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14 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

victoria hohmann, vom dazwischen

Vom Dazwischen

Victoria Hohmann
Flexibler Einband: 202 Seiten
Erschienen bei VHV-Verlag, 12.03.2018
ISBN 9783981862133
Genre: Romane

Rezension:

Nachdem ich fast genau vor einem Jahr bereits Victoria Hohmanns erstes Werk „Von Verwandlungen“ im Zuge einer Lovelybooks Leserunde lesen durfte, wurde ich neulich gefragt, ob ich nicht auch ihr aktuelles Buch lesen möchte — was für eine Frage! „Von Verwandlungen“ hat mich letztes Jahr der Kurzprosa näher gebracht, nachdem ich mich bisher mit Kurzgeschichten und Erzählungen schwer getan hatte. „Vom Dazwischen“ liefert uns nun 12 neue Erzählungen, von der eine sogar eine Fortsetzung ist – nämlich vom wütenden Hater aus „Von Verwandlungen“. Während die einzelnen Stücke alle ein anderes Thema kritisch behandeln, habe ich mich doch gefreut, etwas wiederzuerkennen. Hohmanns neues Buch nimmt uns mit auf eine Reise in verschiedene Thematiken, zu verschiedenen Menschen und an diverse Orte. Die Erzählungen sind wahnsinnig vielseitig und Langeweile ist diesem Büchlein ein Fremdwort. Ob es Thematisch um das Coming-out, die permanente Vernetzung oder eine Angststörung geht, Victoria Hohmann schafft es wieder einmal, mich in die Geschichten hineinzuziehen.

Die Vögel sangen: Amsel, Drossel, Fink und. Starr stand die Frau. Wachsfigur. Schmolz. Bei nur 22 Grad Außentemperatur.

Die Themenwelt ist in „Vom Dazwischen“ breit gefächert. In Schwarzwäldersahnetorte, der ersten Erzählung, tauchen wir beispielsweise in das Leben einer jungen Frau ein, die sich bei einem Klassentreffen einige Jahre nach ihrer Schulzeit mit ihrer Homosexualität befassen muss bzw. sich den ehemaligen Klassenkameraden dazu bekennen möchte. Die Straße lässt uns in die Gedankenwelt einer Frau mit Angststörung springen, die jeden Tag zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt ihre angsthemmenden Medikamtente nehmen muss und sich jetzt in einem Experiment ihrer Angst stellen will: Die Straße zur Bahn ohne Tablette hinuntergehen, vielleicht sogar auf der anderen Straßenseite. Dass sich die Gedanken da überschlagen und die Angst ihr hässliches Haupt reckt, ist unausweichlich. Wie Geschosse schlagen Gedankenfetzen in den Kopf der Frau ein, es wird zur Zerreißprobe — nicht nur für sie, sondern auch für uns, den Leser. Die Erzählung Balanceakte führt uns in eine Büro-Umgebung zur Mittagspausenzeit. Ein Mann und eine Frau unterhalten sich. Dass der Mann vielleicht mehr an der Frau interessiert ist, als er sich eingestehen mag, davon merkt sie nichts. Und überhaupt macht ihm die überraschende Qualitätssicherung Sorgen. Der Stress, der uns Arbeitnehmer täglich umgibt, die Anforderung, auch ja mehr als genug zu leisten, all das spiegelt sich in dieser Kurzgeschichte wider. Zum Schluss möchte ich noch kurz auf die Erzählung Die Frau in der Wand eingehen. Hier bemerkt eine Frau in ihrem Büro von einem Moment auf den anderen eine scheinbar im Mauerwerk eingeschlossene Frau. Ist ihr Mund zu einem stummen Schrei geöffnet oder wollte sie noch etwas sagen? Ist sie lebendig? Hängt sie im Dimensionsschaum fest? Oder bildet sich unsere Protagonistin das alles nur ein?

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/victoria-hohmann-vom-dazwischen

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26 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

liebe, meermann, melissa broder, roman, sex

Fische

Melissa Broder , Eva Bonné
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 11.05.2018
ISBN 9783550050299
Genre: Romane

Rezension:

Dieses Buch hat mich bereits seit einigen Monaten immer wieder angelacht, das wunderschöne Cover in meiner Lieblingsfarbe (Mint!), der Klappentext und einige positive Rezensionen haben mich dann schlussendlich zur Lektüre verleitet. Denn mal ehrlich, wie viele Bücher über einen Meermann hab ich bisher gelesen? Richtig, zero! Allerdings hätten mir Ausdrücke wie „merman erotica“ eine Warnung sein sollen… Smells fishy! Es geht um Lucy, die ihren Freund nur noch als speckige Masse ansieht, die sich nicht mehr länger um sie bemüht, und kurzerhand mit ihm Schluss macht. Nach der Trennung sieht sie ihn natürlich wieder als den, der er zu Anfang der Beziehung war, und stürzt in eine emotionale Krise. Ihre Dissertation zu Sappho, die sei seit neun Jahren ernährt und an der sie immer mal wieder halbherzig arbeitet, lässt sie nun vollends schleifen. Ihre Halbschwester beordert Lucy nach einigen Wochen Misere zu sich nach Hause, in das Strandhaus in Venice Beach, wo sie auf den Hund, „ihr Baby“ aufpassen soll, während sie und ihr Mann durch die Welt reisen. Einzige Verpflichtung: nicht nur auf den Hund aufpassen, sondern auch zu einer Liebes- und Sextherapiegruppe gehen. Und zwar regelmäßig. Während eines Strandspaziergangs trifft sie „Schwimmer“ Theo, der ihren mittlerweile ganz guten Lauf doch ziemlich ins Wanken bringt…

An die eigenen Lügen zu glauben ist eine Kunst. Manche Leute sagen, man müsse sich erst selbst von der Lüge überzeugen, doch ich konnte mir in dem Moment einfach keine andere Realität vorstellen.

„Fische“ ist kein Roman über die Heilung einer Obsession, nein, Lucy reitet sich immer weiter in ihre eigene Depression hinein, macht sich und ihr Wohlbefinden von einem Mann abhängig und weiß, ganz auf sich allein gestellt, nichts mit sich anzufangen. Über Tinder trifft sie zwei ganz hinreißende Exemplare Mann, und nach zwei unvergesslichen Nächten findet sie sich am Boden der Tatsachen wieder. Ihre Depression wächst und wächst. Immer wieder kehrt sie zu „Theos Felsen“ zurück, an dem er stets mit dem Unterkörper im Wasser vorfindet. Natürlich ist er der Meermann, der auf dem Klappentext erwähnt wird und nein, das ist definitiv kein Spoiler, wenn es sogar zur Marketingkampagne gehört.  Theo ist natürlich wunderschön, sieht sehr jung aus, hat den perfekten Körper und holla, einen ebenso perfekten Penis. Und hier beginnt auch schon der Teil, bei dem mein Interesse an „Fische“ radikal abgeflaut ist. Der Leser bekommt jede Menge „merman erotica“, der Meermann wird mit einer Schubkarre ins Haus geschoben und der Hund der Schwester kurzerhand betäubt, damit er beim Liebesspiel nicht so viel bellt. Unsere Protagonistin verfällt immer mehr in einen für mich unverständlichen Wahnsinn und nicht nur ihre Therapiegruppe oder ihre neue Freundin, die sich umbringen will, leiden darunter, sondern vor allem der Hund ihrer Schwester. Der wird mehr und mehr zum lästigen Übel, um dass Lucy sich immer weniger kümmern will. Es schmerzt, mitzulesen, wie er in seinen eigenen Exkrementen sitzt und darauf wartet, dass sie ihn füttert. Um ihre „Beziehung“ zu Theo aufrechtzuerhalten, muss sie immer mehr Betäubungsmittel heranschaffen und fährt wie ein Junkie dazu zu vielen verschiedenen Tierärzten. Kompletter Wahnsinn. Dass ihre Schwester irgendwann zurück kommt, blendet Lucy vollkommen aus und gibt sich dem Liebesspiel mit dem Meermann hin. Dass das zu keinem guten Ende führen kann, ist keine Überraschung.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/melissa-broder-fische-spoiler

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193 Bibliotheken, 8 Leser, 1 Gruppe, 100 Rezensionen

wasser, norwegen, frankreich, roman, klimawandel

Die Geschichte des Wassers

Maja Lunde , Ursel Allenstein
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei btb, 19.03.2018
ISBN 9783442757749
Genre: Romane

Rezension:

Nachdem letztes Jahr Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ in aller Munde war und auch ich mich nicht dem Hype entziehen konnte, war klar, dass ich natürlich auch die kommenden Bücher von ihr lesen muss. Geplant ist wohl ein Quartett, dessen Bücher sich allesamt mit Themen rund um den Klimawandel und die Umweltverschmutzung befassen sollen. Nun ist „Die Geschichte des Wassers“ erschienen, das sich, wie der Titel bereits vermuten lässt, mit dem großen Thema Wasser verschwendet. Währen Lunde bei den „Bienen“ die Geschichten dreier Personen versponnen hat, findet der Leser in ihrem neuen Werk nur zwei Protagonisten und Zeitebenen vor. Zum einen haben wir Signe Hauger, die Journalistin und Autorin, deren Vater Umweltaktivist ist und immer im krassen Gegensatz zu ihrer Mutter, die eine Karriere als Politikerin bestreitet, handelte. Mit ihren fast 70 Jahren macht sie sich mit ihrem Boot, der Blau, auf in ihre Heimat, um das dort für das neue Trend-Wasser abgebaute Gletschereis zu retten. Der Gletscher gehörte zu ihrer Kindheit, dass er nun abgebaut wird, obwohl der Gletscher sowieso bereits schmilzt, bricht ihr das Herz. Bereits in ihrer Kindheit wurden die Schwesternfälle ihrer Heimat in Rohre umgeleitet, um mit der gewonnenen Energie ein Kraftwerk zu befeuern. Was damals von Politikern wie ihrer Mutter entschlossen wurde, wird nun von ihrem Kindheitsfreund und erster Liebe Magnus betrieben, der sich nicht gegen den Abbau des Gletschers eingesetzt hat, als er konnte. Nun will Signe ihm das Eis, das bereits gesammelt wurde, bis vor die Haustür bringen, um ihm klarzumachen, dass er nicht nur den wertvollen Gletscher, sondern auch ihre gemeinsame Vergangenheit abbaut.

Parallel zu Signes Geschichte lesen wir von David, der mit seiner Tochter Lou auf der Flucht ist. Mit nur dem Allernötigsten im Gepäck fliehen sie vor dem Feuer, das ihr Zuhause heimgesucht hat, in eines der vielen Flüchtlingslager. Dort hoffen sie, Davids Frau Anna und den gemeinsamen Sohn August wiederzufinden; die Vier wurden bei der Flucht getrennt. Der Alltag im Lager ist dröge, das Essen karg und die Wasserrationen bemessen. Denn David lebt im Jahr 2041, Jahre nachdem der Gletscher abgebaut wurde und eine schwerwiegende Dürre die Erde heimgesucht hat. Waldbrände sind an der Tagesordnung und das Wasser ist mittlerweile rar gesät. Das, was da ist, muss streng rationiert werden. David und Lou vertreiben sich die Zeit, in der sie auf Anna und August warten, mit Spielen und Spaziergängen. Eines Tages finden sie bei einem Spaziergang ein Boot, mit dem sie ab sofort tägliche See-Abenteuer bestreiten — natürlich nur imaginäre, da es ja kein Wasser gibt. Doch David hat plötzlich eine Idee, mit dem er das Leben von sich und Lou besser machen kann und möglicherweise auch das vieler anderer Menschen.

»Du sagst, es sei unser Instinkt, für unsere Nachkommen zu sorgen […]. Aber eigentlich sorgen wir nur für uns selbst. Uns selbst und unsere Kinder. Höchstens noch für unsere Enkel. Diejenigen, die danach kommen, vergessen wir.«

Maja Lunde gelingt es mit ihren Romanen, wichtige Themen, die ein jeder Mensch eigentlich auch als wichtig erachten sollte, an die Masse zu bringen. Dadurch, dass sie um die Figuren spannende Schicksale spinnt und auch verschiedene zeitliche Ebenen einbaut, wird man als Leser schnell von der Geschichte eingenommen und fliegt nahezu durch die Seiten. Jedoch muss ich gestehen, dass ich Signes und Davids Schicksal als weniger spannend wie die „Bienen“ empfunden habe. Bei den Bienen konnte ich mit jedem Charakter mitfühlen, habe um den Verlust der Bienenstöcke getrauert und mich sehr über das optimistisch anmutende Finale gefreut. Doch diesmal erschienen mir die Protagonisten platt, nicht mit Liebe zum Detail erschaffen, und die Geschichte konnte mich auch nicht so richtig packen. Maja Lunde macht sehr viel mit ihrem Schreib- und Erzählstil wett, sodass man auch ohne ausgefleischte Charaktere und verfolgenswerte Story irgendwie an dem Buch hängen bleibt.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/maja-lunde-die-geschichte-des-wassers

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62 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 50 Rezensionen

eigenwillige bewohner, bergbau, berg, debüt, landflucht

Alles was glänzt

Marie Gamillscheg
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 19.03.2018
ISBN 9783630875613
Genre: Romane

Rezension:

„Alles was glänzt“ von Theresa Gamillscheg war eine kleine Überraschung, denn ich habe es durch Zufall entdeckt, und als es dann bei mir daheim lag, wurde mir auf der ersten Seite schon klar, dass der Schreib- und Erzählstil genau meins ist. Und beim Thema Berge bin ich doch auch gleich dabei. Es geht um ein kleines, fast vergessenes Dorf, das an einem Berg liegt. Nun ist dieser Berg allerdings kein gewöhnlicher Berg, sondern jahrzehntelanger Bergbau haben ihn nahezu vollständig ausgehöhlt und er droht auseinanderzurechen. Obwohl bereits Risse und ein Spalt, fast einen halben Meter breit, sich dem Dorf näher, scheinen dessen Bewohner sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben und leben ihren Alltag. Bis eines Morgens die Leiche Martins aus einem Auto geborgen wird und alle Anwohner in Aufruhr geraten. Denn im Gegensatz zur Stadt kennt jeder im Dorf jeden und so ein Tod trifft natürlich alle: »In der Stadt wäre das nichts, aber hier, bei uns, das trifft uns direkt ins Herz.« Doch eigentlich fing alles mit einem kleinen roten Knopf im Bergmuseum an, der nicht mehr funktionieren wollte. Plötzlich wurde man sich im Dorf des Verfalls des Bergs bewusst, der ja nur noch eine leere Hülle ist. Regionalmanager Merih hat die Aufgabe zugeteilt bekommen, die Anwohner des kleines Dorfs umzusiedeln, um das Stadtzentrum wiederzubeleben und sie auch von der Gefahr, die vom Berg ausgeht, fortzubringen.

»Wenn wir noch erleben, wie der Berg in sich zusammenbricht, dann wird vor allem das Licht entscheidend sein […]. Wenn das Licht mit dem Berg gemeinsam runterkommt, dann kann uns das nichts Böses wollen.«

In Marie Gamillschegs Roman lernen wir aber nicht nur Merih kennen, der auf seine eigene Weise versucht, sich mit den Dorfbewohnern zu verstehen, sondern auch die Schwestern Esther und Teresa, die beide das Dorf verlassen und in die Stadt ziehen möchten. Esther macht sich einiges Tages einfach auf; ihre Schwester bleibt sehnsüchtig zurück. Ebenso lernen wir Gastwirtin Susa kennen, die die Kneipe des Dorfs führt. Sie ist misstrauisch gegenüber Merih und den Veränderungen, die er mitbringt. So hat jeder der Dorfbewohner seine kleine Geschichte, aber große Charakterentwicklungen braucht Gamillscheg nicht, um Gefühle zu wecken. Der unaufgeregte Schreibstil hat mich direkt ab der ersten Seite gefesselt und ließ mich erst mal nicht mehr los.

Viel passiert in „Alles was glänzt“ zwar nicht, aber gerade das macht die Magie des Romans aus. Das stille Dorf, der ausgehöhlte Berg, die ruhigen Anwohner, alles trägt zu der melancholischen und unaufgeregten Atmosphäre bei. Der ausgehöhlte Berg steht dabei stets im Mittelpunkt des Geschehens. In malerischen Beschreibungen, die aber nie ausarten, beschreibt Gamillscheg, wie der Berg komplett von Tunnel durchzogen ist, wie seine Wände glitzern und funkeln. Dazu werden immer wieder Legenden und Mythen rund um den Berg erzählt, wie beispielsweise die Legende vom Blintelmann.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/marie-gamillscheg-alles-was-glaenzt

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9 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

peter härtling, der gedankenspieler, briefe, dr. mailänder, architekt

Der Gedankenspieler

Peter Härtling
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.03.2018
ISBN 9783462051773
Genre: Romane

Rezension:

Peter Härtlings „Der Gedankenspieler“ hat mich bereits in der Verlagsvorschau irgendwie magisch angezogen. Das Älterwerden und über das Leben sinnieren ist scheinbar ein Thema, das mich immer wieder aufs Neue reizt. In diesem Roman geht es um den Eigenbrötler Wenger, der nach einem ziemlich unglücklichen Sturz an den Rollstuhl gefesselt ist und mehr und mehr die Hilfe von einem kleinen Pflegeteam benötigt. Sein langjähriger Freund und Hausarzt Dr. Mailänder versucht, Wenger in seiner Pflegebedürftiglkeit das Leben dabei so angenehm wie möglich zu machen, schaut immer nach dem Rechten, besucht ihn mit seiner Frau und Tochter, um den tristen Alltag des älteren Herrn etwas bunter zu gestalten. Und wenn Wenger wieder mal allein daheim ist oder wieder einmal im Krankenhaus nächtigen muss, verfasst der alte Mann im Kopf Briefe an Freunde, Künstler und an Menschen, die ihn beeinflusst haben, vor allem aber an Katharina, Mailänders Tochter. Doch trotz der guten Pflege geht es Wenger zusehends schlechter und nicht nur er muss sich auf das Unvermeidliche einstellen, sondern auch seine lieb gewonnenen Freunde.

Wann immer er mit dem Waschlappen traktiert wurde […], verlor er sich als Subjekt, wurde zum Objekt, ein Gegenstand, der gesäubert wird. Dennoch bemühte er sich, den Gegenstand vergessen zu machen. […] Warum, fragte er sich jedes Mal während der Prozedur […], warum empfinde ich keine Scham mehr? Alt und nackt. Hilflos. Warum begehre ich nicht auf, ziehe mich nicht zusammen, wenn die über Jahrzehnte jüngere Frau ankündigt: Jetzt kommt der Poppes dran.

„Der Gedankenspieler“ ist ein wunderbar vielschichtiger Roman, der bei mir wirklich die richtigen Töne getroffen und Knöpfchen gedrückt hat. Als Leser verfolgt man als Zuschauer das Leiden des sonst so unabhängigen Wengers, der nie große Probleme mit seiner Gesundheit hatte und nun überhaupt nicht damit einverstanden ist, dass er nun so hilflos und auf andere Menschen angewiesen ist. Es durchzuckt einem mit Empathie und Mitleid, man gruselt sich selbst vor dem Alter, wenn man liest, wie Wengers körperlicher Verfall vonstatten geht. Bei manchen Abschnitten musste ich mich zum Weiterlesen zwingen, da mir das alles viel zu bekannt vorkam, ich diesen Prozess bereits bei meinem eigenen Vater beobachten musste, und einige Stellen gingen mir richtig ans Herz und Gänsehaut überzog mich, die eine oder andere Träne floss auch. Die eigene Unabhängigkeit aufgeben zu müssen, völlig seinen Helfern und im Endeffekt auch seinem eigenen Körper und dessen Schwäche ausgeliefert zu sein, kann ich mir noch gar nicht so recht vorstellen, aber der Gedanke daran ist äußerst beklemmend.

Härtling schrieb seinen „Gedankenspieler“ kurz vor seinem Tod, und dank dem Nachwort bekam der Roman eine völlig neue Tiefe. Der Leser findet nach der Lektüre zahlreiche Parallelen zwischen Härtling und Wenger; mich hat das alles noch ein wenig mehr bedrückt. Den Roman handelt Härtling relativ nüchtern ab, aber es entstehen trotzdem große Emotionen, man schließt Wenger ins Herz und möchte ihn am liebsten  nicht gehen lassen. Während der Verfall also seinen Lauf nimmt, Wenger zwischenzeitlich schon mit riesigen Windeln ausgestattet wird, krümme ich mich gedanklich immer weiter, denn ich weiß bereits, auf was die Geschichte hinauslaufen wird. Doch Wenger mag physisch stark geschwächt sein, innerlich jedoch spielt er immerfort mit den Gedanken; er verfasst bis zu seinen dunkelsten Stunden im Geiste Briefe, greift gelegentlich sogar noch zum Stift, und selbst als ihm keine guten Aussichten mehr offenstehen, bleibt er doch stets der, der er ist: ein kauziger Mann, der stets stark und unabhängig war und sich erst im Angesicht der körperlichen Schwäche in die Hände anderer gegeben hat.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/peter-haertling-der-gedankenspieler

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22 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

alexanderschimmelbusch, gesellschaftskritik, hochdeutschland, kapitalismus, populismus

Hochdeutschland

Alexander Schimmelbusch
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Tropen, 06.05.2018
ISBN 9783608503807
Genre: Romane

Rezension:

Alexander Schimmelbuschs Roman „Hochdeutschland“ hat mich mit seinem wundervoll gestaltetem Cover schon in den Verlagsvorschauen angesprochen. Zugegeben, der Klappentext klang nicht hundertprozentig nach dem, was ich normalerweise lesen würde, aber es spielt im Taunus und das fand ich doch ziemlich spannend. Also zog „Hochdeutschland“ in mein Regal ein. Es geht um Victor, der – ganz nach seinem Namen kommend – ein echter Siegertyp ist. Er arbeitet als Investmentbanker und kann mit Geld nur so um sich werfen. Doch in seinem Privatleben läuft im Gegensatz zum Beruf alles schief: Er ist geschieden, sieht seine Tochter nicht allzu häufig und kann mittlerweile mit seinem Leben nicht mehr glücklich sein. Überall sieht er klaffende Ungerechtigkeiten, das Millionen, die er als Banker scheffelt, müssten viel mehr den sozialen Organisationen zugesteckt werden – eine Reichensteuer muss her, damit das Deutschland aus seinen Erinnerungen wieder aufleben und die Grenze zwischen arm und reich wieder verkleinert werden kann. Er schreibt ein politisches Manifest, das Deutschland wieder zur Blühte bringen soll, radikal ist es, und sein Kumpel, der Parteimitglied der Grünen ist, macht sich mit dem Manifest als Parteiprogramm als neue Partei einen Namen.

Sein eigenes Glück schmieden – was für ein verlogenes Bild.

„Hochdeutschland“ hat mich mit seinem Klappentext vermuten lassen, dass Victor ein selbst reflektierender Mensch ist, und das ist er auch in Ansätzen, aber was er zu meinem Leidwesen größtenteils ist, ist unsympathisch. Eigentlich müsste ein solcher Weltverbesserer, der sogar gute Ansätze und Ideen mitbringt, doch ein sympathischer Typ sein — Fehlanzeige! Victor schaut von seinem hohen Ross auf Deutschland herunter, findet, dass sich etwas ändern muss, aber wirklich aktiv wird er selbst nicht. Er fängt halbherzig einen Roman an, dessen Geschichte auch seitenlang erzählt wird und der Leser wird ebenfalls Zeuge des (zugegeben, sehr interessanten) Manifests, doch leider schafft Victor es nicht, sich zu einer Aktion aufzuraffen. Ausführender Hebel ist schließlich sein Freund Ali, mit dem er literarisch wertvolle Gespräche führt: »Ey, willst du wirklich diese Keule schwingen?« — »Die einzige Keule, die ich schwinge, ist meine osmanische Liebeskeule…«

Doch nicht nur die Dialoge zwischen Ali und Victor haben mir nicht zugesagt, sondern auch der Erzählstil. Schimmelbusch wirft mit großen Wörtern nur so um sich und das Gefühl entsteht, er möchte seinem Text ein wenig Erhabenheit verleihen. Die Charaktere im Buch bleiben auch lieblose Karikaturen, wenn Victor seine kleine Tochter mit „mein Kindchen“ anspricht, möchte man als Leser am liebsten schnell das Weite suchen. Selbst in den Passagen, in denen Victor sich an seine Kindheit zurückerinnert, seine Träume, seine Hoffnungen, bleibt der Leser stets distanziert und kann sich zu keinem Zeitpunkt in ihn hineinfühlen. Auch die Art, wie er seine Mitarbeiter schindet, ganz nach dem „überlieferten Protokoll“ der Investmentbanker und wie diese stets wie Sklaven arbeiten lässt, nur, weil es die Generationen vor ihm ebenso gemacht haben: zwei Stunden Schlaf im Büro, schnell im Wellnessbereich duschen, Kaffee, dann wieder ran ans Werk.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/alexander-schimmelbusch-hochdeutschland

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

debüt 2018, depression, einwanderung, familie, identitätssuche

Beschreibung einer Krabbenwanderung

Karosh Taha
Fester Einband: 250 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 12.03.2018
ISBN 9783832198800
Genre: Romane

Rezension:

In der Frühjahrs-Verlagsvorschau des Dumont-Verlag habe ich eine kleine Perle entdeckt: Und zwar Karosh Tahas „Beschreibung einer Krabbenwanderung“. Der außergewöhnlich klingende Titel, das wunderschöne Cover und natürlich nicht zuletzt der Klappentext konnten mich überzeugen, dass ich dieses Buch unbedingt lesen muss. Und zwar geht es um die 22-jährige Sanaa, die in ihrem Umfeld gefangen ist: Ihre Mutter ist depressiv, ihr Vater könnte gleichgültiger nicht sein und verschwindet auch immer öfter. Zudem scheint ihre Schwester sich mit den falschen Leuten abzugeben, ihre Ansichten vor allem über ihre Zukunft werden immer krasser; ihr fehlt klar eine Elternfigur. Neben all diesem familiären Chaos versucht Sanaa, ihre Beziehungen zu zwei Männern aufrechtzuerhalten und auch noch zu studieren. Als einer ihrer Lover, Adnan, plötzlich Ernst macht und sie seinen Eltern vorstellen will, zieht sie sich in ihr Schneckenhaus zurück und flieht zu ihrer Familie, da sie keine Zukunft für die Beziehung sieht, solange ihre Familie noch die ist, die sie ist. Sanaa lebt in zwei Welten: die eine in der Hochhaussiedlung neben den anderen irakischen Familien, unter ständiger Beobachtung, lediglich durch Essen wird Verbundenheit geschaffen; die andere außerhalb der Siedlung, wo sie sich mit ihren Freunden treffen kann, zur Uni geht und einfach ihr Leben leben darf. Doch die erste Welt drängt sich ihr immer wieder auf, sie kann ihr nicht entfliehen.

Ich kann nicht irgendwo warten, bis jemand kommt, auch wenn es Adnan ist, ich kann nicht stehen bleiben, ich kann mich nicht aus dem Fenster lehnen und gucken, was die Leute machen, während ich nichts mache, ich kann nicht im Bett liegen, obwohl ich nicht schlafe. […] Solange Asija nicht lachen kann, kann ich nicht mit Adnan schweben.

Asija und Nasser sind als frisch getrautes Paar mit Sanaa in ein Hochhaus in Deutschland gezogen und haben dem Irak den Rücken gekehrt. In Deutschland seien die Berufsschancen besser, für das Kind würde gut gesorgt werden, wurde ihnen erzählt. Damit sie nicht direkt bei der Ankunft abgeschoben werden, riet man ihnen, noch ein Kind zu bekommen, „schwanger schickt man dich nicht zurück“. In dem Hochhaus, wo die Drei landen, wohnen auch bereits andere Familienmitglieder, die vor ihnen nach Deutschland gereist sind. Doch anstatt in einem liebevollen, familiären Umfeld aufzuwachsen, verfällt Asija nach der Geburt Helins in tiefe Depressionen, sie und Nasser leiden beide unter dem Heimatverlust und die „nette Verwandtschaft“ sitzt in Form von Tante Khalida und deren Nachbarin, die Sanaa heimlich Baqqe (Frosch) nennt, rauchend und tratschend im Wohnzimmer. Sanaa flüchtet so oft sie kann aus diesem Szenario, ihr Gewissen zwingt sie aber, sich nicht allzu weit von ihrem Hochhaus zu entfernen. Sie verachtet die „Hochhausfrauen“, die den ganzen Tag wie Tante Khalida nur tratschen und vom Balkon aus die Menschen unter sich verurteilen.

Zu Beginn des Buchs wurde ich nicht so richtig warm mit der Erzählweise und Sprache der Autorin, und ich muss sagen, dass auch das ethnische Umfeld Sanaas neu für mich war. Dadurch wurde mir der Zutritt zum Buch eingangs ein wenig versperrt, doch nach einigen weiteren Seiten war ich mittendrin in Sanaas „Gefängnis“ und ein unangenehmes Gefühl breitete sich aus, als ich alle Zusammenhänge erkennen konnte und auch, als Sanaa offensichtlich von einem sehr haarigen Herrn, dem „Volvomann“, wie sie ihn nennt, verfolgt wurde. Als ich im Buch angekommen war, erschien mir auf einmal alles besonders; alles, was ich nicht kannte, wurde gegoogelt und bestaunt; zugleich habe ich auch mit Sanaa gelitten und am liebsten hätte ich Tante Khalida und Baqqe aus ihrem Wohnzimmer geschmissen. Die Charaktere in Karosh Tahas Werk sind bunt, vielschichtig und jeder hat seine eigene Geschichte. Unsere Protagonistin ist zum Beispiel nicht nur fahrig, unruhig und unfähig, sich auf ein längeres Gespräch mit wem auch immer außerhalb der eigenen vier Wände einzulassen, sondern sie macht sich auch permanent Sorgen: Sorgen, Asija könnte vom Balkon springen, Nasser könnte Asija betrügen, Sorgen um Helin, die orientierungslos durch ihr Leben irrt — dabei vergisst sie, sich Sorgen um sich selbst zu machen, um ihre Zukunft, ihre Unabhängigkeit. Als die Situation daheim immer angespannter wird, hofft sie, in Onkel Agids Sammlung von Hochzeitsvideos das ihrer Eltern zu finden, um deren Liebe wieder aus dem Eis zu holen. Doch auch das scheint nicht zu gelingen.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/karosh-taha-beschreibung-einer-krabbenwanderung

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45 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

deutschland, roman

Das Glück des Zauberers

Sten Nadolny
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.09.2017
ISBN 9783492058353
Genre: Romane

Rezension:

Neugierig auf dieses Buch wurde ich bereits bei der Frankfurter Buchmesse, als ich einem Interview Nadolnys lauschte. Das Cover verzauberte und das Buch schien mir eine gute Mischung aus Magie und Realismus zu sein. Und jetzt, nach der Lektüre, würde ich Sten Nadolnys „Das Glück des Zauberers“ auch tatsächlich als magischen Realismus einstufen. Es geht um den Zauberer Pahroc, der mit seinen 106 Jahren schon einiges gesehen hat. Zu seinem Leidwesen sind alle seine Kinder nicht mit der Gabe des Zauberns ausgestattet. Als er jedoch bemerkt, wie seine Enkelin Mathilda ihm mit dem „langen Ärmchen“ die Brille von der Nase schlägt, beginnt er, seine einst begonnenen Briefe an ihren Vater auszutauschen gegen neue, an sie gerichtete, in denen er weitläufig und ausufernd von der Magie und seinem Leben erzählt. Ein so alter Mensch hat freilich viel zu erzählen, und so wurde aus seinen Briefen schließlich dieses Buch. Was es mit der Veröffentlichung auf sich hat, erfahren wir in einem grandiosen Nachwort, das ich natürlich nicht spoilern möchte.

Begleitet von seiner zärtlichen, wortgewandten Sprache tauchen wir also tief in Pahrocs Welt ein. Er erzählt von seinen Anfängen als Zauberer, von seinen Lehrstunden bei seinem Meister Schlosseck, und der Freundschaft zu Schneidebein, die jedoch später in erbitterte Feindschaft umschlägt, als Pahroc einige Jahre später die schöne Emma für sich gewinnen kann und Schneidebein als Konkurrenten aussticht. Ein Vorfall, den Schneidebein ihm noch viele Jahre später übel nehmen wird. Die Geschichte Pahrocs ist auch zugleich die des Widerstands: gegen die Nazis, gegen den Krieg und vor allem gegen die Jagd auf die Zauberergemeinschaft. Denn Zauberer müssen sich immer im Verborgenen aufhalten, niemals dürfen Menschen ohne Begabung herausfinden, welche Magie ihnen verwehrt bleibt, um Neid und Missgunst zu vermeiden.

Ich erzähle Dir immer mehr von Erlebnissen, die gar nicht direkt mit dem Zaubern zu tun haben, aber so ist das, wenn einem die Erinnerungen kommen. Eigentlich wollte ich nur etwas von meinem Wissen weitergeben, aber ich merke, dass das kaum zu schaffen ist, wenn man nicht auch sein Leben erzählt.

Wir erfahren also einiges über Pahrocs Leben und auch über die Geschichte Deutschlands. Pahroc erzählt seine Lebensgeschichte nicht nur chronologisch (was mich an „Moonglow“zurückdenken lässt, wo alle Fragmente wild durcheinander geworfen wurden), sondern auch nach Schwierigkeit der Zauber: Er beginnt mit dem „langen Arm“, den zauberbegabte Menschen bereits in der Wiege erlernen, wie eben seine Enkelin, und arbeitet sich vor zu Zaubern wie dem Schweben und Fliegen, Gedankenlesen oder des Geldzaubers — mit dem er bereits seinen Kindern durch schwere Zeiten helfen konnte. Denn Zauberer lernen erst im Laufe ihres Lebens mehr von der Zauberei und manche Zauber, wie beispielsweise das Verändern des Aussehens oder des Durch-Wände-Gehens erlernt man stets in einem gewissen Alter.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/sten-nadolny-das-glueck-des-zauberers

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15 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

apokalypse, depression, endzeit, familie, flucht

Consider - Das Portal

Kristy Acevedo , Michael Koseler
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Arena, 02.03.2018
ISBN 9783401604275
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Kristy Acevedo muss mal ein Physikbuch lesen. JETZT. — So kann man meine Gedanken während der Lektüre von Acevedos „Consider. Das Portal“ gut zusammenfassen. Warum das so war? Nun, anscheinend fand die Autorin es ganz toll, lustige Begriffe aus der Wissenschaft durcheinander zu werfen und somit alle Leser zu verwirren. Doch erst mal zum Anfang: Es geht um Alex, die an einer Angststörung leidet. Wann immer sie in eine Stresssituation gerät oder sich in einem geschlossenen Raum mit vielen Menschen befindet, bekommt sie Panikattacken und fühlt sich einem Herzinfarkt nahe. Alex hat einen ziemlich perfekten Freund (natürlich): Dominick ist zuvorkommend, verständnisvoll und gibt gern sein Recht auf eigene Entscheidungen an Alex‘ Haustür ab. Alex‘ beste Freundin Rita ist ein kleiner Rebell, ihre Eltern gehören einer religiösen Gruppe an und nötigen die atheistische Rita zu allerlei kirchlichen Riten. So viel zur Grundlage der Story.  Das Leben unserer Charaktere könnte friedlicher nicht sein (bis auf Ritas natürlich), bis eines Tages überall auf der Welt seltsame Portale erscheinen. Diese werden von Hologrammen begleitet, die das Ende der Welt ankündigen. In einigen Monaten wird ein riesiger Komet auf die Erde stürzen und die Menschheit auslöschen. Doch anstatt in Panik auszubrechen, wird erst einmal genau untersucht, ob es überhaupt einen Kometen gibt. Als sich das nämlich als negativ herausstellt, entspannt sich die Bevölkerung der Erde derweil fast wieder ein bisschen, und auch Alex hat dringendere Probleme als den bevorstehenden, vielleicht überhaupt nicht geschehenden Weltuntergang: nämlich, auf welche Uni sie und Dominick gehen werden. Prioritäten muss man setzen! Währenddessen forschen die Wissenschaftler weiter und viele Menschen versammeln sich um die Portale, um den Hologrammen Fragen zu stellen, über ihre Welt, über ihre Technik, und ob der Komet wirklich kommen wird. Auf der anderen Seite soll das Leben besser sein, durch die fortgeschrittene Technik im Jahre 2359 werden Menschen bis zu 250 Jahren alt, die vorherrschende Ordnung ist eine Meritokratie (die Regierung wird anhand ihrer Qualifikation ausgewählt) und ohnehin scheint alles besser zu sein als auf der guten alten Erde.

Ab wann weiß man, dass ein Geschehnis tragisch endet? Erst am Schluss?

Während der Lektüre kommt nicht nur mir immer wieder der Gedanke: Was ist da drüben denn genau? Da das Portal nur einseitig funktioniert, können die Menschen, die einmal hindurch gegangen sind, nicht so einfach wieder zurück. Trotzdem sorgt das Element des Portals für mich immer wieder für Verwirrung, besonders wenn Phrasen kommen wie „Zeitreisen in ein Paralleluniversum“ oder Fragen wie „Glaubst du, auf dem anderen Planeten kann man auch angeln?“ — Moment, ich dachte es geht hier um ein Wurmloch in eine Parallelwelt der Erde, die nicht von einem Kometen getroffen wird? Aber nein, offenbar reist man mit einem dieser Portale nicht nur in ein Paralleluniversum, sondern auch durch die Zeit und außerdem auch noch auf einen anderen Planeten. Um sicherzugehen, dass es nicht an der Übersetzung liegt, habe ich im englischen Text mal nachgeschaut, wie die Formulierungen da sind: Time travel to the other parallel planet, parallel future, parallel universe time travel. Daran liegt es also nicht. Die Tatsache, dass Parallelwelten, interstellare Reisen und Zeitreisen in einen Topf geworfen werden, macht den Eindruck, dass die Autorin sich vielleicht nur oberflächlich mit dem Thema befasst hat, was mir als erwachsenem Leser natürlich überhaupt nicht gefällt. Und was ist bitte eine Parallelzukunft? 

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/kristy-acevedo-consider-das-portal

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255 Bibliotheken, 9 Leser, 1 Gruppe, 94 Rezensionen

juli zeh, dystopie, roman, leere herzen, deutschland

Leere Herzen

Juli Zeh
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 13.11.2017
ISBN 9783630875231
Genre: Romane

Rezension:

Juli Zehs Bücher habe ich gefühlt an jeder Ecke auf Instagram gesehen und habe mich immer gefragt, was denn so besonderes an ihren Romanen ist. Bis ich dann eine Rezension zu „Leere Herzen“ gelesen und dann diesen „Oh, das will ich lesen!“-Moment hatte. Zugegeben, der Plot klang schon etwas lächerlich, aber doch auch spannend. Und so zog Zehs „Leere Herzen“bei mir ein. Nach kurzem Anpirschen zog ich das Buch mit aufs Sofa und inhalierte es im wahrsten Sinne des Wortes. Die Geschichte um Britta und Babaks Unternehmen mit seinem skurrilen Geschäftszweck und den späteren Verfolgungswahn hat mich einfach nur gefesselt. Doch zurück zum Anfang: Es geht um Britta, die mit ihrem mittlerweile besten Freund Babak ein Unternehmen gegründet hat, das seltsamer und kontroverser nicht sein könnte: Und zwar eine Heilpraxis für Selbstmordprävention. Britta absolvierte eine Ausbildung zur Heilpraktikerin, um mit Professionalität über den fragwürdigen Aspekt ihrer Praxis hinwegzutäuschen: Denn ein Großteil der Personen, die sich bei der „Brücke“ melden, absolvieren die nicht immer menschenfreundlichen Methoden, die Britta und Barak entwickelt haben, um sie vom Selbstmord abzubringen, und kehren danach wieder in ihr Leben zurück; doch ein kleiner Teil ist unbelehrbar und nicht von seinem Todeswunsch abzubringen. Diese Menschen werden von Britta und Barak an Organisationen vermittelt, die einen Märtyrer für ihre Sache gebrauchen können, um durch Medienpräsenz mehr Engagement zu erhalten, so beispielsweise Umweltorganisationen oder solche, die sich gegen den Walfang einsetzen. Diese Organisationen geben den Unbeirrbaren sozusagen einen Sinn, etwas, für das es sich zu sterben lohnt. Die Personen, die sich bei der „Brücke“ melden und nach dem Programm übrig bleiben, sterben so also nicht einen „sinnlosen und egoistischen“ Selbstmord, sondern für eine höhere Sache. Britta führt ein Doppelleben; nicht einmal ihr Mann weiß, womit ihre Frau tatsächlich ihre Brötchen verdient. Als es zu einem Attentat kommt und die „Brücke“ plötzlich kurz vor der Enttarnung steht, muss sie klug und vor allem schnell handeln, sonst droht ihr gesamtes Leben zusammenzubrechen.

»Full hands, empty hearts, it’s a suicide world.«

Im Jahre 2025 hat sich die Politik so weit gewandelt, dass eine Organisation wie „Die Brücke“ keineswegs undenkbar erscheint. Juli Zeh lässt einen dystopischen Wind wehen, ihre Protagonistin ist entgegen ihres Berufs nicht der Überzeugung, dass Politik etwas ist, worüber man groß spricht: »Auch wenn sie aus beruflichen Gründen gezwungen ist, Politik in groben Linien zu verfolgen, findet sie nicht, dass man privat darüber reden muss.« Mit einer lebendigen Sprache erzählt Zeh hier die Geschichte rund um Britta Söldner, die jedoch – wie alle Charaktere aus „Leere Herzen“ – irgendwie flach und unfertig erscheint. Die selbsternannte Terrordienstleisterin erscheint fast schon roboterhaft, sie lebt und stirbt für ihre Organisation. Als es dann schließlich zu einer Bedrohung für die „Brücke“ kommt und nicht nur Britta und Babak, sondern auch deren Familien ins Zielfernrohr gelangen, hilft nur noch eins: die Flucht. Von diesem Punkt an wird „Leere Herzen“ fast schon zum Thriller, der Stempel „Roman“ wirkt ein wenig unpassend.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/juli-zeh-leere-herzen

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24 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 18 Rezensionen

rassismus, slowakei, kindheit, psychische erkrankung, kommunismus

Samy

Zdenka Becker
Fester Einband
Erschienen bei Gmeiner-Verlag, 07.02.2018
ISBN 9783839222546
Genre: Romane

Rezension:

In Zdenka Beckers Roman "Samy" lernen wir den zu Beginn kleinen Samy kennen und mit ihm seine Familie. Seine Mutter Olga wuchs zusammen mit ihrer besten Freundin Viera in der Slowakei auf: beide Mädchen verband stets eine tiefe Freundschaft, was sich aber in einigen Jahren ändern sollte, als Vieras Söhne zu Neonazis herangewachsen sind und Olgas Sohn, der mit seiner Hautfarbe nicht ins Bild der Gemeinde passt, penetrant diskriminieren und zusammenschlagen. Samys Vater ist ein österreichischer Arzt, der gebürtiger Inder ist, und Samy wächst so ohne einen richtigen Sinn für Identität auf. Wer ist er? Österreicher? Inder? Oder Slovake? Womit kann er sich identifizieren?


Dadurch, dass Olga ihm nur häppchenweise die Wahrheit erklärt, dass ihre Eltern seinen Vater genausowenig akzeptieren würden wie sie ihn akzeptieren - nämlich zunächst gar nicht. Samy wächst in einem schwierigen Umfeld heran: Mobbing und Prügel in der Schule, daheim eine Mutter, deren Erziehung inkonsequenter kaum sein könnte, und dann noch Großeltern, die bereits bei Samys Geburt gesagt haben, dass Olga nicht länger ihre Tochter ist - also Samy von Grund auf nicht akzeptieren. Bei den seltenen Besuchen wird Samy anfangs vom Großvater völlig ignoriert; er wächst aus diesen Verhältnissen zu einem depressiven, missmutigen Jugendlichen heran, der sich für nichts begeistern kann und weder Arbeit noch Hobbys hat. Olgas bescheidene Versuche, ihren Sohn zu erreichen, scheitern kläglich. Und am Ende geschieht das, was geschehen musste.

"Der Papa wird es nicht überleben, eine solche Schande, seine einzige gesunde Tochter ist eine ledige Mutter und noch dazu mit einem schwarzen Kind. Es wird ihm das Herz brechen. Er wird sicher bald sterben, und du allein bist dafür verantwortlich."

Ein bedrückender Roman mit einer seltsamen Grundstimmung. Olgas Eltern und auch die gesamte Umgebung wirkt rückständig, scheint Rassismus doch an der Tagesordnung zu sein. Aber so ist es leider in der Realität noch immer. Die sozialistische Ideologie in Bratislava macht es Olga schwer, mit ihrem Sohn akzeptiert zu werden. Stets ist sie die Verstoßene, über sie wird getuschelt und getratscht. Dass sie einen Mann aus dem Westen liebt - undenkbar.

Zdenka Becker zeichnet hier ein trauriges Familienportrait, das sich so oder so ähnlich garantiert schon irgendwo auf der Welt abgespielt hat, so traurig es ist. Man findet gut in die Geschichte hinein, doch etwas fehlt mir - der Punkt der Identifikation. Mit keinem der Charaktere konnte ich mich identifizieren, es war stets ein "von oben Zuschauen". Manche Passagen kamen mir seltsam vor, wenn in wörtlicher Rede ausschweifige Phrasen verwendet wurden, die so kein Mensch sagen würde - so gab es auch eine Stelle, wo der noch junge Samy mit seinen vielleicht acht Jahren Sätze sagt, die völlig unglaubwürdig erscheinen. 

"[...] ich finde es sehr traurig, dass alle, sogar deine Kinder, Samys Hautfarbe mehr interessiert als das, was ihn tatsächlich ausmacht. [...] Hast du ihnen einmal gesagt, dass ein Mensch ein Mensch ist, egal, wie er aussieht?"

Fazit: "Samy" war einfach nicht mein Buch. Natürlich, die aufgegriffenen Themen sind immer noch aktuell und immens wichtig, aber mir hat die Erzählweise nicht hundertprozentig zugesagt, es war auch mehr ein "Erzählen statt Zeigen". Große Emotionen wurden erklärt, statt die Charaktere sie einfach ausleben zu lassen. Vielleicht lag es auch nur am Zeitpunkt meiner Lektüre, für manche Bücher braucht man als Leser den Moment, wo alles passt und man sich voll auf ein Buch einlassen kann. Das war bei "Samy" leider nicht der Fall. Ich hatte das Gefühl, dass Zdenka Becker hier nur an der Oberfläche kratzt, sehr gern hätte ich mehr aus Samys Gefühlswelt erfahren. 

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

Der schwarze Gürtel

Eduardo Rabasa , Hans-Joachim Hartstein
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 14.02.2018
ISBN 9783956142307
Genre: Romane

Rezension:

Bei den Frühjahrsnovitäten des Antje Kunstmann Verlags ist mir Eduardo Rabasas „Der schwarze Gürtel“ mit seinem schlichten Cover direkt ins Auge gesprungen. Zugegeben, neben den schicken Ausgaben der „Southern Reach“-Trilogie sah es fast schon etwas langweilig aus, doch der Klappentext klang nach Spaß! Und zwar geht es um Fernando Retencio, der durch sein besonders energisches Streben „nach oben“ auszeichnet. Retencio ist schon fast zwanghaft auf das Erklimmen der Karriereleiter fixiert und wünscht sich nichts sehnlicher, als den schwarzen Gürtel endlich verliehen zu bekommen. Ob es diesen überhaupt gibt oder ob es sich hierbei nur um ein Gerücht aus der Chefetage handelt, um die Pérez, die Mitarbeiter, auf Trab zu halten, ist Retencio dabei ziemlich egal. Die Anzeigetafel, die die aktuellen Ränge der Mitarbeiter anzeigt, ist seine Bibel, sobald ihm etwas gelingt oder auch schief läuft, muss er sich seiner Position im Ranking vergewissern. Dass so ein Charakter ziemlich anstrengend sein kann, merkt auch seine Frau, die von seiner krankhaften Eifersucht die Nase voll hat. Retencio treibt es auf die Spitze, indem er einige wichtige Fälle richtig versemmelt und nicht einmal der Hausmeister von Soluciones ihm aus der Patsche helfen kann. Zu diesem hat Retencio nämlich ein besonderes Verhältnis: Der gute Dromundo wird sklavenähnlich und ohne großes Murren von dem machtgeilen Fernando für alle Belange ausgenutzt, ob es nun die Beschaffung von Informationen über den Fremdgeh-Status seiner Frau sind oder Dromundo aber auf allen Vieren Kleingeld aufsammeln soll, während Retencio ihm dabei mit einem Besen den Hintern versohlt, die Absurditäten Retencios nehmen kein Ende.

In der Eingangshalle stellte er sich so hin, dass er die Anzeigetafel in ihrer ganzen Größe bewundern konnte. Er war wie hypnotisiert vom Tanz der Zahlen, von den endlosen Berechnungen, die anzeigten, wo jeder Einzelne im Moment stand.

Fernando Retencio wuchs mit einem Alkoholiker als Vater auf und wurde schon früh Zeuge, wie der Verfall eines Menschen aussieht. Schon früh wurde ihm eingebläut, wie wichtig es ist, gutes Geld zu verdienen und stets ein Dienstmädchen im Haus zu haben. Diese Lehren hat Retencio mit in sein späteres Berufsleben gebracht, wo er bei Soluciones nach… nun ja, Lösungen für anderer Leute Probleme sucht, so abwegig sie auch sein mögen: Einem Schriftsteller soll er helfen, einen Bestseller zu schreiben, einem zum Buddhismus gewechselten Boxer soll er wieder in den Ring verhelfen, ein von Nonnen festgehaltenes und missbrauchtes Mädchen soll er aus dem Kloster befreien. Die Aufgaben Retencios sind stets abwechslungsreich, und mit Hausmeister Dromundo und dessen Kopfgeschwüren auf der Glatze an seiner Seite bemüht er sich immer um eine möglichst gelungene Lösung, die ihm den schwarzen Gürtel näher bringen soll. Das Thema Ausbeutung ist ein Kernthema vom „schwarzen Gürtel“: Retencios Frau, auch ehemalige Kundin von Soluciones, arbeitet derweil mit Armen und Obdachlosen — doch nicht in dem Kontext, wie man zunächst annimmt. Rabasas Ideenreichtum sind auch hier kene Grenzen gesetzt: Die Menschen in ihrem Programm werden genötigt, Kunst zu erzeugen, ob sie nun Bilder malen oder Gedichte schreiben, die zu Höchstpreisen an reiche Schnösel verkauft werden. Eine finanzielle Entlohnung erhalten die Armen nicht, lediglich „wertvolle Erfahrungen“.


Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/eduardo-rabasa-der-schwarze-guertel

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Fischer Klassik / Electric Dreams

Philip K. Dick , Bela Wohl , Klaus Timmermann , Thomas Mohr
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 22.02.2018
ISBN 9783596906703
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Direkt nachdem ich erfahren hatte, dass es eine Serie zu einigen von Philip K. Dicks Kurzgeschichten geben würde, war ich voller Vorfreude. Als dann auch noch diese zehn Kurzgeschichten in einem Sammelband erschienen, musste dieser natürlich her. Zwar sorgt das Cover bei mir für Kopf- und Augenschmerzen, aber dem S. Fischer Verlag kann man da keinen Vorwurf machen, da dies ebenfalls das Cover der Originalausgabe ist. „Electric Dreams“ beinhaltet also die Geschichten, die mit der Serie auf die Bildschirme gebracht wurden, und nachdem ich mit Begeisterung „Do androids dream of electric sheep?“, die Story hinter Blade Runner, gelesen hatte, war ich natürlich auch sehr gespannt auf die „neuen“ Kurzgeschichten. Die Filme, die auf Dicks Werken basieren, mochte ich schon immer gerne, das bereits erwähnte „Blade Runner“ gehört ja zu den Klassikern, aber bekannt sind ja auch „Minority Report“„The Adjustmeant Bureau“oder auch „Total Recall“ sind genau meine Schiene. Also her mit Philip K. Dicks „Electric Dreams“!

Wer bereits einige der Kurzgeschichten kennt und die Serie schaut, hat vermutlich schon gemerkt, dass es allerhand Unterschiede und Ergänzungen gibt, der Regisseur hat sich hier viel künstlerische Freiheit genommen. (Vor allem bei den Sexszenen… in keiner Kurzgeschichte gibt es auch nur eine solche Andeutung!) Jedenfalls fand ich, dass sich Serie und Buch wunderbar ergänzen, im Buch findet der geneigte Leser kleinere Details, im TV-Format mehr Kreativität, ausschweifende Interpretationen und, nun ja, Sexszenen. Was beide Formate jedoch gemein haben, ist der wahnsinnige Ideenreichtum, den Philip K. Dick in den 1950er Jahren vorgelegt hat. Futuristische Welten, Dystopien und fremde Galaxien hat der Autor uns mit seinen Werken stets ein wenig näher gebracht. In Dicks „Electric Dreams“gibt es Zeitschranken, Parallelwelten mitten in unserer eigenen, Berufsverkehr zwischen Ganymed und der Erde und auch Außerirdische, die in den Körper geliebter Menschen schlüpfen. Während bei einigen Geschichten der Fokus auf der Menschlichkeit und deren Freiheiten liegt („Der Haubenmacher“„Menschlich ist“), spielt Dick auch mit dem Gedanken, Aliens könnten uns oder unsere Welt übernehmen („Der Gehenkte“„Foster, du bist tot“).

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/philip-k-dick-electric-dreams

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34 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

diogenes, japan, feind, krimi, böse

Die Maske

Fuminori Nakamura , Thomas Eggenberg
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 28.02.2018
ISBN 9783257070217
Genre: Romane

Rezension:

Bereits im Oktober, beim Bloggertreffen von Diogenes auf der Frankfurter Buchmesse, wurde Fuminori Nakamuras neuer Roman „Die Maske“ vorgestellt. Die Vorfreude steigerte sich bis Februar ins Unermessliche, bis das neue Werk dann endlich vor mir lag. Und dann wurde es an einem Tag verschlungen. Bereits letztes Jahr konnte mich Nakamuras „Der Dieb“ überzeugen und so war ich gespannt, wie der neue Roman werden würde. Der Klappentext versprach Spannung und einen Einblick in die menschlichen Abgründe. Es geht um Fumihiro, den letzten Sohn einer Industriegiganten-Familie, den Kukis, der von seinem Vater mit 60 Jahren gezeugt wurde und ganz der Tradition nach als „Geschwür“ aufwachsen soll, das Unheil über die Menschen bringt. Fumihiros Vater adoptiert ein junges Mädchen, das genauso alt ist wie sein jüngster Spross, und hält ihm zu Beginn des Buchs die Ansprache, die Fumihiros Leben verändern soll: Mit vierzehn Jahren würde er ihm die Hölle auf Erden zeigen, die ihm schließlich zu dem machen soll, wozu er genetisch bestimmt ist. Doch Fumihiro hegt andere Pläne, denn er will weder die fragwürdige Tradition fortführen noch seinen Vater, der für ihn nie einer war, über sein Leben bestimmen lassen. Er und Kaori, das adoptierte Mädchen, kommen sich derweil immer näher und als Fumihiro mitbekommt, was sie für seinen Vater für Dinge tun soll, fasst er den Entschluss, der in seinem Inneren bereits reifte, endlich in Worte: Vater muss sterben.

Ist es wirklich immer falsch, einen Menschen zu töten? Ist es ein Verbrechen, jemanden zu töten, der alles daransetzt, dir zu schaden und demjenigen, der dir alles bedeutet? Oder ist das nur unser Egoismus?

Ein spannendes Set-up, ein zu allem entschlossener Protagonist und der Vater, der zu seinem Erzfeind wird, das alles packt Fuminori Nakamura hier zu diesem grandiosen Werk zusammen. Wir begleiten Fumihiro dabei, wie er seinen Mord plant und wie es schließlich zur Ausführung kommt — wenn auch etwas anders, als er sich das vorgestellt hatte. In den folgenden Wochen leidet Fumihiro körperlich und geistig unter seiner Tat, ein Fieber quält ihn und zehrt ihn aus. Später bemüht er sich, sein normales Leben mit Kaori an seiner Seite wieder aufzunehmen, doch ausgemergelt wie er ist, scheint das Gesicht seines toten Vater mehr und mehr Besitz von ihm zu ergreifen. Er ist nicht mehr fähig, ein normales Teenager-Leben zu führen, alles scheint überschattet von dem Mord. Wir springen in die Gegenwart, wo er als junger, von Psychosen zerfressener Mann Kaori von einem Privatdetektiv überwachen lässt, um zu schauen, wie es der Liebe seines Lebens geht und ob sie ebenfalls an ihrer gemeinsamen Vergangenheit leidet. Wir begeben uns in die Abgründe der Menschlichkeit, sehen, wie eine zerrissene Seele zum Untergang eines Menschens führt. Fumihiro ist Opfer der selbst erfüllenden Prophezeiung und letzten Endes tatsächlich zum Geschwür geworden, auch wenn er zunächst niemandem mit seiner negativen Kraft schadet außer sich selbst. Sein Wesen deformiert sich, wird zu einem schwarzen Schmetterling, dessen Gedanken alles zu zerreißen drohen. Sein Vater trichterte ihm stets ein, dass Mord an einem Menschen widernatürlich sei, kein Tier der Welt töte seine Artgenossen, und so sei es auch mit den Menschen — Kaori merkte es damals und Fumihiro war sich in der ersten Nacht seines Fiebers bereits bewusst gewesen, dass von nun an alles anders sein würde.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/fuminori-nakamura-die-maske

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32 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

Moonglow

Michael Chabon , Andrea Fischer
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.03.2018
ISBN 9783462050745
Genre: Romane

Rezension:

Michael Chabons „Moonglow“ hat mich zunächst durch sein wunderbares Cover angesprochen, den Ausschlag zum Lesen hat aber schließlich der verrückte Klappentext gegeben. Man vermutet einen Roman, der über ein verrücktes und ausschweifendes Leben erzählt, im Vorwort wird jedoch schnell klar, dass es sich um ein Memoir handelt – von Autor Michael Chabons Großvater. Wie viel Wahrheit in diesem Buch liegt, weiß man nicht, und ich finde, das macht auch den Reiz aus. Chabon sagt in seinem Vorwort selbst: „Beim Schreiben dieser Memoiren habe ich mich an die Fakten gehalten, es sei denn, sie wollten sich einfach nicht der Erinnerung, dem dichterischen Willen oder der Wahrheit, wie ich sie gerne verstehe, beugen.“ Es geht um Michaels Großvater (der ebenso wie seine Großmutter nie beim Namen genannt wird), der in vielerlei Hinsicht ein ausgefülltes Leben geführt hat. Doch nicht nur Chabons Großvater ist Thema von„Moonglow“, es handelt sich hier vielmehr um eine mehrere Generationen umfassende Familiengeschichte. Diese beinhaltet Episoden aus dem Leben des Großvaters, aber wir lernen auch seine Großmutter und seine Mutter genauer kennen. Auf dem Sterbebett erzählt Michaels Großvater ausschweifend von seinem Leben, von seiner 14-monatigen Gefangenschaft, von seinem Weg quer durch die Vereinigten Staaten und auch vom zweiten Weltkrieg, wo der Großvater schließlich nach Deutschland reist. Da er besessen von Raketen und sein Lebenstraum zum Mond zu fliegen ist, macht er sich, wenn er schonmal in Deutschland ist, auf die Suche nach dem Ingenieur Wernher von Braun – der zufällig auch sein schlimmster Feind ist, denn er hasst von Braun aus tiefstem Herzen. Doch nicht nur negative Ereignisse ziehen sich durch die Lebensgeschichte des Großvaters, sondern auch tolle Augenblicke, die der Leser miterleben darf: Wie er zum ersten Mal seine zukünftige Frau erblickt und wie die beiden sich kennenlernen, füllt auch einen nicht unbeträchtlichen Teil der Memoiren.


Ich bin von mir enttäuscht. Von meinem Leben. Mein Leben lang hab ich bei allem, was ich angepackt habe, nur die Hälfte geschafft. Man versucht, die Zeit zu nutzen, die man hat. Das wird einem eingeredet. Aber wenn man alt ist, schaut man zurück und sieht, dass man all die Zeit nur verschwendet hat.


Chabons Großmutter ist selbstverständlich auch ein großes Thema von „Moonglow“, nicht nur, weil sie die Frau seines Großvaters wird, sondern weil sie ihre ganz eigene, nicht immer ganz verständliche Geschichte mitbringt: So wird sie seit ihrer Kindheit von einer Halluzination verfolgt, einem gehäuteten Pferd. Dies rechnet der Großvater ihrer Kindheit in einer Gerberei-Familie zu, wo sie jeden Tag viele leblose (und hautlose) Tiere sah. Doch ihre Halluzination bringt sie letzten Endes in eine Psychiatrie, und besonders ihre Tochter, Chabons Mutter, damals noch sehr jung, kommt mit der Situation nicht besonders gut klar. Als sie dann auch noch zu einem späteren Zeitpunkt zu ihrem Onkel Ray, der vom Rabbi zum Normalo gewechselt ist, ziehen soll, während ihr Vater ins Gefängnis muss, nimmt die Geschichte einen tragischen Höhepunkt.


Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/michael-chabon-moonglow

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97 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 68 Rezensionen

roman, amerika, kriegsgefangenschaft, usa, aufarbeitung

Ein mögliches Leben

Hannes Köhler
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 23.02.2018
ISBN 9783550081859
Genre: Romane

Rezension:

Hannes Köhlers „Ein mögliches Leben“ hat mich aus der Frühjahrsvorschau des Ullstein Verlags heraus direkt angelacht. Die unverbrauchte Thematik, über die bisher kaum geschrieben wurde, und ein Schritt aus meiner Komfortzone heraus waren die Punkte, die mich zu dem Entschluss brachten: Muss ich lesen! Denn Bücher über den Krieg, speziell den zweiten Weltkrieg, sind in meinem Lese-Repertoire noch Mangelware. Und nun habe ich es beendet und kann das Gelesene kaum in Worte fassen. So vielschichtig, so emotional: Martin kennt seinen Großvater eigentlich nur aus von Bitterkeit geprägten Geschichten seiner Mutter, denn für sie war er zwar physisch vorhanden als Vater, mehr aber auch nicht. Und trotzdem willigt Martin ein, mit Franz die Stationen seiner Kriegsgefangenschaft in Amerika zu besuchen. Für Martin beginnt eine Reise, die er nie wieder vergessen wird, denn unter der sengenden Sonne beginnt sein Großvater endlich, sich zu öffnen.


„Ein mögliches Leben“ wird in mehreren ineinander verflochtenen Handlungssträngen erzählt. Zum einen ist da die Reise in die Vereinigten Staaten, Martin, der seinem Großvater beim Erinnern zusieht und im Endeffekt sein eigenes Leben mit seinem Kind von einer Frau, mit dem ihm nicht so wirklich etwas verbindet, klarer sieht. Ein weiterer Erzählstrang wird von Sicht Barbaras erzählt, Franz‘ Tochter und Martins Mutter, Monate nach der Reise. Den größten Platz in „Ein mögliches Leben“ nimmt aber die Rückschau auf Franz‘ Leben in Kriegsgefangenschaft ein, wie er von einem Lager zum nächsten kommt und Arbeiten in der Hitze verrichten muss, wie er Kameradschaftlichkeit in seinen Mitgefangenen entdeckt, einen Freund findet und sich schließlich als Dolmetscher und Übersetzer nützlich macht. Das Leben im Lager ist nie leicht für Franz, obwohl er einigen Komfort erlebt, den es nicht überall gibt in den Lagern: fließendes Wasser, geregelte Mahlzeiten, ein eigenes Bett und den Luxus, Sprachkurse zu besuchen. In Nachbarlager gibt es Radios, und Franz und seine Kameraden, wenn man das so sagen kann, versuchen alles, um einen Fetzen aufzuschnappen, welche Stadt  gefallen ist und ob der Krieg ein Ende erreicht. Tägliches Bangen um die Familie in Deutschland ist an der Tagesordnung. Als Paul, Franz‘ bester Freund in der Gefangenschaft, stirbt, wendet er sich an dessen Schwester, und die beiden schreiben sich Briefe voller Trauer und Einsamkeit. Franz spürt, dass sich ihm eine Möglichkeit eröffnet; eine Möglichkeit, nach der Gefangenschaft in dem Land zu bleiben, in das er sich trotz aller Widrigkeiten verliebt hat. Doch wie der Leser schon an der Tatsache erkennen kann, dass Franz Jahrzehnte später mit seinem Enkel nach Amerika reist, ist klar, dass Franz sich gegen das mögliche Leben entschieden hat und nach seiner Gefangenschaft zurück nach Deutschland gereist ist, wo nichts mehr ist, wie es einmal war.


Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/hannes-koehler-ein-moegliches-leben

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Lichter im Berg

Barbara Aschenwald
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 20.02.2018
ISBN 9783455002980
Genre: Romane

Rezension:

„Berge? Das einfache Leben? Gedanken über das Leben und darüber, was wichtig ist? Ich bin dabei.“ – Das waren so ungefähr meine Gedanken, als mir Barbara Aschenwalds Kurzgeschichtensammlung „Lichter im Berg“ das erste Mal vor die Flinte lief. Und ein guter Jäger bringt seine Beute schließlich mit nach Hause.  Es geht in diesem Erzählband um ein Dorf in den Bergen, nämlich um die österreichische Gemeinde Galtür, und deren Bewohner, aber auch deren Sitten, Gebräuche und Lebensweise. In den zwölf Kurzgeschichten greift Aschenwald stets einen anderen Aspekt des Lebens der Bergbewohner auf und zeichnet deren Geschichte nach. So haben wir beispielsweise das Ehepaar, das mit ihrem eigenen Gasthaus ein gutes Einkommen erzielt, und die Frau dafür plädiert, dass an einigen Monaten im Jahr das Haus geschlossen wird. Gedanken, was man im Leben braucht und was genügt, um eine schöne Zeit zu verleben, kommen auf. Eine andere Geschichte erzählt von einem Mann, der in seinem Leben nicht glücklich ist und die tägliche Monotonie nicht mehr aushält. Parallel dazu erfahren wir die Geschichte von seinem Vater in Galtür, der ein zufriedenes und bescheidenes Leben führt. Wieder einmal der Gedanke von Genügsamkeit — wie viel braucht der Mensch, um glücklich zu sein? Barbara Aschenwald nimmt uns mit in die Berge; ich finde, man kann den Schnee schon schmecken.


Wenn man nicht einmal einen einzelnen Menschen auf der Welt glücklich machen konnte, wie war es dann um die Welt bestellt?


… das fragt sich Joachim Kaltwasser, der nach einem scheinbar endgültigen Streit mit seiner Ehefrau nach Galtür begeben hat. Das Glück seiner Frau stellte er stets über sein eigenes, sie schien jedoch ihr Unglück zu brauchen, weil sie sonst nichts mehr hat. Einfach nur glücklich sein, das schien ihr unmöglich. Kunststudium, Urlaube, Renovierungen, Liebe – all dies genügte ihr nicht. Joachim gerät ins Stutzen und möchte nicht länger für ihr Unglück verantwortlich sein. In Galtür angekommen, wird er gefragt, was für einer er denn sei, und diese Frage überrumpelt ihn. Ja, was für einer war er denn? Und was brauchte er, um glücklich zu sein?


Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/barbara-aschenwald-lichter-im-berg

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16 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

Am See

Bianca Bellová , Mirko Kraetsch
Fester Einband
Erschienen bei Kein & Aber, 12.02.2018
ISBN 9783036957784
Genre: Romane

Rezension:

„Ja, ja und ja!“ — so oder so ähnlich waren meine Gedanken, als die Pressemitteilung zu Bianca Bellovás neustem Buch eintrudelten. Nicht, dass ich schon vorher was von ihr gelesen hätte, nein, aber dieser Klappentext schien praktisch nach mir zu rufen! Es geht um den jungen Nami, der in einem kleinen Fischerdorf mitten im Nirgendwo bei seinen Großeltern wohnt. Von seiner Mutter hat er nur eine einzige, sehr flüchtige Erinnerung. Niemand will ihm auf seine Fragen antworten und im Dorf kursieren Unmengen sehr negativer Gerüchte über seine vermeintliche Mutter. Wie die Menschen in seinem Dorf wächst Nami mit dem Glauben an den Seegeist auf, der seit Urzeiten böse ist und den See austrocknen lässt. Um ihn zu besänftigen, werden die unheilbar Kranken, bereits Toten oder Kriminellen zu ihm in den See geworfen. Doch es hilft nichts, und weil der See stark austrocknet, mit Kadavern gefüllt wird und überall eine Salzkruste hinterlässt, sind die Bewohner, die am und im See arbeiten, mit Ekzemen übersät. Als bei einem Unwetter sein Großvater ums Leben kommt und wenig später auch seine Großmutter dem Seegeist übergeben wird, ist Nami auf sich allein gestellt. Der Kolchosvorsitzende, seine Frau und deren dreiarmiges Baby ziehen kurzerhand ungefragt in das Haus seiner Großeltern und Nami erlebt keine schöne Zeit, er ist den Launen des Vorsitzenden ausgesetzt und wird in den Hühnerstall eingesperrt. Kurzerhand beschließt er, in die Hauptstadt zu reisen, um dort seine Mutter zu finden. Eine weiter Weg steht ihm bevor, gespickt mit viel harter Arbeit und Freunden, die keine Freunde sind.


Bianca Bellová zeichnet hier das Portrait eines kleinen Dorfes, das irgendwo zwischen Aberglauben, Krankheit und Rückständigkeit steckt. Und mittendrin ist Nami. Nami, der sich vor keiner Arbeit scheut, sich nicht beschwert, dass er zwischen den Hühnern schlafen muss, Nami, der alles verloren hat und auf der Suche nach seiner Mutter eine weite Reise zurücklegt und Situationen erleben muss, die ihm lieber erspart gewesen wären. So asphaltiert er Straßen, arbeitet in einem Schwefelwerk und landet schließlich bei einem reichen Drogendealer, wo er zum ersten Mal in seinem Leben auf einer richtigen Matratze schläft – ein ungeahnter Luxus für ihn. Nami versteht nicht, warum in diesem Haus alles so protzig und „auf dumme, sinnlose Weise teuer und luxuriös“ sein muss und zieht auch bald, nach einer Episode, die das fragwürdige Töten von Tieren beinhaltet, weiter. Müde, erschöpft und am Ende seiner Kräfte, physisch wie psychisch, wird er schließlich von einer alten Dame aufgenommen. Weiß sie etwas über seine Mutter? Und wird er sie schließlich nach all den Strapazen finden?


Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/bianca-bellova-am-see

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16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

john darnielle, vhs, schmerz, iowa, videothek

Rekorder

John Darnielle , Tobias Schnettler
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Eichborn , 21.12.2017
ISBN 9783847900290
Genre: Romane

Rezension:

Als ich den Klappentext von John Darnielles „Rekorder“zum ersten Mal überflogen hatte, klang das alles nach einem sehr spannenden Buch, vielleicht sogar ein wenig zu gruselig für mich. Obwohl ich kein Fan von Thrillern, Krimis und Horror-Büchern bin, habe ich mich getraut und „Rekorder“ gelesen. Doch der Klappentext wurde irgendwie nicht umgesetzt. Klar gab es diese gruseligen Filmschnipsel auf den Kasssetten, aber von Spannung, Horror oder Psycho-Thriller keine Spur. Das Buch ist in mehrere Teile gegliedert, die verschiedene Handlungsstränge aufgreifen: Während wir zu Beginn des Buchs die mysteriösen Ausschnitte auf den Kassetten in einer Videothek Ende der 90er kennenlernen und die Protagonisten Jeremy und Sarah Jane, die Inhaberin der Videothek, versuchen, sich darauf einen Reim zu machen, landen wir in einem anderen Part plötzlich mitten in den 50ern, wo die Mutter der Frau, die vermeintlich in den Videos zu sehen ist, aufwächst, ihren Mann kennenlernt und sich der Religion zuwendet. Die Videotheksinhaberin freundet sich derweil in den 90ern mit Lisa an, während Jeremy und eine Bekannte namens Stephanie sich immer mehr mit den Bändern beschäftigen. Wer hat sie aufgezeichnet? Was ist hier wirklich zu sehen? Und sollte sich nicht jemand an die Polizei wenden?


Ich muss gestehen, dieses Buch hat mich mehr verwirrt als alles andere. Die Erzählstränge waren besonders zu Beginn des Buches nicht überschaubar und nach dem ersten Wechsel aus den 90ern und hinein in die 50er denkt man sich als Leser „Wie, das wars jetzt?“ Zugegeben, der Part über Lisas Mutter und Vater, das bescheidene Leben in Iowa, all das hat mich mehr interessiert als die eigentliche Haupthandlung in der Videothek. Dass man hier die Hintergründe erfährt über Lisa, die natürlich die Protagonistin der Videos ist, wird relativ schnell klar, doch der wirkliche Knackpunkt erfolgt erst, nachdem man 200 Seiten tief im Buch ist. Man erfährt, was Lisas Mutter dazu gebracht hat, das zu tun, was sie getan hat, und wie Lisa damit ihr Leben lang umzugehen versucht. Dass Jeremy in der Haupthandlung in den 90ern charakteristisch nur angerissen wird und keinen wirklichen aktiven Part hat, finde ich sehr schade. Generell sind die Charaktere, bis auf Lisas Mutter, meiner Meinung nach allesamt nur Skizzen und sehr wenig ausgefleischt — mit Ausnahme vielleicht von Jeremys Vater, der nach dem Tod seiner Frau versucht, sein Leben irgendwie weiterzuleben. Nicht einmal Jeremy, den eigentlichen Protagonisten, lernen wir genug kennen, damit er uns sympathisch werden könnte. Generell finde ich keinen einzigen Charakter aus „Rekorder“ sympathisch oder könnte mich mit ihm identifizieren, weil einfach die Substanz fehlt.


Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/john-darnielle-rekorder

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134 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 43 Rezensionen

freundschaft, berge, alpen, italien, nepal

Acht Berge

Paolo Cognetti , Christiane Burkhardt
Fester Einband
Erschienen bei DVA, 11.09.2017
ISBN 9783421047786
Genre: Romane

Rezension:

„Acht Berge“ von Paolo Cognetti hat mich zugegebenermaßen zunächst mit der wunderschönen Covergestaltung angezogen. Als ich dann noch mehr über den Inhalt in Erfahrung gebracht hatte, war klar: Das muss ich lesen! Und als es dann bei mir ankam, war ich richtig baff über die Gestaltung des Umschlags: Vom Optischen her kam es mir vor wie ein Ölgemälde, und der Sternenhimmel glitzert tatsächlich! So ein schönes Buch habe ich selten gesehen! Es war Liebe auf den ersten Blick. <3 Die Geschichte handelt vom jungen Pietro, der mit seiner Familie teils in Mailand, teils in den Bergen lebt. Jeden Sommer fährt er mit seiner Familie hoch in die Berge, wo ihnen eine kleine Hütte gehört. Und jeder Sommer ist für Pietro etwas Besonderes. Dort oben wartet sein bester Freund Bruno auf ihn, der sein Leben lang noch nichts anderes gesehen und erlebt hat als die Berge und die Alm seines Vaters. Die beiden sind in den Wochen und Monaten, wenn Pietros Familie in den Bergen weilt, unzertrennlich. Pietros Vater ist zudem leidenschaftlicher Bergsteiger und möchte, dass Pietro wortwörtlich in seine Fußstapfen tritt. Doch als dieser bemerkt, dass er unter der Höhenkrankheit leidet, zerbricht das Verhältnis zu seinem Vater mehr und mehr und während Pietro immer älter wird, werden die Berge und die gemeinsame Zeit in den Bergen für ihn immer weniger wichtig. Von Zeit zu Zeit besucht er Bruno jedoch, der sein Leben lang dort geblieben ist. Pietro fragt sich, ob er die richtige Wahl getroffen hat, indem er sich gegen die Berge entschieden hat, und ob Bruno ebenso richtig entschieden hat, indem er die Berge niemals verließ.


Der See war ein Nachthimmel in Bewegung. Böen wehten kleine Wellen von einem Ufer zum andern. Glitzernde Sterne, die sich entlang der Krafltinien auf dem schwarzen Wasser niederließen, erloschen, blinkten wieder auf und wechselten abrupt die Richtung. Ich blieb reglos und betrachtete diese Muster. Mir war, als könnte ich das Leben der Berge in Abwesenheit des Menschen sehen.


Als ich in die Geschichte Pietros eintauchte, umfing mich sofort dasselbe wohlige Gefühl, das ich beim Lesen von Seethalers „Ein ganzes Leben“ auch hatte. Paolo Cognetti erzählt bedacht, sanft und klar von den beiden zu Beginn der Handlung doch sehr ähnlichen Freunde, die das Leben aber auseinanderdriften lässt. Cognetti schafft es, so viel Atmosphäre und Ernst in die Handlung zu stecken und dabei den Leser nicht zu erdrücken, dass das Buch einen einlullt, packt und nicht mehr gehen lässt. Die charakteristische Stille der Männer spiegelt zugleich die Stille der Landschaft wieder, alles erscheint friedlich, dort oben in den Bergen. Doch der Schein trügt, denn der von Bruno liebevoll „Berio“, Stein, betitelte Pietro fragt sich während seines Heranwachsens nicht nur, ob Bruno sich für das richtige Leben oben bei der Alm entschieden hat, sondern ärgert sich auch über seinen Vater, zu dem die Beziehung immer schwieriger zu werden scheint. Während also Pietros Vater Berg nach Berg besteigt und Bruno eine Familie und einen eigenen Betrieb in den Bergen gründet, führt Pietro ein Leben in der Stadt, studiert und filmt Dokumentarfilme. Doch es zieht ihn immer wieder zu den Bergen und eines Tages ist bei seinem Besuch nichts, wie es vorher war.


Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/paolo-cognetti-acht-berge

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24 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

memory wall, anthony doerr, demenz, fossilien, erinnerungen

Memory Wall

Anthony Doerr , Werner Löcher-Lawrence
Flexibler Einband: 144 Seiten
Erschienen bei btb, 12.02.2018
ISBN 9783442715541
Genre: Romane

Rezension:

„Memory Wall“ ist mein erstes Buch von Anthony Doerr – nach diesem Werk bin ich aber mehr als euphorisch, noch andere seiner Bücher zu lesen! Doerr erzählt in dieser 130 Seiten kurzen Novelle von einer alten Dame, die mit einem Gedächtnisstimulator in der Lage ist, mittels Kassetten längst verlorene Gedanken abzuspielen. Dies geschieht mit einem speziellen Helm, dessen Enden in ihre in den Schädel eingelassenen Öffnungen eingeführt wird. Den Patienten soll durch die mehrfache Stimulation mit den Erinnerungs-Kassetten ermöglicht werden, sich ans Erinnern zu erinnern. Parallel dazu versuchen Kriminelle, Erinnerungen reicher oder berühmter Personen zu „ernten“. Der junge Luvo wird von der Straße aufgesammelt, bekommt die Zugänge für den Stimulator gelegt und soll nun in den Erinnerungen Almas nach dem einen Fetzen stöbern, der seinen Auftraggeber reich machen soll. Denn Almas Mann war ein begeisterter Hobby-Archäologe, der bei dem Fund seines Lebens während einem Ausflug mit ihr einen Herzanfall erlitt. Das Fossil soll riesig und viele Millionen Rand wert sein, Geld, mit dem Roger seine Schulden abbezahlen kann…


Almas Hausdiener Pheko lebt im Gegensatz zu ihr ein bescheidenes Leben in einer beschaulichen Hütte in ärmlichen Verhältnissen. Er pflegt Alma, fährt sie zum Arzt, legt ihr ihre Lieblingskassetten und hilft ihr, im Alltag zurecht zu kommen. Während ihr Zustand zusehends schlechter wird, muss er sich mit der plötzlichen Krankheit seines Sohnes zurechtfinden und auch noch seine drohende Arbeitslosigkeit im Auge behalten, denn Alma soll bald in ein Heim verlegt werden. Doch ob sie ihre „Memory Wall“, ihre Wand aus mehr oder weniger geordneten Erinnerungs-Kassetten, Ausschnitten und Fotos, dorthin mitnehmen darf, ist fraglich. Und auch Luvo muss sich beeilen, diese eine Erinnerung zu finden, denn schon bald kommt der Makler und das Haus wird verkauft.


»Nichts bleibt«, sagte Harold. »Dass etwas versteinert, ist ein Wunder. Die Chancen stehen eins zu fünfzig Millionen. Der Rest von uns? Wir verschwinden im Gras, in Käfern, in Würmern. In Lichtstreifen.«


Anthony Doerr erzählt in einer faszinierenden Art und Weise von der flüchtigen Welt der Erinnerungen, und wie diese uns als Mensch ausmachen. Was sind wir ohne Erinnerungen, was bleibt von einem Menschen übrig, wenn wir diese verlieren? Dieser Gedanke flößt einem Angst ein, denn Alzheimer und Demenz sind ein nicht so seltenes Leiden in unserer Welt. Und was geschieht mit unserem Bewusstsein und den ganzen Erinnerungen nach unserem Tod? Doerr greift hier spannende Themen und Fragen auf und knüpft sie herrlich zu einer Geschichte zusammen.


Fazit: Wie gern hätte ich mehr von dieser Geschichte gelesen! 130 Seiten erscheinen für ein solches Thema viel zu kurz, und dennoch hat Anthony Doerr diese wenigen Seiten wunderbar genutzt, um uns diese Geschichte zu schenken. Nicht nur das Schicksal Almas erzählt der Autor mit Bravour, sondern auch die Schönheit der Natur, der Fossilien und die Frage nach unserem Platz in der Geschichte spinnt er grandios zu einer ergreifenden Geschichten zusammen. „Memory Wall“ wirkt trotz seiner Kürze noch lange nach. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung!


Diese und weitere Rezensionen findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de

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24 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

familie, eltern, familientragödie, hilflosigkeit, drama

Marie

Steven Uhly
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei btb, 12.02.2018
ISBN 9783442715527
Genre: Romane

Rezension:

Das wunderschöne Cover hat mich gelockt, Steven Uhlys „Marie“ zu lesen. Eigentlich wollte ich vorher noch den Vorgänger dieses Buchs, „Glückskind“, lesen, aber irgendwie hat es sich nicht ergeben. Dabei bin ich jetzt, nach der Lektüre, noch viel begieriger drauf, mehr von der Familie und deren Vorgeschichte zu erfahren. Es geht um die Familie Kelber, Mutter geschieden, alleinerziehend mit drei Kindern: Mira, Frido und Chiara. Der Vater hat sich mit einer anderen Frau ein neues Leben aufgebaut und nimmt die Kinder am Wochenende vielleicht mal, aber nur wenn es denn unbedingt sein muss, und auch nur „Frido und die Kleine“! Veronika, die Mutter, ist sichtlich überfordert mit der Situation und schafft es immer nur gerade so, den Kindern rechtzeitig eine Mahlzeit (meistens Pizza) auf den Tisch zu stellen. Der elfjährige Frido muss daher vieles erledigen, was eigentlich kein Kind erledigen sollte: schauen, dass seine Schwestern rechtzeitig zur Schule kommen, sie dorthin begleiten, sie ermuntern, Hausaufgaben zu machen, etc. Dass das nicht gut ist für ein Kind, realisiert Veronika nicht. Und als Frido Chiara eine Gutenachtgeschichte erzählt, die sich als näher an der Realität herausstellt als gedacht, gerät das Leben der Kinder völlig aus den Fugen.


Wow. Als ich „Marie“ zur Hand nahm, war mir bewusst, dass dies kein Gute-Laune-Roman sein wird, aber dass mich das alles so mitnehmen würde, hätte ich dann auch nicht gedacht. Das Bild einer Familie, wie sie sein sollte, durchbrechen die Kelbers und zeigen so ziemlich das Gegenteil. Die Mutter kommt überhaupt nicht mit ihrer Vergangenheit klar und die Kinder werden vernachlässigt, nicht umsorgt und offensichtlich auch nicht geliebt. Hätte sie doch bloß verhütet, dann wäre ihr Leo nicht weggelaufen. Wären die Kinder doch bloß nicht gewesen… Solche Gedanken schiebt Veronika in ihrem Kopf hin und her, und die Geschichte aus „Glückskind“, die hier eine tragende Rolle spielt, wird nach und nach von den Kindern aufgedeckt. Es geht um ein Baby namens Marie, das von einem Obdachlosen in einer Mülltonne gefunden wurde. Relativ am Anfang des Buches wird klar, dass Chiara dieses Baby sein muss, und sie spürt es nach der Gutenachtgeschichte irgendwie auch. Die Sechsjährige beginnt, sich mit Marie zu identifizieren und es baut sich eine zweite Persönlichkeit in ihrem Innern auf. Während Veronika immer instabiler wird, weil die Geschichte nach sechs Jahren nun wieder auf dem Tisch liegt, verwahrlosen ihre Kinder zusehends weiter.


Sie muss funktionieren, Das ist auch eine Strafe, sagt sie sich, Im Gefängnis hättest du es doch viel zu leicht gehabt, du dumme Kuh, denkt sie. Sie muss hart gegen sich selbst werden, dann wird es gehen.


Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/steven-uhly-marie

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17 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

satire, donald trump, humor, politik, politsatire

Pussy

Howard Jacobson , Johann Christoph Maass
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Tropen, 04.02.2018
ISBN 9783608503517
Genre: Humor

Rezension:

Seit ich letztes Jahr im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projekts Jacobsons „Shylock“ gelesen hatte, war mir klar: Der Mann kann schreiben. Nachdem ich mir sein Werk „J“zugelegt (und ins Regal gestellt) habe, war jedoch erst mal Ruhe. Als ich aber gesehen habe, dass der King of Cynicism eine Trump Satire geschrieben hat, musste diese doch direkt bei mir einziehen. Und so landete Howard Jacobsons „Pussy“ in meinem Regal. Zugegeben, das Cover hat mich zunächst aufgrund der Karikatur abgeschreckt, aber der Name des Autors hat dies dann wieder wett gemacht.  Das Buch handelt von Prinz Fracassus, der im Reich Urbs-Ludus aufwächst, in dem strikte Mantelpflicht herrscht und der Überfluss regiert. Fracassus‘ Eltern merken bereits früh, dass mit ihrem Spross etwas nicht stimmt, gehen aber doch davon aus, dass sein verschlossenes Wesen auf ein hart arbeitendes Gehirn schließt. Einige Zeit später beginnt Fracassus zu sprechen und spätestens dann wird jedem klar, dass dieser Junge eine Spezialbildung benötigt, um seine Spezialtalente zu fördern. Ihm werden diverse Mentoren zur Seite gestellt, die einer nach dem anderen zum selben Schluss kommen: Es hilft nichts.


"So etwas wie Volkes Wille gibt es nicht. Es gibt bloß den Willen derjenigen, die dem Volk sagen, was Volkes Wille sein soll."


Der junge Fracassus wächst langsam heran und relativ schnell wird klar, dass er mindestens in die Fußstapfen seines Vaters treten will, mindestens ein Casino mit jeder Menge „Nutten“ aufmachen möchte und eine Mauer errichten, mit der er jene aussperren kann, die nicht seine Meinung teilen. Fracassus‘ kindliche Züge spiegeln sich allerdings nicht nur in seiner beschränkten Sichtweise, sondern auch in seinem ebenso beschränkten Vokabular und seinem fehlenden Verständnis für die Dinge dieser Welt wider. Schnell empfiehlt man „seiner Durchlaucht“ die Nutzung von Twitter, damit die Leute Notiz von ihm und seinem ungeheuren Potential nehmen mögen. Während seine Mentoren besorgt sind, er würde die 140 Zeichen nur mit Unsinn füllen, hält seine Mutter dagegen, dass er nicht genügend Worte kenne, um diese Zeichen zu füllen. „Prostituierte“ sei schließlich sein längstes Wort.


Gespickt von einigen von Fracassus‘ Tweets lässt uns Howard Jacobson hier an der kleinen Pilgerreise teilhaben, die Fracassus von seinem Vater empfohlen wird, um zu „reifen“. Dass er dabei diverse Bordelle und Casinos besucht und mit einem Diktator namens Spravchik Zehenwrestling macht und im Anschluss dessen Seelenverwandter wird, hat er sich mit Sicherheit nicht vorgestellt. Als Fracassus schließlich den Präsidenten Phonocrates auf seinem Sterbebett besucht, offenbart dieser ihm das ultimative Geheimnis guter Staatsführung: »Halte nie deine Versprechen.« Fracassus kehrt schließlich von seiner Reise zurück, und ich muss wohl kaum erwähnen, dass das letzte Kapitel »Das Ende aller Tage« heißt. 


Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/howard-jacobson-pussy

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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

helmut krausser, sex, zeitgenössische belletristik

Geschehnisse während der Weltmeisterschaft

Helmut Krausser
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 12.01.2018
ISBN 9783827012036
Genre: Romane

Rezension:

Von Helmut Krausser hatte ich bisher nur Positives gehört, hatte jedoch nie die Gelegenheit, eines seiner Werke zu lesen. „Fette Welt“ wurde in den höchsten Tönen gelobt und doch zog es nie bei mir ein. Schließlich kam es so, dass mit „Geschehnisse während der Weltmeisterschaft“ der erste Krausser in mein Regal zog. Was für ein Thema! Leistungssex! Das roch nach „Selbstverfickung“ oder „Beautiful You“, aber irgendwie klang der der Klappentext doch vielversprechender. Da ich ja sowieso gelegentlich zu skurrilen Büchern mit komischen Themen greife, habe ich mich getraut und mir dieses Buch mal zur Brust genommen. Es geht um den Leistungssportler Leon, der heimlich in seine Teampartnerin Sally verliebt ist. Sally scheint ihn jedoch nicht auf diese Weise zu sehen. Als die Weltmeisterschaft vor der Tür steht, die diesmal – da sich niemand anders freiwillig gemeldet hat – in Kopenhagen stattfindet, spannt sich die Situation an: Die politische Lage eskaliert und die Wettbewerbsteilnehmer begeben sich mit ihrer Teilnahme in deutliche Gefahr. Doch auch Korruption scheint bei dieser Weltmeisterschaft vorzukommen, denn die Pekinger Mannschaft schafft es überraschend weit und die B-Note scheint willkürlich vergeben zu werden. Als es dann auch noch einen Mordfall gibt und Gardiner, der bisherige Leiter des Dachverbands des Leistungssex tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden wird, gerät alles in Wanken – ausgerechnet bei Leons letzter Meisterschaft! – und er riskiert einiges, um seine geliebte Sally zu schützen…


Der Unterschied zwischen »Seele« und »Restmüll« kann manchmal sehr gering sein.


Helmut Krausser erzählt hier eine sehr eigenwillige Geschichte, die mit einer 3-monatigen Abstinenz und Abkapselung Leons in eine verlassenen Hütte in Norwegen beginnt. Dieser Part gefiel mir sehr gut, was vielleicht auch daran liegen mag, dass ich Romane über Eigenbrötler quasi inhaliere.  Jedenfalls geht es für ihn nach seiner kleinen Auszeit wieder mitten hinein in den Medienrummel und ab in die Trainingsphase. Der Leser erfährt hier alle Details zu der besonderen Sportart und zu den Einschränkungen, die sich durch die Führung Gardiners einstellen. Die Weltmeisterschaften sind nicht länger ein Medienevent oder Spektakel, sondern nur noch eine nüchterne Ausübung des Sports, der auf diese Weise nicht länger anstößig erscheinen soll. Denn die Gegner des LS sind doch um einiges zahlreicher als deren Befürworter, selbst Berlin, das vor 10 Jahren noch als Vorreiter für die Sportart galt, zieht sich aus dem Business zurück. Doch wie kam es überhaupt dazu, dass im Jahre 2028 die LS-Meisterschaften fast schon verpönt sind? Nun, seit der ersten Meisterschaft in 2018 hat sich in der Welt einiges verändert. Politisch korrekt ist in Deutschland schon lange nichts mehr und Gender Equality wird mittlerweile auch nur noch als Irrtum der Vergangenheit angesehen. Und der Autor, der 2018 erst den Stein des LS ins Rollen brachte, indem er mit seinem Bestsellerroman die Weltmeisterschaften 2028 beschrieb, liegt womöglich bereits am Strand, badet in Geld, und genießt einen rosa Cocktail mit Schirmchen. 


Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/helmut-krausser-geschehnisse-waehrend-der-weltmeisterschaft

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139 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 48 Rezensionen

new york, salinger, literaturagentur, literatur, joanna rakoff

Lieber Mr. Salinger

Joanna Rakoff , Sabine Schwenk
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Knaus, 23.02.2015
ISBN 9783813505153
Genre: Romane

Rezension:

Auf dieses Buch wurde ich aufgrund der vielen positiven Meinungen aufmerksam. Und obwohl ich (noch!) nichts von J.D. Salinger gelesen hatte, entschloss ich mich, Joanna Rakoffs „Lieber Mr. Salinger“ eine Chance zu geben. Und irgendwie schaffte es dieser Roman, der viel mehr eine Erinnerung aus Rakoffs Zeit als Assistentin in einer Verlagsagentur ist, mich völlig in den Bann zu ziehen, sodass ich das Buch an zwei Abenden durchgeschmachtet hatte. Es geht um die junge Joanna Rakoff, die Mitte der Neunziger einen Job bei einer Verlagsagentur bekommt und dort mit dem Traum, selbst Autorin zu werden, anfängt Briefe zu tippen – auf einer Schreibmaschine! Die Agentur scheint in der Zeit stehen geblieben zu sein, weigert sich die Chefin starrköpfig, Computern Einzug zu gewähren. Joanna kommt sich vor wie bei einer Zeitreise, alles erscheint ihr leicht altertümlich, und doch macht ihr der Job Spaß. Eines Tages entdeckt sie in einem der zahlreichen Regale im Büro einen Autor, den sie hier nicht erwartet hat: J.D. Salinger. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie noch nichts von ihm gelesen, dennoch hat sie großen Respekt vor dieser literarischen Größe. Wenig später wird sie auch mit der Bearbeitung der Fanpost Salingers beauftragt und sie beginnt, sich mehr und mehr mit seinen Büchern zu beschäftigen und die Briefe nicht wie angeordnet mit einem Standardschreiben zu beantworten, sondern sich in die Seele der Menschen einzufühlen.


Doch Rakoff erzählt in ihrem Werk nicht nur von ihrem Arbeitsleben, auch Privates fließt in ihr Werk. So erzählt sie von ihrem damaligen Freund, der selbst Autor ist – oder zumindest versucht, einer zu sein. Die Beziehung der beiden hat immer wieder Höhen und Tiefen und als Leser war mir schleierhaft, wie sie es miteinander aushalten. Die Beziehung zu ihren Eltern ist auch nicht allzu positiv, bekommt sie doch zum Geburtstag einen Haufen Rechnungen geschenkt, da sie jetzt einen richtigen Job hat und diese nun selbst bezahlen kann. Dass Joannas halbes Gehalt bereits für die Miete drauf geht, davon wissen ihre Eltern nichts. Auch sonst erscheint sie sehr schweigsam, ihre Welt dreht sich nur um die Literatur und ihre Arbeit.


Wochenlang tat ich nichts anderes als tippen, tippen und nochmals tippen. Ich tippe so viel, dass ich vom Tippen träumte. In diesen Träumen flogen meine Finger über die Tasten, doch nichts passierte […]. Anstelle von gedruckten Buchstaben flatterten zwitschernde Vögel aus dem Innenleben meiner Selectric oder Schwärme von weißen, staubigen Motten. Das Summen der Maschine füllte meine Tage, unterlegte jedes Gespräch, jedes Wort […].


Obwohl in diesem Buch nicht allzu viel passiert, hat Joanna Rakoff es doch geschafft, mich zu fesseln. Die Dialoge, die Telefonate mit Salinger, die Fanpost – all das hat diesen Roman zu einem perfekten literarischen Leckerli gemacht. Wenn Joanna relativ am Ende die Bücher Salingers endlich liest und entdeckt, dass diese einfach grandios sind, gibt es einen kleinen Gänsehaut-Moment, und selbst ich, die die Bücher nicht gelesen hat, kann dieses Gefühl nachvollziehen. Joanna, die in ihrer bisherigen literarischen Laufbahn nur eher „schwere Kost“ gelesen hatte und den Grundsatz verfolgte, dass Literatur sie fordern, nicht unterhalten soll, hatte sich gezielt von Salingers vermeindlicher Unterhaltungs-Literatur ferngehalten. Doch seitdem sie die Fanpost las und ihn persönlich kennenlernte, wurde das Feuer der Neugierde, die sie empfand, immer weiter geschürt.


Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/joanna-rakoff-lieber-mr-salinger

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