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Das Gehirn

Matteo Farinella , Hana Ros , Ulrike Becker
Fester Einband: 136 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 12.09.2018
ISBN 9783956142642
Genre: Comics

Rezension:

Wow, was für eine prachtvolle Covergestaltung! Dieses Buch, pardon, diese Graphic Novel, ist mir beim Beäugen der Herbstvorschauen direkt ins Auge gefallen. Dr. Matteo Farinella und Dr. Hana Roš bringen uns mit „Das Gehirn“ eine Welt näher, die vielen von uns (oder zumindest denen, die keinen Biologie Leistungskurs hatten) eher verschlossen bleibt. Auf knapp 130 Seiten reisen wir mit einem namenlosen Protagonisten (der in ein Gehirn „aufgelesen“ wird und eigentlich nur nach Hause will) quer durch unser Rechenzentrum und erfahren alles über die Funktionsweise von Rezeptoren, Neurotransmittern und Vesikeln. Wer Fachtermini eher meidet und Wert auf eine Dummy-freundliche Erklärweise legt (ich hatte mich schon gefreut!), ist hier leider falsch, denn „Das Gehirn“ ist trotz seiner Aufmachung als Graphic Novel (leider) weder für jüngere noch Gehirn-unerfahrene Leser geeignet. Farinella und Roš werfen uns wie auch den Protagonisten mitten in die verrückte Welt der Wissenschaft, und da ich für meinen Teil kein Vorwissen mitgebracht habe, habe ich nur schwer Zugang zu diesem Buch gefunden.

Dr. Matteo Farinella und Dr. Hana Roš fassen die sehr ansprechend illustrierte Graphic Novel in folgende Teilkapitel:

Morphologie — Hier werden zu Beginn wichtige Grundbegriffe erläutert Pharmakologie — In diesem Kapitel erfahren wir alles über Botenstoffe wie Dopamin, Serotonin und Glutamat (hier war ich etwas geschockt – ist das nicht ein Zusatzstoff für sehr viele Fertig-Lebensmittel?), welche Funktionen sie erfüllen und wie sie arbeiten Elektrophysiologie — Die Forscher Alan Hodgkin und Andrew Huxley erklären uns, wie ein Nervensignal erzeugt wird, zudem gibt es eine Einführung in den Begriff „Strom“: was Strom eigentlich ist, wie er funktioniert und was er in unserem Gehirn macht Plastizität — Hier gibt es eine kleine Einführung zum Gedächtnis: Was sind Träume und Erinnerungen und wie kann Verhalten konditioniert werden? Synchronizität — In diesem Kapitel geht es um das Ich-Gefühl, Geist vs. Gehirn

In jedem dieser Kapitel, die spannende Themen beinhalten, begleiten uns ein oder mehrere berühmte Forscher des Gebiets — wie etwa Iwan Pawlow und seine Konditionierungsforschung — die uns kompliziertere Themen etwas leichter verständlich machen wollen. Doch leider ist „Das Gehirn“ so vollgepackt mit Fachtermini und Erläuterungen zu Funktionsweisen, dass alles holterdipolter „runtererzählt“ wird, und genauso schnell, wie unser Protagonist dem Gehirn entkommen möchte, ist irgendwie auch das Erzähltempo, sodass es im Oberstübchen nur so blubbert. Natürlich handelt es sich bei einer Graphic Novel um ein bildgetriebenes Medium, das natürlich etwas „schneller“ zu konsumieren ist als ein nur-Text Buch, dennoch ging mir alles etwas zu flott.

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/neurocomic-das-gehirn-als-graphic-novel-entdecken

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25 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

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Hiroshima

Marina Perezagua , Silke Kleemann
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 10.03.2018
ISBN 9783608981360
Genre: Romane

Rezension:

Wow, was für ein Cover, was für ein Buch! Marina Perezaguaist mit „Hiroshima“ ein wahnsinnig aufwühlendes Buch gelungen, das nicht nur über Kriegstraumata, die „Schande des Überlebens“ und den Wahnsinn der Menschheit spricht, sondern auch, und das ganz überraschend, über Gender. (Ich verwende hier den englischen Begriff, da mir das deutsche „Geschlecht“ viel zu sehr an das Körperliche gebunden zu sein scheint und das Englische hier wunderbar differenziert.) Es geht um H., unsere namenlose Protagonistin, und ihren Kampf mit ihrem Körper. Denn H. wurde mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren, und da die Eltern schlicht überfordert waren, entschlossen sie sich, ihr Kind als Jungen großzuziehen. Doch wie ihr bereits an meinen Pronomen erkennen könnt, fühlt H. sich mehr als Frau und möchte auch ihren Körper später , wenn sie alt genug ist, anpassen. Doch als ihr die Atombombe nimmt, was sie immer als lästig empfunden hat, fühlt sie sich beraubt. Eine lebenslange Trauer beginnt. Sie lernt Kriegsveteran Jim kennen, der während des Krieges ein Baby. ein Mädchen, versorgt hat und dieses nun wiederfinden will, da er sich als Vater sieht. H., die nicht nur mit einem Penis, sondern auch mit einer dysfunktionalen Gebärmutter geboren wurde, spürt ihr Sehnen. Denn vor der Bombe hätte sie wenn nicht Mutter, dann Vater werden können, jetzt bleibt ihr nichts. Der Wunsch nach einem Kind gewinnt Überhand und so hilft sie Jim, seine Tochter zu finden. Eine lange Reise beginnt, die H. und Jim die Schrecken des Krieges immer wieder vor Augen führt.

Ich habe Hiroshima überlebt, weil es meine Pflicht war, zu überleben und Zeuge meiner eigenen Existenz zu sein, denn dafür hat meine Mutter mich auf die Welt gebracht: damit ich sehe, was vor mir liegt, eine Bombe oder eine Herde friedlich grasender Schafe.

Als ich den Klappentext und die Leseprobe las, wusste ich ehrlich gesagt nicht, was mich erwartet. Ich rechnete mit einem Buch über den Krieg, über die Gräuel der Atombombe und wie sie Land und Menschen Japans veränderte. Doch was Marina Perezagua hier zwischen zwei Buchdeckel packt, ist so viel mehr. Es geht um Identitätsfindung, wenn einem das geraubt wird, dessen man sich eigentlich bewusst entledigen wollte, es geht um Akzeptanz, es geht um Sinnkrisen. Eigentlich hätte die Lektüre wahnsinnig bedrückend und deprimierend sein müssen — und das war sie auch, versteht mich nicht falsch —, doch gab es immer wieder Szenen der Hoffnung, der Freude, wenn ein neues Lebenszeichen von Jims Tochter auftaucht, wenn die beiden ihrem Ziel einen Schritt näher kommen. Aber auch die Tatsache, dass H. langsam und schmerzvoll ihren Verlust aufarbeitet, sich mit anderen Intersexuellen austauscht und sogar sexuelle Ausrichtung kennenlernt, von denen sie nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Ich muss sagen, durch H. habe ich sehr viel gelernt, was mir das Gender Studies Seminar in der Uni nicht einmal ansatzweise mitgeben konnte. H. stellt wichtige Fragen, wie etwa die Frage danach, warum man ein Baby mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen in eine Form zwingt, damit es in Schema X oder Y passt, „warum nicht diesen Status aufrechterhalten, bis das Baby, wenn es sich physisch und bezüglich seiner Identität entwickelt, für sich selbst entscheiden kann? Aber nein, aus irgendeinem Grund wird ihm das Geschlecht mit dem Hammer eines Richters aufgedrückt, und es wird Junge oder Mädchen genannt, Mann oder Frau, Greis oder Greisin“.

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/marina-perezagua-hiroshima

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

Kein schönerer Ort

Manichi Yoshimura , Jürgen Stalph
Flexibler Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Cass, 13.08.2018
ISBN 9783944751191
Genre: Romane

Rezension:

Als ich in der Herbstvorschau des cass Verlags diesen Titel entdeckte, war mir direkt klar: Das muss ich lesen. Der Klappentext deutet auf eine mögliche Atomkatastrophe hin, nach der die Bewohner Umizukas dort leben, aber ausgesprochen wird dies nicht. „Kein schönerer Ort“ von Manichi Yoshimura erzählt aus der Perspektive eines jungen Mädchens, wie sich Ungeheuerliches abspielt, Todesfälle überspielt werden und der Zusammenhalt des Orts irgendwie erzwungen scheint. In den Schulen fehlen nach und nach immer mehr Kinder, sie klappen im Unterricht zusammen und wenige Tage später erfahren wir, dass sie gestorben sind. Der Grund dafür wird uns allerdings nicht genannt. Die unschuldige Sprache Kyoko-chans lässt uns nur langsam die Katastrophe wahrnehmen, die sich in Umizuka abgespielt haben muss. Nach dutzenden Malen, in denen Kyoko die Umizuka-Hymne gezwungenerweise und lustlos mitsingt, weil sie sich von der Gemeinschaft ihrer Klassenkameraden ausgeschlossen fühlt, wächst in ihr das Bewusstsein, dass etwas faul ist. Ihre Mutter kocht nie frisch, lässt Dosen voller Fertiggerichte importieren und achtet penibel auf jedes Staubkorn. Ist womöglich doch etwas geschehen? Aber wieso tun dann alle so, als wäre nichts gewesen?

Am Ende tut nicht nur Umizuka, sondern das ganze Land so, als wäre nichts gewesen. Vielleicht nimmt gar […] die ganze Welt an dieser Komödie teil.

Dieser Roman hat mich gut 50 Seiten (ein Drittel!) gekostet, bis ich richtig drin war. Die Sprache und Erzählperspektive schien erst ungelenk, doch danach hat „Kein schönerer Ort“ seine schaurige Magie entfaltet. „Kein schönerer Ort“, das scheint Umizuka nach Meinung der gesamten Stadtbevölkerung tatsächlich zu sein, und obwohl die Kinder dahinsterben, bemühen sich die Älteren um Normalität. Was auch immer geschehen ist, es hat die Bewohner Umizukis zusammengeschweißt, ein übertrieben erscheinendes Gemeinschaftsgefühl hat sich entwickelt. Die Anwohner betonen immer, dass man das Gemüse und das Obst aus der Stadt bedenkenlos essen könnte, und spätestens jetzt fragt man sich als Leser, wieso sie geblieben sind. Oder werden die Bewohner Umizukas gar gezwungen, dort zu verbleiben, um andere Regionen nicht zu kontaminieren? Der Begriff „Atomkatastrophe“ steht wie ein dicker Elefant im Raum, doch niemand, wirklich niemand, spricht in Umizuka darüber — beziehungsweise wird von der Polizei mit den Worten „Alles erstunken und erlogen!“ abgeführt und nie wieder gesehen.

Mit dem Bewusstsein des Menschen hat es so eine Bewandtnis. Beeinflusst vom Verhalten seiner Umgebung, sieht der Mensch bald nicht mehr, was er sieht. Selbst das Dreieck unmittelbar vor seinen Augen wird, wenn alle anderen behaupten, es sei ein Kreis, zum Kreis. Er fasst es nicht nur als solchen auf. Er sieht wirklich: einen Kreis.

Die Sprache von „Kein schönerer Ort“ ist für mich typisch „japanische Literatur“. Dieses Schnörkellose, Leise, fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Und trotz der Kürze dieses Romans hat Yoshimura den richtigen Ton getroffen. Der Klappentext verrät uns, dass dieses Buch zum Anlass der Reaktorkatastrophe in Fukushima geschrieben wurde, was den Eindruck der „Kontamination“ nur noch verstärkt. Mehrmals wird zudem erwähnt. dass Umizuki die Heimat ist, „die wir einmal verloren haben“ und die wieder aufgebaut wurde — das ist meiner Meinung nach der letzte Groschen, der fallen musste.

Fazit: Mit „Kein schönerer Ort“ von Manichi Yoshimura ist wieder mal ein kurzer, eigensinniger, aber auch wunderbarer Titel im cass Verlag erschienen! Die Sprache, die Geschichte, alles fügt sich toll zusammen. Lediglich der Start fiel mir etwas schwer und gegen Ende schlug die Handlung eine Richtung ein, die sich mir nicht ganz erschlossen hat. (Wer es gelesen hat, möge sich bei mir melden!) Yoshimuras Roman möchte ich jedem ans Herz legen, besonders aber allen, die die japanische Literatur bereits kennen, denn dieses Buch fügt sich nahtlos ein, obwohl es kein gleichförmiges Puzzlestück ist.

Mehr unter: https://killmonotony.de/rezension/manichi-yoshimura-kein-schoenerer-ort

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18 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

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Mr Griswolds Bücherjagd - Der Unlösbare Code

Jennifer Chambliss Bertman , Elisa Martins
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei mixtvision, 16.07.2018
ISBN 9783958541207
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Noch gar nicht allzu lange ist es her, dass ich euch den ersten Band der verrückten Bücherjagd, Jennifer Chambliss Bertmans „Das Spiel beginnt“, vorgestellt habe, und schon ist Teil zwei erschienen! In „Der unlösbare Code“, dem neuen Abenteuer von James und Emily (und sogar mit Emilys Bruder Matthew) geht es wieder um einen spannenden Code, nämlich den titelgebenden unlösbaren Code. Dieser ist seit über 100 Jahren ungelöst und unsere Rätselknacker stoßen nur darauf, weil ihr Lehrer Mr Quisling irgendetwas vorhat. Derweil brechen in der Stadt immer neue Feuer aus, bei einem ist Emily sogar vor Ort und kommt mit dem Schrecken davon. Was die Feuer und Mr Quislings komisches Verhalten mit dem unlösbaren Code zu tun haben? Das finden James und Emily bald heraus, und gemeinsam geraten sie möglicherweise ins Visier eines altes Fluchs — oder steckt vielleicht doch etwas anderes dahinter?

Es gab keinen besseren Weg, Emilys Interesse an einer Chiffre zu wecken, als zu behaupten, sie sei unlösbar. Ihre Haut prickelte wie elektrisiert. Das war das Gefühl, das sie immer bekam, wenn ein Buch sie völlig in seinen Bann zog.

Nachdem ich den ersten Band dieser Trilogie begeistert verschlungen habe, musste ich natürlich auch die Fortsetzung lesen. „Der unlösbare Code“ kommt im herbstlichen Orange daher und konnte mich bereits mit seinem Klappentext vollends überzeugen. Nun, nach der Lektüre von Band zwei, kann ich sagen: Jennifer Chambliss Bertman hat es wieder geschafft! Während im ersten Band der Aufbau der Charaktere und des Settings seine Zeit gebraucht hat, ging es beim „unlösbaren Code“ direkt los, alle Personen waren bekannt und als Leser des ersten Bandes hat man bereits Fuß im Griswoldversum gefasst. Aber auch Einsteiger, die Band eins (aus welchen skurrilen Gründen auch immer  ) nicht gelesen haben, können beruhigt mit Band zwei einsteigen. Natürlich fehlen ein paar Hintergrundinfos, die Autorin hat aber allerhand Auffrischer und Erläuterungen eingefügt, die selbst Neueinsteigern den Genuss von Band zwei der Bücherjagd möglich machen.

So viel zum Set-up, die Geschichte bleibt spannend, wird vielleicht sogar ein bisschen spannender als Teil eins. Emily, James und Matthew entwickeln sich zudem auch ein wenig weiter, bei Mehrteilern finde ich das immer sehr wichtig. Die Sprache, die ich in Band eins sehr lieb gewonnen habe, bleibt natürlich dieselbe und es gibt keinen krassen Stimmungsumschwung oder Ähnliches. Die lockere Schreibe, das zackige Tempo und die knackig kurzen Kapitel machen den neuen Band von Griswolds Bücherjagd zum perfekten Begleiter für die Tasche, da man auch bei kurzen Zug- oder Busfahrten ein Kapitel schaffen kann. Zum Inhalt möchte ich gar nicht so viel erzählen, da ich glaube, alles, was über den Klappentext hinausgeht, könnte euch bereits spoilern. So viel sei aber verraten: Eure grauen Zellen werden auch in diesem Teil beansprucht! Es gibt zwar nicht so viele verschiedene Codes wie im ersten Band, dafür aber den Code aller Codes.

Fazit: Mr Griswolds Bücherjagd bleibt spannend. Auch mit dem neuen Band der Bestseller-Trilogie ist Jennifer Chambliss Bertman ein echter Coup gelungen. Die Story hat zu keinem Punkt Hänger, es gibt keine langweiligen Passagen und das Gesamtbild ist einfach stimmig. Ich wurde sehr unterhalten und deshalb gibt’s für den „unlösbaren Code“ 5 Sterne!

Mehr auf: https://killmonotony.de/rezension/mr-griswolds-buecherjagd-geht-weiter

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

Über mir die Sonne

Alessio Torino , Johannes von Vacano
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 14.03.2018
ISBN 9783455001471
Genre: Romane

Rezension:

Puh, wo soll ich anfangen? Dieses „Sommerbuch“ wurde mir direkt vom Hoffmann und Campe Verlag empfohlen, weshalb ich sofort zusagte, denn Klappentext und Cover lockten mich schon ein wenig. Dass dieses Buch leider so gar nicht meins war, ist umso bedauernswerter, denn damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Den versprochenen Tiefgang gab es, allerdings auf eine Art und Weise, die mich leicht verwirrt zurückließ. Doch zum Anfang: Es geht um die achtjährige Tina, die unter der Scheidung ihrer Eltern leidet. Ihre Mutter hat Tina und ihre Schwester mit zum Urlaub (der allerdings länger anzudauern scheint) auf eine italienische Insel genommen; dort verbringen die drei ihren ersten Sommer ohne den Vater. Tinas Schwester Bea ist sich ihrer aufblühenden Weiblichkeit schon sehr bewusst, Tina jedoch wird von vielen für einen Jungen gehalten, vor allem anscheinend, weil sie mit ihren acht Jahren noch kein Bikini-Oberteil trägt. Allerdings bemüht sich Tina auch nicht, die Sache aufzuklären, es ist ihr sogar unangenehm, wenn ihre Mutter sie mit ihrem Namen ruft. Während Tina den ganzen Tag damit verbringt, aus dem vor Quallen wimmelnden Meer ebendiese herauszufischen und zu töten, legt Bea es darauf an, Jungs aufzureißen. Doch die anfangs so perfekte, so harmonische Fassade der Insel und ihrer Bewohner bzw. Urlauber droht zu bröckeln.

Tina. Mit diesem unentrinnbaren a. Ihr kam der Verdacht, dass ihre Mutter es absichtlich tat: So konnte sie der ganzen Cala und dem Bar-Restaurant Alta Marea verkünden, dass Signora Ottaviani aus Urbino zwei Töchter hatte.

Mit diesem Buch wurde ich irgendwie nicht warm. Während mir die Charaktere Tina mit ihrer verschlossenen, beobachtenden Art, und Bea, die aufblühende, angriffslustige, gut gefallen haben, war die Art, wie Alessio Torino diese Geschichte erzählt, sehr verwirrend. Zu schnell wurden zu viele andere Personen eingeführt und ich konnte außer Stefano und seiner Freundin Parì, eine Profi-Schwimmerin, nicht zwischen den übrigen Charakteren unterscheiden. Die Charaktere führten zudem an ihrem Treffpunkt, dem „Alta Marea“, einem kleinen Restaurant, Gespräche, denen sich mir jeglicher Sinn entzogen hat. Diese Perspektive (wir erfahren alles aus Tinas Sicht) hat mich doch stark an „Kenia Valley“ erinnert, in dem der junge Theo bei den viel älteren Valley-Bewohnern herumhängt und deren Gespräche zu verstehen versucht. Dieses Gefühl kam auch bei „Über mir die Sonne“ auf: Tina, die den Gesprächen der Erwachsenen lauscht, versucht, aus diesen Gesprächen eine Erkenntnis über das Erwachsensein zu ziehen, und ihrer Gefühle für die sportliche Parì, die Tina allerdings auch für einen Jungen hält. Alessio Torino formt den Roman nahezu zu einem Kammerspiel, da die Urlauber die Insel plötzlich nicht mehr verlassen können und sich so Streitigkeiten aufbauen. Und mittendrin ist der Anruf des Vaters, der die jungen Schwestern aus der Bahn wirft, sie daran erinnert, dass es letzten Sommer noch anders war. Eigentlich müssten Verlust und Trauer in Torinos Roman viel präsenter sein, doch scheinen zumindest alle erwachsenen Charaktere etwas zu unterdrücken, sie erscheinen festgefahren, selbst Tinas Mutter scheint die Scheidung bereits überwunden zu haben.

Fazit: „Über mir die Sonne“ lässt sich wunderbar leicht und in kurzer Zeit lesen. Der flüssige Schreibstil spiegelt sich jedoch leider nicht in der Geschichte wider, die mir zu merkwürdig erscheint, zu wenig geradeheraus. Besonders durch das Ende des Buches fällt es mir schwer, in Retrospektive ein Fazit zu ziehen. Was ich aber definitiv sagen kann, ist, dass „Über mir die Sonne“ vielleicht auf einer sonnigen Insel spielt, aber zumindest für mich kein Sommerbuch ist. Die Leichtigkeit, die diesen Büchern zugeschrieben wird, fehlt hier komplett, stattdessen muss man als Leser selbst auf Spurensuche gehen, was der Autor uns hier vermitteln möchte.

Mehr auf: https://killmonotony.de/rezension/alessio-torino-ueber-mir-die-sonne

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter

Wakayama Bokusui , Eduard Klopfenstein
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Manesse, 19.03.2018
ISBN 9783717524526
Genre: Romane

Rezension:

Dass ich sehr Literatur aus dem asiatischen Raum verschlinge, ist kein Geheimnis mehr. Wer meine Monatsrückblicke verfolgt, findet dort immer mindestens ein Werk aus Asien. Allerdings beliefen sich meine bisherigen Begegnungen mit der asiatischen Literatur auf — nun ja, Literatur. Die asiatische Lyrik habe ich (wie Lyrik eigentlich im Allgemeinen) noch nicht näher betrachtet. Ganz bekannt sind ja die Haikus, doch ihre Grundform, die Tanka, kannte ich noch nicht. Tanka gelten als die Kunstform, um Momentaufnahmen der Natur oder auch dem Leben allgemein festzuhalten. Für einen Lyrik-Einsteiger wie mich vermutlich gut geeignet. Also zog kurzerhand Wakayama Bokusuis Tanka-Sammlung „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“ bei mir ein. Bei diesem Sammelband handelt es sich nicht um eine von dem Autor selbst getroffene Zusammenstellung seiner Tanka, sondern wurden diese posthum (Bokusui starb bereits 1928) vom Japanologen Eduard Klopfenstein übersetzt und für den Manesse Verlag ausgewählt. Das Ergebnis ist dabei eine bunte Mischung aller Tanka, die Wakayama Bokusui jemals verfasste, in einer wunderschönen Edition.

Wakayama Bokusui erzählt in seinen Tanka nicht nur von der sich stets wandelnden Natur, sondern auch von seiner großen Liebe (einer älteren Frau), dem schwierigen Verhältnis zu seinen Eltern, der tiefen Trauer, als sein Vater stirbt und dem darauf folgenden Alkoholismus. Bokusui war zu seiner Zeit einer der berühmtesten Tanka-Dichter und verfasste mehrere tausend Tanka, die in 15 Sammelbänden erschienen. Die Tanka in dieser Ausgabe wurden nach Jahren gestaffelt, damit der Leser einen besseren Überblick hat, in welchem Lebensabschnitt Bokusuis diese verfasst wurden. Als Referenz gibt es ein extensives Nachwort von Klopfenstein, in dem dieser detailliert das Leben Bokusuis aufrollt und in Relation zu anderen Tanka-Künstlern stellt. So lernen wir beispielsweise, dass der Autor in tiefen Wäldern und an Berghängen seine Kindheit verbracht hat; dadurch lässt sich möglicherweise sein Bezug zur Natur erklären. Auch über seine Beziehung zu einer ein Jahr älteren Frau (damals unerhört!), erfahren wir einiges, vor allem, dass Bokusuis Eltern mit der Beziehung nicht einverstanden waren. Dies alles spiegelt sich in Bokusuis Tanka wider, die man – mit der Biographie im Gedächtnis – noch einmal auf eine ganz andere Weise liest. In Bokusuis späteren Tanka findet man auch stets einen Funken Selbstironie, er genügt sich selbst nicht, kritisiert an sich herum und verfällt auch nach längerer Abstinenz aufgrund einer Krankheit wieder dem Sake, an dem er auch letzten Endes mit nur 43 Jahren zugrunde ging.

Frau und Kinder

überlasse ich dem Schlaf —

Spätnachts     ganz allein

koche ich mir den reinen weißen

Sake     ungefiltert

Fazit: Auch als Kostverächter der Lyrik hatte ich schöne Stunden mit diesem Büchlein. Da die Tanka in einer klaren Sprache verfasst sind, gibt es hier auch wenig Sinn zur Analyse a là „Was möchte uns der Autor hiermit denn sagen?“, die Tanka geben nämlich nur diesen einen, kurzen Moment wieder. Die Tatsache, dass sich vor den einzelnen Kapiteln eine Abbildung von einem ausgewählten Tanka und dessen lautschriftlicher Darstellung findet, ist sehr gelungen und gibt diesem Gedichtband noch das gewisse Etwas. Jeder, der sich für die japanische Kultur interessiert, sollte einen Blick in diese wunderschöne Ausgabe werfen.

Mehr gibts auf: https://killmonotony.de/rezension/wakayama-bokusuis-moderne-tanka

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60 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 29 Rezensionen

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Die Hochhausspringerin

Julia von Lucadou
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 23.07.2018
ISBN 9783446260399
Genre: Romane

Rezension:

Worum geht’s?

Riva ist Hochhausspringerin. Oder vielmehr war es. Seit kurzem verweigert sie das Training, vergräbt sich in ihrer Wohnung und begibt sich nicht mehr nach draußen. Hitomi soll nun herausfinden, wieso und weshalb das so ist. Da wir uns ein Stückchen weit in der Zukunft befinden, stehen Hitomi als Therapeutin von PsySolutions allerhand Beobachtungstools und Datenanalysen zur Verfügung, anhand derer sie Rivas komplettes Leben überwachen kann. Doch sie findet die Ursache für die plötzliche Depression der früher so erfolgreichen Hochhausspringerin nicht. Hitomi fällt immer tiefer in ein Loch aus Stress, Zukunftsangst und Burnout, dass alles um sie herum zu bröckeln beginnt. Kann sie den Fall „Riva“ noch lösen oder verliert sie unweigerlich alle Privilegien, die sie sich hart erarbeitet hat?

Wie hat es mir gefallen?

Schöne neue Welt oder eher „gähn“? Leider letzteres. Julia von Lucadous Roman „Die Hochhausspringerin“ gibt uns einen Ausblick in eine mögliche Zukunft. Alles wird überwacht, Ausgeglichenheit und Angepasstheit ist ein Muss, sonst heißt es „Ab in die Peripherien!“ — die unansehlichen Außenbezirke der Stadt, wo alle Menschen leben, die es im Stadtkern zu nichts gebracht haben (oder das schlicht nicht wollen). In dieser Welt gibt es zum einen Riva, die mit ihrem Status als IT-Girl eigentlich glücklich sein müsste, und ihrer Überwacherin Hitomi, die sich so wohl fühlt im System, aber in ein tiefes Loch der Depression fällt, als sie ihren Job nicht erfüllen kann. Und obwohl „Die Hochhausspringerin“ mit einem sehr guten Schreibstil und einem guten Aufbau der Geschichte, gibt es doch diesen zähen Mittelteil, in dem gefühlt gar nichts passiert, Hitomi lediglich tiefer und tiefer fällt. Natürlich gibt es allerhand Kritikpunkte an unserer Gesellschaft und Julia von Lucadous Welt hätte durchaus Potential für eine spannende Story gehabt, aber mit diesen beiden Charakteren fand ich die Geschichte leider nur träge. Am Ende blieben seltsame Story-Fäden unaufgelöst und ein enttäuschtes Gefühl machte sich breit.

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50 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 28 Rezensionen

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Die Tochter des Pianisten

Lilian Kim
E-Buch Text: 305 Seiten
Erschienen bei Independently Published, 05.07.2018
ISBN B07DTJ5KNT
Genre: Liebesromane

Rezension:

Hin und wieder bekomme ich Angebote von Autoren, ihr Buch zu lesen und zu rezensieren. Leider sind die meisten dieser Bücher überhaupt nicht „meins“, von seichten Romanzen, Fantasy bis hin zu Comedy ist alles dabei. Doch neulich erreichte mich eine Anfrage, die so spannend klang, dass ich nicht nein sagen konnte: Es geht um das Buch von Lilian Kim„Die Tochter des Pianisten“. Zwar beinhaltet dies eine nicht geringe Portion Lovestory, doch in den für mich super interessanten Kontext „Leben in Nordkorea“ eingeflochten. Es geht um Yasuko, eine junge Frau, die mit ihrem Mann eigentlich über den gemeinsamen Umzug aus Yasuko in die Vereinigten Staaten sprechen wollte, fernab von ihrer Tochter Hiromi. Doch als Yasuko und Jake am Strand spazieren gehen, werden sie von mehreren Männern entführt — nach Nordkorea. Während Jake sich bereits mit der Situation abgefunden zu haben scheint und irgendwie selbstzufrieden wirkt, steht Yasuko die schlimmste Panik durch. Der Gedanke an die zurückgelassene Tochter und die Angst davor, was sie in Nordkorea erwartet, macht aus ihr ein Wrack. In Nordkorea angekommen, sollen Yasuko und Jake an einem seltsamen Schauspiel teilnehmen: Als Botschafter und seine Frau sollen sie einen Empfang geben, in der feinsten Abendgarderobe flanieren und leichte Konversation mit den Anwesenden führen. Yasuko spürt, dass hier etwas gewaltig nicht stimmt. Und als ein kleines Mädchen sie auf Japanisch anspricht und um Fluchthilfe bittet, kurzerhand abgeführt wird und die Mutter leugnet, jemals ein Kind gehabt zu haben, ist sie sich sicher, dass hier etwas faul ist. Auch die folgende Zeit in Nordkorea ist für Yasuko befremdlich und von Heimweh geprägt, bis sich Seung-Jin, eigentlich ihr Aufpasser, beginnt, sich heimlich mit ihr zu treffen und ihr seine Geschichte zu erzählen.

[Hier wird] von der Kleidung bis zum Reiskorn alles durch die Regierung verteilt […]. Es gibt staatliche Verteilungsstellen, die die Menschen mit allem Lebensnotwendigen versorgen. Geschäfte gibt es kaum. Wer sollte auch etwas kaufen?

„Die Tochter des Pianisten“ erzählt von den sogenannten Rachi Mondai, den Entführungen von japanischen Bürgern durch Nordkorea in den 80er Jahren, und flechtet dabei gekonnt eine emotionale Liebesgeschichte ein. Von den Rachi Mondai hatte ich bis dato noch nichts gehört und fand das Thema bedrückend wie spannend. Dass Nordkorea sich Fachkräfte und Gelehrte entführen muss, damit das eigene Lang weiter bestehen kann und Menschen ausgebildet werden, eine japanische Identität anzunehmen, um Terroranschläge auszuüben, ist purer Wahnsinn, aber die Verschottung des Landes lässt nichts anderes zu. Yasuko und Seung-Jin zählen ebenfalls zu den Rachi Mondai: Yasuko soll eine Gruppe junger Nordkoreanerinnen in der japanischen Lebensweise unterrichten, damit diese als vermeintliche Japanerinnen Aufträge ausführen können, ohne, dass Nordkorea in Verdacht gerät. Seung-Jin ist im Gegensatz zu Yasuko schon seit langer Zeit in Nordkorea. Er wurde ebenfalls aus seiner Heimat gelockt und nun verwendet Nordkorea seine Mutter als Druckmittel, damit er weiterhin tut, was ihm befohlen wird. Als die beiden sich im Zuge ihrer engen Zusammenarbeit ineinander verlieben, planen sie die gemeinsame Flucht. Ob das gelingen wird?

Alle meine Probleme, meine Sorgen, mein Leid, drehen sich um die eine Frage: Wer bin ich? Ich kann nur zu mir selbst finden, wenn ich meine Vergangenheit kenne.

Lilian Kim schafft es, uns mit ihrem Roman einen Einblick in das Regime Nordkoreas zu gewähren. Die Erzählsprache ist leicht, flüssig und bei manchen Charakteren auch mit dem ein oder anderen spitzzüngigen Kommentar gespickt (Jayden, I’m looking at you!). Allerdings tauchen immer mal wieder Situationen auf, bei denen ich nicht weiß, wieso die Personen jetzt plötzlich da und dort sind oder wann sie ins Auto gestiegen sind. Gelegentlich geschehen die Ereignisse so holterdipolter, dass ich einen Absatz kurz noch einmal lesen musste, um der Geschichte folgen zu können. Nichtsdestotrotz ist das rasante Tempo ausschlaggebend für Action und Spannung der Story, seichte Passagen, die sich ziehen, gibt es keine. Die Sprache ist direkt, wenig verschnörkelt und kommt direkt zum Punkt — das mag ich! Da ich mich generell für Nordkorea und das Leben dort interessiere, war ich auch super fasziniert, wenn es um die Beschreibung von Abläufen, Festen oder die Verehrung der Diktatoren ging. Die Kombination aus Lovestory, diktatorischem Regime und Entführungsgeschichte finde ich sehr ausgeglichen und die für mich zu schmalzigen Szenen bekommen keinen allzu großen Raum zugesprochen — das finde ich super.  Zudem wurde die Geschichte aus mehreren Perspektiven (und zu verschiedenen Zeitpunkten) erzählt, sodass man als Leser in das Leben eines jedes Charakters eintauchen kann und auch alle Hintergründe versteht. Das Buch ist in zwei Teile aufgeteilt, die 18 Jahre voneinander entfernt spielen, und wer wie ich nach Teil 1 erst einmal eine Lesepause einlegen wollte, auf den wartet der Cliffhanger des Jahrhunderts — mehr verrate ich allerdings nicht!

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/lilian-kim-die-tochter-des-pianisten

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

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Der große schwarze Vogel

Stefanie Höfler
Fester Einband: 182 Seiten
Erschienen bei Julius Beltz GmbH & Co. KG, 10.07.2018
ISBN 9783407754332
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Trauerbewältigung als Jugendbuch-Thema — Sprachlich wunderschön und toll umgesetzt.

Dieses Buch sprach mich sofort mit seinem Klappentext an. Außerdem ist “Der große schwarze Vogel” von Stefanie Höfler ja schon ein Eyecatcher. Das Buch ist geschmückt mit Federn und Blättern in herbstlichen Farben. Wer das Buch erst einmal gelesen hat, versteht direkt den Zusammenhang: Bens Mutter liebt die Natur, den Wald, alle Pflanzen und Tiere. Mit ihrer Familie macht sie wöchentliche, ausgedehnte Spaziergänge durch den örtlichen Wald und setzt sich für die Umwelt ein. Sie ist zwar aufbrausend und oft auch wütend, aber ihre Wut verfliegt immer schnell. Dann ist sie wieder die tollste Mutter, die es für Ben und seinen kleinen Bruder Krümel (eigentlich Karl) geben kann. Bis sie eines Tages stirbt. Die kleine Familie muss nun lernen, wie man mit diesem Riss, der mitten durch einen durch geht, lebt. Alles erinnert noch an sie, alles riecht noch nach ihr und überall liegen ihre langen, roten, lockigen Haare. Bens Vater kommt mit dem plötzlichen Verlust überhaupt nicht zurecht, igelt sich in seiner Trauer ein und scheint dabei völlig zu vergessen, dass er noch zwei Kinder hat. Während Ben und Krümel erstmal bei ihrer Tante wohnen, versuchen die beiden Brüder, das Beste aus der Situation zu machen und dafür sorgen sie erst einmal dafür, dass das Begräbnis ihrer Mutter gerecht wird.

"Mas Todestag war ein strahlender Oktobertag. Wenn in einer Geschichte jemand stirbt, dann meistens an einem Regentag. Oder an einem nebelverhangenen Tag, an dem kein Sonnenstrahl die Wolkendecke durchdringt. Das passt besser zum Tod, unterstreicht die düstere Stimmung."

Berührend und mit einer sehr feinen Sprache erzählt Stefanie Höfler uns die Geschichte von Ben, Krümel und ihrem Vater und wie sie mit dem Tod ihrer Mutter bzw. Ehefrau umgehen. Dabei wird kapitelweise gewechselt zwischen Jetztzeit und Vergangenheit, wir erfahren in Rückblicken Bens von einzelnen Momenten, Augenblicken und Szenen aus der Zeit, als seine Mutter noch am Leben war. Ben glorifiziert seine Mutter in seinen Rückschauen niemals, überlegt sich nicht, was er hätte anders machen können, er betrachtet die Dinge, wie sie waren und wie sie sind. In der Schule kämpft Ben mit den Blicken der anderen, und plötzlich steht ihm nicht mehr nur sein bester Freund zur Seite, sondern auch ein Mädchen, das vorher keine zwei Worte mit ihm gewechselt hat. Ben findet heraus, dass auch sie — oder vielmehr ihr Bruder — dem Tod bereits begegnet ist. Dieses Band schweißt die beiden immer mehr zusammen und es entsteht eine Freundschaft, die vielleicht auch zu etwas mehr werden könnte.

In diesem Jugendbuch lernt die Familie, mit dem Tod umzugehen und zu heilen. Die Konstellation hat mich leicht an “Trauer ist das Ding mit den Federn” erinnert, das ich neulich erst gelesen habe. Und dennoch sind die beiden Bücher sehr unterschiedlich. Zumal Ben und seiner Familie keine riesige Krähe bei der Trauerbewältigung hilft; das schaffen die drei auf ihre Art ganz allein. Und darum ist “Der große schwarze Vogel” auch keine “Fantasie”-Geschichte, sondern eine, die genauso überall auf der Welt passieren kann (und auch passiert).

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/stefanie-hoefler-der-grosse-schwarze-vogel

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Opoe

Donat Blum
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Ullstein fünf, 10.08.2018
ISBN 9783961010127
Genre: Romane

Rezension:

Donat Blums „Opoe“ (sprich: opu — niederländisch für Großmutter) hat mich mit seinem minimalistischen Cover gelockt. Der Klappentext weckte meine Neugier, doch als ich eine Weile später zu lesen begann, konnte ich nicht so richtig Fuß fassen. Donat Blum erzählt in seinem Debütroman von der Großmutter des Erzählers, die dieser kaum kannte, und in einem parallelen Erzählstrang berichtet er aus ihrer Vergangenheit, versucht Opoes Lebensgeschichte nachzubauen. Wir erfahren von der stets distanzierten Großmutter, die ihren Enkel bis zum Ende siezt, von ihrem Leben als junge Frau in den Niederlanden, als Frau eines Blumenhändlers. Gleichzeitig schildert Blum das Liebesleben des Erzählers, der übrigens ebenfalls Donat heißt – inwiefern sein Roman autobiografisch ist, bleibt allerdings offen.

Donat Blum erzählt flüssig und äußerst angenehm zu lesen die Geschichte der Großmutter und auch die des Erzählers. In kurzen Episoden reflektiert der Erzähler sein queeres Liebesleben. Dass er sich nicht an nur eine Person binden kann, scheint für seinen Partner trotz Einwilligung zur offenen Beziehung doch ein Problem zu sein. Donat trifft sich trotzdem mit anderen Männern, verliebt sich, und inmitten des Liebestaumels verschwimmen die verschiedenen Männer immer mehr. Er kann die einzelnen Personen nur anhand der Gefühle, die diese in ihm auslösen, und anhand der Bedürfnisse, die sie befriedigen, auseinanderhalten. Dass sein Partner in der Priorität immer weiter nach unten rutscht, ist dabei nahezu unvermeidbar.

"Ich will begreifen, warum ich bei Opoes Tod alle Schotten habe dichtmachen müssen. Ich will begreifen, was zwischen Opoe und mir gewesen ist."

Parallel erfahren wir, wie Opoes Leben abgelaufen ist — oder abgelaufen sein könnte. Da Donat Blum die Grenze zwischen Roman und autobiographischer Erzählung verwischt, weiß man nie genau, was von dem Erzählten wirklich so abgelaufen ist und was nicht. Dass der Erzähler ebenfalls Donat heißt, macht die Sache nicht leichter. Dennoch ist Opoes Leben interessant: Sie verliebt sich in einen Schweizer, verlässt mutig ihre Heimat, die Niederlande, um mit ihm in der Schweiz einen Blumenladen zu eröffnen. Die Tochter, die aus dieser Beziehung entsteht, Donats Mutter, verbringt ihre ersten Lebensjahre jedoch in Holland; die Entfremdung ist vorprogrammiert. Und so entsteht eine unüberwindbare Kluft zwischen Mutter und Tochter und in deren Folge auch zwischen Donat und Opoe. Dass Opoes Tod eine klaffende Lücke aus Unwissen hinterlässt, war zu erwarten, denn erst als sie nicht mehr da ist, sehnt Donat sich nach ihr.

Fazit: Dass Donat Blum sich sonst in essayistischen Gefilden bewegt, merkt man „Opoe“ irgendwie an. Der Inhalt erscheint sprunghaft, oft verschwimmt auch der Fokus und nach der Lektüre stellt man dann fest, dass das Buch mehr über die Sorgen des Erzählers berichtet hat als über die titelgebende Großmutter. Anfangs fand ich es schwierig, mich in Blums Textform einzufinden, erst nach etwa 50 Seiten, was ja bereits ein Drittel des Buches ist, kam ich in einen schönen Lesefluss und fühlte mich in der Geschichte wohl. Im Rückblick ist auch leider nicht so viel von Opoes Leben hängen geblieben, was ich etwas schade finde, da ich es beim Lesen als sehr interessant empfunden habe.

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Es war einmal im Fernen Osten

Xiaolu Guo , Anne Rademacher
Fester Einband: 356 Seiten
Erschienen bei Knaus, 11.09.2017
ISBN 9783813507690
Genre: Romane

Rezension:

Ein schockierendes Portrait vom China der 70er Jahre — brutal, erniedrigend und deprimierend.

„Es war einmal im fernen Osten“ von Xiaolu Guo schlummerte jetzt schon eine Weile auf meinem SUB, bis ich kürzlich endlich in der passenden Lesestimmung war und dieses autobiographische Buch gelesen habe. Und ich muss sagen, dieses Buch hat mich eine ganze Weile beschäftigt. Nicht, weil es besonders dick wäre, nein, sondern weil es ziemlich „dicht“ war, reich an Informationen, und es vieles zu verdauen gab. Xiaolu Guo schreibt über ihre Kindheit in der hintersten Provinz Chinas, wo sie, von ihren Eltern abgeschoben, bei ihren Großeltern lebt. Es ist ein sehr ärmliches Leben, Xiaolu ist stets hungrig und Bildung ist ein Fremdwort. Ihre Großmutter wird regelmäßig von ihrem Mann verprügelt und so lernt Xiaolu schon früh, wie es um das Frauenbild im China der 70er Jahre steht. Als sie sieben ist, wird sie von ihren Eltern heim geholt und soll fortan zur Schule gehen. Für ihre Mutter und ihren Bruder ist sie nur ein zusätzliches hungriges Maul, nur ihr Vater behandelt Xiaolu wie einen Menschen oder gar eine Gleichgesinnte — denn beide lieben die Kunst. Auf die Schule hat Xiaolu sich gefreut, doch ihr dämmert langsam, dass sie stark kurzsichtig ist, und so kann sie nur in den Fächern, in denen sie mit den Lehrbüchern arbeiten, bestehen. Freunde findet sie keine, denn man hänselt sie wegen ihrer bäuerlichen und ärmlichen Herkunft.  Erst, als Xiaolu es mit knapp zwanzig auf die Filmhochschule Pekings schafft, gewinnt ihr Leben endlich an Qualität. Schließlich entwurzelt sich Xiaolu selbst, als sie beschließt, in den Westen — genauer gesagt nach England — zieht, um ihre Filmausbildung fortzuführen.

Kunst als Ausflucht
Xiaolu lernt als kleines Mädchen nie Lesen und Schreiben. Ihre Großmutter ist Analphabetin, wie sehr viele Frauen zu der Zeit in der Provinz, und hätte es ihr auch nicht beibringen können. Erst, als Xiaolu in die Schule kommt, lernt sie das geschriebene Wort kennen. Sie verliebt sich in die Bildhaftigkeit der chinesischen Schriftzeichen und saugt alles Wissen darüber auf. Schon bald beginnt sie, Gedichte zu schreiben, und befasst sich mit Literatur. Ihr Vater, selbst ein Dichter und Künstler, nimmt sie bei der Hand, reicht ihr Bücher großer Autoren und bespricht zusammen mit ihr ihre Gedichte. Xiaolu findet in der Kunst des Schreibens eine Ausflucht aus ihrem Leben, das bisher alles andere als gut zu ihr war. Stets fällt sie in Ohnmacht, da sie sich als unterstes Glied in der Familienhierarchie auch nur zuletzt zu Essen nehmen darf und dann dementsprechend wenig übrig ist. Hänseleien in der Schule machen ihr den Alltag schwer und die Kälte ihrer Mutter löst in ihr Hass aus. Xiaolu möchte nur noch raus aus der Provinz und den starren Strukturen und wählt für sich die Filmbranche als Ziel aus. Drehbücher schreiben, das will sie, ihre Geschichten auf der großen Leinwand sehen. Doch selbst, als sie während ihres Filmstudiums ihre ersten Drehbücher einschickt, hat sie nicht mit der umfassenden chinesischen Zensur gerechnet, die ihr seitenweise Verbesserungsvorschläge zusendet und selbst nach Ausbesserung ihre Drehbücher stets ablehnt. So beginnt Xiaolu, selbst zu filmen.

Gebundene Füße
Mit Xiaolu Guos Werk habe ich viel über die chinesische Kultur und auch die dortigen Traditionen gelernt. Die der gebundenen Füße fand ich besonders grausig. Der Gang von Xiaolus Großmutter wird als „trippelnd“ beschrieben, und auch wenn Xiaolu hier nicht ins Detail geht und lediglich den Begriff „gebundene Füße“ erwähnt, so musste ich doch einmal nachschauen. Das Füßebinden war in China noch bis ins 20. Jahrhundert ein weit verbreiterter Brauch, bei dem bereits den jüngsten Mädchen die Füße so zusammengebunden wurden, dass sich ihre Zehen krümmen und der Fuß wie ein Lotusblatt aussieht. (Jeder mit schwachen Nerven sollte jetzt lieber nicht googlen.) Die Zehen wurden durch diesen langjährigen Prozess gebrochen und verstümmelt. Ich mag mir gar nicht die Schmerzen vorstellen! Die Männer Chinas haben die kleinen Füße, die in winzige Puppenschühchen gesteckt wurden, angebetet, und waren der Meinung, es verleihe der Frau einen anmutigeren Gang. High Heels inklusive Fußverstümmelung quasi. Da die Frau ja sowieso nur zuhause tätig war, war es auch nicht vonnöten, dass sie mit den gebundenen Füßen weitere Strecken zurück legt. Zum Weglaufen vor der häuslichen Gewalt waren die gebundenen Füße auch nicht mehr geeignet.

Kinderbräute
"Zwölf Jahre. Was bedeutete das für mich? Ich war gerade fünf geworden, nach der alten Tradition würde man mich schon in sieben Jahren verheiraten. Vielleicht würde es für mich ja zwei Esel geben […]."

Genau wie Xiaolus Großmutter ist es vielen Frauen in China ergangen: Sie wurden in jungen Jahren an Männer zur Heirat verschachert. Da die Provinz sehr ärmlich war, wechselte als Bezahlung für die Tochter meist nur ein Sack Reis den Besitzer. Der freie Wille der Frau wird auch mit diesem Brauchtum ausgemerzt. Dadurch, dass die Mädchen so jung schon an den zukünftigen Mann übergeben werden, geraten sie schnell in eine Abhängigkeitssituation, da sie nichts anderes kennen als ihren Mann. Die mangelnde Bildung führt dann dazu, dass die Mädchen auch als Frau bei ihre Männern bleiben und sich um den Haushalt kümmern.

Gewalt gegen Frauen
"Meine Großeltern führten eine schreckliche Ehe. Großvater verprügelte seine Frau fast täglich […]."

Xiaolu beschreibt extensiv die Gewalt gegen Frauen in China. Nicht nur werden Kinder (sprich: Mädchen) im Elternhaus verprügelt, sondern die Gewalt zieht sich wie ein Faden durch das Leben der Chinesinnen: Frauen werden regelmäßig von ihren Männern verprügelt, die Gründe dafür sind nichtig. Eine Frau ist stets ihrem Mann untergeordnet und sollte sie einen Jungen gebären, steht dieser in der Rangliste auch über ihr. Im China zu Xiaolus Zeit wird Frauen kein Respekt entgegengebracht, Xiaolus Großmutter lebt ihr Leben lang sogar ohne einen Namen. Zudem werden sehr viele der Mädchen, die langsam ihren Kinderschuhen entwachsen, missbraucht. Niemand spricht ein Wort, keines der Mädchen traut sich, sich an irgendjemanden zu wenden. Wie auch, wenn man als Frau ganz unten in der Familienhierarchie steht und sowieso niemanden interessiert, was man zu sagen hat? Xiaolu selbst wurde Opfer des regelmäßigen Missbrauchs über zwei ganze Jahre hinweg. Erst an der Filmhochschule in Peking vertraut sie sich ihren Zimmergenossinnen an, die alle ähnliches durchlebt zu haben scheinen. Für sie ist der Sex in einer heterosexuelle Beziehung stets von Gewalt und sexuellen Übergriffen geprägt, deshalb empfindet sie Liebe als das genaue Gegenteil von Sex. Trotzdem versucht sich Xiaolu in Beziehungen; bereits während ihrer Schulzeit in der Provinz schläft sie regelmäßig mit einem 15 Jahre älteren Lehrer.Zu einem späteren Zeitpunkt erfährt Xiaolu dann die Gewalt, die ihrer Großmutter durch ihren Großvater widerfahren ist, am eigenen Leib, nämlich als sie in Peking eine Beziehung mit einem Mann eingeht, der sie regelmäßig verprügelt. Xiaolu flüchtet und trifft die Entscheidung, nie wieder etwas mit einem Chinesen anzufangen. Immer weiter entwurzelt sie sich von ihrer Kultur, immer weniger sieht sie sich selbst als Chinesin, immer weniger identifiziert sie sich mit dem Brauchtum Chinas.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/xiaolu-guo-es-war-einmal-im-fernen-osten

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234 Bibliotheken, 15 Leser, 0 Gruppen, 85 Rezensionen

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Vox

Christina Dalcher , Marion Balkenhol , Susanne Aeckerle
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 15.08.2018
ISBN 9783103974072
Genre: Romane

Rezension:

Vermutlich begegnet euch Christina Dalchers „Vox“ aktuell auf vielen Blogs und überall in den sozialen Medien. Dieses Buch wird mit der Message „Der Roman, den jede Frau lesen muss“ geliefert und hat auch mich neugierig gemacht. Das Setting ist ein Amerika in nicht allzu ferner Zeit, in der Frauen Wortzähler um die Handgelenke haben, die exakt 100 Wörter pro Tag erlauben. Alles, was über diese 100 Wörter hinaus gesprochen wird, wird mit Stromschlägen bestraft. Die Frauen sollen dadurch gefügig gemacht werden und durch diese Art der Züchtigung auch lernen, keine Kritik am System zu üben. In Dalchers Zukunftsvision haben Frauen zudem ihren festen Platz im Haushalt, bevorzugt in der Küche, wo sie sich um das leibliche Wohl ihrer Familie kümmern. Kindern wird bereits in der Schule ein verzerrtes Bild indoktriniert, in dem die Frau nichts zu sagen hat. Und warum sollte sie auch sprechen? Es stehen sowieso nur 100 Wörter zur Verfügung. In diese Welt wird Jean katapultiert, nachdem sie ungläubig das politische Geschehen im Fernsehen verfolgt. Nach und nach verschwinden die Frauen aus den Reihen der Regierenden und Meinungsgeber, nach und nach etabliert sich ein System, bei dem niemand damit gerechnet hätte, dass „die“ damit durchkommen. Die, das sind all die bösen männlichen Politiker, die Frauen wieder an den Herd verbannen möchten. Die einzige Frau, die sich gegen diese Veränderungen aufzulehnen scheint, ist Jeans Uni-Freundin Jackie, die in Talkshows auftritt, in Debatten für das Recht der Frauen protestiert, mit aller Macht dagegen ankämpft. Doch eine Frau reicht leider nicht aus, um diesen Irrsinn zu stoppen, und so geschieht, was viele nicht sehen wollten: Ein totalitärer Staat entsteht.

Ich habe wohl nicht geglaubt, dass es passieren würde. Keine von uns.

Christina Dalcher legt mit „Vox“ einen erschütternden Roman vor, der stellenweise mehr Thriller als Gesellschaftskritik ist. Und das Buch ist tatsächlich so wichtig, wie seine Marketingkampagne uns mitteilt: Durch Trumps Position in den USA werden die Stimmen aus dem Bible Belt, die früher vielleicht als hinterwäldlerisch verschrien worden wären, immer lauter. Frauen gehören an den Herd und sollen am besten schon früh verheiratet werden, so tönt es aus dem Süden, und mir rollen sich da wie vermutlich jedem von uns die Zehennägel hoch. Dalcher hat diese Vision überspitzt wahr werden lassen und unsere Protagonistin Jean zusammen mit ihrer Familie mitten in den Wahnsinn geschmissen. Während ihr Mann seinen alten Job ausführen darf, darf Wissenschaftlerin Jean brav das Haus schrubben. Ihr Sohn Steven blüht unter der grenzwertigen Schulbildung nahezu auf und bringt spannende Weisheiten mit nach Hause, wie beispielsweise die „Tatsache“, dass Männer und Frauen bereits rein biologisch dazu ausgelegt sind, für bestimmte Dinge geeignet zu sein. Steven entwickelt sich unter der „kulturellen“ Erziehung innerhalb der Schule mehr und mehr zu einem Monster, dem nicht nur Jean eine zimmern möchte. Jeans Tochter Sonia hingegen verkümmert. Sie spricht freiwillig kaum bis gar nicht und nachdem sie gesehen hat, wozu die Armbänder fähig sind, ist ihr junges Leben stets von Angst diktiert. Während die Autorin sich also reichlich Zeit für die Kinder Jeans nimmt, wirken sie und ihr Mann fast schon leblos, wie Marionetten. Auch Jeans Affäre scheint irgendwie nur den Sinn zu erfüllen, dass in Jean der Wunsch auszubrechen erweckt wird. Das finde ich richtig schade! Gerade Jean, die in die Fußstapfen von Winston Smith (1984) und Bernard Marx (Brave New World) tritt, sollte etwas runder dargestellt werden. Dennoch ist „Vox“ sehr spannend zu lesen, man fliegt förmlich durch die Seiten. Besonders, als Jean aufgrund eines Schlaganfalls des Präsidenten (oder war es jemand anders?) nämlich ihren Job unter verschärften Bedingungen wieder ausüben darf, um ein Heilmittel für die beschädigten Hirnzellen, die das Sprachzentrum angreifen, zu entwickeln…

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/100woerter-christina-dalchers-vox

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141 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 39 Rezensionen

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Die Ladenhüterin

Sayaka Murata , Ursula Gräfe
Fester Einband: 145 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 09.03.2018
ISBN 9783351037031
Genre: Romane

Rezension:

Sayaka Muratas „Die Ladenhüterin“ lockte mich bereits mit dem ansprechenden Cover und wer mich kennt, wird auch wissen, dass der Klappentext nach einem Buch klingt, das quasi für mich geschrieben wurde.  Es geht um Keiko, ein junges Mädchen, das schon immer irgendwie anders ist. Empathie und Freundschaften sind ihr fremd und sie bleibt lieber für sich. Nach einer seltsamen Kindheit stößt sie in ihren Tagen als Studentin auf die Stellenanzeige eines Konbinis, eines japanisches Gemischtwarenladens, und ihr Leben beginnt für sie endlich besser zu werden. Im Konbini gelten klare Regeln und feste Willkommens- und Abschiedsformeln — kurz: Alles hat seine Ordnung. Keiko fühlt sich ab Tag 1 ihres neuen Jobs pudelwohl, nur mit den Kolleginnen scheint es nicht so zu klappen. Als sie jedoch beginnt, sich wie diese anzuziehen und sprachliche Eigenarten der anderen zu übernehmen, gehört sie plötzlich dazu — ein Gefühl, das ihr bisher völlig fremd war. Ihr ganzes Leben widmet sie fortan dem Konbini und alles könnte so friedlich sein, wenn nicht ihre Mutter, ihre Schwester und deren Freundinnen ständig nachhaken würden, wann sie sich denn einen Ehemann zulegt und endlich ein normales Leben führt.

Zum ersten Mal war es mir gelungen, am normalen Leben teilzunehmen. Als wäre ich gerade erst geboren worden. Mein erster Tag im Konbini war mein Geburtstag als normales Mitglied der Gesellschaft.

Durch dieses permantente Nachfragen gerät Keikos eigentlich erfülltes Leben, in dem sie nun einen Sinn gefunden zu haben scheint, gehörig aus dem Gleichgewicht und fortan beschäftigen sie Gedanken wie das „normale“ Leben einer japanischen Frau und woher sie einen Ehemann herbekommen soll. Doch dann gibt es einen neuen Kollegen, den maßlosen und undisziplinierten Shiraha, der in allem so gegensätzlich zu Keiko ist, und als dieser sich durch eine Reihe seltsamer Gegebenheiten in ihrer Wohnung einnistet, hat Keiko auf einmal eine Idee, wie sie die nervigen Fragen ein für alle Male loswird.

Sayaka Murata hat mit der „Ladenhüterin“ ein wunderbares kleines, aber auch gefühlskaltes Buch geschrieben. Letzteres ist allerdings keinesfalls negativ gemeint, sondern der Protagonistin geschuldet, die mir beim Lesen teilweise schon wie ein Roboter vorkam. Ihre Art, vielleicht auch Krankheit, wird im Detail beschrieben, wir erfahren, wie Keiko aufwächst, wie sie sich in eigentlich normalen Situationen seltsam und stellenweise auch makaber verhält: beispielsweise empfiehlt sie ihrer Mutter, ihre kleine Schwester, damals noch ein Baby, mit dem Messer ruhig zu stellen. Niemand versteht Keiko und Keiko versteht die Welt nicht. Nach ihrer „Geburt als normales Mitglied der Gesellschaft“ tut sie nur noch, was die anderen tun, folgt allen Anweisungen strikt und stellt außerhalb der Arbeitszeiten so gut wie jede Lebensäußerung ein. Und obwohl Keiko eigentlich mit der japanischen Lebensart nichts am Hut hat, wird sie immer wieder damit konfrontiert, dass eine Frau ohne einen Mann oder einen richtigen Job nichts wert ist. Deshalb entscheidet sie sich auch dazu, den schmarotzenden Shiraha in ihrer Wohnung zu belassen, damit sie ihrer Familie erzählen kann, sie hätte einen Mann. Denn ein Mann ohne Job (Shiraha bleibt, wie zu erwarten war, nicht lange Angestellter im Konbini) ist immer noch besser als kein Job, und Keiko möchte doch einfach nur in Ruhe gelassen werden und ihrer Erfüllung nachgehen.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/sayaka-murata-die-ladenhueterin

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21 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 15 Rezensionen

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Moondust

Gemma Fowler
E-Buch Text: 320 Seiten
Erschienen bei Chicken House, 21.03.2018
ISBN 9783646921618
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Dieses Buch hat mich mit seinem tollen Cover und dem spannend klingendem Klappentext angelacht, und obwohl Young Adult Dystopien bei mir nicht mehr so hoch im Kurs sind, fand ich doch, dass Gemma Fowlers „Moondust“einen genaueren Blick verdient hat… Es geht um Aggie, die auf dem Mond lebt. Natürlich nicht alleine, eine ganze Kolonie lebt mittlerweile dort oben. Ein großer Konzern namens LunarInc. gewinnt auf dem Mond wertvolles Lumite, das die Energieprobleme der Erde ein für alle Male lösen könnte. So weit, so gut. Als Kind gerät Aggie mit ihren Eltern jedoch in einen Unfall, der noch bis heute als Adrianne Katastrophe bekannt ist. Weil sie überlebte, während ihre Eltern und auch einige andere das nicht schafften, galt sie lange Zeit als Engel und wurde für die Menschen auf dem Mond zu einem Symbol für die Hoffnung. Jetzt, in ihren Teenagerjahren, arbeitet sie in einem bedeutungslosen Job undercover, niemand weiß, dass sie der Engel von Adrianne ist, nicht einmal ihr bester Freund Seb. Und obwohl die Adrianne Katastrophe vor vielen Jahren gewaltige Einbußen für LunarInc. bedeutete, legt Aggy noch immer ihr vollstes Vertrauen in den Konzern. Bis sie eines Tages gemeinsam mit Seb einen Ausflug mit einem Rover macht und versehentlich die eigentlich streng überwachte dunkle Seite des Mondes betritt. Was sie dort sieht, verändert ihr Leben für immer. Gemeinsam mit Seb und der künstlichen Intelligenz Celeste versucht sie, der immer enger werdenden Schlinge zu entkommen, die sich um ihren Hals zu schließen droht.

»Noch mehr Lumite. Noch mehr Energie für unsere Familien auf der Erde. Das ist ein richtig gutes Gefühl, stimmt’s?«

Gemma Fowler hat hier eindeutig einige sehr, sehr spannende Ansätze. Die Kolonie auf dem Mond, der Großkonzern, der Lumite abbaut, um die Energieprobleme der Erde in den Griff zu bekommen… Korruption und Ausbeutung gehören hier auch zu den zentralen Themen. Und dennoch behält Fowler hier ihre angedachte Zielgruppe im Blick und versucht, relevante Themen für Teens einzubauen: die erste Liebe, der sexy Rebell, der beste Freund, der vielleicht doch mehr sein könnte… Für mich als „erwachsenen“ Leser reicht das leider nicht. Die Themen, die Fowler anreißt, das Wissenschaftliche, das Böse, die Energiekrise, all das sind Themen, bei denen ich auf mehr Ausführlichkeit gehofft hatte. Fowler legt mit „Moondust“ einen spannenden Roman vor, der einem oft wie ein Thriller vorkommt, es gibt Rennen gegen die Zeit und alle Elemente für ein gutes Buch sind eigentlich gegeben, dennoch finde ich die Ausgestaltung von Aggie und ihrer Teen-Interessen mager. Aggie erscheint auf den ersten Blick wie ein unsicheres, naives Mädchen, das stark auf andere Meinungen und den Support von männlichen Charakteren angewiesen ist. Und leider bleibt sie das auch auf den zweiten Blick. Zusammen mit Celeste, der KI, die auf dem Mond den Überblick behält und die Menschen dort unterstützt, lernt Aggie nach und nach, dass LunarInc. nicht so gute Absichten zu haben scheint, wie sie jahrelang dachte. Dabei wird zwar ihr Kampfgeist gehörig angestachelt, doch leider pfuschen Schwärmereien und Eifersucht immer wieder in die eigentlich sehr spannende Story. Natürlich, für einen Protagonisten in „diesem Alter“ ist dieses Verhalten nur normal, dennoch ist es besonders hinsichtlich der Stereotypen und Rollenbilder sehr bedenklich, dass Aggie so sehr auf einen männlichen Counterpart angewiesen zu sein scheint. Das machen andere aktuelle Titel für Jugendliche besser. (Spinster Girls, I’m looking at you!)

Doch ich will hier eigentlich gar nicht so negativ sein, denn Moondust hatte einige wahnsinnig spannende Momente. Die KI Celeste und ihr Mitwirken an dem Verlauf der Geschichte haben mir besonders gut gefallen. Auch gut fand ich den Schreibstil, der schließlich dazu geführt hat, dass ich „Moondust“ an einem Tag durchgelesen habe. Ein gutes Zeichen!

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/gemma-fowler-moondust

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29 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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Gezeichnet

Osamu Dazai
Fester Einband: 150 Seiten
Erschienen bei Insel, Frankfurt
ISBN 9783458168713
Genre: Romane

Rezension:

Erstmals 1948 erschienen, begeisterte Osamu Dazais „Gezeichnet“ bereits Generationen japanischer Leser. Jetzt erschien sein Werk in einer neuen, optisch sehr ansprechenden Ausgabe beim cass Verlag, der sich auf japanische Literatur spezialisiert hat. In diesem Büchlein geht es um Yozo, der sich nie richtig zugehörig fühlt und normales, menschliches Verhalten auch nie nachvollziehen kann. Er leidet unter einer sogenannten conditio inhumana, wie der japanische Originaltitel „Ningen shikakku“ — als Mensch disqualifiziert — auch bereits andeutet. In seiner großen Familie muss er um Aufmerksamkeit kämpfen, daher hat er sich bereits in seinen frühen Lebensjahren eine Maske als Clown zugelegt. Auch in der Schule kommt er mit seinen Albernheiten durch, lebt allerdings in der steten Angst, jemand könnte ihn durchschauen. Als er schließlich auch eine weiterführende Schule wechselt, mit dem Ziel, Künstler zu werden und Gemälde zu zeichnen, verfällt er dem dekadenten Leben der Großstadt, das ihm auch zunächst noch von seiner wohlhabenden Familie finanziert wird: Drogen, Prostitution und der Einsatz für die politische Linke, der zu der Zeit noch illegal war. Doch im Grunde genommen ist ihm alles gleichgültig, eigentlich möchte er nur Zeichnen. Frauen sind ihm suspekt, laufen ihm jedoch in Scharen hinterher, und mit einer begeht er gemeinsam einen Selbstmordversuch. Sie stirbt, er überlebt. Erst da beginnt sein Leiden so richtig.

Yozo Oba, als Mensch gewogen und für zu leicht befunden.

Durchgefallen.

Ich hatte aufgehört, als Mensch zu existieren.

Osamu Dazai erzählt mit „Gezeichnet“ erdrückend und deprimierend das Schicksal des jungen Yozo, der nie richtig in seinem Leben ankommt. Aus dem Klappentext erfahren wir bereits, dass er Comiczeichner ist — also wissen wir schon zu Beginn, dass aus seinen großen Träumen wohl leider nichts wird. Nichtsdestotrotz ist es faszinierend und zugleich traurig, diesen Charakter weiterzuverfolgen. Interessant ist, dass Dazai eine kleine Rahmenhandlung um die Geschichte Yozos gebaut hat: Ein Schriftsteller erhält von einem anonymen Mann drei Notizhefte, die die Aufzeichnungen Yozos enthalten. Er entschließt sich, diese zu veröffentlichen. Ob Dazai selbst dieser Schriftsteller war, erfährt der findige Leser erst im Nachwort zum Buch. In diesem findet sich eine detaillierte Analyse der Notizbücher und deren Inhalt. Das Nachwort sollte deshalb keinesfalls übersprungen werden.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/osamu-dazai-gezeichnet

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10 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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Der Kult

Marlon James , Wolfgang Binder
Fester Einband
Erschienen bei Heyne, 21.05.2018
ISBN 9783453677180
Genre: Romane

Rezension:

Nachdem Marlon James vor einer Weile mit seinem Wälzer „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ etwas im Spotlight war, wurde ich doch irgendwie erst mit seinem neuen Buch, „Der Kult“, aufmerksam. Es geht um ein Dörfchen mitten im Nirgendwo, das eine aktive Kirchengemeinde hat. Eines Tages wird Pastor Bligh, der wegen seines Alkolkonsums nur „Rumpfarrer“ genannt wird, gewaltsam aus der Kirche vertrieben, als der sich selbst als Apostel bezeichnende Pfarrer York ins Dorf kommt. Ganz Gibbeah ist außer sich, aber auch von den andersartigen Predigten vom Apostel in den Bann gezogen. Während Pastor Bligh seine Wunden leckt und in ein tiefes Loch aus Depressionen und noch mehr Alkohol fällt, ruft Apostel York seine Lämmchen zu immer gewaltsameren Taten auf, stiftet sie zu Verbrechen aus Hass an und hetzt im Grunde genommen die gesamte Gemeinde gegeneinander auf. Trotzdem sind die Anwohner Gibbeahs folgsam. Bis sie sich eines Tages an die ruhigen Zeiten unter Leitung des Rumpriesters sehnen. Dafür ist es nun allerdings zu spät. Oder?

Wer ist bereit, für den HERRN Gewalt anzuwenden?

„Der Kult“ ist nicht zu vergleichen mit irgendeinem Buch, das ich bisher gelesen habe. Während ich diese Worte schreibe, bin ich mir immer noch nicht sicher, ob ich es mochte oder nicht. Ich konnte den Wahn nicht ganz nachvollziehen. Apostel York ist aber ein sehr starker und auch sehr fanatischer Charakter, der das Dorf von allem „Unreinen“ befreien möchte, und es schafft, das Dorf in seinen Bann zu ziehen. Durch seine „Reinigungen“ werden beispielsweise auch eine Ehefrau und ihr Liebhaber bestraft, die gemeinsam Ehebruch begangen haben. Nach der „angemessenen“ Bestrafung kann die „sündige“ Ehefrau im Dorf nicht einmal mehr Mehl und Butter kaufen, ohne beschimpft zu werden — nicht, dass ihr nach der Sache noch irgendetwas verkauft würde! Der Irrsinn Yorks nimmt also immer schlimmere Ausmaße an und lässt ein Sekten-Gefühl aufkommen.

Während York nun mit seinem teilweise kranken Wahn immer weitere Kreise zieht, erholt sich Bligh bei der Witwe Greenfield von den ihm zugefügten Verletzungen (ja, das Buch ist sehr gewalttätig!) und plant im Alkoholentzug seine Rache an York. Alles spitzt sich immer mehr zu und wird nur durch mehrere kleine Stelldicheins zwischen York und Bligh „aufgelockert“, die sich die Seele aus dem Leib prügeln.

Marlon James erzählt seine Geschichte aus mehreren Perspektiven: aus der Sicht Pastor Blighs und der Witwe Greenfield, die aufgrund eines angeblichen „Lebens in Sünde“ auch vom Apostel verschrien werden; aus den Augen von Lucinda, die als einziger Charakter nicht mit Nachnamen angesprochen wird, die ein euphorischer Anhänger Yorks ist; und aus der Perspektive der Gemeinde, die allerdings keine Namen haben, sondern mehr die Masse widerspiegeln sollen.

Nachdem der Apostel zu Ende gesprochen hatte, waren wir bereit, den sündigen Mann und die sündige Frau sofort umzubringen, sodass wir erst mal bis zehn zählen mussten und dann gleich noch mal. Der Apostel ist sehr hart zu uns, aber die Wahrheit ist auch hart.

Fazit: Dieses Buch ist nichts für Zartbesaitete! Explizit wird hier beschrieben, wie Apostel York seinen Kult um sich schart und wie seine Methoden aussehen. Auch der Wahnsinn, der York und nach und nach Gibbeah beherrscht, ist nicht leicht „mitanzulesen“. Dennoch (oder gerade deswegen) ist der Kampf um die Kirchengemeinde des kleinen Örtchens spannend und aufgrund der angenehmen Schreibe von Marlon James gut zu lesen. Ein ungewöhnliches Buch. Ich glaub, ich mag’s.

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49 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 27 Rezensionen

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Wahrscheinlich ist es Liebe

Paul Reizin , Sibylle Schmidt
Fester Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Wunderraum, 23.04.2018
ISBN 9783336547869
Genre: Liebesromane

Rezension:

Dieses Buch aus dem Wunderraum Verlag machte auf mich zunächst den Eindruck von „noch so einem Liebesroman“, die ich ja schlicht verweigere. Doch als ich mir den Klappentext einmal näher anschaute und noch die eine oder andere positive Rezension las, wurde ich immer begeisterter von dieser Idee! Es geht um Jen, die gerade von ihrem Freund abserviert wurde, weil der nämlich eine Andere kennengelernt hat. „So ist nun mal die Lage“, sprach’s und zischte ab. Wie gut, dass Jen von Beruf her eine neue KI namens Aidan (get it? AI-dan!) auf menschliches Verhalten trainieren soll. Schon im ersten Kapitel erfahren wir, dass sie da einen hervorragenden Job gemacht hat und Aidan nicht nur Empathie empfindet, sondern auch gleich Rachepläne für ihren „Vollarsch“ von Ex schmiedet. Ganz nebenher wertet Aidan dann noch die möglichen Kandidaten für eine Liason mit Jen aus und vermittelt sie heimlich in die Arme mehrerer (wie sich später herausstellt) ungeeigneter Männer, bevor ihm gemeinsam mit einer anderen KI, Aisling (na? AI-sling…), der perfekte Coup gelingt. Doch Aidan und Aisling hinterlassen zu viele Spuren, ihre Schöpfer haben gewittert, dass sie sich nicht mehr nur im engen Raum ihrer Serverräume befinden, und bringen einen dritten Kandidaten ins Rennen, der nicht nur Aidan und Aisling, sondern auch Jens Zukunft zu zerstören droht…

Jeder von uns ist eine wundervolle und einzigartige Schneeflocke. Zusammen sind wir nur Schnee.

Huch, ich habe doch hoffentlich nicht zu viel verraten? Aber anhand des Klappentextes, der vieles verschweigt, kann ich dieses Buch überhaupt nicht besprechen — es ist so viel mehr! Teils Romanze, teils Thriller, man weiß nie so genau, was „Wahrscheinlich ist es Liebe“denn nun eigentlich sein will. Und das ist gut so! Während ich seichtes Geplänkel mit einer Prise künstlicher Intelligenz erwartet habe, wurde ich vom Geschehen völlig überrumpelt und musste noch bis spätabends weiterlesen (halb zwölf, Leute! Viel später gibt’s bei mir nicht!)Paul Reizin erzählt diese Geschichte aber nicht, wie es jetzt vielleicht anmutet, in einem wilden Stil-Mix, sondern konsequent flüssig und mit tollen Charakteren, die nicht platt sind, sondern wunderbar real wirken. Sogar die KIs kommen gut weg, wobei Aidan etwas… nun ja, stereotyp homosexuell wirkt. Aber ist vielleicht auch nur mein Gefühl. Festzuhalten ist: Tolle Charaktere!

Und die Story kann sich auch sehen lassen. Selten habe ich so einen Spaß bei der Lektüre gehabt und selten hält mich ein Buch noch so lange wach. Der abrupte Wechsel von „aww“ zu „oh mein Gott, was passiert gerade?“ wirkte zwar etwas hektisch, war aber im Endeffekt richtig, richtig gut. Im Bezug zur Liebesgeschichte war (natürlich) alles etwas vorhersehbar, aber die KIs mischen das Geschehen dann doch ganz schön auf und zaubern Unerwartetes aus dem Hut.

Ich ließ mich vom Scheitern meiner Mission nicht deprimieren. Immerhin hatte ich dafür gesorgt, dass in der realen Welt etwas geschehen war, das sich sonst nicht ereignet hätte. Das war eine Art Premiere. Ich hatte etwas bewirkt!

Fazit: Ein wunderbares Buch! Paul Reizin hat mit „Wahrscheinlich ist es Liebe“ den Spagat zwischen Lovestory und spannender Action geschafft und konnte mich trotz der Länge (fast 500 Seiten!) trotzdem fesseln. Es gab keine Längen, kein Spannungsgefälle in der Mitte des Buchs und auch kein Ende, mit dem ich unzufrieden gewesen wäre. Das ideale Buch für den Urlaub oder ein faules Wochenende auf der Couch.

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142 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 92 Rezensionen

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Spinster Girls – Was ist schon normal?

Holly Bourne , Nina Frey
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 20.07.2018
ISBN 9783423717977
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Auf Instagram ist mir dieser Titel bereits des Öfteren begegnet, die Prämisse klang interessant und ein wenig nach Bridget Jones, kombiniert mit Georgia Nicholson plus einer gewaltigen Prise Feminismus — Holly Bourne trifft mit „Was ist schon normal?“ also den Zahn der Zeit und packt wichtige, aktuelle Themen in ihre neue Buchreihe: Die Spinster Girls! Drei Bände werden insgesamt erscheinen, der nächste erscheint bereits Ende August. Dieser Roman ist in der Tat etwas Besonderes. Während die Rahmenhandlung fast nach Klischee anmutet (Wie bekomme ich Jungs dazu, sich in mich zu verlieben? Wann finde ich Mr. Right?), ist „Was ist schon normal?“ doch so vieles mehr. Doch zurück zum Anfang. Wir nehmen aus Evies Sicht an ihrem Leben teil, aus irgendeinem Grund scheint sie Medikamente zu nehmen und ihre (ehemals) beste Freundin hat sich in einen Beziehungs-Zombie verwandelt. Wie gut, dass Evie Amber und Lottie kennenlernt, die eigene Ansichten zum Thema Jungs haben und Evie feministische Werte näher bringen wollen. Doch Evie möchte nur eins, nämlich normal sein, denn ihre Krankheit hielt sie lange Zeit davon ab, überhaupt ein normales Teenagerleben zu führen. Der Wunsch nach dem ersten Kuss, dem ersten Freund und der Schwärmerei für Jungs in einer Band clasht mit den femististischen Grundsätzen von Amber und Lottie, die Evie davon abhalten wollen, in ihr eigenes Verderben zu rennen…

»Wenn Jungs älter werden, nennt man sie ›Junggesellen‹ und findet das sexy. […] uns nennt man direkt ›Katzenlady‹ oder ›alte Jungfer‹. Ein männliches Pendant dazu gibt’s nicht. Genau wie es kein Wort für Kerle gibt, die mit jeder ins Bett gehen – während es tonnenweise dafür für Mädchen gibt. Die Sprache selbst ist sexistisch – sie zementiert doch nur diese total verallgemeinernden, völlig kranken Vorstellungen darüber, wie Jungs und Mädchen zu sein haben…«

Holly Bourne hat es geschafft, was ich in meiner Jugend (und auch jetzt noch!) bei vielen, vielen Büchern für Jugendliche (und leider auch für Erwachsene) vermisse: weibliche Protagonistinnen, die ihr Trachten nach männlicher Begleitung kritisch überdenken. Plus: Unser Hauptcharakter hat eine Zwangs- und Essstörung. Diese Kombination versprach, interessant zu werden! Wir erfahren mithilfe Evies Tagebuch (so in etwa), wie sie trotz ihrer großen Schwierigkeiten ihren Alltag meistert, was sie alles dafür gibt, endlich auch ein „normales“ Leben zu führen. Doch wie der Buchtitel schon so schön fragt: was ist schon normal? Evie stürzt sich seit es ihr besser geht und sie wieder das Haus verlassen kann ins Getümmel und macht sofort ausgerechnet das, was ihre Therapeutin als gefährlich empfindet: mit Jungs anbandeln. Und obwohl diverse Flirts mit Herzklopf-Faktor Evies Leben ins Chaos zu stürzen drohen und ihre Krankheit wieder ihr hässliches Haupt erhebt, versucht sie weiterhin, ein „normales Leben“ zu führen. Ihren neuen Freundinnen, mit denen sie den Spinster Girls Club gegründet hat, traut sie sich nicht, auch nur irgendwas zu sagen. Teenage angst at its finest. Amber und Lottie versuchen jedoch, Evie von ihrem gefährlichen Gefühlsdusel, in dem sie sich zu verlieren droht, abzubringen.

Obwohl Evies amouröse Eskapaden beinahe vorhersehbar sind und einiges nach Schema F verläuft, überzeugt alles, was nicht zur Rahmenhandlung gehört, viel mehr: Der Alltag mit der Zwangsstörung, die vielen Rituale, der Umgang mit unerwarteten Situation, all das war faszinierend für mich. Ich habe in der Vergangenheit bereits einige Bücher über OCD (Obsessive-compulsive disorder) gelesen und Evies Schicksal hat mich vielleicht am meisten berührt — obwohl sie natürlich auch fast zwanghaft daran festhält, dass sie jetzt sofort einen Freund braucht. Da waren die Charaktere von Amber und Lottie gute Gegenstücke, die zwar auch verrückt nach Jungs sind, aber eben die feministische Sichtweise mitbringen. Sie berichten Evie vom Bechdel-Test, von Stereotypen, blauer Flüssigkeit in Tamponwerbungen, gegenderter Sprache und Rollenbildern und bringen ihr Selbstbild doch ein wenig ins Schwanken. Jedoch nicht genug, um sich von einem bestimmten Typ fernzuhalten, der ihr überhaupt nicht gut tut.

Mit ihnen hatte ich immer das Gefühl, etwas zu lernen. Sie hatten so entschiedene Meinungen, eine solch hohe Meinung davon, ein Mädchen zu sein, sodass es schwer war, sich davon nicht mitreißen zu lassen. […] Ich meine, wir sind schon cool, nicht? Und die Welt rollt dir Steine in den Weg, wenn du eine Muschi hast.


Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/holly-bourne-was-ist-schon-normal

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76 Bibliotheken, 2 Leser, 4 Gruppen, 10 Rezensionen

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Das Feld

Robert Seethaler
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 04.06.2018
ISBN 9783446260382
Genre: Romane

Rezension:

Robert Seethaler konnte mich letztes Jahr mit seinem Roman „Ein ganzes Leben“ so dermaßen überzeugen, dass ich richtiggehend gehyped war, als ich gesehen habe, dass ein neuer Roman von ihm erscheint. Als ich dann noch den Klappentext gelesen hatte, war alles klar. „Das Feld“ und ich, wir mussten und auf ein Stelldichein treffen. Als es dann endlich soweit war, habe ich dieses Buch verschlungen, wie ich lange keines mehr verschlungen habe. Trotzdem bleibt irgendwie ein leichter, fahler Nachgeschmack. Doch erstmal zum Anfang: Ein alter Mann setzt sich auf „seine“ Bank, eine Bank auf dem Friedhof Paulstadts. Es schien ihm stets so, als würden die Toten ihm seine Geschichten zuflüstern — und genau das geschieht auch. Also, ob sie wirklich flüstern, wissen wir natürlich nicht, dafür tauchen wir ein in die Gedankenwelt vieler ehemaliger Dorfbewohner und erfahren, was sie wohl nach ihrem Ableben so denken würden. Philosophieren sie, sinnieren sie über ihr gelebtes Leben? Bereuen sie Dinge? Sind sie wütend, traurig, sehnen sie sich nach dem Leben zurück? Nach und nach lernen wir einiges über Paulstadt — einem kleinen, verschlafenen Städtchen — und seinen Bewohnern. All die kleinen Portraits verweben sich zu einem großen Ganzen und stellen dem Leser wichtige Fragen: Was macht ein Leben aus? Wann hast du wirklich „gut gelebt“, gibt es so etwas überhaupt?

Im Grunde genommen verstehe ich ja nichts von der Liebe, und vom Leben weiß ich nur, dass man es zu leben hat. Aber immerhin habe ich jetzt vom Sterben eine Ahnung: Es beendet die Sehnsucht, und wenn man stillhält, tut es gar nicht weh.

Ich liebe Robert Seethalers Sprache. So viel sei schon mal gesagt. Bereits letztes Jahr erfuhr ich, wie gut Literatur sein kann (Stichwort Ein ganzes Leben). Sein neuer Roman könnte glatt eine Fortsetzung zum „ganzen Leben“ sein, vielleicht gar im selben Örtchen spielen. Die Atmosphäre ist so leise und gefühlvoll, aber dennoch eindringlich. Auf dem Friedhof von Paulstadt scheinen so viele herrliche Geschichten verborgen zu sein, denen man einfach nur lauschen möchte. Vom langjährigen Bürgermeister, der treuen Ehefrau, dem Pfarrer, der die Kirche in Brand gesteckt hat, über den Ehemann, den man sowieso stets verachtet hat — alle liegen sie hier Seite an Seite, und Seethaler gewährt uns einen Einblick in die Rückschau einiger ausgewählter Paulstädter. Diese Gedankenfetzen geben uns in den meisten Fällen trotz ihrer Kürze einen prägnanten Eindruck der Personen und auch wenn man gerade erst ein neues Kapitel begonnen hat, kann man sich sofort einfühlen.

Das gesamte Buch hindurch hatte ich auf fast jeder Seite den Wunsch, Sätze oder auch ganze Abschnitte dick zu unterstreichen oder einzukringeln. Das schafft glaube ich auch nur Seethaler. Obwohl es sich nicht immer um wunderbare Lebensgeschichten handelt, sondern durchaus auch bereut wird oder das Leben von Streitigkeiten und Feindseligkeit geprägt wurde, ist „Das Feld“ jedoch nie bedrückend oder deprimierend, denn eines macht Seethaler klar: Was vergangen ist, ist vergangen. Es ist schön, in Erinnerungen zu schwelgen, doch Überlegungen, „was wäre wenn…“ füllen vielleicht ein Buch, führen aber zu nichts. Und so lässt Seethaler seine Figuren nicht das „was wäre wenn“-Spiel spielen, sondern schenkt ihnen einige letzte Momente aus ihrer vergangenen Zeit.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/robert-seethaler-das-feld

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103 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 37 Rezensionen

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Hier ist es schön

Annika Scheffel
Fester Einband: 389 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 07.05.2018
ISBN 9783518427941
Genre: Romane

Rezension:

„Hier ist es schön“ von Annika Scheffel ist eines dieser Bücher, bei denen man nicht weiß, woran man ist. Allein der Klapptentext klingt nach Coming-of-Age, Sci-Fi, vielleicht auch Jugendroman — das hat mich neugierig gemacht. Das und dieses wunderwunderschöne Cover, auf dem man eine Sternenkarte sieht. Es geht um Irma, die ihr normales, plätscherndes Leben ein wenig satt hat.  Als ein Fernsehsender junge Menschen sucht, die sich auf eine interstellare Reise begeben wollen, um das Fortleben der Menschheit zu sichern, zögert sie nicht lange und bewirbt sich. Und sie wird ausgewählt. Ihre Freunde und Familie sind schockiert und kommen nicht darüber weg, als Irma sie verlässt. Zehn Jahre soll sie nun in einer Art Arena leben, in der sie und die anderen Jugendlichen für die Mission trainiert werden — aber nur zwei von ihnen sollen später ausgewählt werden, um die Reise anzutreten. Wie sich der Sender das vorgestellt hat, dass man mit nur zwei Menschen einen neuen Planeten besiedeln soll, bleibt ein Geheimnis.  Nach zehn Jahren, so heißt es, sollen die Familien ihre Sprösslinge noch ein letztes Mal sehen dürfen. Doch das fällt ins Wasser, und stattdessen sollen Irma (natürlich wurde sie ausgewählt!) und Sam (der das Leben außerhalb der Arena nicht kennt) sofort das Raumschiff besteigen. Doch Sam hat da andere Pläne. Bevor er die Erde verlässt, möchte er sie zumindest ein Mal gesehen haben. Irma folgt ihm, mehr genötigt als freiwillig, und begleitet ihn bei der ersten und letzten Reise auf unserem Heimatplaneten.

Wir alle hier draußen suchen nach einer Zukunft, die sich lohnt. Ich frage mich, ob das so schlau ist — wer kümmert sich um die Gegenwart? Warum wird Lohnenswertes immer in anderen Zeiten, an anderen Orten vermutet? Ich habe […] irgendwie das Gefühl, wir lassen die Gegenwart im Stich.

Dieser Roman hat es innerhalb der ersten Seiten geschafft, dass ich mich so auf das noch Kommende gefreut habe, es ist unfassbar. Durch Briefe, die allerlei Personen an Irma, als sie schon in der Arena war, gesendet haben, erfährt man zunächst nicht viel. Doch irgendwie auch schon zu viel. Aber man weiß noch nicht alles, man wird neugierig. Sehr neugierig. Wie ist der Alltag in der Arena? Wie sieht das Raumschiff aus? Und wann geht’s denn auf ins All? Das sind alles Fragen, die unbeantwortet bleiben. Über den Alltag in der Arena erfährt man wenig bis kaum etwas, das Schiff wird nur verschwommen beschrieben und wann es ins All geht, weiß ich auch nicht. Nachdem Annika Scheffel von den Briefen nach draußen, außerhalb der Arena, wechselt, fällt der Spannungsbogen rapide ab. Wir erfahren allerhand über Irmas Familie und auch, was aus ihren Freunden geworden ist, wie alle gespannt die Fernsehsendung schauen und in den Aufzeichnungen nach einem Zeichen suchen, dass Irma ihre Briefe gelesen hat. Irmas Eltern fallen immer tiefer in ein schwarzes Loch, und vor allem ihre Mutter kommt mit dem Verlust ihrer Tochter überhaupt nicht zurecht. Die Charaktere von Irmas Mutter und Vater, ja sogar von Sam, sind wunderbar ausgefleischt — im Gegensatz zu Irma selbst: Sie ist die Person, die ich in diesem Roman am wenigsten mag. Sie erscheint trotzig, stur, launisch und nicht besonders freundlich. Da habe ich deutlich mehr mit ihren Eltern mitgefühlt, die darunter leiden, dass ihre Tochter sich gegen ein Leben mit ihnen, auf der Erde, entschieden hat und allen und allem den Rücken kehrt.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/annika-scheffel-hier-ist-es-schoen

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21 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

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Frida Kahlo

María Hesse , Svenja Becker
Fester Einband: 143 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 11.06.2018
ISBN 9783458363477
Genre: Comics

Rezension:

Auf Instagram habe ich immer allerhand Bilder von und Bücher über Frida Kahlo gesehen, doch so genau wusste ich nie, was es mit dieser Dame auf sich hat. Eine Künstlerin war sie — so sah mein Vorwissen aus, als ich diese wunderschön von María Hesse illustrierte Biografie entdeckte. Meine Neugier war geweckt, denn irgendwas musste ja dran sein an so viel Liebe und Inspiration — und so zog Frau Kahlo schließlich bei mir ein. Was mich auf den ersten Blick wahnsinnig erfreut hat, war die Tatsache, dass es sich um eine komplett illustrierte Biografie handelt. Auf jeder Seite befindet sich natürlich ein wenig Text, dennoch dominieren die Illustrationen der Autorin dieses Buch. Erfreulich ist das für mich, weil ich „normale“ Biografien schnell dröge finde und mich hier wieder mal ein wenig auf unbequemes Terrain bewegt habe. Doch zu sehen, dass es mehr Bilder (und dann auch noch so beeindruckend schöne!) als Text gibt, hat mich noch ein wenig euphorischer auf diese Biografie gestimmt.

Alles beginnt mit einer kleinen Übersicht von Frida Kahlos Leben. Alle Stationen ihres Werdegangs – und ihrem Leiden – sind hier kurz angerissen. Auf den folgenden Seiten bewegt sich der Leser dann durch Fridas Kindheit, erzählt von ihrem Eigensinn und ihrer schon damals auftretenden Krankheit — Spina Bifida, eine Form der Wirbelsäulenfehlbildung. Durch ihre Krankheit fällt Frida ihr Leben nicht immer leicht und ein Busunglück führte schließlich dazu, dass sie zum Zeichnen kam: Ihre Eltern brachten einen Spiegel an der Decke an und stellten ihr Leinwand und Pinsel auf ihren Schoß. Und so malte Frida das, was sie am besten kannte: sich selbst. Ihre Werke spiegeln ihre Trauer wider, eine Fehlgeburt und die Untreue ihres Mannes Diego führten dazu, dass ihre Bilder auch diesen Schmerz wiedergaben. Doch Fridas Leben zeichneten nicht nur tragische Ereignisse, sondern auch ihre Liebe zu Diego, die zwar nicht immer gut für sie war, aber die beiden doch bis ans Ende ihres kurzen Lebens vereinte.

María Hesse führt uns an das Leben Frida Kahlos heran, und das macht sie ganz wunderbar, indem sie die „Ich“-Ansprache wählt, also als Kahlo selbst zu den Lesern spricht. In einer einfachen und dennoch ausdrucksstarken Sprache erfährt man alles über Frida quasi aus erster Hand, als wäre man dabei oder als würde sie uns an einem lauschigen Nachmittag ihre Lebensgeschichte ins Ohr flüstern.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/maria-hesse-frida-kahlo-eine-biografie

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76 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 30 Rezensionen

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Kenia Valley

Kat Gordon , Mayela Gerhardt
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 24.04.2018
ISBN 9783455002775
Genre: Romane

Rezension:

Ich muss gestehen, „Kenia Valley“ von Kat Gordon ist primär wegen seiner tollen Optik bei mir eingezogen. Der Plot klang ein wenig nach Lesen außerhalb der Komfortzoneund die Länge (420 Seiten, fast schon zu viel für mich!) schüchterte mich etwas ein. Dennoch kann ich nach der Lektüre bestätigen: Es hat sich gelohnt! Es geht um den 15-jährigen Theo, der mit seiner wohlhabenden Familie nach Kenia zieht, da sein Vater, zuständigen für die erste Eisenbahnlinie in Afrika, dort seiner Arbeit nachgehen wird. Nach ihrer Ankunft begegnet die Familie dem charmanten Freddie und seiner absolut hinreißenden Geliebten Sylvie, und Theo ist sofort Feuer und Flamme für die beiden — besonders für Sylvie. Dass beide zehn Jahre älter sind, scheint höchstens Theos Eltern zu stören, und schon bald taucht er ab in eine Welt des Glamours, aus Champagner, Freizügigkeit, Sundownern, Affären und Krocket — und wilden Sexpartys. Theo liebt sein Leben, er liebt seine Freunde und ihren Lebensstil. Alle erscheinen glücklich, mit ihren afrikanischen Hausdienern, die alle „Totos“ nennen, und die Lebensfreude dort in Kenia könnte kein Wässerchen trüben. Dennoch sehnt Theo sich nach der Zuneigung Sylvies, und es bricht ihm das Herz, als er mitgeteilt bekommt, sie verlasse das Land.

Daressalam war exotisch gewesen, aber dieses neue Kenia war das Afrika, von dem ich geträumt hatte […], und ich konnte es kaum abwarten, dass die Zugfahrt ein Ende nahm und mein Leben in dieser unglaublichen Landschaft begann.

Die Geschichte setzt fünf Jahre später wieder ein, nachdem Theo sein Studium abgeschlossen hat und nach Afrika zurückkehrt. Jetzt, als Mann, will er Sylvie für sich gewinnen und Freddie ausstechen. Doch Kenia scheint nicht mehr dasselbe zu sein: Freddie und alle anderen der Clique erscheinen müde und verbraucht, obwohl sie standhaft versuchen, den Happy Valley Lifestyle aufrechtzuerhalten. Sylvies Mann ist zwischenzeitlich gestorben und Theos Schwester birgt ein Geheimnis, das sie ihren Eltern und keinem im Dorf erzählen kann. Dazu kommen noch heftige politische Debatten, aus denen Theo sich eigentlich heraushalten will, als Freddie jedoch eine rechten britischen Organisation beitritt und für sie starke Werbung betreibt, wird Theo zum ersten Mal seit seiner ersten Ankunft in Kenia vor zehn Jahren gezwungen, sich Gedanken zu machen, ob seine Freunde wirklich so gut für ihn sind und ob er das elitäre Gehabe und die Respektlosigkeit gegenüber den Totos weiter tatenlos mit ansieht. Denn obwohl seine Liebe zu Sylvie endlich beantwortet scheint, geschehen in Afrika Dinge, mit denen Theo so nicht gerechnet hat.

Kat Gordon zeichnet mit „Kenia Valley“ ein detailliertes Portrait Afrikas zur Blüte der Kolonialzeit, bevor Aufstände und Unruhen das friedliche Leben der reichen Anwohner zunichte machen. Sie lässt uns teilhaben am schillernden Alltag des Happy Valley Sets, der nur aus Feiern, festlichen Dinnern und Exzessen zu bestehen scheint. Dazu lässt sie historische Elemente einfließen, um uns ein akkurates Bild zu präsentieren: Die Rolle der Frau wird beispielsweise dargestellt, die zwar in England bereits wählen darf, aber in Kenia nicht unverheiratet wohnen darf. Alle Bewohnerinnen des Valley leiden mehr oder weniger darunter und heiraten sofort den Nächstbesten, sobald ihr Gatte nicht mehr passend erscheint. Theos Schwester Maud leidet ganz besonders unter den Umständen in Kenia, sie ist gegen den herablassenden Umgang mit den Totos, Elfenbeinhandel und die Entwürdigung der Afrikaner im Allgemeinen. Sie ist es auch, die Theo zum Denken zwingt, denn er befindet sich auch bei seinem zweiten Aufenthalt in Kenia unter dem Bann des Happy Valley Sets, auch wenn er das nicht wahrhaben will.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/kat-gordon-kenia-valley

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38 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 18 Rezensionen

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Bananama

Simone Hirth
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 01.02.2018
ISBN 9783218011037
Genre: Romane

Rezension:

"Bananama“ von Simone Hirth hat mich aufgrund des Titels und auch wegen dem schönen Cover angesprochen. Als dann noch der Klappentext so interessant klang, war klar, dass ich dieses Buch lesen muss. „Bananama“ erzählt von einer Aussteigerfamilie und deren namenlose Tochter, die Ich-Erzählerin, der ihre Eltern immer seltsamer erscheinen. Schreie im Wald, zwei Leichen vorm Haus und tonnenweise im Internet bestelltes Zeug, das nie benutzt wird, aber hauptsache, es ist bio und öko und regional. Zunächst geht unsere Protagonistin noch zur Schule, aber später unterrichtet ihr Vater sie dann daheim. Ob er wirklich geeignet dazu ist, ist fraglich, denn er unterrichtet seine Tochter nicht objektiv, sondern tief subjektiv gefärbt, und so lernt sie über Kapitalismus, Ressourcenknappheit und Biosphärenparks anstatt Mathematik, Geschichte oder Grammatik. Die Kleine wird im Wissen aufgezogen, dass die Eltern ihren ökologischen Fußabdruck möglichst klein halten möchten, sie gehen zu Tauschmärkten und ziehen ihr eigenes Obst und Gemüse im Garten — allerdings ohne dieses jemals zu ernten oder gar das Fallobst zu essen. Das Obst wird gesammelt, bis es schwarz ist und somit „perfekten Kompost“ abgibt, ein Vorgang, den weder die Protagonistin noch ich verstehen. Die Mutter bestellt asiatische Gewürze, Pasten und Nudeln und kocht asiatisch, anstatt das überreife vorhandene Gemüse zu verarbeiten. Nach und nach rücken mehr Fragen in das Bewusstsein der Protagonistin, das Fertighaus, in dem die Familie wohnt, erscheint ihr zu steril, sie versteht ihre komplette Situation nicht mehr. Und so wird Bananama, wie das Grundstück der Familie genannt wird, ihr immer fremder, die Welt „draußen“ zieht sie immer magischer an und sie sehnt sich nach einfachen „Luxusartikeln“ wie Nutella, Limo oder ein Happy Meal — Dinge, die sie nie gesehen oder gar gekostet hat, die sie aber vom Hörensagen aus der Schule kennt.

Ich will verstehen, warum ich, wenn ich abends im Bett liege, zittere und gleichzeitig schwitze. Warum es so eng geworden ist in meiner Brust, dass ich nicht mehr richtig einatmen kann. […] Warum ich weinen muss, wenn ich morgens von der Sonne aufwache, die mir ins Gesicht scheint. Und warum Mutter die Tomaten nicht erntet, obwohl sie längst rot sind und süß schmecken.

Simone Hirth wirft hier einen ironischen Blick auf das Leben, das wir heutzutage alle so feiern — bio, öko, plastikfrei und nur regional — und dabei das Wichtigste aus den Augen verlieren. Die Eltern der Protagonistin sind dafür das beste Beispiel: sie bestellen nahezu alles online, sei es eine tonnenschwere Sonnenuhr aus Kupfer, damit man sich die Batterie der Wanduhr spart und auch näher an der Natur ist; das Messerset mit Griffen aus regional gefälltem Holz, das die Mutter nicht einmal benutzt; biologisch voll abbaubares Plastikgeschirr für die nächste Gartenparty, die niemals stattfinden wird; eine große, schwere Decke aus Schurwolle, die die Mutter „nachstricken“ möchte, wenn sie mal „den Kopf dafür frei hat“; etc. pp. Die Protagonistin hat hier schon einen guten Blick auf das, was unnütz ist und was gegen das erklärte Weltbild der Eltern geht; sie zweifelt, sie stellt Fragen — die jedoch alle vermeintlich nicht gehört werden. Unangenehmerweise erscheint der Lebensstil der Eltern für den Leser nun fast schon heuchlerisch und vor allem aber inkonsequent, das Kind leidet währenddessen und kommt nicht in den Genuss von einer angemessenen Bildung. Widerspruch reiht sich an Widerspruch (Ballast ist „schlecht“, trotzdem erfolgen unzählige Internetbestellungen) und das idyllische Bananama bekommt erste, tiefe Risse. Die zwei Leichen im Vorgarten werden von den Eltern weggelächelt, sie erscheinen fast erleichtert, dennoch ist spätestens bei Erscheinen der zweiten Leiche vorauszuahnen, was nun geschehen wird.

In einer eigenen, seltsamen Art und Weise, mal wie ein Lexikon-Artikel, mal fast wie ein Gedicht, erzählt die Autorin aus der Sicht der jungen Tochter von Bananama und den Dingen, die sich im Schatten der Gemüsepflanzen abspielen. Die Sprache ist gewöhnungsbedürftig und viele Phrasen erscheinen für ein unter 10-jähriges Kind doch ein wenig unglaubwürdig, genauso unglaubwürdig wie der „Selbstversorger“-Lebensstil, den die Eltern führen.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/simone-hirth-bananama

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Das Buch der seltsamen neuen Dinge

Michel Faber , Malte Krutzsch
Fester Einband: 688 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 12.03.2018
ISBN 9783036957791
Genre: Romane

Rezension:

Ein mysteriöser goldener Brief trudelte vor einer Weile in meinem Briefkasten ein, ein Brief von einem Peter, der sich an einem verrückten Ort zu befinden scheint. Später dann die Auflösung: Es handelt sich um Michel Fabers von seinen Fans lang ersehnten neuen Roman „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“. Ein wunderschönes Cover, eine wahnsinnig interessante und originelle Geschichte, doch schreckte mich die Länge dieses Buches mit seinen fast 700 Seiten ab. Doch der Kein & Aber Verlag war anscheinend so davon überzeugt, dass mir dieser Wälzer gut gefallen wird, denn kurze Zeit nach dem goldenen Briefchen fand ich den kleinen Klops wartend im Briefkasten. So viel kann ich schon vorwegnehmen: Wie gut, dass ich ein wenig zum Lesen „genötigt“ wurde! 🙂 Die Grundidee der Geschichte ist auch schnell zusammengefasst: Ein Pastor namens Peter soll seine Frau Bea, seinen Kater Joshua und vor allem seinen Heimatplaneten zurücklassen, um auf einem fremden Planeten namens Oasis zu missionieren. Die dort ansässigen Außerirdischen kennen Jesus und die Bibel (das „Buch der seltsamen neuen Dinge“) bereits, doch sind die vorherigen Priester verschwunden und Peter soll der Ersatz sein. Spannende Fragen kommen nach den ersten Seiten direkt in meinen Sinn: Wie sieht der Planet aus, wie die Außerirdischen? Wie kann Peter sich mit ihnen verständigen? Wieso haben Aliens auf einem fremden Planeten Bedarf nach Religion? Und wird Bea Peters Abwesenheit verkraften? Und ist Jesus auch für die Sünden der Oasier gestorben, lässt sich eine Religion einfach auf eine andere Spezies auf einem fernen Planeten übertragen?

Sein ganzes Leben – das begriff er, als jetzt die Fassaden der unbekannten Stadt vor ihm aufragten, Horte unvorstellbarer Wunder –, sein ganzes Leben gipfelte in diesem Moment.

Michel Fabers Werk lässt sich keinem Genre so richtig zuordnen, deshalb hat sich zunächst auch kein deutscher Verlag „erbarmt“, sein Buch zu verlegen. Zu religiös, zu esoterisch, zu viel Science Fiction. Doch so richtig Sci-Fi ist es nicht, genauso wenig wie ein Religionsratgeber. „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ lässt sich nur ganz schwer in eine Schublade stecken, und das macht dieses Buch — neben der fantastisch originellen Story — zu etwas Besonderem. Der Autor erzählt die Geschichte um Peter und Bea und ihre „Fernbeziehung“ so emotional geladen, dass man als Leser richtig mitfiebern muss. Als es endlich zum ersten Zusammentreffen zwischen Peter und den Außerirdischen kommt, war ich dann so in der Story versunken, dass mich deren Art anfangs noch gar nicht gestört haben. Doch nach 300, 400 Seiten kommen Fragen auf: Warum interessieren sich diese Aliens für eine Religion von der Erde? Wie kommt es, dass die Außerirdischen einigermaßen Englisch sprechen können — Wie lange geht diese Mission bereits? Was kann ein christlicher Gott den Oasiern bieten? Leider bleiben diese Fragen leider unbeantwortet, Peter scheint sich selbst auch nicht zu wundern, wieso dieser Bedarf besteht.

Der Erzählstil Fabers gefällt mir gut, atmosphärische (teils etwas langatmige) Beschreibungen der Szenerie erschaffen ein lebendiges Bild von Oasis und den Menschen, die dort arbeiten und leben. Peter und Bea sind runde Charaktere, jeder von ihnen erhält eine umfassende Hintergrundstory, und der Eindruck entsteht, es könnte sich um reale Personen handeln. Wir erfahren, dass Peter vor seiner Zeit als Pastor obdachlos, drogenabhängig und Alkoholiker war und die Liebe zu Gott sein Leben um 180 Grad gewendet hat. Obwohl ich Atheist bin, hat es mir gefallen, von seinem Lebensweg zu lesen und wie der Glaube an Gott ihm geholfen hat, sein Leben zum Besseren zu bekehren. Dass er daher Pastor geworden ist, erscheint plausibel. Generell erscheint mir alles an Michel Fabers Welt realistisch, sogar der fremde Planet, selbst wenn es dort eine Art „tanzenden Regen“ gibt, der schon ein wenig surreal anmutet. Aber andererseits: Was wissen wir schon von fremden Planeten in fernen Galaxien und deren Physik und Umwelt? Richtig, nicht viel. Daher erscheint es mir überhaupt nicht unplausibel, dass es einen Planeten ohne Seen und Meere geben kann, auf dem trotzdem Leben entstanden ist. Faber macht hier alles richtig, und dennoch hatte ich das Gefühl, dass er sich zu viel Zeit gelassen hat, seine Erzählung auf den Punkt zu bringen. 680 Seiten sind doch arg lang, und von wie vielen Besuchen Peters bei den Oasiern muss man erfahren?

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/michel-faber-das-buch-der-seltsamen-neuen-dinge

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Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Meir Shalev , Ruth Achlama
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 28.03.2018
ISBN 9783257261448
Genre: Romane

Rezension:

Nachdem ich letztes Jahr bereits Meir Shalevs „Mein Wildgarten“ gelesen hatte und ziemlich begeistert von Shalevs Erzählsprache war, musste doch auch gleich nach Erscheinen sein neues Buch „Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger“ in mein Regal einziehen. Doch Halt, so neu war es dann doch nicht, ist es doch bereits 2012 erschienen — lediglich die Ausgabe war eine neue, im kleinen Diogenes Deluxe Hardcoverformat und mit Lesebändchen. Hübsch! Meir Shalev erzählt hier mit seiner wundervollen Sprache Anekdoten und kleine Gegebenheiten von seiner Familie, im Mittelpunkt steht aber seine Großmutter Tonia, die im Kampf gegen den Schmutz penible Hausregeln hat, und wie es dazu kam, dass sie einen hochmodernen amerikanischen Staubsauger geschickt bekam — und dieser nach kurzer Benutzung sicher in einem abgeschlossenen Schrank verstaut wurde und erst Jahre später wieder das Tageslicht sehen sollte. Doch um die Geschichte um den Staubsauger verstehen zu können, muss man die Familie des Autors kennen lernen, und so holt Shalev weit aus und erzählt uns seine Familiengeschichte ab ungefähr 1920 bis zum Zeitpunkt, als seine Großmutter stirbt, gute 60 Jahre später.

Meir Shalevs Großmutter Tonia war schon eine Verrückte: Bekam sie Besuch, durfte dieser unter keinen Umständen das Haus betreten, sondern musste stets zur Hintertür gelaufen kommen, um sich auf die Terrasse zu setzen. Dort fand dann auch der Besuch statt, in die Wohnung gegangen wurde nur bei größeren Familienfeiern. Da Schmutz ihr größter Feind war, hatte Tonia einige „Macken“, was Sauberkeit anging: Das Badezimmer durfte nicht zum Baden benutzt werden, dafür gab es draußen im Garten einen Trog, und die Toilette wurde nur benutzt, um Kuchen zum Auskühlen darauf abzustellen. Weiterhin zierten Lappen jeden Türgriff, jede Klinke und Griffe von Schubladen und Schränken, damit ja kein Dreck von der Hand auf das Mobiliar überging. Wem das schon zu viel des Wahnsinns ist, liest am besten gar nicht weiter, denn Meir Shalevs Familie ist alles andere als normal. Als der Schwager Tonias nach Amerika zieht und dort gutes Geld verdient, weigerte sich sein Großvater stets, die per Post gesendeten Schecks einzulösen und schickte sie unbesehen in die USA zurück. Um Shalevs Großvater ein Schnippchen zu schlagen, schickte der Schwager einen großen, schweren, klobigen Staubsauger nach Isreal, in dem Wissen, dass der Empfänger weder das Geld hat, diesen zurückzuschicken, noch dass Großmutter Tonia diesen freiwillig zurückgeben wird. Doch diese Rechnung hat er ohne Tonia gemacht.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/meir-shalev-meine-russische-grossmutter

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