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Du bist der Hammer!

Jen Sincero , Elisabeth Schmalen
Flexibler Einband
Erschienen bei Ariston, 06.03.2017
ISBN 9783424201550
Genre: Sachbücher

Rezension:

Leger vorgetragen, nicht neu, aber motivierend

„Du kannst das!“. „Du schaffst das!“ „Steh auf!“.

Man könnte denken, die Zeit der „Power-Trainer“, die vor allem in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts die Hallen gefüllt haben, sei vorbei. Nach vielfachem Scheitern im Sinne von Insolvenzen, teils gar Haftstrafen eines Höller, eines Schäfer mit seinem Versprechen, jeden reich zu machen oder eines Ratelband mit seinem „Tschaka,-Tschaka“ Geschrei.

Einerseits ja, andererseits nein, scheint es. Denn letztlich, im Kern, ist auch dieses Werk von Jen Sincero durchaus in diese Richtung eines Selbstoptimierens zu verstehen. Und, auch wenn die übertriebenen, marktschreierischen Auftritte damaliger „Motivatoren“ immens überzogen waren, die Versprechen unsinnig, dennoch und wohl für alle Zeiten gilt, dass Menschen etwas gestalten willen. Etwas aus sich machen wollen. Vorwärtsgehen möchten und den Erfolg, wie immer dieser auch individuell definiert wird, suchen. Und damit Ratgeber ihren Nutzen haben.

Und ebenso gilt, lange bereits bekannt, dass eine „positive Verstärkung“ deutlich mehr bewirkt, deutlich bessere Lernerfolge mit sich bringt, als ein System, das nach Lohn und Strafe sich strukturiert und damit vor allem die Angst vor dem eigenen Versagen als inneren Antrieb setzt.

Beide Komponenten nutzt Jen Sincero und das, muss man sagen, in sehr motivierender, anregender, sprachlich sehr flüssiger und unterhaltsamer Form.

„Sie können mit nichts anfangen, und aus dem Nichts und dem Keineswegs wird ein Weg führen“.

Das stammt nicht von Sincero, ist aber für sie selbst, wie sie berichtet, eine jener Motivationen gewesen, die ihr Reverend Michal Beckwith (ehemaliger Junkie, dann erfolgreicher Pastor mit diesem Zitat mit auf den Weg gab.

Mit vielen handfesten Beispielen aus dem (oft eigenem) Leben, plakativ und leicht verständlich, bringt Sincero die alte (und durchaus nicht falsche) Botschaft nun neu zum Klingen.

Auch wenn das nicht selten esoterisch klingt („Die Kraft wird mit Ihnen sein. Werden sie hochfrequent“), das der Blickwinkel die Realität bestimmt, dass die gleiche Situation positiv motivierend oder negativ zerschmetternd wahrgenommen werden kann, ja nach subjektiver Ausrichtung, das stimmt einfach, ist fast schon eine Binsenweisheit.

So, wie Steve Jobs vor Studenten einmal alle seine Momente des Scheiterns aufführte und diese als Schritte der Entwicklung deutete, so versucht Sincero, dem Leser den „Blick“ „neu auszurichten“. Statt im Scheitern „unten zu bleiben“ gilt es, sich dem Leben selbst mit positiver Energie zu stellen, die man dann aus diesem Leben selbst auch herausziehen kann.

„Das, worauf sie ihren Focus richten, wird ihre Realität“.

Insgesamt also wenig Neues im Kern, leger erzählt, durchaus aber auch mit esoterischen Anklängen (nicht umsonst wird Rhonda Byrne im Literaturverzeichnis genannt= und mit marktschreierischen Sequenzen ist das Buch dennoch auch geeignet, sich wieder einmal ein wenig zu Erden und den Spruch von Carl Rogers ein stückweit anzunehmen, dass „die Tatsachen immer freundlich sind“ und vieles an innerem Drama im Blick auf das eigne Leben durch eine andere Sichtweise weniger belastend sein könnte.

Wenn man all die spirituellen Ausflüge und generellen „Heilsversprechen“ im Buch ebenso relativiert oder in Teilen auch einfach ganz ignoriert.

Was im Übrigen seine Grenzen da hat, wo das Leben durch ernsthafte belastende Ereignisse eben nicht einfach so „hochfrequent“ schöngeredet werden kann und auch nicht sollte. Wie an Hiob zu lernen war und ist, ist Misserfolg keine „Schwäche“ der eigenen Person oder „selbst verschuldet“, sondern manchmal einfach real und eine Last, die zu tragen ist. Was bei solchen „Programmen“, wie bei allen „Power Trainern“ immer zu kurz kommt.

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Es werde Licht

Frido Mann , Christine Mann
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 23.02.2017
ISBN 9783103972450
Genre: Sachbücher

Rezension:

Familiärer Ausflug in die Quantenphysik

Man denkt zunächst, ein Tisch ist einfach ein Tisch. Ein festes Objekt, das vielleicht im Laufe der Jahre, so er aus Holz gefertigt ist, ein wenig die Farbe ändert, aber doch massiv.

Wenn man dann ausführlich in der Schule gelernt hat, weiß man (abstrakt mit dem Verstand), dass das beileibe kein „fester Block ist“, dieser Tisch, sondern sich herunterbrechen lässt auf einzelne Atome. Von denen man lange dachte, dies seien die kleinsten Teile des Universums. Atome, die sich in dauerhafter Form genau in dieser Konstellation „anziehen“ und damit als Gesamtes den Tisch ergeben.

Ist das schon gegen jede Haptik und nur abstrakt sich zu erschließen, sind die weiteren Erkenntnisse der Physik, dass Atome eben nicht die kleinsten möglichen Teile sind, sondern in diesen Positronen, Neutronen und einige andere Elementarteilchen ihr Wesen treiben dann schon fast an der Grenze der Vorstellbarkeit des „normalen Verstandes“.

Wenn dann noch die Quantenphysik hinzutritt mit ihrem Postulat der „immerwährenden Möglichkeiten“ und der „Gleichzeitigkeit“ von Dingen, die einander eigentlich ausschließen sollten und Werner Heisenberg, einer der Vordenker der Quantenphysik diese ganz Mikro-Welt tatsächlich auf der Ebene der „Informationen“ und damit der „geistigen Eben“ gesehen hat, dann kommt es tatsächlich zu einer Verschmelzung und Gleichheit von „Materie“ und „Geist“.

Frido, Enkel von Thomas Mann, Psychologe und seine Frau Christine, ebenfalls Psychologin (beide mit anderen geisteswissenschaftlichen Studiengängen noch versehen) sind in diesem Thema einerseits familiär vorbelastet (Christine Mann ist die Tochter Werner Heisenbergs) und andererseits als Denker grundlegend an der „Quelle des Lebens“, der „Herkunft des Seins“ interessiert.

Und gehen in diesem Buch gegen die rein materialistische Anschauung der Existenz, des Seins, des Universums an und folgen damit Werner Heisenberg, der eben nicht die Materie als Grundalge unserer Welt postuliert, sondern „dass unsere Materie letztlich aus Geistigem, aus wunderschönen mathematischen Strukturen besteht. Und damit kein „Dualismus“ zwischen Materie und Geist vorherrscht, sondern beides in eines fließt, Materie aus dem Geistigen hervorgeht und das Geistige durch die Materie beeinfluss wird.

Die Autoren gehen dabei zunächst chronologisch darstellend vor und zeichnen die Erkenntnisgeschichte der Physik komprimiert nach, bevor sie sich einer ausführlichen Erläuterung der Quantenphysik („Kopenhagener Deutung“, „Vielfalt von Möglichkeiten“, Nutzung und Perspektiven in Bezug auf die Quantenphysik) zuwenden.

Auch wenn die beiden Autoren dies in einfacher Weise versuchen, vorzulegen, eine einfache Lektüre ist dies bei Weitem nicht, der Abstraktionsgrad, dem Gegenstand der Erläuterungen geschuldet, ist schon gerade in diesem Teil des Buches sehr hoch.

Die Ableitungen aber sind überaus bedenkenswert, denn in der Auflösung der Gegensätze und der „Konkurrenz“ der Wissenschaftsfelder, in der inhärent starken Kritik an der zunehmend rein „materialistischen Ausrichtung“ der Menschheit, in ihren Einlassungen zum „Leben nach dem Tod“ (in dem Informationen nicht verloren gehen) und ihrem Verweis auf die nächste Entwicklungsstufe des Menschen zum „Homo Empathicus“ folgen beide strikt den Grundlagen der Quantenphysik, die, recht verstanden, ein ganz anders, neues Weltbild in die Mitte der Überlegungen stellt.

Das „Materie nicht aus Materie“ entstanden ist und im Kern auch nicht aus dieser besteht und damit klare Voraussagen nicht möglich sind („Unschärferelation“) wie auch der Stellenwert der „Information“, des Geistigen eben, nicht hoch genug angesetzt werden kann, hat der „weltlich geprägte“ Leser doch Mühe, zu folgen.

Auch wenn am Ende doch ein „esoterischer Nachgeschmack“ bleibt (den die beiden Manns in der Einleitung verwehren wollen) und auch wenn religiöse Aspekte (die eben ein „Nicht-Wissen“ beinhalten und damit Spekulation sind) einen immer stärkeren Anteil gerade im letzten Teil des Buches erhalten, interessant ist es einfach, die Quantenphysik aus philosophisch-psychologischer-religiöser Sicht erläutert zu bekommen und sich, zumindest einfach als Experiment, einmal auf die im Buch vorgelegte Gedankenwelt einzulassen. Die vieles an Selbstverständlichkeiten nicht nur physikalisch, sondern auch an Einstellung und Haltung nachdrücklich in Frage stellen,

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Europa gegen die Juden

Götz Aly
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 23.02.2017
ISBN 9783100004284
Genre: Sachbücher

Rezension:

Kollektiver Antisemitismus

Der Holocaust, die Pogrome, die Judenfeindlichkeit und – Verfolgung von Beginn an, schon lange vor der Machtergreifung, den „Sündenbock Jude“ und das „Ausmerzen“ desselben zum Parteiprogramm, persönlichen Feldzug und Aufgabe einer ganzen Nation erklären, diese so ziemlich dunkelsten Momente der Weltgeschichte blieb vordergründig Deutschland, seinem „Führer“ und dem vermeintlich „1000jährigen“ Reich vorbehalten.

Doch nicht monolithisch steht der Antisemitismus Hitlers und seiner Schergen im Raum, die Weltgeschichte ist immer und immer wieder durchtränkt von Judenfeindlichkeit und dies gilt in besonderem Maße eben auch für das europäische Denken für den Zeitraum., den Aly besonders betrachtet, von 1880 bis 1945. Und hier greifen nicht nur Ereignisse wie die „Affäre Dreyfus“, sondern eine kollektive Haltung spürt Aly durchaus überzeugend auf, die nicht ausnahmslos aber doch überwiegend die Haltung der Europäer Juden gegenüber kennzeichnet.

Soweit, dass Aly steil formulieren kann, dass der Holocaust eben doch eine Art kollektiven Handels voraussetzt und ohne die geistige Haltung bis hin zur aktiven Unterstützung des destruktiven „deutschen Weges“.

Was im Übrigen ja nicht völlig neu und unbekannt ist. Zumindest was den Osten Europas angeht, vornehmlich die Sowjetunion und Polen, war der Antisemitismus letztlich nicht minder fanatisch als geistige Haltung ausgeprägt, wie er in Deutschland durch die Nationalsozialisten zur „Religion“ erhoben worden ist,

Was Aly sehr, sehr eindrücklich, nicht zuletzt anhand konkreter Lebensbeispiele, im Kapitel „Die Rückkehr der Unerwünschten“ dezidiert dem Leser vor Augen führt.

Es war bei Weitem nicht so, dass breites, europäisches Mitleid mit den Juden herrschte, auch nicht, nachdem mehr und mehr bekannt wurde, welcher Volksvernichtung diese in den Kriegsjahren und zuvor ausgesetzt waren. Man denke nur an das Ende von „Schindlers Liste“, den guten Rat des einsamen Befreiers an die geretteten Juden, sich weit weg zu machen, denn viel Besseres sei nun nach dem Sieg an der Ostfront von den „Befreiern“ auch nicht zu erwarten.

„Nichts wie weg aus Europa“, auf diesem Hintergrund der kollektiven Ablehnung ist es noch einmal und noch anders zu versgehen, wie dringlich und zentral die Gründung des Staates Israel gerade für die europäischen Juden wurde und war.

Wie es dazu kam, wie sich in Mittel- und Osteuropa vor allem Schritt für Schritt ein spürbarer, echter Hass entfaltete, wie Pogrome schon weit vor der Reichskristallnacht stattfanden, eine zunehmende ganz handfeste Verfolgung einsetzte. Und das an durchaus unterschiedlichen Orten und in durchaus unterschiedlich geprägten und lebenden Gesellschaften.

So wundert es nicht, auch wenn es heute nicht mehr gerne gehört wird, dass zum Beispiel in Frankreich die „Säuberungen“ aktiv und bereitwillig unterstützt wurden, die nach der Besetzung durch die Wehrmacht umgehend begannen. Kaum Kritik, wohl aber ruhige Zustimmung bis zur großen Begeisterung löste die „harte Hand“ der NSDAP europaweit aus, wie Aly Schritt für Schritt vorlegt und resümiert.

Ein nachdenklich stimmendes Buch, in dem Aly Verbindungen zwischen nicht unbekannten Fakten zieht, die so ein doch neues Gesamtbild ergeben und die auch für die Gegenwart des Staates Israel bedenkenswerte Impulse geben.

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gemüse, ökologisch, selbstversorger, kräuter, haus

Raus aufs Land

Niklas Kämpargard , Frauke Watson
Fester Einband
Erschienen bei DVA, 27.02.2017
ISBN 9783421040565
Genre: Sachbücher

Rezension:

Wenn man es dann wirklich will

Landzeitschriften haben Konjunktur, das Leben auf dem Land nicht. Nachhaltigkeit wird ein zentrales Thema, doch im individuellen Leben vor allem in den westlichen Gesellschaften schlägt das, wenn überhaupt, dann eher als „Modeerscheinungen“ was Ernährung und Stil angeht, durch.

Wer nun aber wirklich mit dem Gedanken spielt, hier deutlichere Schritte gehen zu wollen, wer sich dann gar „aufs Land“ zu begeben gedenkt, der sollte dieses Buch zunächst in Ruhe wahrnehmen. Vordergründig mit 100 klaren Ratschläge zum „Selbstversorgen“ versehen und damit in die Richtung eines „Do it yourself“ Ratgebers gehend, schwingen doch in den vielfachen Tipps auch die entsprechenden Grundhaltungen und die zu erwarteten Lebensumstände mit, die das „Landleben“ als „Selbstversorger“ sehr griffig vor den Augen des Lesers entstehen lassen.

„Wenn Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten kommen und Wildbret, Pilze und Feuerholz aus dem Wald hinter dem Haus, dann erfüllt einen das schon mit einem gewissen Stolz“.

Wobei der Autor den unschätzbaren Vorteil noch besitzt, auf einem Bauernhof aufgewachsen zu sein, so dass ihm vielfache Abläufe von Kindheit an bekannt und vertraut sind.

„Eigentlich gibt es keine bessere Schule, als einen Bauernhof“. Zumindest nicht, wenn man sich möglichst autark halten möchte. Das sieht bei einem Städter mit einem Messer zum Ausweiden vor einem Reh zunächst sicher ganz anders aus, aber das wäre durchaus erlernbar, wie nicht nur das Buch eindeutig aufweist.

Dezidiert nun nennt Kämparsgard Selbsthilfe und Selbstversorger als Adressaten seines Buches und für diese ist hier auch der eigentliche Nutzen zu finden.

Sei es, Pflanzenselbst zu kultivieren (von den Stecklingen über den Dünger bis zur Bestäubung). Sei es, Fleisch eigenhändig zu erjagen und zuzubereiten, Obs und Gemüse zu pflanzen und zu ernten, ohne künstliche Zusätze tu Gärtnern oder Nutztiere zu halten (und auch Fell und Leder selbst zu Gerben und dies dann zu verarbeiten).

Ruhig, sachlich und informativ führt Kämpargard in das Thema ein und verleibt durchgehend konsequent praktisch. Ein Nachschlagwerk für die einzelnen Tätigkeiten und Vorhaben zur Selbstversorgung ist dabei entstanden, mit denen vom Traktor Fahren bis zum Instandsetzen von Haus und Schuppen, von Aussaat und Ernte über den Umgang und die Verwertung von Nutz- und Wildtieren so ziemlich alles zu finden ist, was jemanden erwartet, der sich selbst versorgen möchte.

Sachkundig und interessant zu lesen, durchaus auch realistisch entgegen so mancher „schöner Wohnen auf dem Land“ -Idylle, sind hier Basics des Bewirtschaftens eines Bauernhofes versammelt, die durchgehend hilfreich daherkommen.

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Männerkochschule

Thomas Krause
Fester Einband
Erschienen bei Südwest, 06.02.2017
ISBN 9783517096261
Genre: Sachbücher

Rezension:

Der Vorliebe fürs Kochen geschuldet

Fast schon ist der Titel, den Krause wählt, überholt. Denn nicht nur, dass in den Küchen der Restaurants dieser Welt seit jeher Männer in absoluter Überzahl den „Löffel schwingen“, auch im privaten Bereich ist seit Jahren bereits Kochen zunehmend Hobby, Lust, Freizeitvergnügen auch und gerade für Männer, die eben nicht mehr nur am Grill das „Feuer“ bedienen.

Da passt es, dass Krause selbst das ein oder andere Augenzwinkern mitgelesen haben will, gerade wenn er sich leicht martialischer Sprache bedient (allein schon, wenn er die „Waffen“ beschreibt, die „Mann“ in der Küche dringend benötigt).

Nichtsdestotrotz, was den eigentlichen Kern des Kochbuches angeht, bietet Krause durchaus solide und abwechslungsreiche Hinführungen und anregende, weitgehende „kernige“ Gerichte, vom Matjes bis zum Schweinefilet. Fleisch ist hier (nicht nur, aber sehr!) Programm, aber durchaus auch sehr grundlegend und breit legt Krause seine Hinweise an.

Saucen und Dips, die grundlegende Bestückung des Vorratsschrankes mit „Basics“, um dann Fisch, Fleisch, Geflügel, Pizza und Nudel-Fritata, Rösti und Klöße, Vorspeise und Desserts sachgerecht, übersichtlich, klar im Rezept (und Konzept) und mit aussagekräftigen fotografischen Illustrationen versehen vorlegt.

Wobei gerade die Foots bereits im wahrsten Sinne des Wortes motivieren, das Ganze genauso und mit nicht allzu langer Wartezeit auf den Teller zu bringen.

Und je mehr man im Buch fortschreitet, desto klarer wird, dass der Titel „Männerkochbuch“ tatsächlich zutrifft. Nicht in der Grobheit des Vorgehens, sondern in der Wahl, der Gerichte, die, zum Glück, einiges ab sind von anderen aktuellen „Kochrichtungen“ mit vielfachen exotischen zutaten und einem doch teils sehr erkennbaren Schwerpunkt auf Gemüse und vegane Küche.

„Fish and Chip“ als Gericht ist zumindest nicht unbedingt weit verbreitet in der Rezeptliteratur.

Am ehesten erinnern die vorliegenden Rezepte an Tim Mälzers Art, „ehrlich“ zu kochen und bieten mit einer Zubereitungszeit von selten mehr als 30 Minuten (manchmal 45 Minuten plus eine gewisse Garzeit bei bestimmten Gerichten) eine anregende, wohlschmeckende, breit umfassende, in der Zubereitung dann aber übersichtliche Küche, die für jeden Geschmack nicht nur das ein oder andere, sondern vielfache Varianten bietet.

Ein Kochbuch, das zur alltäglichen Nutzung bestens geeignet ist, mit Zutaten, die ohne Studium der Feinschmeckerläden oder exotischen Anbieter ohne Weiteres zu besorgen sind.

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Postwachstumspolitiken

Ulrich Schachtschneider , Frank Adler
Buch: 328 Seiten
Erschienen bei oekom verlag, 09.02.2017
ISBN 9783865818232
Genre: Sachbücher

Rezension:

Zur Notwendigkeit grundlegender Veränderungen in der Ökonomie

25 Jahre nach der Konferenz von Rio mit ihrem Postulat zur „Nachhaltigkeit“ von Ökonomie und grundsätzlichem gesellschaftlichen Handeln konstatieren die Herausgeber:

„Der eingeschlagene technische Weg reicht nicht aus, um der Übernutzung natürlicher Ressourcen Einhalt zu gebieten“. Und das ist, in den Augen der Herausgeber diversen Autoren im Buch ein systemisches Problem.

Zwar werden punktuelle Fortschritte konstatiert, doch um eine nachhaltiges Leben und Wirtschaften auf Dauer herbeizuführen und zu stabilisieren bedarf es politischer richtungsweisender Entscheidungen, um der Zerstörung des Planeten, aber auch der tiefen sozialen Spaltungen im Zuge des herrschenden Wirtschaftssystem Herr zu werden und ein Umsteuern nachhaltig zu sichern.

Wobei gilt, das es „richtig ist, mit den Alternativen dort zu beginnen, wo es jetzt schon möglich ist, anstatt auf die politische Veränderung des Ganzen zu warten. Dennoch, ohne dieses „Ganze“ bleiben die konkreten Versuche im Einzelnen immer doch nur nicht ausreichendes Stückwerk.

So ist es hilfreich, in diesem Buch die wesentlichen politischen Alternativen zusammenzustellen im Kontext übergreifender Debatten und Probleme.

Sei es dabei, den „fatalen Zusammenhang von Eigenliebe, Meritokratie und Kapitalismus“ detailliert zu beschreiben und Auswege aus diesem Geflecht aufzuzeigen, sei es, an das „Bewusstsein“ der Menschen zu gehen und auf diesem Wege die „Überflussgesellschaft“ verändernd neu zu denken, sei es, den „Wettbewerb“ mit seinen „Wachstumszwängen“ offen zu legen und, in Teilen, tatsächlich ad absurdum zu führen, seien es die gewichtigen anderen Problemanzeigen und deren, zunächst gedankliche, Veränderungsmöglichkeiten zu benennen.

Dies alles geschieht in den einzelnen Beiträgen zwar eher in einem wissenschaftlich-trockenen und teils abstrakten Ton und bedarf daher einer konzentrierten Lektüre, führt aber in einer wichtigen Zusammenschau die wesentlichen Überlegungen zu Veränderungen in guter Weise zusammen.

Um dann in die Synthese überzugehen und für die notwendigen Transformationen auf ausgewählten Politikfeldern (Arbeitspolitik, Grundeinkommen, Finanzwirtschaft aus nachhaltiger Sicht betrachtet, „Unternehmen, die nicht wachsen müssen“ und einiges mehr) sehr konkrete „Pläne“ vorzulegen, die, Schritt für Schritt, jetzt nicht nur angegangen werden sollten, sondern auch realistisch angegangen werden können, wenn die politischen Rahmenbedingungen in diese Richtungen gesetzt werden (wonach es, leider, nicht aussieht).

Umso mehr kommt zum Tragen, was grundsätzlich gilt: „Das Private ist politisch“.

Je mehr Druck auf Transformationsunwillige politische und ökonomische Kräfte durch Konsumentscheidungen und Wahlentscheidungen des Einzelnen ausgeübt wird, desto größer ist und bleibt die Chance auf eine Veränderung zu Nachhaltigkeit hin.

Insgesamt eine seriöse Schau auf den Status Quo wachstumskritischen Denkens, dem man wünscht, breites Gehör zu finden. Dennoch keine einfache Lektüre, sondern eine, die Mühe bereitet.

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Die Hebel der Macht

Hans Herbert Arnim
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Heyne, 13.02.2017
ISBN 9783453201422
Genre: Sachbücher

Rezension:

Vom Staat im Staat

Parteien sind es, so die Grundthese von Herbert von Arnim, die vielleicht nicht „an allem“ schuld sind, die aber wie keine andere Größe den jeweiligen Staat bestalten und ihm „ihren Stempel“ aufdrücken.

Weder die Globalisierung noch die Finanzwirtschaft, weder wirtschaftliche Schlüsselstellen noch einflussreiche Persönlichkeiten haben daher einen solch nachhaltigen Einfluss auf das alltägliche Leben der Menschen, wie es Parteien, zumindest in den westlich geprägten Demokratien, wahrnehmen. Und das nicht in erster Linie zum Nutzen der Bürger oder Wähler, das ist der fundamentale Kritikpunkt, den von Arnim anspricht (und mit vielfältigen Beispielen im Buch belegt), sondern das eigene Interesse, nicht zuletzt die Versorgung der eigenen „Parteigänger“ steht im Mittelpunkt des parteiischen Handelns-

Da mag es eine (noch) Nebensächlichkeit sein, wie die vermeintliche „Vetternwirtschaft“ des aktuellen SPD-Kanzlerkandidaten in seiner Zeit im europäischen Parlament in den Fokus des Interesses gerät. Da mögen ihm wohlmeinende Zeitgenossen die „Handschrift“ der „anderen Seite“ erkennen, um den „Mantel“ des Mannes zu beflecken, doch liest man dieses neue Werk von Arnims unvoreingenommen und in Ruhe, dann würde ein solches Verhalten bestens in das „System“ passen, das von Arnim detailliert und praxisnah beschreibt.

Natürlich mag man weltweit betrachtet noch eine ganze Reihe von Staaten finden, die seit ehedem, oder seit kurzer Zeit erst oder im „Versuchsstadium“ als „Autokratie“ von individuell „persönlichen Gnaden“ „durchregiert“ werden, da mag auch das Beispiel Türkei ein Besonderes sein, wo ebenfalls mit aller Konsequenz ein interne „Ein-Mann-Herrschaft“ installiert wird unter dem Deckmantel der „Demokratie“.

Doch bei all diesen kritischen Betrachtungen ausländischer „Imperialisten“ zieht von Arnim, flüssig zu lesen, die Decke weg von der wie ein Mantra seit Jahrzehnten behaupteten Illusion, die „freien Demokratien“ mit ihren Parteien seien flexibel, offen, frei für Veränderungen und eben nicht von persönlichen Interessen durchgängig geleitet.

Wo an anderen Orten eine Persönlichkeit die Fäden zieht (oder es versucht), sind es in Demokratien Partien.

Die nach Jahrzehnten der „Systemgestaltung“ vornehmlich, teils ganz offenkundig, oft nur mit einem Deckmäntelchen verborgen und in der Regel im Hintergrund, da aber auf jeden Fall, die eigenen Interessen bedienen. Und zwar Regierungsparteien wie Opposition gleichermaßen. Programme scheinen dabei eine untergeordnete Rolle zu spielen, das „Sitzen an den Pfründen“, das Versorgen der „Parteifreunde“ (und nicht selten auch Angehöriger oder persönlicher Bekannter) und der durchgehende Versuch, eine mögliche Kontrolle oder kritische Prüfung erst gar nicht zuzulassen weist von Arnim durchgehend nach.

Souverän ist damit in der Realität der Demokratien kaum mehr „das Volk“, sondern eben „die Parteien“. Was, so folgert von Arnim, nur durch ein gerütteltes Maß an echten Reformen, an Strukturen direkter Demokratie zu entschärfen wäre.

Und von Arnim setzt hier einen deutlichen Schwerpunkt, die Synthese nach der Analyse ist nicht Deckmantel mit wenigen Zeilen am Ende, sondern zieht sich in jedem Kapitel durch das ganze Buch mit vielfältigen Vorschlägen für „direkte Demokratie“.


Mehrheitswahlrecht, Bonusmandate für die größte Fraktion, das „Schweizer Modell“ oder auch Europäisierung und Internationalisierung. Mitsamt „sanften“ zwischenformen, die von Arnim benennt.

Die Gründe gegen solche Beteiligungen, die, wen wundert es, von gesetzten „Parteien“ vorgetragen werden, beleuchtet von Arnim kritisch. Am Ende kann der Leser ihm auch hier durchaus zustimmen, dass diese Gründe vor allem eines vollziehen: Die Sicherung und den Schutz der Parteienlandschaft.

„Der Fehler liegt im System: Das Kartell auf dem Weg in den exzessiven, bürgerfernen Staat“. Wobei der Begriff „Kartell“ nicht ohne Hintergedanken von von Arnim gewählt sein dürfte, denn die Assoziationen zur illegalen Seite des Lebens finden durchaus in vielen Passagen des Buches Nahrung, was das Handeln der Parteien angeht.

Mit einem immensen „Auseinanderklaffen von Form und Inhalt“, allein schon was die „Wahl ohne (echte) Auswahl“ angeht. Denn wen wählt das Volk? Von Parteien gesetzte Personen. Um nur eines der vielen Beispiele aufzunehmen, welches von Arnim gründlich betrachtet.

Eine interessante, fundierte, teils zwingende Lektüre, die man nicht so schnell aus der Hand legt und die nachwirkt.

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Loslassen

Katharina Finke
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei MALIK, 01.03.2017
ISBN 9783890294810
Genre: Biografien

Rezension:

Weniger ist mehr

Zunächst sollte der Leser grundlegend interessiert und auf der Suche nach einem „Minimalisieren“ des eigenen Lebens sein, um mit diesem Buch etwas anfangen zu können.

„Jetzt, wo ich aufschreibe, was ich alles besitze, kommt es mir vor, als wäre es viel. Dabei ist es nur ein Bruchteil dessen, was die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt besitzen“.

Und bis zum Sommer 2012 war das bei Katharina Finke genauso. Dass im Schnitt in der westlichen Welt ein Mensch über 10.000 Dinge, gro0ße und keine, besitzt und sein eigen nennt.

Und dann kam eine Trennung, ein Unterschlupf für einige Wochen in Portugal bei einer Freundin und vor allem, „kein Platz mehr“. Zudem dann auch noch vom ehemaligen Lebensgefährten die gemeinsame Wohnung aufgegeben werden wollte.

Äußere Ereignisse, die einen gewissen Zwang zum Aussortieren nach sich zogen, dann aber eine Eigendynamik gewannen, die diese Notlage zu einer ganz eigenständigen Lebenshaltung sich entfalten ließ.

Das aus diesen Erlebnissen, den daraus folgenden grundsätzlichen Gedanken und einem nachvollziehbaren „Programm“ der Bewertung des eigenen Besitzes (nicht „was weg kann“, sondern „was braucht es wirklich“ waren da die leitenden Fragen“ „wahre Lust am Minimieren“ entstehen kann (und in den Augen der Autorin auch sollte) war eine interessante Folge, die zumindest, selbst wenn man als Leser vor solchen Schritten zurückschrecken würde, anregend zu lesen ist.

„Überlege, was für Dich wichtig ist“.

Eine Frage, die in jedes Leben eigentlich passt, mehr noch, in einer Welt, in der Konsum erste Bürgerpflicht zu sein scheint, in der an allen Ecken und Enden Verlockungen den Käufer anziehen wollen und in der eben zigtausend Dinge als Besitz vorhanden sind, kann man da noch frei atmen? Ist weniger nicht wirklich mehr, nicht nur in den großen Fragen der Ökologie, sondern auch psychisch?

„Was machst Du eigentlich mit Dienen Sachen? Ich werde mich von Ihnen trennen“. Wobei es einfach spannend zu lesen ist, dass dieses „sich trennen“ für Katharina Fink zumindest, als es an Eigendynamik gewinnt, keine „Verluste“ letztlich darstellen, sondern am Ende „Gewinn“ im Raum steht.

Und so kann mancher Leser vielleicht zumindest Mut gewinnen für kleine Schritte, wenn das Grundgefühl von allen Seiten auch ein stückweit durch die Dinge „erdrückt“ zu werden, vorhanden ist.

Woraus Fink, und das muss dann nicht jeder unbedingt als Zwang empfinden, einen „reisenden Lebensstil“ entwickelt hat, auch in Hinsicht auf den Erwerb der notwendigen finanziellen Mittel, der eine Reduktion auf wenige Dinge einfach auch nahelegt.

Leicht und locker zu lesen, prägnant beschrieben und zum Nachdenken über die „Dinge“ anregend, bietet das Buch eine gute Verständlichkeit und klare Zielrichtung. Die man allerdings auch mögen sollte, um Gewinn aus dem „Vorbild“ zu ziehen.

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jón kalman stefánsson, etwas von der größe des universums

Etwas von der Größe des Universums

Jón Kalman Stefánsson , Karl-Ludwig Wetzig
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.02.2017
ISBN 9783492057950
Genre: Romane

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Ein sprachliches und emotionales Erlebnis, aber auch schwere Kost

Wenn man als Leser Eltern ist, Sohn oder Tochter hat, dann sind bereits die ersten Seiten neiderdrückend, hoch emotional, hervorragend geschrieben, mitten hineinführend in eine spürbare, intensive, raue Atmosphäre, bei der sich Personen und Landschaft, Nähe und Distanzen bestens ergänzen.

Aber auch für jeden „Nicht-Eltern“ Leser ist das unglaublich Traurige zugänglich, die Stärke der Frau erschließbar, dieses verwundete Herz nahegehend.

In Kevlavik.

„Diesem seltsamen Ort abseits der Straße mit ein paar Tausend Einwohnern, einem leeren Hafen, Arbeitslosigkeit, Autohändlern, mobilen Hamburgerbuden und einem so flachen Umland, dass es aus der Luft aussieht, wie gestocktes Meer“.

Öde, düster, nicht nur ein wenig verlassen. Wie der Ort, so die Menschen. Und mit einer bildkräftigen Sprachgewalt beschrieben, dass es im Lauf der Lektüre fast zu viel wird an Dichte. Einfach so, nebenbei, kann man diesen Roman kaum lesen, eher Schritt für Schritt und Wort für Wort muss an all das, was Stefansson verdichtet beschreibt, auf sich wirken lassen.

Wobei jenes von der Größe des Universums im Kern die Familie ist. Jede Familie, im Besonderen natürlich jene, deren Geschichte über einige Generationen hinweg Stefansson im Roman beschreibt.

Und dazu gehört natürlich, nicht unbedingt in der Mitte der Ereignisse, aber als wichtige Person, jene Lilla gesetzt ist, die gleich zu Beginn einen herzzerbrechenden Verlust erleidet, von dem sie sich einerseits für sich selber nie wieder erholen wird, in dem anderseits aber vielleicht auch begründet liegt, warum sie den andern, gerade den Jüngeren wie Ari und dem Ich-Erzähler, so zugewandt ist.

„Es kostete sie große Kraft, zu lügen, dabei zu lächeln und dieses Lächeln vor der Tochter beizubehalten, damit sie in den letzten Stunden ihres Lebens etwas Schönes sah und darum glaubte, der Tod sei lediglich ein kleiner Seitenschritt“.

„Ihr Lächeln konnte Lilla durchhalten, aber an den Tränen, die ihr dabei aus den Augen liefen, war nichts zu ändern. Sie hielt ihre Tochter fest, doch auf der anderen Seite hielt der Tod viel fester“.

So auf den Punkt. So dicht in die Figur eindringend und den Leser dabei unaufhaltsam mitnehmend, diese Intensität hält Stefansson dabei durch den Roman hinweg durch. In dem die Härte des Lebens nicht gemildert wird. Und das bei Weitem nicht der letzte Todesfall mit Folgen ist, den Stefansson geschehen lässt. Wenn auch nicht alle so dramatisch sind, wie der des Mannes, der betrunken ins eisige Wasser fällt.

Was nicht immer einfach zu verstehen ist in den vielfältigen Querverbindungen der auftretenden Personen und, wie erwähnt, auch sprachlich dem Leser einiges abfordert, weil kaum (erholsame) „leichte“ Teile in der Erzählung zu finden sind. Alles wirkt doch wuchtig, schwer, untereinander distanziert, im Kern bereits melancholisch „zur Welt gekommen“. Dem das Land selbst mit seinen langen Phasen an Dunkelheit und der schroffen Landschaft bestens korrespondiert. Was Stefansson so sehr nutzt, dass die Landschaft fast als eigenständige Person dem Buch ihren Stempel aufdrückt. In der der Sohn mit dem Vater, bevor es zu spät ist (und es ist schon recht spät) grundlegendes noch zu klären hat auf dieser Seite des Lebens.

Sprachlich hervorragend, bildkräftig, schroff in den Personen, deren „Weiche“ Seiten Stefansson schon aufzeigt, die aber im Zwischenmenschlichen kaum zum Tragen kommen. Keine Einfache oder leichte Lektüre, die aber durchaus an die wesentlichen existenziellen Fragen von Verbundenheit, Sterben, Tod, Trennung, Wärme und Kälte beständig herangeht.

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dva, französischer roman

Das geheime Leben des Monsieur Pick

David Foenkinos , Christian Kolb
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei DVA, 13.03.2017
ISBN 9783421047601
Genre: Romane

Rezension:

Wie gut kennt man die Seinen?

Henri Pick ist tot. Und das schon länger. Friede seiner Seele und, vor allem, ein weiterhin und nun, nach der Trauerphase, gutes Leben seiner Witwe Madeleine. Könnte man sagen. Wenn Pick, Pizzabäcker von Beruf, großer Schweiger (salopp würden manche sagen: „Maulfaul“) nicht plötzlich wieder (eigentlich zum ersten Mal) in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Literaturwelt geraten würde.

Jean Pierre Courvec liebte Bücher und ließ sich durch ein Vorbild auf eine eher abwegige Idee bringen. In seinem Laden in Crozon, Bretagne, Finistére baute er Regale, um dort Manuskripte abgelehnter Bücher aufzubewahren für die Nachwelt. Einzige Regel: Der Autor musste sein abgelehntes Werk selber zu ihm bringen,

Auch das ist länger her. Das Regal verstaubt, die Idee längst begraben, die Nachfolgerin im Laden nicht motiviert, daran was zu ändern und Madeleine, die Witwe Henri Picks wieder auf einem guten Weg.

Und sie ist sich gar nicht sicher, ob es ihr guttun wird, dass nun die Person ihres verstorbenen Mannes wieder in ihr Leben tritt. Denn sie hat sich eingerichtet als Witwe, fühlt sich wohl, steht dem Leben positiv gegenüber. Und aufgrund der Vorkommnisse der letzten Zeit ist es unabdingbar, gibt sie ihre Zustimmung, dass ihr Mann mehr wieder ins Leben treten würde, als zu Lebzeiten.

Denn eine junge, ehrgeizige, literaturliebende Lektorin ist mit ihrem Verlobten, einem eher erfolglosen Romancier, dessen erstes Werk zwar gedruckt, das aber nun wirklich so gut wie niemand kennt, Auf Verwandtenbesuch.

Und wie es der Zufall will (oder wie im Märchen, was dieser Roman nun auch in Teilen ist) hört sie von der Sammlung abgelehnter Werke, fährt hin, entdeckt ein Manuskript eben jenes Henri Pick und spürt (worin ihr umgehend der Verlagschef zustimmen wird), dass hier ein literarischer Meilenstein in ihren Händen liegt.

Und umgehend nimmt die Bestseller-Industrie ihren Betrieb auf.

Wobei der Leser zum einen viel über die inneren Abläufe des Literaturbetriebes erfährt, sich mit der Lektorin fragt, wie dieses Manuskript je abgelehnt werden konnte, sich dann mit der Familie fragt, ob Pick es je eingereicht hatte und zudem eine ganze Reihe weiterer Geheimnisse der Personen kennenlernen wird.

Die Tochter, die unglücklich ihren Dessousladen als „Schutzmantel“ benutzt, die Witwe, die eine Affäre hatte zu Zeiten, der Autor, der zwar gedruckt aber nicht von sich überzeugt ist (zu Recht) und als roter Faden die Frage, wie gut man jene wirklich kennt, die einen im Leben begleiten.

Das sind mit die stärksten Szenen im Buch, wenn Erinnerungen kommen, wenn eine Person, obwohl bereits länger verstorben, noch einmal neu entdeckt wird und ebenjene sich erinnernden Personen sich selbst dabei neu finden.

Wobei der Roman auch Längen aufzuweisen hat, hier und da manche Ereignisse kaum als realistisch einzustufen sind, durchaus aber auch wieder Spannung in der Frage erzeugt, was wirklich hinter dem Manuskript steckt. Denn wo wie manche der Personen im Buch fällt es auch dem Leser schwer, je mehr er Pick kennenlernt, zu glauben, dass dieser Mann, diese Person wirklich überhaupt die Neigung hatte, etwas zu schrieben.

Eine anregende, leichte Lektüre mit viel „allzu Menschlichem“, mit einigen Längen, mit durchaus tiefergehenden Erkenntnissen über das Leben und das Innere von Personen, aber auch mit weniger überzeugenden Figuren (wie jener „Autor ohne Ruhm“. Der wohl nur als Sinnbild für all jene gedruckten, aber weitgehend ungelesenen Werke der Weltgeschichte herhalten muss).

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Everyday Detox

Megan Gilmore
Fester Einband
Erschienen bei Unimedica ein Imprint der Narayana Verlag , 20.02.2017
ISBN 9783946566168
Genre: Sachbücher

Rezension:

Darmgerechte und entlastende Kost

Bei diesem Rezeptbuch ist der Titel wahrlich Programm.

100 Rezepten, alle ausgerichtet auf eine Entspannung für den Darm, eine „Entschlackung“ und damit eine Steigerung des Wohlbefindens. Rezepte, die in aller Regel einfach zu gestalten und umzusetzen sind und damit die wichtigste Voraussetzung für eine tatsächlich regelmäßige Anwendung, zumindest für eine gewisse Zeit, bieten.

Mit einer kurzen Einführung versehen, was eine „bedarfsgedeckte Ernährung mit vollwertigen Zutaten“ ausmacht und damit auch eine Gewichtsregulierung auf „natürlichem Weg“ ohne explizite Diäten ermöglichen würde, eine Einführung in die notwendige Qualität von Lebensmitteln und was dafür immer grundsätzlich vorrätig sein sollte bietet Gilmore aus der eigenen Lebenspraxis heraus im Folgenden klare, strukturierte und einfach zu handhabende Rezepte.

„Vollwertige, möglichst wenig verarbeitete Lebensmittel“, das ist die Basis für eine gute Ernährung.

Seien es „Smoothies“, Hülsenfürchte (in Auswahl, nicht alle sind geeignet“, Wraps, Salate, Aufläufe, Puddings (und warum nicht aus Süßkartoffeln?) über eine ganz einfache Tomatensoße oder diverse und abwechslungsreiche Suppen, Gilmore bietet 100 Gerichte für die verschiedenen Snacks und Mahlzeiten.

Dabei legt das Buch all dies in einfacher Weise, kurz, knapp und klar dar.

Jeweils eine Zutatenlist und eine komprimierte Anleitung zum Herrichten der verschiedenen Speisen reicht völlig aus, um zu einen das konkrete Gericht umstandslos und in kurzer Zeit zu erstellen und bietet auch Raum für eigene Veränderungen, neue Zusammenstellungen und Vieles mehr.

Nicht alle Produkte wird es im Supermarkt um die Ecke geben. Gut aber ist, das viele der Rezepte aus umfänglich zugänglichen Lebensmitteln erstellt werden, so dass die spezielleren Zutaten dann in Ruhe bestellt werden können, ohne erst darauf warten zu müssen, mit der Ernährungsweise sofort anfangen zu können.

Das Buch stellt einen durchaus guten und übersichtlichen Einstieg in die Welt der vollwertigen Ernährung dar, wobei sich vieles auch dem gesunden Menschenverstand erschließen würde und es die im Buch verteilte Werbung, wie auch besonders exotische Zutaten nicht wirklich brauchen würde.

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berlin, galiani berlin, truggestalten, rudolph herzog, vergangenheit

Truggestalten

Rudolph Herzog
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783869711485
Genre: Romane

Rezension:

Die Geister der Vergangenheit in Berlin

„Sie haben ein Problem mit einem Ifrit“.

Was das ist, warum dafür ein Hahn in der Küche der neu bezogenen Altbauwohnung nötig sein wird und dass ein solcher „Ifrit“, falls es das gibt, ja irgendwoher kommen muss, dass erfährt der junge und frische Mieter nicht so richtig.

Wenn aber eine Küchentür einem den Finger bricht, dann läuft Herzog durchaus in „Stephan King“ Richtung auf. Weniger, was den Effekt des Gruselns angeht, wohl aber, was diese „Zwischenwelt“ angeht, die „Geister-Ebene“.

Allerdings, das ist nicht die Hauptrichtung dieser einzelnen und doch miteinander verbundenen Geschichten aus und über Berlin, damals und heute und wie das miteinander verbunden sein könnte. Auf dieser Ebene. Es sind „Rand-Geister“, die ihre Rolle spielen, allerdings nur zur Illustration dessen, was an leidvoller Geschichte und aktueller Atmosphäre in Berlin anzutreffen, vorherrschend ist.

„Ich habe daher den Frieden, der wieder in meine Wohnung einkehrte, nie mit den Besuchern in Verbindung gebracht“.

Wohl aber hat dieser Friede, dauerhaft, auch damit zu tun, dass der junge Mann gegenüber „Rakete“, alt 68er, Yoga Guru, Frauenversteher mit Harem und doch letztlich ein ziemlich kleines Licht, nimmt man die „Anbetung“ durch eine bestimmte Sorte von Leuten mal weg, am Ende sich ganz anders stellen wird. Und nicht nur er als neuer Mieter, auch eine „Szene-gestählte“, nun aber alternde Frau wird einen Strich ziehen können.

Solche Geister mögen ihr Unwesen treiben aus den „wilden Jahren“ heraus noch, doch wenn der alte Hausmeister, der der Gentrifizierung einfach trotzt, indem er für „seine Mieter“ auch nach der „Verschönerung“ absolut da ist, nun eben nicht angestellt und kostenfrei für alle, wenn dieser alte Mann mit einer Kerze vor einem Loch im Innenhof steht, das durch den Bau eines Spielplatzes entstanden ist. Eine Kerze für jene, die dort Zwangsinterniert waren, die starben (und das war nicht nur eine Gruppe von Menschen, da starben so manche andere auch) und damit seine Hausmeistertätigkeit, sein Leben beendet, dann kann einem schon ein Schauer über den Rücken fahren, so eindrücklich und sprachlich versiert führt Herzog den Leser in diese Atmosphäre hinein.

Da in der dortigen Wohnanlage auch einer der Ich-Erzähler lebt, und dieser in einer dunklen Ecke des Hofes wie von festen Händen gepackt sich gerade noch losreißen kann, bevor er on einen Verschlag gezerrt werden würde, ist klar, dass in diesem Berlin Kräfte vorhanden sind, die eben an der Gegenwart zerren, die nie wirklich beerdigt wurden, die das Leben in der Gegenwart weiterhin, diffus und nicht klar benennbar, mitbestimmen.

Was Herzog wunderbar in Symbole zu fassen versteht, was er ganz alltäglich in die Geschichten dieser Leute, miteinander verwoben, zudem spannend und unterhaltsam erzählt und immer einen doppelten bis dreifachen Boden für seine Geschichten in Petto hat.

Alles, was da teils auch an skurrilen Charakteren gerade das Leben gestaltet, in einem vordergründig individualistischen Lebensstil, ist doch, bei Lichte betrachtet, gar nicht so schrill und bunt, wie es scheint und ist, vor allem, auf „geschichtsträchtigem Boden“ immer auch angereichert mit dem, was in Berlin war und sich nicht abschütteln lässt.

Wunderbare Gestalten, ein anregender, knapper, auf den Punkt treffender Ton, eine „Zwischenwelt“, die nicht ängstigt, sondern eher verblüffend deutlich macht, dass eben nicht immer „alles neu“ ist, im Gegenteil und eine Entzauberung all der rasanten Lebensgeschwindigkeit der Stadt, in der viele der Beteiligten als „Truggestalten“ enttarnt werden und die eine hervorragende Lektüre im Gesamten ergibt.

„Es gibt keine Geister“!
„Dann nenn es Vergangenheit“!

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94 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 64 Rezensionen

krimi, schweden, flüchtlinge, organhandel, tom stilton

Schlaflied

Cilla Börjlind , Rolf Börjlind , Christel Hildebrandt
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei btb, 20.02.2017
ISBN 9783442757169
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Extraklasse

Im neuesten Fall von Tom Stilton, ehemaliger Kommissar, ehemaliger Obdachloser, Lebensgefährte von Luna, lebend auf einem Hausboot und nun mit Lärm und Enge konfontiert, da Luna in der angespannten Lage des Jahres 2015 ernst macht mit „Refugees Welcome“ und 11 Flüchtlinge auf dem Boot aufgenommen hat, setzen die beiden Bestsellerautoren ein intensives, spannendes und in die tiefsten Dunkelheit der menschlichen Seele führenden Thriller in den Raum, der in allen Elementen hervorragend zu lesen ist.

Die Verbindung von Pädophilie, dem Mord an einem kleinen Jungen, den Lebensumständen der Roma, den Flüchtlingen, die in Massen in Schweden ankommen, von Fremdenhass und Menschenliebe einerseits und von differenzierten Charakteren, die allesamt von den Autoren (mal präzise, knapp auf den Punkt, bei den Hauptfiguren ausführlich, aber immer in den Ablauf der Ermittlungen integriert) bestens entfaltet werden, ergibt Seite für Seite eine düstere, dichte und packende Atmosphäre.

Wenn Lisa der „neuen Kollegin“ Olivia (die mit Stilton mal ein Paar war) in einem einfachen Hotelzimmer am Rande der Zivilisation das Träume ihrer Vergangenheit offenbart. Wenn zugleich in diesem Zimmer anonyme Anrufe stattfinden, bei denen nur Raben-Gekrächze zu hören ist, dann wird es drückend und spannend.

Wenn dann noch auf einer Fensterbank Fingerknochen liegen, eine übel zugerichtete Jungenleiche im Wald gefunden wird (zuerst von einem Eber, nichts für schwache Nerven) und sich Tom Stilton auf den „Weg zurück“ begibt, dann entfaltet der Thriller eine Breite, die nicht auf Kosten des Tempos und der Spannung geht, den Leser aber umfassend mit hineinnimmt in diese „Schattenseite des Lebens“.

Mal kurz und filigran, wie nebenbei, die Lebensordnung der Roma vor Augen geführt (vor einem Supermarkt) und umgehend die Reibung zwischen (vielleicht auch berechtigen) Vorurteilen und dem Versuch, allen gegenüber offen zu bleiben (auf Ermittlerseite) in den Raum gesetzt, um dann ausführlich bei einer zerstörten Frau zu verweilen, der ein Kind zuläuft du die darin die Kraft findet, ihrer Sucht zu widerstehen. Um dann wieder, ebenfalls kurz und wie nebenbei, einem „Gutmenschen“ wirklich nahe zu kommen, der ein offenes Herz für jeden Gestrandeten des Lebens hat und selber doch einen tiefen See der Trauer in sich trägt.

Das alles (und noch viel mehr) zusammengehalten durch den roten Faden der Ermittlungen, den rumänischen Dolch, der gefunden wurde, den (wirklich miesen) Pädophilen, bei dem die Autoren dem Leser ein- um das andere Mal einen tiefen und verstörenden Blick in dessen innere Empfindungen zumuten, ergibt eine Melange von Spannung, Mitleid, Trauer und Abscheu, die den Leser durchgehend bei der Lektüre begleiten werden.

Dabei setzten die Autoren auf realistische Figuren, auch wenn das ein oder andere Verhalten, das ein oder andere Träume überspitz wirken. Aber hinter fast allen Fassaden der Mitmenschen werden eben auch solche dunklen Seiten und belastenden „Lebensereignisse“ zu finden sein, das ist nicht übertrieben.

Alles in allem düster, packend, voller Einzelteile und inneren Entwicklungen und Entfaltungen mit einer Atmosphäre hintergründiger, ständig drohender Gefahr eine intensive und hervorragende Lektüre.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Sturm in den Himmel

Asta Scheib
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 17.09.2016
ISBN 9783455405873
Genre: Romane

Rezension:

Ruhiger Entwicklungsroman

Es ist ein tatsächlicher „Sturm in den Himmel“, der diesen Roman allerdings erst ganz am Ende beschließen wird und dabei das berühmte „Gewitter“ als Motiv aufnimmt, dass Martin Luther „den letzten Anschub“ gegeben hat, seinen Weg als Mönch aufzunehmen.

Wie aber grundlegende Kernelemente seiner späteren Lehre, seines persönlichen Glaubens durch seine Kindheit und Jugend, durch die Einflüsse der Familie, des ersten Studiums und, nicht zuletzt, der ersten, längere Zeit ja durchaus „erfüllten“, sprich gegenseitigen Liebe geprägt wurden, das ist in diesem Roman interessant zu lesen.

Der strenge Vater, der doch auch eine liebende Seite zeigt, der in Martin große Hoffnungen auf den Aufstieg der gesamten Familie setzt, der im Latein „einbleut“, das erinnert durchaus an Luthers Ringen mit dem einerseits strengen, unbarmherzigen Gott der damaligen Theologie und der inneren Sehnsucht nach der liebenden Seite.

Die eine Szene, in der Madlen, die „zugelaufene“ Haushilfe zu Besuch ist und Luther sich nach ihr sehnt, einige Zimmer weiter und doch gilt: „er wusste, dass seine Mutter und möglicherweise auch der Vater Wache hielten. Der Weg zu ihr war versperrt“, wirkt wie ein Symbol für das spätere Ringen und Kämpfen mit der Institution Kirche, die ihm den Weg zur zum ersehnten inneren, liebenden Frieden mit seinem Gott versperrte.

Die Anflüge von Witz und Humor beim hart arbeitenden Vater, Erzschürfer in Mansfeld, das Urteil der Mitstudenten über Martin, „(wir sind) nicht so rasch in der Auffassung. Und auch nicht so zielstrebig…Eigentlich müsste ihm ständig der Kopf rauchen.“, die Beklemmung Luthers in den engen Stollen des Bergwerks, vielfach sind die Hinweise, Anspielungen, Prägungen, in denen Person und Lehre des späteren Reformators anklingen.

Und das gelingt Scheib ohne viel Psychologisieren. In ihrer ruhigen Form der Erzählung mit einem großen, differenzierten Sprachvermögen nimmt sie den Leser ganz unprätentiös mit auf den Weg in das Elternhaus Luthers, das Erwachen der eigenen Gedanken, den Zwiespalt zwischen dem „dem Vater gefallen wollen“ und doch ganz eigene Richtungen einnehmen. Sei es der Baum, mit dem er sich eng verbunden fühlt und der am Ende eine gewichtige Rolle für den weiteren Weg spielen wird, sei es ebenso die ohne großen Lärm sich einfach ausschleichende enge Bindung an Madlen („er spürte, das Madlen ihm nicht mehr gehörte“), sei es die Abneigung gegen die Inhalte des Religionsunterrichts seiner Ausbildung, alle Elemente greifen ineinander und bieten ein in sich geschlossenes, fast zwangsläufig dem Entscheidungspunkt zustrebendes Bild eines jungen, suchenden Lebens.

Wozu unbedingt (und auch das ist im Buch gut und wie nebenbei gesetzt“ die, vor allem durch die Mutter, aber auch durch die gesamte Zeit gesetzte, fast panische Angst vor dem Teufel, der für Luther Zeit seines Lebens als real existente Person bildhaft vor Augen stand. Die Stärke dieses Antriebs der „Angst vor der Hölle“ darf bei Luthers Werdegang und vielen seiner späteren unverrückbaren Lehraussagen nicht unterschätzt werden und so passt es gut, dass Scheib dieses Motiv von Beginn an im Roman durchgehend mitlaufen lässt.

„Neben schönen Träumen, die selten waren, suchten Martin häufig schreckliche Albträume heim“.

Zwar hat der Roman auch die ein oder andere Länge und liest sich nicht unbedingt aufregend, biete aber ein interessantes und geschlossenes Bild einer inneren Entwicklung und der äußeren Momente, die diese vorangetrieben haben.

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Hinter den Türen warten die Gespenster: Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit

Florian Huber
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.03.2017
ISBN 9783827013316
Genre: Sonstiges

Rezension:

Der gesellschaftliche Kern der 50er Jahre

„Was bei uns passiert, geht keinen was an“.

Ein Satz, mit dem so ziemlich alle bekannt sind, die in den 60er, auch noch 70er Jahren aufgewachsen sind. Ein Satz, der die „Schutzhöhe“ Familie kennzeichnet, im guten Sinne, ein Satz aber auch, der, gerade nach dem Krieg und der Verstrickung von Millionen Deutschen in den unseligen Staat zuvor auch Ausdruck davon gibt, dass so manche „Familiengeheimnisse“ vor allem eins zu bleiben hatten, nämlich öffentlich nicht bekannt.

Das Bild der Familie, der Frau, die Erziehung der Kinder, das Verlangen nach der Geschlossenheit der eigenen vier Wände, all das prägte die Zeit nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und der Aufbaujahre in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die „heile Familie“, alles wurde dafür getan, diesem Ideal nahe zu kommen, vor allem aber um jeden Preis den Anschein einer solchen zu erwecken, auch wenn es hinter verschlossenen Türen und in der Vergangenheit der „Familienoberhäupter“ und ihrer „Frauen“ ganz anders aussah.

Und doch war diese Reibung, dieses Aufeinandertreffen von Legend und Wahrheit, von Verschweigen und Nachfragen durch die jüngere Generation nicht aufrechtzuerhalten, letztlich. Die sogenannten „68er“ hat es in dieser Form eben nur aufgrund dieser Lebensumstände, dieses „Nicht Antwortens“, dieser Fassade, die mit aller Strenge mancherorts aufrechterhalten wurde, nicht gegeben.

Wie auch schon die „musikalische Befreiung“, so harmlos und angepasst und den gesellschaftlichen Zielen entsprechend diese auch war, bereits alle Gegenkräfte auf den Plan riefen. In der dumpfen Ahnung, dass es nicht viel an „Rebellion“ und eigenständiger Jugendkultur bedürfen würde, um aus dem Gefühl von „Freiheit“ ein unbequemes Nachfragen und „In Frage stellen“ zu generieren. Wie es ja auch geschehen ist.

In den Familien, in denen überwiegend Männer behaupteten, die Richtung angeben zu wollen, die einerseits traumatisiert und andererseits, kollektiv, „Dreck am Stecken“ hatten durch ihre (natürlich oft auch erzwungene, nicht selten aber überzeugte und begeisterte) kämpferische Mitwirkung an jenem unseligen „1000jährigen Reich“ und seiner ebenso unseligen Ideologie.

Gebrochene Menschen, Millionen von Flüchtlingen, aus Gefangenschaft heimkehrende, in der Heimat die Trümmer wegschaufelnde Menschen, Männer und Frauen, die die äußere heile Welt selber kaum in Einklang brachten mit den inneren Erlebnissen und den inneren Zuständen, die daraus resultierten.

Eine Gemengelage, zu der auch gehört, dass in den Kriegsjahren beide Seiten sehr, sehr getrennt voneinander das Überleben angingen und sicherten. Wie so mancher Mann unverhofft aus dem Krieg zurückkehrte, für tot gehalten, als Fremder, der plötzlich mit am Tisch saß. Wie sich Frauen in den Jahren um das Kriegsende herum und danach vielfach aus der Not, dann aber auch mit Selbstbewusstsein, selbst zu helfen wussten. Aber auch traumatisches und bedrohliches erlebt hatten als Opfer, wo die Ehemänner nicht selten an anderem Orte Täter waren und die Taten nun nicht einfach innerlich ausradieren konnten.

Eine Gemengelage, die Florian Huber sehr bildkräftig und sehr kundig dem Leser vor Augen führt und, mehr noch, darüber hinaus in jenen Jahren bis in die Mitte der fünfziger Jahre hinein eine ganze „Gesellschaftskunde“ entfaltet, die bis in die Gegenwart nachwirkt. Denn die Kinder jener Tage und deren Kinder sind tief geprägt durch dieses „Gewusel“ an Familie, an sozialen Strukturen, an Ressentiments und ausweichender Haltung.

Fäden nimmt er dabei auf, die an konkreten Personen sich festmachen, die nicht abstrakt Zusammenhänge versuchen, herzustellen, sondern an denen er ganz konkret jene Zeit lebendig werden lässt.

Sei es jene Frau, die eine „Frau mit vielen Geheimnissen war“, Mutter eines unehelichen Kindes (was nicht selten war in einer Zeit, in der „Blitztrauungen“ kaum mit der Gefallenenliste nachkamen), aber auch verstrickt in das Regime, was tunlichst nun nicht ans zu sehr ans Tageslicht kommen sollte.

Oder Monika Jetters Vater, 30 Jahre auf der Suche nach einem besseren Leben und dann 1946 plötzlich mit am Tisch saß. Und über Jahre hinweg nur „Kind“ oder „Soldat“ gewesen sein wollte, das „Dazwischen“ wurde als „dunkles Loch“ in den Raum gesetzt und einfach als „Nicht-existent“ gekennzeichnet.

Eine sehr anregende Lektüre, eine intensive Auseinandersetzung mit einer sehr speziellen Zeit, in der er „alte“ und „neue“ Welt, tradiertes Familienbild und vielfache persönliche Brüche, eine unheilige Allianz eingingen, vor allem zu Lasten der nachfolgenden Generation.

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Nach Onkalo

Kerstin Preiwuß
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.03.2017
ISBN 9783827013149
Genre: Romane

Rezension:

In intensiver, lyrischer Sprache

Auch wenn dies, natürlich, kein Gedichtband ist (von denen Preiwuß bereits zwei veröffentlicht hat), die Nähe zur Lyrik, die feine Sprache, die gut gesetzten, ruhige und dennoch nachwirkenden Sprachbilder, die sie um ihren Protagonisten Hans Matuschek webt, zeigen deutlich die vielfältigen sprachlichen Möglichkeiten der Autorin auf.

Wie es ihr auch gelingt, die Atmosphäre im Buch immer wieder zu setzten und beizubehalten. Am Rande der Melancholie, doch nicht depressiv. Wie es eben so ist, das Leben „auf dem Lande“ hinter aller „Großstadt“. Wo einerseits das Umfeld überschaubar ist, aber innerlich in gleicher Weise Wichtigkeiten passieren, wie überall.

„Mutter ist weg. Stimmt nicht, sie liegt noch im Bett, aber Matuschek kann nichts Anderes mehr denken“.

Klar, wo die Mutter gerade gestorben ist, mit der der 40jährige Mann eng zusammenlebte, die den Alltag für ihn mitgeregelt hat und die ihn nun allein im zuvor gemeinsam bewohnte n Haus zurücklässt. Und allein, bei aller Genügsamkeit, auf Dauer ist das nichts für den Mann.
Was sich nicht lange danach herausstellen wird, als eine Frau in sein Leben tritt. Leider nicht ganz so eng und nah, wie er es sich wünschen würde.

„Matuschek macht das alles zu schaffen. Er ist betrunken und müde obendrein, so dass es beim Aufreißen der Lider immer nur für einen kurzen Blick zum Fernseher reicht“.

Irgendwie holpert und stolpert Matuschek, trotzdem es ihm gelungen ist, einen neuen Job zu ergattern, mehr durch das Leben, als das er nun eine klare Richtung aufzuweisen hätte. Ein Eindruck von Leere, Mattigkeit, von Orientierungslosigkeit, den Preiswuß durch ihre lakonische Form der Erzählung und die knappen, ohne Anführungszeichen gesetzten, wie im Einerlei des Lebens verrinnenden Dialoge hervorragend unterstreicht. Ohne jemanden, der das Leben für ihn regelt, verliert dieser Matuschek jeden Boden unter den Füßen. Was erschreckend in dieser Konsequenz zu lesen ist.

„Es geht darum, den Kopf über Wasser zu halten, sagt Igor“. Igor, der Bekannte, der, mit dem Matuschek Zeit verbringt, wie mit Witt, dem „Alten“. Aber genau das gelingt im Verlauf des Romans dem Mann immer weniger. Ein bitteres Erleben, dem sich der Leser kaum entziehen kann, das fesselt und zugleich abstößt, das Gefühle hervorruft und ein banges, eigenes Fragen. Denn nicht nur die Mutter stirbt gleich zu Beginn des Romans, auch Igor wird sich „aus dem Staub machen“ (in fast wörtlicher Art und Weise), und was dann folgt, ist eine düstere Beschreibung dessen, was das moderne Leben mit sich ziehen kann, wenn man einmal den ganzen Lärm der Städte und des Gewusels im eigenen Leben abzieht:

„—aber die Lücke, die Igor hinterlässt, wirft Fragen auf. Da ist keiner, der ihn zum Arzt schickt, wenn er krank wird, und dann wissen will, was das ist. Da kann kommen, wer will. Aber wo bleibt man dann?

Was die Kernfrage des Mannes und des Buches ist. Wo bleibt man dann, wenn selbst die fragilen, eher rudimentären Beziehungen wegbrechen? Wenn man, ein stark gewähltes Symbol im Buch, sich reduziert auf einen Verschlag, eine kleine Bootshütte als Lebensraum später. Wenn jeder Rahmen später wegbricht, man ganz auf sich geworfen ist? Was Preiwuß präzise und dicht als „Zustand“ aus immer anderen Richtungen zu beschreiben versteht.

Einfach, klar, nicht im eigentlichen Sinne unterhaltsam, aber überaus unbequem und letztlich mit harten Wahrheiten des Lebens versehen ist dies ein Roman, den man sich eher erarbeiten denn „einfach lesen“ kann. Allzu einfach macht es Preiwuß dem Leser nicht, weder mit ihrer Sprache noch mit dem bedrängenden Zustand, den sie intensiv als „nach unten rutschen“ zu schildern versteht.

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mond, familie, wirtschaft, macht und intrigen, familienkonflikt

Luna

Ian McDonald , Friedrich Mader
Flexibler Einband: 450 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.12.2016
ISBN 9783453317956
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Detailliert erzählt

Man muss es mögen, diese ruhige, breite Erzählweise, dann kommt man in diesem neuen Science-Fiction Roman von Ian McDonald durchaus auf seine Kosten.

Der Mond besiedelt, aber in gewisser Weise von der Erde abgesondert. Eine Erde, die im Roman kaum eine Rolle spielt und weitgehend noch nicht einmal am Horizont auftaucht. Eine Erde, die vor allem eines ist, Nutznießer und Abnehmer der Erzeugnisse des Mondes. Der Erze, seltenen Erden, und, nicht zuletzt, von Helium 3.

„Ohne mich würde auf der ganzen Erde das Licht ausgehen“, so denkt und sagt es die Matriachin des „Corta-Helios-Komlexes“, Adriana Corta. Und mit diesem helium ist die Familie Corta mächtig und reich geworden, eine der „Fünf Drachen“ auf Luna, der fünf reichsten und herrschenden Clans.

Die einander, trotz mannigfaltiger Heiraten, Querverbindungen, Verträge nicht sonderlich grün sind. Was vor allem das Verhältnis von Adriana Corta zu Robert Mackenzie (der, der nur „von seinem Stuhl“ noch am Leben gehalten wird. Eingebettet und umringt von zig Lebenserhaltungssystemen, aber immer noch durch nackten Willen angetrieben). Angeht. Der den Mond „eroberte“, der als erster Maschinen en Gros auf Luna brachte und den Grundstein zu seiner Erzgewinnung damit legte-

„Der Wille zur Macht, der Wille, zu besitzen, der Wille, festzuhalten und nichts herzugeben, auch nicht den kargen Rest seines Lebens“.

Intrigen, harte Verhandlungen, gegenseitiges unterlaufen von Geschäftsverträgen, vor allem mit der Gesellschaft, der Luna am Ende gehört und welche die Geschäfte mit der Erde vermittelt.

Und auf einmal, bei einem Corta-Empfang, summt da eine Fliege herum. Eine künstliche (Echte Insekten, Bakterien oder andere störende Elemente gibt es auf Luna nicht). Eine vergiftete Fliege. Und die Dinge nehmen Fahrt auf. Denn innerhalb der Millionen von Luna Bewohnern gibt es eben nicht nur die vielen, die ihr Leben versuchen, gut zu leben und die am „endlosen Lauf“ teilnehmen und die genug damit zu tun haben, genügend finanzielle Mittel zusammenzubekommen, um Wasser und Sauerstoff, Lebensmittel und Kleidung erwerben zu können.

Und dennoch werden auch sie betroffen sein, wenn Adriana Corta und ihre drei Söhne (die untereinander ebenfalls die ein oder andere Intrige am Laufen haben) gegen Robert Mackenzie und seinen Clan antreten werden. Subtil zunächst, offen und hart im weiteren Verlauf des Romans. Und auch die andren drei Clans werden nicht außen vor stehen bleiben, wenn es um die Existenz der Kolonie auf dem Mond geht und darum, wer sich dort ganz oben an der Macht halten werden kann.

Sehr breit erzählt McDonald, mit spürbarer Lust an den Einzelheiten des Lebens, an „Druckern“, die so gut wie alles herstellen können, an einer ganz besonderen Form der Existenz „unter tausenden von Tonnen Stahl“.

„Auf dem Mond herum zu laufen ist kein Spaziergang. Der Mond kennt tausend Todesarten für uns“. Und die Menschen ebenfalls noch so einige füreinander.

Ein wenig zügiger, mit mehr Tempo hätte es schon gehen können. Zudem es nicht einfach ist, gerade zu Beginn, sich in den vielen Personen zurecht zu finden, die McDonald auf ihren Weg durch die Irrungen und Wirrungen der Luna-Kolonie schickt. Am Ende aber entschädigt die filigrane Atmosphäre und die Ereignisse in der zweiten Hälfte des Romans den Leser aber für das geduldige Lesen der ersten 200 Seiten.

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Mirabeau

Johannes Willms
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Beck, C H, 16.02.2017
ISBN 9783406704987
Genre: Biografien

Rezension:

Chancenloser Visionär der Revolution

Kaum einer der Revolutionäre der „ersten Stunde“ hat die französische Revolution überlegt. Doch anders als Robbespiere oder Danton erlag der „Vordenker“ der Revolution, der „Ideologe einer neuen Zeit“, Mirabeau, nicht der Guillotine, sondern starb schlicht und einfach an einer Art Entkräftung. Ein „Leerbrennen“ eines Körpers und Geistes, ein Ankämpfen gegen die destruktiven Wendungen der Revolution, ein Kampf durchaus auch um die Macht, doch um eines „höheren Zieles Willen“, wie Mirabeau wohl selber ausgesagt hätte.

Ein „Ausbrennen“, dass durch Jahre der Haft und ein ausschweifendes Leben vor der selbstgestellten „Lebensaufgabe“ bereits vorweg angelegt war.

„Unter den Revolutionären ist Mirabeau eine Ausnahme….von diesen unterschied er sich auch durch sein Denken und Wollen“.

Älter als die anderen und, vor allem, nicht aus der Emotion heraus angetrieben, sondern bereits im Vorfeld mit überlegtem Konzept, mit einer Idee und einer Vision versehen, wie Frankreich stabil einen Wechsel der Staatsform von der absoluten Monarchie hin zur konstitutionellen Monarchie vollziehen könnte, ungeachtet der Personen. Ein Konzept, dass den Tod Ludwig des XVI. eben nicht zwingend erfordert hätte und das die Zeiten des Chaos und der vielfachen Hinrichtungen ohne Konzept und Klarheit, die tatsächlich folgten, wohl verhindert hätte.

Hier aber kommt zum Tragen, wie Willms hervorragend auf den Punkt formuliert (und im Einzelnen nachzeichnet), was ansonsten eher gegenteilig in der Geschichte gilt:

„Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben“.

Inmitten der wogenden Emotionen, der Intrigen, des Blutdurstes und der Rücksichtslosigkeit der anderen Revolutionäre, die sich schon im Vorfeld der Massenhinrichtungen und der gegenseitigen Vernichtung unter den Revolutionären andeutete, hatten die klaren, stringenten, zunächst aber eher mäßigend zu verstehenden Haltungen Mirabeaus einfach keine Chance.

Was dieser nicht hinnahm, wogegen sich Mirabeau mit jeder Faser seiner Person, bis zum letzten seiner Kraft und mit jedweder Strategie der Macht zur Wehr setzte.

Wobei Mirabeau hierbei genauso an den anderen Revolutionären, durchaus aber in starkem Maße auch am König selbst und dessen unerbittlichen Widerstandes gegen jede Form konstruktiver Veränderung scheiterte.

„Ich, als Bürger, zittere um die königliche Gewalt“. Darin drückt sich Mirabeaus feste Überzeugung, dass es nur in einem Miteinander von Reform, Revolution und Monarchie gehen kann, aus. Und, im doppelten Sinne des Satzes, bewahrheitete sich, dass er auch vor der königlichen Gewalt zu zittern gehabt hätte, denn zwischen „Misthaufen und Palast“ war, angesichts der handelnden Personen, kein Ausgleich zu „Lebzeiten Mirabeaus“ möglich.

Selbst auf dem „letzten Schlachtfeld“, 1791 in Bezug auf die Haltung des Klerus zum Staat, scheiterte Mirabeau trotz kluger Argumentation und eifriger Arbeit „hinter den Kulissen“ mit dem Versuch, die „Fronten zu versöhnen“. Daran änderte auch nichts, dass er am 18. Januar 1791 zum „Chef des Bataillons der Pariser Nationalgarde“ in einem Distrikt gewählt wurde. Was nun Mirabeau als Zeichen des Vertrauens zu seiner Mittlerposition wertete, hielten seine Mit-Jakobiner eher für ein „Karnevalskostüm“.

Willms bietet ein detailliertes Lebensbild Mirabeaus in chronologischem Ablauf, verweist auf die prägenden Strömungen der Zeit und Erfahrungen für den „Denker“ eines neuen Frankreichs, führt fundiert den zermürbenden Einsatz für die eigene Vision auf und zeigt ebenso minutiös des schrittweise Scheitern Mirabeaus.

Bis hin zur „Zerschlagung (seiner) Büste“ auf Geheiß Robbespierres, die wie eine sinnbildliche Hinrichtung am Ende des Buches geschildert wird.

Auch wenn der Tonfall durchgehend etwas trocken und zu sehr in Form eines Berichtes angelegt ist, ergibt das Werk eine interessante Lektüre zu Person, Zeit und die Irrungen und Wirrungen der Momente vor der Revolution und der dann jungen Revolution.

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Adam Smith

Gerhard Streminger
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Beck, C H, 16.02.2017
ISBN 9783406706592
Genre: Biografien

Rezension:

Annäherung an eine der bestimmenden Grundlagen des wirtschaftlichen Denkens

Eine interessante, wichtige Reibung ist es, die in der Person Adam Smiths vorhanden war. Wichtig deshalb, weil sie letztlich die Grundspannung finanziellen kapitalistischen Denkens in sich trägt, die gerade in der Gegenwart die Pole der Diskussion abbildet.

Die Beförderung des Marktes auf der einen Seite und die Kritik an den Verwerfungen eben dieses Marktes, agiert er unkontrolliert und ohne ethische Grundlage. Was Smith in seinem Hauptwerk „Wohlstand der Nationen) gerade in seiner kritischen Haltung dem „Merkantilismus“ gegenüber mit zum Ausdruck bringt,

Wirtschaft und Moral, das sind nicht nur die Themen „im Großen“, sondern in dieser Reibung spiegelt sich auch die Person eines der wichtigsten Vordenker des Wirtschaftens, Adam Smith.

Eine Reibung, die Streminger in seiner Biographie aufnimmt, in Teilen des Werkes in den Mittelpunkt stellt und somit die Wichtigkeit beider Elemente für Gesellschaften in Worte fasst. Was sich auch in zwei zentralen, wichtigen Schriften von Adam Smith ausdrückt.

Zum einen der „Wohlstand der Nationen“, in dem Smith den faktischen Linien des Wirtschaftens umfassend nachgeht und, beschreibend, weniger als Wertung, die Gewinnmaximierung als zentrales Motiv des Wirtschaftens setzt.
Zum anderen am Ende seines Lebens die „Theorie ethischer Gefühle“, in denen u.a. Smith positiver Blick auf die menschliche Natur Niederschlag findet.

Wirtschaften mit nachhaltigem Blick, auf die Förderung der Allgemeinheit in ausgerichtet und dies zu erreichen durch die Umsetzung moralischer Regeln im „echten Leben“ und die Ausrichtung desselben nach eben den moralischen Regeln hin.

Wobei es von Bedeutung ist, dass Smith zunächst sich der Moralphilosophie zuwandte, bevor er dann ins einer Zeit als Privatlehrer in Frankreich den „Wohlstand der Nationen“ in Angriff nahm.

Das „Weltbürgertum“ und die Empathie allen anderen Gegenüber könnten dann also eine gemeinsame Gestaltung der Wirtschaft zum Nutzen aller bedingen.

In sich somit löste Smith die Reibungen beider Antriebe auf, wohlwissend, dass Menschen sich als gierig zeigen können und somit gegen die Interessen der Allgemeinheit aus „Selbstüberschätzung“ heraus nur der Eigenliebe dienen. Was den freien Markt umgehend moralisch „entfesseln“ würde, sollte diese Haltung der Eigendrehung überwiegend verbreitet werden.

Kernüberlegungen Smith, die Streminger breit und, vor allem, verständlich ausführt und damit dem Leser eine unverkürzte Darlegung der wirtschaftlichen Erkenntnisse und der moralischen Setzungen ermöglicht.

Dies in chronologisch aufgebaute, Nachgang des Lebens von Adam Smith. Wobei die Streminger auf die wesentlichen Stationen und Inhalte konzentriert und nicht allzu weit je abschweift oder in kleinteiligen Details sich verliert. Strikt bleibt Streminger bei seiner roten Linie der gradlinigen und sachgerechten Darstellung.

Eine empfehlenswerte Lektüre. 

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Klare Kante

Jürgen Schwandt , Stefan Krücken
Fester Einband: 184 Seiten
Erschienen bei Ankerherz Verlag, 05.12.2016
ISBN 9783945877180
Genre: Sachbücher

Rezension:

Kolumnen Sammlung

„Ein Leben ohne seine Kolumnen ist möglich, macht aber keinen Sinn“.

So schrieb ein Leser der Hamburger Morgenpost nach der dritten Kolumne des Kapitäns i.R., Jürgen Schwandt. Das Experiment der Morgenpost war gelungen (nicht nur aufgrund dieser einzelnen Rückmeldung) und die Kolumnen für eine Zeit fester Teil der Zeitung.

In diesem Buch finden sich 84 gesammelte Kolumnen, die zum einen die geradlinige Sprache Schwandts bestens abbilden und zum anderen eine Vielfalt der Lebensthemen widerspiegeln, denen sich der Kapitän mit mannigfaltiger Lebenserfahrung und durchaus einer gehörigen Portion „Altersweisheit“ bereits zugewendet hat.

„Das Alter ist ein Arschloch“. Klar. Direkt und ohne die üblichen Verniedlichungen und Verbrämungen des „goldenen Herbstes des Lebens“, erzählt Schwandt von den Erfahrungen seiner Frau, der Krankenschwester, mit diesen letzten, meist massiv von Krankheiten geprägten Jahren.

„Mein Alter macht mir zu schaffen“, und das bei aktuell gar keinen konkret anstehenden Belastungen durch Krankheit, aber eben nach Bandscheiben Operationen und einer Herz-OP.

„..nehme ich mehr Tabletten, als Kinder Bonbons“.

Wobei, neben solch tiefreichenden Themen der Existenz auch die „Kleinigkeiten am Rande“ natürlich aller Erwähnung wert sind.

Wie Schwandt es mal mit einer E-Zigarette Versuchte (und zum Glück einige Standen Zigaretten doch noch dabeihatte“ und insgesamt feststellen musste, dass ihn Form der „Wallfahrt“ nur mit ausgeschaltetem Hörgerät erträglich sind. Wenn überhaupt.

Es sind je kurze Einblicke und Ausblicke, ungefilterte Erlebnisse, die eher assoziativ von Schwandt beschrieben werden und bei denen die direkte und klare Sprache ebenso für Freude sorgt, wie die Themen, denen er sich mitten aus dem Alltag heraus zuwendet.

„Osterhase mit Nougatfüllung 5 €, Handy 190 €, der Gesichtsausdruck von Alina: unbezahlbar“.

Eine Sammlung, bei der jeder Leser seine Themen und seine bevorzugten Kolumnen finden wird und gerne auch später darauf zurückgreift.

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kamerun, usa, new york, finanzkrise, amerika

Das geträumte Land

Imbolo Mbue , Maria Hummitzsch
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462047967
Genre: Romane

Rezension:

Der zerbrechende amerikanische Traum

Bestens gewählt ist die deutsche Übersetzung des Titels dieses Debütromans von Imbolo Mbue, denn genau über diese Doppeldeutigkeit der Worte schreibt Mbue.

Amerika als Sehnsuchtsort, das ist die eine Seite, die im Buch eine tragende Rolle spielt und für Jende Jonga, den kamerunischen Mann, der vor drei Jahren in das Land der „Hoffnung auf erfüllte „Träume“ kam. Dem es mit Hilfe seines Cousins Winston, der bereits sehr gut im System Fuß gefasst hat im „gelobten Land“, gelang, genügend Geld zu erwirtschaften, um den Brautpreis für seine Frau bezahlen zu können, so dass diese nun mit dem bereits geborenen gemeinsamen Sohn nachkommen konnte.

Unverbraucht, stark ist dieser Traum in Jende. Und erhält neue Nahrung durch seine Chance nun, als Fahrer eines hohen Managers der Lehmann-Bank richtig Geld zu verdienen (in seinen Augen).

„Amerika ist Amerika! Jeder will nach Amerika. In diesem Land sein. In diesem Land leben. Das ist das Größte überhaupt“.

Denn Jende sieht eines ganz klar, was sein Kamerun angeht, das er ja durchaus in sich mit sich gebracht hat bei seinem „Exodus ins gelobte Land“ (nicht umsonst hat Mbue Verse aus dem 5. Buch Mose ihrem Roman vorangestellt).

Denn in Amerika kann etwas aus ihm werden, aus dem armen Niemand, der er in Kamerun war. Dort, da kann nur werden, wer schon von Geburt her etwas ist.

„Wenn man nicht aus einer Familie mit gutem Namen kommt – keine Chance“.

Wenn sich Jende da mal nicht täuscht.

Denn Clark, sein Arbeitgeber, weiß es eigentlich für sich schon besser. Er sieht von seinem Posten aus wie ein Ausguck auf dem hohen Mast, was an Zerbrechen, an Gier, an Erschütterung, an hohlem Schien statt gewichtigem Sein diesen amerikanischen Traum bereits unterhöhlt hat. Und das wird ein weiteres zentrales und bedeutsames Thema des Romans sein, der Zusammenbruch der Lehmann-Bank als Symbol für die Hybris des Menschen und die Entlarvung des „amerikanischen Traums“ als „Brot und Spiele“ für den einfachen Mann und Menschen.

Es ist wie „nur geträumt“ im zweiten Sinn des Titels, dass jener Aufstieg, von dem Jende träumt, wirklich möglich sein könnte. Eine Erinnerung vielleicht noch an das, was früher war, eine leere Hülle.

Wobei Mbue nicht das naheliegende vollzieht, und in Gesellschaftskritik ihre Erzählung ausufern lässt, sondern sehr viel subtiler und sprachlich in bester Weise sich der Bedeutung all dessen für die beteiligten Menschen zuwendet.

Faszinierend ist es, mitzuerleben, wie gerade Clarks, der doch alles aus erster Hand sieht, der die Zerbrechlichkeit, die Verlogenheit „des Systems“ durchschaut, sich nur halbgar gegen all das wendet und, wenn es darauf ankommt, bei seinem ältesten Sohn, jede Menge Hebel, Beziehungen und väterliche Überredung daransetzt, diesen in ein Praktikum „innerhalb“ dieses maroden Systems zu bringen.

Soweit geht zunächst die innere Einsicht nicht, den Sohn doch gerade darin zu unterstützen, in jenem Reservat in Arizona einen anderen Weg zu erproben.

Aber ist das so? Dass das alles nur „tönendes Erz“ ist und dennoch alternativlos für ein einigermaßen gutes Leben?

„Es ist mir ein absolutes Rätsel, dass keiner erkennt, wie lächerlich es ist, immer und immer wieder dasselbe zu machen und davon auszugehen, dass wir schon irgendwie durchkommen“.

Nun, es ist noch ein weiter Weg, auch im Roman, bis Clark innerlich den Unterschied begreift zwischen „darüber reden“ und „selber betroffen sein“. Der dann sehr schnell geht und alle den Boden unter den Füßen verlieren werden, kein Lebenskonstrukt so bestehen bleiben kann und bleiben wird.

Durchaus unterschiedliche werden diese so unterschiedlichen, durch einen Job als Chauffeur verbundenen Menschen auf die Ereignisse reagieren, und, ganz am Ende, so ziemlich alles an Träumen beerdigen werden müssen.

Ein wunderbarer, bestens lesbarer Roman mit Tiefgang.

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Halt auf Verlangen

Urs Faes
Fester Einband: 199 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 06.02.2017
ISBN 9783518425831
Genre: Romane

Rezension:

Intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben angesichts des Todes

Es ist einer jener Momente, den alle Menschen fürchten. Worte, die man nicht hören willen, eine Aussicht auf die Zukunft, die zunächst einfach nur niederschmettert.

Diagnose: Krebs

Und wie man so sagt, dass in den letzten Augenblicken des Lebens das gesamte Leben am inneren Auge noch einmal vorbeizieht, hat Urs Faes dies umgesetzt.

Zum Glück nicht nur innerhalb weniger Augenblicke festgehalten, sondern Zeit gehabt, in Ruhe die Stationen des eigenen Lebens zu resümieren. Wobei Faes dies beileibe nicht im Stil eines sachlich-nüchternen Berichtes vollzieht, sondern wie in Romanform von Beginn an eine melancholische, ruhige, emotional dichte Atmosphäre erschafft und vermittelt, die genau passend ist für die enge Betrachtung des eigenen Lebens. Denn mit was sonst wäre man so eng verbunden und hätte so viele starke Gefühle, als für das eigene Leben?

„Nur einmal fragte sie, ob es ihm gutgehe. Er schaute irritiert auf und antwortete ihm rasch. Besser, als einer wie er sich wünschen könnte“.

Er muss sich einrichten. Das Schlimmste besser für wahr halten und annehmen, damit es leichter wird.

„Wer weiß das schon? Bei diesem Satz hatte er in der Stimme des Arztes einen Unterton von Mitleid zu glauben gehört“. Und doch, Hoffnungslos ist das alles nicht. Was aber dem Gefühl schwer zu vermitteln ist angesichts dieses drastischen Einschnittes in das bis dahin doch erfolgreich und gut verlaufende Leben.

Ein Leben, das Urs Daes nun im Buch Station für Station, Schritt für Schritt in den eindringlichen, wichtigen, bewegenden Erlebnissen sich selbst vor Augen führt. Eine Bilanz zieht, die weniger in einem einfachen „gut oder schlecht“ sich greifen lässt, sondern eher in die Richtung eines „wirklich gelebt?“ sich vorantastet.

Auch auf dem ein oder anderen Friedhof. Auch Grabsteine, Gräber sucht Faes auf seinem Erinnerungsweg auf.

„Später hatten sie den Vogel im Garten beerdigt. Drei Jahre später lag auch der Kleine in seinem Bett, auf dem Rücken, die Hände an den Seiten, die Finger verhakelt im weißen Hemd, das er trug. Tot? Was ist das?“. Und ebenso stellt sich im Verlauf all der sensibel betrachteten Lebenseindrücke natürlich auch die Frage, was denn das Leben genau ist? Was sich lohnt, was hält, warum man so daran hängt, über den biologischen Trieb zum Leben hinaus.

Und wie ist das Leben mit der Krankheit? Neben den Erinnerungen und der Bilanz gibt es im Buch ja auch das „Jetzt“, die Therapie, das Bangen zwischen Hoffen und Verzweifeln, die Freunde, Partner, mit denen man sein Leben gestaltet hat bis dahin. Passt das noch? Hält das? Trägt das?

Es sind intensive, existenzielle Fragen, ein bebendes Erleben, das Faes wunderbar in Worte fasst, dass den Leser einholt und, zwingend, die eigenen Lebens- und Sterbensfragen vor Augen führt. Mit emotionaler Wucht, denn eines sind die Überlegungen angesichts der Endlichkeit des eigenen Lebens und angesichts der schweren Diagnose nicht: ausgeglichen und balanciert oder gar nur vage. Sondern intensiv, laut, spürbar, ängstlich, mutig, verzweifelt, ernüchtert über verpasstes Leben und froh über erlebtes Leben

Eine hervorragende, aber auch mitnehmende Lektüre.

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krimi, nordirland, irland, adrian mckinty, mord

Rain Dogs

Adrian McKinty , Peter Torberg
Flexibler Einband: 404 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 06.02.2017
ISBN 9783518467473
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wie immer hervorragend

Auch wenn die Struktur der Thriller im den katholischen irischen Polizisten im protestantisch geprägten Polizeidienst, der für seine „Glaubensgenossen“ völlig auf der falschen Seite steht, sich doch immer sehr ähnelt.

Auch wenn sogar dieser konkrete Fall einer Frau, die in einer, nachts völlig verschlossenen, Burg scheinbar sich einschließen ließ (kaum vorstellbar bei der strikten Kontrolle des Hausmeisters) und scheinbar Selbstmord begeht sogar ein Zitat eines der älteren Fälle Duffys ist.

Und auch wenn der Leser inzwischen absolut daran gewöhnt ist, dass Duffy bei jeder Fahrt sorgsam den Unterboden seines BMW nach Quecksilberbomben absucht, es ist immer wieder ein Genuss, diese lässige, ironische, coole Sprache McKintys zu lesen und Duffy bei seinen Ermittlungen in der Vorhölle des Jahres 1987, in Belfast und Umgebung, zu folgen.

Wieder einmal ist eine Gruppe Industrieller vor Ort, um etwaige Investitionsmöglichkeiten im IRA geschüttelten Land zu finden. Ein Ansinnen, das von vorneherein nur als Feigenblatt für eine hoch unruhige Bevölkerung gedacht ist.

Und wieder einmal, wenn man McKinty kennt, sind Personen mit dabei, die nicht koscher erscheinen.

Doch wie McKinty wie nebenbei den ranghöchsten Polizisten des Landes unachtsam sein lässt, was Quecksilberzünder angeht, wie lakonisch er von abgerissenen Beinen auf einem Dach spricht, wie bedrohlich das gesamte Leben für Duffy selbst ist, wie einsam der Mann seine Tage fristen muss in seinem kalten, nur von einem Petroleumofen heizbaren Haus, nachdem ihn seine jüngste „Flamme“ aus Altersgründen verlassen hat, das hat einfach immer noch und immer wieder Klasse.

Samt der Nachbarin, die es nicht lassen kann, im Blick auf ihren Mann und den attraktiven Duffy mit dem Feuer zu spielen.

Wie es ebenso anregend ist, die Ermittlungen zu verfolgen ohne digitale Technik, ohne „CIS-Methoden“, ganz auf die alte, handwerkliche Art.

Zudem fällt, ebenfalls wie immer, stark ins Gewicht, dass McKinty ein Gespräch und ein Händchen für Personen und deren Gestaltung und Beschreibung als großes Talent mit auf den Weg als Schriftsteller bekommen hat.

Absolut wie aus dem wahren Leben geschnitten kommt nicht nur Duffy daher. Alle Beteiligten haben eine ziemlich dicke Haut und einen überaus abgeklärten Blick auf die Unvernunft und Grausamkeit des Lebens. Einen Schutzpanzer, der dennoch nicht immer hält und auch gestandenen Männern bei bestimmten Ereignissen die Tränen in die Augen drängen.

Wenn dann noch „Bayes mathematisches Theorem“ im Fall zum Tragen kommt und ein sehr intelligenter Täter die übliche, eher tumbe Gewalt, durchbricht, dann sind alle Zutaten für ein hervorragendes Thriller-Ereignis bereitet.

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erziehung, roman, kind, eltern

Zuckersand

Jochen Schmidt , Line Hoven
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Beck, C H, 16.02.2017
ISBN 9783406705090
Genre: Romane

Rezension:

Die eigene Kindheit hervorholend

Karl ist zwei Jahre alt. Und „auf dem Weg“, das kann man zurecht sagen. Ob mit dem Bobby-Car, dem Dreirad oder, nach wenigen Metern meist, doch lieber im bequemen Kinderwagen.

Vor allem aber tastet, probiert, beobachtet, experimentiert Karl mit allem, was sein Universum in der elterlichen Wohnung und auf den Wegen mit seinem Vater hergibt.

Sei es, den Wasserhahn selbstvergessen immer wieder zu öffnen und zu schließen, das „An-Aus-Spiel“, sei es der Versucht, Obstmus-Gläser mit einem Glasöffner zu öffnen (erfolglos).

Sei es auch bei weniger lustigen Verrichtungen wie eine Strumpfhose richtig anzuziehen (mit Hilfe des Vaters natürlich“, ein Akt, bei dem nicht geschummelt werden darf.

Erkundungen, ein „Hineingehen“, ganz fassbar, ins Leben, das jeder Mensch in diesem Alter erlebt und genossen und, hoffentlich, überlebt hat. Und eine griffige, klare Sprache, mit der Schmidt mit spürbarer Lust dem allem durch die Augen des fiktiven Vaters im Buch nachgeht.

So kleinteilig und klar, dass der Leser fast mit durch Karl´s Augen den Badeschaum erkundet, der aus kleinen Blasen besteht.

Eine Vater-Sohn Geschichte, in der die Mutter eine nicht unerhebliche, vor allem aber abwesende Rolle spielt. Es scheint eine moderne, andere Rollenverteilung vorzuherrschen, bei der die Frau arbeiten geht und der Mann den Haushalt versorgt.

Seite für Seite, Erlebnis um Erlebnis schildert Schmidt und zaubert dabei dem Leser mehr und mehr ein, durchaus auch leicht melancholisches, Lächeln auf den Mund, in dem er einen beständigen Fluss eigener Erinnerungen auftauchen lässt und auch das „Glück des Vaters“ zum Klingen bringt, der sich im Kleinsten für diese „Entdeckung der Welt“ interessiert, fast mit hineinschlüpft in die nochmalige Wiederholung der damals eigenen Reise als Kind. Viel Freiraum zumindest lässt der Vater seinem Karl im Buch, Freiraum, den er mitgenießt, den der Leser zu schätzen weiß und den Schmidt bestens füllt.

Was Karl angeht.

Wobei dort, wo der Vater seine Beziehung regelt, wo der Kontakt zwischen Vater und Mutter mehr in den Vordergrund tritt (im Buch zumeist per SMS), doch der ein oder andere Wehrmutstropfen auf das ansonsten hervorragende Lesevergnügen tropft.

Denn so soft, so „neuer Mann“, so dermaßen sich anbiedernd und anlehnend an die Lebenspartnerin wirkt dieser Mann, dass es auf Dauer tatsächlich anfängt, zu nerven. Was zu Beginn noch als „sensibel“ durchgehen mag, als „die hart arbeitende Frau teilhaben lassen“ am Elternglück, wird nach einer Weile der Lektüre doch anstrengend.

„Gespannt wartete ich darauf, ob Klara merken würde, dass ich das Salz in ihrem Salzstreuer nachgefüllt hatte (oder gar, dass er den Kaffeerest vom Boden der Dose immer sorgfältig geborgen hat, oder dass er seinen Mittagsschlaf immer „ohne Socken“ verrichtet, damit eine zufällig früher nach Hause kommende Klara keinen Anstoß nimmt).
Hechelnd nach Anerkennung wirkt das über doch weite Strecken im Buch und damit auch ein stückweit doch ab von der Welt (auch wenn es solche Männer sicherlich gibt, hoffentlich ist das nicht die Regel).

Diese Seite der Lektüre ist allerdings nicht der Kern dessen, was Schmidt dem Leser vor Augen führt und gut ist, dass die Siege und Niederlagen, das „eigenständig werden“ durch die Wunder eines Wasserhahns oder eines Steins oder eines „großen Ausflugs“ bestens im Buch anklingen.

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martin luther, pest, lucas cranach, eisleben, reformation

Die Mutter des Satans

Claudia Beinert , Nadja Beinert
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Knaur, 01.02.2017
ISBN 9783426653838
Genre: Historische Romane

Rezension:

Biographischer Roman um Luthers Mutter

„Da streckte er sie (seine Hand) noch ein Stück weiter entgegen, wie damals, als er mir die Rute hingehalten hatte, um Martin zu züchtigen“.

Ja, das stimmt, nicht einfach war das Verhältnis des Kindes und Jugendlichen Martin Luther zu seinem Vater. Streng und kühl die Atmosphäre zwischen Vater und Sohn, mit Respekt, aber auch Angst vor Rute und Werturteil durch den Vater von Seiten Martin Luthers.

Claudia und Nadja Beinert haben sich auf Spurensuche gemacht. Getreu der Erkenntnis, dass nichts den Menschen so sehr prägt wie seine Kindheit, sein Aufwachsen, spezieller noch die Liebe, die er erhält oder die auf anderer Seite oder gar gänzlich entzogen wird, gehen die Autorinnen in diesem biographischen Roman der Mutter Martin Luthers, Margarethe nach.

Und entwerfen in diesem Nachzeichnen des Lebens der Frau und des Familienlebens der Luthers zum einen ein detailliertes und griffiges Bild der Zeit selbst und ihrer Einflüsse und Strömungen, wie sie auch die Prägung des jungen Martin in den Blick rücken und nicht immer nur von der Enttäuschung des Vaters bei der „Veränderung“ des Studienfaches seines Sohnes später stehen geblieben wird.

Und auch interessant zu lesen ist in diesem „geprägt werden“, wie sehr Martin Luther seinem Vater Hans doch ähnelte. Nicht im Objekt der Beschäftigung, wohl aber in der Art und Weise, den eigenen Weg zu gehen.

„Der Mut und die Entschiedenheit, aber auch die nie versiegende Energie – genau all das war Hans“.

Und mehr noch.

„Martin war mit all seinen Sinnen in die Wahrheit der heiligen Schrift eingetaucht, genauso wie Hans einst in den Kupferrausch im Mansfelder Land“.

Ruhig, fast zart erzählen die Autorinnen von den Sorgend er Mutter, die bereits drei Kinder verloren hat und nun miterleben muss, wie ihr Martin von der Obrigkeit gejagt wird, sich verstecken muss, die Todesstrafe droht. Und wie diese Mutter Schritt für Schritt sich „dem neuen Glauben“ öffnet. Nicht nur, weil es ihr Sohn ist, der diese gewagten neuen Thesen aufstellt, sondern weil es sie im Innersten berührt und trifft. Und sie darin ein Symbol für die vielen Menschen ihrer Zeit im Buch darstellt, die sich vom Feuer der Reformation hatten und haben anstecken lassen.

So ergibt sich, dass einerseits zwar die Fürsorge und Liebem die ein Kind von den Eltern erfährt, elementar ist, wie die Autorinnen im Nachwort ausführen, aber eben auch Vorbilder den Menschen prägen, Haltungen dem Leben gegenüber, durch die Eltern vorgelebt, in Fleisch und But übergehen, ohne dass dies ein bewusster Vorgang wäre und ohne dass man selbst dagegen wirklich etwas tun kann. Manches Mal für den Rest des eigenen Lebens nicht.

Das selbst die Musikalität Luthers, der viele Kirchenlieder später dichtete, im Elternhaus vorgeprägt war, Singen ihm selbstverständlich wurde, bis dahin, das sein Vater strikt und klar auf das Lernen achtete und erst zufrieden war, wenn der Stoff vollständig im Kopf des Sohnes angelangt war, all dies zeigt die Wurzeln des Mannes Martin Luther auf und ist im Buch auch sprachlich anregend und fundiert erzählt.

Eine interessante und empfehlenswerte Lektüre zum näheren Verständnis des Menschen Martin Luther und seiner Familie.

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