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43 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 18 Rezensionen

zukunft, weibliche protagonistin, science-fiction, dystopie, gaming

Arena

Holly Jennings , Christine Blum
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.09.2017
ISBN 9783426520215
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Bisschen zu glatt

Virtuelle Gladiatorenkämpfer als „Aufwärmer“, virtuelle Kampfspiele mit dem Ziel der Eroberung des „gegnerischen Turms“ als Highlight der Liga der E-Spiele in naher Zukunft, das ist, was Kali´s Leben ausmacht, dass ist, worin sie gut ist. Überaus gut.

Eine nicht uninteressante Szenerie, die auch aus anderen Genre-Romanen der letzten Jahre, „Tribute von Panem“ oder auch „Maze Runner“ (in beiden allerdings als reales Erleben und nicht virtuell dargestellt) überaus bekannt und erfolgreich ist.

Wobei im Vergleich dieser Roman doch ein wenig abfällt und zu glatt gebügelt daherkommt.

Ein tragischer Tod, das baut Spannung zunächst auf, dann aber eine Art Liebesgeschichte (als „Medienwirksam“ zunächst nur gestellt) mit einem arroganten und hochnäsigen neuen Athleten und im Gesamten zu wenig Kämpfe (die zudem noch im Szenario kaum Abwechslung bieten), sondern mehr und mehr „Blicke hinter die Kulissen“ und Reflexionen über das eigene Tun, da tauchen doch spürbar auch Längen im Roman auf.

Gut gelungen ist, wieder einmal, wie in ähnlichen Werken, der entlarvende Blick auf die „Vermarktungsmaschinerie“ und einige der Nebenfiguren (der „Hauptgegner“ und die beiden Team-Kameradinnen mit dem „besonderen Verhältnis zueinander) stehen gelungen als Emotionsträger im Raum, wie auch die Hauptfigur, Kali, differenziert in ihren emotionalen „Wirrungen“ zwischen „sanft“ und „hart“ viele Andockpunkte für eine Identifizierung des Lesers bietet.

Insgesamt liest sich der Roman flüssig, reicht aber gerade in den Kampf-Szenarien nicht an andere Werke des Genres heran und auch in den Entwicklungen der Beziehungen sind die Ereignisse (bis auf ein. Zwei Ausnahmen) doch sehr vorhersehbar.

Eine anregende Unterhaltung „nebenbei“, weniger ein Page-Turner wie für Fans die „Tribute-Werke“ sie dargestellt haben mit ihrem vielschichtigen Universum.

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City Lights

Vincent Laforet
Fester Einband
Erschienen bei National Geographic Deutschland, 20.09.2017
ISBN 9783866906457
Genre: Sonstiges

Rezension:

Überwältigend und mit ganz eigener Perspektive versehen

Sechs weltbekannte (und herausragende) amerikanische Städte, je eine aus Deutschland, England, Spanien und Australien.

Multi-Metropolen, für die der einfache Begriff „Metropole“ je auf ihre eigene Art und Weise eigentlich zu kurz gegriffen ist (15 Millionen Einwohner in den verschiedensten Zusammenstellungen und in den verschiedensten architektonischen „Gebieten“ Londons, der „Moloch“ New York, das vielfach „noch Grüne“ aber rasend expandierende Berlin u.a.).

Metropolen, denen sich Vincent Laforet differenziert aus ganz ungewöhnlicher, doch überaus aussagekräftiger Weise her nähert und dabei dem Leser tatsächlich so noch nie gesehene, neue Eindrücke von diesen „Lebewesen“ anbietet. Großformatig deutlich über das gewohnte Maß von Bildbänden heraus zeigt dabei schon der äußere, haptische Eindruck, dass hier Besonderes wartet.

Die Fotografien, selbstverständlich, von höchste Qualität und im Spiel mit dem Einbrechen der Nacht und der Nacht selbst, in den Perspektiven je von „hoch oben“ erben sich visuelle Eindrücke, die Bild für Bild und Seite für Seite für ein langes Verweilen garantieren.

Denn Trotz der Form der Panoramafotografie bleiben Einzelheiten zu erkennen, lassen sich, mit genügend Zeit zur Betrachtung, charakteristische Punkte jeder Stadtlandschaft ins Auge nehmen. Eine wahre Freude im Ablauf von Licht und Dunkel, bei dem das „Dunkel“ durch den Menschen in diesen Metropolen natürlich taghell erleuchtet ist. Unten, auf den Straßen, nicht oben, von wo Laforet seine Fotografien setzt.

Und damit, nach einer Weile der Betrachtung, den Leser ebenso befähigt, aus der Art und des Umfangs der Beleuchtungen her, das „“Licht“ geographisch einordnen und zuordnen zu können.

„Fließendes Gold“, das setzt sich als Bild beim Betrachter fest, schaut er in tiefster Nacht wie ein Vogel auf den Hudson mit den zwei goldenen Brückenbändern und der ebenso golden beleuchteten Küstenlinie.

„Gold-Blaue-Geometrie“, das setzt Chicago dem Fotografen entgegen. Teils wie mit dem Lineal gezogen, endlos in den dunklen Horizont ausufernd, zeigen sich menschliche Stadtplanung und mystische Farben in bester Farbe kombiniert.

Was in der Nahaufnahme des sich langsam (vom Tag her abdunkelnd, von der Beleuchtung her) aufstrahlenden Los Angeles viele eher wie eine sorgsam gestaltete Modellandschaft aus Lego-Häusern zeigt, als dass hier ununterbrochen pulsierendes Leben ein Zuhause genommen hat.

Noch eintöniger in der strengen Geometrie und doch charaktervoll in der Beleuchtung, die strikt in hell und dunkel unterteilt und, wie Farbtupfen in dunkler Nacht, „Lichtseen“ in Wasserblau dem Betrachter darbietet, das Auge kann sich an diesem Werk gar nicht wirklich sattsehen.

„Wenn man, wie ich, Monate im All verbracht hat, erkennt man schon allein an der Anordnung der Lichter, welchen Teil der Welt mang gerade überfliegt“. So schreibt es Donald R. PEttit im Geleitwort und genauso gelingt es Laforet, diese einmaligen Eindrücke aus dem Hubschrauber heraus abzulichten.

Was Bildbände angeht, ist dies hier ohne Zweifel ein überragendes Meisterwerk.

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Waldwelten

Kilian Schönberger , Viktoria Urmersbach
Fester Einband
Erschienen bei Frederking & Thaler, 20.09.2017
ISBN 9783954162291
Genre: Sachbücher

Rezension:

Hervorragend

Der Wald, im Speziellen der Deutsche Wald, das ist seit Jahren Kilian Schönbergers Welt. Vielfältige Veröffentlichungen in Form von Bildbänden, aber auch Hörspiele mit „Geschichten am Lagerfeuer im Wald“ begleiten diese Leidenschaft des Autors.

Das vorliegende Werk kann man im Kanon dieser Veröffentlichungen nicht nur aufgrund des überbordenden Formates mit Fug und Recht als „Magnus Opus“ bezeichnen.

Jedes der großformatig vorliegenden Bilder trägt dabei ins ich die Kunst, eine „ganze Wald-Welt“ in sich zu tragen und lädt geradezu zu fast meditativem Versinken ein.

„Am schönsten zeigen sich Wälder meist dort, wo Wasser und Wald nah aufeinandertreffen“.

Die zum Text gehörende Landschaft nahe Berchtesgaden mit der kleinen Wasserfallstufe ist nur ein exemplarisches Beispiel im Bildband, wie perfekt fotografiert bis ins kleinste Detail (man beachte den kleinen Ast, der sich gerade anschickt, den Wasserfall hinunterzugleiten) umfassend die Atmosphäre vor Ort (je) von Schönberger eingefangen wird.

Zwei „Lebensadern“ des Planeten, Wasser und Wald, in perfekter Symbiose.

Sei es als „Seelenlandschaft und Sehnsuchtsort“ mit klaren Hinführungen zu einer Haltung der Achtsamkeit und zu einem „hinaus in die Natur“, sei es ein Blick auf den „Zukunftswald“ und dem faktisch ökologischen Wissen, den Weg „zurück zur Natur“ stark begehen zu müssen, soll die Welt überleben, seien es „Urwald“ oder „Kulturwald“, jedes Thema ist in Bild und Text sorgsam aufgebarbeitete und dennoch mit Zurückhaltung und Respekt dahingehend versehen, dass dem „Objekt“, dem Wald, Waldwiesen und Waldwundern in ihrer vielfachen Form, die Hauptrolle im Buch eindeutig zugewiesen wird.

Farbenspiel im Herbstlaub, die verschiedenen Grau- und Blautöne in Sumpflandschaften, das fast schwarz-weiß des klirrenden Frostes, die kleine „Herde“ von Pilzen im Umfeld der „Baumriesen“ auf satten, sanftem Moos gewachsen, der Wald ist eben auch ein Ort, an dem man sich „wohl behütet“ wiederfinden kann.

Dabei wechseln Panorama- und Fokus Blick des Fotografen, Weite und Konzentration auf die kleinen Feinheiten in den verschiedenen Waldgebieten abwechslungsreich und wohltuend einander ab. Nichts kommt zu kurz, nichts wirkt aufgedrängt.

Nacht, Tag, Tal, Berg, Jahreszeiten, mitten drin und vom Rande ausgesehen, man spürt dem Werk die liebevolle, sorgsame Gestaltung und die gedachte, umfassende Breite der Darstellung jederzeit ab. Bis hin zu diesem fast zaghaft anmutenden Zusammentreffen von Zivilisation und endlosem Wald auf der kleinen Rodungsinsel im Pfreimdtal.

Ein hervorragender Bildband, der in der Qualität und der inhaltlichen Gestaltung seinesgleichen sucht und lange nicht finden wird.

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Jenseits der Zeit

Hartmut Krinitz
Fester Einband
Erschienen bei Frederking & Thaler, 20.09.2017
ISBN 9783954162376
Genre: Sonstiges

Rezension:

Sichtbare Magie alter Kulte

„Die Chronik der Menschheit ist auch eine Geschichte ihrer mystischen Orte“.

Eine lange zurückreichende Zeitreise ist es damit, die Krinitz in diesem Bildband dokumentiert. Denn etwa ab der Zeit von 120.000 v.C. kann die Wissenschaft Spuren von Religionsausübung belegen. Natürlich aus jener Zeit nicht mehr mit dinglichen Objekten oder Bauten versehen, aber der Beginn einer kulturellen Linie, die sich in vielfachen geheimnisvollen Bauwerken und besonders gestalteten Orten dann später bis in die Gegenwart hinein Ausdruck verschafft.

Megalithische Steinsetzungen in Stonehenge, Avebury oder Carnac, Felsritzungen in Carnac, frühe Fels- und Höhlenmalereien wie in Altamira, besondere Orte in der Natur (auf denen nicht selten heute Kathedralen stehen) mit ebenso „heiligen Wegen“ (von denen z.. der „Jakobs-Weg“ ebenfalls in der Gegenwart noch aktuell „begangen“ wird), all dies großformatig und detailreich im Bildband versammelt und mit prägnanten Texten erläutert, vermitteln dem Betrachter dabei mehr als nur eine Ahnung von der „Heiligkeit“ vergangener Zeiten und dem Ausdruck, den diese vielfach fand.

Dabei spielen natürliche geographische Formationen (Granitfelsen im Riviere d´Argent) ebenso eine gewichtige Rolle für ganze Generationen der Vorfahren, wie ein Symbol wie der „Ring der frommen Wünsche“, dem Men-a-toi, von Menschenhand bearbeitet, geformt und aufgestellt.

Wege, Steine als Kultstätten, Zeichen dauerhaft in Stein verewigt, die Funktion des Lichtes bei der Anlegung von Gräbern oder „am Ende des Tunnels“ oder als „Wächter über das Land“, die Orte der „Stille“ (Einsiedeleien und Klöster) oder massive Bergspsitzen und Landspitzen als „magische Orte letzter Schritte“, unter diese Überschriften unterteilt Krinitz dabei seine beeindruckende Reise durch die mystische Geschichte der Menschheit und sorgt, neben der Ablichtung sattsam bekannter Orte immer wieder auch für „Aha-Erlebnisse“ in Bezug auf dem Leser weniger geläufiger Überlieferungen, stilisierter Orte und Zeichen.

Seien es „Steinmänner und Hexentänze“ oder „das Ende der Welt“, wo sich „Himmel und See“ miteinander Verbinden am Kap Finisterre.

Beeindruckend und informativ, in Teilen fast meditativ bietet der Bildband ein echtes, anregendes und tiefreichendes Erlebnis für den Betrachter.

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Bildung als Provokation

Konrad Paul Liessmann
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 25.09.2017
ISBN 9783552058248
Genre: Sachbücher

Rezension:

Bildung hat es nicht einfach……ist aber wichtig.

„Bildung kann mittlerweile als wohlfeiler Joker überall dort eingesetzt werden, wo andere Informationen oder Praktiken versagen. Wer Bildung sagt, hat immer recht“.

Wie aber immer, wenn ein Begriff zum „Sammelbecken“ wird, wenn Pädagogik, Erziehung und Unterricht, „Beschallung im Mutterleib“ oder die Integration von Migranten allesamt subsumiert werden unter den Begriff „Bildung“, dann wird alles unscharf und der Begriff nurmehr eine (zumindest leicht) „Hohle Phrase“.

Und, das zum Zweiten von Liessmann pointiert eingeführt, wo in der gesamten Diskussion um die Bildung bleibt eigentlich der (klassische) „Gebildete“?

„Nicht einmal am Horizont der Bildungsplanung und der Bildungsbiografien, die nun untersucht und beschrieben werden, taucht der Gebildete auf, und wir wüssten auch nicht, an welcher Stelle der offiziellen Bildungskarrieren er in Erscheinung treten sollte“.

Was, unter Umständen, ein Problem des „Systems“ an sich sein könnte. Das den klassischen, humanistischen Begriff des „gebildeten Menschen“ nahezu lautlos, aber effizient ersetzt hat durch den „funktionierenden“ Menschen, den „Fach-Arbeiter“, dass nahtlos sich einpassende und strikt auf die Bedürfnisse vor allem der Wirtschaft hin zugeschnitten „Produzenten und Konsumenten“. Da könnte es gut sein, dass der „Gebildete“ stört. Denn im traditionellen Sinne verstanden macht Bildung auch zum „Störenfried“, zu einem „Hinterfrager“ bestehender Umstände. Oder zu einem eher „stillen“ Menschen, der oder die in einer Welt der „Selbst-Vermarkter“ wenig in „laute“ Erscheinung tritt.

Insofern ist das Buch von Liessmann eine überaus interessante Spurensuche und (Wieder-) Schärfung des Begriffes „Bildung“, der einerseits in aller Munde (und damit sehr wichtig zu sein scheint), andererseits mehr und mehr eher nebulös im Raume schwebt.

„Weder sollen sich Menschen bilden noch sollen sie gebildet werden. Erfordert ist heute der Erwerb von „Kompetenzen““.

Wie konkret sich das niederschlägt, vermag Liessmann am einfachen Beispiel der „Fake-News“ bereits prägnant vor Augen zu führen.

„Dazu gehört ein fundiertes Wissen, dass es erlaubt, auch ohne Zensurbehörde die Fakten von den Fiktionen zu trennen“.

Und so stellt Liessmann die steil klingende These auf:
„Bildung, ernst gemeint, wäre heute eine Provokation“.

Was er nicht einfach im Raume stehen lässt, sondern fundiert argumentiert begründet, bevor er den konstruktiven Schwenk vollzieht, gerade in der Schnelligkeit, Funktionalität und Oberflächlichkeit der Zeit die „Sehnsucht nach fundiertem Wissen kritischer Reflexion…..und nach einer geschärften Urteilskraft“ wieder als Sehnsucht wachsen zu sehen.

Ein informatives, sehr zum Nachdenken anregendes Buch, das einen Teil gesellschaftlicher Kritik am Primat der „effektiven Funktion Mensch“ ebenso enthält, wie es die Sehnsucht nach Bildung im breiten Sinne und mehr Gelassenheit durch ebendiese Bildung bestärkt.

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Beethoven

Martin Geck
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Siedler, 22.09.2017
ISBN 9783827500861
Genre: Biografien

Rezension:

Andersartige, sehr interessante Herangehensweise zum Verständnis von Werk und Person

Eine klassische Biographie ist dies in keiner Weise. Ganz anders als gewohnt, aber nicht minder strukturiert (lässt man sich auf seine „Reise“ ein), nähert sich Martin Geck dem Genie Beethoven. Eher indirekt durch eine Vielzahl von Portraits anderer Personen.

Portraits, in denen aber immer wieder deutlich der Bezug zum Werk und zur Person Beethovens hergestellt wird. Als „Vorreiter Ihrer Zeit“ im guten wie schlechten (Napoleon, Rousseau Shakespeare, Wagner und Thomas Mann, um nur einige zu nennen) oder als „im Schatten sich bewegende Begleiter“ Beethovens (wie Franz Schubert oder Frans Liszt) oder als das Werk des Meisters aufnehmende, weitertragende Persönlichkeiten (Romain Rolland, Igor Strawinsky).

So ergibt sich ein während der Lektüre ein dichtes Bild eines eng verwobenen Netzes von Zeitgeschichte, konkreter Atmosphäre und der beherrschenden, großen Ideen der Zeit.

„Bei aller Ausdehnung hat das Beethoven-Universum ein Zentrum, nämlich die Werke“.

„Titanismus“ als Sehnsucht auch (siehe Napoleon politisch, Furtwängler musikalisch). „Festigkeit“ als Lebensthema nicht weniger denkender Menschen jener Zeit und auch für Beethoven von hoher Bedeutung (in der Tradition eines Bach, aber auch, in der frühen Gegenwart als Thema aufgenommen, von Beethoven beeinflusst und doch ganz eigene Wege findend, Glenn Gould. Mit seiner auch Distanz zu Beethoven, aber auch seiner Nähe in der Vielzahl der von ihm interpretierten Stücke).

Wie die Natur bei Beethoven Motiv wird und wie ein Leonard Bernstein als Komponist und Dirigent und ein Tintoretto als Maler dieses „Ur-Thema“ aufnehmen und damit in verschiedene Wechselwirkungen mit Beethovens Werk treten, das liest sich ebenso interessant in den Portraits dieser Personen, wie die „Tollheiten im Umfeld der Eroica“ und andere „bewegende Momente“ für Beethoven, von Beethoven und durch Beethoven.

Mehr und mehr taucht der Leser dabei, von allen Seiten herangeführt, zum Kern der Person Beethovens, seiner inneren Antriebe und seiner musikalischen Umsetzungen hin. Wozu der Reigen von „umfassenden Ideengebäuden der Zeit“ bis hin zum privaten Erlebnis gezogen wird.

So dass eine „exemplarische Schöpfung“, versuchsweise, auch einmal „zum Nabel der Welt“ erklärt werden kann.

„Ich will es….nachtun und auf den folgenden Seiten Beethovens Musik zum Nabel der Welt machen….weil es um eine zutiefst menschliche Schöpfung geht -mit allen Höhenflügen und Verzagtheiten, Kampfesgesten und Friedensbotschaften“.

Ein Anliegen, dass Geck bestens gelingt und gerade durch seine Art der „Annäherung“ von „außerhalb“, was dann zu einem „Innen“ sich zusammenliest, umfassend beim Leser ankommt.

Dadurch gelingt Geck in bester Weise, den Leser nicht nur intellektuell, sondern auch emotional und mit tieferen Verständnisebenen an Person und Werk heranzuführen, was am Ende einen sehr befriedigten Eindruck nach einer sehr anregenden Lektüre hinterlässt.

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Stil & Intuition

Susanne Helbach-Grosser , Jutta Hofmann
Flexibler Einband
Erschienen bei expert, 15.09.2017
ISBN 9783816934103
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ratgeber

Das Stil und Intuition zusammengehören, ist keine neue Erfindung. Von der Kleidung hin zu Accessoires wird vieles „aus dem Bauch heraus“ für gut gefunden und kombiniert und nur in seltenen Fällen greift der Mensch dabei völlig daneben. Und ebenso ist das, was man trägt und womit man sich umgibt auch in der Lage, das „Innere“ zu inspirieren und Intuitionen so deutlicher merkbar zu gestalten.

Als „Aufbruch in ein neues Leben“ ist der Anspruch des Buches zwar ein wenig zu marktschreierisch „hochgesetzt“, die eigene Person aber besser „zu fühlen“, mehr lernen, Intuitionen zu bemerken, ihnen Raum zu geben und darauf mehr zu vertrauen aber ist eine wichtige Kompetenz für das alltägliche Leben. Wie auf der anderen Seite im „Stil“ sich selbst deutlicher und mehr Ausdruck zu verleihen ebenfalls anstrebenswert ist.

Und ebenso ist die These der Autorinnen berechtigt, dass, hat der Mensch sich einmal in bestimmte Haltungen, Gewohnheiten, Lebensweisen „eingesessen“, diese zu oft ein Eigenleben entwickeln und äußere und innere Dynamik mehr und mehr „erschlaffen“.

Die „Hardware“ zu belassen, gar wieder zu entdecken und dabei der „Software“ (dem, wie wir mit unserer Person leben) aufzufrischen oder „neu zu programmieren“, das liest sich in diesem schmalen Band anregend und durchaus mit vielfachen interessanten Anregungen versehen.

Im Kern konzipiert als Ratgeber für den Beruf (als „frischer Kick“ für die Karriere“), geht es dennoch zunächst darum, sich um sich selbst wieder kümmern zu lernen, statt in „Projekten und Aufgaben“ allein zu versinken und dadurch mehr und mehr auch am (äußern) „Image“ zu feilen.

Mit dem „Kerninstrument“ der Intuition. Das im Buch zwar spielerisch geschildert wird und „anstregungslos“, was aber, das sei hier kritisch angemerkt, doch in „Arbeit“ ausarten wird und gar nicht anders kann. Denn bei allen intuitiven Ideen für die eigene Person, bei aller Bereitschaft, diesen Raum zu geben, Gewohnheiten und starre Gedankengebäude, über Jahre bis Jahrzehnte gewachsen, lassen sich nun mal einfach nur mit Mühe Schritt für Schritt in andere Richtungen bringen. Wohl aber ist den Autorinnen darin zuzustimmen, dass die Intuition selbst spielerischen Charakter besitzt und jede Menge anregende Ideen zu produzieren vermag. Gibt man ihr Raum und Gehör.

Die dann konkreten Hinweise (in Richtung des Wissens um die eigene und des Präsentierens derselben, der „Schokoladenseite“ oder die Einsicht, dass „weniger mehr ist“, Qualität immer vor Quantität stehen sollte, auch bei der Auswahl der Produkte, mit denen Menschen sich kleiden und die sie nutzen und viele andere mehr) sind keine Neuigkeiten und generieren auch keine Wunder an Persönlichkeitsveränderung.

Dies alles aber kompakt zusammengestellt in einem Werk vor sich zu sehen und Schritt für Schritt „von außen nach innen“ (von den materillen Produkten bis hin zu einer „frischen Haltung“) dargestellt zu lesen, inspiriert durchaus.

Sei es die bewusste Nutzung von Inspiration für frische Ideen bei der Arbeit und im Meeting, sei es der bewusste Umgang mit der eigenen Zeit, stilvoller Smalltalk, bis hin dazu, die eigenen Schwächen nicht immer die Regie übernehmen zu lassen, sondern diese schlichtweg auch „vergessen zu dürfen“, selbst eine „Anleitung für das Finden neuer Möglichkeiten, Geld zu verdienen in unsicheren Zeiten“ fehlt im Buch nicht. Dies alles aber liegt mehr in Stichworten, Assoziationen und methodischen Hilfen zur Selbsthilfe im Buch vor, als in klar strukturierten Plänen.

Dicht gedruckt, sauber geordnet, eher im Allgemeinen verbleibend, aber auch mit nicht wenigen Denkanstößen und Tipps versehen, kann die Lektüre den Leser durchaus auf andere Ideen und neue Wege führen. Den teilweise etwas „lauten“ und überbetont „lockeren“ Sprachstil muss man dabei ja nicht zu sehr beachten.

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Die blaue Gitarre

John Banville , Christa Schuenke
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2017
ISBN 9783462050257
Genre: Romane

Rezension:

Eloquente Sprachkunst

Ein wenig erschlagen bleibt man als Leser nach der Lektüre dieser Darstellung eines bigotten, sich selbst und andere ständig betrügendes und sich selbst alles irgendwie zurechtlegenden Lebens zurück.

Einerseits erfreut über die faszinierende Sprache Banvilles, der jede Regung, jedes Ereignis, jede Reflexion all dessen durch die Augen seiner (hoch unsympathischen und doch auch mit Hilflosigkeit versehenen und damit hier und da fast Mitleid erweckenden) Hauptfigur „OOO“,
„Oliver Orway Orme“ mit feinfühliger und hoher Differenzierung dem Leser, in die Tiefe reichend, vor Augen und ins Gemüt führt.

Andererseits nimmt die Lektüre den Leser mehr und mehr mit in den Ausflüchten, Spiegelungen, dem Wegweichen vor der eigenen Wahrheit, die Orme Seite um Seite zelebriert und damit einfach auch Längen in der Lektüre produziert. Die mehr des Erweises der eigenen Sprachkraft zu dienen scheinen, als dass sie die Geschichte nach vorne befördert.

Bestens getroffen aber ist, was sich selbst in den Kleinigkeiten als harsch verteidigte Eitelkeit niederschlägt. Selbst die eigene Signatur unter den eigenen Werken (Orme war Maler) wird so zu einem sprachlichen Fest einerseits und einem niederschmetternden Blick in eine eitle Seele, wenn Orme jeden Buchstaben erläutert und dabei, ohne es zu merken, nur ein überbordendes Heischen nach Applaus und Bewunderung, selbst für die Ästhetik seiner Unterschrift, lauthals einfordert.

„Was ich sagen will, ist Folgendes: Ich habe beschlossen, ich bin entschlossen, dem Sturm zu trotzen. Dem inneren Sturm“.

Was für Orme und das Buch Programm ist, was man aber auch als „die große Verfehlung“ des Mannes bezeichnen kann. Denn gerade dieses Trotzen all dessen, was in ihm rumort, führt ja zur Verfehlung dessen, was eigentlich als Lebensaufgabe gerade vor ihm steht.
Dem Sturm trotzen heißt für Orme, allem ausweichen. Es sich schönreden. Diese vielfachen, persönlichen Verfehlungen. Diese Brüche, die er gerade in das Leben der ihm Nahestehenden getragen hat. Diese Selbstüberschätzung und Egomanie, die immer nur Zugreifen kennt und nie Empathie, Mitgefühl oder wenigstens ein „vernünftiges“ Vorgehen angestrebt hätte.

Ein Paradebeispiel für Freuds Erkenntnis, dass der Verstand nicht regiert, sondern vielfach nur das antreibende des Unbewussten nachher sich zurechtlegt, dass es doch in Ordnung ist, was man da angerichtet hat.

Und auch ein packendes, sprachkräftiges Beschreiben einer modernen Lebensweise, die nur das eigene kennt, das Anfragende von Innen und Außen sich „weg redet“ und „weg denkt“.
So wird durch Banville dem Leser auch der Blick geöffnet für eine Welt, die nicht mehr im Miteinander, im Verständnis, ihren Weg sucht, sondern „ihr Ding“ alleine dreht und für dieses, auch in den destruktiven Folgen, immer wieder ein „sich Schönreden“ inszeniert.

Zu Recht ist dieser Orme menschlich vereinsamt und zu Recht werden all diese Lügengebilde und Redereien mehr und mehr in sich zusammenfallen.

„Inzwischen werden sie mich schon vermissen, drüben, am anderen Ende der Bucht“. Behauptet Orme vor sich selbst und täuscht sich. Wie oft.

„Alles, um mich abzulenken, obschon ich mich, wenn ich an die Bredouille denke, in die die Liebe mich gebracht hat, eher davon ablenken sollte an die Liebe zu denken“.

Nichts stimmt daran, nichts ist gut daran. Denn nicht die Liebe hat ihn in Bredouille gebracht, sondern seine Art, dieser vermeintlichen und nur behaupteten Liebe nachgehen zu müssen. Und Ablenkung von all dem ist eben seine Art, sich seiner selbst und Folgen der eigenen Handlungen nicht stellen zu wollen.

Was allerdings, trotz der Sprachgewalt des Autors, in der Geschichte auch Längen mit sich bringt, anstrengend ist. Dieses Folgen des Weges eines Narzissten. So ist man nicht unfroh, wenn endlich das Buch endet und dieser Dieb im wahrhaftigen und übertragenen Sinne, der gar noch „lustvoll leidet“, wenn es ihm einen Vorteil bringt, ihn in seinen Augen hervorhebt von den anderen. Ohne zu merken, was für ein armseliger Wicht er oft auch ist, der sich um Kopf und Kragen und alle Sympathien redet.

Eine fulminante Sprache, die den Leser mitreißt, eine genaue Bobachtungsgabe, die aber hier und da zu sehr ausufert um diese perfekt getroffene Figur eines „Betrügers“ an der Welt und sich selbst herum.

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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Peter Holtz

Ingo Schulze
Fester Einband: 576 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 07.09.2017
ISBN 9783103972047
Genre: Romane

Rezension:

Eine deutsche Geschichte aus zwei Welten durch die Augen der Einfalt

25 Jahre Alltagsleben in Deutschland. Bis 1989 in der „DDR“, von da an, wie alle, im neu vereinten Deutschland.

„Waren Sie da?“
„„Kann man so sagen“, sagt die Genossin, deren Stimme mir ins Ohr sticht. „Wir sind überall auf der Erde….Setz Dich“.

Was natürlich ein typisches Selbstverständnis der „Genossen“ damals zum Ausdruck bringt, aber die Frage Peters nicht unbedingt beantwortet, was das konkret nachgefragte Kinderkonzert betrifft. Dafür aber müsste dieser Peter Holtz zu einem Denken auf mehreren Ebenen, zu Assoziationen, spitzzüngigen Formulierungen und überhaupt zu einem gewissen Überblick über Geschehnisse fähig sein. Was ins einem Fall in keinem Fall der Fall ist.

Wie ein tumber Tor läuft er durchs Leben und durch die Zeit und fällt doch immer, selbst wenn Schulze seinen Protagonisten in bedenkliche Schräglagen bringt, fest auf die Füße.

Und geht so Jahr um Jahr durch die Zeit, dass zu Hause, die nähere Umgebung, die Nachbarschaft. Immer kongenial von Schulze im sprachlichen Ausdruck begleitet und entfaltet, denn in diesem Roman ist nicht nur die Hauptperson einfach gestrickt, sondern dieser entsprechend die Sprache ebenso einfach gehalten, dem schlichten Gemüt entsprechend.

„Komm, Sportsfreund, stell dich nicht dümmer an…..“. Da zeigt der leicht gereizte Ton „der anderen“ ein um das andere Mal, dass so was fast gar nicht möglich ist, diese Schlichtheit. Aber Peter stellt sich nicht „dumm“ an. In gewisser Weise ist er das. Mit einer gewissen Bauernschläue und einfach auch Glück versehen, was das Leben angeht.

Dialoge in vielfacher Form geben dem Leser dabei immer mehr Einblick in den naiven Blick Peters, der immer und immer wieder ins humoristisch abgleitende Blüten treibt.

Oder wie wäre der Umgang mit einer Prosituierten sonst zu verstehen?

„„Wenn du nicht aufstehst, knie ich mich auch hin“. Da Lilly nichts dergleichen tut, gehe ich auf die Knie“ „Sei nicht blöd“, sagt sie. „Was ist denn?“. „Wollen wir lieber aufstehen“?“, frage ich. „Musst du sagen, so einen Fall hatte ich noch nicht“.

„„Na dann“, sage ich und rutsche auf den Knien noch ein Stück näher an Lilly heran.

Einer, der zu DDR Zeiten ein 150 prozentiger war. Nicht aus Überzeugung, sondern weil er eben immer die Gegebenheiten nimmt, wie sie sind und nicht in Frage stellt. Was für den Leser einen nicht nur oft lustigen, sondern durchgehend auch interessanten Blick aus der „Toren-Perspektive“ auf all die Wichtigkeiten, Worthülsen, „großen“ Personen der Zeit, auf den Wandel und das staunende Ankommen „im neuen Deutschland“ immer wieder auf den Punkt bringt.

Ob freischaffend als Sänger, ob „dann aber richtig im System als „IM“, ob als einfacher Handwerker, immer verbiegt Peter Holtz naiv, frei und alles wörtlich nehmend selbst die konspirativsten Pläne anderer.

Eine hervorragende Überspitzung dessen, was ein System aus Menschen macht. Wie diese geformt und indoktriniert werden, auf verschiedene Weisen zwar, doch immer mit dem Ziel der „Gleichschaltung“. Gerade weil Peter Holtz in beiden Welten seinen unverdienten und zufälligen „Erfolg“ geradezu unwissend zelebriert, treffen so viele der klugen Beobachtungen Schulzes im Roman den Nerv der Zeit. Und wie sich dieser an solchen Personen fast mehr bricht, die alles befolgen, als an jenen, die bierernst sich mit aller Kraft dagegenstellen.

Daher ist dieser weltfremde Tor in manchem näher an der eigentlichen Welt, als viele andere.

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(49)

84 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 49 Rezensionen

moskau, gentleman, hausarrest, hotel, freundschaft

Ein Gentleman in Moskau

Amor Towles , Susanne Höbel
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 08.09.2017
ISBN 9783471351468
Genre: Romane

Rezension:

Bis in die Kleinigkeiten hinein hervorragend gestaltet und erzählt

Dass Graf Rostov nicht einfach ein „Stenz“ und einen leichtfertigen, reichen, aus altem Adel stammenden „Lebemann“ mit rein oberflächlicher Lebensführung ist, dafür spricht schon, dass er überhaupt vor Ort ist. Und dass in diesem Schreibtisch, den er in jeder Situation behält, von ihm vorgesorgt wurde für schwierige Eventualitäten.

Nach der Revolution in Russland aus Paris nach Hause geeilt, um die eigenen Angelegenheiten zu ordnen, das Heim zu sortieren und in Ordnung zu bringen und die paar der Seinen, die noch in Russland weilen, in Sicherheit bringen zu lassen.

Natürlich, Konversation betreiben ist sein Metier, natürlich, die Kleidung immer akkurat, die Umgangsformen perfekt. Aber auch mit einem anerzogenen, festen, klaren Wertesystem den Menschen gegenüber freundlich gesinnt und jeden höflich behandelnd, vom einfachen Angestellten des Hotels (das erste Haus am Platze, natürlich) bis hin zu einem seiner engsten Freunde, einem Mann von einfacher Geburt und nun einer derer, die dem neuen Sowjet- Regime aktiv angehört.

Dass er „lebenslange Verbannung“ als Urteil erhält (aufgrund einer Nichtigkeit eines alten Dichter-Versuchs seinerseits), dass der Ort seiner Verbannung eben jenes Hotel ist, in dem er logiert und dass sich dort die Verhältnisse für ihn deutlich ändern werden (statt seiner Suite wird ihm eine Dachkammer zugeteilt), all dies nimmt Rostov mit der ihm eigenen positiven Gesinnung. Und so belgeitet der Leser ihn über Jahrzehnte hinweg in diesem Hotel, in dieser „alten und souveränen Haltung“ in unruhigen Zeiten.

Und niemandem der Bediensteten des Hotels würde es auch nur entfernt einfallen, nur die „neue Macht des einfachen Mannes“ an Rostov zu demonstrieren.

Eine Persönlichkeit, die Towles ebenso sorgfältig und bis in die kleinsten Regungen hinein zu portraitieren versteht und damit überaus lebendig werden lässt, wie er die Zusammenkünfte der nun herrschenden „Komitees“ atmosphärisch bestens beleuchtet (mit diesem so unsinnig wirkenden Ringen um Formulierungen, bis auch jeder zufrieden mit Worten ist, die mehr Schall und Rauch denn klare Realität ausdrücken) und die alte Pracht des Hotels und der „oberen Gesellschaft“ wie nebenbei wunderbar in den Raum stellt.

Im Vordergrund aber steht, natürlich, die Entwicklung des Grafen. Der nicht umsonst die Essays Montaignes sich nun vornimmt (der ebenfalls, aber frei gewählt, ein „Exil von der Welt“ bezogen hat.

Durchbrochen von Träumen, Sehnsüchten nach klarer, kalter Winterluft auf den Boulevards Moskaus, die ihm dauerhaft verwahrt bleiben. Mit solch kleinen, schönen Szenen, wie er am Wintermantel einer Dame in der Garderobe schnuppert, um einen Hauch dieser Luft, Symbol, für persönliche Freiheit, noch ergattern will.

Und da ist dieses Kind Nina. Auf die er im Hotel trifft. Mit der er Konversation zunächst betreibt, wie gewohnt und feststellen muss, dass durch die Fragen und Antworten Ninas zum Leben an sich, er mehr und mehr selbst in der Tiefe gefordert wird.

„Aber hätte der Geist der zukünftigen Weihnacht den Grafen plötzlich geweckt und ihm einen Blick in die Zukunft erlaubt, hätte der Graf erkannt, dass sein Behagen verfrüht war“.

Denn die Härte der „neuen Welt“ zeigt sich, zunächst immer wieder erst am Rande des Blickfeldes. Was einen alten Bekannten, nun Geiger einer Tanzkapelle betrifft. Was eine am Horizont sich zusammenballende Gefahr für die kleine Nina beinhaltet. Was den Grafen dazu bringen wird, im Kleinen wie im Großen sich seiner selbst zu stellen und für andere einzutreten.

Das Ganze verpackt Towles in eine differenzierte, elegante Sprache von großem Wortschatz, die traumwandlerisch sicher je gesetzt die Geschichte durchweg bestens befördert. Eine Geschichte, in der Leser nicht nur intensiv die Atmosphäre der Zeit nach der Oktoberrevolution sehr persönlich „schnuppern“ kann, sondern in der auch zeitlose Wahrheiten von Gut und Böse, Optimismus und Misanthropie, der Anspruch an persönliche Entwicklung und Entfaltung gegenüber einem, die Freiheit bedrückenden Rahmen, bestens thematisiert und sehr flüssig und unterhaltsam in Worte fasst.

Eine klare Leseempfehlung.

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VW Transporter T1

Alexander F. Storz
Fester Einband: 96 Seiten
Erschienen bei Motorbuch, 31.08.2017
ISBN 9783613040052
Genre: Sachbücher

Rezension:

Sympathie- und Emotionsträger für Generationen, keine Frage, und nicht zuletzt dadurch auch ein Geschäftsmodell, das alles schwingt im Blick auf „den Bulli“ in seiner ersten Ausführung, den T1 mit.

Als einfacher „Lastenträger konzipiert“, dann vor allem als Wohnmobil in allen Varianten (mit vielfachen „Eigenausbauten“ versehen) hat der T! Zeitgeschichte miterlebt, ermöglicht und auch selber Geschrieben. Im Lauf der Zeit wurde daher aus dem „Bulli“ weit mehr als ein bloßes motorisiertes Vehikel, sondern ein Ausdruck einer Lebens-Atmosphäre und Lebenshaltung.

„Dieses Auto wird mit Gold aufgewogen – und zwar nicht nur der Samba-Bus, sondern jeder T1. Jeder will einen haben“.

So macht es sich Storz nicht nur zur Aufgabe, einen nüchtern-technischen Sachbericht in diesem Bildband vorzulegen, sondern gerade in Bild und Text auch die „mentale Aufladung“ des T1 nachvollziehbar dem Leser vor Augen zu lesen.

Ein Ansinnen, dass mit dem zwar übersichtlich gehaltenen und nicht zu dicken Bildband in Text und Bild wunderbar gelingt.

Positiv herauszuheben ist dabei noch, dass Storz seine Geschichte des T1 reich mit zeitgenössischen Fotografien bebildert und damit die Geschichte und Entwicklung des T! Und um diesen herum dem Leser fassbar vermittelt.

„Die Chronik setzt auf Bilder, die den T1 zu Lebzeiten zeigen – also so, wie er auf der Straße umherfuhr“.

Bilder, die, neben dem Kraftfahrzeug selber, auch selbst ein Stück Zeitgeschichte in Kleidung, Architektur und vielen „Accessoires“ der Zeit selbst mit aufführen.

So bietet sich dem Leser eine lebendige und vielfache Abfolge von „aufgemotzten“ T1, von „grauen Mäusen“ als Lastenträger im Alltag vieler Kleinbetriebe und größerer Fabriken, mit Spuren der Arbeit, des „Herangenommen-Werdens“ ebenso, wie als liebevoll gestaltete Familienkutsche oder eigenständig gestalteter „motorisierter großer Freiheit“ als Wohnmobil, bevor es diese als eigenständige Fahrzeugklasse überhaupt gab.zum Fahrzeug und damit

Gerade weil der T1 ein „Arbeiter“ war, zu „Lebzeiten“ nicht geschont, wenig gepflegt und, in der Regel, auch nicht „geliebt“ wurde, ist er in der Gegenwart, vor weniger in gutem Zustand, so rar. Wobei, das sei noch einmal betont, nicht nur die Rarität den Wagen so wertvoll macht, sondern auch die inzwischen durch vielfache Erinnerungen und Erlebnisse mit dem T1 aufgeladene „Liebe“ zum Fahrzeug und eben zur eigenen Lebensgeschichte, die in Deutschland zumindest untrennbar mit dem T1 verknüpft ist.

Was vor allem für den „T1c“ (Samba) gilt, von dem sich im Buch viele Bilder an vielfach exotischen Orten (von Indien bis zu den Highways in Amerika bis nach Namibia) finden.

Von Beginn an (Käfer mit Pritsche, die gebaut wurden, aber nur internen Transportfunktionen dienten) bis zum „Weltenbummler, von nackter „Industriearbeit“ bis hin zu Bildern, bei denen der Zuschauer stolze Besitzer bei der aufwendigen Restauration betrachten können, versammelt sich so im Bildband eine breite, bunte und aussagekräftige Riege von historischen Aufnahmen, in die man regelrecht versinken kann und umgehend eigene Erinnerungen wieder präsent erlebt.

Bis hin zu der öffentlichen Präsenz als Streifenwagen, Krankenwagen, technischen Diensten bis hin zum professionellem „Westfalia-Ausbau“ (mit Bildern und Erläuterungen zur „Geburstss.

Eine schöne und anregende Lektüre. Bei der auch der „Zonen-Bulli“ als eigenständige Ausbau Variante nicht zu kurz kommt.

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Wie die Deutschen weiß wurden: Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus

Wulf D. Hund
Fester Einband: 212 Seiten
Erschienen bei J.B. Metzler, 08.09.2017
ISBN 9783476044990
Genre: Sonstiges

Rezension:

Gegen rassistische „Falsche Fakten“

Wenn es nach der modernen rassistischen Geschichtsauffassung ginge, wären die „Deutschen“ immer schon weiß gewesen. Wahrscheinlich stellten sie sogar die ursprünglichem, in jedem Fall aber die eigentlichen Weißen dar“.

Wobei, und das ist Voraussetzung für die Lektüre, Hund den Begriff „Weiß“ kulturell und nicht phänomenologisch in seinem Werk nutzt.

Denn die „bloße Wahrnehmung von Hautfarben“ hat über den größten Teil der Geschichte hinweg (nicht nur in Deutschland oder im engeren Umfeld in Europa) keine „spezifische Differenz“ begründet, mit der man sich vom Rest der Welt absetzten oder auch nur irgendwie anders qualitativ hätte unterscheiden können. Vielmehr waren Unterschiede als „Christen und Heiden“, „Gläubige und Ketzer“ von Bedeutung zur Kennzeichnung von „Freund und Feind“.
Eine „weiße Rasse“ hat somit, vor allem, als Begriff eine kulturell identitäre Bedeutung, während die reine Farbe der Haut erst spät als sekundäres Merkmal hinzutrat.

Aus diesen Grundsetzungen heraus strukturiert Hund im Folgenden seine Ausführungen, in denen er überzeugend nachvollzieht, wie in einem „verwickelten Prozess“ phänotypische Merkmale sich, Schritt für Schritt über längere Zeiträume hinweg, mit „älteren Formen des Rassismus“ in dieses neue Selbstbild als „eigentliche weiße Rasse“ integrierte.

Im 17. Jahrhundert zumindest, das zeigt Hund auf, existierte zwar die Vorstellung, „weiß“ zu sein, war aber kein allgemeines Einteilungskriterium der Menschheit. Wobei Hund ebenfalls aufzeigt, dass die zugeschriebenen Hautfarben zwar eine Rolle spielten, dies aber im Sinne „metaphysischer Eigenschaften“ genutzt wurde und damit nicht rein äußerlich zu betrachten ist. Was sich auch im Umgang mit „Schwarzen“ zeigte, die als „Freunde und Feinde“ eben nicht aufgrund der Hautfarbe, sondern im Blick auf ihre „religiöse Gesinnung“ verstanden wurden. Erst mit dem Rassismus der Aufklärung begann ein langsames Einsinken von äußeren Merkmalen in die bis dato herrschenden, vor allem inneren, Unterscheidungen.

Von der Kolonialzeit bis hin zu den Begriffen „Herrenvolk und Untermenschen“ zeigt sich dann eine immer engere, tiefere und bald unbewusst allgemein verbreitete äußere Kategorisierung, die bis in die Gegenwart hinein fest verankert ist und sich selbst in übertragenen Begriffen Gehör verschafft (Der Kommunismus als „rote Gefahr“.

Vor allem die, über lange Jahrhunderte nicht unbedingt vorherrschende, Sorge vor „Fremden“ und die Gleichsetzung von Hautfarben eben mit „Fremd“ und dann gleichgesetzt als „Gefahr“ ist dabei interessant im Buch zu verfolgen. Dass der oder das „Fremde“ nicht mir Neugier und zumindest der Möglichkeit einer Bereicherung und Erweiterung des eigenen menschlichen und kulturellen Horizontes gesehen wird, hat, folgt man Hund, viel mehr mit eigenen Vorurteilen denn mit realen Erfahrungen der Gefahr durch „andersfarbige Fremde“ in der Geschichte zu tun.

Frei nach Adorno scheint eben nicht mehr zu gelten:

„Das Wahre und Besser in jedem Volk ist….., was dem Kollektivsubjekt nicht sich einfügt, womöglich ihm widersteht“.

Insofern wird klar, dass „Rassismus“ im engeren und weiteren Sinne eine „Einkapselung“ befördert und damit in so gut wie jede Richtung möglichen, für den Erhalt der Kulturen und der Menschheit aber auch notwendigen, Fortschritt durch Impulse von außen nachhaltig hindert.


In der Form eher als „sehr trocken“ zu kennzeichnen und mit, manchen, auf Anhieb erst einmal schwer zu verstehenden Erläuterungen versehen bedarf die Lektüre einer konzentrierten Haltung. Gegenargumente, die möglich wären, finden dabei nicht immer genügend Raum in der Darstellung.

Insgesamt aber ein Buch, dass den Blick in „die richtige Richtung“ lenkt, auf den eigentlich gemeinten und zugrundeliegenden „kulturellen Rassismus“, der sich zu vereinfachend auf „Hautfarben“ meint, stützen zu können.

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berlin

Wiener Straße

Sven Regener
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2017
ISBN 9783869711362
Genre: Romane

Rezension:

Ein durchgängig pures Vergnügen

„IST DAS DIE ART, WIE HIER KUNDEN BEHANDELT WERDEN? IST DAS DIE DIENSTLEISTUNGSGESELLSCHAFT, VON DER ALLE REDEN“?

Wehe wenn „H.R.“, Künstler, im Baumarkt eine Kettensägte zu erstehen gedenkt, zugleich eine „Grabgabel“ sein Wohlgefallen findet, aber der Verkäufer ebenso zu wenig diensteifrig den Mann bedient, wie auch die Kassiererin scheinbar anders in alleR Ruhe vorher noch erledigen will, bevor die „H.R.“ abkassiert.

Ein cholerisches Temperament, das hat der Künstler (und ist dabei nicht der einzige, betrachtet man das „Plenum“ einer „Künstler WG“ (mit nur einem Künstler. Mit Hammer. Den er am Tapetentisch erproben will wird und wird).

„ICH DACHTE, SIE WOLLTEN HELFEN!! DAS HABEN SIE DOCH GESAGT: KANNICK HELFEN! DAS HABEN SIE DOCH GESAGT: KANNICK HELFEN! GENAUSO………ODER NICHT“?

Wie dann aber im Baumarkt „H.R.“ dem Fachverkäufer Nachhilfe in „Berlinerisch gibt“, wie die Kassiererin in gegenläufiger Bewegung knochentrocken angesichts der Bedrohung durch die Grabgabel reagiert und, am Ende, fließend ins Hochdeutsche wechselt, das hat schon in dieser Szene einfach jene Klasse, die Regener das gesamte Buch hinweg durchhält.

Sei es Erwin, Gastronom der langsam, aber sicher dem Nervenzusammenbruch entgegenreitet. Gejagt von der Schwangerschaft seiner „Lebensliebe“ Helga, von seiner aufsässigen Nichte, die ständig einen Job in seinem Café in der Wiener Straße beansprucht, vom einsamen Anwohner, Taxifahrer und in der Lage, durchweg ohne Punkt und Komma zu reden, ohne sich auch nur im Geringsten stören zu lassen (im Übrigen aber der einzige, der handwerklich so einiges drauf hat).

Ob die alte Kaffeemaschine nicht will, wie Erwin. Ob, 8der „Running Gag“ des ersten Teils des Buches9, ständig jemand fragt „Ist schon offen“ (nein, erst ab 18 Uhr!!!!), oder ob die bisher bei Erwin mitwohnenden „Individuen“ nun echt auf eigene Beine sich zu stellen haben (wohnmäßig! Und gegen Miete!!!!), das Chaos bricht sich an allen Ecken Bahn (bis hinunter in den WC Bereich der Kneipe und hinüber zu den jungen Jugendlichen, die ihre „Kiezgrenze“ effektiv bewachen und hohes Interesse an der Kettensäge entfalten, die „H.R.“ nach Hause trägt).

Nach Hause trägt im Übrigen, weil er beim Einkauf für die Renovierung der neuen Wohnung schlichtweg im Baumarkt vergessen wurde.

Dass dabei, in der Form, der erste Satz des Buches nur wenige Worte ins ich trägt, der zweite aber locker über knapp drei Seiten sich erstreckt, auch das zeigt, dass Regener gewillt ist, seinem höchst „ver-rückten“ Personal assoziativ, mäandernd und doch immer auf der Höhe der Figuren zu folgen.

Der Ritt auf der Grenze zur Groteske jedenfalls gelingt perfekt. Was auch an Frank Lehmann liegt, der „normale“, ruhende Pol in all den Aufgeregtheiten, den Regener ebenso perfekt und differenziert auf den Punkt schreibt, wie alle anderen Personen im Roman im Gefühl des Lesers gar nicht anders sein können, als sie eben sind.

Personen, die hinter all den „Vordergründigkeiten“, hinter dem „Slang“ und der (leichten bis schweren) Verzweiflung an der Welt und „den anderen“ auch Tiefe in sich tragen. Erwins Liebe. Wie Markos Einsamkeit. Wie H.R.´s Kunstverständnis. Wie selbst der alte Juwelier auf der Straße mehr mitschwingen lässt, als eben nur „aus der Zeit gefallen“ zu sein.

Eine Tiefe, die sich, wie ein Aufblitzen, immer wieder in der Not zeigt, sich mit profanen Dingen wie Finanzen, Miete, Krankenversicherung und anderen Dingen der „Gesellschaft“ beschäftigen zu müssen, die das freie Spiel der Kräfte einfach immens stören. Trotz allen Humors hat es auch einen bitteren Beigeschmack, zu lesen, wer da alles und warum um einen unterbezahlten Job in der Kneipe nachfragt.

Das Ganze setzt Regener sprachlich überragend in Szene, setzt dabei eine Situationskomik neben die andere und, auch wenn das erst gar nicht auffällt (und noch weniger stört), bietet sogar einen roten Faden im Hintergrund, der ein ganz konkretes Lebensgefühl und den Versuch der Bewahrung desselben als Thema setzt.

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Helvetia 2.0

Urs Augstburger
Fester Einband: 303 Seiten
Erschienen bei Tropen, 09.09.2017
ISBN 9783608503449
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Interessante Ausgangslage

Geschickt vermischt Augstburger in seinem neuen Thriller die brisanten und aktuellen Themen der Zeit, die er mit einer wechselnden sprachlichen Form (je aus welcher Perspektive er gerade erzählt) auch im Stil verdeutlicht.

Aufkeimender Nationalismus, auch in der Schweiz (ähnlich wie „Der Wille des Volkes“ es als Neuerscheinung mit anderem Sujet ebenfalls aktuell aufzeigt) mit den Gefahren, die dahinterstehen und stecken und auch symbolhaften Darstellungen von Persönlichkeitsstrukturen und deren tieferen „Beweggründen“. Es ist nicht schwer, in dem alternden „Rechten“, dessen Sohn und dem aufkommenden, skrupellosen „neuen Mann“ Figuren wie Le Pen, Vater und Tochter oder andere Beispiele der aktuellen politischen Kräfte zu erkennen.

Die dabei eingeflochtenen Doppeldeutigkeiten, was dem Thriller seinen Roten Faden hin bis zur überraschenden und empörenden Aufdeckung der Hintergründe am Ende des Buches angeht, bietet ein durchaus nicht unrealistisches Bild hinter die Kulissen der Mächtigen, die oft anderes reden als sie stillschweigend handeln.

Wie sich das mit der Digitalisierung vermengt und diese gerade im publizistischen Bereich bestens für alle dunklen Zwecke nutzen lässt, das hat nicht nur mit „Fake-News“ einen aktuellen Hintergrund, sondern zeigt ganze Hintergründe von Kampagnen der „modernen Welt“ im besonderen Licht.

Die Vermengung mit Nostalgie (eine alte, „richtige“ Radioshow, die sich der Musik in einer Form zuwendet, die aus analogen Zeiten noch bekannt ist und dort für nicht wenige das Leben wirklich begleitet haben), der Blick auf die „neue“ Musikindustrie an sich und deren ganz anderen Gesetzmäßigkeiten, wieder verbunden mit psychologischen Betrachtungen der Prägung von Menschen (ein „dunkles Geheimnis“ aus der Vergangenheit spielt eine tragende Rolle“, das alles liest sich thematisch rund und gut.

Wozu auch beiträgt, dass Augstburger den Perspektiven zumindest zweier Hauptfiguren des Buches, aus denen heraus her überwiegend erzählt, einen anderen Tonfall klar erkennbar mit auf den Weg gibt.

Dort ein hartes, assoziatives Stakkato fast, auf der anderen Seite eine weiche Form von Sprache und Herangehensweise.

Flüchtlinge, deren Funktionalisierung für „neues rechtes Denken“, Digitalisierung aller Lebensberieche, die dunkle Strategien im Hintergrund erst ermöglichen und geheimnisvolle Aktivitäten, für die ohne Skrupel gemordet wird.

Hier und da allerdings wirkt die Handlung doch sehr konstruiert in den Zusammenhängen zwischen den Personen und den allzu oft zu simpel „zueinander passenden“ Gefühlen. Ein wenig mehr Hintergründigkeit hätte dem Thriller in dieser Hinsicht besser zu Gesicht gestanden, wie es auch nicht (mehr) immer hoch attraktive Wesen sein müssen, die als „Helden“ die Geschichte tragen.

Dennoch, aktuell, gut erzählt, mit mehr als einer Ebene versehen, bietet der Thriller eine anregende und unterhaltsame Lektüre.

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geschichte, nsdap, partei

Die NSDAP

Sven Felix Kellerhoff
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 09.09.2017
ISBN 9783608981032
Genre: Sachbücher

Rezension:

Differenziertes Bild einer „Bewegung“ in Partei-Form

Vom „Vorbeben“ in Zeiten hoher Fluktuation, von der Konsolidierung bis zur berüchtigten „Rebellion der SA“, von tiefsitzender Korruption hin zur Änderung des „Charakterbildes der Partei“ als „Volksgemeinschaft“, von „(Kriegs-) Liebesgaben für die Front über „Nothilfe für Ausgebombte“, aber auch „Rückgrat“ des „Totalen Krieges“ und Organisationsplattform des „Volkssturmes“. Mit dem Blick auf Karrieristen, Mitläufer, Denunzianten, eindeutigen „Verbrechern“, aber auch auf das „Danach“ der Entnazifizierung und des „Untertauchens“ in der neuen Republik, Kellerhoff bietet einen fundierten, umfassend breiten und, in den einzelnen Strömungen, Fäden und Themen sehr differenzierten Blick auf die „größte Partei“, die Deutschland je kannte und das kollektiv größte Drama, in das eine solche Partei in Deutschland eine ganze Nation je gestürzt hat.

Wie konnte das sein, dass zu einem gewissen Zeitpunkt fast jeder, der in Deutschland etwas sein oder werden sollte, Mitglied der NSDAP war, dass aber im Frühjahr 1945 die alliierten Truppen „Kein Nazi. Nirgendwo“ vorfanden?

„Alles Mögliche hatten sie erwartet, nicht aber weiße Fahnen“.

Was trägt dieses Bild ins ich? Ein „geknechtetes Volk“, dass gegen den Willen „hineingepresst wurde“ und nun dankbar für die Befreiung von der Schreckensherrschaft „Weniger“ war? Eine Masse an Opportunisten, die vielleicht gar während dieser NSDAP Herrschaft gelernt hatten, dass es besser ist, das Fähnlein in jeden Wind zu drehen, der gerade wehte?

„Es gab keine Nazis. Auch keine Ex-Nazis, und nicht einmal irgendeinen Nazi-Sympathisanten“. Was zwar der Eindruck eines Chronisten der 78. US Division war, aber natürlich in keiner Form der Wahrheit entsprach. Wie Kellerhoff flüssig und fundiert Seite für Seite offenlegt.

Mit seiner (gut begründeten) These zu Beginn, dass es kein „Verschwinden“ war, sondern ein „kollektives Verdrängen“, was quasi die NSDAP als „nicht-existent“ darstellte.

„Die weitaus meisten Deutschen wollten instinktiv, dass die zwölf braunen Jahre wirkten, als seien sie aus der Zeit gefallen“. Und man kann tatsächlich konstatieren, dass innerhalb dieser zwölf Jahre ein sehr geschicktes agieren der NSDAP und deren Drahtziehern dem „gemeinen Volk“ vielfache Möglichkeiten einer wahrhaftigen Betrachtung der Realitäten „vernebelten“. Von der Propaganda über die engmaschige Überwachung des alltäglichen Lebens und selbst vielen den eigenen Mitgliedern gegenüber.

Dennoch aber hatte das ganze System und Rückhalt in vielen Bevölkerungsgruppen und eine hohe Anzahl von „Überzeugungstätern“, die Kellerhoff sorgsam herausarbeitet und vor Augen stellt,

„Organisationen führen kein Eigenleben, sondern sind Summe ihrer Mitglieder“. Da lohnt es sich, genau hinzuschauen, um zu verstehen, welche Dynamik die NSDAP zu Beginn antrieb und wie daraus im Lauf der Zeit ein effizientes System mit einer hohen Eigendynamik entstanden ist.

Was Kellerhoff sehr praxisnah und kleinteilig im Übrigen in seiner Methode sich widerspiegeln lässt, hunderte von subjektiven Berichten von Parteimitgliedern zu verarbeiten, die dann eben als „Summe der Mitglieder“ ein Gesamtbild ergeben.

Diese Quellen, die „Abel-Quellen“ (von 1934) bilden dabei eine wichtige Grundlage des Buches, gemeinsam mit erhaltenen Akten der NSDAP (an denen die „deutsche Gründlichkeit“ bestens abzulesen ist) und Reden, Schriftstücke, Tagebücher, Einlassungen hoher Funktionäre der NSDAP bis hin zu Hitler selbst. Mit einem gewichtigen Schwerpunkt auf die Zeit des „Kampfes und der Konsolidierung“ der NSDAP bis 1934 hin.

Insgesamt eine hochinteressante Lektüre, die einen, im Nachhinein betrachtet, überaus unwahrscheinlichen „Aufstieg“ hin zu einer „Massenmacht“ schildert, der vielfache Lehren für die Gegenwart und zukunft in sich trägt.

„In Wirklichkeit kann der Zuschnitt der Partei….gar nicht bescheiden und kleineleutemäßig genug betrachtet werden“. Und weder ein Wunder noch eine einzige Person alleine zeichnen verantwortlich für die Entwicklung, welche die Geschichte von den ersten Tagen der „DAP“ hinnahm, sondern ein Geflecht vielfacher Personen, Intentionen, auch Zufällen zeigt sich im Buch auf, die mit wachsendem Staunen in der Form bestens dargereicht gelesen werden können.

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geschichte, weltmarke, auto, sportwagen, porsche

Porsche

Wolfram Pyta , Nils Havemann , Jutta Braun
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Siedler, 18.09.2017
ISBN 9783827501004
Genre: Sachbücher

Rezension:

Biographie einer Weltmarke

Eine stringente Modellpolitik, die sich erst in den letzten Jahren (aufgrund neuer Trends) breiter differenziert hat („Viertürer“ und „SUV´s“) sowie eine überaus früh ausgeprägte, breite Neigung zum Export haben Porsche als eine der führenden Weltmarken in Bezug auf das Automobil geprägt.

Dabei ist deutlich geworden, auch in den Arbeitsbedingungen im deutschen Werk selbst, dass auch ein „gegen den Strom“ arbeiten (Konzentration auf Kernkompetenz, solider Umgang mit Mitarbeitern, Qualität vor Quantität und manches andere mehr) überaus erfolgreich funktionieren kann.

Doch neben der „strahlenden Seite“ des Sportwagenherstellers und seines „Erfinders und Gründers“, Ferdinand Porsche, stehen in der Firmengeschichte auch „Schattenseiten“ im Raum. Bei denen natürlich die enge Verzahnung mit der Führung des dritten Reiches, aber auch das rasche „Business as usual“ nach dem tiefen, historischen Einschnitt durch das dritte Reich kritischer Anfragen würdig sind, wie auch das „Herausdrängen“ familienexterner Gesellschafter in den Anfangsjahren.

Umfassend liefert diese Biographie dieses differenzierte Bild von den beteiligten Personen (allen voran Ferdinand Porsche), den Strukturen und der Geschichte des Konzerns und der Marke. Wobei die Technik-Freunde im Buch wahrlich nicht zu kurz kommen, dabei aber auch Kübel- und Schwimmwagen, Versuche der Konstruktion von Panzerkampfwagen bis hin (wer weiß das schon auf Anhieb) zur Konstruktion von Landmaschinen ebenso wahrzunehmen haben, wie den „Käfer“ (der auf Ferdinand Porsche zurückgeht, auch wenn er mit dem Hause Porsche im Bewusstsein nicht verbunden ist) oder bahnbrechende Sportwagen (nicht nur der 911er).

Dabei ist die Geschichte der Marke auch gekennzeichnet von einer „Emanzipation vom Übervater“ im Lauf der Nachkriegsjahre und der jüngeren Gegenwart.

Was gerade im Blick auf Ferdinand Porsches Neigung, Kosten in seine Ideen und Pläne zur Konstruktion wenig zu berücksichtigen. Was auch für das Verhalten in einem „unreglementierten Wettbewerbs“ des modernen Wirtschaftens gilt. Für Ferdinand Porsche war das Arbeiten und Konstruieren in den Zeiten des dritten Reiches (einer „Erfolgsgeschichte“ ohne Abstriche) ja bei Weitem eben nicht unreglementiertem Wettbewerb ausgesetzt, sondern fast ein „geschützter Raum“.

„Wir dürfen nicht ausblenden, dass der Unternehmensgründer seine großen technischen Leistungen – an erster Stelle den Volkswagen – unter politisch günstigen Bedingungen erbracht und nie unter Beweis gestellt hat, dass er sich in einem nichtregulierten Wettbewerb durchsetzen konnte“.

Nur so hat wohl die „Beratungsresistenz“, die im Buch sorgsam geschildert wird, nicht bodenlos nachteilige Konsequenzen in den erfolgreichen Aufbaujahren jener Zeit nach sich gezogen.

Der Übergang der Leitung vom „Vater zum Sohn“ in den Jahren nach Kriegsende war daher (im Übrigen nicht unbedingt ohne Weiteres nach dem Willen des Vaters, sondern durch die französische Militärhaft Ferdinand Porsches und einer darin vonstattengehenden „inneren Wandlung“ des „Patriarchen“) der eigentlich entscheidende Schritt für die Etablierung und Bewahrung der Marke Porsche als Weltmarke bis auf den heutigen Tag.

Anregend zu lesen vollzieht die Biographie so vor allem die „Personengeschichte“ der Leitung der Marke nach, bietet im besten Sinne immer wieder Einblicke in die Wirtschaftsgeschichte der jeweiligen Zeit und Zeiten und lässt auch die Technik nicht hinten herunterfallen.

Eine runde Darstellung, die informativ und gut zu lesen eine empfehlenswerte Lektüre darstellt.

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fischer, roman, autobiografie

Heute hat die Welt Geburtstag

Flake
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 05.10.2017
ISBN 9783103972634
Genre: Biografien

Rezension:

Im ganz eigenen Stil voller Geschichten und Einblicke

Eine unterhaltsame Abwechslung zwischen Ereignissen, Erlebnissen aus der Gegenwart der letzten Tour (samt vielfachen Einblicke in Garderoben, Duschen, After-Show Partys und Auftritten von „Rammstein“) und einem zweiten, chronologischen Faden, an dem sich die gesamte Geschichte der Band, besser des „Ereignisses Rammstein“ nachvollziehen lässt, bietet der Keyboarder (oder auch hier besser „Sample Verwalter“) der „neuen deutschen Härte“, Flake, in seinem zweiten Buch.

Durchaus assoziativ angelegt und doch nicht ohne innere Logik erzählt Flake munter drauflos. Und was man bei manch anderem für reines „Image“ halten würde, beginnt man, diesem dünnen Kerl auf der riesigen Bühne mit seinem glitzernden Anzug auf dem Laufband vor den Keyboards inmitten martialisch anmutender „Musiker-Gestalten“ Schritt für Schritt zu glauben.

Dass da einer beharrlich, mit naiven Anteilen, oft wie ein „staunendes Kind“ durch die Musikgeschichte läuft (manchmal sich auch verläuft), aber völlig authentisch „sein Ding“ macht.

Seien es die „Abgabe hochprozentiger Inhaltsstoffe“, die einfach zu viel konsumiert wurden vor dem Konzert diskret auf der Bühne, sei es das häufige Suchen der anderen Kollegen inmitten schmuckloser Hallengänge vor und nach Konzerten.

Wenn gerade der Keyboarder nun ob seiner schmächtigen Figur und ob der Rollenverteilung in der Band für alles Derbe herzuhalten hat (hier erfährt der Leser auch, wie es Schritt für Schritt zu den Bühnenkostümen, dem Sound und der hervorstechenden Schminke der Musiker kam), in einem Kessel „gebraten wird“ (und sich eh nur mit Mühe ernsthafter Brandverletzungen von hingebungsvoll eingesetzten Flammenwerfern erwehren kann) und dann unbedarft sich aus dem Kessel herauszieht, indem er sich am Rand festhält (Kessel = Stahl plus Flammenwerfer gleich leicht rot glühend am Rand) und danach mit komplett verbrannten Händen (natürlich) mit allem Einsatz das Konzert zu Ende bringt (Mitleid gibt es eh kaum innerhalb der eingeschworenen Bande „Rammstein“), dann kann der Leser eben durch Flake´s Augen erleben, das im Lauf der Jahre immer und immer wieder eine Lebenshaltung auf die Bühne gebracht wurde, die mit Einsatz gelebt wurde (und in Teilen noch wird).

Neben plastischen Schilderungen von Hosenhinterteilen mit Klettverschluss, die lässig abgerissen werden können („Bück Dich“) oder pyromanischen Exzessen und Mutproben auf der Bühne kommen auch die kleinen Geschichten am Rande nicht zu kurz. Wer alles dazu gehört, wie sich ein solcher „Koloss“ an Touren organisiert, was Till Lindemann Ärztinnen mitzuteilen hat, die ihm bei Brandwunden hinter der Bühne helfen wollen und warum in der Anfangszeit konkreter Inszenierungen (wiederum „Bück Dich“) bestens vergorene Milch einen strengen Geruch nach Buttersäure über Bühne und Publikum legte.

Wie das war, als die DDR aufhörte zu existieren und sechs neugierige Jungmusiker die Welt entdeckten, was es hieß, in Kneipen, kleinen Clubs oder „Kleinstbühnen“ vor einer Hand voll Zuhörer zu spielen und überhaupt erst den eigenen Stil, das eigene Auftreten, den eigenen Weg zu entdecken, eingepfercht in kleinen Transportern bis hin zu den Suiten der Gegenwart und den gigantischen Konzerten, das alles liest sich in einem Rutsch, flüssig und nicht selten leicht schräg im Buch.

Eine Empfehlung nicht nur für „Rammstein“ Fans (für die sowieso), sondern eine Entdeckungsreise gerade auch für der Band und deren Musik distanziert verharrender Leser. Denn ganz nebenbei gelingt es Flake, auch die musikalischen und textlichen Intentionen fast unbemerkt näher zu bringen. Was sich eben alles nicht in „Ich tu Dir weh“ erschöpft.

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Mein Gott, Kirche!

Ute Pfeiffer
Flexibler Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 08.09.2017
ISBN 9783550081682
Genre: Sachbücher

Rezension:

Zurück ins Leben

Dietrich Bonhoeffer, der breiten Masse wohl eher als Widerstandskämpfer im dritten Reich und „Ausbilder“ von Pfarrern der bekennenden Kirche bekannt, war zunächst und im Kern Theologe und kritischer Wissenschaftler (mit 21 promoviert, wenig später habilitiert).

Der seine „Lehre von der Kirche“ auf den Kernsatz zusammenfassen konnte: „Kirche ist immer nur Kirche, wo sie Kirche für andere ist“.

Konkret bedeutet dies, nach Jesu Vorbild, beständig „öffentlich präsent“ zu sein (bis auf je einige überschaubare Zeiten des Rückzugs und Gebets). Fassbar. Ansprechbar. Mitten drin im Leben, auf den Plätzen. Heilend, hörend. Die „gute Botschaft“ nicht nur im Mund, sondern auch im Leben vorzuzeigen und vor zu leben.

Mitten ins Leben. Für andere solidarisch einstehen. Den Menschen Begleitung und nicht Dogmatik anbieten. Die „Hinwendung ins Leben“ als Auftrag verstehen und nicht „das Leben in die Kirche““ zwingen wollen. Das waren Bonhoeffers Konsequenzen aus seinen theologischen Überlegungen heraus.

Eine klare Ausrichtung, die man auch diesem „Praxis-Buch“ der ev. Pfarrerin Ute Pfeiffer ohne Weiteres zu Grunde legen kann. Was Pfeiffer explizit im Buch auch benennt du im letzten Kapitel die Verbindung zu Bonhoeffer, zur theologischen Grundlegung und zu den praktischen Konsequenzen aus all diesem zieht.

Konsequenzen, die immer und immer wieder bedeuten, erst gar keinen „theologischen Elfenbeinturm“ aufkommen zu lassen und einer „satten Zufriedenheit“ von Gemeinden, geborgen in ihren Häusern, dadurch entgegen zu wirken, immer wieder den „Weg nach draußen, zu den anderen“ anzutreten. Im Gespräch. Im Einsatz für das konkrete Stadtviertel, die Lebensumgebung im engeren Sinne. Gesellschaftlich nicht zu schweigen, sondern das Evangelium immer wieder „mitten in die Situationen“ zu tragen. Ansprechbar zu sein und zu bleiben.

„Die Kirche, das ist, in ihren täglichen Lebensvollzügen, nicht die Institution, sondern eine konkrete christliche Person“. Womit nicht nur (aber auch) der Pfarrer, die Pfarrerin gemeint ist, sondern, gut protestantisch, die gesamte „Gemeinde“ in die Pflicht genommen wird. Im Übrigen nicht für einen vielleicht „moralinsauren“ Lebensstil oder für den erhobenen Zeigefinger auch im privaten Bekanntenkreis, sondern eher schon für eine ganz einfache, praktische Mitarbeit, ein Zugehen auf das soziale Umfeld und die dort herrschenden Grundfragen und Bedürfnisse. Ohne dabei zu zögern, den eigenen Glauben zumindest „zu bekennen“ und nicht zu verschweigen. Als Motiv und Antrieb des eigenen Handelns.

Wie Pfeiffer es nennt: „Öfter mal „outdoor“ gehen“.

Der eigene, persönliche Weg wird dabei im Buch ebenso benannt, wie theologische Grundfragen (Pate-Sein. Wobei nicht alle möglichen motivierten Paten heutzutage Mitglied einer Kirche sind. Was tun?). Eine Hinwendung zur Jugend in ihrem „So-Sein“ und weniger, wie man diese gerne hätte. Bis hin zu brisanten politischen Fragen von Sozialneid, AFD-Sympathisanten und anderen Herausforderungen der Zeit.

Insgesamt in legerer Sprache fesselnd verfasst bietet Ute Pfeiffer ein reflektiertes und „anders als gewohntes“ Pfarrerbild dar, das immer im Buch bodenständig konkret und praktisch verbleibt.

Eine interessante Lektüre über jene Kräfte, für die die ev. Kirche im Kern steht und wie diese in der Gegenwart sichtbar wieder in der Breite
freigesetzt werden können.

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Marx. Der Unvollendete

Jürgen Neffe
Fester Einband: 640 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 11.09.2017
ISBN 9783570102732
Genre: Biografien

Rezension:

Hervorragende Biographie und fundierte Darstellung von Denken und Werk des Karl Marx

Die Gedankenwelt Hegels, die Karl Marx als junger Student in Berlin im Rahmen des (für ihn zufällig als Kontakt entstandenen) „Doktorklub“ ist es, die in jenen frühen Jahren des Hochbegabten die gesamte Weltsicht, philosophische Erklärung und das „Welt-System“ in Marx bereits ausformen und als „Idee“, die ins „Tun“ will entstehen lässt.

„Eine immaterielle Idee treibt die Geschichte voran, und die Menschen sind ihre ausführenden Agenten. Ohne diese entscheidende Idee ist die Entwicklung der Marxschen Gedankenwelt kaum vorstellbar“.

Eine Idee und eine weitere Ausformulierung ein Leben lang, die Neffe ebenso stark in den Mittelpunkt seiner Biographie stellt, wie die Lebensstationen des Mannes und dessen private „Umstände“ einerseits und die „Atmosphäre der Zeit“ von Aufbruch und Freiheit, von sozialen Ideen und Reflexionen und Reaktionen auf die rasende Industrialisierung des 19. Jahrhunderts mit all ihren Verwerfungen für die Menschen.

Dass er dabei mit dem Grab und dem Denkmal dort seine Ausführungen beginnt und das gegenwärtige Verständnis von Marx in seiner Befreiung aus alten „Freund-Feind-Formeln“ umgehend intensiv fördert, auch mit der griffigen Formel von Marx selbst; „Ich bin kein Marxist“, deutet von Beginn darauf hin, dass Neffe sich differenziert und nicht in gängigen Mustern und ausgetretenen Pfaden bewegt.

Dass nicht nur der Hintergrund familiär (hervorragend eingebaut und aufbereitet der entscheidende Briefwechsel zwischen Vater und Sohn Marx, der die familiäre Prägung des „Weltenbewegers“ bestens beleuchtet, bis hin zum Unvermögen, „vernünftig mit Geld umzugehen“) und geistesgeschichtlich (Hegel, die Freiheitsbewegungen, die Ideen zur „Vergesellschaftung“ und vieles mehr) breit, differenziert und verständlich von Neffe ins Feld geführt werden („ohne Hegel kein Marx“, sondern auch eine Vielzahl von griffigen (aber leider falschen) Zitaten und Vorurteilen gegen Marx von ihm fundiert richtiggestellt werden.

Das ist nicht alles unbekannt, Marx ist von hinten nach vorne und in der Breite „durchleuchtet“ aus vielfachen, subjektiven Sichten heraus. Aber die Zusammenstellung und die entsprechenden Vertiefungen aller wesentlicher Momente dieses Lebens und seines Werkes, hebt diese Biographie doch deutlich aus der Masse der Marx-Literatur hervor. Bis hin zu Würdigung der wesentlichen Bedeutung für Karl Marx, gerade in Trier die Jugend und Schulzeit verbracht zu haben.

Wie sehr Marx zunächst und vor allem auf die „individuelle Freiheit“ pocht, ohne die es die „Freiheit aller“ einfach nicht geben kann, schon hier zeigt sich, wie viele in Marx Namen andere Deutungen und Interpretationen zu gesellschaftlichen Normen haben werden lassen, die Marx letztlich einfach nicht anzulasten sind. Zumindest nicht in dem Maße, in dem das lange geschehen ist.

Dass der 3. März 1848 als „archimedischer Punkt“ in Marx Leben zu begreifen ist, wird dabei ebenso in den Inhalten klar erläutert, wie im Lauf der Lektüre durchweg deutlich wird, wie sehr die Analysen des „Vielgescholtenen“ zeitlos zutreffen und in der Gegenwart fast Wort für Wort im Wirken des „Systems“ abzulesen sind und sich bewahrheiten.

„Die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse hinken der ökonomischen Wirklichkeit immer weiter hinterher“. Was für diese Zeit damals galt und Marx zum „Denken über diese Wirklichkeit“ anleitet, ist auch heute ebensolche Realität. Bis dahin, die „herrschende Meinung als Meinung der Herrschenden“ entlarvt und in Stein gemeißelt benannt zu haben. Mit all seinen fast unverschämten Übertreibungen des Umgangs mit „Meinungen und Fakten“ mancher aktueller politisch Mächtigen.

Wirtschaftszyklen, Akkumulation des Kapitals nicht als Naturgesetz sondern als gezielte, systemische Strategie, Verwerfungen durch Globalisierung, die ökologische Frage, sämtliche bis heute drängenden und drängender werdenden Probleme der Menschheit und ihres „Wirtschaftens“ weist Neffe als frisch und aktuell in seiner akkuraten Darstellung aus.

Dass „Survival oft he fittest“ nichts mit Darwin zu tun hat und dass es „Opium des Volkes“ und nicht „Opium für das Volk“ heißt sind vielfache Beispiele von „mitlaufenden Richtigstellungen“, die Neffe überzeugend in die Zusammenhänge einordnet und damit ein zeitgeschichtliches „Netzwerk“ von konträren Haltungen und Ideen vor die Augen des Lesers hält, die in sich letztendlich zeitlos als Analysen Bestand haben.

„Was immer man aus Marx gemacht hat: Das Streben nach Freiheit, nach Befreiung des Menschen aus Knechtschaft und unwürdiger Abhängigkeit war Motiv seines Handelns“.

Dieses Wort von Willy Brandt steht nicht ohne Grund der Biographie vorweg. Denn dieses Streben setzt den roten Faden in den äußeren und inneren Stationen, die Neffe akribisch nachvollzieht und die er vom „Ballast“ vorschneller Vereinfachungen (manchmal auch gewollter Verfälschungen) und von der Patina eines „nicht dynamischen“ Denkmals befreit.

Mit dem Erfolg, die grundlegende Verhaftung Marx in der „Dynamik des Geschehens“ hervorragend freizulegen.

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Die drei ??? - Schrecken aus dem Moor

Marco Sonnleitner
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 08.09.2017
ISBN 9783423717441
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Wie immer gut

Eigentlich ist es ja reines Glück, dass Peter einen attraktiven Ferienjob bekommen hat. Sein neues Hobby, das Kite-Surfen, will bezahlt sein.

Nun, nicht nur reines Glück, dann als „Aufpasser“ im Museum konnte er sich natürlich darauf berufen, dass in einem der vorhergehenden Fälle die drei Detektive dem Direktor des Museums gut geholfen hatten.

Doch nun geraten auch die Fähigkeiten der Detektive fast an ihre Grenzen.

Denn schon bei der ersten „Wache“, die Peter dazu nutzt, Jonas und Justus das Museum außerhalb der Öffnungszeiten vorzuführen, geschehen merkwürdige, beängstigende, unheimliche Dinge.

Ein Atmen und Röcheln im Museum, dessen Quelle die drei einfach nicht finden.

Ein Kratzen an der Tür zum Überwachungsraum, bei denen den Dreien der Mut sinkt und sie lieber nicht die Tür öffnen wollen, um zu sehen, was da die Klinke versucht, herunter zu drücken.

Kratzspuren an der Eingangstür zum Museum. Von Innen. Später dann.

Und ein Raum, gestiftet von einem Mann, der noch einen Schatz hatte. Den nach seinem Tod bisher niemand fand.

Alle Zutaten sind also bereitet, einen ganz besonderen Fall aufzunehmen und das Buch enttäuscht darin in keiner Weise.

Im Gegenteil. Was die Spannung, aber auch gruselige Elemente angeht und die zu lösenden Rätsel, die der Leser durch die Augen der drei Detektive ebenfalls versucht, mit zu entwirren, ergibt sich ein hohes Tempo, flüssig erzählt und mit einem durchgängigen Spannungsfaden.

Auch zum Lesen somit ebenso faszinierend, wie als Hörbuch.

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Digitale Drecksarbeit

Moritz Riesewieck
Flexibler Einband: 312 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 08.09.2017
ISBN 9783423261739
Genre: Sachbücher

Rezension:

Schöne, neue, digitale Arbeitswelt

Weniger die „Industrie 4.0“ im „Großen“ ist es, die Wiesewieck in diesem Werk einer näheren Betrachtung unterzieht, sondern der Blick richtet sich auf das, was man vielleicht als „Vorläufer“ dieser neuen Arbeitswelt betrachten kann.

Die bereits, was Billiglohn und „Outsourcing“ personalintensiver Tätigkeiten (vom Kleider herstellen bis zum Programmieren oder einfachen Callcenter) bereits jetzt erkennbar werden lassen und als „Flutwelle“ vielleicht auf die ganze Wirtschaft auch der „Ersten Welt“ und damit auf das Lebensgefüge der Menschen sich am Horizont bereits fassbar drohend aufbaut.

Gut ist, dass Riesewietz bei diesen Betrachtungen sich an konkreten Tätigkeiten orientiert und mit der „Sauberkeit“ bei Facebook, Youtube oder Instagramm ein griffiges Beispiel für diese Arbeitsweise herausnimmt, an dem man ohne Weiteres Strukturen ablesen kann, die auf vielfache andere digitale Arbeitsbereiche hochgerechnet werden kann.

250 Millionen Fotos täglich, 100.000 Videos und Streams. Mit nicht wenigen abschreckenden, nicht erwünschten, ethisch fragwürdigen bis hin zu schlicht illegalen Inhalten.

Wer aber hält Facebook sauber? Wer sortiert aus, beobachtet, löscht?

„Im Netz ist alles miteinander verbunden. Wenn die sozialen Netzwerke trotzdem von fast allem unbehelligt bleiben, was an Gewalt und Pornographie durch das Netz geistert, dann muss es etwas oder jemanden geben, das oder der sie davor bewahrt“.

Wer oder was das ist, dass ist die Ausgangsfrage des Buches, die Riesewieck erschöpfend und solide recherchiert im Buch konkret beantwortet.

Denn es ist nicht eine „Bilderkennungssoftware“ oder ein anderer Algorithmus, der für diese Sauberkeit sorgt, sondern weitgehend „analoge“, händische Arbeit mies bezahlter „Mühlhandwerker“ des Internet.

„Content Moderators“, die mit vielfachen Verschwiegenheitsklauseln durch die Internet-Konzerne versehen, ihre „Arbeit“ zu verrichten haben. Unter durchaus „ausbeuterisch!“ zu nennenden Bedingungen. Was am Ende durchaus geahnt, wenn nicht sogar gewusst werden kann, was aber, wie bei vielen anderen solcher Arbeitsbedingungen auf anderen Gebieten, kaum Resonanz in der Öffentlichkeit findet. Aber kann wirklich ein „Achselzucken“ die Antwort der „Ersten Welt“ auf die Bedingungen der Voraussetzungen für ein „bequemes digitales Leben“ immer noch sein? Scheinbar ja.

So ist es eine der wesentlichen Erkenntnisse der Recherche des Autors, dass in der Gegenwart der „digitale, menschliche Giftmüll“ (der westlichen Welt) an den gleichen Orten entsorgt werden soll und wird, an denen jahrhundertelang der „analoge Giftmüll des Westens“ entsorgt wurde.

Und damit einher geht eine zweite, grundsätzliche Frage. Denn ein Filtern der Inhalte beinhaltet ja auch ein dann nach außen gerichtetes „Bild von der Welt“. Sollte es wirklich so sein, dass ein interner Kreis von „Konzern-Lenkern“ dem Rest der Welt die Welt nach eigenem Gutdünken „zeigen“?

„Nie zuvor war es so einfach, das Böse aus der Welt zu schaffen. Ein Mausklick genügt…….Aber sollten wir das wollen?“. Denn das Bild vom Menschen und des Zustands der Gesellschaften wird damit stark gelenkt, von „anderer Seite aus“ regiert.

Eine wichtige Frage und ein interessantes Thema, dem sich Riesewieck hier aufklärend und teils erschreckend zuwendet.

Eine empfehlenswerte, interessante Lektüre über das, „wie“ gearbeitet wird in der digitalen Welt und über die „Motive“ hinter dieser Form des Arbeitens. Wirtschaftlich wie ideell gezielt.

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Im Namen der Flagge

Tim Marshall , Birgit Brandau
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 08.09.2017
ISBN 9783423281409
Genre: Sachbücher

Rezension:

Symbole statt Geographie

Seine Verbindungen zwischen der Geographie und der inneren wie äußeren politischen Ausrichtung eines Landes oder „Reiches“ waren ein Bestseller und haben in ganz besonderer Weise die Voraussetzungen für jene geopolitischen Haltungen aufgezeigt, die auch in der Gegenwart noch erlebt, betrachtet, irritiert wahrgenommen werden können.

Nun wendet sich Tim Marshall ebenfalls der „inneren Verfassung“, der „Atmosphäre“, dem Selbstverständnis von Ländern und ihren Bevölkerungen auf eine zunächst exotisch klingende Art und Weise zu.

Weitaus abstrakter als große Flüsse, Bergketten, durch große Tiefebenen verwundbare „Flanken“ oder durch Expansionsdruck in Ländern ohne Meereszugang, wie in die „Macht der Geographie“ sind es nun „gefüllte Symbole“, die Marshall interpretiert und erläutert, warum und weshalb Menschen sich teils mit Begeisterung (bis hin zum Fanatismus beim IS und anderen Bewegungen) „unter einer Flagge“ versammeln und wie sich dieses Symbol als Zeichen eines Nationalgefühls im Lauf der Zeit (im wahrsten Sinne des Wortes“ „entfaltet“ hat.

Was keine gängige Form der Annäherung an Nationalgefühle und Gesellschaften ist und was, das trifft sicherlich zu, in dieser Form vielleicht auch bei Weitem nicht jeden Leser wirklich tief interessiert.

Und doch.

Es sind berühmte Bilder der Geschichte (auf Iwo Jima während des zweiten Weltkrieges, auf dem Mond durch Neil Armstrong), wenn die Flagge gehisst wird. Nach dem Anschlag am 11.9.2001 setzten drei New Yorker Feuerwehrleute auf die noch rauchenden Trümmer des World Trade Centers die „Stars and Stripes“. Ein Zeichen für alle Amerikaner. Für das traumatisierte Land in jenen Tagen ein Fanal und ein „heiliges Zeichen“, in dem sich als dingliches „corporate identity“ alle sammeln (und innerlich wiederaufbauen) konnten.

„Wie konnte ein buntes Stück Tuch eine solche Schlagkraft haben, dass das Foto nicht nur überall in den USA, sondern in Zeitungen auf der ganzen Welt abgedruckt wurde“?

Eine interessante Frage, die für Marshall Ausgangspunkt für eine weltweit umfassende Betrachtung solcher „Tuchstücke“ bildet und die den Leser, Seite für Seite mehr interessiert, in eine emotionale Bedeutung dieser Nationalsymbole führt. Eine Lektüre, bei der klar wird, dass das oft eher nur „nebenbei“ bemerkte Symbol (wird eben bei Siegerehrungen gehisst oder bei Todesfällen auf Halbmast gesetzt) durchaus auf unbewusste Erlebniswelten hinweist, die auch in der Moderne ihre Wirkung nicht verfehlen. Ein emotionales Erleben, dass „da ist“, selbst wenn es an vielen Orten und bei vielen Menschen kaum wirklich zu Bewusstsein kommt.

Nicht umsonst nennen die Amerikaner ihre „Stars and Stripes“ „Old Glory“.

„Die Bedeutung einer Flagge entspricht den Gefühlen, die sie weckt……..spricht auf ganz besondere Weise zu ihnen (den Menschen)“.

Was Marshall anregend erzählend im Tonfall, mit großer Sachkenntnis und für den Leser mit hohem Informationsgewinn vor Augen führt.

„Die Union und der Jack“ zeigen, wie sich politische Kämpfe, Befreiungen, der dennoch Stolz auf die eigene Tradition und Geschichte gestalterisch niederschlägt. Im Guten, wie in Britannien, im Schlechten, wie im dritten Reich mit seiner „Kreuzzugsflagge“. Die in langer Tradition religiös motivierter „Macht-Kriege“ steht.
Wie dies, auf der „anderen Seite der Welt“ auch „Flaggen der Angst“ (IS, Hamas u.a.) oder „Flaggen der Revolution“ zu finden ist.

So steht am Ende der Lektüre die Erkenntnis, dass Menschen immer auch in Symbolen Denken und Fühlen und diese über die Zeiten hinweg in der Gegenwart „auf den Punkt bringen“ können, was an Selbstverständnis und Geschichte in einer Bewegung oder einer Nation steht. Nicht umsonst übrigens waren gerade Flaggen und Fahnen (bis hin zu einzelnen Kompanien von Armeen oder Ultra-Gruppen in den Stadien weltweit) immer auch wichtiges „Kriegsbeute“. Als würde man den Kampfeswillen der anderen Seite durch den Verlust deren symbolischen Selbstverständnisses nachhaltig brechen können.

Eine empfehlenswerte Lektüre.

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Dreck macht gesund

Josh Axe , Ursula Held , Friedrich Pflüger
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.09.2017
ISBN 9783492060813
Genre: Sachbücher

Rezension:



Für einen „Darm ohne Durchlässigkeit“

Das „Leaky-Gut-Syndrom“ (LGS) im Speziellen ist es, das Axe in den Mittelpunkt seiner Darstellung setzt (wobei auch im allgemeinen der gesamte Darm von dem, was er an Ernährungstipps und Hintergründen vorlegt, „heilsam“ betroffen sein kann).

Jene „Durchlässigkeit“ Der Darmwände, durch die Giftstoffe, Bakterien, unverdautes Essen und anderes statt in die Verdauung in den Körper ausgeschieden werden und für eine ganze Reihe schwieriger Symptome sorgen.

Entzündliche Immunreaktionen, Abgeschlagenheit, Verlust von Energie und Lebenskraft sind dabei nur einige, schwierige Folgen, die sich einstellen.

Wobei es mit der griffigen Formel „Mehr „Dreck“ ins Leben zu lassen natürlich nicht einfach getan ist. Wie bei seiner Mutter zu Zeiten durchexerziert gehört eine „Verbannung“ aller industriell gefertigten Lebensmittel nicht absolut und unabdingbar, doch je mehr desto besser, mit in ein „Darm-gesundes Ernährungskonzept“. Was Axe nicht ideell begründet, sondern im Buch empirisch nachvollzogen vorlegt und damit den Grundstein für eine gute und dem Darm (und damit dem Körper) zuträgliche Ernährung legt.

Ohne emotionale „Übertreibung“ versehen bildet dieses Buch im Gesamten dabei ein Plädoyer für eine überwiegend „Bio-Ernährung“ und damit einen weiteren Baustein für eine zumindest kritische Betrachtung der verbreiteten, modernen Lebensmittel aus industrieller Fertigung.

Aber auch der „antibakterielle“ Wahn, der sich in den letzten Jahrzehnten breite Bahn gebahnt hat. Auch hier bezieht Axe klar Stellung im Sinne auch des Status Quo der medizinischen Forschung, dass die Warnung durchaus gilt:

„….vor der überbordenden Verschreibung von Antibiotika….., sowie vor der Gefahr einer allzu sterilen Lebensumwelt für unser Immunsystem“.

All dies liest sich differenziert und verständlich im Buch, ohne den Fehler zu begehen, ins Gegenteil völlig abzudriften und nur mehr „Pole“ gelten zu lassen (hier „künstlich“, dort mit möglichst viel „Bakterien“).

Denn gegen eine Art „künstlicher Zuführung“ von Mikroorganismen, Bakterien, Pilzen und Hefe hat Axe im Sinne „Probiotischer Nahrungsergänzung“ nichts einzuwenden, sondern kennzeichnet diese als „förderlich“. Bis hin zur Ergänzung zu konventionellen Behandlungen von Krebs (Betonnung auf Ergänzung, nicht auf Ersatz) reichen dabei die positiven Erfahrungen, die Axe im Buch immer wieder als praktische, illustrierende Beispiele heranführt.

Wie nun LGS entsteht, was die Kern-Risikofaktoren sind und, wichtiger, wie ein effektiver Schutz durch eine andere Nahrungshaltung und -Praxis dann LGS heilt und vorbeugend von da an wirkt, dass führt Axe Schritt für Schritt in sehr verständlicher Sprache im Buch aus.

„Das Eat-Dirt-Programm hat sich über viele Jahre in der praktischen Anwendung immer weiter entwickelt“. Und in dieser Hinsicht sei der Leser beruhigt, trotz des griffigen Titels ist es keineswegs nötig, den Teller mit Dreck aus Park und Garten zu füllen. Im Gegenteilt, die Ernährungshinweise im Buch sind an sich bereits auf dem Weg, sich breit ins Bewusstsein zu setzen. Auch was den achtsameren Umgang mit Medikamenten angeht, die bei Weitem die größten Kollateralschäden im Darm anrichten können.

Eine interessante und hilfreiche Lektüre.

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34 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

schweden, band 2, krimi, molly blom, lappland

Sechs mal zwei

Arne Dahl , Kerstin Schöps
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.09.2017
ISBN 9783492058117
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nicht immer schlüssig und mit Längen

Auch wenn der Klappentext vom Duo Sam Berger und Molly Brown spricht, Ex Polizist und Ex Geheimdienstagentin, beide „unter der Hand“ von ihren ehemaligen Diensten gejagt, und auch wenn beide Figuren in diesem Thriller eng gemeinsam arbeiten, Bergers ehemalige Kollegin und Freundin „Deer“ gehört ebenso zum geheimen Ermittlerteam und beansprucht eine Perspektive im Buch durchaus für sich.

Eine Ermittlung, die manches Mal wirkt, als hätte Dahl hier zu viel des Guten mit hineingepackt. Was vor allem lange Zeit eher unverbunden wirkend nebeneinander steht.

Die Landschaft Schwedens und ein Serienmörder, den es in Schweden doch einfach nicht geben kann. Offiziell. Und dessen Hintergrund im Lauf der Zeit eher fragwürdig denn packend wird.

Verdächtige über Verdächtige, die einer nach dem anderen aus verschiedenen Gründen ausfallen.

Eine Schilderung der Arbeit der Spurensicherung, die Dahl zwar nicht breit, aber doch immer wieder in den Mittelpunkt rückt und fast so etwas wie Wunder an einem kleinen Fetzen eines kleinen Fadens irgendwo an der Wand eines Heizungskellers vollbringt.

Zwei Gejagte, die doch eigentlich immer auf der Seite der „Guten“ standen.

Eine Bedrohung für alle drei Ermittler, die alleine bereits als Thema für einen Thriller ausreichend gewesen wäre.

Eine „dritte Partei“, die technisch versiert beobachtet (was nicht immer wirklich realistisch wirkt).

BDSM Haltungen, Szenen, Erfahrungen, die weniger in den sexuellen Bereich wie bei „Fifty Shades of Grey“ abdriften, sondern sich vor allem im mentalen Bereich abspielen und weitgehend nur indirekt Thema im Thriller sind.

Bis da eine gewisse Ordnung für den Leser entsteht und so manches Verhalten bei minus 30 Grad (was Duschen und Sport betrifft) für leichtes Kopfschütteln sorgt und bis ein gewisser Überblick über die Figuren neben den Hauptpersonen eintritt, vergeht einige Zeit. Was die Figuren im Buch nicht hindert, ein spontanes „Aha-Erlebnis“ nach dem anderen zu erleben, von denen manche eher an Prophetie denn an solide Ergebnisse von Ermittlungen grenzen.

Beredt und bildkräftig, durchaus an den Personen interessiert (teilweise vielleicht gar zu viel an Aufhebens um manche Figuren betrieben wird) ergibt sich mit der Zeit ein dennoch durchaus interessanter Stoff, der sprachlich flüssig zu lesen ist.

Echtes Tempo aber stellt sich selten ein, trotz ständiger Fahrten von hier nach da ist der Fortgang der Ereignisse eher gemächlich, daran ändern auch die hier und da eingestreuten „Aufgeregtheiten“ über Ermittlungsergebnisse und Fortschritte nicht unbedingt etwas.

Dennoch, einige hervorragend gestaltete Szenen (der Besuch in einem Haus einer zwielichtigen Frau, das Finale, Szenen in der psychiatrischen Klinik) bieten dann doch auch knisternde Spannung und überraschende Auflösungen.

Alles in allem solide Unterhaltung, die aber an die Fälle der „A-Gruppe“ mit ihren hoch individuellen Mitgliedern und komplexen Fällen nicht heranreicht.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

gesellschaft, sachbuch, zweiter weltkrieg

'Ein Volk, ein Reich, ein Führer'

Dietmar Süß
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 19.09.2017
ISBN 9783406679032
Genre: Sachbücher

Rezension:

Differenzierte Aufarbeitung einer Gesinnung

Waren alle Deutschen Verehrer des „Führers“, nur am Ende wollte es keiner gewesen sein?
Oder ging es einfach um das Bestehen im Alltag und was „die da oben“ machten, war relativ egal?
Oder war Widerstand weit verbreitet, nur der Mut zum offenen agieren ungleich verteilt?

Was eigentlich war (oder ist?) ein „Nationalsozialist“ bei Millionen, die aus verschiedenen Beweggründen, von der glühenden Verehrung bis zum pragmatischen Nutzen, Parteimitglieder waren?

Sehr sorgsam und, vor allem, nicht in Puzzleteilen, sondern mit einer klaren, inneren Linie vollzeiht Süß chronologisch den Status Quo der Gesellschaft zu Beginn der Herrschaft des dritten Reiches nach (und räumt umgehend mit der Legende auf, nur bestimmte Schichten wären von Beginn an begeistert gewesen) und die Veränderung der äußeren Umstände und inneren Haltungen durch die Jahre hindurch bis zum Ende des zweiten Weltkrieges.

„Der Nationalsozialismus war keineswegs über die Deutschen hereingebrochen, sondern fand Unterstützung in allen sozialen Gruppen: bei Arbeitern und Bauern, kleinen Angestellten und Beamten, Studenten und Wissenschaftlern, Pastoren, Offizieren, adeligen Grundbesitzern und Unternehmern“.

Und, wer zu Anfang vielleicht noch überlegend vor der „Bewegung“ stand, änderte seine Haltung im Lauf der Jahre auf jeden Fall. Überwiegend zu „Dabei sein“, zahlenmäßig weniger in klarer Ablehnung.

Dabei ist vor allem die „Gleichschaltung“ der Gesellschaft und die dazu aufgewendeten Methoden sehr beachtenswert im Buch nachvollzogen, wie alle bestehenden Vereine, kleineren Gemeinschaften, die ebenso Hort der Freizeit, wie auch Ort von Absprachen und Austausch darstellten, nach und nach aufgelöst, zumindest im Vollzug erschwert wurden, um in die (unter klarer Kontrolle stehenden) „neuen“ Vereine und Verbünde der NSDAP gesammelt überführt zu werden.

Und ebenso, der eigentliche Kern des Buches, zeigt Süß differenziert auf, wie Linien bei den einzelnen Bürgern des Landes in sich differenzierten.

„Heil Hitler. Heil Hitlermann“.

So ruft ein kleiner Junge 1933. Noch ohne genau zu wissen, was da konkret geschieht. Aber ergriffen vom Gefühl, von Fackelzügen, zackiger Ordnung, vermeintlich klarem, „männlichen“ Auftreten.

Oder Louise, von Beginn an Anhängerin. Doch ebenso verunsichert, als die Gewalt gegen jüdische Mitbürger, Nachbarn zunimmt. Mitsamt der inneren Zerrissenheit, dass ihr Ehemann und Vater ihrer Tochter jüdische Vorfahren hat. Und ihre „stramm“ auf Gesinnung getrimmte Tochter, voll glühender Verehrung, unter diesem Makel schon früh in der Schule zu leiden hat. Während Louise selbst demonstrativ beim jüdischen Kaufmann einkaufen geht.

Dieses „sowohl als auch“, diese Mischung aus Begeisterung und alltäglicher Befremdung über das, was geschieht und doch mitgerissen sein, auch innerlich, bietet ein sehr breites, anschauliches Bild ins Innere des Dritten Reiches.

„Hände hoben sich, Lieder setzten ein, die paar Leute in der Dunkelheit hinter uns riefen mit, Polizei und Volk waren eins in Hitler“.

Was sich als Kern herauskristallisiert als primäres Moment einer emotionalen Beteiligung. „Eins sein in…“

Wer über den Alltag im dritten Reich, die Veränderung desselben im Lauf der Jahre und die überwiegend vorhandene innere Haltung des „Volkes“ ein anschauliches Bild erhalten möchte, ist mit diesem Werk bestens bedient.

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