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amerika, anwältin, china, chinesin, familie, fiona, heiraten, hello kitty, jungfernhäutchen, mord, san francisco, sex, tod, tradition, usa

Hello Kitty muss sterben

Angela S. Choi , Ute Brammertz
Flexibler Einband: 283 Seiten
Erschienen bei Luchterhand Literaturverlag, 25.10.2010
ISBN 9783630873398
Genre: Romane

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149 Bibliotheken, 3 Leser, 3 Gruppen, 33 Rezensionen

apokalypse, endzeit, freiheit, krieg, künstliche intelligenz, maschinen, menschen, robocalypse, roboter, science fiction, science-fiction, scifi, überleben, weltuntergang, widerstand

Robocalypse

Daniel H. Wilson , Markus Bennemann
Flexibler Einband: 461 Seiten
Erschienen bei Droemer Knaur, 08.09.2011
ISBN 9783426226001
Genre: Science-Fiction

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12 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

abstumpfung, bande, jungendliche, kleinkriminelle, kriminalität, kz, nachkriegszeit, österreich, wien

Schwere Knochen

David Schalko
Fester Einband: 576 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 12.04.2018
ISBN 9783462050967
Genre: Romane

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bestseller, fiktion, glück, lektor, satire

Glück.

Will Ferguson , Marlies Ruß
Flexibler Einband
Erschienen bei List Tb.
ISBN 9783548680453
Genre: Sonstiges

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anthroposophie, biologisch-dynamischer landbau, christentum, christus, daseinsanalyse, erkenntnisweg, esoterik, esoterisches christentum, esoterische weisheit, geheimlehre, geheimwissenschaft, geist, geisteswissenschaft, geistige reifung, geistiger weg

Rudolf Steiner

Miriam Gebhardt
Fester Einband: 364 Seiten
Erschienen bei DVA, 12.01.2011
ISBN 9783421044730
Genre: Biografien

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briefe, einsamkeit, erinnerung, freundschaft, gebrechlichkeit, gedanken, gefühle, ironie, johannes wenger, karola, katharina, kiwi verlag, krankenhaus, krankheit, peter härtling

Der Gedankenspieler

Peter Härtling
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.03.2018
ISBN 9783462051773
Genre: Romane

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Das Leben des Vernon Subutex 2

Virginie Despentes , Claudia Steinitz
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 15.02.2018
ISBN 9783462050981
Genre: Romane

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13 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

familie, roman

Die Architektur des Knotens

Julia Jessen
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 07.03.2018
ISBN 9783956142291
Genre: Romane

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Wächterin der Sterne

Sylvia Louise Engdahl
Flexibler Einband: 351 Seiten
Erschienen bei cbt, 09.10.2006
ISBN 9783570303382
Genre: Fantasy

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Der Graben

Herman Koch , Christiane Kuby , Herbert Post
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 15.02.2018
ISBN 9783462050820
Genre: Romane

Rezension:

Robert Walter ist Ende fünfzig und recht erfolgreich. Er ist Bürgermeister von Amsterdam, ein guter Stegreifredner, beliebt, auch weil er sich aus den politischen Ränken heraushält. Sehr lange und glücklich verheiratet, mit einer schönen Südländerin. Er könnte sein Leben genießen. Doch wenn es keine Probleme gibt, dann werden welche geschaffen. Oder gibt es nicht doch Probleme? Das Gespräch seiner Frau am Neujahrsempfang mit dem doch recht langweiligen Dezernenten Maarten van Hoogstraten irritiert Robert. Da war doch ein kurzes Flackern der Vertrautheit zwischen beiden. Ein insgeheimes Einverständnis, das nur aus einer Affäre herrühren kann. Nach dieser Beobachtung verläuft das Leben von Robert anders. Er wird zu einem Voyeur seines eigenen Lebens, er beobachtet sein Leben nur noch und nimmt nicht mehr daran teil.

„Ich wurde ein verdeckter Ermittler in den eigenen vier Wänden. Über den Rand der Zeitung observierte ich meine Frau. Ich ließ den Blick über die Artikel wandern, las aber nichts, achtete nur darauf rechtzeitig umzublättern. In möglichst natürlichem Rhythmus. Ich war ein Spitzel in Zivil, jemand der die Kleider des Familienoberhauptes trug, der den liebenden Ehemann und Vater gab.“

 

Anfangs wird der Leser recht umständlich in Hermans Koch Buch eingeführt. Lang und breit erzählt der Ich-Erzähler, warum er die Namen seiner Frau und seiner Tochter verändert. Sein eigener Wikipedia Eintrag beinhaltet sogar eine falsche Schreibweise des Namens seiner Frau. Auch wird dem Leser später erklärt, dass der Name des Bruders seiner Frau Rückschlüsse auf dessen Identität gewähren würde. Eine Art sinnlose Bedeckung sondergleichen, zumal alleine die Tatsache dass wir es hier mit einer öffentlichen Person zu tun haben, jegliche Geheimhaltung der Namen zu einem vergeblichen Unterfangen macht.

Roberts Betrachtung seines eigenen Lebens führt dazu, dass er kaum noch entspannt daran teilhaben kann. Jegliche eigene Interaktion mit der Außenwelt wird von ihm selbstkritisch unter die Lupe genommen. Seine Eltern steuern beide auf den hundertsten Geburtstag zu und sein Vater redet davon, Freitod zu begehen. Ein Interview mit einer Journalistin verleitet Robert zu einer Aussage, die einem politischen Selbstmord nahe kommt. Gerade seine Ehe gerät aus den Fugen. Aber dieses Beben ist nur etwas was er spürt, denn nach außen hin verläuft anfangs alles normal. Seine Frau und er sind das perfekte Paar.

„Mit Sylvia und mir verhält es sich ganz einfach: Wo wir sind ist es schön. Wo wir zu zweit sind, sind wir glücklich. Wir haben ganz unterschiedliche Interessen, doch unser Interesse aneinander bleibt sich immer und überall gleich. Gemälde sagen mir an sich wenig, aber eines, vor dem Sylvia stehen bleibt, ist mmer mehr als nur eine Seeschlacht, eine Landschaft oder ein Stilleben mit Obst und totem Hasen.“

Der Ich-Erzähler bleibt in seinen geschwätzigen Monologen meist bei sich. Die anderen Figuren in Der Graben bleiben deswegen meist schemenhaft und werden für die Ausbreitung von interessanten Themen zweckentfremdet. Nach einiger Zeit habe ich mich gefragt, wohin dieses, zwar literarisch sehr interessante, aber doch meist im roten Faden springende breit ausfächernde Buch mich noch hinführt. Was möchte der Autor mir damit sagen? Sei es der Tod oder auch der noch lebende Adel auf der Welt, die Gedankenwelt des Robert Walter ist die eines intelligenten Bildungsbürgers.

„Könige und Königinnen, es finden sich selten Persönlichkeiten darunter. Nie haben sie ihr Bestes geben müssen. Nie haben sie wie John F. Kennedy oder Barack Obama Stadt und Land auf Stimmenfang abklappern müssen. Alles ist ihnen in den Schoß gefallen. Man sieht es ihnen an. Mit jeder Generation werden ihre Gesichter leerer. Geistloser. Schon Königin Juliana konnte man kaum ernst nehmen, im Gesicht ihres Enkels passiert fast gar nichts mehr.“

Gegen Ende passiert dann doch noch eine Überraschung, die aber nicht durch die Geschichte getrieben wurde, sondern die Herman Koch einfach unvermittelt geschehen lässt. Ein zwar schön geschriebenes Buch, was aber viel Potenzial verschenkt. Mit etwas geschickterem Lektorat wäre eine fesselndere Geschichte herausgekommen. 

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Mein Freund Pax

Sara Pennypacker , Birgitt Kollmann , Jonathan Klassen
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei FISCHER Sauerländer, 16.03.2017
ISBN 9783737352307
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Freundschaft ist eine wichtige Grundlage unseres Zusammenlebens, das verstehen wir schon früh in unserem Leben. Später kommen noch die Freuden und Leiden der Liebe hinzu, aber Freundschaft birgt schon die Insignien eines tiefen Gefühls. Ein Gefühl, das gehegt und gepflegt werden muss. Der Übergang zur Liebe ist fließend und zu lieben sollte bestenfalls auch eine Freundschaft als Basis bedeuten.

Hier liegt nun ein wunderschönes Buch über die Freundschaft eines zwölfjährigen Jungen zu einem Fuchs vor. Pax ist der Name des Tieres, welches schon früh aus einem Wurf toter Welpen gerettet wurde und bei Peter und seinem Vater aufwächst. Peters Mutter starb bei einem Autounfall. Peter lebt alleine mit seinem Vater. Als dieser in den Krieg ziehen muss, wird der Fuchs in der Wildnis ausgesetzt, da der Junge bei seinem Großvater leben soll. Doch schon kurz nachdem sie Pax an der Straße zurückgelassen haben, überkommen Peter tiefe Zweifel und ein großes Schuldgefühl.

Pax hatte es nie gelernt in der Wildnis zu überleben, niemand hat ihn gelehrt zu jagen und selbstständig zu sein. Immer waren da Peter und der volle Futternapf. Peter macht sich schließlich alleine auf die Suche nach Pax.

 

Auf dem Weg durch die Wildnis bricht sich Peter gleich den Mittelfuß und landet bei der Einsiedlerin Vola. Diese hilft ihm seinen Fuß zu versorgen und zeigt ihm, mit Krücken zu laufen. Sie selbst hat im Krieg ihren Unterschenkel verloren. Doch für ihre Hilfe stellt sie Peter drei Bedingungen. Der Junge steht vor einer schweren Bewährungsprobe. Kann er solange mit seiner Suche warten und es riskieren, dass Pax in der Wildnis umkommt? Will er alles tun um Pax zu finden?

„‚Und du ziehst das durch, ganz egal, wer dich davon abzuhalten versucht? Weil du weißt, dass es für dich richtig ist? Ganz tief in dir drin?‘ Vola schlug sich mit der Faust vor die Brust. ‚Tief hier drin?‘ Peter zögerte, denn die Frau – ob sie nun verrückt war oder nicht – hatte sich so angehört, als hinge das Schicksal der ganzen Welt davon ab, was er jetzt sagen würde. Doch als er schließlich sprach, war seine Antwort dieselbe, die er gegeben hätte, wenn er sofort damit herausgeplatzt wäre. Selbst wenn er sein Leben lang darüber hätte nachdenken können – sie wäre immer dieselbe gewesen. Er schlug sich vor die Brust und spürte, wie sein Herzmuskel einen Sprung machte. ‚Ja ganz ehrlich. Es gibt sonst nichts, was ich so sicher weiß, tief in mir drin.'“

Peter lernt, dass der schnellste Weg zu einem Ziel nicht immer der direkteste ist. Und Vola lehrt den Jungen das Ganze zu betrachten und nicht mit Scheuklappen auf sein Ziel loszulaufen. Der buddhistische Gedanke zwei und doch nicht zwei zu sein:

„‚Das ist ein Gedanke aus der buddhistischen Lehre. Dabei geht es um das Eins sein. Und darum, wie Dinge, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, in Wirklichkeit sehr wohl in Verbindung stehen. Nichts existiert nämlich völlig getrennt von allem anderen.‘ Vola griff noch einmal nach Peters Fuchs. ‚Das hier, das sind auch die Wolken, die den Regen brachten und den Baum wässerten; die Vögel, die ihre Nester darin bauten; die Eichhörnchen, die sich von seinen Nüssen ernährten. Es ist das Essen, das meine Großeltern mir gaben und das mich stark genug machte, um den Baum Jahre später fällen zu können, und es ist der Stahl meiner Axt. Alles, was du über deinen Fuchs weißt, steckt hier drin, weil es dir ermöglicht hat, ihn zu schnitzen. Und auch die Geschichte, die du einmal deinen Kindern erzählen wirst, wenn du ihnen das hier schenkst. Lauter voneinander getrennte Dinge, und zugleich ein Ganzes. Untrennbar. Verstehst du?'“

In der Zwischenzeit berichtet Sara Pennypacker wie es dem Fuchs Pax in der Wildnis ergeht. Und hier ist das Besondere des Buches. Auf unglaublich empathische Weise versteht es die Autorin sich in die Tierwelt hinein zu versetzen. Tiere kommunizieren weniger mit Sprache, als mit Gesten, Gerüchen und Körperkontakt.  Und Füchse haben natürlich noch besondere Eigenarten. Den hoffentlich zahlreichen jungen Lesern wird diese tierische Welt sehr feinfühlig erzählt. Insgesamt besticht dieses Jugendbuch durch seine einfache für jüngere Leser geeignete Sprache, durch die Reduzierung der handelnden Personen und die Hauptorientierung auf Peter und Pax. So entsteht ein wunderbares Jugendbuch, das auch für Erwachsene geeignet ist.

„‚Und wenn ich mich verirre?‘ ‚Das wirst du nicht.‘ ‚ Ich glaube fast, ich hab mich schon verlaufen‘ sagte Peter leise. Vola streckte die Arme aus und nahm seinen Kopf fest zwischen beide Hände. ‚Nein. Du bist gefunden worden.'“

Neue Wege machen immer Angst, doch neue Wege führen zu Zielen, die Peter sich nie in seinem bisherigen Leben vorstellen konnte. Und so hat das Ende eine der berührendsten Szenen, die ich in einem Jugendbuch je gelesen hatte. Ein klares MUST READ für Kinder ab zehn Jahren.

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Rückblick aus dem Jahre 2000

Edward Bellamy , Wolfgang Both , Clara Zetkin
Fester Einband
Erschienen bei Golkonda Verlag, 05.10.2017
ISBN 9783946503149
Genre: Klassiker

Rezension:

Dystopien sprudeln aus dem Büchermarkt, der Blick nach vorne ist zurzeit sehr negativ behaftet. Doch das war nicht immer so. Im 19. Jahrhundert herrschte, im Hinblick auf die Zukunft,  eine geradezu euphorische Stimmung. Die Industrialisierung war schon weit fortgeschritten, der Glaube an die Technik ungebrochen. Die aufkommenden ökologischen Probleme wurden zwar wahrgenommen, aber noch größtenteils ignoriert. Auch gesellschaftliche Veränderungen standen an. Die Weberaufstände, die teils durch Hunger angetrieben wurden, waren erste frühindustrielle Unruhen, die sich zur Deutschen Revolution 1848/49 ausweiteten. Die gesellschaftlichen Klassen waren gegeneinander gespalten, der Verteilungskampf begann.

Die Zukunft wurde trotzdem in der Literatur noch recht positiv gesehen. Als einer der ersten beschäftigte sich das, zu Unrecht in Vergessenheit geratene, sozialistisch-utopische Buch von Edward Bellamy mit möglichen gesellschaftlichen Veränderungen. Sein Protagonist Julian West, reist in konservierendem magnetischem Schlaf aus dem Jahre 1887 bis ins Jahr 2000. Dort hat sich die Welt komplett verändert. Die Beschreibung der neuen Gesellschaft wird in monologartigen Kapiteln vor dem Leser ausgebreitet.

Hauptursache der Veränderung ist die Errichtung eines genossenschaftlichen Staatswesens. Das Wirtschaftsleben liegt in der Hand des Staates, Gemeinnutz wird großgeschrieben:

„Endlich, und zwar merkwürdig spät, begriff man die so klare Tatsache, dass nichts ihrem Wesen nach so ganz die Sache des Staates ist als die Gütererzeugung, von der der Lebensunterhalt des Volkes abhängt. Das Wirtschaftsleben der Nation Privatpersonen anvertrauen, die ihren Privatvorteil daraus ziehen wollen, ist eine Torheit. Sie ähnelt der anderen, sich politisch von Königen und Adligen regieren zu lassen, die nur an ihren persönlichen Ruhm denken, aber wahrhaftig; sie ist eine noch größere Narrheit.“

Der Individualismus ist einem Gemeinschaftssinn gewichen. Die Menschheit hat erkannt, dass die ökologischen und gesellschaftlichen Probleme nur dadurch gelöst werden können, dass sich jeder als Teil des Ganzen betrachtet.

„[…] der Unterschied zwischen dem Zeitalter des Individualismus und dem der Solidarität werden sehr gut durch die Tatsache gekennzeichnet: Wenn es regnete, so spannten die Bostoner des 19. Jahrhunderts dreimal hunderttausend Regenschirme über ebenso viele Köpfe, die Bostoner des 20.Jahrhunderts dagegen schützten alle diese Köpfe mit einem einzigen Regenschirm.“

Die Luft im Boston des Jahres 2000 ist klar und rein, die Straßen gepflegt, die Menschen tatsächlich gleichberechtigt. Der Wert eines jeden Menschen ist gleich. Jeder wird gleich für seine Arbeit entlohnt, gibt er doch der Gemeinschaft alles, was er in der Lage ist, zu leisten. Bargeld ist abgeschafft, es existieren Kreditkarten, bei denen der Wert des Gutes abgezogen wird. Da jeder gleich entlohnt wird, ist eine Anhäufung von Waren nicht mehr notwendig. Der Wert eines Menschen bemisst sich nicht mehr an dessen Titeln oder Gegenständen, die er besitzt. Massenunterhaltung durch Orchester, die 24 Stunden ein Programm spielen, ist für jeden gegen eine geringe Gebühr zugänglich. Eine Ehe ist nicht mehr eine Frage des Standes oder der Vernunft, sondern der Liebe. Mann und Frau sind in dieser Frage gleichberechtigt, wobei Bellamy, ein Kind seiner Zeit, die Frau doch nicht ganz gleichstellt.

„Verglichen mit der Stellung, die die Frauen früher in der Gesellschaft aller Zeiten eingenommen haben, sind sie jetzt ein sehr glückliches Geschlecht, und ihre Fähigkeit, die Männer zu beglücken, hat natürlich in demselben Maße zugenommen.“

Hier sind der Utopie leider doch ihre Grenzen aufgezeigt. Dagegen sind andere Bereiche sehr weitsichtig beschrieben, gerade der Grund, warum Bildung so wichtig ist, wird schön im gemeinschaftlichen Kontext gezeigt.

„Der Gebildete ihrer Zeit glich jemand, der bis an den Hals in einem ekelhaften Morast steckte und sich damit tröstete, dass er sich ein Riechfläschchen unter die Nase hielt. Vielleicht verstehen Sie jetzt, wie wir die Frage einer allgemein höheren Bildung auffassen. Nichts ist für jeden so wichtig, als kluge, verständige und wohlerzogene Nachbarn zu haben. Nichts von allem, was die Nation für uns zu tun vermag, kann daher mehr zur Erhöhung unseres eigenen Glücks beitragen, als wenn sie unsere Mitmenschen zu gebildeten Leuten erzieht. Unterlässt sie das, so verliert unsere eigene Bildung die Hälfte ihres Werts.“

Bellamys Roman widmet sich fast ausschließlich dem Entwurf einer alternativen Gesellschaft. Die handelnden Figuren im Roman, die sich auf drei begrenzen, Julian West, Edith Leete und ihr Vater, wirken nur als Staffage, eine Art Sprachrohr für Bellamys Ideen einer utopischen Zukunft. Dies reduziert natürlich den Unterhaltungswert des Romans, der sich in zwar interessanten theoretischen Gefilden bewegt, aber einen richtigen Spannungsbogen vermissen lässt. Bellamy unterlässt es gegen Ende nicht, bei seinen Zeitgenossen mahnend den Zeigefinger zu heben und die offensichtlichen Probleme zu schildern. In einem Traum wendet sich Julian West an seine ignoranten Freunde:

„Wisst ihr nicht, dass dicht an euren Türen ungezählte Massen von Männern und Frauen, Fleisch von eurem Fleisch und Bein von eurem Bein, ein Leben führen, das von der Wiege bis zum Grabe nur ein langer Todeskampf ist? Horcht! Ihre Wohnstätten sind ganz nahe. Wenn euer Lachen schweigt, so vernehmt ihr die furchtbaren anklagenden Stimmen: das Jammergeschrei der Kleinen, die am Hungertuch saugend verschmachten; die heiseren Flüche der Männer, die im Elend halb vegetieren und zugrunde gehen; das Feilschen eines Heeres von Weibern, die sich um Brot verkaufen. Womit habt ihr eure Ohren verstopft, dass ihr diese Stimmen nicht hört? In meinem Ohr übertönen sie alles, alles, ich höre nur sie.“

Sehr schön abgerundet wird der neuaufgelegte Roman durch ein Vorwort von Clara Zetkin und einer umfangreichen Einleitung, die auf das Leben des Schriftstellers und die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit, eingeht. Den Abschluss bildet ein interessanter wissenschaftlicher Diskurs über die Frage ‚Wer bei wem abschrieb‘ sowie erweiternde, wichtige Bezüge zu der damaligen Zeit. Ältere Utopien sollten, meiner Meinung nach, nie als reine Literatur, ohne begleitende Erklärungen veröffentlicht werden, damit der Kontext in denen sie geschrieben wurden, erhalten bleibt. Das hat der Golkonda Verlag mit dieser liebevoll aufgemachten und lektorierten Auflage gezeigt. Dass dieses Buch vielerorts als ‚meistgelesene Utopie‘ gilt, war mir so nicht bekannt. Abschließen möchte ich mit dem im Buch enthaltenen Kommentar von Wolfgang Both:

„Wie gesagt, die Sozialisten mochten dieses Buch nicht. Aber lassen Sie sich von ein paar Nörglern, denen zwischenzeitlich ein ganzes Weltsystem abhandengekommen ist, nicht die Leselust vermiesen. Dies ist ein bleibendes Stück Literatur. In diesem Sinne sollten Sie es genießen.“

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Menschenwerk

Han Kang , Ki-Hyang Lee
Fester Einband: 222 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 15.09.2017
ISBN 9783351036836
Genre: Romane

Rezension:

„Ich atme, wenn sie mir mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen, einen Knüppel zwischen die Schulterblätter strecken und diesen als Hebel benutzen, bis ich schreie: ‚Bitte, hören sie auf, bitte. Ich bitte um Gnade.‘ Wenn sie mir Metallstifte unter die Finger- und Fußnägel treiben, atme ich nach Luft ringend ein und aus, während unendlich langsam Sekunde um Sekunde verrinnt. ‚Bitte, hören Sie auf, bitte. Ich bitte um Gnade‘, stöhne ich, während die Zeit stillzustehen scheint. Dann ein erneuter Schrei, ein Flehen, mein Körper möge verschwinden, sich sofort in seine Einzelteile auflösen.“

Wer nach diesen Zeilen schluckt und sich sträubt weiter zu lesen, den kann ich gut verstehen. Verpassen würde er ein eindringliches und erschütterndes Manifest über das Tier im Menschen, verpassen würde er auch die Hoffnung und die Menschlichkeit die diesem Tier entgegengesetzt wird.

Das Massaker in der südkoreanischen Stadt Gwangju, resultierte aus einer studentischen Demonstration für mehr Demokratie, die brutal durch das Militär zurückgeworfen wurde. Vom 18. bis 27.Mai 1980, wurden über zweitausend Menschen, meist Zivilisten, wahllos durch das Militär regelrecht abgeschlachtet. Menschenwerk ist ein mit mehreren Erzählungen, die über einige Jahrzehnte entstanden, durchzogenes Buch, das, aus der Sicht der Betroffenen geschildert, ein erschütterndes Bild auf dieses Massaker wirft. Dabei geht es weniger um die Zeit während des Aufstandes, als um die Beschreibung des Grauens der Folter und Misshandlungen, die Unbeteiligte beliebig über sich ergehen lassen mussten.

Das Massaker wird sehr krass dargestellt, Han Kang beschreibt aus der Sicht eines toten Opfers, wie es sich anfühlt auf einem Leichenberg zu liegen. Und von oben heraus sachlich und objektiv auf den eigenen zerstückelten Körper zu schauen.

„Sie drangen in das Unterholz hinter dem leeren Platz vor. Auf den Befehl eines Mannes hin – offenbar der Anführer – stapelten sie dort unsere Körper wieder über Kreuz aufeinander. Meiner war der zweite von unten und wurde von den anderen ziemlich zerquetscht. Trotzdem floss kein Blut mehr aus mir heraus. Nach hinten gekippt, den Mund offen, schien mein Gesicht in der Dunkelheit des Waldes noch fahler als zuvor. Zum Schluss warfen sie einen Strohsack über den Turm aus Leichen, womit dieser wie ein riesiges Ungeheuer aussah, ein Ungeheuer mit einem Dutzend Klauen.“

Dutzende von jungen Studenten sitzen mit Waffen in einem verbarrikadierten Haus und warten den Ansturm des Militärs ab. Sie haben etwas wofür sie kämpfen können. Sie kämpfen für mehr Demokratie, für Freiheit, für ein besseres Leben. Das Militär stürmt das Haus, doch die Studenten bringen es nicht fertig, zu schießen. Warum haben sie nicht geschossen?

„Gerade noch zerrissen und blutend waren sie wieder geheilt. Ich war wie gebannt. Mein Herr, wissen Sie, wie stark es einen machen kann, wenn man überzeugt ist, ein anständiger und guter Mensch geworden zu sein? Kennen Sie das Gefühl, vom Glanz dieses makellosen Schatzes geblendet zu sein und sein Gewissen mitten auf der Stirn zu tragen?“

Die Menschlichkeit, das Gewissen siegt über das Gefühl einen Kampf austragen zu müssen. Doch ein Gewissen zu haben bedeutet im besten Falle Tod, im schlimmsten Falle Folter. Das Kernstück des Buches bilden für mich allerdings nicht, die drastischen Beschreibungen des Krieges, das fast schon klinisch nüchtern beschriebene blutige Gemetzel, nein, Han Kang geht noch weiter. Schmerzlich und subtil erzählt Sie von den Leiden, die ein Mensch ertragen kann. Leiden, die sich abseits des Hauptschauplatzes ereignen. Menschen, die aufgrund des Aufstandes in anderen Städten, Gemeinden aufgegriffen werden. Die verhört und dabei geschlagen werden. Selbst sieben einfache Ohrfeigen benötigen sieben Tage um aufgearbeitet zu werden. Wie lange Zeit braucht es, um die anderen Leiden zu vergessen?

„Wie schaffe ich es bloß, die erste Ohrfeige zu vergessen. […] Den ersten Schock, als sie das Gefühl hatte, ihr Hals säße nicht mehr auf ihren Schultern.“

Die Zeit, sagt man, heilt alle Wunden. Doch die Wunden sitzen hier tief. Die Erzählungen sind im Buch chronologisch nach ihrem Entstehen angeordnet. Nach und nach bildet sich ein erschreckendes Bild des für mich bisher unbekannten Gemetzels ab. Selbst Jahre nach dem Vorfall sind die Wunden der Zurückgebliebenen noch nicht geschlossen. Wie lebe ich mit dem Leid das ich gesehen habe weiter? Wie vergesse ich den grausamen Tod meiner Liebsten? Ein erschütterndes Buch, das mir mal wieder klar gemacht hat, wie zufällig es doch ist, am richtigen Platz zur richtigen Zeit geboren worden zu sein. Uns heutigen westlichen Zivilisationsbürgern, die nie mit dem Krieg oder einer blutigen Gewalt konfrontiert wurden, fällt es schwer, diese blutige Realität ansatzweise zu begreifen. Ein Buch von einer schmerzenden atmosphärischen Dichte, das mich teils sprachlos zurückgelassen hat. Ich musste das Buch immer wieder zurücklegen. Was können Menschen nur für Werke anrichten.

Ausnahmsweise passt hier doch mal ein Klappentext, mit dem ich schließen möchte:

„Han Kang zu lesen ist wie in einen Strudel aus Brutalität und Zärtlichkeit geworfen zu werden, aus dem man durchgeschüttelt, perplex und tief bewegt wieder auftaucht.« Doris Dörrie

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Die Stunde der Rotkehlchen

Jo Walton , Nora Lachmann
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Golkonda Verlag, 17.07.2017
ISBN 9783946503132
Genre: Historische Romane

Rezension:

Um die Gegenwart zu begreifen, ist es unumgänglich, die Vergangenheit zu kennen. Das gilt sowohl für Menschen, als auch für die Geschichte. Geschichte und die Reaktionen der Menschen wiederholen sich und so erkennt man bestimmte Verhaltensmuster von Menschen, aber auch der Geschichte sehr schnell wieder. Wichtig ist ein Gesamtüberblick, der sich aus der Gegenwart nicht immer entschlüsseln lässt. Erst rückblickend wird Geschichte umfassend verstanden. Nichtsdestotrotz begehen wir als Menschen und Menschheit aber auch immer dieselben Fehler. Danach will man es natürlich gewusst haben. Klar. Und dann beginnt das Jammern, hätte man nicht dieses oder jenes … Fehler sollten nicht noch einmal begangen werden.

In der Literatur wird das Thema ‚Was wäre wenn?‘ gerne in den sogenannten ‚Parallelwelten‘ aufgenommen. Dieses Thema beschäftigte schon die alten Griechen in der Antike und dient sicherlich auch der Aufarbeitung von Geschichte. Thema des vorliegenden Buches ist die Hypothese, dass Hitler im zweiten Weltkrieg Frieden mit England geschlossen hat, um sich ganz dem großen Feind, dem Bolschewismus, zu widmen. Dieser Friede, auch ‚Farthing-Friede‘, wurde von einer kleinen Geheimgesellschaft initiiert, die sich in England gebildet hat. Hauptinitiator des Friedens war 1941 Sir James Thirkie, der acht Jahre später plötzlich tot auf dem Landsitz der Familie Farthing aufgefunden wird.

Wie auch in ihrem prämierten Buch: „In einer anderen Welt“ baut Jo Walton den Kriminalfall, diesmal aus der Sicht von zwei Personen, in tagebuchähnlicher Form, behutsam auf. Lucy ist die Tochter des Hauses Farthing und hat sich durch ihre Liebesheirat mit dem Juden David keine gesellschaftlichen Freunde geschaffen. Juden sind in England zwar geduldet, aber wegen des Friedens mit Hitler, der diese auf dem Kontinent interniert und verfolgt, immer ein Dorn im Auge der Engländer. Lucy hat ihren eigenen Kopf und die Angst um ihren Mann und die Abtrennung von ihren gesellschaftlichen, engen Wurzeln bestimmen ihr Denken und Tun.

Das England des Jahres 1949 ist noch stark vom Adel und der englischen Gesellschaft geprägt. Inspektor Carmichael von Scotland Yard, welches bei diesem hochbrisanten, politischen Mord, hinzugezogen wurde, ist der zweite Ich-Erzähler dieses Buches. Er hat einen sehr wachen Geist und merkt schnell, dass dieser Fall ihm über den Kopf wächst, ja, dass über seinen Kopf hinweg Entscheidungen getroffen werden. Im Grunde genommen geht es nicht darum, den wirklich Schuldigen des Mordes zu finden. Es geht darum, den politisch richtigen Schuldigen zu finden.

Jo Walton führt den Leser behutsam in ihre Alternativwelt ein und verknüpft diese geschickt mit dem Mordfall, um dem Leser Hintergrundinformationen ihrer Welt zu liefern. Ihre sehr empathische Art zu schreiben lässt die Personen sehr warm und nahe wirken. Die eingeflochtenen Beschreibungen der herrschenden Zustände in England und auf der Welt sind sehr schlüssig und wirken nie aufdringlich. Man hat wirklich das Gefühl so und nicht anders hätte es durchaus ablaufen können.

Damit kommen wir zu einem sehr perfiden Punkt des Buches. Die Schrecken und Toten des zweiten Weltkrieges und des Naziregimes sind bekannt. Wäre es, nachträglich gesehen besser gewesen, Hitler hätte den Frieden mit England gehalten, was sicherlich ein klügerer Schachzug, als ein Krieg an allen Fronten gewesen wäre, oder ist ein Ende mit Schrecken, wie es abgelaufen ist, dieser Alternativwelt vorzuziehen? Diese Frage ist deswegen so perfide, weil so oder so, beides ein leidvolles und schreckliches Erlebnis bedeuten würde. Und die Frage nach Pest oder Cholera erübrigt sich.

Als Widmung stellt Jo Walton folgendes vorab:

„Für alle, die sich jemals mit den Ungeheuerlichkeiten der Geschichte beschäftigt haben, schaudernd eigentlich, doch vor Überraschungen sicher, als ginge es um die Autopsie eines toten Drachen, nur um im nächsten Augenblick den sehr lebendigen Nachkommen des Drachen gegenüberzustehen und ihnen ins offene Maul zu starren.“

Diese hintergründig lauernde Heimtücke der geschichtlichen Bedeutung, gepaart mit dem wirklich schönen sanften Schreibstil macht dieses Buch zu einem bemerkenswerten Beispiel von gedankenvoller und hintergründiger Literatur. Eine echte Perle, die der Golkonda Verlag liebevoll im Hardcover neu aufgelegt hat. Das erste Buch der Serie um Inspektor Carmichael.

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8 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Das geheimnisvolle Leben der Pilze

Robert Hofrichter
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Gütersloher Verlagshaus, 22.05.2017
ISBN 9783579086767
Genre: Sachbücher

Rezension:

Pilze sind viel mehr als die wohlschmeckende Beilage in einem Gericht. Als übelriechende dunkle Masse in einer Zimmerecke können sie das ganze Raumklima verpesten und sind, dort angesiedelt, sehr gefährlich. Doch was ist ein Pilz? Wie wird dieses Lebewesen klassifiziert? Was für verschiedene Formen treten in der Natur auf? Und wie verhalten sie sich in Kombination mit Tieren oder Pflanzen?

Diesen Fragen geht Robert Hofrichter in seinem sehr lehrreichen Buch Das geheimnisvolle Leben der Pilze nach. Es werden auch Fragen zur Essbarkeit und Bestimmung der giftigen und ungiftigen Formen geliefert, doch Pilze sind mehr, als das Männchen mit Hut, was sich an unvorhergesehenen Stellen im Wald zeigt.

Nach der Lektüre hat man einen anderen Blick auf diese uns doch meist verborgene, aber sehr vielfältige Welt. Und eines vorab, Pilze sind mehr Tiere als Pflanzen.

Nur weil die sichtbaren Vertreter der Pilze meist im Wald wachsen und so eine lokale Nähe zu Pflanzen haben, stumm dort stehen, sich nicht bewegen und wachsen, sind sie noch lange keine Pflanzen. Nach Untersuchungen der jahrhundertelang sträflich vernachlässigten Lebewesen, sind Pilze durch ihre heterotrophe Art mehr den Tieren zuzuordnen. Hetero…was? Wird jetzt mancher Leser fragen und sicher bei Wikipedia nachschauen. Nein, dies ist wirklich ein Sachbuch, gespickt mit lateinischen Fachbegriffen, die uns Robert Hofrichter da um die Ohren haut. Doch keine Angst, die Begriffe werden verständlich erklärt und es ist eben ein Sachbuch, bei dem der geneigte Leser in die Welt der Mykologie fachlich eingeführt wird.

Und heterotroph bedeutet, dass sich Lebewesen von organischen Nährstoffen ihrer Umgebung ernähren, die sie durch Abgabe von Enzymen aufschließen. Im Gegensatz zu Pflanzen, die phototroph sind, ihren Energiebedarf aus Licht decken. Was mich als Kind immer fasziniert hat, waren die unvorhergesehenen Plätze, an denen Pilze wachsen. Mal wuchsen sie einfach wild im Garten, mal unter bestimmten Bäumen, aber verlassen konnte man sich auf das Vorkommen nicht. Was ich mich immer gefragt habe, warum man viele essbare Pilze, wie Steinpilze oder Trüffel, nicht wie Pflanzen züchten kann? Und auch hier hat die Natur uns einiges voraus. Termitenstämme züchten bereits Pilze für ihre Staaten. Woran Menschen noch verzweifeln, gelingt der Natur, einem Jahrtausende gewachsenen Ökosystem, wahre Wunder.

Wenn man die Natur intensiver betrachtet, dann spürt man diese gewachsene Urkraft, diese Heilung, die sie einem geben kann.

„Denn im Wald finden wir die Quelle für eine Spiritualität, die unser Leben positiv verändern kann. Wenn wir uns öffnen, wachsen wir mit dem Wald, mit den Bäumen, mit all den unsichtbaren Pilzen zu einem großen Myzellium des Lebens zusammen. Eine tiefe Empathie zu allem Lebendigen aber macht uns zu Menschen. Wir haben Wurzeln, und die sind definitiv nicht in Beton gewachsen, betont Andreas Danzer, der Sohn des verstorbenen österreichischen Musikers Georg Danzer. Jeder Mensch verspürt tief in seinem Inneren den Drang nach der Nähe zur Natur.“

Robert Hofrichter beschreibt, anhand der Pilze, diese gewachsene Einheit der Natur, diese unsichtbaren Fäden der Verbundenheit, die Pilze, Boden und Bäume miteinander verbindet. Einige der größten Lebewesen sind Pilze, nicht die Riesenmammutbäume in Nordamerika oder Wale. Pilze sind einfach überall, selbst im Weltraum passen sie sich den Gegebenheiten an, sie werden so manches Mal auch zur Qual für den Menschen. Doch ohne sie funktionieren viele Prozesse in der Natur nicht mehr. Pilze sind, richtig angewendet, Heilbringer (Penicillin) und könnten in Zukunft auch die Müllprobleme der Menschheit lösen.

„Pilze sind Meister der Entsorgung und kaum etwas entgeht ihrem Appetit. Spezialisten unter ihnen können sogar an so extremen Stoffen wie Kerosin naschen und die Treibstofffilter von Flugzeugen verstopfen. In US-amerikanischen Militärjets fand man 23 Arten von Pilzen, die den Begriff ‚Treibstoff‘ auf sich selbst bezogen und in Kerosinleitungen und Filtern prächtig gediehen.“

Robert Hofrichter ist ein teils spannendes, mit wissenschaftlichen Begriffen vollgepacktes, aber auch für den Laien informatives Wunderbuch gelungen. Fast klingt es wie ein Märchen, was tagtäglich vor unseren Augen passiert. Und manch einer wird nach der Lektüre jetzt mehr in einem Pilz am Wegesrand erkennen. Für mich ein sehr zu empfehlendes Sachbuch.

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Wer hier schlief

Isabella Straub
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 15.09.2017
ISBN 9783351050429
Genre: Romane

Rezension:

Die Meisten jammern darüber – die Wenigsten verändern etwas. Zu sicher und zu reibungslos verläuft das Leben, einmal im Hamsterrad rundgeschleift. Und zwei Wochen in der Sonne, da ist man doch wieder erholt für die Rundtour. In das (vermeintlich) richtige Leben, welches immer wieder schillernd daneben liegt, taucht man dann doch trotz Schimpfens und Meckerns über seinen Zustand, nicht ein. Zu gefährlich, zu ungewiss. Sicherheit geht vor! Im vorliegenden Buch zeigt Isabella Straub wie der Protagonist langsam aus dem Hamsterrad geschoben wird und wie befreiend so ein Leben sein kann. Doch was ist denn, das richtige Leben?

Eigentlich sollte die Sache doch reibungslos vonstatten gehen. Myriam und Philipp hatten dies oft genug im Rollenspiel miteinander geübt. Myriam spielte die Freundin von Philipp, Vera. Wegen Myriam will Philipp Kuhn Vera verlassen. Auch seinen Job als persönlicher Assistent von Vera, die Geschäftsführerin einer Firma von Sicherheitstüren ist, wird er verlieren. Sowie das bequeme Leben in der Villa von Vera. Mit Myriam ist ihm ein Glücksgriff gelungen. Mit Myriam schafft er es, da braucht er keine Sicherheiten mehr. Das Leben liegt satt und strahlend vor ihm.

Die Trennung gelingt dann auch sehr glatt. Philipp Kuhn ist auf dem Weg zu Myriam, doch diese ist plötzlich verschwunden. In ihrer Wohnung wohnt plötzlich eine andere Frau. In dem Wohnhaus kennt Myriam niemand. Er sucht sie überall, an ihr Handy geht sie nicht, er glaubt sie auf einer Demonstration zu sehen. Philipp Kuhn wird ungeduldig. Die Änderungen in seinem Leben müssen jetzt sofort passieren. Lange genug hat er seiner Meinung nach gewartet. Auf Myriams Arbeitsstelle, der Rezeption eines Hotels, trifft er einen alten Mann, der ihm eine Weisheit verrät:

„‚Oh nein‘, sagte der Alte und tätschelte Kuhns Armlehne. ‚Ich kann warten‘, sagte er. ‚Ich bin ein Weltmeister im Warten. Warten macht das Leben süß. Stellen sie sich, man würde immer alles sofort bekommen. Jeder Wunsch im Augenblick erfüllt. Das mein junger Freund ist die Hölle, nichts anderes als die Hölle.'“

So langsam wird Philipp Kuhn aus dem normalen Leben herausgeschoben. Übernachten kann er nirgendswo, seine Sachen passen in wenige Tüten, die Rückzugsmöglichkeit im firmeneigenen Fitnesscenter zu schlafen, bröckelt durch geänderte Öffnungszeiten, draußen wird es kalt. Philipps Sicht auf das Leben wird durch seine Lebenssituation verändert. Er hat Zeit über sein Leben nachzudenken, er muss auf Menschen zugehen, kommunizieren.

„Er folgte dem Toilettenschild, ging an den Pissoirs vorbei in eine Kabine. Aus einem Impuls heraus musste er alleine sein. Er streckte die Arme seitlich aus und berührte die Wände der Kabine. Er schloss die Augen. Wenn es ein Vorher und ein Nachher in seinem Leben gab – vor dem Auszug aus der Bernauer-Villa und danach – dann war Kennzeichen des Danach, dass er niemals mehr allein war. Alleinsein war Ausdruck von Luxus. Das verstand er erst jetzt. Allein sein, das musste man sich verdienen.“

Auch seinen Freund Bruno betrachtet er langsam anders, die Sichtweise verschiebt sich bei Philipp stetig. Isabella Straub, geleitet ihren Protagonisten sanft in die zwar raue, aber auch lebendige Welt.

„Bruno war schon da, und er hatte seine Frau mitgebracht. Sie saßen in einer Nische am Fenster und Kuhn sah sie von der Straße aus, bevor sie ihn bemerkten. Ein Paar, das sich miteinander langweilte, aber nicht die Kraft hatte, sich zu trennen, weil alles, was sie danach erwarten würde, noch tausendmal schlimmer wäre. Der Streit um die Kinder, um den Hund, um das Haus, um den Dreck unter den Fingernägeln.“

Endlich findet Philipp Kuhn so etwas wie ein neues zu Hause. Er schläft in Zimmern, die renoviert werden müssen. Er schließt sich einer Gruppe um Konfuzius an, die sich um Arbeitswillige kümmert. Diese modernen Wohnnomaden suchen die Lücken im System. Übernachten in fremden Häusern, die größtenteils leerstehen, gehen auf offizielle Vernissagen, um sich am Buffet satt zu essen. Die Begegnung mit Tamara, die in der Gruppe mitarbeitet, gerät für Philipp zu einem kompletten Gegensatz zu der leuchtenden Liebe zu Myriam. Tamara ist real, kantig, die Annäherung zu ihr ist ein Synonym für seine Lebenssuche. Die Suche nach Myriam allerdings, rückt langsam in den Hintergrund, das Leben muss gemeistert werden, Träume finden woanders statt.

„‚Bist Du gläubig?‘, fragte Kuhn. ‚Natürlich‘, erwiderte Konfuzius. ‚Das kann doch nicht alles sein: Zwei Ehen, eine Geliebte, zwei Kinder, ein Hund, und wenn du endlich alles überstanden hast, kannst du nicht mehr richtig pinkeln. So viel Humor kann nur ein Gott haben.'“

Wer hier schlief ist ein schön geschriebenes Buch, das die Nuancen der Veränderung Philipp Kuhns sehr lebendig beschreibt.  Isabella Straub versteht es, ihren Protagonisten geschickt und sanft auf dem Weg zu begleiten. Nur am Ende verliert sie ein wenig den Rhythmus, um die Geschichte doch noch befriedigend zu Ende zu bringen. Bemerkenswert ist diese leise Spannung, die um Myriam aufgebaut wird, das Milde und das ruhige Dahingleiten der Geschichte, die aber typisch österreichisch ein wenig schräg aus der Spur läuft, was auch ihren Reiz ausmacht. Es ist eines dieser Bücher, die durch die pointierten Formulierungen der Autorin bestechen, insgesamt sehr positiv ist und auch etwas anders, und so sticht es aus der Masse der Neuerscheinungen heraus.

„Vielleicht war das Leben nicht groß, dachte Kuhn. Vielleicht bestand Lebenskunst in der Übung, es klein und gleichförmig werden zu lassen.“

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2018, ausbeuten, rettung, science fiction, sciene fictio, seuche, sf, sience fiktion, weltraum, weltuntergang, wesley chu, zeitkurie, zeitreise, zeitreisen, zukunft

Zeitkurier

Wesley Chu , Jürgen Langowski
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.08.2017
ISBN 9783453317338
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Zeit! Zuallererst ist Zeit eine physikalische Größenart. Wie wir sie wahrnehmen, ist sie philosophisch das Fortschreiten der Gegenwart von der Vergangenheit kommend und in die Zukunft hinführend. Doch zuallererst bildet die Zeit mit dem Raum eine vierdimensionale Raumzeit. (Quelle: Wikipedia) Zeit war schon immer eine sehr subjektive Empfindung. Wartet man, schleicht sie dahin, erlebt man etwas sehr schönes, rennt sie einem davon. Auch ist das Alter eine wichtige Größe, in der Jugend fühlt man sich unsterblich, mit einem unendlichen Zeitkonto ausgestattet, im Alter zerrinnt die verbleibende Zeit zwischen den Fingern.

Schon früh hat die Zeit Schriftsteller fasziniert und animiert. Zeitreiseromane wie ‚Die Zeitmaschine‚ von H.G. Wells, ‚I.N.R.I oder die Reise mit der Zeitmaschine‘ von Michael Moorcock oder die sehr kreative Art eines Philip K.Dick, mit diesem Medium umzugehen, haben mich als Kind immer fasziniert. Dies sind nur einige Beispiele, im deutschsprachigen Raum hat sich gerade Wolfgang Jeschke als Verleger oder auch mit dem Zeitreisebuch: ‚Das Cusanus-Spiel‘ hervorgetan. Mein Lieblingsbuch in dem Genre ist allerdings der wunderbare Liebesroman mit Zeitreise: ‚Ein Tropfen Zeit‘ von Daphne du Maurier.

Natürlich habe ich bei Zeitkurier von Wesley Chu sofort zugegriffen, zumal es sich um den Anfang einer Serie handeln soll. Einen weiteren Grund zuzugreifen war das Titelbild, was mich an die alte Serie Timetunnel erinnerte. Der Wunsch des Menschen in der Zeit zu reisen und sie auch zu verändern ist sehr stark vertreten, doch wäre das immer gut?

Die Erde ist in naher Zukunft grau und öde. Alle Ressourcen sind ausgeschöpft, die Menschheit lebt hauptsächlich auf den umliegenden Planeten im Sonnensystem.

„Elise betrachtete die mit Moos und Dreck bedeckten Wände und strich mit den Fingern über den schmierigen Boden. Alles war feucht, sogar die Luft. Diese Welt war ausgelaugt und müde, als zerschmölze nach und nach der ganze Planet. Verfall, wohin der Blick auch fiel. Selbst die Steine vor ihren Füßen schienen zu trauern.“

Ressourcen werden auch aus der Vergangenheit geholt. Dabei ist aber zu beachten, dass das Raumzeitgefüge nicht gestört wird, das heißt, dass frühere Ereignisse nicht geändert werden dürfen, so dass sie das Heute verändern. Die Chronauten erledigen diese teils recht schwierige und psychisch anstrengende Aufgabe. Die ChronoCom ist die Institution, die das Raum-Zeitgefüge überwacht und auf die Einhaltung der Zeitgebote achtet. James Griffin-Mars (ein selten dämlicher Name für den Hauptprotagonisten) ist ein Chronaut der ersten Stufe und erledigt die wirklich kniffligen Aufgaben. Durch seine sehr burschikose Art macht er sich nicht gerade beliebt, er ist dafür bekannt immer sehr direkt zu sein. Bei einem wirklich sehr kniffligen Auftrag, lässt er sich hinreissen, einen Menschen aus der Vergangenheit mit in die Gegenwart zu nehmen. Damit hat er das erste Zeitgebot gebrochen. Von nun an wird er als Geächteter gejagt.

Zeitkurier beginnt sehr schwungvoll und beschreibt die qualvolen psychischen Probleme der Zeitreisen sehr schön. Die Gedanken, die James bei seinen Reisen in die Vergangenheit hat, dass diese Menschen die er trifft, schon lange tot sind und er ihnen nicht helfen kann. Diese Hilflosigkeit dem Zeitstrom gegenüber, verschafft ihm Albträume und zieht ihn tagtäglich runter. Auch die Beschreibung der Vergangenheit und der Bezug zur Gegenwart wie sie sich entwickelte, fesselte mich an das Buch. Nachdem James eine Frau in die Gegenwart gebracht hat, geschieht etwa in der Hälfte des Buches ein regelrechter Bruch.

Ab da häufen sich die unlogischen Situationen. Der Schreibstil, schon vorher recht einfach gehalten, wird zusehens grob und wirkt dahingeschludert. Auch gehen Wesley Chu die kreativen Ideen aus. James Griffin-Mars verausgabt sich in wilden sinnlosen Zeitsprüngen, die keinen rechten Bezug zur Handlung mehr haben. Am Ende war ich froh, dass das Buch ein Ende hatte, viel weiter hätte ich auch das Zeitchaos nicht mehr verfolgen wollen. Eine recht gute Idee, leider schlurig zum Ende hin ausgeführt. Für mich enden hier die Zeitreise-Tätigkeiten des Zeitkuriers.

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7 todsünden, angst, blumenbar, faulheit, jugend, kraftvolle sprache, leben, lebenssinn, literatur, manifest, neid, selbstfindung, sieben nächte, sünden, todsünde

Sieben Nächte

Simon Strauß
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 08.07.2017
ISBN 9783351050412
Genre: Romane

Rezension:

Sieben! Was für eine Mystik verbirgt sich hinter dieser Zahl. Die sieben Weltwunder. In sieben Tagen wurde die Welt erschaffen (jedenfalls nach der Bibel). Sieben Tage hat die Woche. Es gibt die sieben Zwerge. Mancherorts gilt sie als Glückszahl, wobei in vielen Ländern Asiens ist sie eine Unglückszahl. Und natürlich die sieben Todsünden.

Da gibt es einen, der ist auf der Schwelle zum Hamsterrad. Auf der Schwelle zur dreißig, die Zukunft birgt Kinder, Festanstellung und Langeweile. Das Cover zeigt den, der da schreibt. Jung, wild und voller Hoffnung will er sein. Ein junger Wilder, einer der im Club 27 ankommen will. Einer, der was erleben will, den es in die Welt drängt, der Rimbaud sein will, der nicht bis zur Rente warten will.  Einer der Angst hat und schreibt, wie es in den ersten Sätzen heißt. Und der eine Reifeprüfung bekommt, alle sieben Todsünden zu durchleben und in sieben Nächten dem Unbekannten einen Text abzuliefern, um die Prüfung zu bestehen.

Aha! Also wir haben hier hohe Literatur, oder solche die es werden will.

„Ich bin schon als Schwächling auf die Welt gekommen und meine Privilegien haben mich nur noch weiter geschwächt. Was Gefahr heißt, habe ich nie gespürt. Nie geahnt, dass Wege auch nach unten, ins Abseits führen können. Ich bin gefangen in einer Blase aus Glück. Gekämpft habe ich für wenig. Tischtennisplatten in der Schulpause gab es immer genug. Und als ich achtzehn war, wurde der Wehrdienst abgeschafft.“

Da schreibt einer, der alle Privilegien gehabt hat und jammert, dass er keine schweren Aufgaben in seinem Leben bekam. Alle Schwierigkeiten wurden ihm aus dem Weg geräumt. Er musste nichts für sein Dasein tun. Was für ein Leben! Jammern auf allerhöchstem Niveau. Auch Simon Strauss, der junge 1988 geborene Autor hat in seinem Leben nie richtig kämpfen müssen. Insofern ist der Protagonist in seinem Erstlingswerk er selbst. Doch so ohne Kampf und Mühsal geht das Gefühl verloren.

„Deshalb diese Nacht. Deshalb dieses Schreiben. Der einzige Kampf, der jetzt noch lohnt, ist der ums Gefühl. Die einzige Sehnsucht, die trägt, ist die nach dem schlagenden Herzen. Zu viel Gelände ist verloren gegangen an den Zynismus, der seine kalten Finger um alles legt.“

Wo will er denn hin unser Autor/Protagonist? Leben als armer Poet, wie in Spitzwegs Gemälde dargestellt? Voller Hunger und bar jeglicher Kleidung, durch das Dach tropft das Wasser? Ist denn so ein Leben, dem des Satten, Verweilenden vorzuziehen? Fließen die Gedichte, Lyrik, Essays, Romane dann besser? Aber ach, auch das Laster ist ein Problem und die Angst normal zu werden.

„Noch-nicht-dreißig ist das Kriterium und: ein Fragender zu sein, kein Besserwisser.“

Mit dreißig ist alles vorbei? Der Sturm, der Drang, die Jugend, das ganze Leben? Danach ist nur noch Tristesse? Mitnichten, nicht alle Großtaten wurden von unter Dreißigjährigen erreicht, doch ist die Jugend sicherlich in ihrer Ungestümheit noch von vielen Grenzen befreit. Simon Strauss handelt die Todsünden hechelnd in seinem Essay ab, versucht Bezüge zum heutigen Leben herzustellen, doch außer dem Hochmut (der vor dem Fall kommt) gelingen ihm nur ‚Todsündchen‘, ein schwacher Abklatsch der Sünden, die doch laut der Kirche zu ewiger Verdammnis führen. Ist denn der heutige Mensch noch nicht einmal zu Todsünden fähig? Doch! Man denke nur an den Film Sieben, der mir spontan zu dem Thema einfällt und der in eindringlicher und unvergessener Weise, Bilder in meine Netzhaut eingebrannt hat. Kevin Spacey in seiner besten und bösesten Rolle. Unerreicht. Dagegen ist dieses Büchlein nur ein Dahin-jammern. Manches Mal gelingen Simon Strauss nette Vergleiche, schöne Sätze, elegante Absätze.

„Lange Ziit sagen die Schweizer und meinen damit sowohl Langweile als auch Sehnsucht. Ich habe lange Ziit nach dir, heißt so viel wie: Ich sehne mich nach dir. Nur wer sich langweilt, kann sich auch sehnen. Ein Leben, das nie aufschiebt, wird immer nur hecheln, nie frei atmen.“

Die Kritiker sind begeistert, ich denke mal wieder, dass ich mich wohl nie in deren Elfenbeintürmen niederlassen werde. Eines hat mir dieses Buch doch gezeigt, Simon Strauss hat eine achte, neue Todsünde, hervorgeholt: Die Jammerei

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betrug, ehekrise, enttäuschung, familie, familiengeschichte, familienroman, liebe, rimini, roman, verlag kiepenheuer & witsch

Rimini

Sonja Heiss
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 17.08.2017
ISBN 9783462050448
Genre: Romane

Rezension:

Es gibt Situationen, die das ganze restliche Leben verändern. Nicht nur das eigene, auch das Leben der Menschen die einem nahe sind. Was wäre wenn? ist natürlich eine theoretische Frage, ebenso die Frage, welche Situationen, Aktivitäten welche späteren Ergebnisse ausgelöst haben. Das Leben ist nun mal seriell und wir müssen mit unseren Entscheidungen leben und sie akzeptieren. Das schließt dann eben auch die spontanen Verfehlungen mit ein.

Das vorliegende Buch handelt von einer ganz normalen Familie. Jede Familie hat ihre Geheimnisse, die meist tief vergraben in den Menschen liegen und mit Schichten von Scham, Gedanken und Zeit bedeckt, fast unauffindbar, aber lauernd in der Tiefe des Gemütes schlummern. Diese Familie ist so einfach, aber doch im Einzelnen so besonders, dass ich Euch die einzelnen Charaktere vorstellen möchte. In Sonja Heiss‘ Debüt bekommen alle ihre Zeit und Chance, sich und ihre Gedanken, Gefühle zu äußern.

 

Das Buch beginnt mit einer E-Mail einer Tochter an ihren Vater, der gestorben ist. Das Kapitel fängt mit einer Jahreszahl-Angabe an. Ist das ein Countdown? Ein Countdown wie lange der Vater noch lebte, als Retrospektive? Das Interesse ist erst mal geweckt.

Hans ist ein erfolgreicher Anwalt, verheiratet mit Ellen, zwei Kinder und bekommt seine Wut nicht in den Griff. Schon die Anfangsszene zeigt, was das Buch ausmacht. Hans zerbricht seinen Bleistift (einen Bleistift der Kanzlei Scholting, von Giersberg, Grüben, Schulz und Altmann!) bei Gericht, weil er etwas kaputt machen will. Da er keinen weiteren Bleistift hat und nicht ganz bei der Sache ist, unterbricht der Richter die Verhandlung, um ihm bei der Suche nach einem Stift behilflich zu sein. Die Gegenpartei leiht ihm einen Stift, den er prompt zerbricht, was doch einige Irritation auslöst.

Schon diese absurde Anfangsszene, in der man nicht genau weiß, ob man lachen oder, wegen der inneren Not von Hans, dessen Verzweiflung sehr deutlich dargestellt wird, ihn bedauern soll, zeigt, in welche Richtung uns der Roman führen wird. Die Irrwitzigkeit der Situationen zeigt sich in deren absoluter Normalität. Der Leser sieht, wie lächerlich doch der Alltag sein kann.

Hans hat Probleme mit seiner Frau Ellen. Diese innere Wut muss raus. Sex wäre auch eine Hilfe, doch Ellen mag nicht mehr mit ihm schlafen:

„‚Ich sehe dir auch ins Gesicht.‘ ‚Nein, das tust du nur, wenn wir streiten, ansonsten starrst du mir auf meinen Po und meine Brüste. Du unterhältst dich sogar mit denen anstatt mit mir.‘ Das war natürlich nicht sehr nett, dennoch musste Hans grinsen. Sie hatte diesen ausgeprägten Sinn für Ironie schon immer gehabt, früher hatte sie ihn damit ständig zum Lachen gebracht. Und das tat sie auch jetzt noch ab und an. Manchmal sogar, wenn sie diskutierten, so wie jetzt.“

Masha ist 39 und Hans‘ Schwester. Sie sehnt sich nach einem Familienleben und einem Kind. Doch so langsam wird sie zu alt. Doch ein Partner ist nicht in Sicht, den Freund, den sie hat, kann sie bald nicht mehr riechen und verlässt ihn.

Alexander und Barbara sind die Eltern von Hans und Masha. Beide sind in Rente und wohnen in einer kleinen Wohnung in Frankfurt. Alexander ist immer um Barbara herum und lässt sie nicht alleine, Freunde oder Bekannte haben sie nicht viele, wenn dann über sie. Barbara geht die Fürsorge und das Um-sie-herumschwänzeln ihres Mannes auf die Nerven und so flüchtet sie öfters in den Schlaf oder in den Keller.

„An Sylvester öffneten sie eine Flasche Sekt und aßen Weißbrot mit geräuchertem Lachs. ‚Bin ich froh, dass wir jetzt nicht bei der Hotelgala sind.‘, sagte Alexander, Barbara nickt. Andererseits war Sylvester ein weiteres Mal in ihrem ereignisarmen Leben so fad, dass sie es vorgezogen hätte zu schlafen.“

Alle vier Personen bewegen sich immer am Rande des Abgrundes und man fragt sich als Leser, wann denn dieser Absturz kommt.

„Er hatte einmal gelesen, dass es schweigende Erdbeben gab. Innerhalb von Wochen verschieben sich ganze Landschaften um mehrere Zentimeter, das Sediment wandert so langsam, dass man keine Erschütterung spürt. Erst seit es GPS-Systeme gibt, die es messen können, weiß man davon. Und ohne sich dessen bewusst zu sein, wartete er auf die große Erschütterung, darauf, dass alles einstürzte.“

So verfolge ich, teils atemlos und Seiten verschlingend, wie dieser schmale Grat aus normalen Dialogen und Situationen sich ganz schnell in aberwitzige und merkwürdige groteske Gegebenheiten wandelt. Und so langsam schält sich auch heraus, was denn diese eine, so verändernde Begebenheit war. Da, wo sich alles in die falsche Richtung bewegt hat.

Das Debüt von Sonja Heiss ist eine echte Überraschung und Entdeckung des Jahres. Das Buch ist  bitterkomisch und das Lachen bleibt einem oft im Halse stecken. In vielen Dialogen und Personen wird sich der ein oder andere wieder finden. Bei den Dialogen spürt man die Professionalität der Autorin, die vom Film kommt. So schön wurden die Neurosen und Befindlichkeiten einer Familie lange nicht mehr dargestellt. Klinisch kühl von außen betrachtet, aber dennoch nahe an den Figuren bleibend. Ein Höhepunkt des Jahres 2017

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22 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 9 Rezensionen

dynastie, familie, familienkonflikt, macht, macht und intrigen, mond, mondbesiedlung, politik, sciencefiction, wirtschaft

Luna

Ian McDonald , Friedrich Mader
Flexibler Einband: 450 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.12.2016
ISBN 9783453317956
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Schon immer lebt der Mensch auch von Vergleichen. Unbekanntes muss mit Bekanntem gegenübergestellt werden, damit das Unbekannte vertrauter wird. Der Vergleichende wird natürlich auch zu einem Bewertenden, denn schnell können Vergleiche auch die schlechten und guten Eigenschaften des erzeugten Bildes übernehmen. Darum werden liebend gerne positive Vergleiche genommen. Und wenn ich etwas verkaufen will, dann soll es gleich das Beste sein.

Der kleine Baggersee mit Strand wird natürlich nicht gleich zum Palmenstrand in der Südsee, wenn man ihn damit vergleicht, aber so ein bisschen Sonne, Palme und Exotik erhält er schon, wenn er dermaßen aufgewertet wird. So auch im vorliegenden Fall. Ian McDonalds etwas holpriger Anfang eines aristokratisch angehauchten Science-Fiction-Epos auf dem Mond wird nicht gleich zum zwölf-bändigen, begeistert gefeierten und erfolgreich verfilmten Fantasy-Epos eines Ranges Games of Thrones. Doch bleibt beim Leser des Klappentextes erstmal etwas davon hängen. Und nach dem Lesen des ersten Bandes reibe ich mir verwundert die Augen und frage mich, ob meine Vor-Rezensenten entweder keine Fantasie gehabt haben, oder schlichtweg Game of Thones nicht kennen. Denn die Klappentext-Vergleiche hinken. Wie meistens.

Wir befinden uns auf dem Mond, der sich wirtschaftlich selbstständig gemacht hat: nicht der Mond, aber fünf große Häuser (die hierarchisch aufgebaut und Königshäusern nachgebildet sind). Warum jetzt gerade adlige Häuser den Mond beherrschen, war mir auch nach Lektüre des Buches nicht ganz klar. Einzig allein Konzerne haben das Geld, Macht und die Ressourcen, sich in einer lebensfeindlichen Umgebung wie dem Mond zu behaupten. Doch nun gut, es sind halt hier fünf große Familien, die auf dem Mond herrschen. Die Verbindung und Abhängigkeit von der Erde sind gekappt: Menschen die von der Erde kommen, müssen sich nach einiger Zeit entscheiden, ob sie zurückkehren. Ab einem gewissen Punkt verkraftet der Körper die Erdschwerkraft nicht mehr, und man ist auf dem Mond gefangen. Dazu kommt natürlich noch die Entfernung:

„Diese dreihundertachtzigtausend Kilometer zählen. Die zweieinhalb Sekunden Verzögerung bei den Gesprächen mit den Leuten zu Hause schaffen eine Distanz. Diese Kluft kann man nie überwinden. Sie gehört zur Struktur des Universums. Auch die Physik ist hart.“

Auf dem Mond sind die Ressourcen limitiert – nicht aber für die Menschen der fünf Häuser. Diese leben im Überfluss. Wer von der überfüllten Erde kommt, um auf dem Mond sein Glück zu machen, kämpft jeden Tag um sein Leben.

„Ich arbeite bei Corta Helio. Ich dachte, ich wiederhole das noch mal, damit ihr es euch auf der Zunge zergehen lassen könnt. Das heißt zuerst mal keine Sorgen mehr um Sauerstoff, Wasser, Kohlenstoff und Netz. Das ist auch der Grund, warum ich euch das hier schicken kann. Wahrscheinlich kann ich euch gar nicht begreiflich machen, was es bedeutet, wenn man sich nicht mehr um die vier Grundstoffe kümmern muss. Es ist wie der erste Preis in einer Lotterie, nur dass man nicht zehn Millionen Dollar kriegt, sondern einfach weiteratmen darf.“

Der Anfang ist noch recht spannend. Eine Gruppe von Jugendlichen rennt einen sogenannten Mondlauf von Schleuse zu Schleuse. Das unbarmherzige Vakuum wird von McDonald sehr schön beschrieben. Ja nicht die Augen schließen, ansonsten kleben die Lider fest und man sieht nichts mehr. Die Luft aus den Lungen pressen, sonst platzen diese. Nach dem fulminanten Lauf, versorgt uns Ian McDonald mit gefühlten 200 Personen in den nächsten 50 Seiten, von denen nicht alle eine Rolle spielen. Zumal erklärt er nichts, er setzt voraus. Das erleichtert den Einstieg in die als längere Serie geplante Buchreihe nicht. Hilfreich sind das am Ende des Buches abgedruckte Glossar und die Auflistung aller wichtigen Personen der fünf Häuser. Interessant und stimmig sind die Beschreibungen der lebensfeindlichen Mondumgebung, leider kommen die Dialoge und Charaktere etwas hölzern und flach rüber.

Gut lesbar wird das Buch, nachdem man sich an diese Art des Schreibens gewöhnt hat. Bei mir trat dieser Effekt nach etwa 300 von 500 Seiten ein. Dazwischen wollte ich das Buch mindestens sechsmal abbrechen, habe aber aufgrund der relativ positiven Bewertungen durchgehalten. So richtig gelohnt hat sich das Durchhalten aber nicht. Zwar kommt es zu einem schönen Showdown am Ende des Romans, doch das hebt die quälenden Seiten vorher nicht ganz auf. Ein Auftakt einer Reihe, die mir persönlich viel zu wenig GoT hatte. Dort hat sich George Martin viel Zeit und Raum genommen, die einzelnen Charaktere in einzelnen Kapiteln zu Wort kommen zu lassen. Luna ist einerseits mit passenden physikalischen Besonderheiten des Mondes und den Kuppeln ausgestattet, doch die Intrigen der fünf Häuser sind mir zu aufgesetzt.

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abenteuer, alptraum, bunt, fantasie, fantasy, gehirn, illustriert, märchen, moers, nachtmahr, reise, schlaflosigkeit, träume, walter moers, zamonien

Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Walter Moers , Lydia Rode
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Knaus, 28.08.2017
ISBN 9783813507850
Genre: Fantasy

Rezension:

Als fleißiger Rezensent und Bücherleser, liest man natürlich auch mal bei der Konkurrenz rein, was diese so schreibt. Auch hier gibt es, wie bei den Lieblingsschriftstellern, Rezensenten die man gerne liest, weil sie witzig oder klar strukturiert schreiben oder einfach denselben Geschmack teilen. Rezensionen sind immer Eindrücke des Lesers, die dieser hatte und diese Eindrücke, finde ich, sind nicht diskutierbar. Wenn ich rot mag, mag ich eben rot. Punkt.

Was mir aber immer wieder auffällt, sind die Erwartungen, die die Leser an Bücher haben. Sicher schüren die Verlage diese Erwartungen auch – reine Marketingsache. Aber erst einmal sind Bücher einzelne Kunstwerke, die für sich betrachtet werden müssen. Im vorliegenden Fall bin ich wieder über diese Erwartungshaltungen der Leser gestoßen. Das Buch wurde schlecht bewertet, weil es den Erwartungen, ein Zamonienroman zu sein, nicht entsprochen hatte.

Das mit den Erwartungen ist so eine Sache. Wenn ich einen Kasten Bier einer Marke kaufe, erwarte ich, dass es so und nicht anders schmeckt. Wenn ich ein Kunstwerk eines Künstlers betrachte, lese, höre, habe ich sicherlich auch Erwartungen, aber ich persönlich nehme das Kunstwerk wie es ist und nicht wie es sein soll. Wegen eigener Erwartungen etwas schlechter zu bewerten, ist für mich falsch.

Nun zu diesem Nicht-Zamonienroman, der aber äußerlich so schön aufgemacht ist wie ein Zamonienroman. Walter Moers habe ich schon früh wegen seiner Comics zu schätzen gelernt, seine Zamonienbücher und die Illustrationen dazu, sind etwas ganz Besonderes. Dieser Roman sticht wegen seiner faszinierenden Wortspielereien und seiner (etwas versteckten Liebesgeschichte) aus dem Rahmen der Moers Romane heraus. Ich habe zum Glück das Nachwort als erstes gelesen, weil ich wissen wollte, warum Moers diesen Band nicht illustriert hat. Dabei stieß ich auf die erwähnte Liebesgeschichte.

Prinzessin Dylia leidet an einer Schlafkrankheit. (Nicht nur dass der Name ein Anagramm der Zeichnerin ist, auch die Krankheit ist ähnlich). Es gibt Tage, da streift sie alleine durch das große Schloss ihres Vaters und versucht, sich durch Treppensteigen zu erschöpfen, um ein wenig Ruhe zu bekommen. Ihr ist in diesen einsamen Stunden nie langweilig, was sie immer bei sich hat, ist ihr klarer Kopf und ihre bunte Phantasie. (Im Buch auch wirklich sehr bunt dargestellt). Eines Tages sitzt ein Gnom, ein Nachtmahr auf ihr und teilt ihr mit, dass er sie ab jetzt langsam in den Wahnsinn treiben wird. Prinzessin Dylia glaubt dies nicht so recht, was kann ihr denn schon passieren? Die Macht der Gedanken ist mit ihr.

Zusammen mit dem Nachtmahr gehen beide auf eine bunte und phantasievolle Reise in Dylias Gehirn, wo sie so allerhand entdecken. Moers fährt hier eine große Parade von Wortspielereien, phantastischen Geschöpfen und philosophischen Bezügen auf, dass es eine reine Freude ist.

„‚Ich habe so etwas jedenfalls in dieser Form noch nie gesehen.‘  Er blickte sie ernst an. ‚Eine riesige grüne Spinne. Spinnweben voller Diamanten. Eine Höhle mit gestapelten Wörtern. Bunte Grabsteine. Du hast komische Dinge in deinem Denkorgan, das muss ich schon sagen.“

Bei der Reise spürt Dylia, dass es mit der Allmacht des Nachtmahr nicht so weit her ist. Und mögen sich die Beiden gar ein wenig? Doch wie vielerorts falsch geschrieben, ist dies nicht die Liebesgeschichte, die in diesem Buch steckt. Die Liebesgeschichte ist viel mehr außerhalb des Buches zu suchen. Und Moers hat nicht nur ein weiteres, wirklich außerordentlich sprachgewaltiges, phantasievolles und buntes Werk geschaffen, er hat auch ein modernes Märchen, nein ein Mut-Märchenbuch für all die geschrieben, die anders oder gar krank sind und sich in ihre Gedankenwelt flüchten.

Schon die Neuerschaffung von manchen Wörtern und Begriffen ist herrlich gelungen. Eine Zusammenfassung der Prinzessin Insomnia am Ende des Buches über ihre Reise in ihrem Gehirn gefällig?

„Es wäre contraindkativ, ein Niemalsweh mit Abgunst zu betrachten, so wie eine Quoggonophobie alles andere als pisanzapra ist, wenn man nach einer Defenestration allzu linguamundivagant dem Iktsuarpoken in Amygdala frönen würde, denn selbst der größte Schlimazzel weiß doch, dass es alles andere als hoyotojokomeshi wäre, Zaminolonimaz mit zu viel Mamihlapinatapaai zu behandeln.“

Und so gebe ich hier eine klare Leseempfehlung. Ob der Verlag jetzt Etikettenschwindel betreibt, kann ich nicht eindeutig erkennen. Vorne auf dem Cover steht: Roman. Öfters habe ich das Buch als Zamonienroman beworben gesehen. Es spielt in Zamonien. Nur nicht so, wie es sich mancher Leser wünscht. Und wenn es kein Zamonienroman ist? Na und? Was für ein Glück!

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Das Leben des Vernon Subutex 1

Virginie Despentes , Claudia Steinitz
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 17.08.2017
ISBN 9783462048827
Genre: Romane

Rezension:

Wut! Neulich habe ich in einem Online Magazin  gelesen, dass unsere Gesellschaft von Wut zerfressen ist. Jeder kämpft gegen jeden, um noch das letzte bisschen Quadratmeter Platz zu bekommen, um schneller in der Schlange zu sein, früher beim Doktor dranzukommen, das letzte Schnäppchen noch zu ergattern, den letzten Parkplatz zu belegen, Platz auf der Autobahn, um dann mit 180 den Vordermann wegzuschieben, den letzten pünktlichen Zug zu erwischen (wobei DAS existiert längst nicht mehr) einfach das letzte bisschen Aufmerksamkeit und Menschlichkeit, das es noch gibt, zu erhaschen. Als würde es das alles morgen nicht mehr geben.

Und dabei wird gnadenlos alles um einen herum niedergemacht, mit den Möglichkeiten die man so hat. Verbal, hinterlistig, anwaltlich oder einfach mal draufschlagen. Was, du hast meine Freundin schief angeschaut? Druff! Weil in fast jedem die Wut und der Hass regiert. Und durch die Politik fühlt sich niemand mehr vertreten. Ist das nur in Deutschland so? Im vorliegenden Buch, wird die französische Gesellschaft bitterböse und gnadenlos seziert. Doch man hat das Gefühl es kann überall sein.

„Jetzt im Monoprix hätte er gern eine Bazooka dabei. Die dicke Blonde da mit ihren fetten Schenkeln in Minishorts, die sich rausputzt, als wäre sie ein Klasseweib, dabei ist sie einfach eine Kuh: eine Kugel in den Kopf. Das Pärchen dort im Kooples-Stil, katholisch und ultrarechts, sie mit Retrobrille und straff nach hinten gekämmten Haaren, er mit Schönlingsfresse und Ohrhörer, der zwischen den Regalen telefoniert, während sie nur superteures Zeug einpacken, beide in cremefarbenem Regenmantel, damit man ja auch sieht, dass sie Rechte sind: eine Kugel in die Fresse. Der dicke Geldsack, der auf den Arsch der Mädchen starrt, während er sein Halalfleisch kauft: eine Kugel in die Schläfe. Die Judenmammi mit ihrer Perücke und den widerlichen Titten, die ihr gleich überm Nabel gewachsen sind, er hasst Weiber, die ihre Titten mitten auf dem Bauch haben: eine Kugel ins Knie. Einfach draufhalten, zusehen, wenn die Überlebenden wie Ratten davonrasen und sich unter den Regalen verkriechen, die ganze Scheißbande, die hier versammelt ist, um sich den Wanst vollzuschlagen, mit ihrem erbärmlichen Hang zum Lügen, Schummeln, Tricksen, Vordrängeln, Angeben. Alles in die Luft jagen!“

Vernon Subutex hat sich jahrelang über Wasser gehalten. Nachdem die Musik-Downloads aufkamen, musste er seinen Plattenladen aufgeben. Von den Resten, die auf Ebay verkaufte, hat er aber noch gut gelebt. Und das hat auch irgendwie, mit Hilfe von Freunden, Aushilfsjobs und der Stütze, gereicht. Nun ist Alex tot. Alex, den er immer anschreiben konnte, der wegen der alten Zeiten seine Miete einfach so mit einem Schnipp überwiesen hat. Und jetzt fliegt er aus der Bude raus, der schmale Grat ist überschritten. Was nun? Nun beginnt eine Reise durch viele Betten in Paris. Vernon klappert Freunde, alte Liebschaften und alte Kumpels ab.

Virginie Despentes nutzt diese Gelegenheit und springt in andere Menschen hinein, in ihr Leben, ihre Ängste, ihre Wut. Manchmal muss sich der Leser den Zusammenhang mit Vernon erarbeiten, manches Mal erschließt sich er erst später im Buch. Es ist faszinierend, wie unterschiedlich diese Menschen sind, aber wie zielgenau Despentes zum Kern kommt. Jede Figur entwickelt dadurch ihr Eigenleben und nach und nach wird dem Leser diese bunte, ärgerliche, ängstliche Pariser Gesellschaft vertraut. „Die Kultur der Armen, Kiko könnte kotzen! Wenn er so leben müsste – versalzener Fraß, Metro, für unter fünftausend schuften und Klamotten im Kaufhaus kaufen. Am Airport auf harten Stühlen warten, nichts zu trinken, keine Zeitung kriegen, wie der letzte Dreck behandelt werden und Economy fliegen, ein Economy-Arsch sein, die Knie unter dem Kinn und die Ellbogen der Nachbarin in den Rippen. Altes, cellulitisches Fleisch ficken. Freitags um eins nach Hause rennen, da warten Haushalt und Einkauf.“ Ihre Sprache ist drastisch, direkt, kommt zum Punkt aber nie wertend. Despentes schwebt wie ein Voyeur über die Szenen, ist aber gleichzeitig mitten drin im Geschehen. Sie lässt den Leser sich ein Bild machen und beleuchtet die imaginären Gedanken der Personen mit 5000 Watt Birnen. Das gelingt bei solchen Personen wie Kiko dem Bankhändler, aber auch bei den Verzweifelten, den Sanften, den Suchenden oder den Pennern. Vernon ist so eine Person, die gerade durch ihr vorheriges Leben indifferent wirkt, kein Ziel hat.

 

„Sein Handyabo ist abgelaufen, er macht sich keinen Kopf mehr um Flatrates. Im Angesicht der Katastrophe hält sich Vernon an einen Grundsatz: so tun, als ob nichts wäre. Er hat zugesehen, wie alles den Bach runterging, erst war es in Zeitlupe, dann legte der Absturz an Tempo zu. Aber Vernon hat weder die Gleichgültigkeit noch die Eleganz aufgegeben.“ Das Leben wird ignoriert oder mit Hass beworfen. Ist das auf Dauer nicht langweilig in der Wut? Ermüdet sich Wut nicht in ihrer andauernden angeschwollen Art? Nein! Despentes hat durch die Distanziertheit genug Potential, um Erholung zu schaffen und auch Sätze wie: „Wenn man über vierzig ist, gleicht die ganze Welt einer bombardierten Stadt.“ über das Buch zu verteilen. Nebenbei wird auch noch ein roter Faden in der Geschichte sichtbar. Vernon wird gesucht. Er hat etwas, wofür manche Leute viel Geld bezahlen würden.

 

„Den Charme zu wahren, wenn man seine Frische verliert, ist ein Kunststück, das nur selten gelingt. So gern sich die Leute nützlich und großzügig fühlen, so sehr fürchten sie alte Körper, gezeichnete Gesichter und die Erbärmlichkeit einigen Glanzes. Sie werden zu Ruinen – etwas, was einmal erhaben war und nun nur noch ein Haufen Steine ist.“

Die Charaktere werden dabei nie demontiert oder von Despentes verlassen. Jeder erhält hier seine Chance, auch die gewalttätigen Jungs:

„‚Du bist zu sensibel. Ihr gewalttätigen Jungs seid immer die Sensibelsten.“Das ist ein Weibersatz.“Wir wussten nicht, dass wir so verpeilen würde, was?‘ ‚Und wenn wir’s gewusst hätten, was hätte das geändert?“

Despentes Buch hält uns den Spiegel der Gesellschaft vor. In vielen Charakteren wird sich der Leser das ein oder andere Mal finden. Dennoch wird das Buch nie negativ oder erschöpfend. Im Gegenteil man liest so manches Mal seine eigenen Gedanken, so wie man selbst sie nicht niederschreiben würde. So wie ich, der Leser, auch nie denken würde. Das Leben des Vernon Subutex ist der erste Band einer Trilogie, wobei der nächste Band erst im Frühjahr 2018 erscheinen wird.

Eine klare Leseempfehlung!

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129 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 68 Rezensionen

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Swing Time

Zadie Smith , Tanja Handels
Fester Einband: 640 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 17.08.2017
ISBN 9783462049473
Genre: Romane

Rezension:

„Die Leute sind nicht arm weil sie schlechte Entscheidungen getroffen haben, wie sie gern erklärte, sie treffen schlechte Entscheidungen weil sie arm sind.“

Ist in der Armut, dem Aufwachsen in Familien, die sich Bildung nicht leisten können, oder den 3D-Farbfernseher wichtiger finden als Bücher, das Scheitern vorprogrammiert? Dreht sich die Armutsspirale immer dort weiter, wo die Hauseingänge mit Parolen beschmiert, der Vorgarten der Hochhäuser mit Hundekot vollgekackt ist, die populistischen Parolen der Rechtsradikalen breite Zustimmung finden und der Traum einer Zukunft in dumpfen und viel zu kleinen Mietskasernen erstickt wird?

Hoyerswerda ist überall, auch in anderen Staaten. Swing Time spielt in Londons Nordwesten, in Kilburn, wo sich zwei Mädchen in den Achtzigerjahren finden, die von ihrer Art nicht unterschiedlicher sein könnten. Eine Gegend, aus der auch die Autorin kommt und die ihr nicht unbekannt ist. Auch die Hautfarbe der Mädchen hat den identischen Braunton wie die der Autorin. Als coloured people sind ihre Bildungs- und Aufstiegschancen um viele Faktoren schlechter, als die der Weißen. Hier ist es wichtig, dass, wie die Mutter der namenlosen Ich-Erzählerin sagt, die Eltern sich um die Möglichkeiten der Kinder kümmern.

Tracey unddie Ich-Erzählerin lernen sich auf der Tanzschule kennen. Tracey hat sehr viel Talent, die Erzählerin kann gut singen, aber weniger gut tanzen. In der Schule sind sie in der gleichen Klasse. Beide träumen den Traum, so gut wie Fred Astaire und Ginger Rogers zu tanzen (Er gab ihr Klasse, sie gab ihm Sex, so ein erwähntes Zitat von Katherine Hepburn im Buch) und in Musicals aufzutreten. Die Erzählungen über die Schulzeit und das Aufwachsen in dem Vorort von London (einer von zwei Vororten wo die ethnischen Minderheiten, die Bevölkerungsmehrheiten bilden) werden retrospektiv erzählt. Dazwischen führt uns Zadie Smith in die Gegenwart. Die Erzählerin arbeitet als persönliche Assistentin bei einer erfolgreichen australischen Pop-Musikerin, Aimee. (Diese ist fiktiv, ähnelt aber in ihrem Gebaren sehr Madonna, auf die auch die farbigen adoptierten Kinder hindeuten).

Die Ich-Erzählerin führt es nach Afrika, wo sie beim Bau einer schwarzen Schule mithilft.  Wobei die Erzählerin zynisch bemerkt, dass Aimee mehr im Jahr verdienen würde, als das komplette Land. Dort kommt sie mit vielen Afrikanern in Kontakt, die die Erzählerin aber als Weiße betrachten. Eine Umkehrung der Verhältnisse. Zadie Smith baut viel schwarze Haut, Musik, Stammeszugehörigkeit, Milieu, ethische Minderheiten, Islamkritik, Bildung, Chancengleichheit und noch viele andere drängende Themen unserer Zeit ein. Doch alles wirkt seltsam leblos. Angesprochen, ohne die notwendige Wut oder wenigstens eine Art Emotion. Das mag vielleicht auch an der blassen, untätigen Ich-Erzählerin liegen, die alle ihre Möglichkeiten im Leben liegen lässt. Tracey ist lebendiger und probiert, fällt auf die Nase, nicht aber ohne zu versuchen, ihre halbherzige Freundin mitzunehmen auf die Reise. Diese weiß nicht wohin sie soll und welche Eigeninitiative sie ergreifen soll.

„Ich fühlte mich, als hätte ieh in einem ganz bestimmten Zug gesessen, der mich dorthin brachte, wohin Menschen wie ich als Jugendliche eben sollten, doch jetzt war plötzlich etwas anders. Man hatte mir mitgeteilt, ich solle an einer ungeplanten Haltestelle ein ganze Stück weiter vorn aussteigen. Ich musste an meinen Vater denken, den man schon aus dem Zug geschubst hatte, bevor er ganz aus dem Bahnhof war. Und an Tracey, wild entschlossen, selbst abzuspringen, weil sie lieber laufen wollte als sich vorschreiben zu lassen, welche Haltestelle ihre war und wie weit sie noch mitfahren durfte.“

So verfliegen die Seiten, Kapitel voller Menschen, die in Bezug treten, ohne wirklich unter die Oberfläche zu gehen. Die Ich-Erzählerin ist zwar eine von vier persönlichen Assistentinnen von Aimee, führt aber kein eigenes Leben, begräbt sich und ihre Träume in einer Scheinwelt. Tracey hingegen kann wenigstens den Broadwaytraum zu Ende träumen. Das Buch wird immer sehr interessant, wenn die Ich-Erzählerin in der Vergangenheit verweilt. Dann sind die musikalischen Tanzträume der Mädchen sehr bunt und wirklich, die Emotionen von Tracey beleben diese Parts. Die Gegenwarts-Teile verlieren sich in dumpfer Gleichgültigkeit und fehlender Intensität.

Letztendlich ist dieses Buch nicht an mich gegangen. Ist es diese Unentschlossenheit der namenlosen Heldin, die mich manchmal rasend macht? Oder ist es die Fülle an Themen die nicht fertig ausgeführt und halb gar im Eintopf des Buches herumliegen? Oder die Beiläufigkeit mit der dieses Buch an mir vorbeizieht? Ich kann es nicht sagen. Es berührt mich kaum. Es entwickelt sich keine Leidenschaft. Nur ganz am Ende hat die Autorin mich eingefangen, da hat sie mein Herz doch noch gepackt und zugedrückt.

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Arrival

Ted Chiang , Molosovsky
Fester Einband: 250 Seiten
Erschienen bei Golkonda Verlag, 24.07.2017
ISBN 9783946503125
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Habe ich euch drangekriegt? Eine schöne Überschrift verleitet doch zum Weiterlesen! Und dieses Buch möchte ich Euch wirklich ans Herz legen. Nicht nur das Buch, auch den kleinen aber feinen Golkonda Verlag, der sich seit knapp sieben Jahren der Verbreitung der feinen und anspruchsvollen Phantastik widmet. Nicht nur sind die Inhalte anspruchsvoll, die Bücher unterscheiden sich auch wohltuend von der Masse der Neuerscheinungen, die von den großen Verlagen teilweise lieblos in die Buchläden geworfen werden. Natürlich gibt es hier auch Ausnahmen und die füllen zum Glück immer häufiger die Regale.

Schon Jo Walton hat es mir mit ihrem magischen Werk angetan, hier zu lesen. Im Golkonda Verlag kommt Mitte des Monats eine Trilogie der Autorin heraus, auch bald bei uns auf dem Blog zu lesen. Da freue ich mich richtig drauf. Ted Chiang war trotz seines Erfolges in Deutschland nicht verlegt, bis der Golkonda Verlag zugriff. Möchte niemand anspruchsvolle Science Fiction lesen? Das solltet ihr schnellstens nachholen und euch dieses, haptisch gut in der Hand liegende Werk besorgen. Ted Chiang ist der Meister der ersten Worte die, wie hier bei der Überschrift, entscheiden, ob man weiterlesen möchte oder nicht.

Die hier versammelten Geschichten haben allesamt Preise eingesammelt. Jede Geschichte mindestens einen. Ted Chiang hat seit 1991 nur fünfzehn Kurzgeschichten oder Novellen verfasst, mit diesen aber insgesamt neun Preise gewonnen, wobei er eine Nominierung 2013 sogar abgelehnt hatte. (Weil er seine Geschichte nicht gut genug fand)

Los geht es in dem Buch mit der 1990 erschienen Geschichte „Tower of Babylon“ (Gewinner des Nebula Awards). Hier die ersten Sätze:

„Läge der Turm der Länge nach auf der Ebene von Shinar, würde man zu Fuß von einem Ende zum anderen zwei Tagesreisen benötigen. Doch da der Turm aufrecht steht, dauert es einen ganzen Monat, um von seinem Sockel bis zur Spitze emporzusteigen – wenn man denn nichts tragen musste.“

Schon früh ist man als Leser in der Geschichte, mit wenigen Worten skizziert Ted Chiang ein biblisches Szenario, worauf der Titel natürlich hinweist. Doch der Leser bemerkt die feinen Anspielungen auf z.B. Generationenschiffe, außerirdische Mächte die einen Schirm um die Erde halten. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Doch Ted Chiang beschreibt nur und wertet nicht, klärt nicht auf. Der Leser soll sich seine eigenen Schlüsse ziehen.

In der zweiten Geschichte „Story of your Life“ (Gewinner des Nebula Awards), irritiert anfangs die verwandte Zeit:

„Gleich wird dein Vater mich fragen. Ich will ihm meine ganze Aufmerksamkeit widmen, auf jede Kleinigkeit achten, denn das ist der wichtigste Augenblick unseres Lebens.“

Schon durch die wenigen Worte wird eine ganz eigentümliche Atmosphäre geschaffen, die die ganze Geschichte über anhält. Außerirdische kontaktieren die Erde. Eine Linguistin und ein Physiker erforschen deren Sprache und Wissenschaften. Dabei tritt eine ganz andere Art zu denken zu Tage. Beeinflusst unser Denken die Welt? Ich will nicht allzuviel verraten, aber in den Anfangsworten der Geschichte steckt schon deren Auflösung, die man in ihrer ganzen Tragweite erst am Schluss begreift. Die Geschichte war Grundlage für den Film Arrival von 2016 (Natürlich auch ein Grund, eine Neuauflage dieses Buches heraus zu bringen).

Nun kommen wir zu meiner persönlichen Lieblingsgeschichte: „Hell is the absence of God“ (Gewinner des Nebula und Hugo Awards)

„Dies ist die Geschichte eines Mannes namens Neil Fisk, und sie erzählt, wie er lernte, Gott zu lieben. Das Schlüsselereignis in Neils Leben war so schrecklich wie alltäglich: Der Tod seiner Frau Sarah.“

Schon hier steckt die ganze Tragik im Leben des Neil Fisk, ach was, im ganzen Leben Gläubiger. Die ewige Suche der Zweifler nach Gott, dem Beweis Gottes. Perfide ist in Ted Chiangs Geschichte, dass es eine Art Regel gibt, wann man in die Hölle, wann in den Himmel kommt. Und wenn man sich sehr geliebt hat, dann trifft man sich dort im Jenseits wieder. Ganz stark sind seine Assoziationen mit den auf die Erde kehrenden Engel in Verbundenheit mit Naturgewalten.

Wieder ganz anders die nächste Geschichte: „The merchant and the Alchemist’s Gate“  (Gewinner des Nebula und Hugo Awards), die aus Tausendundeine Nacht stammen könnte.

„O mächtigster Kalif und Herrscher über die Gläubigen, demütigst verneige ich mich vor dem Glanz Eurer Gegenwart, einen größeren Segen kann sich ein Mann in seinem Leben nicht erhoffen. Eine wahrhaft seltsame Geschichte habe ich Euch zu erzählen, und selbst wenn man sie in ihrer ganzen Länge auf einen Augapfel tätowieren würde, so könnte das Wunder ihrer Darbietung das ihren Inhalten nicht übertreffen, denn sie ist jenen eine Warnung, die gewarnt sein, und jenen eine Lehre, die lernen wollen.“

Hier verweilt Ted Chiang wunderbar in der blumenreiche Sprache des Morgendlandes und erzählt eine Geschichte für Herz und Kopf.

Auch sehr stark und sehr minimalistisch ist die letzte Geschichte in diesem Band: „Exhalation“  (Gewinner des Hugo und BSFA Awards)

„Seit Langem herrscht die Meinung vor, dass die Luft (von manchen auch Argon genannt) der Quell des Lebens sei. Tatsächlich ist das aber nicht der Fall, und so graviere ich diese Worte, um zu berichten, wie ich herausfand, was der wahre Quell des Lebens ist und – was damit zusammenhängt – auf welche Weises das Leben eines Tages enden wird.“

Die Hauptperson hier ist kein Mensch, überhaupt ist die beschriebene Umgebung ganz ‚un-menschlich‘. Doch handeln die Akteure wie Menschen im Mittelalter, die plötzlich feststellen, dass es hinter dem Horizont doch weitergeht und dass die Sonne sich nicht um die Erde dreht. Auch diese Geschichte unterscheidet sich von den anderen, vom Aufbau und Atmosphäre.

Ted Chiang hat die Gabe, komplexe Inhalte, ruhig und sachlich zu erklären, in eine vertraute Umgebung zu packen und so allgemein verständlich zu machen. Das habe ich bisher bei erst wenigen Science-Fiction Schriftstellern beobachten können. Vergleichbar ist vielleicht noch der Moderator Ranga Yogeshwar von der Fernsehsendung Quarks & Co..

Nach diesen fünf Perlen endet das Buch nach nur 224 Seiten. Da hätte man doch auch alle fünfzehn Geschichten in ein Buch verpacken können, werden die Sparbrötchen unter Euch einwenden, was will ich denn mit noch einem zweiten Buch (Das wahre Wesen der Dinge, auch bei Golkonda erschienen). Das ist aber immer so, wende ich ein: Je größer die Kiste mit Inhalt, desto matter leuchten die Perlen. Und dieses Buch und die Geschichten werden mir bestimmt noch in ein paar Jahren im Gedächtnis bleiben, was bei einer übervollen Kiste mit fünfzehn Geschichten schwieriger wäre. Diese Geschichten benötigen Raum um zu leuchten und das hat der Golkonda Verlag begriffen und deswegen begrüße ich diese Vorgehensweise!

Lasst Euch diese Perlen nicht entgehen!

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bericht, biographie, leben

Das ganze schrecklich schöne Leben

Konstantin Wecker
E-Buch Text: 352 Seiten
Erschienen bei Gütersloher Verlagshaus, 25.04.2017
ISBN 9783641196905
Genre: Biografien

Rezension:

Schon früh in meinem Leben habe ich zu Konstantin Wecker gefunden. Meine Pubertät ist von diesem einzigartigen Liedermacher geprägt. Genug ist nicht genug und Eine ganze Menge Leben haben mich in dieser Zeit begleitet und die Adoleszenz im Leiden noch veredelt. Unvergessen ist der Besuch eines Konzertes von ihm, bei dem er so lange Zugaben gab, bis keiner mehr nach einer verlangt hat. Selbst dann kam er noch kurz heraus um das Kurzgedicht Bumerang zu rezitieren. Er hatte eine gehörige Portion Wut und Kraft in seinem Konzert. Jeder im Saal hat ihm dies auch abgenommen. Konstantin war in der Zeit mein persönlicher Held.

40 Jahre und mindestens 20 Livekonzerte später muss ich sagen, dass in ihm immer noch eine ungebeugte Kraft steckt, auch wenn er bei dem letzten Konzert anlässlich seines 70.Geburtstages im Zirkus Krone in München etwas müde wirkte. Es war das dritte Konzert hintereinander, und er spielte mit Pause über dreieinhalb Stunden. Indes, seine politischen Statements kamen nicht mehr so schlagkräftig. Dazu ist zu sagen, wenn ich mit 70 solch ein Pensum wie Wecker hätte, wäre ich froh überhaupt einen solchen Abend zu überstehen. Nun habe ich seine Autobiographie/Biographie in der Hand (Mehr zu dem Doppelwort später) und bin erstaunt, wie gut diese gelungen ist.

Wecker hat Autobiographisches (nicht das meiste) dazu beigetragen, aber wichtig sind die zwei Wegbegleiter in seinem Leben, der Chronist Günter Bauch und der Analyst Roland Rottenfusser. Die Mischung aus den Dreien macht dieses Buch so interessant und gibt dem Leser einen umfassenden Überblick über den Menschen und das Leben des Konstantin Wecker.

Wichtig im Gesamtkonzept Weckers ist die Liebe. Nicht die Wut und die Revolution, was man eigentlich von einem linken engagierten Liedermacher erwarten könnte, nein, die Liebe ist sein Credo. Bedingungslose Liebe hat er als Kind durch seine Eltern erfahren und sie hat ihn zu dem Menschen gemacht, der er heute ist. Das Motto seines Vaters war, dass man die Menschen loben soll, nur so kann man sie motivieren, das Beste zu geben. „Ich bin nun mal ein Lober“, sagte er zu seinem Sohn, und der hat dies in seinem Leben beherzigt.

„Ach so viele sind so unglaublich schlau und haben Erziehungsmodelle und sprechen davon, wie man Kinder behandeln und bestrafen müsse – dabei muss man nur eines: sie bedingungslos lieben. Ohne Warum. So bedingungslos wie Gott uns liebt. Und auch wenn es keinen Gott geben sollte: Es ist ausschließlich diese bedingungslose Liebe, der wir unser Sein verdanken. Worte sind Symbole. Gott ist ein Symbol. Liebe ist ein Symbol. Und jetzt fragen Sie mich vielleicht: Ja, wofür denn? Für das Unbegreifliche, das wir immer in uns spüren, wenn wir einen kurzen Augenblick Zeit haben zwischen den Attacken unserer Gedanken.“

Wecker – ein Gläubiger? Der Mann, der jeden Tag einen neuen Papst haben wollte? Der schon früh sang: „Das sag ich euch, so möcht ich nicht begraben sein.“ Das muss nicht widersprüchlich sein. Wecker hat immer die Institutionen bekämpft, in denen die Menschen unmenschlich behandelt werden. Die Linken, die ihn instrumenatilisieren wollten, hatten sich deswegen früh von ihm abgewandt. Für ihn hieß es nicht, alles zerschlagen. Er wollte Liebe und Lust und das Uferlos.

„Nicht Gut und Böse hießen seine Pole, sondern lustfördernd und lusteinschränkend.“

Und was war das mit dem Kokain? Wieder einer, der sich vom Ruhm und vom Geld hat blenden lassen? Doch auch hier zeigt Wecker Größe und thematisiert seine Schwäche, seine persönlichen Abgründe. Und geht gestärkt daraus hervor.

„Wenn ich mich schuldig bekenne, dann wegen meines Missbrauchs an mir selbst und meinem Körper, aber nicht deswegen, weil ich etwas Verbotenes getan habe. Ich sah und sehe nicht ein, weshalb der Staat den Konsum willkürlich verbotener Drogen verfolgt und gleichzeitig heuchlerisch hoch angesehenen Verbrechern gestattet, mit Finanzspekulationen ganze Nationen zu vernichten und Millionen Menschen in Hungersnöte zu treiben.“

Wecker hat auch immer ein feines Näschen für die gesellschaftspolitischen Probleme seiner Zeit gehabt. Er ist nie stehen geblieben, er hat sich den aktuellen Themen gestellt und hat diese in seinen Liedern und Gedichten seinem Publikum näher gebracht.

„Wecker ist überhaupt ziemlich zeitgeistresistent, was ihm viele als verbohrtes ‚Alt-68ertum‘ auslegen, in Wahrheit aber auf eine überzeitliche Überzeugungstreue hinweist, die sich in Anbetracht der jüngsten Entwicklungen als nur allzu richtig und notwendig erwiesen hat.“

Konstantin Wecker ist einzigartig, was dieses Buch aus drei verschiedenen Perspektiven genauestens ausleuchtet. Seine Jugend, sein Absturz, seine Persönlichkeit. Die Abschnitte wiederholen sich gegen Ende, doch immer zeigt dieses Buch, was Wecker immer sein wollte: Einfach ein Mensch, mit allen Stärken und Fehlern. Einer von uns. Einer zum Anfassen und Lieben.

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