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Unterwegs in Nordkorea

Rüdiger Frank
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei DVA, 14.02.2018
ISBN 9783421047618
Genre: Sachbücher

Rezension:

Intensive und hochinteressant zu lesende Einblicke in ein „unbekanntes Land“

Auch wenn Rüdiger Frank nicht einfach spontan mal eine „Rundreise“ durch Nordkorea unternommen hat und damit spontane und freie Einblicke aus allen interessanten Ecken geliefert hätte, sondern eine klar geregelte, offizielle Reise in das Land angetreten hat, dennoch ist sein Reisebericht allein deshalb schon interessant und wichtig zu lesen, weil es eben so wenig andere Beschreibungen von „Eindrücken eines Außenstehenden“ gibt.

Wo sonst wird der Reisebus (vermeintlich) zu solch außergewöhnlichen Sehenswürdigkeiten gefahren, wie einer Raketenrampe?

„Sehen Sie das Gebäude dort hinten? Wissen sie, was das ist? Das ist unsere Raketenabschussrampe!“.

Solche Momente sind das, was die Reiseleitung in Nordkorea als „gelungenen Scherz“ betrachtet.

„Nordkorea hat ein miserables internationales Ansehen. Unverdient ist dieser Ruf nicht, doch er trübt auch unsere Wahrnehmung“. Und so bietet Frank mit seinem Reisebericht einen Baustein, zu einer realistischeren Wahrnehmung der Zustände im Land zu gelangen. Auch wenn er diese nur gefiltert zu sehen bekam.

Denn auch Humor und Selbstironie sind dort anzutreffen und beileibe nicht die gesamte Bevölkerung ist von morgens bis abends in Gedanken stramm auf den „wunderbaren Führer“ ausschließlich ausrichtet.

„Vieles ist so fremd und unbekannt, dass man kaum auf vorhandenes Wissen zurückgreifen kann“.

So eng nun der Rahmen auch gewesen sein mag, so geleitet die Reise, so dicht das Programm, Frank versteht es, einen Blick auf das „reale, normale“ Leben im Land zu richten und damit immer wieder der vorgegebenen, inszenierten Blickrichtung durch die Reiseleitung zu entziehen.

Wie das ist, ohne Handys mit weitreichendem Internetzugang zu leben, GPD und Navigationsgeräte nicht zur Verfügung gestellt zu bekommen, nicht kaufen zu können. Ein Land, in dem es bis 2013 Regel war, Handys und andere Geräte bei der Einreise abzugeben und erst bei der Ausreise wieder an sich nehmen zu können.

Bitte keine „verstörenden Inhalte“ für die Bewohner des Landes von außen. Keine religiösen Schriften, keine Pornografie, keine südkoreanischen Medienprodukte. Was alles darauf schließen lässt, dass der „normale“ Nordkoreaner informationstechnisch „hinter dem Mond“ lebend gehalten wird. Ein Eindruck, der sich einerseits durch das Buch bestätigt, in dem aber auch andererseits kleinere Risse, Spalten nicht zu übersehen sind, die das Bewusstsein der dort lebenden Menschen durchaus mit verändert.

Dennoch erlebt auch Frank, trotz nicht weniger Freiheiten, konsequente Restriktionen. Es bedurfte schon viel Überredungskunst und Beharrungsvermögen, überhaupt einen öffentlichen Markt besuchen zu dürfen, dabei war aber endgültig Schluss mit allem, was auch nur entfernt an einen Fotoapparat erinnern könnte.

Und dennoch. Ein Leben leben. Auskommen finden. Eine Familie gründen, es sich und den Seinen gut gehen lassen, soweit es die Umstände hergeben, im Kern erlebt Frank das „ganz normale Leben“ mit den gleichen Bedürfnissen, wie an anderen Orten auch. Mit lokalen Sitten, die befremdend wirken, aber das gäbe es auch zwischen Norddeutschen und Bewohnern Bayerns. Nur eben die Vergleiche sind andere, weil globale Vergleichsmöglichkeiten letztlich nicht im Bewusstsein verankert, nicht breit bekannt sind.

Damit sind die Bewohner, die Frank immer wieder in seiner Darstellung mit heranzieht, subjektiv nicht mehr oder weniger glücklich als an anderen Orten der Welt. Auch wenn klar erkennbar wird, dass dieses Land in ganz anderer Weise geführt, geregelt und vom individuellen technischen Fortschritt des 21. Jahrhunderts weit entfernt lebt.

Eine anregende, interessante und sehr informative Lektüre.

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Ohne Glück kein Erfolg

Robert H. Frank , Katrin Harlaß
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 12.01.2018
ISBN 9783423281478
Genre: Sachbücher

Rezension:

Nichts unbedingt Neues, dafür aber überzeugend ins Bewusstsein gerückt

Für jeden Menschen dürfte es eigentlich klar sein, bei einigen Sekunden des Nachdenkens, dass die Voraussetzungen für ein glückliches oder weniger gelingendes Leben schon allein durch den Ort der Geburt maßgeblich, entscheidend gesetzt werden.

Es ist einfach reines Glück, in einer der reichen bis reicheren westlichen Zivilisationen mit ihrer Infrastruktur und ihrem Angebot an Bildung „hineingeboren“ zu werden. Und dennoch wird im Allgemeinen wenig darüber nachgedacht und stark, viel zu sehr, jenes Denken der Leistungsgesellschaft nach vorne gerückt, dass den Menschen als Person zum „Drahtzieher“ und „Schuldigen“ an Erfolg und Misserfolg macht.

Schon die Betonung dieser einfachen Tatsache setzt dem Buch sein Thema und seinen roten Faden, der an vielen Beispielen im ruhigen und sachlichen Ton von allen Seiten beleuchtet wird.

Wie bei jenem Mann, der sich über solche Thesen fruchtbar aufregt und mit allem Nachdruck auf seinen „schweren Weg“ als Engländer in Amerika verweist, von dem er sich „jeden Schritt“ dem Leben „abgerungen hat“.

Bis Frank erläutert, wie das ist, in London geboren worden zu sei, die Chance auf eine angesehene Uni bekommen zu haben und mit genau jenem Akzent in Amerika zu reüssieren, der dort in bestimmten Kreisen geschätzt wird.

Wie auch bei jenem anderen, absolut erfolgreichen Autor und früheren Investmentbanker, der zufällig bei einem Abendessen neben der Ehefrau eines hochrangingen Bankers saß und diese beeindruckte, so dass er genau jenen Job „in den Schoß“ geworfen bekam, der ihn nach vorne katapultierte.

„Der Mensch neigt zu der Annahme, Ereignisse seien stärker vorhersehbar, als sie tatsächlich sind“ (Rückschaufehler).

Wobei Frank mit all dem überaus gründlich aufräumt, dem „glücklichen Zufall“ und dem „Zufalle an sich“ breiten Raum beitet, dabei aber nicht in den Fehler verfällt, zu sehr zu polarisieren.

Natürlich konnte Al Pacino seine Weltkarriere nur vollziehen, weil er ein guter Schauspieler war und ist. Dass er aber zu Beginn in „Der Pate“ besetzt wurde, das war viel Zufall und reines Glück. Weil zwei andere für die Rolle gesetzte Schauspieler nicht annahmen, weil Copolla trotz der damals für ihn auch nicht starken Position Pacino durchgesetzt bekam, Während hunderte, tausende andere, ähnlich talentierte Schauspieler, nie irgendeine Chance hatten. Weil der Zufall gegen sie spielte.

Mit Folgen. Mit Folgen gerade für jene Riege von Menschen, meist hochvermögend und einflussreich, die strikt darauf beharren, etwas „Besonderes zu sein“, weil sie „besonderes geleistet haben“ (Außer Bill Gates, der sehr nüchtern sein unwahrscheinliches Glück in jungen Jahren im Lebenslauf als Grundlage seiner Entfaltung entscheidend sieht und setzt).

Mit Folgen, letztlich, für das gesamte System, das von einem „Survival oft he fittest“ gerne spricht, aber die elementaren „Zufälligkeiten“ und das vielfach „reine Glück“ negiert.

Natürlich muss dem glücklichen Zufall ein Wollen, Ergreifen und sicher auch (nicht immer übrigens) Können folgen. Ohne Zufälligkeiten aber ginge gar nichts und all jene , die nicht „zu den oberen 10.000“ aufgestiegen sind, sind nicht zu „schwach“ oder besitzen „zu wenige Kompetenzen“, sondern waren schlich nie zur rechten Zeit am rechten Ort.

Was den Leser nachdenklich hinterlässt. Wenn Zufälle und Glück einen solche großen Faktor darstellen, dann sind Erfolge am Ende überwiegend geschenkt. Wenn es nicht „allein aus eigener Kraft“ gelungen ist, dann könnte man den Gedanken vertiefen, mit all den Ressourcen gemeinschaftlichen Umgang zu pflegen, statt nur unreflektiert dem eigenen Narzissmus aufgrund falscher Tatsachen zu frönen.

Was letztlich nichts Neues an Erkenntnis ist, teilweise auch zu gleichförmig und wenig spannend erzählt wird und dennoch in den Blick rückt, was die meisten Menschen als „gegeben“ hinnehmen und zu wenig in den möglichen Folgen bedenken.

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Der Sohn

Jan Guillou , Lotta Rüegger , Holger Wolandt
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Heyne, 15.01.2018
ISBN 9783453270312
Genre: Romane

Rezension:

Präzise beobachteter Entwicklungsroman und Zeitgeschichte in einem

Bereits im sechsten Band nun breitet Jan Guillou seine episch angelegte Familiengeschichte der „Lauritzens“ vor den Augen der Leser aus.

Diesmal in der Zeit der 50er Jahre des letztens Jahrhunderts in Schweden und diesmal auch von mit einem „Niedergang“ begleitet, im Laufe dessen die Hauptfigur des Romans, Eric, der eigentlich seinen Großvater Oscar Lauritzen als Firmenlenker beerben sollte, die Höhen und Tiefen des Lebens in vollem Umfang kennenlernen wird.

Doch das Leben ist nicht planbar und kontrollierbar, noch viel weniger, als es geschäftliche Dinge wären. Denn all hängt ja davon ab, dass die „Zustände“, zumindest die familiären, tragfähig sind. Was aber tun, wenn ein plötzlicher Todesfall, komplizierte Verhältnisse und Trennungen dazu führen, dass man sich „ganz unten“ wiederfindet?

So ist es vor allem die Geschichte um den „Kern einer Persönlichkeit“ aus enger Perspektive heraus, zudem einer heranwachsenden Persönlichkeit, die Guillou in diesem Roman zum Zentrum gestaltet. Und nicht der von Vorgängerbänden gewohnte „breite Familienblick“.

„Aber es hängt von der Auswahl und Zusammensetzung der Details ab, ob sich eine weiße oder eine schwarze Wahrheit ergeben“. Und natürlich von der persönlichen Blickrichtung auf das Leben. Eric zumindest, der die Geschichte seiner Mutter, seines Bruders, seiner Familie am Rande weiterhin miterzählt, nimmt auch die Schläge des Lebens an, ohne daran zu zerbrechen. Er kämpft, was sich im Buch nicht zuletzt im sportlichen Bereich niederschlägt.

„Tarzan ist down“, ruft der Freund Eric, dem Schwimmer zu.

„Vor einiger Zeit hatte ich einen der fürchterlichsten Augenblicke meines Lebens durchlebt, als ich Clarks Bericht über Sylvia las. Und jetzt dies: Tarzan ist down“.

Aus Niederlagen Siege kreieren, auf die wichtigen Dinge achten, sich seinen Weg suchen, das sind die Themen des jungen Eric und dafür geht er auch ungewöhnliche Wege. Die nicht gradlinig zum Ziel führen, sondern immer auch innere Stärke bedürfen, das Einsehen von Sackgassen, das neu Ansetzen des Weges.

Wege, die durch das Schweden der 50er Jahre führen, die die Zeitgeschichte und die Atmosphäre im Land griffig mit ins Spiel bringen. Und nicht ohne Grund wird der Weg Erics in ein persönliches, anderes „gelobtes“ Land mit „göttlichem Käse“ führen, wo dann stabiler Boden unter seinen Füßen warten wird. Das allerdings wird erst später geschehen und als eingeschobene Rückblicke erzählt.

Bei all dem wird ihm helfen, was er von seinem Großvater lernte. Auf einer gemeinsamen Reise nach Afrika, als alle Ampeln des Lebens noch auf „Grün“ geschaltet zu sein schienen. Ein inneres Vermächtnis, das prägt und dass dem Leser zeigt, dass die Kraft zum Leben von innen kommt, nicht aus den äußeren Ereignissen herausgegeben oder genommen wird.

Was allerdings in phasenweise zu eintöniger Form wie eher ein Bericht, denn wie ein emotinal aufwühlendes Erleben gestaltet wird. Als Bruch und Neuanfang zu den vorhergehenden Bänden und eher mit der Frage nach der Entwicklung einer einzelnen Person beschäftigt, tauchen hier und da Längen auf und einige zu wenig beachtete mögliche andere Stränge der Familiengeschichte werden zu wenig mitverfolgt.

„Zu spät bemerkte ich, dass die anderen den Hering nicht entgräteten, sondern ihn komplett mit Flossen aßen“. Hier und da hätten mehr „Gräten und Flossen“ auch dieser Geschichte gutgestanden.

Am Ende verbleibt eine weitgehend flüssige, kundige Lektüre, ein Bild einer Zeit, in der es möglich war, aber auch galt, aus eigener Kraft einen eigenen Weg zu finden und im Scheitern den Neuanfang zu finden.

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nationalsozialisten, hass, neonazi-szene, nationalsozialismu, nazi-ideologie

Ein deutsches Mädchen

Heidi Benneckenstein , Tobias Haberl
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Tropen, 14.10.2017
ISBN 9783608503753
Genre: Biografien

Rezension:

Ein authentischer, erschreckender Blick hinter die Kulissen

„Ich lernte Wohlleben nicht wirklich kennen, dafür fand ich ihn zu merkwürdig…..Er war extrem sonderbar. Als hätte er nicht alle Tassen im Schrank“.

Was, vielleicht, in eine generelle Bobachtung der Heidi Bennecker, Mitglied im innersten Kreis politisch überaus rechts bewegter Menschen, münden könnte:

Charaktere, die „nach außen ein Harter Hund, innerlich weinerlich und voller Selbstmitleid“ sind.
„Je martialischer das Auftreten nach außen, desto komplexbeladener nach innen“.

Dann aber sentimental zu werden, das geht nicht als „harter Hund“ und so werden solche Emotionen mit Aggression ausgedrückt.

Nicht umsonst also taucht hier und da das Lied der Ärzte „Schrei nach Liebe“ im Buch als Mit-Erklärungsmuster auf.

Ein Buch, in dem Heidi Benneckenstein alle ihre Beobachtungen in der „rechten Szene „ durchaus schon als „Familienbuch“ beginnt, denn gerade ihr Vater hat zu Hause bereits eine Art von Lohn-Strafe System, einen Drill, eine klare, nationalsozialistische Haltung vermittelt und durchgesetzt, dass die weiteren „Anekdoten“ im Buch nur als erweiterte Entfaltung dieser Haltung erkannt werden können.

Und da hat Benneckenstein einiges zu berichten. Von „Treffen, Wehrlagern, Jugendfahrten, Drill, Erziehung, Kleidungsvorschriften, politischen Unterricht, Konzerten mit rechtsorientierten Bands (aus deren Reihen heraus die erste Liebesbeziehung für die junge Heidi sich entwickelte“.

Durchaus eine Vielzahl rechtsprominenter Nahmen tauchen dabei immer wieder auf, vor allem aber schildert Benneckenstein detailliert und nachvollziehbar, wie groß und eng vernetzt diese Szene in Deutschland aktiv ist, von „Stammtischen“ bis zu ganzen Dörfern „arisch übernommen“ werden, von Unnachgiebigkeiten und einem spürbaren, klaren Hass und unüberwindbarer Distanz zu jenem „Deutschland NICHT in den Grenzen von 1937).

Dass Benneckenstein in der Erzählung eher assoziativ vorgeht, munter in der Zeitlinie springt, eben noch von sich als 15jähjriger samt Trennung vom Vater erzählt und auf den nächsten Seiten dann ihre ersten Erfahrungen als sechs-bis siebenjährige in den „Fahrtenlagern“ schildern, um dann neben Udo Pastörs entspannt auf einer Kundgebung zu sitzen, das stört den Lesefluss zunächst ein wenig, rundet sich aber langsam, je mehr man in der Lektüre fortschreitet.

Wobei die vielen Anekdoten und die gut getroffene Wiedergabe der Atmosphäre „in der Szene“ dem Leser, neben einzelnen „Aha-Momenten“ eines vor allem verdeutlichen: Eine Diskussionsgrundlage, Ansatzpunkte zu konstruktiven Gesprächen mit Zugehörigen zu dieser Szene erscheinen im Rahmen der Lektüre dieses Buches als sinnlos. Denn „die andere Seite“, das „rechte Netzwerk“, hat an solchen konstruktiven Schritten mit dem „System“ kein Interesse. Kampf und Revolution, Veränderung des aktuellen Status quo hin zu einem tradierten „Nationalmodell“ mit „nationalsozialistischem Familienmodell“ aus „starkem Mann, einer untertänigen Frau und möglichst vielen gehorsamen Kindern“.

Wie schwer das ist, da andere Gedanken zuzulassen und die eigene Haltung überhaupt zu reflektieren, dass zeigt Benneckenstein eindrucksvoll am Weg ihres eigenen Ausstiegs aus dieser „Parallelwelt“.

Sprachlich überaus schlicht gehalten und in Teilen sehr assoziativ zwischen Themen springend, bietet dieses Werk dennoch einen originären und intensiven Einblick in die „rechte Szene“ Deutschlands.

Eine Lektüre, die absolviert werden sollte, um sich die Augen (noch) weiter öffnen zu lassen.

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brutal, krimi, thriller, crime, realcrime

Mann am Boden

Roger Smith , Ulrike Wasel , Klaus Timmermann
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Tropen, 13.01.2018
ISBN 9783608502176
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Hart, stringent und mit den dunkelsten Seiten an Menschen versehen

Johannesborg. Kapstadt. Südafrika. Nicht in den Villen, sondern in den Absteigen, das ist die Welt von Johnny Turner gewesen. Drogen, Alkohol, siffige Zimmer als Bleiben.

Und Chris Bekker. Korrupter Bulle, der diesen Turner rekrutiert und nicht mehr aus den Fängen lässt. Für einen Auftrag, der schmutziger nicht sein kann. Der sich als politisch motiviert zeigen wird, aber doch nur die schlimmste Barbarei in sich trägt, zu der Menschen, die mit der Macht spielen, scheinbar mühelos fähig sind.

Was im Übrigen auf Johnny Turner wohl auch zutrifft, auch wenn er sein Motiv als viel edler und seine persönliche Lage Jahre später als ausweglos charakterisieren wird. Und sich damit i doppelter Bedeutung des Wortes „am Boden“ wiederfindet.

Mit der Erfahrung dann versehen, dass Pläne selten so aufgehen, wie man sie einmal geschmiedet hat. Das jene Frau, die ihn damals aus Südafrika „gerettet“ hat, Mutter seiner Tochter und nun mit ihm in Amerika durchaus solide lebt (Turners Geschäftsidee hat hervorragend funktioniert) zäher ist, als Turner je vermutet hätte, das steht auf einem anderen Blatt.

Ein Blatt dass sich nicht nur einmal in Richtungen wenden wird, die dem Leser einiges Abfordern. Trocken im Stil, glasklar in der „hellen Ausleuchtung“ aller Szenen und ohne irgendein zurückzucken vor nackter, harter, brachialer Gewalt, Smith bleibt auch in diesem Werk seinem prägnanten Stil treu und schickt den Leser damit durch ein Wechselbad der Gefühle, das in den harten und brutalen Szenen einen guten Magen durchaus zum Vorteil gereichen lässt.

Als es gründlich schiefgeht, als erstes. In den Rückblicken auf das, was da in Johannesburg Alltag an dreckigen Geschäften und nackter Gewalt ist, spätestens als die schwere und scharfe Handsäge in seinem neuen Haus in Amerika angeworfen wird und die wirkliche Liebe seines Lebens unerwartet an der Tür klopft.

„Wir sind es so gewohnt, uns vor anderen zu verbergen, dass wir uns schließlich vor uns selbst verbergen“.

Bis es nicht mehr geht und nackte Gewalt den Menschen, in die Enge getrieben, dazu zwingt, alle Masken fallen zu lassen und nackt und bloß um sein Leben zu kämpfen oder, ebenso nackt und bloß (was für ein Bild auf den Zustand der Gesellschaft) sein Freizeitvergnügen darin zu suchen, anderen möglichst langsam und schmerzhaft das Leben zu nehmen.

„Überleg Dir gut, ob du bereit bist, deine Scheißwaffe auch zu benutzen, sonst trägst du sie nämlich demnächst als ……stöpsel“.

Trocken und ausdruckslos im Tonfall selbst angesichts zweier auf den eigenen Kopf gerichteter Mündungen, harte Kerle. Aber doch nur aus Fleisch und (sehr viel) Blut.

Wieder in gelungener, harter Thriller von Roger Smith, der dem Leser nichts erspart.

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Der Schattenkrieg

Ronen Bergman , Norbert Juraschitz , Jens Hagestedt , Henning Dedekind
Fester Einband: 864 Seiten
Erschienen bei DVA, 22.01.2018
ISBN 9783421045966
Genre: Sachbücher

Rezension:

Was man immer schon ahnte nun in fundierter Darstellung

Der Staat Israel hat, seit seiner Gründung, oft und oft offen gezeigt, dass er sich zu wehren, zu verteidigen und, in Angriffszügen, seine Sicherheit zu wahren versteht. Auch wenn in jüngeren Vergangenheit Feldzüge sich festfuhren und je einen eher zähen Verlauf nahmen.

„Sicherheit“ ist das oberste Gebot der handelnden Verantwortlichen und auch dies ist ob der eher feindlich gesinnten Anrainerstaaten und der speziellen Geschichte des jüdischen Volkes und des Staates Israel nachvollziehbar.

Und ebenso, nicht erst seid Gründung des „Mossad“, effizient strukturiert aber dann durch diesen, vollzieht Israel auch eine „Ausschaltung von (bekannten oder befürchteten) Bedrohungen „im Geheimen“. Nicht nur als Vergeltung, wie in den Aktionen gegen die Attentäter von München, sondern über die Jahre hinweg als markante Waffe gegen ausgemachte Bedrohungen.

„Wenn jemand kommt, dich zu töten, steh auf und töte ihn zuerst“.

Ein Zitat aus dem Talmud, dass Bergmann völlig zu Recht und themengebend seinem Werk voranstellt.

Denn wie das genau abläuft, welche mannigfaltigen „Aktionen“ (in weiten Teilen auch völlig an der öffentliche Wahrnehmung vorbei) durchgeführt wurden, welche Überlegungen dahinterstehen, wer plant und wie ausgeführt wird und, auch, welchen Preis das letztlich kostet und welche Gefahren einer solch einseitigen und erbarmungslosen Haltung (so verständlich diese in Teilen auch sein mag) innewohnt, all das legt Bergmann sorgfältig recherchiert, verständlich in der Darstellung und fundiert in den Querverbindungen vor die Augen des Lesers.

„Die fast vollständige Intransparenz ihres (/der „Geheimdienstgemeinde“) Handelns wird durch einen Komplex von Gesetzen und Verhaltensregeln gesichert. Durch Militärzensur, durch Einschüchterung, Befragung und strafrechtlicher Verfolgung von Journalisten…..“

Eine Haltung und ein System, dass Bergmann selbst zu spüren bekam im Verlauf der Arbeit am Buch (und das nicht nur in den Versuchen, offizielle Quellen zu befragen und entsprechende Dokumente einsehen zu können. Da wurde die Spanne der Geheimhaltung flugs von 50 auf 70 Jahre per Gesetz verlängert, was durchaus mit Bergmanns Recherchen zu tun hatte).

So liegen dem Buch als wichtigste Quellen rund 1000 Interviews zu Grunde, aus denen Bergmann überzeugend einzelne Fälle, Strukturen und eine gesamte Geistes- und Denkhaltung rekonstruiert, die immer nah an der Praxis offengelegt wird.

Dabei geht Bergmann Misserfolgen (4.9.1997, 27. Mission seit Erstellung der „Tötungsprotokolle“ (von denen 20 Missionen erfolgreich verlaufen waren) mit dem Ziel der Ausschaltung eines eher unbedeutend wirkenden Mannes der Hisbollah im Libanon. Dies als tödliches Beispiel, wenn die Aufklärung des israelischen Geheimdienstes „versagte“ (samt der Gründe für solches „Versagen“, die Bergmann detailliert nachvollzieht).

Bis hin zu kühlen, erfolgreichen Missionen, die Bergmann schildert und immer wieder, wie im Falle der Regierungsübernahme durch Ehud Barak, der einerseits durchaus „den Frieden“ mit im Sinn hatte und doch den Realitäten gegenüber sich halbherzig beugen musste, bis Ariel Sharon bewusst eine Form der „Intifada“ auslöste, israelische Reservisten gelyncht wurden und, nach der Wahl Sharons, der „Schattenkrieg“ heftig wieder aufflammte.

Über 3000 „ausgeschaltete Zielobjekte“ stehen im Rahmen dieser „Geheimoperationen“, dem Schutz Israels „um jeden Preis“ im Raum. Und auch wenn Bergmann, verständlicherweise, nicht jedem einzelnen dieser Fälle im Buch Raum geben kann, das „Warum“, das „Wie“, das „Wer“ und was das bedeutet arbeitet her bestens heraus.

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Buchheim

Yves Buchheim , Franz Kotteder
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Heyne, 22.01.2018
ISBN 9783453201972
Genre: Biografien

Rezension:

Nicht immer stringent

Fast ist es wie eine Ansage an die verschiedenen Fäden im Buch, dass der Titel nur „Buchheim“ lautet und nicht „Lothar-Günther Buchheim“.

Denn nicht nur einen (im Tonfall eigentlich noch mehr als im Inhalt) wenig schmeichelhaften Blick auf den Künstler, Maler, Autor, Reportagenschreiber, Aussteller und Kunstsammler Lothar-Günther Buchheim lässt Yves Buchheim hier vor den Augen des Lesers Revue passieren (dessen zentrale Merkmale Geldgier, Egozentrik und Despotismus inner- und außerfamiliär ausmachen), sondern fast in gleichen Teilen ist es auch eine Autobiographie, in der Yves Buchheim seine Geschichte vom „vom Vater nicht gewollten Sohn“ erzählt. Ebenso, wie die Geschichte seiner Mutter Platz im Buch findet.

Man könnte somit sagen, dass Yves Buchheim zwar weitgehend chronologisch das Leben seines Vaters „mit-erzählt“, vor allem aber ein Familienportrait und ein Portrait des Mannes aus den Augen des Sohnes vorlegt.

Dass nebenbei auch Yves Buchheim einige Seiten lang so etwas wie eine „Kriegsberichterstattung “ über den Kampf gegen einen B52 Bomber liefert (eine der Spezialitäten des Vaters ja in hunderten von Reportagen als offizieller Berichterstatter von der Front im dritten Reich, mündend in das Opus Magnus „Das Boot“ auf der Basis eigener Erlebnisse) könnte man auch dahingehend verstehen, dass auch hier der Sohn zeigen will, dass er dem Vater auf Augenhöhe begegnen kann. Was im realen Leben zu Lebzeiten Lothar-Günther Buchheims nicht vorkam.

Und dennoch, neben allen „dunklen“ Geheimnissen, der nicht immer legalen Beschaffung von Werken für die eigene Sammlung, der Geiz vor allem dem Staat in Form der Steuern gegenüber, der wohl doch intensiveren Nähe zum Regime im dritten Reich als zu Lebzeiten immer lapidar heruntergespielt, es sind auch die kleinen, bewegenden, emotional dichten Szenen, die haften bleiben.

Dass ein Vater aus Gier, nachdem ihm die Frau mit zwei Gemälden von Braque weggelaufen ist, auf offener Straße das Kind als Geisel für die Gemälde nimmt und Mutter und Vater im wahrsten Sinne des Wortes am Kind zerren, vor aller Augen, das kann ja nur tiefe Spuren im kindlichen Gemüt hinterlassen.

Wobei, auch wenn Yves Buchheim nicht versäumt, die vielen Tränen der Mutter zu erwähnen, genau diese aus Liebe zu einem Amerikaner nicht nur Europa , sondern auch Yves verlässt und diesen zum Vater an den Starnberger See gibt (der nie Alimente zahlte, doch nicht für das „Unglück“, das eben seiner Frau widerfahren war, wohl nicht ihm), das zeugt davon, dass so ziemlich jeder, der im Buch vorkommt, eigensinnige, harte Entscheidungen zu jenen Zeiten in der ein oder anderen Form getroffen hat. Jede Verbitterung, die durch die Zeilen hier und da durchzudringen scheint, ist daher vollständig verständlich.

Und führt doch zu nicht wenigen Brüchen in der Erzählweise in den weiten Bögen um die „Buchheims“ (die erste Ehefrau und deren Familie mit einbezogen), um das Überleben im KZ ebenso, wie das künstlerische Schaffen des Vaters (der schon vor 1933 als „Wunderkind“ der bildenden Kunst galt), neben langen Strecken minutiöser „Nachberichterstattung“ von Kriegserlebnissen, besonders jener 7. Fahrt des „Bootes“ mit Buchheim an Bord.
Am Ende stehen tatsächlich eine ganze Reihe dubioser Charakterzüge und Handlungen Lothar-Günther Buchheims, die dem Leser schon intensiv die Augen öffnen bis hin zu nicht anders als „kriminell“ zu nennenden Handlungen Lothar-Günther Buchheims, wo es um den eigenen Vorteil und die eigenen Interessen vor allem an Kunst ging.

Insgesamt aber verbleibt ebenso, wie Ives Buchheim im Vorwort erwähnt, dass dieses Buch auch der Versuch Ives Buchheims ist, „seinen Seelenfrieden“ zu finden und damit mehr auch ein Buch über den Autor selbst ist, als nur eine Darstellung des eigentlichen „Objektes“.

Was alles sprachlich flüssig und gut geschrieben durchaus eine Lektüre wert ist.

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Marx-Handbuch

Michael Quante , David P. Schweikard
Fester Einband: 500 Seiten
Erschienen bei Metzler, J B, 19.09.2014
ISBN 9783476023322
Genre: Sonstiges

Rezension:

Hervorragender Gesamtüberblick

Ohne weiteres kann man leger formulieren, dass „Marx aus der Versenkung“ schon längst wiederaufgetaucht ist. Nicht dass „Totgesagte“ tatsächlich immer länger leben würden, sondern die Zeichen der Zeit lassen seine Analysen und Thesen, Ideen und Erkenntnisse mehr und mehr wieder aktuell werden. Einer, bei dem Name und Werk, Leben und „Ideologie“ zu Unrecht über einen großen Zeitraum nur synonym gedacht wurden und der mit dem weitgehenden Auseinanderbrechen des „Kommunismus“ als Staatsideologie obsolet geworden zu sein schien.

Doch sein „Gegenentwurf“, zumindest seine quasi-prophetischen Analysen den Kapitalismus, das Wirtschaften, die anthropologischen und ökonomischen „Regeln“ des Menschen und seine Kritik an der Vorliebe gewisser Kreise für „deregulierte Märkte“ (auch wenn Marx anderes Vokabular wählte) spielen in den letzten Jahren eine immer stärker werdende Rolle in der Analyse zumindest des ökonomischen Zustandes der Welte. Und jeder einigermaßen Informierte kann sehen, dass die Schlagworte (Akkumulation des Kapitals) des Karl Marx eine perfekte Zustandsbeschreibung der modernen Entwicklung sind, aktuelle weiter zementiert und fortgeschrieben werden und dann auch weiterhin es gilt, sich mit den Folgen zu beschäftigen, die Marx in der ihm eigenen, schweren Sprache so plakativ vor Augen führen kann.

Ein guter Zeitpunkt somit, mit genügend Abstand zu den eher verzerrenden „realen Umsetzungen“ (Marx selbst hielt sich im Übrigen in keiner Form für einen „Marxisten“, in der Form, wie er es damals bereits vor Augen sah und wie es dann diktatorisch umgesetzt wurde) einerseits und den mit eigenen Augen zu sehenden Belegen für die Richtigkeit vieler seiner Analysen und Thesen im Blick auf die Finanzwirtschaft der Gegenwart, um einen breiten Überblick über Biographie, Werk und Rezeption desselben vorzulegen.

Ein Ansinnen, dass in der gedachten Breite vom Handbuch erfüllt wird und dem Leser damit die Möglichkeit gibt, anders als in reinen Biographien oder wissenschaftlichen Betrachtungen von einzelnen Thesen und Argumenten, eine Grundlage für ein umfassendes Verständnis von Mann und Werk zu legen. Gerade weil das Handbuch weitgehend darauf verzichtet, zu glätten und zu harmonisieren und keine einheitliche Interpretationslinie erzwingt, sondern die einzelnen Autoren je mit ihren Schwerpunkten im Buch verschiedene Herangehensweisen und Betrachtungen vorlegen. Die sich nicht grundlegend widersprechen, sondern je verschiedene Aspekte der Betrachtung in den Vordergrund stellen, so dass nach der Lektüre ein differenziertes Bild beim Leser verbleibt, dass zur eigenen Weiterarbeit (mithilfe der vielfachen Literaturverweise im Buch) einlädt.

Vorausgesetzt wird dabei, dass zum einen das Schaffen Karl Marx als „primär philosophisches Werk“ verstanden wird (und nicht als „politische Anleitung“) und zum zweiten die Betrachtung des Werkes als „solitär“ Marx Werk. Die Einflüsse des (in Teilen) Mitautoren Friedrich Engels sind gerade aufgrund ihrer anderen geistesgeschichtlichen Beeinflussung gesondert zu sehen.

Anders, als der Untertitel suggeriert, wird allerdings im Handbuch der dezidiert biographische Bereich nur knapp und komprimiert auf etwa 20 Seiten dargestellt. Was im weiteren Verlauf der Darstellungen sich allerdings dadurch erweitert, dass Person und Werk samt der geistesgeschichtlichen Prägung beider immer wieder ineinanderfließen und damit die prägenden Elemente für Marx und die durch Marx geprägten Elemente und Erkenntnisse ein ineinandergreifendes Gesamtbild ergeben.

Sorgfältig unterteilt legen die Herausgeber in der Ordnung der vielfachen Beiträge im Buch getrennt die philosophischen Schriften, das „Programm der Kritik der politischen Ökonomie“ und die rein politischen Schriften in drei Teilen im zweiten Hauptteil des Werkes vor. Hier entsteht ein klares Gesamtbild des Denkens Marx, dass im dritten Hauptteil intensiviert dem Verstehen zugeführt wird, indem Grundbegriffe und Konzeptionen aus Marx Schriften in ihren philosophiegeschichtlichen Bezügen und dem teils eigenwilligen Verständnis der Begriffe durch Marx selbst aufgeschlüsselt werden.

Wobei im Abschluss der letzte Hauptteil die Brücke zur Gegenwart überzeugend schlägt, indem die Rezeption des Werkes in fast „allseitiger“ Hinsicht philosophisch (Bloch, Trotzki, Existentialismus u.v.m.) und „umfassend“ (Ökonomie, Soziologie, Psychologie, Geschichtswissenschaft, Rechtswissenschaft u.v.m.) dezidiert und doch in der Form kurz und prägnant zu Worte kommen.

Bis hin zu der Erkenntnis der Vielschichtigkeit des Werkes und der Rezeption selbst, denn in gleicher Weise und mit gleichem Recht kann die Perspektive zu Marx als „Geschichtstheoretiker“ oder „Entfremdungstheoretiker“ oder „Kritiker der politischen Ökonomie“ gleichermaßen getrennt oder ineinander betrachte werden.

Eine sorgfältige, umfassende und überaus informative Darstellung von Person, Werk, Prägung und Wirkung, die für den Leser des Werkes in allen Bereichen eine lesenswerte Lektüre darstellt und den wissenschaftlichen Diskurs seinem aktuellen Stand nach bestens abbildet und weiterführt.

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(107)

174 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 100 Rezensionen

schweden, krimi, fjällbacka, kriminalroman, flüchtlinge

Die Eishexe

Camilla Läckberg , Katrin Frey
Fester Einband: 752 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 02.01.2018
ISBN 9783471351079
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Breit erzählte, düstere Vergangenheit und Gegenwart

Es ist ein strahlender, heißer Sommer in Fjälbbacka. Dem Küstenort in Schweden, in dem vor 30 Jahren ein kleines Mädchen, Stella, tot im Wasser aufgefunden wurde.

Ein Schock, ein Fall, der zwar inzwischen einigermaßen in der Vergangenheit angelangt ist, der nie aufgeklärt wurde (sonst könnte eine der damals Tatverdächtigen wohl auch nicht einigermaßen ruhig im Ort leben), der aber nun beginnt, neue Wellen zu schlagen.

Zum einen plant Erica, freie Autorin und momentan in den Ferien mit ihrem Mann vor Ort, über die damaligen Ereignisse ein Buch zu schreiben. Zum anderen kehrt die zweite der damals Verdächtigen als inzwischen bekannte Schauspielerin erstmals an den Ort ihrer Jugend zurück. Dreharbeiten im Ort stehen an. Da trifft es sich gut, dass ihr Mann Polizist ist. Zwar im Urlaub, aber seine Spürnase und Bereitschaft, seiner Frau zu helfen, hat er ja nicht an der Dienststelle zurückgelassen.

Eine Blaupause des Kriminalromans, die so durchaus nicht unbekannt ist, die Vermischung von alten und neuen Fällen, von Geheimnissen aus der Vergangenheit, die in die Gegenwart reichen, in dieser weiter Wellen schlagen und so aus zwei Zeitsträngen und durch die Zeit voneinander getrennten Vorfällen ein gemeinsames Ganzes erschaffen.

„„Ich dachte, sie wäre bei Dir.“ Sie schauten sich an, ihre Welt stürzte ein“. Und nicht nur diese eine, kleine, familiäre Welt wird Schaden nehmen, wenn Schritt für Schritt der Tod Stellas von damals mit der Gegenwart in Verbindung treten wird.

„Und nun war sie wieder da. Die falsche, schöne, lachende Marie. Marie hingegen hatte nie Reue gezeigt, sie strahlte in jedem Promimagazin“.

Auf den ersten Seiten zunächst legt Läckenberg ein straffes Tempo vor und führt eine Person nach der anderen komprimiert und kurz ein, so dass der Leser zunächst Mühe hat, sich in der Vielfalt der Personen zu orientieren. Schwestern, Eltern, Schwiegereltern, ehemalige Jugendliche, die nun das erwachsene Leben vor Ort prägen, zugereiste, die nicht an „böses Schicksal“ bestimmter Orte glauben (und eines Besseren belehrt werden). Böse Ereignisse, die den Ort nicht erst in der Gegenwart oder jüngeren Vergangenheit begleitet haben, sondern weit zurückreichen werden.

Gerade weil dieser Band bereits viele Vorgänger hatte und wesentliche Personen entsprechend nicht „neu“ eingeführt werden, sondern bereits eine Geschichte hinter sich haben, dauert es für „Neu-Leser“ doch eine ganze Weile, aus Andeutungen auf vorhergehenden Ereignisse im Leben der Personen (Ericas Schwester zum Beispiel) einigermaßen schlau zu werden und sich in diesem Fjällbacka orientieren zu können.

Dass zudem die, bei der Entstehung des Romans, hochaktuelle Thematik des Syrienkrieges und der vielen Flüchtlinge einen weiteren Erzählstrang bildet, bietet zwar einerseits einen brisanten Bezug zur Problematik der vielen Fremden unter den „reservierten Schweden“, wirkt Kriminalfall des Romans dennoch eher ein wenig aufgesetzt. Der Sinn dessen ergibt sich wieder im Blick auf die gesamte Reihe um Fjällbacka herum mit ihrem Anspruch, das Leben dort und die Entwicklung der Personen über einen längeren Zeitraum her zu verfolgen.

Sprachlich sehr flüssig verfasst wird der Leser in nicht wenigen Passagen allerdings doch zu sehr durch die vielfachen Perspektivwechsel und Handlungsfäden der Geschichte gefordert und hat einige Längen hinter sich zu bringen.

Insgesamt aber eine durchaus spannende Lektüre, die neue Aspekte von „Fjälbacka“ dem Leser anhand ungewöhnlicher Vorfälle nahebringt.

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Alt, arm und abgezockt

Sven Enger
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Econ, 12.01.2018
ISBN 9783430202145
Genre: Sachbücher

Rezension:

Für diese Lektüre braucht es besonders gute Nerven

Man hat es irgendwie geahnt, dass die „Paradieszeiten“ der Versicherer, als Riester und andere private Alterssicherungen eingeführt wurden, einen gewissen Geschmack an „Bereicherung auf Kosten anderer“ hinterließen.

Man liest nebenbei auf den Nachrichtenportalen, dass manche Versicherungen ihre „Altverträge“ verkaufen. An andere Unternehmen oder extra für diesen Zweck gegründete Gesellschaften.

Vor einigen Jahren wurde mit Müh und Not die Insolvenz eines mittelgroßen Versicherers aufgefangen, ein Solidarfonds der Versicherungen gegründet. Der, bei genauerem Hinsehen, genau dann kollabieren wird, wenn eine größere Versicherung ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann.

Sven Enger war in Vorständen von Versicherern. Er kennt das Geschäftsmodell, die drastischen Veränderungen dieses Modells seit den 2000er Jahren, die man nur mit „Gier“ bezeichnen kann und er kennt den aktuellen Stand.

Sein Resümee fällt nicht nur ernüchternd, sondern verheerend aus.

„Die Experten haben bei ihren Untersuchungen (der privaten Altersvorsorge) einen enorm wichtigen Faktor nicht bedacht. Sie gehen davon aus, dass die private Altersvorsorge funktioniert“.

Was sie aber nicht kann, folgt man Enger, der in sehr ruhigem Ton, mit sehr plastischen Beispielen und nackten Zahlenwerken Fakten vorlegt, die dem gesunden Menschenverstand Seite für Seite zeigen, dass das so nicht (mehr) gehen kann. Und Enger geht einen Schritt weiter, in seinen Augen ist das System der Lebensversicherungen und privaten Alterssicherungen weder zu reformieren noch zu retten, der „Point of no return“ überschritten. Was er nicht einfach postuliert, sondern detailliert aufzeigt und belegt.

Wobei Enger behauptet, dass dies allgemein in den entsprechenden Kreisen auch bekannt ist. Aber mit Verve verschwiegen wird, um „Panik im Land“ zu vermeiden.

Wobei die eigentliche Brisanz, wie immer in den letzten Jahren und Jahrzehnten, beim Geld liegt. Und den Folgen.

„Der Kapitalbestand der Assekuranz-unternehmen ist derart groß, dass sie den gesamten Finanzmarkt in die Krise reißen können“ Und nicht nur den Finanzmarkt, denn es geht um solche Summen, dass keine der Volkswirtschaften in der Lage wäre, dass in Billionenhöhe abzusichern.

2,2 Billionen Spar- und Tagegeld und 3,5 Billionen in Form von Anleihen, Aktien, Fonds oder Versicherungen, und davon steht bei einer Pleite der Versicherungsbranche kein geringer Teil auf dem Spiel.

Schritt für Schritt erläutert Enger dem Leser zunächst das System als solches, zeigt auf, wo in der jüngeren Vergangenheit Bruchstellen vorlagen, Scheidewege, an denen nicht das Solidarprinzip und kluges Vorrauschauen das Handeln bestimmt haben, sondern die Suche nach dem schnellen Profit das System so geändert hat, das es quasi „vor die Wand fährt“.

Wobei Engers nicht apokalyptisch endet, sondern dem Leser durchaus Alternativen, Möglichkeiten, Wege weist, dass Seine an Geld vernünftig zu sichern. Soweit das möglich ist.

Enger beschränkt sich thematisch konsequent auf den Versicherungssektor und hier konkret auf die kapitalbildende Lebensversicherung. Aber es ist ein leichtes, aus dem Buch heraus die grundlegenden Probleme auf die gesamte Finanzwirtschaft hochzurechnen. Ein erschreckendes und dennoch nicht übertrieben wirkendes Bild, das durch die Lektüre entsteht.

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Projekt Fernweh. Eisenbahn-Abenteuer auf fünf Kontinenten

Bernd Hasenfratz , Lena Kessler
Fester Einband
Erschienen bei GeraMond Verlag, 08.12.2017
ISBN 9783956130366
Genre: Sachbücher

Rezension:

Anregende Einblick in Text und Bild

Manche von Fernweh getriebenen Globetrotter nehmen das Camping-Mobil, andere das Motorrad oder einen robusten PKW, andere nutzen über tausende von Kilometern das Fahrrad oder umschiffen die Welt.

Lena Kessler und Bernd Hasenfratz haben sich für ihre Reise auf fünf Kontinente für ein ganz traditionelles, inzwischen aber für ein solches Vorhaben fast schon „randständiges“ Transportmittel entschieden, die Eisenbahn.

Und tatsächlich kommt beim Lesen der Texte und Betrachten der vielfältigen Fotografien von Beginn an beim Leser ein gutes stückweit jene „Eisenbahnromantik“ mit zum Tragen, die seit ehedem das genussvolle Reisen mitbegleitet hat.

Alls verkauft und das alte Leben fürs Erste abgebrochen, so machten sich die beiden Autoren auf den Weg in exotische Länder fremde Sitten und, natürlich, intensive Reiseerlebnisse mit der Eisenbahn, die je anders, lokal und einprägsam sich von der Deutschen Art, sich auf Schienen zu bewegen, unterscheiden. Was nicht nur das Erscheinungsbild der Menschen in fernen Ländern oder deren Kleidung und die lokalen Lebensmittel angeht.

„Die Kombination aus Schienenabenteuer und Individualität abseits der Touristenströme sind – gepaart mit der Exotik – ein Garant für großartige Geschichten und eindrucksvolle Bilder“.

So die Überlegung der beiden Reisenden vorweg und so der Eindruck, den dieser Reisebericht in Text und Bild eindrucksvoll vermittelt. Sei es dabei die wunderbaren Landschaften der Rocky Mountains oder die Skyline von Seattle mitsamt der, für europäische Verhältnisse, überbordend langen Züge der USA und Kanadas, sei es der „Höhenbahnhof“ von La Raya auf über 4000 Meter mitsamt der bunten, traditionell gekleideten Peruaner oder die schiere Masse an wartenden Menschen auf Motorrollern am Bahnübergang in Indonesien, vielfach und sehr unterschiedlich sind die Reiseerlebnisse und das Leben je vor Ort.

Von den Eindrücken über „Unterhaltungsprogramme in der 3. Klasse“ oder das vorsichtige Herantasten an die ersten Begegnungen im Anblick des Zugverkehrs durch die Slums von Dhaka auf den Philippinen, vielfache, bestens getroffene Schnappschüsse sind es vor allem, die den Reiz des Buches ausmachen.

In den Texten eher umgangssprachlich im Ton gehalten („Die kleinen Racker haben großen Spaß dabei, auf der Lokomotive zu posen“) bieten die schriftlichen Erläuterungen dennoch vertiefende Einblicke bis hin zur „Mission Zugdach“, der Reise in eigener Person auf dem Waggondach in Bangladesch ist dabei ebenso abenteuerlich, wie die futuristische Atmosphäre beim Betrachten des „Limited Express Rapit“ mitsamt dem vielfach dicht und breit ausgebauten Schienenverkehr in Japan.

Alles in allem eine Lektüre, die sich lohnt für die Eindrücke aus fremden Welten und im Rahmen derer das eigene Fernweh erwacht. Es muss ja nicht gleich eine Weltreise sein. Bestens auf jeden Fall verhilft die Lektüre zu persönlichen Eindrücken und damit zu der Möglichkeit einer eigenen Auswahl vielleicht sogar, was als nächste Reiseziele persönlich anstehen könnten.

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Hitlers amerikanisches Vorbild

James Q. Whitman , Andreas Wirthensohn
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 26.01.2018
ISBN 9783406721397
Genre: Sachbücher

Rezension:

Hochinteressante Lektüre

Weder der Antisemitismus, noch der Glaube an die Überlegenheit der „weißen Rasse“, noch die Bedrängung eben all jener, die den (durch die herrschende „Klasse“) gesetzten Normen und Regeln nicht entsprachen sind oder waren eine originäre Erfindung des Nationalsozialismus. Sicher sind diese Gedanken im dritten Reich extrovertiert und mit gnadenloser Konsequenz und Perfektion umgesetzt worden, was zum umfangreichsten Verbrechen der Geschichte führt, neu oder gar wenig verbreitet waren solche Haltungen aber nicht.

Es ist dabei nun kein Zufall, dass gerade die vermeintlich so „liberalen Vereinigten Staaten mit ihrem Stolz auf „die Demokratie“ gerade in dieser Hinsicht nicht selten ebenso rigide in formuliertem Gesetz und alltäglichem Handeln sich vorfangen, wie es ab 1933 in Deutschland ebenfalls stringent umgesetzt wurde.

So kann Roland Freisler 1934 mit bestem Gewissen und auf der Basis tragfähiger Fakten formulieren:

„Diese (die amerikanische) Rechtsprechung würde für uns vollkommen passen, mit einer einzigen Ausnahme. Dort werden nämlich….überall nur Farbige und Halbfarbige gemeint….lediglich sind die Juden, die außerdem uns interessieren, nicht unter die Farbigen gerechnet“.

Eine Tradition des Denkens, die sich massiv in den 60er Jahren in Amerika im Rahmen der Bürgerrechtsbewegung in aller Härte zeigte und die auch in der Gegenwart im Blick auf „Mexikaner“ oder „Dreckslöcher“ ebenso den Geist eines erkennbaren Rassismus an höchsten Stellen der staatlichen Leitung offen vor Augen legen.

Sehr interessant, ruhig im Ton, fundiert und überzeugend in der Argumentation führt Whitman in seinem neuen Werk detailliert aus, wie sehr die „Nürnberger Gesetze“ und vielfache andere, im Sinne der Nationalsozialisten neu zu formulierende, juristische Regeln auf der damals faktischen amerikanischen Rechtsprechung fußten.

Als „Modell“ gar wurden die amerikanischen Rassengesetze ausführlich studiert und in Besprechungsgruppen auf die nun zu installierenden „deutschen Verhältnisse“ umformuliert.

„Besonders erschreckend daran ist, dass ausgerechnet die radikalsten Nationalsozialisten bei diesen Treffen zu den glühendsten Verfechtern der Vorstellung gehörten, Deutschland könne von den amerikanischen Ansätzen lernen“. Ein Interesse, das bereits Ende der zwanziger und frühen dreißiger Jahre auch bei Hitler selbst ausgeprägt bereits vorlag.

Seite für Seite nun geht Whitman dem Einfluss der amerikanischen Rassengesetzte für die Rechtsetzung im dritten Reich nach, bis ein klares Bild der inneren Verbundenheit beider Rechtsetzungen und der dahinterliegenden Haltungen aufgezeigt wird. Und was das alles über Deutschland in jenen Jahren, die moderne Geschichte des Rassismus und insbesondere über Amerika selbst verrät.

„Fakt ist, sie (die Nazis) wollten mit ziemlicher Sicherheit tatsächlich von den Amerikanern lernen“. Und damit bleibt nur der zwingende Schluss, dass auch die Entwicklung der „freien Welt“ nach Ende des zweiten Weltkrieges, angeführt von den USA, letztlich inhärent auf einem klar formulierten Rassismus mit beruhen.

Eine wichtige Lektüre

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

Ehrensache

Michael Connelly , Sepp Leeb
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Droemer, 12.01.2018
ISBN 9783426281598
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Bosch mit aller gestählten Erfahrung

Dass es beruflich und in der Liebe nicht unbedingt bestens läuft? Löst bei einem Harry Bosch vor allem eines aus: Kampfeswillen.

Suspendiert, finanziell gezwungen (das College für die Tochter will bezahlt werden) sich pensionieren zu lassen, um seine Altersbezüge fließen lassen zu können, ist und bleibt der Mann auch nach 30 Jahren mit Herz und Seele Ermittler, der „die bösen Junges“ dringend von der Straße holen will.

Mit eigenwilligen, seit Jahren bekannten, grenzwertigen Methoden und innerlich immer ganz gefesselt von dem, was ihm gerade als Fall unterkommt. Was die ihm nahestehenden Frauen immer schwierig fanden, diese Prioritätenliste, auf denen keine von Ihnen je ganz oben gelandet wäre.

Doch un sieht es anders aus. Denn sein Halbbruder, der Anwalt Haller, bittet ihn um Ermittlungen „für einen Mandanten“. Anklage Mord, DNA Spuren am Tatort, Alibi nicht unbedingt belastbar.

Aber die „Jane Fonda“ geben? Einer werden, der auf der „falschen Seite“ ermittelt, unter Kollegen als Verräter und Paria dann behandelt? Nicht mit Harry Bosch. Wobei, die Unruhe nagt, aus Freundschaft zum Halbbruder kann er ja mal einen Blick in die Akten werfen.

Wobei der Leser nach diesen ersten Seiten einiges mehr ahnt als Harry Bosch. Denn jene stringente Szene im Prolog, in der ein Motorradfahrer nicht angenehme Erfahrungen auf sich zukommen sieht, eine Szene, die den Leser bestens abholt und ohne Anlaufzeit mitten in den Thriller hineinzieht, wird Verbindungen zeigen zu dem, was da an Mordanklage im Raum steht.

Gradlinig wie immer, mit Action Elementen an den richtigen Orten, aber wohldosiert und nicht im Vordergrund stehen, gelingt es Conelly, einerseits altbewährtes an seinem „Harry Bosch“ vertraut in Szene zu setzten und doch noch eine neue, andere Note hineinzubringen, jetzt, wo der Mann nicht mehr mit seiner Marke wedeln kann, sondern bei seinen alten Kollegen höchstens noch mehr Misstrauen erntet, als es ihm schon zu aktiven Zeiten entgegen schlug.

Und, auch das wie gewohnt, das Hauptaugenmerk auch in diesem Bosch-Thriller lliegt in den akribischen Ermittlungen Harry´s. Dem auffällt, was Eenigen auffällt, der gründlich ist, der Randbemerkungen in Akten zu deuten weiß und bewusst versteckte Informationen in dem vielfachen Material zum Mord aufspürt. Und so langsam dem Geschehen und seinen Hintergründen näher und näherkommt.

Was bestimmten Kräften im Hintergrund gar nicht gefällt, die nicht lange fackeln, und Bosch und seinen Halbbruder durchaus direkt angehen werden. Was Gefahr mitschwingen lässt. Und was auch klärt, dass es Bosch nicht darum geht, einem Anwalt zu helfen um dessen Mandanten zu entlasten (das wäre eben „Jane Fonda“). Nein, was den Ermittler nicht ruhen lässt, ist, dass unter Umständen ein Täter unbehelligt bleibt, wieder töten könnte.

Ein Schuldiger auf freiem Fuß? Nicht, wenn Harry Bosch das verhindern kann.

Temporeich, durchweg spannend, voller Fallen und hier und da überraschenden Wendungen, stringent erzählt und mit Personen, die differenziert „Fleisch auf den Knochen haben“ und nicht wie Helden über allem schweben, auch „Ehrensache“ ist, wieder einmal, ein hervorragender Thriller.

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87 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 55 Rezensionen

berlin, fässer, true-crime-thriller, andreas gößling, thriller

Wolfswut

Andreas Gößling
Flexibler Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 12.01.2018
ISBN 9783426521328
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Lange Zeit undurchschaubar, mit krachender Spannung am Ende und nichts für schwache Nerven

Zwei durchgehende Fäden sind es, die diesen Thriller (auf wahren Ereignissen beruhend) von Andreas Gößling überaus lesenswert gestalten.

Zum einen die Frage nach dem, was da wirklich passiert ist. Wer der Serienmörder sein mag, bei dem zwar alle faktischen Indizien auf den Berliner Abrißunternehmer Soltau deuten, doch dies sich einfach überhaupt nicht verträgt mit all dem, was seine Bekannten über ihn zu berichten wussten.

Nicht nur, dass seine Tochter ihn für den besten Vater aller Zeiten hält, nicht nur, dass er für jeden mit Ohren und Händen hilfreich zur Verfügung stand, nicht nur, dass er zudem als Witwer schwer zu tragen hatte und als Hobbymusiker seine Fans begeisterte, das gesamte Bild ergibt keinen Killer, sondern einen Philanthropen und Menschenfreund.

Und doch lassen die Spuren keine andere Lesart zu, als dass jener Soltau, bevorzugt auf dem miesesten Straßenstrich Frauen, die an sich schon ganz untern angelangt waren, bestialisch getötet hat (was Gößling ohne mit der Wimper zu zuckern detailliert schildert, worauf die Wimpern des Lesers durchaus hier und da zucken).

Doch nichts passt richtig zusammen nach dem Fund in diesem Bunkerartig ausgebauten Gebäude auf der Industriebrache (das Lokalkolorit Berlins lässt Gößling ebenfalls bildkräftig durchgehend mit einfließen).

„Weißt du was, Max?.....das Schema ist verzweigter, als wir hier kapiert haben“.

Wobei Hauptkommissarin Kira Hallstein, tough, innerlich am Rande des Abgrunds seit dem spurlosen Verschwinden und wohl Sterben ihres Bruders vor einigen Jahren, sich mit allem, was sie hat, auf diesen Fall wirft. Festbeißt. Neben ihrer Vorliebe für deutlich jüngere Männer für die kurzfristige Entspannung nebenbei.
Und sich dabei an ihren neuen Kollegen aus Bayern, Max, mit den kleinen Marotten und der fast telepathischen Empathie Menschen gegenüber gewöhnt.

Was die zweite Stärke des Thrillers darstellt. Das Personal insgesamt ist von Gößling überzeugend und sehr einprägsam angelegt. Vom „SM Club für Männer Betreiber“ zum verhinderten Philosophen, von der fordernden Chefin hin zu Hallstein und Max, mit daneben stetig neuen, anderen Einblicken in die Welt „ganz unten“ oder „vermeintlich oben“.

Der Bauunternehmer mit „alt-berliner Habitus“, die schweigsamen, harten Ermittlerkollegen in ihrem getunten VW-Golf bis hin zu den Mädchen am Straßenrand neben brennenden Fässern, zu allem bereit.

Seite für Seite zieht Gößling den Leser mit all dem überzeugend in die Welt des Thrillers und des modernen Berlin.

Wobei eine „Täterentlarvung“ zum Ende hin dich sehr weit hergeholt erscheint und der detaillierte Stil der Beschreibung der Ermittlungen im laufe der Lektüre doch auch leicht zähe Momente für den Leser mit sich bringt.

Das nun mittlerweile in jedem Kriminalfall persönliche „Geheimnisse“ von ermittelnden Beamten wichtig werden, dass wohl immer ein wenig „fifty shades“ erwähnt werden muss, passt zwar nicht unbedingt an jeder Stelle (auf Seiten der Ermittler zumindest) in den Ablauf (und wäre auch nicht nötig gewesen), ist am Ende aber eher nebensächlich, was die Erarbeitung gerade der Ermittlerfiguren angeht.

Insgesamt realistisch, akribisch, überaus brachial in den Darstellungen der Verbrechen und mit überzeugendem Personal versehen.

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4 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Das Mädchen im blauen Mantel

Monica Hesse , Cornelia Stoll
Fester Einband
Erschienen bei cbt, 22.01.2018
ISBN 9783570165324
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Der kleine Verrat mit großen Folgen

Hannecke Bakker ist jung, pfiffig, eigentlich in Trauer, nur dass dazu wenig Zeit bleibt.

Der junge Mann, der ihr Herz schneller schlagen ließ, ist unter den 2000 Soldaten gewesen, die versucht haben, die Grenze der Niederlande gegen die herannahenden deutschen Truppen im zweiten Weltkrieg zu verteidigen.

Auch schon eine Weile her, das Land steht geordnet unter Besatzung, erste Bedrängungen gegen die Juden im Land sind nun schon länger öffentlich zu sehen. Bezugsscheine regeln das Leben.

Hannecke ist eine jener, die durch ihre Verbindungen im Schwarzmarkt vieles besorgen kann, was sonst nicht mehr an der Tagesordnung steht. Ihre junge, frische und klare Art hat ihr bisher immer dazu verholfen, die Kontrollen zu überstehen. Also, man kann sagen, Hannecke und damit ihre Eltern kommen ganz gut zurecht.

Wenn da nicht Frau Janssen von nebenan eine schwierige Bitte an Hannecke hätte. Keine besonderen Waren soll sie herbeischaffen, sondern ein Kind, ein Mädchen. Jüdin. Deren Eltern und Onkel „nebenbei“ von den Deutschen erschossen wurde. Ein Mädchen, dass Frau Janssen in einem geheimen Raum hinter ihrer Speisekammer versteckt hatte und das nun einfach nicht mehr auffindbar ist.

„Ich bezeichne mich lieber als „Finderin“. Ich suche und finde Sachen“. Und auch was die Suche dieses Mädchens angeht, wird sich Hannecke nicht auf Dauer entziehen, auch wenn sie zunächst erschrickt und ablehnt.

Eine Suche im besetzten Amsterdam, die Hannecke in Verbindung bringen wird zum sich gerade entwickelnden Widerstand im Land, vor allem zu jener Besonderheit in den Niederlanden der „Widerstandsfotografen“.

Tiefer und tiefer dringt sie hinein in diese „Welt hinter der Fassade“, in der Menschen in besonderen Straßenbahnen und alten Theatern zusammengetrieben werden, teils einfach vor Ort noch erschossen werden und die Suche Schritt für Schritt gefährlicher auch für Hannecke wird. Vor allem, da nicht alle, denen Sie begegnet, ihre Emotionen im Griff haben und man sehr darauf achten muss, wem man überhaupt was sagt.

Eine Geschichte, die Hesse in einfacher, aber stilsicherer Sprache sehr lebendig erzählt und die nicht gradlinig auf eine Happy End zusteuert, sondern so manche Verwicklungen, Vertauschungen und neue Spuren mit sich bringt, welche die junge „Finderin“ vor schwierige Aufgaben stellt. Samt der, dem Tod ins Anblick zu sehen und Ohnmacht zu erleben.

Dass dies alles sich an einer Kleinigkeit entzündet hat. Ein verletztes Gefühl, eine Information am falschen Ohr, das bringt eine emotional besonders dramatische Wendung zum Ende des Buches ans Licht. Und darin zeigt sich auf, dass es gar nicht die großen Fanatiker oder verqueren Idealisten eines Systems sind, die ein Geschehen wie den Holocaust alleine durchgeführt haben, sondern dass vor allem der „kleine Verrat“, die Nickeligkeiten, das unbedachte Wort und, ja auch, dass „es sich zu lange Schönreden“ im Lauf der Zeit den Absichten der Fanatiker bestens in die Hand spielte.

Eine anregende, gerade für Jugendliche wichtige Lektüre über die Verantwortung anderen gegenüber und was es ausrichten kann, immer nur das eigene, „kleine“ Gefühl des Moments für das Wichtigste der Welt zu halten.

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

#BlackLivesMatter

Patrisse Khan-Cullors , asha bandele , Henriette Zeltner
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.01.2018
ISBN 9783462051285
Genre: Sachbücher

Rezension:

Die persönliche Geschichte hinter der Bewegung

„Es ist dieselbe Patrisse, die damals meinen Vater begrüßt, als er nach so langer Zeit aus dem Gefängnis kommt. Ich bin noch jung, aber inzwischen schon eine Frau mit kritischem Blick und echter Verantwortung“.

So hat sich Patrisse Khan-Cullors durch ihr Leben und ihre Erfahrungen bereits entfaltet, es sind etwa 100 Seiten im Buch vergangen.

Von da an aber ist es noch eine ganze Weile hin, bis aus der jungen, modernen, klugen und energischen Frau eine jener Kräfte wird, die hinter der „Black-lives-matter“ Bewegung eine tragende Rolle einnehmen wird.

Hier nun kann der Leser in sehr flüssigem Ton und durchaus mit Tempo geschrieben, den bisherigen Lebensweg von Patrisse nachlesen und die Hintergründe der Bürgerrechtsbewegung, die als kraftvolles Gegengewicht zu den (davon überzeugt die Lektüre spielend, wie auch das faktische Geschehen in den USA) häufigen, kaum verfolgten, immer wieder für Aufschreie sorgenden „Tötungen“ oft junger schwarzer Menschen durch die amerikanische Polizei.

Konkret gründete sich Black-Lives-Matter im Rahmen der Erschießung des jungen Trayvon Martin 2013.

„Schwarzes Leben zählt“, dass dies überhaupt im 21. Jahrhundert noch wichtig ist, laut und klar zu betonen, ist bereits ein Affront und Skandal an sich. Sieht man dazu, dass rassistische Ressentiments an sich und Gewalt, die in einer überwiegenden Zahl in dieser Form Schwarze betrifft und zudem noch von offiziellen Vertretern des Staates meist ungestraft von statten geht, dann wächst während der Lektüre beim Leser die Empörung seitenweise mit.

Was für Patrisse auch eine persönliche Geschichte ist. Es gelingt der Autorin, das allgemeine Klima, in dem (ganz normale) Schwarze in der Gegenwart in den USA leben, durchgehend im Hintergrund ihrer Biographie mitschwingen zu lassen und auch ihre persönliche Betroffenheit und Prägung präzise zu formulieren.

Vor allem, als ihr Vater stirbt.

„Mein Vater, dessen ganze Geschichte niemand von uns je ganz erfahren wird. Was haben all die Jahre, die man ihn wegsperrte, mit ihm gemacht. All die Jahre in Ketten. All die endlosen Tage ohne menschliche Berührung. Außer Berührungen, die Leid bedeuten“.

„Dieser Mann, der in einem Land der gebrochenen Versprechen an gebrochenem Herzen starb. Wenn mein Vater in diesem Amerika nicht sein konnte, wie kann dann so etwas wie Amerika überhaupt jemals sein“?

Worte, die den Abschluss des ersten Teils des Werkes bilden und dem Leser bestens vermitteln, wie diese junge Frau ist. Bevor dann im zweiten Teil die ebenfalls hochinteressant zu lesende Geschichte der „Black-Matter-Lives“ Schritt für Schritt geschildert wird.

Ein wichtiges Buch in einer Zeit des Versuches politischer Restauration an so vielen Orten.

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22 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

thriller, vergangenheit, liebe, usa, sorgerechtskampf

Tödliche Sehnsucht

Sandra Brown , Christoph Göhler
Fester Einband
Erschienen bei Blanvalet, 09.01.2018
ISBN 9783764505639
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Konsequent und spannend mit treffenden Überraschungen erzählt

Er will nur das Sorgerecht für seine Tochter. Er gibt sich die Schuld am Unfall. Mit tödlichen Folgen für seine geliebte Frau. War abgestürzt in Trauer und Alkohol und ist nun „geläutert“. Crawford Hunt. Texas Ranger.

Den Brown nicht „cool“, sondern als leidenschaftlichen, impulsiven Mann anlegt, dem es nicht immer leichtfällt, sich unter Kontrolle zu halten, der ein Team in tödliche Gefahr gebracht hat, damals, als er den Drogenboss in Dallas unbedingt aus dem Verkehr ziehen wollte.

Aber er hofft. Das seien Tochter wieder zu ihm kann, die zwischenzeitlich bei den Großeltern lebt. Doch Zweifel sind berechtigt. Wie er befürchtet, als der entscheidende Tag vor Gericht beginnt und die Richterin zwar ganz vernünftig wirkt, aber doch auch ihre Zweifel am alleinerziehenden Vater zeigt.

Doch zur Verkündung des Urteils kommt es nicht. Ein maskierter Mann betritt den Gerichtssaal und schießt. Sein klares Ziel scheint die Richterin zu sein. Und Hunt wäre nicht Hunt, wer er nicht umgehend innerlich auf Automatik umstellen würde, die Richterin rettet und den Schützen verfolgt. Der dies nicht überleben wird.

Doch damit beginnt der Fall erst, Fahrt aufzunehmen und Brown gelingt das Kunststück, dass erst nach hundert Seiten dem Leser ein wenig klarer wird, was da alles nicht dran stimmen kann. Am Anschlag. Am vermummten Mörder. An den Beziehungen, die untereinander herrschen und die die Ermittlungen eher behindern als befördern.

Die Richterin, die unter Schock steht und sich zugleich ihres Rivalen um das Richteramt erwehren muss. Der örtliche Geschäftsmann, der so souverän wirkt, dass Hunt automatisch misstrauisch wird. Der andere Cop, der nur mit Widerwillen akzeptiert, dass Hunt auch Teil des Ermittlerteams ist. Da war mal was zwischen Hunt und seiner Schwester, Hunts Schwiegereltern, die zunächst wirken, als würde man im Leid zusammenhalten. Nd doch noch ganz andere Gedanken im Herzen bewegen.

Jede der Figuren setzt Brown souverän und realistisch in die Abfolge der Ereignisse ein, bis hin zum Vater Crawfords, mit dem es eine ganz besondere Bewandtnis hat und weiter haben wird.

Zudem nutzt sie stilistische Feinheiten, die Vorgeschichte mancher der Figuren ins Spiel zu bringen, ohne allzu sehr die oft üblichen „erzählten“ Rückblicke zu nutzen. Gern folgt man dem munteren Dialog von Crawford und Richterin Holly am Küchentisch und gut in Szene gesetzt ist ebenso, dass der „romantische“ Anteil der Geschichte eher stringent, klar und direkt „zur Sache“ kommt, ganz anders, als man es ansonsten gewohnt ist und erwartet hätte.

Mit den faustdicken Überraschungen im Blick auf die Ermittlungen, aber auch die privaten Verhältnisse gerade Hunts gibt Brown zudem zum Ende hin noch einmal aufweckende Impulse, so dass insgesamt von Anfang bis Ende eine spannende und in sich stimmige Lektüre gelungen ist.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Es war einmal eine Stadt

Thomas Reverdy , Brigitte Große
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 02.10.2017
ISBN 9783827013453
Genre: Romane

Rezension:

Die Masken der Moderne enttarnt

Da denkt einer, und geht dementsprechend motiviert an die neue Aufgabe heran, dass es „Die Firma“, ein Schwergewicht der Automobilindustrie, ernst meint. Das ein Vorzeigeprojekt, ein „Durchstarter“ von ihm als Teamleiter in Detroit, Sinnbild des Unterganges ebenjener Industrie in Amerika, auf den Weg gebracht werden soll. Zumindest die grundlegende Plattform des neuen Fahrzeuges.

Und d och, es macht nachdenklich, dass der Emailverkehr und die Videokonferenzen mit „Nr +1“, seinem Chef, mehr und mehr zerfasern, verlegt werden, nicht zustande kommen. Bis sich ernüchternd herausstellen wird, was wirklich hinter diesem Projekt steht und das kein massiver Mitspieler im kapitalistischen Ringelreihen auch nur den kleinsten Vorteil an Gewinn hergeben würde.

So kommt einem Eugene, der Leiter der Aufgabe, auch ein wenig naiv und blauäugig vor. Und dennoch ist dies eine Figur, an der sich nicht wenig der modernen Welt brechen wird. Einblicke in das Arbeiten und Leben in China, wo er zweimal bereits eher nervlich gescheitert ist. Die verwickelten Strategien der „Großen“, die ihm im Lauf der Ereignisse klarwerden.

Aber auch das soziale Leben, das für seinesgleichen genormt an allen Orten gleich vorbereitet ist. Genormte Wohnbereiche, genormte Wohnviertel für die Angestellten (was gerade in China fast wirkt, wie eine moderne „Sklavenkolonie“ und sich auch in diesem nichtssagenden Haus in Detroit im Wohnviertel wie vom Reißbrett fortsetzen wird.

„Wenn die Hausnummer nicht auf dem Briefkasten stand – er hatte nicht daran gedacht, das zu überprüfen, bevor er losfuhr -, hatte er Pech gehabt und würde sein Haus niemals wiederfinden“.

Doch Eugene legt an sich keinen Wert auf solches „abseitige Wohnen“. Gegen die Warnung in den Broschüren zieht es ihn in die Stadt. Zunächst auf ausgedehnten Fahrten durch die Straßen, dann in eine kleine Wohnung. Was Thomas Reverdy in gesamter Breite dazu nutzt, den Verfall der Welt dem Leser vor Augen zu führen. Ganz direkt und fassbar im Anblick geleerter Skelette von Büro- und Wohnhochhäusern. Von herumlungernden Kindern, Jugendlichen und Gangs auf den Straßen. Bis dahin, dass sein Büro am Ende der einzig noch belebte Raum im Wolkenkratzer sein wird.

Und indirekt, was die Erosion im menschlichen Bereich betrifft. Sein immer mutloser und demotiverter werdendes Team. Seine rechte Hand, am Anfang vor pragmatischer Energie strotzend und später nurmehr ein Schatten seiner selbst.

Was auch die anderen Personen angeht, die in ihren Perspektiven von Reverdy in elegantem, treffenden Stil eingeführt werden.

Das Kind Charlie, dass nichts mehr hat als seine Freunde von der Straße, mit denen er aufgewachsen ist. Und interessanten Hobbys mit diesen nachgeht, die mit Benzinkanistern zu tun haben. Bis Charlie aus Sorge vor weiterer „Entleerung“ seiner Straße und dabei dann alleine zurückbleiben zu müssen, aus dem Haus der Großeltern wegläuft. Wie REverdy den Jungen und seine Freunde durch die Straßen der gefährlichen „Fast-Geisterstadt“ begleitet, das ist ebenso beklemmend, wie die Sicht des alternden Cops Brown. Der mit bitteren Gefühlen so manche „Maske des Unschuldigen“, wie der den Gesichtsausdruck von Toten im Stillen benennt, betrachten muss.

Und da ist noch Candice. Barbesitzerin.
„Ihr Lachen ist magisch“. Findet zumindest Eugene

Und hier könnte, in all dem Verfall der Sitten, dem Zurücklassen von Menschen wie Abfall, wenn die „Karawane des Profits“ weiterzieht, ein Lichtblick in dieser erodierenden Welt doch noch möglich sein. Was der Leser an diesem Punkt der Geschichte mit Spannung und der Hoffnung auf wenigsten ein wenig Positivem, weiterverfolgt.

Ein Roman, ja, aber letztlich könnte man den Roman auch als gesellschaftliches Fachbuch betrachten, das in flüssigem Stil und an konkreten, differenziert gestalteten Charakteren dem Leser den Spiegel einer mehr und mehr „insulären“, zerbrechenden und haltlosen Welt vor Augen führt, in der es am Wichtigsten fehlt, was Menschen für einen Blick nach vorne und das Sammeln ihrer Restenergie benötigen würden: Hoffnung.

„Sie werden sagen: Eine unsichtbare Hand hat die Karten neu gemischt, aber irgendwann kommt alles wieder ins Lot. Das ist natürlich falsch, und sie wissen es. Sie werden sagen: Es ist die einzig rationale Lösung. Rational aber ist es ein einziges Desaster“.

Aufrüttelnd und lesenswert, was die Geschichte, den Stil und den locker, aber tief eingebrachten Hintergrund der modernen Welt angeht.

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Finanzimperialismus

Michael Hudson , Stephan Gebauer , Thorsten Schmidt
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 11.11.2017
ISBN 9783608947533
Genre: Sachbücher

Rezension:

Nüchtern, sachlich, erschreckend und umfassend überzeugend in der Argumentation

Wer ein weiteres Buch zur „aktuellen Lage der Weltwirtschaft“ in rein gegenwärtiger Form und den Blick nur auf die Krisen der Gegenwart gerichtet erwartet, der wird umgehend im Werk eines anderen belehrt.

Nicht nur, weil die Darlegungen des Buches zu Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts enden und die gegenwärtigen Probleme nicht explizit einer Analyse zugeführt werden. Was aber auch gar nicht sein muss. Denn hat man das System im Verlauf der Lektüre verstanden, tauchen viele aktuelle Probleme und Ungleichheiten in eine klareres Licht. Schicksal ist das alles nicht, was im globalen Wirtschafts- und Finanzsystem sich entwickelt hat bis heut und mit Glück einzelner hat das ebenso wenig zu tun.

Natürlich ist die gegenwärtige Situation mit ihren vielfachen, globalen Verwerfungen, was den „Kapitalismus“ mit seiner starken Bevorzugung bereits Vermögender und dem immer schnelleren und massiveren „Abrutschens des „Restes“eine Folge dessen, was Hudson fundiert und detailliert aufzeigt.
Im Zuge seiner Spurensuche des großen, historischen Zusammenhanges.

Dabei findet und legt er die Ursachen des heutigen Systems mit all seinen Verwerfungen in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg und, ganz deutlich, in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, in denen quasi am „Reißbrett“ eine neue Weltwirtschaftsordnung entwickelt wurde, die mit weitgehend ausschließlich amerikanischen Interessen, gegründet, vollzogen und im Lauf der Jahre bis zur Gegenwart immer wieder flexibel angepasst wurde. Was allein der damaligen Finanzmacht der USA zu erklären ist.

Jenes „America First“ und dabei noch genauer „amerikanische Investoren gleichrangig zum amerikanischen Staat first“, welches Trump so markant zum Slogan machte, ist somit seit ehedem die klare Handlungsmaxime der USA und keine Erfindung der aktuellen Regierung der USA.

Fast zu empfehlen ist es dem Leser, mit dem Kapitel über Bretton Woods die Lektüre zu beginnen. Wo aus den Fehlern der Jahre nach dem ersten Weltkrieg gelernt wurde (Reparationszahlungen machten wirtschaftliche Entwicklung schwer bis gar nicht möglich und den Schaden hatten vor allem die „Kreditgeber der Welt“, die USA. Kunden ohne finanzielle Mittel sind keine guten Kunden).

Wo ein „Aufbau“ Europas im Sinne der USA war, die dafür Investitionen bereitstellten, die durch Käufe amerikanischer Produkte privaten Investoren und durch deren Steuern dann wiederum dem Staatssäckel zu Gute kamen. Ein perfekter Kreislauf, in dem nur die amerikanischen Interessen wirklich interessierten und sich durchsetzten.

Natürlich auch zum Wohle der „Wirtschaftswunderjahre“ in Europa, die damit einerseits Gläubiger der Amerikaner blieben und andererseits genügend Wirtschaftskraft entwickelten, amerikanische Produkte und Anleihen zu erwerben. Mit dem Preis einer Art „finanzieller (gewollter) Geiselhaft“.

Mit welchen Tricks da gearbeitet wurde, das liest sich hervorragend dargestellt und erschreckend in der Wirkung.

Dass es die USA waren, die IWF und Weltbank gründeten und dort die Kontrolle bis zum heutigen Tag durch ihre Dollars ausüben, ist eine nicht jedem völlig klare Struktur, die nach der Lektüre des Werkes alle Scheuklappen beim Leser entfernt.

Als einfaches Beispiel sei der Umgang mit dem Britischen Empire genannt, mit eigenen wirtschaftlichen Regeln und Schutzzöllen, welche für die USA ein Hindernis auf dem Weg zum angestrebten „völlig freien Fluss des Geldes“ (natürlich nur solange frei, wie es in den USA bei privaten Investoren und in Form von Anleihen wieder landete).

Die Notwendigkeit von Investitionen nach dem Krieg, die Kosten für die überseeischen „Kolonien“ und die Tatsache, dass kein Überschuss in England selbst erwirtschaftet wurde, führten zum „Einfrieren“ von Geldern, da Schulden nicht bedient werden konnten.

Einmal kurz am Geldhahn in Richtung „Zu“ gedreht, und schon entstand jene „Special Relationship“ in Britannien, die diplomatisch als „auf Augenhöhe“ behauptet wird, in Wahrheit aber Groß-Britannien in völlige Abhängigkeit von IWF und Weltbank brachte und damit zum Untertanen der USA werden ließ. Freier Handel ohne ein anders Konglomerat aus Staaten oder eines „Empire“ mit eigenen Regeln war damit gewährleistet.

Multilaterale Abkommen in einer globalisierten Wirtschaft sind ebenfalls in Folge von Bretton Wood ad acta gelegt.

„So drohte jedem Land, das volle wirtschaftliche Autonomie anstrebt, das Exil (aus dem Wirtschaftsblock)“.
„Andere Länder verwandelten sich zu wirtschaftlichen Satelliten der USA“.

Dass, wie Hudson ausführt, diese wirtschaftliche Diktatur „nicht gutartig“ war, zeigt sich mehr und mehr, die Wurzeln aber liegen nicht in aktuellen Finanzkrisen wie im Jahre 2008, sondern all diese sind nur Symptome eines Systems, dass die Welt vorrangig aus eigenem Profitinteresse ausquetscht. Die Kritiker der aktuellen amerikanischen Steuerreform, sollten sie Recht behalten, beschreiben damit nur die Fortschreibung des internationalen Systems auf nationaler Ebene. Der Nutzen einzlener oder weniger oder nur einer „Nation“ auf Kosten aller anderen, die gerade soweit „am Leben gehalten werden“, dass ihnen ein gewisser Konsum möglich ist, der durch Kreditvergabe und Konzentration von Wirtschafserzeugung dauerhaft als Zustand gefestigt wird.

Eine umfassende und fundierte Darstellung, die den Leser nichts anderes als erschreckt zurücklässt und die Augen weit öffnet, dass es das Geld und nur das Geld im Blick auf Interessen weniger ist, dass die Welt wie in einem Spinnennetz in seinen Fängen hat. Wobei das eine altbekannte Tatsache sein mag, aber hier die Strukturen umfassend öffentlich gelegt werden, wie das Geld in großem Maßstab die Welt regiert.

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What Does This Button Do?

Bruce Dickinson , Daniel Müller , Harriet Fricke , Dieter Fuchs
Fester Einband
Erschienen bei Heyne, 22.01.2018
ISBN 9783453271128
Genre: Biografien

Rezension:

Hervorragend geschrieben, witzig und dennoch mit Tiefgang

Das Dickinson nicht nur in hautengen Latexhosen (ein interessanter und eigentlich nicht überzeugend anmutender Geschmack in Richtung Bühnenkleidung der ersten Jahre bei Iron Maiden) seinen „Mann steht“, sondern schon von Kindheit an ein „Erprober“ war, auch um den Preis mehrfach versohlter Hintern gerade im Internat später, das gibt dem Buch immer wieder humorvolle, treffende und auch die Person einfangenden Anekdoten.

So trifft der Titel den Nagel auf den Kopf in diesem neugierigen Leben, mit trockenen Sprüchen, einem hohen Maß an Selbstironie (der kann herzhaft über sich selbst lachen) und ständig die Finger an „irgendwelchen Knöpfen“.

Die Suppe, die er wortwörtlich zusammenrührt, kostet ihn, kurz vor Schluss den Platz im Internat (was, liest man die vorherigen Seiten der Beschreibung dieser Zeit, eher kein Verlust fürs Leben war). Das er mit dreimal der gerade noch ausreichenden Note einen Abschluss hinbekam, dass er im Studium der Geschichte zwar noch weiß, wie der Himmel aus den Fenstern heraus betrachtet war, aussah, aber wenig zum Inhalt des Studiums sagen kann, das passt zu den frühen, kindlichen Erfahrungen (mit 10 Jahren war er Missionar einer Freikirche). Denn, und dies nur mit einem statt zwei zwinkernden Augen, Bruce Dickinson wollte früh „in der Musik aufgehen“ und die Zeilen seiner Autobiographie zeigen auch in den harten Anfangsjahren, dem mehr Wollen als Können, dem „Lärmen“ statt „Musizieren“ einen gewissen, tatsächlich heiligen Ernst.

Angenehmerweise nicht, was das eigene Talent und die eigene Bedeutung angeht, sondern sehr berührend für den Leser eine innere Welt, die in der Musik eine Form von „Erlösung“ findet. Ein klarer, innerer Weg, der nicht zwangsläufig, aber doch zum Glück für die Rockmusik, irgendwann erfolgreich auf die Bühne führte.

Das im Vorfeld der eigentlich dem Alkohol stark abgeneigte Dickinson (was sich aus den Erzählungen aus seinem Elternhaus stringent ergibt) mit der ersten „richtigen“ Band Samson dennoch mal lieber promilletechnisch auf gleicher Höhe blieb, wie Ian Gillan zweimal gar die mit entscheidenden Eindrücke in Person hinterließ (wobei das zweite Mal zwischen Dickinson und Gillan bis heute ein „Runnung Gag geblieben ist ob der eher übleren Form der zweiten Begegnung), all das liest sich im Tempo wie im genau mit der richtigen Geschwindigkeit treibenden Fluss einfach Seite für Seite wunderbar weg.

Mit nichts außer immer ein wenig Geld, Überziehungskrediten, Verstecken vor dem Vermieter damals in London, erste Gehversuche mit der Musik, die eigentlich je so frustrierend endeten, dass es einer wirklich inneren Überzeugung brauchte, dabei zu bleiben. Zeitkolorit in Massen mit Dabei, vom Melody Maker bis zu fast vergessenen Wegbereitern des Rock wie van der Graaf Generator. Die Zufälle des Lebens, bis dann Iron Maiden rief.

Und auch diese noch lange nicht auf der Höhe irgendeines Erfolges. Ein Leben, das im Übrigen vielfach interessiert ist und war, Pilot ist der Mann auch noch „im Nebenberuf“, war „Fechtkapitän“ seines Internats, einer, der auch Brüche nicht scheut, der mitten im Erfolg bei Maiden zunächst ausstieg.

Ein Leben auch mit harten Schlägen wie der Krebserkrankung, auch noch am Jungenbein, für einen Sänger schwere Zeiten und Momente, die Dickinson ebenso trocken erzählt, ohne ins „Klein-Reden“ sich zu verlieren, wie das im Gesamten Buch der Fall ist.

Wer die Musik liebt (dazu muss man noch nicht Iron Maiden Fan sein), die Atmosphäre der 70er und frühen 80er hautnah miterleben möchte, der ist mit dieser Autobiographie bestens bedient. Und wird inspiriert von einem hellen Kopf und „lebensmutigen“ Mann.

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Die Geschichte der Welt

Ewald Frie , Sophia Martineck
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 26.01.2018
ISBN 9783406711695
Genre: Sachbücher

Rezension:

Nicht umfassend kleinteilig, aber ein wunderbarer Überblick gerade für Heranwachsende

Die Informationsflut ist unübersichtlich. Noch unübersichtlicher sind die vielfachen historischen Deutungen, die je nach eigenem Standpunkt inzwischen weitreichende, persönliche Färbungen erhalten. Bis dahin, dass „nicht gefallende“ oder für die eigenen Argumente nicht passende „Fakten“ gedehnt, verändert, weggelassen werden.

Woher nun aber all das kommt, was heute die Zivilisation ausmacht, dass Vieles gar nicht so neu, sondern vor langer Zeit bereits erdacht, umgesetzt wurde, dass Aufgang und Niedergang ganzer Imperien zur Geschichte dazugehören und was es da alles gab, das bringt Ewald Frie in hoch lesbarer, unterhaltsamer und historisch fundiertem Hintergrund dem Leser nahe. Jedem Leser, auch wenn Aufmachung, Sprache und Form des Werkes sich eher an Jugendliche richten.

„Vom Faustkeil bis zum Computer, vom Bisonfleisch bis zum Burger, von Grotten bis zu Hochhäusern, von Hockgräbern zur Urnenbestattung, vom Familienclan zum Staat und zu den Vereinten Nationen“.

Das Ganze auf gut 450 Seiten, ohne gehetzt zu wirken oder nur stichwortartig Fakten aneinander zu reihen. Was natürlich bedeutetet, dass Frie die Kunst der Auslassung stark in Anspruch genommen hat, ohne den roten Faden des „Fortschritts“, der das Buch durchzieht, aus den Augen zu verlieren.

Wie Frie das angegangen ist, wie das Werk selbst ihn im Lauf der Überlegungen „an die Hand nahm“ und wie Frie feststellen musste: „Die Schwierigkeiten beginnen beim Nachdenken, wie immer. Als ich mit dem Lesen anfing, fiel mir auf, wie unfassbar wenig ich wusste (der Mann ist Professor für neuere Geschichte!).

Wie dann der Bereich der „Bedrohten Ordnung“, Gesellschaften die unter hohem Druck stehen, ein ganz neues Konzept der Herangehensweise mit sich brachte, das erläutert Frie überzeugend im Nachwort (das zuerst gelesen werden sollte) und widerlegt damit im vorhin vielfache Kritik, die gerade die Auslassungen wohl drohen kann und erläutert überzeugend den eher auf das sozial-kulturelle als zentralen Punkt hin Ausgerichtete des Werkes.

Was dann aber im Buch selbst zu finden ist, statt in Zeitaltern zu strukturieren nach Geographie hin geordnet, das ist überaus lesenswert, sehr verständlich und unterhaltsam geschrieben und bietet Blickwinkel, die teils ein anderes, frisches Herangehen in sich tragen.

Gerade was den afrikanischen Kontinent betrifft und die dort durchaus verorteten „Hochkulturen“ samt reger wirtschaftlicher Tätigkeit vom 13. Bis 16. Jahrhundert bietet andere Sichtweisen und nicht unbedingt breit geläufige Fakten, wie auch Indien unter dem „Mansab-System“ mit den Erläuterungen Fries differenzierter nach der Lektüre betrachtet werden kann. Dem es durchgehend gelingt, die geographischen Regionen und ihre konkrete Geschichte mit Empathie aus „deren Sicht“ zu erzählen, ohne den (auch im Mittelalter bereits verbreiteten) „westlichen Blick“ mit europäischen Interessen und Zielen zu Grunde zu legen.

Ebenso gelingt es Frie, die „fließenden Entwicklungen“ stringent aufzuzeigen. Das alle Ereignisse in konkreten Kulturen mit Übergängen und Grenzräumen, mit Teilmengen mit anderen Kulturen, mit einem „Kommen und Gehen“, mit einem „Erlernen“ und wieder „Verlernen“ einhergehen, welches alles die Kulturgeschichte zu einem hochdynamischen Prozess gestaltet, mit Ruhepausen, sicher, mit Stabilitäten, aber im Gesamten gesehen mit einem Kommen und Gehen von Haltungen, Reichtum, Armut, Macht, Ohnmacht, Erkenntnis und Verlust von Erkenntnis.

Ein Werk, das anders ist, das aber bei Weitem nicht nur für sich „in der Welt zunächst orientierende“ Jugendliche geeignet ist, sondern für jeden Leser mit Gewinn zu lesen ist.

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Bordertown – Der Puppenmeister

J. M. Ilves , Anke Michler-Janhunen
Flexibler Einband: 302 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 13.11.2017
ISBN 9783518468203
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Lebt vor allem durch Atmosphäre und „Personal“

Dunkel-düster sind manche erotische Vorlieben. Und noch dunkler und düsterer kommen jene daher, die diese im Stillen „bedienen“.

Auch wenn die zwei „Helfer“, Fahrer und Filmer, nicht unbedingt die hellsten zu sein scheinen und nur die Ausrede haben, das Geld dringend zu brauchen, die „Nutzer“ des speziellen „Puppen-Angebots“ und der Organisator von Transport und „zur-Verfügung-stellen“ sind nicht zu unterschätzende Gegner.

Gerade in jener eher kleineren finnischen „Stadt der guten Menschen“, in der jeder jeden kennt und keiner jemanden ohne massive Gründe zu nahetreten würde.

Da trifft es sich, dass zwei auswärtige Personen sich der Stadt nähern.

Die eine ist Mutter und befürchtet das Schlimmste, nach einem merkwürdigen Anruf ihrer Tochter. Als Mitglied des sowjetischen Militärs ist diese Lena nicht nur beruflich strikt, klar und bestens trainiert, sondern auch das Herz der Mutter in ihr macht sie zu einer gefährlichen Gegnerin. Da reicht schon ein angespitzter Bleistift, um Schrecken zu verbreiten.

Vor allem aber der Polizist und analytisch hochbegabte Kari wird die Schlinge um die Täter, Entführer, Mörder, „Ausnutzer“ immer enger ziehen.

Dabei ist der Mann gerade weg aus der großen Stadt und den harten Mordermittlungen, um mit seiner schwer erkrankten und frisch operierten Frau und Tochter in dieser beschaulichen Heimatstadt seiner Frau es ruhiger angehen zu lassen.

Wobei, und das wird schnell und bestens von den beiden Autoren in Szene gesetzt, klar, dass das diesem Kari gar nicht möglich wäre. Wenn ein Fall ihn in den Bann zieht, dann verlieren sich alle Rahmungen, dann zieht es ihn unwiderstehlich hinein.

„Du bist unser Sherlock Holmes im Dienst und zu Hause Watson“.

Einer, der zähneknirschend seine Frau anrufen muss, weil er die neue Adresse einfach nicht findet auf der Rückfahrt von der Arbeit, einer, der seine Frau vor dem Kino nicht erkennt, wenn diese beim Friseur war und eine neue Jacke trägt. Aber eben auch einer, der einen fast telepathischen Blick für Menschen hat, eine Art „Gedächtnispalast“ ebenso sein eigen nennt, wie es bei den modernen Holmes Interpretationen der Fall ist und einer, der nicht locker lassen wird.

Das Personal auf allen Seiten du die teils trübe, dichte Atmosphäre, das nimmt den Leser von Beginn an auch durch den klaren Stil der Autoren gefangen. Der Fall selbst dagegen bietet nicht sonderlich viele Überraschungen und wird mit Tempo, klar und auch vorhersehbar vorangebracht.

Dennoch, gelungene Szenen, wenn Gefahr heraufzieht, eine präzise und zugleich in entscheidenden Punkten ein wenig nebulös bleibende Darstellung der Charaktere und die Verflechtungen aller in der überschaubaren Stadt bieten eine durchaus unterhaltsame Lektüre im Gesamten.

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Vagabond

Gerald Seymour , Zoë Beck , Andrea O'Brien
Flexibler Einband: 498 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 12.12.2017
ISBN 9783518467428
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Steigert sich von Seite zu Seite hin in düsterer, hervorragender Atmosphäre

Harte Männer am Rande ihrer geistigen Kraft. Brilliante Manipulateure als Vorgesetzte. Ergebene Freunde. Junge Männer, die aus ihrer Generationentradition heraus gar nicht anders können, als sich als „Held“ zu verstehen. Ehefrauen, die dicht halten bis zum letzten Atemzug. Ehefrauen und Kinder, die gebrandmarkt werden, verachtet den Rest ihres Lebens lang, wenn ihr Mann „geplaudert“ hat, Informant wurde.

Informanten, die fallengelassen werden ohne jedes Mitgefühl, wenn im, für Irland zuständigen, Teil des britischen Geheimdienstes die „Effizienzrechnung“ zwischen „Taschengeld“ und „Information“ nicht mehr stimmt.

Gefesselt, voller Folterspuren, Socken im Mund und eine Kugel im Kopf werden solche Informanten dann meist einige Tage Später irgendwo am Straßenrand gefunden.

„Ich denke, damit können wir leben, wenn wir dafür vier von ihnen platt machen“.

So sieht es aus in Nordirland, auch als die Zeiten sich schon ein beruhigt hatten.

Und der härteste Anführer vor Ort, Anführer von Informanten, eine Menge verhinderte Attentate und verhaftete Terroristen. Bis es dann irgendwann zu viel war für „Vagabond“, eigentlicher Name Danny Curnow. Nicht nur der sympathische Immobilienhändler mit der süßen Frau und den kleinen Kindern, der den Straßengraben als Todesort ebenso erhielt, wie ein einfacher Taxifahrer mit dahinsiechender Mutter, die dieser liebevoll versorgte.

Jahre in der Normandie und in Dünkirchen als Touristenführer haben inzwischen eine gewisse äußere Ruhe hergestellt, die inneren Dämonen aber werden wohl nie weichen, was ihn in der Gegenwart noch die Chance auf ein gutes Leben mit einer großen Liebe kostet.

Da taucht sein Chef vom MI5 nach Jahren wieder auf. Und wenig später, am gleichen Abend noch, sitzt Vagabond im Flugzeug auf dem Weg nach Prag. Währen d sein enger Freund Dusty, im Dienst sein Untergebener damals, die Touristen versorgt.

Malachy Riordan, IRA Kämpfer der dritten Generation ist vor Ort, um Waffen für eine Lieferung zu prüfen, die dringend für den weiteren Kampf benötigt werden.

Ralph Fox ist der Vermittler. Bis dato Schmalspurschmuggler, aber eng befreundet seit Urzeiten mit einem der großen Fische des internationalen Waffenhandels.

Und so trifft in Prag alles aufeinander. Top-Kriminelle ultra-reich russische Oligarchen, von Staat und Polizei eher geschützt denn überwacht. Der MI 5 mit dem begnadeten Manipulateur Bentinick, der sowohl Vagabond wie auch die ehrgeizige Gaby spielend in Schach hält und in seinem Sinne positioniert. Und der junge Riordan, der das Drücken im Magen nicht unter Kontrolle bekommt, soweit weg von Irland, ohne Kontrolle und ohne echten Schutz auf feindlichem Territorium.

Nacvh eher schleppendem, unübersichtlichem Beginn steigert sich die Spannung Seite für Seite mehr und wird zudem dadurch gesteigert, dass das, was vordergründig der klare Plan zu sein scheint, so viele Falltüren und Hintertüren aufweist, dass zum Ende hin vielfache Überraschungen den Leser immer wieder aufs Neue fast „die Seiten wechseln lassen“.

Das alles versieht Seymour mit differenzierten Figuren, vielfachen eigenen Interessen jener Figuren, mit einer trostlosen, immer dunkel wirkenden Atmosphäre, mit inneren Brüchen, menschlicher Verzweiflung, roher Gewalt und fintenreichen Plänen, die das Lesen zum reinen Vergnügen gestalten. Auch wenn die Zweckentfremdung der ein oder anderen Bohrmaschine ebenso schlucken lässt, wie das halbierte Ölfass mit Beton und dem, wozu es am Ende dienen wird.

Hart ist diese Welt, wenig Licht scheint hinein, da passt es als Allgeorie gut, dass Seymour immer wieder auf die Touristengruppen in Dünkirchen zurückkommt, dem Leser dabei Geschichtslektionen nahebringt, die allesamt zeigen, wie endlos dieses brutale und mit allen Mitteln geführte „Gegeneinander“ die Geschichte bestimmt und wie relativ man ein „Held“ oder „mieser Verräter“ ist, je nach Blickrichtung.

Eine empfehlenswerte Lektüre.

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john green, schlaft gut, ihr fiesen gedanken, freundschaft, johngreen, gedankenspirale

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken

John Green , Sophie Zeitz
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 10.11.2017
ISBN 9783446259034
Genre: Jugendbuch

Rezension:



Auch wenn Greens Themen die „Teenager-Themen“ sind, in seiner Grundsätzlichkeit bilden die Werke des Autors, und auch dieses ist keine Ausnahme, solch weitreichende Einblicke in das Leben, die Psyche, in die Themen von Liebe und Freundschaft und Sinnsuche, dass Leser jeden Alters sich angesprochen fühlen dürfen.

Dass es Green zudem noch gelingt, in einer durchgehend jugendgerechten Sprache auch Erwachsene eben nicht sprachlich zu unterfordern, sondern die empathischen Möglichkeiten des Lesers emotional durchweg auf den Punkt abzurufen, darin spiegelt sich eine hohe Kunst des Schreibens.

Und ein drittes tritt hinzu, was beim zweiten und dritten Nachfühlen während der Lektüre eher unüblich ist und doch absolut trifft. Green schreibt keine einfachen Geschichten mit einfachen Antworten und einem voraussehbaren „Happy End“. Sondern folgt dem Leben, wie es sich im Alltag weit realistischer darstellt.

„Das Problem bei Happy Ends“, so äußert sich die zentrale Person des Werkes, Aza Holmes, „ist, dass sie entweder nicht richtig glücklich machen oder sie sind kein richtiges Ende…… Im richtigen Leben werden manche Dinge besser und manche Dinge werden schlechter und irgendwann stirbst Du“.

Was, auch das wie mit leichter Hand und doch schwer im Ton zu treffen, Green nicht in Richtung eines allgemeinen Trübsals abgleiten lässt, sondern durchaus in Einsicht, Tiefe und hoffnungsvolle Ausblicke am Ende verwandelt. Nur eben so, wie das Leben ist, und nicht so, wie es Freunde einfacher Geschichten mit einfachem „Happy End“, am liebsten hätten.

„Keiner wurde verletzt!“.
„Alle wurden verletzt!“.

Das eine die Stimme der „Schönfärberin“ und „Dampfplauderin“ im Buch (die durchaus aber auch zu tiefen Gedanken fähig ist), das andere die Stimme der bedrängten, von Ängsten und Zwängen befallenen Aza.

Die nicht umsonst „Holmes“ heißt. Wobei Green sich, was den berühmten Namensvetter angeht, nur nebenbei in kleineren Linien einem „Detektivfall“ zuwendet (ein reicher Milliardär ist verschwunden und hat seine beiden minderjährigen Söhne ohne weitere Nachricht allein zurückgelassen).

Wohl aber breitet Green, wie bei Sherlock selbst immer im Hintergrund zu spüren, die Ebene der „inneren Zerrissenheit“ par Excellence vor den Augen des Lesers aus.

Gefangen in den eigenen Gedanken und Neurosen, im inneren Dialog mit sich selbst und hier der überbordenden Angst vor einer Infektion mit Bakterien (Küssen? 80 Millionen Bakterien tauschen den Besitzer? AUF KEINEN FALL).
Da wird auch mal ein Desinfektionsbehälter an der Wand im Krankenhaus zur Trinkflasche, da wird eine kleine Wunde am Finger nagend offengehalten und breitet sich teilweise als einziges Thema im ganzen Kopf Azas aus.

Brilliant aber, vor allem, ist es, wie Green diese inneren Zustände seiner Personen dem Leser erlebbar macht. Wie im dunklen Tunnel Taschenlampen ausgeschaltet werden und die bedrückende Dunkelheit und Orientierungslosigkeit den inneren „Dauerzustand“ emotional treffend in Szene setzt. Wie „Daisy“ irgendwann tief hinter die Fassade ihrer ständig aufgesetzten legeren Fröhlichkeit blicken lässt und da dem Leser deutlich wird, warum das Mädchen an einem Stück redet. Damit es eben nicht still um sie wird.

Dieses „in sich eingesperrt sein“. Auf der anderen Seite die nicht zu bewältigende Härte für zwei Jugendliche, vom Vater alleingelassen zu werden und im Erbe hintenanstehen zu sollen hinter einem Dinosauriernachkömmling.

Die Hilflosigkeit der Mutter Azas, die ohnmächtig oft ihr Kind entgleiten sieht. Und daneben die „sonnigeren“ Themen junger Liebe, die ebenfalls nicht im Weichspüler enden werden. Wie auch nicht die legere und gerade dadurch nachhaltige Schilderung, was es für einen Teen heißt, eher arm zu sein. Oder dass es einfacher ist, einem Ding wie einem Auto in Freundschaft verbunden zu sein als „echten“ Menschen.

Das „der Fall“ immer am Rande mitverfolgt wird, Plötzlich Geld zur Verfügung steht, auch die größte Geduld am Unvermögen des anderen, was körperliche Nähe angeht, zu Ende geht du sich am Ende zwar alles aufklärt und dennoch offenbleibt, das ist einfach beeindruckend zu lesen. Zudem die Lektüre auf keiner Seite langweilt, sondern den Leser ohne Anlauf in Beschlag nimmt und nicht mehr loslässt.

Wieder einmal trifft Green absolut treffend den „Nerv des Lebens“ und legt eine Lektüre vor, die den Leser bereichert, ernüchtert, traurig und froh zugleich zurücklässt. Mit so vielen kreativen Feinheiten versehen, dass Seite für Seite vertiefende, innere Erlebnisse warten.

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spaniens geraubte kinder, geheimnisse, franco-regime, barceló, familiengeschichte

Das Licht von Marokko

Elia Barceló , Anja Rüdiger
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Pendo Verlag, 01.09.2017
ISBN 9783866124332
Genre: Romane

Rezension:

Sprachgewaltiger Entwicklungsroman mit düsterer Familiengeschichte

Nein, man spricht schon lange nicht mehr darüber. Das Leben ging und geht weiter, immerhin befinden sich Helena Guerrero ziemlich „Oben“ in ihrem Schaffen als Künstlerin, das Leben könnte nicht besser laufen, zumindest, wenn ein Außenstehender die Malerin, ihr Schaffen und ihren Erfolg betrachtet.

Und doch, ganz mit sich im Reinen ist die Frau nicht. Was sich auch in ihrem Werk, in den Motiven, in ihren diffusen Gefühlen, was die Vergangenheit angeht, niederschlägt.

Vielleicht ist ja die Feier einer Hochzeit im Rahmen ihrer Familie da ein fröhliches Gegengewicht. Doch statt Zerstreuung und eines einfach schönen Festes werden am Ort der Feier alte Wunden sichtbar, machen sich pochend bemerkbar, Spuren aus der Vergangenheit tauchen auf und das nie geklärte Verbrechen um en Tod ihrer Schwester bricht sich Bahn in die Gegenwart. Auch wenn das alles bereits 50 Jahre zurückliegt, seit damals ist es so, als wäre ein Teil des Herzens der Künstlerin herausgerissen.

Und so ist dieser Roman tatsächlich, trotz des vorgerückten Alters der Hauptfigur, ein Entwicklungsroman. Eine Reise zu sich selbst. Ein Kriminalfall, der aus persönlichen Gründen nun endgültig nicht mehr ruhen darf und in dem, Schritt für Schritt auf der Spurensuche, was damals wirklich geschehen ist und wer der Täter ist, Helena das alte Träume beginnt, aktiv zu verarbeiten, auch um innerlich heil werden zu können.

Wobei sich Barceló gründlich im Leben Helenas und ihrer Familie umsieht, die Familiengeschcihte aus den 30er Jahren heraus zu erzählen beginnt und mit je wechselnder Perspektive und in verschiedenen Zeitebenen im Buch Hartes und Weiches, bewusst Schadendes und Leidendes vor Augen führt, was alles den Leser immer tiefer in den Bann der Ereignisse zieht und die Spannung im Blick auf die Lösung der bald vielfältig im Raume stehenden Fragen durchweg im Buch erhält.

Alte Geschichte, verdeckte Ereignisse, vieles, was einander angetan wurde, was stückweise zu Tage trägt, immer wieder auch für überraschende Wendungen sorgt und, sprachlich sehr gelungen, auch die Atmosphären der jeweiligen Zeiten zwischen Marokko (wo das Verbrechen geschah) und Spanien einfängt.

Ein Buch auch, in dem, wieder einmal, und das sprachlich hervorragend und psychologisch ausgereift, verdeutlicht wird, dass der Mensch seinen Frieden innerlich nicht finden wird, wenn er nur versucht, die bedrängenden, schwierigen Erlebnisse zur Seite zu schieben. Die Seele meldet sich durchgehend und der Preis, der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen zu wollen ist hoch. Für die Malerin Helene, aber ebenso für die verschiedenen Mitglieder ihrer Familie, die, jeder und jede auf ihre Weise, ebenso ja über fünf Jahrzehnte versucht haben, das Geschehen lieber nicht mehr zur Sprache zu bringen und die Hintergründe im Dunklen zu belassen.

Eine hervorragend zu lesende, anrührende und berührende, teils auch spannende Lektüre. Ruhig erzählt und nichts für Leser, die innerlich ständig auf Tempo drängen, dafür aber gründlich alle Verästelungen innerlich wie äußerlich sorgfältig ausleuchtet.

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