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Cook & Bike

Tom Perkins
Fester Einband
Erschienen bei National Geographic Deutschland, 29.09.2016
ISBN 9783866904750
Genre: Sonstiges

Rezension:

Interessante „Rezeptur“

Kochbücher gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Und Reisbücher ebenfalls. Aber ein Koch-Reisebuch in enger Verknüpfung, das ist nicht allzu weit verbreitet.

Genau aber ein solches legt Tom Perkins mit „Cook & Bike“ nun vor. Eine „kulinarische Reise“ der besonderen Art, die einer reinen Bierlaune zunächst entsprungen ist. Ab aufs Rad und Richtung Süden, bis es nicht mehr geht. Mit Gepäck auch, das vor allem zunächst eines sein soll: unnütz.

Schnell wurde die Route noch im gleichen Gespräch erweitert, wenn schon, denn schon. Nicht in England nach Süden, soweit es geht, sondern gleich nach Kapsatdt, Südafrika. Auf dem Rad natürlich. 20.000 Kilometer.

Eine Verbindung von Abenteuer, Kultur und, ja, Essen.

„Denn was bringen Einwanderer in ein neues Land mit? Die Antwort ist einfach. Ihre Küche“.

Somit verband sich von Beginn der Idee an mit deren Ausführung der Einblick in das je spezifische Essen entlang der Route.

„Hierbei geht es um Menschen und darum, was das Essen und seine Zubereitung für sie bedeuten“. Und darum geht es bei den vielfachen Rezepten und ebenso vielfachen bildlichen und textlichen Eindrücken im Buch nicht unbedingt um eine strukturierte Tiefe des einen oder anderen, das Buch will weder Kochbuch im grundsätzlichen Sinne noch konkreter Reiseführer sein, sondern es geht um die durchaus spannende Betrachtung, dass eine Mahlzeit „nicht die Summe ihrer Zutaten“ unbedingt ist, sondern „wie gehaltvoll sie im menschlichen Sinne ist“.

Wie sie Einwanderer an ihre Heimat erinnern, ihre Kultur durch Essen transportiert wird du zugleich eine Verschmelzung mit der neuen Kultur auf Dauer ergibt, die eine gegenseitige Bereicherung (und das eben nicht nur der Küche) am Ende darstellt.

Rösti in der Schweiz mit intensivem Bergerleben und kleineren Fotografien mit landestypischen Eindrücken. Ristotto in Italien mit Blick auf Gondeln in Venedig und der Fotografie zweier vollgepackter Fahrräder auf saftig grüner Wiese vor hochaufragenden Gipfeln, ergänzt durch kurz Texte über je landesübliche Bräuche (und eben Rezepte), die umso exotischer werden, je weiter die Tour die beiden Radfahrer aus europäisch noch vertrauten Gebieten in „orientalische“ Exotik hineinbringen.

Und immer wieder Bilder, kurze Zusammenfassungen von Begegnungen mit je Einheimischen, mit anderen Lebensformen, mit traditioneller Küche oder auch Aussteigern, die andere Lebensformen repräsentieren und zudem anderes „auf den Tisch bringen“ (Schaschuka mit Rindfleisch nach Art der „Anarchisten-Kommune“, um nur eines der eher andersartigen Gerichte und der besonderen Begegnungen zu nennen).

„Alles gut gegangen“, das kann man Ende sagen, wenn man die beiden Radfahrer von Beginn an bei einer, zurecht „blauäugig“ zu nennende Planung und dann Durchführung begleitet. Ein Buch, das sich gut lesen und ebenso gut mit seiner besonderen Atmosphäre der eben nicht „Hochglanz-„ sondern „atmosphärischen Fotografie“ betrachten lässt und das in seiner Form und seiner Umsetzung wunderbar treffend das gesamte „innere“ Klima der langen, langen Tour widerspiegelt.

Und, nicht zuletzt, vielfache, anregende, interessante Rezepte erhält, die Besonderheiten des Alltages in den vielen durchquerten Ländern darstellen. 

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Sehnsucht Wald

Andreas Kieling , Kilian Schönberger
Fester Einband
Erschienen bei National Geographic Deutschland, 21.09.2016
ISBN 9783866904774
Genre: Sonstiges

Rezension:

Berauschende Bild- und Farbenpracht

„Jeder Wald ist ein Versprechen. Das Versprechen der Ruhe, das Versprechen, sich sammeln zu können und zumindest für einen Augenblick zu sich selbst zu kommen“.

Das gilt zumindest für Andreas Kieling, dessen Lust zur und an der Natur schon für vielfache Bildbände und Erzählungen Grundlage war. Und auch für jene Leser, die zunächst wenig bis nichts mit dem „Ruheort Wald“ anzufangen wissen, transportieren Kieling und Schönberger durch Bild (vor allem!) und Text in bester Weise spürbar und sichtbar ihre persönliche Begeisterung, teils fast Andacht, dem Wald, den darin lebenden Tieren, der „wilden Natur“ gegenüber.

Und dafür braucht man in der Regel nicht in weite Fernen zu schweifen. „Nachbarschaft zum Wald“ auch das ist, was dieser Bildband sichtbar vermittelt, oder, wie Kilian Schönberger es ausdrückt, „wo der Garten endet, fängt der Wald an“. Vielleicht nicht in zentralen Lagen jeder Großstadt, aber doch in schnell erreichbarer Nähe. Und das ist gut so.

Aufgeteilt ist dieser Bildband nach dem Lauf der Jahreszeiten und fängt die entsprechenden Stimmungen im Wald vom „Aufbruch“ (Frühling) bis zur winterlichen Ruhe in vielfachen Facetten ein. Schräge, krumm gewachsene Bäume auf einer hügeligen Wiese bis zu „Bruno“, dem Bären, mitten im dichten Gestrüpp des Waldes, von wie Fahnenstangen kerzengerade gewachsenen, hochstämmigen Buchen, die ihrem Namen „Gespensterwald“ alle Ehre auf dem Bild im Buch machen bis zu Ästen knapp über der Oberfläche wilder Bäche, die ein zur Besinnung einladendes Schauspiel darbieten.

Wobei, neben teils breitformatigen und oft atemberaubenden „Wald-Bildern“ auch das Tierleben im Wald nicht zu kurz kommt.

Der Rotfuchs, der sich in die Wiese hineinduckt, die mächtigen Wisente, die im Wald grasen, die Hirsche, die ihre Revierkämpfe bestens im Bild austragen.

Vom leuchtenden Grün bis zu den explodierenden Farben des Herbstes, vom ruhigen Sonnenschein im Sommer mit fast gemächlichem Schatten unter den Bäumen bis hin zur weißen „Postkartenidylle“, die fast schon kitschig wirken würde, wäre nicht diese völlige Unberührtheit im Bild festgehalten, zeigen Kieling und Schönberger alle Facetten des Waldes, alles Farben, Bäche und Wiesen, Tannen und Laubbäume, scheue Tiere und sogar „unbezähmbare“ Wölfe bis hin zu ausladenden Klatschmohnwiesen.

Wie nebenbei findet sich unaufdringlich noch eine kleine Baumkunde auf den Innenseiten der Deckseiten und zu jedem der, manchmal gar surreal wirkenden Bilder (durch eisige Winde und Schnee in unnachahmlichen Formen erstarrte Bäume auf einem Gipfelplateau).

Bilder, die oft für eine Überraschung gut sind und die bestens den “Wald“ in sein ureigenes „Licht“ rücken.

Ein Genuss für den Betrachter und immer wieder mit neu zu entdeckenden Einzelheiten und Kleinigkeiten auf vielen der Bilder.

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Everyday Raw

Matthew Kenney
Fester Einband
Erschienen bei Unimedica ein Imprint der Narayana Verlag , 06.02.2017
ISBN 9783946566182
Genre: Sachbücher

Rezension:

Appetitlich und gesund

Mehrere Fliegen „mit einer Klappe“ schlägt Kennedy ins einem überzeugenden, mit Rezepten prall gefüllten Buch zur Rohkost.

Rezepte, die allein schon ob ihrer Zutaten keine Bücher mit sieben Siegeln darstellen und keine filigranen Kochkünste bedürfen, um in den Genuss der Speisen zu kommen.

Frisch, vitaminreich, gesund, regional, nachhaltig, vegan. Und das mit Überzeugung. Denn dem Buch und den vielfältigen Rezepten und Zubereitungsformen spürt man ab, dass hier nicht nur einer auf einen erfolgreichen „Zug“ versucht, aufzuspringen, sondern dass Kennedy im Blick auf biologische, nachhaltige und gesunde Nahrung eher einer derer ist, die diesen Zug in Bewegung gesetzt haben und in Bewegung halten.

Wobei das Buch eine Übersicht von Beginn an jenen Zutaten mitliefert, die vielleicht nicht ohne Weiteres im Geschäft um die Ecke zu erhalten sind, hier aber einfach dann online bestellt werden können. Ergänzungen geschmacklicher Natur einerseits, was bestimmte Gewürze angeht, Ergänzungen an Elementen aber auch, die zur Konsistenz mancher Rezepte im Buch selbst wichtig sind (Hanfprotein, Carobpulver u.a.). Das ist eine gute Hilfe, denn manches Mal scheitert man ja bereits am Erwerben exotischer Zutaten und kann ganze Kochbücher daher teils nicht eins zu eins umsetzten. Ein Problem, dass sich hier nicht stellt.

Smoothies, Snacks, Vorspeisen, auch Hauptgerichte wie Pizzas, Pasta, Champignon Steaks und vieles mehr (wobei der Rohkostanteil immer die dominierende Rolle behält, Dips und Desserts, wie auch Eis, reichlich und bunt gemischt sind die Vorschläge, die Kennedy vor Augen führt und deren Zubereitung Schritt für Schritt einfach und übersichtlich je erläutert wird,

In jedem der Rezepte bleibt Kennedy dabei seinem Grundcredo treu, eine einfache und gesunde, kreative „Voll-Ernährung“, die schmeckt, biologisch nachhaltig ist und, vor allem, ohne gro0en Aufwand zuzubereiten ist. Wobei bei machen Rezepten (Eis) dann doch ein wenig Zeit investiert werden muss, aber dennoch deutlich einfacher sich gestaltet als bei vielen anderen Formen von Rezeptbüchern.

Alles in allem hoch motivierend und für den „normalen“ Leser im überwiegenden sofort umsetzbar. Ein Einkauf reicht fast im Blick auf 80 Prozent der Rezepte. Was andere Feinheiten angeht, die online bestellt werden können, ist eine kurze Wartezeit einzurechnen, was aber lange nicht so problematisch ist, wie die, bei anderen Kochrichtungen nötige, eigene Recherche, wo denn überhaupt manche Zutaten zu bekommen wären.

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20 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

kriminalfall, leichenfund, kurzgeschichten, mord, forensik

Die Knochenjägerin

Kathy Reichs , Klaus Berr
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Blessing, 23.01.2017
ISBN 9783896675804
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Brennan „light“

Einerseits ist die „Handschrift“ von Tempe Brennan, der kongenialen forensischen Anthropologin, auch in diesen vier Kurzromanen bestens erkennbar und der Wiederkennungswert hoch.

Anderseits weiß der Leser nach der Lektüre dann auch um den Unterschied zwischen diesen, auf das Wesentliche, reduzierten „Fällen“ und den breiter angelegten Romanen von Kathy Reichs.

Denn schon beim „ersten Fall“ von Brennan ist es einerseits anregend, zu lesen, wie die sorgfältige Wissenschaftlerin sich durchaus bei der wichtigen Aufgabe ihrer Doktorarbeit stören lässt durch das „wahre Leben“, eine verbrannte Leiche in einem Wohnwagen. Anregend auch, den, wie immer, flüssig verfassten Handlungsablauf mit Genuss zu verfolgen und, nicht zuletzt, den Anfang sich durch die Romane durchziehender Beziehungen mitzuerleben (vor allem zu Slidell).

Auf der anderen Seite kommen ebenso wichtige Dinge wie Nebenlinien, eine sich aufbauende Atmosphäre gerade der privaten Seite der Wissenschaftlerin, doch deutlich zu kurz.

Das im Hintergrund (und im Prolog) mitschwingende, persönliche Drama wird eher kurz abgehandelt, was gerade bei einem solch einschneidenden Erlebnis bedauerlich ist.

Wie in jedem der vier Kurzromane, die der Sammelband in sich vereinigt, diese Randerläuterungen, Nebenerzählungen, Vertiefungen der Personen in anderen Bezügen als denen des reinen Falles dem Leser der Brennan Romane ebenso fehlen.

Wie immer findet Reichs, natürlich, was die Fälle angeht, das richtige Maß an Tempo und voranbringen der Ermittlungen einerseits und passend erläuterten wissenschaftlichen Vorgängen andererseits, die dem Leser ein gutes Bild über die Arbeit ermöglichen, ohne sich seitenweise in Details zu ergehen und damit auf Dauer zu langweilen.

Anregende, kurze Lektüren, die dennoch kein Ersatz für die ausführlichen und durchgestalteten Romane der Autorin sind und eine spürbare Lust auf den nächsten „großen Fall“ von Temperance Brennan und ihr privates Ergehen machen.

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184 Bibliotheken, 18 Leser, 1 Gruppe, 99 Rezensionen

schweden, krimi, fabian risk, dänemark, happy slapping

Minus 18 Grad

Stefan Ahnhem , Katrin Frey
Flexibler Einband: 560 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 02.01.2017
ISBN 9783471351246
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Hervorragend

Minus 18 Grad ist die Temperatur, die ein Tiefkühltruhe in der Regel als „Arbeitstemperatur“ durchgehend hält. Was ein passender Titel und ein guter Hinweis dafür ist, warum denn am Steuer eines verunfallten BMW ein Mann sitzt, der in bester Weise tiefgekühlt wurde.

Warum aber, wozu und, vor allem, wie es sein kann, dass der Pathologe eine Zeitdauer von zwei Monaten ansetzt, was den Todeszeitpunkt angeht und dennoch Bankberater, Makler und andere steif und fest behaupten, in den letzten Tagen erst mit dem Toten verhandelt zu haben, das verwirrt nicht nur den Leser, sondern vor allem zunächst ebenso Kommissar Fabian Risk und seine Ermittlungsgruppe bei der schwedischen Polizei.

Wenn dann noch klar wird, dass der Tote vermögend war und wenn dann noch deutlich wird, dass das wohl nicht der einzige merkwürdige Todesfall der letzten Monate, gar Jahre ist, sondern sich genau solche „Gefrier“-Verbrechen häufen, dann ahnen die Ermittler, dass hier ein ausgeklügeltes Verbrechen vorliegt.

Wie ausgeklügelt und wie skrupellos und hart der Täter vorgeht, das wird spätestens bei einem versuchten Zugriff in einer Bank klar.

Wo die Ermittler dem Täter bereits eng auf den Fersen sind nach etwa der Hälfte des Thrillers, noch lange kein Land in Sicht sehen werden. Zu klug ist der Täter.

Während zugleich die degradierte dänische Polizistin Dunja sich mit einem „Happy Slapping“ auseinandersetzen muss, das droht, ihr noch den letzten Job bei der Polizei zu nehmen, dass droht, Tote über Tote nach sich zu ziehen (bis dahin, dass Ahnhem mittels eines Einkaufswagens dem Leser brutale Schockmomente vor Augen führen wird). Und doch glaubt ihr kaum jemand der Kollegen und wird sie ihre Reputation immer mehr verlieren, weil einer ihrer ehemaligen Vorgesetzten Rache zu nehmen gedenkt. Das er ertappt wurde bei Dienstverletzungen, das Dunja es wagte und wagt, ihm die Stirn zu bieten.

Während Risk Sohn Thomas in gefährliche Kreise gerät, aus Liebe. Während Risk Frau Sonja auf Abwege gerät und nicht nur die Ehe mit Risk aufkündigt, sondern auch in Gefahr schwebt, ohne es zu wissen. Während Risk Vorgesetzte dem Alkohol verfallen scheint und die Ermittlungen nicht nur einmal in Gefahr bringt. Und zudem einer der kompetentesten Ermittler noch ganz andere Geheimnisse zu hüten scheint. In seinem Kleiderschrank, aber auch in der untersten, verschlossenen Schublade seines Schreibtisches.

Mitgenommene, gestrauchelte, sehnsüchtige, kämpfende, kluge und borniert Figuren, Anaheim setzt sein „Personal“ vielschichtig und differenziert und baut im Hintergrund an Zusammenhängen, die dem Leser lange Zeit unklar sein werden, die aber dennoch von Beginn an vorhanden sind. Gepaart mit einem überaus intelligenten Verbrechen, mit skrupellosen Tätern, die in Teilen mehr Opfer als Täter sein könnten und mit allgegenwärtigen Gefriertruhen, in denen Ahnhem mit glasklarer Sprache dem Leser so gut wie nichts erspart auch an Härte und Verkommenheit, baut sich von Beginn an eine menschliche Tiefe und eine ebenso anregende Spannung auf, die über die gesamte Strecke des Buches nicht nachlassen.

Bis hin zum, ein wenig kurzen, aber ebenso mitreißend geschilderten Finale und dem „Ausblick“ auf den wohl nächsten Fall.

Ein Thriller, in dem Gut und Böse verschwimmen und Ereignisse, die auch in den Reihen der „eher Guten“ Schneisen hinterlassen werden. Beste Thrillerkost.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Hans Fallada

Peter Walther
Fester Einband: 527 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 19.01.2017
ISBN 9783351036690
Genre: Biografien

Rezension:

Person im Chaos

Alles, was das später, vor allem im Innern der Person und daraus sich ableitend auch in den äußeren Lebensumständen Hans Falladas maßgebend, entscheidend, antreibend war, ist schon beim jungen Gymnasiasten Fallada bestens zu sehen.

Das bürgerliche Umfeld zu Hause (wie später auch in seiner Ehe), und das Unvermögen, das zu schätzen oder zu ertragen (gerade mit seiner Mutter pflegt Fallada einen sehr verletzenden Umgang).

Das „sich eingliedern können“ (rein äußerlich), wie in der Gastfamilie, als Fallada seine Schule abschließt und doch wieder die Brüche, als er das Haus des Geistlichen wegen Unverträglichkeit wieder zu verlassen hat.

Schriftstellerische Ambitionen schon früh im Leben mit schwankender Qualität. Intelligent, rhetorisch nicht auf den Kund gefallen, wie im späteren Leben auch. Und Menschen um ihn herum, von denen ihn ein Teil sehr schätzt und Großes in ihm vermutet und ein anderer Teil ihn schlichtweg ablehnt. Durch seine offene, freche Renitenz.

Selbst die Mutter eines engen Freunde versucht ihr Kind aus dem Umgang mit diesem „Schädlichen Menschen“ herauszulösen. Was sicher keine dumme Idee war, denn mit seinem engsten Freund plant Fallada aus „Weltüberdruß“ schon als pubertierender Jüngling den gemeinsamen Selbstmord. Der Ernst gemeint ist, wie der Verlauf der Aktion und die dann auf dem Boden liegende eine Leiche zeigt.

Aufenthalte in Sanatorien, Anstalten, eine zerbrechliche, Stimmungen unterworfene Person, in all dem ist bereits das spätere Wanken und Schwanken auszumachen, dass dieses Leben prägt, das neben des Schriftstellerischen Erfolges und des bürgerlichen Lebens mit Frau und Kind den Exzess lebt. Morphinist, Frauenheld, sich von der eigenen Familie Trennend (und doch nicht so richtig), lange, bis zum Sterbebett dauert es, bis ein klares Wort erklingt.

„Geh Du raus!“, soll Fallada seiner Frau Ulla entgegengeworfen haben, die ihn selbst auf der inneren Abteilung der Charité wieder mit Morphium in Berührung gebracht hatte.

„Wir sind alle in unseren Anlagen gefangen“, so drückt es Walther im Gesamtblick auf Fallada, diesen fast schizophren wirkenden Mann und Künstler aus, der von der eisernen Disziplin über das ruhige Leben bis zum ständigen Kampf mit inneren Dämonen, die am Ende den Sieg davontragen viele reibende, einander entgegengesetzte Kräfte in sich und nach außen zeigte.

Einer, der immer „vollauf beschäftigt war mit der Fülle seiner Figuren“, der „kleinen“ Männer und Frauen, des „einfachen Lebens“ mit seinen Verstrickungen. Kein Denker, dennoch einer, dem es gelungen ist, einigermaßen unbeschadet auch am künstlerischen Ruf das dritte Reich zu durchschreiten. Einer, „der maßlos und trieblos reagierte, schon mit gebrochenem Instinkt“, einer, der „guten, aber schwachen Willens war“.

Momente der Person und Etappen des Lebens, denen Walther sehr akribisch und teils auch sehr ausführlich (gerade, was die jungen, prägenden Jahre angeht, gerade auch, was die Werke Falladas angeht (die nicht alle über einen Kamm zu scheren sind), und damit in bester Weise das „Sein“ dieses zerrissenen Menschen, der sich gegen sich selbst kaum zu wehren vermochte, intensiv nachzeichnet. Mitsamt einem guten Stück an Zeit- und Wirkungsgeschichte, denn Fallada hatte ja durchaus internationale Wirkung mit zumindest einigen seiner Werke.

Eine interessante, ruhige, tiefgehende Lektüre.

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86 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 23 Rezensionen

thriller, liebe, mord, peter swanson, rache

Die Gerechte

Peter Swanson , Fred Kinzel
Flexibler Einband: 414 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 16.01.2017
ISBN 9783734103599
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Psychologischer Thriller mit Spannung

Alkohol ist schon Ted Serversons guter Freund. Der Reiche Risiko-Kapitalgeber sitzt eines Tages an einem Flughaften und hat einiges zu verdauen. Vor allem, dass seine Frau ihn wohl nicht ganz so aus der Tiefe des Herzens liebt, wie er das angenommen hatte.

Sondern durchaus auch mit zumindest einem Auge sein Geld im Auge hat, ihr Wohlleben voranbringt, gerade ein sündhaft teures Ferienhaus federführend erbaut und einrichtet (natürlich mit seinem Geld) und dabei den Bauleiter doch überaus anregend zu finden schient. Was sich zumindest ergibt, als Ted die beiden heimlich beobachtet. Wobei das Verhaltens seiner Frau und ihre souverän-unschuldige Haltung ihm gegenüber ihn doch hier und da ins Wanken bringt in dem, was er doch mit eigenen Augen gesehen hat.

Da trifft er auf eine Unbekannte. Die ihm gefällt. Äußerlich. Kühl, klug, souverän, das wäre einen Flirt wert, wenn da nicht das Thema auf etwas ganz Anderes käme, was ihn von da an nicht mehr loslässt.

„Ich denke, das sollten sie tun“. Ermuntert ihn die Frau, Lily, als aus ihm herausbricht, dass er seine Frau liebend gerne umbringen würde.

Kühl und klar, unaufgeregt bietet sie ihm ihre Hilfe an. Wenn er will. Was er sich überlegen soll. Während der Leser Zeit erhält und in regelmäßigen Perspektivwechseln jene Lily von Jugend an näher kennenlernen wird. Um festzustellen, dass hier nicht eine eiskalte, gestörte Killerin an der Flughafenbar und dann im Flugzeug neben Ted saß, sondern durchaus jemand, der aus einer gewissen Notwehr heraus ihre Schlüsse fürs Leben gezogen hat.

Sei es im Blick auf ihre geliebte Katze, sei es im Abwehren des schmierigen Chet, sei es an so manch anderen Momenten im Leben. Wobei Swanson sehr geschickt, bei allem Verständnis, genau den Weg einer Serienmörderin nachvollzieht, wo es mit Gewalt gegen Tieren ja bekanntlich gerne mal beginnt.

„Wenn sie ihre Frau töten, tun sie nur etwas, was ihr ohnehin widerfahren wird. Und sie würden andere Menschen vor ihr retten…Sie macht die Welt schlechter. Alle Menschen sterben, aber nicht alle müssen mit ansehen, wie jemand, den sie lieben., mit einer anderen Person zusammen ist. Sie hat den ersten Stein geworfen“.

Wie Lily zu diesen Überzeugungen kam, wie Ted sich immer mehr hineinarbeitet von der Idee zum konkreten Plan des Mordes, wie zwischen Lily und Ted etwas Neues entsteht, der Thriller funktioniert auf all diesen ebenen hervorragend. Spannung, das Eintauchen in eine so schlüssig und klar wirkende Gedankenwelt, die doch zutiefst erschreckt, die Frage, was Teds Frau überhaupt zu ihren Handlungen getrieben hat, die zunehmende Distanz, die Swanson treffend schildert und die in Ted mehr und Mehr Platz einnimmt, der Thriller ist von der ersten bis zur letzten Seite gut zu lesen, bietet überraschende Wendungen in sehr dichter Atmosphäre und gerade die Person der Lily wird dem Leser durch Swanson überaus anregend und in der Tiefe vor Augen geführt.

So entsteht eine emotionale Nähe in einem hin- und hergerissen sein zwischen Verständnis und Abscheu vor der kühlen „Mörderin“.

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Ninon und Hermann Hesse

Gisela Kleine
Flexibler Einband: 663 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 15.01.2017
ISBN 9783458361985
Genre: Biografien

Rezension:

Biographie einer wechselvolle, aber intensiven Ehe

„Nicht mit Dir und nicht ohne Dich“, das könnte man für lange Zeit als das äußere Motto, die Überschrift über die Ehe zwischen dem damals langsam berühmt werdenden und psychisch labilen, wechselhaften Schriftsteller und seiner durchaus starken, aber auch stark in sich und mit sich beschäftigten Ehefrau und Mutter seiner Kinder setzen.

„Zur Unterordnung des Lebens unter seine Kunst“, dazu war Hesse zumindest nach außen auftretend fest entschlossen. Wobei man, nicht nur nach der Lektüre dieser umfassenden Betrachtung des Ehelebens, eben auch konstatieren muss, dass Hesse teilweise einfach der Unfähigkeit, eigenen Impulsen zu widerstehen, damit eine Argumentation nach außen auch gegeben hat.

„Als Einsamer und Außenseiter“ lebte Hesse nicht nur, sondern stilisierte sich ebenso durchaus mit Leidenschaft. Was auch gegenüber seiner Frau durch Launenhaftigkeit und häufige Flucht (auch in Krankheiten) in Richtung „Kur in Italien“ sich bemerkbar machte und damit die Beziehung mehr und mehr mit unter Druck setzte.

Andererseits, der nach außen strikt beherrschte Hesse fand, wie auch seine Frau, im Privaten jenen Ort, und das arbeitet Kleine hervorragend heraus, ein Leben „jenseits von Rolle und Maske“.

Je mehr somit Kleine in das Private eindringt, desto klarer wird auch, wie sich damit die autobiographische Darstellung und vom biographischen Hintergrund und der wirklichen Lebensform löst.

Und darin war Ninon Hesse kein „Opfer“, auch wenn sie Opfer brachte, was vor allem ihre eigenen, für die damaligen Zeiten außerordentlichen beruflichen Möglichkeiten und Interessen anging. So fand Ninon Hesse keine Zeit, ihre Forschungsarbeit über die griechische Mythologie zu vollenden, hat das ein oder andere Mal ihren Missmut über die Unterordnung unter Herrmann Hesses „Qualen“ geäußert, hat aber dennoch mit sich im Reinen das „hilfsbereite Mittragen des Lebens“ des Schriftstellers bis hin zur „Türwächterin“ der späten Jahre für sich angenommen.

Eine grundlegende Verbindung und meist unausgesprochene Übereinkunft zwischen den Eheleuten, die Kleine akribisch herausarbeitet und fein erzählt vor die Augen des Lesers führt, der damit noch einmal aus anderer Perspektive als in den bisherigen Biographien Hesses in dessen privates Leben eintauchen kann.

„Er hasste den Betrieb, in dem er steckte“, so formuliert Ninon den Wendepunkt im gemeinsamen Leben, die Entscheidung Hesses, den „Brot und Butter Beruf“ zu verlassen. Mit den Folgen, zumindest in Teilen, die mangelnde Sicherheit und die persönliche Reizbarkeit auch körperlich (u.U. psychosomatisch) abzuarbeiten.

Wobei auch Ninon selbst verändernd auf ihren Mann wirkte, was Kleine anregend durch Querverbindungen zum Werk (z.B. der Bedeutungswandel der „Schlange“ bei Hesse) zumindest in interessanten Thesen belegt. Erfahrungen aus der Partnerschaft und Ehe, die sich im Spätwerk dann stark niedergeschlagen wiederfinden.

Chronologisch legt Kleine diese Ehegeschichte gut lesbar vor und bietet lebendige Eindrücke in das Alltagsleben und die Wirkung des gemeinsamen Lebens in beider persönliche Prägungen und Ausrichtungen hinein. Und dokumentiert damit, wie sehr Ninon einerseits auf das Werk Hesses eingewirkt hat und wie sehr Hesse „lebensverändernd“ in Ninons Leben schon in frühen Jahren getreten ist.

Eine interessante Lektüre.

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Die vielen Leben des Jan Six

Geert Mak , Gregor Seferens , Andreas Ecke
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Siedler, 17.10.2016
ISBN 9783827500878
Genre: Biografien

Rezension:

Ein roter Faden durch die niederländische und europäische Geschichte

„Es hatte ein vornehmes Gesicht, dieses Haus“.

Und das erschöpft sich dann noch lange nicht im äußeren Eindruck, sondern in der gesamten Familiengeschichte, die Geert Mak in seinem neuesten Werk sehr lebendig zu erzählen vermag. Mit einem Schwerpunkt, wer will es verdenken, eben auf jenem „Jan Six“, den Rembrandt portraitierte (ein Werk höchster Güte und hohen Wertes, das sich bis zum heutigen Tag im Besitz der Familie befindet).

Eine Familie mit durchgehender Tradition, die in ihren dann später vielfältigen Linien nicht nur die Geschichte der Niederlande wie Fäden mit durchzogen, sondern auch über die Grenzen des Landes heraus Impulse und Einflüsse setzten.

„Six van Hillegom heißen sie offiziell, und die ältesten Söhne tragen – fast – alle den Namen Jan“. Zurückgehend auf das Jahr 1618 und den Stammvater Jan Six.

„Tuchfärber, Dichter, Kunstliebhaber, Bürgermeister der Stadt Amsterdam, ein Freund Rembrandts“.

Mit Zugang zur Familie und deren Archive bietet Mak bei seiner Nachzeichnug der Familiengeschichte und seiner detaillierten Schilderung des Stammvaters (und, vor allem, seiner Zeit) mit hoher Qualität der Sprache einen bildreichen, sehr flüssigen Einblick in eine vergangene Epoche und deren konkreter Wirkungsgeschichte. Beginnend in einer Zeit, in der die Niederlande weltweit Handelsbeziehungen knüpften, das Land, zumindest eine Vielzahl der Bürger und Händler, reich wurde. Eine Zeit aber auch, die eine Blüte der Kunst in den Niederlanden erlebte, die bis heute nachwirkt, teilweise nachbebt.

Elemente, die Mak hervorragend zu verknüpfen versteht, die dem Leser Kapitel für Kapitel empathisch hervorstechende Familienmitglieder nahebringen und einen überaus runden Eindruck am Ende der Lektüre dann hinterlassen.

Sei es das „Handwerk“ selbst, das zu Reichtum führte, seien es die großen Strömungen der Zeit (Aufklärung und Reformation), seien es die vielfach besonderen, nicht alltäglichen Lebensläufe, mitten hinein fühlt der Leser sich versetzt durch die Fähigkeit Maks, bis ins Detail hinein klar und verständlich zu schildern, weitgehend wie in Romanform Charaktere zu entfalten und Beziehungsgeflechte offen zu legen, derer es viele gab im Lauf der Jahre. Überaus vernetzt war und ist die Familie in den europäischen Wirtschafts- und Politikkreisen.

Und immer wieder lädt Mak sachkundig zu „Exkursionen“ ein, verweist auf die gesellschaftlichen Strömungen, den Wandel der Zeiten, die Anpassung der Familie einerseits, aber auch deren prägende Impulse auf so manch „aufkommende Mode“.

Gerade weil dabei Mak sich viel Zeit nimmt, dem Gründervater näher zu kommen ist natürlich das 17. Jahrhundert der große Schwerpunkt im Werk.

Eine ganz hervorragende Lektüre. Von der Wahl des „Objekts“ der Betrachtung her angefangen bis zur sprachlichen Gestaltung und der akribischen Recherche samt der Fähigkeit, geschichtliche Zusammenhänge flüssig und verständlich zu schildern.

So dass der Titel Programm ist. Im Blick auf die Vielfalt des Lebens des Jan Six in Person und im Blick auf den ausgeprägten Stammbaum der „Jan Six´s“, der vor Augen geführt wird.

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Kirche als Moralagentur?

Hans Joas
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei Kösel, 28.11.2016
ISBN 9783466371754
Genre: Sachbücher

Rezension:

Reflexion über das, was Kirche war, ist und demnächst (wieder) sein sollte

Aufmerksamkeit haben sie schon, die christlichen Kirchen. Und durchaus gefragt wären, sind sie, gerade in der aktuellen Diskussion, in der politische Kräfte auf die „Werte des christlichen Abendlandes“ rekurrieren.

Daneben aber ist ein stetiger Mitgliederschwund zu verzeichnen, Anfragen in Bezug auf Moral und Ethik (bei denen Joas ansetzt und hier kritisch und überaus berechtigte Fragen nach dem „Wesen der Kirche stellt“, die sich eben nicht in äußeren, moralischen Diskussionen erschöpfen sollte und sich eben nicht von außen auf diese eher „gesellschaftlich stützende“ Rolle festlegen lassen sollte. Und zudem ist zu beobachten, dass gerade die sozialen Einlassungen der großen Denominationen oft als schwammig, wenig konkret und damit wenig „handfest“ bewertet werden.

Was aber wäre ein „angemessenes Verständnis von Kirche in unserer Zeit“?

Dies setzt Joas als Kernfrage und schreitet den Horizont dieser Frage in ruhigem und sachlichem Tonfall knapp, aber durchaus differenziert ab.

Und das gerade auf dem Hintergrund der beschriebenen Spannung zwischen „keinen Sinn darin sehen, einer (Kirche) anzugehören)“ und der dennoch gewichtigen Rolle der Kirchen in den moralischen und politischen des öffentlichen Diskurses.

Im Kern baut Joas im Verlauf seiner Darlegungen auf eine „Synthese zwischen Theologie und Sozialwissenschaften“, die von Theologen wie Ernst Troeltsch bereits vor Jahrzehnten angedacht und zu je ihrer Zeit formuliert wurden.

„Ein unversalistisches Ideal auf Dauer“ stellen zu können, das ist, was nicht nur seit alters her konziliar festgesetzt und im apostolischen Glaubensbekenntnis sprachlich in Form gegossen wurde, sondern was es, immer wieder neu für die konkrete Zeit, wiederzuentdecken und auszuformulieren gilt. Ohne dabei in eine „jenseitige Innerlichkeit“ zu verfallen, sondern jenes Ideal konkret in die Lebenswirklichkeit je hinein zu „übersetzen“.

„…kann die Botschaft des christlichen Glaubens nur durch eine neue Sprache und eine mutige Elementarisierung seiner Botschaft neu artikuliert werden“. Um sich eben nicht in die (unlebendige und gut formbare) Rolle einer situierten „Moral-Agentur“ freiwillig und bequem einzurichten oder sich passiv in dieses Drängen zu lassen und damit Instrument gesellschaftlicher Strömungen und politischer Absichten zu werden oder zu bleiben.

Weg somit gilt es aus „ewigen Nachhutgefechten“ und hin zu einem offenen, mutigen, neuen Erkennen, Erzählen und Umsetzen des „universalistischen Ideals“ von der diesseitigen und jenseitigen Erlösung und Freiheit des Menschen, die von den „Mächten der Welt“ sich nicht den Lebensrahmen bestimmen lässt, sondern in Kooperation mit dieser immer wieder neue Wege in Gemeinschaft zu suchen hat.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Planet Magnon

Leif Randt
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 12.01.2017
ISBN 9783462049534
Genre: Romane

Rezension:

Schöne neue Welt ohne Aufbegehren

Wie mag das sein, wenn ein hochintelligentes und selbstlernendes Computersystem, entfernt vom möglichen Zugriff durch „die Massen“, irgendwo im Sonnensystem schwebend, die wesentlichen Entscheidungen für die Gesellschaften in diesem Sonnensystem trifft?

Entscheidungen aber, und darauf legt Rand (und die Bewohner das Systems) Wert, nicht „aus sich heraus“ geschehen, sondern in hoch komplexen Algorithmen die „Strömungen“ und „Wünsche“ der Menschen im System erfassen und darauf die Entscheidungen begründet?

In einer Gesellschaft, die letztlich doch am Meisten nur mehr mit sich selbst beschäftigt ist, die sich in Kollektiven organisiert (wobei die Ausrichtungen und Prägungen dieser Kollektive von Rand so geschickt gesetzt werden, dass letztlich individuelle „Persönlichkeitstypen“ hochstilisiert als umfassende Gruppe erscheinen).

Seien es die „Dolfin“, die auf Sachlichkeit, Neutralität und innere Erfahrungen, gerne auch durch Meditation („Celius“) und Drogenexperimente („Magnon“) setzten, sich vor allem aber nur selbst beobachten. Oder die „Fuel“, die sich die Zeit mit Safaris oder Kartenspielen vertrieben, sich mit wertvollen Handtaschen und gut genährten Körpern zeigen, darin aber meinen, die „Welt für die Jungen“ zu bauen. Oder doch das „Ideal-Kollektiv“, das das Individuum eher auflösen wollte und die „gemeinsame Idee“ über alles setzte?

Wie antike Philosophen Schulen, wie vielfach die Menschen in der Gegenwart, mit sich beschäftigt, sich beobachtend, sich und das eigene Kollektiv, natürlich, an die Spitze der Nahrungskette setzend. Was alles wie ein harmloses Spiel wirkt, mitsamt der allgegenwärtigen „E-Zigaretten“. Harmlos, ungefährlich, in sich verwoben, nur mit sich beschäftigt, ohne großes Interesse am „großen Ganzen“, denn dafür gibt es ja „AS“ (ActualSanity), jenes Computersystem, das für alle im Sonnensystem die Rahmenbedingen des Lebens definiert.

Alles schön friedlich, alles mit vielem, aber nichts wirklich Wichtigem beschäftigt, alles an Vielem, aber nicht wirklich an irgendetwas mit ganzer Kraft und ganzer Person interessiert und beteiligt.

Nicht aber, so scheint es, gilt dies für den „Müll-Planeten“ des Systems und dessen Kollektiv „Hank“.

Hier wird selbständig gedacht, einfach nicht gehört, rebelliert. Oder gehört dies auch zum „großen Plan“ der AS, ein Gegengewicht zuzulassen, das als Warnung gelten könnte?

Bravurös, kühl, sachlich, mit wunderbarer Sprache setzt Randt diese, vielleicht schon nahe, Utopie der „technischen Gesellschaft“, die ihren überbordenden und mit wenig zu kontrollierenden Leidenschaften gefüllten Individualismus zugunsten eines „behüteten“ Lebens aufgegeben hat und, an der Seite des Lesers mit zunehmend mulmigen Gefühlen, sich kaum mehr fragt (aber fragen und anfragen lassen muss, eigentlich), wofür überhaupt noch gelebt wird. Wenn alles gleichmütig hingenommen wird, kaum etwas wirklich verbindlich erscheint (selbst die Revolution nicht), wofür lohnt das Leben dann noch, wenn nur noch eine überaus unfruchtbar erscheinende „innerliche Selbstverwirklichung“ mehr schlecht als recht die Zeit füllt.
Bis die alten, und doch hier neuen Ideen, die alte, tiefsitzende Sehnsucht nach Freiheit, nach Irrationalität, auch nach dem Recht auf „Dummheiten“ wieder im Raum steht.

Eine überraschende, oft passend unkonkrete, teils erschreckende, teils anregende Lektüre, die das Lesen überaus lohnt angesichts einer „Spaßgesellschaft“ in der das nächste Handy deutlich wichtiger erscheint als die mögliche Entwicklung der gesamten Gesellschaft.

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79 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

toskana, thriller, hamburg, sabine thiesler, freunde

Nachts in meinem Haus

Sabine Thiesler
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.01.2017
ISBN 9783453269699
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Flüssig und unterhaltsam, aber überkonstruiert

Rasant beginnt der neue Thriller von Sabine Thiesler. Als Tom Simon, Kunstmaler mit durchaus Erfolg und, wie der Leser später erfahren wird (und warum), an sich finanziell überaus unabhängig, seine Frau zum Flughafen bringt, die für eine Woche auswärts Arbeit zu erledigen hat.

Und umgehend danach sein Handy zückt. Bei aller Liebe zu seiner Frau (die durchaus ernsthaft vorhanden ist), da steht noch etwas anderes, Erfreuliches für ihn im Raum.

Doch der Abend und die Nacht werden sich in einer Art und Weise entwickeln, die das gesamte Leben des impulsiven Mannes völlig aus der Bahn werfen wird. Als er im Schlafzimmer bei einem Stromausfall Geräusche aus dem Erdgeschoss hört und, später, fluchtartig Hamburg verlassen muss, um unerkannt in einem kleinen toskanischen Dorf Zuflucht zu suchen.

Ein starker Anfang im Übrigen, nach dem das Werk aber im Lauf der Lektüre doch mehrfach in den Personen selbst und in den diversen Erzählfäden zerfastert.

Im festen Vertrauen auf seinen Anwalt und besten Freund. Dumm nur, dass Tom einer ist, der zunächst an die Befriedigung seiner impulsiven Interessen und Gelüste denkt. Immer schon und in jeder Situation und sich erst nachher Gedanken um die Wichtigkeit und den Wert von Freundschaften machen wird.

Wobei Thiesler diese „menschlichen Abgründe“ beredt und lebendig zu schildern versteht, so dass der Leser die Personen überaus plastisch vor Augen hat während der Lektüre, andererseits allerdings viele Erzählfäden mit hineinbringt und auch eine gewisse unlogische Sprunghaftigkeit im Handeln der Personen, die teilweise eher verwirrend denn in sich schlüssig vorliegt. Zumindest ereignet sich nicht selten ein extreme Schwanken zwischen einer klaren Planung und dann massivem Zurückschrecken oder umgekehrt. Zweifler werden zu „kalten“ Tätern, kühl Berechnende zu Mimosen, um dann doch mit ganzem Gewicht sich auf den Körper einer unschuldigen, vom Leben eigentlich schon genug gestraften Frau zu werfen.

Was zudem die Einschübe von „Schicksalsberichten“ eines italienischen Carabinieri mit seinen ausführlich erläuterten Eheproblemen genau im Buch soll, was eine „Verfluchung“ austrägt, die zwar irgendwie zum Tragen kommt, aber letztlich keinen „Grusel“ und keine vordergründige Rolle spielen wird, das erschließt sich im Lauf der Lektüre nur kaum.

So verbleibt einerseits eine Abfolge von teils unglaubwürdigen, teils realistisch und temporeich geschilderten Abläufen, eine flüssige und anregende Erzählform, mit der aber ziemlich dick an Dramen (eine Prostituierte, die aus dem Leben „fällt“, eine tödliche Erkrankung im Freundeskreis, ein Leben als „Nachtschattengewächs“, eine deprimierend zunächst endende Ehe und eine ebenso deprimierend dann endende Liaison, ein Straßenmusiker, der wie gerufen kommt und, zufällig, alle Voraussetzungen mitbringt, die man in dieser Geschichte als „Opfer“ braucht und so manches mehr, was einen zwiespältigen Eindruck am Ende der Lektüre hinterlässt.

Erzählfäden, die zwar gut erzählt, aber inhaltlich nicht nötig sind und Konstruktionen in den vielfachen Wendungen, die zwar immer wieder für neue Ansätze sorgen, in sich aber teils doch arg unglaubwürdig vorliegen.

Alles in allem eine flüssige Unterhaltung, aber nicht unbedingt mehr und hier und da auch mit verwirrenden Entfaltungen und merkwürdigen Einschüben. 

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308 Bibliotheken, 17 Leser, 0 Gruppen, 65 Rezensionen

thriller, flucht, liebe, mord, usa

The Chemist – Die Spezialistin

Stephenie Meyer , Andrea Fischer , Marieke Heimburger
Fester Einband: 624 Seiten
Erschienen bei FISCHER Scherz, 08.11.2016
ISBN 9783651025509
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Spannend, treffend, mit Humor und überwiegend gut zu lesen

Nach Vampiren und Werwölfen setzt Stephanie Meyers nun mit „The Chemist“ auch ein dickes Ausrufezeichen unter ihre Qualitäten als Thriller-Autorin.

Wobei vor allem die drei Hauptpersonen, Alex (oder Julian oder wie auch immer), chemische „Verhörspezialistin“ eines Nachrichtendienstes und seit Langem auf der Flucht vor eben demselben, Daniel (unbescholten) und Kevin (sehr bescholten) bestens Getroffen sind und in ihrem Zusammenspiel und den vielen, sehr lebendigen, bildreichen und ironisch-komischen Dialogen für hervorragende Elemente einer „Buddy-Komödie“ sorgen.

Wobei Meyers mit ihrem bestens geschulten Sinn für Timing den Thriller nie in eine Komödie ausarten lässt, sondern es ebenso versteht, an den richtigen Stellen, hart, mörderisch und blutüberströmt werden zu können.

„Jetzt überlegte Hector sicherlich, wie viel Zeit maximal vergehen dürfte, wenn man einen Finger wieder annähen wollte (Casey-Alex-Julian mussten ja nun auch zeigen, dass sie es ernst meint). Ohne kleinen Finger würde er leben können, aber er brauchte seine Hände….Sie würde die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens unterstreichen müssen“.

Allein schon die Idee, eine hochrangige Wissenschaftlerin in ihrem „Bett“ (Badewanne mit aufgezogener Gasmaske) einzuführen, die verschiedenen Substanzen der „Gift-Mischerin“ jeweils realistisch zu erläutern und deren filigrane „Verpackungen“ nicht unerwähnt zu lassen, zieht den Leser augenblicklich in den Bann.

Und eigentlich ist diese „Casey“ (der Name ändert sich nicht nur einmal, je nach „Deckung und Tarnidentität“, welche die Frau öfter wechselt) in diesem Leben gut dabei. Auf der Flucht, immer einen Blick nach hinten, schon drei Mordanschläge hat sie überlegt (die auf sie angesetzten Killer nicht).

Doch nun könnte sich eine Chance ergeben, Licht in das Dunkle dieser, ihrer Verfolgung zu bringen. Der Dienst bedarf dringend noch einmal ihrer Dienste. Und ist bereit, ihr Leben und Freiheit dafür in Aussicht zu stellen. Wobei Casey von Beginn an misstrauisch ist und das, soviel darf verraten werden, zu Recht.

Denn das Zielobjekt für ihr neues Verhör, mit dem sie sich Sicherheit und Freiheit vielleicht sichern könnte, entpuppt sich als eine ganz andere „Mogelpackung“, als sie es he für möglich gehalten hätte.

Als dann noch der Dritte im Bund, Ex-CIA Agent Kevin (und ebenfalls auf der „Abschussliste“) auftaucht, ergibt sich eine wunderbare Reibung mit diesem, welche die Atmosphäre im Buch ebenso bereichert und abrundet, wie die „tierischen Partner“, die zu dem kämpferischen Trio treten werden.

Wehrmutstropfen in die bis dahin hervorragende Lektüre setzen dann die (das kann Meyer wohl nicht lassen), „romantischen Gefilde“, die tatsächlich am ehesten mit dem „treuen Hundeblick“ und dem „Hinterher-Scharwenzeln“ eines der Männer in Bezug auf „die Chemikerin“ einfach teils zu platt wirkt und zu viel Raum einnimmt.

Davon abgesehen aber spielen sich alle zunächst Beteiligten und jene, die später hinzutreten, locker und munter die Bälle zu, harte Szenen durchbrechen mit Tempo die lockeren Passagen, Action bindet Meyers genau in richtigem Maße ein und selbst der Epilog mit der völligen Verwirrung eines „Koch-Reality-Show“ Redakteurs passt dann noch wie die Faust aufs Auge.

Das alles sehr bildreich, differenziert und überaus flüssig formuliert, ergibt insgesamt eine unterhaltsame Lektüre und die nächste Reihe von Bestsellern, die Meyers wohl mit diesem Werk auf den Weg gebracht hat. Denn auch wenn das Ende „beendet“ wirkt, wer weiß, ob nicht neue Aufträge auf die „Chemikerin“ demnächst noch warten werden.
Das alles sehr bildreich, differenziert und überaus flüssig formuliert, ergibt insgesamt eine hervorragende Lektüre und die nächste Reihe von Bestsellern, die Meyers wohl mit diesem Werk auf den Weg gebracht hat. Denn auch wenn das Ende „beendet“ wirkt, wer weiß, ob nicht neue Aufträge auf die „Chemikerin“ demnächst noch warten werden.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Der Bienenmann

Elias Mattay
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag Taschenbuch, 12.01.2017
ISBN 9783833310843
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Eher ruhiger, psychologischer Krimi mit dennoch harten Szenen

Das der Autor im „Zivilleben“ Psychologe ist, das merkt man diesem neuen Kriminalroman von Mattay durchgehend an.

Jeder der handelnden Personen ist entweder direkt zu Beginn oder zumindest im Lauf der Geschichte in die Tiefe gehend dargestellt. Wobei Mattay dabei nicht unbedingt die Form der „Erläuterung“ verfolgt, sondern durch die Ereignisse und deren Hintergründe selbst seinen Personen Fleisch verleiht.

Sei es Baer, der alternde Kommissar, der sich kaum noch wirklich aufraffen kann und dessen Belastung und Hilflosigkeit im Leben an Szenen mit seiner Ehefrau (durch einen Schlaganfall stark mitgenommen und auch in ihrer Person verändert) oder auch in diesem ganz einfachen Versuch, im Haus für Ruhe zu sorgen dem Leser umgehend nahekommt. Dass dieser Endfünziger aber auch anders kann, das ist zu erleben, wenn er sich in den Fall hineinarbeitet und auch an den unruhigen Gefühlen einer Kollegin gegenüber. “Da geht was“, ahnt man als Leser, oder ginge zumindest.

Oder Jana Seitz, Kollegin aus einem anderen Regierungsbezirk, die Baer bei diesem überregionalen Fall begegnet. Sowohl was die kluge Eigenständigkeit der Frau angeht, wie auch ihre persönlichen „Verstrickungen“ im Dienst, Mattay schildert mit leichter Hand und dennoch nachdrücklich.

Was bei den Ermittlern nicht aufhört, sondern auch den oder die Täter miteinschließt. Wobei selbst die in der Natur lebende, lange Zeit namenlose Frau dabei Interesse beim Leser erwecken wird

Wobei Mattay schon mit der Eröffnungsszene des Romans ebenfalls dokumentiert, dass er vor der Schilderung brutaler Hörte auch unter Beteiligung eines Kindes nicht zurückschreckt (das zeigt sich an manch anderen Stellen im Krimi durchaus noch hier und da nachhaltig).

Ein Kind, das entführt wird. Von einem „Imker“, einem „Bienenmann“, so der Name, dem die Ermittler ihm geben, denn der Täter (oder Täterin) taucht im Imker-Schutzanzug auf und schlägt gnadenlos und blutig zu. In dieser Reichen-Idylle am See.

Wobei der Roman insgesamt kein sonderlich schnelles Tempo an den Tag legt, sondern sich oft in einzelnen Situationen breit auslässt und damit auch für Längen sorgt, die nicht unbedingt nötig gewesen wären. Die überraschenden Wendungen zum Schluss werden ebenfalls in einer eher langsamen Form in den Raum gesetzt, Spannung im eigentlichen Sinne, bis auf die ein oder andere detaillierte Schilderung eines Tatvorganges, kommt da über weite Strecken bis zum Ende hin nicht auf. Wobei es die allerletzten Zeilen dann doch noch einmal gewaltig ins ich haben und viele sauf den Kopf stellen, was der Leser vorher hätte denken können.

Alles in allem für Freunde des psychologischen Kriminalromans eine durchaus anregende Lektüre, die in verschiedenen Teilen aber auch sehr langsam ihren Weg nimmt.

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7 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

heyne, tom clancy, thriller, mark greaney

Mit aller Gewalt

Tom Clancy , Mark Greaney , Michael Bayer , Karlheinz Dürr
Fester Einband: 768 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.01.2017
ISBN 9783453270978
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Flüssig und mit Tempo

Nicht erst seit dem Tod Tom Clanceys und der teilweise wenig bewegenden „Verwertung“ des „Clancy-Kosmos“ durch andere Schriftsteller schien doch ein wenig die Luft heraus zu sein aus dem althergebrachten, „ewigen“ Ost-West Konflikt, den Clancy lange Jahre immer wieder und immer noch in den Mittelpunkt gerückt hatte. Trotz allen Endes des kalten Krieges.

Da erscheint dieser neue Thriller aus der Feder von Mark Greaney wie eine Frischzellenkur.

Zum einen bietet Greaney eine sehr flüssige Erzählweise, folgt dabei durchaus noch den Vorgaben Clancys, was dessen teilweise penible Beschreibung von technischen Details und Waffen angeht, nimmt hier jedoch ein stückweit die Ausführlichkeit in der Beschreibung zurück, was sich umgehend auf das Erzähltempo positiv niederschlägt. Greaney nutzt zudem vielfach Action Elemente (Stiche von hinten in die Lunge, Verfolgungsjagten auf Motorrädern) und bietet damit durchaus spannende Sequenzen und Szenen, die man gerne liest.

Und zum anderen bietet Nordkorea in diesem klassisch angelegten Agenten- und Spionagethriller eine durchaus realistische Blaupause für eine zunehmende, auch atomare Bedrohung. Denn was wäre wenn eintreten würde, was der Roman suggeriert, dass dieses isolierte, mit harter Hand (auch im Buch) geführte Land zu wirklichem Reichtum gelangen würde? Und das nordkoreanische Agenten mit aller Härte vorgehen und bis ins Innerste überzeugt von ihrer „Mission“ sind, das klingt plausibel und kommt im Buch gut immer wieder auf den Punkt.

Gepaart mit vertrauten Figuren um Präsident Jack Ryan, seinen Sohn Jack Ryan Junior und die Agenten vom „Campus“ setzt der Thriller zudem mit frischen Dialogen und einem hohen Wiedererkennungswert an alten, erfolgreichen Zeiten an und wechselt immer wieder die Perspektiven der Erzählung, so dass der Leser von allen Seiten her mitten drin im Geschehen ist.

In dem eine ernste Bedrohung heraufzieht durch eben jene möglichen Erträge aus einem besonderen Rohstoff, den die Führung Nordkoreas schnell und effizient auf den Weg bringen will. Um endlich die eigenen Träume von echter Macht und offensivem Vorgehen gegen den „Feind“ an allen Orten voranzutreiben.

Wobei schon der Beginn der Ereignisse, angesiedelt in Saigon, klarstellt, dass mit aller Härte von allen Seiten vorgegangen wird, und eine ganze Reihe ehemaliger „Profis“ aus den Geheimdiensten verschiedener Länder sich nun „privat“ verdingen, aber nichts von ihrer Ausbildung verlernt haben.

Sicher gilt, wie immer bei Clancy Thrillern, dass der Leser das klare Freund-Feind Bild und die ebenso klare Unterscheidung in „Gut und Böse“ vorauszusetzen hat, um gut unterhalten zu werden (auch wenn ebenfalls schon zu Beginn zumindest einen der Beteiligten das Gewissen drückt. Mit drastischen Folgen).

Alles in allem ein solider, klarer Thriller, der im Stil nahe an die alten Bestseller heranreicht und für eine durchaus anregende Unterhaltung sorgt.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Shakespeare und seine Welt

Günter Jürgensmeier
Fester Einband: 816 Seiten
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 13.10.2016
ISBN 9783869711188
Genre: Sonstiges

Rezension:

Voluminös, mit erfrischend anderem Ansatz

Dass man zur Lektüre dieses Werkes mindestens einen Schreibtisch, stilecht vielleicht ein Stehpult benutzen sollte (Tisch ist auf jeden Fall ein Muss), liegt nicht nur am voluminösen Äußeren dieses in der Form und im Inhalt umfangreichen Werkes, sondern korrespondiert auch in inhaltlicher Weise mit dem Werk.

Denn so, wie man es schlichtweg nebenbei auf der Couch oder im Bett schon rein lesetechnisch kaum nutzen kann, so sind auch die vielfachen Inhalte weniger als aneinandergereihte Lektüre gedacht, sondern immer eher als ein Einarbeiten in ein konkretes Thema, eine Zeitströmung, konkrete Personen, die in und um die Person und das Werk Shakespeares von wichtiger Bedeutung sind.

Im Überblick versammelt das Werk, nach eigener Aussage vollständig, die wichtigsten Quellwerke Shakespeares für die Handlungen seiner Stücke. Dabei wurden vom Herausgeber nur „sichere und von allen Forschern anerkannte Texte aufgenommen worden“.

Lexikalisch im Folgenden, nach einer ausführlichen und gut zu lesenden Einführung in das Leben und Werk Shakespeares, bündelt das Werk thematisch (in chronologischer Reihenfolge) den jeweiligen Stücken zugehörige Quellen in übersichtlichen und dennoch nicht zu knapp gehaltenen Beiträgen.

Von den „beiden Veronesern“ über „Richard III.“ hin zu „Die Komödie der Irrungen“.
Von „Romeo und Julia hin zu „Julius Cäsar“ oder, später, „Sir Thomas More“ oder das Wintermärchen.
Ergänzt durch Exkurse zu „Entwicklung und Zustand“ von Theater und Bühne unter Elisabeth I. und Jakob I. oder einem Gesamteindruck der Atmosphäre und „Lebensweise“ im London des 16. Jahrhunderts.

Die Betrachtung jedes Werkes enthält dabei zunächst eine kurze Einführung in Entstehung und Thematik, bevor die Quellen im Einzelnen ruhig und fundiert dargelegt und ihr Einfluss auf das jeweilige Stück besprochen werden.

Bei Quellen, die Shakespeare mehrfach genutzt hat, werden diese im Zuge des Stückes erläutert, auf welches die entsprechende Quelle den höchsten Einfluss genommen hat. So vermeiden sich Doppelungen oder vielfache Wiederholungen, eine Konzentration, die der Lektüre guttut.

Denn neben der Beschreibung und weiteren Informationen über die entsprechenden Quellen ist es natürlich durchaus ein Nebeneffekt dieses Werkes, einen umfassenden Überblick über die Stücke Shakespeares zu erhalten. Komplett im Werk versammelt, bieten alleine die Einführungen im Gesamten einen guten und in der Form hervorragend zu lesenden Gesamtblick auf das Werk des Autors.

Das, am Rande, die Arbeitsweise Shakespeares immer wieder ein Thema ist, dass ebenso deutlich wird, wie „Einflüsse der Zeit“ Spuren im Werk hinterlassen haben, ist dabei ebenso interessant und informativ, wie die fast 500 Illustrationen durch Abbildungen.

Vielfach werden die Quellen dabei umfassend zitiert, so dass sich im Gesamten ein sehr lebendiger Stil entfaltete, dem man als Leser gerne folgt und am Ende sehr informiert zurückgelassen wird.

Für jeden, der ein Interesse an Shakespeare besitzt, bietet dieses Werk eine hervorragende Ergänzung zu Biographien oder Werkschauen und ermöglicht einen durchaus einfachen Zugang zur Welt Shakespeares, der den Autor im Fokus schärft, indem die Verarbeitung dessen, was er selbst wahrnahm und vorfand auch einen interessanten Blick auf Shakespeare selbst darstellt.

Eine Lektüre, die auch für den interessierten Laien bestens geeignet ist.

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27 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

barclay

Lügennacht

Linwood Barclay , Silvia Visintini
Flexibler Einband: 560 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.12.2016
ISBN 9783426518694
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Hinter den Kulissen der Familien

Eines ergibt sich fast umgehend im Lauf des ersten Teils der Lektüre: Familien sind für Barclay selten das, was sie scheinen und, vor allem, in so mancherlei Hinsicht auch Orte belastender Emotionen. Und vor allem, diese Gemeinschaften sind in drängender Gefahr. An sich und ganz konkret im Thriller.

Und das nicht nur bei jenen Protagonisten, die verwitwet ihrer Wege gehen müssen.

Gruppensex in versteckten Räumen, Gier über das eigene Ehebett hinaus, Familien, die nur noch den Anschein machen, eine Einheit zu sein, Egozentriker, die an allen Ecken und Enden nur das Ihre sehen und suchen.

Und das nicht nur im Blick auf diesen furchtbaren Unfall (oder Anschlag?), der im Autokino vor sich geht und unter anderem Adam mit seiner aktuellen Frau (einmal verwitwet war er schon, einmal geschieden zudem, nur als Großvater hat er prächtig funktioniert) im alten, geliebten Jaguar erschlägt.

Nein, auch am örtlichen College gab es einen Todesfall. Der Sicherheitschef hat einen vermeintlichen „Vergewaltiger“ in eine Falle gelockt und erschossen. Und zudem hat die Angestellte im Waschsalon, Sam, noch ganz eigene Probleme mit ihren Schwiegereltern. Den Eltern ihres Mannes, der wegen eines Banküberfalls im Gefängnis sitzt. Jene Eltern, die nichts unversucht lassen (und schon gar nichts Kriminelles), um den Enkel, Sams Sohn, für sich zu gewinnen (oder zumindest, wortwörtlich, zu vereinnahmen).

Klar, dass der Ich-Erzähler des Werkes (der im Reigen der wechselnden Perspektiven eine Art roten Faden im Buch darstellt), ebenfalls von einer familiären Tragödie gezeichnet, als Privatermittler alle Hände voll zu tun bekommt, als er von Adams Tochter in delikater Mission zunächst beauftragt wird, sich aber bald in das Gewirr der Handlungsstränge und die verschiedenen Ereignisse mit hineinbegibt.

So kreuzen sich Carl Weavers Wege mit dem Sicherheitschef des Colleges, mit dem Polizisten Duckworth (der wiederum den Anschlag im Kino untersucht, aber auch Querverbindungen alter Fälle noch auf dem Radar hat) und mit so manchen Beteiligten des kleinen Ortes, der vor krimineller Energie fast zu bersten scheint. Manche Bewohner sind nämlich zu allen aktuellen Ereignissen noch beschäftigt mit einem Kindsraub und dem Mord an einem jungen Mädchen vor 22 Zeugen, die nicht eingegriffen hatten.

Ob da die 23 toten, aufgehängten Eichhörnchen eine Rolle spielen, wenn die Zahl 23 an vielen Orten auftauchen wird (um 23 Uhr 23 brach die Leinwand zusammen, der ermordete „Vielleicht-Vergewaltiger“ trug ein Sweatshirt mit der Zahl „23“ aufgedruckt und, und, und…). Aber warum waren das nur 22 Zeugen? Oder fehlt da einer?

Vielfach sind die ineinander verwobenen Handlungsstränge im Thriller, lange wird es dauern, bis der Leser ahnt, dass es sich nicht um völlig voneinander getrennte Ereignisse handelt. Und verwirrend ist es schon zu Anfang, auch nur eingermaßen den Überblick über die kleinen und großen Ereignisse und die vielfachen Personen zu behalten, die sich munter die Tür in die Hand geben.

Dennoch liest sich der Thriller sehr flüssig, was vor allem auf Barclays Talent zu klaren, direkten und anregenden Gestaltung der Personen beruht.

Vom edlen Journalisten, der in gegen sein Naturell zu arbeiten hat, um Geld zu verdienen über den schmierigen Lokalpolitiker bis zum freundliche, aber zähen Ermittler und vielfache, prägnante andere Figuren (samt ihrer familiären „Kreuz“, die zu tragen sind), bietet Barclay bei hohem Tempo, nicht immer realistische (vor allem in dieser Ballung) wirkenden Vorfällen und langsam steigender Spannung anregende Unterhaltung.

Und mit einem überraschenden und harten Ende, das einen echten „Happy End Gedanken“ nicht aufkommen lassen wird.

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Geschmack

Bob Holmes , Ursula Held , Helmut Dierlamm
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Riemann, 19.12.2016
ISBN 9783570501900
Genre: Sachbücher

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Neuentdeckung eines Sinnes

„Die Beschäftigung mit unserem Geschmackssinn bringt viele, nützliche Erkenntnisse, von denen aber bisher kaum jemand weiß“.

Das heißt, letztlich wissen im unbewussten Sinne eigentlich alle Menschen davon, deren Geschmackssinn nicht krankhaft gestört ist, denn die Arbeit mir Aromen, das Schmecken an Dingen, das Essen, das intuitive Erfassen dessen, was „gut zusammenpasst“, also schmeckt und was eben nicht sind ja grundlegende Fähigkeiten des Sinnes, die beim Kochen, beim Testen unbekannter (und möglicher Gefahren-) Stoffe und an vielen anderen Stellen im Leben begegnet.

Warum nun aber genau salzige Nüsse zum Bier passen (Salz aber auch zum Broccoli oder zur Grapefruit) und warum geübte Köcher oft und meistens etwas „vom Gegenteil“ mit hinzugeben, was es mit einer „Blumenkohl Bloody-Marys auf sich hat, das alles und noch viel mehr erschließt sich dem interessierten Leser durch die Lektüre dieses neuen Werkes von Bob Holmes.

„Für die meisten von uns bleibt der Geschmack von etwas ein unbestimmtes, wenig durchdrungendes Konzept“.

Was aber eben für manche, z.B. für Spitzenköche oder hervorragende Weinhersteller oder Someliers nicht gilt. Und es diesen deshalb gelingt, den „Gaumen“ so vieler so gut zu verwöhnen. Kombinationen von Aromen, eine Analyse der Geschmacksstoffe, die Holmes im leichten Ton, sehr verständlich, überzeugend und für so manches Aha-Erlebnis sorgende Art und Weise vorlegt.

Indem er das komplexe Zusammenspiel von Aroma, Geruch, Anblick und, auch das stimmt, durch diese hervorgerufene „innere Erwartungen“ an vielen Beispielen im Einzelnen beschreibt und so dem, was so gut wie alle Schmecken, aus dem meist Unbewussten heraus klare Worte verleiht.

Und erläutert zudem wie nebenbei die Wichtigkeit des Geschmacksinnes für das Überleben der Spezies Mensch. Denn zu erkennen, was essbar ist war und was nicht, was verdorben oder gar giftig und was gesund und nützlich ist, das ist nicht nur ein Ergebnis eines reinen Trial- und Error Verfahrens mit bedauerlichen Opfern als „Vor-Koster“.

Dies gilt nicht rundweg für alles, aber doch für vieles, was einem „vorgesetzt“ wird und die Beschäftigung mit dem, warum das so ist lässt den Leser durchaus einiges an Geschmäckern neu und anders erkennen, zumindest wissen, warum nun gesalzene Nüsse und Bier ein so rundes Aroma ergeben (und viele andere Konstellationen, die Holmes aufzeigt) und andere Konstellationen eben eher abschreckend wirken (und das bei vielen zu Recht, wie im Buch auch zu lesen ist).

Klar ist, dass der Mensch die einzige Spezies ist, die ihr Essen würzt und damit nicht nur den Geschmack ergänzt oder verstärkt, sondern auch wohltuende Effekte zu erzeugen verseht.

Was im Übrigen auch auf anderer Ebene einer der Effekte ist, die das Buch hervorruft. Zu Wissen, dass Fett zwar ein Geschmacksträger ist, dies aber andere Geschmäcker überlagert und sich eine Zuwendung zu der Vielfalt von Aromen gerade durch häufigeren Verzicht auf Fett nicht nur für den Geschmack, sondern auch für die Lebenserwartung lohnt, ist eine zusätzliche Motivation für die Lektüre des Buches. Denn am schwierigsten zu unterscheiden du zu vermeiden sind j Geschmäcker, die sich zunächst wohltuend im Mund breitmachen, aber auf Dauer eben ihre teils Schädlichkeit darunter zu verbergen verstehen. Ein analysierender Geschmackstest eines fetten Hamburgerbrötchens und eine bewusstes „Nach-Schmecken“ desselben kann da schon einiges in Bewegung bringen, wenn man nach der Lektüre des Buches eben weiß, worauf genau man beim „Er-Schmecken“ zu achten hat.

Und man hat auch verstanden, warum es gewollt und gut ist, das vielfach bei Medizin (wo die Dosis das Gift macht), der Geschmack eher abschreckend gestaltet ist. Um eben nicht zu viel davon zu wollen.

Denn letztendlich ist es die eigentliche Funktion des Geschmackssinnes, zu entscheiden, ob man etwas „essen will“ und „essen sollte“. Wasa Holmes immer wieder mir ins Feld führt, wenn er das Zusammenspiel von Aromen, Gewürzen und Eigengeschmack von Lebensmitteln (und anderen Dingen) in Ruhe erläutert.

Eine anregende und kompetente Lektüre.

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Jens Sembdner
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Gütersloher Verlagshaus, 24.10.2016
ISBN 9783579086514
Genre: Sachbücher

Rezension:

Sehr persönliche innere Reise

„Warum legst Du Dein Innerstes blank, warum willst Du Deine Vergangenheit und Deine Gegenwart nicht schützten“?

Das waren die, durchaus zunächst berechtigten, Anfragen von Freunden und Bekannten an Jens Sembdner, dessen persönliches Schicksal, das Tragen Müssen des Freitodes seiner Frau, sicherlich eine intime, private, schon mit sich alleine schwer genug zu tragende Tragödie darstellt.

Doch die Lektüre dieses sehr offenen, sehr ehrlichen und, in vielen Teilen, sehr berührenden Buches zeigt auf, das Sembdner gut daran getan hat, sein Ergehen und die vielen Gedanken und daraus folgenden inneren Entwicklungen mit gehörigem Abstand noch einmal Revue passieren zu lassen.

Weniger sicher für ihn und seine eigene Verarbeitung, viel eher für den interessierten Leser.

Dass Klagen erlaubt ist, die Hände ohnmächtig sich zu Fäusten ballen, das lange nicht verstanden werden kann, was da und warum passiert ist, gerade in dieser noch tiefer als der Tod eines geliebten Menschen eh schon treffenden Art und Weise, das kann Betroffenen und einfach auch offenen Lesers tatsächlich andere, neue Perspektiven vermitteln. Nicht nur Lebensperspektiven „innerweltlich“, sondern auch und gerade was den persönlichen, religiösen Glauben angeht.

Unprätentiös, in einfacher Sprache, aber sehr treffend und auf den Punkt gebracht lässt sich in dieser dargestellten inneren Entwicklung berührend nachlesen, das eben mit vielen inneren Wendungen am Ende eine „rote Linie“ entsteht, die tatsächlich „gegen den Augenschein“ bürstet. Statt Gott für tot“ zu erklären ob dessen, was ihm „unverdient“ widerfahren ist, beschreibt Sembdner einen höchst lebendigen, andersartigen Glaubensweg, der in keiner Weise kitschig daherkommt, sondern eine spürbare Tiefe erreicht.

„Mein Ausflug in die Kirche hatte mich für eine ganze Weile geerdet, doch geradlinig verlief mein Weg leider nicht, die Momente der Verzweiflung kamen wieder. Die große Last ruhte weiter auf meinen Schultern“.

Es ist eben so, so sehr sich Sembdner auch bemüht, ins Leben irgendwann zurückzufinden, zu arbeiten, nach 25 Jahren mit dem Fußball wieder anzufangen, „der Wald steht schwarz und schweiget“, Ticks, innere Zwänge tauchen auf, Fragen über Fragen türmen sich und bleiben noch lange im Hintergrund präsent. Was Sembdner mit Eindrücklichkeit zu erzählen versteht und dabei auch das hier und da provozierte Kopfschütteln des Lesers weder scheut noch abwehrt.

Und ebenso wird es kritischen Lesern nicht leichtfallen, die langsame Gesundung ebenso wie Sembdner, dem Glauben zuzuschreiben.

Aber es gilt, was in Sempbdners Leben geschehen ist und was der Leser unvoreingenommen auch an sich heranlassen könnte.

„Der Glaube versetzt Berge“. Nicht nur bei schwer krebskranken Bekannten im Buch, sondern auch bei Sembdner selbst. Ein Glaube, den der Autor lebendig werden lässt, den er sehr persönlich schildert und dessen Kraft im Buch an seiner Person zum Vorschein kommt.

Wobei die eigentliche Kernbotschaft des Buches darin besteht, das es überlebenswichtig ist, „einen Antrieb zu finden, auch wirklich loszumarschieren und uns nicht in der Düsternis häuslich einzurichten“.

Ein offenes, lesenswertes Buch über die Verarbeitung eines schweren Schlages im Leben und eine Form modernen Glaubensbekenntnisses, das den Leser nicht unberührt lässt.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Helfen

Tillmann Bendikowski
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 14.11.2016
ISBN 9783570103135
Genre: Sachbücher

Rezension:

Vom „Willkommen“ zum Grundsätzlichen

Auch wenn Kritik durchaus ihre Berechtigung hat, auch wenn man sich über die Entscheidung, im Jahre 2015 die Grenzen für den Flüchtlingsstrom aus dem Nahen Osten zu öffnen streiten darf und kann und auch wenn das Wort „Gutmensch“ (bedauerlicherweise, denn über Jahrhunderte hinweg war es eine tragende, innere, gesellschaftliche Norm und „Klebekraft“, ein „guter Mensch zu werden“) inzwischen mit Attitüden belegt wurde, unbestritten ist die große Bereitschaft der deutschen Bevölkerung, vom Eintreffen der Flüchtlinge an zu helfen, sich einzubringen, zu spenden, zu unterstützen.

Eine solch massive, ehrenamtliche Bewegung, ein solches Einbringen als „Pate“, als einfacher Helfer vor Ort, als „Deutschlehrer/in)“ und vieles mehr (und das nicht nur durch Spende und Geld, sondern durch ein leibhaftiges mit Anpacken an allen möglichen Orten) ist wohl bis dato einmalig als Hilfeleistung im 21. Jahrhundert.

Als hätte ein Land in einer großen Zahl von Menschen nur darauf gewartet, mit eigenen Händen sich hilfreich engagieren zu können.

Was aber ist dieses „solidarische“? Was bewegt Menschen, auf Kosten zumindest eigener Unbequemlichkeiten, anderen unterstützend Hilfe zu leisten? Freizeit zu opfern, teils in andere Länder zu gehen, um dort Ersthilfe zu leisten? Sich für „Fremde“ ein stückweit zumindest aus der eigenen Komfortzone heraus zu bewegen und damit ja nicht nur für Sympathie zu sorgen, sondern auch Anfeindungen für die eigene Person in Kauf zu nehmen?

Ein Thema, das an der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 offenkundig wurde, das aber letztlich zur „Grundausstattung“ des Menschen gehört. Wie der Mensch einander tiefste Grausamkeiten anzutun in der Lage ist, so gibt es auch den Gegenpol, die uneigennützige, teils auf eigene Kosten gehende Hilfestellung.

Was im Buch dann allerdings teils eher assoziativ denn strukturiert geordnet und soziologisch reflektiert daherkommt. Und in den einzelnen Themen (die Familie als „Hilfs-Bund“, das Christentum als Religion mit Aufforderung zur „Barmherzigkeit“ bis hin zur Entwicklung des Sozialstaates auf der Basis dieser gesellschaftlichen und religiösen Werte) nicht unbedingt neu ist.

Dennoch, gut zu lesen sind die vielen praktischen Beispiele von „helfenden Menschen“ und deren Erläuterungen, warum ihnen dies wichtig ist und gut ist auch, dass Bendikowski kritischen Fragen wie jener nach dem „Helfersyndrom“ (bei dem der Helfer für sich mehr Gewinn aus der Hilfestellung herauszuziehen scheint als der, dem geholfen wird) nicht aus dem Weg geht und auch den Zusammenhang zwischen „Hilfe und Herrschaft“ (der, der „zugeben hat“, hat auch sofort die „obere Position“ gegenüber dem „Bedürftigen“) nicht außen vor lässt.

Und durchaus wichtig ist die letzte Frage, die Bendikowski im Buch aufwirft und die im Kern die politischen Gegensätze des Momentes sehr grundsätzlich widerspiegelt.

„In welchem Land wir leben wollen“. Protektionistisch und auf sich bezogen oder tatsächlich auf Basis jener vielberedeten „abendländischen Werte, denn „die christliche Helfertradition hat Europa tief geprägt“, das ist wahr und wird nur zu gerne vergessen, wenn eher aus der Romantik stammende Werte des Nationalismus wieder in den Mittelpunkt gerückt werden.
Eine Lektüre, die weniger als Fachbuch zu verstehen ist, sondern als “reflektierte“ Erlebnisberichte und die in Teilen zu sehr einfach aneinandergereiht wirkt. Mit dennoch wichtig zu lesenden Verweisen auf das, was eine Gesellschaft von „sozialen Wesen“ einerseits zusammenhalten kann und anderseits im Zusammenhalt gefährdet.

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99 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 57 Rezensionen

thriller, hamburg, mord, bernhard aichner, totenrausch

Totenrausch

Bernhard Aichner
Fester Einband: 380 Seiten
Erschienen bei btb, 09.01.2017
ISBN 9783442756377
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:



Schon in den Vorgängerromanen ist es Aichinger gelungen, mit seinem ganz eigenen, assoziativen Stil, dem Leser seine Bestatterin mit „besonderem Hintergrund“, Brünhilde Blum, eng ans Herz zu legen.

Eine Frau, die kämpft. Die eine Mission hatte. Rache an den Mördern ihres Mannes. Und die für sich und ihre Kinder am Ende des zweiten Bandes einen hohen Preis gezahlt hat. Als Mörderin gesucht, im Sarg geflohen und nun, zunächst, am äußersten Ende Norwegens gelandet.

Eine Atempause nur, denn als der Sommer vergeht, die Touristen nicht mehr kommen, fällt sie auf. Sehr auf. Und ihre Kinder, die wollen, die können da nicht auf Dauer bleiben. So macht sich Blum, trotz aller Gefahr und ohne ihre langjährigen Vertrauten und in ihre besonderen Umstände eingeweihten Menschen (die Todesanzeige ihres Schwiegervaters kann sie nur per Zeitung wahrnehmen, ihr enger Vertrauter Reza sitzt, statt ihrer, im Gefängnis) auf, zurück nach Deutschland zu kommen.

„Und wieder sind sie unterwegs. Vor wenigen Monaten sind sie erst angekommen, jetzt gehen sie wieder…keine Dunkelheit, die wehtut, keine Kinder, die schreien…..“.

Und gerät umgehend vom Regen in die Traufe. Denn die Kontaktadresse, die sie von einem wohlmeinenden Fernfahrer erhält, führt sie zwar zu einer ersten Möglichkeit, unterzuschlüpfen, bringt sie aber auch umgehend in Kontakt mit der Rotlichtgröße Egon Schiele. Der sich kümmert, aber dafür einen hohen Preis erwarten wird. Einer, der nicht locker lässt, wenn er seine Zähne erst einmal in einen anderen, vornehmlich attraktive Frauen, hineingeschlagen hat. Einer, der keine Grenzen kennt, wenn es um seine Interessen geht. Und einer, der Blum sowohl als Frau wie auch als erfahrene „Töterin“ zu nutzen gedenkt. Auf seine harte, langsame, unerbittliche Art und Weise.

„Der gute Wille eines Zuhälters ist nun ihre letzte Hoffnung“. Und ihre Nemesis, wie sich zeigen wird.

„Ganz nah ist es, das Eisen, das aus dem Feuer genommen wird. Ihre Angst, die sie versucht, zu kontrollieren“.

So gerät Blume, nun nur aus anderen Umständen heraus, wiederum in einen Teufelskreis von Mord und Bedrängung, der zumindest einen Unschuldigen sein Leben kosten wird. Der aber auch die ganze Härte einer Mutter und einer durchsetzungsstarken Frau wieder ans Licht bringen wird.

Temporeich, teils mit fast Satzfetzen statt ganzen Sätzen, mit dunklen Dialogen und einer emotionalen Näher zu seiner Hauptperson, die den Leser insgesamt von Beginn an fast spielend wieder in den Bann zieht. Wobei sich Aichinger nicht scheut, brutale Gewalt, hartes Erleben und gnadenloses Vorgehen an den entsprechenden Stellen im Thriller massiv in den Raum zu setzen und somit den Leser nicht zur Ruhe kommen zu lassen.

Ein hervorragender Thriller und passender Abschluss der Trilogie.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Die Flut des Feuers

Amitav Ghosh , Barbara Heller , Rudolf Hermstein
Fester Einband: 720 Seiten
Erschienen bei Blessing, 14.11.2016
ISBN 9783896673619
Genre: Historische Romane

Rezension:

Farbenprächtiger Abschluss der Asien-Trilogie

Die Kolonialauseinandersetzungen zwischen England und China, gipfelnd im „Opium-Krieg“ ab 1839 stellt Ghosh in den Mittelpunkt des Abschlusses seiner Asien-Trilogie.

Und verknüpft und seinem geradlinigen, durchaus an entsprechenden Stellen aber auch bildgewaltigen Stil wie gewohnt das Ergehen konkreter Personen mit den Historischen Ereignissen.

Kesri Singh, einheimischer Offizier im britischen Indien Chors, später Kommandant der berühmten „Pachisi“ hat eine Familientradition zu wahren.

Zachary hat einen Prozess zu überstehen (gut gelungen ist hier das umgehende Eintauchen in Sprache und Atmosphäre jener Zeit durch „Zitate“ aus Zeitungsberichterstattungen über diesen Prozess) und findet sich, entlastet, in finanzieller Not wieder. Was ihn dazu bewegt, eine Schiffsrestauration in Angriff zu nehmen, was wiederum Ghosh beste Gelegenheit gibt, das alttägliche Leben in den Kolonien und jener Zeit unangestrengt zu schildern.

Shirin Moddie wurde von jetzt auf gleich in ihrem gewohnten, vertrauten Familienleben erschüttert. Ihr Mann verstorben an fremdem Ort. Was besondere Brisanz dadurch erhält, dass dieser sein Geld mit Opium Handel „verdiente“ und nun das Familieneinkommen in Gefahr steht. Wenn Shirin nicht selber handelt (was wiederum für Ghosh der nächste Ankerpunkt im Buch ist, um nun die näheren Umstände des Opium Handels jener Zeit und den Beginn der offenen Reibungen um diesen Handel erzählerisch zu verankern).

Und später stößt (bekannt aus den beiden Vorgängerromanen) noch Nil Rattan Halder zum Kreis der handelnden Figuren mit ihrem miteinander verwobenen Schicksalsmuster.

So steht jeder der auftretenden Hauptpersonen für einen zentralen Aspekt jener Zeit und im Gesamten ergibt sich ein vielfaches Puzzle aus Kolonialherrschaft, einheimischem Leben, dunklen Geschäften und offenem Krieg, dem all diese Personen ab einem gewissen Punkt im Buch entgegensegeln und die Schicksale sich verknüpfen und kulminieren.

Wie auch die immer stärkere Annektion und „Besiedlung“ Hongkongs durch die Briten in ihren Anfängen geschildert wird und die noch fast unberührte und spärlich bewohnte Halbinsel mit in den Blick rückt.

Vielfach entfalten sich Erzählfäden und ebenso vielfach tauchen, um die Hauptpersonen herum, andere Personen auf, manche kurz, manche länger, manche immer wieder. Was, trotz des klaren Stils und des Verzichts auf vielfache Ausschweifungen dem „roten Faden“ im Buch nicht immer gut zu Gesichte steht. Manches Mal verzettelt sich Ghosh einfach (und der Leser mit ihm) und verweilt zu lange an Orten und Ereignissen, die wenig für den Gesamtverlauf des Werkes austragen.

Konzentriert dann aber verbleibt Ghosh, „als es endlich losgeht“ bei den Schilderungen des Kriegsverlaufes selbst und bietet vielfache detaillierte und gut recherchierte Fakten auf, die den Leser mitten hinein nehmen in die vielfachen Strömungen und Wendungen der Kämpfe, das wechselhafte Ergehen der Personen und die Kämpfe und Schlachten selbst, an denen Ghosh eine wahre Freude offenbart. Was manchmal zu ausufernd im Raum dann steht.

Insgesamt ein farbenprächtiger, historischer Roman, der an manchen Stellen übererzählt wirkt und den Leser nicht immer vollständig packt.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Das unmögliche Exil

George Prochnik , Andreas Wirthensohn
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Beck, C H, 19.09.2016
ISBN 9783406697562
Genre: Biografien

Rezension:

Georg Prochnik – Das unmögliche Exil

Corporated Identity für den Untergang einer Epoche und Geisteshaltung

Viel wird Prochnik aus „Die Welt von Gestern“ zitieren. Und ebenso eng wird er seinem Protagonisten, Stefan Zweig auf den Spuren bleiben dort, in Petropolis, in seinem letzten Exil. Wo sich Zweig einerseits wohlgefühlt zu haben scheint, behauptet er zumindest.

Wo aber andererseits zu erkennen sein wird, wie das ist, wenn einem Schriftsteller, einem „Sprachkünstler“ seine vertraute Umgebung, seine „Heimat“, ja, auch seine Sprache (zumindest im direkten Umfeld“ „genommen wird“.

Und wie sich dies auch am äußeren Erscheinungsbild Zweigs niederschlagen wird. Der „Dandy“, der sein Leben lang auf Ästhetik Wert legte, der Autographen sammelte, dem das Kaffeehaus zweite Heimat war (die erste war der geistige Horizont der humanistischen Ideen, des Gesprächs, des intensiven Austausches mit so gut wie allen Geistesgrößen seiner Zeit) ist gar nicht so selten ein stückweit „zerknittert“ anzutreffen. Im Kaffeehaus gegenüber dem Domizil, versteht sich.

Ein Exil, das bereits früher begann, in dem der Aufenthalt in dieser trostlosen Ecke New Yorks ebenso von Bedeutung für die beginnenden Depressionen des Autors von nicht geringer Bedeutung sein wird. Auch diesen Ort nimmt Prochnik in den Blick, auch persönlich, und ermöglicht dem Leser durch vielfache, fotografische Illustrationen auch Eindrücke aus „erster Hand“ zu den Lebensumständen Zweigs seit seinem erzwungenen Weggang aus Salzburg.

Mehr aber noch enthalten diese Betrachtungen, über die Person Zweigs hinausgehend. Denn in dieser Person, von Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit an, stand und steht Stefan Zweig für den Gedanken des kosmopolitischen, die „Rettung der Welt“ durch die Kunst, durch das Gebäude der Ideen und, vor allem, durch das „Miteinander“ über nationale Grenzten hinweg der „Nation der kreativen Künstler“.

Der Wettstreit in der Schule um das „schönste Gedicht“, die Portraits, die Zweig veröffentlichte über internationale Geistesgrößen, die Übersetzungen, die er anfertigte, um das Werk von Freunden und geschätzten „Kollegen“ in Deutschland bekannt zu machen. Voller Hoffnung, vermögend und mit gediegenem Lebensstil lebte Zweig die Jahre bis 1933. Eine feste Überzeugung des „Miteinanders“ hat ihn getragen und daher ist der Titel aus seiner Sicht bestens gewählt, den er seinen Memoiren gab, „Die Welt von Gestern“.

Zerrüttet im Chaos des dritten Reiches, in seinen Augen auf immer verloren. Er selbst im Anblick einer langen, langen Wartezeit an Jahren in der Fremde, durch die militärischen Erfolge des dritten Reiches und die Kunde von der gnadenlosen Ausrottung „artfremden Seins“ entmutigt bis fast zur Verzweiflung.

Momente, die Prochnik eindrucksvoll darstellt, denen er mit Empathie detailliert nachgeht. Weil es auch ihm eben nicht nur um die einzelne Person geht (was im Buch natürlich seinen Platz findet und schon spannend genug zu lesen isst), sondern auch im das, was „die Welt der Welt, der Mensch dem Menschen“ angetan hat. Und das gerade auf der Basis einer intellektuellen Schicht, die nach dem ersten Weltkrieg sich fest und sicher in der „gefestigten und festen Kunst“ verankert glaubte.

So ergibt die Lektüre dieser Beschreibungen des Exils, ergänzt durch eine Reihe sehr persönlicher Anmerkungen des Autors, in denen er seine Verwobenheit in dieses Zeitgeschehen und das besondere Erleben des „Exils“ dem Leser ebenfalls zur Verfügung stellt, eine sehr zum Nachdenken anregende Lektüre.

Bis hin zur genauen Schilderung des Freitodes des Ehepaars Zweig, das vor allem im Blick auf die junge Ehefrau überaus dramatisch dem Buch seinen Abschluss geben wird.

So dass deutlich wird, Zweig war nicht nur geographisch und räumlich „am Ende der Welt“, nicht nur sprachlich „aus seiner Welt“, sondern auch in seinen festen Überzeugungen und seiner ideologischen Ausrichtung auf Ästhetik, Humanismus und Kunst „am Ende der Welt“, wie er sie kannte, angelangt.

Gerade in der Gegenwart, in der vieles von dem, was ebenfalls als fest und gesichert geglaubt wurde an Frieden und Freiheit und internationaler Verflechtung wieder ins Wanken gerät.

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

korruption, spannung, fußball

Die falsche Neun

Philip Kerr , Hannes Meyer , Simone Jakob
Flexibler Einband: 367 Seiten
Erschienen bei Tropen, 29.10.2016
ISBN 9783608502190
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Gut, aber leicht abfallend den Vorgängern gegenüber

Der legere, lockere, ironische Tonfall hat sich erhalten, die Lust und Liebe zum Fußball und die fundierten Kenntnisse über die „Szene“ ebenfalls.

Scott Manson, aktuell Trainer a.D., ist wieder in Sachen Fußball unterwegs. Konkret im Auftrag von PSG und dem FC Barcelona, denen ein Spieler „abhanden“ gekommen ist.

Somit liegt der Schwerpunkt des neuen Romans um Scott Manson deutlich mehr und überwiegend auf den „detektivischen“ Fähigkeiten des raubeinigen ehemaligen Fußballprofis, frisch entlassenen Trainers und Frauenverehrers. Mit ausgedehnten Ausflügen natürlich noch in die aktuelle Situation des Fußballs (zu wenig Romantik, zu wenig Liebe zum Ball, zu viel Geld im Spiel), die Betrachtung von Funktionären (negativ, und daher kommt da noch was auf Manson zu) und Frauen im Geschäft (weitaus positiver, wenn auch nicht ganz überzeugt).

Dass es um eine „falsche Neun“ im doppelten und dreifachen Sinne gehen wird, was es mit der aufstrebenden (und mit Geld um sich werfenden) chinesischen Fußballliga auf sich hat und wie falsch die „Neun“ Jerome Dumas von PSG ein wirklich falsches Spiel betreibt, das wird in einer überaus überraschenden Wendung zum Schluss ein echter „Knaller“ im Thriller werden.

Wobei, leider, dem Buch ein wenig die Farbe der Vorgänger fehlt, in denen Kerr den Leser mitten hinein genommen hat in die Kabinen, die Ansprachen, das Leben „am Rand des Feldes“. Bezüge und eine intensive Atmosphäre, die in diesem neuen Roman leider ein stückweit zu kurz kommen (auch wenn Manson als Zuschauer in Barcelona noch einmal aus dem Vollen schöpfen kann).

So plätschert die Handlung doch über zu weite Strecken ein stückweit vor sich hin und sucht ihren Fokus eher im „Frauenverssteher“ Manson, der in dieser Beziehung durchaus in der Lage ist, alle Fünfe (immer) gerade sein zu lassen.

Trotz der dann exotischen Kulisse in der Karibik, wohin es Manson verschlägt und der immer wieder aufblitzenden, punktgenauen fußballerischen Beobachtungen und „Insider“ Geschichten im Buch hat dies einfach nicht durchgehend jene Spannung und Atmosphäre, die in den beiden ersten „Fällen“ des „ermittelnden Trainers“ eine runde Mischung ergeben haben.

Dennoch ist das Buch gut und flüssig zu lesen, bietet immer wieder Anlass zu zustimmendem Nicken (für die Fußballfans unter den Lesern) und hält solide Unterhaltung in legerer Sprachform bereit (bis dahin, dass Kerr sich selbst „ins Spiel“ bringt angesichts der ein oder anderen Spielerbiographie, die im Buch erwähnt werden). So bietet der Autor zumindest eine kleine Form der „Stellenanzeige“ mit im Ablauf der Geschichte, was sich im Zusammenhang durchaus passend liest. Bei all der erkennbaren Nähe und Liebe des Autors zum Spiel.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Der Krieg der Banken gegen die Welt

Michael Hudson , Stephan Gebauer , Thorsten Schmidt ,
Fester Einband: 670 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 12.11.2016
ISBN 9783608947489
Genre: Sachbücher

Rezension:

Fundamentale Informationen über eine fundamentale Bedrohung

Was gewinnt?

Die jahrhundertealte Sehnsucht nach Freiheit, die durch mannigfaltige Revolutionen und Kriege sich über Jahrhunderte hinweg in teilweise erbitterten Kämpfen zumindest in Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika herausgebildet hat?

Oder die nackte Gier, die Lust am Reichtum, der Macht verleiht (für eher wenige), das Einsetzen materieller Machtmittel vor allem im Sinne des Geldes für eine Oligarchie, für einen neuen Feudalismus oder wie immer man ein solches System benennen mag?

Kritische Stimmen zum „Raubtierkapitalismus“, kritische Stimmen zu den immer weiter sich aufblähenden Geldflutungen der Märkte und damit gegen ein „Hauptsache weiter so“ mehren sich. Nicht nur „gefühlt“ in den Gesellschaften des „freien Westens“ (woanders sowieso), sondern auch bei Fachleuten, bei Menschen, die es wissen müssten, in einer zunehmenden Zahl dem Kapitalismus gegenüber kritisch orientierter Veröffentlichungen.

Und Michael Hudson ist nicht „irgendwer“, der mal seine Meinung gedruckt sehen wollte.

Als Professor für Wirtschaft, Finanzanalyst und Berater von Schwergewichten an der Wall Street, als Verfasser von „Zurück in die Leibeigenschaft“, das damals fast schon prophetische Züge trug, legt er nun eine umfassende und sehr bedenkenswerte Analyse der aktuellen „Finanzwelt“, der Banken und Vermögensverwalter vor, das durchgehend überzeugend argumentiert und bei dessen Lektüre dem „Normalbürger“ nur Angst und Bange werden kann.

Nicht aus Lust an destruktiven „Unglücksprophezeiungen“, sondern mittels handfester und im Buch belegter Fakten, wie sich das Finanzwesen anschickt, die Macht in der Welt zu übernehmen und sich damit, ebenfalls bewusst und mit dem Insider erkennbaren Strategien, in einen Kampf, Hudson nennt es „Krieg“, gegen die Demokratie als solche begibt. Denn die zumindest theoretische Macht politischer Regulierungen, die immer lauter und energischer vorgetragene Kritik an den Grundlagen der „Spielregeln“ des Finanzsektors, all das stört die wie geschmiert laufende Maschinerie des „Geldmachens“.

Was im Übrigen, wie Hudson Seite für Seite aufweist, kein „Plan für die Zukunft“ ist, sondern nackte Realität. Die Finanzwelt hat das „Sagen“ übernommen. Die offene Frage bleibt nur, ob und wieweit effektiver Widerstand möglich ist.

Und dass dies alles „nicht neu“ ist, dass von Beginn der zivilisierten Kultur (und -Geld) Geschichte an die Einführung des „Kredites“ immer schon der Finanzseite eine ungleich höhere Machtstellung als sie „das Volk“ (oder mancher Monarch des späten Mittelalters) innehatte einnahm, da greift Hudson weit in die Kulturgeschichte der westlichen Gesellschaften zurück und bietet eine fundierte Grundlage für seine Folgerungen.

„Die alles verschlingende Macht der Zinseszinsen“ oder die klare Analyse, wie „das Eine Prozent die übrigen 99 Prozent in exponentiell wachsender Verschuldung hält“ sind hier beeindruckende Kapitel, in welchen die gesamte Grundlage des kapitalistischen Wirtschaftens aufgezeigt wird, mitsamt der von Beginn an vorherrschenden Tendenz, die „Regeln“ zu bestimmen und „die anderen“ (99 Prozent) eher als „Leibeigene“ zu halten denn als „mündige Bürger“. Wer finanziell abhängig ist, wer einen „Kredit“ aufgenommen hat, der ist verschuldet und damit dem, der das Geld gab, in gewisser Weise schon objektiv „untertan“.

Wie dann durch die momentan politisch hofierte „Sparpolitik“ dem allen weiter in die Hand gespielt wird, weil wiederum der „einfache Bürger“ zur Kasse gebeten und enteignet wird, wie Schuldenschnitte gezielt blockiert werden, um die Klammer der Schulden aufrecht zu erhalten, darüber gibt Hudson erschöpfend Auskunft.

Wobei Hudson durchaus Alternativen aufzeigt, die aber nun nicht mehr „vor einem Scheideweg“ liegen, sondern, da dieser bereits begangen wurde, unweigerlich in den Konflikt mit der Finanzindustrie führen werden müssen, sollte ein erfolgreiches Umschwenken möglich werden. Der von Hudson dringend geforderte „Schuldenschnitt“ ist da nur der erste Schritt eines überaus holprigen Weges mit dem Ziel, den Finanzsektor zu entkoppeln und als „Parasitär“ zu kennzeichnen.

Wobei vom theoretischen Ideengebäude her Hudson keine umwerfenden Neuerungen darlegt, sondern auch in Teilen schon lange bekanntes Wissen neu und wieder vermittelt. Was dennoch nicht unwichtig oder unwahr wäre, nur weil sich bisher daran nicht ausgerichtet wurde. Was wiederum Gründe hat, die in der exzessiven Lobbyarbeit der Finanzindustrie zu finden sind (und immer schon waren).

Eine Lektüre, die nicht einfach ist, die Mühe und Konzentration erfordert (trotz der in weiten Teilen lockeren Schreibweise Hudsons), die aber jede Seite lohnt.

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