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Thomas & Mary

Tim Parks
E-Buch Text
Erschienen bei Verlag Antje Kunstmann GmbH, 15.02.2017
ISBN 9783956141782
Genre: Romane

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erzählungen, short story, amerika, stories

Ein dreifach Hoch auf die Milchstrasse!

Kurt Vonnegut , Harry Rowohlt
Fester Einband: 286 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 01.06.2010
ISBN 9783036955766
Genre: Romane

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amerika, liebesgeschichte

Der Papagei, das Telefon und die Bibliothekarin : Roman


Sonstige Formate
Erschienen bei null, 01.01.1997
ISBN B002PMH9IM
Genre: Sonstiges

Rezension:

Es gibt Bücher, an die geht man komplett ohne Erwartung heran. Wer ist Joe Coomer? Was ist das bloß für ein bescheuerter Titel? Wenn der Autor nicht bekannt ist, muss ein plakativer Titel her, dachte sich wohl der Verlag. Hätte ich nicht mal reingelesen und ich nicht gerade an dem Tag Lust auf ein Buchkauf gehabt, ich hätte das Buch sicher nicht angerührt. Höchstens mit den Augen, streifend von weitem. Im Nachhinein bin ich nicht nur froh es gekauft, sondern auch gelesen und einen neuen Autor entdeckt zu haben. Es ist eine der wenigen Indie-Buch-Perlen, die sich so wohltuend von der Masse der Bücher abheben. Einfach weil sie so erfrischend und so unliterarisch sind. (Jaja, das Buch ist ja auch Literatur, ihr wisst aber was ich meine)

Erzählt wird die Geschichte von Lyman, der alleine in seinem Wohnwagen wohnt und die Nachtschichten auf dem Loop (so der Originaltitel), auf dem Autobahnring als Straßenwächter verbringt.
Tagsüber bildet er sich weiter und hat schon etliche Fremdsprachen gelernt, sich ansonsten auch weitergebildet und viele Scheine für das College beschafft, wo er aber nicht hingehen will. Das Selbststudium verbringt er alleine, Familie hat er keine, seine Eltern sind bei einem Autounfall früh verstorben, die einzige tiefere Beziehung pflegt er zu Tieren. In seinen Jugendjahren wird er von einer Familie zur anderen gereicht.

"Die mittlere Lebenserwartung eines Hundes betrug acht bis neun Jahre, Lymans Verweildauer in den Familien fünf bis sechs Monate. An die Namen der Hunde, mit denen er zusammengelebt hatte, konnte er sich besser erinnern als an die der Menschen. Kam er in eine Pflegefamilie, die keine Haustiere hatte, fand er Mittel und Wege weiterzuziehen. Nachdem er den Führerschein gemacht hatte, unternahm er in einem geliehenen Auto eine erste vorsichtige Fahrt durch die ganze Stadt, um die Hunde seiner früheren Pflegefamilien zu besuchen. Die meisten waren jedoch gestorben oder entlaufen, und er erkannte, dass zwei Leben sich nur kurz berührten, süß und heilend, um dann in lange währenden Kummer überzugehen."

Lymans doch recht einsames aber klar geregeltes Leben erfährt eines Tages eine Veränderung. Ein Papagei fliegt ihm zu, der komische, teils kryptische Sätze spricht und offensichtlich verletzt ist.

"Er beugte sich zu den gelben Augen hin und versuchte darin das Alter des Vogels zu erkennen, den Widerschein der Heimsuchungen eines Jahrhunderts. Aber alles, was er entdecken konnte, war eine dunkle Variante von etwas vage Vertrautem, etwas zwischen Netzhaut und Augenflüssigkeit Verborgenem."

Lyman pflegt den Papagei und versucht dessen Besitzer festzustellen. Die Suche nach der Vergangenheit des Papageis, führt ihn zwangsläufig auf seine eigenes Leben zurück. Gerade die Arbeit in der Straßenwacht bringt ihn viel mit dem Tod in Berührung, meist sind es überfahrene Tiere, aber auch Unfälle mit Menschen passieren. Der Zufall lässt diese Menschen innehalten, am Straßenrand verweilen, der Fluss des Lebens ist plötzlich gestört.
Lyman hat eine sehr klare, nichtreligiöse Art die Welt zu sehen. Das meiste was passiert ist Zufall.

"Zum Laufen hilft nicht schnell sein, zum Kampf hilft nicht stark sein, zu Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft nicht klug sein, dass einer angenehm sei, dazu hilft nicht, dass er etwas gut kann, sondern alles liegt an Zeit und Glück.
Prediger 9, 11
'Genau', rief Lyman, 'Das ist das erste Mal, dass ich das erlebe. Jemand, der es wissen muss, gibt zu, dass das Universum willkürlich ist. Dass das Gute nicht zwangsläufig belohnt wird. Dass das Böse nicht zwangsläufig bestraft wird. Dass der Schulhofschläger später nicht zwangsläufig büßen muss. Alles ist beliebig, alles ist Zufall, eine Laune des Universums. Ein einziges großes Glücksspiel. Und die einzige Philosophi, die zu funktionieren scheint, ist Wachsamkeit, Vorbereitetsein. Man muss auf der Hut sein'."

Lymans Leben gerät nun gehörig in Unordnung, damit hat auch Fiona ihren Anteil daran. Fiona, die Bibliothekarin, mit dem treuen Hund Floyd, der sich, um nicht umzufallen, immer an feste Dinge lehnt (liebend gerne an Lymans Beine). Fiona deren Flüstern manche Schiffssirene übertönen würde. Fiona die, das spürt Lyman, Ordnung in sein Leben bringen würde.

"Er dachte, wenn er sie liebte, würde er sie auch kennenlernen, sie endlich verstehen, die entnervende, strapaziöse Intensität ihrer Fragen ebenso wie die gewundenen Falten ihrer Genitalien."

Der Papagei, das Telefon... ist eines dieser Bücher die man einfach lieben muss! Ob der schrägen und liebenswerten Charaktere, der sanften und doch manchmal so realistisch harten Geschichte, dieser Mix macht dieses insgesamt doch so zauberhafte, warmherzige und liebevolle Buch aus. Dabei ist es manchmal so schön schräg anders geschrieben, dass es sofort mein Herz gesichert hat.

"Lyman spürte, wie etwas sich auflöste. Er schaut auf seine Schuhe hinab, aber sie waren geschnürt."

The Loop wurde 1993 von der New York Times zum Buch des Jahres gewählt und 2001 verfilmt. Der Autor ist für mich jedenfalls die Entdeckung des bisherigen Jahres.

 

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teranol, interspace, traum, seelenfänger, seele

Seelenfänger

Andreas Brandhorst
Flexibler Einband: 700 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.10.2012
ISBN 9783453529700
Genre: Fantasy

Rezension:

Beflügelt durch die beiden hervorragenden Bücher von Andreas Brandhorst, "Das Kosmotop" und "Ikarus" habe ich nach dem Seelenfänger gegriffen, der zeitlich nicht weit weg von den erstgenannten liegt. Doch nach der Hälfte des Buches habe ich entnervt aufgegeben.

Die Idee war erstmal nicht schlecht, es gibt hochsensible Menschen die mit Hilfe eines Medikamentes sich und andere in das Gehirn eines Menschen transportieren können. Der Patient, auch medikamentös ruhig gestellt, soll dabei von schweren psychischen Schäden geheilt werden. Zur Sicherheit wird diesen Travellern ein Therapeut zur Seite gestellt, der den Travellern psyhologisch hilft.

Zacharias ist so ein Traveller und sitzt im Rollstuhl. Durch eine Muskelkrankheit gelähmt, kann er nur die Augen bewegen, aber mit Hilfe des Medikamentes und im Gehirn eines anderen, kann er alles bewirken, denn er ist ein Geistesriese. Er hat sich in Florence verliebt, die Therapeutin, die ihn immer begleitet. In der Gedankenwelt kann er reden, laufen, küssen und sie auch lieben, darum verweilt er ganz gerne länger in dieser Welt.

Eines Tages, kruz nach einem Einsatz, müssen die beiden einen dringenden Fall bearbeiten. Ein wichtiger Mitarbeiter der an einer für den Konzern sensiblen Sache arbeitet, ist ins Koma gefallen. Der Traveller der ihn holen sollte, liegt auch im Koma und kehrt nicht mehr zurück. Die Hoffnung liegt jetzt alleine bei Zacharias und Florence. Sie tauchen in die Traumwelt ein und treffen dort den Seelenfänger.

So weit so gut und auch durchaus interessant. Ab hier wird es aber konfus, unübersichtlich. Was ist Realität was nicht, hat seinen gewissen Reiz, aber das Buch verflacht mit der Zeit und dreht sich mit seinen flachen Dialogen und Handlungen im Kreis. Nach einiger Zeit (immerhin bis zur Hälfte des Buches) habe ich aufgegeben, weil der Roman bis auf Millimeterstärke abgeflacht war und ich keine Besserung mehr sah.

Es wird nicht das letzte Buch von Brandhorst sein, aber ab nun keine älteren Bücher mehr.

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yann martel, martel, postmodern, postmoderner roman, parabel

Ein Hemd des 20. Jahrhunderts

Yann Martel , Manfred Allié , Gabriele Kempf-Allié
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 17.01.2013
ISBN 9783596187249
Genre: Romane

Rezension:

Es gibt viele Bücher über den Holocaust, doch keines was annähernd so heimtückisch daher kommt, wie das hier vorliegende Buch von Yann Martel. Heimtückisch ist es, weil es den Leser erst auf die falsche Fährte führt, ihn irreleitet und plötzlich brutal auf das Naheliegende stösst. Das Buch ist voller Symbolik und Andeutungen, so wie das Grauen auch voller Schatten und indirekten Bedrohungen ist. 

Jeder mag sich an den Symbolen versuchen, ein Esel und ein Affe, die in einem Theaterstück vorkommen, aber auch in der Taxidermie Okapie ausgestelt sind, ein Autor der an dem Holocaust Thema scheitert, aber letztendlich doch findet, der Besitzer der Taxidermie, der wie der Auto heißt und noch vieles mehr. Erst die letzten 13 'Spiele' offenbaren das subtile Gräuel zu dem Menschen nicht nur im Holocaust imstande waren.

Die falschen Fährten werden früh gelegt. Henry ist ein frustrierter Autor dessen Buch über den Holocaust von den Verlegern abgelehnt wird. Er zieht mit seiner Frau in eine neue Stadt und lebt ganz gut von den Tantiemen des letzten erfolgreichen Buches. Er fängt an Musikunterricht zu nehmen und Theater zu spielen. Immer noch erreichen ihn Leserbriefe zu seinem letzten Roman. Einer ist dabei der seine Aufmerksamkeit fesselt und ihn zu der besagten Taxidermie (Tierpräparation von Wirbeltieren) führt. Als er den Urheber in seinem Geschäft besucht, liest dieser ihm, immer wieder auf seinen darauffolgenden Besuchen, ein Theaterstück vor, welches stark an 'Warten auf Godot' erinnert.

Das Hemd des 20.Jahrhunderts ist ein sehr stark symbolbehaftetes Buch, welches ich mir gut und gerne im Deutschunterricht vorstellen kann. Auf die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten möchte ich gar nicht näher eingehen, derer sind zu viele.

Ein teils verstörendes, dann wieder irritierendes Buch welches in einem nachhallt, zumal die eindeutigen Elemente, die 13 Spiele ganz am Ende den Leser komplett einschüchtern und die menschlichen Variationen der Grausamkeit darstellen.

Ein Buch welches mich anfangs auf den falschen Weg gebracht und mich letztendlich kalt erwischt hat. Ein subtiles Buch über das alltägliche Grauen, nicht nur auf den Holocaust beschränkend.

 

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jón kalman stefánsson, etwas von der größe des universums

Etwas von der Größe des Universums

Jón Kalman Stefánsson , Karl-Ludwig Wetzig
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.02.2017
ISBN 9783492057950
Genre: Romane

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sachbuch, liebe, monogamie, polygamie, friedemann karig

Wie wir lieben

Friedemann Karig
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 17.02.2017
ISBN 9783351050382
Genre: Sachbücher

Rezension:

Beim ersten Blick auf dieses Buch, kommt es einem doch sehr provokativ vor. Drei Gesichter von der Seite, in einer intimen Situation, einem dreifachen Kuss (Trisou) prangen auf dem Cover, die Farben in kontrastreichem Blau und Rot gehalten. Darunter der Text: Wie wir lieben und noch plakativer: Vom Ende der Monogamie. (Dabei erinnert mich dieses Cover an eines der interessantesten Platten der 90er Jahre: Blood Sugar Sex Magik von den Red Hot Chili Peppers)

Was will uns der Autor hier vermitteln? Uns erzählen wie wir lieben (sollen) und uns zu freier Liebe bekehren? Ist dies gar ein Sektenbuch?

Mitnichten, aber von freier Liebe handelt dieses Buch auch. Friedemann Karig hat ein sehr kluges und waches Buch über die Liebe in der heutigen Zeit geschrieben, und warum wir so lieben wie wir es heute tun. Und über den verantwortungsvollen Umgang mit dem wichtigsten Gefühl, das wir Menschen zu empfnden fähig sind. Ein Gefühl das ganze Reiche (Troja) zum Einsturz bringen kann und das gleichzeitig große Leiden, aber auch große Freuden erzeugen kann.

Liebe

Was bedeutet Liebe?

„Die Menschen, die in diesem Buch von ihrer Liebe erzählen, haben genau das getan. Sie haben ein neues Wort für ihre Liebe gesucht, einen neuen Code, eine neue Chiffre, eine neue Erzählung. Sie haben sich geöffnet. Sie haben sich ihren Ängsten gestellt. Um sich selbst und ihre Träume zu finden. Ihre Erzählungen sind wichtig, weil dieses Buch keine Werbung sein will für ein wie auch immer geartetes Konzept ‚offener‘, freier Liebe. Kein Handbuch, das erklären will, wie etwas funktioniert oder nicht. Lieber erzählt dieses Buch von der Liebe. Denn nirgends und niemals versteht der Mensch so gut wie durch, in, mit Geschichten. Alles was wir wissen, lernen und lehren wir durch Besispiele, Strorys, Vorbilder. Wir sind nichts anderes als Geschichten erzählende Affen. Erzählende, liebende, leidende Affen. Deshalb ist dieses Buch zuallererst eine Sammlung von Liebesgeschichten.“

Es sind wahre Erzählungen. Erzählungen wie sich Personen verlieben, wie sie sich kennenlernen, welches Leid und welche Lust sie erfahren und welche Probleme zu bewerkstelligen sind. Liebe ist das stärkste Gefühl, das der Mensch kennt, es verbindet, es sprengt alte Fesseln, es macht regelrecht blind. Blind vor der restlichen Welt. Und was dann passiert, ist auch ein zentrales Thema in dem Buch. Es geht um Sex. Der zwangsläufig nach der Liebe und der Lust kommt. Die Hingebung zu dem geliebten Menschen ist wie ein starker Magnet.

„Was ist noch Sex, was ist schon mehr? Wie soll man es nennen? Ist das nicht völlig egal, wenn nur der andere zählt? Wenn man kaum zum Essen kommt, weil der Mund nur noch küssen will?“

Doch halt! Was ist daran Besonderes? Über Liebe und Sex in einem Sachbuch zu schreiben? Doch alle diese Geschichten haben eines gemeinsam, es sind immer mehr als zwei Personen in die Geschichten verstrickt. Und es geht nicht um Fremdgehen, sicher geht der Einzelne fremd, wenn er ein sexuelles Verhältnis mit einem anderen Menschen anfängt, doch die Menschen die ihre Geschichten in dem Buch erzählen, lieben ihren Partner noch. Sie gehen aus verschiedenen Gründen fremd, suchen das Abenteuer oder fühlen sich in ihrer Beziehung nicht wohl.

„Fremdgehen ist nichts Besonderes. Irgendwann, kann man meinen, irgendwann betrügen sich doch alle. Weil die Beziehung zu eng ist. Oder nicht eng genug. Irgendein Grund findet sich immer. Weil es 1000 Gründe gibt, fremdzugehen. Und nur einen, treu zu bleiben.“

Hier schlägt Friedemann Karig einen Bogen in die Vergangenheit. Warum wurde die Monogamie als Lebensform für die Menschheit gewählt, da doch der Mensch als einziges Lebewesen Sex, nicht nur als Arterhaltung und Fortpflanzung betrachtet, sondern auch einfach Spaß (sogar großen Spaß) daran hat. Tiere sind zu 95% nicht monogam, eine Beziehung dient hier ausschließlich der Arterhaltung, dann kann auch ein neuer Partner kommen, wenn die Kleinen aus dem Nest sind. Ihr Leben lang bleiben Tiere nicht zusammen, aber warum der Mensch? Zumal eine Untersuchung von Paaren die lange verheiratet sind zeigt, dass mehr als ein Drittel sich als ‚Stabil unglücklich‘ oder ‚unsicher und resigniert‘ bezeichnet. Laut Gottfried Benn ist: „Die Ehe eine Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebes.“ Seltene Ausnahmen gibt es hier natürlich auch. Die Ehe als Konzept für Wirtschaftsunternehmen wäre vollkommen untauglich. Warum also monogam sein?

Nach Friedemann Karg begann die Unfreiheit der Sexualität mit der Unfreiheit der Bewegung der Menschen. Nachdem die Menschen in kleinen Familiengruppen auf dem Land saßen und nicht mehr in Horden herumzogen, musste sichergestellt werden, dass diese Gemeinschaften zusammenbleiben. Also wurden Regeln für das Zusammenleben aufgestellt, die auch die Vererbung mit vorsah. Wichtig war, dass alle Kinder die erbten, auch die echten Nachkommen waren. Wer verschenkt schon etwas an einen Fremden?

„Freie Liebe bestellt keinen Acker, baut kein Haus.“ Mann und Frau waren, wegen der ökonomischen Notwendigkeit für alle Zeiten aneinander gebunden. Diese jahrhundertelangen Regeln werden heute, da die ökonomische Notwendigkeit nicht mehr so stark gegeben ist, hinterfragt. Der auch schon früher vorhandene, aber unterdrückte Trieb, bricht neuerdings immer weiter durch. Der Mensch ist das Tier, was am Sex den meisten Spaß hat. Und das kollidiert (meist) mit der Monogamie. Die Ehe ist anscheinend ein Auslaufmodell, oder nur begrenzt haltbar.

Wichtig ist natürlich auch die Kontrolle von oben. Freie Lebensformen sind schlechter zu kontrollieren als eine von oben (Kirche, Staat) regulierte Sexualmoral namens Ehe. Und so wird die natürliche (freie) Sexualität bis heute bekämpft. „Fast immer, fast überall, in fast jeder Gesellschaft.“ Wer erinnert sich nicht an den §175 StGB, der bis 1994 galt, der Paragraph der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. In vielen Ländern wird Homosexualität immer noch mit dem Tode bestraft. Auch ist die gleichgeschlechtliche Ehe erst seit kurzem erlaubt und steht immer noch in vielen westlichen Ländern unter großer Diskussion. Warum sollten Schwule oder Lesben nicht heiraten können? Nur weil sie keine Kinder bekommen können? Weil es Gott verbietet? Wieviele Frauen hatte der jüdische König David? Ist nicht auch hier der Wunsch nach Kontrolle größer, als die Interpretation einer alten Schrift die teilweise durch Mundpropaganda weitergereicht wurde und über 2000 Jahre alt ist?

Warum dann auch den Sex verbieten den Personen untereinander haben, die nicht verheiratet sind. Sex mit mehreren Personen? Warum soll der Mensch lebenslang einer Person treu sein?

„Freier selbstbestimmter, glücklicher Sex ist keine Erniedrigung, sondern eine Erhöhung des Selbst. Die Zeit, die wir mit Sex verbringen, ist deshalb so kostbar, weil dabei etwas sehr, sehr Seltenes passiert. Wir werden eins. Wir übertreten diesen unendlich tiefen Graben zwischen uns. Wir treffen uns in der Mitte. Das Wunder dabei ist: Jeder für sich wird dabei mehr er selbst oder sie selbst. Man transzendiert diese Welt, hinüber in eine andere. Man ist für einige Augenblicke eindimensional, man ist nur noch Lust. Keine Metaebene. Kein Glaube. Keine Angst. Man ist weder Beruf noch Biographie, noch Stärken, noch Schwächen. Noch einmal Dieter Duhm: ‚ Sex, sinnliche Liebe, Lust, Wollust ist ein umfassender organischer Vorgang, der weit über den Begriff einer physiologischen Triebbefriedigung hinausgeht. Man hat wunderbar gefickt, und man strahlt wie eine Pfingstrose, weil man gerade eine Welt im Arm hatte und an der Quelle war.'“

Und das soll man nur mit einer Person haben? Wenn ich Sex habe, aber trotzdem meinen Partner immer noch liebe? Ihn nicht verlasse? Dann würde ich ihm, oder dem Anderen, nichts wegnehmen. Dann wäre doch allen geholfen. Diese Form der Liebe hat auch einen Namen, sie nennt sich Polyamor. Für polyamore Personen wurden seitens der Soziologie neue Begriffe gefunden. Compersion bezichnet die Mitfreude, eine Manifestation der Liebe, bei der sich der Liebende wünscht, dass der Geliebte Glück und Erweiterung durch etwas Schönes in seinem Leben findet. Und dies nicht nur mit der eigenen Person, nein auch mit Anderen. Dieser Begriff stellt den Gegensatz zur Eifersucht dar. Eine Art der Liebe, die mit viel Arbeit verbunden ist. „Man formt seine Beziehung in jeder Sekunde.“

Doch Probleme bei dieser Art der Liebe tauchen immer wieder auf. Wie gehe ich mit den aufkommenden Gefühlen der Eifersucht um?
Verliebt der andere sich nicht, weil er dem Anderen so nahe kommt?

„Vielleicht ist die offene Beziehung der Kommunismus der Liebe. Eine große Idee. Eine Utopie. Die nicht funktioniert. Weil der Mensch nicht gut ist. Weil er besitzen will, nicht teilen. Weil er, besonders in der Liebe, ein Kapitalist ist. Weil der eine immer mehr will, der andere ihn aber nicht hergibt.“

Um noch einmal auf den Anfang zurück zu kommen: Das ist kein Fanal für die freie Liebe. Es heißt nicht, dass wir alle die freie Liebe praktizieren sollen. Denn auch die Monogamie hat positive Eigenschaften, sie ist der Kleber der Gesellschaft:

„Es ist unsere Natur, uns fest zu binden, Sicherheit zu suchen, füreinander da zu sein. Das ist einer der schönsten Dinge am Mensch sein. Treue ist also wichtig. Sie eröffnet uns den Weg zu einer Tiefe an Beziehung, die wir sonst wohl nicht erreichen.“

Friedemann Karig beschreitet in seinem Buch einen schmalen Grat, einerseits beschreibt er ganz richtig die Missstände in den Beziehungen der menschlichen Zivilisation, andererseits sieht er auch die Notwendigkeit der Ehe und der festen Beziehung. Wichtig ist für ihn die vorurteilsfreie Diskussion von Sex und Monogamie, der Spaß am Sex ist das was uns über das Tier erhebt. Und das darf nicht institutionalisiert werden.

„Sex ist wichtig. Einer freien Gesellschaft sollte daran gelegen sein, dass ihr ’sexuelles Nervensystem‘ nicht im Dunkeln liegt, nicht abgeklemmt ist an so vielen Enden. ‚Solange die sexuellen Kräfte abgedrängt bleiben in die privaten Phantasiebereiche, solange besteht die Gefahr von Dammeinbrüchen‘, schreibt Dieter Duhm.“

Die sexuelle Revolution hat uns freier gemacht. Sie hat uns aber auch vor viele Aufgaben gestellt. Neue Gefühle, neue Ängste und neue Situationen müssen dabei immer wieder gelöst und durchstanden werden. Neue Verbindungen erfordern mehr Überlegungen, Auseinandersetzungen, Diskussionen. Es ist keine leichte Aufgabe für die ‚freien Radikalen‘. Veränderungen an gesellschaftlichen Normen schaffen auch Widerstände. Die Welt ist freier aber auch komplizierter geworden, spannend bleibt es zum Glück immer! Freien Sex gibt es, über die gesamte Menschheitsgeschichte betrachtet, aber erst seit kurzer Zeit. Auf den Tag betrachtet, erst seit den letzten fünf Minuten. Und nach diesem langen dunklen Tag müssen wir mit diesem Geschenk und diesem Fluch erst einmal umzugehen lernen.

Das Buch ist keine Aufforderung zu freier Liebe, es ist eine Aufforderung über alternative Lebensweisen nachzudenken und sich bewusst zu werden, was ich will und wie ich glücklich werde. Ohne anderen weh zu tun. Ich habe das Buch als Anregung gelesen, über alte Zöpfe nachzudenken (nicht abzuschneiden) und bewusster an Sex und Liebe heranzugehen. Man muss sich nicht alles auf die Fahnen schreiben oder sich gar persönlich angegriffen fühlen von dem, was Friedemann Karig schreibt. Nachdenkenswert ist es auf jeden Fall. Der Autor erzählt hier vielerorts nichts Neues, pickt aber die Beziehungsprobleme unserer Zeit auf und verknüpft diese geschickt mit dem aktuellen Zeitgeist, wie zum Beispiel Internet und allgemeiner Verfügbarkeit von Sex und Liebe. Was das Buch so besonders macht, sind die Geschichten, die erzählt werden.

Ein Buch, das noch viele Diskussionen nach sich ziehen wird.

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

zukunft, scifi, nanotechnologie, unsterblichkeit, computerwelten

Weltensturm

Scott Westerfeld , Rainer Michael Rahn , Andreas Brandhorst
Flexibler Einband: 827 Seiten
Erschienen bei Heyne, W, 03.11.2008
ISBN 9783453525078
Genre: Fantasy

Rezension:

So richtige schöne ausschweifende Space-opera Science Fiction, die in einem Radius von Lichtjahren spielt und mit raffinierten Schlachten garniert ist, dabei aber auch die Charaktere nicht ins Klischeehafte abdriften lässt, (nein ich meine jetzt nicht Star Wars) ist in diesen Tagen leider selten. Vorbei ist die goldene Ära des Genres welches uns so wunderschöne Romane wie die Lensmen-Serie von E.E.Smith, die Foundation Trilogie von Isaac Asimov oder die herrlichen Gemetzel im All des Robert A. Heinleins bescherte. (Nicht missverstehen, Gemetzel im Sinne 'Tötet das Böse'!! :-)) Doch es gibt sie natürlich noch, diese technisch-süffigen Romane, man muss nur etwas suchen. Eine Unart ist es, dieses Genre zu marginalisieren und auf die untere Niveau Ecke herunterzustauchen. Selbst bei Verlegern habe ich doch so manches mal das Gefühl, dass sie sich nicht die Mühe machen, sich ein adäquates Titelbild einfallen zu lassen.

Alleine wegen des Titelbildes hätte ich diesen Roman nicht in die Hand genommen, aber zum Glück gibt es ja die im Internet aufgeführten Rezensionen und die klangen durchweg positiv, selbst die schlechten. (Die haben das Buch nämlich einfach nicht verstanden)

Das Buch spielt in der Zukunft, (Jaaa Geil! Da kommen dann auch die schönsten technsichen Errungenschaften vor, die der Autor nicht erklären muss! Ich liiiebe es) die Menschheit hat sich über die Sterne ausgebreitet, es herrscht seit 1600 Jahren ein Kaiser (so manches mal denke ich doch, dass die Aristokratie nicht ausgestorben ist, oder man sich danach sehnt) und die 'unsterblichen' Menschen (nur ein paar wenige kaiserlich Ausgewählte natürlich) sind im Kampf gegen die RIX, die anstelle der Unsterblichkeit und der Individualität, den Tod und ein Verbundbewusstsein (sind das jetzt die bösen Chinesen?!) haben.

Bei einem Angriff auf den kaiserlichen Planeten Legis XV wird die unsterbliche Schwester des Königs gefangen genommen und ein ungeheuerliches Geheimnis droht enthüllt zu werden. Und dieses Geheimnis gilt es natürlich zu bewahren. Der Kaiser wirft alle Möglichkeiten in den Kampf.

Das Buch bewegt sich auf drei Ebenen. Ene Ebene besetzt der gerade vom Kaiser ausgezeichnete Captain Laurent Zai, der ein neueres Raumschiff befehligt, welches sich gerade in der Umlaufbahn um Legis XV befindet. Mit Hilfe mikrokleiner Raumschiffe will er und seine Crew die Schwester des Kaisers befreien.

Die zweite Ebene ist die politische Ebene, Nara Oxham gehört zu den Pinken, die die Unsterblichkeit ablehnen.

"'Ich habe oft gehört, dass die Pinken für den Tod eintreten. Aber ich habe das für eine Übertreibung gehalten.' 'Es ist keine Übertreibung. Der Tod ist eine zentrale evolutionäre Entwicklung. Tod bedeutet Veränderung und Fortschritt. Unsterblichkeit ist ein die Zivilisation tötendes Konzept."

Sie ist die Geliebte des Captain Laurent Zai und durch Jahre in der Stasi kann sie mit den Überlichtreisen Laurents mithalten. Denn Politik passiert nicht täglich und die Repräsentanten werden auf 50 Jahre gewählt, haben viel Leerlauf, die sie in der Stasi verbringen. (Praktisch, nicht? Ausgediente Staatsmänner in Stasis zu versetzen und bei Problemen rauszuholen)

Die dritte Ebene bestreiten eine Rix-Kämpferin und eine Arbeiterin auf Legis XV. Dadurch erfährt der Leser mehr über die Rix Kultur und deren Besonderheiten.

Diese drei Ebenen werden geschickt und spannend von Westerfeld zusammengeführt, der Leser benötigt eine Weile bis er in die durchaus anspruchsvolle und manches mal, durch technische Beschreibungen garnierte Welt eintaucht. Aber wenn man mal die Komplexität erfährt und versteht, lässt sie einen nicht mehr los und man verflucht die nur 800 Seiten lange Fahrt durch ein intensives Universum.

Gerade auch die Nebenschauplätze und die Darstellung der Gesellschaft in der Zukunft, bilden eine stabile Basis des Buches. Die Menschheit hat sich durch ihren Wahn nach Perfektionismus selbst steril gemacht:

"Nach Jahrtausenden fehlgeleiteter genmetischer Manipulation hatte man schließlich den subtilen Streich der Evolution verstanden: Fast keine menschlichen Eigenschaften waren 'verkehrt'. Gene, die eine Krankheit in einem Ambiente verschlimmerten, brachten Widerstandkraft in einem anderen. Wahnsinn war mit Genie verbunden, Passivität mit Geduld. Selbst Nachteile enthielten verborgene Stärken. Unter den wilden, variablen Bedingungen der Sterne stellten die Menschen fest, dass sie größere Vielfalt brauchten, nicht weniger. Und doch war es eine verkleinerte Menschheit, die die irdische Wiege verließ, geschwächte Supermenschen, die nur einem lokalen, fehlerhaften Standard von Überlegenheit entsprachen."

Am Ende überschlagen sich die Ereignise und Westerfeld hält noch eine Überraschung für uns bereit. Das Geheimnis wird enthüllt und schlägt wie eine Bombe ein, verändert auf einen Schlag die Menschheit. Doch was bleibt sind immer noch die stärksten Gefühle eines Menschen:

"Und er wollte nach Heimat zurück; nur darauf kam es an. Das war es, was ihn von Anfang an motiviert hatte. Jetzt, da ihm alles andere genommen war - Ehre, Tradition, Souverän und Unsterblichkeit -, blieb ihm nur Liebe, zu der er zurückkehren konnte."

Schade dass Westerfeld nur diesen einen Science Fiction geschrieben hat, man wird in diesem Genre nur wenig vergleichbares finden.

Ein SF-Highlight dieses Jahres.

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

egoiste, hohlköpfe, managertugenden, generationenimperialismus, demokratie

Warum die Sache schief geht

Karen Duve
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 02.10.2014
ISBN 9783869711003
Genre: Sachbücher

Rezension:

Warum das alles schief geht, schreibt Karen Duve in ihrem bitterbösen Essay, und dabei sind das doch alle nur Wahrheiten die sie verkündet. In unserer Welt sind die Personen, die die Macht haben, im Prinzip Psychopathen, bzw es gibt einen sehr hohen Prozentsatz davon. Konzerne schielen nur auf das Quartalsergebnis, Nachhaltigkeit ist ein schickes Wort was mit aufgenommen wird, weil es der Zeitgeist so will. Die Chefs des höheren und mittleren Management werden aber nach ganz bestimmten Kriterien ausgewählt.

"Selbst das Renommee der besuchten Universität zählt kaum. Ausschlaggebend ist die persönliche Einstellung des Bewerbers, sind Eigenschaften wie Einsatzwille bis zu Selbstaufgabe, Risikobereitschaft, unerschütterliches Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen. Was uns da seit jeher als klassische Unternehmertugend gepriesen wird, würde sich bei genauer Betrachtung aber auch für eine Verbrecherlaufbahn eignen."

Und dieser Gedankengang ist nicht mal abwegig. Händler die einem hohen Stressfaktor ausgesetzt sind und mit vielen Millionen jonglieren (so ab und zu fällt mal was hinunter - was ein Glück dass es nicht das eigene Geld ist....), haben einen höheren Psychopathenfaktor, als einsitzende Schwerverbrecher. (so eine Studie) Es wird auch von dem Management einiges an psychopathischen Verhalten verlangt.

"Wer seine Ehefrau dazu bringt auf die Karriere oder gleich ganz auf einen Beruf zu verzichten, und sich auch nicht darum schert, was es für die Kinder bedeutet, schon wieder die Schule zu wechseln und den gesamten Freundeskreis aufzugeben, der hat bei seinen Vorgesetzten schon mal gepunktet. Unser Wirtschaftssystem verlangt von seinen Führungskräften, dass es über alle menschlichen Bindungen gestellt wird. Es ist mehr als familienfeindlich. Im Grunde benimmt es sich wie eine fiese Sekte."

Dabei wird hier keine Empathie verlangt, nur nackte Zahlen zählen, wie auch immer diese zustande kommen.

Karen Duve macht einen Schlenker in die Wissenschaft (wo auch Psychopathen hocken) und räumt mit dem Vorurteil auf: Was getan werden kann, muss man tun. Was das für Umwelt und Menschen für Auswirkungen hat sieht man nicht nur erst seit Fukushima oder der Atombombe, der Mensch lebt auf einem selbst gebauten Pulverfass.

"Wie auch immer. Der heutige Stand der Wissenschaft kann nicht verhindern, dass wir Fehler machen. Aber er versetzt uns in die Lage, Fehler in einer Größenordnung zu machen, die wir nicht überleben würden. Deswegen kann es durchaus auch eine Option sein, eine viel versprechende Sache ganz einfach mal zu lassen."

Essen und alles was mit Fleischgenuß zu tun hat, ist auch ein Thema.

"Gesunde Tiere brauchen keine Antibiotika, aber gesunde Tiere nehmen dann auch nicht Tag für Tag 6,5% ihres Eigengewichtes zu. Das hätte natürlich höhere Verkaufspreise zu Folge."

Es geht ihr aber eher um die Wurschtigkeit unserer heutigen Gesellschaft, der es egal ist, was nach ihnen kommt.

"Was für ein ungeheures Glück zwischen 1950 und 1975 und dann noch im richtigen Land geboren zu sein: vor unserer Geburt war Krieg, um uns herum ist Armut und Not, nach unserem Tod kommt die Sintflut, aber wir selber leben die ganze Zeit wie die Maden im Speck. Eingemummelt in eine doppelte Dämmschicht wohliger Ignoranz, kaufen wir all die hübschen Sachen und tun all die angenehmen Dinge, die den folgenden Generationen das Leben zur Hölle machen werden, ohne uns deswegen auch nur im Geringsten zu schämen."

Am Schluss lässt sie uns noch einmal positiv nach vorne schauen, nicht unbedingt so wie sich das mancher wünscht:

"Wenn man die menschliche Perspektive einmal kurz aufgibt, ist es eigentlich ein ganz erfrischender Gedanke, dass Homo Sapiens demnächst ausstirbt. Falls nicht sogar eine so starke Aufheiung eintritt, dass sämtliches Leben auf der Erde auf Null heruntergefahren wird, das grauenhafte Leiden für ein paar Millioenen Jahre Pause macht und die Erde als Todesplanet mit kochenden Ozeanen durch das Weltall saust, bis sich eines Tages mit den ersten Einzellern wieder etwas völlig Neues entwickelt, die Evolution einen ganz anderen Weg einschlägt. Diesmal eine Schöpfung ohne Intelligenz. Oder Intelleigenz gepaart mit Sanftmut. Großäugige, intelligente Weidetiere. Es kann doch eigentlich nur besser werden."

Warum die Sache schiefgeht ist ein Sammelsurium von schon bekannten Tatsachen, zusammengefasst und nackt betrachtet ein Horrorszenario. Dieses Buch hat ihr wohl als Grundlage für ihre hervorragende, düstere aber auch witzige Dystopie 'Macht' gedient. Konsequent weitergedacht!

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

irland, jugend, gewalt, alkohol, freundschaft

Ich, John

Peter Murphy , Karsten Kredel
Flexibler Einband: 220 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp/KNO VA, 01.09.2009
ISBN 9783518461099
Genre: Romane

Rezension:

Die Geschichte von John Devine, der in einem kleinen irischen Dorf namens Kilcody aufwächst, hat mich nur knapp 150 Seiten beschäftigt. Es gab interessante Stellen, die von Betrachtungen über das Leben handelten. Doch insgesamt hat mich die Melange aus Aufwachsen, Coming-Out und irischen MagieFlair, nach jedem Kapitel eingestreut nicht wirklich gepackt. Deswegen waren nach etwas mehr als der Hälfte des Buches Schluss mit der etwas fahrigen Art der Erzählung und nicht sehr tiefgehenden Weise des Autors mir die Charaktere nahe zu bringen.

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106 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 15 Rezensionen

freundschaft, endzeit, fliegen, überlebenskampf, krankheit

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

Peter Heller , Eva Bonné
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 19.04.2013
ISBN 9783847905196
Genre: Romane

Rezension:

Irgendwann musste doch so etwas passieren. So, oder so ähnlich. Dass es dann eine Art Grippeepidemie war, an der die meisten starben, hatten manche doch prophezeit. Eben nur so eine Art Grippe, aber das waren bestimmt Viren, die, im Labor gezüchtet, den Weg ins Freie fanden. Aber so genau weiß das heute auch niemand mehr. Und es interessiert niemanden mehr. Weil es nur noch ums Überleben geht. Und da kämpft jeder gegen jeden.

So ist die Ausgangslage der vorliegenden Dystopie. Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte, im Original viel treffender The Dogstars. Der Hundsstern ist ja bekanntlich der Stern, an dem sich schon Generationen von Seefahrern orientiert haben, und nun gibt es viele solcher Sterne. Es gibt keine Richtung für die Menschheit, den Einzelnen, es müssen neue Richtbilder, neue Wege gefunden werden.

Big Hig hat alles verloren, sein vorheriges Leben, seine große Liebe; aber auch vieles gewonnen. Er hat die Epidemie überlebt, er hat einen Flecken gefunden, wo er leben und sogar fliegen kann.

„Es gibt keinen anderen sicheren Ort. Auf dem ganzen Planeten nicht. Wir haben das Gelände, wir haben Wasser, Strom, Essen, Waffen. Wir haben die Berge, nur für den Fall, dass uns die Beutetiere ausgehen. Wir müssen uns nicht mit Zank und Streit rumschlagen, und mit Politik auch nicht. Es gibt nur dich und mich. Uns kann nichts auseinanderbringen. So wie die Mormonen und alle anderen da draußen, die nicht mehr am Leben sind. Wir beschränken uns auf das Nötigste und überleben.“

Was er auf jeden Fall noch hat, in seiner neuen Enklave, das ist die Natur. Er streift mit seinem Hund Jasper durch die Wälder, auf der Suche nach Essen und natürlich auch auf der Suche nach Feinden.

„Manchmal wenn ich mit Jasper zum Angeln an den Sulphur River fuhr, stieß ich an meine Grenzen. Dann hatte ich das Gefühl, mein Herz könnte platzen. Platzen ist nicht dasselbe wie brechen. Unfassbar, diese Schönheit. Und es war nicht nur das, nicht nur schön. […] Kein Grund, sich bei irgendwem zu bedanken. Einfach nur sein. Einfach nur angeln. Einfach nur durchs Wasser waten, es wird dunkel, es wird kalt, es ist alles eins. Mit mir, irgendwie.“

Zusammen mit Bangley, einem vierschrötigen Waffennarr, hat Big Hig einen Flughafen besetzt. Durch seine Erkundungsflüge, als Frühwarnanlage, können Feinde schon lange vorher erkannt werden. Marodierende Banden ziehen durch das Land auf der Suche nach Nahrung, Wasser und Treibstoff. Big Hig hat, trotzdem er mehr hat als andere Überlebende, eine große Sehnsucht. Soll dies alles gewesen sein? Was ist mit der Zukunft? Was mit anderen Menschen, ja mit der Menschheit? Kann der tägliche Überlebenskampf alles sein? Es muss da draußen doch Menschen geben, die auch etwas Neues aufbauen wollen. Was ist mit der Liebe?

„Ist es möglich, so verzweifelt zu lieben, dass das Leben unerträglich wird? Ich spreche nicht von unerwiderter Liebe, ich spreche davon, in der Liebe zu sein. Mitten in der Liebe und doch verzweifelt. Weil man weiß, dass es enden wird, so wie alles auf der Welt. Einfach enden.“

Diesen Schmerz, den er verspürt, diese Leere, die in ihm ist, muss ausgefüllt werden. Nachdem er einen Funkspruch von einer weit entfernten Station aufgefangen hat, nimmt er seinen Hund Jasper und macht sich auf den langen Weg, auch auf die Gefahr hin, alles zu verlieren.

„Ich will nicht bei dem Versuch umkommen, zusammen mit Jasper die fünfhundert Kilometer nach Hause zu marschieren. Nach Hause. So trist es auch ist. Wo ich doch nichts mehr zu verlieren habe. Irgendwie ist nichts auch etwas.“

Peter Heller ist ein unglaublich intensiver und dichter Roman gelungen. Man spürt des Autors Verbundenheit mit der Natur, Die Beschreibungen, wie Big Hig durch die Wälder streift, auf der Suche nach Wild und Fischen, zeigen einen genauen Beobachter. Wie schrieb es Thursdaynext in ihrer Rezension: ‚Schnappschüsse der Einsamkeit‘. Auch die Natur ist angeschlagen.Das was Big Hig beobachtet, Dürreperioden, zu warmes Wasser für die Fische, immer weniger Wild, das hat der Mensch hinterlassen. Die Natur hat zwar die Gabe, uns zu heilen, aber eben nicht alle Wunden. Der Mensch ist dazu geboren, mit anderen Menschen zusammen zu leben und mit ihnen zu lachen, lieben und auch zu sterben. Was bleibt uns, wenn die meisten Menschen verschwunden sind? Was gibt uns noch die Kraft zu leben? Doch letztendlich nur die Hoffnung auf die Zukunft.

Peter Heller ist ein traurigschöner, schnörkelloser Roman mit einem sehr sympathischen Helden gelungen. Eine hoffnungsfrohe Dystopie.

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15 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

peter lake, wunder

Wintermärchen

Mark Helprin
Flexibler Einband
Erschienen bei Fischer (TB.), Frankfurt, 01.10.1998
ISBN 9783596119936
Genre: Fantasy

Rezension:

Schade, es hätte so schön werden können. Es gibt diesen Film nach dem Buch, der so erfrischend anders ist, zwar opulent überladen mit Fantasy, mit schrägen Figuren und unendlich viel Magie, aber trotzdem geht er einem ans Herz und ließ mich atemlos die Geschichte des Peter Lake verfolgen.

Geschichte? Im Buch eine Fehlanzeige. Dabei liebe ich solche überbordene Fantasie die Marc Helprin hier aufbringt. Seine langen verblümten Beschreibungen, seine fanatsievollen Geschichten. Nur...
Es sind Inseln der Fantasie, die nicht zusammengefügt werden, die einzeln im Meer schwimmen, jede für sich ein Kleinod, nur es fehlt das Bindeglied.

Es liest sich gut an, Peter Lake ist ein Gestrandeter in New York, verfolgt von einer Gaunerbande, denen er früher angehörte, findet ihn ein weißes Pferd. Mit diesem flieht er leichtfüßiger und hat mehr Zeit seiner Passion als Dieb nachzugehen.

"Sie war reich, bei ihr war viel zu holen. Aber auch die Reichen starben und enttäuschten all jene, die irgendwie gehofft hatten, mit ihnen verhalte es sich anders. Peter Lake machte sich über die Sterblichkeit der Menschen keine Illusionen. Er wusste, dass vor dem Tod alle gleich sind. Der Reichtum dieser Erde sind Bewegung und Mut, Lachen und Liebe. Diese Dinge waren für Geld nicht zu haben. Sie gehörten dem, der sie sich nahm."

Dabei ist der erste Teil, die Geschichte der Liebe zwischen Peter Lake und Beverly wunderschön, überstrahlt jegliche Schwächen in der Roten-Faden-Führung, doch endet nach 200 Seiten abrupt.
Danach bleibt diese wunderschöne Sprache, doch was nutzt ein einzelner schöner Ton, wenn er nicht gebettet ist in ein Gesamtwerk, zusammengeführt mit anderen Tönen.

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33 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

diktatur, musik, komponist, englische literatur, dmitri schostakowitsch

Der Lärm der Zeit

Julian Barnes , Gertraude Krueger
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462048889
Genre: Romane

Rezension:

„Um die Geschichte unseres Landes zwischen 1930 und 1970 nachzuleben, reicht es aus, die Sinfonien von Schostakowitsch zu hören.“ Russische Wochenzeitung Moskowskije Nowosti

Es ist eine irrwitzige Situation, in die uns Julian Barnes gleich zu Anfang einführt. Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch sitzt mit gepackten Koffern vor seiner Wohnung und wartet auf die Häscher der Macht. Damit seine Familie nicht aufgeweckt wird, sitzt er jeden Abend dort und wartet dass sie ihn holen. Warum? Ist er nicht ein Begünstigter? Hat er nicht Erfolg mit seinen Werken? Doch der Mächtige, Stalin, hat mitten in der Aufführung seiner Oper die Loge verlassen. Das kommt einem Todesurteil gleich. Schon viele wurden im Haus abgeholt. Und während die Liftnadel zitternd nach oben wandert und Schostakowitsch zitternd im obersten Stock darauf hofft, dass sie stehen bleibt, sinniert er über die Macht und sein Leben mit ihr.

„… ja, dieser General und jener Politiker waren an dem Komplott beteiligt, ich habe es selbst gehört und gesehen. Aber es würde kein melodramatisches Abhacken von Händen geben, nur eine nüchterne Kugel in den Hinterkopf.“

So ganz irrwitzig ist diese Situation nicht und genau so hat es sich zugetragen. Russland ist in diesen Jahren ein unsicherer Hafen. Schon ein schräger Blick reicht aus, um über Leben und Tod zu entscheiden. Worte helfen nicht viel. Worte drehen sie Dir im Mund herum.

„Und an Redensarten hatte die Macht kein Interesse. Die Macht kannte nur Tatsachen, und ihre Sprache bestand aus Phrasen und Euphemismen, die diese Tatsachen wahlweise propagieren oder aber verbergen sollten.[…] Von nun an würde es nur zwei Arten von Komponisten geben: die einen waren am Leben und hatten Angst, die anderen waren tot.“

Julian Barnes Werk hat 3 Akte. Akte, die aus den verschiedenen Lebenssituationen Schostakowitschs erzählen. Er selbst ist ein ernster Mann, unpolitisch, willensschwach, außer es geht um seine Musik. Da zeigt er Stärke und Tiefe. Wird in der ganzen Welt geliebt und seine Musik ist ein Ebenbild des russischen Charakters.

„Und obendrein war er selbst willensschwach und unentschlossen – außer in den Fällen, in denen er willensstark und entschlossen war. Doch selbst dann traf er nicht unbedingt die richtigen Entscheidungen. Deshalb war sein Gefühlsleben – wie konnte man es am besten zusammenfassen? Er lächelte trübsinnig in sich hinein. Ja, in der Tat: Chaos statt Musik.“

Schostakowitsch stellt sich nicht hinter seine Freunde. Denn dann gerät er selber in das Fadenkreuz der Macht. Die Macht bleibt stark, auch wenn die Machthaber wechseln. Schostakowitsch flieht in seine Musik.

„Lass der Macht die Worte, denn Worte können Musik nicht beflecken. Musik entflieht den Worten: Das ist ihr Zweck, und darin liegt ihre Erhabenheit.“

Doch auch hier will die Macht ihre Kraft ausüben. Alle Kunst gehört dem Volk, so Lenin, doch Kunst ist für Schostakovich die Möglichkeit, dem Lärm der Zeit zu entfliehen.

„Kunst gehört allen und niemandem. Kunst gehört jeder Zeit und keiner Zeit. Kunst gehört denen, die sie erschaffen, und denen, die sie genießen. Kunst gehört ebenso wenig dem Volk und der Partei, wie sie einst dem Adel und den Mäzenen gehört hatte. Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist. Kunst existiert nicht um der Kunst willen: Sie existiert um der Menschen willen.“

Man mag dem russischen Künstler, der als Einziger der fünf großen russischen Komponisten seine Werke alle in Russland geschrieben hat, Feigheit nachsagen. Doch ist nicht gerade das Bleiben eines der mutigsten Dinge, die ein Mensch tun kann? Sich dem Grauen und der Angst immer wieder stellen? Strawinski, Prokofiew und Rachmaninow emigrierten und Schostakowitsch musste diese Künstler, die er verehrte, in vorgefassten Reden denunzieren. Doch was sollte er tun? Nur so haben er und seine Kunst, seine Musik überlebt. Und was sagt ein Gedicht im Schatten der Macht?

„Ein gelehrter Mann zu Galileos Zeit Wusste wie Galileo Bescheid: Die Erde dreht sich, ganz bestimmt. Jedoch er hatte Weib und Kind.“

Lärm der Zeit ist keine Biographie im eigentlichen Sinne. Barnes beschreibt den inneren Konflikt den Schostakowitsch vermutlich in der Art und Weise so hatte, gestützt auf schon vorhandene Biographien. Es ist der Versuch, den andauernden Albtraum zu beschreiben, dem ein Künstler in Russland, in einer Diktatur, fortwährend ausgesetzt war. Einerseits dem Volk seine Kunst zu schenken, andererseits der Macht keinen Grund zu geben, ihn zu beachten. Barnes bezieht hier keine Stellung, ist wertfrei in seiner Beschreibung, zeigt nur den Konflikt. Und das ist es, was Barnes Bücher ausmachen. Sie setzen sich als Samen in den Kopf des Lesers und lassen so viel Raum und Zeit, um langsam aufzugehen und zu blühen.

Schostakowitsch hat den Konflikt gelöst, indem er sich entschied, leben zu wollten. Ungeachtet der Widersprüche in seinem Leben. Denn was möchte ein Musiker, ein Komponist, ein Künstler? Natürlich unsterblich werden durch seine Kunst.

„Was konnte man dem Lärm der Zeit entgegensetzen? Nur die Musik, die wir in uns tragen – die Musik unseres Seins – , die von einigen in wirkliche Musik verwandelt wird. Und die sich, wenn sie stark und wahr und rein genug ist, um den Lärm der Zeit zu übertönen, im Laufe der Jahrzehnte in das Flüstern der Geschichte verwandelt.“

Ein wunderschönes Buch über die schlimmste Zeit, nein, die allerschlimmste Zeit eines Künstlers in einer menschenverachtenden Diktatur. Es wird Zeit, seine Musik wieder zu hören und gerade da hört man diesen inneren Zwist deutlich heraus. Barnes hat das Buch zur Musik des Schostakowitsch geschrieben.

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krimi, reihe: inspector linley, 20. jahrhundert, verlag: goldmann, band 6

Denn keiner ist ohne Schuld

Elizabeth George , Mechtild Sandberg-Ciletti
Flexibler Einband: 688 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 16.09.2013
ISBN 9783442479801
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Kriminalromanserien mit Tiefgang und einer durchgehenden Geschichte, die den Lebensweg der Hauptfiguren mitbegleitet, sind mir ans Herz gewachsen. Eine der bekanntesten und mir liebsten Serien, sind die Inspector Lynley Romane, in denen, die durch frühere Bücher, liebgewordenen Charaktere sich mit dem Leben und einem Fall herumschlagen, der ihnen meist selbst so nahe geht, dass sie an ihre eigenen Grenzen kommen.

So auch hier, ein Todesfall eines Pfarrers im Norden von England. Eigentlich ist die Sachlage klar, anstelle von Kastinaken, hat der Pfarrer Wasserschierling gegessen. Ein Versehen so scheint es. Doch die Frau die den Fehler beging, war sehr kräuterkundig und der diensthabende Constabler ist der Geliebte dieser Frau. Nach und nach bringen Lynley, St.James, seine Frau Deborah und Helen Licht in das Dunkel und es zeigt sich dass alle irgendwie mit in diesen Fall verstrickt sind.

Interessant sind hier, wie auch in den anderen Büchern von der sehr britischen schreibenden Amerikanerin Elizabeth George, die Beschreibungen der Gesellschaft, die inneren Zwiste der handelnden Figuren, die die Autorin in eigenen Kapiteln zur Geltung bringt.
Die Geschichte ist aus der Sicht der Figuren erzählt, ohne dass hier allzu viel verraten wird. Das rundet den Blick auf den Fall und vertieft die Charaktere der Figuren sehr. Doch Elizabeth George kann auch einfach erzählen. So dass es nie langweilig wird und man, die doch nach und nach immer dicker werdenden Bücher, regelrecht verschlingt

Besonders Lynley ist innerlich zerrissen und die fragile Beziehung zu Helen stellt beide immer wieder vor die Frage ob sie den Sprung wagen sollen.

"Aber es ist mehr eine Angst vor dem Alltag, vor dem täglichen Leben, vor der Art und Weise, wie die Menschen sich aneinander aufreiben. Ich will das nicht. Ich möchte nicht eines Morgens aufwachen und erkennen, dass ich bereits vor fünf Jahren aufgehört habe, dich zu lieben. Ich möchte nicht eines Abends vom Essen aufblicken und sehen müssen, dass du mich beobachtest, und auf Deinem Gesicht genau das gleiche lesen."

Diese und ähnliche Zweifel beherrschen auch die Charaktere im Dorf des Mordes, auch sie hängen ihren alltäglichen Problemen und Unsicherheiten nach.

"Ich kann Dich bitten, alles mit einem Sprung ins Leere zu riskieren. Ich kann dir beim besten Willen nicht garantieren, was du dort vorfinden wirst. 'Dann kann es niemand' 'Jedenfalls niemand, der ehrlich ist. Wir können die Zukunft nicht vorhersagen. Wir können uns nur der Gegenwart anvertrauen und hoffen, dass sie uns in die richtige Richtung führt.' Glaubst du daran, Tommy?' 'Mit ganzem Herzen.' ' Ich liebe dich.' 'Ich weiß. Darum glaube ich daran.'"

Und Liebe ist, wie so meistens der starke Hintergrund, das Gefühl was letztendlich die Figuren steuert und handeln lässt. Bis in den Tod.

Einer ihrer stärksten Lynely Romane.

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knast, new york, amerika, probleme, liebe

Die Prinzen von Queens

Matt Burgess , Johann Christoph Maass
Flexibler Einband: 388 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 13.02.2012
ISBN 9783518463062
Genre: Romane

Rezension:

Alfredos Leben ist überschaubar. Aus Queens ist er noch nie herausgekommen aber erlebt hat er mit seinen neunzehn Jahren schon genug. Als Kreinkrimineller macht er sich im Viertel einen Namen und vertickt Drogen, hat Freunde die ihm Ärger vom Hals schaffen, aber in jüngster Zeit hat er ein Problem. Sein Bruder kommt aus dem Knast. Nicht nur, dass er bei dem Coup gekniffen hat, bei dem sein Bruder gefasst wurde, auch dessen Freundin hat er geschwängert. Okay, seine Ex-Freundin. Aber nach über zwei Jahren Knast weiß man nicht wie Tariq reagieren wird. Um seinen Bruder zu besänftigen möchte er zu dessen Ehren einen Hundekampf ausrichten, etwas was Queens so noch nicht gesehen hat. Fehlen nur noch die Hunde...

Der Plot ist schon irrwitzig, das Buch und der Stil von Burgess ist es auch. Schnoddrig aber authentisch (was wohl auch daran liegt dass Matt Burgess in Queens aufgewachsen ist), schildert er die üblichen Tage eines Kleinkriminellen der versucht irgendwie ehrlich zu werden

"Das ist dein Drogendealer? Die kleine Käsefresse da auf der anderen Straßenseite? Mit den Händen in den verwichsten Taschen?“ Curtis zieht einen Gelben hoch und spuckt ihn auf den Gehweg, ganz knapp vor Alfredos Timberlandstiefel.“

Dabei springt Alfredo von einer Katastrophe in die andere. Das Leben muss man irgendwie bewältigen:

"...aber was sagte Lopez seinen Töchtern immer, wenn sie sich übers Zähneputzen oder ihre Mathehausaufgaben beschwerten? Hey so ist das Leben. Eine Aneinanderreihung von Mist, den man erledigen muss, selbst dann, ganz besonders dann, wenn man es eigentlich nicht will."

Burgess hat einen ganz besonderen Stil, einen Tanz in den man erst hineinfinden muss um das Buch zu mögen. Aber wenn man es mag dann so richtig. Trotz der manchmal doch wirren Geschichte ein Kleinod auf dem Krabbeltisch (wo ich es gefunden habe)


 

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becky chambers, der lange weg zu einem kleinen zornigen planeten, science fiction, science-fiction, galaxie

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

Becky Chambers , Karin Will
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei FISCHER Tor, 27.10.2016
ISBN 9783596035687
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Gemeinschaftslesung & Rezension von Thursdaynext und Rallus

Space Opera mit starken weiblichen Einschlägen sind selten im Sci Fi Genre, das, männlich dominiert, zumeist Technik, Wummen, Krieg, Heldentum und Machtschnickschnack thematisiert. Doch gerade der kulturelle und gesellschaftliche Blickwinkel auf die Zukunft ist eine der interessantesten in diesem Genre. So ist die weibliche Sichtweise auf das Zusammenleben auf beengtem Raum einen informativeren und empathischen Ticken anders.

Feinfühliger, eindrücklicher, weil mehr hinterfragend, schildert Autorin Becky Chambers, diese Aspekte des Raumfahrerlebens.  Als Beispiel sei hier der Koch- und Leibarzt genannt, der sehr wohl um die Wichtigkeit guten Essens und guter Atmosphäre weiß und sich bemüht, beides herzustellen.  Die in Kalifornien aufgewachsene Tochter einer Astrobiologin und eines Luft- und Raumfahrttechnikers gesellt sich hier zu Autorinnen wie Kate Wilhelm, Ursula K. LeGuin, James Tiptree, C.J.Cherryh oder Lois McMaster Bujor ein. Dabei sind schon Cover und Titel das Zugreifen wert. Was wir beiden hauptverdächtigen Buchstoffler mit dem SciFi Faible natürlich getan haben, überschneidet sich unsrer lesetechnische Sci Fi Menge doch häufig und bereichern wir uns gegenseitig gern mit guten neuen Autoren.

Becky Chambers Debüt The Long Way To A Small, Angry Planet finanzierte sie 2012 via Crowdfunding und brachte es 2014 im Eigenverlag heraus. 2015 erschien der Roman in Großbritannien bei Hodder & Stoughton, in den USA bei Harper Voyager. 2016 wurde The Long Way To A Small, Angry Planet für den Arthur C. Clarke Award nominiert.

Becky Chambers hat uns mit ihrem phantastischen Debüt gleichermaßen berühren und begeistern können. Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten liest sich locker – luftig mit unaufdringlichem Humor und zieht einen bereits auf den ersten Seiten in seinen Bann, dem wir uns während des gesamten 539 – Seiten- Buches nicht mehr entziehen konnten. Das Wayfarer Universum besteht aus verschiedensten Spezies, und die junge Rosemary Harper (Homo Sapiens) bewirbt sich auf der Wayfarer, einem Tunnelbohrschiff mit gemischter Besatzung. Unterschiedlich in Kultur und Rasse kommt es trotz gegenseitigem Respekt doch so manches Mal zu Reiz- und Reibungspunkten:

„Hast Du die Menschen auch manchmal satt? Hin und wieder. Das ist wohl normal, wenn man mit anderen Leuten als seiner eigenen Art zusammenlebt. Ihnen ergeht es bestimmt genauso. Heute habe ich sie eindeutig satt, sagte Sissix und ließ den Kopf wieder zurücksinken. Ich habe ihre fleischigen Gesichter satt. Ich habe ihre glatten Fingerspitzen satt. Ich habe es satt, wie sie das R aussprechen. Ich habe es satt, dass sie nicht riechen können. Ich bin es leid, wie gluckenhaft sie sich bei Kindern aufführen, die nicht einmal ihre eigenen sind. Ich habe es satt, wie neurotisch sie mit Nacktheit umgehen. Am liebsten würde ich jeden Einzelnen von ihnen ohrfeigen, bis sie begreifen, wie unnötig kompliziert sie ihre Familien und ihr Sozialleben und ihr … einfach alles machen.“

Rosemary ist als Verwaltungsassistentin angeheuert und bemüht sich zu integrieren. Jedes Besatzungsmitglied hat einen ganz speziellen Charakter und trägt eine Bürde mit sich herum. Bürden, die im Laufe des Buches offenbar werden und meist einen hochemotionalen Hintergrund haben, der die einzelnen Personen mit einem warmen, persönlichen Touch versieht. Auch Rosemary hat ein Geheimnis, die Crew sieht das aber sehr entspannt:

„Du bist Rosemary Harper. Du hast diesen Namen gewählt, weil der alte nicht mehr zu dir passte. Du musstest dafür ein paar Gesetze brechen, na und? Was soll’s. Das Leben ist nicht gerecht, und Gesetze sind es normalerweise ebenso wenig. Du hast das getan, was du tun musstest. Ich verstehe das.“

Sympathisch, bunt, vielfältig, spannend und teilweise auch politisch hochaktuell geht es auf der Wayfarer zu. Fake News finden sich auch in der fernen Zukunft wieder. So bearbeitet zum Beispiel Nib der Hobby- Archivar Referenzdateien, indem er sich durch alte Fakten gräbt um die öffentlichen Dateien auf neustem und den Tatsachen entsprechendem Stand zu halten:

„Warum versuchen diese Leute überhaupt so etwas zu beweisen?“, fragte Kizzy. „Weil es sich um Idioten handelt.“

Die Vielfalt der Spezies und ihrer Soziologien ist grandios, authentisch und detailliert. Vom Paarungs – und Nachwuchsaufzuchtsverhalten der Aandrisks könnten wir uns z.B. gerne ein paar Scheibchen abschneiden. Wenn wir Eier legen könnten. Hier merkt man, dass die Autorin eben das ist, eine Frau und somit potentielle Mutter, der diese Thematik der Kinderaufzucht doch näher und unmittelbarer ist als männlichen Autoren, und die sich zudem noch ganz offensichtlich mit Biologie und weiteren Wissenschaften auskennt. Ihre Ideen sind ausgereift, wirklichkeitsnah und wissenschaftlich logisch. Was dieses Universum aber erst so richtig rund macht, ist die empathische Sicht der Dinge. Hier ist der Roman am eindringlichsten und stärksten, in Momenten wo sich zwei verschiedene Rassen nähern und wir uns in den Gedanken von Sissix, einer echsenartigen Spezies, finden:

Rosemary, sagte Sissix und ergriff ihre Hand. Sie war warm. Das war bei anderen Spezies immer so, man spürte die Wärme schon, wenn man neben ihnen stand, aber jetzt war es noch deutlicher. Sie hatte sich schon manchmal gefragt, wie es wohl wäre, diese Wärme an sich zu pressen, dort, wo – nein, nein, daran würde sich nicht denken. Noch nicht. Sie musste klug sein. Sie musste vorsichtig sein. Schließlich reagierten Menschen anders auf Paarung. War es nicht so, dass ihre Gehirne danach von Chemikalien überschwemmt wurden, viel mehr als bei normalen Leuten? Auch bei Aandirsks führt Paarung zu Bindung, aber Menschen – Menschen verloren dabei vollkommen den Kopf. Wie ließ es sich sonst erklären, dass eine vernunftbegabte Spezies die Überbevölkerung bis zum Umweltkollaps getrieben hatte? Das war ein Volk, das sich um den Verstand gepaart hatte.“

Ihre Charaktere sind ausgereift, erhalten mit zunehmendem Lesefortschritt immer mehr Substanz und Gesicht, erscheinen greifbar und echt, mit all ihren Macken und Persönlichkeitsaspekten. Die Sprache ist angenehm, auch wenn es um philosophische, soziologische, biologische und technische Details geht. Ganz wichtig: Chambers hat Humor!! Und den merkt man diesem augenzwinkernden Buch an. Eben das lässt einen, viel zu schnell, aber mit Hochgenuss hindurchgleiten.

Sie zeigt auch Weitsicht wenn sie aus den Akten der GU (Galaktischen Union) zur Aufnahme der Spezies Homo Sapiens in ihre Gemeinschaft zitiert:

Die Menschheit ist eine zerstrittene, angeschlagene, pubertäre Spezies, die sich nicht durch ihr eigenes Verdienst in den interstellaren Raum ausgebreitet hat sondern nur durch Zufall. Sie ist nie über das intraspeziäre Chaos hinausgekommen. In dieser Phase der unbeholfenen Pubertät entscheidet es sich ob eine Spezies zu einer globalen Einheit oder in verfeindete Fraktionen zerfällt, die zum Aussterben verurteilt sind sei es durch Krieg oder durch ökologische Katastrophen, die so groß sind, dass man sie nur gemeinsam meistern kann.“

Die Wayfarer Welt ist bunt, liebevoll und schreit nach Erweiterung, so ist es nur gut, dass der ebenfalls im Wayfarer Universum angesiedelte Roman A Closed And Common Orbit 2017 in Großbritannien erscheinen wird.

Wir freuen uns schon darauf.

Unser SciFi Tipp 2017 heißt also: Go get it!
Abtauchen ins Wayfarer Universum.

Abtauchen in eine neue Science – Fiction – Plattform hier: Tor online

Dodo Award und Lesehighlight für Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten von rallus und thurs

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141 Bibliotheken, 15 Leser, 2 Gruppen, 66 Rezensionen

kamerun, usa, new york, finanzkrise, amerika

Das geträumte Land

Imbolo Mbue , Maria Hummitzsch
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462047967
Genre: Romane

Rezension:

„Oh Papa Gott“ ist der Ausruf der Familie Jonga, wenn etwas Unerwartetes passiert. Jende und Neni konnten ihr Glück kaum fassen, als zuerst er, dann sie aus Kamerun in die freie Welt der Vereinigten Staaten kamen. Hier soll das Leben einfacher sein, und wer fleißig ist, kann sich schnell hocharbeiten. Schnell wurde der Antrag auf Einwanderung gestellt und, da die Mühlen der Bürokratie in jedem westlichen Land langsam mahlen, kann man sich erst mal häuslich niederlassen.

Anfangs lässt sich das Leben in New York City auch gut an. Jende kann seine Familie versorgen, Neni, seine Frau, möchte Apothekerin werden und studiert neben ihrer Arbeit. Das Leben ist hart und ihnen bleibt wenig freie Zeit, aber sie sind glücklich.

Als Jende einen Job als Fahrer des angesehenen Investment Bankers Clark Edwards bekommt, machen sie schon Pläne um ein eigenes Haus oder Appartement zu kaufen. Neni ist schwanger und mit diesem sicheren Job, sollte es doch möglich sein etwas Geld zu sparen und sich den Traum von einer größeren Wohnung in einem besseren Viertel zu erfüllen. Die Edwards sind der Familie Jonga auch finanziell zugetan und Neni bekommt die Möglichkeit, bei Clarks Ehefrau Cindy im Haus zu helfen. Dann kommt die Bankenkrise, Clark Edwards verliert seinen Job und plötzlich ist die Situation in Amerika nicht mehr so rosig, da auch hoch studierte Amerikaner auf den einfachen Arbeitsmarkt drängen. Die Lage für die illegal in Amerika weilende Familie wird unhaltbar, als die Einwanderungsbehörde den Antrag auf die Einbürgerung verweigert. Was nun?

Doch Jende und Neni wollen bleiben – um jeden Preis.

„Wenn sie das Kabelfernsehen und Internet abmelden und sich Zweitjobs besorgen mussten, würden sie das tun. Und wenn sie hungrig zu Bett gehen mussten, würden sie das auch tun. Sie würden alles in ihrer Macht Stehende tun, um in Amerika bleiben zu können. Und Liomi die Möglichkeit zu geben, in Amerika aufzuwachsen.“

Auch wenn sie merken, je länger sie in Amerika weilen, wie menschenverachtend und paradox diese neue freie Welt ist. Man muss sich an die Spielregeln halten, dann kommt man weiter. Ist das die versprochene Gleichberechtigung, ist das ein Land, in dem man leben möchte?

„Weil ich das ganze Jurastudium schon total furchtbar finde. Ich sehe meine Kommilitonen an und fühle mich schrecklich – es macht mich traurig, dass sie wertvolle Lebenszeit damit verbringen, sich lauter Lügen eintrichtern zu lassen, um dann in die weite Welt zu ziehen und diese Lügen zu zementieren. Sie wissen nicht, dass sie dabei sind, Teile einer skrupellosen Maschinerie zu werden, die darauf spezialisiert ist, unschuldigen Menschen das Innerste herauszureißen. Das ganze System ist ein Witz! All diese Leute, die ein völlig sinnentleertes Leben führen, weil man ihnen eingeredet hat, dass das gut für sie ist. Die völlig abgestumpft sind, wenn es darum geht, dass sie in einer Gesellschaft leben, die von einem kaltblütigen Klüngel regiert wird. Wie lange lassen wir uns das noch gefallen?“

Der Existenzkampf wird härter, einfache Jobs, die früher niemand machen wollte, sind plötzlich begehrt. Doch wie kämpft ein Schwarzafrikaner ohne Aufenthaltsgenehmigung gegen hoch qualifizierte weiße Amerikaner? Auch mit Papieren wäre dies nicht einfach.

„Papier ist nicht alles. In Amerika reicht es nicht mehr, Papiere zu haben. So viele Leute kämpfen um Papiere. So vielen Amerikanern geht es schlecht. Sie sind hier geboren. Sie haben amerikanische Pässe, und trotzdem schlafen sie auf der Straße, gehen hungrig ins Bett undverlieren jeden Tag ihre Jobs und ihre Häuser wegen der … der Wirtschaftskrise.“

Das Leben wird für die Familie zur Zerreißprobe, was ist zu tun?

„Jalaluddin Rumi, der persische Sufi-Mystiker. Von ihm stammt das Zitat: ‚Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.‘ Das war seine Art, zu sagen, wir sollten nicht zu viel Zeit darauf verschwenden, Dinge als richtig oder falsch zu klassifizieren.“

Die Antwort kann sich nur jeder selbst geben und Imbolo Mbue lässt die Familie Jonga einen schmerzhaften Prozess durchlaufen. Und das Resultat ist anders, als man es sich vorgestellt hat. Wichtig allein ist, dass man glücklich mit der Entscheidung wird.

Imbolo Mue ist ein sehr lebendiges, für westliche Verhältnisse ungewohntes Buch gelungen. Ungewohnt in dem Sinne, dass ihre Geschichte nicht den üblichen Mustern folgt, sondern eine naive Lebendigkeit enthält. Das mag am Anfang etwas irritieren, ist mit dem weiteren Verlauf des Buches aber sehr erfrischend, farbig und temperamentvoll. Gerade die Beschreibung der beiden Ehepartner und wie sie mit ihren Problemen und Gegensätzen umgehen, macht viel der Dynamik des Buches aus. Kritisch geht sie mit dem Glück verheißenen Land Amerika um und setzt ein paar wohlplatzierte Nadelstiche in die vermeintlich freie Welt. Ein trotz der ernsten Thematik sehr positives, lebensbejahendes, mutiges und anregendes Buch.

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47 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 19 Rezensionen

in einer anderen welt, magie, jo walton, feen, wales

In einer anderen Welt

Jo Walton , Hannes Riffel
Flexibler Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 15.08.2016
ISBN 9783734160684
Genre: Fantasy

Rezension:

Vielerorts wird beklagt, dass die Magie verschwunden ist. Früher (früher war sowieso alles besser, schöner etc.) in der vordigitalisierten Zeit hatte der Moment, die Situation, das Leben noch Magie. Heute ist alles nüchtern, reglementiert und überwacht. Die Magie der Welt ist verschwunden. Ist das wirklich so? Oder warten die Menschen, dass irgendjemand ihnen eine ‚Magie-App‘ zur Verfügung stellt, um durch Fingertapps die Magie aufleben zu lassen? Dabei ist die Magie überall um uns, wir müssen sie nur finden. Die Magie eines Lächelns, das Schaudern des Verstehens, das Wohlgefühl des Berührt-Werdens, die Wohltat der Natur. Und die Magie des Buches.

Es gibt nicht so viele Bücher, die in mir diese Art der Magie erzeugt haben, wie In einer anderen Welt von Jo Walton. Eine Magie, die bis in meine Kindheit zurückreicht und meine damaligen Gedanken und Gefühle sehr gut beschreibt. Das Gefühl des Aufwachsens und das Gefühl, dass es niemanden gibt, der dich wirklich versteht. Versteht, dass man so alleine auf dieser kalten Welt ist. Doch, wie Jo Walton in ihrem Vorwort an Heranwachsende schreibt, es wird besser.

Das Buch ist ein Tagebuch. Das Tagebuch der fünfzehnjährigen Morweena, die einen Schicksalsschlag erlitten hat und vor ihrer Mutter zu ihrem ihr fremden Vater geflüchtet ist. Dieser wohnt bei seinen sonderbaren Schwestern, die sein Leben bestimmen. Morweena hatte eine Zwillingsschwester, die bei einem Unfall gestorben ist, und der Morweena an ihrem Bein verkrüppelt hat. Schon die Adoleszenz verlangt den Jugendlichen viel ab, durch ihre Verkrüppelung wird Morweena zu einem Außenseiter. Sie flüchtet in die Welt der Bücher, genauer in die Welt der Fantasy und Science Fiction. Da das Buch Ende der siebziger Jahre spielt, eine der Hochzeiten des Genres, kommt der Leser in den Genuss der (jedenfalls für mich, da ich auch in dieser Zeit dieses Genre angefangen habe zu verschlingen und zu lieben) Science Fiction Schriftsteller, die das Genre so entscheidend geprägt haben.

Morweenas Kontakte zu Gleichaltrigen sind sehr begrenzt. In dem Internat, in das sie geschickt wird, ist sie eine der drei besten Schülerinnen, dadurch erlangt sie einen unnahbaren Status. Dennoch kann sie die aufkommenden Gefühle ihres Körpers nicht verleugnen.

„Er lächelte. Er hatte ein nettes Lächeln, ganz anders als wir. Zeit meines Lebens war mir erzählt worden, dass wir ihm ähnlich sehen, aber ich finde das nicht. Wenn er Lazarus Long ist, und wir Laz und Lor sind, dann müsste ich mich doch in ihm wiedererkennen. Aus unserer Familie haben wir niemanden ähnlich gesehen; von der Augen-und Haarfarbe abgesehen, sehe ich allerdings auch keine Übereinstimmung zwischen ihm und mir. Aber das spielt keine Rolle. Ich habe Bücher, neue Bücher, und solange ich Bücher habe, kann ich alles ertragen.“

Der Leser wird immer mehr in den dichten Sog des Buches gezogen. Nach und nach werden die Ereignisse der Vergangenheit offenbart, zaghaft tastet sich Morweena an die schrecklichen Erfahrungen, die zu ihrer jetzigen Situation führten, heran. Wichtig ist ihr die Magie. Sie sucht die Nähe der Elfen, Fabelgeschöpfen mit denen sie auch reden kann, in ihrer Sprache, die interpretiert werden muss. Hier zeigt sich die große Begabung von Jo Walton. Den beschriebenen Wesen wird keine Rahmenhandlung gegeben, sie sind fragil, durchscheinend, tauchen nicht wirklich auf, man kann viele Stellen der Gespräche und Beschreibungen der Wesen auch als Hirngespinste Morweenas interpretieren. Was geht in so einem Kopf vor? Ist sie traumatisiert wegen des Todes Ihrer Zwillingsschwester? Was ist Magie?

„Klassenzugehörigkeit ist nichts Greifbares, und wie sie unser Leben beeinflusst, lässt sich nicht wissenschaftlich analysieren, und eigentlich soll es sie gar nicht geben, aber sie ist mächtig und allgegenwärtig. Sehen Sie? Wie Magie.“

Magie ist eine in der Realität verwurzelte Symbolik oder erscheint diffus und nicht greifbar. Genau so werden die Elfen beschrieben. Nicht einheitlich, nicht greifbar, nur aus den Augenwinkeln bemerkbar. Besser wird die Situation für Morweena, als sie ihren Karass findet (Ein Begriff aus Cat’s Cradle von Kurt Vonnegut), eine Gruppe von Gleichdenkenden, die wöchentliche Treffen veranstalten und Themenabende über Science Fiction abhalten.

Bezüglich der Covergestaltung hat der Golkondaverlag ein glücklicheres Händchen als Randomhouse bewiesen, bei denen das Buch im August 2016 als Taschenbuch erschien. Was die irritierten Rezensionen zeigen. Ein nachdrückliches, ernstes und dichtes Buch, das sicherlich nicht ganz dem gängigen Jugendbuch entspricht. Nein, das ist kein typisches Buch von einem heranwachsenden Teenager. Wer bei den erwähnten Science Fiction Büchern nicht mitkommt, dem entgeht die halbe Magie. Und wer bei den sehr introvertierten Tagebuchschilderungen des Kampfes gegen die Pubertät von Morwenna Handlung vermisst, dem entgeht die zweite Hälfte der Magie. Ein wunderschönes empathisches Buch, das nicht ganz einem Genre zuzuordnen ist. Vielleicht kann man einfach sagen, es ist ein Magiebuch.

Among Others wurde 2012 mit dem Hugo Award dem Nebula Award sowie dem British Fantasy Award ausgezeichnet. Ein Buch, das sich nicht nur Fans des Genres nicht entgehen lassen sollten.

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112 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 8 Rezensionen

new york, selbstmord, familie, film, kino

Die amerikanische Nacht

Marisha Pessl , Tobias Schnettler
Flexibler Einband: 800 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 25.09.2014
ISBN 9783596183326
Genre: Romane

Rezension:

Ashley Cordova ist tot. Eine junge Frau von 24 Jahren hat sich in New York in einer verlassenen Lagerhalle das Leben genommen. Nur war dies nicht nur irgendeine Jugendliche. Sie war die Tochter des berühmten Regisseur Stanislas Cordova, der seit über 35 Jahren kein Interview mehr gab und dadurch zu einem Mythos geworden ist.

Scott McGrath ist ein investigativer Journalist und hat sich an Cordova, wie so viele andere, die Finger verbrannt. Eine Recherche über den Regisseur brachte ihm, außer einer verlorenen Verleumdungsklage und einem hohen finanziellen Verlust, nichts verwertbares ein. Danach wurde er von seiner Frau verlassen, die das gemeinsame Kind mitnahm und er musste sich langsam wieder auf die Füße stellen. Doch seine geheime Obsession ist Cordova, der Kult um ihn und natürlich seine Filme. (Die in der Art stark an David Lynch erinnern). McGrath fängt an zu recherchieren und erhält durch Kontakte mit der New Yorker Polizei einen Wissensvorsprung gegenüber der Familie Cordova, die die Spuren der Tochter verwischen will.

Auf seinem Weg zu dem Unglücksplatz lernt er den Herumtreiber Hopper kennen, der in einer geheimnisvollen Verbindung zu Ashley steht. Auch die junge Nora, die zu Hopper und Scott stößt, birgt einige Geheimnisse.

Scotts Suche findet nicht überall Gegenliebe:

„‚Weißt Du, was dein Problem ist, McGrath?‘, sagte Beckman und teilte den Rest Wodka auf unsere Gläser auf. ‚Du hast keine Achtung vor dem Trüben. Vor dem finsteren Unerklärten. Dem Nichtfestnagelbaren. Ihr Journalisten ebnet die Rätsel des Lebens einfach ein, ihr habt keine Ahnung was ihr da so schonungslos ans Licht bringt, und dass ihr nach etwas sehr Mächtigem grabt, das …‘ Er lehnte sich zurück und sah mit in die Augen.’… nicht gefunden werden will. Und das wird es auch nicht.‘ Er sprach von Cordova.“

Mit Noras Hilfe findet er Zugang zu den geheimen Blackbirds  Ein Platz im Internet, welcher von den Cordoviten, den Fans Cordovas, gegründet wurde. Nur Eingeweihte haben dort Zugang. Cordovas Welt wird dem Leser unterbreitet, eine Welt voller Geheimnisse und Düsterkeit, voller Schrecken, aber Ehrlichkeit ist hier ein Muss. Nur indem jeder seine dunklen Seiten auslotet und anerkennt, findet er zu sich und zu neuen Wegen.

„Diese Seite ist eine schreckliche Realität. Ein heiliger Arbeitsplatz. Ein gefährlicher Wald. Ein Ort, an dem du alles diskutieren und in Frage stellen kannst, was deine Familie und Freunde, deine Religion und deine Gesellschaft bedroht und in Angst versetzt. Dies ist eine Welt jenseits der kommerziellen Hochglanzwelt. Ein Ort, der dreckig und unheimlich und erschreckend ist, chaotisch und hässlich und faszinierend. Ein bodenloser, schrankenloser Raum. Hier geht es nur um den Kampf um etwas Wertvolles. Etwas Ehrliches. Das ist es, wozu uns Cordova in seinem ganzen Werk auffordert. Unser ehrliches Selbst in uns zu finden.“

Es ist Die Cordova Wahrheit: die des menschlichen Geistes. Die Sehnsucht nach Schrecken. Die Sehnsucht nach Liebe. Die Sehnsucht nach emotionalen Erfahrungen, die dich zerreißen.

Das Trio (Scott, Nor und Hopper) folgen den Spuren Ashleys und gewinnen durch Befragungen von Augenzeugen, die Ashley gesehen hatten, und eigene Erlebnissen, einen tiefen Einblick in die Welt des Stanislas Cordova.

Marisha Pessl ist ein komplexes, fein recherchiertes Buch über die letzten Geheimnisse in unserer digitalisierten Welt gelungen. Der Plot ist spannend und ausgereift, auch wenn so mancher Zufall an die TKKG Reihe erinnert, es gibt im Buch plötzlich immer nur noch einen roten Faden zu verfolgen. Der Leser hat keinen Wissensvorsprung vor den handelnden Figuren und so wird dieser von einer überraschenden Szene zu der nächsten geworfen. Schräge und geheimnisvolle Charaktere tauchen auf und wähnt sich der Leser am Rande des Verstehens, schlägt der Plot noch einen Haken.

Die wundersame Welt des Stanislas Cordova eröffnet sich dem Staunenden in dem Buch, durch Zeitungsausschnitte, Schnipsel aus dem Internet, zufällig gefundene Bilder, liegengelassene Zigarettenstummel. Pessl zieht alle Register, hat als Buchregisseurin aber eine wundersame Gabe diese Fäden immer wieder zu einem (Teil-) Ganzen zu verweben.

Besonders die Beschreibung der (fiktiven) Filme Cordovas und das Anwesen ‚The Peak‘ auf dem Cordova gelebt und gefilmt hatte, sind ihr sehr gut und mysteriös gelungen. Immer wieder wird Cordovas Bestreben, das wahre Ich aus den Menschen zu locken und aufzudecken, gezeigt. Das Zusammenarbeiten mit ihm gerät für viele Menschen zu einem Wendepunkt in ihrem Leben:

„Aber der wahre Lohn der Zusammenarbeit mit Stanny war nicht Geld oder Beifall, sondern das Danach. Wir Schauspieler sprachen alle davon. Wenn man nach der Arbeit mit Cordova wieder im echten Leben ankam, war es, als seien alle Farben verstärkt worden. Das Rot war roter. Schwarz schwärzer. Die Gefühle gingen tiefer, als sei das Herz riesengroß geworden, empfindlich und geschwollen. Man träumte. Was waren das für Träume.“

Die Wahrheit ist immer zwiespältig und nicht eindeutig. Scott McGrath verwirrt sich in seinen Untersuchungen immer weiter auch in seine Seele, in seine ureigensten Abgründe der Seele.

„Ein Tornado wirft ein Haus um und der Besitzer stirbt. Das ist eine Tragödie. Dann stellt sich heraus, dass dort ein Serienmörder wohnte, und schon gilt das Ganze als Wunder. Die Wahrheit über das, was in dieser Welt mit uns passiert, ändert sich. Ständig. Das hört nie auf.“

Teilweise werden die Assoziationen der Filme satirisch auf die Spitze getrieben. Ein alter Bekannter von McGrath ist ein obsessiver Filmnarr von Cordovas Werk, seine Betrachtungen zu den Filmen lesen sich wie exzessive Verschwörungstheorien, die Wahrheiten setzen und Zeichen suchen die diese Wahrheiten bestätigen. (Kennt noch jemand den Hype um das Album der Beatles, wo alle vier barfuß auf dem Zebrastreifen laufen und viele meinten Zeichen zu sehen, dass Paul tot ist?)

Pessl spielt hier mit den Ingredienzien der Scheinwahrheit, der Zeichen, der Dunkelheit, ja sogar echte (?) Magier sind am Werk. Die Gestalt Cordova ist immer mit einem Geheimnis verbunden. Dunkelheit, die Macht aus der er seine Kraft zieht?

„Dunkelheit. Ich weiß, heute ist es schwer nachzuvollziehen, aber ein echter Künstler braucht die Dunkelheit, um etwas erschaffen zu können. Sie gibt ihm Macht. Seine Unsichtbarkeit. Je weniger die Welt über ihn weiß, wo er sich aufhält, woher er kommt und was seine geheimen Methoden sind, desto mehr Kraft hat er. Je mehr Nichtigkeiten die Welt über ihn schluckt, desto kleiner und trockener ist seine Kunst, bis sie schrumpft und zu etwas zusammenschrumpelt, dass man in einer Schüssel mit Milch zum Frühstück isst.“

Was etwas nervt sind die kursiv geschriebenen Wörter, manchmal wahllos verteilt im Text, wollen sie den Leser beeinflussen, gewisse Dinge anders zu sehen? So ganz gelungen ist ihr die Verbindung Mystik, Ernst, Scherz und Krimirecherche nicht. So manches wirkt zu platt, ihr vorheriges Buch ist um einiges dichter, literarischer. Doch hat mich hier der Plot am meisten fasziniert und man legt dieses doch dicke Buch ungern zur Seite. Es ist nicht unbedingt wie ein Sog, aber man möchte doch wissen wie es weitergeht. Ein Buch das im Gedächtnis haften bleibt.

„Eines Tages würde ich den beiden die wahre Geschichte erzählen. Aber jetzt, heute Nacht, sollten sie ihr Märchen behalten.“

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23 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Armageddon Rock

George R.R. Martin , Peter Robert
Flexibler Einband: 420 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.11.2016
ISBN 9783453318052
Genre: Fantasy

Rezension:

Schon die Widmung des bereits 1983 in Amerika erschienenen Romans „Armageddon Rock“ des hochprämierten Autor George R.R. Martin macht klar, wohin die Reise geht. In die musikalische Zeit der 60er, 70er Jahre, als überall auf der Welt die Popkultur aufblühte und die Träume, durch die eingenommenen Drogen zumeist bunter waren. Der Optimismus und der Drang die Welt zu verändern, waren überall zu spüren und die schöne neue Welt greifbar nahe.

Damals … Damals war alles besser, wir hegen bittersüße Gedanken an gesehene Filme, erlebte Begegnungen, gehörte Musik, doch kann das Damals noch mit dem Heute standhalten? Manches ist aus dem heutigen Blickwinkel betrachtet überholt, veraltet  und oft stellt man sich die Frage, ‚Was habe ich bloß daran gefunden?‘ Trotzdem erinnert man sich gerne an frühere Begebenheiten, wann man bestimmte Bücher gelesen, Orte besucht oder Musik gehört hat. Diesen Zauber, den insbesondere Musik in uns hervorruft, davon erzählt Armageddon Rock.

Dieses Buch hatte ich in den 80er Jahren schon mehrmals gelesen und innig geliebt. Da es verschollen ist, habe ich mich gefreut dass der Heyne Verlag diesen Band neu aufgelegt hat. Dass George R.R. Martin inzwischen eher als Fantasyautor bekannt ist, aber schon früher großartige Romane schrieb, wissen meist nur die eingefleischten Fans. Doch kann ein 30 Jahre altes Buch die damalige Magie wieder aufleben lassen?

Das Altamont Free Concert 1969 war für viele das symbolische Ende der Unschuld der Hippiebewegung, die mit Woodstock noch so verheißungsvoll angefangen hatte. In Armageddon Rock erweitert Martin das Trauma der Hippies um das West Mesa Festival, bei dem der Leadsänger der (erfundenen) Gruppe Nazgûl während des Auftritts von einem Scharfschützen erschossen wird.

Zehn Jahre später erhält Sandy Blair, ein freier Journalist und Schriftsteller, von seinem früheren Arbeitgeber bei einer bekannten Popzeitschrift, den Auftrag, den Mord an einem bekannten Rockpromoter, der die Nazgul unter lebenslangem Knebelvertrag hatte, zu untersuchen. Ihm wurde zu Hause, während die letzte Platte der Nazgul lief, das Herz herausgerissen. Auf den Tag genau dreizehn Jahre nach dem Tod des Sängers der Nazgul. Sandy, frustriert von seiner derzeitigen Lebenssituation, macht sich auf den Weg, die drei verbliebenen Bandmitglieder zu finden. Auf seinem Weg besucht er auch alte Freunde und seine eigene Vergangenheit. Der Tenor ist hauptsächlich: Was ist aus uns geworden.

„Ich erinnere mich, zum Teufel, ich weiß, es war beschissen damals, wir hatten den Krieg und Rassismus und Nixon und den alten Spiro, aber weißt du, wir hatten auch … ich weiß nicht … so was wie Optimismus. Wir wussten, dass die Zukunft besser werden würde. Wir wussten es. Wir würden dafür sorgen. Wir würden die Dinge um uns herum verändern, und wir hatten unsere Jugend, stimmt, also war die Zeit auf unserer Seite. Wir wussten was richtig und was falsch war, wir wussten, wer die Bösen waren, und es gab ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.“

Jeder der Besuchten hat einen anderen Lebenslauf hinter sich – und wer in dieser Zeit aufgewachsen ist, findet bei den beschriebenen Charakteren sicherlich den ein oder anderen vertrauten Charakterzug. Die Öko-Frau die sich in eine Hippiekommune zurückgezogen hat, der Außenseiter, der Hedgefondmanager geworden ist, der unter der Fuchtel seines faschistischen Vaters stehende, gebrochene Sohn. Alle Kinder ihrer Generation. Eine verlorene Generation, die es eigentlich recht einfach hatte:

„[…] wir waren wirklich anders als alle Generationen, die sich vor uns aufgemacht hatten, weil wir so verdammt viele waren. Wir sind die Babyboomer, der größte, haarigste Haufen, den man je eingeladen hatte, in die Party des Lebens reinzuplatzen. Unser ganzes Leben lang war die amerikanische Gesellschaft damit beschäftigt, sich in unserer Gestalt neu zu erschaffen. Die Vorstädte wurden gebaut, um uns zu beherbergen. Spielzeug, Windeln und Babynahrung hatten ihre große Zeit, als wir sie benutzten. Die Medien sind uns auf Schritt und Tritt in unseren süßen, rosigen Arsch gekrochen.“

Immer mehr verdichten sich die Gerüchte um eine Reunion der Nazgûl. Doch wer sollte den Part des charismatischen Leadsängers spielen. Hier hält George R.R. Martin noch die eine und andere Überraschung bereit.

Armageddon Rock ist im Grunde genommen ein Musik-Thriller mit Krimianleihen. Was das Buch so besonders macht, ist der sehr gute Blick und die treffende Beschreibung der Babyboomer, ihrer geplatzten Träume und den Versuchen einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Charaktere sind alle sehr lebensecht und authentisch. Sandy Blair taucht wieder in die 60er Jahre ein, als er seinem Auto den Namen Tagtraum gibt. Dass dieses ein hippieuntypischer Sportwagen der Marke Mazda ist, ist für ihn zweitrangig. Irgendwie muss das Gefühl doch wiederkommen. Martin versteht es, die Spannung aufrechtzuerhalten, seine Beschreibung der Konzerte der Nazgûl sind lebensecht, fast vermeint man die treibende Kraft und Spannung der Musik zu hören. Seitenlang liest man Beschreibungen der Konzerte und hört das Pulsieren der Musik, so echt wirken die Darstellungen.

Ein nach 30 Jahren immer noch packender und elektrisierender Roman, der keinerlei Patina angesetzt hat und zeitlos wirkt. Ein frühes Buchhighlight des jungen Jahres.

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63 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

aliens, china, scifi, astrophysik, sonnen

Die drei Sonnen

Cixin Liu , Martina Hasse
Flexibler Einband: 450 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.12.2016
ISBN 9783453317161
Genre: Science-Fiction

Rezension:

„Selbst Gott persönlich könnte hier nichts ausrichten. Die Menschheit ist an einem Punkt angelangt, an dem ihre Gebete, egal an wen, nicht mehr gehört werden. Was jetzt kommt, ist nicht aufzuhalten, da können die Menschen noch so laut schreien.“

Die Menschheit hat es einfach nicht verdient, weiter zu existieren und muss vor sich selbst beschützt werden. So ist der Grundtenor des ersten chinesischen Science Fiction Romanes, der mit dem bedeutensten SF-Preis der Literatur ausgezeichnet wurde, mit dem Hugo Award. In Deutschland ist der erste der auf drei Bände ausgelegten Trilogie jetzt im Heyne Verlag erschienen.

Cixin Lius Epos fängt Ende der 60er Jahre in China an und berichtet von der dortigen Kulturrevolution. Ein Physikprofessor wird Opfer dieser Säuberung in China, bei der insgesamt über eine Million Menschen zum Opfer durch Tod oder Folter wurden. Diese relativ grausame Schilderung des Todes hat mich anfangs stutzen lassen. Ein Buch, selbst ein Science Fiction-Roman, das kritisch mit diesem Thema umgeht? Hat China etwa die Zügel der Zensur gelockert? Doch was können wir als Westler schon viel über diese uns doch fremde Kultur berichten, was wissen wir darüber?

Cixin Liu erzählt wie Ye Wenjie, die Tochter dieses Professors, selbst verdächtigt und interniert wird. Für das geheime Projekt Rotes Ufer wird die Astrophysikerin dann zu dem damals größten Radioteleskop Chinas versetzt und hilft an dessen Wartung und Verbesserung mit. Hier überrascht Cixin Liu mich erneut mit einer kleinen satirischen Einlage. Die Formulierung der Botschaft an mögliche Außerirdische gerät zu einer kleinen politischen Spitze:

„METI-Grußnachricht an außerirdische Zivilisationen. Erster Entwurf [Gesamter Text]
Empfänger dieser Nachricht, aufgepasst! Diese Nachricht stammt aus einem Land, das für die Revolution und damit für Gerechtigkeit steht! Ihr habt unter Umständen bereits Botschaften aus der gleichen Richtung erhalten. Diese stammen von einer imperialistischen Supermacht auf unserem Planeten. Diese Supermacht ringt mit einer anderen Supermacht um die Weltherrschaft, um das Rad der Zeit zurückzudrehen und die Fortschritte in der Menschheitsgeschichte zunichtezumachen. Hoffentlich schenkt ihr den imperialistischen Lügen kein Gehör und steht auf der Seite der Gerechtigkeit, auf der Seite der Revolution! [Anweisung des Zentralkomitees] Völliger Blödsinn, den niemand kapiert. Es reicht doch wohl, überall auf der Erde Wandzeitungen mit Propagandabotschaften aufzuhängen. Man muss sie nicht auch noch ins All schießen.“

Ye Wenji erhält eines Tages eine Botschaft aus dem All und antwortet darauf völlig spontan ohne diese Konversation zu speichern oder jemandem bekannt zu geben. Die einzigen Menschen, die davon noch wissen, tötet sie kurz darauf: Ihren Mann und den Leiter der Forschungsstation.

Die Geschichte wird retrospektiv aus Sicht von Wang Miao einem Nanotechnologen erzählt. Dieser sieht plötzlich einen Countdown vor seinem geistigen Auge ablaufen. Er vertraut sich Ye Wenji an, die ihm rät, seine Forschungen einzustellen. Als er kurz darauf ein Experiment abbricht und die dafür benötigte Anlage für Wartungsarbeiten stillegt, verschwindet der Countdown. Ye Wenji hat ihm noch einen URL mitgegeben, bei dessen Aufruf landet er in dem Computerspiel „Three-Body“, das in einer gedachten Welt spielt, die durch drei Sonnen immer wieder dem Untergang geweiht ist. (Hier ist ein sehr starker Bezug zum grandiosen SF-Werk „Otherland“ von Tad Williams zu finden). Das Dreikörperproblem ist ein chaotisches, nicht durch Berechnung zu lösendes physikalisches Problem (ähnlich dem Doppelpendel). Auf dem Planeten im Computerspiel erblüht eine Zivilisation nach der anderen, die aber durch den Verlauf der drei Sonnen nach einiger Zeit von einem stabilen Zustand in einen chaotischen übergeht und dann untergeht. Gesucht wird eine rechnerische Lösung des Dreikörperproblems, um so die stabile Zeit zu bestimmen.

Die Erzählstränge wechseln von der Vergangenheit in die Gegenwart und zurück. Und langsam, wie das bei einem gut aufgebauten Epos ist, erkennt der Leser ein Gesamtbild, was doch sehr erschreckt. Das Spiel ist eine Rekrutierungshilfe für eine Gruppe um Ye Wenji, die Intellektuelle sucht, die sich daran beteiligen, die Menschheit am Fortschritt zu hindern. Die Erde soll präpariert werden für die Außerirdischen, die Trisolarier, die anstelle der Menschen die Erde übernehmen sollen. Die Trisolarier suchen eine neue Heimat, da sie mit drei Sonnen und den unberechenbaren Zuständen leben müssen. Warum soll aber die Menschheit weichen? Hauptsächlich wird die Umweltverschmutzung angeführt, der Mensch ist es einfach nicht wert, über die Erde zu wandeln:

„Aber die reichen Staaten sind auch nicht besser. Sie erschaffen sich mit viel Geld eine wunderschöne Umwelt, aber sie verlagern die Industrie, die viel Umweltverschmutzung mit sich bringt, in die armen Länder. Du hast vielleicht davon gehört, dass die USA sich geweigert haben, das Kyoto-Protokoll zu ratifizieren. Die Menschen sind doch alle gleich. Wenn die Zivilisation sich in diese Richtung weiterentwickelt, wird sie sich ausrotten.“

Cixin Liu baut den ersten Teil der Trilogie langsam auf und weiß geschickt die einzelnen Bausteine des SF-Epos Stein für Stein einzufügen. Ein Blick vier Lichtjahre entfernt zu den Trisolariern darf nicht fehlen, deren Kulturbeschreibung manches mal doch etwas an China erinnert:

„Alles geschieht immer nur zur Erhaltung der Art. Um als Gesamtheit zu überleben. Respekt für den Einzelnen existiert nicht. Kann der Einzelne nicht mehr arbeiten, muss er sterben. Die trisolare Gesellschaft ist extrem autoritär. Das Gesetz ist strikt und kennt keinen Kompromiss – wer schuldig ist, wird exekutiert, wer nicht schuldig ist, darf weiterleben.“

Doch die SF bietet natürlich viele Möglichkeiten eine derartige Kritik fein zu verstecken, um die Ordnungshüter nicht zu wecken. Cixin Liu hat mich ehrlich gesagt überrascht. Zwar sind so manche Szenarien und Beschreibungen etwas untypisch für meinen westlichen Geschmack, die Charaktere wirken nicht ganz ausgereift. Das SF-Setup ist Cixin Liu aber sehr gut gelungen, teilweise sprüht er vor lauter physikalischen Einfällen, Spielereien und fantastischen Umgebungen. Schwierig ist es wohl auch aus dem Chinesischen zu übersetzen, das viel von Begriffen lebt, welche sich aus dem Zusammenhang ergeben, als aus festen Wortbegriffen wie bei den westlichen Sprachen. Hier sind bestimmt auch etliche Feinheiten verloren gegangen. Wer sich für das Buch interessiert, mag diese interessante Rezension von Shaohai lesen, die das Buch im Original las.

Mein erster chinesischer SF hat Lust auf die nächsten beiden Bände gemacht, leider erscheint der nächste erst im Juni 2018 (!) Vielleicht wird das Warten ja noch verkürzt, alle drei Bände sind schon auf Englisch erschienen, eine Verfilmung ist für nächstes Jahr in China geplant.

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45 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

inspektor lukastik, voller skurriler, haie, schräger tapen., krimi aus dem wiener milieu

Nervöse Fische

Heinrich Steinfest
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.11.2004
ISBN 9783492242806
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Es gibt wenig was den Wiener Chefinspektor Lukastik erschüttern könnte und nach Wittgenstein gibt es auch keine Rätsel. Doch ein Toter mit Haifischspuren in einem Pool auf einem Wiener Hochhaus, lässt ihn auch etwas zweifeln. Aber irgendeine logische Erklärung wird es wohl auch für diesen Mord geben.

Dazwischen gibt es wie bei Steinfest des öfteren viele skurrile Figuren, viel ausschweifende Gedanken zu aufkommenden Themen, dass der Leser sich fast, aber nur fast darin verliert.

"Dass es der Herr den Seinen im Schlaf gibt, war schon immer Richard Lukastiks Meinung gewesen. Den sogenannten Fleiss, auf den sich große Künstler und brillante Forscher gern beriefen, hielt er für eine Koketterie. Die meisten von diesen Leuten legten sich ganz einfach schlafen, und wenn sie in der Früh erwachten, steckte ihnen eine geniale Idee im Schädel. So wie den Minderbegabten die Tageszeitung im Briefschlitz."

Aber in Steinfests Bücher verliere ich mich sehr gerne, zumal seine Charakterisierungen so wunderbar ungewöhnlich sind, dass man schon das Gefühl hat, jeder Mensch ist einzigartig und besteht, zumindestens in einem Aspekt, aus obskuren Grundlagen. So wie der Spezialist für Haie der hinzugezogen wird.

"Nun, ich habe als junger Mann Ozeanographie in Chicago studiert. Nicht aus Begeisterung für die Materie, sondern für die Stadt. Ich war ein dürftiger Student, unbegabt, uninteressiert, aber auch irgendwie konsequent. Konsequenz aus der Not heraus. Manche Leute sind fleißig, weil ihnen für die Faulheit ein passendes Konzept fehlt. Jedenfalls kam ich so weit, eine Doktorarbeit schreiben zu müssen. Und zwar über Haie. Das war keineswegs meine eigene Idee gewesen. Für eine eigene Idee hatte es mir an Ledienschaft gefehlt."

So ist dies sicherlich nicht der sprühendeste und einfallsreichste Roman von Steinfest. Aber selbst diese Romane übertreffen die meisten anderen in ihrer Sprachgewaltigkeit und ihrem Wortwitz.
Man muss sie einfach alle lesen.

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29 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

fantasy, zeitreise, london, unterwelt, jugendliche

Die Tore zu Anubis Reich

Tim Powers , Ü: Hannes Riffel / Walter Brumm ,
Flexibler Einband: 572 Seiten
Erschienen bei Heyne, 01.01.2004
ISBN 9783453870703
Genre: Fantasy

Rezension:

"Meisterwerk der Fantasy" "Herrlich skurrile und düstere Ideen, eingefangen in beeindruckenden Worten." "Kultbuch"

So und ähnliche Worte haben mich bewogen den 1983 geschriebenen Fantasyroman "Die Tore zu Anubis Reich"  von Tim Powers antiquarisch zu kaufen.Ich habe mich insgesamt über 80% der Seiten gequält, bis ich 70 Seiten vor Schluss entnervt aufgegeben habe. Ich wollte einfach nicht mehr wissen, wie es zu Ende geht.

Der Anfang des Buches geriet noch recht spannend und interessant. Eine gut zahlende Gruppe Interessierter will einen Vortrag des Dichters Coleridhe am 1. September 1802 in London besuchen und wieder zurückkehren. Die Zeit ist wie ein Fluß der unter einer Eisdecke dahinfließt. Man muss mitfließen, hat aber die Möglichkeit an Löchern in der Eisdecke auszusteigen und an einem anderen Loch wieder einzusteigen. Die Löcher im Eis sind unregelmäßig verteilt, aber berechenbar. Jedenfalls können das alte ägyptische Magier, die Tim Powers in dem ersten Kapitel einführt. Doch bei der Beschwörung geht etwas schief und diese Tore in die Zeit öffnen sich unbemerkt.

Brendan Doyle ist ein englischer Literatur-Experte für das 19.Jahrhundert und darf mit in die Vergangenheit reisen. Bei der Rückreise geht etwas schief und Doyle wird von einem der Helfer des ägyptischen Magiers gefangen gehalten.

Und jetzt wird das Buch für meine Begriffe zu chaotisch. Es werden verschiedene Gruppen vorgestellt, deren Ziele im diffusen bleiben. Als ein Werwolf hinzukommt der die Fähigkeit hat seinen Körper mit anderen zu tauschen, wird es ganz wirr. Doyle wechselt im Verlauf des Buches öfters seinen Körper und kommt mit anderen Figuren in Kontakt die auch die Körper getauscht haben und irgendwann hatte Powers mich abgehängt.

Anscheinend wird nicht nur der Körper gewechselt, sondern auch der Charakter. Hut ab, wer jetzt noch den Überblick hat. Für mich hatte dieses Buch nur viele Fragezeichen offen, zumal sich außerhalb der Figuren-wechsel-dich-Orgie auch kein anderes interessantes Szenario auftat.

So war ich kurz vor dem Ende nicht mehr ganz sicher welche Figuren in welchem Körper steckte und streckte daraufhin die Waffen.

 Schade. An sich klangen die begeisternden Rezensionen anders. Für mich jedenfalls kein Meisterwerk noch ein Kultbuch.

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

literatur vor 1945, poesie, essays, lyrik

Mädchenhimmel!

Lili Grün , Anke Heimberg
Fester Einband: 220 Seiten
Erschienen bei AvivA, 30.06.2015
ISBN 9783932338588
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

In der Naziherrschaft sind nicht nur 6 Millionen Juden und Andersdenkende grausam und kaltblütig umgebracht worden. Gestorben ist auch die sehr lebendige jüdische Kultur. Anke Heimberg hat die Aufgabe übernommen, Gedichte und Texte der unbekannten jüdischen Künstlerin Lili Grün neu aufzulegen.

Lili Grün wurde 1904 in Wien geboren und 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinec in Weißrussland ermordet. Sie lebte abwechselnd in Wien und Berlin, arbeitete als Schauspielerin und verkaufte Gedichte und Texte an Zeitungen. Geblieben sind auch 2 Romane von ihr, die im Aviva-Verlag in Berlin neu aufgelegt wurden.

Ihr Werk wäre sicher unentdeckt geblieben, hätte die bekannte österreichische Schriftstellerin Hilde Spiel den Namen Lili Grün nicht in ihrer Retrospektive der Nazizeit erwähnt. Die auf ein rasches Vergessen drängende Nachkriegszeit hat etliche Künstler in die Vergessenheit gedrückt, Lili Grün zum Glück nicht.

Die hier vorliegenden Gedichte und Texte zeigen eine lebendige und auch sehr persönliche Sicht der jungen Dame, meist auf die Liebe und die Schwierigkeit als ‚Fräulein‚ in der Männerwelt ihren Stand zu finden. Die Gedichte, die teils auch vertont wurden, sind Zeitzeugen der 20er, 30er Jahre, die von der weltweiten Weltwirtschaftskrise geprägt sind, doch meist klingt Sehnsucht nach einem besseren Leben durch die Zeilen:

Wir müssen den ganzen Tag tippen. Mit brennenden Augen und schmerzenden Rücken Bestätigen wir ihr Wertes vom Soundsovielten, Das wir mit bestem Dank erhalten Wir haben nur eine Sehnsucht: auszurasten. Von der Tages ewigem Läuten und Hasten, Denn unser armes Hirn ist müd und leer Wir haben keine bessere Sehnsucht mehr. Unsere großen, mutigen Gedanken Sind gestorben in des Alltags Schranken Unser Herzen große Zärtlichkeit Ist gestorben in des Alltags Leid

 

Lili Grüns Gedichte zeigen auch in Ihrer Zeit, eine frühe Art des fraulichen Selbstbewusstseins. Frau lässt sich hier nicht alles gefallen, zwar braucht es für die Liebe einen Mann, dieser wird aber auch recht kritisch gesehen. So schwankt die junge Frau zwischen Selbstbehauptung und der Suche nach dem Prinzen.

Die Liebe ist auch das Hauptthema der den Gedichten folgenden kurzen Texte. Hier wird die überall herrschende Arbeitslosigkeit mit eingeflochten, so dass ein stimmiges Bild der damaligen Zeit vor dem geistigen Auge entsteht. Es sind die einfachen Menschen, die Lili Grün beschreibt, deren Sorgen und Nöte, das Liebesleid der jungen Frau, die Morgens nach einer durchzechten Nacht neben einem Unbekannten aufwacht:

„Wenn sie heute wenigstens einen richtigen moralischen Kater hätte, damit ein wenig Abwechslung in die Geschichte gekommen wäre, aber nein, in ihrer Kehle waren bloß die alten Tränen vom monatelangen Alleinsein. Mädchen, die schrecklich allein sind, sollten nicht küssen. Die glauben doch dann immer gleich, dass sie den Betreffenden auch liebhaben.“

Abgerundet wird das Buch durch ein Nachwort von Anke Heimberg, in dem sie auf das Leben von Lili Grün eingeht. (Eine Biografie von Lili Grün ist von Frau Heimberg in Arbeit) Anke Heimberg erklärt und ordnet die Texte chronologisch ein, wobei mir die Erklärungen manches mal zu viel werden. Was ein Bureau, Kanapee oder der Ausdruck verknautscht bedeutet, weiß ich und bestimmt der geneigte Leser dieses Buches. Dadurch wirkt der, durchaus sinnvolle Kommentar, etwas oberlehrerhaft.

Das sollte aber niemanden davon abhalten, sich mit Lili Grün in die 30er Jahre zu begeben. Ein wunderschönes, sprachlich ausgereiftes Buch, welches mich durch seine natürlichen und frischen Texte fesseln konnte. Mädchenhimmel gewann 2014 den Melusine-Huss-Preis und stand 2014 auf der Hotlist der zehn besten Indiebücher.

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trennung, ehe, familie, other life, hebräisch

Hier bin ich

Jonathan Safran Foer , Henning Ahrens
Fester Einband: 688 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 10.11.2016
ISBN 9783462048773
Genre: Romane

Rezension:

„Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde“

Bibel 1.Mose Kapitel 22

„Abraham sagt nicht ‚Was willst Du?‘ Er sagt nicht ‚Ja?‘ Stattdessen antwortet er mit einer Feststellung ‚Hier bin ich.‘ Was auch immer Gott will oder braucht, Abraham ist ganz für ihn da, ohne Vorbehalte, Bedingungen, Einschränkungen oder das Bedürfnis nach Erklärungen.“

Genau dieses uneingeschränkte Hier-sein vermisst Sam. In seinem Leben, in seiner Familie. Sam ist der älteste Sohn von Jacob und Julia und bereitet sich auf seine Bar Mitzwa vor. Jacob und Julia sind seit zwanzig Jahren verheiratet, haben drei Söhne und sind Anfang vierzig. In Ihrer Ehe verstehen sie sich zwar blendend, doch ist ihr Liebesleben zerrüttet und es wird heikel, als Julia ein Geheimhandy von Jacob findet, auf dem sie eine pikante Konversation von Jacob mit einer Unbekannten lesen kann. Für die Bar Mitzwa reist auch die jüdische Verwandtschaft aus Israel nach Amerika. Gerade in Amerika angekommen erschüttert eine Naturkatastrophe den Nahen Osten, die den Fortbestand Israels in Frage stellt.

Doch zuerst geht es um Jacob und Julia. Sehr einfühlsam beschreibt Foer die Nähe der Ehepartner aus der Sicht von Jacob. Die Nähe, das Kennenlernen und das allmähliche Erlahmen der sexuellen Spannung, das Aufreiben im Alltag:

„So viele Tage, ihres gemeinsamen Lebens. So viele Erfahrungen. Wie hatten sie es geschafft, sich die letzten sechzehn Jahre hindurch voneinander zu entfremden? Wie hatte aus all der Anwesenheit Abwesenheit werden können?“

Jacob und Julia verstehen sich immer noch gut. Sie haben eine Art der Konversation gefunden, bei der mich Foer anfangs wirklich gefordert hat beim Lesen. Sehr rasant und immer um zwei Ecken weiter. Sehr vertraut, sehr nahe, aber im Grunde doch Lichtjahre entfernt. Sex findet nicht mehr statt, die Kindererziehung ist im Good Cop, Bad Cop erstarrt. In Erinnerung an ihre Hochzeit bringt es Julia auf den Punkt, können solche Gemeinsamkeiten, solch eine Nähe erhalten bleiben? Die Tradition, eine Glühbirne bei der Trauung zu zertreten, wird zur Allegorie der Ehe:

„Also manche Leute meinen, er solle uns an all die Zerstörungen erinnern, die die Voraussetzung unserer größten Glücksmomente sind. Manche Leute halten es für ein Gebet: Lass uns glücklich sein, bis sich die Scherben der Glühbirne wieder zusammengesetzt haben. Manche halten es für ein Symbol der Zerbrechlichkeit. Aber die naheliegendste Interpretation habe ich nie gehört: So sind wir. Wir sind brüchige Individuen, die in einer brüchigen Welt eine brüchige Verbindung eingehen.“

Auch der offensichtliche Ehebruch, der zu Tage tritt, als Julia das Handy mit der sexuellen Konversation findet, dient nicht zum Dampf ablassen, es bleibt gesittet, Teller werden nicht geworfen, es ist nur ein weiterer logischer Schritt zum Abgrund. In weiteren Kapiteln kommen die Kinder zu Wort. Sam als Ältester hadert mit seiner nicht gewollten Bar Mitzwa, Max, der Mittlere, weiß nicht, wohin er sich wenden soll, zum Älteren oder zu Benji, dem Jüngeren, der schon sehr altklug wirkt und der Situation und seinen Eltern durch seinen kindlichen Blick eine andere Sichtweise vermittelt.

Eingebunden ist dieser Mikrokosmos in Washington D. C., in die große Welt, die aber bei näherer Betrachtung auch nicht anders abläuft als der Ehealltag. Da ist der Großvater von Jacob, der ins Altersheim soll, aber nicht will und dann kurz vorher stirbt. Die Verwandten aus Israel reisen an. Auch hier war Nähe da, ist aber wieder verschwunden. Bei der wirklich wunderschönen Grabrede des Rabbiners bringt es dieser auf den Punkt.

„Jemandem nahe zu sein, ist leicht, jemandem nahe zu bleiben aber fast unmöglich. […] Nähe kann man nur auf eine Weise erhalten; indem man festhält, was einem nahe sein soll. Damit kämpft. Es zu Boden ringt wie Jakob den Engel und sich weigert, loszulassen. Liebe ist nicht die Abwesenheit von Ringen. Liebe ist Ringen.“

Foer lässt den Nahen Osten noch sein Armageddon erleben, doch im Grunde ringen hier seine Hauptfiguren um Nähe um das Beieinandersein. Interessantes erfahren wir noch über jüdische und amerikanische Juden. Der verzweifelte Versuch, die Welt zu verstehen, wird nur noch überschattet von dem Versuch, den Anderen zu verstehen. Doch im Endeffekt heißt es ‚Hier bin ich – und kann nicht anders‘ wie Thursdaynext in Ihrem wunderschönen Beitrag schrieb. Dieses Verständnis ist im Grunde der Schlüssel:

„Wir ziehen nicht weg.
Dachte ich mir schon.
Wir hatten es vor. Rivka war fast so weit. Aber jetzt ist die Sache vom Tisch.
Was hat sich verändert?
Alles. Nichts.
Verstehe.
Wir sind nun mal, wer wir sind. Dieses Eingeständnis stellt die Veränderung dar.
Daran arbeite ich auch.“

Jonathan Safran Foer hat einen großen, unterhaltsamen, rasanten und sehr jüdischen Roman geschrieben. Der Leser wird wechselseitig im Mikro- und Makrokosmos hin- und her geschüttelt und muss aufpassen, den Faden nicht zu verlieren. Foer packt so viele Themen in sein Buch, dass es fast platzt. Teilweise konnte ich mich nicht mehr losreißen von diesem Buch, so manches Mal musste ich niederknien vor Foer, manches Mal hat mich die bis in die Spitze geschilderte Unentschlossenheit und Diskussionsbereitschaft in den Wahnsinn getrieben. Ein großartiger Roman mit klarer Leseempfehlung.

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