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11 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

heimatroman, roman, antiidylle

Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman

Petra Piuk
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 17.08.2017
ISBN 9783218010795
Genre: Romane

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

familie, familiengeheimnis, türkei, istanbul

Der Bastard von Istanbul

Elif Shafak , Juliane Gräbener-Müller
Flexibler Einband: 440 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 27.02.2015
ISBN 9783036959245
Genre: Romane

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106 Bibliotheken, 10 Leser, 1 Gruppe, 11 Rezensionen

china, uhrmacher, zeit, kaiser, verbotene stadt

Cox

Christoph Ransmayr
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 27.10.2016
ISBN 9783100829511
Genre: Romane

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473 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 12 Rezensionen

antike, drama, tragödie, klassiker, griechenland

Antigone

Sophokles , Wilhelm Kuchenmüller
Flexibler Einband: 64 Seiten
Erschienen bei Reclam, Ditzingen, 01.01.2000
ISBN 9783150006597
Genre: Klassiker

Rezension:  
Tags: antike, politik, starke frauenfigur, tragödie   (4)
 

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Histoire de la violence

Edouard Louis
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Points, 03.01.2017
ISBN 9782757864814
Genre: Sonstiges

Rezension:  
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106 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 30 Rezensionen

israel, flüchtlinge, schuld, lüge, unfall

Löwen wecken

Ayelet Gundar-Goshen , Ruth Achlama
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 01.02.2015
ISBN 9783036957142
Genre: Romane

Rezension:  
Tags: einwanderer, familie, israel, lüge, schuld, unfall   (6)
 

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24 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 15 Rezensionen

rassismus, new york, usa, 1920er jahre, jazz age

Marylin

Arthur Rundt , Primus-Heinz Kucher , Primus-Heinz Kucher
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Edition Atelier, 25.01.2017
ISBN 9783903005280
Genre: Klassiker

Rezension:

Der Roman Marylin erschien erstmalig 1928 als Fortsetzungsroman in der österreichischen „Neuen Freien Presse“. Der ursprünglich in 43 Folgen abgedruckte Text liegt nun dank dem Verlag Edition Atelier als Buchformat vor und kann somit leichter von einem breiten Publikum konsumiert werden. Und diese Chance sollte die Leserschaft nutzen! Denn der Roman von Arthur Rundt – trotz seiner Produktivität als Autor, Journalist, Dramaturg und Theaterdirektor am Anfang des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit geraten – analysiert präzise und auf den Punkt den alltäglichen Rassismus in den Vereinigten Staaten und damit ein Problem, das seit den 1920er Jahren – trotz aller Fortschritte – nicht an Relevanz verloren hat.

Erzählt wird von Philip und der titelgebenden Marylin. Ersterer verliebt sich in letztere auf der gemeinsamen Hin- und Rückfahrt zur Arbeitsstätte. Er folgt ihr, stellt ihr nach und macht ihr schließlich ganz offiziell den Hof. Marylin flüchtet zunächst vor Philips Avancen – erst von Chicago nach Cleveland und schließlich ins pulsierende New York –, gibt ihm letztlich aber doch nach. Dennoch gestaltet sich die Beziehung weiterhin nicht so leicht, wie von Philip ursprünglich erhofft: Erst will Marylin nicht heiraten, dann vermeidet sie um jeden Preis eine Schwangerschaft. Etwas steht zwischen den Eheleuten und Philip benötigt nahezu 150 Seiten – und die Geburt eines dunkelhäutigen Kindes –, um zu erfahren, was ihn stets von seiner Frau getrennt hat.

Marylin verewigt die scharfsinnigen Beobachtungen, die Rundt während seiner Reisen durch Amerika über die dortige Gesellschaft gemacht hat. Schnörkellos, pointiert und gänzlich unsentimental legt er das Leben in einer der aufstrebendsten Metropolen der damaligen Zeit dar, deren Alltag nicht nur durch Musik, Tanz und Kunst am Broadway geprägt wird, sondern eben auch durch eintönige Arbeitstage und das engstirnige, feindselige und rassistische Denken der weißen Bevölkerung. Trotz aller Nüchternheit ist Marylin daher ein atmosphärischer Roman, der einerseits durch sein weitschweifendes Erzählen das New York der 1920er Jahre vor dem Auge des Leser entstehen lässt, gleichzeitig aber durch seine Konzentration auf für diese Zeit selbstverständliche Begeben- und Einzelheiten Vorgänge ein Blick hinter die rauschende Fassade der Großstadt wirft.

Für so viel Inhalt benötigt Rundt nur wenige Seiten – in der Buchform umfasst der Text etwa 150 Seiten. Marylin ist knapp gehalten: Hier wurde kein Wort zu viel gesetzt, kein erzählerischer Umweg genommen, sich nicht in Beschreibungen verloren. Dennoch hätte es für mich fast noch komprimierter sein können, hätte das Geschehen noch verdichteter präsentiert werden dürfen, um den Leser mit voller Wucht zu treffen. Zudem überzeugen mich die Entwicklungen kurz vor Schluss (Marylins Flucht in die Südsee) nicht vollends, hier macht es sich Rundt etwas zu leicht, wo er doch vorher den Mut bewiesen hat, auch das schwer Auszuhaltende in Worte zu fassen. Nichtsdestotrotz überzeugt Marylin, das von einer längst vergangenen Welt erzählt, dessen Gedanken traurigerweise bis heute nicht völlig ausgestorben sind, in jeglicher Hinsicht. Volle Leseempfehlung!

  (66)
Tags: 1920er jahre, ehe, new york, rassismus, usa   (5)
 

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65 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 29 Rezensionen

7 todsünden, neid, sieben nächte, angst, literatur

Sieben Nächte

Simon Strauß
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 08.07.2017
ISBN 9783351050412
Genre: Romane

Rezension:

Simon Strauss‘ Buch Sieben Nächte ist eines dieser Bücher, das die Herzen sämtlicher Feuilletonisten schneller schlagen lässt: „Das Buch der nächsten Generation“ und „Der Roman der Generation der Endzwanziger“ sind sich Die Zeit und die Berliner Zeitung einig; „ein Manifest für mehr Mut, zum Pathos, für Sinnlichkeit und Begeisterung“ befindet Der Spiegel. Literaturressortchef Volker Weidermann hat es sogar auf den Buchrücken geschafft – kein Wunder, ist doch sein Fazit eines „leidenschaftliche[n], angstfreie[n], traditionstrunkene[n], zukunftsgierige[n] Kampfbuch“ zumindest was das Pathos betrifft, nicht mehr zu übertreffen.

Und diese Eindrücke kommen nicht von ungefähr, sie drängen sich einem als Leser ja selber auf, wenn man die ersten Seiten gelesen hat. Hier scheint etwas Neues, vielleicht Großes, auf jeden Fall Anderes verfasst zu werden. Ein Text, ein bisschen Roman, viel Essay, auf jeden Fall ein Manifest, ein Hybrid, der sich in keine Schublade stecken lässt. Eine Sprache zwischen politischer Agitation und reiner Lyrik über ein Thema, das die Endzwanziger tatsächlich allzu gut kennen: der Lebenslauf, die Angepasstheit, die Sinnsuche in der globalisierten, digitalisierten, vorgezeichneten Welt, die Last der Freiheit und der unzähligen Möglichkeiten. Schlussendlich die Struktur! Nichts anderes als die Sieben Todsünden zieht der Autor heran, um seinen Protagonisten zum Handeln zu bringen und den Leser durch das Geschriebene zu führen.

Ja Simon Strauss‘ Sieben Nächte zündet wie ein gigantisches Feuerwerk – doch nach den nur 138 Seiten komme ich zu dem Schluss, dass ich es mehr mit einem Strohfeuer zu tun habe, das von den Kritiken nur künstlich aufgeblasen wurde. Das beginnt beim Konzept der Todsünden, das nicht so aufgeht wie angekündigt: Schnell muss man sich davon verabschieden, dass hier wirklich das Begehen der Sünden im Vordergrund steht; vielmehr dienen sie als Impulsgeber für die Gedanken der Hauptfigur und als nette, aber zumeist blass bleibende Kapitelüberschriften. Das geht weiter mit dem Lob der Innovation und – ich zitiere es erneut – dem „zukunftsgierige[n] Kampfbuch“: Rasch erweist sich das Credo des Textes als „Früher war alles besser“. Die E-Books haben noch nicht die Bibliotheken kaputt gemacht, man konnte noch politisch inkorrekt sein, Fleisch essen war Teil des Männlichkeitskult und man durfte noch Angst um sein Leben haben, da das Zeitalter des Friedens in Europa noch nicht erreicht war. Diese Gedanken – gepaart mit einem generellen menschen-, ja beinah lebensfeindlichen Unterton – haben mir nicht nur nicht zugesagt, sondern auch weggestoßen, einen bitteren Nachgeschmack erzeugt und – im Hinblick auf die Lobeshymnen – vor allem enttäuscht. Das soll das Buch für meine Generation sein? Das unsere Utopien, unsere Zukunftspläne? „Zurück in die Zukunft“ als Antwort für die Herausforderungen von Jetzt und Morgen? Hass, Wut und Angst sollen mir als Antrieb dienen?

Und so bleibt nach der Lektüre nur hinsichtlich eines Punktes ein definitiv positiver Eindruck: Strauss‘ Sprache! So sehr mir seine Ideen missfallen haben, so sehr hat mich sein Stil begeistert. Hier kann jemand mit Worten umgehen, mit ihr spielen, tolle Bilder erzeugen, mit Klängen Musik machen. Strauss schafft Sätze, die sitzen, die einen anziehen, in denen man sich (ist ihr Inhalt nicht gerade vom obengenannten Schlag) wiederfinden kann. Sein Text ist kraftvoll, lebendig, schreit seine Botschaft hinaus und besitzt doch lyrische Zartheit. Kurzum: Hier gibt es nichts zu meckern, sondern nur zu loben, zu zitieren und zu bewundern.

Was bleibt also nun von diesem Buch, das so gefeiert wird? Natürlich liegt hier kein Text vor, der im klassischen Sinne gefallen will – im Gegenteil, ich bin mir sicher, Simon Strauss würde sich freuen, dass ich mich so an ihm reibe. Und sicherlich nehme ich aus der Lektüre auch etwas mit, weiß ich doch, wie ich nicht durchs Leben gehe, wie ich nicht auf die Welt und unsere Zukunft schaue. Doch insgesamt hat es mir an den großen Ideen, den verrückten Utopien, den „Gedanken, [den] Sätze[n], d[en] Formeln, die mich retten, wenn es nötig ist“ (S. 134), gefehlt. Und so bleibt es dabei: Anders ist nicht immer neu und neu ist nicht immer besser! 3 Sterne.

  (49)
Tags: angst, entwicklung, jugend, nacht, schreiben, sieben todsünden   (6)
 

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(18)

28 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 17 Rezensionen

heimat, deutschland, migration, integration, berlin

Heimaterde

Lucas Vogelsang
Fester Einband: 330 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 17.03.2017
ISBN 9783351036713
Genre: Sachbücher

Rezension:

„Heimat“ ist in Deutschland ein nicht unumstrittener Begriff: Wie viele auf den ersten Blick harmlos klingende Wörter hat auch „Heimat“ eine unrühmliche Geschichte, wurde er doch (bzw. wird er immer noch) von rechten Gesinnungsgruppen vereinnahmt. Nach dem Krieg versuchte man die braunen Assoziationen mit solch kitschigen und klischeehaften Bildern, wie sie Heimatfilme und Heimatromane zeichneten, zu überlagern – und errichtete um das Wort eine idyllische, ländliche, vereinfachte Welt, die nicht unbedingt etwas mit der Realität der deutschen Bürger zu tun hatte. Nun in Zeiten der Globalisierung, in der die ganze Welt ein Dorf zu werden scheint, die Menschen ihre Wurzeln überall ausschlagen und Biographien sich anhand unterschiedlicher Städte und Länder entwickeln, bekommt die Diskussion um „Heimat“ wieder Konjunktur: Was ist Heimat heute? Was bedeutet das Wort für die, deren Familien schon immer da waren, für Migranten und Flüchtlinge, für Nachfahren der Gastarbeiter-Generation? Die Antworten sind zahlreich und Lucas Vogelsang macht sich in seinem Buch Heimaterde auf den Weg, diese in ganz Deutschland aufzuspüren und in seinem Text festzuhalten.

Heimaterde gliedert sich in elf Kapitel, in der jeweils eine Stadt und die Lebensgeschichte einer Person im Vordergrund stehen. Vogelsang erzählt von russlanddeutschen AfD-Wählern im Stuttgart und weißen Breakdance tanzenden Afrikanern in Niedersachsen, von SPD-Direktkandidaten mit palästinensischen Wurzeln in Berlin und von einer Iranerin in einem Strebergarten in Castrop-Rauxel. Im Norden und Süden, im Osten und im Westen fragt er nach der Bedeutung der eigenen Wurzeln, dem Ort, an dem man lebt und dem Spannungsraum, der dazwischen entsteht. Es sind kurze Ausschnitte, die Vogelsang aneinanderreiht, und die nicht immer die Tiefe zulassen, die man sich als Leser bei manch einer Geschichte wünschen würde. Anders als nach dem Klappentext erwartet wird auch weniger von Zufallsbegegnungen erzählt, sondern Vogelsang sucht gezielt Personen auf, die der Message seines Buches dienlich sind. Daher treten in Heimaterde vermehrt „bekannte“ Persönlichkeiten auf, die ihre Biographie erzählen – und das vermutlich schon zum hundertsten Mal: Dadurch werden ihre Geschichten nicht weniger interessant, aber man merkt, dass an ihnen geschliffen wurden, mit ihnen gearbeitet wurde, dass sie dazu dienen, eine Botschaft zu vermitteln.

Nichtsdestotrotz halte ich Vogelsangs Heimaterde inhaltlich für ein gelungenes Buch: Es zeigt, wie bunt Deutschland ist, wie das Zusammenleben verschiedener Kulturen funktioniert, wie Integration gelingt. Vogelsang ist dabei jedoch nicht naiv: Heimaterde erzählt nicht nur Erfolgsgeschichten, sondern auch von Rassismus, Parallelgesellschaften und Integrationsunwillen. Dennoch ist sein Ton und seine Haltung positiv, Heimaterde ist – vor allem im Hinblick darauf, dass es mit der Flüchtlingskrise im Hintergrund geschrieben wurde – ein Beitrag zu „Wir schaffen das!“. Die politische Leitlinie ist damit klar, die anvisierte Leserschaft auch; Menschen, die diese Einstellung prinzipiell und mit Entschiedenheit ablehnen, werden mit diesem Buch daher keine Freude haben.

Bei allen anderen wird die Bewertung dieser Reportage – neben der angesprochenen fehlenden Tiefe und der doch manchmal mangelnden Vielschichtigkeit (der Fokus liegt stark auf Migranten aus dem arabischen Raum bzw. auf Migranten mit dunkler Hautfarbe) – stark davon abhängen, was sie von Vogelsangs Schreibstil halten. Dieser ist nämlich durchaus künstlich, beinahe manieriert und damit bisweilen ziemlich anstrengend: Der Autor setzt stark auf Wortspiele, viele Wörter wirken wie reingezwungen, die Syntax ist sehr markiert. Das ist sicherlich Können, muss aber nicht jedem gefallen. Ich persönlich hätte mir für die erzählten Geschichten einen lockereren Schreibstil gewünscht: Zwar schreibt Vogelsang durchaus nicht ohne Witz und Charme, das Buch liest sich aber nicht so „nah“ und schnell weg, wie es sich bei der Erzählweise weglesen könnte. Dadurch leidet immer wieder der Lesefluss und – schlimmer noch – die eigentlichen Geschichten gehen im ganzen Sprachsalat manchmal unter.

Insgesamt ist Heimaterde eine kurzweilige, dabei aber nicht banale Darstellung der aktuellen Lage in Deutschland. Damit ist es für mich durchaus ein wichtiges Buch, aus dem Vogelsang nicht alles herausholt, was man herausholen könnte. 4 Sterne.

  (65)
Tags: deutschland, flüchtlingskrise, heimat, integration, migration, politik   (6)
 

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17 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

familie, japan, instagram, obsession, social media

Sympathie

Olivia Sudjic , Anna-Christin Kramer
Fester Einband
Erschienen bei Kein & Aber, 29.03.2017
ISBN 9783036957579
Genre: Romane

Rezension:

„Die meisten Leute glauben“, sagte er, „dass sie niemanden beeinflussen, aber jeder hat einen riesigen Einfluss oder kann ihn haben, ohne es zu merken, und sei es nur auf den Verlauf eines einzigen Lebens.“ (S. 84)

Als ich 2016 das Buch Die Vegetarierin las, betitelte ich meine anschließende Rezension danach mit den Worten „So etwas habe ich noch nicht gelesen!“. Jetzt, nach der Lektüre von Olivia Sudjics Debüt, muss ich diesen Eindruck revidieren: Sympathie ist nicht weniger abgedreht, surreal und verstörend als Han Kangs preisgekrönter Roman und meine Rezension zu ihrem Werk könnte ebenso den Titel von damals tragen.

Dabei darf man mich nicht missverstehen: Inhaltlich haben wir es hier mit zwei komplett unterschiedlichen Bücher zu tun. Sudjics Sympathie erzählt von der jungen Engländerin Alice Hare und der japanischen Schriftstellerin Mizuko Himura. Erstere stößt bei Recherchen im Internet auf das Instagramprofil der Letzteren. Adoptiert, auf Sinnsuche und von japanischer Kultur wie der physikalischen Theorie der Gegenpartikel gleichermaßen fasziniert, macht Alice immer mehr vermeintlichen Parallelen zwischen ihrem und Mizukos Leben aus. Sie arrangiert ein „zufälliges“ Treffen und schleicht sich immer mehr in Mizukos Allatg, ihre Gefühle und ihre Gedanken ein. Doch die Beziehung der beiden bleibt unausgewogen und Alice erkennt zu spät, dass sie ohne Bremse einen steilen Abhang hinunterfährt…

Sie war meine erste Liebe, doch ich war nicht ihre. Sie würde von nun an nur nach einer Art Echo ihrer ersten Liebe suchen, und wenn ich die richtigen Geräusche von mir gegeben hätte, hätte ich womöglich eine Zeit lang dieses Echo sein können. (S. 308)

Das Folgen von Personen, das Uploaden gefilterter Bilder, die Organisation des Beziehungsleben via Apps spielt in Sympathie eine entscheidende Rolle: Daher wundert es nicht, dass die New Republic nach Erscheinen frenetisch jubelte „Der erste große Instagram-Roman.“ Selten hat ein Buch so detailliert die Abhängigkeit eines Menschen zu seinem Mobiltelefon und die Folgen des unbegrenzten Zugangs zum Internetprofil einer Unbekannten gezeichnet. Trotzdem würde ich den Roman nicht allein auf die Bedeutung, die das Social Web in ihm einnimmt, reduzieren wollen: Instragram und all die anderen Apps stellen zwar den Auslöser und den Katalysator der weiteren Handlung an, doch erzählt die eigentlich eine altbekannte Geschichte: Wer kann ich sein? Wo will ich hin? Und wie kann ich auf diese Fragen antworten finden, wenn ich doch gar nicht weiß, woher ich komme?

Denn Alice, die Adoptierte und Wurzellose, ist eine Suchende – und während dieser Suche stößt sie zufällig (oder nicht? – so glaubt es zumindest Alice) auf Mizuko. Sekundenschnell projiziert sie all ihre Sehnsüchte, Hoffnungen und Wünsche auf diese Person, die ihr Leben im Internet so freizügig preisgibt, und verliert sich in einer undurchschaubaren Beziehung aus Freundschaft, Liebe, Abhängigkeit und Wahnsinn. Olivia Sudjics stellt dieses Sich-Verlieren in eine Person auf unheimlich eindringliche und mysteriöse, zugleich befremdliche und verwirrende Weise dar. Unchronologisch und einem roten Faden folgend, den wohl nur sie erkennt, rekonstruiert Alices ihres und Mizukos Leben, wie beide aufeinandertrafen und sich dann wieder trennten. Über weite Strecken versteht man in diesem Buch nicht, warum sich was wie ergab, warum wer was dachte und warum wer so handelte, wie er eben handelte. Und doch – und das ist das Fantastische an diesem Roman – ersteht aus dieser Erzählweise ein faszinierendes Geschichtsknäuel voller Symbolik, das den Leser fesselt und mit der Hoffnung an sich bindet, es entwirren zu können.

Jedoch eine Warnung: Es gelingt ihm nicht. Die Lektüre von Sympathie erweist sich als reine Sisyphusarbeit und spiegelt die Beziehung zwischen Alice und Mizuko auf gekonnte Weise wider: Je mehr man als Leser versucht, dieses Buch zu durchdringen, desto mehr entzieht sich die Geschichte einem, auf jeden Schritt vor folgen zwei Schritte zurück. Das ist anstrengend, das ist frustrierend, das ist aber auch ein gekonntes Spiel mit dem Leser, das die Autorin zumindest bei mir eindeutig gewonnen hat. Sympathie ist kein Buch, das man – anders als in der dargestellten virtuellen Welt so beliebt – mit „gefällt mir“, „gefällt mir nicht“ bewerten kann, sondern ein Buch das fordert, das einen ratlos zurücklässt und einem doch während der ganzen Lektüre gebannt an der Stange hält. Es ist auf verdrehte Weise wohl eines meiner Jahreshighlights 2017 und auch wenn ich nicht sagen kann, was einem das Lesen dieses Buches „bringt“, empfehle ich es doch aufgrund seiner Andersartigkeit und Sperrigkeit ausdrücklich allen weiter, die ein Faible für spezielle Literatur haben! Dafür 5 Sterne und in Anlehnung an Facebook: Daumen hoch!

Nach wie vor bin ich mir unsicher, ob ich Mizuko manipulierte oder sie mich, es vielleicht bis heute noch tut. (S. 443)

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Tags: entwurzelung, familie, freundschaft, instagram, internet, japan, new york, obsession, social media, stalking   (10)
 

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(69)

128 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 61 Rezensionen

tod, trauer, verlust, roman, 70er jahre

Ein fauler Gott

Stephan Lohse
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 06.03.2017
ISBN 9783518425879
Genre: Romane

Rezension:

Ihre Trauer bleibt unfertig, sie formt sich nicht und findet kein Maß. Sie ist aus der Zeit gefallen, und wo keine Zeit ist, wird sie auch keine Wunde heilen. (S. 103)

Sommer 1972: Ben ist 11 Jahre – und plötzlich wieder Einzelkind. Sein kleiner Bruder Jonas stirbt unerwartet an einer mysteriösen Krankheit und lässt Ben und seine Mutter alleine zurück. Der Vater hat die Familie schon vor einer Weile verlassen und so liegt es an Ben, seine Mutter aufzuheitern, während er selbst seine eigene Trauer zu verarbeiten versucht. Gleichzeitig geht das Leben und der Alltag unaufhörlich weiter: Ben findet einen neuen Freund, küsst ein Mädchen und erlebt seine erste Kellerparty.

Stephans Loses Debütroman Ein fauler Gott startet unheimlich stark und entfaltet bereits auf den ersten Seiten ein ungemeines Potential: Einfühlsam, ehrlich, ohne Kitsch und Schwulst und mit einer hervorragenden Dosis aus traurigen Momenten und zum Schmunzeln einladenden Szenen erzählt er von einer Trauer, die alles zu verschlingen droht, dem banalen Alltag, der unbarmherzig weitergeht und den kleinen Momenten voll Freude, die sich trotz allem immer wieder ins Leben schleichen. Denn das Leben – das ist die klare Botschaft dieses Romans– hört bei aller Fassungslosigkeit und Unglauben des Trauernden nicht auf: Es geht weiter, bringt neue Erfahrungen, und auch wenn die Zeit keine Wunden heilt, so lässt sie einen doch lernen, mit ihnen zu leben.

Ein fauler Gott ist im Kern also ein wirklich wunderbares Buch und noch am Anfang glaubte ich, dass es mich wirklich mitreißen könnte. Diese Hoffnung zerschlug sich leider jedoch mit jeder Seite mehr. Das lag zum einen am Schreibstil des Autors: Die Geschichte wird sehr unmittelbar, ohne wirklichen roten Faden und mit munteren Zeit- und Handlungssprüngen erzählt. Die Orientierung im Buch selber fiel mir daher nicht immer leicht und hatte durchaus auch Auswirkungen auf meine Fähigkeit, mich in die einzelnen Szenen einzufühlen. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte einfach nicht haften blieb: Bei jedem Griff zum Buch, musste ich mich erst einmal wieder daran erinnern, über was ich zuletzt gelesen hatte und welche Rolle dieses Erzählte im Gesamtkontext spielte. Hinzu kommt, dass die Erzählweise – trotz vieler toller und wahrer Sätze über den Tod und die Trauer – doch immer auf Distanz zu den Figuren blieb: Man ist zwar nah an ihrem Leben dran, doch den direkten Zugang zu den Gefühlen findet der Leser nicht. Wie Trauer, Schmerz und Hoffnungslosigkeit das Leben dominieren, ergibt sich nur indirekt über Handlungen und Aussagen. Das hat zwar definitiv auch seinen Reiz, nimmt einen als Leser aber nicht so mit wie die direkte Konfrontation mit den Emotionen der Figuren.

Das größte Problem war für mich aber vielmehr, dass sich die Geschichte mit der Zeit eindeutig verliert. Viel zu häufig hält sich der Erzähler mit Nebensächlichkeiten auf: Kleine Szenen werden viel zu detailliert und ausladend erzählt, ohne von wirklicher Bedeutung zu sein; ganze Abschnitte weisen einen Handlungsstrang auf, die für den Fortgang der Geschichte unerheblich sind und sich mir vollkommen entzogen haben. Hinzu kommt der unerklärliche Drang des Autors, die Lebensgeschichte der Mutter rekonstruieren zu wollen, obwohl diese meiner Meinung nach unerheblich ist, um die Gegenwart angemessen zu verstehen. All diese Punkte führten leider dazu, dass die Lektüre von Seite zu Seite langweiliger und ermüdender wurde. Das Leben geht weiter, sicherlich, aber in Ein fauler Gott trottet es mehr so vor sich hin: Das mag der Realität entsprechen, in einem Roman macht das dem Leser auf über 300 Seiten jedoch wenig Freude!

Ein fauler Gott hat es leider nicht geschafft, mich während der Lektüre richtig abzuholen, sondern mich – im Gegenteil – im letzten Drittel noch komplett zu verlieren. Die Grundidee ist schön, die kindliche Perspektive ermöglicht viele tolle Szenen, aber für mich persönlich war das nicht genug. Daher nur 3 Sterne.

  (68)
Tags: 1970er, bruder, gott, hamburg, kindheit, selbstmord, tod, trauer, verlust   (9)
 

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169 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 95 Rezensionen

kamerun, usa, new york, finanzkrise, american dream

Das geträumte Land

Imbolo Mbue , Maria Hummitzsch
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462047967
Genre: Romane

Rezension:

Für Jende Jonga und seine Frau Neni ist Amerika das gelobte Land. Gemeinsam mit ihrem Sohn Liomi wollen sie sich hier durch Fleiß und Durchhaltevermögen eine glorreiche Zukunft erarbeiten, die so in ihrem Heimatland Kamerun nicht möglich ist. Zu Beginn scheint ihr Plan aufzugehen: Jende ergattert einen Job als Chauffeur für Clak Edwards, einem leitenden Manager bei Lehman Brothers; Neni nimmt Abendkurse, um die Zulassung für ein Pharmaziestudium zu erlangen, und arbeitet in den Ferien für Cindy Edwards, Clarks Ehefrau. Ihnen geht es gut und sie träumen von einem kleinen Haus, einer eigenen Apotheke und genug Geld, um den Verwandten in Kamerun ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Dass Jende jederzeit die Abschiebung droht, versuchen sie zu ignorieren. Doch dann erschüttert der Zusammenbruch von Lehman Brothers die Finanzwelt, das Leben der Edwards – und somit auch das Leben von Jende und Neni. Risse und moralische Abgründe tun sich in beiden Welten auf und schließlich kämpft jeder nur darum, seine eigene Haut zu retten…

Das geträumte Land ist der Debütroman von Autorin Imbolo Mbue und gehört in den USA zu den besten Büchern des Jahres 2016: „The one novel Donald Trump should read now“ urteilte die Washington Post in einem Artikel im letzten August und adelte ihn direkt als Buch der Stunde. Tatsächlich liefert Mbue einen aktuellen und realitätsnahen Roman. Nicht allein, weil ihre Geschichte zur Zeit der Finanzkriese spielt, deren Nachwehen die Welt bis heute noch spürt, sondern weil ihr Roman auf deutliche Weise die Kluft zwischen Arm und Reich (und damit auch zwischen  Schwarz und Weiß) herausarbeitet, das amerikanische Einwanderungssystem beleuchtet und die Frage aufwirft, ob der American Dream im 21. Jahrhundert überhaupt noch „traumbar“ ist.

Das Buch trifft also definitiv den Zeitgeist – doch das allein macht noch keinen großen Roman. Mbue ist eine solide Erzählerin, die es versteht, eine kurzweilige, leicht zu lesenden und gefällige Geschichte zu schreiben, doch darüber hinaus bleibt Das geträumte Land hintern meinen persönlichen Erwartungen zurück. Das Buch erzählt eine altbekannte Story, die Wahrheiten, die es ausspricht, vermögen nicht mehr zu erschüttern und letztlich hat es (auch auf stilistischer Ebene) nichts Überraschendes und Neues zu bieten. Von einem „großen Wurf“ erwarte ich jedoch eindeutig mehr! Er soll mir Fragen aufdrängen, auf die ich selber noch nicht gestoßen bin, er soll mich berühren, mitnehmen und herausfordern – das alles hat Das geträumte Land leider nicht getan.

Das liegt meiner Meinung nach vor allem an der Figurenzeichnung. Über das ganze Buch blieben mir Jende und Neni leider viel zu blass und wirkten mehr wie Platzhalter, die exemplarisch für das Schicksal vieler stehen, als wie eigenständige literarische Figuren. Die Edwards blieben mir in ihrer Darstellung viel zu klischeehaft (er der Worcaholic, der seine Frau betrügt, und schließlich die Wandlung vom Saulus zum Paulus erlebt; sie die unglückliche reiche Ehefrau, die sich in Drogen und Alkohol flüchtet), obwohl die Idee, diese zwei absolut gegensätzlichen Welten aufeinandertreffen zu lassen, prinzipiell sehr reizvoll ist und dem Roman immer wieder gute Szenen beschert. Generell ist in Das geträumte Land Vieles vielversprechend, wird von der Autorin aber nicht mutig genug weitergeführt: Gerade in den zwischenmenschlichen Begegnungen – nicht nur zwischen den Edwards und den Jongas, sondern auch zwischen Neni und Jende und zwischen den verschiedenen Ethnien in New York – liegt ein ungemeines Potential, hier zeigt Mbue einen guten Blick und scheut sich nicht davor, alle ihre Figuren der Ungnade des Lesers auszusetzen. Noch ein bisschen mehr Courage hätte spannende Dynamiken und eine interessante Leser-Figuren-Beziehung erzeugt; so bleibt man aber auf die Rolle des stillen Beobachters zurückgeworfen, der mitliest, aber nicht mitfühlt und der bis zum Schluss keinen wirklichen Zugang zu den Handelnden erlangt.

Das geträumte Land ist sicherlich in dem Sinne ein gutes Debüt, weil es den Finger an die amerikanische Wunde legt. Für ihren nächsten Roman wünsche ich Mbue aber den Mut, soweit zu gehen, dass es auch wirklich schmerzt und den Leser nicht mehr loslässt. Vorerst bleibe ich daher mit einem Erstling zurück, der im Kern eine gute Idee bereithält, sich aber in einer schleppenden Erzählweise und einer durchschnittlichen Figurenzeichnung auf über 400 Seiten immer mehr verliert. 3 Sterne und eine Leseempfehlung nur für die, die in der Diskussion um den Roman mitmischen wollen.

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Tags: american dream, amerika, arm und reich, einwanderung, finanzkrise, kamerun, lehman brothers, new york, schwarz und weiß in amerika   (9)
 

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krieg, mythos, maeve, rache, irland

Die Stierin

Andrea Stift-Laube
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 08.02.2017
ISBN 9783218010689
Genre: Romane

Rezension:

Es sind zwei Geschichten und doch nur eine, die Andrea Stift-Laube in ihrem Roman Die Stierin erzählt. Da ist Maeve, die in einem kleinen Käseladen arbeitet, in ihren freien Minuten ein Streitheer und zwei Stiere schnitzt und mit ihrem Mann Alli eine unheilvolle, durch Gewalt und Machtmissbrauch bestimmte Beziehung führt. Und da ist Maeve, eine kriegerische Halbgöttin, die von einem fremden König vergewaltigt wird und aus Rache die ganze Erde mit einem grausamen Krieg überzieht. Ein Chor aus beiden Welten kommentiert das Geschehen und führt letztlich zusammen, was zusammengehört.

Was die Legende ausspart: die Demütigung, die Vergewaltigung, die Kraft, sich daraus zu erheben. Ich habe einen Bruchteil der Wahrheit gesehen und versuche, daraus zu lernen. Was bleibt, ist mein ganzes Leben. Was bleibt, ist jeder Tag, der noch kommt. (S. 168)

Beide Geschichten – Gegenwart und altirischer Mythos, fiktive Geschichte und nicht minder fiktive Sage – verweben, überlagern und ergänzen sich in dieser außergewöhnlichen und anspruchsvollen Erzählung, die nur knappe 170 Seiten benötigt, um wichtige und immer noch aktuelle Fragen aufzuwerfen: Wie geraten (zumeist) Frauen in Beziehungen, die von Misshandlung und Demütigung geprägt sind? Wie geht die Gesellschaft mit Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch um? Welche archaischen Bilder prägen das Geschlechterverhältnis bis heute und ermöglichen Beziehungen wie Maeves? Die Stierin ist dabei keine historische Abhandlung, kein Plädoyer, keine feministische Kampfschrift. Es ist eine Geschichte, die versucht Mechanismen aufzudecken, Motivationen zu verstehen, Vorstellungen aufzuzeigen und dadurch zu hinterfragen.

Dies alles geschieht in einer klaren, nüchternen, schnörkellosen Sprache, die dennoch (oder gerade deswegen) die unterschwellige Brutalität der Geschichte hervorragend vermittelt und eine leichte und zügige Lektüre ermöglicht. Trotzdem würde ich das Buch nicht als „leicht zu lesen“ bezeichnen. Es ist hoch symbolisch, beinhaltet immer wieder Anspielungen auf die keltische Mythologie, kommt dem Leser nahe, nur um sich dann doch wieder zu entziehen. Lange habe ich gerätselt, wie dieses Buch zu lesen ist, habe mich in Interpretationen und Deutungen bemüht und versucht einen Zugang zu finden. Doch so funktioniert die Geschichte nicht: Sicher, die Symbolik ist vorhanden und ihre Interpretation läuft sicherlich nicht ins Leere – doch ist man damit nicht am Ende angelangt. Die Stierin eröffnet meiner Meinung nach verschiedene Ebenen, bietet verschiedene Lesarten, die berechtigt nebeneinander stehen und alle die oben skizzierte Thematik behandeln. Will man diesem Roman gerecht werden, so muss man sich als Leser in gewisser Weise zurücknehmen, das Gelesene auf sich wirken lassen und darauf vertrauen, das sich alles fügt. Denn dass diese Geschichte von der Autorin kunstvoll komponiert ist, alles mit allem verbunden ist und ein rundes Ganzes ergibt, spürt man – trotz aller Unsicherheiten und Verständnisprobleme während der Lektüre – von Beginn an. Und tatsächlich sieht man am Ende: Es ist Maeves Geschichte und sie musste so erzählt werden.

Meine Rezension klingt in gewisser Weise kryptischer als das eigentliche Buch und wird trotz all meiner Bemühungen dem Roman auch nicht wirklich gerecht. Die Stierin ist daher wieder so ein Buch, das jeder selber lesen und „erfahren“ muss, auch wenn das Buch sicherlich nicht etwas für jeden ist. Man muss sich auf das Erzählte einlassen, es aufnehmen, es überdenken und doch zum Schluss vieles für sich stehen lassen. Wer das kann, wird mit einer besonderen und andersartigen Lektüre belohnt!

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Tags: archaisch, gewalt, krieg, mythos, rache, tod, vergewaltigung   (7)
 

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erinnerung, 2. weltkrieg, remember the past, poland, war

Unscharfe Bilder

Ulla Hahn
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei dtv, 01.05.2005
ISBN 9783423133203
Genre: Romane

Rezension:  
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84 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 49 Rezensionen

liebe, hochzeit, frankreich, film, kamera

Die Liebeserklärung

Jean-Philippe Blondel , Anne Braun
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 30.01.2017
ISBN 9783552063334
Genre: Romane

Rezension:

Vielleicht hätte ich beim kitschigen Titel und der auf dem Klappentext angepriesenen Story schon skeptisch werden sollen. Schließlich erzählt Jean-Philippe Blondel in seinem neuesten Buch Die Liebeserklärung von einem Sommer voller Hochzeiten – eine Story, die schnell seicht werden kann. Aber Genaueres: Der 27-jährige Protagonist Corentin, ohne wirklichen Plan für sein Leben, jobbt „übergangsweise“ seit mehreren Jahren bei seinem Patenonkel Yvan als Hochzeitfilmer. Gemeinsam halten sie die schönsten, berührendsten oder auch witzigsten Episoden einer Hochzeit fest. Als Corentin bei einer Hochzeit die Liebeserklärung von Aline Dulong an ihren Ehemann festhalten soll, bekommt er eine Idee, wie er aus seinem Alltagstrott ausbrechen kann: Er wird ein Filmprojekt starten, bei dem Freunde und Verwandte vor der Kamera ihre Gedanken und Sehnsüchte offenbaren sollen…

Ich habe von Blondel bereits 6 Uhr 41 und This is not a love song gelesen. In beiden Büchern besticht er mit einer unaufgeregten, aber treffenden Sprache und einem hervorragenden Blick für zwischenmenschliche Beziehungen. Er schafft es alltägliche soziale Dynamiken punktgenau zu beschreiben, was für mich persönlich immer den größten Reiz seiner Romane ausgemacht. Die Liebeserklärung ist was diese Punkte angeht eine absolute Katastrophe: Die Figuren sind blass und oberflächlich, Beschreibungen – sei es von Orten, Menschen oder zwischenmenschlichen Verhältnissen – sind klischee- und platitüdenhaft (grausamer Höhepunkt: "Alles vermischte sich - sexuelle Orientierungen ebenso wie Alter und Ethnien - zu einem gesellschaftlichen Feuerwerk." (S. 78)). Auch jenseits von Stil und Sprache kann der Roman nicht überzeugen: Die Handlung ist wuselig und unzusammenhängend, Hochzeiten werden aneinandergereiht und durch die Aufnahmen des Filmprojekts unterbrochen. Diese warten mit bedeutungsschwangeren Pseudo-Botschaften auf und füge sich nur ungenügend in den Gesamtzusammenhang ein. Einzelne Entwicklungen und Ereignisse werden schlecht motiviert und erscheinen einfach nicht glaubwürdig – allen voran das unfassbar kitschige Ende.

Die Liebeshandlung ist schlecht und diese Rezension kann durchaus als Verriss betrachtet werden. Warum ich dann doch nicht den Mut habe, nur 1 Sternen zu geben? Berechtigte Frage und ich gestehe, der zweite Stern beruht größtenteils auf Sympathiepunkten, die der Autor dank seiner vorherigen Romane bei mir gesammelt hat. Zudem liest sich das Buch wirklich flüssig und zügig, der Text war gut lektoriert und ich kann zumindest zwei Stellen nennen, an denen ich geschmunzelt habe. Prinzipiell heiße ich auch die Idee mit den Filmaufnahmen für gut – nur leider wurde sie, wie alles in diesem Buch, unzureichend umgesetzt.

Ich kann daher von Die Liebeshandlung nur abraten, lege aber dafür jedem Leser die oben genannten Bücher ans Herz: Hier zeigt Blondel sein schriftstellerisches Talent und dass Leichtes nicht zwanghaft Seichtes sein muss. Von diesem Buch muss ich mich jetzt erst einmal erholen – und Monsieur Blondel in seinem nächsten Buch wieder richtig liefern, um mich als Leserin halten zu können!

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Tags: filmprojekt, frankreich, hochzeiten, liebe, liebeserklärung, sommer   (6)
 

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schauspielschule, münchen, witzig, familie, autobiographisch

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Joachim Meyerhoff
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 09.03.2017
ISBN 9783462050349
Genre: Romane

Rezension:  
Tags: autobiographisch, familie, großeltern, münchen, schauspielschule   (5)
 

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verlust, basketball, amerika, schüler 1 jahr wyoming, austauschsjahr

Alle Toten fliegen hoch - Amerika

Joachim Meyerhoff
E-Buch Text: 320 Seiten
Erschienen bei eBook by Kiepenheuer&Witsch, 23.02.2011
ISBN 9783462302257
Genre: Sonstiges

Rezension:

Die lebensgeschichtlichen Hintergründe eines Autors können vielfach interessant und aufschlussreich für sein Werk sein. Das gilt auch für Joachim Meyerhoff: Nicht nur, weil er in seinem Debütroman Alle Toten fliegen hoch – wie auch in den Folgebänden – seine eigene Lebensgeschichte zur Handlung macht und seine Bücher damit eindeutig autobiografisch geprägt sind. Sondern vor allem weil Meyerhoff von Haus aus Theaterschauspieler ist und auch Alle Toten fliegen hoch ursprünglich als Erzählprogramm vor Publikum konzipiert wurde.

Dies sollte man im Hinterkopf haben – oder eigentlich auch nicht: Denn der mündliche Charakter der Geschichte (wenn auch wohl inszeniert) sticht von der ersten Seite der Lektüre eindeutig hervor. Meyerhoff hat eine Lust am Erzählen und demonstriert das an den vielen kleinen Episoden, aus denen sein Roman beim genauen Hinsehen zusammengesetzt ist: Diese Abschnitte bewegen sich zwar in einem gesetzten Rahmen, folgen aber nicht immer einem roten Faden, sondern ergeben sich aus der Assoziation und dem Erinnern. Denn Meyerhoff blickt in seinem Debüt weit zurück, in seine Jugend, als er mit 17 Jahren für einen Schüleraustausch nach Amerika ging: Geträumt hatte er von New York oder Los Angeles, doch stattdessen landet er in Wyoming, in der Ödnis, bei tiefgläubigen Gasteltern und einem verschrobenen Gastbruder. Doch was auf den ersten Blick abschreckend zu lesen ist, entpuppt sich schnell als Glücksgriff: Seine Gasteltern sind liebevoll zu ihm, er wird ins Basketballteam gewählt, findet eine amerikanische Freundin, führt eine Gefägnisbrieffreundschaft und erweist sich als begnadeter Pferdeflüsterer. In diese amerikanische Westernidylle bricht jedoch urplötzlich der Tod – und so wird das Jahr in Amerika nicht nur ein Jahr der Selbstfindung und der Selbständigkeit, sondern auch des Erwachsenwerdens und der Trauerverarbeitung…

Alle Toten fliegen hoch besticht vor allem durch eins: Meyerhoffs unglaubliches Erzähltalent. Amüsant und kurzweilig führt er durch die Szenen seines Lebens und beweist einen hervorragenden Blick fürs Detail und für das Abstruse. Seinen Roman zu lesen, macht Spaß, unterhält, stimmt einen ob des Themas aber auch melancholisch. Meyerhoff schafft es leichtfüßig, die Atmosphäre des Lebens mit 17 einzufangen, ja heraufzubeschwören und jeden Leser an die eigenen einstigen und beinah vergessenen Träume nach Freiheit, Abenteuer und Erwachsensein zu erinnern. Alle Toten fliegen hoch ist eine rundum schöne Lektüre, zum Genießen, zum Endschleunigen, jedoch ohne viel Spannung oder – wie ich finde – großen, nennenswerten Gedanken. Das ist nicht unbedingt negativ, denn Meyerhoffs Erzählkunst trägt über einen Großteil der Seiten – jedoch nicht über die vollen 320 Seiten. Hin und wieder kommt die Geschichte sehr ins Plätschern, folgt Anekdote auf Anekdote um der Anekdoten Willen, verliert sich Meyerhoff zu sehr in seiner episodenhaften Darstellung. In den Folgebänden, die schon bei mir bereitliegen und auf die ich mich schon freue, erwarte ich diesbezüglich eine eindeutige Steigerung: Bleibende Fabulierlust bei konzentrierter Darstellung ohne unnötig viele Längen und Hänger! Auch die Thematik der Trauerverarbeitung (die in Rezensionen – sei es hier oder im Feuilleton – häufig besonders positiv hervorgehoben wurde) wünsche ich mir, wenn sie wieder Gegenstand der Handlung wird, pointierter: Verdrängung ist nämlich nur ein Schritt der Verarbeitung.

Nichtsdestotrotz ist Alle Toten fliegen hoch der gelungene Auftakt einer Reihe, die Lesespaß und beste Unterhaltung auf literarischem Niveau verspricht. Dafür 4 Sterne!

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Tags: amerika, austauschsjahr, autobiographisch, basketball, bruder, episoden, jugend, tod, verlust, wyoming   (10)
 

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deutschland, ddr, sowjetunion, vertreibung, wende

Machandel

Regina Scheer
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Penguin, 12.12.2016
ISBN 9783328100249
Genre: Romane

Rezension:

DDR, 1985: An einem Sommertag begleitet Clara ihren älteren Bruder Jan in das kleine mecklenburgische Dorf Machandel. Jan ist gekommen, um sich von dem Ort, an dem er aufgewachsen ist, zu verabschieden: Als verurteilter Staatsfeind, der im sozialistischen Staat keine Zukunft mehr für sich sieht, nimmt er die Möglichkeit der Ausreise wahr und begibt sich auf die andere Seite der Grenze. Während Jan geht, findet Clara in Machandel einem Ort zum Bleiben: Gemeinsam mit ihrem Mann Michael renoviert sie einen alten Katen und genießt hier mit ihrer Familie Momente der Ruhe und des Innehaltens – fernab vom politischen Berlin und der Aufregung der Bürgerbewegungen. Doch schnell erkennt Clara, dass die Stille in Machandel nicht frei von dem giftigen Schweigen ist, das sie nur allzu gut aus ihrer Familie und ihrem Freundeskreis kennt. Denn auch das idyllische Dorf hat in den letzten Jahrzehnten mit Verrat, Leid und geplatzten Träumen zu kämpfen gehabt und die dunklen Schatten der Vergangenheit ragen tiefer in Claras Leben hinein, als sie zu Beginn vermuten kann…

Es ist nicht weniger als die deutsche Zeitgeschichte seit den 1930er Jahren auf ostdeutschem Boden, die Regina Scheer in ihrem ambitionierten Debütroman Machandel zum Thema macht. Rund um das gleichnamige fiktive Dorf in der tiefsten Provinz Mecklenburgs gruppiert sie die Schicksale von KZ-Häftlingen und Ostarbeitern, von überzeugten Kommunisten und egoistischen Opportunisten, von Flüchtlingen aus der alten Heimat und Rotarmisten, von Bürgerrechtlern und Träumern einer anderen DDR, von einfachen Dorfbewohner, die von der Bodenreform profitierten und nach der Wende ihre Landstriche veröden sahen. Dies tut sie, indem sie neben Hauptfigur Clara, die die einzelnen Erzählstränge rückblickend zusammenführt, verschiedene Figuren aus den oben aufgezählten Gruppe zu Wort kommen lässt: die Weißrussin Natalja, Claras Vater Hans, den Oppositionellen Herbert und die Städterin Emma. Sie alle haben ihre ganz eigene Verbindung zu Machandel und zur DDR; das Nebeneinanderstellen ihrer Schicksale verdeutlicht nicht nur den Alltag im einstigen ostdeutschen Staat, sondern bezeugt auch die verschiedenen Träume und Hoffnungen, die am Anfang und am Ende der „Deutschen Demokratischen Republik“ standen.

Diese Zusammenfassung lässt an ein unheimlich dichtes und faktenreiches Buch denken – und als solches kann Machandel auch definitiv bezeichnet werden. Unzählige Namen und Orte, Ereignisse und Begebenheiten werden erwähnt und angedeutet – manchmal in einer ungemein anstrengenden Fülle – und machen eigene Recherchen während der Lektüre unabdingbar. Ganze Epochen werden manchmal auf wenigen Seiten skizziert und nacherzählt und lassen beim Leser das Gefühl zurück, sich auf einem wilden Ritt durch die deutsche Geschichte zu befinden. Tatsächlich will Scheer hier manchmal einfach zu viel: alles berichten, keinen vergessen, jeglichen Zusammenhang aufdecken, kein Schicksal unbeachtet lassen. Vor allem zu Beginn fällt es als Leser schwer hinter den historischen Fakten die eigentliche Geschichte zu finden und die Distanz zu den Figuren über die Daten hinweg zu überwinden. Doch die anfänglichen Mühen und das Durchbeißen durch die verschiedenen Informationen wird schnell belohnt, denn Machandel ist nicht nur ein ungemein lehrreiches Buch, sondern auch ein sehr atmosphärischer, berührender und spannender Roman. Man wird eingezogen in dieses einsame Dorf, in seine Geschichte und die seiner Bewohner, in die Natur, die es umgibt und die Legenden, die mit ihm verbunden sind. Nach 470 Seiten weiß man dann, dass man einen tollen historischen Schmöker in der Hand hatte, der hier und da zwar nicht frei von Schwächen ist, der einem insgesamt aber viele tolle Lesestunden bereitet. 4,5 Sterne!

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Tags: ddr, deutschland, flucht, machandelboom, märchen, mecklenburg-vorpommern, nationalsozialismus, ostarbeiter, schweigen, sowjetunion, sozialismus, vergangenheit, wende, zeitgeschichte   (14)
 

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21 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

berlin, familie, wien, österreich, frau

Quasikristalle

Eva Menasse
Flexibler Einband: 576 Seiten
Erschienen bei btb, 14.11.2016
ISBN 9783442714513
Genre: Romane

Rezension:

Und man denkt, man sei vorher blind gewesen, anstatt zu akzeptieren, dass jedes einzelne Bild nur ein Mosaikstück ist. (S. 364)

Das Leben einer Frau. Als Mutter und als Tochter. Als Gattin und Geliebte. Als Freundin und als Feindin. Als Chefin, die das eigene Leben dominiert, und als flüchtige Bekannte, die das eigene Leben nur nebensächlich streift. Und am Ende die Frage: Wer war diese Frau? Was hat sie gefühlt, gedacht, geliebt, gehasst, gewünscht oder am Ende sogar bereut?

Es sind diese Fragen, denen Eva Menasse in ihrem Roman Quasikristalle nachgeht. In insgesamt 13 Kapiteln versucht sie die Identität einer Frau, der Wienerin Xane Molin, zu fassen. Sie forscht den Bildern nach, die anderen (und auch sie selbst) sich von ihr machten und die letztendlich zusammengesetzt ein großes Ganzes ergeben. Ein Ganzes, das zwar hier und da Brüche aufweist, auch Widersprüche und Reibungen, das nichtsdestotrotz jedoch die Summe dessen ist, was Xane in die Welt hinausstrahlte und in die Welt hinausgab.

Es ist eindeutig diese Struktur des Romans die den Reiz und das Besondere von Quasikristalle ausmachen. Auf den ersten Blick scheinen 13 kurze und für sich selbst stehende Geschichten erzählt zu werden. Doch diese Geschichten stehen über die Figur Xane in enger Beziehung zueinander, schreiben sich während der Dauer der Lektüre selber fort und erhellen sich so gegenseitig. Nicht immer steht Xane so im Mittelpunkt, wie man nach dem Lesen des Klappentextes vermutet: Häufig wird von etwas ganz anderem erzählt, andere Leben ausgebreitet, andere Persönlichkeiten analysiert. Quasikristalle wird damit zu einem Kaleidoskop verschiedener Lebensentwürfe und bleibt gleichzeitig doch ein runder Roman, der eine Figur in seine Mitte stellt und sich von dieser den Takt vorgeben lässt.

Neben der erzählformalen Gestaltung überzeugt Eva Menasse mit einem scharfen Blick auf Menschen und ihre Beziehungen. Quasikristalle ist ein intelligentes und vielschichtiges Buch, das sich dennoch leicht und unterhaltsam liest. Gekonnt verbindet die Autorin humoristische Szenen mit großen, ernsthaften Themen, erzeugt eine einnehmende Atmosphäre und schafft es, den Leser in das Buch hineinzuziehen, auch wenn dieser sich in jedem Kapitel aufs Neue sortieren musst. Quasikristalle ist mit seiner schlichten und unaufgeregten Brillanz für mich daher ein überaus gekonntes Beispiel für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur und sicherlich ein Jahreshighlight 2017. 5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung!

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Tags: berlin, familie, frau, holocaust, identität, judentum, lebensgeschichte, österreich, verschiedene perspektiven, wien   (10)
 

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

selbstmord, innerer monolog, portugal, familie, lissabon

Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben

António Lobo Antunes ,
Fester Einband: 576 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 02.11.2015
ISBN 9783630874241
Genre: Romane

Rezension:

ich bin gekommen, um mich von diesem Haus zu verabschieden oder mich von meinem ältesten Bruder zu verabschieden oder mich von mir zu verabschieden (S. 39)

August 2011: Eine Frau Anfang 50 kehrt für ein Wochenende in das ehemalige Ferienhaus ihrer Eltern zurück. Das Haus ist bereits verkauft und soll in den nächsten Tagen den neuen Besitzern übergeben werden. Die Frau möchte Abschied nehmen – nicht nur vom Haus und der Umgebung, sondern auch von ihren Erinnerungen. In den drei Tagen stellt sie sich all den schmerzlichen Ereignissen ihres Lebens: der frühe Selbstmord des älteren Bruders, der Alkoholismus des Vaters, die Gefühlskälte in der Familie, der Verlust ihres ungeborenen Kindes, der Brustkrebs, die gescheiterte Ehe mit ihrem Mann. Unerbittlich schwört sie alte Bilder und Gefühle herauf, fügt sich alte Schmerzen noch einmal zu und zieht ein nüchternes Fazit über ihr Dasein. Am Ende, das weiß sie schon zu Beginn, wird sie nicht nach Lissabon zurückkehren, sondern sich von den Klippen in den Tod stürzen…

wenn es mir einfiele, mich mitzuteilen, in wie viele Stimmen würde meine Stimme sich aufteilen (S. 13)

Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben ist das erste Buch, das ich vom portugiesischen Schriftsteller António Lobo Antunes gelesen habe. Der Autor selber hat bereits über 20 Romane veröffentlicht, unzählige Preise gewonnen und wird von Kritikern zu den wichtigsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur gezählt. Lobo Antunes schreibt – so haben es meine Recherchen gegeben – über die Geschichte und Gegenwart Portugals, über Faschismus, Kolonialkrieg und die portugiesische Gesellschaft. Seine Werke bestechen durch einen polyphonen Schreibstil und die Technik des Bewusstseinsstroms (stream of consciousness).

Diese Merkmale finden sich auch in Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben wieder: Präsentiert wird dem Leser in den einzelnen Kapitel ein ungebrochener Gedankenstrom (das heißt auch: ein weitgehend nicht interpunktierter Gedankenstrom), in dem viele Stimmen zu Wort kommen, die sich vor allem zu Beginn nicht immer zuordnen lassen. Sie alle – das wird nach einer gewissen Eingewöhnungszeit deutlich – kreisen um die gleichen Themen, ziehen im Verlauf der Geschichte immer engere Bahnen und verdichten sich dabei peu à peu zu einem großen Ganzen. Das klingt nicht nur anspruchsvoll, das liest sich auch so und über vielen Strecken ist diese Art des Erzählens auch einfach unfassbar anstrengend. Doch mit der Zeit liest man sich ein, findet seinen Rhythmus, in dem man den Flut der Bilder aufnehmen und verarbeiten kann, erarbeitet sich eine Chronologie, die der eigentlichen Geschichte komplett abgeht und kann sich schließlich – und das überrascht dann doch! – in der Geschichte verlieren. Ab diesem Moment erkennt man die Schönheit und die Ausdrucksstärke von Lobo Antunes‘ Sätzen, kann man die raue und schmerzvolle Atmosphäre genießen, die er heraufbeschwört und findet immer wieder Andeutungen zwischen den Zeilen, die das Gelesene rückblickend erklären und es somit auch verständlich machen.

Mir hat Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben insgesamt daher ausgesprochen gut gefallen. Ich war erstaunt, was für ein Sog diese doch sperrig erzählte Geschichte entwickeln kann und wie mich das Schicksal der namenlosen Frau, die dem Leser gegenüber doch immer distanziert bleibt, emotional berührt. Ich habe am Ende der Lektüre das Gefühl gehabt, „richtig gute Literatur“ gelesen zu haben, auch wenn – oder gerade weil – der erzählerische Anspruch verlangt, dass man sich dieses Gefühl hart erarbeitet. Einen Stern ziehe ich jedoch ab, weil ich bezweifle, dass wirklich 575 Seiten notwendig waren, um das Bild, das der Autor vermitteln wollte, zusammenzusetzen. Gerade im letzten der drei Erzählteile franst die Geschichte für mich doch zu sehr aus, werden Stimmen hörbar, die ich nicht den Kontext einarbeiten konnte. Auch fehlt es für diese Seitenzahl einfach an Spannung, schließlich ist das Schicksal der Protagonistin schon von Beginn an besiegelt und auch die Familiengeschichte wartet ohne größere Überraschungen auf. Nichtsdestotrotz hat mich die Lektüre begeistert und ich werde in Zukunft sicherlich weitere Bücher des Autors lesen!

und eine Geschichte voller Nebenflüsse und Verzweigungen, in der wir uns verloren (S. 35)

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Tags: brüder, familie, innerer monolog, kindheit, lissabon, portugal, selbstmord, vergangenheit   (8)
 

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rassismus, korruption, südafrika, porträt, studentenunruhen

Keine Zeit wie diese

Nadine Gordimer , Barbara Schaden
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag Taschenbuch, 12.11.2013
ISBN 9783833309243
Genre: Romane

Rezension:

Sie war schwarz, er weiß. Das war alles, was zählte. Alles, was damals Identität ausmachte. Simpel wie die schwarzen Buchstaben auf diesem weißen Papier. (S. 10)

Jabu und Steve haben sich im Untergrund beim gemeinsamen Kampf gegen das Apartheid-Regime kennengelernt. Sie ist eine Schwarze aus dem Volk der Zulus, er ein Weißer jüdischer Abstammung. Beide sind Südafrikaner, doch ihre Beziehung und ein Leben miteinander wird vom Staat verboten. Dann kommt das Jahr 1994 und verändert das politische Leben im Land grundlegend – und damit auch Jabus und Steves Privatleben. Endlich können sie als Ehepaar offen ihre Beziehung leben, in einem Vorort die gemeinsamen Kinder großziehen und sich auch beruflich verwirklichen: Er wird Dozent an der Universität, sie Rechtsanwältin. Der Freiheitskampf hat seine Früchte getragen, doch die ehemaligen Genossen müssen schnell einsehen, dass alte Strukturen nur schwer zu zerschlagen sind: Die Ungleichheit zwischen Schwarz und Weiß bleibt weiterhin bestehen, die neue schwarze Elite ist genauso korrupt wie die alte Weiße und das Land zerfällt – wenn nicht mehr in schwarz und weiß – immer mehr in arm und reich. Jabu und Steve stehen vor einer Gegenwart, für die sie immer gekämpft haben und die sich doch anders entwickelt, als gehofft. Und beide müssen sich die Frage stellen, ob dieses neue Südafrika noch ihre Heimat sein kann…

Nadine Gordimer gehörte zu den bekanntesten Schriftstellerinnen Südafrikas und bekam für ihr literarisches Werk 1991 den Literaturnobelpreis. Ihre Romane, Erzählungen und Essays setzten sich intensiv mit der südafrikanischen Apartheidpolitik und deren Folgen bis in die Gegenwart auseinander, auch wenn Gordimer von sich selbst behauptete, keine politische Schriftstellerin zu sein. Keine Zeit wie diese ist ihr letzter Roman vor ihrem Tod im Jahre 2014 und behandelt auf über 500 Seiten das neue Südafrika – von den ersten freien Wahlen über die politischen Machtkämpfe in der ehrwürdigen ANC bis hin zur Gegenwart unter Präsident Zulu kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2010.

Trotz des Labels „Roman“ auf dem Cover ist Keine Zeit wie diese für mich mehr eine literarische Studie, ein Porträt über das Leben in Südafrika nach 1994. Anhand von Jabu und Steve, die durch ihre Biographie aufs engste mit den politischen Verhältnissen des Landes verbunden sind und deren Beziehung gerade aufgrund ihrer Überwindung die Gräben zwischen den „Rassen“ verdeutlich, beschreibt Gordimer nicht nur die politischen, ökonomischen und sozialen Entwicklungen ihres Heimatlandes, sondern vermittelt vor allem ein Gefühl für den Alltag im und nach dem Apartheid-Regime. Neben den Rahmenbedingungen stellt sie vor allem die Frage nach der Identität in einem Land, das seinen (wenn auch menschenverachtenden) Kompass verloren hat, in den Mittelpunkt: Wer ist man, wenn die alten Etiketten nicht mehr gelten? Wie lange dauert der Kampf für die Freiheit und damit der Status als Guerilla-Kämpfer? Welche Verantwortung trägt man als weißer Südafrikaner für die weitere Entwicklung – und welche als schwarzer, zumal wenn man zu denen gehört, die es nach oben geschafft haben? Bleibt man ein Leben lang Kind seines Volkes oder darf man sich in Zeiten der Freiheit neue Bilder erschaffen? Gordimer verdeutlich, dass mit dem Ende der Unterdrückung die Verantwortung der Freiheit einhergeht – und diese oftmals neue Konflikte schafft, sei es im Privaten oder auf politischer Ebene, wo Korruption und aggressiver Kapitalismus schnell zu blühen beginnen.

Das alles ist hochinteressant und lehrreich, auch wenn eigene Recherchen während der Lektüre unabdingbar sind, um die verschiedenen Andeutungen, die Gordimer zwischen den Zeilen platziert, zu verstehen. Keine Zeit wie diese ist ein Buch, das ich diesbezüglich als wirkliche Bereicherung empfunden habe, hat es mir doch nicht nur Wissen, sondern auch ein Verständnis jenseits der bloßen Fakten vermittelt. Nichtsdestotrotz bleibt bei Gordimers Vorgehensweise einiges auf der Strecke, was für mich das Buch zu einem wirklichen Roman und zu einem hundertprozentigen Lesegenuss gemacht hätte: Insgesamt fehlt es an Spannung, Handlung und einer Nähe zu den Figuren. Keine Zeit wie diese zeigt den Ist-Zustand eines Landes auf, ohne dass es auf einer weiteren Ebene eine wirkliche Geschichte erzählen würde, die auf etwas hinausläuft. Jenseits der Skizzierung der verschiedenen Probleme und Herausforderungen gibt es wenig, was einen an das Buch fesselt, zumal die Figuren sehr ihren Kategorien als Freiheitskämpfer, Rechtswissenschaftler bzw. Dozenten, Schwarze und Weiße etc. verhaftet bleiben, ohne darüber hinaus irgendwelche Charakterzüge aufzuweisen.

Sprachlich stellt Gordimers Werk durchaus eine Herausforderung dar: Ihr Erzählstil ist eigenwillig, distanziert, wie gemalt in dem Sinne, dass einzelne Sätze wie flüchtige Pinselstriche sind und erst nach einiger Zeit ein Ganzes ergeben. Eine „raue Poetik“ schoss es mir beim Lesen der ersten Seiten durch den Kopf und ließ mich bis zum Schluss nicht los. Definitiv reizvoll, aber über lange Strecken doch auch anstrengend, ermüdend und vielleicht nicht immer dienlich.

Insgesamt bin ich sehr froh, dass ich Keine Zeit wie diese entdeckt und gelesen habe und stehe auch der Lektüre weiterer Romane von Gordimer nicht ablehnend gegenüber. Dennoch kann ich einen gewissen Hänger während der Lesezeit aufgrund der oben genannten Kritikpunkte nicht leugnen: Mir hat eine Geschichte, die mich auch emotional bindet, definitiv gefehlt; als Porträt ist Keine Zeit wie diese jedoch ohne Frage hervorragend und verdient eine abschließende Leseempfehlung! 3,5 Sterne.

Lasst euch nicht durch schlechte Politik aus dem Land eures Herzens vertreiben. (S. 349)

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Tags: apartheid, armut, genossen, identität, korruption, politik, porträt, rassismus, studentenunruhen, studie, südafrika   (11)
 

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klassenfahrt, spiele, identitätssuche, verlieben, freunde

Mehr Schwarz als Lila

Lena Gorelik
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Berlin, 17.02.2017
ISBN 9783871341755
Genre: Romane

Rezension:

Diese Geschichte ist lang, und sie ist kurz, sie ist verwirrend und vertrackt, verworren ist sie auch, und manch einer würde vielleicht sagen, sie ist verrückt, aber ich nicht. (S. 18)

Alex, Paul und Ratte sind siebzehn Jahre alt und so besonders und gleichzeitig stinknormal, wie man in diesem Alter nur sein kann: Alex trägt nur Schwarz und hat einen Papagei statt einer Mutter, Paul liebt es zu schweigen und sammelt komplizierte Wörter und Ratte mit ihren wilden Rastern schmiert für alle Pausenbrote und strickt den Freuden warmen Schals. In ihrer Freizeit spielen die drei am liebsten Spiele wie „Du wirst dich doch trauen…“, „Ist mir doch egal…“ und „Stell dir mal vor…“, in denen sie ihre Macht testen und bis an die Grenzen gehen. Doch als der neue Referendar Herr Spitzinger irgendwie Teil der eingeschworenen Gemeinschaft wird, läuft die Sache aus dem Ruder: Bei einer Klassenfahrt in Polen geht Alex zu weit, Herzen brechen, Freundschaften gehen kaputt und es kommt zu einem Kuss am unpassendsten Ort der Welt – Ausschwitz-Birkenau…

Die Geschichte, die hier passiert, wer liebt hier wen, ist zu simpel, als dass sie eine Rolle für die Geschichte spielen könnte. (S. 214)

Lena Goreliks Roman Mehr Schwarz als Lila ist ein Roman über ein Thema, das wir alle gut kennen: die Pubertät. In keiner Zeit fühlen wir uns so sehr wie die Bezwinger dieser Welt und gleichzeitig wie ihre größten Verlierer, jede Verliebtheit wird zur größten Liebe seit Menschengedenken erklärt und Freundschaften halten bis in den Tod und darüber hinaus. Diese Überzeugungen teilen auch Alex und ihre Freunde: Gemeinsam warten sie auf die Zukunft, schleppen sich durch die Schule – die lästigste Nebensache der Welt – und sehnen sich nach dem Sommer, der nach Freiheit und Selbstverwirklichung schmeckt. Lena Gorelik entwirft authentische Bilder, in die sich jugendliche wie erwachsene Leser schnell einfühlen können, die Erinnerungen wachrufen und nostalgische Melancholie erzeugen. Denn so wie Alex, Paul und Ratte haben wir alle mal gefühlt und jeder – das wird bei der Lektüre noch einmal deutlich – musst einmal durch diese Irrungen und Wirrungen der Adoleszenz.

Die Geschichte ist ein Ich, sie ist ein Du, und sie ist Er nicht, und sie ist ein bisschen ein Vielleicht. (S. 19)

Es ist im Grunde eine banale Geschichte, die in Mehr Schwarz als Lila erzählt wird. Und wenn man sich lediglich den Klappentext durchliest und Lena Gorelik nicht kennt, kommt man schnell auf den Gedanken, es handele sich bei dem Roman um ein typisches Jugendbuch und nicht um anspruchsvolle Belletristik. Doch schon mit der Lektüre der ersten Seiten wird man eines Besseren belehrt: Gorelik arbeitet sich in ihrem jüngsten Roman auf virtuose Weise an der deutschen Sprache ab. Auf knapp 250 Seiten spielt sie mit Worten, ihren Bedeutungen und ihrem Klang. Immer wieder fügt sie rhetorische Figuren in ihren Text ein und lässt die Protagonisten darüber sinnieren. Ihr Stil simuliert Mündlichkeit, kommt dabei aber pointiert und zielgenau daher. „Poetry-Slam in Romanform“ drängte sich mir als Gedanke immer wieder auf und verdeutlicht meiner Meinung nach gut, wie man sich die Leseerfahrung bei Mehr Schwarz als Lila vorstellen kann.

Goreliks Stil kontrastiert mit dem Inhalt der Geschichte und passt doch haargenau: Sicherlich ist er manchmal zu artifiziell und wirkt nicht immer realistisch. Allerdings gelingt es ihm auf wunderbare Wise das Suchende und Haltlose der Pubertät einzufangen und den objektiv nichtigen Ereignissen die Bedeutung zukommen zu lassen, die sie in der Welt der Protagonisten einnimmt. Hier und da weist das Buch trotz seiner Kürze einige Längen auf. Auch verschwindet der Inhalt manchmal zu sehr hinter der Sprache. Insgesamt jedoch ein Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und bei dem ich besonders die Sprache genossen habe. 4 Sterne!

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Tags: auschwitz, freundschaft, klassenfahrt, kuss, liebe, poesie, spiele   (7)
 

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berlin, umgangssprache, angst, schlägerei, türkei

Ellbogen

Fatma Aydemir
E-Buch Text: 272 Seiten
Erschienen bei Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 30.01.2017
ISBN 9783446255951
Genre: Romane

Rezension:

Ich habe Angst, dass ich für immer auf der Ersatzbank rumsitze und auf das richtige Leben warte und das richtige Leben einfach nicht passiert. (S. 65)

Hazal ist ängstlich: Sie hat Angst, das wahre Leben zu verpassen, nie ihren Platz in der Welt zu finden und für das bisschen Glück, das jedem Erdenbürger zusteht, schon zu spät dran zu sein. Aber Hazal ist auch lustlos: Statt die berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme zu nutzen und sich für einen Ausbildungsplatz reinzuhängen, jobbt sie lieber nebenbei bei ihrem Onkel und kifft sich nach Feierabend mit ihren Freunden die Birne zu. Vor allem ist Hazal aber wütend: Auf all die blonden Ärztetöchter, die schon immer auf sie, die Kanakin herabgeblickt haben, auf die Türsteher, die sie nicht in die angesagten Club lassen und auf ihre Eltern, die ihr kein bisschen Freiheit schenken, obwohl sie doch schon so gut wie 18 ist. Angst, Antriebslosigkeit und Wut erzeugen eine unheilvolle Dynamik und führen Hazal schließlich an einen Punkt, an dem sie nur noch zwischen Flucht und Gefängnis wählen kann. Sie entscheidet sich für ersteres und landet in Istanbul, eine Stadt, die für sie Sehnsucht bedeutet, obwohl sie sie überhaupt nicht kennt…

Weil solche Typen herumrennen und meinen, die Welt gehört ihnen. Weil die sich aufführen, wie sie wollen, wie die nie um irgendetwas kämpfen mussten. Und weil wir mit hängenden Schultern wie so Opfer herumlaufen, obwohl wir wahrscheinlich zehnmal mehr wissen über das Scheißleben als diese Kartoffeln. (S. 244)

Fatma Aydemirs Debütroman Ellbogen wurde im Feuilleton überwiegend positiv aufgenommen: Endlich gebe eine Autorin „den türkischen Neukölln-Mädchen […] eine literarische Stimme“ (Literatur-SPIEGEL), er sei die Antwort auf Maxim Billers Kritik, „[e]s fehle der Literatur an lebendigen Stimmen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern mit Migrationshintergrund“ (NDR Kultur). Und tatsächlich ist Ellbogen ein lauter und lebendiger Roman, in dem die Protagonistin Hazal, sich durch die abgehängten Viertel Berlins kämpfend, ihre Träume und Enttäuschungen in die Welt rausschreit. An Hazal, an ihrem Leben mit einem jüngerem, kriminellen Bruder, der dennoch als Stammhalter verhätschelt wird, und mit Eltern, die nie wirklich in Deutschland angekommen sind und stattdessen Erdogan im türkischen Fernsehen begeistert zurufen sowie an ihren Freudinnen Ebru, Gül und Emra, die die Heimatländer ihrer Eltern nur aus dem Urlaub kennen und in Deutschland vor verschlossenen Türen stehen, entfaltet die Autorin die ganze Debatte um „Migrationshintergründe“, „Parallelgesellschaften“, „das Leben zwischen den Kulturen“ und „Integrationspolitik“. Dies tut sie jedoch nicht plakativ, sondern zwischen den Zeilen und beinahe nebenbei. Denn es ist einfach Hazals Leben, das hier erzählt wird und das mit diesen großen Themen der Politik verschränkt ist, ohne dass Hazal selber dies so formulieren würde.

Im Gegenteil: Solche Begriffe kann man sich bei der rotzigen, frechen, manchmal bösen Hazal überhaupt nicht vorstellen. Die Protagonistin in Aydemirs Ellbogen redet nämlich, wie ihr der Schnabel gewachsen ist – und ihr sind Wörter wie „Muschi“, „Schwanz“ und „verfickt“ einfach näher statt hochgegriffene politische Wörter. Das ist vulgär, das klingt brutal und manchmal ist es auch zu nahe am Klischee der prolligen Türkin dran. Dennoch entwickelt dieser umgangssprachliche Ton einen eigenen Sound, der die Geschichte über viele Strecken trägt und sehr zu ihrer Authentizität beiträgt. Man kann lachen mit Hazal (und manchmal auch über sie), auch wenn es ein Lachen ist, das häufig im Halse stecken bleibt, verbirgt sich hinter ihren schoddrigen Sprüchen doch häufig Trauer und Wut über ein Leben, das in enge Grenzen gefasst ist, und aus dem man – teils sicherlich aus Selbstverschuldung – nicht entfliehen kann. Hazal ist die Antiheldin, die sich selbst mehr als einmal im Weg steht, die man als Leser schütteln möchte und die einem doch Seite um Seite mehr ans Herz wächst und einen mitreißt mit ihrer Geschichte voller falschen Entscheidungen und schlechten Startbedingungen.

Ellbogen ist ein dynamisches, rasantes Buch, ohne Stillstand, aber auch ohne Ankommen. Es ist ein Buch, das wichtige Fragen stellt, sich mit eindeutigen und damit wohl auch vereinfachenden Antworten zurückhält. Es ist politisch, ohne den Zeigefinger zu heben und Lösungsvorschläge zu unterbreiten. Es ist vielleicht nicht ganz rund (der Teil in Istanbul will mit der Darstellung der aktuellen Situation unter Erdogan zu viel, ohne dabei der eigentlichen Geschichte dienlich zu sein), manchmal auch zu sehr das, was man lesen möchte, über die Abgehängten in Deutschlands Hauptstadt. Insgesamt ist Ellbogen jedoch ein ausgezeichnetes Debüt, das einen als Leser abholt, in die Geschichte reinzieht und einen – trotz aller Brutalität und Ausweglosigkeit – an Hazals Seiten bleiben lässt. Dafür 4 Sterne und eine Leseempfehlung!

Ich verstehe nur endlich, wie die Sache läuft, ich verstehe, dass die Welt scheißungerecht ist und dass sie anders besser wäre, aber anders wird sie nie werden. (S. 250)

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Tags: angst, berlin, flucht, istanbul, schlägerei, türkei, umgangssprache, wut   (8)
 

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165 Bibliotheken, 9 Leser, 1 Gruppe, 15 Rezensionen

georgien, familie, sowjetunion, krieg, schokolade

Das achte Leben (Für Brilka)

Nino Haratischwili
Fester Einband: 1.280 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 01.09.2014
ISBN 9783627002084
Genre: Romane

Rezension:

Ein Jahrhundert, acht Leben, unzählige Schicksale; Revolutionen, Weltkriege, Bürgerkriege; Liebe, Hass, Verzweiflung, Lebensfreude. Knappe 1300 Seiten, eng bedruckt, dünn wie Bibelblättchen, kastenförmig, über 1 kg schwer. Das alles ist Nino Haratischwilis Romas Das achte Leben (für Brilka) – ein großes und schweres Epos, inhaltlich wie formal. Es ist ein monumentales Werk, das das Leben der fiktiven Familie Jaschi festhält: Es erzählt von Stasia, der Tochter eines georgischen Schokoladenfabrikanten und ihrer Schwester, der schönen Christine. Von Stasias Kindern Kostja (der an die Sowjetunion glaubt) und Kitty (die das Glück in der Musik sucht). Von Elene, Kostjas Augenstern, die eines Tages einen schweren Fehler begeht. Von Elenes Töchtern Daria und Niza, die manches trennt und einiges vereint. Und zuletzt von Brilka, Darias Tochter, die den Fluch der Familie (der viel oder auch gar nichts mit Schokolade zu tun hat) brechen kann, die Niza in die Rolle der Erzählerin drängt und die zeigt, wie alles mit allem zusammenhängt, warum es so kam, wie es kam und wie das 20. Jahrhundert die Jaschis zu dem machte, was sie sind…

Ich werden mit Stasia anfangen, um zu dir zu gelangen, Brilka. (S. 31)

Es gibt Bücher, zu denen möchte man so vieles sagen, und findet einfach nicht die richtigen Worte. Das achte Leben (für Brilka) ist definitiv so ein Roman! Ein georgischer Familienroman möchte man ihn nennen – doch steckt doch in dem Buch so viel mehr als die Geschichte einer Familie. Ein Buch über das Leben in Osteuropa des 20. Jahrhunderts – doch klingt dies zu sehr nach Fakten und Historiendrama. Ein Buch, das einen mitreißt, einen wütend macht, traurig macht, schmunzeln lässt, alle Emotionen aus einem rausholt – doch rückt dies den Roman zu sehr in die Ecke von Kitsch, Schwulst und Pathos. Am Ende bleibt mir nichts anderes übrig als Das achte Leben (für Brilka) so zu beschreiben wie ich es empfinde, auch wenn diese Empfindung subjektiv ist und kaum auf objektiven Kriterien beruht: Nino Haratischwilis Buch ist ein großer und großartiger Roman, der einen unterhält und belehrt, der mit facettenreichen Figuren aufwartet, die einem nahegehen und der eine Geschichte erzählt, der die damalige Realität abzeichnet, ohne sie zu überzeichnen.

Die Geschichten überlappen sich, gehen ineinander über, verwachsen – ich versuche, dieses Wollknäuel auseinanderzuziehen, weil man ja die Dinge nacheinander erzählen muss, weil die Gleichzeitigkeit der Welt nicht in Worte zu fassen ist. (S. 521)

Dies alles geschieht in acht sogenannten „Büchern“, die jeweils ein Mitglied der Familie Jaschi besonders in den Fokus des Lesers rücken. Doch die einzelnen Schicksale stehen nicht einzeln für sich, sondern sind aufs engste mit denen der anderen Familienmitglieder, aber auch weiterer Personen – fiktiv und historisch – und letztlich, das muss betont werden, auch mit dem Schicksal des Landes Georgien verbunden. Nino Haratischwili webt hier verschiedene Fäden zusammen, greift beim Erzählen vor und zurück, betont immer wieder, wie alles zusammenhängt, und kann ihrem Anspruch am Ende tatsächlich gerecht werden: Das achte Leben (für Brilka) ist hervorragend strukturiert, ohne zu konstruiert zu wirken, geplant, ohne dass die Mühen der Umsetzung dieses Plans sichtbar werden, kalkuliert, aber mit Herz und Seele.

Vielleicht hab ich auch genau an dem Tag begriffen, dass in meine kurze, banale Lebensgeschichte so viele andere Geschichten bereits eingeschrieben waren und ihren Platz hatten neben meinen eigenen Gedanken und Erinnerungen, die ich sammelte und an denen ich wuchs. (S. 964)

Ich kann meine Begeisterung für diesen Roman nicht unterdrücken. Dennoch möchte ich nicht verschweigen, dass es trotz des berechtigen Lobs auch ein paar wenige Punkte gibt, die ich eher kritisch beurteile: Die Sprache, wenn auch perfekt passend zum Inhalt, war mir manchmal zu beladen, zu „schwer“, zu bedeutungsschwanger, sodass sie für mich an einigen Stellen nur haarscharf an übertriebenem Pathos vorbeiging. Auch fiel das Einbinden der geschichtlichen Fakten nicht immer so geschmeidig aus, wie ich mir das von einem Talent wie Haratischwili gewünscht hätte: Zu sehr versteift sie sich manchmal an das bloße Aufzählen von Ereignisse, statt diese dichter mit der Erzählung zu verknüpfen. Zuletzt hat sich mir die Legende von der magischen Schokolade in ihrer Notwendigkeit nicht erschlossen: Sie wäre meiner Meinung nach entbehrlich gewesen, hätte man den Verlauf der Geschichte auch ohne sie sehr gut motivieren können.

Nichtsdestotrotz sehe ich bei meiner Bewertung und meiner Leseempfehlung großzügig über diese Punkte hinweg. Zu sehr beeindruckt, zu sehr mitgerissen und in sich hineingezogen hat mich dieses 1300-Seiten-Buch, bei dem tatsächlich – was sehr selten vorkommt – wirklich keine Seite zu viel geschrieben wurde. Wer Lust auf eine Lektüre hat, die einen von vorne bis hinten begeistert und wer bereit ist, sich wie im Rausch in die Geschichte der Familie Jaschi stürzen, dem sei Das achte Leben (für Brilka) wärmstens empfohlen. Allen anderen aber auch!

Und wenn du nicht weißt, wer du bist, such dir aus allen Möglichkeiten deines Ichs die Unmöglichste aus und werde es... (S. 1069)

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Tags: 20. jahrhundert, familie, familiensaga, fluch, georgien, krieg, russland, schicksal, schokolade, sowjetunion, starke frauen   (11)
 

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48 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 17 Rezensionen

familie, kindheit, mutter-tochter-beziehung, schriftstellerin, liebe

Die Unvollkommenheit der Liebe

Elizabeth Strout , Sabine Roth
Fester Einband
Erschienen bei Luchterhand, 29.08.2016
ISBN 9783630875095
Genre: Romane

Rezension:

Sie schreiben über einen Mann, der jeden einzelnen Tag seines Lebens zerquält wird von dem, was er im Krieg getan hat. Sie schreiben über eine Ehefrau, die bei ihm geblieben ist, weil das in dieser Generation so üblich war, und diese Frau kommt zu ihrer Tochter ins Krankenhaus und erzählt zwanghaft von lauter kaputten Ehen, sie merkt es selber gar nicht, es ist ihr überhaupt nicht bewusst, Sie schreiben über eine  Mutter, die ihre Tochter liebt. Unvollkommen. (S. 114)

Lucy Barton erzählt ihre Geschichte. Sie beginnt im Krankenhaus, in dem Lucy einmal in ihrem Leben für längere Zeit liegen muss, da sie an einer unerklärlichen, jedoch lebensbedrohlichen Infektion erkrankt. Eines Tages sitzt überraschenderweise ihre Mutter am Fuße ihres Bettes – ihre Mutter, die sie nicht mehr gesehen hat, seitdem sie ihr Zuhause in Illinois verlassen hat. Ihre Mutter erzählt von den Lebenswegen alter Bekannten und stellt Lucy damit doch unbewusst den eigenen Lebensweg vor Augen: die Kindheit in Armut, geprägt von Misshandlungen und Lieblosigkeit; die Erkenntnis, Schriftstellerin werden zu müssen; ihre Ehe, aus der zwei wunderbare Kinder hervorgegangen sind, und die doch keinen festen Halt findet…

Elizabeth Strout ist eine preisgekrönte amerikanische Autorin. Für ihren Roman Mit Blick aufs Meer bekam sie 2009 den Pulitzer-Preis. Die Unvollkommenheit der Liebe stand auf der Longlist des Man Booker Prize und scheint mir auch von der Leserschaft insgesamt sehr positiv bewertet worden zu sein. Mich persönlich konnte Strout mit ihrem Roman allerdings nicht begeistern, zu gewöhnlich und nichtssagend – und nicht wie vom Klappentext angekündigt „ aufrüttelnd[], wahrhaftig[], unvergesslich[]“ –  kam mir die Geschichte daher.

Dabei gefällt mir die gewählte Erzählweise von Strout prinzipiell sehr gut: Sie lässt Lucy rückblickend auf ihr Leben schauen und sich dabei vor allem in die Tage im Krankenhaus zurückversetzen. Diese werden durch zwei Faktoren bestimmt: Lucy ist gebeutelt von ihrer mysteriösen Krankheit auf sich selbst zurückgeworfen. Gleichzeitig tritt ihre Mutter wieder in ihr Leben und beginnt, Sherazade ähnlich, zu erzählen – zwar nicht, um den Tod abzuwenden, aber doch um das Eigentliche, was zwischen ihr und ihrer Tochter liegt, nicht in Worte fassen zu müssen. Generell ist Erzählen – ob mündlich oder schriftlich – immer wieder ein Thema des Romans, ist Lucy doch selber Schriftstellerin und wird in ihren Erinnerungen auch immer wieder ein Schreibworkshop bei einer bekannten Autorin zum Thema gemacht. Wer mich kennt, weiß ich, dass ich großer Fan von Büchern bin, die Literatur und Fiktion verhandeln, und auch Die Unvollkommenheit der Liebe konnte in diesem Fall bei mir Punkte sammeln. Der Roman bietet viel Raum zur Interpretation, versucht er doch, die Wahrheit zu fassen, ohne sie immer deutlich auszusprechen.

Gleichzeitig stellt genau diese Machart für mich ein Problem dar, wenn es darum geht, was (jenseits der Metaebene) in diesem Roman erzählt wird. Strout verhandelt (wie der furchtbar kitschige deutsche Titel schon andeutet) die unvollkommene Liebe in einer kaputten Familie, die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die durch die Vergangenheit bis heute geprägt. Allein „diese Vergangenheit“ blieb mir zu wage, zu schwammig, zu weit weg von mir: Es wird immer wieder gesagt, wie „schlimm“ Lucys Kindheit war, doch die wenigen Szenen, die zur Erläuterung herangezogen werden, reichten mir nicht, um diese für mich greifbar, fühlbar zu machen. Häufig habe ich in anderen Rezensionen gelesen, dass in Strouts Zeilen so viel Ungesagtes mitschwingt – das stimmt, doch dieses Ungesagte war für mich nicht genug, um die Geschichte reizvoll zu machen, es ergab sich daraus keine Spannung, kein Konflikt. Schlimme Kindheiten haben leider Gottes viele. Was folgt daraus? Was macht das aus einem Menschen? Dies wurde mir bei Lucy – abgesehen von einigen Anekdoten – nicht klar. Der Roman weist zweifellos einige starke Szenen auf, doch sie setzten sich für mich nicht zu etwas Großem zusammen. So gemein das klingt: Lucys Leben (inklusiver schlimmer Kindheit) schien mir so belanglos, das es eigentlich nicht erzählenswert ist.

Die Unvollkommenheit der Liebe lässt sich angenehm lesen und weiß mit einer melancholischen, bisweilen traumähnlichen Atmosphäre zu gefallen. Die Sprache war mir bisweilen aber zu hölzern, Lucys Unterton mir zudem häufig zu kindlich. Insgesamt habe ich nicht das Gefühl, meine Zeit verschwendet zu haben, fühle mich nach der Lektüre aber auch nicht bereichert: Ich habe nette Lesestunden mit dem Buch verbracht, es jedoch mit einer Gleichgültigkeit und der Gewissheit, mich an diese Geschichte nicht ewig zu erinnern, zugeklappt. So komme ich abschließend zu dem Fazit, dass Die Unvollkommenheit der Liebe sicherlich kein schlechtes Buch ist, aber definitiv nicht meins!

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Tags: armut, chrysler building, familie, kindheit, krankheit, mutter-tochter-beziehung, new york, schriftstellerin   (8)
 
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