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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

pferde, sprache, liebe, lehreri

Die Grammatik der Rennpferde

Angelika Jodl
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 08.12.2017
ISBN 9783423217088
Genre: Romane

Rezension:  
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309 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 117 Rezensionen

belgien, roman, lize spit, freundschaft, und es schmilzt

Und es schmilzt

Lize Spit , Helga van Beuningen
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 24.08.2017
ISBN 9783103972825
Genre: Romane

Rezension:

Kindheitssommer. Die meisten von uns erinnern sich gerne mit einem verklärten Blick an die Sommerferien unserer frühen Jugend zurück. Wir verbinden sie mit Freiheit, Ungezwungenheit, Unbeschwertheit und Lebenslust. Nicht so Eva, der Protagonistin in Lize Spits Debütroman Und es schmilzt: Aufgewachsen in einer Familie, in der die Schwester unter Zwangsneurosen und die Eltern unter Alkoholismus leiden, ist das Leben für sie nie frei von Verantwortung und Belastung – auch in den Sommerferien nicht, die sie primär draußen mit ihren Freunden Pim und Laurens verbringt. Die drei vertreiben sich die freie Zeit auf dem Land mit selbstausgedachten Spielen: Rätseln, Mutproben, Wahrheit oder Pflicht. Bis im Jahr 2001 diese Spiele aus dem Ruder laufen – und zwar in einem solchen Maße, dass Eva sich erst 13 Jahre später diesem Sommer stellen kann und dafür einen Eisblock im Kofferraum braucht…

Lize Spits Erstlingswerk wurde nicht nur vom Feuilleton, sondern auch von der Leserschaft überwiegend positiv aufgenommen. Die Autorin wird für ihre Gnadenlosigkeit und Kompromisslosigkeit gegenüber ihren Figuren gefeiert, Sprache und Struktur werden gelobt und die Lektüre des Romans als besonderes Erlebnis bezeichnet. Auch ich schließe mich den begeisterten Stimmen prinzipiell an: Lize Spit erscheint mir als ungewöhnliche neue literarische Stimme, die es  definitiv zu entdecken lohnt! Mit ihrem nüchternen, schnörkellosen Stil, der nicht nur ihre Figuren, sondern auch ihre Leser zum Beobachten und zur Passivität verdammt, erzeugt sie einen schwermütigen, dabei ungemein atmosphärischen Text, dessen Melancholie man beim Lesen beinahe körperlich zu spüren meint. Dabei beweist die Autorin einen hervorragenden Blick für die kleinen, grausamen Details im Alltag und in zwischenmenschlichen Beziehungen, die sie jedoch nicht ausschlachtet, sondern in diesem stillen Text immer wieder zart anklingen und unbewusst im Leser nachwirken. Zudem erweist sich der Wechsel zwischen den Erzählzeiten (Vergangenheit – Gegenwart) und die außergewöhnliche Kapitelaufteilung (Lize Spit setzt Dreierblocks zusammen, bestehend aus einem Kapitel in der Gegenwart, einem im Sommer 2001 und einem dritten, zeitlich nicht näher bestimmten Kapitel, das schlaglichtartig Szenen des einstigen Familien- und Dorflebens erzählt) als dienlich für die Dynamik des Textes: Immer intensiver und beinahe sogartig taucht man in Evas Trauma ein, das sich peu à peu über die knapp 500 Seiten entfaltet.

Trotz der starken und beeindrucken erzählerischen Leistung von Lize Spit ist Und es schmilzt für mich doch noch etwas zu sehr von einem „Meisterwerk“, das uneingeschränkte Lobeshymnen verdient, entfernt. Der Handlungsaufbau erscheint mir an vielen Stellen zu bewusst verlangsamt, erst im letzten Drittel wird deutlich, was eigentlich erzählt wird. Vorher besteht die Geschichte vorwiegend aus aneinandergereihten Szenen, die sich in Andeutungen verlieren – auch wenn diese sehr gut erzählt werden. Dazu passt, dass es dem Roman an Momenten der Reflexion und der Einordnung fehlt: Gerade hinsichtlich der schweren Thematik und dem Ende, das diese hervorruft, hätte ich mir mehr psychologische Tiefe und Motivation gewünscht. So bleibt nach der Lektüre nur unheimlich viel Gewalt und Schmerz und Leid – aber was darüber hinaus? Was lerne ich aus diesem Buch? Wie und wem kann es helfen? Wer will gerade so etwas auf diese emotionslose Weise lesen? Zuletzt muss ich sagen, dass gerade Zitate wie "Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt" meine Erwartungen extrem geschürt haben und mich eine Lektüre ähnlich wie Ein wenig Leben erwarten lassen: Davon war Und es schmilzt jedoch meilenweit entfernt! Wo Ein wenig Leben kein Erbarmen zeigt, dem Leser das Leid des Protagonisten aufbürdet und ihn diesen mit einer beinahe schmerzlichen Intensität spüren lässt , kann er sich bei Lize Spitz‘ Roman zu leicht aus der Affäre ziehen!

Insgesamt ist Und es schmilzt ein beachtliches Debüt, das traurig, betroffen und hilflos macht. Auch wenn ich etwas anderes erwartet habe und die Geschichte hier und da einige Schönheitsfehler aufweist, scheint mir Lize Spit eine Autorin, deren weiterer Werdegang es zu verfolgen gilt. Dafür 4 Sterne!

  (53)
Tags: 2000er, belgien, dorf, erinnerungen, familie, freundschaft, inszinierter suizid, jugend, sexuelle gewalt, sommerferien   (10)
 

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

elif shafak

Der Geruch des Paradieses

Elif Shafak , Michaela Grabinger
Flexibler Einband
Erschienen bei Kein & Aber, 30.08.2017
ISBN 9783036959702
Genre: Romane

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121 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 73 Rezensionen

sklaverei, ghana, afrika, usa, amerika

Heimkehren

Yaa Gyasi , Anette Grube
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 29.11.2017
ISBN 9783832198381
Genre: Romane

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(171)

325 Bibliotheken, 15 Leser, 1 Gruppe, 135 Rezensionen

sklaverei, flucht, amerika, underground railroad, usa

Underground Railroad

Colson Whitehead , Nikolaus Stingl
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 21.08.2017
ISBN 9783446256552
Genre: Romane

Rezension:

Wenn die Nigger frei sein sollten, dann lägen sie nicht in Ketten. Wenn der rote Mann sein Land behalten sollte, dann besäße er es immer noch. Wenn es dem weißen Mann nicht bestimmt wäre, diese neue Welt in Besitz zu nehmen, dann würde sie ihm nicht gehören. (S. 97)

Seitdem im Weißen Haus ein Präsident sitzt, der gegen Ausländer und Andersgläubige hetzt und die Alt-Right-Bewegung sich im Aufschwung befindet ist der Rassismus, der nie verschwunden war, wieder auf die öffentliche Bühne der Vereinigten Staaten getreten – und nicht nur da. Auch in Europa werden rechtsnationale und populistische Parteien stärker und Parolen, die früher lediglich am Stammtisch Platz fanden, salonfähig. Dass in solchen Zeiten Colson Whiteheads Roman Underground Railroad den renommierten Pulitzer-Preis erhält, wird – sicherlich berechtigt – als wichtiges Zeichen gegen Hass und Rassendenken interpretiert.

Und tatsächlich ist Whiteheads Geschichte über das Sklavenmädchen Cora und ihre Flucht aus den Südstaaten in den sicheren Norden eine eindringliche Geschichte, die uns mahnt, nicht zu vergessen, sondern stattdessen die schwarzen Flecken der Menschheitsgeschichte weiterhin aufzuarbeiten, uns ihnen zu stellen und aus ihnen zu lernen. Dass das Buch inhaltlich wichtig und richtig ist, kann nicht angezweifelt werden. Doch beim Jubeln über Whiteheads perfektes Timing und über das schaurige Schaudern hinsichtlich der Aktualität seiner Geschichte, kann leicht übersehen werden, dass Underground Railroad auch aus literarischer Sicht ein gelungener Roman ist, der es versteht, mit seiner Erzählstruktur und seiner Figurenzeichen zu überzeugen.

Denn Whitehead bedient sich in seinem Roman eines cleveren Kniffs: Er setzt den metaphorischen Sprachgebrauch des einst tatsächlich existierenden Netzwerkes „Underground Railroad“ wortwörtlich um und ersinnt in seiner Geschichte eine richtige Eisenbahn, ein im Untergrund liegendes Schienennetz und Stationen, die im ganzen Land verstreut sind. Das erlaubt ihm, den Leser auf einer Fahrt durch Amerika mitzunehmen und durch das Durchqueren verschiedener Bundesstaaten die unterschiedlichsten Menschen, Ansichten, Überzeugungen etc. fassbar zu machen. Whitehead erzeugt so ein Mosaik, ein Panorama der damaligen Zeit; seine einzelnen Kapitel sind wie Schlaglichter, die den Blick freigeben auf das Amerika der Vergangenheit und seine vorherrschenden Einstellungen und Gewohnheiten. Gerade diese Multiperspektivität und die darstellerische Tiefe – die sich auch in der Figurenzeichnung findet, die sich nie allein auf „Schwarz“ gegen „Weiß“, „Gut“ gegen „Böse“ reduzieren lässt – hat für mich das Buch zu einer intensiven und nachhallenden Lektüre gemacht.

Dazu kommt der sehr gefällige und in besonderer Weise passende Erzählstil des Romans. Coras Geschichte ist erschütternd und bewegend, obwohl oder eher gerade weil ihr ein absolut trockener, nüchterner, belangloser Ton anhaftet. In jeder einzelnen Zeile spürt man die Verinnerlichung und Akzeptanz der Vorstellung, schwarzes Leben sei weniger wert oder Sklaverei ein naturgegebenes Recht der "weißen Rasse". Die Erzählung benötigt daher kaum große dramatische oder aufwühlende Szenen: Die Skizzierung eines alltäglichen Sklavenlebens, das an Grausamkeit schon reich genug ist, braucht keine zusätzliche Fiktion. Whiteheads Roman ist wahrhaftig und der Autor schafft es, den Leser dies in seinem Inneren spüren zu lassen: Es ist diese erdrückende, häufig hoffnungslose, nie geschönte, aber zugleich packende und ergreifende Atmosphäre, die Underground Railroad meiner Meinung nach zu einem wirklich großartigen Roman macht.

Wer gerne anspruchsvolle und preisgekrönte Romane mit gesellschaftlicher Relevanz liest, ist mit Underground Railroad bestens bedient. Zwar braucht es hin und wieder starke Nerven und etwas Mut, sich den vielen Grausamkeiten auf knapp 350 Seiten zu stellen, doch dafür ist gute Literatur schließlich (auch) da: Sie lässt uns an unsere Grenzen gehen und ermöglicht uns, andere wie auch uns selber besser zu verstehen. 5 Sterne und volle Leseempfehlung!

  (74)
Tags: flucht, freiheit, pulitzer preis, rassismus, sklaverei, südstaaten, usa   (7)
 

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(161)

262 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 106 Rezensionen

paris, roman, nanny, familie, mord

Dann schlaf auch du

Leïla Slimani , Amelie Thoma
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 21.08.2017
ISBN 9783630875545
Genre: Romane

Rezension:

„Das Baby ist tot.“ Mit diesem schlichten, dabei doch so gewaltigen Satz beginnt Leïla Slimanis 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneter Roman Dann schlaf auch du – und antizipiert somit zugleich das Ende der knapp 200 Seiten umfassende Geschichte. Denn Louise, die scheinbar perfekte Nanny, wird die ihr anvertrauten Schützlinge Mila und Adam töten. Deren Eltern Myriam und Paul werden dies nicht verhindern können, weil sie nicht sehen wollen, was offensichtlich ist: das langsame Zerbrechen der Maske einer „Lebensretterin“, einer guten Fee, einem beinahe fünften Familienmitglied. Es ist eben diese Demaskierung, die Slimani in den Vordergrund ihrer Erzählung stellt und sich dabei nicht allein auf das Kindermädchen fokussiert: Auch die Mutter, zerrieben zwischen dem modernen weiblichen Dilemma von Kind und Karriere, und der Vater, Kindskopf und Geschäftsmann in einem, werden in ihren Rollen hinterfragt. Und natürlich der Makrokosmos dahinter: die französische Gesellschaft, stellvertretend für die europäische, westliche, die sich in Individualismus, Anonymität, Dienstleistungsanspruch, diskriminierenden Strukturen zu verlieren scheint (pessimistisch gesprochen).

Das alles erweckt so aufgezählt den Eindruck eines schwer beladenen Romans. Und tatsächlich steckt eine Menge Inhalt in diesem schmalen Bändchen, die die Autorin jedoch pointiert an den Leser zu bringen weiß. Slimani bedient sich nämlich eines sehr verkappten, analysierenden, ja beinahe sezierenden Stils. Sie verzichtet auf lange Beschreibungen und Kontextualisierungen, stößt den Leser unmittelbar in die lose aneinandergereihten Szenen und lenkt den Blick auf die kleinen Alltagssituationen und die Erschütterungen, die diese unbemerkt auslösen. Damit erzeugt sie einerseits eine beklemmende Stimmung, eine trotz ihrer erzählerischen Reduktion eindringliche Atmosphäre; anderseits schafft sie es damit, das große Ganze anhand des dargestellten Kleinen zu analysieren. Immer wieder dehnt sie die Grenzen der Familiengeschichte aus und verflicht sie mit der problematischen Integrationspolitik, der Kluft zwischen den Reichem im Stadtzentrum und den Armen am geografischen wie sozialen Rand, dem modernen Familienkonzept und deren Herausforderungen etc. Dann schlaf auch du ist daher zweifellos ein ungemein intelligentes und aktuelles Buch, das es schafft, das Leben und die Abgründe der bürgerlichen Mittelschicht einzufangen und zu entfalten, ohne dabei in plumpe Verurteilungen zu verfallen.

Nichtsdestotrotz kann ich in die Begeisterungsrufe vieler anderer Leser nicht einfallen – auch wenn ich Slimanis Schreibtalent problemlos anerkennen kann. Für mich fehlt der Geschichte das gewisse Etwas, das zwar durchaus in der Erzählung angelegt, durch Slimanis Antizipation des Endes jedoch im Keim erstickt wird. Zu wissen, was am Ende stehen wird, nimmt der Erzählung einiges an Schärfe und läuft gerade der facettenreichen Figurenzeichnung zuwider: Jeder von Slimanis Charakteren besitzt nämlich das Potential der Eskalation und das Begehen einer unglaublichen Tat; ein Spiel mit dieser Unberechenbarkeit ist aber durch das erste Kapitel leider überhaupt nicht möglich. Auch die Erzählweise ist – bei allen klugen Gedanken – für mich letztlich sehr konventionell: Hier hatte ich mir nach all den positiven Besprechungen etwas Radikaleres, Innovativeres erwartet, das mich als Leser auch emotional mitreißt, so bleibt Dann schlaf auch du eher ein Roman für den Kopf, weniger für den Bauch/das Herz.

Letztendlich verschwendet niemand seine Zeit, wenn er sich die Lektüre von Dann schlaf auch du vornimmt – für mich gewinnt der Leser gleichzeitig aber auch nicht etwas Enormes dazu. Daher fällt der Roman trotz Auszeichnungen und Lobeshymnen eher in die Kategorie „Kann man lesen, muss man aber nicht“. Wer die Gelegenheit hat, soll sich des Romans ruhig annehmen, alle andere können ihn auf ihrer Must-Read-Liste ruhig weiter hinten anstellen. 4 Sterne.

  (77)
Tags: familie, frankreich, kindermädchen, mord   (4)
 

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25 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 17 Rezensionen

satire, heimatroman, dorf, heimat, metaebene

Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman

Petra Piuk
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 17.08.2017
ISBN 9783218010795
Genre: Romane

Rezension:

Wenn man ein Buch aus dem Verlag Kremayr&Scheriau zur Hand nimmt, ist man innerlich schon darauf vorbereitet, dass man vermutlich eine Lektüreerfahrung der besonderen Art erleben wird. Wie kaum ein anderer Verlag steht Kremayr&Scheriau für mich für ein Programm, in dem Geschichten jenseits des Mainstreams und der 08/15-Erzählformel den Ton angeben. Doch bei Petra Piuks neuem Roman Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman hat der Verlag sich meiner Meinung nach selber übertroffen. Kühn behaupte ich hier, dass dies einer der ungewöhnlichsten Romane ist, die je geschrieben worden sind (oder die ich zumindest gelesen habe). Denn anders kann ich mir meine Ratlosigkeit nach der Lektüre nicht erklären: Fand ich das jetzt gut? Oder zumindest interessant? Oder so wagemutig, dass es mich am Ende überzeugt? Will ich dieses Buch in meinem Bücherregal stehen haben? Kann ich das anderen empfehlen? Und vor allem: Was sollte das alles?

Aber versuchen wir, das Pferd von Vorne aufzuzäumen. Erzählt wird in Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman – der Titel deutet es schon an – von der Heimat und vom Heimatroman. Es geht um die Assoziationen und die Konnotationen, die wir mit dem Begriff „Heimat“ verbinden, um Klischees und Vorurteile und vor allem auch um Leseerwartungen, die an die Gattung „Heimatroman“ gebunden sind. Um all diese Punkte aufzuzeigen und erfahrbar zu machen, geht Petra Piuk einen ungewöhnlichen Weg – und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen ist da die Erzählstruktur und die Erzählweise: Die Geschichte wird in Ober- und Unterpunkte gegliedert, wie man sie aus Abhandlungen oder wissenschaftlichen Arbeiten kennt, und unter denen verschiedene Merkmale der Heimat bzw. des Heimatsroman erläutert werden. Diese Erläuterungen sind dabei nicht „statisch“, sondern im Werden begriffen: Immer wieder kommt es in Fußnoten zur Diskussionen zwischen Autorin und Lektorin; Leserbriefe und -kommentare haben Einfluss auf die Handlung; die Erzählerin – als Frau Schriftstellerin eingeführt – will auch ein Wörtchen mitreden und die Figuren beginnen ein merkwürdiges Eigenleben zu entwickeln. Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman ist – so macht es dieser Abschnitt deutlich – eindeutig ein Roman, der sich mit seiner eigenen Machart, mit seiner Fiktion, mit Literatur und dem Schreiben an sich auseinandersetzt und in diesem Punkte durchaus als literarisches Experiment zu verstehen ist. Das ist der eine große Punkt, der den Roman so besonders macht.

Der zweite ist sein Humor. Wer Satire liebt, die Grenzen des guten Geschmacks gerne überschreitet und es mag, wenn einem das Lachen im Halse steckenbleibt ist bei Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman genau richtig. So etwas Bitterböses, Brachiales, Brutales habe ich lang nicht mehr gelesen und das obwohl – oder gerade weil – das Erzählte wie Nebenbei und im Plauderton daherkommt. Doch Petra Piuk nimmt die Welt des Heimatromans dabei genau unter die Lupe und entlarvt, indem sie unaufhörlich das Erzählte auf die Spitze treibt, die Scheinheiligkeit der heilen Welt, hinter der sich oft große Grausamkeiten verstecken. Hier wird die Autorin sehr kritisch und holt zum Rundumschlag gegen Rassismus, Sexismus, Nationalismus und noch vielen anderen Themen aus, die zwar durchaus alle mit dem Thema „Heimat“ assoziiert sind, in ihrer Fülle auf den Leser aber durchaus erschlagenden wirken können.

Letztendlich ist dies auch mein persönliches Problem mit dem Roman, obwohl ich objektiv keine Gründe finden, die irgendwie gegen ihn sprechen. Doch für mich war das alles zu viel des Guten: Ich bin nicht zartbesaitet, doch das hier konnte ich einfach irgendwann nicht mehr lesen; ich schätze das Spiel mit der literarischen Metaebene, doch hier habe ich irgendwann einfach nicht mehr durchgeblickt; ich befürworte kritische Autoren, die ihre Stimme nutzen und auf diskussionswürdige Themen aufmerksam machen, doch wusste ich zum Schluss gar nicht mehr, worüber ich jetzt alles nachdenken wollte. Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman ist somit eindeutig ein forderndes Buch, das die richtige Art von Leser braucht, der ich bei der Lektüre nicht immer sein konnte. Obwohl ich das Buch hervorragend gemacht finde und den Mut der Autorin bewundere, konnte mich der Roman nicht vollends abholen – auch weil ich das irgendwann nicht mehr wollte. Deshalb bei allem Lob „nur“ 4 Sterne und die Warnung: Lesen auf eigene Gefahr!

  (77)
Tags: dorf, heimat, heimatroman, satire, schriftstellerin   (5)
 

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

familie, familiengeheimnis, türkei, istanbul

Der Bastard von Istanbul

Elif Shafak , Juliane Gräbener-Müller
Flexibler Einband: 440 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 27.02.2015
ISBN 9783036959245
Genre: Romane

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(59)

124 Bibliotheken, 8 Leser, 2 Gruppen, 14 Rezensionen

china, uhrmacher, zeit, verbotene stadt, ewigkeit

Cox

Christoph Ransmayr
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 27.10.2016
ISBN 9783100829511
Genre: Romane

Rezension:

Es gibt viele Gründe, warum ein Leser ein Buch zur Hand nimmt: Die einen suchen Unterhaltung und Zerstreuung, die anderen wollen Informationen oder Wissen über ein ihnen noch unbekanntes Thema erlangen. Auch die literarische oder philologische Analyse ist für einige die entscheidende Motivation zur Lektüre eines bestimmten Romans; manche greifen wiederum planlos ins Bücherregal und lassen sich vom Cover, Titel oder dem Autorennamen ansprechen. Bei Christoph Ransmayrs Roman Cox oder Der Lauf der Zeit möchte ich einen weiteren, sehr besonderen Grund hinzufügen und damit alle Unentschlossenen zur Lektüre dieser Geschichte auffordern: Entschleunigung!

Denn Ransmayrs Geschichte über Alister Cox, einen englischen Uhrenmacher und Automatenbauer, der mit seinen Gehilfen zum Kaiser nach China reicht, um in der Verbotenen Stadt Uhren zu erschaffen, die das Verfliegen des Lebens und schließlich sogar die Dauer der Ewigkeit messen soll, wirkt nicht nur, wie aus der Zeit gefallen, sondern erzeugt beim Leser auch das Gefühl, während der Lesestunden in einem Zeitloch zu verschwinden, in dem alle Anforderungen und Pflichten des Alltags unhörbar werden.

Diese außergewöhnliche Wirkung ist primär auf Ransmayrs Stil zurückzuführen: Durchaus anspruchsvoll, in hypotaktischen Sätzen und unter Hilfe vieler bildreicher Vergleiche und detaillierter Beschreibungen entführt der Autor einen in die fast schon märchenhaft anmutende Atmosphäre des untergegangenen chinesischen Kaiserreichs. Er lässt einen teilhaben an der Pracht und Machtfülle des fast gottgleich regierenden Herrschers, führt einen die Schönheit und Erhabenheit der chinesischen Landschaften vor Augen und bietet mit den beinah schon aberwitzig konstruierten Uhren einen Ausflug ins Fantastische. Selten war die Beschreibung von Lesen als ein Eintauchen in ferne Welten so passend wie bei Cox oder Der Lauf der Zeit – und das in vielerlei Hinsicht.

Ransmayrs zarte Sprache und sein Blick für die Schönheit von Nebensächlichkeiten begeistert, ja beeindruckt und lässt erkennen, dass hier ein exzellenter Autor sein Handwerk mehr als nur versteht. Zudem trägt sein Talent gekonnt über den Fakt weg, dass Cox oder Der Lauf der Zeit kaum Handlung und eindeutig keinen Spannungsbogen aufweist. Man genießt es einfach, eine Geschichte zu Lesen, die kein Ziel und keinen Zweck verfolgt, langweilt sich vielleicht ein wenig, wenn die Beschreibungen in Redundanzen verfallen, taucht aber am Ende aus einer Erzählung auf, die rückblickend unwirklich, ja beinahe so, als wäre sie gar nicht gelesen worden, wirkt.

Cox oder Der Lauf der Zeit ist die ideale Lektüre für den stressigen Alltag oder für besinnliche Wintertage. Wer der Hektik entfliehen oder sich einfach nur einen guten Roman gönnen will, der nichts von einem fordert, aber umso großzügiger gibt, der ist bei Ransmayrs Roman eindeutig an der richtigen Stelle!

  (75)
Tags: china, ewigkeit, kaiser von china, uhrenmacher, verbotene stadt, zeit, zeitmesser   (7)
 

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473 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 12 Rezensionen

antike, drama, tragödie, klassiker, griechenland

Antigone

Sophokles , Wilhelm Kuchenmüller
Flexibler Einband: 64 Seiten
Erschienen bei Reclam, Ditzingen, 01.01.2000
ISBN 9783150006597
Genre: Klassiker

Rezension:  
Tags: antike, politik, starke frauenfigur, tragödie   (4)
 

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Histoire de la violence

Édouard Louis
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Points, 03.01.2017
ISBN 9782757864814
Genre: Sonstiges

Rezension:  
Tags:  
 

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104 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 31 Rezensionen

israel, flüchtlinge, schuld, lüge, unfall

Löwen wecken

Ayelet Gundar-Goshen , Ruth Achlama
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 01.02.2015
ISBN 9783036957142
Genre: Romane

Rezension:

Was definierte ihn mehr, ein ganzes Leben mit rücksichtsvollem Fahren, Medizinstudium, Heimtragen von Supermarkttüten für alte Damen – oder dieser eine Moment? Einundvierzig Lebensjahre gegenüber einer Minute enthalten viel mehr als ihre sechzig Sekunden, so wie ein DANN-Molekül den ganzen Mensch in sich barg. (S. 223)

Es ist ein Moment, der alles verändert: Der erfolgreiche Neurochirurg Etan Grien überfährt nachts auf einsamen Straßen einen illegalen Einwanderer aus Eritreer. Ein Unfall, unbeabsichtigt, nicht gewollt, doch mit tödlichem Ausgang. Binnen Sekunden muss Etan abwägen und seine Zukunft gestalten – und entscheidet sich für die Flucht. Doch seine Tat bleibt nicht unbemerkt: Die Frau des Toten, Sirkit, hat alles geschehen und steht am nächsten Tag vor Etans Haustür. Etan ist von ihrem Schweigen abhängig und begibt sein Schicksal widerwillig in ihre Hände: Fortan leistet er „Sühne“ in Form von medizinischen Behandlungen an Immigranten. Sein Leben, ja seine Identität beginnt sich zu spalten: Tagsüber ist er brillante Mediziner, ein liebender Vater und treuer Ehemann; nachts ein Verbrecher, ein Lügner, der dazu verdammt ist, etwas gut zu machen, was nicht gut zu machen ist. Dabei gerät Etan immer mehr in ein Geflecht von Täuschungen, kriminellen Handlungen und Gewalt, dessen Ausmaße ihm erst bewusst werden, als es beinahe zu spät ist…

Es sind nicht weniger als die großen moralphilosophischen und ethischen Fragen, die die Autorin Ayelt Gundar-Goshen in den Mittelpunkt ihres Romans Löwen wecken stellt: Wie viel ist ein Menschenleben wer? Ist das Leben des einen wertvoller als das Leben des anderen? Ist Selbstjustiz ein probates Mittel? Kommt nach dem Fressen wirklich die Moral? Oder muss das Streben nach dem Gutsein beim alltäglichen Überlebenskampf nicht schon allein aus Selbstschutz über Bord geworfen werfen? Ist sich wirklich jeder selbst am nächsten? Bleibt der Mensch auf ewig des Menschen Wolf?

Es sind solche kopfzerbrechenden Diskussionspunkte, die die Autorin in ihrem 500 Seiten starken Werk verhandelt – und zwar nicht mit erhobenem Zeigefinger oder gar der Holzhammermethode, sondern durch die präzise Analyse der zwischenmenschlichen Beziehungen. Nüchtern, objektiv, wie unter einem Mikroskop nimmt sie den alles entscheidenden Moment in Augenschein und forscht den minimalen Verschiebungen, die er ausgelöst hat, nach – in Etans Alltag, in der Konstellation mit Sirkit, im Verhältnis zu seiner Frau und seinen Kindern sowie in Sirkits Position gegenüber ihrem gesamten Umfeld. Obwohl sie dabei vor allem einem Mikrokosmos fokussiert, blendet sie den Makrokosmos, den Kontext, das große Ganze nicht aus: Ayelet Gundar-Goshen zeichnet in Löwen wecken das Bild der israelischen Gesellschaft, den Zerfall in heterogene, scheinbar nicht zusammenpassende Gruppen, das Ungleichgewicht, den Rassismus, die Diskriminierung und das Leben mit verschiedenen Arten des Terrors. Vieles erscheint einem auf den ersten Blick fremd – vor allem, wenn man wie ich Israel nicht besonders gut kennt –, doch mit fortschreitender Lektüre und dem unerbittlichen Heranzoomen der Autorin wird deutlich: Hier liegt Israel stellvertretend für alle Länder auf dem Seziertisch, diese Geschichte kann überall so passieren, wo Menschen auf Menschen treffen.

Nicht nur in diesen Punkten kann Löwen wecken als beeindruckender Roman beschrieben werden, sondern auch im Hinblick auf die Wirkung, die er auf den Leser hat. Ich kann nicht behaupten, dass es mich von Anfang an gepackt hat, dass ich mit dem Lesen nicht aufhören konnte oder dass die Geschichte laut in mir nachhalte, wann immer ich das Buch zur Seite legte. Doch nach der Lektüre wurde mir bewusst, dass diese Geschichte nahezu unbemerkt in einen hineintröpfelt und einen dabei stetig aushöhlt. Sie braucht Zeit, sich zu entfalten, doch ihr Netz aus klugen Gedanken und scharfen Beobachtungen – verpackt in eindrucksvollen und starken Sätzen – fängt einen ein und lässt einen zum Schluss nicht mehr los.

Insgesamt ist Löwen wecken für mich ein subtiler Gesellschaftsroman, ein Psychogramm des Alltags und der Menschen von nebenan, der die Frage stellt, wie schnell man bei der Gabelung von Gut und Böse den falschen Pfad nehmen kann. Verbunden mit einer auch auf Handlungsebene spannenden Geschichte, die neben den intellektuellen Gedanken den Leser fesselt, liegt hier somit ein Roman vor, der meine volle Leseempfehlung und daher 5 Sterne bekommt!

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Tags: einwanderer, familie, israel, lüge, schuld, unfall   (6)
 

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rassismus, new york, usa, 1920er jahre, jazz age

Marylin

Arthur Rundt , Primus-Heinz Kucher , Primus-Heinz Kucher
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Edition Atelier, 25.01.2017
ISBN 9783903005280
Genre: Klassiker

Rezension:

Der Roman Marylin erschien erstmalig 1928 als Fortsetzungsroman in der österreichischen „Neuen Freien Presse“. Der ursprünglich in 43 Folgen abgedruckte Text liegt nun dank dem Verlag Edition Atelier als Buchformat vor und kann somit leichter von einem breiten Publikum konsumiert werden. Und diese Chance sollte die Leserschaft nutzen! Denn der Roman von Arthur Rundt – trotz seiner Produktivität als Autor, Journalist, Dramaturg und Theaterdirektor am Anfang des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit geraten – analysiert präzise und auf den Punkt den alltäglichen Rassismus in den Vereinigten Staaten und damit ein Problem, das seit den 1920er Jahren – trotz aller Fortschritte – nicht an Relevanz verloren hat.

Erzählt wird von Philip und der titelgebenden Marylin. Ersterer verliebt sich in letztere auf der gemeinsamen Hin- und Rückfahrt zur Arbeitsstätte. Er folgt ihr, stellt ihr nach und macht ihr schließlich ganz offiziell den Hof. Marylin flüchtet zunächst vor Philips Avancen – erst von Chicago nach Cleveland und schließlich ins pulsierende New York –, gibt ihm letztlich aber doch nach. Dennoch gestaltet sich die Beziehung weiterhin nicht so leicht, wie von Philip ursprünglich erhofft: Erst will Marylin nicht heiraten, dann vermeidet sie um jeden Preis eine Schwangerschaft. Etwas steht zwischen den Eheleuten und Philip benötigt nahezu 150 Seiten – und die Geburt eines dunkelhäutigen Kindes –, um zu erfahren, was ihn stets von seiner Frau getrennt hat.

Marylin verewigt die scharfsinnigen Beobachtungen, die Rundt während seiner Reisen durch Amerika über die dortige Gesellschaft gemacht hat. Schnörkellos, pointiert und gänzlich unsentimental legt er das Leben in einer der aufstrebendsten Metropolen der damaligen Zeit dar, deren Alltag nicht nur durch Musik, Tanz und Kunst am Broadway geprägt wird, sondern eben auch durch eintönige Arbeitstage und das engstirnige, feindselige und rassistische Denken der weißen Bevölkerung. Trotz aller Nüchternheit ist Marylin daher ein atmosphärischer Roman, der einerseits durch sein weitschweifendes Erzählen das New York der 1920er Jahre vor dem Auge des Leser entstehen lässt, gleichzeitig aber durch seine Konzentration auf für diese Zeit selbstverständliche Begeben- und Einzelheiten Vorgänge ein Blick hinter die rauschende Fassade der Großstadt wirft.

Für so viel Inhalt benötigt Rundt nur wenige Seiten – in der Buchform umfasst der Text etwa 150 Seiten. Marylin ist knapp gehalten: Hier wurde kein Wort zu viel gesetzt, kein erzählerischer Umweg genommen, sich nicht in Beschreibungen verloren. Dennoch hätte es für mich fast noch komprimierter sein können, hätte das Geschehen noch verdichteter präsentiert werden dürfen, um den Leser mit voller Wucht zu treffen. Zudem überzeugen mich die Entwicklungen kurz vor Schluss (Marylins Flucht in die Südsee) nicht vollends, hier macht es sich Rundt etwas zu leicht, wo er doch vorher den Mut bewiesen hat, auch das schwer Auszuhaltende in Worte zu fassen. Nichtsdestotrotz überzeugt Marylin, das von einer längst vergangenen Welt erzählt, dessen Gedanken traurigerweise bis heute nicht völlig ausgestorben sind, in jeglicher Hinsicht. Volle Leseempfehlung!

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Tags: 1920er jahre, ehe, new york, rassismus, usa   (5)
 

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Staatenlos

Shumona Sinha , Lena Müller
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Edition Nautilus GmbH, 06.09.2017
ISBN 9783960540472
Genre: Romane

Rezension:  
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richterin, gericht, münchen, justiz, lebensgeschichte

Justizpalast

Petra Morsbach
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Knaus, 04.09.2017
ISBN 9783813503739
Genre: Romane

Rezension:

Das Unrecht geht immer weiter, aber das Bemühen um Gerechtigkeit auch! (S. 479)

Es gibt Bücher, die erzeugen bei mir schon nach wenigen Seiten ein starkes paradoxes Gefühl: Ich weiß einerseits schon recht früh, dass das vorliegende Buch großartig werden wird; andererseits ist mir bewusst, dass das Buch, zerlegt in seine Bestandsteile, nur wenig Großartiges bereithält und es mir schwer fallen wird, es anderen Lesern schmackhaft zu machen. So geschehen auch beim jüngsten Roman der Schriftstellerin Petra Morsbach: Justizpalast erzählt von Thirza Zorniger, ihrem juristischen Werdegang bis zum Richteramt am Münchener Landgericht und vom Rechtswesen (theoretischer wie praktischer Natur) in der Bundesrepublik nach 1945.

Wer nun allerdings beim Titel und der kurzen Zusammenfassung auf einen thrillerartigen Plot oder auf eine dynamische Geschichte mit irrwitzigen Wendungen, wie sie in amerikanischen Anwaltsserien zuhauf erzählt werden, hofft, der hat mit Justizpalast leider einen Fehlgriff gemacht. Denn Petra Morsbach verzichtet in ihrem Roman konsequent auf alle sensationshaschenden Elemente, mit denen eine Geschichte aufwarten kann: die Hauptfigur Thirza ist in erster Linie spröde und passiv, keine Sympathieträgerin, sondern eher eine Figur, bei der man zwischen leichtem Mitleid und freundlichem Spott schwankt; die Geschichte plätschert vor sich hin und fokussiert sich dabei stark auf die Mühlen der Justiz, die – wie wir alle wissen – zwar stetig, aber auch langsam mahlen; der Text selbst ist so trocken und nüchtern geschrieben wie ein juristisches Schriftstück und setzt mehr auf Informationsvermittlung als darauf den Leser, emotional mitzureißen. Kurzum: Es spricht vieles gegen diesen sperrigen Roman. Und dennoch hat mich Justizpalast restlos überzeugt und auf eigentümliche Weise begeistert.

Das liegt vor allem an dem scharfen Blick, mit dem Petra Morsbach im Roman alles und jeden unter die Lupe nimmt: den Alltag an Gericht, die Motive der Klagenden, die Selbstpräsentation des juristischen Personals, die institutionellem Strukturen, die sich um die juristischen Grundgedanken entwickelt haben, den Unterschied zwischen Rechtsprechung und Gerechtigkeit sowie zwischen moralischen und juristischen Prinzipien. Dabei zeigt sie einerseits einen Faible für Details, indem sie verschiedenen Fällen ihrer Hauptfigur viel Platz im Roman einräumt; andererseits gelingt es ihr leichtfüßig den einzelnen Fall ins große Ganze einzufügen und auf diese Weise einen umfangreichen Blick hinter die Kulissen unseres Rechtsstaates zu werfen. Zudem ist ihr Stil bei aller Nüchternheit und vermeintlicher Objektivität nicht frei von subtiler Komik und feiner Ironie und macht den vielleicht auf den ersten Blick langweilig wirkenden Text heiter und schwungvoll zu lesen. Auch Thirzas verschrobener Charakter trägt viel zu einem leichten Umgang mit den doch bisweilen schweren und gewichtigen Themen bei und bindet einen – auch wenn man Thirza nicht unbedingt zur besten Freundin haben möchte – stark an diesen so andersartigen Text.

Ich wünsche Justizpalast viele Leser, hat sich das Buch doch während der Lektüre völlig unerwartet zu einem literarischen Schatz und einem Lesehighlight 2017 entwickelt. Man braucht sicherlich eine gewisse Aufgeschlossenheit und vor allem zu Beginn den Willen, sich durch diesen Text zu beißen. Danach wird man meiner Meinung nach jedoch mit einem Roman belohnt, der aus der Büchermasse heraussticht und einer mit seiner Unkonventionalität für sich gewinnt. 5 Sterne!

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Tags: gericht, justiz, lebensgeschichte, münchen, richterin   (5)
 

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promotion, kommunismus, 1970er jahre, hamburg, rhein

Wir werden erwartet

Ulla Hahn
Fester Einband: 640 Seiten
Erschienen bei DVA, 28.08.2017
ISBN 9783421047823
Genre: Romane

Rezension:

Wie das Leben sich wirklich vollzieht, ist sein Geheimnis; man kennt nur die Erinnerung, und die schafft sich ihre eigene Geschichte. (S. 140)

Und da ist er nun: der letzte Band um Hilla Palm. Mit Wir werden erwartet schließt Ulla Hahn die Tetralogie um „dat Kenk vun nem Prolete aus Dondorf am Rhein“ ab, die mit Das verborgene Wort begann und seitdem einen festen Platz in meinem Lektüreherzen hat. Mit Das verborgene Wort habe ich nicht nur die Schriftstellerin und Lyrikerin Ulla Hahn für mich entdeckt; die Lektüre hat auch einst mein Interesse für klassische Literatur geweckt und mich in meine eigene Familiengeschichte eintauchen lassen. Hilla Palm hat also einen besonderen Platz in meinem Bücherleben und Ulla Hahn kann über sie fast schreiben, was sie will, sie verliert ihn nicht – auch wenn mir das Geschriebene vielleicht nicht vollends gefällt.

Denn das ist ehrlicherweise bei Wir werden erwartet häufiger der Fall, als mir lieb ist: Folgt man Hahns eigenen Aussagen, so scheint der letzte Band eigentlich der wahre Kern dessen zu sein, was sie immer schreiben wollte und dem sie sich durch das Verfassen der ersten drei Bände stückweise angenähert hat: Wie konnte sie – und damit auch Hilla, ihr Alter Ego – in der DKP, der Deutschen Kommunistischen Partei landen? Hahn blickt folglich in diesem Roman nicht nur zurück, sondern analysiert, ordnet ein, verarbeitet und versucht, Verständnis zu erlangen. Für sich selber mag das aufgehen, der Leser bleibt meiner Meinung nach jedoch häufig auf halber Strecke zurück: Man „versteht“ zwar auf rationaler Ebener, warum Ulla/Hilla in die Partei eintritt, aber man „fühlt“ es nicht. Die Theorien und Zeitumstände werden nicht erlebbar, reißen einen nicht mit, sondern verlieren sich in zu vielen Details und in politischen Worthülsen. Die Geschichte ist daher über viele Strecken langatmig, thematisch zwar noch interessant, aber in der Umsetzung zu weit weg vom Leser und seinen Emotionen.

Glücklicherweise zeigt Ulla Hahn in Wir werden erwartet aber mindestens genauso häufig, dass sie durchaus eine begnadete Erzählerin, vor allem aber eine Meisterin der deutschen Sprache ist – und zwar immer dann, wenn das Private nicht politisch ist. Wenn Hilla um ihre große Liebe Hugo trauert, wenn sie sich mit dem Vater versöhnt, wenn sie ihre ersten Schritte als Lyrikerin wagt, wenn sie zurückkehrt an den Rhein und damit in ihre Vergangenheit, dann berührt einen dieser Roman tief, nimmt einen mit seiner vertrauten Atmosphäre ein und lässt einen Hilla ganz nahe kommen. Anders als in Spiel der Zeit (Band 3) schafft es Hahn nämlich immer wieder, in ihrer Erzählweise einen Bogen zum ersten Band zu schlagen: Man verschmilzt mit der Figur der Hilla, teilt ihre Gefühls- und Gedankenwelt und folgt ihr zu ihren Wurzel, die man als treuer Leser ebenso gut kennt wie die Protagonistin selbst. Hinzu kommt Ulla Hahns wunderbare Sprache: Intellektuell und doch verspielt, anspruchsvoll in Syntax und Inhalt und doch mit einem naiven Blick für Wortbedeutungen und -formen führt sie durch Wir werden erwartet, positioniert sich immer wieder implizit und explizit (es finden sich viele ihrer späteren Gedichte im Roman) als Lyrikerin und zeigt den Reichtum und die Möglichkeiten unserer Sprache eindrucksvoll auf.

Und somit ist Wir werden erwartet mit einigen Abstrichen doch insgesamt eine gelungene und passende Verabschiedung von Hilla, die mir jetzt, wo ich auf keinen neuen Band mehr warten kann, schon jeden Tag etwas mehr zu fehlen scheint. Umso schöner war es, noch einmal gemeinsam mit ihr zu weinen, in Erinnerungen zu schwelgen, auf neue Reisen zu gehen – und das alles in diesem Sound, der der ganze Reihe so eigen war und mit dem Ulla Hahn mich von der ersten Seite gefangen nahm. Danke für alles, meine Lieblingsfigur! „Lommer jonn!“ – für immer!

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Tags: 1970er jahre, dkp, hamburg, köln, kommunismus, politik, promotion, rhein, tod, vater, verlust, westdeutschland   (12)
 

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lüge, lügnerin, israel, roman, aufmerksamkeit

Lügnerin

Ayelet Gundar-Goshen , Helene Seidler
Fester Einband
Erschienen bei Kein & Aber, 27.09.2017
ISBN 9783036957661
Genre: Romane

Rezension:

Denn so ist es nun einmal: Manche Menschen werden durch die Wahrheit schön, andere durch die Lüge. (S. 49)

Es beginnt streng genommen nicht mit einer Lüge, sondern mit einem fehlenden Widerspruch. Herbeigeeilte Passanten bezichtigen den ehemaligen Castingshow-Gewinner Avischai Milner, die junge Eisverkäuferin Nuphar Schalev zu vergewaltigen versucht zu haben. Nuphar klärt dies zunächst nicht auf und ersinnt später eine Geschichte, die zwar nicht wahr ist, die Leute aber wahrhaben wollen. Von jetzt auf gleich steht Nuphar, bis dato ein unscheinbares Mädchen, die stets der jüngeren und schöneren Schwester unterliegt, im Mittelpunkt: die Medien reißen sich um ihre Story, sie wird in der Öffentlichkeit als neue Meinungsmacherin gefeiert, jeder will ihre Freundin sein und plötzlich findet sie sich unverhofft in einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte wieder…

Ich habe im Sommer dieses Jahres bereits Löwen wecken von Ayelet Gundar-Goshen gelesen, das mich aufgrund seines psychologischen Feinsinns und seinen moralphilosophischen Fragen sehr begeistert hat. Gundar-Goshens neuer Roman Lügnerin steht in dieser Hinsicht dem Vorgänger in nichts nach: Präzise, sezierend und unvoreingenommen legt die Autorin nicht nur die Motivation für das Lügengebäude, das Nuphar von Seite zu Seite höher errichtet, auf, sondern analysiert ebenso differenziert die Eigendynamik, die die einmal in die Welt gelassene Lüge schnell entwickelt, und dabei nicht nur Nuphar, die Lügnerin, vor sich hertreibt, sondern ebenso ihr Opfer, heimliche Mitwisse sowie Zweifler und Skeptiker. Gundar-Goshens Roman ist dabei zeitlos und modern zugleich: Immer wieder stellt sie das Grundbedürfnis des Menschen nach Sichtbarkeit und Gehörtwerden in den Mittelpunkt ihrer Geschichte – und vergisst dabei nicht, zu betonen, dass wir uns heutzutage in einer Gesellschaft bewegen, in der es dank des Internets ein jeder zu fünf Minuten Ruhm schaffen kann und in der Aufmerksamkeit zu einer teuren Währung geworden ist.

Neben der gewählten Thematik überzeugt Gundar-Goshen in Lügnerin auch mit ihrer herausragenden Sprache: Ähnlich wie Nuphars Lüge treiben hier auch ungewöhnliche Bilder sowie schiefe und gerade deswegen passende Vergleiche Blüten. Gepaart mit der Nüchternheit und Objektivität ihrer Erzählhaltung entsteht so ein spannender, sich am Leser reibender Text, der spannende Fragen auf manchmal fast schon lyrische Weise transportiert.

Bei aller Begeisterung ist Lügnerin meiner Meinung nach jedoch nicht frei von Schwächen: Leider fügt sich die geschilderte Teenager-Romanze nicht ganz rund in die Lügengeschichte ein, ebenso wie der Erzählstrang um die vermeintliche Holocaust-Überlebende im zweiten Erzählteil. Durch den Fokus auf diese Elemente bremst die Geschichte kontinuierlich ihr eigenes Tempo und schöpft die in ihr angelegten Möglichkeiten nicht vollends auf. Hier hätte ich mir einfach ein dichteres und stringenteres Erzählen gewünscht – so wie Ayelet Gundar-Goshen es in Löwen wecken bereits demonstriert hat. Daher reicht es zwar insgesamt nur für vier Sterne, Ayelet Gundar-Goshen hat mit Lügnerin jedoch den Sprung in die Kategorie „Lieblingsautoren“ eindeutig geschafft!

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Tags: aufmerksamkeit, israel, lüge, missbrauch, verleumdung   (5)
 

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7 todsünden, sieben nächte, neid, angst, literatur

Sieben Nächte

Simon Strauß
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 08.07.2017
ISBN 9783351050412
Genre: Romane

Rezension:

Simon Strauss‘ Buch Sieben Nächte ist eines dieser Bücher, das die Herzen sämtlicher Feuilletonisten schneller schlagen lässt: „Das Buch der nächsten Generation“ und „Der Roman der Generation der Endzwanziger“ sind sich Die Zeit und die Berliner Zeitung einig; „ein Manifest für mehr Mut, zum Pathos, für Sinnlichkeit und Begeisterung“ befindet Der Spiegel. Literaturressortchef Volker Weidermann hat es sogar auf den Buchrücken geschafft – kein Wunder, ist doch sein Fazit eines „leidenschaftliche[n], angstfreie[n], traditionstrunkene[n], zukunftsgierige[n] Kampfbuch“ zumindest was das Pathos betrifft, nicht mehr zu übertreffen.

Und diese Eindrücke kommen nicht von ungefähr, sie drängen sich einem als Leser ja selber auf, wenn man die ersten Seiten gelesen hat. Hier scheint etwas Neues, vielleicht Großes, auf jeden Fall Anderes verfasst zu werden. Ein Text, ein bisschen Roman, viel Essay, auf jeden Fall ein Manifest, ein Hybrid, der sich in keine Schublade stecken lässt. Eine Sprache zwischen politischer Agitation und reiner Lyrik über ein Thema, das die Endzwanziger tatsächlich allzu gut kennen: der Lebenslauf, die Angepasstheit, die Sinnsuche in der globalisierten, digitalisierten, vorgezeichneten Welt, die Last der Freiheit und der unzähligen Möglichkeiten. Schlussendlich die Struktur! Nichts anderes als die Sieben Todsünden zieht der Autor heran, um seinen Protagonisten zum Handeln zu bringen und den Leser durch das Geschriebene zu führen.

Ja Simon Strauss‘ Sieben Nächte zündet wie ein gigantisches Feuerwerk – doch nach den nur 138 Seiten komme ich zu dem Schluss, dass ich es mehr mit einem Strohfeuer zu tun habe, das von den Kritiken nur künstlich aufgeblasen wurde. Das beginnt beim Konzept der Todsünden, das nicht so aufgeht wie angekündigt: Schnell muss man sich davon verabschieden, dass hier wirklich das Begehen der Sünden im Vordergrund steht; vielmehr dienen sie als Impulsgeber für die Gedanken der Hauptfigur und als nette, aber zumeist blass bleibende Kapitelüberschriften. Das geht weiter mit dem Lob der Innovation und – ich zitiere es erneut – dem „zukunftsgierige[n] Kampfbuch“: Rasch erweist sich das Credo des Textes als „Früher war alles besser“. Die E-Books haben noch nicht die Bibliotheken kaputt gemacht, man konnte noch politisch inkorrekt sein, Fleisch essen war Teil des Männlichkeitskult und man durfte noch Angst um sein Leben haben, da das Zeitalter des Friedens in Europa noch nicht erreicht war. Diese Gedanken – gepaart mit einem generellen menschen-, ja beinah lebensfeindlichen Unterton – haben mir nicht nur nicht zugesagt, sondern auch weggestoßen, einen bitteren Nachgeschmack erzeugt und – im Hinblick auf die Lobeshymnen – vor allem enttäuscht. Das soll das Buch für meine Generation sein? Das unsere Utopien, unsere Zukunftspläne? „Zurück in die Zukunft“ als Antwort für die Herausforderungen von Jetzt und Morgen? Hass, Wut und Angst sollen mir als Antrieb dienen?

Und so bleibt nach der Lektüre nur hinsichtlich eines Punktes ein definitiv positiver Eindruck: Strauss‘ Sprache! So sehr mir seine Ideen missfallen haben, so sehr hat mich sein Stil begeistert. Hier kann jemand mit Worten umgehen, mit ihr spielen, tolle Bilder erzeugen, mit Klängen Musik machen. Strauss schafft Sätze, die sitzen, die einen anziehen, in denen man sich (ist ihr Inhalt nicht gerade vom obengenannten Schlag) wiederfinden kann. Sein Text ist kraftvoll, lebendig, schreit seine Botschaft hinaus und besitzt doch lyrische Zartheit. Kurzum: Hier gibt es nichts zu meckern, sondern nur zu loben, zu zitieren und zu bewundern.

Was bleibt also nun von diesem Buch, das so gefeiert wird? Natürlich liegt hier kein Text vor, der im klassischen Sinne gefallen will – im Gegenteil, ich bin mir sicher, Simon Strauss würde sich freuen, dass ich mich so an ihm reibe. Und sicherlich nehme ich aus der Lektüre auch etwas mit, weiß ich doch, wie ich nicht durchs Leben gehe, wie ich nicht auf die Welt und unsere Zukunft schaue. Doch insgesamt hat es mir an den großen Ideen, den verrückten Utopien, den „Gedanken, [den] Sätze[n], d[en] Formeln, die mich retten, wenn es nötig ist“ (S. 134), gefehlt. Und so bleibt es dabei: Anders ist nicht immer neu und neu ist nicht immer besser! 3 Sterne.

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Tags: angst, entwicklung, jugend, nacht, schreiben, sieben todsünden   (6)
 

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vermont, faschismus, analyse, amerika, 1930er jahre

Das ist bei uns nicht möglich

Sinclair Lewis , Hans Meisel , Jan Brandt
Fester Einband: 442 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 22.03.2017
ISBN 9783351036966
Genre: Klassiker

Rezension:  
Tags: 1930er jahre, amerika, analyse, diktatur, faschismus, vermont, widerstand   (7)
 

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heimat, deutschland, migration, integration, sachbuch

Heimaterde

Lucas Vogelsang
Fester Einband: 330 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 17.03.2017
ISBN 9783351036713
Genre: Sachbücher

Rezension:

„Heimat“ ist in Deutschland ein nicht unumstrittener Begriff: Wie viele auf den ersten Blick harmlos klingende Wörter hat auch „Heimat“ eine unrühmliche Geschichte, wurde er doch (bzw. wird er immer noch) von rechten Gesinnungsgruppen vereinnahmt. Nach dem Krieg versuchte man die braunen Assoziationen mit solch kitschigen und klischeehaften Bildern, wie sie Heimatfilme und Heimatromane zeichneten, zu überlagern – und errichtete um das Wort eine idyllische, ländliche, vereinfachte Welt, die nicht unbedingt etwas mit der Realität der deutschen Bürger zu tun hatte. Nun in Zeiten der Globalisierung, in der die ganze Welt ein Dorf zu werden scheint, die Menschen ihre Wurzeln überall ausschlagen und Biographien sich anhand unterschiedlicher Städte und Länder entwickeln, bekommt die Diskussion um „Heimat“ wieder Konjunktur: Was ist Heimat heute? Was bedeutet das Wort für die, deren Familien schon immer da waren, für Migranten und Flüchtlinge, für Nachfahren der Gastarbeiter-Generation? Die Antworten sind zahlreich und Lucas Vogelsang macht sich in seinem Buch Heimaterde auf den Weg, diese in ganz Deutschland aufzuspüren und in seinem Text festzuhalten.

Heimaterde gliedert sich in elf Kapitel, in der jeweils eine Stadt und die Lebensgeschichte einer Person im Vordergrund stehen. Vogelsang erzählt von russlanddeutschen AfD-Wählern im Stuttgart und weißen Breakdance tanzenden Afrikanern in Niedersachsen, von SPD-Direktkandidaten mit palästinensischen Wurzeln in Berlin und von einer Iranerin in einem Strebergarten in Castrop-Rauxel. Im Norden und Süden, im Osten und im Westen fragt er nach der Bedeutung der eigenen Wurzeln, dem Ort, an dem man lebt und dem Spannungsraum, der dazwischen entsteht. Es sind kurze Ausschnitte, die Vogelsang aneinanderreiht, und die nicht immer die Tiefe zulassen, die man sich als Leser bei manch einer Geschichte wünschen würde. Anders als nach dem Klappentext erwartet wird auch weniger von Zufallsbegegnungen erzählt, sondern Vogelsang sucht gezielt Personen auf, die der Message seines Buches dienlich sind. Daher treten in Heimaterde vermehrt „bekannte“ Persönlichkeiten auf, die ihre Biographie erzählen – und das vermutlich schon zum hundertsten Mal: Dadurch werden ihre Geschichten nicht weniger interessant, aber man merkt, dass an ihnen geschliffen wurden, mit ihnen gearbeitet wurde, dass sie dazu dienen, eine Botschaft zu vermitteln.

Nichtsdestotrotz halte ich Vogelsangs Heimaterde inhaltlich für ein gelungenes Buch: Es zeigt, wie bunt Deutschland ist, wie das Zusammenleben verschiedener Kulturen funktioniert, wie Integration gelingt. Vogelsang ist dabei jedoch nicht naiv: Heimaterde erzählt nicht nur Erfolgsgeschichten, sondern auch von Rassismus, Parallelgesellschaften und Integrationsunwillen. Dennoch ist sein Ton und seine Haltung positiv, Heimaterde ist – vor allem im Hinblick darauf, dass es mit der Flüchtlingskrise im Hintergrund geschrieben wurde – ein Beitrag zu „Wir schaffen das!“. Die politische Leitlinie ist damit klar, die anvisierte Leserschaft auch; Menschen, die diese Einstellung prinzipiell und mit Entschiedenheit ablehnen, werden mit diesem Buch daher keine Freude haben.

Bei allen anderen wird die Bewertung dieser Reportage – neben der angesprochenen fehlenden Tiefe und der doch manchmal mangelnden Vielschichtigkeit (der Fokus liegt stark auf Migranten aus dem arabischen Raum bzw. auf Migranten mit dunkler Hautfarbe) – stark davon abhängen, was sie von Vogelsangs Schreibstil halten. Dieser ist nämlich durchaus künstlich, beinahe manieriert und damit bisweilen ziemlich anstrengend: Der Autor setzt stark auf Wortspiele, viele Wörter wirken wie reingezwungen, die Syntax ist sehr markiert. Das ist sicherlich Können, muss aber nicht jedem gefallen. Ich persönlich hätte mir für die erzählten Geschichten einen lockereren Schreibstil gewünscht: Zwar schreibt Vogelsang durchaus nicht ohne Witz und Charme, das Buch liest sich aber nicht so „nah“ und schnell weg, wie es sich bei der Erzählweise weglesen könnte. Dadurch leidet immer wieder der Lesefluss und – schlimmer noch – die eigentlichen Geschichten gehen im ganzen Sprachsalat manchmal unter.

Insgesamt ist Heimaterde eine kurzweilige, dabei aber nicht banale Darstellung der aktuellen Lage in Deutschland. Damit ist es für mich durchaus ein wichtiges Buch, aus dem Vogelsang nicht alles herausholt, was man herausholen könnte. 4 Sterne.

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Tags: deutschland, flüchtlingskrise, heimat, integration, migration, politik   (6)
 

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17 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

familie, japan, instagram, obsession, social media

Sympathie

Olivia Sudjic , Anna-Christin Kramer
Fester Einband
Erschienen bei Kein & Aber, 29.03.2017
ISBN 9783036957579
Genre: Romane

Rezension:

„Die meisten Leute glauben“, sagte er, „dass sie niemanden beeinflussen, aber jeder hat einen riesigen Einfluss oder kann ihn haben, ohne es zu merken, und sei es nur auf den Verlauf eines einzigen Lebens.“ (S. 84)

Als ich 2016 das Buch Die Vegetarierin las, betitelte ich meine anschließende Rezension danach mit den Worten „So etwas habe ich noch nicht gelesen!“. Jetzt, nach der Lektüre von Olivia Sudjics Debüt, muss ich diesen Eindruck revidieren: Sympathie ist nicht weniger abgedreht, surreal und verstörend als Han Kangs preisgekrönter Roman und meine Rezension zu ihrem Werk könnte ebenso den Titel von damals tragen.

Dabei darf man mich nicht missverstehen: Inhaltlich haben wir es hier mit zwei komplett unterschiedlichen Bücher zu tun. Sudjics Sympathie erzählt von der jungen Engländerin Alice Hare und der japanischen Schriftstellerin Mizuko Himura. Erstere stößt bei Recherchen im Internet auf das Instagramprofil der Letzteren. Adoptiert, auf Sinnsuche und von japanischer Kultur wie der physikalischen Theorie der Gegenpartikel gleichermaßen fasziniert, macht Alice immer mehr vermeintlichen Parallelen zwischen ihrem und Mizukos Leben aus. Sie arrangiert ein „zufälliges“ Treffen und schleicht sich immer mehr in Mizukos Allatg, ihre Gefühle und ihre Gedanken ein. Doch die Beziehung der beiden bleibt unausgewogen und Alice erkennt zu spät, dass sie ohne Bremse einen steilen Abhang hinunterfährt…

Sie war meine erste Liebe, doch ich war nicht ihre. Sie würde von nun an nur nach einer Art Echo ihrer ersten Liebe suchen, und wenn ich die richtigen Geräusche von mir gegeben hätte, hätte ich womöglich eine Zeit lang dieses Echo sein können. (S. 308)

Das Folgen von Personen, das Uploaden gefilterter Bilder, die Organisation des Beziehungsleben via Apps spielt in Sympathie eine entscheidende Rolle: Daher wundert es nicht, dass die New Republic nach Erscheinen frenetisch jubelte „Der erste große Instagram-Roman.“ Selten hat ein Buch so detailliert die Abhängigkeit eines Menschen zu seinem Mobiltelefon und die Folgen des unbegrenzten Zugangs zum Internetprofil einer Unbekannten gezeichnet. Trotzdem würde ich den Roman nicht allein auf die Bedeutung, die das Social Web in ihm einnimmt, reduzieren wollen: Instragram und all die anderen Apps stellen zwar den Auslöser und den Katalysator der weiteren Handlung an, doch erzählt die eigentlich eine altbekannte Geschichte: Wer kann ich sein? Wo will ich hin? Und wie kann ich auf diese Fragen antworten finden, wenn ich doch gar nicht weiß, woher ich komme?

Denn Alice, die Adoptierte und Wurzellose, ist eine Suchende – und während dieser Suche stößt sie zufällig (oder nicht? – so glaubt es zumindest Alice) auf Mizuko. Sekundenschnell projiziert sie all ihre Sehnsüchte, Hoffnungen und Wünsche auf diese Person, die ihr Leben im Internet so freizügig preisgibt, und verliert sich in einer undurchschaubaren Beziehung aus Freundschaft, Liebe, Abhängigkeit und Wahnsinn. Olivia Sudjics stellt dieses Sich-Verlieren in eine Person auf unheimlich eindringliche und mysteriöse, zugleich befremdliche und verwirrende Weise dar. Unchronologisch und einem roten Faden folgend, den wohl nur sie erkennt, rekonstruiert Alices ihres und Mizukos Leben, wie beide aufeinandertrafen und sich dann wieder trennten. Über weite Strecken versteht man in diesem Buch nicht, warum sich was wie ergab, warum wer was dachte und warum wer so handelte, wie er eben handelte. Und doch – und das ist das Fantastische an diesem Roman – ersteht aus dieser Erzählweise ein faszinierendes Geschichtsknäuel voller Symbolik, das den Leser fesselt und mit der Hoffnung an sich bindet, es entwirren zu können.

Jedoch eine Warnung: Es gelingt ihm nicht. Die Lektüre von Sympathie erweist sich als reine Sisyphusarbeit und spiegelt die Beziehung zwischen Alice und Mizuko auf gekonnte Weise wider: Je mehr man als Leser versucht, dieses Buch zu durchdringen, desto mehr entzieht sich die Geschichte einem, auf jeden Schritt vor folgen zwei Schritte zurück. Das ist anstrengend, das ist frustrierend, das ist aber auch ein gekonntes Spiel mit dem Leser, das die Autorin zumindest bei mir eindeutig gewonnen hat. Sympathie ist kein Buch, das man – anders als in der dargestellten virtuellen Welt so beliebt – mit „gefällt mir“, „gefällt mir nicht“ bewerten kann, sondern ein Buch das fordert, das einen ratlos zurücklässt und einem doch während der ganzen Lektüre gebannt an der Stange hält. Es ist auf verdrehte Weise wohl eines meiner Jahreshighlights 2017 und auch wenn ich nicht sagen kann, was einem das Lesen dieses Buches „bringt“, empfehle ich es doch aufgrund seiner Andersartigkeit und Sperrigkeit ausdrücklich allen weiter, die ein Faible für spezielle Literatur haben! Dafür 5 Sterne und in Anlehnung an Facebook: Daumen hoch!

Nach wie vor bin ich mir unsicher, ob ich Mizuko manipulierte oder sie mich, es vielleicht bis heute noch tut. (S. 443)

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Tags: entwurzelung, familie, freundschaft, instagram, internet, japan, new york, obsession, social media, stalking   (10)
 

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tod, trauer, roman, verlust, hamburg

Ein fauler Gott

Stephan Lohse
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 06.03.2017
ISBN 9783518425879
Genre: Romane

Rezension:

Ihre Trauer bleibt unfertig, sie formt sich nicht und findet kein Maß. Sie ist aus der Zeit gefallen, und wo keine Zeit ist, wird sie auch keine Wunde heilen. (S. 103)

Sommer 1972: Ben ist 11 Jahre – und plötzlich wieder Einzelkind. Sein kleiner Bruder Jonas stirbt unerwartet an einer mysteriösen Krankheit und lässt Ben und seine Mutter alleine zurück. Der Vater hat die Familie schon vor einer Weile verlassen und so liegt es an Ben, seine Mutter aufzuheitern, während er selbst seine eigene Trauer zu verarbeiten versucht. Gleichzeitig geht das Leben und der Alltag unaufhörlich weiter: Ben findet einen neuen Freund, küsst ein Mädchen und erlebt seine erste Kellerparty.

Stephans Loses Debütroman Ein fauler Gott startet unheimlich stark und entfaltet bereits auf den ersten Seiten ein ungemeines Potential: Einfühlsam, ehrlich, ohne Kitsch und Schwulst und mit einer hervorragenden Dosis aus traurigen Momenten und zum Schmunzeln einladenden Szenen erzählt er von einer Trauer, die alles zu verschlingen droht, dem banalen Alltag, der unbarmherzig weitergeht und den kleinen Momenten voll Freude, die sich trotz allem immer wieder ins Leben schleichen. Denn das Leben – das ist die klare Botschaft dieses Romans– hört bei aller Fassungslosigkeit und Unglauben des Trauernden nicht auf: Es geht weiter, bringt neue Erfahrungen, und auch wenn die Zeit keine Wunden heilt, so lässt sie einen doch lernen, mit ihnen zu leben.

Ein fauler Gott ist im Kern also ein wirklich wunderbares Buch und noch am Anfang glaubte ich, dass es mich wirklich mitreißen könnte. Diese Hoffnung zerschlug sich leider jedoch mit jeder Seite mehr. Das lag zum einen am Schreibstil des Autors: Die Geschichte wird sehr unmittelbar, ohne wirklichen roten Faden und mit munteren Zeit- und Handlungssprüngen erzählt. Die Orientierung im Buch selber fiel mir daher nicht immer leicht und hatte durchaus auch Auswirkungen auf meine Fähigkeit, mich in die einzelnen Szenen einzufühlen. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte einfach nicht haften blieb: Bei jedem Griff zum Buch, musste ich mich erst einmal wieder daran erinnern, über was ich zuletzt gelesen hatte und welche Rolle dieses Erzählte im Gesamtkontext spielte. Hinzu kommt, dass die Erzählweise – trotz vieler toller und wahrer Sätze über den Tod und die Trauer – doch immer auf Distanz zu den Figuren blieb: Man ist zwar nah an ihrem Leben dran, doch den direkten Zugang zu den Gefühlen findet der Leser nicht. Wie Trauer, Schmerz und Hoffnungslosigkeit das Leben dominieren, ergibt sich nur indirekt über Handlungen und Aussagen. Das hat zwar definitiv auch seinen Reiz, nimmt einen als Leser aber nicht so mit wie die direkte Konfrontation mit den Emotionen der Figuren.

Das größte Problem war für mich aber vielmehr, dass sich die Geschichte mit der Zeit eindeutig verliert. Viel zu häufig hält sich der Erzähler mit Nebensächlichkeiten auf: Kleine Szenen werden viel zu detailliert und ausladend erzählt, ohne von wirklicher Bedeutung zu sein; ganze Abschnitte weisen einen Handlungsstrang auf, die für den Fortgang der Geschichte unerheblich sind und sich mir vollkommen entzogen haben. Hinzu kommt der unerklärliche Drang des Autors, die Lebensgeschichte der Mutter rekonstruieren zu wollen, obwohl diese meiner Meinung nach unerheblich ist, um die Gegenwart angemessen zu verstehen. All diese Punkte führten leider dazu, dass die Lektüre von Seite zu Seite langweiliger und ermüdender wurde. Das Leben geht weiter, sicherlich, aber in Ein fauler Gott trottet es mehr so vor sich hin: Das mag der Realität entsprechen, in einem Roman macht das dem Leser auf über 300 Seiten jedoch wenig Freude!

Ein fauler Gott hat es leider nicht geschafft, mich während der Lektüre richtig abzuholen, sondern mich – im Gegenteil – im letzten Drittel noch komplett zu verlieren. Die Grundidee ist schön, die kindliche Perspektive ermöglicht viele tolle Szenen, aber für mich persönlich war das nicht genug. Daher nur 3 Sterne.

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Tags: 1970er, bruder, gott, hamburg, kindheit, selbstmord, tod, trauer, verlust   (9)
 

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kamerun, usa, new york, finanzkrise, american dream

Das geträumte Land

Imbolo Mbue , Maria Hummitzsch
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462047967
Genre: Romane

Rezension:

Für Jende Jonga und seine Frau Neni ist Amerika das gelobte Land. Gemeinsam mit ihrem Sohn Liomi wollen sie sich hier durch Fleiß und Durchhaltevermögen eine glorreiche Zukunft erarbeiten, die so in ihrem Heimatland Kamerun nicht möglich ist. Zu Beginn scheint ihr Plan aufzugehen: Jende ergattert einen Job als Chauffeur für Clak Edwards, einem leitenden Manager bei Lehman Brothers; Neni nimmt Abendkurse, um die Zulassung für ein Pharmaziestudium zu erlangen, und arbeitet in den Ferien für Cindy Edwards, Clarks Ehefrau. Ihnen geht es gut und sie träumen von einem kleinen Haus, einer eigenen Apotheke und genug Geld, um den Verwandten in Kamerun ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Dass Jende jederzeit die Abschiebung droht, versuchen sie zu ignorieren. Doch dann erschüttert der Zusammenbruch von Lehman Brothers die Finanzwelt, das Leben der Edwards – und somit auch das Leben von Jende und Neni. Risse und moralische Abgründe tun sich in beiden Welten auf und schließlich kämpft jeder nur darum, seine eigene Haut zu retten…

Das geträumte Land ist der Debütroman von Autorin Imbolo Mbue und gehört in den USA zu den besten Büchern des Jahres 2016: „The one novel Donald Trump should read now“ urteilte die Washington Post in einem Artikel im letzten August und adelte ihn direkt als Buch der Stunde. Tatsächlich liefert Mbue einen aktuellen und realitätsnahen Roman. Nicht allein, weil ihre Geschichte zur Zeit der Finanzkriese spielt, deren Nachwehen die Welt bis heute noch spürt, sondern weil ihr Roman auf deutliche Weise die Kluft zwischen Arm und Reich (und damit auch zwischen  Schwarz und Weiß) herausarbeitet, das amerikanische Einwanderungssystem beleuchtet und die Frage aufwirft, ob der American Dream im 21. Jahrhundert überhaupt noch „traumbar“ ist.

Das Buch trifft also definitiv den Zeitgeist – doch das allein macht noch keinen großen Roman. Mbue ist eine solide Erzählerin, die es versteht, eine kurzweilige, leicht zu lesenden und gefällige Geschichte zu schreiben, doch darüber hinaus bleibt Das geträumte Land hintern meinen persönlichen Erwartungen zurück. Das Buch erzählt eine altbekannte Story, die Wahrheiten, die es ausspricht, vermögen nicht mehr zu erschüttern und letztlich hat es (auch auf stilistischer Ebene) nichts Überraschendes und Neues zu bieten. Von einem „großen Wurf“ erwarte ich jedoch eindeutig mehr! Er soll mir Fragen aufdrängen, auf die ich selber noch nicht gestoßen bin, er soll mich berühren, mitnehmen und herausfordern – das alles hat Das geträumte Land leider nicht getan.

Das liegt meiner Meinung nach vor allem an der Figurenzeichnung. Über das ganze Buch blieben mir Jende und Neni leider viel zu blass und wirkten mehr wie Platzhalter, die exemplarisch für das Schicksal vieler stehen, als wie eigenständige literarische Figuren. Die Edwards blieben mir in ihrer Darstellung viel zu klischeehaft (er der Worcaholic, der seine Frau betrügt, und schließlich die Wandlung vom Saulus zum Paulus erlebt; sie die unglückliche reiche Ehefrau, die sich in Drogen und Alkohol flüchtet), obwohl die Idee, diese zwei absolut gegensätzlichen Welten aufeinandertreffen zu lassen, prinzipiell sehr reizvoll ist und dem Roman immer wieder gute Szenen beschert. Generell ist in Das geträumte Land Vieles vielversprechend, wird von der Autorin aber nicht mutig genug weitergeführt: Gerade in den zwischenmenschlichen Begegnungen – nicht nur zwischen den Edwards und den Jongas, sondern auch zwischen Neni und Jende und zwischen den verschiedenen Ethnien in New York – liegt ein ungemeines Potential, hier zeigt Mbue einen guten Blick und scheut sich nicht davor, alle ihre Figuren der Ungnade des Lesers auszusetzen. Noch ein bisschen mehr Courage hätte spannende Dynamiken und eine interessante Leser-Figuren-Beziehung erzeugt; so bleibt man aber auf die Rolle des stillen Beobachters zurückgeworfen, der mitliest, aber nicht mitfühlt und der bis zum Schluss keinen wirklichen Zugang zu den Handelnden erlangt.

Das geträumte Land ist sicherlich in dem Sinne ein gutes Debüt, weil es den Finger an die amerikanische Wunde legt. Für ihren nächsten Roman wünsche ich Mbue aber den Mut, soweit zu gehen, dass es auch wirklich schmerzt und den Leser nicht mehr loslässt. Vorerst bleibe ich daher mit einem Erstling zurück, der im Kern eine gute Idee bereithält, sich aber in einer schleppenden Erzählweise und einer durchschnittlichen Figurenzeichnung auf über 400 Seiten immer mehr verliert. 3 Sterne und eine Leseempfehlung nur für die, die in der Diskussion um den Roman mitmischen wollen.

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Tags: american dream, amerika, arm und reich, einwanderung, finanzkrise, kamerun, lehman brothers, new york, schwarz und weiß in amerika   (9)
 

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krieg, mythos, maeve, rache, autorin

Die Stierin

Andrea Stift-Laube
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 08.02.2017
ISBN 9783218010689
Genre: Romane

Rezension:

Es sind zwei Geschichten und doch nur eine, die Andrea Stift-Laube in ihrem Roman Die Stierin erzählt. Da ist Maeve, die in einem kleinen Käseladen arbeitet, in ihren freien Minuten ein Streitheer und zwei Stiere schnitzt und mit ihrem Mann Alli eine unheilvolle, durch Gewalt und Machtmissbrauch bestimmte Beziehung führt. Und da ist Maeve, eine kriegerische Halbgöttin, die von einem fremden König vergewaltigt wird und aus Rache die ganze Erde mit einem grausamen Krieg überzieht. Ein Chor aus beiden Welten kommentiert das Geschehen und führt letztlich zusammen, was zusammengehört.

Was die Legende ausspart: die Demütigung, die Vergewaltigung, die Kraft, sich daraus zu erheben. Ich habe einen Bruchteil der Wahrheit gesehen und versuche, daraus zu lernen. Was bleibt, ist mein ganzes Leben. Was bleibt, ist jeder Tag, der noch kommt. (S. 168)

Beide Geschichten – Gegenwart und altirischer Mythos, fiktive Geschichte und nicht minder fiktive Sage – verweben, überlagern und ergänzen sich in dieser außergewöhnlichen und anspruchsvollen Erzählung, die nur knappe 170 Seiten benötigt, um wichtige und immer noch aktuelle Fragen aufzuwerfen: Wie geraten (zumeist) Frauen in Beziehungen, die von Misshandlung und Demütigung geprägt sind? Wie geht die Gesellschaft mit Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch um? Welche archaischen Bilder prägen das Geschlechterverhältnis bis heute und ermöglichen Beziehungen wie Maeves? Die Stierin ist dabei keine historische Abhandlung, kein Plädoyer, keine feministische Kampfschrift. Es ist eine Geschichte, die versucht Mechanismen aufzudecken, Motivationen zu verstehen, Vorstellungen aufzuzeigen und dadurch zu hinterfragen.

Dies alles geschieht in einer klaren, nüchternen, schnörkellosen Sprache, die dennoch (oder gerade deswegen) die unterschwellige Brutalität der Geschichte hervorragend vermittelt und eine leichte und zügige Lektüre ermöglicht. Trotzdem würde ich das Buch nicht als „leicht zu lesen“ bezeichnen. Es ist hoch symbolisch, beinhaltet immer wieder Anspielungen auf die keltische Mythologie, kommt dem Leser nahe, nur um sich dann doch wieder zu entziehen. Lange habe ich gerätselt, wie dieses Buch zu lesen ist, habe mich in Interpretationen und Deutungen bemüht und versucht einen Zugang zu finden. Doch so funktioniert die Geschichte nicht: Sicher, die Symbolik ist vorhanden und ihre Interpretation läuft sicherlich nicht ins Leere – doch ist man damit nicht am Ende angelangt. Die Stierin eröffnet meiner Meinung nach verschiedene Ebenen, bietet verschiedene Lesarten, die berechtigt nebeneinander stehen und alle die oben skizzierte Thematik behandeln. Will man diesem Roman gerecht werden, so muss man sich als Leser in gewisser Weise zurücknehmen, das Gelesene auf sich wirken lassen und darauf vertrauen, das sich alles fügt. Denn dass diese Geschichte von der Autorin kunstvoll komponiert ist, alles mit allem verbunden ist und ein rundes Ganzes ergibt, spürt man – trotz aller Unsicherheiten und Verständnisprobleme während der Lektüre – von Beginn an. Und tatsächlich sieht man am Ende: Es ist Maeves Geschichte und sie musste so erzählt werden.

Meine Rezension klingt in gewisser Weise kryptischer als das eigentliche Buch und wird trotz all meiner Bemühungen dem Roman auch nicht wirklich gerecht. Die Stierin ist daher wieder so ein Buch, das jeder selber lesen und „erfahren“ muss, auch wenn das Buch sicherlich nicht etwas für jeden ist. Man muss sich auf das Erzählte einlassen, es aufnehmen, es überdenken und doch zum Schluss vieles für sich stehen lassen. Wer das kann, wird mit einer besonderen und andersartigen Lektüre belohnt!

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Tags: archaisch, gewalt, krieg, mythos, rache, tod, vergewaltigung   (7)
 

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zweiter weltkieg, schuld, remember the past, poland, kriegsverbrechen

Unscharfe Bilder

Ulla Hahn
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei dtv, 01.05.2005
ISBN 9783423133203
Genre: Romane

Rezension:

Es sprach aus ihm, es rann aus ihm heraus wie Eiter aus einer schmutzigen Wunde. Es strömten ihm die Bilder, die Sätze zu. Das Vergessene drängte herauf, überschwemmte die Gegenwart. Der alte Vater war der junge Soldat. Erzähler war er und Erzähltes in einem. (S. 40)

„Es bleibt nicht mehr viel Zeit, um die Väter zu fragen, was sie im Krieg getan haben…“ Diese Aussage des Klappentextes trifft auf das Jahr 2018 noch mehr zu als auf das Jahr 2003, dem Erscheinungsjahr von Ulla Hahns Roman Unscharfe Bilder. Die Beweggründe hinter dem Fragen der älteren Generationen sind jedoch weiterhin dieselben: sich der deutschen Verantwortung stellen, keine blinden Flecken in der eigenen Familiengeschichte zulassen, das Unverständliche zu verstehen versuchen, Erklärungen finden, die über das Faktenwissen hinausgehen. Das alles treibt auch die Hauptfigur Katja um: Ihr Vater, pensionierter Lehrer und einst Soldat der Wehrmacht, hat ihr die Schuld Deutschlands und der Deutschen stets vor Augen geführt. Doch das alles beginnt zu wanken, als sie glaubt auf einem Foto einer Wehrmachtsaustellung ihren Vater erkannt zu haben – auf einem Foto, auf dem er russischen Zivilsten erschießt. Katja drängt ihren Vater dazu, vom Krieg zu berichten; dieser stellt sich seinen schmerzhaften Erinnerungen und beginnt zu erzählen…

Die Ausgangssituation und den sich entfaltenden Grundkonflikt finde ich interessant, anregend und wichtig: Auf der einen Seite die treue Tochter, für die der Vater immer ein Vorbild war und die mit dem Leitgedanken „Nie wieder Krieg, nie wieder Ausschwitz“ aufgewachsen ist; auf der anderen Seite der Vater, ein Täter, ein Teil des Nazisystems, der sich doch auch als Opfer eines Krieges sieht, den er nie führen wollte, dessen Erinnerungen ihn jedoch bis heute prägen. Es geht um die große Frage der Schuld, um die Pflicht des Nicht-Vergessens-Dürfen und die Möglichkeit eines Täter-Opfer-Daseins in der Zeit von 1933 bis 1945, ein Diskurs, der vor allem prägend für die Generation meiner Eltern war, jedoch bis heute keine Aktualität eingebüßt hat. Umso trauriger ist es, dass die Umsetzung dieses wichtigen Themas in Unscharfe Bilder insgesamt leider nicht geglückt ist!

Das liegt hauptsächlich – und ich kann nicht wirklich glauben, dass ich als großer Fan der Autorin und Lyrikerin Ulla Hahn das einmal schreiben würde – am Stil und an der Sprache: Hahn verschanzt ihre Protagonisten hinter einer hochstilisierten, bisweilen blumigen, fast durchgehend intellektualisierenden Erzählweise: Stets werden Zitate weiser Dichter und Denker eingebunden, Kriegsbeschreibungen lesen sich wie Lyrik. Da ist zwar durchaus in der Charakterisierung ihrer Figuren (Bildungsbürgertum) angelegt, führt aber leider dazu, dass das Erzählte distanziert – und viel schlimmer – nicht authentisch daherkommt. Man spürt diesen Kriegen und seine Unmenschlichkeiten nicht, man erlebt die Belastung, die Vater und Tochter seelisch wie körperlich durch das gemeinsame Erforschen der Erinnerungen erleiden, als Leser nicht mit. Stattdessen kämpft man sich mühsam durch eine Geschichte, die zäh und inhaltlich wiederholend daherkommt und bemüht sich vergeblich um Nähe und Verständnis für die Figuren und ihr Schicksal – jedoch meistens vergeblich. Selten kann einen diese doch im Grunde erschütternde Thematik packen, kann einen der Grundkonflikt bewegen und zu einer Haltung zwingen; den Großteil der Zeit bleibt man als Leser passiv und – traurigerweise! – gleichgültig.

Unscharfe Bilder stellt ist für mich tatsächlich der schwächste Roman von Ulla Hahn, der das Können dieser Autorin in keiner Weiser widerspiegelt. Dass er bei seiner Erscheinung im Feuilleton durchgefallen ist, wundert mich nach der Lektüre bedauerlicherweise weniger – auch wenn meine Kritik aus einer anderen Richtung kommt. Das Thema ist gut, was Hahn daraus macht leider nicht. Daher nur 3 Sterne!

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Tags: erinnerungen, kriegsverbrechen, nationalsozialisimus, schuld, täter, vater-tochter beziehung, zweiter weltkieg   (7)
 
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