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128 Bibliotheken, 9 Leser, 1 Gruppe, 12 Rezensionen

becky chambers, galaxie, science-fiction, raumschiff, der lange weg zu einem kleinen zornigen planeten

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

Becky Chambers , Karin Will
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei FISCHER Tor, 27.10.2016
ISBN 9783596035687
Genre: Science-Fiction

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16 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 0 Rezensionen

Das geträumte Land

Imbolo Mbue , Maria Hummitzsch
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462047967
Genre: Romane

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43 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 17 Rezensionen

in einer anderen welt, magie, jo walton, feen, wales

In einer anderen Welt

Jo Walton , Hannes Riffel
Flexibler Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 15.08.2016
ISBN 9783734160684
Genre: Fantasy

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107 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

new york, selbstmord, familie, film, kino

Die amerikanische Nacht

Marisha Pessl , Tobias Schnettler
Flexibler Einband: 800 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 25.09.2014
ISBN 9783596183326
Genre: Romane

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20 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Armageddon Rock

George R.R. Martin , Peter Robert
Flexibler Einband: 420 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.11.2016
ISBN 9783453318052
Genre: Fantasy

Rezension:

Schon die Widmung des bereits 1983 in Amerika erschienenen Romans „Armageddon Rock“ des hochprämierten Autor George R.R. Martin macht klar, wohin die Reise geht. In die musikalische Zeit der 60er, 70er Jahre, als überall auf der Welt die Popkultur aufblühte und die Träume, durch die eingenommenen Drogen zumeist bunter waren. Der Optimismus und der Drang die Welt zu verändern, waren überall zu spüren und die schöne neue Welt greifbar nahe.

Damals … Damals war alles besser, wir hegen bittersüße Gedanken an gesehene Filme, erlebte Begegnungen, gehörte Musik, doch kann das Damals noch mit dem Heute standhalten? Manches ist aus dem heutigen Blickwinkel betrachtet überholt, veraltet  und oft stellt man sich die Frage, ‚Was habe ich bloß daran gefunden?‘ Trotzdem erinnert man sich gerne an frühere Begebenheiten, wann man bestimmte Bücher gelesen, Orte besucht oder Musik gehört hat. Diesen Zauber, den insbesondere Musik in uns hervorruft, davon erzählt Armageddon Rock.

Dieses Buch hatte ich in den 80er Jahren schon mehrmals gelesen und innig geliebt. Da es verschollen ist, habe ich mich gefreut dass der Heyne Verlag diesen Band neu aufgelegt hat. Dass George R.R. Martin inzwischen eher als Fantasyautor bekannt ist, aber schon früher großartige Romane schrieb, wissen meist nur die eingefleischten Fans. Doch kann ein 30 Jahre altes Buch die damalige Magie wieder aufleben lassen?

Das Altamont Free Concert 1969 war für viele das symbolische Ende der Unschuld der Hippiebewegung, die mit Woodstock noch so verheißungsvoll angefangen hatte. In Armageddon Rock erweitert Martin das Trauma der Hippies um das West Mesa Festival, bei dem der Leadsänger der (erfundenen) Gruppe Nazgûl während des Auftritts von einem Scharfschützen erschossen wird.

Zehn Jahre später erhält Sandy Blair, ein freier Journalist und Schriftsteller, von seinem früheren Arbeitgeber bei einer bekannten Popzeitschrift, den Auftrag, den Mord an einem bekannten Rockpromoter, der die Nazgul unter lebenslangem Knebelvertrag hatte, zu untersuchen. Ihm wurde zu Hause, während die letzte Platte der Nazgul lief, das Herz herausgerissen. Auf den Tag genau dreizehn Jahre nach dem Tod des Sängers der Nazgul. Sandy, frustriert von seiner derzeitigen Lebenssituation, macht sich auf den Weg, die drei verbliebenen Bandmitglieder zu finden. Auf seinem Weg besucht er auch alte Freunde und seine eigene Vergangenheit. Der Tenor ist hauptsächlich: Was ist aus uns geworden.

„Ich erinnere mich, zum Teufel, ich weiß, es war beschissen damals, wir hatten den Krieg und Rassismus und Nixon und den alten Spiro, aber weißt du, wir hatten auch … ich weiß nicht … so was wie Optimismus. Wir wussten, dass die Zukunft besser werden würde. Wir wussten es. Wir würden dafür sorgen. Wir würden die Dinge um uns herum verändern, und wir hatten unsere Jugend, stimmt, also war die Zeit auf unserer Seite. Wir wussten was richtig und was falsch war, wir wussten, wer die Bösen waren, und es gab ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.“

Jeder der Besuchten hat einen anderen Lebenslauf hinter sich – und wer in dieser Zeit aufgewachsen ist, findet bei den beschriebenen Charakteren sicherlich den ein oder anderen vertrauten Charakterzug. Die Öko-Frau die sich in eine Hippiekommune zurückgezogen hat, der Außenseiter, der Hedgefondmanager geworden ist, der unter der Fuchtel seines faschistischen Vaters stehende, gebrochene Sohn. Alle Kinder ihrer Generation. Eine verlorene Generation, die es eigentlich recht einfach hatte:

„[…] wir waren wirklich anders als alle Generationen, die sich vor uns aufgemacht hatten, weil wir so verdammt viele waren. Wir sind die Babyboomer, der größte, haarigste Haufen, den man je eingeladen hatte, in die Party des Lebens reinzuplatzen. Unser ganzes Leben lang war die amerikanische Gesellschaft damit beschäftigt, sich in unserer Gestalt neu zu erschaffen. Die Vorstädte wurden gebaut, um uns zu beherbergen. Spielzeug, Windeln und Babynahrung hatten ihre große Zeit, als wir sie benutzten. Die Medien sind uns auf Schritt und Tritt in unseren süßen, rosigen Arsch gekrochen.“

Immer mehr verdichten sich die Gerüchte um eine Reunion der Nazgûl. Doch wer sollte den Part des charismatischen Leadsängers spielen. Hier hält George R.R. Martin noch die eine und andere Überraschung bereit.

Armageddon Rock ist im Grunde genommen ein Musik-Thriller mit Krimianleihen. Was das Buch so besonders macht, ist der sehr gute Blick und die treffende Beschreibung der Babyboomer, ihrer geplatzten Träume und den Versuchen einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Charaktere sind alle sehr lebensecht und authentisch. Sandy Blair taucht wieder in die 60er Jahre ein, als er seinem Auto den Namen Tagtraum gibt. Dass dieses ein hippieuntypischer Sportwagen der Marke Mazda ist, ist für ihn zweitrangig. Irgendwie muss das Gefühl doch wiederkommen. Martin versteht es, die Spannung aufrechtzuerhalten, seine Beschreibung der Konzerte der Nazgûl sind lebensecht, fast vermeint man die treibende Kraft und Spannung der Musik zu hören. Seitenlang liest man Beschreibungen der Konzerte und hört das Pulsieren der Musik, so echt wirken die Darstellungen.

Ein nach 30 Jahren immer noch packender und elektrisierender Roman, der keinerlei Patina angesetzt hat und zeitlos wirkt. Ein frühes Buchhighlight des jungen Jahres.

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china, aliens, scifi, science fiction, sci-fi

Die drei Sonnen

Cixin Liu , Martina Hasse
Flexibler Einband: 450 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.12.2016
ISBN 9783453317161
Genre: Science-Fiction

Rezension:

„Selbst Gott persönlich könnte hier nichts ausrichten. Die Menschheit ist an einem Punkt angelangt, an dem ihre Gebete, egal an wen, nicht mehr gehört werden. Was jetzt kommt, ist nicht aufzuhalten, da können die Menschen noch so laut schreien.“

Die Menschheit hat es einfach nicht verdient, weiter zu existieren und muss vor sich selbst beschützt werden. So ist der Grundtenor des ersten chinesischen Science Fiction Romanes, der mit dem bedeutensten SF-Preis der Literatur ausgezeichnet wurde, mit dem Hugo Award. In Deutschland ist der erste der auf drei Bände ausgelegten Trilogie jetzt im Heyne Verlag erschienen.

Cixin Lius Epos fängt Ende der 60er Jahre in China an und berichtet von der dortigen Kulturrevolution. Ein Physikprofessor wird Opfer dieser Säuberung in China, bei der insgesamt über eine Million Menschen zum Opfer durch Tod oder Folter wurden. Diese relativ grausame Schilderung des Todes hat mich anfangs stutzen lassen. Ein Buch, selbst ein Science Fiction-Roman, das kritisch mit diesem Thema umgeht? Hat China etwa die Zügel der Zensur gelockert? Doch was können wir als Westler schon viel über diese uns doch fremde Kultur berichten, was wissen wir darüber?

Cixin Liu erzählt wie Ye Wenjie, die Tochter dieses Professors, selbst verdächtigt und interniert wird. Für das geheime Projekt Rotes Ufer wird die Astrophysikerin dann zu dem damals größten Radioteleskop Chinas versetzt und hilft an dessen Wartung und Verbesserung mit. Hier überrascht Cixin Liu mich erneut mit einer kleinen satirischen Einlage. Die Formulierung der Botschaft an mögliche Außerirdische gerät zu einer kleinen politischen Spitze:

„METI-Grußnachricht an außerirdische Zivilisationen. Erster Entwurf [Gesamter Text]
Empfänger dieser Nachricht, aufgepasst! Diese Nachricht stammt aus einem Land, das für die Revolution und damit für Gerechtigkeit steht! Ihr habt unter Umständen bereits Botschaften aus der gleichen Richtung erhalten. Diese stammen von einer imperialistischen Supermacht auf unserem Planeten. Diese Supermacht ringt mit einer anderen Supermacht um die Weltherrschaft, um das Rad der Zeit zurückzudrehen und die Fortschritte in der Menschheitsgeschichte zunichtezumachen. Hoffentlich schenkt ihr den imperialistischen Lügen kein Gehör und steht auf der Seite der Gerechtigkeit, auf der Seite der Revolution! [Anweisung des Zentralkomitees] Völliger Blödsinn, den niemand kapiert. Es reicht doch wohl, überall auf der Erde Wandzeitungen mit Propagandabotschaften aufzuhängen. Man muss sie nicht auch noch ins All schießen.“

Ye Wenji erhält eines Tages eine Botschaft aus dem All und antwortet darauf völlig spontan ohne diese Konversation zu speichern oder jemandem bekannt zu geben. Die einzigen Menschen, die davon noch wissen, tötet sie kurz darauf: Ihren Mann und den Leiter der Forschungsstation.

Die Geschichte wird retrospektiv aus Sicht von Wang Miao einem Nanotechnologen erzählt. Dieser sieht plötzlich einen Countdown vor seinem geistigen Auge ablaufen. Er vertraut sich Ye Wenji an, die ihm rät, seine Forschungen einzustellen. Als er kurz darauf ein Experiment abbricht und die dafür benötigte Anlage für Wartungsarbeiten stillegt, verschwindet der Countdown. Ye Wenji hat ihm noch einen URL mitgegeben, bei dessen Aufruf landet er in dem Computerspiel „Three-Body“, das in einer gedachten Welt spielt, die durch drei Sonnen immer wieder dem Untergang geweiht ist. (Hier ist ein sehr starker Bezug zum grandiosen SF-Werk „Otherland“ von Tad Williams zu finden). Das Dreikörperproblem ist ein chaotisches, nicht durch Berechnung zu lösendes physikalisches Problem (ähnlich dem Doppelpendel). Auf dem Planeten im Computerspiel erblüht eine Zivilisation nach der anderen, die aber durch den Verlauf der drei Sonnen nach einiger Zeit von einem stabilen Zustand in einen chaotischen übergeht und dann untergeht. Gesucht wird eine rechnerische Lösung des Dreikörperproblems, um so die stabile Zeit zu bestimmen.

Die Erzählstränge wechseln von der Vergangenheit in die Gegenwart und zurück. Und langsam, wie das bei einem gut aufgebauten Epos ist, erkennt der Leser ein Gesamtbild, was doch sehr erschreckt. Das Spiel ist eine Rekrutierungshilfe für eine Gruppe um Ye Wenji, die Intellektuelle sucht, die sich daran beteiligen, die Menschheit am Fortschritt zu hindern. Die Erde soll präpariert werden für die Außerirdischen, die Trisolarier, die anstelle der Menschen die Erde übernehmen sollen. Die Trisolarier suchen eine neue Heimat, da sie mit drei Sonnen und den unberechenbaren Zuständen leben müssen. Warum soll aber die Menschheit weichen? Hauptsächlich wird die Umweltverschmutzung angeführt, der Mensch ist es einfach nicht wert, über die Erde zu wandeln:

„Aber die reichen Staaten sind auch nicht besser. Sie erschaffen sich mit viel Geld eine wunderschöne Umwelt, aber sie verlagern die Industrie, die viel Umweltverschmutzung mit sich bringt, in die armen Länder. Du hast vielleicht davon gehört, dass die USA sich geweigert haben, das Kyoto-Protokoll zu ratifizieren. Die Menschen sind doch alle gleich. Wenn die Zivilisation sich in diese Richtung weiterentwickelt, wird sie sich ausrotten.“

Cixin Liu baut den ersten Teil der Trilogie langsam auf und weiß geschickt die einzelnen Bausteine des SF-Epos Stein für Stein einzufügen. Ein Blick vier Lichtjahre entfernt zu den Trisolariern darf nicht fehlen, deren Kulturbeschreibung manches mal doch etwas an China erinnert:

„Alles geschieht immer nur zur Erhaltung der Art. Um als Gesamtheit zu überleben. Respekt für den Einzelnen existiert nicht. Kann der Einzelne nicht mehr arbeiten, muss er sterben. Die trisolare Gesellschaft ist extrem autoritär. Das Gesetz ist strikt und kennt keinen Kompromiss – wer schuldig ist, wird exekutiert, wer nicht schuldig ist, darf weiterleben.“

Doch die SF bietet natürlich viele Möglichkeiten eine derartige Kritik fein zu verstecken, um die Ordnungshüter nicht zu wecken. Cixin Liu hat mich ehrlich gesagt überrascht. Zwar sind so manche Szenarien und Beschreibungen etwas untypisch für meinen westlichen Geschmack, die Charaktere wirken nicht ganz ausgereift. Das SF-Setup ist Cixin Liu aber sehr gut gelungen, teilweise sprüht er vor lauter physikalischen Einfällen, Spielereien und fantastischen Umgebungen. Schwierig ist es wohl auch aus dem Chinesischen zu übersetzen, das viel von Begriffen lebt, welche sich aus dem Zusammenhang ergeben, als aus festen Wortbegriffen wie bei den westlichen Sprachen. Hier sind bestimmt auch etliche Feinheiten verloren gegangen. Wer sich für das Buch interessiert, mag diese interessante Rezension von Shaohai lesen, die das Buch im Original las.

Mein erster chinesischer SF hat Lust auf die nächsten beiden Bände gemacht, leider erscheint der nächste erst im Juni 2018 (!) Vielleicht wird das Warten ja noch verkürzt, alle drei Bände sind schon auf Englisch erschienen, eine Verfilmung ist für nächstes Jahr in China geplant.

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45 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

krimi, voller skurriler, haie, inspektor lukastik, schräger tapen.

Nervöse Fische

Heinrich Steinfest
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.11.2004
ISBN 9783492242806
Genre: Krimi und Thriller

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fantasy, zeitreise, london, unterwelt, jugendliche

Die Tore zu Anubis Reich

Tim Powers , Ü: Hannes Riffel / Walter Brumm ,
Flexibler Einband: 572 Seiten
Erschienen bei Heyne, 01.01.2004
ISBN 9783453870703
Genre: Fantasy

Rezension:

"Meisterwerk der Fantasy" "Herrlich skurrile und düstere Ideen, eingefangen in beeindruckenden Worten." "Kultbuch"

So und ähnliche Worte haben mich bewogen den 1983 geschriebenen Fantasyroman "Die Tore zu Anubis Reich"  von Tim Powers antiquarisch zu kaufen.Ich habe mich insgesamt über 80% der Seiten gequält, bis ich 70 Seiten vor Schluss entnervt aufgegeben habe. Ich wollte einfach nicht mehr wissen, wie es zu Ende geht.

Der Anfang des Buches geriet noch recht spannend und interessant. Eine gut zahlende Gruppe Interessierter will einen Vortrag des Dichters Coleridhe am 1. September 1802 in London besuchen und wieder zurückkehren. Die Zeit ist wie ein Fluß der unter einer Eisdecke dahinfließt. Man muss mitfließen, hat aber die Möglichkeit an Löchern in der Eisdecke auszusteigen und an einem anderen Loch wieder einzusteigen. Die Löcher im Eis sind unregelmäßig verteilt, aber berechenbar. Jedenfalls können das alte ägyptische Magier, die Tim Powers in dem ersten Kapitel einführt. Doch bei der Beschwörung geht etwas schief und diese Tore in die Zeit öffnen sich unbemerkt.

Brendan Doyle ist ein englischer Literatur-Experte für das 19.Jahrhundert und darf mit in die Vergangenheit reisen. Bei der Rückreise geht etwas schief und Doyle wird von einem der Helfer des ägyptischen Magiers gefangen gehalten.

Und jetzt wird das Buch für meine Begriffe zu chaotisch. Es werden verschiedene Gruppen vorgestellt, deren Ziele im diffusen bleiben. Als ein Werwolf hinzukommt der die Fähigkeit hat seinen Körper mit anderen zu tauschen, wird es ganz wirr. Doyle wechselt im Verlauf des Buches öfters seinen Körper und kommt mit anderen Figuren in Kontakt die auch die Körper getauscht haben und irgendwann hatte Powers mich abgehängt.

Anscheinend wird nicht nur der Körper gewechselt, sondern auch der Charakter. Hut ab, wer jetzt noch den Überblick hat. Für mich hatte dieses Buch nur viele Fragezeichen offen, zumal sich außerhalb der Figuren-wechsel-dich-Orgie auch kein anderes interessantes Szenario auftat.

So war ich kurz vor dem Ende nicht mehr ganz sicher welche Figuren in welchem Körper steckte und streckte daraufhin die Waffen.

 Schade. An sich klangen die begeisternden Rezensionen anders. Für mich jedenfalls kein Meisterwerk noch ein Kultbuch.

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literatur vor 1945, poesie, essays, lyrik

Mädchenhimmel!

Lili Grün , Anke Heimberg
Fester Einband: 220 Seiten
Erschienen bei AvivA, 30.06.2015
ISBN 9783932338588
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

In der Naziherrschaft sind nicht nur 6 Millionen Juden und Andersdenkende grausam und kaltblütig umgebracht worden. Gestorben ist auch die sehr lebendige jüdische Kultur. Anke Heimberg hat die Aufgabe übernommen, Gedichte und Texte der unbekannten jüdischen Künstlerin Lili Grün neu aufzulegen.

Lili Grün wurde 1904 in Wien geboren und 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinec in Weißrussland ermordet. Sie lebte abwechselnd in Wien und Berlin, arbeitete als Schauspielerin und verkaufte Gedichte und Texte an Zeitungen. Geblieben sind auch 2 Romane von ihr, die im Aviva-Verlag in Berlin neu aufgelegt wurden.

Ihr Werk wäre sicher unentdeckt geblieben, hätte die bekannte österreichische Schriftstellerin Hilde Spiel den Namen Lili Grün nicht in ihrer Retrospektive der Nazizeit erwähnt. Die auf ein rasches Vergessen drängende Nachkriegszeit hat etliche Künstler in die Vergessenheit gedrückt, Lili Grün zum Glück nicht.

Die hier vorliegenden Gedichte und Texte zeigen eine lebendige und auch sehr persönliche Sicht der jungen Dame, meist auf die Liebe und die Schwierigkeit als ‚Fräulein‚ in der Männerwelt ihren Stand zu finden. Die Gedichte, die teils auch vertont wurden, sind Zeitzeugen der 20er, 30er Jahre, die von der weltweiten Weltwirtschaftskrise geprägt sind, doch meist klingt Sehnsucht nach einem besseren Leben durch die Zeilen:

Wir müssen den ganzen Tag tippen. Mit brennenden Augen und schmerzenden Rücken Bestätigen wir ihr Wertes vom Soundsovielten, Das wir mit bestem Dank erhalten Wir haben nur eine Sehnsucht: auszurasten. Von der Tages ewigem Läuten und Hasten, Denn unser armes Hirn ist müd und leer Wir haben keine bessere Sehnsucht mehr. Unsere großen, mutigen Gedanken Sind gestorben in des Alltags Schranken Unser Herzen große Zärtlichkeit Ist gestorben in des Alltags Leid

 

Lili Grüns Gedichte zeigen auch in Ihrer Zeit, eine frühe Art des fraulichen Selbstbewusstseins. Frau lässt sich hier nicht alles gefallen, zwar braucht es für die Liebe einen Mann, dieser wird aber auch recht kritisch gesehen. So schwankt die junge Frau zwischen Selbstbehauptung und der Suche nach dem Prinzen.

Die Liebe ist auch das Hauptthema der den Gedichten folgenden kurzen Texte. Hier wird die überall herrschende Arbeitslosigkeit mit eingeflochten, so dass ein stimmiges Bild der damaligen Zeit vor dem geistigen Auge entsteht. Es sind die einfachen Menschen, die Lili Grün beschreibt, deren Sorgen und Nöte, das Liebesleid der jungen Frau, die Morgens nach einer durchzechten Nacht neben einem Unbekannten aufwacht:

„Wenn sie heute wenigstens einen richtigen moralischen Kater hätte, damit ein wenig Abwechslung in die Geschichte gekommen wäre, aber nein, in ihrer Kehle waren bloß die alten Tränen vom monatelangen Alleinsein. Mädchen, die schrecklich allein sind, sollten nicht küssen. Die glauben doch dann immer gleich, dass sie den Betreffenden auch liebhaben.“

Abgerundet wird das Buch durch ein Nachwort von Anke Heimberg, in dem sie auf das Leben von Lili Grün eingeht. (Eine Biografie von Lili Grün ist von Frau Heimberg in Arbeit) Anke Heimberg erklärt und ordnet die Texte chronologisch ein, wobei mir die Erklärungen manches mal zu viel werden. Was ein Bureau, Kanapee oder der Ausdruck verknautscht bedeutet, weiß ich und bestimmt der geneigte Leser dieses Buches. Dadurch wirkt der, durchaus sinnvolle Kommentar, etwas oberlehrerhaft.

Das sollte aber niemanden davon abhalten, sich mit Lili Grün in die 30er Jahre zu begeben. Ein wunderschönes, sprachlich ausgereiftes Buch, welches mich durch seine natürlichen und frischen Texte fesseln konnte. Mädchenhimmel gewann 2014 den Melusine-Huss-Preis und stand 2014 auf der Hotlist der zehn besten Indiebücher.

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84 Bibliotheken, 12 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

familie, schmerz, hier bin ich, treu, kinder

Hier bin ich

Jonathan Safran Foer , Henning Ahrens
Fester Einband: 688 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 10.11.2016
ISBN 9783462048773
Genre: Romane

Rezension:

„Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde“

Bibel 1.Mose Kapitel 22

„Abraham sagt nicht ‚Was willst Du?‘ Er sagt nicht ‚Ja?‘ Stattdessen antwortet er mit einer Feststellung ‚Hier bin ich.‘ Was auch immer Gott will oder braucht, Abraham ist ganz für ihn da, ohne Vorbehalte, Bedingungen, Einschränkungen oder das Bedürfnis nach Erklärungen.“

Genau dieses uneingeschränkte Hier-sein vermisst Sam. In seinem Leben, in seiner Familie. Sam ist der älteste Sohn von Jacob und Julia und bereitet sich auf seine Bar Mitzwa vor. Jacob und Julia sind seit zwanzig Jahren verheiratet, haben drei Söhne und sind Anfang vierzig. In Ihrer Ehe verstehen sie sich zwar blendend, doch ist ihr Liebesleben zerrüttet und es wird heikel, als Julia ein Geheimhandy von Jacob findet, auf dem sie eine pikante Konversation von Jacob mit einer Unbekannten lesen kann. Für die Bar Mitzwa reist auch die jüdische Verwandtschaft aus Israel nach Amerika. Gerade in Amerika angekommen erschüttert eine Naturkatastrophe den Nahen Osten, die den Fortbestand Israels in Frage stellt.

Doch zuerst geht es um Jacob und Julia. Sehr einfühlsam beschreibt Foer die Nähe der Ehepartner aus der Sicht von Jacob. Die Nähe, das Kennenlernen und das allmähliche Erlahmen der sexuellen Spannung, das Aufreiben im Alltag:

„So viele Tage, ihres gemeinsamen Lebens. So viele Erfahrungen. Wie hatten sie es geschafft, sich die letzten sechzehn Jahre hindurch voneinander zu entfremden? Wie hatte aus all der Anwesenheit Abwesenheit werden können?“

Jacob und Julia verstehen sich immer noch gut. Sie haben eine Art der Konversation gefunden, bei der mich Foer anfangs wirklich gefordert hat beim Lesen. Sehr rasant und immer um zwei Ecken weiter. Sehr vertraut, sehr nahe, aber im Grunde doch Lichtjahre entfernt. Sex findet nicht mehr statt, die Kindererziehung ist im Good Cop, Bad Cop erstarrt. In Erinnerung an ihre Hochzeit bringt es Julia auf den Punkt, können solche Gemeinsamkeiten, solch eine Nähe erhalten bleiben? Die Tradition, eine Glühbirne bei der Trauung zu zertreten, wird zur Allegorie der Ehe:

„Also manche Leute meinen, er solle uns an all die Zerstörungen erinnern, die die Voraussetzung unserer größten Glücksmomente sind. Manche Leute halten es für ein Gebet: Lass uns glücklich sein, bis sich die Scherben der Glühbirne wieder zusammengesetzt haben. Manche halten es für ein Symbol der Zerbrechlichkeit. Aber die naheliegendste Interpretation habe ich nie gehört: So sind wir. Wir sind brüchige Individuen, die in einer brüchigen Welt eine brüchige Verbindung eingehen.“

Auch der offensichtliche Ehebruch, der zu Tage tritt, als Julia das Handy mit der sexuellen Konversation findet, dient nicht zum Dampf ablassen, es bleibt gesittet, Teller werden nicht geworfen, es ist nur ein weiterer logischer Schritt zum Abgrund. In weiteren Kapiteln kommen die Kinder zu Wort. Sam als Ältester hadert mit seiner nicht gewollten Bar Mitzwa, Max, der Mittlere, weiß nicht, wohin er sich wenden soll, zum Älteren oder zu Benji, dem Jüngeren, der schon sehr altklug wirkt und der Situation und seinen Eltern durch seinen kindlichen Blick eine andere Sichtweise vermittelt.

Eingebunden ist dieser Mikrokosmos in Washington D. C., in die große Welt, die aber bei näherer Betrachtung auch nicht anders abläuft als der Ehealltag. Da ist der Großvater von Jacob, der ins Altersheim soll, aber nicht will und dann kurz vorher stirbt. Die Verwandten aus Israel reisen an. Auch hier war Nähe da, ist aber wieder verschwunden. Bei der wirklich wunderschönen Grabrede des Rabbiners bringt es dieser auf den Punkt.

„Jemandem nahe zu sein, ist leicht, jemandem nahe zu bleiben aber fast unmöglich. […] Nähe kann man nur auf eine Weise erhalten; indem man festhält, was einem nahe sein soll. Damit kämpft. Es zu Boden ringt wie Jakob den Engel und sich weigert, loszulassen. Liebe ist nicht die Abwesenheit von Ringen. Liebe ist Ringen.“

Foer lässt den Nahen Osten noch sein Armageddon erleben, doch im Grunde ringen hier seine Hauptfiguren um Nähe um das Beieinandersein. Interessantes erfahren wir noch über jüdische und amerikanische Juden. Der verzweifelte Versuch, die Welt zu verstehen, wird nur noch überschattet von dem Versuch, den Anderen zu verstehen. Doch im Endeffekt heißt es ‚Hier bin ich – und kann nicht anders‘ wie Thursdaynext in Ihrem wunderschönen Beitrag schrieb. Dieses Verständnis ist im Grunde der Schlüssel:

„Wir ziehen nicht weg.
Dachte ich mir schon.
Wir hatten es vor. Rivka war fast so weit. Aber jetzt ist die Sache vom Tisch.
Was hat sich verändert?
Alles. Nichts.
Verstehe.
Wir sind nun mal, wer wir sind. Dieses Eingeständnis stellt die Veränderung dar.
Daran arbeite ich auch.“

Jonathan Safran Foer hat einen großen, unterhaltsamen, rasanten und sehr jüdischen Roman geschrieben. Der Leser wird wechselseitig im Mikro- und Makrokosmos hin- und her geschüttelt und muss aufpassen, den Faden nicht zu verlieren. Foer packt so viele Themen in sein Buch, dass es fast platzt. Teilweise konnte ich mich nicht mehr losreißen von diesem Buch, so manches Mal musste ich niederknien vor Foer, manches Mal hat mich die bis in die Spitze geschilderte Unentschlossenheit und Diskussionsbereitschaft in den Wahnsinn getrieben. Ein großartiger Roman mit klarer Leseempfehlung.

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29 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

eishai, meer, norwegen, walfang, das buch vom meer

Das Buch vom Meer oder Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen

Morten A. Strøksnes , Ina Kronenberger , Sylvia Kall
Fester Einband
Erschienen bei DVA, 29.08.2016
ISBN 9783421047397
Genre: Sachbücher

Rezension:

Als ich den Titel las, dachte ich, noch so ein „Hundertjähriger-der-aus-dem-Fenster-stieg“ Ableger? Och nö! Wieder so eine quasi-lustige Kopie des Bestsellers, als würde die Kreativität der Verlage darnieder liegen. Aber nun, warum nicht das verkaufen, was gut läuft. Doch als ich das Buch in einem Buchladen in der Hand hielt, waren alle Bedenken dahin. Schon optisch und haptisch ist das Buch ein Genuss. Der stilisierte Hai ist wie in einem Relief in den Buchdeckel geprägt. Das Buch hat ein ungewöhnliches aber nicht unangenehmes Format.

Bei dem erzählenden Teil dieses überraschenden Buches, schreibt der Autor über zwei Freunde die einen Eishai fangen wollen, vor den Lofoten, einer Inselgruppe im Norden von Norwegen. Überraschend ist dieses Buch insofern, da die Geschichte dem Autor dazu dient, Unmengen an Fakten dem Leser zu vermitteln, Fakten über das Meer. Wissen das ich vorher so noch nicht gelesen habe.

Dabei werden diese Fakten in die erzählte Geschichte mit einbezogen und der Autor Stroksnes holt dabei weit aus; über die Geschichte, in der Mystik, über die Biologie aber auch mal über die Krimi Serie Derrick (!), wird sinniert. Schon das Umfeld in dem die beiden Männer angeln, auf einem kleinen Boot inmitten der Größe der Natur, ist für den Autor berauschend und inspirirend:

„Der Anblick der berühmten Lofotenwand hat bereits auf viele Menschen Wirkung gehabt. Als der Maler Christian Krohg an einem Wintertag 1895 über den Vestfjord kam, schrieb er: ‚Ja, es ist nicht zu leugnen – ein imposanter Anblick: Das Reinste vom Reinsten, das Kälteste vom Kältesten, das Jungfräulichste vom Jungfräulichsten, das Vornehmste was man sich denken kann. Altäre für den Gott der Einsamkeit und die Unberührtheit göttlicher Keuschheit. Schwierig – schwierig, dies zu malen! Die Erhabenheit und Größe wiederzugeben ebenso wie die unerbittliche, unbarmherzige Ruhe und Gleichgültigkeit der Natur.“

Das Meer ist ein faszinierendes, weitgehend unentdecktes Feld. Ab einer gewissen Tiefe ist das Meer tödlich für den Menschen und so hat er sich dessen Erforschung nicht näher zugewandt, obwohl dessen Tiefe und Flächenausdehnung die gesamte Landmasse der Erde bei weitem übersteigt. Selbst der Himalaja würde an der tiefsten Stelle des Meeres spurlos verschwinden. Auch die Artenvielfalt ist ein vielfaches von dem was auf dem Land kreucht und fleucht. Jede Woche werden neue Arten oder Rassen entdeckt, ein Ende ist nicht abzusehen. Der Mensch ist dieser Hölle, dieser Finsternis entkommen die im Meer herrscht, doch sollte er sich darauf besinnen, dass er doch nur ein umgebauter Fisch ist, dass im Meer seine Wurzeln liegen.

Die Angel-Treffen der Freunde auf den Lofoten, die sich mit Unterbrechungen über ein Jahr hinziehen, sind für den Autor, der in einer Art Autobiografie über diese Zeit schreibt, auch ein Quell der Ruhe und Besinnlichkeit. In dieser Gegend, die unberührt von unserer modernen Zivilisation ist, spürt er die Magie der Worte, er spürt, was es heißt am Meer zu leben.

„Nachts schlafe ich bei offenem Fenster. Es geht nur eine leichte Brise, und das sanfte Plätschern von Wasser gegen Stein findet seinen Weg durch die dünne Membran des Schlafes. Auf der Westseite der Vesteralen gibt es ein eigenes Wort für dieses Geräusch, das in einer milden Sommernacht durchs offene Schlafzimmerfenster dringt und vom Meer erzeugt wird, das auf weichen Sandstrand trifft: ’sjybarturn‘.“

Die Menschen, die dort in Fischerdörfern leben, haben sicherlich ein direkteres Verhältnis zur Jagd nach Fischen als andere, es ist in der Tat ihre einzige Möglichkeit zu Überleben. Sie wissen um das Zusammenspiel von Walen, Haien, Korallen, Fischen und welches Wetter welche Möglichkeit bietet, erfolgreich die See zu befischen. Leider haben moderne Fischfangmethoden und die Gier nach maximalem Profit, viele Arten ausgerottet und damit auch das komplexe ökologische Zusammenspiel der Flora und Fauna verändert, wenn nicht sogar zerstört. Damit verschwindet leider auch das Wissen über diese Zusammenhänge und das dazugehörige Vokabular.

Kritisch setzt sich der Autor mit dieser ökologischen Katastrophe auseinander, wenn auch das Hauptaugenmerk nicht ganz darauf liegt. Wenn er davon spricht dass durch Schleppnetze Korallen zerstört werden, ist das natürlich eine verwerfliche Art der Fischerei, und man nimmt es ihm durchaus ab. Aber dann sich selbst in ein Boot zu setzen und ein vom Aussterben bedrohtes Tier zu fangen karikiert seine Aussage. So wie der Umweltaktivist, der zu Hause den Müll nicht trennt.

Der Eishai greift Menschen nicht aktiv an, ist erst nach 150 Jahren geschlechtsreif, lebt so lange wie kein anderes Wirbeltier (400 Jahre) und sein Fleisch ist für den Menschen nicht zum Verzehr geeignet. Warum ihn dann jagen? Hier bekam ich dann doch meine berechtigten Zweifel am Tun des Autors.

Morten A. Stroksens ist ein starkes Buch gelungen, ein Buch das den Leser gerade in seinen Sachbuch Passagen fordert. Geschickt, manchmal etwas langatmig, aber nie langweilig, vermischt er diese Fakten mit den lyrioschen Beschreibungen der Ausflüge der beiden Freunde auf das Meer. Nicht ganz überzeugt war ich von seiner, mir zu dezenten und nicht ganz authentischen Kritik, an der Umweltzerstörung. Dennoch hat er dies literarisch in einem Absatz wunderschön subtil ausgedrückt:

„Massenaussterben sind uns durchaus bekannt. Wir sind erst seit wenigen Jahrtausenden hier, aber wir haben uns bis in die letzten Winkel der Erde ausgebreitet. Wir waren fruchtbar und haben uns vermehrt. Wir haben die Erde bevölkert und sie uns untertan gemacht. Wir herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

Amen!

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freundschaft, new york, armut, drogen, laura schroff

Immer montags beste Freunde

Laura Schroff , Alex Tresniowski
E-Buch Text: 305 Seiten
Erschienen bei Diana Verlag, 05.10.2015
ISBN 9783641166601
Genre: Biografien

Rezension:

Tagtäglich laufen wir an vielen Menschen vorbei und sehen sie nicht. Gerade in den Metropolen haben die Menschen es zur Perfektion gebracht, innerhalb der Menschenmengen nur ihr Ziel, ihren unmittelbaren Weg zu sehen. Menschen die am Rande der Gesellschaft leben, ihren Lebensunterhalt durch Betteln verdienen, werden geflissentlich übersehen, ignoriert. So auch bei Laura Schroff die in New York lebt und sich der allgemeinen Gangart der Menschen dort angepasst hat. Sie schwebt auf einer Welle des beruflichen Erfolges, als urplötzlich ihr Schritt bei dem Anblick eines kleinen schwarzen Jungen stockt. Sie ist schon an ihm vorbeigelaufen als sie wieder umkehrt. Sie spricht ihn an, kauft ihm was zu essen und von da an verlaufen ihre Montage anders.

Laura Schroff hat in ihrem Buch 'Immer Montags beste Freunde' (im Original mit 'The invisible Thread' wesentlich treffender ausgedrückt) eine Biographie von sich geschrieben. Eine Biographie in der das Treffen mit Maurice der Mittelpunkt bildet. Das Treffen dient dazu um meist über ihre eigene Kindheit zu reflektieren. Die Freundschaft zwischen Maurice und ihr zeigt ihr, wie sehr gewisse Grundlagen einem jungen Menschen helfen kann:

"Rituale sind das, was uns im Leben erdet, was uns ein Gefühl von Sicherheit und Kontinuität gibt. Auch meine Familie hatte trotz ihrer Probleme feste Rituale gehabt. Wir aßen zu einer bestimmten Uhrzeit zu Abend, gingen jeden Atg zur gleichen Zeit ins Bett und am Sonntag zur Kirche.So war etwas Schlichtes wie den Müll rausbringen in vielerlei Hinsicht tröstlich für Maurice. Für ihn war es fast etwas Heiliges."

Die Kindheit ist eine wichtige Zeit bei jedem Menschen, etwas was sich unauslöschlich in einem festbrennt und deswegen sollte diese Zeit auch etwas Besonderes, Schönes sein.

"Es gibt ein Zitat der bekannten Gärtnerin und Schriftstellerin Elizabeth Lawrence, das mir immer gut gefallen hat: "Jede Kindheit hat ihren Garten, einen verzauberten Ort, an dem die Farben leuchtender sind, die Luft weicher und jeder Morgen verheißungsvoller ist als alle zuvor."

Laura wird für Maurice, der in einem Armenviertel mit Drogen und Gewalt aufwächst, zu einer wichtigen fixen Figur. Laura merkt das Besondere in diesem Kind und fördert Maurice wann und wo sie kann. Dabei sind es auch gerade die Gespäche mit Laura die Maurice viel bringen. Maurice hat einen Traum und merkt, dass trotz seiner schlechten Startschwierigkeiten dieser Traum verwirklicht werden kann.

"Gerade als ich dachte, es gäbe keinen Ausweg mehr, weil der erste Traum zunichtegemacht wurde, zu dem Du mich ermutigt hast, erzähltest Du mir , auch Du hättest Dich in meinem Alter in der Schule schwergetan. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie viel mir dieses Gestaändnis bedeutete. Ich dachte, wenn jemand wie Du, ein so redegewandter Mensch, dessen Leben so reich war, Probleme gehabt hatte, die er überwinden konnte, dann könnte ich das auch."

Laura Schroff erzählt eine anrührige Geschichte über den Traum eines jeden Strassenjungen, der Traum eine Chance zu bekommen, der ursprüngliche amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär.  Es allen zu zeigen und den Mahlstrom des Abgrundes zu entrinnen in den man hineingeboren wird. Dabei ist das was Laura Maurice gibt nicht Geld und teure Sachen, sie schenkt ihm Selbstvertrauen in sich selbst, Zuneigung und Liebe. Alles andere wird Maurice in den Jahren selber dazu beitragen um sein Glück zu finden.

Bei der Geschichte geht Luara Schroff sehr weit in ihre eigene Kindheit und meist handelt das Buch auch von ihr selbst, ihre eigene Kindheit.

Was ich vermisst habe, ist eine emotionale Grundstimmung in dem Buch. Laura Schroff beschreibt eher nüchtern die verschiedenen Stadien des Kennenlernens mit Maurice, seine Probleme zu Hause.
Als die Verbindung mit ihm schächer wird, weil sie einen Mann findet, der der Verbindung mit Maurice eher ablehnend gegenüber steht, beschreibt sie das genauso distanziert wie alles andere davor.
Durch diese eher aufzählende Art, kam bei mir auch kein richtiges Gefühl zu der Geschichte auf, obwohl das Thema an sich schon nahe am Kitsch gestrickt ist.

Ein mit netten Zitaten gewürztes Buch über eine ungewöhnliche Freundschaft und die Verwirklichung eines Ur-amerikanischen Traumes, das sich gut lesen lässt, aber keine tiefergehenden Gefühle bei mir hervorrufen konnte.

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Quantum

David Walton , Norbert Stöbe
Flexibler Einband: 380 Seiten
Erschienen bei Heyne, 11.07.2016
ISBN 9783453317635
Genre: Science-Fiction

Rezension:

"Gemeinhin schenken wir in der Literatur der Science Fiction nur eine begrenzte Beachtung. Dennoch hat diesselbe in gewissem Grade ihren Sinn und Wert und ist auf manchen Lebensgebieten von praktischer Bedeutung"

Dieser leicht abgeänderte Absatz stammt aus dem Klassiker 'Die Feuerzangenbowle' (Professor Crey zu seiner Klasse vor dem verhängnisvollem 'wönzögen Schlock')  und trifft im hier vorliegenden Roman nur in einem gewissen Grad zu. Leider wird hier das Vorurteil untermauert, ein Science Fiction Roman gehöre einer unterklassigen Literaturschicht an.

Alles beginnt, als Jacob Kelly Besuch von seinem alten Freund Brian bekommt. Dieser erzählt ihm ganz unwahrscheinliche Dinge. Jacob und Brian sind beide Physiker und haben zusammen beim NJSC gearbeitet, der einen Superteilchenbeschleuniger betreibt. Jacob hat seine Forschungskarriere wegen seiner Familie aufgegeben. Er ist nun Lehrer an einem College und lebt mit seiner Frau und seinen drei Kinder friedlich und ohne Stress.

Brian macht ihm Vorwürfe, dass Jacob seine Karriere weggeworfen habe. Er selbst hätte in seiner Forschung einen Durchbruch erzielt. Zum Beweis läßt er einen Kreisel rotieren, der einfach nicht aufhört zu kreiseln.

Die nächste Szene spielt im Gerichtssaal, wir erfahren, dass Jacob Brian umgebracht hat. Doch wie ist es dazu gekommen? Zumal der Ablauf der Verhandlung und Jacobs Verhalten darauf schließen lassen, dass er es wirklich gewesen ist. Die nächsten Kapitel verwirren umso mehr, es scheint als gäbe es zwei Hauptfiguren, die unterschiedliche Dinge erleben.

David Walton versteht es anfangs geschickt, die Spannung aufzubauen und auch die komplexen Sachverhalte der Quantenphysik dem erstaunten Leser zu präsentieren. Ein Atom kann immer mehrere Zustände einnehmen, ein Zustand der vorher weder zu berechnen noch eindeutig ist. Werfe ich eine Münze, ist das Resultat, Kopf oder Zahl, erst dann offensichtlich, wenn ich die Hand von der Münze nehme.

Genau wie Schrödingers Katze, die in einem Gftgas-Tank sitzt, der durch ein instabiles Atom freigesetzt werden kann. Dessen Zustand kann nicht berechnet werden, also auch nicht der Zustand der Katze. Sie hat nur dann einen bestimmten Zustand, nämlich tot oder lebendig, wenn ich nachschaue, sie kann aber, wenn ich nicht schaue beide Zustände annehmen. Verzwickt? Nun ja, Physik war auch nicht mein Lieblingsfach in der Schule, an Quantenphysik traue ich mich gar nicht heran.

David Walton führt seine Leser geschickt hinters Licht, setzt aber gegen Ende doch zu sehr auf den Faktor: erlaubt ist, was die Spannung antreibt. Ob die Geschichte jetzt Logiklöcher hat oder nicht, liegt nicht in meinem Ermessensspielraum. Sie hat beide Seiten, erst wenn Du sie liest weißt Du ob sie welche hat. oder nicht.

Aber das wäre jetzt das Spiel zu weit zu treiben. Neben dem etwas unrealistischen Plot und Spiel der Figuren, sind die Interaktionen der Charaktere untereinander recht hölzern, der Plot wirkt auch lieblos zusammengeschustert und so bleibt leider das Vorurteil erhalten was viele über dieses Genre zu Unrecht haben: Unrealistisch, keine Literatur, unverständlich, keine gute Story.

Gute Ansätze sind hier vorhanden, doch sie fallen dem Gott des Thrillers zum Opfer. Schade.

 

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"Und draußen weht ein fremder Wind ...": Über die Meere ins Exil

Kristine von Soden
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei AvivA, 27.09.2016
ISBN 9783932338854
Genre: Sonstiges

Rezension:

Es gibt Tage, an die man sich sein ganzes Leben erinnert. Neben den ganz privaten Schicksals- oder Freudentagen gibt es weltpolitische Umwälzungen, die das ganze Leben verändern können. Wer weiß bis heute nicht noch ganz genau was er am 11.9.2001 getan hat, als der Terror über die westliche Welt hereinbrach? Es gibt noch ein anderes Datum an dem etwas historisch vergleichbares passierte. Das Grauen brach über die Welt herein. Am 30.Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Das Weimarer Reich und die Demokratie endeten in Deutschland.

15 Jahre später wurde an diesem Tag Mahatma Gandhi in Neu-Delhi erschossen, doch 1933 erlebte ganz Europa den Beginn einer Schreckensherrschaft.

Mit persönlichen Gedanken und Empfindungen von Juden zu diesem Tag, beginnt das chronologisch ab 1933 bis 1945 aufgebaute Buch "Und draußen weht ein fremder Wind ..." - Eine Geschichte der jüdischen Auswanderung aus Deutschland, zusammengefasst von Kristine von Soden und liebevoll lektoriert von Britta Jürgs. Es ist besonders hervorzuheben, wie gut man sich in die damalige Zeit hineinversetzen kann, dank der eingestreuten Bilder und Plakatdrucken. Dieses Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, umrahmt eher die geschichtlichen Ereignisse durch die ganz persönlichen Berichte der jüdischen Betroffenen.

Viele Juden erkennen schon früh, dass ihre Zukunft außer Landes liegt, doch viele glauben auch, dass Hitler nur ein flüchtiger Schreck ist. Für viele ist dieser Irrglaube ein tödlicher Fehler.

Anfangs gestaltet sich die Ausreise noch problemlos. Obwohl die Weltwirtschaftskrise auf ihrem Höhepunkt ist, werden in Übersee oder Palästina geschulte Arbeitskräfte benötigt. Die Ausreise geschieht meist über das Meer, die europäischen Ziele sind zu unsicher, selbst die Schweiz nimmt zwar Juden auf, aber eine Arbeitserlaubnis erhalten nur sehr wenige. Viele Einzelschicksale werden beschrieben, Geschichten von Familien, Tragödien. Die Rechte der Ausreisenden werden Monat für Monat beschnitten, jüdische Institutionen nur noch geduldet, wenn diese mithelfen, die unerwünschten Nicht-Arier aus dem Land zu führen.

Juden werden zwar genötigt außer Landes zu reisen, doch ihr Hab und Gut müssen sie im Reich lassen. Was mitgenommen werden kann, beschränkt sich meist auf wenige Habseligkeiten. Die Umstände verschärfen sich von Jahr zu Jahr und jede Bestimmung ist genauestens deutsch-akribisch aufgelistet:

"[...] sonstige Silbersachen bis zum Gewicht von 40g je Stück bis zu einem Gesamtgewicht von 200g je Person. Die Kosten für die Prüfung des Umzugsgutes gehen zu Lasten der Geprüften. Quittiert mit Reichsadler und Hakenkreuz."

Zu der materiellen Enteignung kommt die innere Enteignung. Jüdische Schriftsteller dürfen nicht mehr über Deutschland schreiben:

"Dieses Nichtschreibendürfen, was man schreiben wollte, dieses Nichtsagendürfen, was es einen auszusprechen drängte, dieses Nichtdenkendürfen, weil aus dem Denken ein Sagen oder Schreiben hätte werden können."

Doch es ist schwierig nach Amerika einzureisen. Neben Geld wird von den Einreisewilligen eine Bürgschaft verlangt.

"Durch die schweren Unruhen seit April 1936 in Palästina rücken die USA auf den ersten Platz der angestrebten Exilländer. Die schwierigste Klippe ist im Unterschied zu anderen Zielen die Erlangung eines Affidavits, jener Bürgschaft von US-amerikanischen Verwandten, die garantiert, dass auf den Staat für die um Einlass Bittenden keine Kosten zukommt."

Wie in Amerika, gibt es auch in vielen anderen Ländern eine Verschärfung der Einwanderung um den Zustrom einzudämmen. Auswanderer lernt Sprachen, heißt es im Korrespondenzblatt der jüdischen Auswanderung im Herbst 1937. Denn auch Sprachkenntnisse sind gefordert, um einfachen Zugang zu einem Land zu finden. Auch wird die Unterstützung der Auswanderung ohne Sprachkenntnisse verweigert. Anna Frank-Klein, die es nach Palästina geschafft hat beschreibt das Leiden der Juden während der Auswanderung so:

"Wind und Wellen hatten im Laufe der Jahre Erde angeschwemmt, so dass es möglich geworden war, darauf zu sähen und zu ernten. Aber nun war die Zeit der Ruhe für das riesige Tier vorüber. Es schüttelte sich und schwamm in die Tiefe des Meeres, von der es gekommen war. Die meisten Menschen ertranken im Meer. Nur wenigen gelang es, sich auf Schiffe zu retten. Sie weinten um ihre Familien und Freunde. Sie schauten einander mit Tränen an und fragten: Was war das? Wir glaubten, wir hätten festen Boden unter den Füßen. Wir glaubten, wir hätten eine neue Heimat gefunden. Und wo war sie nun."

Die Gründung des Staates Israel 1948 ist nur ein Schritt der Jüdischen Gemeinde, wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen, das Ziel Frieden zu finden ist immer noch in Arbeit.

Ein unverzichtbares Buch, das die Grausamkeit an den Juden mit Bildern, Zitaten, Auszügen aus Tagebüchern und Gedichten der Betroffenen dokumentiert. Es sind die vielen Bilder und Abdrücke der Plakate und Zeitschriften, die diesen Geschichtsabschnitt so lebendig machen. Ich konnte mich sehr gut in die Zeit hineinversetzen und in welchem Zwiespalt die verfolgten deutschen Juden standen, ihr doch geliebtes Heimatland verlassen zu müssen.

 

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Papa, was ist ein Terrorist?

Tahar Ben Jelloun , Christiane Kayser , Christiane Kayser
Fester Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 04.10.2016
ISBN 9783827013422
Genre: Sachbücher

Rezension:

„Papa, ich habe panische Angst!“

So beginnt der imaginäre Dialog von Tahar Ben Jelloun mit seiner Tochter. Wenn Erwachsene schon so viel Angst haben vor dem Terror, vor dem Schrecken, aber auch vor Migranten, vor dem Anderssein, was ist dann mit den Kindern. Diese dürfen wir nicht alleine lassen, mit ihren Gefühlen.

Alleine lassen dürfen wir aber auch nicht die Verwirrten und von der Politik Verlassenen, die in jedem dunkelhäutigen Fremden einen Terroristen und im Islam eine Terrorreligion sehen.

„Diese Angst ist, was der Terror hervorbringt. […] Es ist ein Zustand, der auf Entsetzen gründet, und manchmal löst er Panik aus. Wer terrorisiert wird, büßt seine Widerstandskraft ein. Er ist entwaffnet, verletzlich und schwach, er hat den Eindruck, vom Unheil verfolgt zu sein. Er ist entsetzt. Die Vernunft kann ins Schwanken geraten, das Denken vermag nichts mehr.“

Tahar Ben Jelloun geht in seinem Buch „Papa, was ist ein Terrorist?“ sehr methodisch vor. Ausgehend von einem Gespräch mit seiner Tochter, die wichtige und auch intelligente Fragen stellt, geht er erst auf die Angstgefühle ein, erklärt den geschichtlichen Hintergrund von Terror und den wichtigen Unterschied zu Widerstand.

„… seit jeher haben die Menschen sich geweigert, ohne Freiheit und Würde zu leben, Sklaven zu sein. Deshalb lehnen sie sich auf und wählen dazu das wirksamste Mittel. Auf keinen Fall darf Terrorismus mit Widerstand verwechselt werden. Ich betone noch einmal: Der Terrorismus ist ein Mittel, eine Vorgehensweise, kein Denken und keine Philosophie.“

Er gibt Beispiele des Terrors in der Geschichte und in heutiger Zeit. Dabei hat sich die Qualität des Terrors seit der RAF-Zeit und heute sicherlich gewandelt. Terror heute ist Gewalt gegen Unschuldige, die RAF hat sicherlich auch den Tod von Unschuldigen billigend in Kauf genommen, hat sich aber, in ihren Anschlägen, auf die verhassten Staatsträger konzentriert. Terror heute, richtet sich wahllos gegen wehrlose Menschen. Gewalt, die auch der Islam verurteilt. Für den Autor ist nicht der Islam schuld an dem jetzigen Terror, der Islam wird nur für dessen Zwecke missbraucht. (So wie sicherlich die Idee des Christentums in den Kreuzzügen strategisch missbraucht wurde). Wir müssen akzeptieren dass es Terror gibt, der einem Menschen nicht anzusehen ist, der grundlos und wahllos zuschlagen kann.

„Akzeptieren ist lernen, den Tatsachen ins Auge zu sehen und zu erkennen, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist, bei dem alles wunderbar abläuft, alle Menschen gut und freundlich, großherzig und hilfsbereit sind, dass das Böse existiert und ein jeder fähig ist Böses zu tun, sei es einfach so, sei es aus einem schändlichen Grund, der sich jeder Logik entzieht.“

Terroristen morden heute im Namen des Islams, missbrauchen diesen dabei aber auch fälschlicherweise für ihre Zwecke. Klug und fundiert zeigt uns der Autor viele Stellen des Islam und interpretiert diese. Auch auf unangenehme Fragen, warum die arabischen Staaten nichts gegen den Terror unternehmen, ja ihn sogar unterstützen, geht er ein. Hier ist natürlich die Kriegsindustrie und das Kapital wesentlicher Motor der Uneinigkeit und des Übels. Doch Tahar Ben Jelloun schreibt keine Hetzschrift. Klug, intelligent, sachlich und weitgehendst wertfrei, erarbeitet er seiner Tochter die Geschichte und Hintergründe des Terrors.

Letztendlich liegt es in unserer Hand, die nächste Generation auf dem langen Weg der Aufklärung vorzubereiten, der noch zu gehen ist.

„Es bleibt die Arbeit der Eltern, die sehr wachsam sein und überprüfen müssen, was für ein Bild die Kinder über das Netz empfangen. Doch ich betone, diese Wachsamkeit ist schwer aufrechtzuerhalten; es ist dabei sehr wichtig, feste und dauerhafte Beziehungen zu seinen Kindern aufzubauen, sie zu unterstützen, zu warnen, mit ihnen zu sprechen, ihnen die Dinge zu erklären, ihnen zu vertrauen, und ihnen Verantwortung zu übertragen.“

Ein sachliches, fundiertes und kluges Buch, dass unaufgeregt die geschichtlichen Grundlagen unserer Welt beschreibt und in Kinderhände ab 14 gehört. Es braucht mehr solcher Stimmen in dieser verrückten verwirrten Welt.

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61 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

die chronik des eisernen druiden, druide, fantasy, vampire, atticus o'sullivan

Die Chronik des eisernen Druiden - Getrickst

Kevin Hearne , Friedrich Mader
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 05.08.2016
ISBN 9783608961348
Genre: Fantasy

Rezension:

Im vierten Band der Druiden Reihe, ist der letzte eiserne Druide auf Erden auf der Flucht. Kein Wunder, denn die gesamten Gottheiten sind seit dem letzten Band auf der Suche nach ihm, um das Gemetzel was er und seine Freunde angerichtet hatten, zu rächen. Deshalb bereit er akribisch seinen Tod vor, wobei ihm sein alter Kumpel Coyote hilft. Doch auch dieser möchte eine Gegenleistung von ihm haben. Diese besteht darin, Gold unter Erde an eine bestimmte Stelle zu schaffen, damit die Nachkommen seines Volkes reich werden.

Doch so einfach ist dieser Gefallen nicht, da Atticus schon seit langem mit dem dienstbaren Geist, der das Gold verschiebt, nichts zu tun hatte und vorher muss er auch noch die Kohlenmine aus dem Weg räumen. Beim 'Goldlager' tauchen noch einige fast unbezwinbare Geister auf und mit der Liebe hat Atticus auch noch zu kämpfen, überhaupt denkt man er ist alleine mit seinem Kampf auf dieser Welt:

"'Vielleicht könnte man meine Arbeit so beschreiben, dass ich die Erde vor Arschlöchern schütze.''Ah verstehe', Frank zögerte, ehe er weitersprach. 'Sieht aber irgendwie aus, als wären die Arschlöcher am Gewinnen, oder?' 'Das liegt daran, dass ich hoffnungslos in der Unterzahl bin.'"

Der vierte hier vorliegende Band ist trotz der üblichen Ingredenzien, der schwächste der Reihe. Viele Dialoge schleppen sich dahin, der Witz ist nur spärlich eingeflochten und manchmal kommt mir die Art des Kampfes und die Gegner etwas wahllos vor.

Trotzdem freue ich mich auf den nächsten Band, da diese Reihe immer noch etwas Außergewöhnliches in der Fantasy Welt darstellt.

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33 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

ehe, gespräch, liebe, französische literatur, fiktion

Sozusagen Paris

Navid Kermani
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 26.09.2016
ISBN 9783446252769
Genre: Romane

Rezension:

Liebe.

Was für ein mächtiges Wort! Liebe ist mit Schmerzen und Leid, mit Aufregung, Kribbeln, ‚Flugzeugen im Bauch‘ verbunden. Ein Gefühl, das Königreiche zum Wanken bringt, ein Gefühl welches so egoistisch aber auch so rein sein kann. Ein Gefühl zum nicht-ertragen, aber ohne geht es auch nicht. Liebe wird gesucht und dann so oft verflucht, wenn sie gefunden wird. Die Literatur hat sich gerade mit diesem Thema wohl am meisten auseinander gesetzt.

So auch in diesem Buch. Der von mir sehr geschätzte Autor Navid Kermani nimmt einen Abend als Grundlage für ein Kammerspiel, um über die Liebe nachzudenken. Nur zwei Personen sind Akteure, ein Mann und eine Frau. Eine Grundlage, die für Monumentalwerke von monströsem Umfang reicht. Kermani hat nur 288 Seiten, die es aber in sich haben. Was das Buch von anderen abhebt, ist sein Rahmen, sein Humor, sich und das Thema nicht ganz ernst zu nehmen und die geschliffene, opulente, ausschweifende und treffende Sprache von Kermani. Ich habe noch nie ein Buch von ihm in die Hand genommen und mich gelangweilt.

Der Rahmen ist schnell erzählt. Der Ich-Erzähler, ein Mann in den besten Jahren, frisch geschieden, ein etwas eitler Schriftsteller, kommt zu einer Lesung in die Provinz. Dort lebt eine verflossene Jugendliebe von ihm, die plötzlich auf der Lesung auftaucht und von der er nicht viel weiß. Über sie hat er in seinem Buch geschrieben und vielleicht könnte er ein Wochenende in Paris mit ihr organisieren, sie aus der Provinz entführen. Doch es kommt ganz anders. Jutta, die so nicht heißt, er nennt sie aber so, ist Bürgermeisterin des Ortes, mit einem Arzt verheiratet und hat 3 Kinder. Eine Frau von Welt. Paris funktioniert nicht ganz. Nur sozusagen.

Sie lädt ihn zu sich nach Hause ein, zu einem unverbindlichen Glas Wein. Dort angekommen, bemerkt er die vielen Bücher von französischen Schriftstellern in ihrem Regal, was ihn veranlasst, während des Gespräches immer wieder in diese Werke, gedanklich, zu versinken. Das Gesprächsthema ist – die Liebe, was sonst. Die Vergangenheit, was wäre wenn, das eigene Glück und Unglück und – was ist Liebe.

„Die Liebe besteht wahrscheinlich darin, dass der andere nach und nach das Bild ersetzt, in das man sich verliebt hat. […] Also, dass der andere mit seiner eigenen Wirklichkeit, als reale Person, im Laufe der Jahre die Projektion überdeckt, die man sich am Anfang von ihm gemacht hat.“

Nun kommt, was das Buch so besonders macht, was es von anderen Büchern über das Thema unterscheidet, der Ich-Erzähler, etwas enttäuscht ob seiner geplatzten Träume, Jutta, die nicht so heißt, aus ihrem Provinzkaff zu erretten, denkt über imaginäre Gespräche mit seinem Verleger nach, da er die Begegnung in ein Buch bannen will. Denkt darüber nach, was dieser davon hält, wenn er nicht schreibt, dass er den ganzen Abend nicht auf Toilette war, denkt darüber nach, was der Leser von seinem noch nicht geschriebenen Buch hält.

„Womöglich stört sich der Leser an den Zitaten, die in die Handlung eingestreut sind, findet sie überflüssig, bildungsbeflissen oder poetologisch falsch, da ich von meinem Platz auf dem Sofa zwar auf das Regal blicke, aber in Wirklichkeit natürlich nicht alle paar Minuten aufstehe, um Jutta aus einem Buch vorzulesen. Es ist ja entblödend, nach dem vorherigen Buch jetzt auch noch den Roman zu verteidigen, den ich schreiben werde, erst recht nach der Ankündigung, dass sich die Verweise auf die französische Literatur von selbst erklären würden. Aber sind Romanschreiber nicht alle irgendwie Liebende, die sich – und sei es postum – nach dir, Leser verzehren, und gehört nicht die Narrheit zur Liebe hinzu?“

Kermani verlässt die Ebene des Abends um, ja, um die Gedanken zur Liebe zu entspannen, zu groß und mächtig wird dieser Begriff zuweilen, ein Begriff den jeder Mensch anders interpretiert. Er spielt mit den Ebenen wie Bri in ihrem Beitrag treffend bemerkt. Juttas Berichte über ihre Ehe sind manchmal recht profan, eine Allerweltsehe mit Allerweltsproblemen, der Alltag frisst das Gefühl.

„Ja, klar, deshalb hat unsere Ehe ja bis heute gehalten: So richtig viel konnte ich ihm objektiv nie vorwerfen. Manchmal hätte ich mir fast gewünscht, dass ich aufgewacht wäre und hätte ein Monster neben mir vorgefunden. Dann hätte ich einfach gehen können. Aber da war ein Monster, das war eigentlich genau der gute Typ. Aber aufgewacht bin ich dennoch neben ihm.“

Kermani geht mit dem Leser auf eine Rundreise durch die französische Literatur – und zwar nur über sie – und würzt seine Novelle, sein Essay mit Zitaten aus diesen Werken. Er verknüpft dieses oft mit dem Gespräch mit Jutta, mit ihren Schilderungen, mit seinen Gedanken.

„Im Grunde genommen schildern alle vormodernen Liebesgeschichten das Begehren, nicht die Vereinigung selbst, schon gar nicht das Zusammenleben zweier Liebender, ihre Ehe, ihr Altwerden Seit an Seit. Im Drama sterben die Liebenden, bevor sie sich finden, und das Märchen hört dort auf, wo sie sich gefunden haben – und nur weil sie nicht gestorben sind, leben sie noch heut. Erst mit der bürgerlichen Ehe beginnt die Literatur, Liebe als ein langjähriges Verhältnis zu schildern.“

Es ist eine wunderschöne Reise, in der ich oft an meine eigenen Gefühle, an meine Erfahrungen, Erlebnisse  gedacht habe, an Momente wie diese, die ich auch oder so ähnlich erleben durfte:

„… ist die mit Abstand zärtlichste Szene der gesamten Recherche diejenige, in der Albertine schläft: ‚Ich habe bezaubernde Abend mit Albertine verbracht, wenn wir plauderten oder wenn wir spielten, aber niemals so süße, wie wenn ich ihrem Schlaf zuschaute.'“

Natürlich dürfen auch die frustrierenden Gedanken nicht fehlen, das Festhaltenwollen eines Gefühls, was sich nur so unendlich weit ausbreiten kann, wenn man es loslässt.

„In dem Augenblick, da sie sich erfüllt, schwächt sie sich bereits ab, so unbewusst vorläufig auch immer – nein, sie vergeht nicht zwingend, im Gegenteil, im besten, aber leider auch seltenen Fall kann sie abgekühlt fester und beständiger werden -, weil sie um das Moment des Unvorstellbaren, des Ungreifbaren, des Unerreichbaren gebracht ist, in gewisser Weise und ihre Transzendenz.“

Kermani hat mich in seinem wunderbaren Buch zum Träumen, Nachdenken, Lachen und Weinen gebracht. Gerade durch den engen Rahmen den er hier gesetzt hat, ein Mann, eine Frau, ein Abend hat er sich auf das Thema Liebe vollends fokussiert. Was nicht fehlen darf ist der Humor, auch und gerade bei einem so mächtigen Gefühl. Für diesen Kniff der Selbstironie liebe ich ihn und dieses Buch.

Was will er uns sagen, fragte Bri in ihrem Beitrag zu diesem Buch. Muss ein Buch immer eine Aussage haben? Gute Bücher sollen meine Gedanken anregen, mir Spaß machen, mich zum weiterlesen verführen, mich unterhalten und mich an sie noch nach Wochen und Monaten zurück erinnern lassen.  Das alles hat Kermani geschafft. Ein absolutes Buchhighlight 2016 für mich.

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57 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

usa, ecuador, new york, entscheidungen, reisen

Unentschlossen

Benjamin Kunkel , Stefanie Röder
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag Taschenbuch, 03.11.2007
ISBN 9783833304941
Genre: Romane

Rezension:

"Ich schätze, sein oder nicht sein ist die Frage. Damit hatte keiner gerechnet. Aber offenbar ist für manche Leute die Entscheidung, alles zu beenden, die erste wichtige Entscheidung ihres Lebens. Natürlich auch die letzte."

Dwight ist Ende 20 und furchtbar unentschlössen. Als Student der Philosophie hat er sicher eine Erklärung. "Unentschlossen zu sein, ist der Ersatz für die eigene Unsterblichkeit.", So ein bekannter Philosoph.Dwight ist beliebt und organisiert die nächste Abschluß-Collgeparty. Nachdem die Collegeschönheit und Exfreundin Natasha ihm antwortet, dass sie kommt - oder nicht, erkennt er darin eine Geistesgemeinschaft und möchte sofort zu ihr nach Ecuador reisen.
Dort angekommen trifft er Natasha und Brigid, verliert Natasha sofort wieder und macht sich mit Brigid durch den Dschungel um mit ihr über die Konsumgesellschaft und die allgemeine Unentschlossenheit der Menschheit zu diskutieren.

"Überleg dir wie du dich in einer Konsumgesellschaft fühlst, in der man dich ständig um kleine Mengen von Wünschen bittet und sie vergeudet, so dass du nie genug Leidenschaft für eine einzige Sache aufsparen kannst."

Dwight hat vor der Reise eine Medizin gegen seine Unentschlossenheit bekommen. Abulinix soll ihn heilen. Im Dschungel spürt er schon die ersten Resultate!

"Als wir in der Abenddämmerung in Banos ankamen, stürmte ich in die Hombres Toilette an der Bushaltestelle und pinkelte mit mächtigem Strahl in das stinkende Pissoir. Es tat unheimlich gut, den leidenden Inhalt meiner Blase freizulassen. Dann wich meine Qual einem halben Glücksgefühl, und ich überlegte, wie gern ich doch pinkelte, und eigentlich auch nieste, schiss, Ohrenschmalz aus den Ohren oder Rotz aus der Nase popelte, ejakulierte oder spuckte, und wie gern ich mich sogar übergab, wenn mir schlecht war - all diese Dinge. Vielleicht wurde ich nie ein kluger und entschiedener Mensch, aber wenigstens lag ein ganzes Leben des Ausscheidens und anderweitigen Entsorgens vor mir, und wie konnte ich mit der Aussicht auf diesen kostenlosen , moralisch wertfreien und im Übermaß vorhandenen Genuss mein widerliches Leben auf Erden jemals bedauern? Ich bin das Gift in mir, dachte ich, und es ist herrlich, es loszuwerden."

Unentschlossen war im Jahre 2007 DER Debütroman aus Amerika. Unentschlossen ist sicher witzig, in manchen Situationen auf den Punkt gebracht und sprachlich rasant. Was der Roman nicht ist, ist eine Gesellschaftskritik. Zu unscharf sind die Kritiken und zu sehr ironisiert in die Witzwatte verpackt, als dass man sie greifen oder ernst nehmen kann.

Wenn man sich davon befreit mehr in diesem Buch zu sehen, erlebt man ein herrliches Leseerlebnis, mit sehr schönen pointierten Seitenhieben auf die amerikanische Gesellschaft. Einfach ein Buch was durch seine Sprache Lust aufs Lesen macht.

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197 Bibliotheken, 9 Leser, 1 Gruppe, 52 Rezensionen

menschenhandel, frankreich, krimi, charlotte link, bulgarien

Die Entscheidung

Charlotte Link
Fester Einband: 580 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 05.09.2016
ISBN 9783764504410
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Warum schreibt ein Schriftsteller? Um Geld zu verdienen? Um seine Aussage an den Leser zu bringen? Um auf ein aktuelles Thema hinzuweisen? Um zu unterhalten? Wohl von allem ein bisschen (von Sachbüchern und Hetzschriften mal abgesehen).

Charlotte Link ist seit Jahrzehnten eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin und hat eine treue Fangemeinde.Bis dato hatte ich noch kein Buch von ihr in der Hand. Und bis dato sah ich auch keine Veranlassung, eines in die Hand zu nehmen. Mainstream hat mich immer abgeschreckt, ist es doch für mich der kleinste gemeinsame Nenner, ohne Ecken und Kanten, wenn es vielen gefällt kann es nicht den für mich individuellen Geschmack haben. Habe ich jetzt wegen des gemeinsamen Geburtsjahres (nachträglich alles Gute zum Geburtstag Frau Link (am 5.10)) oder wegen ihrer Geburtststadt Frankfurt am Main (mit der mich auch vieles verbindet), dieses Buch in die Hand genommen? Vielleicht wollte ich auch verstehen, warum meine Frau bei ihren Büchern so begeistert ist, dass alle in unseren Bücherregalen versammelt sind. Außerdem spielt das neue Buch in meiner heißgeliebten Provence.

Und so nahm ich den neuesten Thriller (ein Kriminalroman ist es definitiv nicht!) von Charlotte Link in die Hand und begann zu lesen.

Der Aufbau ist sehr interessant gewählt. Es wird aus den verschiedenen Blickwinkeln der Protagonisten erzählt und so bekommt der Leser eine größere Bandbreite der Handlung mit. Die scheinbar losen Erzählungsstränge verbinden sich nach und nach zu einer zusammenhängenden Geschichte.

Simon will die Weihnachtszeit mit seinen Kindern im Haus seines Vaters in der Provence verbringen. Er ist Anfang Vierzig, hat eine neue Beziehung, aber nicht den Mut, diese in seinem Leben ankommen zu lassen. Überhaupt ist er mehr der Typ den man herumschubst. Als selbstständiger Übersetzer hat er keine großen Ambitionen, ganz anders seine erfolgreiche Freundin Kristina, die, als Simon erfährt, dass seine Kinder doch nicht nach Südfrankreich kommen, mit ihm endgültig bricht. Auf einem Spaziergang am Strand wird er Zeuge eines Handgemenges mit einer jungen Frau. Simon mischt sich, entgegen seiner Natur ein und hilft dem verwahrlosten Mädchen, welches ohne Papiere und Geld in ein Haus einbrach. Nach und nach wird er in eine tödliche Geschichte mit hinein gezogen.

Parallel schwenkt Charlotte Link ihre Erzählung nach Bulgarien, nach Sofia. Sie schildert, wie die Eltern einer kinderreichen Familie immer verzweifelter werden, da es an allen grundlegenden Dingen, wie Arbeit, Nahrung oder warmer Kleidung fehlt. Als eine Frau auftaucht, die der ältesten hübschen Tochter eine Karriere in der Modebranche verspricht, greifen die Eltern, auch ob des für sie hohen Ablösebetrages, schnell zu. Der Leser weiß natürlich, was hinter dieser Frau, die sich als Mitarbeiterin einer Agentur ausgibt, steckt. Zeitgleich verstrickt sich Simon immer mehr in die Geschichte der magersüchtigen Landstreicherin.

Charlotte Link hat einen Eintopf voller Ingredenzien zu einem aktuellen Thriller gerührt. Dabei wirft sie ab und zu aktuelle Ereignisse ein, wie die Anschläge in Paris, ohne diese aber zu vertiefen. Alle anderen Zutaten der Suppe kennt der geneigte Leser schon zur Genüge, wichtig sind zum Gelingen hierbei doch die Gewürze. Oder vielleicht ist dann doch eine Zutat dabei, die überrascht. Doch das ist hier nicht der Fall. Die Geschichte wirkt in manchen Bereichen etwas hölzern erzählt, wie mit Bauklötzen gebaut. Auch vor Binsenwahrheiten machte Frau Link nicht halt.

"Ihr habt Geld. Das habe ich an dem Haus in La Cadière gesehen.' 'Und wer Geld hat, ist glücklich?' Sie hob die Schultern. 'Er hat ein paar Sorgen weniger. Weißt du, ich glaube, dass sich Jerome wegen des Geldes in irgendetwas Böses verstrickt hat. Weil er mehr Geld wollte.' Weil er mehr Geld wollte.' Simon sah sie überrascht an. 'Das hättest du Lieutnant Caparos sagen müssen.' ' Es ist nur eine Vermutung', sagte Nathalie. 'Weil es meistens Geld ist, das Menschen dazu verführt, Dinge zu tun, die sie nicht tun sollten.'"

Zum Glück sind diese Stellen nicht so oft gesät in dem Roman. Die Landschaftsbeschreibungen sind ordentlich, aber auch nur oberflächlich. Die Charaktere bestehen größtenteils aus Klischees, einzig Nathalie, die aufgetauchte Unbekannte, hat mich an einigen Stellen überrascht. Der Roman liest sich auch gut, obwohl er einige Längen aufweist. Fünfzig bis hundert Seiten weniger hätten der Spannung gut getan, aber welcher Lektor sagt das einer Charlotte Link? So ist insgesamt eine ordentliche Gemüsebrühe zu vermelden, die aus bekannten Zutaten mit etwas Salz und Pfeffer vermischt, sich bestimmt wie geschnitten Brot verkauft. Aus der Masse der Neuerscheinungen ragt nur der Name Charlotte Link heraus. Aber das reicht eben für einen Bestseller.

 

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142 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 41 Rezensionen

hooligans, hannover 96, gewalt, hannover, familie

Hool

Philipp Winkler
Fester Einband: 310 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 19.09.2016
ISBN 9783351036454
Genre: Romane

Rezension:

Erst einmal herzlichen Glückwunsch für die Nominierung zum Deutschen Buchpreis und die Aufnahme in die Shortlist. Deshalb habe ich das Buch jetzt nicht gelesen, es passierte einfach zufällig. Hätte ich es in die Hand genommen, wenn ich gewusst hätte, dass es nominiert ist? Seit Jahren verfolge ich den Deutschen Buchpreis, habe es mir aber abgewöhnt, die Bücher nur deswegen zu lesen. Und ja, ich hätte es gelesen, schon alleine wegen des Themas. Und weil ich finde, dass es sich lohnt, sich mit den Büchern von jungen deutschen Autoren (auch den weiblichen) näher zu beschäftigen. Sie sind sehr nahe dran. Nahe dran am Geschehen. Das ist auch Hool.

Heiko Kolbe ist so ein Hool[igan]. Keine Dumpfbacke, wie sich viele Menschen die massigen Quadratschädel immer vorstellen, die bei jeder gewalttätigen Schlägerei dabei sind. Heiko ist Ende Zwanzig, wohnt bei einem Kumpel und hilft bei der Gym-Halle bei seinem Onkel aus, die im Grunde eine getarnte Geldwaschanlage für zwielichtige Geschäfte ist.

Zwischendurch werden Kämpfe organisiert. Kämpfe zwischen rivalisierenden Fußball-Hooligans, eine Horde gegen eine andere, nur Fäuste, keine Regeln. Heiko ist stolz, dass er von seinem Onkel berufen wird, dessen Nachfolger bei der Organisation zu werden. So steigt er in der Hierarchie auf. Denn das ist sein Leben, seine Welt. Die anderen, das sind die Spießer:

„An der weißen Querstange, die die Zuschauer vom Spielfeld trennt, lehnen die Väter und Mütter. Hauptsächlich Väter. Zwei von ihnen stehen nicht weit weg von mir. Allein bei ihrem Anblick kriege ich das kalte Kotzen. Jack-Wolfskin-Jacken. Stoffhosen und atmungsaktive Ü30-Turnschuche. Ich gebe ja nicht viel auf Äußerlichkeiten, aber es ist die Verbindung dieser, ja, Uniform kann man fast sagen, und dem, was solche Vögel für ’nen verbalen Dünnschiss verzapfen.“

Heiko macht sich so seine Gedanken über die Welt, seine kaputte Familie, seine kaputte Beziehung. Aber im Grunde braucht er das ja alles nicht. In seiner Familie bekommt er den Mund nicht auf, die Probleme, die er hat kann er nur mit den Fäusten lösen:

„‚Heiko. Ich hasse Mama dafür. Ich hasse sie dafür, dass sie einfach abgehauen ist. Ich hasse sie dafür, dass wir ihr so egal sind.‘ Ich wollte ihr sagen, dass es mir ähnlich geht. Dass das keine Familie ist. Und auch nie eine war. Jedenfalls soweit ich mich erinnern konnte, war sie das nicht. Ich wollte Manuela sagen, dass sie meine Schwester ist. Ich meine: natürlich ist sie das. Aber eigentlich wollte ich damit noch etwas anderes sagen. Statt all dem und noch mehr, was ich vielleicht hätte sagen können, sagte ich aber gar nichts. Denn ich bekam die Schnauze mal wieder nicht auf.“

Seine Kumpels wollen aber mehr als saufen, schlagen und Drogen nehmen. Nach und nach merkt Heiko, dass sich die gewohnte Welt ändert:

„Ich überlegte, was ich sagen könnte. Gottverdammte Scheiße, so was konnte ich noch nie. Kann ich auch heute noch nicht. Meine Gefühle artikulieren, wie Manuela das formuliert. Da fällt mir gar nichts mehr ein, mein Hirn blockiert und anstatt, dass irgendetwas Sinnvolles rumkommt, werde ich nur wütend. Komischerweise aber nicht in dem Moment. Do wollte ich mich am liebsten aus dem Auto beamen oder so etwas, aber Scheiße noch mal, dachte ich, Jojo ist dein Freund, und das bedeutet mehr, als nur zusammen rumzugammeln und zu saufen.“

Bei einer Einzelaktion der befreundeten Clique im verhassten Braunschweig, eskaliert die Situation und Kai wird fast tot geprügelt. Auch hier zeigt Philipp Winkler seinen Protagonisten unfähig, seine Gefühle anders als in Gewalt auszudrücken.

„Ich springe auf  und springe über Kai und Jojo hinweg. Renne die Stufen rauf. Zwei auf einmal nehmend. Eine Tram fährt vorbei. Erleuchtete Visagen aus dem Inneren glotzen mich flüchtig an. Neben mir johlt die Bierkastentruppe noch immer ihre dämlichen Jubelgesänge. Sonst ist niemand zu sehen. Niemand, dem ich mit Anlauf ins Gesicht springen kann. Niemand, dem ich meine pochenden Fäuste in die Fresse jagen kann. Niemand, an dessen Zähnen ich mir die Finger aufschneiden kann, nur um weiterzuschlagen, bis sie sich von den Wurzeln und aus dem Zahnflisch lösen.“

Heiko hat nichts anderes als seine Welt. Eine Welt, in die der Leser durch die knappen, präzisen, kraftvollen und harten Worte unbedingt eintaucht. Für mich war es eine Parallelwelt neben der, die ich kenne. Eine Welt, die es durchaus gibt. Und eine Welt, für die Heiko kämpft, da er es nicht anders kennt.

„‚Ist.Mir.Egal‘, spucke ich hervor und gehe wieder ein Stückchen zurück. ‚Du hast Deine Familie, dein Haus, deinen schneeweißen Gartenzaun. Ihr alle habt irgendwas, worauf ihr euch am Ende des Tages freuen könnt. […] ich habe null‘, ich forme mit den Fingern einen Kreis. ’nichts. Das hier‘, jetzt zeichne ich einen Kreis zwischen uns allen in die Luft, ‚das hier habe ich. Mehr nicht. Ich beschwer mich nicht darüber. Und weißt du, warum? Weil ich für das hier lebe. Weil ich dafür eintrete und dazu stehe.“

Philipp Winkler hat einen harten Kerl mit einem weichen Kern geschaffen, der aber unfähig ist, dies seiner Umwelt mitzuteilen. Heikos Welt ist klar abgegrenzt, hier ist seine Welt, Hannover 96 und seine Familie, dort sind die anderen, Braunschweiger und die die nicht mitziehen. Sobald es komplexer wird, versagen ihm die Möglichkeiten. Zu seiner Familie hat er eine ambivalente Beziehung trotz der Nähe zu ihnen. Die Welt, in die Philipp Winkler den Leser wirft, ist fremd und doch so nahe an unserer. Hier zeigen sich die Stärken des Romans. Die kurzen Van-Gogh-ähnlichen Pinselstriche, die ein Bild entwerfen, dass von fernem grob erscheint, von nahem aber durchaus viel Tiefe enthält. Probleme hatte ich erst beim Ende, als Winkler versucht, eine Doppeldeutigkeit einzubauen, die meines Erachtens nicht in den Roman passt.

Ein kraftvoller und ungewöhnlicher Roman aus den Tiefen der Gesellschaft, der einen schon von der Sprache mitreißt und einen eintauchen lässt in Bereiche, die man am besten als Normalsterblicher meidet. Als Klappentextler würde ich schreiben – ein Knalleffekt der neuen deutschen Literatur!

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40 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 3 Rezensionen

science fiction, komödie, freundschaft, zukunft, erde

Die gelöschte Welt

Nick Harkaway , Jürgen Langowski
Flexibler Einband: 728 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.09.2009
ISBN 9783492267045
Genre: Science-Fiction

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19 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

Die Stunde des Abtrünnigen

Robin Hobb , Joachim Pente
Flexibler Einband: 767 Seiten
Erschienen bei Heyne, W, 05.05.2011
ISBN 9783453532212
Genre: Fantasy

Rezension:

Das zweite, vorherige Buch, der Nevare Trilogie endet mit dem Tod von Nevare. Nicht mit dem wirklichen, nein, die Magie hat den Menschen im Fort vorgegaukelt, dass sie ihn umgebracht und verscharrt haben. Nevare aber lebt und versteckt sich in den Wäldern die wegen der Straße des Königs vor dem Abholzen stehen.
Bei der Flucht wird sein Geist in zwei verschiedene Personen gespalten, Nevare der Fleck der die Magie und den Geist beherrscht und Nevare der Soldatenjunge der den Teil der Gernier besitzt.
Beide bekämpfen sich in dem einen Körper aufs erbitterte, doch das große Ganze und den Ruf der Magie können sie nur vereint befolgen.


"Du bist wie ein kleines Kind, das die Nuss sieht, aber nicht begreift, dass sie von einem Baum stammt, ganz zu schweigen davon, dass sie einen neuen Baum in sich birgt. Du musst das größere Ganze sehen!
Er hob mich hoch; vielleicht ließ er mich auch los, damit ich aufstehen konnte. Was er mir zeigte war schwer in Worte zu fassen. Wieder sah ich den Wald so, wie die Magie ihn mir gezeigt hatte, ein vollkommen ausgewogener, perfekt wogender und wirbelnder Tanz des Lebens. Und die Straße bohrte sich immer noch in ihn hinein, einem tödlichen Spieß gleich. Aber dann hob der Waldälteste mich noch ein Stück höher, und plötzlich sah ich die Straße nicht mehr als eine einzelne Schneise des Todes, sondern als einen Fühler, den ein fremder Organismus ausgesandt hatte. Von dieser hohen Warte aus betrachtet, war die Straße keine Todesschneise, sondern eine Wurzel, die den fremden Organismus in neuer Erde verankerte."

In diesem letzten Band stellt mich Robin Hobb auf eine über 400 Seiten lange Geduldprobe. Sind die ersten beiden Bände schon von einer langsamen aber sehr intensiven Erzählstruktur geprägt, so steht der letzte Band in der ersten Hälfte fast still. Nevare der 'Große' voller Magie reist mit dem Volke der Fleck und versucht sich innerlich zu vereinigen. Seitenlange Darstellungen von Lager aufbauen und abbauen, Essen suchen, zubereiten und die innerlichen Streitigkeiten haben mich diesen letzten Band zweimal zur Seite legen lassen um ein anderes Buch in die Hand zu nehmen. In der letzten Hälfte vermag mich die Autorin wieder zu fesseln und sie findet wirklich auch mal ein Ende der Geschichte welches nicht in Feuer und Blut endet - was auch gar nicht zu dieser außergewöhnlichen Trilogie passen würde - sondern ruhig und besinnlich.

Ein schöner Abschluss einer ganz anderen Fantasytrilogie, mit einem ungewöhnlichen Helden, geschrieben von einer Meisterin der ruhigen aber innigen und intensiven Erzählweise.

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65 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

science fiction, virtuelle realität, empfehlung, rezensio, zukunftsvision

Unsterblich

Jens Lubbadeh
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Heyne, 11.07.2016
ISBN 9783453317314
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Was würdest Du tun um ewig leben zu dürfen? Auch wenn Du dies nicht mehr mitbekommst. Alles?

Im Jahre 2040 ist die Menschheit auf dem technischen Stand, dass man aus den gesammelten Daten eines Menschenlebens, sogenannte virtuelle Ewige erstellen kann. Virtuelle Abbilder der gelebten Menschen. Diese sind nur errechnete Duplikate der Gestorbenen und können sich nicht weiterentwickeln, da neue Situationen bei ihnen nicht einberechnet werden. Auch ist eine Todessperre eingebaut, über den eigenen Tod, bzw. generell über Tod kann man mit ihnen nicht sprechen.

Damit überhaupt Daten aufgezeichnet werden können, tragen Menschen, die später Ewige werden wollen, sogenannte Lebenstracker, die in Echtzeit das Leben aufzeichnen. Das Monopol der Ewigen und der Aufzeichnungen teilen sich zwei Firmen, der mächtige Konzern Immortality, der die Daten und die Algorithmen erstellt und Fidelity, die die Ewigen zertifiziert. Witzigerweise sind die heute aktuellen Firmen die mit dem Datensammeln (noch im kleinen Stil) angefangen haben, wie Facebook, Google, Amazon oder Ebay nur Randfiguren in Jens Lubbadehs Zukunft.

Damit der virtuelle Ewige gesehen werden kann, ist es verpflichtend, sich schon als Kind ein Implantat in das Gehirn einoperieren zu lassen.

"NeurImplant vermengte direkt im Gehirn die echte Realität mit der virtuellen - samt aller dazugehörigen Sinneseindrücke. Die Realität wurde mit einer digitalen Ebene vermischt. Im Gehirn entstand so ein Amalgam aus Wirklichkeit und Virtualität. Heraus kam die Blended Reality. Immortals epochales Werk."

Doch nicht nur Menschen mit einem Lebenstracker können später als Ewige weiterleben, die Kosten tragen die Kunden, die lebenslang alles zu viel verdiente Geld an den Konzern abtreten. Auch berühmte Persönlichkeiten können aufgrund von Film und Tonaufnahmen 'wiedererweckt' werden. Anfangs war man skeptisch, doch bald setzte sich das Ewigen-Konzept durch. Mit gestorbenen Schauspielern werden sogar wieder Filme gedreht. (Was heute teilweise auch schon im begrenzten Maße möglich und auch schon praktiziert wurde)

"Als die ersten Ewigen dann auftraten, waren viele schnell überzeugt. Der Drang des Menschen, etwas Bleibendes in dieser Welt zu hinterlassen, seien es Kinder, Bücher, eine Formel oder auch nur eine eingeritzte Botschaft in einem Baum oder einer Parkbank, war übermächtig. Die Aussicht, ewig zu leben, wenn auch nur digital, war für viele Menschen einfach zu verlockend gewesen. Es war ein technischer Ausweg aus dem unerträglichen Gedanken an die eigene Endlichkeit."

Die Firma Fidelity prüft die Ewigen, die immer nach einem bestimmten Schema reagieren müssen, dabei bedient sich Lubbadeh bei bekannten Science Fiction Größen wie Philip K.Dick.

"Voight-Kampff. Der Name für diesen Qualitätstest der Ewigen war anfangs ein Insiderwitz der Fidelity-Psychologen gewesen. Aber mittlerweile nannten ihn alle so. Es handelte sich um eine Anspielung auf den Film Blade Runner, ein sechzig Jahre alter Klassiker der Science Fiction, in dem künstliche Menschen mithilfe dieses Tests entlarvt werden. Im Film werden ihnen sehr emotionale Fragen gestellt und gleichzeitig ihre Körperaktionen gemessen. Weil den Replikanten jegliche Empathie abgeht verraten sie sich durch die fehlenden unwillkürlichen Reaktionen."

Bei den virtuellen Ewigen ist die Mikromimik, die unwillkürliche Reaktion, ein Algorithmus des Rechners und keine menschliche Reaktion. Diese Mikromimik ist von echten Menschen sehr schwer beeinflussbar. Ewige sind reine 'berechnete' Produkte, die aus den Daten der Lebenstracker errechnet werden und reagieren somit immer gleich.

Benjamin Kari arbeitet als Analyst bei Fidelity und wird von der Firmenleitung zu einem geheimen Projekt gerufen: Marlene Dietrichs Ewiger ist verschwunden. Eigentlich unmöglich. Benjamin hat den Avatar von Marlene verifiziert und bekommt den Auftrag Marlene Dietrich zu finden. Dabei trifft er bald auf die Journalistin Eva Lombard, die eine große Story wittert und auf den gottähnlichen Hacker Reuben Mars. Bald stoßen Ben und Eva auf die Hintergründe des Falles Marlene Dietrich.

Jens Lubbadeh hat konsequenterweise die Gegenwart weiter gedacht. Die Ideen, die er hat, sind interessant und regen zum Nachdenken an. Er beschreibt eine hoch technologisierte Gesellschaft, die trotz des Fortschrittes viele Schritte zurück gegangen ist. In Deutschland ist Helmut Schmidt zum sechsten Mal hintereinander Bundeskanzler geworden, in den Staaten ist es JFK. Die Menschheit sehnt sich nach Frieden, warum soll man ihnen diese nicht durch Rechnerleistung anbieten? Technologie als Heilmittel, der beherrschende Konzern Immortality als moderner Vatikan.

Hardcore Science Fiction Fans werden aber doch etwas enttäuscht sein, das ist kein Science mit technologischen Erklärungen, das macht Lubbadeh nur am Rande und nicht tiefergehend. Seine Technologien sind gut angedacht, haben aber auch eine romantische Verklärtheit.  Das zeigt z.B. die Wahl der Datacenter, die in monströsen Pyramiden hausen, aber auch die Darstellung wie Code in einen Rechner fliessen kann, Techniker werden bei diesem Buch nicht bedient.

Leider bleiben auch die Charaktere etwas flach. Benjamin Kari ist ein etwas eindimensionaler Mensch ohne erkennbare Motivationen, Eva ist die schablonenhafte Journalistin, und Reuben Mars - nun, die Eierlegende Wolfsmilchsau, wie Nichtinformatiker sich das eben vorstellen. Die Geschichte ist passabel erzählt, aber auch ohne Überraschungen, außer dem Ende, welches nicht unbedingt vorrausehbar ist. Das Grundproblem das ich bei dem Buch hatte - nämlich die oberflächliche Behandlung der Themen, Geschichte und Charaktere - setzt sich am Ende fort. Leider ein Buch voll verschenkten Potenzials.

Insgesamt ein interessantes Thema das Jens Lubbadeh aufgreift, das er, nach meinem Dafürhalten aber leider nicht literarisch und inhaltlich befriedigend umsetzen kann.

 

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Mucho Mojo

Joe R. Lansdale , Christoph Schuenke , Christoph Schuenke
Buch: 268 Seiten
Erschienen bei Golkonda Verlag, 30.11.2015
ISBN 9783944720814
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Leonard Pine und sein treuer Kumpel Hap Collins lecken sich gerade die Wunden von ihrem letzten Abenteuer, da werden sie schon in das nächste Schlamassel hineingezogen. Eigentlich fängt es doch ganz gut an, Leonard der schwarze Homosexuelle erbt von seinem Onkel ein Haus, plus hunderttausend Dollar, plus ein paar Schlüssel und Rabattmarken.  Die Erbschaft wird von Florida übergeben einer wunderschönen langbeinigen schwarzen Anwältin. In Texas ist es schon heiß aber Hap, der Ich-Erzähler verliebt sich natürlich unsterblich in sie. Anfangs führt dies zu Problemen:


"Nein, ich finde sie sogar attraktiv, auf so eine knorrige, altmodisch-männliche Art.
Knorrig?
Das Problem ist nur, ich tanze gern, und weiße Jungshaben keinen Rhythmus. Und wissen Sie, was noch über die Weißen erzählt wird?
Ein bezauberndes Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit.
Na was denn?, fragte ich
Ihr habt Stummelschwänze."

Doch bald entwickelt sich nicht nur eine Liebesgeschichte, nach dem Fund einer Kinderleiche, sind die beiden mitten in einem Mordfall.

Der zweite 'Krimi' mit den beiden Freunden, die noch verdammt viel Ehre im Leib haben, ist gewohnt witzig, trocken und voller schöner Sprüche für die nächste Herrenrunde. Falls ihr mal in einem Lesetief seid, nehmt Euch ein Hap & Leonard Buch in die Hand. Es macht einfach Spaß!


Dass die beiden es aber auch ernst meinen, sollte man nicht vergessen. Ungerechtigkeit gehört zu ihren Gegnern und die Drogendealer nebenan...


"Diese Stimme kratzte mir ins Gehirn wie Sandpapier. Später, in der Rückschau, habe ich begriffen, dass diese Stimme der Knackpunkt war, der Auslöser für alles, was danach kam. Diese Stimme rief mir wieder ins Gedächtnis, was da nebenan vor sich ging. Ich mühte mich hier mit Leonard ab, irgendeinen irren Kinderschänder und Mörder das Handwerk zu legen, und nur eine Tür weiter egschah im Grunde das Gleiche mit anderen Mitteln, da verhöhnte eine ganze Ladung Sackratten das Gesetz, und die Bullen sahen tatenlos zu , wir sahen tatenlos zu, völlig tatenlos. Da wurden Kinder durch die Sucht zu Tode gequält, und die Drogendealer sackten die dicke Kohle ein, verfügten über wärmste Beziehungen zu den Kautionsvermittlern und wurden im Grunde behandelt wie stinknormale Geschäftsleute."

Auch das Problem wird energisch und durchschlagend gelöst.

Zwei Ermittler mit etwas anderen Methoden und lakonischem Humor!

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195 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 58 Rezensionen

südkorea, vegetarismus, korea, familie, pflanzen

Die Vegetarierin

Han Kang , Ki-Hyang Lee
Fester Einband: 190 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 15.08.2016
ISBN 9783351036539
Genre: Romane

Rezension:

Die junge Yeong-Hye lebt mit ihrem Mann in einer kleinen Wohnung in Seoul. Sie haben keine Kinder. Ihr Mann hat sie geheiratet, weil sie an Durchschnittlichkeit nicht zu übertreffen ist, nicht weil er sie liebt. Er selber möchte sich auch nicht aus der Masse erheben und erledigt seine Arbeit korrekt aber ohne Karriereabsichten. Sie ist ihm eine brave Ehefrau, kocht, putzt für ihn und ist auch bei Bedarf gefügig. Doch eines Tages hat sie einen Traum. Einen Traum von Blut und Fleisch, der so drastisch ist, dass sie fortan kein Fleisch mehr isst. Nicht nur das, eines abends beginnt sie, jegliches Fleisch aus der Kühltruhe zu vernichten. Sie kann weder den Geruch von Fleisch, noch dessen Aufenthalt in der Wohnung ertragen.

Danach ist plötzlich alles anders, Yeong-Hye zieht sich immer mehr zurück und verweigert sich ihrem Mann, da er für sie nach Fleisch riechen würde. Ihr Mann ist irritiert, versucht dies als vorübergehende Macke abzutun. Nach einiger Zeit wendet er sich verzweifelt an ihre Familie, die in Yeong-Hye eindringt, doch wieder normal zu werden, doch Yeong-Hye reagiert darauf nur mit mehr Rückzug, sie hat niemanden, dem sie sich anvertraut.

Im ersten Kapitel von drei wird aus der Sicht des Mannes von Yeong-Hye geschildert, wie er die Verwandlung seiner Frau erlebt. Eingeschoben sind verstörende Absätze in denen Yeong-Hye zu Wort kommt, die Absätze sind in kursiver Schrift und beschreiben kafkaeske Träume.

„Wenn ich doch nur schlafen könnte! Wenn ich wenigstens für eine lächerliche Stunde das Bewusstsein komplett verlieren würde. In der Nacht bin ich rastlos. Ich stehe auf, laufe in der abgekühlten Wohnung herum und lege mich wieder hin. Auf der anderen Seite des Fensters ist es dunkel. Die Wohnungstür vibriert hin und wieder, ohne dass jemand klopft. Ich kehre wieder ins Bett zurück und stecke die Hände unter die Bettdecke. Das Laken ist ganz kalt.“

Yeong-Hye verliert immer mehr den Bezug zur Realität.

Das zweite Kapitel ist aus Sicht des Schwagers von Yeong-Hye geschrieben und ist das eindringlichste und ausdrucksstärkste des Buches. Die Obsession des Schwagers für seine Schwägerin, die nach ihrer Scheidung und psychiatrischen Behandlung alleine wohnt, erreicht krankhafte Züge. Die junge Frau ist abgemagert und immer noch durchschnittlich, aber strahlt für ihn eine soghafte, erotische Anziehung aus.

„Sie griff mit den Fingern nach einem Birnenschnitz und führte ihn zum Mund. Er wandte sich ab, um nicht in die Versuchung zu kommen, diese Frau, die so versonnen dasaß, in seine Arme zu ziehen, den klebrigen Birnensaft von ihren Fingern zu lecken, die Süße ihrer Lippen und ihrer Zunge zu kosten und ihr die weite Hose herunterzureißen.“

Das unstillbare Verlangen bringt ihn dazu, sie als Nacktmodell zu bemalen und Filme mit ihr zu drehen.

„Die durch ihren mageren Körper hervorgehobenen Schlüsselbeine, die knabenhaften Brüste, die im Liegen noch flacher wirkten, ihre sich abzeichnenden Rippen des Brustkorbs, die leicht geöffneten Schenkel, die jedoch keine Sinnlichkeit ausstrahlten, und schließlich ihr völlig ausdrucksloses Gesicht, das trotz der geöffneten Augen zu träumen schien. Ein Körper ohne Schnörkel, der aber viele Geschichten zu erzählen schien. Er hatte nie zuvor etwas Vergleichbares gesehen.“

Das letzte Kapitel ist aus der Sicht ihrer Schwester geschildert, die sie in der Psychiatrie besucht, inzwischen verweigert Yeong-Hye jede Nahrung und ist der Meinung sie sei ein Baum.

Die Vegetarierin ist ein hypnotisches Buch. Han Kang beschreibt eine vermeintlich psychisch kranke Frau aus der Sicht von vermeintlich gesunden Menschen. Alle Menschen aus ihrem Umfeld werden in ihren Bann gezogen, trudeln wie Kometen im Schwerefeld eines Planeten, beschädigt und aus der Bahn gebracht, weiter in ihrem Leben dahin. Die Vegetarierin ist durch ihre kafkaeske Sprache voller Anspielungen, Bildern und Träumen. Mich hat das Buch einerseits durch diese bildhafte Sprache, gerade im zweiten Kapitel, sehr in den Bann gezogen, was aber ist ihre Aussage, habe ich mich gefragt. Richtet sich das Buch gegen die Gleichgültigkeit der Gesellschaft andersartigen Menschen gegenüber? Ist das Buch eher gegen die asiatische Lebensweise gerichtet, die ich als Europäer nicht so gut verstehe. Oder hat Han Kang ein Fanal gegen die sex-objektorientierte Sicht der Männer auf Frauen geschrieben?

Es ist ein bisschen von allem und auf faszinierende Weise funktioniert das Buch auch aus diesen verschiedenen Blickrichtungen. Han Kang ist ein moderner Kafka-Roman gelungen, der in eindringlicher assoziativer Weise und fast schon leichtfüßig viele wichtige Themen unserer Gesellschaft umfasst und beschreibt.

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