschaft final zusammenführt, so dass sich die Familienfehden zum letzten Mal personalisieren und die Verödungen ihrer Verläufe ein memorables Datum kriegen. So wie der Vater einst den Tod seines Bruders Alfons mit der letzten Kutschfahrt des Bestatters Hinrainer zu einem bei vielen Gelegenheiten besungenen Schatz des Vorhergegangenen gemacht hat. Nach dem Alfons kam der “Hinrainer nur noch mit dem Leichenwagen”.
Das liest sich richtig als Schnurre, süddeutsch sämig serviert. In Praam nimmt man sich gegenseitig auf die Schippe, man ist sich aus Prinzip nicht grün und legt Wert auf die kleinen Unterschiede. Zu Konstantins Vater kamen die Bauern nicht und nicht die Speichellecker der Großköpfe, der alte Wolff hielt das Schwesternbier und den Schweinsbraten für die Arbeiter im Vorrat. Schwesternbier, da von Nonnen gebraut; die Braumeisterin erschien den Jungen monströs. Damals wohnte der Schwarze in einem schwarzen (Kinder)zimmer, während Praam in das Einzugsgebiet größerer Werke geriet, die ihre Busse ausschwärmen ließen, um die Ärmsten auf dem Land einzusammeln. Plötzlich verdienten Arbeiter mehr als Bauern. Das führte zu Verwerfungen wie zum Beispiel besonders falschen Ehen, unauflösbar geschlossen vom Pfarrer Parzefall, dem Garanten der Gottesfurcht vor Ort.
In diesem Klima verliebt sich Konstantin in eine Halbwaise aus der Großstadt. Die Fremde Rosa legt ein erwachsenes Tempo vor, sie macht den Schwarzen auf Kollisionskurs klar. Ihr Vorsprung reißt eine Lücke in die Gewissheiten des Eingesessenen. Er schludert im Jahr von Tschernobyl vor sich hin, schließlich spricht ein athletischer Großbauernsohn mit den Initialen SS die Vorwitzige treffender an.
Mich erinnert Mayers einseifende Melodik an den frühen Helmut Krausser und an den früh verstorbenen Heiner Link. Mir hätte der kleine Plot von der traurigfrohen Rosieliebe zwischen Wirtshaus und Wasserschloss gereicht, eingedenk des Franzdoblerfazits, dass in jeder bayrischen Bretterbude mehr Leben zu erwarten sei als am Nacktbadestrand von Sylt. Der Autor lässt eine schaurige Vergangenheit, mit vom Hinrainer (Senior) gelieferten Kindersärgen und amtlich angeordneten Abtreibungen (Leibesfruchtwegnahmen) bei aus Kinos und Kirchen weggefangenen, polnischen Zwangsarbeiterinnen die Wände der Gegenwart einreißen. Das moralische Versagen der Gemeinde manifestiert sich im Boykott der Gaststätte Wolff.

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Selbst

Thomas Meinecke
Fester Einband: 472 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.10.2016
ISBN 9783518425480
Genre: Romane

Rezension:

Hoffmann von Fallersleben verstand Texas als Freiheitswort. “Mit der angeborenen und ausgebildeten Begeisterung für das Gute” (Jacob Burckhardt über Schiller) dichtete er: “Hin nach Texas! hin nach Texas! Goldner Stern, du bist der Bote Unsers neuen schönren Lebens”.
In lyrischen Konversationsstücken des Vormärz ging man nach Texas an die frische Luft der Selbstbestimmung. Es gründete sich als Adelsassoziation der Texasverein 1842 mit patriotischen Absichten. Man wollte in Amerika Deutscher bleiben. Freidenker unterzogen da ihre Ideale einem Wirklichkeitscrashtest. Frauen blieben außen vor. Eine gleichwohl nach Bettina von Arnim benannte, auf dem Territorium der Komantschen siedelnde Gemeinschaft überstand kein Jahr der Bewährung. Das erzählt Thomas Meinecke in “Selbst”. Er erwähnt New-Braunfels, Boerne, das an einen Baron Otfried erinnernde Meusebach und Friedrichsburg zum Beispiel deutscher Gründungen. Er spannt die vor Ort oft rasch reduzierte Texasbegeisterung an das Programm der Romantik - und das Zwiegespräch der Geschwister Bettina und Clemens Brentano an das Sexuelle in der französischen Sprache nach Jean-Luc Nancy.
“Semantik und Grammatik des Sexuellen überschneiden sich zwar, sind aber nicht deckungsgleich (in der französischen Sprache)”.
“Die Körper, die im Schriftverkehr der Empfindsamkeit buchstäblich werden, fließen ... in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ... In Texte über.”
Meinecke kontaminiert Abhandlungen und Stenogramme in einem Textsortengemisch. Er schreibt unbefangen Indianer, so eine koloniale Zuschreibung perpetuierend, die Völkermorde in der Sprache vorbereitete. Auf einen Schleuderkurs der Genauigkeit gerät der Autor in Unterscheidungen des biologischen vom sozialen Geschlecht - in Erkundungen “dissidenter Grauzonen zwischen den verabredeten Geschlechtern”. Die Rede ist von einem Lapsus der Zukunft, aber im Augenblick geht noch viel über die Rampe der genauso glücklich wie unglücklich machenden Reduktionen. Glücklich macht, etwas von sich weisen zu können mit einfacher Identitätsbehauptung. Ich bin so easy eine Penisperson ohne Ach und Wenn.
Meinecke hält die Nase seit Jahrzehnten bedächtig im Wind. Er folgt Alexander Kluge in seinen Untersuchungen hybrider und hypertropher Avantgarde-Formate mit ihren Pfadfinder- und Kopierfunktionen. Er registriert die Wirkungen aufgegebener Camp-Begriffe in den Physiognomien der Indienfahrer von Neunzehnhundertsiebzig.
“Nie aufhören, die scheinbaren Identitäten zu differieren, neue Differenzen und Differenzierungen aufzumachen, ihnen nachzugehen, zu neuen Räumen, Zwischenräumen und Zonen vorzudringen, ohne je zu einem Abschluss, zu einer Synthese, zu einem Ziel zu gelangen.”
Meinecke baut einen Cameo-Auftritt aus, bis er es als Thomas in die Romangegenwart geschafft hat. Er entzieht den Angeboten die dogmatischen Hartmacher. Er scheut nicht vor der zeitgenössischen Tennensprache mit ihren pseudo-tribalen Lockrufen zurück. Frauen, die sich auf dem Klo selbst fotografieren, sind seine Expertinnen für Autogynophilie und Selfie Culture. Die Kulturwissenschaftlerin Venus lebt mit der Kunsthistorikerin Eva und der Sexualwissenschaftlerin Genoveva zusammen in Frankfurt am Main. Die Drei sind Subjekte einer brandneuen Überlieferung, in der das Androgyne in die weibliche Richtung gedreht wird. Männer erscheinen als Frauen so wie Frauen als Frauen erscheinen, nur manchmal erscheinen Männer fraulicher. “Frauen sehen nur selten auf jene Weise fraulich aus wie ... Sirius, der auf Schritt und Tritt mit Signorina angeredet wird”.
Venus beschäftigt sich mit dem republikanisch-kommunardischen Kolonisierungseifer, der den Vormärz nach Texas brachte und mit romantischer Radikalität. Die historischen Auslotungen geben der Jetztzeitleiste den Anschein einer verlässlichen Textur.
Das dramatisch hochgefahrene Frankfurter Ostend dient Modestrecken als Kulisse. Männliche Stelen treten hauchdünn, überspannt und von komplexer Dignität als female models auf. Ihre Fleischlosigkeit idealisiert sie. Sie zeichnen sich ab von motzender Architektur, so zweidimensional wie menschenmöglich. Sie machen die (echten) Arbeiter auf der EZB-Baustelle zur Staffage, die Wirklichkeit verkehrend. Ein Liebhaber der Ich-Aktivistinnen sagt: “Fetter Kontrast ... zu der dem Abtransport jüdischer Frankfurter gedient habender Rampe an der ehemaligen Großmarkthalle”, inzwischen hat die Europäische Zentralbank ihr Vollbild mit integrierter Vergangenheit erreicht.
Venus, Eva, Genoveva tanzen im “Robert Johnson” hart an zwei Stadtgrenzen, hart am Main und nicht weit von wo Goethe Ausflüge hin unternahm. Aus der Speisekarte der "Gerbermühle": Willemer, who was a friend of Goethe, first invited Goethe to visit him in 1814 and during this visit Goethe made the acquaintance of Marianne, Willemer’s foster daughter. A close relationship developed between the two of them and this inspired Goethe to further, longer stays in the Gerbermühle.
Sie verkehren im “Margarete” bei den realen Nordendpersönlichkeiten Raffaela und Simon in der “Nichtexistenz der Altstadt”; Margarete als Referenz an die Architektin der Frankfurter Küche Margarete Schütte-Lihotzky.
Nach dem Training ist vor dem Training, in den Erholungsphasen erweitert man den Horizont. Venus trägt vor: The Man Who Made Femen. ... Femen founder Victor Svyatski hand-picked the prettiest ... He was quiete horrible with the girls. Stoya ergänzt: I use my body to make gender-binary-heterosexual-oriented pornography. Die Darstellerin formuliert ein gestandenes Verhältnis zu den Bedingungen des Marktes. Sie setzt ein besonderes Wort ein: denouement - Auflösung. Theatertheoretisch führt Dénouement zur Katharsis, doch wer könnte weiter davon entfernt sein, als eine Ausgebeutete der Industrie.
Immer wieder retardiert “Selbst” in Szenen von Stillstand gebietender Komplexität. Die Freundinnen unterscheiden sich wenig, ihre Erzählungen genügen ihnen selbst so wenig wie ihre Leiblichkeitsbegriffe. Sie entbehren einen Gott namens Lacan, im Brotberuf Schneider, der Rocksäume akkurat oberhalb der Knie so absteckt, dass der Stoff die Beine an der richtigen Stelle “umspielt”. Jede zieht einen Ablasshandel auf, zur Vermeidung der Wahrheit. Ein Trabant des Trios darf etwas Vorbereitendes sagen, um Genoveva die Gelegenheit zu geben, eine schwere Grammatikfrage zu stellen: “Wann verliert von der Norm abweichendes Sexualverhalten seine transgressive Qualität?”

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türkei, philosophie, roman, gott, feminismus

Der Geruch des Paradieses

Elif Shafak , Michaela Grabinger
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 28.09.2016
ISBN 9783036957524
Genre: Romane

Rezension:

Bei dem - von Erscheinungen nicht allein aus dem christlichen Themenkreis heimgesuchten - Görlitzer Schuhmacher Jacob Böhme finden wir den “Feuerschrack, der aufsteiget aus der ängstlichkeit des wassers in die hitze”. Der islamische Kollege wird - gleich dem Schrack - vom Feuer erschaffen. Er heißt Dschinn und zeigt sich nur in äußersten Fällen ausgesuchten Personen. Schrack und Dschinn sind dem Monotheismus inkorporierte Knechte himmlischer Oligarchen aus der Dämonenklasse. Der Besessenheit liefern sie eine milde Form. Eine Entgrenzung mit Rückfahrkarte in die Normalität. Unterdrückte helfen sich mit derart eingreifenden Erzählungen, sie haben die gleichen Funktionen wie gestaltete Träume. In Elif Shafaks jüngstem Roman, “Der Geruch des Paradieses”, ist der Dschinn “das Kind im Nebel”. Es erscheint und verflüchtigt sich ebenso zum Trost wie zur Beunruhigung des Mädchens Peri. Als früh auf ihre Rolle festgelegte Betrachterin des Schauspiels Leben hat die Vierjährige dem Erstickungstod eines Zwillings beigewohnt ohne Alarm zu schlagen. Peri wird einem Exorzisten zugeführt, der sich als Scharlatan der durchsichtigen Art verrät. Sie existiert auf einem familiären Spannungsfeld mit der Sprengkraft bipolarer Störungen. Der Vater ist ein abgesoffener Kemalist, die Mutter ertrotzt im Glauben gesellschaftliche Teilhabe und Achtung. Das Ehepaar erscheint so zerrissen wie die Türkei.
Der Roman profitiert von den Paradoxien einer konservativen Revolution. Shafak nutzt Erzählchancen, wie sie nur Umwälzungen bieten. Eine Gemeinschaft verweigert ihre Emanzipation zugunsten eines religiösen Cocooning - als Reaktion auf Schock und Scham in Konfrontationen mit mehr als einer Moderne seit den letzten osmanischen Zuckungen. Die Türkei startet nun hinter den Markierungen von Atatürk.
Shafak entwirft der Polarität Konstellationen. Peris Brüder loten das Spektrum zwischen Anpassung und Widerstand aus. Einer zahlt für sein Engagement mit Folterhaft und erlebt die Verwandlung zum Zombie als Triumph der Regression. Der andere geht mit geringen Nebenwirkungen zu weit beim Pochen auf männliche Vorrechte.
Die Istanbuler Gegenwart des Geschehens erschöpft sich in einem Tag im Jahr 2016. Der Tag beginnt und endet für die grundsätzlich freudlose Peri mit verstörenden Erlebnissen. Sie wird beraubt und beinah vergewaltigt. Schließlich gerät sie in einen Überfall. In der Zwischenzeit langweilt sich die “Protokollantin schmerzlicher Empfindungen” auf einer Party schwer besorgter Superreicher. Diese Leute halten sich nicht für master of the universe. Sie sehen sich in Abhängigkeiten und Duldungsverhältnissen verstrickt. In der Öffentlichkeit treten sie wie Regierungssprecher auf. Ihre Villen verwandeln sie aber in Tollhäuser der Meinungsfreiheit.
“Ihre Apathie verwandelte sich in Unverfrorenheit, ihr Gemurmel in Gebrüll”.
Zu Wildreisrisotto und Kaviar sehnt sich die Creme nach einer fürsorglichen Diktatur, “Demokratie ist reine Zeit- und Geldverschwendung”. Ein Hellseher behauptet, die Chakren der Türkei seien blockiert. Eine Bombe detoniert in der Nachbarschaft.
Die zweite Erzählachse durchstößt das Jahr von 9/11. Peri studiert in Oxford, verfällt vorübergehend einem charismatischen, seinen Studentinnen gegenüber riskant aufgeschlossenen Dozenten und lebt in engster Verbindung mit der ungezwungenen Shirin und der muslimischen Glaubensaktivistin Mona zusammen. Die Studentinnen erregen sich permanent, sie gehen aufeinander los und wachsen in der Bereitschaft zum Konflikt. In einer Hochburg des Wissens begreift Peri, dass sie und ihre Freundinnen als Angehörige einer gefährlichen Religion wahrgenommen werden. Ob iranisch, ägyptisch oder türkisch: die Differenz zur englischen Mehrheitsgesellschaft bleibt über die Muslima-Zuschreibung hinaus unbeachtet. Peri flieht zurück in die Beschränkungen einer säkularen Oberschichtsexistenz. Sie heiratet, bekommt Zwillinge. Sie variiert und wiederholt das Schicksal ihrer Mutter. In einer späten Offenbarung gesteht sie Shirin ihre Zufriedenheit als Hausfrau. Das ist eine Bankrotterklärung.

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Wie war das für euch?

Judith Enders , Mandy Schulze , Bianca Ely
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Links, Ch, 07.09.2016
ISBN 9783861539162
Genre: Sachbücher

Rezension:

Was wäre gewesen wenn? Wenn es keinen ostdeutschen Anschluss gegeben hätte. Wenn die Hoffnungsüberschüsse der Revolutionäre von Neunundachtzig einer sozialistischen Erneuerung zugeführt worden wären. Man stelle sich die transformierte DDR als einen Hort des Plebiszits (als Lohn einer umsturzbereiten Mündigkeit) - so eigen wie die Schweiz vor. Im kulturellen Dissens der Nachgewachsenen steckt die Schmach vorzeitiger Kapitulation. Die letzte Generation mit Originalostprägung kämpft um ihre Identität. Verliert sie den Kampf um die Deutungshoheit über ihre Geschichte?
Die transgenerationelle Weitergabe ihrer Wiedervereinigungsbauchschmerzen tradiert eine Mentalität, die bald vielleicht nur noch als Abweichung wahrgenommen werden wird. Vielleicht ordnet man sie aber auch Landstrichen zu, dem Protestantismus und anderen Verbundenheiten, in denen sich frühe Anpassungen gegen spätere Forderungen durchsetzen. Ein DDR-Erbe könnte für die letzten in der DDR erzogenen Bundesbürger ein aufgegebenes Erziehungsideal sein. Was für die amerikanischen Vietnamverlierer das Kino war, wo ihre Niederlage in Siege umgedichtet wurde, ist für die letzten echten Ostdeutschen die Erziehungsfront. Auf den Betreuungs- und Ausbildungsschlachtfeldern konnte ihr Staat auftrumpfen. Zweifellos ergab sich so eine weitreichende Selbstverständlichkeit in den Verknüpfungen von Familie und Arbeit. Manches erscheint vorbildlich und wirkt entkrampfend auf westdeutsche Frauen und Paare. Man wird noch feststellen, dass eine größere gesamtdeutsche Familiengründungsbereitschaft im Osten angestoßen wurde. Diesen Ausflug regt eine von Judith Enders, Mandy Schulze und Bianca Ely herausgegebene Anthologie an - “Wie war das für euch? Die Dritte Generation Ost im Gespräch mit ihren Eltern.”
Für die Beiträge, die vom Titel erklärt werden, gibt es ein Rahmenprogramm, in dem es zum Themenkollaps kommt. Offensichtlich versteht sich die “Dritte Generation Ost” als Sammelstelle, Netzwerk und Forum, heißt es doch im Vorwort, sie sei für solche, “die ihre Kindheit in der DDR verbracht haben ... zu einem wichtigen Streitraum und Bezugsrahmen geworden, um die eigene Herkunft zu reflektieren”. Die Initiative “schuf einen Ort zur Selbstvergewisserung”. Solche Assoziationsbehauptungen ploppen auf den gesellschaftlichen Bildschirmen ständig auf, sie transportieren die Verwunderung, dass ein allgemeines Interesse nicht größer ist. Ein Gespräch zwischen der 1973 in Schwerin geborenen Journalistin Lydia Heller und dem älteren Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz liefert dem Reservatcharakter jedweder Lokalisierungen von Selbstvergewisserungen ob im Buch oder in der Kneipe eine Erklärung. Nicht stattgefunden habe “die Auseinandersetzung ... mit der Frage “nach einem ... dritten Weg. Der ist ja in der Wendezeit grundsätzlich abgeschmettert worden. Aber heute stehen wir wieder vor der Frage, ob es nicht einen dritten Weg geben muss, angesichts der Umwelt- und Finanzprobleme”.
Anja Staemmler, Ostberlinerin des Jahrgangs 1982, bekennt von der Generationsfahne gegangen zu sein. “Schließlich kam für viele noch ein weiteres Gefühl dazu: die Scham über unsere ... Herkunft. Mir persönlich war es in den 1990er Jahren wichtig, nicht als Ostdeutsche erkannt zu werden.”
An anderer Stelle: “Die Gegenwart wurde für viele zur andauernden Kränkung.”
In einem die Alterssegregation aufhebenden Briefwechsel zwischen Ingrid Miethe, 1962 in Plauen -, und Bianca Ely, 1979 in Ostberlin geboren, taucht Birgit Rommelspachers Dominanzkulturbegriff auf - “Die Deutung unseres Lebens aus einer Westperspektive”, in der “wir defizitär erscheinen”.
Erziehungswissenschaftlerin Miethe beschwört die 89er-Euphorie: “Wir waren so glücklich ... Aber es blieb nicht unsere Revolution, es kamen die Westparteien mit ihren Vorstellungen.”
Das ist die Lightversion einer Dolchstoßlegende. Übernahme und Ohnmacht bestimmen die Schilderungen, soweit sie Gemeinschaftserfahrungen überliefern. Selbstbehauptung und Eigeninitiative verkoppelt die Veteranin allein mit dem individuellen Lebenslauf: “Ich habe heute eine Position, wie sie nur wenige Wessis - in der Regel unter viel günstigeren Startbedingungen - erreichen. Warum sollte ich diesen Status riskieren, indem ich mich als Ossi oute. Ich wäre ja verrückt, das zu machen!”
Miethe ist “Teil der Dominanzkultur” und ihr eigener Forschungsgegenstand. “Genauso funktiert (es), dass die Angehörigen marginalisierter ... Gruppen versuchen, die Normen der dominanten Gruppen zu imitieren und damit die eigene Identität zu verleugnen.”
Die Autorin will vom Nachwuchs nicht in die Pflicht genommen werden, Ostdeutsche zu sein. Lieber “polstert sie ihre Nische” und lässt sich bitten. Doch bemerkt auch sie immer wieder, dass Identität vor Effizienz kommt und ihr das Ossikuscheln eine Wohligkeit mit Suchtpotential verschafft. Auch Jakob Prings stellt die Differenz zwischen persönlichem Erfolg und einem bedürftigen Selbstgefühl aus. Neunundachtzig “zerfetzte mein Koordinatensystem”. Eine “harmonische Selbigkeit” verbindet er mit dem Geruch “verfeuerter Braunkohle in kalter Winterluft”. Bei ihm ist “wir” ostdeutsch geblieben, in stärksten Formulierungen. Prings bestimmt den Quotienten aus maximaler und minimaler Brennweite mit einem ostdeutschen Objektiv.
Ein Vorwurf kurz vor Verrat verbirgt sich in der Feststellung: Du stellst schon Fragen wie ein besserwisserischer Wessi. Dann wehrt sich eine Autorin, als habe man sie beworfen: “Nach meinem Verständnis bin ich deutlich dichter dran an den Erfahrungen von Irritation, Orientierungslosigkeit und Verwerfungen” als Westdeutsche. Da wird eine vom Mangel geadelte Zugehörigkeit zum Lebensnerv. Wo diese Zugehörigkeit bestritten wird, herrscht Atemnot.
Die schönste Geschichte im Buch gelingt Maike Nedo. “Das Foto” handelt von einem Streit, der aus Unsagbarem im Verhältnis der Tochter zum Vater in einen Himmel der Eltern als verliebtes Paar aufsteigt. Das Foto zeigt junge Leute in dem bedrohten Augenblick äußerster Vorzüglichkeit und Selbstverzückung ... “träumerisch, rebellisch, die Köpfe aneinandergelehnt”. Der Vater entwickelte es in einer geheimen Dunkelkammer. Die Tochter sucht die Dunkelkammer in den lichten Räumen ihrer Erinnerungen.

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In der mittleren Ebene

Frank Jakubzik
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.09.2016
ISBN 9783518127070
Genre: Romane

Rezension:

Googelt man den Titel, entdeckt man in der Umgebung der Verlagsmitteilung drei mittlere Ebenen. 1. “In einer Anwendung mit drei Ebenen enthält die mittlere Ebene die Logik zum Verwalten der Interaktion zwischen der Präsentationsebene und der Datenebene. In der mittleren Ebene wenden Sie ... Validierungsüberprüfungen an. ... In einer Personalanwendung können Sie eine Benutzeroberfläche bereitstellen, die es Mitarbeitern ermöglicht, einen Urlaubsantrag zu senden, Sie müssen jedoch sicherstellen, dass die Urlaubsbilanz eines Mitarbeiters nie kleiner als Null ist.” 2. “Von einer einheitlichen, alle Ebenen überspannenden Neurobiologie des Geistes sind wir ... weit entfernt. Die Kluft zwischen den zellphysiologischen Prozessen auf der einen Seite und der globalen funktionellen Architektur des Gehirns auf der anderen stellt eine große Herausforderung für die Zukunft dar. Neue, viel versprechende Methoden müssen uns den faszinierenden Kosmos auf dieser “mittleren Ebene” erst noch erschließen.” 3. “Das mittlere Management ist in einer “Sandwich-Position” und verbindet auf der mittleren Organisationsebene strategische Spitzenentscheidungen mit ausweichenden Darstellungen von Führung.”
Das passt total zu Jakubziks Nachrichten aus den Unterwelten globaler Angreifer. Die Geschichten verdichten sich zu einem fortlaufenden Text. Im ersten Durchgang nimmt eine Führungskraft Gestalt an. Schiffner-Sender, Deutschland-Chef des IT-Fossils McWorthy, erscheint unverbraucht und kaum abgeschliffen. Mit den aufrauenden Akzentuierungen einer durchschnittlichen Eliteausstattung zog er an der Konkurrenz vorbei. Ein resümierendes Ich erkennt: Nach oben gelangt nur, wer frei dreht und sich selbst nicht (vor) führen lässt.
Ob das stimmt? Der Erzähler verfolgt den nachhinkenden Ingenieur Kessler, der in lauter Abwägungen (der eigenen Chancen bei McWorthy) Schiffner-Sender zur Sprache bringt. Kessler verweigert sich jedenfalls den Tamtam-Akquisen und dem “idiotenbasierten” Intuitionsboogiewoogie. Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. Im “blanken Rausch der Nüchternheit” will Kessler kalt wie ein Stern sein.
Bereits in dieser frühen Homo-faber-Studie gibt sich ein Motiv zu erkennen, dem der Band Beispiele liefert. Jakubzik reizt ein Spiel mit Abbildern. Eine flachgetretene Ikonografie in Kalenderblattklischeemanier entzieht dem Fluid einer Autofahrt, die ein Erfolgreicher (Kessler) im Kapitalismus als sinnstiftende Belohnung erlebt, vitale Dimensionen.
Bald dreht sich das Geschehen direkt um Schiffner-Sender, für das waltende Ich “der (jederzeit abrufbare) Gott meines gegenwärtigen Universums”. Der Erzähler möchte mit Gott Schlitten fahren. Ihn vor einer Kamera lenken zu dürfen, reicht für einen Rausch. “Das Machtgefühl in mir ist so stark ... daß ich momentweise meine, die ganze Welt zu dirigieren.” Zugleich kackt die Angst mit, aus der Position eines preferred suppliers gekegelt zu werden, weil die Anmaßung durch die Subalternendunstabzugshaube nicht einfach verschwindet. Hinter der Anordnung scheint sehr schön skizziert die Frankfurter Skyline im Zentrum einer Wohlstandssteppe (der Rheinmainebene) auf.
Viele Vorgänge wirken so flach wie ihre Images. Zugleich vernimmt man das Rülpsen und Schmatzen und den Verdauungslärm des Kapitalismus, der ungestört die Realität frisst.
Dem diffundierenden Ich fallen die kernigen Kinnzentralen von Taxifahrern auf. Es setzt das Virilitätssignal in ein ordnendes Verhältnis zum Status; so als fletzten sich da ein paar Neandertaler oder anders fundamentalistisch Abgehängte am Saum der mütterlichen Normalität, die für sie nichts übrig hat außer Kennzeichen der Deklassierung. Der Erzähler bestimmt die Koordinaten der gesellschaftlichen Mittellage, er rückt die Plattform in Uterusnähe. Jacketts werfen “nachdenkliche Falten. Ein Lächeln “zahnt”. In “wetterleuchtenden” Angestelltenkörpern arbeitet aggressiv und ängstlich der Wunsch, aus der Arbeitsanspannung heraus zu kommen. Die Entriegelung muss von einem Gremium genehmigt werden, dem Scham als eine andere Schiffner-Sender vorsteht. Jeder Analverkehr wird zum Meeting hochgejazzt. Wer nicht immer im Dienst ist, kann gleich ganz zuhause bleiben.

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44 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

japan, drittes reich, kino, ns-zeit, berlin

Die Toten

Christian Kracht
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.09.2016
ISBN 9783462045543
Genre: Romane

Rezension:

He had often said to me: I am not long for this world, and I had thought his words idle. So beginnt “Dubliner” als Schleuse über dem “Ulysses”. Ich sage noch einmal ein Wort, das das Unbegreifliche in den Griff zu kriegen versprach: stream of consciousness. Dubliner ist wie ein Dorf über dem Strom, die Bewohner versagen sich des Lebens Fülle zugunsten der Konventionen. Sie gehören der Gesellschaft, alle geben ihr Bestes in katholischer Folgsamkeit. Alle profitieren vom Programm des Ungelebten in ihren Träumen. James Joyce lässt “Dubliner” enden mit der Novelle “Die Toten”. So heißt nun Christian Krachts jüngster Roman. Gegenwartsflüchtig schwelgt er im Entlegenen. Das Gegenteil passt genauso gut zur Feststellung. Die Prosa taucht in den Farben und Aromen der Kolonialwarenfächer zu Zeiten, da Deutschland seinen Platz an der Sonne suchte.
Das Geschehen gewinnt Lebhaftigkeit mit einem rituellen Selbstmord im Aufschluss der Neunzehnhundertdreißigerjahre - japanisch elegant und konserviert in Zelluloid. Der von einer Geringfügigkeit zum Kappuku Bekehrte, ein Mishima Yukio, soweit es männliche Anmut und militärisches Ansehen betrifft, stirbt als Protagonist einer an Wirklichkeitsnähe nicht zu überbietenden Gewaltdarstellung. Während er sich klassisch entleibt, splattert er/es. Die Szene erinnert an eine Beobachtung von Heiner Müller. Das intensivste Theater des viktorianischen Zeitalters waren Hinrichtungen. Das Publikum parodierte populäre Überseeweisen, nur ersetzte man zum Beispiel “Susanna” mit den Namen der Delinquenten. Man drosch aufeinander ein, da war kein Marsyas, der einen Sieg einfach zu verschenken die Selbstvergessenheit besessen hätte.
Den Suizidporn trägt man Masahiko Amakasu zu, einem Düpierten, der hochrangig (und mit verschwiegenem Irrwitz) in der kaiserlichen Administration Haltung (als Lebenszweck) bewahrt. Der Kulturdezernet liebt Hölderlin, seit sein Vater ihm Heine nahebrachte. Sein Gegenspieler ist ein Schweizer Regisseur ohne Verdienste. Bemerkbar machte sich Emil Nägeli mit einer gemächlichen Geisterschau des Real-Alpinen zwischen Holzscheit, Zopfkranz und Gipfelkreuz. Die Antagonisten erkennen sich in einer Geste der Abwehr, die transkontinental von den todessehnsüchtigen Nationen Deutschland und Japan zur Staatsräson erhoben wurde. Sie sind Kombattanten in einem Kulturkampf gegen das Supremat der amerikanischen Filmindustrie.
*
1643 schildert Miyamoto Musashi seinen Weg der Kampfkunst so aus, dass man ihm folgen kann. Er bezeichnet den Weg als Zwei Schwerter-Schule. In einer Einführung berichtet er von seinem ersten Treffen mit dreizehn. Es versteht sich, dass er dabei den Sieg davon trug. Miyamoto Musashi bleibt bis zum Ende seines Lebens unbezwungen, er ist noch keine dreißig als ihm das verdächtig wird. Fast geringschätzig spricht er von seiner Begabung. Er sucht “den wahren Weg der Kampfkunst” als einer grundsätzlich überpersönlichen Angelegenheit. Wahr kann nur sein, was jeder erreichen kann, dessen Bereitschaft sich formen zu lassen, unbegrenzt ist. Diese Position verkörpert Masahiko Amakasu. Emil ist sein falscher Schatten, ein Alimentierter, dessen Genie zur Rechtfertigung diverser Gleichrangigkeitsbehauptungen förmlich herbei gebetet werden muss. Denkt er an den Vater, fällt Emil “das Bouquet von Exkrementen” in einem Pariser Restaurant ein, wo die Familie zu dicht am Abort platziert worden war. Der alte Nägeli nannte Emil so konsequent wie verächtlich Philip mit “nur schlecht als Humor getarnter Grausamkeit”. Der Augenblick eines Aufstiegs koinzidiert mit einem finalen Abstieg. Der Tyrann haucht sein Leben mit einem H aus - H wie Hollywood.
Über Emil bricht Berlin herein. In einem Varieté am Nollendorfplatz begegnet er Alfred Hugenberg, der ihn dem Sagenhaften schmeicheln lässt. Siegfried Kracauer, Leiter des Feuilletons der Frankfurter Zeitung, erscheint mächtig betrunken. Heinz Rühmann quietscht vergnügt, da er als Hugenberg-Mündel zu einem deutschen Charlie Chaplin hochgejazzt werden soll. Eine lunare Episode in einer Berliner Vierundzwanzigstundennacht klärt das Verhältnis von Kino und Politik kurz vor dem Reichstagsbrand. Man sitzt auf gepackten Koffern, Emil reist mit der Verlobten Ida von Üxküll nach Japan, wo Chaplin in den “Gärten des elektrischen Schattens”, so nennen die Japaner das Kino, und auf zig Empfängen dem historischen Augenblick sein mitgenommenes Gesicht leiht. Dies zu bellizistischer Metaphorik. Die Nähe der Kamera zum Maschinengewehr ergibt ein Motiv. Film sei “Schießpulver für die Augen, Kino ist Krieg mit anderen Mitteln ”.

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neapel, freundschaft, italien, armut, bildung

Meine geniale Freundin

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 422 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 29.08.2016
ISBN 9783518425534
Genre: Romane

Rezension:

Im spurlosen Verschwinden erfüllt sich Raffaella Cerullo einen verschleppten Wunsch. Ein ratloser Sohn wendet sich an Mutters beste Freundin. Die Frequentierte steigt sofort in den Kohlenkeller ihrer Erinnerungen, um mit dem Fleiß des Brunnenputzers einen verrußten Fund nach dem nächsten heraufzuholen. So startet die sich verrätselnde Schriftstellerin Elena Ferrante ihre - weltweites Lesefieber auslösende - neapolitanische Saga. Der Anfang dient einer bogenförmig eingespannten Geschichte als Vorsatz wie das Mundstück einem Instrument. Es schafft dem konzentrierten Atem einen Durchgang zum Körper. Die Resonanzqualitäten des Körpers entsprechen der Tiefe im Erzählraum.
Die erste Episode im Souterrain der Ereignisse schält Ferrante aus einem Objekt der Angstlust. Nachbar Don Achille, ein Mann der Camorra, allenfalls bedeutend genug für den Hass und die Hochachtung von Pförtnern und Schustern, erscheint Kindern schrecklich wie Nosferatu. Ihn anzusprechen ist der erzählenden Pförtnerstochter Elena Greco, kurz Lenù, und der von ihr für unwahrscheinlichen Mut und unpassende Intelligenz bewunderte Tochter des Schusters Fernando Cerullo, die vom Vater zuzeiten aus dem Fenster geschmissene, den Armbruch als Sturzfolge belanglos findende Zierlichkeit Raffaella streng verboten.
Alle nennen Raffaella Lina, nur Lenù sagt Lila zu der alle Überflügelnden, von den Eltern jedoch zur Preisgabe ihrer Potentiale Gezwungenen.
Im Fadenkreuz der Referenzen tauchen Vittorio De Sica und Curzio Malaparte auf. Ferrantes “Geniale Freundin” zieht neorealistische Nebelschleppen durch die alte Neustadt Neapel in eine andere Zeit. Der Roman ist auf die “Haut”von Malaparte geschrieben, der Hexenkessel Neapel brodelt bei Ferrante allerdings auf Sparflamme. Es geht immer noch wüst zu in den Armutsquartieren, doch dominiert das Burleske die Schilderungen. Lenù genießt das Glück einer vorzüglichen Anpassung, ihre Entwicklung stößt kaum gegen Gebietsgrenzen. Sie kommt gut an und hat beim Körbe verteilen alle Hände voll zu tun. Die Verehrer werden auf harte Proben gestellt, diktiert von der wenig geliebten Lila. Lilas Verknüpfungen von Gemeinheit und praktischen Erwägungen haben einen Pfiff, der Lenù immer wieder lockt (auch in die Rivalität).
Trotzdem ist die Rückständigkeit auf den Kindheitsschauplätzen so archaisch und poetisch wie ein steinzeitlicher Stammesbetrieb. Auf der Straße herrscht das Faustrecht, in den Familien männliche Willkür und überall fließt das Blut der Rache. Für die Mädchen wird Bildung zur Räuberleiter. Sie stehen in einem von jeder Autorität gebremsten Wettbewerb und unter der Kuratel eines Bezirksmisstrauens gegenüber dem soziale und Geschlechter-Schranken brechenden oder übersteigenden staatlichen Reformwillen im Akut der Neunzehnhundertfünfziger- und sechzigerjahre. Man schneidet die Begabtere von ihren Aufstiegsmöglichkeiten ab und bindet sie fest an das überkommene Patronatswesen. Lila fällt zurück, während die Zweitbeste das Ghetto überwindet. Elena studiert in Pisa und avanciert als Autorin in Turin; von keiner Sehnsucht nach Neapel belastet. Das ist alles schön und gut, auch wenn ein paar Mal zu oft “ein langes Rauschen klang wie ein Seufzer.” Ich konnte den Roman lesen, ohne mir das Ferrante-Fieber einzufangen.

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Mitten im Land

Bastian Asdonk
Fester Einband: 220 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 30.08.2016
ISBN 9783036957463
Genre: Romane

Rezension:

Die Sogwirkung dieses Romans ist enorm. Ich las ihn auf einem Beifahrersitz ohne die geringste Aufmerksamkeit für das Verkehrsgeschehen in unter drei Stunden. Ich war so gebannt, dass ich als Zeuge eines Beinahunfalls ausschied und die schlussendliche Eingabe der Zielstraße als Navigationsgehilfe verweigerte. “Mitten im Land” bringt den Leser vom Kurs seiner zivilen Erwartungen ab. Ein Mann räumt seinen Schreibtisch in der Stadt und bezieht auf dem Land ein Haus, das zufällig auf die Liste seiner Sehnsüchte geraten ist. Was folgt, erzählte zuletzt Juli Zeh breit in “Unterleuten”. Asdonk bringt das Grauen kompakt. Er hält sich mit den Regenbögen am Rand der Katastrophe nie länger auf. Einem gemächlichen, von bäurischen Freiübungen angereicherten, irgendwie auch angeheiterten Start folgt ein Dragsterfinish.
Asdonks aus dem Vertrauten ins Unvertraute stolpernder Erzähler bringt das Haus in Ordnung, er übt Gemüseanbau und Fernsehverzicht. Er fährt sich herunter und findet leicht Ersatz für städtische Anreize am Rand eines Dorfes, das sich anschickt national befreite Zone zu werden - in einem Modus ländlicher Normalität. Die Abkopplung von der Gesellschaft wirkt wie ein Gesellschaftsspiel. Der Bürgermeister nimmt jeden in den Arm, der von den Gassenhauern vor Ort die Gemeindeordnung handfest erklärt bekommen hat. Die Polizeidienststelle ist unterbesetzt, die Beamten sind überfordert. Der Landkreis erstrahlt in Einigkeit. Eine Agitatorin ordnet “aggressives Gebären” an, um die deutsche Art zu erhalten. Eine Schwangere rückt wie eine prämierte Kuh zum Vorbild auf. Der Erzähler lernt dazu, aber nicht schnell genug. Einiges biegt ihm sein Nachbar Franz bei, ein Wunder der Autarkie, geschieden - und geschlagen mit einem Sohn, der viel zu stark ist für einen sonstwo sich verlierenden Geist. Der Erzähler macht eine Supermarktverkäuferin an, die ihm verträumt ins Unterholz folgt und unterwegs frei von jeder Absicht an einer Kette der Gewalt zieht. Die Gewalt überzieht den Erzähler, der sich in einer plausiblen Version umgehend verziehen müsste. Er hat da nichts verloren, wo er den belagerten Siedler markiert. Aber er rückt nicht ab.
Das ist nicht zu verstehen, warum er sich verschanzt, bewaffnet, eingräbt. Anstatt abzufahren. Adonk liefert die Koordinaten des permanenten Ausnahmezustands in einer Geländespielvariante. Der Erzähler verhält sich wie ein hinter feindlichen Linien gelandeter Pilot. Das Wischtelefon zeigt sich balkenlos im Wald. Spitzentechnologie war gestern. Heute wieder Gaskocher.
Der Erzähler verspricht sich Hilfe von biodynamisch-kommunardischen Landwirten. Ein Verein der Friedfertigkeit und Sorgfalt nimmt ihn auf und erscheint zuerst wie ein natürliches Bollwerk vor den faschistischen Verfolgern des Flüchtlings. Noch wehen die Schleier der Verblendung.
Den von Asdonk beklemmend dargestellten braungrünen Zusammenhang bestätigt der Lebenslauf des Grünengründers mit SA-Vergangenheit Baldur Springmann.
https://de.wikipedia.org/wiki/Baldur_Springmann

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Omi

Helmut Kuhn
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 25.08.2016
ISBN 9783627002329
Genre: Romane

Rezension:

Wir saßen vor der Rumbalotte, ein verregneter Nachmittag dampfte im plötzlichen Einfall von Licht. Die Aschenbecher waren abgesoffen. Die Gegend war im Niedergang und im Kommen schon zig Mal gewendet worden. Wir wussten Bescheid. Zuviel war im Grunde jedes Wort, jede Geste, um von einem Gefühl gar nicht erst anzufangen. Wir untergruben uns, wir sind beide als Heranwachsende Gewichtheber gewesen. Deshalb kennen wir uns mit einer Sache aus, da können die meisten nicht mitreden. Ich kenne sonst keinen, der von sich behaupten darf, er habe mit dreizehn fünfundfünfzig Kilo gerissen. Kuhn wollte noch zum Schachboxen, er sagte: “Ich hole meine Oma nach Berlin.”

Nun ist sie da auf dreihundert Seiten in frommer Sprache. “Omi” ist wieder so ein Kuhn’sches Meisterwerk in handwerklicher Vollendung und von nachhaltiger Umgebungslosigkeit. Ich sehe weit und breit keinen Titel in der Nähe von “Omi”. Der Roman folgt idiomatisch und im Rückwärtsgang der Lebensbahn einer sudetendeutschen Greisin, die mit ihrem Enkel sich auf eine Suche nach der verlorenen Zeit begibt. Kuhn nennt sich Holli Umsiedler, die Oma ist Heimatvertriebene. Diesen Teig kann man mit Heiner Müller, Franz Fühmann und Johannes Bobrowski rollen. Umsiedler heißt Einsicht in die Kriegsschuld und Ausstieg aus dem persönlichen Schicksal. Das Gegenteil geschieht im Text. Omi steigt durch Nebelbänke des Jetzt ein in die Verschlußsache Vergangenheit. Einem Stift entgehend, steigt die Seniorin auch zum Enkel ins Auto, wo Sheltie Pit und Marylong sie außerdem erwarten.

In meiner Kindheit waren alte Leute Überlebende des 19. Jahrhunderts. Sie hatten den Steckrübenwinter von neunzehnfünfzehn mitgemacht und das Inflationsgeld von Dreiundzwanzig in Weidenkörben davongetragen. Im Dritten Reich waren sie dann schon zu alt für alles außer Leid gewesen.

Inzwischen ragt das Greisenalter kaum noch in die Vergangenheit, soweit sie nicht in den Gesamtschulen durchgekaut wurde im Wechsel zwischen Faschismus- und Zwangsverwaltungswirtschaftskunde. Omi war eine Braut des Tias um 1940, verliebt, verlobt, verheiratet als braves Mädchen und liebes Frauchen. Der Offizier verzehrte sich ausführlich und verpflichtete sich schlankweg für weitere zehn Jahre in der Wehrmacht. Offenbar gefiel ihm der Krieg besser als die Ehe. Kuhn setzt den Punkt ansatzlos, eine Hand, die man nicht kommen sieht, man muss auf der Höhe sein, um den schönen Ausblick auf diesen psychosozialen Kyffhäuser nicht zu verpassen. Den letzten Offiziersbrief trägt Omi sechzig Jahre im Portemonnaie. Dem Gefallenen folgt August als einfacher Lückenbüßer im Ehestand. Er macht und tut und bleibt ein langes Berufsleben lang maulfaul frei von jeder Verfehlung.

Holli merkt sich das: Opa als zweite Wahl und den Tias als Busengeheimnis. Schauplatz des Betrugs war die osthessische Randerscheinung Fulda, wo einem Flüchtling die Tür aufgehalten wurde einst vom redlichen August. Dass er kein gutes Wort für Omi hatte, steht auf einem anderen Blatt.

Sie bezog sein Bett zwanzig Jahre über den Tod hinaus. Vielleicht lag ihr mehr an ihm als er im Grab lag. Wer weiß so was schon. Omi überlebte ihre jüngeren Schwestern. Dafür schämte sie sich, solange Scham noch eine Rolle spielte. Jetzt geht es nur noch ums Heimwollen als einem Mysterium - “Heimwollen, aber nicht mehr wissen, wo das ist”. Doch noch kennt Omi den Wert von Federbetten, sie “sind ein richtiges Gut” gewesen, solange man Selbstgerupftes verarbeitete ... in der verlorenen Heimat. “ Es ist (ohnehin) nicht mehr das”, was einen einmal paradiesisch frösteln ließ, und ist das nicht gut so, geradezu am besten?

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Der Krieg der Enzyklopädisten

Christopher Gerald Robinson , Gavin Ford Kovite , Gerhard Falkner , Nora Matocza
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.09.2016
ISBN 9783827012166
Genre: Romane

Rezension:

“Come on in!” yelled Lieutenant Watts. “Put the coffee on the table.” He turned to Captain Byrd und Lieutenant Montauk, his replacement.
“That’s Monkey”, he said. “He’s one of the checkpoint kids. Gets your coffee and shawarmas and shit.”
Für die Befreier Bagdads von der Tyrannei ist der Bote ein Affe, für Mohammed Faisal sind amerikanische Soldaten außer Hörweite “Schwuchteln”. Negative Erwartungen auf beiden Seiten. 2004 gerät Mickey Montauk aus der Grunge-Hochburg Seattle in dieses Reizklima. Bis eben war er ein routinierter Abtaucher in künstliche Paradiese und ein als Partykünstler mit dem titelstiftenden Label “Enzyklopädist” originell camouflierter Abschlepper. Nun gibt er den platoon leader in einer von Sprengfallen gepflasterten Gegend. Der Witz in dieser Volte wurde von den Literaturkollaborateuren Kovite & Robinson einer grotesken Wirklichkeit zwischen akademischem Chachacha, Stützpunktlangeweile und schweißtreibenden Ausflügen in M2 Bradley Infantry Fighting - und High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicles abgenommen. Montauk könnte Frisch anspielen, die Autoren reiten den “Faust”: So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz, das Böse nennt, mein eigentliches Element.
Mickey taugt nicht zum Mephisto unserer Tage. In erster Linie ist er korrekt - ein Pfadfinder und Kümmerer. Die von ihm angeregte Scheinehe mit der ein Migrantenschicksal abliefernden Mani Saheli garantiert der versponnen freischwebenden Ex(?)-Freundin seines besten Freundes, dem Bummelstudenten und Co-Enzyklopädisten Halifex Corderoy, genannt Hal, eine von der Armee finanzierte Grundversorgung. Auch im Einsatz möchte Second Lieutenant Montauk bei allem gebotenen, von seinen Männern erwarteten Zynismus die Gerechtigkeit wider den Befreiten nicht ganz aus den Augen verlieren, mit fatalen Folgen für alle Mohammeds der Schawarma-Schwadron.
In einem Fahrzeug, das nach einem verschrammten Krieg-der-Sterne-Raumfrachter (im Besitz des Corellianers Han Solo) Millennium Falke heißt, fährt Montauk auf eine Mine.
Auch in der Heimat regieren die Widersprüche. Hal bezichtigt sich nicht grundlos der Oberflächlichkeit und denkt über die Vorzüge von Boxershorts nach, während seine Aufmerksamkeit das Jahrhundertwerk “Ulysses” verfehlt. Hal verlangt es danach, eine MySpace-Bekanntschaft namens Sylvie aus der Virtualität zu führen. Doch trifft er vorher Tanya, die mit ihm “Kontakt-Impro” macht.
“Der Krieg der Enzyklopädisten” gewinnt den Leser in Darstellungen von Gleichzeitig- und Ungleichzeitigkeiten. Dem Tod und der Gefahr im Irak gegenüber steht die öde Dependenz an den Rechnern in den Vereinigten Staaten. Es gibt keine Lösung von der Banalität einer Existenz, die im Konsum einbricht. Aus der Krise (egal welcher) kriecht kein Existenzialismus als rettender Gedankenwurm. Die zum Bildschirm verflachte Welt flackert nur noch in der Ungleichzeitigkeit von technischem Overkill und gedimmtem Bewusstsein. Im Sturm der Maschinenevolution baut jedermann ab. Er kapituliert in der Regression. Was ein Zwölfjähriger nicht begreifen kann, das lässt sich keinem Erwachsenen befehlen und damit kann man auch niemand animieren.
Der Roman versammelt Wikipedia-Einträge, grafisch aufgesetzt und den Text durchbrechend vermutlich nur als Modernitätszeichen. Man liest eine um Mani kreisende, leicht vorhersehbare Dreiecksgeschichte. Die Tochter iranischer Einwanderer ist Mohammed in begehrenswert - ein Schawarma-Babe. Sie nimmt künstlerische Anläufe, die ein weitreichendes Orientierungsdesaster verschleiern. Alles scheint dazu geeignet, aus ihr eine Zerrissene zu machen (oder ihre Zerrissenheit zu spiegeln). Das wird schließlich monoton, das Buch ist zu lang. Die Autoren haben eine gute Geschichte einem langen Atem geopfert.

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Das Modell

Jan Kuhlbrodt
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei Edition Nautilus, 24.08.2016
ISBN 9783960540144
Genre: Romane

Rezension:

Der Erzähler erinnert an Gestalten der Siebziger. Sie schoben ihre Fahrräder, die einfallslos als Fahrzeuge des alternativen Gegenverkehrs markiert waren. Sie fuselten und rochen wie Schwarzer Krauser, gerade so als würden sie im Tabakbeutel übernachten. Als bekennende Soziallethargiker strebten sie Plätzen der Entschleunigung entgegen. Nie in Gang gekommen, wurde ihnen schnell alles zu viel und zu bunt.
Kuhlbrodts Modellathlet verpatzter Starts heißt Schroth. Er trägt sich immer noch so wie damals als er mit Thilo aus der aufgelassenen DDR nach Frankfurt am Main kam und aus den Aufmunterungen des gestaltungskräftigen Freundes auch da keine Profite schlagen konnte.
Schroth blieb in der Bewunderung des anderen so wie in einem Studium stecken. Sein Metier wurde das Fensterputzen. In der Galerie der Unzulänglichkeitsempfindungen verödet Schroth als Stuhl, auf den sich keiner setzen will. Noch nicht mal das. Noch nicht mal “Inventar, eingewachsen” in stützende, das mühsame Überleben des Indolenten garantierende Verhältnisse, wie sie jeder Parasit sucht. Die Wirte sehen dem Desaster der negativen Selektion mit zunehmender Verunglimpfslust und -wut zu. Das wird schön herausgespielt in bloßen Anspielungen: das zunächst und lange Pendelnde und dann sich Aufschaukelnde, bevor die Furien durchstarten und dem Elend ein Ende bereiten in erbitterten Schlussakten.
Thilo hatte in Amerika als Künstler Karriere gemacht, er war zurückgekehrt, um sich in Deutschland feiern zu lassen - und wurde erschlagen von einer Skulptur aus eigener Werkstatt, aufgestellt in einem Freilichtmuseum der Industriemoderne, dem Frankfurter Osthafen. Schroth hatte an Schrauben gedreht und so seiner Bedeutungslosigkeit das Verhängnis einer Schuld zugesetzt.
Jetzt lebt Schroth wieder bei der Mutter in Chemnitz, vormals Karl-Marx-Stadt. Er memoriert seine Vergangenheit und spricht auch über die Gegenwart, in der Schroth schon lange sämtliche “Bojen abhanden gekommen (sind), die auf dem Fluss des Lebens Orientierung geboten hätten. Alles fließt, Erinnerungen, Lebensmodelle, defekte Muster.”
Schroths Frankfurt wirkt wie von Laien geschnitzt. Ein paar meiner Lieblingsorte tauchen in Kuhlbrodts Mikroskopie des lieblos addierten Belanglosen förmlich unter. Während für die (gelegentlich zu einem Vergleich herangezogenen) schwachbrüstigen Helden von Wilhelm Genazino der Anblick einer versehrten Plastikgabel in der elementaren Gegenwart einer Kotkugel und eines Taubenkadavers zum bewusstseinserweiternden Ensemble und glücklichen Fund werden kann, verflüchtigen sich Schroths Beobachtungsgewinne wie zum tristen Hohn. Schroth glaubt, dass Kioske in Frankfurt Trinkhallen heißen, so weit weg von jeder Ankunft war der Fremde.

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Mischpoke!

Marcia Zuckermann
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 25.08.2016
ISBN 9783627002299
Genre: Romane

Rezension:

Die Erzählerin befindet sich “in medizinischer Untersuchungshaft”. Den hütenden und ordnenden Gewalten der Welt ist sie schon so weit entglitten, dass Hüter und Ordner in ihrem Fall so recht nicht mehr unterscheiden können zwischen delinquent nach Paragraf 96 Absatz 1 und 2 Strafgesetzbuch und dement nach einem langen Leben. Ob sie nun untersucht oder vernommen oder für einen Prozess präpariert wird: so oder so oder so erscheint die Erzählerin mit ihrer greisen Heiterkeit, in dem das Jenseits schon die Bewirtung stellt, anstößig. Auf dem Fluss ihrer Erinnerungen rudert sie zurück in die westpreußische Kindheit der Altvorderen.
“Nur eine schwindsüchtige Sonne stand am Himmel und kämpfte darum, die Eiszapfen zum Weinen zu bringen”, als der Stammhalter im Hause Kohanim seinen von sieben Töchtern eingekesselten Vater mit dem Tod betrügt. Er schleicht sich davon im Eifer der Gründerzeit und weiht im Abgang die Familie dem Untergang.
Man muss sich nicht einlesen. In diesem Roman ist sofort alles da, in Renaissancefarben, die glücklich machen wie synästhetische Wirkungen. Der bedächtig stürmende Neuerer Samuel Kohanim missbilligt zwar jüdische Traditionen, muss ihre Andachten aber aushalten in der Konsequenz häuslicher Machtverhältnisse. Er ist Pantoffelpascha, entrechtet von einem Harem, das jiddisch jodelt, da es jung ist, und in der Überordnung grimmig grau wie ein erloschener Vulkan in der Gestalt von Samuels Frau Mindel mit der bloßen Erscheinung Furore macht. Wörter, die ihrer Bedeutung phonetisch nahestehen, wie japsen, glucksen und gurgeln schäumen den Text auf und verwandeln ihn zu einer Ferne jedweder satzbauamtlicher Frigidität. Dieser Roman ist ein Fest, seine Erzählerin spannt der Fantasie einen Bogen nach dem nächsten und schießt damit auf den Trott.
Die Angelegenheiten der Familie Kohanim haben ihre Schauplätze im Landkreis Schwetz, wo sich “Deutsche, Polen, Kaschuben und Juden” voneinander scheiden in allen Tonfällen des Lebens. Jede polnische Küchenmagd fühlt sich von ihrer Herkunft erhoben im Vergleich zu den in jeder Hinsicht uneinigen jüdischen Gemeindemitgliedern.
Es gibt immer eine, die gesegnet ist, weil Gott an ihrem Geburtstag seine Spendierhosen trug. Hier heißt sie Franziska, genannt Fränze, und auch ihr erster Verehrer, der Opern komponierende und am Flügel überfliegende Klavierstimmerlehrling Zwölffinger-Max kann sich höchstens wegen außerordentlicher Hässlichkeit beschweren. Was solls, im Spiegel seiner Augen brüstet Franziska. Max ist in Berlin schon lange angekommen, als Franziska in der Rolle eines Kindermädchens ihrer Schwester Fanny nachtrudelt. Schwanger wird sie von einem “Schmock”, der vor ihr eine andere Kohanim angrub. Dieser ungemein zweifelhafte Willy stürzt Franziska in die Schande lediger Mutterschaft. Die Kehrseite der Medaille: die Kohanims haben eine Kohanim zum Erhalt des Namens.
Ich finde diesen Erzähleinfall, wie biografisch auch immer erbeutet er sein mag, rasant. Die gefallene Fränze verschafft der Mischpoke eine Zukunft, muss selbst jedoch nachträglich und drittklassig mit ihrem Stecher zwangsverheiratet im brandroten “Weddinger Lumpenproletariat” sich zurechtfinden - “mit der dramatischen Würde einer gestürzten Königin”. Warum nicht auch mit der verblichenen Grandezza einer im Istanbuler Exil zur Trottoirschwalbe heruntergekommenen russischen Gräfin. Zum Glück macht Willy bald endgültig die Biege, der Witwe hinterlässt er noch einen Benno zur Aufzucht. Indes geht Max als Amerikaner unter die Leute. Mehr steht im Buch, ich rate dringend zur Lektüre.

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unfall, mord, totschlag, to, gerichtsverfahre

Drei Söhne

Helen Garner , Lina Falkner
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.09.2016
ISBN 9783827012692
Genre: Romane

Rezension:

        Am Vatertag 2005 versinkt im Bundesstaat Victoria ein vom Princes Highway abgekommener Commodore, Baujahr 1989, in einer vollgelaufenen Baugrube. Während sich der Fahrer Robert Donald William Farquharson, Jahrgang 1969, retten kann, ertrinken seine drei Söhne Jai, Tyler und Bailey. Unfall oder Mord? Auch ein erweiterter Selbstmord könnte misslungen sein. “Why did Bob Farquharson take an evil turn on that country road?”, fragte ein Journalist im Johnny Cash-Stil. Die Klärung dieser Fragen vor dem höchsten Gericht Victorias dokumentiert Prozessbeobachterin Helen Gardner, nach einer Klappentextbehauptung, in der Manier von Capotes “Kaltblütig”. Gardner zeichnet das Bild eines mit Sertralin vertrauten Teilzeitverstimmten guten Willens, der über seine Verhältnisse geheiratet und dann die Strapazen einer übertourigen Existenz wohl nur durchgestanden hatte. Ihn sprengte der Rahmen eines tendenziell unterdurchschnittlichen Lebenszuschnitts. Schließlich wurde er seiner Frau Cindy zu fad, sie tauschte ihn gegen einen virilen Superchristen aus und retournierte Farquharson zum verwitweten Vater ein paar Häuser die Straße rauf oder runter, je nach Ansicht der Lage. Gardner schildert das so sardonisch oder die Übersetzung von Lina Falkner pointiert das Durchhängende des kleinen Mannes mit dem großen Namen eines schottischen Clans. Farquharson, inzwischen erhielt ihn die Raumpflege, könnte das als Demütigung erlebt und auf Rache gesonnen haben, zumal er den überlegenen Rivalen in seinem Haus leben und in einem Auto fahren sah, dass zum Fundus gemeinsamer Anschaffungen gehörte. Schauplatz der sich anbahnenden Katastrophe ist Winchelsea. Die australische Kleinstadt heißt so nach einer noch kleineren Stadt in der englischen Grafschaft East Sussex. In Winchelsea kennt man Farquharson als antriebsschwach und kinderlieb. Es gibt genug Leute, die ihm glauben, dass er ohnmächtig war, als das Fahrzeug die reguläre Bahn verließ. Er findet Rückhalt vor Gericht nicht nur bei seiner Familie, sondern auch bei Angehörigen seiner Ex-Gattin, die sofort nach der Trennung, wie um einem Omen zu entfliehen, zu ihrem Mädchennamen Gambino zurückkehrte. Zweifellos hatte sie Farquharson gedrängt, einem nicht vorhandenen Ehrgeiz Rechnung zu tragen, etwa mit einer Konzessionsverkaufsunternehmung, die das Paar auf einen Schuldenberg führte. Unten angekommen hatte man geheiratet und einer Familie Raum gegeben. Beim Bau eines größeren Hauses war der Betonarbeiter Stephen Moules reizvoll in Erscheinung getreten: “Betongießen ist dramatisch. Es erfordert Geschick, Schnelligkeit, Kraft und das souveräne Bedienen der Maschinen; und es ist durch und durch ... maskulin, dass jede Frau und jeder kleine Jungen hingerissen sind vor aufgeregter Bewunderung.” 

Na gut, das kann man nur so stehen lassen als Beweis dafür, dass Garner keine Capote ist. Dem analytischen Dünnpfiff zum Trotz lesen sich der Prozessbericht und die Wasserstandsmeldungen aus der Umgebung der Katastrophe flott herunter. Die Trennung des Ehepaars Farquharson vollzog sich harmonisch, der Ausgemusterte durfte seine Kinder so oft sehen wie er wollte und auch ein altes Auto durfte er behalten. Fortan hörten die einen seine Ranküne rumoren. Andere hörten etwas anderes. Am Ort des Grauens verhielt er sich dann untypisch für einen Vater, der den denkbar schwerwiegensten Unfall verursacht hat, doch typisch für einen Untüchtigen. Es gelang ihm, das Naheliegende zu unterbinden und etwas Abwegiges zu forcieren. Sollte in der Reihenfolge mehr Kalkül als Verwirrung gesteckt haben? 

    

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

dbp 2016, njet

Apollokalypse

Gerhard Falkner
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.09.2016
ISBN 9783827013361
Genre: Romane

Rezension:

So zentral wie final ist ein Niederschlag unter den Rankenbögen des S-Bahn-Artdécos am Kottbusser Tor. Der Üble heißt Orhan, ein Drehtürpatient namens Büttner fällt ihm zum Opfer: “Die Psychiatrie hatte mich quasi sterilisiert.” Traumatisiert bis zum Anschlag stürzt sich Büttner nach seiner vordergründigen Genesung mit einer Pistole im Bereit zu Tode.
Den autoaggressiven Ausgang kennzeichnen alle Signalfarben. Das erzählende Ich beansprucht in unsentimental-gravitätischer, jüngeresker, pessimistisch-vitaler Nabelschau einen Denker, nach dessen Auffassung “ein Stoff Sichtbarkeit durch die Form” erhält. “Apollokalypse” konzentriert Facetten einer altbundesrepublikanischen Daseinsform vor vielen Kulissen von Berlin-Kreuzberg bis irgendwo im Nirgendwo von Nevada. Drei Biografien transportieren die Varianten. Die Aberrationen von Autenrieth, Büttner und Pruy greifen wie Zahnräder in den Kettenkranz einer Wohlstandspathologie. Zugleich bilden sie Spielverläufe ab. Von Arbeit im engeren Sinn ist nicht die Rede, zu seinem Glück vermeidet der Autor das Wort, in dem der triviale Erguss erstarrt: Selbstverwirklichung. Darum geht es vehement. Zur Arrondierung der Zwecklücke tritt in erster Linie Isabel auf, süddeutsches Fickfleisch mit den Qualitäten eines Wanderpokals, um kurz dem fatal-nachbetrachtenden, immer eine Spur unappetitlichen Greisenlüster des bejahrten Falkner Lichter anzublasen. Ein paar Mal zu oft werden Waden “stramm” gezogen und “das Glück der deutschen Geburt” ist eine Posaune im Text. Das erzählende Ich changiert bis zu einer Doktor Carola Fleischmann; es erscheint so unbefestigt wie in der Burroughsmatrix. Autenrieth erlebt sich doppelt. Der Teufel begegnet ihm als Modernist, “unsereins ist, wie Sie ja aus dem “Faust” wissen sollten ... immer auf dem neusten Stand”, und als Quartiermacher für “ein Einzimmerapartment in der Unterwelt”. Die Erosionen finden ihren Klimax in dem Wunsch des (in Autenrieths Gestalt) Überlebenden: unsichtbar zu werden. Autenrieth greift das Vorhaben rüstig an und erreicht schließlich Pankow fast schon im Freien vor der Stadt als invisible man.
“Apollokalypse” ist ein wilder Ritt durch das zusammenverrückte Deutschland. Falkner führt jede Menge Protagonisten ein, bloß um sie “im Schatz seines Witzes baden” gehen zu lassen. Er erzählt RAF-Geschichte episodisch wie in einer Illustrierten nach und illustriert mit ihr seinen Autenrieth. Berlin sieht er so: Da “sammelt sich alles, was abgeschafft wurde und worüber die Zeit ... hinweggegangen ist, in den Archiven des Beiseitegeräumten.” Der Autor entdeckt in der Kapitale nicht die Zukunft, sondern den Basar, geschüttelt von “kultureller Grelligkeit”.
Das Abgeschaffte vermehrt sich in der Stadt wie Geziefer unter einem Stein. Auf der basalen Ebene bringt es lauter leicht erregbare Bademeister hervor, koller- und franzbiberköpfig, bollrig, protestbäurisch, auf der anderen Seite Künstler als Mustermänner erschöpfter Wertschöpfung. Nehmen Sie Pruy, diesen ehrgeizigen Scheißer. Falkner leiht ihm den Titel eines “Advokaten des Afters”. “Die morgentliche Redaktionssitzung für Nachrichten aus den Eingeweiden” verlässt er regelmäßig zufrieden. An einem Ufer dieses abortalen Abgrunds verliebt sich Autenrieth in Bilijana, genannt Billy, von Geburt Bulgarin - eine Frau in “Unterhosen ohne Klasse”. Unter “einem zum Platzen fetten” Himmel und auf der Frankfurter Allee schnupft das Paar “weißes Coca-Cola” und tauscht seine Säfte. Seiten später stellt Autenrieth fest: “Am Times Square ... tritt die Welt den Beweis an, dass sie durch Buntheit nicht schöner wird. ... fast alle sind zu dick ... oder ihre Stirn ist zu niedrig, oder sie sind schwanger oder Neger”.
Ein Ekel spricht sich aus, vor dem man sich ekeln kann. Interessanter ist, wie der Berliner Dschungel der Achtziger- und Neunzigerjahre in dieser Retrospektive zur Halde wird - zu einer Deponie der Vergangenheit, in der sich die Gegenwart ausnimmt wie eine Maus am Sockel des Ernst Thälmann-Denkmals an der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg.

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schwabing, townes van zandt, bayern, texas, essay

Ich bin der neue Hilmar und trauriger als Townes

Martin Wimmer
Flexibler Einband: 340 Seiten
Erschienen bei Weissbooks, 01.08.2016
ISBN 9783863371081
Genre: Sonstiges

Rezension:

Zwischen Programm und zerfaserndem Ich - Martin “Texas Tornado” Wimmer, Büroleiter des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann, hat ein orkanartiges Buch geschrieben: “Ich bin der neue Hilmar (Hoffmann) und trauriger als Townes (Van Zandt): Eine Kulturgeschichte der deutsch-texanischen Beziehungen”*

Anfang und Schluss gehen auf das Grundsätzliche. Programmatisch geklärt wird in jedem Fall die Frage, was Bedeutung hat im Leben des Ich-Erzählers. Die Methode seines Vergnügens ist das räumliche und geistige Umherschweifen. Er befestigt es mit einem situationistischen Argument. Es steckt antikapitalistische Opposition im vorsätzlichen Müßiggang. Das wird hervorgehoben - als halbutopische Perspektive. Im Weiteren hält nichts den Erzähler davon ab: vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen. Martin Wimmers Rhapsodie schleudert den Leser auf die Umlaufbahn von Vorlieben (des Erzählers) zwischen bayrischer Kindheit und texanischem Liedgut. Musikalisch an erster Stelle steht Townes Van Zandt, dessen Familie mit der Geschichte des solistischen Sternstaats (lone star state) eng verknüpft ist. 

Der narrative Ablauf wirkt überstürzt, als habe der Autor unter dem Druck einer Frist produziert. Das geht als Manier durch. Wimmers eskapistisches Ich entdeckt eine historisch unmittelbare Nachbarschaft von Bayern und Texas damals auf Pangaea und unterschlägt, dass Hessen in der urkontinentalen Hochzeit mit Texas förmlich zwillingsgleich verschwistert war. Solche Nachlässigkeiten lassen sich nicht feststellen, ohne zum Vorwurf zu werden. 

Was in Frankfurt am Main immer noch unter dem Pflaster Strand ist, ahnt ein Ich im “Exil”. Dessen unspektakuläre Biografie assoziiert sich in der “Kulturgeschichte der deutsch-texanischen Beziehungen” mit den (der Banalität erteilten) Absagen des Außerordentlichen. Außerordentlich erscheint das “Weißer Spargel Fest” in einem Bavarian Inn, mit einem Deutschland geografisch auf der Nordsüdachse abklärenden Biertest. Außerordentlich ist das titelstiftende Wortspiel des mit dem Venus Award nobilitierten Films “One Night In Bang-Cock”. Außerordentlich ist ein Augenblick der Erwartung mit eigenem Vers: “Auf einen Gin-Tonic zu Walon & Rosetti.” Das hieß mal auf einen Castro Cooler zu Ceri Kavaklar und Radu Rosetti. In ihrer Havanna Bar brachten sie die Karibik an den Main. Der Himmel über Frankfurt kehrte im Blau des Kneipenhimmels ein.

“Ich bin der Hilmar” erklärt, “wie blaues Blut und blaue Noten” so wie Cajun und Zydeco zusammenhängen und bei wem Woody Guthrie abgeschrieben hat. Man müsste dem sich selbst abspulenden Text hinterher googlen, um erfundene Bezüge von Aficionado-Trouvaillen zu trennen. Die Plattensammlung des Erzählers könnte als Hauptstützpunkt einer schnellen Eingreiftruppe der mémoire involontaire dienen. Die Sammlungen der anderen bieten sich dem Erzähler als Beispiele für Steigerungsmöglichkeiten in Sphären der Verstiegenheit an; genug ist nicht genug; oder so: “You can write all day and never leave Texas.” Auf Seite 175 gesteht er: “Charaktere, Handlung, Dramaturgie, Spannungsbogen, Happy End, Auflösung, ich langweile mich zu Tode.” 

Auch ist er viel lieber größenwahnsinnig als kleingeistig, dieser Wimmer, den man selbstverständlich nicht mit seinem erzählenden Ich verwechseln darf. 

*Townes Van Zandt war depressiv, daher das “trauriger” im Titel. Hilmar Hoffmann war Frankfurts berühmtester Kulturdezernent, eine auch neben Siegfried Unseld noch eindrucksvolle Erscheinung. 

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neuanfang, störung, südfrankreich, krankheit, thriller

Etwas bleibt immer

Edgar Rai
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.08.2016
ISBN 9783827013040
Genre: Romane

Rezension:

Vielleicht fühlt sich Reichtum wie Unsterblichkeit an. Ist das die Tragik? Dass ein Sterblicher ahnt, wie sich Unsterblichkeit anfühlt? Da man als Reicher sein Leben nicht ausschöpfen kann, ist groß nie groß genug. Nimm Breuers Esmeralda. Das Boot könnte als Notlösung auf den Scheichyachten vor Saint-Tropez Platz nehmen. Es “wiegt fünfzig Tonnen und hat zweitausend PS ... Du startest den Motor, weckst den Riesen aus dem Schlaf.”

Eine Urgewalt gibt sich zu erkennen. An Bord die reichen Breuers und die noch reicheren Wolffs - zwei Ehepaare, die sich wenig zu sagen haben und in tödlicher Konkurrenz und Langeweile zu versperrenden Erscheinungen füreinander werden. Das ist jetzt in Bausch und Bogen gesprochen, nimm Frau Wolff, die macht gar nichts außer ihrem Gatten auf High Heels mit “hündischer” Ergebenheit zu begegnen. Begegnet er ihr, trifft eine andere Urgewalt auf nichts.

Wolffs Stimme heizt “wie Glut unter Asche”. Seine Potenz wirkt lebensgefährlich. Seine Lebensäußerungen sind Machtdemonstrationen. Er will zerstören nach Maßgabe der Anwort auf die Frage: Warum leckt sich der Köter die Klöten?

Das Boot führt eine, salopp formuliert, doppelte Persönlichkeit. Das Krankheitsbild steht auf Seite fünfunddreißig. Nicolas, Nino genannt, verbirgt sich und die mörderisch cholerische Schwarzfahrerin Lola in einem französischen Villenwinkel im Arrondissement Draguignan. Er hütet das Ferienhaus der Breuers, hält so leidenschaftlich wie kompetent den Maschinenpark instand und läuft täglich. Er spricht mit sich, Rais Roman liest sich wie ein Selbstgespräch. Als müsse sich Nino selbst Anweisungen geben, um in Gang und in einem wankelmütigen Gesundheitstakt zu bleiben.

“Du bist am Strand ... dein Rhythmus hat dich gefunden, dein Atem kommt und geht, Reinigung, Gleichmaß, Leere.”

Der Leser denkt, da hat es einer gut an der Côte d’Azur. Breuers haben regelmäßig besseres zu tun, als auf einem glamourösen Grat über Rayol-Canadel-sur-Mer auszuspannen - und Nino ist bis zur Notwendigkeit gern allein. Ich übergehe den Luxus im Kreis der Verbergung. 

Die Subalternen grüßen sich, so kommt Nino zu Silencio, dem American Foxhound der Minijobberin Agueda. Sie reist ab, um einen Sterbenden noch einmal lebend zu sehen. Silencio gerät als Ninos Wegbegleiter unter die Räder einer Touristenkarre. Er wird zusammengeflickt, “doch etwas bleibt immer ... ein bisschen humpelt er, und beim Pinkeln hebt er nicht das Bein, sondern geht leicht in die Hocke, wie die Weibchen es machen”. Plötzlich sind die Breuers da, Bettina B. krault solvent im Gegenstrom ihres angemessen übertrieben großen Beckens. Sie irrt, wenn sie glaubt, Ninos sexuelles Interesse mit ihrem den Wasserspiegel mäßig überragenden Gesäß geweckt zu haben. Das wüste Ding, das sie zur unerhörten Hörigen macht, findet statt mit Lola, die Nino nur im Zustand der Bewusstlosigkeit erträgt. Übrigens heißt die Gegenstromanlage Jet Vogue II. Sie kann massieren und leuchten.

Lola kann man sich als Norma Bates vorstellen, sie bewohnt Nino wie eine unbeherrschte Eigentümerin. Sie lässt ihm deutlich weniger Freiheiten als die Breuers. Während seine legeren Arbeitgeber in Nino so etwas wie einen verspäteten Studenten mit guten Anlagen sehen, erkennt Wolff einen “feigen Schmarotzer”, der sich halbtückisch durchs Leben lümmelt.

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Außer uns spricht niemand über uns

Wilhelm Genazino
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.07.2016
ISBN 9783446252738
Genre: Romane

Rezension:

Inzwischen erinnern Genazinoromane an Gegenstände, die nicht mehr in der Selbstverständlichkeit des Gebrauchs verloren gehen. Ich denke an Einweckgummiringe und an die Klemmen, mit denen Fahrradfahrer ihre Hosenbeine vor der Kette schützten. An die (Familien dynastisch ansprechenden und aufrufenden) Namen von Haushalts- und Eisenwarengeschäften, die nur noch in exotischer Singularität zu finden sind. In der Genazinowelt besteht ein Frankfurtgefühl fort, das gewisse Nachkriegsstimmungen in Fliederfarben zeichnet. Man wird zur Oma vor Sentimentalität. Überhand nimmt das Bedürfnis zu seufzen angesichts der Verluste überall.

Genazinos namenloser Held, wieder ein Kulturwicht mit erodiertem Ehrgeiz und einem beruflichen Unterschlupf beim Radio so wie einer Zubrotgarantie im ruralen Modenschaubetrieb, bemerkt im Stadtdreck ergraute Blaumeisen. Die Beobachtung verknüpft sich mit einer Rasurverletzung des Rundfunksprechers und der unsagbaren Schreibschwäche seiner Mutter. 

Alles verlangt den kleinen Anlauf eines Entschlusses. Der Sprecher muss sich zuerst fassen, bevor er die Flussseite wechseln kann. Die Zögerlichkeit wirkt wie eine Erkennungsmelodie. Genazinos Protagonisten sind Zauderer von jeher. Sie können nichts Großartiges und zucken sogar zurück, wenn in ihrer Nähe jemand großartig zu werden sich anschickt. Dann suchen sie förmlich Deckung. 

Sie sind bedächtig, aber borniert-bedächtig. Genazinos amtierender Observer gleicht einem Obdachlosen mit Wohnung. Er befindet sich auf einer langen Einfahrt. An ihrem Ende wird er angekommen sein “in einem härter werdenden Mangel”. Er leistet sich das Vergnügen, in musealen Räumen die eigene Vergangenheit zu entdecken. Er erinnert sich an “lauter erfolglose Kriegs- und Nachkriegsverlierer”. Man fragt sich, wo die erfolgreichen Nachkriegsverlierer geblieben sind. Eine Pizzeria aus der Gastarbeiterzeit entfesselt Empfindungen, die mit der Tageskarte nichts zu tun haben. Doch hilft kein Tauchgang im Siebzigerjahretank. Die antiken Dinge erscheinen genauso erschöpft wie alte Menschen. Sie sind Spiegelbilder der verlorenen Zeit. 

Der Sprecher lebt seit langem mit einer deutlich jüngeren, beruflich unterforderten  Speditionsangestellten zusammen. Ungenau synchronisiert Genazino die Liebesmüdigkeit des Sprechers mit Carolas Wünschen. Widersprüche hemmen die Folgebereitschaft des Lesers. Da stimmt einiges nicht. Carolas den Rücken komplett abdeckende Tätowierung wird für den Sprecher zur Überraschung. Der Text suggeriert eine unmögliche von jetzt-auf-gleich-Herstellung. Der angeblich paritätischen Unlust zum Trotz lädt Carola den Sprecher zu einem Tittenfick als neuer Spielart und Abschied von der Tranigkeit ein. Sie absolviert einen Marathonlauf ohne Ankündigung und richtigem Training. Kurz gesagt, Genazino schildert Carola als undurchsichtige Totalität mit allen Sehnsüchten einer gewöhnlich alternden Frau. 

Endlich trennt sie sich vom Sprecher, indes an ihm despotisch festhaltend. Carola geht gegen eine schleichende Verwahrlosung vor. Sie schreitet ein und erkennt: “Ich bin dir bei weitem nicht so nah wie deine Gewohnheiten.”

Im nächsten Erzählaugenblick verwandelt sich Carola in eine Abwesende, bis ihr Selbstmord von unserer “verquatschten Fernsehgesellschaft” in den Orkus pietätloser Erörterungen gezogen wird. Das Andenken macht aus ihr eine Alkoholikerin ohne Abitur. In der übertriebenen Missachtung stirbt sie noch einmal, während es dem Sprecher noch einmal gelingt, seinen Untergang aufzuschieben. Als Erfüllungsgehilfe kommt er auf seine Kosten. Jetzt kennt er sein Schicksal. Es heißt Schrulligkeit.  


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Hermann Hesse und Robert Walser

Volker Michels
Flexibler Einband: 104 Seiten
Erschienen bei Edition Faust, 01.05.2016
ISBN 9783945400241
Genre: Sonstiges

Rezension:

  Robert Walser (1878 - 1956) war seinem Wesen nach ein Alimentierter. Der vollen Einsicht sich versperrend, halfen die Geschwister dem Bruder immer wieder wie aus einer vorübergehenden Notlage. Blieb familiäre Fürsorge aus, gestattete die eigene Kraft Walser bloß den Behelf einer Dachkammerexistenz. Das Ende vom Lied war eine Diagnose, die geregelte Versorgung zuließ - eine Unterkunft in einer Heilanstalt - das Krankenhaus als Pension. Da erholte sich der abgehalfterte Lieferant von Zeitungstexten ab 1929. Walser gab das Schreiben auf, machte in Übererfüllung häuslicher Normen angenehm von sich reden und ergab sich seiner Passion, dem weitläufigen Spaziergang.

Hermann Hesse (1877 - 1962) teilte mit Walser Erfahrungen eines verkanteten Anfangs. Volker Michels schreibt: “Beide hatten ... die Schule vorzeitig verlassen”, ihr Bildungseifer war universitätsfern. Die Kollegen nomadisierten eher als zu pomadisieren. Kurz gab es einen parallelen Entwicklungsverlauf, der Walser sein Leben lang zu immer weiter ausholenden, von Ranküne belasteten Vergleichen mit Hesse anregte. Hesse könnte klar gewesen sein, dass Walser der originellere Schriftsteller war. Keine Zielstrebigkeit engt Walsers Wahrnehmung ein. Er versteigt sich im Detail, verehrt Nebensachen, vollbringt Kanzleikunststücke in seinen Mikrogrammen (Alfred Polgar).

Drei Romane entstehen im Augenblick größter Erwartungen in Berlin zwischen 1907 und 1909 - “Geschwister Tanner”, “Der Gehülfe”, “Jakob von Gunten”. Im Weiteren publiziert Walser dreizehn Titel, mit nachlassender Begeisterung der Verleger, so Michels. Schließlich muss der Autor selbst zu Veröffentlichungen überredet werden.

Der Band “Hermann Hesse und Robert Walser” versammelt drei Abhandlungen von Michels und eine Bemerkung von Hesse über Walser, die 1909 im Berliner “Tag” erschien und auf den melancholischen Ton der vergeblichen Werbung gestimmt ist. Hesse weiß, dass Walsers “Freimütigkeit” ein Verhängnis bedeutet. Walser fällt mit dem Freimut aus seiner Zeit und ihm fehlt die Arroganz als Fallschirm.

Zuerst liefert Michels einen biografischen Abriss. Dann ergründet er Hesses Verhältnis zu Walser zumal in den Stadien der Internierung. Schließlich schildert er den Liebenden. Walser unterscheidet grundsätzlich nicht zwischen dem Reiz einer Landschaft und weiblicher Vorzüglichkeit. Was ihn anspricht, stellt er in keiner Hierarchie steil. Er sieht “Mädchen wie klingende Blumen (oder) gedichtete Düfte”. In seiner extremen Durchlässigkeit erscheint Walser besonders modern. Michels spricht über ihn wie man über Peter Handke und Friederike Mayröcker spricht. Das ewig Gegenwärtige, von der Zeit nicht Kompostierte seit Büchners Lenz hat auch in Walser einen Zuträger.

Früh fühlt er sich “vom Leben verneint”, obwohl er in einer eher annehmenden Umgebung seine Sonderrolle sucht. Nach dem vorzeitigen Tod der Eltern nimmt ein älterer Bruder ihn in Obhut. Karl weicht seiner Theater- und Kunstleidenschaft als Kulissenmaler ins Handwerkliche aus, während sich Robert ästhetisch radikalisiert. Erste Gedichte erscheinen im überregional kursierenden Feuilleton. Der Poet folgt dem Bühnenbildner nach Berlin. Karls plötzliches Ansehen im Kreis um Max Reinhardt hilft Robert. Türen öffnen sich, Walther Rathenau, Bruno Cassirer und Samuel Fischer interessieren sich. Die bürgerliche Rendite seines künstlerischen Kapitals kann Walser nicht einstreichen. Er versagt an der Schwelle zum Erfolg und kehrt dem Schauplatz eines vielversprechenden Anfangs den Rücken. In der Schweiz vermindert sich Walser, bis er wie ein Emigrant dasteht und ein Koffer alles aufnimmt, was ihm gehört.

Die Armut paart sich mit kauziger Unbeschwertheit. Walser passt sich seinem verrutschten Leben an, indem er sich eine Narrenkappe aufsetzt. Schleppend kommt in Gang, was Jahre später als Schizophrenie erkannt wird.

Walter Benjamin prägte das Wort von der Schweizer Sprachscham. 1929 kolportiert er in einer Kritik: “Von Arnold Böcklin, seinem Sohn Carlo und Gottfried Keller erzählt man diese Geschichte: Sie saßen eines Tages wie des öfters im Wirtshaus. Ihr Stammtisch war durch die wortkarge, verschlossene Art seiner Zechgenossen seit langem berühmt. Auch diesmal saß die Gesellschaft schweigend beisammen. Da bemerkte, nach Ablauf einer langen Zeit, der junge Böcklin: “Heiß ist's”, und nachdem eine Viertelstunde vergangen war, der ältere: “Und windstill.” Keller seinerseits wartete eine Weile; dann erhob er sich mit den Worten: “Unter Schwätzern will ich nicht trinken.””

Benjamin versteht Walsers Kunst so: “Exzentrischer Witzwort trifft bäurische Sprachscham”. Walser überwindet die Scham, indem er sich in eine “Desperadostimmung” versetzt. “Alles scheint verloren” im “Wortschwall”. Benjamin spricht von Verwahrlosung, Ungeschick und einem “Narrenerbteil”. Jeder “Gedanke”, wie er “daherstolpert, ist ein Tagedieb (und) Strolch”.

Damit erreicht Walser eine Menge, die Masse jedoch nicht. Er lebt mit der Unterstellung, seinen Erfolg eigensinnig zu hintertreiben. Er fühlt sich herausgefordert und angestachelt von Hesses Produktivität. Hesse aber, so Michels, verfolgt Walser weiter mit Wohlwollen und kleinen Gaben. Er zeigt Gönnergröße und übergeht Reprisen des Unmuts, in denen Walser Hesse prellt.

Die Einfachen

können den Geistesschwachen

verwandt sein,

doch ausgeschlossen ist nicht,

dass unter der Schicht,

die die Simplizität bildet,

die ihr Benehmen mildert,

sie schlummern und wachen,

gutmütig und klug zugleich sind.

Lege das nicht rasch zu deinen

Gunsten dir aus, geehrtes Herrlein,

und ob dies hier ein Liedlein

mir ist, verschwendet wurden viele

intelligente Worte schon im Lallen,

das sich [...], um des Napoleons

letzte Seufzer auf Sankt Helena.

Robert Walser, Aus dem Bleistiftgebiet. Mikrogramme aus den Jahren 1924–1925, Band 2: Gedichte und dramatische Szenen.

 

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stadt der lügen, ramita navai

Stadt der Lügen

Ramita Navai , Yamin von Rauch
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 28.06.2016
ISBN 9783036957500
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ramita Navai begegnet dem Ungeheuer Alltag auf den Straßen Teherans

Morteza ist anders. Erniedrigen die Freunde wieder einmal einen Verkehrsteilnehmer, dessen westlich-dekadente Aufmachung eine Protestnote haben könnte, plädiert Morteza für Mäßigung. Das setzt ihn einem furchtbaren Verdacht aus. 

“Du lässt uns dauernd im Stich, Bruder” heißt es. “Stimmt es, was man so hört?”

Morteza gehört zu einer Islam-SA. Basidsch-e Mostaz'afin ist Miliz, Hilfspolizei, paramilitärischer Verband im Geist der iranischen Kulturrevolution. Berauscht von der Macht aus Coltläufen (ungefähr Mao) setzen Heranwachsende die staatliche Kleiderordnung auf Teheraner Straßen terroristisch durch. Sie filzen einen Untergrund, in dem Drogen genommen, Pornos gehandelt und geistliche Würdenträger zu Freiern werden. 

Ramita Navai berichtet davon in ihrer Reportage “Stadt der Lügen - Liebe, Sex und Tod in Teheran”. 

Man glaubt, einen Roman zu lesen, so verdichtet sind die Schilderungen. Doch versammelt der Titel ausschließlich Rechercheresultate. In einer summarischen Betrachtung ergibt sich das Bild einer an allen Ecken und Enden erodierenden Gesellschaft; eines vergiftenden Einflüssen ausgesetzten und nachgebenden Gemeinwesens. Der bürgerliche Widerstand gegen die Theokratie der Mullahs markiert nicht die Hauptkampfzone. Angestrebt werden größere Freiheiten innerhalb einer autoritären Staatsform. 

“Bijan war erleichtert, als er Teheran und die schlechte Luft hinter sich ließ, die seine Augen zum Brennen brachte”. Das altgewordene Straßenkind brettert durch den Staub, hört Rap, hält für “ein herzhaftes Bauerngericht” und bietet der Regierung die Stirn, wo immer sie sich bemerkbar macht. Man widersteht dem feudalen Ungeheuer Staat mit abgedeckten Gewinnen an der Kosmetikfront. Die Schönheitsindustrie boomt. Es gibt eine metrosexuelle Strömung auch für den Macho. Invertierte Kommandanten erklären den Objekten ihrer Begierde die Penetration als Vereinigung mit Gott. Droht eine Razzia, sagt der Polizeichef der Kamarilla seines Quartiers Bescheid. Er hat doch nur die Straßenseite gewechselt und weiß, wo er hingehört, wenn es hart auf hart kommt. Todesurteile werden zur Last für einen Richter, der mit dem Elan des Ruhollah-Musawi-Chomeini-Jüngers Jahrzehnte Dienst tat. Nun stalkt er im Erlösungsfieber den Sohn eines Paares, das er dem Henker überlassen hat.  

Jemand behauptet, Mekka bepilgert zu haben zum Zeichen besonderer Frömmigkeit und war doch nur in Thailand zu den üblichen Tarifen. Zu seiner Verteidigung führt er an, er habe seine sexuellen Wünsche der eigenen Frau nicht zumuten wollen. Eine Scheidung ist für die hintergangene Gattin mit totalem Statusverlust verbunden und kommt deshalb nicht in Frage. 

Religiöse Traditionalisten fühlen sich endlich halbwegs richtig repräsentiert. Ihnen ist alles recht, was dem Westen Schranken setzt. Die Leute leben in ihren Vierteln in wenig permissiven Verhältnissen. Eine Kultur der nachbarschaftlich-familiären Überwachung zwingt alle zur Bigotterie. Standesdünkel und Traditionsbewusstsein treffen reglementierende Verabredungen. Eine alleinstehende, womöglich geschiedene Frau muss sich Bedrängungen erwehren und fände doch nur in einer Ehe wieder einen akzeptierten Rahmen - oder als Prostituierte ausreichendes Einkommen. 

Mich erinnert Navais literarischer Journalismus an Marie-Luise Scherers “Ungeheuer Alltag”. Es wäre naiv anzunehmen, dass in den Hochhöfen der Poesie die Wirklichkeit nicht immer wieder durchbrennen würde. Die Gangster und Straßenkinder in der Stadt der Lügen sind jedenfalls nicht erst seit Charles Dickens weltweit unterwegs. Das sind nicht allein soziale Archetypen, sondern auch poetische.

 

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Warte, bis die Granatapfelbäume blühen

Janet Uyar
Flexibler Einband: 252 Seiten
Erschienen bei Palma Publishing Berlin, 30.11.2015
ISBN 9783945923092
Genre: Romane

Rezension:

Janet Uyar

Warte, bis die Granatapfelbäume blühen

Janet Uyars erster Roman schließt dem Leser Türen zu einer kaum

bekannten Welt auf. Der geografische Ausgangspunkt des Debüts ist

Samandağ, ein Dorf im Süden der Türkei - nahe der syrischen Grenze.

Dort gibt es eine Minderheit, die schlicht „die Christen in den Olivenhainen“

genannt wird.

Diese Minderheit ist griechisch-orthodox, sie separiert sich auch

sprachlich. Die Leute sprechen Arabisch. Ihren ethnischen Ursprung

vermuten sie aber in Griechenland. Sie bilden eine geschlossene Gesellschaft,

in der seit Jahrhunderten gültige Traditionen strikt den Alltag

regeln.

Patriarchalisch ist die Ordnung bis ins Kleinste. Ehen werden innerhalb

der Gemeinschaft geschlossen. Die kulturelle Absonderung reicht

so weit, dass man bereits die gleichfalls christlichen Armenier in der

Nachbarschaft als andersartig wahrnimmt.

Davon erzählt die Autorin auf die lebhafteste Weise. Mitunter schleicht

sich magischer Realismus ein. Doch bleiben die Darstellungen konkret,

Janet Uyar schildert eine Familiengeschichte mit dem Impetus

des Unerhörten.

Der Tod des Ernährers zerreißt die Bande. Die fünfjährige Johanna

kommt mit ihrem Bruder ins Waisenhaus, die jüngeren Kinder bleiben

zunächst bei den Großeltern.

Die junge Witwe geht 1966 als Arbeitsmigrantin nach Deutschland.

Erst nach Jahren der Trennung findet die Familie in Deutschland wieder

zusammen. Die Mutter bleibt in der Spur ihrer Erziehung. Angst

und Fremdheit bestimmen ihren Alltag. Auch ihre Kinder sollen die

Traditionen und Normen der ursprünglichen Heimat höher schätzen

als Einflüsse der deutschen Gegenwart.

Sie erkennt nicht, dass Johanna im Waisenhaus traumatisiert wurde.

Die älteste Tochter reagiert auf mütterliche Forderungen zunächst mit

extremer Anpassung und der Bereitschaft zur Übererfüllung sämtlicher

Erwartungen. Fragen nach der Identität, nach dem vielseitigen

Anderssein, werden vom Tisch gewischt. Die innere Zerrissenheit

zwischen den Kulturen, zwischen Anpassung und Selbstbestimmung,

zwischen Doppelmoral und Verantwortungsbewusstsein, findet kein

Forum der gestaltenden Betrachtung.

Johanna steht allein mit ihrer Fremdheit, den Schuldgefühlen und der

schmerzhaften Distanz zur Mutter so wie zu der Herkunftsfamilie. Ein

Muster prägt sich ihr ein, dass sie gegenüber den eigenen Kindern in

eine Wiederholungsfalle treiben wird.

Janet Uyar gewinnt Erzählkraft in Johannas verzweifelter Suche nach

Identität und Zugehörigkeit. Aufgewachsen in dem Glauben, nicht

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dazuzugehören, weder zu den Türken noch zu den Arabern noch zu den

Griechen und auch nicht zu den Deutschen, fragt sich die Heldin: Wer

bin ich? Wer sind wir? Ist die Heimat des Vaters auch meine Heimat?

Ist alles Schicksal oder hat man sein Leben nicht doch selbst in der

Hand?

Johanna geht einen Weg der Selbstbestimmung. Das selbstbestimmte

Leben, ein Leben ohne Doppelmoral hat seinen Preis. Johanna erlebt

Ausgrenzung in der eigenen Familie. Sie steht nicht mehr im Schutz

der Gemeinschaft, der Umma. Furcht und tiefe Einsamkeit sind Folgen.

Aber auch eine neue Freiheit. Diese Freiheit macht Angst. Johanna

lernt, sie auszuhalten.

Erst der Bruch mit der Herkunftsfamilie, die Auseinandersetzung mit

der Vergangenheit, die Versöhnung mit der eigenen Geschichte, bringt

Klarheit und versöhnt Johanna schließlich mit ihrem biografischen Ursprung.

Warte, bis die Granatapfelbäume blühen vereint mal episch, mal episodisch

Geschichten von vier Generationen, angefangen bei Johannas

Urgroßvater, der 1915 die Vertreibung und den Totenmarsch in die syrische

Wüste überlebte, dem als armenischer Genozid ein historisches

Schattendasein beschieden ist. Die Auswirkungen des Völkermords

wirken bis heute nach.

Jamal Tuschick

Stimmen zum Buch

„Es ist mir klargeworden, dass wir ‚Einheimischen’ bei allem Verständnis

und Einfühlungsvermögen letztlich doch nur eine schwache

Ahnung haben, was eine Integration bedeutet und wie groß das Gepäck

an Erfahrungen aus einem anderen Kulturkreis ist. Das vermittelt zu

haben, ist die große Stärke des Buchs.“

Jutta Szostak, Journalistin

Anfragen

web@palma-publishing.berlin

030 48639166

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reduit, sozialismus, alternativhistorisch, schweiz, krieg

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

Christian Kracht
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 01.06.2010
ISBN 9783423138925
Genre: Romane

Rezension:

Aus dem Regal gefischt - Christian Krachts „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“

Die Welt auf dem Stand von 1917 - Krieg seit 100 Jahren. So liegen die Verhältnisse in Christian Krachts Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“. Zurückzuführen sind sie auf eine Fantasie, die Lenin aus Zürich nie abfahren ließ. Eine Volte der Weltgeschichte wird geografisch verschoben: in die von afrikanischen Truppen gestützte „Schweizerische Sowjetrepublik“, kurz SSR. Das erzählende Ich ist ein schwarz-schweizer Politkommissär. Der Handlungsschwung ergibt sich in der Verfolgung des konterrevolutionären Sanitätsoffizier Brazhinsky. Der Kommissär vermutet den polnischen Renegaten auf dem Weg ins „afrikanisch verwaltete Oberitalien“, aber doch noch im Réduit National, der 1886 ins Werk gesetzten, ab den 1930er Jahren von Henri Guisan und Samuel Gonard als Trutzeinrichtung organisierten eidgenössischen Alpenfestung. Die archaisierte, mit Fabelwesen bevölkerte, animistisch grundierte Romaneinrichtung lädt zur Verhaftung der üblichen Verdächtigen von Conrad bis Orwell ein. Es raunt und dräut bei Kracht. Trotzdem folge ich Krachts Helden gern, der mit Patronengürteln ins Bett geht, synonymblöd vom Pferd aufs Ross in einer Zeile kommt, und leider auch „die Fäuste ballt“.

„Koreanisch“ ist der Regen. Keiner kennt mehr Frieden. Allgemein richtet sich die eidgenössische Hoffnung auf eine Wunderwaffe. Die Schrift schleicht sich davon, während Leibeigenschaft wieder ins gesellschaftliche Bild passt. Ein Linientreuer reitet durch den Schnee, sein Herz schlägt buchstäblich am rechten Fleck. Er gerät an den kleinwüchsigen Kriegsdienstverweigerer Uriel. Erzengelig opfert sich der Kurze für den Gardisten.

Die Anlage im Massiv liegt ständig unter deutschem Feuer. In der Stollensphäre des Réduit gibt der Arzt Brazhinsky sein Bestes. Er besitzt übermenschliche Kräfte, „sein Wille drückte … mir die Waffe aus der Hand“. Brazhinsky bringt den Verfolger ins Grübeln. Am Ende demissioniert der Eidgenosse. „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ könnte aus tausend Funden bloß zusammengesetzt sein - ein Scherz. Meine Zweifel erinnern mich an eine Bemerkung von Reich-Ranicki. Ich fragte ihn, warum er zu der ad hoc-Beurteilung eines Rolf Dieter Brinkmann-Beitrags (in der Berliner Akademie der Künste 1969) nicht bereit gewesen sei. Hätte er gelobt, meinte Reich-Ranicki, wäre mit der Behauptung zu rechnen gewesen, der Text habe sich in fünf Minuten auf dem Klo ergeben. Manche vermutet man eben alle Zeit in Sperenzchenlaune.

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Der Glanzrappe

Robert Olmstead , Jürgen Bauer , Edith Nerke
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 01.10.2011
ISBN 9783423140324
Genre: Romane

Rezension:

Aus der Regal gefischt - Robert Olmsteads „Glanzrappe“

Robey Childs ist vierzehn, als seine Mutter von ihm verlangt, den Vater aus einem Krieg zu holen. Biblisch erscheint der Einstieg. Robey ist ein Allegheny country boy im Jahr 1863. Von der Welt hat er noch nicht mehr gesehen, als die Gehöfte in verwunschener Nachbarschaft. Ein Traum seiner Mutter nimmt ihm die Kindheit und kündigt den Kredit, der einem von vertrauten Verhältnissen eingeräumt wird. Magisches Denken in (beinah) menschenloser Landschaft - der mütterlich-somnambule Aufruf findet sein Echo der Bestätigung in den Worten eines alten Krämers: „Ja, deine Mutter kann so was sehen“. Sie „sieht“, dass „Stonewall“ Jackson, General der Konföderierten, nicht mehr unter den Lebenden weilt - und deshalb die Sache der Rebellen zur verlorenen Sache geworden ist. (Nicht alle glauben, dass „Stonewall“ eine ehrende Belegung ist. In einer Version verewigt der Beiname eine Angriffs- und Beistandsverweigerung.)

Der Krämer gibt der Sendung des Jungen eine Richtung ins Besondere. Er beschenkt ihn, auch wenn die Geschenke als Leihgaben deklariert werden. Er versorgt Robey mit dem Glanzrappen. Das Tier ist Leuten über. Robey reitet dem Ort der Entscheidung entgegen. Er reitet gen Gettysburg, Pennsylvania. Er durchquert traumatisierte Gegenden, in denen selbst die Bäume verstört sind. Er sieht unglaubliche Dinge, mit dem kalten Blick eines kleinen Rednecks. Er verbirgt sich vor Menschenjägern, die aussehen wie Marlon Brando in „Duell am Missouri“, und vor üblen Einzelgängern auf Nebenpfaden, die erst schießen und dann fragen.

Ihm kommt sein Pferd abhanden. Er wird verwundet, gerät in Gefangenschaft. Man verdächtigt ihn der Spionage. Robey bummelt zu einer Schlacht, die Union zieht noch einmal den Kürzeren. Er findet wieder zu seinem Pferd und entdeckt den Vater auf einem Leichenfeld. Noch lebt der Rebell. Robey gewöhnt sich daran, auf Männer zu schießen. Er handelt mit großer Zuversicht. Die Liebe klopft an, sie lässt sich nicht vermeiden. Die Liebe klopft an, sie lässt sich nicht vermeiden. Am Ende führt Robey
eine Schwangere heim. Die Mutter lehnt das Mädchen ab. Es ist auch
nicht von ihrem Sohn schwanger.

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drogen, homosexualität, klassiker, sex, usa

Naked Lunch

William S. Burroughs , James Grauerholz , Barry Miles , Michael Kellner
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 01.06.2011
ISBN 9783499256448
Genre: Romane

Rezension:

Mütterlicherseits stammte er von Robert E. Lee ab, einem
Guerillavirtuosen im konföderierten Generalsrang. William Seward
Burroughs (1914 - 1997) fand in dieser verwandtschaftlichen Beziehung
das Motiv für einen Avatar namens Bill Lee. Protagonisten mit Zügen des
Autors begegnen allen Milieus mit Neugier und Hochmut. Vierzig Jahre
nach meiner ersten Burroughs-Lektüre geht mir auf, in welchem Ausmaß
sich dieser Schriftsteller selbst aristokratisiert hat, vielleicht
mobilisiert von einer sagenhaften Herkunft. (Wie sehr er dem Süden
verhaftet war.) Ich stelle mir Burroughs als einen lebenslang
Alimentierten vor. Seine Leute waren vermögend, der von Gossen und ihren
Typen auf allen Kontinenten faszinierte Spross hatte seinen Kumpanen
immer einen Scheck voraus. Sein Habitus verband sich mit einer
Förmlichkeit, die aus europäischen Vorstellungen von einer
Privatgelehrtenexistenz gewonnen wurden. In den 1940er Jahren geriet er
in Abhängigkeit. Dazu regte ihn Herbert Hunke an, der dem Beat und
seiner Generation ein paar Präambeln der Verkehrsordnung diktierte.
Burroughs Kaltblütigkeit im Verhältnis zur Sucht erscheint mir heute
noch genauso großartig wie als Jugendlicher. Die Folgen blank vor Augen:
setzte er sich den ersten Schuß. Das erzählt „Junkie“. In „Naked Lunch“
lebt Burroughs als Bill Lee nach den Junk-Gesetzen. Der Autor wähnt
sich in einem Zustand äußerster Luzidität. Er erkennt, was die Welt im
Innersten zusammen hält. Der amerikanische Alltagsanschein hält keiner
Prüfung stand, in Burroughs´ Matrix löst sich das Raum-Zeit-Kontinuum
auf. In diesem paranoiden Universum ist alles Lava aus Gier. Bekanntlich
wollten nach Burroughs viele auf die andere Seite durchbrechen: Break
On Through To the Other Side. Freeland heißt der Bezirk in „Naked
Lunch“. Da trifft Alt-Ägyptisches auf humane und semi-humane Hybriden
der Handlungsgegenwart in wabernden Prozessen und mit aztekischen
Zimbelierungen. So lese ich heute das Buch. Einst diente es der
Erweiterung meines Drogenhorizonts. Burroughs stieß als Feldforscher
vor, er experimentierte und analysierte. Er schrieb sich mit
Kapazitäten.

Sein großer Groll galt amerikanischen Behörden: „Und ständig Cops:
aalglatte Bundesstaatencops mit Collegebildung, einstudiert routinierte
Sprüche, elektronische Augen mustern abwägend deinen Wagen ... knurrige
Großstadtbullen, Sheriffs auf dem Land mit weicher Stimme und schwarzem
drohendem Blick aus alten Augen von der Farbe eines verwaschenen grauen
Flanellhemdes“.


Kiffer und Säureköpfe lagen Burroughs nicht. Stumpf fand er den
beatalarmierten Nachwuchs, der lärmend in Sonderzonen eindrang, die bis
dahin gespenstisch stille Refugien genuiner Randgruppen gewesen waren.
Die Abgesonderten der ersten Stunde, die Bestimmung folgt Burroughs‘
biografischer Warte, bewegten sich wie ferngesteuert auf geheimen
Junkrouten, die New York mit New Orleans und Ciudad de México mit Tanger
verbanden. Zumindest suggeriert das der Autor, nicht nur in „Naked
Lunch“. Die Entstehungsgeschichte von „Naked Lunch“ ist ein Roman für
sich, nachzulesen in der „ursprünglichen Fassung“, die bei Nagel &
Kimche vor Jahren erschienen ist. In einem nachträglichen „Protokoll“
behauptete Burroughs, die neunjährige Entstehungsgeschichte seines
eigenen Werks im Delirium verpasst zu haben: „Aber ich habe offenbar
detaillierte Aufzeichnungen ... gemacht“. An einer anderen Stelle wird
die Mystifikation entschleiert. „Wenn ich sage, ich könne mich nicht
erinnern, wie ich „Naked Lunch“ geschrieben habe, ist das natürlich eine
Übertreibung.“ Die Herausgeber James Grauerholz und Barry Miles weisen
auf Verdienste von Allen Ginsberg und Jack Kerouac hin. Die Freunde
überarbeiteten das Manuskript wieder und wieder, vermutlich rangen sie
es Burroughs ab: „Seine finale Form erhielt es aber erst, als Maurice
Girodias im Juni 1959 W.B. mitteilte, er brauche binnen zwei Wochen“
einen druckreifen Text. Der Verleger spekulierte auf den Skandal. Die
vorliegende Ausgabe folgt der Edition, „nach der Olympia Press das Buch
gesetzt“ hat.  


 

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Roter Winter

Annemarie Weber ,
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei AvivA, 05.03.2015
ISBN 9783932338670
Genre: Klassiker

Rezension:


In „Roter Winter“ schickt Annemarie Weber eine Frau in den besten Jahren auf Berliner Ho Chi Minh-Pfade. Sie liefert Szenen einer Ehe


„Roter Winter“ erschien ein Jahr nach „Keiner weiß mehr“. Reich-Ranicki nannte Brinkmanns einzigen Roman 1968 „außerordentlich und obszön“. Der Kritiker begriff „Keiner weiß mehr“ als „Reaktion auf die jahrhundertelange Verketzerung des Eros und der natürlichsten Instinkte des Menschen“.

Während Brinkmann Dinge mit wüsten Namen belegt, bleibt Annemarie Weber mondän in den Betrachtungen dieser Dinge. Beide, Weber und Brinkmann, reagieren fast reflexhaft auf die Revolte von Achtundsechzig als Randfiguren. Brinkmann wird von seiner Gegenwart abgestoßen, Weber (1918 - 1991) ist zu alt, um von den Freiheitsgewinnen einer neuen Zeit durchgreifend zu profitieren. Auch sie verweigert der Obszönität nicht ihr Recht. 
Die Sechziger sind das Jahrzehnt der Werbung. Im Flow des Konsums formuliert der Westen sein Selbstverständnis. Die Sexualität wird zum Rapport bestellt. Was kann sie mehr leisten? Mehr Leistung muss schließlich alles und jeder bringen. Alles muss schneller werden. Geschwindigkeit gleich Fortschritt. Fortschritt gleich Freiheit. Der Mensch bleibt hinter den Maschinen zurück. Er halluziniert seine Entwicklungsfähigkeit im Maschinentempo.
In diesem Furor verlangsamt Annemarie Weber den Lauf der Welt. Ihre Lili Abelssen behält sich einen Ton vor, wie man ihn in den Zwanzigerjahren anschlug. Der Ton macht den Roman geräumig, er lässt Weite, Luft und Wehmut da zu, wo in „Keiner weiß mehr“ Enge, Atemlosigkeit und Hader herrscht. Der Ton macht die Musik, Frau Abelssen ist nicht von schlechten Eltern. Sie ist ein Kind des Feuilletons, von kleiner Form und ziseliertem Betragen. Eine Frau mit Eigenschaften. Von Männern erwartet sie jene Unterhaltung, die sie sich selbst nicht bieten kann. Was sie selbst kann, wird von ihr erledigt. Der Mensch muss wohnen, Lili hat beruflich mit Häusern zu tun. Ehebruch gehört zum Plansoll, deshalb redet man sich den Liebhaber noch lange nicht schön. Schön im Sinne von fähig, ist der Gatte, vormals eben nicht Jungbannführer und im Krieg auch nur Gefreiter; eine bürgerliche Erscheinung. Vorrätig in größeren Formaten, denken Sie an Herrn Huth, Vorgesetzter von Herrn Abelssen von Dreiunddreißig bis Fünfundvierzig.
Ihre Boshaftigkeit steckt Lili den Leuten als Visitenkarte zu, Richard heißt der Ehemann. Der Geliebte heißt Losch. Annemarie Weber schlachtet und verwurstet ihre journalistischen Lustpartien, sie war eine Edelfeder der Frontstadt Berlin. Lili schickt sie zu Modenschauen und wo man sonst hingeht. Losch erklärt ihr: „Die Sex-Revolte ist eine Masche der Kapitalisten. Sex lenkt ab von der Revolution.“
Revolution ist der letzte Schrei, da muss man hin. Das muss man gesehen haben. Richard ist schön und gut, wie gesagt. Aber Losch hat die Aktualitätskompetenz einer Zeitung. Nur als „Sünder“ taugt er wenig. „Aus seiner (erotischen) Unterlegenheit vor Lili (bastelt) er sich eine Tugend.“
Es dauert, bis man den vom Zeitgeist mitgerissenen Wicht deutlich sieht. Die Autorin schaufelt dem Handlungsjetzt ein Grab in der Luft einer Verweigerung. Sie verweigert den Jargon im Augenblick. Ihre Sprache filtert die Aufregungen von Achtundsechzig. Typen wie von Zille gezeichnet, reden in den Parolen der Außerparlamentarischen Opposition.
Kunst als Kontrast – Lili rennt durch die Straßen „zum Schöneberger Rathaus, wo Wasserwerfer in breiten Kolonnen aufgepflanzt“ sind. „Landsknechte der Revolution“ fahren auf Motorrädern in die Polizei. Nicht Losch, Richard begleitet Lili als Herr mit Stock. Er befindet: „Jetzt sind (die Landsknechte) am Platze.“
Nichts altert schneller als Avantgarde. Ich glaube, Truman Capote hat das gesagt. Eine extrem zeitgebundene Sprache hat gegen die Zeit keine Chance. Annemarie Weber liefert einen Beweis dafür, dass man mit hochgebundenen Sprachzöpfen ganz gut über die Runden kommt. „Roter Winter“ atmet noch.

Annemarie Weber, „Roter Winter“, Roman, AvivA, 345 Seiten, 19,90 Euro

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