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7 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Das geheimnisvolle Leben der Pilze

Robert Hofrichter
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Gütersloher Verlagshaus, 22.05.2017
ISBN 9783579086767
Genre: Sachbücher

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39 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 27 Rezensionen

wien, roman, ohne perspektive, absturz, österreicher

Wer hier schlief

Isabella Straub
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 15.09.2017
ISBN 9783351050429
Genre: Romane

Rezension:

Die Meisten jammern darüber – die Wenigsten verändern etwas. Zu sicher und zu reibungslos verläuft das Leben, einmal im Hamsterrad rundgeschleift. Und zwei Wochen in der Sonne, da ist man doch wieder erholt für die Rundtour. In das (vermeintlich) richtige Leben, welches immer wieder schillernd daneben liegt, taucht man dann doch trotz Schimpfens und Meckerns über seinen Zustand, nicht ein. Zu gefährlich, zu ungewiss. Sicherheit geht vor! Im vorliegenden Buch zeigt Isabella Straub wie der Protagonist langsam aus dem Hamsterrad geschoben wird und wie befreiend so ein Leben sein kann. Doch was ist denn, das richtige Leben?

Eigentlich sollte die Sache doch reibungslos vonstatten gehen. Myriam und Philipp hatten dies oft genug im Rollenspiel miteinander geübt. Myriam spielte die Freundin von Philipp, Vera. Wegen Myriam will Philipp Kuhn Vera verlassen. Auch seinen Job als persönlicher Assistent von Vera, die Geschäftsführerin einer Firma von Sicherheitstüren ist, wird er verlieren. Sowie das bequeme Leben in der Villa von Vera. Mit Myriam ist ihm ein Glücksgriff gelungen. Mit Myriam schafft er es, da braucht er keine Sicherheiten mehr. Das Leben liegt satt und strahlend vor ihm.

Die Trennung gelingt dann auch sehr glatt. Philipp Kuhn ist auf dem Weg zu Myriam, doch diese ist plötzlich verschwunden. In ihrer Wohnung wohnt plötzlich eine andere Frau. In dem Wohnhaus kennt Myriam niemand. Er sucht sie überall, an ihr Handy geht sie nicht, er glaubt sie auf einer Demonstration zu sehen. Philipp Kuhn wird ungeduldig. Die Änderungen in seinem Leben müssen jetzt sofort passieren. Lange genug hat er seiner Meinung nach gewartet. Auf Myriams Arbeitsstelle, der Rezeption eines Hotels, trifft er einen alten Mann, der ihm eine Weisheit verrät:

„‚Oh nein‘, sagte der Alte und tätschelte Kuhns Armlehne. ‚Ich kann warten‘, sagte er. ‚Ich bin ein Weltmeister im Warten. Warten macht das Leben süß. Stellen sie sich, man würde immer alles sofort bekommen. Jeder Wunsch im Augenblick erfüllt. Das mein junger Freund ist die Hölle, nichts anderes als die Hölle.'“

So langsam wird Philipp Kuhn aus dem normalen Leben herausgeschoben. Übernachten kann er nirgendswo, seine Sachen passen in wenige Tüten, die Rückzugsmöglichkeit im firmeneigenen Fitnesscenter zu schlafen, bröckelt durch geänderte Öffnungszeiten, draußen wird es kalt. Philipps Sicht auf das Leben wird durch seine Lebenssituation verändert. Er hat Zeit über sein Leben nachzudenken, er muss auf Menschen zugehen, kommunizieren.

„Er folgte dem Toilettenschild, ging an den Pissoirs vorbei in eine Kabine. Aus einem Impuls heraus musste er alleine sein. Er streckte die Arme seitlich aus und berührte die Wände der Kabine. Er schloss die Augen. Wenn es ein Vorher und ein Nachher in seinem Leben gab – vor dem Auszug aus der Bernauer-Villa und danach – dann war Kennzeichen des Danach, dass er niemals mehr allein war. Alleinsein war Ausdruck von Luxus. Das verstand er erst jetzt. Allein sein, das musste man sich verdienen.“

Auch seinen Freund Bruno betrachtet er langsam anders, die Sichtweise verschiebt sich bei Philipp stetig. Isabella Straub, geleitet ihren Protagonisten sanft in die zwar raue, aber auch lebendige Welt.

„Bruno war schon da, und er hatte seine Frau mitgebracht. Sie saßen in einer Nische am Fenster und Kuhn sah sie von der Straße aus, bevor sie ihn bemerkten. Ein Paar, das sich miteinander langweilte, aber nicht die Kraft hatte, sich zu trennen, weil alles, was sie danach erwarten würde, noch tausendmal schlimmer wäre. Der Streit um die Kinder, um den Hund, um das Haus, um den Dreck unter den Fingernägeln.“

Endlich findet Philipp Kuhn so etwas wie ein neues zu Hause. Er schläft in Zimmern, die renoviert werden müssen. Er schließt sich einer Gruppe um Konfuzius an, die sich um Arbeitswillige kümmert. Diese modernen Wohnnomaden suchen die Lücken im System. Übernachten in fremden Häusern, die größtenteils leerstehen, gehen auf offizielle Vernissagen, um sich am Buffet satt zu essen. Die Begegnung mit Tamara, die in der Gruppe mitarbeitet, gerät für Philipp zu einem kompletten Gegensatz zu der leuchtenden Liebe zu Myriam. Tamara ist real, kantig, die Annäherung zu ihr ist ein Synonym für seine Lebenssuche. Die Suche nach Myriam allerdings, rückt langsam in den Hintergrund, das Leben muss gemeistert werden, Träume finden woanders statt.

„‚Bist Du gläubig?‘, fragte Kuhn. ‚Natürlich‘, erwiderte Konfuzius. ‚Das kann doch nicht alles sein: Zwei Ehen, eine Geliebte, zwei Kinder, ein Hund, und wenn du endlich alles überstanden hast, kannst du nicht mehr richtig pinkeln. So viel Humor kann nur ein Gott haben.'“

Wer hier schlief ist ein schön geschriebenes Buch, das die Nuancen der Veränderung Philipp Kuhns sehr lebendig beschreibt.  Isabella Straub versteht es, ihren Protagonisten geschickt und sanft auf dem Weg zu begleiten. Nur am Ende verliert sie ein wenig den Rhythmus, um die Geschichte doch noch befriedigend zu Ende zu bringen. Bemerkenswert ist diese leise Spannung, die um Myriam aufgebaut wird, das Milde und das ruhige Dahingleiten der Geschichte, die aber typisch österreichisch ein wenig schräg aus der Spur läuft, was auch ihren Reiz ausmacht. Es ist eines dieser Bücher, die durch die pointierten Formulierungen der Autorin bestechen, insgesamt sehr positiv ist und auch etwas anders, und so sticht es aus der Masse der Neuerscheinungen heraus.

„Vielleicht war das Leben nicht groß, dachte Kuhn. Vielleicht bestand Lebenskunst in der Übung, es klein und gleichförmig werden zu lassen.“

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48 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 14 Rezensionen

zeitreise, zukunft, ausbeuten, zeitreisen, zeitkurie

Zeitkurier

Wesley Chu , Jürgen Langowski
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.08.2017
ISBN 9783453317338
Genre: Science-Fiction

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107 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 40 Rezensionen

7 todsünden, neid, sieben nächte, angst, literatur

Sieben Nächte

Simon Strauß
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 08.07.2017
ISBN 9783351050412
Genre: Romane

Rezension:

Sieben! Was für eine Mystik verbirgt sich hinter dieser Zahl. Die sieben Weltwunder. In sieben Tagen wurde die Welt erschaffen (jedenfalls nach der Bibel). Sieben Tage hat die Woche. Es gibt die sieben Zwerge. Mancherorts gilt sie als Glückszahl, wobei in vielen Ländern Asiens ist sie eine Unglückszahl. Und natürlich die sieben Todsünden.

Da gibt es einen, der ist auf der Schwelle zum Hamsterrad. Auf der Schwelle zur dreißig, die Zukunft birgt Kinder, Festanstellung und Langeweile. Das Cover zeigt den, der da schreibt. Jung, wild und voller Hoffnung will er sein. Ein junger Wilder, einer der im Club 27 ankommen will. Einer, der was erleben will, den es in die Welt drängt, der Rimbaud sein will, der nicht bis zur Rente warten will.  Einer der Angst hat und schreibt, wie es in den ersten Sätzen heißt. Und der eine Reifeprüfung bekommt, alle sieben Todsünden zu durchleben und in sieben Nächten dem Unbekannten einen Text abzuliefern, um die Prüfung zu bestehen.

Aha! Also wir haben hier hohe Literatur, oder solche die es werden will.

„Ich bin schon als Schwächling auf die Welt gekommen und meine Privilegien haben mich nur noch weiter geschwächt. Was Gefahr heißt, habe ich nie gespürt. Nie geahnt, dass Wege auch nach unten, ins Abseits führen können. Ich bin gefangen in einer Blase aus Glück. Gekämpft habe ich für wenig. Tischtennisplatten in der Schulpause gab es immer genug. Und als ich achtzehn war, wurde der Wehrdienst abgeschafft.“

Da schreibt einer, der alle Privilegien gehabt hat und jammert, dass er keine schweren Aufgaben in seinem Leben bekam. Alle Schwierigkeiten wurden ihm aus dem Weg geräumt. Er musste nichts für sein Dasein tun. Was für ein Leben! Jammern auf allerhöchstem Niveau. Auch Simon Strauss, der junge 1988 geborene Autor hat in seinem Leben nie richtig kämpfen müssen. Insofern ist der Protagonist in seinem Erstlingswerk er selbst. Doch so ohne Kampf und Mühsal geht das Gefühl verloren.

„Deshalb diese Nacht. Deshalb dieses Schreiben. Der einzige Kampf, der jetzt noch lohnt, ist der ums Gefühl. Die einzige Sehnsucht, die trägt, ist die nach dem schlagenden Herzen. Zu viel Gelände ist verloren gegangen an den Zynismus, der seine kalten Finger um alles legt.“

Wo will er denn hin unser Autor/Protagonist? Leben als armer Poet, wie in Spitzwegs Gemälde dargestellt? Voller Hunger und bar jeglicher Kleidung, durch das Dach tropft das Wasser? Ist denn so ein Leben, dem des Satten, Verweilenden vorzuziehen? Fließen die Gedichte, Lyrik, Essays, Romane dann besser? Aber ach, auch das Laster ist ein Problem und die Angst normal zu werden.

„Noch-nicht-dreißig ist das Kriterium und: ein Fragender zu sein, kein Besserwisser.“

Mit dreißig ist alles vorbei? Der Sturm, der Drang, die Jugend, das ganze Leben? Danach ist nur noch Tristesse? Mitnichten, nicht alle Großtaten wurden von unter Dreißigjährigen erreicht, doch ist die Jugend sicherlich in ihrer Ungestümheit noch von vielen Grenzen befreit. Simon Strauss handelt die Todsünden hechelnd in seinem Essay ab, versucht Bezüge zum heutigen Leben herzustellen, doch außer dem Hochmut (der vor dem Fall kommt) gelingen ihm nur ‚Todsündchen‘, ein schwacher Abklatsch der Sünden, die doch laut der Kirche zu ewiger Verdammnis führen. Ist denn der heutige Mensch noch nicht einmal zu Todsünden fähig? Doch! Man denke nur an den Film Sieben, der mir spontan zu dem Thema einfällt und der in eindringlicher und unvergessener Weise, Bilder in meine Netzhaut eingebrannt hat. Kevin Spacey in seiner besten und bösesten Rolle. Unerreicht. Dagegen ist dieses Büchlein nur ein Dahin-jammern. Manches Mal gelingen Simon Strauss nette Vergleiche, schöne Sätze, elegante Absätze.

„Lange Ziit sagen die Schweizer und meinen damit sowohl Langweile als auch Sehnsucht. Ich habe lange Ziit nach dir, heißt so viel wie: Ich sehne mich nach dir. Nur wer sich langweilt, kann sich auch sehnen. Ein Leben, das nie aufschiebt, wird immer nur hecheln, nie frei atmen.“

Die Kritiker sind begeistert, ich denke mal wieder, dass ich mich wohl nie in deren Elfenbeintürmen niederlassen werde. Eines hat mir dieses Buch doch gezeigt, Simon Strauss hat eine achte, neue Todsünde, hervorgeholt: Die Jammerei

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24 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

roman, sonja heiss, rimini, verlag kiepenheuer & witsch, liebe

Rimini

Sonja Heiss
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 17.08.2017
ISBN 9783462050448
Genre: Romane

Rezension:

Es gibt Situationen, die das ganze restliche Leben verändern. Nicht nur das eigene, auch das Leben der Menschen die einem nahe sind. Was wäre wenn? ist natürlich eine theoretische Frage, ebenso die Frage, welche Situationen, Aktivitäten welche späteren Ergebnisse ausgelöst haben. Das Leben ist nun mal seriell und wir müssen mit unseren Entscheidungen leben und sie akzeptieren. Das schließt dann eben auch die spontanen Verfehlungen mit ein.

Das vorliegende Buch handelt von einer ganz normalen Familie. Jede Familie hat ihre Geheimnisse, die meist tief vergraben in den Menschen liegen und mit Schichten von Scham, Gedanken und Zeit bedeckt, fast unauffindbar, aber lauernd in der Tiefe des Gemütes schlummern. Diese Familie ist so einfach, aber doch im Einzelnen so besonders, dass ich Euch die einzelnen Charaktere vorstellen möchte. In Sonja Heiss‘ Debüt bekommen alle ihre Zeit und Chance, sich und ihre Gedanken, Gefühle zu äußern.

 

Das Buch beginnt mit einer E-Mail einer Tochter an ihren Vater, der gestorben ist. Das Kapitel fängt mit einer Jahreszahl-Angabe an. Ist das ein Countdown? Ein Countdown wie lange der Vater noch lebte, als Retrospektive? Das Interesse ist erst mal geweckt.

Hans ist ein erfolgreicher Anwalt, verheiratet mit Ellen, zwei Kinder und bekommt seine Wut nicht in den Griff. Schon die Anfangsszene zeigt, was das Buch ausmacht. Hans zerbricht seinen Bleistift (einen Bleistift der Kanzlei Scholting, von Giersberg, Grüben, Schulz und Altmann!) bei Gericht, weil er etwas kaputt machen will. Da er keinen weiteren Bleistift hat und nicht ganz bei der Sache ist, unterbricht der Richter die Verhandlung, um ihm bei der Suche nach einem Stift behilflich zu sein. Die Gegenpartei leiht ihm einen Stift, den er prompt zerbricht, was doch einige Irritation auslöst.

Schon diese absurde Anfangsszene, in der man nicht genau weiß, ob man lachen oder, wegen der inneren Not von Hans, dessen Verzweiflung sehr deutlich dargestellt wird, ihn bedauern soll, zeigt, in welche Richtung uns der Roman führen wird. Die Irrwitzigkeit der Situationen zeigt sich in deren absoluter Normalität. Der Leser sieht, wie lächerlich doch der Alltag sein kann.

Hans hat Probleme mit seiner Frau Ellen. Diese innere Wut muss raus. Sex wäre auch eine Hilfe, doch Ellen mag nicht mehr mit ihm schlafen:

„‚Ich sehe dir auch ins Gesicht.‘ ‚Nein, das tust du nur, wenn wir streiten, ansonsten starrst du mir auf meinen Po und meine Brüste. Du unterhältst dich sogar mit denen anstatt mit mir.‘ Das war natürlich nicht sehr nett, dennoch musste Hans grinsen. Sie hatte diesen ausgeprägten Sinn für Ironie schon immer gehabt, früher hatte sie ihn damit ständig zum Lachen gebracht. Und das tat sie auch jetzt noch ab und an. Manchmal sogar, wenn sie diskutierten, so wie jetzt.“

Masha ist 39 und Hans‘ Schwester. Sie sehnt sich nach einem Familienleben und einem Kind. Doch so langsam wird sie zu alt. Doch ein Partner ist nicht in Sicht, den Freund, den sie hat, kann sie bald nicht mehr riechen und verlässt ihn.

Alexander und Barbara sind die Eltern von Hans und Masha. Beide sind in Rente und wohnen in einer kleinen Wohnung in Frankfurt. Alexander ist immer um Barbara herum und lässt sie nicht alleine, Freunde oder Bekannte haben sie nicht viele, wenn dann über sie. Barbara geht die Fürsorge und das Um-sie-herumschwänzeln ihres Mannes auf die Nerven und so flüchtet sie öfters in den Schlaf oder in den Keller.

„An Sylvester öffneten sie eine Flasche Sekt und aßen Weißbrot mit geräuchertem Lachs. ‚Bin ich froh, dass wir jetzt nicht bei der Hotelgala sind.‘, sagte Alexander, Barbara nickt. Andererseits war Sylvester ein weiteres Mal in ihrem ereignisarmen Leben so fad, dass sie es vorgezogen hätte zu schlafen.“

Alle vier Personen bewegen sich immer am Rande des Abgrundes und man fragt sich als Leser, wann denn dieser Absturz kommt.

„Er hatte einmal gelesen, dass es schweigende Erdbeben gab. Innerhalb von Wochen verschieben sich ganze Landschaften um mehrere Zentimeter, das Sediment wandert so langsam, dass man keine Erschütterung spürt. Erst seit es GPS-Systeme gibt, die es messen können, weiß man davon. Und ohne sich dessen bewusst zu sein, wartete er auf die große Erschütterung, darauf, dass alles einstürzte.“

So verfolge ich, teils atemlos und Seiten verschlingend, wie dieser schmale Grat aus normalen Dialogen und Situationen sich ganz schnell in aberwitzige und merkwürdige groteske Gegebenheiten wandelt. Und so langsam schält sich auch heraus, was denn diese eine, so verändernde Begebenheit war. Da, wo sich alles in die falsche Richtung bewegt hat.

Das Debüt von Sonja Heiss ist eine echte Überraschung und Entdeckung des Jahres. Das Buch ist  bitterkomisch und das Lachen bleibt einem oft im Halse stecken. In vielen Dialogen und Personen wird sich der ein oder andere wieder finden. Bei den Dialogen spürt man die Professionalität der Autorin, die vom Film kommt. So schön wurden die Neurosen und Befindlichkeiten einer Familie lange nicht mehr dargestellt. Klinisch kühl von außen betrachtet, aber dennoch nahe an den Figuren bleibend. Ein Höhepunkt des Jahres 2017

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

mond, dynastie, familie, wirtschaft, macht und intrigen

Luna

Ian McDonald , Friedrich Mader
Flexibler Einband: 450 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.12.2016
ISBN 9783453317956
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Schon immer lebt der Mensch auch von Vergleichen. Unbekanntes muss mit Bekanntem gegenübergestellt werden, damit das Unbekannte vertrauter wird. Der Vergleichende wird natürlich auch zu einem Bewertenden, denn schnell können Vergleiche auch die schlechten und guten Eigenschaften des erzeugten Bildes übernehmen. Darum werden liebend gerne positive Vergleiche genommen. Und wenn ich etwas verkaufen will, dann soll es gleich das Beste sein.

Der kleine Baggersee mit Strand wird natürlich nicht gleich zum Palmenstrand in der Südsee, wenn man ihn damit vergleicht, aber so ein bisschen Sonne, Palme und Exotik erhält er schon, wenn er dermaßen aufgewertet wird. So auch im vorliegenden Fall. Ian McDonalds etwas holpriger Anfang eines aristokratisch angehauchten Science-Fiction-Epos auf dem Mond wird nicht gleich zum zwölf-bändigen, begeistert gefeierten und erfolgreich verfilmten Fantasy-Epos eines Ranges Games of Thrones. Doch bleibt beim Leser des Klappentextes erstmal etwas davon hängen. Und nach dem Lesen des ersten Bandes reibe ich mir verwundert die Augen und frage mich, ob meine Vor-Rezensenten entweder keine Fantasie gehabt haben, oder schlichtweg Game of Thones nicht kennen. Denn die Klappentext-Vergleiche hinken. Wie meistens.

Wir befinden uns auf dem Mond, der sich wirtschaftlich selbstständig gemacht hat: nicht der Mond, aber fünf große Häuser (die hierarchisch aufgebaut und Königshäusern nachgebildet sind). Warum jetzt gerade adlige Häuser den Mond beherrschen, war mir auch nach Lektüre des Buches nicht ganz klar. Einzig allein Konzerne haben das Geld, Macht und die Ressourcen, sich in einer lebensfeindlichen Umgebung wie dem Mond zu behaupten. Doch nun gut, es sind halt hier fünf große Familien, die auf dem Mond herrschen. Die Verbindung und Abhängigkeit von der Erde sind gekappt: Menschen die von der Erde kommen, müssen sich nach einiger Zeit entscheiden, ob sie zurückkehren. Ab einem gewissen Punkt verkraftet der Körper die Erdschwerkraft nicht mehr, und man ist auf dem Mond gefangen. Dazu kommt natürlich noch die Entfernung:

„Diese dreihundertachtzigtausend Kilometer zählen. Die zweieinhalb Sekunden Verzögerung bei den Gesprächen mit den Leuten zu Hause schaffen eine Distanz. Diese Kluft kann man nie überwinden. Sie gehört zur Struktur des Universums. Auch die Physik ist hart.“

Auf dem Mond sind die Ressourcen limitiert – nicht aber für die Menschen der fünf Häuser. Diese leben im Überfluss. Wer von der überfüllten Erde kommt, um auf dem Mond sein Glück zu machen, kämpft jeden Tag um sein Leben.

„Ich arbeite bei Corta Helio. Ich dachte, ich wiederhole das noch mal, damit ihr es euch auf der Zunge zergehen lassen könnt. Das heißt zuerst mal keine Sorgen mehr um Sauerstoff, Wasser, Kohlenstoff und Netz. Das ist auch der Grund, warum ich euch das hier schicken kann. Wahrscheinlich kann ich euch gar nicht begreiflich machen, was es bedeutet, wenn man sich nicht mehr um die vier Grundstoffe kümmern muss. Es ist wie der erste Preis in einer Lotterie, nur dass man nicht zehn Millionen Dollar kriegt, sondern einfach weiteratmen darf.“

Der Anfang ist noch recht spannend. Eine Gruppe von Jugendlichen rennt einen sogenannten Mondlauf von Schleuse zu Schleuse. Das unbarmherzige Vakuum wird von McDonald sehr schön beschrieben. Ja nicht die Augen schließen, ansonsten kleben die Lider fest und man sieht nichts mehr. Die Luft aus den Lungen pressen, sonst platzen diese. Nach dem fulminanten Lauf, versorgt uns Ian McDonald mit gefühlten 200 Personen in den nächsten 50 Seiten, von denen nicht alle eine Rolle spielen. Zumal erklärt er nichts, er setzt voraus. Das erleichtert den Einstieg in die als längere Serie geplante Buchreihe nicht. Hilfreich sind das am Ende des Buches abgedruckte Glossar und die Auflistung aller wichtigen Personen der fünf Häuser. Interessant und stimmig sind die Beschreibungen der lebensfeindlichen Mondumgebung, leider kommen die Dialoge und Charaktere etwas hölzern und flach rüber.

Gut lesbar wird das Buch, nachdem man sich an diese Art des Schreibens gewöhnt hat. Bei mir trat dieser Effekt nach etwa 300 von 500 Seiten ein. Dazwischen wollte ich das Buch mindestens sechsmal abbrechen, habe aber aufgrund der relativ positiven Bewertungen durchgehalten. So richtig gelohnt hat sich das Durchhalten aber nicht. Zwar kommt es zu einem schönen Showdown am Ende des Romans, doch das hebt die quälenden Seiten vorher nicht ganz auf. Ein Auftakt einer Reihe, die mir persönlich viel zu wenig GoT hatte. Dort hat sich George Martin viel Zeit und Raum genommen, die einzelnen Charaktere in einzelnen Kapiteln zu Wort kommen zu lassen. Luna ist einerseits mit passenden physikalischen Besonderheiten des Mondes und den Kuppeln ausgestattet, doch die Intrigen der fünf Häuser sind mir zu aufgesetzt.

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250 Bibliotheken, 41 Leser, 1 Gruppe, 43 Rezensionen

zamonien, fantasy, walter moers, gehirn, märchen

Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Walter Moers , Lydia Rode
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Knaus, 28.08.2017
ISBN 9783813507850
Genre: Fantasy

Rezension:

Als fleißiger Rezensent und Bücherleser, liest man natürlich auch mal bei der Konkurrenz rein, was diese so schreibt. Auch hier gibt es, wie bei den Lieblingsschriftstellern, Rezensenten die man gerne liest, weil sie witzig oder klar strukturiert schreiben oder einfach denselben Geschmack teilen. Rezensionen sind immer Eindrücke des Lesers, die dieser hatte und diese Eindrücke, finde ich, sind nicht diskutierbar. Wenn ich rot mag, mag ich eben rot. Punkt.

Was mir aber immer wieder auffällt, sind die Erwartungen, die die Leser an Bücher haben. Sicher schüren die Verlage diese Erwartungen auch – reine Marketingsache. Aber erst einmal sind Bücher einzelne Kunstwerke, die für sich betrachtet werden müssen. Im vorliegenden Fall bin ich wieder über diese Erwartungshaltungen der Leser gestoßen. Das Buch wurde schlecht bewertet, weil es den Erwartungen, ein Zamonienroman zu sein, nicht entsprochen hatte.

Das mit den Erwartungen ist so eine Sache. Wenn ich einen Kasten Bier einer Marke kaufe, erwarte ich, dass es so und nicht anders schmeckt. Wenn ich ein Kunstwerk eines Künstlers betrachte, lese, höre, habe ich sicherlich auch Erwartungen, aber ich persönlich nehme das Kunstwerk wie es ist und nicht wie es sein soll. Wegen eigener Erwartungen etwas schlechter zu bewerten, ist für mich falsch.

Nun zu diesem Nicht-Zamonienroman, der aber äußerlich so schön aufgemacht ist wie ein Zamonienroman. Walter Moers habe ich schon früh wegen seiner Comics zu schätzen gelernt, seine Zamonienbücher und die Illustrationen dazu, sind etwas ganz Besonderes. Dieser Roman sticht wegen seiner faszinierenden Wortspielereien und seiner (etwas versteckten Liebesgeschichte) aus dem Rahmen der Moers Romane heraus. Ich habe zum Glück das Nachwort als erstes gelesen, weil ich wissen wollte, warum Moers diesen Band nicht illustriert hat. Dabei stieß ich auf die erwähnte Liebesgeschichte.

Prinzessin Dylia leidet an einer Schlafkrankheit. (Nicht nur dass der Name ein Anagramm der Zeichnerin ist, auch die Krankheit ist ähnlich). Es gibt Tage, da streift sie alleine durch das große Schloss ihres Vaters und versucht, sich durch Treppensteigen zu erschöpfen, um ein wenig Ruhe zu bekommen. Ihr ist in diesen einsamen Stunden nie langweilig, was sie immer bei sich hat, ist ihr klarer Kopf und ihre bunte Phantasie. (Im Buch auch wirklich sehr bunt dargestellt). Eines Tages sitzt ein Gnom, ein Nachtmahr auf ihr und teilt ihr mit, dass er sie ab jetzt langsam in den Wahnsinn treiben wird. Prinzessin Dylia glaubt dies nicht so recht, was kann ihr denn schon passieren? Die Macht der Gedanken ist mit ihr.

Zusammen mit dem Nachtmahr gehen beide auf eine bunte und phantasievolle Reise in Dylias Gehirn, wo sie so allerhand entdecken. Moers fährt hier eine große Parade von Wortspielereien, phantastischen Geschöpfen und philosophischen Bezügen auf, dass es eine reine Freude ist.

„‚Ich habe so etwas jedenfalls in dieser Form noch nie gesehen.‘  Er blickte sie ernst an. ‚Eine riesige grüne Spinne. Spinnweben voller Diamanten. Eine Höhle mit gestapelten Wörtern. Bunte Grabsteine. Du hast komische Dinge in deinem Denkorgan, das muss ich schon sagen.“

Bei der Reise spürt Dylia, dass es mit der Allmacht des Nachtmahr nicht so weit her ist. Und mögen sich die Beiden gar ein wenig? Doch wie vielerorts falsch geschrieben, ist dies nicht die Liebesgeschichte, die in diesem Buch steckt. Die Liebesgeschichte ist viel mehr außerhalb des Buches zu suchen. Und Moers hat nicht nur ein weiteres, wirklich außerordentlich sprachgewaltiges, phantasievolles und buntes Werk geschaffen, er hat auch ein modernes Märchen, nein ein Mut-Märchenbuch für all die geschrieben, die anders oder gar krank sind und sich in ihre Gedankenwelt flüchten.

Schon die Neuerschaffung von manchen Wörtern und Begriffen ist herrlich gelungen. Eine Zusammenfassung der Prinzessin Insomnia am Ende des Buches über ihre Reise in ihrem Gehirn gefällig?

„Es wäre contraindkativ, ein Niemalsweh mit Abgunst zu betrachten, so wie eine Quoggonophobie alles andere als pisanzapra ist, wenn man nach einer Defenestration allzu linguamundivagant dem Iktsuarpoken in Amygdala frönen würde, denn selbst der größte Schlimazzel weiß doch, dass es alles andere als hoyotojokomeshi wäre, Zaminolonimaz mit zu viel Mamihlapinatapaai zu behandeln.“

Und so gebe ich hier eine klare Leseempfehlung. Ob der Verlag jetzt Etikettenschwindel betreibt, kann ich nicht eindeutig erkennen. Vorne auf dem Cover steht: Roman. Öfters habe ich das Buch als Zamonienroman beworben gesehen. Es spielt in Zamonien. Nur nicht so, wie es sich mancher Leser wünscht. Und wenn es kein Zamonienroman ist? Na und? Was für ein Glück!

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38 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

virginie despentes, gesellschaftskriti, prix anaïs-nin 2015, französische literatur, paris

Das Leben des Vernon Subutex

Virginie Despentes , Claudia Steinitz
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 17.08.2017
ISBN 9783462048827
Genre: Romane

Rezension:

Wut! Neulich habe ich in einem Online Magazin  gelesen, dass unsere Gesellschaft von Wut zerfressen ist. Jeder kämpft gegen jeden, um noch das letzte bisschen Quadratmeter Platz zu bekommen, um schneller in der Schlange zu sein, früher beim Doktor dranzukommen, das letzte Schnäppchen noch zu ergattern, den letzten Parkplatz zu belegen, Platz auf der Autobahn, um dann mit 180 den Vordermann wegzuschieben, den letzten pünktlichen Zug zu erwischen (wobei DAS existiert längst nicht mehr) einfach das letzte bisschen Aufmerksamkeit und Menschlichkeit, das es noch gibt, zu erhaschen. Als würde es das alles morgen nicht mehr geben.

Und dabei wird gnadenlos alles um einen herum niedergemacht, mit den Möglichkeiten die man so hat. Verbal, hinterlistig, anwaltlich oder einfach mal draufschlagen. Was, du hast meine Freundin schief angeschaut? Druff! Weil in fast jedem die Wut und der Hass regiert. Und durch die Politik fühlt sich niemand mehr vertreten. Ist das nur in Deutschland so? Im vorliegenden Buch, wird die französische Gesellschaft bitterböse und gnadenlos seziert. Doch man hat das Gefühl es kann überall sein.

„Jetzt im Monoprix hätte er gern eine Bazooka dabei. Die dicke Blonde da mit ihren fetten Schenkeln in Minishorts, die sich rausputzt, als wäre sie ein Klasseweib, dabei ist sie einfach eine Kuh: eine Kugel in den Kopf. Das Pärchen dort im Kooples-Stil, katholisch und ultrarechts, sie mit Retrobrille und straff nach hinten gekämmten Haaren, er mit Schönlingsfresse und Ohrhörer, der zwischen den Regalen telefoniert, während sie nur superteures Zeug einpacken, beide in cremefarbenem Regenmantel, damit man ja auch sieht, dass sie Rechte sind: eine Kugel in die Fresse. Der dicke Geldsack, der auf den Arsch der Mädchen starrt, während er sein Halalfleisch kauft: eine Kugel in die Schläfe. Die Judenmammi mit ihrer Perücke und den widerlichen Titten, die ihr gleich überm Nabel gewachsen sind, er hasst Weiber, die ihre Titten mitten auf dem Bauch haben: eine Kugel ins Knie. Einfach draufhalten, zusehen, wenn die Überlebenden wie Ratten davonrasen und sich unter den Regalen verkriechen, die ganze Scheißbande, die hier versammelt ist, um sich den Wanst vollzuschlagen, mit ihrem erbärmlichen Hang zum Lügen, Schummeln, Tricksen, Vordrängeln, Angeben. Alles in die Luft jagen!“

Vernon Subutex hat sich jahrelang über Wasser gehalten. Nachdem die Musik-Downloads aufkamen, musste er seinen Plattenladen aufgeben. Von den Resten, die auf Ebay verkaufte, hat er aber noch gut gelebt. Und das hat auch irgendwie, mit Hilfe von Freunden, Aushilfsjobs und der Stütze, gereicht. Nun ist Alex tot. Alex, den er immer anschreiben konnte, der wegen der alten Zeiten seine Miete einfach so mit einem Schnipp überwiesen hat. Und jetzt fliegt er aus der Bude raus, der schmale Grat ist überschritten. Was nun? Nun beginnt eine Reise durch viele Betten in Paris. Vernon klappert Freunde, alte Liebschaften und alte Kumpels ab.

Virginie Despentes nutzt diese Gelegenheit und springt in andere Menschen hinein, in ihr Leben, ihre Ängste, ihre Wut. Manchmal muss sich der Leser den Zusammenhang mit Vernon erarbeiten, manches Mal erschließt sich er erst später im Buch. Es ist faszinierend, wie unterschiedlich diese Menschen sind, aber wie zielgenau Despentes zum Kern kommt. Jede Figur entwickelt dadurch ihr Eigenleben und nach und nach wird dem Leser diese bunte, ärgerliche, ängstliche Pariser Gesellschaft vertraut. „Die Kultur der Armen, Kiko könnte kotzen! Wenn er so leben müsste – versalzener Fraß, Metro, für unter fünftausend schuften und Klamotten im Kaufhaus kaufen. Am Airport auf harten Stühlen warten, nichts zu trinken, keine Zeitung kriegen, wie der letzte Dreck behandelt werden und Economy fliegen, ein Economy-Arsch sein, die Knie unter dem Kinn und die Ellbogen der Nachbarin in den Rippen. Altes, cellulitisches Fleisch ficken. Freitags um eins nach Hause rennen, da warten Haushalt und Einkauf.“ Ihre Sprache ist drastisch, direkt, kommt zum Punkt aber nie wertend. Despentes schwebt wie ein Voyeur über die Szenen, ist aber gleichzeitig mitten drin im Geschehen. Sie lässt den Leser sich ein Bild machen und beleuchtet die imaginären Gedanken der Personen mit 5000 Watt Birnen. Das gelingt bei solchen Personen wie Kiko dem Bankhändler, aber auch bei den Verzweifelten, den Sanften, den Suchenden oder den Pennern. Vernon ist so eine Person, die gerade durch ihr vorheriges Leben indifferent wirkt, kein Ziel hat.

 

„Sein Handyabo ist abgelaufen, er macht sich keinen Kopf mehr um Flatrates. Im Angesicht der Katastrophe hält sich Vernon an einen Grundsatz: so tun, als ob nichts wäre. Er hat zugesehen, wie alles den Bach runterging, erst war es in Zeitlupe, dann legte der Absturz an Tempo zu. Aber Vernon hat weder die Gleichgültigkeit noch die Eleganz aufgegeben.“ Das Leben wird ignoriert oder mit Hass beworfen. Ist das auf Dauer nicht langweilig in der Wut? Ermüdet sich Wut nicht in ihrer andauernden angeschwollen Art? Nein! Despentes hat durch die Distanziertheit genug Potential, um Erholung zu schaffen und auch Sätze wie: „Wenn man über vierzig ist, gleicht die ganze Welt einer bombardierten Stadt.“ über das Buch zu verteilen. Nebenbei wird auch noch ein roter Faden in der Geschichte sichtbar. Vernon wird gesucht. Er hat etwas, wofür manche Leute viel Geld bezahlen würden.

 

„Den Charme zu wahren, wenn man seine Frische verliert, ist ein Kunststück, das nur selten gelingt. So gern sich die Leute nützlich und großzügig fühlen, so sehr fürchten sie alte Körper, gezeichnete Gesichter und die Erbärmlichkeit einigen Glanzes. Sie werden zu Ruinen – etwas, was einmal erhaben war und nun nur noch ein Haufen Steine ist.“

Die Charaktere werden dabei nie demontiert oder von Despentes verlassen. Jeder erhält hier seine Chance, auch die gewalttätigen Jungs:

„‚Du bist zu sensibel. Ihr gewalttätigen Jungs seid immer die Sensibelsten.“Das ist ein Weibersatz.“Wir wussten nicht, dass wir so verpeilen würde, was?‘ ‚Und wenn wir’s gewusst hätten, was hätte das geändert?“

Despentes Buch hält uns den Spiegel der Gesellschaft vor. In vielen Charakteren wird sich der Leser das ein oder andere Mal finden. Dennoch wird das Buch nie negativ oder erschöpfend. Im Gegenteil man liest so manches Mal seine eigenen Gedanken, so wie man selbst sie nicht niederschreiben würde. So wie ich, der Leser, auch nie denken würde. Das Leben des Vernon Subutex ist der erste Band einer Trilogie, wobei der nächste Band erst im Frühjahr 2018 erscheinen wird.

Eine klare Leseempfehlung!

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112 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 69 Rezensionen

freundschaft, hautfarbe, rassismus, london, großbritannien

Swing Time

Zadie Smith , Tanja Handels
Fester Einband: 640 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 17.08.2017
ISBN 9783462049473
Genre: Romane

Rezension:

„Die Leute sind nicht arm weil sie schlechte Entscheidungen getroffen haben, wie sie gern erklärte, sie treffen schlechte Entscheidungen weil sie arm sind.“

Ist in der Armut, dem Aufwachsen in Familien, die sich Bildung nicht leisten können, oder den 3D-Farbfernseher wichtiger finden als Bücher, das Scheitern vorprogrammiert? Dreht sich die Armutsspirale immer dort weiter, wo die Hauseingänge mit Parolen beschmiert, der Vorgarten der Hochhäuser mit Hundekot vollgekackt ist, die populistischen Parolen der Rechtsradikalen breite Zustimmung finden und der Traum einer Zukunft in dumpfen und viel zu kleinen Mietskasernen erstickt wird?

Hoyerswerda ist überall, auch in anderen Staaten. Swing Time spielt in Londons Nordwesten, in Kilburn, wo sich zwei Mädchen in den Achtzigerjahren finden, die von ihrer Art nicht unterschiedlicher sein könnten. Eine Gegend, aus der auch die Autorin kommt und die ihr nicht unbekannt ist. Auch die Hautfarbe der Mädchen hat den identischen Braunton wie die der Autorin. Als coloured people sind ihre Bildungs- und Aufstiegschancen um viele Faktoren schlechter, als die der Weißen. Hier ist es wichtig, dass, wie die Mutter der namenlosen Ich-Erzählerin sagt, die Eltern sich um die Möglichkeiten der Kinder kümmern.

Tracey unddie Ich-Erzählerin lernen sich auf der Tanzschule kennen. Tracey hat sehr viel Talent, die Erzählerin kann gut singen, aber weniger gut tanzen. In der Schule sind sie in der gleichen Klasse. Beide träumen den Traum, so gut wie Fred Astaire und Ginger Rogers zu tanzen (Er gab ihr Klasse, sie gab ihm Sex, so ein erwähntes Zitat von Katherine Hepburn im Buch) und in Musicals aufzutreten. Die Erzählungen über die Schulzeit und das Aufwachsen in dem Vorort von London (einer von zwei Vororten wo die ethnischen Minderheiten, die Bevölkerungsmehrheiten bilden) werden retrospektiv erzählt. Dazwischen führt uns Zadie Smith in die Gegenwart. Die Erzählerin arbeitet als persönliche Assistentin bei einer erfolgreichen australischen Pop-Musikerin, Aimee. (Diese ist fiktiv, ähnelt aber in ihrem Gebaren sehr Madonna, auf die auch die farbigen adoptierten Kinder hindeuten).

Die Ich-Erzählerin führt es nach Afrika, wo sie beim Bau einer schwarzen Schule mithilft.  Wobei die Erzählerin zynisch bemerkt, dass Aimee mehr im Jahr verdienen würde, als das komplette Land. Dort kommt sie mit vielen Afrikanern in Kontakt, die die Erzählerin aber als Weiße betrachten. Eine Umkehrung der Verhältnisse. Zadie Smith baut viel schwarze Haut, Musik, Stammeszugehörigkeit, Milieu, ethische Minderheiten, Islamkritik, Bildung, Chancengleichheit und noch viele andere drängende Themen unserer Zeit ein. Doch alles wirkt seltsam leblos. Angesprochen, ohne die notwendige Wut oder wenigstens eine Art Emotion. Das mag vielleicht auch an der blassen, untätigen Ich-Erzählerin liegen, die alle ihre Möglichkeiten im Leben liegen lässt. Tracey ist lebendiger und probiert, fällt auf die Nase, nicht aber ohne zu versuchen, ihre halbherzige Freundin mitzunehmen auf die Reise. Diese weiß nicht wohin sie soll und welche Eigeninitiative sie ergreifen soll.

„Ich fühlte mich, als hätte ieh in einem ganz bestimmten Zug gesessen, der mich dorthin brachte, wohin Menschen wie ich als Jugendliche eben sollten, doch jetzt war plötzlich etwas anders. Man hatte mir mitgeteilt, ich solle an einer ungeplanten Haltestelle ein ganze Stück weiter vorn aussteigen. Ich musste an meinen Vater denken, den man schon aus dem Zug geschubst hatte, bevor er ganz aus dem Bahnhof war. Und an Tracey, wild entschlossen, selbst abzuspringen, weil sie lieber laufen wollte als sich vorschreiben zu lassen, welche Haltestelle ihre war und wie weit sie noch mitfahren durfte.“

So verfliegen die Seiten, Kapitel voller Menschen, die in Bezug treten, ohne wirklich unter die Oberfläche zu gehen. Die Ich-Erzählerin ist zwar eine von vier persönlichen Assistentinnen von Aimee, führt aber kein eigenes Leben, begräbt sich und ihre Träume in einer Scheinwelt. Tracey hingegen kann wenigstens den Broadwaytraum zu Ende träumen. Das Buch wird immer sehr interessant, wenn die Ich-Erzählerin in der Vergangenheit verweilt. Dann sind die musikalischen Tanzträume der Mädchen sehr bunt und wirklich, die Emotionen von Tracey beleben diese Parts. Die Gegenwarts-Teile verlieren sich in dumpfer Gleichgültigkeit und fehlender Intensität.

Letztendlich ist dieses Buch nicht an mich gegangen. Ist es diese Unentschlossenheit der namenlosen Heldin, die mich manchmal rasend macht? Oder ist es die Fülle an Themen die nicht fertig ausgeführt und halb gar im Eintopf des Buches herumliegen? Oder die Beiläufigkeit mit der dieses Buch an mir vorbeizieht? Ich kann es nicht sagen. Es berührt mich kaum. Es entwickelt sich keine Leidenschaft. Nur ganz am Ende hat die Autorin mich eingefangen, da hat sie mein Herz doch noch gepackt und zugedrückt.

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Arrival

Ted Chiang , Molosovsky
Fester Einband: 250 Seiten
Erschienen bei Golkonda Verlag, 24.07.2017
ISBN 9783946503125
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Habe ich euch drangekriegt? Eine schöne Überschrift verleitet doch zum Weiterlesen! Und dieses Buch möchte ich Euch wirklich ans Herz legen. Nicht nur das Buch, auch den kleinen aber feinen Golkonda Verlag, der sich seit knapp sieben Jahren der Verbreitung der feinen und anspruchsvollen Phantastik widmet. Nicht nur sind die Inhalte anspruchsvoll, die Bücher unterscheiden sich auch wohltuend von der Masse der Neuerscheinungen, die von den großen Verlagen teilweise lieblos in die Buchläden geworfen werden. Natürlich gibt es hier auch Ausnahmen und die füllen zum Glück immer häufiger die Regale.

Schon Jo Walton hat es mir mit ihrem magischen Werk angetan, hier zu lesen. Im Golkonda Verlag kommt Mitte des Monats eine Trilogie der Autorin heraus, auch bald bei uns auf dem Blog zu lesen. Da freue ich mich richtig drauf. Ted Chiang war trotz seines Erfolges in Deutschland nicht verlegt, bis der Golkonda Verlag zugriff. Möchte niemand anspruchsvolle Science Fiction lesen? Das solltet ihr schnellstens nachholen und euch dieses, haptisch gut in der Hand liegende Werk besorgen. Ted Chiang ist der Meister der ersten Worte die, wie hier bei der Überschrift, entscheiden, ob man weiterlesen möchte oder nicht.

Die hier versammelten Geschichten haben allesamt Preise eingesammelt. Jede Geschichte mindestens einen. Ted Chiang hat seit 1991 nur fünfzehn Kurzgeschichten oder Novellen verfasst, mit diesen aber insgesamt neun Preise gewonnen, wobei er eine Nominierung 2013 sogar abgelehnt hatte. (Weil er seine Geschichte nicht gut genug fand)

Los geht es in dem Buch mit der 1990 erschienen Geschichte „Tower of Babylon“ (Gewinner des Nebula Awards). Hier die ersten Sätze:

„Läge der Turm der Länge nach auf der Ebene von Shinar, würde man zu Fuß von einem Ende zum anderen zwei Tagesreisen benötigen. Doch da der Turm aufrecht steht, dauert es einen ganzen Monat, um von seinem Sockel bis zur Spitze emporzusteigen – wenn man denn nichts tragen musste.“

Schon früh ist man als Leser in der Geschichte, mit wenigen Worten skizziert Ted Chiang ein biblisches Szenario, worauf der Titel natürlich hinweist. Doch der Leser bemerkt die feinen Anspielungen auf z.B. Generationenschiffe, außerirdische Mächte die einen Schirm um die Erde halten. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Doch Ted Chiang beschreibt nur und wertet nicht, klärt nicht auf. Der Leser soll sich seine eigenen Schlüsse ziehen.

In der zweiten Geschichte „Story of your Life“ (Gewinner des Nebula Awards), irritiert anfangs die verwandte Zeit:

„Gleich wird dein Vater mich fragen. Ich will ihm meine ganze Aufmerksamkeit widmen, auf jede Kleinigkeit achten, denn das ist der wichtigste Augenblick unseres Lebens.“

Schon durch die wenigen Worte wird eine ganz eigentümliche Atmosphäre geschaffen, die die ganze Geschichte über anhält. Außerirdische kontaktieren die Erde. Eine Linguistin und ein Physiker erforschen deren Sprache und Wissenschaften. Dabei tritt eine ganz andere Art zu denken zu Tage. Beeinflusst unser Denken die Welt? Ich will nicht allzuviel verraten, aber in den Anfangsworten der Geschichte steckt schon deren Auflösung, die man in ihrer ganzen Tragweite erst am Schluss begreift. Die Geschichte war Grundlage für den Film Arrival von 2016 (Natürlich auch ein Grund, eine Neuauflage dieses Buches heraus zu bringen).

Nun kommen wir zu meiner persönlichen Lieblingsgeschichte: „Hell is the absence of God“ (Gewinner des Nebula und Hugo Awards)

„Dies ist die Geschichte eines Mannes namens Neil Fisk, und sie erzählt, wie er lernte, Gott zu lieben. Das Schlüsselereignis in Neils Leben war so schrecklich wie alltäglich: Der Tod seiner Frau Sarah.“

Schon hier steckt die ganze Tragik im Leben des Neil Fisk, ach was, im ganzen Leben Gläubiger. Die ewige Suche der Zweifler nach Gott, dem Beweis Gottes. Perfide ist in Ted Chiangs Geschichte, dass es eine Art Regel gibt, wann man in die Hölle, wann in den Himmel kommt. Und wenn man sich sehr geliebt hat, dann trifft man sich dort im Jenseits wieder. Ganz stark sind seine Assoziationen mit den auf die Erde kehrenden Engel in Verbundenheit mit Naturgewalten.

Wieder ganz anders die nächste Geschichte: „The merchant and the Alchemist’s Gate“  (Gewinner des Nebula und Hugo Awards), die aus Tausendundeine Nacht stammen könnte.

„O mächtigster Kalif und Herrscher über die Gläubigen, demütigst verneige ich mich vor dem Glanz Eurer Gegenwart, einen größeren Segen kann sich ein Mann in seinem Leben nicht erhoffen. Eine wahrhaft seltsame Geschichte habe ich Euch zu erzählen, und selbst wenn man sie in ihrer ganzen Länge auf einen Augapfel tätowieren würde, so könnte das Wunder ihrer Darbietung das ihren Inhalten nicht übertreffen, denn sie ist jenen eine Warnung, die gewarnt sein, und jenen eine Lehre, die lernen wollen.“

Hier verweilt Ted Chiang wunderbar in der blumenreiche Sprache des Morgendlandes und erzählt eine Geschichte für Herz und Kopf.

Auch sehr stark und sehr minimalistisch ist die letzte Geschichte in diesem Band: „Exhalation“  (Gewinner des Hugo und BSFA Awards)

„Seit Langem herrscht die Meinung vor, dass die Luft (von manchen auch Argon genannt) der Quell des Lebens sei. Tatsächlich ist das aber nicht der Fall, und so graviere ich diese Worte, um zu berichten, wie ich herausfand, was der wahre Quell des Lebens ist und – was damit zusammenhängt – auf welche Weises das Leben eines Tages enden wird.“

Die Hauptperson hier ist kein Mensch, überhaupt ist die beschriebene Umgebung ganz ‚un-menschlich‘. Doch handeln die Akteure wie Menschen im Mittelalter, die plötzlich feststellen, dass es hinter dem Horizont doch weitergeht und dass die Sonne sich nicht um die Erde dreht. Auch diese Geschichte unterscheidet sich von den anderen, vom Aufbau und Atmosphäre.

Ted Chiang hat die Gabe, komplexe Inhalte, ruhig und sachlich zu erklären, in eine vertraute Umgebung zu packen und so allgemein verständlich zu machen. Das habe ich bisher bei erst wenigen Science-Fiction Schriftstellern beobachten können. Vergleichbar ist vielleicht noch der Moderator Ranga Yogeshwar von der Fernsehsendung Quarks & Co..

Nach diesen fünf Perlen endet das Buch nach nur 224 Seiten. Da hätte man doch auch alle fünfzehn Geschichten in ein Buch verpacken können, werden die Sparbrötchen unter Euch einwenden, was will ich denn mit noch einem zweiten Buch (Das wahre Wesen der Dinge, auch bei Golkonda erschienen). Das ist aber immer so, wende ich ein: Je größer die Kiste mit Inhalt, desto matter leuchten die Perlen. Und dieses Buch und die Geschichten werden mir bestimmt noch in ein paar Jahren im Gedächtnis bleiben, was bei einer übervollen Kiste mit fünfzehn Geschichten schwieriger wäre. Diese Geschichten benötigen Raum um zu leuchten und das hat der Golkonda Verlag begriffen und deswegen begrüße ich diese Vorgehensweise!

Lasst Euch diese Perlen nicht entgehen!

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

biographie, leben, bericht

Das ganze schrecklich schöne Leben

Konstantin Wecker
E-Buch Text: 352 Seiten
Erschienen bei Gütersloher Verlagshaus, 25.04.2017
ISBN 9783641196905
Genre: Biografien

Rezension:

Schon früh in meinem Leben habe ich zu Konstantin Wecker gefunden. Meine Pubertät ist von diesem einzigartigen Liedermacher geprägt. Genug ist nicht genug und Eine ganze Menge Leben haben mich in dieser Zeit begleitet und die Adoleszenz im Leiden noch veredelt. Unvergessen ist der Besuch eines Konzertes von ihm, bei dem er so lange Zugaben gab, bis keiner mehr nach einer verlangt hat. Selbst dann kam er noch kurz heraus um das Kurzgedicht Bumerang zu rezitieren. Er hatte eine gehörige Portion Wut und Kraft in seinem Konzert. Jeder im Saal hat ihm dies auch abgenommen. Konstantin war in der Zeit mein persönlicher Held.

40 Jahre und mindestens 20 Livekonzerte später muss ich sagen, dass in ihm immer noch eine ungebeugte Kraft steckt, auch wenn er bei dem letzten Konzert anlässlich seines 70.Geburtstages im Zirkus Krone in München etwas müde wirkte. Es war das dritte Konzert hintereinander, und er spielte mit Pause über dreieinhalb Stunden. Indes, seine politischen Statements kamen nicht mehr so schlagkräftig. Dazu ist zu sagen, wenn ich mit 70 solch ein Pensum wie Wecker hätte, wäre ich froh überhaupt einen solchen Abend zu überstehen. Nun habe ich seine Autobiographie/Biographie in der Hand (Mehr zu dem Doppelwort später) und bin erstaunt, wie gut diese gelungen ist.

Wecker hat Autobiographisches (nicht das meiste) dazu beigetragen, aber wichtig sind die zwei Wegbegleiter in seinem Leben, der Chronist Günter Bauch und der Analyst Roland Rottenfusser. Die Mischung aus den Dreien macht dieses Buch so interessant und gibt dem Leser einen umfassenden Überblick über den Menschen und das Leben des Konstantin Wecker.

Wichtig im Gesamtkonzept Weckers ist die Liebe. Nicht die Wut und die Revolution, was man eigentlich von einem linken engagierten Liedermacher erwarten könnte, nein, die Liebe ist sein Credo. Bedingungslose Liebe hat er als Kind durch seine Eltern erfahren und sie hat ihn zu dem Menschen gemacht, der er heute ist. Das Motto seines Vaters war, dass man die Menschen loben soll, nur so kann man sie motivieren, das Beste zu geben. „Ich bin nun mal ein Lober“, sagte er zu seinem Sohn, und der hat dies in seinem Leben beherzigt.

„Ach so viele sind so unglaublich schlau und haben Erziehungsmodelle und sprechen davon, wie man Kinder behandeln und bestrafen müsse – dabei muss man nur eines: sie bedingungslos lieben. Ohne Warum. So bedingungslos wie Gott uns liebt. Und auch wenn es keinen Gott geben sollte: Es ist ausschließlich diese bedingungslose Liebe, der wir unser Sein verdanken. Worte sind Symbole. Gott ist ein Symbol. Liebe ist ein Symbol. Und jetzt fragen Sie mich vielleicht: Ja, wofür denn? Für das Unbegreifliche, das wir immer in uns spüren, wenn wir einen kurzen Augenblick Zeit haben zwischen den Attacken unserer Gedanken.“

Wecker – ein Gläubiger? Der Mann, der jeden Tag einen neuen Papst haben wollte? Der schon früh sang: „Das sag ich euch, so möcht ich nicht begraben sein.“ Das muss nicht widersprüchlich sein. Wecker hat immer die Institutionen bekämpft, in denen die Menschen unmenschlich behandelt werden. Die Linken, die ihn instrumenatilisieren wollten, hatten sich deswegen früh von ihm abgewandt. Für ihn hieß es nicht, alles zerschlagen. Er wollte Liebe und Lust und das Uferlos.

„Nicht Gut und Böse hießen seine Pole, sondern lustfördernd und lusteinschränkend.“

Und was war das mit dem Kokain? Wieder einer, der sich vom Ruhm und vom Geld hat blenden lassen? Doch auch hier zeigt Wecker Größe und thematisiert seine Schwäche, seine persönlichen Abgründe. Und geht gestärkt daraus hervor.

„Wenn ich mich schuldig bekenne, dann wegen meines Missbrauchs an mir selbst und meinem Körper, aber nicht deswegen, weil ich etwas Verbotenes getan habe. Ich sah und sehe nicht ein, weshalb der Staat den Konsum willkürlich verbotener Drogen verfolgt und gleichzeitig heuchlerisch hoch angesehenen Verbrechern gestattet, mit Finanzspekulationen ganze Nationen zu vernichten und Millionen Menschen in Hungersnöte zu treiben.“

Wecker hat auch immer ein feines Näschen für die gesellschaftspolitischen Probleme seiner Zeit gehabt. Er ist nie stehen geblieben, er hat sich den aktuellen Themen gestellt und hat diese in seinen Liedern und Gedichten seinem Publikum näher gebracht.

„Wecker ist überhaupt ziemlich zeitgeistresistent, was ihm viele als verbohrtes ‚Alt-68ertum‘ auslegen, in Wahrheit aber auf eine überzeitliche Überzeugungstreue hinweist, die sich in Anbetracht der jüngsten Entwicklungen als nur allzu richtig und notwendig erwiesen hat.“

Konstantin Wecker ist einzigartig, was dieses Buch aus drei verschiedenen Perspektiven genauestens ausleuchtet. Seine Jugend, sein Absturz, seine Persönlichkeit. Die Abschnitte wiederholen sich gegen Ende, doch immer zeigt dieses Buch, was Wecker immer sein wollte: Einfach ein Mensch, mit allen Stärken und Fehlern. Einer von uns. Einer zum Anfassen und Lieben.

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191 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 9 Rezensionen

fantasy, elfen, blumenkrieg, feen, krieg

Der Blumenkrieg

Tad Williams , Hans-Ulrich Möhring
Flexibler Einband: 958 Seiten
Erschienen bei Heyne, 02.01.2008
ISBN 9783453532748
Genre: Fantasy

Rezension:  
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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

gesellschaftskritik, interessant, tourismus, spanien., kindheitserlebnis

Hotel Laguna

Alexander Gorkow
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 17.08.2017
ISBN 9783462051162
Genre: Biografien

Rezension:

Urlaub! Ein Zauberwort für alle hart Arbeitenden. Man nimmt sich Urlaub vom Alltag, von seiner Arbeitsstelle, vielleicht auch von seinem Partner oder einfach als Erholung von schweren durchlebten Situationen. Ein Termin, auf den man hinarbeitet und der so schön wie möglich sein soll. Unvergleichlich und unvergesslich. Dabei muss der Urlaub natürlich auch günstig sein. Billig, billig, gerade in Deutschland herrscht das Prinzip: „Geiz ist geil.“ Nicht Qualität ist gefragt, sondern soviel raffen wie es geht. Auch wenn man es zum Erholen gar nicht braucht. Wie steht man vor dem Nachbarn da, der dieselbe Reise 100 € günstiger bekam? Als jemand, der sich nicht richtig informiert oder geplant hat. Und das wollen wir Deutsche ja nicht. Denn bei uns geht es immer hoch organisiert her. Da können wir den Südländern mal zeigen wo der BIP hängt!

„Urlaube sind heute eine komplizierte Sache, die Leute informieren sich monatelang vorher im Netz, sie wägen Bewertungen gegeneinander ab und stellen Forderungen und verklagen den Veranstalter, weil morgens Pedro mit dem Traktor den Strand reinigt und sie dabei weckt. Es darf nichts schiefgehen.“

Vielleicht ist die Welt ja anders geworden, aber das Problem bei solchen Urlauben ist, dass sich bei all dem Wunsch nach dem perfekten Urlaub, die Menschen gar nicht mehr erholen können.

Wie war das bloß früher? Alexander Gorkow reist zurück in seine Kindheit und erzählt vom Aufwachsen in der Nähe des Düsseldorfer Flughafens. Bei jedem Gespräch im Garten muss eine Pause wegen der lauten Flugzeuge eingelegt werden, die regelmäßig über den kleinen Vorort fliegen. Seine ältere Schwester, die schon früh eine etwas anarchistische Haltung einnimmt. Sein Vater der stoisch dagegen hält und die Mutter die alles zusammenhält. Die Familie fährt in Urlaub nach Mallorca, nach Canyamel. Der Ort liegt versteckt im Nordosten der Insel, weit weg von den Bettenhochburgen und den Ballermanns. Sozusagen eine unberührte und naturbelassene Ecke. Das Hotel Laguna, welches diesem teils autobiographischen Roman seinen Namen gab, ist auch eine Familiensache. Nach über dreißig Jahren kehrt Alexander Gorkow nach Canyamel zurück, entdeckt auf der Insel, dass alles beim Alten geblieben ist und sich doch viel verändert hat.

Verändert hat sich die Art und Weise wie Urlaub gemacht wird. Gerade auf Mallorca trifft diese spießige deutsche Mentalität auf die gelassene Art der Mallorquiner. Mallorca ist das beliebteste Reiseziel der Deutschen, hat aber laut Umfragen mittelmäßige Bewertungen. Warum kommen trotzdem so viel Deutsche wie noch nie auf diese Insel?

„‚Wie passt das zusammen, Bernd?‘, fragte ich ihn am Ende unseres Spazierganges, ‚wieso immer dieses Elend über Mallorca in den deutschen Zeitungen und dann diese schöne Insel?‘ ‚Das passt nicht zusammen‘, sagte er und lächelte das milde, weise Lächeln des fast schon Eingeborenen. ‚Aber da kannst du nichts machen. Es gibt in Deutschland diese Mono-Brille auf Mallorca. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Es ist aber eher das Problem meiner alten Heimat. Den Mallorquinern ist das, wie so vieles egal.'“

Alexander zieht sich in Canyamel zurück, um diesen Roman zu schreiben. Er hat ein Sabbatical genommen und fristet im Hotel Laguna ein täglich gleiches Programm. Schwimmen, Frühstücken, Schreiben, Kanu fahren. Seine Beobachtungen der Urlauber sind witzig, teils kumulieren sie in zwar schönen, aber doch übertriebenen, ausufernden Ausschweifungen.

„Junge, schöne Eltern, ausgezehrt von Monaten der Schlaflosigkeit und der Nahrungsbeschaffung, wie Amseln die dreitausendmal pro Tag mit jeweils neuem Wurm im Schnabel zum Nest mit den Amseljungen hetzen. Sie sehen Werktätige, die sich und ihre von der Digitalisierung torpedierten Leben von daheim mitgebracht haben, immer noch bekümmert oder schon etwas erleichtert mit müden Füßen durch die Gischt spazierend. Sie sehen das, was fünfzig Berufsjahre und ein langes Familienleben ohne Personal, was Freude, Trauer, im Stau stehen, was böse Kollegen und abgefeimte Banken von diesen Werktätigen übrig gelassen haben: Menschen von endloser Würde und Weisheit mit der Patina eines erlebten, gefeierten, erlittenen Lebens, ja, mit der jeweiligen Patina von Leberschildkröten aus der Zeit Karls des Großen. Sie sehen, was man im Laguna sieht: uns. Die verdammte, grauenvolle, herrliche, hasserfüllte, liebesbedürftige, liebende Bevölkerung.“

Meist gelingen ihm aber kluge, böse und intelligente Beobachtungen, die er dann auch auf den Punkt bringt.

„Vor einem Zaun stehend, schaue ich auf eine Landschaft aus deutsch verspachtelten, jeweils identischen Doppelhaushälften. Dies alles war klar die Idee eines bösen Menschen: Ich lasse es besonders leblos und gewissenlos aussehen, dann kommen sie schon, die Deutschen.“

Besonders einfühlsam beschreibt er seine Familie, seine ersten Erfahrungen im Urlaub mit dem weiblichen Geschlecht, die Urlaube im Hotel Laguna, die Freundschaften, die er dort schließt und auch nach dreißig Jahren erinnern sich die Menschen an ihn. Es ist die andere Seite des Urlaubs, der herzliche, der menschliche Standpunkt.

Hotel Laguna ist eine wunderschöne Familiengeschichte und eine geistreiche Abrechnung mit dem Massentourismus. Alexander Gorkow schreibt einfühlsam, man ist mit seiner Familie sofort nach wenigen Seiten vertraut und wer schon mal auf Mallorca war, kennt diesen irritierenden Gegensatz von plattem Sauftourismus auf dem Ballermann und den wunderschönen Momenten, einsam auf dem Trumantana Gebirge mit einem Blick über die herrliche Insel. Beides wird der Urlauber nie vergessen. Insofern bringt es Alexander Gorkow dann doch auf den Punkt und schreibt eine etwas andere Familiengeschichte und ein aus der Reihe fallendes Reisebuch. Man sollte es sich nicht entgehen lassen.

Von Kiepenheuer & Witsch Verlag wunderschön als Halbleinen-Buch herausgebracht, so trotzt es jedem Strand und Sand und kann, im Hotel Laguna zurückgelegt, noch vielen Urlaubern Freude bereiten.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Schiffschwein Spekje

Rega Kerner
Flexibler Einband
Erschienen bei Isensee, Florian, GmbH, 19.12.2016
ISBN 9783730813249
Genre: Romane

Rezension:

Manche Menschen haben komische Hobbys. Manche Menschen haben komische Berufe. Doch ich sollte hier nicht den umgangssprachlichen Ausdruck benutzen. Komisch ist hier das Synonym für außergewöhnlich. Oft stehe ich in meiner Wahlheimat Bingen am Rhein und schaue den Schiffen zu, wie sie schnell den Rhein hinunter und langsam und quälend hochfahren. Ich male mir dann manchmal aus, wie denn so ein Leben auf einem Binnenschiff wäre. Nicht die Fähren oder Ausflugsschiffe, die haben ja einen festen Platz. Aber so ein Binnenschiffer der hat viele Plätze, kommt zwar rum, aber so etwas Heimatloses konnte ich mir für mich nicht vorstellen. Rega Kerner, die Autorin des vorliegenden Buches, konnte sich das sehr wohl vorstellen und wollte als Jugendliche auch unbedingt einen Ausbildungsplatz auf einem Binnenschiff. Das ist ein ganz normaler Ausbildungsberuf, hauptsächlich von Männern ergriffen. Und daran wäre sie auch fast gescheitert, denn das einzige WC im Vorschiff durfte eine Auszubildende nicht mit den Matrosen teilen.

Meine Tochter hatte dasselbe Problem, als sie Mechatronikerin werden wollte. Es gibt eben Gesetze, die eine gemischte Nutzung der sanitären Anlagen unter den Geschlechtern verbietet. Und da nicht jedes Binnenschiff die Toiletten trennt, weil eben fast nur Männer mitfahren, musste die junge Frau Kerner lange suchen, bis sie etwas fand. Nun geht es jetzt weniger um die Autorin, aber um ihr Haustier. Und jetzt kommt das nächste komische Ding um die Ecke. Sie hatte nämlich ein Hausschwein. Oder besser gesagt ein Schiffschwein. Und beides zusammen ergibt eine der rührigsten, witzigsten und außergewöhnlichsten Geschichten, die ich je gelesen habe.

Schweine sind ja nicht die Haustiere, die üblicherweise im Haus gehalten werden, geschweige denn auf einem Schiff. Zu weit weg ist doch deren natürlicher Lebensraum, die Erde, der Schlamm, die Natur. Doch auch Schweine können sich wie Katzen, Meerschweinchen oder Hamster an beengte Verhältnisse gewöhnen, auch an Wohnungen. Zuerst berichtet Rega Kerner wie sie zu dem Schwein kam. Dieses musste aus der drohenden Schlachtung gerettet werden. Denn die Autorin isst kein Fleisch, und so hat sie auch eine andere Sicht auf Tiere.

„Vielleicht sollten wir bei unseren Essgewohnheiten mehr auf die Instinkte der Kinder hören. Bitte einem Kleinkind einen frischen Apfel vom Baum und ein lebendes Kaninchen an. Welches davon wird es streicheln und von welchem wird es abbeißen?“

So ein kleines Schwein ist ja noch recht goldig, doch ausgewachsen werden Schweine recht groß, über 100 Kilogramm schwer und etwa zehn Jahre alt. Wenn man sie lässt. Meist werden sie nach circa sechs Monaten geschlachtet. Doch das sollte mit Spekje, eine verniedlichte holländische Version von ‚Speck‘, nicht passieren. Nachdem der Göttergatte überzeugt wurde, wird Spekje ein Platz im Schiff eingeräumt. Und jetzt beginnt ein langer Weg durch Baumärkte und Tierläden, bis ein bissfester Boden, eine adäquate Toilette (ja, Schweine sind sehr reinlich und haben einen festen Toilettenplatz!)  und für das intelligente Tier auch interessantes Spielzeug gefunden wird. Für eine Binnenschifferin, die nicht mal eben ins Auto steigen kann, eine sehr diffizile organisatorische Höchstleistung. Was tut man nicht alles für das Schwein. Doch irgendwie muss dem Schwein doch die Erde fehlen?! Aber Spekje will die dargebotene Erde nicht, es entwickelt sich ein (gedachter) Dialog zwischen Schwein und Mensch:

„Mit sauberem Maul brachte er mir, zur Entschuldigung, ein Stück Papier aus seiner Kiste: ‚Sorry, das ist ja echt lieb gemeint, ich hab’s auch probiert, aber ich mag nun mal lieber erdfreies Wühlmaterial. So wie dies hier. Bitte akzeptiere das.‘ Ich war noch nicht ganz zum Akzeptieren bereit. Er musste doch einsehen, dass Erde und Schweine zusammengehören. Wieder rührte ich lockend in der Wanne. Spekje sah gar nichts ein. Er wurde deutlich ungeduldig, schaute mir einen Moment tänzelnd zu, setzte seinen Rüssel unter den Rand der Wanne, hob sie halb hoch und ließ sie wieder runter plumpsen: ‚Mir reichts. Wenn du den Mist jetzt nicht aufräumst, kipp ich ihn weg.'“

Am Ende wird die Erde über Bord gekippt und der doch philosophische Gedanke geformt, dass wenn alle Beziehungsgespräche mit so viel gegenseitiger Begriffsbereitschaft abgelaufen, das Leben doch einfacher gewesen wäre. Der Leser spürt diese tiefe Verbundenheit, die sich zwischen Halter und Tier einstellt, auch das Schwein, welches dem Menschen physiologisch sehr nahe ist, kennt Reue, Scham, Freude und Wut. Nicht jeder Besucher des Binnenschiffes wird gleich begrüßt. Mit manchen wird geschmust, einige ignoriert und es gibt auch welche, die Spekje einfach nicht riechen kann. Mit Hunden kommt der bald ausgewachsene Eber gut zurecht, da es auch einen Schiffshund gibt, der erstaunlich entspannt auf den rosaroten Mitbewohner reagiert.

Witzig sind die diversen Hindernisse, die sich der Schweinehalterin in den Weg stellen. Das fängt am Boden an, den das Schwein durch die starken Hauer schnell durchdringt, bis zum richtigen Streu der Toilette, dem Spielzeug, welches länger als fünf Minuten den Zähnen standhalten muss, und geht bis hin zu den bürokratischen und versicherungsrechtlichen Hürden eines Hausschweines auf einem Binnenschiff. Denn da kapitulieren sämtliche Veterinärämter und Versicherungen. Das Zuhause bewegt sich nämlich durch Bundesländer und Staaten.

Viele Menschen sind nie mit einem Schwein in Kontakt gekommen und hier hinterließ Spekje bleibenden Eindruck. Rega Kerner nannte Spekje oft einen: „Missionar wider Willen.“ Denn das Schnitzel bekam plötzlich ein Gesicht. Doch letztendlich hat ein Haustier meist keine Chance gegen einen Nachkömmling der menschlichen Art. Und so musste Spekje einem kleinen Menschenbaby weichen. Sicherlich hat sein Flussleben bei allen Beteiligten einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Mir hat die frische und unverbrauchte aber doch sehr literarische und nachdenkliche Art des Buches sehr gefallen. Besonders ragt natürlich das unorthodoxe Thema heraus. So viel über die Besonderheiten eines Hausschweine habe ich noch nie gelesen. Von mir eine klare Leseempfehlung!

Dazu noch einige interessante Fakten: Es gibt ca. 969 Millionen Schweine auf der Erde, davon knapp 150 Millionen in der europäischen Union, wovon Deutschland mit 27 Millionen die meisten hat, knapp vor Spanien. Die Binnenschifffahrt steht hinter der Bahn und dem LKW an dritter Stelle des Transportaufkommens in Deutschland. Bei dem Verbrauch pro 100 Tonnenkilometer liegt sie knapp vor der Bahn mit 1,3 zu 1,7 Liter Diesel und weit vor dem LKW mit 4,1 Liter Diesel. (Quelle Wikipedia)

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science fiction, thriller, ian cormac

Cormacs Krieg

Neal Asher , Thomas Schichtel
Flexibler Einband: 619 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 07.05.2009
ISBN 9783404233335
Genre: Fantasy

Rezension:

In den letzten Jahren ist das Verhältnis der Medieninteressierten vom Fernsehen zum Internet und zu den Anbietern von Online Filmen und Serien gekippt. Gerade Serien werden regelrecht verschlungen und auch dementsprechend produziert. (Wobei sich der Rezensent von dieser Sucht auch nicht ganz freimachen kann – ja ich bin ein Serienjunkie). Warum geliebte Personen und Umgebungen denn schon nach knapp 90 Minuten verlassen, oder nach zwei Buchdeckeln? Gerade hat man sich in ihr Leben eingewöhnt, schon ist der Film, das Buch wieder vorbei.

Und so ist man immer wieder auf der Suche nach Neuem, am Besten in Serie. Im Buchbereich gibt es viele Serien. Die meisten sind auf drei Bücher begrenzt, manche länger, selten gibt es sogar Serien, die Seitenlinien haben. So wie diese Science-Fiction-Serie, die im Polisuniversum spielt, und wo es außer den fünf zusammenhängenden Büchern um den ECS (Earth Central Security) Agenten Ian Cormac (eine Art Zukunft-James-Bond) noch fünf zusätzliche abgeschlossene Bücher gibt, die im selben Universum spielen. Und der Autor arbeitet an weiteren!

Genau an so etwas musste ich als Science-Fiction Begeisterter ran, auch wenn der erste Band schon 16 Jahre alt ist. Nach dem ersten Band war ich nicht enttäuscht, aber auch nicht begeistert und habe zum Glück bis Band fünf durchgehalten, wobei schon der zweite eine deutliche Steigerung bot.

Ian Cormac ist schon ein riesiges selbstgefälliges Arschloch, wenn der Leser ihn anfangs kennenlernt, deswegen wird ihm von der obersten Künstlichen Intelligenz (KI) der Netzzugang gesperrt, damit er wieder einen menschlichen Bezug bekommt. Der erste Band schleudert den Leser ohne Umschweife in das Polisuniversum – so irgendwann 500-1000 Jahre später als jetzt. KIs beherrschen die Erde und die bewohnten Planeten. Die Raumschiffe werden von ihnen gesteuert und die Runcibles, die Tore zwischen den Welten, können sowieso nur noch von hochintelligenten KIs bedient werden. Die Menschheit hat viele Probleme gelöst, der Tod wurde weit hinausgezögert, Verletzungen werden schnell und problemlos behandelt, man kann seinen Körper aufrüsten. In allen fünf Büchern werden zu Beginn der Kapitel Begriffe, aus dem ‚Quittenhandbuch‘ oder aus ‚So wie es aussieht‘ einer Art Hitchhiker’s Guide durch das Polisuniversum, erklärt. Die Erklärungen geben natürlich nur einen kleinen Ausschnitt des Polisuniversums wieder, sind aber nicht nur informativ, sondern auch voller Witz.

Humor ist zum Glück auch ein Faktor dieses Universums. Inmitten dieses Technikbashings, das auf den Leser einstürmt, ist dies auch bitter nötig. Diese Serie ist nichts für Science Fiction Anfänger. So ein wenig muss man sich da auch auskennen, mit Gravoplatten, Wurmlöchern, künstlicher Intelligenz und – im ersten Band ganz ausgeprägt – Waffen. Ja es geht ziemlich blutig zu in Neal Ashers Universum, nichts für zartbesaitete Seelen.

Doch wer hier eine Art Warhammer Serie wittert, liegt komplett falsch. Asher baut mystische Elemente wie die Sagenfigur Horace Blegg, einen Überlebenden Hiroshimas, ein. Seine KI’s sind vollständige Charaktere. Mit Drache wird eine mystische aber auch unverständliche außerirdische Figur eingeführt. In jedem weiteren Buch findet Asher noch einen Tick, noch eine interessante Schleife mehr.

Der Höhepunkt der Serie ist (außer dem Ende) der dritte Band. Der Messingmann, Mr.Crane, ist ein gebrochener psychopathischer Golem der zwanziger Serie, der fast unbesiegbar scheint, aber mich an den Zauberlehrling erinnert. „Die ich rief, die Geister Werd‘ ich nun nicht los“.

Der Plot der Romane ändert sich mit jedem Band, auch Geschehnisse in mittelalterlichen Welten kommen vor. Ritter auf schildbewehrten schnellen Schweinen, außergewöhnliche Untiere, die selbst die Gebrüder Grimm Unholde locker in den Schatten stellen. Die Bücher sind angefüllt mit biologischen, technischen Begriffen und mythischen Gestalten und Geschichten. Einfach macht es Asher dem Leser nie. In jedem Buch gibt es meist fünf bis sieben Parallelhandlungen, die sich teils am Schluss jedes Bandes auflösen. In Skellor findet Cormac sein adäquates böses Gegenüber, die Myzelien-Dschaina-Struktur ist die Büchse der Pandora und Jahrmilliarden alte Artefakte von schon längst ausgestorbenen Zivilisationen hat es Mengen!

Den vierten und fünften Band muss man hintereinander lesen, hier zeigt sich auch eine kleine Schwäche des Autors. In beiden Bänden werden seine Beschreibungen ausufernd und breit, der Plot kommt kaum noch von der Stelle. Aber man muss da durch, zumal er ein paar Perlen des Humors verstreut, die einen doch wieder breit grinsend zurücklassen.

„Der Hammerkopf Bertha landete unweit der Stadt und öffnete den kompletten Rumpf zu einer Reihe von Rampen. Polistruppen, Gravotanks, Geschützplattformen und Automatikgeschütze auf Beinen schwärmten daraus hervor wie Termiten aus ihrem Bau. Die King of Hearts landete auf dem Bauch, im Schatten von etwas, was nach einer Stahlklippe aussah, was tatsächlich aber die Flanke eines gewaltigen Atmosphärenschiffs bildete, das im laufenden Krieg schon abgeschossen war. Cormac stieg die Rampe des Angriffsschiffs hinab, während Arach zu seiner Linken entlangklapperte, Smith ihn zur Rechten begleitete und Narbengesicht schon am Fuß der Schiffsflanke auf allen vieren lag und im aufgewühlten Schlamm herumschnüffelte. Am Himmel leuchteten Hartfelder wie Nordlicht auf; Laser bohrten sich durch Rauchschichten, und unidentifizierte Objekte explodierten in der Luft, sodass ihre Trümmer zur Erde herabregneten. Der Lärm war fürchterlich: teils Gewitter, teils Sprengung. Und die Rampe bebte in einem fort unter Cormacs Füßen. ‚Ich bin zu Hause!‘ rief Arach und huschte im Halbkreis hin und her, um sich das Gemetzel anzusehen. ‚Na na‘ mahnte Hubbert Smith, ‚Du weißt, dass der Boss solche Sprüche nicht mag.‘ Cormac fixierte den Golem lange mit seinen Augen, blickte dann die Rampe hinauf zur King of Hearts, dann hinüber zu Arach und schließlich zu Narbengesicht, der einen Erdklumpen zu inspizieren schien. Er fragte sich, warum er sich eigentlich diese Gesellschaft zumutete: ein Komödiantenduo aus verrückten KIs und einen drachengebürtigen Borderline-Psychopathen, alle an Bord eines Schiffs, dessen KI Menschen verabscheute.“

Und ein wenig Philosophie und Menschlichkeit bei den allwissenden KIs kann nicht schaden, denn wer hat denn diese Intelligenzen geschaffen? Eben!

„Erebus empfand auf einmal tiefe Traurigkeit. In einer unvermittelten Aufwallung von Wut über diese Schwäche beauftragte er Programme damit, diese Emotion aus seinem Bewusstsein zu löschen. Das nun eintretende Gefühl der Einsamkeit war jedoch schweriger zu beseitigen.“

Klar, ein wenig DMAX-Unterhaltung hat das Ganze manchmal, aber so ein wenig KRABUMM macht einfach Spaß. Und das ist aber auch ein intelligentes KRABUMM, das Asher da auf uns loslässt und literarisch bewegt er sich sowieso auf hohem Niveau.

Verstanden habe ich die Veröffentlichungstaktik von Bastei-Lübbe nicht ganz, die Bände 1-3 und 5 gibt es (leider nur gebraucht) in einer Neuauflage, den vierten Band (Das Tor der Zeit) nur in der alten Auflage, auch nur gebraucht. Aber es lohnt sich, zumal es noch fünf abgeschlossene Bände aus dem Polisuniversum als Parallelgeschichten existieren. Da reibt sich der SF-Freund die Hände, und euch möchte ich die Serie ans Herz legen.

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Robert Charles Wilson , Friedrich Mader
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Heyne, 13.06.2017
ISBN 9783453316577
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single bei Parship. In Facebook werden Freunde und Likes gesammelt. Man trifft sich im Verein um gemeinsame Interessen zu teilen, der Mensch ist nicht gerne alleine, der Mensch ist ein Herdentier. Am liebsten ist er unter seinesgleichen. Die Weißen wollen unter Weißen sein, die Grünen am liebsten mit anderen Grünen über Natur und Ökologie diskutieren, der Städter beäugt misstrauisch das Landei, der Europäer den Amerikaner und der Amerikaner fühlt sich sowieso als einziger verantwortlich für die Welt. Fachmännisch lässt sich mit Liebhabern der Materie am liebsten und besten diskutieren, Neulinge werden nur schwerlich aufgenommen, sie müssen schon die Aufnahmekriterien erfüllen.

Parship hütet natürlich eifersüchtig seine Algorithmen, mit denen sie eine Übereinkunft zwischen zwei Menschen ermitteln, es steckt ja schließlich viel Geld dahinter. Geld, das viele Menschen ausgeben, denen der langsame menschliche Kontakt und jahrelanges Kennenlernen zu mühsam sind. Die Milch kann ich ja auch gleich um die Ecke beim Supermarkt kaufen, wieso dann nicht den Partner?

Robert Charles Wilson, bekannt aus der prämierten Spin-Trilogie, hat sich die vernetzte Welt zum Anlass genommen, eine fiktive, vernetzte Welt aus zweiundzwanzig Affinitäten zu erschaffen.

Adam Fisk studiert Grafikdesign, finanziert durch seine Großmutter. Für seinen Vater, der eine Bauhandelskette aufgebaut hat, ist er wegen der Wahl seines Studienfaches kein richtiger Mann. Aus der unglücklichen Patchwork-Familie und dem miefigen Landleben möchte Adam entfliehen, findet aber in Toronto, seinem Studienort, keinen richtigen Anschluss. So meldet er sich spontan bei dem neuen Persönlichkeitstest der Firma InterAlia an. Die Hälfte der Teilnehmer werden sogenannten Zweigen zugordnet, Affinitäten mit Namen des griechischen Alphabets.

„Angenommen, Sie werden einem Zweig zugeordnet, dann begeben Sie sich in Gesellschaft von Menschen, die polykompatibel sind. Manche Klienten sind der irrigen Meinung, dass sie in einem Zweig auf Menschen treffen, die genauso wie sie sind. Das ist nicht richtig. Als Gruppe wird ihr Zweig in physischer, ethnischer, sozialer und psychischer Hinsicht voraussichtlich, eine hohe Vielfalt aufweisen. Unsere Bewertungen blicken weit über Rasse, Geschlecht, sexuelle Neigung, Alter und nationale Herkunft hinaus. In einer Affinitätsgruppe geht es nicht um den Ausschluss von Unterschieden. Es geht um Kompatibilitäten, die tiefer reichen als eine oberflächliche Ähnlichkeit. Unter Menschen der eigenen Affinität ist es statistisch wahrscheinlicher, dass man anderen vertraut, dass man auf Vertrauen stößt, dass man Freunde oder Partner findet und dass man ganz allgemein erfolgreiche soziale Beziehungen knüpft.“

Nachdem seine Großmutter stirbt, sieht sich Adam gezwungen, sein Studium aufzugeben. Er kündigt seine Wohnung und exmatrikuliert sich. Als er das Ergebnis des Tests erfährt – er ist dem Zweig Tau zugeordnet – begibt er sich, erst zögerlich, zu einem Treffen dieses Zweiges. Doch er erfährt, wie zwanglos er sich mit allen Mitgliedern dieses Zweiges versteht. Es existiert eine Art intuitiver Verbindung zwischen allen Personen. Diese helfen ihm nicht nur finanziell über die Runden, er lernt dort auch seine große Liebe kennen und bekommt sofort einen attraktiven Job.

Anfangs verläuft es friedlich zwischen den Affinitäten, doch bald möchten sich die beiden Großen (Heth und Tau) von der Firma InterAlia und den monatlichen Zahlungen befreien und Adam merkt, dass er zwar innerhalb der Gruppe absoluten Schutz genießt, doch die allgemeinen Probleme der Menschheit, die im Verlaufe des Buches immer weiter eskalieren, werden nicht besser gelöst und den Affinitäten Außenstehende werden zu Außenseitern. Es hat sich eine neue Form der Elite gebildet.

„Die Tatsache, dass es sich nur in einer Affinität abspielt. Dass eine Mauer drumherum ist. Nichts gegen Meir Klein – er hat genau begriffen, dass es keine Einheitsutopie gibt. Man kann hundert Leute zusammenbringen, damit sie ein besseres, erfüllteres, freieres, glückliches, kooperatives Leben führen. Aber das funktioniert bloß mit den richtigen hundert Leuten, nicht mit hundert beliebigen Leuten von der Straße. Und wenn man dann weiß, was man messen und wie man die Zahlen auswerten muss, voilà: die zweiundzwanzig Affinitäten. Zweiundzwanzig Gärten mit zweiundzwanzig Mauern drumherum. Für alle, die reinkommen, ist es bestimmt nett da drin, keine Frage. Aber was heißt das für die vielen Leute, die nicht dabei sind?“

Robert Wilson hat die Form der Netzwerke aufgegriffen, um die soziale Komponente erweitert  und einen interessanten und spannenden Science Fiction Roman geschrieben. Dabei hat er eine ruhige unspektakuläre, aber sehr literarische Art zu schreiben und zu erzählen, seine Vergleiche und Charaktere sind genau, sehr differenziert und auf den Punkt getroffen. Wie in Spin überbrückt er geschickt die Jahre und bleibt somit in einem interessanten Erzählfluss. Er webt im Hintergrund die noch kommenden Katastrophen der Menschheit, wie Klimakatastrophen, Hunger, Aufstände und einen drohenden Atomkrieg zwischen Pakistan und Indien geschickt in die Geschichte ein und vermittelt eine dringende Aktualität. Ein bemerkenswerter Pageturner, der nicht nur für Freunde der Science Fiction sehr empfehlenswert ist, sondern sich auch an das normale Publikum richtet.

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BÓNUS

Andri Snær Magnason , Tina Flecken , Andri Snær Magnason
Flexibler Einband: 95 Seiten
Erschienen bei orange-press, 05.10.2011
ISBN 9783936086584
Genre: Sonstiges

Rezension:

Eine liebe Freundin kam letztens zu mir und überreichte mir mit den Worten: „Du magst doch Island“ ein knallbuntgelbes Büchlein, welches mit einem pinkfarbenem Sparschwein aufwartete, das aussieht, als hätte es was aufs Auge bekommen. „Hm, Ja. Ich mag Island.“ Und ja, ich mag Bücher und am liebsten die Anderen, die Ausgefallenen, die auf den Grabbeltischen herumliegen und nie eine Heimat finden. So wie dieses, das jetzt in meinem Regal und in meinem Herzen eine Heimat gefunden hat. Was natürlich auch ein wenig an der schenkenden Person liegt.

Wäre ich schon mal in Island gewesen, wäre mir das pinke Schwein auf gelbem Hintergrund bestimmt vertraut gewesen. So ging ich etwas kritisch an den Inhalt heran. ‚2 in 1‘ prangte außen an dem Buch. Aha, die Gedichte (auch noch Supermarktgedichte) sind auf der einen Seite Isländisch auf der anderen in Deutsch. Trotz meiner schon genannten, zugegeben etwas verwaschenen und mystifizierten Liebe zu Island, kann ich die Sprache nicht, finde aber das kleine Land irgendwie sympathisch und die Produkte die es hervorbringt einfach – toll. Und was verbindet den zivilisierten Menschen nicht untereinander am ehesten, als den Supermarkt. Da war jeder schon mal. Und da geht es ab, sag ich Euch. Jedenfalls wenn man diesem kleinen lyrischen Wegweiser folgt. Wie kommt jemand dazu Supermarktgedichte zu schreiben. Nun, der Autor streifte eines Tages hungrig durch den genannten Bonus-Supermarkt und vermisste dort trotz aller Botschaften und Buchstaben, die Geschichten. Lyrik gibt es überall in Island über fast alles, nur nicht über den Supermarkt. Und genau diese Lücke ging der junge Dichter zu schließen. Beim Einkaufen fiel ihm noch auf, dass der Markt wie Dantes Göttliche Komödie aufgeteilt war. Anfangs, in der Obstabteilung ist das Paradies, weiter hinten bei den Fleischwaren lauert die Hölle und bei den Putzmitteln ist das Fegefeuer. Gedichte mussten her, um dies zu beschreiben! Gedichte, klar und deutlich für jedermann, die den Kapitalrealismus beschreiben. Supermarktgedichte eben.

Und los geht es im Paradies, in der Obstabteilung, wo wir bei Adam und Eva anfangen:

Pink Lady ®
In der Obstabteilung
Kommt Eva in Versuchung
in einen saftigen Apfel zu beißen
heute im Sonderangebot
nichts ahnend
vom allsehenden Auge
der Überwachungskamera

Andri Snær Magnason hat eine sinnliche, sehr lyrische Art, das alltägliche Treiben zu beobachten. Er verbindet geschickt unsere Zivilisationsumgebungen mit den mythischen althergebrachten Zeichen und erschafft dadurch etwas, das dem Leser bekannt vorkommt. Etwas altes, warmes, aber auch hintergründig, aufregendes, hinter dem aber immer noch das Unbekanntes lauert.

Coca-Cola
Er streifte das Mädchen
das die Cola in die Regale räumte
sich ihrer Schönheit bewusst
er sah wie sich ihr Haar verfing
und er spürte ihre junge Brust
Can’beat the feeling

Nie wird es einfach nur profan, die Lyrik atmet eine unbändige Lust und Sicht auf Emotionen und die Themen des Supermarktes werden lyrisch gebündelt. Die ganze Welt, alles kann hier passieren:

Paar 1
Bananen, wir brauchen Bananen, harte und feste
Bananen, flüsterte sie und betastete das Bündel
und er stöhnte; auch Melonen, wir brauchen
Melonen und Erdbeeren und haarige Kiwis, sagte
sie und streichelte die pelzigen Kugeln, wir können
die Erdbeeren anbeißen und den Saft auflecken, sagte
er, ich will weißen Joghurt über die Erdbeeren gießen,
sagte sie mit zitternder Stimme, oder Sahne, dicke
Sahne auf die Melonen spritzen und auf die Bananen
und die Erdbeeren.

Das ist nicht nur billige 9 1/2 Wochen Erotik, das knistert förmlich in den Gängen des Obst- und Gemüsebereiches. So führt uns Magnason durch die höllische Fleischabteilung und das Putzfegefeuer. Und so manches Mal klingt doch ein wenig Kapitalismuskritik in den Zeilen:

Schlemmerfilet
Er hat einen Bart
der Mann, der gerade
ein neues Fischgericht
vorstellt
und 1000 Portionen aus nur
5 Fischen serviert

Doch im Supermarkt geht es natürlich pragmatisch zu, man will schließlich etwas für sein Geld haben und da schaut man doch (gerade im überteuerten Island) sehr auf die Krone:

Das Tier
Das Tier
war sicher bösartig
als es noch Hörner hatte
Schwanz und Klauen
und es wäre höllisch gut
es blutig rot
aufs Grillfeuer zu legen
zumal das Kilo nur 666 Kronen kostet

Überrascht haben mich die Gedichte im isländischen Original. Der Klang der Worte hat einen gewissen Erkennungswert zu den romanischen Sprachen. Der Klang von Worten wie Ulfur (Wolf) oder Tengdamommu (Schwiegermutter), bei glottir (grinsen) konnte ich mir ein diesbezügliches nicht verkneifen. So geht leider das viel zu kurze Büchlein (was aber in der Neuauflage 33% mehr Inhalt hat, deswegen auch der Titel) zur Neige, wie auch der Supermarktaufenthalt an der Kasse abgeschlossen wird. Noch eben schnell in den Auslagen, Heften, Zeitungen blättern:

The naked Chef
Die Kochbücher sollten im selben
Regal stehen wie die Pornohefte
Die Leute blättern und sabbern
machen aber nie was davon in echt

Aber jetzt bezahlen und raus:

Und sieh! Wenn Peter oder die engelgleiche Gudrun
sämtliche Verlockungen am Scanner vorbeigezogen
und auf der goldenen Karte gespeichert hat
öffnet sich das gelbe Tor und man läuft mit vollen
Tüten hinaus ins Ungewisse und wirft einen Blick
zurück auf das selige Antlitz und das entrückte
Lächeln, das sagt: Hab einen schönen Tag

Oder wie man in Island sagt: Eigðu goðan dag

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204 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 50 Rezensionen

blake crouch, thriller, science fiction, roman, zeitenläufer

Dark Matter. Der Zeitenläufer

Blake Crouch , Klaus Berr
Flexibler Einband: 408 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 27.03.2017
ISBN 9783442205127
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Vorab, in der Zeit wird hier überhaupt nicht gelaufen. Wer bei diesem schönen schwarzen Buch (Ist echt ein Hingucker und Anfasser wert) auf ein Zeitreise-Buch hofft, wird enttäuscht werden, denn um Zeit geht es hier überhaupt nicht. Vergleichbar ist das Buch eher mit diesem hier, nur viel besser.

„Was wäre wenn?“, „Hätte ich doch nur!“ – wie oft sagen wir das, wenn wir eine falsche Entscheidung getroffen haben! Die Frage, was wäre passiert, wenn ich mich so und nicht so entschieden hätte, drängt sich oft auf. Doch was ist falsch, was ist richtig? Entscheidungen, die uns anfangs falsch erscheinen, können auf längere Sicht doch die richtige Wahl gewesen sein. Man schaue nur Filme wie z.B. Butterfly Effect oder Zurück in die Zukunft, in der eine Entscheidung die ganze Welt veränderte und jede nachträgliche Änderung alles nur noch verschlimmbesserte. Was ein Glück, können wir unsere Entscheidungen nicht rückgängig machen, auch wenn so manche Gräueltaten der Weltgeschichte vielleicht nicht passiert wären, wenn … Lassen wir das Thema – oder besser widmen wir uns dem Buch, welches dieses Was-wäre-wenn-Szenario aufgreift.

Dark Matter = Dunkle Materie, ist Materie, deren Existenz einzig dadurch erklärt wird, dass sich die Umlaufgeschwindigkeit der Sterne nicht so verhält, wie sie sich nach dem Gravitationsgesetz verhalten sollte. Nachgewiesen wurde die Existenz der dunklen Materie bis jetzt noch nicht. Aber wenn ich dem Wikipedia –Eintrag Glauben schenken kann, sind wir von mehr dunkler Materie umgeben, als von sichtbarer. Etwas, das sich gut in einem Science-Fiction-Roman ausschlachten lässt, da bei diesem Thema viel Handlungsspielraum ist.

Jason Dessen ist glücklich. Er hat die Frau seiner Träume. Beide haben ihre eigene Karriere aufgrund der Geburt und der ersten schwierigen Jahre ihres Sohnes aufgegeben. Sie war eine aufstrebende Künstlerin, er ein genialer Physiker. Bei der Feier eines Kollegen von ihm, wird er auf dem Nachhauseweg entführt und niedergeschlagen. Er erwacht in einer veränderten Welt, in der er keine Familie hat, keinen Sohn, aber dafür einen Kubus und eine Droge gefunden hat, die es ermöglicht, zwischen den Welten zu reisen. Er ist ein geachteter weltberühmter Physiker, doch insgeheim sehnt er sich nach seiner alten Welt zurück.

„Niemand sagt einem, dass sich alles ändern, einem alles genommen wird. Es gibt keine Warnung, keinen Hinweis darauf, dass man bereits am Abgrund steht. Und vielleicht ist es das, was eine Tragödie so tragisch macht. Es geht dabei, nicht nur um das, was passiert, sondern wie es passiert. Es ist dieser Schlag in die Magengrube, wenn man es am wenigsten erwartete. Keine Zeit, um auszuweichen oder sich wegzuducken.“

Nun beginnt ein spannendes, rasantes, richtig zackiges Buch. Zackig, weil sich der Stil des Buches der Schnelligkeit des Inhaltes anpasst. Teilweise stehen einzelne Wörter im Stakkato untereinander und betonen die Unruhe die den Helden erfasst. Er denkt an das, was er verlor. Und je länger die Zeit läuft, desto verzweifelter wird er. Ab und an sind ein paar ärgerliche Klischees eingebaut, wie der Mann mit dem Hut, der beim Blick aus dem Hotel auf dem Bürgersteig steht und ihn anscheinend beobachtet. Das wirkt dann wie in einem drittklassigen Spionagefilm, als hätte Blake Crouch ein paar Thriller-Puzzle-Stücke eingesetzt.

Doch ansonsten besticht das Buch durch seine verständliche Darstellung des Schrödingers-Katze Experiments und die immer wieder eingeflochtenen philosophischen Betrachtungen Jasons.

Nichts ist da.
Alles ist ein Traum.
Gott, die Menschen, die Welt, die Sonne,
der Mond, das Gewirr der Sterne
…ein Traum … alles ein Traum.
Sie sind nicht vorhanden.
Nichts ist vorhanden
Nur der leere Raum – und du!…
Und du bist nicht du – du hast keinen Körper,
kein Blut und keine Knochen.
Du bist nur ein Gedanke

Mark Twain

Klar wird es am Ende noch romantisch und enthält einen Schuss Hollywood-Kitsch:

„Ich entsinne mich auch noch deiner Lippen, die an einigen Stellen dunkelrot vom Wein waren. Vom Verstand her habe ich immer gewusst, dass unser aller Getrenntsein und unser aller Isolation reine Illusion ist. Wir alle sind aus derselben Materie, sind alle hervorgegangen aus den herausgeschleuderten Partikeln sterbender Sterne. Aber noch hatte ich dieses Wissen nicht wirklich in meinem tiefen Innern gespürt – zumindest nicht bis zu diesem Moment im Garten mit dir. Und wegen dir.“

Hach! Schmacht!

Die Filmrechte sind schon verkauft. Wenn der Film dann rauskommt, besorge ich mir eine große Packung Popcorn und lasse mich bereitwillig berieseln. Ein unterhaltsamer, spannender und gut gemachter Science-Fiction-Thriller.

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5 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Tito

Jože Pirjevec , Klaus Detlef Olof
Fester Einband: 600 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 25.05.2016
ISBN 9783956140976
Genre: Biografien

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

science fiction, space opera, zeitreise, thriller, ian cormac

Das Tor der Zeit

Neal Asher
Flexibler Einband: 588 Seiten
Erschienen bei Lübbe, 10.04.2007
ISBN 9783404233083
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Der vierte Band von Neals Asher fünfbändigen Zyklus um Ian Cormac beginnt wie der Klappentext ausführt mit einer Zeitreise. Doch dieses ist nur der Epilog und spielt im weiteren Verlauf des Buches keine Rolle mehr. Da fragt man sich immer was diese klappentexterei soll.

Wie in den Bänden vorher baut Asher eine merhschichtige, komplexe Handlung auf, die sich am Ende teilweise auflöst (es gibt ja noch einen fünften Band) und die man ohne die drei vorherigen Bücher nicht gut  versteht. Ausgebaut werden die Szenen um die abtrünningen KIs, die Herkunft Horace Blegg und natürlich Ian Cormac. Dazwischen liebt es Asher, sich in detailreichen Actionszenen auszutoben.  Der Leser wird fast erschlagen von den technischen Beschrebungen der Kämpfe. Dazwischen lauert aber zum Glück immer noch der Asher-typische Humor und der ist trocken und manchmal recht zynisch.

Geblieben sind auch die wunderschönen Einleitungssequenzen des Quittenhandbuches, oder "Wie es aussieht' in denen auf bestimmte Themen näher erläuternd eingegangen wird. Eines der vorherrschenden Themen ist, inwieweit der Mensch noch menschlich ist und ob er nicht eine Erfindung der allmächtigen KIs ist, die auch Erinnerungen aus und in die Menschen kopieren oder löschen können. Die Sinnesfrage wird anders gestellt und das Element noch stärker betont, da wegen des KI-Krieges auch mehr auf deren Charaktere eingegangen wird.

Leider fehlt in diesem Band, die schön schräge Figur des Mr.Crane (der Messingmann aus den beiden vorherigen Büchern) und natürlich der Bösewicht Skellor.

Ashers Universum wird immer interessanter und komplexer je mehr der Leser in diesem Zyklus vorstößt. Für wirkliche SF-Junkies ist dies aber ein herrlicher Genuß, den man sonst nur bei neueren Space Operas wie Hamilton oder Richard Morgan findet.


 

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Depeche Mode : Monument

Dennis Burmeister , Sascha Lange
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 17.05.2017
ISBN 9783351050405
Genre: Biografien

Rezension:

Mein erster Kontakt mit Depeche Mode war in der Zeit, als sie ihr Album Construction Time again veröffentlichten. 1983 hörte ich schon lange keine Chartmusik mehr – zu poppig und klebrig war mir die Musik. Die Musik der 60er-Jahre und 70er-Jahre warteten auf Entdeckung, und da gab es viel für mich nachzuholen. Eine Mitschülerin kam in das damalige Café meiner Wahl und hatte diese Platte mit einem Hammer schwingenden Schmied hinter einer Bergkulisse dabei, und ich fragte sie, wegen des Covers neugierig geworden, wer denn Depeche Mode sei. ‚Das ist nichts für Dich‘ meinte sie kurz angebunden und betrachtete den langhaarigen Hippie, der sie da angesprochen hatte.

Nun, das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen, und so hörte ich interessehalber beim nächsten Plattenladen in die Scheibe hinein. Ehrlich? Nichts für mein damaliges Ich, zu elektronisch (keine Gitarren, nur ein Drum-Computer) viel Baustellen-Krach dazwischen, Melodien verzuckert, das war mir zu weit von dem entfernt, was ich damals hörte. Und so ordnete ich die Band unter modische elektronische Chartmusik ein, denn in den Charts waren sie in Deutschland gelandet.

Erst später, als Violator 1990 auf den Markt kam, habe ich Depeche Mode hören und schätzen gelernt. Auch wenn ich ihre Alben erst seit Some Great Award so richtig mag. Nun habe ich dieses Buch, etwas prahlerisch mit Monument betitelt, in der Hand (oder in beiden Händen, für eine ist es doch zu schwer) und lese die, von Fans verfasste, reich bebilderte Biographie der Band.

Der Werdegang von Depeche Mode ist eng verknüpft mit Daniel Miller und Mute Records. Mute Records wurde von Daniel Miller 1978 in der Punkzeit in London gegründet. Punk war zwar sehr hip zu der Zeit, doch das nächste große Ding sollte elektronische Musik werden. Die Jugendlichen Vince Clark, Andrew Fletcher, Martin Gore und Dave Gahan gründeten die Band Depeche Mode (benannt nach einem französischen Modemagazin) in einer Londoner Vorstadt, Basildon. Entdeckt wurden sie bei einem Konzert als Vorgruppe von Fat Gadget 1980 von Daniel Miller. Mit dieser Band begann auch Mute Records seinen kommerziellen und erfolgreichen Aufstieg. Insofern war das Zusammentreffen für beide Parteien sehr befruchtend. Die Band behielt ihre kreative Eigenständigkeit, Mute Records gewann einen hochkarätigen Act, wie sich im Laufe der Jahre herausstellte.

„Auf der anderen Seite behalten die Bands die Kontrolle über ihr kreatives Schaffen. Und das ermöglicht etwas, das nicht nur für ein Indielabel unbezahlbar ist: Authentizität. Nicht Zielgruppen und Verkaufszahlen bestimmen das Programm, sondern die Musik. Das klingt unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten vielleicht naiv, aber nicht nur im Falle von Mute Records funktioniert es.“

Daniel Miller wurde so etwas wie der Ziehvater der Anfang 20-jährigen und begleitete die Band durch Höhen und Tiefen. Das Buch führt den Leser durch die verschiedenen Phasen: erste Erfolge, hauptsächlich in Westdeutschland, der Ausstieg ihres Songschreibers Vince Clark (der mit Alison Moyet Yazoo gründete) und die schwierige zweite Platte, die sehr erfolgreiche und innovative Zusammenarbeit mit Video- und Fotokünstlern. Depeche Mode haben sich in ihrer Bandgeschichte immer wieder neu erfunden und sind seit über 35 Jahren erfolgreich. Von Anfang an war nicht der kommerzielle Erfolg im Blick, sondern ein subkultureller Anspruch jenseits des Mainstreams. Mute Records und Depeche Mode waren im Grunde Independent, Mute Records war kein Major-Label und arbeitete eng mit Rough Trade zusammen.

Ermüdend wirkt die Aufzählung der Veröffentlichungen von Depeche Mode im Buch. Die Single-Auskoppelungen wurden seit Mitte der 80er-Jahre mit Remixen versehen, und vor dem Leser verschwimmen die verschiedenen Colour Discs, seltenen Auflagen von Remixen, versehen mit Katalognummer, Vor- und Rückseite mit Farbbild, Kassetten-Bootlegs und und und. Für Sammler sicherlich eine unentbehrliche Information, für den normalen Musikfan verzichtbar. Zwar wird auch der Chronologie bis zum heutigen Album Genüge getan und auch auf manche Stimmungen in der Band eingegangen, doch so richtig Inside DM gehen die beiden Autoren nicht. Richtig gut wird es, wenn Weggefährten der Band interviewt werden. So ergibt sich doch ein halbwegs rundes Bild einer sympathischen Band, die immer einen engen Kontakt zu ihrer treuen Fan-Basis haben. Gerade in Deutschland, in der Depeche Mode am erfolgreichsten ist, haben nur noch die Beatles mehr Top-Ten-Platzierungen (28) in den deutschen Singlecharts erreicht, als Depeche Mode (26).

Ein Buch für Fans von Depeche Mode und solche, die es werden wollen und gerade über die Anfangszeit noch etwas nachlesen möchten. Auch heute noch, nachdem sich bei den Veröffentlichungen langsam ein Vier-Jahres-Rhythmus eingependelt hat, bleibt sich die Band in jeder Hinsicht treu. Bodenständig und sich immer wieder musikalisch verändernd.

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frankreich, adel, lästerei, dünkel, zugehörigkeit

Schöne Verhältnisse

Edward St Aubyn , Ingo Herzke
Flexibler Einband: 187 Seiten
Erschienen bei btb Verlag (TB), 01.09.2008
ISBN 9783442737918
Genre: Romane

Rezension:

Romane um die 200 Seiten bezeichne ich meistens als 'Haps' für zwischendurch. Meist sind sie schnell nach ein, zwei Tagen ausgelesen und viele verblassen schon nach ein paar Tagen.
Das liegt auch ein wenig an der Länge, da man sich zeitlich weniger mit den Büchern beschäftigt. Das hier vorliegende Buch ist so ein Happen zwischendurch, aber ein Happen der manchmal quer im Halse stecken bleibt.

Man trifft sich bei der Familie Melrose in Lacoste, dort wo auch Marquis de Sade sein Unwesen trieb, so treibt heute wohl die Upper-Class ihre perfiden Spielchen. Der Vater ertränkt lustvoll Ameisen mit dem Gartenschlauch, die Zigarre wird auch des öfteren bei Überlebenden Insekten verwendet. Die Mutter ertränkt sich selbst im Alkohol und lässt sich von ihrem Mann niederhalten, der Sohn ist schon mit seinen fünf Jahren hochneurotisch und von der Lebensweise seiner Eltern irritiert.Wen wundert es, dass sich die Ehefrau beim Heimkommen Wunschträumen hingibt.

"Eleanor war hocherfreut über Davids Abwesenheit, als sie in den Eingangsflur traten. Vielleicht war er in der Badewanne ertrunken. Aber das wäre wohl zu viel verlangt."

Bei der Ankunft zweier Paare die übers Wochenende bleiben, spürt man deren zynischen Umgang miteinander.

"Wenn sie dann immer noch nicht erschien, würde er 'Frühstück' rufen. Anne hatte ihn erst gestern deshalb geneckt und gesagt: 'Ach Liebling, das wäre doch nicht nötig gewesen.' 'Was?' 'Frühstück zu machen.' 'Habe ich auch nicht.' #Ach so, ich dachte, wenn du Frühstück rufst, meinst du, dass es fertig ist.' 'Nein, ich meine, dass ich aufs Frühstück warte.'"

Irgendwie will jeder flüchten, doch kann es aus unverständlichen Gründen nicht, es gibt ein Klebemittel was alle zusammenhält, bis über die Grenzen des Grundstückes hinaus. Denn der Tod würde das sichere Ende und Vergessen bedeuten.

"'Die Toten sind tot', fuhr er fort, 'und die Wahrheit ist doch, dass man die Menschen vergisst, wenn sie nicht mehr zum Abendessen kommen. Es gibt natürlich Ausnahmen - nämlich die Menschen, die man schon während des Abendessens vergisst."

Ein herrlich sarkastisches, lakonische, bitterböses Buch, was leider viel zu schnell vorbei ist und mich die Frag beschlichen hat: Was wollte uns der Autor nur sagen? Gibt es hier eine Message?
Dazu ist es dann doch viel zu dünn das Büchelchen, aber Spaß hats gemacht.

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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die Medusa-Chroniken

Stephen Baxter , Alastair Reynolds , Peter Robert
Flexibler Einband: 592 Seiten
Erschienen bei Heyne, 11.10.2016
ISBN 9783453317840
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Arthur C. Clarke gilt neben Isaac Asimov und Robert A. Heinlein als einer der Big Three der Science-Fiction-Autoren. Diese drei haben unbestreitbar das Genre maßgeblich beeinflusst und waren Visionäre des eher wissenschaftlichen Zweiges der Science Fiction. Persönlich hat mich von den dreien eher Isaac Asimov angesprochen, da bei ihm die menschliche Seite noch am stärksten vertreten ist. Heinlein ist mir zu militaristisch, bei Clarke dominiert die nüchterne Beschreibung der wissenschaftlichen Seite sehr.

Allen drei ist gemein, dass ihre Bücher für das breite Publikum sehr gut lesbar sind und auch komplizierte physikalische Sachverhalte gut erklären können, ohne dass für den Leser ein Doktortitel in Physik notwendig ist. Gerade Clarke hat einige wichtige Werke geschrieben, sein wichtigstes, 2001 – Odyssee im Weltraum, entstand in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Stanley Kubrick nach dem Drehbuch, nicht wie meist andersherum. Gerade die opulenten Bilder und die etwas schwierig zu verstehende Schlusssequenz sind mir noch im Kopf. Doch wie das Unfassbare, gottähnliche Wesen oder höhere Dimensionen in Worte fassen?

Stephen Baxter und Alistair Reynolds, beide aktuelle und renommierte SF-Schriftsteller und auch mehr der wissenschaftlichen Seite zugewandt, haben im vorliegenden Band den Versuch unternommen, die 1972 mit dem Nebula Award ausgezeichnete Novelle „A Meeting with Medusa“ als Roman weiterzuführen und im Geiste von Arthur C. Clarke zu schreiben. Das ist ihnen sehr gut gelungen.

A Meeting with Medusa beschreibt in wenigen Kapiteln den Werdegang von Howard Falcon. Als Kapitän eines großen Luftschiffes eingesetzt, kommt er bei einem Unfall desselben fast ums Leben. Die Ärzte können ihn auf Kosten seiner körperlichen Menschlichkeit retten. Mit Ersatzteilen ausgestattet, zum Beispiel  Ballonreifen anstelle von Beinen, ähnelt er mehr einem Cyborg als einem Menschen. (vergleichbar mit dem SF-Film RoboCop) In den kurzen Kapiteln der Novelle verliert er immer mehr den Bezug zu den Menschen und lässt sich auf eine Jupitermission ein, bei der er fremdartiges Leben in der Atmosphäre des Jupiters entdeckt. Diese Novelle ist als Anhang an den Roman in diesem Buch abgedruckt.

Stephen Baxter und Alistair Reynolds setzen am Ende dieser Geschichte auf und spinnen diese im Geiste von Arthur C. Clarke bis ins Jahr 2850, wo sie ein 2001-Odyssee artiges Ende inszenieren. Das verbindende Element in diesen über 800 Jahren ist – Howard Falcon. Durch lebensverlängernde Maßnahmen bleibt er der Charakter, der die Jahrhunderte als Beobachter und Mediator erlebt. Als halb künstliches, halb menschliches Geschöpf sieht er beide Seiten. Denn natürlich entwickeln sich die Maschinen in diesen 800 Jahren von bloßen Erfüllungsobjekten zu eigenständig denkenden Wesen.

„Falcon, der weniger dazu neigte, eine Kluft zwischen biologischem und künstlichem Bewusstsein zu sehen, hatte eine simple Diagnose. Er hatte ähnliche Reaktionen bei den Menschen erlebt, die er durch die Welt der Medusen geführt hatte. Selbst der alte Geoff Webster hatte sie in gewissem Maße gezeigt – an seinen guten Tagen. Ehrfurcht. Das war es, was Orpheus empfand. Ehrfurcht.“

Orpheus war eine Maschine auf dem Weg zum Jupiterkern und sendete am Ende seiner Reise einige unverständliche Berichte, bevor ihn der atmosphärische Druck zerbrach.

Howard Falcon hält zwar das Buch als überlebende Person zusammen, aber bei über 800 Jahren kann nicht auf jedes Detail eingegangen werden. Politische und wirtschaftliche Entwicklungen werden in knappen Zusammenfassungen aufgearbeitet, Howard selbst behält trotz manchmal jahrzehntelanger selbstgewählter Einsamkeit seinen menschlichen Verstand. Auch Howard ist, wie bei Clarkes Zeiten und Raum umspannenden Büchern, ein Charakter, auf den nicht besonders tief eingegangen wird. Er wirkt eher wie ein zeitloser Soldat, den man bei Bedarf aus dem Tiefschlaf holen kann.

Am Ende läuten dann, ganz Clarke-typisch, die Gottes-Glocken und die Streicher setzen zu einem glorreichen metaphysischen Ende ein. Alles Pathos will ich haben und das bitteschön sofort. Baxter und Reynolds haben einen typischen Clarke-SF geschrieben, der dem alten Meister zur Ehre gereicht. Mir persönlich hat dies gut gefallen, und ich war überrascht, wie adäquat die beiden Schriftsteller die Stärken – aber auch die Schwächen Clarkes – in ein neues Buch einweben konnten. Neu erfunden wird das Genre durch dieses Buch sicherlich nicht. Durch die digitale Revolution hat sich in der Denkweise und der Art des Schreibens gerade in der SF einiges geändert. Doch ist er wissenschaftlich fundiert und kann mit einigen netten Ideen aufwarten. Als Kind hätte ich das Buch sicherlich geliebt. Vielleicht findet es ja einige jugendlichen Fans. Auf jeden Fall ein Leseereignis für Freunde des Genres.

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81 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 33 Rezensionen

teufel, humor, london, ehe, dichter

Der Gentleman

Forrest Leo , Cornelius Reiber
Fester Einband: 296 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 11.04.2017
ISBN 9783351036737
Genre: Romane

Rezension:

Adelige haben, das wissen wir spätestens seit Ernst August von Hannover (der auch liebevoll Pipiprinz, oder besser der „Sid Vicious der Aristokratie“ genannt wird), einen an der Schüssel. Daran kann auch das ansonsten untadelige Benehmen von Queen Elizabeth nicht hinwegtäuschen. Menschen denen, aufgrund ihrer Geburt, Rechte eingeräumt werden, über andere zu herrschen, gehören auf den Müllhaufen der Geschichte. Doch insgeheim bewegen uns die skurrilen Gestalten und das alte viktorianische Zeitalter im Herzen. Vielleicht, weil in einer Monarchie die Rollen klar verteilt sind, einer herrscht, alle anderen gehorchen – und Demokratie ist halt doch anstrengender und man muss auch noch selber aktiv werden.

Solche anachronistischen Gestalten haben die schönsten und absonderlichsten Eigenschaften. Adlige sind aber auch ’nur‘ Menschen mit ihren gleichen Problemen, wie wir ’normal‘ Geborenen. Nur werden auf der adligen Seite andere Lösungen gesucht und auch das Umfeld bietet Alternativen die uns Normalos gar nicht einfallen würde. Auf die satirische adelige Spitze getrieben, hat es Forrest Leo mit seinem köstlichen Debüt Gentleman.

Adlige haben meistens Geld. Wenn sie das nicht mehr haben, dann haben sie zum Beispiel eine Möglichkeit, durch Heirat Geld zu bekommen. Lionel Savage ist der unsympathische, selbstverliebte Gentleman, die Hauptfigur des Romanes. Ein Dichter, der die Blüte seiner dichterischen Kunst mit sechszehn Jahren erreicht hat. Seitdem passierte nicht mehr viel Essentielles, an diesem Ruhm hält er fest. Durch seine ausschweifende Lebensart musste er heiraten – und seitdem ist ihm die Muse komplett verloren gegangen. Als seine Schwester ihn besucht, reagiert sie entsetzt auf die Tatsache, dass ihr Bruder verheiratet ist:

„Ich bin verheiratet, Lizzie, weil uns das Geld ausging und ich mich deshalb, um weiter unsere Kleidung bezahlen und unser Haus führen und deine SCHULKOSTEN zahlen zu können, an eine reiche Frau verkauft habe, und jetzt kann ich nicht mehr schreiben und weiß nicht, auf welche Art ich mir das Leben nehmen soll, ohne den Hinterbliebenen fürchterliche Umstände zu machen, und – MEIN GOTT, DU HATTEST EINE LIEBELEI?“

Bei einer Party verschwindet seine Frau. Der Versuch jetzt endlich dichterisch Fahrt aufzunehmen, scheitert kläglich. Nach und nach erkennt er, dass er seine Frau vermisst und liebt.

„Ich warb um eine Göttin und heiratete nur eine Frau. Man hört, dass das häufig passiert, und ich möchte hier kurz innehalten, um mit aller Deutlichkeit zu betonen, dass ich die Ehe für die furchtbarste Institution von allen halte. Wenn wir doch ewig umeinander werben könnten!“

Doch sie bleibt verschwunden. Der Teufel hat seine Finger im Spiel gehabt. Da muss man in der Hölle suchen. Mit dem aufgetauchten Bruder seiner Frau, ein Abenteurer wie er im Buche steht, dem herrlich britischen Butler (der hier der eigentliche Gentleman ist) und seiner Schwester, die ein Auge auf den Abenteurer geworfen hat, machen sie sich auf die herrlich chaotische Suche.

„Wir suchen alle Bücher zusammen, die Wissen über die Hölle, den Teufel, übernatürliche Entführungen und verschwundene Ehefrauen enthalten könnten. Wir legen sie auf drei Stapel und durchsuchen sie, bis wir etwas gefunden haben. Ich bin verliebt und habe die beste Privatbibliothek Großbritanniens. Ich habe noch nicht erlebt, dass die Liebe oder die Bücher versagt hätten, und wüsste nicht, warum sie das jetzt sollten. Kommen Sie, Lancaster, holen wir ihre Sachen.“

Der US-Amerikaner Forrest Leo, erst 27 Jahre alt, hat ein wunderbares Debüt geschrieben. Der Ursprungstext war ein Bühnenstück, das der Autor in ein flottes, hauptsächlich durch die Dialoge getragenes Buch transkribiert hat. Der Gentleman ist witzig, intelligent und hat ein paar nette Gimmicks. Das Buch wird nämlich vom Autor mit Fußnoten begleitet à la Jonathan Strouts Bartimäus. Der Autor ist ein weitläufiger Verwandte von Lionel Savage und ihm nicht unbedingt zugetan. Diesen Spagat aus dem Theaterstück und dem erzählenden Text hat Forrest Leo wunderbar bewältigt und herausgekommen ist eine lustige, rasante Komödie. Ein Buch, das richtig Spaß macht.

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proulx, wuli top 20, online texte, nouvelle france, schicksal

Aus hartem Holz

Annie Proulx , Melanie Walz , Andrea Stumpf
Fester Einband: 768 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 27.03.2017
ISBN 9783630872490
Genre: Romane

Rezension:

Als die ersten Siedler nach Nordamerika kamen, erwarteten sie weite unbewohnte Landgebiete und riesige Wälder. So weit das Auge blicken konnte. Und viel weiter wurde auch in diesen Jahrhunderten nicht gedacht. Dass das Grundelement Holz einmal knapp werden sollte, das war angesichts dieser Pracht nicht vorstellbar. Doch der Mensch ist gerade in der Ausnutzung und Verknappung von unendlichen Ressourcen sehr beständig und betriebsam. Und so fing das große Abholzen an, denn Holz war der Grundbaustein von Möbeln, Schiffen und Häusern. Und Holz wurde dringend gebraucht, denn die alte Welt war erschöpft.

Aus hartem Holz ist der erste Roman der Pulitzerpreisträgerin Annie Proulx nach zehn Jahren. Und es ist ihr ein Buch wie ein Baum gelungen. Schon der Einband des dicken, opulenten, fast neunhundert Seiten starken Bandes strahlt eine besinnliche Ruhe aus. Ein Haus an einem See, dahinter ein Wald, Mensch und Wald in Harmonie vereint. Doch die Harmonie trügt. Ein Buch über drei Jahrhunderte, mit knorrigen, kauzigen Gestalten, die ihr Leben an die Bäume gaben und glaubten das Beste zu tun, wenn sie die Bäume ihnen untertan machten; sie abholzten und verarbeiteten.

 

„Monsieur Trépagny erging sich inzwischen in einem langen Sermon über die Notwendigkeit und die Pflicht, die Bäume zu roden, das Land nicht für einen selbst, sondern auch für die Nachkommen fruchtbar zu machen, für das, was an diesem Ort entstehen sollte.’Eines Tages‘, sagte Monsieur Trépagny und deutete in das Dämmerlicht, ‚eines Tages wird man hier Kohl pflanzen. Ein Mann zu sein heißt, den Wald abzuholzen. Die Bäume sehe ich nicht‘, sagte er, ‚ich sehe die Kohlköpfe. Ich sehe die Weinberge.'“

Die ersten Siedler und Holzfäller fallen 1693 nach Nouvelle France (heutiges Kanada) ein. Die Wälder werden rücksichtslos gerodet, das Land den Indianern weggenommen. Für die Indianer sind die Bäume Personen. Sie wollen sie nicht abholzen, sie wollen mit ihnen leben, keine Gärten anlegen, keine Ordnung schaffen, nicht sesshaft werden. Von den Siedlern werden die Indianer deswegen als faul bezeichnet. Den Wald zu beschneiden und zu kultivieren ist ein gottgegebenes Recht, welches der Weiße ausübt. Gleichzeitig erhält er natürlich auch das gerodete Land, um es zu bewohnen und ein Haus für seine Familie und Unterkunft für seine Tiere zu bauen.

Von den Nachkommen der ersten Holzfäller, am Beispiel von Charles Duquet ausgehend, schildert Annie Proulx die weiteren Rodungen des Waldes in Amerika und Kanada. Schnell werden Holzmühlen gebaut, noch unentdeckte riesige Waldflächen im Westen befriedet, kartographiert und abgeholzt. Die Indianer werden zurückgedrängt, die Gier und Rücksichtslosigkeit der Weißen lässt ihnen nur wenig Fläche zum Leben übrig. Das Leben als Holzfäller ist hart, schnell kommt der Tod bei der Nutzung der anfangs noch unzureichenden Werkzeuge, oder beim gefährlichen Driften, transportieren der Baumstämme im Fluss, über die Männer. Annie Proulx Figuren sind selber wie Bäume:

„Marchand schien sein Leben als Esche begonnen zu haben, borkig, zerkratzt und bis auf die zähen Fibern zusammengeschnitzt. Seine Augen unter den Schlupflidern glitzerten. Seinen Hals umschloss störrisches rotes Haar, das von seiner Brust hinaufschäumte.“

Doch kaum hat man sich an einen Charakter gewöhnt, so stirbt dieser, oft hetzt die Autorin in kurzen Worten über die Leben der Einzelnen. Erst im 19.Jahrhundert wird die Geschichte des Duquet-Clans griffiger und damit auch der Lesefluss besser. Der Roman wechselt die Kontinente, auch in Australien und Neuseeland gibt es riesige Wälder:

„Sie plünderten die Küstenwälder, dann zogen sie mit ihren Lagern zum nächsten vielversprechenden Abschnitt und ließen schwelende Baumstümpfe und mannshohe Abfallberge zurück. Zunächst mussten die Warzeneiben daran glauben, dann ein Kauribaum nach dem anderen. An manchen Orten konnte man tagelang über liegengebliebene Holzreste laufen, die den Boden wie ein Teppich bedeckten. Dann wurde alles in Brand gesetzt, der schnellste Weg, sich des Waldes, des Gebüschs, der Schlingpflanzen, Vögel, Insekten, Früchte, Fledermäuse, Aufsitzerpflanzen, Zweige, Farne und Streu zu entledigen.“

Erst spät erkennt der Mensch, was er angerichtet hat. Der Begriff Aufforstung erzeugt anfangs, angesichts der Mengen an Wald, noch ungläubiges Kopfschütteln, doch später wird dies erfolgreich praktiziert.

„Piet sah auf seine neue Taschenuhr; noch eine halbe Stunde Wartezeit. Eine halbe Stunde, um aus dem Nordfenster zu schauen. Einst hatten endlose Wälder den Horizont gefüllt. Nun gab es Dutzende Straßen, und der Wald war ein ferner Schatten.“

Doch die Aufforstung kann nicht wiederherstellen, was der Mensch zerstört hat. Denn Wald bedeutet mehr als nur ein Baum neben dem anderen.

„Ich bin überzeugt, dass die einzig wahren Wälder ursprüngliche, naturbelassene Waldgegenden sind. Die ganze Atmosphäre – die Luft, die Wurzelgeflechte, die bescheidenen Farne und Moose, Insekten und Krankheiten, der Boden und das Wasser; das Wetter. All diese Dinge scheinen in einer Art großem, urtümlichen Orchester zusammenzuspielen. Ein Wald, der um seiner selbst willen lebt und nicht zum Nutzen der Menschen.“

Der Mensch hat nicht nur den Wald zerstört, sondern auch Jahrhunderte gewachsene Biotope, die Tiere, Heilpflanzen und eine gereinigte Umwelt hervorbrachten, die heute einfach fehlen.

Annie Proulx hat ein üppiges Buch über die Geschichte des Waldes geschrieben. Manches Mal hat mich diese bloße Aufzählung der Personen und Wälder an Teile der Bibel erinnert. Eine Geschichte des Waldes. Auch wenn die Aussage von Annie Proulx sehr klar herüberkommt, ist es doch sehr anstrengend, ihr bis zum Schluss zu folgen. Wenn man bis zum Kern des Buches vordringen will, muss man die harte Schale des Buches durchdringen und viel Standfestigkeit beweisen. Für mich persönlich, blieb jedenfalls ein nachhaltiger Eindruck des Buches und ich habe mich gerne durch die neunhundert Seiten ‚gewälzt‘. 

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