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46 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 36 Rezensionen

thriller, los angeles, rapper, joe ide, privatermittler

I.Q.

Joe Ide , Conny Lösch , Conny Lösch
Flexibler Einband: 387 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 14.11.2016
ISBN 9783518467282
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Cooler und spannender Thriller

Isaiah Qintabe hat einen Lebenskampf geführt, als er ein Jugendlicher war. Ein traumatisches Ereignis hat dazu geführt, dass er von jetzt auf gleich auf ganz eigenen Beinen stehen musste. Und zwar so, dass weder die Schule noch sonst jemand mitbekommt, wie es um ihn und seine Lebensumstände steht.

Dabei war es sicherlich überaus hilfreich, dass die Gabe der Deduktion stark in ihm ausgeprägt war und ist.

In Rückblenden erzählt Die von der Geschichte Isaiahs, den all nur „IQ“ nennen. Von seiner überaus planvollen Art, kriminell Geld zu besorgen, von seinen ausgefallenen Ideen, die ein Entdecken so gut wie ausschließen. Wenn da nicht, in diesen jungen Jahren jener Dodson sich bereits in seinem Leben breitgemacht hätte, der auch in der Gegenwart des Romans eine wichtige Rolle spielen wird.

Denn all diese „Jugendsünden“ hat IQ hinter sich gelassen und verdient sein Geld als Detektiv. Allerdings mehr schlecht als recht und vor allem, er trägt Verantwortung für einen anderen Menschen zudem noch, der sich nicht so gut alleine helfen könnte.

Alles Gründe, die ihn dazu bringen, mit Dodson noch einmal zusammenzuarbeiten. Ausschließlich, weil der das Geld benötigt und von Anfang an mit gespaltenen Gefühlen.

Die auch damit zu tun haben, dass sein Klient, ein bekannter und reicher Rapper, nicht wirklich bereit zu sein scheint, zu kooperieren. Und als dann auch noch, irgendwann, klar wird, dass der Killer, dessen Ziel der Rapper ist, Informationen aus dem engeren Umfeld seines nächsten Opfers erhalten muss, wird die Lage unübersichtlich und noch komplizierter.

Nur um Haaresbreite ist Murder One, der Rapper, dem ersten Anschlag entgangen. Einem sorgfältig durchgeführten Anschlag, der auf einer außergewöhnlichen Methode der versuchten Tötung beruht, die allen Beteiligten viele Fragezeichen aufgeben werden.

Doch IQ ist nicht nur eine Art schwarzer, cooler und souveräner Sherlock Holmes, sondern zudem ein gewiefter ehemaliger Krimineller, der weiß, wie es läuft und der die offene Konfrontation nicht scheut.

Mit Dodson als hyperagilen und hysterisch veranlagtem Sideback, den man allerdings in der möglichen Härte nicht unterschätzten sollte, im Zentrum von Gangs, Neid, Gier und Drogen und angesichts eines Killers, der völlig skrupellos seine Bahn zieht, baut Die von Beginn an eine temporeiche Handlung auf, in der er sowohl die spezielle Atmosphäre der Goldketten behangenen Rapper auf den Punkt bringt, wie er ebenfalls mit „leichter Hand“ vielfältige Spuren legt, Verwirrungen erzeugt und, bis zum Ende, es unklar belassen lässt, wer aus welchen Interessen heraus den Tod des Musikers so dringend zu benötigen scheint.

Eine kantige und differenzierte Hauptfigur, ein Netz aus Lebensgeschichte und konkreter gegenwärtiger Bedrohung und ein „Ensemble“, dass durchweg hervorragend herausgearbeitet und in seinen Interaktionen unter- und miteinander bestens aufgestellt ist.

Ein hervorragender Thriller.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Unschlagbar positiv

Claudia Kleinert
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Ariston, 03.10.2016
ISBN 9783424201581
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ein „Charisma-Training“

„Jeder kann Charisma lernen“. Das zumindest ist die klare Aussage von Claudia Kleinert.

Steve Jobs, George Clooney, der Dalai Lama, vielfältig ist die Liste all jener mehr oder minder prominenter Menschen, die der breiten Öffentlichkeit demonstrieren, wie Charisma wirkt. Und das „es das gibt“.
Wobei der Leser dabei nicht erst in die bunten Gazetten oder die großen Kinosäle zu gehen braucht, sondern ebenso ist jedem mindestens der ein oder die andere bekannt, die durch ihr oder sein Auftreten, eine begeisterungsfähige Leidenschaft, eine besondere Ausstrahlung eben auch eine anregende, einnehmende Wirkung auf ihr Umfeld erzeugen.

Und dass weil „uns diese Menschen ein gutes Gefühl geben und uns mitreißen“.

Dass Charisma und Charme, Überzeugungskraft und menschliche Attraktivität (bei Weitem nicht im äußeren Sinne gemeint) nicht einfach ein „angeborenes Talent“ nun darstellen, sondern eine Haltung repräsentieren, die tatsächlich erlernbar ist, das liest sich aus diesem Buch von Claudia Kleinert ganz hervorragend heraus.

Sehr praktisch, mit vielen Illustrationen versehen, locker und leicht, flüssig im Ton, erläutert Kleinert einerseits, was denn „Charisma“ überhaupt ist (vielfältig sind die Meinungen und Definitionen dieser „Eigenschaft“) und bietet dann im Folgenden ein ebenso verständliches „Trainingsprogramm“, in dem sie auf die grundlegenden Aspekte des Charismas jeweils differenziert eingeht.

Auch wenn ein Teil dieses Talentes vielleicht „angeboren“ ist, so ist es doch jedem Menschen möglich und gegeben, zumindest sichtbar an seiner Ausstrahlung, an seinem „Charisma“ zu arbeiten. „Sämtliche Anlagen zu einem charismatischen Menschen sind uns qua Geburt mitgegeben“.

Allerdings kommen diese nur zur Geltung, wenn sie erkannt, näher eingekreist und dann eingeübt und vertieft und, vor allem, erprobt werden. Wobei eben dieses „an sich arbeiten“ nicht lapidar in wenigen Sätzen im Buch kurz vorgestellt wird, sondern dies durchaus den Hauptteil des Werkes ausmacht und Kleinert nicht müde wird, auch kleinteilige Anteile am Charisma zu verdeutlichen und zu vermitteln.

„Nach zweimaligem Hanteltraining gehen sie ja auch nicht davon aus, dass ihr Bizeps schon deutlich zu Tage tritt“.

Und so steht es dem Leser, der sich nicht nur auf das Buch, sondern auf die Entfaltung des eigenen Charismas einzulassen gedenkt (und damit auf eine Entwicklung einer individuellen und spürbaren „positiven Präsenz“ der eigenen Person ) ohne Verniedlichungen durch die Autorin bevor, sich auf ein echtes und regelmäßiges Training einzulassen. Auf ein näheres Verstehen dessen, was Charisma ausmacht, was es bewirkt und wo es „in einem sitzt“ und ein ebensolches Training, dieses „zum Ausdruck zu bringen“.

Was Kleinert im wahrsten Sinne des Wortes meint, wie der Abschnitt über die sechs wichtigsten Gefühle und deren mimischen Ausdruck klar vor Augen führt.

Es gilt, wie in allem, vor allem wie auf allen „Bühnen“ und bei allen „Auftritten“, je mehr durch das Gesicht zum Ausdruck gebracht werden kann, desto stärker ist der Eindruck, den man hinterlässt. Wobei ebenso gilt, dass es eben zur eigenen Person passen muss und ein Überziehen als reines „Schauspiel“ keine „charismatische“, sondern eher eine „abschreckende Wirkung“ erzielen würde.

Sich selbst finden, die eigenen Stärken einschätzen lernen, den Mut finden, die eigenen Gefühle sichtbar und authentisch zum Ausdruck zu bringen und damit eine individuelle Präsenz erzeugen, die in jeder Situation Beachtung finden wird, das geht. Zumindest liest es sich überzeugend und logisch aufeinander aufgebaut genug, um durch das Buch genügend motiviert zu werden, sich den Möglichkeiten und Übungen zu stellen und damit dann eigene Erfahrungen zu machen, die die weitere eigene Richtung vorgeben werden.

Auch wenn der eher legere, umgangssprachliche Ton vielleicht nicht jedermanns Sache ist, auch wenn viele der Inhalte aus anderen Zusammenhängen nicht unbekannt sein dürften, Kleinert gelingt dennoch eine anregende und sehr praxisorientierte „Hinführung zur Entwicklung eines eigenen Charismas“, die das Lesen lohnt.

Auch wenn man nicht umgehend oder überhaupt zu George Clooney oder Marylin Monroe werden wird. Es geht um das eigene Charisma.

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58 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 30 Rezensionen

alaska, fracking, familie, verfolgung, polarkreis

Lautlose Nacht

Rosamund Lupton , Christine Blum
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 11.11.2016
ISBN 9783423261210
Genre: Romane

Rezension:

Anregend und spannend erzählt

Da sind diese beiden Scheinwerfer. Die immer den gleichen Abstand einhalten. In dieser dunklen, bitterkalten Nacht auf der Schnee- und Eisstraße durch die Arktis.

Den Lkw geborgt, alle anderen Fernfahrer haben sich rechtzeitig vor dem kommenden Sturm an der Raststätte in Sicherheit gebracht. Die Augen fallen u vor Müdigkeit, schon das Aufziehen der Schneeketten auf die Räder des LKW hat fast ihre Kräfte überfordert. Bei minus 30 Grad, Temperatur fallend.

Aber Yasmin musste alle Warnungen verhallen lassen, musste vom Flughafen so schnell es geht in dieses kleine, zerstörte, verbrannte Dorf jenseits der Zivilisation.

Denn aus diesem völlig verbrannten Ort hatte sie das letzte Lebenszeichen Ihres Mannes empfangen. Seit Monaten war dieser bereits als Fotograf unterwegs. Und war da nicht auch was mit dieser Einheimischen?

Weder sie noch ihre taubstumme Tochter Ruby (die neben ihr im LKW sitzt), werden glauben, dass Matt, ihr Mann und Rubys Vater, im Dorf getötet wurde. Auch wenn die Polizei ausführlich gesucht hat, auch wenn die Zahl der Leichen stimmen würde.

Aber niemand weiß, was genau dort geschehen ist. Ständiger Schneefall verwischt Spuren, der aufkommende Sturm könnte, falls Matt noch lebt, für ihn dann wirklich den Tod bedeuten. Und obwohl Yasmin den Ehering ihres Mannes mit eigenen Augen gesehen hat, sie wird hunderte Kilometer durch die arktische Nacht fahren, mitten hinein in den Sturm, um Matt zu finden.

Und sin das nicht Lebenszeichen, diese grausamen, brutalen Fotos, die Ruby, ihre Tochter, hier und da auf dem Laptop empfängt? Bis kein Empfang mehr möglich ist. Was mit diesen Scheinwerfer zu tun haben könnte, die ihr hartnäckig an den Fersen haften.

Geschickt pendelt Lupton in ihrer Erzählweise zwischen der zunehmenden Spannung im Schneetreiben der Arktis und Rückblenden auf die Beziehungsgeschichte von Matt und Yasmin hin und her und fügt dieser Erzählung auf zwei Ebenen immer wieder einen Blick in das innere Erleben Rubys zu.

Die nicht sprechen möchte, weil sie sich nicht hören kann, die mit einem Übersetzungsprogramm per Laptop „Unterhaltungen“ führt und die, ebenso wie ihre Mutter, inmitten der feindlichen Umwelt, in meterhohen Schneewehen oder auf dem Eis eines Flusses Meter für Meter dem Ort des Geschehens, dem bis auf die Grundfesten niedergebrannten Dorf, sich nähert. In einer für Sie, wie gewohnt, völlig „lautlosen Nacht“.

Was sich dort genau abgespielt hat, ob Geschäftsmänner oder Umweltaktivisten ihre Finger im Spiel hatten, wer ihr folgt und wem sie vertrauen können wird oder nicht, das sind die Fragen, die für Spannung sorgen und die Lupton mit überraschenden Wendungen im Finale des Thrillers noch Würze geben wird.

Sprachlich eher einfach und schlicht erzählt, bietet „Lautlose Nacht“ eine solide und, vor allem im zweiten Teil des Buches, spannende Unterhaltung.

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18 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

krimi, färöer inseln, das walmesser, heyne verlag, walfang

Das Walmesser

C. R. Neilson , Ulrich Thiele
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Heyne, 28.12.2016
ISBN 9783453419674
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Vielfältig, spannend und mit viel Lokalatmosphäre

Die Falklandinseln als Schauplatz krimineller Ereignisse haben ja bereits an anderer Stelle stattgefunden, nun also nimmt Neilson den Leser mit auf die Färöer Inseln.

John Callum benötigt einen Neustart. Der Schotte aus Glasgow landet auf dem kleinen Flughafen der Inseln und kann bereits im wankenden und schwankenden Flieger die völlig entspannte Mentalität der Färöer bestaunen. Die, nicht zuletzt, auf eine doch erkleckliche Menge an Alkohol im Blut zurückzuführen ist. Angst vor einem Absturz hat dort wohl niemand.

Was aber Callum nach Färöer treibt, wieso der ehemalige Lehrer sich Arbeit in einer Lachsfabrik sucht und unter einfachsten Umständen zu leben bereit ist, das bleibt lange Zeit ein Rätsel. Auch wenn Neilson die Alpträume des Mannes geschickt in den Ablauf der Geschichte einfügt.
Es wird nur klar, dass Callum in sich auch eine harte, aggressive Seite trägt. Die er mühsam beherrscht. Was nicht einfach ist, da er bei dem ein oder anderen Färöer auf starke Ablehnung trifft. Bei manchen ohne ersichtlichen Grund, bei anderen mit einem Grund, den Callum noch entdecken muss.

Auch wenn es sich ansonsten gut anlässt. Eine Affäre mit einer Inselschönheit und Malerinn beginnt. Der Chef der Lachszucht ihn in seiner Hütte wohnen lässt, erste Kontakte zu einem Franzosen entstehen der als Naturfotograf eine Menge über die Insel zu erzählen hat.

Was Neilson nutzt, um dem Leser immer wieder Landschaft, Orte, Bewohner plastisch und griffig vorzustellen.
Die Enge des Lebensgefühls, das Aufeinander angewiesen sein, auch wenn jeder für sich zu stehen vermag. Der Einfluss der Kirche, die schroffe, weitgehend unberührte Landschaft. Und, als einer der Höhepunkte dieser Seite des Thrillers die minutiöse Schilderung des „Grind“, der Waljagd. Die für Callum fast zur Todesfalle wird.

Einige Zeit, nachdem er ohne Erinnerungen aus einem rausch am Hafenpier erwacht, ein Walmesser in seiner Jackentasche findet, das ihm nicht gehört, dass aber voller Blut ist. Das Blut eines Menschen.

Umgehend steht Callum, der „Fremde“, unter Mordverdacht und wird sich seiner Haut vor allem selbst wehren müssen. Was weder einfach noch ungefährlich sein wird. Denn je näher er den Umständen der Tat kommt, je mehr er daran zweifelt, dass er selbst das Verbrechen begangen hat, desto klarer wird auch, dass er selbst im Fadenkreuz sein wird.

Geschickt legt Neilson verschiedene Spuren, rückt immer wieder einzelnen Personen in ihrer Befindlichkeit und ihrem teils Verdächtigen Verhalten in den Mittelpunkt der Betrachtung, bis ein Netz an Verdächtigen entsteht, bei dem der Leser gebannt mit rätselt, was genau und wie und durch wen passiert.

„Ein Mann ohne Messer ist ein Mann ohne Leben“. Jeder Färöer besitzt ein solches Walmesser, eine mögliche Tatwaffe. Und weiß dieses Messer geschickt einzusetzen. Zumindest, wenn es um das Rückgrat von Grindwalen geht.

Überzeugende Personen, eine hervorragende Schilderung der Färöer Inseln und des Lebens auf diesen, ein intelligent entfalteter Mordfall und eine sich ständig steigernde Spannung in genau dem richtigen Timing bieten einen hervorragenden Thriller und hohen Lesegenuss.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Pompeji

Alberto Angela , Elisabeth Liebl
Fester Einband
Erschienen bei Goldmann, 28.11.2016
ISBN 9783442314270
Genre: Sachbücher

Rezension:

Sehr griffig, unterhaltsam und überaus detailliert geschildert

Aus persönlicher Sicht, fast wie in einem Roman, mit einer Reihe von Figuren, die Angela in ihrem Ergehen entfaltet, schildert der Autor chronologisch die letzten 48 Stunden von Pompeji, zerstört 79 n.C. durch einen Vulkanausbruch, zugleich mit Herculanaeum, Polontis, Boscoreale, Tertigno und Stabiae.

Wobei Angela eben gerade nicht nur von Tod und Untergang berichtet (das folgt erst sehr viele Seiten später im Buch), sondern in seinem umfassenden, populärwissenschaftlich gehaltenen Werk die Antike sehr plastisch auferstehen lässt.

Indem er sich auch auf Personen konzentriert, die jene Naturgewalt an Zerstörung überlebt haben, gibt er seiner Schilderung zudem eine Linie durch die Katastrophe hindurch und zeigt bildkräftig auf, was dieses Ereignis mit den Menschen damals machte, macht den Verlust spürbar, den Schock. Und das auf der Blaupause dessen, was eben alles verlorenging an Kultur, Kunst, an handfester Industrie (Salz z.B, an privatem Leben (wenn Saturninus im Schwimmbecken schwimmen lernt).

Dass das Personenregister drei volle Seiten zu Anfang des Buches beansprucht, ist bereits vor der eigentlichen Lektüre ein Ausdruck dieser Methode Angelas, sich den Ereignissen möglichst konkret und persönlich zu nähern (wobei hier, kritisch zu erwähnen, der Eindruck im Gesamten nicht immer von der Hand zu weisen ist, dass Angela auch ein gerütteltes Maß an eigener Fantasie mit hat einfließen lassen. Er selbst betont dabei zu Recht die nicht unbedingt endlos breite Quellenlage).

„Was sie hier lesen sind faktenorientierte Rekonstruktionen dessen, was diese Menschen sehr wahrscheinlich getan, gesehen und am eigenen Leib erlebt haben“.
Eine Freiheit in der Darstellung, die Angela an manchen Stellen zumindest überaus weidlich nutzt und so Anschaulichkeit auch ein stückweit auf Kosten von weniger historisch gesicherten Fakten und Personen aufbaut.

Wobei, neben den privaten Schwimmbecken, im Übrigen Orte existierten, die, wie in der modernen Welt, als Einnahmequelle dienten. Nach Schließung der öffentlichen Thermen in Pompeji ist so die Therme der Julia täglich gut gefüllt und füllt wiederum den Wohlstand der zupackenden Frau.

Ein Ort, der in seiner Lage und dem direkten Umfeld wie ein modernes „Innenstadtcenter“ anmutet. Bei dem die Betreiberin Julia zwei „Insulae“ zusammengeführt hat, indem sie die trennende Straße überbaute, eine „Stadt in der Stadt“ mit verschiedenen Dienstleistungen, „zum Beispiel ein Restaurant, eine Kneipe, ja sogar eine Therme, deren Zugangsrampe direkt auf den Gehsteig führte“.

Weit entfernt vom Stil eines eher trockenen Sachbuches gelingt es Angela weitgehend in Umgangssprache und munterem Erzählrhythmus, dem Leser Pompeji sehr konkret, griffig und anschaulich vor Augen zu führen. Ergänzt durch die vielfachen, anregenden Illustrationen lässt Angela damit die antike Stadt noch einmal in voller Blüte „auferstehen“.

Wie er, neben den konkreten Personen und deren alltäglichem Leben auf die Wirtschaft der Stadt eingeht. Die nicht zuletzt stark auf dem Handel mit Salz beruht.

„Auch in der Antike wird es hochgeschätzt und quasi mit Gold aufgewogen“. Salz, das auf der „Salaria“, der Straße nach Norden, dann zum Verkauf transportiert wurde.

So bietet Angela einerseits eine personalisierte Sicht auf das Leben in Pompeji, den Ablauf der Katastrophe und das „Leben danach“, das vor allem durch die Aufzeichnungen von Plinius dem Jüngeren auch in diesem Buch konkret mit Leben gefüllt wird.

Der Ausbruch des Vulkans selbst und die schnell hereinbrechende „Todesqual“ von Stadt und Bewohnern erzählt Angela dabei minutiös und besonders eindringlich da, wo die Aschewolke Menschen in allen möglichen „Schutzhaltungen“ quasi „versiegelt“.

Angela endet mit Indizien und einer überzeugend, aber dennoch nicht letztendlich zu klärenden Erläuterung für die „Herbstthese“ als Datierung des Unglücks und lässt den Leser insgesamt hervorragend unterhalten, „nah am Geschehen dran“ und breit informiert zurück, auch wenn so einiges an Konkretion des Lebens um diese Tage der Katastrophe herum auch der bildkräftigen Fantasie des Autors entsprungen sein dürfte.

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6 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

die botschaft der letzten helden gegen hitle, jahrhundertzeugen

Jahrhundertzeugen

Tim Pröse
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Heyne, 31.10.2016
ISBN 9783453201248
Genre: Biografien

Rezension:

Eindrucksvolle Erinnerungen und Portraits des Widerstandes gegen Hitler

Es ist kein „Who is Who“ des 20. Jahrhunderts, sondern Präse geht einer konkreten Zeit und Haltung im Buch nach. Eine Skizzierung von Menschen, die je auf ihre Art dem Regime des Nationalsozialismus mit Widerstand begegnet sind.

„Dabei wussten wir doch, dass wir alle zum „Himmelskommando“ bestellt sind“.

So beginnt das Buch mit Erinnerungen des Holocaustüberlebenden Jurek Rotenberg.

Und führt im weiteren Verlauf zu Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl, Carl Graf von Staufenberg, aber auch weniger prominente Namen kommen zu Wort und geht Pröse nach.

Wenn Kurt K. Keller noch einmal zum Omaha Beach aufbricht und seine Erinnerungen schildert, wenn der „Letzte von Schindlers Liste“ sein eigenes Ergehen erzählt. Oder wenn es zur Begegnung kommt zwischen dem erwähnten Jurek Rosenberg und seinem Retter, Berthold Beitz.

Seien es die Minuten vor der Hinrichtung der Geschwister Scholl, seien es die letzten Tage, Briefe, Texte, die Tiefe Frömmigkeit von Bonhoeffer, sei es das Überleben Hans Rosenthals im Versteck im Schrebergarten, dass ihm durch Bekannte ermöglicht wurde.

Erinnerungen fließen zusammen und werden ebenso flüssig von Pröse aufgenommen, die noch einmal unprätentiös vor Augen führen, wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod zu Zeiten des dritten Reiches für jeden war, der das Regime bekämpfte oder schlichtweg versuchte, darin zu überleben.

„Draußen ist ein sonniger Februartag. Menschen gehen froh und heiter an diesen Mauern vorbei, nicht ahnend, dass hier wieder drei mutige Menschen dem Tod überantwortet werden sollen“.

Mut angesichts von Bedrängung unter Gefahr für das eigene Leben und Mut und Haltung auch Angesicht des Todes und der Minute der Hinrichtung, eindrucksvolle Erinnerungen legt Pröse ruhig und sachlich in der Form vor.

Die, gerade bei den prominenten Namen, nun nicht unbedingt neue Informationen enthalten, wohl aber den Leser in recht kurzer und prägnanter Form noch einmal erinnern, was war und was geschah. Durch die Augen noch lebender jener Zeit, die persönlich über die dort umgekommenen zu berichten wissen.

„Es ist etwas, das kann man nicht vernichten“. Das Menschliche, Humane, mutige sich zur Wehr setzen. Das gibt Yehuda Bacon dem Leser fast zum Ende des Werkes noch mit auf den Weg und setzt damit auch Wegzeichen für die Gegenwart. Sich für die Freiheit und das Miteinander einzusetzen. Auch wenn es einen Preis kostet.

Eine interessant zu lesende und auch emotional naherückende Lektüre. 

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Wem gehört die Welt?

Hans-Jürgen Jakobs
Fester Einband: 600 Seiten
Erschienen bei Knaus, 17.11.2016
ISBN 9783813507362
Genre: Sachbücher

Rezension:

Kapitalismus ohne Schranken

Am Ende wird es durch die Lektüre dieses voluminösen Buches klar, das zum einen die Welt der „Schattenbanken“ weitgehend Märkte, Formen, Industriekomplexe und, vor allem, Geld in einer Art und Weise zur Verfügung haben, dass damit die Fragen nach der „Weltherrschaft“ zumindest solange beantwortet sind, wie das Kapital in dieser Form das Ergehen des Planeten und seiner Menschen bestimmt.

Wenn Jakobs an einer Stelle im Buch sechs Personen beim Namen nennt (als Verantwortliche für Fondsgesellschaften, Banken und andere Finanzierungsinstitute), die sich zusammensetzen werden, wenn eine weitere Krise wie 2008 hereinbrechen sollte, dann wird ebenso klar, dass der Kreis jener, die wirklich „die Welt bewegen“ überschaubar ist.

Und noch nicht einmal alle der 200 Entscheidungsträger in den verschiedensten Rahmungen (Familiendynastie, Hedgefondsgesellschaften, Fondsgesellschaften, Industrielenker u.v.m.), die Jakobs zunächst im Kurzportrait im Buch vorstellt wären dafür vonnöten.

Wobei darauf hingewiesen werden sollte, dass der Zugang zum Buch besser, anders als gewohnt, „von hinten nach vorne“ zu nehmen ist. Denn sich durch 200 Kurzportraits zu arbeiten, deren Inhalte weitgehend keine Geheimnisse darstellen, sondern allgemein auch durch einfache Google Recherchen zu klären wäre, mutet zunächst überaus lang an und beinhaltet auch wenig echten Informationswert zum Thema des Buches (außer dass eine Vielzahl von Personen (neben den „Promis“ der Wirtschaft und des „Geldadels“) eher nicht in der breiten Öffentlichkeit allzu bekannt sein könnten)

Sobald aber der dritte und letzte Teil des Werkes gelesen ist (daher sollte man diesen zur Lektüre an den Anfang stellen) und damit auch die Vernetzung, Querverbindungen und die immensen Einflussmöglichkeiten der konkreten Personen allgemein verdeutlicht werden, liest man die Portraits doch in einem noch anderen Licht und kann sich gezielt jenen Personen zuwenden, denen das persönliche Interesse gilt.

Dass Jakobs in diesem letzten Teil anhand übersichtlicher und verständlicher Schaubilder schon allein die immense Schere zwischen dem „Besitz“ der Finanzwirtschaft und dem tatsächlichen BIP der Welt gegenüberstellt, zeigt eindrucksvoll, in welche Schieflage das System geraten ist (wobei „schief“ eben nur für den „Normalbürger“ oder den „Armen“ gilt, für die „reiche Seite“ ist genau diese Lage hoch willkommen natürlich).

Dabei geht es nicht nur um eine Akkumulation des Kapitals (nach Marx) für einzelne vermögende Personen, sondern um ein ganzes System von Akkumulationen der Industrie, der Pensionsfonds, der realen und der Finanzwirtschaft, der gesamten Wirtschaft, die, was Entscheidungen angeht, immer mehr in immer weniger konkrete Hände gerät.

Denn wenn ein Larry Fink von Blackrock 6 Billionen Dollar verwaltet und dazu an allen wesentlichen Unternehmen der Welt ebenso wesentlich beteiligt ist, dann ist das nicht nur „Marktmacht“, dann ist das einfach auch „Chef-Sein“. Wie Josef Ackermann zu spüren bekam, als er Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank werden wollte.

„Die größte Lüge in diesem System ist die vom „Streubesitz“. Die Realität ist Blockbildung“. Noch besser zu erkennen an der Strategie Amazons, jede Konkurrenz vom Spieltisch zu fegen und dann, am Ende, die Preis als eine Art Monopol bestimmen zu können.

80 Billionen Dollar an Volumen in den Schattenbanken, die schlichtweg von den kollabierenden traditionellen Banken die finanzträchtigen Geschäftsfelder übernommen haben und dies weitgehend ohne solche strikten Regulierungen vollziehen, wie es reale Banken inzwischen auferlegt bekommen (in Maßen), das zeigt, wohin der Weg seinen Verlauf nimmt.

Nur noch um den erbitterten Konkurrenzkampf namentlich zu nennender (und im Buch natürlich mit vorgestellter) Großanleger untereinander geht es, das „Alpha“ zu finden, die besten Anlagemöglichkeiten und Renditen.

Was aber tun, wenn „im Neokapitalismus Vermögensverwalter und Staatsfonds die Welt unter sich aufteilen“?

Nachdem Jakobs die Protagonisten vorgestellt hat und nachdem er aufgewiesen hat, wie vertrackt, gefährlich und, vor allem, dem Zugriff der Bürger weltweit entzogen die eigentlichen Fäden mit unüberschaubaren Geldsummen gezogen werden, bleibt er auch die Antwort auf diese Frage nicht schuldig.

Wobei es keine einfache Antwort ist und eine solche auch nicht geben kann angesichts der Geschwindigkeit der „Geldvermehrung“ und der Konzentration gewaltiger Mittel in wenigen Händen.

So bleibt abzuwarten, ob die „Kultur der Bescheidenheit“, die „globale Lösung der Steuerfragen“. Die offenen „Verteilungsfragen“ immenser Privatvermögen, bei denen die Politik gefordert sein wird und dass alles im weltweiten Zusammenhang nur zu lösen, da kann einem schon der Mut schwinden, dass irgendetwas an dieser Entwicklung wirklich noch getan werden könnte.

Letztendlich allerdings ist der größte Teil der Lektüre (die Portraits) eher als „Beiwerk“ zu den Grundgedanken der problematischen Entwicklung auf dem Finanzmarkt zu sehen und damit nicht unbedingt ein „Muss“ des Lesens. Das Jakobs teilweise holprig formuliert, sich nicht selten wiederholt stört die Lektüre an manchen Stellen merklich. Dennoch werden die Grundgedanken, statistischen Belege und Folgerungen sehr verständlich dargelegt und bieten somit einen guten Blick auf die kritische Gesamtlage.

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Rettet die Nacht!

Mathias R. Schmidt , Tanja-Gabriele Schmidt
Fester Einband: 250 Seiten
Erschienen bei Riemann, 31.10.2016
ISBN 9783570501993
Genre: Sachbücher

Rezension:

Die ganz eigene Kraft der Dunkelheit

„Die Nacht ist etwas ganz Besonderes. Sie ist die verkannte Steifschwester des Tages, seine geheimnisvolle, dunkle „Schattenseite“.

Als „gleichwertiger Partner des Tages“ bezeichnen die Autoren zutreffend die Nacht. Die nicht „lästig“ ist, die nicht „ungenutzt“ im stetigen Aktivitätsdrang des modernen Menschen verstreicht.

Schlaf ist dabei nur eine Seite, wenn auch eine sehr existenzielle, welche die Nacht „zu bieten“ hat (für die meisten Menschen zumindest). Eine Notwendigkeit zur Verarbeitung, zur Regenration, zur Ruhe. Und es ist nicht nur eine „lässliche“ Missachtung, sondern eine gefährliche Ignoranz, wenn wir gerade dem Schlaf zu wenig unserer „ach so kostbaren Zeit“ einräumen.

Erst der ständige Zyklus n Tag und Nacht macht das lebensbestimmende Auf und Ab, die komplex miteinander vernetzten, biologischen Rhythmen, bis in die kleinste Zelle unseres Körpers möglich.

Und doch ist es so, dass die Nacht an Beachtung verliert. Zunehmend. Und nicht nur im übertragenen Sinne von Arbeit und / oder Feiern, sondern im ganz wörtlichen Sinne alleine schon im Blick auf „die Beleuchtung“ mittlerweile die „Nacht zum Tag“ gemacht wird.

Dringend notwendig (man beachte nur die medizinischen Statistiken der Zahl an Menschen mit Schlafstörungen samt vielfacher Folgeerscheinungen) somit ist es, was die Autoren vorgeben: Die Nacht „aus dem Schatten“ des „Rund um die Uhr aktiv Seins“ herauszuholen.

Dass dabei die uralten, natürlichen Lebensrhythmen des Menschen im Lauf der letzten Jahrzehnte enorm verändert wurde, das zeigt sich einerseits an der “Lichtverschmutzung“, welche die Autoren verständlich erläutern, aber auch an den Arbeitsrhythmen, der Moderne, der allzeitigen Erreichbarkeit und der teils gar als Last empfundenen Notwendigkeit, zu schlafen. Bei der so mancher Top-Manager oder Spitzenpolitiker vielfache Techniken durcherprobt, um mit (noch) weniger Schlaf dann auskommen zu können.

Unter Missachtung eines der wesentlichen Kernsätze des Buches und des Wissens um die Tag- und Nacht Bedeutung für den Menschen, „Alles hat seine Zeit, auch die Organuhr“.

Wobei, über den Menschen hinausgedacht, jene stattfindende „Erleuchtung der Nacht“ ebenso tief eingreift in das Leben von Tieren. Nachtaktive Tiere werden hochgradig irritiert durch hell beleuchtete Lebensbereiche. Und hier geht es nicht um subjektive Empfindungen von Menschen, die Insekten eher als lästig empfinden, sondern um eine Grundlage des ökologischen Systems, in dem „selbst die kleinsten Tiere ihre ökologische Funktion“ besitzen. Und daher „kleine Tode“ langfristig weitreichende Folgen nach sich ziehen können.

Wobei bereits geringe Beleuchtungsstärken ausreichen, um nicht nur Insekten, sondern auch Fische und andere Tiere in ihrer Entwicklung und Lebensweise hemmen.

Auch wenn die Kraft zur Adaption bei Mensch und Tier in der Regel breit ausgeprägt ist, in der Moderne, so erläutert das Buch eindeutig, hat die „Lichtverschmutzung“ und die Aufhebung der Scheidung von Tag und Nacht eine bedenkliche und folgenreiche Grenze bereits überschritten.

Das dabei im metaphysischen Sinne die „Nacht“ auch ein „besonderer Ort“ ist, eine ganz besondere Stimmung sich entfaltet, wenn rings herum (soweit möglich), das geschäftige Treiben zur Ruhe kommt. Eine Zeit der „Ängste und Hoffnungen“, die ungestört vom grellen Licht des Tages und der Geschäftigkeit desselben gerade in dieser Ruhe Gelegenheit finden, „sich zu Wort zu melden“. Als „Stimmung“ oder in Form von Träumen. Momente, die der Besinnung, der Neuausrichtung, der Reflexion, der Verarbeitung dienen. Lebenswichtige Prozesse für eine echte Entwicklung, denen die sich immer mehr annähernde, Gleichförmigkeit von Tag und Nacht ihre Möglichkeit zur lenkenden Bedeutung nehmen.

Ein anregendes Werk, in der Form ergänzt durch einige sachkundige Interviews mit jeweiligen Wissenschaftlern zu konkreten Themen und mit konkreten „Checklisten“ am Ende versehen, die der Nacht in der ausgeleuchteten Kulturumgebung durch recht einfach zu verrichtende Veränderungen wieder mehr Möglichkeiten der Wirkung gibt.

Veränderungen, die das Licht „aktiv lenken“ und somit Zonen der Dunkelheit bestmöglich einrichten lassen können.

Auch wenn das Hauptthema das der „Lichtverschmutzung“ ist und dies sehr interessant dargestellt wird, die Autoren versäumen nicht, vielfache Aspekte der Nacht in den Blick zu rücken und die Bedeutung der Dunkelheit auf vielen Ebenen zu betonen.

Eine anregende Lektüre.

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(8)

28 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

dan wells, 2016, junger serienkiller, du bist noch nicht tot

Du bist noch nicht tot

Dan Wells , Jürgen Langowski
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.12.2016
ISBN 9783492281126
Genre: Fantasy

Rezension:

Temporeich und stimmig zu lesen

Was „Dexter“ seine Serienmörder im Umfeld sind, die der Gerichtsmediziner und Blutexperte in der gleichnamigen Serie ihrem gerechten Schicksal zuführt und damit auch dem eigenen inneren Trieb folgt, zu morden, das sind für den junge John Cleaver „die Verwelkten“.

Eine Art Dämonen, oder fremdes Bewusstsein oder man weiß es noch nicht so genau, zumindest aber Wesen, die unerkannt unter den Menschen leben und sich in je individueller Form von diesen „ernähren“. Sei es, den Menschen die Erinnerungen zu rauben oder ihre Jugend oder gleich die ganze Haut.

Cleaver wird aufgrund seiner Fähigkeit sich in „Verwelkte“ einzufühlen, deren Nähe zu suchen und eine mögliche Todesart auszukundschaften und seiner Erfahrungen mit all dem trotz der jungen Jahre in einer Sonderermittlungskommission geduldet.

Bei der man, lernt man die einzelnen Mitglieder kennen, gar nicht genau weiß, ob der ein oder die andere der Ermittler nicht ähnlich hart und brutal denken und Vorgehen, wie „Verwelkte“ es tun.

In der kleinen Stadt nun nehmen Ereignisse merkwürdiger Morde und völlig zerbissener Leichen zu, mehr und mehr „Verwelkte“ scheinen in die Nähe zu kommen, sich zu treffen, zusammenzuschließen.

Und alles deutet darauf hin, dass auch der „König“ dieser uralten Wesen eintreffen wird. Die Gruppe der Ermittler und gerade John Cleaver scheinen eine Herausforderung zu sein, der die Dämonen endgültig zu begegnen gedenken.

Trocken, ironisch, zynisch, nicht sparsam mit Blut und Tod und teilweise dezidiert hart (aber nicht in den Bereich des Ekels abgleitend), so erzählt Wells eine weitere Folge der Geschichte des John Cleaver, der beständig sich im Zaum halten muss, und sei es mit mathematischen Reihen, um nicht der Lust an Gewalt, die in ihm angelegt ist, nachzugeben.

Ein Band der Reihe, in dem der Leser nun auch in aller Ausführlichkeit von der Entstehung der „Verwelkten“ erfährt. Was wann geschehen ist, was aufgegeben werden musste für ein solch „unendliches“ Leben, wo die Achillesferse der uralten Wesen sitzt und das auch „Verwelkte“ nicht über einen Kamm zu scheren sind.

Wobei am Ende dieses Bandes auf allen Seiten nicht mehr viele der beteiligten Personen oder „Verwelkte“ noch in der Lage wären, auf beiden Beinen zu stehen.

Das Finale hätte dabei durchaus noch einiges an Raum vertragen, gerade wenn man sich eingelesen hat und in der Situation so richtig angelangt ist, ist es schon vorbei. Was andererseits Lust macht auf einen weiteren Band um den so andersartigen jungen Mann John Cleaver.

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Der Junge der nicht hassen wollte

Shlomo Graber
Flexibler Einband
Erschienen bei Riverfield Verlag, 01.12.2016
ISBN 9783952464052
Genre: Biografien

Rezension:

Vom Umgang mit Terror, Tod und Leid

„Die Bedingungen im Waggon waren unmenschlich. Es gab kaum Platz zum Sitzen oder Hinlegen. Und es gab nicht genügend Lebensmittel und praktisch kein Wasser…..Die im Feld arbeitenden Bauern grüßten und winkten uns fröhlich zu. Ich weiß bis heute nicht, ob unser Zug von außen einfach nur unschuldig aussah oder uns die Bauern auf den Feldern verhöhnten“.

14 Jahre alt ist Shlomo Gruber, der mit seiner Familie als Jude in Ungarn aufgegriffen und deportiert wurde, der verschiedene Konzentrationslager überstand.

Der mit seiner Mischung aus Zähigkeit und kluger Voraussicht, aber auch der Fähigkeit, massives Leiden zunächst einfach zu ertragen (und, ehrlich gesagt, vor allem auch mit viel Glück einfach) diese Zeiten des grausamen Terrors, der zigtausenden von Toten allein in seinem Umfeld der Lager überstand.

Und am Ende des Krieges zumindest äußerlich befreit nur noch seinen Vater lebendig vorgefunden hat.

Das ist das eine, was dieses Buch noch einmal in seiner klaren und schlichten Sprache als „einfache“ Erzählung dem Leser vor Augen führt. Der Bericht eines der letzten Augenzeugen und Überlebenden des Holocaust und der Konzentrationslager.

Wobei der Teil nach der Befreiung und nach Ende des Krieges für die Gegenwart letztlich noch interessanter und wichtiger zu lesen ist. Denn wie man angesichts solcher Erfahrungen, solcher „fröhlich winkender Bauern“ und grausamster Behandlung, mit offenen Augen sehend, was der Mensch dem Menschen antun kann, dennoch sich dem Leben ohne Hass und ohne lebenslange Rachegedanken wieder öffnen kann, auch davon erzählt Shlomo Graber ruhig und emotional nahe.

Nicht nur, dass er in der Folge und Zeit seines Lebens Gewalt, Verfolgung, Fanatismus rigoros ablehnte und bekämpfte, wo er konnte, sondern sich selbst die Versöhnung untereinander auf die Fahnen geschrieben hat.

„Liebe ist stärker als Hass, vergiss das nie, mein Sohn“.

Diese Worte seiner Mutter „wurde mir zur Losung, zum Credo“. Und das im Lager und unter den Bedingungen des Lagers.

Damit setzt Graber nicht nur noch einmal einen Impuls für den Rückblick auf die unendlichen Leiden gerade der Juden im dritten Reich, sondern bietet dem Leser auch eine andere als die naheliegende und impulsive Möglichkeit des „um sich Schlagens“ und „gegen andere Vorgehens“ trotz harter Erlebnisse und trotzdem Graber jedes innere Recht der Welt gehabt hätte, einen Hass zu entfalten und Zeit seines Lebens daran fest zu halten.

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78 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 32 Rezensionen

thriller, entführung, london, familie, janet clark

Black Memory

Janet Clark
Flexibler Einband: 382 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.12.2016
ISBN 9783453418332
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


„Hellstes, klarstes Blau, Alles, was ich sehe, ist vergissmeinnichtblau“.

In einem kleinen Ruderboot. Verletzt, mit schmerzenden Rippen. Ausgedörrt. Und ohne konkrete Erinnerungen. Weder ihren Namen noch sonst etwas Genaueres weiß die Frau. Die eher durch Zufall von einem Fischer gerettet wird, umgehend an Land in Indonesien (wie kommt sie dahin, was wollte sie dort?) von der Polizei festgesetzt wird.

Die beiden Männer, die vorgeblich von der englischen Botschaft kommen, um sie aus dem Gefängnis heraus zu holen, sind ihr fremd. Und dabei wird sich herausstellen, dass einer der beiden ihr überaus bekannt sein müsste.

Zudem erfährt sie, dass sie wegen Kindesentführung gesucht wird. Auch das sagt ihr nichts und auch hier sollte sie das Kind, um das es geht, eigentlich wesentlich besser kennen, als es ihr Gehirn zulässt.

In Sicherheit in London (Sicherheit?) tauchen andere Personen auf. Echte oder vermeintliche Freunde und Freundinnen? Ein hilfsbereiter Portier im Haus, ein Ehemann, der ihr fremd ist, eine Wohnung, in der sie kaum persönliche Dinge von sich findet, selbst im Badezimmerschrank nicht.

Und der Versuch, mit Hilfe anderer und auf eigene Faust dem Trauma zu begegnen, sich verzweifelt zu erinnern, wer auf welcher Seite steht und wer mit was zu tun hat, vor allem mit ihr.

Bis sie in einem psychotherapeutischen Institut landet (auf eigene Initiative), sich der Vergangenheit stellen muss, am eigenen Ehemann irre wird (den sie eigentlich gar nicht wirkliche erkennt) und langsam, aber sicher zumindest feststellt, dass sie eine „Gabe“ besitzt, dass ihre Hände anderen Menschen helfen können und das dies vielleicht auch mit jenem Kind zu tun hat, das verschwunden ist und noch länger bleiben wird.

Bis hin zum Finale erzählt Clark sehr gefällig, gelingt es ihr, den Leser mit in diese verwirrte, verwirrende „neue“ Welt der Ärztin Clare und ihres Mannes hinein zu nehmen.

Dass dabei gerade die Dinge am Ende ein stückweit vorhersehbar sind, dass erfahrene Thriller-Leser den Drahtzieher schon nach dem ersten „Auftritt“ irgendwie im Hinterkopf behalten lässt zwar die großen Überraschungsmomente in der Auflösung des Geschehens nicht eintreten, dafür aber gelingt Clark im Lauf der Ereignisse immer wieder eine kleinere, unverhoffte Wendung, eine Setzung gefahrenvoller Atmosphäre, welche die Irritation der Frau auf den Leser gut mit überträgt.

Zügig treibt Clark dabei die Geschichte voran und bietet so eine anregende Unterhaltung, die routiniert und gut umgesetzt wird, auch wenn die einzelnen Elemente (Amnesie, langsames Füllen der Erinnerungslücken, Suche nach sich und der vermissten Person, nur scheinbar „Vertraute“, die sich im Lauf der Zeit auch in ihren Schattenseiten zeigen werden) nicht unbedingt neu sind.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Eine Büroklammer in Alaska

Guy Grieve , Olaf Kanter , Hans Baltzer
Fester Einband: 356 Seiten
Erschienen bei Ankerherz Verlag, 03.10.2016
ISBN 9783958980112
Genre: Biografien

Rezension:

„Aussteigen“ in radikaler Manier

„Es liegt in unserer Natur, dass uns die Hoffnung stärker antreibt als die Furcht“.

Das gilt zumindest bei einigen, von anderen als überaus „wagemutig“ bezeichneten Personen.

Und das gilt für Guy Grieve. Der nicht einfach eine moderne „Ich-wandere-aus“ Sehnsucht hatte und dabei einen zivilisierten Ort gegen einen anderen (mit mehr Sonne vielleicht“ eintauschte, wie es in manchen pseudo-Fernsehserien der Fall ist.

Guy Grieve, im bürgerlichen Leben verankert und ohne besondere „Natur-Bursche“ Fähigkeiten zunächst versehen, folgt seinem inneren Drang, seiner starken Sehnsucht. Denn, das stellt er fest, dieses Alltagsgetriebe, diese Enge, Normierung, dieses „die Zukunft schon Tag für Tag vorwegnehmen können“, das bringt zumindest ihn immer weiter weg von sich selbst.

„…dass ich nämlich kurz davor war, durchzudrehen und den Punkt erreicht hatte, an dem es kein Zurück gibt“.

Den „Kerker der Existenz“ zurücklassen und dafür, auch das eine klare, extrem wirkende Entscheidung, die sich aber umgehend aus der Situation des Mannes erschließt, an „einen der einsamsten, wildesten Orte der Erde“ zu gehen.

Begonnen hatte es zum einen mit dem immer stärker werdenden Eindruck, den Erwartungen in der Firma nicht genügen zu können, aber auch nicht genügen zu wollen. Falsche Richtung des Lebens einfach. Und begonnen hatte es mit dem Joggen in der freien Natur, das tatsächlich Entlastung für die eigene Seele mit sich brachte und die Natur näher rückte.

Dennoch, eine extreme, nicht naheliegende Idee, die in Grieve gereift war und die er, allen Widrigkeiten zum Trotz, umsetzte.

Nach Alaska. In die Wildnis. Alleine mit kaum vorhandenen handwerklichen Fähigkeiten.

„Unser Alltag bestand vor allem darin, zu strampeln, um nicht unterzugehen“.

Also auf nach Alaska. Mit dem Vorsatz, dort eine Hütte zu bauen und einen Winter zu verbringen. Nah an der Natur, vor allem aber ganz anders als bisher im Getriebe der Welt. Die eigenen Kräfte in den Mittelpunkt stellen und überhaupt erst einmal erfahren, wieweit diese reichen und was wirklich für ein Mensch in der eigenen, körperlichen Hülle steckt.

Dass alles erzählt Grieve gerade heraus, in einfacher, aber treffender Sprache. Und entfaltet dabei in Teilend es Werkes einen echten Abenteuerroman, bei dem, zeitlich befristet, Frau und Kinder zurückgelassen werden und gegen den Kampf gegen Kälte, wilde Tiere und der eigenen Unfertigkeit aufgenommen wird. Bis hin zum Einbruch in das Eis (nur gut, dass Grieve da schon zwei Messer bei sich hat und, noch wichtiger, mit diesen umgehen kann, wie er ebenso bereits in der Lage war, seinen Körper „eigene Entscheidungen“ in großer Schnelligkeit treffen zu lassen.

Vorweggesagt, was kein großer Spoiler ist, Grieve übersteht diese Zeit und findet tatsächlich „seinen Kern“.

Ein Erlebnis, das ihn für immer verändert hat. Und das für den Leser emotionale Verbindungen herstellt. Nicht, dass man nun unbedingt selbst „in die Wildnis“ müsste, es gibt viele individuelle Wege und Sehnsüchte. Das aber das „alltägliche Leben“ mit seiner Arbeits-, Geld-, und Konsumorientierung den Menschen nicht unbedingt näher zu sich führt, das wird dem Leser bei dieser Lektüre fassbar klar. Und hinterlässt Fragen an den eigenen Lebensstil und Lebensweg, die positiv beunruhigen.

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12 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

ch: niveau 2016

Fließsand oder Eine todsichere Anleitung zum Scheitern

Steve Toltz , Klaus Timmermann Ulrike Wasel
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei DVA, 24.10.2016
ISBN 9783421046819
Genre: Romane

Rezension:

Dicht, ehrlich, packend, humorvoll und unterhaltsam dazu

Da muss schon einiges passiert sein, was den ständig auf „die große Nummer“ wartenden und ständig „big deals“ erprobende Aldo hinter sich hat, wenn er zu Beginn des Romans im Rollstuhl sitzend einen äußerlich erbärmlichen und innerlich aufgewühlten Anblick bietet.

Und da muss mehr passiert sein, als das seine „große Liebe“ gerade dabei ist, einen anderen zu heiraten und „ihren“ Aldo natürlich mit Funktion zur Hochzeit eingeladen hat. Als Platzanweiser.

Was alles sehr überzogen wirkt, zu Beginn, Was doch kaum sein kann, dass einem Mann ständig höchste Merkwürdigkeiten mit stark negativen Folgen für seine Gesundheit „über den Weg laufen“.

Doch Toltz gelingt es, und das vor allem mit seiner lapidaren, ironisch-zynischen, genau beschreibenden Sprache, diesen Aldo für den Leser absolut greifbar und in all seinen Fettnäpfchen realistisch wirkend vor Augen zu führen.

Was, neben der Sprache, auch an der zweiten Hauptfigur des Romans, des „heimlichen“ (da noch nicht veröffentlichten und bisher nur abgelehnten) Schriftstellers und, im Hauptberuf, Polizisten, Liam zu verdanken ist.

Bester Freund seit Jugendzeiten, echter „Buddy“, der seinen Beruf nicht selten dazu nutzen muss, Aldo irgendwo heraus zu holen, wenn dieser sich wieder in einer Sackgasse befunden hat, aus der es ohne Verletzungen keinen Weg herausgab.

Was liegt nun näher, als diesen Irrsinn, der Aldos Leben bestimmt, einfach als Stoff für den eigenen, neuen Roman zu nutzen? Und so nimmt Liam im Buch den Leser mit hinein in die Geschichte Aldos, in seine eigene (Verheiratet, so la la, Vater, „Broterwerber“) und die vielfachen Merkwürdigkeiten, die beide zusammen erlebten. Samt einer gehörigen Portion „Blick auf die Welt“, die Toltz seinen beiden Figuren unnachahmlich, mit trockenem Witz und massiver Ironie mit in den Mund legt.

„Du weißt, früher wollten die Leute Rockstar werden und heute reicht es ihnen, wenn Rockstars auf ihren Geburtstagspartys spielen? Du weißt, dass wir Pornographie inzwischen für Meinungsfreiheit halten? Und wir haben schon immer gewusst, dass die Leute ihre Freiheit hassen, aber jetzt wissen wir auch, dass sie ihre Privatheit verachten“.

Dies und noch viel mehr, das Buch strotzt geradezu davon, sind die Einsichten eines Mannes, der von der äußeren Erscheinung her schon sein Päckchen zu tragen hat, bei dem Pech hinzutritt, Wagemut überhand nimmt, und der dennoch nicht sich für falsch, sondern die Welt für einen merkwürdigen Ort hält.

Wobei der Leser Seite für Seite mehr dazu neigt, diesem Aldo recht zu geben, der mit seinem auffälligen Verhalten Reaktionen provoziert, in denen sehr klar und präzise von Toltz ausgeführt wird, wie der Mensch der Moderne „so drauf“ ist. Und da wird weitaus Beschämenderes vom Zustand der Welt zur Sprache kommen als die jugendlichen „harten Kerle“, die Aldo zwingen wollen, den Tageshöchstbetrag aus dem Automaten zu holen. Wenn dieser nicht just in diesem Moment seine PIN vergessen hätte. Und wiederum nur mit Blessuren den Ort der Handlung verlassen wird.

Wie stark dabei echte Freundschaft das Leben trägt, wie absolut direkt, klar, ehrlich und ohne jede Rücksichtnahme die Kommunikation der beiden verläuft, all das macht diesen Roman zu einem echten Pageturner und einer Gratwanderung zwischen Realität und Wahnsinn, die den Leser immer weiter im Sog der Erzählung hält.

Im Blick auf „deinen Mordprozess und deine frappierende Aussage natürlich. Deine Unmengen an geschäftlichen Misserfolgen. Dein grässliches Pech. Deinen miserablen Gesundheitszustand. Deine schrille Verzweiflung. Dein totes Kind“. Was alles zur Sprache kommen wird in diesem hervorragenden Roman.

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Das Black-Box-Prinzip

Matthew Syed , Ursula Pesch , Franka Reinhart
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 11.11.2016
ISBN 9783423261302
Genre: Sachbücher

Rezension:

Scheitern ist nur ein weiterer Schritt zum möglichen Erfolg

Auch wenn im Buch eine Vielzahl von „Scheiter-Geschichten“ angeführt wird, auch wenn das Buch bereits mit einer dramatischen dieser Geschichten eröffnet, bei dem es um Leben und Tod geht und Fehler zum Tod führen, im eigentlichen Kern bietet Syed doch ein Angebot zur Reflexion, zum Nachdenken über eine eigene „Black-Box“ im Leben, das sich darum dreht, wie Erfolg möglich ist.

In der Form typisch „amerikanisch“, das heißt im leichten Plauderton und durchsetzt mit vielfachen Geschichten, Beispielen, Bezügen zu Begebenheiten des Lebens arbeitet Syed dabei in sehr flüssiger Erzählweise jene Prinzipien und Regeln heraus, die dem Leser verhelfen können, zum einen das Scheitern, mögliche Fehler, mit einzukalkulieren und zum zweiten aus diesen dann aber auch die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Sei es Google oder Pixar als große Unternehmen, seien es David Beckham oder Michael Jordan als erfolgreiche, herausragende Individuen, wie der „lange Weg“ zum Erfolg eben auch von Fehlern begleitet wird, gar teils krachendes Scheitern zunächst dazugehört, wie aber vor allem der Unterschied sich gestaltet in der Angst, die jedem Menschen inne liegt und wie es gelingt, den „Angst-Überwinden“ Impuls stärker zu leben als den Impuls der „Erstarrung“ oder gar „der Flucht“ durch Angst, das legt Syed durchaus nachvollziehbar und motivierend im Buch vor die Augen des Lesers.

„Und wir werden feststellen, dass in all diesen Fällen Erfolg auf eine machtvolle und oft auch der Intuition zuwiderlaufenden Weise davon abhängt, wie wir auf Misserfolg reagieren“.

Da sich diesem zum einen dem „Verstand“ zunächst zu wenig erschließt (der oft nach in der eigenen Welt, bis zum Rand des eigenen, kleinen Tellers nur schaut und sich darin einrichtet) und auch das „Gefühl“, die „Intuition“ den Menschen stark in Richtung „Sicherung und Sicherheit“ treibt, beides aber einen weiten, offenen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus und aus der eigenen Angst heraus vor dem Risiko des Neuen, Unbekanntem verstellt, benötigt es bestimmte, zu lernende und zu trainierende „Haltungen“, sich ins mögliche Risiko zu begeben und Misserfolge konstruktiv zu verarbeiten.

Sehr griffig ist dabei das Beispiel aus der Luftfahrt, was titelgebend für das Programm dient. Aus der fast absolut sicher eingebauten Black-Box heraus gelingt es, nach Auswertung derer Daten, sehr genau den Fehler, der zu Störungen oder gar zu einem Absturz eines Flugzeuges führte, zu finden, einzugrenzen und darauf für die Zukunft zu reagieren.

Dieses Prinzip führt Syed nun im Weiteren aus um die „kognitive Dissonanz“ (die falsche Einordnung von Fakten durch subjektive Haltungen) des Menschen zu erläutern.

Manchmal sind Misserfolge tatsächlich das einzige Mittel, um den Organismus, die Firma, das Individuum neu auszurichten und zum Erfolg nötige Veränderungen in der Lebensstrategie umzusetzen.

Nicht umsonst spricht die Psychotherapie davon, das nur jemandem geholfen werden kann, der inneren Leidensdruck verspürt und der dieses „Problem“ (Misserfolg) lösen will.

Alles Neue aber kann nun einmal zunächst zu Fehlern oder Irrtümern führen, erst in diesem „Trial and Error“ Verfahren werden meist jene Fertigkeiten erlangt, mit neuen Aufgaben und Situationen Umgang zu finden und „besser“ darin zu werden.

Ein aufmunterndes, durchaus motivierendes Buch, um durch eine Relativierung und teils positive Umdeutung von Fehlern im Vorfeld bereits die Angst vor dem Risiko als „Antreiber“ zu verstehen und nicht als „Ratgeber“, der man beständig nachgeben muss, um vermeintlich „in Sicherheit“ zu bleiben. Denn dies kostet am Ende einfach die eigenen Möglichkeiten, die nicht erprobt werden.

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krimi

In einer Winternacht

Mary Higgins Clark , Karin Dufner
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Heyne, 11.10.2016
ISBN 9783453438859
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Miss Marple lässt grüßen

Die Verbindung einer „klassischen“ Weihnachtsgeschichte (mit Motiven des „ausgesetzten Kindes“, mit Krippenspiel, Kindertagesbetreuung und alten Nonnen, denen das Ende ihrer wunderbaren Kinderbetreuung droht) und einfachen, aber fein ausgewählten Kriminalelementen (der Diebstahl eines Kelches und ein merkwürdiges Testament, das eine Freundin von Alvira ihres Erbes berauben würde) bildet im gesamten eine einfach zu lesende „Kriminalweihnachtsgeschichte“ mit liebevoll gezeichneten Personen, die zwar nicht ganz den Stereotypen ihrer Charaktere entkommen können, aber durchaus ein gewisses „Eigenleben“ aufweisen.

Ein Kind wird ausgesetzt auf den Stufen eines Pfarrhauses in New York. Ein Dieb stiehlt einen Kelch und das Kind. Eine Mutter ist sieben Jahre später schwer getroffen von dem, was sie getan hat und kehr fast Tag für Tag an den Ort vor dem Pfarrhaus zurück.

Alvira, Lottomillionärin, Bewohnerin Manhattans mit Blick auf den Central Park, Freundin von Kate (die fest damit gerechnet hätte, dieses konkrete Haus, in dem sie lebt, von ihrer Schwester vererbt zu bekommen) geht ihrer stillen und herausfordernden Neigung nach. Als Detektivin zu ermitteln.

Und das nun gleich in mehreren „Fällen“. Der Erbschaft. Der Mutter, die ihr Kind sucht. Der Hilfe für die beiden älteren Nonnen, deren Kinderbetreuung durch städtische Auflagen vor dem Aus stehen könnte. Und als Hilfe für Pater Timothy, der seinen Kelch immer noch schmerzlich vermischt.

Natürlich weiß der Leser von Beginn an bereits relativ viel von dem, was Alvira und ihre Freunde samt Willy, ihrem Mann (der „Stille Nacht“ eisern auf dem Klavier übt) erst Schritt für Schritt herausbekommen werden müssen.

Und auch die Auflösung des Erbfalles ist keine sonderlich aufregende oder tief überraschende Wendung um Geschehen.

Dennoch, es gelingt Higgins Clark von Beginn an, jenen besonderen Ton klassischer Weihnachtsgeschichten mit „schöner Bescherung“ auf allen Seiten am Ende zu treffen, der zudem in der Ermittlerin und den Schilderungen der Nachforschungen sehr an klassische, britische Kriminalroman erinnert, so dass insgesamt ein beachtliches Wohlgefühl bei der Lektüre auftritt.

Keine Blutströme, keine Killer, dafür eine stringent erzählte Geschichte mit klar gezeichneten Personen, die, ruhig erzählt, durchaus ihren unaufgeregten Spannungsbogen aufbaut und nachher tatsächlich alles mit allem zu verbinden versteht.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Melrose

Edward St Aubyn , Dirk van Gunsteren , Ingo Herzke , Sabine Hübner
Fester Einband: 880 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.12.2016
ISBN 9783492057349
Genre: Romane

Rezension:

Kritischer Gesellschaftsroman bester Güte in fünf Teilen

Für jeden, der in das spannungsgeladene „Upper Class“ Universum des Patrick Melrose (und dutzender weiterer Haupt- und Nebenfiguren) erstmalig einzudringen gedenkt oder für jene, die bis dato noch nicht alle der fünf Romane um Melrose gelesen haben (und für jene, die das alles gerne noch einmal in „einem Rutsch durch“ lesen möchten, bietet der Piper Verlag mit dieser Ausgabe alle fünf Romane in einem Band.

Vom „Beginn“, das fünfte Lebensjahr von Melrose, bis zum Ende, als er schon „über die Mitte des Lebens“ hinaus ist, verheiratet war, selber als Vater nun zu agieren hat (und das nicht immer bestens erledigt, trotz oder gerade wegen seiner eigenen, massiv schwierigen Zeiten als Kind).

Ein Roman, in dem St Aubyn mit kunstvoller, teils direkter, oft mit vielen Assoziationen versehener Sprache so präzise wie kaum ein anderer Schriftsteller in allen Nuancen sein Thema, seine „Britishness“ aufgreift und erkennbar lustvoll all die Fassaden, die Unsicherheiten hinter der souveränen Ironie, die lähmende Atmosphäre der Clubs und das verzweifelte Suchen nach sich selbst (will man nicht aufgeben und sich einfach “dem Wohlstand ergeben“) mit einem hohen Sprachschatz versehen auf den Punkt beschreibt.

„Nach dem Erbrechen hatte sie die Zähne geputzt, doch den galligen Geschmack hatte sie immer noch im Mund. Auch vor dem Erbrechen hatte sie bereits ihre Zähne geputzt, denn sie konnte ihre optimistische Art nie ganz anbinden“.

Schon früh am Morgen hat Eleoanor. Melroses Mutter, die fassbare Vorstellung eines Wodka mit Eis vor Augen. Der vielleicht umgehend helfen könnte.

Ein gestörtes Elternhaus (und das nicht im kleinen Teil), ein Herantasten an die Welt (an „DIE Welt“, die Welt der Reichen, in die Melrose hineingeboren wird“.

Das ständige Ringen nach der „richtigen“ Antwort in der formvollendeten Konversation in diesen Kreisen. „Eleanor wusste, es gab eine Formel, die alle in solchen Situationen benutzen, aber sie suchte vergeblich danach“.

Einer der Schlüsselsätze in den Romanen, der es gerade in sich hat, weil er so nebenbei daherkommt. Nicht, dass Melrose oder die anderen ständig nach passenden Erwiderungen ringen würden, aber das, was Melrose antreibt ist durchaus das Gefühl, dass da noch was sein müsste. An echtem Leben. In sich selbst. Nur kommt er lange nicht drauf. Was vielleicht noch nicht einmal an ihm liegt, sondern an dem, was die „Ursachenkette“ ausmacht.

Als er reif genug ist, zu verstehen, dass die eigenen Eltern, die für eine solch unglückliche und kalte Kindheit gesorgt haben, selber einmal unglückliche Kinder waren, nur weitergeben, was damals sein eigenes (und tief eingeprägtes) Erleben war und deren Eltern wiederum irgendwann unglückliche Kinder waren und so fort, und so fort.

„Niemand hatte Vorwürfe verdient und jeder hatte Hilfe verdient, und wer die größten Vorwürfe verdient zu haben schien, bedurfte der größten Hilfe“.

Erkenntnisse, die spät reifen, die erst in der Freiheit von dieser Welt (Vater und, vor einigen Seiten dann, Mutter sind gestorben).

Mit Verachtung gegenüber allem, was seelisch helfen könnte (Pyychiatrie ist für die Irren, nicht für einen Menschen „von Stand“, verbleibt Melrose nur das „Trial and Error“ Verfahren durch Alkohol, Drogen, Zerstreuung, Konversation, Fassaden erbauen und erhalten, um mit anderen Fassaden so zu tun, als hätte man echten Kontakt.

Ein Verfahren, dass er, wie sich herausstellen wird, mit vielen der anderen Personen in den Romanen teilen wird, von distinguierten Herren bis zu wirklich verrückten Frauen.

Was aber ist nur real? Was genau ist dieses „eigene Leben“, das lange Zeit in diesen konservativ festgelegten Formen nur „dahinplätschern, mitplätschern“ kann? Bei einer so langen Zeit, in der es nur darum ging, „sich aus allem herauszureden, was er je gedacht ider gefühlt hat.“.

Ein literarisches Highlight, das mit gnadenlosem und klarstem Blick eine ganze Institution der „oberen Klasse“ Englands nicht nur ironisch „aufs Korn“ nimmt, sondern letztlich literarisch „zerstört“.

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Die Blumen der Mode

Barbara Vinken , Michaela Melián , Bernard Mandeville , Jean-Jaques Rousseau
Fester Einband: 552 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 12.11.2016
ISBN 9783608949100
Genre: Sachbücher

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Innere Deutung und Geschichte der Mode

Ende des 20. Jahrhunderts kam sie „in Mode“. Die in Schnitte umgesetzten „erotischen Fantasien“, bei Versace, Montane, Gaultier und anderen wichtigen Modeschöpfern.

„Inspirieren lassen sie sich von oftmals bizarr anmutenden Obsessionen“. Höchste Absätze, Schnürkorsetts, Lackleder. Und nehmen damit auf, was „Trend“ ist im „wahren Leben“.

Was nur ein, sehr prägnantes, Beispiel dafür ist, wie die Mode und das Design der Mode immer und immer wieder empathisch es verstanden haben (und verstehen), gesellschaftliche Entwicklungen, Nischen, Neuausrichtungen bereits im Vorfeld zu erspüren und Trends zu setzen, bevor überhaupt jene Nische „Mainstream“ geworden war.

Nicht nur an dieser Stelle gehen Mode und zunächst kleinere, individuelle Entwicklungen Hand in Hand und machen hoffähig, was zu Beginn eher Aufbegehren darstellte oder einer Absonderung vom Mainstream diente.

Die Swinging Sixties, die Zeit des Punk, eben jene erwähnte Phase des „Fetish“ (zu der Valerie Steel eine überaus treffende Modetheorie von „Fetisch. Mode. Sex. Macht“ im Buch beisteuert.

Ebenso, wie mit den Einsichten und Einblicken von Pierre Bourdieu und Yvette Desault zugleich Zeitgeschichte in der Betrachtung der konkreten Mode der konkreten Zeit aufgedeckt wird. Wie sich die Aufspaltung der „Szene“ in eine Avantgarde (rive gauche) und des weiterhin starken exklusiven Klassizismus etablierter Häuser (rive droite) sichtbarer Ausdruck der „Teilung der herrschenden Klasse in eine alte und eine neue Bourgeoisie“ vollzog.

Da, wo der Körperkult begann und die Ummantelung des Körpers nur mehr dazu diente, diesen bestmöglich zu präsentieren. „Der Körper und nicht mehr das Kleid wird…zum gesellschaftlichen Distinktionsmerkmal schlechthin“. Dem entsprach der Trend des Designs, den Körper als „natürlichen“ zu zeigen und nicht mehr, wie zuvor, das Kleid als solches in den Mittelpunkt zu stellen, um den Körper teils auch bestmöglich zu kaschieren.

Vor allem nun eben wurde Mode genutzt, um den „Werte des Trägers / Trägerin“ durch die Kleidung herauszustellen. Ein Wert, der für eine bestimmte Schicht nun eher darin lag, das herauszustellen, was Zeit, Kraft und Geld gekostet hat, der eigene, natürliche, schlanke und in jedem Alter jugendlich wirkende Körper.

Zwei Einblicke in das, was Barbara Vinken mit der sehr lebendigen und in sich durchaus aus verschiedenen Perspektiven kommenden Beiträgen in diesem Werk geleistet hat.

Die Mode quasi „vom Bügel“ zu nehmen und die tieferen Bezüge der Mode zum gesellschaftlichen Leben, zum Selbstverständnis der Menschen in der konkreten Zeit aufzuzeigen und die Reaktionen von Literaten, Soziologen, Philosophen, Modetheoretikern und vielen mehr daraufhin aufzunehmen.

Metrosexualität, Kunst und Krieg, Mode und Armee, Anzug und Eros und Dutzende mehr an teils sehr konkreten, teils eher abstrakten Zuwendungen zur Mode und deren Bedeutung sind die Themen, die vielfach im Buch versammelt sind.

Texte, so unterschiedlich sie sind, denen doch in der Zusammenschau im Buch gelingt, das Ziel, das sich Vinken gesetzt hat, zu erfüllen.

„Die Mode in ein anderes als gewohntes“ Licht zu rücken und anders über diesen „schönen Schein“, der oft als Avantgarde soziologische Entwicklungen begleitete und beförderte, diesen zumindest immer einen sichtbaren Ausdruck verschaffen hat, zu denken.

In einem der stärksten „Signalbereiche“ des Menschen, bei dem gilt: Mode war nicht und ist bis heute nicht konsensuell.

Ein gerade aufgrund der Vielfalt der Stimmen und der Vielfalt der Richtungen, aus denen diese Stimmen kommen und wessen sie sich annehmen sehr interessantes und aufschlussreiches Buch über Sinn, Zweck und Entwicklungen der Mode.

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163 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 76 Rezensionen

new york, familie, geschwister, usa, das nest

Das Nest

Cynthia D'Aprix Sweeney , Nicolai Schweder-Schreiner
Fester Einband: 410 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 02.12.2016
ISBN 9783608980004
Genre: Romane

Rezension:

Sprachlich wunderbares Debüt

Es sind vier Geschwister, die jeder für sich ihre Stärken und Schwächen ins ich tragen, die, jeder und jede für sich, ihr ganz eigenes Leben leben (auch wenn Bea mit ihrem Bruder Leo starke Gemeinsamkeit zumindest im „Geschäftsfeld“ verbindet, beide haben mit dem Literaturbetrieb zu tun).

Und es sind vier Geschwister, die ihre alte Familienweisheit nicht wirklich beherzigt haben.

„Verteile nie das Fell eines Bären, bevor du ihn erlegt hast“.

Denn, bis auf Leo vielleicht, den Lebemann, Playboy und „falsch“ verheirateten Mann, ist es für die anderen drei ein beruhigendes „Tatsachenwissen“, das aus dem kleinen Fond, den der Vater für seine vier Kinder angelegt hat (unter sehr konkreten, außergewöhnlichen Bestimmungen, was die Auszahlung angeht) ein inzwischen doch stattliches Vermögen geworden ist. Was in dem Fonds wartet, bis das jüngste der Geschwister, Melody, 40 Jahre alt werden wird.

Was nicht mehr lange dauert. Und wichtig wird, denn alle Beteiligten Geschwister benötigen das Geld. Aus verschiedenen Gründen. Und reagieren verschieden, aber unwirsch darauf, dass sich hier grundlegendes geändert hat.

Die Mutter in neuer Partnerschaft, in der ein Teil des Geldes benötigt wird. Leo im Leben gestrauchelt und zwar nicht nur gefährlich, sondern auch teuer, was vor allem seine Scheidung angeht.

So erhält Leo den Großteil des Geldes. Was dazu führen wird, dass seine Geschwister sich an ihn zu wenden haben mit dem, was sie als Geldsorgen bedroht.

„Während er sich über seine Fehleinschätzung ärgerte, erfüllte es ihn gleichzeitig mit Genugtuung, das Francis (die Mutter) so eindeutig zu ihm gestanden hatte. Doch dann wurde ihm klar, dass er sich auch in diesem Punkt irrte“.

Denn wenig ist, wie es auf den ersten Blick scheint und mit vorschnellen Urteilen über die Personen im Roman sollte der Leser zurückhaltend sein, bei den doch nicht wenigen überraschenden Einblicken, die Sweeney noch bereithalten wird.

Ein Geschehen, dass in verschiedenen Linien entscheidende Wichtigkeiten des modernen Lebens mit aufhellt in diesem sehr flüssigen Roman, der sprachlich wunderbar im Stil von Sweeney erzählt wird.

Das Menschen in der Mitte des Lebens mit dem, was sie erwirtschaften, nicht wirklich zurechtkommen, das ist ein Teil der modernen Welt in Amerika, den Sweeney hintergründig mit erzählt und dies atmosphärisch gelungen mit den äußeren Veränderungen verknüpft. Der Gentrifizierung in New York, den Nischen, die sich Menschen für ihr Leben suchen. Das gesamte Leben als „Vorgriff“ auf materielle Möglichkeiten, auf „Punp“ mit finanziellen Vorlagen, die vielleicht nie eingelöst werden können.

Während sie auf dieser Blaupause gerade den vier Geschwistern und deren engsten Umfeld sowohl im einzelnen Leben nachgeht du dabei die Persönlichkeiten hervorragenden und sehr plastisch beschreibt, wie sie im Lauf des Romans auch ein feines Gespür für die Beziehungen untereinander in vielen verschiedenen Linien und Richtungen zu schildern versteht.

Wie Bea, die Schriftstellerin „ohne Roman“.

„Beatrice Plump hatte er eigentlich immer geliebt. Seine Liebe zu ihr war leise und konstant, vertraut und wohltuend, es war fast etwas in sich Abgeschlossenes“.

Doch ob Bea davon weiß? Solche Gefühle erwidert?

Ein Roman, in dem es für den Leser keine schwarz-weiß Unterteilung in „die Guten“ und die „Schlechten“, die nur gierig wären, gibt, sondern jede der Personen in sich verstanden werden kann und eine gewisse emotionale Nähe zur gesamten Familie sich einstellt. Wobei Leo die eigentliche und wichtige Hauptfigur im Roman darstellt, an dem Sweeney sowohl das moderne Leben, die Brüchigkeit der Fassaden, als auch die Tiefe von Bindungen herausarbeitet.

Ob das „Nest“ trägt, das wird bis zum Ende hin jene Frage bleiben, die dem Roman Spannung mit auf den Weg gibt. Und ob „das Nest“ sich tatsächlich nur im Geld erschöpft, oder eigentlich doch etwas ganz Anderes an Bindungen sein wird, als so manche der Beteiligten vorher dachten.

Eine gut zu lesender, anregender und mit griffigen Personen ausgestatteter Roman, der sprachlich hervorragend umgesetzt wurde.

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Dynastie

Tom Holland , Susanne Held
Fester Einband: 510 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 24.09.2016
ISBN 9783608948530
Genre: Sachbücher

Rezension:

Wie immer sehr fließend zu lesen, aber fast „übererzählt“

„Caeser“ war zunächst Familienname, Julius Caesar, der adoptierte Gaius Julius Octavian „Caesar“, dann Ehrenname und Titel fast zugleich bis zum „Kaiser“ der folgenden Jahrhunderte an vielen Orten der Welt. Ebenfalls der Titel „Zar“ geht auf diese Entwicklung in Rom der frühen Zeit um das Jahr Null herum zurück.

Tom Holland hat sich in seinem neuesten Werk des „Kerns“ der „Caesaren“ angenommen. Nicht die endlose Linie jener, die im Lauf der Jahrhunderte durch Geburt, Intrigen, Putsch oder andere Ereignisse zu Herrschern Roms wurden, sondern des „engeren Kreises“, der auf Julius Caesar in direkter Linie der nächsten Zeit folgten (bis etwa 70 n.C.)..

Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius, Nero. Klingende Namen, die zum einen für Macht und Sicherung des Reiches (Augustus), für erfolgreiche Verteidigung der Grenzen (Tiberius), für Intrigen und Härte (Caligula), für (fast) die „Vernichtung Roms“ (Nero) standen, oder füür „einen Trottel“ (Claudius). Namen, mit denen sich unzählige Geschichten von Macht, Intrigen, Grausamkeit, ausgeprägter Dekadenz und vielem mehr verbinden, die bis in die Gegenwart medial und in literarischer Form nichts von ihrer Anziehungskraft als „besondere Gestalten der Geschichte“ (in jedweder Hinsicht) verloren haben.

Wenn nun aber Kapitel im Buch mit „Der Showdown“ oder „Mamma Mia“ überschrieben sind, wenn Tom Holland Geschichten über Geschichten aus den Zeiten zwischen 44 v.C. und 66 n.C. Aneinander reiht, dann kann die (sich im Verlauf der Lektüre bestätigende) Ahnung beim Leser entstehen, dass hier die Dinge mit einem Augenzwinkern oder, negativ ausgedrückt, mit einem Hang zur „Lockerheit um jeden Preis“, von Holland vorgegangen wird.

Was nichts daran ändert, dass Holland (wie immer) gut vorbereitet in seine Darstellung einer konkreten Zeit in der und konkreten Personen der Geschichte geht. Das in den letzten Werken sichtbare und begeisternde Talent, historische Ereignisse und das Portrait historischer Persönlichkeiten sehr populär, teils fast in Romanform zu erzählen, treibt Holland in diesem Werk nun noch einmal auf die Spitze und, hier und da zumindest, leider sichtbar darüber hinaus.

„Neros größte Liebe war ein Knabe. Nichts war flüchtiger als Schönheit dieser Art. Wie die Blüten im Frühling bot sie ein Ergötzen, das umso süßer war, weil es so schnell verging“.

Und nein, hier wird nicht in poetischen Reimen von Neros „größter Liebe“ erzählt (nur nebenbei), sondern vom Machtverlust und Ende des Caesaren, der für Wahnsinn und Grausamkeit, für ein intrigantes Familienleben und für „selbsternannte Kunst“ steht.

Damit aber die Stabilität Roms, die von seinen direkten Vorgängern bereits aufgeweicht worden war, im Kern in Frage zu stellen drohte.

Sicherlich gelingt es Holland immer wieder, die Kurve zu nehmen und in eher sachlichem Ton von den „gallischen Problemen“ Neros zu erzählen, von Galba, der sich offen von ihm abwandte. Was eine ganz menschliche, körperliche Ohnmacht bei Nero auslöste. Und dennoch in gerader Linie in sein Verderben führte.

Es sind auch diese kleinen Begebenheiten, wie ein Caesar von seiner Kinderfrau getröstet wurde, die Hollands Darstellung anregend gestalten, auch wenn sprachlich an nicht wenigen Stellen die „Poesie“ deutlich strapaziert und das „legere Erzählen“ überzogen wird.

„Augustus selbst hatte das auf die harte Tour lernen müssen“.

Solche und viele andere, umgangssprachliche Wendungen stören im Gesamten eher den Lesefluss der ja durchaus seriösen Inhalte des Werkes, als dass sie die Lektüre erleichtern würden. Und ja, Augustus ist die historisch größte Gestalt der Caesaren, aber ihn „The Godfather“ zu nennen geht doch eher in Richtung einer Satire oder eines zumindest sehr gezwungenen Vergleiches zu Filmen der Gegenwart und eines „Paten der Mafia“.

Alles in allem, dennoch, wie immer informativ, akribisch und kurzweilig in den „Geschichten“ um das „wahre Leben“ der Caesaren, aber im Ton zu larmoyant und zu sehr auf Wirkung aus. Einige Längen kommen hinzu (nicht jede Begebenheit oder Anekdote nutzt dem Erzählfaden und Tempo des Werkes), so dass „Dynastie“ zwar ein „erkennbarer Holland“ ist, in weiten Teilen verständlich und anregend zu lesen, aber in dieser Form nicht das Niveau der vorhergehenden Bücher Hollands hält.

Wer über die „Kerngeschichte der Caesaren Roms“ sich über das allgemein bekannte hinaus informieren will und wer sich am Ton nicht stört, der findet hier eine Breite Darstellung, die häufig anders daherkommt, als man es von historischen, auch populärhistorischen Werken gewohnt ist.

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buddhismus, philosophie, kultur-und geistesgeschichte, spiritualität;, wissenschaft

Wissenschaft und Spiritualität

Lars Jaeger
Flexibler Einband
Erschienen bei Springer Berlin, 23.09.2016
ISBN 9783662502839
Genre: Sachbücher

Rezension:



In der Regel werden „Glaube“ und „wissenschaftliches Arbeiten“ als Gegensätze empfunden. Soweit, dass es geflügelte Sprüche dahingehend gibt, das ein „gläubiger Wissenschaftler“ nach der Arbeit den „weißen Kittel an den Haken hängt und das Gebetbuch dann erst in die Hand nimmt“.

Diese Dichotomie zwischen einerseits „harten Fakten“ des technischen Fortschritts und persönlicher Spiritualität (in vielfachen Formen in der Gegenwart) bildet einen zunächst augenscheinlichen Konflikt, wie Jaeger betont. Ein Konflikt, der in der modernen Welt zu einer „allgemeinen Verunsicherung und Orientierungslosigkeit“ führt, in der der Individualismus als fast „neue Religion“ auf pragmatischer und praktischer Basis „gepredigt“ wird, daneben aber der Mensch ohne das verbindend Gemeinschaftliche den Halt zu verlieren droht.

Jaeger nun eröffnet dem Leser eine Art „Zusammenschau“ der beiden Pole und zeigt auf, dass es zu den „großen“ Bereichen des Lebens eben nicht nur, einander ausschließend, „den einen“ Zugang gibt.

In der „Sinnfrage“ als erstem Hauptteil legt er überzeugend und verständlich so schon dar, dass es sowohl für den Einzelnen tragfähige Zugänge auf spiritueller und auf wissenschaftlicher Ebene gibt und dass das eine das andere durchaus befruchten kann und nicht nur in Reibung zueinander steht.

Beide „Ausrichtungen“ besitzen, auch das erläutert Jaeger umfassend, „gemeinsame geschichtliche Bezugsfelder, die sich im historischen Blick flüssig vor den Augen entfalten.

Beides, die Suche nach Sinn und die historischen gemeinsamen Felder bringt Jaeger im abschließenden Kapitel seines Buches zum Nachdenken anregend zusammen und skizziert dabei ein „modernes Verständnis der Spiritualität“, das durchaus seinen Platz hat, weiter finden wird und behaupten wird in einer Welt, die durch Wissenschaften stark und demnächst noch stärker geprägt ist und sein wird.

Wobei deutlich wird, dass die klassischen Stereotypen von „Disziplin und Ratio“ gegen „Schwärmerei und Gefühl“ so nie wirklich vorlagen, sondern an vielen Stellen der Wissenschaftsgeschichte beide „Seins-Formen“ in Verbindung traten und standen (z.B. bei der „leidenschaftlichen Raserei“ eines Johannes Keppler als innerer Antrieb für äußere Erkenntnisse bis zu den religiösen Reflexionen von Charles Darwin und vielfachen anderen Beispielen der Verbindung und der Ergänzung untereinander von Fakten und Glauben, Experiment und innerem Antrieb).

Zudem gilt weiterhin, und es ist gut, dass Jaeger das fundiert klarstellt:
„Eine Haltung naturwissenschaftlicher Erklärungs- und Deutungsallmacht ist fehl am Platze“.
Es gibt wissenschaftlich gesehen im Blick auf die „großen Fragen keine „finalen Antworten“.
Damit also findet die Spiritualität auch in der „modernen Welt“ ihren festen Platz mit vielleicht anderen, differenzierten Ausdrucksweisen (die Jaeger immer wieder kurz skizziert) und somit eine Verbindung im Menschen eingehen. Die allerdings nicht „von alleine“ gesetzt sind, sondern je persönlich auch entdeckt und entfaltet werden wollen.

In der Sprache eher nüchtern und wissenschaftlich zieht Jaeger einen großen Bogen um das Thema, geht vielen historischen Beispielen und Spuren nach und setzt das philosophische Nachdenken über den Sinn des Lebens und das eigene Tun auch für die Gegenwart als Form der Spiritualität gleichauf mit den Formen wissenschaftlichen Arbeitens und Forschens.

Eine anregende, nicht immer einfach zu versehende, aber lohnenswerte Lektüre.

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berlin, gefühlschaos, traurigkeit, planlos, erwachsenwerden

Realitätsgewitter

Julia Zange
Fester Einband: 157 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 14.11.2016
ISBN 9783351036584
Genre: Romane

Rezension:

Generationenroman

„Ich wünschte, ich könnte mich selbst in die Hand nehmen und zerschmettern. Und dann erlöst aus dem eigenen Scherbenhaufen wieder heraustreten…Ich gehe wie ein kleiner Roboter nach Hause. Dort schneide ich eine dünne Linie in meinen Unterarm. Mein Atem kommt zurück“.

Dabei ist Marla keine klassische Borderline-Persönlichkeit, nicht unrettbar tief depressiv, sondern lebt einfach ein Leben als junger Mensch in Berlin zu unserer Zeit. Und möchte einfach „gesehen“, wahrgenommen, angefasst, gemocht, geliebt werden.
Aber das moderne Leben, das kann, wie Julia Zange ein- um das andere Mal wunderbar kühl-melancholisch beschreibt, einem schon das Gefühl geben, einfach nicht wirklich gesehen, nicht als Person wahrgenommen zu werden, nicht „in echt“ dazu sein.

Ist man da, ist man eben da (wie auf einer Party, die Marla nur besucht, um Dylan hoffentlich zu treffen), ist man nicht da, ist man eben nicht da (1475 Freunde auf Facebook und keiner meldet sich, wenn Marla am dringendsten darauf hofft).

Zudem vergibt Zange ihre Marla Eltern, die, wie nicht wenige Personen im Roman, als Symbole für eine „moderne“ Lebensweise stehen. Kühl, glatt, schick, so das Haus. Effizient der Vater, allein mit sich und ihrem esoterischen Interesse beschäftigter Mutter.

Wie Zange hier den Gegensatz zwischen Großeltern und Elternhaus zutiefst treffend schon im äußeren Eindruck setzt, wie zugleich klar wird, dass das eine „nicht mehr da“ und das andere zwar „Realität“, aber nicht liebens- oder lebenswert wäre, das sind Schlüsselszenen (wie dann auch jene, in der das innere Verhältnis von Mutter und Tochter pointiert bis zur Schmerzgrenze dargelegt wird). Szenen, die die Atmosphäre des gesamten Romans in sich fangen und mit ständigem Druck auf die schmerzhaften Stellen den Leser nicht auslässt.

Eine Welt, in der jeder ausschließlich und alleine mit sich beschäftigt ist, in der Bekannte (und Marla hat viele in Berlin) primär als „Publikum“ der Selbstdarstellung genutzt werden oder für eher „funktionale“ Begegnungen zwischendurch (wie jener Freund und Gelegenheits-Bettgefährte, der „danach“ umgehend den blütenweißen Zustand seines Bettes wieder herstellt und Marla rasch verabschiedet (jedes Mal).

Eine Marla, die nichts anderes sucht, als Nähe. Echte Zuneigung. Vielleicht die Chance auf „Mehr“ mit einem Mann. Die aber, jeder für sich, mit ihrer „Szene“, mit Drogen, mit Modeljobs, mit irgendwelcher, eher dubiosen Kunst beschäftigt sind und mit all dem die Tage eher gedämpft an sich verstreichen lassen.

Ob bei Leuten, die Marla oft trifft, ob bei Zufallsbekanntschaften im Zug oder ganz am anderen Zufluchtsort, ob in der eigenen, engen Familie samt Bruder, das Leben kommt Marla vor, wie ein „Boxsack aus Watte“, in dem alles versinkt und verpufft, was sie als „Hallo, Hier bin ich“ versucht, der Welt mitzuteilen.

Da gibt es nur diesen portugiesischen Nachbarn. Der als „analoge“ Person mit seiner Familie im Haus lebt.

„Ich finde das ganz schlimm, dass die Leute alle hinter diesem I-Phone verschwinden…Wo niemand reagiert. Alles betäubt“. Und Marla? Hier wäre doch eine Chance zum „realen echten Kontakt“. Aber die junge Praktikantin kennt noch nicht einmal den Namen des Nachbarn. Sie ist nicht anders als die anderen in deren und ihrer Welt. Und wird sich, wie gestrandet, zum Ende des Romans hin aufmachen, den Kopf freizubekommen. Was in gänzlich anderer, unerwarteter Weise geschieht, nämlich ganz unprätentiös, ohne Donner und Paukenschlag, langsam, einfach so. Die „Realität“ sehen, annehmen, und sich darin (vielleicht, das bleibt offen), allgemein ganz anders positionieren ´können.

Melancholisch, mit großem Sprachschatz und nah und dicht an den Personen des Buches, Julia Zange öffnet den Blick auf die „Generation Smartphone“ mit ihren Praktikas, den ständig gepflegten Spleens, dem „dahin treiben“ in der der Großstadt, aber auch auf dem Land, im Elternhaus. Eine Welt, in der alles nur noch provisorisch wirkt und selbst nahe Bezugspersonen „emotionale und tiefgehende Gespräche“ am besten nur unter Aufsicht eines Therapeuten halten wollen.

Vielfache Bilder der zunehmenden Distanz im Kontakt, der Unfähigkeit, die eigenen Gefühle durch all die Filter hindurch finden zu können und dann damit auch etwas anfangen zu können.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre. Die mit einerseits kühler Distanz zur Welt und andererseits fast schmerzhafter Nähe zur Hauptperson den Leser nicht auslässt.

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Die Ardennen-Offensive 1944

Antony Beevor , Helmut Ettinger
Fester Einband
Erschienen bei C. Bertelsmann, 31.10.2016
ISBN 9783570102206
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ausführliche und interessante „Tag für Tag“ Darstellung

Übersichtliche Karten jeweils im vorderen und hinteren Einband und zu den einzelnen Ereignissen im Buch, drei nicht ausufernde, aber informative Fototeile und eine sehr klare Struktur prägen in der Form die Darstellung der letzten regulären Offensive der Wehrmacht im zweiten Weltkrieg, die, wieder einmal (und wie immer)), die „Wende“ bringen sollten. Militärisch und in der Propaganda.

Eine zunächst überraschende Wendung an der westlichen Front, die nicht zuletzt aufgrund eben dieses überraschenden Vorgehens in den ersten Tagen der Offensive Erfolge für das deutsche Militär brachte, die an manchen Stellen schon wieder Erinnerungen an den „Blitzkrieg“ aufblitzen ließen.

„Die Alliierten sonnten sich in kaum zu überbietender Siegeseuphorie“. Nach der Befreiung Frankreichs und nach Abzug der Deutschen aus Paris. In dieser Euphorie, so Beevor, lag schon die Grundhaltung für die Anfangserfolge der Deutschen Armee vor.

„Auch viele Deutsche glaubten, das Ende sei gekommen. Die Westfront ist am Ende, der Feind steht bereits in Belgien…..es ist genau wie 1918“.

Der Zeitpunkt, an dem letzte groß organisierte und zunächst erfolgreiche Coup von deutscher Seite organisiert und durchgeführt wurde.

Wobei gerade auf den Anfangsteil bezogen festgestellt werden muss, dass Beeovor hier sehr ausführlich, in manchen Teilen zu ausführlich und briet die „Situationen“ vor der Offensive beschreibt und sich ein stückweit das Gefühl einschleicht, es möge dann doch auch endlich einmal losgehen mit dem Kerngeschehen der Offensive.

Dennoch schildert Beevor diese Ausgangslage natürlich fundiert und sachkundig. Das auf der einen Seite die „mechanische Macht“ der Alliierten nicht in voller Stärke genutzt werden konnte und auch die Artilleriebeobachtung nur eingeschränkt möglich war, während auf der deutschen Seite Versorgungsengpässe den Truppen das Leben erschwerten.

Erste deutsche Offensivaktionen scheiterten noch, aber der Führung vor Ort wurde ebenso deutlich, dass auch die Gegenseite, u.a. Die 9. US-Division, völlig ausgelaugt und am Rande ihrer Möglichkeiten sich befanden.

Aber, wie erwähnt, erst nach 124 Seiten im Buch, am Samstag, den 16. Dezember 19444, begann die eigentliche Offensive um 5.20 Uhr mit der Eröffnung des Feuers durch die 6. Panzerarmee Sepp Dietrichs.

Hier nun geht Beevor dazu über, für jeden Tag der Offensive ein eigenes Kapitel einzurichten und so sehr strukturiert die Ereignisse der Offensive detailliert zu schildern. Was dem Leser dazu verhilft, die ebenfalls strukturierte Offensive mit deutlichen Geländegewinnen der deutschen Armee in den ersten Tagen, sehr genau nachvollziehen und verstehen zu können. Kein „verzweifeltes Aufbäumen“ fand hier statt, sondern eine klug geplante, von Wetter und anderen Umständen her begünstigte, strategisch gut organisierte Offensive. Deren Erfolgsmomente sich aber nach einigen bereits „festfuhren“ und mit einer ebenso durchdachten und, unter Druck dennoch ruhig, geplanten Gegenoffensive.

Eine Wendung, an der Beevor die Situation der deutschen Führung vor Ort angesichts der (bekannten und gewohnten“ „Halsstarrigkeit“ Hitlers noch einmal genau Revue passieren lässt und so deutlich wird, dass strategisch eigentlich notwendige Entscheidungen und Bewegungen der „Rest-Truppen“ vor Ort, auch angesichts stark schwindender Treibstoffvorräte, nicht umgesetzt werden durften. Den Befehlshabern waren, wie so oft, im entscheidenden Moment die Hände gebunden und somit der Gegenoffensive ab dem dritten Januar eher „ausgeliefert“ waren, statt dieser mit gezielten Rückzugsbewegungen etwas Schwung nehmen zu können.

Ein überaus informatives Buch, das alle Konstellationen und Stimmungen im Vorfeld, während der Kämpfe und im Anschluss ausführlich beschreibt. Dabei aber sehr trocken und sachlich beschreibend im Ton verbleibt (was den Lesefluss in Form einer emotionalen Beteiligung des Lesers erschwert). Dennoch wird deutlich, was für ein mörderisches Gemetzel diese Offensive im Verlauf geworden war und wie brachial die Kälte und der Winter vor allem der kaum vorbereiteten US-Armee dort zusetzten.

Eine insgesamt gelungene Darstellung mit vielen Feinheiten der letzten, strategisch geplanten und organisiert durchgeführten „Vorwärtsbewegung“ der deutschen Armee zum Ende des zweiten Weltkrieges hin.

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amoklauf, dietmar wunder, hyperthymesie, synästhesie, audible.de

Memory Man

David Baldacci , Uwe Anton
Fester Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Heyne, 31.10.2016
ISBN 9783453270602
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein ganz andersartiger Ermittler

Fett ist er, die „Wampe hängt über dem Gürtel“.
Zerfleddert sieht er aus. Kein Wunder, denn eine ganze Weile lang war er obdachlos und schlief in Pappkartons.
Kaputt ist er, an Körper und Seele, nachdem er 16 Monate zuvor seinen Schwager, seine Frau und seine kleine Tochter brutal ermordet in seinem eigenen Haus vorfinden musste.

Amos Decker.

Ex-NFL Spieler (mit nur einem Profi-Spiel, das aber hatte es in sich, da wurde sein Gehirn „neu verdrahtet“).
Ex -Detective.
Ex-Ehemann.
.Ex-Vater.

Gerade hat er sich wieder aufgerappelt. Paar Jobs gemacht, Geld verdient, genug, um sich ein Motelzimmer leisten zu können fürs erste. Als Privatdetektive hat er sich (ein wenig) wieder „auf die Füße gestellt“.

Da erreicht ihn die Nachricht, dass sich der Mörder seiner Familie gestellt haben soll. Jener Mann, der trotz intensivster Recherchen und polizeilicher Ermittlung völlig im Dunkeln verblieben war, keine Spur konnte gefunden werden.

Und während Decker der Schweiß ausbricht, Mordfantasien seinen Kopf füllen (jener Kopf, dessen Gehirn nichts mehr vergessen kann, seit diesem Footballspiel, in dem jede Erinnerung auf Dauer erhalten bleibt) und er versucht, Zugang zu dem Mann in dessen Zelle zu bekommen, ereignet sich ein Amoklauf an einer Grundschule.

Das da ein Zusammenhang bestehen könnte, ahnt keiner. Dass hier persönliche Gefühle und die alten Fähigkeiten als Ermittler zusammenfinden werden, das ergibt sich erst im Lauf der Ereignisse.

Die Baldacci gewohnt souverän und in sich stimmig schildert. In einem Buch, das den Auftakt zu einer neuen Reihe um eben diese Amos Decker bilden soll. Wobei der Fall selbst oder die konkreten Ermittlungen und Methoden nicht viel Neues zum Genre beitragen, dennoch aber eine solide Story ergeben.

Tatsächlich gelingt es Baldacci vor allem durch die ganz andersartige Geschichte und Fähigkeit, die er seiner Hauptperson verleiht und dessen schon äußeres Erscheinungsbild, das völlig einem Anti-Helden entspricht, den Leser zu fesseln. Ein Interesse an der Geschichte des Ermittlers und dem aktuellen Fall, das für den Leser durch das gesamte Buch bis hin zum anregend und spannend geschilderten Finale hindurch trägt.

Eine anregende, unterhaltsame und mit eigenem Charakter versehener Ermittler in einer soliden „Mördersuche“, die auf mehr Fällen des Amos Decker gespannt sein lässt.

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15 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

biografie, leben, reise, star trek

Spock und ich

William Shatner , David Fisher , Johanna Wais
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Heyne, 24.10.2016
ISBN 9783453201439
Genre: Biografien

Rezension:

Freundschaftliche Erinnerungen

„Mr. Spock und James T. Kirk, die Figuren, die Leonhard und ich bei Star Trek verkörperten, waren beste Freunde, und so war es auch im wahren Leben“.

In einer Mischung aus Seriengeschichte, Filmgeschichte und der persönlichen Lebensgeschichte von Leonard Nimoy und William Shatner (was die jüdische Kindheit beider und ihr Fuß fassen im Film und Fernsehgeschäft anging).

Familiäre Wurzeln, die Shatner durchaus nicht unwichtig findet für das, was sich dann auch privat zwischen ihm und Nimoy entwickelt hat.

Wobei der Leser viel vom damals erst beginnenden und dann Fahrt aufnehmendem Fernsehgeschäft erfährt, ebenso, wie über die Philosophie und Haltung zur Menschen von Gene Roddenberry, die von Beginn an einen großen Einfluss auf die Konzeption der Serie und deren Ansatz der “Gleichheit“ genommen hat.

Dass in einer bestimmten Szene der “weiße“ Shatner die „schwarze „Nichols“ küsste und zugleich der „Vulkanier“ Spock eine „Menschenfrau“, das gehört dabei ebenso zur massiven Zeitkritik der damaligen Zeit, wie an sich der „Umgang mit Fremden“ von Toleranz geprägt war.

Wie sich Shatner und Nimoy, vom Charakter her wie Feuer und Wasser, ihre Rollen je erarbeiteten, wie verschieden Ihre Arbeitsweise am Set war und das Nimoy immer schon langsam, aber stetig, seine Interessen, Leidenschaften und eben seine Rollen aneignete (und dabei keine Ruhe ließ, wenn ihn Details störten), das ist interessant zu lesen.

Allein schon, was die „vulkanischen Monde“ angeht zeigt sich über das gesamte Buch hinweg die Akribie Nimoys, die ihn auch im Leben auszeichnete.

Über die gesamte Strecke der Entwicklung erzählt Shatner in munterem Plauderton, vom mäßigen Erfolg der Serie mit doch bereits ersten, intensiven Fans über die Filme, die zu jener Bewegung wurde, die noch heute als „Trekkies“ eng mit dem Werk und den Schauspielern verbunden sind.

Und verweist ebenfalls ehrlicherweise immer wieder auf die Härten des Anfangs und das Glück, das dazu gehört, Teil von etwas zu werden, was einen als Schauspieler wirklich bekannt macht,

„Nimoys Großvater zumindest könnte in den Anfangsjahren ohne Weiteres am Zustand der Schuhe seines Enkels erkennen, ob es gerade gut lief oder nicht.

Das ein solches Leben Spuren hinterlässt, das selten wirklich Freundschaften geschlossen werden, dass Ehen zerbrechen, der Rausch nicht nur mental im Raume steht und man doch gemeinsam auch vieles bewältigt hat, das sind die menschlichen Feinheiten, die dieses Buch zu einer anregenden Lektüre (nicht nur für „Trekkies“ gestaltet.

Warm, persönlich, voller Geschichte und Details, eine Lektüre, die sich lohnt.

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Das Reich der Deutschen

Nils Klawitter , Dietmar Pieper
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei DVA, 14.11.2016
ISBN 9783421047663
Genre: Sachbücher

Rezension:

Gut lesbarer und als Überblick gehaltener Gang durch die Geschichte

Eine umfassende, vertiefte und breit wissenschaftliche Abhandlung zur „Nation-Werdung“ des Deutschen Reiches bildet diese stringente und vielfältige Betrachtung der Geschichte Deutschlands nicht unbedingt.

Das aber ist auch gar nicht das Ziel der Herausgeber.

Sondern in einem Überblick (und dennoch differenziert) die einzelnen Stationen der Entwicklung zur äußerlichen Einheit und zur Gründung eines „Deutschen Reiches“ und seiner Geschichte bis zum Ende darzustellen, das ist Sinn dieses Werkes und dies darf rundherum als gelungen gekennzeichnet werden.

„Es war ein seltsames Gebilde, dieses Heilige Römische Reich, in dem sich die deutsche Nation herausgebildet hat“.

Und in einer Zeit, in der sich Begriffe wie „Nation“, „Tradition“, „völkisch“ und andere wieder auf offener politischer Bühne etablieren, ist es ein gutes Ansinnen, sachgerecht nachzufragen, was denn genau die Elemente und Eigenheiten dieser „Nation“ waren, als sie geschichtlich zusammenfand (oder zusammengebracht wurde, was der bessere Ausdruck wäre).

„Und wie hält man Mythos und Wirklichkeit dieser fast tausendjährigen Geschichte auseinander?“. Eben, in dem man bei den Fakten bleibt.

Besonders geljungen ist dabei im konkreten Ansatz des Werkes, dass eben nicht nur nach „Mächtigen“, nach „Otto I.“ (der eigentliche Reichsgründer), Nach „Karl dem Großen“ (dem Sicherer des Reiches) oder anderen großen Gestalten der deutschen Geschichte gefragt wird (auch wenn diese ihren Platz in der Darstellung natürlich haben), sondern vielmehr noch und das sehr genau in der Form von Interviews, kurzen Darstellungen und übersichtlichen Zusammenfassungen die Wirkung auf den „kleinen Mann“ mit in den Fokus des Blickes rückt.

Wie fand die Entwicklung in den Zünften statt, die sich irgendwann öffneten entgegen der Hierarchie ihrer Traditionen? Wie entstand eine Art „Bürgertum“ als durchaus Kraft gegenüber dem Adel auch.

Oder die „Frauenfrage“, wie sich Berta von Arnsberg zäh und mit Erfolg gegen den Kölner Erzbischof verteidigte, um die Eigenständigkeit ihres Klosters zu erhalten.

Und welche Klammern kamen auch „von unten“, um so unterschiedliche Volksstämme und Mentalitäten zusammenzuführen (und zu halten). Wo auf der einen Seite zunächst ein „Kuns-Gebilde“ von oben her erschafft wurde, das als „Nation“ zusammengefügt wurde, auf der anderen Seite aber auch deren Untertanen langsam in das Bewusstsein einfließende Vorteile mit sich brachte.

Nicht umsonst forderte Hutten schon Anfang des 16. Jahrhunderts einen „zeitgenössischen Kulturpatriotismus“. Zunächst ohne Erfolg, denn Maximilian, designierter Kaiser des Reiches, wird im Stich gelassen und muss im Kampf mit Venedig einen Waffenstillstand schließen, weil eben das „Reich“ nicht hinter ihm stand.

Und dennoch findet sich 1730 eine „vollständige teutsche Reichshistorie“ durch Burckhard Gotthelf Struve.

Eine differenzierte Entwicklung, ein oft „nicht-ernst-nehmen“ dieses Reichsgebildes und doch eine historische Entwicklung hin zur Einigung und Einheit, die seinesgleichen sucht und zur beherrschenden europäischen „Mittelmacht“ zu Zeiten wurde.

Das alles in angenehm zu lesendem Stil und mit vielen „Nebeninformationen“, die noch einmal ein anderes Licht auf die Ereignisse werfen.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre bis hin zum Jahre 1806, in dem Kaiser Franz II das Reich am 6. August auflöste.

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