Leserpreis 2018

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50 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

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Die Känguru-Apokryphen

Marc-Uwe Kling , Marc-Uwe Kling
Audio CD
Erschienen bei Hörbuch Hamburg, 12.10.2018
ISBN 9783957131492
Genre: Humor

Rezension:  
Tags: humor, känguru-chroniken, kleinkunst, marc-uwe kling   (4)
 

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(151)

285 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

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Biedermann und die Brandstifter

Max Frisch
Flexibler Einband: 96 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 27.03.1996
ISBN 9783518390450
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:  
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(14)

25 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 2 Rezensionen

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Ein Monat auf dem Land

J.L. Carr , Monika Köpfer
Flexibler Einband: 158 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag, 28.08.2018
ISBN 9783832164317
Genre: Romane

Rezension:  
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(8)

26 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

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Hier bin ich

Jonathan Safran Foer , Henning Ahrens
Flexibler Einband: 688 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 23.05.2018
ISBN 9783596701209
Genre: Romane

Rezension:  
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(12)

17 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

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No More Bullshit: Das Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten

Sorority e.V.
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 01.10.2018
ISBN 9783218011341
Genre: Erotische Literatur

Rezension:

Die Sorority ist ein unabhängiges Frauennetzwerk mit Mitgliedern aus Kunst, Kultur, Wissenschaft, Technik, Medien, Politik und Wirtschaft. In ihrer Veranstaltungsreihe „No More Bullshit!“ diskutieren sie in unterschiedlichen Eventformaten über Geschlechterklischees. Ihr gleichnamiges Buch No More Bullshit! Das Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten versteht sie als eine Art argumentativen Werkzeugkoffer, mit dessen Hilfe sexistischen Parolen wie auch verzehrte Wahrheiten über die Geschlechter und ihr Zusammenleben entkräftet werden sollen.

Nach einem sehr allgemeinen Teil über Diskussionsmanipulationen und mögliche Argumentationsstrategien dagegen werden in 15 kurzen Kapiteln sexistische Klassiker wie „Karrieregeile Rabenmutter“ (Kapitel 4), „Du bist ja hysterisch“ (Kapitel 10) oder „Qualität statt Quote“ (Kapitel 13) auseinandergenommen. Die Texte setzen dabei durchaus auf Humor und Ironie, die Sprache ist leicht und modern und schaffen mit der poppigen, bisweilen comicartigen Gestaltung des Buches eine frische Gesamtdarstellung, die deutlich macht, dass Feminismus schon lange die Ursprünge von lila Latzhosen und verbrennenden Büstenhalter hinter sich gelassen hat.

Die verschiedenen Kapitel sind meiner Meinung nach von unterschiedlicher Qualität. Es gibt Texte, mit durchaus interessanten Gedankengängen, aus denen man selbst, wenn man sich schon länger mit Feminismus beschäftigt, neues Argumentationsmaterial ziehen kann. Genauso gibt es aber auch viele dünne Texte, die nicht über reine Impulsreferate hinausgehen. Einige Autoren nutzen die Möglichkeit, ihren eigenen Standpunkt zu Herzensthemen klarzumachen, in einer so persönlichen Weise, dass ihr Plädoyer wenig mit dem eigentlichen Kapitelthema zu tun hat. Insgesamt hat mir – obwohl ich die Idee der heterogenen Autorenschaft sehr gut heiße – zu häufig ein roter Faden und eine stimmige Präsentation gefehlt; viele Darstellungen waren mir persönlich auch einfach zu verkürzt. Vielleicht bin ich aber auch einfach die falsche Zielgruppe für das Buch: Für eine erste Auseinandersetzung, einen ersten Kontakt mit feministischen Forderungen gibt das Buch nämlich einen vielfältigen Überblick und kann so vielleicht als Ausgangspunkt fungieren, um sich im Selbststudium mit einzelnen Themen intensiver auseinanderzusetzen.

Feministische Bücher halte ich per se für gut, da wir auch im Jahr 2018 noch nicht da sind, wo wir meiner Meinung nach sein sollte und jeder Debattenbeitrag daher ein wichtiger Schritt ist. Nach der Lektüre fühle ich mich aber nicht unbedingt besser für Debatten über Gender und Geschlechtergerechtigkeit gerüstet. Die Balance zwischen moderner, lockerer Präsentation und sachlicher Ausführlichkeit bleibt bei diesem Thema weiterhin schwierig. Ich suche einfach weiterhin nach dem Buch, das es schafft, beides zu berücksichtigen.

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Tags: feminismus, frauennetzwerk, kampf gegen sexismus   (3)
 

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(82)

102 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 76 Rezensionen

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Wie ich fälschte, log und Gutes tat

Thomas Klupp
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 04.09.2018
ISBN 9783827013668
Genre: Romane

Rezension:

Beziehungsweise in Benjamin Jägers Fall: Tennisarme. Denn Benjamin und sein Team haben es nicht nur geschafft, die Landesmeisterschaft zu gewinnen, als vorbildliche Sportler lassen sie sich auch für die Plakate einer Antidrogenkampagne ablichten. Macht ja schon etwas her, wenn man in ganz Weiden plötzlich bekannt ist: Die Eltern sind stolz und die Mädchen interessiert. Es muss ja keiner so genau wissen, dass Benjamin am Wochenende gerne säuft und kifft (und manchmal auch mehr) und dass er abseits des Tennisplatzes alles andere als ein Champ ist. Wichtig für alle in Weiden ist: Der Schein muss gewahrt werden. Und so lügt Benjamin über seine Wochenendaktivitäten und fälscht Klassenarbeiten und Zeugnisse wie ein Weltmeister. Wäre da nicht Mathematiklehrer Sargnagel, der plötzlich die Daumenschrauben anlegt, und Direktorin Fürstenberg, die die Leistungsinitiative in den MINT-Fächern ausruft…

Klingt abgedreht, leicht überzogen und voller Ironie? Dann herzlich willkommen in Thomas Klupp Roman Wie ich fälschte, log und Gutes tat. Denn all diese Attribute treffen perfekt auf diese Coming-of-Age-Geschichte zu, die mehr Jugendbuch ist als – wie ich ursprünglich dachte – bitterböse, dabei aber anspruchsvolle Geschichte über das Dorfleben. Klar wird hier die Mentalität einer bayrischen Kleinstadt, in der Zeit und Geld im Überfluss vorhanden sind, aufs Korn genommen und dabei mehr als einmal eine wahre Pointe über diesen Mikrokosmos erzählt. Doch eigentlich geht es vielmehr um Freundschaft, Partys, Schulprobleme und komplizierte Mädchen – kurzum: um die Pubertät, die jeder doch als die schlimmste Zeit des eigenen Lebens empfindet, obwohl alle Probleme sich in ihrer Banalität auf erschreckendste gleichen.

Den Sound für diesen Lebensabschnitt trifft Thomas Klupp dabei ausgesprochen gut. Man findet viel Slang und Umgangssprache, schnelle Dialoge und eine gehörige Portion Witz. Sarkastische Bemerkungen fehlen ebenso wenig wie flache Jokes und bilden zusammen mit der Handlung, die sich von einer jugendlichen Alltagskrise zur nächsten schaukelt, die ideale kurzweilige Geschichte für Zwischendurch. Man kann bei der Lektüre von Wie ich fälschte, log und Gutes tat lachen, schmunzeln, den Kopf schütteln und sich mit rotem Kopf an eigene Jugendsünden erinnern. Nur ein Weg ist versperrt: die intellektuelle Analyse! Gesellschaftskritik? Vorgehaltener Spiegel? Abrechnung mit einem bestimmten Milieu? Kann man sich einreden, wenn man muss, macht die Story aber nicht besser, interessanter oder lustiger. Von daher rate ich: Sucht nicht nach der verborgenen Tiefe in der Geschichte, wartet nicht auf eine moralisch aufgeladene Botschaft. Schnappt euch einfach das Buch, macht euch einen schönen Tag damit und lasst euch von Benjamin in allerbester Weise mit Geschichte aus Weiden unterhalten – nicht mehr und nicht weniger! 4 Sterne für absolut gelungene Unterhaltung.

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Tags: bayern, dorf, lügner, noten, pubertät, schule, tennis   (7)
 

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(35)

57 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

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Das Tagebuch von Edward dem Hamster 1990 - 1990

Miriam Elia , Ezra Elia , Sibylle Meyer
Fester Einband: 96 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 22.08.2013
ISBN 9783596513109
Genre: Humor

Rezension:  
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(13)

27 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

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Elly

Maike Wetzel
Fester Einband: 152 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 07.08.2018
ISBN 9783895612862
Genre: Romane

Rezension:

Elly ist weg. Alles, was wir hatten, wird unscharf, was wir mit ihr erlebten, fault. (S. 55)

Ein Kind verschwindet. Spurlos. Eben noch sauste es mit seinem roten Fahrrad durch die Siedlung, nur um im nächsten Moment unauffindbar zu werden. Zurück bleiben die Eltern und die größere Schwester. Zurück bleiben auch Angst, Hoffnung, Resignation, Wut, Leblosigkeit, Schuld – und Isolation. Das Leid der Familie macht einsam und schneidet sich von der Umwelt ab; die Welt dreht sich weiter, die Zeit vergeht, doch die Familie selbst scheint von diesen Grundgesetzen der Natur ausgenommen zu sein.

Es ist dieses tragische Schicksal einer Familie, der Alptraum jeder Eltern, den die Autorin Maike Wetzel in ihrem Debütroman Elly schildert. Der Fokus liegt dabei eindeutig auf dem Umgang der einzelnen Familienmitglieder mit dem Verlust der Tochter bzw. Schwester: Maike Wetzel erzählt von Ersatzhandlungen und Gedankenkarussells, von Entfremdung und dem krankhaften Bedürfnis, etwas wiederherzustellen, was unwiederbringlich verloren ist. Erstaunlich ist, dass sie kaum Worte dafür braucht, um diese komplexe und vielschichtige Situation für den Leser nachvollziehbar werden zu lassen. Mit wenigen Sätzen skizziert sie das Familienleben und die einzelnen Figuren, verzichtet auf Details und ausschweifende Beschreibungen und beweist Mut für Zwischenräume, die der Leser selber füllen muss – ohne dass dies immer möglich ist.

Und so kommt es, dass Elly, obwohl nur aus knapp 150 groß bedruckter Seiten bestehend, vom Leser einiges an Zeit und auch Mühe verlangt. Beinahe seitenweise lässt Maike Wetzler die Erzählperspektive wechseln: Alle Familienmitglieder kommen zu Wort und auch Figuren, deren Stimme man zunächst nicht erwartet hätte. Die Autorin stört sich nicht daran, den Leser zu irritieren, und auch nicht, ihn zu überfordern. In großen Monologen, ihnen einen Bühne bereitend, lässt sie die verschiedenen Protagonisten konsequent in der Ich-Form der Leserschaft ihren Schmerz vortragen. Dies schafft gleichzeitig Nähe, aber auch Distanz: Nähe, da die Emotionen direkt, quasi in der Ansprache dem Leser vermittelt werden; Distanz, weil durch diesen „Vortragsstil“ immer etwas zwischen Figur und Leser zu stehen scheint, es die Figuren sind, die entscheiden, was dem Leser mitgeteilt werden soll. Überhaupt empfiehlt es sich, beim Lesen auf der Hut zu bleiben, Sätze mehrfach zu lesen, Szenen zu hinterfragen und aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.

Insgesamt handelt es sich bei Elly um ein schmales Büchlein, das es versteht, unscheinbar daherzukommen, dann jedoch mit überraschend großer Wucht den Leser zu packen. Die düstere Geschichte spart nicht an Spannungsmomenten, nach der Lektüre bleibt ein mulmiges und flaues Gefühl in der Magengegend, ein Kloß im Hals zurück. Stilistisch und auch sprachlich weiß Maike Wetzel in der oberen Liga mitzuspielen und den Leser auf spezielle und andersartige Art zu überzeugen. Daher kann ich auch weitgehend über den Teilweise irrwegigen, wenig innovativen Handlungsstrang ab der Mitte des Buches hinwegschauen und vergebe 4,5 Sterne für eine Neuerscheinung, die mich überrascht und überzeugt hat!

  (80)
Tags: familie, trauer, verlust, verschwundenes mädchen   (4)
 

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(35)

47 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 29 Rezensionen

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Blanca

Mercedes Lauenstein
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 18.05.2018
ISBN 9783351037017
Genre: Romane

Rezension:

Roadtrip nach Italien. Das klingt nach Abenteuer und Freiheit, nach Haaren im Fahrtwind und Freunden, die zusammen den Sommer ihres Lebens erleben. Bei Blanca ist es anders: Ihr Roadtrip ist Flucht! Flucht vor ihrer Mutter, die rastlos ist und ihre 15-jährige Tochter von Ort zu Ort schleppt, die ihrer Verantwortung nicht nachkommt und Blanca sich selbst überlässt, die in einer der zahlreichen Streitereien das eigene Kind mit einer Auflaufform bewirft. Blanca will nur noch weg, nach Italien. Dort, bei Karl und Toni, war sie das letzte Mal so richtig glücklich. Mit Geld, das immer weniger wird, mit Chuzpe, Einfallsreichtum und ein wenig Glück geht es mit Bahn, Bus und zu Fuß quer durch das Land. Auf ihrer Reise lernt sie nicht nur einen Haufen hilfsbereiter, verschlagener und seltsamer Menschen kennen, sondern erfährt auch einiges über sich selbst, ihre Stärken und ihre Grenzen. Vor allem aber findet sie eine Antwort auf ihre drängendsten Fragen: Wer will ich sein? Wer kann ich sein? Was bin ich ohne meine Vergangenheit?

Ich möchte, dass einmal im Leben ein Gedankengang nicht mit einer Frage, sondern mit einer Antwort endet. (S. 189)

Ich gestehe, dass ich Blanca von Mercedes Lauenstein vor der Lektüre maßlos unterschätzt habe: Ich rechnete mit einer gefälligen Sommerlektüre, zwar nicht frei von Anspruch, aber in erster Linie mit dem Wunsch zu unterhalten und zu zerstreuen. Wie sehr ich damit falsch lag, wurde mir schon nach dem Lesen der ersten paar Seiten bewusst: Mercedes Lauenstein schreibt hier eine absolut atmosphärische, schmerzlich-schöne, intensive und tiefgehende Geschichte. Schonungslos lässt sie ihre Protagonistin durchs Leben taumeln, von einer brenzligen Situation in die nächste stolpern und in den immer wieder aufblitzenden Erinnerungsfetzen ein Leben am Rande der Verwahrlosung mit einer gefährlichen Mutter-Tochter-Beziehung offenbar werden. Der Erzählton schwankt dabei zwischen Melancholie, Traurigkeit, Fatalismus und Aufbruchsstimmung und hallt aufgrund der Nähe zur Protagonistin emotional stark im Leser unmittelbar nach. Überhaupt, die Protagonistin! Selten, eigentlich nicht mehr nach Hilla Palm aus meiner Lieblingsreihe von Ulla Hahn, hat eine Figur so schnell mein Herz erobert: Blanca ist eine Kämpferin, ohne es zu wissen, stark, weil sich ihrer Schwächen bewusst, man will sie trösten, quillt als Leser vor Mitleid über und doch beweint sie sich selber nicht, sondern versucht Ordnung in das Chaos, was ihr Leben ist, zu bringen.

Blanca hat mich nicht nur auf ganzer Linie überzeugt, sondern gehört auch zu den wenigen Büchern, die wahre Begeisterungsstürme bei mir auslösen: Mercedes Lauenstein herausragende Sprache, die der altbekannten Geschichte vom Erwachsenwerden und der Suche nach der eigenen Identität eine charakteristische Note verleiht, die Bandbreite an Emotionen, die ungefiltert auf den Leser einwirken, und die stark gezeichnete, zur Identifikation einladende (und das obwohl ich über 10 Jahre älter bin als Blanca) Hauptfigur haben Blanca für mich zu einen der schönsten Lektüren in diesem Lesejahr gemacht. Ich wünsche diesem Buch viele Leser: Geht mit Blanca auf Reisen, lasst euch von ihr verzaubern und von einer Geschichte über Träume, Sehnsüchte und große Lebensfragen – gewürzt mit einer ordentlichen Prise Realität – mitreißen! 5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung!

Ich habe immer gedacht, dass es jemanden gibt, der größer ist und alles weiß. Aber da ist niemand, nirgends. Aber ich bin da. (S. 247)

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Tags: einsamkeit, erwachsenwerden, flucht, italien, mutter-tochter-beziehung, roadtrip, suche   (7)
 

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(54)

118 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 24 Rezensionen

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Nachts ist es leise in Teheran

Shida Bazyar
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 18.02.2016
ISBN 9783462048919
Genre: Romane

Rezension:

Nachts ist es leise in Teheran ist die Geschichte von Behsad, der 1979 in der iranischen Revolution für den Kommunismus kämpf. Es ist die Geschichte seiner Frau Nahid, die mit dem Leben im Exil in Deutschland hadert und trotzdem die Familie zusammenhält, während sie ihre eigenen Träume verfolgt. Und es ist die Geschichte ihrer Kinder Laleh, Mo und Tara, für die die Gerüche, die Sprache, die alten Geschichten von „Drüben“ Heimat bedeuten und die doch Deutschland, das Land, in dem sie aufgewachsen sind und dass ihnen Sicherheit und Stabilität geschenkt hat, nicht verlassen wollen. Es ist eine Geschichte über Hoffnung und Flucht, über Aufbruch und Angst, über ein Leben zwischen den Kulturen und über Heimat und Exil.

Nachts ist es leise in Teheran ist ein Buch mit einer an sich bekannten Geschichte über Flucht und Integration in der neuen Heimat, das jedoch seinen ganz eigenen und mitunter speziellen Weg geht. Das fängt bereits bei der Struktur des Romans an: Shida Bazyar fasst ihre Geschichte in Jahrzehnte zusammen, in jedem Jahrzehnt wird das Schicksal, das Leben einer der Familienmitglieder genauer beleuchtet. 1979 wird Behsads Kampf für die Iranische Revolution geschildert, 1989 befindet sich Nahid mit ihrer Familie nach der Machtübernahme der Islamisten im deutsche Exil, 1999 kehrt Laleh zum ersten Mal in den Iran zurück, 2009 verfolgt Mo die grüne Bewegung nach der iranischen Präsidentschaftswahl. Auf fragmentarische, jedoch nicht weniger eindringliche Weise setzt sie somit die Geschichte der Familie stückweise zusammen und gibt gleichzeitig einen guten Überblick über die Entwicklung des Irans seit der Gründung der Islamischen Republik.

Die Eigenwilligkeit des Romans zeigt sich zudem auch an Stil und Sprache. Relativ nüchtern, bisweilen in sperrigen, trockenen Sätzen, ohne das Herausarbeiten irgendwelcher emotionaler Höhepunkte wird das Leben der Familie im Iran und im Deutschland, die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander sowie die politische und gesellschaftliche Situation im Iran geschildert. Der Roman macht es sich nicht zum Ziel, Verständnis für Land und Leute beim Leser zu entwickeln – zumindest nicht, wie man es sich als westlicher Leser vielleicht wünscht. Shida Bazyar erklärt keine kulturellen Codes, analysiert ihre Figuren nicht im Hinblick auf ihre ursprüngliche Sozialisation, schildert keine dramatischen Szenen zur Verdeutlichung der Zerrissenheit zwischen Heimat und schützendem Exil. Nachts ist es leise in Teheran strebt nicht danach, den Deutschen zu vermitteln, wie sie so „funktionieren“, der Iran und seine Staatsbürger. Immer wieder stößt der Text daher an, wirkt zu distanziert, bleiben die Figuren und ihr Verhalten, ihre Einstellung zu fremd. Gleichzeitig erfährt die Geschichte so an enormer Tiefe, wirkt ehrlich und realistisch und so kommt es nebenbei dann doch: das Verständnis.

Ich gestehe, dass ich mich zu Beginn unheimlich schwer mit dem Roman getan habe und mich lediglich die interessanten Informationen über ein für mich sehr fremdes Land zur Lektüre gedrängt haben. Doch wie ich schon angedeutet habe, braucht Nachts ist es leise in Teheran Zeit, um seine Wirkung zu entfalten. Fast unmerklich, sehr subtil packte mich das Buch von Seite zu Seite mehr, bis ich die für mich bewusste Haltung, keine gefällige Geschichte auf ebenso gefällige Art zu erzählen, zu schätzen und anzuerkennen wusste. Shida Bazyar stellt vielleicht eine vertraute Story in den Mittelpunkt ihres Debüts, doch sie tut es auf ungewöhnliche und einmalige Weise, die das Buch für mich aus der Menge herausstechen lässt. Für diesen anderen Ansatz, der Mut und Kreativität gleichermaßen braucht, gibt es von mir 5 Sterne und die Bitte an alle potentiellen Leser, dem Roman die Zeit zu geben, die er braucht. Ihr werdet es nicht bereuen!

 

  (83)
Tags: deutschland, exil, exiliraner, familie, flucht, iran, iranische revolution, teheran, verlust, zwischen den kulturen   (10)
 

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(4)

12 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

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Eine Nacht, Markowitz

Ayelet Gundar-Goshen
E-Buch Text: 317 Seiten
Erschienen bei Kein und Aber, 28.08.2013
ISBN 9783036992457
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

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(27)

41 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 25 Rezensionen

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Summer

Monica Sabolo , Christian Kolb
Fester Einband: 253 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 13.08.2018
ISBN 9783458177654
Genre: Romane

Rezension:

Ein junges Mädchen verschwindet spurlos, die Familie zerbricht und besonders der jüngere Bruder leidet bis ins Erwachsenenalter an dem Verlust. Gepeinigt von lückenhaften Erinnerungen und düsteren Traumsequenzen entwickelt er über die Jahre schwere depressive Züge. Die Eltern, süchtig nach Erfolg, Ansehen und Reichtum, sind ihm dabei keine Hilfe, stellen sie doch das Ansehen der Familie vor die Bedürfnisse ihres Sohns. – So zusammengefasst verspricht Monica Sabolos Roman Summer eine spannende und eindringliche Geschichte über eine dysfunktionale Familie, einen schweren Verlust und ein mysteriöses Verschwinden, das über Jahre unaufgelöst bleibt. Nicht umsonst erhoffte ich mir einen fesselnden Schmöker mit düsterer Stimmung und einen Blick hinter die glänzende, jedoch falsche Fassade einer Familie. All das fand ich beim Lesen der knapp 250 Seiten auch – leider jedoch nicht in der Umsetzung, die ich mir gewünscht hätte und die dem Buch dienlich gewesen wäre!

Natürlich ist die Geschichte um das Verschwinden der titelgebenden Schwester Summer per se spannend. Sie wird scheinbar vom einen auf den anderen Moment vom Erdboden verschluckt und es liegt nicht nur an ihrem Bruder Benjamin, sondern auch am Leser selbst, die Gründe und Umstände dieses unheimlichen Sich-in-Luft-Auflösens zu erarbeiten. Dabei wählt Monica Sabolo prinzipiell einen interessanten erzählerischen Ansatz: Sie lässt die Geschichte ausschließlich aus der Sicht von Benjamin erzählen, dessen Erinnerungen – wie er selber jedoch sagt – trügerisch sind. Er ist ein Erzähler, dem man nicht über den Weg trauen kann, der ausgeprägte blinde Flecken in seiner Wahrnehmung hat und entscheidende Puzzleteile durch Verdrängung verloren hat. Diesen Ansatz hätte man jedoch radikal ausbauen können, ja beinahe müssen, die wiedergefundenen Erinnerungen sowohl für ein systematisches Entlarven der Familie nutzen sollen als auch für ein psychologisches Diagramm jedes Familienmitglieds, das den Verlust der Tochter/Schwester und die eigene (vermeintliche) Schuld analysiert. Leider bleibt Summer hier jedoch komplett oberflächlich: Auf den knapp 250 Seiten reiht sich Andeutung an Erinnerungsfetzen an beinahe übersinnliche Vorahnung, ohne dass dies die Geschichte jedoch nennenswert voranbringt. Mehr noch: Diese Vorgehensweise steht letztlich in keinem Zusammenhang mit der Auflösung der Geschichte, wie und was hier erzählt wird, bedingt letztlich nicht die Enthüllung des Familiengeheimnisses. Dieses erweist sich zudem – wie leider die komplette Beschreibung des Familienlebens – als vorhersehbar, plakativ, flach und wie schon hundert Mal gelesen.

Es scheint, als wäre sich Monica Sabolo dieser mangelhaften Gesamtkonzeption dabei selbst bewusst gewesen, denn sie tendiert dazu, ihre eigene Geschichte in Sprache zu ertränken. Ihr Stil ist überladen, opulent, bedeutungsschwanger, voller Vergleiche und Metaphern, die meiner Meinung nach nicht immer passend wirken. Zugegebenermaßen transportiert sie durch ihren blumigen Stil die passende Stimmung für diesen Roman, eine süße, träge, sommerlich-heiße Lethargie, an deren Horizont sich ein schweres, düsteres, alles mit sich reißendes Gewitter zusammenbraut. Insgesamt erweist sich dieser kitschige Stil jedoch als gefährliche Gratwanderung, da die Geschichte gleichzeitig etwas unheimlich Plauderndes, Faselndes und letztlich Ermüdendes bekommt und den Eindruck erweckt, hier mit vielen Worten eine an sich banale Erzählung aufhübschen zu wollen. 

Meine Frustration, so viel wird deutlich, saß bei der Lektüre tief. Ich hatte mir viel von diesem Titel erwartet, doch die spannende Ausgangslage, die einnehmende Atmosphäre und die starke Erzählperspektive konnten die großen Schwächen des Romans nicht auffangen. Summer entpuppt sich leider als Durchschnittsbuch, dem es an Tiefe und einem stringenten sowie dabei schlüssigen Handlungsverlauf fehlt. Dies hat mich nicht nur enttäuscht, sondern von Seite zu Seite auch einen Widerwillen gegenüber dem Buch erzeugt, sodass ich schlussendlich nur 2 von 5 Sternen vergeben kann. Schade!

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Tags: 1980er jahre, depressionen, erinnerungen, familie, genf, genfer see, träume, verschwundene schwester   (8)
 

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29 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 16 Rezensionen

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Bis ans Ende, Marie

Barbara Rieger
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 26.07.2018
ISBN 9783218011204
Genre: Romane

Rezension:

Bis ans Ende, Marie ist der Debütroman von Barbara Rieger und vor einigen Wochen im Verlag Kremayr & Scheriau veröffentlich worden. Die Nennung des Verlags direkt zu Beginn einer Rezension ist eher untypisch für mich, gibt in diesem Falle jedoch schon Aufschluss mit was für einem Buch man es zu tun haben könnte: Kremayr & Scheriau stehen meiner Meinung nach für grenzüberschreitende und andersartige anspruchsvolle Literatur. Und tatsächlich erweist dich der Erstling der österreichischen Autorin wie gemacht für das Verlagsprogramm – sowohl inhaltlich als auch stilistisch.

Wobei zum Inhalt an dieser Stelle nur wenig gesagt werden soll bzw. darf. Es geht um eine namenslose Protagonistin und um Marie, die sie eines Tages in einer Bar trifft. Es entwickelt sich schnell Nähe zwischen beiden, die unterschiedlicher nicht sein könnten; eine Nähe, die immer mehr zur Abhängigkeit wird, die das Leben der Protagonistin dominiert. Und irgendwann verschiebt sich etwas: Erfahrungen passen nicht mehr zusammen, die Realität und das eigene Empfinden erscheinen nicht mehr deckungsgleich. Was ist noch Wahrheit? Was schon Phantasie?

Bis ans Ende, Marie haftet von Beginn an etwas Düsteres und Bedrohliches an. Die Protagonistin scheint zu taumeln, keinen Halt im Leben zu finden, den Boden unter den Füßen verloren zu haben. Erstaunlich ist, wie es Barbara Rieger schafft, dieses Gefühl auf den Leser zu übertragen: Wie im Rausch, im Nebelzustand kommt man sich bei der Lektüre des Romans vor. Die eigene Wahrnehmung scheint verzerrt, die Geschichte bietet einem nichts Sicheres und Vertrautes, kein Gerüst, an dem man sich festhalten kann. Das liegt vor allem daran, dass die Handlung und die Figuren nur schwer zu greifen sind: Man weiß nicht, woher diese Story kommt und wohin sie führen wird; die Protagonistin und ihre Freunde scheinen ohne Identität, ohne wirkliche Substanz, sowohl vergangenheits- als auch zukunftslos.

Diese spezielle Lektüreerfahrung wird maßgeblich durch den Stil der Autorin gestützt: Die Geschichte ist nicht fließend, bildet kein kohärentes Ganzes, sondern setzt sich aus einzelnen Momenten und Gedankenfetzen zusammen. Die Sätze sind kurz, ebenso ein Großteil der Absätze: Das Gelesene wirkt stakkatohaft, gehetzt, es entsteht ein drängender, beinahe einpeitschender Rhythmus, der einen durch die Seiten fliegen lässt, ohne dass man sich dabei jedes Wortes, jedes Satzes wirklich bewusst wird. Gleichzeitig traut sich die Autorin, Sätze einfach abzubrechen, Gedanken nicht zu Ende zu formulieren, den erzeugten Rhythmus zu unterbrechen. In Zusammenspiel mit dem flüchtigen Inhalt steigert dies das Gefühl der Verlorenheit beim Lesen einmal mehr.

Bis ans Ende, Marie ist eines dieser Bücher, die auf ganz unbestimmte Weise großartig finde! Kremayr & Scheriau garantieren einmal mehr eine besondere und spezielle Lektüreerfahrung, die sicherlich nicht jedermanns Geschmack ist. Gerade dieser Roman erfordert zudem eine besondere Konzentration, das Jonglieren mit mehreren Interpretationen im Kopf und das Finden eigener Antworten auf viele, zum Großteil unbeantwortet bleibender Fragen. Wer sich beim Lesen gerne anstrengt und zudem den besonderen Literaturkick sucht, ist bei Bis ans Ende, Marie eindeutig an der richtigen Stelle! 5 Sterne!

 

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Tags: frauenfreundschaf, psychische erkrankung, sexualität, wahnsinns   (4)
 

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 13 Rezensionen

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Im Blick

Marie Luise Lehner
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 16.08.2018
ISBN 9783218011099
Genre: Romane

Rezension:

Der Klappentext von Marie Luise Lehners Roman Im Blick verspricht eine Geschichte „vom Schauen und vom Angeschautwerden, von Rollen, in die Frauen gedrängt werden, und von alltäglicher sexueller Gewalt“ und hat mich aus zweierlei Gründen direkt angesprochen: Zum einen lese ich gerne feministische Literatur und halte Belletristik für ein wichtiges Mittel, um Geschlechterrollen und Sexismus zu verhandeln; zum anderen schien mir das Buch ideal in den seit 2017 herrschend #MeToo-Diskurs zu passen und sogar darüber hinauszugehen. Ich erhoffte mir eine Erzählung über Geschlechterkonventionen, daraus entstehende Machstrukturen und Grenzüberschreitungen und subtilen Alltagssexismus. Diese Themen werden zwar auch durchaus verhandelt, jedoch meiner Meinung nicht in einer Weise, die der Sache dienlich ist und meinen persönlichen Lesegeschmack trifft.

Dies liegt zum einen an der Erzählweise. Marie Luise Lehner erzählt in Im Blick abwechselnd vom Aufwachsen der namenlosen Protagonistin an der Seite ihrer besten Freundin Anja und ihrer Liebesbeziehung mit einer nur skizzenhaft angedeuteten Person in der Gegenwart. Gerade die Erinnerungsfetzen – denn beide Zeitstränge folgen eher einer assoziativen, zusammengewürfelten Erzählweise – zeugen besonders am Anfang von einer starken Beobachtungsgabe der Autorin hinsichtlich des Aufwachsens von Mädchen und jungen Frauen anhand bestimmter Schönheitsideale und Rollenanforderungen. Es sind subtile Szenen, die jahrhundertalte Konventionen offenlegen und zeigen wie schmal der Grat zur sexuellen Belästigung oder Nötigung sein kann. Leider kippt diese Stärke des Romans im Laufe der Lektüre in zweierlei Hinsicht: Zum einen steigern sich die Szenen in eine übertriebene Fülle von sexuellen Übergriffen. Die Welt, in der die Protagonist lebt, ist eine Welt, in der Frauen bei jedem Schritt und Tritt angegriffen, vergewaltigt, genötigt werden. Das rüttelt nicht wach, sondern wirkt plump und plakativ, stumpft die eigentlich zur Identifikation neigende Leserin ab und erzeugt eine Abwehrhaltung, die nicht die Intention des Romans sein kann. Des Weiteren führen strukturelle Schwäche in der Geschichte dazu, dass die Themen und Perspektiven der Rückblenden nicht in der Gegenwart nachhallen: Zwar versucht die unkonventionelle und rollensprengende Liebesbeziehung an die Erfahrungen der jugendlichen Protagonist anzuknüpfen, doch sie schafft es nicht, Kontinuität zu erzeugen. Letztlich stellt sich für mich daher die Frage: Warum musste diese Beziehung – so schön und zart sie mit Worten auch beschrieben und nachempfunden wird – erzählt werden?

Mein großes Problem mit dem Roman liegt allerdings in der Diskussionsverweigerung der Hauptfigur begründet. Von Seite zur Seite trifft der Roman immer weniger den richtigen Ton in der Geschlechterdebatte, sondern versteift sich bloße Anschuldigungen und nackte Wut. Ja, unsere Gesellschaft ist patriarchalisch geprägt, ja Frauen sind nicht so frei, wie sie sein sollten – aber Männer sind nicht per se unsere Feinde. Im Gegenteil: Mit einem verkehrten Frauenbild geht auch immer ein verkehrtes Männerbild einher. Dies gilt es zu vermitteln, im Feminismus eine Chance für beide Geschlechter zu sehen. Im Blick bietet aber leider in der vorliegenden Ausfertigung kein Angebot zur Diskussion oder zur Verhandlung, sondern eine reine Sackgasse. Aus purer Männerfeindlichkeit wächst nichts, sondern erzeugt nur Gegenhass und Unwille zur Kooperation.

So sehr mich der erzählerische Ansatz auch angesprochen hat und so sehr ich die Sprache und die installierte Erzählstimme in Im Blick genossen habe, kann ich das Buch leider nicht so positiv bewerten, wie ich es mir aufgrund des Themas wünschen würde. Dies ist nicht mein Feminismus und daher auch in einem zweiten Schritt nicht mein Buch! Enttäuschte 3 Sterne.

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Tags: feminismus, geschlechterrollen, grenzüberschreitungen, lesbische protagonistin, liebesbeziehung, sexuelle gewalt   (6)
 

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147 Bibliotheken, 5 Leser, 2 Gruppen, 87 Rezensionen

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Ein Winter in Paris

Jean-Philippe Blondel , Anne Braun
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 24.09.2018
ISBN 9783552063778
Genre: Romane

Rezension:

Mathieu stürzt sich in den Tod – und für Victor ändert sich alles. Als vermeintlicher Freund des Opfers steht er plötzlich im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Dabei kannten er uns Mathieu sich doch nur flüchtig: Hin und wieder teilten sie eine Zigarettenpause miteinander und ahnten, dass es Gemeinsamkeiten zwischen ihnen gab. Beide kamen sie aus der Provinz, beiden fiel es schwer, sich mit dem Leistungsdruck und der Einsamkeit an der Pariser Vorbereitungsschule für die Écoles normales supérieures zu arrangieren. Doch so etwas wie Freundschaft bleibt eine reine Idee und findet mit Mathieus Freitod ihr abruptes Ende. Für Victor scheint sein Leben aber erst zu beginnen: Seine elitären Mitschüler suchen seine Nähe, für seine Lehrer wird er sichtbar und schließlich tritt auch Mathieus Vater in sein Leben – inklusive seiner Trauer und seiner unzähligen Fragen…

Mit Ein Winter in Paris legt Jean-Philippe Blondel nicht nur eine Milieustudie, sondern vor allem die präzise Analyse sich verschiebender zwischenmenschlicher Beziehungen vor. Wie unter einem Beobachtungsglas seziert er die geschlossene Gesellschaft der französischen Vorbereitungsklassen, ein Umfeld von Einzelkämpfer, in dem jeder sich um das eigene Vorankommen bemüht, Gemeinschaft nicht gestiftet wird, sondern bewusst ein Konkurrenzkampf zwischen den isoliert lebenden Schülern entfacht wird. Blondel – den ich schon aufgrund seiner vorherigen Bücher 6 Uhr 41 und This is not a love song für einen herausragenden Beobachter halte – nutzt dieses spezielle Setting, um von Beziehungen zu erzählen und wie Menschen zusammengeführt werden. Anhand seiner Hauptfigur Victor entfaltet er detailliert und psychologisch fein die Wandlung vom Außenseiter zum sozialen Mittelpunkt – und die damit einhergehenden Konsequenzen. Denn die Freundschaft zwischen Victor und Mathieu ist eine sich selbst verbreitende Geschichte, die ein Eigenleben entwickelt, bis sie von den Kommilitonen und sogar von Mathieus Vater als Wahrheit angesehen werden. Victor gerät dabei in einen Zwiespalt: Er genießt den Kontakt zu seinen Mitmenschen, fühlt sich aber auch schuldig, weil er aus Mathieus Tod Profit zieht und die falsche Wahrnehmung seines Umfeldes nicht korrigiert. Gekonnt arbeitet Blondel dieses moralisch fragwürdige Verhalten, Victors Balanceakt zwischen Schuld und Genuss und die Selbsterfüllung einer Erzählung heraus und macht Ein Winter in Paris somit zu einer vielschichtigen, reizvollen und hinsichtlich des Figurenverhaltens spannenden Geschichte.

Sprachlich erweist sich Blondel dabei einmal mehr als versierter Autor: Frei von Kitsch und Pathos (was bei der gewählten Thematik durchaus nicht selbstverständlich ist), nüchtern, dabei aber nicht gleichgültig erzählt er von dem titelgebenden Winter, der Victors Lebens nachhaltig verändert. Jedes Wort, jeder Vergleich, jede Metapher auf den 190 Seiten ist dabei genau und bewusst gewählt und steht im Dienst der Geschichte bzw. im Dienst der schriftstellerischen Analyse. Es wundert daher nicht, dass die Geschichte trotz ihrer wenigen Seite verdichtet und gewaltig daherkommt – wobei es für meinen Geschmack ruhig noch etwas straffer hätte sein dürfen. Gleichzeitig hätte ich mir gewünscht, dass Sprache und Stil es schaffen, eine Brücke zwischen reiner Beobachtung und mitfühlender Lektüre zu schlagen. So fühlte ich mich während des Lesen rein auf die Rolle der Analystin und Interpretin reduziert (wobei das Buch hinsichtlich dieser Rollen enorm viel zu bieten hat!), einen emotionalen Zugang zur Geschichte und den Figuren fand ich nicht, sodass fraglich ist, ob mir die Geschichte an sich, abseits der von ihr gestellten Fragen, lange im Gedächtnis bleiben wird.

Insgesamt ist Ein Winter in Paris jedoch ein typischer Blondel und damit absolut empfehlenswert: Wer ein Faible für atmosphärische Geschichten hat, die sich insbesondere durch die Untersuchung kleiner Alltagsszenen und die genaue Beobachtung menschlicher Interaktionen auszeichnet, findet hier das richtige Buch für sich. Für mich zwar kein absolutes Lesehighlight, jedoch ein anregender und grundsolider Roman, der dafür 4 Sterne verdient!

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Tags: 1984, einsamkeit, französisches schulsystem, leistungsdruck, paris, selbstmord, zwischenmenschliche beziehungen   (7)
 

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79 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 34 Rezensionen

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Die Hochhausspringerin

Julia von Lucadou
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 23.07.2018
ISBN 9783446260399
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Stell dir eine Welt vor, in der Paare nicht aus Liebe zusammenkommen, sondern weil ein Algorithmus sie als das perfekte Match errechnet hat. Eine Welt, in der dein kompletter Körper getracked wird: Wie schnell schlägt dein Herz? Hast du genug geschlafen? Wie steht es um deine innerliche Ausgeglichenheit? Schlecht? Kein Problem, eine App schlägt dir ein paar Achtsamkeitsübungen vor! Stell dir vor, dass die gesamte Stadt von Überwachungskameras erfasst wird. Stell dir vor, dass nur noch die Reichen und Erfolgreichen das Geld haben, um überhaupt in der Stadt zu wohnen. Stell dir eine Welt vor, in der alles, was du tust, bewertest wird, in der du Likes, Scores, Views sammeln musst, um deine Bedeutung für die Gesellschaft erfassen zu können. Herzlich willkommen in der dystopischen Welt von Julia von Lucadous Roman Die Hochhausspringerin!

Moment mal, wirst du sagen, das passiert doch heute schon alles: Ich habe meinen Ehemann mein Parship gefunden, meinen Wocheneinkauf bei Amazon erledigt, mit PayPal bezahlt, wurde am Bahnhof von Überwachungskameras eigefangen (zu meiner eigenen Sicherheit natürlich!), habe meine Reise mit dem Zug bei Facebook, Instagram, Twitter und Snapchat gepostet, bis meine Fitnessuhr mich aufgefordert hat, ein paar Schritte zu gehen, um mein tägliches Soll von 10.000 Schritten zu schaffen. Was ist daran dystopisch? Zugegeben in Julia von Lucadous Welt geht es dann doch ein bisschen extremer zu: Hier ist der Mensch zu einem absolut gläsernen Wesen geworden, jeder seiner Schritte wird überwacht, jede Aktivität gemessen und bewertet – wenn nicht von anderen, dann von ihm selber. Denn die Menschen wachsen mit dem Bewusstsein auf, dass nur ein perfekter, kontrollierter, angepasster Mensch ein wertvoller Mensch ist – und ein erfolgreicher. Das Leben in sogenannten Biofamilien ist verpönt, besser man wächst als gezüchteter Mensch auf, in Trainingslagern und Akademien getrimmt, bereit sich in den Castings der schönen neuen Welt durchzusetzen und mit den Gewinnern gemeinsam in der Stadt (und nicht im Elend der Peripherien) zu leben. Der größte Traum in dieser Welt: Es als Hochhausspringerin zu schaffen, um mit der eigenen Körperkontrolle sogar den Tod zu überwinden.

Julia von Lucadou zeichnet in ihrem 285 Seiten starken Roman diese Welt bis ins kleinste Detail aus, legt ihre Mechanismen, Regeln und Ideologien offen und stellt die Frage, was mit einem Menschen passiert, der nicht mehr dazugehören will. Denn Riva Karnovsky, die titelgebende Hochhausspringerin, will nicht mehr leisten und liken. Hitomi Yoshida, von Rivas Sponsoren beauftragt, den Star wieder auf die Spur zu bringen, will aber genau das, denn sonst droht nicht nur der Verlust von Rivas Status, sondern auch ihr eigener. Indem die Autorin von Hitomis Ringen um Rivas und ihre eigene Zukunft erzählt, macht sie deutlich: Die Grundzüge ihrer fiktiven Welt finden ihren Beginn in unserer Gegenwart. Ihre Dystopie könnte eines Tages Wirklichkeit werden. Beim Lesen schwankt man daher zwischen gruseliger Schauer und Bewunderung des genialen Weitblicks, es ist das Vorhalten eines Spiegels was den Roman so lesenswert macht und weniger die auf dem Klappentext skizzierte Handlung. Er regt zum Nachdenken an, gerade weil er jeden Lösungsvorschlag verweigert: Die hier entworfene Welt ist in ihrer Entwicklung schon zu weit gegangen, hier kann nichts wieder gut gemacht werden. Was können wir also heute tun, um niemals an so einen Point of no Return zu gelangen?

Die Hochhausspringerin ist ein absolut akribischer, bis zum Schluss stimmiger und weitsichtiger Roman, der Fragen unserer Zeit in einem zunächst ungewöhnlichen Gewand verhandelt. Schaut man jedoch hinter die futuristische Schilderung, wird deutlich, dass es um nicht weniger als unsere Gegenwart geht. Dies zeugt von hervorragender Gegenwartsliteratur und vom Talent der Autorin, wenn man berücksichtigt, dass dies das Debüt von Julia von Lucadou ist. Mich hat sie mit diesem ungewöhnlichen Buch direkt überzeugt und erhoffe mir weitere kluge und kritische Bücher von ihr. 5 Sterne!

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Tags: dystopie, gläserner mensch, leistungsdruck, perfektion, selbstoptimierung, überwachung   (6)
 

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97 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 62 Rezensionen

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Weit weg von Verona

Jane Gardam , Isabel Bogdan
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 23.07.2018
ISBN 9783446260405
Genre: Romane

Rezension:

Als 2015 der erste Band von Jane Gardams Old Filth-Trilogie erschien, erfreute er sich – sowie später auch die beiden Fortsetzungen – großer Beliebtheit bei Feuilleton und Publikum und entfachte (so schien es mir manchmal) ein kleines „Jane Gardam-Feuer“, dem auch ich mich nicht entziehen konnte. Ihrer ruhiger und unaufgeregter Schreibstil, ihr subtiler Humor und ich gutes Auge für die kleinen Dinge begeisterte mich und so war ich sehr erfreut zu sehen, dass der Hanser-Verlag bemüht ist, weitere Werke der schon etwas rüstigen Autorin in Deutschland zu veröffentlichen. Nach dem Kurzgeschichtenband Die Leute von Privilege Hill hat die gefeierte Übersetzerin Isabel Bogdan nun das Debüt von Gardam ins Deutsche übertragen. Weit weg von Verona, im Original 1971 erschienen, erzählt die Geschichte von Jessica Vye, einem jungen, etwas unangepassten Mädchen, voller Fantasie und Flausen in Kopf. Die braucht sie aber auch, schließlich ist sie festentschlossen, eines Tages Schriftstellerin zu werden. Bis dahin verbringt sie ihre Jugend an der Nordküste Englands, der Zweite Weltkrieg tobt, doch Jessica ist viel zu sehr mit dem Leben, der Liebe und ihren Freunden beschäftigt.

Schon nach wenigen Seiten Lektüre zeigt der Erstling: Jane Gardam konnte es schon einfach immer, auch schon vor Old Filth. Ihre Sätze sitzen bereits in Weit weg von Verona einfach am richtigen Platz, sie zeigt schon hier eine Umsicht und eine Sympathie für ihre Figuren und weiß zudem diese so skizzieren, dass sie dem Leser im Gedächtnis bleiben. Mit Jessica erschafft sie nicht nur eine charmante und liebenswürdige Heldin, sie lässt sich auch ganz auf die Perspektive der Heranwachsenden ein und zeigt uns so die Welt aus einer anderen, erfrischenden Sicht. In dieser erscheint der Alltag immer wieder verschroben und überraschend, der Krieg, obwohl doch in jeder Sekunde gegenwärtig, als Nebensächlichkeit, als lästige Störung im Abenteuer namens Leben. Eine stringente Handlung verfolgt der Roman dabei nur im Ansatz: Gardam überlässt Jessica, ihren Gedanken, ihren Gefühlen, ihren Interpretationen den Großteil des Erzählraumes; die Geschichte mäandert daher über viele der knapp 240 Seiten, das jedoch auf äußerst unterhaltsame Weise.

Und das ist für mich Weit weg von Verona im Endeffekt auch: Unterhaltung auf hohem Niveau, eine reizende kleine Geschichte über ein gar nicht so immer reizend sein wollendes Mädchen. Sprachlich ist Gardam, wie schon erwähnt, bereits in ihrem Erstling auf absoluter Höhe, ihre Formulierungen sind ein Genuss und passen bestens zur Zerstreuung, die der kurzweilige Inhalt bietet. Dem Klappentext ist daher weitgehend zuzustimmen, wenn er sagt, dass Weit weg von Verona alles bereits enthält, wofür Gardam später gefeiert wurde. In der Old Filth-Trilogie hat sie jedoch ihr Können perfektioniert: Ihre Fähigkeit, eine große Geschichte im Kleinen zu erzählen, durch bloße Andeutungen ganze Handlungen und Entwicklungen nachzuzeichnen, mit einer wissenden Gelassenheit ihre Figuren in die Selbstständigkeit zu entlassen. Im Vergleich dazu erscheint Weit weg von Verona dann doch eher wie eine Fingerübung, wenn auch eine gelungene. 4 Sterne!

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Tags: alltag, england, junges mädchen, kindheit, schriftstellerin, zweiter weltkrieg   (6)
 

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18 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

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Schlafen werden wir später

Zsuzsa Bánk
Flexibler Einband: 688 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 25.04.2018
ISBN 9783596198313
Genre: Romane

Rezension:

Zsuzsa Bánk gehört uneingeschränkt zu meinen Lieblingsautorinnen: Ich habe ihre beiden Romane verschlungen, auch den Band mit Kurzgeschichten gerne gelesen und konnte sie sogar schon live bei einer Lesung erleben. Sie ist für mich eine absolute Sprachvirtuosin, eine der Autorinnen, die immer „schön“ schreibt und die es schafft, in ihren Büchern eine ganz besondere Atmosphäre, zwischen Melancholie und Zuversicht schwebend, zu kreieren. Ich habe also bestimmte Erwartungen, wenn ich ein Buch von Zsuzsa Bánk aufschlage, so auch bei ihrem neuesten Roman Schlafen werden wir später, selbst wenn dieser, wie nach Lesen des Klappentextes deutlich wird, anders funktioniert als ihre bisherigen Bücher.

In Schlafen werden wir später geht es um zwei Freundinnen in den Vierzigern, die sich seit Kindesbeinen kennen: Márta lebt in Frankfurt, mit Mann und drei Kindern und ist von Beruf Schriftstellerin; Johanna ist alleinstehend, lebt und arbeitet im Schwarzwald als Lehrerin und promoviert nebenher über Annette von Droste-Hülshoff. Beide befinden sich in einer Phase, in der sie sich fragen, was im Leben schon war und was noch kommen wird, sie schleppen ihre Dämonen mit sich und ringen um einen positiven Blick in die Zukunft. Anders als Der Schwimmer und in Die hellen Tage, die beide die Kindheit und die in dieser Zeit gewonnenen Erfahrungen und Erinnerungen in den Vordergrund stellte, konzentriert sich Zsuzsa Bánk in ihrem dritten Roman auf erwachsene Frauen in ihrer Lebensmitte. Zudem geht sie auch strukturell neue Wege: Schlafen werden wir später ist als E-Mail-Roman konzipiert. Die circa 680 Seiten sind angefüllt mit Mails, die in den Jahren 2009 bis 2012 von Johanna und Márta verfasst werden, einen Text jenseits dieser Nachrichten gibt es im Buch nicht.

[…] die guten und die schlechten Dinge zählen, auflisten und abwägen, vielleicht zur Hälfte des Lebens ein Kopfrechnen in Haben und Soll, die guten, die schlechten Fasern, die wir sind und die uns ausmachen […] (S. 451)

Zsuzsa Bánks Sprache ist, E-Mails hin, Internet her, dabei so gekonnt wie früher: Sie füllt ihre Seite mit üppigen, sattmachenden Wörtern wie Stadtlichterdunkelheit, regengetunkt, Sommerfensterklang oder windscheu, in denen man versinken kann, die einen einlullen, die es einem gemütlich machen. Ihre Naturbeschreibungen sind in einem Maße treffend, das es einem unheimlich wird: Ja, genau so, fühlt er sich an, der Frühling, der Sommer, der Herbst und der Winter, so schaut es draußen aus, wenn man die Augen von den Seiten hebt, so erinnern wir uns an die eine Jahreszeit, die vergeht und an die nächste, die alljährlich wiederkommt. Allein: Es passt meiner Meinung nach nicht zu der Idee eines E-Mails-Roman. Wer schreibt denn wirklich so, wenn er schnell im Morgengrauen, vor der Arbeit noch eine Mail verfasst? Wer teilt mit solchen Wörtern seine Empfindungen anderen Mitmenschen mit? So schön der Text auch zu lesen ist, er kommt mir im vorliegenden Kontext viel zu artifiziell, zu stilisiert vor.

Darüber hinaus fehlt jenseits der Sprache eine Idee auf der Inhaltsebene: In Schlafen werden wir später passiert eigentlich nichts, außer dass die Jahreszeiten vergehen, die Erwachsenen älter und die Kinder größer werden – und die beiden Protagonistinnen das bejammern. In diesem Roman wird auf dem Großteil der Seiten im Selbstmitleid versinkt, larmoyant der Alltag skizziert und stillgestanden: Auf jeden Schritt nach vorne, folgt ein Schritt zurück, Entwicklungen gibt es kaum Nennenswerte. Im Vergleich zu den beiden vorherigen Romane fehlt es dabei eindeutig an Leichtigkeit oder auch Selbstironie: Schlafen werden wir später ist eine drückende Lektüre, die sich schwer auf den Leser senkt und zumindest mich persönlich in meiner Stimmung unheimlich nach unten gezogen hat.

Für fast 700 Seiten ist mir das alles insgesamt zu wenig: Auch wenn die Frauenfreundschaft in ihrer Besonderheit gut ehrausgearbeitet wurde und die Sprache zum Dahinknien ist, hat mir das Lesen dieses Bánk-Romans wenig Freude bereitet. Zu anstrengend, zu langatmig, zu pessimistisch und dabei trotz allem zu unbeteiligt war mir diese Lektüre, die leider in keiner Weise an die Leseerfahrungen bei Der Schwimmer oder Die hellen Tage herankommen konnte. Ich vergebe daher nur wohlgemeinte und sich ein bisschen auf den Erfolg der Vorgängerbücher ausruhen dürfende 3 Sterne und verbleibe mit der Hoffnung, dass der nächste Roman von Zsuzsa Bánk wieder mehr meinem Geschmack entspricht.

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Tags: alltag, e-mail roman, frankfurt, frauenfreundschaft, schwarzwald, sehnsüchte, vergangenheit   (7)
 

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105 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 76 Rezensionen

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Kampfsterne

Alexa Hennig von Lange
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag, 30.10.2018
ISBN 9783832197742
Genre: Romane

Rezension:

Es sagt eigentlich alles schon alles über ein Buch aus, wenn ich mich einfach nicht dazu aufraffen kann, eine Rezension darüber zu verfassen. Normalerweise mache ich mich direkt nach der Lektüre ans Werk, schreibe meine Gedanken und Meinungen nieder und versuche bestmöglich, andere Leser davon zu begeistern – oder eben davon abzuraten. Blöd nur, wenn man zum gelesenen Buch keine wirkliche Meinung und keine besonderen Gedanken hat. Noch blöder, wenn das Buch selber keine Meinungen oder Gedanken transportiert.

So geschehen zuletzt bei Alexa Hennig von Langes Roman Kampfsterne. Eigentlich hatte ich mir von dem Roman, der das Leben in einer Siedlung und den Alltag ihrer Bewohner beleuchtet, einiges erhofft. Eine Milieustudie, eine Studie der Zeitgeschichte (die Story spielt in den 1980ern), ein schonungsloser Blick hinter die Fassaden von Ehen und Familie und in dunkle persönliche Abgründe hinein. Leider bleibt die Geschichte jedoch über 220 Seiten komplett an der Oberfläche und man hat bis zum Schluss das Gefühl, dass eigentlich nichts passiert ist.

Dabei stimmt das eigentlich nicht, es passiert so einiges: Ehen zerbrechen, Frauen werden geschlagen, ein Teenager wird vergewaltigt. Es herrscht Wut, ja Hass, Angst und Anspannung auf jeder einzelnen Seite – doch das alles zündelt in der Gesamtheit nicht. Dies liegt einerseits an der Erzählweise. Obwohl ich persönlich ein sehr großer Fan von multiperspektivisch aufgebauten Romanen bin, zeigt Kampfsterne die Nachteile dieser Komposition: Die Geschichte zerfasert und zersplittert, die einzelnen Perspektiven erhellen sich zwar gegenseitig, führen aber genauso häufig zu Redundanz. Verstärkt wird dieser Eindruck zudem durch Stil und Sprache. Zwar ist der grundehrliche, unbeschnönigende, manchmal bitterböse Ton zu loben, da die Geschichte dadurch lebendig und vital wirkt; darüber hinaus verliert sich die Geschichte jedoch in Gefasel. In Kampfsterne wird geredet, geredet und geredet – doch dieses Gerede führt zu keinen Handlungen, Wendungen, Überraschungen. Und so passiert leider insgesamt etwas Tragisches mit diesem Roman: Er stellt die richtigen Fragen (zu Elternschaft, zum Frauen-Männer-Bild, zur Ehe, zur Persönlichkeitsentwicklung), es analysiert gekonnt die zwischenmenschlichen Dynamiken, doch das Potential, das sich daraus ergibt, geht im selber Moment in einem Schwall von Worten unter.

Somit fällt Kampfsterne für mich unter die Kategorie der Bücher, die mit einer hervorragenden Ausgangslage – thematisch und stilistisch – gestartet sind, diese jedoch nicht in eine starke, überzeugende, mitreißende Geschichte umwandeln können. Das Buch hat mich beschäftigt gehalten, bisweilen vielleicht sogar unterhalten, doch es hat mir kein Interesse entlockt, geschweige denn irgendeine Anregung gegeben. Die ganze Lektüre über blieb ich gleichgültig und ungerührt, nach dem Lesen war der dünne Inhalt schnell vergessen. Kein Buch, das mich gepackt hat und deswegen auch keins, das ich weiterempfehle. Durchschnittliche 3 Sterne für ein durchschnittliches Buch.

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Tags: 1980er, deutschland, ehe, familien, kinder, multiperspektivität, vorstadtsiedlung   (7)
 

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553 Bibliotheken, 19 Leser, 1 Gruppe, 133 Rezensionen

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Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag, 15.08.2018
ISBN 9783832198398
Genre: Romane

Rezension:

Was man von hier aus sehen kann war wohl der Überraschungshit im Lesejahr 2017. Fast jeder hat es gelesen. Und fast jeder hat danach in höchsten Tönen davon geschwärmt. Ich gestehe, dass mir solche Hypes immer suspekt sind und ich ein Buch dann häufig schon aus Prinzip nicht lese – so auch in diesem Fall. Doch dann ist mir der Roman vor einigen Tagen zufällig in die Hände gefallen und ich habe ihm eine Chance gegeben. Und nach der Lektüre der 320 Seiten muss ich sagen: Ich bereue es nicht, es gelesen zu haben. Ich muss aber auch sagen: Ich bin froh, dass ich den anpreisenden Rezensionen letztes Jahr nicht erlegen bin, denn sie hätten bei mir völlig falsche Erwartungen geweckt, die das Buch nicht halten kann.

Denn obwohl ich das Buch insgesamt mit vier Sternen bewerte, muss ich doch sagen, dass Was man von hier aus sehen kann meiner Meinung nach nicht das ist, was viele in diesem Roman sehen: Es ist kein literarisches Wunder und keine literarische Perle. Es ist nicht außergewöhnlich und einmalig. Es ist kein modernes Märchen, kein Buch, das einem die Augen öffnet, kein Buch, das Wahrheiten verkündet. Aber was ist es denn dann, wird man wissen wollen? Es ist letztendlich ein nettes Buch mit einer charmanten Geschichten und vielen kauzigen Figuren: einer Großmutter, die von Okapis träumt und damit den Tod vorhersagen kann, einem Junge, der Gewichtheber werden will, einem Optiker, der eine heimliche Liebe in sich trägt, von der jeder weiß, einer missmutigen Einsiedlerin, die Erbsen aus der Dose isst, einem Hund namens Alaska, der eigentlichen Schmerz heißt, und vielen weiteren. Es ist ein Buch, das von der Liebe und vom Tod, von der Familie und von Trennungen erzählt, dabei aber nie kitschig wird. Es ist ein Roman, der sich leicht lesen lässt, der einen vergnüglich stimmt und der einen teilweise ein bisschen einlullt. Er fordert nichts, er verlangt nichts, er verstört nichts, sondern ermöglicht es einem, dem Alltag zu entfliehen und sich gedanklich in das kleine Dorf im Westerwald zu begeben, das im Mittelpunkt der Erzählung steht.

Kurzum: Was man von hier aus sehen kann ist ein Wohlfühlbuch par excellence. Das ist nichts Schlimmes, im Gegenteil: Lesen darf entspannen, Lesen darf Spaß machen, Lesen darf nur geben und muss nichts vom Leser nehmen. Aber sich beim Lesen gut zu fühlen, macht ein Buch nicht zu einem großen literarischen Wurf! Deswegen sollte man so fair sein und Was man von hier aus sehen kann als das bewerten, was es ist: die perfekte kurzweilige Unterhaltung, das ideale Urlaubsbuch, der Begleiter für leichte Frühlings- und Sommertage. Ein Buch, das man lesen kann, aber nicht muss, das einem netten Stunden bereiten wird, aber über das letztendlich nicht viel mehr gesagt werden kann als das: Nett war es!

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Tags: aberglaube, dorf, familie, grossmutter, liebe, okapi, tod, träume, westerwald   (9)
 

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Blauschmuck

Katharina Winkler
Fester Einband: 196 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 08.02.2016
ISBN 9783518425107
Genre: Romane

Rezension:

Blauschmuck. Schön klingt dieser Titel, eben richtig „schmuck“. Und schön sieht er auch aus, dieser knapp 200 Seiten umfassende Roman von Katharina Winkler. Man greift gerne zu in der Buchhandlung, ist neugierig auf diese Geschichte, die im Klappentext so düster und brutal wirkt und doch gar nicht so recht zur schicken Aufmachung passen will. Ja, Blauschmuck. Schon nach den ersten gelesenen Passagen wird deutlich, dass dieses so schön klingende Wort eine hässliche Wirklichkeit euphemistisch beschreibt: „Der Blauschmuck der Frauen trägt die Handschrift der Männer. Das Werkzeug, Holz, oder die Anzahl der Schläge bestimmen den Blauton.“ (S. 19)

So erzählt es die junge Filiz, der der Blauschmuck ihrer Mutter und anderen Frauen seit ihrer Kindheit in der Türkei vertraut ist. Filiz, die bald selber Blauschmuck trägt, nachdem sie heimlich mit 15 Jahren Yunus heiratet. Die von einem modernen Leben in Deutschland träumt und als Sklavin des eigenen Ehemanns endet. Sie wird geschlagen, vergewaltigt, gedemütigt. Sie putzt das Haus, kümmert sich um die Tiere, bedient ihren Mann, gebärt drei Kinder. Sie folgt Yunus nach Österreich, wird isoliert, eingesperrt, kleingehalten. Doch Filiz hinterfragt nicht beziehungsweise erst sehr spät. Denn sie weiß: Ihr Fall ist nichts Besonderes, sie ist wie alle anderen Frauen, die sie kennt.

Katharina Winkler erzählt in Blauschmuck eine Geschichte über Gewalt, Missbrauch und Abhängigkeit in der Ehe. Eine Geschichte, deren Lektüre über viele Seiten kaum auszuhalten ist und die umso mehr erschüttert und entsetzt, wenn man am Ende des Romans erfährt, dass das Erzählte auf einer wahren Begebenheit beruht. Winkler nimmt diesen wahren Kern und verpackt ihn in eine literarische Form und in eine metaphorische, dabei gleichzeitig klare und schnörkellose Sprache. Sie bannt das Schicksal von Filiz auf Papier, bringt Distanz zwischen Handlung, Figur und Leser, löscht alle Zwischentöne und lässt die Geschichte doch eidringlich auf den Leser einwirken, ja beinahe einschlagen. Man kann sich dieser Welt voller Gewalt und Leid, ohne Ausweg und Hoffnung nicht entziehen, fühlt sich macht- und hilflos und bleibt nach dem Lesen voller Wut und Hass, jedoch auch mit Ohnmacht zurück.

Ohne Zweifel ein hervorragend geschriebenes Buch mit einem wichtigen Thema. Ein notwendiges Buch, das einer Frau eine Stimme gibt, die lange Zeit keine hatte, und das für viele andere Frauen mit ähnlichem Schicksal spricht. Ohne Zweifel aber auch: Ein Buch, das irritiert. Denn was soll ich als Leserin anfangen mit dieser Geschichte, die mich niederringt, die doch ohne jede Erklärung und Einordnung daherkommt? Alle türkischen Männer und Frauen mit Kopftuch unter Generalverdacht stellen? Akzeptieren, das „die alle“ nun mal „so sind“? Vielleicht such ich vergeblich nach Differenzierungen, weil ich nicht akzeptieren will, dass es so eine Geschichte, die eigentlich ein Klischee sein könnte, wirklich gibt. Vielleicht verweigert das Buch aber auch jegliche Tiefe, weil es beginnt, schwierig zu werden, wenn wir uns einer fremden Kultur nähern. Vermutlich liegt die Wahrheit in der Mitte, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ein bitterer Geschmack zurückbleibt und die Frage, ob dieses Thema tatsächlich richtig behandelt wurde.

Blauschmuck ist sprachlich ausgereift, thematisch beklemmend und gesellschaftlich relevant. Es ist aber auch ein Buch, über das diskutiert werden sollte. Für mich kann es nur der Beginn einer ehrlichen und schonungslosen Debatte über Gewalt an Frauen in der Ehe und patriarchale Strukturen, die diese begünstigen sein – und zwar in unserer und in anderen Kulturen. Als alleiniges Statement ist es zu radikal, zu schwarz-weiß, zu final. Auf allein literarischer Ebene findet sich jedoch ein beeindruckender und (wenn man das in diesem Kontext sagen kann) lesenswerter Debütroman. 4 Sterne!

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Tags: abhängigkeit, ehe, gewalt, kinderehe, missbrauch, österreich, türkei, unterdrückung, vergewaltigung   (9)
 

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93 Bibliotheken, 7 Leser, 2 Gruppen, 14 Rezensionen

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Mittagsstunde

Dörte Hansen
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Penguin, 15.10.2018
ISBN 9783328600039
Genre: Romane

Rezension:

Keine Schönheit weit und breit. Nur nacktes Land, es sah verwüstet und geschunden aus. Ein Land, das man mit einer frommen Lüge trösten wollte, die Hand auf diese Erde legen: Wird schon wieder. Wird alles wieder gut. (S. 18)

Dörte Hansen eroberte 2015 mit ihrem Debütroman Altes Land das Herz vieler Leserinnern und Leser – so auch meins. Ihre Geschichte über den gleichnamigen Landstrich südlich der Elbe, über Heimat, über das Wurzelschlagen, über den Wandel der Zeit traf genau den richtigen Ton aus Lokalkolorit, Ironie und Melancholie, ohne dabei in Kitsch oder Plattitüden zu verfallen. Altes Land war „der“ Dorfroman – und zwar im positivsten Sinne.

In ihrem neuen Roman Mittagsstunde bleibt Hansen diesem Genre treu. Dieses Mal geht es mit dem Protagonisten Ingwer Feddersen nach Nordfriesland. Dort aufgewachsen als uneheliches Kind der verrückten Marret Ünnergang, verlässt er zum Studium das kleine Dorf Brinkebüll Richtung Kiel. Mit Ende 40 kehrt er nun zurück, um sich um seinen Großeltern zu kümmern: seine Großmutter Ella, die dement geworden ist, und seinen Großvater Sönke, der trotz seines hohen Alters immer noch die Gastwirtschaft betreibt. Nichts scheint sich zu ändern zu haben und doch merkt Ingwer das in Brinkebüll alles anders geworden ist: Die neue Landwirtschaft ist eingezogen, die Schule, der Bäcker, der Tante-Emma-Laden wurde geschlossen, Städter sind auf der Suche nach dem ursprünglichen Leben sind hinzugezogen. Ingwer merkt, dass sein Aufenthalt zum Abgesang wird, und zwar nicht nur von seinen Großeltern, sondern auch von dem Dorf. wie er es kannte. und von den Erinnerungen, die mit ihm verbunden sind…

Erzählt wird Ingwers Geschichte – und auch hier bleibt Hansen ganz nah bei Schreibstil und Erzählweise des Vorgängerromans – in Rückblenden und Gegenwartsausschnitten. Und so entfaltet sich auch in Mittagsstunde peu à peu das Panorama eines Landstriches der letzten 70 Jahre sowie die Schicksale seiner Bewohner, die auf diesem kleinen Fleckchen Erde, unweigerlich alle miteinander verbunden sind. Skizziert werden Generationen von Landwirte, Familiengeheimnisse, tragische zwischenmenschliche Beziehungen, Menschen, die mit, von und gegen die Natur leben. Berichtet wird von dem langsamen Einsickern der Moderne, vom Verschwinden des Alten und vom Beginn des Neuen, bei dem keiner sagen kann, ob es nun gut oder schlecht ist. Vor allem aber rückt die Verflechtung von Land und Leute in den Vordergrund, die sich auch im Sound des Romans deutlich wird: Knorrig, hart, unbeugsam, aber auch ironisch, speziell charmant und versteckt warmherzig kommen Figur und Geschichte einher. Hier ist Hansen ganz in ihrem Element und vermutlich schafft sie es wie keine Zweite die Seele dieser alten, beinahe verschwundene Dörfer und ihrer Bewohner einzusammeln.

Und so ist Mittagsstunde in mehrfacher Hinsicht ein Wohlfühlbuch: Ein Wohlfühlbuch für den Leser, der hier erneut eine atmosphärische und herzliche Geschichte geschenkt bekommt. Aber auch ein Wohlfühlbuch für Dörte Hansen, die sich gar nicht so weit vom Erstling entfernen musste. Denn Mittagsstunde ist, so muss man ehrlich sage, in vielerlei Hinsicht wie Altes Land – nur auf Nordfriesisch. Das muss nicht schlecht sein, es ist aber definitiv nichts Neues. Der Funke, den Altes Land noch schlagen konnte, glimmt hier noch, kann aber bei mir keine Begeisterungsstürme mehr hervorrufen. Vielleicht hat Hansen ihre Nische einfach gefunden: das Porträtieren des Dorflebens. Vielleicht steige ich dann aber bei einem dritten Roman mit ähnlicher Thematik aus. Auf jeden Fall werde ich nicht, wie bei Mittagsstunde aufgeregt in die Buchhandlung rennen. Der Dörte Hansen-Hype ist, trotz solidem und gutem Zweitling, für mich erst einmal vorbei! Gefällige 4 Sterne.

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Tags: abschied, bauern, dorfleben, flurbereinigung, gastwirtschaft, nordfriesland, strukturwandel   (7)
 

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22 Bibliotheken, 0 Leser, 3 Gruppen, 7 Rezensionen

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Peach

Emma Glass , Sabine Kray
Fester Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Edition Nautilus GmbH, 05.03.2018
ISBN 9783960540649
Genre: Romane

Rezension:

Radikal. Abstrus. Surreal. Verfremdet. Direkt. Brutal. Schmerzhaft. Eindringlich. Artifiziell. Lyrisch. Verstörend. Beeindruckend. Nachhallend. Irritierend. Anders. – So lässt sich der Debütroman Peach von Emma Glass vielleicht noch am besten zusammenfassen. Ein Roman, der in seiner Gesamtheit unglaublich schwer zu fassen ist und dabei doch eine einfache Geschichte erzählt. Peach handelt – obwohl das Wort im Text kein einziges Mal explizit verwendet wird – von einer Vergewaltigung: Die gleichnamige Protagonistin des Romans wird Opfer eines sexuellen Überfalls; wie so viele anderen schweigt sie darüber, igelt sich ein, flickt sich selber zusammen – wortwörtlich und im übertragenen Sinne – und versucht, in den Alltag zurückzufinden. Doch die Erinnerungen, der Ekel, die Angst sind zu mächtig, als dass man sie einfach verdrängen kann…

Ich möchte reden, Ihm Sachen sagen. Alles sagen. Mit ihm reden. Erzählen, was passiert ist, gestern Abend auf dem Heimweg. Ich möchte diese Sachen sagen, aber ich finde nicht die richtige Reihenfolge. Für die Wörter. Sätze hetzen ziellos im Hirn. Streuen sinnlos Wörter. Zerstreut. Semantische Wildsaat. (S.44)

Emma Glass Roman wurde Anfang des Jahres veröffentlicht und scheint damit die passende Geschichte zur der seit Herbst 2017 schwelenden #MeToo-Kampagne zu sein. Doch Peach einfach nur als aktuellen literarischen Kommentar zu verstehen, würde zu kurz greifen: Zum einen würde dabei außer Acht gelassen werden, dass die Autorin schon viele Jahre vorher an der Story geschrieben hat; zum anderen würde die reine Kontextualisierung in der derzeitigen gesellschaftlichen Debatte verkennen, dass es sich bei Peach um eine zeitlose Erzählung über sexuelle Gewalt (die schon vor #MeToo da war und es auch nach #MeToo sein wird) handelt und – fast noch wichtiger – um unglaublich gute, eindrucksvolle und radikale Literatur.

Ich denke, dass dies der Anfang vom Ende dieser schrecklichen Zeit sein muss. Ich schlucke. Ich sage mir, Lass uns einfach so tun, als sei das alles nie geschehen. Ich will kein Opfer sein. Eines dieser Opfer. Oh, mir ist diese schlimme Sache passiert, als ich jung war. Er hat einen Teil von mir geraubt (Worte vorgetragen in so einer heiseren, gebrochenen Stimme)… ein Stück meiner Seele. Mir schaudert und ich krümme mich unter dem Klischee. (S. 68)

Denn Glass erzählt anders, als man vor der Lektüre oder beim Lesen der ersten Rezension denken würde: Peach ist eine Geschichte, die stark im Metaphorischen und Surrealen verhaftet ist. Die Protagonistin heißt nicht nur Peach, sie ist auch ein Pfirsich und die Welt, in der sie sich bewegt, ist die unsere – nur eben gepaart mit anthropomorphisierten Elementen. Sie raubt damit dem Lesen jeden sicheren Boden, nie weiß man, was einen auf den nächsten Seiten erwartet, weil man sich noch nicht einmal bewusst ist, was man auf der aktuellen Seite genau liest. Und doch funktioniert das Buch! Peach klingt im Leser nach, spricht etwas in einem an, vermittelt etwas, das man vielleicht nicht unbedingt mit Worten beschreiben, das man aber dennoch nachvollziehen und verstehen kann – auch wenn vieles unverständlich bleibt. Dies ist auch sehr der Sprache zu verdanken, die Emma Glass verwendet und die von Sabine Kray beeindruckend übersetz wurde: Alliterationen und Wortspiele, eine kurze, beinahe stakkatohafte Syntax, ein nahezu lyrisches Anordnen von Wörtern erzeugen einen Sound des Schmerzes, hämmern dem Leser die Geschichte ein, machen das Erzählte, so unfassbar es an einigen Stellen ist, tatsächlich unvergesslich.

Peach ist mutige, einzig- und andersartige Literatur. Etwas, das nicht jedermanns Fall ist und das auch bei der Lektüre nicht immer hundertprozentig bei mir ankam. Aber Peach ist eben auch ein Buch, bei dem die Frage nach Gefallen oder Nicht-Gefallen nicht passend, ja fast schon nebensächlich wird. Es zeigt auf nur knapp 120 Seiten, was Literatur kann: Unsagbares ausdrücken, Unverständliches greifbar machen, Unaushaltbares kanalisieren. Deswegen gibt es von mir, obwohl ich noch nicht einmal wirklich sagen kann, dass mir der Roman gefallen hat, volle 5 Sterne, eine eindeutige Leseempfehlung und den Ratschlag, sich diesem Buch mutig und offen zu stellen.

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Tags: angst, schmerzen, schweigen, stalker, surreal, vergewaltigung   (6)
 

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21 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 1 Rezension

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Die Welt im Rücken

Thomas Melle
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 20.02.2018
ISBN 9783499272943
Genre: Romane

Rezension:

Die Welt im Rücken ist zwar mein erstes Buch von Thomas Melle gewesen, der Autor war mir aber schon vorher ein Begriff. Las oder hörte ich seinen Namen irgendwo dachte ich an die Nominierungen seiner Bücher Sickster und 3000 Euro für den Deutschen Buchpreis und an seine Theaterstücke, die in der gesamten Bundesrepublik gespielt werden. Kurzum dachte ich schlagwortartig an: Literaturbetrieb, Autor, intellektuelles Bürgertum, Erfolg, Preise, Geld. Wie falsch ich damit in gewisser Weise lag! Sicherlich, sein schriftstellerisches Talent, seine Erfolge beim Feuilleton und beim Publikum sind nicht zu leugnen und machen ihn zum Teil des literarischen Lebens in Deutschland. Und doch wird dies alles von einem einzigen Wort überstülpt: bipolar. Thomas Melle leidet seit vielen Jahren an der manisch-depressiven Erkrankung. Und das dies mehr ist, als eine bloße Diagnose, sondern vielmehr eine lebenslange Erschütterung, die nicht nur das Leben des Betroffenen bestimmt, sondern weitergehend: dem Betroffenen jegliche Gewissheit über die eigene Identität, den eigenen Alltag, die Wirklichkeit um einen herum raubt, schildert Melle im vorliegenden Roman.

Die bipolare Störung hat sich zwischen mich und alles gestellt, was ich sein wollte. Sie hat das Leben verunmöglicht, das ich leben wollte, selbst wenn ich von diesem kaum einen Begriff hatte. (S. 298)

Thomas Melle geht bei der Schilderung seiner Krankheit weitgehend chronologisch vor. Das Buch teilt sich in die drei manisch-depressiven Episoden ein, die Melle 1999, 2006 und 2010 erlitt. Es entsteht somit eine „Geschichte des Wahns“, beginnend mit den ersten Anzeichen der Krankheit bis zum gegenwärtigen Umgang mit ihr. Melle versucht nah an die eigenen Krankheit zu gehen und vor allem die Manie, dieses Unbegreifliche, dem Leser, dem Nicht-Betroffenen halbwegs nachvollziehbar, halbwegs erlebbar zu machen. Dazwischen finden sich immer wieder Kapitel der Erläuterung, die medizinisches Fachwissen erhalten und es Melle erlauben, aus der Vogelperspektive heraus auf die eigene Erkrankung und das eigene erkrankte Ich zu blicken.

Melles Intention beim Schreiben ist dabei so simpel wie in der Literaturgeschichte bekannt: das Schreiben dient ihm als Verarbeitung der Erkrankung sowie als Rückeroberung der eigenen Geschichte – vor allem da letztere ihm vom manischen und depressiven Ich in den letzten Jahren immer wieder gestohlen wurde. Alles andere als simpel ist jedoch seine Art des Schreibens: Melle traut sich etwas und zwar nicht allein weil er ein Tabuthema zur Sprache bringt, sondern weil er sich mit einer Intensität und Schonungslosigkeit in die eigene Krankheitsgeschichte stürzt. Eindringlich, manchmal beinahe erschreckend rauschhaft erzählt er von Paranoia, Selbstmordversuchen, selbstzerstörerischen Tendenzen und den Verlusten von Freunden, Alltag und Bewusstsein. Mein Mitleid – obwohl vom Autor in keiner Weise intendiert – wuchs von Seite zu Seite, bis ich am Ende einfach nur tief erschütternd vor diesem Schicksal stand. Dass Melle nicht nur über diese Krankheit schreibt, sondern gegenwärtig mit der Überzeugung leben kann „Dann werde ich dennoch weiterleben.“ (S. 348), flößt mit der größten Respekt ein!

Wenn ich nicht wirklich versuche, meine Geschichte einzusammeln, die Stimme in eigener Sache unverstellt zu erheben, bleibe ich, auch und gerade im Leben, ein Zombie, ein Wiedergänger meiner selbst, genau wie meine Figuren. (S. 227)

Daneben wurde es für mich fast unmöglich, den Text objektiv hinsichtlich Erzählweise und Schreibstil zu beurteilen. Tatsächlich hat mir die Machart von Die Welt im Rücken nicht immer zugesagt: Melle schreibt mir manchmal zu anspruchsvoll und intellektualisierend, gerade bei der Thematik hätte ich mir einen „volksnahen“ Stil gewünscht, mit dem viele Leute erreicht und über die Krankheit aufgeklärt werden. Auch hat die Geschichte, ja eigentlich die Krankheit, etwas sehr Wiederholendes und damit auch für den Nicht-Betroffenen/den Leser Ermüdendes. Doch letztendlich bin ich zu dem Schluss gekommen: Das ist Melles Buch! Er stellt seine bekannte Stimme nicht in den Dienst aller Erkrankten, er will nicht aufklären und sensibilisieren. Er will – ganz egoistisch – die Hoheit über das eigene Selbst zurück. Die Welt im Rücken wurde so geschrieben wie es geschrieben wurde, weil das die einzige Möglichkeit für den Autor darstellt, sein Leben wiederzuerlangen. Um mich als Leser geht es hier nicht. Diese Erkenntnis – gepaart mit der restlichen Lektüreerfahrung – hat mich einfach nur ergriffen. Dafür bewundernde, staunende und ergriffene 5 Sterne!

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Tags: autobiographisch, bipolare störung, erfahrungsbericht, manisch-depressiv, psychische krankheit   (5)
 

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74 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

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Das Labyrinth der Lichter

Carlos Ruiz Zafón , Peter Schwaar
Flexibler Einband: 944 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 22.02.2018
ISBN 9783596032518
Genre: Romane

Rezension:

„Eine Geschichte hat weder Anfang noch Ende, nur Eingangstüren.“ (S. 874) – So lässt Carlos Ruiz Zafón seine Figur Julián Carax das Wesen von Büchern zusammenfassen; gleichzeitig enthüllt er so die besondere Funktionsweise seiner eigenen Romane. Denn Das Labyrinth der Lichter ist nicht einfach nur der neueste Roman des katalanischen Autors, sondern zugleich der vierte und letzte Band seiner Tetralogie, die mit Der Schatten des Windes begann und in Das Spiel des Engels und Der Gefangene des Himmels ihre Fortsetzungen fand. Jedes der Bücher kann für sich alleine stehen und enthält eine in sich abgeschlossene Geschichte. Doch der Reiz der verschiedenen Bände ergibt sich eben daraus, diese als Eingangstür in Zafóns Universum rund um den Friedhof der vergessenen Bücher und die Familie Sempere zu benutzen.

Dies gilt im besonderen Maße für Das Labyrinth der Lichter. Zwar erzählt Zafón  hier die eigenständige Geschichte um Alicia Gris, eine Geheimagentin, die nach Barcelona abgesandt wurde um das mysteriösen Verschwinden des Kulturministers Marucio Valls aufzudecken. Eben dieser Minister ist Fans der Reihe aber bereits ein Begriff und dient Zafón dazu, Daniel Sempere und seinen besten Freund Fermín (Band 1 und 3) ebenso wie den Schriftsteller David Martin (Band 2) aufs Erzähltableau zu bringen. Ohne zu viel zu verraten, kann gesagt sein, dass Zafón alle Erzählstränge, die er in diesem wie in den vorherigen Romanen ersinnt hat, zusammenführt und konsequent zu Ende erzählt. Das Labyrinth der Lichter beantwortet alle Fragen, deckt alle Geheimnisse auf und setzt einen eindeutigen Schlusspunkt hinter diesen komplexen Romanzyklus.

Daher sei allen Liebhabern von Zafóns Romanen nochmal geraten, diese letzte Reise in Zafóns magisches, düsteres, mysteriöses und teilweise grausames Barcelona noch einmal in vollen Zügen zu genießen. Glücklicherweise macht der Autor es den Lesern besonders leicht: Zafón trumpft zum Schluss noch einmal richtig auf, erzählt eine rasante, spannende, von Überraschungen, Wendungen und kleinen wichtigen Details nur so überquellende Story. Er setzt auf atmosphärische Beschreibung der katalanischen Hauptstadt, auf eine maximale Nähe zu seinen zahlreichen Figuren und auf erzählerische Dichte, die den Leser an den Seiten kleben lässt. Das Labyrinth der Lichter hat auf mich eine Sogwirkung ausgeübt, wie ich sie beim Lesen von Der Schatten des Windes gespürt habe, sodass für mich der vierte Band nicht nur den idealen Abschluss der Reihe bildet, sondern auch der Band ist, der dem ersten als einziger auf absoluter Augenhöhe begegnet!

Wer die Reihe noch nicht gelesen hat, sollte dies unbedingt noch nachholen, insbesondere wenn er Geschichte über Bücher und Bücherliebhaber mag. Wer bereits Fan ist und den vierten Band noch nicht gelesen hat, sollte seine Leseplanung über den Haufen werfen und zu diesem Buch greifen. Wer wie ich die Reihe schon mit einem lachenden und einem vor Wehmut weinendem Auge beendet hat, der sollte sich an die Worte von Julián Carax halten: „Vergiss nie, dass es uns gibt, solange sich jemand an uns erinnert.“ (S. 928) – Daniel, Bea, Fermín, David und Julián und ihre unzähligen Abenteuer existieren im Leserherz weiter!

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Tags: 1950er, barcelona, bücher, familienchronik, franco-regime, friedhof der vegessenen bücher, spanien, weibliche heldin   (8)
 
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