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fabelwesen, fantasy, fawkes, floh, flöhe, flohzirkus, leonie swann, london, magie, märchen, nixe, nixen, roman, schmuck, zauberei

Dunkelsprung

Leonie Swann
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 10.11.2014
ISBN 9783442313877
Genre: Fantasy

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41 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 31 Rezensionen

demenz, drama, erinnerungen, gegenwartsliteratur, krankheit, krebs, letzte reise, liebe, michael zadoorian, probleme & krankheiten, reise, reise in der vergangenheit, roman, route 66, schiksal

Das Leuchten der Erinnerung

Michael Zadoorian , Elfriede Peschel
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 20.12.2017
ISBN 9783959671187
Genre: Romane

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154 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 91 Rezensionen

andalusien, england, gemälde, insel-verlag, jessie burton, krieg, kunst, künstler, liebe, london, malerei, muse, roman, spanien, spanischer bürgerkrieg

Das Geheimnis der Muse

Jessie Burton , Peter Knecht
Flexibler Einband: 461 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 11.03.2018
ISBN 9783458363293
Genre: Romane

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70 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 18 Rezensionen

freundschaft, hoffnung, krankheit, leben, lebenshilfe, nicole walter, psych, psychische störungen, regenbogen, regenbogentänzer, tanz, tanzen, traum, walter

Regenbogentänzer

Nicole Walter
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 02.11.2015
ISBN 9783426515501
Genre: Romane

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47 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

abenteuer, abenteuerroman, arktis, arzt, eismeer, gewalt, moral, robbenschlachten, schiffsarzt, sepoyaufstand, thriller, überlebenskampf, wal, walfang, zeitgenössische belletristik

Nordwasser

Ian McGuire , Joachim Körber
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei mareverlag, 13.02.2018
ISBN 9783866482678
Genre: Historische Romane

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98 Bibliotheken, 12 Leser, 3 Gruppen, 61 Rezensionen

60er jahre, briefe, enttäuschung, hoffnung, hongkong, leben, liebe, liebesroman, mutter-tochter-beziehung, mutter-tochter-verhältnis, roman, sehnsucht, tod, trauer, vergangenheit

Eine Liebe, in Gedanken

Kristine Bilkau
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 12.03.2018
ISBN 9783630875187
Genre: Romane

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Lavendelbitter

Elinor Bicks , RADIOROPA Hörbuch - eine Division der TechniSat Digital GmbH , Nadine Heidenreich
Audio CD: 1 Seiten
Erschienen bei RADIOROPA Hörbuch, 04.03.2015
ISBN 9783836811484
Genre: Krimi und Thriller

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36 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 8 Rezensionen

Moonglow

Michael Chabon , Andrea Fischer
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.03.2018
ISBN 9783462050745
Genre: Romane

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

behinderung, debüt, georgien, siamesische zwillinge, tagebücher, tod, zirkus

Einsame Schwestern

Ekaterine Togonidze , Nino Osepashvili , Eva Profousová
Fester Einband: 180 Seiten
Erschienen bei Septime Verlag, 19.02.2018
ISBN 9783902711748
Genre: Romane

Rezension:

AUCH ICH BIN ... EIN MENSCH!

Lina und Diana sind Zwillinge. Doch auch wenn Zwillinge keine allzu seltene Laune der Natur sind - die beiden Mädchen sind etwas Besonderes. Sie teilen sich von der Taille abwärts einen Körper - sie sind siamesische Zwillinge. Hinzu kommt, dass sie nicht etwa wie Abby und Brittany Hensel in den USA das Glück haben, eine starke Familie im Rücken zu wissen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles zu tun, wonach ihnen der Kopf steht - Fahrrad fahren, Führerschein machen, sich im Bikini am Strand aalen - sondern in Georgien aufwachsen. In einer Gesellschaft also, in der Behinderte nicht zum Straßenbild gehören, sondern versteckt werden.

Von dem Leben der beiden Mädchen erfährt der Leser aus Tagebucheintragungen. Diese kommen nach ihrem mysteriösen Tod ans Tageslicht und landen bei ihrem Vater Rostom, der erst von der Gerichtsmedizin erfährt, dass er Töchter hatte. Abwechselnd wird hier erzählt aus dem Leben von Lina und Diana und von Rostom, ihrem Vater, der nicht wahrhaben will, dass er mit diesen Kindern etwas zu tun hat.


"Mein Stammbaum weist keinerlei Defekte auf! (...) Hätte ich solche Kinder gezeugt, hätte ich mich gleich umgebracht!" (S. 84 f.)


Die Tagebucheintragungen von Diana und Lina sind eher leise und dennoch intensiv. Zum Teil typische Gedanken und Stimmungsschwankungen Jugendlicher, zum Teil Notizen, die einen guten Einblick bieten in die Situation, für immer an jemand anderen gebunden und niemals allein zu sein. Die beiden Mädchen leben bis zu ihrem 16. Lebensjahr abseits der Stadt bei ihrer Großmutter, die Mutter starb bei ihrer Geburt. Die bescheidene Rente der Großmutter lässt die Zwillinge in Armut leben, Fleisch gibt es selten, Süßigkeiten sind ein Luxus. Und doch wachsen die beiden recht behütet auf, die Großmutter bringt ihnen Lesen und Schreiben bei, und als sie die Möglichkeit entdecken, jede für sich ein Tagebuch zu führen, haben sie endlich eine Nische entdeckt, ihre so unterschiedlichen Persönlichkeiten zu Wort kommen zu lassen.

Als die Großmutter stirbt, ist niemand mehr da, der Lina und Diana beschützt - wehrlos werden sie zum Opfer. Erst als Untersuchungsobjekt der Ärzte, später als Freaks im Zirkus. Nie werden sie als das gesehen, was sie sind: zwei jugendliche Mädchen in einem gemeinsamen Körper. Diana ist dabei pragmatischer und eher sachlich veranlagt, Lina dagegen verträumt und romantisch. Stets werden die beiden als eins gesehen, als Monstrosität betrachtet und behandelt - und Misshandlungen ausgesetzt.

Die Lektüre ist trotz der eher einfachen Sprache in den Tageucheinträgen eine schwere und bedrückende. Der Kniff mit den Tagebüchern ist dabei von Ekaterine Togonidze geschickt gewählt worden, wird so doch der Schwerpunkt nicht auf die Behinderung selbst gelegt, sondern darauf, was das für die beiden Mädchen bedeutet, für ihr Leben, ihre Gefühle, ihre Gedanken. So wird der Leser nicht ungewollt ebenso zum Zuschauer einer Freakshow, wie die Besucher des Zirkus, in dem die Mädchen gezwungen sind aufzutreten.

Die Lektüre macht betroffen - nicht allein aufgrund der Eindringlichkeit, die gerade auf den letzten Seiten der Tagebücher entsteht. Sie macht betroffen angesichts der Vielfalt des Menschseins - und der Ignoranz dieser Tatsache. Menschen mit Behinderungen - totgeschwiegen, weggesperrt, angestarrt, misshandelt, missbraucht, entseelt.


"So viel habe ich gewollt und nichts bekommen, nichts ist mir gelungen... Ich wollte allen ins Gesicht sagen: Auch ich bin eine von euch. Auch ich bin ... ein Mensch." (S. 176)


Leben ist Vielfalt. Und dieser Roman senisibilisiert - für Toleranz, für Akzeptanz, für ein Ja zu allen Facetten des Menschseins. Ein beeindruckendes Debüt, das lange nachhallt...


© Parden

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Tags: behinderung, debüt, georgien, siamesische zwillinge, tagebücher, tod, zirkus   (7)
 

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café, café grasgrüne liebe, enttäuschung, greta niels, ines und die grasgrüne liebe, liebe, liebesroman, midlife, midlife-crisis, single, singlefrau

Ines und die grasgrüne Liebe

Greta Niels
Flexibler Einband: 446 Seiten
Erschienen bei Tinte & Feder, 13.02.2018
ISBN 9781503900875
Genre: Romane

Rezension:

VON DER HOFFNUNG AUF GLÜCK...

Ines hat eine quirlige Schwester, eine liebevolle, erwachsene Tochter und einen wortkargen Exmann. Außerdem hat sie einen Vogel. Einen chaotisch-kopflosen Kanarienvogel namens Hugo, der sich selbst und die Wohnungseinrichtung immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Was in ihrem Leben allerdings schon lange fehlt, ist eine neue Liebe. Eines Nachts liegt Kanarienvogel Hugo leblos auf dem Teppich. In Panik rennt Ines morgens um drei Uhr mit ihm in die nächste Veterinär-Notaufnahme, wo Hugo auf wundersame Weise wieder erwacht. Und auch Ines’ Herz wird bei der Gelegenheit neues Leben eingehaucht: Mit ihr im Wartezimmer sitzt ein Mann mit Halbglatze und Hund – auf den ersten Blick gar nicht Ines’ Typ, aber auf den zweiten Blick kann sie seiner Charmeoffensive nicht lange widerstehen. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle beginnt…

Ein knalliges Cover, ein witziger Titel, ein vielversprechender Klappentext - das scheint doch genau der locker-leichte Sommerroman für zwischendurch zu sein, unterhaltsam, quirlig, spritzig? Ein wenig Gefühl, viel Humor und charmante Charaktere?

Nun ja.


"Was blieb also? Momente eines kleinen Glücks, einer Liebelei, die sich größer angefühlt hatte, als sie je gewesen war. Eine Singlefrau am Beginn ihrer Menopause, die in Torschlusspanik gegen den Torpfosten gerannt war." (S. 404)


Der Hauptcharakter Ines ist im Grunde eine ganz sympathische Figur, mit Freundin, Exmann, Schwester, alter Tante, Tochter und deren Freund und einem einsamen Wellensittich namens Hugo. Mit fast 50 und als langjähriger Single fragt sich Ines schon manchmal, was sie noch vom Leben erwartet und schreckt durch solcherlei Gedanken aus ihrem Alltagstrott auf. Tatsächlich bahnen sich nur zu bald einige Veränderungen an - privat, beruflich und in Liebesdingen.

Wie erwartet, kommt es im Verlauf zu etlichen Irrungen und Wirrungen, doch irgendwie plätschert das Geschehen ziemlich vor sich hin. Eine zweifelnde, zagende Ines, deren Midlife-Crisis-gebeutelte 'Vernunft-Stimme' oft die Oberhand zu behalten versucht, lässt hier häufig eher Grauschattierungen erscheinen denn das lebhafte Grasgrün, das der Titel verspricht. Andere Farben tauchen auf, durchaus, und ein Café wird mit dem hoffnungsvollen Namen 'Grasgrüne Liebe' betraut, doch Ines Leben dümpelt eher vor sich hin - und mit ihm der Leser.

Das Buch lässt sich flüssig lesen, doch bieten die knapp 450 Seiten insgesamt zu wenig Überraschendes. Vieles erschien mir daher zu langgezogen, doch ausgerechnet am Schluss wird dem Leser noch eine Wendung um die Ohren gehauen, die mich zumindest mit Fragezeichen zurücklässt. Was war das denn?! Wenn ich schon einmal solch einen Roman lese, möchte ich diesen am Ende mit einem guten Gefühl schließen. Hier kam es mir so vor, als schielte ich schlussendlich zur Taube auf dem Dach und wurde mit dem Spatz in der Hand bedient. Was soll mir das Ende sagen?

Etwas ratlos lässt mich der Roman also zurück, und ich bekam nicht den quirlig-spritzigen Lesespaß, den ich erwartet hatte. Ich wünsche Ines und ihren Lieben noch viele Farben in ihrem Leben - aber fehlen wird sie mir nicht. Schade...


© Parden

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Tags: café, café grasgrüne liebe, enttäuschung, liebe, liebesroman, midlife-crisis, single   (7)
 

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fantasy, geheimnisvoll, grusel, kurzgeschichten, kurzgeschichtensammlung, märchen, melancholie, melancholisch, metaphern, miriam schäfer, mystery, mystisch, phantastik, poesie, rezension

Das Fehlen des Flüsterns im Wind … und andere phantastische Kurzgeschichten aus dem Halbdunkel

Miriam Schäfer
Flexibler Einband: 184 Seiten
Erschienen bei Acabus Verlag, 27.02.2018
ISBN 9783862825639
Genre: Fantasy

Rezension:

GEHEIMNISVOLL, DÜSTER UND MELANCHOLISCH...

21 phantastische Kurzgeschichten präsentiert uns Miriam Schäfer hier. Gruseliges findet sich hier ebenso wie Geheimnisvolles, Düsteres und Melancholisches - eine große Bandbreite, der aber eines gemein ist: die Bildhaftigkeit und die jeweils dominierende Atmosphäre. Oft genug lief mein Kopfkino auf  Hochtouren, war ich gefangen in der Geschichte, spürte ich nahezu körperlich die Atmosphäre. In die Stimmung einer geschriebenen Handlung vollkommen einzutauchen - solche Erlebnisse sind etwas Besonderes.

Es hat mir sehr gefallen, dieses Buch aus dem Acabus Verlag im Rahmen einer Leserunde zu lesen, in der die Autorin selbst sehr präsent war. Ansonsten wären mir bei einzelnen Geschichten sicher Details verloren gegangen, hätten sich mir einige Bedeutungen und Interpretationen nicht erschlossen. So ist die Namensgebung der handelnden Figuren beispielsweise oft genug nicht einfach klanglich passend gewählt worden, sondern hat in vielen Fällen eine weitaus tiefere Bedeutung. Beeindruckend fand ich auch den Hinweis Miriam Schäfers, dass ein bestimmter Song sie zu einer Geschichte animiert hat und sie beim Schreiben begleitete.

Auch wenn mich nicht jede der 21 Geschichten - manche darunter sind durchaus etwas länger gehalten - gleichermaßen begeistern konnte, ist das Buch als Gesamtkonzept einfach äußerst stimmig. Titel, Cover, die Zusammenstellung der Erzählungen, die Sprachgewalt, die Metaphern, das Mystische, die Welt zwischen Traum und Wirklichkeit - es hat mir eine große Freude bereitet, in diese Geschichten einzutauchen. Immer wenn ich überzeugt war, meine Lieblingserzählung gefunden zu haben, wurde ich spätestens zwei Geschichten weiter eines Besseren belehrt. Definitiv gab es hier für mich etliche Favoriten...

Sicherlich werde ich dieses Buch immer wieder einmal zur Hand nehmen und einzelne Erzählungen erneut lesen. Gleichzeitig hoffe ich, dass es bald mehr von Miriam Schäfer zu lesen gibt! Für alle, die phantastischen Kurzgeschichten etwas abgewinnen können, gibt es hier jedenfalls eine dringende Leseempfehlung!


© Parden

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Tags: atmosphäre, bildgewalt, düster, fantasy, geheimnisvoll, kurzgeschichten, melancholisch, metaphern, mystisch   (9)
 

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2018, brüder, familie, familiengeschichte, finnland, mare verlag, mutter-sohn-beziehung, nachsommer, nordeuropa, olof, rivalität, roman, schären, tod, vergangenheit

Nachsommer

Johan Bargum , Karl-Ludwig Wetzig
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei mareverlag, 13.02.2018
ISBN 9783866482609
Genre: Romane

Rezension:

KAIN UND ABEL...

Ein letzter Abend im Sommerhaus seiner Kindheit - bald muss Olof die Villa in den südfinnischen Schären für immer verlassen. Carl, sein jüngerer Bruder, hat sie von der Mutter vermacht bekommen - er, der stetes ihr Liebling war und in dessen Schatten Olof bis heute steht.


"Ich bin durch sämtliche Zimmer gegangen, habe ein kurioses Ding nach dem andern in die Hand genommen, sie eine Weile darin gewogen und dann wieder zurückgestellt. Sie lassen sich nicht retten. Auf eine eigenartige Art hängt jedes einzelne von ihnen mit den anderen zusammen. Wenn man sie voneinander trennt, werden sie absurd und bedeutungslos." (S. 17)


Nicht allein deshalb verbindet die Brüder eine komplizierte Beziehung, geprägt von Konkurrenz und unausgesprochenen Konflikten, deren Wurzeln bis weit zurück in ihre Jugend reichen. Jahrelang gingen sich die beiden aus dem Weg, und als sie nun am Sterbebett der Mutter wieder aufeinander treffen, steigern sich die Spannungen zwischen ihnen erneut.

Erzählt wird hier zum einen von dem Zusammentreffen der Brüder am Sterbebett der Mutter, gemeinsam mit einigen anderen Figuren, von dem Alltag drumherum mit Bootstouren, Angelausflügen und Gewitterabenden, zum anderen von ausgewählten Episoden aus ihrer Vergangenheit. Dabei erfolgt die Verschränkung der Zeitebenen so gekonnt, dass durch den Kontrast der alten, kaum vernarbten und immer noch nachwirkenden Verletzungen sowie des aggressiven Schweigens der Brüder in der Gegenwart der Eindruck einer Eskalation in Zeitlupe entsteht.


"Weißt du noch, dass Vater genau auf dieselbe Art gestorben ist?", fragte ich ihn. Er schraubte den Schlüssel fest um die obere Mutter, hob den Hammer und schwang ihn ein paarmal urch die Luft. "Und du willst behaupten, du weißt es noch, oder was?" Ich fragte mich, wie er wissen konnte, dass ich es nicht mehr wusste. "Ich bin schließlich en par Jahre älter als du." Er lachte trocken auf, ein Schnaufen. "Halt fest!" - "Wo?" Er deutete auf den Schaft des Schraubenschlüssels. "Den muss man wohl kaum festhalten, oder?" Er sah mir direkt in die Augen. "Hast du Schiss?" Ich hockte mich hin, packte den Schaft so nah wie möglich an der Mutter. "Du bist doch weggerannt, zum Teufel", sagte er. Dann pfiff es dicht an meinem Kopf vorbei. Der Hammer traf mit einem Knall eine Daumenbreite von meinen Händen entfernt auf." (S. 48 f.)


Johan Bargum präsentiert in diesem schmalen Roman eine Familiengeschichte von existenzieller Wucht, die einen ungeheuren Sog entwickelt. Jede Rückblende und jede kleine Enthüllung in der Gegenwart wandelt und vervollständigt das Wesen der Figuren. So empfindet man schlussendlich sogar für Olofs zornigen und ungerechten Bruder Carl zunehmend Sympathie, da sein Charakter nicht nur Härte ausstrahlt, sondern letztlich auch Hilflosigkeit.

Olof fungiert hier als nüchterner Ich-Erzähler, der Stil ist klar, schlicht und schnörkellos. Die geschilderten subtilen Dramen werden nahezu beiläufig berührt, ebenso wie die existenziellen Fragen, die dadurch aufgeworfen werden: 'Weiß man eigentlich jemals, was vor sich geht?' Vieles schwingt zwischen den Zeilen mit und macht das Lesen dadurch um so vieles intensiver, als es die bloßen Worte könnten. Johan Bargum, der zu den bekanntesten Autoren Finnlands zählt, erscheint hier als Meister der Reduktion. In wenigen Strichen entwirft er eine ungeahnt intensive Erzählung, häufig durchzogen von einem melancholischen Ton, jedoch auch von unerwartet heiteren und leichtfüßigen Szenen.

Das Ende ist offen, lässt mich aber nicht unzufrieden zurück. Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit lassen sich nicht ausräumen und wiedergutmachen, was die Zukunft bringt, wird sich zeigen. Einzig gilt, sich nicht vor dem Leben zu verstecken.

Für mich eine überraschend bereichernde Lektüre!


© Parden

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Tags: brüder, familiengeschichte, finnland, kain und abel, mutter, schären   (6)
 

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

burnout, engel gabriel, gekürzte hörbuchfassung, gott, himmel, hölle, hörbuch, jürgen von der lippe, moses, petrus, .teufel

Der liebe Gott macht blau

Arto Paasilinna
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Lübbe Audio, 29.10.2009
ISBN B002WOR0U0
Genre: Sonstiges

Rezension:

NICHT DAS STÄRKSTE BUCH ARTO PAASILINNAS...

Der liebe Gott hat die Nase gestrichen voll von den Menschen und all dem Unsinn, den sie verzapfen. Er braucht Abstand, ist schlichtweg urlaubsreif. Nur, wer soll ihn vertreten? Wer soll die ganze Verantwortung in der Zwischenzeit übernehmen? Der Heilige Petrus und Erzengel Gabriel winken dankend ab. Ihr Vorschlag: Warum nicht einem Menschenkind ein Jahr lang den Job aufs Auge drücken? Und so klopft Gabriel als Gesandter Gottes bei Kranführer Pirjeri Ryynänen an. Ryynänen, ist zwar mit seiner Arbeit hoch oben in den Lüften zufrieden, findet das Leben ansonsten aber ziemlich langweilig. Er hatte deswegen bereits Stoßgebete gen Himmel gesandt. Der Jobwechsel, den ihm Gabriel da unterbreitet, kommt somit gerade recht. Also ab auf den Himmelsthron! Doch bald merkt Birger, dass Gottsein alles andere als nur Hochgefühle bereitet...

Nachdem 'Der wunderbare Massenselbstmord' mir vor einiger Zeit wirklich gut gefallen hat, habe ich mich nun an ein weiteres Werk von Arto Paasilinna herangetraut. Die Idee dahinter klang skurril genug, um mich neugierig werden zu lassen, und Jürgen von der Lippe als Sprecher hat mich ja schon mehrfach überzeugt.

Diesmal jedoch hielt sich meine Begeisterung etwas in Grenzen. Paasilinna hat es zwar geschafft, die Handlung nicht ins Lächerliche abgleiten zu lassen, doch gab es für mich nur wenig Überraschendes. Dass die Erschaffung des Menschen ein Fehler gewesen sein könnte, ist keine neue Erkenntnis, und dass Gott über all den Freveltaten der Menschheit in ein Burnout verfällt, nachvollziehbar.

Die Neuerungen, die der Kranfahrer Pirjeri Ryynänen in die himmlische Arbeit einführt, sind z.T. recht unterhaltsam, doch bleiben sie im Wesentlichen episodenhaft und zusammenhanglos. Bekannte fragwürdige Themen wie Krieg, Umweltzerstörung und Machtgeilheit werden hier aufgegriffen, doch erkennt auch Ryynänen, wie nervenaufreibend der Kampf mit dem Teufel (dem Menschen?) ist.

Größtenteils wird der Himmel als ein riesiger Verwaltungsapparat dargestellt - und auch hier gibt es Wesen (Engel oder Heilige), die mit Ellbogenmentalität um ihren Posten kämpfen. Manches ist durchaus witzig, doch plätschert die Erzählung ohne großen Höhepunkt meist einfach vor sich hin. Da fand ich die Geschichte vom wunderbaren Massenselbstmord doch um einiges unterhaltsamer...

Jürgen  von der Lippe liest die 4 Stunden 51 Minuten lange Erzählung über große Strecken souverän, doch die finnischen Namen sind - vor allem wenn sie gehäuft auftreten - selbst für einen erfahrenen Sprecher eine nur schwer zu meisternde Herausforderung...

Alles in allem eine ganz nette Unterhaltung, aber sicher nicht das stärkste Buch Arto Paasilinnas...


© Parden

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Tags: burnout, engel gabriel, gekürzte hörbuchfassung, gott, himmel, hölle, hörbuch, jürgen von der lippe, moses, petrus, .teufel   (11)
 

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alzheimer, c.j. tudor, debüt, freundschaft, kreide, krimi, mord, mystery, spannung, stephen king, thriller, thriller-roman, unheimlich, vergangenheit, zwei zeitebenen

Der Kreidemann

C.J. Tudor , Werner Schmitz
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 29.05.2018
ISBN 9783442314645
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

SUBTILER THRILL...

Alles begann an dem Tag, an dem sie auf den Jahrmarkt gingen. Als der zwölfjährige Eddie den Kreidemann zum ersten Mal traf. Der Kreidemann war es auch, der Eddie auf die Idee mit den Zeichnungen brachte: eine Möglichkeit für ihn und seine Freunde, sich geheime Botschaften zukommen zu lassen. Und erst einmal hat es Spaß gemacht – bis die Figuren sie zur Leiche eines jungen Mädchens führten. Das ist dreißig Jahre her, und Eddie dachte, die Vergangenheit liegt hinter ihm. Dann bekommt er einen Brief, der nur zwei Dinge enthält: ein Stück Kreide und die Zeichnung eines Strichmännchens. Und als die Geschichte beginnt, sich zu wiederholen, begreift Eddie, dass das Spiel nie zu Ende war ...

Eddie ist der Ich-Erzähler des Romans, der vielleicht kein Thriller im klassischen Sinne ist, aber trotzdem Spannung satt bietet. Die Perspektive wechselt hier ständig zwischen dem kindlichen Eddie, der als Zwölfjähriger mit seinen Freunden das erste Mal in Kontakt mit dem Kreidemann kam, und dem erwachsenen Ed der Gegenwart, der immer noch im Haus seiner Eltern lebt - als unverheirateter, desillusionierter Lehrer mit schwerem Hang zum Alkohol. Dreißig Jahre liegen zwischen den beiden Perspektiven, doch manche Geschichten sind auch nach solch langer Zeit noch nicht abgeschlossen...


"Er starrt mich unerträglich lange an. Dann gibt er mir den Flachmann zurück, drückt ihn hart an meine Brust. 'Manchmal, Ed... ist es besser nicht alle Antworten zu kennen.'" (S. 372)


Ein harmloses Eimerchen mit Kreide, das ihre zweijährige Tochter einmal geschenkt bekam, inspirierte die Autorin zu diesem Debüt. Deutlich wird hier ihre Affinität zu Horror-Größen wie Stephen King, und tatsächlich fühlte ich mich gerade in den Passagen, die im Jahr1986 spielen, atmosphärisch an 'Das Böse kommt auf leisen Sohlen' von Ray Bradbury erinnert, der spätere Autoren dieses Genres nachweislich beeinflusst und inspiriert hat. Gerade diese Passagen haben mir ganz unabhängig vom eigentlichen 'Fall' richtig gut gefallen.

C. J. Tudor hat die beiden Zeitebenen in einem ruhigen Erzählstrom geschickt miteinander verwoben, und auch wenn man im Laufe der Lektüre immer mehr Details und Hintergründe erfährt, werden die Fragezeichen nicht weniger. Die Ich-Perspektive Eds lässt den Leser genauso viel wissen, wie den Hauptcharakter - oder eben so viel, wie dieser verraten will. Und das ist zuweilen ein feiner Unterschied...

Eddie hat einen Hang zu visionären Träumen und schlafwandelt auch, wodurch hier ein deutlich gruseliger Tenor ins Spiel kommt - doch war dieser Anteil in meinen Augen nicht so dominant, dass er zu Lasten der Glaubwürdigkeit der Erzählung gehen würde. Die Grundstimmung des Romans ist eher düster, stellenweise fast melancholisch. Doch kommt die Spannung hier tatsächlich nicht zu kurz!

Immer wieder gibt es hier überraschende Wendungen, und nie scheint es zu gelingen, einem Verdächtigen - und hiervon gibt es einige - alle Indizien zuordnen zu können. Stets passt irgendetwas nicht ins Bild, und schon grübelt man von vorne los... Am Ende jedoch waren für mich zu meiner Überraschung alle Fragen beantwortet - etwas, was ich letztlich kaum noch für möglich gehalten habe.

Ein tolles Debüt, kann ich als Fazit nur festhalten. Geboten wird hier ein eher subtiler Thrill - ein leises Gruseln im Nacken. Überraschend anders und in der Summe überzeugend!


© Parden

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Tags: debüt, grusel, kreide, mord, stephen king, subtiler thrill, thriller   (7)
 

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albinismus, berlin, blut, entführung, flucht, gewalt, hass, marc raabe, mord, psychothriller, rache, schock, spannung, thriller, tod

Der Schock

Marc Raabe
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 10.06.2013
ISBN 9783548285245
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

VON ALLEM ZU VIEL...

Bei einem Unwetter an der Cote d’Azur begegnet Laura Bjely ihrem schlimmsten Alptraum. Ihr Freund Jan findet später nur noch ihr Smartphone – mit einem verstörenden Film im Speicher. Kurz darauf wird in Berlin die Leiche von Jans Nachbarin entdeckt. Auf ihrer Stirn steht eine blutige Nachricht. Allen Warnungen zum Trotz sucht Jan weiter nach Laura. Dabei stößt er auf einen Abgrund aus Wahnsinn und Bösartigkeit.

Der Plot klingt klasse, die vielen begeisterten Rezensionen ebenso, und neugierig war ich schon lange auf diesen Autor. Das Buch ist zwar der zweite Thriller von Marc Raabe, aber da es nicht zu einer Reihe gehört, sprach nichts dagegen, mit diesem Titel zu beginnen.

Leider kann ich mich den begeisterten Stimmen zu dem Thriller nicht anschließen. Gewaltszenen gibt es hier wahrlich genug, da ist der Autor nicht zimperlich, aber eine bloße Anhäufung brutaler Schilderungen machen für mich noch keinen guten Thriller aus. Ich habe irgendwann aufgehört, die Opfer zu zählen - auffällig fand ich allerdings auch die zahlreichen Szenen sexueller Gewalt, die mir in der Häufung wirklich zu viel wurden.

Dieser Thriller kommt ohne offizielle Ermittlungen aus, was für sich genommen nicht schlimm ist, aber bei den Figuren, die Marc Raabe hier vorstellt, wäre ein objektiver, unbeteiligter und v.a. nicht psychisch vorbelasteter Ermittler nicht schlecht gewesen. Die Charaktere, die hier eine größere Rolle spielen, haben nämlich alle ihr gewaltiges Päckchen zu tragen und gehörten eigentlich sämtlich auf die Couch des Psychotherapeuten.

Jan beispielsweise, den ein großes Feuermal im Gesicht verunstaltet und der durch ein tragisches Ereignis in seiner Kindheit auf seine Mutter verzichten musste und sich seither mit Schuldgefühlen herumschlägt. Oder die verschwundene Laura, die eine lieblose Kindheit hatte, im Internat unschöne Erfahrungen machte, jahrelang auf der Straße lebte und seit dieser Zeit alkoholabhängig ist. Auch bei Lauras Mutter, die von ihrer Tochter am liebsten nichts mehr wissen will, ist in ihrem Leben vieles schief gelaufen, und der Täter - naja, der ist eh jenseits von Gut und Böse... Bei der Vielzahl an Gestörten, die dann auch noch aufeinander losgelassen werden, kann man nur mahnend den alten Spruch hervorkramen: weniger ist mehr! In der Summe war das für mich jedenfalls nicht mehr glaubwürdig.

Für die Handlung selbst gilt hier: Action! Meines Erachtens nach ist zu merken, dass der Autor aus dem Bereich der Filmproduktion kommt. Viele Szenen wirken harsch aneinandergeschnitten, was die Handlung zwar vorantreibt, gleichzeitig aber teilweise auf Kosten der Nachvollziehbarkeit geht. Oftmals blätterte ich verwirrt zurück, weil ich manche Wendungen oder plötzliche Szenenwechsel nicht einordnen konnte. Action auf Kosten der Glaubwürdigkeit - für mich kein überzeugendes Konzept.

Dass Menschen in Not und Verzweiflung über sich hinauswachsen, ist kein unbekanntes Phänomen und wird gerade in Thrillern immer wieder gerne genutzt. Bis zu einem gewissen Grad ist es also glaubwürdig, dass jemand plötzlich zu Dingen in der Lage ist, die ansonsten nicht in sein Repertoire gehören, wenn es gilt, das eigene Leben oder das eines ihm wichtigen Menschen zu retten. Doch hier gerät der unvermeidliche Showdown dadurch derart skurril, dass ich statt vor Spannung fingernägelkauend durch die Seiten zu hetzten, grinsend und mit hochgezogenen Augenbrauen staunend verfolgte, wem jetzt wohl noch welche Heldentat gelang.

Hier gab es für meinen Geschmack von allem zu viel: zu viel bloße Gewaltanhäufung, zu viel Psychokacke, zu viel Action statt plausiblem Spannungsbogen, zu viele unglaubwürdige Szenen. Was als Film funktionieren mag - ich bin jedoch auch kein Liebhaber von Actionfilmen - muss als Buch noch lange nicht funktionieren. Schade.

Für mich wider Erwarten eine Enttäuschung.


© Parden

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Tags: action, brutalität, entführung, gewalt, mord, sexuelle gewalt, thriller   (7)
 

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18 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

es, ich, über-ich, freud, haus, israel, jerusalem, psychologie, roman, zeitgenössische belletristik, zeitgenössische literatur

Über uns

Eshkol Nevo , Markus Lemke
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 12.01.2018
ISBN 9783423281317
Genre: Romane

Rezension:

EIN FREUD-EN-HAUS...

Arnon und Ayelet haben seit der Schwangerschaft Probleme mit dem Sex. Damit die Dinge wieder ins Lot kommen zwischen ihnen, passen Ruth und Hermann, das reizende ältere Ehepaar von nebenan, gern auf ihre kleine Tochter auf. Ein Stockwerk drüber hadert Chani Doron, die »Witwe« (ihr Mann ist ständig auf Geschäftsreise), mit ihrem Leben und Dvorah Edelman, ehemalige Richterin und tatsächlich verwitwet, träumt in der obersten Etage nachts davon, ihr Über-Ich werde amputiert. Lügen und Selbsttäuschung durchdringen Alltag und Familienleben. Nevo wirft Licht in die dunklen Winkel der menschlichen Natur und ist seinen Figuren zugleich mitfühlender Freund. Einfach davonkommen aber lässt er sie nicht ...

Zentraler Schauplatz in diesem Buch ist ein dreistöckiges Haus in einem bürgerlichen Vorort von Tel Aviv ('Bourgeoisistan'). Kein Unkraut wächst zwischen den Platten auf dem Bürgersteig, kein lauter Streit dringt durch die Wohnungstüren, im Treppenhaus begegnet man sich höflich. Doch in den eigenen vier Wänden geht es zuweilen anders zu.

Der Autor widmet sich nacheinander allen drei Etagen des Hauses, wodurch der Leser die Möglichkeit hat, die dort wohnenden Parteien näher kennenzulernen. Im Grunde sind es dadurch jedoch drei Geschichten, die sich von unten nach oben durch die Stockwerke bewegen, ohne wirklich eng miteinander verknüpft zu sein - eben so, wie auch die Nachbarschaft lediglich eine lose ist.

Im Erdgeschoss wohnt eine junge Familie mit zwei Kindern, und zwischen den Eltern ist seit der letzten Geburt das Sexleben zum Erliegen gekommen. Der Familienvater bemüht sich sehr, seiner Rolle gerecht zu werden, verrennt sich jedoch bald in die Vorstellung, dass der alte Nachbar von nebenan, der gelegentlich gemeinsam mit dessen Frau auf seine ältere Tochter aufpasst, sich an der 7Jährigen vergangen haben könnte. Je mehr er darüber nachdenkt, desto mehr steigert er sich in diese Idee hinein, bis alles in eine unumkehrbare Schieflage gerät...

In der Etage darüber wohnt eine vom Leben frustrierte Frau, die von den anderen Hausbewohnern hinter vorgehaltener Hand als 'Witwe' bezeichnet wird. Ihr Mann ist jedoch nur ständig auf Geschäftsreise, so dass sie für die Kinder alleine verantwortlich ist. Ständig zu Hause, wächst ihre Unzufriedenheit, und sie beginnt an allem zu zweifeln, v.a. an ihren eigenen Fähigkeiten - und an ihrer Wahrnehmung. Als der kriminelle Bruder ihres Ehemanns plötzlich bei ihr auf der Schwelle steht, beginnt sie mit diesem eine Affäre. Oder vielleicht doch nicht?

Im obersten Stockwerk schließlich lebt eine verwitwete pensionierte Richterin, die versucht, sich von dem übermächtigen Schatten ihres toten Ehemanns zu befreien. Auch das Zerwürfnis mit ihrem einzigen Sohn versucht sie zu kitten, was zu Lebzeiten ihres Mannes nicht mögich war.

Eshkol Nevo lässt die drei Personen ihre Geschichte jeweils selbst erzählen - Monologe, die in unterschiedlicher Form präsentiert werden. Der junge Familienvater aus dem Erdgeschoss erzählt seine Gedanken einem nicht näher bezeichneten Freund, die Frau aus der Etage darüber schreibt einer Freundin einen langen Brief, und die Richterin spricht ihrem Mann auf einen in der Schublade gefundenen Anrufbeantworter - in zweiminütigen Sequenzen, jeweils vom Piepton unterbrochen. Einen zusammenhängenden Roman ergibt das in meinen Augen nicht, auf bereits zurückgelassene Etagen geht die Erzählung anschließend kaum noch ein, höchstens einmal durch eine flüchtige Bemerkung.

Hat mich die Tatsache schon gestört, dass es sich hierbei kaum um einen Roman handelt, fand ich es noch viel ärgerlicher, dass mir die Schilderungen der ersten beiden Etagen einfach nicht gefallen haben. Unbeherrscht und sexbesessen der junge Familienvater, abgedreht und nahe am Wahnsinn die Frau aus dem Stockwerk darüber - keine angenehmen Zeitgenossen, und die Handlungen rund um die beiden waren für mich bestenfalls verstörend, was dazu noch jeweils offen endete, so dass ich mit den Geschichten in der Luft hängen gelassen wurde.

Die abschließende Geschichte um die Richterin allerdings hat mir gut gefallen - ein wenig ausgeschmückt hätte mir diese vollkommen als Roman gereicht, und auch so hätte ich einen kleinen Einblick in die gesellschaftliche Lage in Israel erhalten, was wohl in der Intention des Autors lag.

Nicht aufgegangen dagegen wäre dann jedoch bei nur einer Geschichte das Konzept, das Eshkol Nevo seinem Roman zugrunde gelegt hat. Er hat das Haus so gestaltet, dass es das Drei-Instanzen-Modell der Psyche nach Freud repräsentiert: unten das Es (Triebe, Bedürfnisse, Affekte, handelnd nach dem Lustprinzip), in der Mitte das Ich (bewusstes Denken, Selbtsbewusstsein, Regulativ zwischen Es und Über-Ich), und schließlich ganz oben das Über-Ich (Normen, Werte, Gehorsam, Moral, Gewissen). Wem sich dieser Gedanke nicht aufdrängt, dass es sich hier um ein Freud-en-haus handelt und wer sich dazu auch noch nicht das Literarische Quartett vom 20. April 2018 angesehen hat, dem wird diese Interpretation im dritten Teil des 'Romans' demonstrativ (und wortwörtlich) aufgedrängt...

Dieser Interpretationsansatz ist zwar innovativ und erklärt auch einige Aspekte der Erzählung, wirkt für mich aber schon arg konstruiert und experimentell. Da wurde die Erzählung mühsam über ein Konstrukt gestülpt, was ich persönlich als zu gewollt empfand. Als ich in der Vita des Autors las, dass er vor einiger Zeit Psychologie studiert hat, erklärte sich mir, wie Eshkol Nevo auf die Idee kam - doch gefallen hat mir dieser Aufbau letztlich nicht. Auch die häufigen Verweise und Anspielungen auf Psychologen in Israel, seien sie auch noch so ironisch vorgebracht, erzeugten bei mir allenfalls ein müdes Lächeln. Den Einblick in die heutige israelische Gesellschaft dagegen fand ich durchweg interessant.

Der Schreibstil ist angenehm und flüssig zu lesen, doch hat mir die Form mit den drei doch recht isoliert stehenden Geschichten nur mäßig gefallen. Die dritte Erzählung gefiel mir am besten und hat letztlich für den dritten Stern gesorgt - und mich mit dem Rest halbwegs versöhnt... 

© Parden

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Tags: drei etagen, es, ich, über-ich, freud, haus, israel, psychologie, zeitgenössische literatur   (7)
 

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frauenmord, realcrime, serienmord

Wir sehen dich

Stephanie Marland , Christine Blum
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 31.08.2018
ISBN 9783423217491
Genre: Krimi und Thriller

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celine, comiczeichner, efeu, elfe, elfen, elfenhügel, entführung, erlkönig, fantasy, finn, freundschaft, gnome, goethe, wald, zeichnen

Der Fluch des Erlkönigs

Carola Wolff
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei fabulus Verlag, 01.03.2018
ISBN 9783944788609
Genre: Jugendbuch

Rezension:

BEI DEM COVER HÄTTE ICH KEIN KINDERBUCH ERWARTET!

Ein Wellness-Hotel in ein abgelegenes Waldgebiet zu setzen — für den Baulöwen Harry Kaiser ist dies Projekt das wichtigste seiner Karriere. Proteste von Naturschützern glaubt er niederbügeln zu können, und würde ihm jemand sagen, dass sein Vorhaben die Heimat eines Elfenvolkes zerstört, würde der Unternehmer dies als spinnert abtun. Eher zufällig gerät Harrys Sohn Finn zwischen die Fronten. Der junge Mann, ein begabter Zeichner, dessen künstlerische Neigungen so gar nicht den Vorstellungen des Vaters von einem Nachfolger entsprechen, hadert mit der familiären Situation, trauert um die tote Mutter, fühlt sich missachtet. Finn lernt die Öko-Aktivistin Tonia kennen und gerät in den Bann der Erlkönigin...

Dieser Klappentext und das doch sehr gruselig gehaltene Cover haben mich nicht auf die Idee kommen lassen, dass es sich hierbei um ein Kinder-/Jugendbuch handeln könnte (Altersempfehlung des Verlages: 11-13 Jahre). Doch nach dem ersten Erstaunen las ich neugierig weiter und kam auch rasch in die Geschichte hinein.

Der Leser begleitet in diesem Roman den Jungen Finn, den es in seinen Sommerferien an den A. der Welt verschlagen hat - in ein kleines Dorf an der polnischen Grenze, wo einfach nichts los ist. Das hat er seinem Vater und seinen ehrgeizigen Bauplänen zu verdanken. Ausgerechnet im Niemandsland will dieser ein riesiges Projekt umsetzen - ein Wellness-Hotel. Eigentlich interessiert sich Finn nicht für die Vorhaben seines Vaters - er ist viel zu beschäftigt damit, heimlich eine Bewerbungsmappe fertigzustellen für ein Kunststudium. Heimlich deswegen, weil sein Vater von dieser Idee gar nichts hält - der möchte nämlich, dass Finn einmal einen handfesten Beruf erlernt und Wirtschaft studiert.

Doch im Dorf begegnet Finn Tonia und ein paar anderen Gegnern des Bauprojekts seines Vaters. Er belächelt deren Aktionen zwar zunächst, doch weil Tonia ihm irgendwie auch imponiert, steht Finn plötzlich zwischen den Fronten. Als er sich den Ort des Geschehens anschaut, entdeckt der Junge, dass ein ganzer Wald dem Bauvorhaben seines Vaters weichen müsste - und dagegen haben offensichtlich nicht nur Tonia und die anderen Aktivisten etwas. Etwas Unheimliches ist da im Wald, dort, wo der Erlkönig begraben liegt...

Einen spannenden Fantasyroman hat Carola Wolff da geschrieben, der die reale Welt mit der der Mythen, Legenden und Sagen gekonnt verknüpft. Der Erlkönig spielt hier tatsächlich immer wieder eine Rolle, und auch der Verfasser des allseits bekannten Gedichts ("Wer reitet so spät durch Nacht und Wind..."), Johann Wolfgang von Goethe, wird hier mehr als einmal erwähnt.

Zwei Kriterien störten mich hier ein wenig. Das sind zum einen die doch recht klischeehaft gestrickten Charaktere, die wenig Überraschendes boten. Und das ist zum anderen das enorme Tempo, in dem die Handlung vorangetrieben wird. Hier hätte ich mir mehr Zeit und Raum gewünscht, zumal die Reaktionen Finns so für mich an manchen Stellen recht sprunghaft und überzogen wirkten.

Ansonsten gefiel mir die Umsetzung der originellen Idee aber wirklich gut, und ich denke, dass vor allem Kinder/Jugendliche in der genannten Altersklasse - also Fantasy-Anfänger - hier voll auf ihre Kosten kommen können. Der Text las sich flüssig und angenehm, und die Aufmachung des Buches kann man einfach nur als liebevoll bezeichnen. Das Cover ist ein besonderer Hingucker, die Seitenschnitte sind in Dunkelblau gehalten, und ein Lesebändchen fehlt hier auch nicht. Alles in allem also ein tolles Gesamtpaket, das ich mir auch als Geschenk gut vorstellen kann.

Für mich eine schöne Entdeckung!


© Parden

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Tags: aktivisten, elfen, erlkönig, fantasy, johann wolfgang von goethe, jugendbuch, kinderbuch, künstler, märchen, sagen & legenden, mythen, sagen, zeichnen   (12)
 

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Austerlitz

Winfried Georg Sebald , Ernst Jacobi , Ulrich Matthes
Audio CD
Erschienen bei Der Hörverlag, 20.03.2012
ISBN 9783867178426
Genre: Romane

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briefe, briefroman, dänemark, freundschaft, trauer

Das Versprechen, dich zu finden

Anne Youngson , Wibke Kuhn
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 05.11.2018
ISBN 9783959672276
Genre: Romane

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frau schick, gekürzte hörbuchfassung, hörbuch, humor, irina scholz, reihe

Frau Schick macht blau

Ellen Jacobi , Irina Scholz
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Lübbe Audio , 19.07.2013
ISBN 9783838771953
Genre: Romane

Rezension:

ZU VIELE PERSONEN, ZU VIELE THEMEN...

Wie gerne würde Frau Schick einmal gar nichts tun und einfach blau machen. Doch keine Chance. Die rüstige Witwe muss sich gegen die Entmündigung in ihrer Firma wehren, Nellys Hochzeit planen, und dann gibt es auch noch einen katalanischen Esel, der befreit werden will. Da kommt ihr die Nachricht, dass ihr eine Kleingartenanlage im Stadtwald gehört, gerade recht. Ein perfekter Zufluchtsort zum Durchatmen. Wären da nicht die städtischen Abrissbagger - und die Kleingärtnergemeinschaft, die auf ihre Hilfe zählt...

Fast 78 Jahre alt ist Frau Schick, sie vergisst mittlerweile manchmal Dinge und kann sich vor allem keine Namen merken - und doch hat sie noch viel um die Ohren. Diszipliniert wie sie ist, plant sie alles strategisch, wird aber zuweilen auch vom Leben etwas ausgehebelt. Sie ist es gewohnt, sich in alles einzumischen und lässt von dieser Verhaltensweise auch kaum einmal ab. Das wirkt auch beim Hören zeitweise recht anstrengend...

Zu spät habe ich entdeckt, dass es sich hier um den zweiten Band der Abenteuer um Frau Schick handelt - doch gibt es in der Geschichte m.E. ausreichend Hinweise auf das vorherige Geschehen, um den Anschluss zu bekommen, auch wenn man Band eins nicht kennt. Dennoch ist es nicht immer leicht, hier den Überblick zu behalten, denn hier spielen viele Personen und vor allem viele Themen eine Rolle. Für mich tatsächlich zu viele, da die Handlung so nicht nur sehr springt, sondern manches auch zu sehr verwässert bzw. zu nebensächlich abgehandelt wird.

Die Rettung einer Kleingartenanlage, die Verkupplung eines Pärchens sowie die Planung der Hochzeit hinter dem Rücken der beiden, die Rettung eines Esels, das Trauma eines Kindes, Umweltschutzbelange, Geistervertreibungen, Sitzungen beim Psychologen, Strafanträge, Entmündigungsbestrebungen, Sorgerechtsentscheidungen, Gartenpartys - eine gemischte Tüte Buntes. War der Beginn noch ganz unterhaltsam, verlor sich dies für mich im Verlauf über weite Strecken - ich war eher erschüttert, wenn sich immer noch ein weiteres Thema auftat.

Normalerweise ärgere ich mich, wenn ich bei einem Hörbuch eine gekürzte Fassung erwische - hier war ich ehrlich gesagt etwas erleichtert darüber. Auch so spannte sich die Geschichte über 7 Stunden und 5 Minuten - ausreichend Zeit also für das Themen-  und Personenkarussell... Gelesen wird der Roman aber ganz ansprechend von Irina Scholz.

Ein wenig enttäuscht bin ich nach dem Hörerlebnis schon, das nur bedingt amüsant und stellenweise recht hanebüchen war. Hiervon hatte ich mir definitiv mehr versprochen...


© Parden

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Tags: frau schick, gekürzte hörbuchfassung, hörbuch, humor, irina scholz, reihe   (6)
 

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alter, bretagne, familiengeschichte, fouchet, frankreich, freundschaft, groix, hochstapler, insel, kindheit, krankheit, leben, lebensalter, liebe, tod

Die Farben des Lebens

Lorraine Fouchet , Katrin Segerer
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 14.03.2018
ISBN 9783455003086
Genre: Romane

Rezension:

DAS LEBEN IST, WAS MAN DARAUS MACHT...

Nach dem Tod ihrer Großmutter flieht Kim von der bretonischen Insel Groix und reist gen Süden, um in Antibes eine dickköpfige alte Dame zu betreuen. Gilonne wird schnell zu ihrer Ersatzgroßmutter. Außer Kim kümmert sich auch Gilonnes Sohn rührend um sie. Umso überraschter ist Kim, als sie herausfindet, dass Gilonnes Sohn angeblich vor Jahrzehnten verschwunden ist. Ist die alte Dame einem Hochstapler aufgesessen? Kim will Gilonne beschützen und macht sich daran, lang gehütete Familiengeheimnisse zu lüften…

Für Kim bricht die Welt zusammen, als sie erfährt, dass ihre Großmutter beschlossen hat, sich in der Schweiz das Leben zu nehmen - die Großmutter, die ihre einzige Familie war, da Kims Mutter bei ihrer Geburt starb und niemand weiß, wer ihr Vater ist. Auch ihr Freund Clovis kann Kim nicht trösten, denn diese (ver-)zweifelt plötzlich an allem. Sie braucht eine Auszeit, und so beschließt sie, die bretonische Insel Groix zu verlassen und gen Süden zu reisen. Ihre Freundin verschafft ihr in Antibes eine Stelle als Betreuerin einer alten Dame - denn Kim will herausfinden, was das eigentlich ist: das Alter.

Gilonne ist eine exzentrische alte Dame, eine ehemalige und gut betuchte Schauspielerin, die nun in einer exklusiven Residenz lebt. Ihr Sohn Côme kümmert sich am Wochenende um seine Mutter, doch für die alltäglichen Belange benötigt Gilonne eine persönliche Betreuerin. Da Kim rothaarig ist, wird sie von der ansonsten recht unnahbaren alten Dame sogleich in die 'Liga der glücklichen Rothaarigen' aufgenommen - und engagiert. Mit der Zeit gewinnt Kim das Vertrauen von Mutter und Sohn und erhält Einblicke in die Familiengeschichte. Doch dann erfährt sie, dass Gilonnes Sohn Côme angeblich schon seit Jahren tot ist. Kim setzt alles daran, hinter das Geheimnis zu kommen, denn womöglich sitzt die an beginnender Demenz leidende alte Dame hier einem Betrüger auf!


"Habe ich Sie zu sehr angestrengt?", frage ich besorgt. "Sie haben mich beruhigt. Machen Sie sich vom Acker. Ich verschreibe Ihnen ein Leben voller Abenteuer." (S. 151)


Kim führt während der Wochen im Süden in einem indigoblauen Notizbuch eine Liste - die Pros und Contras des Lebens. Und da kommt eine Menge zusammen. Jeder Tag lehrt sie etwas dazu, und auch die Lebensgeschichte Gilonnes trägt ihren Teil dazu bei. Dumm nur, dass sie plötzlich Grund hat, an der Treue ihres Freundes Clovis zu zweifeln - er belügt sie offensichtlich pausenlos. Aber auch Kim hat ihre Geheimnisse... Was wird gewinnen - das Pro oder das Contra?

Neben der Geschichte um Kim und Gilonne gibt es einen weiteren Handlungsstrang um einen kleinen Jungen, dessen Vater versucht hat, die Mutter des Kindes umzubringen. Dieser Handlungsstrang wird immer wieder aufgegriffen, der Junge jedesmal ein wenig älter geworden.  Zu Beginn kann man sich darauf überhaupt keinen Reim machen, doch unversehens verwebt sich dieser Handlungsstrang gekonnt mit den anderen Erzählsträngen. Als besonderes Detail hat Lorraine Fouchet immer wieder auch die Perspektive unbelebter Gegenstände eingestreut: so kommt eine Kaffeemaschine zu Wort, ein Kühlschrank, ein Klavier. Das irritierte mich zunächst, doch empfand ich dies zunehmend als geschickt, da so ein erhellender Blick von außen auf das Geschehen geworfen wird.


"Der Kühlschrank hat den Unterschied sofort bemerkt, den fremden Druck der Finger, das neue Naturell, das Zögern beim Öffnen, die Sanftheit beim Schließen. Eine solche Verwandlung ist nicht normal. Der Kühlschrank hat keine Augen, kann keine Gesichter sehen. Trotzdem sagt ihm sein Instinkt, dass da etwas faul ist. Ihn fröstelt, als hätte er ein Eisfach." (S. 62)


Lorraine Fouchet hat hier einen sorgfältig komponierten, intelligent gestrickten Roman geschrieben, der Spannung, Überraschendes, Liebevolles und Berührendes in wohlaustarierter Balance bietet. Es ist eine ruhige Erzählung, die von der inneren Spannung und den Emotionen getragen wird. Kleine berührende Gesten oder Sätze setzen winzige Sahnehäubchen auf die Geschichte, ohne jemals am Kitschigen zu kratzen. Eine für mich überaus gelungene Mischung.

Das Leben ist nicht schwarz oder weiß - es bietet viele Farben, auch wenn es manchmal sehr düster zu sein scheint. "Das Leben ist, was man daraus macht." (S. 247) scheint mir demnach abschließend eine gute Erkenntnis zu sein. Für den Roman jedenfalls gibt es von mir eine uneingeschränkte Empfehlung!


© Parden

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Tags: alter, bretagne, demenz, einsamkeit, erinnerungen, frankreich, groix, insel, kindheit, lebenswert, liebe, pro und contra, zweifel   (13)
 

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berlin, deutschland, entführung, franziska pigulla, hörbuch, horror, mystery, mystery thriller, spree, thriller, verschwundene frauen

Spreeblut

Karsten Krepinsky
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Erschienen bei Die Typonauten GmbH, 31.01.2018
ISBN B0798SRB9M
Genre: Sonstiges

Rezension:

CROSSOVER-THRILLER MIT AUSSERGEWÖHNLICHEM SERIENMÖRDER...

In Berlin treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Ohne Spuren zu hinterlassen, schlägt der Frauenjäger jedes Jahr im Frühjahr zu - stets an den Ufern der Spree. Nie gibt es Zeugen, keine einzige Frau ist jemals wieder aufgetaucht. Als die Enddreißigerin Ana am Alexanderplatz auf eine der Vermisstenanzeigen stößt, die überall in der Stadt zu finden sind, wird sie von einem geheimnisvollen Mann angesprochen. Jan scheint mehr über das Mysterium der verschwundenen Frauen zu wissen, als er zugeben will…


"Ich bin 163 Jahre alt. Zumindest ist das die Anzahl der Morde, an die ich mich erinnere. Für jedes Jahr ein Menschenleben."


Mit diesem Satz beginnt der Prolog des Romans, und wer es bis dahin noch nicht wusste, ahnt spätestens jetzt: dies ist ein Mystery-Thriller, gemischt mit einem Quäntchen Horror. Ein Crossover-Thriller also, und ich war sehr neugierig auf dieses Hörbuch.

Eigentlich wollte ich nur mal kurz reinhören, ob der Download gelungen war, doch dann war ich unversehens schon mittendrin in der Geschichte. Zunächst hat der Täter das Wort, doch dann folgt auch gleich die nächste Tat - und die Atmosphäre, die hier kreiert wird, ist schon gelungen geschildert: düster und einfach unheimlich. Damit hatte mich die Erzählung gepackt, und dann gab es kein Halten mehr.

Ana ist einer der Hauptcharaktere des Buches. Sie führt nach außen hin eine Bilderbuchehe mit einem erfolgreichen Lobbyisten der Pharmaindustrie, doch ist es hinter verschossenen Türen ganz anders als jeder denkt. Hier zeigt sich der wahre Charater ihres Mannes, und es nimmt Wunder, dass die gebürtige Ukrainerin nicht schon längst das Weite gesucht hat. Alkohol und ein durchstrukturierter Tagesablauf helfen ihr, nicht den Verstand zu verlieren - und doch sehnt sie sich eigentlich nach einem ganz anderen Leben.

Um ihrer Unzufriedenheit zu entfliehen, hat Ana damit begonnen, die Tageszeitungen nach ungeklärten Kriminalfällen zu durchforsten. Und als sie in der Stadt auf eine Vermisstenanzeige stößt, die auf den Fall der jedes Jahr im Frühjahr verschwindenden Frauen verweist, erwacht ihre Neugier. Unversehens bekommt sie Unterstützung von einem Fremden, der ihr Interesse an der Anzeige erkennt. Doch weshalb spricht dieser Jan sie überhaupt an? Was weiß er wirklich über diese Fälle? Und ist es klug, sich auf die zunehmend wachsende Zuneigung zu diesem Mann mit den traurigen Augen einzulassen? Denn immerhin wartet zu Hause Anas Mann...

Spannend beginnt dieser Mystery-Thriller und lässt dann bis zum Schluss kaum einmal nach. Düstere Szenen mit gruseligen Elementen, überraschende Wendungen und viele Fragezeichen prägen den Verlauf des Hörerlebnisses. Die Charaktere selbst gefielen mit nicht unbedingt in allen Facetten, worauf ich hier nicht näher eingehen kann ohne zu spoilern. Doch muss ich die Figuren eines Romans nicht zwangsläufig sympathisch finden, um Gefallen an einem Buch zu finden. Ich hatte schon genug zu tun mit dem Versuch dahinterzukommen, wer (oder was) der Täter denn nun ist - und wie und weshalb er die Frauen entführt.

Immer wieder werden zum Wesen des Täters Hinweise gestreut, doch selbst als ich einen ganzen Haufen davon beisammen hatte, konnte ich mir kein Bild davon machen. Es war zum Haareraufen. Die Lösung kommt wirklich erst ganz am Ende - und erst da habe ich dann auch das Cover verstanden, das wirklich ausgesprochen passend ist. Wer gegen einen Schuss Mystery nichts einzuwenden hat, der ist mir diesem spannenden Thriller wirklich gut bedient.

Vielen in der Hörrunde gefällt die Stimme Franziska Pigullas ausgesprochen gut. Mich hat sie oftmals irritiert - tatsächlich klingt sie in dieser Aufnahme eher wie ein Mann. An manchen Stellen fand ich den eher gemächlichen Vortrag sehr passend - phasenweise geriet dieser für meinen Geschmack aber doch etwas langatmig. Aber das ist  für mich wirklich das einzige Manko dieses Hörbuchs, das mit 5 Stunden und 28 Minuten ratzfatz beendet war.

Ein Crossover-Thriller mit außergewöhnlichem Serienmörder - spannend, anders, empfehlenswert!


© Parden

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aborigines, australien, damönen, fantasy, hexen, jäger, rot, rote haare, rothaarige, seele, .teufel, traumpfade

RED

Ann-Kathrin Karschnick
Flexibler Einband: 286 Seiten
Erschienen bei Papierverzierer Verlag, 15.03.2018
ISBN 9783959629225
Genre: Fantasy

Rezension:

HIER WURDE POTENTIAL VERSCHENKT!

Laura arbeitet gerade in einem American Diner, als plötzlich eine rothaarige Frau durchdreht und Menschen umbringt. Zunächst hält sie es für einen Amoklauf, bis Hunter auftaucht und behauptet, dass ein sogenannter Tagträumer in ihr den augenscheinlichen Kontrollverlust verursacht hätte. Er behauptet, dass diese Tagträumer zur Armee des Teufels gehören und nur ein Ziel kennen: Das Chaos auf der Erde zu verbreiten. Laura und Hunter müssen aus dem Diner fliehen und geraten auf eine irrwitzige Reise. Dabei muss sich Laura immer wieder die Fragen stellen: Warum wurde sie anscheinend als einzige Rothaarige nicht von einem Tagträumer besetzt? Und was verbirgt Hunter vor ihr?

Um mal mit dem Positiven anzufangen: Die Idee hinter der Geschichte ist interessant, und tatsächlich bietet Ann-Kathrin Karschnick mit einigen Aspekten etwas Neues, das dem Buch auch eine besondere Note verleiht. Doch damit hört es für mich leider auch schon auf, und nun kommen wir zu den großen Abers...

Hier wird eben nicht nur Neues geboten, sondern vieles dürfte v.a. Serienjunkies aus TV und Kino bekannt vorkommen. Tatsächlich weist Laura, einer der Hauptcharaktere, ständig auf Parallelen der eigenen, zugegeben skurrilen, Erlebnisse zu der Serie xy oder dem Film soundso hin. Das kann man mögen, wenn man aber so wie ich nur wenig TV schaut und v.a. Serien kaum etwas abgewinnen kann, dann versteht man viele Anspielungen nicht und empfindet diese häufigen Hinweise als nichtssagend und langweilig.

Abgesehen davon, dass viele Entwicklungen in dem Roman doch recht vorhersehbar sind - so auch das Ende -, wird hier alles sehr oberflächlich abgehandelt. Das Tempo ist rasant, teilweise gibt es immense Handlungssprünge, und nicht immer ist nachvollziebar, wie es plötzlich zu bestimmten Situationen kommt. Auch die Charaktere mit ihren Gedanken und Emotionen bleiben sehr an der Oberfläche und wirkten auf mich oft wenig authentisch. Selbst die Liebesgeschichte, die sich hier - vorhersehbar - anbahnt, schien mir nur zu existieren, weil sie zu dieser Art Geschichte einfach dazugehört. Die Gefühlswelt der Charaktere erschloss sich mir meist ebensowenig wie die Figuren selbst.

Abgesehen von ein paar logischen Fehlern in der Handlung gibt es in dem Buch auch noch etliche vom Lektorat überlesene Fehler - so auch mehrfach Sprünge zwischen der personalen Erzählperspektive und der Ich-Form, so als hätte sich die Autorin nicht entscheiden können, welche Perspektive sie nun einnehmen wollte. Derlei Dinge stören mich beim Lesen schon sehr. Abgesehen davon erscheint der Schreibstil recht einfach, wodurch sich der Text zwar flüssig lesen lässt, mich zeitweise aber eher an einen Schüleraufsatz erinnerte.

Auch wenn ich nicht mehr zur eigentlichen Zielgruppe dieses Buches gehören mag, lese ich zwischendurch durchaus gerne einmal etwas aus dem Fantasy-Bereich, und auch Jugendbücher finden immer wieder ihren Weg zu mir. Ich höre gerade beispielsweise den zweiten Band einer Jugend-Fantasy-Reihe und bin wieder sehr angetan davon. Hier jedoch fühlte ich mich größtenteils enttäuscht. Das wunderschön und augenfällig gestaltete Cover kann über die genannten Mängel nicht hinwegtäuschen.

Hinzu kommt noch, dass ich im Verlauf der Leserunde erfahren habe, dass es einen Vorgänger-Band gibt, was bei der Bewerbung um dieses Buch nicht klar war. Und am Ende erfuhr ich noch, dass es auch noch einen weiteren Band geben wird - was bei dem offenen Schluss auch zwingend notwendig ist. Hätte ich diese Informationen im Vorfeld gehabt, hätte ich mich ehrlich gesagt gar nicht erst um dieses Buch beworben. Reihen nicht mit dem ersten Band zu beginnen, finde ich mehr als ärgerlich - auch wenn hier die Handlung selbst auch ohne die Einhaltung der Reihenfolge verständlich ist. Da passt es dann wohl, dass ich auch auf die Fortsetzung verzichten werde...

Bei diesem Buch wurde tatsächlich viel von seinem eigentlichen Potential verschenkt. Da gab es in der Leserunde von den anderen Teilnehmern Alternativvorschläge zur Handlung, die mir allesamt mehr zusagten, als das Buch selbst. Schade.


© Parden

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Kleine Feuer überall

Celeste Ng , Brigitte Jakobeit
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 20.04.2018
ISBN 9783423281560
Genre: Romane

Rezension:

HIER PRALLEN LEBENSENTWÜRFE AUFEINANDER...

Es brennt! In jedem der Schlafzimmer hat jemand Feuer gelegt. Fassungslos steht Elena Richardson im Bademantel und den Tennisschuhen ihres Sohnes draußen auf dem Rasen und starrt in die Flammen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie die Erfahrung gemacht, "dass Leidenschaft so gefährlich ist wie Feuer". Deshalb passte sie so gut nach Shaker Heights, den wohlhabenden Vorort von Cleveland, Ohio, in dem der Außenanstrich der Häuser ebenso geregelt ist wie das Alltagsleben seiner Bewohner. Ihr Mann ist Partner einer Anwaltskanzlei, sie selbst schreibt Kolumnen für die Lokalzeitung, die vier halbwüchsigen Kinder sind bis auf das jüngste, Isabel, wohlgeraten. Doch es brennt. Elenas scheinbar unanfechtbares Idyll – alles Asche und Rauch?

Normalerweise schreibe ich eine Rezension gleich, nachdem ich ein Buch ausgelesen habe. Nicht so hier. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte. Einmal, zweimal, fünfmal. Nun sitze ich hier, Tage später, zum wiederholten Male und versuche zu verdeutlichen, was ich da gelesen habe. Und wie es mir mit dem Roman erging.

Auch wenn es eine sehr ruhig gehaltene Erzählung ist, eröffnet Celeste Ng ihr neuestes Werk mit einem Knall. Die kleinen Feuer überall begegnen dem Leser nämlich bereits auf den ersten Seiten des Romans - und machen eine Familie heimatlos. Die Richardsons sind eine Wohlstandsfamilie und können es nicht glauben, dass es gerade ihr Haus ist, das da brennt. Die jüngste Tochter Izzy fehlt. Und es keimt rasch ein Verdacht auf. Doch kann es wirklich sein, dass das Mädchen die Brandstifterin ist?

Ich lehne mich hoffentlich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich hier sage: ja, Izzy hat den Brand gelegt. Und der Roman erzält im Grunde, wie es dazu kommen konnte - und noch viel mehr. Celeste Ng präsentiert hier Lebensentwürfe, die aufeinanderprallen, beleuchtet Verhältnisse von Müttern und Töchtern, stellt Fragen, die letztlich aufzeigen, dass es zuweilen kein Richtig und kein Falsch gibt, kein Schwarz oder Weiß, sondern irgendetwas dazwischen - insofern auch ein unbequemes Buch, das den Leser ebenso zu einer Positionierung herausfordert wie die Charaktere des Buches.

Auf der einen Seite gibt es hier die Familie Richardson mit dem Vater, der als Anwalt meist außer Haus ist, mit der Mutter, die zufrieden auf ihre vier Kinder schaut und gewissenhaft ihrem Job als Lokaljournalistin nachgeht, mit Trip, dem ältesten Sohn, der als Mädchenschwarm und erfolgreicher Sportler vieles als selbstverständlich nimmt, mit Lexie, der ältesten Tochter, die selbstbewusst durchs Leben geht und es versteht, andere auf charmante Art für ihre Zwecke einzuspannen, mit Moody, dem jüngeren Sohn, der nicht zu vorschnellen Meinungen und Verurteilungen neigt wie seine älteren Geschwister - und mit Izzy, der Jüngsten, dem Sorgenkind der Familie.


"Mit zehn war Izzy verhaftet worden, als sie sich in die Humane Society eingeschlichen hatte, um sämtliche streunenden Katzen zu befreien. 'Sie leben wie Gefangene im Todestrakt', hatte sie gesagt. Mit elf hatte ihre Mutter - überzeugt, dass Izzy zu ungelenk war - sie zum Tanzunterricht angemeldet, damit sie ihre Koordination verbesserte. Ihr Vater bestand darauf, dass sie mindestens ein halbes Jahr durchhielt, bevor sie aufhörte. Izzy saß Stunde um Stunde auf dem Boden und verweigerte jede Bewegung. Für die Aufführung hatte sie sich mithilfe eines Spiegels mit Edding NICHT DEINE MARIONETTE auf Stirn und Wangen geschrieben, bevor sie auf die Bühne trat und dann stocksteif stehenblieb, während die anderen betroffen um sie herumtanzten." (S. 54)


Muss ich betonen, dass ich Izzy spätestens seit diesem Absatz liebte? Dieses geradlinige Mädchen, dickköpfig und sensibel, das sich nicht verbiegen lässt und ihren Weg geht, obwohl sie mit dem Gedanken aufwuchs, das mit ihr etwas nicht stimmte - denn ständig korrigierte, nörgelte, mahnte die Mutter an ihr herum. Izzy wird von keinem in ihrer Familie verstanden, bestenfalls kopfschüttelnd hingenommen - aber sie hat ein untrügliches Gespür für Gerechtigkeit. Dass es auch anders geht - nämlich zugewandter, akzeptierender, wohlwollender, merkt Izzy erst, als Mia Warren und ihre Tochter Pearl in der Stadt auftauchen.

Die 36Jährige zieht mit ihrer Tochter von Stadt zu Stadt - immer wenn sie ein neues Kunstprojekt beendet hat, brechen sie wieder auf. Und nun hat es die unkonventionelle Frau ausgerechnet nach Shaker Heights verschlagen - einem Ort, der planvoll am Reißbrett entstand, und der seither von Regeln geprägt ist - in der Überzeugung, "dass sich Unschickliches, Unangenehmes und Katastrophales vermeiden ließ, wenn man alles nur gut durchdachte" (S. 19 f.). Mia Warren jedenfalls sticht mit ihrem selbstbestimmten und ungezwungenen Lebensstil aus dieser an Regelkonformität gewohnten Gemeinde heraus. Und als sie den Richardsons begegnet, prallen hier Lebensentwürfe aufeinander.


"Wir ziehen oft um. Immer, wenn es meine Mom packt." Pearl sah ihn durchdringend an, fast schon böse, und Moody stellte fest, dass ihre Augen, die er anfangs für haselnussbraun gehalten hatte, in Wirklichkeit dunkelgrün waren. Im selben Moment wurde ihm schlagartig klar, was an diesem Vormittag geschehen war: In seinem Leben gab es jetzt ein Davor und ein Danach, und er würde beide immer miteinander vergleichen. "Was machst du morgen?, fragte er. (S. 31)


Anfangs ist es Moody, der den Kontakt zu Pearl und seiner Mutter sucht, doch nach und nach häufen sich die Berührungspunkte zwischen den Familien. Pearl ist fasziniert von dem Leben, das die Richardsons in ihrem riesigen Haus führen, die Kinder der reichen Familie fühlen sich ihrerseits wiederum angezogen von der unkonventionellen Lebensweise der Warrens, vor allem aber von der toughen und geradlinigen Mia und ihrer hübschen Tochter. Nur Mrs. Richardson, die von Kindesbeinen an in Shaker Heights lebt, die idealistisch an die Kraft der Regeln glaubt, die überzeugt ist, dass man die Welt auf diese Art verbessern, ordnen, vielleicht sogar perfektionieren kann, ist Mia ein Dorn im Auge. Und so geraten die Dinge in eine Schieflage, die kaum noch aufzuhalten ist...


"Mia umarmte Pearl, vergrub ihre Nase im Haar ihrer Tochter und fühlte sich, wie immer, wenn sie das tat, von dem unveränderten Duft getröstet. Sie roch, dachte Mia plötzlich, nach zu Hause, als wäre zu Hause nie ein Ort gewesen, sondern immer diese kleine Person an ihrer Seite." (S 352)


Celeste Ng präsentiert hier einen vielschichtigen, komplexen und klug konzipierten Roman, in den vermutlich auch autobiografische Elemente eingeflossen sind, da die Autorin selbst in Shaker Heights aufwuchs. Die Spannung, die in der Erzählung unterschwellig schwelt, versetzte mich beim Lesen selbst ständig in Unruhe - und die Fragen, die hier aufgeworfen werden, lassen auch den Leser nicht unberührt. Begeistert hat mich der feine Schreibstil Ngs, die trotz einer unaufgeregten und eher nüchternen Schreibweise mit Worten warmherzige Bilder kreieren kann, die mich ein ums andere Mal berührten. Augenfällig fand ich die häufigen Anspielungen im Text auf das Thema 'Feuer'. Funken, Schwelbrände, Rauch und Flammen - hier knistert es gewaltig.

Ein ruhig erzählter Roman voller Spannungen und unbequemer Fragen... Eine beeindruckende Erzählung, die noch lange über die letzte Seite hinaus nachhallt. Für mich eines der Lesehighlights in diesem Jahr...


© Parden

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Tags: lebensentwürfe, lebensplanung, lesehighlight, regeln, shaker heights, zeitgenössische literatur   (6)
 
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