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19 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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Ein Monat auf dem Land

J.L. Carr , Monika Köpfer
Flexibler Einband: 144 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 28.08.2018
ISBN 9783832164317
Genre: Romane

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(6)

21 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

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Hier bin ich

Jonathan Safran Foer , Henning Ahrens
Flexibler Einband: 688 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 23.05.2018
ISBN 9783596701209
Genre: Romane

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(44)

71 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 39 Rezensionen

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Wie ich fälschte, log und Gutes tat

Thomas Klupp
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 04.09.2018
ISBN 9783827013668
Genre: Romane

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(34)

52 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

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Das Tagebuch von Edward dem Hamster 1990 - 1990

Miriam Elia , Ezra Elia , Sibylle Meyer
Fester Einband: 96 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 22.08.2013
ISBN 9783596513109
Genre: Humor

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(11)

20 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

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Elly

Maike Wetzel
Fester Einband: 152 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 07.08.2018
ISBN 9783895612862
Genre: Romane

Rezension:

Elly ist weg. Alles, was wir hatten, wird unscharf, was wir mit ihr erlebten, fault. (S. 55)

Ein Kind verschwindet. Spurlos. Eben noch sauste es mit seinem roten Fahrrad durch die Siedlung, nur um im nächsten Moment unauffindbar zu werden. Zurück bleiben die Eltern und die größere Schwester. Zurück bleiben auch Angst, Hoffnung, Resignation, Wut, Leblosigkeit, Schuld – und Isolation. Das Leid der Familie macht einsam und schneidet sich von der Umwelt ab; die Welt dreht sich weiter, die Zeit vergeht, doch die Familie selbst scheint von diesen Grundgesetzen der Natur ausgenommen zu sein.

Es ist dieses tragische Schicksal einer Familie, der Alptraum jeder Eltern, den die Autorin Maike Wetzel in ihrem Debütroman Elly schildert. Der Fokus liegt dabei eindeutig auf dem Umgang der einzelnen Familienmitglieder mit dem Verlust der Tochter bzw. Schwester: Maike Wetzel erzählt von Ersatzhandlungen und Gedankenkarussells, von Entfremdung und dem krankhaften Bedürfnis, etwas wiederherzustellen, was unwiederbringlich verloren ist. Erstaunlich ist, dass sie kaum Worte dafür braucht, um diese komplexe und vielschichtige Situation für den Leser nachvollziehbar werden zu lassen. Mit wenigen Sätzen skizziert sie das Familienleben und die einzelnen Figuren, verzichtet auf Details und ausschweifende Beschreibungen und beweist Mut für Zwischenräume, die der Leser selber füllen muss – ohne dass dies immer möglich ist.

Und so kommt es, dass Elly, obwohl nur aus knapp 150 groß bedruckter Seiten bestehend, vom Leser einiges an Zeit und auch Mühe verlangt. Beinahe seitenweise lässt Maike Wetzler die Erzählperspektive wechseln: Alle Familienmitglieder kommen zu Wort und auch Figuren, deren Stimme man zunächst nicht erwartet hätte. Die Autorin stört sich nicht daran, den Leser zu irritieren, und auch nicht, ihn zu überfordern. In großen Monologen, ihnen einen Bühne bereitend, lässt sie die verschiedenen Protagonisten konsequent in der Ich-Form der Leserschaft ihren Schmerz vortragen. Dies schafft gleichzeitig Nähe, aber auch Distanz: Nähe, da die Emotionen direkt, quasi in der Ansprache dem Leser vermittelt werden; Distanz, weil durch diesen „Vortragsstil“ immer etwas zwischen Figur und Leser zu stehen scheint, es die Figuren sind, die entscheiden, was dem Leser mitgeteilt werden soll. Überhaupt empfiehlt es sich, beim Lesen auf der Hut zu bleiben, Sätze mehrfach zu lesen, Szenen zu hinterfragen und aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.

Insgesamt handelt es sich bei Elly um ein schmales Büchlein, das es versteht, unscheinbar daherzukommen, dann jedoch mit überraschend großer Wucht den Leser zu packen. Die düstere Geschichte spart nicht an Spannungsmomenten, nach der Lektüre bleibt ein mulmiges und flaues Gefühl in der Magengegend, ein Kloß im Hals zurück. Stilistisch und auch sprachlich weiß Maike Wetzel in der oberen Liga mitzuspielen und den Leser auf spezielle und andersartige Art zu überzeugen. Daher kann ich auch weitgehend über den Teilweise irrwegigen, wenig innovativen Handlungsstrang ab der Mitte des Buches hinwegschauen und vergebe 4,5 Sterne für eine Neuerscheinung, die mich überrascht und überzeugt hat!

  (75)
Tags: familie, trauer, verlust, verschwundenes mädchen   (4)
 

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(34)

47 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 28 Rezensionen

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Blanca

Mercedes Lauenstein
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 18.05.2018
ISBN 9783351037017
Genre: Romane

Rezension:

Roadtrip nach Italien. Das klingt nach Abenteuer und Freiheit, nach Haaren im Fahrtwind und Freunden, die zusammen den Sommer ihres Lebens erleben. Bei Blanca ist es anders: Ihr Roadtrip ist Flucht! Flucht vor ihrer Mutter, die rastlos ist und ihre 15-jährige Tochter von Ort zu Ort schleppt, die ihrer Verantwortung nicht nachkommt und Blanca sich selbst überlässt, die in einer der zahlreichen Streitereien das eigene Kind mit einer Auflaufform bewirft. Blanca will nur noch weg, nach Italien. Dort, bei Karl und Toni, war sie das letzte Mal so richtig glücklich. Mit Geld, das immer weniger wird, mit Chuzpe, Einfallsreichtum und ein wenig Glück geht es mit Bahn, Bus und zu Fuß quer durch das Land. Auf ihrer Reise lernt sie nicht nur einen Haufen hilfsbereiter, verschlagener und seltsamer Menschen kennen, sondern erfährt auch einiges über sich selbst, ihre Stärken und ihre Grenzen. Vor allem aber findet sie eine Antwort auf ihre drängendsten Fragen: Wer will ich sein? Wer kann ich sein? Was bin ich ohne meine Vergangenheit?

Ich möchte, dass einmal im Leben ein Gedankengang nicht mit einer Frage, sondern mit einer Antwort endet. (S. 189)

Ich gestehe, dass ich Blanca von Mercedes Lauenstein vor der Lektüre maßlos unterschätzt habe: Ich rechnete mit einer gefälligen Sommerlektüre, zwar nicht frei von Anspruch, aber in erster Linie mit dem Wunsch zu unterhalten und zu zerstreuen. Wie sehr ich damit falsch lag, wurde mir schon nach dem Lesen der ersten paar Seiten bewusst: Mercedes Lauenstein schreibt hier eine absolut atmosphärische, schmerzlich-schöne, intensive und tiefgehende Geschichte. Schonungslos lässt sie ihre Protagonistin durchs Leben taumeln, von einer brenzligen Situation in die nächste stolpern und in den immer wieder aufblitzenden Erinnerungsfetzen ein Leben am Rande der Verwahrlosung mit einer gefährlichen Mutter-Tochter-Beziehung offenbar werden. Der Erzählton schwankt dabei zwischen Melancholie, Traurigkeit, Fatalismus und Aufbruchsstimmung und hallt aufgrund der Nähe zur Protagonistin emotional stark im Leser unmittelbar nach. Überhaupt, die Protagonistin! Selten, eigentlich nicht mehr nach Hilla Palm aus meiner Lieblingsreihe von Ulla Hahn, hat eine Figur so schnell mein Herz erobert: Blanca ist eine Kämpferin, ohne es zu wissen, stark, weil sich ihrer Schwächen bewusst, man will sie trösten, quillt als Leser vor Mitleid über und doch beweint sie sich selber nicht, sondern versucht Ordnung in das Chaos, was ihr Leben ist, zu bringen.

Blanca hat mich nicht nur auf ganzer Linie überzeugt, sondern gehört auch zu den wenigen Büchern, die wahre Begeisterungsstürme bei mir auslösen: Mercedes Lauenstein herausragende Sprache, die der altbekannten Geschichte vom Erwachsenwerden und der Suche nach der eigenen Identität eine charakteristische Note verleiht, die Bandbreite an Emotionen, die ungefiltert auf den Leser einwirken, und die stark gezeichnete, zur Identifikation einladende (und das obwohl ich über 10 Jahre älter bin als Blanca) Hauptfigur haben Blanca für mich zu einen der schönsten Lektüren in diesem Lesejahr gemacht. Ich wünsche diesem Buch viele Leser: Geht mit Blanca auf Reisen, lasst euch von ihr verzaubern und von einer Geschichte über Träume, Sehnsüchte und große Lebensfragen – gewürzt mit einer ordentlichen Prise Realität – mitreißen! 5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung!

Ich habe immer gedacht, dass es jemanden gibt, der größer ist und alles weiß. Aber da ist niemand, nirgends. Aber ich bin da. (S. 247)

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Tags: einsamkeit, erwachsenwerden, flucht, italien, mutter-tochter-beziehung, roadtrip, suche   (7)
 

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(51)

116 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 22 Rezensionen

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Nachts ist es leise in Teheran

Shida Bazyar
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 18.02.2016
ISBN 9783462048919
Genre: Romane

Rezension:  
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(3)

11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

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Eine Nacht, Markowitz

Ayelet Gundar-Goshen
E-Buch Text: 317 Seiten
Erschienen bei Kein und Aber, 28.08.2013
ISBN 9783036992457
Genre: Romane

Rezension:  
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(25)

40 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 23 Rezensionen

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Summer

Monica Sabolo , Christian Kolb
Fester Einband: 253 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 13.08.2018
ISBN 9783458177654
Genre: Romane

Rezension:

Ein junges Mädchen verschwindet spurlos, die Familie zerbricht und besonders der jüngere Bruder leidet bis ins Erwachsenenalter an dem Verlust. Gepeinigt von lückenhaften Erinnerungen und düsteren Traumsequenzen entwickelt er über die Jahre schwere depressive Züge. Die Eltern, süchtig nach Erfolg, Ansehen und Reichtum, sind ihm dabei keine Hilfe, stellen sie doch das Ansehen der Familie vor die Bedürfnisse ihres Sohns. – So zusammengefasst verspricht Monica Sabolos Roman Summer eine spannende und eindringliche Geschichte über eine dysfunktionale Familie, einen schweren Verlust und ein mysteriöses Verschwinden, das über Jahre unaufgelöst bleibt. Nicht umsonst erhoffte ich mir einen fesselnden Schmöker mit düsterer Stimmung und einen Blick hinter die glänzende, jedoch falsche Fassade einer Familie. All das fand ich beim Lesen der knapp 250 Seiten auch – leider jedoch nicht in der Umsetzung, die ich mir gewünscht hätte und die dem Buch dienlich gewesen wäre!

Natürlich ist die Geschichte um das Verschwinden der titelgebenden Schwester Summer per se spannend. Sie wird scheinbar vom einen auf den anderen Moment vom Erdboden verschluckt und es liegt nicht nur an ihrem Bruder Benjamin, sondern auch am Leser selbst, die Gründe und Umstände dieses unheimlichen Sich-in-Luft-Auflösens zu erarbeiten. Dabei wählt Monica Sabolo prinzipiell einen interessanten erzählerischen Ansatz: Sie lässt die Geschichte ausschließlich aus der Sicht von Benjamin erzählen, dessen Erinnerungen – wie er selber jedoch sagt – trügerisch sind. Er ist ein Erzähler, dem man nicht über den Weg trauen kann, der ausgeprägte blinde Flecken in seiner Wahrnehmung hat und entscheidende Puzzleteile durch Verdrängung verloren hat. Diesen Ansatz hätte man jedoch radikal ausbauen können, ja beinahe müssen, die wiedergefundenen Erinnerungen sowohl für ein systematisches Entlarven der Familie nutzen sollen als auch für ein psychologisches Diagramm jedes Familienmitglieds, das den Verlust der Tochter/Schwester und die eigene (vermeintliche) Schuld analysiert. Leider bleibt Summer hier jedoch komplett oberflächlich: Auf den knapp 250 Seiten reiht sich Andeutung an Erinnerungsfetzen an beinahe übersinnliche Vorahnung, ohne dass dies die Geschichte jedoch nennenswert voranbringt. Mehr noch: Diese Vorgehensweise steht letztlich in keinem Zusammenhang mit der Auflösung der Geschichte, wie und was hier erzählt wird, bedingt letztlich nicht die Enthüllung des Familiengeheimnisses. Dieses erweist sich zudem – wie leider die komplette Beschreibung des Familienlebens – als vorhersehbar, plakativ, flach und wie schon hundert Mal gelesen.

Es scheint, als wäre sich Monica Sabolo dieser mangelhaften Gesamtkonzeption dabei selbst bewusst gewesen, denn sie tendiert dazu, ihre eigene Geschichte in Sprache zu ertränken. Ihr Stil ist überladen, opulent, bedeutungsschwanger, voller Vergleiche und Metaphern, die meiner Meinung nach nicht immer passend wirken. Zugegebenermaßen transportiert sie durch ihren blumigen Stil die passende Stimmung für diesen Roman, eine süße, träge, sommerlich-heiße Lethargie, an deren Horizont sich ein schweres, düsteres, alles mit sich reißendes Gewitter zusammenbraut. Insgesamt erweist sich dieser kitschige Stil jedoch als gefährliche Gratwanderung, da die Geschichte gleichzeitig etwas unheimlich Plauderndes, Faselndes und letztlich Ermüdendes bekommt und den Eindruck erweckt, hier mit vielen Worten eine an sich banale Erzählung aufhübschen zu wollen. 

Meine Frustration, so viel wird deutlich, saß bei der Lektüre tief. Ich hatte mir viel von diesem Titel erwartet, doch die spannende Ausgangslage, die einnehmende Atmosphäre und die starke Erzählperspektive konnten die großen Schwächen des Romans nicht auffangen. Summer entpuppt sich leider als Durchschnittsbuch, dem es an Tiefe und einem stringenten sowie dabei schlüssigen Handlungsverlauf fehlt. Dies hat mich nicht nur enttäuscht, sondern von Seite zu Seite auch einen Widerwillen gegenüber dem Buch erzeugt, sodass ich schlussendlich nur 2 von 5 Sternen vergeben kann. Schade!

  (54)
Tags: 1980er jahre, depressionen, erinnerungen, familie, genf, genfer see, träume, verschwundene schwester   (8)
 

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(16)

29 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 15 Rezensionen

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Bis ans Ende, Marie

Barbara Rieger
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 26.07.2018
ISBN 9783218011204
Genre: Romane

Rezension:

Bis ans Ende, Marie ist der Debütroman von Barbara Rieger und vor einigen Wochen im Verlag Kremayr & Scheriau veröffentlich worden. Die Nennung des Verlags direkt zu Beginn einer Rezension ist eher untypisch für mich, gibt in diesem Falle jedoch schon Aufschluss mit was für einem Buch man es zu tun haben könnte: Kremayr & Scheriau stehen meiner Meinung nach für grenzüberschreitende und andersartige anspruchsvolle Literatur. Und tatsächlich erweist dich der Erstling der österreichischen Autorin wie gemacht für das Verlagsprogramm – sowohl inhaltlich als auch stilistisch.

Wobei zum Inhalt an dieser Stelle nur wenig gesagt werden soll bzw. darf. Es geht um eine namenslose Protagonistin und um Marie, die sie eines Tages in einer Bar trifft. Es entwickelt sich schnell Nähe zwischen beiden, die unterschiedlicher nicht sein könnten; eine Nähe, die immer mehr zur Abhängigkeit wird, die das Leben der Protagonistin dominiert. Und irgendwann verschiebt sich etwas: Erfahrungen passen nicht mehr zusammen, die Realität und das eigene Empfinden erscheinen nicht mehr deckungsgleich. Was ist noch Wahrheit? Was schon Phantasie?

Bis ans Ende, Marie haftet von Beginn an etwas Düsteres und Bedrohliches an. Die Protagonistin scheint zu taumeln, keinen Halt im Leben zu finden, den Boden unter den Füßen verloren zu haben. Erstaunlich ist, wie es Barbara Rieger schafft, dieses Gefühl auf den Leser zu übertragen: Wie im Rausch, im Nebelzustand kommt man sich bei der Lektüre des Romans vor. Die eigene Wahrnehmung scheint verzerrt, die Geschichte bietet einem nichts Sicheres und Vertrautes, kein Gerüst, an dem man sich festhalten kann. Das liegt vor allem daran, dass die Handlung und die Figuren nur schwer zu greifen sind: Man weiß nicht, woher diese Story kommt und wohin sie führen wird; die Protagonistin und ihre Freunde scheinen ohne Identität, ohne wirkliche Substanz, sowohl vergangenheits- als auch zukunftslos.

Diese spezielle Lektüreerfahrung wird maßgeblich durch den Stil der Autorin gestützt: Die Geschichte ist nicht fließend, bildet kein kohärentes Ganzes, sondern setzt sich aus einzelnen Momenten und Gedankenfetzen zusammen. Die Sätze sind kurz, ebenso ein Großteil der Absätze: Das Gelesene wirkt stakkatohaft, gehetzt, es entsteht ein drängender, beinahe einpeitschender Rhythmus, der einen durch die Seiten fliegen lässt, ohne dass man sich dabei jedes Wortes, jedes Satzes wirklich bewusst wird. Gleichzeitig traut sich die Autorin, Sätze einfach abzubrechen, Gedanken nicht zu Ende zu formulieren, den erzeugten Rhythmus zu unterbrechen. In Zusammenspiel mit dem flüchtigen Inhalt steigert dies das Gefühl der Verlorenheit beim Lesen einmal mehr.

Bis ans Ende, Marie ist eines dieser Bücher, die auf ganz unbestimmte Weise großartig finde! Kremayr & Scheriau garantieren einmal mehr eine besondere und spezielle Lektüreerfahrung, die sicherlich nicht jedermanns Geschmack ist. Gerade dieser Roman erfordert zudem eine besondere Konzentration, das Jonglieren mit mehreren Interpretationen im Kopf und das Finden eigener Antworten auf viele, zum Großteil unbeantwortet bleibender Fragen. Wer sich beim Lesen gerne anstrengt und zudem den besonderen Literaturkick sucht, ist bei Bis ans Ende, Marie eindeutig an der richtigen Stelle! 5 Sterne!

 

  (94)
Tags: frauenfreundschaf, psychische erkrankung, sexualität, wahnsinns   (4)
 

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(9)

16 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 9 Rezensionen

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Im Blick

Marie Luise Lehner
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 16.08.2018
ISBN 9783218011099
Genre: Romane

Rezension:

Der Klappentext von Marie Luise Lehners Roman Im Blick verspricht eine Geschichte „vom Schauen und vom Angeschautwerden, von Rollen, in die Frauen gedrängt werden, und von alltäglicher sexueller Gewalt“ und hat mich aus zweierlei Gründen direkt angesprochen: Zum einen lese ich gerne feministische Literatur und halte Belletristik für ein wichtiges Mittel, um Geschlechterrollen und Sexismus zu verhandeln; zum anderen schien mir das Buch ideal in den seit 2017 herrschend #MeToo-Diskurs zu passen und sogar darüber hinauszugehen. Ich erhoffte mir eine Erzählung über Geschlechterkonventionen, daraus entstehende Machstrukturen und Grenzüberschreitungen und subtilen Alltagssexismus. Diese Themen werden zwar auch durchaus verhandelt, jedoch meiner Meinung nicht in einer Weise, die der Sache dienlich ist und meinen persönlichen Lesegeschmack trifft.

Dies liegt zum einen an der Erzählweise. Marie Luise Lehner erzählt in Im Blick abwechselnd vom Aufwachsen der namenlosen Protagonistin an der Seite ihrer besten Freundin Anja und ihrer Liebesbeziehung mit einer nur skizzenhaft angedeuteten Person in der Gegenwart. Gerade die Erinnerungsfetzen – denn beide Zeitstränge folgen eher einer assoziativen, zusammengewürfelten Erzählweise – zeugen besonders am Anfang von einer starken Beobachtungsgabe der Autorin hinsichtlich des Aufwachsens von Mädchen und jungen Frauen anhand bestimmter Schönheitsideale und Rollenanforderungen. Es sind subtile Szenen, die jahrhundertalte Konventionen offenlegen und zeigen wie schmal der Grat zur sexuellen Belästigung oder Nötigung sein kann. Leider kippt diese Stärke des Romans im Laufe der Lektüre in zweierlei Hinsicht: Zum einen steigern sich die Szenen in eine übertriebene Fülle von sexuellen Übergriffen. Die Welt, in der die Protagonist lebt, ist eine Welt, in der Frauen bei jedem Schritt und Tritt angegriffen, vergewaltigt, genötigt werden. Das rüttelt nicht wach, sondern wirkt plump und plakativ, stumpft die eigentlich zur Identifikation neigende Leserin ab und erzeugt eine Abwehrhaltung, die nicht die Intention des Romans sein kann. Des Weiteren führen strukturelle Schwäche in der Geschichte dazu, dass die Themen und Perspektiven der Rückblenden nicht in der Gegenwart nachhallen: Zwar versucht die unkonventionelle und rollensprengende Liebesbeziehung an die Erfahrungen der jugendlichen Protagonist anzuknüpfen, doch sie schafft es nicht, Kontinuität zu erzeugen. Letztlich stellt sich für mich daher die Frage: Warum musste diese Beziehung – so schön und zart sie mit Worten auch beschrieben und nachempfunden wird – erzählt werden?

Mein großes Problem mit dem Roman liegt allerdings in der Diskussionsverweigerung der Hauptfigur begründet. Von Seite zur Seite trifft der Roman immer weniger den richtigen Ton in der Geschlechterdebatte, sondern versteift sich bloße Anschuldigungen und nackte Wut. Ja, unsere Gesellschaft ist patriarchalisch geprägt, ja Frauen sind nicht so frei, wie sie sein sollten – aber Männer sind nicht per se unsere Feinde. Im Gegenteil: Mit einem verkehrten Frauenbild geht auch immer ein verkehrtes Männerbild einher. Dies gilt es zu vermitteln, im Feminismus eine Chance für beide Geschlechter zu sehen. Im Blick bietet aber leider in der vorliegenden Ausfertigung kein Angebot zur Diskussion oder zur Verhandlung, sondern eine reine Sackgasse. Aus purer Männerfeindlichkeit wächst nichts, sondern erzeugt nur Gegenhass und Unwille zur Kooperation.

So sehr mich der erzählerische Ansatz auch angesprochen hat und so sehr ich die Sprache und die installierte Erzählstimme in Im Blick genossen habe, kann ich das Buch leider nicht so positiv bewerten, wie ich es mir aufgrund des Themas wünschen würde. Dies ist nicht mein Feminismus und daher auch in einem zweiten Schritt nicht mein Buch! Enttäuschte 3 Sterne.

  (76)
Tags: feminismus, geschlechterrollen, grenzüberschreitungen, lesbische protagonistin, liebesbeziehung, sexuelle gewalt   (6)
 

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(33)

60 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 29 Rezensionen

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Die Hochhausspringerin

Julia von Lucadou
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 23.07.2018
ISBN 9783446260399
Genre: Romane

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(64)

91 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 59 Rezensionen

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Weit weg von Verona

Jane Gardam , Isabel Bogdan
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 23.07.2018
ISBN 9783446260405
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

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Schlafen werden wir später

Zsuzsa Bánk
Flexibler Einband: 688 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 25.04.2018
ISBN 9783596198313
Genre: Romane

Rezension:

Zsuzsa Bánk gehört uneingeschränkt zu meinen Lieblingsautorinnen: Ich habe ihre beiden Romane verschlungen, auch den Band mit Kurzgeschichten gerne gelesen und konnte sie sogar schon live bei einer Lesung erleben. Sie ist für mich eine absolute Sprachvirtuosin, eine der Autorinnen, die immer „schön“ schreibt und die es schafft, in ihren Büchern eine ganz besondere Atmosphäre, zwischen Melancholie und Zuversicht schwebend, zu kreieren. Ich habe also bestimmte Erwartungen, wenn ich ein Buch von Zsuzsa Bánk aufschlage, so auch bei ihrem neuesten Roman Schlafen werden wir später, selbst wenn dieser, wie nach Lesen des Klappentextes deutlich wird, anders funktioniert als ihre bisherigen Bücher.

In Schlafen werden wir später geht es um zwei Freundinnen in den Vierzigern, die sich seit Kindesbeinen kennen: Márta lebt in Frankfurt, mit Mann und drei Kindern und ist von Beruf Schriftstellerin; Johanna ist alleinstehend, lebt und arbeitet im Schwarzwald als Lehrerin und promoviert nebenher über Annette von Droste-Hülshoff. Beide befinden sich in einer Phase, in der sie sich fragen, was im Leben schon war und was noch kommen wird, sie schleppen ihre Dämonen mit sich und ringen um einen positiven Blick in die Zukunft. Anders als Der Schwimmer und in Die hellen Tage, die beide die Kindheit und die in dieser Zeit gewonnenen Erfahrungen und Erinnerungen in den Vordergrund stellte, konzentriert sich Zsuzsa Bánk in ihrem dritten Roman auf erwachsene Frauen in ihrer Lebensmitte. Zudem geht sie auch strukturell neue Wege: Schlafen werden wir später ist als E-Mail-Roman konzipiert. Die circa 680 Seiten sind angefüllt mit Mails, die in den Jahren 2009 bis 2012 von Johanna und Márta verfasst werden, einen Text jenseits dieser Nachrichten gibt es im Buch nicht.

[…] die guten und die schlechten Dinge zählen, auflisten und abwägen, vielleicht zur Hälfte des Lebens ein Kopfrechnen in Haben und Soll, die guten, die schlechten Fasern, die wir sind und die uns ausmachen […] (S. 451)

Zsuzsa Bánks Sprache ist, E-Mails hin, Internet her, dabei so gekonnt wie früher: Sie füllt ihre Seite mit üppigen, sattmachenden Wörtern wie Stadtlichterdunkelheit, regengetunkt, Sommerfensterklang oder windscheu, in denen man versinken kann, die einen einlullen, die es einem gemütlich machen. Ihre Naturbeschreibungen sind in einem Maße treffend, das es einem unheimlich wird: Ja, genau so, fühlt er sich an, der Frühling, der Sommer, der Herbst und der Winter, so schaut es draußen aus, wenn man die Augen von den Seiten hebt, so erinnern wir uns an die eine Jahreszeit, die vergeht und an die nächste, die alljährlich wiederkommt. Allein: Es passt meiner Meinung nach nicht zu der Idee eines E-Mails-Roman. Wer schreibt denn wirklich so, wenn er schnell im Morgengrauen, vor der Arbeit noch eine Mail verfasst? Wer teilt mit solchen Wörtern seine Empfindungen anderen Mitmenschen mit? So schön der Text auch zu lesen ist, er kommt mir im vorliegenden Kontext viel zu artifiziell, zu stilisiert vor.

Darüber hinaus fehlt jenseits der Sprache eine Idee auf der Inhaltsebene: In Schlafen werden wir später passiert eigentlich nichts, außer dass die Jahreszeiten vergehen, die Erwachsenen älter und die Kinder größer werden – und die beiden Protagonistinnen das bejammern. In diesem Roman wird auf dem Großteil der Seiten im Selbstmitleid versinkt, larmoyant der Alltag skizziert und stillgestanden: Auf jeden Schritt nach vorne, folgt ein Schritt zurück, Entwicklungen gibt es kaum Nennenswerte. Im Vergleich zu den beiden vorherigen Romane fehlt es dabei eindeutig an Leichtigkeit oder auch Selbstironie: Schlafen werden wir später ist eine drückende Lektüre, die sich schwer auf den Leser senkt und zumindest mich persönlich in meiner Stimmung unheimlich nach unten gezogen hat.

Für fast 700 Seiten ist mir das alles insgesamt zu wenig: Auch wenn die Frauenfreundschaft in ihrer Besonderheit gut ehrausgearbeitet wurde und die Sprache zum Dahinknien ist, hat mir das Lesen dieses Bánk-Romans wenig Freude bereitet. Zu anstrengend, zu langatmig, zu pessimistisch und dabei trotz allem zu unbeteiligt war mir diese Lektüre, die leider in keiner Weise an die Leseerfahrungen bei Der Schwimmer oder Die hellen Tage herankommen konnte. Ich vergebe daher nur wohlgemeinte und sich ein bisschen auf den Erfolg der Vorgängerbücher ausruhen dürfende 3 Sterne und verbleibe mit der Hoffnung, dass der nächste Roman von Zsuzsa Bánk wieder mehr meinem Geschmack entspricht.

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Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 15.08.2018
ISBN 9783832198398
Genre: Romane

Rezension:

Was man von hier aus sehen kann war wohl der Überraschungshit im Lesejahr 2017. Fast jeder hat es gelesen. Und fast jeder hat danach in höchsten Tönen davon geschwärmt. Ich gestehe, dass mir solche Hypes immer suspekt sind und ich ein Buch dann häufig schon aus Prinzip nicht lese – so auch in diesem Fall. Doch dann ist mir der Roman vor einigen Tagen zufällig in die Hände gefallen und ich habe ihm eine Chance gegeben. Und nach der Lektüre der 320 Seiten muss ich sagen: Ich bereue es nicht, es gelesen zu haben. Ich muss aber auch sagen: Ich bin froh, dass ich den anpreisenden Rezensionen letztes Jahr nicht erlegen bin, denn sie hätten bei mir völlig falsche Erwartungen geweckt, die das Buch nicht halten kann.

Denn obwohl ich das Buch insgesamt mit vier Sternen bewerte, muss ich doch sagen, dass Was man von hier aus sehen kann meiner Meinung nach nicht das ist, was viele in diesem Roman sehen: Es ist kein literarisches Wunder und keine literarische Perle. Es ist nicht außergewöhnlich und einmalig. Es ist kein modernes Märchen, kein Buch, das einem die Augen öffnet, kein Buch, das Wahrheiten verkündet. Aber was ist es denn dann, wird man wissen wollen? Es ist letztendlich ein nettes Buch mit einer charmanten Geschichten und vielen kauzigen Figuren: einer Großmutter, die von Okapis träumt und damit den Tod vorhersagen kann, einem Junge, der Gewichtheber werden will, einem Optiker, der eine heimliche Liebe in sich trägt, von der jeder weiß, einer missmutigen Einsiedlerin, die Erbsen aus der Dose isst, einem Hund namens Alaska, der eigentlichen Schmerz heißt, und vielen weiteren. Es ist ein Buch, das von der Liebe und vom Tod, von der Familie und von Trennungen erzählt, dabei aber nie kitschig wird. Es ist ein Roman, der sich leicht lesen lässt, der einen vergnüglich stimmt und der einen teilweise ein bisschen einlullt. Er fordert nichts, er verlangt nichts, er verstört nichts, sondern ermöglicht es einem, dem Alltag zu entfliehen und sich gedanklich in das kleine Dorf im Westerwald zu begeben, das im Mittelpunkt der Erzählung steht.

Kurzum: Was man von hier aus sehen kann ist ein Wohlfühlbuch par excellence. Das ist nichts Schlimmes, im Gegenteil: Lesen darf entspannen, Lesen darf Spaß machen, Lesen darf nur geben und muss nichts vom Leser nehmen. Aber sich beim Lesen gut zu fühlen, macht ein Buch nicht zu einem großen literarischen Wurf! Deswegen sollte man so fair sein und Was man von hier aus sehen kann als das bewerten, was es ist: die perfekte kurzweilige Unterhaltung, das ideale Urlaubsbuch, der Begleiter für leichte Frühlings- und Sommertage. Ein Buch, das man lesen kann, aber nicht muss, das einem netten Stunden bereiten wird, aber über das letztendlich nicht viel mehr gesagt werden kann als das: Nett war es!

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Tags: aberglaube, dorf, familie, grossmutter, liebe, okapi, tod, träume, westerwald   (9)
 

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Blauschmuck

Katharina Winkler
Fester Einband: 196 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 08.02.2016
ISBN 9783518425107
Genre: Romane

Rezension:  
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Peach

Emma Glass , Sabine Kray
Fester Einband
Erschienen bei Edition Nautilus GmbH, 05.03.2018
ISBN 9783960540649
Genre: Romane

Rezension:

Radikal. Abstrus. Surreal. Verfremdet. Direkt. Brutal. Schmerzhaft. Eindringlich. Artifiziell. Lyrisch. Verstörend. Beeindruckend. Nachhallend. Irritierend. Anders. – So lässt sich der Debütroman Peach von Emma Glass vielleicht noch am besten zusammenfassen. Ein Roman, der in seiner Gesamtheit unglaublich schwer zu fassen ist und dabei doch eine einfache Geschichte erzählt. Peach handelt – obwohl das Wort im Text kein einziges Mal explizit verwendet wird – von einer Vergewaltigung: Die gleichnamige Protagonistin des Romans wird Opfer eines sexuellen Überfalls; wie so viele anderen schweigt sie darüber, igelt sich ein, flickt sich selber zusammen – wortwörtlich und im übertragenen Sinne – und versucht, in den Alltag zurückzufinden. Doch die Erinnerungen, der Ekel, die Angst sind zu mächtig, als dass man sie einfach verdrängen kann…

Ich möchte reden, Ihm Sachen sagen. Alles sagen. Mit ihm reden. Erzählen, was passiert ist, gestern Abend auf dem Heimweg. Ich möchte diese Sachen sagen, aber ich finde nicht die richtige Reihenfolge. Für die Wörter. Sätze hetzen ziellos im Hirn. Streuen sinnlos Wörter. Zerstreut. Semantische Wildsaat. (S.44)

Emma Glass Roman wurde Anfang des Jahres veröffentlicht und scheint damit die passende Geschichte zur der seit Herbst 2017 schwelenden #MeToo-Kampagne zu sein. Doch Peach einfach nur als aktuellen literarischen Kommentar zu verstehen, würde zu kurz greifen: Zum einen würde dabei außer Acht gelassen werden, dass die Autorin schon viele Jahre vorher an der Story geschrieben hat; zum anderen würde die reine Kontextualisierung in der derzeitigen gesellschaftlichen Debatte verkennen, dass es sich bei Peach um eine zeitlose Erzählung über sexuelle Gewalt (die schon vor #MeToo da war und es auch nach #MeToo sein wird) handelt und – fast noch wichtiger – um unglaublich gute, eindrucksvolle und radikale Literatur.

Ich denke, dass dies der Anfang vom Ende dieser schrecklichen Zeit sein muss. Ich schlucke. Ich sage mir, Lass uns einfach so tun, als sei das alles nie geschehen. Ich will kein Opfer sein. Eines dieser Opfer. Oh, mir ist diese schlimme Sache passiert, als ich jung war. Er hat einen Teil von mir geraubt (Worte vorgetragen in so einer heiseren, gebrochenen Stimme)… ein Stück meiner Seele. Mir schaudert und ich krümme mich unter dem Klischee. (S. 68)

Denn Glass erzählt anders, als man vor der Lektüre oder beim Lesen der ersten Rezension denken würde: Peach ist eine Geschichte, die stark im Metaphorischen und Surrealen verhaftet ist. Die Protagonistin heißt nicht nur Peach, sie ist auch ein Pfirsich und die Welt, in der sie sich bewegt, ist die unsere – nur eben gepaart mit anthropomorphisierten Elementen. Sie raubt damit dem Lesen jeden sicheren Boden, nie weiß man, was einen auf den nächsten Seiten erwartet, weil man sich noch nicht einmal bewusst ist, was man auf der aktuellen Seite genau liest. Und doch funktioniert das Buch! Peach klingt im Leser nach, spricht etwas in einem an, vermittelt etwas, das man vielleicht nicht unbedingt mit Worten beschreiben, das man aber dennoch nachvollziehen und verstehen kann – auch wenn vieles unverständlich bleibt. Dies ist auch sehr der Sprache zu verdanken, die Emma Glass verwendet und die von Sabine Kray beeindruckend übersetz wurde: Alliterationen und Wortspiele, eine kurze, beinahe stakkatohafte Syntax, ein nahezu lyrisches Anordnen von Wörtern erzeugen einen Sound des Schmerzes, hämmern dem Leser die Geschichte ein, machen das Erzählte, so unfassbar es an einigen Stellen ist, tatsächlich unvergesslich.

Peach ist mutige, einzig- und andersartige Literatur. Etwas, das nicht jedermanns Fall ist und das auch bei der Lektüre nicht immer hundertprozentig bei mir ankam. Aber Peach ist eben auch ein Buch, bei dem die Frage nach Gefallen oder Nicht-Gefallen nicht passend, ja fast schon nebensächlich wird. Es zeigt auf nur knapp 120 Seiten, was Literatur kann: Unsagbares ausdrücken, Unverständliches greifbar machen, Unaushaltbares kanalisieren. Deswegen gibt es von mir, obwohl ich noch nicht einmal wirklich sagen kann, dass mir der Roman gefallen hat, volle 5 Sterne, eine eindeutige Leseempfehlung und den Ratschlag, sich diesem Buch mutig und offen zu stellen.

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Tags: angst, schmerzen, schweigen, stalker, surreal, vergewaltigung   (6)
 

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Die Welt im Rücken

Thomas Melle
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 20.02.2018
ISBN 9783499272943
Genre: Romane

Rezension:  
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Das Labyrinth der Lichter

Carlos Ruiz Zafón , Peter Schwaar
Flexibler Einband: 944 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 22.02.2018
ISBN 9783596032518
Genre: Romane

Rezension:

„Eine Geschichte hat weder Anfang noch Ende, nur Eingangstüren.“ (S. 874) – So lässt Carlos Ruiz Zafón seine Figur Julián Carax das Wesen von Büchern zusammenfassen; gleichzeitig enthüllt er so die besondere Funktionsweise seiner eigenen Romane. Denn Das Labyrinth der Lichter ist nicht einfach nur der neueste Roman des katalanischen Autors, sondern zugleich der vierte und letzte Band seiner Tetralogie, die mit Der Schatten des Windes begann und in Das Spiel des Engels und Der Gefangene des Himmels ihre Fortsetzungen fand. Jedes der Bücher kann für sich alleine stehen und enthält eine in sich abgeschlossene Geschichte. Doch der Reiz der verschiedenen Bände ergibt sich eben daraus, diese als Eingangstür in Zafóns Universum rund um den Friedhof der vergessenen Bücher und die Familie Sempere zu benutzen.

Dies gilt im besonderen Maße für Das Labyrinth der Lichter. Zwar erzählt Zafón  hier die eigenständige Geschichte um Alicia Gris, eine Geheimagentin, die nach Barcelona abgesandt wurde um das mysteriösen Verschwinden des Kulturministers Marucio Valls aufzudecken. Eben dieser Minister ist Fans der Reihe aber bereits ein Begriff und dient Zafón dazu, Daniel Sempere und seinen besten Freund Fermín (Band 1 und 3) ebenso wie den Schriftsteller David Martin (Band 2) aufs Erzähltableau zu bringen. Ohne zu viel zu verraten, kann gesagt sein, dass Zafón alle Erzählstränge, die er in diesem wie in den vorherigen Romanen ersinnt hat, zusammenführt und konsequent zu Ende erzählt. Das Labyrinth der Lichter beantwortet alle Fragen, deckt alle Geheimnisse auf und setzt einen eindeutigen Schlusspunkt hinter diesen komplexen Romanzyklus.

Daher sei allen Liebhabern von Zafóns Romanen nochmal geraten, diese letzte Reise in Zafóns magisches, düsteres, mysteriöses und teilweise grausames Barcelona noch einmal in vollen Zügen zu genießen. Glücklicherweise macht der Autor es den Lesern besonders leicht: Zafón trumpft zum Schluss noch einmal richtig auf, erzählt eine rasante, spannende, von Überraschungen, Wendungen und kleinen wichtigen Details nur so überquellende Story. Er setzt auf atmosphärische Beschreibung der katalanischen Hauptstadt, auf eine maximale Nähe zu seinen zahlreichen Figuren und auf erzählerische Dichte, die den Leser an den Seiten kleben lässt. Das Labyrinth der Lichter hat auf mich eine Sogwirkung ausgeübt, wie ich sie beim Lesen von Der Schatten des Windes gespürt habe, sodass für mich der vierte Band nicht nur den idealen Abschluss der Reihe bildet, sondern auch der Band ist, der dem ersten als einziger auf absoluter Augenhöhe begegnet!

Wer die Reihe noch nicht gelesen hat, sollte dies unbedingt noch nachholen, insbesondere wenn er Geschichte über Bücher und Bücherliebhaber mag. Wer bereits Fan ist und den vierten Band noch nicht gelesen hat, sollte seine Leseplanung über den Haufen werfen und zu diesem Buch greifen. Wer wie ich die Reihe schon mit einem lachenden und einem vor Wehmut weinendem Auge beendet hat, der sollte sich an die Worte von Julián Carax halten: „Vergiss nie, dass es uns gibt, solange sich jemand an uns erinnert.“ (S. 928) – Daniel, Bea, Fermín, David und Julián und ihre unzähligen Abenteuer existieren im Leserherz weiter!

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Die Interessanten

Meg Wolitzer ,
Flexibler Einband: 608 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 08.08.2018
ISBN 9783832163396
Genre: Romane

Rezension:  
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Animant Crumbs Staubchronik

Lin Rina
Flexibler Einband: 550 Seiten
Erschienen bei Drachenmond-Verlag, 20.11.2017
ISBN 9783959913911
Genre: Fantasy

Rezension:

Vorab muss ich sagen: Bücher wie Lin Rinas Animant Crumbs Staubchronik lese ich normalerweise nicht! Der Name des Verlags klingt mir zu sehr nach Fantasy, was einfach nicht mein Genre ist und Inhaltsangaben wie die Folgende akzeptiere ich lediglich bei Büchern von Jane Austen: Animant Chrumbs Lebens besteht aus Kleider, Bällen und der Suche nach dem perfekten Ehemann, zumindest wenn ihre Mutter ihren Willen durchsetzen kann. Denn Ani selber ist kaum an der Liebe, geschweige denn der Ehe interessiert. Ihre Nase steckt sie lieber in Bücher und träumt sich so in ferne Welten. Als sie das Angebot bekommt, in einer Londoner Bibliothek zu arbeiten, zögert sie nicht lange und stürzt sich in das neue Abenteuer. Ein Abenteuer, das nicht nur ihre Liebe zu Büchern stillt, sondern auch noch ganz andere Gefühle in ihr weckt…

Ihr seht, was ich meine? Und tatsächlich schien sich zu Beginn jedes meiner Vorurteile zu bestätigen: flach gezeichnete Figuren, eine total vorhersehbare Handlung, historisch sicherlich nicht immer stimmig, zum Teil künstlich eingebaute und aufgebauschte Nebenhandlungen und in allem zu sehr bemüht, das neue Stolz und Vorurteil zu werden. Das alles kann man dem Buch berechtigterweise vorwerfend. Allerdings muss ich im gleichen Moment zugeben: Animant Crumbs Staubchronik hat mich blendend unterhalten! Die Geschichte ist leicht geschrieben, aber nicht plump, sie ist überraschend atmosphärisch und hat es geschafft, mich über einen längeren Zeitraum in sie hineinzuziehen. Die Hauptfigur Animant ist sympathisch, die Nähe zwischen Leser und Figur genau richtig und selbst der Liebesgeschichte konnte ich irgendwann etwas abgewinnen, da sie weniger kitschig war, als ich befürchtet hatte.

Mir hat die Lektüre einmal mehr gezeigt, dass es gut und richtig ist, ab und zu seine literarische Komfortzone zu verlassen und seinen Lesehorizont zu erweitern. Animant Crumbs Staubchronik ist sicher keine literarische Perle, war aber für mich das ideale Urlaubsbuch für tolle Schmökerstunden am Strand! Es ist – besonders wichtig für mich – vor allem kein Fantasy (hier ist bei LovelyBooks etwas bei der Genre-Zuordnung schiefgelaufen), sondern eher ein historischer Roman, ohne Anspruch, aber dafür sehr charmant. Tatsächlich bin ich nach dem Lesen der knapp 550 Seiten so angetan, dass ich einer Fortsetzung nicht abgeneigt wäre: Animant als Protagonistin macht einfach Spaß und es wird mit ihr – wie im Buch selber häufig betont – so schnell nicht langweilig. Überraschende 4 Sterne und eine Leseempfehlung für alle, die mal Lust auf einen kleinen Buchsnack zwischendurch haben.

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Tags: 19. jahrhundert, bibliothek, bücher, liebe, london   (5)
 

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Elternteile

Monica Isakstuen , Ina Kronenberger
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Eichborn , 23.02.2018
ISBN 9783847906438
Genre: Romane

Rezension:

Vater, Mutter, Kind.
Verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden.

Was nun? Diese Frage muss sich auch Karen stellen, als ihre Ehe zerbricht und ihre Familie zerreißt. Vernünftig und gleichberechtig wollen sie und ihr Ex-Mann die Scheidung angehen: Eine Beratungsstelle soll sie durch die Trennung begleiten, die gemeinsame dreijährige Tochter Anna soll eine Woche beim Vater, eine Woche bei der Mutter verbringen. Doch was sich nicht planen lässt, sind die Emotionen, die mit der Scheidung und der Aufteilung der Kindererziehung eingehen: Trauer, Selbstmitleid, Verlustängste, Einsamkeit, Versagensängste, Vorwürfe. Karen stellt sich mit der altbekannten Frage aus einer neuen Perspektive konfrontiert: Was für eine Mutter bin ich, wenn mein Kind ein Scheidungskind ist?

Ist man in der einen Woche Mutter, was ist man dann in der anderen, und wie findet man wieder zu sich? (S. 175)

Der Klappentext von Monica Isakstuens Roman Elternteile hat mich beim ersten Lesen direkt angesprochen: Er versprach eine hochinteressante, aktuelle und realitätsnahe Story, die Auseinandersetzung mit einem relevanten, literarisch jedoch nur selten ausgearbeiteten Thema und eine mutige, offene, bisweilen auch schonungslose Beschreibung einer gescheiterten Ehe und eines alternativen Lebenskonzept – kurzum: er versprach allerbeste Gegenwartsliteratur! Nach der Lektüre möchte ich auch gar nicht abstreiten, dass es sich bei Elternteile um gute, moderne Literatur handelt – schließlich wurde das Buch auch mit den Brage-Preis, dem wichtigsten Literaturpreis Norwegens, ausgezeichnet; jedoch ist es für mich ein Buch, das mir thematisch sehr gefällt, in der Umsetzung mich jedoch nicht überzeugt hat.

Monica Isakstuen hat einen sehr fragmentarischen Roman geschrieben. Das fängt schon bei der Typographie an: Einige Seiten sind komplett mit Text ausgefüllt, andere nur zu Hälfte, in den krassesten Fällen beinhaltet eine Seite nur ein Wort und wartet ansonsten nur mit Weißfläche auf. Ähnliches lässt sich über die Erzählweise sagen: Ohne wirkliche Chronologie, episodenhaft, auf die Gedankengänge, also das Innenleben der Protagonistin und Erzählerin reduziert wirkt Elternteile manchmal wie das Tagebuch von Karen: Jede Seite ein Tag, jeder Tag ein neuer Gedanken. Leider führt das nicht, wie von mir erhofft, zu einer besonderen Nähe zwischen Geschichte und Leser – im Gegenteil! Während des Großteils der Lektüre kam mir das Erzählte unheimlich weit weg und nicht greifbar vor. Wie Fische im Goldfischglas schien ich Karen und ihre Familie zu beobachten, wurde jedoch nicht Teil der geschilderten Welt; die nicht zu leugnenden klugen Gedanken – die sprachlich jedoch nicht immer überzeugend verpackt wurden, packten mich nicht, ich blieb (auch bei emotional angelegten Szenen) unbeteiligt und distanziert.

Insgesamt lässt mich Elternteile daher etwas enttäuscht zurück. Ich hätte mir gewünscht, dass mich dieses Buch mitgerissen hätte, mich in seiner thematischen Wucht beeindruckt und mich zu einer Position gezwungen hätte. Doch mit dieser stilistischen Realisierung hallt der Roman und seine Botschaft leider nicht nach, sondern wird wohl leider schnell dem Vergessen anheimfallen. Daher nur 3 Sterne.

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Tags: eltern, mutterschaft, norwegen, scheidung, scheidungskind, schuldgefühle   (6)
 

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nichts, was uns passiert

Bettina Wilpert
Fester Einband: 170 Seiten
Erschienen bei Verbrecher, 06.02.2018
ISBN 9783957323071
Genre: Romane

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lehreri, liebe, pferde, sprache

Die Grammatik der Rennpferde

Angelika Jodl
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 08.12.2017
ISBN 9783423217088
Genre: Romane

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Sonnenkönige

Marianne Jungmaier
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 12.03.2018
ISBN 9783218011020
Genre: Romane

Rezension:

Aidan, Sam, Cherry und Hannah leben im Hier und Jetzt. Sie sind jung, sie sind frei, sie feiern Partys, nehmen Drogen, haben harten Sex. Verantwortungen und Verpflichtungen laufen nebenher, Ziel ist es, die Freiheiten, die ihrer Generation eigen sind – alles sein können, alles machen können, jeden lieben können, überall zuhause sein können –, bis zuletzt auszuschöpfen. Doch vor allem Aidan spürt in seinem Inneren, dass mit der Grenzenlosigkeit auch die Frage einhergeht, wie man sich im Leben generell entscheiden soll, wenn die Möglichkeiten doch unendlich sind. Seine Beziehung zu Hannah bröckelt, spätestens als er Bill begegnet; im Beruf unterbreitet ihm seine Chefin ernsthafte Zukunftspläne. Seine Zuflucht bieten ihm der Keller, in dem er an einem Drachen aus Holz bastelt, und seine Vision, diesen im Sommer bei Favilla, einem Festival in der Wüste Nevadas, in Flammen aufgehen zu lassen…

Marianne Jungmaier fängt in ihrem Roman Sonnenkönige gekonnt und eindringlich das Lebensgefühl der Generation Y ein – auch wenn nicht alle Mitglieder der Generation (mich eingeschlossen) ihr Leben so drastisch gestalten wie die Protagonisten ihres Romans. Denn Aidan und seine Freundinnen sind Getriebene, überfordert von ihrer Welt der grenzenlosen Möglichkeiten, bemüht durch Sex, Drogen und Partys irgendetwas zu spüren – und doch am Ende des letztens Exzesses mit einer Leere und Energielosigkeit zurückzubleiben, die immer größer zu werden scheint. Diese Lebenswelt ist mir fremd, vermutlich auch der Autorin selber und doch schafft sie es, einen intensiv in Aidans Kosmos reinzuziehen, und seine bunte, abgedrehte, ja häufig auch tatsächlich aufregende Welt spüren zu lassen. Die Suche nach dem eigenen Sinn und der eigenen Mission, der Wunsch nach einem Fixpunkt und der gleichzeitige innere Widerstreit, sich keine Grenzen setzen zu wollen und alles im Leben auszuprobieren, wird authentisch geschildert und macht gerade in dieser lebensnahen Darstellung den großen Reiz des Romans aus.

Das Problem von Sonnenkönige ist dabei, dass die Geschichte über die reine Schilderung nicht herausreicht. Der Roman kritisiert nichts, er fragt nichts, ja, er zeigt noch nicht einmal eine Entwicklung auf. Denn nach knapp 220 Seiten sieht das Leben von Aidan und der anderen Figuren eigentlich genauso aus wie vorher. Sonnenkönige ist lediglich der Ausschnitt eines Lebensentwurfs, doch bleibt dieser – auf Figuren- wie auf Metaebene – unkommentiert und unreflektiert. Dem Roman haftet daher leider etwas Belangloses an und entpuppt sich auf inhaltlicher Ebene auf Dauer als zu dünn: Denn auch die aufregende Suche nach Extremerfahrungen wird in ihrer ständigen Wiederholung unspektakulär und langweilig.

Zu Jungmaiers Glück überragt ihre unglaublich kraftvolle, dabei aber auch lyrische Sprache die Mängel der erzählten Geschichte. Die Sätze in Sonnenkönige sind reine Poesie, gleichzeitig aber fest im Leben der Protagonisten verankert, sodass bei aller Schönheit auch immer etwas Raues und Hartes in den einzelnen Passagen mitschwingt. Jungmaier schafft es Melancholie, Angst, Trauer, Wut und Lebenslust zu transportieren, ohne dabei auf schwülstiges, kitschiges oder überzogenes Vokabular zurückgreifen zu müssen. Ihr Schreibstil besitzt etwas ungemein Wahrhaftiges und Ernsthaftes, dabei auch Schlichtes und dennoch sind es Sätze, die im Kopf widerhallen, sich festsetzen und beim Leser etwas auslösen.

Insgesamt ist Sonnenkönige ein gelungener Roman, der Stärke bei der Themenauswahl und der sprachlichen Umsetzung beweist. Für ein perfektes Leseerlebnis fehlt jedoch in der Geschichte selber ein entscheidendes Moment. So bleibt sie auf der beschreibenden Ebene haften und schafft es nicht, dass in ihr angelegte Potential auszuschöpfen und den Leser in einen Strudel von Emotionen, Fragen und Überraschungen mitzureißen. Daher „nur“ solide vier Sterne!

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Tags: berlin, bondage, drogen, festival, fetisch, generation y, hippies, party   (8)
 
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