rallus

ralluss Bibliothek

2.154 Bücher, 2.119 Rezensionen

Zu ralluss Profil
Filtern nach
2154 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(0)

11 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

dokumentation, liebe, sachbuch, ratgeber

Wie wir lieben

Friedemann Karig
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 17.02.2017
ISBN 9783351050382
Genre: Sachbücher

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

8 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

zukunft, scifi, nanotechnologie, unsterblichkeit, computerwelten

Weltensturm

Scott Westerfeld , Rainer Michael Rahn , Andreas Brandhorst
Flexibler Einband: 827 Seiten
Erschienen bei Heyne, W, 03.11.2008
ISBN 9783453525078
Genre: Fantasy

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(7)

13 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

egoiste, hohlköpfe, managertugenden, generationenimperialismus, demokratie

Warum die Sache schief geht

Karen Duve
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 02.10.2014
ISBN 9783869711003
Genre: Sachbücher

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(9)

13 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

irland, jugend, gewalt, alkohol, freundschaft

Ich, John

Peter Murphy , Karsten Kredel
Flexibler Einband: 220 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp/KNO VA, 01.09.2009
ISBN 9783518461099
Genre: Romane

Rezension:

Die Geschichte von John Devine, der in einem kleinen irischen Dorf namens Kilcody aufwächst, hat mich nur knapp 150 Seiten beschäftigt. Es gab interessante Stellen, die von Betrachtungen über das Leben handelten. Doch insgesamt hat mich die Melange aus Aufwachsen, Coming-Out und irischen MagieFlair, nach jedem Kapitel eingestreut nicht wirklich gepackt. Deswegen waren nach etwas mehr als der Hälfte des Buches Schluss mit der etwas fahrigen Art der Erzählung und nicht sehr tiefgehenden Weise des Autors mir die Charaktere nahe zu bringen.

  (4)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(41)

103 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 14 Rezensionen

freundschaft, endzeit, fliegen, überlebenskampf, krankheit

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

Peter Heller , Eva Bonné
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 19.04.2013
ISBN 9783847905196
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

14 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Wintermärchen

Mark Helprin
Flexibler Einband
Erschienen bei Fischer (TB.), Frankfurt, 01.10.1998
ISBN 9783596119936
Genre: Fantasy

Rezension:

Schade, es hätte so schön werden können. Es gibt diesen Film nach dem Buch, der so erfrischend anders ist, zwar opulent überladen mit Fantasy, mit schrägen Figuren und unendlich viel Magie, aber trotzdem geht er einem ans Herz und ließ mich atemlos die Geschichte des Peter Lake verfolgen.

Geschichte? Im Buch eine Fehlanzeige. Dabei liebe ich solche überbordene Fantasie die Marc Helprin hier aufbringt. Seine langen verblümten Beschreibungen, seine fanatsievollen Geschichten. Nur...
Es sind Inseln der Fantasie, die nicht zusammengefügt werden, die einzeln im Meer schwimmen, jede für sich ein Kleinod, nur es fehlt das Bindeglied.

Es liest sich gut an, Peter Lake ist ein Gestrandeter in New York, verfolgt von einer Gaunerbande, denen er früher angehörte, findet ihn ein weißes Pferd. Mit diesem flieht er leichtfüßiger und hat mehr Zeit seiner Passion als Dieb nachzugehen.

"Sie war reich, bei ihr war viel zu holen. Aber auch die Reichen starben und enttäuschten all jene, die irgendwie gehofft hatten, mit ihnen verhalte es sich anders. Peter Lake machte sich über die Sterblichkeit der Menschen keine Illusionen. Er wusste, dass vor dem Tod alle gleich sind. Der Reichtum dieser Erde sind Bewegung und Mut, Lachen und Liebe. Diese Dinge waren für Geld nicht zu haben. Sie gehörten dem, der sie sich nahm."

Dabei ist der erste Teil, die Geschichte der Liebe zwischen Peter Lake und Beverly wunderschön, überstrahlt jegliche Schwächen in der Roten-Faden-Führung, doch endet nach 200 Seiten abrupt.
Danach bleibt diese wunderschöne Sprache, doch was nutzt ein einzelner schöner Ton, wenn er nicht gebettet ist in ein Gesamtwerk, zusammengeführt mit anderen Tönen.

  (4)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

15 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Der Lärm der Zeit

Julian Barnes , Gertraude Krueger
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462048889
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(25)

53 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

krimi, reihe: inspector linley, 20. jahrhundert, verlag: goldmann, band 6

Denn keiner ist ohne Schuld

Elizabeth George , Mechtild Sandberg-Ciletti
Flexibler Einband: 688 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 16.09.2013
ISBN 9783442479801
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Kriminalromanserien mit Tiefgang und einer durchgehenden Geschichte, die den Lebensweg der Hauptfiguren mitbegleitet, sind mir ans Herz gewachsen. Eine der bekanntesten und mir liebsten Serien, sind die Inspector Lynley Romane, in denen, die durch frühere Bücher, liebgewordenen Charaktere sich mit dem Leben und einem Fall herumschlagen, der ihnen meist selbst so nahe geht, dass sie an ihre eigenen Grenzen kommen.

So auch hier, ein Todesfall eines Pfarrers im Norden von England. Eigentlich ist die Sachlage klar, anstelle von Kastinaken, hat der Pfarrer Wasserschierling gegessen. Ein Versehen so scheint es. Doch die Frau die den Fehler beging, war sehr kräuterkundig und der diensthabende Constabler ist der Geliebte dieser Frau. Nach und nach bringen Lynley, St.James, seine Frau Deborah und Helen Licht in das Dunkel und es zeigt sich dass alle irgendwie mit in diesen Fall verstrickt sind.

Interessant sind hier, wie auch in den anderen Büchern von der sehr britischen schreibenden Amerikanerin Elizabeth George, die Beschreibungen der Gesellschaft, die inneren Zwiste der handelnden Figuren, die die Autorin in eigenen Kapiteln zur Geltung bringt.
Die Geschichte ist aus der Sicht der Figuren erzählt, ohne dass hier allzu viel verraten wird. Das rundet den Blick auf den Fall und vertieft die Charaktere der Figuren sehr. Doch Elizabeth George kann auch einfach erzählen. So dass es nie langweilig wird und man, die doch nach und nach immer dicker werdenden Bücher, regelrecht verschlingt

Besonders Lynley ist innerlich zerrissen und die fragile Beziehung zu Helen stellt beide immer wieder vor die Frage ob sie den Sprung wagen sollen.

"Aber es ist mehr eine Angst vor dem Alltag, vor dem täglichen Leben, vor der Art und Weise, wie die Menschen sich aneinander aufreiben. Ich will das nicht. Ich möchte nicht eines Morgens aufwachen und erkennen, dass ich bereits vor fünf Jahren aufgehört habe, dich zu lieben. Ich möchte nicht eines Abends vom Essen aufblicken und sehen müssen, dass du mich beobachtest, und auf Deinem Gesicht genau das gleiche lesen."

Diese und ähnliche Zweifel beherrschen auch die Charaktere im Dorf des Mordes, auch sie hängen ihren alltäglichen Problemen und Unsicherheiten nach.

"Ich kann Dich bitten, alles mit einem Sprung ins Leere zu riskieren. Ich kann dir beim besten Willen nicht garantieren, was du dort vorfinden wirst. 'Dann kann es niemand' 'Jedenfalls niemand, der ehrlich ist. Wir können die Zukunft nicht vorhersagen. Wir können uns nur der Gegenwart anvertrauen und hoffen, dass sie uns in die richtige Richtung führt.' Glaubst du daran, Tommy?' 'Mit ganzem Herzen.' ' Ich liebe dich.' 'Ich weiß. Darum glaube ich daran.'"

Und Liebe ist, wie so meistens der starke Hintergrund, das Gefühl was letztendlich die Figuren steuert und handeln lässt. Bis in den Tod.

Einer ihrer stärksten Lynely Romane.

  (4)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

knast, new york, amerika, probleme, liebe

Die Prinzen von Queens

Matt Burgess , Johann Christoph Maass
Flexibler Einband: 388 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 13.02.2012
ISBN 9783518463062
Genre: Romane

Rezension:

Alfredos Leben ist überschaubar. Aus Queens ist er noch nie herausgekommen aber erlebt hat er mit seinen neunzehn Jahren schon genug. Als Kreinkrimineller macht er sich im Viertel einen Namen und vertickt Drogen, hat Freunde die ihm Ärger vom Hals schaffen, aber in jüngster Zeit hat er ein Problem. Sein Bruder kommt aus dem Knast. Nicht nur, dass er bei dem Coup gekniffen hat, bei dem sein Bruder gefasst wurde, auch dessen Freundin hat er geschwängert. Okay, seine Ex-Freundin. Aber nach über zwei Jahren Knast weiß man nicht wie Tariq reagieren wird. Um seinen Bruder zu besänftigen möchte er zu dessen Ehren einen Hundekampf ausrichten, etwas was Queens so noch nicht gesehen hat. Fehlen nur noch die Hunde...

Der Plot ist schon irrwitzig, das Buch und der Stil von Burgess ist es auch. Schnoddrig aber authentisch (was wohl auch daran liegt dass Matt Burgess in Queens aufgewachsen ist), schildert er die üblichen Tage eines Kleinkriminellen der versucht irgendwie ehrlich zu werden

"Das ist dein Drogendealer? Die kleine Käsefresse da auf der anderen Straßenseite? Mit den Händen in den verwichsten Taschen?“ Curtis zieht einen Gelben hoch und spuckt ihn auf den Gehweg, ganz knapp vor Alfredos Timberlandstiefel.“

Dabei springt Alfredo von einer Katastrophe in die andere. Das Leben muss man irgendwie bewältigen:

"...aber was sagte Lopez seinen Töchtern immer, wenn sie sich übers Zähneputzen oder ihre Mathehausaufgaben beschwerten? Hey so ist das Leben. Eine Aneinanderreihung von Mist, den man erledigen muss, selbst dann, ganz besonders dann, wenn man es eigentlich nicht will."

Burgess hat einen ganz besonderen Stil, einen Tanz in den man erst hineinfinden muss um das Buch zu mögen. Aber wenn man es mag dann so richtig. Trotz der manchmal doch wirren Geschichte ein Kleinod auf dem Krabbeltisch (wo ich es gefunden habe)


 

  (4)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(31)

147 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 19 Rezensionen

becky chambers, der lange weg zu einem kleinen zornigen planeten, science-fiction, tor, aliens

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

Becky Chambers , Karin Will
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei FISCHER Tor, 27.10.2016
ISBN 9783596035687
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Gemeinschaftslesung & Rezension von Thursdaynext und Rallus

Space Opera mit starken weiblichen Einschlägen sind selten im Sci Fi Genre, das, männlich dominiert, zumeist Technik, Wummen, Krieg, Heldentum und Machtschnickschnack thematisiert. Doch gerade der kulturelle und gesellschaftliche Blickwinkel auf die Zukunft ist eine der interessantesten in diesem Genre. So ist die weibliche Sichtweise auf das Zusammenleben auf beengtem Raum einen informativeren und empathischen Ticken anders.

Feinfühliger, eindrücklicher, weil mehr hinterfragend, schildert Autorin Becky Chambers, diese Aspekte des Raumfahrerlebens.  Als Beispiel sei hier der Koch- und Leibarzt genannt, der sehr wohl um die Wichtigkeit guten Essens und guter Atmosphäre weiß und sich bemüht, beides herzustellen.  Die in Kalifornien aufgewachsene Tochter einer Astrobiologin und eines Luft- und Raumfahrttechnikers gesellt sich hier zu Autorinnen wie Kate Wilhelm, Ursula K. LeGuin, James Tiptree, C.J.Cherryh oder Lois McMaster Bujor ein. Dabei sind schon Cover und Titel das Zugreifen wert. Was wir beiden hauptverdächtigen Buchstoffler mit dem SciFi Faible natürlich getan haben, überschneidet sich unsrer lesetechnische Sci Fi Menge doch häufig und bereichern wir uns gegenseitig gern mit guten neuen Autoren.

Becky Chambers Debüt The Long Way To A Small, Angry Planet finanzierte sie 2012 via Crowdfunding und brachte es 2014 im Eigenverlag heraus. 2015 erschien der Roman in Großbritannien bei Hodder & Stoughton, in den USA bei Harper Voyager. 2016 wurde The Long Way To A Small, Angry Planet für den Arthur C. Clarke Award nominiert.

Becky Chambers hat uns mit ihrem phantastischen Debüt gleichermaßen berühren und begeistern können. Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten liest sich locker – luftig mit unaufdringlichem Humor und zieht einen bereits auf den ersten Seiten in seinen Bann, dem wir uns während des gesamten 539 – Seiten- Buches nicht mehr entziehen konnten. Das Wayfarer Universum besteht aus verschiedensten Spezies, und die junge Rosemary Harper (Homo Sapiens) bewirbt sich auf der Wayfarer, einem Tunnelbohrschiff mit gemischter Besatzung. Unterschiedlich in Kultur und Rasse kommt es trotz gegenseitigem Respekt doch so manches Mal zu Reiz- und Reibungspunkten:

„Hast Du die Menschen auch manchmal satt? Hin und wieder. Das ist wohl normal, wenn man mit anderen Leuten als seiner eigenen Art zusammenlebt. Ihnen ergeht es bestimmt genauso. Heute habe ich sie eindeutig satt, sagte Sissix und ließ den Kopf wieder zurücksinken. Ich habe ihre fleischigen Gesichter satt. Ich habe ihre glatten Fingerspitzen satt. Ich habe es satt, wie sie das R aussprechen. Ich habe es satt, dass sie nicht riechen können. Ich bin es leid, wie gluckenhaft sie sich bei Kindern aufführen, die nicht einmal ihre eigenen sind. Ich habe es satt, wie neurotisch sie mit Nacktheit umgehen. Am liebsten würde ich jeden Einzelnen von ihnen ohrfeigen, bis sie begreifen, wie unnötig kompliziert sie ihre Familien und ihr Sozialleben und ihr … einfach alles machen.“

Rosemary ist als Verwaltungsassistentin angeheuert und bemüht sich zu integrieren. Jedes Besatzungsmitglied hat einen ganz speziellen Charakter und trägt eine Bürde mit sich herum. Bürden, die im Laufe des Buches offenbar werden und meist einen hochemotionalen Hintergrund haben, der die einzelnen Personen mit einem warmen, persönlichen Touch versieht. Auch Rosemary hat ein Geheimnis, die Crew sieht das aber sehr entspannt:

„Du bist Rosemary Harper. Du hast diesen Namen gewählt, weil der alte nicht mehr zu dir passte. Du musstest dafür ein paar Gesetze brechen, na und? Was soll’s. Das Leben ist nicht gerecht, und Gesetze sind es normalerweise ebenso wenig. Du hast das getan, was du tun musstest. Ich verstehe das.“

Sympathisch, bunt, vielfältig, spannend und teilweise auch politisch hochaktuell geht es auf der Wayfarer zu. Fake News finden sich auch in der fernen Zukunft wieder. So bearbeitet zum Beispiel Nib der Hobby- Archivar Referenzdateien, indem er sich durch alte Fakten gräbt um die öffentlichen Dateien auf neustem und den Tatsachen entsprechendem Stand zu halten:

„Warum versuchen diese Leute überhaupt so etwas zu beweisen?“, fragte Kizzy. „Weil es sich um Idioten handelt.“

Die Vielfalt der Spezies und ihrer Soziologien ist grandios, authentisch und detailliert. Vom Paarungs – und Nachwuchsaufzuchtsverhalten der Aandrisks könnten wir uns z.B. gerne ein paar Scheibchen abschneiden. Wenn wir Eier legen könnten. Hier merkt man, dass die Autorin eben das ist, eine Frau und somit potentielle Mutter, der diese Thematik der Kinderaufzucht doch näher und unmittelbarer ist als männlichen Autoren, und die sich zudem noch ganz offensichtlich mit Biologie und weiteren Wissenschaften auskennt. Ihre Ideen sind ausgereift, wirklichkeitsnah und wissenschaftlich logisch. Was dieses Universum aber erst so richtig rund macht, ist die empathische Sicht der Dinge. Hier ist der Roman am eindringlichsten und stärksten, in Momenten wo sich zwei verschiedene Rassen nähern und wir uns in den Gedanken von Sissix, einer echsenartigen Spezies, finden:

Rosemary, sagte Sissix und ergriff ihre Hand. Sie war warm. Das war bei anderen Spezies immer so, man spürte die Wärme schon, wenn man neben ihnen stand, aber jetzt war es noch deutlicher. Sie hatte sich schon manchmal gefragt, wie es wohl wäre, diese Wärme an sich zu pressen, dort, wo – nein, nein, daran würde sich nicht denken. Noch nicht. Sie musste klug sein. Sie musste vorsichtig sein. Schließlich reagierten Menschen anders auf Paarung. War es nicht so, dass ihre Gehirne danach von Chemikalien überschwemmt wurden, viel mehr als bei normalen Leuten? Auch bei Aandirsks führt Paarung zu Bindung, aber Menschen – Menschen verloren dabei vollkommen den Kopf. Wie ließ es sich sonst erklären, dass eine vernunftbegabte Spezies die Überbevölkerung bis zum Umweltkollaps getrieben hatte? Das war ein Volk, das sich um den Verstand gepaart hatte.“

Ihre Charaktere sind ausgereift, erhalten mit zunehmendem Lesefortschritt immer mehr Substanz und Gesicht, erscheinen greifbar und echt, mit all ihren Macken und Persönlichkeitsaspekten. Die Sprache ist angenehm, auch wenn es um philosophische, soziologische, biologische und technische Details geht. Ganz wichtig: Chambers hat Humor!! Und den merkt man diesem augenzwinkernden Buch an. Eben das lässt einen, viel zu schnell, aber mit Hochgenuss hindurchgleiten.

Sie zeigt auch Weitsicht wenn sie aus den Akten der GU (Galaktischen Union) zur Aufnahme der Spezies Homo Sapiens in ihre Gemeinschaft zitiert:

Die Menschheit ist eine zerstrittene, angeschlagene, pubertäre Spezies, die sich nicht durch ihr eigenes Verdienst in den interstellaren Raum ausgebreitet hat sondern nur durch Zufall. Sie ist nie über das intraspeziäre Chaos hinausgekommen. In dieser Phase der unbeholfenen Pubertät entscheidet es sich ob eine Spezies zu einer globalen Einheit oder in verfeindete Fraktionen zerfällt, die zum Aussterben verurteilt sind sei es durch Krieg oder durch ökologische Katastrophen, die so groß sind, dass man sie nur gemeinsam meistern kann.“

Die Wayfarer Welt ist bunt, liebevoll und schreit nach Erweiterung, so ist es nur gut, dass der ebenfalls im Wayfarer Universum angesiedelte Roman A Closed And Common Orbit 2017 in Großbritannien erscheinen wird.

Wir freuen uns schon darauf.

Unser SciFi Tipp 2017 heißt also: Go get it!
Abtauchen ins Wayfarer Universum.

Abtauchen in eine neue Science – Fiction – Plattform hier: Tor online

Dodo Award und Lesehighlight für Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten von rallus und thurs

  (3)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(44)

97 Bibliotheken, 7 Leser, 2 Gruppen, 40 Rezensionen

kamerun, usa, familie, finanzkrise, amerika

Das geträumte Land

Imbolo Mbue , Maria Hummitzsch
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462047967
Genre: Romane

Rezension:

„Oh Papa Gott“ ist der Ausruf der Familie Jonga, wenn etwas Unerwartetes passiert. Jende und Neni konnten ihr Glück kaum fassen, als zuerst er, dann sie aus Kamerun in die freie Welt der Vereinigten Staaten kamen. Hier soll das Leben einfacher sein, und wer fleißig ist, kann sich schnell hocharbeiten. Schnell wurde der Antrag auf Einwanderung gestellt und, da die Mühlen der Bürokratie in jedem westlichen Land langsam mahlen, kann man sich erst mal häuslich niederlassen.

Anfangs lässt sich das Leben in New York City auch gut an. Jende kann seine Familie versorgen, Neni, seine Frau, möchte Apothekerin werden und studiert neben ihrer Arbeit. Das Leben ist hart und ihnen bleibt wenig freie Zeit, aber sie sind glücklich.

Als Jende einen Job als Fahrer des angesehenen Investment Bankers Clark Edwards bekommt, machen sie schon Pläne um ein eigenes Haus oder Appartement zu kaufen. Neni ist schwanger und mit diesem sicheren Job, sollte es doch möglich sein etwas Geld zu sparen und sich den Traum von einer größeren Wohnung in einem besseren Viertel zu erfüllen. Die Edwards sind der Familie Jonga auch finanziell zugetan und Neni bekommt die Möglichkeit, bei Clarks Ehefrau Cindy im Haus zu helfen. Dann kommt die Bankenkrise, Clark Edwards verliert seinen Job und plötzlich ist die Situation in Amerika nicht mehr so rosig, da auch hoch studierte Amerikaner auf den einfachen Arbeitsmarkt drängen. Die Lage für die illegal in Amerika weilende Familie wird unhaltbar, als die Einwanderungsbehörde den Antrag auf die Einbürgerung verweigert. Was nun?

Doch Jende und Neni wollen bleiben – um jeden Preis.

„Wenn sie das Kabelfernsehen und Internet abmelden und sich Zweitjobs besorgen mussten, würden sie das tun. Und wenn sie hungrig zu Bett gehen mussten, würden sie das auch tun. Sie würden alles in ihrer Macht Stehende tun, um in Amerika bleiben zu können. Und Liomi die Möglichkeit zu geben, in Amerika aufzuwachsen.“

Auch wenn sie merken, je länger sie in Amerika weilen, wie menschenverachtend und paradox diese neue freie Welt ist. Man muss sich an die Spielregeln halten, dann kommt man weiter. Ist das die versprochene Gleichberechtigung, ist das ein Land, in dem man leben möchte?

„Weil ich das ganze Jurastudium schon total furchtbar finde. Ich sehe meine Kommilitonen an und fühle mich schrecklich – es macht mich traurig, dass sie wertvolle Lebenszeit damit verbringen, sich lauter Lügen eintrichtern zu lassen, um dann in die weite Welt zu ziehen und diese Lügen zu zementieren. Sie wissen nicht, dass sie dabei sind, Teile einer skrupellosen Maschinerie zu werden, die darauf spezialisiert ist, unschuldigen Menschen das Innerste herauszureißen. Das ganze System ist ein Witz! All diese Leute, die ein völlig sinnentleertes Leben führen, weil man ihnen eingeredet hat, dass das gut für sie ist. Die völlig abgestumpft sind, wenn es darum geht, dass sie in einer Gesellschaft leben, die von einem kaltblütigen Klüngel regiert wird. Wie lange lassen wir uns das noch gefallen?“

Der Existenzkampf wird härter, einfache Jobs, die früher niemand machen wollte, sind plötzlich begehrt. Doch wie kämpft ein Schwarzafrikaner ohne Aufenthaltsgenehmigung gegen hoch qualifizierte weiße Amerikaner? Auch mit Papieren wäre dies nicht einfach.

„Papier ist nicht alles. In Amerika reicht es nicht mehr, Papiere zu haben. So viele Leute kämpfen um Papiere. So vielen Amerikanern geht es schlecht. Sie sind hier geboren. Sie haben amerikanische Pässe, und trotzdem schlafen sie auf der Straße, gehen hungrig ins Bett undverlieren jeden Tag ihre Jobs und ihre Häuser wegen der … der Wirtschaftskrise.“

Das Leben wird für die Familie zur Zerreißprobe, was ist zu tun?

„Jalaluddin Rumi, der persische Sufi-Mystiker. Von ihm stammt das Zitat: ‚Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.‘ Das war seine Art, zu sagen, wir sollten nicht zu viel Zeit darauf verschwenden, Dinge als richtig oder falsch zu klassifizieren.“

Die Antwort kann sich nur jeder selbst geben und Imbolo Mbue lässt die Familie Jonga einen schmerzhaften Prozess durchlaufen. Und das Resultat ist anders, als man es sich vorgestellt hat. Wichtig allein ist, dass man glücklich mit der Entscheidung wird.

Imbolo Mue ist ein sehr lebendiges, für westliche Verhältnisse ungewohntes Buch gelungen. Ungewohnt in dem Sinne, dass ihre Geschichte nicht den üblichen Mustern folgt, sondern eine naive Lebendigkeit enthält. Das mag am Anfang etwas irritieren, ist mit dem weiteren Verlauf des Buches aber sehr erfrischend, farbig und temperamentvoll. Gerade die Beschreibung der beiden Ehepartner und wie sie mit ihren Problemen und Gegensätzen umgehen, macht viel der Dynamik des Buches aus. Kritisch geht sie mit dem Glück verheißenen Land Amerika um und setzt ein paar wohlplatzierte Nadelstiche in die vermeintlich freie Welt. Ein trotz der ernsten Thematik sehr positives, lebensbejahendes, mutiges und anregendes Buch.

  (4)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(23)

45 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 19 Rezensionen

in einer anderen welt, magie, jo walton, feen, wales

In einer anderen Welt

Jo Walton , Hannes Riffel
Flexibler Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 15.08.2016
ISBN 9783734160684
Genre: Fantasy

Rezension:

Vielerorts wird beklagt, dass die Magie verschwunden ist. Früher (früher war sowieso alles besser, schöner etc.) in der vordigitalisierten Zeit hatte der Moment, die Situation, das Leben noch Magie. Heute ist alles nüchtern, reglementiert und überwacht. Die Magie der Welt ist verschwunden. Ist das wirklich so? Oder warten die Menschen, dass irgendjemand ihnen eine ‚Magie-App‘ zur Verfügung stellt, um durch Fingertapps die Magie aufleben zu lassen? Dabei ist die Magie überall um uns, wir müssen sie nur finden. Die Magie eines Lächelns, das Schaudern des Verstehens, das Wohlgefühl des Berührt-Werdens, die Wohltat der Natur. Und die Magie des Buches.

Es gibt nicht so viele Bücher, die in mir diese Art der Magie erzeugt haben, wie In einer anderen Welt von Jo Walton. Eine Magie, die bis in meine Kindheit zurückreicht und meine damaligen Gedanken und Gefühle sehr gut beschreibt. Das Gefühl des Aufwachsens und das Gefühl, dass es niemanden gibt, der dich wirklich versteht. Versteht, dass man so alleine auf dieser kalten Welt ist. Doch, wie Jo Walton in ihrem Vorwort an Heranwachsende schreibt, es wird besser.

Das Buch ist ein Tagebuch. Das Tagebuch der fünfzehnjährigen Morweena, die einen Schicksalsschlag erlitten hat und vor ihrer Mutter zu ihrem ihr fremden Vater geflüchtet ist. Dieser wohnt bei seinen sonderbaren Schwestern, die sein Leben bestimmen. Morweena hatte eine Zwillingsschwester, die bei einem Unfall gestorben ist, und der Morweena an ihrem Bein verkrüppelt hat. Schon die Adoleszenz verlangt den Jugendlichen viel ab, durch ihre Verkrüppelung wird Morweena zu einem Außenseiter. Sie flüchtet in die Welt der Bücher, genauer in die Welt der Fantasy und Science Fiction. Da das Buch Ende der siebziger Jahre spielt, eine der Hochzeiten des Genres, kommt der Leser in den Genuss der (jedenfalls für mich, da ich auch in dieser Zeit dieses Genre angefangen habe zu verschlingen und zu lieben) Science Fiction Schriftsteller, die das Genre so entscheidend geprägt haben.

Morweenas Kontakte zu Gleichaltrigen sind sehr begrenzt. In dem Internat, in das sie geschickt wird, ist sie eine der drei besten Schülerinnen, dadurch erlangt sie einen unnahbaren Status. Dennoch kann sie die aufkommenden Gefühle ihres Körpers nicht verleugnen.

„Er lächelte. Er hatte ein nettes Lächeln, ganz anders als wir. Zeit meines Lebens war mir erzählt worden, dass wir ihm ähnlich sehen, aber ich finde das nicht. Wenn er Lazarus Long ist, und wir Laz und Lor sind, dann müsste ich mich doch in ihm wiedererkennen. Aus unserer Familie haben wir niemanden ähnlich gesehen; von der Augen-und Haarfarbe abgesehen, sehe ich allerdings auch keine Übereinstimmung zwischen ihm und mir. Aber das spielt keine Rolle. Ich habe Bücher, neue Bücher, und solange ich Bücher habe, kann ich alles ertragen.“

Der Leser wird immer mehr in den dichten Sog des Buches gezogen. Nach und nach werden die Ereignisse der Vergangenheit offenbart, zaghaft tastet sich Morweena an die schrecklichen Erfahrungen, die zu ihrer jetzigen Situation führten, heran. Wichtig ist ihr die Magie. Sie sucht die Nähe der Elfen, Fabelgeschöpfen mit denen sie auch reden kann, in ihrer Sprache, die interpretiert werden muss. Hier zeigt sich die große Begabung von Jo Walton. Den beschriebenen Wesen wird keine Rahmenhandlung gegeben, sie sind fragil, durchscheinend, tauchen nicht wirklich auf, man kann viele Stellen der Gespräche und Beschreibungen der Wesen auch als Hirngespinste Morweenas interpretieren. Was geht in so einem Kopf vor? Ist sie traumatisiert wegen des Todes Ihrer Zwillingsschwester? Was ist Magie?

„Klassenzugehörigkeit ist nichts Greifbares, und wie sie unser Leben beeinflusst, lässt sich nicht wissenschaftlich analysieren, und eigentlich soll es sie gar nicht geben, aber sie ist mächtig und allgegenwärtig. Sehen Sie? Wie Magie.“

Magie ist eine in der Realität verwurzelte Symbolik oder erscheint diffus und nicht greifbar. Genau so werden die Elfen beschrieben. Nicht einheitlich, nicht greifbar, nur aus den Augenwinkeln bemerkbar. Besser wird die Situation für Morweena, als sie ihren Karass findet (Ein Begriff aus Cat’s Cradle von Kurt Vonnegut), eine Gruppe von Gleichdenkenden, die wöchentliche Treffen veranstalten und Themenabende über Science Fiction abhalten.

Bezüglich der Covergestaltung hat der Golkondaverlag ein glücklicheres Händchen als Randomhouse bewiesen, bei denen das Buch im August 2016 als Taschenbuch erschien. Was die irritierten Rezensionen zeigen. Ein nachdrückliches, ernstes und dichtes Buch, das sicherlich nicht ganz dem gängigen Jugendbuch entspricht. Nein, das ist kein typisches Buch von einem heranwachsenden Teenager. Wer bei den erwähnten Science Fiction Büchern nicht mitkommt, dem entgeht die halbe Magie. Und wer bei den sehr introvertierten Tagebuchschilderungen des Kampfes gegen die Pubertät von Morwenna Handlung vermisst, dem entgeht die zweite Hälfte der Magie. Ein wunderschönes empathisches Buch, das nicht ganz einem Genre zuzuordnen ist. Vielleicht kann man einfach sagen, es ist ein Magiebuch.

Among Others wurde 2012 mit dem Hugo Award dem Nebula Award sowie dem British Fantasy Award ausgezeichnet. Ein Buch, das sich nicht nur Fans des Genres nicht entgehen lassen sollten.

  (4)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(57)

110 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 8 Rezensionen

new york, selbstmord, familie, film, kino

Die amerikanische Nacht

Marisha Pessl , Tobias Schnettler
Flexibler Einband: 800 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 25.09.2014
ISBN 9783596183326
Genre: Romane

Rezension:

Ashley Cordova ist tot. Eine junge Frau von 24 Jahren hat sich in New York in einer verlassenen Lagerhalle das Leben genommen. Nur war dies nicht nur irgendeine Jugendliche. Sie war die Tochter des berühmten Regisseur Stanislas Cordova, der seit über 35 Jahren kein Interview mehr gab und dadurch zu einem Mythos geworden ist.

Scott McGrath ist ein investigativer Journalist und hat sich an Cordova, wie so viele andere, die Finger verbrannt. Eine Recherche über den Regisseur brachte ihm, außer einer verlorenen Verleumdungsklage und einem hohen finanziellen Verlust, nichts verwertbares ein. Danach wurde er von seiner Frau verlassen, die das gemeinsame Kind mitnahm und er musste sich langsam wieder auf die Füße stellen. Doch seine geheime Obsession ist Cordova, der Kult um ihn und natürlich seine Filme. (Die in der Art stark an David Lynch erinnern). McGrath fängt an zu recherchieren und erhält durch Kontakte mit der New Yorker Polizei einen Wissensvorsprung gegenüber der Familie Cordova, die die Spuren der Tochter verwischen will.

Auf seinem Weg zu dem Unglücksplatz lernt er den Herumtreiber Hopper kennen, der in einer geheimnisvollen Verbindung zu Ashley steht. Auch die junge Nora, die zu Hopper und Scott stößt, birgt einige Geheimnisse.

Scotts Suche findet nicht überall Gegenliebe:

„‚Weißt Du, was dein Problem ist, McGrath?‘, sagte Beckman und teilte den Rest Wodka auf unsere Gläser auf. ‚Du hast keine Achtung vor dem Trüben. Vor dem finsteren Unerklärten. Dem Nichtfestnagelbaren. Ihr Journalisten ebnet die Rätsel des Lebens einfach ein, ihr habt keine Ahnung was ihr da so schonungslos ans Licht bringt, und dass ihr nach etwas sehr Mächtigem grabt, das …‘ Er lehnte sich zurück und sah mit in die Augen.’… nicht gefunden werden will. Und das wird es auch nicht.‘ Er sprach von Cordova.“

Mit Noras Hilfe findet er Zugang zu den geheimen Blackbirds  Ein Platz im Internet, welcher von den Cordoviten, den Fans Cordovas, gegründet wurde. Nur Eingeweihte haben dort Zugang. Cordovas Welt wird dem Leser unterbreitet, eine Welt voller Geheimnisse und Düsterkeit, voller Schrecken, aber Ehrlichkeit ist hier ein Muss. Nur indem jeder seine dunklen Seiten auslotet und anerkennt, findet er zu sich und zu neuen Wegen.

„Diese Seite ist eine schreckliche Realität. Ein heiliger Arbeitsplatz. Ein gefährlicher Wald. Ein Ort, an dem du alles diskutieren und in Frage stellen kannst, was deine Familie und Freunde, deine Religion und deine Gesellschaft bedroht und in Angst versetzt. Dies ist eine Welt jenseits der kommerziellen Hochglanzwelt. Ein Ort, der dreckig und unheimlich und erschreckend ist, chaotisch und hässlich und faszinierend. Ein bodenloser, schrankenloser Raum. Hier geht es nur um den Kampf um etwas Wertvolles. Etwas Ehrliches. Das ist es, wozu uns Cordova in seinem ganzen Werk auffordert. Unser ehrliches Selbst in uns zu finden.“

Es ist Die Cordova Wahrheit: die des menschlichen Geistes. Die Sehnsucht nach Schrecken. Die Sehnsucht nach Liebe. Die Sehnsucht nach emotionalen Erfahrungen, die dich zerreißen.

Das Trio (Scott, Nor und Hopper) folgen den Spuren Ashleys und gewinnen durch Befragungen von Augenzeugen, die Ashley gesehen hatten, und eigene Erlebnissen, einen tiefen Einblick in die Welt des Stanislas Cordova.

Marisha Pessl ist ein komplexes, fein recherchiertes Buch über die letzten Geheimnisse in unserer digitalisierten Welt gelungen. Der Plot ist spannend und ausgereift, auch wenn so mancher Zufall an die TKKG Reihe erinnert, es gibt im Buch plötzlich immer nur noch einen roten Faden zu verfolgen. Der Leser hat keinen Wissensvorsprung vor den handelnden Figuren und so wird dieser von einer überraschenden Szene zu der nächsten geworfen. Schräge und geheimnisvolle Charaktere tauchen auf und wähnt sich der Leser am Rande des Verstehens, schlägt der Plot noch einen Haken.

Die wundersame Welt des Stanislas Cordova eröffnet sich dem Staunenden in dem Buch, durch Zeitungsausschnitte, Schnipsel aus dem Internet, zufällig gefundene Bilder, liegengelassene Zigarettenstummel. Pessl zieht alle Register, hat als Buchregisseurin aber eine wundersame Gabe diese Fäden immer wieder zu einem (Teil-) Ganzen zu verweben.

Besonders die Beschreibung der (fiktiven) Filme Cordovas und das Anwesen ‚The Peak‘ auf dem Cordova gelebt und gefilmt hatte, sind ihr sehr gut und mysteriös gelungen. Immer wieder wird Cordovas Bestreben, das wahre Ich aus den Menschen zu locken und aufzudecken, gezeigt. Das Zusammenarbeiten mit ihm gerät für viele Menschen zu einem Wendepunkt in ihrem Leben:

„Aber der wahre Lohn der Zusammenarbeit mit Stanny war nicht Geld oder Beifall, sondern das Danach. Wir Schauspieler sprachen alle davon. Wenn man nach der Arbeit mit Cordova wieder im echten Leben ankam, war es, als seien alle Farben verstärkt worden. Das Rot war roter. Schwarz schwärzer. Die Gefühle gingen tiefer, als sei das Herz riesengroß geworden, empfindlich und geschwollen. Man träumte. Was waren das für Träume.“

Die Wahrheit ist immer zwiespältig und nicht eindeutig. Scott McGrath verwirrt sich in seinen Untersuchungen immer weiter auch in seine Seele, in seine ureigensten Abgründe der Seele.

„Ein Tornado wirft ein Haus um und der Besitzer stirbt. Das ist eine Tragödie. Dann stellt sich heraus, dass dort ein Serienmörder wohnte, und schon gilt das Ganze als Wunder. Die Wahrheit über das, was in dieser Welt mit uns passiert, ändert sich. Ständig. Das hört nie auf.“

Teilweise werden die Assoziationen der Filme satirisch auf die Spitze getrieben. Ein alter Bekannter von McGrath ist ein obsessiver Filmnarr von Cordovas Werk, seine Betrachtungen zu den Filmen lesen sich wie exzessive Verschwörungstheorien, die Wahrheiten setzen und Zeichen suchen die diese Wahrheiten bestätigen. (Kennt noch jemand den Hype um das Album der Beatles, wo alle vier barfuß auf dem Zebrastreifen laufen und viele meinten Zeichen zu sehen, dass Paul tot ist?)

Pessl spielt hier mit den Ingredienzien der Scheinwahrheit, der Zeichen, der Dunkelheit, ja sogar echte (?) Magier sind am Werk. Die Gestalt Cordova ist immer mit einem Geheimnis verbunden. Dunkelheit, die Macht aus der er seine Kraft zieht?

„Dunkelheit. Ich weiß, heute ist es schwer nachzuvollziehen, aber ein echter Künstler braucht die Dunkelheit, um etwas erschaffen zu können. Sie gibt ihm Macht. Seine Unsichtbarkeit. Je weniger die Welt über ihn weiß, wo er sich aufhält, woher er kommt und was seine geheimen Methoden sind, desto mehr Kraft hat er. Je mehr Nichtigkeiten die Welt über ihn schluckt, desto kleiner und trockener ist seine Kunst, bis sie schrumpft und zu etwas zusammenschrumpelt, dass man in einer Schüssel mit Milch zum Frühstück isst.“

Was etwas nervt sind die kursiv geschriebenen Wörter, manchmal wahllos verteilt im Text, wollen sie den Leser beeinflussen, gewisse Dinge anders zu sehen? So ganz gelungen ist ihr die Verbindung Mystik, Ernst, Scherz und Krimirecherche nicht. So manches wirkt zu platt, ihr vorheriges Buch ist um einiges dichter, literarischer. Doch hat mich hier der Plot am meisten fasziniert und man legt dieses doch dicke Buch ungern zur Seite. Es ist nicht unbedingt wie ein Sog, aber man möchte doch wissen wie es weitergeht. Ein Buch das im Gedächtnis haften bleibt.

„Eines Tages würde ich den beiden die wahre Geschichte erzählen. Aber jetzt, heute Nacht, sollten sie ihr Märchen behalten.“

  (8)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

24 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Armageddon Rock

George R.R. Martin , Peter Robert
Flexibler Einband: 420 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.11.2016
ISBN 9783453318052
Genre: Fantasy

Rezension:

Schon die Widmung des bereits 1983 in Amerika erschienenen Romans „Armageddon Rock“ des hochprämierten Autor George R.R. Martin macht klar, wohin die Reise geht. In die musikalische Zeit der 60er, 70er Jahre, als überall auf der Welt die Popkultur aufblühte und die Träume, durch die eingenommenen Drogen zumeist bunter waren. Der Optimismus und der Drang die Welt zu verändern, waren überall zu spüren und die schöne neue Welt greifbar nahe.

Damals … Damals war alles besser, wir hegen bittersüße Gedanken an gesehene Filme, erlebte Begegnungen, gehörte Musik, doch kann das Damals noch mit dem Heute standhalten? Manches ist aus dem heutigen Blickwinkel betrachtet überholt, veraltet  und oft stellt man sich die Frage, ‚Was habe ich bloß daran gefunden?‘ Trotzdem erinnert man sich gerne an frühere Begebenheiten, wann man bestimmte Bücher gelesen, Orte besucht oder Musik gehört hat. Diesen Zauber, den insbesondere Musik in uns hervorruft, davon erzählt Armageddon Rock.

Dieses Buch hatte ich in den 80er Jahren schon mehrmals gelesen und innig geliebt. Da es verschollen ist, habe ich mich gefreut dass der Heyne Verlag diesen Band neu aufgelegt hat. Dass George R.R. Martin inzwischen eher als Fantasyautor bekannt ist, aber schon früher großartige Romane schrieb, wissen meist nur die eingefleischten Fans. Doch kann ein 30 Jahre altes Buch die damalige Magie wieder aufleben lassen?

Das Altamont Free Concert 1969 war für viele das symbolische Ende der Unschuld der Hippiebewegung, die mit Woodstock noch so verheißungsvoll angefangen hatte. In Armageddon Rock erweitert Martin das Trauma der Hippies um das West Mesa Festival, bei dem der Leadsänger der (erfundenen) Gruppe Nazgûl während des Auftritts von einem Scharfschützen erschossen wird.

Zehn Jahre später erhält Sandy Blair, ein freier Journalist und Schriftsteller, von seinem früheren Arbeitgeber bei einer bekannten Popzeitschrift, den Auftrag, den Mord an einem bekannten Rockpromoter, der die Nazgul unter lebenslangem Knebelvertrag hatte, zu untersuchen. Ihm wurde zu Hause, während die letzte Platte der Nazgul lief, das Herz herausgerissen. Auf den Tag genau dreizehn Jahre nach dem Tod des Sängers der Nazgul. Sandy, frustriert von seiner derzeitigen Lebenssituation, macht sich auf den Weg, die drei verbliebenen Bandmitglieder zu finden. Auf seinem Weg besucht er auch alte Freunde und seine eigene Vergangenheit. Der Tenor ist hauptsächlich: Was ist aus uns geworden.

„Ich erinnere mich, zum Teufel, ich weiß, es war beschissen damals, wir hatten den Krieg und Rassismus und Nixon und den alten Spiro, aber weißt du, wir hatten auch … ich weiß nicht … so was wie Optimismus. Wir wussten, dass die Zukunft besser werden würde. Wir wussten es. Wir würden dafür sorgen. Wir würden die Dinge um uns herum verändern, und wir hatten unsere Jugend, stimmt, also war die Zeit auf unserer Seite. Wir wussten was richtig und was falsch war, wir wussten, wer die Bösen waren, und es gab ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.“

Jeder der Besuchten hat einen anderen Lebenslauf hinter sich – und wer in dieser Zeit aufgewachsen ist, findet bei den beschriebenen Charakteren sicherlich den ein oder anderen vertrauten Charakterzug. Die Öko-Frau die sich in eine Hippiekommune zurückgezogen hat, der Außenseiter, der Hedgefondmanager geworden ist, der unter der Fuchtel seines faschistischen Vaters stehende, gebrochene Sohn. Alle Kinder ihrer Generation. Eine verlorene Generation, die es eigentlich recht einfach hatte:

„[…] wir waren wirklich anders als alle Generationen, die sich vor uns aufgemacht hatten, weil wir so verdammt viele waren. Wir sind die Babyboomer, der größte, haarigste Haufen, den man je eingeladen hatte, in die Party des Lebens reinzuplatzen. Unser ganzes Leben lang war die amerikanische Gesellschaft damit beschäftigt, sich in unserer Gestalt neu zu erschaffen. Die Vorstädte wurden gebaut, um uns zu beherbergen. Spielzeug, Windeln und Babynahrung hatten ihre große Zeit, als wir sie benutzten. Die Medien sind uns auf Schritt und Tritt in unseren süßen, rosigen Arsch gekrochen.“

Immer mehr verdichten sich die Gerüchte um eine Reunion der Nazgûl. Doch wer sollte den Part des charismatischen Leadsängers spielen. Hier hält George R.R. Martin noch die eine und andere Überraschung bereit.

Armageddon Rock ist im Grunde genommen ein Musik-Thriller mit Krimianleihen. Was das Buch so besonders macht, ist der sehr gute Blick und die treffende Beschreibung der Babyboomer, ihrer geplatzten Träume und den Versuchen einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Charaktere sind alle sehr lebensecht und authentisch. Sandy Blair taucht wieder in die 60er Jahre ein, als er seinem Auto den Namen Tagtraum gibt. Dass dieses ein hippieuntypischer Sportwagen der Marke Mazda ist, ist für ihn zweitrangig. Irgendwie muss das Gefühl doch wiederkommen. Martin versteht es, die Spannung aufrechtzuerhalten, seine Beschreibung der Konzerte der Nazgûl sind lebensecht, fast vermeint man die treibende Kraft und Spannung der Musik zu hören. Seitenlang liest man Beschreibungen der Konzerte und hört das Pulsieren der Musik, so echt wirken die Darstellungen.

Ein nach 30 Jahren immer noch packender und elektrisierender Roman, der keinerlei Patina angesetzt hat und zeitlos wirkt. Ein frühes Buchhighlight des jungen Jahres.

  (11)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(16)

49 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

aliens, china, scifi, angriff, sonnen

Die drei Sonnen

Cixin Liu , Martina Hasse
Flexibler Einband: 450 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.12.2016
ISBN 9783453317161
Genre: Science-Fiction

Rezension:

„Selbst Gott persönlich könnte hier nichts ausrichten. Die Menschheit ist an einem Punkt angelangt, an dem ihre Gebete, egal an wen, nicht mehr gehört werden. Was jetzt kommt, ist nicht aufzuhalten, da können die Menschen noch so laut schreien.“

Die Menschheit hat es einfach nicht verdient, weiter zu existieren und muss vor sich selbst beschützt werden. So ist der Grundtenor des ersten chinesischen Science Fiction Romanes, der mit dem bedeutensten SF-Preis der Literatur ausgezeichnet wurde, mit dem Hugo Award. In Deutschland ist der erste der auf drei Bände ausgelegten Trilogie jetzt im Heyne Verlag erschienen.

Cixin Lius Epos fängt Ende der 60er Jahre in China an und berichtet von der dortigen Kulturrevolution. Ein Physikprofessor wird Opfer dieser Säuberung in China, bei der insgesamt über eine Million Menschen zum Opfer durch Tod oder Folter wurden. Diese relativ grausame Schilderung des Todes hat mich anfangs stutzen lassen. Ein Buch, selbst ein Science Fiction-Roman, das kritisch mit diesem Thema umgeht? Hat China etwa die Zügel der Zensur gelockert? Doch was können wir als Westler schon viel über diese uns doch fremde Kultur berichten, was wissen wir darüber?

Cixin Liu erzählt wie Ye Wenjie, die Tochter dieses Professors, selbst verdächtigt und interniert wird. Für das geheime Projekt Rotes Ufer wird die Astrophysikerin dann zu dem damals größten Radioteleskop Chinas versetzt und hilft an dessen Wartung und Verbesserung mit. Hier überrascht Cixin Liu mich erneut mit einer kleinen satirischen Einlage. Die Formulierung der Botschaft an mögliche Außerirdische gerät zu einer kleinen politischen Spitze:

„METI-Grußnachricht an außerirdische Zivilisationen. Erster Entwurf [Gesamter Text]
Empfänger dieser Nachricht, aufgepasst! Diese Nachricht stammt aus einem Land, das für die Revolution und damit für Gerechtigkeit steht! Ihr habt unter Umständen bereits Botschaften aus der gleichen Richtung erhalten. Diese stammen von einer imperialistischen Supermacht auf unserem Planeten. Diese Supermacht ringt mit einer anderen Supermacht um die Weltherrschaft, um das Rad der Zeit zurückzudrehen und die Fortschritte in der Menschheitsgeschichte zunichtezumachen. Hoffentlich schenkt ihr den imperialistischen Lügen kein Gehör und steht auf der Seite der Gerechtigkeit, auf der Seite der Revolution! [Anweisung des Zentralkomitees] Völliger Blödsinn, den niemand kapiert. Es reicht doch wohl, überall auf der Erde Wandzeitungen mit Propagandabotschaften aufzuhängen. Man muss sie nicht auch noch ins All schießen.“

Ye Wenji erhält eines Tages eine Botschaft aus dem All und antwortet darauf völlig spontan ohne diese Konversation zu speichern oder jemandem bekannt zu geben. Die einzigen Menschen, die davon noch wissen, tötet sie kurz darauf: Ihren Mann und den Leiter der Forschungsstation.

Die Geschichte wird retrospektiv aus Sicht von Wang Miao einem Nanotechnologen erzählt. Dieser sieht plötzlich einen Countdown vor seinem geistigen Auge ablaufen. Er vertraut sich Ye Wenji an, die ihm rät, seine Forschungen einzustellen. Als er kurz darauf ein Experiment abbricht und die dafür benötigte Anlage für Wartungsarbeiten stillegt, verschwindet der Countdown. Ye Wenji hat ihm noch einen URL mitgegeben, bei dessen Aufruf landet er in dem Computerspiel „Three-Body“, das in einer gedachten Welt spielt, die durch drei Sonnen immer wieder dem Untergang geweiht ist. (Hier ist ein sehr starker Bezug zum grandiosen SF-Werk „Otherland“ von Tad Williams zu finden). Das Dreikörperproblem ist ein chaotisches, nicht durch Berechnung zu lösendes physikalisches Problem (ähnlich dem Doppelpendel). Auf dem Planeten im Computerspiel erblüht eine Zivilisation nach der anderen, die aber durch den Verlauf der drei Sonnen nach einiger Zeit von einem stabilen Zustand in einen chaotischen übergeht und dann untergeht. Gesucht wird eine rechnerische Lösung des Dreikörperproblems, um so die stabile Zeit zu bestimmen.

Die Erzählstränge wechseln von der Vergangenheit in die Gegenwart und zurück. Und langsam, wie das bei einem gut aufgebauten Epos ist, erkennt der Leser ein Gesamtbild, was doch sehr erschreckt. Das Spiel ist eine Rekrutierungshilfe für eine Gruppe um Ye Wenji, die Intellektuelle sucht, die sich daran beteiligen, die Menschheit am Fortschritt zu hindern. Die Erde soll präpariert werden für die Außerirdischen, die Trisolarier, die anstelle der Menschen die Erde übernehmen sollen. Die Trisolarier suchen eine neue Heimat, da sie mit drei Sonnen und den unberechenbaren Zuständen leben müssen. Warum soll aber die Menschheit weichen? Hauptsächlich wird die Umweltverschmutzung angeführt, der Mensch ist es einfach nicht wert, über die Erde zu wandeln:

„Aber die reichen Staaten sind auch nicht besser. Sie erschaffen sich mit viel Geld eine wunderschöne Umwelt, aber sie verlagern die Industrie, die viel Umweltverschmutzung mit sich bringt, in die armen Länder. Du hast vielleicht davon gehört, dass die USA sich geweigert haben, das Kyoto-Protokoll zu ratifizieren. Die Menschen sind doch alle gleich. Wenn die Zivilisation sich in diese Richtung weiterentwickelt, wird sie sich ausrotten.“

Cixin Liu baut den ersten Teil der Trilogie langsam auf und weiß geschickt die einzelnen Bausteine des SF-Epos Stein für Stein einzufügen. Ein Blick vier Lichtjahre entfernt zu den Trisolariern darf nicht fehlen, deren Kulturbeschreibung manches mal doch etwas an China erinnert:

„Alles geschieht immer nur zur Erhaltung der Art. Um als Gesamtheit zu überleben. Respekt für den Einzelnen existiert nicht. Kann der Einzelne nicht mehr arbeiten, muss er sterben. Die trisolare Gesellschaft ist extrem autoritär. Das Gesetz ist strikt und kennt keinen Kompromiss – wer schuldig ist, wird exekutiert, wer nicht schuldig ist, darf weiterleben.“

Doch die SF bietet natürlich viele Möglichkeiten eine derartige Kritik fein zu verstecken, um die Ordnungshüter nicht zu wecken. Cixin Liu hat mich ehrlich gesagt überrascht. Zwar sind so manche Szenarien und Beschreibungen etwas untypisch für meinen westlichen Geschmack, die Charaktere wirken nicht ganz ausgereift. Das SF-Setup ist Cixin Liu aber sehr gut gelungen, teilweise sprüht er vor lauter physikalischen Einfällen, Spielereien und fantastischen Umgebungen. Schwierig ist es wohl auch aus dem Chinesischen zu übersetzen, das viel von Begriffen lebt, welche sich aus dem Zusammenhang ergeben, als aus festen Wortbegriffen wie bei den westlichen Sprachen. Hier sind bestimmt auch etliche Feinheiten verloren gegangen. Wer sich für das Buch interessiert, mag diese interessante Rezension von Shaohai lesen, die das Buch im Original las.

Mein erster chinesischer SF hat Lust auf die nächsten beiden Bände gemacht, leider erscheint der nächste erst im Juni 2018 (!) Vielleicht wird das Warten ja noch verkürzt, alle drei Bände sind schon auf Englisch erschienen, eine Verfilmung ist für nächstes Jahr in China geplant.

  (11)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(20)

45 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

inspektor lukastik, voller skurriler, haie, schräger tapen., krimi aus dem wiener milieu

Nervöse Fische

Heinrich Steinfest
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.11.2004
ISBN 9783492242806
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Es gibt wenig was den Wiener Chefinspektor Lukastik erschüttern könnte und nach Wittgenstein gibt es auch keine Rätsel. Doch ein Toter mit Haifischspuren in einem Pool auf einem Wiener Hochhaus, lässt ihn auch etwas zweifeln. Aber irgendeine logische Erklärung wird es wohl auch für diesen Mord geben.

Dazwischen gibt es wie bei Steinfest des öfteren viele skurrile Figuren, viel ausschweifende Gedanken zu aufkommenden Themen, dass der Leser sich fast, aber nur fast darin verliert.

"Dass es der Herr den Seinen im Schlaf gibt, war schon immer Richard Lukastiks Meinung gewesen. Den sogenannten Fleiss, auf den sich große Künstler und brillante Forscher gern beriefen, hielt er für eine Koketterie. Die meisten von diesen Leuten legten sich ganz einfach schlafen, und wenn sie in der Früh erwachten, steckte ihnen eine geniale Idee im Schädel. So wie den Minderbegabten die Tageszeitung im Briefschlitz."

Aber in Steinfests Bücher verliere ich mich sehr gerne, zumal seine Charakterisierungen so wunderbar ungewöhnlich sind, dass man schon das Gefühl hat, jeder Mensch ist einzigartig und besteht, zumindestens in einem Aspekt, aus obskuren Grundlagen. So wie der Spezialist für Haie der hinzugezogen wird.

"Nun, ich habe als junger Mann Ozeanographie in Chicago studiert. Nicht aus Begeisterung für die Materie, sondern für die Stadt. Ich war ein dürftiger Student, unbegabt, uninteressiert, aber auch irgendwie konsequent. Konsequenz aus der Not heraus. Manche Leute sind fleißig, weil ihnen für die Faulheit ein passendes Konzept fehlt. Jedenfalls kam ich so weit, eine Doktorarbeit schreiben zu müssen. Und zwar über Haie. Das war keineswegs meine eigene Idee gewesen. Für eine eigene Idee hatte es mir an Ledienschaft gefehlt."

So ist dies sicherlich nicht der sprühendeste und einfallsreichste Roman von Steinfest. Aber selbst diese Romane übertreffen die meisten anderen in ihrer Sprachgewaltigkeit und ihrem Wortwitz.
Man muss sie einfach alle lesen.

  (5)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(11)

29 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

fantasy, zeitreise, london, unterwelt, jugendliche

Die Tore zu Anubis Reich

Tim Powers , Ü: Hannes Riffel / Walter Brumm ,
Flexibler Einband: 572 Seiten
Erschienen bei Heyne, 01.01.2004
ISBN 9783453870703
Genre: Fantasy

Rezension:

"Meisterwerk der Fantasy" "Herrlich skurrile und düstere Ideen, eingefangen in beeindruckenden Worten." "Kultbuch"

So und ähnliche Worte haben mich bewogen den 1983 geschriebenen Fantasyroman "Die Tore zu Anubis Reich"  von Tim Powers antiquarisch zu kaufen.Ich habe mich insgesamt über 80% der Seiten gequält, bis ich 70 Seiten vor Schluss entnervt aufgegeben habe. Ich wollte einfach nicht mehr wissen, wie es zu Ende geht.

Der Anfang des Buches geriet noch recht spannend und interessant. Eine gut zahlende Gruppe Interessierter will einen Vortrag des Dichters Coleridhe am 1. September 1802 in London besuchen und wieder zurückkehren. Die Zeit ist wie ein Fluß der unter einer Eisdecke dahinfließt. Man muss mitfließen, hat aber die Möglichkeit an Löchern in der Eisdecke auszusteigen und an einem anderen Loch wieder einzusteigen. Die Löcher im Eis sind unregelmäßig verteilt, aber berechenbar. Jedenfalls können das alte ägyptische Magier, die Tim Powers in dem ersten Kapitel einführt. Doch bei der Beschwörung geht etwas schief und diese Tore in die Zeit öffnen sich unbemerkt.

Brendan Doyle ist ein englischer Literatur-Experte für das 19.Jahrhundert und darf mit in die Vergangenheit reisen. Bei der Rückreise geht etwas schief und Doyle wird von einem der Helfer des ägyptischen Magiers gefangen gehalten.

Und jetzt wird das Buch für meine Begriffe zu chaotisch. Es werden verschiedene Gruppen vorgestellt, deren Ziele im diffusen bleiben. Als ein Werwolf hinzukommt der die Fähigkeit hat seinen Körper mit anderen zu tauschen, wird es ganz wirr. Doyle wechselt im Verlauf des Buches öfters seinen Körper und kommt mit anderen Figuren in Kontakt die auch die Körper getauscht haben und irgendwann hatte Powers mich abgehängt.

Anscheinend wird nicht nur der Körper gewechselt, sondern auch der Charakter. Hut ab, wer jetzt noch den Überblick hat. Für mich hatte dieses Buch nur viele Fragezeichen offen, zumal sich außerhalb der Figuren-wechsel-dich-Orgie auch kein anderes interessantes Szenario auftat.

So war ich kurz vor dem Ende nicht mehr ganz sicher welche Figuren in welchem Körper steckte und streckte daraufhin die Waffen.

 Schade. An sich klangen die begeisternden Rezensionen anders. Für mich jedenfalls kein Meisterwerk noch ein Kultbuch.

  (8)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

literatur vor 1945, poesie, essays, lyrik

Mädchenhimmel!

Lili Grün , Anke Heimberg
Fester Einband: 220 Seiten
Erschienen bei AvivA, 30.06.2015
ISBN 9783932338588
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

In der Naziherrschaft sind nicht nur 6 Millionen Juden und Andersdenkende grausam und kaltblütig umgebracht worden. Gestorben ist auch die sehr lebendige jüdische Kultur. Anke Heimberg hat die Aufgabe übernommen, Gedichte und Texte der unbekannten jüdischen Künstlerin Lili Grün neu aufzulegen.

Lili Grün wurde 1904 in Wien geboren und 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinec in Weißrussland ermordet. Sie lebte abwechselnd in Wien und Berlin, arbeitete als Schauspielerin und verkaufte Gedichte und Texte an Zeitungen. Geblieben sind auch 2 Romane von ihr, die im Aviva-Verlag in Berlin neu aufgelegt wurden.

Ihr Werk wäre sicher unentdeckt geblieben, hätte die bekannte österreichische Schriftstellerin Hilde Spiel den Namen Lili Grün nicht in ihrer Retrospektive der Nazizeit erwähnt. Die auf ein rasches Vergessen drängende Nachkriegszeit hat etliche Künstler in die Vergessenheit gedrückt, Lili Grün zum Glück nicht.

Die hier vorliegenden Gedichte und Texte zeigen eine lebendige und auch sehr persönliche Sicht der jungen Dame, meist auf die Liebe und die Schwierigkeit als ‚Fräulein‚ in der Männerwelt ihren Stand zu finden. Die Gedichte, die teils auch vertont wurden, sind Zeitzeugen der 20er, 30er Jahre, die von der weltweiten Weltwirtschaftskrise geprägt sind, doch meist klingt Sehnsucht nach einem besseren Leben durch die Zeilen:

Wir müssen den ganzen Tag tippen. Mit brennenden Augen und schmerzenden Rücken Bestätigen wir ihr Wertes vom Soundsovielten, Das wir mit bestem Dank erhalten Wir haben nur eine Sehnsucht: auszurasten. Von der Tages ewigem Läuten und Hasten, Denn unser armes Hirn ist müd und leer Wir haben keine bessere Sehnsucht mehr. Unsere großen, mutigen Gedanken Sind gestorben in des Alltags Schranken Unser Herzen große Zärtlichkeit Ist gestorben in des Alltags Leid

 

Lili Grüns Gedichte zeigen auch in Ihrer Zeit, eine frühe Art des fraulichen Selbstbewusstseins. Frau lässt sich hier nicht alles gefallen, zwar braucht es für die Liebe einen Mann, dieser wird aber auch recht kritisch gesehen. So schwankt die junge Frau zwischen Selbstbehauptung und der Suche nach dem Prinzen.

Die Liebe ist auch das Hauptthema der den Gedichten folgenden kurzen Texte. Hier wird die überall herrschende Arbeitslosigkeit mit eingeflochten, so dass ein stimmiges Bild der damaligen Zeit vor dem geistigen Auge entsteht. Es sind die einfachen Menschen, die Lili Grün beschreibt, deren Sorgen und Nöte, das Liebesleid der jungen Frau, die Morgens nach einer durchzechten Nacht neben einem Unbekannten aufwacht:

„Wenn sie heute wenigstens einen richtigen moralischen Kater hätte, damit ein wenig Abwechslung in die Geschichte gekommen wäre, aber nein, in ihrer Kehle waren bloß die alten Tränen vom monatelangen Alleinsein. Mädchen, die schrecklich allein sind, sollten nicht küssen. Die glauben doch dann immer gleich, dass sie den Betreffenden auch liebhaben.“

Abgerundet wird das Buch durch ein Nachwort von Anke Heimberg, in dem sie auf das Leben von Lili Grün eingeht. (Eine Biografie von Lili Grün ist von Frau Heimberg in Arbeit) Anke Heimberg erklärt und ordnet die Texte chronologisch ein, wobei mir die Erklärungen manches mal zu viel werden. Was ein Bureau, Kanapee oder der Ausdruck verknautscht bedeutet, weiß ich und bestimmt der geneigte Leser dieses Buches. Dadurch wirkt der, durchaus sinnvolle Kommentar, etwas oberlehrerhaft.

Das sollte aber niemanden davon abhalten, sich mit Lili Grün in die 30er Jahre zu begeben. Ein wunderschönes, sprachlich ausgereiftes Buch, welches mich durch seine natürlichen und frischen Texte fesseln konnte. Mädchenhimmel gewann 2014 den Melusine-Huss-Preis und stand 2014 auf der Hotlist der zehn besten Indiebücher.

  (6)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(24)

93 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

trennung, ehe, familie, other life, hebräisch

Hier bin ich

Jonathan Safran Foer , Henning Ahrens
Fester Einband: 688 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 10.11.2016
ISBN 9783462048773
Genre: Romane

Rezension:

„Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde“

Bibel 1.Mose Kapitel 22

„Abraham sagt nicht ‚Was willst Du?‘ Er sagt nicht ‚Ja?‘ Stattdessen antwortet er mit einer Feststellung ‚Hier bin ich.‘ Was auch immer Gott will oder braucht, Abraham ist ganz für ihn da, ohne Vorbehalte, Bedingungen, Einschränkungen oder das Bedürfnis nach Erklärungen.“

Genau dieses uneingeschränkte Hier-sein vermisst Sam. In seinem Leben, in seiner Familie. Sam ist der älteste Sohn von Jacob und Julia und bereitet sich auf seine Bar Mitzwa vor. Jacob und Julia sind seit zwanzig Jahren verheiratet, haben drei Söhne und sind Anfang vierzig. In Ihrer Ehe verstehen sie sich zwar blendend, doch ist ihr Liebesleben zerrüttet und es wird heikel, als Julia ein Geheimhandy von Jacob findet, auf dem sie eine pikante Konversation von Jacob mit einer Unbekannten lesen kann. Für die Bar Mitzwa reist auch die jüdische Verwandtschaft aus Israel nach Amerika. Gerade in Amerika angekommen erschüttert eine Naturkatastrophe den Nahen Osten, die den Fortbestand Israels in Frage stellt.

Doch zuerst geht es um Jacob und Julia. Sehr einfühlsam beschreibt Foer die Nähe der Ehepartner aus der Sicht von Jacob. Die Nähe, das Kennenlernen und das allmähliche Erlahmen der sexuellen Spannung, das Aufreiben im Alltag:

„So viele Tage, ihres gemeinsamen Lebens. So viele Erfahrungen. Wie hatten sie es geschafft, sich die letzten sechzehn Jahre hindurch voneinander zu entfremden? Wie hatte aus all der Anwesenheit Abwesenheit werden können?“

Jacob und Julia verstehen sich immer noch gut. Sie haben eine Art der Konversation gefunden, bei der mich Foer anfangs wirklich gefordert hat beim Lesen. Sehr rasant und immer um zwei Ecken weiter. Sehr vertraut, sehr nahe, aber im Grunde doch Lichtjahre entfernt. Sex findet nicht mehr statt, die Kindererziehung ist im Good Cop, Bad Cop erstarrt. In Erinnerung an ihre Hochzeit bringt es Julia auf den Punkt, können solche Gemeinsamkeiten, solch eine Nähe erhalten bleiben? Die Tradition, eine Glühbirne bei der Trauung zu zertreten, wird zur Allegorie der Ehe:

„Also manche Leute meinen, er solle uns an all die Zerstörungen erinnern, die die Voraussetzung unserer größten Glücksmomente sind. Manche Leute halten es für ein Gebet: Lass uns glücklich sein, bis sich die Scherben der Glühbirne wieder zusammengesetzt haben. Manche halten es für ein Symbol der Zerbrechlichkeit. Aber die naheliegendste Interpretation habe ich nie gehört: So sind wir. Wir sind brüchige Individuen, die in einer brüchigen Welt eine brüchige Verbindung eingehen.“

Auch der offensichtliche Ehebruch, der zu Tage tritt, als Julia das Handy mit der sexuellen Konversation findet, dient nicht zum Dampf ablassen, es bleibt gesittet, Teller werden nicht geworfen, es ist nur ein weiterer logischer Schritt zum Abgrund. In weiteren Kapiteln kommen die Kinder zu Wort. Sam als Ältester hadert mit seiner nicht gewollten Bar Mitzwa, Max, der Mittlere, weiß nicht, wohin er sich wenden soll, zum Älteren oder zu Benji, dem Jüngeren, der schon sehr altklug wirkt und der Situation und seinen Eltern durch seinen kindlichen Blick eine andere Sichtweise vermittelt.

Eingebunden ist dieser Mikrokosmos in Washington D. C., in die große Welt, die aber bei näherer Betrachtung auch nicht anders abläuft als der Ehealltag. Da ist der Großvater von Jacob, der ins Altersheim soll, aber nicht will und dann kurz vorher stirbt. Die Verwandten aus Israel reisen an. Auch hier war Nähe da, ist aber wieder verschwunden. Bei der wirklich wunderschönen Grabrede des Rabbiners bringt es dieser auf den Punkt.

„Jemandem nahe zu sein, ist leicht, jemandem nahe zu bleiben aber fast unmöglich. […] Nähe kann man nur auf eine Weise erhalten; indem man festhält, was einem nahe sein soll. Damit kämpft. Es zu Boden ringt wie Jakob den Engel und sich weigert, loszulassen. Liebe ist nicht die Abwesenheit von Ringen. Liebe ist Ringen.“

Foer lässt den Nahen Osten noch sein Armageddon erleben, doch im Grunde ringen hier seine Hauptfiguren um Nähe um das Beieinandersein. Interessantes erfahren wir noch über jüdische und amerikanische Juden. Der verzweifelte Versuch, die Welt zu verstehen, wird nur noch überschattet von dem Versuch, den Anderen zu verstehen. Doch im Endeffekt heißt es ‚Hier bin ich – und kann nicht anders‘ wie Thursdaynext in Ihrem wunderschönen Beitrag schrieb. Dieses Verständnis ist im Grunde der Schlüssel:

„Wir ziehen nicht weg.
Dachte ich mir schon.
Wir hatten es vor. Rivka war fast so weit. Aber jetzt ist die Sache vom Tisch.
Was hat sich verändert?
Alles. Nichts.
Verstehe.
Wir sind nun mal, wer wir sind. Dieses Eingeständnis stellt die Veränderung dar.
Daran arbeite ich auch.“

Jonathan Safran Foer hat einen großen, unterhaltsamen, rasanten und sehr jüdischen Roman geschrieben. Der Leser wird wechselseitig im Mikro- und Makrokosmos hin- und her geschüttelt und muss aufpassen, den Faden nicht zu verlieren. Foer packt so viele Themen in sein Buch, dass es fast platzt. Teilweise konnte ich mich nicht mehr losreißen von diesem Buch, so manches Mal musste ich niederknien vor Foer, manches Mal hat mich die bis in die Spitze geschilderte Unentschlossenheit und Diskussionsbereitschaft in den Wahnsinn getrieben. Ein großartiger Roman mit klarer Leseempfehlung.

  (8)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(18)

35 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

meer, sachbuch, norwegen, eishai, walfang

Das Buch vom Meer oder Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen

Morten A. Strøksnes , Ina Kronenberger , Sylvia Kall
Fester Einband
Erschienen bei DVA, 29.08.2016
ISBN 9783421047397
Genre: Sachbücher

Rezension:

Als ich den Titel las, dachte ich, noch so ein „Hundertjähriger-der-aus-dem-Fenster-stieg“ Ableger? Och nö! Wieder so eine quasi-lustige Kopie des Bestsellers, als würde die Kreativität der Verlage darnieder liegen. Aber nun, warum nicht das verkaufen, was gut läuft. Doch als ich das Buch in einem Buchladen in der Hand hielt, waren alle Bedenken dahin. Schon optisch und haptisch ist das Buch ein Genuss. Der stilisierte Hai ist wie in einem Relief in den Buchdeckel geprägt. Das Buch hat ein ungewöhnliches aber nicht unangenehmes Format.

Bei dem erzählenden Teil dieses überraschenden Buches, schreibt der Autor über zwei Freunde die einen Eishai fangen wollen, vor den Lofoten, einer Inselgruppe im Norden von Norwegen. Überraschend ist dieses Buch insofern, da die Geschichte dem Autor dazu dient, Unmengen an Fakten dem Leser zu vermitteln, Fakten über das Meer. Wissen das ich vorher so noch nicht gelesen habe.

Dabei werden diese Fakten in die erzählte Geschichte mit einbezogen und der Autor Stroksnes holt dabei weit aus; über die Geschichte, in der Mystik, über die Biologie aber auch mal über die Krimi Serie Derrick (!), wird sinniert. Schon das Umfeld in dem die beiden Männer angeln, auf einem kleinen Boot inmitten der Größe der Natur, ist für den Autor berauschend und inspirirend:

„Der Anblick der berühmten Lofotenwand hat bereits auf viele Menschen Wirkung gehabt. Als der Maler Christian Krohg an einem Wintertag 1895 über den Vestfjord kam, schrieb er: ‚Ja, es ist nicht zu leugnen – ein imposanter Anblick: Das Reinste vom Reinsten, das Kälteste vom Kältesten, das Jungfräulichste vom Jungfräulichsten, das Vornehmste was man sich denken kann. Altäre für den Gott der Einsamkeit und die Unberührtheit göttlicher Keuschheit. Schwierig – schwierig, dies zu malen! Die Erhabenheit und Größe wiederzugeben ebenso wie die unerbittliche, unbarmherzige Ruhe und Gleichgültigkeit der Natur.“

Das Meer ist ein faszinierendes, weitgehend unentdecktes Feld. Ab einer gewissen Tiefe ist das Meer tödlich für den Menschen und so hat er sich dessen Erforschung nicht näher zugewandt, obwohl dessen Tiefe und Flächenausdehnung die gesamte Landmasse der Erde bei weitem übersteigt. Selbst der Himalaja würde an der tiefsten Stelle des Meeres spurlos verschwinden. Auch die Artenvielfalt ist ein vielfaches von dem was auf dem Land kreucht und fleucht. Jede Woche werden neue Arten oder Rassen entdeckt, ein Ende ist nicht abzusehen. Der Mensch ist dieser Hölle, dieser Finsternis entkommen die im Meer herrscht, doch sollte er sich darauf besinnen, dass er doch nur ein umgebauter Fisch ist, dass im Meer seine Wurzeln liegen.

Die Angel-Treffen der Freunde auf den Lofoten, die sich mit Unterbrechungen über ein Jahr hinziehen, sind für den Autor, der in einer Art Autobiografie über diese Zeit schreibt, auch ein Quell der Ruhe und Besinnlichkeit. In dieser Gegend, die unberührt von unserer modernen Zivilisation ist, spürt er die Magie der Worte, er spürt, was es heißt am Meer zu leben.

„Nachts schlafe ich bei offenem Fenster. Es geht nur eine leichte Brise, und das sanfte Plätschern von Wasser gegen Stein findet seinen Weg durch die dünne Membran des Schlafes. Auf der Westseite der Vesteralen gibt es ein eigenes Wort für dieses Geräusch, das in einer milden Sommernacht durchs offene Schlafzimmerfenster dringt und vom Meer erzeugt wird, das auf weichen Sandstrand trifft: ’sjybarturn‘.“

Die Menschen, die dort in Fischerdörfern leben, haben sicherlich ein direkteres Verhältnis zur Jagd nach Fischen als andere, es ist in der Tat ihre einzige Möglichkeit zu Überleben. Sie wissen um das Zusammenspiel von Walen, Haien, Korallen, Fischen und welches Wetter welche Möglichkeit bietet, erfolgreich die See zu befischen. Leider haben moderne Fischfangmethoden und die Gier nach maximalem Profit, viele Arten ausgerottet und damit auch das komplexe ökologische Zusammenspiel der Flora und Fauna verändert, wenn nicht sogar zerstört. Damit verschwindet leider auch das Wissen über diese Zusammenhänge und das dazugehörige Vokabular.

Kritisch setzt sich der Autor mit dieser ökologischen Katastrophe auseinander, wenn auch das Hauptaugenmerk nicht ganz darauf liegt. Wenn er davon spricht dass durch Schleppnetze Korallen zerstört werden, ist das natürlich eine verwerfliche Art der Fischerei, und man nimmt es ihm durchaus ab. Aber dann sich selbst in ein Boot zu setzen und ein vom Aussterben bedrohtes Tier zu fangen karikiert seine Aussage. So wie der Umweltaktivist, der zu Hause den Müll nicht trennt.

Der Eishai greift Menschen nicht aktiv an, ist erst nach 150 Jahren geschlechtsreif, lebt so lange wie kein anderes Wirbeltier (400 Jahre) und sein Fleisch ist für den Menschen nicht zum Verzehr geeignet. Warum ihn dann jagen? Hier bekam ich dann doch meine berechtigten Zweifel am Tun des Autors.

Morten A. Stroksens ist ein starkes Buch gelungen, ein Buch das den Leser gerade in seinen Sachbuch Passagen fordert. Geschickt, manchmal etwas langatmig, aber nie langweilig, vermischt er diese Fakten mit den lyrioschen Beschreibungen der Ausflüge der beiden Freunde auf das Meer. Nicht ganz überzeugt war ich von seiner, mir zu dezenten und nicht ganz authentischen Kritik, an der Umweltzerstörung. Dennoch hat er dies literarisch in einem Absatz wunderschön subtil ausgedrückt:

„Massenaussterben sind uns durchaus bekannt. Wir sind erst seit wenigen Jahrtausenden hier, aber wir haben uns bis in die letzten Winkel der Erde ausgebreitet. Wir waren fruchtbar und haben uns vermehrt. Wir haben die Erde bevölkert und sie uns untertan gemacht. Wir herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

Amen!

  (10)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(45)

94 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 18 Rezensionen

freundschaft, new york, armut, drogen, laura schroff

Immer montags beste Freunde

Laura Schroff , Alex Tresniowski
E-Buch Text: 305 Seiten
Erschienen bei Diana Verlag, 05.10.2015
ISBN 9783641166601
Genre: Biografien

Rezension:

Tagtäglich laufen wir an vielen Menschen vorbei und sehen sie nicht. Gerade in den Metropolen haben die Menschen es zur Perfektion gebracht, innerhalb der Menschenmengen nur ihr Ziel, ihren unmittelbaren Weg zu sehen. Menschen die am Rande der Gesellschaft leben, ihren Lebensunterhalt durch Betteln verdienen, werden geflissentlich übersehen, ignoriert. So auch bei Laura Schroff die in New York lebt und sich der allgemeinen Gangart der Menschen dort angepasst hat. Sie schwebt auf einer Welle des beruflichen Erfolges, als urplötzlich ihr Schritt bei dem Anblick eines kleinen schwarzen Jungen stockt. Sie ist schon an ihm vorbeigelaufen als sie wieder umkehrt. Sie spricht ihn an, kauft ihm was zu essen und von da an verlaufen ihre Montage anders.

Laura Schroff hat in ihrem Buch 'Immer Montags beste Freunde' (im Original mit 'The invisible Thread' wesentlich treffender ausgedrückt) eine Biographie von sich geschrieben. Eine Biographie in der das Treffen mit Maurice der Mittelpunkt bildet. Das Treffen dient dazu um meist über ihre eigene Kindheit zu reflektieren. Die Freundschaft zwischen Maurice und ihr zeigt ihr, wie sehr gewisse Grundlagen einem jungen Menschen helfen kann:

"Rituale sind das, was uns im Leben erdet, was uns ein Gefühl von Sicherheit und Kontinuität gibt. Auch meine Familie hatte trotz ihrer Probleme feste Rituale gehabt. Wir aßen zu einer bestimmten Uhrzeit zu Abend, gingen jeden Atg zur gleichen Zeit ins Bett und am Sonntag zur Kirche.So war etwas Schlichtes wie den Müll rausbringen in vielerlei Hinsicht tröstlich für Maurice. Für ihn war es fast etwas Heiliges."

Die Kindheit ist eine wichtige Zeit bei jedem Menschen, etwas was sich unauslöschlich in einem festbrennt und deswegen sollte diese Zeit auch etwas Besonderes, Schönes sein.

"Es gibt ein Zitat der bekannten Gärtnerin und Schriftstellerin Elizabeth Lawrence, das mir immer gut gefallen hat: "Jede Kindheit hat ihren Garten, einen verzauberten Ort, an dem die Farben leuchtender sind, die Luft weicher und jeder Morgen verheißungsvoller ist als alle zuvor."

Laura wird für Maurice, der in einem Armenviertel mit Drogen und Gewalt aufwächst, zu einer wichtigen fixen Figur. Laura merkt das Besondere in diesem Kind und fördert Maurice wann und wo sie kann. Dabei sind es auch gerade die Gespäche mit Laura die Maurice viel bringen. Maurice hat einen Traum und merkt, dass trotz seiner schlechten Startschwierigkeiten dieser Traum verwirklicht werden kann.

"Gerade als ich dachte, es gäbe keinen Ausweg mehr, weil der erste Traum zunichtegemacht wurde, zu dem Du mich ermutigt hast, erzähltest Du mir , auch Du hättest Dich in meinem Alter in der Schule schwergetan. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie viel mir dieses Gestaändnis bedeutete. Ich dachte, wenn jemand wie Du, ein so redegewandter Mensch, dessen Leben so reich war, Probleme gehabt hatte, die er überwinden konnte, dann könnte ich das auch."

Laura Schroff erzählt eine anrührige Geschichte über den Traum eines jeden Strassenjungen, der Traum eine Chance zu bekommen, der ursprüngliche amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär.  Es allen zu zeigen und den Mahlstrom des Abgrundes zu entrinnen in den man hineingeboren wird. Dabei ist das was Laura Maurice gibt nicht Geld und teure Sachen, sie schenkt ihm Selbstvertrauen in sich selbst, Zuneigung und Liebe. Alles andere wird Maurice in den Jahren selber dazu beitragen um sein Glück zu finden.

Bei der Geschichte geht Luara Schroff sehr weit in ihre eigene Kindheit und meist handelt das Buch auch von ihr selbst, ihre eigene Kindheit.

Was ich vermisst habe, ist eine emotionale Grundstimmung in dem Buch. Laura Schroff beschreibt eher nüchtern die verschiedenen Stadien des Kennenlernens mit Maurice, seine Probleme zu Hause.
Als die Verbindung mit ihm schächer wird, weil sie einen Mann findet, der der Verbindung mit Maurice eher ablehnend gegenüber steht, beschreibt sie das genauso distanziert wie alles andere davor.
Durch diese eher aufzählende Art, kam bei mir auch kein richtiges Gefühl zu der Geschichte auf, obwohl das Thema an sich schon nahe am Kitsch gestrickt ist.

Ein mit netten Zitaten gewürztes Buch über eine ungewöhnliche Freundschaft und die Verwirklichung eines Ur-amerikanischen Traumes, das sich gut lesen lässt, aber keine tiefergehenden Gefühle bei mir hervorrufen konnte.

  (9)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

quantum, science-fiction, physik, taschenbuch

Quantum

David Walton , Norbert Stöbe
Flexibler Einband: 380 Seiten
Erschienen bei Heyne, 11.07.2016
ISBN 9783453317635
Genre: Science-Fiction

Rezension:

"Gemeinhin schenken wir in der Literatur der Science Fiction nur eine begrenzte Beachtung. Dennoch hat diesselbe in gewissem Grade ihren Sinn und Wert und ist auf manchen Lebensgebieten von praktischer Bedeutung"

Dieser leicht abgeänderte Absatz stammt aus dem Klassiker 'Die Feuerzangenbowle' (Professor Crey zu seiner Klasse vor dem verhängnisvollem 'wönzögen Schlock')  und trifft im hier vorliegenden Roman nur in einem gewissen Grad zu. Leider wird hier das Vorurteil untermauert, ein Science Fiction Roman gehöre einer unterklassigen Literaturschicht an.

Alles beginnt, als Jacob Kelly Besuch von seinem alten Freund Brian bekommt. Dieser erzählt ihm ganz unwahrscheinliche Dinge. Jacob und Brian sind beide Physiker und haben zusammen beim NJSC gearbeitet, der einen Superteilchenbeschleuniger betreibt. Jacob hat seine Forschungskarriere wegen seiner Familie aufgegeben. Er ist nun Lehrer an einem College und lebt mit seiner Frau und seinen drei Kinder friedlich und ohne Stress.

Brian macht ihm Vorwürfe, dass Jacob seine Karriere weggeworfen habe. Er selbst hätte in seiner Forschung einen Durchbruch erzielt. Zum Beweis läßt er einen Kreisel rotieren, der einfach nicht aufhört zu kreiseln.

Die nächste Szene spielt im Gerichtssaal, wir erfahren, dass Jacob Brian umgebracht hat. Doch wie ist es dazu gekommen? Zumal der Ablauf der Verhandlung und Jacobs Verhalten darauf schließen lassen, dass er es wirklich gewesen ist. Die nächsten Kapitel verwirren umso mehr, es scheint als gäbe es zwei Hauptfiguren, die unterschiedliche Dinge erleben.

David Walton versteht es anfangs geschickt, die Spannung aufzubauen und auch die komplexen Sachverhalte der Quantenphysik dem erstaunten Leser zu präsentieren. Ein Atom kann immer mehrere Zustände einnehmen, ein Zustand der vorher weder zu berechnen noch eindeutig ist. Werfe ich eine Münze, ist das Resultat, Kopf oder Zahl, erst dann offensichtlich, wenn ich die Hand von der Münze nehme.

Genau wie Schrödingers Katze, die in einem Gftgas-Tank sitzt, der durch ein instabiles Atom freigesetzt werden kann. Dessen Zustand kann nicht berechnet werden, also auch nicht der Zustand der Katze. Sie hat nur dann einen bestimmten Zustand, nämlich tot oder lebendig, wenn ich nachschaue, sie kann aber, wenn ich nicht schaue beide Zustände annehmen. Verzwickt? Nun ja, Physik war auch nicht mein Lieblingsfach in der Schule, an Quantenphysik traue ich mich gar nicht heran.

David Walton führt seine Leser geschickt hinters Licht, setzt aber gegen Ende doch zu sehr auf den Faktor: erlaubt ist, was die Spannung antreibt. Ob die Geschichte jetzt Logiklöcher hat oder nicht, liegt nicht in meinem Ermessensspielraum. Sie hat beide Seiten, erst wenn Du sie liest weißt Du ob sie welche hat. oder nicht.

Aber das wäre jetzt das Spiel zu weit zu treiben. Neben dem etwas unrealistischen Plot und Spiel der Figuren, sind die Interaktionen der Charaktere untereinander recht hölzern, der Plot wirkt auch lieblos zusammengeschustert und so bleibt leider das Vorurteil erhalten was viele über dieses Genre zu Unrecht haben: Unrealistisch, keine Literatur, unverständlich, keine gute Story.

Gute Ansätze sind hier vorhanden, doch sie fallen dem Gott des Thrillers zum Opfer. Schade.

 

  (11)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

"Und draußen weht ein fremder Wind ...": Über die Meere ins Exil

Kristine von Soden
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei AvivA, 27.09.2016
ISBN 9783932338854
Genre: Sonstiges

Rezension:

Es gibt Tage, an die man sich sein ganzes Leben erinnert. Neben den ganz privaten Schicksals- oder Freudentagen gibt es weltpolitische Umwälzungen, die das ganze Leben verändern können. Wer weiß bis heute nicht noch ganz genau was er am 11.9.2001 getan hat, als der Terror über die westliche Welt hereinbrach? Es gibt noch ein anderes Datum an dem etwas historisch vergleichbares passierte. Das Grauen brach über die Welt herein. Am 30.Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Das Weimarer Reich und die Demokratie endeten in Deutschland.

15 Jahre später wurde an diesem Tag Mahatma Gandhi in Neu-Delhi erschossen, doch 1933 erlebte ganz Europa den Beginn einer Schreckensherrschaft.

Mit persönlichen Gedanken und Empfindungen von Juden zu diesem Tag, beginnt das chronologisch ab 1933 bis 1945 aufgebaute Buch "Und draußen weht ein fremder Wind ..." - Eine Geschichte der jüdischen Auswanderung aus Deutschland, zusammengefasst von Kristine von Soden und liebevoll lektoriert von Britta Jürgs. Es ist besonders hervorzuheben, wie gut man sich in die damalige Zeit hineinversetzen kann, dank der eingestreuten Bilder und Plakatdrucken. Dieses Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, umrahmt eher die geschichtlichen Ereignisse durch die ganz persönlichen Berichte der jüdischen Betroffenen.

Viele Juden erkennen schon früh, dass ihre Zukunft außer Landes liegt, doch viele glauben auch, dass Hitler nur ein flüchtiger Schreck ist. Für viele ist dieser Irrglaube ein tödlicher Fehler.

Anfangs gestaltet sich die Ausreise noch problemlos. Obwohl die Weltwirtschaftskrise auf ihrem Höhepunkt ist, werden in Übersee oder Palästina geschulte Arbeitskräfte benötigt. Die Ausreise geschieht meist über das Meer, die europäischen Ziele sind zu unsicher, selbst die Schweiz nimmt zwar Juden auf, aber eine Arbeitserlaubnis erhalten nur sehr wenige. Viele Einzelschicksale werden beschrieben, Geschichten von Familien, Tragödien. Die Rechte der Ausreisenden werden Monat für Monat beschnitten, jüdische Institutionen nur noch geduldet, wenn diese mithelfen, die unerwünschten Nicht-Arier aus dem Land zu führen.

Juden werden zwar genötigt außer Landes zu reisen, doch ihr Hab und Gut müssen sie im Reich lassen. Was mitgenommen werden kann, beschränkt sich meist auf wenige Habseligkeiten. Die Umstände verschärfen sich von Jahr zu Jahr und jede Bestimmung ist genauestens deutsch-akribisch aufgelistet:

"[...] sonstige Silbersachen bis zum Gewicht von 40g je Stück bis zu einem Gesamtgewicht von 200g je Person. Die Kosten für die Prüfung des Umzugsgutes gehen zu Lasten der Geprüften. Quittiert mit Reichsadler und Hakenkreuz."

Zu der materiellen Enteignung kommt die innere Enteignung. Jüdische Schriftsteller dürfen nicht mehr über Deutschland schreiben:

"Dieses Nichtschreibendürfen, was man schreiben wollte, dieses Nichtsagendürfen, was es einen auszusprechen drängte, dieses Nichtdenkendürfen, weil aus dem Denken ein Sagen oder Schreiben hätte werden können."

Doch es ist schwierig nach Amerika einzureisen. Neben Geld wird von den Einreisewilligen eine Bürgschaft verlangt.

"Durch die schweren Unruhen seit April 1936 in Palästina rücken die USA auf den ersten Platz der angestrebten Exilländer. Die schwierigste Klippe ist im Unterschied zu anderen Zielen die Erlangung eines Affidavits, jener Bürgschaft von US-amerikanischen Verwandten, die garantiert, dass auf den Staat für die um Einlass Bittenden keine Kosten zukommt."

Wie in Amerika, gibt es auch in vielen anderen Ländern eine Verschärfung der Einwanderung um den Zustrom einzudämmen. Auswanderer lernt Sprachen, heißt es im Korrespondenzblatt der jüdischen Auswanderung im Herbst 1937. Denn auch Sprachkenntnisse sind gefordert, um einfachen Zugang zu einem Land zu finden. Auch wird die Unterstützung der Auswanderung ohne Sprachkenntnisse verweigert. Anna Frank-Klein, die es nach Palästina geschafft hat beschreibt das Leiden der Juden während der Auswanderung so:

"Wind und Wellen hatten im Laufe der Jahre Erde angeschwemmt, so dass es möglich geworden war, darauf zu sähen und zu ernten. Aber nun war die Zeit der Ruhe für das riesige Tier vorüber. Es schüttelte sich und schwamm in die Tiefe des Meeres, von der es gekommen war. Die meisten Menschen ertranken im Meer. Nur wenigen gelang es, sich auf Schiffe zu retten. Sie weinten um ihre Familien und Freunde. Sie schauten einander mit Tränen an und fragten: Was war das? Wir glaubten, wir hätten festen Boden unter den Füßen. Wir glaubten, wir hätten eine neue Heimat gefunden. Und wo war sie nun."

Die Gründung des Staates Israel 1948 ist nur ein Schritt der Jüdischen Gemeinde, wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen, das Ziel Frieden zu finden ist immer noch in Arbeit.

Ein unverzichtbares Buch, das die Grausamkeit an den Juden mit Bildern, Zitaten, Auszügen aus Tagebüchern und Gedichten der Betroffenen dokumentiert. Es sind die vielen Bilder und Abdrücke der Plakate und Zeitschriften, die diesen Geschichtsabschnitt so lebendig machen. Ich konnte mich sehr gut in die Zeit hineinversetzen und in welchem Zwiespalt die verfolgten deutschen Juden standen, ihr doch geliebtes Heimatland verlassen zu müssen.

 

  (8)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

4 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

Papa, was ist ein Terrorist?

Tahar Ben Jelloun , Christiane Kayser , Christiane Kayser
Fester Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 04.10.2016
ISBN 9783827013422
Genre: Sachbücher

Rezension:

„Papa, ich habe panische Angst!“

So beginnt der imaginäre Dialog von Tahar Ben Jelloun mit seiner Tochter. Wenn Erwachsene schon so viel Angst haben vor dem Terror, vor dem Schrecken, aber auch vor Migranten, vor dem Anderssein, was ist dann mit den Kindern. Diese dürfen wir nicht alleine lassen, mit ihren Gefühlen.

Alleine lassen dürfen wir aber auch nicht die Verwirrten und von der Politik Verlassenen, die in jedem dunkelhäutigen Fremden einen Terroristen und im Islam eine Terrorreligion sehen.

„Diese Angst ist, was der Terror hervorbringt. […] Es ist ein Zustand, der auf Entsetzen gründet, und manchmal löst er Panik aus. Wer terrorisiert wird, büßt seine Widerstandskraft ein. Er ist entwaffnet, verletzlich und schwach, er hat den Eindruck, vom Unheil verfolgt zu sein. Er ist entsetzt. Die Vernunft kann ins Schwanken geraten, das Denken vermag nichts mehr.“

Tahar Ben Jelloun geht in seinem Buch „Papa, was ist ein Terrorist?“ sehr methodisch vor. Ausgehend von einem Gespräch mit seiner Tochter, die wichtige und auch intelligente Fragen stellt, geht er erst auf die Angstgefühle ein, erklärt den geschichtlichen Hintergrund von Terror und den wichtigen Unterschied zu Widerstand.

„… seit jeher haben die Menschen sich geweigert, ohne Freiheit und Würde zu leben, Sklaven zu sein. Deshalb lehnen sie sich auf und wählen dazu das wirksamste Mittel. Auf keinen Fall darf Terrorismus mit Widerstand verwechselt werden. Ich betone noch einmal: Der Terrorismus ist ein Mittel, eine Vorgehensweise, kein Denken und keine Philosophie.“

Er gibt Beispiele des Terrors in der Geschichte und in heutiger Zeit. Dabei hat sich die Qualität des Terrors seit der RAF-Zeit und heute sicherlich gewandelt. Terror heute ist Gewalt gegen Unschuldige, die RAF hat sicherlich auch den Tod von Unschuldigen billigend in Kauf genommen, hat sich aber, in ihren Anschlägen, auf die verhassten Staatsträger konzentriert. Terror heute, richtet sich wahllos gegen wehrlose Menschen. Gewalt, die auch der Islam verurteilt. Für den Autor ist nicht der Islam schuld an dem jetzigen Terror, der Islam wird nur für dessen Zwecke missbraucht. (So wie sicherlich die Idee des Christentums in den Kreuzzügen strategisch missbraucht wurde). Wir müssen akzeptieren dass es Terror gibt, der einem Menschen nicht anzusehen ist, der grundlos und wahllos zuschlagen kann.

„Akzeptieren ist lernen, den Tatsachen ins Auge zu sehen und zu erkennen, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist, bei dem alles wunderbar abläuft, alle Menschen gut und freundlich, großherzig und hilfsbereit sind, dass das Böse existiert und ein jeder fähig ist Böses zu tun, sei es einfach so, sei es aus einem schändlichen Grund, der sich jeder Logik entzieht.“

Terroristen morden heute im Namen des Islams, missbrauchen diesen dabei aber auch fälschlicherweise für ihre Zwecke. Klug und fundiert zeigt uns der Autor viele Stellen des Islam und interpretiert diese. Auch auf unangenehme Fragen, warum die arabischen Staaten nichts gegen den Terror unternehmen, ja ihn sogar unterstützen, geht er ein. Hier ist natürlich die Kriegsindustrie und das Kapital wesentlicher Motor der Uneinigkeit und des Übels. Doch Tahar Ben Jelloun schreibt keine Hetzschrift. Klug, intelligent, sachlich und weitgehendst wertfrei, erarbeitet er seiner Tochter die Geschichte und Hintergründe des Terrors.

Letztendlich liegt es in unserer Hand, die nächste Generation auf dem langen Weg der Aufklärung vorzubereiten, der noch zu gehen ist.

„Es bleibt die Arbeit der Eltern, die sehr wachsam sein und überprüfen müssen, was für ein Bild die Kinder über das Netz empfangen. Doch ich betone, diese Wachsamkeit ist schwer aufrechtzuerhalten; es ist dabei sehr wichtig, feste und dauerhafte Beziehungen zu seinen Kindern aufzubauen, sie zu unterstützen, zu warnen, mit ihnen zu sprechen, ihnen die Dinge zu erklären, ihnen zu vertrauen, und ihnen Verantwortung zu übertragen.“

Ein sachliches, fundiertes und kluges Buch, dass unaufgeregt die geschichtlichen Grundlagen unserer Welt beschreibt und in Kinderhände ab 14 gehört. Es braucht mehr solcher Stimmen in dieser verrückten verwirrten Welt.

  (13)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(28)

61 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

die chronik des eisernen druiden, druide, fantasy, vampire, atticus o'sullivan

Die Chronik des eisernen Druiden - Getrickst

Kevin Hearne , Friedrich Mader
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 05.08.2016
ISBN 9783608961348
Genre: Fantasy

Rezension:

Im vierten Band der Druiden Reihe, ist der letzte eiserne Druide auf Erden auf der Flucht. Kein Wunder, denn die gesamten Gottheiten sind seit dem letzten Band auf der Suche nach ihm, um das Gemetzel was er und seine Freunde angerichtet hatten, zu rächen. Deshalb bereit er akribisch seinen Tod vor, wobei ihm sein alter Kumpel Coyote hilft. Doch auch dieser möchte eine Gegenleistung von ihm haben. Diese besteht darin, Gold unter Erde an eine bestimmte Stelle zu schaffen, damit die Nachkommen seines Volkes reich werden.

Doch so einfach ist dieser Gefallen nicht, da Atticus schon seit langem mit dem dienstbaren Geist, der das Gold verschiebt, nichts zu tun hatte und vorher muss er auch noch die Kohlenmine aus dem Weg räumen. Beim 'Goldlager' tauchen noch einige fast unbezwinbare Geister auf und mit der Liebe hat Atticus auch noch zu kämpfen, überhaupt denkt man er ist alleine mit seinem Kampf auf dieser Welt:

"'Vielleicht könnte man meine Arbeit so beschreiben, dass ich die Erde vor Arschlöchern schütze.''Ah verstehe', Frank zögerte, ehe er weitersprach. 'Sieht aber irgendwie aus, als wären die Arschlöcher am Gewinnen, oder?' 'Das liegt daran, dass ich hoffnungslos in der Unterzahl bin.'"

Der vierte hier vorliegende Band ist trotz der üblichen Ingredenzien, der schwächste der Reihe. Viele Dialoge schleppen sich dahin, der Witz ist nur spärlich eingeflochten und manchmal kommt mir die Art des Kampfes und die Gegner etwas wahllos vor.

Trotzdem freue ich mich auf den nächsten Band, da diese Reihe immer noch etwas Außergewöhnliches in der Fantasy Welt darstellt.

  (11)
Tags:  
 
2154 Ergebnisse