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ernest hemingway, alfred hitchcock, ingrid bergman, jean renoir, hollywood

Ingrid Bergman

Thilo Wydra
Fester Einband: 750 Seiten
Erschienen bei DVA, 25.04.2017
ISBN 9783421046734
Genre: Biografien

Rezension:

Frei, ungebrochen und mit Kraft

Die letzte Szene des Films Casablanca ist, bis heute, eine der unvergesslichen Abschiedsszenen der Filmgeschichte, wie der gesamte Film aufgrund der darstellerischen Leistungen vor allem der beiden Hauptdarsteller im besten Sinne „zeitlose Kunst“ darstellt.

Und nicht zufällig hatte Ingrid Bergmann eine der beiden tragenden Rollen. Eine Frau, in der sich Schönheit, Talent und schauspielerische Kraft nicht aus dem Nichts heraus entwickelt haben, sondern die starke, standhafte, durch einiges an Krisen gehende Persönlichkeit niederschlägt.

Und doch, wie so oft in der Kunst, wäre es beinahe zu dieser Besetzung nicht gekommen. Und, ebenso wie so oft, war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten nicht klar, was für ein Juwel dort entstanden war.

„Während der Dreharbeiten hatten wir absolut kein Vertrauen in den Film, weil das Drehbuch so schlecht war“.

Ein Vorgang, der in dieser Betonung ein wichtiger Schlüssel zur Person Ingrid Bergmann ist. Denn mit Humphrey Bogart zusammen hat sie letztendlich den gesamten Film getragen und erst dadurch Zitate und Szenen ikonographisch gesetzt. Darin spiegelt sich durchaus ein wichtiger Teil ihrer Persönlichkeit.

Und das war bei weitem nicht der letzte oder einzige Film von Weltruf, den diese ausdrucksstarke Persönlichkeit mit vielfachem Nachruhm mitgestaltet hat.

Eine zu ihrer Zeit Vorreiterin. Eine selbstbestimmte, im klassischen Sinne des Wortes emanzipierte Frau, die Beziehungen auch zu starken Männern auf Augenhöhe führte, die ins schwierigen Zeiten zur „Weltbürgerin“ heranreifte, die nicht zu reduzieren ist auf Rollen, deren Stärke aber immer wieder auch in diesen zu spüren War. Nicht nur durch den „Kuss der Filmgeschichte“ mit Gary Grant, sondern auch an der Seite Hitchcocks diesen gegen die damalige „Sitten-Zensur“ durchsetzte.

Mit Empathie, teils leidenschaftlich, immer gut und flüssig zu lesen spürt Wydra diesem Weltstar privat und beruflich nach und versteht es, aufzuzeigen, dass die Karriere und Person von Beginn an nicht auf Rosen gebettet war.

Die Mutter gestorben, als Ingrid Bergmann ein Kleinkind noch war, der Vater stirbt, als sie dreizehn ist. Mit einem darauffolgenden Pendeln und einer inneren Zerrissenheit zwischen dem deutschen Teil der Familie in Hamburg und dem Rest des Jahres in Stockholm. Eine Zeit, die nicht geeignet ist, innere Sicherheit zu entfalten, ein Verweis durchaus auf die spätere Stärke der gewachsenen Person, dieses innere hin- und her nicht mehr erleben zu wollen. Und eine ebenso frühe Klarheit für den künstlerischen Weg, den sie stringent verfolgte.

Stationen, die Wydra lebhaft schildert, für die er vielfache Gespräche auch mit der engsten Familie Ingrid Bergmanns führte. Stationen, die für ein Leben lang den roten Faden setzten, einerseits in der Arbeit als Schauspielerin zu leben, von dieser Arbeit auch seelisch „Nahrung“ zu beziehen und, natürlich, für diese Arbeit zu leben. Eine Haltung, der nicht alles, aber doch vieles „eingeordnet“ wurde, was ansonsten bedeutsam in ihrem Leben war. Und das war auch im privaten Teil nicht wenig. Auch wenn oder gerade, weil ihre drei Ehen, Versuche auch, dauerhafte Stabilität im Leben zu erleben, jeweils scheiterten. Mitsamt den Folgen für die Beziehung zwischen ihr und ihren vier Kindern und mitsamt der Reibung zwischen dem Mutter-Sein und zugleich als Vollblutschauspielerin leben.

Eine mit drei Oscars gekörnte Karriere, ein schwieriger Beginn, eine lange und oft sich selbst suchende, aber immer kämpferische und nie aufsteckende Person (was auch ihre letzten Jahre im Kampf gegen die Krankheit zeigen) und eine Person, die ihre innere Füllung und Erfüllung künstlerisch gefunden und nie wieder losgelassen hat.

Was sich bestens im Buch liest, chronologisch aufeinander aufbaut und in den Tiefen der Person Ingrid Bergmanns von Wydra erfasst und empathisch mitgeteilt wird.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, nicht nur für Filmliebhaber.

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Planetenwellen

Bob Dylan , Heinrich Detering , Heinrich Detering
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 11.04.2017
ISBN 9783455001181
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

Ein stückweit die andere Seite Dylans

Dylans „Song for Woody“ von 1962 dauert nur etwas über zweieinhalb Minuten.

Dylans „Lang-Gedicht“, munter vorgetragen bei einem Auftritt, kommt locker über sieben Minuten Lesezeit.

Natürlich ist Dylan einfach ein Dichter, weitgehend in der Form von Songs, aber darüber hinaus liegt einiges Material rein lyrisch ohne Vertonung vor. Dieses „schriftstellerische, lyrische“ Seite Bob Dylans bringt dieser Band, zweisprachig (links das englische Original, rechts je die deutsche Übersetzung) dem Leser in bester Weise nah. Und wer Dylan bisher nur als Sänger und Musiker kannte, der versteht nach der Lektüre der Gedichte noch besser, warum er den Nobelpreis als Schriftsteller zugesprochen bekommen hat.

Nebenbei, im Blick auf dieses Thema, im Buch findet sich ebenfalls die respektvolle und ebenso sprachlich bestens mit den Worten spielende Dankesrede Dylans an das Nobel-Komitee im Rahmen von Dylans „Tischrede“.

Dies führt das Werk als Teil des zweiten Teiles des Buches neben vielfach anderen, anregenden Texten, in denen Dylan Themen, teils auch persönliche Ereignisse seiner Laufbahn als Künstler reflektiert.

Wie Dylan zum Tod Johnny Cashs spricht, den er als „Polarstern“ bezeichnet, ist dabei ebenso bewegend und lässt ein wenig in Dylans Inneres Blicken, wie seine Erläuterungen zu einigen Gemälden, die ebenfalls nicht einen „ausgetretener Pfad“ darstellen, wie die Liedtexte, Gedicht, das Gesamtwerk dieses wohl einflussreichsten Liedermachers und Dichters der Moderne.

„Wenn ich nicht allen gefallen kann, kann ich genauso gut überhaupt niemandem gefallen (es sind so sehr viele Leute und ich kann einfach nicht allen gefallen)“.

Da mag man sich persönlich streiten, ob die lange Dauer der Entgegennahme des Nobelpreises respektlos war oder ob es einfach nur Arroganz ist, aufgrund derer Dylan weitgehend jeden Kontakt zum Publikum auf Konzerten nicht stattfinden lässt.

Sich aber der Figur Bob Dylan zu nähern, wenn auch keine Einblicke in sein Privatleben gegeben werden (was an sich nie passiert bei Dylan), bietet dieser Band einen sehr guten Überblick.

Woody Guthrie und Joan Baez mit tiefen Einblicken in das Empfinden Dylans.

„Und ich ging meinen Weg und sang meinen Song. Wie ein trauriger Clown im Zirkus meiner eigenen Welt“.

Einer, der als junger Mann durchaus mit Zorn meinte: „Schönheit ist nur in den Rissen“. Und wie das biographisch vonstattenging, das kann der Leser mühelos zwischen den Zeilen herauslesen.

Eine komplexe, differenzierte, assoziationsreiche Sprache, die allein vom Klang und dann vom Inhalt her den Leser auch emotional immer mit hineinnimmt in die vielfachen Orte und Themen, dafür stehen die „Lang-Gedichte“ Dylans.

Und wofür das alles, oder, mit Dylan zu sagen: „Welt, schiefgegangen. Über die Songs (worum es geht), auch das erläutert Dylan auf knapp 14 Seiten im Buch.

Nicht nur für Fans, sondern für jeden, der Bob Dylan von einer anderen Seite her (neu) kennenlernen möchte, ist diese Gedicht- und Textsammlung wärmstens zu empfehlen.

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Die Schrecken der Nacht

James Runcie , Renate Orth-Guttmann
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 11.04.2017
ISBN 9783455600582
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Eher Spionagethriller denn Kriminalroman

Vorweg, James Runcie beherrscht die Sprache. Diese Sprache des klassischen englischen Kriminalromans, die ein wenig altmodisch wirkt, das aber in bester Weise. Zudem sind es die kleinen Feinheiten britischer Traditionen (gerade an einem Ort wie Cambridge mit seinen dann weit verzweigt in die Elite der Gesellschaft verlaufenen Linien), die Runcie immer wieder anregend mit einfließen lässt.

Wenn da über einen nach seinem Tod (und vorher war es ja nicht anders) gesagt wird, das man „darüber nicht geredet hat“. Warum die Ehe zerbrach und dass die Neigung doch eher an gleichgeschlechtliche „Geliebte“ sich orientierte. Diskret, höflich, dem Lauten, dem Gewöhnlichen völlig abgeneigt, das ist die Sprache, die in Cambridge gesprochen wird.

Wobei der ermittelnde Polizist, Inspector Keating, durchaus zu dem ein oder anderen deftigen Ausdruck in der Lage ist.

Was soll man auch davon halten, dass einer der Juniorprofessoren, ein „Fellow“ des nachts mit drei jüngeren wissenschaftlichen Mitarbeitern immer noch dem alten studentischen Brauch zu frönen gedenkt, als >“Free-Climber“ markante Gebäude in Cambridge zu erklettern?

Und dabei zu Tode stürzt. Nicht, ohne dass einer der Mitkletterer spurlos verschwindet und der andere eher unglaubwürdiges Zeug erzählt, bevor er sich auch von der Bildfläche von dannen macht.

Das ganze Anfang um die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts herum erzählt, in der guten, alten, analogen Welt, in der Verdächtige nicht mal schnell geortet werden können.

Und da weitere Totdesfälle in den Raum treten werden, scheint es doch um etwas Größeres zu gehen, als einen Dummjungenstreich.

Das nun allerdings Sidney Chambers, junger Pastor in einem Nachbarort, unverheiratet, mal schnell drängende berufliche Aufgaben wie Krankenbesuche oder anderes zur Seite schiebt, um ein wenig mit zu ermitteln (auch aufgrund seines guten Drahtes zum Rektor der Universität, wirkt dann doch ein wenig zu schnell und künstlich. Der Beruf des Mannes spielt nur eine nebengeordnete Rolle, wichtiger wird werden, dass auch im Pfarrhaus eingebrochen wurde, ohne dass auf Anhieb klar wäre, ob und was da fehlt.

Was im Verlauf der Ereignisse, die recht schnell (zu schnell, zunächst) mit Anwerbeversuchen von Studenten durch internationale Geheimdienste in Cambridge in Zusammenhang gebracht wird, zudem wichtig ist (und dennoch eines der wenigen Motive im Buch ist, das unglaubwürdig wirkt und, tatsächlich auch nervt), ist das Privatleben des Pfarrers.

Denn das ist zunächst alles andere als geklärt, wenn man zwischen zwei, auf ihre Art je anders und doch sehr attraktiv in Chambers Augen noch schwankt. Ein wichtiges Motiv aber deshalb, weil ein Teil der Geschichte im Berlin jener Tage spielt (und dort eine Witwe enger und enger mit Chambers vertraut wird) und die Lösung zumindest einer der Erzähllinien letztendlich mit den Ereignissen dort und einigen sehr düsteren Gestalten auf beiden Seiten der Zonengrenze einiges zu tun haben wird.

Wobei Vieles bis dahin von Chambers mit zielsicherer Intuition (nicht immer glaubwürdig) bereits aufgelöst oder geklärt worden ist.

Insgesamt ein stimmungsvoller Roman, bei dem Leser (was den Tod des Professors angeht) lange nicht Klarheit darüber hat, was denn genau nun wer getan hat und warum es getan wurde. Mit sorgsam skizzierten Figuren und einem Talent, Atmosphären der Zeit und der einzelnen Orte bestens zu vermitteln.

Eine anregende, wenn auch nicht in allen Bereichen fesselnde Lektüre.

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thriller, spannung, haus, überwachung, psychothriller

The Girl Before

JP Delaney , Karin Dufner
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Penguin, 25.04.2017
ISBN 9783328100997
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Spannend, klug, hervorragend

Zwei Frauen. Die sich nicht kennen. Die ein ist bereits tot, die andere zieht gerade in das Haus ein, in dem ihre Vorgängerin gestorben ist.

Ein Haus im absolut minimalistischen Stil erbaut. Ein Haus mit vielen, außerordentlichen, intensiven Regeln, die man einhalten muss, um darin wohnen zu dürfen.

Aufgestellt vom Erbauer und Besitzer, der das Haus für sich und seine Familie entwarf. Und Frau und Kind starben, so dass er es, die offizielle Lesart, nicht über sich brachte, dort einzuziehen.

Ein attraktiver Mann, der auf beide Frauen, Emma in der Vergangenheit und Jane in der Gegenwart, seine Wirkung hatte und haben wird. Zwei Frauen, die beide einen Schicksalsschlag erlebt hatten.

Emma im Angesicht von Einbrechern in der eigenen Wohnung mit einem Ablauf, der nur zögerlich ans Licht kommen wird.
Jane, die ihr Kind im Mutterleib noch verloren hat und diese Totgeburt nur schwer verwindet.

Und die heilfroh ist, für relativ geringes Geld dieses einmalige Haus beziehen zu dürfen.

Auch wenn sie sich fragt, wer da eigentlich und warum die prächtigen Liliensträuße vor die Tür legt.

Irge3ndwann wird Jane schon verstehen. Mit tiefem Erschrecken verstehen. Dass sie nicht alleine im Haus ist, auch wenn niemand anderes physisch anwesend ist.

Was im Entfernten das Sujet von „Sliver“ aufgreift entfaltet sich von Beginn an schon in der Form durch Delaney in hervorragender, packender Art und Weise, bei der von Beginn an Spannung und Gefahr im Hintergrund lauert und diese sich langsam, aber stetig und mit bestem Timing gesetzt, intensiv steigert.

Die Geschichte erzählt Delaney aus zwei Perspektiven und bietet auch hier eine ganz eigene Interpretation. Denn fließend gehen Vergangenheit und Gegenwart ineinander über.

Betritt Emma damals mit dem Makler das Haus im Flur führt Delaney umgehenddsen Thriller aus den Augen Janes fort, wie diese den ersten Raum betritt. Hat Emma mit ihrem Lebensgefährten Gäste, schwenkt der Blick in die Gegenwart zu Jane und ihren engen Freundinnen im übersichtlichen Wohnzimmer des Hauses.

Dies gelingt fließend und ohne Brüche, weil beide Frauen ähnliche Wege gehen, äähnliche Entwicklungen nehmen.

Bis hin zum Tod und der Todesart? Das ist, nebend er sehr flüssigen und bannenden Sprache Delaneys der zweite Grund, warum man das Buch kaum aus der Hand legen will.

Wie ergeht es Jane und was genau steckt hinter all dem? Oder besser wer?
Ein hervorragender Thriller, der lange nachhallt.

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Führungsmacht Deutschland

Leon Mangasarian , Jan Techau
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 05.05.2017
ISBN 9783423281256
Genre: Sachbücher

Rezension:

„Dienendes Führen“ in unruhigen Zeiten

Zunächst könnte man als Leser die Grundprämisse des Buches kritisch anfragen.

Die Beobachtung der Autoren, dass „die Deutschen noch nicht“ bereit sind, mental, eine Führungsrolle in Europa und der Welt zu übernehmen, aufgrund der eigenen Geschichte, die eine „Kultur der Zurückhaltung“ zur bestimmenden Maxime gesetzt hat, stimmt augenscheinlich schon spätestens seit den wirtschaftlichen Verwerfungen des Jahres 2008 nicht mehr.

Ob Finanzminister oder Bundeskanzlerin (und neben diesen öffentlich sichtbaren Figuren auch eine Menge mehr an Verantwortungsträgern), in der Sprache konziliant, in der Art, gerade was die Kanzlerin angeht, immer noch zurückhaltend (was man leicht unterschätzen kann, wovon wiederum viele, nicht nur innerdeutsche „Konkurrenten“ inzwischen ganze Liedbände singen können), in der Sache aber stringent, klar, fordernd und den anderen europäischen Nachbarn durchaus auch einiges zumutend, hier übernimmt die deutsche Politik bereits eine erkennbare Führungsrolle.

Was auch für vielfache militärische Einsätze soweit zutrifft, dass nicht mehr unbedingt Zurückhaltung um jeden Preis die Maximen der Politik bestimmt. Wie ebenso in den Begrüßungsreden an Donald Trump nicht nur die Kanzlerin, sondern ein vielfacher Chor von Ministern und Politikern „klare Kante“ gezeigt haben, ohne aus der Rolle zu fallen.

Dennoch, auch wenn die Realität vielleicht einen Schritt schon weiter ist und die Autoren Ihre Formulierungen u.U. mit dem Motiv wählten, die Pole deutlicher herauszustellen, in den Schlüssen, die aus der Analyse gezogen werden, ist das Buch differenziert, fundiert und überaus lesenswert.

Denn in Zeiten wie diesen ist eines auf jeden Fall klar, Zurückhaltung und eher passives hier und da mal einen Rahmen setzten entspricht weder den Problemen der Zeit (die ja gerade dadurch gekennzeichnet ist, dass sich vielfach feste Rahmungen aufzulösen drohen) noch dem Bedürfnis der Bürger weit über Deutschland hinaus.

Digitalisierung in ihrer ungeheuren Bedeutung für den Arbeitsmarkt. Das Aufkommen nationaler Ressentiments samt dem Wunsch, die Globalisierung gern rückgängig machen zu wollen. Kulturelle Reibungen durch ein immer näher rücken verschiedener Lebenswelten durch politische und wirtschaftliche Interessen und, vor allem, durch eine Informationsflut sondergleichen. Der Aufstieg digitaler Konzerne zu eigentlichen „Weltmächten“, die Kurzsichtigkeit von Mächtigen an nicht wenigen Orten, begleitet von wieder anderen, die sehr geschickt eine destruktive Strategie mit weitreichenden Folgen verfolgen können.

Offener Krieg, drohender Krieg, Handelskrieg, wirtschaftliche Verwerfungen, die Lage ist und wird eher noch stärker instabil.

Hier greift das Buch die Hauptlinien auf und setzt immer wieder den Fokus auf die „deutsche Rolle“. Vorausgesetzt, das wird ebenfalls klar benannt, diese dient der Erhaltung der „Welt wie wir sie kennen“.

„Deutschlands außenpolitische Agenda muss auf den Erhalt der liberalen Weltordnung gerichtet sein, der es seinen Wohlstand und seinen Frieden verdankt“.

Eine nicht einfache Aufgabe, auch das wird bei der Lektüre klar, aber eine Aufgabe, die angenommen werden will und das federführend, nicht von der Seitenlinie aus.

Hierzu legen die Autoren starke Argumente vor, die einer Diskussion überaus wert sind, um ein „dienender Führer“ in der Welt zu sein (keine „Weltmacht“ Oder „Vormacht“, diese Unterscheidung ist wichtig) und noch deutlicher zu werden. Gesetzt den Fall, und das ist die Voraussetzung von allem, könnte man die Autoren verstehen, die vorhanden Kräfte werden gebündelt um gezielt und mit Gestaltungswillen eine „Ordnungsvorstellung“ klar zu benennen und auch auf den Weg zu bringen.

Eine sehr interessante Lektüre.


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hochbrisante vide, sms-drohungen, computernerd, politische kreise, hacker

Das Fenster

Pauliina Susi , Stefan Moster
Flexibler Einband: 528 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 05.05.2017
ISBN 9783423261449
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dauert…… und dauert

Man könnte auch sagen, es zieht sich, dieser seitenstarke Thriller, vor allem am Anfang.

Und das, nüchtern betrachtet, ohne sonderliche Not. Denn in die Tiefe der Personen gehen, das geschieht nicht unbedingt. Eher Stereotype setzt Susi dem Leser zunächst vor. Der Nerd, der aus seiner Computerkammer nicht hervorkommt, sich von Energy Drinks ernährt, stinkende Wäsche in der Waschmaschine aber so richtig hat vergammeln lassen.

Der alternde Mann, geil-lüstern im Videochat bei Facebook. Und das, wo die Position des Mannes doch ein Minimum an Intelligenz voraussetzen würde, zumindest eine gewisse Diskretion, nicht ungeschützt einer völlig Fremden gegenüber ziemlich dreckige Worte in den Mund zu nehmen.

Und auch die Hauptprotagonistin dieses finnischen „Digital-Thrillers“ wirkt zunächst überaus merkwürdig, wenn nicht sogar unglaubwürdig. Eine Beratungsstelle für Pornographie-Süchtige, in der Öffentlichkeit überaus umstritten, soll auf den Weg gebracht werden. Mit Leia Laine als Chefin.

Doch wer sich, nach eigenem Empfinden zumindest, ohne Beratung mit einem eher zu kurzen Rock in eine der beliebtesten Talkshows des Landes setzt und danach nur Interesse dafür zu haben scheint, wie viele Likes ihr eigener Facebook Blog erreicht, während ansonsten Sorge um die Tochter im Vordergrund steht, die mit ihren 16 Jahren das erste Mal au großer Klassenfahrt ist. Und die sich dann wundert, innerlich in höchste Aufregung gerät, als eben auch der Shit-Storm über sie hereinbricht, dass alles sind keine Personen, keine in Einzelheiten filetierten Persönlichkeiten, die den Platz füllen würden, der ihnen gerade zu Anfang seitenweise eingeräumt wird.

Dass dann ein Talk-Show Gast allein im kalten Winter vor der Tür ziemlich lange im Düsteren auf ein Taxi warten muss, das würde sich noch nicht mal ein Feld-Wald- und Wiesensender mit seinen Gästen erlauben.

Einiges an Längen und wenig stringenter Logik muss der Leser also hinter sich bringen, bevor einigermaßen klar wird, dass die Themen, die Susi setzt, durchaus interessant sind und auch interessant und leidlich spannend geschildert werden können. Im zweiten Teil des Thrillers zumindest nehmen die Ereignisse Fahrt auf und die Verbindung zwischen „digitalen (fast) Allmächtigen), die alles hacken und jeden ausspionieren können, der pornographischen Seite des Internet und die dann sorgsam, klar werden Gefährdungen junger Mädchen in dieser Zeit, das liest sich dann deutlich flüssiger.

Elemente von „Das Netz“ mit Sandra Bullock und anderen „High-Tech-Thrillern“ tauchen auf, die allerdings an anderen Orten ein stückweit dichter und spannender noch geschildert werden als bei Susi.

Dennoch, am Ende ein (nach Anlaufzeit) recht flüssig zu lesender und hier und da mit dichter und spannungsgeladener Atmosphäre versehener Thriller.

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Das Duplikat

Davide Calì , Claudia Palmarucci
Buch: 60 Seiten
Erschienen bei Carl-Auer Verlag GmbH, 08.03.2017
ISBN 9783849701796
Genre: Comics

Rezension:

Zentrales für das Leben in außergewöhnlicher Form

„Ich kann nicht genau sagen, was wir herstellten. Aber wir waren alle sehr beschäftigt“.

Und der Ich-Erzähler dieser außergewöhnlichen, bis in die Farbgebung der Geschichte hinein stimmigen, Graphic-Novell war zudem noch „jung und strotzte vor Energie“.

Energie, die er, ohne große zu Fragen, ohne kritisch zu betrachten, wie so viele im „industriell entwickelten Westen“ es als einzige Lebenshaltung kennen, aus der alles an Freude, Wert und Möglichkeiten fast exklusiv gezogen wird, sich „ganz hineingab“ in die Arbeit.

Und wer kennt das nicht, die Ausgangslage des Buches? Geld verdienen ist nicht nur ein Muß, das auch, sondern auch Erfüllung, Aufgabe, Herausforderung, im Protestantismus gar eine „Gabe“, eine „Berufung“ (daher stammt das deutsche Wort „Beruf“.

Und so stellt sich auch die Erwartungshaltung vom ersten Gespräch an unterschwellig dar. Die berühmte Frage in Bewerbungen „Und warum sollen wir genau sie einstellen“ zielt auf diese Unverwechselbarkeit, diesen „Mehrgewinn“, den der Mitarbeiter für das Unternehmen darstellt.

Je mehr dieses Gefühl vermittelt wird, „ohne Sie schaffen wir das nicht“, desto stärker entfalten sich Bindungen. Bis hin zu fast Perversionen in bestimmten Bereichen der japanischen Wirtschaft, wo Selbstmorde am Arbeitsplatz aus Druck, durchaus aber auch als Scham für irgendein Versagen signifikante Größen erreichen.

Was natürlich, und das greift das Buch in bester Weise auf, eine Mähr ist. Denn jeder Manager wäre sein Geld nicht wert, wenn er sich rückhaltlos auf einzelne Individuen verlassen würde. Nicht die Person ist „unersetzbar“, sondern die „Funktion“, die von vielen ausgefüllt werden könnte.

„Es war keine schlechte Arbeit. Nur ein bisschen ermüdend. Nach und nach wurde es immer mühsamer“.

Verdichtung von Arbeit, Erhöhung der Schlagzahl, Erhöhung auch der Netto Stunden, die um die Arbeit kreisen in immerwährender Erreichbarkeit in der modernen Welt.

Für manche ist es tatsächlich erst die Überforderung, die Ermattung, die dazu führt, einmal genauer zu fragen, was denn die wichtigen Werte, Personen und Orte im Leben sind und ob es wirklich nur die Arbeit ist, oder, wer da schon ein wenig Distanz gewonnen hat, welcher Zeitraum und welche Energie wirklich für die Arbeit sinnvoll und nicht sinnentleerend im Raum stehen sollte.

Das Bild der toten Fische im Aquarium, verhungert, weil sich niemand kümmern konnte, steht am Ende einer solchen Entwicklung, wenn man nicht zu Zeiten Sinn, Zweck und Bedeutung der Arbeit für sich reflektiert und auf ein gesundes Maß bringt.

Dass dies in der Novelle durch ein Duplikat gelöst ist, ist natürlich nicht das Ziel für den Leser. Sondern vertieft im Betrachten der Bilder und der Geschichte diesen Zwiespalt der modernen Welt, der, nach einigen Jahrzehnten der Reduzierung von Arbeitszeiten, wieder stärker und stärker wird.

Wobei im Übrigen das Nachdenken für den Leser spätestens dann ein ernsthaftes wird, wenn klar wird, wofür das Original demnächst seine Zeit aufwenden wird in der Novelle und wofür das Duplikat eingesetzt werden wird.

Es ist am Ende eine einfache Botschaft, ein Ausweg im Buch mit Hintersinn, der nicht wohl nicht wörtlich übernommen werden kann, aber mit dem der Leser kreativ Gedankenspiele initiiert, um zu klären, wie eine Balance auch ohne Duplikat hergestellt werden kann, respektive nicht nur als Hülle an den wirklich wichtigen Stellend es Lebens vorhanden zu sein.

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justiz-thriller, john grisham, bestechung, grisham

Bestechung

John Grisham , Kristiana Dorn-Ruhl , Bea Reiter , Imke Walsh-Araya
Fester Einband: 500 Seiten
Erschienen bei Heyne, 10.04.2017
ISBN 9783453270336
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Sehr gradlinig und, leider, sehr vorhersagbar erzählt

Wie gewohnt setzt Grisham auch seinen neusten Roman ein in die Welt des Rechts, samt der ebenfalls bei ihm fast klassisch zu nennenden Konstellation eines „Underdogs“ (hier eine nur mangelhaft und mit wenigen Rechten ausgestattete Kontrollbehörde gegenüber Richtern) und einer „Krake“ (einer weit verzweigten, gnadenlosen und mächtigen kriminellen Organisation).

Ebenfalls bekannt ist die gerade, schnörkellose Art Grishams, zu erzählen.

Was im Gesamten ein rundes Bild des Falles einer Ermittlung gegen eine als bestechlich bezeichnete Richterin angeht und auch den ein oder anderen Spannungsmoment einschließt (ein Autounfall, die Frage, wer die „Quelle“ ist, die Gefahren für einen Spitzel und fremde Männer, die sich scheinbar sehr entspannt in anderer Leute Häuser umsehen).

Und sicher ist es überraschend, wer das Ende des Romans nicht erleben wird und wer sich warum gegen die Richterin im Geheimen stellt.

Doch im Gros des Romans wirkt dieser fast dokumentarisch angelegt. Detaillierte Beschreibungen der dunklen Geschäfte, ein Blick auf undurchschaubare Verflechtungen im Indianerreservat und die akribische Begleitung der Ermittlungen führt doch zu einem eher langsamen Fortschreiten der Ereignisse. Auf deren Weg die ein oder andere durchaus wichtige Person (die man gerne länger begleitet hätte wie den „Chief“ oder Greg Myers) plötzlich nicht mehr vorkommt. Wie auch eine mögliche, beginnende Liebesgeschichte fast einfach so im Ungefähren verbleibt.

Lacy Stoltz, die Hauptperson des Romans, unterbezahlte Anwältin einer Behörde, die Richtern „auf die Finger schaut“, kann zunächst kaum glauben, was sie da erfährt.

Dass eine Richterin sei über 10 Jahren gegen eine fürstliche Bezahlung einer mafiaähnlichen Gruppe mit jedwedem genehmen Urteil zur Seite steht. Was Immobilien angeht, was aber auch einen armen Schluckers in die Todeszelle schon gebracht hat.

Wie nun sich der Fall entfaltet und Stoltz mit ihren Verbündeten Schritt für Schritt zum Kern der kriminellen Vereinigung vorstößt, das liest sich als roter Faden rund und gut. Wenn da nicht die erwähnten Längen, die etwas kühle Distanz zum Geschehen und zu den Personen hier und da doch störend auftreten würde. Da hilft es auch nicht, den Bruder der Anwältin ab und an einfliegen zu lassen (der Sinn dieser Figur erschließt sich an sich nicht ganz) oder teilzunehmen an den Überlegungen der tafffen Anwältin über ihre „biologische Uhr“.

Dennoch, wenn es zur Sache geht, erzählt Grisham dicht und spannend wie gewohnt und im Gesamten hilft der flüssige Stil des Autors ebenfalls über manch trockene Stelle hinweg.

Insgesamt ein solider Thriller, der aber nicht an verschiedene Highlights des Autors heranreicht.

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kinderbuch, wissen, astronauten, jugendbuch, weltall

Gibt es auf der dunklen Seite vom Mond Aliens?

Ben Moore , Katharina Blansjaar , Katharina Blansjaar
Fester Einband
Erschienen bei Kein & Aber, 29.03.2017
ISBN 9783036957623
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Kindgerechte Antworten zu den Fakten des Universums

Sobald die elementaren Dinge des Lebens „ins Laufen kommen“ (Laufen, eigenständige Handlungen vollbringen, die Welt dann im weiteren Umfeld erkunden), kommen auch durchaus „große Fragen“ zur Sprache. Und nicht zuletzt in der Richtung, dass der faszinierend glitzernde Sternenhimmel Phantasie und Neugier bei Kindern anreizt.

Und gerade auch diese Fragen erfordern eine ehrliche, sachgerechte, aber auch für Kinder verständliche Antwort.

Was Professor Moore sprachlich, schon durch die ganze Aufmachung die4ses Buches und die sehr verständlichen Antworten „spielerisch“ leistet.

„Der Weltraum ist ein magischer, wunderschöner und unheimlich interessanter Ort“.

Aus erster Hand zunächst erfahren die Leser, wie man dahin kommt und was in den Sekunden des Startes an Eindrücken vorbeizieht.

Mit schönen Zeichnungen, einem sehr zugänglichen und informativen Glossar (mit der „Kurzform der im Buch versammelten Informationen) und Antworten auf fast jede (reale) Frage führt das Buch Kinder in bester Weise ein in „das Universum“. Vom Sonnensystem über einzelne Planeten bis hin zur Größe des Universums.

Wie viele Steine gibt es auf dem Saturn (wenn überhaupt)?

Wie viele Planeten im gesamten Universum?

Warum gibt es Monde?

Wie schwer sind eigentlich Sonne und Mond?

Kurze, einfach verständliche und sachgerechte Antworten führen zu einem grundlegenden Wissen für Kinder. Das, zum Glück, dergestalt vermittelt wird, dass es nicht die „Magie“ entzaubert, sondern die Schönheit und Faszination des Universums bestens vermittelt.

Eine sehr zu empfehlende Lektüre, in die auch Erwachsene ohne Weiteres einen Blick riskieren können.

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Der Schatz im Himmel: Der Aufstieg des Christentums und der Untergang des römischen Weltreichs

Peter Brown
Fester Einband: 928 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 11.03.2017
ISBN 9783608948493
Genre: Sonstiges

Rezension:

Eine fundierte christliche Wirtschaftsgeschichte der Spätantike

Peter Brown weiß, wovon er spricht und schreibt. Sein gesamtes Forschungsleben war geprägt durch seine Arbeit als „Althistoriker“. Antike, Spätantike, das römische Reich, das sind die zentralen Themen seines Werkes, die durchaus immer auch Bezüge zu religiösen Einflüssen aufweisen und der Übergang von der Herrschaft Roms hin zum „christlichen Abendland“, wie es sich später aus den Anfängen des Christentums in Rom entwickelte.

Dieses nun vorgelegte, umfangreiche Werk (was dennoch sehr gut und flüssig zu lesen ist) bündelt in bester Weise die Ergebnisse von Browns Forschung und verfolgt akribisch die „Zeitenwende“ durch die Ausbreitung des Christentums, die Setzung desselben zur offiziellen Staatsreligion und damit auch der Wandel des Christentums von einzelnen, weitgehend verfolgen Anhängern und Gemeinden zur „staatstragenden Kraft, je zu einem eigenem geistlichen „Stand und Staat“ samt aller weltlicher Verflechtungen, die damit einhergingen.

Was auch die Frage nach den nötigen Mitteln der sich entfaltenden „Kirche“ aufwirft. Machtfragen beschäftigten das Christentum ja schon früh (Paulus und Petrus, das Primat des römischen Bischofs u.a.). Doch mit wachsender Macht geht in der Regel wachsender materieller Bedarf und wachsender Reichtum einher. Was Brown minutiös im Buch nachvollzieht.

Und was umgehend die Frage auch nach der „Ursprungsbotschaft“ stellt, denn materiellen Reichtum lehnt die Lehre Jesu vielfach (Aufruhr im Tempel) praktisch und theoretisch (Gütergemeinschaft urchristlicher Gemeinden in der Apostelgeschichte, das berühmte Gleichnis vom „Kamel und Nadelöhr) in den Evangelien ab. Wenn auch die alltäglichen Dinge auch der Apostel, bei aller unklaren historischen Quellenlage, durchaus mit einer gemeinsamen Kasse und Geld wohl zu tun hatte.

Eine Auseinandersetzung, die gerade da begann, noch einmal und sehr weltlich drängend zu werden, als mit der Erhebung zur Staatsreligion und der damit einhergehenden Strukturen von Gemeinden und einer Kirche auch die Oberschicht Roms mehr und mehr sich dem Christentum zuwandte (und damit auch das Geld zu strömen begann).

Der untersuchte Zeitraum reicht hierbei von der Mitte des 4. Jh. n.Chr. bis ca. 550, der Periode des Untergangs Roms.

Dabei geht Brown zunächst auf die römische Gesellschaft im vierten Jahrhundert ein, wechselt dann über zur gesellschaftlichen Stellung der Christen zu jener Zeit mach der Bekehrung Konstantins 312 und dem allmählichen Zuwachs der Kirche durch reiche Bürger des römischen Reiches. Mit der Haltung der Kirche, die Brown hervorragend beschreibt, in der diese die „traditionelle Idee der Gabe an die Heimatstadt“ geschickt ablöst durch den Erwerb eines „Schatzes im Himmel“ (zu dem die deutsche Übersetzung des Originaltitels bestens passt) durch „Geschenke an die Kirche und die Armen“.

Durch eine klare Konkretisierung der Entwicklung „typischer“ Haltungen in Form einer Personalisierung der Themen (namhafte Persönlichkeiten aus verschiedenen geographischen Bereichen des römischen Reiches) gelingt es Brown, den Leser nachgerade zu fesseln und die Probleme, Reibungen, die Entwicklung zur „reichen Kirche“, die internen Auseinandersetzungen und die Entfaltung eines wahren „Hofstaates“ der Kirche lebendig zu schildern und die verschiedenen Einstellungen zum „Umgang mit dem Reichtum“ charakteristisch vorzulegen.

Quintus Aurelius Symmachus, Ambrosius von Mailand, der junge Augustin (später Bischof), den Brown besonders rege auf dessen Weg durch verschiedene religiöse Gemeinschaften begleite und so ein lebendiges Bild der religiösen Vielfalt jener Zeit dem Leser zur Verfügung stellt. Vom „Einsammeln“ des Reichtums bis zu Haltungen, diesem zu entsagen und darauf zu verzichten (Paulinus von Nola 394).

Bis dann das „Finale“ des Werkes in den dramatischen Spannungen innerhalb des Reiches und durch militärischen Druck von außen und der dennoch erstarkenden Kirche mündet.
Mit einer ebenso wichtigen „Schlacht“ für das geistig-geistliche, wie auf den Schlachtfeldern jener Tage zwischen Augustin und Pelagius, dem wohl hartnäckigsten Kritiker des Vermögens und Reichtums der Kirche jener Zeit der entscheidenden Weichenstellungen.

Und auch wichtig und bestens dargestellt ist jener Verlust des Reichtums der Gesellschaft, der nach der Krise des Weströmischen Reiches breit um sich griff und auch die Kirche vor Veränderungen stellte. Ganz handfeste, denn mehr und mehr übernahm die römische Kirche Funktionen des alten römischen Senates. Nicht nur, was die materielle Sorge um die Unterschicht anging, sondern auch, was rein weltliche Regierungstätigkeiten betraf.

Eine umfangreiche Betrachtung, die als roten Faden im Hintergrund durchgehend verfolgt, wie der Reichtum das Gefüge des Christentums und dessen Struktur selbst dauerhaft veränderte. Gin vom „inneren Glaubensweg“ zu einem fast modern wirkenden Management eines immer größer, einflussreicher und reicher werdenden „Betriebes“. Eine Entwicklung, die die gesamte westliche Welt bis in die Gegenwart hin prägt. Nicht unbedingt, was die Nähe zum Glauben und der Kirche angeht, wohl aber, was die innere Haltung zu weltlichen Gütern und die Finanzierung des „Seelenheils“ betrifft. Ein Weg, der nicht gradlinig verlief, aus des schildert Brown überzeugend, aber nachhaltigen und tiefgreifenden Einfluss nach sich zog.

Eine sehr empfehlenswerte, lebendige und fundierte Lektüre über die Grundlagen und verschiedenen, teils unvereinbaren Haltungen zu einem „Schatz im Himmel“ und wie diese Haltungen Schritt für Schritt die Welt in einer entscheidenden Wendezeit prägten.

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Zwei Kontinente

Jussi Valtonen , Elina Kritzokat
Fester Einband: 576 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.05.2017
ISBN 9783492057318
Genre: Romane

Rezension:

Zueinander finden – fast unmöglich

Joe Chayefski ist nicht nur Neurowissenschaftler. Sondern auch einer, der sich attraktiven Frauen nicht leicht verschließen kann. Der, auch da nicht nur in dieser Hinsicht, begeisterungsfähig ist.

Natürlich versetzt in seinem Denken die Liebe Berge. Aber auch ihn auf einen anderen Kontinent? Eher nicht. Wie sich herausstellen wird. Denn der Amerikaner in Finnland, frisch verheiratet, ebenso Frischer Vater mit einer, durchaus auch, frischen Assistentin im Büro zweifelt. Auf seine Weise. Und das heißt, nicht laut und offen, nicht sich seiner selbst bewusst, sondern höchstens auf sich selbst bezogen und dann eher auch praktisch-

Was die Ehefrau, Alina, Finnin, von Beginn an mit einem schweren Stand gegenüber der Familie ihres neuen Mannes und überhaupt mit Kind und allem sensibel sogar noch eher spürt, als es für Joe praktisch werden könnte.

Karriere in der Universität in Finnland? Schwer möglich, zu langsam, zu bedächtig, zu behäbig, zu sehr auf den Status Quo aus, so kommt ihm die Arbeit vor.

Und letztlich kommt es, wie es sich andeutet. Langsam und ausführlich, zu Beginn des Romans.

Das Familienleben wird getrennte Wege gehen, vieles in der Vergangenheit verschwinden, ein neuer Anfang gesetzt.

Bis Joe die Vergangenheit einholen wird.

„Die Nadelbombe sollte allein Miriam aufrütteln, ihr einen Denkzettel verpassen“.

Bedrohungen schleichen sich in die Arbeit des Wissenschaftlers ein und werden immer handfester.

Radikale Tierschützer? Konkurrenz? Aber so bedeutsam und existenziell sind seine Forschungen doch gar nicht?

Und andere Bedrohungen setzt Valtonen im Zuge der Geschichte weit subtiler. Mit welch hoher Geschwindigkeit die Welt läuft, ohne Rücksicht zu nehmen auf das verwurzelte Leben der Menschen. Wie sehr sich privates Glück und Erfolg manchmal widersprechen könnten. Wie die Personen, jeder und jede für sich, in den Mahlstrom dieser „neuen Weltordnung“ geraten und doch nur als Individuum gesehen und anerkannt werden wollen.

Eine Weltordnung, in der auch die Natur sich ungebändigt zu entwickeln droht, in der, oft kaum sichtbar, vielfache Gefahren sich entfalten für das individuelle Leben, für das gemeinsam-gesellschaftliche Leben und für die Ökologie der Welt.

Wobei Valtonen einerseits mit Breite erzählt und andererseits versucht, vielfache Themen miteinander zu verflechten. Was eher nur im Ansatz gelingt. Denn auch wenn die „Hauptgeschichte“ mit Anfang, neuer Entwicklung und durchaus dramatischem Ende noch einen gewissen „Zug“ besitzt, verschwindet dieser manches Mal fast vollständig unter einzelnen Situationen, in denen wiederum Reflexionen über die moderne Lebensweise offen oder hintergründig transportiert werden. Was einfach kein rundes Ganzes am Ende ergibt, das Tempo in Teilen zu sehr verschleppt, um dann zum Ende hin sich fast zu überschlagen vor einschneidenden Ereignissen und Auflösungen.

Alles in allem ein zeitkritischer Roman, der die zunehmenden Schwierigkeiten des Einzelnen, eine eigene Identität zu finden, zu verwurzeln und zu behaupten interessant thematisiert, dabei aber auch hier und da zu viele Puzzle Teile in zu breiter Erzählweise in den Raum setzt.

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Einsame Klasse

Eva Gesine Baur
Fester Einband: 576 Seiten
Erschienen bei Beck, C H, 02.05.2017
ISBN 9783406705694
Genre: Biografien

Rezension:

Aussagekräftige Biographie einer starken „Klasse-Frau“

Chopin und Mozart hat Eva Gesine Baur dem Leser in den letzten Jahren bereits bestens und „hautnah““ nahegebracht.

Nun wendet sie sich Marlene Dietrich zu. Weltstar. Diva. Im Muff der Nachkriegsjahre „Volksverräterin“ auch beschimpft, da sie sich in Kriegszeiten konsequent dem Nazi-Regime verweigerte und aktiv die amerikanischen Truppen unterstütze.

Dabei eine echte Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, eine, die Stereotype oft durchbrochen hat und, nicht zuletzt, eine der hervorragendsten Schauspielerinnen ihrer Zeit.

Schlagfertig und nie um eine Antwort verlegen hat diese Marlene Dietrich ein um das andere Mal die gängigen Konventionen nicht einfach durchbrochen, sondern für sich grundsätzlich nicht gelten lassen. Was ihr ausschweifendes Liebesleben anging, was ihre Mutterschaft anging, ihren Auftritt, ihre Kleidung und ihr Beharren auf dem ganz eigenen Weg.

Eigenschaften, die Eva Gesine Baur bestens und feinfühlig im Buch herausstellt und dem Leser die Persönlichkeit „der Dietrich“ emotional nah in ihren inneren Motiven kommen lässt.

Eindrucksvoll auch da, wo es hässlich wird, wo eine Frau ihr im Hotel in Deutschland ins Gesicht spuckt, wo Marlene Dietrich dünnhäutig wird, um Fassung ringen muss. Was selten bei ihr vorkam.

„…trotzdem findet Marlene nicht zu der Sicherheit, für die sie bekannt ist“.

„Der Schwefelgestank von faulen Eiern setzt sich nicht nur in der Nase, sondern auch im Unbewussten fest. Nur eines rettet sie: dass der Ablauf exakt duchkalkuliert ist. Jede Geste, jeder Schritt“.

Wobei diese Momente tatsächlich nicht generell der Person der Dietrich entsprechen. Sie war tatsächlich eine grundlegend starke und in sich sichere Frau, auch wenn, natürlich, der ein oder andere private oder, wie beschrieben, berufliche Moment sie auch im Inneren erschütterte.

Eine Stärke aber, die sich auch von einem Sturz von der Bühne samt Schulterbruch nicht davon abhalten ließ, souverän und scheinbar entspannt das Programm zu Ende zu bringen.

Die auch im Alter ihren Biss nicht verlor.

Die ein „intimes Tagebuch“ führte, in dem akribisch vermerkt war, mit wem sie das Bett geteilt hat.

Wenn Ihre Replik auf Leni Riefenstahls Memoiren darin besteht, öffentlich kundzutun:

„Sternberg und Remarque, den Leni als Freund bezeichnet, würden sich totlachen, wären sie nicht schon tot“.

Und Remarque vor allem konnte sie „hautnah“ einschätzen.

Von Beginn an über das Aufwachsen, die ersten Schritte auf der Bühne, die tosenden Erfolge, der Gang nach Amerika, das Werben des Hitler-Regimes um den einzigen deutschen Star von Weltruf, die Rückkehr nach Deutschland als Künstlerin, das „sich einbunkern“ in Paris, die Verweigerung dringend notwendiger ärztlicher Hilfe und chirurgischer Eingriffe 1992 nach einem Sturz bis hin zum Tod. Bis hin zum letzten, spürbaren Schmerz über eine zentrale, in ihren Augen „unerwiderte Liebe“.

Das aber sollte jeder Leser selbst für sich aus diesem eindrucksvollen, sehr flüssig zu lesenden und sehr kenntnisreichen Buch herauslesen.

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Stressless

Louis Lewitan , Markus Böhler , Dirk Meissner
Flexibler Einband
Erschienen bei Ariston, 03.04.2017
ISBN 9783424201710
Genre: Sachbücher

Rezension:

Mit Humor und gezielt im Stress bestehen

Stress ist.

So einfach kann man das letztlich sagen. Nicht immer und bei jedem im gleichen Maß, dennoch ist die moderne Welt für jeden, der daran teilnimmt, privat oder beruflich, mit Druck Situationen, Stress verbunden.

Was, wie erwiesen ist, ja auch seine „gesunden“ Anteile hat. Gefordert werden, Aufgaben begegnen, daran wachsen, aktiv sein, all das sind positive Folgen von „Stress“.

Mithin aber auch, wenn der Stress einen quasi „überrollt“ mit negativen Folgen wie Ermattung, Zweifeln, teilweise regelrecht mit Angst bis hin zum Burnout verbunden.

Was nun, wie die Autoren nachvollziehbar und durchaus überzeugend darlegen, bei Weitem nicht immer der Situation an sich geschuldet ist, sondern einen Großteil dessen, wie der Stress individuell wirkt, an der Haltung festgemacht werden kann, mit der man Druck und Stress innerlich begegnet.

Genauer ausgedrückt, in welchem Maße man in der Lage ist, auch in stressigen Momenten eine gewisse Distanz zu sich und der Situation je zu gewinnen, ohne der Situation dabei zugleich zu entfliehen.

Wenn Lewitan und Böhler dabei den Humor als ein aussagekräftiges Beispiel in den Raum setzten, ist ja genau das gemeint. In konkreten Situationen doch noch über diese oder über sich selbst oder beides Lachen zu können, das Ganze mit einem gewissen Humor anzugehen, das spricht ja für die Qualität einer gewissen inneren Distanz.

Dazu, und das ist eines der anregenden Kapitel in diesem durchweg gut zu lesenden Buch, gilt es, eine ziemlich weit verbreitetes „emotionales Analphabetentum“ in sich zu bearbeiten und zu überwinden.

Denn nur wer sich emotional spürt, einschätzen und zuordnen kann, der kann dann mit bestimmten Techniken (die im Buch durchaus auch mit Humor vermittelt werden), das tiefe Durch-Atmen lernen, das für eine solche Resilienz durch genau das richtige Maß an Distanz zur Situation sorgt.

Gelassenheit, ein gesunder Egoismus, ein weitgehend hinter sich lassen von ständigem (innerem) Aktionismus und Hektik, gerade wenn es im Außen unruhig und unruhiger wird, das Bewusst-Machen der eigenen, „blinden Flecken“, konkret und treffend benennen die Autoren im Buch hochgeladene Stressmomente, falsches Verhalten und scheuen auch vor den harten Momenten des Lebens „You are fired!“) in keiner Weise zurück.

Sei es Suchtverhalten, den „Killer“ Stress, was das restliche, doch „eigentliche“ Leben angeht, die „Stresskosten“ oder die sogenannten (und nicht seltenen) „Urlaubskrankheiten“, man spürt dem Buch ab, dass die Autoren aus ihrer Lebenspraxis wissen, wovon sie reden.

Und dass Vertrauen und Selbstvertrauen, Distanz und Humor, Nein-Sagen Lernen und die damit verbundene zunächst innere, dann aber auch äußerlich durchzuhaltende Abgrenzung nicht nur dahergeredete Schlagworte im Buch sind, sondern bis hin zu ganz praktischen Hilfen und trainierbaren Haltungen hier dem Stress in all seinen Formen nachgegangen und, so nötig, konstruktiv begegnet wird.

Ein wirklich sinnvoller Ratgeber, der dem Leser handfest und praktisch ein differenziertes Verständnis von Stress und Hilfen zur Bewältigung desselben zur Hand gibt.

So kann es gelingen, durch die vielfachen und im Layout abgesetzten Anleitungen mehr und mehr in den Zielzustand, den die Autoren benennen, zu gelangen: In den „Flow“.

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Die Start-up-Illusion

Steven Hill , Kirsten Reimers
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 02.05.2017
ISBN 9783426789025
Genre: Sachbücher

Rezension:


Zum jenen häufen sich die Meldungen, das, neben den „großen“ digitalen Unternehmen andere lange keine so goldige Substanz haben, wie es glänzen mag. Ob Snapchat oder Rocket-Internet, wenn man hinter die Kulissen schaut, findet man zum einen deutlich weniger Substanz im Wert, als vorgegaukelt wird.

Noch bedrohlicher wird die Analyse, wenn man sich die Arbeitsplätze hinter den Fassaden der „digitalen Eroberer“ betrachtet, was Steven Hill hervorragend fundiert in seiner Analyse im Buch leistet.

„Mittelalterliche Zustände“ eines „von der Hand in den Mund leben“ „digitaler Tagelöhner“, die sich zudem noch mehr und mehr gegenseitig im Wert unterbieten, um überhaupt an Aufträge zu kommen.

Das einmal, nur gedanklich, zugrunde legend für einen Ausblick in die „Industrie 4.0“, in 20, 25 Jahren in der Zukunft als dann vorherrschendes Wirtschaftsmodell lässt Böses ahnen, wenn schon jetzt, bei brummenden Einnahmen und ausgelasteter Industrie in Deutschland, zugleich auf dem Weg fast in die Vollbeschäftigung hinein, die Spreizung zwischen „Gewinnern“ und „Verlierern“ unverändert hoch voranschreitet.

Wie mag es da mit den Mieten, den explodierenden Energiekosten, der allgemeinen Verteuerung samt weniger Möglichkeiten, sich etwas gewinnbringend zurückzulegen (weil es nicht da ist und auf den Konten im Minuszins dahinschmelzt) erst aussehen?

Blickt man auf das Silicon Valley, auf London, Paris, New York und die dort herrschenden Lebenserhaltungskosten, dann sind selbst enorm wirkende Gehälter von 150.000 Dollar und mehr kaum mehr ausreichend für ein einigermaßen gesichertes Leben. Und solche Summen verdient die Heerschar der digitalen Zuarbeiter bei Weitem nicht. Ob dann demnächst auch in Deutschland in Hinterhöfen Gartenlauben entstehen, die für hohe Mieten an den Mann, die Frau gebracht werden oder gar „Verschläge“ von 2 Quadratmetern, wie sie in Hongkong zu finden sind?

Klar ist nach der Lektüre (und es gibt wenig aus einem blinden „wird schon werden“, was man der Darstellung Hills entgegensetzten könnte als denkender Mensch), dass die Gesellschaftsform, die gerade Europa zäh entwickelt hat, unter massiven „Beschuss“ geraten wird. Wie ein anderes Autorentrio gerade ebenso deutlich vermerkt: „Sonst knallt´s“.

Und das eigentliche Drama ist, dass durchaus ja noch Zeit wäre, gegenzusteuern, die soziale Marktwirtschaft, den Staat mit sozialer Verantwortung und eine Wirtschaft, die wenigstens „auch“ ihre Verantwortung für Mensch und Gesellschaft in den Blick nimmt zu transformieren und zu bewahren.

Und dennoch weitgehend alle Hebel in Richtung einer reinen Gewinnmaximierung weniger gestellt und verteidigt werden.

Wenn man an der Seite Hills „Co-Working-Spaces“, „Hot-Spots“ Cafés oder „Hipster-Biotope“ besucht, in denen die verschiedenen Phasen von Start-Ups geplant, bedacht und auf den Weg gebracht werden (öffentliche Cafés der digitalen „Szene“, dann kann einem auf jeden Fall, nach den Gefühlen des Befremdens, Angst und bange werden. Nicht nur über solche „modernste“ Arbeitsplätze und Arbeitsformen, sondern auch, wenn klar wird, wie wenig sich die Teilnehmer dieser „neuen Arbeitswelt“ überhaupt noch von Staat und Gesellschaft für sich versprechen.

Übrigens, rund 70 Prozent ist die Misserfolgsquote bei Start-Ups. Und das dauerhaft.

„Klaus hat ein Kommunikations- und Beratungsunternehmen – irgendwie. Viele dieser Selbstständigen haben „irgendwie“ ihr eigenes Unternehmen“.

Nur dass eine komplette Gesellschaft, ein Kontinent, eine Welt „irgendwie“ nicht auf Dauer funktionieren wird, sondern klare und transparente, am besten noch einigermaßen „gerechte“ Rahmenbedingungen benötigt, um nicht vor die Wand zu fahren.

Ein profunder Blick in die Breite der gegenwärtigen digitalen Arbeitswelt, ein Fanal für die Zukunft und durchaus konstruktive Ideen, wie es anders und „sanfter“ gehen könnte.

Man sollte gut lesen und Zuhören, bevor man sich auf einer „Lohnplattform“ wiederfindet und sich dort genauso anbietet, wie es früher morgens an manchen Straßenecken umfassend der Fall war.

Wer wird profitieren von der unkontrolliert vorangehenden Überlegenheit der neuen Technologien? Das ist eine der offenen Fragen unserer Zeit“.

Und wenn wir nicht aufpassen, werden wir es nicht sein.

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ddr, spionage, rosenholz-dateien, bnd, vergangenheit

Nach dem Schmerz

Lucas Grimm
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Piper, 20.03.2017
ISBN 9783492057783
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Solider Thriller

Es ist klar, dass zu Zeiten der DDR eine Vielzahl von „verdeckten Spionen“ im „Westen“ tätig waren. Nicht nur in der Nähe eines Bundeskanzlers, sondern auf allen Ebenen der Gesellschaft.

Und eine ausführliche Liste mit Namen all dieser liegt und lag nie vor.

Was aber, wenn es eine solche gäbe? Wenn ein hochrangiger Funktionär für eine gewisse Absicherung gesorgt hätte, die er auch unter Folter (es braucht Nerven, dem Schlag des Hammers im Prolog zu folgen) nicht preisgab. Auch wenn seine kleine Tochter extra geholt wurde, auch wenn diese der Folter ohnmächtig zuschauen musst, mit traumatischen Folgen für die später erwachsene, junge Frau.

Und was, wenn ein reichlich ausgebrannter Journalist, der die Bilder des Krieges; über den er an allen möglichen Orten hautnah berichtete, nicht mehr aus dem Kopf und auch nicht aus den Träumen mehr herausbekommt. Und der. Außer zwei gescheiterten Beziehungen, einer unordentlichen Wohnung, ein wenig Sex mit seiner Chefin und, vor allem, viel hochprozentigem Alkohol nicht mehr viel „Inventar“ in seinem Leben vorzuweisen hat.

Wobei in der Person des David Berkoff Lucas Grimm doch ein wenig zu sehr das Stereotyp des versoffenen Ex-Starjournalisten bemüht und dieser daher den Leser nicht immer im Buch überzeugt.

Wohingegen die 1989 kleine Tochter und in der Gegenwart Star Cellistin Hannah Gold dem Leser doch immer wieder nahe kommt. Die durch ein Trauma sensorisch nichts mehr spürt,, keinen Schmerz bei verbrannten Händen oder Wunden, mehr und mehr aber auch keinen Kontakt mehr zum Steg ihres Cellos. Und die nun sowohl ihrem totgeglaubten Vater unverhofft (wenn auch nur kurz) gegenübersteht, deren Bruder ihr Rätsel aufgibt und die alles daran setzt, zu erfahren, was damals geschehen ist.

Verfolgt von skrupellosen Kräften, die auch über Leichen gehen, an ihrer Seite der nicht leicht zu durchschauende Berkoff, im Verlauf der Ereignisse immer mehr verlassen und auf der Flucht.

Wenn sie nur den Code finden würde für jenes Bankschließfach, in dem die Antworten wohl warten. Und wenn sie dann ungesehen an das Schließfach überhaupt gelangen kann, denn „der Feind“ hat seine Augen an vielen Orte und ist ihr dicht auf der Spur.

Ein nicht unbekanntes Setting, das Grimm seinem Thriller zu Grunde legt, das aber durchaus wieder einmal gut funktioniert.

Mit den belebenden Fragen, was denn Berkoff und Hannah verbinden könnte (bei allem gewichtigen Altersunterschied) und was sich am Ende als „,Gewinn an Informationen zeigen wird, falls (und wenn ja, wer) die Unterlagen wirklich zu Gesicht bekommen sollte.

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deutsch

Das blindgeweinte Jahrhundert

Marcel Beyer
Fester Einband: 271 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.04.2017
ISBN 9783518425787
Genre: Romane

Rezension:

Anregende Essays

Da sitzt dieser Nachtfalter auf dem Rücken des schlafenden Vogels. Und schiebt sachte mit seinem Rüssel unter das Augenlid des Vogels. Verharrt. Und trinkt Tränen.

Was nicht nur biologisch und zoologisch interessant ist, sondern wohl auch das 20. Jahrhundert im Gesamten gut hätte gebrauchen können. In dem die Zeitgeschichte, aber auch die Literatur zu und über dieser Zeitgeschichte bittere Tränen en Masse vergossen hat.

Soweit, dass es „blindgeweint“ ist?

Das nicht, denn Marcel Beyer zeigt in den 10 im Buch versammelten Essays (wobei das letzte der Kapitel eher ein Nachwort und Dank darstellt), dass man sich dem Thema „Tränen“ vielfältig, aber immer in Bezug auf die reale Welt und das Geschehen der jeweiligen Zeit nähern kann.

Und dabei das geschriebene Wort durch nichts zu ersetzten ist.

Denn wenn ein Biologe eine neue Art beschreibt, dann absolut ausführlich, differenzierend, auf kleinste Details auch sprachlich achtend. Eine Methode, die immer noch gilt, die nur so angewandt ist. Auch wenn der Leser durch diese übergenaue Beschreibung eher noch daran gehindert wird, ein klares Bild im Kopf zu entwerfen (was ein Foto ja leisten könnte), würde eine fotografische Abbildung eben nicht die dutzenden Begriffe für Grautöne, für kleinste Merkmale treffen. Die aber entscheidend ist in der Frage, diese von anderen Arten zu unterscheiden.

Wobei diese „Nachbesinnung“ intensiv mit dem ersten Essay korrespondiert, was von der kompositorischen Kraft Beyers auch zeugt.

Wo ein Affe 1938 im Berliner Zoo anscheinend zufällig eine Leica umhängen hat und ein Foto von den Besuchern „schießt“. Und doch bei genauer Betrachtung (und sprachlich von Beyer wunderbar dargestellt) die gesamte Szene gestellt ist. Inszeniert von einem Fotografen, der einige Jahre später, 1940, eine Verhaftungsszene ebenfalls wohl „nachstellt“, wie Beyer sorgsam sprachlich nachzeichnend auf einem anderen Foto desgleichen Fotografen entdeckt.

„Sich von Hilmar Pabel photographieren zu lassen“ heißt somit „sterben lernen“, heißt „töten helfen“ und damit sind die ersten Tränen schon in Reichweite, das muss Beyer gar nicht mehr explizit ausführen.

Wobei es, neben den „harten Tränen“ auch „weichgespülte“ Tränen durchaus sind, die Beyer nonchalant mitverarbeitet, wenn er Helmut Kohl an Rilkes Grab, Helmut Kohl Rilke zitierend und die gesamte Situation der Ereignisse von 1989 mit so manchen „Abschiedstränen“ mit hineinnimmt.

Eher assoziativ und spielerisch greift Beyer Themen, die er mit klarer, anregender Sprache und im besten, unterhaltsamen Stil vorführt, dem Leser nahebringt und, nicht selten, eher im Hintergrund die „Tränen“ ein gewichtiges Wort mitsprechen lässt. Und sich dabei nicht scheut, selbst den Kitsch in Person von „Heintje“ „tränenreich“ zu erinnern.

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»Wie Sie mir auf den Leib rücken!«

Max Frisch , Thomas Strässle
Fester Einband: 237 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.04.2017
ISBN 9783518425848
Genre: Sonstiges

Rezension:

Annäherung von vielen Seiten her

In Bezug auf Max Frisch ist die Gattung des „Schriftstellerinterviews“, wie sie der Herausgeber des Bandes, Thomas Strässle benennt, eine in besonderem Maße gehaltvolle.

„Er war ein Autor, über dessen Texte sich umgehend die Frage nach den Entstehungshintergründen, insbesondere den autobiographischen, stellt“.

Und darin enttäuschen die, bedacht ausgewählten, Interviews im Buch nicht.

Über alle Lebensphasen hinweg führen die abgedruckten Gespräche, vom „jungen Autor“ hin zum erfahrenen und mit Lebensweisheit ausgestatteten Denker („Ich kann mir kaum vorstellen, dass ohne politisches Bewusstsein große Literatur entsteht“) von 1989).

Und doch findet sich, fast durchgehend im Hintergrund, auch die kritische Haltung Frischs zum Interview, darin gipfelnd, dass er 1982 im Tagebuch notiert:

„Was erwartet man von einem Schriftsteller? Das er Interviews gibt!“.

Wo doch, wie er an anderer Stelle betont, die Leute ja eigentlich einfach auch nur seine Bücher lesen könnten“.

Worin dann aber u.a. seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann nicht in derselben expliziten Form von ihm dargestellt wird, wie es in einem der INt4erviews geschieht. Allerdings muss sich dabei der Leser im klaren sein, dass Frisch den Unterschied zwischen „persönlich“ und „privat“ gut einzuhalten versteht.

Persönlich sind seine Interviews immer, ohne jedoch intime, private Details zu thematisieren. Es sind durchaus auch die „großen Themen der Zeit“, auf die Frisch, wie in seinen Werken, auch in den Interviews mit klarer, erkennbarer, persönliche Haltung eingeht.

Eher also „das Gespräch“, mit dem Erkenntnisse auf Augenhöhe befördert werden war die von Frisch bevorzugte Art und Weise, einander zu solchen Anlässen zu begegnen, als die reine „Informationsbeschaffung“ im Frage und Antwort Spiel.

Sehr lebendig und anregend sind dabei die Interviews zu verschiedenen Themen Im Buch zu lesen mit einem immer präsent wirkenden Max Frisch.

Vom Anspruch, öffentlich Einfluß zu nehmen, davon, dass „wir die Welt anders einrichten müssen“ (was im Weiteren auch mit der Frage der Emanzipation zusammenhängt, die wiederum seine Beziehung zu Bachmann stark mit geprägt hat), bis dahin, dass die „Literatur Möglichkeiten aufzeigen sollte“ und das „ohne Widerstand keine Hoffnung ist“.

So bietet dieser Sammelband einen interessanten Überblick der Themen und Positionen des Autors und eine chronologisch geordnete Darstellung seiner intellektuellen Biografie, die auch für die Gegenwart grundlegendes mitzuteilen hat und es allemal wert ist, gelesen zu werden.

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Rezension:

Eine weiblich „Schindler“

Es sind, immer wieder, Geschichten von Zivilcourage, vom Mut, das Richtige in schwierigen Zeiten zu tun und dabei auf das eigene Leben deutlich weniger Rücksicht zu nehmen, als auf das Eintreten für die eigenen Überzeugungen und die unmittelbare, praktische Hilfe für bedrängte Menschen, die das Bewusstsein wach halten, dass es um geht in diesem Leben als um die hedonistische Befriedigung alltäglicher Bedürfnisse oder das „Wegducken“, wenn es ernst, eng und gefährlich werden kann.

Irena Sendler war ein solcher Mensch: Eine „Retterin“, und as nicht zu knapp.

Wie der Untertitel bereits sagt, über 2500 Kinder hat sie im dritten Reich aus dem Warschauer Ghetto vor dem sicheren Tod bewahrt.

Wobei sie, im Unterschied zu Oskar Schindler, zwar federführend, aber in keiner Weise alleine gehandelt hat. Ein Geflecht von Beziehungen, ein Netzwerk mutiger Menschen, zumeist Frauen, hat Irena zu Zeiten gewebt, in dem ein Teil ins andere griff und alle der ständigen Bedrohung der Entdeckung ausgesetzt waren.

Koffer, Kisten, alles, was als Versteck dienen konnte, dazu jede heimliche Route (wie die durch die Kanalisation) wurde von Irena und den Ihren benutzt, um Kinder an der SS und der „verräterischen Judenpolizei“ vorbei zu schmuggeln. Momente der Spannung, die dem Leser in den entspr4echenden Szenen im Buch hautnah nahe kommen.

Wobei auch das private Leben Irenas das Seine dazu getan hat. Die Liebe zu einem jüdischen Mann, die Irena sich ebenso bewahrte, wie den Mann selbst (mühsam versteckt in den Jahren des Krieges).

Eine Geschichte, die in den Folterzimmern der Gestapo einen hohen Preis von ihr forderte, eine Geschichte aber auch, in der Mazzeo eng und dicht am Menschen verbleibt und Irena in keiner Form zu einer „Heiligen“ stilisiert. Auch jene Seiten, durch die die eigene Mutter, die von nichts wusste, in Gefahr gebracht wurde, auch das unruhige Liebesleben Irenas, ihre manches Mal eher kurzsichtigen Handlungen nimmt Mazzeo auf.

Was gerade deswegen eine solch beeindruckende Wirkung entfaltet, denn mit allen Stärken und Schwächen ist diese Irena eine ganz normale Person und zeigt dem Leser, dass jeder zu jeder Zeit, wenn er gefordert wird, aufrichtig und mutig handeln kann, ohne „heilige Gene“ mit in die Wiege gelegt zu haben bräuchte.

Was ja auch eine Seite dieses Lebenslaufes und der Darstellung im Buch ist, Dass sich viele „ganz normale Leute“ ohne großes Getöse dieser Form der Rettung und des Widerstandes damals angeschlossen haben und Irena erst ihr Handeln ermöglichten.

Wie Mazzeo im Vorwort betont:

„Wenn Ihnen zu Beginn des Buches zu viele Namen vorkommen, bedenken sie bitte, dass ich hier nur die Geschichten eines kleinen Teils der Menschen erzähle, von denen bekannt ist, dass sie Irena halfen“.

Und dass eben die Zahl der Namen sich deutlich verringern wird im Lauf der Geschichte. Denn viele überlebten ihre uneigennützige Hilfe nicht.

Eine flüssig zu lesende, emotional nahekommende Biographie, die vor allem am Ende aufzeigt, „wozu wir normalen Menschen angesichts des Bösen und des Schreckens fähig sind,“

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bienen, bienensterben, roman, zukunft, vergangenheit

Die Geschichte der Bienen

Maja Lunde , Ursel Allenstein
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei btb, 20.03.2017
ISBN 9783442756841
Genre: Romane

Rezension:

Was Bienen und Menschen verbindet

Wie würde das sein, wenn es Bienen nicht mehr gibt? Wenn der biologische Zyklus von Befruchtung und Bestäubung anders, „menschlich“ zu geschehen hat, um nicht den Untergang der Biosphäre des Planeten hervorzurufen?

Das ist ein Erzählstrang, ein Impuls, den der Roman von Maja Lunde in den Raum setzt, wenn die Autorin ein stückweit (aber gar nicht einmal so sehr) einen Erzählstrang in die Zukunft verlegt.

Der sich im Übrigen wie auch die anderen beiden Haupterzählstränge im Roman, gar nicht nur zentral um die Bienen und ihre Lebensweise dreht, sondern Personen und ihre Beziehungen zur „Arbeit der Bienen“ in den Raum stellt, um sich dann auch vom Thema im engeren Sinne zu lösen und Schicksale zu erzählen.

Dass der eine die Imkerei durch eine Erfindung nach vorne bringt, ein anderer ganz Imker ist und, in der Zukunft, jemand die Arbeit der Bienen übernimmt ergibt da bei zum einen eine anregende, empathische Einsicht in die Wichtigkeit der Bienen für diese Welt an sich und in das „Leben der Bienen“, und lockert diese Seite der Geschichte dann durchaus auf mit der Darstellung des Lebenswegs, der Schicksale der drei Hauptpersonen.

„….die Aussichten auf einen regelmäßigen Ertrag wären gut der unberechenbare Klimawandel hätte keinerlei Auswirkungen auf uns, und wir könnten auch im Herbst einen guten Verkauf garantieren“.

So wird gegenüber der geldgebenden Bank immer wieder argumentiert in einer der drei Erzählungen im Buch, doch:

„Das war alles gelogen“.

Warum und wieso und wie das alles werden wird, das liest sich im Buch auch sprachlich flüssig und gut und immer wieder bildkräftig von Maja Lunde in Szene gesetzt.

„Eine tote Stadt. Verfallene Fassaden. Geschlossene Geschäfte mit vergitterten Türen. Eingeschlagene Fenster. Nur noch Schattierungen von braun und grau“.

Als Bild für die Zukunft gesetzt und gut in den Vergleich mit dem „bunten Leben“ der Bienen und der „blühenden Natur“ je gebracht, was sich vor allem durch den regelmäßigen Perspektivwechsel in die drei Erzählfäden hinein dem Leser in den Gegensätzen und Kontrasten einprägt.

Damit wird unterschwellig durchgehend verdeutlicht, welch zentrale Position die Bienen im ökologischen System der Erde einnehmen und wie liederlich der Mensch allzu oft mit dieser Natur umgeht. Bis dahin, dass plötzlich an manchen Orten Bienen einfach so aufhören, zu existieren.

Wobei, und auch das passt homogen in Stil und Erzählweise des Buches hinein, das Verschwinden der Bienen nicht das letzte Wort sein wird. Sondern ein Neuanfang ist möglich, das ist die eigentliche Botschaft dieses anregenden, lehrreichen und zugleich überaus unterhaltsamen Romans.

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boxen, usa, gegenwartsliteratur, kalifornien, klassiker

Fat City

Leonard Gardner , Gregor Hens
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 11.04.2017
ISBN 9783351050399
Genre: Romane

Rezension:

Mitten hinein in das Herz der Boxer (und des Lebens „von unten“)

Nur einen Roman, eine Novelle, hat Leonard Gardner geschrieben (und das vorliegende Buch stammt bereits aus dem Jahre 1969), Der aber hat es in sich und trifft in präziser und mitreißender Sprache den Nerv der Zeit und die Zeitlosigkeit des Suchens nach Glück, Liebe und, natürlich, auch Erfolg.

„Mehr gibt´s da nicht zu erzählen. Der Junge ist halt ein Naturtalent, ´ne echte Ausnahmeerescheinung“.

Es mag aber auch sein, das Billy Tully sich da auch ein wenig irren will, denn er selbst, gerade 29 Jahre alt und schon „abgehalftert“ als Boxer (was er noch nicht so ganz glauben kann) hat ja nur ein kurzes Sparring mit dem 18jährigen jungen Mann gerade hinter sich.

Und dass dies niederschmetternd war, mag auch daran liegen, dass Tully in einem verrotteten Hotelzimmer, wechselnd mi schummrigen Bars, eher dahinvegetiert als aktiv noch auf Dinge des Lebens zuzugehen.

Verkatert, oft. Melancholisch, ständig. Die gescheiterte Beziehung zu seiner Frau, die sich scheint´s ohne Weiteres umgehend neu umgesehen hat, nagt und nagt.

Wie auch das „Verheizen“ durch seinen ehemaligen Manager, dass ihn ein um das andere Mal auf die Bretter des Rings geworfen hat.

Was im Übrigen nur mehr eine Metapher für sein ganzes Leben ist und mehr und mehr in Richtung Tagelöhner abrutscht. Wobei die Welt in den dunklen Bars nach einigen „Kurzen“ wider ein wenig heller zu werden scheint.

Doch mehr als, im wahrsten Sinne des Wortes, „Zerschlagen zu werden“ sieht auch der Leser auf Dauer kaum im Raum. Hoffnungen, mit Leidenschaft (soweit diese noch brennt) auf ein Ziel losgehen, einen Plan haben, hier und da mit Erfolg bestehen und doch, immer wieder, letztlich sich hinten wieder anstellen und den Dreck der Stadt auf Augenhöhe betrachten zu müssen.

Wie das Boxen, so das normale Leben, könnte man im Blick auf die beiden Protagonisten und viele andere Leute sagen, die das Buch mitbevölkern.

Wie der alte Mann, der sich schon müht, nur um nachher mit ein paar Münzen abgespeist zu werden.

„Was ist denn los mit Dir, Pop? Wenn Du morgen nicht flotter bst, müssen wir mal ein ernstes Wörtchen reden……..mehr gibt’s nicht!“.

Und wenn dann schon in einer der ersten Szenen im „Gym“ Billy Tully hinter der Tür seines Spinds verborgen erst mal einen herzhaften Schluck nimmt, dann ist auch umgehend klar, was denn der Tröster in dieser dunklen Zeit an diesem heißen, öden, dreckigen Ort ist (zumindest in dem Teil, der Stadt, in dem Billy sich in der Regel aufhält).

Denn mit den Frauen, da mag Sehnsucht noch vorhanden sein, aber so recht gelingen will da erst mal nichts.

Und doch, der Traum lebt, der vielleicht uramerikanischste aller Träume, das „Leben in Fat City“ zu erreichen. Was kein geographischer Ort ist, sondern die Wunschvorstellung, es „geschafft zu haben“. Und wenn man Talent hat, wäre das nicht der Boxring der kürzeste Weg an die Füllhörner des Paradieses?

Eher nicht. Aber das sollte jeder Leser selber entdecken in dieser überragenden Milieustudie eines „Amerikas von unten“ betrachtet. Das für den Großteil auch heute noch viel näher liegt, als die glitzernden Fassaden derer, die es geschafft habe. Vermeintlich.

Ein einfach immer noch hervorragender und, überraschenderweise, auch für die Gegenwart zeitgemäßer Roman über die Hoffnung von Menschen und das, was an Kehrseits nicht wenige an Müll, Dreck und Absturz erwarten wird.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Rezension:

Es gibt sie noch. Die Art des Reisens aus der „Belle Epoche“, wo neben dem Orient Express die transsibirische Eisenbahn eine höchst abwechslungsreiche Route, sowohl was die Landschaft, als auch die Lebensweise in der jeweiligen Landschaft, angeht.

Moskau, der goldene Ring, die Wolga, nach Omsk, von Nowosibirsk nach Irkutsk, der Baikalsee (mit bestens getroffenen Panoramaaufnahmen und feinen Einzelheiten), von Ulan dann nach Wladiwostok, das ist die Reiseroute der „Transsib“.

Eigerahmt einerseits von einer kurzen, geschichtlichen Hinführung zu dieser berühmte Strecke und, am Ende, eine ebenso anregende Schilderung , wie es ist, als „Fürst“ zu reisen mit dem „Zarengold“.

So ist dies einerseits ein „Reisen um des Reisens“ willen, was den Komfort und die prächtigen Waggons angeht, wie auch eine Entdeckungsreise eines unglaublich weiten Landes mit Lebensweisen, die im Rest Europas längst fast vergessen sind.

„Weiche Sessel, harte Pritsche, weites Land“, das fasst gut zusammen, was den Leser im Bildband erwartet. Denn auch wesentlich einfacher als im „Fürstenwaggon“ kann man die Strecke natürlich (im Großraumabteil mit 54 Betten wird es dann schon fast kuschelig mit den Mitreisenden) in Angriff nehmen.

Auf dem längsten Schienenstrang der Welt, durch den größten Flächenstaat hin zum tiefsten See der Erde. Mit Begegnungen mit nicht wenigen „Wilden Kerlen“, den für den Russen gilt (auch wenn das Stereotyp natürlich Unterschiede zulässt), dass ein „weicher Kern in harter Schale“ zu finden sein wird, vor allem aber die „harte Schale“ die ersten Eindrücke in den Raum stellt.

9288 Kilometer mit traditionellen Kostümen neben allen Insignien der modernen Welt, mit tief verwurzeltem Glauben in alten, keinen Holzkirchen und vielfache Zeichen eines „neuen Selbstbewusstseins“ und Stoltzes auf die Heimat.

Absolute Idyllen wie im „Goldenen Ring“ mit seinen vielfachen alten Kirchen, Klöstern und alten Häusern in den Dörfern und kleinen Städten des Vorlandes von Moskau finden sich ebenso treffend im Bild in Szene gesetzt, wie in den kurzen, aber informativen Texten mit spürbarer Begeisterung erläutert.

Endlose Weiten und hoch moderne Millionenstädte (Nischni Nowgorod bei Nacht bietet eine prächtige Skyline), Landleben und einsame Landschaften mit einem Abstecher per Auto in den Altai und erstaunlichem Strandleben am fernöstlichen Pazifikstrand erstaunen den Betrachter ein um das andere Mal.

Ein eindrucksvoller Bildband über eine Eindrucksvolle und sehr vielfältige Reise, die sowohl das „Leben im Zug“ darstellt, wie die einzelnen Landstriche und Städte bestens „ins Bild rückt“.

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Mars

Leonard David
Fester Einband
Erschienen bei National Geographic Deutschland, 15.02.2017
ISBN 9783866906624
Genre: Sonstiges

Rezension:

„Reisevorbereitungen“??

Beginnend mit gestochen scharfen Überblickfotos über den gesamten Planeten Mars geht David in diesem außerordentlichen und thematisch anders als gewohntem Bildband Seite für Seite dem Fernziel des Unterfangens von Re3isen zum Mars und dessen Besiedlung nach.

Dabei handelt es sich nicht um Fantasien der Science-Fiction, sondern David bleibt in Bild und Text fest auf dem Boden dessen, was jetzt bereits zu wissen ist und welche Möglichkeiten jetzt schon in Angriff genommen werden können. Nicht umsonst hat Ron Howard, Macher des Films „Apollo 13“ im Vorwort geäußert. Einer, der ebenfalls die „Pioniere“ aller Zeiten, auch die der Zukunft, bewundert und bei seinen Projekten strikt auf technische Gründlichkeit und Realitätsnähe achtet.

Was, wie im Buch bestens und detailliert dargestellt, neben den vielen Eindrücken und Erläuterungen des Mars und bemannter Missionen dorthin, auch auf unserem Planeten durchaus in weiten Teilen simuliert werden kann.

An den Polen existieren ähnlich unwirtliche Gegenden, in hermetisch abgeriegelten Forschungsstationen (u.a. auf Hawai) lassen sich die künstlichen Lebensbedingungen bestens simulieren, staubtrockene Wüsten, mentaler und körperlicher und sozialer Stress werden dazu gehören.

All das legen die teils großformatigen Bilder im Buch dem Leser eindrucksvoll vor Augen, unter denen viele direkt von Sonden und Robotern um und auf dem Mars selbst erstellt worden sind.

„Das das geht“ und „passieren wird“, davon ist David ebenso überzeugt, wie Ron Howard.

Wie das gehen wird, vom Training über ein notwendiges „Mutterschiff“ in der Erdumlaufbahn bis hin zum Mitbringen und installieren lebensnotwendiger Systeme, dafür bietet dieses Werk zwar keine technische Handreichung, dafür aber vielfache, solide technische Eindrücke und eine Vermittlung der Atmosphäre dieses ehrgeizigen Projektes.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

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honig, natur, bienen

Die Honigfabrik

Jürgen Tautz , Diedrich Steen
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Gütersloher Verlagshaus, 25.04.2017
ISBN 9783579086699
Genre: Sachbücher

Rezension:

Schön zu lesende Darstellung „aus dem Inneren“ eines Bienenstocks

Dass Bienen eine zentrale Bedeutung für das gesamte Leben auf der Erde in sich tragen und dass diese Gattung aus einigen sehr handfesten (und dennoch nicht einfach zu lösenden) Gründen in ihrer Existenz seit Längerem bedroht ist, dass ist inzwischen weitgehend auch in der Öffentlichkeit bekannt.

Da passt es gut, dass die beiden Autoren (der eine Wissenschaftler, der andere, familiär „vorbelastet“) in vielfacher Form mit Bienen zu tun haben und, wie der Untertitel es ausdrückt, durchaus in der Lage sind, den Leser mit auf eine „Betriebsbesichtigung“ dieser komplexen Lebensweise und „Fabrikation“ zu nehmen, die am Ende breit informiert und, tatsächlich, sehr für dieses „Wunder der Natur“ einnimmt.

Vermittels legerer Wortwahl werden dabei von Beginn Assoziationen geweckt, die dem Leser umgehend ein inneres Bild vermitteln, dass in den folgen Ausführungen dann sachkundig und detailliert vertieft wird.

„Feng Shui in der Finsternis“ verweist auf die Organisation und Form der „Einrichtung“ eines Bienenstockes als eine Form feingestrickten „Netzwerkes“.

„Saisonarbeit im Rhythmus der Jahreszeiten“ erläutert, vom „Rudelkuscheln in der Kiste“ bis zum Schlaf der Honigbienen und deren Fähigkeit zur „Delegation von Aufgaben“ die Arbeitsweise.

Der „Bienentanz“ als ausgeklügelte Form der Kommunikation, die Drohnen als „Königinnen“ Be-Spaßer, die hierarchische Struktur des Alltagslebens der Bienen und dann, sehr konkret, was genau und wie genau da „produziert“ wird, all das lässt den Leser mit neu gewonnener Ehrfurcht auf eine solche hochentwickelte Lebensweise und „Kultur“ schauen.

Dass sogar „Filialen“ gegründet werden zwecks Expansion (als „Schwarm), wie der Mensch (sachte) in dieses filigrane Netzwerk eingreifen kann und das sogar eine Form von „Betriebsspionage“ und „nackter Diebstahl“ unter Bienen nicht selten vorkommen, das rundet das komplexe Bild bestens ab.

Wie ebenso, wenn der „verwundbarste Teil“ des Ganzen in seinen Gefährdungen aufgezeigt wird (wenn die Königin „ersatzlos“ stirbt, stirbt der Bienenstock), wie auch andere Faktoren der Gefährdung (bei denen der Mensch eine Rolle spielt) nicht zu kurz kommen im Buch.

Und ebenso, natürlich, welche Möglichkeiten der Mensch besitzt, dem entgegen zu wirken (und dass dies bereits weitläufig geschieht in der Forschung, aber selbst in stark sich verbreitenden der Hobby-Imkerei).

Alles in allem eine leicht zu lesende, sehr kenntnisreiche Darstellung der Biologie und Kultur der Bienen, ihre Bedeutung für das Leben auf dem Planeten, ihre Gefährdung in der Gegenwart und, insgesamt, was das für ein „Lebensgefühl ist“, „Biene zu sein“.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

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quantenphysik, quantenmechanik, irrtum, einstein, naturwissenschaft

Einsteins Irrtum

David Bodanis , Sebastian Vogel
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei DVA, 03.04.2017
ISBN 9783421047540
Genre: Biografien

Rezension:

Physik in Form einer Biographie

„Er war der klügste Kopf der Neuzeit. Warum war er am Ende so allein“?

Wobei dieses „allein“ weniger den privaten Menschen Einstein in den Blick nimmt, sondern die Isolation des Entdeckers der Relativitätstheorie in seinem wissenschaftlichen Wirken in den Blick nimmt.

Am Ende war Einstein im Rahmen der wissenschaftlichen Diskussion, die in der Weiterentwicklung auch und gerade seiner Arbeit inzwischen bei den ersten fundierten Gedanken zur Quantentheorie angelangt, an den Rand geschoben. Lapidar gesagt, weil das Genie da einfach nicht mitmachen wollte.

Warum dem so war, wie das zustande kam, dem geht David Bodanis in seiner biographischen Darstellung ruhig, sachlich und fundiert nach. Und erklärt auf diesem Wege fast wie nebenbei (und durchaus auch dem Laien weitgehend verständlich) die Kernfragen der Physik, mit denen Einstein sich beschäftigte und die zu jener Zeit im Zentrum der Aufmerksamkeit standen.

Ein Ansinnen, bei dem durchaus der „Mensch“ Einstein nicht vergessen wird. Die persönlichen Prägungen und Entwicklungen, die privaten Lebensumstände, die Verhältnisse „im Hause Einstein“, all das lässt Bodanis je gekoppelt an die Zeit und die Forschung Einsteins flüssig mit einfließen. Was abgerundet wird durch einige Anekdoten, Einsteins Begegnung mit Chaplin oder mit Hubble. Bei denen man sich gerne vor dem inneren Auge vorstellt, wie die beiden bekannten Männer einträchtig gemeinsam durch das Okular die Sterne betrachteten.

Dennoch, so ganz auf einfachster Ebene lassen sich manche hochkomplexe Sachverhalte eben nicht darstellen und so sind durchaus Abschnitte im Buch zu finden, die dem interessierten mathematischen und physikalischem Laien einige Erhellung erbringen dürften, den unbeschwerten Leser aber eher dazu bringen, die entsprechenden Zeilen mehrfach lesen zu müssen.

„Sperrig wird die Sache, wenn man mit Worten vollständig beschreiben will, was in den vielen möglichen Rubriken vorkommt“. Was z.B. bei der Erläuterung der Nutzung von „g34“ durch Einstein und Grossmann zu erkennen ist. Mathematik ist eben auch eine Form der Sprache und Kommunikation, eben nur nicht mit Worten und mit solchen nicht letztgültig zu erläutern.

Was nun aber die Isolation angeht, die Einstein nicht erst in seinen letzten 2-3 Lebensjahren im Blick auf seine Kollegen erlebte, das erläutert Bodanis griffig und klar. Dass Einstein selbst sich zu einem „Mann von gestern“ machte, indem er (aus konkreten Erfahrungen heraus, im Kern aber zu Unrecht) die experimentelle Seite seiner Theorien begann, fast vollständig zu ignorieren. Und sich so erst langsam, dann mit steigernder Geschwindigkeit als blind gegenüber den „neuen Einsichten“ vor allem der Quantenphysik gegenüber zeigt.

Eine interessante Darstellung, in welcher die Atmosphäre der Zeit, die wichtigen wissenschaftlichen Fragen korrespondieren mit Einsteins persönlicher Haltung und seinem privaten Leben.

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104 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 17 Rezensionen

japan, mord, hass, schüler, mobbing

Geständnisse

Kanae Minato , Sabine Lohmann
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 27.03.2017
ISBN 9783570102909
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Packendes Setting

Von der ersten Seite an zieht der Roman den Leser zunächst durch die klare Sprache umgehend in einen Sog der Ereignisse hinein, ein Sog, der sich steigert, wenn Yoku Moriguchi, Lehrerin, vor ihrer Klasse in scheinbar kühlem, ungerührten Ton zwei Mörder identifiziert.

Mörder ihrer Tochter.

Wobei, so ganz klar kann man das letztlich auch nicht sagen, denn einer wollte, vollzog aber nicht und einer wollte nicht, tat es aber dann.

Was an sich bereits eine interessante Konstellation im Gesamten ergibt, die dem Leser ein um das andere Mal fast Schauern über den Rücken fahren lässt, wenn er sich mehr und mehr, gezogen durch die Worte des Romans, in die Geschehnisse rund um diesen Todesfall an einem kleinen Mädchen hereinziehen lässt.

Denn nichts weniger als eine Bestandsaufnahme der modernen Kultur Japans ist es, was Minato letztendlich anhand des konkreten Tötungsdeliktes dem Leser vor Augen führt. Wie in Japan jugendliche Ticken, wie auf der einen Seite Kühle ihnen gegenüber herrscht, auf der anderen Seite andere mit blinder Liebe um jeden Preis geschützt werden sollen.

Inklusive Anfragen an die Lehrerin, die Mutter, vielleicht nicht genug aufgepasst zu haben. Und andererseits der lange Zeit offenen Frage, ob denn die Lehrerin nun ernsthaft und subtil ihre Rache einleitet oder mit aller Gefasstheit über den Dingen steht. Denn strafrechtlich dürfte es schwierig werden, Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen.

Das darüber hinaus eine „Exekutionsmaschine“ (in abgespeckter Form) Preise gewinnen kann, dass die Frage von Recht und Unrecht nach hinten durchgereicht wird und Erfolg oder nicht-Erfolg der einzige Maßstab zu sein scheint für manche der Jugendlichen und Erwachsenen im Roman, dass zudem, auch bei der konkreten Tat, verletzte Eitelkeiten eine fast stärkere Rolle zu spielen scheinen als eine persönliche Verderbtheit (und dies im Übrigen auch lange Zeit nach der Tat noch vorrangig zu sein scheint), all das ergibt eine Atmosphäre, die den Leser hin- und herwirft zwischen Verstehen und Ablehnen, zwischen dem Erschrecken vor einer solchen inneren Haltung, in der sich eine ganze Gesellschaft widerzuspiegeln scheint und dem durchaus auch vorhandenen Mitführen mit manchen Eltern im Buch.

Das zudem noch die im Vordergrund stattfindenden Ereignisse an sich eine hohe Spannung beinhalten und persönliche Schicksale so nahegebracht werden, dass sie „unter die Haut“ gehen, rundet den hervorragenden Gesamteindruck dieses Romans nur noch mehr ab.

Sowohl „der Fall“, als auch das Setting und darüber hinaus die tieferreichenden Reflexionen über die Richtung, welche die moderne Welt (nicht nur in Japan) nimmt, was das Zwischenmenschliche, was den Wert des Lebens, die Sucht nach Anerkennung und das zunehmende Anti-Soziale angeht werden dabei von Minato sprachlich bestens vor Augen geführt.

Angefangen schon bei den nächtlichen Mails (scheinbar) verzweifelter Schüler über pragmatische Berufswahlen, die gewisse Erwartungen von Beginn an entzaubern und bei „Exekutionsmaschinen“ noch lange nicht endend.

Da, wo sich im Land ein 13jäähriges „braves Schulmädchen“ in eine „geistig umnachtetet Mondgöttin“ verwandeln kann (oder beides ist). Wo eigentlich ernstzunehmende Warnzeichen in den social media ignoriert, teilweise bewundert, allgemein nicht ernst genug genommen wurden, wo in der „pädagogischen Erziehung“ Drill herrscht, der leicht als ungerecht empfunden werden kann. Von denen, die „nur laufen“, statt auch mal „den Schläger in die Hand zu bekommen“.

Eine hervorragende Lektüre voll ernüchternder Erkenntnisse über die Gegenwart und Richtung „neuer“, vielfach eher destruktiver Werte. Und ein Monument der (vermeintlichen?) Rache (was die Milch angeht, die alle in der Klasse trinken), das den Leser so schnell nicht wieder loslässt.

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