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Schiffschwein Spekje

Rega Kerner
Flexibler Einband
Erschienen bei Isensee, Florian, GmbH, 19.12.2016
ISBN 9783730813249
Genre: Romane

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science fiction, thriller, ian cormac

Cormacs Krieg

Neal Asher , Thomas Schichtel
Flexibler Einband: 619 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 07.05.2009
ISBN 9783404233335
Genre: Fantasy

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Robert Charles Wilson , Friedrich Mader
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Heyne, 13.06.2017
ISBN 9783453316577
Genre: Science-Fiction

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BÓNUS

Andri Snær Magnason , Tina Flecken , Andri Snær Magnason
Flexibler Einband: 95 Seiten
Erschienen bei orange-press, 05.10.2011
ISBN 9783936086584
Genre: Sonstiges

Rezension:

Eine liebe Freundin kam letztens zu mir und überreichte mir mit den Worten: „Du magst doch Island“ ein knallbuntgelbes Büchlein, welches mit einem pinkfarbenem Sparschwein aufwartete, das aussieht, als hätte es was aufs Auge bekommen. „Hm, Ja. Ich mag Island.“ Und ja, ich mag Bücher und am liebsten die Anderen, die Ausgefallenen, die auf den Grabbeltischen herumliegen und nie eine Heimat finden. So wie dieses, das jetzt in meinem Regal und in meinem Herzen eine Heimat gefunden hat. Was natürlich auch ein wenig an der schenkenden Person liegt.

Wäre ich schon mal in Island gewesen, wäre mir das pinke Schwein auf gelbem Hintergrund bestimmt vertraut gewesen. So ging ich etwas kritisch an den Inhalt heran. ‚2 in 1‘ prangte außen an dem Buch. Aha, die Gedichte (auch noch Supermarktgedichte) sind auf der einen Seite Isländisch auf der anderen in Deutsch. Trotz meiner schon genannten, zugegeben etwas verwaschenen und mystifizierten Liebe zu Island, kann ich die Sprache nicht, finde aber das kleine Land irgendwie sympathisch und die Produkte die es hervorbringt einfach – toll. Und was verbindet den zivilisierten Menschen nicht untereinander am ehesten, als den Supermarkt. Da war jeder schon mal. Und da geht es ab, sag ich Euch. Jedenfalls wenn man diesem kleinen lyrischen Wegweiser folgt. Wie kommt jemand dazu Supermarktgedichte zu schreiben. Nun, der Autor streifte eines Tages hungrig durch den genannten Bonus-Supermarkt und vermisste dort trotz aller Botschaften und Buchstaben, die Geschichten. Lyrik gibt es überall in Island über fast alles, nur nicht über den Supermarkt. Und genau diese Lücke ging der junge Dichter zu schließen. Beim Einkaufen fiel ihm noch auf, dass der Markt wie Dantes Göttliche Komödie aufgeteilt war. Anfangs, in der Obstabteilung ist das Paradies, weiter hinten bei den Fleischwaren lauert die Hölle und bei den Putzmitteln ist das Fegefeuer. Gedichte mussten her, um dies zu beschreiben! Gedichte, klar und deutlich für jedermann, die den Kapitalrealismus beschreiben. Supermarktgedichte eben.

Und los geht es im Paradies, in der Obstabteilung, wo wir bei Adam und Eva anfangen:

Pink Lady ®
In der Obstabteilung
Kommt Eva in Versuchung
in einen saftigen Apfel zu beißen
heute im Sonderangebot
nichts ahnend
vom allsehenden Auge
der Überwachungskamera

Andri Snær Magnason hat eine sinnliche, sehr lyrische Art, das alltägliche Treiben zu beobachten. Er verbindet geschickt unsere Zivilisationsumgebungen mit den mythischen althergebrachten Zeichen und erschafft dadurch etwas, das dem Leser bekannt vorkommt. Etwas altes, warmes, aber auch hintergründig, aufregendes, hinter dem aber immer noch das Unbekanntes lauert.

Coca-Cola
Er streifte das Mädchen
das die Cola in die Regale räumte
sich ihrer Schönheit bewusst
er sah wie sich ihr Haar verfing
und er spürte ihre junge Brust
Can’beat the feeling

Nie wird es einfach nur profan, die Lyrik atmet eine unbändige Lust und Sicht auf Emotionen und die Themen des Supermarktes werden lyrisch gebündelt. Die ganze Welt, alles kann hier passieren:

Paar 1
Bananen, wir brauchen Bananen, harte und feste
Bananen, flüsterte sie und betastete das Bündel
und er stöhnte; auch Melonen, wir brauchen
Melonen und Erdbeeren und haarige Kiwis, sagte
sie und streichelte die pelzigen Kugeln, wir können
die Erdbeeren anbeißen und den Saft auflecken, sagte
er, ich will weißen Joghurt über die Erdbeeren gießen,
sagte sie mit zitternder Stimme, oder Sahne, dicke
Sahne auf die Melonen spritzen und auf die Bananen
und die Erdbeeren.

Das ist nicht nur billige 9 1/2 Wochen Erotik, das knistert förmlich in den Gängen des Obst- und Gemüsebereiches. So führt uns Magnason durch die höllische Fleischabteilung und das Putzfegefeuer. Und so manches Mal klingt doch ein wenig Kapitalismuskritik in den Zeilen:

Schlemmerfilet
Er hat einen Bart
der Mann, der gerade
ein neues Fischgericht
vorstellt
und 1000 Portionen aus nur
5 Fischen serviert

Doch im Supermarkt geht es natürlich pragmatisch zu, man will schließlich etwas für sein Geld haben und da schaut man doch (gerade im überteuerten Island) sehr auf die Krone:

Das Tier
Das Tier
war sicher bösartig
als es noch Hörner hatte
Schwanz und Klauen
und es wäre höllisch gut
es blutig rot
aufs Grillfeuer zu legen
zumal das Kilo nur 666 Kronen kostet

Überrascht haben mich die Gedichte im isländischen Original. Der Klang der Worte hat einen gewissen Erkennungswert zu den romanischen Sprachen. Der Klang von Worten wie Ulfur (Wolf) oder Tengdamommu (Schwiegermutter), bei glottir (grinsen) konnte ich mir ein diesbezügliches nicht verkneifen. So geht leider das viel zu kurze Büchlein (was aber in der Neuauflage 33% mehr Inhalt hat, deswegen auch der Titel) zur Neige, wie auch der Supermarktaufenthalt an der Kasse abgeschlossen wird. Noch eben schnell in den Auslagen, Heften, Zeitungen blättern:

The naked Chef
Die Kochbücher sollten im selben
Regal stehen wie die Pornohefte
Die Leute blättern und sabbern
machen aber nie was davon in echt

Aber jetzt bezahlen und raus:

Und sieh! Wenn Peter oder die engelgleiche Gudrun
sämtliche Verlockungen am Scanner vorbeigezogen
und auf der goldenen Karte gespeichert hat
öffnet sich das gelbe Tor und man läuft mit vollen
Tüten hinaus ins Ungewisse und wirft einen Blick
zurück auf das selige Antlitz und das entrückte
Lächeln, das sagt: Hab einen schönen Tag

Oder wie man in Island sagt: Eigðu goðan dag

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blake crouch, thriller, science fiction, roman, zeitenläufer

Dark Matter. Der Zeitenläufer

Blake Crouch , Klaus Berr
Flexibler Einband: 408 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 27.03.2017
ISBN 9783442205127
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Vorab, in der Zeit wird hier überhaupt nicht gelaufen. Wer bei diesem schönen schwarzen Buch (Ist echt ein Hingucker und Anfasser wert) auf ein Zeitreise-Buch hofft, wird enttäuscht werden, denn um Zeit geht es hier überhaupt nicht. Vergleichbar ist das Buch eher mit diesem hier, nur viel besser.

„Was wäre wenn?“, „Hätte ich doch nur!“ – wie oft sagen wir das, wenn wir eine falsche Entscheidung getroffen haben! Die Frage, was wäre passiert, wenn ich mich so und nicht so entschieden hätte, drängt sich oft auf. Doch was ist falsch, was ist richtig? Entscheidungen, die uns anfangs falsch erscheinen, können auf längere Sicht doch die richtige Wahl gewesen sein. Man schaue nur Filme wie z.B. Butterfly Effect oder Zurück in die Zukunft, in der eine Entscheidung die ganze Welt veränderte und jede nachträgliche Änderung alles nur noch verschlimmbesserte. Was ein Glück, können wir unsere Entscheidungen nicht rückgängig machen, auch wenn so manche Gräueltaten der Weltgeschichte vielleicht nicht passiert wären, wenn … Lassen wir das Thema – oder besser widmen wir uns dem Buch, welches dieses Was-wäre-wenn-Szenario aufgreift.

Dark Matter = Dunkle Materie, ist Materie, deren Existenz einzig dadurch erklärt wird, dass sich die Umlaufgeschwindigkeit der Sterne nicht so verhält, wie sie sich nach dem Gravitationsgesetz verhalten sollte. Nachgewiesen wurde die Existenz der dunklen Materie bis jetzt noch nicht. Aber wenn ich dem Wikipedia –Eintrag Glauben schenken kann, sind wir von mehr dunkler Materie umgeben, als von sichtbarer. Etwas, das sich gut in einem Science-Fiction-Roman ausschlachten lässt, da bei diesem Thema viel Handlungsspielraum ist.

Jason Dessen ist glücklich. Er hat die Frau seiner Träume. Beide haben ihre eigene Karriere aufgrund der Geburt und der ersten schwierigen Jahre ihres Sohnes aufgegeben. Sie war eine aufstrebende Künstlerin, er ein genialer Physiker. Bei der Feier eines Kollegen von ihm, wird er auf dem Nachhauseweg entführt und niedergeschlagen. Er erwacht in einer veränderten Welt, in der er keine Familie hat, keinen Sohn, aber dafür einen Kubus und eine Droge gefunden hat, die es ermöglicht, zwischen den Welten zu reisen. Er ist ein geachteter weltberühmter Physiker, doch insgeheim sehnt er sich nach seiner alten Welt zurück.

„Niemand sagt einem, dass sich alles ändern, einem alles genommen wird. Es gibt keine Warnung, keinen Hinweis darauf, dass man bereits am Abgrund steht. Und vielleicht ist es das, was eine Tragödie so tragisch macht. Es geht dabei, nicht nur um das, was passiert, sondern wie es passiert. Es ist dieser Schlag in die Magengrube, wenn man es am wenigsten erwartete. Keine Zeit, um auszuweichen oder sich wegzuducken.“

Nun beginnt ein spannendes, rasantes, richtig zackiges Buch. Zackig, weil sich der Stil des Buches der Schnelligkeit des Inhaltes anpasst. Teilweise stehen einzelne Wörter im Stakkato untereinander und betonen die Unruhe die den Helden erfasst. Er denkt an das, was er verlor. Und je länger die Zeit läuft, desto verzweifelter wird er. Ab und an sind ein paar ärgerliche Klischees eingebaut, wie der Mann mit dem Hut, der beim Blick aus dem Hotel auf dem Bürgersteig steht und ihn anscheinend beobachtet. Das wirkt dann wie in einem drittklassigen Spionagefilm, als hätte Blake Crouch ein paar Thriller-Puzzle-Stücke eingesetzt.

Doch ansonsten besticht das Buch durch seine verständliche Darstellung des Schrödingers-Katze Experiments und die immer wieder eingeflochtenen philosophischen Betrachtungen Jasons.

Nichts ist da.
Alles ist ein Traum.
Gott, die Menschen, die Welt, die Sonne,
der Mond, das Gewirr der Sterne
…ein Traum … alles ein Traum.
Sie sind nicht vorhanden.
Nichts ist vorhanden
Nur der leere Raum – und du!…
Und du bist nicht du – du hast keinen Körper,
kein Blut und keine Knochen.
Du bist nur ein Gedanke

Mark Twain

Klar wird es am Ende noch romantisch und enthält einen Schuss Hollywood-Kitsch:

„Ich entsinne mich auch noch deiner Lippen, die an einigen Stellen dunkelrot vom Wein waren. Vom Verstand her habe ich immer gewusst, dass unser aller Getrenntsein und unser aller Isolation reine Illusion ist. Wir alle sind aus derselben Materie, sind alle hervorgegangen aus den herausgeschleuderten Partikeln sterbender Sterne. Aber noch hatte ich dieses Wissen nicht wirklich in meinem tiefen Innern gespürt – zumindest nicht bis zu diesem Moment im Garten mit dir. Und wegen dir.“

Hach! Schmacht!

Die Filmrechte sind schon verkauft. Wenn der Film dann rauskommt, besorge ich mir eine große Packung Popcorn und lasse mich bereitwillig berieseln. Ein unterhaltsamer, spannender und gut gemachter Science-Fiction-Thriller.

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Tito

Jože Pirjevec , Klaus Detlef Olof
Fester Einband: 600 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 25.05.2016
ISBN 9783956140976
Genre: Biografien

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science fiction, space opera, zeitreise, thriller, ian cormac

Das Tor der Zeit

Neal Asher
Flexibler Einband: 588 Seiten
Erschienen bei Lübbe, 10.04.2007
ISBN 9783404233083
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Der vierte Band von Neals Asher fünfbändigen Zyklus um Ian Cormac beginnt wie der Klappentext ausführt mit einer Zeitreise. Doch dieses ist nur der Epilog und spielt im weiteren Verlauf des Buches keine Rolle mehr. Da fragt man sich immer was diese klappentexterei soll.

Wie in den Bänden vorher baut Asher eine merhschichtige, komplexe Handlung auf, die sich am Ende teilweise auflöst (es gibt ja noch einen fünften Band) und die man ohne die drei vorherigen Bücher nicht gut  versteht. Ausgebaut werden die Szenen um die abtrünningen KIs, die Herkunft Horace Blegg und natürlich Ian Cormac. Dazwischen liebt es Asher, sich in detailreichen Actionszenen auszutoben.  Der Leser wird fast erschlagen von den technischen Beschrebungen der Kämpfe. Dazwischen lauert aber zum Glück immer noch der Asher-typische Humor und der ist trocken und manchmal recht zynisch.

Geblieben sind auch die wunderschönen Einleitungssequenzen des Quittenhandbuches, oder "Wie es aussieht' in denen auf bestimmte Themen näher erläuternd eingegangen wird. Eines der vorherrschenden Themen ist, inwieweit der Mensch noch menschlich ist und ob er nicht eine Erfindung der allmächtigen KIs ist, die auch Erinnerungen aus und in die Menschen kopieren oder löschen können. Die Sinnesfrage wird anders gestellt und das Element noch stärker betont, da wegen des KI-Krieges auch mehr auf deren Charaktere eingegangen wird.

Leider fehlt in diesem Band, die schön schräge Figur des Mr.Crane (der Messingmann aus den beiden vorherigen Büchern) und natürlich der Bösewicht Skellor.

Ashers Universum wird immer interessanter und komplexer je mehr der Leser in diesem Zyklus vorstößt. Für wirkliche SF-Junkies ist dies aber ein herrlicher Genuß, den man sonst nur bei neueren Space Operas wie Hamilton oder Richard Morgan findet.


 

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Depeche Mode : Monument

Dennis Burmeister , Sascha Lange
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 17.05.2017
ISBN 9783351050405
Genre: Biografien

Rezension:

Mein erster Kontakt mit Depeche Mode war in der Zeit, als sie ihr Album Construction Time again veröffentlichten. 1983 hörte ich schon lange keine Chartmusik mehr – zu poppig und klebrig war mir die Musik. Die Musik der 60er-Jahre und 70er-Jahre warteten auf Entdeckung, und da gab es viel für mich nachzuholen. Eine Mitschülerin kam in das damalige Café meiner Wahl und hatte diese Platte mit einem Hammer schwingenden Schmied hinter einer Bergkulisse dabei, und ich fragte sie, wegen des Covers neugierig geworden, wer denn Depeche Mode sei. ‚Das ist nichts für Dich‘ meinte sie kurz angebunden und betrachtete den langhaarigen Hippie, der sie da angesprochen hatte.

Nun, das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen, und so hörte ich interessehalber beim nächsten Plattenladen in die Scheibe hinein. Ehrlich? Nichts für mein damaliges Ich, zu elektronisch (keine Gitarren, nur ein Drum-Computer) viel Baustellen-Krach dazwischen, Melodien verzuckert, das war mir zu weit von dem entfernt, was ich damals hörte. Und so ordnete ich die Band unter modische elektronische Chartmusik ein, denn in den Charts waren sie in Deutschland gelandet.

Erst später, als Violator 1990 auf den Markt kam, habe ich Depeche Mode hören und schätzen gelernt. Auch wenn ich ihre Alben erst seit Some Great Award so richtig mag. Nun habe ich dieses Buch, etwas prahlerisch mit Monument betitelt, in der Hand (oder in beiden Händen, für eine ist es doch zu schwer) und lese die, von Fans verfasste, reich bebilderte Biographie der Band.

Der Werdegang von Depeche Mode ist eng verknüpft mit Daniel Miller und Mute Records. Mute Records wurde von Daniel Miller 1978 in der Punkzeit in London gegründet. Punk war zwar sehr hip zu der Zeit, doch das nächste große Ding sollte elektronische Musik werden. Die Jugendlichen Vince Clark, Andrew Fletcher, Martin Gore und Dave Gahan gründeten die Band Depeche Mode (benannt nach einem französischen Modemagazin) in einer Londoner Vorstadt, Basildon. Entdeckt wurden sie bei einem Konzert als Vorgruppe von Fat Gadget 1980 von Daniel Miller. Mit dieser Band begann auch Mute Records seinen kommerziellen und erfolgreichen Aufstieg. Insofern war das Zusammentreffen für beide Parteien sehr befruchtend. Die Band behielt ihre kreative Eigenständigkeit, Mute Records gewann einen hochkarätigen Act, wie sich im Laufe der Jahre herausstellte.

„Auf der anderen Seite behalten die Bands die Kontrolle über ihr kreatives Schaffen. Und das ermöglicht etwas, das nicht nur für ein Indielabel unbezahlbar ist: Authentizität. Nicht Zielgruppen und Verkaufszahlen bestimmen das Programm, sondern die Musik. Das klingt unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten vielleicht naiv, aber nicht nur im Falle von Mute Records funktioniert es.“

Daniel Miller wurde so etwas wie der Ziehvater der Anfang 20-jährigen und begleitete die Band durch Höhen und Tiefen. Das Buch führt den Leser durch die verschiedenen Phasen: erste Erfolge, hauptsächlich in Westdeutschland, der Ausstieg ihres Songschreibers Vince Clark (der mit Alison Moyet Yazoo gründete) und die schwierige zweite Platte, die sehr erfolgreiche und innovative Zusammenarbeit mit Video- und Fotokünstlern. Depeche Mode haben sich in ihrer Bandgeschichte immer wieder neu erfunden und sind seit über 35 Jahren erfolgreich. Von Anfang an war nicht der kommerzielle Erfolg im Blick, sondern ein subkultureller Anspruch jenseits des Mainstreams. Mute Records und Depeche Mode waren im Grunde Independent, Mute Records war kein Major-Label und arbeitete eng mit Rough Trade zusammen.

Ermüdend wirkt die Aufzählung der Veröffentlichungen von Depeche Mode im Buch. Die Single-Auskoppelungen wurden seit Mitte der 80er-Jahre mit Remixen versehen, und vor dem Leser verschwimmen die verschiedenen Colour Discs, seltenen Auflagen von Remixen, versehen mit Katalognummer, Vor- und Rückseite mit Farbbild, Kassetten-Bootlegs und und und. Für Sammler sicherlich eine unentbehrliche Information, für den normalen Musikfan verzichtbar. Zwar wird auch der Chronologie bis zum heutigen Album Genüge getan und auch auf manche Stimmungen in der Band eingegangen, doch so richtig Inside DM gehen die beiden Autoren nicht. Richtig gut wird es, wenn Weggefährten der Band interviewt werden. So ergibt sich doch ein halbwegs rundes Bild einer sympathischen Band, die immer einen engen Kontakt zu ihrer treuen Fan-Basis haben. Gerade in Deutschland, in der Depeche Mode am erfolgreichsten ist, haben nur noch die Beatles mehr Top-Ten-Platzierungen (28) in den deutschen Singlecharts erreicht, als Depeche Mode (26).

Ein Buch für Fans von Depeche Mode und solche, die es werden wollen und gerade über die Anfangszeit noch etwas nachlesen möchten. Auch heute noch, nachdem sich bei den Veröffentlichungen langsam ein Vier-Jahres-Rhythmus eingependelt hat, bleibt sich die Band in jeder Hinsicht treu. Bodenständig und sich immer wieder musikalisch verändernd.

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64 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

frankreich, adel, lästerei, dünkel, zugehörigkeit

Schöne Verhältnisse

Edward St Aubyn , Ingo Herzke
Flexibler Einband: 187 Seiten
Erschienen bei btb Verlag (TB), 01.09.2008
ISBN 9783442737918
Genre: Romane

Rezension:

Romane um die 200 Seiten bezeichne ich meistens als 'Haps' für zwischendurch. Meist sind sie schnell nach ein, zwei Tagen ausgelesen und viele verblassen schon nach ein paar Tagen.
Das liegt auch ein wenig an der Länge, da man sich zeitlich weniger mit den Büchern beschäftigt. Das hier vorliegende Buch ist so ein Happen zwischendurch, aber ein Happen der manchmal quer im Halse stecken bleibt.

Man trifft sich bei der Familie Melrose in Lacoste, dort wo auch Marquis de Sade sein Unwesen trieb, so treibt heute wohl die Upper-Class ihre perfiden Spielchen. Der Vater ertränkt lustvoll Ameisen mit dem Gartenschlauch, die Zigarre wird auch des öfteren bei Überlebenden Insekten verwendet. Die Mutter ertränkt sich selbst im Alkohol und lässt sich von ihrem Mann niederhalten, der Sohn ist schon mit seinen fünf Jahren hochneurotisch und von der Lebensweise seiner Eltern irritiert.Wen wundert es, dass sich die Ehefrau beim Heimkommen Wunschträumen hingibt.

"Eleanor war hocherfreut über Davids Abwesenheit, als sie in den Eingangsflur traten. Vielleicht war er in der Badewanne ertrunken. Aber das wäre wohl zu viel verlangt."

Bei der Ankunft zweier Paare die übers Wochenende bleiben, spürt man deren zynischen Umgang miteinander.

"Wenn sie dann immer noch nicht erschien, würde er 'Frühstück' rufen. Anne hatte ihn erst gestern deshalb geneckt und gesagt: 'Ach Liebling, das wäre doch nicht nötig gewesen.' 'Was?' 'Frühstück zu machen.' 'Habe ich auch nicht.' #Ach so, ich dachte, wenn du Frühstück rufst, meinst du, dass es fertig ist.' 'Nein, ich meine, dass ich aufs Frühstück warte.'"

Irgendwie will jeder flüchten, doch kann es aus unverständlichen Gründen nicht, es gibt ein Klebemittel was alle zusammenhält, bis über die Grenzen des Grundstückes hinaus. Denn der Tod würde das sichere Ende und Vergessen bedeuten.

"'Die Toten sind tot', fuhr er fort, 'und die Wahrheit ist doch, dass man die Menschen vergisst, wenn sie nicht mehr zum Abendessen kommen. Es gibt natürlich Ausnahmen - nämlich die Menschen, die man schon während des Abendessens vergisst."

Ein herrlich sarkastisches, lakonische, bitterböses Buch, was leider viel zu schnell vorbei ist und mich die Frag beschlichen hat: Was wollte uns der Autor nur sagen? Gibt es hier eine Message?
Dazu ist es dann doch viel zu dünn das Büchelchen, aber Spaß hats gemacht.

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Die Medusa-Chroniken

Stephen Baxter , Alastair Reynolds , Peter Robert
Flexibler Einband: 592 Seiten
Erschienen bei Heyne, 11.10.2016
ISBN 9783453317840
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Arthur C. Clarke gilt neben Isaac Asimov und Robert A. Heinlein als einer der Big Three der Science-Fiction-Autoren. Diese drei haben unbestreitbar das Genre maßgeblich beeinflusst und waren Visionäre des eher wissenschaftlichen Zweiges der Science Fiction. Persönlich hat mich von den dreien eher Isaac Asimov angesprochen, da bei ihm die menschliche Seite noch am stärksten vertreten ist. Heinlein ist mir zu militaristisch, bei Clarke dominiert die nüchterne Beschreibung der wissenschaftlichen Seite sehr.

Allen drei ist gemein, dass ihre Bücher für das breite Publikum sehr gut lesbar sind und auch komplizierte physikalische Sachverhalte gut erklären können, ohne dass für den Leser ein Doktortitel in Physik notwendig ist. Gerade Clarke hat einige wichtige Werke geschrieben, sein wichtigstes, 2001 – Odyssee im Weltraum, entstand in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Stanley Kubrick nach dem Drehbuch, nicht wie meist andersherum. Gerade die opulenten Bilder und die etwas schwierig zu verstehende Schlusssequenz sind mir noch im Kopf. Doch wie das Unfassbare, gottähnliche Wesen oder höhere Dimensionen in Worte fassen?

Stephen Baxter und Alistair Reynolds, beide aktuelle und renommierte SF-Schriftsteller und auch mehr der wissenschaftlichen Seite zugewandt, haben im vorliegenden Band den Versuch unternommen, die 1972 mit dem Nebula Award ausgezeichnete Novelle „A Meeting with Medusa“ als Roman weiterzuführen und im Geiste von Arthur C. Clarke zu schreiben. Das ist ihnen sehr gut gelungen.

A Meeting with Medusa beschreibt in wenigen Kapiteln den Werdegang von Howard Falcon. Als Kapitän eines großen Luftschiffes eingesetzt, kommt er bei einem Unfall desselben fast ums Leben. Die Ärzte können ihn auf Kosten seiner körperlichen Menschlichkeit retten. Mit Ersatzteilen ausgestattet, zum Beispiel  Ballonreifen anstelle von Beinen, ähnelt er mehr einem Cyborg als einem Menschen. (vergleichbar mit dem SF-Film RoboCop) In den kurzen Kapiteln der Novelle verliert er immer mehr den Bezug zu den Menschen und lässt sich auf eine Jupitermission ein, bei der er fremdartiges Leben in der Atmosphäre des Jupiters entdeckt. Diese Novelle ist als Anhang an den Roman in diesem Buch abgedruckt.

Stephen Baxter und Alistair Reynolds setzen am Ende dieser Geschichte auf und spinnen diese im Geiste von Arthur C. Clarke bis ins Jahr 2850, wo sie ein 2001-Odyssee artiges Ende inszenieren. Das verbindende Element in diesen über 800 Jahren ist – Howard Falcon. Durch lebensverlängernde Maßnahmen bleibt er der Charakter, der die Jahrhunderte als Beobachter und Mediator erlebt. Als halb künstliches, halb menschliches Geschöpf sieht er beide Seiten. Denn natürlich entwickeln sich die Maschinen in diesen 800 Jahren von bloßen Erfüllungsobjekten zu eigenständig denkenden Wesen.

„Falcon, der weniger dazu neigte, eine Kluft zwischen biologischem und künstlichem Bewusstsein zu sehen, hatte eine simple Diagnose. Er hatte ähnliche Reaktionen bei den Menschen erlebt, die er durch die Welt der Medusen geführt hatte. Selbst der alte Geoff Webster hatte sie in gewissem Maße gezeigt – an seinen guten Tagen. Ehrfurcht. Das war es, was Orpheus empfand. Ehrfurcht.“

Orpheus war eine Maschine auf dem Weg zum Jupiterkern und sendete am Ende seiner Reise einige unverständliche Berichte, bevor ihn der atmosphärische Druck zerbrach.

Howard Falcon hält zwar das Buch als überlebende Person zusammen, aber bei über 800 Jahren kann nicht auf jedes Detail eingegangen werden. Politische und wirtschaftliche Entwicklungen werden in knappen Zusammenfassungen aufgearbeitet, Howard selbst behält trotz manchmal jahrzehntelanger selbstgewählter Einsamkeit seinen menschlichen Verstand. Auch Howard ist, wie bei Clarkes Zeiten und Raum umspannenden Büchern, ein Charakter, auf den nicht besonders tief eingegangen wird. Er wirkt eher wie ein zeitloser Soldat, den man bei Bedarf aus dem Tiefschlaf holen kann.

Am Ende läuten dann, ganz Clarke-typisch, die Gottes-Glocken und die Streicher setzen zu einem glorreichen metaphysischen Ende ein. Alles Pathos will ich haben und das bitteschön sofort. Baxter und Reynolds haben einen typischen Clarke-SF geschrieben, der dem alten Meister zur Ehre gereicht. Mir persönlich hat dies gut gefallen, und ich war überrascht, wie adäquat die beiden Schriftsteller die Stärken – aber auch die Schwächen Clarkes – in ein neues Buch einweben konnten. Neu erfunden wird das Genre durch dieses Buch sicherlich nicht. Durch die digitale Revolution hat sich in der Denkweise und der Art des Schreibens gerade in der SF einiges geändert. Doch ist er wissenschaftlich fundiert und kann mit einigen netten Ideen aufwarten. Als Kind hätte ich das Buch sicherlich geliebt. Vielleicht findet es ja einige jugendlichen Fans. Auf jeden Fall ein Leseereignis für Freunde des Genres.

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teufel, london, dichter, ehe, literatur

Der Gentleman

Forrest Leo , Cornelius Reiber
Fester Einband: 296 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 11.04.2017
ISBN 9783351036737
Genre: Romane

Rezension:

Adelige haben, das wissen wir spätestens seit Ernst August von Hannover (der auch liebevoll Pipiprinz, oder besser der „Sid Vicious der Aristokratie“ genannt wird), einen an der Schüssel. Daran kann auch das ansonsten untadelige Benehmen von Queen Elizabeth nicht hinwegtäuschen. Menschen denen, aufgrund ihrer Geburt, Rechte eingeräumt werden, über andere zu herrschen, gehören auf den Müllhaufen der Geschichte. Doch insgeheim bewegen uns die skurrilen Gestalten und das alte viktorianische Zeitalter im Herzen. Vielleicht, weil in einer Monarchie die Rollen klar verteilt sind, einer herrscht, alle anderen gehorchen – und Demokratie ist halt doch anstrengender und man muss auch noch selber aktiv werden.

Solche anachronistischen Gestalten haben die schönsten und absonderlichsten Eigenschaften. Adlige sind aber auch ’nur‘ Menschen mit ihren gleichen Problemen, wie wir ’normal‘ Geborenen. Nur werden auf der adligen Seite andere Lösungen gesucht und auch das Umfeld bietet Alternativen die uns Normalos gar nicht einfallen würde. Auf die satirische adelige Spitze getrieben, hat es Forrest Leo mit seinem köstlichen Debüt Gentleman.

Adlige haben meistens Geld. Wenn sie das nicht mehr haben, dann haben sie zum Beispiel eine Möglichkeit, durch Heirat Geld zu bekommen. Lionel Savage ist der unsympathische, selbstverliebte Gentleman, die Hauptfigur des Romanes. Ein Dichter, der die Blüte seiner dichterischen Kunst mit sechszehn Jahren erreicht hat. Seitdem passierte nicht mehr viel Essentielles, an diesem Ruhm hält er fest. Durch seine ausschweifende Lebensart musste er heiraten – und seitdem ist ihm die Muse komplett verloren gegangen. Als seine Schwester ihn besucht, reagiert sie entsetzt auf die Tatsache, dass ihr Bruder verheiratet ist:

„Ich bin verheiratet, Lizzie, weil uns das Geld ausging und ich mich deshalb, um weiter unsere Kleidung bezahlen und unser Haus führen und deine SCHULKOSTEN zahlen zu können, an eine reiche Frau verkauft habe, und jetzt kann ich nicht mehr schreiben und weiß nicht, auf welche Art ich mir das Leben nehmen soll, ohne den Hinterbliebenen fürchterliche Umstände zu machen, und – MEIN GOTT, DU HATTEST EINE LIEBELEI?“

Bei einer Party verschwindet seine Frau. Der Versuch jetzt endlich dichterisch Fahrt aufzunehmen, scheitert kläglich. Nach und nach erkennt er, dass er seine Frau vermisst und liebt.

„Ich warb um eine Göttin und heiratete nur eine Frau. Man hört, dass das häufig passiert, und ich möchte hier kurz innehalten, um mit aller Deutlichkeit zu betonen, dass ich die Ehe für die furchtbarste Institution von allen halte. Wenn wir doch ewig umeinander werben könnten!“

Doch sie bleibt verschwunden. Der Teufel hat seine Finger im Spiel gehabt. Da muss man in der Hölle suchen. Mit dem aufgetauchten Bruder seiner Frau, ein Abenteurer wie er im Buche steht, dem herrlich britischen Butler (der hier der eigentliche Gentleman ist) und seiner Schwester, die ein Auge auf den Abenteurer geworfen hat, machen sie sich auf die herrlich chaotische Suche.

„Wir suchen alle Bücher zusammen, die Wissen über die Hölle, den Teufel, übernatürliche Entführungen und verschwundene Ehefrauen enthalten könnten. Wir legen sie auf drei Stapel und durchsuchen sie, bis wir etwas gefunden haben. Ich bin verliebt und habe die beste Privatbibliothek Großbritanniens. Ich habe noch nicht erlebt, dass die Liebe oder die Bücher versagt hätten, und wüsste nicht, warum sie das jetzt sollten. Kommen Sie, Lancaster, holen wir ihre Sachen.“

Der US-Amerikaner Forrest Leo, erst 27 Jahre alt, hat ein wunderbares Debüt geschrieben. Der Ursprungstext war ein Bühnenstück, das der Autor in ein flottes, hauptsächlich durch die Dialoge getragenes Buch transkribiert hat. Der Gentleman ist witzig, intelligent und hat ein paar nette Gimmicks. Das Buch wird nämlich vom Autor mit Fußnoten begleitet à la Jonathan Strouts Bartimäus. Der Autor ist ein weitläufiger Verwandte von Lionel Savage und ihm nicht unbedingt zugetan. Diesen Spagat aus dem Theaterstück und dem erzählenden Text hat Forrest Leo wunderbar bewältigt und herausgekommen ist eine lustige, rasante Komödie. Ein Buch, das richtig Spaß macht.

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proulx, wuli top 20, nouvelle france, schicksal, kanada

Aus hartem Holz

Annie Proulx , Melanie Walz , Andrea Stumpf
Fester Einband: 768 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 27.03.2017
ISBN 9783630872490
Genre: Historische Romane

Rezension:

Als die ersten Siedler nach Nordamerika kamen, erwarteten sie weite unbewohnte Landgebiete und riesige Wälder. So weit das Auge blicken konnte. Und viel weiter wurde auch in diesen Jahrhunderten nicht gedacht. Dass das Grundelement Holz einmal knapp werden sollte, das war angesichts dieser Pracht nicht vorstellbar. Doch der Mensch ist gerade in der Ausnutzung und Verknappung von unendlichen Ressourcen sehr beständig und betriebsam. Und so fing das große Abholzen an, denn Holz war der Grundbaustein von Möbeln, Schiffen und Häusern. Und Holz wurde dringend gebraucht, denn die alte Welt war erschöpft.

Aus hartem Holz ist der erste Roman der Pulitzerpreisträgerin Annie Proulx nach zehn Jahren. Und es ist ihr ein Buch wie ein Baum gelungen. Schon der Einband des dicken, opulenten, fast neunhundert Seiten starken Bandes strahlt eine besinnliche Ruhe aus. Ein Haus an einem See, dahinter ein Wald, Mensch und Wald in Harmonie vereint. Doch die Harmonie trügt. Ein Buch über drei Jahrhunderte, mit knorrigen, kauzigen Gestalten, die ihr Leben an die Bäume gaben und glaubten das Beste zu tun, wenn sie die Bäume ihnen untertan machten; sie abholzten und verarbeiteten.

 

„Monsieur Trépagny erging sich inzwischen in einem langen Sermon über die Notwendigkeit und die Pflicht, die Bäume zu roden, das Land nicht für einen selbst, sondern auch für die Nachkommen fruchtbar zu machen, für das, was an diesem Ort entstehen sollte.’Eines Tages‘, sagte Monsieur Trépagny und deutete in das Dämmerlicht, ‚eines Tages wird man hier Kohl pflanzen. Ein Mann zu sein heißt, den Wald abzuholzen. Die Bäume sehe ich nicht‘, sagte er, ‚ich sehe die Kohlköpfe. Ich sehe die Weinberge.'“

Die ersten Siedler und Holzfäller fallen 1693 nach Nouvelle France (heutiges Kanada) ein. Die Wälder werden rücksichtslos gerodet, das Land den Indianern weggenommen. Für die Indianer sind die Bäume Personen. Sie wollen sie nicht abholzen, sie wollen mit ihnen leben, keine Gärten anlegen, keine Ordnung schaffen, nicht sesshaft werden. Von den Siedlern werden die Indianer deswegen als faul bezeichnet. Den Wald zu beschneiden und zu kultivieren ist ein gottgegebenes Recht, welches der Weiße ausübt. Gleichzeitig erhält er natürlich auch das gerodete Land, um es zu bewohnen und ein Haus für seine Familie und Unterkunft für seine Tiere zu bauen.

Von den Nachkommen der ersten Holzfäller, am Beispiel von Charles Duquet ausgehend, schildert Annie Proulx die weiteren Rodungen des Waldes in Amerika und Kanada. Schnell werden Holzmühlen gebaut, noch unentdeckte riesige Waldflächen im Westen befriedet, kartographiert und abgeholzt. Die Indianer werden zurückgedrängt, die Gier und Rücksichtslosigkeit der Weißen lässt ihnen nur wenig Fläche zum Leben übrig. Das Leben als Holzfäller ist hart, schnell kommt der Tod bei der Nutzung der anfangs noch unzureichenden Werkzeuge, oder beim gefährlichen Driften, transportieren der Baumstämme im Fluss, über die Männer. Annie Proulx Figuren sind selber wie Bäume:

„Marchand schien sein Leben als Esche begonnen zu haben, borkig, zerkratzt und bis auf die zähen Fibern zusammengeschnitzt. Seine Augen unter den Schlupflidern glitzerten. Seinen Hals umschloss störrisches rotes Haar, das von seiner Brust hinaufschäumte.“

Doch kaum hat man sich an einen Charakter gewöhnt, so stirbt dieser, oft hetzt die Autorin in kurzen Worten über die Leben der Einzelnen. Erst im 19.Jahrhundert wird die Geschichte des Duquet-Clans griffiger und damit auch der Lesefluss besser. Der Roman wechselt die Kontinente, auch in Australien und Neuseeland gibt es riesige Wälder:

„Sie plünderten die Küstenwälder, dann zogen sie mit ihren Lagern zum nächsten vielversprechenden Abschnitt und ließen schwelende Baumstümpfe und mannshohe Abfallberge zurück. Zunächst mussten die Warzeneiben daran glauben, dann ein Kauribaum nach dem anderen. An manchen Orten konnte man tagelang über liegengebliebene Holzreste laufen, die den Boden wie ein Teppich bedeckten. Dann wurde alles in Brand gesetzt, der schnellste Weg, sich des Waldes, des Gebüschs, der Schlingpflanzen, Vögel, Insekten, Früchte, Fledermäuse, Aufsitzerpflanzen, Zweige, Farne und Streu zu entledigen.“

Erst spät erkennt der Mensch, was er angerichtet hat. Der Begriff Aufforstung erzeugt anfangs, angesichts der Mengen an Wald, noch ungläubiges Kopfschütteln, doch später wird dies erfolgreich praktiziert.

„Piet sah auf seine neue Taschenuhr; noch eine halbe Stunde Wartezeit. Eine halbe Stunde, um aus dem Nordfenster zu schauen. Einst hatten endlose Wälder den Horizont gefüllt. Nun gab es Dutzende Straßen, und der Wald war ein ferner Schatten.“

Doch die Aufforstung kann nicht wiederherstellen, was der Mensch zerstört hat. Denn Wald bedeutet mehr als nur ein Baum neben dem anderen.

„Ich bin überzeugt, dass die einzig wahren Wälder ursprüngliche, naturbelassene Waldgegenden sind. Die ganze Atmosphäre – die Luft, die Wurzelgeflechte, die bescheidenen Farne und Moose, Insekten und Krankheiten, der Boden und das Wasser; das Wetter. All diese Dinge scheinen in einer Art großem, urtümlichen Orchester zusammenzuspielen. Ein Wald, der um seiner selbst willen lebt und nicht zum Nutzen der Menschen.“

Der Mensch hat nicht nur den Wald zerstört, sondern auch Jahrhunderte gewachsene Biotope, die Tiere, Heilpflanzen und eine gereinigte Umwelt hervorbrachten, die heute einfach fehlen.

Annie Proulx hat ein üppiges Buch über die Geschichte des Waldes geschrieben. Manches Mal hat mich diese bloße Aufzählung der Personen und Wälder an Teile der Bibel erinnert. Eine Geschichte des Waldes. Auch wenn die Aussage von Annie Proulx sehr klar herüberkommt, ist es doch sehr anstrengend, ihr bis zum Schluss zu folgen. Wenn man bis zum Kern des Buches vordringen will, muss man die harte Schale des Buches durchdringen und viel Standfestigkeit beweisen. Für mich persönlich, blieb jedenfalls ein nachhaltiger Eindruck des Buches und ich habe mich gerne durch die neunhundert Seiten ‚gewälzt‘. 

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Trash-TV. 100 Seiten

Anja Rützel
Flexibler Einband
Erschienen bei Reclam, Philipp, 17.03.2017
ISBN 9783150204337
Genre: Sachbücher

Rezension:

Eigentlich schaue ich ja nur Arte, Der Untergang des Abendlandes, Fremdschämen

Das sind alles Dinge die uns einfallen, wenn wir an die Shows des Privatfernsehens denken. Woher kommen diese unsäglichen, voyeuristischen, primitiv anmutenden Fernsehshows, die sicher jeder in unserer westlichen Zivilisation einmal eingeschaltet hat – zumindestens um seine Meinung zu zementieren, dass dies ausgemachter Schwachsinn ist.

Anja Rützel eine bekannte Feuilletonistin von Spiegel Online, Zeit Online, FAZ oder TAZ (um nur einige bekannte zu nennen) hat sich im Format 100 Seiten von Reclam, dieses Themas angenommen. Dieses Format bietet quer durch alle Bereiche ein buntes Spektrum von Stammtischgeplauder bis hin zu ernsthaften Essays. Das Thema Superhelden wurde bereits gewohnt eloquent, hier vorgetragen.

Die Bücher der Reihe sind etwas größer als ein übliches Reclam Heft und für zwischendurch eine durchaus sättigende und unterhaltsame Kost. Trash-TV hat mich gereizt, um meine Vorurteile bestätigt zu wissen und auch um ein wenig wissenswertes zu lesen und vielleicht, den ein oder anderen schönen Hetz-Satz mitzubekommen, den ich den Jüngern der diversen Shows mitgeben kann. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Anja Rützel geht in ihren 100 Seiten erst auf die frühen Anfänge der Shows ein. Sie beleuchtet das, anfangs böse genannte, Unterschichtenfernsehen und wie es zu den heutigen Formaten kam. Welche erfolgreich sind und wie es in anderen Ländern aussieht. Es gibt zusammengefasst, Casting-Shows, Doku-Soaps und den Doku-Wettstreit. Alles mit Personen wie Du und ich, oder wie im Dschungelcamp, das von sogenannten C-Promis bevölkert wird. Mehr oder weniger gute Spielleiter moderieren die Shows. Eine mir persönlich besonders entnervende Person, wurde redegewandt von Roger Willemsen auseinander gepflückt:

„Eine unschöne Frau mit laubgesägtem Gouvernanten-Profil bringt kleine Mädchen zum Weinen, indem sie ihre orthodox, hochgerüstete Belanglosigkeit zum Maßstab humaner Seinserfüllung hochschwindelt, über ‚Persönlichkeit‘ redet, sich aber kaum mehr erinnern kann, was das ist, und sollte diese je zum Vorschein kommen, sie mit Rauswurf bestraft. Der Exzess der Nichtigkeit aber erreicht seinen Höhepunkt, wo Heidi Nazionale mit Knallchargen-Pathos und einer Pause, in der man die Leere ihres Kopfes wabern hört, ihre gestrenge ‚Entscheidung‘ mitteilt, und wertes von unwertem Leben scheidet. Da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr rausprügeln – wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre.“

Junge Leute wenden sich schon länger dem Fernsehen ab und dem Netz zu, wo es andere Trash-Formate gibt, wie Schräge Challenges oder Daily Vlogs (stumpfsinnige Alltagstristesse). Doch immer noch haben Trash-Shows im Privatfernsehen ihre Zuschauer. Was bewegt die Leute, ein Format wie Goodbye Deutschland! Die Auswanderer zu schauen, Menschen die sich im Ausland eine Existenz aufbauen wollen, bei denen man das Gefühl hat, dass sie selbst beim Wechseln der Klopapierrolle versagen würden. Wie jetzt! Andere haben auch ein Restaurant auf Mallorca? Wie, das Finanzamt will jetzt auch noch Geld? das habe ich gar nicht so geplant!

„Natürlich werden beim Reinschauen in diese Leben billigste Reflexe bedient: Wenn man den Auswanderern in der neuen Heimat beim – in den meisten Fällen – völlig absehbaren Schlingern, Straucheln und Scheitern zusieht, fühlen sich das eigene Den-Hintern-nicht-Hochkriegen, die eigenen vertanen Möglichkeiten und nicht gewagten Risiken – das Leben im Konjunktiv also – als richtiges, sicheres, wohliges Daseinskonzept an.“

Genüsslich zerpflückt Anja Rützel die einzelnen Formate, zeigt Erfolge und Misserfolge der einzelnen Shows, was mitunter auch durch schöne Grafiken aufgelockert wird. Viele C-Promis sind Dauergäste in den verschiedenen Formaten und im Prinzip sind diese auch nur so etwas wie Theater. Zwar wird dem Zuschauer vorgegaukelt, dass dies real sei und die Kamera ist nur wie zufällig dabei, doch viele Amateure bewegen sich schon recht sicher in der überwachten, gefilmten Welt. Und der Zuschauer? Ergötzt sich an der Not und Pein und greift zufrieden, dass er das da vorne nicht sein muss, nach der nächsten Chips Tüte:

„Süß, wenn auf hohen Wellen die Stürme die Weiten erregen, ist es, des anderen mächtige Not vom Lande zu schauen, nicht weil wohlige Wonne das ist, dass ein andrer sich abquält,

sondern zu merken, weil süß es ist, welcher Leiden du ledig.“

So bekommt jede Zivilisation das Fernsehen was sie verdient? Hat schon einst Cäsar gewusst, dass Brot und Spiele die Masse ruhig stellt, so ist das heutige Trash-Fernsehen nur eine technischere Version der Gladiator Kämpfe? Einen philosophischen Ansatz hat Frau Rützel auch noch:

„Sicher ist der Ausflug in die Sümpfe, wo ganz ernsthaft Sätze wie, ‚Penis und Arschloch esse ich nicht‘ ausgesprochen werden, für viele nur eine Versicherung der eigenen Position und des eigenen Status, ein bewusstes Absteigen vom kulturellen Hochsitz. Vielleicht dient das Cam mitunter auch als beruhigendes Korrektiv. So wie Disneyworld nach Ansicht des Philosophen Jean Baudrillard nur darum als scheinbare Phantasiewelt gebaut wurde, damit man die (vermeintlich echte) Welt drumherum im Kontrast für real hält.“

Am Ende schlägt sie aber dennoch versöhnliche Töne an. Im Prinzip ist doch alles nur ein Spiel und bei Spielen lernt man doch für das alltägliche Leben.

„Denn Trash-TV kann durchaus wie eine Volkshochschule (mit praktische Übungen im Sozialverhalten) funktionieren“. Laut Steven Johnson machen die diversen Sendungen  „ihre Zuschauer auch raffinierter und sozial-strategisch schlauer. Jedes Trash-Format habe seine Regeln und Einschränkungen, argumentiert er. Ein großer Teil des Vergnügens entstehe beim Zuschauen dabei, zu beobachten, wie die Kandidaten sich durch diese vorgegebene Umgebung bewegen – wie Molche in einem neuen Terrarium oder begabte Labormäuse in einer Hindernisparcours-Versuchsanordnung.[…] Sie spielen soziales Schach.“

Wie das Betrachten eines Aquariums, nur dass dieses keinen Ausgang hat? Dem kann ich persönlich nur bedingt zustimmen, das Leben dort draußen hat sicherlich seine eigenen (härteren) Regeln und nicht jede soziale Umgebung funktioniert nach den Trash-TV-Formaten. Sicherlich hat sie mit der Aussage recht dass

„Trash-TV ist nicht nur eine – zugegebenermaßen mit reichlich Sülze und Fettstücken gefüllte – Konservendose für uralte kulturelle Motive, sondern auch ein echter Werte-Imprägnator. Viele Formate sind in ihrer Grundaussage unglaublich konservativ; statt traditionelle Werte und Gesellschaftsbilder zu zerschlagen, werden diese im Gegenteil zementiert.“

Innovativ ist anders, siehe das Frauenbild beim Bachelor. Also Trash-TV als Vermittlung von konservativen Werten und ethischen Grundsätzen? Nun ja, auch hier besteht das Leben sicherlich aus bunteren und vielfältigeren Möglichkeiten und Schwarz-Weiß ist seit der Erfindung vom Farbfernsehen doch nicht mehr En Vogue. (Außer in Arthaus Produktionen, aber wer schaut denn (nur) so was??)

Trash-TV polarisiert sicherlich, die einen mögen es für den Untergang des Abendlandes halten, die anderen für einen unterhaltsamen Fernsehabend. Doch lassen wir Anja Rützel das sehr schöne Schlusswort halten, dem ich vollends beistimmen kann.

„Das ganze Leben ist ein Quiz, sang Hape Kerkeling in seiner Kitschshow-Verulkung Kein Pardon. Das ganze Leben ist ein Schiss, sagt der Trash, dieses ordinär bunte, aufgeblasene, zum Platzen überspannte Ding, manchmal nicht weniger als eine kleine Rettungsinsel im unendlichen Alltagsozean. Weil Trash in dieser überkomplexen Welt für eine kleine Weile an die schiere, lächerliche Banalität des Daseins erinnert. Und das kann wahnsinnig erleichternd sein.“ 

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usa, england

Ich bin niemand

Patrick Flanery , Reinhild Böhnke
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Blessing, 06.03.2017
ISBN 9783896675781
Genre: Romane

Rezension:

Kennt ihr das auch? Ihr seid auf einer Party, Geburtstag, Empfang oder einfach auf einem offiziellen gesellschaftlichen Ereignis. Dort trefft ihr eine gepflegte, nett aussehende, distinguierte Person. Ihr kommt ins Gespräch, das vom Thema her sehr anregend ist, aber bald könnt ihr eurem Gegenüber nicht mehr zuhören. Warum? Das Thema ist nicht langweilig, die Worte fließen geschmackvoll und eloquent. Aber ihr könnt Euch nicht des Eindruckes erwehren, dass ihr jetzt sofort einen Grund braucht um zu verschwinden. Sofort. Vielleicht müsst ihr dringend in der Nase bohren, die Hände waschen? Gequält versucht ihr, elegant die Kurve zu bekommen, doch euer Gegenüber merkt eure Qual nicht. Die Redeflut erreicht ihren Höchststand (falls man davon sprechen kann) und ihr wisst schon gar nicht mehr, um was es geht und registriert auch gar nicht mehr, was das Gegenüber noch sagt.

 

Ja? Kennt ihr? Stellt euch das Ganze gedruckt vor, dann habt ihr den Roman Ich bin Niemand von Patrick Flanery in der Hand. Auch hier ist das Thema interessant. Es geht um die allgegenwärtigen Überwachungsszenarien. Ein Professor, der jüngst aus Oxford zurück in die Staaten kommt, bemerkt, dass er anscheinend eine Mail an eine Studentin geschickt hat, bei der um die Verschiebung eines Termins bat, an die er sich nicht erinnern kann. Auch die Bestätigung der Verschiebung, an seinen E-Mail Account geschickt, liest er erst, als die Studentin nicht zu dem Treffpunkt erscheint.

Der komplette Roman ist aus der Sicht dieses Professors geschrieben. Tief taucht der Leser in dessen Gedanken ein und erlebt ein zwar literarisch sicherlich gepflegtes Lesen – aber es passiert fast nichts. Die Gedankengänge des auch nicht sehr sympathischen Mannes, drehen sich um Paranoia, seine Einsamkeit und sein früheres Leben. Geheimnisvoll ist der Empfang von Päckchen, in denen, fein säuberlich ausgedruckt, seine Internetaktionen, Nummern, Dauer und Zeit der Telefongespräche und sogar sein Leben in Bildern vorliegen. Wer macht sich die Mühe so etwas zu tun? Und warum? Jede Begegnung mit Fremden und komische Situationen geraten für den Professor zum Verdacht, dass er beobachtet wird:

„Als ich dort stand und auf die Stadt blickte, bemerkte ich auf dem Gehsteig einen Mann, der stehen blieb und zu meinem Fenster hochsah. Diesmal gab es für mich keinen Zweifel. Er starrte mich an und war sich bewusst, dass ich zurückstarrte. Das Zimmer war dunkel, also konnte ich ihn deutlich sehen, aber es gab keine Möglichkeit, das Gesicht des Mannes zu erkennen, weil er eine Skimaske trug, die nur die Augen freiließ, die in der frostigen Nacht glitzerten.“

Aber auch seine Tochter und ihr Mann können ihn nur an Anwälte und Therapeuten verweisen. Hat die frühere Verbindung zu einer ägyptischen Studentin, mit dieser Überwachung zu tun? Denkt der CIA, er wäre ein Terrorist?

Sicher ein interessantes Thema. Doch was Flanery daraus macht, ist weder spannend noch spornt es den Leser an, am Thema und Buch zu bleiben. Ich musste mich durch die, immer wiederholenden bräsigen Gedanken des Jeremy O’Keefe quälen. Ständig schweift dieser vom Thema ab, beschreibt in allen Details Kleider oder Filmszenen und kehrt nicht zum eigentlichen Geschehen zurück. Was Steinfest in Vollendung gelingt, nämlich die Umleitung zur eigentlichen Geschichte zu machen, wirkt bei Flanery vollkommen zerfasernd und umständlich. Die Geschichte bietet dadurch auch keinerlei Höhepunkte, um auch nur annähernd als spannend zu gelten und auch das Ende punktete nicht. Weder mit interessanten oder gar neuen Ideen zu diesem Thema, noch mit einem Knalleffekt. Alleine die Sprache ist elegant, stilsicher und hochwertig. Doch was helfen mir teure, gute Ölfarben, wenn ich kein Bild daraus erkennen kann. Eine erste Leseenttäuschung diesen Jahres.

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dystopie, dystopisch, roman, flop

Das Herz kommt zuletzt

Margaret Atwood , Monika Baark
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 03.04.2017
ISBN 9783827013354
Genre: Romane

Rezension:

Wenn man sich Bilder von Margaret Atwood anschaut, kann man sich nicht des Eindruckes erwehren: Der Frau sitzt der Schalk im Nacken! So eine Frau mit so einem gewinnenden Lächeln kann doch nur so ein Buch hervor bringen. Die fast 80-jährige Autorin hat schon vieles in ihrem Leben geschrieben und viele Preise gewonnen. Hierfür hätte sie meiner Meinung nach den Special-Doris-Day-Preis gewinnen müssen (Den es so in der Art natürlich nicht gibt). Doris Day ist uns als lächelnde, immer gut frisierte und in einem 50er-Jahre-Spitzen-BH gekleidete Schauspiele-Ikone bekannt. An Sex denkt man bei ihrem Namen nicht.

Um Sex geht es hier in diesem Buch eigentlich nicht, doch irgendwie schon, denn der Grund warum das Ehepaar Stan und Charmaine in die Fänge des Positron-Projektes gerieten, war natürlich vorrangig der Hunger und die grassierende Arbeitslosigkeit. Aber so richtig in die Bredouille gerieten sie erst, als der Sex dazukam. Der richtig wilde, verbotene Sex. Doch, wie gesagt, um Sex geht es hier nicht – nicht immer. Und wenn, dann wird es so ein Doris-Day-Sex – mit Puppen und unechtem aufgesetztem  Lächeln.

Doch zuallererst ist der Roman eine Dystopie. Dystopien sind ja auch gerade in Mode. Da der Weltfrieden immer brüchiger wird, macht man sich Gedanken um die Zukunft. Die sieht bei so einer politischen Lage schlecht aus. Bei Margaret Atwood ist sie voller, für die Charaktere, ungewolltem Witz.

 CONSILIENCE=KONSEQUENZ+RESILIENZ. ZEIT IN HAFT IST ZEIT FÜR DIE ZUKUNFT

Das ist das Motto des Positron-Projektes, das Wohlstand verspricht. Einen Wohlstand, den Stan und Charmaine, gerade nach der Finanzkrise, nicht mehr haben. Das Mittelstandspärchen ist durch die Krise tief in die Armut geschlittert. Die beiden wohnen im Auto, Stan schläft auf dem Fahrersitz, damit er bei einem Bandenangriff jederzeit schnell losfahren kann. Sie arbeitet in einer Kneipe. Aber ein Leben, was eine Zukunft vermittelt, ist dies nicht.

Da kommt das Angebot dieser Firma ganz recht. Einen Monat so leben wie man es sich ersehnt, in einem Haus, mit einem Job, Essen, Wasser zum Duschen. Den anderen Monat muss man dann ins Gefängnis, aber auch dort hat man eine Aufgabe und verbringt die Zeit gesichert und gesättigt. Wie klingt das? Ja, man verkauft sich und sein ganzes Leben an diese Firma, und man wird auch komplett überwacht. Die Stadt ist abgeschottet, Nachrichten von draußen dringen nicht hinein. Das Fernsehen zeigt nur unaggressive Filme aus der Doris-Day-Zeit und auch die Musik ist aus dieser Zeit. Doch alle sind zufrieden und es gibt keine Verbrechen mehr. Das Paradies auf Erden.

Doch dieses Paradies ist nur eine aufgeklebte Fassade, und Stan und Charmaine fühlen, dass das nicht das Leben ist, worauf sie sich einlassen möchten. Doch was tun? Die Fassade herunterreißen?

Was, wenn das gar nicht ihr echtes Gesicht ist?, denkt Charmaine. Was, wenn es nur angeklebt ist und sich darunter eine riesige Kakerlake befindet? Was würde passieren, wenn ich sie an den Ohren packen und ziehen würde? Würde das Gesicht abgehen?“

Die Windungen des Romans werden immer aberwitziger und Margaret Atwood ist es gelungen, eine dystopische Screwballkomödie zu schreiben, die ganz einfach Spaß macht. Elvis kommt auch noch vor – weil der ja auch nicht tot ist.

„Er posiert vor dem Spiegel, schenkt sich ein schiefes Grinsen; wobei das kaum nötig ist, weil die Lippen von allein grinsen. Darunter sind seine eigenen Lippen halb gelähmt. Er zuckt mit seinen neuen schwarzen Augenbrauen, wirft den Kopf zurück und streicht auch die Haare glatt. ‚Du alter Herzensbrecher‘, sagt er. ‚Auferstanden von den Toten.‘ Die falschen Lippen sind schwer zu manövrieren, aber das kriegt er noch raus. Seltsamerweise hat er wirklich eine gewisse Ähnlichkeit mit Elvis. Ist das alles, was wir sind?, denkt er. Unverwechselbare Kleider, eine Frisur, ein paar übertriebene Merkmale, eine Geste?“

Die satirischen Übertreibungen braucht sich Atwood teilweise gar nicht aus den Fingern zu saugen. Die Las-Vegas-Episode mit den falschen Elvissen ist real und auch die Sexpuppen sind bittere Tatsachen.

Es ist eines dieser Bücher, das sicherlich viele Verbindungen zu anderen Utopien aufweist, aber ganz einfach Spaß am Lesen macht, ohne dass man sich großartig Gedanken macht, was nun dieses oder jenes bedeuten soll. Die Szenen sind erschreckend nahe an der Realität und die Verbindung mit Doris Day sehr amüsant. Am Ende ist es dann doch die weibliche Hauptfigur, die, wie so oft bei Atwood, den Durchblick behält. Ein herrliches, quirliges Buch, das die düsteren Überwachungsutopien ein wenig auf die Schippe nimmt. Mit Stan und Charmaine hat es auch noch zwei herrlich unbeholfene Charaktere, die tapsig durch die Geschichte geführt werden und als unfreiwillige Helden herausgehen. Eine klare Leseempfehlung.

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 13 Rezensionen

der reisende, ondrej cikan, philosophi, wirbelstürme, leib-seele-dualismus

Der Reisende

Ondřej Cikán
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei edition a, 03.03.2017
ISBN 9783990012062
Genre: Science-Fiction

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703 Bibliotheken, 19 Leser, 0 Gruppen, 132 Rezensionen

pandemie, dystopie, apokalypse, überleben, shakespeare

Das Licht der letzten Tage

Emily St. John Mandel ,
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Piper, 14.09.2015
ISBN 9783492060226
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Dystopien sind meist eine düstere Sache. In den dargestellten Endzeitszenarien, sterben erst die Menschen, dann die Hoffnung. Kriege, Hungersnöte, Misstrauen und Überlebenskämpfe prägen die untergegangene Welt. Dunkelheit und Hunger müssen bekämpft werden, die Überlebenden Menschen verfallen in Barbarei, die Kultur versinkt, die Errungenschaften der Zivilisation werden vergessen. Dass es nicht unbedingt so sein muss, zeigt uns Emily St.John Mandel in ihrer wundervollen, lichtdurchfluteten Dystopie Das Licht der letzten Tage.

Die Erinnerung an die Vergangenheit ist oftmals verklärt. Das erfahren wir des Öfteren, da wir uns größtenteils an positive Dinge der früheren Tage erinnern können. Viel lieber erinnern wollen. Dem Menschen ist eine wichtige Gabe gegeben: Dinge zu vergessen. Und viel lieber vergisst der Mensch negative Dinge. Das ist auch wichtig, denn die Summe der negativen Erfahrungen würde einem nach und nach die Lust am Leben vergraulen.

Pandemien sind ein realistisches Untergangsszenario. Denn noch schlechter als gegen Krieg und Hungersnöte, ist die Menschheit gegen eine tödliche Pandemie gerüstet. Sollte ein tödlicher Erreger auftreten, wäre dieser innerhalb von wenigen Tagen um die ganze Welt gereist. Ein Überleben wäre nur zufällig den Personen vorbehalten die in abgeschotteten Inseln die Pandemie überleben, oder die durch einen Abwehrmechanismus im Körper, zufällig dagegen gefeit sind. Die Auswahl wäre willkürlich und Schicht- und Altersübergreifend.

Im Licht der letzten Tage zeigt Emily St.John Mandel retrospektiv die letzten Tage aus Sicht verschiedener Menschen. Die Georgische Grippe reist um die Welt, nach einer Woche senden die Fernsehstationen nur noch Testbilder, nach zwei Wochen fällt die Elektrizität aus. Erst schauen die Menschen verzweifelt ihre leeren Smartphones an, dann blicken sie auf und sehen eine leere Welt. Die Zivilisation wie wir sie kennen, ist zerfallen.

„Es war vorbei mit Nationalstaaten, die Grenzen waren alle unbewacht. Es war vorbei mit der Feuerwehr, vorbei mit der Polizei. Es war vorbei mit Straßeninstandhaltungsarbeiten und Müllabfuhr. Es war vorbei mit Raketen, die aus Cape Canaveral, vom Baikonur Kosmodrom, Vom Vandenberg, Plessezk und Tanegashima aus starteten, um sich durch die Atmosphäre ihren Weg in den Weltraum zu brennen. Es war vorbei mit dem Internet. Es war vorbei mit den sozialen Netzwerken, es war vorbei damit, sich durch Litaneien von Träumen und nervösen Hoffnungen und Essensfotos zu scrollen, durch Hilfeschreie und Bekundungen von Zufriedenheit und Update des Beziehungsstatus, mit ganzen oder gebrochenen Herzen daneben, mit Plänen für spätere Treffen, Bitten Beschwerden, Wünschen, Bildern von Babys, die zu Halloween als Bärenverkleidet wurden. Es war vorbei damit, die Leben anderer zu lesen und zu kommentieren und sich dabei ein klein bisschen weniger einsam zu fühlen. Es war vorbei mit der Virtualität.“

Die Menschen sind wieder auf sich zurückgeworfen. Nach Jahren der Verirrung und der Verwirrung macht sich der Rest der Menschheit daran, etwas Neues aufzubauen. Die „Reisende Symphonie“ ist eine Gruppe von Musikanten und Schauspielern, die hauptsächlich Stücke von Shakespeare aufführen. Schon im ersten Kapitel werden wir Zeuge, wie der bekannte Schauspieler Arthur Leander an einem Herzinfarkt auf der Bühne stirbt , bei der Aufführung von King Lear – nur ein paar Tage vor Ausbruch der Grippe. Arthur Leander ist der Mittelpunkt des Buches. Alle dargestellten Menschen haben irgendetwas mit ihm zu tun – und irgendwie ist es auch Shakespeare der hier der heimliche Mittelpunkt ist. Shakespeare als Synonym für das Kreative, das Schöpferische im Menschen. Das Licht, das den Menschen durchleuchten kann.

Ungeachtet der Kämpfe und Toten zeigt uns die Autorin immer wieder das Licht, welches noch in der postapokalyptischen Welt oder in der Erinnerung leuchtet. DIe Welt ist zwar ohne Technologie und Medikamente schwieriger geworden und der Tod lauert an jeder Ecke, doch die Menschen bleiben menschlich. Ihr Handeln wird der Gradmesser für die neue Zivilisation. Die Vergangenheit wird verklärt, aber gerade die Verklärung dient als Hoffnung, die Welt wieder neu aufzubauen. Am schwersten haben es die Menschen, die die alte Welt noch besser kennen. Wie halten die Jüngeren diese neue Welt aus?

„Wir halten es aus, weil wir jünger waren als du, als das alles zu Ende ging, dachte Kirsten, wenn auch nicht jung genug, um uns an gar nichts mehr zu erinnern. Weil nicht mehr viel Zeit bleibt, weil die Dächer langsam, aber sicher alle einstürzen und bald keines dieser alten Gebäude mehr sicher sein wird. Weil wir immer noch nach der untergegangenen Welt suchen, bevor alle Spuren der untergegangenen Welt verloren sind.“

Auf einem verlassenen Flughafen wird ein Zivilisationsmuseum aufgebaut, eine Zeitung wird erstellt. Das Licht der Menschheit ist nicht erloschen. Am Ende werden Lichter durch ein Teleskop gesehen. Das Licht dient als Hoffnung, als Erwachen der Welt, vielleicht eine neue Welt in der vieles besser wird? Dieses Licht macht das Buch so besonders. Zwar ist unsere Zivilisation sehr verletzlich, aber es besteht immer noch der Wille und die Kraft wieder aufzustehen. Emily St.John Mandel hat eine verzaubernde Art zu schreiben und einen sehr eleganten und kultivierten Stil. Eine der schönsten und auch intelligentesten Dystopien die ich je gelesen habe.

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90 Bibliotheken, 5 Leser, 2 Gruppen, 22 Rezensionen

syrien, flucht, krieg, flüchtlingskrise, roman

Gott ist nicht schüchtern

Olga Grjasnowa
Fester Einband: 309 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 17.03.2017
ISBN 9783351036652
Genre: Romane

Rezension:

„Wir schaffen das“

Unvergessen sind die Worte der Kanzlerin, als die Flüchtlings-‚krise‘ (Als ob Flüchtlinge eine Krise wären, da könnte ICH die Krise bekommen!) auf ihrem Höhepunkt war. Ursachen dieser Krise, sind hauptsächlich der Bürgerkrieg in Syrien und der islamistische Terror, der in Afghanistan, Irak und Syrien ganze Landstriche verwüstet hat. „Allahu akbar“, im Namen des einen Gottes werden viele Gräueltaten begangen, die Interpretation des Islam lässt anscheinend vieles zu. Wobei die christlichen Länder sich nicht anmaßen sollten, darüber Gericht zu halten, da sie eine eigene blutige Vergangenheit haben, diese Krieg im Nahen Osten mit Waffenexporten schüren und natürlich dabei diese Waffen auch mal ausprobieren wollen. Viel wichtiger ist es doch, humanitäre Hilfe zu leisten, und den politischen Druck auf das syrische Regime zu erhöhen. Die einfachen Menschen sind es, die unter Kriegen leiden. Ein Leid, das wir uns nicht annähernd vorstellen können.

Olga Grjasnowa hat sich dieses Themas angenommen und einen Roman – nein, einen Augenzeugenbericht dazu geschrieben. So, oder so ähnlich, wird es vielen Menschen gegangen sein, die hier in Deutschland als Flüchtlinge ankamen und noch kommen. Olga Grjasnowa ist mit dem syrisch stämmigen Schauspieler Ayham Majid Agha verheiratet, mit dem sie eine Tochter hat, insofern wird sie wohl auch aus fundierten Quellen schreiben und vermutlich war dies auch die Motivation dieses Buches.

Das Buch handelt von zwei syrischen Menschen, die aus mittelständischen, eher wohlhabenderen Familien stammen. Hammoudi hat als Arzt in Paris promoviert, muss aber seinen syrischen Pass in Damaskus verlängern lassen. Der Pass wird zwar verlängert, er darf aber nicht nach Paris zurück. Amal ist Schauspielerin in Damaskus und träumt von einer größeren Karriere. Als der Bürgerkrieg ausbricht, geht sie auch mit auf die Straße, obwohl der Geheimdienst überall lauert. Warum setzt sie ihr sicheres Leben aufs Spiel?

„Sie hatten die Korruption, die Willkür des Geheimdienstes, die eigene Machtlosigkeit und die permanenten Demütigungen satt. Sie hatten es satt, dass alle öffentlichen Bibliotheken, Flughäfen, Stadien, Universitäten, Parks und sogar Kindergärten nach den Assads benannt waren. Sie hatten es satt, dass ihre Väter, Brüder und Onkel in Gefängnissen saßen. Sie hatten es satt, dass die ganze Familie zusammenlegen musste, um die Söhne von ihrem Armeedienst freizukaufen, während im Kabelfernsehen die nordamerikanischen Teenager Autos geschenkt bekamen und um die Welt reisten. Sie hatten es satt, jeden Morgen in der Schule ‚Assad, bis in alle Ewigkeit‘ aufzusagen und zu schwören, dass sie alle Amerikaner, Zionisten und Imperialisten bekämpfen würden. Sie hatten es satt, im Schulfach ‚Politische Bildung‘ Assad-Zitate auswendig zu lernen und sie dann mit fehlenden Bruchstücken in Klassenarbeiten zu ergänzen und zeitlich einzuordnen. Sie hatten es satt, wie Tiere behandelt zu werden. Und vor allem hatten sie es satt, dass sie all das nicht aussprechen durften.“

Amal wird festgenommen, verhört und misshandelt und kann nur durch Bestechung freikommen. Hammoudi arbeitet als Arzt in einer Stadt, die sich offen gegen Assad gewendet hat und von den Regierungstruppen regelrecht zusammengeschossen wird. Olga Grjasnowa beschreibt diese Schrecken sehr nüchtern und beschönigt nichts. Der Abstieg und die Hoffnungslosigkeit der beiden Charaktere werden hier sehr gut eingefangen. Diese Hilflosigkeit den Herrschenden gegenüber.

„In der Minute, die sie brauchen, um die schmale Treppe ihres Hauses hochzukommen, malt Amal sich aus, was sie heute verlieren könnte: ihre Wohnung, Geld, Schmuck, Zähne, ihre Würde, ihre Freiheit, ihr Leben. Sie beschließt überhaupt nicht mehr zu denken oder zu fühlen. Sie ist nicht traurig. Sie ist nicht ängstlich. Sie ist nicht wütend. In ihr sind keine Gefühle mehr.“

Doch immer noch bringt dich irgendetwas dazu, aufzustehen, weiterzumachen. Beide fliehen aus Syrien, doch auch in den angrenzenden Ländern wie dem Libanon oder der Türkei sieht die Lage nicht besser aus.

„Die Kinder würden vielleicht zur Schule gehen, wir würden keine Arbeit finden und wären auf Erdogans Gnade angewiesen. Wir sind illegal hier, Amal. Und außerdem wird auch dieses Land bald zu Grunde gehen. Es fängt schon an.“

Beide fliehen aus der Krisenregion. Nur die etwas Begüterten haben die Chance sich ein Leben im westlichen Europa aufzubauen, die Armen und Ungebildeteren bleiben zurück.

„…es gibt nur eine einzige schmale Leiter, die in den Raum führt, in dem mehrere hundert Seelen nebeneinandergedrängt auf dem Boden sitzen. Syrer, Palästinenser, Afghanen und Iraker, es sind allein reisende Männer und Frauen, Greise und ganze Familien mit Kleinkinder auf dem Arm. Zusammengepferchte Leiber, die sich berühren, Beine, die an andere Beine stoßen, Schultern die sich aneinanderschmiegen. Es ist der Mittelstand, der flieht, die Armen bleiben in den Flüchtlingslagern zurück.“

Es ist schon eine Tragödie was im Nahen Osten passiert. Millionen werden entwurzelt, von ihren Familien getrennt, ihr Land von den eigenen Landsleuten in Schutt und Asche gelegt. Die Nationen bluten aus. Gebildete und Reichere die die Regimes nicht unterstützen, fliehen in Scharen aus dem Nahen Osten – in eine ungewisse Zukunft. Denn der Goldesel Westen schottet sich langsam ab, und ist auch nicht mehr uneingeschränkt bereit zu helfen. Trotz der offiziellen Unterstützung haben es die Flüchtlinge in den europäischen Ländern nicht leicht.

„Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge, Refugees, Muslime oder Newcomer. Die Herablassung ist in jedem Atemzug spürbar.“

Olga Grjasnowa hat ein unverblümtes Werk vorgelegt, das zeigt, wie schnell jemand gezwungen wird, das zu verlassen, was er liebt. In eine andere Kultur zu flüchten, eine unbekannte Sprache zu lernen, unter Menschen zu leben, die eine andere Religion haben. Alles Hab und Gut, auch seine Familie zu verlieren, seine Freunde, seine Wurzeln zurück zu lassen, um das nackte Leben zu retten. Die drei Kapitel zeigen die verschiedenen Stadien von Amal und Hammoudi, wie sie zu der Entscheidung kommen, ein neues Leben aufbauen zu müssen, obwohl sie ja zu den privilegierten Menschen in Syrien gehörten. Eine Flucht, ein Leben, das frappierend Parallelen zu dem Schicksal der Juden im dritten Reich zeigt, sowie auch das Vorgehen des Diktators Baschar-al-Assad Vergleiche an Adolf Hitler zulässt, dieses rigorose Vorgehen gegen Gegner des Systems, an alle Diktatoren erinnert. Erst wird nach und nach das Umfeld der unerwünschten Personen zerstört, ihr Hab und Gut genommen und dann ihr Leben. Viele Menschen geben schon vorher auf und reihen sich duldsam in die Reihe wieder ein. Die, die nicht zerbrechen und weiterkämpfen zahlen einen hohen Preis.

Gerade diese nüchterne, schonungslose Darstellung macht das Buch so eindringlich und aufrüttelnd und entwickelt eine starke Wucht. Grjasnowa wertet nicht, sie stellt die Dinge so dar, wie sie sind. Nackt und erbarmungslos. Es holpert manchmal etwas im Buch, die Worte passen nicht so richtig, was aber nicht stört, das Thema bleibt erschütternd genug. Ein wichtiges Buch zu den Zuständen in Syrien, wobei ich den Titel nicht ganz verstanden habe. Um Religion geht es hier, weiß Gott, nämlich überhaupt nicht. Gott ist abwesend.

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29 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

außerirdische, buch, wien, krimi, mord

Gewitter über Pluto

Heinrich Steinfest
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.10.2010
ISBN 9783492263665
Genre: Romane

Rezension:

Bücher von Heinrich Steinfest sind mir ein Genuss! Nicht viele Schriftsteller schaffen es, sich derart eloquent auszudrücken wie Steinfest. Und nebenbei noch viele interessante Dinge zu sagen, schöne Geschichten zu erzählen und schräge Charaktere zu erfinden. Leider scheitert Steinfest des öfteren am Ende. Vielleicht will er ja gar nicht aufhören. So wie Jazzmusiker die sich in ihrer Variation der Stücke vergehen und gar nicht bemerken, dass ihnen keiner mehr zuhört. Die drei restlichen Zuhörer sitzen nur noch da weil sie eingeschlafen sind. Vielleicht sollte Steinfest einfach weiterschreiben und des Letors Aufgabe wird es dann sein, die Manuskripte dann in mund-und handgerechte Brocken aufzuteilen.

Vielleicht macht er das ja insgeheim auch. Jedenfalls kenne ich niemandenn dem ich gierig und bereitwillig in seinen abschweifenden Gedankengängen folge. Weder als realer Mensch noch als Schriftsteller. Steinfest würde ich überall hin folgen.

So wie auch hier im vorliegenden Buch. Pluto ist der Hauptheld in diesem Roman, als nicht-Planet, als Ordnungsnummer, die auch eine Telefonnummer sein kann, oder eine Nummer eines versteinerten Vogels, oder als Wetterstation von Ausserirdischen, die mit Vögeln ihre Probleme haben und auf der Erde ihre Agenten beheimatet haben.

Lorenz Mohn ist ein Pornodarsteller, der mitten in einer Szene aufspringt, weil er beim Anblick einer strickenden Frau die Idee bekommt, einen Strickwarenladen aufzumachen.

"Lorenz Mohn war gewissermaßen ein Märchenonkel der Sexualität, indem er in den Filmen, in denen er auftrat, nicht nur ungewöhnlich ausdauernd und erfolgreich agierte, sondern die Sache eben ohne die bekannten Umständlichkeiten einfädelte. Seine gespielte Ausdauer, seine gespielte Potenz ergaben sich folgerichtig aus der Schnelligkeit der Anbahnung - so blieb nämlich genug Zeit für das Wesentliche -, während im wirklichen Leben die erschöpfende Länge solcher Anbahnungen wie auch die ewige Diskutiererei darüber, wer was wie möchte, für den eigentlichen Akt kaum noch Zeit und Kraft lassen. Der Mensch ermattet in der Diskussion. Man kann also nicht imemr sagen, dass die Erfindung der Sprache ein großes Glück darstellt. Es besteht ein deprimierendes Ungleichgewicht. Während etwa im Krieg zuwenig gesprochen wird, wird im Sex zuviel gesprochen."

Nachdem er den geeigneten Laden gefunden hatte, findet er auch noch zufällig die Frau seines Lebens. Ein Kredit bei der etwas zwielichtigen Kreditgeberin der Stadt, ermöglicht ihm den Aufbau eines neuen Lebens. Nach sieben Jahren soll er diesen zurückzahlen, ansonsten muss er jemanden das Leben retten.

Wie die Geschichte sich durch aberwitzige Wendungen dorthin schlängelt, ist schlichtweg genial. Nur eben...ja das Ende ist zum Rest des Buches gesehen, katastrophal.

Aber im Grunde genommen will man bei Steinfest ja gar nicht zum Ende kommen.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Der gute Banker

Paul Murray , Wolfgang Müller
Fester Einband: 500 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 24.08.2016
ISBN 9783956141201
Genre: Romane

Rezension:

Claude Martingale (Als Martingal bezeichnet man in der Wahrscheinlichkeitstheorie einen stochastischen Prozess, der über den bedingten Erwartungswert definiert wird und sich dadurch auszeichnet, dass er im Mittel fair ist. Martingale entstehen auf natürliche Weise aus der Modellierung von fairen Glücksspielen. Quelle Wikipedia) ist Analyst bei einer irischen Bank. Claude wollte eigentlich mit dem Umzug von Paris nach Dublin etwas in seinem Leben ändern, aber er verbringt seine Tage und Nächte einzig und alleine mit Arbeit. Das viele Geld kann er gar nicht ausgeben.

Wir befinden uns kurz nach der Bankenkrise, Claude arbeitet bei einer fiktiven Bank (wobei die im Buch beschriebenen irischen Banken sehr reale Vorbilder haben), die aus der Bankenkrise einigermaßen unbehelligt herausgekommen ist. Seine Kollegen in der Analyseabteilung sind, wie er, viel zu beschäftigt um ein Privatleben zu führen.

„‚Ich bin Claudes beste Freundin in dem Saftladen hier‘, springt Ish ihm zur Seite. ‚Komisch, oder? Heißt doch immer Frogs und Aussies kommen nicht klar miteinander? Weil die Frogs, die sind alle schmuh-schmuh-schmuh und die Aussies heymannhey. Aber wir passen zusammen wie die Faust aufs Auge, stimmt’s nicht, Claude?‘ Ich stelle mir die blauen Flecke und die Schreie vor. ‚Ja‘, sage ich.‘

Als Claude Paul den Schriftsteller kennenlernt, der über Claudes Leben schreiben möchte, beginnt er plötzlich darüber zu reflektieren.

„Konnte man an so einem Ort einen Roman ansiedeln? In einer Stadt, die keine ist? Bevölkert mit Menschen, die dafür bezahlt werden, nicht sie selbst zu sein? Er sagt, er wolle das Menschliche im Innern der Maschine finden, wollte inmitten der goldenen Abstraktionen das Konkrete aufspüren. Er glaubt zu erkennen, dass ich irgendwie anders bin, und ich stehe hier auf dem Balkon und spüre ein Prickeln bei dem Gedanken, dass auch ich das erkennen könnte. Aber was, wenn er falschliegt? Wenn er den Spiegel hochhält und da ist nichts?“

Paul beobachtet nun Claude, Tag und Nacht und bringt den zwielichtigen Igor mit in die Bank, der anfängt überall Kameras einzubauen. Was haben die beiden vor? Nur für einen Roman solch einen Aufwand? Die verschiedenen Welten von Paul und Claude geraten schließlich auf weitere skurrile Art und Weise zusammen. Claude würde gerne Ariadne, der schönen Kellnerin, nahekommen. Dazu braucht er eine Geschichte, eine Vorgehensweise, die Paul ihm zurechtschreiben soll. In der Zwischenzeit schreibt der ständige Verfall der Banken in Irland, weitere Geschichten, die auch Paul und Claude direkt oder indirekt betreffen.

Ein Buch über einen Finanzanalysten in einer Bank? *GÄHN* Wie langweilig, denn außer Arbeit gibt es über Claude nicht viel zu erzählen. Doch mit Paul und dessen Gefolgschaft als Gegenpol für den etwas biederen Claude, hebt dieser Schelmenroman, als Groteske herrlich und böse sein Haupt. Besonders die Banken haben es Paul Murray angetan, mit hämischer Freude seziert er diese unnützen Konzerne in ihre Einzelteile.

„Das ganze Wochenende habe ich mir den Kopf zermartert. Was hat er damit gemeint, als er sagte, er würde nicht zum Kern der Sache vordringen? Es ist einziger Zweck einer Bank, vom Kern der Sache abzulenken – Dinge in Zahlen und diese Zahlen dann in imaginäre Dinge zu verwandeln, dann die imaginären Dinge in einzelne Stücke aufzuteilen, die man kaufen oder verkaufen kann, geswappt oder gehedgt, hin und her, wieder und wieder, bis die zugrunde liegende Realität aus der sie hervorgegangen sind, vollkommen vergessen ist.“

Die handelnden Politiker bekommen natürlich auch ihr Fett weg, haben sie doch sinnloserweise das Geld des Landes in diese intransparenten Gebilde gesteckt, ohne zu wissen, was sie da tun. Naja, sie haben bestimmt auch ihren Anteil zugeschustert bekommen. Die Wut der Bevölkerung hätte eigentlich in diesen Tagen höher ausfallen müssen.

„‚Sollte man als Politiker nicht eine Weltanschauung haben? An irgendwas glauben oder so?‘ ‚Er glaubt an Geld. Noch wichtiger das Geld glaubt an ihn. ‚Wer weiß? Vielleicht glauben sie ja wirklich, dass die Royal Irish noch zu retten ist. Stecken wir halt noch ein paar Milliarden rein, schließen die Augen und hoffen das Beste. In der Bank nennen wir das ‚magisches Denken‘, sage ich ‚Das ist verbreiteter, als man erwarten würde.'“

Die Beschreibungen gleiten manches Mal in das Groteske ab, bleiben im Kern aber wahr. „Früher das größte Puff Europas, heute fast alles Banken.“, sinniert eine der Protagonisten, als er die Straßen Dublins betrachtet. Die Charaktere in Paul Murrays Der gute Banker sind auch herrlich dargestellt.  Da sind die Kollegen von Claude, die diesen Irrwitz zwar verstehen, aber immer zynisch weiter machen. Die Chefin von Claude, die ihr Fähnlein im Winde dreht und die Parolen von oben nachplappert. Und natürlich der große Magier Blankly, der CEO, der Memos wie: Denkt kontraintuitiv und: Es ist nicht alles Gold was glänzt an alle Mitarbeiter verschickt, es ihnen überlässt die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Blankly ist der typische Manager:

„Blankly würde durch das Grab seiner eigenen Mutter bohren, wenn er darunter Öl vermutete. Wenn Banker überhaupt einen Gedanken an die Natur verschwenden, dann den, dass sie der Schöpfer des mitleidlosen Modells des Survival of the Fittest ist, auf den der Markt basiert. Wenn eine Gattung ausstirbt, ein Fluss austrocknet, eine Zivilisation durch Hunger, Flut, Erdbeben oder Vulkanausbruch ausgelöscht wird, dann wird das in der Regel als fundamentale Schwachstelle in ihrem Businessplan gewertet.“

Überhaupt, die Grundarbeit der Analysten besteht darin, alle Daten in Kauf oder Verkauf umzusetzen, wobei die Resultate recht strittig sind:

„Einen Monat lang haben wir die Zahlen von fünf Jahren durchgeackert: die Aktien, die sie ausgesucht hatten, die Treffer, die Fehlschläge, das verdiente Geld, das verlorene Geld. Das Ergebnis war, dass eine willkürliche Auswahl der Aktien bessere Resultate erzielt hätte, als die von ihnen ausgesuchten. Einer hatte vielleicht in diesem Jahr mehr Glück, ein anderer im nächsten Jahr. Das heißt: Lass die Aktien aus einem Hut ziehen oder einen Affen mit Dartpfeilen auf eine Scheibe werfen und du erzielst auf lange Sicht die besseren Resultate.“

Ich liebe dieses Buch! Es ist so herrlich sarkastisch – und was das Schlimmste ist – Paul Murray hat mit allem Recht! Wer das Bankenumfeld nicht so gut kennt – keine Angst vor diesen ganzen Begriffen, die einem hier um die Ohren geworfen werden. Murray hat gut recherchiert und erklärt vieles, was wichtig ist. Wer allerdings etwas mit Hedgefonds und Swaps anfangen kann, dem droht hier der doppelte Spaß. Köstlich sind die mathematischen Modelle die in diesem Irrsinn aufgebaut werden. Da wird der als Nerd im Schrank lebend dargestellte russische Mathematiker dafür benutzt, irrationale Rendite zu erschaffen. Den Konkurs zu monetarisieren.

Aber im Grunde bedienen die Banken, wie die Illusionisten, nur die Wünsche der Menschen, die genau das bekommen was sie wollen.

„Schätze, die gute Nachricht für uns ist, dass Menschen Illusionen mögen. Sie mögen überzeugende Erzählungen, sie mögen gute Geschichten. Die über den brilianten CEO, der harte Entscheidungen trifft und das Unternehmen wieder auf Kurs bringt. Die über den cleveren Burschen im teuren Anzug, dessen scharfe Analysen vorhersagen, ob der Kurs steigt oder fällt. Sogar heute noch, wo uns alle Welt an die Gurgel will, wollen sie immer noch glauben, dass wir die Antworten haben. Das irgendwer die Antworten hat. Sie glauben eher das als die Wahrheit. Tatsächlich ist dies die einzig sichere Wette, die du anlegen kannst. Wenn er die Wahl hat zwischen einer komplizierten Wahrheit und einer simplen Lüge, nimmt der Mensch immer die Lüge. Auch wenn sie ihn umbringt.“

Bücher über die Finanzkrise 2008 haben wir schon viele gehabt, aber keines, das so herrlich boshaft, bissig und schonungslos damit umgeht wie dieses. Dabei hat Paul Murray ein paar schöne Kniffe in Petto, die diesen Roman zwischen einem Märchen und einer ernsthaften Geschichte durchlavieren.

Der gute Banker erreicht zwar nicht die Klasse von Skippy stirbt, aber es ist ungerecht, dass er bis jetzt noch nicht mal in Amazon mit einer Rezension bedacht wurde. Es ist ein höchst witziges, auf die Spitze getriebenes Buch, das mit der Finanzkrise abrechnet. Im Inhalt sehr fundiert, in der Aussage aber hämischen Witz ausgießt. Und die Verknüpfung von langweiligem Finanz-Analysten und chaotischen gescheiterten Schriftsteller ist überaus erquicklich. Ohne die Finanzkrise hätten wir solch ein Buch nicht gehabt. Und das wäre sehr schade gewesen.

Und am Ende geht einem auch noch mal das Herz auf, was will man mehr von einem Buch! Ein Buchhöhepunkt des Jahres .

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14 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

ehe, kinder, lange partnerschaft, pastor, tim parks

Thomas & Mary

Tim Parks
E-Buch Text
Erschienen bei Verlag Antje Kunstmann GmbH, 15.02.2017
ISBN 9783956141782
Genre: Romane

Rezension:

Beziehungen sind für Personen außerhalb immer schwierig zu verstehen und zu beschreiben. Zumal man vieles nicht sieht, viele Entwicklungen, die im Inneren stattfinden, nicht mitbekommt. Selbst beste Freunde und Freundinnen der Ehepartner schütteln, ob der Entscheidungen ihrer sich Ihnen anvertrauten Freunde manchmal den Kopf. Entschlüsse sind nicht nachvollziehbar und karikieren das vorher Gesagte. Als Kind und auch später als Erwachsener habe ich die Beziehung meiner Eltern nie so richtig nachvollziehen können. Auch in meiner späteren Rolle als Vater und Ehemann, konnte ich manches rückblickend nicht verstehen.

Das können die handelnden Personen, die in der Beziehung stecken, manchmal auch nicht. Genau diese Art von langjähriger Beziehung, eine Ehe die 30 Jahre andauert, seziert Tim Parks in seinem Buch Thomas & Mary. Vorsicht für alle glücklich Verliebten und alle, die in einer zufriedenen Partnerschaft stecken, das Buch hat eine gewisse Art einen zu infizieren, gedanklich herunterzuziehen, es entwickelt einen starken Sog. Man benötigt Abstand, um nicht in seiner eigenen Beziehung nach diesen Symptomen der Erosion zu suchen.

Thomas verliert seinen Ehering am Strand. Trotz intensiven Suchens bleibt dieser verschwunden. Ein schlechtes Omen?

„Dennoch, er wollte keinen neuen Ring kaufen. Irgendwie kam es ihm so vor, als ließe sich das Problem nur lösen, wenn er noch einmal ans Meer fahren und den alten 22-karätigen goldenen Ring, auf dessen Innenseite ihre Namen und ihr Hochzeitsdatum eingraviert waren, wiederfinden und ihn sich an den Finger stecken würde; dann würde die Welt wie von Zauberhand wieder so sein wie zuvor. Wie viele Jahre zuvor. Das passierte nicht.“

Am Anfang des Buches weiß man schon, dass die Ehe ein schlechtes Ende nehmen wird. Doch hier geht es nicht um Anfang oder Ende einer Geschichte. Tim Parks springt munter in der Zeit und verwirrt den Leser, der von späteren Dingen liest und Verweise auf frühere Ereignisse erhält. Er seziert die Ehe in einzelne Lebenssituationen. Es werden Vermeidungssituationen dargestellt um nicht zusammen einzuschlafen oder gar miteinander zu schlafen. Dazu dient ein Hund, die Arbeit, der Fernseher, zwischen zwei Menschen im Ehebett passen so viel Alltag, so viele Entschuldigungen. Der Ehealltag wirkt festgefahren, so viele Dinge aufgehäuft, so wenig Zuwendung bleibt. Buchhalterisch und nüchtern wird Bilanz gezogen.

„Als er nach Hause kommt, steuert Thomas seinen frisch gewarteten Wagen die Rampe hinunter in die beeindruckend geräumige Dreiergarage unter dem gut gepflegten Garten. Per Fernbedienung öffnet sich die Tür, und als das Auto hineingleitet, geht automatisch eine Lampe an und beleuchtet das an einer Wand gestapelte Kaminholz, die Räder auf dem Fahrradständer an der anderen Wand, einen Werkzeugschrank, Umzugskartons, einen Schlitten, Skates, Rucksäcke, Bücher, eine rot-weiße Vespa, Tennisschläger, Gitarrenkästen, Verstärker, ein elektrisches Klavier, einen kaputten Roller. Thomas stellt den Motor ab und starrt das alles an. So viele beruhigende Sachen, denkt er. Relikte der Aktivitäten eines vergangenen Lebens. Nach einer Weile geht das Licht aus, aber Thomas bleibt noch sitzen und starrt weiter. In der unterirdischen Stille seiner Tiefgarage, auf dem Sitz seines dunklen Sedan, könnte er ein etruskischer Prinz sein, einbalsamiert auf seinem Totenschiff.“

Langsam wird das Bild dieser Ehe deutlich. Er arbeitet, hat junge Freundinnen, Geliebte, die bei den ersten Problemen abgeschoben werden, er beackert den Garten. Sie zieht die zwei Kinder groß, holt sich einen Hund, geht auch mal fremd. Doch zueinander laufen sie nicht. Immer weiter wird in dieser langjährigen Ehe gelebt, ohne die Grundprobleme zu beseitigen. Wie der Ehering dient die Hochzeitspflanze als „Self fulfilling prophecy“.

„Er stellte die Pflanze an unerreichbare Orte. Er platzierte sie im Extrazimmer, wo er manchmal abends arbeitete. Doch obwohl die Hochzeitspflanze überlebte, gedieh sie nicht mehr so wie früher. Das lag sicher daran, dachte Thomas, dass die beiden neuen Triebe einander genau gegen überlagen, sodass immer einer der beiden im Nachteil war, ganz egal, wie die Pflanze zum Licht stand.Thomas drehte sie regelmäßig, doch das schien sie nur zu Verwirrung zu führen. Die beiden neuen Stämme wuchsen leicht verdreht, so als würden sie versuchen, um den alten Stamm herum voreinander zu fliehen.“

Parks beschreibt diesen ermüdenden Alltag so im Detail, dass man dem Buch fliehen möchte, aber doch wie gebannt an den Sätzen klebt. Und wie die Personen so tief in ihrem Leben stecken und doch manchmal darüber hinausschauen sollten und müssten und es nicht können, so tief ist der Treibsand der Zeit und das graue Einerlei. Warum, warum geht es nicht einfacher? Warum ist man nicht zufriedener?

„Reife, die Zufriedenheit älterer Paare. Er lässt die Katze raus, während sie den Kamillentee umrührt. Jeder von beiden weiß, welchen Teil der Zeitung der andere gern liest, wer wann kalte Füße hat. Das reife Obst im wohlbekannten Korb, die Blätter die vom Rasen aufgesammelt werden. Winterreisen in ein wärmeres Klima, bunt verpackte Geschenke für die Enkel. Akkumulation und Ablagerung. Ihre todkranke Mutter, das Motoneuron seiner Schwester. Das Wirkliche von Tag zu Tag wirklicher. Das Sofa an die Form ihrer Rücken angepasst. Das sanfte Kratzen ihrer Nägel auf seinem Nacken. Er nimmt ihre schwieligen Füße zwischen seine fleckigen Hände. Lächelt sich durch grauen Star und Reformkost hindurch. Das jährliche Abkommen, die Fotos neu zu ordnen. Warum war dieses Schicksal  nicht für uns bestimmt? fragt sich Thomas.“

Dieser wankelmütige, ungläubige Thomas. Parks begibt sich auch tief in seine kleine Seele, die voller Unsicherheit und Unklarheit ist. Trotz des Selbstbewusstseins eines guten Jobs und vieler junger Frauen kann er letztendlich nicht das mit seiner Frau tun, was er tun sollte. Eine Ehe, ein Leben voller verpasster und verpatzter Gelegenheiten:

„Nein, je mehr Thomas nach Vergleichen suchte, desto mehr kam er zu dem Schluss, dass die Beziehung zwischen ihm und seiner Frau keinem literarischen Muster entsprach. Es war wirklich ihre eigene Geschichte, und sie war wirklich passiert. All die wunderbaren, schwierigen Jahre lang. Als Thomas diese Wahrheit schließlich mit überwältigender Schärfe und ganz realer Brutalität klar wurde, brachte sie eine neue Zuneigung zu seiner Frau, seiner Exfrau mit sich, und eine ganz neue Achtung – sie hatten all das tatsächlich zusammen durchgemacht- , ja sogar Zärtlichkeit. Einen Augenblick lang dachte er daran, anzurufen, entschied sich aber dagegen.“

Hätte dies irgendetwas verändert?

Parks ist ein intensives Buch gelungen, aus dem sich der Rezensent müde und mit viel Kraft befreien musste, um nicht hinab gezogen zu werden. Ein sehr atmosphärischer Roman, der laut des Nachworts des Autors auch anders erzählt werden kann, der immer in Bewegung ist, in Reihenfolge und Aufbau. Die Geschichte einer Ehe, die nicht immer linear ist, ein Buch dazu, das tatsächlich auf Englisch eine andere Struktur, eine andere Reihenfolge hat. Eine Ehe, die keinen direkten Grund hat zu scheitern, dennoch scheitert, weil zu wenig Achtsamkeit, zu wenig Liebe und – ja auch Selbstgefälligkeit der Personen vorherrscht. Einfach weil zu viel verloren geht im Laufe der Jahre und weder Thomas noch Mary darum kämpfen. Tim Parks ist, gerade durch seinen etwas nüchternen Stil, ein ganz und gar erschreckendes Buch über eine Ehe gelungen. So wie man es nicht machen soll. Ein schleichender Zerfall einer Beziehung.

Eine klare Leseempfehlung von mir.

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15 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

erzählungen, short story, amerika, stories

Ein dreifach Hoch auf die Milchstrasse!

Kurt Vonnegut , Harry Rowohlt
Fester Einband: 286 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 01.06.2010
ISBN 9783036955766
Genre: Romane

Rezension:

Kurt Vonnegut wird als eine der innovativsten SF-Schriftsteller des 20.Jahrhunderts gehandelt. Ich bin selbst kein großer Fan von seinen Büchern, ich finde seinen Schreibstil anstrengend und die Geschichten in Romanform sprunghaft und chaotisch. In seinen Kurzgeschichten schafft er es allerdings, die Gedanken zu bündeln und nicht auszufransen. Dabei gelingen ihm wahre Perlen, die vom Gefühl her Ray Bradbury das Wasser reichen können. In dem vorliegenden Band gibt es solche Perlen, wie z.B. die Geschichte mit dem Junggesellen Larry oder dem Zeitungsjungen mit Ehre. Es sind aber auch weniger gute dabei, so hält sich das Pendel in etwa der Waage. Interessant ist das Bändchen allemal


Die Geschichte des Mannes der die individuelle 'Versteh-Maschine' erfand

Die Geschichte von dem Mann, der ein perfekter Verwaltungsangestellter sein wollte, aber vom prallen Leben überrascht wurde.

Die Geschichte von der populären Autorin und der perfekten Liebe.

Die Geschichte von Ed Luby und den Mafiosis

Die Geschichte von dem lieblichen Chor und dem herzzerreißenden Gesang

Die Geschichte des psychologischen Hypnotiseurs

Die Geschichte der Außerirdischen kleinen Geschöpfe

Die Geschichte des Brückenwächters der in seine Heimatstadt am Meer zurückkam

Die Geschichte von Larry dem wählerischen Junggesellen, der endlich die Frau Gattin fand, die einen kreativen Weg entdeckte ihn an sich zu binden.

Die Geschichte der kommunistischen Forschern, die ihre Entdeckung nicht preigeben durften.

Die Geschichte des Zeitungsjungen dessen Ehre verteidigt wurde

Die Geschichte der Fotoerpressung

Die Geschichte der verwöhnten Geschwister

Die Geschichte des Doktors der wundersam Sterilität heilt.

 

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amerika, liebesgeschichte

Der Papagei, das Telefon und die Bibliothekarin : Roman


Sonstige Formate
Erschienen bei null, 01.01.1997
ISBN B002PMH9IM
Genre: Sonstiges

Rezension:

Es gibt Bücher, an die geht man komplett ohne Erwartung heran. Wer ist Joe Coomer? Was ist das bloß für ein bescheuerter Titel? Wenn der Autor nicht bekannt ist, muss ein plakativer Titel her, dachte sich wohl der Verlag. Hätte ich nicht mal reingelesen und ich nicht gerade an dem Tag Lust auf ein Buchkauf gehabt, ich hätte das Buch sicher nicht angerührt. Höchstens mit den Augen, streifend von weitem. Im Nachhinein bin ich nicht nur froh es gekauft, sondern auch gelesen und einen neuen Autor entdeckt zu haben. Es ist eine der wenigen Indie-Buch-Perlen, die sich so wohltuend von der Masse der Bücher abheben. Einfach weil sie so erfrischend und so unliterarisch sind. (Jaja, das Buch ist ja auch Literatur, ihr wisst aber was ich meine)

Erzählt wird die Geschichte von Lyman, der alleine in seinem Wohnwagen wohnt und die Nachtschichten auf dem Loop (so der Originaltitel), auf dem Autobahnring als Straßenwächter verbringt.
Tagsüber bildet er sich weiter und hat schon etliche Fremdsprachen gelernt, sich ansonsten auch weitergebildet und viele Scheine für das College beschafft, wo er aber nicht hingehen will. Das Selbststudium verbringt er alleine, Familie hat er keine, seine Eltern sind bei einem Autounfall früh verstorben, die einzige tiefere Beziehung pflegt er zu Tieren. In seinen Jugendjahren wird er von einer Familie zur anderen gereicht.

"Die mittlere Lebenserwartung eines Hundes betrug acht bis neun Jahre, Lymans Verweildauer in den Familien fünf bis sechs Monate. An die Namen der Hunde, mit denen er zusammengelebt hatte, konnte er sich besser erinnern als an die der Menschen. Kam er in eine Pflegefamilie, die keine Haustiere hatte, fand er Mittel und Wege weiterzuziehen. Nachdem er den Führerschein gemacht hatte, unternahm er in einem geliehenen Auto eine erste vorsichtige Fahrt durch die ganze Stadt, um die Hunde seiner früheren Pflegefamilien zu besuchen. Die meisten waren jedoch gestorben oder entlaufen, und er erkannte, dass zwei Leben sich nur kurz berührten, süß und heilend, um dann in lange währenden Kummer überzugehen."

Lymans doch recht einsames aber klar geregeltes Leben erfährt eines Tages eine Veränderung. Ein Papagei fliegt ihm zu, der komische, teils kryptische Sätze spricht und offensichtlich verletzt ist.

"Er beugte sich zu den gelben Augen hin und versuchte darin das Alter des Vogels zu erkennen, den Widerschein der Heimsuchungen eines Jahrhunderts. Aber alles, was er entdecken konnte, war eine dunkle Variante von etwas vage Vertrautem, etwas zwischen Netzhaut und Augenflüssigkeit Verborgenem."

Lyman pflegt den Papagei und versucht dessen Besitzer festzustellen. Die Suche nach der Vergangenheit des Papageis, führt ihn zwangsläufig auf seine eigenes Leben zurück. Gerade die Arbeit in der Straßenwacht bringt ihn viel mit dem Tod in Berührung, meist sind es überfahrene Tiere, aber auch Unfälle mit Menschen passieren. Der Zufall lässt diese Menschen innehalten, am Straßenrand verweilen, der Fluss des Lebens ist plötzlich gestört.
Lyman hat eine sehr klare, nichtreligiöse Art die Welt zu sehen. Das meiste was passiert ist Zufall.

"Zum Laufen hilft nicht schnell sein, zum Kampf hilft nicht stark sein, zu Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft nicht klug sein, dass einer angenehm sei, dazu hilft nicht, dass er etwas gut kann, sondern alles liegt an Zeit und Glück.
Prediger 9, 11
'Genau', rief Lyman, 'Das ist das erste Mal, dass ich das erlebe. Jemand, der es wissen muss, gibt zu, dass das Universum willkürlich ist. Dass das Gute nicht zwangsläufig belohnt wird. Dass das Böse nicht zwangsläufig bestraft wird. Dass der Schulhofschläger später nicht zwangsläufig büßen muss. Alles ist beliebig, alles ist Zufall, eine Laune des Universums. Ein einziges großes Glücksspiel. Und die einzige Philosophi, die zu funktionieren scheint, ist Wachsamkeit, Vorbereitetsein. Man muss auf der Hut sein'."

Lymans Leben gerät nun gehörig in Unordnung, damit hat auch Fiona ihren Anteil daran. Fiona, die Bibliothekarin, mit dem treuen Hund Floyd, der sich, um nicht umzufallen, immer an feste Dinge lehnt (liebend gerne an Lymans Beine). Fiona deren Flüstern manche Schiffssirene übertönen würde. Fiona die, das spürt Lyman, Ordnung in sein Leben bringen würde.

"Er dachte, wenn er sie liebte, würde er sie auch kennenlernen, sie endlich verstehen, die entnervende, strapaziöse Intensität ihrer Fragen ebenso wie die gewundenen Falten ihrer Genitalien."

Der Papagei, das Telefon... ist eines dieser Bücher die man einfach lieben muss! Ob der schrägen und liebenswerten Charaktere, der sanften und doch manchmal so realistisch harten Geschichte, dieser Mix macht dieses insgesamt doch so zauberhafte, warmherzige und liebevolle Buch aus. Dabei ist es manchmal so schön schräg anders geschrieben, dass es sofort mein Herz gesichert hat.

"Lyman spürte, wie etwas sich auflöste. Er schaut auf seine Schuhe hinab, aber sie waren geschnürt."

The Loop wurde 1993 von der New York Times zum Buch des Jahres gewählt und 2001 verfilmt. Der Autor ist für mich jedenfalls die Entdeckung des bisherigen Jahres.

 

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60 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

teranol, interspace, traum, seelenfänger, seele

Seelenfänger

Andreas Brandhorst
Flexibler Einband: 700 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.10.2012
ISBN 9783453529700
Genre: Fantasy

Rezension:

Beflügelt durch die beiden hervorragenden Bücher von Andreas Brandhorst, "Das Kosmotop" und "Ikarus" habe ich nach dem Seelenfänger gegriffen, der zeitlich nicht weit weg von den erstgenannten liegt. Doch nach der Hälfte des Buches habe ich entnervt aufgegeben.

Die Idee war erstmal nicht schlecht, es gibt hochsensible Menschen die mit Hilfe eines Medikamentes sich und andere in das Gehirn eines Menschen transportieren können. Der Patient, auch medikamentös ruhig gestellt, soll dabei von schweren psychischen Schäden geheilt werden. Zur Sicherheit wird diesen Travellern ein Therapeut zur Seite gestellt, der den Travellern psyhologisch hilft.

Zacharias ist so ein Traveller und sitzt im Rollstuhl. Durch eine Muskelkrankheit gelähmt, kann er nur die Augen bewegen, aber mit Hilfe des Medikamentes und im Gehirn eines anderen, kann er alles bewirken, denn er ist ein Geistesriese. Er hat sich in Florence verliebt, die Therapeutin, die ihn immer begleitet. In der Gedankenwelt kann er reden, laufen, küssen und sie auch lieben, darum verweilt er ganz gerne länger in dieser Welt.

Eines Tages, kruz nach einem Einsatz, müssen die beiden einen dringenden Fall bearbeiten. Ein wichtiger Mitarbeiter der an einer für den Konzern sensiblen Sache arbeitet, ist ins Koma gefallen. Der Traveller der ihn holen sollte, liegt auch im Koma und kehrt nicht mehr zurück. Die Hoffnung liegt jetzt alleine bei Zacharias und Florence. Sie tauchen in die Traumwelt ein und treffen dort den Seelenfänger.

So weit so gut und auch durchaus interessant. Ab hier wird es aber konfus, unübersichtlich. Was ist Realität was nicht, hat seinen gewissen Reiz, aber das Buch verflacht mit der Zeit und dreht sich mit seinen flachen Dialogen und Handlungen im Kreis. Nach einiger Zeit (immerhin bis zur Hälfte des Buches) habe ich aufgegeben, weil der Roman bis auf Millimeterstärke abgeflacht war und ich keine Besserung mehr sah.

Es wird nicht das letzte Buch von Brandhorst sein, aber ab nun keine älteren Bücher mehr.

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martel, yann martel, postmodern, postmoderner roman, parabel

Ein Hemd des 20. Jahrhunderts

Yann Martel , Manfred Allié , Gabriele Kempf-Allié
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 17.01.2013
ISBN 9783596187249
Genre: Romane

Rezension:

Es gibt viele Bücher über den Holocaust, doch keines was annähernd so heimtückisch daher kommt, wie das hier vorliegende Buch von Yann Martel. Heimtückisch ist es, weil es den Leser erst auf die falsche Fährte führt, ihn irreleitet und plötzlich brutal auf das Naheliegende stösst. Das Buch ist voller Symbolik und Andeutungen, so wie das Grauen auch voller Schatten und indirekten Bedrohungen ist. 

Jeder mag sich an den Symbolen versuchen, ein Esel und ein Affe, die in einem Theaterstück vorkommen, aber auch in der Taxidermie Okapie ausgestelt sind, ein Autor der an dem Holocaust Thema scheitert, aber letztendlich doch findet, der Besitzer der Taxidermie, der wie der Auto heißt und noch vieles mehr. Erst die letzten 13 'Spiele' offenbaren das subtile Gräuel zu dem Menschen nicht nur im Holocaust imstande waren.

Die falschen Fährten werden früh gelegt. Henry ist ein frustrierter Autor dessen Buch über den Holocaust von den Verlegern abgelehnt wird. Er zieht mit seiner Frau in eine neue Stadt und lebt ganz gut von den Tantiemen des letzten erfolgreichen Buches. Er fängt an Musikunterricht zu nehmen und Theater zu spielen. Immer noch erreichen ihn Leserbriefe zu seinem letzten Roman. Einer ist dabei der seine Aufmerksamkeit fesselt und ihn zu der besagten Taxidermie (Tierpräparation von Wirbeltieren) führt. Als er den Urheber in seinem Geschäft besucht, liest dieser ihm, immer wieder auf seinen darauffolgenden Besuchen, ein Theaterstück vor, welches stark an 'Warten auf Godot' erinnert.

Das Hemd des 20.Jahrhunderts ist ein sehr stark symbolbehaftetes Buch, welches ich mir gut und gerne im Deutschunterricht vorstellen kann. Auf die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten möchte ich gar nicht näher eingehen, derer sind zu viele.

Ein teils verstörendes, dann wieder irritierendes Buch welches in einem nachhallt, zumal die eindeutigen Elemente, die 13 Spiele ganz am Ende den Leser komplett einschüchtern und die menschlichen Variationen der Grausamkeit darstellen.

Ein Buch welches mich anfangs auf den falschen Weg gebracht und mich letztendlich kalt erwischt hat. Ein subtiles Buch über das alltägliche Grauen, nicht nur auf den Holocaust beschränkend.

 

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