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16 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 6 Rezensionen

Das Alphabet der Schöpfung

I.L. Callis
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Emons Verlag, 20.09.2018
ISBN 9783740804169
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wenn ihr meinen Blog schon länger verfolgt, wisst ihr, dass ich eigentlich keine Thriller lese. Zu dick, zu unspannend, alles bei den Haaren herbeigezogen – das waren meine bisherigen Erfahrungen mit diesem Genre. Zugegeben, einige interessante Titel habe ich schon gelesen, allerdings waren die mir immer zu gruselig. Doch in meiner aktuellen Lesewut zum Thema Tod und Seele kam mir I. L. Callis‘ Thriller „Das Alphabet der Schöpfung“ gerade recht, denn es geht um nicht weniger als um die Erschaffung von synthetischem Leben, Genveränderungen und die Zukunft der Spezies „Mensch“. Klingt ziemlich hochtrabend? Vielleicht, aber genau das macht diesen Thriller so spannend! Wir lernen Protagonisten Alex an einem normalen Tag bei seiner Arbeit kennen. Er arbeitet als freiberuflicher Journalist und Texter für das MAGAZIN. Doch wirklich Freiheit bei dem, was er schreibt, hat er nicht, und so wird sein bereits fertiger Report zum Elend in Afrika durch eine Tourismus-Spalte mit traumschönen Bildern ersetzt. Glücklicherweise erhält er zeitgleich einen Anruf von seinem alten Freund Max, der einen Gentechnik-Konzern leitet, und erhält das Angebot seines Lebens: Er soll die Arbeit von Phoenix, so der Name des Giganten, in einem Buch zusammenfassen. Klingt spannend, denkt Alex, willigt ein und findet sich bald in einem Alptraum wieder. Die Mitarbeiter von Phoenix scheinen zwar auf den ersten Blick alle sympathisch, doch ihm wird ein Aufpasser an die Seite gestellt, der ihn rund um die Uhr verfolgt und  jeden seiner Schritte überwacht, und bereits am ersten Tag flüstert ihm eine Kollegin die Worte „Wir müssen reden. Phoenix verheimlicht etwas.“ ins Ohr und setzt damit eine Reihe von Ereignissen in Gang, mit denen Alex so nicht gerechnet hätte.

Phoenix – der Wiedergeborene. Der mythische Vogel, der am Ende seines Lebens verbrennt oder stirbt und aus der Asche oder dem verwesenden Leib wieder aufersteht. Warum hatte Max ausgerechnet diesen Namen gewählt?

Dass ich nochmal einen Thriller lese, hätte ich ja nicht gedacht, deshalb bin ich umso glücklicher, I. L. Callis‘ „Das Alphabet der Schöpfung“ gelesen zu haben. Da ich Thrillern gegenüber skeptisch eingestellt bin (wo ist nur mein Lesen außerhalb der Komfortzone Spirit hin?), bin ich nicht komplett neutral an den Text herangegangen, sondern mit einer Erwartungshaltung, dass mir dieses Genre doch eigentlich nicht zusagt. Doch I. L. Callis hat es geschafft, mich vom Gegenteil überzeugen: Während die Charaktere nicht immer ausgefleischt waren und selbst unser Protagonist Alex nicht der Sympathischste ist, hat mich die Story doch sofort in ihren Bann gezogen. Das Unternehmen Phoenix und dessen Forschung ist auch auf Seite 400 noch interessant und glaubwürdig. Auch haben mir die vielen ethischen Aspekte gefallen, die die Charaktere regelmäßig in Grundsatzdiskussionen (bzw. die Ablehnung ebensolcher) stürzen; zu Beginn seiner Recherchen ist Alex fassungslos, was bei Phoenix hinter verschlossenen Türen geschieht. Am Rande erfahren wir noch von zwei Kindern, die sich zu einem Ausflug ins Moor begeben haben, doch nur eines kehrt zurück. Wenige Tage später setzt eine Forensikerin, deren Schicksal wir auch begleiten, alles daran, die Leiche eines im Moor gefundenen Kindes zu identifizieren, und stößt dabei auf DNA-Spuren, die nichts ähneln, was menschlich oder tierisch ist. Und langsam scheinen sich die verschiedenen Erzählstränge zusammenzufügen.

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/thriller-time-das-alphabet-der-schoepfung

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28 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 12 Rezensionen

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Hysteria

Eckhart Nickel
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Piper, 04.09.2018
ISBN 9783492059244
Genre: Romane

Rezension:

Diesen Titel entdeckte ich in der Piper Herbstvorschau und nicht nur das wahnsinnig hübsche Cover (zudem: kein Schutzumschlag! Liebe!), sondern auch der verdammt interessante Klappentext lockten mich so schließlich zu Eckhart Nickels „Hysteria“. Es geht um Bergheim, der auf dem Markt nicht nur seltsame Himbeeren entdeckt, sondern auch ein Kalb, das sich sehr merkwürdig verhält, sich selbst Wunden zufügt, aber kein Blut zutage tritt, sondern scheinbar nur eine weitere Schicht Fleisch. Als er den Blick des Marktverkäufers auffängt, schrillen beim hypersensiblen Bergheim alle Alarmglocken und seine Paranoia erwacht. Er lässt sich am Stand erklären, wie das „Kulinarische Institut“ das Monopol für Lebensmittel hält und erhält einen kleinen Überblick über die Arbeit, die dort verrichtet wird, seine Neugier ist dadurch aber nicht befriedigt. Für eine Führung am Institut begibt Bergheim sich durch einen Wald, der ihm zunehmend bedrohlich erscheint. Irgendwas stimmt nicht, das hat er im Gefühl – und, einmal im Institut angekommen, bestärkt sich dieses Gefühl. Eine alte Geliebte (Charlotte ihr Name) scheint dort zu arbeiten und als weiterer Teilnehmer der Führung hat sich ausgerechnet sein ältester Freund Ansgar ebenfalls angemeldet. Zufälle häufen sich (wieso zeigt man ihm überhaupt so freigiebig das Institut?), und als Bergheim während der Führung, die von seltsamen Schreien begleitet wird, verloren geht, widerfährt ihm etwas Verstörendes. Ob er dem Geheimnis des Instituts noch auf die Schliche kommen kann? Und was hat es mit diesem nicht blutenden Tier auf sich?

Die Natur, die wir in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen wollten, war gerade dabei, sich selbst aufzulösen.

Eckhart Nickels Roman spielt in einer nicht weit entfernten Zukunft, in der das Umweltministerium über die Zeit immer mehr Gesetze gegen den Fleischkonsum und die Ausbeutung unserer Erde erlässt (gut so!), sich allerdings zum totalitären Regime ausbreitet, in dem der Genuss von Alkohol, Drogen, ja sogar Koffein und Teein untersagt ist. Den „Kick“ findet man legal nur noch in sogenannten Aroma-Bars, in denen mit Kräutern angereicherte Säfte und Duftreisen verkauft werden. Auslöser für diese Bewegung waren tatsächlich satirische Arbeiten von Bergheim, Ansgar und Charlotte selbst, die allerdings ernsthafte Anhänger gefunden haben und durch diese den Zugang zur Regierung ermöglicht wurde.

Mit „Hysteria“ zeichnet Eckhart Nickel eine ziemlich unangenehme, bedrückende Dystopie – ohne, dass der Leser zu Beginn wüsste, warum sich alles überhaupt so seltsam anfühlt. Er nimmt uns mit in die Vergangenheit Bergheims und seiner zwei besten Freunde, Ansgar und Charlotte, die während ihrer Studienzeit viel gemeinsam erlebt haben und sich Vorlesungen zu Themen wie dem „spurenlosen Leben“ anhörten. Was zunächst spannend klingt – denn wie könnte man als Mensch jemals wirklich spurenlos leben? – entwickelt sich schnell zum Alptraum, wenn der Leser erfährt, was das Kulinarische Institut dafür für ethische Probleme aufwirft. Doch nicht nur die Thematik von „Hysteria“ ist spannend, sondern auch der Charakter Bergheims an sich: So fürchtet er sich beispielsweise vor der Strahlung des heimischen Stromnetzwerks, stellt sich selbst aber als der „Normale“ hin, denn schließlich gebe es Menschen, die keine Steckdose im Haus unverbunden lassen konnten vor lauer Panik, was aus den „offenen“ Steckdosen alles entweichen konnte. Bergheim legt zudem eine ausgeprägte Paranoia an den Tag, die erschreckende Maße annimmt, nachdem er auf dem Markt das verstörte Kalb sah. Von diesem Zeitpunkt an ist er höchst verunsichert und seine Hypersensibilität nimmt dadurch noch weiter zu. Der Leser kann Bergheim als Erzähler nur eingeschränkt trauen, denn er erzählt von durch seine Hypersensibilität ausgelösten Halluzinationen, einem höchst verstörenden Experiment, wo ihm seine Sinne wieder einen Streich zu spielen scheinen, oder anderen kuriosen Gegebenheiten. Nach und nach ergeben sich jedoch Dinge innerhalb des Instituts, die Bergheim nicht mehr auf seine Kondition schieben kann – und hier beginnt „Hysteria“, nachhaltig zu verstören.

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/eckhart-nickel-hysteria

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Endlos leben

Frédéric Beigbeder , Julia Schoch
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.10.2018
ISBN 9783492059237
Genre: Romane

Rezension:

Ich hatte das Glück, Frédéric Beigbeder auf der Frankfurter Buchmesse bei einem Interview am F.A.Z.-Stand zu sehen, in dem er von seinem neuen Buch „Endlos leben“ erzählte. Zu diesem Zeitpunkt wartete ebendieses bereits daheim auf mich und nach diesem Interview musste ich sofort beginnen, es zu lesen. Beigbeder erzählte, dass es in seinem neusten Buch (eigentlich als „Roman“ betitelt) um die Frage seiner Tochter geht: „Papa, stimmt es, jeder mal stirbt?“ Da er feige sei, habe er dies mit folgendem Satz beantwortet: „Bisher war das so, aber jetzt wird sich etwas daran ändern!“ – und so beginnt Frédéric Beigbeders Reise (oder vielmehr die seines Protagonisten/Alter Egos) um die Welt, zu den fortschrittlichsten Forschungseinrichtungen und zu berühmten Kurhäusern, um alles aufzusaugen und auszuprobieren, was man im heutigen Zeitalter gegen den Erzfeind, den Tod, unternehmen kann. Und Methoden und Forschungsansätze gibt es verdammt viele: vom Transhumanismus (Erweiterung der Lebensdauer durch Technologie) über Genveränderungen bis hin zu der Umkehrung des Altersprozesses. Frédéric Beigbeder schaut sich zusammen mit seiner Familie die verschiedenen Methoden an und fühlt der Wissenschaft gehörig auf den Zahn. Dass er sich dabei immer weiter von seiner Frau entfremdet, merkt er dabei nicht…

"Das Leben ist ein Massaker. Ein Mass murder mit 59 Millionen Toten pro Jahr. […] Es ist mir ein Rätsel, warum Terroristen sich solche Mühe geben, die Statistik aufzubessern: So viele Leute wie Mutter Natur können sie nie umbringen. Die Menschheit wird unter allgemeiner Gleichgültigkeit dezimiert. Wir akzeptieren diesen täglichen Genozid, als handele es sich um einen normalen Prozess."

Dieses Buch ist unglaublich schwer einzuschätzen. Ist es ein Roman, sind alle diese Dinge tatsächlich passiert oder gibt es lediglich kleinere Überschneidungen? Frédéric Beigbeder sagt auf der Buchmesse und auch im Vorwort zu „Endlos leben“, dass es all die erwähnten wissenschaftlichen und auch weniger wissenschaftlichen Methoden zur Lebensverlängerung tatsächlich gibt. Auch scheinen der Protagonist und er einiges gemein zu haben… Doch lassen wir diesen Aspekt einmal offen. Beigbeders „Endlos leben“ liest sich wie ein skurriler Trip durch die abgedrehtesten Neuheiten, die der Verjüngungsmarkt zu bieten hat: Bluttransfusionen mit dem Blut junger Menschen, die Übertragung des eigenen Bewusstseins auf eine Festplatte, eine ganz spezielle Ernährung, die niemandem schmeckt, aber trotzdem den Tod in Schach halten soll… Beigbeder wendet sich jedoch nicht nur der Wissenschaft zu, als Atheist besucht er auch die heiligen Stätten in Jerusalem und nimmt neben einigen Eindrücken der Kultur auch den Wunsch, zu glauben, mit auf seine weiteren Reisen.

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/endlos-leben-fakt-oder-fiktion

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

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Alles, was bleibt

Sue Black , Kathrin Bielfeldt , Jürgen Bürger
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag, 13.09.2018
ISBN 9783832195762
Genre: Sachbücher

Rezension:

In der Herbstvorschau des Dumont Verlags lachte mich dieses Buch sofort an. Dies ist nun eine Weile her, denn ich habe „Alles was bleibt“ von Sue Black eine ganze Weile mit mir herumgetragen und alles in allem ungefähr einen Monat lang daran gelesen. Sue Black ist forensische Anthropologin und befasst sich seit ihrer Jugend mit dem Thema „Tod“. Ausgelöst wird das Ganze durch einen Ferienjob in der Metzgerei. Klingt makaber, hat ihr aber den Weg geebnet zu ihrem Job und ihrer Forschungsarbeit. Denn Sue Black ermittelt nicht nur in kniffligen Fällen, bei denen die Identität der Toten nicht so einfach erfasst werden kann, sondern beschäftigt sich neben ihrem Beruf noch mit allen anderen Aspekten des Todes – sie begegnet ihm auf kultureller, spiritueller, biologischer und allen anderen denkbaren Ebenen und hat dieses wunderbare Buch geschrieben. In „Alles was bleibt“ finden sich jedoch nicht nur Einblicke in die verschiedenen Religionen, Brauchtümer und Kulturen und wie diese mit dem Tod und ihren Toten umgehen, sondern auch mit dem „körperlichen“ Tod: Was passiert mit dem Körper, wenn er stirbt? Wie geht der Verwesungsprozess vonstatten? (Keine Sorge, dieser Abschnitt ist relativ kurz – zum Glück!) Was geschieht mit den Leichnamen? Und wie können Leichen der Wissenschaft dienen? Sue Black sieht dem Tod ins Auge, schafft es, ihre Angst vor ihm abzulegen.

Von diesem Buch sind so unfassbar viele Dinge hängen geblieben und haben einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen, dass es mir wahnsinnig schwer fällt, meine Gedanken zu diesem Buch in Worte zu pressen. Sue Black behandelt in ihrem Lebenswerk alle möglichen Perspektiven und Sichtweisen, außer der einen: Wie kann man dem Tod ein Schnippchen schlagen? Doch da die Autorin den Tod akzeptiert und ihn als gegeben ansieht, würde dieses Kapitel wohl kaum in ihr Buch passen. Sie erzählt in verschiedenen Kapiteln von Todesfällen innerhalb ihrer Familie, wie sie damit umgeht und wie sie es geschafft hat, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Sue Black ist da eher pragmatisch, schafft es, all die Dinge zu organisieren, die nach einem Tod so anfallen: Bestattungsfeier, Habseligkeiten, Erbangelegenheiten… Immer, wenn diese Seite von ihr durchgeschienen ist, fühlte ich einen tiefen Respekt, denn zu diesen Dingen wäre (und war) ich kaum in der Lage.

Lebenserwartungstabellen sind interessant und nützlich, doch sind sie auch gefährlich, denn sie schaffen Vergleichswerte und erzeugen Erwartungen, die möglicherweise nicht erfüllt werden.

Sue Black bringt dem Leser die vielen Gesichter des Todes näher, sie verrät uns aber auch, wie sie zu ihrem Beruf gefunden hat – und das ist ziemlich spannend! In ihrem Studium schneidet sie Leichen auf (wir lernen auch, wie diese am besten konserviert werden, damit sie geschmeidig bleiben) und stellt sich das Leben der Leichname vor ihrem Tod vor. Sie nimmt uns mit auf eine Entdeckungsreise zu den Ursprüngen der Anatomie und der Bestattung. Sue Black geht aber auch Mythen auf den Grund, wie etwa, dass wir durch die ständige Erneuerung der Zellen nach gut einem Jahrzehnt ein völlig neuer Mensch seien (Spoiler: dem ist nicht so). Mit einer Prise schottischen Humors nimmt sie uns auch in ihren Berufsalltag mit, zu den ungelösten Fällen, in denen die tote Person auch nach Jahren nicht identifiziert werden konnte. Wir lernen, welche Methoden es gibt, Leichen zu identifizieren. Sogar Sexualität und Gender spielen eine Rolle in Sue Blacks Beruf: Denn das (biologische, vom sozialen mal ganz abgesehen!) Geschlecht einer Leiche lässt sich unter Umständen nur sehr schwer bestimmen. Diesen Part über die Leichenidentifizierung fand ich persönlich am spannendsten – denn seid ehrlich: Wusstet ihr, dass man anhand eines Haars feststellen kann, in welchen Regionen sich eine Person aufgehalten hat? Oder dass es Suizid-Tourismus gibt? Oder dass es ein Rezept für Menschenblutmarmelade aus dem Jahr 1679 gibt? Oder, ganz skurril: Dass ein Harvard-Professor eine Einheit für sofortige oder kumulative Risiken erfunden hat, den Mikromort (= kleiner Tod)? So hat eine Motorradfahrt beispielsweise mehr Mikromort (10 km = 1 Mikromort), eine Zugfahrt allerdings weniger (10.000 km =Mikromort). Das finde ich äußerst spannend!

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/sue-black-alles-was-bleibt

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

Boy Erased

Garrard Conley , André Hansen
Fester Einband: 335 Seiten
Erschienen bei Secession Verlag für Literatur, 26.02.2018
ISBN 9783906910277
Genre: Biografien

Rezension:

Um Garrard Conleys autobiographische Erzählung „Boy Erased“ bin ich länger herumgeschlichen und war mir nicht ganz sicher, ob ich mir die Thematik zutraue. Vor einer Weile habe ich mich dann getraut und jetzt, einige Zeit nach der Lektüre, habe ich endlich Worte für diese unfassbaren Dinge, die Garrard Conley durchmachen musste. Als Sohn eines Predigers, der streng gläubig erzogen wurde, fällt es Garrard zunehmend schwer, seine homosexuellen Neigungen zu verstecken und sich vor seiner Familie (und vor Gott) zu verstellen. Tag für Tag durchlebt er Angst und Schuldgefühle, denn Gott war ihm bisher doch immer gnädig, wieso lässt er jetzt zu, dass Garrard »unrein« ist, dass seine Gedanken sich mehr und mehr auf Männer anstatt auf Frauen konzentrieren? Während er zu Schulzeiten im behüteten Elternhaus gewissen Situationen ausweichen kann, geht er bald aufs College und lernt dort natürlich einige Männer kennen. Nachdem Garrard Opfer einer Vergewaltigung wird, outet ihn sein Peiniger per Telefon bei seinen Eltern; Garrard wird sofort abgeholt, traut sich nicht, von dem Verbrechen zu sprechen, sieht nur die Schande, die er seiner Familie bringt. Er fühlt sich unrein und ist im Glauben, seine Eltern würden denken, er hätte seinen Vergewaltiger zur Tat angestiftet oder ihn sogar verführt. Doch das alleinige Wissen über seine Homosexualität bricht die Familie fast auseinander, bis der Vater Theapiesitzungen (um Garrards Testosteronwert zu überprüfen) und die Teilnahme bei Love in Action (LIA), einer Konversionstherapie für Homosexuelle, fordert. In „Boy Erased“ schreibt sich der Autor seine Erlebnisse während dieser Therapie von der Seele und arbeitet seine Vergangenheit auf.

Es war unsere Angst vor der Scham, gefolgt von unserer Angst vor der Hölle, die uns wirklich vom Selbstmord abhielt.

Während der Lektüre konnte ich es beinahe nicht fassen, dass derartige Praktiken zur „Umkehrung“ der „falschen“ Sexualität heutzutage noch existieren. Aber Garrard lebte damals im Bible Belt Amerikas, da kann einen nichts mehr überraschen. In einem relativ nüchternen Ton beschreibt er, wie er mit der Religion an seiner Seite aufgezogen wurde, wie Gott ihn stets begleitete – bis er ihn scheinbar verließ. Garrards Leben nimmt nach der Vergewaltigung eine 180°-Wendung und durch die Teilnahme am LIA-Programm ist nichts mehr wie vorher. Zu Beginn der Therapie muss er beispielsweise ein Genogramm seiner Familie erstellen, in dem er „sündiges Verhalten“, Süchte und Abweichungen von der Norm festhält. Anhand diesem Stammbaum soll dann abgelesen werden können, woher seine Neigung stammt. Jeden Tag wird die absurde Therapie fortgesetzt, Homosexualität als „Sucht“ identifiziert, und Garrard ist damals wirklich noch der Überzeugung, dass das, was er fühlt, vielleicht falsch sein kann, dass seine Homosexualität um der Familie willen aus ihm herausgeschnitten werden muss. Doch nach und nach merkt er, dass er sich selbst, seine Persönlichkeit, mehr und mehr zu verlieren scheint, dass er sich auflöst, wenn er bleibt. Ist es das wert, sein Innerstes auszulöschen, damit sein Äußeres zu seinem Glauben, zu seiner Familie passt?

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/garrard-conley-boy-erased

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202 Bibliotheken, 11 Leser, 0 Gruppen, 80 Rezensionen

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NSA - Nationales Sicherheits-Amt

Andreas Eschbach
Fester Einband: 800 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 28.09.2018
ISBN 9783785726259
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Nachdem ich den Klappentext zu Andreas Eschbachs „NSA“ gelesen hatte, war ich neugierig. Als ich dann ein wenig weiterscrollte und sah, dass das Buch knapp 800 Seiten dick ist, bin ich erst einmal zurückgeschreckt. Glücklicherweise habe ich mich trotz der Seitenzahl dazu entschlossen, „NSA“ zu lesen, denn es war spannend bis zur letzten Seite! Es geht um Helene und Eugen, die nach dem ersten Weltkrieg aufwachsen und bereits in der Schule zu spüren bekommen, wie sich Hitler mit seinem Regime langsam an die Macht gelangt. Es beginnt damit, dass die jüdischen Kinder im Unterricht alle hinten sitzen und Rassenkunde Einzug in den Stundenplan hält — und nach und nach alle Juden aus der Umgebung verschwinden. Lettke (Eugen wird stets mit seinem Nachnamen angesprochen) arbeitet mittlerweile beim NSA, dem Nationalen Sicherheits-Amt, und findet Freude daran, Frauen zu vergewaltigen. Durch seine Arbeit mit den Datensätzen des ganzen Reichs durchsucht er die Foren nach regimefeindlichen Äußerungen, sucht diese Frauen dann auf und bietet die Löschung der Daten im Austausch gegen eine „kleine Gefälligkeit“. Währenddessen beginnt Helene sich, für das Programmstricken zu interessieren, eine richtige „Frauenarbeit“, die das Bedienen der Komputer Deutschlands vereinfacht. Da sie ein richtiges Talent hat, wird sie nach ihrer Matura kurzerhand vom NSA eingestellt und hilft nun dabei, Programme zu „stricken“, die versteckte Juden auffinden können. Das kommt ihr ein wenig ungelegen, da sie selbst ihren Geliebten, einen Kriegsflüchtling, im Bauernhof ihrer besten Freundin versteckt. Und so setzt sie alles daran, die Programme so anzupassen, dass der Bauernhof bloß nicht in den Ergebnissen auftaucht. Doch als ihr Lettke an die Seite gestellt wird und die beiden eine furchtbare Entdeckung in den Datenbanken der Amerikaner machen, verkomplizieren sich die Dinge…

Das deutsche Volk ist krank an der Seele und muss gesunden […].

Von Andreas Eschbach habe ich zwar einige Titel im Schrank stehen, aber noch keines gelesen – bis auf „NSA“ jetzt. Und trotz der 800 Seiten, die mich sonst auf Sicherheitsabstand gehalten hätten, bin ich wirklich froh, dass die alternative Geschichte des zweiten Weltkriegs mit ihren „Komputern“, dem Deutschen Forum und den Programmstrickerinnen in meine Welt gelassen habe. Durch die 800 Seiten hat der Autor hier die Möglichkeit, die Geschichte um Lettke und Helene weit zu spinnen und hält so nicht nur einen kurzen Lebensabschnitt beider Charaktere fest, sondern direkt einige Jahre. Als Leser ist man quasi live dabei, wie das Dritte Reich seine schaurige Macht entfaltet und das Leben der Protagonisten und ihrem Umfeld direkt tangiert. Doch obwohl der Krieg wütet, war ich erstaunt, wie wenig direkten Kontakt Helene und Lettke damit hatten – sie erledigen Einkäufe und besuchen ihre Freunde, wobei letzteres bei Lettke durch die „Besuche“ bei seinen Opfern ersetzt wird, denn wirkliche Freunde hat er nicht. Als er schließlich an Daten zu gelangen versucht, zu denen er eigentlich keinen Zugriff hat, sieht er sich gezwungen, das Programmstricken zu erlernen. Doch das rosane, blümchenbesetzte (Achtung Klischee!) Lehrbuch dazu widert ihn an und so bittet er seine Kollegin Helene, ihm heimlich diese „Frauenarbeit“ beizubringen. (Nicht ohne sie vorher erpressbar zu machen.)

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/eschbachs-nsa-nazi-spy-agency

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Tentakel

Rita Indiana , Angelica Ammar
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Wagenbach, K, 09.03.2018
ISBN 9783803132932
Genre: Romane

Rezension:

Dieses Buch habe ich mehrfach bei Instagram gesehen und die andersartig klingende Story (und das hübsche Cover, geben wir’s doch zu) haben mich magisch angezogen. Dass Rita Indianas „Tentakel“ keine leichte Kost werden würde, durfte ich dann wenig später beim Aufschlagen des Buchs erfahren. Es geht nämlich nicht nur um einen Protagonisten, sondern gleich um drei, und alle sind auf eine sehr skurrile Weise miteinander verbunden. An sich klingt das nicht allzu komplex, doch da ich erst auf den letzten zwei Seiten gemerkt habe, dass und wie diese Personen verbunden sind, sind die 150 Seiten davor an mir vorbeigezogen wie in einer Trance. Natürlich gab es Hinweise, doch da auch der Aufbau dieser Geschichte allen bekannten stilistischen Mitteln trotzt, war ich mit allem etwas überfordert. Nichtsdestotrotz hat mich Rita Indiana mit „Tentakel“ so in ihren Bann gezogen, dass ich nicht mit dem Lesen aufhören konnte, auch wenn mir vieles verworren erschien.

Bereits der Anfang von „Tentakel“ ist vielversprechend: Wir schreiben das Jahr 2027. Acilde wünscht sich nichts sehnlicher, als dem weiblichen Körper zu entfliehen. Mithilfe einer Kontaktperson wird er als Haushaltshilfe bei der Vodoo-Priesterin Esther angestellt, die nicht nur über eine äußerst wertvolle Seeanemone verfügt, sondern mit deren finanzieller Unterstützung sich Acilde später einmal vielleicht das Mittel zur Geschlechtsumwandlung besorgen kann: Rainbow Bright. Nur eine Injektion, und nach 24 schmerzerfüllter Stunden würde sich das körperliche Geschlecht Acildes seiner Identität anpassen. Ein Traum würde in Erfüllung gehen. Doch Esther wird ermordet und der Plan ändert sich. Acilde bekommt auf anderem Wege an Rainbow Bright und nach seiner Umwandlung (die sehr detailliert beschrieben wird, sensible Gemüter blättern lieber eine Seite vor) beginnt die Handlung erst richtig. Denn die Seeanemone Esthers ist nicht nur aus sentimentalen Gründen unfassbar wertvoll, sondern auch, weil die blaue Karibik durch die Anspülung von Giftstoffen vor einigen Jahren einem Sumpf gleicht — eine Umweltkatastrophe unermesslichem Ausmaßes. Acilde wurde von Esther auf den Weg des Kultismus und des Vodoo gebracht und wurde bereits als „Auserwählter“ gefeiert. Seine Aufgabe besteht aus nicht weniger als der Rettung des karibischen Meeres.

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/rita-indiana-tentakel

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Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes

Finn-Ole Heinrich , Rán Flygenring
Fester Einband: 184 Seiten
Erschienen bei mairisch Verlag, 17.09.2018
ISBN 9783938539514
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Finn-Ole Heinrich und Illustratorin Rán Flygenringnehmen sich mit „Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes“ ein durchaus knackiges Thema zur Brust: Vaterschaft. Was, wenn der kleine Spross schon unterwegs ist und du, ein Schriftsteller mit zwei linken Händen und einer Vorliebe für Gummibärchen, es so richtig mit der Angst zu tun bekommt? Wenn nichts, was du in deinem bisherigen Leben gelernt hast, dir geeignet zu sein scheint, für deinen Nachwuchs zu sorgen? Unser namenloser Protagonist packt ein paar Sachen (unter anderem mehrere Tüten Gummizeug) zusammen und macht sich, von blanker Panik getrieben, auf den Weg zum Wald. Und zwar nicht nur irgendein Wald, sondern der Wald, in dem der Reuber leben soll. Viele Touristen sind nie wieder aufgetaucht, nachdem sie diesen Wald betreten haben und man hört nur gruselige Lagerfeuergeschichten über den Reuber. Dennoch ist unser Protagonist tief entschlossen, nur beim Besten zu lernen, wie man lebt und überlebt. Und so betritt der Vater in spe den Wald und macht sich auf die Suche nach seinem Yoda, seinem Muten-Roshi, seinem Meister. Als er nach seiner ersten Nacht im Wald schließlich vom Reuber aufgegabelt wird, spürt unser Protagonist keine Furcht, sondern nur wilde Entschlossenheit, diese Gelegenheit beim Schopfe zu packen und Unterweisung in die Künste des Survivals zu erbitten.

»Ich bins Reuber. Hatterschon als Kind jeen Tag ein Mensch gefress. Unheute isser größer noch, stärker noch, unhat mehr Hungernoch. Bewegsu dich, schlachter dich. Kommsu auffes Feuer rauf, aufgespieß. Reuber dreh dich, würz dich, friss dich auf. Jetz gibsu, wassu has und machs keinton, sons stirbsu hierundjetz. Machsu, was Reuber sag, kommsu mit dein Leben von. Vielleicht. Wenn Reuber will.«

Mit diesen Worten begrüßt der Reuber den Eindringling. Ein nettes Hallo gibt’s nicht, denn unser Protagonist wollte immerhin gerade an den Lieblingsbaum des Reubers pinkeln und hätte sich es so beinah verscherzt. Doch jetzt ist nicht die Zeit für Angst, und unser Protagonist überzeugt den Reuber, ihn zu unterrichten, und so lernt er schließlich alles, was er zum Überleben braucht: Wie man einen Unterschlupf errichtet, was man im Wald essen kann und was nicht, wie man Feuer macht und letztendlich auch, wie man Kaninchen erlegt. Doch die Lehren des Reubers hören nicht bei Dingen, die durchaus Standard im Survival-Gebiet sind, auf, sondern fängt da erst an: Durch die Ausbildung beim Reuber lernt der Vater in spe, wie man richtig atmet, wie man „luffuddert“ (Luft futtert) und so zu einer meditativen Ruhe findet, und auch, wie man über seinen eigenen Schatten springt. Und so gut es unserem Protagonisten auch nachher beim Reuber gefällt, umso wichtiger ist es, dass er stark genug ist, den Wald mit seinem neu gewonnenen Wissen wieder zu verlassen und sich seinem Leben zu stellen.

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/wo-die-wilden-reuber-wohnen

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Jede Menge Mumpitz

Bob Odenkirk , Alexander Wagner
Flexibler Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 12.09.2018
ISBN 9783036959863
Genre: Romane

Rezension:

Worum geht’s?

In diesem Buch gibt Bob Odenkirk, wohl am bekanntesten als Anwalt Saul Goodman in den Serien „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“, Kurzgeschichten und Gedichte zum Besten.  Vom Plädoyer gegen das Bücherlesen auf der Toilette über eine möglicherweise stattgefundene Begegnung mit Gott bis hin zur schlechtesten Rede, die Martin Luther King Jr. jemals gehalten hat, werden Leser und Leserin kopfüber in einen Humor gestürzt, den es auf unserer Seite des Atlantiks noch viel zu selten gibt. Sinn hat das ganze nicht, das gibt der Autor selbst zu, und soll es auch nicht haben. Außer vielleicht, Dinge und Menschen auf die Schippe zu nehmen, bei denen es man sich eigentlich nie traut und… wildes Gelächter.

Wie hat es mir gefallen?

Im Stile des Kapitels „Hat mich nicht überzeugt“ aus Bobs Buch beginne ich mal mit den Worten: Ich bin ein RIESIGER Fan von Bob und seiner Arbeit, aber dass er ein Buch geschrieben hat, ging voll an mir vorbei! Im Ernst, ich liebe Bob Odenkirk und die Rollen, denen er Leben einhaucht. Nun ein Buch von ihm zu lesen, war wohl das Riskanteste, was ich dieses Jahr getan habe — Götzenverehrung und so. 😀 Der Klappentext lockt, das Cover ebenso, und hach, dieser grüne Seitenschnitt! Doch leider, leider konnte ich mich überhaupt gar nicht mit Bobs Humor identifizieren. Natürlich, an ein paar Stellen habe ich geschmunzelt, doch von den Abschnitten „Berühmte Zitate, ungekürzte Fassung“ (bei denen darum geht, bekannte Zitate humorvoll zu erweitern und zu zeigen, dass das eigentliche Zitat aus dem Kontext gerissen wurde), bei denen gefühlt jedes Zitat um ein „Ach, auch egal“ erweitert wurde, bis hin zu Theaterstücken über Hitler oder professioneller Tattoo-Motiv-Beratung war mir irgendwie viel zu wenig „hihi“. Das „wilde Gelächter“, das mir auf dem Klappentext versprochen wurde, habe ich schmerzlich vermisst. Eingestreut zwischen die Texte sind Cartoons, die irgendwie nichts mit dem Text zu tun haben, sowie ein merkwürdiger, mehrseitiger Comic.

"Der mittlere Bauchmuskel auf der linken Seite […] heißt Terrence. Es ist ein Respekt gebietender Muskel. Er spannt sich jedes Mal, wenn ich einen Artikel über die Erderwärmung lese."

Jedoch muss ich sagen, dass die Sprache und der Schreibstil mir sehr gefallen haben und ich bei der Lektüre von „Jede Menge Mumpitz“ auch Bobs Stimme (bzw. die des Synchronsprechers) im Kopf hatte. (Vielleicht gibt es das Ganze ja demnächst als Hörbuch, gesprochen vom Autor?) Die 174 Seiten waren hin und wieder mit etwas persönlicheren Geschichten gespickt, die mir am meisten gefallen haben und die wohl auch teilweise im New Yorker als Kolumne erschienen sind. Diese etwas weniger albernen Kurzgeschichten waren vom Stil und auch vom Humor her irgendwie etwas komplett anderes, und davon würde ich sehr gerne mehr lesen! Highlights waren „Louvre-Audiotour für Hauseigentümer“, „Mein Waschbrettbauch“ und „Zukunftsvision“. In letzterer Kurzgeschichte gibt es auf der Welt nur noch glutenfreie Lebensmittel und die Menschen leben ein sorgenfreies Leben, da sie nicht mehr umständlich überall nach den Inhaltsstoffen fragen müssen.

„Jede Menge Mumpitz“ ist ein buntes Potpourri und auch, wenn es nicht meinem Humor entspricht, muss man festhalten, dass Bob Odenkirk nicht nur seichte Witzchen vom Stapel lässt, sondern politische Themen sowie Alltägliches mit einer Prise Humor aufarbeitet. Wer Bob mag und sich an ein humoristisches Buch herantrauen möchte, dem kann ich es empfehlen, aber mit diesem Buch habe ich wieder einmal festgestellt, dass Humor nicht universal funktioniert und jeder hier doch seinen eigenen Geschmack mitbringt.

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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

Das Gehirn

Matteo Farinella , Hana Ros , Ulrike Becker
Fester Einband: 136 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 12.09.2018
ISBN 9783956142642
Genre: Comics

Rezension:

Wow, was für eine prachtvolle Covergestaltung! Dieses Buch, pardon, diese Graphic Novel, ist mir beim Beäugen der Herbstvorschauen direkt ins Auge gefallen. Dr. Matteo Farinella und Dr. Hana Roš bringen uns mit „Das Gehirn“ eine Welt näher, die vielen von uns (oder zumindest denen, die keinen Biologie Leistungskurs hatten) eher verschlossen bleibt. Auf knapp 130 Seiten reisen wir mit einem namenlosen Protagonisten (der in ein Gehirn „aufgelesen“ wird und eigentlich nur nach Hause will) quer durch unser Rechenzentrum und erfahren alles über die Funktionsweise von Rezeptoren, Neurotransmittern und Vesikeln. Wer Fachtermini eher meidet und Wert auf eine Dummy-freundliche Erklärweise legt (ich hatte mich schon gefreut!), ist hier leider falsch, denn „Das Gehirn“ ist trotz seiner Aufmachung als Graphic Novel (leider) weder für jüngere noch Gehirn-unerfahrene Leser geeignet. Farinella und Roš werfen uns wie auch den Protagonisten mitten in die verrückte Welt der Wissenschaft, und da ich für meinen Teil kein Vorwissen mitgebracht habe, habe ich nur schwer Zugang zu diesem Buch gefunden.

Dr. Matteo Farinella und Dr. Hana Roš fassen die sehr ansprechend illustrierte Graphic Novel in folgende Teilkapitel:

Morphologie — Hier werden zu Beginn wichtige Grundbegriffe erläutert Pharmakologie — In diesem Kapitel erfahren wir alles über Botenstoffe wie Dopamin, Serotonin und Glutamat (hier war ich etwas geschockt – ist das nicht ein Zusatzstoff für sehr viele Fertig-Lebensmittel?), welche Funktionen sie erfüllen und wie sie arbeiten Elektrophysiologie — Die Forscher Alan Hodgkin und Andrew Huxley erklären uns, wie ein Nervensignal erzeugt wird, zudem gibt es eine Einführung in den Begriff „Strom“: was Strom eigentlich ist, wie er funktioniert und was er in unserem Gehirn macht Plastizität — Hier gibt es eine kleine Einführung zum Gedächtnis: Was sind Träume und Erinnerungen und wie kann Verhalten konditioniert werden? Synchronizität — In diesem Kapitel geht es um das Ich-Gefühl, Geist vs. Gehirn

In jedem dieser Kapitel, die spannende Themen beinhalten, begleiten uns ein oder mehrere berühmte Forscher des Gebiets — wie etwa Iwan Pawlow und seine Konditionierungsforschung — die uns kompliziertere Themen etwas leichter verständlich machen wollen. Doch leider ist „Das Gehirn“ so vollgepackt mit Fachtermini und Erläuterungen zu Funktionsweisen, dass alles holterdipolter „runtererzählt“ wird, und genauso schnell, wie unser Protagonist dem Gehirn entkommen möchte, ist irgendwie auch das Erzähltempo, sodass es im Oberstübchen nur so blubbert. Natürlich handelt es sich bei einer Graphic Novel um ein bildgetriebenes Medium, das natürlich etwas „schneller“ zu konsumieren ist als ein nur-Text Buch, dennoch ging mir alles etwas zu flott.

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/neurocomic-das-gehirn-als-graphic-novel-entdecken

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26 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

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Hiroshima

Marina Perezagua , Silke Kleemann
Fester Einband: 374 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 10.03.2018
ISBN 9783608981360
Genre: Romane

Rezension:

Wow, was für ein Cover, was für ein Buch! Marina Perezaguaist mit „Hiroshima“ ein wahnsinnig aufwühlendes Buch gelungen, das nicht nur über Kriegstraumata, die „Schande des Überlebens“ und den Wahnsinn der Menschheit spricht, sondern auch, und das ganz überraschend, über Gender. (Ich verwende hier den englischen Begriff, da mir das deutsche „Geschlecht“ viel zu sehr an das Körperliche gebunden zu sein scheint und das Englische hier wunderbar differenziert.) Es geht um H., unsere namenlose Protagonistin, und ihren Kampf mit ihrem Körper. Denn H. wurde mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren, und da die Eltern schlicht überfordert waren, entschlossen sie sich, ihr Kind als Jungen großzuziehen. Doch wie ihr bereits an meinen Pronomen erkennen könnt, fühlt H. sich mehr als Frau und möchte auch ihren Körper später , wenn sie alt genug ist, anpassen. Doch als ihr die Atombombe nimmt, was sie immer als lästig empfunden hat, fühlt sie sich beraubt. Eine lebenslange Trauer beginnt. Sie lernt Kriegsveteran Jim kennen, der während des Krieges ein Baby. ein Mädchen, versorgt hat und dieses nun wiederfinden will, da er sich als Vater sieht. H., die nicht nur mit einem Penis, sondern auch mit einer dysfunktionalen Gebärmutter geboren wurde, spürt ihr Sehnen. Denn vor der Bombe hätte sie wenn nicht Mutter, dann Vater werden können, jetzt bleibt ihr nichts. Der Wunsch nach einem Kind gewinnt Überhand und so hilft sie Jim, seine Tochter zu finden. Eine lange Reise beginnt, die H. und Jim die Schrecken des Krieges immer wieder vor Augen führt.

Ich habe Hiroshima überlebt, weil es meine Pflicht war, zu überleben und Zeuge meiner eigenen Existenz zu sein, denn dafür hat meine Mutter mich auf die Welt gebracht: damit ich sehe, was vor mir liegt, eine Bombe oder eine Herde friedlich grasender Schafe.

Als ich den Klappentext und die Leseprobe las, wusste ich ehrlich gesagt nicht, was mich erwartet. Ich rechnete mit einem Buch über den Krieg, über die Gräuel der Atombombe und wie sie Land und Menschen Japans veränderte. Doch was Marina Perezagua hier zwischen zwei Buchdeckel packt, ist so viel mehr. Es geht um Identitätsfindung, wenn einem das geraubt wird, dessen man sich eigentlich bewusst entledigen wollte, es geht um Akzeptanz, es geht um Sinnkrisen. Eigentlich hätte die Lektüre wahnsinnig bedrückend und deprimierend sein müssen — und das war sie auch, versteht mich nicht falsch —, doch gab es immer wieder Szenen der Hoffnung, der Freude, wenn ein neues Lebenszeichen von Jims Tochter auftaucht, wenn die beiden ihrem Ziel einen Schritt näher kommen. Aber auch die Tatsache, dass H. langsam und schmerzvoll ihren Verlust aufarbeitet, sich mit anderen Intersexuellen austauscht und sogar sexuelle Ausrichtung kennenlernt, von denen sie nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Ich muss sagen, durch H. habe ich sehr viel gelernt, was mir das Gender Studies Seminar in der Uni nicht einmal ansatzweise mitgeben konnte. H. stellt wichtige Fragen, wie etwa die Frage danach, warum man ein Baby mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen in eine Form zwingt, damit es in Schema X oder Y passt, „warum nicht diesen Status aufrechterhalten, bis das Baby, wenn es sich physisch und bezüglich seiner Identität entwickelt, für sich selbst entscheiden kann? Aber nein, aus irgendeinem Grund wird ihm das Geschlecht mit dem Hammer eines Richters aufgedrückt, und es wird Junge oder Mädchen genannt, Mann oder Frau, Greis oder Greisin“.

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/marina-perezagua-hiroshima

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11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

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Kein schönerer Ort

Manichi Yoshimura , Jürgen Stalph
Flexibler Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Cass, 13.08.2018
ISBN 9783944751191
Genre: Romane

Rezension:

Als ich in der Herbstvorschau des cass Verlags diesen Titel entdeckte, war mir direkt klar: Das muss ich lesen. Der Klappentext deutet auf eine mögliche Atomkatastrophe hin, nach der die Bewohner Umizukas dort leben, aber ausgesprochen wird dies nicht. „Kein schönerer Ort“ von Manichi Yoshimura erzählt aus der Perspektive eines jungen Mädchens, wie sich Ungeheuerliches abspielt, Todesfälle überspielt werden und der Zusammenhalt des Orts irgendwie erzwungen scheint. In den Schulen fehlen nach und nach immer mehr Kinder, sie klappen im Unterricht zusammen und wenige Tage später erfahren wir, dass sie gestorben sind. Der Grund dafür wird uns allerdings nicht genannt. Die unschuldige Sprache Kyoko-chans lässt uns nur langsam die Katastrophe wahrnehmen, die sich in Umizuka abgespielt haben muss. Nach dutzenden Malen, in denen Kyoko die Umizuka-Hymne gezwungenerweise und lustlos mitsingt, weil sie sich von der Gemeinschaft ihrer Klassenkameraden ausgeschlossen fühlt, wächst in ihr das Bewusstsein, dass etwas faul ist. Ihre Mutter kocht nie frisch, lässt Dosen voller Fertiggerichte importieren und achtet penibel auf jedes Staubkorn. Ist womöglich doch etwas geschehen? Aber wieso tun dann alle so, als wäre nichts gewesen?

Am Ende tut nicht nur Umizuka, sondern das ganze Land so, als wäre nichts gewesen. Vielleicht nimmt gar […] die ganze Welt an dieser Komödie teil.

Dieser Roman hat mich gut 50 Seiten (ein Drittel!) gekostet, bis ich richtig drin war. Die Sprache und Erzählperspektive schien erst ungelenk, doch danach hat „Kein schönerer Ort“ seine schaurige Magie entfaltet. „Kein schönerer Ort“, das scheint Umizuka nach Meinung der gesamten Stadtbevölkerung tatsächlich zu sein, und obwohl die Kinder dahinsterben, bemühen sich die Älteren um Normalität. Was auch immer geschehen ist, es hat die Bewohner Umizukis zusammengeschweißt, ein übertrieben erscheinendes Gemeinschaftsgefühl hat sich entwickelt. Die Anwohner betonen immer, dass man das Gemüse und das Obst aus der Stadt bedenkenlos essen könnte, und spätestens jetzt fragt man sich als Leser, wieso sie geblieben sind. Oder werden die Bewohner Umizukas gar gezwungen, dort zu verbleiben, um andere Regionen nicht zu kontaminieren? Der Begriff „Atomkatastrophe“ steht wie ein dicker Elefant im Raum, doch niemand, wirklich niemand, spricht in Umizuka darüber — beziehungsweise wird von der Polizei mit den Worten „Alles erstunken und erlogen!“ abgeführt und nie wieder gesehen.

Mit dem Bewusstsein des Menschen hat es so eine Bewandtnis. Beeinflusst vom Verhalten seiner Umgebung, sieht der Mensch bald nicht mehr, was er sieht. Selbst das Dreieck unmittelbar vor seinen Augen wird, wenn alle anderen behaupten, es sei ein Kreis, zum Kreis. Er fasst es nicht nur als solchen auf. Er sieht wirklich: einen Kreis.

Die Sprache von „Kein schönerer Ort“ ist für mich typisch „japanische Literatur“. Dieses Schnörkellose, Leise, fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Und trotz der Kürze dieses Romans hat Yoshimura den richtigen Ton getroffen. Der Klappentext verrät uns, dass dieses Buch zum Anlass der Reaktorkatastrophe in Fukushima geschrieben wurde, was den Eindruck der „Kontamination“ nur noch verstärkt. Mehrmals wird zudem erwähnt. dass Umizuki die Heimat ist, „die wir einmal verloren haben“ und die wieder aufgebaut wurde — das ist meiner Meinung nach der letzte Groschen, der fallen musste.

Fazit: Mit „Kein schönerer Ort“ von Manichi Yoshimura ist wieder mal ein kurzer, eigensinniger, aber auch wunderbarer Titel im cass Verlag erschienen! Die Sprache, die Geschichte, alles fügt sich toll zusammen. Lediglich der Start fiel mir etwas schwer und gegen Ende schlug die Handlung eine Richtung ein, die sich mir nicht ganz erschlossen hat. (Wer es gelesen hat, möge sich bei mir melden!) Yoshimuras Roman möchte ich jedem ans Herz legen, besonders aber allen, die die japanische Literatur bereits kennen, denn dieses Buch fügt sich nahtlos ein, obwohl es kein gleichförmiges Puzzlestück ist.

Mehr unter: https://killmonotony.de/rezension/manichi-yoshimura-kein-schoenerer-ort

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22 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

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Mr Griswolds Bücherjagd - Der Unlösbare Code

Jennifer Chambliss Bertman , Elisa Martins
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei mixtvision, 16.07.2018
ISBN 9783958541207
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Noch gar nicht allzu lange ist es her, dass ich euch den ersten Band der verrückten Bücherjagd, Jennifer Chambliss Bertmans „Das Spiel beginnt“, vorgestellt habe, und schon ist Teil zwei erschienen! In „Der unlösbare Code“, dem neuen Abenteuer von James und Emily (und sogar mit Emilys Bruder Matthew) geht es wieder um einen spannenden Code, nämlich den titelgebenden unlösbaren Code. Dieser ist seit über 100 Jahren ungelöst und unsere Rätselknacker stoßen nur darauf, weil ihr Lehrer Mr Quisling irgendetwas vorhat. Derweil brechen in der Stadt immer neue Feuer aus, bei einem ist Emily sogar vor Ort und kommt mit dem Schrecken davon. Was die Feuer und Mr Quislings komisches Verhalten mit dem unlösbaren Code zu tun haben? Das finden James und Emily bald heraus, und gemeinsam geraten sie möglicherweise ins Visier eines altes Fluchs — oder steckt vielleicht doch etwas anderes dahinter?

Es gab keinen besseren Weg, Emilys Interesse an einer Chiffre zu wecken, als zu behaupten, sie sei unlösbar. Ihre Haut prickelte wie elektrisiert. Das war das Gefühl, das sie immer bekam, wenn ein Buch sie völlig in seinen Bann zog.

Nachdem ich den ersten Band dieser Trilogie begeistert verschlungen habe, musste ich natürlich auch die Fortsetzung lesen. „Der unlösbare Code“ kommt im herbstlichen Orange daher und konnte mich bereits mit seinem Klappentext vollends überzeugen. Nun, nach der Lektüre von Band zwei, kann ich sagen: Jennifer Chambliss Bertman hat es wieder geschafft! Während im ersten Band der Aufbau der Charaktere und des Settings seine Zeit gebraucht hat, ging es beim „unlösbaren Code“ direkt los, alle Personen waren bekannt und als Leser des ersten Bandes hat man bereits Fuß im Griswoldversum gefasst. Aber auch Einsteiger, die Band eins (aus welchen skurrilen Gründen auch immer  ) nicht gelesen haben, können beruhigt mit Band zwei einsteigen. Natürlich fehlen ein paar Hintergrundinfos, die Autorin hat aber allerhand Auffrischer und Erläuterungen eingefügt, die selbst Neueinsteigern den Genuss von Band zwei der Bücherjagd möglich machen.

So viel zum Set-up, die Geschichte bleibt spannend, wird vielleicht sogar ein bisschen spannender als Teil eins. Emily, James und Matthew entwickeln sich zudem auch ein wenig weiter, bei Mehrteilern finde ich das immer sehr wichtig. Die Sprache, die ich in Band eins sehr lieb gewonnen habe, bleibt natürlich dieselbe und es gibt keinen krassen Stimmungsumschwung oder Ähnliches. Die lockere Schreibe, das zackige Tempo und die knackig kurzen Kapitel machen den neuen Band von Griswolds Bücherjagd zum perfekten Begleiter für die Tasche, da man auch bei kurzen Zug- oder Busfahrten ein Kapitel schaffen kann. Zum Inhalt möchte ich gar nicht so viel erzählen, da ich glaube, alles, was über den Klappentext hinausgeht, könnte euch bereits spoilern. So viel sei aber verraten: Eure grauen Zellen werden auch in diesem Teil beansprucht! Es gibt zwar nicht so viele verschiedene Codes wie im ersten Band, dafür aber den Code aller Codes.

Fazit: Mr Griswolds Bücherjagd bleibt spannend. Auch mit dem neuen Band der Bestseller-Trilogie ist Jennifer Chambliss Bertman ein echter Coup gelungen. Die Story hat zu keinem Punkt Hänger, es gibt keine langweiligen Passagen und das Gesamtbild ist einfach stimmig. Ich wurde sehr unterhalten und deshalb gibt’s für den „unlösbaren Code“ 5 Sterne!

Mehr auf: https://killmonotony.de/rezension/mr-griswolds-buecherjagd-geht-weiter

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

Über mir die Sonne

Alessio Torino , Johannes von Vacano
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 14.03.2018
ISBN 9783455001471
Genre: Romane

Rezension:

Puh, wo soll ich anfangen? Dieses „Sommerbuch“ wurde mir direkt vom Hoffmann und Campe Verlag empfohlen, weshalb ich sofort zusagte, denn Klappentext und Cover lockten mich schon ein wenig. Dass dieses Buch leider so gar nicht meins war, ist umso bedauernswerter, denn damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Den versprochenen Tiefgang gab es, allerdings auf eine Art und Weise, die mich leicht verwirrt zurückließ. Doch zum Anfang: Es geht um die achtjährige Tina, die unter der Scheidung ihrer Eltern leidet. Ihre Mutter hat Tina und ihre Schwester mit zum Urlaub (der allerdings länger anzudauern scheint) auf eine italienische Insel genommen; dort verbringen die drei ihren ersten Sommer ohne den Vater. Tinas Schwester Bea ist sich ihrer aufblühenden Weiblichkeit schon sehr bewusst, Tina jedoch wird von vielen für einen Jungen gehalten, vor allem anscheinend, weil sie mit ihren acht Jahren noch kein Bikini-Oberteil trägt. Allerdings bemüht sich Tina auch nicht, die Sache aufzuklären, es ist ihr sogar unangenehm, wenn ihre Mutter sie mit ihrem Namen ruft. Während Tina den ganzen Tag damit verbringt, aus dem vor Quallen wimmelnden Meer ebendiese herauszufischen und zu töten, legt Bea es darauf an, Jungs aufzureißen. Doch die anfangs so perfekte, so harmonische Fassade der Insel und ihrer Bewohner bzw. Urlauber droht zu bröckeln.

Tina. Mit diesem unentrinnbaren a. Ihr kam der Verdacht, dass ihre Mutter es absichtlich tat: So konnte sie der ganzen Cala und dem Bar-Restaurant Alta Marea verkünden, dass Signora Ottaviani aus Urbino zwei Töchter hatte.

Mit diesem Buch wurde ich irgendwie nicht warm. Während mir die Charaktere Tina mit ihrer verschlossenen, beobachtenden Art, und Bea, die aufblühende, angriffslustige, gut gefallen haben, war die Art, wie Alessio Torino diese Geschichte erzählt, sehr verwirrend. Zu schnell wurden zu viele andere Personen eingeführt und ich konnte außer Stefano und seiner Freundin Parì, eine Profi-Schwimmerin, nicht zwischen den übrigen Charakteren unterscheiden. Die Charaktere führten zudem an ihrem Treffpunkt, dem „Alta Marea“, einem kleinen Restaurant, Gespräche, denen sich mir jeglicher Sinn entzogen hat. Diese Perspektive (wir erfahren alles aus Tinas Sicht) hat mich doch stark an „Kenia Valley“ erinnert, in dem der junge Theo bei den viel älteren Valley-Bewohnern herumhängt und deren Gespräche zu verstehen versucht. Dieses Gefühl kam auch bei „Über mir die Sonne“ auf: Tina, die den Gesprächen der Erwachsenen lauscht, versucht, aus diesen Gesprächen eine Erkenntnis über das Erwachsensein zu ziehen, und ihrer Gefühle für die sportliche Parì, die Tina allerdings auch für einen Jungen hält. Alessio Torino formt den Roman nahezu zu einem Kammerspiel, da die Urlauber die Insel plötzlich nicht mehr verlassen können und sich so Streitigkeiten aufbauen. Und mittendrin ist der Anruf des Vaters, der die jungen Schwestern aus der Bahn wirft, sie daran erinnert, dass es letzten Sommer noch anders war. Eigentlich müssten Verlust und Trauer in Torinos Roman viel präsenter sein, doch scheinen zumindest alle erwachsenen Charaktere etwas zu unterdrücken, sie erscheinen festgefahren, selbst Tinas Mutter scheint die Scheidung bereits überwunden zu haben.

Fazit: „Über mir die Sonne“ lässt sich wunderbar leicht und in kurzer Zeit lesen. Der flüssige Schreibstil spiegelt sich jedoch leider nicht in der Geschichte wider, die mir zu merkwürdig erscheint, zu wenig geradeheraus. Besonders durch das Ende des Buches fällt es mir schwer, in Retrospektive ein Fazit zu ziehen. Was ich aber definitiv sagen kann, ist, dass „Über mir die Sonne“ vielleicht auf einer sonnigen Insel spielt, aber zumindest für mich kein Sommerbuch ist. Die Leichtigkeit, die diesen Büchern zugeschrieben wird, fehlt hier komplett, stattdessen muss man als Leser selbst auf Spurensuche gehen, was der Autor uns hier vermitteln möchte.

Mehr auf: https://killmonotony.de/rezension/alessio-torino-ueber-mir-die-sonne

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter

Wakayama Bokusui , Eduard Klopfenstein
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Manesse, 19.03.2018
ISBN 9783717524526
Genre: Romane

Rezension:

Dass ich sehr Literatur aus dem asiatischen Raum verschlinge, ist kein Geheimnis mehr. Wer meine Monatsrückblicke verfolgt, findet dort immer mindestens ein Werk aus Asien. Allerdings beliefen sich meine bisherigen Begegnungen mit der asiatischen Literatur auf — nun ja, Literatur. Die asiatische Lyrik habe ich (wie Lyrik eigentlich im Allgemeinen) noch nicht näher betrachtet. Ganz bekannt sind ja die Haikus, doch ihre Grundform, die Tanka, kannte ich noch nicht. Tanka gelten als die Kunstform, um Momentaufnahmen der Natur oder auch dem Leben allgemein festzuhalten. Für einen Lyrik-Einsteiger wie mich vermutlich gut geeignet. Also zog kurzerhand Wakayama Bokusuis Tanka-Sammlung „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“ bei mir ein. Bei diesem Sammelband handelt es sich nicht um eine von dem Autor selbst getroffene Zusammenstellung seiner Tanka, sondern wurden diese posthum (Bokusui starb bereits 1928) vom Japanologen Eduard Klopfenstein übersetzt und für den Manesse Verlag ausgewählt. Das Ergebnis ist dabei eine bunte Mischung aller Tanka, die Wakayama Bokusui jemals verfasste, in einer wunderschönen Edition.

Wakayama Bokusui erzählt in seinen Tanka nicht nur von der sich stets wandelnden Natur, sondern auch von seiner großen Liebe (einer älteren Frau), dem schwierigen Verhältnis zu seinen Eltern, der tiefen Trauer, als sein Vater stirbt und dem darauf folgenden Alkoholismus. Bokusui war zu seiner Zeit einer der berühmtesten Tanka-Dichter und verfasste mehrere tausend Tanka, die in 15 Sammelbänden erschienen. Die Tanka in dieser Ausgabe wurden nach Jahren gestaffelt, damit der Leser einen besseren Überblick hat, in welchem Lebensabschnitt Bokusuis diese verfasst wurden. Als Referenz gibt es ein extensives Nachwort von Klopfenstein, in dem dieser detailliert das Leben Bokusuis aufrollt und in Relation zu anderen Tanka-Künstlern stellt. So lernen wir beispielsweise, dass der Autor in tiefen Wäldern und an Berghängen seine Kindheit verbracht hat; dadurch lässt sich möglicherweise sein Bezug zur Natur erklären. Auch über seine Beziehung zu einer ein Jahr älteren Frau (damals unerhört!), erfahren wir einiges, vor allem, dass Bokusuis Eltern mit der Beziehung nicht einverstanden waren. Dies alles spiegelt sich in Bokusuis Tanka wider, die man – mit der Biographie im Gedächtnis – noch einmal auf eine ganz andere Weise liest. In Bokusuis späteren Tanka findet man auch stets einen Funken Selbstironie, er genügt sich selbst nicht, kritisiert an sich herum und verfällt auch nach längerer Abstinenz aufgrund einer Krankheit wieder dem Sake, an dem er auch letzten Endes mit nur 43 Jahren zugrunde ging.

Frau und Kinder

überlasse ich dem Schlaf —

Spätnachts     ganz allein

koche ich mir den reinen weißen

Sake     ungefiltert

Fazit: Auch als Kostverächter der Lyrik hatte ich schöne Stunden mit diesem Büchlein. Da die Tanka in einer klaren Sprache verfasst sind, gibt es hier auch wenig Sinn zur Analyse a là „Was möchte uns der Autor hiermit denn sagen?“, die Tanka geben nämlich nur diesen einen, kurzen Moment wieder. Die Tatsache, dass sich vor den einzelnen Kapiteln eine Abbildung von einem ausgewählten Tanka und dessen lautschriftlicher Darstellung findet, ist sehr gelungen und gibt diesem Gedichtband noch das gewisse Etwas. Jeder, der sich für die japanische Kultur interessiert, sollte einen Blick in diese wunderschöne Ausgabe werfen.

Mehr gibts auf: https://killmonotony.de/rezension/wakayama-bokusuis-moderne-tanka

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80 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 34 Rezensionen

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Die Hochhausspringerin

Julia von Lucadou
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 23.07.2018
ISBN 9783446260399
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Worum geht’s?

Riva ist Hochhausspringerin. Oder vielmehr war es. Seit kurzem verweigert sie das Training, vergräbt sich in ihrer Wohnung und begibt sich nicht mehr nach draußen. Hitomi soll nun herausfinden, wieso und weshalb das so ist. Da wir uns ein Stückchen weit in der Zukunft befinden, stehen Hitomi als Therapeutin von PsySolutions allerhand Beobachtungstools und Datenanalysen zur Verfügung, anhand derer sie Rivas komplettes Leben überwachen kann. Doch sie findet die Ursache für die plötzliche Depression der früher so erfolgreichen Hochhausspringerin nicht. Hitomi fällt immer tiefer in ein Loch aus Stress, Zukunftsangst und Burnout, dass alles um sie herum zu bröckeln beginnt. Kann sie den Fall „Riva“ noch lösen oder verliert sie unweigerlich alle Privilegien, die sie sich hart erarbeitet hat?

Wie hat es mir gefallen?

Schöne neue Welt oder eher „gähn“? Leider letzteres. Julia von Lucadous Roman „Die Hochhausspringerin“ gibt uns einen Ausblick in eine mögliche Zukunft. Alles wird überwacht, Ausgeglichenheit und Angepasstheit ist ein Muss, sonst heißt es „Ab in die Peripherien!“ — die unansehlichen Außenbezirke der Stadt, wo alle Menschen leben, die es im Stadtkern zu nichts gebracht haben (oder das schlicht nicht wollen). In dieser Welt gibt es zum einen Riva, die mit ihrem Status als IT-Girl eigentlich glücklich sein müsste, und ihrer Überwacherin Hitomi, die sich so wohl fühlt im System, aber in ein tiefes Loch der Depression fällt, als sie ihren Job nicht erfüllen kann. Und obwohl „Die Hochhausspringerin“ mit einem sehr guten Schreibstil und einem guten Aufbau der Geschichte, gibt es doch diesen zähen Mittelteil, in dem gefühlt gar nichts passiert, Hitomi lediglich tiefer und tiefer fällt. Natürlich gibt es allerhand Kritikpunkte an unserer Gesellschaft und Julia von Lucadous Welt hätte durchaus Potential für eine spannende Story gehabt, aber mit diesen beiden Charakteren fand ich die Geschichte leider nur träge. Am Ende blieben seltsame Story-Fäden unaufgelöst und ein enttäuschtes Gefühl machte sich breit.

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54 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 30 Rezensionen

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Die Tochter des Pianisten

Lilian Kim
E-Buch Text: 305 Seiten
Erschienen bei Independently Published, 05.07.2018
ISBN B07DTJ5KNT
Genre: Liebesromane

Rezension:

Hin und wieder bekomme ich Angebote von Autoren, ihr Buch zu lesen und zu rezensieren. Leider sind die meisten dieser Bücher überhaupt nicht „meins“, von seichten Romanzen, Fantasy bis hin zu Comedy ist alles dabei. Doch neulich erreichte mich eine Anfrage, die so spannend klang, dass ich nicht nein sagen konnte: Es geht um das Buch von Lilian Kim„Die Tochter des Pianisten“. Zwar beinhaltet dies eine nicht geringe Portion Lovestory, doch in den für mich super interessanten Kontext „Leben in Nordkorea“ eingeflochten. Es geht um Yasuko, eine junge Frau, die mit ihrem Mann eigentlich über den gemeinsamen Umzug aus Yasuko in die Vereinigten Staaten sprechen wollte, fernab von ihrer Tochter Hiromi. Doch als Yasuko und Jake am Strand spazieren gehen, werden sie von mehreren Männern entführt — nach Nordkorea. Während Jake sich bereits mit der Situation abgefunden zu haben scheint und irgendwie selbstzufrieden wirkt, steht Yasuko die schlimmste Panik durch. Der Gedanke an die zurückgelassene Tochter und die Angst davor, was sie in Nordkorea erwartet, macht aus ihr ein Wrack. In Nordkorea angekommen, sollen Yasuko und Jake an einem seltsamen Schauspiel teilnehmen: Als Botschafter und seine Frau sollen sie einen Empfang geben, in der feinsten Abendgarderobe flanieren und leichte Konversation mit den Anwesenden führen. Yasuko spürt, dass hier etwas gewaltig nicht stimmt. Und als ein kleines Mädchen sie auf Japanisch anspricht und um Fluchthilfe bittet, kurzerhand abgeführt wird und die Mutter leugnet, jemals ein Kind gehabt zu haben, ist sie sich sicher, dass hier etwas faul ist. Auch die folgende Zeit in Nordkorea ist für Yasuko befremdlich und von Heimweh geprägt, bis sich Seung-Jin, eigentlich ihr Aufpasser, beginnt, sich heimlich mit ihr zu treffen und ihr seine Geschichte zu erzählen.

[Hier wird] von der Kleidung bis zum Reiskorn alles durch die Regierung verteilt […]. Es gibt staatliche Verteilungsstellen, die die Menschen mit allem Lebensnotwendigen versorgen. Geschäfte gibt es kaum. Wer sollte auch etwas kaufen?

„Die Tochter des Pianisten“ erzählt von den sogenannten Rachi Mondai, den Entführungen von japanischen Bürgern durch Nordkorea in den 80er Jahren, und flechtet dabei gekonnt eine emotionale Liebesgeschichte ein. Von den Rachi Mondai hatte ich bis dato noch nichts gehört und fand das Thema bedrückend wie spannend. Dass Nordkorea sich Fachkräfte und Gelehrte entführen muss, damit das eigene Lang weiter bestehen kann und Menschen ausgebildet werden, eine japanische Identität anzunehmen, um Terroranschläge auszuüben, ist purer Wahnsinn, aber die Verschottung des Landes lässt nichts anderes zu. Yasuko und Seung-Jin zählen ebenfalls zu den Rachi Mondai: Yasuko soll eine Gruppe junger Nordkoreanerinnen in der japanischen Lebensweise unterrichten, damit diese als vermeintliche Japanerinnen Aufträge ausführen können, ohne, dass Nordkorea in Verdacht gerät. Seung-Jin ist im Gegensatz zu Yasuko schon seit langer Zeit in Nordkorea. Er wurde ebenfalls aus seiner Heimat gelockt und nun verwendet Nordkorea seine Mutter als Druckmittel, damit er weiterhin tut, was ihm befohlen wird. Als die beiden sich im Zuge ihrer engen Zusammenarbeit ineinander verlieben, planen sie die gemeinsame Flucht. Ob das gelingen wird?

Alle meine Probleme, meine Sorgen, mein Leid, drehen sich um die eine Frage: Wer bin ich? Ich kann nur zu mir selbst finden, wenn ich meine Vergangenheit kenne.

Lilian Kim schafft es, uns mit ihrem Roman einen Einblick in das Regime Nordkoreas zu gewähren. Die Erzählsprache ist leicht, flüssig und bei manchen Charakteren auch mit dem ein oder anderen spitzzüngigen Kommentar gespickt (Jayden, I’m looking at you!). Allerdings tauchen immer mal wieder Situationen auf, bei denen ich nicht weiß, wieso die Personen jetzt plötzlich da und dort sind oder wann sie ins Auto gestiegen sind. Gelegentlich geschehen die Ereignisse so holterdipolter, dass ich einen Absatz kurz noch einmal lesen musste, um der Geschichte folgen zu können. Nichtsdestotrotz ist das rasante Tempo ausschlaggebend für Action und Spannung der Story, seichte Passagen, die sich ziehen, gibt es keine. Die Sprache ist direkt, wenig verschnörkelt und kommt direkt zum Punkt — das mag ich! Da ich mich generell für Nordkorea und das Leben dort interessiere, war ich auch super fasziniert, wenn es um die Beschreibung von Abläufen, Festen oder die Verehrung der Diktatoren ging. Die Kombination aus Lovestory, diktatorischem Regime und Entführungsgeschichte finde ich sehr ausgeglichen und die für mich zu schmalzigen Szenen bekommen keinen allzu großen Raum zugesprochen — das finde ich super.  Zudem wurde die Geschichte aus mehreren Perspektiven (und zu verschiedenen Zeitpunkten) erzählt, sodass man als Leser in das Leben eines jedes Charakters eintauchen kann und auch alle Hintergründe versteht. Das Buch ist in zwei Teile aufgeteilt, die 18 Jahre voneinander entfernt spielen, und wer wie ich nach Teil 1 erst einmal eine Lesepause einlegen wollte, auf den wartet der Cliffhanger des Jahrhunderts — mehr verrate ich allerdings nicht!

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/lilian-kim-die-tochter-des-pianisten

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

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Der große schwarze Vogel

Stefanie Höfler
Fester Einband: 182 Seiten
Erschienen bei Julius Beltz GmbH & Co. KG, 10.07.2018
ISBN 9783407754332
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Trauerbewältigung als Jugendbuch-Thema — Sprachlich wunderschön und toll umgesetzt.

Dieses Buch sprach mich sofort mit seinem Klappentext an. Außerdem ist “Der große schwarze Vogel” von Stefanie Höfler ja schon ein Eyecatcher. Das Buch ist geschmückt mit Federn und Blättern in herbstlichen Farben. Wer das Buch erst einmal gelesen hat, versteht direkt den Zusammenhang: Bens Mutter liebt die Natur, den Wald, alle Pflanzen und Tiere. Mit ihrer Familie macht sie wöchentliche, ausgedehnte Spaziergänge durch den örtlichen Wald und setzt sich für die Umwelt ein. Sie ist zwar aufbrausend und oft auch wütend, aber ihre Wut verfliegt immer schnell. Dann ist sie wieder die tollste Mutter, die es für Ben und seinen kleinen Bruder Krümel (eigentlich Karl) geben kann. Bis sie eines Tages stirbt. Die kleine Familie muss nun lernen, wie man mit diesem Riss, der mitten durch einen durch geht, lebt. Alles erinnert noch an sie, alles riecht noch nach ihr und überall liegen ihre langen, roten, lockigen Haare. Bens Vater kommt mit dem plötzlichen Verlust überhaupt nicht zurecht, igelt sich in seiner Trauer ein und scheint dabei völlig zu vergessen, dass er noch zwei Kinder hat. Während Ben und Krümel erstmal bei ihrer Tante wohnen, versuchen die beiden Brüder, das Beste aus der Situation zu machen und dafür sorgen sie erst einmal dafür, dass das Begräbnis ihrer Mutter gerecht wird.

"Mas Todestag war ein strahlender Oktobertag. Wenn in einer Geschichte jemand stirbt, dann meistens an einem Regentag. Oder an einem nebelverhangenen Tag, an dem kein Sonnenstrahl die Wolkendecke durchdringt. Das passt besser zum Tod, unterstreicht die düstere Stimmung."

Berührend und mit einer sehr feinen Sprache erzählt Stefanie Höfler uns die Geschichte von Ben, Krümel und ihrem Vater und wie sie mit dem Tod ihrer Mutter bzw. Ehefrau umgehen. Dabei wird kapitelweise gewechselt zwischen Jetztzeit und Vergangenheit, wir erfahren in Rückblicken Bens von einzelnen Momenten, Augenblicken und Szenen aus der Zeit, als seine Mutter noch am Leben war. Ben glorifiziert seine Mutter in seinen Rückschauen niemals, überlegt sich nicht, was er hätte anders machen können, er betrachtet die Dinge, wie sie waren und wie sie sind. In der Schule kämpft Ben mit den Blicken der anderen, und plötzlich steht ihm nicht mehr nur sein bester Freund zur Seite, sondern auch ein Mädchen, das vorher keine zwei Worte mit ihm gewechselt hat. Ben findet heraus, dass auch sie — oder vielmehr ihr Bruder — dem Tod bereits begegnet ist. Dieses Band schweißt die beiden immer mehr zusammen und es entsteht eine Freundschaft, die vielleicht auch zu etwas mehr werden könnte.

In diesem Jugendbuch lernt die Familie, mit dem Tod umzugehen und zu heilen. Die Konstellation hat mich leicht an “Trauer ist das Ding mit den Federn” erinnert, das ich neulich erst gelesen habe. Und dennoch sind die beiden Bücher sehr unterschiedlich. Zumal Ben und seiner Familie keine riesige Krähe bei der Trauerbewältigung hilft; das schaffen die drei auf ihre Art ganz allein. Und darum ist “Der große schwarze Vogel” auch keine “Fantasie”-Geschichte, sondern eine, die genauso überall auf der Welt passieren kann (und auch passiert).

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/stefanie-hoefler-der-grosse-schwarze-vogel

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

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Opoe

Donat Blum
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Ullstein fünf, 10.08.2018
ISBN 9783961010127
Genre: Romane

Rezension:

Donat Blums „Opoe“ (sprich: opu — niederländisch für Großmutter) hat mich mit seinem minimalistischen Cover gelockt. Der Klappentext weckte meine Neugier, doch als ich eine Weile später zu lesen begann, konnte ich nicht so richtig Fuß fassen. Donat Blum erzählt in seinem Debütroman von der Großmutter des Erzählers, die dieser kaum kannte, und in einem parallelen Erzählstrang berichtet er aus ihrer Vergangenheit, versucht Opoes Lebensgeschichte nachzubauen. Wir erfahren von der stets distanzierten Großmutter, die ihren Enkel bis zum Ende siezt, von ihrem Leben als junge Frau in den Niederlanden, als Frau eines Blumenhändlers. Gleichzeitig schildert Blum das Liebesleben des Erzählers, der übrigens ebenfalls Donat heißt – inwiefern sein Roman autobiografisch ist, bleibt allerdings offen.

Donat Blum erzählt flüssig und äußerst angenehm zu lesen die Geschichte der Großmutter und auch die des Erzählers. In kurzen Episoden reflektiert der Erzähler sein queeres Liebesleben. Dass er sich nicht an nur eine Person binden kann, scheint für seinen Partner trotz Einwilligung zur offenen Beziehung doch ein Problem zu sein. Donat trifft sich trotzdem mit anderen Männern, verliebt sich, und inmitten des Liebestaumels verschwimmen die verschiedenen Männer immer mehr. Er kann die einzelnen Personen nur anhand der Gefühle, die diese in ihm auslösen, und anhand der Bedürfnisse, die sie befriedigen, auseinanderhalten. Dass sein Partner in der Priorität immer weiter nach unten rutscht, ist dabei nahezu unvermeidbar.

"Ich will begreifen, warum ich bei Opoes Tod alle Schotten habe dichtmachen müssen. Ich will begreifen, was zwischen Opoe und mir gewesen ist."

Parallel erfahren wir, wie Opoes Leben abgelaufen ist — oder abgelaufen sein könnte. Da Donat Blum die Grenze zwischen Roman und autobiographischer Erzählung verwischt, weiß man nie genau, was von dem Erzählten wirklich so abgelaufen ist und was nicht. Dass der Erzähler ebenfalls Donat heißt, macht die Sache nicht leichter. Dennoch ist Opoes Leben interessant: Sie verliebt sich in einen Schweizer, verlässt mutig ihre Heimat, die Niederlande, um mit ihm in der Schweiz einen Blumenladen zu eröffnen. Die Tochter, die aus dieser Beziehung entsteht, Donats Mutter, verbringt ihre ersten Lebensjahre jedoch in Holland; die Entfremdung ist vorprogrammiert. Und so entsteht eine unüberwindbare Kluft zwischen Mutter und Tochter und in deren Folge auch zwischen Donat und Opoe. Dass Opoes Tod eine klaffende Lücke aus Unwissen hinterlässt, war zu erwarten, denn erst als sie nicht mehr da ist, sehnt Donat sich nach ihr.

Fazit: Dass Donat Blum sich sonst in essayistischen Gefilden bewegt, merkt man „Opoe“ irgendwie an. Der Inhalt erscheint sprunghaft, oft verschwimmt auch der Fokus und nach der Lektüre stellt man dann fest, dass das Buch mehr über die Sorgen des Erzählers berichtet hat als über die titelgebende Großmutter. Anfangs fand ich es schwierig, mich in Blums Textform einzufinden, erst nach etwa 50 Seiten, was ja bereits ein Drittel des Buches ist, kam ich in einen schönen Lesefluss und fühlte mich in der Geschichte wohl. Im Rückblick ist auch leider nicht so viel von Opoes Leben hängen geblieben, was ich etwas schade finde, da ich es beim Lesen als sehr interessant empfunden habe.

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Es war einmal im Fernen Osten

Xiaolu Guo , Anne Rademacher
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Knaus, 11.09.2017
ISBN 9783813507690
Genre: Romane

Rezension:

Ein schockierendes Portrait vom China der 70er Jahre — brutal, erniedrigend und deprimierend.

„Es war einmal im fernen Osten“ von Xiaolu Guo schlummerte jetzt schon eine Weile auf meinem SUB, bis ich kürzlich endlich in der passenden Lesestimmung war und dieses autobiographische Buch gelesen habe. Und ich muss sagen, dieses Buch hat mich eine ganze Weile beschäftigt. Nicht, weil es besonders dick wäre, nein, sondern weil es ziemlich „dicht“ war, reich an Informationen, und es vieles zu verdauen gab. Xiaolu Guo schreibt über ihre Kindheit in der hintersten Provinz Chinas, wo sie, von ihren Eltern abgeschoben, bei ihren Großeltern lebt. Es ist ein sehr ärmliches Leben, Xiaolu ist stets hungrig und Bildung ist ein Fremdwort. Ihre Großmutter wird regelmäßig von ihrem Mann verprügelt und so lernt Xiaolu schon früh, wie es um das Frauenbild im China der 70er Jahre steht. Als sie sieben ist, wird sie von ihren Eltern heim geholt und soll fortan zur Schule gehen. Für ihre Mutter und ihren Bruder ist sie nur ein zusätzliches hungriges Maul, nur ihr Vater behandelt Xiaolu wie einen Menschen oder gar eine Gleichgesinnte — denn beide lieben die Kunst. Auf die Schule hat Xiaolu sich gefreut, doch ihr dämmert langsam, dass sie stark kurzsichtig ist, und so kann sie nur in den Fächern, in denen sie mit den Lehrbüchern arbeiten, bestehen. Freunde findet sie keine, denn man hänselt sie wegen ihrer bäuerlichen und ärmlichen Herkunft.  Erst, als Xiaolu es mit knapp zwanzig auf die Filmhochschule Pekings schafft, gewinnt ihr Leben endlich an Qualität. Schließlich entwurzelt sich Xiaolu selbst, als sie beschließt, in den Westen — genauer gesagt nach England — zieht, um ihre Filmausbildung fortzuführen.

Kunst als Ausflucht
Xiaolu lernt als kleines Mädchen nie Lesen und Schreiben. Ihre Großmutter ist Analphabetin, wie sehr viele Frauen zu der Zeit in der Provinz, und hätte es ihr auch nicht beibringen können. Erst, als Xiaolu in die Schule kommt, lernt sie das geschriebene Wort kennen. Sie verliebt sich in die Bildhaftigkeit der chinesischen Schriftzeichen und saugt alles Wissen darüber auf. Schon bald beginnt sie, Gedichte zu schreiben, und befasst sich mit Literatur. Ihr Vater, selbst ein Dichter und Künstler, nimmt sie bei der Hand, reicht ihr Bücher großer Autoren und bespricht zusammen mit ihr ihre Gedichte. Xiaolu findet in der Kunst des Schreibens eine Ausflucht aus ihrem Leben, das bisher alles andere als gut zu ihr war. Stets fällt sie in Ohnmacht, da sie sich als unterstes Glied in der Familienhierarchie auch nur zuletzt zu Essen nehmen darf und dann dementsprechend wenig übrig ist. Hänseleien in der Schule machen ihr den Alltag schwer und die Kälte ihrer Mutter löst in ihr Hass aus. Xiaolu möchte nur noch raus aus der Provinz und den starren Strukturen und wählt für sich die Filmbranche als Ziel aus. Drehbücher schreiben, das will sie, ihre Geschichten auf der großen Leinwand sehen. Doch selbst, als sie während ihres Filmstudiums ihre ersten Drehbücher einschickt, hat sie nicht mit der umfassenden chinesischen Zensur gerechnet, die ihr seitenweise Verbesserungsvorschläge zusendet und selbst nach Ausbesserung ihre Drehbücher stets ablehnt. So beginnt Xiaolu, selbst zu filmen.

Gebundene Füße
Mit Xiaolu Guos Werk habe ich viel über die chinesische Kultur und auch die dortigen Traditionen gelernt. Die der gebundenen Füße fand ich besonders grausig. Der Gang von Xiaolus Großmutter wird als „trippelnd“ beschrieben, und auch wenn Xiaolu hier nicht ins Detail geht und lediglich den Begriff „gebundene Füße“ erwähnt, so musste ich doch einmal nachschauen. Das Füßebinden war in China noch bis ins 20. Jahrhundert ein weit verbreiterter Brauch, bei dem bereits den jüngsten Mädchen die Füße so zusammengebunden wurden, dass sich ihre Zehen krümmen und der Fuß wie ein Lotusblatt aussieht. (Jeder mit schwachen Nerven sollte jetzt lieber nicht googlen.) Die Zehen wurden durch diesen langjährigen Prozess gebrochen und verstümmelt. Ich mag mir gar nicht die Schmerzen vorstellen! Die Männer Chinas haben die kleinen Füße, die in winzige Puppenschühchen gesteckt wurden, angebetet, und waren der Meinung, es verleihe der Frau einen anmutigeren Gang. High Heels inklusive Fußverstümmelung quasi. Da die Frau ja sowieso nur zuhause tätig war, war es auch nicht vonnöten, dass sie mit den gebundenen Füßen weitere Strecken zurück legt. Zum Weglaufen vor der häuslichen Gewalt waren die gebundenen Füße auch nicht mehr geeignet.

Kinderbräute
"Zwölf Jahre. Was bedeutete das für mich? Ich war gerade fünf geworden, nach der alten Tradition würde man mich schon in sieben Jahren verheiraten. Vielleicht würde es für mich ja zwei Esel geben […]."

Genau wie Xiaolus Großmutter ist es vielen Frauen in China ergangen: Sie wurden in jungen Jahren an Männer zur Heirat verschachert. Da die Provinz sehr ärmlich war, wechselte als Bezahlung für die Tochter meist nur ein Sack Reis den Besitzer. Der freie Wille der Frau wird auch mit diesem Brauchtum ausgemerzt. Dadurch, dass die Mädchen so jung schon an den zukünftigen Mann übergeben werden, geraten sie schnell in eine Abhängigkeitssituation, da sie nichts anderes kennen als ihren Mann. Die mangelnde Bildung führt dann dazu, dass die Mädchen auch als Frau bei ihre Männern bleiben und sich um den Haushalt kümmern.

Gewalt gegen Frauen
"Meine Großeltern führten eine schreckliche Ehe. Großvater verprügelte seine Frau fast täglich […]."

Xiaolu beschreibt extensiv die Gewalt gegen Frauen in China. Nicht nur werden Kinder (sprich: Mädchen) im Elternhaus verprügelt, sondern die Gewalt zieht sich wie ein Faden durch das Leben der Chinesinnen: Frauen werden regelmäßig von ihren Männern verprügelt, die Gründe dafür sind nichtig. Eine Frau ist stets ihrem Mann untergeordnet und sollte sie einen Jungen gebären, steht dieser in der Rangliste auch über ihr. Im China zu Xiaolus Zeit wird Frauen kein Respekt entgegengebracht, Xiaolus Großmutter lebt ihr Leben lang sogar ohne einen Namen. Zudem werden sehr viele der Mädchen, die langsam ihren Kinderschuhen entwachsen, missbraucht. Niemand spricht ein Wort, keines der Mädchen traut sich, sich an irgendjemanden zu wenden. Wie auch, wenn man als Frau ganz unten in der Familienhierarchie steht und sowieso niemanden interessiert, was man zu sagen hat? Xiaolu selbst wurde Opfer des regelmäßigen Missbrauchs über zwei ganze Jahre hinweg. Erst an der Filmhochschule in Peking vertraut sie sich ihren Zimmergenossinnen an, die alle ähnliches durchlebt zu haben scheinen. Für sie ist der Sex in einer heterosexuelle Beziehung stets von Gewalt und sexuellen Übergriffen geprägt, deshalb empfindet sie Liebe als das genaue Gegenteil von Sex. Trotzdem versucht sich Xiaolu in Beziehungen; bereits während ihrer Schulzeit in der Provinz schläft sie regelmäßig mit einem 15 Jahre älteren Lehrer.Zu einem späteren Zeitpunkt erfährt Xiaolu dann die Gewalt, die ihrer Großmutter durch ihren Großvater widerfahren ist, am eigenen Leib, nämlich als sie in Peking eine Beziehung mit einem Mann eingeht, der sie regelmäßig verprügelt. Xiaolu flüchtet und trifft die Entscheidung, nie wieder etwas mit einem Chinesen anzufangen. Immer weiter entwurzelt sie sich von ihrer Kultur, immer weniger sieht sie sich selbst als Chinesin, immer weniger identifiziert sie sich mit dem Brauchtum Chinas.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/xiaolu-guo-es-war-einmal-im-fernen-osten

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358 Bibliotheken, 21 Leser, 1 Gruppe, 104 Rezensionen

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Vox

Christina Dalcher , Marion Balkenhol , Susanne Aeckerle
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 15.08.2018
ISBN 9783103974072
Genre: Romane

Rezension:

Vermutlich begegnet euch Christina Dalchers „Vox“ aktuell auf vielen Blogs und überall in den sozialen Medien. Dieses Buch wird mit der Message „Der Roman, den jede Frau lesen muss“ geliefert und hat auch mich neugierig gemacht. Das Setting ist ein Amerika in nicht allzu ferner Zeit, in der Frauen Wortzähler um die Handgelenke haben, die exakt 100 Wörter pro Tag erlauben. Alles, was über diese 100 Wörter hinaus gesprochen wird, wird mit Stromschlägen bestraft. Die Frauen sollen dadurch gefügig gemacht werden und durch diese Art der Züchtigung auch lernen, keine Kritik am System zu üben. In Dalchers Zukunftsvision haben Frauen zudem ihren festen Platz im Haushalt, bevorzugt in der Küche, wo sie sich um das leibliche Wohl ihrer Familie kümmern. Kindern wird bereits in der Schule ein verzerrtes Bild indoktriniert, in dem die Frau nichts zu sagen hat. Und warum sollte sie auch sprechen? Es stehen sowieso nur 100 Wörter zur Verfügung. In diese Welt wird Jean katapultiert, nachdem sie ungläubig das politische Geschehen im Fernsehen verfolgt. Nach und nach verschwinden die Frauen aus den Reihen der Regierenden und Meinungsgeber, nach und nach etabliert sich ein System, bei dem niemand damit gerechnet hätte, dass „die“ damit durchkommen. Die, das sind all die bösen männlichen Politiker, die Frauen wieder an den Herd verbannen möchten. Die einzige Frau, die sich gegen diese Veränderungen aufzulehnen scheint, ist Jeans Uni-Freundin Jackie, die in Talkshows auftritt, in Debatten für das Recht der Frauen protestiert, mit aller Macht dagegen ankämpft. Doch eine Frau reicht leider nicht aus, um diesen Irrsinn zu stoppen, und so geschieht, was viele nicht sehen wollten: Ein totalitärer Staat entsteht.

Ich habe wohl nicht geglaubt, dass es passieren würde. Keine von uns.

Christina Dalcher legt mit „Vox“ einen erschütternden Roman vor, der stellenweise mehr Thriller als Gesellschaftskritik ist. Und das Buch ist tatsächlich so wichtig, wie seine Marketingkampagne uns mitteilt: Durch Trumps Position in den USA werden die Stimmen aus dem Bible Belt, die früher vielleicht als hinterwäldlerisch verschrien worden wären, immer lauter. Frauen gehören an den Herd und sollen am besten schon früh verheiratet werden, so tönt es aus dem Süden, und mir rollen sich da wie vermutlich jedem von uns die Zehennägel hoch. Dalcher hat diese Vision überspitzt wahr werden lassen und unsere Protagonistin Jean zusammen mit ihrer Familie mitten in den Wahnsinn geschmissen. Während ihr Mann seinen alten Job ausführen darf, darf Wissenschaftlerin Jean brav das Haus schrubben. Ihr Sohn Steven blüht unter der grenzwertigen Schulbildung nahezu auf und bringt spannende Weisheiten mit nach Hause, wie beispielsweise die „Tatsache“, dass Männer und Frauen bereits rein biologisch dazu ausgelegt sind, für bestimmte Dinge geeignet zu sein. Steven entwickelt sich unter der „kulturellen“ Erziehung innerhalb der Schule mehr und mehr zu einem Monster, dem nicht nur Jean eine zimmern möchte. Jeans Tochter Sonia hingegen verkümmert. Sie spricht freiwillig kaum bis gar nicht und nachdem sie gesehen hat, wozu die Armbänder fähig sind, ist ihr junges Leben stets von Angst diktiert. Während die Autorin sich also reichlich Zeit für die Kinder Jeans nimmt, wirken sie und ihr Mann fast schon leblos, wie Marionetten. Auch Jeans Affäre scheint irgendwie nur den Sinn zu erfüllen, dass in Jean der Wunsch auszubrechen erweckt wird. Das finde ich richtig schade! Gerade Jean, die in die Fußstapfen von Winston Smith (1984) und Bernard Marx (Brave New World) tritt, sollte etwas runder dargestellt werden. Dennoch ist „Vox“ sehr spannend zu lesen, man fliegt förmlich durch die Seiten. Besonders, als Jean aufgrund eines Schlaganfalls des Präsidenten (oder war es jemand anders?) nämlich ihren Job unter verschärften Bedingungen wieder ausüben darf, um ein Heilmittel für die beschädigten Hirnzellen, die das Sprachzentrum angreifen, zu entwickeln…

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/100woerter-christina-dalchers-vox

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Die Ladenhüterin

Sayaka Murata , Ursula Gräfe
Fester Einband: 145 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 09.03.2018
ISBN 9783351037031
Genre: Romane

Rezension:

Sayaka Muratas „Die Ladenhüterin“ lockte mich bereits mit dem ansprechenden Cover und wer mich kennt, wird auch wissen, dass der Klappentext nach einem Buch klingt, das quasi für mich geschrieben wurde.  Es geht um Keiko, ein junges Mädchen, das schon immer irgendwie anders ist. Empathie und Freundschaften sind ihr fremd und sie bleibt lieber für sich. Nach einer seltsamen Kindheit stößt sie in ihren Tagen als Studentin auf die Stellenanzeige eines Konbinis, eines japanisches Gemischtwarenladens, und ihr Leben beginnt für sie endlich besser zu werden. Im Konbini gelten klare Regeln und feste Willkommens- und Abschiedsformeln — kurz: Alles hat seine Ordnung. Keiko fühlt sich ab Tag 1 ihres neuen Jobs pudelwohl, nur mit den Kolleginnen scheint es nicht so zu klappen. Als sie jedoch beginnt, sich wie diese anzuziehen und sprachliche Eigenarten der anderen zu übernehmen, gehört sie plötzlich dazu — ein Gefühl, das ihr bisher völlig fremd war. Ihr ganzes Leben widmet sie fortan dem Konbini und alles könnte so friedlich sein, wenn nicht ihre Mutter, ihre Schwester und deren Freundinnen ständig nachhaken würden, wann sie sich denn einen Ehemann zulegt und endlich ein normales Leben führt.

Zum ersten Mal war es mir gelungen, am normalen Leben teilzunehmen. Als wäre ich gerade erst geboren worden. Mein erster Tag im Konbini war mein Geburtstag als normales Mitglied der Gesellschaft.

Durch dieses permantente Nachfragen gerät Keikos eigentlich erfülltes Leben, in dem sie nun einen Sinn gefunden zu haben scheint, gehörig aus dem Gleichgewicht und fortan beschäftigen sie Gedanken wie das „normale“ Leben einer japanischen Frau und woher sie einen Ehemann herbekommen soll. Doch dann gibt es einen neuen Kollegen, den maßlosen und undisziplinierten Shiraha, der in allem so gegensätzlich zu Keiko ist, und als dieser sich durch eine Reihe seltsamer Gegebenheiten in ihrer Wohnung einnistet, hat Keiko auf einmal eine Idee, wie sie die nervigen Fragen ein für alle Male loswird.

Sayaka Murata hat mit der „Ladenhüterin“ ein wunderbares kleines, aber auch gefühlskaltes Buch geschrieben. Letzteres ist allerdings keinesfalls negativ gemeint, sondern der Protagonistin geschuldet, die mir beim Lesen teilweise schon wie ein Roboter vorkam. Ihre Art, vielleicht auch Krankheit, wird im Detail beschrieben, wir erfahren, wie Keiko aufwächst, wie sie sich in eigentlich normalen Situationen seltsam und stellenweise auch makaber verhält: beispielsweise empfiehlt sie ihrer Mutter, ihre kleine Schwester, damals noch ein Baby, mit dem Messer ruhig zu stellen. Niemand versteht Keiko und Keiko versteht die Welt nicht. Nach ihrer „Geburt als normales Mitglied der Gesellschaft“ tut sie nur noch, was die anderen tun, folgt allen Anweisungen strikt und stellt außerhalb der Arbeitszeiten so gut wie jede Lebensäußerung ein. Und obwohl Keiko eigentlich mit der japanischen Lebensart nichts am Hut hat, wird sie immer wieder damit konfrontiert, dass eine Frau ohne einen Mann oder einen richtigen Job nichts wert ist. Deshalb entscheidet sie sich auch dazu, den schmarotzenden Shiraha in ihrer Wohnung zu belassen, damit sie ihrer Familie erzählen kann, sie hätte einen Mann. Denn ein Mann ohne Job (Shiraha bleibt, wie zu erwarten war, nicht lange Angestellter im Konbini) ist immer noch besser als kein Job, und Keiko möchte doch einfach nur in Ruhe gelassen werden und ihrer Erfüllung nachgehen.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/sayaka-murata-die-ladenhueterin

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21 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

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Moondust

Gemma Fowler
E-Buch Text: 320 Seiten
Erschienen bei Chicken House, 21.03.2018
ISBN 9783646921618
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Dieses Buch hat mich mit seinem tollen Cover und dem spannend klingendem Klappentext angelacht, und obwohl Young Adult Dystopien bei mir nicht mehr so hoch im Kurs sind, fand ich doch, dass Gemma Fowlers „Moondust“einen genaueren Blick verdient hat… Es geht um Aggie, die auf dem Mond lebt. Natürlich nicht alleine, eine ganze Kolonie lebt mittlerweile dort oben. Ein großer Konzern namens LunarInc. gewinnt auf dem Mond wertvolles Lumite, das die Energieprobleme der Erde ein für alle Male lösen könnte. So weit, so gut. Als Kind gerät Aggie mit ihren Eltern jedoch in einen Unfall, der noch bis heute als Adrianne Katastrophe bekannt ist. Weil sie überlebte, während ihre Eltern und auch einige andere das nicht schafften, galt sie lange Zeit als Engel und wurde für die Menschen auf dem Mond zu einem Symbol für die Hoffnung. Jetzt, in ihren Teenagerjahren, arbeitet sie in einem bedeutungslosen Job undercover, niemand weiß, dass sie der Engel von Adrianne ist, nicht einmal ihr bester Freund Seb. Und obwohl die Adrianne Katastrophe vor vielen Jahren gewaltige Einbußen für LunarInc. bedeutete, legt Aggy noch immer ihr vollstes Vertrauen in den Konzern. Bis sie eines Tages gemeinsam mit Seb einen Ausflug mit einem Rover macht und versehentlich die eigentlich streng überwachte dunkle Seite des Mondes betritt. Was sie dort sieht, verändert ihr Leben für immer. Gemeinsam mit Seb und der künstlichen Intelligenz Celeste versucht sie, der immer enger werdenden Schlinge zu entkommen, die sich um ihren Hals zu schließen droht.

»Noch mehr Lumite. Noch mehr Energie für unsere Familien auf der Erde. Das ist ein richtig gutes Gefühl, stimmt’s?«

Gemma Fowler hat hier eindeutig einige sehr, sehr spannende Ansätze. Die Kolonie auf dem Mond, der Großkonzern, der Lumite abbaut, um die Energieprobleme der Erde in den Griff zu bekommen… Korruption und Ausbeutung gehören hier auch zu den zentralen Themen. Und dennoch behält Fowler hier ihre angedachte Zielgruppe im Blick und versucht, relevante Themen für Teens einzubauen: die erste Liebe, der sexy Rebell, der beste Freund, der vielleicht doch mehr sein könnte… Für mich als „erwachsenen“ Leser reicht das leider nicht. Die Themen, die Fowler anreißt, das Wissenschaftliche, das Böse, die Energiekrise, all das sind Themen, bei denen ich auf mehr Ausführlichkeit gehofft hatte. Fowler legt mit „Moondust“ einen spannenden Roman vor, der einem oft wie ein Thriller vorkommt, es gibt Rennen gegen die Zeit und alle Elemente für ein gutes Buch sind eigentlich gegeben, dennoch finde ich die Ausgestaltung von Aggie und ihrer Teen-Interessen mager. Aggie erscheint auf den ersten Blick wie ein unsicheres, naives Mädchen, das stark auf andere Meinungen und den Support von männlichen Charakteren angewiesen ist. Und leider bleibt sie das auch auf den zweiten Blick. Zusammen mit Celeste, der KI, die auf dem Mond den Überblick behält und die Menschen dort unterstützt, lernt Aggie nach und nach, dass LunarInc. nicht so gute Absichten zu haben scheint, wie sie jahrelang dachte. Dabei wird zwar ihr Kampfgeist gehörig angestachelt, doch leider pfuschen Schwärmereien und Eifersucht immer wieder in die eigentlich sehr spannende Story. Natürlich, für einen Protagonisten in „diesem Alter“ ist dieses Verhalten nur normal, dennoch ist es besonders hinsichtlich der Stereotypen und Rollenbilder sehr bedenklich, dass Aggie so sehr auf einen männlichen Counterpart angewiesen zu sein scheint. Das machen andere aktuelle Titel für Jugendliche besser. (Spinster Girls, I’m looking at you!)

Doch ich will hier eigentlich gar nicht so negativ sein, denn Moondust hatte einige wahnsinnig spannende Momente. Die KI Celeste und ihr Mitwirken an dem Verlauf der Geschichte haben mir besonders gut gefallen. Auch gut fand ich den Schreibstil, der schließlich dazu geführt hat, dass ich „Moondust“ an einem Tag durchgelesen habe. Ein gutes Zeichen!

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/gemma-fowler-moondust

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Gezeichnet

Osamu Dazai
Fester Einband: 150 Seiten
Erschienen bei Insel, Frankfurt
ISBN 9783458168713
Genre: Romane

Rezension:

Erstmals 1948 erschienen, begeisterte Osamu Dazais „Gezeichnet“ bereits Generationen japanischer Leser. Jetzt erschien sein Werk in einer neuen, optisch sehr ansprechenden Ausgabe beim cass Verlag, der sich auf japanische Literatur spezialisiert hat. In diesem Büchlein geht es um Yozo, der sich nie richtig zugehörig fühlt und normales, menschliches Verhalten auch nie nachvollziehen kann. Er leidet unter einer sogenannten conditio inhumana, wie der japanische Originaltitel „Ningen shikakku“ — als Mensch disqualifiziert — auch bereits andeutet. In seiner großen Familie muss er um Aufmerksamkeit kämpfen, daher hat er sich bereits in seinen frühen Lebensjahren eine Maske als Clown zugelegt. Auch in der Schule kommt er mit seinen Albernheiten durch, lebt allerdings in der steten Angst, jemand könnte ihn durchschauen. Als er schließlich auch eine weiterführende Schule wechselt, mit dem Ziel, Künstler zu werden und Gemälde zu zeichnen, verfällt er dem dekadenten Leben der Großstadt, das ihm auch zunächst noch von seiner wohlhabenden Familie finanziert wird: Drogen, Prostitution und der Einsatz für die politische Linke, der zu der Zeit noch illegal war. Doch im Grunde genommen ist ihm alles gleichgültig, eigentlich möchte er nur Zeichnen. Frauen sind ihm suspekt, laufen ihm jedoch in Scharen hinterher, und mit einer begeht er gemeinsam einen Selbstmordversuch. Sie stirbt, er überlebt. Erst da beginnt sein Leiden so richtig.

Yozo Oba, als Mensch gewogen und für zu leicht befunden.

Durchgefallen.

Ich hatte aufgehört, als Mensch zu existieren.

Osamu Dazai erzählt mit „Gezeichnet“ erdrückend und deprimierend das Schicksal des jungen Yozo, der nie richtig in seinem Leben ankommt. Aus dem Klappentext erfahren wir bereits, dass er Comiczeichner ist — also wissen wir schon zu Beginn, dass aus seinen großen Träumen wohl leider nichts wird. Nichtsdestotrotz ist es faszinierend und zugleich traurig, diesen Charakter weiterzuverfolgen. Interessant ist, dass Dazai eine kleine Rahmenhandlung um die Geschichte Yozos gebaut hat: Ein Schriftsteller erhält von einem anonymen Mann drei Notizhefte, die die Aufzeichnungen Yozos enthalten. Er entschließt sich, diese zu veröffentlichen. Ob Dazai selbst dieser Schriftsteller war, erfährt der findige Leser erst im Nachwort zum Buch. In diesem findet sich eine detaillierte Analyse der Notizbücher und deren Inhalt. Das Nachwort sollte deshalb keinesfalls übersprungen werden.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/osamu-dazai-gezeichnet

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Der Kult

Marlon James , Wolfgang Binder
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Heyne, 21.05.2018
ISBN 9783453677180
Genre: Romane

Rezension:

Nachdem Marlon James vor einer Weile mit seinem Wälzer „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ etwas im Spotlight war, wurde ich doch irgendwie erst mit seinem neuen Buch, „Der Kult“, aufmerksam. Es geht um ein Dörfchen mitten im Nirgendwo, das eine aktive Kirchengemeinde hat. Eines Tages wird Pastor Bligh, der wegen seines Alkolkonsums nur „Rumpfarrer“ genannt wird, gewaltsam aus der Kirche vertrieben, als der sich selbst als Apostel bezeichnende Pfarrer York ins Dorf kommt. Ganz Gibbeah ist außer sich, aber auch von den andersartigen Predigten vom Apostel in den Bann gezogen. Während Pastor Bligh seine Wunden leckt und in ein tiefes Loch aus Depressionen und noch mehr Alkohol fällt, ruft Apostel York seine Lämmchen zu immer gewaltsameren Taten auf, stiftet sie zu Verbrechen aus Hass an und hetzt im Grunde genommen die gesamte Gemeinde gegeneinander auf. Trotzdem sind die Anwohner Gibbeahs folgsam. Bis sie sich eines Tages an die ruhigen Zeiten unter Leitung des Rumpriesters sehnen. Dafür ist es nun allerdings zu spät. Oder?

Wer ist bereit, für den HERRN Gewalt anzuwenden?

„Der Kult“ ist nicht zu vergleichen mit irgendeinem Buch, das ich bisher gelesen habe. Während ich diese Worte schreibe, bin ich mir immer noch nicht sicher, ob ich es mochte oder nicht. Ich konnte den Wahn nicht ganz nachvollziehen. Apostel York ist aber ein sehr starker und auch sehr fanatischer Charakter, der das Dorf von allem „Unreinen“ befreien möchte, und es schafft, das Dorf in seinen Bann zu ziehen. Durch seine „Reinigungen“ werden beispielsweise auch eine Ehefrau und ihr Liebhaber bestraft, die gemeinsam Ehebruch begangen haben. Nach der „angemessenen“ Bestrafung kann die „sündige“ Ehefrau im Dorf nicht einmal mehr Mehl und Butter kaufen, ohne beschimpft zu werden — nicht, dass ihr nach der Sache noch irgendetwas verkauft würde! Der Irrsinn Yorks nimmt also immer schlimmere Ausmaße an und lässt ein Sekten-Gefühl aufkommen.

Während York nun mit seinem teilweise kranken Wahn immer weitere Kreise zieht, erholt sich Bligh bei der Witwe Greenfield von den ihm zugefügten Verletzungen (ja, das Buch ist sehr gewalttätig!) und plant im Alkoholentzug seine Rache an York. Alles spitzt sich immer mehr zu und wird nur durch mehrere kleine Stelldicheins zwischen York und Bligh „aufgelockert“, die sich die Seele aus dem Leib prügeln.

Marlon James erzählt seine Geschichte aus mehreren Perspektiven: aus der Sicht Pastor Blighs und der Witwe Greenfield, die aufgrund eines angeblichen „Lebens in Sünde“ auch vom Apostel verschrien werden; aus den Augen von Lucinda, die als einziger Charakter nicht mit Nachnamen angesprochen wird, die ein euphorischer Anhänger Yorks ist; und aus der Perspektive der Gemeinde, die allerdings keine Namen haben, sondern mehr die Masse widerspiegeln sollen.

Nachdem der Apostel zu Ende gesprochen hatte, waren wir bereit, den sündigen Mann und die sündige Frau sofort umzubringen, sodass wir erst mal bis zehn zählen mussten und dann gleich noch mal. Der Apostel ist sehr hart zu uns, aber die Wahrheit ist auch hart.

Fazit: Dieses Buch ist nichts für Zartbesaitete! Explizit wird hier beschrieben, wie Apostel York seinen Kult um sich schart und wie seine Methoden aussehen. Auch der Wahnsinn, der York und nach und nach Gibbeah beherrscht, ist nicht leicht „mitanzulesen“. Dennoch (oder gerade deswegen) ist der Kampf um die Kirchengemeinde des kleinen Örtchens spannend und aufgrund der angenehmen Schreibe von Marlon James gut zu lesen. Ein ungewöhnliches Buch. Ich glaub, ich mag’s.

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