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Gestalte dein Journal mit der Bullet-Methode

Jasmin Arensmeier
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Südwest, 05.03.2018
ISBN 9783517096841
Genre: Sachbücher

Rezension:

Bullet-Journals im Handumdrehen!


Journaling zählt aktuell wohl zu den kreativsten Trends, die man auch mit einem ganz schmalen Geldbeutel mitmachen kann.


Da verwundert es nicht, dass es unzählige Bücher und Blogposts zu diesem Thema gibt - völlig zu Recht, denn:


Journaling ist der kreativste Weg sein Leben zu ordnen, zu strukturieren und umzugestalten.

Wer Listen mag, hier und da mit Farbe kleckern kann und vor allem aber ganz bestimmte Ziele hat, für den ist die Bullet-Methode genau das Richtige.


Auf den Kern reduziert, ist ein Bullet-Journal eine Art Kalender, oder auch Tagebuch. Der Unterschied zu herkömmlichen Kalendern besteht jedoch darin, dass die Seiten darin komplett leer sind oder "dotted", also mit Punkten versehen wie beispielsweise das beliebte Notizbuch Leuchtturm1917.


Ein solcher Kalender (und jede günstige Alternative von TEDi und Co.!) dient als Grundlage für dein ganz persönliches Journal.


Ziel dabei ist es, einen ganzheitlichen Planer zu entwickeln, bei dem nicht nur die üblichen To-Dos ihren Platz finden, sondern auch lang- und kurzfristige Projekte. Das Bullet-Journal soll zu deinem Lifecoach werden, mit dem sich Aufgaben, Gefühle und sämtliche Gedanken visualisieren und strukturieren lassen. Es geht um die Steigerung deiner Produktivität - mit ganz einfachen Mitteln wie Stift und Papier, fernab jeder digitalen Neuerung.


Jasmin Arensmeier hat mit ihrem Buch "Gestalte dein Journal mit der Bullet-Methode" diesen Geist der Zeit aufgegriffen und eine einfache Anleitung geschaffen, die es jedem Anfänger und jeder Anfängerin ermöglicht, diesem Konzept beizuwohnen.


Auf den ersten Seiten gibt sie dazu zunächst einen Überblick über Journaling. Wofür ist das gut? Was kann diese Methode leisten? Was brauche ich dafür?


In diesem Kapitel gibt die Autorin auch Aufschluss darüber was für Utensilien sie benutzt. Von Stiften über Schablonen zu Stickern - Bereits im ersten von insgesamt fünf Abschnitten kann man viel lernen.


Inspirieren ist wohl an dieser Stelle aber das bessere Wort als lernen - was ein weiterer Pluspunkt für dieses Buch ist. Jasmin Arensmeier gibt wertvolle Tipps und Vorschläge wie ein solches Journal aussehen KÖNNTE und lässt damit den Zeigefinger unten. Denn es gibt ja schließlich auch nicht DIE richtige Anfertigung. So individuell wie du bist, so ist auch dein Bullet-Journal.


Im zweiten Kapitel dreht sich dann alles um den Aufbau des Kalenders. Hierzu gibt die Autorin viele Informationen zu den "klassischen" Vorgehensweisen. Wie legt man ein Inhaltsverzeichnis an? Wie kann eine Jahres-, Monats- oder Wochenübersicht gestaltet werden?


Das dritte Kapitel befasst sich dann mit dem Design. JedeR von uns hat eine ganz individuelle Vorstellung davon, was eine schön gestaltete Seite ausmacht. Manche mögen es minimalistisch, andere kunterbunt, einige lieben schnörkelige Schriftarten, die anderen lieber Blockschrift ohne Schnickschnack. Auch zu diesen Themen gibt's viele Tipps und Tricks, um die Seiten zu gestalten und seinen ganz persönlichen Stil zu finden. Das Training kann dir dieses Buch natürlich nicht abnehmen. Wie in jeder Disziplin gilt: Übung macht den Meister.


Im vorletzten Kapitel geht es darum, das Journal nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich in einem echten Hingucker zu verwandeln. Mit der Do-It-Yourself-Anleitung kann man sich ganz fix auch einen eigenen Einband zaubern oder eigene Stempel kreieren.


Zum Schluss gibt es noch mein persönliches Highlight - wie könnte es anders sein: ein Liste.


Auf dieser finden sich 99 Listenideen und Module, die wunderbar in einem solchen Planner Platz finden. Spätestens nach dieser Aufzählung hat man das unbedingte Gefühl eine Tagebuch voller Übersichten füllen zu wollen, um den Kopf zu entlasten.


Jedes Kapitel ist mit vielen farbigen Fotos ausgestattet. So hat man als LeserIn nicht nur die "trockene", theoretische Beschreibung, sondern auch direkt Praxisbeispiele, wie eine fertig gestaltete Seite aussehen könnte.


Diese Seiten sind mir persönlich ganz wichtig, da ich eine absolute Anfängerin bin und auf solche inspirierende Fotos angewiesen bin.


Preislich gesehen ist dieses Buch mit 15€ seine Investition meines Erachtens in jedem Fall Wert. Das Buch ist qualitativ sehr hochwertig ist der Haptik, Farbintensivität und dem Design.


Insgesamt ist dieser Titel eine mehr als gelungene Einführung in die Thematik. Wenn man sich mit Journaling schon intensiver auseinander gesetzt hat, wird man hier zwar auf viele Wiederholungen stoßen was die Theorie betrifft, aber Inspiration gibt es dafür trotzdem obendrauf.


Wie oben erwähnt bin ich absolute Anfängerin was Bullet-Journals angeht. Listen und Statistiken erstelle ich zwar schon lange, doch jetzt habe ich einen Fahrplan, wie man diese Kritzeleien auch als schöne Erinnerungen für später konservieren kann.

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941 Bibliotheken, 36 Leser, 1 Gruppe, 148 Rezensionen

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The Girl on the Train

Paula Hawkins
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Doubleday, 29.01.2015
ISBN 9780857522313
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Volle Punktzahl - das passiert selten ♡

The Girl on the Train ist mein zweites Buch von Paula Hawkins, was ich natürlich unbedingt lesen musste, nachdem mir "Into the Water" so gut gefallen hat. 

Wie auch in diesem Buch, stehen bei "The Girl on the Train" die Frauen im Mittelpunkt.

Dieses Buch beschreibt (vorerst) die Geschichte von zwei Frauen, die scheinbar nichts miteinander verbindet - außer, dass beide in ihrem Leben sehr unglücklich sind. 

Rachel könnte man wohl als eine zu diesem Zeitpunkt gescheiterte Existenz bezeichnen. Nachdem ihre Ehe in die Brüche ging und sie den Alkohol in rauen Mengen für sich entdeckte, pendelt sie nun täglich zu ihrem ehemaligen Arbeitsort um ihrer Freundin, bei der sich notdürftig untergekommen ist, nicht erzählen zu müssen, dass man sie vor geraumer Zeit gekündigt hat. 

So fährt sie tagein tagaus in das nahgelegene London. Sie ist The Girl on the Train. 
Aufgrund einer Gleisstörung hält der Zug auf dieser Strecke an immer der gleichen Stelle für wenige Minuten an. 

Zeit genug um das Treiben der umliegenden Häuser zu begutachten - oder zu beobachten. Denn Rachels Blick bleibt immer an einem ganz bestimmten Haus hängen. Auf dessen Terrasse sieht sie sehr oft eine junge Frau sitzen - in der Sonne, mit einem Kaffee und ab und an ihrem Ehemann 

Ein perfektes Leben - so reimt es sich zumindest Rachel aufgrund ihrer Beobachtungen zusammen. 

Kurze Zeit später wird in den Nachrichten vermeldet, dass eben genau diese perfekte junge Frau spurlos verschwunden sei. 

Und Rachel hat sie kurz zuvor mit einem fremden Mann auf ihrer Terrasse beobachtet...

Stück für Stück lernen wir nicht nur Rachels dunkle Vergangenheit kennen, sondern auch die der schönen Megan.

Erzählt ist dieser Roman aus verschiedenen Blickwinkeln. 

Wie auch im Nachfolgeroman "Into the Water", werden die Geschehnisse aus der Sicht von mehreren Personen erzählt, was des Pudels Kern Stück für Stück herausschält. 

Besonders die Kapitel, die aus Megans Perspektive erzählt werden, haben es in sich. Denn Megan erzählt ihre Geschichte rund ein Jahr zuvor. Ihre Story und ihre Erlebnisse nähern sich also Stück für Stück dem an, wo Rachels Geschichte und die Suche nach ihr beginnt. 

Wie zwei perfekt zusammengehörende Zahnräder, greifen die Blickwinkel ineinander und machen erst am Ende richtig Sinn. 

Bis dahin bleibt alles irgendwie unklar und gerade deswegen so spannend. Der langsame aber stetige Zuwachs von Informationen, belässt die Spannung dauerhaft oben.

Zusätzlich wird dies durch einige Cliffhanger noch weiter vorangetrieben. Nicht jedes Kapitel hört mit einem Cliffhanger auf, aber diejenigen benutzten sind präzise gesetzt und dadurch besonders wirkungsvoll. 

Die jeweils erzählende Person beschreibt alles aus der Ich-Perspektive. Dies ist mir persönlich immer am liebsten, da so die Gefühle und Gedanken einen ganz besonderen Stellenwert einnehmen. 

Und "The Girl on the Train" lebt genau von diesen Gefühlen und Eindrücken. Diese werden so eindrucksvoll beschrieben, dass sie zum Greifen nah erscheinen. Dabei verzichtet Hawkins aber auf übertriebene Äußerungen, Fremdwörter und eine zu gehobene Sprache. Im Gegenteil: Die ProtagonistInnen sind authentisch und überdurchschnittlich nah an den LeserInnen. 

Weiterhin lebt dieser Roman auch von den Dialogen. Und auch wie die Figuren selbst, sind die Gespräche wirklichkeitsnah und gerade deshalb so beeindruckend und nachvollziehbar. 

Wer also Lust auf einen spannenden Roman hat, bei dem die Psyche der Figuren und die Verhältnisse untereinander im Fokus stehen, sollte sich unbedingt dieses Buch zulegen.  

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Das große Eat-Clean Kochbuch

Tosca Reno , Claudia Callies
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Südwest, 20.03.2017
ISBN 9783517095714
Genre: Sachbücher

Rezension:

Alle paar Jahre scheint es in Sachen Ernährung einen neuen Trend zu geben, der das Blaue vom Himmel verspricht: Iss diese oder jene Lebensmittel (nicht) und du wirst dich rundum wohlfühlen, dein Traumgewicht erreichen und geistig und körperlich leistungsfähiger sein. Weil Diättrends nun aber genau das sind - Trends - verschwinden sie meist genau so schnell wie sie gekommen sind. 
Anders verhält es sich mit der Ernährungsform, die sich Clean-Eating nennt und nun schon seit einigen Jahren immer mehr begeisterte AnhängerInnen findet.  
Auf ein Minimum reduziert kann man wohl sagen, dass es bei dieser Diät darum geht, so wenig verarbeitete Lebensmittel wie möglich zu sich zu nehmen. Anders ausgedrückt: Iss so natürlich wie möglich. 
Das heißt, die Clean-Eating-Diät plädiert dafür, keine verarbeiteten Lebensmittel mehr zu essen, die mit unnötigen Zusatzstoffen (Geschmacksverstärker etc.) oder industriellem Zucker angereichert sind. Stattdessen werden Soßen, Brote, Suppen und Co., um nur einige Beispiele zu nennen, wieder selbst gemacht, um den natürlichen Geschmack der Nahrung zu schmecken und die Inhaltsstoffe der cleanen Lebensmittel ihre Arbeit im Körper machen zu lassen.
Tosca Reno brachte zu diesem Thema 2015 ein Buch auf den Markt, das die Grundzüge, die Vorzüge und vor allem das WIE genau unter die Lupe nimmt. (Tosca Reno: "Die Eat-Clean Diät")
2017 kam nun ein lang ersehntes Kochbuch hinzu. Mehr als 150 cleane Rezepte: von Frühstück bis Abendessen oder Snacks für unterwegs - hier finden sich sehr viel inspirierende Vorschläge, die den Einstieg ins Clean-Eating-Konzept besonders einfach gestalten. 
Der Titel ist meines Erachtens etwas irreführend. Unter Diäten wird gerade hierzulande oftmals eine temporäre, kurzzeitige Veränderung der Ernährung verstanden, die zur Gewichtsreduktion oder -zunahme dienen oder Krankheiten behandeln soll. Das Konzept von Clean-Eating ist jedoch ein auf unbegrenzte Dauer angelegtes, ganzheitliches Ernährungskonzept zur dauerhaften "Anwendung".
Hier finden sich also keine Tipps zur schnellen Gewichtsreduktion o.Ä. - mit dieser Ernährungsform muss man sich zunächst bewusst und ausgiebig auseinander setzen. 
Los gehts mit einer ausgiebigen Einführung. Darin wird erst einmal genau erklärt, was Clean-Eating überhaupt bedeutet und warum diese Ernährungsweise so gut für den Körper ist. 
Gegliedert ist das Kochbuch dann in 13 Kategorien. Übersichtlich gestaltet, gibt es viele verschiedene Rezepte zu den Bereichen Frühstück, Suppen, vegetarische Gerichte und Zutaten auf Vorrat. Besonders die letzte Kategorie fand ich spannend, da hier viele kurze Rezepte untergebracht sind, um Lebensmittel herzustellen, die sich gut aufbewahren lassen. So gibt's hier zum Beispiel die Anleitung für selbstgemachten Hummus oder eine Himbeersoße, die wunderbar zu Frühstückswaffeln passt. 
Ja, auch Süßes kommt nicht zu kurz. Ausschlaggebend ist, WIE die Süße zustande kommt. 
Besonders toll fand ich die Tabellen und Übersichten, die oft zwischen verschiedenen Kapiteln eingefügt wurden, um auf den nächsten Bereich "einzustimmen". So gibt es viel Wissenswertes über Kräuter oder Hafer zu lesen, oder einen Überblick, worauf Vegetarier bei ihrer Ernährung achten sollten. 
Natürlich habe ich auch bereits ein paar der Rezepte getestet. Die Mengenangaben sind m.E. hervorragend gelungen. Wenn angegeben ist, dass aus den Zutaten 4 Portionen entstehen, dann werden es auch 4 Portionen. Das bedeutet nicht, dass davon 4 Menschen Dehnungsschmerzen im Magen bekommen, weil die Teller so voll waren, sondern, dass das Rezept 4 angemessene Portionsgrößen ergibt. 
Leider kommt an dieser Stelle noch ein ABER. Insgesamt sind die Rezepte m.E. nichts für den täglichen Gebrauch. Zu oft sind die Zubereitungen sehr zeitaufwendig und die verwendeten Zutaten sehr hochpreisig. Aus Erfahrung weiß ich, dass Clean-Eating definitiv auch günstiger und schneller funktionieren kann. Wenn man diese Rezepte also häufig verwenden oder eine ganze Familie damit bekochen möchte, sollte man die Zutatenliste hier und da etwas variieren. Das Vier-Kräuter-Pesto passt beispielsweise auch wunderbar zu Vollkornnudeln und nicht nur zu Jakobsmuscheln. 
Insgesamt ist dieses Kochbuch nicht unbedingt etwas für Einsteiger, da die Rezepte für meine Begriffe teilweise recht ausgefallen sind.

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8 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

Kalte Haut

Martin Krist
Flexibler Einband: 360 Seiten
Erschienen bei epubli, 01.02.2018
ISBN 9783745091533
Genre: Romane

Rezension:

Je mehr ich ein Buch mag, desto weniger Stichpunkte mache ich mir in meinem grauen Notizheft, aus denen ich dann letztlich die Rezension forme. Das macht ja auch Sinn: Hauptsächlich schreibe ich Kritikpunkte auf und wenn ich nichts auszusetzen habe, möchte ich natürlich so schnell wie möglich weiterlesen, um zu erfahren, wie die Story weiter geht.
So auch hier.Die Seite zu "Kalte Haut" von Martin Krist ist fast leer. 
Warum?
Die Protagonistin Sera Muth ist gerade bei einem Familientreffen, als es an der Tür klingelt. Ihr Kollege steht mit der dringenden Bitte vor der Wohnung, ihren freien Tag doch noch für die Arbeit zu opfern. Denn eine junge Frau wurde auf offener Straße niedergestochen. Das Opfer ist eine junge Türkin, genau wie Sera.
Hervorragend integriert, lebt die junge Frau ihren Traumjob als Polizistin.Das sehen Teile ihrer Familie nicht gern - ihr Onkel gibt ihr sogar die Mitschuld an diesem Verbrechen. Schließlich seien es moderne Frauen wie sie, die einen Ehrenmord provozieren.
Dieser Einstieg ist meines Erachtens schon mal etwas ganz Besonderes.So offen, ehrlich, unverblümt und gleichzeitig liebevoll den Charakter einer anderen Kultur zu transportieren, will gelernt sein. Schnell kann man als LeserIn zu Sera eine Verbindung aufbauen. Eine türkischstämmige Frau zur Protagonistin eines Thrillers zu machen, erfordert Mut (Frau Muth hat Mut!) - gerade wenn auch Themen zur Sprache kommen, über die hochaktuell kontrovers diskutiert wird.
Soweit, so gut.
Weil sie in diesen Fall zu stark involviert ist, wird er ihr entzogen.
Doch der nächste steht bereits in den Startlöchern und damit auch der Anfang eines nervenaufreibenden Thrillers. 
Tania Herzberg ist Journalistin für die lokale Presse und wird unter Vortäuschung falscher Tatsachen zu einer übel zugerichteten Leiche geführt. Der Täter häutet die Torsi seiner Opfer und stellt Videos davon ins Internet. 
Für diese beginnende, überaus grausame Mordserie ziehen Sera und ihre KollegInnen den Polizeipsychologen Robert Babicz zurate.  Dieser ist gerade nach längerem Dienst in den USA nach Deutschland zurückgekehrt und wird hier auch dringend benötigt.
Denn der Serienkiller hat ein verblüffend ähnliches Vorgehen wie der Mörder, den Babicz gerade erst in den USA überführt hat.
Doch der "Knochenmann" sitzt doch hinter Gittern?
Zusammen mit Babiczs Hilfe kommt Sera dem Täter langsam auf die Schliche - und das ist beiden weniger lieb, als sie dachten.
Obschon dieser Thriller von Martin Krist relativ langsam hochfährt, hält sich der Spannungsbogen dann jedoch konstant oben. Das liegt nicht zuletzt an der hervorragenden Ausarbeitung der Figuren und -konstellationen. Nicht nur zu Sera Muth lässt sich schnell eine Sympathie aufbauen. Auch Robert Babicz und Tania Herzberg treten schnell aus ihren charakterlosen Schatten und werden zu authentischen Personen, die man einfach mögen muss.

Was nicht allen LeserInnen gefallen wird, sind die Cliffhanger, die Krist gerne nutzt.Ich bin persönlich ein großer Fan davon. Cliffhanger bringen mich dazu, ein Kapitel nach dem anderen zu lesen. Das mag nicht JedeR, sollte aber auch nicht vom Lesen des Buches abhalten. 

Hier sind die Kapitel übrigens angenehm kurz: Nach circa drei Seiten wechselt die Perspektive zur nächsten Person. Da ist die Versuchung sehr groß, schnell noch den ein oder anderen Abschnitt zu lesen, obwohl man doch längst schlafen sollte.

Perspektivwechsel? Ja, denn der Plot wird nicht nur aus einer Sichtweise geschildert. Immer im Wechsel erzählen die Hauptfiguren Sera Muth, Robert Babicz und Tania Herzberg. Stück für Stück kommen wir so der Auflösung näher - auch wenn man zwischenzeitlich wirklich jede Figur verdächtigt und trotzdem auf der falschen Fährte ist. 

Geschrieben ist die Story aus Sicht der Dritten Person. Das ist nicht nur angenehm zu lesen, sondern führt auch dazu, dass die Beschreibungen der Umwelt nicht zu kurz kommen. Krist wohnt in Berlin und macht diesen Ort auch zum Schauplatz seiner Thriller. Gekonnt nimmt er dadurch die LeserInnen mit ins Innere der Hauptstadt. Abseits der bekannten Mainstream-Plätze lernen wir Berlin auf eine ganz andere Art und Weise kennen: Die unschönen Seiten und auch den unverkennbaren Charme, der den Reiz dieser Metropole ausmacht. 
⇨ Fazit?Für meine Begriffe ist dieser Thriller nicht nur handwerklich außerordentlich gelungen, sondern ein wichtiger Beitrag zur kulturellen Angleichung. Durch eine türkischstämmige Polizistin und die Einblicke in immer noch viel zu fremde Kulturen, schafft "Kalte Haut" einen Beitrag zum Abbau von Vorurteilen - verpackt in einem spannenden Thriller.
Das Ende hat mich dann restlos überzeugt. Wer also Wert auf Überraschungsmomente legt, sollte sich "Kalte Haut" in jedem Fall zulegen.

Wie schon "Böses Kind" sorgt auch dieser Titel des Autors für einen garantierten Gänsehautmoment.

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31 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

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Ein wilder Schwan

Michael Cunningham , Eva Bonné
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 13.11.2017
ISBN 9783630874913
Genre: Romane

Rezension:

Du bist auf der Suche nach einer Märchensammlung der ganz besonderen Art?
Dann wird dieses Buch in jedem Fall das Richtige für dich sein. 
Michael Cunninghams "Ein wilder Schwan" ist eine Geschichtensammlung, die für Kinder eher ungeeignet ist. 
Teilweise echt skurril werden in diesem Band alte Märchen neu erzählt - modern und ungefiltert, aber immer liebevoll und mit dem Hang zur unverblümten Wahrheit.
Mit insgesamt sieben Kapiteln und 155 Seiten ist dieser Titel ein eher kurzes Lesevergnügen. Viel mehr Spaß hat man allerdings, wenn man es nicht an einem Stück liest, sondern sich immer mal wieder eine Geschichte vornimmt. So kann der Inhalt auch viel besser wirken und wird nicht gleich  von der Skurrilität der nächsten Geschichte verdrängt. 
Da jedes Kapitel eine eigene kleine Kurzgeschichte ist, die unabhängig von allen anderen gelesen werden kann, eignet sich dieses Buch daher besonders gut, um sehr bewusst, genussvoll und schrittweise gelesen zu werden.
Denn die Märchen haben es echt in sich. 
Rumpelstilzchen, Hänsel und Gretel oder auch Rapunzel wirst du nach dem Lesen des Buches in einem ganz anderen Licht sehen. 
Cunningham dreht gerne das Gute und das Böse der Geschichten um und erzählt außerdem, was bei den Originalen von damals "vergessen" oder "verheimlicht" wurde.
Ein Blick hinter die Kulissen: Rumpelstilzchen hatte wirklich nachvollziehbare Gründe, das Erstgeborene der Königstochter entführen zu wollen! Aber wer fragt schon den Bösen...
Damit hebt der Autor die Geschichten auf eine Ebene der Authentizität, die anfangs sehr absurd wirken kann, bis man die Genialität und Originalität dahinter erkannt hat. 
Der fiktionale Charakter der Märchen bleibt natürlich erhalten. Das Novum ist viel mehr das Einbeziehen von ganz alltäglichen Geschehnissen, die, wie oben angedeutet, in den Originalen natürlich nicht berücksichtigt sind. Die Gefühle der ("bösen") Figuren zum Beispiel oder die Routine einer eingerosteten Ehe.  So wird auch vor der Vorstellung nicht halt gemacht, wie die Schöne und das Biest Geschlechtsverkehr haben, solange das Biest noch nicht verwandelt ist. Und hat sich jemals irgendjemand darüber Gedanken gemacht, wie Rapunzel dem Spliss all die Jahre entkommen konnte? 
Die Märchen machen dadurch viel Spaß, bringen zum Lachen und vor allem auch zum Staunen, ob der großartigen Raffinesse und Ehrlichkeit.  
Die Sprache ist einfach gehalten und dennoch an den märchenhaften Stil der Originale angepasst. Kurze Sätze und eine schnelle Erzähldynamik (hier müssen schließlich viele Jahre in kurze Geschichten untergebracht werden) lassen die Seiten nur so dahin fliegen. 
Natürlich ist diese Sammlung nichts für all diejenigen, die großen Wert auf die klassischen Merkmale eines Märchens legen. Hier beginnt nicht jede Geschichte mit der typischen Phrase "Es war einmal". Und auch das ersehnte Happy End lässt Michael Cunningham oft aus - lieber bleibt der Autor auch hier realistisch. Hier wird nichts beschönigt, wie im wirklichen Leben auch. 
Mir persönlich hat des Öfteren die dahinterstehende "Moral der Geschichte" gefehlt. So originell die Geschichten auch sind, wäre es an ein paar Stellen noch eindrucksvoller gewesen, wenn auch die modernen Varianten einen tieferen Sinn gehabt hätten, der zum Nachdenken anregt. Das war zwischen den Zeilen sehr oft der Fall, doch fehlte für mich ab und an der entscheidende Knackpunkt, der die Geschichten noch perfektioniert hätte: Ein Sinn, der über das normale Nachdenken von Kurzgeschichten hinaus geht. 
Besonders hervorzuheben ist noch das liebevoll gestaltete Cover. Dieses erinnert sehr stark an ein klassisches Märchenbuch - mitsamt der verschnörkelten Letter und der rasterartigen Anordnung selbiger. 
Illustriert ist dieses Buch durch Bilder von der japanischen Künstlerin Yuko Shimizu. Teilweise verträumt und teilweise skurril wird jede Geschichte untermalt. Alle Zeichnungen sind dabei schon kleine Kunstwerke für sich - und in Zusammenarbeit mit den Geschichten noch umso eindrucksvoller. 

Wer also auf der Suche nach einer Lektüre der ganz besonderen Art ist, wird von "Ein wilder Schwan" bestens unterhalten werden. 

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61 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

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Der 13. Stuhl

Dave Shelton , Ingo Herzke
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 29.09.2016
ISBN 9783551560247
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Dieser Jugendroman ist ein toller Einstieg in die Gruselwelt!

Als LeserIn dieses Buches wird man gleich zu Beginn in eine schauderhafte Situation geworfen:Jack betritt in einem dunklen Haus durch eine knarzende Tür einen Raum, in dem viele Gestalten um einen großen runden Tisch sitzen. JedeR von ihnen hat eine einzelne Kerze vor sich stehen, die das Gesicht des einzelnen Gastes nur schemenhaft erahnen lässt. 
Der 13. Stuhl an diesem Tisch ist noch frei. Er ist vorbestimmt für Jack, der überhaupt nicht weiß, was mit ihm geschieht. Wer sind diese Menschen? Was soll er in dieser Runde? Wo ist er überhaupt?
Dann beginnt sich das Karussell zu drehen:
Ein Gast nach dem anderen erzählt eine Geschichte. Von modern bis klassisch, von Mord und Rache. Reihum bis Jack endlich versteht, dass auch er seine Geschichte zu erzählen hat. 
Für Kinder und Jugendliche (ab 12 Jahren laut Verlag) ist dieser Geschichtensammlung ein wunderbarer Einstieg. 
Denn die Geschichten werden nur so gruselig, wie es der eigene Kopf zulässt. Shelton lässt der Fantasie der LeserInnen hier den Vortritt. Hat man beispielsweise den Film "The Others" mit Nicole Kidman gesehen, hat man natürlich auch sehr präzise Vorstellungen davon, wie gruselige Gestalten im Halbdunkeln um einen sonst leeren Tisch sitzen. Leider ist für meine Begriffe keine Beziehung zu den Charakteren möglich. 
Viel zu wenig erfahren wir über sie und vor allem auch über Jack. Das ist sehr schade, denn so kommt in Bezug auf die einzelnen Figuren kein Mitfühlen zustande. Dies ist aber auch sehr schwierig, ob der geringen Seitenanzahl. Schließlich wollen auf nur 300 Seiten 13 gruselige, voneinander völlig unabhängige Geschichten untergebracht werden. 
"Der 13. Stuhl" ist daher mehr als eine Sammlung von kleineren Geschichten zu verstehen, die in einem jugendgerechtem Rahmen eingebettet sind. Ähnlich wie Edgar Allan Poes Kurzgeschichten, sind auch diese Storys etwas, für den kleinen Hunger nach Grusel zwischendurch. 
Auch die Sprache ist dieser Zielgruppe angepasst. Eine einfache, klare Ausdrucksweise, die ohne plastische Beschreibungen der eigenen Fantasie freien Lauf lässt. 
Besonders gelungen ist m.E. das Layout dieses Titels. Jedes Kapitel steht für einen der 13 Geschichtenerzähler und beginnt mit einem liebevoll gestalteten Seite (siehe Foto). Am Ende jeder Geschichte werden die LeserInnen dann wieder zurück in die illustre Runde geleitet, bei der eine Art "Moderator" zum nächsten Gast führt. So ist die Erzählstruktur sehr übersichtlich und verwirrt nicht, was ich persönlich für Kinder- und Jugendbücher sehr wichtig finde. 

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Industrial Living

Sophie Bush , Hildegard Rudolph
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei DVA, 09.10.2017
ISBN 9783421040749
Genre: Sachbücher

Rezension:

Normalerweise findet ihr bei mir hauptsächlich Buchbesprechungen zu Krimis, Thrillern und anderen Romanen. Doch dieser Bildband vom DVA Verlag hat es mir stark angetan - und ich erzähle euch auch warum.


In "Industrial Living" nimmt uns Sophie Bush mit auf eine Reise in die Designwelt.
Ziel dabei ist es, alte Industriegebäude ausfindig zu machen, die nun in einem neuen Glanz erstrahlen. Bewusst werden dabei nur die Wohnungen ausgesucht, die auch tatsächlich vorher als Industrie-/Fabrikgebäude dienten.

So werden wir eindrucksvoll rund um den Kontinent geführt. Designs in Europa, Asien oder den Vereinigten Staaten zeigen auf, wie schade es wäre, die geschichtsträchtigen Gebäude verfallen zu lassen oder gar abzureißen.

Dass der Charme einer ehemaligen Gerberei oder eines geschlossenen Getreidespeichers nicht immer oben auf liegt, ist für die meisten ArchitektInnen kein Problem. Mit vielen Kommentaren der ArchitektInnen und WohnungseignerInnen dürfen wir ganz offiziell in fremde 4 Wände blicken.

Und ich sage dir: Diese Raumkonzepte bringen dich definitiv zum Staunen.
Denn die wesentlichen Charakteristika der Gebäude (z.B. hohe Decken, großzügig geschnittene Räume oder alte Stahlträger) wurden in allen Fällen beibehalten. Umso beeindruckender ist es, wie aus diesen verlassenen Bauwerken schicke Lofts oder Familienwohnungen entstanden sind.

Dass es nicht jedermanns Geschmack ist, eine Backsteinwand im Wohnzimmer oder den Blick nach draußen durch eine komplett verglaste Front zu haben, ist offenkundig. Auch, dass die dargestellten Projekte freilich nichts für den kleinen Geldbeutel sind, wird schnell klar.

Dennoch inspiriert das Interieur dazu, auch die eigenen Wände umzugestalten.
Wenn du also über ein neues Projekt nachdenkst, das designtechnisch mal etwas anderes, moderneres sein soll, findest du in diesem Bildband in jedem Fall tolle Anregungen mit Licht und Materialien zu arbeiten.

Interessant ist übrigens auch das Inhaltsverzeichnis.
Natürlich brauchen auch Bildbände einen roten Faden  - und dieser läuft hier nicht entlang der geografischen Reise, wie man vielleicht anfangs vermuten würden. Stattdessen sind die Fotos der Industriegebäude gegliedert nach den architektonischen Charakteristika und dekorativen Details. So bringt uns der Aufbau von Balken und Trägern, über Außenfenster hin zu Stahltrommeln als Dekoelemente.
Natürlich gibt es zu jedem Kapitel dann auch ein paar einführende Sätze, warum gerade diese Elemente von solcher Bedeutung sind für dieses außergewöhnliche Wohnen.

Mir persönlich hätten ein paar Vorher-Nachher-Fotos noch  gut gefallen: 
 In diesem Bildband sehen wir nämlich ausschließlich fertige Wohnlandschaften. Doch noch beeindruckender wäre es gewesen, hätten wir als LeserInnen die Möglichkeit gehabt, die unfertigen Rohbauten zu sehen, aus denen die Wohnträume geschaffen wurden.

Zugegeben, mit einem Preis von 49,95€ ist dieses Buch kein Schnäppchen. Doch die Qualität und der Inhalt sind dieses Geld wert. Vor allem wenn man sich für Innendesign oder Architektur interessiert.
Bildbände sind nun mal grundsätzlich etwas hochpreisiger als andere Literatur.

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42 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

antiheld, arschlöcher, musikbranche

Kill Your Friends

John Niven , Tim Jürgens , Stephan Glietsch
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.02.2016
ISBN 9783453676909
Genre: Romane

Rezension:

„Kill Your Friends“, so viel sei vorab gesagt, zählt in jedem Fall zu Recht zum Verlag Heyne Hardcore.


Der Roman spielt im Jahr 1997 und beschreibt, grob gesagt, das brisante Jahr des Protagonisten Steven Stelfox. Dieser ist A&R (=Artists and Repertoire) Manager einer Plattenfirma. Sein Job ist es, talentierte, neue Künstler der Musikbranche ausfindig zu machen, um sie unter Vertrag zu nehmen und mit ihnen das (nächste) große Geld zu verdienen.


Nun, Steven ist jedoch alles andere als ein engagierter, ehrlich arbeitender Talentscout. Ja, man kann sagen, dass der Protagonist ein mehr als verachtenswerter und arroganter Mensch ist – und das würde er vermutlich lächelnd bestätigen. Geprägt von Drogen, Sex und immer dem passenden Quäntchen Glück, lebt Steven ein Leben in einer völlig anderen, unwirklichen Welt– und das wird beschrieben; in 12 Kapiteln für 12 Monate des Jahres 1997.


Der Schreibstil ist auch das, womit dein persönliches Gefallen an diesem Buch steht oder fällt. Wenn du eher zart besaitet bist, wirst du diesen Roman vermutlich schnell wieder weglegen. Denn schon nach wenigen Sätzen wird klar: Niven schreibt extrem vulgär und beleidigt als sein alter Ego alles und jeden.


Dass in manchen Romanen hier und da ein Schimpfwort fällt, ist sicherlich nichts ungewöhnliches mehr. Dass ein komplettes Buch jedoch aus einer Aneinanderreihung von obszönen Ausdrücken besteht, schon eher. Dabei sind die Formulierungen jedoch zum Großteil so eloquent, dass es schlichtweg sehr unterhaltsam ist. Über eine solche Strecke solch pointierte Bosheiten zu entwerfen, ist nahezu bewundernswert. Dazu kommen Beleidigungen gegen jedes Geschlecht und jede ethische Minderheit, die man sich nur vorstellen kann. Ich betone es noch einmal: Dieses Buch ist schon rein sprachlich nichts für schwache Nerven.


Und die Sprache ist nur das genutzte Mittel, um den LeserInnen den Inhalt näher zu bringen, der, mit Verlaub, an Extremität und Perversion kaum zu übertreffen ist.


Sehr plastisch und detailliert werden Drogenräusche, sexuelle Szenen und Gewalt beschrieben. Und auch all diese Sequenzen gehen auch wieder weit über das durchschnittliche Maß der Dinge hinaus.


Nicht zu vergessen ist natürlich auch, die stetige Verbindung zur Musik. Wer Interesse an der musikalischen Entwicklung der 1990er Jahre hat, wird in jedem Fall viel dazu lernen. Und auch für weniger Interessierte bietet der Roman einen angenehmen Grad zwischen Fachwissen und Anekdoten für die nächste Cocktailparty.


Letztlich muss man aber auch sagen, dass die Story für sich betrachtet, fernab der ungefilterten Sprache und beschriebenen Eskalationen relativ dünn ist. Die Erzähldynamik ist, was den roten Faden betrifft, sehr schleppend. Erst ab circa der Hälfte des Buches bekommt der Plot überhaupt erst einen erkennbaren Rahmen. Fortan nimmt die Handlung aber dann an Fahrt und sogar an Spannung auf, bis sie sich in einem stringent zu Ende gebrachten Stil auflöst.


Wie anfangs erwähnt, ist „Kill Your Friends“ unter bei Heyne Hardcore erschienen. Dieses Label steht für Literatur fernab des Mainstreams und überzeugt durch stets unkonventionelle und qualitativ hochwertige Geschichten. DAS trifft definitiv zu. Wer sich einen Roman wünscht, der noch sehr lange im Gedächtnis bleiben wird, ist bei diesem Titel definitiv richtig.


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82 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 23 Rezensionen

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SCAR

Jack Ketchum , Lucky McKee , Kristof Kurz
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Heyne, 10.04.2017
ISBN 9783453677173
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die Hauptrolle in „Scar“ spielt die kleine Delia Cross – und das im wortwörtlichen Sinne.


Die 11-Jährige ist bereits ein kleiner Star und verdient mit Werbespots oder Serienrollen eine Menge Geld. Die Schule und ihre Kindheit bleiben dabei auf der Strecke. Unterstützt, oder besser gesagt gemanagt und getriezt, wird sie von ihrer Mutter Pat, die ihre Tochter mit Dollarzeichen in den Augen von einem Casting zum nächsten schickt.


Was Delia möchte, steht nicht zur Debatte – sie hat zu funktionieren und das stolze Image der Familie zu wahren. Zur Seite steht ihr dabei nur Caity: Der Familienhund. Denn für Freunde bleibt keine Zeit und auch auf des Rest der Familie kann sie sich nicht verlassen.


Denn es geht weiter mit den unschönen Verhältnissen. Delias Vater ist dem Alkohol verfallen, seiner Frau nicht ebenbürtig und einer funktionierenden Familie damit nicht sonderlich zuträglich. Und Delias Zwillingsbruder Rob – wie könnte es anders sein – steht stets im Schatten des berühmten Familienmitglieds.


Doch als Rob seiner Schwester eines Nachts einen Streich spielen will, wendet sich das Blatt.


Delias Zimmer steht plötzlich in Flammen und das Mädchen überlebt diesen Unfall nur knapp. Tiefen Narben zeichnen fortan ihr Gesicht und ihre Seele.


Doch das ist kein Grund für ihre Mutter kürzer zu treten – im Gegenteil: Ein Familienhund, der der nun entstellten Jungschauspielerin das Leben rettet! Das sind Schlagzeilen!


Gefundenes Fressen für Delias Mutter und die Presse! Und dann gehen die Tragödien erst richtig los..



Zunächst sollte man anmerken, dass der Titel unter dem Label „Heyne Hardcore“ erschienen ist und DAS wahrscheinlich zu hohe Erwartungen gesetzt hat. „Heyne Hardcore“ steht für Literatur fernab des Mainstreams und überzeugt durch stets unkonventionelle und qualitativ hochwertige Geschichten. Leider konnten meine Erwartungen an Label und Autor dieses Mal nicht erfüllt werden.


„Scar“ ist m.E. in erster Linie ein Familiendrama. Im Mittelpunkt stehen definitiv die innerfamiliären Tragödien, die ein ums andere Mal Kopfschütteln erzeugen. Denn wie obig beschrieben, treffen wir hier auf eine völlig zerrüttete Familie, die nach außen den Schein zu wahren versucht. Das garantiert in jedem Fall spannende Einblicke in eine Welt, die Außenstehenden sonst verschlossen bleibt.


Dieses Buch ist auch als Roman deklariert und erhebt dadurch nicht den Anspruch, eine Horrorgeschichte zu sein, wie man sie sonst von diesem Autor kennt. Gerade deshalb ist es so spannend, dass Jack Ketchum in ein anderes Genres einlädt. Doch Ketchum ist nun mal als Autor von Horrorgeschichten bekannt und konnte wohl nicht die Finger davon lassen, selbige Elemente dann doch gegen Ende des Buches einzuflechten. Doch die Veränderungen ins Übersinnliche sind nicht sonderlich gelungen. So einflusslos, beiläufig und unausgearbeitet wirft der Plot zu viele Fragen auf. Hier entsteht keine Tiefe und das ist deshalb so schade, weil sich während des Romans selbst schon kaum eine Beziehung zu den Figuren aufbauen lässt:


Sämtliche Charaktere (auch die Protagonisten) sind bis zum Schluss nicht richtig greifbar und bleiben als leere Hüllen im Gedächtnis. Auch die Dialoge sind sehr oberflächlich gehalten, wodurch es schwer fällt, mit den Figuren zu fühlen und denken. Da wurde meines Erachtens durch die geringe Seitenzahl sehr viel Potenzial verschenkt, da der Plot und die handelnden Charaktere sehr vielversprechend starteten. Große Ausnahme bildet hier lediglich die Figur der Mutter. Obschon auch ihr Charakter nicht sonderlich präsent ausgearbeitet wurde, gibt es wohl kaum Romanfiguren, die mehr Verachtung verdient haben. Als Pädagogin und Tierfreundin gingen mir einige Szenen sehr an die Nieren.


Das liegt nicht zuletzt daran, dass einige Passagen in kursiv geschrieben sind und die Sicht des Hundes zeigen. Caity bleibt damit nicht nur „irgendein“ Tier, sondern bekommt eine ganz besondere Rolle und überholt in ihrer Bedeutung und Sympathie schnell die eigentliche Protagonistin Delia.


Insgesamt ist der Plot in der Theorie sehr ansprechend und auch an den ungewöhnlichen Schreibstil der Autoren gewöhnt man sich schnell. Die Spannung entwickelt sich dann in der zweiten Hälfte des Romans. Hier erwarten uns dann auch weitere, erschütternde Wendungen und die Spirale an Tragödien scheint kein Ende nehmen zu wollen. Das ist in jedem Fall unangenehm und deshalb so mitreißend.



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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Der Knochenraub von San Marco

Stefan Maiwald
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 08.12.2017
ISBN 9783423261715
Genre: Historische Romane

Rezension:

„Der Knochenraub von San Marco“ entführt uns ohne Umschweife nach Italien, genauer gesagt nach Venedig - und das im 16. Jahrhundert. Dort angekommen legt der Autor direkt mit einer nervenaufreibenden Szene los:


Der Venezianer und Protagonist Davide klettert an einer Mauer hoch. Zeile für Zeile erfahren wir mehr über das Wo und das Warum: Es handelt sich nicht um irgendeine Mauer, sondern um die einer Piratenburg. Innerhalb dieser Festung angekommen, kann er heimlich den Anführer der Piraten ausfindig machen, welcher seine Dukaten nicht nur mit dem Kapern von Schiffen verdient. Viel effizienter sind nämlich Entführungen von Adligen und das daraus resultierende Lösegeld.


Damit es soweit nicht wieder kommt, wurde nun Davide beauftragt, die Contessa Ludovica Strozzi zu befreien, denn genau das in sein Beruf:


Davide ist ein Spion, der für Venedig arbeitet!


Als dann die Gebeine des Heiligen Markus - eine Reliquie von unschätzbaren Wert für Venedig - gestohlen werden, ist schnell klar, was der nächste Auftrag für Davide und der Plot für den Roman sein wird.


Doch so einfach das vielleicht klingen mag: Ein solcher Raub ist ungewöhnlich und nicht leicht zu lösen, wir befinden uns noch immer im 16. Jahrhundert, ohne Telefon und Facebook.

Da spielen weit komplexere Gefüge eine Rolle, die uns unter anderem in die politischen Machtstrukturen Italien eintauchen lassen.


Maiwald stellt eine hervorragende Verbindung zwischen einem kriminalistischen Roman und einer historischen Dokumentation her. Denn obwohl es sich um einen fiktionalen Kriminalfall handelt, bleibt die Geschichte möglichst nah am Leben des historischen Protagonisten und schildert möglichst historisch genau dessen Zeitalter und Umstände.


Obschon das Erzähltempo, was den eigentlich Plot betrifft, relativ langsam voranschreitet, wird es um den Protagonisten und seine Erlebnisse doch nie langweilig. Denn die Suche nach dem gestohlenen Gebeinen endet nicht in Venedig, sondern führt Davide mit seinem Diener quer durch Europa. Dabei erleben sie diverse Abenteuer, die nicht selten an Bud Spencer und Terence Hill erinnern. Prügeleien, schlagfertige Antworten und immer eine clevere Lösung parat, werden die Protagonisten schnell zu Leserlieblingen, die wissen, wie man unterhält.


Des Weiteren legt Maiwald neben dem eigentlichen Erzählstrang viel Wert auf die (u.a. italienischen) Gepflogenheiten des 16. Jahrhunderts und genau DAS macht doch einen historischen Roman aus.

Der Plot gerät zu keinem Zeitpunkt in den Hintergrund und doch ist es die Atmosphäre des Romans, die doch noch so viel mehr erzählt und den eigentlichen Reiz des Buches ausmacht.


Fremdwörter wie „Prosekutoren“, „Tabarro“ oder „Karavelle“ sind nun keine Fremdwörter mehr und auch der Schreibstil im Allgemeinen ist dem Setting angepasst. Die altertümliche Sprache ist gut dosiert, überfordert nicht und setzt auch keine geschichtlichen Vorkenntnisse voraus. Im Gegenteil: Wer sonst nicht sonderlich viel mit Geschichte zu tun hat, wird das Interesse daran durch diesen Roman wieder für sich entdecken können.


Dabei werden wir als LeserInnen aber keineswegs von einer inhaltslosen Aneinanderreihung geschichtlicher Aspekte gelangweilt, wie wir es vielleicht hier und da aus unseren Geschichtsstunden der Schulzeit kennen.


Viel mehr werden subtil Anekdoten und Ereignisse jener Zeit eingeflochten, die eine viel größere Wirkungskraft besitzen, als es geschichtliche Zahlen je haben könnten.


Dass man dabei nicht nur auf unterhaltsame und positive Aspekte stößt, ist wohl kaum zu vermeiden. Tierrechte waren zu jener Zeit kein Thema - und so gehören leider auch diese (für meinen Geschmack zu detailliert) beschriebenen Szenen zur Geschichte, die hie und da mehr als bitter aufstoßen werden. Freilich, der Autor hätte auf die ein oder andere explizite Szene verzichten können, stellt sich dann doch aber die Frage, wie viel Authentizität dieses Fehlen dem Roman raubt. Denn, so grausam diese Schilderungen auch sind, sie sind gleichzeitig ein nicht mehr zu veränderndes Kapitel der menschlichen Geschichte und solange sich der Mensch noch immer als die Krönung der Schöpfung bezeichnet, darf man sich darüber nicht beschweren.


Im Anschluss finden wir zum Thema der Authentizität noch ein Nachwort zur Erörterung der historischen Genauigkeit. Auch hier wird noch einmal deutlich, wie detailliert Maiwald für diesen Roman recherchiert haben muss und zeigt gleichzeitig auch, wo die Nachweisbarkeit für gewisse Handlungen und Fakten aufhört.   

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71 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 36 Rezensionen

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Lass mich los

Jane Corry , Angelika Naujokat
Flexibler Einband: 576 Seiten
Erschienen bei Diana, 13.11.2017
ISBN 9783453359383
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

September 2000.


Lily ist eine frisch verheiratete Anwältin, die, gerade aus den wunderbaren Flitterwochen zurück, an einem Kriminalfall arbeitet, der ihre Karriere stark voranbringen wird.


Die Liebe des Lebens gefunden, ein Job, der Spaß macht und finanzielle Sicherheit bietet. Ein wunderbares Leben, nicht wahr?


Doch hinter den Kulissen sieht die Welt ganz anders aus. Wie so oft!

Lily kennt ihren Ehemann kaum, haben sie sich doch nur wenige Monate nach dem Kennenlernen das Ja-Wort gegeben.

Doch wie kann man einem so charmanten Künstler schon widerstehen... Ein paar Spleens wird er sicherlich haben, doch nichts dramatisches, oder?


Der Alltag zieht schnell ein – und mit ihm der Stress, den eine junge Liebe kaum aushalten kann.


Doch das ist nicht die einzige Fassade, hinter die wir blicken dürfen.

Denn zusätzlich lernen wir auch die Nachbarinnen der beiden kennen: Francesca ist Italienerin und mit ihrer kleinen Tochter Carla nach Großbritannien gezogen. Während die alleinerziehende Mutter finanziell irgendwie versucht sich über Wasser zu halten, hat Carla mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Denn anders zu sein, bedeutet in diesem Alter nichts gutes. Und Carla ist anders – mit ihren dicken Augenbrauen, den dunklen Locken und dem europäischen Akzent.


Und alle vier haben ihre kleinen und großen Geheimnisse.

Affären, Lügen, Alkohol oder die dunklen Kapitel der Vergangenheit.


Erzählt ist der Roman aus der Sicht von Lily und Carla. Immer im Wechsel erfahren wir mehr über die Geschichten hinter den beiden Protagonistinnen und ihren Familien, bis diese zunächst voneinander unabhängigen Stränge zusammenführen – da Lily als „Babysitterin“ für Carla einspringt.


Wer an dieser Stelle denkt, dass es sich hier um einen durchschnittlichen Alltagsroman handelt, wird sich täuschen. Alle Fakten und Halbwahrheiten, die wir in der ersten Hälfte des Buches erfahren, werden im zweiten Teil des Roman eine Rolle spielen. DENN: Die zweite Hälfte spielt 12 Jahre später und ALLES wird einen Sinn ergeben.



In den letzten 100 Seiten nimmt die Story noch einmal richtig an Fahrt auf. Es folgt ein Cliffhanger nach dem anderen und hier kommen endlich die ersehnten Thrillerelemente zum Einsatz. Denn der Plot besteht fortan aus lebensbedrohlichen Entwicklungen, Urängste kommen zum Einsatz und subtile Andeutungen werden geschickt im Kopf in Unbehagen verwandelt.


Wer sich jedoch einen durchgängig nervenaufreibenden Psychothriller mit Gänsehaut wünscht, ist hier nicht richtig. Doch das mindert in keinem Fall die Spannung, die Corry trotz dessen zu erzeugen weiß.


Vielmehr liegt der Reiz dieses Buches in der Mischung von verschiedenen Genres. M.E. ist „Lass mich los“ nämlich eine Mixtur aus dem obig genannten Psychothriller, einem Entwicklungsroman (teils Coming of Age), sowie einem waschechten Liebesdrama. Dabei nimmt Corry aber Abstand zu jedwedem Klischee und beschränkt sich auf die ungeblümte, unschöne Seite der Medaille.


Für mich war es das erste Buch dieser Autorin, aber definitiv nicht das letzte. Selten habe ich mich einer Geschichte so nah gefühlt. Die hervorragende Darstellung der Charaktere, der Plot, die Erzählstruktur... „Lass mich los“ ist m.E. ein rundes Werk, bei dem jedes Wort an der richtigen Stelle eingesetzt ist und eine ganz eigene Atmosphäre schafft. Du wirst nicht übersehen, wie clever die Autorin die Geschichte konstruiert hat, um alle Fakten und Geschehnisse am Schluss zu einem ganz großen Drama zusammenzufügen. Und genau das ist es, was mich an diesem Buch so begeistert. Die authentischen Charaktere gepaart mit dieser brillanten Erzählweise - es ist schlicht unmöglich, NICHT das Gefühl zu bekommen, man würde die Figuren persönlich kennen.   

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166 Bibliotheken, 10 Leser, 0 Gruppen, 29 Rezensionen

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Unterleuten

Juli Zeh
Flexibler Einband: 656 Seiten
Erschienen bei btb, 11.09.2017
ISBN 9783442715732
Genre: Romane

Rezension:

Ein kleines Dorf mit dem Namen „Unterleuten“ in Brandenburg: Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Einfamilienhäuser und Nachbarn, die sich auf der Straße grüßen, prägen das Bild. Doch der Ortsname ist von Zeh nicht zufällig gewählt. Aus „Unterleuten“ ein „Unter Leuten“ zu formen, liegt nahe und bringt wohl auf den Punkt, warum dieser Roman ein Bestseller geworden ist.


Denn in diesem verschlafenen Örtchen, will eine Investorenfirma einen Windpark bauen. Klingt nicht sonderlich spektakulär, ist für eine derartige Provinz jedoch kaum vorstellbar.

Dass das nicht auf einheitliche Zustimmung stößt, ist vorherzusehen - was hinter den Fassaden der Anwohner steckt, jedoch nicht.


Dieses Szenario dient als Ausgangslage des Romans. Fortan werden die BewohnerInnen des Dorfes nacheinander beschrieben - sie selbst und ihre Beziehungen zu einander. An diesem Gerüst hangelt sich der Plot entlang, welcher jedoch hauptsächlich auf der Figurenentwicklung basiert. Eine kurze Inhaltsangabe ist dadurch kaum möglich, wenn wir sprechen hier von über 20 Figuren, die tatsächlich auch wichtig für die Handlung, für das Dorf sind.


Nun kannst du dich fragen, was wohl die Moral der Geschichte sein mag, wenn es weniger um den Tatverlauf, als viel mehr um die BürgerInnen geht. Schließlich ist „Unterleuten“ doch ein relativ unspektakulärer Ort, mitsamt seinen Bewohnern, die zugegebenermaßen alle ihr Päckchen zu tragen haben.

Doch genau DAS ist wohl des Pudels Kern. Wir haben ALLE unser Päckchen zu tragen und können uns mit den Figuren des Ortes identifizieren. Doch dabei bleibt es nicht. Leider kann man sich auch allzuoft in ihren negativen Attitüden wiedererkennen - wir bekommen einen Spiegel vorgehalten.


Halt dir nur einmal Kommentare in den sozialen Netzwerken vor Augen oder erinnere dich an ein paar Gespräche auf dem letzten Wochenmarkt oder im Bus - fast schon lächerlich, für wie wichtig wir uns halten und wie uninteressant unsere Äußerungen doch in Wahrheit sind. Der Umgang miteinander, geprägt von Missgunst und Wut, ist doch nichts anderes als die eigene Unsicherheit, die auf andere zu projizieren versucht wird.


Und genau so sind eben auch die BewohnerInnen des fiktiven Ortes Unterleuten:


Obwohl die BürgerInnen teilweise kaum etwas über das Gegenüber wissen, wird vermutet, geredet und verurteilt. JedeR hält sich selbst für den Nabel der Welt und seine eigenen Probleme für die wichtigsten. „Unterleuten“ ist eine hervorragende Kritik an der Gesellschaft, ohne selbige dabei mit erhobenem Zeigefinger zu richten. Vielmehr passiert all das vorrangig zwischen den Zeilen. Subtil lässt Zeh eine sarkastische Ader einfließen, die teilweise auch nur auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Eingeschlagen wie eine Bombe, kann man sich manchmal nicht entscheiden, ob man lachen oder weinen soll. Vermutlich ist beides richtig.



Der Schreibstil ist m.E. besonders gelungen. Die genutzte Sprachebene ist nicht einfach, sondern geprägt von einigen Fremdwörtern und einer allgemein gehobenen Sprache. Das wird nicht jedem gefallen, ist bei einer solchen Abhandlung jedoch vonnöten. „Unterleuten“ ist kein netter Jugendkrimi für zwischendurch, sondern eine Würdigung und der gleichzeitige Verriss unserer Gesellschaft. Dennoch überfordert die Sprache nicht. Obschon ein „Überfliegen“ kaum möglich sein wird um alles in Gänze zu verstehen, finden wir auch keine unnötig kompliziert konstruierten Schachtelsätze, die den Spaß am Lesen zunichte machen.


Neben Themen wie Weltschmerz (der doch nichts anderes als die Verwechslung mit dem alltäglichen Frust zu sein scheint), Gentrifizierung, Verurteilung oder der Generation Y, finden auch Elemente wie Feminismus, Helikopter-Eltern und Tod ihren Platz. Alles Themen, die nach wie vor hochaktuell sind und gerade deswegen einer kontroversen Diskussion bedürfen. Pointiert bringt die Autorin jedes Klischee auf den Punkt, ohne dabei in eine plakative Ebene zu rutschen.


Der Aufbau des Romans kommt uns LeserInnen sehr entgegen. Gegliedert in sechs Teile, sind die jeweiligen Unterkapitel recht kurz, sodass man nicht von der Anzahl der Seiten „erschlagen“ wird. Außerdem sind die Kapitelüberschriften mit den jeweiligen Namen des Bewohners versehen, sodass auch hier eine übersichtliche Struktur gegeben ist, da sofort ersichtlich wird, aus welcher Perspektive die folgenden Seiten geschrieben sind.



Am Ende des Romans ist für die LeserInnen ein Namenregister angehängt. So kannst du noch einmal schnell nachsehen, wenn dich die verschiedenen Namen etwas verwirrt haben. Zu jeder Figur sind dort ein paar wenige Sätze vermerkt, die dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen.


Außerdem befindet sich ebenfalls im Anhang das Inhaltsverzeichnis. So ist es jederzeit möglich, ein bestimmtes Kapitel wiederzufinden beziehungsweise sich zunächst erst einmal einen Überblick über dieses Buch zu verschaffen.


Trotz oder aufgrund der hohen Informationsdichte, ist der Roman m.E. teilweise sehr zäh zu lesen. Eine Spannung aufzubauen, war vermutlich von vornherein nicht der Anspruch, ist jedoch für mich der fehlende Faktor, um ein Buch nicht aus der Hand legen zu wollen. Die Detailverliebtheit der Autorin, ihre Eloquenz und die präzise formulierten Habitus, machen definitiv den Charme des Buches aus, ersetzen für mich jedoch nicht fehlende Geschehnisse - fernab der rein deskriptiven Entwicklungen der Protagonisten.

 

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Es

Stephen King , Alexandra von Reinhardt , Joachim Körber
Flexibler Einband: 1.536 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.02.2011
ISBN 9783453435773
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wie für King unabdingbar, entführt uns der Autor nach Maine - genauer gesagt nach Derry.


An diesem Ort scheinen alle 27 Jahre schreckliche Dinge zu geschehen.

Doch von vorn..


Die Kleinstadt im Norden der USA ist zunächst nicht sonderlich erwähnenswert. Bis zu jenem schicksalhaften Tag, der einem kleinen Jungen namens George das Leben kosten wird.

Mit einem selbst gebastelten Papierboot seines Bruder William bewaffnet, macht George sich auf in den strömenden Regen, um sein Schiffchen in freier Wildbahn zu testen. Es verschwindet in einem Gully.

Als George sein Papierboot herauszuholen versucht, taucht ein Clown auf - mit seinem Boot in der Hand. Pennywise zieht ihn in die Kanalisation und nimmt ihm das Leben.


Bereits in diesem ersten Kapitel wird deutlich, wie schnell King die LeserInnen in die richtige Atmosphäre zu versetzen vermag. Detaillierte Beschreibungen der Umwelt und Handlungen lassen keinen Raum für subtile Andeutungen. Dass dem kleinen Jungen Georgie der Arm abgerissen wird, ist keine verblümte Sprache, sondern der Beginn eines waschechten Horror-Romans.


Doch Georgie ist nicht der einzige Junge, der verschwindet. Immer öfter werden Kinder vermisst und tot aufgefunden - eine Ausgangssperre wird verhängt.


Doch die ändert nichts daran, dass auch den Protagonisten schreckliche Dinge widerfahren.Bill Denbrough, Mike Hanlon, Ben Hanscom, Beverly Marsh, Stan Uris, Richie Tozier und Eddie Kaspbrak lernen sich circa mit 11 Jahren kennen und werden Freunde - nicht zuletzt, weil jedeR von ihnen etwas an sich hat, wofür er/sie gemobbt wird.


Und sie verbindet noch eine Gemeinsamkeit: JedeR von ihnen sieht Dinge, die andere nicht sehen können - und diese Dinge wollen sie töten.


Als die Freunde herausfinden, dass dieses „Es“ alle 27 wiederkehrt um zu morden beschließen sie das Böse zu töten, welches in der Kanalisation wohnt, in der auch der kleine George ums Leben gekommen ist.


Im Glauben, dieses Ziel erreicht und den immer wieder kehrenden Zyklus durchbrochen zu haben, gehen die Protagonisten ihre Wege. Bis sie schließlich 1985 - 27 Jahre später - alle einen Anruf erhalten: „Es“ ist wieder da und der Schrecken ihrer Kindheit lässt sich nicht in Ruhe.



„ES“ ist nicht erst seit der Neuverfilmung aus dem Jahr 2017 in aller Munde - obschon das Buch dadurch eine wohl noch größere Berühmtheit erlangt hat. Denn 27 Jahre nach dem Originalfilm kann es nun eine neue Generation Horrorfans anziehen.

Mit über 1500 Seiten könnte dich das Buch zunächst abschrecken, doch solltest du es unbedingt gelesen haben, sofern du Fan des Horror-Genres oder Stephen King bist. „ES“ gehört m.E. definitiv zur Grundausstattung.



Die Darstellung der Charaktere ist so explizit, dass man als LeserIn fast den Eindruck gewinnt, die Figuren wirklich zu kennen. Das, und das wird für viele ein Negativpunkt sein, weitet King jedoch auch auf Nebencharaktere und deren Handlungen aus. Auch diese Figuren werden mitsamt ihren Aktionen seitenlang beschrieben. Das raubt mir persönlich etwas die Spannung, da das Erzähltempo deutlich verlangsamt wird. Und es nagt, zumindest in meinem Fall, auch an der Konzentration. Da man schließlich noch nicht weiß, inwiefern diese Sequenzen wichtig für den Rest des Buches werden könnten, ist man gewillt, sich so viele der Informationen zu merken. Dass das nicht klappen kann, ist kein Geheimnis.


Dennoch erzeugt gerade der Clown Pennywise, zu dem wohl jedeR mittlerweile ein Bild im Kopf haben dürfte, eine ungeheuerliche Stimmung und letztlich auch Spannung, die ein Weglegen des Buches unmöglich macht.


Obschon der hohen Informationsdichte ist ein Verlieren des roten Fadens kaum möglich. Dafür werden die Beziehungen zu den Protagonisten zu schnell aufgebaut und diese Bindung bildet letztlich auch das Grundgerüst, an der sich der Roman entlang hangelt.


King versteht es wie kaum ein zweiter Schriftsteller, aus Wörtern Bilder zu formen, die sich tief ins Gedächtnis brennen. Nicht zuletzt durch die psychologischen Tricks, die hier angewendet werden. Der Autor spricht in „Es“ die Urängste eines jeden Menschen an und vermag trotz großer Entfernung das Urvertrauen eines jeden Individuum in seinen Grundfesten zu erschüttern.


Auch der Aufbau des Buches kommt den LeserInnen sehr entgegen. Da Buch ist in fünf Teile gegliedert, jeweils mit diversen Unterkapiteln und immer unterbrochen von sogenannten „Zwischenspielen“ in Derry. So wird uns der zu Anfang erschlagende Roman in angenehm kleinen Häppchen serviert. Und auch die Zeitsprünge zwischen 1958 und 1985, sowie die Sprünge der unterschiedlihen Erzählperspektiven werden keine verwirrung stiften, denn auch hier kommt uns der Autor entgegen und betitelt die Abschnitte und Unterkapitel so, dass wir sofort in die neue Sequenz eintauchen können.


Die Moral der Geschichte ist wohl der alte Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen.

Das böse „Es“ konnte nur durch den Zusammenhalt der Freunde besiegt werden, weil Werte wie Freundschaft und Liebe schwerer wiegen als die Taten des Bösen.


Und obwohl das Buch wohl mehrheitlich und völlig berechtigt dem Horror-Genre zugeordnet wird, darf nicht unerwähnt bleiben, dass „Es“ zusätzlich auch ein Entwicklungsroman ist - genauer gesagt ein eindrucksvoller Coming-of-Age-Roman. Im Mittelpunkt stehen nämlich die Entwicklungen der Protagonisten von Kindern zu Erwachsenen, mit all jenen Ängsten und Problemen, die sich das Unterbewusstsein dazu ausdenken kann. (Vielleicht ist der Titel des Buches auch eine Anspielung auf die Freud'sche Theorie der Teilung des Unterbewusstseinsseins in Es/Ich/Über-Ich?)



All diese offensichtlichen und weniger offensichtlichen Punkte sind es, die King zu dem machen, was er ist: Die unangefochtene Nummer eins im Horror-Genre. 

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Ehrenrunde

Pellmann Lukas
Fester Einband: 284 Seiten
Erschienen bei Text/Rahmen, 07.12.2017
ISBN 9783950451009
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Als ob ein Mord an einer Schule noch nicht schlimm genug wäre, sind die beteiligten Personen zudem auch noch der Schulwart (vergleichbar mit dem Hausmeister einer deutschen Schule) und ein Schüler.


Aber nicht so, wie du jetzt vielleicht denkst. Der SCHÜLER ist nämlich der Täter! Wie mutig von Pellmann, einem 14-Jährigen die vermeintliche Täterrolle zuzuschreiben – Dass ein Jugendlicher, fast noch ein Kind, einen Menschen umzubringen vermag, wird gern tabuisiert. Doch das war noch nicht alles, denn das WIE ist in diesem Fall das entscheidende und gleichzeitig auch abstruse, welches das ganze Drama noch mehr ins Rollen bringt.


Mitten auf dem Schulgelände dreht nämlich ein Traktor seine Runden, mit dem 14-jährigen Elias im Sitz, der seine Spuren buchstäblich immer und immer wieder über den Schulwart Arnold Knoll zieht. Grotesk und brutal? - Genau das Richtige für die Wiener Ermittler Vera Rosen und Moritz Ritter.


„Ehrenrunde“ ist bereits der vierte Fall für dieses sympathische Ermittler-Duo und besticht wie sein Vorgänger „Instamord“ durch einen ausgeklügelten Plot, der logisch zu Ende wurde – auf offene Fragen oder Ungereimtheiten wirst du nicht stoßen.


Und dennoch ist es gar nicht mal einfach, dem Twist auf die Schliche zu kommen. Neben dem eingangs erwähnten Täter-Opfer-Duo, spielen bei „Ehrenrunde“ eine ganze Reihe weiterer gesellschaftlicher Ebenen eine Rolle. Neben der Immobilienbranche, So führt uns die Szenerie in die Politik: Der Pflegevater des vermeintlichen Mörders ist auf dem besten Wege dazu, Innenminister der Republik Österreich zu werden – und das mit einer mehr als fragwürdigen politischen Gesinnung. Da lässt Pellmann subtil und gerade deswegen geistreich durchblicken, was er von der ein oder anderen Partei hält (Danke dafür!)


Und all diese gesellschaftlichen Faktoren haben einen Sinn und tragen zur Aufklärung des Mordes bei – die Krux liegt darin, herauszufinden, wo all diese Stränge zusammenlaufen!


Pellmann versteht es, über den Tellerrand seiner Story hinaus zu blicken. So erleben wir als LeserInnen keine verkopfte Geschichte, die auf Biegen und Brechen versucht voran zu kommen. Vielmehr erleben wir ausreichend Freiraum, der vor allem für die Privatleben der beiden Ermittler, sowie die liebevollen Beschreibungen der Schauplätze zu gute kommt.


Moritz ist mittlerweile Vater und seine neue Rolle kostet ihm so manche Kraft – fördert aber auch mehr als unterhaltsamen Galgenhumor zu Tage. Zusammen mit Vera, sorgen die beiden ob der mörderischen Umstände für den ein oder anderen Schmunzler.


Natürlich kommt die Liebe zu Wien und Österreich auch bei „Ehrenrunde“ nicht zu kurz.

„Wappler“, „Beisl“ und „Gewurl“ sind die neusten Begriffe, die ich lernen konnte. Und auch hier wird wieder eine charmante Brücke zwischen der österreichischen und der deutschen Kultur gespannt. Moritz hat deutsche Wurzeln und Vera hat einen Narren daran gefressen, ihrem Kollegen (und uns!) die österreichischen Gepflogenheiten zu erklären.


Das führt letztlich zu einer hohen Informationsdichte. Das Erzähltempo ist hier hoch, weiß jedoch die Grenze zu wahren, um die LeserInnen nicht zu überfordern.


Dies ist nicht zuletzt auch der chronologischen Erzählweise geschuldet. Stringent beschreibt jedes Kapitel einen bestimmten Tag, der jeweils in den Überschriften mit einem konkreten Datum versehen ist. So lässt sich die Ermittlungsarbeit der Protagonisten noch authentischer vorstellen und nachvollziehen.



Wenn du die anderen Fälle um Vera Rosen und Moritz Ritter noch nicht gelesen hast, macht das überhaupt nichts. Die Geschichten bauen zwar im weitesten Sinne aufeinander auf, aber ein Vorwissen ist nicht nötig, um diese Krimis genießen und verstehen zu können. Die Protagonisten werden abermals so geschickt vorgestellt, sodass es für „neue“ LeserInnen ein Leichtes ist, in die Geschichte einzutauchen - und „alte“ Pellmann-Fans gleichzeitig nicht langweilt.


Der Plot aus „Ehrenrunde“ kommt für meinen Geschmack nicht an selbigen aus dem Vorgänger „Instamord“ heran, muss sich jedoch auch nicht dahinter verstecken – das ist eine rein subjektive, nicht belegbare Einschätzung. Ein Serienmord löst m.E. eine größere Spannung aus, als ein einzelner Mord, der das ganze Buch dominiert.


Hervorzuheben sei an dieser Stelle noch, wie dieser Krimi entstanden ist. Denn die LeserInnen konnten selbst Teil des Krimis werden, in dem sie den (vor der hiesigen Gesamtausgabe) in Teilen erscheinenden Roman lasen und den fiktiven Ermittlern Hinweise per Whatsapp oder Instagram zukommen ließen.

So findet man während des Lesens immer wieder Anspielungen auf soziale Netzwerke, beispielsweise den Instagram-Account von Moritz Ritter – Ein interaktiver Krimi, der so nah wie irgend möglich an der LeserInnen ist.


Wenn du übrigens aus Wien kommst, ist in diesem Buch noch ein ganz besonderes Gimmick eingebaut. Am Ende findest du nämlich die Schnitzeljagd, die die Schülergruppe „FREUD“ im Krimi absolviert. Und am Ende des Regenbogens wartet dann auch eine Überraschung auf dich!


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77 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

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Babydoll

Hollie Overton , Marie-Luise Bezzenberger
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 15.05.2017
ISBN 9783442205202
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wäre es nicht manchmal ganz wunderbar, wenn wir von manchen Büchern, die mit einem Happyend enden, noch ein bisschen mehr erfahren würden? Was passiert denn danach?


Und nun stellen wir uns mal vor, dass das Buch damit endet, wie eine junge Frau aus jahrelanger Gefangenschaft endlich aus der Gewalt ihres Peinigers fliehen kann und plötzlich wieder vor ihrem Elternhaus steht.


Ein tolles Happyend. Oder?

Aber gerade JETZT wird es doch besonders spannend!


„Babydoll“ von Hollie Overton setzt genau dort an, wo die meisten Thriller und Krimis enden.


Zunächst werden wir im ersten Kapitel in den Bann der dramatischen Flucht gezogen.

Die Protagonistin Lily Riser ist Mitte Zwanzig und wurde im Alter von 16 Jahren entführt und seitdem von ihrem Peiniger gefangen gehalten - körperlich und seelisch schwerst misshandelt.


Aus den sexuellen Übergriffen ist sogar ein Kind entstanden: Sky ist mittlerweile vier Jahre alt, durfte noch nie den Regen auf ihrer Haut oder das Gras und ihren Füßen spüren und Lilys einziger Grund zu leben.


Und plötzlich ist dieser Tag da, an dem ihr Peiniger einen Fehler macht und Lily mit ihrer Tochter fliehen kann.


In kürzester Zeit schießt der Spannungsbogen nur so in die Höhe. Obwohl wir die Protagonistin noch gar nicht kennen, KANN man nur hoffen, dass sie ihr Martyrium endlich überstanden hat.


Sie sieht ihre Familie und Freunde wieder und kann mit polizeilicher Hilfe den Täter überführen - ein großartiges Gefühl der Genugtuung, welches nicht nur die Protagonistin übermannt.

Das Empfinden, diesen Kampf gewonnen zu haben, hält jedoch nicht besonders lange an, als sie Schritt für Schritt erfährt, was sich alles in den vergangen Jahren geändert hat.


Denn auch ihre Familie und Freunde haben versucht, diesen Schicksalsschlag zu überwinden und ihre Leben fortzuführen.


Lily erfährt, dass ihr Vater den Verlust seiner Tochter nicht überlebt hat.

Ihre Mutter flüchtet sich in wilde Affären.

Dass sie ihre erste große Liebe jemals wiedersehen wird, glaubt Lily sowieso nicht mehr.

Und dann ist da noch ihre Zwillingsschwester Abby - ihre bessere Hälfte, unzertrennlich bis ins Mark - die ihr etwas zu beichten hat, das die Situation noch um einiges verkomplizieren wird.


„Babydoll“ ist m.E. eine Mischung aus einem Familien- und einem Entwicklungsroman. Denn im Mittelpunkt steht eindeutig die Protagonistin Lily und ihre Auseinandersetzung mit sich und ihrer Umwelt – und damit ihre seelische Entwicklung nach dieser dramatischen Lebensgeschichte.

Gleichzeitig steht aber auch ihre Familie, allem voran ihre Zwillingsschwester Abby im Fokus, sowie ihre Beziehungen zueinander.

Zusätzlich finden wir immer wieder Einflüsse aus dem Genre des Thrillers. Der Einstieg und die Thematik sind nichts für schwache Nerven. Overton verzichtet zwar auf plastische oder detaillierte Schilderungen, doch weiß sie dennoch geschickt hin und wieder das Angstzentrum ihrer LeserInnen anzuregen.


Und das, trotz einer relativ langsamen Erzähldynamik. „Babydoll“ ist kein spannungsgeladener Roman im herkömmlichen Sinne, mit Cliffhangern und überraschenden Wendungen. Vielmehr befriedigt es unsere Neugier, ja fast schon voyeuristische Ader, diesem Tabuthema ein Stück näher zu kommen. Gleichwohl dieser Roman rein fiktional ist, besticht er durch seine Authentizität und dem Gefühl, einem Mysterium, über das nicht gesprochen werden darf, auf die Spur gekommen zu sein.


Die Charakterdarstellungen sind sehr gelungen – zu fast jeder Figur kann man eine gute Beziehung herstellen. Dafür sind in einigen Passagen die Handlungen m.E. etwas zu holprig, wirken nicht authentisch genug. Sicherlich kann niemand von uns einschätzen, wie sich die Personen in einer solchen Ausnahmesituation fühlen und wie sie handeln werden. Dennoch sind manche Angelegenheiten nicht ganz nachvollziehbar.


Positiv ist vor allem auch der Wechsel der Erzählperspektiven. Wie oben erwähnt, legt dieser Roman Wert auf mehr als eine Person, obschon Lily unumstößlich die Protagonistin bleibt.

So wechselt der Blickwinkel dennoch auch zu anderen Charakteren - nicht zuletzt zum Täter, der durch sein krudes, psychopathisches Denken die LeserInnen ebenso in seinen Bann zu ziehen weiß.


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286 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 79 Rezensionen

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Das Porzellanmädchen

Max Bentow
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 17.07.2017
ISBN 9783442205110
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Das „Porzellanmädchen“ legt direkt und ohne Umschweife los: Bentow führt die LeserInnen in die Welt eines skrupellosen Kinderschänders.


Ein junges Mädchen wird entführt, von ihrem Peiniger gefangen gehalten und zu absurden Spielchen gezwungen, bei denen eine Porzellanpuppe sie zu beobachten scheint. Oder ist das nur die Fantasie, in die sich das Opfer zu retten versucht?


Der Autor schafft gleich zu Beginn ein Stimmung voller Unbehagen, obschon er nicht einmal explizite Darstellungen liefert, sondern mit vielen subtilen Andeutungen „nur“ die Fantasie der LeserInnen anregt.


Dieses erste Kapitel überstanden, lernen wir die Protagonistin des Thrillers kennen.

Luna Moor ist eine 28-jährige, erfolgreiche Autorin, die gerade an ihrem neuen Thriller schreibt. Dafür zieht sie sich aus ihrer alltäglichen Umwelt zurück und mietet sich ein Häuschen im Wald an, dass die düstere Atmosphäre ihres eigenen Buches zu unterstützen vermag.


Unterbrochen wird ihre Schreibphase durch einen Gefallen, um den ihre beste Freundin sie bittet. Damit diese ihren neuen Freund im Ausland besuchen kann, soll Luna auf ihren 15-jährigen Sohn aufpassen. Für Leon ist das natürlich ein großes Abenteuer: Feuer und Flamme die alltägliche Welt der Berliner Großstadt für ein paar Tage hinter sich zu lassen, zieht er zu Luna – in das abgelegene und verlassene Bauernhaus.


Als Leon herausfindet, was Luna zum Gegenstand ihres neuen Buches gemacht hat, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Luna und ihre Figur ähneln sich nicht nur äußerlich, sondern auch in ihren Verhalten und Geschichten.

Immer mehr Parallelen kristallisieren sich heraus. Zufall? Stück für Stück erhalten wir mehr Einblicke in Realität und Fantasie von Luna. Und so bleibt der Spannungsbogen auch fast dauerhaft ganz weit oben! Sind ihr die fürchterlichen Dinge tatsächlich zugestoßen oder wird sie langsam wahnsinnig, befindet sich gar am Rand einer paranoiden Schizophrenie?


Doch nicht nur Leon liest das Manuskript: Wir lesen mit! Und genau DAS macht die gewisse Dynamik, den Reiz dieses Buches aus.

Es handelt sich hier um einen Thriller im Thriller – wir bekommen nicht nur ein paar kurze Passagen zu Gesicht, sondern ganze Kapitel, die Max Bentow als Luna Moor geschrieben hat.


Und diesen Unterschied merkt man! Bentow schreibt als seine Protagonistin wesentlich radikaler und roher. Während in den anderen Kapiteln etwas mehr auf die Fantasie der LeserInnen spekuliert wird, sind die Beschreibungen der Luna Moor weitaus brutaler und plastischer.

Auch werden sexuelle Szenen recht unverblümt geschildert. All das wird nicht jedem gefallen, zeigt doch aber, wie schonungslos das Leben nun einmal ist. So kommen auch Fans von Splatter-Thrillers etwas auf ihre Kosten.


Die Charaktere werden auf eine angenehme Weise zwischen den Zeilen beschrieben. Bentow umgeht eine direkte Konfrontation mit den Eigenschaften der Protagonisten, sondern lässt vielmehr hin und wieder die Eigenheiten geschickt durchblitzen. Ein paar Handlungen wirken etwas übereilt, überspitzt und dadurch nicht sonderlich authentisch. Oder vielleicht reagiert man auch in einem solchen Horrorszenario so?


Apropos Horror: Eine sehr zentrale Rolle in diesem Thriller spielt die eingangs erwähnte Porzellanpuppe. Sie hat hin und wieder mehr als menschliche Züge und integriert Horrorelemente á la „Annabelle“.


Für meine Begriffe war es etwas zu einfach, dem Täter auf die Spur zu kommen. Obschon die Geschichte gut ausgeklügelt ist und der Plot logisch zu Ende gedacht wurde, kamen die ersten Vermutungen dazu doch recht schnell auf.


„Das Porzellanmädchen“ ist ein hervorragender Einstieg, um mit dem Autor Max Bentow in Kontakt zu kommen. Dies ist ein Thriller mit wenigen Handlungsschauplätzen oder Personen und kommt ganz ohne die klassische Ermittlungsarbeit aus. Die Fälle um den Ermittler Trojan sind da schon um einiges komplexer – je nachdem was du bevorzugt, ist der Autor breit aufgestellt.


Das Ende ist angenehm offen gehalten. Kein Gefühl des „Alleingelassenwerdens“ wie bei so manchem Thriller, der mit einem bösen Cliffhanger endet. Aber auch keine völlige Abgeschlossenheit – wir dürfen in jedem Fall auf einer Fortsetzung hoffen.

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Zeitlauscher

Markus Veith
Flexibler Einband: 110 Seiten
Erschienen bei OCM, 01.03.2016
ISBN 9783942672412
Genre: Fantasy

Rezension:

Der kleine Konrad und seine Familie merken schnell, dass er anders ist, als die anderen.

Schon im Kindesalter hat er ein hervorragendes Talent für Zeichnungen. Gruselig ist nur, dass die Personen die er in Alltagssituationen malt, nie ein Gesicht haben. Und dann redet Konrad auch noch, obwohl niemand in der Nähe ist. Doch er führt keine Selbstgespräche, sondern antwortet auf Fragen, die ihm niemand gestellt hat.


Dieser Einstieg löst zunächst erst einmal Unbehagen und viel Neugier aus. Was hat Konrad? Leidet er vielleicht an einer Form des Autismus oder einer anderen Erkrankung?


Alles nicht.


Konrad kann Menschen hören – Menschen, die schon lange nicht mehr unter uns weilen.

Anfangs kann er dieses Wirrwarr in seinem Kopf noch nicht kontrollieren. Je nachdem an welchem Ort er sich befindet, hört er alle Gespräche, die jemals dort stattgefunden haben. Klar, dass Chaos vorprogrammiert ist.

Nach und nach lernt er mit seiner Fähigkeit systematisch umzugehen und kann die Zeitpunkte zu denen er reist kontrollieren.


Aufregend ist an dieser Stelle das Gedankenexperiment, ob man diese Fähigkeit überhaupt besitzen möchte. Sicherlich ist es zunächst spannend, doch werden früher oder später auch Dinge und Geheimnisse zu Tage gefördert werden, die besser im Dunkeln geblieben wären. Oder nicht?


Konrad geht es ähnlich. Einem Schulausflug zu einer KZ-Gedenkstätte sagt er ab.


Und nun kommt die Liebe ins Spiel, von der im Klappentext die Rede ist: Er lernt Klara kennen! ...die vor 476 Jahren gelebt hat und die erste Person aus der Vergangenheit ist, die ihm antworten kann.


Jahrelang „treffen“ sie sich an einem bestimmten Ort und verlieben sich ineinander, nichtsahnend, dass Konrad in ihrer Zukunft stöbern kann und sieht, welches Schicksal ihr bevorsteht.


Der „Zeitlauscher“ ist eine tiefgründige Liebesgeschichte, die ganz ohne kitschige Floskeln eine Gänsehaut zaubert.


Trotz der knappen Länge gelingt es dem Autor, die Protagonisten so zu beschreiben, dass ein Mitfühlen unabdingbar ist. Konrad und Klara sind zwei liebevolle Menschen und offensichtlich Seelenverwandte – da kann es nur dramatisch werden, dass sich die beiden um fast 500 Jahre verpasst haben.


Die Theorie der Zeitreisen solltest du mögen. Natürlich ist (bislang?) reine Fantasie, doch in dieser Kurzgeschichte ist diese Theorie zumindest logisch zu Ende gedacht. Mit sinnvollen Zeitreiseelementen (Stichwort: überlieferte Geschichten ;) ), ist ein Eintauchen ist die Welt von Konrad und Klara sehr einfach und es bedarf keiner komplexen Gedankengänge, um dem Plot zu folgen.


Anders als bei anderen Kurzgeschichten, hinterlässt die hiesige die LeserInnen mit glücklicherweise relativ wenigen offenen Fragen. Natürlich lässt das Ende der Fantasie freien Lauf, doch du kannst dir Gewiss sein, die Geschichte mit einem befriedigenden Gefühl zu beenden.


Besonders zu erwähnen ist in dieser Rezension auch das großartige Layout.

Hier wird mit Schriftgrößen und -arten gespielt und die Geschichte dadurch sehr lebendig.

Außerdem gibt es ein Daumenkino eines fallenden Eichenblatts, was noch einmal den Bezug zum wohl wichtigsten Ort für Konrad und Klara herstellt – und natürlich auch die traurig-schöne Geschichte der beiden widerspiegelt.

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Das Paket

Sebastian Fitzek
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Droemer, 26.10.2016
ISBN 9783426199206
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Klassischerweise beginnt auch dieser Psychothriller von Fitzek mit einem Prolog, den man in den ersten Augenblicken noch nicht recht einzuordnen vermag.


Die kleine Emma schleicht sich eines Nachts völlig verängstigt in das Schlafzimmer ihrer Eltern – denn in ihrem Schrank lauert wieder der gruselige, fremde Mann. Ihre Eltern kennen das schon. Emmas Fantasie geht wieder einmal mit ihr durch - das wird sich verwachsen.


Und das tat es.

28 Jahre später, das selbstreflektierte Denken gelernt, ist ihr Interesse an der menschlichen Psyche ungebrochen. Sie ist Psychiaterin geworden und hilft ihren KlientInnen durch die schwersten seelischen Erschütterungen.


Doch auch PsychologInnen sind nicht vor psychischen Erkrankungen geschützt. Und schon gar nicht, wenn sie ein schweres Trauma zu verarbeiten haben:

Emma wurde während es eines Kongresses in ihrem Hotelzimmer überrascht und vergewaltigt.


„Das Problem mit psychischen Erkrankungen war die Unmöglichkeit von Selbstdiagnosen. Sein Gehirn mit dem eigenen Gehirn verstehen zu wollen, war in etwa so erfolgversprechend wie der Versuch eines einarmigen Chirurgen, die eigene Hand wieder anzunähen.“ (S.142)


Emotional völlig instabil und verängstigt, gelingt es ihr nicht mehr das Haus zu verlassen, geschweige denn ihren Alltag allein zu meistern. Da ihr Mann Philipp beruflich oft unterwegs ist, ist sie auf den Postboten angewiesen – denn er ist ihr Kontakt zur Außenwelt und bringt ihr beinahe täglich die georderten Produkte aus dem Internet. Doch heute bittet sie der Postbote, ein Paket für einen Nachbarn anzunehmen. Für dich und mich wahrscheinlich selbstverständlich, stellt es für Emma ein kaum zu meisterndes Problem dar, denn ihr Peiniger aus der Schreckensnacht ist bis heute auf freiem Fuß – und den Namen des Nachbarn hat sie noch nie gehört.


Dieses Setting ist vor allem für all diejenigen unter uns interessant, die besonderen Wert auf das „Psycho“ in „Psychothriller“ legen.

Denn zunächst wird erst einmal das Urvertrauen der Protagonistin und somit auch das der LeserInnen schwer in Mitleidenschaft gezogen: Ein sexueller Missbrauch und das anschließende Rasieren des Kopfes als Zeichen der Aberkennung der Weiblichkeit, sind wohl zwei der intimsten Eingriffe in die Privatsphäre und Würde eines jeden Menschen. Hier bedarf es dann auch keiner detaillierten Beschreibungen: Fitzek setzt voll und ganz auf die Fantasie der Leserschaft.


So wird gleich zu Anfang ein Gänsehautmoment geschaffen, dessen Nachwehen sich das komplette Buch hindurch schlängeln. Ein mulmiges Gefühl breitet sich langsam und bedächtig aus und wird durch das sich langsam aufbauende Spannungsgefüge noch verstärkt. Denn, anders als bei anderen Geschichten des Autors, fährt die Story meines Erachtens relativ langsam hoch. Die ersten 100 Seiten mögen die LeserInnen in die richtige Stimmung versetzen, die typischen Cliffhanger und die damit verbundene kaum auszuhaltende Spannung, beginnt erst danach richtig Fahrt aufzunehmen.


Doch ab diesem Wendepunkt geht es dann auch richtig los. Dauerhaft hat man als LeserIn das Gefühl, dass sich der Plot bereits am Höhepunkt befindet, bevor Fitzek den nächsten Twist einfügt.

Omnipräsent ist die Frage nach dem Täter. Zwischenzeitlich wirst du einfach jeden verdächtigen und am Ende trotzdem überrascht sein.


Leider ist dieses Hochgefühl nicht auch auf die Protagonistin zu übertragen. Obschon sie in der Theorie aufgrund ihres Werdegangs eine spannende Person ist, hatte ich persönlich so meine Probleme, einen Zugang zu ihr zu finden. Manche ihrer Handlungen waren nicht recht stimmig und wirkten auf mich nicht rund. Emma ist meines Erachtens eine zu stark konstruierte Person, die dadurch an Glaubwürdigkeit verliert – oder andererseits durch ihre übertriebene Paranoia an den Nerven zerrt.


Der Schreibstil ist angenehm einfach. Wer auf eine gehobene Sprache und verschachtelte Sätze Wert legt, wird enttäuscht werden. Fitzeks Bücher sind und bleiben Storys für jeden.


Clever gelöst ist im hiesigen Fall auch die Perspektive der Erzählung. Wir finden nämlich Kapitel, die zum Zeitpunkt x spielen, nämlich genau dann, als die ganze Story um das ominöse Paket losgeht. Und andere Kapitel spielen wiederum drei Wochen später, als die Protagonistin diese Ereignisse einem Anwalt erzählen muss. Eine Geschichte in der Geschichte sozusagen. Und das hat einen guten Grund.


Wie oben erwähnt, ist das Ende wieder einmal großartig – da einfach nicht vorauszusehen. Wenn du dich an die Story aus „Der Nachtwandler“ erinnerst, kann ich dir ohne zu spoilern verraten, dass du dir auch hier keine große Mühe machen musst, den letzten ausschlaggebenden Twist vor Beendigung des Buches vorherzusehen. Und genau das ist es doch, was einen Psychothriller zu einem GUTEN Psychothriller macht, nicht wahr?



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169 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 126 Rezensionen

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Böses Kind

Martin Krist
Flexibler Einband: 324 Seiten
Erschienen bei epubli, 26.10.2017
ISBN 9783745035292
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Suse ist eine heillos überforderte
Mutter – sitzen gelassen von ihrem Ehemann, versucht sie sich und
ihre drei Kinder mit einem Teilzeitjob in der Drogerie über Wasser
zu halten.


Was in jedem Fall einfacher gelingen
würde, wenn ihre pubertierende Tochter Jaqui nicht zusätzlichen
Stress bereiten würde. Wieder einmal ist sie von zu Hause
ausgerissen.





Die ersten Seiten versetzen die
LeserInnen sofort in eine Stresssituation. Man kann förmlich die
Hektik und Lautstärke spüren, der Suse ausgesetzt ist. Ein
unbehagliches Gefühl zwischen Mitleid und der
„Situation-entfliehen-wollen“ macht sich breit, bevor die
Kopfschmerzen der Protagonistin die eigenen werden. Ein
hervorragender Einstieg: So authentisch eine Problemsituation zu
schildern, ohne dabei auf Biegen und Brechen eine Geschichte
konstruieren zu wollen, gelingt in den seltensten Fällen.





Bald darauf machen wir Bekanntschaft
mit Ermittler Henry Frei. Auch dieser wirkt wie aus dem echten Leben
gegriffen. Frei hat etwas neurotische Züge und erinnert in seinem
Handeln an Charaktere wie „Monk“ oder „Dr. House“ - um
bekanntere Fernsehgrößen zu nennen, die den Vergleich am
deutlichsten machen. Hier und da fühlt man sich sogar selbst erkannt
- denn wer von uns hat keinen Spleen, der auf andere Menschen
befremdlich wirkt? Gleichzeitig erlebt man ihn immer wieder aufs Neue
als liebevollen Familienvater, der sich fürsorglich um Frau und
Tochter bemüht. Frei wird von Seite zu Seite sympathischer.





Sein Können als couragierter und
disziplinierter Ermittler stellt er ebenfalls unter Beweis, als sich
die Ereignisse alsbald überschlagen:


Auf einer Baustelle wird ein
gekreuzigter Hund gefunden, der zwar kein Fall für die
Mordkommission ist, aber ein grausamer Vorbote für die nächsten
Geschehnisse. Kurz darauf ist das Opfer nämlich kein Hund mehr,
sondern ein Teenager.





Jetzt kommt wieder Suse ins Spiel, die
sich parallel in all ihrem Trubel Sorgen um ihre ausgerissene Tochter
machen muss. So lange fern zu bleiben ist auch für Jaqui nicht
üblich – Suse informiert die Polizei und hat einen grausamen
Verdacht.





Wer jetzt auf einen klassischen Krimi
nach Schema F hofft, wird bitterlich enttäuscht werden – und alle
anderen, inklusive mir, dürfte das besonders freuen. Die
Vorgehensweise ist unüblich und gerade deshalb so kurzweilig und
abwechslungsreich.





Neben diese beiden Erzählsträngen,
die im Laufe des Thrillers zusammenfinden werden und für sich
genommen schon spannend genug sind, erhalten die LeserInnen in
regelmäßigen Abständen einen Einblick in die Szenen einer völlig
unbekannten Person. Eingesperrt in ein Kellerverlies, werden aus
dieser Sichtweise die grausamsten Ängste beschrieben, die man sich
wohl ausmalen kann. Das passiert aber nicht wortwörtlich, sondern
vor allem durch die Fantasie der LeserInnen. Grausame Taten werden
nicht bis ins letzte Detail beschrieben, sondern geschickt mit
wenigen Worten angedeutet und die Leserschaft sich selbst überlassen.





Clever sind auch die eingesetzten
Stilmittel. Beispielsweise hören die Charaktere immer mal wieder
Musik und man wird als LeserIn sofort in die gleiche Stimmung des
Protagonisten versetzt. Ohrwürmer sind garantiert. Ähnlich verhält
es sich mit der immer wieder angezeigten Uhrzeit. Eine prima Methode,
um den LeserInnen eine Hilfe zur zeitlichen Einordnung zu geben, ohne
es umständlich in schlecht konstruierten Sätzen unterbringen zu
müssen.





Und der Schreibstil insgesamt?


Der ist einfach gehalten, ohne
ausschweifende Erzählungen, die mit der Hauptstory nichts zu tun
haben. Die Kapitel enden häufig mit einem Cliffhanger, was mir
persönlich sehr gut gefällt – denn so wird besonders viel
Spannung erzeugt. Das wird weiter unterstützt, durch den
angesprochenen fortlaufenden Perspektivenwechsel der Kapitel. So
müssen die LeserInnen sogar immer wieder ein paar Seiten warten, bis
es mit der gewünschten Person weitergeht und ein weiteres Puzzleteil
hinzukommt – die Spannung steigt so ins Unermessliche und der
Thriller scheint förmlich in den Fingern dahin zu schmelzen.





Das Sahnehäubchen auf diesem Eisbecher
sind die nicht vorauszusehenden Twists, die Krist geschickt einbaut:
Ist man sich endlich sicher, des Rätsels Lösung gefunden zu haben,
merkt man schnell, dass man selbst auch nur ein Opfer ist: Ein Opfer
des Autors, der die LeserInnen subtil aber erfolgreich auf die
falsche Fährte geführt hat. Großartig!





Alleinig das Ende ist meines Erachtens
nicht so perfekt gelungen, wie der Rest.


Das hat jedoch nichts mit der Story an
sich zu tun, welche hervorragend logisch bis zum Ende gedacht wurde.
Viel mehr wurde der Thriller nach des Auflösung so abrupt
abgebrochen, dass ein paar mehr Sätze dazu nicht geschadet hätten.
So fühlte man sich im Stich gelassen, mit zu vielen offenen Fragen
über die Charaktere, die im nächsten Fall für Frei sicherlich
keine Rolle mehr spielen werden. Andererseits hat man plötzlich
Zeit, die Geschichte in Ruhe wirken zu lassen. Denn der letzte Twist?
Wirkt noch immer nach.   

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19 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

Trittbrettmörder

Arne Dessaul
Flexibler Einband: 408 Seiten
Erschienen bei Gmeiner-Verlag, 06.07.2016
ISBN 9783839219485
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Binnen zwei Wochen kommen zwei Menschen in Wolfenbüttel auf tragische Weise ums Leben: Hanno ist Landwirt und stirbt durch eine unentdeckte Mine aus DDR-Zeiten in seinem Trecker. Ellen wird in ihrer Boutique Opfer eines Raubüberfalls – Tausend Euro gegen ein Menschenleben.


Bislang können wir von zwei bedauerlichen Schicksalen sprechen, die unglücklicherweise innerhalb kurzer Zeit im gleichen Ort passiert sind.


Oder aber von vorsätzlichem Mord!


Denn die Serie der plötzlichen Tode geht weiter und langsam lässt sich ein Muster erkennen.


Helmut Jordan ist der zuständige Ermittler und erkennt schnell einen Zusammenhang zwischen den vermeintlichen Unfällen: Alle Opfer gehören zum Abschlussjahrgang 1989 des hiesigen Gymnasiums.

Plötzlich ist allen klar: Das können keine Zufälle mehr sein. Was jedoch nicht klar ist: Wer hat die Absolventen des fast 25 Jahre zurückliegenden Abiturjahrgangs auf dem Gewissen – und warum?


Dessauls Debütroman ist nichts für schwache Nerven oder halbherzige Lesestunden. Eine hohe Informationsdichte sorgt dafür, die Leserschaft so nah wie möglich in die Geschehnisse und Ermittlungen eintauchen zu lassen.


Besonders in den ersten Kapiteln wird die Liebe zum Detail deutlich. Eine Sympathie zu Hanno ist nach einer solch tief gehenden und differenzierten Darstellung unumstößlich und führt die LeserInnen unmittelbar in den ersten Spannungsanstieg, als dieser den Tod durch eine plötzliche Explosion findet.


Langeweile kann in diesem Krimi nicht aufkommen – hier wird von den LeserInnen ein Mitdenken erwartet und vorausgesetzt.


Sollte der rote Faden doch einmal aus den Augen verloren worden sein, erwartet die Leserschaft in regelmäßigen Abständen eine clever verpackte Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse, um neben den zahlreichen Eindrücken die Hauptstory im Blick behalten zu können.


Während der 400 Seiten spürt man immer wieder den Spaß, den der Autor während des Schreibens der unterschiedlichen Todesursachen gehabt haben muss: eine unterhaltsame und zugleich makabere Kreativität, die in Krimis in einem solchen Umfang nur sehr selten zu finden ist.


Dessaul schaut über den Tellerrand der klassischen Vorgehensweise eines Krimis hinaus und vernachlässigt dabei nicht, die Hauptpfeiler zu berücksichtigen, um den Spannungsbogen konstant aufrecht zu erhalten. Selbiger findet wie erhofft, seinen Höhepunkt am Ende des Krimis und mündet in einem großen Finale – voller logischer Zusammenführungen, „Aha-Momente“ und der ein oder anderen Wendung, die trotz dauerhaften Mitratens nicht vorauszusehen war.


Trittbrettmörder ein gelungener Einstieg in die Welt von Helmut Jordan, welcher mit seiner unterhaltsamen Art und Weise das Interesse vieler LeserInnen ansprechen dürfte: Wie aus dem echten Leben sind die Szenen und Schauplätze nicht nur für ortsansässige Mittvierziger interessant, sondern für alle Fans eines logisch zu Ende gedachten Krimis, der durch einen geschickten Plot zu überzeugen weiß.  

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125 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 97 Rezensionen

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Dunkel Land

Roxann Hill
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 13.11.2017
ISBN 9783959671385
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Ein sternenklarer Himmel an einem lauschigen Abend irgendwo in Berlin. Du sitzt gemütlich auf deiner Veranda und lässt die Seele baumeln. Ein Gedanke hier, ein Gedanke dort – bis du völlig entspannt wieder zurück ins Haus gehst, um mit einem Lächeln dein Werk zu vollenden. Lang genug hast du dich zurückhalten können, um so viel Freude wie möglich mit deinem Spielzeug zu haben. Doch nun..

Nun setzt du im grellen Neonlicht dem jungen Mann den finalen Todesstoß. An einem Haken baumelte er lang genug. Seine Augen könnten nicht noch weiter anschwellen. Der Blutverlust wurde sowieso langsam kritisch.


Der Prolog zu Roxann Hills „Dunkelland“ ist alles andere als leichte Kost. Brutal und verstörend werden die LeserInnen ohne Umschweife in die Tiefen der mörderischen Seele eingeführt und verbleiben mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, bis der Hauptstrang zu erzählen beginnt.


Carl von Wuthenow ist ein intelligenter und mehr als gut situierter Mann. Mit jahrelanger Erfahrung beim FBI in den USA ist er mittlerweile als Berater für die deutsche Kriminalpolizei tätig. Wäre da nicht ein kleines Problem:

Seit einem „Unfall“, bei dem Teile seines Hirns geschädigt wurden, vergisst Carl alles, was er seit diesem Unfall erlebt hat. Sein Gedächtnis fängt nach jedem Schlaf von vorne an. Ohne die allabendlichen Notizen über die Erlebnisse ein kaum zu meisternder Alltag.


Dabei unterstützen soll ihn Verena Hofer. Plötzlich Erziehungsberechtigte für ihre verwaiste Nichte, braucht sie dringend Geld und bezieht mit dem Wissen, eine therapeutische Unterstützung für einen kleinen Jungen namens Carl zu sein, das Gut Wuthenow. Schnell wird eines besseren belehrt und in die polizeilichen Ermittlungen eines zu Tode gequälten jungen Mannes involviert. Sie dient Carl fortan nicht nur als Gedächtnisstütze, sondern entwickelt sich zu einer waschechten Ermittlerin – Ein unverhoffter Jobwechsel mit viel Potenzial.


Der Schreibstil ist angenehm einfach. Eine lückenlose, chronologische Erzählweise machen die Handlungen authentisch und vermitteln das Gefühl, stets ein Teil der Ermittlungen zu sein. Hill braucht auch keine verschachtelten Sätze, blutrünstige Beschreibungen oder eine auf Teufel komm raus konstruierte Geschichte.

Mit gut eingesetzten Stilmitteln gelingt es der Autorin schnell, die LeserInnen mit den Protagonisten sympathisieren zu lassen.



Und die Thematik? So modern und aufgeklärt unsere Gesellschaft in weiten Teilen des Landes auch sein mag: Es gibt immer noch Tabuthemen, über die nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Und die Zensur darüber nur weiter verstärkt.


Kinder- und Jugendprostitution beispielsweise, betrieben von geflüchteten Jungen, die ihre zurückgebliebenen Familien zu unterstützen versuchen. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht – die Ausbeutung von Schutzbefohlenen passiert jeden Tag und jede Nacht. Nur wird darüber ungern gesprochen.


Diese Problematik zum Gegenstand eines Krimis zu machen ist couragiert, ungewöhnlich und gerade deswegen von solcher Bedeutung. Roxann Hill schafft es, auf subtile Art und Weise dem Fremdenhass Einhalt zu gebieten und verliert dabei weder die eigentliche Handlung, noch die Protagonisten aus den Augen.


Im Gegenteil. Verena und Carl werden alsbald zu stark konturierten Persönlichkeiten, deren Gedanken charmant und vor allem nachvollziehbar sind.


Meines Erachtens ist dies ein mehr als gelungener erster Fall eines ungewöhnlichen Ermittlerduos, welcher lediglich durch die mehr als klassische Vorgehensweise (Ein Toter, die Ermittlungen beginnen, weitere Tote, Ermittlungen kommen voran, Twist, TäterInnen werden überführt etc.) einen sanften Dämpfer erleidet. Der Spannungsbogen ist demnach ebenfalls vorhersehbar, aber dennoch vorhanden und ausreichend für einen guten Krimi.


Das Ende lässt definitiv auf einen zweiten Band hoffen.  

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29 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

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Die letzte Erkenntnis

Bernadette Calonego
Flexibler Einband: 396 Seiten
Erschienen bei Edition M, 17.10.2017
ISBN 9781542048521
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Zwei Menschen - zwei Schicksale. Unterschiedlicher könnten die Protagonisten Lester und Tia wohl kaum sein.
Lester ist Anfang Dreißig, lebt in Kanada, ist ein mehr oder weniger bekannter Schauspieler und wird durch seine gut situierten Familienverhältnisse so schnell nicht in Geldnot geraten. 
Tia dagegen ist Mitte Zwanzig, eine begabte Pianistin aus der Schweiz, die sich nun der Mal- und Musiktherapie von Kindern verschrieben hat.
Was die beiden verbindet? Auf den ersten Blick nicht viel. Sie kennen sich nicht und werden sich durch die zig tausenden Kilometer Entfernung auch so schnell nicht begegnen.
Doch wie Lesters Bruder wurde auch Tias Vater erschossen.
Solche Zufälle passieren ständig, sagst du dir?
Da hast du vermutlich Recht.Doch Lester werden Dokumente zugespielt, auf denen unterer anderem der Name von Tias Vater steht - immer noch ein Zufall? Wohl kaum.
Für Lester ist dieser Fall klar: der mehr schlecht als recht aufgeklärte Mord seines Bruder vor vier Jahren war keine Zufallstat, sondern grausames Kalkül. Genau wie die Morde an den Wissenschaftlern, deren Namen ebenfalls in den Dokumenten auftauchten.  
Parallel zu seiner Geschichte, wechselt die Erzählperspektive immer wieder zurück zu Tia, die nach dem Mord ihres Vater einen Neubeginn startet und auf einer kanadischen Ranch Erholung sucht. 
Auch ohne blutrünstige Beschreibungen der Morde erzeugt dieser Krimi eine hohe Spannung. Calonego versteht es, mit Cliffhangern zu arbeiten und die LeserInnen zappeln zu lassen, bevor sie das nächste Puzzleteil erhalten. 
„Die letzte Erkenntis“ ist kein Krimi, den man nebenbei „schnell mal“ lesen kann: Hier ist Aufmerksamkeit gefragt! Sehr viele Namen und Orte spielen eine besondere Rolle und am Ende wird man belohnt. Wie zwei Zahnräder greifen die Erzählstränge ineinander und überzeugen mit einem perfekt ausgeklügelten, bis ins kleinste Detail geplanten Überbau. 
Die Beschreibungen der Charaktere sind dagegen nicht so durchdacht, wie der Rest des Buches. Obschon über Tia und Lester durchgängig aus der dritten Perspektive erzählt wird, fällt eine Verbindung zu den Protagonisten schwer. Andere (durchaus wichtige!) Charaktere werden nicht näher beleuchtet und hinterlassen viele Fragen. So bleiben neben den Protagonisten auch die anderen Persönlichkeiten zumeist inhaltslose Schatten, bei denen ein Mitfiebern schwer bis nicht möglich wird. 
An die Satzkonstruktionen gewöhnst du dich schnell. Schnelle, kurze und präzise Sätze lassen eine innere Unruhe aufkommen und man läuft Gefahr, den ein oder anderen Satz nur zu überfliegen. Diese Falle erst einmal erkannt, bedarf es auch keiner überflüssigen Nebensätze mehr - Calonego schafft trotzdem - oder gerade deswegen -  eine unheilvolle Stimmung. 
Auch die Zielgruppe des Krimis dürfte eine weite sein: Neben Themen wie Ermittlungsarbeit, Sekten und Politik, bietet „Die letzte Erkenntnis“ vor allem etwas für diejenigen, die sich nach der Ferne sehnen. Calonego spannt einen hervorragenden Bogen zwischen verschiedenen Kulturen - verstreut über den halben Erdball.  

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28 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Warum Tätowierte mehr Sex haben

Mark Benecke
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 13.11.2010
ISBN 9783404606474
Genre: Humor

Rezension:

Bücher über wissenschaftliche Experimente gibt es viele. Meist sind sie staubtrocken und zugepackt mit unzähligen Fremdwörtern, sodass Otto Normalverbraucher schon nach wenigen Seiten das Interesse verliert.


Es sei denn.. Man untersucht bizarre Fragestellungen.

Kann man eine Kokosnuss anstelle einer Kochsalzlösung zur Infusion verwenden? Mit wie viel Druck sondern Pinguine ihren Kot ab? Haben Tätowierte mehr Sex?


Der Ig-Nobelpreis (engl.: ignoble=unwürdig) untersucht genau die Fragen. Experimente, die so absurd aber gleichzeitig so interessant sind, dass sie zwar niemals eine offizielle Auszeichnung erlangen, aber dennoch einer Würdigung bedürfen.


Mitherausgeber der jährlichen Verleihung ist Mark Benecke. Kommt dir dieser Name bekannt vor? Dann bist du vielleicht Fan von Kriminalsendungen wie Autopsie oder Akte Mord. Dort gibt der Kriminalbiologe spannende Einblicke in die Welt der Forensischen Entomologie und erklärt, wie es den Ermittlern der abscheulichen Morde immer wieder aufs Neue möglich ist, die Täter zu fassen.


Mit einem Doktortitel ausgestattet, ist es nicht verwunderlich, warum sich der tätowierte Kriminalist für die Fragestellung des Titels interessieren könnte.


Doch schnell wird man enttäuscht. Die Antwort dafür wird in den ersten zweieinhalb Seiten gegeben und hinterlässt die Leserschaft dennoch mit einem weiterhin unwissendem Gefühl – es stellt einfach nicht zufrieden.


Wenige Kapitel später, wird die gleiche Frage noch einmal aufgeworfen – dieses Mal mit gepiercten Menschen. Und wieder gewinnt man den Eindruck, dass das keine befriedigende Antwort auf die Frage war.


Die kurzen Kapitel eigenen sich hervorragend, um zwischendurch mal eines davon zu lesen. Sie bauen nicht aufeinander auf. Für den nächsten Abend mit Freunden hast du so immer etwas unnützes Wissen im Hinterkopf parat.


Leider ist der Schreibstil nicht gerade spannungsaufbauend. Einige der Themen wurden so ausgeschlachtet und die Antwort auf das Experiment längst gegeben, dass man gewillt war, das Kapitel abzubrechen um zum nächsten überzugehen. Andere Kapitel hingegen wurden so knapp beschrieben, dass ein paar Sätze mehr dem Sachverhalt nicht geschadet hätten.


Benecke ist ein intelligenter Satiriker – und das merkt man auch. Mit Witz und Charme werden alltägliche Phänomene wissenschaftlich erklärt – aufgelockert durch unzählige Fotos, Diagramme oder Skizzen. So ist das Buch ein relativ kurzes Vergnügen. Das macht jedoch den Eindruck nicht wett, dass man sich hier für eine genaue Zielgruppe hat entscheiden können. Für ein lustiges Buch ist es zu unlustig – für ein wissenschaftliches Buch ist es zu unwissenschaftlich. Der Versuch eine Mischung aus beidem zu erwirken, ist hier nicht sonderlich geglückt, da der eintönige und sich immer wiederholende Ablauf ermüdet.


Am Ende einer jeden Abhandlung gibt Benecke glücklicherweise seine persönliche Meinung kund - und rettet dadurch mit Witz den wissenschaftlichen Anspruch des Buches. Auch Wissenschaftler sind vor Kausalitätsproblemen nicht gefeit und verirren sich im ein oder anderen Gedanken.


Insgesamt gewinnt man so den Eindruck, keine neuen Erkenntnisse zu gewinnen, da man sich die Antworten meist schon denken kann. Keine Überraschungen und das ständige Gefühl, es bereits gewusst zu haben.


Wenn du übrigens das Buch „Warum man Spaghetti nicht durch zwei teilen kann“ schon gelesen hast, dann ist „Warum Tätowierte mehr Sex haben“ definitiv nicht das Richtige für dich. Das ist nämlich nur eine Neuauflage unter einem anderen Titel – mit dem gleichen Inhalt.  

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221 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 39 Rezensionen

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Gwendys Wunschkasten

Stephen King , Richard Chizmar , Ulrich Blumenbach
Fester Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.10.2017
ISBN 9783453439252
Genre: Fantasy

Rezension:

Was wäre, wenn du einen Knopf drücken könntest, der jeden deiner Wünsche erfüllt? Was wäre, wenn durch den Knopf alles ausgelöscht werden würde, was dich stört?


Was wäre, wenn?


„Du kannst die Dinge wennen, bis du durchdrehst, meine Gute.“ (S.120)



Gwendy ist ein unscheinbares zwölfjähriges Mädchen aus Maine, mit Gedanken und Problemen, die so viele Jugendliche plagen. Ich bin zu dick. Die Jungs mögen mich nicht.“


Die Autoren King und Chizmar finden für diese Kurzgeschichte einen realitätsnahen Einstieg. Wir alle kennen vielleicht noch das ein oder andere Hirngespinst, das uns mit 12 Jahren beschäftigte.


Doch Gwendy wird nicht lange das unsichere, unscheinbare Mädchen bleiben.


Bereits auf der zweiten Seite der Novelle lernt sie Mr. Farris kennen, als sie beim Joggen von ihm angesprochen wird. Erst einmal ins Gespräch gekommen, schenkt der gut gekleidete, alte Mann ihr eine magische Kiste – der Wunschkasten. IHR Wunschkasten.


Wie genau das Kästchen funktionieren soll, weiß Gwendy noch nicht. Ausgestattet mit bunten Knöpfen und Hebeln, soll es jedoch jeden Wunsch erfüllen können – egal ob es jemandem schaden könnte oder nicht. Es schenkt Schokolade, Silbermünzen – oder zerstört.


Allein gelassen von Mr. Farris, ist die Protagonistin fortan in einem Dilemma – zwischen Neugier und Angst. Die Verantwortung die Gwendy von nun an trägt, wächst in den kommenden 10 Jahren ins Unermessliche. Aber was soll sie schon tun?

Schließlich sorgt die mahagonifarbene kleine Kiste dafür, dass sie sich in ihrem Körper wohlfühlt, ihre Eltern ihre Liebe füreinander neu entfachen und Gwendy selbst eine mehr als beliebte Schülerin wird. Und das ohne dafür einen Knopf gedrückt haben zu müssen. Magie? Oder der natürliche Lauf der Dinge?


Hier lässt die Novelle der Fantasie sehr viel Spielraum und hinterlässt die Leserschaft mit vielen unbeantworteten Fragen.

Das kannst du werten wie du möchtest: positiv oder negativ.

Woher kam der Wunschkasten? Wofür ist dieser schwarze Knopf? Wer ist dieser Mr. Farris? Wie hat sich das Leben von Gwendy noch entwickelt?


Meines Erachtens lässt sich der Wunschkasten als Metapher zur reinen Macht interpretieren. Mit der Vorstellung, alles erreichen zu können, was man möchte, können wohl die wenigsten von uns umgehen. Nach Macht kommt Größenwahn – und parallel dazu eine unendliche Verantwortung.

Die reine Macht, gebündelt in einem einzigen Kasten. Dieser darf auf keinen Fall in die falschen Hände gelangen – und genau DAS ist wohl die Aussage dieser Kurzgeschichte.


Mr. Farris hat Gwendy nicht zufällig ausgewählt. Er – mindestens genau so mystisch wie die Kiste selbst – wusste genau, dass das Mädchen, trotz des aufgebürdeten Drucks, mit dieser gewonnenen Macht keine Dummheiten anstellt. Nicht auszudenken, was passiert, wenn die kleine Kiste in die Fänge eines gewissen Donald T. geraten wäre. Nicht wahr?



Der Unterschied zu so vielen anderen Kurzgeschichten besteht darin, dass „Gwendys Wunschkasten“ eine lange Zeitperiode beschreibt und dadurch einen zwar oberflächlichen aber interessanten Querschnitt der Geschehnisse erlaubt. Der Schreibstil ist King-typisch einfach, aber dennoch spannnungsaufbauend. Beschrieben aus der dritten Person und im dauerhaften Präsens, erscheinen die Ereignisse plausibel und die Handlungen der Protagonistin lassen sich obschon der Kürze der Novelle gut nachvollziehen.


Der Plot brachte keine große Überraschung. Wenn du bei dieser Novelle eine gruselige Horrorstory erwartest, wirst du leider enttäuscht werden. Diese Kurzgeschichte ist viel mehr eine kleine, aber dennoch nicht zu verachtende Zwischenmahlzeit, die die Gier nach neuen mystischen Storys von King zu befriedigen weiß.  

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1.818 Bibliotheken, 62 Leser, 5 Gruppen, 246 Rezensionen

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AchtNacht

Sebastian Fitzek
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 14.03.2017
ISBN 9783426521083
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wollen wir ein Spiel spielen?

Stell dir vor, du darfst jemanden online und anonym nominieren, der, sofern er ausgewählt wird, für 12 Stunden vogelfrei ist. Du darfst mit ihm machen was du möchtest. Auch töten. Dafür bekommst du sogar eine Prämie von 10 Millionen Euro! 

 

Was würdest du tun?

Wir schreiben den 08.08. um 8Uhr. Der Beginn der AchtNacht.

Du hattest Glück. Dein Name wurde dieses Mal nicht gezogen, sondern der von Ben Rühmann. Ben ist für die nächsten 12 Stunden der Gejagte. Und der Jäger? Jeder. 

Jeder, der bei dieser Lotterie einen Jagdschein für nur einen Euro erworben hat. 

Damit das Spielchen nicht langweilig wird, ziehen wir einfach noch eine zweite Person. Wir wollen doch nicht, dass Ben ein gutes Versteck findet und niemand die Siegesprämie absahnt?

Du hattest wieder Glück. Arezu Herzsprung ist die zweite AchtNächterin.

 

Der Countdown beginnt.

Ben ist ein gescheiterter Musiker, der nicht nur mit einer in die Brüche gegangenen Ehe zu kämpfen hat. Seit einem Autounfall, den er (mit-) verursacht hat, sitzt seine jugendliche Tochter Jule im Rollstuhl - und liegt seit einem vermeintlichen Suizidversuch im Koma. Von Selbstzweifeln und Vorwürfen geplagt, versucht Ben gerade sein blasses Leben in den Griff zu bekommen, als die digitale Diana seinen Namen in der Todeslotterie zieht.

 

Arezu ist Psychologiestudentin und hat in ihrem jungen Leben viel Gewalt erfahren müssen. Psychisch und Physisch. Auch sie 

ist gerade dabei, ihr Leben in geregelte Bahnen zu lenken, als sie plötzlich ihre Taschen packen muss, um zu verschwinden. 

 

Die beiden Protagonisten habe eine jeweils sehr gut konstruierte Vergangenheit, die die LeserInnen neugierig macht. Die (für Fitzek typischen) kurzen Kapitel wechseln zwischen den verschiedenen Charakteren, was einen rapiden Spannungsaufbau mit sich bringt. 

Befeuert wurde dieser auch durch die jeweiligen Überschriften. Die Zeitangabe der Stunden und Minuten bis zum Ende der AchtNacht, provoziert eine zusätzliche Hektik und treibt die Leserschaft in eine unangenehme Ruhelosigkeit - und das ist ein absoluter Pluspunkt. 

 

Leider beginnt das Spannungsgefüge nach und nach zu bröckeln: Die Charaktere der Protagonisten wurden nach und nach vernachlässigt, sodass Ben und Arezu auch bis zum Schluss nicht richtig greifbar waren. 

Aus der töten wollenden Meute wurden immerhin zwei Menschen herausgepickt, deren ganz individuelle Jagd über das Buch hinweg skizziert wurde. Aber eben auch nur skizziert.

Die Abgründe der menschlichen Psyche sind so tief, dass hier mehr hätte rausgeholt werden können. Der Mob blieb meines Erachtens zu anonym.

Schließlich handelt es sich um ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment. Aktueller denn je, werden Fake-News für bare Münze genommen und Millionen Menschen glauben tatsächlich, straffrei einen Mord begehen zu können. 

 

Apropos: Wenn die Regierung weiß, dass das Fake-News sind, wieso tut sie dann nichts dagegen? Organisiert Schutz für die AchtNächter und ihre Familien und Daten? Das war meines Erachtens einer der großen Logikfehler dieses Buches. Die exekutive Gewalt des Staates spielt in der AchtNacht überhaupt keine Rolle. Zwar wird Ben kurzzeitig von einem Polizeifreund seines Vaters beschützt, im Rest des Buches findet sie allerdings kaum statt. 

 

Fitzek ließ sich vom Film "The Purge" inspirieren. Auch gibt es eine Folge bei "Rick und Morty", die diesen Gedanken aufnimmt. (Season 2, Episode 9)

 

Diesen Fakt werte ich prinzipiell nicht als negativ. Irgendwie werden SchriftstellerInnen immer von irgend etwas beeinflusst. Schade ist es nur, wenn man diesen Gedanken dann nicht zu Ende spinnt. Die Geschichte wirkt auf mich zu stark konstruiert - als ob Fitzek auf Biegen und Brechen den Überbau der Story logisch gestalten wollte und damit den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sah

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