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26 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

thriller, norwegen, monströse versuche, sekte, trilogie

Der Hirte

Ingar Johnsrud , Daniela Stilzebach
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 26.06.2017
ISBN 9783764505875
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

In sich schlüssig, spannend, aber auch fordernd

Da kann man hier und da, gerade in der ersten Hälft dieses Debüts, doch mal den Überblick verlieren und sich über eine gewisse Strecke hinweg fragen, worum es denn ganz genau geht.

Um eine christlich überaus konservative Sekte, die nur deswegen so interessant ist, weil die Tochter einer hochrangigen Politikerin Norwegens dieser mit Haut und Haaren angehört?

Um ominöse Experimente, wie sich unter einer Scheune auf dem Gelände der Sekte zeigen wird?

Um Rache, wie es dieser große, intensive Mann ohne Ohren, Nase und Oberlippe nahezulegen scheint?

Oder auch um die Entwicklung des Polizisten Fredrik Beier, der sein Leben bei einem Brand auf Spiel setzte und dabei mehr verloren hat als nur sein bis dahin gewohntes Leben?

Oder auch um internes Gerangel bei der Polizei, Konkurrenz, Spannungen, Macht?

Was sich dann aber herausstellt, gerade an den, zu Beginn eher verworren und unklar wirkenden Rückblicken in die Zeit des zweiten Weltkrieges, liegen dem Thriller rote Fäden zugrunde, die über Jahrzehnte reichen. Bei denen vermeintlich Tote überaus lebendig mitmischen, bei denen eine ganze Sekte (bis auf eine paar übel zugerichtete) Personen verschwindet und der Fall einfach nicht wirklich voran kommen will in den Ermittlungen.

Was umgehend wieder zu Druck innerhalb der Behörde führt.

Es ist eine in sich logisch konstruierte Geschichte, die Johnsrud in Ruhe als roten Faden nutzt und sehr sorgsam, langsam aufbaut. Um die herum eine Vielzahl anderer Themen ihren Platz finden und miteingefügt werden. Sei es eine islamistische Zelle, deren Rolle zunächst ganz klar wirkt, ein Blick, der dann aber durch einen drastischen Fund auf einem Dachboden ganz anders und neu gewendet wird. Oder die Machtfragen in der Politik, was die im Thriller anstehenden Wahlen in Norwegen angeht. Die „andere Seite“ in Form „fanatischer“ Christen, die das Blut vom Kreuz in Mengen herunterquellen lassen.

Mord, Terrorismus, Entführung und Personen, die von den beiden Hauptfiguren (Beier wird eine Ermittlerin zur Seite gestellt, die besonders kompetent im Blick auf einen möglichen islamischen-terroristischen Hintergrund ist) bis hin zur „anderen Seite“ (die Pastoren und der bedrückend unheimlich gezeichnete „Killer“) und in Nebenfiguren hinein (der selbstherrliche Polizeichef und seine beiden „Junioren“, die sich gegenseitig nun gar nichts gönnen) oder als Innenblick auf die politische Elite und deren Machtgerangel.

Dass alles erzählt Johnsrud einerseits ruhig, andererseits, je zum richtigen Zeitpunkt, auch mit Härte und Tempo und hält die verschiedenen Fäden der Geschichte dabei souverän in der Hand, um auch diese in den je passenden Momenten entweder zusammenzuführen oder durch überraschende Wendungen den Leser wieder neu neugierig machen.


Ein sehr empfehlenswerter Thriller.

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33 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

vergewaltigung, gefängnis, mord, scham, résistance

Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Jean-Luc Seigle , Andrea Spingler
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 26.06.2017
ISBN 9783406697180
Genre: Romane

Rezension:

Geht ans Herz

Man kann als Leser gar nicht umhin, sich im Zuge des Sogs der Sprachfertigkeit Seigles und seines tiefen Eindringens in die Psychologie der Persönlichkeit der Pauline Dubuisson mehr und mehr emotional dieser Frau zuzuwenden.

Die, in Deutschland wohl kaum bis gar nicht bekannt, in Frankreich in reger Erinnerung ist.

Als junges, eigentlich „jüngstes“ Mädchen während der Besatzungszeit in „Liebe“ entbrannt zu einem Deutschen Offizier. Nach der Befreiung voller Hass auf die Kollaborateure mit einem radikalen „Schandzeichen“ versehen. Wenige Zeit später als Mörderin ihres Verlobten verurteilt, mit gnadenloser Härte des Gesetztes. Und dann, wieder in Freiheit, folgt das Scheitern im Leben ihr wie an ihr festgeklebt.

Vier Suizid Versuche sprechen da ihre ganz eigene Sprache.

Während aber in Frankreich „die Schande“ und „der Mord“ alles beherrschen; was das Bild dieser Frau ausmacht, versteht es Seigle intensiv in die Tiefe zu gehen und in seinem biographischen Roman mit großer Feinfühligkeit das Gesamtbild der Person zu zeichnen.

Denn all jene „Liebe“ und die Reaktionen auf dieses, bei Pauline überaus subjektiv gefärbtes Gefühl, haben einen Ursprung in ihrer Kindheit. Und genau diese „Prägung“ ist es, die dieses Leben so immens immer wieder an sich selbst und den äußeren Umständen scheitern lässt.

Es ist eben nicht so, wie es noch 1991 im „Paris Match“ heißt:

„Auch wenn es um grässliche Verbrechen geht, hat man das Bedürfnis „etwas zu verstehen“…….Mit Pauline, diesem harten Biest, funktioniert das nicht. Sosehr ich es befrage, mein Herz bleibt kalt“.

Aber nicht das des Lesers, wenn er die einzelnen Etappen dieses Lebens aus der „Innensicht“ Paulines liest. Mit dem zentralen Dreh- und Angelpunkt, der nicht alles, aber das Grundsätzliche völlig klar auf den Punkt setzt:

„Wenn ich nicht geliebt werde, bin ich wie tot……Man ist, ohne wirklich zu sein. Wie tot sein heißt, lebendig sein und bereits wie eine Leiche zu riechen“.

In diesem kleinen Satz steckt bereits das gesamte Psychodrama dieses Lebens und wird klar, warum ein Zurückweisen für Pauline letztlich innerlich nie hinnehmbar war, einerseits. Ums nackte Überleben kämpfen, das hieß für sie, Liebe. Ebenso, wie diese „Sucht“ sie immer wieder anfällig machte, gerade in diesen jungen Jahren und gar nicht wirklich unterschieden werden kann zwischen aufrechten Gefühlen zu einem „zufällig“ deutschen Soldaten und einer immensen „Sucht“ zu Gefallen, geliebt zu werden, das „Objekt der Begierde“ ganz und gar „besitzen“ zu müssen.

Ein Schicksal, dass aufrüttelt, das dem Leser ans Herz geht und das in bester sprachlicher Form genau mit der richtigen Dosierung zwischen Emotionalität und betrachtender Distanz von Seigle auf die Seiten gebannt wurde.

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92 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 52 Rezensionen

krimi, norwegen, oslo, serienmor, brutal

Teufelskälte

Gard Sveen , Günther Frauenlob
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 16.06.2017
ISBN 9783471351499
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Brutale Serienmorde

Ein junges Mädchen, aufs Schwerste gequält und misshandelt, die nur mehr knapp am Leben gerettet wird. Wohl weil der Zeuge den Täter störte.

Ein verurteilter Serienmörder, seit Jahren in psychiatrischer Sicherheitsverwahrung, der mit dem Direktor der Anstalt Katz und Maus spielt. Und nicht nur mit diesem.

Ein Direktor, der schwer an seiner Bürde trägt und einige Monate vor seinem Ruhestand alles in Bewegung setzen will, diesen Mann, Rask, nicht in offenere Formen der Verwahrung zu entlassen. Mit Szenen, die bedrücken, wenn der alternde Mann schwer atmend, der Schweiß in Strömen fließend, ohne wichtige Erkenntnisse zu finden die Zelle von Rask auseinandernimmt.

Ein lange zurückliegender Fall, bei dem keiner auch nur eine Ahnung hat, was diese „Edel Marie“ mit den aktuellen Ereignissen zu tun haben könnte.

Und ein Polizist, der seine Aggressionen nicht im Griff hat. Der seine Lebensgefährtin derart „sich vorgenommen“ hat, dass diese nurmehr flüstern auf dem Fliesenboden des Badezimmers eindringlich um ihr Leben bittet.

„Bitte, bitte, Tommy, bring mich nicht um“.

Das (und noch einiges mehr) sind die Zutaten des neuen Thrillers von Gard Sveen um seinen Kommissar Tommy Bergmann. Ein Thriller, in dem alle Beteiligten fast genauso viel mit sich selbst zu tun haben, wie mit dem erneuten Verbrechen. Das eindeutig die Handschrift des Mörders Rask trägt. Die eindeutig in eine Reihe von Fällen passt, der älteste liegt inzwischen 18 Jahre zurück, für die Rask verurteilt wurde.

Aber Rask kann dies nicht getan haben.

Ein Nachahmer? Ein Komplize? Oder ist Rask gar einfach unschuldig? Was niemand zu glauben vermag.

Auf jeden Fall aber, und das wird Seite für Seite im Thriller klar, hier ist ein Teufel am Werk, der akribisch, gnadenlos und eiskalt sein Unwesen treibt. Genauso eiskalt, wie Rask es ausstrahlt. Und doch muss es ein anderer, noch einer, gewesen sein.

Und Thommy Bergmann ist persönlich involviert. Er hat damals, als junger Mann und frischer Polizist die Leiche der jungen Kristiane mit gefunden, Dem ersten Opfer des Serienmörders.

Immer wieder reißen ihn auch in der Gegenwart noch Alpträume aus dem Schlaf. Sieht er das junge Mädchen innerlich vor sich und hasst er Rask wie kaum jemand anderen.

Wenn er sich denn im Griff hätte und sich nicht immer von inneren Dämonen getrieben selbst in die Quere kommen würde.

Düster, melancholisch, dunkel wie der Winter in Norwegen und kalt und unwirtlich wie der Winter, so dringt es aus den Worten des Thrillers, der den Leser in Beschlag nimmt und packt.

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28 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

Das Rauschen in unseren Köpfen

Svenja Gräfen
E-Buch Text: 240 Seiten
Erschienen bei Ullstein eBooks, 12.05.2017
ISBN 9783843714938
Genre: Sonstiges

Rezension:

Liebesgeschichte und Entwicklungsroman in einem

Der Leser lernt Lene kennen, als es gerade „funkt“ zwischen ihr und dem jungen Mann, den Sie per Zufall in der U-Bahn mit ihrem Fahrrad angestoßen hat.

Und durch die Zeitwechsel, die Gräfen ebenfalls vornimmt, lernt der Leser Lene zugleich an der Schwelle zum Erwachsenwerden statt. Noch im Haus am Stadtrand mit modernen, legeren Eltern. Mit Ihrem Bruder, der ein Jahr älter ist und nach dem Abitur nach Asien verreist. Mit ihrer besten Freundin Hanna (die auch für ihren Bruder Jaro eine besondere Person ist und weiter werden wird).

Im Lebensumkreis dieser Lebensphase, Auszug, WG mit der besten Freundin, erste Freunde und dann, mit Hendrik, die tiefe, erste, symbiotische Liebe, die erst einmal kaum Worte, die auch kaum äußeres Leben benötigt, um tief zu wirken, das alles vermag Gräfen sehr empathisch, mit gleichzeitiger Distanz des Beobachters und aus dem Inneren von Lene heraus sprachkräftig zu beschreiben.

So entsteht ein Kaleidoskop innerer und äußerer Entwicklungslinien junger Menschen in Berlin, der Ablösung vom Elternhaus (wie Gräfen mit einem Satz auch die Eltern mit ins Boot holt, die „leben in einem Haus mit nun zwei mehr leeren Zimmern), wie das Suchen nach einem eigenen Weg beiläufig mitläuft (auch wenn Hanna umgehend weiß, was sie will und dies auch umgehend bekommt), wie die Wohnungssuche im Berlin der Gegenwart sich gestaltet (auch wenn Lene und Hanna wie im Vorbeigehen ihre Traumwohnung erhalten), all das ist auf den Punkt erzählt.

Mit verschachtelten Sätzen, die zugleich kühl wirken und doch vielfältige Emotionen transportieren, mit einer sich langsam entwickelnden Geschichte, die ihre Hürden haben wird. Wie das Gefüge der vermeintlich „reinen Liebe“ erschüttert werden wird und dabei die ganze Ohnmacht und Hilflosigkeit des jungen Lebens von Lene in den Raum tritt, all das liest sich treffend, flüssig und gut im Roman.

Wobei da vieles, auch Wichtiges im Vagen bleibt. Kleine Zeichen im Lauf der Ereignisse in der Beziehung, aber auch mit treffenden, symbolischen Bildern von Abschied und „dies eigentlich nicht sehen wollen“ in ganz alltäglichen Dingen des gemeinsamen Lebens verwandeln diesen, eigentlich ja Missstand, wenn nicht ganz klar wird, was da eigentlich im Busch ist und aus der Vergangenheit von Hendrik die Gegenwart beginnt, mit zu beeinflussen, gerade in eine Stärke des Buches. Denn der Leser empfindet mit und muss gar nicht so genau wissen, es reicht, zu spüren, wie da Wichtiges sich Schritt für Schritt auseinanderentwickelt samt der Trauer, die hier und da bereits im Vorfeld angedeutet wird.

Eine starke, anregende, treffende Lektüre. Bei der es nicht nur im Kopf von Lene rauscht, sondern auch im Herzen der jungen Leute und es Gräfen gelingt, dieses „Rauschen“ auch dem Leser nah und eng zu vermitteln.

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15 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

familie, scheidung, stiefgeschwister, geschwister, loyalität

Die Taufe

Ann Patchett , Ulrike Thiesmeyer
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 02.05.2017
ISBN 9783827013446
Genre: Romane

Rezension:

Irrungen, Wirrungen, Versagen und Geheimnisse einer Familie

Sehr lebendig, sehr flüssig und mit großem Wortschatz erzählt Ann Patchett ihre neue Geschichte. Von einer Art „Patchworkfamilie“ der besonderen Art, die sich von heute auf morgen einer öffentlichen Wahrnehmung gegenübersieht, die wo wohl keiner der Beteiligten sich gewünscht hätte.

Mit einer Vielzahl von Figuren, die Patchett immer ruhig, teils mit wenigen Worten bestens ins Licht rückt, so dass der Leser im Lauf der Lektüre mehr und mehr wie ein Teil dieser, durch einen fast unerklärlichen „Funken der Leidenschaft“ auf einer Tauffeier verbundenen, Gruppe von Menschen wird.

Dass Bert Cousins, Staatsanwalt, Vater von 3 1/3 Kindern, verheiratet und überfordert (warum wäre er sonst so ein „Nestflüchter“, der selbst am freien Sonntag händeringend nach Möglichkeiten sucht, das heimische „Idyll“ hinter sich zu lassen) nicht eingeladen auf einer Tauffeier auftaucht. Dass seine große Flasche Gin den anwesenden Pfarrer fast euphorisch an die wundersame Speisenvermehrung bei Jesus erinnert, dass er zunächst eine Orange nach der anderen in der Küche auspresst, bevor er sich auf Bitten des Kindsvaters und Ehemanns von Beverly auf die Suche nach dem Säugling in den vielen Räumen des Hauses begibt, all das hat bereits in der unausgesprochenen negativen Spannung zwischen ihm und dem Kindsvater und der unausgesprochenen positiven Spannung zwischen ihm und der Frau des Hauses knisternde Elemente.

Die Patchett sehr geschickt bereits durch das Verhalten der Tante des Täuflings, Beverlys Schwester, fast vorwegnimmt. Immerhin, einer Ehefrau gelingt es, ihren Mann rechtzeitig nach Hause zu bugsieren. Der Pfarrer kommt weniger leicht davon und Beverly und Bert werden sich auch noch alleine in einem Zimmer begegnen.

Sei es, wie es sei, aus anfänglichem Schock und manchen lebenslangen Animositäten wird aus beiden Familien etwas Neues entstehen. Was durchaus auch seine positiven Seiten hat und die verschiedenen Menschen aus den verschiedenen nun verbundenen Familien ihr Leben lang miteinander verbinden wird. Regelmäßige Treffen eingeschlossen.

Was auch düstere Seiten hervorbringen wird und dann, ein Schock für nicht wenige, als Buch veröffentlicht im Raum steht. Eine der Ihren hat ihrem neuen Geliebten eine Menge erzählt. Eine Menge, die dieser zum Bestseller macht.

Was nun? Kann einer einfach das alles öffentlich erzählen? Gibt es einen oder eine Schuldige? Kann man, will man etwas dagegen tun? Fragen, die durchaus eine gewisse Dramatik haben, die sich aber im Buch selbst nicht in entsprechender Form wiederfindet. Trotz der flüssigen Sprache und der Möglichkeiten Patchetts, Dinge auf den Punkt zu bringen zieht sich die Handlung doch an einigen Stellen langwierig dahin. Und beruht auch auf einigen eher unrealistisch Wirkenden Annahmen. Denn warum, bei aller Schönheit Beverlys, sollte ein „Nestflüchter“, dem es mit den eigenen Kindern schon zu viel wird, statt einer anregenden und vor allem heimlichen Affäre sich vom Regen in eine gefühlte Traufe begeben?

Wie schon zu Beginn es nicht sonderlich überzeugend wirkt, dass Beverlys Schwester sich fast verzweifelt dem Pfarrer nähert, der nun wirklich keine sonderliche Attraktivität zunächst erkennen lässt.

Demgegenüber gut gelungen ist die erkennbare Überforderung der Eltern allen Kindern gegenüber, die von diesen keinesfalls eingestanden werden wird. Eine Vernachlässigung mit Folgen, was zu eindrucksvollen Szenen im Buch ausgearbeitet ist.

Insgesamt ein sprachlich sehr ansprechendes Werk mit nicht wenigen wichtigen Themen des modernen Lebens, dass aber durch manche Längen den Leser auch zum Überblättern einiger Passagen animiert.

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52 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

london, ermittlungen, beerdigungsinstitut, krimi, mord

Die Seelen von London

A. K. Benedict , Alice Jakubeit
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.06.2017
ISBN 9783426520550
Genre: Fantasy

Rezension:

Munter und überwiegend spannend erzählt

Eine Blinde, die aufgrund einer kürzlich erfolgen Operation eigentlich sehen könnte. Aus freiem Willen aber lieber eine Augenbinde trägt. Was ziemliche Folgen für ihre Privatsphäre in der eigenen Wohnung haben wird.

Ein Detetective in London, der (zu Anfang des Romans, später wird das noch eine ganz andere Form von Wohnen werden) auf einem Feldbett im Büro nächtigt und fast mehr damit beschäftigt ist, seine scheiternde Ehe auf die Reihe zu bekommen, als seinen Dienst konzentriert zu versehen.

Ein „Verehrer“, der auf Freiersfüßen wandelt, gerne einen Ring „noch am Finger“ als Verlobungsgeschenk hinterlässt und mit der Polizei (lange) Katz und Maus spielt.

Ein Bestatter, der „in eigener Sache“ einen Kollegen aufsucht, erstaunt darüber ist, dass dessen Frau im Hause ist (wurde die nicht schon beerdigt), aber mit sich und seinem aktuellen Zustand jede Menge selbst zu schaffen haben wird. Hätte er sich mal nicht auf diese kriminelle Vereinigung eingelassen. Was man gut im Nachhinein bedauern kann, der Schaden aber ist wohl endgültig angerichtet.

Eine Taxifahrerin, die nicht selten „besondere“ Fahrgäste chauffiert.

Eine Stadt, in der nicht nur die Lebenden zahlreich vertreten sind, sondern auch so mancher Tote nicht länger im „Dunkelgrau“ verharrt, sondern mit vielen Leidensgenossen die Straßen bevölkert. Was, zum Glück, nur wenige Lebende wirklich „sehen“ können. Aber eine Ahnung, die bekommen viele der Einwohner. Manche mehr, als ihnen lieb sein kann.

So erzählt Benedict mit einem munteren Reigen von anregend gestalteten Personen einen ebenso flüssigen und spannenden Reigen von eigentlich zwei Geschichten, die sich vielfach kreuzen und an bestimmten Stellen auch miteinander verbinden werden.

Den „Stalker“ zu finden, bevor er seine nächste „Auserwählte“ tötet (wobei die letzte der Verlobten zwar ermordet wurde, keineswegs aber still ihr Schicksal hinnehmen wird), das sind die fiebrigen Ermittlungen auf der „lebenden“ Seite des Romans.

Die kriminelle Vereinigung auszuschalten, zumindest aber die geliebte Ehefrau vor einem grässlichen Schicksal zu schützen, das ist die Zielsetzung auf der „toten“ Seite des Romans.

Und da gibt es ja auch noch jene Form von „Geistern“, die andere Geister „aussaugen“ und sie paralysiert im Dunkelgrau verrotten lassen.

Jede Menge Gelegenheit also für gefährliche und enge Situationen, die Benedict nutzt und damit die Geschichten mit Tempo nach vorn erzählt.

Auch wenn das ein oder andere doch weit hergeholt erscheint und nicht alle Impulse, die gesetzt werden, dann weiter durch erzählt werden bildet dieser Roman aus dem Diesseits du Jenseits eine erfrischende Unterhaltung und hält den Leser von Anfang bis Ende bei der Stange.

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Wachstum über alles

Jack Ewing , Sonja Schuhmacher , Bernhard Jendricke
Fester Einband: 408 Seiten
Erschienen bei Droemer, 23.05.2017
ISBN 9783426277041
Genre: Sachbücher

Rezension:

Immer noch mehr als aktuell

Nicht nur, dass der erste Audi Manager inhaftiert wurde. Nicht nur, dass der Kauf von Dieselfahrzeugen rapide Einschnitte erlebt. Nicht nur, dass aktuell klar wird, wie früh Martin Winterkorn bereits von der „Schummel-Software“ wusste. Sondern noch deutlich weitere Kreise zieht „Dieselgate“, so dass man den Eindruck erhält, dass die Krise nicht weniger, sondern potenziert mehr an Geschwindigkeit aufnimmt seit dem Jahre 2015.

Was aber sind und waren die Motive führender Autohersteller (es wäre ein Irrglaube, nur VW eine solche Strategie zu unterstellen, wie sie nun zweifelsfrei nachgewiesen ist), um das „Wachstum“ (dass der Quoten, dass des Geldes, dass der Shareholder Value, dass des „ersten“ auf dem Markt der Autobauer) so rigoros und deutlich unterhalb gesetzlicher Vorgaben voran zu treiben. Unter Hinnahme von Schäden für die Ökologie allgemein und den Kunden im konkreten.

Im „Rest er Welt“ ist man „aufgebracht über die von VW zur Schau gestellte Arroganz, und die betroffenen Fahrzeugbesitzer, die einen vermeintlich sauberen Diesel erworben hatten, fühlen sich betrogen“.

Zu Recht, ohne jede Frage. Und werden auch weiterhin als „Zahlvieh“, könnte man sagen, benutzt. Denn kulanten Ersatz, ein Einstehen für den Schaden, das erwartet man von VW bis heute umsonst. Genauer gesagt, das, was „der Schaden“ eigentlich ist, wird von VW (in Teilen auch von der Bundesregierung) ganz anders gesehen und gewertet, als vom „Rest der Welt“ und, vor allem, von den Kunden.

Was unmittelbar damit zu tun haben mag, wie Ewing darlegt, dass „eine Krise von Volkswagen eine Krise für die gesamte deutsche Wirtschaft ist“.

Gilt dann aber auch umgekehrt, dass der absichtliche Betrug am Kunden und am Regelwerk durch Volkswagen eine „allgemeine Haltung“ widerspiegelt? Sprich, dass jene feste Orientierung an „Wachstum über alles“ jeden nur denkbaren Weg beschreitet, Hauptsache, man wird a) nicht erwischt und wenn, dann b) klagt man über Jahre hindurch und versucht, den Schaden maximal zu minimieren?

Fragen, denen Ewing nachgeht, wenn er minutiös nicht nur den Ablauf der konkreten Probleme skizziert, sondern auch die Haltung hinter all dem konsequent im Auge behält und dem Leser vor dasselbe führt.

„Ist VW ein Sonderfall oder erwuchs der Skandal aus einem Umfeld, das man als typisch deutsch bezeichnen könnte“? Was eben auf die „Schattenseiten“ der an sich weltweit hellleuchtenden Ingenieurskultur in Deutschland im Buch rekurriert.

Was schon damit beginnt, wie Ewing kurzweilig und sehr verständlich, in Teilen sogar regelreicht spannend ausführt, dass ein Gesamtumfeld von Wachstumsorientierung, Gier, Abgehobenheit und allgemein einseitiger Fixierung der „obersten Ebenen“ seit Jahrzehnten gehegt und gepflegt wird, dass Qualität, „sauberes“ Arbeiten und Kundenorientierung zunächst nicht ganz nach Oben in der Wertekette stellt.

„Gewisse politische Maßnahmen, ursprünglich gedacht, den deutschen Autobauern einen Vorteil zu verschaffen, sind mittlerweile zur Last geworden.

Der Dieselmotor, als “Rettung gefeiert“, kann durchaus, nicht nur in „Worst-Case Szenarien“ zum Untergang führen.

All diese Verstrickungen, Verblendungen, die kriminelle Energie, die auch mehr und mehr ins Rollen kam, die Schlüsse, die daraus zu ziehen sind, behandelt Ewing ausführlich und fundiert recherchiert.

So dass dem Leser die Augen aufgehen, weit über Volkswagen hinaus, welche Blüten das System rein kapitalorientierter Lebens. Und Unternehmensziele inzwischen treiben. Ohne Rücksicht auf Nachhaltigkeit.

Eine hervorragende Lektüre.

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

So tickt die Wissenschaft

Tom Cabot , Dietmar Schmitz
Fester Einband
Erschienen bei Frederking & Thaler, 21.06.2017
ISBN 9783954162062
Genre: Sachbücher

Rezension:

Breites Wissen in Infografiken

Vom Urknall bis zur KI. Das Universum. Die Erde. Das Leben.Der Mensch.

In diese Hauptteile unterteilt Cabot seine dichtgedrängte, vielfache Darstellung dessen, was der Mensch weiß. Natürlich nicht in jeder denkbaren Hinsicht, sondern konzentriert auf den Kern der Entwicklung des Lebens und der Intelligenz. Was immer noch Seite für Seite übersichtlicher Grafiken und Statistiken hervorbringt, aber im einzelnen durch die besonde3re Form der Darstellung bestens prägnant zu erfassen ist.

Eine Form der Darstellung, die von Beginn an bestimmend für die Darre3ichung des Werkes ist. Denn auch das Inhaltsverzeichnis liegt (neben dem klassischen Format) bereits in „Bildform vor“, so dass es dem Leser erleichtert wird, sich auf die Art der Darstellung, die Cabot mit seinen Infografiken wählt, von Beginn an einzulassen.

Wie sich anfangs die Naturkräfte entfalteten, wie ein Supernova entsteht und was sie bewirkt, ebenfalls dann später für den Mond dargelegt und wie das Leben (langsam) entstanden ist und sich bis heute entfaltet hat (in potenzierter Geschwindigkeit dann), all das lässt sich leicht und zielgerichtet Nachschlagen im Buch, ebenso, wie, natürlich, auch einfach chronologisch von vorne nach hinten gelesen werden kann.

Wobei allerdings eine sehr konzentrierte Form des Lesens gefragt ist. Denn viele Informationen auf einmal beinhaltet jede Infografik mit je knappen, erläuternden Texten und so will jeder der Infografiken in Ruhe und in allen Feinheiten betrachtet werden.

Was vielleicht nicht jedermanns Sache ist, was aber in Bezug auf die Fülle an Informationen und die Zeitpanne, die das Buch dabei in den Blick nimmt, die einzige Möglichkeit darstellt, auch nur annähernd die wichtigen Elemente aus Physik, Kosmologie, Chemie und Biologie im Gesamten vor Augen zu führen.

Eine spannende „Zeitreise“, auf der man sich ein wenig aber auch verlieren kann in der Vielzahl der vorliegenden Grafiken und Informationen.

Aber man kann sich ja Zeit lassen. Seite für Seite. Was sich am Ende überaus gelohnt nhat.

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4 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Der erste fiese Typ

Miranda July , Stefanie Jacobs
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.06.2017
ISBN 9783462050332
Genre: Romane

Rezension:

Andersartig erkundete abstruse Verhältnisse

Von Anfang an, selbst in noch überaus unklaren Verhältnissen, die sich erst langsam in ihrer ganzen zunächst Absurdität und dann skurrilen Tiefe entfalten werden, schwant dem Leser, dass jene Cheryl Glickmann nicht umsonst alles in ihrem eben und um dieses Leben herum deswegen mit einem bis ins Detail durchdachte System versehen hat, um sich selbst, ihr Inneres einigermaßen unter Kontrolle zu halten.

Dies kleinen „Ausrutscher“ im System, dieser Glaube und wiedergeborene Leben, diese merkwürdig erscheinende innere Verbindung zu nicht wenigen Säuglingen.

„Andauernd werde ich bei den falschen Leuten geboren“.
„Ich weiß!“.

Dieses Beharren darauf, mit Phillip, dem 16 Jahre älteren Mann aus dem Vorstand der Firma seit Jahrhunderten (bis hin zur gemeinsamen „Höhle“ vor Urzeiten) bereits „füreinander bestimmt zu sein“ (was Phillip in einer Wendung der Ereignisse, die natürlich surreal und dennoch „vom Hocker reißend“ ist ad absurdum geführt wird), die lassen bereits Ahnen, dass eine Cheryl nur die Spitze ihres inneren Eisberges an Fülle von „Ticks“ und Emotionen zeigt.

„Wir alle tun manchmal einige dieser Dinge. Mit einem System tut man sie immer alle“.

Aber nur solange, bis das Leben sich vehement Bahn bricht. Ungewollt, aber unaufhaltsam.

Was umgehend deutlich wird, als die Tochter ihrer Chefs in ihr akribisch geordnetes Zuhause einzieht. Vom Geruch des Fußpilzes bis zur Neigung, kaum Hygiene zu betreiben bis hin zu jener ominösen Kiste auf den Küchenschränken, deren Inhalt bald im gesamten Haus verteilt sein wird zeigt sich eine immense Hilflosigkeit Cheryls, für sich selber einzustehen.

Was July mit umwerfender Situationskomik und ebenso präzise geschilderter psychosomatischer Begleiterscheinungen (der “Kloß im Hals) so anregend und nahegehend zu beschreiben versteht, dass sich die Seiten dieses Debütromans fast von selbst umdrehen und umdrehen und umdrehen.

Der Irrwitz mit esoterischen Therapieformen, die „Spiele für Erwachsene“, die dann auch zu Hause mit einer Verve betrieben werden, welche die Fundamente des bisherigen Lebens samt Möbel und vieler blauer Flecken bis in die Grundfesten ins Wanken bringen werden.

Und dann eine komplette, vorher nicht wahrnehmbare, überraschende Wendung der Ereignisse, mit der das bereits vorher hohe Tempo noch einmal an Fahrt aufnimmt.

Zudem, neben den eigentlichen roten Fäden des Buches passt July mühelos jede Menge Seitenereignisse hinein, die das „moderne Leben“ in einer Art und Weise auf den Punkt erzählen, die fast zum Schreien komisch wäre, würde einem nicht manchmal (und auch das ist durchdacht und beabsichtigt), das „Lachen im Halse stecken bleiben“.

Was eine moderne Ehe angeht, was die verquere Lust an unsinnigen japanischen Ritualen betrifft, was die ständige Frage „nach Erlaubnis“ durch eben jenen Philip an Cheryl angeht. Worum Philip bittet? Das sollte jeder Leser selber nicht nur Lesen sondern fast physisch schmerzlich erfahren während der Lektüre, denn dies ist einerseits so abseits von gewohnten Denkvorgängen, dass es unglaublich wirkt, aber nach einigen Seiten und einem Sacken lassen trifft es wiederum eine Tendenz in der Gesellschaft, alles möglich zu denken und nur irgendwoher den „Startschuss“ bekommen wollen. Weil man sich „einfach so“ wohl doch nicht traut (völlig zu Recht, aber natürlich nicht zu verhindern auf Dauer).

So treibt die Frage immer mehr den Leser an, wie dieses unendliche Chaos und Panoptikum seltsam wirkender und doch nur die Gegenwart des Lebens wiederspiegelnder Gestalten am Ende ihren Weg finden wird. Oder auch nicht.

Auch wenn es July an manchen Stellen zu weit treibt, auch wenn nicht selten sich eher Verwunderung statt Verstehen im Leser breitmacht und auch wenn eine solche Vielfalt an „gestörten Personen und Situationen“ den Leser nicht selten überfordert, insgesamt bildet der Roman eine andersartige, anregende und intensive Lektüre. Wenn man sich darauf einlässt.

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69 Bibliotheken, 7 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

bretagne, krimi, dupin, frankreich, kommissar dupin

Bretonisches Leuchten

Jean-Luc Bannalec
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 27.06.2017
ISBN 9783462050561
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nicht nur Kult, sondern auch gut

Immer wieder, auch in diesem sechsten Band Dupin-Reihe, gelingt es Bannalec, eine Ortschaft, eine umgrenzte Gegend der Bretagne mit ihren geographischen und sozialen Eigenheiten mit zu einer der „Personen“ im Geschehen zu gestalten.

Diesmal trifft der Leser Dupin und seine Lebensgefährtin Claire Lannoay in Tregastel-Plage an. An der „Cote de Granit Roses“, die Bannalec ebenso lebendig und intensiv zu beschreiben versteht, wie er Dupin allmählich in seinen neuen Fall eintauchen lässt und wie er, wie immer, eine ganze Reihe von Gerichten dem Leser schmackhaft vor Augen führt. Denn auch dies ist untrennbarer Teil von Dupin, die Liebe zum guten Essen, von der „schmackhaften Minipizza“ zum Salzwiesenlamm der Gegend bis zum (natürlich immer gekühlten) Rose-Wein.

„Es war atemberaubend schön. Surreal schön“.

Das Licht. Das Meer. Der Ort. Die Granitfelsen,

Was zu Beginn Dupins einzige Freuden zu sein scheinen, denn die vielfachen „Spaziergänge den Strand herauf und herunter kann man eher nicht dem Genuss, sondern der inneren Unruhe des geplagten Urlaubers Dupin zuordnen.

Man hat es ja schon die ganze Zeit geahnt, doch so klar, wie in diesem Fall war es noch nicht im Zentrum der Beschreibungen. Dass der Mann ein Workaholic ist, aus Not. Da ihn einfach nichts wirklich so sehr interessiert, wie das „sich vertiefen“ in einen Fall.

Schon in der kleinen Bu8chhandlung des Ortes muss er stark an sich halten, nicht eines seiner bevorzugten roten Notizbücher zu erstehen. Das wäre dann doch ein zu auffälliges Zeichen für Claire, dass der Mann nicht in der Lage ist, entspannt mit ihr auf dem sandgefluteten Handtuch am Strand seine Zeit zu verbringen.
Ob da der Wanderführer hilft, den er kauft? Oder ob Claire dann doch dazu neigen würde, die Meinung seines Arztes zu teilen, der ihm eine „Abspannung“ attestiert und gleich 14 Tage Urlaub nun im Raum stehen.

Bei der auch seine enge vertraute Assistentin Nolwenn gewichtig mitspielt. Denn alle ´beruflichen Kontakte hält sie von ihm fern und weigert sich, auch nur ein paar Minuten mit ihm am Telefon zu fachsimpeln.

„So hatte das Unglück seinen Lauf genommen und sie – jetzt hier – auf das große, fliederfarbene Handtuch gebracht“.

Gut, dass der kleine Ort eine gewisse „kriminelle Energie“ hat. Nicht nur, dass drei Sack Mehl gestohlen wurden vor einiger Zeit, auch eine Statue aus einer Kapelle ist seit zwei Tagen abgängig und ein Einbruch in das „Gustav-Eiffel-Haus“ liegt auch erst eine Woche zurück.
Wie der Hotelbetreiber zu erzählen weiß.

Man ahnt es, auch wenn Dupin zunächst nur mit halbem Ohr hinhört. Die Not der Unruhe und Langeweile wird dazu führen, dass der Inspektor die Fährte aufnimmt. Verborgen vor Claire natürlich, zunächst auf jeden Fall, was zu einer Reihe erheiternder Verwicklungen führt. Und immer mit dem Blick für die Besonderheiten der Landschaft, das eigentümlich „bretonische“, was auch Napoleon angeht und, ebenfalls wie immer, entfaltet sich ein ausgeklügelter Fall.

So ergibt sich im Gesamten wiederum ein bestechender Kriminalroman, der bestens zu unterhalten versteht und den Leser tief eintauchen lässt in die durchweg treffend und differenziert gezeichneten Figuren und in „La Finistere“, die Bretagne.  

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Die neue Völkerwanderung nach Europa

Hans-Peter Schwarz
Fester Einband
Erschienen bei DVA, 13.03.2017
ISBN 9783421047748
Genre: Sachbücher

Rezension:

Kluge Analyse, wenig erleuchtende Synthese

Wie gewohnt sprachlich glänzend und fundiert recherchiert nimmt sich Hans-Peter Schwarz in seinem neuen Werk der „Mammutaufgabe“ der Flüchtlinge, vor allem derer mit Ziel Europa, an.

Dabei wird von der ersten bis zur letzten Seite zum einen sein persönlicher Standpunkt deutlich (dass es so, wie geschehen, rechtlich nicht geht, das aber auch das Rechtssystem Europas gegenüber Asylbewerbern und Flüchtlingen verändert, verschärft werden müsste).

Mithin bildet Schwarz eine, um es in griffige Formeln zu gießen, klar „konservative“ Meinung und Betrachtung ab, die im Hintergrund immer wieder die Gefahren durch Millionen von emigrationswilligen Flüchtlingen (in Schwarz Augen zu einem hohen Teil Wirtschaftsflüchtlinge) für Europa mitlaufen lässt.

Der „Schutz Europas“ durch eine gemeinsame, zu verändernde Rechtsgebung und die Begegnung mit diesem „Problem“ durch eine kühl-verstandesgemäße Bewertung und Entscheidung (statt einer werteorientierten „ideellen Haltung“ sind jene Veränderungen, auf die es im Duktus des Buches hinauslaufen sollte.
Wie das konkret gehen könnte, darüber gibt Schwarz nun deutlich weniger dezidiert Auskunft als in seiner detaillierten und prägnanten Analyse von Ursachen und Wirkungen der „Massenflucht“.

Mit ebenso klarer Stellungnahme und Sprache den aktuell handelnden Akteuren gegenüber.

„In Wirklichkeit aber sind diese mediokren, gefahrenbinden Eliten unterwegs nach Extremistan“. Was weniger eine „nationalistische“ Haltung des Autors widerspiegelt (auch wenn solche Formulierungen aus dieser Richtung durchaus ja bereits bekannt sind), als eine schon europäische Sicht der Dinge.
An den Grenzen Europas aber hört dann „der Spaß“ auf, könnte man sagen.

Die Analyse allerdings ist der Lektüre in der Breite wert.
Beginnend bei den Kolonialbestrebungen früherer Jahrhunderte und die Folge (in Form eines “schwarzen Schwans“), dass eben keine bewaffneten Kriege und Kämpfe zwischen den Kulturen ausbrechen, sondern eine „unbewaffnete Karawane“, der man mit herkömmlichen „Mitteln der Verteidigung“ nicht Herr werden kann, sich ihren Weg nach Europa sucht, versteht es Schwarz, pointiert und anregend zu lesen den Status Quo zunächst darzulegen.
Bereits sprachlich allerdings mit Wertungen, in denen die Haltung des Autors klar wird, dennoch aber übergreifend nachvollziehbar argumentiert.

Dass dann „frivoler Optimismus und gutbürgerliche Gefahrenblindheit“ konstatiert werden, zeigt, wie an vielen anderen Stellen, doch eine starke Abwertung gegenüber den aktuell handelnden politischen Kräften und weiten Teilen der Gesellschaft auf, die im „Geschmack“ der Lektüre doch polemisch und dogmatisch wirkt.

Was bedauerlich ist, denn in ausgewogenerer Sprache wären die kritischen Betrachtungen der „beunruhigenden Entdeckung: die Institutionen der europäischen Union sind nicht in der Lage, mit dem Völkerwanderungsdruck (auch das pointiert und wertend als Begriff bereits) fertig zu werden“.

Wenn man ergänzt, „noch nicht in der Lage“ und wenn man Klarheit darüber gewinnt, dass hier Handlungsbedarf besteht für ein geordnetes Verfahren statt Schnellschüsse, die nicht selten nach hinten losgehen (wie Abschiebungen nach Afghanistan aus Deutschland u.a.)., dann legt Schwarz durchaus seinen Finger auf eine Reale Wunde, die „zu verarzten“ ist.
Die vielfachen einengenden und abwertenden, nicht nur sprachlichen, Tendenzen im Buch sollte man dann aber dahingestellt lassen. Außer man nutzt das Werk allein zur Unterstützung eigener, stark konservativer Meinungen. Was aber dann nicht zu den wichtigen Anstößen auf allen Ebenen führt, die durch die Analyse im Buch möglich und nötig wären.

Eine pointierte und nachvollziehbare Betrachtung der Ursachen vielfältiger Motive zur Flucht, aber wenig aussagekräftig in konkreten Instrumenten, ideelles (denn Europa ist nicht erst an letzter Stelle auch eine Wertegemeinschaft) und „vernünftiges“ Handeln miteinander auszubalancieren.

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Wer Lügen sät

Robert Wilson , Kristian Lutze
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 19.06.2017
ISBN 9783442314539
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Spannend, aber nicht ohne Längen

Das Robert Wilson an gegebenem Ort kein Problem mit expliziter Gewaltdarstellung hat und dass sein „Charlie Boxer“ auch in diesem neuen Thriller durchaus kurzen Prozess zu machen versteht, wenn Gefahr im Verzug ist, darin gestaltet Wilson auch klare und direkte Action-Szenen. Die aber wohldosiert im Buch erscheinen und eher „Zugabe“ denn prägendes Stilelement ist.

Wie aber Leidenschaften und Gier, der unbedingte Wille zur Macht und zur Intrige nicht nur einzelne Menschen prägt, sondern durch diese auch die Atmosphäre von Beziehungen, ja ganzer Gesellschaften bestimmt, das arbeitet Wilson an den beiden roten Fäden auch dieser Geschichte bestens heraus.

Brasilien, Favela, Reiche, die sich nur in gesicherten Häusern und Vierteln aufhalten und bevorzugt mit Hubschraubern ihre Ziele anfliegen. Eine Gesellschaft, in der Entführungen in härtester Form Alltag sind und das Fordern von Lösegeld Charlie Boxers Profession, das „Verhandeln“ in ein gutes Geschäft verwandeln.

Wobei Wilson ebenso genau offenlegt, dass selbst das Leben des eigenen Kindes die Neigung zur kalten Berechnung nicht wirklich zu erschüttern vermag, selbst wenn mit einem Briefumschlag eindeutige Zeichen der Härte gesendet werden.

Die Entführung der Tochter eines der einflussreichsten Industriellen und Politikers Brasiliens ist hier der eine rote Faden, an dem Wilson die Zeichen der Zeit selbst spannend darstellt. Und an dem er immer wieder auch auf die persönliche Entwicklung, die „Selbstfindung“ seines sensiblen und doch auch brettharten Protagonisten.

Denn es dauert nicht lange, und Boxer schwant, dass dieser Mann namens Melo alles andere als ein Harmloser, zufällig reicher und nun verängstigter Vater ist.

Denn nicht nur in einer Welt voll Taktieren, Lügen, Intrigen, und dem ständigen Versuch, einander zu übervorteilen, bewegt sich Boxer beruflich, sondern auch in seinem privaten Leben.

Was Mutter und Vater angeht, was den Druck gegen ihn von einem Geheimdienst angeht, muss Boxer alle Sinne geschärft lassen, nicht unter die Räder zu kommen, nicht von anderen Interessen ausgelaugt zu werden und nicht selbst als Zielscheibe der Mächtigen sich wiederzufinden.

Dass der Mann dabei ein gutes Herz hat, dass er Werte in sich trägt, die ihn auch hohe Gefahren für sich selbst auf sich nehmen lassen, wenn er den Eindruck hat, helfen zu wollen, das macht ihn dem Leser durchaus sympathisch.

Wobei ein „gutes Herz“ nichts damit zu tun hat, dass Boxer leichtsinnig werden würde. Immer einen Schachzug vorausplanen, Gegner gegeneinander aussielen und auch private Enthüllungen einstecken können, die durchaus je „Schläge in den Nacken“ in sich tragen, darin ist Charlie Boxer unnachgiebig.

Was nicht nur bei den Verhandlungen mit den Kidnappern in Brasilien zum Tragen kommt, sondern auch im Finale dieses Teils seiner Geschichte auf heimischem Boden für Spannung am Ende sorgen wird.

Alles in allem zwar mit einigen Längen versehen (in denen Wilson zu detailliert auf Situationen und manche Personen eingeht), im Gesamten aber wiederum ein hervorragender Thriller mit einem besonderen „Suchenden“ und „Kämpfer“.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die romantischen Hunde

Roberto Bolaño , Christian Hansen , Heinrich von Berenberg
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 13.03.2017
ISBN 9783446244665
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

Intensive Gedichte

Durchaus gelingt es Bolano auf jeden Fall, seine suchende Person, seine „zarten Seiten“ vielfach auf die Seiten dieses Buches zu bannen. Was die Lektüre am Ende insgesamt lohnt.

Davon abgesehen, dass die kurzen, kürzesten und längeren Gedichte (fast) immer auch den Leser zum Nachdenken der eigenen Person anhalten.

Wenn sich Bolanos etwa in der Mitte des Buches der „Ungekannten“ nähert, die im entscheidenden Moment sagt „Ach“ oder „erbleicht“, dann sind dahingeflossene Hoffnungen das Thema, die Bolano mit dem Herbst assoziiert,

„Sie sagt, ihr gehe es gut. Du sagst, Dir gehe es gut…..dann kommt der faulige Atem, die hohlen Augen..:“

Extreme Brüche, die entgegengesetzte Gefühle erzeugen, die den Blick hinter die Fassaden werfen. Und dieser ist nicht immer angenehm und hat selten zu tun mit den „glänzenden Fassaden“, auf die man ja auch immer gerne selbst hereinfallen möchte.

„Eine Person streichelt dich, scherzt mit dir, ist sanft zu dir und spricht dann nie wieder ein Wort“.

Immer wieder wird deutlich, dass Bolano persönliches erleben zu Grunde legt und in diesem nach allgemeinen Regeln dann sucht, die selten zu finden sind.

Was im Langedicht „die Neochilenen“ assoziativ, Seite für Seite dann auch reale Hintergründe für den Leser enthält. Davon, dass „reine Inspiration“ vorrangig war, von „Methode keine Spur“ und daher ein „heilloses verlorengehen“ im Raum steht und das Leben als Dealer dann nicht mehr weit entfernt war.

Vom Inhalt abgesehen, der durchaus zu berühren versteht, ist es allerdings nicht einfach, die sprachliche Form der Gedichte und nicht weniger Brüche in den Gedanken durchweg zu genießen.

Hier und da bedarf es manchmal des mehrmaligen Lesens, um Zusammenhänge zu verstehen, eingestreute Schimpfnamen und Schimpfwörter irritieren eher, als dass sie den Leser emotional mit in das Gedachte hineinnehmen.

Was dann wieder in den „Ich träumte“ – Sentenzen wunderbar aufgefangen wird, in denen beides, Resignation und Hoffnung, Sehnsucht und harte Realität sich mit starken Bildern immer die Waage halten.

Für das Gesamtwerk Bolandos sicher nicht der als erstes zu empfehlende Einstieg, aber zur Ergänzung der Romane und um der Person der verstorbenen Romanciers und Dichters dann ergänzend nahzukommen eine gelungene Zusammenstellung in ebenso gelungener Übersetzung.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 3 Gruppen, 2 Rezensionen

philosophisch, philosophie, demokratie, sachbuch

Logik für Demokraten

Daniel-Pascal Zorn
Fester Einband: 314 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 02.05.2017
ISBN 9783608960969
Genre: Sachbücher

Rezension:

Kompetenztraining für politische Diskurse

Demokratische Prozesse beruhen im (gedachten) Kern auf vor allem zunächst einen „Austausch“. Meinungen, Argumente, Haltungen, Werte werden gemeinsam mitgeteilt, der Status Quo dadurch erhoben und, im weiteren Verlauf, wird gemeinsam eine „mehrheitsfähige“ Lösung versucht, zu erreichen, die auch die Belange von „Minderheiten“ nicht aus dem Blick verliert.

Konsens und Kompromiss sind dabei jene „Instrumente“, die zur demokratischen Meinungs- und Willensbildung führen sollen, an deren Ende eine demokratisch getragene Entscheidung steht (die manches Mal andere Meinungen „überstimmt“, die, im besten Falle, auch von der Lösung gegenüber skeptischen Kräften mitgetragen wird).

Was passiert nun aber, wenn eben jener Austausch, die Diskussion um Argumente, der Versuch eine Lösung gemeinsam zu finden von vorneherein unterlaufen wird? Wenn, und das ist in der letzten Zeit nicht selten der Fall, Meinungsaustausch nicht mehr als Diskussion mit dem Ziel zu überzeugen stattfindet, sondern eher wie in einem „Schaufenster“ die eigenen Positionen nur mitgeteilt werden, die Einwände anderer überhört oder lächerlich gemacht werden, somit also das grundlegende Instrument der demokratischen Politik, der Diskurs und die Bildung einer Mehrheit, gar nicht mehr zum Tragen kommt?

Damit letztendlich beschäftigt sich Zorn als Philosoph in dieser als „Handreichung“ zu bezeichnenden Schrift.

„Die deutsche Diskussionskultur ist in der Krise. Sie wird immer mehr von Redeweisen bestimmt, die jede vernünftige (und damit demokratische und gesprächseröffnende) Zurückhaltung vermissen lassen“.

Nur mehr die eigene Haltung, die eigenen Dogmen werden wie abgefeuerte Waffen in den Raum geworden, andersartige Meinungen nicht gelten gelassen und, oft genug, als „Fake“ verunglimpft. Wobei eine Atmosphäre entsteht, die an getrennte Welten oder solitäre Inselüberzeugungen erinnert und wenig Zeichen dabei darauf hindeuten, dass man gemeinsam darum ringt, für die gemeinsam bewohnte reale oder politische Welt gemeinsame Haltungen zu entfalten. „Dogma vor Realität“ und, vor allem, „Dogma vor Demokratie“, so kann man das bezeichnen.

Dem nun setzt Zorn unter anderem das „Prinzip der ausgeschlossenen dogmatischen Setzung“ im Blick auf demokratische Auseinandersetzung gegenüber und führt den Leser, Schritt für Schritt, in eine „Redehaltung“ und damit zur Kenntnis einer „inneren Haltung“, die intensiv durchdacht jene Grundsätze vor Augen führt, die für einen konstruktiven Entscheidungsfindungsprozess unabdingbar notwendig sind.

Und mehr noch, Zorn analysiert auch die „Gegenseite“, die dogmatisch-populistische Haltung und ihre Methoden und Instrumente samt einer Handreichung für den Leser, dieser im Diskurs begegnen zu können.

Was schon damit beginnt, dass Zorn überzeugend den „Populismus“ definiert und eben nicht als „Weltanschauung“ kennzeichnet, sondern als eine „Form des Argumentierens“. Die Zorn in ihren primären und sekundären methodischen Strukturen offen legt und damit den Weg eröffnet, für eine Form des „Gegenargumentierens“ die sich der „Sache“ zuwendet und sich nicht an persönlichen Emotionen, Sympathien, Behauptungen oder Animositäten erschöpft.

„Populismus wird hier nicht als Eigenschaft….beschrieben, sondern als Art und Weise, in einer Rede für das Gesagte Geltung zu beanspruchen“. Die primär an „dogmatischer Setzung“ von Inhalten erkannt werden kann (mit der Folge der „Ablehnung jeder Möglichkeit, es anderes zu sehen als man selbst“).

Was eben auf Dauer nicht funktionieren kann als „Regierungsform“, weil die inneren Widersprüche einer formalen „Gleichschaltung“ diese auf Dauer sprengen würde.

Wie Widersprüche von vorneherein als „Angriff“ gewertet werden. Wie schon in den Formulierungen die Anklage an mögliche andere Meinungen liegt, wie mit Plattitüden „Heldenhaftigkeit“ und „Mut der Person“ von Beginn an gesetzt werden, um damit den Inhalt ebenso von Beginn an außer Reichweite von sachlichen Angriffen zu halten, das liest sich im Buch zwar nicht einfach, aber letztendlich brillant durchdacht.

Wer hier als „Kerntugend“ einen kühlen Kopf behält, der Vernunft (belegbar und nicht nur behauptet) folgt, die Sache in den Mittelpunkt rückt und zugleich auf die ebenso sachlichen Widersprüche populistischer Inhalte (die vielfach inhaltlich ihre nur vermeintliche „Kraft“ verlieren, wenn die markigen Worthülsen entzaubert sind) beharrlich verweist, der hat gute Aussichten, mit demokratischen Mitteln in Haltung und Ausdruck der dogmatischen Verengung Herr zu werden. Ohne in den Fehler zu verfallen, „auf gleicher Ebene“, persönlich emotional, den „Gegner“ als Person anzugreifen und damit die eigene Position für den Betrachter nicht mehr überzeugend und sachgerecht darstellen zu können.

Ein glänzender Beitrag für den Umgang mit einem grundsätzlichen Problem im Rahmen einer gewahrten und breiten Meinungsfreiheit. Mit dem es Zorn zugleich gelingt, mit überzeugenden Argumenten die Demokratie an sich als „für die Vernunft“ bestmöglich geeignete „Lebensform“ zu setzen.

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19 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

frankreich

Die Summe aller Möglichkeiten

Olivier Adam , Michael von Kilisch-Horn
Fester Einband: 445 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 10.06.2017
ISBN 9783608980332
Genre: Romane

Rezension:

Tiefes Ausleuchten der Figuren und Beziehungen

Wie in „an den Rändern der Welt“ kommt auch in neuen Roman von Olivier Adam der „Gestrandete“, der, der „alleine steht“, von Frau (und Kind) verlassene Mann nicht zu kurz.

In der Person Antoine´s. Eine lokale, leider aber nur provinzielle Fußballgröße, der zu sehr an seinem Temperament scheitert. Und dafür ordentlich vom Leben zurückbekommt. Austeilen und einstecken bestimmt dieses Leben.

Einen Gegner auf dem Feld verprügelt, die Arbeit verloren, weil der Joint für ihn dazu zu gehören hat, die Lebensgefährtin ausgezogen (zu einem anderen), weil Antoine einfach nur das Bild eines stetig „herunterrutschenden Mannes“ zeigen kann. Das Kind mit ausgezogen und dann noch grün und blau geschlagen.

Warum und womit das zusammenhängt und was das damit zu tun hat, dass, wie in einem Kriminalroman, einige Menschen einfach so „verschwinden“ und die Frage nach den Motiven dieser verschiedenen „Verschwindenden“ sich als ein roter Faden durch das Buch zieht.
Ein roter Erzählfaden, den Adam nicht immer im Vordergrund hält. Vielmehr nutzt er die äußeren Ereignisse vor allem, um „die Summe aller Möglichkeiten“ von verglühenden, gestrandeten Leben, von jenem Leben „da unten“ (mit verschiedenen Hintergründen) Seite für Seite mit großer Ruhe und Tiefe darzustellen.

Was Adam dabei für eine Bildkraft entwickelt und wie nahe er seinen vielen Figuren (und damit auch dem Leser kommt), das zeigt sich zu Beginn gar nicht so sehr bei Antoine oder Marion, seiner ehemaligen Lebensgefährtin (auch diese werden von Adam sorgfältig eingeführt und durch ihr Handeln in ihren Emotionen erkennbar), sondern vor allem im Kapitel über Paul und Helene. Ein alterndes Ehepaar am Rande des “Endes aller Möglichkeiten“.

Intensiv kehrt Adam hier das Innere nach außen, kann schon einmal über anderthalb Seiten auf einen Punkt verzichten und damit fast atemlos beschreibende Relativsätze in hohem Tempo aneinanderreihen und eindringlich jene Melancholie und Traurigkeit damit setzen, die ein „leeres Haus“ hinterlässt, wenn die Kinder ausgezogen sind, „die Kleine“ auch schon 40 wurde und nur zu Feiertagen noch „echtes Lebens“ ins Haus zurückkehrt.

Unprätentiös und dennoch tieftraurig, diese „Nabelschau“ vor allem Pauls, der den Tod seiner Helene kommen sieht, greifbar schon im Raum spürt.

„“Die körperliche, fast animalische Vertrautheit einer Meute, eines Einzellers, von dem nur Spuren übrigbleiben, ein hartnäckiges Gefühl des Vermissens, das man kaschieren muss, eine Sehnsucht“.

Bei allem, was das dann zweisame Leben noch an Genuss zu bieten hatte, dennoch, wie Paul erkennt, dass er sein „Alter“ oft und oft übertrieben vorgeschoben hat, um sich dem Leben zu entziehen und nun jede verlorene Sekunde bereut, das ergreift den Leser.

Wie es Adam durchgehend gelingt, seine Personen in der Tief zu beschreiben und seelisch zu sezieren. Und damit auch ein gutes stückweit die moderne Welt seziert und abbildet, die schnell und hektisch ihren Gang geht, das Verbindende dabei aber leicht auf der Strecke bleiben kann und mehr und mehr auf der Strecke auch bleibt.

Und natürlich gab es Wendepunkte, Kreuzungen in all diesen Leben, die Adam aus den verschiedenen Perspektiven heraus je kapitelweise erzählt. Momente, Situationen, in denen falsche Entscheidungen getroffen wurden und auch kleine Momente große Auswirkungen haben konnten.

So entsteht eine durchgängig melancholische Atmosphäre, die sich hier und da zu breit über die Figuren legt und die Lichtblicke, Momente des „wieder Tritt Fassens“ und später auch der möglichen guten Verbindungen überlagert. Ebenso braucht es für den ein oder anderen Leser wohl auch Pausen bei der Lektüre. Denn aufgrund der ruhigen, langsamen Erzählweise und der eher schleppend vonstattengehenden Entwicklung der äußeren Ereignisse muss die Vielzahl der Informationen über die Personen und Beziehungen hier und da auch einfach erst einmal sinken, um bei diesen vielen auftretenden Personen nicht auch den Überblick zu verlieren.

Insgesamt ein beeindruckender Roman über das langsame „Aussieben“ von Menschen in der modernen, auf Effizienz getrimmten Welt, in dem die Kräfte weniger und weniger werden, um den eigenen Kopf dauerhaft über Wasser zu halten.

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23 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

sylt, krimi, nordsee, fortsetzung, meer

Wir sind die Guten

Dora Heldt
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 09.06.2017
ISBN 9783423261494
Genre: Romane

Rezension:

Verstecken und Tod auf Sylt

Und das fängt alles doch eigentlich ganz beschaulich Ende April zum Mai hin auf Sylt an.
Noch keine Saison, himmlische Ruhe. Und das Haus sauber wie nie. Charlotte und Inge haben sich eine Perle ergattert. Hinter dem Rücken von Heinz und Walter, ihren Männern. Die müssen ja nicht wissen, dass eine Putzfrau nun jene leidigen Arbeiten einmal die Woche übernimmt, von denen die beiden Ehefrauen sich gerne entlastet haben.

Und gerade der gestrenge Walter, ehemaliger Finanzbeamter mit 150prozentiger Korrektheit solle nun wirklich nicht wissen, dass seine Frau diese Sabine Schäfer natürlich schwarz bezahlt.

Wenn die junge Frau nicht plötzlich verschwunden wäre. Spurlos.

Wobei zeitgleich ein Mann vom „roten Kliff“ fällt.

Und bei all dem der neue Polizeichef, Runge, in den Augen des altgedienten Vorgängers und „unruhigen Ruheständlers“ Karl kaum zu ertragen ist. Vor allem, weil aufgrund der herzlichen Abneigung beider einander gegenüber seine täglichen „Informationsbesuche“ im alten Büro kaum mehr stattfinden können.

Und nun hat auch sein bester Freund Onno noch die Lebe gefunden. Eine späte Liebe. Zu Helga. Und Karl kann nicht ständig mehr für Stunden „auf einen Kaffee“ bei Onno sitzen. Was Karl überaus schlechte Laune bereitet. Und er diese auch zeigt.

Wie übrigens auch die Kinder Helgas, die wenig Verständnis für einen neuen Mann in Mutters Leben haben. Und auch Maren, Onnos Tochter und Polizistin unter dem neuen Chef Runge nun schon eine Weile, hat ein wenig zu knabbern an der neuen Situation.

Was damit zu tun haben könnte, dass die Sache mit ihrem aktuellen Partner einfach nicht so richtig im Lauf zu bleiben scheint.

So passt es eigentlich ganz gut, dass sowohl Maren mit dem Fall des Toten am Kliff mehr und mehr beschäftigt sein wird und Karl, ganz in seinem Element, sich mit „seinem Team“ (Eine „SOKO“ befreundeter Rentner) auf die Suche nach Sabine Schäfer macht.

Ohne zu ahnen, dass er damit in einen Fall hineingeraten wird, der einen alten Kollegen von ihm ein Leben lang bereits Sorgen bereitet und auch in der Gegenwart gefährliche ist.

Wobei der Fall selbst relativ gradlinig vonstattengeht, der Leser einen gewissen Vorsprung gegenüber den Ermittlern erhält durch den Einblick in ein (zunächst noch) anonymes Tagebuch, ungefähr ab der Mitte des Krimis aber bestens im Bilde ist (und sogar als erfahrener Leser noch eine wichtige Querverbindung zu den Motiven hinter all den Ereignissen in einem eher Nebensatz bereits entdeckt).

Doch das ist ja auch nicht die Hauptsache an diesem Roman, möglichst überraschende Wendungen zu erzeugen.
Im Mittelpunk stehen die Charaktere, vor allem jene älteren Jahrgangs. Wenn der ehemalige Steuerbeamte mit seinem Saunafreund so richtig „auf Jagd“ geht und jedes Fettnäpfchen betritt, das bereitliegt auf seinem „Kreuzzug gegen Schwarzarbeit“

Wenn Karl beileibe nicht nur sympathische Seiten hat, sondern der Leser von seinem Verhalten und der gewissen Rechthaberei und Sucht nach äußerer Anerkennung ebenso genervt wird, wie seine Freunde es zu Zeiten im Romane sind.

„Ich war mit Onno bei Karl, das war aber nicht so schön---Vielleicht kann Onno alleine mehr ausrichten“.

Wenn empathisch und ohne Kitsch das Thema der „Liebe im Alter“ und deren Komplikationen am Rande mitläuft und auch vielfaches Sylter Lokalkolorit nicht fehlt.

Anregend, in Ruhe zu lesen, Personen, mit denen man was anfassen kann, griffige Konstellationen, mit vielfachen Themen, die plastisch im Buch aufgenommen werden, Leute mit Dreck am Stecken und ein spannendes Finale, insgesamt ein ruhiger, schon geschriebener und die Beziehungen in den Mittelpunkt rückender Roman.

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192 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 120 Rezensionen

paris, brief, hamburg, realität, parallelwelt

Der Brief

Carolin Hagebölling
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 09.06.2017
ISBN 9783423261463
Genre: Romane

Rezension:

Doppel-Leben

„Sollte das ein Scherz sein? Ich hatte noch nie in meinem Leben in Paris gewohnt“.

Sagt Marie kluge so leichthin. Doch irgendwie hat dieser Breif, an Sie unter einer Adresse in Paris adressiert, ja den Weg nach Hamburg gefunden.

Zunächst jedoch legt Marie solche Gedanken beiseite. Der Inhalt des Briefes hat nichts mit ihrem Leben in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft zu tun, der Ort nichts mit ihrem Lebensmittelpunkt in Hamburg und damit sollte es dann auch gut sein.

Wobei, ein wenig zuckt sie schon zusammen, denn die Verfasserin des Briefes selbst ist ihr nicht ganz unbekannt, auch wenn die Bekanntschaft lange zurückliegt.

Doch auch dort ist zunächst keine Aufklärung zu finden, die Christine, die Marie kennt, hat diesen Brief nicht geschrieben.

Mit Betonung auf „diese“ Christine. Denn im Verlauf der lebendig erzählten Geschichte wird dies nicht der einzige Brief bleiben und irgendwann steht Marie in Paris und sucht nach den Personen, die in den Briefen erwähnt werden, vor allem nach einem vermeintlichen „Lebensgefährten“ (nichts läge ihr ferner als so etwas).

„Ich hielt mir die Ohren zu und presste die Augenlider aufeinander, bis es schmerzte. War ich jetzt vollkommen verrückt geworden?“.

Was der Leser nicht unbedingt annimmt, aber bereits einige Zeit vor dieser Szene begonnen hat, mit zu rätseln, was denn da geschehen sein könnte und wie sich diese scheinbar zwei, voneinander völlig getrennten Leben, in der gleichen Person vereinen könnten. Oder ob es zwei sehr ähnliche Personen gäbe, die auf eine nicht klare Art und Weise miteinander verbunden sind.

Was allerdings die Erinnerungsstücke, die wie Ahnungen in Christine hier und zum Vorschein kommen, nicht wirklich erklären würde.

Was sich erst am Ende lüften wird. Bis dieser andere Brief kommt, an eine im Buch lange wohlbekannte, nun aber überaus fremde Adresse. Was das Ganze nicht einfach macht, Für Marie. Wohl aber für den Leser, der an diesem Moment der Geschichte durchaus begriffen hat, was hinter all den merkwürdigen Ereignissen steckt.

Überraschende Wendungen, eine gute Portion Mystik, sympathische, aber auch etwas oberflächlich gehaltene Charaktere und die Frage, was wäre wenn….man nicht nur ein Leben leben würde, ergeben mit dem anregenden Stil der Autorin eine ebenso anregende Lektüre, bei der allerdings einige Fäden am Ende offen bleiben.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Mayday!

Stefan Krücken , Jochen Pioch , Enver Hirsch , Thomas Steuer
Fester Einband: 216 Seiten
Erschienen bei Ankerherz Verlag, 23.05.2017
ISBN 9783940138798
Genre: Biografien

Rezension:

Spannender als jede Fiktion

Wenn auf dem Meer die Naturgewalten zuschlagen.
Sturm, meterhohe Wellen, Unwetter, „Grundsee“.
Wenn Unfälle auf hoher See passieren, sei es das Kentern eines kleinen Segelschiffes, sei es ins Rutschen kommende Steine auf einem Baggerschiff, sei es ein auf eine Sandbank laufender Frachter, der dabei auseinanderbricht und vielfache „Seenotgeschichten“ mehr.

Dann kommen Sie zum Einsatz.
Seenotretter.
Die in diesem Werk persönlich zu Wort kommen, die von lebensgefährlichen Einsätzen berichten (und manche können davon nicht mehr selbst berichten, weil Sie „auf See“ geblieben sind).

Intensiv, spannend lesen sich die einzelnen Erinnerungen an gefährliche Ereignisse, in direkter, klarer Sprache erzählt, so dass der Leser von Beginn an beginnt, mit zu fiebern mit diesen tatsächlichen Helden, die sich selbst letztlich gar nicht so verstehen würden.

„Wer vor einer deutschen Küste in Not gerät, kann sich auf die Leute von der DGzRS….verlassen. Wir sollten das aber nie als Selbstverständlichkeit verstehen – denn für die Seenotretter ist es oft ein Einsatz, bei dem sie an ihre Grenzen gehen. Und manchmal auch darüber hinaus“.

Und das, wo man eigentlich in der Gegenwart leicht denken könnte, dass auch die Seefahrt sehr viel sicherer geworden ist, als vor Jahrhunderten oder Jahrzehnten noch. Giganten aus Stahl, modernste Technik, beste Navigation.

„Was soll auf See noch schiefgehen“?
„Alles!“ (nicht soll, aber kann)

Sei es durch Sparen am falschen Ort, durch mangelhafte Ausbildung, sei es im Anblick von Naturgewalten, derer auch modernste Technik und geschulte Manpower nicht Herr werden kann.

Dafür steht auch das schlichte, schwarz-weiß Foto des Seenotrettungskreuzer „Adolph Bermpohl“, im Orkan auf Rettungsmission, der Funk reicht solange noch, bis klar ist, dass drei Fischer zunächst gerettet wurden und bricht dann ab. Am nächsten Tag treibt der Kreutzer beschädigt im Meer, von der Besatzung findet sich keine Spur mehr.

Wobei auch weniger brisant wirkende Situationen leicht entgleisen können. Wenn fünf Mädchen eine Wattwanderung machen und dann feststellen müssen, dass sie nicht mit der Flut gerechnet haben.

Bis hin zu persönlichsten Dramen, wenn Wolfgang Gruben mit ansehen muss, wie sein Bruder vom Meer verschlungen wird (und dieser ist nicht der einzige der Besatzung der „Alfried Krupp“, der durch eine „Grundsee“ sein Leben verliert.

Vielfache Berichte aus erster Hand, ergänzt durch Bildmaterial und immer wieder auch durch grundsätzliche Verweise auf die Geschichte der Seenotrettung und deren Organisation, die eine emotional dichte Lektüre ergeben und den Leser mit Respekt und Hochachtung zurücklassen.

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Lazare und der tote Mann am Strand

Robert Hültner
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei btb, 13.06.2017
ISBN 9783442756605
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Mit Ecken und Kanten in Form und Inhalt

Wie die dahingeworfene „Gitan“ Wohnsiedlung hinter dem Fundort der Leiche, wie in den dunklen Gassen und mancherorts ebenso dunklen Diskotheken und Clubs, so lässt Hültner im neuen Fall seines Kommissars Lazare auch bei den handelnden Personen keineswegs die „dunklen Ecken“, die Unfreundlichkeiten, die Rivalitäten aus.

Ein eleganter Sympathieträger, dem alles leicht von der Hand zu gehen scheint, das ist Lazare wahrlich nicht. Dem manchmal, wie in der Berghütte mit dem starrsinnigen Alten, nicht die richtigen Worte findet, der selber Ecken und Kanten hat, der aber auch keine Zurückhaltung kennt, sich die Finger selbst schmutzig zu machen, wenn es den Ermittlungen dient.

Da passt sogar das gewählte Fahrzeug zu diesem Kommissar wie die Faust aufs Auge.

Schon zu Anfang derselben, als er alleine mitten im Gitan-Gebiet steht, wohlwissend, dass ein kleiner Wink des alten Anführers dort dafür sorgen würde, dass seine Leiche nie entdeckt werden würde, führt den Leser bestens ein in die dunkle, gefährliche Atmosphäre der „Rückseite“ jener Touristengegend um Sete und Montpellier.

Nicht umsonst gilt eigentlich die strikte Anordnung, dass kein Polizist alleine dieses Gebiet betreten soll. Denn die Bewohner hatten und haben keinen Respekt vor Uniformen, eher im Gegenteil.

„Zerbrechen sie sich nicht den darüber den Kopf, was uns interessieren sollte, Monsieur le commisaire. Gehen sie jetzt, sonst kann ich nicht für ihren Schutz garantieren“.

Ein Lazare aber lässt sich nicht abschütteln, auch wenn der Fall ein immer größeres Ausmaß annimmt und wie ein Sumpf von allen Seiten droht, ihn hinunter zu zerren.

„Sie gehören einfach nicht hierher. Sie stinken, sie schleimen rum, graben unsere Mädchen an, sie klauen, sie…:“
Was alles durchaus zutrifft. Was aber nicht davon ablenken sollte, dass in diesem düsteren Szenario noch ganz andere Kräfte mitmischen und nicht jede als Saubermann erscheinende Person nicht auch Dreck am Stecken haben könnte.

Das Lazare überhaupt zu den Ermittlungen abgeordnet wurde, auch das wird zu Beginn des Romans deutlich, hat Gründe. Die im Dunklen liegen, die aber im Lauf der Ereignisse für Tempo und Gefahr sorgen werden. Auch wenn er dabei internationale Polizeibehörden hinhalten wird und mehr und mehr alleine seine Ermittlungen vorantreibt.

Und ganz abseits dieser offiziellen Ermittlungen wird im Hinterland ebenfalls eine grauenhaft zugerichtete Leiche gefunden. Und schnell zeigt sich, dass der Weisezaun nicht mit dem üblichen Niederstrom „geladen“ war, sondern „unter vollem Saft“ stand.

Was zunächst überhaupt nicht in den eigentlichen Fall zu passen scheint und doch verbunden sein wird. Wobei allein schon die direkte und klare Schilderung Hültners, der bei der Beschreibung von Leichen und Todesursachen kein Blatt vor den Mund nimmt, den Leser unmittelbar mitten hinein in all diese Ereignisse nimmt.

Überraschende Wendungen, zunächst viele Fragezeichen, eine klare, direkte Sprache und eine in Teilen gut getroffene, schmierig zu nennende Atmosphäre bilden insgesamt eine spannende Lektüre mit einem etwas anderen Ermittler.

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Psychogeografie

Colin Ellard , Sigrid Ruschmeier
Fester Einband
Erschienen bei btb, 09.05.2017
ISBN 9783442756285
Genre: Sachbücher

Rezension:

Wie das „Außen“ auf das „Innen“ wirkt

In der Regel, im Alltag, wenn man nicht sonderlich nachdenkt, glaubt der Mensch wohl weitgehend, dass er selbst Herr seiner Entscheidungen ist.

Was natürlich nicht unbedingt falsch ist, aber in absolutem Maße nicht der Fakten entspricht. Letztendlich ist das „Reiz-Reaktions-System“ jene (je mit Inhalt zu füllende) Größe, die nicht nur kleinere Entscheidungen im Alltag als Zusammenspiel verschiedener Faktoren klarstellen, sondern auch größere und große Entscheidungen hängen vielfach von den Entsprechenden Reizen und den (meist automatischen) Reaktionen, Reflexen darauf ab.

Das beginnt schon mit der unbewussten Nutzung des jeweiligen „Raumes“. Im Restaurant, Café lieber die Wand im Rücken und freien Blick auf das, was geschieht? Keine Frage. Aber eben nicht, weil der Stuhl so bequem erscheint oder zufällig man gerne mal in den Raum schauen möchte, sondern aus alten, evolutionären Reflexen heraus, mögliche Gefahren keinesfalls „im Rücken“ zu haben, sondern zeitig „in den Blick nehmen zu können“.

Und das ist nur die Spitze eines umfassenden Eisbergs an Verhaltensweisen, die durch den umgebenden Raum und seine Gegebenheiten abgerufen werden. Miteinander sich ergänzende Systeme, die Ellard durchweg bestens sprachlich verständlich darzulegen versteht.

„Ich bin Architektur- und Design Fan. Ich bin fasziniert von den vielfältigen Wirkungen, die die Bauart eines Gebäudes oder die Anlage einer Straße auf meine Gefühle und Gedanken auswirken können“.

Womit von Beginn an schon klar ist, dass ein unbewusstes Wohlgefühl oder Missbehagen nicht zufällig eintreten, dass Ästhetik nicht überflüssiger „Luxus“ ist, sondern neben der reinen Funktion von Dingen ein mitentscheidendes Merkmal für das Gefühlserleben des Nutzers von Raum oder Dingen darstellt.

Und noch etwas folgert daraus, vielleicht sogar das eigentlich Wichtige an dem, was Ellard so beredt mit vielfachen Beispielen vor Augen führt.

„Ich bin überzeugt, wenn wir, im Großen wie im Kleinen, bessere Orte errichten wollen, müssen wir mit den Beobachtungen der komplexen Beziehungen zwischen unseren eigenen Erfahrungen und den Orten beginnen, an denen wir sie machen“.

Wie im Petersdom, der selbst so manchen Atheisten durch seine räumliche Wirkung „auf die Knie zwang“ und der „ausdrücklich“ genau auf diese Wirkung hin geplant und ausgerichtet wurde. Einer der Orte, „künstlich geschaffen“, der wie andere „natürlich gewachsene“ Orte wie z.b. der Grand Canyon messbaren Einfluss darauf haben, wie Menschen sich fühlen, wie sie andere behandeln und wie man das Vergehen der Zeit im Anblick solcher Räume anders als gewohnt wahrnimmt.

Ein Grundsatz, der vielfach bereits bewusst genutzt ist. Denn dass Einkaufszentren zumindest versuchen, einen „hypnotischen Sog“ zu erzeugen, der Kauflust generiert, gehört ebenso in diese bewusst gestaltete Architektur, wie auch Gerichtsgebäude, wieder auf andere Art, einen bestimmten Eindruck (eine Haltung des Respektes) durch ihre Bauweise erzeugen wollen.

So entstehen Orte der Zuneigung, der Lust, der Langeweile, der Anregung, der Angst, der Ehrfurcht und, in der aktuellen Welt, auch „Welten in der Maschine“ und „Maschinen in der Welt“ (smartes Wohnen), die ebenso räumlich und dinglich bestimmte Wirkungen entfalten wollen, wie alle gestalteten „Räume“ seit jeher Emotionen hervorrufen sollten.

Das alles liest sich zunächst sehr anregend und informativ und bietet vielfachen Aufschluss auch für das eigene Empfinden.

Was allerdings ein stückweit fehlt ist eine kritische Betrachtung der starken Eingriffe, zumindest deren Versuch, die Emotionen des „Betrachters“, der in vielen Fällen inzwischen nurmehr „Kunde“ ist, gezielt zu wecken, zu verwirren, neu auszurichten.

Eine solch „schöne neue smarte Welt“ bedarf auch grundlegenden kritischen Betrachtung (die Ellard eher in Ansätzen als „Warnungen“ bietet), und nicht nur spürbarer Begeisterung (die man im Gesamten eher aus dem Buch im Blick auf die neuen, technischen Möglichkeiten herauslesen kann) für das „immer mehr Mögliche“. Denn was „bessere Orte“, die Ellard zu Beginn thematisiert, in der Qualität genau sind, wie man sich vor „nur vermeintlich“ besseren Orten schützen kann, all das bleibt eher Stückwerk im Buch und lässt mit einigen Fragen zurück.

Was nichts daran ändert, dass es interessant zu lesen ist, in welche hohem Maße doch „das Außen“ des Raums das „Innen“ der Emotionen beeinflusst.

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osage-morde, verbrechen, wahre geschichte, mord, fbi

Das Verbrechen

David Grann , Henning Dedekind
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei btb, 25.04.2017
ISBN 9783442757268
Genre: Biografien

Rezension:

Real-Crime

Weniger in erzählender Thriller-Form, mehr in Form einer dokumentarischen Reportage, legt David Grann die Geschichte eines, in mehrfacher Hinsicht interessanten, Verbrechens vor.

Zum einen ist die Geschichte der vielen Tötungsdelikte seit Beginn der 1920er Jahre in diesem Indianerreservat (und drum herum) eine Beispielgeschichte über den Umgang mit möglichem Reichtum in solchen Reservaten. Sei es, wie hier, reichhaltige Ölquellen, sei es, wie an anderen Orten und bis heute die Lizenz für Casinos.

Ein Stamm wird reich. Das zum einen.

Und als Indianer war man, trotz nun klarerer Regelung, noch lange kein gleichwertiger Bürger der Vereinigten Staaten und noch lange nicht sicher vor Komplotten, Korruption, Mord und einer zu Anfang eher leger ermittelnden Polizei.

Zudem ist dieser immer breiter werdende Fall, je mehr die Zeit und die Ermittlungen fortschreiten, eine akribische Darstellung der Arbeit des damals noch am Anfang stehenden FBI und seiner internen Probleme gerade in dieser Zeit.

Und zu guter Letzt entfaltet sich ebenso eine „Ur-Geschichte“ menschlicher Gier.

Wie üblich in Bezug auf das Stammesgeschehen erhielten die, die ihre Zugehörigkeit zum Stamm nachweisen konnten, zunächst eine kleinere, im Lauf des „Booms“ und der breiteren Nutzung des Öls eine erkleckliche Apanage. Klar, dass da bei der entscheidenden Frage der Zugehörigkeit getrickst wurde, was das Zeug hält.

Lagen darin vielleicht auch die Motive der Morde? Oder nur zum Teil und andere der Morde hatten ganz andere Gründe?

Ein enges Geflecht von Beziehungen, viele Personen, die beteiligt sind und Ermittlungen, die ganz bei null anfangen und lange nicht wirklich vom Fleck kommen, Schritt für Schritt geht Grann, nüchtern und sachlich im Ton, den Ereignissen nach, die mit dem Verschwinden von Anna begann.

Und jede Menge Morde später, mit Problemen der Korruption in den eigenen Reihen kämpfend, wie mit den Fragen, was hinter der Mordserie steckt, gelingt es dem FBI, den Fall zu lösen. Zumindest im Groben. Mit geflüchteten Verdächtigen, mit jeder Menge Misstrauen den Agenten gegenüber, mit Fragen über Fragen.

„Sie versuchen, mein Vertrauen zu erschleichen, aber ich sage ihnen, dass sie mich auf den elektrischen Stuhl bringen wollen“.

Und offene Fragen bleiben bis heute.

„Er war eines jener Opfer, die in den FBI-Akten nicht auftauchten und dessen Mörder nicht ins Gefängnis kamen“.

Wie das geschehen konnte und welche Lösung sich hinter der Zeit der „Schreckensherrschaft“ verbirgt, dass kann der Leser Schritt für Schritt über die Jahre der Ermittlungen, der Finten und Strategien auf allen Seiten, kleinteilig im Buch nachlesen.

Wobei die Vielzahl der Namen, die vielfachen Richtungen der Ermittlungen, aber auch der Verbrechen dem Leser Konzentration abfordern. Dies ist kein Buch, dass man nebenbei mal „mitliest“. Dafür aber seine sehr gründlich recherchierte und sehr auch ins persönliche der damaligen Akteure hereinreichende Lektüre.

„Es gab einfach zu viele Lügen, zu viele vernichtete Dokumente“. Und doch ist der Fall weitgehend gelöst.

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Kleopatras Nase

Mary Beard , Ursula Blank-Sangmeister
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 22.06.2017
ISBN 9783103972177
Genre: Sachbücher

Rezension:

Lehrreiche Geschichte(n)

„Dieses Buch bietet einen Rundgang durch die klassische Welt, vom prähistorischen Palast im kretischen Knossos bis zu jenem fiktiven Dorf in Gallien, wo Asterix und seine Freunde den Römern noch immer Widerstand leisten“.

Was Beard im Lauf der Lektüre auch einlöst. Und, wie dieser Anfang bereits suggeriert, dies durchaus auch mit einem Augenzwinkern hier und da zu versehen versteht.

Atmosphäre, Orte, Zeitzeichen und die politischen Grundzüge werden dabei in den einzelnen Stationen dieses Rundgangs dem Leser ebenso vor Augen geführt, wie bekannte Persönlichkeiten immer wieder auftauchen und näher beleuchtet werden.

Sappho, Alexander der Große, natürlich Kleopatra, Hannibal, Julius Caesar, Nero, Caligula, Boudicca, Tacitus und vieles mehr an bekanntem Namen tummelt sich, zu den je passenden Zeiten, im Buch,

Wie war der Alltag in der Antike? Was amüsierte, was ängstigte die Menschen, worunter litten sie, was freute den „Normal-Bürger“ der Antike. Betrachtungen, die bis hin zu der Frage der Zahnpflege reichen, die großen und kleinen Themen der Zeiten aufgreifen und das Ganze sehr fließend und unterhaltsam zu Papier gebracht wurde.

Griffig und mit vielen Details versehen gelingt es Beard daher wieder einmal fast spielend, die „ferne Antike“ unmittelbar erlebbar zu beschreiben und damit die Personen und Lebensumstände in die Gegenwart des Lesers zu transportieren. Mit dem Wunsch zudem, nicht nur „betrachtend“ zu verharren, sondern die lebhaften Schilderungen als eine Aufforderung zum persönlichen Dialog zu verstehen.

Denn nicht selten, trotz anderer politischer Umstände, wendeten sich die Denker und „normalen““ Menschen der Antike intensiv Fragen zu, die auch für die heutige Zeit noch hohe Bedeutung haben. Und ebenso ist die Bewertung vieler antiker Personen und Ereignisse (war Kleopatra wirklich entscheidend für einen Teil er Geschichte Roms? Woher generierte Rom diese Vielzahl an benötigten Sklaven für den reibungslosen Ablauf des Alltags?). Fragen, die immer noch Teil einer lebendigen Debatte sind, welche Beard im Buch ebenfalls immer wieder vor Augen führt.

Und so wird immer wieder deutlich, wie wichtig die historische Wissenschaft für die kulturelle Vergewisserung der jeweiligen Gegenwart ist

„…ist das unauslöschliche Eingewobensein der klassischen Tradition in die westliche Kultur“.

Seien es nun die (vielfachen) Schwächen „Alexanders des Großen“ oder seine „Vaterfixierung“, seien es die vielfachen Versuche der Entschlüsselung des „Mythos Kleopatra“, seien es die Darstellungen Roms „von unten nach oben“, Beard verbindet einen anregenden Stil des Erzählens mit der differenzierten Darstellung des aktuellen Standes der historischen Wissenschaft und vielfachen Einblicken in das Leben der entsprechenden Zeiten.

So dass der Leser deutlich besser informiert und mit wesentlich mehr Blickrichtungen auf die einzelnen Personen, Lebensweisen und Ereignisse der Antike am Ende der Lektüre sich wiederfindet. Wobei doch das eigentliche „Steckenpferd“ der Autorin, die Geschichte Roms, den Kern des Buches ausmacht und auch vorhergehende Zeiten (wie eben Alexander der Große) in ihrer Rezeption durch Rom und aus der Sicht Roms zumindest in weiten Teilen mit dargestellt wird.

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Das Zeitalter des Zorns

Pankaj Mishra , Michael Bischoff , Laura Su Bischoff
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 22.06.2017
ISBN 9783103972658
Genre: Sachbücher

Rezension:

Die richtige Richtung

Das Pankaj Mishra indischer Abstammung ist, merkt man im Buch durchaus an der ein oder andern Stelle. Wenn bei der Betrachtung des „kältesten aller kalten Ungeheuer“ (des nationalistischen Staates“ Indien kurz erläutert wird, auch an anderen Stellen. Gut, dass Mishra es nicht versäumt, dann immer in einen allgemeinen Blick zu gehen, um seine flüssig und verständlich vorgetragenen Einschätzungen zu illustrieren, denn für den deutschen Leser dürften die Einlassungen über Indien eher Befremden hervorrufen, zu verschieden sind die gesellschaftlichen Ausgangslagen.

Im Kern zumindest geht es Mishra als „Symptom“ um den „Ausbruch individueller und kollektiver Meutereien“, weltweit, in dessen Zuge sich die Wahrscheinlichkeit „der beiden Wege, auf denen die Menschheit sich selbst vernichten könnte – ein Bürgerkrieg globalen Ausmaßes oder die Zerstörung der natürlichen Umwelt – sich rapide aneinander annähern.

Das „Zeitalter des Zorns“ ist somit ein eher irrationales im Denken, geprägt von Ressentiments und Kleinmütigkeit. Ein „Klima“, das Mishra von der Person und dem Gedankengebäude Rousseaus bis in die Gegenwart als eine rote Entwicklungslinie herleitet.

Dass hier der Person des französischen Philosophen eine, wenn nicht die, zentrale Rolle eingeräumt wird, muss man als Leser nicht unbedingt teilen und eine weitergehende Differenzierung der Ausklärung, ihrer Motive und Folgen, wäre wünschenswert gewesen, statt nur in eher Stichworten jene Entwicklungen zu betrachten, die der eigenen These letztlich dienen.

Anderseits, und das ist die Stärke dieses Buches und deshalb sollte es als Teil des modernen Puzzles von Nationalismus, Vorbehalten gegenüber „Fremden“ und zunehmender bewaffneter Konflikte, gelesen und wahrgenommen werden, Mishra gelingt es, durchaus tiefer zu graben, als nur moderne Plattitüden eines neuen „Konservatismus“ oberflächlich zu diskutieren.

„Das Schüren von Hass gegen Immigranten, Minderheiten und diverse als „Anders“ definierte Menschen hat Eingang in diesen Mainstream gefunden“.

Warum?

„Ich vertrete hier die These, dass die beispiellose politische, ökonomische und soziale Unordnung, die den Aufstieg der industriekapitalistischen Gesellschaft…..begleitete, heute weitaus größere Regionen und Bevölkerungen befallen hat…..diese universelle Krise reicht sehr viel weiter als die Probleme des Terrorismus und der Gewalt“.

So versteht Mishra, zu Recht, das, was passiert als „Symptome“ dessen, was an individueller und gesellschaftlicher Erosion durch ein Abnehmen des „Sozialen Klebstoffes“ in Folge eines immer ungezügelteren Profitstrebens im Kapitalismus vonstattengeht. Und das nicht erst in den letzten Jahren, sondern bereits, als Saat, in der Aufklärung vor allem von Rousseau gesehen und formuliert.

Das mag in den späteren Ausführungen und Herleitungen und vor allem in der beständigen Betonung der Sicht der „Abgehängten“ teils auch leichtgewichtig oder zu pauschal gesetzt wirken, immerhin aber lenkt Mishra den Blick mit zahlrechen Beispielen und Begründungen auf den eigentlichen Kern der Krise. Der als „soziale Schere“ global festzustellen ist und auch in der Mitte der modernen westlichen Gesellschaften anlangt. Nicht nur durch Terrorismus, auch durch die Frage, wie der „durchschnittliche Berufstätige und damit durchschnittliche Lohnempfänger“ dauerhaft Leben und Miete aufbringen soll.

Wenn sich diese Frage nach der „Verteilung“ der Güter nicht löst, die Entwicklung der letzten Jahre der Akkumulation des Kapitals sich fortsetzt, dann folgen daraus fast zwingend die Suche nach „Ventilen“. Misstrauen gegen Fremde, Ressentiment, Vergewisserung der eigenen sozialen Gruppe durch Abgrenzung bis eben hin zum Risiko eines globalen Bürgerkrieges.

Im Stil sehr gut zu lesen fällt es dem Leser nicht schwer, Mishra zu folgen. Und trotz hier und da fehlender Differenzierungen und nicht immer ganz greifbarer Formulierungen ist es ein gelungenes Ansinnen, hinter die Fassaden nationalen Getöses, des Wutbürgers oder anderer einander ausschließender Entwicklungen tiefer zu Graben und die wohl eigentlichen Ursachen in den Blick zu nehmen.

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Albert Speer

Magnus Brechtken
Fester Einband: 600 Seiten
Erschienen bei Siedler, 07.06.2017
ISBN 9783827500403
Genre: Sachbücher

Rezension:

Eine kritische und „aufräumende“ Biographie

Albert Speer war ein Mann, der sich bestens anzupassen und je ins „rechte Licht“ zu rücken Verstand. Der die „Umstände“ mit fast traumwandlerischer Sicherheit für sich nutze und selbst ausgewiesene Fachleute auf seine Sicht der Dinge einzuschwingen Verstand.

Das ist der Kern des Ergebnisses der Lektüre dieses umfassenden und kritischen Werkes. In dem ein um das andere Mal jene „Bilder“ kritisch beleuchtet und vielfältig zur Seite geschoben werden (und damit den Blick auf die „echte Person“ Albert Speer ermöglichen), mit denen Speer als eine der wichtigen, handelnden Personen des dritten Reiches, als Angeklagter im Nürnberger Prozess, als Häftling und als dann Teil des öffentlichen Lebens der Bundesrepublik immer wieder das Bestmögliche für sich selbst initiieren konnte.

Im dritten Reich teils engster Vertrauter, Berater und eben auch professioneller Handlanger Hitlers, im Nürnberger Prozess das geschickte Lavieren zwischen „ernster Verantwortung“ und „nicht alles gewusst haben“, in der Haft ein „Vorzeige-Häftling“ und, nach seiner Entlassung der, dem es gelang, sein „Image“ als eigentlich immer schon und nun noch einmal gewandelter Saubermann auch gegenüber ernsthaften Historikern durchzusetzen und damit öffentlich zu zementieren. Und darüber hinaus nicht nur sein Image, sondern einen guten Teil des Gesamtbildes des „dritten Reiches“ als „wichtiger Zeitzeuge“, dem man zu sehr glaubte, das ist inzwischen, nicht erst seit diesem Werk, klargeworden.

So ist es Speer letztlich auf allen Ebenen immer wieder gelungen, „seine Karriere“ voranzutreiben und zu schützen, natürlich letztlich immer im Rahmen der gegebenen, äußeren Möglichkeiten, wie Brechtken Seite für Seit vor Augen führt.

Und es ist ja als „Karriere“ auch zu werten, dass Speer als einer der wenigen Verantwortlichen im Nürnberger Prozess mit dem Leben davonkam. Einen noch gewichtigen Teil seines Lebens dann als freier Mann geachtet verbracht hat.

Vielfache Indizien, die Brechtken zusammenträgt, vielfache Beleuchtungen der Fakten, die hinter der geschickten subjektiven Eigen-Deutung zu finden sind, die vor allem aufweisen, dass hier ein kluger, in Teilen auch gewissenloser, „Manipulator“ seine Lebenskreise bis zum Ende hin erfolgreich gezogen hat und immer, salopp gesagt, (unverdient) „auf die Füße gefallen“ ist.

Ebenso interessant zu lesen sind die Einlassungen über die „Reue“ oder die tatsächliche Übernahme „innerer Verantwortung“, die Brechtken zwar nicht letztgültig objektiv ad absurdum führen kann, aber durchaus genügend Indizien und Fakten zusammenträgt, um das Bild dahingehend zu schärfen, dass Speer bis zuletzt sich und seiner Geschichte innerlich treu geblieben ist, Was auch seine politischen Überzeugungen anging.
Die er, klugerweise, nicht öffentlich machte, die aber in der sorgsamen Zusammenschau von internen Äußerungen und Bewertungen doch genügend Nahrung finden, um daran zu zweifeln, dass Speer tatsächlich inneren Abstand vom “dritten Reich“ in seinem Leben gefunden und genommen hat.

Das Ganze ist dabei sehr flüssig und verständlich in der Form dargebracht, und bietet sowohl eine „Entzauberung“ Speers wie auch eine überaus griffige, zeitkritische Betrachtung des Umgangs mit Speer in der jungen Bundesrepublik.
„Er hat ein Meisterwerk publizistischer Wirksamkeit hinterlassen, dass die Zunft der Vergangenheitsbewältiger noch lange irritieren wird“.

Diese, schon 1981 kritische Einschätzung durch Heinz Höhne kann dabei als Thema und roter Faden dieser akribischen Biographie des Albert Speer verstanden werden. Der alles andere als ein „guter und reuiger Nationalsozialist“ war.

Eine wichtige und anregende Lektüre, die sprachlich wie inhaltlich überzeugt.

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Die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft in 100 Objekten

Iain Spragg , Michael Dörflinger
Fester Einband
Erschienen bei GeraMond Verlag, 23.01.2017
ISBN 9783862452194
Genre: Sachbücher

Rezension:

Interessante Herangehensweise

2018 steht sie wieder vor der Tür. Die nächste Fußballweltmeisterschaft. Das zentrale Sportereignis der Welt, international gesehen (neben den olympischen Spielen).

Bücher zu Weltmeisterschaften, zum Fußball an sich gibt es wahrlich nicht wenige. Und unbedingt Neues erfährt man in dieser vielfach illustrierten Überblicksgeschichte nicht unbedingt.

Aber zum einen erinnert Spragg durch seinen chronologischen Gang von der ersten Fußballweltmeisterschaft 1930 in Uruguay bis zu Brasilien 2014 noch einmal an jede Menge historischer Sportmomente. Und zum anderen rückt Spragg durchaus viele „Dinge“, Pokale, Eintrittskarten, Maskottchen, Bälle Skulpturen mit in den Blick des Lesers, die teilweise bisher wenig im Fokus der Betrachtungen standen.

Dies aber, vom Titel des Buches her verstanden, eigentlich nicht zentral und nicht genug in den nachvollziehenden Beschreibungen zu den einzelnen Weltmeisterschaften.

Hätte man vom Titel her erwarten können, dass je ein oder mehrere Gegenstände den Aufhänger bilden, so sieht sich der Leser im Buch selbst einer eher klassischen, komprimierten Zusammenfassung der einzelnen Weltmeisterschaften gegenüber, innerhalb derer der ein oder andere Gegenstand in Bild und Text näher erwähnt wird. Was dem Leser auf Dauer aber eher „am Rande“ mitgeteilt erscheint.

Von dieser Diskrepanz zwischen Titel und Inhalt abgesehen, verbleibt dennoch eine lesenswerte, sachliche, informative Betrachtung jeder einzelnen bisher ausgetragenen WM.

Erinnerungen an „Technik“ gegen „Willen und Kampf“ wie 1974 oder auch die Erinnerung an die furios aufspielenden Dänen 1986 und die beiden wohl faszinierendsten Spiele der WM Geschichte, Frankreich gegen Brasilien im Viertelfinale 1986 und Brasilien gegen Deutschland im Halbfinale 2014 (was natürlich dem persönlichen Geschmack geschuldet ist).

Insgesamt ein Gewinn für jeden Fußballfan, aber nicht mit neuen Erkenntnissen oder außerordentlichen „Gegenständen“ gespickt.

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