rallus

ralluss Bibliothek

2.170 Bücher, 2.136 Rezensionen

Zu ralluss Profil
Filtern nach
2170 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(10)

34 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

london, teufel, geldheirat, dichter, forrest leo

Der Gentleman

Forrest Leo , Cornelius Reiber
Fester Einband: 296 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 11.04.2017
ISBN 9783351036737
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

10 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

proulx, nouvelle france, schicksal, kanada

Aus hartem Holz

Annie Proulx , Melanie Walz , Andrea Stumpf
Fester Einband: 768 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 27.03.2017
ISBN 9783630872490
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Trash-TV. 100 Seiten

Anja Rützel
Flexibler Einband
Erschienen bei Reclam, Philipp, 17.03.2017
ISBN 9783150204337
Genre: Sachbücher

Rezension:

Eigentlich schaue ich ja nur Arte, Der Untergang des Abendlandes, Fremdschämen

Das sind alles Dinge die uns einfallen, wenn wir an die Shows des Privatfernsehens denken. Woher kommen diese unsäglichen, voyeuristischen, primitiv anmutenden Fernsehshows, die sicher jeder in unserer westlichen Zivilisation einmal eingeschaltet hat – zumindestens um seine Meinung zu zementieren, dass dies ausgemachter Schwachsinn ist.

Anja Rützel eine bekannte Feuilletonistin von Spiegel Online, Zeit Online, FAZ oder TAZ (um nur einige bekannte zu nennen) hat sich im Format 100 Seiten von Reclam, dieses Themas angenommen. Dieses Format bietet quer durch alle Bereiche ein buntes Spektrum von Stammtischgeplauder bis hin zu ernsthaften Essays. Das Thema Superhelden wurde bereits gewohnt eloquent, hier vorgetragen.

Die Bücher der Reihe sind etwas größer als ein übliches Reclam Heft und für zwischendurch eine durchaus sättigende und unterhaltsame Kost. Trash-TV hat mich gereizt, um meine Vorurteile bestätigt zu wissen und auch um ein wenig wissenswertes zu lesen und vielleicht, den ein oder anderen schönen Hetz-Satz mitzubekommen, den ich den Jüngern der diversen Shows mitgeben kann. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Anja Rützel geht in ihren 100 Seiten erst auf die frühen Anfänge der Shows ein. Sie beleuchtet das, anfangs böse genannte, Unterschichtenfernsehen und wie es zu den heutigen Formaten kam. Welche erfolgreich sind und wie es in anderen Ländern aussieht. Es gibt zusammengefasst, Casting-Shows, Doku-Soaps und den Doku-Wettstreit. Alles mit Personen wie Du und ich, oder wie im Dschungelcamp, das von sogenannten C-Promis bevölkert wird. Mehr oder weniger gute Spielleiter moderieren die Shows. Eine mir persönlich besonders entnervende Person, wurde redegewandt von Roger Willemsen auseinander gepflückt:

„Eine unschöne Frau mit laubgesägtem Gouvernanten-Profil bringt kleine Mädchen zum Weinen, indem sie ihre orthodox, hochgerüstete Belanglosigkeit zum Maßstab humaner Seinserfüllung hochschwindelt, über ‚Persönlichkeit‘ redet, sich aber kaum mehr erinnern kann, was das ist, und sollte diese je zum Vorschein kommen, sie mit Rauswurf bestraft. Der Exzess der Nichtigkeit aber erreicht seinen Höhepunkt, wo Heidi Nazionale mit Knallchargen-Pathos und einer Pause, in der man die Leere ihres Kopfes wabern hört, ihre gestrenge ‚Entscheidung‘ mitteilt, und wertes von unwertem Leben scheidet. Da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr rausprügeln – wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre.“

Junge Leute wenden sich schon länger dem Fernsehen ab und dem Netz zu, wo es andere Trash-Formate gibt, wie Schräge Challenges oder Daily Vlogs (stumpfsinnige Alltagstristesse). Doch immer noch haben Trash-Shows im Privatfernsehen ihre Zuschauer. Was bewegt die Leute, ein Format wie Goodbye Deutschland! Die Auswanderer zu schauen, Menschen die sich im Ausland eine Existenz aufbauen wollen, bei denen man das Gefühl hat, dass sie selbst beim Wechseln der Klopapierrolle versagen würden. Wie jetzt! Andere haben auch ein Restaurant auf Mallorca? Wie, das Finanzamt will jetzt auch noch Geld? das habe ich gar nicht so geplant!

„Natürlich werden beim Reinschauen in diese Leben billigste Reflexe bedient: Wenn man den Auswanderern in der neuen Heimat beim – in den meisten Fällen – völlig absehbaren Schlingern, Straucheln und Scheitern zusieht, fühlen sich das eigene Den-Hintern-nicht-Hochkriegen, die eigenen vertanen Möglichkeiten und nicht gewagten Risiken – das Leben im Konjunktiv also – als richtiges, sicheres, wohliges Daseinskonzept an.“

Genüsslich zerpflückt Anja Rützel die einzelnen Formate, zeigt Erfolge und Misserfolge der einzelnen Shows, was mitunter auch durch schöne Grafiken aufgelockert wird. Viele C-Promis sind Dauergäste in den verschiedenen Formaten und im Prinzip sind diese auch nur so etwas wie Theater. Zwar wird dem Zuschauer vorgegaukelt, dass dies real sei und die Kamera ist nur wie zufällig dabei, doch viele Amateure bewegen sich schon recht sicher in der überwachten, gefilmten Welt. Und der Zuschauer? Ergötzt sich an der Not und Pein und greift zufrieden, dass er das da vorne nicht sein muss, nach der nächsten Chips Tüte:

„Süß, wenn auf hohen Wellen die Stürme die Weiten erregen, ist es, des anderen mächtige Not vom Lande zu schauen, nicht weil wohlige Wonne das ist, dass ein andrer sich abquält,

sondern zu merken, weil süß es ist, welcher Leiden du ledig.“

So bekommt jede Zivilisation das Fernsehen was sie verdient? Hat schon einst Cäsar gewusst, dass Brot und Spiele die Masse ruhig stellt, so ist das heutige Trash-Fernsehen nur eine technischere Version der Gladiator Kämpfe? Einen philosophischen Ansatz hat Frau Rützel auch noch:

„Sicher ist der Ausflug in die Sümpfe, wo ganz ernsthaft Sätze wie, ‚Penis und Arschloch esse ich nicht‘ ausgesprochen werden, für viele nur eine Versicherung der eigenen Position und des eigenen Status, ein bewusstes Absteigen vom kulturellen Hochsitz. Vielleicht dient das Cam mitunter auch als beruhigendes Korrektiv. So wie Disneyworld nach Ansicht des Philosophen Jean Baudrillard nur darum als scheinbare Phantasiewelt gebaut wurde, damit man die (vermeintlich echte) Welt drumherum im Kontrast für real hält.“

Am Ende schlägt sie aber dennoch versöhnliche Töne an. Im Prinzip ist doch alles nur ein Spiel und bei Spielen lernt man doch für das alltägliche Leben.

„Denn Trash-TV kann durchaus wie eine Volkshochschule (mit praktische Übungen im Sozialverhalten) funktionieren“. Laut Steven Johnson machen die diversen Sendungen  „ihre Zuschauer auch raffinierter und sozial-strategisch schlauer. Jedes Trash-Format habe seine Regeln und Einschränkungen, argumentiert er. Ein großer Teil des Vergnügens entstehe beim Zuschauen dabei, zu beobachten, wie die Kandidaten sich durch diese vorgegebene Umgebung bewegen – wie Molche in einem neuen Terrarium oder begabte Labormäuse in einer Hindernisparcours-Versuchsanordnung.[…] Sie spielen soziales Schach.“

Wie das Betrachten eines Aquariums, nur dass dieses keinen Ausgang hat? Dem kann ich persönlich nur bedingt zustimmen, das Leben dort draußen hat sicherlich seine eigenen (härteren) Regeln und nicht jede soziale Umgebung funktioniert nach den Trash-TV-Formaten. Sicherlich hat sie mit der Aussage recht dass

„Trash-TV ist nicht nur eine – zugegebenermaßen mit reichlich Sülze und Fettstücken gefüllte – Konservendose für uralte kulturelle Motive, sondern auch ein echter Werte-Imprägnator. Viele Formate sind in ihrer Grundaussage unglaublich konservativ; statt traditionelle Werte und Gesellschaftsbilder zu zerschlagen, werden diese im Gegenteil zementiert.“

Innovativ ist anders, siehe das Frauenbild beim Bachelor. Also Trash-TV als Vermittlung von konservativen Werten und ethischen Grundsätzen? Nun ja, auch hier besteht das Leben sicherlich aus bunteren und vielfältigeren Möglichkeiten und Schwarz-Weiß ist seit der Erfindung vom Farbfernsehen doch nicht mehr En Vogue. (Außer in Arthaus Produktionen, aber wer schaut denn (nur) so was??)

Trash-TV polarisiert sicherlich, die einen mögen es für den Untergang des Abendlandes halten, die anderen für einen unterhaltsamen Fernsehabend. Doch lassen wir Anja Rützel das sehr schöne Schlusswort halten, dem ich vollends beistimmen kann.

„Das ganze Leben ist ein Quiz, sang Hape Kerkeling in seiner Kitschshow-Verulkung Kein Pardon. Das ganze Leben ist ein Schiss, sagt der Trash, dieses ordinär bunte, aufgeblasene, zum Platzen überspannte Ding, manchmal nicht weniger als eine kleine Rettungsinsel im unendlichen Alltagsozean. Weil Trash in dieser überkomplexen Welt für eine kleine Weile an die schiere, lächerliche Banalität des Daseins erinnert. Und das kann wahnsinnig erleichternd sein.“ 

  (3)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

18 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

usa, england

Ich bin niemand

Patrick Flanery , Reinhild Böhnke
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Blessing, 06.03.2017
ISBN 9783896675781
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(6)

23 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

dystopisch, roman, flop

Das Herz kommt zuletzt

Margaret Atwood , Monika Baark
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 03.04.2017
ISBN 9783827013354
Genre: Romane

Rezension:

Wenn man sich Bilder von Margaret Atwood anschaut, kann man sich nicht des Eindruckes erwehren: Der Frau sitzt der Schalk im Nacken! So eine Frau mit so einem gewinnenden Lächeln kann doch nur so ein Buch hervor bringen. Die fast 80-jährige Autorin hat schon vieles in ihrem Leben geschrieben und viele Preise gewonnen. Hierfür hätte sie meiner Meinung nach den Special-Doris-Day-Preis gewinnen müssen (Den es so in der Art natürlich nicht gibt). Doris Day ist uns als lächelnde, immer gut frisierte und in einem 50er-Jahre-Spitzen-BH gekleidete Schauspiele-Ikone bekannt. An Sex denkt man bei ihrem Namen nicht.

Um Sex geht es hier in diesem Buch eigentlich nicht, doch irgendwie schon, denn der Grund warum das Ehepaar Stan und Charmaine in die Fänge des Positron-Projektes gerieten, war natürlich vorrangig der Hunger und die grassierende Arbeitslosigkeit. Aber so richtig in die Bredouille gerieten sie erst, als der Sex dazukam. Der richtig wilde, verbotene Sex. Doch, wie gesagt, um Sex geht es hier nicht – nicht immer. Und wenn, dann wird es so ein Doris-Day-Sex – mit Puppen und unechtem aufgesetztem  Lächeln.

Doch zuallererst ist der Roman eine Dystopie. Dystopien sind ja auch gerade in Mode. Da der Weltfrieden immer brüchiger wird, macht man sich Gedanken um die Zukunft. Die sieht bei so einer politischen Lage schlecht aus. Bei Margaret Atwood ist sie voller, für die Charaktere, ungewolltem Witz.

 CONSILIENCE=KONSEQUENZ+RESILIENZ. ZEIT IN HAFT IST ZEIT FÜR DIE ZUKUNFT

Das ist das Motto des Positron-Projektes, das Wohlstand verspricht. Einen Wohlstand, den Stan und Charmaine, gerade nach der Finanzkrise, nicht mehr haben. Das Mittelstandspärchen ist durch die Krise tief in die Armut geschlittert. Die beiden wohnen im Auto, Stan schläft auf dem Fahrersitz, damit er bei einem Bandenangriff jederzeit schnell losfahren kann. Sie arbeitet in einer Kneipe. Aber ein Leben, was eine Zukunft vermittelt, ist dies nicht.

Da kommt das Angebot dieser Firma ganz recht. Einen Monat so leben wie man es sich ersehnt, in einem Haus, mit einem Job, Essen, Wasser zum Duschen. Den anderen Monat muss man dann ins Gefängnis, aber auch dort hat man eine Aufgabe und verbringt die Zeit gesichert und gesättigt. Wie klingt das? Ja, man verkauft sich und sein ganzes Leben an diese Firma, und man wird auch komplett überwacht. Die Stadt ist abgeschottet, Nachrichten von draußen dringen nicht hinein. Das Fernsehen zeigt nur unaggressive Filme aus der Doris-Day-Zeit und auch die Musik ist aus dieser Zeit. Doch alle sind zufrieden und es gibt keine Verbrechen mehr. Das Paradies auf Erden.

Doch dieses Paradies ist nur eine aufgeklebte Fassade, und Stan und Charmaine fühlen, dass das nicht das Leben ist, worauf sie sich einlassen möchten. Doch was tun? Die Fassade herunterreißen?

Was, wenn das gar nicht ihr echtes Gesicht ist?, denkt Charmaine. Was, wenn es nur angeklebt ist und sich darunter eine riesige Kakerlake befindet? Was würde passieren, wenn ich sie an den Ohren packen und ziehen würde? Würde das Gesicht abgehen?“

Die Windungen des Romans werden immer aberwitziger und Margaret Atwood ist es gelungen, eine dystopische Screwballkomödie zu schreiben, die ganz einfach Spaß macht. Elvis kommt auch noch vor – weil der ja auch nicht tot ist.

„Er posiert vor dem Spiegel, schenkt sich ein schiefes Grinsen; wobei das kaum nötig ist, weil die Lippen von allein grinsen. Darunter sind seine eigenen Lippen halb gelähmt. Er zuckt mit seinen neuen schwarzen Augenbrauen, wirft den Kopf zurück und streicht auch die Haare glatt. ‚Du alter Herzensbrecher‘, sagt er. ‚Auferstanden von den Toten.‘ Die falschen Lippen sind schwer zu manövrieren, aber das kriegt er noch raus. Seltsamerweise hat er wirklich eine gewisse Ähnlichkeit mit Elvis. Ist das alles, was wir sind?, denkt er. Unverwechselbare Kleider, eine Frisur, ein paar übertriebene Merkmale, eine Geste?“

Die satirischen Übertreibungen braucht sich Atwood teilweise gar nicht aus den Fingern zu saugen. Die Las-Vegas-Episode mit den falschen Elvissen ist real und auch die Sexpuppen sind bittere Tatsachen.

Es ist eines dieser Bücher, das sicherlich viele Verbindungen zu anderen Utopien aufweist, aber ganz einfach Spaß am Lesen macht, ohne dass man sich großartig Gedanken macht, was nun dieses oder jenes bedeuten soll. Die Szenen sind erschreckend nahe an der Realität und die Verbindung mit Doris Day sehr amüsant. Am Ende ist es dann doch die weibliche Hauptfigur, die, wie so oft bei Atwood, den Durchblick behält. Ein herrliches, quirliges Buch, das die düsteren Überwachungsutopien ein wenig auf die Schippe nimmt. Mit Stan und Charmaine hat es auch noch zwei herrlich unbeholfene Charaktere, die tapsig durch die Geschichte geführt werden und als unfreiwillige Helden herausgehen. Eine klare Leseempfehlung.

  (4)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(11)

16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

der reisende, ondrej cikan, philosophi, endzeit, leib-seele-dualismus

Der Reisende

Ondřej Cikán
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei edition a, 03.03.2017
ISBN 9783990012062
Genre: Science-Fiction

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(272)

688 Bibliotheken, 20 Leser, 0 Gruppen, 130 Rezensionen

pandemie, dystopie, überleben, apokalypse, das licht der letzten tage

Das Licht der letzten Tage

Emily St. John Mandel ,
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Piper, 14.09.2015
ISBN 9783492060226
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Dystopien sind meist eine düstere Sache. In den dargestellten Endzeitszenarien, sterben erst die Menschen, dann die Hoffnung. Kriege, Hungersnöte, Misstrauen und Überlebenskämpfe prägen die untergegangene Welt. Dunkelheit und Hunger müssen bekämpft werden, die Überlebenden Menschen verfallen in Barbarei, die Kultur versinkt, die Errungenschaften der Zivilisation werden vergessen. Dass es nicht unbedingt so sein muss, zeigt uns Emily St.John Mandel in ihrer wundervollen, lichtdurchfluteten Dystopie Das Licht der letzten Tage.

Die Erinnerung an die Vergangenheit ist oftmals verklärt. Das erfahren wir des Öfteren, da wir uns größtenteils an positive Dinge der früheren Tage erinnern können. Viel lieber erinnern wollen. Dem Menschen ist eine wichtige Gabe gegeben: Dinge zu vergessen. Und viel lieber vergisst der Mensch negative Dinge. Das ist auch wichtig, denn die Summe der negativen Erfahrungen würde einem nach und nach die Lust am Leben vergraulen.

Pandemien sind ein realistisches Untergangsszenario. Denn noch schlechter als gegen Krieg und Hungersnöte, ist die Menschheit gegen eine tödliche Pandemie gerüstet. Sollte ein tödlicher Erreger auftreten, wäre dieser innerhalb von wenigen Tagen um die ganze Welt gereist. Ein Überleben wäre nur zufällig den Personen vorbehalten die in abgeschotteten Inseln die Pandemie überleben, oder die durch einen Abwehrmechanismus im Körper, zufällig dagegen gefeit sind. Die Auswahl wäre willkürlich und Schicht- und Altersübergreifend.

Im Licht der letzten Tage zeigt Emily St.John Mandel retrospektiv die letzten Tage aus Sicht verschiedener Menschen. Die Georgische Grippe reist um die Welt, nach einer Woche senden die Fernsehstationen nur noch Testbilder, nach zwei Wochen fällt die Elektrizität aus. Erst schauen die Menschen verzweifelt ihre leeren Smartphones an, dann blicken sie auf und sehen eine leere Welt. Die Zivilisation wie wir sie kennen, ist zerfallen.

„Es war vorbei mit Nationalstaaten, die Grenzen waren alle unbewacht. Es war vorbei mit der Feuerwehr, vorbei mit der Polizei. Es war vorbei mit Straßeninstandhaltungsarbeiten und Müllabfuhr. Es war vorbei mit Raketen, die aus Cape Canaveral, vom Baikonur Kosmodrom, Vom Vandenberg, Plessezk und Tanegashima aus starteten, um sich durch die Atmosphäre ihren Weg in den Weltraum zu brennen. Es war vorbei mit dem Internet. Es war vorbei mit den sozialen Netzwerken, es war vorbei damit, sich durch Litaneien von Träumen und nervösen Hoffnungen und Essensfotos zu scrollen, durch Hilfeschreie und Bekundungen von Zufriedenheit und Update des Beziehungsstatus, mit ganzen oder gebrochenen Herzen daneben, mit Plänen für spätere Treffen, Bitten Beschwerden, Wünschen, Bildern von Babys, die zu Halloween als Bärenverkleidet wurden. Es war vorbei damit, die Leben anderer zu lesen und zu kommentieren und sich dabei ein klein bisschen weniger einsam zu fühlen. Es war vorbei mit der Virtualität.“

Die Menschen sind wieder auf sich zurückgeworfen. Nach Jahren der Verirrung und der Verwirrung macht sich der Rest der Menschheit daran, etwas Neues aufzubauen. Die „Reisende Symphonie“ ist eine Gruppe von Musikanten und Schauspielern, die hauptsächlich Stücke von Shakespeare aufführen. Schon im ersten Kapitel werden wir Zeuge, wie der bekannte Schauspieler Arthur Leander an einem Herzinfarkt auf der Bühne stirbt , bei der Aufführung von King Lear – nur ein paar Tage vor Ausbruch der Grippe. Arthur Leander ist der Mittelpunkt des Buches. Alle dargestellten Menschen haben irgendetwas mit ihm zu tun – und irgendwie ist es auch Shakespeare der hier der heimliche Mittelpunkt ist. Shakespeare als Synonym für das Kreative, das Schöpferische im Menschen. Das Licht, das den Menschen durchleuchten kann.

Ungeachtet der Kämpfe und Toten zeigt uns die Autorin immer wieder das Licht, welches noch in der postapokalyptischen Welt oder in der Erinnerung leuchtet. DIe Welt ist zwar ohne Technologie und Medikamente schwieriger geworden und der Tod lauert an jeder Ecke, doch die Menschen bleiben menschlich. Ihr Handeln wird der Gradmesser für die neue Zivilisation. Die Vergangenheit wird verklärt, aber gerade die Verklärung dient als Hoffnung, die Welt wieder neu aufzubauen. Am schwersten haben es die Menschen, die die alte Welt noch besser kennen. Wie halten die Jüngeren diese neue Welt aus?

„Wir halten es aus, weil wir jünger waren als du, als das alles zu Ende ging, dachte Kirsten, wenn auch nicht jung genug, um uns an gar nichts mehr zu erinnern. Weil nicht mehr viel Zeit bleibt, weil die Dächer langsam, aber sicher alle einstürzen und bald keines dieser alten Gebäude mehr sicher sein wird. Weil wir immer noch nach der untergegangenen Welt suchen, bevor alle Spuren der untergegangenen Welt verloren sind.“

Auf einem verlassenen Flughafen wird ein Zivilisationsmuseum aufgebaut, eine Zeitung wird erstellt. Das Licht der Menschheit ist nicht erloschen. Am Ende werden Lichter durch ein Teleskop gesehen. Das Licht dient als Hoffnung, als Erwachen der Welt, vielleicht eine neue Welt in der vieles besser wird? Dieses Licht macht das Buch so besonders. Zwar ist unsere Zivilisation sehr verletzlich, aber es besteht immer noch der Wille und die Kraft wieder aufzustehen. Emily St.John Mandel hat eine verzaubernde Art zu schreiben und einen sehr eleganten und kultivierten Stil. Eine der schönsten und auch intelligentesten Dystopien die ich je gelesen habe.

  (5)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(22)

66 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 12 Rezensionen

syrien, flucht, krieg, leid, flüchtlinge

Gott ist nicht schüchtern

Olga Grjasnowa
Fester Einband: 309 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 17.03.2017
ISBN 9783351036652
Genre: Romane

Rezension:

„Wir schaffen das“

Unvergessen sind die Worte der Kanzlerin, als die Flüchtlings-‚krise‘ (Als ob Flüchtlinge eine Krise wären, da könnte ICH die Krise bekommen!) auf ihrem Höhepunkt war. Ursachen dieser Krise, sind hauptsächlich der Bürgerkrieg in Syrien und der islamistische Terror, der in Afghanistan, Irak und Syrien ganze Landstriche verwüstet hat. „Allahu akbar“, im Namen des einen Gottes werden viele Gräueltaten begangen, die Interpretation des Islam lässt anscheinend vieles zu. Wobei die christlichen Länder sich nicht anmaßen sollten, darüber Gericht zu halten, da sie eine eigene blutige Vergangenheit haben, diese Krieg im Nahen Osten mit Waffenexporten schüren und natürlich dabei diese Waffen auch mal ausprobieren wollen. Viel wichtiger ist es doch, humanitäre Hilfe zu leisten, und den politischen Druck auf das syrische Regime zu erhöhen. Die einfachen Menschen sind es, die unter Kriegen leiden. Ein Leid, das wir uns nicht annähernd vorstellen können.

Olga Grjasnowa hat sich dieses Themas angenommen und einen Roman – nein, einen Augenzeugenbericht dazu geschrieben. So, oder so ähnlich, wird es vielen Menschen gegangen sein, die hier in Deutschland als Flüchtlinge ankamen und noch kommen. Olga Grjasnowa ist mit dem syrisch stämmigen Schauspieler Ayham Majid Agha verheiratet, mit dem sie eine Tochter hat, insofern wird sie wohl auch aus fundierten Quellen schreiben und vermutlich war dies auch die Motivation dieses Buches.

Das Buch handelt von zwei syrischen Menschen, die aus mittelständischen, eher wohlhabenderen Familien stammen. Hammoudi hat als Arzt in Paris promoviert, muss aber seinen syrischen Pass in Damaskus verlängern lassen. Der Pass wird zwar verlängert, er darf aber nicht nach Paris zurück. Amal ist Schauspielerin in Damaskus und träumt von einer größeren Karriere. Als der Bürgerkrieg ausbricht, geht sie auch mit auf die Straße, obwohl der Geheimdienst überall lauert. Warum setzt sie ihr sicheres Leben aufs Spiel?

„Sie hatten die Korruption, die Willkür des Geheimdienstes, die eigene Machtlosigkeit und die permanenten Demütigungen satt. Sie hatten es satt, dass alle öffentlichen Bibliotheken, Flughäfen, Stadien, Universitäten, Parks und sogar Kindergärten nach den Assads benannt waren. Sie hatten es satt, dass ihre Väter, Brüder und Onkel in Gefängnissen saßen. Sie hatten es satt, dass die ganze Familie zusammenlegen musste, um die Söhne von ihrem Armeedienst freizukaufen, während im Kabelfernsehen die nordamerikanischen Teenager Autos geschenkt bekamen und um die Welt reisten. Sie hatten es satt, jeden Morgen in der Schule ‚Assad, bis in alle Ewigkeit‘ aufzusagen und zu schwören, dass sie alle Amerikaner, Zionisten und Imperialisten bekämpfen würden. Sie hatten es satt, im Schulfach ‚Politische Bildung‘ Assad-Zitate auswendig zu lernen und sie dann mit fehlenden Bruchstücken in Klassenarbeiten zu ergänzen und zeitlich einzuordnen. Sie hatten es satt, wie Tiere behandelt zu werden. Und vor allem hatten sie es satt, dass sie all das nicht aussprechen durften.“

Amal wird festgenommen, verhört und misshandelt und kann nur durch Bestechung freikommen. Hammoudi arbeitet als Arzt in einer Stadt, die sich offen gegen Assad gewendet hat und von den Regierungstruppen regelrecht zusammengeschossen wird. Olga Grjasnowa beschreibt diese Schrecken sehr nüchtern und beschönigt nichts. Der Abstieg und die Hoffnungslosigkeit der beiden Charaktere werden hier sehr gut eingefangen. Diese Hilflosigkeit den Herrschenden gegenüber.

„In der Minute, die sie brauchen, um die schmale Treppe ihres Hauses hochzukommen, malt Amal sich aus, was sie heute verlieren könnte: ihre Wohnung, Geld, Schmuck, Zähne, ihre Würde, ihre Freiheit, ihr Leben. Sie beschließt überhaupt nicht mehr zu denken oder zu fühlen. Sie ist nicht traurig. Sie ist nicht ängstlich. Sie ist nicht wütend. In ihr sind keine Gefühle mehr.“

Doch immer noch bringt dich irgendetwas dazu, aufzustehen, weiterzumachen. Beide fliehen aus Syrien, doch auch in den angrenzenden Ländern wie dem Libanon oder der Türkei sieht die Lage nicht besser aus.

„Die Kinder würden vielleicht zur Schule gehen, wir würden keine Arbeit finden und wären auf Erdogans Gnade angewiesen. Wir sind illegal hier, Amal. Und außerdem wird auch dieses Land bald zu Grunde gehen. Es fängt schon an.“

Beide fliehen aus der Krisenregion. Nur die etwas Begüterten haben die Chance sich ein Leben im westlichen Europa aufzubauen, die Armen und Ungebildeteren bleiben zurück.

„…es gibt nur eine einzige schmale Leiter, die in den Raum führt, in dem mehrere hundert Seelen nebeneinandergedrängt auf dem Boden sitzen. Syrer, Palästinenser, Afghanen und Iraker, es sind allein reisende Männer und Frauen, Greise und ganze Familien mit Kleinkinder auf dem Arm. Zusammengepferchte Leiber, die sich berühren, Beine, die an andere Beine stoßen, Schultern die sich aneinanderschmiegen. Es ist der Mittelstand, der flieht, die Armen bleiben in den Flüchtlingslagern zurück.“

Es ist schon eine Tragödie was im Nahen Osten passiert. Millionen werden entwurzelt, von ihren Familien getrennt, ihr Land von den eigenen Landsleuten in Schutt und Asche gelegt. Die Nationen bluten aus. Gebildete und Reichere die die Regimes nicht unterstützen, fliehen in Scharen aus dem Nahen Osten – in eine ungewisse Zukunft. Denn der Goldesel Westen schottet sich langsam ab, und ist auch nicht mehr uneingeschränkt bereit zu helfen. Trotz der offiziellen Unterstützung haben es die Flüchtlinge in den europäischen Ländern nicht leicht.

„Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge, Refugees, Muslime oder Newcomer. Die Herablassung ist in jedem Atemzug spürbar.“

Olga Grjasnowa hat ein unverblümtes Werk vorgelegt, das zeigt, wie schnell jemand gezwungen wird, das zu verlassen, was er liebt. In eine andere Kultur zu flüchten, eine unbekannte Sprache zu lernen, unter Menschen zu leben, die eine andere Religion haben. Alles Hab und Gut, auch seine Familie zu verlieren, seine Freunde, seine Wurzeln zurück zu lassen, um das nackte Leben zu retten. Die drei Kapitel zeigen die verschiedenen Stadien von Amal und Hammoudi, wie sie zu der Entscheidung kommen, ein neues Leben aufbauen zu müssen, obwohl sie ja zu den privilegierten Menschen in Syrien gehörten. Eine Flucht, ein Leben, das frappierend Parallelen zu dem Schicksal der Juden im dritten Reich zeigt, sowie auch das Vorgehen des Diktators Baschar-al-Assad Vergleiche an Adolf Hitler zulässt, dieses rigorose Vorgehen gegen Gegner des Systems, an alle Diktatoren erinnert. Erst wird nach und nach das Umfeld der unerwünschten Personen zerstört, ihr Hab und Gut genommen und dann ihr Leben. Viele Menschen geben schon vorher auf und reihen sich duldsam in die Reihe wieder ein. Die, die nicht zerbrechen und weiterkämpfen zahlen einen hohen Preis.

Gerade diese nüchterne, schonungslose Darstellung macht das Buch so eindringlich und aufrüttelnd und entwickelt eine starke Wucht. Grjasnowa wertet nicht, sie stellt die Dinge so dar, wie sie sind. Nackt und erbarmungslos. Es holpert manchmal etwas im Buch, die Worte passen nicht so richtig, was aber nicht stört, das Thema bleibt erschütternd genug. Ein wichtiges Buch zu den Zuständen in Syrien, wobei ich den Titel nicht ganz verstanden habe. Um Religion geht es hier, weiß Gott, nämlich überhaupt nicht. Gott ist abwesend.

  (5)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(13)

29 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

außerirdische, buch, wien, krimi, mord

Gewitter über Pluto

Heinrich Steinfest
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.10.2010
ISBN 9783492263665
Genre: Romane

Rezension:

Bücher von Heinrich Steinfest sind mir ein Genuss! Nicht viele Schriftsteller schaffen es, sich derart eloquent auszudrücken wie Steinfest. Und nebenbei noch viele interessante Dinge zu sagen, schöne Geschichten zu erzählen und schräge Charaktere zu erfinden. Leider scheitert Steinfest des öfteren am Ende. Vielleicht will er ja gar nicht aufhören. So wie Jazzmusiker die sich in ihrer Variation der Stücke vergehen und gar nicht bemerken, dass ihnen keiner mehr zuhört. Die drei restlichen Zuhörer sitzen nur noch da weil sie eingeschlafen sind. Vielleicht sollte Steinfest einfach weiterschreiben und des Letors Aufgabe wird es dann sein, die Manuskripte dann in mund-und handgerechte Brocken aufzuteilen.

Vielleicht macht er das ja insgeheim auch. Jedenfalls kenne ich niemandenn dem ich gierig und bereitwillig in seinen abschweifenden Gedankengängen folge. Weder als realer Mensch noch als Schriftsteller. Steinfest würde ich überall hin folgen.

So wie auch hier im vorliegenden Buch. Pluto ist der Hauptheld in diesem Roman, als nicht-Planet, als Ordnungsnummer, die auch eine Telefonnummer sein kann, oder eine Nummer eines versteinerten Vogels, oder als Wetterstation von Ausserirdischen, die mit Vögeln ihre Probleme haben und auf der Erde ihre Agenten beheimatet haben.

Lorenz Mohn ist ein Pornodarsteller, der mitten in einer Szene aufspringt, weil er beim Anblick einer strickenden Frau die Idee bekommt, einen Strickwarenladen aufzumachen.

"Lorenz Mohn war gewissermaßen ein Märchenonkel der Sexualität, indem er in den Filmen, in denen er auftrat, nicht nur ungewöhnlich ausdauernd und erfolgreich agierte, sondern die Sache eben ohne die bekannten Umständlichkeiten einfädelte. Seine gespielte Ausdauer, seine gespielte Potenz ergaben sich folgerichtig aus der Schnelligkeit der Anbahnung - so blieb nämlich genug Zeit für das Wesentliche -, während im wirklichen Leben die erschöpfende Länge solcher Anbahnungen wie auch die ewige Diskutiererei darüber, wer was wie möchte, für den eigentlichen Akt kaum noch Zeit und Kraft lassen. Der Mensch ermattet in der Diskussion. Man kann also nicht imemr sagen, dass die Erfindung der Sprache ein großes Glück darstellt. Es besteht ein deprimierendes Ungleichgewicht. Während etwa im Krieg zuwenig gesprochen wird, wird im Sex zuviel gesprochen."

Nachdem er den geeigneten Laden gefunden hatte, findet er auch noch zufällig die Frau seines Lebens. Ein Kredit bei der etwas zwielichtigen Kreditgeberin der Stadt, ermöglicht ihm den Aufbau eines neuen Lebens. Nach sieben Jahren soll er diesen zurückzahlen, ansonsten muss er jemanden das Leben retten.

Wie die Geschichte sich durch aberwitzige Wendungen dorthin schlängelt, ist schlichtweg genial. Nur eben...ja das Ende ist zum Rest des Buches gesehen, katastrophal.

Aber im Grunde genommen will man bei Steinfest ja gar nicht zum Ende kommen.

  (11)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Der gute Banker

Paul Murray , Wolfgang Müller
Fester Einband: 500 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 24.08.2016
ISBN 9783956141201
Genre: Romane

Rezension:

Claude Martingale (Als Martingal bezeichnet man in der Wahrscheinlichkeitstheorie einen stochastischen Prozess, der über den bedingten Erwartungswert definiert wird und sich dadurch auszeichnet, dass er im Mittel fair ist. Martingale entstehen auf natürliche Weise aus der Modellierung von fairen Glücksspielen. Quelle Wikipedia) ist Analyst bei einer irischen Bank. Claude wollte eigentlich mit dem Umzug von Paris nach Dublin etwas in seinem Leben ändern, aber er verbringt seine Tage und Nächte einzig und alleine mit Arbeit. Das viele Geld kann er gar nicht ausgeben.

Wir befinden uns kurz nach der Bankenkrise, Claude arbeitet bei einer fiktiven Bank (wobei die im Buch beschriebenen irischen Banken sehr reale Vorbilder haben), die aus der Bankenkrise einigermaßen unbehelligt herausgekommen ist. Seine Kollegen in der Analyseabteilung sind, wie er, viel zu beschäftigt um ein Privatleben zu führen.

„‚Ich bin Claudes beste Freundin in dem Saftladen hier‘, springt Ish ihm zur Seite. ‚Komisch, oder? Heißt doch immer Frogs und Aussies kommen nicht klar miteinander? Weil die Frogs, die sind alle schmuh-schmuh-schmuh und die Aussies heymannhey. Aber wir passen zusammen wie die Faust aufs Auge, stimmt’s nicht, Claude?‘ Ich stelle mir die blauen Flecke und die Schreie vor. ‚Ja‘, sage ich.‘

Als Claude Paul den Schriftsteller kennenlernt, der über Claudes Leben schreiben möchte, beginnt er plötzlich darüber zu reflektieren.

„Konnte man an so einem Ort einen Roman ansiedeln? In einer Stadt, die keine ist? Bevölkert mit Menschen, die dafür bezahlt werden, nicht sie selbst zu sein? Er sagt, er wolle das Menschliche im Innern der Maschine finden, wollte inmitten der goldenen Abstraktionen das Konkrete aufspüren. Er glaubt zu erkennen, dass ich irgendwie anders bin, und ich stehe hier auf dem Balkon und spüre ein Prickeln bei dem Gedanken, dass auch ich das erkennen könnte. Aber was, wenn er falschliegt? Wenn er den Spiegel hochhält und da ist nichts?“

Paul beobachtet nun Claude, Tag und Nacht und bringt den zwielichtigen Igor mit in die Bank, der anfängt überall Kameras einzubauen. Was haben die beiden vor? Nur für einen Roman solch einen Aufwand? Die verschiedenen Welten von Paul und Claude geraten schließlich auf weitere skurrile Art und Weise zusammen. Claude würde gerne Ariadne, der schönen Kellnerin, nahekommen. Dazu braucht er eine Geschichte, eine Vorgehensweise, die Paul ihm zurechtschreiben soll. In der Zwischenzeit schreibt der ständige Verfall der Banken in Irland, weitere Geschichten, die auch Paul und Claude direkt oder indirekt betreffen.

Ein Buch über einen Finanzanalysten in einer Bank? *GÄHN* Wie langweilig, denn außer Arbeit gibt es über Claude nicht viel zu erzählen. Doch mit Paul und dessen Gefolgschaft als Gegenpol für den etwas biederen Claude, hebt dieser Schelmenroman, als Groteske herrlich und böse sein Haupt. Besonders die Banken haben es Paul Murray angetan, mit hämischer Freude seziert er diese unnützen Konzerne in ihre Einzelteile.

„Das ganze Wochenende habe ich mir den Kopf zermartert. Was hat er damit gemeint, als er sagte, er würde nicht zum Kern der Sache vordringen? Es ist einziger Zweck einer Bank, vom Kern der Sache abzulenken – Dinge in Zahlen und diese Zahlen dann in imaginäre Dinge zu verwandeln, dann die imaginären Dinge in einzelne Stücke aufzuteilen, die man kaufen oder verkaufen kann, geswappt oder gehedgt, hin und her, wieder und wieder, bis die zugrunde liegende Realität aus der sie hervorgegangen sind, vollkommen vergessen ist.“

Die handelnden Politiker bekommen natürlich auch ihr Fett weg, haben sie doch sinnloserweise das Geld des Landes in diese intransparenten Gebilde gesteckt, ohne zu wissen, was sie da tun. Naja, sie haben bestimmt auch ihren Anteil zugeschustert bekommen. Die Wut der Bevölkerung hätte eigentlich in diesen Tagen höher ausfallen müssen.

„‚Sollte man als Politiker nicht eine Weltanschauung haben? An irgendwas glauben oder so?‘ ‚Er glaubt an Geld. Noch wichtiger das Geld glaubt an ihn. ‚Wer weiß? Vielleicht glauben sie ja wirklich, dass die Royal Irish noch zu retten ist. Stecken wir halt noch ein paar Milliarden rein, schließen die Augen und hoffen das Beste. In der Bank nennen wir das ‚magisches Denken‘, sage ich ‚Das ist verbreiteter, als man erwarten würde.'“

Die Beschreibungen gleiten manches Mal in das Groteske ab, bleiben im Kern aber wahr. „Früher das größte Puff Europas, heute fast alles Banken.“, sinniert eine der Protagonisten, als er die Straßen Dublins betrachtet. Die Charaktere in Paul Murrays Der gute Banker sind auch herrlich dargestellt.  Da sind die Kollegen von Claude, die diesen Irrwitz zwar verstehen, aber immer zynisch weiter machen. Die Chefin von Claude, die ihr Fähnlein im Winde dreht und die Parolen von oben nachplappert. Und natürlich der große Magier Blankly, der CEO, der Memos wie: Denkt kontraintuitiv und: Es ist nicht alles Gold was glänzt an alle Mitarbeiter verschickt, es ihnen überlässt die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Blankly ist der typische Manager:

„Blankly würde durch das Grab seiner eigenen Mutter bohren, wenn er darunter Öl vermutete. Wenn Banker überhaupt einen Gedanken an die Natur verschwenden, dann den, dass sie der Schöpfer des mitleidlosen Modells des Survival of the Fittest ist, auf den der Markt basiert. Wenn eine Gattung ausstirbt, ein Fluss austrocknet, eine Zivilisation durch Hunger, Flut, Erdbeben oder Vulkanausbruch ausgelöscht wird, dann wird das in der Regel als fundamentale Schwachstelle in ihrem Businessplan gewertet.“

Überhaupt, die Grundarbeit der Analysten besteht darin, alle Daten in Kauf oder Verkauf umzusetzen, wobei die Resultate recht strittig sind:

„Einen Monat lang haben wir die Zahlen von fünf Jahren durchgeackert: die Aktien, die sie ausgesucht hatten, die Treffer, die Fehlschläge, das verdiente Geld, das verlorene Geld. Das Ergebnis war, dass eine willkürliche Auswahl der Aktien bessere Resultate erzielt hätte, als die von ihnen ausgesuchten. Einer hatte vielleicht in diesem Jahr mehr Glück, ein anderer im nächsten Jahr. Das heißt: Lass die Aktien aus einem Hut ziehen oder einen Affen mit Dartpfeilen auf eine Scheibe werfen und du erzielst auf lange Sicht die besseren Resultate.“

Ich liebe dieses Buch! Es ist so herrlich sarkastisch – und was das Schlimmste ist – Paul Murray hat mit allem Recht! Wer das Bankenumfeld nicht so gut kennt – keine Angst vor diesen ganzen Begriffen, die einem hier um die Ohren geworfen werden. Murray hat gut recherchiert und erklärt vieles, was wichtig ist. Wer allerdings etwas mit Hedgefonds und Swaps anfangen kann, dem droht hier der doppelte Spaß. Köstlich sind die mathematischen Modelle die in diesem Irrsinn aufgebaut werden. Da wird der als Nerd im Schrank lebend dargestellte russische Mathematiker dafür benutzt, irrationale Rendite zu erschaffen. Den Konkurs zu monetarisieren.

Aber im Grunde bedienen die Banken, wie die Illusionisten, nur die Wünsche der Menschen, die genau das bekommen was sie wollen.

„Schätze, die gute Nachricht für uns ist, dass Menschen Illusionen mögen. Sie mögen überzeugende Erzählungen, sie mögen gute Geschichten. Die über den brilianten CEO, der harte Entscheidungen trifft und das Unternehmen wieder auf Kurs bringt. Die über den cleveren Burschen im teuren Anzug, dessen scharfe Analysen vorhersagen, ob der Kurs steigt oder fällt. Sogar heute noch, wo uns alle Welt an die Gurgel will, wollen sie immer noch glauben, dass wir die Antworten haben. Das irgendwer die Antworten hat. Sie glauben eher das als die Wahrheit. Tatsächlich ist dies die einzig sichere Wette, die du anlegen kannst. Wenn er die Wahl hat zwischen einer komplizierten Wahrheit und einer simplen Lüge, nimmt der Mensch immer die Lüge. Auch wenn sie ihn umbringt.“

Bücher über die Finanzkrise 2008 haben wir schon viele gehabt, aber keines, das so herrlich boshaft, bissig und schonungslos damit umgeht wie dieses. Dabei hat Paul Murray ein paar schöne Kniffe in Petto, die diesen Roman zwischen einem Märchen und einer ernsthaften Geschichte durchlavieren.

Der gute Banker erreicht zwar nicht die Klasse von Skippy stirbt, aber es ist ungerecht, dass er bis jetzt noch nicht mal in Amazon mit einer Rezension bedacht wurde. Es ist ein höchst witziges, auf die Spitze getriebenes Buch, das mit der Finanzkrise abrechnet. Im Inhalt sehr fundiert, in der Aussage aber hämischen Witz ausgießt. Und die Verknüpfung von langweiligem Finanz-Analysten und chaotischen gescheiterten Schriftsteller ist überaus erquicklich. Ohne die Finanzkrise hätten wir solch ein Buch nicht gehabt. Und das wäre sehr schade gewesen.

Und am Ende geht einem auch noch mal das Herz auf, was will man mehr von einem Buch! Ein Buchhöhepunkt des Jahres .

  (9)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(6)

10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

ehe, lange partnerschaft, hund, liebesverlust, kinder

Thomas & Mary

Tim Parks
E-Buch Text
Erschienen bei Verlag Antje Kunstmann GmbH, 15.02.2017
ISBN 9783956141782
Genre: Romane

Rezension:

Beziehungen sind für Personen außerhalb immer schwierig zu verstehen und zu beschreiben. Zumal man vieles nicht sieht, viele Entwicklungen, die im Inneren stattfinden, nicht mitbekommt. Selbst beste Freunde und Freundinnen der Ehepartner schütteln, ob der Entscheidungen ihrer sich Ihnen anvertrauten Freunde manchmal den Kopf. Entschlüsse sind nicht nachvollziehbar und karikieren das vorher Gesagte. Als Kind und auch später als Erwachsener habe ich die Beziehung meiner Eltern nie so richtig nachvollziehen können. Auch in meiner späteren Rolle als Vater und Ehemann, konnte ich manches rückblickend nicht verstehen.

Das können die handelnden Personen, die in der Beziehung stecken, manchmal auch nicht. Genau diese Art von langjähriger Beziehung, eine Ehe die 30 Jahre andauert, seziert Tim Parks in seinem Buch Thomas & Mary. Vorsicht für alle glücklich Verliebten und alle, die in einer zufriedenen Partnerschaft stecken, das Buch hat eine gewisse Art einen zu infizieren, gedanklich herunterzuziehen, es entwickelt einen starken Sog. Man benötigt Abstand, um nicht in seiner eigenen Beziehung nach diesen Symptomen der Erosion zu suchen.

Thomas verliert seinen Ehering am Strand. Trotz intensiven Suchens bleibt dieser verschwunden. Ein schlechtes Omen?

„Dennoch, er wollte keinen neuen Ring kaufen. Irgendwie kam es ihm so vor, als ließe sich das Problem nur lösen, wenn er noch einmal ans Meer fahren und den alten 22-karätigen goldenen Ring, auf dessen Innenseite ihre Namen und ihr Hochzeitsdatum eingraviert waren, wiederfinden und ihn sich an den Finger stecken würde; dann würde die Welt wie von Zauberhand wieder so sein wie zuvor. Wie viele Jahre zuvor. Das passierte nicht.“

Am Anfang des Buches weiß man schon, dass die Ehe ein schlechtes Ende nehmen wird. Doch hier geht es nicht um Anfang oder Ende einer Geschichte. Tim Parks springt munter in der Zeit und verwirrt den Leser, der von späteren Dingen liest und Verweise auf frühere Ereignisse erhält. Er seziert die Ehe in einzelne Lebenssituationen. Es werden Vermeidungssituationen dargestellt um nicht zusammen einzuschlafen oder gar miteinander zu schlafen. Dazu dient ein Hund, die Arbeit, der Fernseher, zwischen zwei Menschen im Ehebett passen so viel Alltag, so viele Entschuldigungen. Der Ehealltag wirkt festgefahren, so viele Dinge aufgehäuft, so wenig Zuwendung bleibt. Buchhalterisch und nüchtern wird Bilanz gezogen.

„Als er nach Hause kommt, steuert Thomas seinen frisch gewarteten Wagen die Rampe hinunter in die beeindruckend geräumige Dreiergarage unter dem gut gepflegten Garten. Per Fernbedienung öffnet sich die Tür, und als das Auto hineingleitet, geht automatisch eine Lampe an und beleuchtet das an einer Wand gestapelte Kaminholz, die Räder auf dem Fahrradständer an der anderen Wand, einen Werkzeugschrank, Umzugskartons, einen Schlitten, Skates, Rucksäcke, Bücher, eine rot-weiße Vespa, Tennisschläger, Gitarrenkästen, Verstärker, ein elektrisches Klavier, einen kaputten Roller. Thomas stellt den Motor ab und starrt das alles an. So viele beruhigende Sachen, denkt er. Relikte der Aktivitäten eines vergangenen Lebens. Nach einer Weile geht das Licht aus, aber Thomas bleibt noch sitzen und starrt weiter. In der unterirdischen Stille seiner Tiefgarage, auf dem Sitz seines dunklen Sedan, könnte er ein etruskischer Prinz sein, einbalsamiert auf seinem Totenschiff.“

Langsam wird das Bild dieser Ehe deutlich. Er arbeitet, hat junge Freundinnen, Geliebte, die bei den ersten Problemen abgeschoben werden, er beackert den Garten. Sie zieht die zwei Kinder groß, holt sich einen Hund, geht auch mal fremd. Doch zueinander laufen sie nicht. Immer weiter wird in dieser langjährigen Ehe gelebt, ohne die Grundprobleme zu beseitigen. Wie der Ehering dient die Hochzeitspflanze als „Self fulfilling prophecy“.

„Er stellte die Pflanze an unerreichbare Orte. Er platzierte sie im Extrazimmer, wo er manchmal abends arbeitete. Doch obwohl die Hochzeitspflanze überlebte, gedieh sie nicht mehr so wie früher. Das lag sicher daran, dachte Thomas, dass die beiden neuen Triebe einander genau gegen überlagen, sodass immer einer der beiden im Nachteil war, ganz egal, wie die Pflanze zum Licht stand.Thomas drehte sie regelmäßig, doch das schien sie nur zu Verwirrung zu führen. Die beiden neuen Stämme wuchsen leicht verdreht, so als würden sie versuchen, um den alten Stamm herum voreinander zu fliehen.“

Parks beschreibt diesen ermüdenden Alltag so im Detail, dass man dem Buch fliehen möchte, aber doch wie gebannt an den Sätzen klebt. Und wie die Personen so tief in ihrem Leben stecken und doch manchmal darüber hinausschauen sollten und müssten und es nicht können, so tief ist der Treibsand der Zeit und das graue Einerlei. Warum, warum geht es nicht einfacher? Warum ist man nicht zufriedener?

„Reife, die Zufriedenheit älterer Paare. Er lässt die Katze raus, während sie den Kamillentee umrührt. Jeder von beiden weiß, welchen Teil der Zeitung der andere gern liest, wer wann kalte Füße hat. Das reife Obst im wohlbekannten Korb, die Blätter die vom Rasen aufgesammelt werden. Winterreisen in ein wärmeres Klima, bunt verpackte Geschenke für die Enkel. Akkumulation und Ablagerung. Ihre todkranke Mutter, das Motoneuron seiner Schwester. Das Wirkliche von Tag zu Tag wirklicher. Das Sofa an die Form ihrer Rücken angepasst. Das sanfte Kratzen ihrer Nägel auf seinem Nacken. Er nimmt ihre schwieligen Füße zwischen seine fleckigen Hände. Lächelt sich durch grauen Star und Reformkost hindurch. Das jährliche Abkommen, die Fotos neu zu ordnen. Warum war dieses Schicksal  nicht für uns bestimmt? fragt sich Thomas.“

Dieser wankelmütige, ungläubige Thomas. Parks begibt sich auch tief in seine kleine Seele, die voller Unsicherheit und Unklarheit ist. Trotz des Selbstbewusstseins eines guten Jobs und vieler junger Frauen kann er letztendlich nicht das mit seiner Frau tun, was er tun sollte. Eine Ehe, ein Leben voller verpasster und verpatzter Gelegenheiten:

„Nein, je mehr Thomas nach Vergleichen suchte, desto mehr kam er zu dem Schluss, dass die Beziehung zwischen ihm und seiner Frau keinem literarischen Muster entsprach. Es war wirklich ihre eigene Geschichte, und sie war wirklich passiert. All die wunderbaren, schwierigen Jahre lang. Als Thomas diese Wahrheit schließlich mit überwältigender Schärfe und ganz realer Brutalität klar wurde, brachte sie eine neue Zuneigung zu seiner Frau, seiner Exfrau mit sich, und eine ganz neue Achtung – sie hatten all das tatsächlich zusammen durchgemacht- , ja sogar Zärtlichkeit. Einen Augenblick lang dachte er daran, anzurufen, entschied sich aber dagegen.“

Hätte dies irgendetwas verändert?

Parks ist ein intensives Buch gelungen, aus dem sich der Rezensent müde und mit viel Kraft befreien musste, um nicht hinab gezogen zu werden. Ein sehr atmosphärischer Roman, der laut des Nachworts des Autors auch anders erzählt werden kann, der immer in Bewegung ist, in Reihenfolge und Aufbau. Die Geschichte einer Ehe, die nicht immer linear ist, ein Buch dazu, das tatsächlich auf Englisch eine andere Struktur, eine andere Reihenfolge hat. Eine Ehe, die keinen direkten Grund hat zu scheitern, dennoch scheitert, weil zu wenig Achtsamkeit, zu wenig Liebe und – ja auch Selbstgefälligkeit der Personen vorherrscht. Einfach weil zu viel verloren geht im Laufe der Jahre und weder Thomas noch Mary darum kämpfen. Tim Parks ist, gerade durch seinen etwas nüchternen Stil, ein ganz und gar erschreckendes Buch über eine Ehe gelungen. So wie man es nicht machen soll. Ein schleichender Zerfall einer Beziehung.

Eine klare Leseempfehlung von mir.

  (13)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

15 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

erzählungen, short story, amerika, stories

Ein dreifach Hoch auf die Milchstrasse!

Kurt Vonnegut , Harry Rowohlt
Fester Einband: 286 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 01.06.2010
ISBN 9783036955766
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

amerika, liebesgeschichte

Der Papagei, das Telefon und die Bibliothekarin : Roman


Sonstige Formate
Erschienen bei null, 01.01.1997
ISBN B002PMH9IM
Genre: Sonstiges

Rezension:

Es gibt Bücher, an die geht man komplett ohne Erwartung heran. Wer ist Joe Coomer? Was ist das bloß für ein bescheuerter Titel? Wenn der Autor nicht bekannt ist, muss ein plakativer Titel her, dachte sich wohl der Verlag. Hätte ich nicht mal reingelesen und ich nicht gerade an dem Tag Lust auf ein Buchkauf gehabt, ich hätte das Buch sicher nicht angerührt. Höchstens mit den Augen, streifend von weitem. Im Nachhinein bin ich nicht nur froh es gekauft, sondern auch gelesen und einen neuen Autor entdeckt zu haben. Es ist eine der wenigen Indie-Buch-Perlen, die sich so wohltuend von der Masse der Bücher abheben. Einfach weil sie so erfrischend und so unliterarisch sind. (Jaja, das Buch ist ja auch Literatur, ihr wisst aber was ich meine)

Erzählt wird die Geschichte von Lyman, der alleine in seinem Wohnwagen wohnt und die Nachtschichten auf dem Loop (so der Originaltitel), auf dem Autobahnring als Straßenwächter verbringt.
Tagsüber bildet er sich weiter und hat schon etliche Fremdsprachen gelernt, sich ansonsten auch weitergebildet und viele Scheine für das College beschafft, wo er aber nicht hingehen will. Das Selbststudium verbringt er alleine, Familie hat er keine, seine Eltern sind bei einem Autounfall früh verstorben, die einzige tiefere Beziehung pflegt er zu Tieren. In seinen Jugendjahren wird er von einer Familie zur anderen gereicht.

"Die mittlere Lebenserwartung eines Hundes betrug acht bis neun Jahre, Lymans Verweildauer in den Familien fünf bis sechs Monate. An die Namen der Hunde, mit denen er zusammengelebt hatte, konnte er sich besser erinnern als an die der Menschen. Kam er in eine Pflegefamilie, die keine Haustiere hatte, fand er Mittel und Wege weiterzuziehen. Nachdem er den Führerschein gemacht hatte, unternahm er in einem geliehenen Auto eine erste vorsichtige Fahrt durch die ganze Stadt, um die Hunde seiner früheren Pflegefamilien zu besuchen. Die meisten waren jedoch gestorben oder entlaufen, und er erkannte, dass zwei Leben sich nur kurz berührten, süß und heilend, um dann in lange währenden Kummer überzugehen."

Lymans doch recht einsames aber klar geregeltes Leben erfährt eines Tages eine Veränderung. Ein Papagei fliegt ihm zu, der komische, teils kryptische Sätze spricht und offensichtlich verletzt ist.

"Er beugte sich zu den gelben Augen hin und versuchte darin das Alter des Vogels zu erkennen, den Widerschein der Heimsuchungen eines Jahrhunderts. Aber alles, was er entdecken konnte, war eine dunkle Variante von etwas vage Vertrautem, etwas zwischen Netzhaut und Augenflüssigkeit Verborgenem."

Lyman pflegt den Papagei und versucht dessen Besitzer festzustellen. Die Suche nach der Vergangenheit des Papageis, führt ihn zwangsläufig auf seine eigenes Leben zurück. Gerade die Arbeit in der Straßenwacht bringt ihn viel mit dem Tod in Berührung, meist sind es überfahrene Tiere, aber auch Unfälle mit Menschen passieren. Der Zufall lässt diese Menschen innehalten, am Straßenrand verweilen, der Fluss des Lebens ist plötzlich gestört.
Lyman hat eine sehr klare, nichtreligiöse Art die Welt zu sehen. Das meiste was passiert ist Zufall.

"Zum Laufen hilft nicht schnell sein, zum Kampf hilft nicht stark sein, zu Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft nicht klug sein, dass einer angenehm sei, dazu hilft nicht, dass er etwas gut kann, sondern alles liegt an Zeit und Glück.
Prediger 9, 11
'Genau', rief Lyman, 'Das ist das erste Mal, dass ich das erlebe. Jemand, der es wissen muss, gibt zu, dass das Universum willkürlich ist. Dass das Gute nicht zwangsläufig belohnt wird. Dass das Böse nicht zwangsläufig bestraft wird. Dass der Schulhofschläger später nicht zwangsläufig büßen muss. Alles ist beliebig, alles ist Zufall, eine Laune des Universums. Ein einziges großes Glücksspiel. Und die einzige Philosophi, die zu funktionieren scheint, ist Wachsamkeit, Vorbereitetsein. Man muss auf der Hut sein'."

Lymans Leben gerät nun gehörig in Unordnung, damit hat auch Fiona ihren Anteil daran. Fiona, die Bibliothekarin, mit dem treuen Hund Floyd, der sich, um nicht umzufallen, immer an feste Dinge lehnt (liebend gerne an Lymans Beine). Fiona deren Flüstern manche Schiffssirene übertönen würde. Fiona die, das spürt Lyman, Ordnung in sein Leben bringen würde.

"Er dachte, wenn er sie liebte, würde er sie auch kennenlernen, sie endlich verstehen, die entnervende, strapaziöse Intensität ihrer Fragen ebenso wie die gewundenen Falten ihrer Genitalien."

Der Papagei, das Telefon... ist eines dieser Bücher die man einfach lieben muss! Ob der schrägen und liebenswerten Charaktere, der sanften und doch manchmal so realistisch harten Geschichte, dieser Mix macht dieses insgesamt doch so zauberhafte, warmherzige und liebevolle Buch aus. Dabei ist es manchmal so schön schräg anders geschrieben, dass es sofort mein Herz gesichert hat.

"Lyman spürte, wie etwas sich auflöste. Er schaut auf seine Schuhe hinab, aber sie waren geschnürt."

The Loop wurde 1993 von der New York Times zum Buch des Jahres gewählt und 2001 verfilmt. Der Autor ist für mich jedenfalls die Entdeckung des bisherigen Jahres.

 

  (7)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(15)

60 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

teranol, interspace, traum, seelenfänger, seele

Seelenfänger

Andreas Brandhorst
Flexibler Einband: 700 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.10.2012
ISBN 9783453529700
Genre: Fantasy

Rezension:

Beflügelt durch die beiden hervorragenden Bücher von Andreas Brandhorst, "Das Kosmotop" und "Ikarus" habe ich nach dem Seelenfänger gegriffen, der zeitlich nicht weit weg von den erstgenannten liegt. Doch nach der Hälfte des Buches habe ich entnervt aufgegeben.

Die Idee war erstmal nicht schlecht, es gibt hochsensible Menschen die mit Hilfe eines Medikamentes sich und andere in das Gehirn eines Menschen transportieren können. Der Patient, auch medikamentös ruhig gestellt, soll dabei von schweren psychischen Schäden geheilt werden. Zur Sicherheit wird diesen Travellern ein Therapeut zur Seite gestellt, der den Travellern psyhologisch hilft.

Zacharias ist so ein Traveller und sitzt im Rollstuhl. Durch eine Muskelkrankheit gelähmt, kann er nur die Augen bewegen, aber mit Hilfe des Medikamentes und im Gehirn eines anderen, kann er alles bewirken, denn er ist ein Geistesriese. Er hat sich in Florence verliebt, die Therapeutin, die ihn immer begleitet. In der Gedankenwelt kann er reden, laufen, küssen und sie auch lieben, darum verweilt er ganz gerne länger in dieser Welt.

Eines Tages, kruz nach einem Einsatz, müssen die beiden einen dringenden Fall bearbeiten. Ein wichtiger Mitarbeiter der an einer für den Konzern sensiblen Sache arbeitet, ist ins Koma gefallen. Der Traveller der ihn holen sollte, liegt auch im Koma und kehrt nicht mehr zurück. Die Hoffnung liegt jetzt alleine bei Zacharias und Florence. Sie tauchen in die Traumwelt ein und treffen dort den Seelenfänger.

So weit so gut und auch durchaus interessant. Ab hier wird es aber konfus, unübersichtlich. Was ist Realität was nicht, hat seinen gewissen Reiz, aber das Buch verflacht mit der Zeit und dreht sich mit seinen flachen Dialogen und Handlungen im Kreis. Nach einiger Zeit (immerhin bis zur Hälfte des Buches) habe ich aufgegeben, weil der Roman bis auf Millimeterstärke abgeflacht war und ich keine Besserung mehr sah.

Es wird nicht das letzte Buch von Brandhorst sein, aber ab nun keine älteren Bücher mehr.

  (5)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

13 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

martel, yann martel, postmodern, postmoderner roman, parabel

Ein Hemd des 20. Jahrhunderts

Yann Martel , Manfred Allié , Gabriele Kempf-Allié
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 17.01.2013
ISBN 9783596187249
Genre: Romane

Rezension:

Es gibt viele Bücher über den Holocaust, doch keines was annähernd so heimtückisch daher kommt, wie das hier vorliegende Buch von Yann Martel. Heimtückisch ist es, weil es den Leser erst auf die falsche Fährte führt, ihn irreleitet und plötzlich brutal auf das Naheliegende stösst. Das Buch ist voller Symbolik und Andeutungen, so wie das Grauen auch voller Schatten und indirekten Bedrohungen ist. 

Jeder mag sich an den Symbolen versuchen, ein Esel und ein Affe, die in einem Theaterstück vorkommen, aber auch in der Taxidermie Okapie ausgestelt sind, ein Autor der an dem Holocaust Thema scheitert, aber letztendlich doch findet, der Besitzer der Taxidermie, der wie der Auto heißt und noch vieles mehr. Erst die letzten 13 'Spiele' offenbaren das subtile Gräuel zu dem Menschen nicht nur im Holocaust imstande waren.

Die falschen Fährten werden früh gelegt. Henry ist ein frustrierter Autor dessen Buch über den Holocaust von den Verlegern abgelehnt wird. Er zieht mit seiner Frau in eine neue Stadt und lebt ganz gut von den Tantiemen des letzten erfolgreichen Buches. Er fängt an Musikunterricht zu nehmen und Theater zu spielen. Immer noch erreichen ihn Leserbriefe zu seinem letzten Roman. Einer ist dabei der seine Aufmerksamkeit fesselt und ihn zu der besagten Taxidermie (Tierpräparation von Wirbeltieren) führt. Als er den Urheber in seinem Geschäft besucht, liest dieser ihm, immer wieder auf seinen darauffolgenden Besuchen, ein Theaterstück vor, welches stark an 'Warten auf Godot' erinnert.

Das Hemd des 20.Jahrhunderts ist ein sehr stark symbolbehaftetes Buch, welches ich mir gut und gerne im Deutschunterricht vorstellen kann. Auf die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten möchte ich gar nicht näher eingehen, derer sind zu viele.

Ein teils verstörendes, dann wieder irritierendes Buch welches in einem nachhallt, zumal die eindeutigen Elemente, die 13 Spiele ganz am Ende den Leser komplett einschüchtern und die menschlichen Variationen der Grausamkeit darstellen.

Ein Buch welches mich anfangs auf den falschen Weg gebracht und mich letztendlich kalt erwischt hat. Ein subtiles Buch über das alltägliche Grauen, nicht nur auf den Holocaust beschränkend.

 

  (9)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

17 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

jón kalman stefánsson, etwas von der größe des universums

Etwas von der Größe des Universums

Jón Kalman Stefánsson , Karl-Ludwig Wetzig
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.02.2017
ISBN 9783492057950
Genre: Romane

Rezension:

Island. Zweitgrößter Inselstaat in Europa. Das am dünnsten besiedelte Land in Europa mit knapp 330.000 Einwohnern. Und so weit weg vom Festland, nahe des nördlichen Polarkreises gelegen. In Island gibt es maximal durchschnittlich sechs Sonnenstunden, die Temperaturen bewegen sich im Durchschnitt zwischen minus drei und plus dreizehn Grad.

Trotzdem hat dieses Land schon immer eine gewisse Faszination auf mich ausgeübt. Sei es die seit fast tausend Jahren nicht veränderte Sprache, die sich eine alte Sprachform beibehalten hat, und bei der Fremdwörter umgehend in eigene Begriffe geändert werden. Sei es die etwas mystische Musik, die aus Island kommt. Künstler wie Björk, Sigur Ros oder Arstidir (Man verzeihe mir die nicht isländische Schreibweise) verbreiten eine dunkle warme Atmosphäre, die anders ist als das, was man musikalisch gewohnt ist.

Leider habe ich dieses Land noch nie besucht, aber Bücher darüber, sind einfach zu besorgen und zu lesen. So auch das vorliegende mit dem allumfassenden Titel: Etwas von der Größe des Universums. (den Originaltitel wage ich nicht mit der gegebenen Übersetzung zu vergleichen )

So mythisch Island auch sein mag, dort leben auch Menschen, die ganz normale Sehnsüchte haben, die lieben, leiden und das Glück suchen. Eben in einer mysthischen Atmosphäre, die Jon Kalman Stefansson fast ganz am Anfang dem Leser vor Augen führt.

„[…] alles andere ist weg, die Einwohner von Keflavik können sich eine Weile von der Welt erholen, es gibt sie nicht mehr. Nur Luft und Schnee sind um sie her. Nur Schneeflocken, dieses Weiß vom Himmel. Botschaften, Küsse, die auf unserer Stirn schmelzen. Alles andere ist verschwunden, die Tankstelle, die Geschäfte gegenüber, das Kino, die Hafenstraße, die Hringbraut, nur ein kurzes Stück weiter weg, die Arbeitslosigkeit, der leere Hafen, der Weihnachtsschmuck, die Reklameschilder. Da ist nur der Schnee, er rieselt ohne Unterlass die ganze Nacht herab und verbindet die Erde mit dem Himmel, was wahrscheinlich wichtiger ist, als uns bewusst ist […]“

Es sind kurze Momente, manchmal nur wenige Seiten lang, die wir bei den Protagonisten verbringen dürfen. Der Autor springt in der Zeit hin und her, beschreibt einige glückliche oder unglückliche Situationen in deren Leben und die Gedanken der Handelnden.

„Wie viele Tage verbringen wir im Verlauf eines Lebens auf diesem Planeten, die wirklich wichtig sind, an denen sich wirklich etwas ereignet, wodurch das Leben bereichert wird und abends heller scheint als am Morgen? Wie viele solcher Tage?“

Dabei kämpfen die Männer und Frauen meist mit ihrer harten Arbeit (wenn sie welche haben), für feine Kunst oder abschweifende Gedanken ist meist keine Zeit, es gilt, das Leben zu meistern, etwas zu essen auf den Tisch zu bekommen. Doch so manches Mal fliehen die Gedanken in die Zukunft: Was sein wird, was sein könnte.

„Gedichte sind okay, man kann sie als Decke benutzen, wenn es kalt ist in der Welt, sie können Transparente außerhalb der Zeit sein, mit merkwürdigen Zeichen darauf, aber sie haben furchtbar wenig zu sagen, wenn die Knochen müde geworden sind, das Leben dich ausgesondert hat und die Kaffeetassen das Einzige ist, was dir abends die Hände wärmt.“

Doch das zentrale Thema, die innigste Naturerfahrung haben die Isländer mit oder auf dem Meer. Hier sind die Erfahrungen am stärksten, mit sich selbst zu sein, das tagelange Zusammenleben auf engstem Raum, der Überlebenskampf gegen die See wird am intensivsten gespürt. Und am wichtigsten ist die Freiheit, die jeder dort erlebt.

„Jeder Mensch braucht seine Freiheit, wiederholte Siggi, diesmal nur für sich selbst, in Gedanken, vielleicht erinnerte er sich gerade an etwas Wesentliches. Freiheit, sagte Jakob, die gibt es auf See, Freiheit heißt zur See zu fahren. Ich weiß nicht, wie oft ich meinen Vater das sagen gehört habe.“

Die Geschichten, die Stefansson uns erzählt, die Sehnsüchte in Aris Familie, die Erlebnisse, haben eines gemeinsam: Sie sind von Leben durchtränkt, von dem Willen etwas zu erleben. Doch auch die unerfüllten Träume sind Gegenstand der Betrachtungen, Sehnsüchte, die jahrelang geheim gehalten wurden.

„Die schlimmsten Höllenqualen, sagt Jakob, nachdem er lange geschwiegen, den Brief auf den Küchentisch und Margrets Tagebücher auf den Couchtisch angesehen hat, müssen die durchmachen, die nicht genug gelebt haben. Die höchstens zur Hälfte gelebt haben. Die weder gut noch böse gewesen sind.“

Stefansson weiß wovon er schreibt, hat er doch jahrelang in den verschiedensten Jobs in Island gearbeitet. Diese raue Authentizität spürt man beim Lesen des Buches, zwischen der Dunkelheit, dem Alltag, blitzen dann immer wieder diese Juwelen der Gedanken, diese Aphorismen auf, die durchaus auch mal die Größe eines Universums haben können. Die Sprünge sind verwirrend und verhindern einen Fluss der Geschichte, aber nach einigen Seiten habe ich gespürt, dass das erzählte Leben die Geschichte dieses Buches ist.

Etwas von der Größe des Universums ist ein dunkles, aber schimmerndes Buch. Ein Buch, welches einem viel Kraft und Ruhe geben kann.

  (6)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(29)

42 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 24 Rezensionen

sachbuch, liebe, friedemann karig, polygamie, 2017

Wie wir lieben

Friedemann Karig
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 17.02.2017
ISBN 9783351050382
Genre: Sachbücher

Rezension:

Beim ersten Blick auf dieses Buch, kommt es einem doch sehr provokativ vor. Drei Gesichter von der Seite, in einer intimen Situation, einem dreifachen Kuss (Trisou) prangen auf dem Cover, die Farben in kontrastreichem Blau und Rot gehalten. Darunter der Text: Wie wir lieben und noch plakativer: Vom Ende der Monogamie. (Dabei erinnert mich dieses Cover an eines der interessantesten Platten der 90er Jahre: Blood Sugar Sex Magik von den Red Hot Chili Peppers)

Was will uns der Autor hier vermitteln? Uns erzählen wie wir lieben (sollen) und uns zu freier Liebe bekehren? Ist dies gar ein Sektenbuch?

Mitnichten, aber von freier Liebe handelt dieses Buch auch. Friedemann Karig hat ein sehr kluges und waches Buch über die Liebe in der heutigen Zeit geschrieben, und warum wir so lieben wie wir es heute tun. Und über den verantwortungsvollen Umgang mit dem wichtigsten Gefühl, das wir Menschen zu empfnden fähig sind. Ein Gefühl das ganze Reiche (Troja) zum Einsturz bringen kann und das gleichzeitig große Leiden, aber auch große Freuden erzeugen kann.

Liebe

Was bedeutet Liebe?

„Die Menschen, die in diesem Buch von ihrer Liebe erzählen, haben genau das getan. Sie haben ein neues Wort für ihre Liebe gesucht, einen neuen Code, eine neue Chiffre, eine neue Erzählung. Sie haben sich geöffnet. Sie haben sich ihren Ängsten gestellt. Um sich selbst und ihre Träume zu finden. Ihre Erzählungen sind wichtig, weil dieses Buch keine Werbung sein will für ein wie auch immer geartetes Konzept ‚offener‘, freier Liebe. Kein Handbuch, das erklären will, wie etwas funktioniert oder nicht. Lieber erzählt dieses Buch von der Liebe. Denn nirgends und niemals versteht der Mensch so gut wie durch, in, mit Geschichten. Alles was wir wissen, lernen und lehren wir durch Besispiele, Strorys, Vorbilder. Wir sind nichts anderes als Geschichten erzählende Affen. Erzählende, liebende, leidende Affen. Deshalb ist dieses Buch zuallererst eine Sammlung von Liebesgeschichten.“

Es sind wahre Erzählungen. Erzählungen wie sich Personen verlieben, wie sie sich kennenlernen, welches Leid und welche Lust sie erfahren und welche Probleme zu bewerkstelligen sind. Liebe ist das stärkste Gefühl, das der Mensch kennt, es verbindet, es sprengt alte Fesseln, es macht regelrecht blind. Blind vor der restlichen Welt. Und was dann passiert, ist auch ein zentrales Thema in dem Buch. Es geht um Sex. Der zwangsläufig nach der Liebe und der Lust kommt. Die Hingebung zu dem geliebten Menschen ist wie ein starker Magnet.

„Was ist noch Sex, was ist schon mehr? Wie soll man es nennen? Ist das nicht völlig egal, wenn nur der andere zählt? Wenn man kaum zum Essen kommt, weil der Mund nur noch küssen will?“

Doch halt! Was ist daran Besonderes? Über Liebe und Sex in einem Sachbuch zu schreiben? Doch alle diese Geschichten haben eines gemeinsam, es sind immer mehr als zwei Personen in die Geschichten verstrickt. Und es geht nicht um Fremdgehen, sicher geht der Einzelne fremd, wenn er ein sexuelles Verhältnis mit einem anderen Menschen anfängt, doch die Menschen die ihre Geschichten in dem Buch erzählen, lieben ihren Partner noch. Sie gehen aus verschiedenen Gründen fremd, suchen das Abenteuer oder fühlen sich in ihrer Beziehung nicht wohl.

„Fremdgehen ist nichts Besonderes. Irgendwann, kann man meinen, irgendwann betrügen sich doch alle. Weil die Beziehung zu eng ist. Oder nicht eng genug. Irgendein Grund findet sich immer. Weil es 1000 Gründe gibt, fremdzugehen. Und nur einen, treu zu bleiben.“

Hier schlägt Friedemann Karig einen Bogen in die Vergangenheit. Warum wurde die Monogamie als Lebensform für die Menschheit gewählt, da doch der Mensch als einziges Lebewesen Sex, nicht nur als Arterhaltung und Fortpflanzung betrachtet, sondern auch einfach Spaß (sogar großen Spaß) daran hat. Tiere sind zu 95% nicht monogam, eine Beziehung dient hier ausschließlich der Arterhaltung, dann kann auch ein neuer Partner kommen, wenn die Kleinen aus dem Nest sind. Ihr Leben lang bleiben Tiere nicht zusammen, aber warum der Mensch? Zumal eine Untersuchung von Paaren die lange verheiratet sind zeigt, dass mehr als ein Drittel sich als ‚Stabil unglücklich‘ oder ‚unsicher und resigniert‘ bezeichnet. Laut Gottfried Benn ist: „Die Ehe eine Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebes.“ Seltene Ausnahmen gibt es hier natürlich auch. Die Ehe als Konzept für Wirtschaftsunternehmen wäre vollkommen untauglich. Warum also monogam sein?

Nach Friedemann Karg begann die Unfreiheit der Sexualität mit der Unfreiheit der Bewegung der Menschen. Nachdem die Menschen in kleinen Familiengruppen auf dem Land saßen und nicht mehr in Horden herumzogen, musste sichergestellt werden, dass diese Gemeinschaften zusammenbleiben. Also wurden Regeln für das Zusammenleben aufgestellt, die auch die Vererbung mit vorsah. Wichtig war, dass alle Kinder die erbten, auch die echten Nachkommen waren. Wer verschenkt schon etwas an einen Fremden?

„Freie Liebe bestellt keinen Acker, baut kein Haus.“ Mann und Frau waren, wegen der ökonomischen Notwendigkeit für alle Zeiten aneinander gebunden. Diese jahrhundertelangen Regeln werden heute, da die ökonomische Notwendigkeit nicht mehr so stark gegeben ist, hinterfragt. Der auch schon früher vorhandene, aber unterdrückte Trieb, bricht neuerdings immer weiter durch. Der Mensch ist das Tier, was am Sex den meisten Spaß hat. Und das kollidiert (meist) mit der Monogamie. Die Ehe ist anscheinend ein Auslaufmodell, oder nur begrenzt haltbar.

Wichtig ist natürlich auch die Kontrolle von oben. Freie Lebensformen sind schlechter zu kontrollieren als eine von oben (Kirche, Staat) regulierte Sexualmoral namens Ehe. Und so wird die natürliche (freie) Sexualität bis heute bekämpft. „Fast immer, fast überall, in fast jeder Gesellschaft.“ Wer erinnert sich nicht an den §175 StGB, der bis 1994 galt, der Paragraph der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. In vielen Ländern wird Homosexualität immer noch mit dem Tode bestraft. Auch ist die gleichgeschlechtliche Ehe erst seit kurzem erlaubt und steht immer noch in vielen westlichen Ländern unter großer Diskussion. Warum sollten Schwule oder Lesben nicht heiraten können? Nur weil sie keine Kinder bekommen können? Weil es Gott verbietet? Wieviele Frauen hatte der jüdische König David? Ist nicht auch hier der Wunsch nach Kontrolle größer, als die Interpretation einer alten Schrift die teilweise durch Mundpropaganda weitergereicht wurde und über 2000 Jahre alt ist?

Warum dann auch den Sex verbieten den Personen untereinander haben, die nicht verheiratet sind. Sex mit mehreren Personen? Warum soll der Mensch lebenslang einer Person treu sein?

„Freier selbstbestimmter, glücklicher Sex ist keine Erniedrigung, sondern eine Erhöhung des Selbst. Die Zeit, die wir mit Sex verbringen, ist deshalb so kostbar, weil dabei etwas sehr, sehr Seltenes passiert. Wir werden eins. Wir übertreten diesen unendlich tiefen Graben zwischen uns. Wir treffen uns in der Mitte. Das Wunder dabei ist: Jeder für sich wird dabei mehr er selbst oder sie selbst. Man transzendiert diese Welt, hinüber in eine andere. Man ist für einige Augenblicke eindimensional, man ist nur noch Lust. Keine Metaebene. Kein Glaube. Keine Angst. Man ist weder Beruf noch Biographie, noch Stärken, noch Schwächen. Noch einmal Dieter Duhm: ‚ Sex, sinnliche Liebe, Lust, Wollust ist ein umfassender organischer Vorgang, der weit über den Begriff einer physiologischen Triebbefriedigung hinausgeht. Man hat wunderbar gefickt, und man strahlt wie eine Pfingstrose, weil man gerade eine Welt im Arm hatte und an der Quelle war.'“

Und das soll man nur mit einer Person haben? Wenn ich Sex habe, aber trotzdem meinen Partner immer noch liebe? Ihn nicht verlasse? Dann würde ich ihm, oder dem Anderen, nichts wegnehmen. Dann wäre doch allen geholfen. Diese Form der Liebe hat auch einen Namen, sie nennt sich Polyamor. Für polyamore Personen wurden seitens der Soziologie neue Begriffe gefunden. Compersion bezichnet die Mitfreude, eine Manifestation der Liebe, bei der sich der Liebende wünscht, dass der Geliebte Glück und Erweiterung durch etwas Schönes in seinem Leben findet. Und dies nicht nur mit der eigenen Person, nein auch mit Anderen. Dieser Begriff stellt den Gegensatz zur Eifersucht dar. Eine Art der Liebe, die mit viel Arbeit verbunden ist. „Man formt seine Beziehung in jeder Sekunde.“

Doch Probleme bei dieser Art der Liebe tauchen immer wieder auf. Wie gehe ich mit den aufkommenden Gefühlen der Eifersucht um?
Verliebt der andere sich nicht, weil er dem Anderen so nahe kommt?

„Vielleicht ist die offene Beziehung der Kommunismus der Liebe. Eine große Idee. Eine Utopie. Die nicht funktioniert. Weil der Mensch nicht gut ist. Weil er besitzen will, nicht teilen. Weil er, besonders in der Liebe, ein Kapitalist ist. Weil der eine immer mehr will, der andere ihn aber nicht hergibt.“

Um noch einmal auf den Anfang zurück zu kommen: Das ist kein Fanal für die freie Liebe. Es heißt nicht, dass wir alle die freie Liebe praktizieren sollen. Denn auch die Monogamie hat positive Eigenschaften, sie ist der Kleber der Gesellschaft:

„Es ist unsere Natur, uns fest zu binden, Sicherheit zu suchen, füreinander da zu sein. Das ist einer der schönsten Dinge am Mensch sein. Treue ist also wichtig. Sie eröffnet uns den Weg zu einer Tiefe an Beziehung, die wir sonst wohl nicht erreichen.“

Friedemann Karig beschreitet in seinem Buch einen schmalen Grat, einerseits beschreibt er ganz richtig die Missstände in den Beziehungen der menschlichen Zivilisation, andererseits sieht er auch die Notwendigkeit der Ehe und der festen Beziehung. Wichtig ist für ihn die vorurteilsfreie Diskussion von Sex und Monogamie, der Spaß am Sex ist das was uns über das Tier erhebt. Und das darf nicht institutionalisiert werden.

„Sex ist wichtig. Einer freien Gesellschaft sollte daran gelegen sein, dass ihr ’sexuelles Nervensystem‘ nicht im Dunkeln liegt, nicht abgeklemmt ist an so vielen Enden. ‚Solange die sexuellen Kräfte abgedrängt bleiben in die privaten Phantasiebereiche, solange besteht die Gefahr von Dammeinbrüchen‘, schreibt Dieter Duhm.“

Die sexuelle Revolution hat uns freier gemacht. Sie hat uns aber auch vor viele Aufgaben gestellt. Neue Gefühle, neue Ängste und neue Situationen müssen dabei immer wieder gelöst und durchstanden werden. Neue Verbindungen erfordern mehr Überlegungen, Auseinandersetzungen, Diskussionen. Es ist keine leichte Aufgabe für die ‚freien Radikalen‘. Veränderungen an gesellschaftlichen Normen schaffen auch Widerstände. Die Welt ist freier aber auch komplizierter geworden, spannend bleibt es zum Glück immer! Freien Sex gibt es, über die gesamte Menschheitsgeschichte betrachtet, aber erst seit kurzer Zeit. Auf den Tag betrachtet, erst seit den letzten fünf Minuten. Und nach diesem langen dunklen Tag müssen wir mit diesem Geschenk und diesem Fluch erst einmal umzugehen lernen.

Das Buch ist keine Aufforderung zu freier Liebe, es ist eine Aufforderung über alternative Lebensweisen nachzudenken und sich bewusst zu werden, was ich will und wie ich glücklich werde. Ohne anderen weh zu tun. Ich habe das Buch als Anregung gelesen, über alte Zöpfe nachzudenken (nicht abzuschneiden) und bewusster an Sex und Liebe heranzugehen. Man muss sich nicht alles auf die Fahnen schreiben oder sich gar persönlich angegriffen fühlen von dem, was Friedemann Karig schreibt. Nachdenkenswert ist es auf jeden Fall. Der Autor erzählt hier vielerorts nichts Neues, pickt aber die Beziehungsprobleme unserer Zeit auf und verknüpft diese geschickt mit dem aktuellen Zeitgeist, wie zum Beispiel Internet und allgemeiner Verfügbarkeit von Sex und Liebe. Was das Buch so besonders macht, sind die Geschichten, die erzählt werden.

Ein Buch, das noch viele Diskussionen nach sich ziehen wird.

  (7)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

zukunft, scifi, nanotechnologie, unsterblichkeit, computerwelten

Weltensturm

Scott Westerfeld , Rainer Michael Rahn , Andreas Brandhorst
Flexibler Einband: 827 Seiten
Erschienen bei Heyne, W, 03.11.2008
ISBN 9783453525078
Genre: Fantasy

Rezension:

So richtige schöne ausschweifende Space-opera Science Fiction, die in einem Radius von Lichtjahren spielt und mit raffinierten Schlachten garniert ist, dabei aber auch die Charaktere nicht ins Klischeehafte abdriften lässt, (nein ich meine jetzt nicht Star Wars) ist in diesen Tagen leider selten. Vorbei ist die goldene Ära des Genres welches uns so wunderschöne Romane wie die Lensmen-Serie von E.E.Smith, die Foundation Trilogie von Isaac Asimov oder die herrlichen Gemetzel im All des Robert A. Heinleins bescherte. (Nicht missverstehen, Gemetzel im Sinne 'Tötet das Böse'!! :-)) Doch es gibt sie natürlich noch, diese technisch-süffigen Romane, man muss nur etwas suchen. Eine Unart ist es, dieses Genre zu marginalisieren und auf die untere Niveau Ecke herunterzustauchen. Selbst bei Verlegern habe ich doch so manches mal das Gefühl, dass sie sich nicht die Mühe machen, sich ein adäquates Titelbild einfallen zu lassen.

Alleine wegen des Titelbildes hätte ich diesen Roman nicht in die Hand genommen, aber zum Glück gibt es ja die im Internet aufgeführten Rezensionen und die klangen durchweg positiv, selbst die schlechten. (Die haben das Buch nämlich einfach nicht verstanden)

Das Buch spielt in der Zukunft, (Jaaa Geil! Da kommen dann auch die schönsten technsichen Errungenschaften vor, die der Autor nicht erklären muss! Ich liiiebe es) die Menschheit hat sich über die Sterne ausgebreitet, es herrscht seit 1600 Jahren ein Kaiser (so manches mal denke ich doch, dass die Aristokratie nicht ausgestorben ist, oder man sich danach sehnt) und die 'unsterblichen' Menschen (nur ein paar wenige kaiserlich Ausgewählte natürlich) sind im Kampf gegen die RIX, die anstelle der Unsterblichkeit und der Individualität, den Tod und ein Verbundbewusstsein (sind das jetzt die bösen Chinesen?!) haben.

Bei einem Angriff auf den kaiserlichen Planeten Legis XV wird die unsterbliche Schwester des Königs gefangen genommen und ein ungeheuerliches Geheimnis droht enthüllt zu werden. Und dieses Geheimnis gilt es natürlich zu bewahren. Der Kaiser wirft alle Möglichkeiten in den Kampf.

Das Buch bewegt sich auf drei Ebenen. Ene Ebene besetzt der gerade vom Kaiser ausgezeichnete Captain Laurent Zai, der ein neueres Raumschiff befehligt, welches sich gerade in der Umlaufbahn um Legis XV befindet. Mit Hilfe mikrokleiner Raumschiffe will er und seine Crew die Schwester des Kaisers befreien.

Die zweite Ebene ist die politische Ebene, Nara Oxham gehört zu den Pinken, die die Unsterblichkeit ablehnen.

"'Ich habe oft gehört, dass die Pinken für den Tod eintreten. Aber ich habe das für eine Übertreibung gehalten.' 'Es ist keine Übertreibung. Der Tod ist eine zentrale evolutionäre Entwicklung. Tod bedeutet Veränderung und Fortschritt. Unsterblichkeit ist ein die Zivilisation tötendes Konzept."

Sie ist die Geliebte des Captain Laurent Zai und durch Jahre in der Stasi kann sie mit den Überlichtreisen Laurents mithalten. Denn Politik passiert nicht täglich und die Repräsentanten werden auf 50 Jahre gewählt, haben viel Leerlauf, die sie in der Stasi verbringen. (Praktisch, nicht? Ausgediente Staatsmänner in Stasis zu versetzen und bei Problemen rauszuholen)

Die dritte Ebene bestreiten eine Rix-Kämpferin und eine Arbeiterin auf Legis XV. Dadurch erfährt der Leser mehr über die Rix Kultur und deren Besonderheiten.

Diese drei Ebenen werden geschickt und spannend von Westerfeld zusammengeführt, der Leser benötigt eine Weile bis er in die durchaus anspruchsvolle und manches mal, durch technische Beschreibungen garnierte Welt eintaucht. Aber wenn man mal die Komplexität erfährt und versteht, lässt sie einen nicht mehr los und man verflucht die nur 800 Seiten lange Fahrt durch ein intensives Universum.

Gerade auch die Nebenschauplätze und die Darstellung der Gesellschaft in der Zukunft, bilden eine stabile Basis des Buches. Die Menschheit hat sich durch ihren Wahn nach Perfektionismus selbst steril gemacht:

"Nach Jahrtausenden fehlgeleiteter genmetischer Manipulation hatte man schließlich den subtilen Streich der Evolution verstanden: Fast keine menschlichen Eigenschaften waren 'verkehrt'. Gene, die eine Krankheit in einem Ambiente verschlimmerten, brachten Widerstandkraft in einem anderen. Wahnsinn war mit Genie verbunden, Passivität mit Geduld. Selbst Nachteile enthielten verborgene Stärken. Unter den wilden, variablen Bedingungen der Sterne stellten die Menschen fest, dass sie größere Vielfalt brauchten, nicht weniger. Und doch war es eine verkleinerte Menschheit, die die irdische Wiege verließ, geschwächte Supermenschen, die nur einem lokalen, fehlerhaften Standard von Überlegenheit entsprachen."

Am Ende überschlagen sich die Ereignise und Westerfeld hält noch eine Überraschung für uns bereit. Das Geheimnis wird enthüllt und schlägt wie eine Bombe ein, verändert auf einen Schlag die Menschheit. Doch was bleibt sind immer noch die stärksten Gefühle eines Menschen:

"Und er wollte nach Heimat zurück; nur darauf kam es an. Das war es, was ihn von Anfang an motiviert hatte. Jetzt, da ihm alles andere genommen war - Ehre, Tradition, Souverän und Unsterblichkeit -, blieb ihm nur Liebe, zu der er zurückkehren konnte."

Schade dass Westerfeld nur diesen einen Science Fiction geschrieben hat, man wird in diesem Genre nur wenig vergleichbares finden.

Ein SF-Highlight dieses Jahres.

  (5)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(8)

13 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

egoiste, hohlköpfe, managertugenden, generationenimperialismus, demokratie

Warum die Sache schief geht

Karen Duve
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 02.10.2014
ISBN 9783869711003
Genre: Sachbücher

Rezension:

Warum das alles schief geht, schreibt Karen Duve in ihrem bitterbösen Essay, und dabei sind das doch alle nur Wahrheiten die sie verkündet. In unserer Welt sind die Personen, die die Macht haben, im Prinzip Psychopathen, bzw es gibt einen sehr hohen Prozentsatz davon. Konzerne schielen nur auf das Quartalsergebnis, Nachhaltigkeit ist ein schickes Wort was mit aufgenommen wird, weil es der Zeitgeist so will. Die Chefs des höheren und mittleren Management werden aber nach ganz bestimmten Kriterien ausgewählt.

"Selbst das Renommee der besuchten Universität zählt kaum. Ausschlaggebend ist die persönliche Einstellung des Bewerbers, sind Eigenschaften wie Einsatzwille bis zu Selbstaufgabe, Risikobereitschaft, unerschütterliches Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen. Was uns da seit jeher als klassische Unternehmertugend gepriesen wird, würde sich bei genauer Betrachtung aber auch für eine Verbrecherlaufbahn eignen."

Und dieser Gedankengang ist nicht mal abwegig. Händler die einem hohen Stressfaktor ausgesetzt sind und mit vielen Millionen jonglieren (so ab und zu fällt mal was hinunter - was ein Glück dass es nicht das eigene Geld ist....), haben einen höheren Psychopathenfaktor, als einsitzende Schwerverbrecher. (so eine Studie) Es wird auch von dem Management einiges an psychopathischen Verhalten verlangt.

"Wer seine Ehefrau dazu bringt auf die Karriere oder gleich ganz auf einen Beruf zu verzichten, und sich auch nicht darum schert, was es für die Kinder bedeutet, schon wieder die Schule zu wechseln und den gesamten Freundeskreis aufzugeben, der hat bei seinen Vorgesetzten schon mal gepunktet. Unser Wirtschaftssystem verlangt von seinen Führungskräften, dass es über alle menschlichen Bindungen gestellt wird. Es ist mehr als familienfeindlich. Im Grunde benimmt es sich wie eine fiese Sekte."

Dabei wird hier keine Empathie verlangt, nur nackte Zahlen zählen, wie auch immer diese zustande kommen.

Karen Duve macht einen Schlenker in die Wissenschaft (wo auch Psychopathen hocken) und räumt mit dem Vorurteil auf: Was getan werden kann, muss man tun. Was das für Umwelt und Menschen für Auswirkungen hat sieht man nicht nur erst seit Fukushima oder der Atombombe, der Mensch lebt auf einem selbst gebauten Pulverfass.

"Wie auch immer. Der heutige Stand der Wissenschaft kann nicht verhindern, dass wir Fehler machen. Aber er versetzt uns in die Lage, Fehler in einer Größenordnung zu machen, die wir nicht überleben würden. Deswegen kann es durchaus auch eine Option sein, eine viel versprechende Sache ganz einfach mal zu lassen."

Essen und alles was mit Fleischgenuß zu tun hat, ist auch ein Thema.

"Gesunde Tiere brauchen keine Antibiotika, aber gesunde Tiere nehmen dann auch nicht Tag für Tag 6,5% ihres Eigengewichtes zu. Das hätte natürlich höhere Verkaufspreise zu Folge."

Es geht ihr aber eher um die Wurschtigkeit unserer heutigen Gesellschaft, der es egal ist, was nach ihnen kommt.

"Was für ein ungeheures Glück zwischen 1950 und 1975 und dann noch im richtigen Land geboren zu sein: vor unserer Geburt war Krieg, um uns herum ist Armut und Not, nach unserem Tod kommt die Sintflut, aber wir selber leben die ganze Zeit wie die Maden im Speck. Eingemummelt in eine doppelte Dämmschicht wohliger Ignoranz, kaufen wir all die hübschen Sachen und tun all die angenehmen Dinge, die den folgenden Generationen das Leben zur Hölle machen werden, ohne uns deswegen auch nur im Geringsten zu schämen."

Am Schluss lässt sie uns noch einmal positiv nach vorne schauen, nicht unbedingt so wie sich das mancher wünscht:

"Wenn man die menschliche Perspektive einmal kurz aufgibt, ist es eigentlich ein ganz erfrischender Gedanke, dass Homo Sapiens demnächst ausstirbt. Falls nicht sogar eine so starke Aufheiung eintritt, dass sämtliches Leben auf der Erde auf Null heruntergefahren wird, das grauenhafte Leiden für ein paar Millioenen Jahre Pause macht und die Erde als Todesplanet mit kochenden Ozeanen durch das Weltall saust, bis sich eines Tages mit den ersten Einzellern wieder etwas völlig Neues entwickelt, die Evolution einen ganz anderen Weg einschlägt. Diesmal eine Schöpfung ohne Intelligenz. Oder Intelleigenz gepaart mit Sanftmut. Großäugige, intelligente Weidetiere. Es kann doch eigentlich nur besser werden."

Warum die Sache schiefgeht ist ein Sammelsurium von schon bekannten Tatsachen, zusammengefasst und nackt betrachtet ein Horrorszenario. Dieses Buch hat ihr wohl als Grundlage für ihre hervorragende, düstere aber auch witzige Dystopie 'Macht' gedient. Konsequent weitergedacht!

  (7)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(9)

13 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

irland, jugend, gewalt, alkohol, freundschaft

Ich, John

Peter Murphy , Karsten Kredel
Flexibler Einband: 220 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp/KNO VA, 01.09.2009
ISBN 9783518461099
Genre: Romane

Rezension:

Die Geschichte von John Devine, der in einem kleinen irischen Dorf namens Kilcody aufwächst, hat mich nur knapp 150 Seiten beschäftigt. Es gab interessante Stellen, die von Betrachtungen über das Leben handelten. Doch insgesamt hat mich die Melange aus Aufwachsen, Coming-Out und irischen MagieFlair, nach jedem Kapitel eingestreut nicht wirklich gepackt. Deswegen waren nach etwas mehr als der Hälfte des Buches Schluss mit der etwas fahrigen Art der Erzählung und nicht sehr tiefgehenden Weise des Autors mir die Charaktere nahe zu bringen.

  (9)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(44)

107 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 15 Rezensionen

freundschaft, endzeit, fliegen, überlebenskampf, krankheit

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

Peter Heller , Eva Bonné
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 19.04.2013
ISBN 9783847905196
Genre: Romane

Rezension:

Irgendwann musste doch so etwas passieren. So, oder so ähnlich. Dass es dann eine Art Grippeepidemie war, an der die meisten starben, hatten manche doch prophezeit. Eben nur so eine Art Grippe, aber das waren bestimmt Viren, die, im Labor gezüchtet, den Weg ins Freie fanden. Aber so genau weiß das heute auch niemand mehr. Und es interessiert niemanden mehr. Weil es nur noch ums Überleben geht. Und da kämpft jeder gegen jeden.

So ist die Ausgangslage der vorliegenden Dystopie. Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte, im Original viel treffender The Dogstars. Der Hundsstern ist ja bekanntlich der Stern, an dem sich schon Generationen von Seefahrern orientiert haben, und nun gibt es viele solcher Sterne. Es gibt keine Richtung für die Menschheit, den Einzelnen, es müssen neue Richtbilder, neue Wege gefunden werden.

Big Hig hat alles verloren, sein vorheriges Leben, seine große Liebe; aber auch vieles gewonnen. Er hat die Epidemie überlebt, er hat einen Flecken gefunden, wo er leben und sogar fliegen kann.

„Es gibt keinen anderen sicheren Ort. Auf dem ganzen Planeten nicht. Wir haben das Gelände, wir haben Wasser, Strom, Essen, Waffen. Wir haben die Berge, nur für den Fall, dass uns die Beutetiere ausgehen. Wir müssen uns nicht mit Zank und Streit rumschlagen, und mit Politik auch nicht. Es gibt nur dich und mich. Uns kann nichts auseinanderbringen. So wie die Mormonen und alle anderen da draußen, die nicht mehr am Leben sind. Wir beschränken uns auf das Nötigste und überleben.“

Was er auf jeden Fall noch hat, in seiner neuen Enklave, das ist die Natur. Er streift mit seinem Hund Jasper durch die Wälder, auf der Suche nach Essen und natürlich auch auf der Suche nach Feinden.

„Manchmal wenn ich mit Jasper zum Angeln an den Sulphur River fuhr, stieß ich an meine Grenzen. Dann hatte ich das Gefühl, mein Herz könnte platzen. Platzen ist nicht dasselbe wie brechen. Unfassbar, diese Schönheit. Und es war nicht nur das, nicht nur schön. […] Kein Grund, sich bei irgendwem zu bedanken. Einfach nur sein. Einfach nur angeln. Einfach nur durchs Wasser waten, es wird dunkel, es wird kalt, es ist alles eins. Mit mir, irgendwie.“

Zusammen mit Bangley, einem vierschrötigen Waffennarr, hat Big Hig einen Flughafen besetzt. Durch seine Erkundungsflüge, als Frühwarnanlage, können Feinde schon lange vorher erkannt werden. Marodierende Banden ziehen durch das Land auf der Suche nach Nahrung, Wasser und Treibstoff. Big Hig hat, trotzdem er mehr hat als andere Überlebende, eine große Sehnsucht. Soll dies alles gewesen sein? Was ist mit der Zukunft? Was mit anderen Menschen, ja mit der Menschheit? Kann der tägliche Überlebenskampf alles sein? Es muss da draußen doch Menschen geben, die auch etwas Neues aufbauen wollen. Was ist mit der Liebe?

„Ist es möglich, so verzweifelt zu lieben, dass das Leben unerträglich wird? Ich spreche nicht von unerwiderter Liebe, ich spreche davon, in der Liebe zu sein. Mitten in der Liebe und doch verzweifelt. Weil man weiß, dass es enden wird, so wie alles auf der Welt. Einfach enden.“

Diesen Schmerz, den er verspürt, diese Leere, die in ihm ist, muss ausgefüllt werden. Nachdem er einen Funkspruch von einer weit entfernten Station aufgefangen hat, nimmt er seinen Hund Jasper und macht sich auf den langen Weg, auch auf die Gefahr hin, alles zu verlieren.

„Ich will nicht bei dem Versuch umkommen, zusammen mit Jasper die fünfhundert Kilometer nach Hause zu marschieren. Nach Hause. So trist es auch ist. Wo ich doch nichts mehr zu verlieren habe. Irgendwie ist nichts auch etwas.“

Peter Heller ist ein unglaublich intensiver und dichter Roman gelungen. Man spürt des Autors Verbundenheit mit der Natur, Die Beschreibungen, wie Big Hig durch die Wälder streift, auf der Suche nach Wild und Fischen, zeigen einen genauen Beobachter. Wie schrieb es Thursdaynext in ihrer Rezension: ‚Schnappschüsse der Einsamkeit‘. Auch die Natur ist angeschlagen.Das was Big Hig beobachtet, Dürreperioden, zu warmes Wasser für die Fische, immer weniger Wild, das hat der Mensch hinterlassen. Die Natur hat zwar die Gabe, uns zu heilen, aber eben nicht alle Wunden. Der Mensch ist dazu geboren, mit anderen Menschen zusammen zu leben und mit ihnen zu lachen, lieben und auch zu sterben. Was bleibt uns, wenn die meisten Menschen verschwunden sind? Was gibt uns noch die Kraft zu leben? Doch letztendlich nur die Hoffnung auf die Zukunft.

Peter Heller ist ein traurigschöner, schnörkelloser Roman mit einem sehr sympathischen Helden gelungen. Eine hoffnungsfrohe Dystopie.

  (8)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(6)

15 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

peter lake, wunder

Wintermärchen

Mark Helprin
Flexibler Einband
Erschienen bei Fischer (TB.), Frankfurt, 01.10.1998
ISBN 9783596119936
Genre: Fantasy

Rezension:

Schade, es hätte so schön werden können. Es gibt diesen Film nach dem Buch, der so erfrischend anders ist, zwar opulent überladen mit Fantasy, mit schrägen Figuren und unendlich viel Magie, aber trotzdem geht er einem ans Herz und ließ mich atemlos die Geschichte des Peter Lake verfolgen.

Geschichte? Im Buch eine Fehlanzeige. Dabei liebe ich solche überbordene Fantasie die Marc Helprin hier aufbringt. Seine langen verblümten Beschreibungen, seine fanatsievollen Geschichten. Nur...
Es sind Inseln der Fantasie, die nicht zusammengefügt werden, die einzeln im Meer schwimmen, jede für sich ein Kleinod, nur es fehlt das Bindeglied.

Es liest sich gut an, Peter Lake ist ein Gestrandeter in New York, verfolgt von einer Gaunerbande, denen er früher angehörte, findet ihn ein weißes Pferd. Mit diesem flieht er leichtfüßiger und hat mehr Zeit seiner Passion als Dieb nachzugehen.

"Sie war reich, bei ihr war viel zu holen. Aber auch die Reichen starben und enttäuschten all jene, die irgendwie gehofft hatten, mit ihnen verhalte es sich anders. Peter Lake machte sich über die Sterblichkeit der Menschen keine Illusionen. Er wusste, dass vor dem Tod alle gleich sind. Der Reichtum dieser Erde sind Bewegung und Mut, Lachen und Liebe. Diese Dinge waren für Geld nicht zu haben. Sie gehörten dem, der sie sich nahm."

Dabei ist der erste Teil, die Geschichte der Liebe zwischen Peter Lake und Beverly wunderschön, überstrahlt jegliche Schwächen in der Roten-Faden-Führung, doch endet nach 200 Seiten abrupt.
Danach bleibt diese wunderschöne Sprache, doch was nutzt ein einzelner schöner Ton, wenn er nicht gebettet ist in ein Gesamtwerk, zusammengeführt mit anderen Tönen.

  (13)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(17)

56 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

russland, komponist, musik, stalin, diktatur

Der Lärm der Zeit

Julian Barnes , Gertraude Krueger
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462048889
Genre: Romane

Rezension:

„Um die Geschichte unseres Landes zwischen 1930 und 1970 nachzuleben, reicht es aus, die Sinfonien von Schostakowitsch zu hören.“ Russische Wochenzeitung Moskowskije Nowosti

Es ist eine irrwitzige Situation, in die uns Julian Barnes gleich zu Anfang einführt. Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch sitzt mit gepackten Koffern vor seiner Wohnung und wartet auf die Häscher der Macht. Damit seine Familie nicht aufgeweckt wird, sitzt er jeden Abend dort und wartet dass sie ihn holen. Warum? Ist er nicht ein Begünstigter? Hat er nicht Erfolg mit seinen Werken? Doch der Mächtige, Stalin, hat mitten in der Aufführung seiner Oper die Loge verlassen. Das kommt einem Todesurteil gleich. Schon viele wurden im Haus abgeholt. Und während die Liftnadel zitternd nach oben wandert und Schostakowitsch zitternd im obersten Stock darauf hofft, dass sie stehen bleibt, sinniert er über die Macht und sein Leben mit ihr.

„… ja, dieser General und jener Politiker waren an dem Komplott beteiligt, ich habe es selbst gehört und gesehen. Aber es würde kein melodramatisches Abhacken von Händen geben, nur eine nüchterne Kugel in den Hinterkopf.“

So ganz irrwitzig ist diese Situation nicht und genau so hat es sich zugetragen. Russland ist in diesen Jahren ein unsicherer Hafen. Schon ein schräger Blick reicht aus, um über Leben und Tod zu entscheiden. Worte helfen nicht viel. Worte drehen sie Dir im Mund herum.

„Und an Redensarten hatte die Macht kein Interesse. Die Macht kannte nur Tatsachen, und ihre Sprache bestand aus Phrasen und Euphemismen, die diese Tatsachen wahlweise propagieren oder aber verbergen sollten.[…] Von nun an würde es nur zwei Arten von Komponisten geben: die einen waren am Leben und hatten Angst, die anderen waren tot.“

Julian Barnes Werk hat 3 Akte. Akte, die aus den verschiedenen Lebenssituationen Schostakowitschs erzählen. Er selbst ist ein ernster Mann, unpolitisch, willensschwach, außer es geht um seine Musik. Da zeigt er Stärke und Tiefe. Wird in der ganzen Welt geliebt und seine Musik ist ein Ebenbild des russischen Charakters.

„Und obendrein war er selbst willensschwach und unentschlossen – außer in den Fällen, in denen er willensstark und entschlossen war. Doch selbst dann traf er nicht unbedingt die richtigen Entscheidungen. Deshalb war sein Gefühlsleben – wie konnte man es am besten zusammenfassen? Er lächelte trübsinnig in sich hinein. Ja, in der Tat: Chaos statt Musik.“

Schostakowitsch stellt sich nicht hinter seine Freunde. Denn dann gerät er selber in das Fadenkreuz der Macht. Die Macht bleibt stark, auch wenn die Machthaber wechseln. Schostakowitsch flieht in seine Musik.

„Lass der Macht die Worte, denn Worte können Musik nicht beflecken. Musik entflieht den Worten: Das ist ihr Zweck, und darin liegt ihre Erhabenheit.“

Doch auch hier will die Macht ihre Kraft ausüben. Alle Kunst gehört dem Volk, so Lenin, doch Kunst ist für Schostakovich die Möglichkeit, dem Lärm der Zeit zu entfliehen.

„Kunst gehört allen und niemandem. Kunst gehört jeder Zeit und keiner Zeit. Kunst gehört denen, die sie erschaffen, und denen, die sie genießen. Kunst gehört ebenso wenig dem Volk und der Partei, wie sie einst dem Adel und den Mäzenen gehört hatte. Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist. Kunst existiert nicht um der Kunst willen: Sie existiert um der Menschen willen.“

Man mag dem russischen Künstler, der als Einziger der fünf großen russischen Komponisten seine Werke alle in Russland geschrieben hat, Feigheit nachsagen. Doch ist nicht gerade das Bleiben eines der mutigsten Dinge, die ein Mensch tun kann? Sich dem Grauen und der Angst immer wieder stellen? Strawinski, Prokofiew und Rachmaninow emigrierten und Schostakowitsch musste diese Künstler, die er verehrte, in vorgefassten Reden denunzieren. Doch was sollte er tun? Nur so haben er und seine Kunst, seine Musik überlebt. Und was sagt ein Gedicht im Schatten der Macht?

„Ein gelehrter Mann zu Galileos Zeit Wusste wie Galileo Bescheid: Die Erde dreht sich, ganz bestimmt. Jedoch er hatte Weib und Kind.“

Lärm der Zeit ist keine Biographie im eigentlichen Sinne. Barnes beschreibt den inneren Konflikt den Schostakowitsch vermutlich in der Art und Weise so hatte, gestützt auf schon vorhandene Biographien. Es ist der Versuch, den andauernden Albtraum zu beschreiben, dem ein Künstler in Russland, in einer Diktatur, fortwährend ausgesetzt war. Einerseits dem Volk seine Kunst zu schenken, andererseits der Macht keinen Grund zu geben, ihn zu beachten. Barnes bezieht hier keine Stellung, ist wertfrei in seiner Beschreibung, zeigt nur den Konflikt. Und das ist es, was Barnes Bücher ausmachen. Sie setzen sich als Samen in den Kopf des Lesers und lassen so viel Raum und Zeit, um langsam aufzugehen und zu blühen.

Schostakowitsch hat den Konflikt gelöst, indem er sich entschied, leben zu wollten. Ungeachtet der Widersprüche in seinem Leben. Denn was möchte ein Musiker, ein Komponist, ein Künstler? Natürlich unsterblich werden durch seine Kunst.

„Was konnte man dem Lärm der Zeit entgegensetzen? Nur die Musik, die wir in uns tragen – die Musik unseres Seins – , die von einigen in wirkliche Musik verwandelt wird. Und die sich, wenn sie stark und wahr und rein genug ist, um den Lärm der Zeit zu übertönen, im Laufe der Jahrzehnte in das Flüstern der Geschichte verwandelt.“

Ein wunderschönes Buch über die schlimmste Zeit, nein, die allerschlimmste Zeit eines Künstlers in einer menschenverachtenden Diktatur. Es wird Zeit, seine Musik wieder zu hören und gerade da hört man diesen inneren Zwist deutlich heraus. Barnes hat das Buch zur Musik des Schostakowitsch geschrieben.

  (10)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(24)

55 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

krimi, reihe: inspector linley, 20. jahrhundert, verlag: goldmann, band 6

Denn keiner ist ohne Schuld

Elizabeth George , Mechtild Sandberg-Ciletti
Flexibler Einband: 688 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 16.09.2013
ISBN 9783442479801
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Kriminalromanserien mit Tiefgang und einer durchgehenden Geschichte, die den Lebensweg der Hauptfiguren mitbegleitet, sind mir ans Herz gewachsen. Eine der bekanntesten und mir liebsten Serien, sind die Inspector Lynley Romane, in denen, die durch frühere Bücher, liebgewordenen Charaktere sich mit dem Leben und einem Fall herumschlagen, der ihnen meist selbst so nahe geht, dass sie an ihre eigenen Grenzen kommen.

So auch hier, ein Todesfall eines Pfarrers im Norden von England. Eigentlich ist die Sachlage klar, anstelle von Kastinaken, hat der Pfarrer Wasserschierling gegessen. Ein Versehen so scheint es. Doch die Frau die den Fehler beging, war sehr kräuterkundig und der diensthabende Constabler ist der Geliebte dieser Frau. Nach und nach bringen Lynley, St.James, seine Frau Deborah und Helen Licht in das Dunkel und es zeigt sich dass alle irgendwie mit in diesen Fall verstrickt sind.

Interessant sind hier, wie auch in den anderen Büchern von der sehr britischen schreibenden Amerikanerin Elizabeth George, die Beschreibungen der Gesellschaft, die inneren Zwiste der handelnden Figuren, die die Autorin in eigenen Kapiteln zur Geltung bringt.
Die Geschichte ist aus der Sicht der Figuren erzählt, ohne dass hier allzu viel verraten wird. Das rundet den Blick auf den Fall und vertieft die Charaktere der Figuren sehr. Doch Elizabeth George kann auch einfach erzählen. So dass es nie langweilig wird und man, die doch nach und nach immer dicker werdenden Bücher, regelrecht verschlingt

Besonders Lynley ist innerlich zerrissen und die fragile Beziehung zu Helen stellt beide immer wieder vor die Frage ob sie den Sprung wagen sollen.

"Aber es ist mehr eine Angst vor dem Alltag, vor dem täglichen Leben, vor der Art und Weise, wie die Menschen sich aneinander aufreiben. Ich will das nicht. Ich möchte nicht eines Morgens aufwachen und erkennen, dass ich bereits vor fünf Jahren aufgehört habe, dich zu lieben. Ich möchte nicht eines Abends vom Essen aufblicken und sehen müssen, dass du mich beobachtest, und auf Deinem Gesicht genau das gleiche lesen."

Diese und ähnliche Zweifel beherrschen auch die Charaktere im Dorf des Mordes, auch sie hängen ihren alltäglichen Problemen und Unsicherheiten nach.

"Ich kann Dich bitten, alles mit einem Sprung ins Leere zu riskieren. Ich kann dir beim besten Willen nicht garantieren, was du dort vorfinden wirst. 'Dann kann es niemand' 'Jedenfalls niemand, der ehrlich ist. Wir können die Zukunft nicht vorhersagen. Wir können uns nur der Gegenwart anvertrauen und hoffen, dass sie uns in die richtige Richtung führt.' Glaubst du daran, Tommy?' 'Mit ganzem Herzen.' ' Ich liebe dich.' 'Ich weiß. Darum glaube ich daran.'"

Und Liebe ist, wie so meistens der starke Hintergrund, das Gefühl was letztendlich die Figuren steuert und handeln lässt. Bis in den Tod.

Einer ihrer stärksten Lynely Romane.

  (7)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

knast, new york, amerika, probleme, liebe

Die Prinzen von Queens

Matt Burgess , Johann Christoph Maass
Flexibler Einband: 388 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 13.02.2012
ISBN 9783518463062
Genre: Romane

Rezension:

Alfredos Leben ist überschaubar. Aus Queens ist er noch nie herausgekommen aber erlebt hat er mit seinen neunzehn Jahren schon genug. Als Kreinkrimineller macht er sich im Viertel einen Namen und vertickt Drogen, hat Freunde die ihm Ärger vom Hals schaffen, aber in jüngster Zeit hat er ein Problem. Sein Bruder kommt aus dem Knast. Nicht nur, dass er bei dem Coup gekniffen hat, bei dem sein Bruder gefasst wurde, auch dessen Freundin hat er geschwängert. Okay, seine Ex-Freundin. Aber nach über zwei Jahren Knast weiß man nicht wie Tariq reagieren wird. Um seinen Bruder zu besänftigen möchte er zu dessen Ehren einen Hundekampf ausrichten, etwas was Queens so noch nicht gesehen hat. Fehlen nur noch die Hunde...

Der Plot ist schon irrwitzig, das Buch und der Stil von Burgess ist es auch. Schnoddrig aber authentisch (was wohl auch daran liegt dass Matt Burgess in Queens aufgewachsen ist), schildert er die üblichen Tage eines Kleinkriminellen der versucht irgendwie ehrlich zu werden

"Das ist dein Drogendealer? Die kleine Käsefresse da auf der anderen Straßenseite? Mit den Händen in den verwichsten Taschen?“ Curtis zieht einen Gelben hoch und spuckt ihn auf den Gehweg, ganz knapp vor Alfredos Timberlandstiefel.“

Dabei springt Alfredo von einer Katastrophe in die andere. Das Leben muss man irgendwie bewältigen:

"...aber was sagte Lopez seinen Töchtern immer, wenn sie sich übers Zähneputzen oder ihre Mathehausaufgaben beschwerten? Hey so ist das Leben. Eine Aneinanderreihung von Mist, den man erledigen muss, selbst dann, ganz besonders dann, wenn man es eigentlich nicht will."

Burgess hat einen ganz besonderen Stil, einen Tanz in den man erst hineinfinden muss um das Buch zu mögen. Aber wenn man es mag dann so richtig. Trotz der manchmal doch wirren Geschichte ein Kleinod auf dem Krabbeltisch (wo ich es gefunden habe)


 

  (7)
Tags:  
 
2170 Ergebnisse