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6 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Wissenschaft und Spiritualität

Lars Jaeger
Flexibler Einband
Erschienen bei Springer Berlin, 23.09.2016
ISBN 9783662502839
Genre: Sachbücher

Rezension:



In der Regel werden „Glaube“ und „wissenschaftliches Arbeiten“ als Gegensätze empfunden. Soweit, dass es geflügelte Sprüche dahingehend gibt, das ein „gläubiger Wissenschaftler“ nach der Arbeit den „weißen Kittel an den Haken hängt und das Gebetbuch dann erst in die Hand nimmt“.

Diese Dichotomie zwischen einerseits „harten Fakten“ des technischen Fortschritts und persönlicher Spiritualität (in vielfachen Formen in der Gegenwart) bildet einen zunächst augenscheinlichen Konflikt, wie Jaeger betont. Ein Konflikt, der in der modernen Welt zu einer „allgemeinen Verunsicherung und Orientierungslosigkeit“ führt, in der der Individualismus als fast „neue Religion“ auf pragmatischer und praktischer Basis „gepredigt“ wird, daneben aber der Mensch ohne das verbindend Gemeinschaftliche den Halt zu verlieren droht.

Jaeger nun eröffnet dem Leser eine Art „Zusammenschau“ der beiden Pole und zeigt auf, dass es zu den „großen“ Bereichen des Lebens eben nicht nur, einander ausschließend, „den einen“ Zugang gibt.

In der „Sinnfrage“ als erstem Hauptteil legt er überzeugend und verständlich so schon dar, dass es sowohl für den Einzelnen tragfähige Zugänge auf spiritueller und auf wissenschaftlicher Ebene gibt und dass das eine das andere durchaus befruchten kann und nicht nur in Reibung zueinander steht.

Beide „Ausrichtungen“ besitzen, auch das erläutert Jaeger umfassend, „gemeinsame geschichtliche Bezugsfelder, die sich im historischen Blick flüssig vor den Augen entfalten.

Beides, die Suche nach Sinn und die historischen gemeinsamen Felder bringt Jaeger im abschließenden Kapitel seines Buches zum Nachdenken anregend zusammen und skizziert dabei ein „modernes Verständnis der Spiritualität“, das durchaus seinen Platz hat, weiter finden wird und behaupten wird in einer Welt, die durch Wissenschaften stark und demnächst noch stärker geprägt ist und sein wird.

Wobei deutlich wird, dass die klassischen Stereotypen von „Disziplin und Ratio“ gegen „Schwärmerei und Gefühl“ so nie wirklich vorlagen, sondern an vielen Stellen der Wissenschaftsgeschichte beide „Seins-Formen“ in Verbindung traten und standen (z.B. bei der „leidenschaftlichen Raserei“ eines Johannes Keppler als innerer Antrieb für äußere Erkenntnisse bis zu den religiösen Reflexionen von Charles Darwin und vielfachen anderen Beispielen der Verbindung und der Ergänzung untereinander von Fakten und Glauben, Experiment und innerem Antrieb).

Zudem gilt weiterhin, und es ist gut, dass Jaeger das fundiert klarstellt:
„Eine Haltung naturwissenschaftlicher Erklärungs- und Deutungsallmacht ist fehl am Platze“.
Es gibt wissenschaftlich gesehen im Blick auf die „großen Fragen keine „finalen Antworten“.
Damit also findet die Spiritualität auch in der „modernen Welt“ ihren festen Platz mit vielleicht anderen, differenzierten Ausdrucksweisen (die Jaeger immer wieder kurz skizziert) und somit eine Verbindung im Menschen eingehen. Die allerdings nicht „von alleine“ gesetzt sind, sondern je persönlich auch entdeckt und entfaltet werden wollen.

In der Sprache eher nüchtern und wissenschaftlich zieht Jaeger einen großen Bogen um das Thema, geht vielen historischen Beispielen und Spuren nach und setzt das philosophische Nachdenken über den Sinn des Lebens und das eigene Tun auch für die Gegenwart als Form der Spiritualität gleichauf mit den Formen wissenschaftlichen Arbeitens und Forschens.

Eine anregende, nicht immer einfach zu versehende, aber lohnenswerte Lektüre.

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53 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 23 Rezensionen

berlin, gefühlschaos, traurigkeit, planlos, erwachsenwerden

Realitätsgewitter

Julia Zange
Fester Einband: 157 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 14.11.2016
ISBN 9783351036584
Genre: Romane

Rezension:

Generationenroman

„Ich wünschte, ich könnte mich selbst in die Hand nehmen und zerschmettern. Und dann erlöst aus dem eigenen Scherbenhaufen wieder heraustreten…Ich gehe wie ein kleiner Roboter nach Hause. Dort schneide ich eine dünne Linie in meinen Unterarm. Mein Atem kommt zurück“.

Dabei ist Marla keine klassische Borderline-Persönlichkeit, nicht unrettbar tief depressiv, sondern lebt einfach ein Leben als junger Mensch in Berlin zu unserer Zeit. Und möchte einfach „gesehen“, wahrgenommen, angefasst, gemocht, geliebt werden.
Aber das moderne Leben, das kann, wie Julia Zange ein- um das andere Mal wunderbar kühl-melancholisch beschreibt, einem schon das Gefühl geben, einfach nicht wirklich gesehen, nicht als Person wahrgenommen zu werden, nicht „in echt“ dazu sein.

Ist man da, ist man eben da (wie auf einer Party, die Marla nur besucht, um Dylan hoffentlich zu treffen), ist man nicht da, ist man eben nicht da (1475 Freunde auf Facebook und keiner meldet sich, wenn Marla am dringendsten darauf hofft).

Zudem vergibt Zange ihre Marla Eltern, die, wie nicht wenige Personen im Roman, als Symbole für eine „moderne“ Lebensweise stehen. Kühl, glatt, schick, so das Haus. Effizient der Vater, allein mit sich und ihrem esoterischen Interesse beschäftigter Mutter.

Wie Zange hier den Gegensatz zwischen Großeltern und Elternhaus zutiefst treffend schon im äußeren Eindruck setzt, wie zugleich klar wird, dass das eine „nicht mehr da“ und das andere zwar „Realität“, aber nicht liebens- oder lebenswert wäre, das sind Schlüsselszenen (wie dann auch jene, in der das innere Verhältnis von Mutter und Tochter pointiert bis zur Schmerzgrenze dargelegt wird). Szenen, die die Atmosphäre des gesamten Romans in sich fangen und mit ständigem Druck auf die schmerzhaften Stellen den Leser nicht auslässt.

Eine Welt, in der jeder ausschließlich und alleine mit sich beschäftigt ist, in der Bekannte (und Marla hat viele in Berlin) primär als „Publikum“ der Selbstdarstellung genutzt werden oder für eher „funktionale“ Begegnungen zwischendurch (wie jener Freund und Gelegenheits-Bettgefährte, der „danach“ umgehend den blütenweißen Zustand seines Bettes wieder herstellt und Marla rasch verabschiedet (jedes Mal).

Eine Marla, die nichts anderes sucht, als Nähe. Echte Zuneigung. Vielleicht die Chance auf „Mehr“ mit einem Mann. Die aber, jeder für sich, mit ihrer „Szene“, mit Drogen, mit Modeljobs, mit irgendwelcher, eher dubiosen Kunst beschäftigt sind und mit all dem die Tage eher gedämpft an sich verstreichen lassen.

Ob bei Leuten, die Marla oft trifft, ob bei Zufallsbekanntschaften im Zug oder ganz am anderen Zufluchtsort, ob in der eigenen, engen Familie samt Bruder, das Leben kommt Marla vor, wie ein „Boxsack aus Watte“, in dem alles versinkt und verpufft, was sie als „Hallo, Hier bin ich“ versucht, der Welt mitzuteilen.

Da gibt es nur diesen portugiesischen Nachbarn. Der als „analoge“ Person mit seiner Familie im Haus lebt.

„Ich finde das ganz schlimm, dass die Leute alle hinter diesem I-Phone verschwinden…Wo niemand reagiert. Alles betäubt“. Und Marla? Hier wäre doch eine Chance zum „realen echten Kontakt“. Aber die junge Praktikantin kennt noch nicht einmal den Namen des Nachbarn. Sie ist nicht anders als die anderen in deren und ihrer Welt. Und wird sich, wie gestrandet, zum Ende des Romans hin aufmachen, den Kopf freizubekommen. Was in gänzlich anderer, unerwarteter Weise geschieht, nämlich ganz unprätentiös, ohne Donner und Paukenschlag, langsam, einfach so. Die „Realität“ sehen, annehmen, und sich darin (vielleicht, das bleibt offen), allgemein ganz anders positionieren ´können.

Melancholisch, mit großem Sprachschatz und nah und dicht an den Personen des Buches, Julia Zange öffnet den Blick auf die „Generation Smartphone“ mit ihren Praktikas, den ständig gepflegten Spleens, dem „dahin treiben“ in der der Großstadt, aber auch auf dem Land, im Elternhaus. Eine Welt, in der alles nur noch provisorisch wirkt und selbst nahe Bezugspersonen „emotionale und tiefgehende Gespräche“ am besten nur unter Aufsicht eines Therapeuten halten wollen.

Vielfache Bilder der zunehmenden Distanz im Kontakt, der Unfähigkeit, die eigenen Gefühle durch all die Filter hindurch finden zu können und dann damit auch etwas anfangen zu können.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre. Die mit einerseits kühler Distanz zur Welt und andererseits fast schmerzhafter Nähe zur Hauptperson den Leser nicht auslässt.

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Die Ardennen-Offensive 1944

Antony Beevor , Helmut Ettinger
Fester Einband
Erschienen bei C. Bertelsmann, 31.10.2016
ISBN 9783570102206
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ausführliche und interessante „Tag für Tag“ Darstellung

Übersichtliche Karten jeweils im vorderen und hinteren Einband und zu den einzelnen Ereignissen im Buch, drei nicht ausufernde, aber informative Fototeile und eine sehr klare Struktur prägen in der Form die Darstellung der letzten regulären Offensive der Wehrmacht im zweiten Weltkrieg, die, wieder einmal (und wie immer)), die „Wende“ bringen sollten. Militärisch und in der Propaganda.

Eine zunächst überraschende Wendung an der westlichen Front, die nicht zuletzt aufgrund eben dieses überraschenden Vorgehens in den ersten Tagen der Offensive Erfolge für das deutsche Militär brachte, die an manchen Stellen schon wieder Erinnerungen an den „Blitzkrieg“ aufblitzen ließen.

„Die Alliierten sonnten sich in kaum zu überbietender Siegeseuphorie“. Nach der Befreiung Frankreichs und nach Abzug der Deutschen aus Paris. In dieser Euphorie, so Beevor, lag schon die Grundhaltung für die Anfangserfolge der Deutschen Armee vor.

„Auch viele Deutsche glaubten, das Ende sei gekommen. Die Westfront ist am Ende, der Feind steht bereits in Belgien…..es ist genau wie 1918“.

Der Zeitpunkt, an dem letzte groß organisierte und zunächst erfolgreiche Coup von deutscher Seite organisiert und durchgeführt wurde.

Wobei gerade auf den Anfangsteil bezogen festgestellt werden muss, dass Beeovor hier sehr ausführlich, in manchen Teilen zu ausführlich und briet die „Situationen“ vor der Offensive beschreibt und sich ein stückweit das Gefühl einschleicht, es möge dann doch auch endlich einmal losgehen mit dem Kerngeschehen der Offensive.

Dennoch schildert Beevor diese Ausgangslage natürlich fundiert und sachkundig. Das auf der einen Seite die „mechanische Macht“ der Alliierten nicht in voller Stärke genutzt werden konnte und auch die Artilleriebeobachtung nur eingeschränkt möglich war, während auf der deutschen Seite Versorgungsengpässe den Truppen das Leben erschwerten.

Erste deutsche Offensivaktionen scheiterten noch, aber der Führung vor Ort wurde ebenso deutlich, dass auch die Gegenseite, u.a. Die 9. US-Division, völlig ausgelaugt und am Rande ihrer Möglichkeiten sich befanden.

Aber, wie erwähnt, erst nach 124 Seiten im Buch, am Samstag, den 16. Dezember 19444, begann die eigentliche Offensive um 5.20 Uhr mit der Eröffnung des Feuers durch die 6. Panzerarmee Sepp Dietrichs.

Hier nun geht Beevor dazu über, für jeden Tag der Offensive ein eigenes Kapitel einzurichten und so sehr strukturiert die Ereignisse der Offensive detailliert zu schildern. Was dem Leser dazu verhilft, die ebenfalls strukturierte Offensive mit deutlichen Geländegewinnen der deutschen Armee in den ersten Tagen, sehr genau nachvollziehen und verstehen zu können. Kein „verzweifeltes Aufbäumen“ fand hier statt, sondern eine klug geplante, von Wetter und anderen Umständen her begünstigte, strategisch gut organisierte Offensive. Deren Erfolgsmomente sich aber nach einigen bereits „festfuhren“ und mit einer ebenso durchdachten und, unter Druck dennoch ruhig, geplanten Gegenoffensive.

Eine Wendung, an der Beevor die Situation der deutschen Führung vor Ort angesichts der (bekannten und gewohnten“ „Halsstarrigkeit“ Hitlers noch einmal genau Revue passieren lässt und so deutlich wird, dass strategisch eigentlich notwendige Entscheidungen und Bewegungen der „Rest-Truppen“ vor Ort, auch angesichts stark schwindender Treibstoffvorräte, nicht umgesetzt werden durften. Den Befehlshabern waren, wie so oft, im entscheidenden Moment die Hände gebunden und somit der Gegenoffensive ab dem dritten Januar eher „ausgeliefert“ waren, statt dieser mit gezielten Rückzugsbewegungen etwas Schwung nehmen zu können.

Ein überaus informatives Buch, das alle Konstellationen und Stimmungen im Vorfeld, während der Kämpfe und im Anschluss ausführlich beschreibt. Dabei aber sehr trocken und sachlich beschreibend im Ton verbleibt (was den Lesefluss in Form einer emotionalen Beteiligung des Lesers erschwert). Dennoch wird deutlich, was für ein mörderisches Gemetzel diese Offensive im Verlauf geworden war und wie brachial die Kälte und der Winter vor allem der kaum vorbereiteten US-Armee dort zusetzten.

Eine insgesamt gelungene Darstellung mit vielen Feinheiten der letzten, strategisch geplanten und organisiert durchgeführten „Vorwärtsbewegung“ der deutschen Armee zum Ende des zweiten Weltkrieges hin.

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Memory Man

David Baldacci , Uwe Anton
Fester Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Heyne, 31.10.2016
ISBN 9783453270602
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein ganz andersartiger Ermittler

Fett ist er, die „Wampe hängt über dem Gürtel“.
Zerfleddert sieht er aus. Kein Wunder, denn eine ganze Weile lang war er obdachlos und schlief in Pappkartons.
Kaputt ist er, an Körper und Seele, nachdem er 16 Monate zuvor seinen Schwager, seine Frau und seine kleine Tochter brutal ermordet in seinem eigenen Haus vorfinden musste.

Amos Decker.

Ex-NFL Spieler (mit nur einem Profi-Spiel, das aber hatte es in sich, da wurde sein Gehirn „neu verdrahtet“).
Ex -Detective.
Ex-Ehemann.
.Ex-Vater.

Gerade hat er sich wieder aufgerappelt. Paar Jobs gemacht, Geld verdient, genug, um sich ein Motelzimmer leisten zu können fürs erste. Als Privatdetektive hat er sich (ein wenig) wieder „auf die Füße gestellt“.

Da erreicht ihn die Nachricht, dass sich der Mörder seiner Familie gestellt haben soll. Jener Mann, der trotz intensivster Recherchen und polizeilicher Ermittlung völlig im Dunkeln verblieben war, keine Spur konnte gefunden werden.

Und während Decker der Schweiß ausbricht, Mordfantasien seinen Kopf füllen (jener Kopf, dessen Gehirn nichts mehr vergessen kann, seit diesem Footballspiel, in dem jede Erinnerung auf Dauer erhalten bleibt) und er versucht, Zugang zu dem Mann in dessen Zelle zu bekommen, ereignet sich ein Amoklauf an einer Grundschule.

Das da ein Zusammenhang bestehen könnte, ahnt keiner. Dass hier persönliche Gefühle und die alten Fähigkeiten als Ermittler zusammenfinden werden, das ergibt sich erst im Lauf der Ereignisse.

Die Baldacci gewohnt souverän und in sich stimmig schildert. In einem Buch, das den Auftakt zu einer neuen Reihe um eben diese Amos Decker bilden soll. Wobei der Fall selbst oder die konkreten Ermittlungen und Methoden nicht viel Neues zum Genre beitragen, dennoch aber eine solide Story ergeben.

Tatsächlich gelingt es Baldacci vor allem durch die ganz andersartige Geschichte und Fähigkeit, die er seiner Hauptperson verleiht und dessen schon äußeres Erscheinungsbild, das völlig einem Anti-Helden entspricht, den Leser zu fesseln. Ein Interesse an der Geschichte des Ermittlers und dem aktuellen Fall, das für den Leser durch das gesamte Buch bis hin zum anregend und spannend geschilderten Finale hindurch trägt.

Eine anregende, unterhaltsame und mit eigenem Charakter versehener Ermittler in einer soliden „Mördersuche“, die auf mehr Fällen des Amos Decker gespannt sein lässt.

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Spock und ich

William Shatner , David Fisher , Johanna Wais
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Heyne, 24.10.2016
ISBN 9783453201439
Genre: Biografien

Rezension:

Freundschaftliche Erinnerungen

„Mr. Spock und James T. Kirk, die Figuren, die Leonhard und ich bei Star Trek verkörperten, waren beste Freunde, und so war es auch im wahren Leben“.

In einer Mischung aus Seriengeschichte, Filmgeschichte und der persönlichen Lebensgeschichte von Leonard Nimoy und William Shatner (was die jüdische Kindheit beider und ihr Fuß fassen im Film und Fernsehgeschäft anging).

Familiäre Wurzeln, die Shatner durchaus nicht unwichtig findet für das, was sich dann auch privat zwischen ihm und Nimoy entwickelt hat.

Wobei der Leser viel vom damals erst beginnenden und dann Fahrt aufnehmendem Fernsehgeschäft erfährt, ebenso, wie über die Philosophie und Haltung zur Menschen von Gene Roddenberry, die von Beginn an einen großen Einfluss auf die Konzeption der Serie und deren Ansatz der “Gleichheit“ genommen hat.

Dass in einer bestimmten Szene der “weiße“ Shatner die „schwarze „Nichols“ küsste und zugleich der „Vulkanier“ Spock eine „Menschenfrau“, das gehört dabei ebenso zur massiven Zeitkritik der damaligen Zeit, wie an sich der „Umgang mit Fremden“ von Toleranz geprägt war.

Wie sich Shatner und Nimoy, vom Charakter her wie Feuer und Wasser, ihre Rollen je erarbeiteten, wie verschieden Ihre Arbeitsweise am Set war und das Nimoy immer schon langsam, aber stetig, seine Interessen, Leidenschaften und eben seine Rollen aneignete (und dabei keine Ruhe ließ, wenn ihn Details störten), das ist interessant zu lesen.

Allein schon, was die „vulkanischen Monde“ angeht zeigt sich über das gesamte Buch hinweg die Akribie Nimoys, die ihn auch im Leben auszeichnete.

Über die gesamte Strecke der Entwicklung erzählt Shatner in munterem Plauderton, vom mäßigen Erfolg der Serie mit doch bereits ersten, intensiven Fans über die Filme, die zu jener Bewegung wurde, die noch heute als „Trekkies“ eng mit dem Werk und den Schauspielern verbunden sind.

Und verweist ebenfalls ehrlicherweise immer wieder auf die Härten des Anfangs und das Glück, das dazu gehört, Teil von etwas zu werden, was einen als Schauspieler wirklich bekannt macht,

„Nimoys Großvater zumindest könnte in den Anfangsjahren ohne Weiteres am Zustand der Schuhe seines Enkels erkennen, ob es gerade gut lief oder nicht.

Das ein solches Leben Spuren hinterlässt, das selten wirklich Freundschaften geschlossen werden, dass Ehen zerbrechen, der Rausch nicht nur mental im Raume steht und man doch gemeinsam auch vieles bewältigt hat, das sind die menschlichen Feinheiten, die dieses Buch zu einer anregenden Lektüre (nicht nur für „Trekkies“ gestaltet.

Warm, persönlich, voller Geschichte und Details, eine Lektüre, die sich lohnt.

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Das Reich der Deutschen

Nils Klawitter , Dietmar Pieper
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei DVA, 14.11.2016
ISBN 9783421047663
Genre: Sachbücher

Rezension:

Gut lesbarer und als Überblick gehaltener Gang durch die Geschichte

Eine umfassende, vertiefte und breit wissenschaftliche Abhandlung zur „Nation-Werdung“ des Deutschen Reiches bildet diese stringente und vielfältige Betrachtung der Geschichte Deutschlands nicht unbedingt.

Das aber ist auch gar nicht das Ziel der Herausgeber.

Sondern in einem Überblick (und dennoch differenziert) die einzelnen Stationen der Entwicklung zur äußerlichen Einheit und zur Gründung eines „Deutschen Reiches“ und seiner Geschichte bis zum Ende darzustellen, das ist Sinn dieses Werkes und dies darf rundherum als gelungen gekennzeichnet werden.

„Es war ein seltsames Gebilde, dieses Heilige Römische Reich, in dem sich die deutsche Nation herausgebildet hat“.

Und in einer Zeit, in der sich Begriffe wie „Nation“, „Tradition“, „völkisch“ und andere wieder auf offener politischer Bühne etablieren, ist es ein gutes Ansinnen, sachgerecht nachzufragen, was denn genau die Elemente und Eigenheiten dieser „Nation“ waren, als sie geschichtlich zusammenfand (oder zusammengebracht wurde, was der bessere Ausdruck wäre).

„Und wie hält man Mythos und Wirklichkeit dieser fast tausendjährigen Geschichte auseinander?“. Eben, in dem man bei den Fakten bleibt.

Besonders geljungen ist dabei im konkreten Ansatz des Werkes, dass eben nicht nur nach „Mächtigen“, nach „Otto I.“ (der eigentliche Reichsgründer), Nach „Karl dem Großen“ (dem Sicherer des Reiches) oder anderen großen Gestalten der deutschen Geschichte gefragt wird (auch wenn diese ihren Platz in der Darstellung natürlich haben), sondern vielmehr noch und das sehr genau in der Form von Interviews, kurzen Darstellungen und übersichtlichen Zusammenfassungen die Wirkung auf den „kleinen Mann“ mit in den Fokus des Blickes rückt.

Wie fand die Entwicklung in den Zünften statt, die sich irgendwann öffneten entgegen der Hierarchie ihrer Traditionen? Wie entstand eine Art „Bürgertum“ als durchaus Kraft gegenüber dem Adel auch.

Oder die „Frauenfrage“, wie sich Berta von Arnsberg zäh und mit Erfolg gegen den Kölner Erzbischof verteidigte, um die Eigenständigkeit ihres Klosters zu erhalten.

Und welche Klammern kamen auch „von unten“, um so unterschiedliche Volksstämme und Mentalitäten zusammenzuführen (und zu halten). Wo auf der einen Seite zunächst ein „Kuns-Gebilde“ von oben her erschafft wurde, das als „Nation“ zusammengefügt wurde, auf der anderen Seite aber auch deren Untertanen langsam in das Bewusstsein einfließende Vorteile mit sich brachte.

Nicht umsonst forderte Hutten schon Anfang des 16. Jahrhunderts einen „zeitgenössischen Kulturpatriotismus“. Zunächst ohne Erfolg, denn Maximilian, designierter Kaiser des Reiches, wird im Stich gelassen und muss im Kampf mit Venedig einen Waffenstillstand schließen, weil eben das „Reich“ nicht hinter ihm stand.

Und dennoch findet sich 1730 eine „vollständige teutsche Reichshistorie“ durch Burckhard Gotthelf Struve.

Eine differenzierte Entwicklung, ein oft „nicht-ernst-nehmen“ dieses Reichsgebildes und doch eine historische Entwicklung hin zur Einigung und Einheit, die seinesgleichen sucht und zur beherrschenden europäischen „Mittelmacht“ zu Zeiten wurde.

Das alles in angenehm zu lesendem Stil und mit vielen „Nebeninformationen“, die noch einmal ein anderes Licht auf die Ereignisse werfen.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre bis hin zum Jahre 1806, in dem Kaiser Franz II das Reich am 6. August auflöste.

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14 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

internet

Ich hasse dieses Internet.

Jarett Kobek , Eva Kemper
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 13.10.2016
ISBN 9783103972603
Genre: Romane

Rezension:

„Ver-rückt“ und andersartig, aber den Finger genau auf die Wunde legend

„Außerdem ist Jack Kirby die Hauptfigur dieses Buches, weil es kein guter Roman ist. Es ist ein wirklich verworrenes Buch mit einer Hauptfigur, die nie auftritt“.

Sagt Kobek. Und irrt nur in einem nicht: dass es in seinem Sinne (da muss der Leser schon in Ruhe die Definition eines „guten Romans“ im Buch selbst lesen) kein „guter Roman“ ist.
Zum Glück.

Sondern eben ein aufrüttelnder, einer, der den Spiegel vorhält, nicht nur dem Internet sondern der ganzen westlichen Spaß- und „Konsumgesellschaft, die alles an Rechten ihrer privaten Existenz dem „Internet“ in Form konkreter Konzerne geradezu aufdrängt, damit diese (kostenfrei natürlich) die gleichen Daten mit bestem Gewinn weiter nutzen.

Und das ist die Parallele zu Jack Kirby, wahrscheinlich eher Insidern bestens bekannt. Jener Graphic-Novel Autor, der das gesamte Marvel-Superhelden-Imperium geschaffen hat. Aber als „Auftragsarbeit“ natürlich, was heißt, dass er von den über 5 Milliarden Euro Gewinn, der auf den Figuren beruht, keinen Cent gesehen hat. Und außerdem bereits gestorben ist.

Daher ist Kirby nur im Hintergrund die „Hauptfigur“ des Buches (da wäre eher die Mittvierzigerin und ehemaligen Comic-Zeichnerin Adeline an erster Stelle zu nennen), aber sehr wohl das Prinzip der „Ausbeutung“, das zu allen Zeiten vorherrschte und nun durch das Internet richtig Fahrt aufnimmt.

Und dabei gilt: Wehe, wer sich nicht „Mainstream“ verhält (siehe die Definition von „guter Roman“, siehe das Erleben von Adeline, siehe wir alle jeden Tag).

„1996 war (für San Franzisco) kein entscheidender Moment, weil Adeline eintraf. Das Besondere an 1996 war, dass in diesem Jahr der Wirtschaftsfaktor Internet ins kollektive Bewusstsein drang“. Und aus der Metropole des „alternativen“ Lebens eine boomende Stadt (in der kein Normalverdiener mehr die Mieten zahlen könnte) wurde.

Breit angelegt, mäandernd assoziierend schreitet Kobek das Leben der Gegenwart angesichts des Internet ab. Bringt dutzende von Seitenlinien in die Geschichte, die immer und immer wieder um das Eine kreisen, wie sich „Brot und Spiele“ inzwischen Verknüpfen zu „Geschäften“, an denen Milliarden Menschen bereitwillig mit ihren Daten teilnehmen, in denen Gentrifizierung und Zugang zu Kapital eine massive zwei Klassen Gesellschaft schafft, wie der normale „etwas verpeilte“ Mensch (wie Adeline) zwischen die Mühlsteine des Shit-Storms gerät wegen der ein oder anderen zwar ehrlichen, aber unbedachten Äußerung.

An der wiederum Kobek süffisant und trocken durchdekliniert, wie ein kleiner Vortrag durch das „gefilmt“ werden dann weltweite Wellen schlägt (inclusive eines genüsslichen Blicks auf den Umgang (und die Fähigkeit zu diesem) mit der Grammatik und Rechtschreibung der „Intelligenzbestien“ mit ihren Posts auf allen Kanälen von Facebook bis Twitter).

Aber das ist eh alles nur Ablenkung, folgt man Kobek durch seinen schrägen, aber ungeheuer geschärften Blick auf die „Strukturen der Welt“ und der Macht. Wenn er den Disney Konzern Schritt für Schritt auseinanderbaut und den Leser offen darauf schauen lässt, wer die Arbeit machte, wer die Idee hatte und wer Ruhm, Geld und Erfolg einstrich (und dass das auf keinen Fall die gleichen Personen waren), dann ergibt sich eine Melange aus Dumpfheit (der „User“), aus Verwirrung (die „Opfer“ und „nicht-Kundigen“) und aus einem ständigen und immer schneller werdenden „Händereiben“ (jener, die wissen, was sie tun und wie sie mit weitgehend Nichts die Kassen gefüllt bekommen).

Im Stil ebenso „ver-rückt“, wie es in Teilen des öffentlichen Lebens inzwischen sich darstellt, ganz nah am Zeitgeist, ausschweifend und abschweifend (auch wenn es eine eher vage rote Linie im Roman gibt), vor allem aber unglaublich treffend.

Jede Information, die Kobek gibt, jedes konkrete Ereignis, das er atmosphärisch wunderbar trocken erzählt, jede Haltung, die im Roman zu erkennen ist, führt dazu, dass der Leser entweder fast jeden Absatz im Buch unterstreicht, um ihn im Kopf zu halten (was bei der Fülle einfach nicht geht) oder irgendwann beginnt, sehr, sehr langsam und genau zu lesen.

Falls es Leser findet, denn „die Menschen lasen lieber über das Kopulationsgebahren von übernatürlichen Wesen“ im Sinne des „Werwolfs“, „Vampire Diaries“, „Walking Dead“ usw., als echte Bücher mit echten Inhalten.

Rassismus, Kapitalismus, Dummheit, die Definition der „eigentlichen Währung“ im Internet (nicht Geld, sondern Ruhm für ein paar Sekunden), der Umgang miteinander und was die Welt unter „dem einen wahren Gott“ meint zu verstehen (und wo dieser unter Umständen wirklich zu finden wäre), all das und noch mehr schreitet Kobek umfassend ab.

Und lässt den Leser nach der Lektüre erschöpft, angefüllt mit Informationen und ein wenig ratlos zurück. Aber mit dem Eindruck, dass man da nun wirklich was machen sollte, so gering die eigenen, kleinen Möglichkeiten auch sind.

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sterbehilfe, alzheimer, sterben, rezension, gesellschaft

Dem Tod die Hand reichen

Terry Pratchett , Gerald Jung
Fester Einband: 67 Seiten
Erschienen bei Manhattan, 03.10.2016
ISBN 9783442547814
Genre: Sachbücher

Rezension:

Offene Worte zur Sterbehilfe und dem Tod an sich.

Mit 59 Jahren erhielt Terry Pratchett die Diagnose Alzheimer. Und etwa zur gleichen Zeit ein Angebot, einen Vortrag in der BBC zu halten im Rahmen einer Fernseh-Vortragsreihe.

Tod, Sterben, die Qualen, die mit gewisser Wahrscheinlichkeit am Ende vieler Leben warten werden, darum kreisten seine Gedanken, hier wurde aus der persönlichen Betroffenheit Inspiration für grundlegende Gedanken über das Sterben und den Tod.

Zorn bewegte Pratchett, tiefe Emotionen waren seine Antriebskraft, sich ebenso tief der „letzten Grenze“ des menschlichen Lebens zuzuwenden. Eine emotionale Kraft, die man dem Buch anmerkt und die den Leser gefangen nimmt. Hinein in dieses persönliche Thema, das für jeden Leser seine ganz direkte Kraft alleine schon daraus zieht, dass der Tod für jeden anstehen wird.

Wobei dabei die großen Themen von Sterbebegleitung, Versorgung todkranker und Sterbehilfe ins Zentrum des Vortrages gerückt wurden. Um zu kämpfen „für einen Tod, für den es sich zu sterben lohnt“.

„Er wollte, dass jedem von uns die Möglichkeit offensteht, zu einem von ihm selbst bestimmten Zeitpunkt in Würde zu sterben“.

Bei aller Ausrichtung seiner Gedanken auf den Tod und das Sterben gelingt es Pratchett ebenso, eher nebenbei, das Leben mit in den Blick zu nehmen. Nur eben „von hinten“ betrachtet. Mit klaren Ableitungen, was denn ein gutes Leben ist und wie in einem guten Leben dann auch mit innerem Frieden „dem Tod die Hand“ gereicht werden kann.

Ein Vortrag, der an vielen Stellen mit dem typisch selbstironischen britischen Humor angereichert ist, der Pratchett auch in seinen Werken auszeichnet, der aber, anders als im literarischen Schaffen, hier sehr persönlich wird.

„An dem Tag, an dem mein Vater seine Diagnose erhielt, sagte er mir: „Wenn Du mich je in einem solchen Krankenhausbett siehst, voller Schläuche und Sonden….sag ihnen, sie sollen mich abschalten““.

Bevor Pratchett offen und klar von seiner Krankheit berichtet, von den zunehmenden Einschränkungen (statt selbst zu tippen musste er u.a. seine letzten Bücher diktieren).

„Es hat den Anschein, als seien Hilfe und Pflege das reinste Glücksspiel. Und aus diesem Grund heraus gibt es Menschen, die nicht gepflegt werden möchten“.

Ein persönlicher, tiefer und, im Lauf des Vortrags, sehr gut begründeter Aufruf zur Sterbehilfe, der zur damaligen Zeit für Aufruhr sorgte und die Diskussion bis zum heutigen Tag mit in Gang hält.

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Im Bernstein der Balladen

Wolf Biermann
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Propyläen Verlag, 14.10.2016
ISBN 9783549074794
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

Werkschau

282 Balladen, Liedtexte, mal kurz, mal mit längeren Versen sind es, die aus Biermanns Lebenswerk in diesem Buch versammelt sind.

„Es sind die Verse – sie erwiesen sich als meine stärkste Waffe im Streit der Welt. Feinde, aber auch Freunde, ich ohnehin….sind nun gut aufgehoben im Bernstein meiner Balladen“.

Mit markigen und, wie so oft, hintergründigen und sehr klaren Worten erläutert Biermann im Vorwort noch, womit ihn „die Musen“ küssten und welch „Schwachpoeten“ sie die Inspiration entnahmen, um sie ihm zukommen zu lassen. Das ist sicherlich keine sonderlich sympathische, eher überheblich wirkende Sicht auf den künstlerischen Schaffensprozess, wobei jeder einigermaßen kundige Leser Biermann im Stillen Recht geben mag bei all dem, was einem als „ernsthafte Kunst“ hier und da angeboten wird.

Sei´s drum, in den 282 Liedern und Gedichten ist das Werk Biermanns in guter Auswahl durch ihn selbst vor allem eines, nämlich eine breite Vertretung seiner verschiedenen Facetten.

Hoffnungen, Illusionen, Zweifeln und Verzweiflung, Glückseligkeit, Kontinuum, aber auch die Brüche seines Lebens, all das hat Biermann immer künstlerisch verarbeitet, herausgeschrien, sanft gesungen, bedächtig vorgetragen oder leidenschaftlich den Hörern dahingeworfen.

„So lasst uns unsrer Väter wahre Söhne sein: respektlos aufkrempeln die Schlotterhemden und singen! Schreien! Unverschämt Lachen!“.

Sei es der Prolog für den Film „Spur der Steine“, sei es der „Gesang für meine Genossen“, sei es die „Bibel Ballade“, dieses Werk verschafft einen gelungenen Eindruck von der Vielfältigkeit der Themen Biermanns, seiner immer streitbaren, aufmüpfigen, lauten Ader. Vom krachenden „Kampflied“ zum leisen „Liebeslied“, vom alltäglichen Miteinander zum gesellschaftlichen Umbruch, in Ruhe kann der Leser sich hier umfassend versammelt dem Denken und den Aussagen Biermanns, offen politisch bis ganz poetisch, annähern.

Eine gelungene Werkschau für jene, die Biermann als Wegbegleiter sehen, wie auch für jene, die vielleicht das erste Mal schauen möchten, was es mit dem Mann so auf sich hat.

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(202)

416 Bibliotheken, 28 Leser, 1 Gruppe, 159 Rezensionen

krimi, mord, nele neuhaus, taunus, fuchs

Im Wald

Nele Neuhaus
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 14.10.2016
ISBN 9783550080555
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Sehr flüssig verfasst, aber nicht ohne Längen

Schon der Umfang des Buches macht deutlich, dass Nele Neuhaus bei ihrem neuen (und vielleicht für Kommissar von Bodenberg fast letzten) Fall weit ausholt.

Und so ergibt sich auch während der Lektüre eine Erzählung aus verschiedenen Perspektiven heraus, die von Bodenberg und seine Assistentin Pia nicht nur tief in den Wald des Taunus führen werden, sondern auch ebenso tief in die Vergangenheit Oliver von Bodensteins.

Denn um diesen verbrannten Wohnwagen auf dem einsam gelegenen und um diese Jahreszeit nicht bewohnten Campingplatz im Wald im Taunus und der in diesem Wohnwagen gefundenen „Brandleiche“ tauchen mehr und mehr Personen, Verdächtige, Zeugen, Menschen auf, die von Bodenbergs Jugend mitgeprägt haben.

Sei es der alte „Bandenführer“ aus der Grundschule, sei es der unwirsche Schlosser im Dorf, der ebenfalls „Schulfreund“ von Bodenbergs ist.

Das in den Verhältnissen der Kindheits- Jugendbekanntschaften in vielerlei Hinsicht nicht alles zum Besten gestellt ist, das wird bald klar und genau für diese Verhältnisse, für die Beziehungen untereinander, für von Bodenbergs innere Entwicklung und für Pias ebenso intensive innere Befürchtungen, dass aus dem „Sabbatical“ ihres Vorgesetzten und Partners ein Abschied auf immer werden könnte, dreht sich so ziemlich genauso viel in diesem neuen Kriminalroman der Autorin, wie um den Fall selbst. Wobei ein guter Teil all dieser hintergründigen Abläufe zwischen und in den Personen durchaus mit dem Fall zu tun haben wird.

Das zudem ein ausgeprägtes Lokalkolorit in bester Weise die Atmosphäre des Romans mitbestimmt, das ist bei Nele Neuhaus nichts Neues und sorgt, wie immer, für eine authentische und stimmige Rahmung der Handlung.

Und das alles in Ruppertshain, was ansonsten ein eher verschlafener kleiner Ort im Taunus ist.

Es wird daher dauern, bis aus der Vielzahl der Informationen und alter und neuer Geheimnisse sich so etwas wie ein roter Faden der Ermittlungen ergeben wird. Was die ein oder andere Länge in den Ablauf setzt, die trotz der sehr flüssigen und erzählfreudigen Sprache der Autorin dem Leser die ein oder andere Geduldsprobe nicht erspart.

Mit überraschenden Wendungen und einer sich langsam aufbauend Bedrohung und Gefahr zum Finale hin, findet Neuhaus ab diesem Zeitpunkt mit deutlich erhöhtem Tempo dann aber selbstverständlich das richtige Maß für knisternde Unterhaltung, in der die vielen losen Fäden der Ermittlungen zuvor sich langsam zu einem Gesamtbild verdichten.

Gut im Übrigen, dass Neuhaus an den Anfang des Romans ein ausführliches Personenregister setzt, denn bei der Vielzahl der Namen und Verbindungen zwischen den Personen blättert man schon das ein oder andere Mal zu diesem zurück, um den Überblick zu behalten.

Alles in allem sprachlich flüssig zu lesen, die Personen gründlich erkundend und einen doch auch besonderen Mordfall in den Mittelpunkt stellend.

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Auf Sand gebaut

Sebastian Sons
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Propyläen Verlag, 18.11.2016
ISBN 9783549074824
Genre: Sachbücher

Rezension:

Treffendes Bild

Es ist nicht nur die Türkei unter Erdogan, die selbst den trägen Westen und die trägen Verantwortungsträger der EU so langsam in diesen Tagen zu klaren Äußerungen und einer offen ablehnenden Haltung gegen dieses Verhalten und Vorgehen dort nötigen.

Es ist ein System, das an vielen Orten existiert, das lange (und in vielen Fällen bis heute und über den Tag hinaus) es wohl nötig macht, beide Augen zu verschließen vor den Strukturen, die solche Systeme rahmen. Sei es, wegen „guter Geschäfte“, sei es, wegen der Abhängigkeit von Rohstoffen, sei es um der vermeintlichen Stabilität willen in konkreten Regionen.

Und Saudi-Arabien ist da tatsächlich die „aus dem Sand“ herausragende Spitze des Berges, wegen derer viele politisch Mächtige den „Kopf in den Sand“ stecken. Wobei das alles, im wahren Sinne des Wortes und im übertragenen Sinne „auf Sand gebaut“ ist. Sie Sons überzeugend vor Augen führt und in vielen Details belegt.

Eine absolute Monarchie mit strengen Regeln, eine islamische Herrschaft auf jahrhundertalten Traditionen unverändert verankert, Der Wahhabismus als religiöse Haltung, der ohne jede Verbiegung Al-Kaida und den IS unter sich vereinen kann. Auch wenn offiziell beteuert wird, sich auf keinen Fall gemein zu machen mit Islamisten, Terror und Gewalt. Es ist noch nicht einmal mehr ein offenes Geheimnis, sondern nur allzu bekannt, wieviel an saudi-arabischem Geld über die Jahre in die Kassen islamistischer Hardliner geflossen ist.

Alkoholbesitz wird mit Todesstrafe geahndet, Theater und Kino sind verboten, Regimekritiker werden verhaftet oder gleich enthauptet, Kritik am Königshaus oder dem Wahhabismus wird nicht geduldet, die wahhabistischen Geistlichen sind Sitten- und Tugendwächter im Land, Frauen dürfen ein Auto nicht eigenständig fahren, der Koran bildet die Verfassung des Landes.

Man könnte auch sagen: „Mittelalter live und real“. Aus westlicher Sicht zumindest erinnert die klare Struktur der Monarchie, die Härte der Regeln und das absolute durchsetzen derselben an europäisch mittelalterliche Verhältnisse der Feudalherrschaft mittels Monarchen, Adeliger und der Kirche.

Gleichzeitig liegen dort immer noch die zweitgrößten Ölreserven der Welt „unter dem Sand“ in einer Gesellschaft, die durchaus wirtschaftlich und technisch in die Moderne geführt wurde. Bildung, Gesundheit und tägliches Leben werden intensiv gefördert und preiswert gehalten, aber um den Preis der absoluten Treue zu „dem, der zahlt“.

Sons zeichnet die Wurzeln der Gegenwart nach, beschreibt das Land im aktuellen Zustand, öffnet den Blick für die zentrale Bedeutung des Landes als „Naht“, die den Nahen Osten (noch) soweit es geht zusammenhält und bildet auch die konstruktiven Chancen im Land und im Umgang mit dem Land im Buch ab.

Ebenso aber verweist er auf die vorhanden „Doppelmoral“ des Westens. Gute Geschäfte und Sicherheit in der Region einerseits, das Anprangern und Wissen um die Verwicklungen der führenden Köpfe des Landes in dunklen Strukturen, in Terror und Unterdrückung der eigenen Bevölkerung.

Sons führt all dies differenziert aus und ruft zu einer klaren und realen Politik Saudi-Arabien gegenüber auf. Bleibt dabei aber angenehm differenziert.

„Dennoch müssen wir verstehen, dass Saudi-Arabien sehr viel facettenreicher ist als das Bild, das üblicherweise von dem Wüstenstaat vermittelt wird“.

Diese Facetten stellt Sons verständlich und kenntnisreich dar und schafft damit die Grundlage für eine mögliche, konstruktive (zumindest konstruktivere als bisher) Politik gegenüber dem Land mit der besonderen „Schlüsselposition“ weltweit betrachtet, was die Stabilität einer ganzen Region angeht.

Tradition bewahren, Moderne annehmen und sozialen Wandel zulassen, dass sind die Aufgaben, die Sons am Ende konkret für alle Beteiligten benennt und die miteinander und nicht gegeneinander auf den Weg gebracht werden müssen.

Eine lehrreiche, anregende und konstruktive Lektüre.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Ein dunkler Trieb

L.U. Ulder
Flexibler Einband
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 02.11.2016
ISBN 9783426216019
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Anregender Thriller

Eigentlich geht es um mehr als nur „einen“ dunklen Trieb. Denn was zwischen der Chefin der Ermittlergruppe und einem ihrer Ermittler abläuft, was ein Mann in einem alten auto an immer dergleichen Stelle so betreibt, da treten schon „dunkle Triebe“ bereits in den Raum.

Wobei der Mörder im Thriller, der von der Berliner Polizei lange Zeit ohne Erfolg versucht wird, zu finden, da schon sehr spezielle Vorlieben in Richtung der „dunklen“ Seite der Sexualität, Macht und Dominanz, vorzuweisen hat.

Und es gelingt Ulder zudem durchaus fesselnd, die speziellen „Süchte“ des Mörders, seine sich steigernde Erregung, seine Versuche, das nächste Opfer sich gefügig zu machen, spannend zu schildern.

Wobei Ulder nicht nur stringent diesem roten Faden der Ermittlungen folgt, sondern genügend Zeit findet, auch ein Stück in die Breite der Protagonisten zu gehen. Wo ein „gesetzter“ Teil der Ermittlungsteams der jungen Praktikantin ebenso konzentriert Beachtung schenkt, wie der Verfolgung eines Verdächtigen und damit fast die Ermittlungen ruiniert.

Wo die Chefin der Gruppe, ausgestattet mit einem ganz speziellen „Parfüm“ und „Er-Sie-Es“ Verhalten schon gut Nerven gerade auf Seiten ihres neuen Ermittlers provoziert.

Björn Liebermann, der überall lieber wäre, als in dieser Mordkommission, am liebsten wieder in Hamburg bei seiner Hündin, die er, ebenso wie die Stadt, für die Karrierechance seiner Lebensgefährtin verlassen hat und nun ausgesprochen fremdelt in Berlin, im Beruf, auf einem Empfang des neuen Arbeitgebers seiner „Franzi“ und überhaupt.

Auch die sich schnell aufdrängende „gute Freundin“ aus dem Rotlichtmilieu muntert ihn da nicht auf, eher fühlt er sich auch dieser „Stimme am Telefon“ eher ausgeliefert.

Dennoch, der Fall packt ihn, langsam, aber sicher. Und er ist es auch, den Zweifel an einer vermeintlichen Auflösung befallen, die einen Mann ins Gefängnis bringt. Und der da nach einer Weile ziemlich breitbeinig nur noch gehen können wird.

Ein wenig zu breit, auf der einen Seite, erzählt Ulder, manche nähere Erläuterungen von Lebensumständen mancher Personen wirken hier und da künstlich aufgesetzt, während andere Erzählfäden (wie die private Entwicklung zwischen Liebermann und Franzi ein Mehr an Raum verdient gehabt hätten.

Dies sind allerdings eher Kleinigkeiten am Rande, trotz des eher gemächlichen Tempos im Thriller hält er dennoch hintergründig durchgehend Spannung bereit, führt einige „Triebe“ wie den Voyeurismus passend und emotional ein (auch wenn dem „normalen“ Leser sich vielleicht nicht ganz erschließt, was einer daran finden mag, bei Dunkelheit und kaum mehr schemenhaft in einem Auto zu erkennenden Abläufen solche Erregungszustände zu bekommen. Und nimmt sich sachkundig Zeit, die Methoden der Ermittlungen und die Ermittlungen selbst konsequent im Mittelpunkt des Geschehens zu halten.

Insgesamt eine anregende, sprachlich differenziert umgesetzte Unterhaltung, die zum Ende hin noch für richtig Spannung und einige überraschende Wendungen sorgen wird.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

SPQR - Die tausendjährige Geschichte Roms

Mary Beard , Ulrike Bischoff
Fester Einband: 656 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 13.10.2016
ISBN 9783100022301
Genre: Sachbücher

Rezension:

Umfassend und mit ganz anderem als gewohntem Ansatz und Aufbau

Zwar hält sich Mary Beard in ihrer umfassenden, fundierten, gut zu lesenden und unglaublich informativen, detaillierten Betrachtung der Geschichte Roms weitgehend an eine chronologische Abfolge (und das auch nicht immer). Doch ganz anders als gewohnt stehen nicht unbedingt immer konkrete Daten, Ereignisse oder bestimmte Personen im eigentlichen Mittelpunkt ihrer Schilderungen (auch wenn (fast) alles und jeder Erwähnung findet, teils auch sehr ausführlich).

Sondern im Kern hat sich Beard zur Aufgabe gesetzt (und diese glänzend erfüllt), dem Leser zu verdeutlichen, was Rom zur jeweiligen Zeit als Weltanschauung bedeutete, welche großen Linien der Politik und Strategie je zeitübergreifend ineinander fassten und welche (zur damaligen Zeit) „weltweiten“ Folgen sich daraus ergaben (und wie diese sich wieder im römischen Reich zur Stadt selbst rückkoppelten und neue Entwicklungslinien eröffneten).

So ist es folgerichtig, dass Beard in nur einem Kapitel (über 52 Seite hinweg) gleich 14 Kaiser (nach Augustus) in einem behandelt und betrachtet. Weil es eben nicht auf die einzelne Person ankommt (egal wie schwierig, genial, dekadent, egoman, der Republik zugewandt, nur den eigenen Interessen dienend oder sonst wie der einzelne Herrscher gewesen sein mochte). Sondern das „Kaiserreich“ des noch einigen und nicht in zwei Teile geteilten römischen Reiches stand „an sich“ für eine Haltung, für eine bestimmende Werteleiter und Entwicklungslinie, die Beard im ausführlichen Blick auf die „Umwälzungen des Augustus“ im Kapitel direkt davor intensiv und ausführlich vorlegt.

Nicht Caligula oder Nero oder andere „Caesaren“ mit ihren Eigenarten haben das Kaisertum „gemacht“, sondern im Übergang von Caeser zu Augustus vor allem ist eine der Zeitenwenden zu erkennen, in welchen sich die großen Linien der römischen Geschichte neu zusammenfügten. Und dann in je besonderer Weise sich ausprägten unter den einzelnen Herrschern (die Beard präzise auf den Punkt je zusammenfasst). Und auch diese Wende hatte ja ihre Vorgeschichte, ihre roten Fäden, die zu dieser Veränderung führten, die trotz des Mordes am „Tyrannen“ Julius Caeser den Weg bereiteten für eine „Einzelherrscher“.

Und das im Blick nicht nur „auf die da oben“. Im Gegenteil.
In sehr lebendiger Sprache und großer Breite schaut Beard auf Rom. Auf die Bürger, Sklaven, Fremden, Gefangenen, Geiseln, auf die bestimmenden Familien und die einfachen Bewohner, deren Leben „bestimmt wurde“. Wobei auch ein Blick „von außen“ auch nicht fehlt, denn Stadt Rom und römisches Reich haben schon früh ein, teilweise fast völlig voneinander abgekoppeltes, Eigenleben entfaltet.

Zudem, und das ist nicht zu unterschätzen: das, was in Rom entstand, sich wandelte, neu fand, wieder auseinanderging und anders sich zusammenfügte, ist keine „ferne Vergangenheit“, die in sich abgeschlossen in Ruhe eher wie ein Objekt betrachtet werden könnte.

Sondern in der vielfältigen und hin- und her sich bewegenden Geschichte, bis knapp zu Beginn des 3. Jahrhunderts hinein, die Beard zu ihrem Rahmen macht, wird deutlich, dass die inneren Kräfte, die wirkten und den Alltag vieler Menschen bestimmten, Kräfte darstellen, die auch heute wirken. Und sich in Teilen in direkter Linie auf das römische Reich zurückführen lassen.

„…denn unsere Weltsicht und unser Selbstverständnis sind bis heute wesentlich von Rom mitgeprägt, von der abgehobenen Theorie (Cicero, Horaz u.v.a.) bis zur anspruchslosen Unterhaltung („Brot und Spiele“ in den Arenen des Weltreiches). Auch nach zweitausend Jahren bildet es die Grundlage westlicher Kultur und Politik“.

Was Beard allerdings nicht „zwanghaft“ in ihren Darlegungen verfolgt, in dem sie beständig „moderne Bezüge“ heranführen oder herbeizwingen würde, sondern es gelingt ihr in viel interessanterer Weise, den Leser (auch mittels des flüssigen Stils) immer wieder „hinein zu nehmen“ in die „großen Linien“ und das „kleine Leben“ im römischen Reich über die Zeiten hinweg. Von der Gründung bis zur „allgemeinen Bürgerlichkeit“ im Jahre 212 unter Caracalla (auch dies eine ganz eigene Einteilung der „römischen Epochen“, welche die historisch üblicherweise gesetzten Zeitabgrenzungen anderes definiert).

Was aber in diesem Buch hervorragend passt, denn, so sagt es Beard, „es geht um die Frage, wie Rom so wachsen und seine Stellung so lange halten konnte, und nicht um den Verfall und Untergang des Römischen Reiches, falls es ihn denn je in dem Sinne gab…….“.

Eine andersartige Sichtweise, eine ganz eigene Gliederung der Geschichte Roms und eine sehr viel weitere Betrachtung „in das Volk hinein“, als es üblicherweise in Geschichtsüberblicken der Fall ist. Mit dem, was den Alltag ausmachte.
Gedichte schreiben und Hören, Vorträge besuchen, Aufführungen von Liebeskomödien genießen bei der römischen Elite und kämpfen um das tägliche Überleben auf der anderen Seite der römischen Bewohnerschaft mit Ausflügen in die (häufigen) ausgedehnten „Feierlichkeiten für das Volk“, auf den Straßen und in den Arenen.

Mit vielfachen Illustrationen versehen eine Lektüre, die einfach mit Freude zu lesen ist und zudem ein Mehr an Informationen durch einen anderen Blick je bietet, als andere Bücher zur Geschichte Roms.

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Die Kunst der Transformation

Stefan Brunnhuber , Kurt Biedenkopf
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Verlag Herder, 12.04.2016
ISBN 9783451600036
Genre: Sachbücher

Rezension:

Was am Ändern hindert

Wie im Kleinen, so im Großen, könnte man sagen. Denn zwar setzt Brunnhuber in diesem Werk seinen Fokus von Beginn an auf die „großen Themen“ der Ökologie und Ökonomie, da aber die Kernfrage die ist, warum die Menschheit (und damit der einzelne Mensch inbegriffen), sich erkennbar schwer damit tut, aus Erkenntnissen des Verstandes auch klare Verhaltensänderungen herbeizuführen, erweitert sich das Buch eben auch auf dieses konkrete Thema hin: Was macht Veränderungen trotz Erkenntnis so schwer?

Oder, anders herumgefragt, aus der Berufspraxis Brunnhubers heraus, wie kann das durchaus ja stark vorhandene „Entwicklungspotential“ im Einzelnen und in Gesellschaften stärker genutzt, abgerufen werden?

Denn die Annahme, dass „sich Psyche, Verhalten und Erleben entwickeln und dass diese Entwicklung nicht zufällig verläuft, sondern Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist“, ist eine der zentralen Erkenntnisse modernen Psychologie.

Dabei sieht Brunnhuber die Herausforderungen der Zeit als Anreiz für die Entwicklungsmöglichkeiten der Gesellschaften, die über die Fähigkeiten des Einzelnen deutlich hinausgeht. „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“.

Was nun bedeute Wachstum und Entwicklung (die durchaus unterschiedliche Momente darstellen) und wie entsteht ein möglicher Weg vom „Ich“ zum „Anderen“ und damit zum „Wir“ (am Beispiel der Shared Economy dekliniert Brunnhuber diesen Weg auch praktisch verständlich durch).

Nachhaltigkeit, Wirtschaften mit Maß, Alternativen zum „System“ (monetäres Ökosystem u.a.), die Erkenntnis, das Leben immer auch im Widerspruch stattfindet und wie mit Affekten und Anerkennungen (unter anderem im Blick auf das leistungsfreie Grundeinkommen) anders umgegangen werden kann, all diese, verständlich vorgetragenen, Elemente des gemeinsamen Miteinanders im Kleinen und Großen erläutert Brunnhuber zur Vorbereitung des zentralen Kapitels im Buch, der „Psychologie der Transformation“.

Was es braucht für eine Veränderung, was dabei „innere“ und „äußere“ Antreiber sind und welche Rolle sie spielen, das eine Veränderung „Schritt für Schritt“ sich vollzieht, auch wenn man ungeduldig vielleicht daran zerrt und das es tatsächlich um einen „Verzicht“ gehen wird (der aber nicht „Aufgezwungen“ stattfindet, sondern in der langesamen Transformation als „besser“ erkannt werden kann), das sind die Kernpunkte, die dem Leser das Wesen einer Transformation und deren praktischen Ablauf vor Augen stellen.

Und damit das gedankliche Handwerkszeug vorbereitet wird, um von der Erkenntnis Schritt für Schritt zur Umsetzung zu kommen.

Ein interessantes, psychologisch fundiertes Werk, in dem Brunnhuber die Weichen stellt für eine ehrliche Diskussion, für ein Erkennen der Begrenzungen der Welt und für einen wahrhaftigen Umgang mit den eigentlich zugrundeliegenden Ängsten, in dem eine nicht zu unterschätzende Kraft freigesetzt werden kann, um eine persönliche und allgemeine Transformation „auf den Weg zu bringen“.

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Mit Vollgas so weiter?

Bernhard Enzesberger
Flexibler Einband: 108 Seiten
Erschienen bei oekom verlag, 06.10.2016
ISBN 9783865818287
Genre: Sachbücher

Rezension:

Veränderung beginnt in der Haltung, nicht in den technischen Möglichkeiten

„Es stinkt und keiner war´s“.

So in etwa könnte man die Bemühungen der Weltorganisationen bewerten, wenn es um die Energiewende geht. Abkommen über Abkommen und im Prinzip sich alle „irgendwie“ (mit Betonung auf diesem „irgendwie“) einig darüber, dass die Menschheit insgesamt über ihre Verhältnisse lebt. Und das nicht nur, was Luftverschmutzung angeht, sondern was die Ressourcen des Planeten insgesamt betrifft und damit auch das eigene Überleben letztlich in den Fokus gerückt werden müsste.

Wohl wahr ist auch, dass der technische Fortschritt bereits jetzt schon vieles möglich macht, das aber ebenso kein Weg daran vorbeiführen wird, auch ganz individuell Einschnitte in den “Lebensstil“ zu machen.

„Was sollen die Luftverschmutzung und die Treibhausgase anderes sein als die Summe unserer Einzelbeiträge“?

Und welchen Sinn macht es, „Dieselgate“ in den westlichen Ländern zum großen Problem zu erklären, dann aber jede Menge Dieselfahrzeuge in die dritte Welt zu verschiffen, damit sie dort (nach Abtrennung jeglicher Rußfilter) nach jahrelang mit deutlich mehr Ausstoß gefährdender Partikel und Gase die Luft verschmutzen? Was nur ein Beispiel unter dutzenden ist, die ad hoc genannt werden könnten.

„Der Ansatz zur Verbesserung liegt in uns selbst“, das ist keine Frage. Die Frage ist, wie die Motivation und wie eine „andere Füllung“ der unendlichen Konsumhaltung weltweit herbeigeführt werden könnte. Zumindest Schritt für Schritt, wenn es schon im „großen Wurf“ nicht gelingt und in naher Zukunft nicht gelingen wird.

Enzesberger geht dem nach, Ohne moralisch sauer erhobenen Zeigefinger, sondern mit einem klaren Blick auf das, was uns „normal und erstrebenswert“ erscheint (Sie hat es, er hat es geschafft“, um dann mit dem Finger auf die Probleme zu zeigen, die daraus entstehen, wenn es jemand in der westlichen „Werteleiter!“ geschafft hat mit viel Lebensraum im Haus, mit zwei bis drei PKW für die Familie, mit Anfahrten zur Arbeit auf verstopften Straßen und dem Anspruch, „alles zu jeder Zeit“ in den Geschäften zur Verfügung zu haben,. Was gerade in Bezug auf Lebensmittel einen ökologischen „Transport-Irrsinn“ in den letzten Jahren hervorgebracht hat, der seinesgleichen nicht finden wird in der Geschichte).

„Der Mensch opfert seine Gesundheit, um Geld zu machen. Dann opfert er sein Geld, um seine Gesundheit wiederzuerlangen,. Und dann ist er so ängstlich wegen der Zukunft, dass er die Gegenwart nicht genießt. Das Resultat ist, dass er nicht in der Gegenwart lebt; er lebt, als würde er nie sterben und dann stirbt er und hat nie wirklich gelebt“.

Mahnende Worte, die weniger auf den Verstand, auf Überzeugungen sich richten, sondern eher das Grundgefühl menschlicher Existenz ansprechen um dann Vorschläge zu unterbreiten, wie man sich „einem echten Leben“ eher annähern könnte.

Insgesamt eine klare Analyse im Buch, der immer wieder Anstöße zur eignen Reflexion und inneren Motivation beigefügt werden. Damit deutlich wird, es geht nicht um den „großen Verlust“ an Lebensqualität, sondern es ist durchaus möglich mit „weniger von außen“ ein gleichwertiges, wenn nicht sogar besseres „mehr im innen“ zu erhalten. Ohne dabei esoterisch abdriften zu müssen oder zu Buschfeuern zurückkehren zu sollen.

Dazu verhilft vor allem die kurze und prägnante Zusammenfassung dessen, „Was jeder Mensch freiwillig tun kann, um den Energiewandel ein Stück Wirklichkeit werden zu lassen“.

Ruhig, sachlich, klug und durchaus motivierend, das ein oder andere an individuellen Vorschlägen einfach auch zu erproben, praxisnah genug schreibt Enzesberger.

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Hillary

Dorothea Hahn
Fester Einband: 214 Seiten
Erschienen bei Beck, C H, 20.10.2016
ISBN 9783406697548
Genre: Biografien

Rezension:

Resümee

Sicher war der Gedanke zu Zeiten, als Dorothea Hahn ihre übersichtliche Biographie zu Hillary Clinton verfasst hat noch der, hier wohl fast mit Sicherheit die neue Präsidentin der USA zu portraitieren. Und zudem im Vorfeld der Wahl einen Einblick für ein „näheres Kennenlernen“ der Kandidatin und ihres Programmes zu geben

Aber gerade weil es anders gekommen ist, lohnt die Lektüre dieses Werkes.

Von den frühen Ambitionen bis hinein in den nun abgeschlossenen, aktuellen Wahlkampf reicht die Zeitspanne, die Hahn sehr flüssig und verständlich in Sprache und Stil vorlegt.

Wobei die Kapitel über die Niederlage 2008 in den Vorwahlen gegen Barack Obama mit die interessantesten im Buch sind, was die Persönlichkeit und den Umgang mit Druck und Niederlagen bei Hillary Clinton angeht. Genauso fassungslos wie damals, als Obama „aus dem nichts“ und „aus dem Stand heraus“ sie auf den hinteren Rang verwies, ergeht es Hillary Clinton in den gegenwärtigen Tagen.

Warum das so ist, wie Stimmungen kippen können, vor allem aber, warum genau diese Hillary Clinton es „in sich trägt“ (und das lässt sich nicht wegleugnen“, das „man“ sie „nicht will“, das lässt sich aus dieser Biographie herauslesen, an manchen Stellen zwar eher als Ahnung, ansonsten aber durchaus klar und präzise geschildert („Schock in Iowa).

Und ein Zweites liest sich mit bei dieser Biographie. Wie ein „Establishment“ entsteht, wie ein Netzwerk ans Laufe gebracht und am Laufen gehalten wird und wie dann dennoch das Leben eben nicht kontrolliert werden kann. Ein Establishment, die Analysen der aktuellen Wahl berichten es, von dem viele Wahlberechtigte „die Nase voll haben“, das gerade bei Hillary Clinton (viel im Blick auf die Eskapaden und Affären ihres Mannes hin) „Mauscheleien“, Strippen ziehen, unter den Tisch werfen, in Vergleiche gehen fast schon als eigenes politisches Programm anzusehen ist.

Wobei es schwierig ist, auch für Dorothea Hahn, „hinter die Fassade“ zu blicken und tatsächlich einen Blick auf die „echte Person“ werfen zu können. Im Lauf der Lektüre schleicht sich eher die Ahnung beim Leser ein, dass eben (fast) alles sorgsam aufgebautes, immer präsentes „Image“ ist.

„Erneut erwies sich Hillary als gute Verliererin“.

Ob dem wirklich so war und ist, das wird auch in dieser Biographie nicht unbedingt klarer, auch wenn Hahn sorgsam chronologisch die äußeren Fakten und Stationen dieses „Politikerinnen-Lebens“ abschreitet. Ebenso besteht am Ende der biographischen Darlegungen die politischen Vorstellungen Clintons eher aus indiziengestützten Vermutungen von Dorothea Hahn.

Was alles nun nicht mehr an der Realität geprüft werden kann.

Eine Lektüre, die viel Faktenwissen und viel äußere Beschreibung des Lebensweges darstellt, aber nicht wirklich hinter die Fassade der öffentlichen Person dringt.

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41 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

pseudologie, familie, geld, hausgemeinschaft, www.die-rezensentin.de

Wie aus dem Nichts

Sabine Kornbichler
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.11.2016
ISBN 9783492308731
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Munter erzählt

Dana hat sich eingerichtet, im Leben. Denkt sie.

Als Leiterin einer „Alibi Agentur“ versteht sie sich bestens mit ihren beiden Mitarbeitern (auch wenn einer der beiden ausgeprägte Eigenarten an den Tag legt), freut sich des Lebens und schwebt gerade im Himmel der Liebe mit ihrem Alexander.

Gut, der Mann hat eigentlich noch eine Beziehung, aber da will er reinen Tisch machen und „seiner Biggi“ die Wahrheit eröffnen. Dass Alex zudem investigativer, verdeckt arbeitender Journalist ist, dass zudem Dana ihm bei dieser Arbeit behilflich ist (unter falschem Namen arbeitet sie gerade bei einem Mann, den Alexander „enttarnen“ möchte und dafür Material benötigt), erhöht den Reiz der jungen Liebe für sie noch.

Bis es dann eines morgens an der Tür klingelt, Biggi scheinbar um einiges früher als angekündigt von einer Reise zurückkehrt und nun unvermittelt das Trennungsgespräch anzustehen scheint.

Dana versteck sich auf der Empore der Maissonette Wohnung und muss zu ihrem Grauen miterleben, wie dumpfe Geräusch ertönen und kurz darauf ein Mann mit einer Fuchsmaske vor dem Gesicht in aller Ruhe beginnt, die Wohnung zu durchsuchen (und dabei auch ihrem Versteck gefährlich nahekommt).

Als die unmittelbare Gefahr der Entdeckung für sie vorüber ist, findet sie ihren Geliebten und eine Frau, in der sie Biggi vermutet, erschossen im Flur.

Und als sei das nicht Schock genug für die junge Frau, muss sie, nach ihrer kurzen Vernehmung, bei ihrer Rückkehr in die eigene Wohnung feststellen, dass dort eingebrochen wurde. Nichts scheint zu fehlen, doch ungut denkt sie an den Mann mit der Fuchsmaske zurück.

Zudem dauert es nicht lange, bis ihr mit Hilfe Ihres Freundes Henry und der Polizei klar wird, dass Alexander jemand anderes zu sein scheint, als sie dachte. Keine Hinweise auf eine Tätigkeit als Journalist sind zu finden, die verschlossene Tür, die sie in seiner Wohnung nie öffnen dürfte, führt gar nicht in ein streng gehütetes Arbeitszimmer und die tote Frau heißt nicht Biggi. Eine Biggi, die es gar nicht zu geben scheint.

Das nebenbei ihr „Arbeitgeber“ und Objekt ihrer eigenen verdeckten Ermittlungen ihre Kündigung nicht akzeptieren will und dass der Mörder ihres Alex auch ihren Namen kennt führt zu mehr und mehr Unklarheiten, die auch der Leser angeregt verfolgt und sich ebenfalls fragt, was da eigentlich wirklich passiert sein könnte und warum.

Das ganze erzählt Kornbichler in munterer, einfacher Sprache und führt ihre Geschichte stringent voran.

Sicher mit einigen Abschweifungen zu Nebenfiguren hin, bei denen nicht klar ist, was diese zum roten Faden des Buches eigentlich beitragen (der Mann mit dem Spaten und andere) und hier und da auch mit übertrieben „coolen“ Reaktionen (wenn man zwei Tote findet, davon einen, mit dem man gerade eben noch gemeinsam im Bett lag und zudem von frischem Blut zweier Leichen besudelt ist, ohne Weiteres aber ein wenig später ohne Zeichen des Schocks weitermacht).

Die überraschende Lösung des Falles, die sich im Vorfeld nur hintergründig andeutet, bringt den Leser dann aber wieder mitten hinein in die Ereignisse.

Eine solide und anregende Unterhaltungslektüre.

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124 Bibliotheken, 11 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

band 3, familiengeschichte, reihe, england, adoptivschwestern

Die Schattenschwester

Lucinda Riley , Sonja Hauser
Fester Einband: 576 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 14.11.2016
ISBN 9783442313969
Genre: Romane

Rezension:

Gelungener Genreroman

„Ich...., ich bin hergeschickt worden. Ich habe ihre Visitenkarte von meinem Vater. Mein Vater ist vor ungefähr drei Monaten gestorben“.

So stottert sich Star d´Abliése durch das Gespräch mit der ihr (noch) fremden Person in der Londoner Buchhandlung.

Und das nicht einfach so, sondern weil Sie nicht weiß, wer ihre Eltern sind. Ein Adoptivkind. Wie ihre Schwestern ebenfalls in gleicher Weise betrifft (und um deren Ergehen Riley ebenfalls bereits zwei Romane geschrieben hat und weitere folgen lassen wird). Und weil Ihr Vater ihr nur zum einen diesen Hinweis hinterlassen hat, dem sie direkt folgen kann. Die kleine Figur, die ebenfalls vom Vater stammt, gibt ihr dagegen noch einiges an Rätsel auf.

Es ist zwar zunächst nur dieser noch unbestimmter Faden, an dem Sie ihre Geschichte aufrollen kann, an dessen langgehen sie Klärung in ihre dunkle Vergangenheit bringen könnte, aber aus dem kleinen Faden wird rasch doch ein dickerer, sich immer weiter aufrollender Faden, der sie im Lauf der gut 600 Seiten an verschiedene Orte und in verschiedene Begegnungen bringen wird. Unter denen eine überaus entscheidend werden könnte. Nicht nur für die Lösung des Geheimnisses um ihre Herkunft, sondern auch für sie ganz persönlich.

Denn der von Riley breit angelegte Rahmen der Reihe um die Schwestern und Adoptivkinder gehört in das Genre der „Liebesromane“ und, in teilen, in dieser Hinsicht auch als „historischer Roman“. Er unterscheidet sich vom Gros andere Romane gleicher Ausrichtung dabei nicht unbedingt in der zugrundeliegenden Blaupause (dunkle Herkunft, Suche nach sich selbst, Finden einer möglichen Liebe, die aber nicht „einfach so“ im Raum stehen wird, sondern auch Umwege kennenlernt. Und für die zunächst eben auch in weit zurückliegender Vergangenheit die Wurzeln und der Anfang der persönlichen Geschichte von Star Stück für Stück enthüllt werden muss).

Was allerdings durchaus als Unterschied erwähnenswert ist, ist zum einen die dichte, realistisch wirkende Atmosphäre im Roman und die differenzierte, gut genutzte und gesetzte Sprache, die den besonderen Stil der Romane von Lucina Riley mit ausmachen.

Zudem lässt Riley ihren Figuren Raum zur Entfaltung und nutzt hier auch Elemente der „Entwicklungsromane“, um den „Weg in die Eigenständigkeit“ (zu dem eben eine Klarheit auch über das eigene „woher komme ich“ gehört) auf allen Ebenen des Buches als einen wichtigen roten Faden zu setzen. Eine Entwicklung, die Riley auch bei der zweiten weiblichen Hauptperson des Romans verfolgt. Flora, die Anfang des 20. Jahrhunderts lebte und in deren Leben ebenfalls die Liebe eine entscheidende Wendung bringen wird.

Wie das alles zusammenhängt, was Flora mit Star zu tun haben könnte, das wird sich erst im Verlauf der flüssigen und in sich logischen Lektüre ergeben. Im Zusammenhang mit dem Verhältnis der Adoptivschwestern untereinander, in das ebenfalls eine neue Qualität und sich anders spinnende Verbindungen treten werden.

„Ich begreife immer noch nicht, was diese Geschichte mit mir zu tun hat“.
Das sagt Star zu einem Zeitpunkt, als dem Leser durchaus langsam klar wird, wie das alles zusammenhängt.

Eine anregende, sprachlich gelungene und sehr unterhaltsame Lektüre für alle, die Liebesgeschichten und über Zeiten sich verwickelnde Romanzen mögen.

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Silicon Germany

Christoph Keese
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Knaus, 21.09.2016
ISBN 9783813507348
Genre: Sachbücher

Rezension:

Das „digitale Hintertreffen“

Die Digitalisierung potenziert ihre Geschwindigkeit. Das Silicon Valleys in Kalifornien ist dabei der „Nabel der Welt“, Vorreiter und Vorantreiber immer schnellerer, breiterer, umfassend einsetzbarer Algorithmen, die nicht nur in größeren Betrieben oder bei Finanzgeschäften die Arbeit strukturieren und andere Maschinen führen, um die Arbeit zudem noch zu erledigen, sondern die tiefe Eingriffe in das private Leben vornehmen, das Verhalten der gesamten Menschheit verändern und so privat und wirtschaftlich Netzwerke erbauen, die in eine kaum berechenbare Zukunft führen.

Deutschland, ehemals Spitzenreiter auf allen Ebenen des technischen Fortschritts und der Ingenieursleistungen, gerät aus dem „Zeitalter des Maschinenbaus“, der Qualität und Effizienz von Maschinen „Made in Germany“ im Blick auf diese digitalen Veränderungen mehr und mehr ins Hintertreffen, konstatiert Keese in den einleitenden Bemerkungen seines neuen Werkes. Und das nicht als abstrakte Theorie, sondern zunächst aus eigener Erfahrung berichtet Keese von den Schwächen „deutscher“ digitaler Produkte.

Was bei dem ein- oder anderen „Kleingerät“ zu verschmerzen wäre, was aber im großen Maßstab auch Kernindustrien des Landes massiv bedroht und ebenso massiv ins Hintertreffen setzt.

E-Mobilität, Energieträgerentwicklung, Smartphones, Rechner, Automobile mit Netzwerkanbindung, einfach alles, was für eine mögliche Zukunft, für die Lösung zur Erneuerung althergebrachter Industrien, die zu lange ihr jeweiliges Produkt zwar immer mehr ausgereift haben, dabei aber den Sprung in ein „neues Denken“, zur Transformation ihrer Produkte (Automobile, Klein- und Großgeräte, Fernseher und alles Mögliche andere) in die Zukunft hinein sträflich vernachlässigt haben (oder eben mit „Globalen“ Visionen gescheitert sind wie die Daimler AG und seitdem eher die Finger von „Experimenten“ gelassen haben).

Hatte Keese vor einiger Zeit mit seinem „Silicon Valley“ fundiert erläutert, was das Erfolgsmodell und, vor allem, das Erfolgsdenken der „im Kopf“ ungeheuer flexiblen Softwareriesen wie Google, Apple, Microsoft und anderen Vorreitern der Digitalisierung und deren Folgen ausmacht, so wendet sich Keese nun deutlich besorgt der deutschen Wirtschaft genau im Blick auf eben jene Digitalisierung zu.

Dafür geht er, genauso wie vor einigen Jahren das Silicon Valley betreffend, zunächst tatsächlich „vor Ort“, besucht Industriekonzerne und schaut genau hin. Mit sehr kritischem Ergebnis, wie Keese in klarer und verständlicher Sprache präzise beschreibt.

Und in energischem Tonfall Alarm auslöst. Denn es geht, nicht nur in Keese Augen, nicht um einige konkrete Konzerne und Firmen, die der Digitalisierung hinterherhinken und auf Jahre hinaus daher eben nicht „Vorreiter“ werden können, sondern es geht tatsächlich um “das große Ganze“.

„Die technische Revolution zieht eine soziale Revolution nach sich. Je langsamer ein Land seine Wirtschaft digitalisiert, desto größer die Gefahr, in diesen Umbrüchen unterzugehen“.

Was real sich ja bereits in gewisser Weise andeutet, wenn Deutschland einerseits von den Problemen der „digitalen Neuzeit“ (demographische Entwicklung, zu sehr noch in alten Arbeitsmodellen und Geschäftsmodellen verhaftet) betroffen wird, andererseits aber im Blick auf die innovative Lösung dieser Probleme den Anschluss zu verlieren droht. Wobei ein Blick auf die technischen Entwicklungen der Erzeugung erneuerbarer Energien einerseits die immer noch hohe Innovationskraft auf Ingenieursseite aufweist, andererseits in der Umsetzung und Strukturierung dieses Energiesektors ebenso offenkundig werden.

„Nicht nur die deutsche Wirtschaft nimmt die Digitalisierung auf die leichte Schulter, auch die Bürger tun es. Dabei hätten sie allen Grund zur Sorge“.

Denn es geht um Arbeitsplätze, um sozialen Zusammenhalt, es geht um „Akteur“ werden und bleiben in der Gestaltung der Zukunft und nicht dann später „passiv“ überrascht werden von den Entwicklungen.

Wobei Keese zwar in seiner Analyse Mangel über Mangel entdeckt, aber nicht als Schwarz-Seher stehen bleibt, sondern interessante und konstruktive Vorschläge formuliert, die durchaus gar nicht unbedingt immer „große Stellschrauben“ darstellen, sondern bereits bei kleineren, einfachen aber wichtigen Strukturveränderungen im Denken und internen Handeln der Konzerne ansetzt.

Eine interessante und durchaus sachkundige, aufrüttelnde Lektüre.

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Ökumene in Zeiten des Terrors

Klaus Mertes , Antje Vollmer
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Verlag Herder, 13.09.2016
ISBN 9783451375699
Genre: Sachbücher

Rezension:

Verkrustete Bewegung

Die Ökumene, die „Einheit“ zwischen katholischer und evangelischer Kirche ist ein mühsamer Prozess, der bereits seit Jahrzehnten in konkreten, wichtigen Fragen nicht wirklich von der Stelle kommt, vor allem nicht bei der Abendmahlsgemeinschaft, aber auch beim verschiedenen Verständnis des Stellenwerts von Dogma und Lehrtraditionen (wobei in anderen Fragen wie der Taufe und lebenspraktischen Erwägungen sowie in der vielfach „gelebten“ Ökumene vor Ort unterschiede stärker und stärker verschwimmen).

Klaus Mertes und Antje Vollmer wenden sich in ihrem kritischen Briefwechsel, der die Grundlage dieses Werkes bildet, nun noch einmal und mit „frischen Kräften“ der Frage nach der „Einheit der christlichen Kirchen“ zu. Und dies angesichts äußerer Fakten und Bedrohungen, die eine Einheit zumindest in den Grundhaltungen und im öffentlichen Auftreten geradezu herbei fordern, vor allem aber wichtig wären als eine „Bastion gegen den Terror“ (nicht gegen den Islam per se!).

Ausgelöst allerdings wurde der Briefwechsel beider Autoren bereits im Jahre 2010 im Rahmen des „Missbrauchsskandals“ innerhalb vor allem der katholischen Kirche, erhält seine Aktualität aber vor allem durch die Terroranschläge ab dem Jahr 2015.

„Die Überwindung der Spaltung zwischen Konfessionen und zwischen Religionen ist kein Thema der Vergangenheit, sondern betrifft unmittelbar die Gegenwartsaufgabe, Hass und Verzweiflung zu überwinden“.

Dass dabei ein lutherisches „Hier stehe ich und kann nicht anders“ eher hinderlich wäre, das erläutert Vollmer als ev. Theologin explizit in den Briefen, betont aber zugleich, von den „hohen Gedanken“, die allgemein theologische Streitigkeiten und das Ringen um kleinteilige Details ausmachen, sich zu lösen und Ökumene ganz irdisch mit beiden Beinen auf dem Boden als Aufgabe praktisch und konkret anzugehen. Während Mertes genau an diesem Punkt Unterschiede verdeutlicht.

Wobei es für den ökumenischen Prozess durchaus entscheidend wichtig ist, was Merts im Folgenden formuliert.

„…. dass es wohl auch unterschiedliche Denktraditionen sind, in denen wir stehen und die konfessionell geprägt sind, ohne konfessionstrennend zu sein“. Zumindest sein zu müssen.

Dies scheint der mögliche Weg zu sein, den Schritten in Richtung Einheit des Christentums neue (oder wieder einmal, denn der Gedanke an sich ist nicht neu) Impulse verleihen könnte.

Dass von dogmatischen Lehrstreitigkeiten eher der Blick auf sich gerichtet wird und „Denktraditionen“ anstelle von „ewigen Wahrheiten“ in vielen Fällen treten könnten, die dann das Gespräch auf eine weniger verhärtete und mehr miteinander konstruktiv ringende Kommunikation lenken könnte. Für die dieser Briefwechsel, in dem alle wichtigen Themen von Einheit und Trennendem angesprochen werden, ein gutes und nachahmenswertes Beispiel gibt.

Die „Methode der gegenseitigen Gastfreundschaft in der unbegrenzten Einladung zum gemeinsamen Abendmahl“, das ist für Antje Vollmer jener Schritt, jener vor allem öffentliche Schritt, der in der vorfindlichen Gegenwart ein starkes und sichtbares Zeichen in die Gesellschaft und die Gläubigen abgeben könnte und sollte.

Dem Mertes gar nicht grundsätzlich widerspricht, sondern auch hier auf einen „menschlichen“ Grund rekurriert, der nicht genug betont werden kann.

„In der katholischen Kirche werden Regelüberschreitungen geduldet, wenn sie nicht allzu sehr an die große Glocke gehängt werden“.

Es geht also. Und es geht in den verschiedenen Lehrverständnissen. Und nun müsste es nur noch öffentlich gehen können. Vielleicht ein „Gesichtsverlust“ auf der ein oder anderen Seite, aber ein nötiger und wichtiger Schritt im gemeinsamen Handeln gegen die komplexen Bedrohungen der Welt.

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shonda rhimes, autobiographisch, sachbuch, ratgeber

Das Ja-Experiment – Year of Yes

Shonda Rhimes , Elisabeth Schmalen
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Heyne, 31.10.2016
ISBN 9783453201309
Genre: Biografien

Rezension:

Die Veränderung des Lebens

Mit Ähnlichkeiten zum Film „Der Ja-Sager“ gespickt ist zumindest der Grundansatz, den Shonda Rhimes für ein Jahr ihres Lebens wählt.

Zwar nicht gezwungen, wie im Film und auch nicht in solche slapstickhaften Situationen dann (eher ernst reflektiert ist der Tonfall im Buch), aber in der Durchführung genauso. Ein Jahr lang hat Shinda Rhimes ihr bisheriges, eher zurückhaltendes, innerlich nicht wirklich fest gefügtes Leben „umgekrempelt“, in dem sie zu allem „Ja“ gesagt hat, was an äußeren Impulsen auf sie zukam (natürlich nicht zu allen Haltungen oder unsinnigen Vorschlägen unter Gefahr für das eigene Leben, Aber generell eben ein „Ja“ im weitmöglichsten Sinne).

Ein völlig ungewohntes Verhalten für die größte Zahl der Menschen auf dem Planeten. Denn was der Mensch zumeist (und dass mit viel Energie“ anstrebt, ist ja vor allem Sicherheit. Die Reduktion persönlicher Ängste. Die Sicherung des äußeren Wohlergehens. Nur so ist es zu erklären, dass viele Menschen auch in weniger zufriedenstellenden Lebensumständen lieber doch darin verharren, als auszubrechen.

Freiwillig ins Risiko? „Ja“ sagen zu allem möglichen, von dem man vorher kaum weiß, wohin es führt und was dabei herauskommt? Nicht aus „gesicherter Position“ heraus möglichst „kontrolliert“ reagieren? Das ist eine wenig verbreitete Haltung und das führt auf jeden Fall zu immer neuen Wendungen und Situationen.

Der positive Effekt ist, dass auf diese Weise echte Erfahrungen gesammelt werden, die ansonsten verschlossen bleiben würden. Denn Neugier ist ja eine ebenso dem Menschen innewohnende Tendenz, die allerdings im Lauf des Lebens mehr und mehr hinter das Bedürfnis der „Bewahrung“ zurücktritt.

Ein mutiger und sehr persönlicher Schritt, der seine Gründe in der Unzufriedenheit von Rhimes mit der eigenen, inneren Stabilität und eben der eigenen „inneren“ Sicherheit zu tun hatte. Wobei das auch für Rhimes kein leichter Schritt war, nicht „einfach so mal“ getan werden konnte. Sie hatte ja einiges zu verlieren, denn in der „Außenwelt“ war sie „gesetzt“ und, soweit das im Mediengeschäft möglich ist, „gesichert“ als erfolgreiche Drehbuchautorin.

Ein echter Mut, der im Raum steht, nach bestimmt Jahren im „Dschungel Hollywood“ sichere Positionen zumindest zu gefährden durch ein radikal anderes als von ihr und dort gewohntes Verhalten.

„Ich hatte das Bedürfnis nach einer Veränderung, dem sich im Zentrum meines Denkens eine Straße bahnte mit der Gewalt eines Bulldozers“.

Dieses Zitat von Maya Angelou ist der rote Faden des Buches.

Das Rhimes souverän und flüssig verfasst vorlegt und das den Leser tief nachdenklich mit den eigenen Gedanken zurücklässt. Denn hier liegt nicht ein typischer „Ratgeber“ vor, der gegen Geld zumeist dutzende von „wichtigen Theorien“ mitteilt, sondern hier liegt ein echter Erfahrungsbericht vor, der dem Leser aufzeigt, was alles möglich wäre, wenn eine klare Maxime des „Ja, mach ich!“ dem Leben gegenüber in all seinen Facetten und Situationen vorliegt und Angst, Misstrauen, Unsicherheit und die Tendenz ja alles zu sichern, „was man hat“ zwar noch im Raum steht und mit bedacht wird, aber eben nicht „das Sagen“ hat.

„Als das „Ja-Experiment“ begann, passierte etwas. Ich hatte immer mehr Termine. Und noch mehr….“Ja“ zu sagen hatte die kleine Raupe in ihrem Kokon, die ich gewesen war, in einen großen, gesellschaftlich aktiven Schmetterling verwandelt“.

Natürlich sind die Inhalte, die Rhimes erlebt (von der Perücke bis zum Kennenlernen eines Mannes bis zu einer alles entscheidenden Frage hin) persönlich und werden auf persönliche Art geschildert, das Prinzip aber ist es, was den Leser am Ende vielleicht zu eigenen Experimenten verleiten könnte.

Eine Lektüre, die möglicherweise wirklich etwas verändern kann.

„Das Entscheidende an diesem großen…Durchbruch, der…mein Leben für immer veränderte war, dass nur ich ihn erlebte“. Und das gilt für jeden. Das Tun entscheidet hier, nicht das Sinnieren darüber.

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alchemie, london, code, jugendbuch, rätsel

Der Blackthorn-Code - Das Vermächtnis des Alchemisten

Kevin Sands , Alexandra Ernst
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 14.10.2016
ISBN 9783423761482
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Wunderbar zu lesendes Debüt


Ein Hauch von Harry Potter (auch wenn es um nichts „Magisches“ und keine Zauberei im Buch geht, sondern um das Erstellen von Medizin Mitte des 17. Jahrhunderts. Aber die Tinkturen und Zutaten, das Wissen um „die Dosis“ und die gesamte Atmosphäre des Romans nehmen diese Jugend-Welt und die Beziehungen von „Meister und Lehrling“ hervorragend auf) und ein Teil Dan Brown (was die Verschwörung des „Kultes der Erzengel“ angeht, die scheinbar wahllos einen Apotheker nach dem anderen in London foltert und ermordet), dabei aber in sehr schöner, ausgereifter Sprache, so erzähl Kevin Sands die Geschichte von Christopher, dem Waisenkind und Lehrling in der Apotheke bei Meister Blackthorne, seinem Freund Tom, dem Bäckersohn und von einem grausamen Morden in der Gilde der Apotheker Londons.

Dabei greift Sands zu einem ruhigen, aber stetig mit Ereignissen gefüllten und durchaus beständig sich an Spannung steigernder Erzählfluss, der für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen sehr, sehr angenehm zu lesen ist.

Und zudem gelingt es Sands fast spielerisch, die Atmosphäre im London der damaligen Zeit, der Gestank des Unrats, der Themse, der harschen Standesunterschiede, der immer noch misstrauisch betrachteten „Puritaner“ durch den zurückgekehrten König, nachdem Oliver Cromwell gestorben war und des „rechtlosen“ Lebens der einfachen Bevölkerung emotional dicht vor Augen zu führen.

Darin ergeht es auch dem aufgeweckten, durchaus nicht „duldsamen“ Lehrling Christopher nicht immer gut. Lehrlinge haben keine Rechte, haben nichts, was sie besitzen dürfen, sind ohne ihren Meister nichts.

Kein Wunder, das Christopher sich allein schon aus diesen Gründen her Sorgen um das Wohlergehen seines Meister Blackthorne macht. Zudem er diesen tief verehrt und wie einen Vater liebt. Jener Meister, der eine Freude am Ausprobieren hat, der viel Erfahrung mit Heilmitteln und deren Herstellung mitbringt und mit Codes jeder Art experimentiert.

„Der Würfel, das Buch, seine Worte, dieses Rätsel, es war mehr als eine Lektion, es war ein Test…In meinem Geburtstagsgeschenk hatte ein zweites Geschenk gesteckt und dahinter…..“. Das wird Christopher noch herausfinden, denn die Codes seines Meisters richtig zu verstehen, das wird ab einem bestimmen Moment an für Christopher lebenswichtig werden.

Mit genau der richtigen Mischung aus Sachkunde (die Rezepte im Buch sollte man tatsächlich auf gar keinen Fall nachmachen, eine Warnung, die Sands klar und deutlich ausspricht. Weil sie original sind und weil damals die wirklichen Wirkungen nicht unbedingt vollends bekannt waren) und Geheimnis, aus differenzierten Charakteren (wobei „Gut und Böse“ Antipoden bilden, eine Reihe von Personen aber zwischen diesen Polen sich bewegen und von Sands mit der richtigen Mischung von Undurchschaubarkeit ausgestattet werden, dass überraschende Erkenntnisse und Wendungen im Verlauf der Geschichte passend greifen).

Eine anregende, schön zu lesende und dabei realistisch mit Lokalkolorit gewürzte Geschichte, die nicht nur jugendliche Leser rundweg ansprechen dürfte. 

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spielsucht, ch: niveau 2016, russischer klassiker, dostojewski, klassiker

Der Spieler oder Roulettenburg

Fjodor M. Dostojewskij , Alexander Nitzberg
Fester Einband: 232 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 14.10.2016
ISBN 9783423280976
Genre: Klassiker

Rezension:

Blick ins zerrissene Selbst

„Dann, wenn ich mich recht entsinne, setzte ich 2000 Florine, schon wieder auf die 12 mittleren Zahlen – und verliere. Ich setzte mein Gold…- und verliere. Jetzt werde ich wütend: Ich packe die letzten mir gebliebenen 2000 Florine und setze sie auf die 12 ersten – einfach so – blind – auf gut Glück – ohne nachzudenken…!

Und der Leser darf gespannt sein, was nun passiert. Ist Aleksej, der junge Mann in den schwierigen, familiären Umständen gleich vollends pleite? Oder gelingt noch ein kleiner Coup. Und was dann?

In „Roulettenburg“ sind sie versammelt. Spieler. Spieler mit Schulden. Vor allem einer, der mit aller Gewalt auf ein Erbe wartet, denn nur mit frischem Geld kann er seine Schulden begleichen und dem nachgehen, was er am liebsten tut, weiterspielen.

Menschen, die in einer eigenen Welt leben, deren Impulskontrolle völlig versagt, zumindest im Lauf der Zeit völlig versagen wird. Die sich, ihre Beziehungen, ihre Lieben zugrunde gehen lassen für dieses Spiel. Das Dostojewski im Übrigen ausführlich und Schritt für Schritt erläutert. Und durch die Erläuterung des „Außen“ , diese akribische Beobachtungsgabe des menschlichen Verhaltens, dem Leser einen Zutritt auch zum inneren Erleben all der dort versammelten und miteinander verbandelnden und verbundenen Menschen ermöglicht.

In einer sehr flüssigen, dem Werk gerecht werdenden Neuübersetzung liegt nun „Der Spieler“ aus dem Jahre 1867 neu aufgelegt vor. Und bezieht seine psychologische Tiefe nicht nur aus den Ereignissen im Roman selbst, sondern auch aus dem Wissen um die Entstehung des Romans.

Dostojewski selbst war lange Zeit spielsüchtig, hatte seine Rücklagen verbraucht und bildet mit diesem Roman ein eigenes, „echtes“ „va banque“ Spiel ab. Vier Wochen Zeit für einen Roman oder ein Leben lang keine echten Einkünfte mehr. Eine persönliche Verzweiflung, die sich im Roman zum Ende hin vor allem intensiv wiederfinden wird und einen Ausblick mit einbringt, was Dostojewski für sich selbst erwartet hätte, wäre ihm der Roman nicht in dieser knappen Zeit gelungen.

Berechnung gegen Intuition, Leidenschaft der Liebe gegen Gier nach Gewinn (wobei das Geld wichtig ist, aber das eigentliche wichtige Gefühl dass des Siegens ist).

Eine symbolische, mit echten Süchten und Verhängnissen gespickte Beispielgeschichte für das Leben und die verschiedenen Haltungen., diesem zu begegnen. Und eine existenzielle Sicht auf die Tendenz mancher (des?) Menschen, Hals- über Kopf alles an Verstand beiseite zu schieben um destruktiven, wachgerufenen inneren Instinkten zu folgen, die Zerstörung seiner selbst und all derer, die beteiligt sind, in Kauf nehmend.

Was psychologisch spannend ist, was Dostojewski zum Ende des Romans hin auch mit Tempo erzählt. Ein Tempo, das allerdings lange, lange auf sich warten lässt. Denn viel Zeit nimmt sich Dosotojewski im Buch, um mit großer Akribie Räume, Einrichtungen, Stimmungen, Atmosphären und Personen zu beschreiben. Was in einer Gegenwart, die medial auf „schnelle Schnitte“ setzt, eine Geduldsprobe bei der Lektüre bedeutet.

Und dennoch im abstrakten Sinne nicht nur die Spielsucht konkret, sondern das Dilemma der Sucht des „immer mehr, immer weiter“, des „nicht loslassen Könnens“ gekonnt vor Augen führt. In einer Gegenwart, die manches Mal wie ein großes, reales Roulettespiel wirkt und Spieler auf mächtigen Ebenen ebenso mehr und mehr hervorbringt, die von ihrer starren Sicht und drängenden „Sucht“ scheinbar auch nicht mehr lassen können.

Immer noch und wieder eine wichtige Lektüre, die Geduld benötigt und nicht auf jeder Seite den Leser fesselt.

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die maschine steht stil, hoffmann und campe verlag, e.m. forster

Die Maschine steht still

E. M. Forster , Gregor Runge
Fester Einband: 80 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 14.10.2016
ISBN 9783455405712
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Kein Blick auf eine „schöne neue Welt“

Man braucht nur wenig Fantasie, um sich vorzustellen, was in dieser, sich rasend schnell „digitalisierender“ Zeit geschehen würde, wenn der Strom für längere Zeit ausfallen würde.

Für fast jeden Betrieb, jedes Unternehmen, ob klein oder groß, stellt es ja bereits ein kaum zu beherrschendes Problem dar, wenn die Internetverbindung für längere Zeit nachhaltig gestört sein sollte.

Die Vision vom „Fortschritt durch Technik“, von einer ständig wachsenden Welt im Blick auf Ertrag und allgemeinem Wohlstand, die über Jahrzehnte hinweg als gesetzt „Mainstream“ war, erhält in der Gegenwart ebenso erkennbare Risse, wie die Technik nun wirklich nicht in jeder Beziehung „zum Segen des Menschen“ sich entfaltet, sondern eher zum „Segen des Marktes“ hin sich mehr und mehr ausrichtet.

1909 hat E.M. Forster sein Bild einer nicht unbedingt anzustrebenden Zukunft in einem kurzen Text ausgedrückt. Ein Werk, das zum einen durch seinen Detailreichtum technischer Visionen verblüfft, die in vielen Fällen gar nicht allzu weit von dem entfernt sind, was heute Gang und Gäbe ist. Und in dem, zum anderen, dieses vermeintliche „Scharaffenland“ sich zur Qual hin entwickeln wird. Mit Folgen.

Bis hin zu den letzten Sätzen des Buches verdeutlicht Forster diese Reibung und Spannung zwischen einerseits dem Abgeben sämtlich lästiger Pflichten bis hin zur zwischenmenschlichen Kommunikation untereinander (das Internet lies somit 1909 schon grüßen) und andererseits der damit einhergehenden Degeneration menschlichen Seins samt dem (fast) kompletten Verlusts persönlicher und gesellschaftlicher Freiheit.

Wobei Forster immer wieder hintergründig (und im Finale dann ganz offenkundig), den Wunsch nach Individualität und persönlicher sowie gesellschaftlicher Freiheit im Buch mitschwingen lässt. Und die Reibung, quasi „faschistisch“ regiert zu werden. Ein zustand, bei dem „Brot und Spiele“ eben nicht dauerhaft ausreichen.

„Ich war umgeben von künstlicher Luft, künstlichem Licht und künstlicher Stille“.

Forster versteht es dabei ungemein eindringlich, die äußere Situation, die er setzt (Leben in einer unterirdischen Stadt mit all ihren „künstlichen (vermeintlichen) Annehmlichkeiten in Parallele zu setzten zur „inneren Künstlichkeit“ der Bewohner der Stadt. Die ihren zu hohen Preis hat, wie sich herausstellen wird, denn letztlich stehen in der Anfangssituation dieser „nicht schönen neuen Welt“ die Menschen „der Maschine“ zur Verfügung und nicht umgekehrt.

„Die Menschheit hat ihre Lektion gelernt“. Wobei Forster sehr geschickt in den letzten zwei Sätzen offen lässt, ob dies nun wirklich, bei allem Kampf und Widerstand, der vorher im Roman thematisiert wurde, wirklich der Fall sein wird.

Eine verblüffend moderne und realistische Warnung vor der „Verherrlichung der Technik“ und ein Aufruf zu eigenen Visionen den „Sternen“ entgegen.

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Onno Viets und der weiße Hirsch

Frank Schulz
Fester Einband
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 08.09.2016
ISBN 9783869711270
Genre: Romane

Rezension:

Ein tiefes Hinabtauchen in die Verhältnisse und Beziehungen

Es ist nur ein sehr kleiner Ort mit seinen „dreihundertelf Ureinwohnern“, ein Dorf, dieses Finkloch, was von etwaigen Besuchern, Wanderern und Radlern, „Funkloch“ genannt wird.

Hier lebt Otto Viets Schwiegerschaft, hier wird der Ort sein, an dem sich Otto, eher Freizeit- denn Berufsdetektiv, hin zurückziehen wird. Innere Wunden heilen lassen nach seinem letzten Fall, der ihn innerlich enorm mitgenommen hat. Nackte Panik überkommt ihn unvermittelt, er wird seiner selber nicht mehr Herr. Und wo sonst als im Schoß der (Schwieger-) Familie in einem Flecken von Dorf abseits der Welt könnte er da Linderung der Nerven finden?

Doch deutet der Prolog bereits an, dass da nicht das letzte Wort über eine winterliche Erholung gesprochen sein wird, denn Onno findet auf einem Waldspaziergang ein merkwürdiges Objekt.

Doch wer die Werke von Frank Schulz und gerade um seinen „Onno Vieths“ kennt, der ahnt, dass, bei aller Dehnung und Verdrehungen der Sprache, bei allem Humor und aller Satire, immer mehr zu erwarten ist als ein „verdrehter“ Möchtegern-Detektiv und ein zu lösender Fall. Der in diesem Fall ein sehr persönlicher sein wird.

Ein „Mehr“, dass gerade in diesem Roman (nach idyllischem Beginn) sich erstaunlich ausweiten wird zu einer Generationenübergreifenden Frage von Zueinander stehen oder einander im Weg stehen, von Schuld und Intrige, von Zuwendung und sich abwenden.

Was an Geschichte hinter dem Dorf liegt, was die Menschen dort im Krieg und aneinander erlebt haben, das ist noch lange nicht still und begraben und verleiht diesem dritten Teil der Onno Viets Reihe gerade im zweiten Teil einen anderen, ernsten Ton. Nicht mehr die Fettnäpfchen des Onno Viets (aus denen heraus er dennoch irgendwie und immer verdreht in den letzten beiden Werken seine „Fälle“ gelöst hat), stehen alleine im Mittelpunkt des Romans, sondern der Lebensweg von Menschen, die in und durch den Krieg harte Erfahrungen zu verarbeiten hatten, die eben nicht verarbeitet worden sind, sondern ein Leben lang die stillen Nächte begleitet haben und ansonsten zur Seite geschoben wurden. Und werden. Im alltäglichen Leben. Genauso, wie alte Konflikte unter der heilen Oberfläche des Dorfes nicht zu knapp seit langem und immer noch am Schwelen sind.

Was Schulz zu ernsten Tönen verleitet, die er einbettet in die immer wieder teils brüllend komisch geschilderte Rahmenhandlung eines eher tapsigen Mannes, der dennoch nicht lockerlässt, wenn Geheimnisse und mindestens ein Mord im Raume stehen.

„Weiß man nicht, nech? Weiß man nicht, aber ich glaube das nicht“. Und das zu Recht, wie sich ganz am Ende des Romans (und in den beiden! Epilogen herausstellen wird).

Viets kann einfach nicht anders.
„Noch während er sich vorgenommen hatte, den Einbruch der Dunkelheit bewusster mitzuerleben, wandelte sein Geist auf eigensinnigen Pfaden davon“.

Und das ist gut so für jene Leser, die mit der verdrehten Komik, der Ironie, den pointierten Darstellungen von Personen (wie der „Astrologin“ des Dorfes) ihre Freude finden.

Diese Tiefe, die Schulz jeder seiner Figuren fast spielerisch verleiht und dann in durchaus verdrehter, komischer Weise und dennoch präzise aufs Papier bringt, das ist schon eine besonders Talent des Autors und funktioniert auch in diesem Roman hervorragend.

Und lohnt sich auf für den sonst nicht so „Komik-Krimi“ affinen Leser, da Schulz seinen Wortwitz einerseits hervorragend in ein flüssiges Tempo zu setzen versteht und andererseits hier ein Thema (mit dem nötigen Ernst an den richtigen Stellen) zur Sprache bringt, dass eine ganze Generation von Menschen in Deutschland belastet hat und noch belastet. Die traumatischen Erlebnisse der Kriegskindergeneration.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

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