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54 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

kinder, familie, schmerz, treu, trennung

Hier bin ich

Jonathan Safran Foer , Henning Ahrens
Fester Einband: 720 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 10.11.2016
ISBN 9783462048773
Genre: Romane

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23 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

nordmeer, philosophie, das buch vom meer, freundschaft, wissen

Das Buch vom Meer oder Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen

Morten A. Strøksnes , Ina Kronenberger , Sylvia Kall
Fester Einband
Erschienen bei DVA, 29.08.2016
ISBN 9783421047397
Genre: Sachbücher

Rezension:

Als ich den Titel las, dachte ich, noch so ein „Hundertjähriger-der-aus-dem-Fenster-stieg“ Ableger? Och nö! Wieder so eine quasi-lustige Kopie des Bestsellers, als würde die Kreativität der Verlage darnieder liegen. Aber nun, warum nicht das verkaufen, was gut läuft. Doch als ich das Buch in einem Buchladen in der Hand hielt, waren alle Bedenken dahin. Schon optisch und haptisch ist das Buch ein Genuss. Der stilisierte Hai ist wie in einem Relief in den Buchdeckel geprägt. Das Buch hat ein ungewöhnliches aber nicht unangenehmes Format.

Bei dem erzählenden Teil dieses überraschenden Buches, schreibt der Autor über zwei Freunde die einen Eishai fangen wollen, vor den Lofoten, einer Inselgruppe im Norden von Norwegen. Überraschend ist dieses Buch insofern, da die Geschichte dem Autor dazu dient, Unmengen an Fakten dem Leser zu vermitteln, Fakten über das Meer. Wissen das ich vorher so noch nicht gelesen habe.

Dabei werden diese Fakten in die erzählte Geschichte mit einbezogen und der Autor Stroksnes holt dabei weit aus; über die Geschichte, in der Mystik, über die Biologie aber auch mal über die Krimi Serie Derrick (!), wird sinniert. Schon das Umfeld in dem die beiden Männer angeln, auf einem kleinen Boot inmitten der Größe der Natur, ist für den Autor berauschend und inspirirend:

„Der Anblick der berühmten Lofotenwand hat bereits auf viele Menschen Wirkung gehabt. Als der Maler Christian Krohg an einem Wintertag 1895 über den Vestfjord kam, schrieb er: ‚Ja, es ist nicht zu leugnen – ein imposanter Anblick: Das Reinste vom Reinsten, das Kälteste vom Kältesten, das Jungfräulichste vom Jungfräulichsten, das Vornehmste was man sich denken kann. Altäre für den Gott der Einsamkeit und die Unberührtheit göttlicher Keuschheit. Schwierig – schwierig, dies zu malen! Die Erhabenheit und Größe wiederzugeben ebenso wie die unerbittliche, unbarmherzige Ruhe und Gleichgültigkeit der Natur.“

Das Meer ist ein faszinierendes, weitgehend unentdecktes Feld. Ab einer gewissen Tiefe ist das Meer tödlich für den Menschen und so hat er sich dessen Erforschung nicht näher zugewandt, obwohl dessen Tiefe und Flächenausdehnung die gesamte Landmasse der Erde bei weitem übersteigt. Selbst der Himalaja würde an der tiefsten Stelle des Meeres spurlos verschwinden. Auch die Artenvielfalt ist ein vielfaches von dem was auf dem Land kreucht und fleucht. Jede Woche werden neue Arten oder Rassen entdeckt, ein Ende ist nicht abzusehen. Der Mensch ist dieser Hölle, dieser Finsternis entkommen die im Meer herrscht, doch sollte er sich darauf besinnen, dass er doch nur ein umgebauter Fisch ist, dass im Meer seine Wurzeln liegen.

Die Angel-Treffen der Freunde auf den Lofoten, die sich mit Unterbrechungen über ein Jahr hinziehen, sind für den Autor, der in einer Art Autobiografie über diese Zeit schreibt, auch ein Quell der Ruhe und Besinnlichkeit. In dieser Gegend, die unberührt von unserer modernen Zivilisation ist, spürt er die Magie der Worte, er spürt, was es heißt am Meer zu leben.

„Nachts schlafe ich bei offenem Fenster. Es geht nur eine leichte Brise, und das sanfte Plätschern von Wasser gegen Stein findet seinen Weg durch die dünne Membran des Schlafes. Auf der Westseite der Vesteralen gibt es ein eigenes Wort für dieses Geräusch, das in einer milden Sommernacht durchs offene Schlafzimmerfenster dringt und vom Meer erzeugt wird, das auf weichen Sandstrand trifft: ’sjybarturn‘.“

Die Menschen, die dort in Fischerdörfern leben, haben sicherlich ein direkteres Verhältnis zur Jagd nach Fischen als andere, es ist in der Tat ihre einzige Möglichkeit zu Überleben. Sie wissen um das Zusammenspiel von Walen, Haien, Korallen, Fischen und welches Wetter welche Möglichkeit bietet, erfolgreich die See zu befischen. Leider haben moderne Fischfangmethoden und die Gier nach maximalem Profit, viele Arten ausgerottet und damit auch das komplexe ökologische Zusammenspiel der Flora und Fauna verändert, wenn nicht sogar zerstört. Damit verschwindet leider auch das Wissen über diese Zusammenhänge und das dazugehörige Vokabular.

Kritisch setzt sich der Autor mit dieser ökologischen Katastrophe auseinander, wenn auch das Hauptaugenmerk nicht ganz darauf liegt. Wenn er davon spricht dass durch Schleppnetze Korallen zerstört werden, ist das natürlich eine verwerfliche Art der Fischerei, und man nimmt es ihm durchaus ab. Aber dann sich selbst in ein Boot zu setzen und ein vom Aussterben bedrohtes Tier zu fangen karikiert seine Aussage. So wie der Umweltaktivist, der zu Hause den Müll nicht trennt.

Der Eishai greift Menschen nicht aktiv an, ist erst nach 150 Jahren geschlechtsreif, lebt so lange wie kein anderes Wirbeltier (400 Jahre) und sein Fleisch ist für den Menschen nicht zum Verzehr geeignet. Warum ihn dann jagen? Hier bekam ich dann doch meine berechtigten Zweifel am Tun des Autors.

Morten A. Stroksens ist ein starkes Buch gelungen, ein Buch das den Leser gerade in seinen Sachbuch Passagen fordert. Geschickt, manchmal etwas langatmig, aber nie langweilig, vermischt er diese Fakten mit den lyrioschen Beschreibungen der Ausflüge der beiden Freunde auf das Meer. Nicht ganz überzeugt war ich von seiner, mir zu dezenten und nicht ganz authentischen Kritik, an der Umweltzerstörung. Dennoch hat er dies literarisch in einem Absatz wunderschön subtil ausgedrückt:

„Massenaussterben sind uns durchaus bekannt. Wir sind erst seit wenigen Jahrtausenden hier, aber wir haben uns bis in die letzten Winkel der Erde ausgebreitet. Wir waren fruchtbar und haben uns vermehrt. Wir haben die Erde bevölkert und sie uns untertan gemacht. Wir herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

Amen!

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82 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

freundschaft, new york, armut, drogen, laura schroff

Immer montags beste Freunde

Laura Schroff , Alex Tresniowski
E-Buch Text: 305 Seiten
Erschienen bei Diana Verlag, 05.10.2015
ISBN 9783641166601
Genre: Biografien

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10 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Quantum

David Walton , Norbert Stöbe
Flexibler Einband: 380 Seiten
Erschienen bei Heyne, 11.07.2016
ISBN 9783453317635
Genre: Science-Fiction

Rezension:

"Gemeinhin schenken wir in der Literatur der Science Fiction nur eine begrenzte Beachtung. Dennoch hat diesselbe in gewissem Grade ihren Sinn und Wert und ist auf manchen Lebensgebieten von praktischer Bedeutung"

Dieser leicht abgeänderte Absatz stammt aus dem Klassiker 'Die Feuerzangenbowle' (Professor Crey zu seiner Klasse vor dem verhängnisvollem 'wönzögen Schlock')  und trifft im hier vorliegenden Roman nur in einem gewissen Grad zu. Leider wird hier das Vorurteil untermauert, ein Science Fiction Roman gehöre einer unterklassigen Literaturschicht an.

Alles beginnt, als Jacob Kelly Besuch von seinem alten Freund Brian bekommt. Dieser erzählt ihm ganz unwahrscheinliche Dinge. Jacob und Brian sind beide Physiker und haben zusammen beim NJSC gearbeitet, der einen Superteilchenbeschleuniger betreibt. Jacob hat seine Forschungskarriere wegen seiner Familie aufgegeben. Er ist nun Lehrer an einem College und lebt mit seiner Frau und seinen drei Kinder friedlich und ohne Stress.

Brian macht ihm Vorwürfe, dass Jacob seine Karriere weggeworfen habe. Er selbst hätte in seiner Forschung einen Durchbruch erzielt. Zum Beweis läßt er einen Kreisel rotieren, der einfach nicht aufhört zu kreiseln.

Die nächste Szene spielt im Gerichtssaal, wir erfahren, dass Jacob Brian umgebracht hat. Doch wie ist es dazu gekommen? Zumal der Ablauf der Verhandlung und Jacobs Verhalten darauf schließen lassen, dass er es wirklich gewesen ist. Die nächsten Kapitel verwirren umso mehr, es scheint als gäbe es zwei Hauptfiguren, die unterschiedliche Dinge erleben.

David Walton versteht es anfangs geschickt, die Spannung aufzubauen und auch die komplexen Sachverhalte der Quantenphysik dem erstaunten Leser zu präsentieren. Ein Atom kann immer mehrere Zustände einnehmen, ein Zustand der vorher weder zu berechnen noch eindeutig ist. Werfe ich eine Münze, ist das Resultat, Kopf oder Zahl, erst dann offensichtlich, wenn ich die Hand von der Münze nehme.

Genau wie Schrödingers Katze, die in einem Gftgas-Tank sitzt, der durch ein instabiles Atom freigesetzt werden kann. Dessen Zustand kann nicht berechnet werden, also auch nicht der Zustand der Katze. Sie hat nur dann einen bestimmten Zustand, nämlich tot oder lebendig, wenn ich nachschaue, sie kann aber, wenn ich nicht schaue beide Zustände annehmen. Verzwickt? Nun ja, Physik war auch nicht mein Lieblingsfach in der Schule, an Quantenphysik traue ich mich gar nicht heran.

David Walton führt seine Leser geschickt hinters Licht, setzt aber gegen Ende doch zu sehr auf den Faktor: erlaubt ist, was die Spannung antreibt. Ob die Geschichte jetzt Logiklöcher hat oder nicht, liegt nicht in meinem Ermessensspielraum. Sie hat beide Seiten, erst wenn Du sie liest weißt Du ob sie welche hat. oder nicht.

Aber das wäre jetzt das Spiel zu weit zu treiben. Neben dem etwas unrealistischen Plot und Spiel der Figuren, sind die Interaktionen der Charaktere untereinander recht hölzern, der Plot wirkt auch lieblos zusammengeschustert und so bleibt leider das Vorurteil erhalten was viele über dieses Genre zu Unrecht haben: Unrealistisch, keine Literatur, unverständlich, keine gute Story.

Gute Ansätze sind hier vorhanden, doch sie fallen dem Gott des Thrillers zum Opfer. Schade.

 

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

"Und draußen weht ein fremder Wind ...": Über die Meere ins Exil

Kristine von Soden
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei AvivA, 27.09.2016
ISBN 9783932338854
Genre: Sonstiges

Rezension:

Es gibt Tage, an die man sich sein ganzes Leben erinnert. Neben den ganz privaten Schicksals- oder Freudentagen gibt es weltpolitische Umwälzungen, die das ganze Leben verändern können. Wer weiß bis heute nicht noch ganz genau was er am 11.9.2001 getan hat, als der Terror über die westliche Welt hereinbrach? Es gibt noch ein anderes Datum an dem etwas historisch vergleichbares passierte. Das Grauen brach über die Welt herein. Am 30.Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Das Weimarer Reich und die Demokratie endeten in Deutschland.

15 Jahre später wurde an diesem Tag Mahatma Gandhi in Neu-Delhi erschossen, doch 1933 erlebte ganz Europa den Beginn einer Schreckensherrschaft.

Mit persönlichen Gedanken und Empfindungen von Juden zu diesem Tag, beginnt das chronologisch ab 1933 bis 1945 aufgebaute Buch "Und draußen weht ein fremder Wind ..." - Eine Geschichte der jüdischen Auswanderung aus Deutschland, zusammengefasst von Kristine von Soden und liebevoll lektoriert von Britta Jürgs. Es ist besonders hervorzuheben, wie gut man sich in die damalige Zeit hineinversetzen kann, dank der eingestreuten Bilder und Plakatdrucken. Dieses Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, umrahmt eher die geschichtlichen Ereignisse durch die ganz persönlichen Berichte der jüdischen Betroffenen.

Viele Juden erkennen schon früh, dass ihre Zukunft außer Landes liegt, doch viele glauben auch, dass Hitler nur ein flüchtiger Schreck ist. Für viele ist dieser Irrglaube ein tödlicher Fehler.

Anfangs gestaltet sich die Ausreise noch problemlos. Obwohl die Weltwirtschaftskrise auf ihrem Höhepunkt ist, werden in Übersee oder Palästina geschulte Arbeitskräfte benötigt. Die Ausreise geschieht meist über das Meer, die europäischen Ziele sind zu unsicher, selbst die Schweiz nimmt zwar Juden auf, aber eine Arbeitserlaubnis erhalten nur sehr wenige. Viele Einzelschicksale werden beschrieben, Geschichten von Familien, Tragödien. Die Rechte der Ausreisenden werden Monat für Monat beschnitten, jüdische Institutionen nur noch geduldet, wenn diese mithelfen, die unerwünschten Nicht-Arier aus dem Land zu führen.

Juden werden zwar genötigt außer Landes zu reisen, doch ihr Hab und Gut müssen sie im Reich lassen. Was mitgenommen werden kann, beschränkt sich meist auf wenige Habseligkeiten. Die Umstände verschärfen sich von Jahr zu Jahr und jede Bestimmung ist genauestens deutsch-akribisch aufgelistet:

"[...] sonstige Silbersachen bis zum Gewicht von 40g je Stück bis zu einem Gesamtgewicht von 200g je Person. Die Kosten für die Prüfung des Umzugsgutes gehen zu Lasten der Geprüften. Quittiert mit Reichsadler und Hakenkreuz."

Zu der materiellen Enteignung kommt die innere Enteignung. Jüdische Schriftsteller dürfen nicht mehr über Deutschland schreiben:

"Dieses Nichtschreibendürfen, was man schreiben wollte, dieses Nichtsagendürfen, was es einen auszusprechen drängte, dieses Nichtdenkendürfen, weil aus dem Denken ein Sagen oder Schreiben hätte werden können."

Doch es ist schwierig nach Amerika einzureisen. Neben Geld wird von den Einreisewilligen eine Bürgschaft verlangt.

"Durch die schweren Unruhen seit April 1936 in Palästina rücken die USA auf den ersten Platz der angestrebten Exilländer. Die schwierigste Klippe ist im Unterschied zu anderen Zielen die Erlangung eines Affidavits, jener Bürgschaft von US-amerikanischen Verwandten, die garantiert, dass auf den Staat für die um Einlass Bittenden keine Kosten zukommt."

Wie in Amerika, gibt es auch in vielen anderen Ländern eine Verschärfung der Einwanderung um den Zustrom einzudämmen. Auswanderer lernt Sprachen, heißt es im Korrespondenzblatt der jüdischen Auswanderung im Herbst 1937. Denn auch Sprachkenntnisse sind gefordert, um einfachen Zugang zu einem Land zu finden. Auch wird die Unterstützung der Auswanderung ohne Sprachkenntnisse verweigert. Anna Frank-Klein, die es nach Palästina geschafft hat beschreibt das Leiden der Juden während der Auswanderung so:

"Wind und Wellen hatten im Laufe der Jahre Erde angeschwemmt, so dass es möglich geworden war, darauf zu sähen und zu ernten. Aber nun war die Zeit der Ruhe für das riesige Tier vorüber. Es schüttelte sich und schwamm in die Tiefe des Meeres, von der es gekommen war. Die meisten Menschen ertranken im Meer. Nur wenigen gelang es, sich auf Schiffe zu retten. Sie weinten um ihre Familien und Freunde. Sie schauten einander mit Tränen an und fragten: Was war das? Wir glaubten, wir hätten festen Boden unter den Füßen. Wir glaubten, wir hätten eine neue Heimat gefunden. Und wo war sie nun."

Die Gründung des Staates Israel 1948 ist nur ein Schritt der Jüdischen Gemeinde, wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen, das Ziel Frieden zu finden ist immer noch in Arbeit.

Ein unverzichtbares Buch, das die Grausamkeit an den Juden mit Bildern, Zitaten, Auszügen aus Tagebüchern und Gedichten der Betroffenen dokumentiert. Es sind die vielen Bilder und Abdrücke der Plakate und Zeitschriften, die diesen Geschichtsabschnitt so lebendig machen. Ich konnte mich sehr gut in die Zeit hineinversetzen und in welchem Zwiespalt die verfolgten deutschen Juden standen, ihr doch geliebtes Heimatland verlassen zu müssen.

 

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Papa, was ist ein Terrorist?

Tahar Ben Jelloun , Christiane Kayser , Christiane Kayser
Fester Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 04.10.2016
ISBN 9783827013422
Genre: Sachbücher

Rezension:

„Papa, ich habe panische Angst!“

So beginnt der imaginäre Dialog von Tahar Ben Jelloun mit seiner Tochter. Wenn Erwachsene schon so viel Angst haben vor dem Terror, vor dem Schrecken, aber auch vor Migranten, vor dem Anderssein, was ist dann mit den Kindern. Diese dürfen wir nicht alleine lassen, mit ihren Gefühlen.

Alleine lassen dürfen wir aber auch nicht die Verwirrten und von der Politik Verlassenen, die in jedem dunkelhäutigen Fremden einen Terroristen und im Islam eine Terrorreligion sehen.

„Diese Angst ist, was der Terror hervorbringt. […] Es ist ein Zustand, der auf Entsetzen gründet, und manchmal löst er Panik aus. Wer terrorisiert wird, büßt seine Widerstandskraft ein. Er ist entwaffnet, verletzlich und schwach, er hat den Eindruck, vom Unheil verfolgt zu sein. Er ist entsetzt. Die Vernunft kann ins Schwanken geraten, das Denken vermag nichts mehr.“

Tahar Ben Jelloun geht in seinem Buch „Papa, was ist ein Terrorist?“ sehr methodisch vor. Ausgehend von einem Gespräch mit seiner Tochter, die wichtige und auch intelligente Fragen stellt, geht er erst auf die Angstgefühle ein, erklärt den geschichtlichen Hintergrund von Terror und den wichtigen Unterschied zu Widerstand.

„… seit jeher haben die Menschen sich geweigert, ohne Freiheit und Würde zu leben, Sklaven zu sein. Deshalb lehnen sie sich auf und wählen dazu das wirksamste Mittel. Auf keinen Fall darf Terrorismus mit Widerstand verwechselt werden. Ich betone noch einmal: Der Terrorismus ist ein Mittel, eine Vorgehensweise, kein Denken und keine Philosophie.“

Er gibt Beispiele des Terrors in der Geschichte und in heutiger Zeit. Dabei hat sich die Qualität des Terrors seit der RAF-Zeit und heute sicherlich gewandelt. Terror heute ist Gewalt gegen Unschuldige, die RAF hat sicherlich auch den Tod von Unschuldigen billigend in Kauf genommen, hat sich aber, in ihren Anschlägen, auf die verhassten Staatsträger konzentriert. Terror heute, richtet sich wahllos gegen wehrlose Menschen. Gewalt, die auch der Islam verurteilt. Für den Autor ist nicht der Islam schuld an dem jetzigen Terror, der Islam wird nur für dessen Zwecke missbraucht. (So wie sicherlich die Idee des Christentums in den Kreuzzügen strategisch missbraucht wurde). Wir müssen akzeptieren dass es Terror gibt, der einem Menschen nicht anzusehen ist, der grundlos und wahllos zuschlagen kann.

„Akzeptieren ist lernen, den Tatsachen ins Auge zu sehen und zu erkennen, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist, bei dem alles wunderbar abläuft, alle Menschen gut und freundlich, großherzig und hilfsbereit sind, dass das Böse existiert und ein jeder fähig ist Böses zu tun, sei es einfach so, sei es aus einem schändlichen Grund, der sich jeder Logik entzieht.“

Terroristen morden heute im Namen des Islams, missbrauchen diesen dabei aber auch fälschlicherweise für ihre Zwecke. Klug und fundiert zeigt uns der Autor viele Stellen des Islam und interpretiert diese. Auch auf unangenehme Fragen, warum die arabischen Staaten nichts gegen den Terror unternehmen, ja ihn sogar unterstützen, geht er ein. Hier ist natürlich die Kriegsindustrie und das Kapital wesentlicher Motor der Uneinigkeit und des Übels. Doch Tahar Ben Jelloun schreibt keine Hetzschrift. Klug, intelligent, sachlich und weitgehendst wertfrei, erarbeitet er seiner Tochter die Geschichte und Hintergründe des Terrors.

Letztendlich liegt es in unserer Hand, die nächste Generation auf dem langen Weg der Aufklärung vorzubereiten, der noch zu gehen ist.

„Es bleibt die Arbeit der Eltern, die sehr wachsam sein und überprüfen müssen, was für ein Bild die Kinder über das Netz empfangen. Doch ich betone, diese Wachsamkeit ist schwer aufrechtzuerhalten; es ist dabei sehr wichtig, feste und dauerhafte Beziehungen zu seinen Kindern aufzubauen, sie zu unterstützen, zu warnen, mit ihnen zu sprechen, ihnen die Dinge zu erklären, ihnen zu vertrauen, und ihnen Verantwortung zu übertragen.“

Ein sachliches, fundiertes und kluges Buch, dass unaufgeregt die geschichtlichen Grundlagen unserer Welt beschreibt und in Kinderhände ab 14 gehört. Es braucht mehr solcher Stimmen in dieser verrückten verwirrten Welt.

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60 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

die chronik des eisernen druiden, druide, fantasy, vampire, atticus o'sullivan

Die Chronik des eisernen Druiden - Getrickst

Kevin Hearne , Friedrich Mader
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 05.08.2016
ISBN 9783608961348
Genre: Fantasy

Rezension:

Im vierten Band der Druiden Reihe, ist der letzte eiserne Druide auf Erden auf der Flucht. Kein Wunder, denn die gesamten Gottheiten sind seit dem letzten Band auf der Suche nach ihm, um das Gemetzel was er und seine Freunde angerichtet hatten, zu rächen. Deshalb bereit er akribisch seinen Tod vor, wobei ihm sein alter Kumpel Coyote hilft. Doch auch dieser möchte eine Gegenleistung von ihm haben. Diese besteht darin, Gold unter Erde an eine bestimmte Stelle zu schaffen, damit die Nachkommen seines Volkes reich werden.

Doch so einfach ist dieser Gefallen nicht, da Atticus schon seit langem mit dem dienstbaren Geist, der das Gold verschiebt, nichts zu tun hatte und vorher muss er auch noch die Kohlenmine aus dem Weg räumen. Beim 'Goldlager' tauchen noch einige fast unbezwinbare Geister auf und mit der Liebe hat Atticus auch noch zu kämpfen, überhaupt denkt man er ist alleine mit seinem Kampf auf dieser Welt:

"'Vielleicht könnte man meine Arbeit so beschreiben, dass ich die Erde vor Arschlöchern schütze.''Ah verstehe', Frank zögerte, ehe er weitersprach. 'Sieht aber irgendwie aus, als wären die Arschlöcher am Gewinnen, oder?' 'Das liegt daran, dass ich hoffnungslos in der Unterzahl bin.'"

Der vierte hier vorliegende Band ist trotz der üblichen Ingredenzien, der schwächste der Reihe. Viele Dialoge schleppen sich dahin, der Witz ist nur spärlich eingeflochten und manchmal kommt mir die Art des Kampfes und die Gegner etwas wahllos vor.

Trotzdem freue ich mich auf den nächsten Band, da diese Reihe immer noch etwas Außergewöhnliches in der Fantasy Welt darstellt.

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23 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

erwartung, glück, träume, wiedersehen, liebe

Sozusagen Paris

Navid Kermani
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 26.09.2016
ISBN 9783446252769
Genre: Romane

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57 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

usa, ecuador, new york, entscheidungen, reisen

Unentschlossen

Benjamin Kunkel , Stefanie Röder
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag Taschenbuch, 03.11.2007
ISBN 9783833304941
Genre: Romane

Rezension:

"Ich schätze, sein oder nicht sein ist die Frage. Damit hatte keiner gerechnet. Aber offenbar ist für manche Leute die Entscheidung, alles zu beenden, die erste wichtige Entscheidung ihres Lebens. Natürlich auch die letzte."

Dwight ist Ende 20 und furchtbar unentschlössen. Als Student der Philosophie hat er sicher eine Erklärung. "Unentschlossen zu sein, ist der Ersatz für die eigene Unsterblichkeit.", So ein bekannter Philosoph.Dwight ist beliebt und organisiert die nächste Abschluß-Collgeparty. Nachdem die Collegeschönheit und Exfreundin Natasha ihm antwortet, dass sie kommt - oder nicht, erkennt er darin eine Geistesgemeinschaft und möchte sofort zu ihr nach Ecuador reisen.
Dort angekommen trifft er Natasha und Brigid, verliert Natasha sofort wieder und macht sich mit Brigid durch den Dschungel um mit ihr über die Konsumgesellschaft und die allgemeine Unentschlossenheit der Menschheit zu diskutieren.

"Überleg dir wie du dich in einer Konsumgesellschaft fühlst, in der man dich ständig um kleine Mengen von Wünschen bittet und sie vergeudet, so dass du nie genug Leidenschaft für eine einzige Sache aufsparen kannst."

Dwight hat vor der Reise eine Medizin gegen seine Unentschlossenheit bekommen. Abulinix soll ihn heilen. Im Dschungel spürt er schon die ersten Resultate!

"Als wir in der Abenddämmerung in Banos ankamen, stürmte ich in die Hombres Toilette an der Bushaltestelle und pinkelte mit mächtigem Strahl in das stinkende Pissoir. Es tat unheimlich gut, den leidenden Inhalt meiner Blase freizulassen. Dann wich meine Qual einem halben Glücksgefühl, und ich überlegte, wie gern ich doch pinkelte, und eigentlich auch nieste, schiss, Ohrenschmalz aus den Ohren oder Rotz aus der Nase popelte, ejakulierte oder spuckte, und wie gern ich mich sogar übergab, wenn mir schlecht war - all diese Dinge. Vielleicht wurde ich nie ein kluger und entschiedener Mensch, aber wenigstens lag ein ganzes Leben des Ausscheidens und anderweitigen Entsorgens vor mir, und wie konnte ich mit der Aussicht auf diesen kostenlosen , moralisch wertfreien und im Übermaß vorhandenen Genuss mein widerliches Leben auf Erden jemals bedauern? Ich bin das Gift in mir, dachte ich, und es ist herrlich, es loszuwerden."

Unentschlossen war im Jahre 2007 DER Debütroman aus Amerika. Unentschlossen ist sicher witzig, in manchen Situationen auf den Punkt gebracht und sprachlich rasant. Was der Roman nicht ist, ist eine Gesellschaftskritik. Zu unscharf sind die Kritiken und zu sehr ironisiert in die Witzwatte verpackt, als dass man sie greifen oder ernst nehmen kann.

Wenn man sich davon befreit mehr in diesem Buch zu sehen, erlebt man ein herrliches Leseerlebnis, mit sehr schönen pointierten Seitenhieben auf die amerikanische Gesellschaft. Einfach ein Buch was durch seine Sprache Lust aufs Lesen macht.

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160 Bibliotheken, 10 Leser, 1 Gruppe, 42 Rezensionen

menschenhandel, frankreich, krimi, charlotte link, mord

Die Entscheidung

Charlotte Link
Fester Einband: 580 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 05.09.2016
ISBN 9783764504410
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Warum schreibt ein Schriftsteller? Um Geld zu verdienen? Um seine Aussage an den Leser zu bringen? Um auf ein aktuelles Thema hinzuweisen? Um zu unterhalten? Wohl von allem ein bisschen (von Sachbüchern und Hetzschriften mal abgesehen).

Charlotte Link ist seit Jahrzehnten eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin und hat eine treue Fangemeinde.Bis dato hatte ich noch kein Buch von ihr in der Hand. Und bis dato sah ich auch keine Veranlassung, eines in die Hand zu nehmen. Mainstream hat mich immer abgeschreckt, ist es doch für mich der kleinste gemeinsame Nenner, ohne Ecken und Kanten, wenn es vielen gefällt kann es nicht den für mich individuellen Geschmack haben. Habe ich jetzt wegen des gemeinsamen Geburtsjahres (nachträglich alles Gute zum Geburtstag Frau Link (am 5.10)) oder wegen ihrer Geburtststadt Frankfurt am Main (mit der mich auch vieles verbindet), dieses Buch in die Hand genommen? Vielleicht wollte ich auch verstehen, warum meine Frau bei ihren Büchern so begeistert ist, dass alle in unseren Bücherregalen versammelt sind. Außerdem spielt das neue Buch in meiner heißgeliebten Provence.

Und so nahm ich den neuesten Thriller (ein Kriminalroman ist es definitiv nicht!) von Charlotte Link in die Hand und begann zu lesen.

Der Aufbau ist sehr interessant gewählt. Es wird aus den verschiedenen Blickwinkeln der Protagonisten erzählt und so bekommt der Leser eine größere Bandbreite der Handlung mit. Die scheinbar losen Erzählungsstränge verbinden sich nach und nach zu einer zusammenhängenden Geschichte.

Simon will die Weihnachtszeit mit seinen Kindern im Haus seines Vaters in der Provence verbringen. Er ist Anfang Vierzig, hat eine neue Beziehung, aber nicht den Mut, diese in seinem Leben ankommen zu lassen. Überhaupt ist er mehr der Typ den man herumschubst. Als selbstständiger Übersetzer hat er keine großen Ambitionen, ganz anders seine erfolgreiche Freundin Kristina, die, als Simon erfährt, dass seine Kinder doch nicht nach Südfrankreich kommen, mit ihm endgültig bricht. Auf einem Spaziergang am Strand wird er Zeuge eines Handgemenges mit einer jungen Frau. Simon mischt sich, entgegen seiner Natur ein und hilft dem verwahrlosten Mädchen, welches ohne Papiere und Geld in ein Haus einbrach. Nach und nach wird er in eine tödliche Geschichte mit hinein gezogen.

Parallel schwenkt Charlotte Link ihre Erzählung nach Bulgarien, nach Sofia. Sie schildert, wie die Eltern einer kinderreichen Familie immer verzweifelter werden, da es an allen grundlegenden Dingen, wie Arbeit, Nahrung oder warmer Kleidung fehlt. Als eine Frau auftaucht, die der ältesten hübschen Tochter eine Karriere in der Modebranche verspricht, greifen die Eltern, auch ob des für sie hohen Ablösebetrages, schnell zu. Der Leser weiß natürlich, was hinter dieser Frau, die sich als Mitarbeiterin einer Agentur ausgibt, steckt. Zeitgleich verstrickt sich Simon immer mehr in die Geschichte der magersüchtigen Landstreicherin.

Charlotte Link hat einen Eintopf voller Ingredenzien zu einem aktuellen Thriller gerührt. Dabei wirft sie ab und zu aktuelle Ereignisse ein, wie die Anschläge in Paris, ohne diese aber zu vertiefen. Alle anderen Zutaten der Suppe kennt der geneigte Leser schon zur Genüge, wichtig sind zum Gelingen hierbei doch die Gewürze. Oder vielleicht ist dann doch eine Zutat dabei, die überrascht. Doch das ist hier nicht der Fall. Die Geschichte wirkt in manchen Bereichen etwas hölzern erzählt, wie mit Bauklötzen gebaut. Auch vor Binsenwahrheiten machte Frau Link nicht halt.

"Ihr habt Geld. Das habe ich an dem Haus in La Cadière gesehen.' 'Und wer Geld hat, ist glücklich?' Sie hob die Schultern. 'Er hat ein paar Sorgen weniger. Weißt du, ich glaube, dass sich Jerome wegen des Geldes in irgendetwas Böses verstrickt hat. Weil er mehr Geld wollte.' Weil er mehr Geld wollte.' Simon sah sie überrascht an. 'Das hättest du Lieutnant Caparos sagen müssen.' ' Es ist nur eine Vermutung', sagte Nathalie. 'Weil es meistens Geld ist, das Menschen dazu verführt, Dinge zu tun, die sie nicht tun sollten.'"

Zum Glück sind diese Stellen nicht so oft gesät in dem Roman. Die Landschaftsbeschreibungen sind ordentlich, aber auch nur oberflächlich. Die Charaktere bestehen größtenteils aus Klischees, einzig Nathalie, die aufgetauchte Unbekannte, hat mich an einigen Stellen überrascht. Der Roman liest sich auch gut, obwohl er einige Längen aufweist. Fünfzig bis hundert Seiten weniger hätten der Spannung gut getan, aber welcher Lektor sagt das einer Charlotte Link? So ist insgesamt eine ordentliche Gemüsebrühe zu vermelden, die aus bekannten Zutaten mit etwas Salz und Pfeffer vermischt, sich bestimmt wie geschnitten Brot verkauft. Aus der Masse der Neuerscheinungen ragt nur der Name Charlotte Link heraus. Aber das reicht eben für einen Bestseller.

 

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110 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 35 Rezensionen

hannover 96, hooligans, familie, hooligan, freundschaft

Hool

Philipp Winkler
Fester Einband: 310 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 19.09.2016
ISBN 9783351036454
Genre: Romane

Rezension:

Erst einmal herzlichen Glückwunsch für die Nominierung zum Deutschen Buchpreis und die Aufnahme in die Shortlist. Deshalb habe ich das Buch jetzt nicht gelesen, es passierte einfach zufällig. Hätte ich es in die Hand genommen, wenn ich gewusst hätte, dass es nominiert ist? Seit Jahren verfolge ich den Deutschen Buchpreis, habe es mir aber abgewöhnt, die Bücher nur deswegen zu lesen. Und ja, ich hätte es gelesen, schon alleine wegen des Themas. Und weil ich finde, dass es sich lohnt, sich mit den Büchern von jungen deutschen Autoren (auch den weiblichen) näher zu beschäftigen. Sie sind sehr nahe dran. Nahe dran am Geschehen. Das ist auch Hool.

Heiko Kolbe ist so ein Hool[igan]. Keine Dumpfbacke, wie sich viele Menschen die massigen Quadratschädel immer vorstellen, die bei jeder gewalttätigen Schlägerei dabei sind. Heiko ist Ende Zwanzig, wohnt bei einem Kumpel und hilft bei der Gym-Halle bei seinem Onkel aus, die im Grunde eine getarnte Geldwaschanlage für zwielichtige Geschäfte ist.

Zwischendurch werden Kämpfe organisiert. Kämpfe zwischen rivalisierenden Fußball-Hooligans, eine Horde gegen eine andere, nur Fäuste, keine Regeln. Heiko ist stolz, dass er von seinem Onkel berufen wird, dessen Nachfolger bei der Organisation zu werden. So steigt er in der Hierarchie auf. Denn das ist sein Leben, seine Welt. Die anderen, das sind die Spießer:

„An der weißen Querstange, die die Zuschauer vom Spielfeld trennt, lehnen die Väter und Mütter. Hauptsächlich Väter. Zwei von ihnen stehen nicht weit weg von mir. Allein bei ihrem Anblick kriege ich das kalte Kotzen. Jack-Wolfskin-Jacken. Stoffhosen und atmungsaktive Ü30-Turnschuche. Ich gebe ja nicht viel auf Äußerlichkeiten, aber es ist die Verbindung dieser, ja, Uniform kann man fast sagen, und dem, was solche Vögel für ’nen verbalen Dünnschiss verzapfen.“

Heiko macht sich so seine Gedanken über die Welt, seine kaputte Familie, seine kaputte Beziehung. Aber im Grunde braucht er das ja alles nicht. In seiner Familie bekommt er den Mund nicht auf, die Probleme, die er hat kann er nur mit den Fäusten lösen:

„‚Heiko. Ich hasse Mama dafür. Ich hasse sie dafür, dass sie einfach abgehauen ist. Ich hasse sie dafür, dass wir ihr so egal sind.‘ Ich wollte ihr sagen, dass es mir ähnlich geht. Dass das keine Familie ist. Und auch nie eine war. Jedenfalls soweit ich mich erinnern konnte, war sie das nicht. Ich wollte Manuela sagen, dass sie meine Schwester ist. Ich meine: natürlich ist sie das. Aber eigentlich wollte ich damit noch etwas anderes sagen. Statt all dem und noch mehr, was ich vielleicht hätte sagen können, sagte ich aber gar nichts. Denn ich bekam die Schnauze mal wieder nicht auf.“

Seine Kumpels wollen aber mehr als saufen, schlagen und Drogen nehmen. Nach und nach merkt Heiko, dass sich die gewohnte Welt ändert:

„Ich überlegte, was ich sagen könnte. Gottverdammte Scheiße, so was konnte ich noch nie. Kann ich auch heute noch nicht. Meine Gefühle artikulieren, wie Manuela das formuliert. Da fällt mir gar nichts mehr ein, mein Hirn blockiert und anstatt, dass irgendetwas Sinnvolles rumkommt, werde ich nur wütend. Komischerweise aber nicht in dem Moment. Do wollte ich mich am liebsten aus dem Auto beamen oder so etwas, aber Scheiße noch mal, dachte ich, Jojo ist dein Freund, und das bedeutet mehr, als nur zusammen rumzugammeln und zu saufen.“

Bei einer Einzelaktion der befreundeten Clique im verhassten Braunschweig, eskaliert die Situation und Kai wird fast tot geprügelt. Auch hier zeigt Philipp Winkler seinen Protagonisten unfähig, seine Gefühle anders als in Gewalt auszudrücken.

„Ich springe auf  und springe über Kai und Jojo hinweg. Renne die Stufen rauf. Zwei auf einmal nehmend. Eine Tram fährt vorbei. Erleuchtete Visagen aus dem Inneren glotzen mich flüchtig an. Neben mir johlt die Bierkastentruppe noch immer ihre dämlichen Jubelgesänge. Sonst ist niemand zu sehen. Niemand, dem ich mit Anlauf ins Gesicht springen kann. Niemand, dem ich meine pochenden Fäuste in die Fresse jagen kann. Niemand, an dessen Zähnen ich mir die Finger aufschneiden kann, nur um weiterzuschlagen, bis sie sich von den Wurzeln und aus dem Zahnflisch lösen.“

Heiko hat nichts anderes als seine Welt. Eine Welt, in die der Leser durch die knappen, präzisen, kraftvollen und harten Worte unbedingt eintaucht. Für mich war es eine Parallelwelt neben der, die ich kenne. Eine Welt, die es durchaus gibt. Und eine Welt, für die Heiko kämpft, da er es nicht anders kennt.

„‚Ist.Mir.Egal‘, spucke ich hervor und gehe wieder ein Stückchen zurück. ‚Du hast Deine Familie, dein Haus, deinen schneeweißen Gartenzaun. Ihr alle habt irgendwas, worauf ihr euch am Ende des Tages freuen könnt. […] ich habe null‘, ich forme mit den Fingern einen Kreis. ’nichts. Das hier‘, jetzt zeichne ich einen Kreis zwischen uns allen in die Luft, ‚das hier habe ich. Mehr nicht. Ich beschwer mich nicht darüber. Und weißt du, warum? Weil ich für das hier lebe. Weil ich dafür eintrete und dazu stehe.“

Philipp Winkler hat einen harten Kerl mit einem weichen Kern geschaffen, der aber unfähig ist, dies seiner Umwelt mitzuteilen. Heikos Welt ist klar abgegrenzt, hier ist seine Welt, Hannover 96 und seine Familie, dort sind die anderen, Braunschweiger und die die nicht mitziehen. Sobald es komplexer wird, versagen ihm die Möglichkeiten. Zu seiner Familie hat er eine ambivalente Beziehung trotz der Nähe zu ihnen. Die Welt, in die Philipp Winkler den Leser wirft, ist fremd und doch so nahe an unserer. Hier zeigen sich die Stärken des Romans. Die kurzen Van-Gogh-ähnlichen Pinselstriche, die ein Bild entwerfen, dass von fernem grob erscheint, von nahem aber durchaus viel Tiefe enthält. Probleme hatte ich erst beim Ende, als Winkler versucht, eine Doppeldeutigkeit einzubauen, die meines Erachtens nicht in den Roman passt.

Ein kraftvoller und ungewöhnlicher Roman aus den Tiefen der Gesellschaft, der einen schon von der Sprache mitreißt und einen eintauchen lässt in Bereiche, die man am besten als Normalsterblicher meidet. Als Klappentextler würde ich schreiben – ein Knalleffekt der neuen deutschen Literatur!

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science fiction, komödie, freundschaft, zukunft, erde

Die gelöschte Welt

Nick Harkaway , Jürgen Langowski
Flexibler Einband: 728 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.09.2009
ISBN 9783492267045
Genre: Science-Fiction

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

Die Stunde des Abtrünnigen

Robin Hobb , Joachim Pente
Flexibler Einband: 767 Seiten
Erschienen bei Heyne, W, 05.05.2011
ISBN 9783453532212
Genre: Fantasy

Rezension:

Das zweite, vorherige Buch, der Nevare Trilogie endet mit dem Tod von Nevare. Nicht mit dem wirklichen, nein, die Magie hat den Menschen im Fort vorgegaukelt, dass sie ihn umgebracht und verscharrt haben. Nevare aber lebt und versteckt sich in den Wäldern die wegen der Straße des Königs vor dem Abholzen stehen.
Bei der Flucht wird sein Geist in zwei verschiedene Personen gespalten, Nevare der Fleck der die Magie und den Geist beherrscht und Nevare der Soldatenjunge der den Teil der Gernier besitzt.
Beide bekämpfen sich in dem einen Körper aufs erbitterte, doch das große Ganze und den Ruf der Magie können sie nur vereint befolgen.


"Du bist wie ein kleines Kind, das die Nuss sieht, aber nicht begreift, dass sie von einem Baum stammt, ganz zu schweigen davon, dass sie einen neuen Baum in sich birgt. Du musst das größere Ganze sehen!
Er hob mich hoch; vielleicht ließ er mich auch los, damit ich aufstehen konnte. Was er mir zeigte war schwer in Worte zu fassen. Wieder sah ich den Wald so, wie die Magie ihn mir gezeigt hatte, ein vollkommen ausgewogener, perfekt wogender und wirbelnder Tanz des Lebens. Und die Straße bohrte sich immer noch in ihn hinein, einem tödlichen Spieß gleich. Aber dann hob der Waldälteste mich noch ein Stück höher, und plötzlich sah ich die Straße nicht mehr als eine einzelne Schneise des Todes, sondern als einen Fühler, den ein fremder Organismus ausgesandt hatte. Von dieser hohen Warte aus betrachtet, war die Straße keine Todesschneise, sondern eine Wurzel, die den fremden Organismus in neuer Erde verankerte."

In diesem letzten Band stellt mich Robin Hobb auf eine über 400 Seiten lange Geduldprobe. Sind die ersten beiden Bände schon von einer langsamen aber sehr intensiven Erzählstruktur geprägt, so steht der letzte Band in der ersten Hälfte fast still. Nevare der 'Große' voller Magie reist mit dem Volke der Fleck und versucht sich innerlich zu vereinigen. Seitenlange Darstellungen von Lager aufbauen und abbauen, Essen suchen, zubereiten und die innerlichen Streitigkeiten haben mich diesen letzten Band zweimal zur Seite legen lassen um ein anderes Buch in die Hand zu nehmen. In der letzten Hälfte vermag mich die Autorin wieder zu fesseln und sie findet wirklich auch mal ein Ende der Geschichte welches nicht in Feuer und Blut endet - was auch gar nicht zu dieser außergewöhnlichen Trilogie passen würde - sondern ruhig und besinnlich.

Ein schöner Abschluss einer ganz anderen Fantasytrilogie, mit einem ungewöhnlichen Helden, geschrieben von einer Meisterin der ruhigen aber innigen und intensiven Erzählweise.

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59 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

science fiction, virtuelle realität, empfehlung, rezensio, zukunftsvision

Unsterblich

Jens Lubbadeh
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Heyne, 11.07.2016
ISBN 9783453317314
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Was würdest Du tun um ewig leben zu dürfen? Auch wenn Du dies nicht mehr mitbekommst. Alles?

Im Jahre 2040 ist die Menschheit auf dem technischen Stand, dass man aus den gesammelten Daten eines Menschenlebens, sogenannte virtuelle Ewige erstellen kann. Virtuelle Abbilder der gelebten Menschen. Diese sind nur errechnete Duplikate der Gestorbenen und können sich nicht weiterentwickeln, da neue Situationen bei ihnen nicht einberechnet werden. Auch ist eine Todessperre eingebaut, über den eigenen Tod, bzw. generell über Tod kann man mit ihnen nicht sprechen.

Damit überhaupt Daten aufgezeichnet werden können, tragen Menschen, die später Ewige werden wollen, sogenannte Lebenstracker, die in Echtzeit das Leben aufzeichnen. Das Monopol der Ewigen und der Aufzeichnungen teilen sich zwei Firmen, der mächtige Konzern Immortality, der die Daten und die Algorithmen erstellt und Fidelity, die die Ewigen zertifiziert. Witzigerweise sind die heute aktuellen Firmen die mit dem Datensammeln (noch im kleinen Stil) angefangen haben, wie Facebook, Google, Amazon oder Ebay nur Randfiguren in Jens Lubbadehs Zukunft.

Damit der virtuelle Ewige gesehen werden kann, ist es verpflichtend, sich schon als Kind ein Implantat in das Gehirn einoperieren zu lassen.

"NeurImplant vermengte direkt im Gehirn die echte Realität mit der virtuellen - samt aller dazugehörigen Sinneseindrücke. Die Realität wurde mit einer digitalen Ebene vermischt. Im Gehirn entstand so ein Amalgam aus Wirklichkeit und Virtualität. Heraus kam die Blended Reality. Immortals epochales Werk."

Doch nicht nur Menschen mit einem Lebenstracker können später als Ewige weiterleben, die Kosten tragen die Kunden, die lebenslang alles zu viel verdiente Geld an den Konzern abtreten. Auch berühmte Persönlichkeiten können aufgrund von Film und Tonaufnahmen 'wiedererweckt' werden. Anfangs war man skeptisch, doch bald setzte sich das Ewigen-Konzept durch. Mit gestorbenen Schauspielern werden sogar wieder Filme gedreht. (Was heute teilweise auch schon im begrenzten Maße möglich und auch schon praktiziert wurde)

"Als die ersten Ewigen dann auftraten, waren viele schnell überzeugt. Der Drang des Menschen, etwas Bleibendes in dieser Welt zu hinterlassen, seien es Kinder, Bücher, eine Formel oder auch nur eine eingeritzte Botschaft in einem Baum oder einer Parkbank, war übermächtig. Die Aussicht, ewig zu leben, wenn auch nur digital, war für viele Menschen einfach zu verlockend gewesen. Es war ein technischer Ausweg aus dem unerträglichen Gedanken an die eigene Endlichkeit."

Die Firma Fidelity prüft die Ewigen, die immer nach einem bestimmten Schema reagieren müssen, dabei bedient sich Lubbadeh bei bekannten Science Fiction Größen wie Philip K.Dick.

"Voight-Kampff. Der Name für diesen Qualitätstest der Ewigen war anfangs ein Insiderwitz der Fidelity-Psychologen gewesen. Aber mittlerweile nannten ihn alle so. Es handelte sich um eine Anspielung auf den Film Blade Runner, ein sechzig Jahre alter Klassiker der Science Fiction, in dem künstliche Menschen mithilfe dieses Tests entlarvt werden. Im Film werden ihnen sehr emotionale Fragen gestellt und gleichzeitig ihre Körperaktionen gemessen. Weil den Replikanten jegliche Empathie abgeht verraten sie sich durch die fehlenden unwillkürlichen Reaktionen."

Bei den virtuellen Ewigen ist die Mikromimik, die unwillkürliche Reaktion, ein Algorithmus des Rechners und keine menschliche Reaktion. Diese Mikromimik ist von echten Menschen sehr schwer beeinflussbar. Ewige sind reine 'berechnete' Produkte, die aus den Daten der Lebenstracker errechnet werden und reagieren somit immer gleich.

Benjamin Kari arbeitet als Analyst bei Fidelity und wird von der Firmenleitung zu einem geheimen Projekt gerufen: Marlene Dietrichs Ewiger ist verschwunden. Eigentlich unmöglich. Benjamin hat den Avatar von Marlene verifiziert und bekommt den Auftrag Marlene Dietrich zu finden. Dabei trifft er bald auf die Journalistin Eva Lombard, die eine große Story wittert und auf den gottähnlichen Hacker Reuben Mars. Bald stoßen Ben und Eva auf die Hintergründe des Falles Marlene Dietrich.

Jens Lubbadeh hat konsequenterweise die Gegenwart weiter gedacht. Die Ideen, die er hat, sind interessant und regen zum Nachdenken an. Er beschreibt eine hoch technologisierte Gesellschaft, die trotz des Fortschrittes viele Schritte zurück gegangen ist. In Deutschland ist Helmut Schmidt zum sechsten Mal hintereinander Bundeskanzler geworden, in den Staaten ist es JFK. Die Menschheit sehnt sich nach Frieden, warum soll man ihnen diese nicht durch Rechnerleistung anbieten? Technologie als Heilmittel, der beherrschende Konzern Immortality als moderner Vatikan.

Hardcore Science Fiction Fans werden aber doch etwas enttäuscht sein, das ist kein Science mit technologischen Erklärungen, das macht Lubbadeh nur am Rande und nicht tiefergehend. Seine Technologien sind gut angedacht, haben aber auch eine romantische Verklärtheit.  Das zeigt z.B. die Wahl der Datacenter, die in monströsen Pyramiden hausen, aber auch die Darstellung wie Code in einen Rechner fliessen kann, Techniker werden bei diesem Buch nicht bedient.

Leider bleiben auch die Charaktere etwas flach. Benjamin Kari ist ein etwas eindimensionaler Mensch ohne erkennbare Motivationen, Eva ist die schablonenhafte Journalistin, und Reuben Mars - nun, die Eierlegende Wolfsmilchsau, wie Nichtinformatiker sich das eben vorstellen. Die Geschichte ist passabel erzählt, aber auch ohne Überraschungen, außer dem Ende, welches nicht unbedingt vorrausehbar ist. Das Grundproblem das ich bei dem Buch hatte - nämlich die oberflächliche Behandlung der Themen, Geschichte und Charaktere - setzt sich am Ende fort. Leider ein Buch voll verschenkten Potenzials.

Insgesamt ein interessantes Thema das Jens Lubbadeh aufgreift, das er, nach meinem Dafürhalten aber leider nicht literarisch und inhaltlich befriedigend umsetzen kann.

 

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Mucho Mojo

Joe R. Lansdale , Christoph Schuenke , Christoph Schuenke
Buch: 268 Seiten
Erschienen bei Golkonda Verlag, 30.11.2015
ISBN 9783944720814
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Leonard Pine und sein treuer Kumpel Hap Collins lecken sich gerade die Wunden von ihrem letzten Abenteuer, da werden sie schon in das nächste Schlamassel hineingezogen. Eigentlich fängt es doch ganz gut an, Leonard der schwarze Homosexuelle erbt von seinem Onkel ein Haus, plus hunderttausend Dollar, plus ein paar Schlüssel und Rabattmarken.  Die Erbschaft wird von Florida übergeben einer wunderschönen langbeinigen schwarzen Anwältin. In Texas ist es schon heiß aber Hap, der Ich-Erzähler verliebt sich natürlich unsterblich in sie. Anfangs führt dies zu Problemen:


"Nein, ich finde sie sogar attraktiv, auf so eine knorrige, altmodisch-männliche Art.
Knorrig?
Das Problem ist nur, ich tanze gern, und weiße Jungshaben keinen Rhythmus. Und wissen Sie, was noch über die Weißen erzählt wird?
Ein bezauberndes Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit.
Na was denn?, fragte ich
Ihr habt Stummelschwänze."

Doch bald entwickelt sich nicht nur eine Liebesgeschichte, nach dem Fund einer Kinderleiche, sind die beiden mitten in einem Mordfall.

Der zweite 'Krimi' mit den beiden Freunden, die noch verdammt viel Ehre im Leib haben, ist gewohnt witzig, trocken und voller schöner Sprüche für die nächste Herrenrunde. Falls ihr mal in einem Lesetief seid, nehmt Euch ein Hap & Leonard Buch in die Hand. Es macht einfach Spaß!


Dass die beiden es aber auch ernst meinen, sollte man nicht vergessen. Ungerechtigkeit gehört zu ihren Gegnern und die Drogendealer nebenan...


"Diese Stimme kratzte mir ins Gehirn wie Sandpapier. Später, in der Rückschau, habe ich begriffen, dass diese Stimme der Knackpunkt war, der Auslöser für alles, was danach kam. Diese Stimme rief mir wieder ins Gedächtnis, was da nebenan vor sich ging. Ich mühte mich hier mit Leonard ab, irgendeinen irren Kinderschänder und Mörder das Handwerk zu legen, und nur eine Tür weiter egschah im Grunde das Gleiche mit anderen Mitteln, da verhöhnte eine ganze Ladung Sackratten das Gesetz, und die Bullen sahen tatenlos zu , wir sahen tatenlos zu, völlig tatenlos. Da wurden Kinder durch die Sucht zu Tode gequält, und die Drogendealer sackten die dicke Kohle ein, verfügten über wärmste Beziehungen zu den Kautionsvermittlern und wurden im Grunde behandelt wie stinknormale Geschäftsleute."

Auch das Problem wird energisch und durchschlagend gelöst.

Zwei Ermittler mit etwas anderen Methoden und lakonischem Humor!

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176 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 53 Rezensionen

südkorea, vegetarismus, korea, pflanzen, familie

Die Vegetarierin

Han Kang , Ki-Hyang Lee
Fester Einband: 190 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 15.08.2016
ISBN 9783351036539
Genre: Romane

Rezension:

Die junge Yeong-Hye lebt mit ihrem Mann in einer kleinen Wohnung in Seoul. Sie haben keine Kinder. Ihr Mann hat sie geheiratet, weil sie an Durchschnittlichkeit nicht zu übertreffen ist, nicht weil er sie liebt. Er selber möchte sich auch nicht aus der Masse erheben und erledigt seine Arbeit korrekt aber ohne Karriereabsichten. Sie ist ihm eine brave Ehefrau, kocht, putzt für ihn und ist auch bei Bedarf gefügig. Doch eines Tages hat sie einen Traum. Einen Traum von Blut und Fleisch, der so drastisch ist, dass sie fortan kein Fleisch mehr isst. Nicht nur das, eines abends beginnt sie, jegliches Fleisch aus der Kühltruhe zu vernichten. Sie kann weder den Geruch von Fleisch, noch dessen Aufenthalt in der Wohnung ertragen.

Danach ist plötzlich alles anders, Yeong-Hye zieht sich immer mehr zurück und verweigert sich ihrem Mann, da er für sie nach Fleisch riechen würde. Ihr Mann ist irritiert, versucht dies als vorübergehende Macke abzutun. Nach einiger Zeit wendet er sich verzweifelt an ihre Familie, die in Yeong-Hye eindringt, doch wieder normal zu werden, doch Yeong-Hye reagiert darauf nur mit mehr Rückzug, sie hat niemanden, dem sie sich anvertraut.

Im ersten Kapitel von drei wird aus der Sicht des Mannes von Yeong-Hye geschildert, wie er die Verwandlung seiner Frau erlebt. Eingeschoben sind verstörende Absätze in denen Yeong-Hye zu Wort kommt, die Absätze sind in kursiver Schrift und beschreiben kafkaeske Träume.

„Wenn ich doch nur schlafen könnte! Wenn ich wenigstens für eine lächerliche Stunde das Bewusstsein komplett verlieren würde. In der Nacht bin ich rastlos. Ich stehe auf, laufe in der abgekühlten Wohnung herum und lege mich wieder hin. Auf der anderen Seite des Fensters ist es dunkel. Die Wohnungstür vibriert hin und wieder, ohne dass jemand klopft. Ich kehre wieder ins Bett zurück und stecke die Hände unter die Bettdecke. Das Laken ist ganz kalt.“

Yeong-Hye verliert immer mehr den Bezug zur Realität.

Das zweite Kapitel ist aus Sicht des Schwagers von Yeong-Hye geschrieben und ist das eindringlichste und ausdrucksstärkste des Buches. Die Obsession des Schwagers für seine Schwägerin, die nach ihrer Scheidung und psychiatrischen Behandlung alleine wohnt, erreicht krankhafte Züge. Die junge Frau ist abgemagert und immer noch durchschnittlich, aber strahlt für ihn eine soghafte, erotische Anziehung aus.

„Sie griff mit den Fingern nach einem Birnenschnitz und führte ihn zum Mund. Er wandte sich ab, um nicht in die Versuchung zu kommen, diese Frau, die so versonnen dasaß, in seine Arme zu ziehen, den klebrigen Birnensaft von ihren Fingern zu lecken, die Süße ihrer Lippen und ihrer Zunge zu kosten und ihr die weite Hose herunterzureißen.“

Das unstillbare Verlangen bringt ihn dazu, sie als Nacktmodell zu bemalen und Filme mit ihr zu drehen.

„Die durch ihren mageren Körper hervorgehobenen Schlüsselbeine, die knabenhaften Brüste, die im Liegen noch flacher wirkten, ihre sich abzeichnenden Rippen des Brustkorbs, die leicht geöffneten Schenkel, die jedoch keine Sinnlichkeit ausstrahlten, und schließlich ihr völlig ausdrucksloses Gesicht, das trotz der geöffneten Augen zu träumen schien. Ein Körper ohne Schnörkel, der aber viele Geschichten zu erzählen schien. Er hatte nie zuvor etwas Vergleichbares gesehen.“

Das letzte Kapitel ist aus der Sicht ihrer Schwester geschildert, die sie in der Psychiatrie besucht, inzwischen verweigert Yeong-Hye jede Nahrung und ist der Meinung sie sei ein Baum.

Die Vegetarierin ist ein hypnotisches Buch. Han Kang beschreibt eine vermeintlich psychisch kranke Frau aus der Sicht von vermeintlich gesunden Menschen. Alle Menschen aus ihrem Umfeld werden in ihren Bann gezogen, trudeln wie Kometen im Schwerefeld eines Planeten, beschädigt und aus der Bahn gebracht, weiter in ihrem Leben dahin. Die Vegetarierin ist durch ihre kafkaeske Sprache voller Anspielungen, Bildern und Träumen. Mich hat das Buch einerseits durch diese bildhafte Sprache, gerade im zweiten Kapitel, sehr in den Bann gezogen, was aber ist ihre Aussage, habe ich mich gefragt. Richtet sich das Buch gegen die Gleichgültigkeit der Gesellschaft andersartigen Menschen gegenüber? Ist das Buch eher gegen die asiatische Lebensweise gerichtet, die ich als Europäer nicht so gut verstehe. Oder hat Han Kang ein Fanal gegen die sex-objektorientierte Sicht der Männer auf Frauen geschrieben?

Es ist ein bisschen von allem und auf faszinierende Weise funktioniert das Buch auch aus diesen verschiedenen Blickrichtungen. Han Kang ist ein moderner Kafka-Roman gelungen, der in eindringlicher assoziativer Weise und fast schon leichtfüßig viele wichtige Themen unserer Gesellschaft umfasst und beschreibt.

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29 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

alter, reise, freude, lebensmut, freunde

Am Ende ist noch längst nicht Schluss

Safia Monney ,
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 18.12.2015
ISBN 9783499270871
Genre: Romane

Rezension:

Ralph ist 70 und irgendwann hat er verpasst dass er älter geworden ist. Sein Leben besteht immer noch aus Bier, Joints und gelegentlichen Pizzas. Sein einziger Freund eine Pflanze. Als Roadie kann er wegen seines Rückens nicht mehr arbeiten, damals war alles einfacher, auch die Groupies kamen regelmäßig. Und seine Nachbarin, Anfang 30, reagiert ganz komisch auf seine Annäherungsversuche. Immerhin lädt sie ihn zu einem Seniorenabend ein, da kann man sich doch näher kommen. Doch im Laufe des Abends bemerkt Ralph, dass sie ihm eine Heimstelle vermitteln will. Im Heim trifft er Piet, der Ralph dazu benutzt um abzuhauen. Auf dem Weg in die Freiheit erinnert sich Ralph an seine alten Kumpels und den Eid den sie sich damals geschworen haben: Lieber gemeinsam in den Tod gehen, als alt zu werden.
Mit seinem altersschwachen Golf macht sich Ralph und Piet auf den Weg um diesen Schwur einzulösen.

Safia Monney ist ein herrlich unprätentiöser Roman gelungen, der die 4 alten Herren in ihren Schrullen und Macken, schön einfängt. Der Roman lebt von der Situationskomik, geht aber auch manchmal auf die Befindlichkeiten der Herrschaften ein.
Leidlich lustig, steuert Monney auf ein vorhersehbares Ende zu, das Ganze ist aber sehr kurzweilig und hat Spaß gemacht zu lesen.

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

arno schmidt, fussball

Flokati oder mein Sommer mit Schmidt

Martin Schult
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 14.03.2016
ISBN 9783550081316
Genre: Romane

Rezension:

Frankfurt. WM-Sommer 1974, bzw. Oktober 1974, Paul berichtet aus dem Keller von einem fürchterlichen Unglück. In Briefen die an seine Lehrerin verfasst sind, erzählt er was in dem Fußballsommer passierte. Sein Vater hat einen kleinen Friseurladen in Frankfurt, Hölzenbein und Grabowski sind seine Kunden. Pauls Mutter verzweifelt an ihrem Mann, der zu Hause nur in Arno Schmidts Zettel Traum liest und sich kaum um die Familie und seine 2 Kinder kümmert.

Zwischen den Briefen hat Martin Schult die Spiele der BRD-Mannschaft eingebaut. Wobei es mehr um das drumherum und die Atmosphäre der 70er Jahre geht.

Das Buch fängt diese sehr gut ein, leidet aber an einer nicht vorhandenen Spannung und einem ziemlich blassen roten Faden.
Die Aufklärung des Falles ist auch etwas trivial. Mir kommt es vor als hätte man Martin Schult 200 Worte aus den 70er hingeworfen und er sollte einen Roman daraus schreiben. Übrigens ein probates Mittel der damaligen Schulzeit, was er auch anspricht.

Ein amüsanter Roman für alle die sich noch an die Zeit erinnern können.

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91 Bibliotheken, 3 Leser, 2 Gruppen, 2 Rezensionen

krimi, regen, linley/havers-reihe, 20. jahrhundert, serie

Denn bitter ist der Tod

Elizabeth George , Mechtild Sandberg-Ciletti
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 19.08.2013
ISBN 9783442479245
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

In Cambridge wird eine gehörlose Studentin beim Joggen brutal ermordet. Inspector Lynley und Havers ermitteln in diesem Fall, da der Rektor der Universität persönlich um Hilfe aus London bittet.
Geschickt zeigt Elisabeth George die Gedanken der einzelnen Beteiligten ohne dabei allzuviel zu verraten. Die Privatprobleme der beiden ermittelnden Lynley und Havers spielen auch eine gewichtige Rolle, zufällig ist Lynleys große Liebe Helen in Cambridge bei ihrer Schwester. Havers kämpft mit der Demenz ihrer Mutter.

Vielleicht nicht ihr spannendstes Buch, aber für Fans der Serie und für den Fortlauf der Privatgeschichten im Umfeld Lynley und Havers, unverzichtbar. Am Ende schafft es Elisabeth George mich doch noch mal emotional zu packen.

"Letzten Endes, dachte, sie, ist das Leben eine einzige Suche nach Sicherheit... Alle suchen wir dauernd nach einem Zeichen das uns sagt, dass wir nicht alleine sind. Und diese Sicherheit können uns nur Menschen geben. Wenn ich geliebt werde bin ich etwas wert. Wenn ich gebraucht werde, bin ich etwas wert."

Vielleicht keine neuen Gedanken, verpackt in die Geschichte und deren Auflösung aber sehr schön herausgearbeitet. Der englische Titel 'For the sake of Elena' ist wie bei allen ihren Büchern sinniger als der hochtrabende deutsche Titel.

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

Im Bann der Magie

Robin Hobb , Joachim Pente
Flexibler Einband: 830 Seiten
Erschienen bei Heyne, W, 01.01.2011
ISBN 9783453532199
Genre: Fantasy

Rezension:

Der zweite Teil der Trilogie um den zweitgeborenen Nevare schließt nahtlos an den ersten Band an. Nevare hat das furchtbare Fleckfieber überlebt und studiert weiter an der Militärakademie in der Hauptstadt Alt-Thares. Sein ältester Bruder heiratet und er freut sich seine Familie und seine Verlobte wiederzusehen, mit der er einen regen Briefkontakt hat. Im Gegensatz zu den anderen Überlebenden ist Nevare nicht dünner geworden, nein sein Leibesumfang schwillt immer mehr an, was ihn Anfangs etwas irritiert, worauf er aber immer eine logische Antwort findet.
Bei seinem Vater angekommen, wird er mit Entsetzen empfangen. Dass er sich als Soldat so gehen lassen kann, sein Vater verordnet ihm ersteinmal vier Tage schwerster körperlicher Arbeit, mit Wasser und Brot. Doch alles hilft nicht, bei der Hochzeit wenden sich seine Freunde und seine Verlobte von ihm ab. Die nächsten Wochen werden zu einer Tortur für Nevare, nur langsam erkennt er, dass seine Fettheit. Folgen der Krankheit sind. Dieser Verlauf ist zwar selten, doch kommt er laut dem behandelnden Arzt auch vor.
Sein zweites Ich meldet sich auch wieder, doch noch wird dies unterdrückt:

"Ich leugnete nicht länger die Existenz meines Fleck-Ichs, aber ich tat alles, was in meiner Macht stand, um jenes Ich daran zu hindern, die Herrschaft über mein Alltagsleben zu übernehmen."

Das Fleckfieber macht auch vor seinem Elternhaus nicht halt, Nevare muss seinen Weg finden und reist nach Osten in die Grenzgebiete, wo er sich Antworten erhofft. Dort kommt er zu dem abgelegenen Fort Getty, was an der Grenze zu dem Fleckgebiet liegt, und verdingt sich als Totengräber. In Getty sind auch seine Base Epiny und sein Militärfreund Spink. Die Strasse des Königs endet hier und die Versuche eine Trasse durch den Wald und die Berge zu bauen scheiterte bis jetzt. Bald kommt Nevare dahinter warum:

"Aber jetzt schwanken und wanken die Ahnenbäume, und morgen wird wieder einer von ihnen fallen und nicht mehr sein!Sie bewahren die ältesten Erinnerungen unseres Volkes in sich, und morgen werden wir sie verlieren.Wegen der Eindringlinge. Weil sie einen Pfad für ihre Pferde und Wagen bauen wollen, um dorthin zu gelangen, wohin sie bis jetzt noch nie gelangen mussten.Sie sagen, es sei eine gute Sache für uns, aber wie können sie wissen, was gut für uns ist, wenn sie gleichzeitig damit begonnen haben, unser größtes und höchstes Gut zu zerstören? Wir haben sie unsere Trauer und unseren Kummer spüren lassen. Wir haben sie unsere Furcht fühlen lassen. Aber sie sind zu dumm, es zu begreifen, denn sie gehen trotzdem nicht fort."

Robin Hobb bleibt sich auch im zweiten Band treu. Eine ungeheure Dichte der Erzählung, eingetaucht in die Gedankenwelt von Nevare, die die Zerrissenheit und seine Entwicklung minutiös schildert. Aus der Sicht eines Hauptcharakters geschrieben, der fett, alleine und nicht gerade ein Sympathieträger ist. Doch warum muss der Held immer strahlend sein? Ansatzweise erinnert diese Art der Fantasy-Erzählung an Stephen R. Donaldson 'Chroniken von Thomas Covenant'. Auch dort gab es einen unsympathischen Ich-Erzähler der sich qualvoll in seinen Gedanken gefangen hatte.

Robin Hobb gelingt es aber im Gegensatz zu Donaldson die Geschichte leichtfüßig in einem sanften Rollen zu behalten, streut geschickt die Fantasyelemente ein und überdies hat sie eine grandiose Manier die Umwelt, die Städte und Menschen zu beschreiben, dass es einfach eine Lust ist diesen dicken Wälzer zu lesen. Man braucht trotzdem wirklich Standhaftigkeit bei diesem Roman, es wird einem aber auch gelohnt!

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Nachts sind das Tiere

Juli Zeh
Flexibler Einband: 360 Seiten
Erschienen bei btb, 11.04.2016
ISBN 9783442713530
Genre: Sachbücher

Rezension:

„Freiheit, Wecker, Freiheit, da brauchts keine Angst zu haben, vor nix und niemand.“

Konstantin Wecker in Willy

Juli Zeh ist bekannt für ihre deutlichen, klaren und unbequemen Ansichten, die sie auch öffentlich vehement vertritt. In diesem Taschenbuch, mit dem etwas irritierenden Titel(-bild), Nachts sind das Tiere, geht sie nicht etwa auf dunkle gesellschaftliche Ereignisse in der Nacht ein. Vielmehr prangert sie hauptsächlich falsch verstandene Ansichten und eine grundsätzliche lückenhafte Internetregelung an.

Die meist ca. 10 Seiten lang gehaltenen Essays behandeln hauptsächlich den modernen Individualismus, das Internet und werden ergänzt durch ganz private Gedanken und Erlebnisse.

Individualismus und der richtige Umgang mit den neuen Medien, dem Internet, gehören notwendigerweise zusammen. Dabei gibt es viele Fallen die man umschiffen und Sackgassen die gemieden  werden müssen.

Die Neigung der Menschen, andere und auch sich selbst in Schubladen zu stecken, gehört ihrer Meinung nach abgeschafft, der moderne Individualist gehört keiner größeren Gruppierung an, ist schwerer zuzuordnen.

„Von wegen egal, rufe ich deshalb. Es ist nur so, dass ich mich keinem politischen Lager zugehörig fühle. Ich pflege ein Konglomerat von Ansichten, die in ihrer Gesamtheit weder parteiprogrammatischen Schemata noch der Stoßrichtung einer gesellschaftlichen Gruppierung entsprechen. Ich vermag nicht einmal zu sagen, ob ich rechts denke – oder eher links. Vermutlich bin ich ein radikaler Individualist.“

Dabei gibt es zwischenmenschliches Verhalten, die unbedingt beibehalten werden sollen, ein radikaler Individualist zeichnet sich nicht durch bedingungslose Freiheit im Privatleben aus:

„Wer die Treue auf den Schrottplatz der Geschichte werfen will, begeht einen Fehler. Zwar haben wir oder vielmehr unsere Vorfahren völlig zu Recht eine Menge daran gesetzt, den Einzelnen von gesellschaftlichen und religiösen Zwängen zu befreien. Herausgekommen ist allerdings ein falsch verstandener Individualismus, der meint, die neue Freiheit vor allem im Privatleben verwirklichen zu müssen. Als ginge es nur um Konsumfreiheit, also um das Recht auf maximale Bedürfnisbefriedigung bei minimaler Verantwortung.“

Auch die Politik muss ihren Part dazu tun, Europa hat schon einen wichtigen Schritt dazu getan. Sich nicht separieren heißt die Devise, Flexibilität ist heute mehr als sonst gefragt.

„Das neue Europa hingegen handelt von Anpassung. Es zielt auf die Aufhebung von Grenzen, auf Annäherung, Integration, Harmonisierung und Chancengleichheit, kurz: nicht auf die Betonung, sondern auf die Nivellierung von Andersartigkeit. Individualismus ist das Recht, genauso auszusehen, zu essen und zu arbeiten wie alle anderen. Nicht im Eigensinn, sondern in höchstmöglicher Flexibilität liegt die wichtigste Tugend.“

Das Internet ist für Juli Zeh ein weiteres großes Feld, das noch beackert werden muss. Nicht nur in der allgemeinen Meinung, auch Regeln und Gesetze müssen her. Das Internet ist nicht zu bändigen, ist ein rechtsfreier Raum, schafft die Rechtschreibung ab oder fördert schlechte Manieren. Alles Unsinn, sagt Frau Zeh, das Internet wird von Menschen gemacht und kann auch von Menschen dementsprechend geregelt werden. Nicht Resignation, dass alles gemacht wird was machbar ist, sollte die Folge sein, nein in der der Vergangenheit hat die Menschheit schon gezeigt, dass sie eben nicht alles getan hat was technisch möglich ist. Wir sollten hingegen das Internet positiv nutzen. Es bringt neue Organisationsstrukturen mit, die große kreative Aktivität entfalten, wie das Beispiel Wikipedia zeigt, wo freiwillig und unentgeltlich Millionen von Stunden für eine gemeinsame Enzyklopädie gearbeitet wird. Auch Open-Source Produkte wie Linux gehören in dieses Umfeld.

„Der Hacker ist in einem Umfeld glücklich (und effektiv!), in dem hierarchische und soziale Kontrollmechanismen von individuell-selbstregulativen Organisationsformen abgelöst werden.“

Doch gehören auch Regeln zum Internet. Private Daten gehören dem Einzelnen und deren Verwendung sollten immer von diesem kontrolliert werden können. Dazu muss es Gesetze geben! in zwei offenen Briefen an die Kanzlerin Angela Merkel, beschreibt Juli Zeh dieses Problem sehr anschaulich. Doch eine Lösung – ja noch nicht einmal ein Anfang, ist in Sicht.

Auch ein gefährlicher Schritt des Einzelnen ist, sich von der Technik abhängig zu machen, sich zu verdrahten, sich offenzulegen, ein statistischer Fall aus Nullen und Einsen zu werden. Individualismus erfordert auch insbesondere Stärke diesen zuzulassen.

„Diese Einstellung ist kein Akt der Emanzipation, weder vom Schicksal noch von einem bröckelnden Gesundheitssystem. Sie ist ein Rückschritt in der Geschichte des humanistischen Denkens. ‚Quantified Self‘ verabschiedet sich von einer Vernunft, die zum Bestimmen des richtigen Lebens keinen Taschenrechner braucht. Ein mündiger Mensch kann auf seine Fähigkeiten vertrauen, das rechte Maß der Dinge ohne Messgeräte zu ermitteln. Selbstvermessung hingegen ist das Gegenteil von Selbstvertrauen. In dem Wunsch die eigene Existenz möglichst restlos zu beherrschen, drückt sich vor allem die Angst aus, als Individuum in der großen weiten Welt der schönen und schrecklichen Möglichkeiten verloren zu gehen. Wir sind alle fehlerhaft.“

Wenn wir dies beachten „dann wird das Internet das werden was es sein kann und soll: ein Kommunikationsmedium.“

Juli Zeh hat, außer den großen angesprochenen Themen, noch viel privates hinzugefügt, besonders schön fand ich ihren Ausflug in Lanzarote an den Vulkan, die Macht der Natur die sie dort erlebt hat, beschrieb sie unglaublich empathisch mit den Worten: „Ich stehe und schaue, während Zeit vergeht. Antworten bekomme ich keine. Aber die Fragen schweigen.“

Die Essays und angeschriebenen Themen sind hier von mir zusammengefasst, in den jeweils 10-seitigen Texten überscheneidet sich natürlich vieles und ist dadurch insgesamt redundant.

Ein ungemein lehrreiches Buch, mit vielen klugen Bemerkungen über die dringenden Fragen unserer heutigen Zeit, klar sachlich und direkt geschrieben.

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88 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

götter, vampire, fantasy, druide, hexen

Die Chronik des Eisernen Druiden - Gehämmert

Kevin Hearne , Alexander Wagner , Friedrich Mader
Flexibler Einband: 366 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 27.11.2015
ISBN 9783608939330
Genre: Fantasy

Rezension:

Nein behämmert ist der hier vorliegende dritte Band des eisernen Druiden nicht. Behämmert ist eher der allseits bekannte Donnergott THOR, wobei diese Umschreibung noch die netteste ist, die Atticus der über 2000 Jahre letzte Druide, von dem Gott hört. Bei der Begleichung seiner Schulden die er im zweiten Band einer Hexe wegen eines Gefallens gemacht hatte, richtet er ziemliches Chaos in Asgard an. Zwar kann er einen goldenen Apfel stehlen, aber die Leichen die er hinterlässt, sind alles andere als der ursprüngliche rein-Apfelmitnehmen-raus Plan. Das Ragnarök muss umgeschrieben werden!

Da Thor bei seinen Freunden ein riesengroßes Ärgernis darstellt, entschliesst er sich dann doch bei dem Kampf gegen den Donnergott zu helfen, obwohl JESUS und die Schicksalsgöttin ihm dringend davon abraten. Herzstück der sehr gelungenen Fortsetzung, ist die Zusammenkunft der Freunde, in der jeder erzählt, warum er THOR lieber Tot als lebendig sehen würde.

Eine feine Leistung in Bezug auf Sagenerzählung und Aufbau einer aussergewöhnlichen Fantasyerzählung! Der abschließende Kampf, verläuft im Vergleich der letzten Bücher wohltuend unchaotisch. Falls man das von einem Kampf der Götter überhaupt sagen kann. Das was man sagen kann ist, dass die Bücher einen Heidenspaß machen und man faszinierend verfolgt, wie Atticus sich von Band zu Band immer weiter in die Sch..... reitet.


Zum Glück ist der Spaß noch nicht zu Ende.

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23 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

tiere, natur, naturroman, wildnis

H wie Habicht

Helen Macdonald , Ulrike Kretschmer
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 14.10.2016
ISBN 9783548376721
Genre: Sachbücher

Rezension:

Es gibt Bücher da wird man gefragt: "Und wie hast Du das Buch gefunden? Klingt ja interessant. Ist auch als Sachbuch angegeben. Du hast das doch gelesen."

Ähm, ja es war sehr gut. "Ja? Erzähl mal warum Du das so gut findest." Ja ... Es geht da um die Aufzucht eines Habichts. Die einzelnen Stadien werden genauestens beschrieben, die Autorin hat auch schon Raubvögel aufgezogen, aber noch nie einen Habicht. Grund war der Tod ihres Vaters und der Wunsch diesen Schmerz mit dem Zähmen eines eigenen Habichts zu kompensieren. "Kennst Du Dich denn mit Raubvögeln aus? Interessiert Dich das?" Ähm nein, nicht so richtig. "Ja, ist das dann nicht langweilig so ein Sachbuch über Vögel?"
 Nein, das ist es überhaupt nicht!


 Sicherlich hat H wie Habicht schon durch den Titel einen Anflug von Sachbuch. Auch die Beschreibungen der Zucht und die Dinge die dafür benötigt werden, sind sehr speziell.  Ansonsten habe ich mich nie wie in einem Sachbuch gefühlt und würde auch nie nach diesem Buch gehen um einen Habicht aufzuziehen. Wer noch nie einen gesehen hat, sollte sich die Mühe machen, einen Züchter aufsuchen, um sich diese Tiere anzuschauen. Es ist beeindruckend. Beeindruckend ist auch, wie Helen MacDonald mit einem einfachen Kniff die trockene Öde eines Sachbuches vermeidet. Sie schreibt einfach über ein anderes Sachbuch.

T.H.White hat ein Buch über Habichte geschrieben, das Helen in jungen Jahren in die Hände gefallen ist. Durch seine Homosexualität war T.H.White wohl einer der einsamsten Menschen auf der Welt, im England der Nachkriegszeit. Seine Leidensgeschichte, die Homosexualität nicht ausleben zu können und das Fehlen eines Freundes, dem er sich anvertrauen konnte, versucht er durch die Aufzucht eines Habichts auszugleichen. Dies beschreibt er in dem besagten Buch 'The Goshawk', welches die junge Helen so prägt.

"Für White bedeutete das [Abrichten eines Habichts] einen moralischen Zaubertrick, einen Ausweg aus seinem Dilemma. Durch das gekonnte Abrichten eines Jagdtiers, durch die enge Bindung zu ihm, die Identifizierung mit ihm, durfte man vielleicht all seine vitalen ehrlichen Begierden ausleben, auch die blutrünstigsten, und dabei dennoch völlig unschuldig bleiben. Man durfte sich selbst treu bleiben."

"The Goshawk" beschreibt eine Katastrophe. T.H. White macht so ziemlich alles falsch, was man bei der  Zähmung eines Habichtes falsch machen kann. Doch bezieht sich Helen immer auf diese Stellen im Buch von T.H. White und verknüpft diese mit philosophischen Betrachtungen und ihren eigenen Bemühungen ihren Habicht Mabel abzurichten.

Helen hat ihren Vater verloren. Dieser Verlust reißt eine entsetzliche Lücke in ihr Leben. Diese Lücke gilt es zu füllen, doch Lücken kann man nicht einfach füllen, Menschen nicht ersetzen.

 "Zu einer bestimmten Zeit im Leben erwarten wir, dass die Welt ständig von neuem ist. Dann kommt der Tag, an dem uns bewusst wird, dass das nicht der Fall sein wird. Wir erkennen, dass sich das Leben aus Löchern zusammensetzt. Aus Dingen, die fehlen. Aus Verlusten. Dinge, die einmal da waren und nun nicht mehr da sind. Und wir erkennen, dass wir um diese Lücken herum und zwischen sie hineinwachsen müssen, obwohl wir die Hand ausstrecken und dort, wo die Dinge waren, den öden Raum fühlen können wo jetzt die Erinnerungen sind."

Helen verkriecht sich, nimmt nicht mehr am Leben teil. Erst die Idee einen Habicht zu zähmen weckt die Lebensgeister. Schon das erste Zusammentreffen mit dem Vogel, mit Mabel, ist von einer Wucht und intensiven Wildheit, dass der Vogel vor dem Leser Gestalt annimmt.

 "Er öffnete noch ein Scharnier. Konzentration. Unendliche Vorsicht. Tageslicht fiel in den Karton. Kratzende Klauen, ein weiterer Schlag. Und noch einer Rums. Die Luft verwandelte sich in Sirup, wurde zähflüssig, staubig. Wenige Sekunden vor der Schlacht. Und als er schließlich den letzten Knoten gelöst hatte, griff er in den Karton, und inmitten rauschenden, chaotischen Schlagens von Flügeln, Füßen und Klauen und eines schrillen Rufens - und das alles gleichzeitig - zieht er einen gewaltigen, gewaltigen Vogel heraus. Im merkwürdigen Zusammentreffen von Welt und Tat ergießt sich gleißendes Sonnenlicht über uns, und alles um uns herum ist Strahlen und Wildheit."

Die Stadien der Aufzucht werden immer wieder mit den entsprechenden Kapiteln von T.H.White ergänzt. Helen kämpft mit dem Verlust ihres Vaters, mit ihren Depressionen, denen sie sich aber wegen Mabel nicht hingeben darf. Sie findet durch Mabel zurück in ihr Leben.

 "In der Zeit mit Mabel habe ich gelernt, dass man sich menschlicher fühlt, wenn man erst einmal erfahren hat - und sei es auch nur in der Fantasie - wie es ist, nicht menschlich zu sein. Und ich habe auch die Gefahr kennengelernt, die es birgt, wenn man die Wildheit, die wir mit einer Sache assoziieren, mit der Wildheit verwechselt, die ihr tatsächlich innewohnt. Habichte sind mit Tod, Blut und Gewalt verknüpft, aber keine Ausreden für Grausamkeiten. Wir sollten ihre Unmenschlichkeiten zu schätzen wissen, weil das, was sie tun, nichts mit uns zu tun hat."

H wie Habicht ist ein wunderbares, intensives Buch über den Schmerz, über die Wildheit, und vor allen Dingen über Vögel. Manchmal fand ich den ungefilterten Schmerz von Helen unerträglich, in seiner Offenheit und in seiner dargebotenen Vielfalt. Doch was bin ich, über den Schmerz von anderen Menschen zu urteilen? Ein Buch, das viel näher am Vogel als am Menschen ist, soweit das überhaupt möglich ist. Ein Buch voller Philosophie, Weisheit und Hoffnung. Eines der faszinierendsten Sachbücher, die ich je gelesen habe.

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29 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

nevare, krieger, pferde, reiten, akademie

Die Schamanenbrücke

Robin Hobb , Joachim Pente
Flexibler Einband: 670 Seiten
Erschienen bei Heyne, W, 01.07.2010
ISBN 9783453532205
Genre: Fantasy

Rezension:

Im Königreich Gernien sind die Aufgaben der männlichen Erbnachfolger der Edelmänner klar umrissen. Der erste beerbt den Vater und führt den Namen fort, der zweite wird Soldat, der dritte wird Priester. Nevare ist der zweite Sohn eines Edelmannes des neuen Adels, sein Vater ist nicht durch Geburt sondern durch seine Leistungen im Krieg vom König zu einem Edelmann gemacht worden.
Es ist klar was Nevare wird, Soldat wie sein Vater. Er soll auf die Kavallaakademie in der Hauptstadt Alt-Thares.

Wir sind in einer höher entwickelten mittelalterlichen Welt, mit viktorianischen Andeutungen, in der Reste von Magie noch am Werk sind. Kleine Reste wie der 'halt fest' Zauber existieren noch, doch das Wissen ist fast verloren gegangen in dem Königreich. Andere wildere Völker, die Flachländer, bedienen sich noch dieser Macht, doch diese wurden zurück gedrängt, durch schiere Waffengewalt. Nevare wird von seinem Vater, bevor er zu Akademie an seinem 18 Geburtstag kommt, zu dem Flachländer Deware geschickt, der ihn in seine Welt, auch die der Traumwelt einführt. Etwas irritierend ist dies für den doch recht einfach gestrickten Nevare, der als Ich-Erzähler, an seine Welt und deren Ordnung glaubt.

"Geisterreisen zu Baumfrauen und meinen Vater anzulügen - das passte und gehörte nicht zum Alltagsverständnis meines Daseins. Ich glaube, dass die meisten Menschen auf diese Weise von einem Tag zum nächsten schreiten. Sie schieben alle Erfahrungen und Erlebnisse beiseite, die sich nicht mit ihrem Selbstbild vertragen. Wie anders wäre unsere Wahrnehmung der Realität doch, schöben wir stattdessen die irdischen Ereignisse beiseite, die nicht neben unseren Träumen bestehen können! Aber das war ein Gedanke, der mir erst viele Jahre später kam."

Auf der Flussreise nach Alt Tharen zu der Akademie, erlebt er plötzlich andere Eindrücke, eine fremde Ahnung, fremde Gedanken durchwehen seinen Geist:

"Ich wandte den Blick von der schaurigen Szenerie ab. Mir war übel, und ich fror. Eine furchtbare Vorahnung durchzuckte mich. So wie dieser Berghang würde die ganze Welt enden. Ganz gleich wie sehr sie den Berg auch schindeten, es würde diesen Männern niemals reichen. Sie würden mit ihrem grausigen Werk überall auf dem Antlitz der Erde foprtfahren und eine Schneise der Entweihung und der Verheerung hinterlassen, wo immer sie auftauchten. Sie würden den Wald verschlingen und Berge von Häusern ausscheiden, gebaut aus dem Stein, den sie der Erde abangen, und aus dem Holz, das sie aus toten Bäumen gewannen. Sie würden Pfade aus blankem Stein zwischen ihre Häuser hämmern und die Flüse verdrecken und das Land unterjochen, bis es sich nur noch an den Willen des Menschen erinnern konnte."

In dieser Szene wird dem Leser klar, dass die Autorin noch viel in der Hinterhand hat und es beizeiten aufdecken wird.

"Der Mensch konnte den Menschen nicht länger aufhalten, es würde die Kraft eines Gottes erfordern, ihn aufzuhalten. Aber ein Mensch metzelte gedankenlos den einzigen Gott nieder der vielleicht die Kraft gehabt hätte, ihm in den Arm zu fallen."

In der Akademie wird er durch harten Drill zum Offizier ausgebildet. Auch wenn dies ein sehr ausgiebig beschriebener und für viele Leser bestimmt ein zu langer Abschnitt ist, vergleichbar mit den Schul-Beschreibungen in Harry Potter, ist der Teil gerade durch die klare Sprache Hobbs immer noch sehr interessant. Man erfährt jetzt auch viel über die politischen Reibereien im Königreich. Man lernt sozusagen mit dem doch etwas ländlichen denkenden Charakter Nevare die Welt kennen. Auch die Mitstreiter in seinem Jahrgang sind alles ausgefeilt dargestellte Charakter, so der dicke Gord im Gespräch mit Nevare:

"Du suchst nach einem Weg, deinen eigenen angeschlagenen Stolz zu retten, weil du Hilfe von jemandem annehmen musst, der dick und unansehnlich ist. Irgendwie glaubst du, dass das ein schlechtes Licht auf dich wirft, und deshalb kann Trist dich zum Kämpfen aufstacheln. Aber ich werde meine eigenen Schlachten schlagen, und zwar auf meine Weise. Und ich werde sie gewinnen."

Der erste Band endet mit einem Cliffhanger der Lust auf mehr macht. Alleine die Sprache von Robin Hobb hat mich schon in dem Schiffszyklus begeistert. Zwar ist der Anfang dieser Trilogie etwas schwerfällig, aber Hobb setzt immer wieder einzelne Akzente in ihrer Erzählung, dass es einem nie langweilig wird. Gerade dass der Charakter erst etwas unbeholfen und fast schon unsympathisch wirkt (Zitat aus phantastik-couch: "Seine Gedankenwelt hat die Komplexität einer Dosenöffnergebrauchsanweisung"), aber mit der Zeit an Reife gewinnt, zeigt den Mut dieses Buches , da viele die Güte eines Buches an den Charaktern festmachen.

Ein toller Anfang einer interessanten Fantasyerzählung, die Beachtung verdient, bei der der Leser aber viel Standhaftigkeit braucht. Bestens geeignet für den Strandurlaub!

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33 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 15 Rezensionen

rezension, endzeit, dystopie, wasserknappheit, thriller

Water - Der Kampf beginnt

Paolo Bacigalupi , Wolfgang Müller
Fester Einband: 430 Seiten
Erschienen bei Blessing, 21.03.2016
ISBN 9783896675309
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die Wüste. Eine Region ohne Wasser, eine Region, die immer ums Überleben kämpft, so wie die Menschen darin.

"Schon früher war das eine Gegend der Extreme gewesen und das war sie immer noch. Angel hatte die Wüste immer gemocht, weil sie keinen Platz für Illusionen ließ. Hier griffen die Wurzeln der Pflanzen nach jedem Tropfen lechzend weit und flach aus. Ihr Saft kristallisierte im Kampf der Wassermoleküle gegen das Verdunsten zu hartem Schellack. Die Blätter, die sich nach dem unerbittlichen Himmel streckten, waren so geformt, dass sie jeden raren Tropfen auffangen und weiterleiten konnten, der zufällig auf sie herabfallen sollte."

Wir sind in einer fiktiven nahen Zukunft. Wasser ist sehr knapp geworden. Der Zustand des Wassermangels, der jetzt schon in vielen armen Länder Realität ist, hat auch Teile von Nordamerika befallen. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind in lose Staatengebilde zerfallen, eine Zentralregierung gibt es noch, doch die kümmert sich nur um Extremfälle, jeder Bundesstaat ist für sich selbst verantwortlich.

Wie es zu der Wasserknappheit kommen konnte, darüber lässt sich Bacigalupi nicht im Detail aus. Für ihn ist das Szenario eine logische Konsequenz des heutigen 'Nicht'-Handelns.

"'Wir wussten, dass alles zum Teufel gehen würde, und doch haben wir einfach dagestanden und zugeschaut. Für so viel Dummheit müsste es einen Preis geben.''Vielleicht haben wir es gewusst, konnten es aber nicht glauben.' sagte Lucy. 'Glaube' Er schnaubte.'Ich könnte tausend Kreuze küssen. Scheiß auf den Glauben.' Und weiter verbittert: 'Der Glaube ist was für Gott. Für die Liebe. Für das Vertrauen. Ich glaube dass ich dir vertrauen kann. Ich glaube, dass du mich liebst.' Eine Augenbraue zuckte. 'Ich glaube, Gott schaut auf uns herunter und lacht sich kaputt.'"

Natürlich gibt es auch Menschen, die die Situation ausnutzen auf Kosten anderer, die in bewachten Arkologien wohnen, wo es Wasser im Überfluss gibt. Die anderen, die dorthin keinen Zugang haben, träumen davon, in eine wasserreiche Gegend zu ziehen, doch die Grenzen sind umzäunt und bewacht. Wasser wird an Pumpen in Litern gekauft. Währung ist meist der chinesische Yen. Die Chinesen haben der amerikanischen Wirtschaft den Rang abgelaufen. Wir sind in Phoenix und die Stadt kämpft ums Überleben. "Es regnet nie in Phoenix, außer es regnet Leichen."

Maria ist so eine Person, die auf der falschen Seite der Grenze steht, die ihren Körper verkauft nur auf den Verdacht hin, einen Ausweg aus ihrer Lage zu finden. Angel ist ein knallharter Söldner der für die 'Wasserbaronin' Catherine Case arbeitet. Lucy Monroe ist eine investigative Journalistin, die dahin geht, wo es weh tut. Alle drei werden vom Schicksal zusammengeführt, als Angel auf die Suche nach einem wirklich großen Ding geschickt wird. Ein historisches Dokument über Wasserrechte, das einen unschätzbaren Wert hat.

In Paolo Bacigalupis Buch geht es hart zu, direkt, blutig, fast schon Schwarz-Weiß. Es gibt Leute, denen es sehr gut geht und welche, denen es schlecht geht und die alles tun, um zu ersteren zu gehören. Dabei ist für die Angel die Lage klar.

"Du gibst Menschen eine Aufgabe, und die erledigen sie dann. Menschen eben. Er zuckte mit den Achseln. Es ist die Aufgabe, die die Menschen beherrscht, nicht umgekehrt. Stell sie an die Grenze, sag ihnen, dass sie Flüchtlinge aufhalten sollen, und schon hast du eine Grenztruppe. Stell sie auf die andere Seite - dann betteln sie um Gnade, lassen sich skalpieren und für dumm verkaufen wie die Merry Perrys. Keiner von beiden hat sich seine Aufgabe ausgesucht. Ist ihnen einfach zugefallen."

Angel und Lucy treffen aufeinander und werden von allen Seiten aus gejagt, für Angel eine alltägliche Situation, Lucy bemerkt den Ernst der Lage erst, als die Situation eskaliert.

"Sie hatte sich die ganze Zeit belogen. Sie hatte sich vorgemacht, ein Leben zwischen Flüchtlingen und Schwimmern, Dealern und Drogengangstern hätte keinerlei Einfluss auf sie selbst. Wenn sie sich weigerte, der Bestie in die Augen zu schauen, würde die Bestie sie auch nicht anschauen. Ein Trugschluss."

Water ist ein knallhartes, trockenes Buch, das weniger ein Science Fiction, als ein Thriller ist. Die Zukunftselemente sind hier sehr spärlich eingesetzt, Bacigalupi hält sich nicht mit solchen Feinheiten auf. Düster und in groben Pinselstrichen wird das Szenario aufgebaut, ein paar starke, kantige Charaktere, viele Kraftausdrücke und vernichtende Sätze wie: "Jeder stirbt. Am Ende sind wir alle tot, egal was wir tun."

Nichts Neues und auch keine großartige Literatur, aber es macht einfach Spaß, das Buch zu lesen. Ein lesenswertes Buch, das mich am Ende doch noch überrascht hat und in einem Tarantino Ende blutig ausgeht. Kein Buch für schwache Nerven oder Liebhaber von blumigen Umschreibungen. Hier wird alles auf den Punkt gebracht.

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