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sachbuch

Liebe

Manuel Tusch
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 13.01.2017
ISBN 9783423261333
Genre: Sachbücher

Rezension:

Umfassende Betrachtung

„Unter anderem aus hormonellen Gründen lässt die sexuelle Anziehungskraft nach ca. 6 Monaten bis drei Jahren stark nach“.

Und da diese Anziehungskraft eine nicht unerhebliche Rolle für die Gestaltung und Entfaltung einer dauerhaften partnerschaftlichen Liebe mit darstellt, ist guter Rat gefragt.

Wobei dieser konkrete Bereich der Liebe war ein zentraler im Buch ist, aber bei Weitem Tusch sich nicht nur in dieser enger verstandenen Form der „Liebe“ alleine bewegt, sondern dieses einerseits „Gefühl“, andererseits „Haltung“ in vielfachen Hinsichten in den Blick nimmt.

Was schon der Einstieg ins Buch mit den dort beschriebenen Formen der Liebe, von der physischen zur Gottesliebe bis zum „Reibach mit der Liebe“, von der „familiären“ über die „platonische“ bis zur „Nächstenliebe“ mitbedenkt.

Auch wenn somit der erste Gedanke, was Liebe angeht in Form von Partnerschaft eine gewisse tragende Rolle spielt (und auch der „Selbsttest“ im Buch eher in diese Richtung verweist“, ohne „Selbstliebe“ geht es nicht (was den Rahmen einer Objektbezogenen „DU-Liebe“ bereits ja sprengt).

Und dem Leben selbst gegenüber eher mit „liebevollen“ Gefühlen statt mit solchen der Gier oder Ängstlichkeit, der ständigen Abwertung anderer oder anderen Fluchten vor Konflikten zu stehen, das nimmt gerade im Hauptteil des Buches, dem „Coaching“ doch angemessenen Raum ein.

Ein sich öffnen ist gefragt, Konflikte „mit Liebe“ bestehen, sich die Welt auch ein Stück so gestalten, wie es einem selbst gefällt (eine Auswahl also an Gedanken und Wertungen der Ereignisse des Lebens für sich treffen“ und „einen persönlichen Kraftort“ erschaffen, das sind jene „Basics“ auf die Tusch nicht müde wird, zu verweisen.

Wobei methodisch viele Elemente aus der klientenzentrierten Gesprächstherapie sich in den Vorschlägen zum Handeln wiederfinden (explizit z.B. das „Spiegeln“ und „aktive Zuhören“) oder auch ressourcen- und lösungsorientierte Methoden verarbeitet werden. Was im Stil sehr locker und leger und, vor allem, in den einzelnen Themen je sehr kurz, vor Augen gestellt wird.

So liegt die Stärke des Buches in der umfassenden Betrachtung (auch wenn die „Paarsuchenden“ wahrlich nicht zu kurz kommen“, es bedarf allerdings einer wirklich motivierten „Arbeitshaltung“, um immer wieder die einzelnen Hinweise zu vergegenwärtigen und ständig im Leben einzuüben. Ohne sich mit sich selbst auseinanderzusetzen („Rückwärtsanalyse“, „Spieglein, Spieglein“) werden die durchaus praktikablen und realistischen Vorschläge im Buch innerlich zu wenig Anhaltspunkt finden.

Alles in allem eine leicht zu lesende, durchaus gehaltvolle Lektüre, die einiges anstoßen kann und vieles gekonnt komprimiert erklärt.

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In 225 Reisen um die Welt


Fester Einband
Erschienen bei National Geographic Deutschland, 22.03.2017
ISBN 9783866904767
Genre: Sonstiges

Rezension:

Erstaunlich, interessant, informativ und in gewohnt hervorragender Qualität

Schon das Titelbild dieses umfassenden und in der Qualität hervorragenden Bildbandes stellt klar: Hier geht es um außergewöhnliche Orte.

Dieses Gasthaus, wie in den Fels der Steilwand hineingeschmiegt, mit der kleinen Terrasse, die fast über dem Abgrund zu schweben scheint, einfach zu erreichen ist das nicht, vor dem Genuss steht der Schweiß des Aufstiegs, aber das Ziel entschädigt für jede Mühe.

Was ebenso für den Anblick von Kornspeichern in den Wänden des Grand Canyon gilt oder das leuchten von Longyearbyn, Hauptstadt von Spitzberger in der Morgendämmerung oder das majestätisch wirkende Antlitz einer Statue auf den Osterinseln vor einem endlosen Sternenhimmel.

Es sind Orte ungezähmter Natur, es sind dann auch von Menschenhand geformte „zeitlose Meisterwerke“, es sind Meere und Küsten, das Königreich der Berge und Stadt und Land, in dem sich „Kultur und Natur im Doppelpack“ begegnen, nach denen sich der Bild band strukturiert und jeweils bestens getroffene Fotografien mit knappen, aber flüssig verfassten und informativen, Texten dem jeweiligen „Objekt der Betrachtung“ nähern.

Von der sixtinischen Kapelle bis zur Terrakotta-Armee, vom futuristisch geformt wirkenden Antelope-Canyon bis zur ebenso futuristisch wirkenden Wüstenstadt Doha, vom „Ring of Brodnar“ bei Orkneyzu den „Angel Falls“, dem höchsten Wasserfall der Welt und zu vielen, vielen anderen Orten führt der Bildband und ruft ein um das andere Mal Faszination und Erstaunen über die Natur, aber auch über besondere Entwicklungen der menschlichen Kultur hervor.

Wenn sich im „hängenden Kloster“ die drei Hauptreligionen Chinas vereinen oder das Plateau des Popa ein einziges buddhistisches Kloster zu sein scheint, dann finden sich überaus unwirtlich wirkende Liegenschaften als „Bergklöster“ im Buch ebenso gewürdigt, wie es naturbelassene „Orte wie nicht von dieser Welt“ aufgreift, wenn das Waipió Valley in den Fokus der „Weltreise“ im Buch rückt.

Jeder Ort ein besonderes Erleben, und das in überaus breiter Vielfalt von der engen Schlucht zum weiten Meer, vom menschlichen Schaffen hin zum „natürlich Entstandenen“.

Ein Bildband, der eine hohe Lust entstehen lässt, zumindest den ein oder anderen der beschriebenen und gezeigten Orte wirklich auch mit eigenen Augen einmal zu sehen.

Ein wunderbares Erleben ist es, dass dieser Bildband bietet.

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barcelona, carlos ruiz zafón, spanien, friedhof der vergessenen bücher, zafón

Das Labyrinth der Lichter

Carlos Ruiz Zafón , Peter Schwaar
Fester Einband: 944 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 16.03.2017
ISBN 9783100022837
Genre: Romane

Rezension:

Schließung vieler offener Fäden

Das letzte Werk der vier Bände, über Jahre hinweg von Zafón erstellt, ist einfach viel.

Viele Seiten, viele Erzählfäden, die zu großen Teilen auch aus den anderen drei Bänden in dieses Werk herüberreichen. Eine fast unüberschaubare Anzahl an Charakteren, von denen Alicia Gris als neue Hauptfigur (und diesen Band tragende Figur) hinzutritt.

Eine Menge Stoff mit ebenso vielfachen literarischen Anspielungen vom „Friedhof der vergessenen Bücher“ und eine Begleitung Daniels nun in das verantwortliche Leben als „frischer Vater“ hinein, mit dem Daniel Sempere innerlich so einigem Wanken ausgesetzt ist und ebenso vielen Unsicherheiten.

Gut, dass Fermin, sein engster Freund und souveräner Lebemann ihm energisch zur Seite steht. Was eben auch „viel“ ist. Denn so anregend für eine Weile die überaus ironisch-gestelzte und erotisch-derbe Ausdrucksweise Fermins auch immer wieder für Auflockerung sorgt („Besser nicht, es beschert mir eine Nachtlatte, mit Verlaub“), teilweise wird auch das einfach „zu viel“, wenn man sich als Leser ständig konzentrieren muss, um einigermaßen auf der Höhe der Ereignisse zu bleiben.

Während eben diese Ereignisse um die Polizistin Alicia Gris dunkle Seiten der Vergangenheit in breiter Form ins Gedächtnis rufen und in der Buchhandlung „Sempre &Söhne“ die Spuren zusammenlaufen, die Inhalte sich verdichten und zudem das (fiktive) Werk des (fiktiven) Schriftstellers Juliàn Carax sich durch ein mysteriöses Buch im Besitz eines verschwundenen Ministers (mit eben erwähnter tiefdunkler Vergangenheit) vervollständigt.

Poesie und Thriller, der Versuch eines harmonischen Lebens auf Daniels Seite und grausame Seiten der spanischen Geschichte, Fiktionen und Intrigen, all das führt Zafón im letzten Band der Reihe zu einem großen Ganzen zusammen. Was dennoch, trotz teils spannender Wendungen und recht flüssiger Erzählweise nicht immer einfach zu lesen und zu verstehen ist und manche Länge auch beinhaltet. Wobei es vielfach entschädigt, wie gut es Zafón versteht, die Enge, das Misstrauen, die Gefahr zu Zeiten des Franco-Regimes in Spanien ins Spiel zu bringen und dem die Welt der „Freien Gedanken“ in der Literatur und im Traum oft zur Seite zu stellen. Wobei die teils harte Gewalt, die Zafón lakonisch schildert, hier und da auch gute Nerven benötigt.

Wobei auch Mysteriöses und leicht Magisches seinen Platz auch in diesem Band noch findet, wenn auch die Blickrichtung sich deutlich mehr der „nackten Realität“ jener Jahre zuwendet.

Vielfache Dialoge, Verästelungen, Buch im Buch und innere Verbindungen von Figuren, die auf den ersten Blick nicht immer offensichtlich sind, führen zu einer breiten Verschachtelung der Ereignisse, die eine literarische Herausforderung darstellen. Und immer wieder aufgelockert wird, nicht zuletzt durch „Buddy-Elemente“ bei den Ermittlungen um den verschwundenen Minister herum.

„Und was kann es in einem Fall wie diesem ihrer Meinung nach für eine Logik geben“?
„Das, was sie die Logik des Trugbildes nennen“.

Was nun ist real, was Trugbild? Emotional packt es den Leser durchaus, dieses Ergehen der Figuren auf den fast 1000 Seiten, wobei es nicht von Nachteil ist, die anderen drei Bände bereits gelesen zu haben. Denn erst dann erschließt sich der gesamte Kosmos dieser magischen „Zaubergeschichte“ in einer realen, dunklen und harten Zeit.

Keine einfache Lektüre, in manchem ein „zu viel“ und immer in großer Breite bietet das Werk dennoch einen guten, passenden und würdigen Abschluss der Geschichte um die Familie Sempere und den „Friedhof der vergessenen Bücher“.

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Ein kalter Ort zum Sterben

Ian Rankin , Conny Lösch
Fester Einband: 450 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 13.03.2017
ISBN 9783442314614
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Hohe Kunst des Kriminalromans

„„Ich kann nicht einfach zu Hause bleiben“.
„Nicht mal einen Tag“?
Rebus schüttelte langsam den Kopf“.

Gut für den Leser, dass Rankin seinen mürrischen, sich mit sozialen Dingen ein wenig schwertuenden und dem Alkohol nicht abgeneigten Rebus zwar vor Einiger Zeit bereits in den polizeilichen Ruhestand geschickt hat, dieser aber munter mit den alten Kollegen (und Freunden) Malcolm Fox und Siobhan Clarke Ermittlungen verfolgt. Einfach nicht ruhig zu Hause bleiben kann. Vor weniger, als er untätig abwarten müsste, ob der alte „Hank Marvin“ ihn heimsuchen könnte. Und auch die sich vertiefende Beziehung zur Pathologin Deborah hält den klugen, harmlos wirkenden Rebus (mit dem harten Kern) nicht ab, in seiner Stadt nach dem Rechten zu sehen.

Umso mehr, als sein alter Erzrivale und Schurke Big Ger Gafferty sich nach Rebus Geschmack zu sehr unschuldig an den jüngsten Ereignissen geriert.

Bei denen sein „Nachfolger“ Daryl Christie Prügel bezieht. Bei denen ein längst vergessener Todesfall für Rebus sehr aktuell werden wird. Und bei dem, was die rechte Würze noch gibt, nicht alle alten Kollegen und Vorgesetzten sich darüber freuen, dass Eingangskontrollen und Anm4eldestationen Rebus noch nie aufgehalten haben.

“Und was ist das“?
„„Nägel“, krächzte dieser.
„Neun Zoll Nägel, um genau zu sein““.

Die zur Anwendung gelangen werden. Nur ein Puzzleteil in den zunächst unüberschaubar wirkenden Ereignissen, die Rebus ohne Zurückhaltung und sehr stringent an den Hörnern packen wird. Auch wenn einer seiner Besuche an einem Krankenhausbett ungeahnte Folgen haben wird.

Ein Unterweltboss unter Bedrohung. Ein alter Boss der „dunklen Seite“ zunächst aus dem Blick verschwunden. Eine vor zig Jahren getötete, lebenslustige Frau. Verschwundenes Geld. Ein zum Schlag bereiter Krummsäbel. Und ein toter Ex-Polizist.

All das ergibt zunächst eine Melange aus Vergangenheit und Gegenwart, die vielfache Spuren generiert und das alte Jagdfieber in Rebus erwachen lässt. Der am Ende dennoch anerkennen muss, dass ein ihm durchaus ebenbürtiger Gegner Fäden gezogen hat, die kaum zu entwirren sein werden.

Intelligent angelegt, sehr flüssig, interessant, mal hart, mal mit hintergründigem Humor und immer spannend im Stil ist es eine wahre Freude, diesen Rebus mit seinem enzyklopädischen Wissen über Rock-Musik durch Edinburgh zu begleiten. Mit vielfachen Gefahren für viele der Beteiligten, die hinter den Kulissen lauert.

Beste Krimikost.

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mittelalter, schwert und krone, sabine ebert, staufer, meister der täuschung

Schwert und Krone - Meister der Täuschung

Sabine Ebert
Fester Einband: 592 Seiten
Erschienen bei Knaur, 01.03.2017
ISBN 9783426654125
Genre: Historische Romane

Rezension:

Fundiert und sehr unterhaltsam

„Ist das Fleisch abgekocht, werden die Gebeine mit den üblichen Ingredienzien balsamiert und in der naturgegebenen Anordnung aneinander befestigt“.

Was kein Kochrezept für eine ausgeklügeltes „Fürstenessen“ am „Königstisch“ beschreibt, sondern die rein praktische Aufgabe löst, den Leichnam des toten Kaisers Lothar von Süpplingenburg von diesem winterlichen Brenner zu dem Ort zu bringen, an dem der Kaiser bestattet werden wollte. Noch weit entfernt und nicht in einem Zeitrahmen zu erreichen, der der Verwesung entsprechen würde.

Nicht nur in dieser recht drastischen Schilderung zu Beginn des Romans, auch im ausführlichen Personenregister (über 4 Seiten hinweg“ so wie im nicht überbordenden, dennoch beachtlichen Anhang von Stammtafeln und Glossar wird schnell erkennbar, dass Sabine Ebert sich intensiv mit den Geschehnissen des 12. Bis 13. Jahrhunderts n.V. auseinandergesetzt hat mit all den Nachfolgeauseinandersetzungen, Intrigen, Machtspielen, mit dem Geschlecht der Staufer, bei denen zunächst Konrad nach dem Tod des Kaisers Lothar an die Macht gelangt, aber auch Friedrich Barbarossa schon mit von der Partie ist.

Ein Auftakt für eine Romanfolge, bei dem Ebert zu Gute kommt, dass sie griffig und prägnant formuliert, trotz der vielfachen Perspektivwechsel zwischen den beteiligten Parteien und Personen zum einen den roten Faden (auch für den Leser) nie aus den Augen verliert und zum anderen ihren realen und fiktiven Personen differenziertes Leben mit auf den Weg gibt.

Natürlich finden sich im Ansatz auch stereotype Eigenschaften. Wenn Konrad aus „edlen Motiven“ sich prüfend die Frage stellt, ob er als neuer König die richtige Wahl wäre und ob alle Mittel dafür auch tragbar sind.

Da sein Bruder nicht mehr „unversehrt“ ist (eine der Voraussetzungen für die Wahl zum Kaiser und wieder ein informatives, interessantes Detail, dass Ebert einarbeitet), wäre Konrad der legitime mögliche neue König, auch wenn der gerade verstorbene Lothar seinen Schweigersohn, Heinrich den Stolzen, zum Nachfolger bestimmt hat. Aber nicht „Bestimmung“, sondern „Wahl“ kürt den Anführer der deutschen Fürsten und Herrscher.

„Blickt der Tatsache ins Auge, dass noch niemand im Stand Stande reinster Unschuld dorthin gelangt ist…….Wer herrschen will, der muss es auch wirklich wollen – und zwar wollen um jeden Preis“.

Damit sind schon im ersten Teil des Werkes alle Zutaten gesetzt für eine authentische Atmosphäre des Romans, für vielfache Ränke und Intrigen, offene und verdeckte Konkurrenzen, ein hin- und herwogen, in dem der größte Teil der Beteiligten alleine eigenen Interessen folgt, ein kleinerer Teil das große Ganze sieht und das Wohl des Reiches mit im Blick hat und alle einander mit herzlichem Misstrauen begegnen werden.

Was Ebert lebendig, interessant, durchaus spannend und mit „viel Fleisch am Gebein“ (anders als der verstorbene Lothar seine letzte Reise antreten wird) erzählt.

Ein ganz hervorragender, historischer Roman, der Lust auf die nachfolgenden Werke macht und einen echten Pageturner darstellt, in dem Ebert den Leser mitten hinein nimmt in die harte, dunkle Zeit des Mittelalters, in der aber durchaus auch Liebe und wahrhaftige Motive nicht völlig an den Rand gedrängt werden.

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Soweit wir wissen

Zia Haider Rahman , Sabine Hübner
Fester Einband: 704 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 20.03.2017
ISBN 9783827012982
Genre: Romane

Rezension:

Epische Sicht der gegenwärtigen Welt

Zwei gegensätzliche Lebensläufe, zwei Versuche, in der Welt dauerhaft Fuß zu fassen. Einmal in der Hochburg des Profits, einmal in Diensten der „Menschenrechte“. Und beide Anläufe, Versuche, nach einer Weile gescheitert.

Zwei unterschiedliche Ausgangspositionen. Der eine aus gutem Haus mit von Beginn an offenen Türen im Leben, der andere mühsam von unten nach oben sich kämpfend. Zwar umgehen in Oxford herzlich Willkommen, aber schon an der Aussprache ist die asiatische Herkunft aus der Unterschicht lange erkennbar.

Der eine als Banker und Ehemann gescheitert, der andere als „Kämpfer für das gute“. Im Studium beste Freunde, dann lange Jahre ohne Kontakt und nun steht der eine abgerissen beim andern vor der Tür (des entleerten Hauses in London).

Indem er die Geschichte seines unvermittelt neu aufgetauchten Freundes Zafar niederschreibt, nähert sich der bis dato innerlich stabile im „Establishment“ verhaftete Banker wankendem Boden.

Denn ist es wirklich so, dass er keine Verantwortung für die Geschäfte trägt, die er getätigt hat? Für die Wellen, die die Welt durch die Finanzkrisen, letztlich durch die Gier der Handelnden Händler, erschüttern?

Und ist die Welt überhaupt noch so, wie sie ihn geprägt hat, very british? Oder stellt die elitäre Erziehung, die erstklassigen Universitäten und der etwas bornierte Blick auf die Welt nichts anderes als einen gefährlichen Anachronismus dar?

Gerade weil Zafar an so vielfachen Orten einer unruhigen Welt vor Ort war, weil ihn die „andere Seite“ so geprägt hat und, natürlich, auch die Liebe, die er suchte, von all dem Unklaren und ständig in Bewegung sich befindendem äußeren und inneren Erleben der Gegenwart bleibt diese nicht verschont.

Das „Geheimnis des Unglücklich-Seins“, liegt es in den Personen, dass kein dauerhafter Boden gefunden wird, liegt es am Zustand der Welt, an den Verwerfungen durch altes Klassendenken, neue Eliten, durch eine Mobilität der Karriere, die ein Anbinden nicht wirklich ermöglicht?

Oder findet alles nur „im Kopf“ statt, wie Zafar letztendlich meint?

Interessante Fragen zwischenmenschlicher Beziehungen, die durch einerseits ein enges Denken und andererseits eine ständig weiter sich öffnende Welt, in der man sich verlieren kann wie in der theoretischen Mathematik (die im Buch eine gewichtige, allegorische Rolle spielt) geprägt ist.

Wobei, und das ist der Wehrmutstopfen dieses sehr gut den Kern der Persönlichkeiten auffangenden, epischen Romans, der Leser schon bereit sein muss, in aller Ruhe teils assoziativ verlaufenden, vielfachen Dialogen zu lauschen. Was nicht vereinfacht wird durch die Form der Dialoge, in denen Rahmann Anführungszeichen nicht benutzt.

So tauchen auch Längen auf in den teils elegischen, teils breiten Erinnerungen Zafars, in der Schilderung seines Wegs von unten über oben wieder nach unten. Ein Konzentrat von Leben, das in tiefe Tiefen vorstößt und den Leser immer wieder ganz realistisch mit den „verbogenen“ Wegen und Werten der Gegenwart konfrontiert. In der eine Stabilität des Lebens, eine klare Linie immer weniger gelebt wird, wofür Zafar exemplarisch und intensiv steht mit seinen vielfachen Lebensstationen, was seine „Karriere“ angeht.

Ein Roman mit Wucht, aber auch der Forderung nach Konzentration bei der Lektüre und mit offenen Enden, die in Teilen offenbleiben werden und offenbleiben müssen, denn alles gilt nur „soweit wir wissen“ und nicht darüber hinaus.

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Wie Europa die Welt eroberte

Philip Hoffman , Cornelius Hartz
Fester Einband
Erschienen bei Theiss, Konrad, 01.03.2017
ISBN 9783806234763
Genre: Sachbücher

Rezension:

Durch Rüstung zur Weltmacht

Vom Jahr 900, dem tiefsten Mittelalter aus gesehen, war Europa ein ungesunder, armer, unattraktiver Ort mit kaum Luxus und geringer Lebenserwartung. Da mussten schon die Mauren nach Spanien kommen, um ein wenig Lebenskultur in Europa vorzeigen zu können. Muslimische Lebenskultur mit Kulturwissenschaften, Poesie und entwickelter Medizin, wofür u.a. Cordoba stand und bekannt war.

Dann aber, ab der Mitte des 15.Jahrhunderts bis hin zum Beginn des 20. Jahrhunderts errang Europa eine weltweite Vormachtstellung in so gut wie jeder Hinsicht, die ihresgleichen suchte.

Hoffmanns Grundthese dabei ist, dass dies nicht durch die schönen Künste“ oder „zivile technologische Erfindungen“ ermöglicht wurde, sondern vor allem auf den immerwährenden militärischen Spannungen der einzelnen Reiche und selbst kleinerer Fürstentümer und Stadtstaaten untereinander beruht. Konflikte, die durch Wettrüsten gekennzeichnet waren und darin vielfache Technologien bis hin zum Schießpulver erfanden, durch die Europa zusehends an Stärke und globalem Einfluss gewann.

Anders, als viele andere, zu Zeiten durchaus ebenfalls mächtige Nationen der Geschichte. Die ebenfalls je moderne Waffensysteme ja zu ihren Hochzeiten besaßen.

Je moderne, überlegene Technologie zu entwickeln, das war die Stärke Europas in den Jahrhunderten, als die Welt das erste Mal verteilt wurde.

„Die..….beste Antwort auf diese Fragen ist, dass der militärische Wettbewerb in Europa den Europäern den entscheidenden Vorteil verlieh“. Ein Vorteil, der mit dem ersten Weltkrieg und, vor allem dann, mit dem zweiten Weltkrieg weitgehend verloren ging.

Mit dieser These im Hinterkopf zeichnet Hoffmann die „Eroberungsgeschichte“ Europas nach, von der frühen Neuzeit bis zum Ende des ersten Weltkrieges und versäumt es dabei auch nicht, die Schattenseiten zu benennen.

„Jede Eroberung hat ihren Preis“.

Zumindest im Blick auf die unaufhörlichen europäischen Konflikte stimmt dies und relativiert die großen Erträge der Kolonialzeit mit den ebenfalls ständig hohen Rüstungsausgaben.

Ein interessant zu lesendes Buch, dass im Hintergrund durchaus den Gedanken zulässt, nach Ende der inneren Konflikte erst auf ziviler Ebene „Reichtum für alle“ zumindest im Ansatz hergestellt zu haben.

Was vielleicht auch nur auf der Basis der konfliktreichen Jahrhunderte dann möglich geworden ist.

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Habsburg

Pieter M. Judson , Michael Müller
Fester Einband: 672 Seiten
Erschienen bei Beck, C H, 16.03.2017
ISBN 9783406706530
Genre: Sachbücher

Rezension:

Imperium „aus einem Guß“

Es ist in diesem Fall von Vorteil, wenn ein Historiker eines anderen Kontinents sich eines „ur-europäischen“ geschichtlichen Themas annimmt.

Das Habsburger Reich, die k.u.k. Monarchie, einst flächenmäßig weit ausgedehnt, eine Vielzahl von Kulturen in den Grenzen vereinend und eine, seltene, Symbiose von Volk und Kaiser, wie Judson ganz hervorragend, fundiert und akribisch nachweisen kann.

Von 1740 bis zu den unseligen, politischen und machtorientierten „Verwirrungen“ mit all ihren Fehleinschätzungen über mögliche Reaktionen, vor allem aber Kampfbereitschaft und Stand der Mobilität der Gegner der Jahre des ersten Weltkrieges, offiziell auch „Auslöser“ dieses Dramas der Menschheit, endend mit dem Jahre 1918 und dem Verlust an allen Fronten, zeichnet Judson eins ehr lebendiger, auch im Stil überaus gut zu lesendes Bild der „Donaumonarchie“. Bei deren Darstellung Judson allein schon die kluge Entscheidung trifft, Orte nicht nur mit „geläufigen“ westlichen Namen zu benennen, sondern zudem auch mit jenen Namen zu versehen, die damals in den verschiedenen Sprachen geläufig waren. Damit entzieht Judson einseitigen nationalistischen Tendenzen von Beginn an den Nährboden und bietet eine breitestmögliche Objektivität der Schilderungen.

Und wenn Judson dann von den ersten, breiten Wahlen berichtet und klarstellt, wie eng einerseits die Herrschenden an der Macht zu bleiben gedachten, wie breit aber auch wie Wahlbeteiligung war, wie hitzig (bis zu Toten hin) es zuging, dann zeigt sich daran, wie eng „das Volk“ politisch und emotional mit „dem Reich“ sich verbunden fühlte, Was nicht nur an der Person des „patriarchalisch-milden“, „ewigen“ Kaisers lag, der dennoch eine hohe Form von corporate identity verkörperte.

„Für viele Österreicher war das Reich eine alternative Quelle symbolischer und realer Macht…(die) sich zumindest mäßigend auf sie (die örtlichen Eliten) auswirken konnte“.

Eng verbunden war das Volk mit seinem Reich und den Repräsentanten an oberster Stelle. Eine „immense“ kulturelle und soziale Bedeutung hatte dieser „Lebensrahmen“. Und das ist, was Judson durch alle Etappen der konkreten habsburgischen Geschichte hindurch in ihrer Entwicklung, in ihrer Bedeutung zur „Hoch-Zeit“ und in ihrem Abbruch mit dem Ende des Reiches aufzeigt.

Wobei jede dieser geschichtlichen Etappen sorgfältig und umfassend im Buch dargestellt werden.

„jeder dieser Meilensteine in der Geschichte des habsburgerreiches ist wohlbekannt“. Judson folgt dabei im Aufbau der klassischen historischen Periodisierung dieser „Meilensteine“. Mit der Ausnahme der „Erklärung dieser Meilensteine“. Denn hier schreibt Judson immer und immer wieder „der Gesellschaft“, oben und unten, „dem Volk“ eine „wesentliche Mitwirkung“ am Zustandekommen und am Ausgang der „Wendemarken“ der Reichsgeschichte zu. Und gibt so eine ganz eigene, andere, ungewohnte, in sich aber sehr schlüssige und kompakte Erklärung, warum die innere und äußere Entwicklung des Reiches genauso und in allen Bevölkerungsschichten breit getragen stattgefunden hat.

Sei es dabei die Rechts- und Sozialgesetzgebung schon vor der französischen Revolution, die Sicherheit gab, sei es deren Ausweitung mit dem inhärenten Versprechen staatsbürgerlicher Gleichbehandlung auch von Frauen im frühen 19. Jahrhundert, die Ideen von „Gleichheit“ und „patriotischer Verbundenheit gleichermaßen ist jener „Klebstoff“, dass das Habsburger Reich im Inneren so weitgehend homogen zusammenhielt.

Eine sachgerechte, hervorragend geschrieben und mit genau jener neuen Idee versehene historische Betrachtung, die das Werk zu einer empfehlenswerten und überaus anregenden Lektüre gestaltet.

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frauen, kinder, osmanischer reich, familie, geschenk

Maria Theresia

Barbara Stollberg-Rilinger
Fester Einband: 992 Seiten
Erschienen bei Beck, C H, 18.04.2017
ISBN 9783406697487
Genre: Biografien

Rezension:

Umfassende Biographie, die keine Fragen unbeantwortet lässt

Zum 300. Mal jährt sich 2017 der Geburtstag der schillernden österreichischen Kaiserin. Ein Ereignis, dass Stollberg-Rilinger zum Anlass einer überaus umfangreichen und akribischen Biographie nimmt, in der die gesamte Atmosphäre der Zeit im Wechselspiel mit der Person Maria Theresias zum Klingen kommt.

Wozu eben nicht nur die machtpolitischen Stärken der Kaiserin gehörten. Diese aber auch, natürlich, eine entscheidende Rolle bei all den Kriegen und Kämpfen spielte, die Maria Theresia siegreich bestand und damit aus einem „heruntergekommenen Riesenreich“ einen modernen Staat zu gestalten. Eine Geschichte, auf deren Weg herbe Verluste (wie gegen Preußen“ doch zu inneren Siegen wurden.

„Die 23jährige zeigte sich vom ersten Tag ihrer Regierung an als die geborene Herrscherin“.

Und die dennoch zu Zeiten fast vergessen war im eigenen Land. Und dann doch mit Monumenten (auch in literarischer Form, führt man, wie Stollberg-Rilinger, die 10bändige Biographe durch Ritter von Arneth mit an). Überlebensgroß erinnert wurde. Und so auch und nicht zuletzt im kulturellen Leben Österreichs mehr und mehr eine überragende Rolle begann, einzunehmen. Theater, Literatur, später Film, zahlreich und vielfach sind die Verknüpfungen in die Gesellschaft über die Jahrhunderte hinein.

Je geringer die Strahlkraft des Habsburger Reiches im Lauf der Zeiten wurde, desto heller leuchtete der Stern der Kaiserin im Gedächtnis.

Wie nun für Zeitgenossen damals schon das Schema „männlich-weiblich“ in die damalige Wertordnung einpasst wurde, wie Werke über die Kaiserin rezipiert wurden, wie eine Biographie zugleich auch ein kulturelles Konstrukt sein kann, all dies lässt die Autorin bei dieser umfangreichen Betrachtung mitschwingen.

Eine fast „Religion der Herrschaft“, eine „Matriarchin“ mit Schwächen, eine „echte Kaiserin“, die eben nicht nur der Zerstreuung und dem „Wohlleben“ zu frönen gedachte. Eine Mutter, die nicht immer einfach zu tragen und zu ertragen war, die ihre Kinder forderte.

Und, was Stollberg-Rilinger vor allem hervorragend herausarbeitet ist das „monolithische“ Denken und Selbstverständnis Maria Theresias, die ihre eigene Stärke in den Mittelpunkt stellte und mit neuen, geistigen, kulturellen Errungenschaften der Zeit einen eher sperrigen Umgang pflegte.

„Gemütlich“, das war Maria Theresia auf keinen Fall, weder für Freund noch für Feind noch für ihre 16 Kinder.

„In ihren letzten Lebensjahren kam Maria Theresia sich selbst vor wie ein Relikt aus einem anderen Jahrhundert. Was ihr keine Freude, sondern Widerwillen bereitete.

Dass sich „jeder Mensch seines eigenen Verstandes bedienen solle“, das war nicht ihre Vorstellung von der Ordnung der Dinge und der zu bewahrenden Hierarchie auf Erden.

So sah sich Maria Theresia am Ende ihrer Lebzeiten noch dem Verfall monarchischer Selbstverständlichkeiten gegenüber, die durchaus mit persönlicher Bitterkeit einhergingen.

Statt „persönlicher Gunst“ objektive Gesetze, Gehalt statt „Gnadengaben“ nach Gutdünken für Staatsbedienstete und vieles mehr, was für Maria Tehresia eine Welt vor den Augen entstehen ließ, die wenig mit der gemein hatte, in die sie einmal hineingeboren worden war.

Und in der sie nicht nur eine einseitige Persönlichkeit, sondern vielfache Rollen einnahm und diesen gerecht wurde. Bis fast zum Ende hin.

Beide, die alte und die neue Welt und darin die Reaktionen und die vielfachen persönlichen Wechselwirkungen in und um die Kaiserin herum, legt Stollberg-Rilinger gut zu lesen und umfassend informiert (der Anhang macht gut ein Viertel des Werkes aus) bestens vor die Augen des Lesers, der am Ende der Lektüre ein hoch differenziertes Bild der geschichtlichen Entwicklung jener Zeit und dieser konkreten, teils alle überragenden Figur, erhält.

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19 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Evangelio

Feridun Zaimoglu
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 09.03.2017
ISBN 9783462050103
Genre: Romane

Rezension:

Dicht dabei in der Kammer der Wartburg

„Hauptmann von Berlepsch, Burgvogt und mein Obriger, ruft, ich tret an zum Bericht“.

Alltag für den Landsknechten Burkhard, Wache auf der Wartburg bei Eisenach.

„Krieg ist Mannfressen. Bin in Fehden zerrrieben worden. Hab etliches Volk gelöscht, Hab Kopf von den Achseln geschlagen“.

Von Beginn an wird klar, Zaimoglu beherrscht Sprache und Atmosphäre jener Zeit mit traumwandlerischer Sicherheit.

Und noch mehr. Zaimoglu ist ebenso treffsicher in der Lage, die inneren Entwicklungen jener Tage an der Person des Burkhart und manch anderer im Roman auftretender Charaktere mit Wucht aufzuzeigen.

Die „schwefligen Worte“, die „Meister Martinus durch List dem alten Feind abgetrotzt hat“, die er in einer Kammer der Burg in Form seiner Übersetzung der Bibel zugänglich macht für „das gemeine Volk“, so es lesen kann.

Ein lauter Schaffensprozess, ein Ringen mit dem Teufel leibhaftig, auch mit Ächzen und Stöhnen und, vor allem, die Fundamente der geordneten Welt der Zeit erbeben lassen.

Denn Burkhard ist eine klare, einfache Seele, damit ein Symbol so gut wie aller Menschen jener Zeit in den europäischen Breitengraden und keineswegs (zunächst auf jeden Fall) beseelt von Luther oder diesem Werk. Gut katholisch, so ist man.

„Sie haben sich vor allen anderen der besseren Christlichkeit verschrieben“.

Und nun dies. Ist das der Teufel in Menschengestalt oder ein neuer Heiliger? Ist das Blendwerk oder Erkenntnis, was Meister Martinus da verrichtet? Und wie kann das angehen, dass jener gerade und einfach denkende Burkhard nun so eng an diesen bebenden, von innerer Flamme scheinbar angetrieben Mann gebunden ist, eine Art Leibwächter und Beschützer dessen, der die bekannte Welt spürbar ins Wanken jetzt schon bringt?

Es benötigt nur wenige Seiten, und der Leser ist mittendrin. In dieser Kammer, in der gerungen wird, in diesem Landvogt, der hin- und hergerissen ist, in der Sprache, der Gefahr, der Ahnung, das hier bahnbrechendes auf den Weg gebracht wird, dass wie eine „fremde Macht“ die Feder des Mönches führt. Worte, die dieser durch das Buch spürbar und in keiner Weise despektierlich oder lächerlich für den modernen Menschen leibhaftig „dem Teufel abtrotzt“.

Ein wirkliches Ringen mit allen Schattierungen, mit wuchtiger Sprache auch im Roman, mit menschlich-allzu menschlichem und doch mit heiligem Feuer auch, das stellt Zamioglu bestens auf den Seiten seines Romans dar und vermittelt so einen ungeschminkten, direkten, griffigen und packenden Zugang zu jener kurzen Zeitspanne, in der aus „derben Umständen“ und wuchtiger, ebenfalls nicht zimperlicher Sprachen und Umgang miteinander, eine neue geistige Welt geschmiedet wurde.

Der Roman ist eine sprachliche Glanzleistung und über die verwendete Sprache hindurch dann auch atmosphärisch auf den Punkt getroffen, wie es damals wirklich zugegangen sein wird, dieses Ringen mit sich selbst und Teufel und Dämonen, dem Luther in seinem Selbstverständnis nicht ausweichen konnte, denn Gott selbst trieb ihn ja voran.

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64 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

alaska, flucht, roadtrip, verantwortung, selbstfindung

Bis an die Grenze

Dave Eggers , Ulrike Wasel , Klaus Timmermann
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 09.03.2017
ISBN 9783462049466
Genre: Romane

Rezension:

Innere und äußere Suche

„“Du bist toll mit ihr“, sagte sie, und jetzt weinte sie. Sie war sicher, dass Paul sie anstarrte“.

Paul, ihr Sohn. Ein Kind noch, und doch der, der nicht selten „das alles“ zusammenhält. Diese Idee seiner Mutter, Bargeld zu holen und sich von jetzt auf gleich wegzumachen aus der Heimatstadt in Ohio.

Und sich nach Alaska aufmacht. Nicht aus einer konkreten Sehnsucht nach dieser Region, sondern weil dies der entfernteste, geographische Punkt ist, den sie mit ihren Kindern erreichen kann, ohne einen Pass zu benötigen.

Vordergründig, weil der Erzeuger von Paul und Ana, ihren beiden Kindern, nach der Trennung sich neu orientiert hat, tatsächlich (wer hätte das geglaubt? Josie, die Mutter, bei Weitem nicht) eine neue Frau gefunden hat.

Vordergründig also um die Kinder zu schützen, dass der Vater mit seiner neuen Frau gar nicht erst auf die Idee kommt, sich die Kinder nehmen zu wollen.

Aber das ist auch nur die halbe Wahrheit. Denn in ihrem Beruf als Zahnärztin kriselte es auch. Was lange im Buch nur mit Andeutungen gespickt ist, dass der Sohne einer Patientin schwer Ärger gemacht hat.

Wobei, auch das mag nur eine Folge gewesen sein vom inneren Zustand Josies. Die über lange Zeiten hinweg fast wie manisch-depressiv nicht nur „Phasen“ erlebet hat, sondern jeden Tag ein starkes inneres auf und ab erlebt. Was im Übrigen nun, im alten Wohnmobil irgendwo in Alaska sich noch lange nicht gelegt hat.

Instabil, so kann man die Persönlichkeit Josies bezeichnen. Was nicht ohne Folgen auch für die Kinder bleibt.

„Sie hat sich auf das Klo gestellt und ist heruntergefallen“. Ana zieht das Unglück an. Und Paul, ihr Bruder, ist ihr Beschützer. Auch in der unwirtlichen Umgebung in Alaska, wo Josie nicht nur nicht genau weiß, wohin sie eigentlich will, sondern wo just ein großer Waldbrand die kleine Rumpffamilie vor sich hertreiben wird.

Probleme über Probleme also, die jede der drei Personen auf ihre Art Fordern werden und neue Seiten zum Vorschein bringen wird. Auf Grundfragen bezogen, die sich wohl in jedem Leben stellen. Ob der ganz eigene Weg mit allen Unsicherheiten gangbar ist, oder ob besser die „sichere“ Variante im Leben gewählt werden soll (woran Josie aber innerlich wie äußerlich scheitert, was eine interessante Korrespondenz zu ihrer Tochter Ana hat, bei der das „Scheitern“ nur viel klarer und fassbarer ständig im Raum steht).

Wird denn nun alles besser werden in den weiten der Natur? Auf sich gestellt? Das wird nicht einfach so beantwortet im Roman, in all den Wirrungen und Irrungen der Reise, die eher ein „Trial and Error“ Dahinfahren darstellt, denn einen gezielten und klaren Weg. Ein Weg aber, und das sind mit die schönsten Momente im Roman, auf dem immer wieder die tiefe Liebe zu ihren Kindern und das „wundern über das Wunder“ dieser Kinder neue Kraft und Auftrieb geben. Bei allen Skrupeln, Zweifeln und innerer Zerrissenheit dieser Josie, die oft mehr mit sich und ihrer inneren Stabilität zu tun hat, als mit den äußeren Dingen dieser „Flucht mit Kindern“.

Ein sprachlich anregend gestalteter Roman mit sehr flüssigem Tempo und überzeugenden Figuren (wobei sich die Person der Josie in den Personen ihrer Kinder mit ihren zwei Seiten geschickt widerspiegelt), in dem allerdings, neben starken Szenen und berührenden Momenten, inhaltlich auch einiges an Leerlauf auftritt.

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Der Odysseus-Komplex

Johannes Becker , Clemens Fuest
Fester Einband
Erschienen bei Hanser, Carl, 20.02.2017
ISBN 9783446254619
Genre: Sachbücher

Rezension:

Anstoß zur Diskussion

Wie bei der Hydra scheint es, stehen die Europäer erstarrt, vor allem uneins, vor den wirtschaftlichen Problemen der Eurozone. Die gemeinhin mit Griechenland in erster Linie verbunden werden, die aber nicht nur eins, sondern mehrere strukturelle Probleme darstellen.

Sparen oder Verschuldungsgrenzen lockern? Schuldenerlass oder eiserne Reformen) Ständiges Ausbalancieren eines labilen „Gebäudes“ oder grundlegende Reformen in Europa mit der Gefahr noch mehrerer „Austritte“ von Mitgliedsländern, sei es freiwillig, sei es erzwungen?

Ruhig und sachlich nähern sich die beiden prominenten Wirtschaftler des Ifo-Instituts nun aus anderer (aber nicht völlig überraschender oder absolut neuer) Richtung dem europäischen Problem an.

Unter „pragmatisch“ verstehen die Autoren vielmehr, das eben auch nicht „der Befreiungsschlag“ im Raum steht, sondern eine Abfolge einzelner Schritte notwendig wäre, bei denen bei jedem der Schritte die Tragfestigkeit dann zunächst geprüft und gesichert werden muss, bevor der nächste Schritt erfolgt.

Was im Übrigen durchaus auch dem gesunden Menschenverstand naheliegt, denn in den letzten Jahren haben sich die Haltungen der Mitglieder der Eurozone nicht wirklich einander angenähert, noch sind die virulenten Probleme der Verschuldungen der Mitgliedsländer wirklich gelöst oder wenigstens soweit abgesichert, dass nicht das nächste „Lüftchen“ alles wieder in chaotische Bewegung versetzen würde.

Ein Weg, auf dem wieder und wieder im Übrigen die eigenen Regeln gebeugt und gebrochen wurden (alleine schon, was das ständige Defizit mancher Staaten angeht). Hier Verbindlichkeit festzulegen und auch umzusetzen ist einer der wichtigen Schritte, die Becker und Fuest anmahnen. Wozu es andere Entscheidungs-, vor allem aber Kontrollgremien bedarf die eben nicht in ständigen Krisensitzungen der Finanzminister der Eurostaaten sich erschöpfen sollte.

Neben vielen „kleineren“ Themen greifen die Autoren (ganz im Sinne der deutschen Haltung, im Übrigen), auch die Haltung der europäischen Zentralbank kritisch auf. Das „Fluten mit Geld“ ist keine tragfähige Lösung auf Dauer, kommt da nicht an, wo es für den Aufbau neuer und besserer Wirtschaftsstrukturen wichtig wäre und gibt der Zentralbank eine Kernstellung im Krisengeschehen, für die diese nicht geschaffen oder gedacht worden ist.

So sachlich und überzeugend die einzelnen Maßnahmen im Buch begründet werden, so klar, wie Becker und Fues einen möglichen Weg aufzeigen, umgesetzt wird das wohl eher nicht in absehbarer Zeit. Was nicht an der Kompetenz der Vorschläge um Buch liegt, sondern daran, dass für auch diesen Weg heraus aus der Krise Entscheidungskompetenzen abgegeben werden müssten. Von Staaten an zentrale Einrichtungen, von der Zentralbank an ein Aufsichtsgremium etc.. Und Abgeben von Kompetenzen war noch nie eine Stärke der Mitglieder der Europäischen Union.

Doch das die aktuelle, ständige „Subventionierung der Staatsschulden“ überhaupt keine Lösung darstellen und auf Dauer noch nicht einmal die Symptome der Krise übertünchen können, das ist offenkundig. Insofern ist dies ein wichtiges Buch, in dem klare Richtungen von Vernunft gestützt aufgezeigt werden.

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8 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Warten auf Goebbels

Bernd Schroeder
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 20.02.2017
ISBN 9783446254527
Genre: Romane

Rezension:

Bestens getroffene Charaktere

Wenn es nicht auch so dramatisch wäre, wäre es einfach nur lustig. Zumindest das ein- oder andere breite Lächeln wird der Leser sich kaum verkneifen können, wenn er inmitten des Chaos der letzten Monate des zweiten Weltkrieges in diesem idyllischen Dorf Altenburg, fern vom „Schuss“ (im wahrsten Sinne des Wortes) der Filmcrew beim Schaffen zusieht.

Eine Siegesfeier, das wird vorab inszeniert. Ein Film, der genau im Moment des Endsieges in den Kinos platziert werden soll, um den Freudentaumel des Volkes bildlich einzufangen und zu befördern.

Natürlich wird Berlin als „Repro“ gezeigt. Filmszenen aus der Zeit vor dem Krieg in den Film eingeschnitten, denn das aktuelle Berlin kann man ja leider nicht zeigen. Zumindest sähe es bei Weitem nicht so schön aus.

So schreiten die Arbeiten voran, wenn da nicht……

Der „tragende Hauptdarsteller“ ständig herum zicken würde. Vielleicht fehlt einfach auch der ein- oder andere attraktive junge Mann, um den Theaterschauspieler bei Laune zu halten.

Und wenn das nicht Eisleben, der Regisseur, diesen Stoff weit unter seiner Würde angenommen hätte, um das nun sehr gründlich zu gestalten. Man könnte gar auf die Idee kommen, das Eisleben sich überaus viel Zeit lässt. Denn wäre der Film fertig, würden die beteiligten Männer umgehend dem Feind entgegengeworfen werden.

Was die beiden aufrechten Nationalsozialisten am Set unruhig werden lässt. Und das zunehmend im Lauf der Dreharbeiten.

Bei denen im Übrigen auch ein wirklich wichtiges Parteimitglied mitspielen soll. Niemand weiß genaueres. Aber die Gerüchte haben sich schon entschieden, dass Goebbels persönlich vorbeischauen wird. Mit kleinen Einschüben bereitet Schroeder den Leser quasi mit darauf vor, indem er kurze Einblick in den Werdegang und das Denken des Propagandamisters mit dem Klumpfuß und der Neigung zu Schauspielerinnen mit einfließen lässt.

Mit viel Humor und im Ton präzise treffend lässt Schroeder den Leser zudem teilhaben an all den Animositäten, dem stillen Protest und dem lauten Vorantreiben am Set. An den fehlenden Zündkerzen, weswegen die Motorradszene einfach nicht gelingen will. Wie Schroeder alle handelnden Personen jeweils in Ruhe vorstellt und differenziert den Gang der Ereignisse gestalten lässt.

Und drängt doch immer wieder mit einem kühlen, kalten Satz den Leser immer wieder aus dem komödienhaften des Romans heraus in die harte Realität hinein.

„Sie wollen dich nicht Juden von Ariern spielen lassen?“, ist so ein Satz, an dem Schroeder den Irrsinn des Films in genau jener Zeit einfängt. Und die Protagonisten auch bei ihrem Versuch begleitet, die sich anbahnende, umfassende Niederlage in diesem Krieg für sich bestmöglich vorzubereiten. Zunächst also einfach ungestört am Leben bleiben zu können,

Ob das allen gelingt, ob Goebbels noch kommt, wie da ist mit all den persönlichen Eitelkeiten, dem Opportunismus, der Ideologie, das liest sich in diesem Roman ganz hervorragend mitsamt der immer mitschwingenden, bedrohlichen Atmosphäre des Krieges und des „Untergangs“.

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10 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

London Stalker

Oliver Harris , Gunnar Kwisinski
Fester Einband
Erschienen bei Blessing, 13.03.2017
ISBN 9783896675606
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Lebt von der Hauptfigur

Wie einen Obdachloser trifft der Leser zu Beginn dieses neuen Falles den suspendierten Detective Nick Belsey in dessen alter Wache an.

Melancholisch den Gedanken nachhängend. Vom Ort her eine gute Wahl, denn das Verfahren gegen ihn ist nicht von Pappe und viele seiner Kollegen sind auf der Suche nach ihm. Aber wer würde in diesen verlassenen Räumen suchen?

Wobei doch eine Frau den Weg vor diese Tür findet. Nicht ohne von jemandem geschickt worden zu sein, der sein Geld wiederhaben will. Nicht von Nick, sondern vom Sohn der Frau. Der verschwunden ist. Den Nick wieder herbeischaffen soll.

Zunächst ohne großes Interesse, mehr vielleicht aus Langeweile heraus, schaut sich Nick die Sache an und entdeckt umgehend, dass jener „verlorene Sohn“ ein ziemliches Faible für Prominente hat. Vor allem für den neuen Stern am Pop Himmel, Amber Knight.

Und da sich im vermüllten Zimmer des Mannes Unterwäsche jener Amber findet, schlagen die Alarmglocken bei Nick an.

Zu Recht übrigens, wie sich herausstellen wird, denn auf seinen Wegen in die Londoner Promi-Szene hinein und innerhalb derselben geschieht bald ein Mord. Ein merkwürdiger Mord, dem nicht Amber zum Opfer fällt. Merkwürdig auch, weil nichts wirklich zusammenpasst zunächst an den Beziehungen untereinander und der Tat selbst.

Wenn dann noch Nick dem ermittelnden Beamten vor der Nase hinweg eine wichtige Zeugin „entführt“, dann wird klar, dass er auf dem Weg ist, es sich mit den letzten Resten von Wohlwollen im Dienst zu verscherzen und, je näher er in seine Ermittlungen eintaucht, auf der anderen Seite auch der oder die Mörder wenig Interesse daran haben, dass Nick seine Nase zu tief in ihre Angelegenheiten steckt.

Was die Spannung im zweiten Teil deutlich erhöht, während Harris im ersten Teil des Romans den Leser mit hineinnimmt in die heile-kaputte-reiche-arme-schöne-hässliche Welt der Stars und Sternchen, der Drogen und des Alkohols, der VIP-Industrie und der ausufernden Partys an verschwiegenen Orten.

Wobei Nick hier und da durchaus Gefallen findet am bunten treiben, mehr und mehr aber erkennen muss, dass es in diesen Kreisen nicht nur dekadent, sondern in mancherlei Hinsicht auch lebensgefährlich zugeht.

Locker im Ton, mit einer differenzierten, einerseits kühl und harten, anderseits mit einem weichen Herzen ausgestatteten Hauptfigur bietet dieser neue Roman von Oliver Harris anregende Unterhaltung.

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66 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 47 Rezensionen

kunst, malerei, dominic smith, kunstfälschung, new york

Das letzte Bild der Sara de Vos

Dominic Smith , Sabine Roth
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 10.03.2017
ISBN 9783550081873
Genre: Romane

Rezension:

Zum drin Versinken

Einige der holländischen Malerinnen des 17. Jahrhunderts, die in die damals hochgeachtete „Lukas-Gilde“ der Maler aufgenommen worden waren, hat Dominic Smith zu seiner „Sara de Vos“ in einer Person vereinigt und erzählt im Buch in Einschüben von Rückblenden eine zwar eher frei erfundene, wohl aber in der Atmosphäre treffende Lebensgeschichte dieser Malerin.

Von der, so der Roman, zunächst nur ein einziges Bild noch existent ist, dass dieser klar zugeordnet werden kann. Doch im Lauf der unentwirrbaren Fäden und Verbindungen, welche die Hauptpersonen des Romans im Lauf der Ereignisse miteinander verweben wird, kommt doch noch einiges mehr über die Künstlerin ans Tageslicht.

Zunächst zumindest eine Verdopplung des vorhandenen Bildes. Das bei Marty de Groot, aktuell vor sich hin dümpelnder Patentanwalt in einer größeren Kanzlei, an der Schlafzimmerwand liegt und von ihm nicht selten eingehend betrachtet wird, wenn er mit seiner Frau die „ehelichen Pflichten“ in den Blick nimmt.

Bis zu dieser Party, dem Spendendinner, dass das Ehepaar de Groot in seinen Räumen ausrichtet. Mitsamt der kreativ gemeinten Idee seiner Frau Rachel, das ganze Mal mit „Miet-Beatniks“ aufzulockern. Was nicht unbedingt bestens bei den konservativen Gästen ankommt und was, vor allem, für das Bild Folgen haben wird.

Eine junge Kunstschaffende, Ellie, hält sich mit Restaurationen über Wasser und erhält nun den Auftrag, eine exakte Kopie eines Bildes nach Fotografien herzustellen. Natürlich ahnt sie, wofür diese Kopie gebraucht wird und natürlich wird auch Marty de Groot irgendwann feststellen, dass da in seinem Schlafzimmer eine Kopie hängt.

Wer diese aber in Auftrage gegeben hat, wer den Austausch und wann vorgenommen hat, das ist und bleibt lange im Unklaren.

Dennoch wird es ein Lebensthema Marty´s bleiben, das Bild zu suchen und die Hintergründe aufzudecken. Wobei der Leser sowohl Marty in seinem weiteren Ergehen eng begleiten wird, wie auch Ellie, über einen Zeitraum von über 40 Jahren hinweg wird da ein Band bestehen bleiben. Zu einem Zeitpunkt an ganz enges Band sogar, das Scham, Schuld und Reue nach sich ziehen wird und das beide Leben noch einmal neu Polen wird.

Vorgetäuschte Liebe, Leere im Leben, Zueinander finden und sich verlieren und bei all dem spielt das Bild eine tragende Rolle.

„Dass das Verschwinden des Bildes………..auch der Grund ist, warum ihn seine Kanzlei endlich doch noch zum Partner befördert. Und dass das vermaledeite Bild Schuld an Gicht, Rheumatismus, den Herzinfarkten, Schlaganfällen und der sporadisch auftauchenden Unfruchtbarkeit ist, die seine Familie über 300 Jahre heimgesucht haben“.

Und dennoch, einfach sich betrügen lassen, das Bild schlichtweg vergessen, das gelingt Marty nicht.

Mit ganz feiner, einfühlsamer und doch überaus flüssiger Sprache schildert Smith die drei Lebensbilder von Besitzer, Kopistin und Malerin, bei denen unsichtbare Verbindungen sich aufbauen, Liebe entstehen wird, der ebenso Gewalt angetan werden wird. Wobei die Geschichte von Marty und Ellie samt der sie umgebenden Personen in der Zeit von 1957 bis zum Jahre 2000 ungleich anrührender, auch spannender und grundmenschliches zentraler a abhandelnder sich darstellt, als der historische Rückblick, der den Leser emotional nicht wirklich erreicht oder fesselt.

Diese Parallele aber zwischen Original und Kopie und wie wichtig es ist, sich nicht einem „Abklatsch“ im Leben zufrieden zu geben, der Blick auf den seltsam unentschlossen wirkenden Marty (bis auf einmal im Buch, wo er sehr konkret und stringent handelt), die Wege der Liebe von Leidenschaft über ein ruhiges Miteinander, das alles liest sich sehr gut und hallt lange nach.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Der Tote aus der Seine

Alexis Ragougneau , Olaf M Roth
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 10.03.2017
ISBN 9783471351451
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die im Schatten stehen

Einige Zeit war es her, als diese Clochards, Obdachlosen, bei bitterer Kälte Notre Dame „stürmten“. Eine wild anmutende Horde, die umgehend den Küster in Kampfstellung gehen ließ, der die Polizei rief, die mit großem Aufgebaut vor den Toren der Kirche Stellung bezogen.

Nur Pater Kern bewahrte die Ruhe. Ließ sein mitfühlendes Priesterherz sprechen und verzweifelte zunächst fast an der unerbittlichen Haltung von Küster und Polizei. Denn er empfand das alles bei Weitem nicht als „Geisel-Situation“, zumal die Forderungen der Obdachlosen sich eher auf Pizza denn auf Fluchtwagen und Millionen Euro einpendelten.

Doch etwas ist damals passiert, spürt der Leser umgehend, wenn klar wird, dass Pater Kern sich seit diesen Ereignissen (die im Buch rückblickend erzählt und damit erst später wirklich aufgelöst werden) in einen Vorort von Paris in die Arbeit eines Archivars geflüchtet hat.

Doch nun packt er seine Sachen. Nimmt den Weg in die Stadt und seine Notre Dame wieder auf sich.

Einer der Clochards ist gerade tot aus der Seine gezogen worden und Kern spürt, dass dies kein Zufall ist, dass gerade der Sprecher, der Anführer der Clochards nun ermordet wurde.

Denn woher sonst sollten die „Stigmata des Herren“ kommen? An ein Wunder glaubt Kern da eher nicht.

Während Kern mit seinem malträtierten, von Arthritis geschüttelten Körper die Augen aufhält, um Spuren der Tat zu finden, begeben sich Lieutenant Gombrowitz (der immer noch keine Waffe anfassen will seit seinem letzten Einsatz) und Kommissar Landard hinein in das Leben der Clochards (bestens verkleidet, wie die beiden meinen), um dort Informationen zu sammeln. Was eher nach hinten losgeht, was dazu führt, dass „der Grieche“ versucht, zu fliehen, der sich aber wenig später in Gewahrsam und der ermittelnden Richterin Claire Kaufmann (die so schön ist, dass Gombrowitz regelmäßig in ihrer Gegenwart die Contenance zu verlieren droht) gegenüber.

Doch auch dort wird kein Geheimnis gelüftet, Clochards und Polizei, das geht nicht zusammen, findet zumindest der einäugige Obdachlose.

Doch Kaufmann liegt das Aufgeben nicht und Pater Kern sucht immer nach ausgleichender Gerechtigkeit, so bündeln beide im Lauf der Geschichte wieder einmal ihre Kräfte und tauchen tief ein in die Schattenwelt von Paris. Wo Gefahren lauern, wo es nicht elegant ist, wo eine Mauer des Schweigens erst einmal durchbrochen werden muss.

Was Ragougneau souverän schildert, dabei Feinheiten der Personen immer wieder herausstellet und auch die Pariser Atmosphäre nicht zu kurz kommen lässt. Hier und da ein wenig langatmig (gerade was die Rückblenden angeht), insgesamt aber anregend und unterhaltsam.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Ein treuer Freund

Jostein Gaarder , Gabriele Haefs
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 13.03.2017
ISBN 9783446254435
Genre: Romane

Rezension:

Niemand ist nur eins

Was würde Jakop nur machen, hätte er nicht Pelle zur Seite.

Peder Skrindo. Mit dem es eine besondere Bewandtnis hat (die jeder Leser selber herausfinden sollte). Der aber vor allem „sich was traut“.

Wer sonst (Jakop aber auf keinen Fall!) hätte denn diese attraktive, anregende Agnes so unverblümt auf ihren Familienstand angesprochen? Und mal nebenbei mitgeteilt, dass der „Mann am Steuer“, Jakop eben, da durchaus Interessen haben könnte.

„Man glaubt es nicht. Der da auch (war mal verheiratet). Inzwischen aber ist er wieder zu haben. Und was ist mit ihnen“?

Jener Jakop dessen Hobby es unter anderem ist, sich bei Trauerfeiern gleich selbst mit einzuladen. Und der das so perfektioniert hat, dass die anwesenden Angehörigen tatsächlich meinen, Jakop wäre einer der engsten Freunde oder Bekannten des oder der Verstorbenen gewesen.

Nur Agnes, die durchschaut ihn, als die beiden sich auf einem Traueressen kennenlernen. Und sagt nichts, sondern schützt diesen merkwürdigen Norweger noch. Mit seiner untrennbaren Begleitung Pelle.

Wobei der Kern des Buches einerseits dieses zaghafte, sich annähernde, für Jakob nie ganz einschätzbare, zarte Liebesgeschichte ist, bei der Jakop das ein oder andere an „klarer Kante“ schon verdauen muss.

„Denn auch als Psychotherapeutin hattest du ein gewisses Interesse an mir“.

Wer hört das schon gerne, wenn die Schmetterlinge sich gerade im Bauch regen.

Wobei dabei umgehend der zweite Kern des Romans zum Tragen kommt. Dieser Pelle eben. Mit der Frage an den Leser versehen, ob nicht jeder eigentlich einen solchen Pelle benötigen würde. Denn so viele Seiten an sich zeigt der Mensch meist nicht offen, sondern hält sie ungelebt im Inneren verborgen, dass es überaus hilfreich wäre, der ein oder andere beste „Freund“ würde da mal Luft reinlassen,

„Es komme vor, dass ein Schauspieler eine Rolle spielt, die großartiger sei als er selbst….könne es um vieles mehr gehen als das Thema, das es vordergründig behandelt“.

Dieses „vieles mehr“ ist es, das Gaarder ein um das andere mal klar und anregend zu Wort kommen lässt durch Pelle. Das diesem Jakop eine Vielschichtigkeit gibt, die jeder an sich entdecken könnte und die Gaarder mit sensibler Sprache und sehr flüssig erzählt, wie das ist, wenn einer aus den verschiedenen Seiten und Stimmen in ihm ein Ganzes versucht, zu entfalten.

„Ich war nur die Voraussetzung für Pelles überbordende Lebendigkeit und Spontaneität…….das schwarze Erdreich für den Rosenstrauch“.

Aber da täuscht Jakop sich, denn blühen, das kann er schon auch selbst.

Eine interessante, abwechslungsreiche, poetische Lektüre, die das Lesen lohnt.

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Komik

Uwe Wirth
Fester Einband: 450 Seiten
Erschienen bei Metzler, J B, 16.03.2015
ISBN 9783476023490
Genre: Sonstiges

Rezension:

Prallgefüllter und umfassender, kulturwissenschaftlicher Blick

„Nichts ist wichtiger als ein Handbuch Komik“.

Und wer das verneint oder auch nur versäumt, zu nicken, der hat nicht verstanden, „was Komik als Forschungsgegenstand ist: der Brückenkopf für jede Erforschung der Kultur“.

Warum wird über bestimmte Regelabweichungen gelacht und über andere nicht? Schon die Frage impliziert, dass die „Beobachtenden“, aber auch die Akteure (in gewissem Maß), in der Lage sind, über die Rahmenbedingungen der eigenen Kultur nachzudenken (oder zumindest die Überschreitung von Grenzen intuitiv zu erfassen).

So hat auch jede Kultur, jede Gesellschaft, jede historische Zeit „ihre“ Komik, die nur in seltenen Fällen „zeitlos“ übertragbar ist und in den meisten Fällen für kommende Generationen nur mehr Kopfschütteln und Unverständnis auslöst.

Um sich nun im fundierten und umfassenden Sinne dem „Kulturgut“ Komik zu nähern, bedarf es, und auch das leistet dieses Handbuch, einer Analyse der jeweiligen kulturellen „Rahmungsprozesse“. Denn gerade die Komik arbeitet ja damit, Handlungen „in einen anderen (schrägen, verrückten, überraschenden) Rahmen zu stellen und daraus dann die Belustigung (oder das erschreckende Lachen oder das poetische „komisch berührt werden“ im „Komischen Theater“) zu erzeugen.

Womit das Handbuch aber auch Neuland betritt, denn trotz der engen Verbundenheit von Witz, Komik, Comedy, Clown, Ironie, Satire, Groteske und der dutzenden anderen „komischen Fächer“, ist bislang die Komik zumindest mit einem Handbuch noch nicht versehen worden.

Dessen Lektüre, auch darauf sei hingewiesen, nun nicht unbedingt „erheiternd“ oder „komisch“ im Vollzug sich darstellt, sondern durchaus Konzentration bedarf und mit vielfachen Abstraktionen (neben ganz handfesten Betrachtungen) auch aufwartet.

Wobei im Rahmen der Klärung der Grundbegriffe im ersten Teil auch Unschärfen und Probleme des Begriffes deutlich werden, mithin mitschwingt, wie intuitiv Komik letztlich wirkt und dass es Mühe bedarf, das Ganze in fassbare Theorien und Thesen zu fassen.

Was Kern des zweiten Hauptteils des Handbuches ist, in dem methodische Zugänge zur Komik aus den diversen kulturwissenschaftlichen Fakultäten sorgsam vorgestellt werden. Philosophie, Anthropologie, Psychologie, Psychoanalyse, Linguistik („Sprachwitz“), Literaturtheorie bis hin zur „Komik der Kultur“ selbst (mit interessant und „komisch“ zu lesenden Szenen der „türkisch-deutschen Desintegration“) zeigen auf, wie unterschiedliche die Zugänge zur Komik sind, wie viele Formen vorhanden sind, wie viele aber auch Deutungen vermeintlich „ein- und derselben“ Komik aus verschiedenen Sichtweisen heraus möglich sind.

Auf dem Hintergrund der vielfältigen „Medienumbrüche“ der letzten Jahre und Jahrzehnte ist der dritte Hauptteil logisch gewählt. Die Gattungen und Herangehensweisen aus dem zweiten Hauptteil werden hier eingebracht in die „Transformation in mediale Formen“. Wobei das Handbuch, allein schon aufgrund der Geschwindigkeit des Wandelns der Medien im digitalen Zeitalter eher anreißen und grundlegend betrachten kann, denn konkret Festzulegen im Stande ist.

Im Gesamten leistet das Handbuch eine nachvollziehbare, nicht immer einfach zu lesende oder einfach zu verstehende Strukturierung des „Feldes des Komischen“, das dem Leser mannigfaltige Hinweise auf mögliche Vertiefungen im Text und durch die reichhaltigen Literaturangaben gibt und, vor allem, das „Feld der Komik“ als zentrale Schnittstelle des Ausdrucks und zum Verständnis der eigenen Kultur umfassend und konkret vor Augen führt.

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10 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

politik.er.innen, sachbuch

Die autoritäre Revolte

Volker Weiß
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 11.03.2017
ISBN 9783608949070
Genre: Sachbücher

Rezension:

Europa am Scheideweg

In vielen Bereichen ist Europa eine Art „Baustelle“, durchaus und vor allem aber auch in der „Vermittlung“ des Gedankens und der Praxis der europäischen Union an ihre Bürger. Was sich, und davon sind die Tagesgespräche der Nachrichten und Talk-Shows voll, vor allem in einem „politischen Bumerang“ zeigt, der „Wiederkehr der nationalistischen Rechten“, des „Denkens in den (engen) Grenzen des eigenen) Herkunfts-) Landes“.

Wie kam das, wie hat sich das entwickelt, was sind tragende Ideen und wie tragfähig sind diese eigentlich überhaupt (eine Art Faktencheck somit), das ist, was Volker Weiß als Ansinnen seines Buches stellt.

Und das mit einerseits klar erkennbarer eigener Haltung, aber vor allem sachlich, ruhig und den einzelnen politischen Aussagen der „neuen Rechten“ nachgehend und diese ebenso ruhig und sachlich betrachtend, was eine ziemliche Entzauberung vieler dieser Schlagworte und gedanklichen System am Ende der Lektüre zu Folge haben wird.

„Als ein zunehmend von Krisen geprägtes Bürgertum……politisch die Contenance verlor…….waren die bereits da, die Heimatlosen mit offenen Armen aufzunehmen“.

Eine Entwicklung, die Weiß als keineswegs überraschend erläutert, sondern in ihren Entwicklungslinien überzeugend darzustellen versteht, wobei er im Kern, aber nicht allein, auch auf Thilo Sarrazin zurückgreift, bei dem das wütende, nationale Denken breiten Raum einnahm und ebenso breit als Bestseller verkauft wurde.

Vom Deutschland, dass sich abschafft bis zur angeblich gleichgeschalteten öffentlichen Meinung (heute „Lügenpresse“, erreichte mit seinen Büchern dieses „neue rechte Denken“ erstmals die „breiten Massen“. Und gärt seitdem.

Die provokanten, lauten Methoden dieser Geisteshaltung betrachtet Weiß dabei ebenso gründlich, wie er unter der „dünnen Oberfläche“ bürgerlichen Protestes fast spielerisch die alten, reaktionären Gedanken präzisiert und auch die Methoden selbst nicht als „neu“ kennzeichnen kann. Wozu ebenfalls gehört, die Nutzung der Begriffe „Abendland“ und die „neuen Feindlinien“ präzise zu fassen und zu zeigen, dass hier wenig mit einer romantisch-kulturellen Verklärung einhergeht, sondern handfeste, nicht selten dumpf rassistische und undifferenzierte Denkweisen „intellektuell“ ummäntelt werden.

Trotz aller Offenlegung und trotzdem klar wird, dass an gestalterischer Substanz (ähnlich wie schon einmal im 20. Jahrhundert) wenig zu finden ist, die Zeichen der Zeit geben wenig Grund, diese nur zu belächeln, sondern tragen bitteren Ernst in sich, der höchste Ämter bereits erklommen hat und sich anschickt, weitere Folgen zu lassen.

„Die Rückkehr von Autorität und Religion in der Politik vollzieht sich überall (auch in islamisch geprägten Ländern, auch in ehemaligen „Horten der demokratischen Freiheit“) mit enormer Geschwindigkeit. Was, wie das Buch zeigt, nicht unbedingt an den „überzeugenden“ Konzepten der neuen Rechten liegt, sondern Grundempfindungen aufgreift und an diese andockt, die mit Ernst reflektiert und denen sorgsam begegnet werden sollte.

Wobei im Lauf der Darstellung auch deutlich wird, auf welch schmalen Grat bürgerlich-konservative Politik doch immer sich bewegt hat und wie dieser „Konservatismus“ im Krisenfall schnell „sein Glück“ wieder in völkisch definierten, autoritär gegliederten politischen Strukturen und nationalem Denken sucht. Was die wesentliche Gefahr der Gegenwart für die individuelle und allgemeine Freiheit von Denken und Leben darstellt.

Eine sehr anregende, sorgfältige Lektüre, die sich differenziert mit ihrem Thema auseinandersetzt. Und an deren Ende deutlich wird, dass der Kernbegriff der neuen Rechten, das „Abendland“, eher ein künstlicher Begriff der konservativen Haltung ist, denn ein historischer Fakt als „Wertesammlung“.

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sachbuch

Welt im Zwiespalt

Edgar Wolfrum
Fester Einband: 447 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 11.02.2017
ISBN 9783608943061
Genre: Sachbücher

Rezension:

Anregende und andere Betrachtung der Geschichte des 20. Jahrhunderts

Grausam, rassistisch, menschenverachtend, getrieben von extremistischen Ideologien, das war das 2ß. Jahrhundert, nicht nur in der ersten Hälft. Denn nahtlos schloss sich der kalte Krieg und der Aufstieg vielfacher Despoten an vielen Orten der Welt dem Ende des zweiten Weltkrieges an, bis hin zum extremistischen Terror der 70er Jahre.

Große menschliche Triumphe, technischer Fortschritt, künstlerische Freiheit, Maler, Dichter, Denker, Wissenschaftler, Psychoanalytiker, Philosophen. Der Gedanke der äußeren und inneren Freiheit, enge transnationale Bündnisse, globale Kulturen, medizinischer Fortschritt.
Das war das 20. Jahrhundert. Ein Jahrhundert auch von freiheitlichem Lebensgefühl, kultureller Liberalisierungen, Rock´n Roll und Jugendkultur, Meditation und Emanzipation, eine Durchdringung der friedlichen Art, die Schriftsteller wie Stefan Zweig, Herrmann Hesse, Thomas Mann schon Anfang bis Mitte des 20 Jahrhunderts propagierten und in Teilen in ihrer Lebensweise des „Citoyen“ schon im Alltag verankerten.

Das Grausamste, was Menschen einander antun können, das konstruktive Miteinander, die Trennung und die Verflechtung, all das war das 20. Jahrhundert zugleich.

„Im 20 Jahrhundert eröffnete sich eine disparate und vielgestaltige Welt, zusammengehalten durch unzählige Ereignisse und zahlreiche Strukturen und Prozesse“. Von denen die umspannende Kommunikation nicht die geringste dieser entscheidenden Strukturen wurde.

Nicht also aus einer, sondern aus den „vielen Perspektiven“ ist es diesem Jahrhundert angemessen, es zu betrachten. Und das löst Wolfrum in anregender, gut zu lesender und sehr interessanter Weise im Buch ein.

Wobei er die einzelnen Teile thematisch und dann, ins ich, weitgehend chronologisch ordnet.

„Väter und Mütter aller Dinge“ zieht den großen Bogen von Krieg und Frieden, Demokratie und Diktatur, erste, zweite und dritte Welt und die Stabilität „starker Staaten“ im Gegensatz zu „gescheiterten“ Staaten, was Wolfrum explizit in den Horizont Aufsteigender und absteigender Imperien stellt.

Unter dieser „großen Linien“ vollziehen sich die destruktiven „Dramen des Lebens“. Von der Hybris der „Naturbeherrschung“ mit all ihren zerstörerischen Folgen hin zu Umweltkatastrophen. Von Impfungen gegen „Geißeln der Menschheit“ hin zu Aids, neuen Geißeln. Von Vertreibungen einerseits und dem strikten, stärker werdenden Zwang zur Mobilität, was wohl die größte, innere, kulturelle Veränderung des Jahrhunderts kennzeichnet im Vergleich zu allen anderen Zeiten vorher mit ihren doch allgemein eher festgefügten sozialen Strukturen (bei allen Experimenten, die im Laufe der Geschichte, u.a. als „Völkerwanderung“ stattfanden). Und, nicht zu vergessen, wieder das Grauen, Die Genozide, aber auch die „Völkermordkonvention“, die nicht selten tatsächlich zum Tragen kam (oft leider, wie in Jugoslawien, zu spät, aber nicht mehr ungesühnt lassend).

Das „Wahre, Schöne und Gute“, die Kunst, die private „Revolution“ in „freier Liebe“ und „Emanzipation“, auch das Zurückdrängen und dann, allmählich und schleichend, die „Rückkehr der Religionen“ kennzeichnet die Entwicklungslinie des 20. Jahrhunderts, wie „Wissen und Analphabetismus“, Pole des „modernen Lebens“, die in Manchem, was Wolfrum aufgreift, kaum breit bekannt sein dürften.

Und, als „Zeitenwende“ zum 21. Jahrhundert hin, Linie durch das gesamte Jahrhundert und Zuspitzung einer wesentlichen Linie der Kulturgeschichte: Die „Ökonomie als Schicksal“, die „Ver-Wirtschaftlichung des Lebens“, die Wolfrum bestens und in Teilen gar mitreißend als „Fiebrige Zeiten“ bestens kennzeichnet und beschreibt.

Wie „Unterernährung“ bis zum heutigen Tage einerseits mit einem, auf dieser Blaupause nur „dekadent“ zu nennenden „Diätwahn“ der Überflussgesellschaft korrespondiert und, auch das immer noch, in manchen Teilen der „Ochsenspann“ fast berührungslos neben dem Mikrochip im Handy und Hightech-Landwirtschaft existiert, Wolfrum setzt Gegensätze und weite Bögen, die zwar nicht im Einzelnen völlig Neues hervorbringen, aber gerade in diesen Konstellationen der großen Themen der Welt und der Gesellschaft einen hochdifferenzierten Blick auf das 20. Jahrhundert zurücklassen und sich jeder einseitigen Bewertung entziehen.

Und das alles in sehr flüssigem, bestens zu lesenden Tonfall. Eine Lektüre, die Freude macht und viel an Informationen anders und damit mit „neuem Anstrich“ vermittelt. Auch wenn die Informationen natürlich in dieser Breite der Themen eher komprimiert vermittelt werden, Wolfrum kommt immer wieder auf den Punkt und legt dem Leser dabei Fakten über Fakten vor, die durchaus ebenso breiten, praktischen Bezug für das „ganz normale – differenzierte“ Leben in sich tragen.

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81 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 58 Rezensionen

tod, roman, verlust, krankheit, liebe

In jedem Augenblick unseres Lebens

Tom Malmquist , Gisela Kosubek
Fester Einband: 301 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 11.03.2017
ISBN 9783608983128
Genre: Romane

Rezension:

Äußeres und inneres Drama in schwer zugänglicher Form

Herzschmerz ist garantiert bei diesem neuen Roman von Tom Malmquist, wenn eine Liebe jäh endet (durch den Tod) und zugleich eine neue beginnt (zum neugeborenen, eigenen Kind).

Wobei Tom Malmquist das Ganze von der Form her ein stückweit atemlos erzählt, wenig Absätze einfügt in seiner Melange aus Erinnerungen und aktueller Trauer, aus erzwungener Verantwortung nun für das Neugeborene im Angesicht es inneren Chaos, dass in ihm herrscht nach dem Tod seine Frau Karin.

Eine Form, ein Stil, der, bedauerlicherweise, den Leser nicht nur hier und da überfordert in all den Informationen, sondern der den Eindruck eines „Vorbeihuschens“ hinterlässt. Was sicherlich durchaus eine adäquate Beschreibung des inneren Erlebens in sich trägt, andererseits aber wenig Gelegenheit für den Leser lässt, diesem sich ständig im „Hamsterrad der Gedanken “ befindlichen Tom emotional näherzukommen. Als würde die Setzung der Fakten schon reichen, damit beim Leser eine innere Nähe und ein Verständnis entsteht.

Anders also als der Film setzt Malmquist weniger auf ausdrückliche, breit geschilderte Emotionen und ein Drücken auf „Tränendrüsen“, was eine gewisse Distanz von Anfang an herstellt, die im Laufe des Romans durchweg erhalten bleibt.

Was im Übrigen nicht nur Nachteile mit sich bringt, sondern, wie erwähnt, ein vielleicht viel realeres Bild der inneren Unordnung, der fliehenden und fliegenden, atemlosen Gedanken aufzeigt, als es eine „romantischere“ Erzählweise erzeugen könnte.

In den Mahlstrom der Trauer, des vor allem innerlich zerbrechenden. „ganz normalen“ Lebens wird der Leser mit hineingezogen und kann ebenso die Entwicklung Toms nachvollziehen, der zum Ende des Romans hin immer ruhiger wird, sich quasi neu erfindet mit der großen Last des Verlustes nun auf dem Rücken.

Was dennoch hier und da ruhiger, vertiefter hätte geschildert werden können, denn gerade die, sprachlich zwar breite, im Stil aber sehr einförmige Erzählweise macht es dem Leser auch in entscheidenden Szenen schwer, ohne mehrfaches Lesen gut folgen zu können.

„Do solltest darüberschreiben, sage ich. Das tue ich dich, erwidert sie. In gewisser Weise, ja. Oder was hast du gemeint? Ich habe nichts Besonderes gemeint, antworte ich“.

Mäanderte Worte und Sätze, die in einem fort auf den Leser einregnen und ihn nicht selten mit hinwegschwemmen, bis man den roten Faden wieder, zumindest im Ansatz, in den Händen meint zu halten.

Schwer zu lesen, die innere Abspaltung in der Form gut treffend, die Fragilität des Lebens in ihren Dramen und in ihrer Auswirkung in Worte fassen 8in viele Worte), eher unentschieden beendet man die Lektüre und ist zumindest dankbar, dass einen selbst ein solcher Schlag noch nicht getroffen hat. Was aber kein Versprechen für die Zukunft ist, wie das Buch unprätentiös zeigt.

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63 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 45 Rezensionen

spanking, thriller, schweden, journalist, demut

Demut

Mats Olsson , Leena Flegler
Flexibler Einband: 736 Seiten
Erschienen bei btb, 27.02.2017
ISBN 9783442714643
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Im besten sprachlichen Schwung

Von der ersten Seite an ist zumindest klar, dass Mats Olsson gut daran getan hat, von den einzelnen Reportagen als Journalist auf das Format eines Romans “umzusteigen“. Locker, leger im Ton, mit trockenem Humor bis hin zum leichten Zynismus, mit einem lebendigen, intensiven Gespür für die Figuren, gleichermaßen Männer wie Frauen (eine „Augenweide“, dieser abgehalfterte Musiker, der glaubt, den „Blues zu haben“, wie auch die Kommissarin, die flüchtige und doch stringente, vor allem gern „unartige“ Eva, eine zufällige Bekanntschaft des Journalisten a.D. Harry Svensson, wegen der er überhaupt nur in Malmö ist.

Alle Figuren trifft Olsson traumwandlerisch sicher in ihrer Atmosphäre, ohne zu sehr ins Stereotype abzugleiten.

Dafür sorgt schon das „prickelnde“ Element der Vorlieben der Hauptfigur, mit der er bei weitem nicht alleine steht („Fifty Shades“ lässt am Rande grüßen).

Dass dann im gleichen Hotel nach einem sehr missglückten Versuch mit einem Feuerwehrhelm Svensson den (wie immer) betrunkenen Musiker Tommy Sandell in dessen Hotelzimmer findet (die Tür steht zufällig (?) offen) und neben diesem eine unbekannte, vollständig bekleidete Tote, das bringt dann aber eine ganz andere Reihe von Geschehnissen in Schwung, als die, die Svensson im Sinn hatte, als er jene Eva in Malmö besuchte.

Wobei sowohl ihm wie, vor allem, dem Leser lange Zeit unklar ist, was da überhaupt abgeht. Wer genau den komatösen Sandell im Bett noch zugedeckt hat, wer die Tote ist und warum diese in jenem Zimmer mit Sandell landete.

Fragen, bei denen sich Svensson auf eine interessant sich entwickelnde Bekanntschaft mit der ermittelnden Kommissarin stützten kann.
Wobei das Interessante daran nicht nur die mageren Erkenntnisse zum Fall sind, sondern von Beginn an (du auch das bestens hintergründig geschrieben) noch ein Funke zu erkennen ist, der vielleicht dazu führen könnte, dass Svensson das Gerät in seinem Gitarrenkoffer doch noch (mit Schwung) zum Einsatz bringen könnte.

Olsson liefert dabei einen Kriminalroman ab, bei dem es (selten) tatsächlich nicht wichtig ist, dass die eigentlichen Spannungs- und Ermittlungsmomente erst sehr viel später wirklich Raum einnehmen.

So anregend und flüssig schreibt er, dass es eine wahre Freude ist, Harry Svensson zunächst „im ganz normalen Leben“ (was so „normal) nicht unbedingt nun ist) zu begleiten und dabei langsam das Terrain zu erkunden, die vielfachen Charaktere auf sich wirken zu lassen, um dann, bestens gerüstet, sich dem Geheimnis des Mörders und jene ominösen Emails zu nähern, mit denen Harry immer wieder auf Spur gehalten und auf Spuren gebracht wird.

Rundweg eine Empfehlung.

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die letzte Stunde naht

Reginald Hill
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Droemer, 01.02.2017
ISBN 9783426199572
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wachablösung?

CI Peter Pascoe ist irritiert. Was sich steigern wird zu einer echten Verärgerung.

Zum einen muss er auf die Tauffeier des Kindes der Musiklehrerin seiner Tochter. Und dann sieht er, traut seinen Augen kaum, sein kongeniales Gegenstück (und Vorgesetzten, Andy Daziel) auf der Terrasse des Hotels gehobener Klasse mit einer ihm fremden Frau.

Dabei ist der Mann doch in Reha, konnte von Glück sagen, dass er die letzten Ereignisse überlebt hat. Und damit nicht genug, es wird nicht lange dauern, bis Tascoes Handy schrillt, eine Polizistin schwer verletzt ist und in diesem neuen Fall er umgehend auf Daziel wieder trifft. Dienstlich nun. Soweit das bei den beiden getrennt werden kann.

Wobei Daziel zunächst im Zimmer einer ihm doch recht fremden Frau seinen „Mittagsrausch“ ausschlafen muss. Nachdem er am Morgen erstmals in Ruhe wieder ins Büro zu fahren gedachte. Nur dass er vergessen hatte, das nicht Montag, sondern Sonntag ist und dass er von ebenjener Frau auf dem Weg aufgehalten wurde. Die ein außerordentliches Anliegen an ihn hat.

Daziel soll ihren Mann finden. Ehemaliger Polizist. Seit sieben Jahren verschwunden. Und gerade, als sie ihn für tot erklären lassen wollte, um für ihre neue Liebe, natürlich auch ein hochrangiger Polizeioffizier, frei sein zu können, erhält sein ein Foto. Aktuellen Datums. Auf dem ihr Mann zu sehen ist.

Verworren wird das alles von Beginn an, keine Frage. Und wenn dann noch Journalisten hinzutreten, ein Polizeichef auf Abwegen im Hotel, eine Frau, die für einen ehemaligen Gauner und nun honorigen Parteispender „aufräumt“ und ebenjene Unterweltsgröße samt Sohn ganz eigene Interessen verfolgt, dann ist, wieder einmal, alles für einen intelligenten, in sich verdrehten und lange für den Leser kaum durchschaubaren Fall bereitet.

Der einen Tag in Anspruch nimmt und in die einzelnen Stunden sich kapitelweise unterteilt. Ein Tag, an dem Daziel zu alter Stärke und, vor allem, alter, knochentrockener und ganz eigene Wege gehender Form wiederfindet.

Da mag Pascoe zweifeln und denken, dass es Zeit für eine Wachablösung ist, doch diese „letzte Stunde“ wird noch lange nicht schlagen, vertraut man auf das Gefühl Daziels. Und wenn doch, dann anders, als Pascoe es meinen würde. Denn eines hat sich schon verändert, der „Lehrling“ ist aus dem Schatten des „Meisters“ getreten, vor allem mental. Was immer das für Folgen haben wird in der Zukunft und in den nächsten Fällen, die Hill hoffentlich noch dem Leser zu Gemüte führen wird.

„Daziel war es nicht gewohnt, sich verletzlich zu fühlen, aber genauso fühlte er sich jetzt“. Und Pascoe weiß das. Wobei beide sehr verschiedene Schlüsse daraus ziehen. Letztlich aber keine Zeit haben werden, da irgendetwas zu vertiefen, denn Gefahr ist im Verzug, Mord ist geschehen (und liegt weiterhin in der Luft) und Daziel wäre nicht Daziel, würde er auf irgendein SEK warten, wenn Not am Manne ist.

Überzeugende Figuren bis in die kleinsten Nebenrollen hinein (der Corporal, der Steine ins Wasser wirft statt den Zugang zu bewachen, der Seargant, der seine beiden Vorgesetzten immer fest im Blick hat, die vermeintliche Witwe, die aus allen Wolken fallen wird (und das wird weh tun) und so manch andere, die für ein überaus flüssiges und anregendes Lesevergnügen (einmal wieder) sorgen. Bei dem so einige „letzte Stunden“ nahen werden, aber nicht unbedingt die erwarteten.

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Integrale Meditation

Ken Wilber , Jochen Lehner
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei O.W. Barth , 01.03.2017
ISBN 9783426292686
Genre: Sachbücher

Rezension:

Zusammenführung

In bester, gut verständlicher, sehr persönlich auch in der Ansprache des Lesers im Buch, Art und Weise führt Wilber den Leser ruhig und souverän an eine Integration zweier bisher weitgehend getrennt vorliegender Wege, Möglichkeiten „inneren Wachstums“ heran.

„Erstaunlicherweise hat es noch nie einen Weg des Wachstums und der Entwicklung gegeben, der beide Formen ins ich vereinigt hätte“.

„Aufwachsen und Aufwachen“ setzt Wilber dabei als die beiden zentralen Stichworte. Wege, die je nach „Weltgegend“ je vorherrschend waren und dabei die andere Variante weitgehend aus dem Blick verloren haben. Wobei „Ost und West“ hier nur unzulängliche, geographische Beschreibungen darstellen, die dennoch als Bild zunächst bestand haben können.

Durchaus also können Menschen auf ihrem inneren Entwicklungsweg einerseits „erwachsen“ werden, „ohne dabei zu erwachen“ oder eben „erwachen“ in irgendeiner Form, ohne dabei zugleich auch „erwachsen“ zu werden, oder, besser ausgedrückt, in einigen nicht unwesentlichen Momenten menschlichen Seins (zB. Der Psycho-sexuellen Eben“ erstaunlich unreif blieben. Bis hin. Zum Pathologischen scheut sich. Wilber nicht, auch „Erleuchtete“ zu kennzeichnen. Durchaus griffig und überzeugend für den Leser, dass das eine ohne das andere ein gutes Stückweit, ein entscheidendes Stück dann leer bleibt.

Mithilfe der, inzwischen weit verbreiteten und wohlbekannten, Technik der „Achtsamkeit“ nun macht sich Wilber auf den Weg, Aufwachsen und Aufwachen, erwachen und auch menschlich im umfänglichen Sinne erwachsen werden zu verbinden. Um zu einer „Integralen Achtsamkeit“ zu gelangen, bei der alle Bereiche, die durch Achtsamkeit „gewinnen können“ scchärfer und präziser in den Fokus geraten.

Mithin also legt Wilber ein erweitertes Konzept der Achtsamkeit, der Mediation, des Selbst-gewahr-werdendes vor, das für nicht wenige Leser jene Lücken schließen dürfte, die bei anderen (nicht integralen) Konzepten doch immer auf der Strecke bleiben.

Das man „in der Welt“ und „ganz mit sich“ im umfänglichen Sinne spirituelle Entwicklungswege finden kann, die einen nicht entweder „aus der Welt“ heraus holen (was man meist ja gar nicht möchte), einen aber auch nicht unverändert „in der Welt belassen“, da der Wunsch zum entfalten und wachsen ein stetiger Begleiter menschlichen Lebens ist und nicht auf Dauer ohne Schäden ignoriert werden kann.

Das nun manches an der Bildsprache des Autors (innere Landkarten u.a.) eher pathetisch, hier und a leicht esoterisch klingt, fügt dem Inhalt wenig Abbruch zu. Es ist ein überfälliger und guter Schritt, die „Welten zueinander“ zu führen und die rationale Seite des Lebens nicht länger und immer getrennt von der spirituellen Seite des Lebens fast wie Gegensätze stehen zu lassen.

Ob man dadurch dann (was scheinbar in jedes Lebenshilfe Buch gehört) „gesünder, glücklicher und produktiver“ wird, sei dahingestellt. Zufriedenheit alleine auf der Basis eines besseren Kennenlernens der eigenen Person und eines achtsamen Umganges mit derselben ist ja auch schon aber eine ganze Menge wert.

Eine durchaus lesenswerte Lektüre.

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18 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

familiengeschichte, spuk, geheimnisse, schuld, generationenroman

Im Licht des Augenblicks

Garth Stein , Werner Löcher-Lawrence
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Droemer, 01.03.2017
ISBN 9783426281444
Genre: Romane

Rezension:

Heilung alter Wunden

Nun, ganz so treffend ist der Titel der deutschen Übersetzung des Romans von Garth Stein nicht gelungen. Denn es ist nicht ein Augenblick, den der Roman in den Mittelpunkt setzt. Wobei es natürlich immer „Augenblicke“ sind, in denen sich entscheidende Weichen stellen.

Wenn dies rauchförmige Gestalt im „Geheimen Zimmer“ vor Trevor erscheint, der, Schritt für Schritt, durch Tagebücher und „traumhaft“ zugestellte Briefe den dunklen Fleck seiner Familiengeschichte entdeckt. Was lange dauert.

Wenn der Vorfahr sich als reicher Mann zurücklehnen kann, aber die drängende Einsamkeit von allen Seiten drückt.

Wenn Falmmen an zu züngeln fangen.

Wenn Trevors Vater eine Frau zu retten gedenkt.

Wenn Trevors Mutter ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes lehnt. Was eigentlich physikalisch in diesem Augenblick unmöglich ist.

Wenn „Riddel“, der Familiensitz der ehemaligen Holzfirma sich „anhört“, als würde das Haus sich „in den Boden hinein arbeiten“.

Aber all diese Augenblicke ergeben eine über Jahrzehnte fortlaufende Geschichte von Erfolg und Misserfolg , von Versprechen, die lange nicht eingelöst werden und von Verstorbenen, die durchaus aktiv das Leben der Lebenden noch begleiten. Weil noch etwas offensteht.

Das ganze erzählt Stein im ruhigen, teils zu ruhigen Tonfall mit Rückblenden, eingeschobenen Tagebucheinträgen, Briefen, mit, vor allem, Selbstfindungen nicht weniger Personen auf ihrem Weg in und um das Landhaus herum, das seiner eigentlichen Bestimmung seit Langem bereits wartet und doch noch nicht „erlöst“ worden ist.

„Warst Du nicht traurig“?
„Ich war sehr traurig“.

Was Trevor erst später erfassen wird, denn zunächst ist er gerade der Kindheit entwachsender Jugendlicher, der zu verkraften hat, dass seine Mutter und sein Vater nicht gemeinsam mit ihm den Familiensitz besuchen und dass sein Vater mehr und mehr „merkwürdige“ Verhaltensweisen an den Tag legt. Nachts im Saal des Hauses steht und zu warten scheint, mit einer Machete einen hartnäckigen Brombeerstrauch zerhackt weil unter diesem eine wichtige Erinnerung seiner Kindheit verborgen liegt.

Wie zudem Ben, ein Vorfahr Trevors, sichtbar unruhig noch das Haus „bevölkert“, bis er auf der Spitze eines Baumes Frieden finden wird.

Beziehungen untereinander, die über Jahrzehnte einander bedingen und miteinander verbunden sind, die ein Gefühl der Unruhe zunächst in Trevor hervorrufen, dass immer greifbarer wird, je mehr er in die Geschichte seiner Familie eindringt. Ein Roman, der über die konkrete Geschichte hinaus die Wichtigkeit für den Leser betont, „sein Haus in Ordnung“ zu bringen und das „Versprechen“ bindend sind. Ob man sie erfüllt oder nicht, ob sie Lebenden oder Toten gelten.

Ein Buch auch mit Längen, mit nicht hohem Tempo und teils zu sehr auf das „poetische Gefühlserleben“ abgestellt, aber sprachlich gelungen, weitestgehend schön zu lesen und den Leser sehr nahe an die Figuren heranbringend.

„Ich fragte mich, was mich so anrührte. Es war wie eine Inspiration“.
„“Es ist morsch“, sagte mein Vater“.
Und beides stimmt.

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