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indien, kalkutta, bengalen

Kalkutta

Shumona Sinha , Lena Müller
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Edition Nautilus, 24.08.2016
ISBN 9783960540106
Genre: Romane

Rezension:

Shumona Sinha ist eine indisch-französische Schriftstellerin und Dolmetscherin, die für ihren Roman "Erschlagt die Armen!" den diesjährigen Internationalen Literaturpreis gewonnen hat. Ihre schriftstellerischen Anfänge hat sie in ihrer Heimat Bengalen gefunden, wo sie bereits als 17-Jährige große Beachtung gefunden hat. Seit 2001 lebt sie in Frankreich. Das hier vorliegende Buch Kalkutta ist ihr dritter Roman, der bereits vor 2 Jahren von der renommierten Academie Française prämiert worden ist.

Klappentext:
Nach vielen Jahren in Frankreich kehrt Trisha anlässlich der Einäscherung ihres geliebten Vaters zurück in ihre Geburtsstadt Kalkutta. Im verlassenen Haus der Familie, in dem sie aufgewachsen ist, schicken die Möbel und vertrauten Gegenstände aus alten Tagen ihre Gedanken auf eine Zeitreise in die Vergangenheit. Da ist zum Beispiel die rote Steppdecke, die sie nicht nur an die Hausierer erinnert, die solche Decken anfertigten, sondern auch daran, wie sie eines Nachts ihren Vater dabei beobachtete, wie er in ebendieser aufgerollten Decke einen Revolver versteckte. Oder das kleine Fläschchen mit Hibiskusöl, mit dem man ihrer Mutter Urmila die Kopfhaut massierte, wenn diese wieder einmal von schwerer Melancholie überwältigt wurde. Indem Trisha sich in die Kratzer und Risse dieser Objekte, der Möbel, des Hauses versenkt, ersteht die Vergangenheit mehrerer Generationen einer Familie wieder auf, und damit auch die kollektive, politische Vergangenheit Westbengalens – von der britischen Kolonialzeit bis zur jahrzehntelangen kommunistischen Regierung seit den späten 1970er Jahren.

Kalkutta ist ein politischer Roman.
Ich gebe zu, ich habe mich nie sonderlich mit der Historie Indiens befasst. Die Romane, die ich bisher zu diesem Land gelesen habe, bezogen sich hauptsächlich auf die Kolonialzeit bzw. die Zeit davor. Insofern ist die Zeit, in der der Roman hauptsächlich spielt (70er Jahre und später) für mich absolutes politisches Neuland. Daher habe ich die Informationen, die Shumona Sinha über den Alltag und die politische Landschaft Indiens und Bengalens vermittelt, förmlich aufgesogen. Eines wird dabei deutlich. In den 70er Jahren waren viele politisch engagiert und verteidigten dabei ihre politischen Ansichten mit einer Vehemenz, die an Fanatismus grenzte. Wer sich mit Politik beschäftigte, riskierte seine Gesundheit. Gegner unterschiedlicher politischer Lager gingen nicht zimperlich miteinander um. Shumona Sinhas Darstellung des politischen Alltags ist dabei völlig ungeschönt und macht deutlich, dass dieser Alltag von Angst und Gewalt geprägt war.

"In diesem Jahr 1975 war das Land im Ausnahmezustand. Die größte Demokratie der Welt wurde nun von Indira Gandhi regiert, der indischen Eisernen Lady, die auf ihren Vater Jawaharlal Nehru gefolgt war. ... Ihre Hand löschte Opponenten aus, ihr Machthunger war nicht zu stillen. Sie manipulierte den damaligen Präsidenten und brachte ihn dazu, Notstandsgesetze ohne die Zustimmung des Parlaments zu erlassen, was ihr ermöglichte, durch Verordnungen zu regieren. In Westbengalen, in Kalkutta und den benachbarten Städten wurden Shankhyas Genossen verhaftet und ermordet. Den Überlebenden brach man das Rückgrat, ein Bein oder einen Arm, man riss ihnen ein Auge aus, nahm ihnen auch den letzten Rest Mut und Willen. Man ermordete Männer, um den kollektiven Traum eines ganzen Volks auszulöschen." (S. 69 f.)

Im Mittelpunkt dieses Romanes stehen die Erinnerungen Trishas an ihre Eltern und ihre Großmutter. Der Vater Shankhya war zeitlebens Professor an der Uni. In jungen Jahren engagierte er sich für die Kommunistische Partei in Bengalen. Als er erkannte, dass die hehren Ziele, die er einst mit seiner Partei verfolgt hatte, dem Streben nach Macht geopfert wurden, zog er sich aus der Politik zurück.
Trishas Mutter war depressiv. Die Krankheit hatte sie fest im Griff. Dieser Zustand war eine dauerhafte Belastung für die ganze Familie.
Die Großmutter lebte bei der Familie. Shankhya war ihr Sohn. Die Großmutter konnte nicht viel mit dem modernen Indien anfangen. Zu tief war sie mit Religion und Tradition verwurzelt. Dass sie bei ihrem Sohn lebte, sorgte häufig für Spannung, da er jemand war, der zum Atheismus neigte.
Trisha wuchs also mit den modernen Ansichten ihres Vaters und dem Traditionsdenken ihrer Großmutter auf. Mehr erfährt man allerdings nicht über Trisha. Und dies ist der einzige Kritikpunkt, den ich an diesem Roman habe. Als Leser erhält man keinen Zugang zu Trisha. Mit ihrem Eintreffen in Kalkutta zur Einäscherung ihres Vaters erfährt man, dass sie in den letzten Jahren in Frankreich gelebt hat. Was sie dazu bewogen hat, ihre Heimat Indien zu verlassen, und wann sie sie verlassen hat, bleibt unbekannt. Es gibt Andeutungen, die jedoch nicht weiter verfolgt werden. Insofern tritt Trisha im weiteren Verlauf der Geschichte nahezu völlig in den Hintergrund. Stattdessen nehmen die Personen, an die sie zurückdenkt - Vater, Mutter, Großmutter - immer mehr Raum ein. Am Ende bleibt nur die Spekulation, dass die Autorin verdeutlichen will, welchen Einflüssen Trisha in ihrer Kindheit unterworfen war und sie geprägt haben. Nur welcher Mensch aus Trisha geworden ist, bleibt unklar.

"Mehr als einmal war er am Grabstein des Glaubens abgeprallt, unter dem das rationale Denken und die wissenschaftliche Herangehensweise seit Langem begraben lagen. Seine Partei war gescheitert und Shankhya kam zu dem Schluss, dass die revolutionäre Ideologie nur ein fliegender Teppich gewesen war, der über dem indischen Subkontinent schwebte, während es den Millionen von Menschen völlig gleichgültig war, sie überlebten beschwerlich, schlugen Wurzeln und hatten Träume, die in die Glücksbringer um ihren Hals passten, bedeutungslos, lächerlich und vor allem ungefährlich." (S. 147)

Was mich völlig fasziniert hat und allein schon Grund genug ist, diesen Roman zu lesen, ist die facettenreiche Sprache von Shumona Sinha.
Anfangs hat mich ihr Sprachstil sogar ein wenig verstört. Er kommt sehr kraftvoll rüber, ohne zu beschönigen. Ähnlich wie es Trisha ergeht, als sie am Flughafen von Kalkutta ankommt und sich völlig fremd und verloren fühlt, empfindet auch der Leser. Er wird in ein Indien versetzt, dass herzlich wenig mit dem romantischen Bild zu tun hat, welches einem von Reiseprospekten immer gern entgegen prangt. Den Leser erwartet zunächst Lärm, Schmutz und Chaos. Nur ganz langsam gelingt es, sich mit dem Szenario anzufreunden und zu akklimatisieren.
Durch Trishas Erinnerungen an ihre Kindheit, lernt der Leser langsam ein Indien kennen, das faszinieren, aber gleichzeitig auch erschüttern kann. Shumona Sinhas Sprache ist dabei mal gefühlvoll, mal farbenfroh, mal poetisch. Als Leser lässt man sich gern von diesem Sprachstil gefangen nehmen.

Fazit:
Wer sich für fremde Kulturen interessiert und dabei Spaß an besonderer Sprache hat, ist bei diesem Buch gut aufgehoben. Mit ihrer facettenreichen Sprache vermittelt Shumona Sinha ein faszinierendes Bild von einem Land, das zwischen Tradition und Moderne sowie Politik und Religion hin- und hergerissen wird.
Leseempfehlung!

© Renie

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Der Brief im Taxi

Louise de Vilmorin , Patricia Klobusiczky
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Dörlemann, 15.08.2016
ISBN 9783038200338
Genre: Romane

Rezension:

Was steht nur in dem Brief, den Cécilie, die Protagonistin aus Louise de Vilmorins zauberhaftem Roman "Der Brief im Taxi", verloren hat und deshalb völlig aus der Bahn geworfen wird? Eine Frage, die erst zum Schluss des Buches beantwortet wird. Aber, ob die Antwort der Wahrheit entspricht? Wirklich sicher bin ich mir nicht.

Worum geht es in diesem Roman?
Cécilie ist eine hinreißend unkonventionelle Dame, die in ihrer Bücherhöhle, liebevoll Ali Baba genannt, ihre Tage größtenteils mit dem Schreiben von Artikeln, Reiseberichten und Drehbüchern verbringt. Sie ist verheiratet mit Gustave, einem Bankier, der seine Karriere stetig vorantreibt.
Als Cécilie die Geliebte ihres Bruders Alexandre zum Bahnhof begleitet, rutscht ihr im Taxi unglücklicherweise ein geheimnisvoller Brief aus der Tasche. Und die Geschichte nimmt ihren Lauf. (Quelle: Dörlemann)

Cécilie ist eine Protagonistin, die mir mit den ersten Sätzen schon ans Herz gewachsen ist. Denn Cécilie lacht über das Leben und die Pariser Gesellschaft. Und als Leser lacht man gern mit. Kaum zu glauben, dass jemand, der solch ein herzerfrischendes Gemüt hat und vor Lebensfreude nur so sprudelt, sein Leben an der Seite eines karrierebewussten Langeweilers verbringt. Doch der karrierebewusste Langeweiler, namens Gustave und Ehegatte von Cécilie, war nicht immer so. Als Cécilie und Gustave sich kennenlernten, hatte er noch Träume, war abenteuerlustig und ließ sich von seiner Herzensdame mitreißen. Doch viele dieser Träume waren kostspielig. Ohne die nötigen finanziellen Mittel, war gar nicht daran zu denken, diese zu erfüllen. Also arbeitete Gustave an seiner Karriere. Doch mit steigendem beruflichen Erfolg, nahmen Träumerei und Abenteuerlust ab. 

"'Dein Mann kann nur noch bewerten. Er ist nicht mehr derjenige, den du geheiratet hast. Du warst für die Freiheit geschaffen, als freie Frau wärst du Schauspielerin geworden.'" (S. 14)

Heute denkt er nur noch an seine Karriere und das Geldverdienen. Cécilie jedoch hat sich den Esprit ihrer Jugend bewahrt. Und damals wie heute geht sie mit einem Lachen durchs Leben. Sie nimmt sich und die anderen nicht besonders ernst. Es scheint, als ob sie und Gustave ein Arrangement getroffen haben, das beide ihr Leben leben lässt. Er schraubt an seiner Karriere und sie macht das, wozu sie gerade Lust hat. Gustave liebt seine Frau abgöttisch, auch wenn er sie sich ein wenig seriöser wünscht. In der Gesellschaft anderer, tut sie ihm oft den Gefallen. Sie versteht es, zu repräsentieren und spielt die Rolle, die man von der Ehefrau eines Bankiers erwartet. Oft kann sie ihr Temperament jedoch nicht zügeln, was zu recht unkonventionellen Situationen führt. Das nimmt ihr jedoch keiner übel, ganz im Gegenteil. Ihre Eskapaden werden als originell betrachtet und sie ist damit ein gern gesehener Gast in der Pariser Gesellschaft.
Das Leben Cécilies könnte also so schön sein, wenn die Sache mit dem Brief nicht gewesen wäre.
Der verschwundene Brief wirft sie aus ihrem seelischen Gleichgewicht und man fragt sich, was der Inhalt dieses Briefes ist. Bis zum Ende der Geschichte baut die Autorin Louise de Vilmorin diverse Andeutungen ein. Als Leser hat man einen Verdacht, der jedoch mal bekräftigt und mal verworfen wird.

Von Beginn an hatte ich das Gefühl, mich in einem Stück aus dem Boulevardtheater zu befinden. Die Dialoge in diesem Roman haben einen hohen Unterhaltungswert. Sie sind geistreich und witzig zugleich. Insbesondere die Gespräche zwischen Cécilie und ihrem Mann haben es mir angetan, da hier ganz besonders der krasse Unterschied zwischen den beiden Charakteren zum Ausdruck kommt. Gustave merkt, dass seine Frau sich auf einmal merkwürdig verhält. Sie baut ein Lügengerüst um den verschwundenen Brief auf, in das sie sich jedoch verheddert. Das macht Gustave natürlich misstrauisch. Cécilie redet sich manches mal um Kopf und Kragen. Und man hat den Eindruck, dass Gustave ausschließlich das glaubt, was er glauben möchte. Er verschließt die Augen vor Cécilies offensichtlichen Schwindeleien und schafft sich somit seine eigene Wahrheit, in der seine Frau ganz gut wegkommt.

"Angesichts dieses vertrauenvollen Mannes, der sich zwar sorgte, aber den Hang hatte, stets nur das Gute zu sehen, das heißt, was für ihn persönlich von Vorteil war, war sie wie vor den Kopf geschlagen." (S. 194)

Diese Tendenz, sich Dinge schön zu reden und seine eigene Wahrheit zu schaffen, scheint dem Zeitgeist der damaligen Pariser High Society zu entsprechen. Die Charaktere, auf die man in diesem Roman trifft, zeichnen sich durch eine Ich-Bezogenheit aus, die ihresgleichen sucht. Man erlebt die Dame, die versorgt sein möchte und daher auf der Suche nach dem Mann für ihr Leben ist - auch, wenn dieser Mann bereits vergeben ist; man erlebt den älteren Mann, der auf der Suche nach einem Jungbrunnen ist und daher keine Skrupel hat, seine Zukunft mit einem Mädchen zu planen, das nur halb so alt ist wie er; man erlebt den Abenteurer, der ohne Rücksicht auf Verluste versucht, bei seiner Suche nach Liebe, Lust und Leidenschaft fündig zu werden. 
Nur Cécilie scheint aus der Art zu schlagen. Zumindest lässt sie ihr eigenes Wohl zugunsten ihres Ehemannes Gustave in den Hintergrund treten.

Louise de Vilmorin betrachtet ihre Charaktere mit einem Augenzwinkern. Sie hat damit eine kleine aber feine Satire auf die Pariser Gesellschaft geschaffen, in der sie übrigens als Adelige selbst zu Hause war.

"Marcelline Doublard-Despaumes hatte jenes Alter erreicht, in dem Frauen erblonden. Sie war üppig und leutselig, liebte Empfänge und Juwelen, Theater und Café crème zu jeder Tageszeit. Ihr Mann ähnelte ihr und schreckte genauso wenig wie sie davor zurück, seinen Reichtum auszustellen." (S. 31)

Der Roman spielt in der Zeit um 1920. Wobei er meines Erachtens auch früher angesiedelt sein könnte. Denn der Sprachstil Louise de Vilmorins hat einen Charme, der durchaus in die Zeit des Belle Epoque passen würde. Der Stil wirkt sehr lebhaft und farbenfroh. Teilweise wählt die Autorin eine sehr schwülstige Ausdrucksweise, die man beim Lesen mit einem Lächeln quittiert. Und es scheint, dass sie sprachlich eine Bewahrerin der Etiquette ist. Ehe ihre Wortwahl kompromittierend wird, greift sie lieber zu einer formvollendeten Umschreibung. Hier ist ein herrliches Beispiel:

Schlafzimmer = "das schattige Zimmer, wo Liebende einander nur finden, um sich zu verlieren"

Fazit:
Ich habe diesen Roman mit großem Vergnügen gelesen, da ich mich in eine geistreiche und zeitlose Boulevardkomödie versetzt fühlte. Man kommt aus dem Schmunzeln nicht mehr raus, die Seiten fliegen nur so dahin und man hat leider schneller das Ende erreicht, als einem lieb ist. 
"Der Brief im Taxi" ist für mich ein weiterer Beweis, dass auch Romane, die schon ein bisschen älter sind, durchaus einen ganz besonderen Charme haben können.

© Renie

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Aus dem Feuer

Ingvar Ambjørnsen , Gabriele Haefs
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Edition Nautilus, 24.08.2016
ISBN 9783960540120
Genre: Romane

Rezension:

Die Schriftsteller, denen ich bisher begegnet sind, habe ich alle als sehr sympathische Zeitgenossen erlebt. Und dann traf ich in dem Roman „Aus dem Feuer“ von Ingvar Ambjørnsen auf einen Krimiautor namens Alexander Irgens. Diesen Alexander Irgens kann man durchaus als echtes Ekel seiner Zunft bezeichnen. Nur gut, dass es sich bei ihm um eine fiktive Person handelt - das hoffe ich zumindest ;-)

Worum geht es in diesem Roman?
Norwegens Krimikönig Alexander Irgens schlägt gemeinsam mit seiner Geliebten Vilde einen zudringlichen Fan krankenhausreif - nach einem opulenten Dinner mit elf Buchhändlerinnen. Daraufhin flieht er vor der skandalbegeisterten Presse, seiner Geliebten und seiner Ehefrau und taucht in Island und Deutschland ab. Zurück in Norwegen, scheint er unverhofft zu sich selbst und zu etwas wie Heimat zu finden. Doch dann holt ihn seine Vergangenheit ein - und dieser Roman wird selbst zum Krimi. (Klappentext)

Die Reaktionen der Presse auf Alexanders Angriff auf seinen Fan sind Fluch und Segen zugleich. Alexander steht kurz vor der Veröffentlichung eines weiteren Krimis aus seiner Erfolgsserie rund um seinen Helden Stig Hammer. Und scheinbar gibt es seitens des Verlages keinerlei Skrupel, die negative Publicity für den Erfolg seines neuen Buches auszuschlachten. Alexander setzt sich zwar ins Ausland ab, doch Negativ-Werbung ist auch eine Werbung. Und so ist sein Buch in aller Munde. Ein weiterer Bestseller aus der Stig Hammer-Reihe scheint damit vorprogrammiert.

„‚…Solange er nicht den Geist aufgibt, bringt dir das nur jede Menge Aufmerksamkeit. Man könnte fast glauben, das sei so arrangiert worden.’“ (S. 153)

Apropos Skrupel. Skrupel scheint generell für Alexander Irgens ein Fremdwort zu sein. Sein bisheriger Erfolg ist ihm zu Kopf gestiegen. Alexander Irgens gestaltet sein Leben nach seinen eigenen Gesetzen. Ich habe selten einen derart selbstherrlichen, überheblichen und egoistischen Protagonisten in einem Roman erlebt, wie Alexander Irgens. Der Mittelpunkt seiner Welt ist Alexander Irgens. Er ist das Maß aller Dinge, und seiner Ansicht nach ist er zu gut für diese Welt. Schuldempfinden hat er sich abgewöhnt. So ist der Betrug an seiner Ehefrau eine Selbstverständlichkeit für einen Mann seines Kalibers. Und dass er einen seiner Fans krankenhausreif geprügelt hat, ist diesem selbst zuzuschreiben. Warum ist er dem großen Alexander Irgens auch auf die Nerven gegangen? Die Liste der Negativ-Eigenschaften von Alexander Irgens ließe sich endlos weiterführen. Aber eine Schwachstelle hat er doch. Er wäre gern ein „richtiger“ Schriftsteller und nicht nur jemand, der massentaugliche Krimis schreibt. In seinen Anfängen hat er sich mit Novellen versucht, die vielversprechend für seinen weiteren schriftstellerischen Werdegang waren. Nur leider hat er diesen Weg nicht weiterverfolgt. Es ist halt einfacher, Krimis nach Schema F zu produzieren, als ein literarisch anspruchsvolles Werk zu schreiben.

Der Autor Ingvar Ambjørnsen hat mit diesem Roman eine herrliche Satire auf den Literaturbetrieb und das Schriftstellertum geschaffen. Vieles erscheint übertrieben. Doch man wird den Verdacht nicht los, dass mehr Wahres dabei ist, als man sich wünschen möchte. Die Geschichte wird natürlich aus der Sicht von Alexander Irgens erzählt. Man hat den Eindruck, dass Irgens ständig auf der Suche nach neuen Ideen für einen Krimi ist. Man ertappt ihn dabei, wie er häufig versucht, sich und seine Umgebung in mögliche Plots für einen Kriminalroman einzubauen. Er scheint unter einem permanenten Erfolgsdruck zu stehen. Denn mit jedem weiteren erfolgreichen Krimi, den er veröffentlicht hat, scheint die Erfolgsmesslatte für sein nächstes Buch ein Stückchen höher zu liegen. 

„‚ … Es ist nicht so leicht, wenn man dauernd von fremder Aufmerksamkeit verwöhnt wird. Man wird, natürlicherweise, das, was wir auf gut Norwegisch als verwöhntes Arschloch bezeichnet.‘“ (S. 313)

Als Leser kann man keinerlei Sympathien für Alexander Irgens entwickeln. Wie auch? Denn schließlich hat er absolut nichts Nettes an sich. Man schwankt zwischen Sich Wundern, Aufregung und Ärger über diesen Charakter. Aber es gibt auch viele lustige Momente in diesem Roman, die mich völlig unvorbereitet getroffen und mich zum Lachen gebracht haben. Zum Ende nimmt dieser Roman eine überraschende Wendung an, die sich in keiner Weise vorhersagen lässt. Nur soviel sei gesagt: am Ende überwog bei mir die Schadenfreude.

Ich möchte noch auf eine sprachliche Besonderheit Ingvar Ambjørnsen hinweisen. Ambjørnsen versteht es, Naturszenen in einer einzigartigen Weise darzustellen. Man lässt sich durch die Bilder, die dabei hervorgerufen werden, verzaubern. Das Kopfkino läuft dabei auf Hochtouren. Man hat das Gefühl, das beschriebene Szenario mit allen Sinnen wahrzunehmen. Das ist fast wie ein kleiner Urlaub in der Natur Norwegens.

„Aber Luft und Licht gehören dem Oktober, wie ich ihn aus früheren Jahren kenne, so weit ich mich zurückerinnern kann. Der blaue klare Herbsthimmel und das Sonnenlicht, das durch die farbenfrohen Baumwipfel sickert. Der große Laubfall hat noch nicht eingesetzt. Noch ist der Waldboden nackt. Das Gras steht grün an den Hängen. Noch hängen die Farben an den Zweigen, Milliarden, Myriaden von wehenden Wimpeln in Gold, Rot, Braun und Orange, in allen Schattierungen.“ (S. 8)

Ich kann diesen Roman Lesern empfehlen, die sich für den Literaturbetrieb interessieren. Und gerade Leser, die diesen Literaturbetrieb gern mit einem verklärten Blick betrachten, werden durch dieses Buch schnell auf den Boden der Tatsachen geholt. Der Hauptprotagonist ist ein selbstherrlicher Widerling, der seinesgleichen sucht und zum Ende von seinem hohen Ross heruntergeholt wird. Ingvar Ambjørnsen hat damit eine eindrucksvolle Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor geschaffen, die mich großartig unterhalten hat.

© Renie

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28 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

roman, politik

Geronimo

Leon de Winter , Hanni Ehlers
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 24.08.2016
ISBN 9783257069716
Genre: Romane

Rezension:

Im Mai 2011 fand in Abbottabad, Pakistan, die "Operation Neptune's Spear" statt - die erfolgreiche Erstürmung des Verstecks des Terroristenführers Osama bin Laden, Codename Geronimo. Bei dieser Operation ist bin Laden ums Leben gekommen. Die Umstände seiner Erschießung sind jedoch fragwürdig. Auch wenn die Nachricht über die Tötung bin Ladens von der Öffentlichkeit mit Erleichterung gern akzeptiert worden ist, tauchen doch viele Zweifel an den Umständen seines Todes auf. Immer wieder erscheinen Publikationen, u. a. von Teilnehmern der Operation, die die offizielle Darstellung der US-Regierung in Frage stellen.
Warum ist ein Terrorist mit einem unerschöpflichen Wissensschatz über Al Kaida und die internationale Terrorismusszene liquidiert worden, ohne die Gelegenheit zu ergreifen, sich sein Wissen zunutze zu machen? Warum ist bin Laden umgebracht worden? Hat die Erstürmung tatsächlich so stattgefunden, wie es der Öffentlichkeit Glauben gemacht wurde? Galt es, damals sowie heute ein Geheimnis zu verbergen, von dem bin Laden wusste? Alles ist möglich. Leon de Winter greift diese Fragen auf und entwickelt in seinem Roman eine gar nicht mal so abwegige Verschwörungstheorie. Und am Ende kann man sich sehr gut vorstellen, dass damals alles etwas anders gelaufen ist.

Klappentext:
"Geronimo" lautet das Codewort, das die Männer vom Seals Team 6 durchgeben sollten, wenn sie Osama bin Laden gefunden hatten. Doch ist die spektakuläre Jagd nach dem meistgesuchten Mann der Welt wirklich so verlaufen, wie man uns glauben macht?
Ein atemberaubender Roman über geniale Heldentaten und tragisches Scheitern, über die Vollkommenheit der Musik und die Unvollkommenheit der Welt, über Liebe und Verlust. Spannend wie ein Thriller und berührend wie eine Liebesgeschichte, bringt Geronimo die Grenzen zwischen Realität und Phantasie ins Wanken. (Quelle: Diogenes)

"Leute wie ich sehen in dieser offiziellen Geschichte nichts als Lücken. Und ich bin mir sicher, Hope, dass Leute wie du auch Fragen gestellt haben, als sie die Geschichte hörten, als der Präsident der Welt triumphierend erzählte, dass sie UBL abgemurkst hätten. Sie hatten ihn nicht lebend, sondern tot. Es gab praktisch keine Gegenwehr, und trotzdem mussten sie ihn eliminieren. Warum? Warum musste UBL zum Schweigen gebracht werden?" (S. 318)

Was bei Leon de Winter als Polit-Thriller beginnt, entwickelt sich im weiteren Verlauf zu einem mitreißenden Roman, der die Schicksale unterschiedlicher Charaktere zum Mittelpunkt hat, die mehr oder weniger mit dem Tod bin Ladens zu tun hatten. Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven, hauptsächlich aus der Sicht von Osama bin Laden, Tom - einem Agenten der CIA - sowie Jabbar, einem Jungen aus der Nachbarschaft bin Ladens in Pakistan. Seine Familie gehört dem Christentum an.

Osama bin Laden
Die Darstellung Osama bin Ladens ist gewöhnungsbedürftig. Leon de Winter zeigt einen der gefürchtetsten Terroristen der damaligen Zeit mit menschlichen Seiten. Er dichtet ihm Eigenschaften wie Mitgefühl an. Das liest sich eigenartig. Es fällt schwer, jemandem, der den Tod 1000er Menschen zu verantworten hat, Menschlichkeit zuzusprechen. Als Leser ist man irritiert und will gar nicht so recht glauben, was man über bin Laden liest. Doch Leon de Winter bekommt noch rechtzeitig die Kurve. Bevor der Leser Mitgefühl für bin Laden empfindet, lässt der Autor auch die bösartigen Seiten des Terroristenführers durchklingen. Und schon ist man als Leser wieder versöhnt.

"Wie sie am 11. September 2010 von UBL mitgenommen worden war, als wie fürsorglich sich UBL erwiesen hatten - die Fürsorglichkeit eines Ungeheuers. Sogar UBL konnte menschlich sein. Ein unerträglicher Gedanke." (S. 392)

Tom Johnson
Tom ist Mitglied der CIA, seine Karriere begann in der US Army. Eigentlich war er gar nicht an dem Angriff auf das Versteck bin Ladens beteiligt. Da er jedoch einen engen Kontakt zu den Männern der Einheit hatte, die mit diesem Auftrag betraut waren, hat er Kenntnis von dem Plan erhalten. Die Spezialkräfte der US Army, die derartige Sonderaufgaben übertragen bekommen, scheinen in einer Parallelwelt zu leben. Töten ist ein Job, Tötungsaufträge werden mit einer routinierten Selbstverständlichkeit durchgeführt. Dass die Mitglieder dieser Spezialkräfte selbst ständig der Gefahr ausgesetzt sind, ermordet zu werden, gehört zu deren Dasein dazu. Ihr Alltag ist von Misstrauen und Vorsicht geprägt, selbst wenn sie mittlerweile schon längst aus der Army ausgetreten sind und einen Job in einer privaten Sicherheitsfirma angenommen haben. Einmal Soldat, immer Soldat.

Während seiner Zeit in Afghanistan baut Tom eine Beziehung zu einem kleinen muslimischen Mädchen auf. Beide verbindet die Leidenschaft zur klassischen Musik, insbesondere die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit saugen sie Musik förmlich in sich auf. Diese Momente der Begeisterung und Harmonie erscheinen merkwürdig in dieser kriegsgebeutelten Umgebung. Die Liebe zur Musik wird dem Mädchen in dem islamischen Land zum Verhängnis. Tom fühlt sich verantwortlich für ihr Schicksal.

"Sie trat ein paar Schritte auf mich zu, nein, sie schritt, muss ich sagen, und dann blieb sie minutenlang reglos stehen, als hätte sie Angst, als sträubte sie sich gegen etwas, was sie mitriss, dieses dünne Mädchen, dunkel wie ihr Vater, glänzend gebürstetes schulterlanges Haar, lange Wimpern, gelbe Strickjacke über wadenlangem geblümten Kleid, leichte Hose, schmutzige weiße Pantoffeln - eine kleine afghanische Version von Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrring. Schutzlos stand sie in Bachs Universum, in dem sich eine Note wunderbar natürlich zur anderen fügte und einen harmonischen Fluss bewirkte, der über die Natur hinausragte." (S. 133)

Jabbar
Ein Jugendlicher, der mit seiner Mutter in Abbottabad in Pakistan lebt. Eine christliche Familie unter Muslimen. Jabbar träumt davon, mit seiner Familie nach Amerika auszuwandern. Doch leider fehlen die Mittel, um diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Eines Tages tut sich ein Hoffnungsschimmer auf.

Anfangs scheint es kaum Verbindungen zwischen den einzelnen Charakteren zu geben. Erst mit der Zeit beginnen sich ihre Wege zu kreuzen, und ihre Schicksale verflechten sich zu einem logischen Ganzen.

Leon de Winter konzentriert sich zu Beginn seines Romanes auf bin Ladens Tage vor dem Angriff sowie auf den Angriff selbst. Dabei schildert er diese Operation mit all ihrer militärischen Präzision. Man ist versucht, diesen Roman als Politthriller einzuordnen. US Army, CIA, Terroristen, das Weiße Haus, alles deutet darauf hin. Der damalige (und jetzige) Präsident der USA wird im Übrigen von Leon de Winter mit sehr unfeinen Eigenschaften ausgestattet, allen voran Skrupellosigkeit und Machthunger. Das ist amüsant, zumal seinem Pendant in der Terrorismusbranche menschliche Eigenschaften angedichtet worden sind. Hier lässt Leon de Winter die Grenzen zwischen den guten Jungs und den bösen Jungs geschickt verwischen.

"Im Frühjahr 2011 war Obama in Militärkreisen keine sonderlich beliebte Figur. Wir wählten zwar nicht alle die Republikaner, in unseren Augen befassten sich nur Weicheier mit Politik, aber wir fanden, der jetzige Präsident sei ein elitärer Universitätsprofessor, der kein Feeling für die Machtverhältnisse in der Welt habe und auch kein Feeling dafür, welche Opfer wir, die Kämpfer und ihre Familien, für das Land brächten." (S. 64)

Mit der Zeit entwickelt sich der vermeintliche Politthriller zu einem Roman über menschliche Schicksale. Der Charakter bin Laden gerät in den Hintergrund und auf einmal stehen die berührenden Schicksale einer christlichen Familie und eines muslimischen Mädchens im Mittelpunkt.

Dies war der erste Roman, den ich von Leon de Winter gelesen habe, aber mit Sicherheit nicht der letzte. Ich war von Anfang an gefesselt. Der niederländische Schriftsteller ist ein Meister der Spannung, wobei es keinen Unterschied macht, ob er über militärische Aktionen schreibt oder über den Alltag in einem islamischen Land und dem Schicksal eines kleinen Mädchens. Es fällt nicht leicht, diesen Roman aus der Hand zu legen, insbesondere durch die unvorhergesehenen Wendungen, die die Handlung nimmt. Einmal begonnen, will man wissen, wo die literarische Reise hinführt. Genauso muss spannende Unterhaltung sein!

Fazit
Ein Roman, der es in sich hat: ein menschlicher Topterrorist, eine militärische Parallelwelt, Johann Sebastian Bach im Krieg, Christen in Pakistan, eine Verschwörungstheorie. Es ließe sich bestimmt noch mehr finden. Man kommt als Leser aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Fantasie des Autors ist grenzenlos. Und er versteht es, seine Geschichte glaubhaft zu verkaufen. Und am Ende bleiben die Zweifel an dem, was damals in Pakistan geschehen ist. De Winters Version erscheint nicht abwegig. Genauso könnte es gewesen sein.

Klare Leseempfehlung!


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hollywood, dorothy parker, f. scott fitzgerald, humphrey bogart, fitzgerald

Westlich des Sunset

Stewart O'Nan , Thomas Gunkel , Anzinger und Rasp, München
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 26.03.2016
ISBN 9783498050450
Genre: Romane

Rezension:

Romane, deren Protagonisten bekannte Persönlichkeiten sind, üben eine große Faszination auf mich aus. Der Reiz liegt für mich darin, dass diese Persönlichkeiten mit all ihren Schwächen dargestellt werden, wobei es mir egal ist, ob diese Schwächen angedichtet sind oder tatsächlich vorhanden sind. Es ist doch immer ein gutes Gefühl zu wissen, dass Berühmtheiten auch nur Menschen wie du und ich sind. 

In dem vorliegenden Roman "Westlich des Sunset" von Stewart O'Nan geht es um den Schriftsteller F. Scott Fitzgerald, Autor von "Der große Gatsby". Fitzgerald konnte mit seinem Ruhm nicht umgehen und ist daran fast zerbrochen. O'Nan versetzt seinen Helden in die 30er/40er Jahre. Fitzgerald, mittlerweile pleite, alkoholabhängig und tablettensüchtig, versucht sein Glück als Drehbuchautor in Hollywood.

Auszug aus dem Klappentext:
Hollywood, 1937. Als der amerikanische Schriftsteller Francis Scott Fitzgerald mit eindundvierzig als Drehbuchschreiber nach Hollywood gerufen wird, scheint seine Alkoholsucht unbezähmbar, seine Frau Zelda lebt in einer psychiatrischen Klinik, das Verhältnis zu seiner Tochter ist schwierig. Mit "Der große Gatsby" hat er Weltruhm erlangt, doch das ist lange her. Nun sieht er in der Traumfabrik Hollywood die Chance eines Neuanfangs. ... 

Hollywood - ein hartes Pflaster für einen Schriftsteller, der seine besten Zeiten bereits hinter sich hat. Fitzgerald gibt sich der Illusion hin, immer noch einen Namen in Hollywood zu haben. Er baut auf seinen Ruf, der ihm bei den Filmgesellschaften viele Türen öffnen soll. Doch man hat den Eindruck, dass er die Jobs, die er erhält, nur aus Mitleid angeboten bekommt. Man nimmt ihn nicht mehr ernst, wozu auch seine Unbeständigkeit als Folge seiner Alkoholsucht beiträgt. Doch Fitzgerald will sein gesunkenes Ansehen nicht wahrhaben. Noch immer vergleicht er sich mit alten Weggefährten, allen voran Ernest Hemingway, mit dem er sich nie ganz grün war. Hollywood ist ein Dorf. Zwangsläufig begegnet man sich auf Parties und öffentlichen Veranstaltungen. Aber Hollywood ist auch eine Zweiklassengesellschaft. Es gibt diejenigen, die auf der Erfolgswelle reiten und im Rampenlicht stehen. Und dann gibt es Leute wie Fitzgerald, die an ihren alten Erfolgen anknüpfen wollen, aber nicht wahrhaben können, dass die Zeiten des Erfolges längst vorbei sind. Diese Leute werden bestenfalls geduldet, gehören aber nicht mehr zur elitären Gesellschaft Hollywoods dazu.

"Er dachte an den Rausch seines ersten Erfolgs, als alle Welt ihn begehrte, nur dass der verträumte Egoist, der er gewesen war, geglaubt hatte, es würde für immer so bleiben." (S. 181)

Als erfolgreicher Romanautor hat Fitzgerald ein angenehmes und unabhängiges Leben geführt. Als Drehbuchautor ist es vorbei mit seiner Unabhängigkeit. Er ist auf Gedeih und Verderb der Produktionsgesellschaft ausgeliefert. Egal wie gut seine Drehbucharbeit ist, am Ende entscheidet der Produzent über den Inhalt des Drehbuches. Es wird ungefragt gekürzt und gestrichen, so dass das Ergebnis am Ende nur noch herzlich wenig mit der ursprünglichen Arbeit des Drehbuchautors zu tun hat. Aber wer bezahlt, bestimmt auch über Inhalt und Stil des Drehbuches. Kreativität ist an dieser Stelle unerwünscht.
Fitzgerald widerstrebt die Rolle des Drehbuchautors. Aber er hat keine Alternativen. Hoch verschuldet, Ehefrau Zelda in einer kostspieligen psychiatrischen Einrichtung, Tochter Scottie auf dem Internat - Fitzgerald muss nehmen, was er kriegen kann und seine eigenen Bedürfnisse dabei hintenanstellen. Er ist einem enormen Druck ausgesetzt. In Hollywood ist sein Alkoholproblem bekannt. Man lauert förmlich darauf, dass Fitzgerald wieder seine Aussetzer hat und scheitert.

O'Nan bestätigt einmal mehr, dass Hollywood nichts anderes als eine Scheinwelt ist. Einerseits das gern gesehene Bild vom Glamour, andererseits die Kälte, Neid und Missgunst der Reichen und Schönen, die sich in Hollywood tummeln. Hollywood hat etwas Verdorbenes und Zerstörerisches. Die Erfolgreichen können damit umgehen, die Erfolglosen gehen daran zugrunde.

"Trotz ihrer tropischen Schönheit, hatte die Stadt etwas Reizloses, Hartes, etwas Vulgäres, das so unzweifelhaft amerikanisch war wie die Filmindustrie, die durch die endlosen Wellen arbeitshungriger Migranten florierte und ihnen nichts Handfesteres als Sonnenschein bot. Es war eine Stadt der Fremden, doch, anders als in New York, gründete sich der Traum, den L. A. verkaufte, wie in jeglichem Paradies, nicht auf außergewöhnliche Leistungen, sondern auf unbegrenzte Leichtigkeit; ein Zustand, den nur Wohlhabende oder Tote erreichen konnten." (S. 59)

Nostalgie macht sich beim Lesen breit. Man stößt auf Stars wie Humphrey Bogart, Marlene Dietrich, Joan Crawford etc. etc. etc. und auch hier ist es sehr unterhaltsam, dass O'Nan diese schillernden Berühmtheiten des Filmgeschäfts, an die man mit Ehrfurcht zurückdenkt, von ihrem Podest herunterholt und mit allen möglichen menschlichen Schwächen ausstattet.

Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, das Szenario durch einen Filter zu betrachten. Das Leben in Hollywood hat etwas Unwirkliches, als ob es nicht von dieser Welt ist. Fitzgerald ist auf der Suche nach Normalität. Ein "normales" Familienleben, ein "normaler" Beruf, um seine Familie zu ernähren. Aber mit seinem Wunsch nach Normalität wirkt er in Hollywood deplatziert. Diese Normalität findet er auch nicht mehr in seiner Ehe. Die psychische Erkrankung seiner Frau Zelda macht ein "normales" Eheleben unmöglich. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann er sich in eine andere Frau verguckt, die allerdings große Ähnlichkeit mit Zelda aufweist. Es ist der Versuch, an seinem "alten" Leben mit Frau anzuknüpfen. Aber die Beziehung zu seiner "Neuen" scheint nicht zu funktionieren. Sheila, beruflich erfolgreich und unabhängig, ist ihm deutlich überlegen. Fitzgerald nimmt die Beziehung ernster als sie es tut.

"Er glaubte nicht an Scheidung - nicht als Katholik, denn das war er nur noch dem Namen nach, sondern als Romantiker -, und dennoch begriff er, dass, obwohl eine Verbundenheit blieb, der Aspekt ihrer Liebe vorbei war, zerstört durch Wut, Krankheit und Schmerz, durch zu viele Seitensprünge und zu viele getrennte Nächte." (S. 162)

Fitzgerald wird immer mehr zum Loser. Kein Erfolg im Beruf, kein Erfolg in der Liebe. Fitzgerald zerbricht langsam an seinen Misserfolgen und versinkt immer häufiger in seiner Sucht. 

Stewart O'Nan beschreibt das Scheitern Fitzgerald mit einer Nüchternheit, die eine große Distanz zu seinem Protagonisten aufkommen lässt. Er beschönigt nichts, bewertet nichts und nennt die Dinge beim Namen. Es kommen weder Mitgefühl für den zerplatzten Traum einer gescheiterten Existenz auf der Suche nach Normalität auf, noch Schadenfreude für den Absturz eines Mitgliedes des Vereins der Reichen und Schönen auf. Es scheint fast so, als ob einen die Geschichte Fitzgeralds gleichgültig lässt. Aber das stimmt nicht. Denn mit Fortschreiten der Handlung wird man feststellen, dass einem die Person Fitzgerald doch näher gekommen ist als man gedacht hat. 

Fazit
Dieser Roman liefert eine besondere Mischung aus der Glitzerwelt Hollywoods, Nostalgie und dem Scheitern einer Persönlichkeit. Dabei bedient sich der Autor einer Sprache, die nicht viel mit Glanz und Glamour zu tun hat, sondern eher das Zerstörerische und Unbarmherzige der Stadt der Engel betont. Klare Leseempfehlung!

© Renie

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

Nie mehr Frühling

Petra Hofmann
Fester Einband: 231 Seiten
Erschienen bei Picus Verlag, 16.02.2015
ISBN 9783711720191
Genre: Romane

Rezension:

Petra Hofmann erzählt in ihrem Erstlingswerk die Geschichte eines Dorfes und seiner Bewohner. Im Mittelpunkt steht dabei Hermine Stoll (*1910 - †1997), der durch den Verlust ihrer großen Liebe jegliche Lebenslust abhanden kommt und die sich nie mehr von dem Schmerz erholen wird. Der Leser begleitet Hermine von ihrer Jugend bis zu ihrem Tod.
Die Handlung dieses feinen eindringlichen Romans entwickelt dabei einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Einmal begonnen, legt man dieses Buch so schnell nicht mehr aus der Hand.

Worum geht es in diesem Roman?
Hermine ist sicher die eigensinnigste, lebenslustigste Frau im Dorf, als sie, verrückt vor Liebe, an einem Tag im Mai ihren Karl heiratet. Ewige Treue schwört sie ihm – bis in den Tod und darüber hinaus. Karls Einberufung in die Wehrmacht zerstört die Idylle jedoch auf einen Schlag. Hermine wartet auf ihn – ohne Rücksicht auf ihre kleinen Söhne und die Notwendigkeiten des täglichen Lebens. Sie weigert sich, den Tod ihres Geliebten zu akzeptieren, während sich die Frauen im Dorf längst den Mund über sie zerreißen und ihre Nachbarin Erna sie gleichermaßen beneidet wie verachtet. Der Krieg ist vorüber, das Leben in Deutschland geht weiter, aber Hermine lebt weiterhin in der Vergangenheit. (Klappentext)

"Auf dem Küchenboden liegt sie, vor dem Herd, zusammengekrümmt.Sie regt sich nicht.Mutter?, sagt Paul. In den Kleidern liegt sie da, die dünnen Beine in Gummistiefeln." (S. 9)

Hermine ist tot. Damit beginnt dieser Roman. Die 87-jährige Frau wird von ihrem Sohn Paul in ihrer Küche tot aufgefunden. Der Anblick seiner toten Mutter erfüllt ihn mit Abscheu und Erleichterung. Die alte Hermine schien kein Mensch zu sein, der von ihren Mitmenschen geliebt wurde. Warum eigentlich? Was ist passiert, dass aus Hermine, dem einst lebenslustigen Mädchen eine derart schreckliche und verkommene Alte geworden ist?
Der Leser erhält eine Antwort auf diese Frage, in dem in einzelnen chronologisch angeordneten Episoden der Lebensweg von Hermine dargestellt wird. Dabei wird aus der Sicht der unterschiedlichsten Personen erzählt, in der Regel Hermines Söhne, ihre Schwester und Nachbarn. Nur Hermine kommt nie zu Wort. Sie ist diejenige, die unter Beobachtung steht. Sowohl vom Leser als auch von der Dorfgemeinschaft. 

"Eine deutsche Frau lässt sich nicht gehen. Sie stellt eine anständige Mahlzeit auf den Tisch. Sie hält Ordnung, unter allen Umständen." (S. 77)

Hermine war immer etwas anders. Schon als junges Mädchen tat sie sich schwer, sich den dörflichen Konventionen zu unterwerfen. Sie hat von der großen und leidenschaftlichen Liebe geträumt, die sie in Karl gefunden hat. Schon allein dafür wurde sie von den anderen Frauen aus dem Dorf misstrauisch beäugt, aber auch insgeheim beneidet. Als der Nationalsozialismus in Deutschland Einkehr hält, hat Hermine zusammen mit ihrem Karl den Mut, gegen den braunen Strom zu schwimmen. Da sie mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg hält, stößt sie auf Unverständnis bei der Dorfgemeinschaft, die sich von der braunen Welle begeistert mitreißen lässt. Doch mit Karl ist sie stark und kann dem Druck ihrer Umgebung standhalten. Als Karl in den Krieg geschickt wird, bricht Hermine zusammen. Sie hält daran fest, dass Karl wieder zu ihr nach Hause kommen wird. Bis dahin wird das Leben für sie still stehen. Sie vernachlässigt sich selbst und kümmert sich nicht mehr um ihre beiden Söhne, die bis dahin ein liebevolles Zuhause gewöhnt waren. Für die Kinder bricht eine Welt zusammen. Sie verstehen nicht, warum ihre Mutter sich nicht mehr um sie kümmert. Anfangs suchen sie die Schuld bei sich und versuchen der Mutter zu gefallen. Doch Hermine zieht sich zurück. Die beiden Jungen begreifen schnell, dass ihre unbeschwerte Kindheit vorbei ist und sie von jetzt an allein auf sich gestellt sind, auch wenn sie Seite an Seite mit der Mutter unter einem Dach wohnen. 

"Wie sie dasitzt, auf ihrem Hocker, ungerührt, starr. Und schon hört er sich schreien, Herrgott, schreit er und geht zu ihr und packt sie an den Schultern, diesen steifen, knochigen Schultern, und schüttelt sie, Herrgott, beweg dich doch endlich, schreit er, tu, was alle Mütter tun, ist das denn zu viel verlangt!? Er schreit und schüttelt sie, und es ist, als schüttelte er eine Holzpuppe, und da lässt er es. Und weiß nicht wohin mit all der Wut in sich." (S. 128 f.)

Als der Krieg vorbei ist, kehren nach und nach die Männer von der Front zurück. Hermine wartet auf ihren Karl. Sie ist vorbereitet auf seine Rückkehr. Doch Karl wird nicht zurückkehren. Ein Brief informiert darüber, dass Karl während des Krieges gefallen ist. Selbst dieser Brief reicht nicht aus, um Hermine vom Tod ihres Mannes zu überzeugen. Sie hält nach wie vor an dem Glauben fest, dass Karl eines Tages heimkehren wird. Menschen, die ihr in dieser schwierigen Zeit beistehen wollen, weist sie zurück. Sie reagiert mit Beschimpfungen und zieht sich immer mehr in ihre eigene Gedankenwelt zurück. Und so gehen die Jahre ins Land. Das Dorf und seine Menschen verändert sich. Der Fortschritt hält Einzug. Und mittendrin bewegt sich die alte verbitterte bösartige Hermine, die immer noch auf ihren Karl wartet, misstrauisch beäugt von ihrem Umfeld. Die Zeit scheint für Hermine stillzustehen.

Die Dorfgemeinschaft entwickelt mit der Zeit eine eigene Dynamik. Bemerkenswert ist der Umgang mit Hermine: Als Mädchen misstrauisch beäugt, als Nazigegnerin bedroht, als Mutter verachtet, als Witwe unverstanden (Männer fallen nun mal im Krieg, damit muss man sich abfinden). Auch wenn sie im Alter gehasst wird, findet man mit den Jahren gerade bei den älteren Dorfbewohnern so etwas wie Respekt vor ihrer Sturheit. Denn Veränderungen und Fortschritt, die mit den Jahren im Dorf Einzug gehalten haben, sind vielen nicht geheuer. Wie gern erinnert man sich der alten Zeiten. Und Hermine ist ein Sinnbild für diese alte Zeit. 

"Ich glaube, auch die Zugezogenen betrachten sie als Teil des Dorfes, eine alte wirre Frau eben, fremd und unnahbar, übrig geblieben aus einer anderen Zeit, ein Stück Dorfgeschichte vielleicht, die sie nichts angeht." (S. 172)

Wenn man die ersten Seiten dieses Buches gelesen hat, will man es nicht so schnell aus der Hand legen. Die episodenhafte Handlung entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Die einzelnen Kapitel sind kurz gehalten, so dass die Sichtweise auf Hermine häufig und schnell wechselt. Dabei erzählt Petra Hofmann die Geschichte Hermines in einer sehr symbolträchtigen und eindringlichen Sprache. Sie schafft es, die Gefühlswelt der einzelnen Charaktere sehr präzise wiederzugeben. Da ist es ein Leichtes für den Leser, sich von der jeweiligen Stimmungslage vereinnahmen zu lassen.

Der Titel „Nie mehr Frühling“ ist nicht von ungefähr gewählt. Häufig stößt man auf Textpassagen, die das Wetter zum Thema haben. Man kann gar nicht anders als die Symbolhaftigkeit zu erkennen und Parallelen zur Handlung zu finden.

"Vor dem Haus war die Mutter auf der Bank gesessen. Ein wunderbarer Frühling, hatte sie gesagt, kaum ein trüber Tag, und die Sonne wärmt schon. Lene hatte sich neben sie gesetzt. Wenn der Sommer nur auch so schön wird, hatte Lene gesagt. Das weiß man nie, hatte die Mutter gesagt. Wenn der Wind dreht, kann es kalt werden. Auch mitten im Sommer." (S. 26)

Dieses Buch hat mich in seinen Bann gezogen. Petra Hofmann hat einen bemerkenswerten Erzählstil, der die Stimmungen der Protagonisten eindringlich vermittelt und den Leser mit sich reißt. Dieser Roman macht daher eindeutig Lust auf mehr aus der Feder von Petra Hofmann. Klare Leseempfehlung!

© Renie


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46 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

freundschaft, alzheimer, j. paul henderson, diogenes verlag, letzter bus nach coffeeville

Letzter Bus nach Coffeeville

J. Paul Henderson , Jenny Merling
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 23.03.2016
ISBN 9783257069594
Genre: Romane

Rezension:

Ein Schwarzseher, ein toter Scharfschütze, ein Wettermann und ein Waisenkind … Dies sind nur einige der Charaktere aus J. Paul Hendersons originellem Roman über einen Bustrip durch die Südstaaten des heutigen Amerikas. Im Mittelpunkt steht dabei die lebenslange und bedingungslose Freundschaft der Protagonisten und die Einforderung eines Versprechens.

Worum geht es in diesem Roman?
Nancy Skidmore leidet an Alzheimer. Bereits in ihrer Jugend war ihr bewusst, welches Schicksal ihr droht, da diese Krankheit in ihrer Familie von Generation zu Generation weitergereicht wird. Mittlerweile ist sie Ende 60 und die Symptome der Krankheit werden immer schlimmer. Ihre größte Angst war immer, dass sie im Alter ein menschenunwürdiges Leben führen muss und nur noch ein Schatten ihrer selbst sein wird. Daher hat sie mit Anfang 20 ihrem Freund „Doc“ Eugene das Versprechen abgenommen, dass er sich um sie kümmern wird, sobald sie ihre Krankheit nicht mehr allein meistern kann. Lange Zeit hat er nichts von Nancy gehört. Genauso wenig wie von Bob. Die drei waren in ihrer Jugend immer als Dreiergespann unterwegs, haben sich aber über lange Jahre aus den Augen verloren. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, dass Doc sein Versprechen einlösen muss. Er beschließt, Nancy nach Coffeeville zu bringen. Hier gibt es ein Haus im Besitz der Familie Skidmore, in dem Nancy während der Zeit als sie noch klar im Kopf war, viele glückliche Stunden verbracht hat. Doch Doc benötigt Unterstützung während der Reise nach Coffeeville. Begleitet werden Nancy und Doc daher von Bob, dem alten Freund sowie Jack, Doc's Patensohn. Unterwegs stößt noch Eric dazu, ein elfjähriges Waisenkind, das auf der Suche nach Familie und Geborgenheit ist. Er hofft, dies bei seiner Cousine Susan, die im Erotikgewerbe tätig ist, zu finden. Der Zufall führt Eric mit den drei Männern und Nancy zusammen, die ihm nun bei der Suche helfen wollen. Aber egal, wie die Suche ausgehen wird. Coffeeville wird die Endstation dieser Reise sein.

"Die Nancy Skidmore, die inzwischen in der geschlossenen Abteilung des Pflegeheims lebte, hatte nicht mehr viel mit dem Menschen zu tun, der sie früher einmal gewesen war. Ihr Geist war von Flechten und Moos überzogen wie ein alter Grabstein, und die Tür zu ihrem Gedächtnis war nur noch einen Spalt breit offen. Bald wäre sie verriegelt und verrammelt." (S. 239)

Der Roman beginnt, indem J. Paul Henderson zunächst seine Charaktere vorstellt. Er holt dabei weit aus und beginnt in den Jahren, in denen der Grundstein für die Freundschaft von Nancy, Doc und Bob gelegt wurde. Auch wenn sie sich jahrelang aus den Augen verloren haben und sie nicht mehr viel voneinander wissen, verbindet sie diese tiefe uneingeschränkte Vertrautheit, die sich nur bei lebenslangen Freundschaften finden lässt. Der Leser erfährt, welche großen und kleinen Dramen die Protagonisten in der Vergangenheit erlebt haben, und wie sehr sie diese Dramen geprägt haben. 

J. Paul Henderson hat aus seinen Charakteren etwas Besonderes gemacht. Auf den ersten Blick erscheinen sie „merkwürdig“. Sie haben Eigenarten an sich, die man als „schräg“ beschreiben kann. Aber je mehr man sich mit ihnen beschäftigt, umso intensiver lernt man die „wahren“ Charaktere kennen: verantwortungsvolle Menschen, die sich aufopfernd umeinander kümmern und für die Freundschaft eine lebenslange Verpflichtung bedeutet, die man gern erfüllt – in guten wie in schlechten Zeiten! 

"In Wahrheit war Doc davon überzeugt, dass von den Menschen abgesehen, mit denen er im Moment gemeinsam unterwegs war, ihn niemand wirklich kannte, selbst wenn sie wussten, wie er hieß. Das bereute er rückblickend am meisten: Dass er sich zeit seines Lebens nicht dagegen gewehrt hatte, zu einer Karikatur dessen zu werden, wie ihn andere sahen, anstatt der zu sein, als der er sich wirklich fühlte. Alle gingen davon aus, dass er kein großer Menschenfreund, am liebsten allein war und kaum Gefühle hatte."(S. 402)

Die Reise nach Coffeeville führt die Freunde quer durch die Südstaaten Amerikas. Der Leser stellt schnell fest, dass Henderson seine Protagonisten durch eine heile Welt reisen lässt. Idyllische Landschaften, kleine Ortschaften, wenig Schmutz und Lärm. Ja, den Leuten geht es gut in diesen Breitengraden. Der Inbegriff der heilen Welt findet sich tief in Walton’s Mountain. Wer kennt sie nicht, die TV-Familie Walton aus den 80ern? Die Amerikaner liebten diese Fernsehserie - und nicht nur die Amerikaner. Bei den Waltons war die Welt noch in Ordnung. Auch wenn sich ein paar Sorgen in den Alltag dieser Familie schlichen, spätestens beim Zubettgehen, waren diese Probleme vergessen. „Gute Nacht, John-Boy! Guten Nacht, Sue-Ellen! Gute Nacht Grandpa! …“ Dieses allabendliche Ritual reichte aus, dass dem Zuschauer ganz warm ums Herz wurde.

"Die Serie war ein großer Erfolg. Ihre Fangemeinde sehnte sich zurück nach dieser längst vergangenen Zeit, in der es noch klare Regeln gab und man ein gottesfürchtiges Leben führte, als traditionelle Werte noch groß geschrieben wurden, der Familienzusammenhalt stark und Einsamkeit ein Fremdwort war. Dass das Leben von damals, wie es in der Serie dargestellt wurde, so nie existiert hat, war den Millionen begeisterter Zuschauer egal, und jede Woche tauchten sie aufs Neue ein in das Leben und die Probleme der Menschen, die in Walton's Mountain lebten, und vergaßen dabei nur zu gern, dass der Schauspieler, der Grandpa Walton verkörperte, einmal Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen war." (S. 339 f.)

Und hier kommt der satirische Charakter von Henderson's Roman durch. Denn bei allem Heile-Welt-Denken vergisst er nicht darauf hinzuweisen, dass Spießigkeit und Scheinheiligkeit einen großen Platz in dieser Gesellschaft einnehmen. Henderson lässt keine Möglichkeit aus, den konservativen Teil der amerikanischen Gesellschaft durch den Kakao zu ziehen. Das macht das Buch sehr komisch, denn die Bloßstellungen der Gesellschaft sind dabei äußerst fantasievoll und originell.

Dieser tolle Roman bewirkt bei dem Leser Einiges. Nahezu die komplette Gefühlspalette wird durchlaufen. Man lacht und weint, empört sich und fühlt mit. Man hofft und bangt. Dieser Roman lässt einen nicht los. Man genießt jede Seite, denn J. Paul Henderson hat viel zu erzählen. Sein Sprachstil ist dabei sehr lebhaft, so dass es einfach nur Spaß macht, der Geschichte um die alten Freunde in ihrem klapprigen Bus zu folgen.

J. Paul Henderson hat dieses Buch geschrieben, nachdem seine Mutter nach langer Leidenszeit vor einem Jahr an Alzheimer gestorben ist. Dieser Roman ist sein Erstlingswerk und er musste tatsächlich 67 Jahre alt werden, um seine schriftstellerische Gabe zu entdecken. Man kann nur hoffen, dass er nicht lange mit weiteren Romanen auf sich warten lässt. Denn „Letzter Bus nach Coffeeville“ macht eindeutig Lust auf mehr von J. Paul Henderson.

© Renie

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190 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 74 Rezensionen

usa, freundschaft, familie, familiengeschichte, baltimore

Die Geschichte der Baltimores

Joël Dicker , Andrea Alvermann , Brigitte Große
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.05.2016
ISBN 9783492057646
Genre: Romane

Rezension:

Ein Autor hat einen Bestseller herausgebracht. Sein Buch hat sich millionenfach verkauft. Jetzt steht er unter Erfolgszwang, denn die Leserschaft verlangt nach einem weiteren Roman, der mindestens an den Vorgänger heranreicht. Schafft es der Autor mit dieser erdrückenden Erwartungshaltung umzugehen? Hat er nicht mit seinem ersten grandiosen Bestseller sein schriftstellerisches Pulver verschossen?
Und schließlich ist es soweit, sein neuer Roman wird veröffentlicht. Von der Optik her fühlt man sich an den Vorgänger erinnert: ähnliches Cover, gleiche Art der Illustrationen und einer der Hauptcharaktere kommt ebenfalls in der Geschichte vor.
Da kommt leicht der Verdacht auf, dass der Nachfolger ein Abklatsch des erfolgreichen Vorgängers ist. Nicht so bei Joël Dicker, der mit seinem Roman „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“, veröffentlicht im Jahre 2012, ein unglaubliches Buch geschrieben hat. Sein neuer Roman „Die Geschichte der Baltimores“ weist nur sehr wenige Parallelen zu seinem Vorgänger auf. Auch wenn Joël Dicker die Messlatte durch seinen Erfolg mit „Harry Quebert“ sehr hoch gehängt hat, schafft er trotzdem das Kunststück, mit seinem Neuling noch einen draufzulegen.

Worum geht es in diesem Roman?
Die Goldmans aus Montclair sind eine typische Mittelstandsfamilie, sie leben in einem langweiligen Vorort von New Jersey und schicken ihren Sohn Marcus auf eine staatliche Schule. Ganz anders die Goldmans aus Baltimore: Man ist wohlhabend und erfolgreich, der Sohn Hillel hochbegabt, der Adoptivsohn Woody ein vielversprechender Sportler. Als Kind ist Marcus hin- und hergerissen zwischen der Bewunderung für diese „besseren“ Verwandten und seiner leisen Eifersucht auf ihr perfektes Leben. Hillel und Woody aber sind seine besten Freunde, zu dritt sind sie unschlagbar, zu dritt schwärmen sie für das gleiche Mädchen – Alexandra. Bis ihre heile Welt eines Tages für immer zerbricht. Acht Jahre nach der Katastrophe beschließt Marcus, inzwischen längst berühmter Schriftsteller, die Geschichte der Baltimores aufzuschreiben. Aber das Leben ist komplizierter als geahnt, und die Wahrheit über die Familie hat viele Gesichter, die ihm gänzlich unbekannt waren … (Klappentext)

Marcus Goldman is back! Marcus, der bereits in Joël Dickers Buch "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" eine wichtige Rolle gespielt hat, übernimmt auch diesmal die Funktion des Erzählers. Er setzt mit seiner Geschichte im Oktober 2004 ein - „einen Monat vor der Katastrophe“ wie uns in der Überschrift des Kapitels verraten wird. Es bedarf also nicht vieler Worte, um direkt die volle Aufmerksamkeit des Lesers zu erlangen. Schon ist man in der Geschichte drin und sucht nach Hinweisen, was es mit dieser „Katastrophe“ auf sich haben könnte. 

"' ... Die Katastrophe des Lebens. Es gab immer Katastrophen, es wird immer Katastrophen geben, und das Leben geht trotzdem weiter. Katastrophen sind unvermeidlich. Sie haben im Grunde keine große Bedeutung. Wichtig ist nur, wie wir sie überwinden. ...'" (S. 505)

Marcus Goldman holt in seiner Erzählung zunächst weit aus. Rückblickend (wir schreiben mittlerweile das Jahr 2012) führt er uns in die 80er und 90erJahre, die Zeit seiner Kindheit und Jugend. Hier lernt der Leser die Goldman-Gang kennen – Marcus und seine beiden Cousins Hillel und Woody, die alle drei im gleichen Alter sind, und die eine unzertrennliche Freundschaft verbindet. Marcus genießt es, Ferien und Feiertage mit seinen Cousins aus Baltimore zu verbringen. Sein reicher Onkel Saul und dessen Frau Anita, sehen es als selbstverständlich an, dass Marcus bei ihnen ein- und ausgeht. Er ist wie ein dritter Sohn für sie. Marcus empfindet Bewunderung für den Lifestyle der „Baltimores“, der so völlig im Kontrast zu dem Leben steht, das er mit seinen eigenen Eltern, den „Montclairs“, führt. Der Leser begleitet die drei Jungen durch ihre Kindheit, allerdings immer wieder unterbrochen von Momentaufnahmen der Gegenwart, 8 Jahre nach der Katastrophe.
Marcus möchte nach all den Ereignissen, die seine Kindheit geprägt haben, ein Buch über die Geschichte der Familie Goldman schreiben. Während er seine Kindheit und Jugend Revue passieren lässt, fängt er an, vieles zu hinterfragen. Ihm wird schnell bewusst, dass in der Geschichte seiner Familie Dinge geschehen sind, deren Hintergründe er erst heute, mit einigen Jahren Abstand versteht.

"Das war es, was die Goldman-Gang zusammengehalten hatte: Wir waren großartige Träumer gewesen. Das hatte uns ausgezeichnet. Und nun war ich der Letzte von uns dreien, der noch einem Traum nachhing. Dem ursprünglichen Traum. Warum wollte ich ein berühmter Schriftsteller werden und nicht einfach nur Schriftsteller? Wegen der Baltimores. Einst waren sie meine Vorbilder gewesen, dann waren sie zu Rivalen geworden. Ich wollte nur eins: sie übertreffen." (S. 418 f.)

Stellenweise fühlte ich mich an eine griechische Tragödie erinnert - nur dass Joël Dicker mit seinem Erzählstil um einiges unterhaltsamer ist ;-). Protagonisten, die sich in eine ausweglose Situation hineinmanövrieren, eine unabwendbare herannahende Katastrophe, innere Konflikte und Zerrissenheit, die die tragischen Helden ins Unglück stürzen. Das alles findet man bei Joël Dicker. Bei ihm geht es um Liebe und Eifersucht, Bewunderung und Neid, Bruderliebe und Rivalität, Vater-Sohn-Konflikt, Familienbande, Stolz, Missverständnis etc. etc. etc. Man stellt an vielen Stellen fest, dass das Leben in der Familie Goldman einer gefühlsmäßigen Gratwanderung gleich kommt:
Marcus‘ Bewunderung für die Baltimores lässt sich selten von Neid unterscheiden. Dieser Neid wird ihn seine ganze Kindheit begleiten. Doch erst im Erwachsenenalter wird er dieses Gefühl verstehen und lernen, damit umzugehen.
Hillel und der adoptierte Woody verbindet eine innige Geschwisterliebe. Aber dennoch ist ihr Miteinander von Rivalität und Eifersucht geprägt. Unbewusst gönnt keiner dem anderen die ihm eigene Begabung. Sie kämpfen mit der ständigen Angst, dass der andere den Eltern wichtiger sein könnte, weil er etwas kann, das man selbst nicht beherrscht. Und doch halten sie zusammen wie Pech und Schwefel. Sie können nicht ohne den anderen.

Familiäre Beziehungsprobleme scheinen bei den Goldmans von Generation zu Generation weitergegeben zu werden. Es wundert nicht, dass Marcus Goldman bei seinen Nachforschungen bestätigt bekommt, dass auch sein Vater und dessen Bruder Saul mit Rivalität, Neid und Eifersucht zu kämpfen hatten. Die Brüder waren ständig dem Druck ausgesetzt, sich ihrem dominanten Vater gegenüber beweisen zu müssen, und um dessen Liebe zu kämpfen.

"In solchen Momenten war ich böse auf Onkel Saul, weil er meine Eltern kleinmachte. Er verhexte sie mit seinem verfluchten Geld, sodass sie zu zwei jämmerlichen Würmchen schrumpften, die sich verkleiden mussten, um sich ein Essen spendieren zu lassen, das sie sich selbst nie leisten könnten. Und ich sah den unmäßigen Stolz im Blick meiner Großeltern. Nach jedem dieser Ausflüge verkündete Großvater Goldman jedem, der es hören wollte, wie sagenhaft erfolgreich sein Sohn sei, der große Saul, der König des Hauses Baltimore." (S. 350)

Joël Dicker ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Sein Sprachstil ist durch eine Leichtigkeit gekennzeichnet, die die Seiten nur so dahinfliegen lassen. Gerade die Erzählungen aus der Kindheit der Goldman-Gang sind sehr kurzweilig und vermitteln den Eindruck einer fast idyllischen Familienszenerie. Tja, wenn die Andeutungen auf die „Katastrophe“ nicht wären. Diese Hinweise erinnern den Leser immer wieder daran, dass nicht „alles Gold ist, was glänzt“. Und plötzlich kommt der Moment der „Katastrophe“. Die Handlung nimmt eine unvorstellbare Wendung an. In einem einzigen Moment ist das Goldmansche Familienglück verpufft. Man hat mit allem gerechnet, nur nicht damit. Das ist großartige Unterhaltung. Es fehlt nur das Popcorn, um das Kopfkino perfekt zu machen.

Fazit:
Ich bin erleichtert! Nach „Harry Quebert“ habe ich den „Baltimores“ regelrecht entgegengefiebert. Meine Befürchtungen, dass Joël Dickers neuer Roman ein Abklatsch von Harry Quebert sein könnte, haben sich nicht bewahrheitet. Ganz im Gegenteil. Die beiden Romane weisen nur sehr wenige Parallelen auf. Tatsächlich hat Dicker es geschafft, mit den Baltimores noch eine Schippe draufzulegen. Er ist ein Meister der hohen Erzählkunst. Seine sprachliche Leichtigkeit ist nicht zu übertreffen und macht jede einzelne der 510 Seiten zu einem Hochgenuss.

© Renie

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ruhrpott

Zechengeister

Romy Wolf
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei In Farbe und Bunt Verlags- UG, 14.08.2015
ISBN 9783941864184
Genre: Historische Romane

Rezension:

Romy Wolf hat mit „Zechengeister“ einen atmosphärischen Fantasyroman geschrieben, der den Leser von Anfang bis zum Ende in seinen Bann zieht. Allein schon die Vorstellung, sich Tausende von Metern unter der Erde aufzuhalten, in nahezu völliger Dunkelheit und inmitten eines riesigen Stollenlabyrinths, lassen den Adrenalinspiegel drastisch ansteigen. Die Fantasie läuft zur Höchstform auf, und plötzlich ist der Gedanke an Wesen, die durch Bergwerksstollen geistern, gar nicht mehr so abwegig. 

Worum geht es in diesem Roman?
Micha Keller lebt mit Mutter und Schwester Neni in einer Siedlung der Zeche Alba irgendwo im Ruhrgebiet. Er ist Bergarbeiter und fährt jeden Tag in den Stollen, um seine Familie ernähren zu können. Seine jüngere Schwester Neni ist eine Geisterseherin. Sie ist in der Lage, mit den Geistern der Verstorbenen zu kommunizieren. Anfangs als Absonderlichkeit abgetan, stellt Micha irgendwann fest, wie wertvoll Neni’s einzigartige Fähigkeit ist. Denn die Familien der Zeche Alba werden von einer merkwürdigen Krankheit epidemischen Ausmaßes heimgesucht. Die Narrenkrankheit geht um. Menschen erwachen nicht mehr aus dem Schlaf und vegitieren in einer Art Wachkoma vor sich hin. Die Ursache für diese Krankheit ist irgendwo in den Tiefen des Bergwerkes zu finden. Als auch ihre Mutter in den todesähnlichen Schlaf fällt, begeben sich Micha und Neni unter Tage, um den Kampf gegen die Verursacher dieser schrecklichen Seuche aufzunehmen. Unterstützung finden sie dabei in Falkor und Jaris, zwei merkwürdige Wesen, die seit Jahrhunderten unter der Erde leben.

„Der Lärm, der die Gebäude der Zeche und der angrenzenden Kokerei zu jeder Tageszeit umgab, bedeutete Leben. Er bedeutete, dass Männer in den Stollen herab fuhren, hundert, tausend Meter und mehr, und am Ende der Schicht schwarz vor Kohlenstaub wohlbehalten wiederkehrten. Dass die Männer Lohn mitbrachten. Geld, von dem Brot gekauft und die Miete bezahlt werden konnte. Er bedeutete, dem Tod wieder einmal ein Schnippchen geschlagen zu haben. Es mochte nicht viel von dem Lärm nach außen dringen. aber im Innern tobte die Zeche.“ (S. 7)

Schauplatz ist die Zeche Alba im Ruhrgebiet zum Ende des 19. Jahrhunderts - eine fiktive Zeche, die es aber genauso gegeben haben könnte. Der Bergbau boomt. Gastarbeiter werden ins Land geholt. Dabei handelt es sich vorwiegend um Familien aus Polen und Italien. Anfeindungen zwischen den Bevölkerungsgruppen sind an der Tagesordnung. Toleranz ist ein Fremdwort. Den deutschen Bergarbeiterfamilien sind die „Polacken“ und „Itaker“ ein Dorn im Auge. Nicht nur aufgrund des Sprachproblems leben die Bevölkerungsgruppen unter sich in ihren eigenen Vierteln. Angriffe gegenüber Polen und Italienern sind an der Tagesordnung. Mit Ausbruch der Narrenkrankheit sind die deutschen Kumpel schnell bei der Hand, den polnischen und italienischen Familien die Schuld zu geben, auch wenn diese genauso viele Opfer zu beklagen haben. Denn zumindest der Narrenkrankheit ist die Nationalität der Menschen egal.

„Die Wolken bluteten und der Himmel war erleuchtet, nicht völlig schwarz, wie er hätte sein sollen. Lange Schornsteine bohrten sich wie Lanzen in den Bauch des Gestirns, einer nach dem anderen. Rauch zeichnete sich dämonisch vor dem brennenden Himmel ab. … Und dann waren da die endlosen Reihen von niedrigen Backsteinhäusern, in denen die Menschen zu Tausenden eingepfercht warteten wie auf dem Weg zur Unterwelt. Kleine Zellen, die Seelen einsperrten und ihnen all die Hoffnung nahmen. Straßenzüge, ein Labyrinth gebaut aus Elend und Trostlosigkeit.“ (S. 92)

Man merkt diesem Roman an, dass die Autorin Ruhrgebietlerin durch und durch ist. Bei der Schilderung des Bergarbeiter-Daseins ist sie sehr authentisch. Dazu trägt ihr sehr bildhafter Sprachstil bei, der das Zechenleben einzigartig in Szene setzt. Der Leser hört den Höllenlärm, er spürt das Vibrieren der Dampfmaschinen, er sieht die kohlestaubverkrusteten Gesichter der Kumpel vor sich. Lärm, Dreck und Schweiß – die ständigen Begleiter der Bergarbeiter.
Gerade die Szenerie in den Bergwerksstollen ist sehr eindringlich beschrieben. Unbehagen macht sich breit, wenn der Lärm plötzlich durch Momente der Stille abgelöst wird. Stille, die einen fast erdrückt und bewusst macht, wie tief man unter der Erde ist, wieviel Gestein über einem lastet und wie entsetzlich weit das Tageslicht entfernt ist. Gruselig! Das ist nichts für Leser mit Platzangst!
Man hat fast den Eindruck, dass sich Stille und Dunkelheit unter Tage auf den Schreibstil der Autorin auswirken. Romy Wolf konzentriert sich bei der Beschreibung dieser Szenerie auf Geräusche und Gerüche, Schatten und Bewegungen, die aus dem Augenwinkel wahrgenommen werden. Man sieht nicht weiter als die Grubenlampe leuchtet. Als Leser erahnt man in diesen Momenten eher das Geschehen als dass man es vor seinem geistigen Auge sehen kann. Das ist sehr geschickt von der Autorin gemacht, da der Leser dieses bedrohliche Gefühl, mit dem die Protagonisten in diesen Momenten zu kämpfen haben, am eigenen Leib erfährt, was diesen Roman gerade in den Szenen unter Tage extrem spannend machen.

Fazit:
Ich lebe im Ruhrgebiet und finde daher die Idee, eine Zeche zum Schauplatz eines Fantasyromanes zu machen, einfach nur großartig. Romy Wolf hat mich mit ihrer Darstellung des Bergarbeiterlebens des 19. Jahrhunderts überzeugt. Sie schafft es mit einer sehr bildhaften Sprache den Leser in eine schaurig-schöne Stimmung zu versetzen, die einen bis zum Ende nicht mehr loslässt. Freunde historischer Fantasy und Fans des Ruhrgebietes werden diesen Roman lieben.

© Renie

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14 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

freiheit, liebe, alltagsheld, sehnsucht

Freedom Bar

David Bielmann
Fester Einband
Erschienen bei Riverfield Verlag, 27.02.2016
ISBN 9783952452349
Genre: Romane

Rezension:

Freiburg - ein kleines Städtchen in der Schweiz. In der Lausannegasse Nr. 43 steht ein Haus, das im Keller die Freedom Bar beherbergt. Im Erdgeschoss gibt es einen Buchladen. In weiteren Stockwerken befinden sich eine Anwaltskanzlei sowie eine Mietwohnung. Dieses Haus ist der Dreh- und Angelpunkt für die Geschichte um die 3 Protagonisten
Heinrich alias Henry Schweizer - Betreiber der Freedom Bar.
Johann Grab - Buchhändler, der sein Glück mehr schlecht als recht mit der Buchhandlung "Wissensarchiv" versucht.
Bert Buch - erfolgloser Musiker und Songschreiber, der die Mietwohnung in der Lausannegasse Nr. 43 von seiner kürzlich verstorbenen Oma übernommen hat.
Obwohl diese 3 Charaktere in unmittelbarer Nähe zueinander wohnen, haben sie anfangs herzlich wenig miteinander zu tun. Erst im Verlauf der Geschichte kreuzen sich ihre Lebenswege immer häufiger und ihre Schicksale werden miteinander verwoben.
Alle 3 haben eines gemeinsam: Sie sind tragisch-komische Helden. Das Leben hat es bis jetzt weder gut noch schlecht mit ihnen gemeint. Doch wie so oft ist man selten zufrieden mit dem, was man hat. So sehnen sich die Drei nach einem anderen und besseren Leben.

"Es gab Leute, die stets das Ausgefallene suchten, Leute, die befürchteten, zum Durchschnitt zu gehören, der Alltagsmonotonie anheimzufallen, und dann mit verrückten Aktionen irgendetwas tun wollten, und sei es vielleicht nur, um sich die Macht über sein eigenes Leben zu beweisen: Kündigungen aus dem Bauch heraus, plötzliche Reisen ohne Rückflugticket, ein neues außergewöhnliches Hobby, neue etwas spezielle Freunde, Fallschirm- und Seitensprünge." (S. 83)

Henry träumt von einem Leben in Amerika. Amerika ist für ihn das Sinnbild für grenzenlose Freiheit und Unabhängigkeit. Eine erste Chance nach Amerika zu gehen, hat er vor einigen Jahren bereits verpasst. Jetzt versucht er seinen Traum in den 4 Wänden seiner Freedom Bar zu leben.

Johann betreibt seit Ewigkeiten die Buchhandlung "Wissensarchiv". Da er eher Idealist als Geschäftsmann ist, hält er sich mit seiner Buchhandlung mehr schlecht als recht über Wasser. Er hat den Traum, seine Buchhandlung zu einer Quelle des Wissens zu machen, sozusagen "Google" in gedruckter Form. Aber man ahnt es, in Zeiten von Internet und Google, ist an die Umsetzung seines Traumes nicht zu denken. So sitzt er tagtäglich in seiner Buchhandlung und es scheint, dass er sich mit seiner Erfolglosigkeit abgefunden hat. Auch im Privaten läuft es nicht so, wie er gerne hätte. Johann ist zwar glücklich mit Maria verheiratet. Doch die Ehe blieb bisher kinderlos. An Maria liegt es nicht. So scheint Johann an allen Fronten zu versagen: erfolglos im Beruf und Probleme, seinen Mann zu stehen. Es scheint, als ob er sich mit seiner Loser-Rolle abgefunden hat. Nur eines ist ihm wichtig: Maria glücklich zu machen.

Nachdem Berts Oma gestorben ist, übernimmt er ihre Wohnung. Er macht gerade eine Findungsphase durch. Antriebslos, ohne Job, ist er mit der Frage beschäftigt, welche Richtung er auf seinem Lebensweg nehmen soll. Sein Herz schlägt für die Musik. Er träumt von einer Karriere als Rockstar und Songwriter. Dabei besitzt er leider nur wenig Talent. Die Versuche, seine Musik auf der Straße oder bei YouTube zu performen, bringen leider nicht die gewünschte Reaktion seiner Zuhörerschaft. Und dann verliebt sich Bert auch noch - natürlich unglücklich! Ja, auch Bert ist vom Leben gebeutelt: kein Job, kein Talent, keine Perspektive, unglücklich verliebt. Tragisch!

"'Jeder braucht doch ein bisschen Hoffnung, ein paar Träume. Auch wenn sie dann nicht in Erfüllung gehen, es reicht doch schon, wenn man sie nur im Kopf hat. Wenn man sie nicht vergisst. Sonst geht man ja kaputt, verstehst du?'" (S. 184)

David Bielmann zeichnet seine Protagonisten als Verlierertypen, die naiv und träumerisch durch das Leben gehen. Dabei hat man permanent das Gefühl, dass er seine Protagonisten mit einem Augenzwinkern beschreibt. Man schließt sie sehr schnell ins Herz. Die Drei haben ihre Träume und Sehnsüchte von einem anderen und besseren Leben. Und davon weichen sie in keiner Sekunde ab. Man wünscht ihnen, dass es ihnen doch endlich gelingen möge, sich ihre Träume zu erfüllen.

Die Geschichte wird aus wechselnden Perspektiven erzählt. Anfangs fragt man sich, welche Verbindung die 3 Charaktere miteinander haben - abgesehen von der räumlichen Nähe. Aber David Bielmann schafft es mit viel Sprachwitz und sehr fantasievoll Spuren auszulegen, die dem Leser den Weg zum weiteren Handlungsverlauf weisen. Man lässt sich dabei gern von ihm führen. Denn durch seinen lebhaften Sprachstil und der Tragik-Komik gerät der Leser in einen mitreißenden Lesefluss. Man will dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen.

"... Unter den sieben Milliarden Menschen, die derzeit auf der Welt lebten, gab es zu jeder Sekunde Tausende, die gerade enttäuscht worden waren, sich eine Träne von der Wange wischten und Trost beim Mond suchten. ... Was immer man auch tat, was immer auch geschah, man war nicht allein, und vielleicht, dachte er weiter, während er in den Sternenhimmel sah, war die Sehnsucht sogar das einzige Gefühl, das man auf sämtlichen Planeten kannte." (S. 147)

Fazit:
" ... eine wunderbare Liebeserklärung an das Leben." So steht es im Klappentext und charakterisiert diesen Roman punktgenau. Man muss nicht in die Ferne schweifen, um eine tolle Geschichte zu erzählen. Denn die tollsten Geschichten schreibt das Leben. Es bedarf nur weniger Zutaten: Menschen und ihre Träume. Wenn diese Geschichte dann noch in einer beeindruckenden Sprache erzählt wird, die nur so vor Sprachwitz sprudelt, stellt man schnell fest, dass man ein Buch erwischt hat, an das man sich immer wieder gern erinnern wird. "Freedom Bar" ist solch ein Buch und macht unweigerlich Lust auf mehr aus der Feder von David Bielmann.

© Renie

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thriller, stalker, schauspieler, film, hamburg

Tödlicher Fokus

Sonja Rüther
E-Buch Text: 321 Seiten
Erschienen bei dotbooks Verlag, 03.05.2016
ISBN 9783958245280
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dieses Gefühl, heimlich beobachtet zu werden …. das Bedürfnis, sich ständig umdrehen zu müssen …. Bewegungen, die man aus dem Augenwinkel registriert … wer ist da? … alles nur Einbildung?
Natürlich ist alles Einbildung. In der Regel spielt einem die eigene Fantasie einen Streich und die Wahrscheinlichkeit einer Bedrohung ist doch sehr gering.
Aber was ist mit jemandem, der gestalkt wird? Für diese Person wird dieses ekelhafte Gefühl der Angst zu einem ständigen Begleiter und blühende Fantasie wird zur grausamen Realität.
Der aktuelle Thriller „Tödlicher Fokus“ von Sonja Rüther handelt von dieser Angst und dem, was extreme psychische Belastungen aus einem Menschen machen können.

Worum geht es in diesem Thriller?
Ein Jäger weiß, wie man Hasen fängt: mit einer Schlinge, die das Opfer erst sieht, wenn es zu spät ist …
Für die junge Schauspielerin Marike geht ein Traum in Erfüllung, als sie ihre erste Filmrolle bekommt – noch dazu an der Seite des charmanten Top-Stars Lars Behring. Aber während sie vor der Kamera über sich hinauswächst, fallen nach Drehschluss dunkle Schatten auf Marike: Sie fühlt sich beobachtet, verfolgt, schutzlos. Noch ahnt Marike nicht, welcher Horror ihr bevorsteht … und wie er sie verändern wird!

Im Visier des Stalkers: Ein eiskalter Thriller über Machtspiele, Besessenheit und die Abgründe, die in unserer Seele lauern.
(Quelle: dotbooks)

Sonja Rüther entführt den Leser mit ihrem Thriller in die Welt des Filmgeschäftes - einem Sammelsurium an Menschen, die es genießen im Blickpunkt der Öffentlichkeit zu stehen und sich selbst zu inszenieren.
Im Mittelpunkt der Handlung steht die naive und nette Marike, Theaterschauspielerin, die kurz vor ihrem Durchbruch im Filmgeschäft steht. Denn endlich hat sie die heiß ersehnte Filmrolle ergattert. Marike ist ein sehr unsicherer Mensch, sie braucht die Anerkennung anderer. Positive Kritiken versetzen sie ihn Hochstimmung, negative Kritiken reißen sie herunter und verstärken ihre eh schon reichlich vorhandenen Selbstzweifel. Sie ist ein gefundenes Fressen für Menschen, die gern Macht auf andere ausüben. So auch Jutta, die für sich die Rolle beansprucht, Marikes „beste“ Freundin zu sein und sie in ihrer Arbeit beim Film unterstützen möchte. Das Verhältnis zwischen den beiden Frauen durchläuft Höhen und Tiefen. Es gibt Momente, in denen Marike, das Zusammensein mit Marike und ihre Unterstützung genießt. Dann aber leidet sie unter der Unberechenbarkeit von Jutta, die Marike permanent manipuliert und dominiert. Und jede Kritik seitens Jutta nähren Marikes Selbstzweifel aufs Neue.

"Es stimmte, ihre Grenzen waren ständig überschritten worden, ohne dass sie auch nur ein Wort des Widerstands geäußert hätte. Vielmehr hatte sie sich größte Mühe gegeben, Erklärungen und Entschuldigungen für andere zu finden."

Marike möchte gern „everybody’s darling“ sein. Sie scheut die Konfrontation mit anderen und schafft es auch nicht, gegen Jutta aufzubegehren. Durch ihre Selbstzweifel neigt sie dazu, in jeder Kritik ein Fünkchen Wahrheit zu finden und ihre eigene Person somit immer in Frage zu stellen.
Die Filmrolle bedeutet für sie zunächst „der Himmel auf Erden“. Eine großartige Perspektive zeichnet sich für sie ab. Sie steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Ihr Filmpartner ist der überaus gutaussehende Lars Behring, der natürlich – wie soll’s auch anders sein – bei Frauen nichts anbrennen lässt. Er hilft ihr durch ihre Unerfahrenheit im Umgang mit ihrer Popularität hindurch und unterstützt sie bei der Bewältigung ihrer Filmrolle. Lars Behring – ein netter und professioneller Schauspielkollege? Auf jeden Fall hat Lars breite Schultern zum Ausweinen.
Mit Beginn der Dreharbeiten gerät Marike in das Visier eines Stalkers. Die Bedrohung wird immer größer, die Angst wird zu Marikes permanentem Begleiter. Ihre Filmrolle und die damit verbundene Popularität nehmen Einfluss auf ihr Privatleben. Der Stalker trägt dazu bei, dass die bedrohte Marike nur noch herzlich wenig mit der Person gemeinsam hat, die sie vorher war.

"Ihre Fröhlichkeit erstarb und wurde durch das Gefühl ersetzt, das sie bereits zuvor am Abend gespürt hatte. Da war jemand in der Dunkelheit.

Das bildest du dir nur ein.
Sie versuchte ganz ruhig, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Ihr war nicht ganz klar, ob sie ihren eigenen Atem hörte oder den einer anderen Person. Ein leises Schaben erklang. Angst legte sich wie eine kalte Hand in ihren Nacken."

Sonja Rüther ist für mich mittlerweile eine Garantin für intelligente, außergewöhnliche und hochspannende Unterhaltung. Ich habe noch kein Buch von ihr gelesen, das mich nicht gefesselt hat. Sie versteht es, extreme Stimmungen zu transportieren. Bei „Tödlicher Fokus“ ist es dieses Gefühl der permanenten Bedrohung, das den Leser zum Fingernägelkauen bringt. Dabei ist sie sehr zurückhaltend, was Andeutungen auf den Verlauf der Handlung angeht. Man weiß nie, was passieren wird, rechnet mit dem Schlimmsten und wird doch überrascht, wenn die Geschichte eine Entwicklung nimmt, an die man im Traum nicht gedacht hat. Das gilt auch für die Charaktere. So ist es nicht ungewöhnlich, dass Personen, die man anfangs als nett empfunden hat, auf einmal Sympathiepunkte verlieren. Man wird misstrauisch. Jeder Charakter wird hinterfragt, denn jeder Charakter könnte „Dreck am Stecken“ haben. Als Leser traut man keinem mehr und verliert sich in Spekulationen.

"Es fiel ihr schwer, mit diesen Angriffen umzugehen. Sie war es gewohnt, dass sich Menschen ihretwegen wohl fühlten, nicht dass eine Freundin sie für egoistisch und vorteilsorientiert hielt. Diese kurzen Nachrichten machten etwas mit ihr, das sie nicht benennen konnte. Als ströme alle positive Energie direkt aus ihr heraus. Eine leckgeschlagene Seele."

Wer Sonja Rüther’s Thriller „Blinde Sekunden" gelesen hat, wird den darin ermittelnden Beamten Kommissar Rieckers in angenehmer Erinnerung behalten haben. Auch in „Tödlicher Fokus“ hat Herr Rieckers ein kurzes Intermezzo. Mittlerweile ist er im Ruhestand, besucht aber von Zeit zu Zeit seine alten Kollegen. Mit Rieckers Nachfolger Kommissar Dabels hat Sonja Rüther eine Figur geschaffen, die sich durch Eitelkeit und den Hang zur Selbstdarstellung negativ hervortut. Oftmals hat man den Eindruck, dass seine Aufklärungsarbeit sich nach einem möglichen positiven Effekt für seine Karriere richtet. Das macht ihn nicht gerade sympatisch, zumal sein Verhalten häufig inkompetent wirkt. Bei solch einem Ermittler sehnt man sich natürlich nach dem gemütlichen und souveränen Herrn Riecker zurück. Bei Herrn Dahlers gibt es also noch Entwicklungspotenzial und wer weiß, was mit der Zeit noch aus ihm wird. Denn ich nehme stark an, dass Dabels auch in weiteren Thrillern von Sonja Rüther zum Einsatz kommen wird. Diese Thriller lassen hoffentlich nicht lange auf sich warten;-)

Fazit:
Mit "Tödlicher Fokus" hat Sonja Rüther einen erstklassigen Thriller geschrieben, der durch eine fantasievolle Handlung mit unvorhersehbaren Wendungen besticht. Die Charaktere sind sehr facettenreich und nicht leicht zu durchschauen. Als Leser neigt man dazu, jeden Protagonisten in Frage zu stellen. Die „Hoch“-Spannung wird vom Anfang bis zum Ende gehalten und macht dieses Buch daher zu einem Thriller mit hohem Suchtfaktor!

© Renie

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wien, mord, mörderin, liebe, dreifachmörderin

Die Prinzessin von Arborio

Bettina Balàka
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Haymon Verlag, 14.07.2016
ISBN 9783709972397
Genre: Romane

Rezension:

"Für die einen war das Töten undenkbar, für die anderen war es machbar." 

Ein erster Satz, der den Eindruck erwecken könnte, dass es sich bei dem Roman "Die Prinzessin von Arborio" von Bettina Balàka um einen Krimi oder Thriller handelt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Bettina Balàka schafft es in unvergleichlicher Art, Krimi-Elemente gekonnt mit denen einer Liebesgeschichte zu vermischen. Und am Ende kommt ein sehr unterhaltsamer und humorvoller Roman über eine männermordende "Prinzessin von Arborio" heraus.

Worum geht es in diesem Roman?
Elisabetta Zorzi ist attraktiv, beruflich erfolgreich und begehrt - und sie ist eine schwarze Witwe, wie sie im Buche steht. Kann ein Mann ihre Erwartungen nicht erfüllen, ist er seines Lebens nicht mehr sicher.
Die charmante Mörderin trauert gerade um Chuck, ihren jüngst verstorbenen Lebensgefährten, als sie von dem Kriminalpsychologen Arnold Körber überführt wird. Körber ist fasziniert von Zorzis Verbrechen - noch mehr aber von ihr selbst.... (Klappentext)

Zorzi ist eine Frau, die bei Männern scheinbar Beschützerinstinkte weckt. Dabei benötigt sie alles andere als Schutz. In erster Linie geht es ihr darum, einen Vater für ihre zukünftigen Kinder zu bekommen. Denn Zorzi träumt von einer glücklichen Familie. Nur leider hat Zorzi ein Männerproblem. Sie bindet sich an Männer, die sich früher oder später als weit entfernt von Zorzis Idealbild eines Mannes herausstellen. Ihr erster Mann - Bernhard - ließ solange an Zorzi schönheitschirurgisch herumschnibbeln, bis diese seinem Idealbild von einer Frau ungefähr entsprach. Der dominante Bernhard bestimmte ihr Leben, nahm Zorzi jegliche Eigenständigkeit und ließ sie bei jeder Gelegenheit spüren, dass sie ihm weit unterlegen ist.
Jürgen, dessen Interesse an Zorzi hauptsächlich an ihren finanziellen Möglichkeiten lag und der auch bei anderen Frauen nichts anbrennen ließ.
Und schließlich Chuck, zwangsneurotisch und Anabolika-abhängig - also auch nicht unbedingt der Mann, mit dem frau Kinder haben möchte.

"Männer waren für sie in ein Haus hineinverkapselte, betonartig angeklebte Wesen, das Äquivalent eines Wespennests. Man konnte nicht einfach sagen: Geh fort. Man musste es mit maximaler Vorsicht, Gründlichkeit und Schonungslosigkeit entfernen." (S. 21)

Alle Männer Zorzis haben eines gemeinsam. Als "Mann im Haus" wollen sie ihre vermeintliche Dominanz gegenüber Zorzi ausleben und sind der Überzeugung, mit Zorzi ein hübsches, gehorsames Frauchen am heimischen Herd stehen zu haben. Tja, falsch gedacht! Denn jedesmal, wenn Zorzi erkennt, dass es mit der glücklichen Familie nichts wird, entledigt sie sich des Problems auf ihre ganz spezielle Art und widmet sich dem nächsten Anwärter auf die Vaterrolle in ihrer glücklichen Familie.
Sie hat dabei keinerlei Skrupel oder Gewissensbisse. Zorzi scheint auch kein Schuldbewusstsein zu haben. Denn sie beseitigt ihre Männer mit einer Selbstverständlichkeit, mit der man sich sonst abgetragener Kleidung entledigt. Ihr Familienwunsch treibt sie an, die Männer sind nur Mittel zum Zweck. Insofern verwundert es sie fast, als man ihr auf die Schliche kommt. 

Arnold Körber, Kriminalpsychologe und Buchautor, begleitet den Fall Zorzi von der Enthüllung der Morde bis hin zur Gerichtsverhandlung. Nach Zorzis Verurteilung besucht er sie regelmäßig im Gefängnis. Zorzi ist für ihn zunächst ein Studienobjekt: Eventuell lassen sich ihre Entwicklung zur Serienmörderin in einem nächsten kriminalpsychologischen Buch verwenden. Zwischen den beiden entwickelt sich ein vertrautes Verhältnis, das langsam intensiver wird. Körber gibt sich der Illusion hin, "seine" Zorzi mittlerweile genau zu kennen. Schließlich hat sie ihm einen tiefen Einblick in ihre Seele gewährt. Doch er unterschätzt ihre Wirkung auf Männer, der auch er erliegt. Und so sieht sich Körber in der Beschützerrolle für seine wunderbare, liebenswerte und zarte Zorzi, für die er alles tun würde. Nur blöd, dass sie ihm am Ende einen Strich durch die Rechnung macht.

"Als der Termin kam, war es einer der surrealsten Momente in Körbers Leben. Zwei Menschen wurden unter staatlicher Aufsicht zusammengebracht, um einen privaten, möglicherweise intimen Moment zu erleben. Sie wurden dabei bewacht, damit der eine dem anderen nichts zuleide tat. Sex wurde ermöglicht, Mord verhindert. Das Ganze erinnerte an jene Meeresschnecken, die sich erst dann paarten, wenn alle Versuche, einander zu töten, gescheitert waren." (S. 222)

Bettina Balàka bringt den Leser dazu, Sympathien für eine Serienmörderin zu entwickeln: die arme Zorzi will sich schießlich nur ihren Traum erfüllen, geliebt werden und hat dabei Pech mit ihren Männern. Die Prinzessin von Arborio wickelt also nicht nur ihre Männer um den Finger, sondern auch den Leser. Frau entwickelt ein hohes Maß an Schadenfreude, wenn der nächste Mann dem Irrglauben erliegt, Zorzi dominieren zu können und die Rechnung dafür kassiert. Na ja, zugegeben, die Männer in Balàkas Roman sind auch nicht unbedingt, die Hellsten ihrer Art;-) 

"Und Zorzi? War nicht auch sie durch die Liebe in den Abgrund geführt worden? Sie hatte dieses Gefühl hochhalten wollen, heilig und unangetastet, aber jedes Mal hatten es die Objekte der Liebe beschädigt, banal gemacht und beschmutzt. Die Objekte der Liebe waren immer schnell bei ihr eingezogen, weil sie es ganz und richtig machen wollte ... Und dann waren die Objekte der Liebe da gewesen, machten es weder ganz noch richtig, entzauberten und ernüchterten die Atmosphäre, hielten sich nicht an den Pakt, der mit dem Wort 'Liebe' doch implizit geschlossen worden war." (S. 180)

Bettina Balàka beschreibt die Geschichte um Zorzi mit einer Leichtigkeit und einem sehr subtilen Humor, der diesen Roman zu einem Hochgenuss machen. Wer benennt seine Titelheldin schon nach einer Reissorte? Bettina Balàka macht es. Und das ist nur eines der vielen humoristischen Einlagen, die die Lektüre dieses Romanes so unterhaltsam machen.
Man könnte natürlich meinen, dass Leichtigkeit kombiniert mit Humor eine seichte Mischung ergeben. Weit gefehlt. Denn trotz Plauderton, entwickelt der Roman eine Tiefgründigkeit, die den Leser in ihren Bann zieht.

Daher mein Fazit: Großartige und intelligente Unterhaltung! Lesenswert!

© Renie

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mexiko, schriftsteller, müllkippenkinder, träumen, müllkippe

Straße der Wunder

John Irving , Hans M. Herzog
Fester Einband: 736 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 23.03.2016
ISBN 9783257069662
Genre: Romane

Rezension:

Müllkippenkinder, Geistliche, Transvestiten, Löwenbändiger und ein Mädchen, das Gedanken lesen kann .... Dies sind nur einige der Charaktere aus John Irving's Roman "Straße der Wunder".
Schräge Typen findet man in all seinen Romanen und sind mit ein Grund, warum ich Irving's Geschichten mag. Wenn dann noch Sarkasmus und ein großes Maß an Situationskomik in einem Irving-Roman zu finden sind, bin ich eine glückliche Leserin. "Straße der Wunder" hat mich glücklich gemacht. Zwar nicht berauschend glücklich, doch immerhin ziemlich glücklich ;-)

Worum geht es in diesem Roman?
Juan Diego und seine Schwester Lupe wachsen auf einer Müllkippe in Oaxaca, Mexiko, auf. Die beiden sind ungewöhnliche Kinder. Juan Diego konnte sich selbst das Lesen und Schreiben beibringen. Unterrichtsmaterial hatte er genug: Bücher und Zeitungen, die auf dem Müll gelandet sind. Lupe hat eine Sprachstörung und spricht daher in einem Kauderwelsch, der nur von Juan Diego verstanden werden kann. Er ist ihr Dolmetscher, wenn es darum geht, mit anderen zu kommunizieren. Lupe besitzt die Gabe, Gedanken zu lesen und die Zukunft vorauszusagen. Nachdem sie einige Jahre in einem katholischen Waisenhaus verbracht haben, schließen sie sich irgendwann einem Zirkus an. Denn ihr Gefühl sagt ihnen, dass ihnen der Zirkus die einzige Möglichkeit bietet, aus ihrem Leben etwas zu machen.

Die Geschichte wird aus der Sicht von Juan Diego, der Jahre später - mittlerweile ist er Mitte Fünfzig - als Schriftsteller in Amerika lebt. Juan Diego ist gesundheitlich angeschlagen. Aufgrund einer Herzschwäche muss er Medikamente nehmen, die ihn sehr müde machen. Jedesmal, wenn er ein Nickerchen macht (und das macht er häufig ;-)), driftet er in seinen Träumen in Kindheitserinnerungen ab. Und so erfährt der Leser, was damals in Mexiko geschehen ist, was aus Lupe und den Freunden aus der Kindheit geworden ist, und warum Juan Diego der Mann ist, der er heute ist.

"Dass ein Müllkippenkind sich ein so anspruchsvolles Vokabular aneignen konnte, war kaum vorstellbar; abgesehen von der schmeichelhaften Zuwendung, die dem Jungen durch Bruder Pepe zuteil wurde, hatte Juan Diego nie eine Schulbildung genossen. Dennoch war es ihm nicht nur gelungen, sich selbst das Lesen beizubringen, er drückte sich auch sehr gewählt aus und sprach sogar Englisch - dabei war er ausschließlich über die amerikanischen Touristen mit gesprochenem Englisch in Kontakt gekommen." (S. 69)

Ein zentrales Thema in diesem Roman sind die Lehren der katholischen Kirche sowie die teilweise fanatische Marienverehrung, die in manchen Ländern betrieben wird. Irving läuft zur sarkastischen Höchstform auf, wenn es darum geht, den Hype, der um die Jungfrau Maria betrieben wird, breit zu treten.
Die beiden Kinder Juan Diego und Lupe verbringen einen Teil ihrer Kindheit unter der Obhut von Jesuiten, so dass sie mit den Geschichten um die Jungfrau Maria mehr als vertraut sind. Und doch können sie die uneingeschränkte Begeisterung für diese Figur nicht teilen: Pilgerstätten und Kirchen geraten zu Schauplätzen von kommerziellen Massenspektakeln; je lauter und schriller das Gebet, desto "gläubiger" ist der Betende. Trotz des Einflusses der Kirche auf ihre Erziehung schaffen es Juan Diego und Lupe, sich ein gewisses Maß an Zweifeln zu bewahren und stehen der Kirche sowie ihrer Marienverehrung mehr als kritisch gegenüber.

"Tatsächlich fehlte es Juan Diego nicht am Glauben. Die meisten Müllkippenkinder sind auf der Suche nach Wundern. Wenigstens wollte Juan Diego an das Wunderbare glauben, an alles mögliche Unerklärliche, doch er zweifelte die Wunder aus der kirchlichen Mottenkiste an, die mit der Zeit immer unglaubwürdiger wurden. Was dem Müllkippenleser gegen den Strich ging, war die Kirche insgesamt: ihre Politik, ihre Eingriffe in die Gesellschaft, Geschichte und Sexualität." (S. 296)

Mit Juan Diego hat Irving eine Figur geschaffen, die einen tiefen Einblick in die Seele eines alternden Schriftstellers gewährt. Mittlerweile in den Fünfzigern geht Juan Diego ein wenig unbeholfen durchs Leben. Er benötigt immer jemanden, der sich um ihn kümmert, für ihn organisiert und ihn durch den Alltag manövriert. Juan Diego hat etwas an sich, was bei anderen Menschen ein Helfer-Syndrom auslöst. Und so trifft er auf Miriam und Dorothy - Mutter und Tochter, die durch die Weltgeschichte reisen. Miriam und Dorothy sind zwei überaus mysteriöse Charaktere in diesem Buch. Man weiß nicht genau, wo sie herkommen und welche Pläne sie haben. Juan Diego fühlt sich zu beiden hingezogen. Und beide vereinnahmen ihn mit Haut und Haaren - mal die Eine und mal die Andere. Doch die beiden haben etwas Übersinnliches an sich. Man fragt sich immer wieder, ob diese Figuren real sind. Doch da Miriam und Dorothy auch von anderen Charakteren wahrgenommen werden und in die Handlung eingreifen, gehe ich davon aus, dass sie mehr als eine Fantasieerscheinung von Juan Diego sind - auch wenn gewisse Zweifel bleiben.

In diesem Roman haben die Frauen das Sagen. Irving scheint seinen weiblichen Protagonisten eine gehörige Portion Dominanz zuzugestehen.
Angefangen bei Lupe, die zwar jünger als ihr Bruder, aber trotzdem die Reifere und Entschlossenere von beiden ist. Ihren Entscheidungen hat Juan Diego alles zu verdanken.
Miriam und Dorothy natürlich, die Juan Diego bemuttern und ihm alle Entscheidungen abnehmen - ob er will oder nicht.
Sogar die Kirche wird von Frauen dominiert. Denn Lupe meint: 

"'Was hat Gott schon zu melden?', fragte ihn Lupe. 'Die Jungfrauen haben das Sagen - nicht dass sie wirklich Jungfrauen wären, nicht dass wir überhaupt wüssten, wer sie sind.'" (S. 466)

Einer meiner Lieblingssätze in diesem Roman ist folgender:
"An dem Tag, an dem Frauen aufhören zu lesen, an dem Tag stirbt der Roman!" (S. 59)
Ich frage mich, ob dies als Irvings Verbeugung und Dankeschön an seine größtenteils weibliche Leserschaft zu verstehen ist. Zumindest schmeichelt es der geneigten Leserin doch ungemein;-)

Der Grund, warum Irving aus mir nur eine "ziemlich glückliche Leserin" machen konnte, ist übrigens folgender:
Zum Ende bekommt in dieser Geschichte das Übersinnliche einiges an Raum. Die geheimnisvollen Miriam und Dorothy sowie Geister, die auf Hoteltoiletten und in Kirchen auftauchen sind Mysterien, gegen die sich mein gesunder Menschenverstand aufs Heftigste zur Wehr setzt. Ich bin froh, dass diese "Störfaktoren" erst in den letzten 150 Seiten auftauchen, denn so ist mein Lesegenuss erst zum Ende hin geschmälert worden.

Fazit:
Ich bin ein großer John Irving Fan und habe fast jedes Buch von ihm gelesen. Ich liebe an seinen Büchern, dass man nie weiß, wo die Lesereise hingeht. Irvings Bücher stecken voller Überraschungen. Die Handlungen in seinen Büchern nehmen gern Wendungen an, die selten vorhersehbar sind.
Wenn Irving in Topform ist, sind seine Romane großartig und zeichnen sich durch viele Dinge aus, die ich an einem Irving-Roman so sehr schätze: skurrile Charaktere, Ironie und Sarkasmus, Situationskomik und Überraschungseffekte. Bei "Straße der Wunder" ist Irving fast wieder zur Topform aufgelaufen. Die ersten 600 Seiten waren für mich ein Hochgenuss, bei dem ich aus dem Grinsen nicht mehr herausgekommen bin. Und auch wenn mich Irving mit den verbleibenden 150 Seiten abgehängt hat - mit Übersinnlichem kann ich einfach nichts anfangen - , hat mir dieser Roman großartige Lesestunden beschert.

© Renie


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manja, rezension

Manja

Anna Gmeyner , Heike Klapdor
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 16.05.2016
ISBN 9783746632018
Genre: Klassiker

Rezension:

Ein Roman über fünf Kinder und ihre ganz besondere Freundschaft. Die Geschichte spielt zu einer Zeit, in der sich Deutschland für den Nationalsozialismus und gegen Vernunft und Menschlichkeit entschieden hat. Dadurch weist dieser eindrucksvolle Roman erschreckend viele Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft auf.

Worum geht es in diesem Roman?
Poetisch und berührend erzählt Anna Gmeyner die Geschichte von fünf Kindern, die in derselben Nacht im Frühjahr 1920 gezeugt werden, aber in ganz unterschiedlichen Milieus aufwachsen. Eigentlich trennen sie Welten, und dennoch sind sie zu Freunden geworden, verbunden durch eine innige Zuneigung zu Manja – dem Mädchen aus armen ostjüdischen Verhältnissen. Für ihre Freundschaft nehmen die fünf Konflikte in Kauf, mit den Eltern, der Schule, der Hitlerjugend. Letztlich aber bleiben sie Gefangene ihrer Zeit, an der Manja tragisch zerbricht und mit ihr die Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft. (Quelle: Aufbau Verlag)

Die fünf Kinder, deren Geschichte hier erzählt wird, kommen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen. Doch für Kinder spielt so etwas keine Rolle - zumindest, wenn die Kinder klein sind. Da interessiert nicht, was der Vater von Beruf ist oder welcher Religion man angehört. Mit den fünf Familien präsentiert die Autorin Anna Gmeyner einen Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft in der Zeit vor dem Dritten Reich.

"Trommeln, gellende Rufe, Sprechchor, Blasinstrumente, Fahnen und Stiefel, Stiefel über das ganze Land. Bricht ein Krieg aus, oder feiert man einen seltsamen Karneval? Männer und Frauen werfen sich aus der abgelaufenen Spur ihres Lebens in den Tumult dieser Nacht. Arme sollen reich werden, Müde kräftig, vertrocknete Weiber begehrt. Blinde werden sehen und Lahme gehen. Alles wird anders, nichts ist vorüber. Jahrmarkt und Erlösung. Sie jubeln und winken. 'Heil Hitler! Juda verrecke! Deutschland ist erwacht!'" (S. 255)

Die Familien
Familie Müller - linksorientiert, aus dem Arbeitermilieu. Der Vater setzt sich für die Rechte der Arbeiter ein und wird aufgrund seiner "falschen" politischen Gesinnung im Nazi-Deutschland verfolgt.
Familie Meissner - spießig und kleinbürgerlich. Der Vater ist ein Neider und Opportunist. Er missgönnt seinen besser gestellten Zeitgenossen ihren Wohlstand, biedert sich aber gern an und buhlt um deren Anerkennung. Für ihn kommt der Nationalsozialismus gerade recht. Verlierer werden zu Gewinnern. Und er ist somit bei der Machtverteilung der Nazis ganz vorne dabei. Endlich kann er Rache nehmen für die vermeintliche Ungerechtigkeit, die er in seinem bisherigen Leben erdulden musste.
Familie Hartung - wohlhabend, mächtig und angesehen, jüdisch. Kommerzienrat Hartung hatte bisher ein Händchen, wenn es um Geldangelegenheiten ging. Kaum ein Geschäft, bei dem er nicht mitgemischt und verdient hat. Die Familie ist jüdischer Abstammung. Aber Jude scheint nicht gleich Jude zu sein. Herr Hartung unterstützt die arische Bewegung und ihre Rassengesetze. Denn er sieht sich nicht als Jude - dafür ist er zu einflussreich und wohlhabend. Die Juden, das sind die Anderen. Ein fataler Irrtum, wie sich für ihn herausstellen wird.
Familie Heidemann - intellektuell und humanistisch. Ernst Heidemann ist Arzt und Menschenfreund. Herkunft, politische und religiöse Gesinnung eines Menschen sind ihm egal. Gewalt ist ihm zuwider. Er setzt sich bedingungslos für jene ein, die Hilfe brauchen. Dabei ist er kein mutiger Mensch. Aber sein Gerechtigkeitsempfinden lässt es nicht zu, sich von der politischen Rechtsbewegung in Deutschland vereinnahmen zu lassen. Dadurch bringt er sich und seine Familie in Gefahr. Denn die Nazis lassen keine anders Denkenden zu.
Manjas Familie - ostjüdisch, arm, die Mutter alleinerziehend. Manja muss die Erwachsenenrolle in ihrer Familie übernehmen. Sie kümmert sich um ihre jüngeren Brüder .... und um ihre Mutter. Denn Lea Meirowitz ist psychisch labil und trinkt. Als jüdische alleinerziehende Mutter ist sie der Willkür der von Männern dominierten Gesellschaft ausgeliefert. Sie droht, an der Verantwortung für ihre Familie zu zerbrechen.

"Wenn man ihn gefragt hätte, warum er sich der Gefahr der Entdeckung und der Grausamkeit von Strafen aussetze, um zweimal in der Woche an der Mauer, wie seine neuen Freunde sich ausgedrückt hätten, den Sohn eines Schiebers und eines Kulturbolschewisten, eine schmierige kleine Ostjüdin und seinen roten Schulkameraden zu treffen, hätte er darauf keine Antwort gewusst. Eine ihm sonst unbekannte Treue zwang ihn, daran festzuhalten. In der Kameradschaft der Hitlerjungen, die seine sonstige freie Zeit füllte und seinen Sprachschatz mit neuen Worten, blieb der Raum, den diese Abende einnahmen, unbesetzt, und die Zärtlichkeit, die er für Manja wie für keinen anderen Menschen fühlte, war wie eine kleine Insel, über die, ohne sie zu zerstören, die neuen Worte hinspritzten." (S. 362)

Wenn ich auf das Cover des Buches blicke und dieses kleine Mädchen mit ihrem unbeschwerten Lachen betrachte, sehe ich tatsächlich Manja vor mir. Ihre Unbeschwertheit ist ihre Stärke. Trotz aller Sorgen zuhause und der Verantwortung, die sie von der Mutter aufgebürdet bekommt, schafft sie es, sich ihre Kindlichkeit zu bewahren. Sie ist ein Sonnenschein, voller Fantasie und Träumen. Ihre Begeisterung für das Leben hat etwas Ansteckendes. Mit ihrem Elan reißt sie ihre Freund mit, die sie nahezu anbeten. Es macht Spaß, die fünf Freunde in ihrer Kindlichkeit und Unbeschwertheit zu erleben. Man möchte ihnen ewig beim Spielen in ihrer kleinen idyllischen Welt zusehen und wünscht sich so sehr, dass hier Freundschaften entstanden sind, die ein Leben lang andauern werden. Man ahnt jedoch, dass dieses Glück nicht von Dauer ist.

Die Kinder haben ein gemeinsames Versteck - "die Mauer". Hier haben sie sich eine eigene sichere Welt geschaffen, in der Erwachsene keinen Zugang haben und das, was in der Gesellschaft passiert, keine Rolle spielt. Ihre Freundschaft liefert ihnen die Kraft, mit dem Alltag zurechtzukommen. Denn jedes der Kinder hat seine Sorgen, ob es nun die Angst vor dem überstrengen und brutalen Vater ist, ... oder die Suche nach Anerkennung bei dem Vater, der sich lieber einen anderen Sohn gewünscht hätte, ... oder die Angst um den verschleppten Vater ... oder einfach das Problem, jüdisch zu sein.

Die Geschichte um Manja und ihre Freunde hat mich sehr betroffen gemacht. Anfangs genießt man die Unbeschwertheit der Kinder. Mit der Zeit wird diese jedoch durch die braune Stimmung in der Gesellschaft überschattet. Man spürt, dass sich Schreckliches anbahnt und die Kinder nur noch als Verlierer aus ihrem Alltagskampf hervorgehen können. Die Entwicklung der damaligen Gesellschaft weist erschreckend viele Parallelen zu unserer heutigen Zeit auf. Damals wie heute braucht es nur ein paar, die das "braune" Gedankengut verbreiten, und damals wie heute gibt es leider zuviele Dumme, die sich von diesem Gedankengut vereinnahmen lassen.

"'Wir schwören, dass wir uns nie verlassen', sagte Manja. 'Wir sind nicht allein, wir sind fünf. Wir schwören, dass wir nicht auseinandergehen, auch wenn wir groß sind, auch wenn etwas geschieht, auch wenn alles anders wird, auch wenn es die Großen haben wollen.' Sie zögerte einen Augenblick, suchte nach Worten. 'Wir schwören, dass wir uns helfen werden, mehr als allen anderen Menschen, dass nichts, nichts und nichts uns auseinanderbringt, wir schwören ...', schloss sie leise mit der sinnlosen, ewigen Formel aller Eide, 'dass alles immer so bleiben wird wie jetzt.'" (S. 248)

Die Sprache von Anna Gmeyner ist sehr kontrastreich. Sie wirkt fantasievoll und bildhaft. Und doch gibt es ganze Textpassagen, in der Anna Gmeyner dazu übergeht, mit Teilsätzen und Aufzählungen zu arbeiten, die den Lesefluss zum Stocken bringen. Dies wirkt oft verstörend und macht sprach- und atemlos, wird jedoch den traurigen und bedrückenden Passagen in diesem Roman mehr als gerecht.

Fazit:
Anhand der Geschichte von 5 Familien unterschiedlicher sozialer Herkunft präsentiert Anna Gmeyner einen eindrucksvollen Querschnitt durch die Gesellschaft in der Zeit vor dem Dritten Reich. Die hier erzählte Geschichte hat leider nichts an Aktualität eingebüßt. Selten hat mich in letzter Zeit ein Buch so tief berührt wie dieses. Klare Leseempfehlung!

© Renie

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150 Bibliotheken, 5 Leser, 2 Gruppen, 51 Rezensionen

berlin, thriller, vergewaltigung, neuntöter, sekte

Neuntöter

Ule Hansen , Susann Rehlein
Flexibler Einband
Erschienen bei Heyne, 29.02.2016
ISBN 9783453438040
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Scheinbar gibt es auch unter Vögeln kriminelle Elemente. Insbesondere jene, die zur Familie der Würger gehören. Der Neuntöter ist so ein Exemplar. Er ernährt sich von Großinsekten, macht aber auch vor kleinen Säugetieren und Vögeln nicht halt. Auch wenn der Verdacht nahe liegt ... der Neuntöter erwürgt seine Opfer nicht. Er spießt sie auf. Ein Neuntöter sieht mit seinen 16 - 18 cm Größe und dem hübschen Gefieder eigentlich ganz putzig aus. Kaum zu glauben, dass hinter dem kleinen Kerl ein Killer steckt, der sich auf eine ungewöhnliche Tötungsmethode spezialisiert hat.

Womit wir bei diesem ebenfalls ungewöhnlichen Thriller "Neuntöter" von dem Autorenduo Ule Hansen wären. Auch hier hat sich ein Mörder auf eine ungewöhnliche Tötungsmethode spezialisiert. Er wickelt seine Opfer in Panzertape und stellt sie an Orten aus, die zwar einsam und verlassen sind, aber dennoch eine unmittelbarer Nähe zum Stadtleben haben. Das kann ein Baugerüst hinter einer Plane sein, eine stillgelegte Fabrik oder ein Dachboden, der nie benutzt wird. Was bringt den Mörder dazu, seinen Opfer einen Kokon aus Panzertape zu verpassen? 

"Nachdenklich betrachtete sie das Haus, an dem das Plakat hing. Das falsche Haus mit den aufgemalten Türen, das mit Planen bespannte Gerüst, das immer noch so tat, als wäre es ein stinknormales Eckgebäude, unschuldig, unverdächtig, unberührt. Die Stadt schluckt ihre Morde, ihre Ungerechtigkeiten, ihre Opfer, deren Leben sie zerstört hat, und macht fröhlich weiter, bietet so viele neue Aufregungen, bis die Toten, die Einsamen, die Verletzten langsam verblassen und irgendwann keiner mehr ihre Namen kennt. Die Stadt heilt alle Wunden." (S. 161)

Im Mittelpunkt dieses Thrillers steht die Fallanalystin Emma Carow. In "Fernseh-Deutsch" würde man Emma eine Profilerin nennen. Ihre Aufgabe ist es, ein Täterprofil zu erstellen. Anhand der Spuren, die an den Tatorten gefunden werden, versucht sie, das Verbrechen zu rekonstruieren, sich in den Täter hineinzuversetzen und so Aussagen über seine Persönlichkeit zu treffen. Ihre Untersuchungsergebnisse sollen dem Ermittler-Team wertvolle Hinweise geben und dabei helfen, die Verbrechen aufzuklären. Doch Emma gibt sich nicht damit zufrieden, lediglich als Zulieferer von Informationen zu dienen, zumal das Ermittler-Team ihre Hinweise nicht in der Form interpretiert, wie sie es gerne hätte. Ihr Instinkt beschert ihr Verdachtsmomente, die sie nicht immer belegen kann. Doch sie vertraut auf ihr Bauchgefühl und scheut sich nicht, Kollegen zu manipulieren, damit diese ihre Aufklärungsansätze nachverfolgen, auch wenn diese wider jeder Logik sind. Dabei legt sie eine Besessenheit an den Tag, die ihr keine Sympathiepunkte einbringt.

"Emma mochte Tatorte. Überall geschäftige Kollegen, jeder ein Experte, die intensive Suche nach Spuren, das geballte Fachwissen, diese selbstverständliche Konzentration auf Dinge, die für die meisten Menschen unsichtbar sind. Sie mochte es, Teil davon zu sein. Vor allem aber mochte sie Tatorte, wenn die anderen weg waren. Dann erst entfalteten sie ihre volle Wirkung. Erst dann gaben sie ihre Botschaft preis. Erst dann konnte sie sie auch hören." (S. 71 f.)

Mit Emma Carow hat das Autorenduo Ule Hansen einen Charakter geschaffen, der lange in Erinnerung bleiben wird. Sie ist keine toughe Heldin, die von ihren männlichen Kollegen als Kumpeltyp anerkannt wird. Nein, Emma ist ein verstörter und eigenwilliger Mensch, der sich von anderen fernhält und dem man mangelnde Sozialkompetenz vorwirft. Männern gegenüber verhält sie sich abweisend. Kein Wunder, denn schließlich ist sie vor einigen Jahren vergewaltigt worden. Ihr Vergewaltiger hat mittlerweile seine Haftstrafe abgesessen und befindet sich wieder auf freiem Fuß. Scheinbar ist er geläutert und bereut seine Tat. Zumindest versucht er dies in einem Buch über seine Straftaten und sein Leben im Gefängnis glaubhaft zu machen. Der "ehemalige" Vergewaltiger hat Erfolg mit seinem Buch und präsentiert sich gern in der Öffentlichkeit. Ein Hohn für Emma, denn schließlich hat er sie zu der gestörten Persönlichkeit gemacht, die sie heute ist. Durch die Vergewaltigung hat sie ihre Unbeschwertheit verloren. Ihr Leben ist von Misstrauen gegenüber anderen geprägt. Umso quälender, dass ihr Peiniger wieder auf freiem Fuß ist und sich auch nicht scheut, den Kontakt zu ihr zu suchen.

"Endlich, endlich war sie draußen. Allein. Keiner kam ihr nach. Sie atmete tief durch. Zwei, drei Mal. Mehr wollte sie nicht. Draußen sein, an der frischen, verpesteten Berliner Luft. Ein kleiner, kalter, dreckiger, ungefährlicher Teil der Realität, der nicht ihr Feind war. Für den Rest war sie zu schwach." (S. 133 f.)

In dem Thriller sind 3 Handlungsstränge miteinander verwoben. Im Vordergrund steht die Aufklärung der Mordserie des "Mumienmörders", der seine Opfer in einen Kokon aus Panzertape wickelt und aufhängt. Begleitet wird dies von der Geschichte der Vergewaltigung von Emma und den psychischen Auswirkungen, die diese Tat auf sie hat, bis hin zum heutigen Konflikt mit ihrem Vergewaltiger. Zusätzlich wird der Leser noch Zeuge eines Konkurrenzkampfes, der zwischen Emma und einem Kollegen stattfindet. Beide interessieren sich für die Position der Abteilungsleitung der Fallanalyse, die in Kürze zur Verfügung steht, da die derzeitige Leiterin in Mutterschutz gehen wird. Dieser Konkurrenzkampf wird mit harten Bandagen ausgefochten. Insbesondere Emma's Gegner ist nicht zimperlich bei der Wahl seiner Waffen. Fairness wird bei diesem Kampf ausgelassen.

In den Rezensionen, die ich bisher zu diesem Buch gelesen habe, kam häufiger die Kritik auf, dass der Sprachstil von Ule Hansen sehr gewöhnungsbedürftig sei und sich negativ auf den Lesefluss auswirken würde. Das habe ich völlig anders empfunden. Sicher, der Sprachstil wirkt zerhackt, hauptsächlich hervorgerufen, durch kurze Sätze, Aneinanderreihung von Nebensätzen und Satzfragmenten. Aber man muss bedenken, dass die Geschichte aus der Perspektive von Emma geschrieben ist. Einem Menschen, der zutiefst verstört ist, und der unter den Nachwirkungen eines traumatischen Erlebnisses zu leiden hat. Sie steht unter permanentem seelischen Stress. Und dies spiegelt sich in dem besonderen Sprachstil von Ule Hansen wieder und gibt dem Charakter Emma ein hohes Maß an Authentizität.

Fazit:
Ein verstörender Thriller, bei dem die Spannung von Anfang an sehr hoch ist und sich auch noch zum Ende hin steigern kann. Der Leser tappt - genau wie das Ermittlerteam - lange Zeit im Dunkeln. Erst zum Schluss entwickelt sich ein Szenario, mit dem man nicht gerechnet hat und für das es auch während des Handlungsverlaufs so gut wie keine Hinweise gab. Das Buch fesselt von Anfang bis zum Ende, macht also genau das, was ich von einem guten Thriller erwarte. Daher: Klare Leseempfehlung!

© Renie


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19 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

horror, anthologie, rezension, kurzgeschichten, briefgestöber

Aus dunklen Federn 2

Markus Heitz , Thomas Finn , Boris Koch , Vincent Voss
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Briefgestöber, 29.03.2016
ISBN 9783981557473
Genre: Sonstiges

Rezension:

Manchmal bekomme ich beim Kochen merkwürdige Anwandlungen. Da ist ein Kohlkopf auf einmal kein Kohlkopf mehr, das Messer wird zu "kaltem Stahl in meiner Hand", und ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ..... Schluss mit dem Kopfkino!
Ich bleibe lieber beim Lesen. Denn die Horror-Anthologie "Aus dunklen Federn 2", herausgegeben von Sonja Rüther im Briefgestöber Verlag, liefert ausreichend Nervenkitzel, um mein Bedürfnis nach Grusel und Horror zu befriedigen.

Sonja Rüther hat es mal wieder geschafft. Nach dem Erfolg der Horror-Anthologie "Aus dunklen Federn", die Ende 2014 erschienen ist, hat sie nun einen würdigen Nachfolger herausgebracht: Aus dunklen Federn 2. Wieder konnte sie einige ihrer Autorenkollegen und -freunde "überreden", bei dieser Anthologie mitzumachen. Das Ergebnis sind 16 Geschichten, die meine Horror-Lust mehr als befriedigen. Allen Autoren gelingt es, Horror unterschiedlich zu interpretieren. Die Vielfältigkeit kennt dabei keine Grenzen.

Und genau wie in "Aus dunklen Federn" Teil 1, musste auch jeder Autor seinen zeichnerischen Beitrag leisten. Jeder Geschichte ist eine Zeichnung des Autors, der sie geschrieben hat, vorangestellt. Und die Damen und Herren der schreibenden Zunft haben sich dabei richtig Mühe gegeben, die Ergebnisse können sich sehen lassen. Zeichnungen aus der eigenen dunklen Feder des Autors - persönlicher geht es fast nicht mehr!

"Erst war nur ein leises Quietschen zu hören. Dann kamen zwei Räder mit angerosteten Speichen zum Vorschein, als sich ein verzogener alter Rollstuhl aus der Tür schob. Zwei sehnig faltige Hände griffen in die Räder, trieben sie voran, bis die verkrüppelten Beine gegen das Geländer der Veranda stießen. Und da hockte er, der kleine, böse, alte Mann, die Flinte auf dem Schoß und funkelte böse zu den Hartmanns rüber." (S. 17, aus "Der Groll" von Christian von Aster)

Die Geschichten spielen überall: im Grünen, in der Schule, im Märchen, in Ecuador, in einem selbst, in Büsum, in der Zukunft ...
Die Charaktere in den Geschichten können Leute wie du und ich sein, aber auch Exoten wie Folterknecht, Feen, Hexen, Zombie und Lehrer (Ups!)
Eine bunte Mischung also, es wäre doch gelacht, wenn man sich in dem einen oder anderen nicht wiederfinden könnte.

Was macht diese 16 Geschichten so schön schaurig? Jede Geschichte hat ihren eigenen Horror-Style. Es wird mit Gefühlen gespielt: ob Unbehagen, ohnmächtiger Zorn oder lähmendes Entsetzen; Ekel, Schmerz oder Todesangst. Es gibt Geschichte, die märchenhaft geschrieben sind, ... oder die Ähnlichkeit mit einer Abenteuergeschichte haben. Es gibt die Horror-Dystopie und es gibt die pythoneske Geschichte, die so herrlich schräg und absurd ist, dass man sie ohne weiteres in einem Monty Python-Film wiederfinden könnte. Für jeden Horror-Gusto ist also etwas dabei.

"Er ging gebeugt und sehr langsam, und seine kleinen runden Augen wirkten in dem faltigen Gesicht wie graue Kieselsteine, die man auf knittriges Leder geklebt hatte. Er schwitzte wie ein Tier. Und sein Schweiß war wie Gelee. Zähflüssig rutschte er ihm in großen Tropfen über die Stirn und klatschte in dicken Klümpchen auf sein Hemd. Seine Haare hatten einen unerklärlichen Grünstich und standen starr von seinem Schädel ab. Kleine Zuckerkristalle hingen in seinen Mundwinkeln, und als er den Mund öffnete, war es, als würde er mit jedem Atemzug die Luft in Sirup verwandeln." (S. 48 f., aus "Photosynthese" von Nicole Zöllner)

Viele Geschichten in dieser Anthologie haben den alltäglichen Horror zum Thema. Gerade diese Geschichten aus dem Alltag zeigen ihre besondere Wirkung auf den Leser. Man möchte eigentlich gar nicht daran denken, dass es oft nur ein kurzer Moment ist, der die eigene Komfortzone in ein Horror-Szenario verwandeln kann. Und auf einmal ist nichts mehr wie es war. Allein die Vorstellung, was einem alles passieren kann, lässt einen schaurig schön schaudern.

"Denn es sind immer die dunklen Geschichten, die sich festsetzen." (S. 215, aus "Im Haus des toten Clowns" von Boris Koch)

Wenn man zum Ende dieser Anthologie kommt, hat man das Gefühl, gerade eine Achterbahnfahrt hinter sich gebracht zu haben. Herzklopfen, mulmiges Gefühl in der Magengegend, Adrenalin in allen Poren. Der Nervenkitzel war einfach großartig. Und das ist genau das, was gute Horrorliteratur ausmacht. Der Leser soll sich fürchten und gruseln, seine Fantasie muss mit ihm durchgehen. Und wenn er das Buch zuklappt, muss er das Gefühl haben, dass er großartig unterhalten worden ist. Ein herrliches Gefühl, das fast schon etwas Befreiendes hat! "Aus dunklen Federn 2" hat mir genau dieses Gefühl beschert. Daher: Klare Leseempfehlung!

© Renie


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einsamkeit, liebe, verlust, tod, familie

Vom Ende der Einsamkeit

Benedict Wells
Fester Einband: 355 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 24.02.2016
ISBN 9783257069587
Genre: Romane

Rezension:

Ja, ich habe es auch gelesen. "Vom Ende der Einsamkeit" von Benedict Wells. Es gibt kaum ein Buch, das mir momentan häufiger begegnet als dieses. Facebook und Co., Bloggerkollegen, Presse ... überall trifft man auf dieses Buch. Was soll ich also darüber schreiben, was nicht andere schon Dutzendmale geschrieben haben? Erschwerend kommt hinzu, dass ich mir keine einzige Notiz zu diesem Roman gemacht habe - nicht, weil es nichts dazu anzumerken gibt, sondern weil mich diese Geschichte komplett in ihren Bann gezogen hat. Da blieb keine Zeit und Lust für Notizen.

Worum geht es in diesem Roman?
Jules und seine beiden Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben kommen. Als Erwachsene glauben sie, diesen Schicksalsschlag überwunden zu haben. Doch dann holt sie die Vergangenheit wieder ein. Ein berührender Roman über das Überwinden von Verlust und Einsamkeit und über die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist. Und vor allem: eine große Liebesgeschichte. (Quelle: Diogenes)

Jules, Marty und Liz - drei Kinder, denen von einem Moment auf den anderen die Unbeschwertheit ihrer Kindheit geraubt wird. Der tödliche Unfall ihrer Eltern lässt das Leben der Kinder "an einer Weiche ankommen, falsch abbiegen". Seitdem "führen sie ein anderes, falsches Leben. Ein nicht korrigierbarer Fehler im System."
Was wäre aus den Kindern geworden, wenn sie nicht diesen Schicksalsschlag erlitten hätten? Wären sie die Personen, die sie heute sind? Jules - still, in sich gekehrt, ziellos, fängt alles an - bringt nichts zu Ende, ein Träumer; Marty - der Erfolgstyp, übervernünftig, neurotisch, mit einer Höllenangst vor den Unwegbarkeiten, die das Leben mit sich bringt; Liz - sprunghaft, einzelgängerisch, fast schon selbstzerstörerisch, strebt ein Leben der Extreme an, mit Mittelmaß gibt sie sich nicht zufrieden.

Die Geschichte wird aus der Sicht von Jules erzählt. Er vermittelt einen tiefen Einblick in sein Seelenleben. Über mehrere Jahrzehnte begleitet der Leser Jules und durchlebt dabei sämtliche Glücksmomente und Schicksalsschläge, die das Leben für Jules bereithält.
Das Glück in seinem Leben ist trügerisch. Sobald Jules auf der Sonnenseite des Lebens steht, ziehen die ersten Regenwolken auf. Sein Glück ist nie von Dauer. Und einmal mehr wird einem bewusst, dass sich das Glück nicht festhalten lässt. Zum Leben gehören beide Facetten, sowohl Glück als auch Unglück.

"Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es schuldet einem nichts, und die Dinge passieren, wie sie passieren. Manchmal gerecht, so dass alles einen Sinn ergibt, manchmal so ungerecht, dass man an allem zweifelt. Ich zog dem Schicksal die Maske vom Gesicht und fand darunter nur den Zufall." (S. 299)

Die Geschichte wird in leisen melancholischen Tönen erzählt. Diese Melancholie wirkt ansteckend. Sie stimmt nachdenklich, und bringt den Leser dazu, zwischendurch innezuhalten und das Gelesene zu reflektieren. Benedict Wells macht es dem Leser einfach, in diese Geschichte abzutauchen. Sein Sprachstil wirkt wunderschön mühelos. Durch ihre unaufdringliche Leichtigkeit rückt die Sprache in den Hintergrund und lässt der melancholischen Stimmung viel Raum zur Entfaltung. Nichtsdestotrotz stößt man immer wieder auf Beweise der hohen Sprachkunst von Benedict Wells, die dem Leser einige Zaubermomente bescheren.

"Und dann dachte ich an den Tod und wie ich mir früher oft vorgetellt hatte, er wäre eine unendliche Weite, wie eine Schneelandschaft, über die man flog. Und dort, wo man das Weiße berührte, füllte sich das Nichts mit den Erinnerungen, Gefühlen und Bildern, die man in sich trug, und bekam ein Gesicht. Manchmal war das Entstandene so schön und eigentümlich, dass die Seele hineintauchte, um dort zu verweilen, bis sie schließlich weiterzog, auf ihrem Weg durch das Nichts." (S. 306)

Ich habe dieses Buch gestern beendet und bekomme seitdem den Kopf nicht frei. Viel zu sehr beschäftigen mich die Gedanken, die dieser Roman bei mir hervorgerufen hat. Das Buch hat viele philosophische Ansätze. Folgende Fragen haben eine große Bedeutung für diesen Roman: Wäre man heute derselbe Mensch, wenn die eigene Kindheit anders verlaufen wäre? Gibt es etwas im Menschen, dass unveränderlich ist, egal, was einem im Leben widerfährt?
Fragen, die sich nicht beantworten lassen, aber diesen Roman nachwirken lassen.

"' ... Du bist nicht schuld an deiner Kindheit und am Tod unserer Eltern. Aber du bist schuld daran, was diese Dinge mit dir machen. Du allein trägst die Verantwortung für dich und dein Leben. Und wenn du nur tust, was du immer getan hast, wirst du auch nur bekommen, was du immer bekommen hast.'" (S. 185)

"'Es ist ... Wir sind von Geburt an auf der Titanic. ... Was ich sagen will: Wir gehen unter, wir werden das hier nicht überleben, das ist bereits entschieden. Nichts kann das ändern. Aber wir können wählen, ob wir schreiend und panisch umherlaufen oder ob wir wie die Musiker sind, die tapfer und in Würde weiterspielen, obwohl das Schiff versinkt. ...'" (S. 339)

Fazit:
Ein berührendes und melancholisches Buch, erzählt mit einer Leichtigkeit, die dem Leser viel Raum zum Nachdenken lässt. Und das Schöne ist: Trotz aller Nachdenklichkeit und Melancholie hat dieses Buch einen hoffnungsvollen Schluss, so dass man als Leser mit einem positiven Gefühl und einem Lächeln wieder in den Alltag entlassen wird.
Klare Leseempfehlung!

© Renie

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graphic novel, goethe, werther, franziska walther

Werther Reloaded

J.W.v. Goethe , Franziska Walther
Fester Einband
Erschienen bei Kunstanstifter Verlag, 17.03.2016
ISBN 9783942795371
Genre: Romane

Rezension:

Wie war das nochmal mit Goethes Werther? Also, Werther liebte Lotte - Lotte liebte Werther (oder auch nicht) - doch Lotte war einem anderen versprochen (Albert) - Werther litt wie ein Tier, konnte Lotte nicht umstimmen - einziger Ausweg: Selbstmord!
Liebhaber der klassischen Literatur mögen mir diese respektlose Kurzversion verzeihen - wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass sich jemals ein Klassik-Leser auf meinen Blog verirren wird. Aber denjenigen, die sich an klassische Literatur nicht herantrauen oder immer noch mit den Nachwirkungen des Deutsch-Unterrichts in der Schule zu kämpfen haben, kann ich nur raten: Versucht es mal mit einer Graphic Novel! Und falls doch ein Fan klassischer Literatur hierher finden sollte.... Sieh mal an, was man aus einem Klassiker alles machen kann!

Franziska Walther geht alles andere als respektlos an Goethes "Die Leiden des jungen Werther" heran.
Sie versetzt ihren Protagonisten Werther in unsere Zeit. Da lebt er nun in New York, arbeitet in der Werbung und macht das, was ein Hipster so macht: Arbeit, Party, Sex, Drogen ... - alles im Überfluss, aber trotzdem nie genug. Ein Leben, das von Oberflächlichkeit geprägt ist und dem die Sinnhaftigkeit fehlt. Eine Auszeit wäre nicht schlecht. Er macht Urlaub auf dem Land, je mehr Ruhe und Natur desto besser. Hier lernt er Lotte kennen und verliebt sich in sie. Seine Gefühle werden erwidert, jedoch nicht in dem Maße, wie Werther es sich erhofft. Irgendwann offenbart sie ihm, dass sie bereits mit jemandem zusammen ist: Albert. Werther kommt mit der Situation nicht klar. Er kann nicht gegen seine Gefühle angehen und versucht, Lotte für sich zu gewinnen. Damit tut er sich jedoch keinen Gefallen. Sie weist ihn zurück. Werther kehrt zurück nach New York und fällt wieder in den alten Trott. Doch er schafft es einfach nicht, Lotte aus dem Kopf zu bekommen und verfällt in Depressionen ..... weiter erzähle ich nicht.

"Am 21. November.
Sie sieht nicht, sie fühlt nicht, daß sie ein Gift bereitet, das mich und sie zugrunde richten wird; und ich mit voller Wollust schlürfe den Becher aus, den sie mir zu meinem Verderben reicht. Was soll der gütige Blick, mit dem sie mich oft - oft? - nein, nicht oft, aber doch manchmal ansieht, die Gefälligkeit, womit sie einen unwillkürlichen Ausdruck meines Gefühls aufnimmt, das Mitleiden mit meiner Duldung, das sich auf ihrer Stirne zeichnet?..."

- aus Goethes "Die Leiden des jungen Werther

Franziska Walther arbeitet in dieser Graphic Novel mit leuchtenden Farben: Blau- und Rottöne, Pistaziengrün sowie Rosa und Violett.
Violett ist dabei die dominierende Farbe, anfangs dosiert eingesetzt, nimmt sie im Verlauf der Geschichte immer mehr Raum ein. Welche Bedeutung hat die Farbe Violett eigentlich? Ich kann mich vage daran erinnern, dass sie von einigen Völkern als Farbe der Trauer angesehen wird. Im Internet gibt es seitenweise Abhandlungen über die Symbolik von Farben. Bei meiner Recherche bin ich dabei auf ein paar Begriffe gestoßen, die man allgemein mit der Farbe Violett verbindet:
Mystik, Magie, Über-Ich, Inspiration, Melancholie, Leid, Verzicht, Neigung zu Neurosen.
Ist das jetzt ein Zufall, dass im Verlauf der Geschichte, die Farbe Violett immer stärker vertreten ist? Zumindest demonstriert Franziska Walther damit eindrucksvoll das Gefühlsleben von Werther. Je tiefer er in seinem Kummer um die unerfüllte Liebe versinkt, je mehr Leid, Melancholie und Gefühlschaos er empfindet, desto mehr werden die Zeichnungen von der Farbe Violett dominiert.
Anfangs wirkt die Farbgebung grell und unruhig. Sie geben das hektische Leben Werthers in New York wieder. Im Verlauf der Geschichte erhalten die Bilder etwas Düsteres und Schwermütiges. Als Leser spürt man den Seelenschmerz von Werther, die Depression, mit der er zu kämpfen hat. Franziska Walter arbeitet auf einmal Schatten in ihre Bilder ein. Sind das etwa die Schatten die sich auf Werthers Seele legen?

Franziska Walther hat ihre Zeichnungen durch Auszüge aus Goethes Briefroman um den jungen Werther ergänzt. Anfangs ist dies gewöhnungsbedürftig. Der Kontrast zwischen modernem Bild und alter Sprache ist schon extrem. Aber je intensiver man sich mit Zeichnungen und Text beschäftigt, desto selbstverständlicher wird diese Kombination und man möchte sie am Ende nicht missen.

Werther Reloaded von Franziska Walther ist für mich ein Paradebeispiel, dass Klassische Literatur Spaß machen kann. Sie hat es geschafft, einem Briefroman, 1774 von Goethe verfasst, ein modernes Gewand zu verpassen. Dabei hat sie Goethes Plot aufgegriffen, modifiziert und auf unsere heutige Zeit angepasst. Franziska Walther beweist viel Feingefühl bei der Umsetzung. Durch die Aussagekraft ihrer Zeichnungen erzählt sie eine eigene Geschichte, liefert viele Parallelen zu Goethes Werther und hält somit immer eine Verbindung zu dem Ursprungswerk. Verstärkt wird dies noch durch die Textauszüge aus dem Originalwerk.
Und wer am Ende wissen will, wie es wirklich bei Goethes Werther zugegangen ist, der kann Goethes Briefroman, der im hinteren Teil dieses Buches abgedruckt ist, in seiner ganzen Herrlichkeit nachlesen.

© Renie

PS: Schade, dass hier keine Abbildungen zu erkennen sind. Wer stöbern möche, hier geht es zur Internetseite von Franziska Walther:

http://sehenistgold.de/werther/

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Tags: franziska walther, goethe, graphic novel, werther   (4)
 

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georgien, ch: niveau 2016, lasha bugadze, literaturexpress

Der Literaturexpress

Lasha Bugadze , Nino Haratischwili
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 01.03.2016
ISBN 9783627002237
Genre: Romane

Rezension:

Im Jahr 2000 gab es ein paneuropäisches Projekt namens "Literaturexpress 2000": Über 100 Autoren aus 43 europäischen Ländern, bestiegen in Lissabon den Literaturexpress und begaben sich auf eine Reise quer durch Europa. Über einen Zeitraum von 6 Wochen waren sie in besagtem Literaturexpress unterwegs, um Europa die Vielfalt der europäischen Literatur näher zu bringen. Während ihrer Stopps fanden Lesungen und Podiumsdiskussionen statt, bei denen die teilnehmenden Autoren die Gelegenheit hatten, ihre Werke dem geneigten Ohr der europäischen Leserschaft zu präsentieren.

Lasha Bugadze hat zu dieser spektakulären Literaturreise quer durch Europa einen Roman geschrieben, die - laut Klappentext - ein "paneuropäischer Irrsinn" war.

Im Mittelpunkt dieses Roman steht der 28-jährige Zaza, ein georgischer Autor, der bisher einen einzigen, leider wenig erfolgreichen Erzählband in seiner Heimat veröffentlicht hat. Er erhält die Einladung zur Teilnahme an dem Literaturexpress und fragt sich, warum man ausgerechnet auf ihn gekommen ist. Berechtigte Frage! Hat Georgien nichts Besseres zu bieten? Nun gut, zur georgischen Delegation gehört noch Zwiad. Aber der ist Lyriker. Und einen Lyriker mit einem Prosaisten zu vergleichen? Das ist, als ob man Äpfel mit Birnen vergleicht. Warum also Zaza? Leider erhält Zaza keine Antwort auf diese Frage, die er sich so häufig in diesem Roman stellen wird.

"Es ist schrecklich, als georgischer Schriftsteller geboren zu werden! Niemand interessiert sich für dich, du aber, durch diese Scheißegal-Haltung deiner Mitbürger bedrückt, schreibst trotzdem weiter ... Wobei es immer noch besser ist, Lyriker zu sein als Prosaist. Als Lyriker kannst du dich in deinem Hotelzimmer einsperren, dich besaufen, die anderen angiften, und später, wenn du Glück hast, schreibst du ein paar wutentbrannte Strophen runter. Und ich? Was zum Geier soll ich machen? Mit dem Trinken habe ich aufgehört, und Gedichte schreiben kann ich auch nicht." (S. 134 f.)

Zaza steckt voller Selbstzweifel. Während der Reise vergleicht er sich mit den anderen Schriftstellern. Er beobachtet und wundert sich. Die europäischen Kollegen stecken voller Ehrgeiz, haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Eindrücke dieser Reise in möglichst geniale schriftstellerische Ergüsse einfließen zu lassen.
Zaza kann deren Ehrgeiz und Elan nicht teilen. Fehlt ihm das Schriftsteller-Gen, das ihn dazu bringt aus einer Idee eine Geschichte entwickeln zu können? Und so verbringt er seine Zeit in dem Literaturexpress mit Nachdenken. Dabei versucht er, möglichst unauffällig zu bleiben - bloß nicht auffallen, und beim nächsten Halt noch eine Lesung durchführen müssen!

Im Klappentext dieses Romans wird folgende Frage gestellt:
"Was passiert, wenn man hundert Schriftsteller in einen Zug steckt und quer durch Europa schickt?"
Eine Frage, die große Erwartungen beim Leser schürt! Hundert unterschiedliche, (hoffentlich) exzentrische Charaktere, die aufeinander prallen und über etliche Wochen miteinander klar kommen müssen. Das schreit doch nach einem Festival der Eitelkeiten! Aber das bietet dieses Buch leider nicht. Stattdessen gewinnt man den Eindruck, dass die Teilnehmergruppe fast ausschließlich aus osteuropäischen Autoren besteht. Zwischendurch taucht mal ein Westeuropäer auf, der aber keinen Einfluss auf die Handlung hat und auch keinen bleibenden Eindruck beim Leser hinterlässt. Die Osteuropäer scheinen unter sich zu bleiben. Hier hätte ich mir doch mehr Konfliktpotenzial beim Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Mentalitäten erhofft. Zudem findet generell wenig Interaktion zwischen den Autoren statt. Insofern ist die Frage aus dem Klappentext ein wenig irreführend.

"Ich war mir sicher, dass alle ihre jeweiligen gegenwärtigen Eindrücke beschreiben und ihre romantisch-professionellen Seelenzustände schriftstellerisch, lyrisch oder was weiß ich noch wie festhalten wollten. Vor meinen Augen entstand bereits ein Riesenberg an literarischem Schund - der reinste Literaturersatz ohne jede Bedeutung! Ja, niemand hätte mich davon überzeugen können, dass genau jetzt, wenige Augenblicke nachdem sich unser Zug in Gang gesetzt hatte, auch nur einer imstande war, etwas literarisch Wertvolles und Interessantes zustande zu bringen. Alles nur Schwindler, weiter nichts!" (S. 48)

Bei diesem Roman bekommt man es also nicht mit einem Kulturkampf zu tun. Stattdessen präsentiert Lasha Bugadze eine Satire auf osteuropäische Schriftsteller. Dabei bedient er sämtliche Klischees, angefangen bei der Trinkfestigkeit, dem ungehobelten Benehmen und dem Ehrgeiz, in den Texten eine politische Botschaft zu verpacken und ihnen somit einen pseudo-intellektuellen Anstrich zu verpassen. Bugadze verwendet dabei einen Sprachstil, der mich überrascht hat. Mit osteuropäischer Literatur verbinde ich eine schwermütige, ein wenig düstere Sprache. Nicht so bei Bugadze. Er ist witzig, vermittelt die Geschehnisse während der Reise in einem sehr lockeren Stil, der an manchen Stellen fast schon eine heitere Stimmung produziert. Eine Stimmung, die einen stellenweise an die Ausgelassenheit einer Oberstufenklasse bei einem Schulausflug erinnert.

"Oder interessiert sich der New Yorker ausschließlich für Bulgarien? Wie soll ein Autor erraten, welche Region zum Beispiel im kommenden Jahr dran sein wird? Wo etwa ist der nächste Krieg geplant? Wo werden als Nächstes die Köpfe von Entführungsopfern rollen? Man sollte Ausschreibungen machen wie: 'Im Jahre 2030 werden Romane gefragt sein, die sich mit der UN beschäftigen!'" (S. 198)

Neben der Satire präsentiert Bugadze dem Leser noch eine Liebesgeschichte, die doch gewisse Parallelen zu Goethes "Die Leiden des jungen Werther" aufweist. Also er (Zaza) verliebt sich in sie (Helena), sie erwidert seine Liebe .... oder auch nicht ... blöderweise ist sie jemand anderem versprochen (bei Bugadze ist sie schon verheiratet)... zurück bleibt der unglücklich Verliebte, der sich bei Goethe das Leben nimmt, bei Bugadze aber nicht. Unglücklich ist Zaza trotzdem. Während der Zugfahrt schmachtet er Helena an, sucht ständig ihre Nähe und gewährt dem Leser einen tiefen Einblick in seine von Liebeskummer durchtränkte Seele. Die Gedanken, welche sich um seine Angebetete drehen, haben streckenweise spätpubertierende Ausmaße. Das kann für den Leser nervig werden, kann aber auch amüsant sein, vermutlich je nach Altersklasse des Lesers.

Fazit:
Mich konnte dieser Roman leider nicht überzeugen. Aufgrund des Klappentextes hatte ich auf eine Satire gehofft, die sich auf Eitelkeiten, Neid und Missgunst unter Autoren konzentriert. Ich habe auf Streitereien und Zickereien gehofft. Doch aufgrund der fehlenden Interaktion der Autoren, blieben die erhofften Reibereien zwischen unterschiedlichen Mentalitäten aus. Stattdessen bekam ich einen Einblick in die osteuropäische Schriftstellerseele.
Hinzu kommt, dass die Handlung mich nicht mitreißen konnte. Stetiges Dahinplätschern ist auf Dauer langweilig. Ein paar unvorhersehbare Wendungen hätten dem Spannungsbogen sicherlich gut getan.
Positiv hervorheben möchte ich den Sprachstil von Bugadze. Seine Leichtigkeit und Ironie entschädigen den Leser um einiges in diesem Buch. Auf alle Fälle hat Bugadze mit seinem Sprachstil bewiesen, dass man ihn als Schriftsteller durchaus auf dem Leseradar behalten sollte.

© Renie

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flugteufel, fantasy, erotik, anderwelt, dark fantasy

Dämonentränen

Peter Lancester
Flexibler Einband: 388 Seiten
Erschienen bei Eldur Verlag, 03.02.2006
ISBN 9783937419053
Genre: Fantasy

Rezension:

Worum es geht:
Kurz und knapp geht es um die Lebens- und Leidensgeschichte der Psychiatriepatientin Mona, die ein grauenvolles Geheimnis in ihrem Körper verwahrt. (Quelle: Eldur-Verlag)

"Es war solch eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet sie, ein Kind der Nacht, das helles Licht scheute und vor dem sich besser jedes Lebewesen fürchten sollte, Angst vor der Dunkelheit hatte. Nicht vor der Dunkelheit ans sich, sondern davor, was sich in ihr verbergen konnte. Das Gesichtslose, Gestaltlose, Ungreifbare." (S. 43)

Erzählt wird diese Geschichte in mehreren Handlungssträngen und Zeitebenen. Sie beginnt irgendwann in der Vergangenheit, in einer Zeit, in der die Menschen noch mit Schwertern statt mit Handys unterwegs waren. Ein Mann und eine Frau auf der Flucht. Sie ist die Tochter eines wohlhabenden und angesehenen Bürgers einer Stadt namens Unterhessen. Er ist der nicht standesgemäße Mann, den sie liebt und mit dem sie durchgebrannt ist. Ihre Flucht nimmt ein jähes Ende als die beiden von Flugteufeln überfallen werden. Im Verlauf der Geschichte zeichnet sich ab, welche Fähigkeiten Flugteufel besitzen: sie können fliegen, ernähren sich von Blut und Fleisch und sie können eine menschliche Gestalt annehmen. Auch, wenn der Leser ahnt, wie die Sache für die beiden ausgeht, bleibt das Schicksal der beiden zunächst ungewiss.
Denn mit dem nächsten Kapitel gibt es einen Wechsel in die Gegenwart. Hier treffen wir auf Frank und Mona. Die beiden leben zusammen in Hamburg. Mona ist irgendwie merkwürdig, insbesondere ihre Essensgelüste sind sehr befremdlich. Außerdem scheint sie geistig zurückgeblieben. Was ist los mit ihr? Spätestens als sie entführt wird, fragt man sich, welches Geheimnis Mona hütet. 
Der Autor Peter Lancester bringt Licht ins Dunkle, indem er einen Wechsel zwischen den einzelnen Handlungssträngen stattfinden lässt. Durch Rückblicke auf die Jahre vor der Entführung, erfährt der Leser nach und nach, welches Geheimnis Mona tatsächlich verbirgt und warum sie der "Mensch" ist, der sie ist.

"Sie sah nicht nur aus wie ein Mensch und lebte wie ein Mensch, sie dachte auch immer mehr wie ein Mensch. Sie empfand das Monster in sich mehr und mehr wie eine andere Person, mit der sie diesen Körper zu teilen gezwungen war, und das manchmal erwachte, um klarzustellen, wem dieser Körper in Wirklichkeit gehörte. Wenn das Monster fressen wollte, dann musste Mona fressen; wenn es töten wollte, musste Mona töten. Und da es nicht sterben wollte, blieb Mona am Leben." (S. 249)

Man lernt mit der Zeit, dass Mona eine blutrünstige Kreatur in Menschengestalt ist, die jedoch durch ihr Leben bei den Menschen gezwungen ist, sich anzupassen. Interessanterweise schafft es Peter Lancester, dass man als Leser vergisst, dass Mona ein Monster ist. Sie ist eine wunderschöne Frau, hochsensibel, gutgläubig, naiv und leidet in ihrer Haut. Wenn dann auch noch ihre Naivität von bösen Buben ausgenutzt wird, leidet man mit ihr. Ja, auch Monster haben eine Seele! Wenn da nur nicht ihre merkwürdigen Essgewohnheiten wären ;-)
Die Geschichte wird hauptsächlich aus der Sicht von Mona erzählt, wodurch man einen intensiven Einblick in ihre verletzliche Seele erhält. Durch den Wechsel auf die Erzählperspektiven anderer Charaktere in diesem Buch, schafft es der Autor jedoch, dem Leser immer wieder in Erinnerung zur rufen, was für ein Wesen Mona tatsächlich ist. Peter Lancester hat dabei einen sehr präzisen Sprachstil, er schweift nicht ab, konzentriert sich auf das Wesentliche. Dabei formuliert er seine Sätze punktgenau, wobei sein Sprachstil dadurch keineswegs nüchtern wirkt. Denn er schafft es immer wieder humoristische Komponenten einfließen zu lassen. Der Spannungsaufbau ist hervorragend. Einmal angefangen, legt man dieses Buch nicht so schnell aus der Hand.

In diesem Buch trifft man fast ausschließlich auf fragwürdige, merkwürdige und kriminelle Charaktere, angefangen bei skrupellosen Forschern, südländischen Brutalos bis hin zu Typen aus dem Rotlichtmilieu. Die einzigen Normalos scheinen Mona und Frank zu sein. Frank ist sehr religiös und versucht dementsprechend sein Leben zu gestalten. Er ist in dieser Geschichte der Gutmensch, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Mona zu beschützen. Wie erfolgreich er dabei ist, stellt sich erst zum Ende heraus.

"In diesem Augenblick meldete sich wieder der Hunger mit einem unüberhörbaren Magenknurren. Sie sah zu der Frau hinüber. Schönes, weißes Fleisch; warmes, rotes Blut - und außer ihnen beiden war niemand hier ..." (S.123)

Man kann dieses Buch ohne Kenntnisse der vorherigen Bände aus den Chroniken der Anderwelten lesen. Es gibt meines Erachtens eine Verbindung, indem gerade in dem Handlungsstrang, der zu Beginn der Geschichte einsetzt (der mit den Schwertern und Flugteufeln) kurz von einem Portal in eine andere Welt berichtet wird bzw. von einer sogenannten "Verlorenen Stadt". Dies sind Fantasyelemente, die auf weitere Geheimnisse hindeuten, die sich hinter dieser Geschichte über Mona verbergen.

Kommen wir zu den Horrorelementen in diesem Buch. Man trifft auf Szenen, die ziemlich ekelig sind. Peter Lancester hat der dunklen Seite seiner Fantasie freien Lauf gelassen. Manche Szenen waren für mich grenzwertig. Nun muss ich dazusagen, dass bei den Büchern, die ich sonst lese, das Blut nur gelegentlich tröpfelt. In Dämonentränen floss es zwischenzeitlich in wahren Sturzbächen, was nicht so meins ist. Aber ich bin hier sicherlich kein Maßstab. Ein echter Horrorfan ist hier selbstverständlich anderes gewohnt.

Fazit:
Dieses Buch ist ein megaspannender Genremix aus Fantasy, Horror und Thriller. Wer, wie ich, eher harmlos liest und doch zwischendurch den Nervenkitzel sucht, ist bei diesem Buch gut aufgehoben. Ich könnte mir vorstellen, irgendwann auch die anderen Teile der "Chroniken der Anderwelten" zu lesen. Schließlich möchte ich doch wissen, was es mit der "Verlorenen Stadt" auf sich hat ;-) 

© Renie

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beirut, rabih alameddine, libanon, frauen in libano

Eine überflüssige Frau

Rabih Alameddine , Marion Hertle
Fester Einband: 470 Seiten
Erschienen bei Louisoder, 24.02.2016
ISBN 9783944153308
Genre: Romane

Rezension:

"Beirut ist eine Stadt gewordene Elisabeth Taylor: verrückt, schön, kitschig, im Zerfall begriffen, alternd und ewig dem Drama ergeben." (S. 139)

In diesem Beirut spielt der Roman "Eine überflüssige Frau" von Rabih Alameddine, erschienen im Louisoder Verlag. Und man ahnt es: dieser Roman zeichnet sich durch eine phantasievolle und poetische Sprache aus, die mich völlig begeistert hat.

Worum geht es in diesem Roman?
Wie der Titel schon sagt geht es um eine "überflüssige" Frau namens Aaliya, die seit ihrem 20. Lebensjahr allein mit ihren Büchern und Erinnerungen in ihrer Wohnung in Beirut lebt. Mit 16 Jahren wird sie mit einem älteren Mann verheiratet. Da die Ehe kinderlos bleibt, reicht er nach wenigen Jahren die Scheidung ein - das Beste, was Aaliya passieren konnte. Denn endlich ist sie frei und kann ihr Leben frei gestalten. Sie arbeitet lange Zeit als Buchhändlerin und kann sich dabei ihrer Leidenschaft für Literatur hingeben. Sie macht es sich zur Lebensaufgabe, ihre Lieblingsbücher ins Arabische zu übersetzen. Dabei wählt sie immer den 1. Januar als Beginn für die Übersetzung eines weiteren Buches. Über die Jahre sind etliche Übersetzungen zusammengekommen, die einen ganzen Raum ihrer Wohnung füllen. Doch jetzt, im Alter von 72 Jahren, ist sie das erste Mal unschlüssig, welches Buch sie diesmal übersetzen soll. So viele Bücher, die noch auf sie warten und so wenig Zeit, die ihr im Leben noch bleibt. Sie beginnt, über ihr Leben nachzudenken. Sie blickt auf ihre Kindheit zurück, auf ihr Leben in Beirut, auf die Kriegsjahre. Sie denkt über ihre Familie nach. Und an ihre Freundin Hannah, der einzige Mensch, der ihr nahe gestanden hat, den sie an sich herangelassen hat, und der sie verstanden hat.

"Es hat mich mein ganzes Leben lang beschäftigt, dass ich nicht bin wie alle anderen. Jahrelang konnte ich mir einreden, ich sei etwas Besonderes und dass ich bewusst anders sein wollte. Tatsächlich wollte ich glauben, dass ich erhaben war, keine Künstlerin, kein Genie wie Matisse, aber anders als der Mob. Ich bin außergewöhnlich, ein Individuum, nicht nur eigenartig, sondern einzigartig. Ich empfand meine Individualität als Tugend, die mich vor den kollektiven Launen und Verrücktheiten schützte und mir half, über familiären und gesellschaftlichen Strömungen zu schweben. Das gab mir Trost und Sicherheit. Nur lässt mich diese Überzeugung jetzt im Stich." (S. 291)

Aaliya ist ein ganz besonderer Mensch. In einer von Männern dominierten Welt, schafft sie es, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie war immer das schwarze Schaf der Familie, ein Anhängsel aus der ersten Ehe der Mutter. Aaliya bleibt in ihrer Ehe kinderlos. Wen interessiert's da, dass ihr Mann impotent ist? Schuld hat in solchen Fällen die Frau. Geschieden, allein lebend, berufstätig und dann noch ihr merkwürdiges Hobby, das Lesen! Ihre Familie empfindet für sie nur Verachtung. Doch Aaliya liegt nichts an der Zuneigung ihrer Familie. Sie wählt den für sie einzig richtigen Weg: Ein Leben in Einsamkeit, in dem sie tun und lassen kann, was sie will.

"Mein Exmann erfüllte die wichtigsten Anforderungen an einen Mann aus Stendhals Zeit, wie sie Graf Mosca der delikaten Duchezza in Die Kartause von Parma darlegt: 'Heutzutage, das heißt etwa in den nächsten fünfzig Jahren, solange wir Angst haben und die Tradition noch nicht wiederhergestellt ist, kommt es für einen jungen Mann vor allem darauf an, unfähig zur Begeisterung und arm an Geist zu sein.'
So war der Narr, den ich geheiratet habe, selig sei seine widerliche Seele." 
(S. 317)

Aaliya lebt mit der Literatur und denkt in der Literatur. Bücher sind ihr Leben und ihre Freunde. Sie hat die Angewohnheit, für jede Situation ein angemessenes Zitat aus ihren Lieblingsbücher parat zu haben. Wenn sie allein in ihren Gedanken versinkt, zieht sie Parallelen zu den unzähligen Geschichten, die sie während ihres Lebens gelesen hat. Anhand ihrer literarischen Erinnerungen philosophiert sie über das Leben. Für den Leser bedeuten diese Momente ein Abtauchen in berühmte Werke der Literatur. Und es ist faszinierend festzustellen, wie intensiv sich Aaliya mit diesen Büchern beschäftigt hat, und welchen Einfluss Literatur auf einen Menschen haben kann.

"In einem seiner Essays verfolgt Marías die These, dass seine Bücher sich genauso sehr um das drehen, was nicht passiert ist, wie um das tatsächliche Geschehen. Mit anderen Worten: Die meisten unter uns denken, dass wir durch Ereignisse, die uns geprägt haben, durch Entscheidungen der Menschen um uns herum zu dem Menschen geworden sind, der wir sind. Wir ziehen selten in Erwägung, dass wir auch durch die Entscheidungen geprägt wurden, die wir nicht trafen, durch die Ereignisse, die hätten geschehen können, es aber nicht taten, oder, so gesehen, auch durch den Mangel an Alternativen." (S. 39)

Mit 72 Jahren ist Aaliya an einem Punkt in ihrem Leben angekommen, der sie doch zweifeln lässt. Sie hat sich für die Einsamkeit entschieden und sich Zeit ihres Lebens immer selbst genügt. Ihre Mutter lebt noch, ist allerdings ein Schatten ihrer selbst. Ihre Gebrechlichkeit und Hilflosigkeit erwecken bei Aaliya Ängste darüber, was ihre eigene Zukunft noch für sie bereithält. Wird sie genauso enden wie ihre Mutter? Und wenn sie am Ende ihres Lebens angekommen ist, wird sie sich dann fragen, was sie in ihrem Leben erreicht hat? Was bleibt von ihrem Leben übrig? Sie hatte nie jemanden, für den sie gelebt hat. War ihr Leben daher überflüssig?

"Joseph Roth beendet Flucht ohne Ende mit dem Satz: 'So überflüssig wie er war niemand in der Welt.' Das sehe ich anders. Niemand auf der ganzen Welt ist so überflüssig wie ich. Nicht Franz Tunda, Roths Hauptfigur, nein. Ich bin diejenige, die keine Arbeit, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz, noch nicht einmal Liebe für sich selbst hat." (S. 415 f.)

Wie ich anfangs erwähnte zeichnet sich dieser Roman durch seine besondere Sprache aus. Rabih Alameddines Erzählstil ist phantasievoll und sehr bildhaft. Seine kunstvollen Metaphern haben mich zum Staunen gebracht. Es ist kaum zu glauben, dass derartige Sprach-Kunststücke möglich sind. "Eine überflüssige Frau" ist sein vierter Roman, jedoch der erste, der auf Deutsch erschienen ist. Ich kann nur hoffen, dass noch weitere Übersetzungen folgen werden. Denn mit der Geschichte von Aaliya und seinem außergewöhnlichen Sprachstil hat er sich in die Riege meiner Lieblingsautoren eingereiht.

Und da wir gerade bei den Lieblingen sind: Dies ist das 2. Buch, das ich aus dem Louisoder Verlagsprogramm gelesen habe. Und Louisoder entwickelt sich damit zu einem meiner Lieblingsverlage. Beachtlich, was dieser Verlag aus München zustande bringt. Leser, die sich für anspruchsvolle und besondere Literatur interessieren, sollten unbedingt mal einen Blick riskieren: Louisoder-Verlagsprogramm

Ich freue mich auf jeden Fall auf weitere literarische Highlights aus dem Hause Louisoder.

© Renie

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graphic novel, schneider, klassiker, gottfried keller, liebe

Kleider machen Leute

Gottfried Keller , Martin Krusche
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Edition Büchergilde, 07.03.2016
ISBN 9783864060571
Genre: Comics

Rezension:

Die Erzählung von Gottfried Keller ist erstmalig im Rahmen seines Novellenzyklus "Die Leute von Seldwyla" im Jahre 1874 erschienen. Es ist also eine Geschichte, die schon einige Jährchen auf dem Buckel hat. Und trotzdem hat sie nichts von ihrer Aktualität und Originalität eingebüßt.

Worum geht es?
Der Schneidergeselle Wenzel Strapinski verliert seinen Job, begibt sich auf Wanderschaft und wird unterwegs - quasi als Anhalter - von einer prunkvollen Kutsche mitgenommen. Bei diesem Gefährt handelt es sich eindeutig um die Kutsche eines wohlhabenden Mannes. Beim Halt im nächsten Ort (Goldach) kommt, was kommen muss: Jeder hält Wenzel für einen reichen Mann. Denn seine Kleidung (als Schneider hat er schon immer Wert auf gepflegte Kleidung gelegt) und die Tatsache, dass er mit einer prächtigen Kutsche reist, sind Beweis genug, dass es sich bei einem Mann seines Auftretens mindestens um einen Grafen handeln muss. Und so buhlen die Goldacher um seine Gunst, jeder möchte mit dem "Grafen" Freundschaft schließen und für seine Zwecke einspannen. Er wird verköstigt, erhält eine angemessene Unterkunft. Fehlende finanzielle Mittel bekommt er geliehen. Er wird mit Geschenken und Nettigkeiten überschüttet, seine Schulden kann er später begleichen. Er ist schließlich von "Adel" und ein "Ehrenmann", der seine Schulden nicht vergisst. Wenzel schafft es einfach nicht, das Missverständnis aufzuklären. Er hat sich auch an seinen vermeintlichen Status und die Bequemlichkeiten, die dieser Status mit sich bringt, gewöhnt. Aber, wie sollte es anders sein? Irgendwann fliegt der Betrug auf...

"Nun wurde die Forelle aufgetragen, mit grünem bekränzt, und der Wirt legte ein schönes Stück vor. Doch der Schneider, von Sorgen gequält, wagte in seiner Blödigkeit nicht, das blanke Messer zu brauchen, sondern hantierte schüchtern und zimperlich mit der silbernen Gabel daran herum. Das bemerkte die Köchin, welche zur Türe hereinguckte, den großen Herren zu sehen, und sie sagte zu den Umstehenden:'Gelobt sei Jesus Christ! Der weiß noch einen feinen Fisch zu essen, wie es sich gehört, der sägt nicht mit dem Messer in dem zarten Wesen herum, wie wenn er ein Kalb schlachten wollte. Das ist ein Herr von großem Hause, darauf wollt' ich schwören, wenn es nicht verboten wäre! Und wie schön und traurig er ist! Gewiss ist er in ein armes Fräulein verliebt, das man ihm nicht lassen will! Ja, ja, die vornehmen Leute haben auch ihre Leiden!'" (S. 127)

Martin Krusche, der diese Graphic Novel illustriert hat, hat aus einer Geschichte, die aufgrund ihres ursprünglichen Sprachstils in die Jahre gekommen ist, eine moderne und damit ansprechende Variante gemacht. Er siedelt die Geschichte in unserer Zeit an: Wenzel sitzt im Supermarkt an der Kasse, verliert seinen Job und seine Wohnung, wird als Anhalter von einer Stretch-Limousine mitgenommen und gerät in ein identisches Szenario wie der Schneidergeselle Wenzel vor 140 Jahren. Er hat halt das Auftreten eines Hipsters - schicke Klamotten, gepflegtes Äußeres, das obligatorische Tatoo, das zusammen mit den Sneakers, die er zum Anzug trägt, die notwendige Lässigkeit eines Underdogs vermitteln.

Bei Martin Krusches Figuren fällt auf, dass alle in irgendeiner Form ein Schmuddel-Element an sich haben. Dadurch betont er deren Oberflächlichkeit und vermittelt mehr Schein als Sein. Die typischen Statussymbole sind überall präsent: Handy, dickes Auto, Schmuck, reichlich gutes Essen und Trinken. Es wird mit Geld um sich geschmissen, als ob zu jedem wohlhabenden Haushalt eine Gelddruckmaschine gehört. Und trotz allem Wohlstands wirken die Figuren ungepflegt und derb: dicke Bäuche, unrasierte Gesichter, grobe Gesichtszüge.

Die Illustrationen, die in Grau/Schwarz-/Rot- und Blautönen gehalten sind, sind sehr detailliert und verleiten den Leser, bei einigen Zeichnungen länger zu verweilen. Es gibt halt sehr viel zu sehen und zu entdecken. Beispiel gefällig? Martin Krusche begnügt sich z. B. nicht damit eine Unterbuxe zu zeichnen. Er verpasst ihr auch direkt ein putziges Ankermuster.

Die Texte sind natürlich auf unsere Zeit angepasst. Martin Krusche siedelt Seldwyn - also den Herkunftsort von Wenzel, wo dieser gelebt und als Kassierer gearbeitet hat - in Berlin an. Die Menschen in Wenzel's Heimat berlinern. Sie kommen aus sozial schwachen Verhältnissen bzw. leben am Rand der Gesellschaft. Also Berlinern und sozial schwach - das ist doch sehr klischeehaft! Ich bin mir nicht sicher, ob Leser, die aus Berlin kommen, ihren Spaß daran haben. Vielleicht sind sie es aber auch gewohnt ;-)

Für diejenigen, die die Geschichte "Kleider machen Leute" nicht mehr parat haben, gibt es im hinteren Teil dieses Buches die Ursprungsversion von Gottfried Keller. Ich habe Keller's Version zuerst gelesen und somit mein Gedächtnis aufgefrischt. Im Anschluss habe ich mich dann in die illustrierte Version von Martin Kruschel gestürzt. Und dieser direkte Vergleich hat sehr viel Spaß gemacht.

Fazit:
Ich bin Laie auf dem Gebiet der Graphic Novel, bin eigentlich auch nicht in der Lage, Illustrationen angemessen zu bewerten. Daher gebe ich nur das wieder, was ich gesehen, gelesen und dabei empfunden habe. Ich finde das Prinzip, einen Klassiker in einer modernen Version zu präsentieren sehr ansprechend. Martin Krusche ist es gelungen, eine Geschichte, die schon manchen Schüler zur Verzweiflung gebracht hat, zu entstauben und durch seine Adaption auf die Gegenwart wieder zu neuem Glanz zu verhelfen.

© Renie

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krimi, diogenes verlag, zweiter teil der reihe, schünemann, ein fall für milena lukin

Pfingstrosenrot

Christian Schünemann , Jelena Volic
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 24.02.2016
ISBN 9783257069570
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

"Ein kleines Stück Land, kleiner als das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein, war mit so viel Geschichte und Mythen beladen, und eine davon besagte, dass nur hier die Pfingstrose in solch prächtigen Rottönen blühen würde, weil der Boden mit so viel Blut getränkt ist." (S. 70)

Der Kosovo-Krieg fand von Februar 1998 bis Juni 1999. Ja, so lange ist das schon her. Doch der Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen Kosovo-Albanern und Serben besteht nach wie vor. Zu groß sind Hass und Vorurteile, die sich in den Köpfen der Balkanbewohner eingenistet haben. Menschen sind vertrieben worden, Menschen haben das Bedürfnis, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Der Kriminalroman "Pfingstrosenrot" des Autorenduos Christian Schünemann und Jelena Volić ist in der Zeit nach dem Krieg angesiedelt und reicht bis in unsere Gegenwart. Dabei liefern sie ein eindrucksvolles Bild über die Gewinner und Verlierer des damaligen Krieges.

Worum geht es in diesem Kriminalroman?
Was geschah in jener Nacht, als ein serbisches Ehepaar, Miloš und Ljubinka Valetic, in seinem Haus im Kosovo brutal ermordet wurde? Milena Lukin wäre dieser Frage vielleicht nie nachgegangen, wenn nicht ihr Onkel Miodrag in der Ermordeten seine Jugendliebe wiedererkannt hätte. Sie nimmt Kontakt zu den hinterbliebenen Kindern auf, wagt sich an den Ort des Verbrechens und in die Niederungen der Politik. Und allmählich erhärtet sich der Verdacht, dass die Täter nicht in der Ferne, sondern ganz in ihrer Nähe zu finden sind – im schönen Belgrad. In ›Pfingstrosenrot‹ wird erzählt, wie ein politischer Konflikt hinter den Kulissen geschürt und aufrechterhalten wird, weil beide Seiten kräftig davon profitieren. (Quelle: Diogenes)

Der Kriminalfall, der hier geschildert wird, basiert auf einem wahren Verbrechen, welches seinerzeit sowohl von serbischen als auch albanischen Regierungs- und Medienvertretern instrumentalisiert worden ist, um die eh schon explosive Stimmung zwischen den Bevölkerungsgruppen weiter aufzuheizen.

Im Mittelpunkt steht Milena Lukin, eine Kriminologin, die mit ihrer Mutter und ihrem Sohn in Belgrad lebt und unterrichtet. Sie ist eine warmherzige Frau und ein Familienmensch. Deshalb zögert sie auch nicht, der Bitte ihres kranken Onkels nachzukommen, ein paar Nachforschungen in dem Doppelmord Valetic anzustellen. Bei der ermordeten Ljubinka Valetic handelt es sich um Onkel's Jugendliebe.
Da Milena als Kriminologin u. a. mit der Europäischen Kommission zusammen arbeitet, hat sie Zugang zu den unterschiedlichsten Kreisen in Belgrad. Dadurch stehen ihr viele Möglichkeiten offen, die sie bei der Aufklärung dieses Verbrechens unterstützen.

"Wenn sie sich vorstellte, wie da oben jetzt die Diplomaten und Politiker beisammensaßen und mit abstrakten Zielvorgaben über das Schicksal von Tausenden von Flüchtlingen entschieden. Diese Herren waren von allem Möglichen getrieben, nur nicht von der Sorge um die Menschen." (S. 74)

In Serbien ist die Kluft zwischen Armen und Reichen sehr groß. Insbesondere die Folgen des Krieges tragen dazu bei. Von den EU-Geldern, die dem Wiederaufbau dienen, profitieren nur einige wenige, in der Regel Beamte und Regierungsmitglieder. Wer sich vor dem Krieg nicht gescheut hat, die Hand aufzuhalten und sich korrumpieren ließ, hat auch jetzt keine Probleme damit. Die EU ist großzügig, nur leider kommt das Geld nicht bei denen an, die es dringend benötigen: den Bewohnern des Kosovo und den Rückkehrern, die während des Krieges nach Serbien geflohen sind und jetzt wieder in die Heimat zurück wollen.
Korruption und Vetternwirtschaft sind in Serbien und im Kosovo an der Tagesordnung. Und gerade diejenigen, denen es vor dem Krieg schon gut ging, profitieren am meisten von den Folgen des Krieges. 

"'... Ob Minister oder Bürgermeister - jeder fühlt sich zuerst seinem eigenen Clan verantwortlich, und dann kommt lange Zeit nichts. Und die Internationalen sind längst Vettern in dieser Vetternwirtschaft geworden. Irgendwann erliegt der eine oder andere Bürokrat dann doch der Versuchung, sich hier und da an einer kleinen Privatisierung und am Ausverkauf des Kosovo zu beteiligen. Oder man lässt sich fürs Weggucken bezahlen - auch ein schönes Zubrot zu einem Gehalt,...'" (S. 328)

Die Reichen genießen ihr Leben. Sie haben einen Höllenspaß daran, ihren Reichtum zur Schau zu stellen. Die Dekadenz kennt dabei keine Grenzen. Ist diese Dekadenz übertrieben dargestellt? Auf jeden Fall geben Schünemann und Volić die "High Society" Belgrad's der Lächerlichkeit preis. Denn egal, mit welchen Statussymbolen die Reichen aufwarten, alles wirkt übertrieben, protzig und geschmacklos.

"Der Politiker hatte sich in der laufenden Legislaturperiode interessanterweise vor allem dadurch hervorgetan, dass er öffentlich mit nacktem Oberkörper und einer riesigen Kreuzotter um den Hals posierte. Milena seufzte. Frauen legten sich bei der ersten Gelegenheit bereitwillig unters Messer, ließen sich liften, spritzen und straffen, dass ihnen die Anstrengung teilweise ins Gesicht geschrieben stand, während Männer kompensierten und sich keinen Deut darum scherten, dass ihnen die Wampe über dem Gürtel hing und Haare in Fülle nur noch auf dem Rücken wuchsen." (S. 272)

Belgrad ist eine Stadt der Kontraste. Hier treffen marode Bauwerke auf High-Tech-Neubauten (finanziert von der EU). Ein großer Teil der Bevölkerung lebt in ärmlichen Verhältnissen, ein anderer Teil weiß nicht wohin mit seinem Reichtum. Die wenigen albanisch-stämmigen Bewohner Belgrads werden wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Der Hass, der damals zu dem Krieg geführt hat, ist in den Köpfen der Menschen tief verwurzelt. Und es ist fraglich, ob sich die Balkanvölker jemals von diesem Hass befreien können. 

"Einem Albaner in Serbien wurde die Krankenhausbehandlung nicht verweigert, aber er hatte sich bitte schön zu gedulden, Schmerzen auszuhalten und hinzunehmen, dass jeder andere Patient Vorrang hatte. Jeder Notfallpatient, Privatpatient, Patient serbischer Staatsangehörigkeit oder serbischer Herkunft wurde ihm vorgezogen. Und dieser Fakt war, wie Schwester Dunja es wohl ausdrücken würde, 'keine Diskriminierung, sondern völlig normal.'" (S. 209)

Dieser Kriminalroman kommt gänzlich ohne Brutalität aus. Es geht zwar um einen Doppelmord - es bleibt übrigens nicht bei dem einen - doch als Leser erlebt man nie die Tat sondern wird immer nur mit dem Ergebnis - also der Leiche - konfrontiert. Und selbst hier hat sich das Autoren-Duo in der Beschreibung zurück gehalten und den Leser mit blutigen Details verschont. Trotzdem ist der Roman sehr spannend geschrieben. Durch einen stetigen Wechsel in der Erzählperspektive kommt der Leser in den Genuss, die Geschichte von mehreren Seiten zu durchleuchten. Die Hintergründe des Doppelmordes offenbaren sich erst mit der Zeit, obwohl sich relativ schnell abzeichnet, wer zu den Bösen und wer zu den Guten gehört.

Fazit:
Ich mag Krimis, deren Autoren es schaffen Spannung aufzubauen, und dabei auf Gewaltexzesse und Blutorgien verzichten können. In "Pfingstrosenrot" bin ich dabei voll auf meine Kosten gekommen. Hinzu kommt der politische Hintergrund, der in diesem Roman eine große Rolle spielt und fast schon informativen Charakter hat. Denn wie anfangs erwähnt, der Kosovo-Krieg liegt lange zurück. Und wie der Balkan sich mit dem Wiederaufbau rumgeschlagen hat und noch schlägt, haben doch viele aus den Augen verloren.

Leseempfehlung für diesen intelligenten, politischen, unblutigen und spannenden Krimi!

© Renie

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familie, usa, identitätskrise, bolivien, kampf der geschlechter

Unschuld

Jonathan Franzen , , ,
Fester Einband: 832 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 04.09.2015
ISBN 9783498021375
Genre: Romane

Rezension:

Jonathan Franzen - "ein literarisches Genie", "einer der größten, sprachmächtigsten Autoren unserer Zeit", "ein stilistischer Meister", "brillanter Anwalt des modernen realistischen Erzählens" ...... die Liste der Lobpreisungen ließe sich wahrscheinlich endlos fortführen. Wenn ein Autor mit derartigem Lob überschüttet wird, ist die Erwartungshaltung des Lesers natürlich unglaublich hoch. Es ist schon einige Jährchen her, dass ich Franzen's Korrekturen gelesen habe - ein Roman, dessen Lektüre ich sehr genossen habe, und der mir durchweg positiv in Erinnerung geblieben ist. Insofern konnte sein aktueller Roman "Unschuld" nur gut sein - dachte ich zumindest ..... 

So beschreibt der Verlag diesen Roman:
Die junge Pip Tyler weiß nicht, wer ihr Vater ist. Das ist keineswegs ihr einziges Problem: Sie hat Studienschulden, ihr Bürojob in Oakland ist eine Sackgasse, sie liebt einen verheirateten Mann, und ihre Mutter erdrückt sie mit Liebe und Geheimniskrämerei. Pip weiß weder, wo und wann sie geboren wurde, noch kennt sie den wirklichen Namen und Geburtstag ihrer Mutter. Als ihr eines Tages eine Deutsche beim „Sunlight Project“ des Whistleblowers Andreas Wolf ein Praktikum anbietet, hofft sie, dass der ihr mit seinem Internet-Journalismus bei der Vatersuche helfen kann. Sie stellt ihre Mutter vor die Wahl: Entweder sie lüftet das Geheimnis ihrer Herkunft, oder Pip macht sich auf nach Bolivien, wo Andreas Wolf im Schutz einer paradiesischen Bergwelt sein Enthüllungswerk vollbringt. Und wenig später bricht sie auf. 

«Unschuld», eine tiefschwarze Komödie über jugendlichen Idealismus, maßlose Treue und den Kampf zwischen den Geschlechtern, handelt von Schuld in den unterschiedlichsten Facetten: Andreas Wolf, in Ost-Berlin als Sohn eines hochrangigen DDR-Politfunktionärs geboren, hat aus Liebe zu einer Frau vor Jahren ein Verbrechen begangen; ein Amerikaner, dem er in den Wirren des Berliner Mauerfalls begegnet, hat den Kinderwunsch seiner Frau nicht erfüllt und sie dann verlassen; dessen neue Lebensgefährtin kann ihrem Ehemann, der im Rollstuhl sitzt, nicht den Rücken kehren und pflegt ihn weiter ... In diesem fulminanten amerikanisch-deutschen Gesellschaftsroman eines der größten, sprachmächtigsten Autoren unserer Zeit überschlagen sich die Ereignisse. Und bannen den Leser bis zum Schluss. (Quelle: Rowohlt)

Wenn ich eine Buchbesprechung vorbereite, mache ich mir eine Liste über positive und negative Dinge des Buches, das ich gelesen habe. Bei Franzen's "Unschuld" musste ich feststellen, dass ich nur einen einzigen Punkt auf der "Haben-Seite" aufgeführt hatte: seinen Sprachstil!

Es stimmt, Franzen ist ein großartiger Schreiberling. Er geniesst es, mit der Sprache zu spielen - das merkt man zumindest seiner schwelgerischen Erzählweise an. Seine Sätze sind von Doppeldeutigkeiten gespickt, was sehr unterhaltsam sein kann, aber auch anstrengend, da man sehr aufmerksam lesen muss. Wird man als Leser unachtsam, hat man den Gedankenfaden, den Franzen gerade gesponnen hat verloren und muss Textpassagen mehrfach lesen.

"Wenn seine Gewissensbisse trotzdem einen deutlichen Bodensatz der Krankhaftigkeit offenbarten - denn was bedeutete dieser Drang, mit Mädchen auf Mädchen das ewig gleiche Muster zu wiederholen, warum bekam er es nicht nur nie satt, sondern schien es sogar immer stärker zu wollen, ja warum war er mit dem Mund lieber zwischen Beinen als in der Nähe eines Gesichts -, schrieb er es der Krankhaftigkeit des Landes zu, in dem er lebte." (S. 119)

Womit wir uns geradewegs zur Soll-Seite bewegen: Wenn ich alle Dinge, die mir an diesem Roman Probleme bereitet habe, zusammenfassen sollte, fiele mir nur ein Ausdruck ein: Des Guten zuviel!

Um beim Sprachstil zu bleiben: Franzen hat wie bereits erwähnt, Spaß daran, mit der Sprache zu spielen. Aber er verliert sich auch oft in seinen Satzkonstruktionen. Sein Erzählstil wird stellenweise sehr ausschweifend, was den Lesefluss zäh werden lässt und irgendwann bei einem 800-Seiten-Roman sehr ermüdend sein kann.

"Aber schon in den Tagen der Datenaustauschprotokolle und alternativen Nachrichtenforen gab es eine Ahnung von der unermesslichen Dimension, die das gereifte Internet und die daraus hervorgegangenen sozialen Netzwerke einmal kennzeichnen würde; in den hochgeladenen Bildern von jemandes nackt auf dem Klo sitzender Ehefrau, der charakteristischen Auslöschung des Unterschieds zwischen öffentlich und privat; in der aberwitzigen Menge nackt auf dem Klo sitzender Ehefrauen in Mannheim, Lübeck, Rotterdam, Tampa, einem Vorgeschmack auf die Auflösung des Individuums in der Masse. Das Gehirn maschinell auf Rückkoppelungsschleifen reduziert, die private Persönlichkeit auf eine öffentliche Verallgemeinerung: Da hätte man genauso gut schon tot sein können." (S. 688)

Sein Roman ist mit Themen überfrachtet, die jedes für sich für ein Buch reichen würden. Franzen konfrontiert den Leser jedoch mit einem Themengemisch, das ihn abstumpfen lässt. Er kommt nicht zum Leser durch. Man registriert nur, setzt sich jedoch gedanklich nicht mit den Themen auseinander. Hier ist ein kleiner Überblick aus Franzen's Themenpotpourri: DDR, Faschismus, Internet, Hacker-Szene, Mord, Feminismus, Hausbesetzer-Szene, Geschlechterkampf...

Fazit:
Ich habe irgendwo gelesen, dass sich bei Franzen die Geister scheiden. Entweder liebt man ihn, oder man hasst ihn. Soweit würde ich nicht gehen. Er ist unbestreitbar ein großer Schriftsteller unserer Zeit. Aber mit "Unschuld" hat er sich vergalloppiert. Auf mich wirkt es, als ob er mit diesem Roman einfach zuviel wollte - sowohl sprachlich als auch thematisch. Auch, wenn dieser Roman eine Enttäuschung für mich war, bin ich auf weitere Werke von Franzen gespannt. Denn ich weiß, dass Franzen es besser kann!

© Renie


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Die dunkle Straße

Ma Jian , Susanne Höbel ,
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 31.07.2015
ISBN 9783498032395
Genre: Romane

Rezension:

In China möchte frau nicht Frau sein - zumindest nicht in jener Gesellschaftsschicht, in die uns Ma Jian mit seinem großartigen Buch über die Ein-Kind-Politik in China führt. Eine Geschichte, die schockierend, bewegend, dramatisch und unvorstellbar zugleich ist.
Ma Jian gewährt mit diesem Roman einen ungeschönten Einblick in das Leben der chinesischen Bauern und Wanderarbeiter in der heutigen Zeit. Er porträtiert denjenigen Teil der chinesischen Gesellschaft, dem bisher ein Stück von dem Kuchen namens "Wirtschaftswunder" verwehrt geblieben ist und stattdessen aufgerieben wird zwischen Tradition und Fortschritt.

Worum geht es in diesem Buch?
"Weit entfernt von dem chinesischen Wirtschaftswunder und den hellen Lichtern von Peking und Shanghai liegt ein riesiges ländliches Hinterland, das die brachialen Folgen von Industrialisierung und Ökonomisierung zu tragen hat.
Dort leben die Bäuerin Meili und ihr Mann Kongzi, ein Nachkomme von Konfuzius in der sechsundsiebzigsten Generation. Die beiden wollen neben ihrem ersten Kind, einem Mädchen, einen Sohn, um das Erbe fortzusetzen. Da ihnen die Behörden, die für alle die Einkindehe vorschreiben, mit Zwangssterilisation drohen, fliehen sie. Auf dem Jangtse, einem letzten Hort staatlicher Unorganisiertheit und mithin gewisser Freiheiten, führen sie ein illegales Tagelöhner- und Flussnomadenleben. Jahrelang schlagen sie sich auf vergifteten Gewässern und in ruinierten Landschaften durch, bevor sie schließlich auf einem Müllplatz für die Ausschlachtung westlichen Elektronikschrotts landen..." (Klappentext)

Meili - was habe ich mit dieser Frau gelitten. Sie ist mit Kongzi verheiratet, einem direkten Nachfahren von Konfuzius (wenn auch in der 76. Generation), der sich auch noch etwas auf seinen berühmten Vorfahren einbildet. Da er in dem Dorf, in dem sie vor ihrer Flucht gelebt haben, als Lehrer tätig war, gibt er gern den Intellektuellen. Insbesondere seine Frau lässt er seine vermeintlich geistige Überlegenheit spüren. Anfangs war Meili stolz auf ihn und hat es als gegeben hingenommen, dass sie als Frau "dumm" ist. Aber während ihrer Flucht stellt sie fest, wie wenig belastbar ihr kluger Ehemann doch ist. Seine Versuche, die Familie irgendwie durchzubringen, sind oft zum Scheitern verurteilt. Meili entwickelt sich zu derjenigen, die die Familie am Leben erhält. Kongzi würde das wahrscheinlich anders sehen, denn in seinem Gesellschaftsbild ist die Frau dem Mann geistig unterlegen. Auch, wenn Kongzi sich zu einer großen Enttäuschung entwickelt, Meili würde ihn nie verlassen. Das verbieten ihr die traditionellen Werte.

"Als sie ihn mit siebzehn heiratete, war sie der Auffassung, die Ehe sei für immer und die Regierung würde die Menschen beschützen und versorgen, so wie die Ehemänner ihre Ehefrauen beschützten und versorgten. Aber kaum war sie verheiratet, zerplatzten ihre naiven Vorstellungen. Sie entdeckte, dass Frauen nicht über ihren Körper bestimmen konnten: Ihre Gebärmutter und die Geschlechtsorgane sind Kampfgebiete, um deren Beherrschung Ehemänner und der Staat miteinander ringen, Gebiete, die Ehemänner für ihre eigene sexuelle Befriedigung und zur Zeugung männlicher Nachkommen benutzen und die der Staat untersucht, überwacht, beschattet und ausschabt, um seine Macht zu festigen und Angst zu verbreiten." (S. 244)

In Meili's Kulturkreis ist die chinesische Frau dem Mann untertan. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, dem Mann einen männlichen Nachkommen zu schenken, damit der Fortbestand des kostbaren Familiennamens gewährleistet ist. Dieser Aufgabe steht die chinesische Ein-Kind-Politik im Weg. Mithilfe von Methoden, die mich immer wieder an die Judenverfolgungen im Dritten Reich erinnert haben, sorgt die sogenannte Familienplanungsbehörde für die Einhaltung dieses Gesetzes. Zwangssterilisationen und Zwangsabtreibungen (egal, wie weit die Schwangerschaft bereits fortgeschritten ist) sind dabei für die Schergen dieser Behörde ein probates Mittel. Misshandlungen und Korruption sind da noch das kleinere Übel bei den chinesischen Gesetzeshütern.

"'Zweihundertzehn Yuan für die Intrauterininjektion, zweihundertsechzig für die Narkose, hundertneunzig für Verschiedenes - das ist die Gebühr für die Entfernung der Kindsleiche -, außerdem Wäsche und Arbeitskosten. Insgesamt 775 Yuan. Normalerweise beträgt der Preis für einen Abbruch im achten Monat 1400 Yuan, Sie haben also einen Nachlass von fünfzig Prozent bekommen. Ich an Ihrer Stelle würde bezahlen und gehen...'" (S. 108)

Unvorstellbar, welchem Druck Meili ständig ausgesetzt ist
der Druck, nicht mehr schwanger werden zu dürfen, weil das Gesetz es verbietet
der Druck, wieder schwanger werden zu müssen, weil der männliche Nachkomme fehlt
der Druck, eine gute Ehefrau zu sein - ein Mann hat schließlich seine sexuellen Bedürfnisse
der Druck, für ihre Familie sorgen zu müssen, weil ihr Ehemann dazu nicht in der Lage ist
Manch eine würde an diesem ausweglosen Schicksal zerbrechen. Nicht so Meili. Sie fügt sich in ihr Schicksal, windet sich irgendwie durch's Leben und schafft es, sich ihre Träume von einem besseren Leben zu bewahren.

"Obwohl Meili aus einer Bauernfamilie kommt, sehnt sie sich danach, wie die reichen Frauen in den Fernsehserien zu leben, die klimatisierte Wohnungen und klimatisierte Autos haben und noch nie in ihrem Leben auf einem Feld waren. Wenn sie erst einmal eine von ihnen ist, wird auch sie geschneiderte Kostüme tragen, sich die Nägel rot lackieren und mit eleganten Sandalen an den Füßen ein klimatisiertes Flugzeug besteigen oder in einem Luxushotel über Teppichboden schreiten." (S. 125)

Das Ziel ihrer Reise ist "Himmelsstadt" - ein verlockender Zufluchtsort? Die Verzweiflung der Familie und das Bedürfnis nach Ruhe und Sicherheit ist so groß, dass sie einen Ort, der dioxinverseucht ist und als Schrottplatz für westlichen Elektronikschrott genutzt wird, als das Paradies ansehen.

In diesem Buch wird vieles als selbstverständlich dargestellt: die Minderwertigkeit der Frauen, die Willkür der Behörden, die Brutalität gegenüber Frauen; aber auch das Leben inmitten von vergifteten Landschaften und die stoische Akzeptanz der gesundheitlichen Folgen. Die Fassungslosigkeit kennt beim Lesen keine Grenzen. Ma Jian schreibt ungeschönt und ungefiltert. Oft sind die Dinge, über die er berichtet, kaum zu ertragen. 

"..., verkaufte ein Dorfbewohner seinen Sohn, der einen Klumpfuß hatte, an eine Verbrecherbande, ... Andere Eltern, die diesen Reichtum voller Neid betrachteten, versuchten auf ähnliche Weise zu Geld zu kommen. Jetzt verstümmeln sie ihre Kinder gleich nach der Geburt, sie brechen ihnen die Knochen oder verdrehen ihnen die Glieder, denn sie wissen, je schlimmer die Verstümmelung, desto mehr Geld lässt sich damit verdienen." (S. 202)

Dabei lässt Ma Jian immer wieder Zeilen aus alten chinesischen Gedichten und Liedern einfließen. Das Rezitieren ist ein netter Zeitvertreib für Kongzi, aber auch für Meili. Dadurch gelingt es ihnen manchmal dem Alltag zu entfliehen. Diese Zeilen sind natürlich sehr poetisch und blumig, stehen aber im krassen Gegensatz zu den Horrorszenarien, mit denen insbesondere Meili zu kämpfen hat. Dadurch wird das Hässliche in diesem Buch noch hässlicher und unerträglicher.

Fazit:
Dieses Buch war für mich ein Glücksgriff, auch, wenn ich die Geschichte von Meili und ihrer Familie manches Mal kaum aushalten konnte. Meine Auswahl der Zitate spiegelt nur ein sehr geringes Maß der, in diesem Buch vorkommenden Schreckensszenarien wider. Ich bin jedoch froh, dass ich diesen Roman gelesen habe. Der Einblick, den Ma Jian in einen großen Teil der heutigen chinesischen Gesellschaft gewährt, ist beeindruckend. China ist weit weg. Und es liegt nicht unbedingt im Interesse dieses Landes über derartige Themen zu berichten. Offiziell gibt es keine Probleme in dem geschilderten Ausmaß. Insofern ist dieses Buch ein außergewöhnliches Aufklärungsdokument, das ich nur jedem empfehlen kann, der Interesse an anderen Kulturkreisen hat. Nur Schwangere sollten ihre Finger von diesem Buch lassen, denn diese Geschichte geht an die Nerven ;-)

© Renie

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