Leserpreis 2018

ralluss Bibliothek

2.217 Bücher, 2.178 Rezensionen

Zu ralluss Profil
Filtern nach
2217 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(0)

2 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Kaddisch für Babuschka

Marina B. Neubert
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei AvivA, 15.03.2018
ISBN 9783932338700
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

11 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 2 Rezensionen

In Extremis

Tim Parks , Ulrike Becker
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 26.09.2018
ISBN 9783956142529
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(0)

1 Bibliothek, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

King Kong Theorie

Virginie Despentes , Claudia Steinitz , Barbara Heber-Schärer
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2018
ISBN 9783462052398
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

8 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

"indien":w=1,"kastensystem":w=1,"tierquälerei":w=1,"soziale ungerechtigkeit":w=1,"machtstrukturen":w=1,"sexualisierte gewalt":w=1

Das Leben in einem Atemzug

Neel Mukherjee , Giovanni Bandini , Ditte Bandini
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 12.09.2018
ISBN 9783956142543
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(0)

1 Bibliothek, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Mein Vater, die Dinge und der Tod

Rainer Moritz
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 12.09.2018
ISBN 9783956142574
Genre: Biografien

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

6 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 0 Rezensionen

Tage mit Ora

Michael Kumpfmüller
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.08.2018
ISBN 9783462051049
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

"piraten":w=1,"bremen":w=1,"weser":w=1,"piratinnen":w=1,"vegesack":w=1,"schiffsdiebstahl":w=1

Wer Schiffe klaut, kriegt nasse Füße

Rega Kerner
Flexibler Einband: 232 Seiten
Erschienen bei Edition Falkenberg, 04.05.2018
ISBN 9783954941551
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Es ist wichtig im Leben, manches Mal die Perspektiven zu ändern. Starre Blickwinkel verhindern ein flexibles Auseinandersetzen mit dem Leben, den Menschen, den Dingen. Dabei reicht es auch einfach mal, sich einem anderen Element als der Erde auszusetzen. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Und aus der Luft wirkt unser Leben so klein und das tägliche Einerlei so unwichtig. Auch auf dem Wasser wird der Blick auf die Dinge anders und so verschiebt sich auch der Blick auf das eigene Leben. Daraus kann der Einzelne nur lernen und gerade Heranwachsende benötigen und WOLLEN diese verschiedenen Sichtweisen. Zugegeben nicht alle.

Lara und Klara sind engste Freundinnen und mit siebzehn Jahren bestrebt, neue Wege zu beschreiten. Sie werden zwar oft als Zwillinge beschrieben, aber unterschiedlicher als bei den beiden könnte ein Aufwachsen nicht sein. Klara kommt aus einer Arbeiterfamilie, die Mutter und der Vater kümmern sich mehr um den Biervorrat und den Fernseher, als um ihr Kind. Lara wächst behütet unter gefüllten Porzellantellerchen und einem immer gleich aussehenden gepflegten Vorgarten auf. Hier wird dem Kind alles geboten, doch Verständnis und Liebe sind, hier wie dort, nicht vorhanden.

Was wundert es, dass beide spontan eines Tages ein herrenloses Schiff besteigen und … eine Tat ergibt die andere, der Motor ist gestartet und schon ist das Schiff auf dem Fluss. Von Steuern, Navigation oder Schiffs-Verkehrs-Regeln haben die beiden keine Ahnung.

„Im Steuerhaus wedelte Karla wild mit den Armen. Was wollte sie Lara damit sagen? Oh Shit. Das seitwärts ausparkende Auto hatte, Zentimeter für Zentimeter, nun fast einen Meter zurückgelegt. Leider war dieses Auto kein Auto auf festem Boden, sondern ein Schiff in flüssigem Element. Dem konnte man nicht zu Fuß hinterher gehen! Lara war im Begriff, sich selbst stehen zu lassen. Oder die Freundin im Stich zu lassen. Oder das gerade erhörte Schiff allein zu lassen. Oder alles zugleich zu lassen. Nein! Heute wollte sie endlich einmal nichts auslassen. Und vor allem nicht stehen bleiben.“

Karla war schon immer die aktivere, Lara ist die hübschere, weiblichere. Beide verbindet auch die Sehnsucht nach dem, was die Andere hat. Lara möchte aufsässig sein, Karla hübsch. Eine typische Freundschaft in diesem Alter. Doch nun geht die Reise los. Die NOORDJE schippert auf dem Fluss bald recht souverän, unter allen anderen Schiffen. Tatsächlich sehen die gewohnten Bauten und Landschaften vom Wasser betrachtet, anders aus.

„Die Gallier überlebten, ihre grüne Wildnis nicht. Weite Wiesen und einsame Stege gab es nicht mehr: Die Bahnbrücke war das eiserne Tor zu menschlicher Hochkultur. Dahinter wurde sogar der Fluss eingemauert. Die Häuschen mutierten in stattliche Gebäude und rotteten sich heimtückisch zur Massenversammlung.“

In der Folgezeit müssen die beiden so manche Hürde auf dem Fluss überwinden. Schleusen sind zu durchqueren, Schiffe zu umfahren und das Anlegen an Land will geübt sein. Irgendwann mal ist auch der Tank leer. Zum Glück tauchen ein Binnenschiffer und sein verführerischer Matrose auf, der Karla um den Verstand bringt, der aber leider nur Augen für die kurvenreiche Lara hat. So kämpfen sie sich den Fluss hinauf und erleben eine spannende Reise, auch in ihrem Inneren verändern sich die Blickwinkel.

Doch was geschieht mit den Eltern?

„Karlas Mutter erkannte den Blechdeckel. Der blutkrustenrot verklebte Erdbeerrand stach wie ein Dolch durch ihre Pupillen bis ins Bewusstsein. Karla aß jeden Tag Marmelade. Niemals bekam Marmelade die Gelegenheit einzutrocknen. Unbenutzte Marmelade offenbarte die ganze Tragweite der Situation. Sie wollte die Erkenntnis unter Sofakissen verstecken. Sie wollte sich selbst vollends in den Sofakissen vergraben. Nur ein Wort strampelte aus der Tiefe ihrer Sofakissen an die Oberfläche: ‚Aber… aber… aber…'“

Auch hier passieren viele innere Veränderungen.

Rega Kerners zweites Buch gewinnt langsam an Fahrt, die geschilderten Kämpfe der beiden Mädchen mit dem ungewohnten Schiffsumfeld ermüden anfangs etwas, da viele Wiederholungen beschrieben werden, doch mit dem Auftauchen des Binnenschifferkapitäns und der erotischen Verwicklung mit dessen Matrosen wird es für mich als Leser packender. Die Autorin hat einen schönen lyrischen Stil, spart aber nicht an direkten, deftigen Kraftausdrücken, was das Buch für mich sehr abwechslungsreich macht. Eine sehr bewegte und farbig ausgeschmückte Reise der beiden Mädchen und es bleibt abzuwarten, wie das zweite oder sogar dritte Buch der beiden Ausreißerinnen sich gestaltet.

  (15)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

"frankreich":w=1

Sixty to Go

Ruth Landshoff-Yorck , Doris Hermanns , Doris Hermanns , Doris Hermanns
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei AvivA, 22.09.2014
ISBN 9783932338632
Genre: Klassiker

Rezension:

10. Juli 1940. Ganz Frankreich ist besetzt? Nein, das Vichy Regime löst nach dem Waffenstillstand mit dem Deutschen Reich die Dritte Französische Republik ab. Es herrscht eine verräterische Ruhe in Frankreich. Die provisorische französische Regierung ist nur auf dem Papier souverän, die nach Frankreich geflüchteten Juden müssen sich nach einer neuen Bleibe umschauen. Besonders in den Küstenregionen blüht der Menschenschmuggel. Überfahrten nach Amerika, dem verheißenen Land, sind begehrt. Die Cote d’Azur ist ein Sammelsurium von Geheimagenten, Spitzeln und Menschen die sich die Notlage der Flüchtenden zu Nutze machen. Es gibt auch Gruppen, die selbstlos handeln und versuchen Lücken in der Nazi-Überwachung zu finden.

Dies ist die Geschichte einer losen Gruppe, die um Nizza agiert. Noch sechzig sind zu schaffen, Sixty to go um die Flasche feinsten Brandy zu leeren. Sechzig Menschen in Sicherheit zu bringen. Die Arbeit ist schwer, die Widerstände sind deren viele, ein Scheinleben ist aufrecht zu erhalten, Kontakte zu knüpfen – und ja nicht auffallen. Den Intriganten, den Kollaborateuren, den Nazi-Häschern. Das Anfang der 40er Jahre geschriebene Buch von Ruth Landshoff-Yorck, das 1944 im Exil der Autorin in Amerika herausgegeben wurde, liegt hier erstmals in einer deutschen Übersetzung vor. Es ist insofern beeindruckend, da zu der Zeit, als das Buch entstand, ein Ende des Krieges noch nicht in Sicht war.

„Es war einmal eine Zeit, da war die halbe Welt verrückt geworden. Da gab es einen Verrückten, der zu großer Macht gelangte, während seine Zeitgenossen wegsahen. Ach, es war nicht so wichtig. Es dauerte nur ein paar Jahre. Und danach war alles besser als zuvor. In beiden Teilen der geretteten Welt hatten die Menschen wieder gelernt, dass man aufpassen muss, was der Nächste tut. Man muss auf seinen Nachbarn achten, denn Verantwortlichkeit ist nicht teilbar. Sie muss von allen getragen werden.“

Und dieser Verantwortung nehmen sich die Widerstandskämpfer um Johannes Tarner und der Comtesse de Roseraye an. Es ist eine Gruppe, die aus Menschen verschiedener Nationalitäten und sozialer Klassen besteht. Einen Anführer haben sie nicht, das gemeinsame Ziel schweißt sie zusammen. In diesem Untergrundkampf geht es um ein großes Ziel, das so manches Mal Opfer fordert. Doch was ist das Schicksal eines Einzelnen in diesem Kontext?

„Seine Augen gingen umher. Rechts ein Zug und links auch, ein paar Leute und kein Entkommen. Die beiden Männer in Zivil behielten die Papiere. Das wäre vielleicht der Zeitpunkt gewesen, den einen zu treten und den anderen zu schlagen. Aber man beherrschte sich. Man verhielt sich logisch. Man hatte eine Aufgabe zu erfüllen, und die war größer als die Rettung eines einzelnen Mannes.“

So ganz im Untergrund handeln die Antifa-Kämpfer um Tarner nicht. Geld ist zu besorgen, auch durch normale Arbeit. Kontakte zu höheren Stellen und zu einfachen Polizisten sind zu knüpfen, Bestechungsgelder zu verteilen und ja nicht zu sehr in den Vordergrund kommen.. Doch auch das Lachen soll ihnen nicht nur im Halse steckenbleiben und so gibt es auch Tänze und durchzechte Nächte.

„Und der alte Onkel tanzte ganz ausgezeichnet und führte sich auf wie ein junger Mann. Er küsste Darlings schöne Ohren, nachdem er ihr etwas zugeflüstert hatte, das sie erröten ließ. Dann tanzte Tarner mit Esther und sie sagte: ‚Es scheint alles so unwirklich, nicht wahr? Das Leben ist nicht ernst, oder?'“

Die Autorin versteht es gekonnt, die damalige Zeit und die Atmosphäre einzufangen, obwohl sie schon 1937 nach Amerika auswanderte und somit die Verhältnisse gar nicht aus eigenem Erleben kannte. Geschrieben ist das Buch im typischen 30er Jahre Steno-Stil, der aber meinen Genuss nicht schmälerte, nachdem ich mich an den Schreibstil gewöhnt hatte. In die Handlung flicht die Autorin auch viele historische Figuren ein, die den Roman noch näher an die Vergangenheit heranbringt. Die Figur des Amerikaners Bills ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass der Roman in Amerika zuerst erschien. Amerika verhielt sich unerträglich lange neutral und so ist auch Bill angelegt, der zwar den Widerstandskämpfern hilft, bei politischen Fragen auch gegen die Nazis eintritt, aber ansonsten eine eher undifferenzierte Haltung an den Tag legt. Die Atmosphäre der Geschichte wird noch mit vielen Originalfotos der beschriebenen Szenarien untermalt. Ein wunderschönes Buch als Zeitzeuge, im Aviva Verlag aus Berlin erschienen, der es sich mit seinem Katalog zur Aufgabe gemacht hat, gegen das Vergessen einzutreten.

Komplettiert wird das Buch durch einen Anhang, der verwendete Begriffe im Buch erklärt und einem fundierten geschichtlichen Nachwort von Doris Hermanns, die Hintergründe der Geschichte und der Autorin beleuchtet.

„Dies war eine wunderbare Geschichte, darüber waren sich alle einig. Sie wussten genau, dass Begebenheiten wie diese die Nazis nicht zur Strecke bringen würden. Bei weitem nicht. Aber sie halfen, die Moral bei Hitlers gefährlichsten Feinden aufrechtzuerhalten, den Menschen ohne Waffen.“

  (15)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(9)

22 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

"roman":w=1,"science fiction":w=1,"markus orths":w=1

Alpha&Omega

Markus Orths
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 08.07.2014
ISBN 9783895614736
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Zurzeit bin ich ein Lesemuffel. Die Sonne und Hitze brennen mir den letzten klaren Gedanken aus dem Hirn und in vielen Gesichtern spiegelt sich mein eigener Kampf gegen die Sonne und das derzeit herrschende Klima in Deutschland wieder. Klar, wir Deutschen jammern meist über unseren derzeitigen Zustand und im Winter werden wir über den Winter jammern. Ja klar, nicht alle. Aber diese extreme und lange Hitze – nervt mich! Und das Lesen und Konzentrieren strengt an. Umso schöner ist es, ein Buch in der Hand zu haben, das einem so wirkliche Freude bereitet. Das mich den Sommer vergessen lässt und das mich so einfach und sprachgewaltig in Atem hält.

Schon unsere Buchstoff-Mitstreiterin Thursdaynext, die das gepflegte Wort und die chaotischen Wendungen so liebt, hatte vor drei Jahren dieses Buch in alle Himmel gelobt (hier) und jetzt kam ich endlich dazu, ihrem Lob Folge zu leisten. Ich muss euch sagen, liebe Freunde, habt anfangs Geduld. Auch ich habe viele Science-Fiction-Bücher gelesen, doch so eines noch nicht! Zu Beginn war ich hoffnungslos verloren, in der für mich komplett wirren Geschichte. Nein, es wird nicht besser, aber ich hatte mich nach dem Epilog, den ihr unbedingt überstehen müsst, nicht nur daran gewöhnt, ich begann es zu genießen.

Um was geht es?

Das Ende der Welt steht bevor (mal wieder) und die Vernichtung droht diesmal durch einen Kometen. Elias, mit einem Quadrupelhirn ausgestattet, liest sich in einer umfassenden Bibliothek durch die Biografie von Omega, die schon einmal die Welt vor knapp 500 Jahren gerettet hat. Der Bibliothekar, eine KI, bietet ihm an bis zu Omegas Geburt in der Zeit zurückzureisen und die Gründe für die damalige Rettung der Welt zu ergründen. Haken bei der Sache ist: Diese Art der Zeitreise hat noch nie ein Mensch mit gesundem Verstand überlebt. Elias müsste 30 Jahre als Geist ohne Handlungsmöglichkeit in der Vergangenheit verbringen.

Voilà. Wir haben einen Erzähler, der uns die Geschichte Omegas nahe bringen kann. Und ich sage euch, liebe Freunde, jetzt kommen die irrwitzigsten, ausschweifendsten, wahnsinnigsten, kalauerndsten, sprachgewaltigsten 500 Seiten Science Fiction, die ich je gelesen habe! Eine Achterbahnfahrt durch unsere Kultur, Musik, Literatur und Sex! Ja, die Episode als Bitch mit ihrem Mann auf einer einsamen Insel landet, sind die witzigsten, direktesten Beschreibungen unserer Pornokultur, die mir einfallen.  Was es alles so gibt… Aber auch mit kulturellen Verweisen geizt Markus Orths nicht:

„‚Geh noch nicht!‘, flehte Gusto sie an.’Bleib!‘ ‚Nein‘, sagte Sabrina. ‚Ich muss los. Es ist spät. Das heißt ist früh geworden. Hörst du das nicht?‘ ‚Was denn?‘ fragte Gusto. ‚Draußen. Die Müllabfuhr!‘ ‚Es war der Nachtbus und nicht die Müllabfuhr.‘ Sabrina musste lachen. Schlagfertig war er schon, der Gusto. Damit verschwand sie. Also noch nicht endgültig. Das sollte erst später stattfinden. Zunächst verschwand sie ganz gewöhnlich.“

 

Und das alles spielt in Freiburg im Breisgau. Sage noch mal einer von dort kommt nur der Fahrstuhlverein SC Freiburg her. Auch der spielt eine Rolle, da Kolja, der Ehemann von Bitch, ein glühender Verehrer dieses Vereines ist und Bitch zwar keinen Fußball mag, aber die Energie, wenn Kolja über eben diesen spricht. Wie Kolja in den Esoterikladen, in dem Bitch arbeitet, hereinkommt und ihr seine Liebe gesteht, ist in einem Satz auf einer Seite erzählt. Am besten die Seite atemlos jemanden vorlesen, er wird euch das Buch aus der Hand reißen (Vorsicht festhalten!) Die Absurdität, mit der Markus Orth über unser modernes Leben schreibt, findet auch seinen Anklang in diesem Buch. Die schrägen Hauptfiguren, die die Geschichte bevölkern, sind ein herrlicher Gegensatz zur ach so elenden Normalität unseres Lebens.

„Innozenz lehnte sich zurück. Er spürte die göttliche Ruhe in sich, die anderen spürten sie auch. ‚, sagte Innozenz, ‚Die Dinge kommen und gehen. Die Kirche bleibt. Wir haben schon viele Probleme und Zweifel erfolgreich mit Nichtstun bekämpft. Die Kirche wird das machen, was sie am besten kann: die Sache aussitzen. Wir treffen uns in zwei Tagen wieder. Mit Gottes Hilfe hat sich die Sache dann bereits erledigt.'“

Nebenbei gibt es auch noch ein paar Seiten Quantenphysik, irrwitzige Wendungen und jede Seite birgt eine Überraschung. Solche Bücher gibt es leider viel zu selten, deswegen greift euch dieses Panoptikum der Apokalypse. Wie schon Thursdaynext schrieb: Ein ‚must have für jeden Fan des literarischen Endlosschwafelsatzes‘, aber auch des Buches, das wirklich alles beinhaltet. Und, liebe Freunde des guten Geschmackes, ich übertreibe nicht! Holt es euch! Mag der Sommer auch noch so lang sein!

  (7)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(281)

484 Bibliotheken, 9 Leser, 3 Gruppen, 83 Rezensionen

"satire":w=14,"zukunft":w=13,"humor":w=10,"qualityland":w=10,"marc-uwe kling":w=9,"roman":w=7,"dystopie":w=7,"digitalisierung":w=6,"gesellschaftskritik":w=4,"roboter":w=4,"gesellschaft":w=3,"ironie":w=3,"künstliche intelligenz":w=3,"science fiction":w=2,"technik":w=2

QualityLand

Marc-Uwe Kling
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 22.09.2017
ISBN 9783550050237
Genre: Science-Fiction

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(69)

125 Bibliotheken, 3 Leser, 3 Gruppen, 29 Rezensionen

"mord":w=10,"tradition":w=9,"chinesin":w=8,"anwältin":w=7,"hello kitty":w=7,"fiona":w=6,"jungfernhäutchen":w=5,"sex":w=4,"china":w=4,"san francisco":w=4,"usa":w=3,"amerika":w=3,"heiraten":w=3,"familie":w=2,"tod":w=2

Hello Kitty muss sterben

Angela S. Choi , Ute Brammertz
Flexibler Einband: 283 Seiten
Erschienen bei Luchterhand Literaturverlag, 25.10.2010
ISBN 9783630873398
Genre: Romane

Rezension:

Einwanderer traditionsreicher Kulturen haben es schwer, besonders in Amerika. In Amerika ist alles möglich, sagt man, dabei ist dies doch das spießigste Land der Welt. Andererseits kann es nicht mit einer jahrtausendalten Kultur aufwarten wie z.B. China. Und in China ist der Aberglaube weit verbreitet. Getragene Kleidung an einer Beerdigung muss verbrannt werden, sonst bringt sie dem Träger Unglück. Dieser Aberglauben wird in das gelobte Land mit übernommen und Traditionen der Heimat werden weiter gelebt.

Schon der erste Satz: „Es fing alles mit meinem fehlenden Jungfernhäutchen an.“ weckt des Lesers Interesse. Fiona Yu, eine intelligente Juristin, die mit beiden Beinen im Leben steht, hat das Problem, in ihrem Elternhaus zu wohnen und ihre sehr traditionellen Eltern förmlich an der Backe kleben zu haben. Selbst noch Jungfrau, zeigt sie kein gesondertes Interesse am männlichen Geschlecht. In der Eingangsszene versucht sie sich mit einem Dildo die Jungfräulichkeit zu nehmen, stellt aber mit Entsetzen fest, dass sie kein Jungfernhäutchen mehr hat.

Bei der Konsultation mit einem Schönheitschirurgen, der sich auf die Wiederherstellung von Jungfernhäutchen spezialisiert hat, trifft sie auf einen alten Schulfreund. Er hilft ihr zwar nicht das Jungfernhäutchen wieder herzustellen, hat aber sehr kreative Tipps gegen die unliebsamen Verabredungen mit den chinesischen Männern, die ihre Eltern für sie verabreden.

Knallig bunt kommt dieses rasante Buch daher. Die Kitschfigur Kitty als Totenkopf und das pinke Outfit des Titels zeigt dem Leser, wohin diese durchgeknallte Geschichte hin läuft. Fiona Yu ist zwar eine in den Traditionen Chinas aufgewachsene Frau, hat aber auch eine typisch amerikanische Art Frau zu sein und auf Mode und Schmuck zu achten. Dies äußert sich vermehrt in den Darstellungen der Personen, die sie sieht. Als allererstes wird genauestens Farbe, Modell und Firma der Kleidung beschrieben, als würde dies tiefergehende Rückschlüsse auf den Charakter der tragenden Person zulassen.

Die Tradition und Sprache wird zuweilen spaßig von ihr umschrieben. Ihr andauerndes ‚Hai Papa‘, bei väterlichem Rat umschreibt sie etwas bitter:

„Das kantonesische Wort für ‚ja‘ ist ‚hai‘, wenn man die Tonhöhe senkt. Das kantonesische Wort für ‚Fotze‘ ist ‚hai‘, wenn man die Tonhöhe hebt. Wer da behauptet, Mandarin wäre eine bessere Sprache als Kantonesisch, sollte einen Sinn für die subtilen Feinheiten von Tonhöhe, Flexion und Intonation entwickeln, die ‚ja‘ wie ‚Fotze‘ klingen lassen können.“

Überhaupt Männer. Mit denen hat sie die eine oder andere Erfahrung gemacht. Den richtigen oder wenigstens einen ihren Ansprüchen gerechten, hat sie in der Zeit nie gefunden.

„Eddie war in der vierten Klasse in mich verknallt. Im Gegensatz zu anderen Jungen, die den Objekten ihrer Zuneigung Schmuck aus dem Kaugummiautomaten schenkten, schenkte er mir ein paar Ohren. Zwei kleine rosafarbene Fleischtellerchen, die zuvor Sammie, dem Hamster aus dem Sachkundekurs, gehört hatten. Ich konnte sie nicht tragen. Sie hatten keine Ohrstecker. Sie führten lediglich dazu, dass mein Schreibtisch stank.“

Und Fiona Yu ist eben nicht die nette, unterwürfige und gehorsame Frau, die sich chinesische Männer wünschen, ganz im Gegenteil. Der Schulfreund, den sie bei dem Wunsch ihre Unschuld chirurgisch wieder hergestellt zu bekommen, näher kennenlernt, entpuppt sich als eine Art ‚Dexter‘, der die Erde vom menschlichen Schund befreien möchte. Ein in der Tat lobenswertes, aber doch zum Scheitern verurteiltes Ziel.

So changiert dieses Buch zwischen der Kritik am American Way of Life, ein wenig Kriminalistik – ohne dort in die Tiefe zu gehen – aber hauptsächlich von den Sprüchen der Fiona Yu. Das ist sehr trashig und auch wirklich lustig, für mich auf die Dauer etwas ermüdend, auch wenn solche schönen sinnigen Sprüche im Buch vorkommen:

„Es gibt eine menschliche Fähigkeit, die sich meinem Verständnis bis heute entzieht: wie es ihnen gelingt, ihrem Schmerz eine gewisse Schönheit abzuringen oder ihn sogar so lange zu unterdrücken, bis er in Freude umschlägt. Das ist widernatürlich. Aber ich habe es immer wieder erlebt.“ 

Ein netter Happen für den Strandurlaub, besonders durch die Farbe und das Cover des Buches immer wieder gerne in die Hand genommen.

  (15)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(81)

150 Bibliotheken, 2 Leser, 3 Gruppen, 34 Rezensionen

"roboter":w=12,"apokalypse":w=6,"krieg":w=5,"science fiction":w=5,"überleben":w=4,"maschinen":w=4,"menschen":w=3,"freiheit":w=3,"science-fiction":w=3,"endzeit":w=3,"künstliche intelligenz":w=3,"robocalypse":w=3,"scifi":w=2,"widerstand":w=2,"computer":w=2

Robocalypse

Daniel H. Wilson , Markus Bennemann
Flexibler Einband: 461 Seiten
Erschienen bei Droemer Knaur, 08.09.2011
ISBN 9783426226001
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Künstliche Intelligenz ist seit dem Computerzeitalter zu einem viel diskutierten Thema geworden. Sogenannte KI’s bezwingen inzwischen Menschen in ihrem ureigensten, dem schöpferischen und kreativen Bereich. GO- und Schachweltmeister sind machtlos gegenüber der schnellen und riesigen Rechnerkapazität der Maschinen. Maschinen, die durchaus die notwendige Erfindungsgabe und Fantasie nicht vermissen lassen. Die Gretchenfrage ist immer: Besitzen diese Maschinen eine eigene Intelligenz, sogar eine Seele? Oder ist die schöpferische Leistung abhängig von den eingepflegten Programmen? Von den dahinterliegenden kreativen Hirnen der Menschen, die diese Programme ersonnen haben?

Diese Frage spaltet die Menschheit und vereinzelt wenden sich religiöse Eiferer gegen diese, aus ihrer Sicht ‚gottlose‘, Entwicklung. Kann etwas Künstliches an das Geborene, Menschliche heranreichen? Wie ist der Status dieser Maschinen? Wie ist deren Wertigkeit?

Diese Fragen haben viele Science-Fiction Autoren schon früh behandelt, am bekanntesten ist sicherlich Isaac Asimov mit seinen Robotergesetzen und dem verfilmten Buch „I, Robot“ Die schönste und witzigste Figur ist für mich der depressive Roboter Marvin, der ausgestattet mit einem Gehirn wie einer Galaxie, Kaffee servieren muss. Hier liegt nun eine Action-Thriller Geschichte von Daniel Wilson vor, die vom Aufstand der Roboter berichtet, die die Menschheit vernichten wollen.

Das Buch beginnt mit dem Ende eines Krieges. Eine Gruppe von Menschen zerstört die Reste der aufständischen Roboter. Wie ist es dazu gekommen? In fünf Kapiteln schildert uns Daniel Wilson, den Verlauf des Aufstandes der Roboter. Das erste Kapitel beginnt mit Vorfällen, die mit den Gehilfen der Menscheit plötzlich auftreten. Putzroboter die wie aus dem Nichts Menschen angreifen. Warum ist das so? Wo liegt der Ursprung? Liegt es an der Erschaffung einer künstlichen Intelligenz, die sich Archos nennt?

„‚Das stimmt. Die Möglichkeiten von uns Menschen sind begrenzt. Unser Leben ist kurz. Aber warum macht dich das traurig?‘ ‚Weil ihr geschaffen seid, etwas zu wollen, das euch schaden kann. Und trotzdem wollt ihr es haben. Ihr könnt nicht anders. Es liegt in eurer Natur. Und wenn ihr es endlich gefunden habt, wird es eure Welt in Brand setzen. Es wird euch zerstören.'“

Und die Vorfälle häufen sich bis der Krieg ausbricht. Die Maschinen richten sich gegen die Menschen und töten diese zu Millionen. Nur eine kleine unbeugsame Schar Menschen rottet sich zusammen und nimmt den Krieg auf.

Daniel Wilson erzeugt anfangs sehr viel Spannung in seinem Endzeit-Thriller. Die einzelnen Kapitel sind aus der Sichtweise verschiedener Menschen geschrieben und wirken sehr authentisch, da sich auch der Schreibstil der erzählenden Person anpasst. Doch leider geht ihm am Ende die Puste aus. Die Beschreibungen werden platter, die Kämpfe gegen die Maschinen lesen sich wie bei Warhammer, die Charakter verlieren sich in platten Attitüden und 08/15-Weisheiten. So richtig durchdacht hat er seine Geschichte anscheinend nicht.

„‚Die Menschen brauchen Katastrophen, um etwas wirklich zu begreifen. Die Menschheit sind eine Spezies, die aus dem Kampf hervorgegangen ist und sich auch nur durch Kampf neu formen lässt.‘ ‚Wir hätten auch in Frieden miteinander leben können.‘ ‚Was soll das für ein Frieden sein, bei dem die eine Rasse herrscht und die andere dient?'“

So fällt dieser Science-Fiction leider in die Kategorie ‚Gut-gemeint‘, aber das war ja immer schon das Gegenteil von gut. Ein insgesamt ordentliches Werk, das sicherlich Anhänger unter SF-Anfängern finden wird, doch habe ich schon so viele Science-Fiction Bücher gelesen, dass mich das nicht mehr vom Hocker reißt.

  (7)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

26 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 1 Rezension

"österreich":w=2,"nachkriegszeit":w=2,"kriminalität":w=2,"freundschaft":w=1,"wien":w=1,"verbrecher":w=1,"konzentrationslager":w=1,"kz":w=1,"bande":w=1,"kleinkriminelle":w=1,"abstumpfung":w=1,"jungendliche":w=1,"david schalko":w=1

Schwere Knochen

David Schalko
Fester Einband: 576 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 12.04.2018
ISBN 9783462050967
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(16)

29 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

bestseller, fiktion, glück, lektor, satire

Glück.

Will Ferguson , Marlies Ruß
Flexibler Einband
Erschienen bei List Tb.
ISBN 9783548680453
Genre: Liebesromane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

4 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

anthroposophie, biologisch-dynamischer landbau, christentum, christus, daseinsanalyse, erkenntnisweg, esoterik, esoterisches christentum, esoterische weisheit, geheimlehre, geheimwissenschaft, geist, geisteswissenschaft, geistige reifung, geistiger weg

Rudolf Steiner

Miriam Gebhardt
Fester Einband: 364 Seiten
Erschienen bei DVA, 12.01.2011
ISBN 9783421044730
Genre: Biografien

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(7)

16 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

"freundschaft":w=2,"gedanken":w=2,"peter härtling":w=2,"der gedankenspieler":w=2,"roman":w=1,"krankheit":w=1,"gefühle":w=1,"einsamkeit":w=1,"briefe":w=1,"krankenhaus":w=1,"erinnerung":w=1,"alter":w=1,"ironie":w=1,"2018":w=1,"architekt":w=1

Der Gedankenspieler

Peter Härtling
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.03.2018
ISBN 9783462051773
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(22)

39 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 9 Rezensionen

"band 2":w=1,"französische autorin":w=1,"kiepenheuer & witsch":w=1

Das Leben des Vernon Subutex 2

Virginie Despentes , Claudia Steinitz
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 15.02.2018
ISBN 9783462050981
Genre: Romane

Rezension:

Die Wut geht in die zweite Runde. Der erste Band über das Leben des Vernon Subutex, in dem pro Seite gefühlte drei Brandbomben geworfen wurden, erfährt eine Fortsetzung. Die Brandbomben auf die Gesellschaft werden immer noch geworfen und sind messerscharf und voller scharfer Glassplitter, die tief in einen eindringen. Aber das Hauptaugenmerk liegt auf den einzelnen Biographien der Mitwirkenden.

Wie im ersten Buch sind die einzelnen Kapitel aus der Sicht der beteiligten Charaktere geschrieben. Wobei jedes Kapitel eine Art Kurzbiographie des Erzählenden darstellt. Die Verbindungen zu den nächsten Kapiteln ergeben sich dann aus der Handlung. Das nächste Kapitel wird aus der Sicht eines der Beteiligten des gerade Erzählenden weiter geführt.

Vernon Subutex und die Kassetten des letzten Interviews des verstorbenen Alex Bleach stehen dabei im Vordergrund. Dabei finden sich in Paris nach und nach alle Personen, die irgendwie in die Geschichte dieser Kassetten oder die von Vernon Subutex eingebunden sind. Es kristallisieren sich Freundschaften und gemeinsame Wege aus ihren Begegnungen heraus.

Gibt es, im Vergleich zum ersten Buch, noch Überraschungen und neue Aspekte? Despentes ist nicht mehr so brachial wie im ersten Band, aber die Sätze bergen eine innere Kraft, die sich etwas subtiler, aber dennoch markig ihren Weg bahnt.

"Er hat eine schöne Wohnung, seine Sachen sind gepflegt, seine Frau ist bei ihm geblieben, er hat eine Tochter und Geld, um sich schöne Ferien zu leisten. Aber er ist frustriert. Sein Humor ist derselbe wie früher, nur weniger lebendig, und an die Stelle der einstigen Wut ist Resignation getreten. Emilie hat gelesen, dass Frauen im Gefängnis weniger leiden als Männer, weil sie sich über die Jahrhundert hinweg daran gewöhnt haben, eingesperrt, überwacht, eingeschränkt, bestraft und ihrer Freiheit beraubt zu werden. Sie haben es zwar nicht im Blut, aber es ist ihr Erbe."

Vernon ist auf der Straße und erlebt den vollkommenen Abstieg. Den sozialen und körperlichen. Das Leben im Park wird für ihn zu einer neuen Erfahrung. Das Leben dort hat andere Rhythmen als das bürgerliche Leben und birgt auch einige Überraschungen. Der körperliche Verfall ist ohne hygienische Möglichkeiten schwer aufzuhalten.

"Vernon konnte den Blick nicht von ihren Füßen lösen. Er dachte an seinen geschwollenen Finger und fragte sich: Wie lange, bis man dahinterkommt? Wie lange bis man überhaupt nicht mehr dem ähnelt, der man mal gewesen ist? Er verspürte keinerlei Wehmut wegen seiner sozialen Identität, deren Umrisse und Anforderungen ihm völlig absurd vorkamen, aber noch schreckte ihn die Aussicht auf den Niedergang seines Körpers. Er hatte also noch ein Stück Weg vor sich bis zur völligen Resignation."

Die große Stärke von Despentes sind ihre unbändige Wut und Energie. Und die Eigenschaft hinter diese kapitalistische, menschenfeindliche Gesellschaft zu schauen. Das tut sie mit erschreckenden Bildern, die einem im Kopf bleiben und erkennen lassen, wie menschenverachtend und ungerührt und unbarmherzig unsere Gesellschaft geworden ist und wie nah sie an der Kante zu weiteren Schreckenstaten steht.

"Du passt dich an, aber eigentlich beugst du dich. Anpassungsfähigkeit ist an sich nichts Schlechtes. Alles hängt von dem System ab, dem du dich anpasst, von dem, was es verlangt. Aus Gehorsam wird bald die Fähigkeit, den Kopf abzuwenden, wenn du am Schlachthof vorbeikommst ... hast du darüber schon mal nachgedacht, Vernon? Wie viele menschliche Einheiten könnte man an einem Tag vernichten, so modern, wie die Fleischfabriken heutzutage sind? Und erzähl mir nicht, an dem Tag, wo jemand die Hightech-Beseitigung von Menschenkörpern an Illegalen und Obdachlosen ausprobiert, wird man mit alldem aufhören und sagen, das sei unerträglich."

Neben diesen guten Gedanken und geschliffenen Sätzen kann Despentes aber auch bitterböse und kurz sein. Sprüche für bestimmte Momente, die man sich merken muss, wie "Ich bin nicht monogam, das ist was für Hässliche."

Auch den zweiten Band empfand ich als eine herrliche und angenehm direkte Leseerfahrung.  Schön, die Anfangs im Buch kurz beschriebenen Charaktere auf die ich doch gerne zurückgegriffen habe. Ich freue mich auf den dritten Band.

  (21)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

22 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

"familie":w=2,"roman":w=1,"beziehung":w=1,"affäre":w=1,"zerstörung":w=1

Die Architektur des Knotens

Julia Jessen
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 07.03.2018
ISBN 9783956142291
Genre: Romane

Rezension:

Die Sage berichtet, dass Alexander der Große auf seinem Siegeszug nach Asien in der persischen Stadt Gordion Halt machte. Hier befand sich der gordische Knoten, dem ein Orakel prophezeite, dass nur derjenige, der den Knoten lösen würde, auch über Asien herrschen könne. Wie jeder weiß, löste Alexander das Rätsel mit einem Schlag seines Schwertes. Heute bedeutet die Redewendung „den gordischen Knoten durchschlagen“ oder „den gordischen Knoten lösen“ die Überwindung eines schwierigen Problems mit energischen beziehungsweise unkonventionellen Mitteln. (Quelle Wikipedia)

So einfach sind solch knifflige Verwicklungen meist nicht zu entwirren; wenn man ein Problem hat, sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Sprich, man sitzt in seinen eigenen Problemen begraben und kann sich schwer befreien, um eine Sicht von außen zu bekommen.

So fühlt sich in dem vorliegenden Buch von Julia Jessen, einst Schauspielerin jetzt erfolgreiche Schriftstellerin, Yvonne, eine Frau Mitte dreißig, zwei Kinder, glücklich mit Jonas verheiratet. Glücklich? Yvonne spürt, dass etwas in ihrem Leben nicht stimmt. Eine Katastrophe wird über sie und ihre Familie hereinbrechen.

"Ich beobachte, wie sie eine Weile damit spielen, die Autos über die Straße schieben, Mika lässt den Polizisten den Verkehr regeln, während John alle Holzampeln auf Rot stellt. Mika lacht. Ich warte geduldig, denn ich kann fühlen, wie sie sich an die Katastrophe herantasten. Unter ihren Stimmen vibriert eine Aufregung, die mir bis in die Zehenspitzen kriecht. Normalität, Alltag, etwas, das auf einen Abgrund zuzulaufen scheint. Es ist alles ein Spiel. Ein Experiment. Oder nicht?"

Um Yvonne herum geht das normale Leben weiter. Sie fühlt sich nur nicht mehr als Teil davon, sie steht daneben. Sie stellt die Beziehung zu ihrem Mann in Frage.

"Wir sprechen so nicht mehr. Nicht mehr mit diesem dringenden Wunsch, dem anderen am liebsten unter die Schädeldecke gucken zu wollen. Alles zu erfassen, was da vor sich geht. Als wüssten wir schon alles. Aber wir reden viel. Das ist das Seltsame. Manchmal sind meine heimlichen Gedanken furchtbar laut. Aber sie finden keinen Weg nach draußen. Ich halte sie von ihm fern. Und das macht mich einsam. Zwischen all den Worten, die zwischen uns hin und her wandern, ist immer viel Schweigen."

Anfangs kann Yvonne diese Gedanken nicht fassen. Während eines Besuchs bei Freunden in Dänemark, versucht sie die Normalität einzufangen. Doch immer wieder rutscht sie neben die Dinge, sie kommt mit nichts mehr in Berührung, es ist alles vorhersehbar, bis zum Ende des Lebens. Yvonne verträgt die Sicherheit nicht mehr, das Leben ist für sie unlebendig geworden, wie eine Einkaufsliste, die man abhakt. Bei dem Versuch ihre Gefühle Jonas mitzuteilen, erntet sie nur Unverständnis. Ob sie denn nicht zufrieden sei mit ihrem Leben, was sie denn wolle? Doch Yvonne hat darauf keine Antworten, sie merkt nur, dass sie sich wieder spüren will.

"Mein Körper, mein Kopf sind ein Kokon, in dem all das Unsagbare zurückbleibt, erstarrt und sich verwandelt. In Ungeduld oder Wut und dann in Müdigkeit. Ich kann dabei zusehen, wie es geschieht, und ich weiß, dass es nicht gut ist. Ich weiß nur nicht, wo ich anfangen soll. Es ist wie eine Gewissheit, dass es nicht zu sagen ist. So wie es auch nicht zu hören sein wird. Weil es uns in Frage stellt. Und weil diese Fragen gefährlich sind und uns Angst machen. Und ich weiß nicht, warum das so sein muss. Warum wir uns so eingerichtet haben, dass wir uns davon nichts erzählen dürfen."

Sie bricht an dem Wochenende in Dänemark an einem Abend aus, geht alleine tanzen und schläft mit einem Mann. Dieser schnelle, hastige Moment auf der Toilette hat ihr kurzfristig das Körpergefühl zurückgebracht. Doch innerlich fühlt sie sich immer noch leer. Sie will keine Affären oder einen neuen Mann. Es brennt nicht mehr in Yvonne.

"Ich mag mein Leben. Ich mag die Menschen darin. Ich weiß gar nicht, wie ich es anders machen sollte. Es fehlt nur so viel. Mir ist so vieles abhandengekommen. Es reicht einfach nicht. Der Gedanke hinterlässt eine ungute Spur, während er über alle anderen Gedanken des Tages rüberkriecht. Wie Schneckenschleim klebt er an allem, was geschieht, und beschmutzt es."

Behutsam führt Julia Jessen uns in die Innenwelt von Yvonne, greift ihre Gedanken auf und nimmt den Leser an die Hand auf den verschlungenen Wegen ihres Gefühlschaos. Yvonne merkt, dass sie umdenken muss, aber sie hat keinen vorgedachten Weg, den sie nehmen kann. Sie verlässt die ausgetretenen Pfade, kämpft sich mit der Machete durch den Dschungel, spürt, dass sie eine neue Struktur braucht. Sie möchte das neue Leben spüren, das Leben, das so viel Spannung und Lebendigkeit versprühen kann. Dafür muss sie offen sein, sich selbst neu erfinden. Sie lernt eine Gruppe von Menschen kennen, denen es genauso geht.

"Ich beneide sie, weil für sie alles offen ist, sie haben keine Ahnung, was als Nächstes passiert. Alles könnte passieren. Ich weiß genau, was gleich passiert. Ich weiß ziemlich genau alles, was gleich passiert, und auch, wie es ablaufen wird."

Ein Buch, das versucht das Unsagbare zu sagen, zwischen die Gedanken springt, keine Tabus kennt und immer wieder Bilder aufbaut, die ich so noch nicht gelesen habe. Zarte, zerbrechliche Bilder, die die Protagonistin irritieren, die dazu führen, dass sie sich treiben lässt, ohne Netz und doppelten Boden. Sie ist diejenige, die alle anderen mitreißt in diese Ungewissheit hinaus. Eine Ungewissheit ohne die üblichen vorgelebten Sicherheiten des Lebens. Aber etwas mit viel Weite, Platz und spannenden Momenten. Ein Buch mit Abgründen, aber eines, das Mut macht, neue Wege zu gehen, wenn man selbst erkennt, dass einem etwas fehlt. Ein Buchhöhepunkt des Jahres 2018.



  (19)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(8)

14 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Wächterin der Sterne

Sylvia Louise Engdahl
Flexibler Einband: 351 Seiten
Erschienen bei cbt, 09.10.2006
ISBN 9783570303382
Genre: Fantasy

Rezension:

Ende der 60er Jahre wurde eine der Domänen der Männer geknackt, die Science Fiction Literatur. Diese bekam einen weiblichen Anstrich durch zunehmende Anzahl  von Schriftstellerinnen. Tonnen von Büchern über den Aufbruch ins All hatten nur männliche Helden hinterlassen. Die Frauen hockten wohl zu Hause und hielten Küche und Bett warm. Doch mit James Tiptree Jr. (die anfangs als Pseudonym einen Männernamen wählte, um überhaupt wahrgenommen zu werden) und der großartigen Kate Wilhelm, (die am 8. März diesen Jahres verstarb) kam eine sehr soziale, menschliche und poetische Note in die Science Fiction.

Science Fiction wurde nicht mehr zu einem Tummelplatz von Raumschiffen, gigantischen Schlachten im All und unerschrockenen Helden, die Bücher berichteten jetzt mehr von den sozialen Problemen und die Plots verlagerten sich mehr in das Innere der Protagonisten. Und Protagonistinnen. Das weibliche Geschlecht spielte jetzt auch im All eine größere Rolle.

Einen sogenannten Klassiker aus dieser Zeit, möchte ich gerne vorstellen. Ein Jugendbuch, das auf naive und märchenhafte Art etwas anders ist, als nur eine reine Science Fiction. Dieser Klassiker hat in den letzten 34 Jahre nach seinem Erscheinen viele Jugendbuchpreise abgeräumt,

Die Geschichte wird aus der Sicht von Elena erzählt, die eine Ausbildung beim anthropologischen Dienst der Förderation macht. Aufgabe dieser Gruppe ist es, die Entwicklung anderer Völker auf anderen Planeten zu schützen. Dabei dürfen sich die Mitglieder der Förderation nicht zu erkennen geben. Sie begleitet ihren Vater und ihren Verlobten auf ihrer ersten Mission zum Planeten Andresia. Dort sind vor kurzem die Imperialen gelandet, eine Zivilisation auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe als die Föderalisten, und beginnen, den Planeten rücksichtslos auszubeuten. Die Mission ist, diese Ausbeutung zu stoppen, ohne sich den Einwohnern des Planten und den Imperialisten erkennen zu geben.

"Es ist inzwischen allgemein bekannt, dass sämtliche Menschen Völker des Universums eine ähnliche Vergangenheit haben - was nicht heißt, dass sie ähnliche Besonderheiten aufweisen, sondern dass auf jedem Planeten, dieselben Grundmuster menschlicher Existenz auftreten. Jedes Volk durchläuft drei Stadien: Zuerst die Kindheit, in der alles voller Wunder ist und der Mensch zugibt, dass ihm vieles unbekannt ist. Er nennt das Unbekannte 'übernatürlich', glaubt aber daran. dann kommt die Jugend - der Mensch lehnt alles Abergläubische ab und erhebt die Wissenschaft zu seinem Gott, er glaubt, all ihre Bereiche offen vor sich liegen zu haben und sie sich nur einverleiben zu müssen; und er denkt nicht im Traum daran, dass es besser wäre, gewisse 'übernatürliche' Wunder nicht einfach abzutun, sondern sie verstehen zu lernen. Schließlich folgt als letzte Stufe die Zeit der Reife, wenn der Mensch erkennt, dass das als 'übernatürlich' Bezeichnete ganz und gar natürlich ist und in Wirklichkeit Teil eben jener Wissenschaft, die es zu verwerfen suchte..."

Die Föderalisten haben einen Weg gefunden, ihre Psi-Kräfte zu aktivieren. Zusammen mit der Technik und der ethischen Denkweise stehen sie auf einer höheren Entwicklungsstufe. Als ein Mitglied der Crew von Elena stirbt, wird sie als vollwertiges Mitglied vereidigt und muss ihrem Verlobten und ihrem Vater helfen, die Eingeborenen so weit aufzubauen, dass sie den Imperialisten die Stirn bieten können. Oft fragt sich Elena, ob den Einwohnern des Planeten nicht direkt geholfen werden kann, doch Lernen geschieht nur durch Leid.

"'Wie kannst du behaupten, menschliches Leid sei unnötig?' 'Willst du damit sagen, es sein notwendig?', ereiferte ich mich. 'Warum?' 'Weil Menschen sich nur über die Lösung von Problemen weiterentwickeln; gäbe es keine Probleme zu lösen, käme niemand sehr weit.'"

Die Lösung muss mit den Mitteln der Einwohner passieren, diese müssen selbst lernen, ihre Probleme zu bewältigen. Da die Imperialisten in ihrer Technikgläubigkeit das Übernatürliche erschreckt, liegt hier der Ansatz der Mission von Elena.

"Von allen Stadien, die Frühwelten durchlaufen müssen, ist die Phase der Entzauberung die schwierigste, glaube ich. Wenn man dank Methoden, die man für wissenschaftlich hält, so viel sieht, dass man nicht mehr glauben kann, es gebe noch etwas, was man nicht sieht - das muss schrecklich sein."

Sylvia Engdahl ist ein wunderschöner Mix aus Science Fiction, Fantasy und Mystik gelungen. Auch wenn der Plot ein paar Schwächen und Wiederholungen aufweist, muss man dieses Buch im Kontext des Jahres der Entstehung sehen. Heute mag die Geschichte etwas naiv wirken, doch für Jugendliche, gerade für Mädchen, birgt dieses Buch seinen eigenen Zauber. Eine Perle der Vergangenheit, die es durchaus wert ist zu lesen.

Das Buch ist antiquarisch auf den üblichen Plattformen leicht zu besorgen.

  (9)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(11)

16 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

Der Graben

Herman Koch , Christiane Kuby , Herbert Post
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 15.02.2018
ISBN 9783462050820
Genre: Romane

Rezension:

Robert Walter ist Ende fünfzig und recht erfolgreich. Er ist Bürgermeister von Amsterdam, ein guter Stegreifredner, beliebt, auch weil er sich aus den politischen Ränken heraushält. Sehr lange und glücklich verheiratet, mit einer schönen Südländerin. Er könnte sein Leben genießen. Doch wenn es keine Probleme gibt, dann werden welche geschaffen. Oder gibt es nicht doch Probleme? Das Gespräch seiner Frau am Neujahrsempfang mit dem doch recht langweiligen Dezernenten Maarten van Hoogstraten irritiert Robert. Da war doch ein kurzes Flackern der Vertrautheit zwischen beiden. Ein insgeheimes Einverständnis, das nur aus einer Affäre herrühren kann. Nach dieser Beobachtung verläuft das Leben von Robert anders. Er wird zu einem Voyeur seines eigenen Lebens, er beobachtet sein Leben nur noch und nimmt nicht mehr daran teil.

„Ich wurde ein verdeckter Ermittler in den eigenen vier Wänden. Über den Rand der Zeitung observierte ich meine Frau. Ich ließ den Blick über die Artikel wandern, las aber nichts, achtete nur darauf rechtzeitig umzublättern. In möglichst natürlichem Rhythmus. Ich war ein Spitzel in Zivil, jemand der die Kleider des Familienoberhauptes trug, der den liebenden Ehemann und Vater gab.“

 

Anfangs wird der Leser recht umständlich in Hermans Koch Buch eingeführt. Lang und breit erzählt der Ich-Erzähler, warum er die Namen seiner Frau und seiner Tochter verändert. Sein eigener Wikipedia Eintrag beinhaltet sogar eine falsche Schreibweise des Namens seiner Frau. Auch wird dem Leser später erklärt, dass der Name des Bruders seiner Frau Rückschlüsse auf dessen Identität gewähren würde. Eine Art sinnlose Bedeckung sondergleichen, zumal alleine die Tatsache dass wir es hier mit einer öffentlichen Person zu tun haben, jegliche Geheimhaltung der Namen zu einem vergeblichen Unterfangen macht.

Roberts Betrachtung seines eigenen Lebens führt dazu, dass er kaum noch entspannt daran teilhaben kann. Jegliche eigene Interaktion mit der Außenwelt wird von ihm selbstkritisch unter die Lupe genommen. Seine Eltern steuern beide auf den hundertsten Geburtstag zu und sein Vater redet davon, Freitod zu begehen. Ein Interview mit einer Journalistin verleitet Robert zu einer Aussage, die einem politischen Selbstmord nahe kommt. Gerade seine Ehe gerät aus den Fugen. Aber dieses Beben ist nur etwas was er spürt, denn nach außen hin verläuft anfangs alles normal. Seine Frau und er sind das perfekte Paar.

„Mit Sylvia und mir verhält es sich ganz einfach: Wo wir sind ist es schön. Wo wir zu zweit sind, sind wir glücklich. Wir haben ganz unterschiedliche Interessen, doch unser Interesse aneinander bleibt sich immer und überall gleich. Gemälde sagen mir an sich wenig, aber eines, vor dem Sylvia stehen bleibt, ist mmer mehr als nur eine Seeschlacht, eine Landschaft oder ein Stilleben mit Obst und totem Hasen.“

Der Ich-Erzähler bleibt in seinen geschwätzigen Monologen meist bei sich. Die anderen Figuren in Der Graben bleiben deswegen meist schemenhaft und werden für die Ausbreitung von interessanten Themen zweckentfremdet. Nach einiger Zeit habe ich mich gefragt, wohin dieses, zwar literarisch sehr interessante, aber doch meist im roten Faden springende breit ausfächernde Buch mich noch hinführt. Was möchte der Autor mir damit sagen? Sei es der Tod oder auch der noch lebende Adel auf der Welt, die Gedankenwelt des Robert Walter ist die eines intelligenten Bildungsbürgers.

„Könige und Königinnen, es finden sich selten Persönlichkeiten darunter. Nie haben sie ihr Bestes geben müssen. Nie haben sie wie John F. Kennedy oder Barack Obama Stadt und Land auf Stimmenfang abklappern müssen. Alles ist ihnen in den Schoß gefallen. Man sieht es ihnen an. Mit jeder Generation werden ihre Gesichter leerer. Geistloser. Schon Königin Juliana konnte man kaum ernst nehmen, im Gesicht ihres Enkels passiert fast gar nichts mehr.“

Gegen Ende passiert dann doch noch eine Überraschung, die aber nicht durch die Geschichte getrieben wurde, sondern die Herman Koch einfach unvermittelt geschehen lässt. Ein zwar schön geschriebenes Buch, was aber viel Potenzial verschenkt. Mit etwas geschickterem Lektorat wäre eine fesselndere Geschichte herausgekommen. 

  (21)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(99)

301 Bibliotheken, 9 Leser, 2 Gruppen, 57 Rezensionen

"krieg":w=10,"fuchs":w=9,"freundschaft":w=8,"pax":w=6,"kinderbuch":w=4,"sara pennypacker":w=3,"mein freund pax":w=3,"traurig":w=2,"fischer verlag":w=2,"tierliebe":w=2,"liebe":w=1,"roman":w=1,"familie":w=1,"tod":w=1,"jugendbuch":w=1

Mein Freund Pax

Sara Pennypacker , Birgitt Kollmann , Jonathan Klassen
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei FISCHER Sauerländer, 16.03.2017
ISBN 9783737352307
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Freundschaft ist eine wichtige Grundlage unseres Zusammenlebens, das verstehen wir schon früh in unserem Leben. Später kommen noch die Freuden und Leiden der Liebe hinzu, aber Freundschaft birgt schon die Insignien eines tiefen Gefühls. Ein Gefühl, das gehegt und gepflegt werden muss. Der Übergang zur Liebe ist fließend und zu lieben sollte bestenfalls auch eine Freundschaft als Basis bedeuten.

Hier liegt nun ein wunderschönes Buch über die Freundschaft eines zwölfjährigen Jungen zu einem Fuchs vor. Pax ist der Name des Tieres, welches schon früh aus einem Wurf toter Welpen gerettet wurde und bei Peter und seinem Vater aufwächst. Peters Mutter starb bei einem Autounfall. Peter lebt alleine mit seinem Vater. Als dieser in den Krieg ziehen muss, wird der Fuchs in der Wildnis ausgesetzt, da der Junge bei seinem Großvater leben soll. Doch schon kurz nachdem sie Pax an der Straße zurückgelassen haben, überkommen Peter tiefe Zweifel und ein großes Schuldgefühl.

Pax hatte es nie gelernt in der Wildnis zu überleben, niemand hat ihn gelehrt zu jagen und selbstständig zu sein. Immer waren da Peter und der volle Futternapf. Peter macht sich schließlich alleine auf die Suche nach Pax.

 

Auf dem Weg durch die Wildnis bricht sich Peter gleich den Mittelfuß und landet bei der Einsiedlerin Vola. Diese hilft ihm seinen Fuß zu versorgen und zeigt ihm, mit Krücken zu laufen. Sie selbst hat im Krieg ihren Unterschenkel verloren. Doch für ihre Hilfe stellt sie Peter drei Bedingungen. Der Junge steht vor einer schweren Bewährungsprobe. Kann er solange mit seiner Suche warten und es riskieren, dass Pax in der Wildnis umkommt? Will er alles tun um Pax zu finden?

„‚Und du ziehst das durch, ganz egal, wer dich davon abzuhalten versucht? Weil du weißt, dass es für dich richtig ist? Ganz tief in dir drin?‘ Vola schlug sich mit der Faust vor die Brust. ‚Tief hier drin?‘ Peter zögerte, denn die Frau – ob sie nun verrückt war oder nicht – hatte sich so angehört, als hinge das Schicksal der ganzen Welt davon ab, was er jetzt sagen würde. Doch als er schließlich sprach, war seine Antwort dieselbe, die er gegeben hätte, wenn er sofort damit herausgeplatzt wäre. Selbst wenn er sein Leben lang darüber hätte nachdenken können – sie wäre immer dieselbe gewesen. Er schlug sich vor die Brust und spürte, wie sein Herzmuskel einen Sprung machte. ‚Ja ganz ehrlich. Es gibt sonst nichts, was ich so sicher weiß, tief in mir drin.'“

Peter lernt, dass der schnellste Weg zu einem Ziel nicht immer der direkteste ist. Und Vola lehrt den Jungen das Ganze zu betrachten und nicht mit Scheuklappen auf sein Ziel loszulaufen. Der buddhistische Gedanke zwei und doch nicht zwei zu sein:

„‚Das ist ein Gedanke aus der buddhistischen Lehre. Dabei geht es um das Eins sein. Und darum, wie Dinge, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, in Wirklichkeit sehr wohl in Verbindung stehen. Nichts existiert nämlich völlig getrennt von allem anderen.‘ Vola griff noch einmal nach Peters Fuchs. ‚Das hier, das sind auch die Wolken, die den Regen brachten und den Baum wässerten; die Vögel, die ihre Nester darin bauten; die Eichhörnchen, die sich von seinen Nüssen ernährten. Es ist das Essen, das meine Großeltern mir gaben und das mich stark genug machte, um den Baum Jahre später fällen zu können, und es ist der Stahl meiner Axt. Alles, was du über deinen Fuchs weißt, steckt hier drin, weil es dir ermöglicht hat, ihn zu schnitzen. Und auch die Geschichte, die du einmal deinen Kindern erzählen wirst, wenn du ihnen das hier schenkst. Lauter voneinander getrennte Dinge, und zugleich ein Ganzes. Untrennbar. Verstehst du?'“

In der Zwischenzeit berichtet Sara Pennypacker wie es dem Fuchs Pax in der Wildnis ergeht. Und hier ist das Besondere des Buches. Auf unglaublich empathische Weise versteht es die Autorin sich in die Tierwelt hinein zu versetzen. Tiere kommunizieren weniger mit Sprache, als mit Gesten, Gerüchen und Körperkontakt.  Und Füchse haben natürlich noch besondere Eigenarten. Den hoffentlich zahlreichen jungen Lesern wird diese tierische Welt sehr feinfühlig erzählt. Insgesamt besticht dieses Jugendbuch durch seine einfache für jüngere Leser geeignete Sprache, durch die Reduzierung der handelnden Personen und die Hauptorientierung auf Peter und Pax. So entsteht ein wunderbares Jugendbuch, das auch für Erwachsene geeignet ist.

„‚Und wenn ich mich verirre?‘ ‚Das wirst du nicht.‘ ‚ Ich glaube fast, ich hab mich schon verlaufen‘ sagte Peter leise. Vola streckte die Arme aus und nahm seinen Kopf fest zwischen beide Hände. ‚Nein. Du bist gefunden worden.'“

Neue Wege machen immer Angst, doch neue Wege führen zu Zielen, die Peter sich nie in seinem bisherigen Leben vorstellen konnte. Und so hat das Ende eine der berührendsten Szenen, die ich in einem Jugendbuch je gelesen hatte. Ein klares MUST READ für Kinder ab zehn Jahren.

  (25)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Rückblick aus dem Jahre 2000

Edward Bellamy , Wolfgang Both , Clara Zetkin
Fester Einband: 376 Seiten
Erschienen bei Golkonda Verlag, 05.10.2017
ISBN 9783946503149
Genre: Klassiker

Rezension:

Dystopien sprudeln aus dem Büchermarkt, der Blick nach vorne ist zurzeit sehr negativ behaftet. Doch das war nicht immer so. Im 19. Jahrhundert herrschte, im Hinblick auf die Zukunft,  eine geradezu euphorische Stimmung. Die Industrialisierung war schon weit fortgeschritten, der Glaube an die Technik ungebrochen. Die aufkommenden ökologischen Probleme wurden zwar wahrgenommen, aber noch größtenteils ignoriert. Auch gesellschaftliche Veränderungen standen an. Die Weberaufstände, die teils durch Hunger angetrieben wurden, waren erste frühindustrielle Unruhen, die sich zur Deutschen Revolution 1848/49 ausweiteten. Die gesellschaftlichen Klassen waren gegeneinander gespalten, der Verteilungskampf begann.

Die Zukunft wurde trotzdem in der Literatur noch recht positiv gesehen. Als einer der ersten beschäftigte sich das, zu Unrecht in Vergessenheit geratene, sozialistisch-utopische Buch von Edward Bellamy mit möglichen gesellschaftlichen Veränderungen. Sein Protagonist Julian West, reist in konservierendem magnetischem Schlaf aus dem Jahre 1887 bis ins Jahr 2000. Dort hat sich die Welt komplett verändert. Die Beschreibung der neuen Gesellschaft wird in monologartigen Kapiteln vor dem Leser ausgebreitet.

Hauptursache der Veränderung ist die Errichtung eines genossenschaftlichen Staatswesens. Das Wirtschaftsleben liegt in der Hand des Staates, Gemeinnutz wird großgeschrieben:

„Endlich, und zwar merkwürdig spät, begriff man die so klare Tatsache, dass nichts ihrem Wesen nach so ganz die Sache des Staates ist als die Gütererzeugung, von der der Lebensunterhalt des Volkes abhängt. Das Wirtschaftsleben der Nation Privatpersonen anvertrauen, die ihren Privatvorteil daraus ziehen wollen, ist eine Torheit. Sie ähnelt der anderen, sich politisch von Königen und Adligen regieren zu lassen, die nur an ihren persönlichen Ruhm denken, aber wahrhaftig; sie ist eine noch größere Narrheit.“

Der Individualismus ist einem Gemeinschaftssinn gewichen. Die Menschheit hat erkannt, dass die ökologischen und gesellschaftlichen Probleme nur dadurch gelöst werden können, dass sich jeder als Teil des Ganzen betrachtet.

„[…] der Unterschied zwischen dem Zeitalter des Individualismus und dem der Solidarität werden sehr gut durch die Tatsache gekennzeichnet: Wenn es regnete, so spannten die Bostoner des 19. Jahrhunderts dreimal hunderttausend Regenschirme über ebenso viele Köpfe, die Bostoner des 20.Jahrhunderts dagegen schützten alle diese Köpfe mit einem einzigen Regenschirm.“

Die Luft im Boston des Jahres 2000 ist klar und rein, die Straßen gepflegt, die Menschen tatsächlich gleichberechtigt. Der Wert eines jeden Menschen ist gleich. Jeder wird gleich für seine Arbeit entlohnt, gibt er doch der Gemeinschaft alles, was er in der Lage ist, zu leisten. Bargeld ist abgeschafft, es existieren Kreditkarten, bei denen der Wert des Gutes abgezogen wird. Da jeder gleich entlohnt wird, ist eine Anhäufung von Waren nicht mehr notwendig. Der Wert eines Menschen bemisst sich nicht mehr an dessen Titeln oder Gegenständen, die er besitzt. Massenunterhaltung durch Orchester, die 24 Stunden ein Programm spielen, ist für jeden gegen eine geringe Gebühr zugänglich. Eine Ehe ist nicht mehr eine Frage des Standes oder der Vernunft, sondern der Liebe. Mann und Frau sind in dieser Frage gleichberechtigt, wobei Bellamy, ein Kind seiner Zeit, die Frau doch nicht ganz gleichstellt.

„Verglichen mit der Stellung, die die Frauen früher in der Gesellschaft aller Zeiten eingenommen haben, sind sie jetzt ein sehr glückliches Geschlecht, und ihre Fähigkeit, die Männer zu beglücken, hat natürlich in demselben Maße zugenommen.“

Hier sind der Utopie leider doch ihre Grenzen aufgezeigt. Dagegen sind andere Bereiche sehr weitsichtig beschrieben, gerade der Grund, warum Bildung so wichtig ist, wird schön im gemeinschaftlichen Kontext gezeigt.

„Der Gebildete ihrer Zeit glich jemand, der bis an den Hals in einem ekelhaften Morast steckte und sich damit tröstete, dass er sich ein Riechfläschchen unter die Nase hielt. Vielleicht verstehen Sie jetzt, wie wir die Frage einer allgemein höheren Bildung auffassen. Nichts ist für jeden so wichtig, als kluge, verständige und wohlerzogene Nachbarn zu haben. Nichts von allem, was die Nation für uns zu tun vermag, kann daher mehr zur Erhöhung unseres eigenen Glücks beitragen, als wenn sie unsere Mitmenschen zu gebildeten Leuten erzieht. Unterlässt sie das, so verliert unsere eigene Bildung die Hälfte ihres Werts.“

Bellamys Roman widmet sich fast ausschließlich dem Entwurf einer alternativen Gesellschaft. Die handelnden Figuren im Roman, die sich auf drei begrenzen, Julian West, Edith Leete und ihr Vater, wirken nur als Staffage, eine Art Sprachrohr für Bellamys Ideen einer utopischen Zukunft. Dies reduziert natürlich den Unterhaltungswert des Romans, der sich in zwar interessanten theoretischen Gefilden bewegt, aber einen richtigen Spannungsbogen vermissen lässt. Bellamy unterlässt es gegen Ende nicht, bei seinen Zeitgenossen mahnend den Zeigefinger zu heben und die offensichtlichen Probleme zu schildern. In einem Traum wendet sich Julian West an seine ignoranten Freunde:

„Wisst ihr nicht, dass dicht an euren Türen ungezählte Massen von Männern und Frauen, Fleisch von eurem Fleisch und Bein von eurem Bein, ein Leben führen, das von der Wiege bis zum Grabe nur ein langer Todeskampf ist? Horcht! Ihre Wohnstätten sind ganz nahe. Wenn euer Lachen schweigt, so vernehmt ihr die furchtbaren anklagenden Stimmen: das Jammergeschrei der Kleinen, die am Hungertuch saugend verschmachten; die heiseren Flüche der Männer, die im Elend halb vegetieren und zugrunde gehen; das Feilschen eines Heeres von Weibern, die sich um Brot verkaufen. Womit habt ihr eure Ohren verstopft, dass ihr diese Stimmen nicht hört? In meinem Ohr übertönen sie alles, alles, ich höre nur sie.“

Sehr schön abgerundet wird der neuaufgelegte Roman durch ein Vorwort von Clara Zetkin und einer umfangreichen Einleitung, die auf das Leben des Schriftstellers und die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit, eingeht. Den Abschluss bildet ein interessanter wissenschaftlicher Diskurs über die Frage ‚Wer bei wem abschrieb‘ sowie erweiternde, wichtige Bezüge zu der damaligen Zeit. Ältere Utopien sollten, meiner Meinung nach, nie als reine Literatur, ohne begleitende Erklärungen veröffentlicht werden, damit der Kontext in denen sie geschrieben wurden, erhalten bleibt. Das hat der Golkonda Verlag mit dieser liebevoll aufgemachten und lektorierten Auflage gezeigt. Dass dieses Buch vielerorts als ‚meistgelesene Utopie‘ gilt, war mir so nicht bekannt. Abschließen möchte ich mit dem im Buch enthaltenen Kommentar von Wolfgang Both:

„Wie gesagt, die Sozialisten mochten dieses Buch nicht. Aber lassen Sie sich von ein paar Nörglern, denen zwischenzeitlich ein ganzes Weltsystem abhandengekommen ist, nicht die Leselust vermiesen. Dies ist ein bleibendes Stück Literatur. In diesem Sinne sollten Sie es genießen.“

  (15)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(43)

98 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 19 Rezensionen

"südkorea":w=5,"roman":w=4,"gwangju-massaker":w=4,"gewalt":w=3,"studentenaufstand":w=3,"gwangju":w=3,"verlust":w=2,"tod":w=1,"geschichte":w=1,"historischer roman":w=1,"drama":w=1,"erinnerungen":w=1,"gefängnis":w=1,"folter":w=1,"1980":w=1

Menschenwerk

Han Kang , Ki-Hyang Lee
Fester Einband: 222 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 15.09.2017
ISBN 9783351036836
Genre: Romane

Rezension:

„Ich atme, wenn sie mir mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen, einen Knüppel zwischen die Schulterblätter strecken und diesen als Hebel benutzen, bis ich schreie: ‚Bitte, hören sie auf, bitte. Ich bitte um Gnade.‘ Wenn sie mir Metallstifte unter die Finger- und Fußnägel treiben, atme ich nach Luft ringend ein und aus, während unendlich langsam Sekunde um Sekunde verrinnt. ‚Bitte, hören Sie auf, bitte. Ich bitte um Gnade‘, stöhne ich, während die Zeit stillzustehen scheint. Dann ein erneuter Schrei, ein Flehen, mein Körper möge verschwinden, sich sofort in seine Einzelteile auflösen.“

Wer nach diesen Zeilen schluckt und sich sträubt weiter zu lesen, den kann ich gut verstehen. Verpassen würde er ein eindringliches und erschütterndes Manifest über das Tier im Menschen, verpassen würde er auch die Hoffnung und die Menschlichkeit die diesem Tier entgegengesetzt wird.

Das Massaker in der südkoreanischen Stadt Gwangju, resultierte aus einer studentischen Demonstration für mehr Demokratie, die brutal durch das Militär zurückgeworfen wurde. Vom 18. bis 27.Mai 1980, wurden über zweitausend Menschen, meist Zivilisten, wahllos durch das Militär regelrecht abgeschlachtet. Menschenwerk ist ein mit mehreren Erzählungen, die über einige Jahrzehnte entstanden, durchzogenes Buch, das, aus der Sicht der Betroffenen geschildert, ein erschütterndes Bild auf dieses Massaker wirft. Dabei geht es weniger um die Zeit während des Aufstandes, als um die Beschreibung des Grauens der Folter und Misshandlungen, die Unbeteiligte beliebig über sich ergehen lassen mussten.

Das Massaker wird sehr krass dargestellt, Han Kang beschreibt aus der Sicht eines toten Opfers, wie es sich anfühlt auf einem Leichenberg zu liegen. Und von oben heraus sachlich und objektiv auf den eigenen zerstückelten Körper zu schauen.

„Sie drangen in das Unterholz hinter dem leeren Platz vor. Auf den Befehl eines Mannes hin – offenbar der Anführer – stapelten sie dort unsere Körper wieder über Kreuz aufeinander. Meiner war der zweite von unten und wurde von den anderen ziemlich zerquetscht. Trotzdem floss kein Blut mehr aus mir heraus. Nach hinten gekippt, den Mund offen, schien mein Gesicht in der Dunkelheit des Waldes noch fahler als zuvor. Zum Schluss warfen sie einen Strohsack über den Turm aus Leichen, womit dieser wie ein riesiges Ungeheuer aussah, ein Ungeheuer mit einem Dutzend Klauen.“

Dutzende von jungen Studenten sitzen mit Waffen in einem verbarrikadierten Haus und warten den Ansturm des Militärs ab. Sie haben etwas wofür sie kämpfen können. Sie kämpfen für mehr Demokratie, für Freiheit, für ein besseres Leben. Das Militär stürmt das Haus, doch die Studenten bringen es nicht fertig, zu schießen. Warum haben sie nicht geschossen?

„Gerade noch zerrissen und blutend waren sie wieder geheilt. Ich war wie gebannt. Mein Herr, wissen Sie, wie stark es einen machen kann, wenn man überzeugt ist, ein anständiger und guter Mensch geworden zu sein? Kennen Sie das Gefühl, vom Glanz dieses makellosen Schatzes geblendet zu sein und sein Gewissen mitten auf der Stirn zu tragen?“

Die Menschlichkeit, das Gewissen siegt über das Gefühl einen Kampf austragen zu müssen. Doch ein Gewissen zu haben bedeutet im besten Falle Tod, im schlimmsten Falle Folter. Das Kernstück des Buches bilden für mich allerdings nicht, die drastischen Beschreibungen des Krieges, das fast schon klinisch nüchtern beschriebene blutige Gemetzel, nein, Han Kang geht noch weiter. Schmerzlich und subtil erzählt Sie von den Leiden, die ein Mensch ertragen kann. Leiden, die sich abseits des Hauptschauplatzes ereignen. Menschen, die aufgrund des Aufstandes in anderen Städten, Gemeinden aufgegriffen werden. Die verhört und dabei geschlagen werden. Selbst sieben einfache Ohrfeigen benötigen sieben Tage um aufgearbeitet zu werden. Wie lange Zeit braucht es, um die anderen Leiden zu vergessen?

„Wie schaffe ich es bloß, die erste Ohrfeige zu vergessen. […] Den ersten Schock, als sie das Gefühl hatte, ihr Hals säße nicht mehr auf ihren Schultern.“

Die Zeit, sagt man, heilt alle Wunden. Doch die Wunden sitzen hier tief. Die Erzählungen sind im Buch chronologisch nach ihrem Entstehen angeordnet. Nach und nach bildet sich ein erschreckendes Bild des für mich bisher unbekannten Gemetzels ab. Selbst Jahre nach dem Vorfall sind die Wunden der Zurückgebliebenen noch nicht geschlossen. Wie lebe ich mit dem Leid das ich gesehen habe weiter? Wie vergesse ich den grausamen Tod meiner Liebsten? Ein erschütterndes Buch, das mir mal wieder klar gemacht hat, wie zufällig es doch ist, am richtigen Platz zur richtigen Zeit geboren worden zu sein. Uns heutigen westlichen Zivilisationsbürgern, die nie mit dem Krieg oder einer blutigen Gewalt konfrontiert wurden, fällt es schwer, diese blutige Realität ansatzweise zu begreifen. Ein Buch von einer schmerzenden atmosphärischen Dichte, das mich teils sprachlos zurückgelassen hat. Ich musste das Buch immer wieder zurücklegen. Was können Menschen nur für Werke anrichten.

Ausnahmsweise passt hier doch mal ein Klappentext, mit dem ich schließen möchte:

„Han Kang zu lesen ist wie in einen Strudel aus Brutalität und Zärtlichkeit geworfen zu werden, aus dem man durchgeschüttelt, perplex und tief bewegt wieder auftaucht.« Doris Dörrie

  (21)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

"englische autorin":w=1

Die Stunde der Rotkehlchen

Jo Walton , Nora Lachmann
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Golkonda Verlag, 17.07.2017
ISBN 9783946503132
Genre: Historische Romane

Rezension:

Um die Gegenwart zu begreifen, ist es unumgänglich, die Vergangenheit zu kennen. Das gilt sowohl für Menschen, als auch für die Geschichte. Geschichte und die Reaktionen der Menschen wiederholen sich und so erkennt man bestimmte Verhaltensmuster von Menschen, aber auch der Geschichte sehr schnell wieder. Wichtig ist ein Gesamtüberblick, der sich aus der Gegenwart nicht immer entschlüsseln lässt. Erst rückblickend wird Geschichte umfassend verstanden. Nichtsdestotrotz begehen wir als Menschen und Menschheit aber auch immer dieselben Fehler. Danach will man es natürlich gewusst haben. Klar. Und dann beginnt das Jammern, hätte man nicht dieses oder jenes … Fehler sollten nicht noch einmal begangen werden.

In der Literatur wird das Thema ‚Was wäre wenn?‘ gerne in den sogenannten ‚Parallelwelten‘ aufgenommen. Dieses Thema beschäftigte schon die alten Griechen in der Antike und dient sicherlich auch der Aufarbeitung von Geschichte. Thema des vorliegenden Buches ist die Hypothese, dass Hitler im zweiten Weltkrieg Frieden mit England geschlossen hat, um sich ganz dem großen Feind, dem Bolschewismus, zu widmen. Dieser Friede, auch ‚Farthing-Friede‘, wurde von einer kleinen Geheimgesellschaft initiiert, die sich in England gebildet hat. Hauptinitiator des Friedens war 1941 Sir James Thirkie, der acht Jahre später plötzlich tot auf dem Landsitz der Familie Farthing aufgefunden wird.

Wie auch in ihrem prämierten Buch: „In einer anderen Welt“ baut Jo Walton den Kriminalfall, diesmal aus der Sicht von zwei Personen, in tagebuchähnlicher Form, behutsam auf. Lucy ist die Tochter des Hauses Farthing und hat sich durch ihre Liebesheirat mit dem Juden David keine gesellschaftlichen Freunde geschaffen. Juden sind in England zwar geduldet, aber wegen des Friedens mit Hitler, der diese auf dem Kontinent interniert und verfolgt, immer ein Dorn im Auge der Engländer. Lucy hat ihren eigenen Kopf und die Angst um ihren Mann und die Abtrennung von ihren gesellschaftlichen, engen Wurzeln bestimmen ihr Denken und Tun.

Das England des Jahres 1949 ist noch stark vom Adel und der englischen Gesellschaft geprägt. Inspektor Carmichael von Scotland Yard, welches bei diesem hochbrisanten, politischen Mord, hinzugezogen wurde, ist der zweite Ich-Erzähler dieses Buches. Er hat einen sehr wachen Geist und merkt schnell, dass dieser Fall ihm über den Kopf wächst, ja, dass über seinen Kopf hinweg Entscheidungen getroffen werden. Im Grunde genommen geht es nicht darum, den wirklich Schuldigen des Mordes zu finden. Es geht darum, den politisch richtigen Schuldigen zu finden.

Jo Walton führt den Leser behutsam in ihre Alternativwelt ein und verknüpft diese geschickt mit dem Mordfall, um dem Leser Hintergrundinformationen ihrer Welt zu liefern. Ihre sehr empathische Art zu schreiben lässt die Personen sehr warm und nahe wirken. Die eingeflochtenen Beschreibungen der herrschenden Zustände in England und auf der Welt sind sehr schlüssig und wirken nie aufdringlich. Man hat wirklich das Gefühl so und nicht anders hätte es durchaus ablaufen können.

Damit kommen wir zu einem sehr perfiden Punkt des Buches. Die Schrecken und Toten des zweiten Weltkrieges und des Naziregimes sind bekannt. Wäre es, nachträglich gesehen besser gewesen, Hitler hätte den Frieden mit England gehalten, was sicherlich ein klügerer Schachzug, als ein Krieg an allen Fronten gewesen wäre, oder ist ein Ende mit Schrecken, wie es abgelaufen ist, dieser Alternativwelt vorzuziehen? Diese Frage ist deswegen so perfide, weil so oder so, beides ein leidvolles und schreckliches Erlebnis bedeuten würde. Und die Frage nach Pest oder Cholera erübrigt sich.

Als Widmung stellt Jo Walton folgendes vorab:

„Für alle, die sich jemals mit den Ungeheuerlichkeiten der Geschichte beschäftigt haben, schaudernd eigentlich, doch vor Überraschungen sicher, als ginge es um die Autopsie eines toten Drachen, nur um im nächsten Augenblick den sehr lebendigen Nachkommen des Drachen gegenüberzustehen und ihnen ins offene Maul zu starren.“

Diese hintergründig lauernde Heimtücke der geschichtlichen Bedeutung, gepaart mit dem wirklich schönen sanften Schreibstil macht dieses Buch zu einem bemerkenswerten Beispiel von gedankenvoller und hintergründiger Literatur. Eine echte Perle, die der Golkonda Verlag liebevoll im Hardcover neu aufgelegt hat. Das erste Buch der Serie um Inspektor Carmichael.

  (16)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

8 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Das geheimnisvolle Leben der Pilze

Robert Hofrichter
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Gütersloher Verlagshaus, 22.05.2017
ISBN 9783579086767
Genre: Sachbücher

Rezension:

Pilze sind viel mehr als die wohlschmeckende Beilage in einem Gericht. Als übelriechende dunkle Masse in einer Zimmerecke können sie das ganze Raumklima verpesten und sind, dort angesiedelt, sehr gefährlich. Doch was ist ein Pilz? Wie wird dieses Lebewesen klassifiziert? Was für verschiedene Formen treten in der Natur auf? Und wie verhalten sie sich in Kombination mit Tieren oder Pflanzen?

Diesen Fragen geht Robert Hofrichter in seinem sehr lehrreichen Buch Das geheimnisvolle Leben der Pilze nach. Es werden auch Fragen zur Essbarkeit und Bestimmung der giftigen und ungiftigen Formen geliefert, doch Pilze sind mehr, als das Männchen mit Hut, was sich an unvorhergesehenen Stellen im Wald zeigt.

Nach der Lektüre hat man einen anderen Blick auf diese uns doch meist verborgene, aber sehr vielfältige Welt. Und eines vorab, Pilze sind mehr Tiere als Pflanzen.

Nur weil die sichtbaren Vertreter der Pilze meist im Wald wachsen und so eine lokale Nähe zu Pflanzen haben, stumm dort stehen, sich nicht bewegen und wachsen, sind sie noch lange keine Pflanzen. Nach Untersuchungen der jahrhundertelang sträflich vernachlässigten Lebewesen, sind Pilze durch ihre heterotrophe Art mehr den Tieren zuzuordnen. Hetero…was? Wird jetzt mancher Leser fragen und sicher bei Wikipedia nachschauen. Nein, dies ist wirklich ein Sachbuch, gespickt mit lateinischen Fachbegriffen, die uns Robert Hofrichter da um die Ohren haut. Doch keine Angst, die Begriffe werden verständlich erklärt und es ist eben ein Sachbuch, bei dem der geneigte Leser in die Welt der Mykologie fachlich eingeführt wird.

Und heterotroph bedeutet, dass sich Lebewesen von organischen Nährstoffen ihrer Umgebung ernähren, die sie durch Abgabe von Enzymen aufschließen. Im Gegensatz zu Pflanzen, die phototroph sind, ihren Energiebedarf aus Licht decken. Was mich als Kind immer fasziniert hat, waren die unvorhergesehenen Plätze, an denen Pilze wachsen. Mal wuchsen sie einfach wild im Garten, mal unter bestimmten Bäumen, aber verlassen konnte man sich auf das Vorkommen nicht. Was ich mich immer gefragt habe, warum man viele essbare Pilze, wie Steinpilze oder Trüffel, nicht wie Pflanzen züchten kann? Und auch hier hat die Natur uns einiges voraus. Termitenstämme züchten bereits Pilze für ihre Staaten. Woran Menschen noch verzweifeln, gelingt der Natur, einem Jahrtausende gewachsenen Ökosystem, wahre Wunder.

Wenn man die Natur intensiver betrachtet, dann spürt man diese gewachsene Urkraft, diese Heilung, die sie einem geben kann.

„Denn im Wald finden wir die Quelle für eine Spiritualität, die unser Leben positiv verändern kann. Wenn wir uns öffnen, wachsen wir mit dem Wald, mit den Bäumen, mit all den unsichtbaren Pilzen zu einem großen Myzellium des Lebens zusammen. Eine tiefe Empathie zu allem Lebendigen aber macht uns zu Menschen. Wir haben Wurzeln, und die sind definitiv nicht in Beton gewachsen, betont Andreas Danzer, der Sohn des verstorbenen österreichischen Musikers Georg Danzer. Jeder Mensch verspürt tief in seinem Inneren den Drang nach der Nähe zur Natur.“

Robert Hofrichter beschreibt, anhand der Pilze, diese gewachsene Einheit der Natur, diese unsichtbaren Fäden der Verbundenheit, die Pilze, Boden und Bäume miteinander verbindet. Einige der größten Lebewesen sind Pilze, nicht die Riesenmammutbäume in Nordamerika oder Wale. Pilze sind einfach überall, selbst im Weltraum passen sie sich den Gegebenheiten an, sie werden so manches Mal auch zur Qual für den Menschen. Doch ohne sie funktionieren viele Prozesse in der Natur nicht mehr. Pilze sind, richtig angewendet, Heilbringer (Penicillin) und könnten in Zukunft auch die Müllprobleme der Menschheit lösen.

„Pilze sind Meister der Entsorgung und kaum etwas entgeht ihrem Appetit. Spezialisten unter ihnen können sogar an so extremen Stoffen wie Kerosin naschen und die Treibstofffilter von Flugzeugen verstopfen. In US-amerikanischen Militärjets fand man 23 Arten von Pilzen, die den Begriff ‚Treibstoff‘ auf sich selbst bezogen und in Kerosinleitungen und Filtern prächtig gediehen.“

Robert Hofrichter ist ein teils spannendes, mit wissenschaftlichen Begriffen vollgepacktes, aber auch für den Laien informatives Wunderbuch gelungen. Fast klingt es wie ein Märchen, was tagtäglich vor unseren Augen passiert. Und manch einer wird nach der Lektüre jetzt mehr in einem Pilz am Wegesrand erkennen. Für mich ein sehr zu empfehlendes Sachbuch.

  (15)
Tags:  
 
2217 Ergebnisse

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach!

Hol dir mehr von LovelyBooks

Mit der Verwendung von LovelyBooks erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir und unsere Partner Cookies zu Zwecken wie der Personalisierung von Inhalten und für Werbung einsetzen.