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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

Die Blutmauer

Raimon Weber
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 18.11.2016
ISBN 9783548288369
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

DIE BLUTMAUER von Raimon Weber ist ein solider, mit brutalen Morder gespickter Krimi, dessen Reiz vor allem in seinem Setting besteht. Die zerfallende DDR als Hintergrund, sind knatternden Zweitakter und das toxische SED-Gefühl eigentlich spannender als der Fall selbst. Der kippt nach einer überraschenden Wende in ein überstürztes Ende ab, dem die Glaubwürdigkeit fehlt. Überhaupt ist das das vorherrschende Gefühl: eigentlich ein ganz guter Krimi, aber irgendetwas fehlt immer – mehr Details, mehr Gefühl, mehr Überraschungsmomente, mehr Dimension. Spannende Unterhaltung, unterm Strich aber Durchschnitt.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Zorn - Kalter Rauch

Stephan Ludwig ,
Audio CD
Erschienen bei Argon, 26.11.2015
ISBN 9783839814192
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der bisher schwächste Fall für Kommissar Zorn und seinen inzwischen zum Chef beförderten Sidekick Schröder. Dafür allerdings ein Bösewicht, der über lange Zeit in einem Kammerspiel mit seinem Opfer morbide Freude bereitet. Dabei geht es ungewöhnlich unblutig aber nichtsdestotrotz schon mal schaurig zu.

Die Freundschaft zwischen Zorn und Schröder wird diesmal durch ein Stimmungstief auf Seiten Zorns und durch die verschobene Hierarchie auf die Probe gestellt, und der Humor muss deshalb mal zur Seite treten.

Ein Glanzstück ist und bleibt die Performance von David Nathan. Dass der bei seiner derzeitigen Vielbeschäftigung als Deutschlands wohl beliebtester Sprecher nicht auch nur eine Sekunde abgeschliffen oder runtergespult rüberkommt, erstaunt mich immer wieder aufs Neue. Auch hier. Kaum einer kann leise und dennoch bedrohlich so wie er, um in der nächsten Sekunde zum Lachen zu bringen.

Ich werde Zorn & Schröder treu bleiben, aber fürs nächste Mal muss Ludwig sich in Sachen Krimihandlung wieder mehr einfallen lassen. Und ich frage mich, in welche Richtung er Zorn und Schröder sich jetzt noch entwickeln lassen kann. Das wird nicht einfach.

P.S: Das erste Zorn-Hörbuch in ungekürzter Version. Glückwunsch – geht doch! Das gibt einen Bonuspunkt.

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jugendbuc, jugendroman

Ponderosa

Michael Sieben
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 18.03.2016
ISBN 9783551583468
Genre: Jugendbuch

Rezension:

PONDEROSA beginnt mit einem Zitat aus DAS ALSO IST MEIN LEBEN von Steven Chbosky, und schlägt damit direkt seine Hände in mein Hirn. DAS ALSO IST MEIN LEBEN ist nicht nur das Lieblingsbuch von Kris, der Hauptfigur aus PONDEROSA; es ist auch das Lieblingsbuch meiner 15jährigen Tochter, und ich kenne es deswegen natürlich auch.

Blick ins emotionale Teenager-Spektrum

Die aufkommenden Assoziationen stimmen, leichte Parallelen sind da: PONDEROSA ist ein Jugendroman, der ein Stück Erwachsenwerden vor ernstem Hintergrund darstellt. Es geht um Freundschaft, um Liebe. Es geht sogar um Leben und Tod. Ein ernstes Buch, das trotzdem Momente des Schmunzelns bereithält, zarte Augenblicke.

Am Beispiel des 15jährigen Kris durchforstet Michael Sieben die Gefühlswelt eines Teenagers, der nach außen so cool und oberflächlich erscheint, wie das in diesem Alter nunmal üblich ist. Unsicherheit, Verwirrung, Gedankenlosigkeit, Draufgängertum und Schmetterlinge im Bauch geben sich die Hand. In seiner stellenweisen Flappsigkeit errinnert PONDEROSA eher an TSCHICK, im Miteinander der Buchhelden manchmal auch an VORSTADTKROKODILE. Obwohl die Vibes oft ähnlich sind, erreicht PONDEROSA nie die psychischen Abgründen aus DAS ALSO IST MEIN LEBEN – zum Glück!

Freundschaft und Liebe mit Krimi-Rahmen

PONDEROSA macht trotz dieser Vergleiche nämlich sein eigenes Ding. So webt Michael Sieben eine Krimihandlung in die Geschichte hinein. Gleich zu Beginn wird klar: Etwas Schlimmes ist passiert. Blaulicht. Blut auf dem Shirt. Kris hat etwas Furchtbares erlebt, offenbar schwere Schuld auf sich geladen. Was? Das erfahren wir erstmal nicht. Dafür muss man das Buch durchlesen.

Also Rückblende. Der Klappentext verrät die grobe Handlung: Kris, sein bester Freund Juri, und die gemeinsame Freundin Josie bilden ein Dreiergespann. Die Dinge werden kompliziert, als Kris Gefühle für Josie entwickelt, und Spannungen zwischen ihm und Juri auftreten. Außerdem ist Josies Nachbar verschwunden, und als die drei beginnen nachzuforschen, wird vor allem Kris in eine nach und nach gefährlich werdende Sache reingezogen.

Am Rande spielen sich weitere kleine und größere Erdbewegungen ab. Josies Mutter hat Probleme mit Alkohol. Zwei kleinkriminelle Bullies aus der Schule machen Kris das Leben schwer. Und dann ist da die von allen in der Klasse gemiedene “Tonne”, die sich angeblich ritzt oder den Finger in den Hals steckt oder beides, und die Kris plötzlich anspricht.

Michael Sieben trifft den richtigen Teenie-Ton

Kris hat also viel auf der Platte, und durch seine Ich-Perspektive erleben wir PONDEROSA. Seine Gedanken, seine Gespräche mit Juri und Josie, das gemeinsame Abhängen auf der Ponderosa oder im “Knochenhaus” schildert Michael Sieben im jugendlichen Erzählton und trifft dabei die richtigen Akkorde. Das ist lässig und authentisch, behält aber den Kopf sehr deutlich über FACK JU GÖHTE-Niveau. Kris’ Handlungen sind typisch unüberlegt für dieses Alter. Seine unsortierte Empfindlichkeit und die äußere Coolness glaubhaft.

Michael Sieben sorgt für Abwechslung, indem er mit den Zeiten spielt. Die Handlung spielt in der Vergangenheit. Einige Erinnerungen von Kris schildert er aber immer wieder im dramatischen Präsenz. Das sorgt für die Intensität des Augenblicks. Wenn Kris neben Josie steht, rutscht uns das Herz mit in die Hose und schlägt heftig in der Brust.

Vom Pageturner-Start zum coming-of-age Ende

Was PONDEROSA zum Pageturner macht, ist natürlich der Anfang. Man will unbedingt wissen, was jetzt eigentlich passiert ist. Ob jemand ums Leben gekommen ist. Geht das gut aus oder böse?

Darauf muss man bis zu den letzten Seiten warten. Und selbst da gibt es noch mal eine Überraschung. Am Schluss stellt sich der “Kriminalfall” um den verschwundenen Münze als nicht ganz so spannend heraus wie angenommen, aber was er auslöst und als Konsequenz hinterlässt, bedeutet für Kris einen gewaltigen Schubs in Richtung Erwachsenwerden.

Fazit:

Ein Jugendroman mit Krimi-Touch, der sich um einen 15jährigen und dessen Beziehungsgeflechte zu Gleichaltrigen dreht. Freundschaft ist ein zentrales Thema. Liebe kommt mit ins Spiel. Ein bisschen geht es auch darum, das Jugendliche hinter ihrer Fassade ganz anders sind, als die Schublade, in die sie von anderen gesteckt werden. Ein Stück ist PONDEROSA auch coming-of-age Roman.

Für die Spannung sorgt ein Cliffhanger-Anfang, der das gesamte Buch braucht, um am Ende aufgelöst zu werden. Für die Gefühle sorgt die handfeste Schreibe von Michael Sieben. Man kauft ihm ab, wie er in die Haut von Kris schlüpft. Als erwachsener Leser, und vermutlich auch als Teenager. Dazu muss ich meine Tochter befragen. Die liest PONDEROSA nämlich gerade.

Bewertung: 9 von 10 Punkten

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atlantis, a.g. riddle, agriddle, virus, das atlantis-virus

Der Atlantis-Virus

A. G. Riddle , Marcel Häußler
Flexibler Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Heyne, 10.08.2015
ISBN 9783453534766
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Teil 1 der Atlantis-Trilogie, DAS ATLANTIS GEN, konnte mich ja trotz einiger Schwächen mit seinem frechen Abenteuer-Science-Mystery-Faktor für sich einnehmen. Bei einem Erstling verzeiht man Kinderkrankheiten. Welpenschutz. Jetzt, in Teil 2, erwarte ich mehr.

Der Text: Sorgsamer bereinigt

Zunächst das Positive: Riddle’s Schreibstil wirkt flüssiger, und der gesamte Text macht diesmal einen sorgfältig editierten Eindruck. Riddle hat deutlich zu seiner Schreibe gefunden, und jemand hat das Ganze poliert. Keine hakeligen Stellen, nicht so viel Redundanz wie in DAS ATLANTIS GEN.

Riddle: sichtlich begeistert

Als zweiten Pluspunkt möchte ich Riddle’s überall durchscheinenden Enthusiasmus für seinen von Wissenschaft, Geschichte und gleichzeitig Science Fiction befeuerten Abenteuer-Mix nennen. Man spürt beim Lesen, dass der Autor Spaß hatte, diesen wilden Ritt auf Papier zu bringen und dem Leser dabei faszinierende Bröckchen aus Medizin, Religionsgeschichte, Weltraumfahrt und so manch anderem hinzuwerfen.

…aber leider reicht das nicht

Trotzdem: Damit hört das Positive schon auf. Denn auch wenn der Schreibstil flüssiger ist, bleibt er dennoch flach und floskelhaft, die Dialoge oft wie vom Reißbrett. Riddle versucht kurz und knapp zu schreiben, und das ist gut für die Pace, wirkt aber alles sehr flach.

Figuren ohne Dimensionen

Das Gleiche gilt für die Figuren. Bis auf Kate und David, die leider auch weiterhin sehr eindimensional bleiben, haben die anderen Charaktere kaum Konturen, wirken austauschbar. Stirbt einer davon, vergisst man ihn gleich wieder. Da Riddle aber andererseits viel Zeit auf die Interaktionen verwendet, nervt das. So wird ein sich durchs halbe Buch ziehende Rätsel um den ‘Maulwurf’ in einer Gruppe zu einer lästigen Länge.

Mehr pseudo als wissenschaftlich

Flach bleibt leider auch der wissenschaftliche und historische Anspruch. Riddle reißt alles Mögliche an, weckt Interesse, lässt einen aufhorchen – um dann nicht nachzuliefern und sich das Ganze in simplen, teils hanebüchenen Szenarien auflösen zu lassen. Dabei spielt allzu oft nicht nachzuvollziehender Zufall eine Rolle. Oder aber eine Figur, die eigentlich schon die ganze Zeit alles wusste, sich aber nicht erinnern konnte. Bis ihr dann plötzlich zum rechten Zeitpunkt alles wieder einfällt…

Okay, jetzt werde ich ein bisschen streng. Aber das passiert, wenn man mit einer Steigerung rechnet und statt dessen weniger bekommt als vorher. Zwar muss ich Riddle zugute halten, dass er viel Kawumm, einige Tote und auch noch Wiedererweckte einstreut und die Romanze zwischen unseren beiden Helden konsequent weiterführt. Das reicht aber nicht, um über die Abstrusität der ganzen Veranstaltung hinweg zu trösten. Wenn man Autismus-Forschung mit atlantischen Viren, religiösen Kultanhängern und Zeitreisen mischt, kann eben manchmal ein Cocktail herauskommen, der toll aussieht, einem dann aber um die Ohren fliegt. Oder vielmehr ohne Wirkung verpufft.

Fazit

Sauberer geschrieben, mit reichlich Action-Momenten und dem schon in Teil 1, DAS ATLANTIS GEN begonnenen Mix aus Abenteuer-Science-Fiction-Mystery, kann dieser zweite Teil der Atlantis-Trilogie dennoch nicht überzeugen. Alles ist nur angerissen, zu flach, zu substanzlos, und die Logik schlägt aus der Luft gegriffene Purzelbäume. Wer Tempo über Anspruch stellt und Abenteuer-Action über einen schlüssigen Plot, der mag DAS ATLANTIS VIRUS genießen. Auch, wenn man merkt, dass der Autor für seine Sache brennt: Mir ist das einfach zu abstrus. Den dritten Teil der Trilogie kann dann ruhig jemand anders lesen.

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stefan kaminsk, frank schätzin, die dunkle seit

Die dunkle Seite

Frank Schätzing , Stefan Kaminski , Frank Schätzing , Maren Steingroß
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Der Hörverlag, 24.08.2015
ISBN 9783844511109
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Zum Hörbuch:

Seit der Kölner Autor Frank Schätzing mit DER SCHWARM zum Bestsellerautor wurde, werden seine davor bereits erschienenen Bücher nach und nach noch einmal neu aufgelegt. Und finden neue Leser. Oder Hörer – wie auch DIE DUNKLE SEITE, der ursprünglich schon 1997 veröffentlicht wurde.

Steht Schätzing drauf. Ist Schätzing drin.

Das Verwirrspiel um eine Mordserie in Köln, die ihren Anfang im Golfkrieg nahm, ist ein typischer Schätzing: Auch hier nimmt sich der Autor eines Themas an (Kriegssöldner), wühlt sich tief hinein und packt seine Recherchen in eine raumgreifende Geschichte mit Kölner Kolorit. Schätzing knüpft viele Fäden an viele Personen, bettet die Geschichte in ein brisantes Stück Zeitgeschichte, baut ein wenig zimperliches Krimi-Szenario ein und lässt sich bei all dem nicht hetzen.

Das hat dann auch die typischen Schätzing-Vorteile und Nachteile. Einerseits ist das Thema Golfkrieg, Söldner und was das mit den Menschen macht hoch interessant und offenbar bestens recherchiert – andererseits führt das zu den typischen Längen im Plot und zu kaum verhüllten Moralpredigten (was mich manchmal an Michael Crichton erinnert).

Die Figuren: Tolle Typen und schwierige Zeitgenossen

Bei den Charakteren gelingen Schätzing markante Typen (mein Highlight: der türkischstämmige Kölner Kommissar Menemenci), doch es sind ein paar Figuren zu viel, so dass er ihre persönlichen Geschichten teils nur streifen kann und sie zugunsten von Detektivin Vera in den Hintergrund verbannen muss. Das ist ein bisschen schade.

Eine Nebenfigur bezeugt Schätzings Talent, Entwicklungen vorauszuahnen: Er lässt eine junge Frau geradezu süchtig nach einem Computerspiel werden, das nichts anderes ist als eine simulierte digitale Realität: ‘Second Life’ vorausgeahnt, und zwar bis ins Detail. Da kommt der Journalist in Schätzing durch, der, dicht am Zeitgeist, seine Fiktionen eng an der Realität aufbaut und schon mal den Nagel auf den Kopf trifft. Chapeau.

Vera Gemini: Die Heldin verspielt Sympathien

Aber kommen wir zurück zu Vera Gemini: Ausgerechnet die Hauptfigur ist nicht diejenige, die Schätzing am besten gelungen ist. Vera ist sperrig, etwas klischeehaft, über lange Strecken geradezu nervig, und man versteht ihr Handeln teils nicht. Spät im Buch erfahren wir etwas Wichtiges über sie, das vieles erklärt. Zu spät für meinen Geschmack. An diesem Punkt hat so mancher Leser das Buch vor Ärger über Vera vielleicht schon abgebrochen.

Am Schluss gibt Schätzing Gas

Was Schätzing gut kann, auch hier, ist die Verknüpfung der vielen losen Fäden. Man kann zwar immer mehr voraussehen, worauf es hinausläuft, und die große Wendung ist letztlich nur die Bestätigung eines Verdachts, aber das ist immer noch spannend genug. Der Showdown ist wirklich gelungen.

Zum Sprecher:

Schon beim Prolog in der irakischen Wüste entfaltet Kaminski seine ganze Sprechergewalt: Die Stimmen sind so unterschiedlich, so echt, so stark geschauspielert, dass DIE DUNKLE SEITE sich fast wie ein Hörspiel anhört. Kaminski keucht, brüllt, knarzt, ätzt, schnauft – das ist voller Körpereinsatz, und er saß bei den Aufnahmen bestimmt wieder schweißgebadet am Mikro. Was Kaminski manchmal passiert – dass er zu theatralisch wird, den Stimmen mehr Raum gibt als der Geschichte selbst – das passiert ihm hier nicht. Für mich einer seiner besten Einsätze. Seine Performance macht das Buch besser, als es ist.

Fazit

Ein wieder aufgelegter Schätzing von 1997, mit den typischen Stärken und ein bisschen mehr ausgeprägten Schwächen. Ein brisantes Thema (Söldner im Golfkrieg), grausige Szenen, weit ausholende Zusammenhänge und ein reichhaltiges Ensemble sind die Pluspunkte. Auf der Negativseite gibt es Längen, eine anstrengende Hauptfigur und eine gewisse Vorhersehbarkeit.
Nicht so stark wie DER SCHWARM oder TOD UND TEUFEL, aber durchaus die Neuauflage wert. Erst recht, wenn Stefan Kaminski durch die ungekürzte (!) Lesung braust wie ein entfesselter Wüstensturm.


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suizid, abitur, bov bjerg, selbstmord, freundschaft

Auerhaus

Bov Bjerg
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 17.07.2015
ISBN 9783351050238
Genre: Romane

Rezension:

Zum Buch:

“Auerhaus”. Als Kind der 80er und Anglistin braucht mein Hirn nur Sekundenbruchteile, um die Verbindung zum Chartbreaker der Band ‘Madness’ zu ziehen und das Ding auf Endlosschleife in meinem Kopf abzuspielen. Das reicht schon: Dieses Buch ist gekauft.

Die WG zum Hit der 80er

Natürlich ist schon der Schreibstil ein Hingucker: In simplem Alltags-Teenagerish, so wie die Schnauze dem jugendlichen Helden gewachsen ist, erfahren wir die Geschichte einer ungewöhnlichen WG. Erste Bewohner des “Auerhaus” sind der namenlos bleibende, erzählende Abiturient und sein Freund Frieder, der nach einem Suizidversuch nicht mehr bei seinen Eltern, aber auch nicht alleine leben soll. Dazu gesellen sich die privilegierte Cäcilia, die klauende Vera, der schwule Harry und die pyromanische Pauline.

Eine Zeit ohne Regeln

Scheinbar losgelöst von den Regeln, Normen und Zwängen der Erwachsenenwelt verbringt dieses Trüppchen einen Sommer zwischen Ladendiebstahl und Party, zwischen Sinnsuche und Sinnlosigkeit, zwischen Jugend und dem Stemmen gegen das Erwachsenwerden.

Gut gemacht ist das haltlose Driften, das Schwimmen zwischen unangepasster Wildheit und drohender Verantwortung. Alles wirkt irgendwie cool und witzig, doch wenn man hinter die kurzen Sätze des Erzählers schaut und auf seine Sorge um Frieder, hat AUERHAUS eine durchgängige Melancholie an sich. Das Gefühl des Verlorenseins oder Nicht-Wissens wo man hin will tränkt die vordergründige Flappsigkeit des Erzähltons. Eine passende Darstellung dieser schwierigen Lebensphase.

Ein Ende ohne und mit Überraschung

Es ist klar, dass die Gemeinschaft im AUERHAUS nicht von Dauer sein kann. Das Ende kommt mit einer Grenzüberschreitung, die man erwartet hat – und mit einem Faustschlag in die Magengrube, den man nicht hat kommen sehen. Oder nicht sehen wollte, weil er vermutlich unvermeidbar war. Gestohlene Zeit – das ist das AUERHAUS in letzter Konsequenz. Eine Rebellion – gegen das Anpassen, gegen die Musterung, gegen Besitz und Bewertung – die sich ausbrennen musste wie der Weihnachtsbaum, der irgendwann arg symbolisch im Buch in Flammen aufgeht.

Der Stil: Lässt aufhorchen und macht müde

Das ist originell geschrieben und macht erst mal Spaß. Allerdins wird Bov Bjergs Stil zunehmend anstrengend. Die Kürze, die Auslassungen wirken zu gewollt. Die – für einen Abiturienten – arg schlifflose Ausdrucksweise ist nicht immer passend. Man meint, hinter der Reduktion einen Zaunpfahl schwingen zu sehen, der brüllt: Guck mal, da steckt VIEL MEHR DAHINTER! Zu absichtlich wirkt das und killt ein bisschen die Authentizität und Natürlichkeit, die Bjerg wohl bezweckt hat.

Ist das wirklich ernst gemeint?

Noch ein Problem: Soll AUERHAUS realistisch sein oder abstrakt? Vom Psychiatriepatienten, den die Eltern völlig zügellos lassen, bis hin zu der Gesetzlosigkeit, mit der die WG durchkommt, wirkt das Szenario zu anarchisch, um echt zu sein. Da fragt man sich schon mal, ob das AUERHAUS als Überhöhung gemeint ist, als Parabel? Dass ich das nicht erkennen konnte, hat mich beim Lesen aus der Geschichte gezogen.

Auf der Suche nach einer Aussage

Bei Romanen schaue ich immer nach einer Botschaft. Hier hatte ich Probleme, eine zu finden. Ich glaube, es gibt keine. Mir scheint AUERHAUS wie die Dokumentation einer schwierigen Zeit. Kein Roman über das Erwachsenwerden, sonder vor dem Erwachsenwerden. Ein Sommer des Zwischenstadiums, undefiniert, vage, nur scheinbar frei.

Unter’m Strich ist mir das am Ende zu schwammig. Der Stil zu gewollt. Sicher ein Leseerlebnis abweichend ausgetretener Pfade. Aber was ich damit hinterher anfangen soll, ist mir nicht ganz klar.

Fazit:

AUERHAUS will ungewöhnlich sein, und das ist es auch. Der poppig-reduzierte Erzählstil ist bemerkenswert, strengt aber auch an. Die Geschichte ist rebellisch, aber auch neblig. Witz wird unterwandert von Traurigkeit. Am Ende steht man mit einem dumpfen Gefühl da und ohne Antworten oder Botschaften.

Soll es um die Sinnsuche auf dem Weg ins erwachsene Leben gehen? Falls ja, steht nur eines fest: Im AUERHAUS finden die Bewohner ihn auch nicht. Und möglicherweise ist das dann doch wieder eine Botschaft.

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29 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

atlantis-trilogie, evolution, atlantis, gefahr, genforschung

Das Atlantis-Gen

A. G. Riddle , Marcel Häußler
Flexibler Einband: 640 Seiten
Erschienen bei Heyne, 15.06.2015
ISBN 9783453534759
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Yup. Die Inhaltsangabe hört sich spannend an. Und ziemlich irre. Und genau das trifft es: A.G. Riddle’s Science-Mystery-Abenteuer ist ein unterhaltsamer, teils hanebüchener aber packender Ritt durch Wissenschaft, Medizin, Legenden, Mythen, Agenten-Adventure, Liebesgeschichte und Apokalypse.

Verwegen verworrene Grundidee

Versuchen wir den roten Faden zu fassen: Eine Wissenschaftlerin mit dem Spezialgebiet Autismus und ein Agent einer geheimen Anti-Terror-Einheit kämpfen gegen den Konzern/Kult der Immari an, welche aus Angst vor der Rückkehr der Atlantis-Bewohner dabei sind, einen Großteil der Menschheit auszurotten. Das Ziel: Nur die Starken sollen überleben. Die mit dem Atlantis-Gen.

Es ist ein Rennen gegen die Zeit, das sich in DAS ATLANTIS-GEN durch etliche Länder Asiens, die Antarktis und viele unterirdische Kammern durchspielt und in dem als klassische Fieslinge Nazis mit ihren abartigen Experimenten eine wichtige Rolle spielen. Teils hat das das Feeling eines Indiana Jones-Films, nur, dass statt Harrison Ford der Geheimagent David Vale den Tag zu retten versucht. Die Frau an seiner Seite ist Dr. Kate Warner, Autismus-Expertin mit einer Vergangenheit, die rätselhafter ist, als es zunächst den Anschein hat.

Wissenschaftlerin und Agent gegen uralten Kult

Diese zwei sind ein Fixpunkt der Geschichte und helfen über so manch hanebüchene (Un)logik, aufkommende Verwirrung und auch ein paar Längen hinweg. Arg nachdrücklich wird immer wieder die Sache mit den Atlantern erklärt, zu viel wird durch die Gänge unter der Erde geirrt, zu an den Haaren herbeigezogen ist so manche Verbindung. Insgesamt wirkt der Text zu wenig lektoriert: Es hätte mutiger gekürzt, korrigiert, in die Spur gebracht werden können. Da tut es gut, in Kate eine (meist) sympathische Frauenfigur zu haben, und in David den Ritter in James Bond-Montur. Sie tragen die Story und halten einen auch über Schlaglöcher hinweg bei der Stange.

Mit Schwächen, aber trotzdem spannend

DAS ATLANTIS GEN ist so ein Buch, bei dem man sich nach den ersten 100 Seiten entscheiden muss: Will man einen wissenschaftlich fundierten, logisch aufgebauten, anspruchsvollen Science-Thriller? Oder will man ein wildes Mystery-Abenteuer voller waghalsiger Ideen, die öfters abstrus sind, aber irgendwie doch Spaß machen? Letztere Bedürfnisse bedient DAS ATLANTIS GEN bestens. Wenn man nicht zu genau hinguckt, mit dem ein oder anderen Klischee kein Problem hat und auf wüste Verschwörungstheorien mit pseudowissenschaftlichem Hintergrund abfährt, ist A.G. Riddles Achterbahn zur Apokalypse genau das Richtige.

Und am Schluss, als der Super-Gau trotz aller Verhinderungsversuche von Kate und David bevorsteht, möchte man natürlich trotz aller Ungereimtheiten unbedingt wissen, wie es weitergeht.

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Tags: abenteuer, a.g. riddle, atlantis-trilogie, das atlantis-gen, mystery, science fiction   (6)
 

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Unter Verdacht

Robert Crais , Jürgen Bürger
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Heyne, 15.06.2015
ISBN 9783453437678
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Man nehme ‘Mein Partner mit der kalten Schnauze’, subtrahiere den Comedy-Aspekt, addiere das physische und psychische Trauma zweier ‘Kriegsversehrter’ – und heraus kommt Robert Crais Cop-und-Hund-Thriller ‘Unter Verdacht’.

Der Einstieg ist packend: Aus Sicht von Maggie, einem auf Sprengstoffe trainierten Militärhund, erleben wir einen dramatischen Einsatz in Afghanistan. Er endet blutig und lässt das Tier in Trauer und mit Narben zurück.

Switch nach Los Angeles, wo Streifencop Scott James durch ein ähnliches Trauma muss. Auch er überlebt nur knapp, mit körperlichen Defiziten, Schuldgefühlen und einer Gedächtnislücke.

Hund und Cop: eine gegenseitige Rettung

Klar, dass diese zwei sich suchen und finden: Scott wechselt halbwegs wiederhergestellt zur Hundestaffel. Seine Motive sind allerdings zweifelhaft. Selbst kein ‘Hundemensch’, will er einfach nur vermeiden, nochmal für einen menschlichen Partner verantwortlich zu sein. Während er einen langen Weg der Annäherung an Hündin Maggie beginnt, interessiert ihn im Hintergrund eigentlich nur eins: Den Täter zu finden, der seine Partnerin erschoss und ihn zu einem Wrack machte.

Der Thrillerplot ist Durchschnittsware

Die Verschwörung, die im Klappentext angedeutet wird, ist für geübte Thrillerleser keine Herausforderung. Viel klassische Ermittlungsarbeit im Sinne von Recherche, Befragung und Akten wälzen bieten ein kleines Puzzle, aber wenig Höhepunkte. Ein bisschen psychologischer Hokuspokus in Form von Hypnosetherapie kommt hinzu, der praktischerweise neue kleine Erinnerungsfetzen aus Scott’s Gedächtnis hervorzieht. Stück für Stück kristallisiert sich ein teils vorhersehbarer Schluss heraus. Der erwartete Auge-in-Auge Showdown findet statt, ist allerdings spannend, unterhaltsam und mit den passenden Emotionen unterlegt. Auch wenn das angekündigte Rache-Element eher handzahm ausfällt.

Sicht aus der Hundeperspektive

Interessanter als der Plot an sich ist die wachsende Beziehung zwischen Cop und Hund. Zumal Crais immer wieder zur Erzählperspektive von Maggie wechselt. Ihre Instinkte, ihre Geruchswelt, ihre Trauer um den alten Rudelführer und langsame Akzeptanz des neuen sind – besonders für Hundefreunde – das Salz in der Suppe dieser Geschichte. Wie sich Mensch und Tier gegenseitig heilen, birgt einen hohen emotionalen Faktor. Dabei hält sich Crais mit Vermenschlichung allerdings zurück: Ohne wissenschaftlich oder anspruchsvoll zu klingen, hält er sich an unkomplizierte, natürliche Beschreibungen von Maggie’s Wahrnehmungswelt. Auf der anderen Seite zeigt er Scott als bodenständigen Typen ohne Gefühlsduselei, der sich zunächst eher pflichtbewusst als freiwillig auf den vierbeinigen Partner einlässt.

Leichter Stil

Sprachlich gesehen bleibt das alles sehr auf dem Teppich. Crais macht keine Klimmzüge, wirft weder mit Metaphern noch technischen Begriffen um sich. Sein Stil ist sachlich und eher karg, aus Scott’s Sicht bodenständig kumpelhaft. Was dazu führt, dass man ‘Unter Verdacht’ gut und gerne auch bei an die 40 Grad Außentemperatur an einem Tag runterlesen kann.

Fazit:

Ein netter Mensch-Hund-Krimi, der nach packendem Einstieg ein eher mäßiges, dafür aber menschelndes Tempo einschlägt. Für einen echten Thriller bleibt die Intensität nicht hoch genug. Die Story selbst hält den Leser bei der Stange, bietet aber keine großen Überraschungen. Richtig actionreich und spannend wird es erst wieder zum Showdown. Dazwischen gibt es die Geschichte einer Heilung: Mensch und Hund kommen sich näher, lecken gegenseitig ihre Wunden. Dass diese Annäherung immer wieder aus Hundesicht geschrieben ist, gibt der durchschnittlichen Geschichte ihren besonderen Touch.

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altes land, leben, suche, ostpreußen, arien

Altes Land

Dörte Hansen , Hannelore Hoger
Audio CD
Erschienen bei Random House Audio, 16.02.2015
ISBN 9783837130898
Genre: Romane

Rezension:

Eine Geschichte über zwei zwei Frauen, die fliehen und lange brauchen um anzukommen. Ein Roman mit zwei Seiten: Die eine wie eine knorrige alte Geschichte über Land und Leute, aus dem Munde einer barschen, weisen Großmutter erzählt; die andere feinsinnige, spöttische Beobachtung moderner Stadtmütter zwischen musikalischer Früherziehung und Bio-Feinkost.

Zwei Frauen, zwei Flüchtlinge

Da haben wir als erstes Vera, die wir 1945 als kleines Mädchen bei der Ankunft auf dem Hof im ‘Alten Land’ begegnen. Verlaust und ausgehungert nach einer Flucht durch den Schnee, wo das kleine Geschwisterchen am Wegesrand erfroren zurückgeblieben ist. Mit einer Mutter, die sich mit der Hofbesitzerin, ihrer Schwiegermutter, in einen Krieg stürzt und schließlich verschwindet. Vera bleibt zurück, bei der alten Ida und dem im Krieg schwer traumatisierten Ziehvater.

Der zweite Flüchtling ist Veras Nichte Anne, ehemalige Musikstudentin, gelernte Schreinerin. Auch sie strandet auf dem Hof, hinter sich eine gescheiterte Ehe, die sowieso nie Wurzeln hatte, erst recht nicht im hippen Hamburger Stadteil Ottensen. Im Schlepptauch: ihr Sohn, ein zartes Stadtkind, das im ‘Alten Land’ allmählich erblüht.

Zaghafte Annäherung

Durch die Zeit hindurch, umgeben von kommenden und gehenden Begleitfiguren, deren Nähe immer nur flüchtig anmutet, driften diese zwei Frauen aufeinander zu wie zwei Schiffbrüchige. Verbunden von dem Gefühl von Heimatlosigkeit, von Verlust und fehlendem Vertrauen, fällt beiden eine Bindung schwer. Sich selbst zu kennen, zu sich zu stehen und sich zu werten ist für beide eine Herausforderung. Unzuverlässige, schwierige Mütter haben sie beide geprägt.

Es sind Frauen mit Fehlern, nicht leicht zu nehmen, mit Stacheln und darunter verborgener Unsicherheit. Es braucht eine ganze Geschichte, bis sie sich treffen und aufeinander zugehen. Als sie es tun, in kleinen Schritten, fühlt es sich an wie ein sich schließender Kreis.

Erdige Lyrik

In punktgenau poetischer Sprache, ebenso harsch wie klingend, portraitiert Dörte Hansen diese zwei Frauen und ihre Umgebung. Mit wenigen markanten Sätzen lässt sie Figuren aufleuchten, fängt das ‘Alte Land’ in erdbraun und kirschrot ein. Der alte Hof wird in Hansens Händen zur eigenen Figur, kalt und abweisend zu Beginn, zum Schluss eine sichere Basis, eine Möglichkeit von Heimat und Willkommen.

Eine Stimme wie das Alte Land

Vom rauen Wind gegerbt und ohne Blatt vor dem Mund ist diese Sprache, und die perfekte stimmliche Ergänzung dazu ist Sprecherin und Schauspielerin Hannelore Hoger. Nicht nur beherrscht sie das Plattdeutsch und den Hamburger Akzent. Es ist – neben ihrer dunkel gefärbten Stimme – auch ihre Erzählweise: Sie lässt den Worten Zeit, um zu wirken. Übers Knie gebrochen wird hier nicht ein einziger Satz. Ungeduldige Hörer mag diese etwas altmodisch wirkende Vortragsweise nerven. Diejenigen mit Geduld und Sinn für langsamen Genuß werden finden, das Text und Lesung sich in Harmonie begegnen.

Fazit

Ein Roman über das Fliehen, Suchen und Ankommen. Über Heimat und Heimatlosigkeit, tatsächliche und gefühlte. Eine Geschichte von Einsamkeit, Familie und Freundschaft. Und eine norddeutsche Landschaftsmalerei, gepinselt in den Tönen seines Grund und Bodens.

Ein Hörbuch für stille Abende mit Zeit und Raum zum Zuhören. Leider gekürzt, und vielleicht kommt daher der Eindruck, manche Passagen huschten unpassend schnell vorbei in dieser Geschichte, die sich nicht zur Hetze eignet. Man würde gerne über die volle Länge verweilen.

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

familienchronik, generationen, amerikanische mittelschicht, zuhause, probleme des älter werdens

A Spool of Blue Thread

Anne Tyler
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Random House UK Ltd, 10.02.2015
ISBN 9780701189525
Genre: Romane

Rezension:

Typisch Anne Tyler: Mit kräftigen Pinselstrichen und feinen Tupfern lässt sie uns an mehreren Generationen einer Familie teilhaben. Erste Liebe, zeitliche Konventionen, Elterndasein, Geschwisterrivalität und die Tücken des Altwerdens. Sie spannt einen Bogen, der in seiner nicht linearen Struktur etwas gestückelt wirkt, und zumindest eine Passage davon zieht die Mitte in die Länge. Es ist nicht ihr bester Familienroman (das ist immer noch DINNER IM HEIMWEHRESTAURANT), aber immer noch ein guter in bewährter Anne Tyler-Manier.

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The Gemini Effect

Chuck Grossart
Flexibler Einband
Erschienen bei 47 North, 24.02.2015
ISBN 9781477820452
Genre: Romane

Rezension:

Spannung, Eskalation und schaudrige Unterhaltung bekommen bei THE GEMINI EFFECT eindeutig Vorzug vor Tiefgang, Detailreichtum, wissenschaftlichem Anspruch und runden Figuren. Das Ende vollführt eine waghalsige Kehrtwende, von der man nicht weiß, ob man sie äußerst clever oder unpassend finden soll. Phil Gigante liest das alles unheilschwanger, mit zackigen Militärstimmen und genau einer weichen, weiblichen Stimme vor.

Für Tage, an denen man zu müde, zu krank oder zu abgelenkt ist, um etwas Komplexes zu hören, aber trotzdem etwas braucht, das einen mit Spannung auf den Füßen hält. Unrund, aber unterhaltsam.

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japan, heimlicher mitbewohner, armut, nagasaki, einsamkeit

Zimmer frei in Nagasaki

Éric Faye , Bettina Deininger
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei austernbank, 12.10.2015
ISBN 9783981461725
Genre: Romane

Rezension:

Eine kleine Entdeckung vom diesjährigen #indiebookday. Dieser sehr kurze Roman des Franzosen Éric Faye hat nicht nur den Grand Prix de l’Académie Française gewonnen, sondern beruht auch noch auf einer wahren Begebenheit, einer japanischen Zeitungsmeldung: Ein Mann entdeckt, dass sich in eine Frau in seine Wohnung geschlichen und dort – in einem selten benutzten Zimmer im Wandschrank versteckt – ein Jahr lang gelebt hat.

Die Geschichte ist zu kurz, um viel dazu zu sagen. Es geht um Einsamkeit und wortwörtliches Aneinander-vorbei-leben. Es geht um zwei Menschen, die – jeder für sich – sehr isoliert leben, obwohl in ein und derselben Wohnung. Deren Schicksale sich kreuzen, parallel laufen, ohne dass sie selbst sich tatsächlich begegnen. Wie Schiffe in der Nacht leben sie im selben Raum, aber weit entfernt voneinander.

Traurigkeit kommt auf, wenn man das liest. Erst recht, als Shimura sich am Ende insgeheim wünscht, die Unbekannte nicht verraten zu haben. Da ist Sehnsucht zwischen den Zeilen dieses einsam und eintönig lebenden Mannes. Die vertane Möglichkeit, einem in Not geratenen Menschen zu helfen. Diesen Menschen tatsächlich kennen zu lernen. Zu groß, zu übereilt war die Empörung über das Eindringen in die Privatsphäre.

Ob das eine Parabel auf die heutige Zeit sein soll, mag ich nicht sagen. Es fühlt sich allerdings so an. So viele Menschen, so viele Schicksale. Aber selbst, wenn man sich nahe kommt, bedeutet das noch lange nicht, dass man sich überhaupt berührt.

Distanz strahlt auch der Schreibstil aus. Selbst eher berichtartig, voller Distanz, projeziert man als Leser selbst Emotionen hinein, leise Zwischentöne.

Was am Schluss bleibt, ist ein Gefühl von Bedauern und der verpassten Chance, aus der Einsamkeit zu entkommen.

Ein kleines feines Buch. Ein gelungener Fund am #indiebookday.

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rache, thriller, rachefeldzug, mord, ermittlungen

Der Fünf-Minuten-Killer

Paul Cleave , Frank Dabrock
Flexibler Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.04.2015
ISBN 9783453418479
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Noch ein kaltschnäuziger Thriller von Paul Cleave zum Thema ‘Selbstjustiz’. Diesmal ohne den durchgeknallten Joe, dafür mit beiden Christchurch-Cops in derselben Geschichte: Theodore Tate und Carl Schroder. Und mit einem alten Bekannten als Killer. Die Emotionen schlagen hoch, die Sorge um mehrere Figuren ist bedrückend. Der Plot ist – bis auf eine eher nervende Ermittlung in der Ermittlung – eiskalt unterhaltsam. Der Schluss allerdings ist vorhersehbar, und ein arg konstruierter Zufall nimmt dem Showdown etwas die Würze. Und bewahrt Paul Cleave davor, eine endgültige Entscheidung zu treffen, die ich gerne gesehen hätte.

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finnland, unfall, krimi, totes kind, verlust

Tage des letzten Schnees

Jan Costin Wagner
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 16.03.2015
ISBN 9783442474073
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wehmütig-kühle skandinavische Krimis können nicht nur geborene Skandinavier schreiben. Das beweist wieder einmal der deutsche Autor Jan Costin Wagner, dessen zweite Heimat Finnland ist. Mit einer Finnin verheiratet, scheint ihm das nordisch schwermütige Gemüt zur zweiten Natur geworden zu sein. Jedenfalls fühlt es sich danach an, wenn man seine Krimireihe um Kommissar Kimmo Joentaa liest.

Roman um Tod und Trauer

Das Thema Trauer zieht sich seit Beginn, als Kimmo seine Ehefrau verliert, durch die Serie, und es ist auch in diesem fünften Teil zentral. Dem Verlust gebührt der Anfang des Romans: Ein Vater gerät in einen Autounfall, bei dem seine 11jährige Tochter stirbt. Und natürlich ist es Kimmo, der ihm zur Seite steht. Er tut das größtenteils schweigend, in stillem Verständnis, ist aufrichtig und einfach da für die traumatisierten Eltern.

Diese ‘Trauerbegleitung’ wirkt wie eine Berufung, und der Kriminalfall spielt sich mehr oder weniger im Hintergrund ab. Tatsächlich gibt es erst ein gutes Stück ins Buch hinein überhaupt einen echten Mord. Erst, nachdem wir viel Zeit mit den Figuren und ihren drei Handlungssträngen verbracht haben, muss Kimmo wirklich einen Fall lösen. Das ist aber gar nicht schlimm, denn auf dem Buch steht ja auch ‘Roman’ und nicht ‘Krimi’. Der Mordfall dient nicht dem Spannungsaufbau, sondern ist lediglich der Punkt, an dem sich die Fäden verküpfen.

Schicksalsfäden verknüpfen sich

Und das tun sie, die Geschichten um einen abgestumpften Banker, der die Liebe, das Leben und Lügen entdeckt; um einen Schüler, der sich von der Welt entfernt und einer Amoktat nähert; um eben jenen Vater, der mit der Trauer kämpft. Außerdem geht noch Kimmos eigene Geschichte weiter: Noch immer nicht über den Verlust seiner Frau hinweg, steht die neue Liebe zu Larissa, einer Prostituierten, nicht auf verlässlichen Beinen, hat nicht den sicheren Halt, nach dem er sich sehnt.

Alle Beteiligten driften. Allen gemeinsam ist der Schmerz über etwas. Beim Lesen sieht man blasse Blau- und Grautöne vor sich. Es friert immer ein bisschen. Weniger Dunkelheit als die ewige Dämmerung der Polarnächte zieht sich durch die Zeilen.

Schlussakt mit gelenktem Zufall

Der Fall löst sich mithilfe kollegialer Zusammenarbeit und jeder Menge Zufall. Das mag man dem Buch ankreiden. Dass sich die Wege genau dort, genau dann kreuzen, wo alles plötzlich einen Sinn ergibt, ein Dominostein den nächsten anstößt. So passiert das im wahren Leben nicht. Oder doch? Schicksal ist etwas Seltsames, etwas, an das man glauben kann, und es wirkt richtig und schlüssig und birgt ein bisschen Trost, dass Jan Costin Wagner dem Schicksal und seinem Kommissar am Ende einen ordentlichen Schubs in die gewünschte Richtung verpasst.

Für den Leser bedeutet das zwei, drei gehörige Überraschungen, sowie einen sehr guten Grund, Kimmo Joentaa auch im nächsten Band auf seinem wortkargen, Trost spendenden Weg zu folgen. Fühlt sich am Ende an wie eine Lage frisch gefallener Schnee – frisch, kühl, karg, aber darunter hält es auch ein bisschen warm.

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Tags: finnland, krimi, roman   (3)
 

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kurzgeschichten, freundschaft, nickolas butler, liebe, erzählungen

Unterm Lagerfeuer

Nickolas Butler , Dorothee Merkel
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 22.11.2014
ISBN 9783608980158
Genre: Romane

Rezension:

Nickolas Butler wuchs im Herzen der USA auf, in Wisconsin. Was man allgemeinhin als den ‚mittleren Westen‘ bezeichnet, ist wohl die Region, in der die Amerikaner am amerikanischsten sind. Hier leben Menschen in der allmählich verloren gehenden Mittelschicht. Menschen, die arbeiten können, auch mit ihren Händen. Menschen, die mit dem Boden und ihrem Land verwurzelt sind, und deren Erwartungen ans Leben einfach und klar sind.

Halt! Natürlich ist das ein Klischee. Aber eins, das einen wahren Kern hat, und auf das Nickolas Butler in seiner Geschichtensammlung UNTERM LAGERFEUER ein Loblied singt. In ehrlicher Sprache ohne Verzierungen, aber von schlichter Schönheit, erzählen die zehn short stories von diesem herzhaften Menschenschlag und ihrer Heimat.

Die Geschichten sind zwischen neun und vierundfünfzig Seiten lang und reichen von kauzig und witzig über wehmütig bis hin zu tragisch. Da ist die abenteuerliche Nacht zweier bester Freunde; der entführte Ölmagnat; eine Pilzsuche mit ungeahnten Konsequenzen; eine Kettensägen-Party im Wald; verbrannte Weihnachtsbäume auf einem zugefrorenen See…

Keine Geschichte bezieht sich auf die andere, und dennoch hängen sie alle zusammen, definiert von Butler’s karg-authentischem Schreibstil und den ebenso stinknormalen wie erinnerungswürdigen Menschen, von denen sie berichten.

Wie in jeder Geschichtensammlung stimmt nicht in jeder Erzählung die Chemie zwischen Leser und Autor. Mal wendet sich das Geschehen auf unverständliche Weise. Mal bleiben die Akteure auf Distanz. Mal bleibt ein Ende zu offen. Die längste Geschichte, „Rohes Öl“, ist vielleicht die schwierigste. Und leider entsteht der Eindruck, das im mittleren Westen der tägliche Joint zum Alltag gehört.

Dafür gibt es aber auch Geschichten, die sich mitten ins Herz setzen. Über Männerfreundschaft kann Butler schreiben wie kaum jemand, und so gehören ‚Sven & Lily‘ als auch ‚Morcheln‘ zu den Juwelen der Kollektion. Wo Trauer und tapferes Weitermachen dazugehören, stimmen bei Butler die leisen Töne bis auf’s i-Tüpfelchen. Der weiche Kern unter der rauen Schale – da schimmert er durch.

Was gefällt, ist – wie so oft – Geschmackssache. Will man diese Sammlung aber genießen, muss man vor allem Butler’s Stil mögen. Sätze, die so einfach gezimmert sind wie ein schlichtes Möbelstück – unspektakulär, erdig, aber sie nageln den Leser mit ihrer Direktheit an die Wand. Was dem einen zu simpel klingt, erweckt im nächsten Ehrfurcht vor der Reduktion aufs Wesentliche.

Eine gute Messlatte: Wer – wie ich – SHOTGUN LOVESONGS, Butler’s Romandebut von 2013, gerne gelesen hat, wird sich auch mit UNTERM LAGERFEUER wohlfühlen. Dazu am besten ein Holzfällerhemd anziehen, ein Bier öffnen und ein Steak auf den Grill schmeißen. Runde Sache.

 

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comedy

Beim Dehnen singe ich Balladen

Jürgen Lippe , Jürgen Lippe , Carolin Kebekus , Jochen Malmsheimer
Audio CD
Erschienen bei Random House Audio, 19.01.2015
ISBN 9783837129717
Genre: Humor

Rezension:


Da kann ich Jürgen von der Lippe als tollen Live-Performer noch so sehr verteidigen: Er wird hier seinem Klischee gerecht. Er ist ein klasse Entertainer, präsentiert aber schlüpfrige Witze, denen vielfach die Puste ausgeht, und die zu flach wirken für von der Lippes deutlich hörbare Lust an Sprache und Sprachwitz. Das Niveau entspricht nicht dem, was er eigentlich könnte - so fühlt es sich zumindest an. Dass ihn bei diesem Auftritt zwei Kollegen unterstützen, ist in den Dialogen miteinander sehr lustig, für die Geschichten selber aber seltsam kontraproduktiv. Gerade die hätte von der Lippe alleine besser vortragen können.

Ein Hörbuch wie ein Witz, der wirklich gut anfängt, dessen Pointe aber verpufft. Schon schade.

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frankreich, familientragödie, kindheit in den 50er, armu, mutter-tochter - beziehung

Das Lächeln meiner Mutter

Delphine de Vigan , Doris Heinemann , Delphine de Vigan
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Droemer Taschenbuch, 03.11.2014
ISBN 9783426304129
Genre: Biografien

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Hausfrau

Jill Alexander Essbaum
Fester Einband
Erschienen bei Random House US, 24.03.2015
ISBN 9780812997538
Genre: Romane

Rezension:  
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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

amoklau, amoklauf, roma, finding jake, drama

Finding Jake

Bryan Reardon
Audio CD
Erschienen bei Audiogo, 24.02.2015
ISBN 9781481533409
Genre: Sonstiges

Rezension:

Zum Hörbuch:

Haltet euer Herz gut fest, liebe Eltern. Es wird brechen, wenn ihr Bryan Reardon’s Debut-Roman FINDING JAKE hört. Der Alptraum aller Mütter und Väter wird hier wahr: An einer Schule geschieht ein Amoklauf, und das eigene Kind ist nicht nur unauffindbar, sondern unter Verdacht, einer der Täter zu sein.

Genau durch diese Hölle müssen Simon und Rachel Connolly. Als sie die Nachricht erreicht, dass an der Highschool ihres Sohnes Jake ein Schüler um sich geschossen hat, eilt Simon an den Ort des Geschehens. Der Todesschütze, ein als auffällig bekannter Junge, ist tot. Wo aber ist Jake? Er bleibt als Einziger verschwunden, und schnell kommt der Verdacht der Mittäterschaft auf.

Zwischen Sorge und Zweifel

Was folgt, sind qualvolle Tage der Suche, des Wartens und des Zweifelns für Jake’s Eltern und dessen kleine Schwester Laney. Aus der ich-Perspektive erzählt, folgen wir dabei ausschließlich den Gedankengängen von Simon. Während seine Frau Rachel nämlich von Anfang an in Vollzeit gearbeitet hat, ist Simon ein ‘stay-at-home Dad’, der nur stundenweise von zu Hause aus seinem Job nachgeht und die Kinder hauptverantwortlich großgezogen hat (genau wie Autor Bryan Reardon).

Das ist eine ungewöhnliche, hoch interessante Konstellation. Zunächst überzeugt von der Unschuld seines Sohnes, schleichen sich bei Simon Zweifel und Schuldgefühle ein. Während er und Rachel sich einer Hexenjagd durch die Medien und betroffene Eltern, Verhören und Anwaltsterminen stellen müssen, blicken wir durch Simon’s Augen zurück bis zu Jake’s Geburt und verfolgen dessen Entwicklung.

Ist die Erziehung schuld?

Welche Fehler mag Simon gemacht haben? Wie gut kennt er seinen Sohn überhaupt? Jake war immer ein zurückgezogenes Kind, und Simon war als einziger Vollzeitvater immer isoliert von den Müttern der Nachbarschaft, immer außen vor. Wozu mag das geführt haben? Und wieso hat Simon es zugelassen, dass Jake sich mit dem späteren Amokläufer angefreundet hat?

Diese innere Spurensuche ist herzzerreißend. Besonders, wenn man selber Kinder hat, leidet man furchtbar mit Simon mit. Zu unvorstellbar ist die Vorstellung, das eigene, geliebte Kind könne zum Killer geworden sein. Und dass man daran die Schuld mitträgt.

Hier geht’s um den Vater

Rachel bleibt etwas außen vor, und das ist vielleicht nicht ganz fair. Auch als ‘Teilzeit-Mutter’ ist klar, dass sie großen Einfluss auf Jake’s Entwicklung hatte, dass sie ihn liebt und angesichts der Ereignisse ebenso am Rande des Wahnsinns steht wie Simon. Allerdings ist die väterliche Perspektive hier die interessantere, hinterfragt sie doch traditionelle Eltern- und Geschlechterrollen.

Was macht ein Kind zum Täter?

Ein weiterer Aspekt der Geschichte soll nicht unerwähnt bleiben: Anhand des Todesschützen wird der Umgang mit auffälligen Kids thematisiert. Wo man hingucken muss und kann, wo etwas versäumt wird, wo Stigmatisierung zum Verderben führt, wo man aber auch machtlos ist.

Natürlich kann man nicht umhin, diesen Roman mit dem Film WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN oder dem weniger bekannten Buch DEFENDING JACOB zu vergleichen. Ersteres birgt allerdings wesentlich mehr Kälte, mehr Gestörtheit, während letzteres vergleichbar ist mit FINDING JAKE, am Schluss aber einen ganz anderen Weg geht.

Apropos Schluss: Eine Achterbahn der Gefühle. Wie gesagt: Haltet eure Herzen fest. Mehr sage ich dazu nicht, sonst verrate ich zu viel. Betreten auf eigene Gefahr!

Zum Sprecher:

George Newbern ist Sprecher-Neuland für mich. Er ist gut ausgewählt: stimmlich Typ Durchschnittsamerikaner. Ein Normalo.
Es gibt keine Besonderheiten, keine Auffälligkeiten. Die Stimme ist weder sonderlich hoch, noch tief, ohne hörbaren regionalen Akkzent. So wie diese Geschichte überall passieren könnte, hört sich Newbern wie ein Vater, wie ihn jeder Teenager haben könnte. Genau das macht es unmöglich, sich zu distanzieren. Genau deshalb geht es einem so nah.

Fazit:

Eine ganz andere Sichtweise auf einen Highschool-Amoklauf: Der Vater eines als Mittäter verdächtigen, verschwundenen Teenagers erzählt. Die alte Debatte zwischen Erziehung und Veranlagung kommt hoch, gewürzt durch die Tatsache, dass hier ein Vollzeit-Vater betroffen ist. Emotional wird man durch die Mangel gedreht. Besonders Eltern stürzt dieses Buch in Abgründe, in die man eigentlich nicht schauen mag.

Ein schmerzhafter Roman, der viele Fragen aufwirft, von George Newbern passend umgesetzt. Hat mich arg mitgenommen, und trotzdem (oder gerade deshalb) gibt es eine eindeutige Empfehlung von mir!

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178 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 8 Rezensionen

dystopie, die bestimmung, unbestimmte, tödliche wahrheit, ferox

Die Bestimmung - Tödliche Wahrheit

Veronica Roth , Petra Koob-Pawis , Janin Stenzel
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Der Hörverlag, 09.03.2015
ISBN 9783844518030
Genre: Fantasy

Rezension:

Wenn man Teenager hat, guckt man schon mal Teenie-Filme. So geschehen mit DIE BESTIMMUNG – DIVERGENT von Veronica Roth, beruhend auf dem gleichnamigen Band 1 ihrer dystopischen Jugendbuch-Reihe. Der gefällt mir recht gut, und so greife ich vor dem Anschauen von Band 2, INSURGENT – TÖDLICHE WAHRHEIT erstmal zum Hörbuch.

Die Schwächen eines Mittelteils

Direkt raus damit: Es zieht sich, und an die Spannung und starke Story von Band 1 kann INSURGENT nicht heranreichen. Ob es nur an den typischen Schwächen eines Trilogie-Mittelteils liegt, kann ich noch nicht beurteilen. Die sind allerdings deutlich: Nach der packenden Einführung in die dystopische Welt von Tris und Four samt Auflösung ins Chaos in DIVERGENT besteht INSURGENT aus sehr viel statischem Gewese. Nicht nur ist Tris gefangen in Schuldgefühlen, Trauer und Depression. Das Hickhack zwischen den einzelnen Fraktionen führt auch zu endlosen Diskussionen, Hahnenkämpfen und Versteckspielen, die einem irgendwann auf die Nerven gehen.

Zu viel Gegeneinander

Statt Gut gegen Böse gibt es hier nämlich vier Fraktionen, von denen ein Teil dann auch noch abtrünnig ist, die Fraktionslosen sowie natürlich die Unbestimmten. Keine dieser Gruppen ist sich grün, jede Fraktion hat ihre Leichen im Keller, und Veronica Roth hat sichtlich Mühe, einen roten Faden in dieses Jeder-gegen-Jeden zu ziehen. Alle Grauzonen in Ehren, aber schwarz/weiß ist manchmal einfacher. Und spannender.

Ein Pluspunkt: Die Liebesgeschichte

So gerät der eigentliche Kampf um Freiheit (darum geht es doch letztlich) unabhängig von Fraktionen und machtgeilen Herrschern ins Hintertreffen. Ebenso wie die Romanze zwischen Tris und Four. Und die ist eigentlich sehr schön. Es tut gut, dass hier mal KEINE Dreiecksgeschichte stattfindet. Somit geht es nicht um Eifersucht, sondern vielmehr um Vertrauen und darum, den anderen wirklich kennenzulernen. Roth lässt den zweien Zeit, streut zarte Momente ein, hält sich fern von allem Kitsch. Den beiden bleibt noch Luft, sich weiter zu entwickeln, anstatt dass alles Pulver schon in Teil 2 verschossen wird. Das ist gut.

Simulation bremst Wirklichkeit

Zunächst interessant ist auch Roth’s Spiel mit Wirklichkeit und Simulation. Nicht nur Tris, sondern auch dem Hörer ist nicht immer klar, was real ist, und was nur eine programmierte Halluzination. Das sorgt für Paranoia, für Schreckmomente. Die Transmitter als Fernsteuerung menschlichen Willens sind ein unheimliches, unberechenbares Mittel zur Macht. Leider nutzt sich diese Idee durch Übergebrauch ab. Irgendwann ist man die x-te Simulation leid. Es fühlt sich sehr nach Wiederholung an. Man möchte lieber in die Realität, dass dort etwas passiert, anstatt dass immer wieder nur scheinbar die Handlung vorwärts geht.

Das Beste kommt zum Schluss

Dieser Wunsch erfüllt sich kurz vor Schluss. Auf der Zielgeraden muss Tris sich bewähren, muss die Stärken ihrer unbestimmten Veranlagung zum Überleben nutzen, und es geht tatsächlich (statt simuliert) um Leben und Tod. Da sieht man, dass Roth das kann, Abenteuer und Action schreiben. Geht doch.

Es mündet in dem, was der deutsche Titel TÖDLICHE WAHRHEIT schon ankündigt: In der Auflösung eines gehüteten Geheimnisses. Das öffnet Tris zwar die Augen und ist für sie ein Schock. Ich selbst zucke allerdings die Achseln und bin nicht sehr überrascht. Sooo spektakulär ist das nicht wirklich. Eher eine ziemlich alte Wahrheit über die Natur des Menschen und den Wunsch, sie in friedliche Bahnen zu lenken. Nicht wirklich neu. Außer vielleicht, man ist wie Tris erst 16 Jahre alt und hat noch eine Menge zu lernen im Leben.

Aber das wird sie ja. Zumindest vermute ich das. Und hoffe für Teil 3 auf mehr Spannung, mehr Handlung und weniger Gekabbel untereinander, dafür auf mehr Vorwärtsdrall.

Zur Sprecherin:

Janin Stenzel ist in den Kinofilmen die Synchronsprecherin von Shailene Woodley (Tris). Das ist einerseits ein cleverer Schachzug, denn wer die Filme kennt, muss sich beim Hörbuch nicht auf eine neue Stimme einlassen.

Andererseits ist Stenzel erst seit kurzem auch Hörbucherzählerin. Das merkt man. Sie liest mehr vor, als dass sie mit ihrer Stimme schauspielert. Das bedeutet nicht, dass sie keine Emotionen zeigt – tatsächlich hat sie eine sehr angenehme Mädchenstimme, die sowohl taugh als auch fragil klingen kann. Aber eine Differenzierung zwischen den unterschiedlichen Figuren findet kaum statt. Tris und Four hören sich sehr ähnlich an, wie alle anderen auch. Da muss man sich schon konzentrieren, auf das ‘sagte sie’, ‘schrie Tobias’ etc. achten. Als ausgebildete Schauspielerin hätte ich mir da mehr gewünscht, und das gilt auch für Tempowechsel und verschiedene Intensitäten bei Handlung vs. innere Monologe.

Den Wiedererkennungswert einer Synchronsprecherin in allen Ehren, aber eine gewandte, erfahrene Hörbuchsprecherin (wie z.B. Laura Maire in Teil 1) hätte da mehr rausholen können.

Fazit:

Eine zu staatische, von Reviergerangel zwischen den Fraktionen geprägte Fortsetzung von DIVERGENT. Das Gewese untereinander führt dazu, dass das Interesse an den Unterschieden zwischen den Altruan, Ken, Candor, Ferox und Amite etwas erlahmt. Das gleiche gilt für die überstrapazierten Simulationen als Waffe der Machtinhaber. Darunter leidet die an sich sehr schöne Liebesgeschichte zwischen Tris und Four, und die Geschichte bewegt sich erst am Schluss wirklich vorwärts. Die packenden Grundideen aus Band 1 werden so zu etwas zähem Kaugummi.

Bleibt zu hoffen, dass INSURGENT ganz einfach nur unter den üblichen Kinderkrankheiten eines Trilogie-Mittelteils leidet und im Abschlussband wieder an die abwechslungsreiche Spannung von Teil 1 anknüpft.

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berlin, thriller, kathrin lange, faris iskander, hass

Gotteslüge

Kathrin Lange
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 16.03.2015
ISBN 9783442383467
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Holla, das fängt bombig an: Mit einem Schnappschuss von Spezialagent Faris Iskander, eine Sprengstoffweste umgeschnallt, die er jeden Augenblick zünden wird. Wird er tatsächlich?

Dann springt die Geschichte zurück an den Anfang, wo alles beginnt. Und auch das ist kein gemächlicher Einstieg. Faris, Ermittler einer Spezialeinheit gegen religiös motivierte Verbrechen in Berlin, hat einen Tag, wie ihn sonst nur Kollege Jack Bauer aus ’24’ erlebt. Geiseln werden genommen, Sprengsätze gehen hoch, Morde geschehen, und pausenlos steht Faris mittendrin. Oder vielmehr: rennt mittendrin. Die Geschichte lässt nicht viel Raum zum Atmen, weder der Hauptfigur noch dem Leser. Mit Stehaufmännchen Faris hetzt man von einem Brennpunkt zum anderen. Gut so! Das Spannungsniveau ist hoch und bleibt es durch das ganze Buch hindurch.

Nix mit Vorgeplänkel

Okay, dafür muss man einen gewissen Preis bezahlen. Eine wirkliche Einführung in diesen zweiten Teil der Reihe gibt es nicht. Die Vorgeschichte stückelt man sich während der Jagd auf den Bösewicht zusammen. Das geht, auch wenn man sich wünscht, nochmal kurz einen Steckbrief unseres tapferen Agenten/Polizisten zu bekommen. Ich, die ich Teil 1 nicht kenne, rätsele zum Beispiel immer noch, aus welchem Land er ursprünglich stammt. Aus dem arabischen Raum, klar, aber woher genau?

Man kommt allerdings auch so ganz gut mit, denn als zweites muss man Abstriche bei der Tiefe der Geschichte machen. Emotional ist schon alles drin von Schock, Schuld, Wut bis Angst und Trauer. Allerdings fehlt für tiefschürfendere Introspektion und Charakterisierung über Jack Bauer-Niveau hinaus ganz einfach die Zeit. Würde das schön hohe Tempo auch unterbrechen, und so nimmt man das zugunsten des Nervenkitzels in Kauf.

Schnell und einfach

Sprachlich hat das alles nichts mit dem Nobelpreis zu tun. Lange schreibt ohne Rüschen, zackig, ohne jedes Gewese. Tatsächlich scheinen viele Sätze aus dem ‘Wie-schreibe-ich-einen-Thriller’-Handbuch zu stammen und klingen schon mal formelhaft. In meinem Leseexemplar gibt es einige Wiederholungen, die das Endlektorat hoffentlich gefunden hat. Ich fange beim Lesen schon an, eine Strichliste zu machen, wie oft irgendwem ‘die Worte von den Lippen gerissen’ werden.

Am Schluss wird die an sich sehr stringente und wirklich spannende Geschichte etwas wuschig. Kathrin Lange versucht, eine Wendung zu viel unterzubringen, und die Logik wird holperig.

So richtig zum Verschlingen

Schlimm ist das aber trotzdem nicht. Und zwar, weil Lange ordenlich Gas gibt mit ihrer Geschichte. Weil Faris ein Kerl ist, der das Herz am rechten Fleck und die Knarre in der fähigen Hand hat. Weil er Menschen verliert, die er liebt, und weil man ihn am liebsten auf den Schoß ziehen und ein bisschen im Arm wiegen möchte. Weil Faris selbst aber – blutend und tapfer – den Hintern zusammenkneift und sich einfach nicht unterkriegen lässt. Dafür belohnt Lange ihn (und uns) mit etwas Trost, Heftpflastern und einer aufkeimenden Liebelei.

Dann ist da natürlich noch das brandaktuelle Rahmenthema: Verbrechen, die aufgrund ethnischer Zugehörigkeit und religiösem Fanatismus begangen werden. Faris als muslimischer, deutscher Polizist arabischen Ursprungs, inklusive kleiner rassistischer Seitenhiebe auf ihn. Auch wenn das nicht über ein grobes Hintergrundbild hinausgeht, so sorgt es doch für tagesaktuelle Würze.

Bestens geeignet, um es an einem freien Tag an einem Stück zu Verschlingen.

Fazit:

Unterm Strich ist ‘Gotteslüge’ also kein anspruchsvoller Polit-Thriller. Oh nein. Dafür aber ein mit Cliffhangern durchsetzer Action-Cop-Roman mit durchweg sympathischer Hauptfigur. Ein Buch, das man sich süchtelnd reinzieht wie eine Tüte Lieblingschips. Aus der Hand legen kann man das kaum. Deutsche Thriller sind in der letzten Zeit ja entweder verkopft oder sensationsheischend. Dieser hier hält sich stattdessen an die Hauptsache: krachende Spannung und echte Rasanz. Wen interessieren da noch Schönheitsfehler?

Ich buche den guten Faris dann jetzt schon mal für Teil 3.

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24 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

laini taylor, engel, prag, fantasy, ya

Daughter of Smoke and Bone

Laini Taylor
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Hodder & Stoughton General Division, 29.09.2011
ISBN 9781444722628
Genre: Sonstiges

Rezension:

Zum Hörbuch:

Dieses Hörbuch war eine Empfehlung von Kelli @oddiophile, auf meine Nachfrage nach etwas 'Literarischem, gerne auch Fantasy, aber ohne Vampire!' Das Label 'YA' (was hierzulande etwas unpassend 'Jugendbuch' heisst), machte mich skeptisch, aber Inhaltsangabe und  Hörprobe waren verheißungsreich.

Unterlegt mit poppig-ätherischer Musik, stellt das Intro ins Hörbuch schon mal eins klar:

'Once upon a time, an angel and a devil fell in love. It did not end well.'
Wir erfahren also direkt, dass mit Friede, Freude, Eierkuchen am Ende nicht zu rechnen ist - was bei einem so gegensätzlichen Paar auch einleuchtet. Natürlich hört sich das auch etwas klischeehaft an, nach romantischem Drama und Schwarz-Weiß-Malerei. So einfach kommt es allerdings nicht.

Karou wird uns vorgestellt. Auf dem Weg zur Kunstschule, die die 17jährige in Prag besucht, muss sie sich augenrollend mit ihrem nervigen Ex-Freund Kazimir auseinander setzen. Es kommt zu einigen recht lockeren, neckischen Szenen, die vor allem die Zielgruppe des Hörbuchs ansprechen. Wir lernen Karou's Freundin Zuzanna kennen (die von Hvam mit entzückend tchechischem Akkzent gesprochen wird), und kleine, aber nicht näher erklärte Einblicke in Karou's Leben wecken große Neugier.

Warum sind ihre Haare tatsächlich blau? Was hat es mit den Tatoos auf ihrem Körper auf sich? Und wie funktioniert das mit ihrer Halskette, deren Perlen sich in die Erfüllung kleiner Wünsche verwandeln lassen? Die phantasievollen Figuren, die Karou in ihrem Skizzenbuch zeichnet, sind, so ahnt man, nicht nur ihrer Einbildung entsprungen. Und warum, um Gottes Willen, sammelt sie Zähne? Sie verbirgt ein geheimnisvolles Doppelleben vor ihren Freunden, das ist klar.

Das erste Drittel des Hörbuchs widmet sich farbenfroh, unterhaltsam und ideensprühend der häppchenweisen Vorstellung von Karou's geheimer Welt. Nach und nach lernen wir die weiteren Protagonisten kennen, allen voran Brimstone, Karou's Ziehvater, und natürlich Akiva. Ah, Akiva. Sein erster Auftritt lässt an atemberaubender Dramatik nichts zu wünschen übrig. In üppigen Sprache und schamlosen Metaphern schwelgend, zeichnet Laini Taylor dieses männliche Traumwesen auf die Leinwand eines düster-verwunschen anmutenden Prags, und wir können nur andächtig lauschen.

Überhaupt traut sich Taylor, ihre Neuauflage der Romeo-und-Julia-Geschichte ungeniert und leidenschaftlich auszuschlachten. Und es funktioniert! Gebannt und mit blutendem Herzen verfolgt man das Schicksal der tragischen Liebenden von Prag über Marrakesch bis hinein ins mysteriöse 'Elsewhere' - Anderswo. Der Kniff an der Sache ist, dass immer unklarer wird, wer hier gut und wer böse ist. Die Definitionen von 'Engel' und 'Teufel' geraten aus den Fugen. Taylor transportiert diese Archetypen in eine nicht-religiöse Welt aus Fantasmus und neu erfundener Mythen und spielt dabei mit unseren Erwartungen.

Zugegeben, im Mittelteil verliert die Geschichte zweitweilig an Tempo. Das liegt zum einen an den komplett ausgereizten Szenen zwischen Karou und Akiva. Eine Bewegung, ein Blick, ein Kuss - das kann mit viel deskriptivem Gewese und emotionalen Einblicken in die Herzen beider Beteiligten schon mal ewig dauern. Allerdings schafft Taylor es, ganz sicher diesseits auf der Grenze des Erträglichen zu bleiben. Für jugendliche Leser glitzern diese Momente in schwindelerregender Schönheit und Romantik, und auch ich konnte mich dem schillernden Pathos der Geschichte überhaupt nicht entziehen. Muss man allerdings mögen. Kurz und knackig gibt es hier nicht.

Zum anderen eröffnet Taylor in der Mitte des Buches eine neue Zeit- und Personenebene in der Geschichte. Die Perspektive wechselt hin zu Akiva und dessen Vergangenheit. Neue Figuren müssen eingeführt werden, und zwar sehr gründlich und ausführlich, damit wir uns emotional an sie binden können. So entsteht eine komplette zweite Geschichte, und zumindest mich hat das zwischendurch bei aller Liebe etwas genervt. Ich wollte wissen, wie es im Hier und Jetzt weitergeht, mit Karou und Akiva. Ab und an habe ich tatsächlich aufgestöhnt, als eine bevorstehende Enthüllung mal wieder in die Länge gezogen wurde. "Jetzt spuck's schon aus, Akiva!" Sowas habe ich mehr als einmal laut gesagt.

Am Schluss stehen wir mit Karou vor erschütternden Erkenntnissen. DAUGHTER OF SMOKE AND BONE wird wohltuend düster, schüttelt die Kategorien 'gut' und 'böse' nochmal kräftig durch, und präsentiert uns ein tragisches Liebespaar, wie Shakespeare es nicht schöner und dramatischer hätte erfinden können. Und endet mit der gefährlichen Eröffnung eines neues Aktes, beim Eintritt in eine neue Welt. Wer jetzt noch nicht am Haken hängt und nach der Fortsetzung hungert, hat weder Augen noch Ohren noch ein Herz.

Zur Sprecherin:
Christine Hvam macht alles richtig. Ihre junge Stimme passt zu Karou, und erstaunlicherweise auch zu Akiva. Es sind Nuancen in Stimmlage und Sprechtempo, mit denen Hvam jeden Charakter erkennbar und einzigartig macht. Besonders die Interpretation von Brimstone mit seiner tiefen Stimmfarbe und dem eckig-dusteren Fantasieakkzent ist eindrucksvoll. Gleiches gilt für Zuzanna und den Humor und die Reife,  welche Hvam Karou's Freundin verleiht.
In den vielen dramatischen und romantischen Szenen muss Hvam aufpassen, sich vom ausgeschmückten Stil der Autorin nicht ins Übertriebene tragen zu lassen - und schafft das auch! Ohne Leidenschaft, Honig und Hauchen lässt sich diese Geschichte nicht vortragen. Hvam gibt sich dem hin, ohne je ins Lächerliche zu kippen. Im Gegenteil: Sie trägt dem tragischen, dunklen Unterton der Geschichte Rechnung und verleiht ihr immer wieder die nötige Schwere. Es wird ernst, und Hvam bringt das sehr glaubhaft rüber.

Fazit:
DAUGHTER OF SMOKE AND BONE vereint die klassischen Elemente moderner Jugend-Fantasy mit erstaunlich lustvoller Sprache und einer modernen Variante von 'Romeo und Julia'. Die Fantasiewelt, die Taylor erschafft, spielt mit Konventionen und Erwartungen, ist farbenfroh und düster zugleich. Im Zentrum steht eine tragische Liebesgeschichte von überbordendem Ausmaß. Als Identifikationsfigur dient Karou, der Prototyp der toughen jungen Heldin, wie wir sie zur Zeit in vielen Jugendbüchern erleben - stark und selbstbewusst, aber von erstaunlicher emotionaler Reife und Verwundbarkeit. Gespickt mit eindrucksvollen Nebenfiguren und schaurig-romantischen Schauplätzen, ist das Hörbuch ein Fest für die Sinne.

Wer leidenschaftliche, romantische Geschichten liebt und sich für Fantasy interessiert, ist in Karou's Welt wunderbar aufgehoben. Ein Hörbuch zum Schwelgen.

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Tags: fantasy, hörbuch, jugendbuch, paranormal romance, ya   (5)
 

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thriller, berlin, julius kern, london, tassilo michaelis

Der Prophet des Todes

Vincent Kliesch
Flexibler Einband: 379 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 17.04.2012
ISBN 9783442377978
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Titel: 'Der Prophet des Todes' (Julius Kern 3)
Autor: Vincent Kliesch
Sprache: Deutsch
Sprecher: Uve Teschner
Format: Hörbuch-Download von audible.de für € 9,95 im Flexi-Abo (Normalpreis € 20,95 )
Länge: 8 Std 51 min (ungekürzt)
Inhaltsangabe (von audible.de):
Eine geheimnisvolle Vorhersage kündigt zwei rätselhafte Todesfälle in Berlin an. Wer steckt hinter der seltsamen Botschaft? Hauptkommissar Julius Kern beginnt zu ermitteln - und erhält kurz darauf selbst eine Todesprophezeiung. Er wird von dem Fall abgezogen, doch inoffiziell ermittelt er weiter. Denn der Prophet des Todes hat keinen Zweifel daran gelassen, dass nur eine Begegnung mit Kerns Erzrivalen Tassilo Michaelis das Rätsel lösen und die Familie des Kommissars retten kann...

Zum Hörbuch:
​DER PROPHET DES TODES ist der 3. Band aus der Julius Kern-Serie von Vincent Kliesch, aber für mich war es das erste Zusammentreffen mit dem Kommissar. Schade eigentlich, denn nach all den Spoilern aus diesem Band kann ich mir die ersten beiden sparen. Die bieten dann wohl keine tatsächliche Spannung mehr. Folglich kann ich nur allen Neulingen raten, tatsächlich mit Band 1 anzufangen: DIE REINHEIT DES TODES.
So aber lerne ich Hauptkommissar Julius Kern kennen, als er den Schauplatz eines fragwürdigen Selbstmordes inspiziert: Eine junge Mutter, die beim Jugendamt auf Grund von Vernachlässigungsvermutungen bereits aktenkundig war, wird erhängt in ihrer Wohnung aufgefunden. Ihr kleine Tochter liegt weinend im Kinderzimmer. An der Selbstmordhypothese gibt es jedoch ein Problem: Auch der Vater des Kindes wird tot in dessen Wohnung entdeckt, und die Ermittler stoßen auf eine Prophezeiung, die beide Todesfälle voraussah.
Dieser Beginn ist gut. Ein interessanter Fall, und die Figuren machen auch einen vielversprechenden Eindruck. Kern ist mal NICHT ein gebrochener Einzelgänger, sondern ein verheirateter Vater mit einer Teenager-Tochter. Zwar schleppt er einiges an 'Gepäck' mit sich herum und hat raue Zeiten in seiner Ehe überstanden, aber seine Situation ist stabil. Nett sind die eingestreuten Szenen mit seiner Tochter und deren neuem Schwarm. Es tut gut, in einem Thriller auch mal etwas Leichtigkeit und Normalität vorzufinden.
Die Nebenfiguren, von Kerns Frau über seine Kollegen Quirin und Dennis, seine Chefin Castella bis hin zu den 'bösen Buben' sind ebenfalls interessant. Ihnen fehlt zwar die Tiefe von literarischeren Thrillern, aber sie sind auch keine eindimensionalen Pappfiguren oder wandelnde Klischees. Dafür sorgt allein schon die Tatsache, dass die meisten Charaktere schon seit Band 1 der Serie mit von der Partie sind und eine gemeinsame Geschichte teilen.

Kommen wir zum Bösewicht dieses Thrillers. Die besten Serienmörder sind immer die, die eine gewisse Faszination im Leser auslösen. Solche, bei denen man sich ertappt, sie teilweise sogar zu mögen oder zu verstehen, um im nächsten Moment entsetzt über solche Gedanken zu sein. Zu dieser Kategorie gehört Tassilo Michaelis zweifellos. Er ist natürlich absolut krank im Kopf, und seine Morde lassen an kreativer Grausamkeit nichts zu wünschen übrig. Was er da mit seinen 'Gästen' treibt, ist schon sehr heftig, und das hätte es für mich auch nicht unbedingt sein müssen - aber so ist das heute in Serienmörder-Krimis eben. Ein Opfer einfach nur auf 'gute alte Art' umzubringen, lockt offenbar keine müde Maus hinterm Ofen hervor.
Neben Abscheu und Entsetzen konnte ich mich zeitweilig aber auch nicht dagegen wehren, Tassilos geschliffene, elegante Art zu mögen und ihm ein gewisses Verständnis entgegen zu bringen (wenn ihr die Stelle mit dem deutschen Touristen gelesen habt, wisst ihr, was ich meine). Man hat fast das Gefühlt, würde dieser Drang zur Gewaltauslebung nicht in Tassilo existieren, hätte man es mit einem äußerst klugen und angenehmen Menschen zu tun. DER PROPHET DES TODES unterstützt diesen Eindruck noch, als wir aufschlussreiche Dinge über Tassilos Vergangenheit erfahren und Kern und er beinahe so etwas wie eine Allianz eingehen.
Von diesem starken 'Duo' abgesehen, hat der Roman allerdings auch Schwächen. Es ist immer schwierig, in einer Buchreihe dem Leser das Vorhergegangene noch mal zu erklären. Neulinge müssen auf den Stand der Dinge gebracht werden, ohne dass es zu Wiederholungen oder für den Serienkenner langweiligen Zusammenfassungen kommt. Das  gelingt hier nicht wirklich. Selbst ich, die ich die ersten beiden Bände ja nicht kannte, empfand die Erklärungen zur Vorgeschichte und das Wiederauftauchen bekannter Charaktere mit den zugehörigen Erklärungen als mühselig und störend. Die Geschichte sackte im Mittelteil dadurch etwas durch, verlor and Tempo und Spannung. Von anderen Lesern, die Teil 1 und 2 schon kennen, habe ich gehört, dass sie das noch wesentlich nerviger fanden.
Beunruhigend ist in diesem Zusammenhang, dass ein 4. Teil am Ende im Bereich des Möglichen liegt. Der wirkich hoch spannende Schluss mit mehreren Wendungen und viel Dramatik lässt da eine Tür offen, die man vielleicht besser hätte schließen sollen.
Fazit:
Ein spannender, solider Thriller mit einem kernigen, sympathischen Hauptkommissar und seinem interessanten, barbarischen Erzfeind. Die gesamte Besetzung ist unterhaltsam, und der Fall bietet genügend Überraschungen, um gut bei der Stange zu bleiben. Allerdings schaden Wiederholungen und Erklärungen im Rückgriff auf die ersten beiden Bände der Serie der Spannung und dem Tempo des Buches. Zu viele Charaktere aus den Vorgängern tauchen wieder auf und bringen eher sperrige Pausen, als die Geschichte vorwärts zu treiben. Der wendungsreiche, dramatische Schluss bringt allerdings satte Pluspunkte.
Am Ende möchte man Julius Kern und sein Team gerne wieder sehen - aber bitte ohne Altlasten und mit einem neuen Gegner!
Zum Sprecher:
Uve Teschner kannte ich bereits von einem anderen Thriller. Er hat keine markante Stimme, die im Gedächtnis bleibt, aber er spricht dieses Hörbuch wirklich tadellos. Tassilo verleiht er eine samtig-gefährliche Stimme, die absolut zur Dualität dieser Figur passt, und auch für Kern findet Teschner den passenden Tonfall. Schön, dass er auch die Tochter von Julius gut hinbekommt - weibliche Teenager sind für einen männlichen Hörbuchsprecher immer eine doppelte Herausforderung. Lobend erwähnt sei noch das hörbare Bemühen um Authentizität, z.B. als Tassilo eine Maske trägt und Teschner ganz offensichtlich auch durch ein Tuch o.ä. spricht, um den gedämpften Klang wieder zu geben.
Bewertung: 7/10

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familie, architektur, niederlande, geheimnis, vergangenheit

Abscheu

Esther Verhoef , Stefanie Schäfer
Fester Einband: 315 Seiten
Erschienen bei btb, 27.02.2012
ISBN 9783442752959
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Zum Hörbuch:

Es gab zwei Gründe, warum ich mir dieses Hörbuch herunter lud, und der erste davon war vielleicht ein bisschen idiotisch: ABSCHEU beginnt mit einem Zitat aus einem meiner Lieblingssongs, ‘Supergirl’ von Reamonn. Das machte mich neugierig. Mindestens ebenso wichtig war aber, dass es sich um den neuen Thriller einer Autorin handelte, von der ich noch gar nicht gehört hatte: Esther Verhoef. Da ich gerne Thriller lese und Verhoef laut kurzer Recherche schon mehrere Bücher erfolgreich veröffentlicht hatte, wunderte ich mich, ihren Namen nicht zu kennen. Ich schob das einfach auf die Tatsache, dass es sich um eine Autorin aus den Niederlanden handelte. Noch ein Grund, ABSCHEU mal zu testen!

Los ging’s also, und zwar mit ‘Supergirls don’t cry…’, und dann der Suggestiv-Überschrift des 1. Kapitels: ‘Todesanzeigen’. Eine solche wird vorgelesen, und es geht um das Ableben der Ehefrau und Mutter Claire van Sant Foort. Keine weitere Erklärung. Einfach nur die Todesanzeige (die in der gedruckten Ausgabe vermutlich abgebildet ist?).

Die erste tatsächliche Szene ist ein idyllisch-ereignisloser Gegensatz zu diesem unheilvollen Beginn. Claire kehrt mit ihren beiden kleinen Töchtern von irgendwelchen alltäglichen Erledigungen nach Hause zurück. Dieses Zuhause ist ein großes, altes, liebevoll restauriertes Anwesen nebst eigenem Pferdestall, das sich auf einer beschaulichen Halbinsel in den Niederlanden befindet. Claire ist verheiratet mit Harald, erfolgreicher Makler für exklusive, historische Immobilien, der das Geschäft in der dritten Generation betreibt.

Alles sieht nach dem perfekten Glück aus: Man hat Geld, einen guten Ruf, zwei süße Töchter und ein geregeltes Leben, das die elegant-pragmatische Claire mit geschickter Hand meistert. Auch ihre Ehe mit dem attraktiven, zuverlässigen Harald läuft wunderbar.

Dieser Beginn des Hörbuchs ist genau so wie das Leben, das es beschreibt. Nett, unaufgeregt, aber auch ein wenig langweilig. Für einen Thriller fängt es vollkommen harmlos an, und für meinen Geschmack dauert es dann etwas zu lange, bis es spannend wird. Besonders die Beschreibungen der Architektur haben mich nicht so sehr interessiert, auch wenn das Thema im Nachhinein durchaus als passende Metapher für die ganze Geschichte zu sehen ist: Ein makellos renoviertes Gebäude kann trotzdem ganz schnell zusammen brechen, wenn es auf einem fehlerhaften Fundament steht. Wer sich für Architektur interessiert, den werden diese Passagen allerdings nicht stören.

Irgendwann kommt dann doch Unruhe in der Geschichte auf, als ein alter Bekannter von Claire bei ihr auftaucht. Das Leben, das Claire vor zehn Jahren geführt hat, holt sie plötzlich wieder ein. Ein ganz und gar nicht makelloses Leben, das sie vor Harald geheim gehalten hat. Und ein Mann, dessen gefährlicher Faszination und körperlichen Attraktivität Claire (wieder) zu erliegen droht…

ABSCHEU kommt spät in Fahrt, und auch nur langsam. Es geht auch nicht um actiongeladene Szenen, um exzessive Gewalt, Verfolgungsjagden oder Schusswechsel. Wer das von einem Thriller erwartet, wird sich, so wie ich, mit diesem Buch lange schwer tun. Bei ABSCHEU geht es um das allmähliche, aber unausweichliche Abstürzen in sich immer weiter auftuende Abgründe aus der Vergangenheit. Es geht um eine Figur – Claire – die ihr altes Ich bewusst zurück gelassen hat und ihm nun wieder ins Gesicht sehen muss, um ihr neues Ich zu retten. Natürlich geht es um illegale Geschäfte und eine Verruchtheit, die man der distinguierten Claire gar nicht zugetraut hätte.

Vor allem aber geht es um Claire und ihre Familie. Um Lügen und Geheimnisse – Gift für jede Beziehung. Darum, wofür man kämpfen will: Eine heile Familie, oder ein aufregendes, erregendes Leben am Rande der Legalität. Claire muss sich entscheiden. Und hoffen, dass der Mann, für den sie sich entscheidet, sie so akzeptiert wie sie ist.

Überrascht haben mich die sexuell expliziten und aufgeladenen Szenen in der Geschichte. Meine Zeiten, da geht es zur Sache, und Verhoef hat tatsächlich ein Händchen für handfeste Erotik. Plötzlich wurde mir bewusst, das das Label ‘Thriller’ eigentlich noch um den Zusatz ‘erotisch’ hätte erweitert werden müssen. Und bei genauerer Recherche spielt dieser Aspekt wohl auch in Verhoefs anderen Büchern eine Rolle. Ich habe schon mal aus Versehen etwas aus diesem Genre gelesen und konnte über einige plakativ heißblütige Szenen nur die Augen rollen. Das ist bei ABSCHEU nicht der Fall. Hier prickelt es angenehm, und die Geschichte drumherum dient nicht nur als schwache Entschuldigung für die Bettszenen. Im Gegenteil: Die wenigen ‘heißen’ Momente sind eine echte Bereicherung für einen durchdachten Plot. Kompliment.

Allerdings kam es mir doch etwas abwegig vor, dass die eigentlich recht abgeklärte Claire sich wieder so den Kopf verdrehen lässt und ihr sorgsam aufgebautes Leben beinah wieder vor die Wand fährt, und das nur wegen des attraktiven Sogs eines gefährlichen Muskelmanns. Auch in anderer Beziehung habe ich an ein, zwei Stellen über Claires unpassende Naivität gestöhnt. Das passte einfach nicht zu ihrem ansonsten kontrollierten, nüchternen Charakter. Nun ja.

Obwohl ich schon nicht mehr damit gerechnet hatte, konnte ich das Hörbuch im letzten Viertel dann gar nicht mehr aus den Ohren nehmen. Da war sie, die Spannung, auf die ich gewartet hatte, und sie kam ganz allein aus der Entwicklung der Charaktere und ihren Entscheidungen. Über ein paar Holprigkeiten in der Logik konnte ich dann auch ganz gut weg sehen. Und schön, dass Verhoef die Geschichte auch wieder mit einem Zitat aus ‘Supergirl’ beendet. An diesem Punkt weiß man, warum und wie sehr dieser Song zum Buch passt.

Zur Sprecherin:

Cathrin Bürger war mir neu, und sie passt gut zu Claire’s Charakter. Ihre Schilderungen sind meist wenig emotionalisiert, und Bürger reflektiert das sehr gut. Cool folgt sie der Figur durch ihren zivilisierten, organisierten Alltag als Mutter und Vorzeige-Ehefrau. Ich war positiv überrascht, wie prickelnd Bürger die erotischen Szenen erzählt, ohne auch nur einmal in lächerliches Gehauche zu verfallen. Sie bleibt Claire treu und schafft es trotzdem, ihrer Figur auch stimmlich einen subtil verruchten Unterton zu verleihen.

Was die Dialoge angeht, gelingt ihr eine schöne Charakterisierung und Differenzierung zwischen den Figuren. Claire’s Mutter, die Töchter, Harald und vor allem Marius gibt sie wieder erkennbare Stimmen.

Das gelingt ihr allerdings weniger gut bei den Perspektivwechseln in der Geschichte. Meistens erzählt Claire in der Ich-Perspektive, aber ab und zu wechselt der Blickwinkel zu Harald. Diese Passagen sind ebenfalls in der 1. Person geschrieben, und ich war mehrere Male verwirrt, weil ich den Wechsel nicht mitbekommen hatte. Ein großes Manko für mich. Hier hätten längere Sprechpausen als Hinweis hilfreich sein können, oder vielleicht sogar der Einschub ‘Claire’ bzw. ‘Harald’, auch wenn das im Buch nicht vorgesehen war.

Fazit:

ABSCHEU ist ein langsamer Thriller mit erotischen Aspekten. Die Geschichte braucht Zeit, um in Gang zu kommen. Verhoef lässt sich ein wenig zu viel Zeit, um die Lebenssituation von Claire zu etablieren und verliert sich leicht im Thema ‘Architektur’. Der Thrill betrifft mehr die Psychologie der Figuren als die tatsächliche Handlung. Action spielt hier nicht die Hauptsache. Lebenslügen und dunkle Geheimnisse, die ans Tageslicht gezerrt werden sind das zentrale Thema. Besonders im letzten Drittel steigert sich ABSCHEU und fährt doch noch viele Pluspunkte ein.

Zusammen genommen, ein solider ‘Spätzünder’, dessen Zugehörigkeit zum Genre ‘erotic suspense’ ein wenig verschwiegen wird. Zu Unrecht, finde ich, denn es verleiht der Geschichte Würze.

Bewertung: 6/10

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zauberer, fantasy, mehrteiler, bestseller, schule

The Magicians

Lev Grossman
Fester Einband
Erschienen bei Viking Adult; 1 edition, 01.01.2009
ISBN B00310NY3G
Genre: Fantasy

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