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50 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

wirtschaftskrise, familie, new york, bücher, hausbesetzer

Sunset Park

Paul Auster , Werner Schmitz ,
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 01.02.2014
ISBN 9783499255168
Genre: Romane

Rezension:

Wieder einmal ist Paul Auster in aller Munde. Und das vollkommen zu Recht, leistet er in seinen Büchern doch regelmäßig Erstaunliches. Bevor ich mich an sein Magnus Opum herantraue das im Regal auf mich wartet, statte ich ihm doch zunächst lieber den einen oder anderen Besuch über seine weiteren Werke ab.


Der erste Satz
"Seit fast einem Jahr macht er Fotos von aufgegeben Dingen."

Miles Heller ist Ende Zwanzig und bereits ein gezeichneter Mann. Mit seiner Intelligenz standen ihm alle Türen offen. Doch die Schuld, seinen Halbbruder getötet zu haben, wiegt schwer und lastet allein auf ihm. Keinem Menschen hat er sich anvertraut – ein Unfall ist die offizielle Lesart. Nach Jahren des inneren Rückzugs von seinen Eltern bricht Heller jeden Kontakt ab, verlässt das College und schlägt sich durchs Leben mit diversen Gelegenheitsjobs. An diesem Punkt steigt der Leser ins Geschehen ein. Heller entrümpelt geräumte Häuser und spürt in den verlassenen Gegenständen den ehemaligen Bewohnern nach. Ein gutes Geschäft in den Jahren nach der geplatzten Immobilienblase. Eine Freundin hat er so auch gefunden – Pilar Sanchez, blutjung, klug und voller Leben. Nach den Jahren der Rastlosigkeit könnte sich erstmals wieder so etwas wie ein geregeltes Leben einstellen.

Wäre da nicht Pilars Schwester, die damit droht, der gesetzeswidrigen Affäre ein Ende zu setzen. Heller muss also abermals flüchten, um einer Anzeige zu entgehen und ihre Liebe bis zu ihrer Volljährigkeit zu retten. Er kommt zurück nach New York und findet Unterschlupf bei Bing Natham, einem Freund aus alten Tagen. Natham hat mit zwei jungen Mitbewohnerinnen in einer schäbigen Ecke Brooklyns ein heruntergekommenes Haus besetzt und lebt seinen Traum des Aufbegehrens gegen die Behörden.

Auster zeichnet das Haus als Sammelbecken der Gescheiterten. Alle sind jung und gut ausgebildet, aber der amerikanische Traum scheint bereits ausgeträumt und ist in Zeiten der allumfassenden Krise nur noch ein Hohn vergangener Tage. Aufgewachsen in wohlbehüteten Verhältnissen, haben die im Sunset Park Gestrandeten nie gelernt, sich gegen ihr Schicksal zu stemmen. Lethargisch versuchen sie sich zu arrangieren und warten indessen auf die Erholung der Wirtschaft und eine erste Chance im Leben. Auf der anderen Seite stehen Hellers Eltern und seine Stiefmutter: kurz vor dem Ruhestand gelten alte Sicherheiten und Erreichtes nicht länger und ein neuer Tatendrang ist erforderlich, den man verdientermaßen bereits abgelegt hatte.

Jedem Charakter sind mehrere Kapitel gewidmet, die in einer sehr distanzierten und nüchternen Sprache das Innenleben beleuchten. Mit dem zusätzlichen Inhalt zahlreicher Rückblenden setzt sich damit ein prägnantes und ehrliches Bild jedes Einzelnen fest. Damit allein ist Sunset Park für mich bereits lesenswert. Auster will aber mehr. Er will von der Krise erzählen, der wirtschaftlichen wie der gesellschaftspolitischen. Er will ein Amerika zeigen, dass seiner Illusionen und seiner Zukunftsträume beraubt und dem moralischen Verfall bestimmt ist. Den verloren gegangenen Werten stellt er die Künstler und Intellektuelle als Aufrechte entgegen, die aus Idealismus weitermachen und zum Überleben eine Nische im System suchen. In seiner generellen Aussagekraft ist das zugegebenermaßen sehr einfach gestrickt, in der individuellen Erklärung aus den Charakteren heraus jedoch sehr einfühlsam dargestellt.

"Ich wollte wirklich ein besserer Mensch werden. Nur darum ging es. Besser werden, stärker werden – dagegen ist ja wohl nichts einzuwenden, aber es ist auch ziemlich vage. Woran erkennt man, dass man besser geworden ist? Nach vier Jahren auf dem College bekommt man zum Abschluss eine Urkunde, die einem bestätigt, dass man in allen Fächern bestanden hat. Aber so war das hier nicht. Woran hätte ich meine Fortschritte messen können? Also mache ich weiter, ohne zu wissen, ob ich besser wurde oder nicht, ohne zu wissen, ob ich stärker wurde oder nicht, und nach einer Weile dachte ich gar nicht mehr an das Ziel und konzentrierte mich nur noch auf den Weg."

Trotz des ausufernden Plots bleibt das Schicksal Hellers zentrales Element. Und auch hier will Auster mehr. Die Verarbeitung von Schuld, die sich selbst auferlegte Bestrafung und die Schwierigkeit eines Weges zurück reichen ihm nicht. Es müssen darüber hinaus zerbrochene Ehen, Untreue und die schleichende Sprachlosigkeit zwischen ehemals Liebenden sein. Weniger wäre hier deutlich mehr gewesen. Am Ende bleibt wie immer die Dunkelheit. Es kam, wie es kommen musste. Die Zwangsräumung reißt die Ersatzfamilie auf Zeit auseinander und lässt von neuem vereinsamte Individuen zurück. Doch ganz Auster-untypisch keimt in Gestalt Pilars Hoffnung auf. Hoffnung auf eine Zeit nach der Krise mit einer Generation, der vielleicht abermals alles offen liegt.

Was bleibt?

Es ist nicht der große Wurf, der es vermutlich hatte werden sollen. Legt man den Anspruch an ein großes umfassendes Sittengemälde der Krise ab, verbleibt ein Buch, das verletzte, unsichere Menschen auf der Suche nach ihrem Platz im Leben zeigt. Unabhängig vom umgebenden Kontext ist das so eindrucksvoll geschildert, dass Sunset Park nicht leicht abzustreifen ist.

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17 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 4 Rezensionen

kolumbien, drogen, gewalt, südamerika, kommunismus

35 Tote

Sergio Álvarez , Marianne Gareis
Flexibler Einband: 546 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 14.03.2011
ISBN 9783518462508
Genre: Romane

Rezension:

Ich liebe Bücher, die mir beim Lesen die Probleme und Gefühlslage eines Landes näher bringen. Kolumbien ist in dieser Hinsicht trotz der immer mal wieder auftauchenden Präsenz in den Nachrichten ein weißer Fleck auf meiner Landkarte. Entsprechend kurz habe ich gezögert, als ich Álvarez‘ zweiten Roman in der Hand hielt und spürte: Hier will keiner nur eine Geschichte erzählen, hier will dir einer seine Heimat erklären.



Der erste Satz
"Botones verübte sein letztes Verbrechen neun Monate nach seinem Tod; zu Lebzeiten tötete dieser Bandit in Kolumbien gut dreihundert arglose Menschen, die den Mut oder das Pech hatten, sich seinem Unwillen, Ehrgeiz oder seinen Waffen auszusetzen."

Meine erste Euphorie nach dem Kauf hielt allerdings nicht lange an. Mittlerweile zwinge ich mich nicht mehr zum Weiterlesen wenn ein Buch und ich nicht auf einer Wellenlänge liegen. 35 Tote war für mich daher nach gut dreißig Seiten erst einmal beendet. Ich konnte mich einfach nicht mit dem Verzicht auf jegliche textliche Gliederung abfinden – Dialoge ohne Anführungszeichen im Fließtext. Schrecklich! Mir fehlte die Geduld. Dann vor einiger Zeit der zweite Versuch. Diesmal gelang es und ich bin sehr froh darüber.

Álvarez lässt seinen namenlosen Protagonisten Mitte der 1960er Jahre in Bogotá zur Welt kommen. Die Mutter starb bei der Geburt, der Vater einige Jahre später am zerbrochenen Herzen. Der Junge kommt in die Fürsorge seiner bis dahin unbekannten Tante und wächst zu einer Zeit auf, in der die bis heute andauernden Kampfhandlungen ihren Anfang nahmen. Die Ohnmacht der kommunistisch-marxistischen Organisationen gegenüber der regierenden Nationalen Front und der regulären Streitkräfte führte schließlich zum Erstarken linksgerichteter Guerillatruppen wie der FARC-EP und der ELN. Als Reaktion auf den linken Terror etablierten sich zahlreiche rechtsgerichtete paramilitärische Einheiten, die teilweise von der Regierung unterstützt wurden. Die Privatarmeen der Drogenkartelle, die Polizei und der allgegenwärtige Inlandsgeheimdienst runden das unübersichtliche Kräfteverhältnis ab. Als Europäer kann man da schon einmal den Überblick verlieren, doch auch den Einheimischen ergeht es angesichts sich ständig wechselnder Fronten und Bündnisse nicht viel anders.

Der Protagonist wird in seiner Jugend zum glühenden Kommunisten erzogen. Dabei sind es weniger die politischen Ideale als vielmehr die ausgelassene Geselligkeit und das ausschweifende Partyleben in der Kommune, die seinen Eifer anfachen. Doch irgendwann ist auch die längste Party vorbei und dank falscher Freunde gerät er rasch auf die schiefe Bahn und träumt alsbald von einer Karriere als Drogendealer. Abermals verschwören sich die Umstände gegen ihn und nach einem kurzen Intermezzo als Soldat und Student gelangt er schließlich zu den ihm ursprünglich verhassten Paramilitärs. Dass das nicht die letzte Station gewesen sein wird, liegt auf der Hand. Wer angesichts der eigentlich unvereinbaren Ideale einen berechnenden Opportunismus erwartet, liegt jedoch grundlegend falsch. Álvarez lässt ihn nicht bewusst auswählen; mit einer grenzenlosen Naivität und Unbedarftheit ausgestattet, lässt er stets andere über sein Schicksal entscheiden und geht den Weg des geringsten Widerstands.

Zukunftssicherung, Wohlstand, politische Überzeugungen – all das kommt und geht in einem Land, in dem nichts sicher ist und noch weniger willentlich beeinflusst werden kann. Was ihn wirklich antreibt, ist die ungebrochene Lust am Leben; sich von Boleros treiben lassen, mit einer schönen Frau sinnlich Salsa tanzen, sich betrinken und bekiffen – das ist die Essenz des Lebens, auf die es ankommt. Neben dem Hauptstrang bindet Álvarez kleine Episoden ein, die das Geschehene aus einer anderen Perspektive wiedergeben oder auch vollständig von der Handlung abgetrennt sind. In der Summe entsteht dadurch ein Panorama der vorherrschenden Gemütslage der kleinen Leute Kolumbiens. Vermeintlich ohne Einfluss werden die politischen Wirrungen hingenommen und mit dem Rückzug in die privaten kleinen Freuden erträglich gestaltet. An was soll man sich auch sonst klammern angesichts der immer weiter zunehmenden Verrohung und Brutalität?

"Du bist erwachsen geworden und hast nicht kapiert, wie dieses Land funktioniert. Wie funktioniert es denn?, fragte ich. Mit Toten, Bruder, wer in diesem Land niemanden getötet hat oder hat töten lassen, der hat keine Zukunft. Ich sah ihn erschrocken an. Glaub mir Bruder, hier regiert der Tod, und wer nicht tötet oder töten lässt, ist nichts wert, ist ein Nichts."

Álvarez hat nichts mit dem magischen Realismus eines García Márquez gemein. Direkt und schonungslos wird berichtet anstatt gedichtet. Bei aller geschilderten Gewalt schwingt aber auch eine Leichtigkeit und ein Humor mit, die wunderbar das nicht-unterkriegen-Lassen illustrieren – die jedoch auch zu einer gewissen Distanz zum Protagonisten führen. Zu unglaublich und zu schnell öffnet sich ihm eine neue Tür, sobald eine andere geschlossen wurde. Überhaupt merkt man dem Autor seine hauptberufliche journalistische Arbeit an – vieles wirkt noch unreif und hastig hingeschrieben. Diese kleinen Mängel trüben jedoch nie den Eindruck, dass man hier wieder einmal einen großen Kolumbien-Roman in der Hand hält.

Was bleibt?

35 Tote hinterlässt einen leicht zwiespältigen Eindruck. Auf der einen Seite steht ein ungenannter Ich-Erzähler, der slapstickartig durch die jüngste Geschichte Kolumbiens stolpert und bei mir ab einem gewissen Punkt wenig Anteilnahme erzeugte. Dem gegenüber stehen jedoch auch wundervolle Passagen und in sich geschlossene Episoden, die mich berührt zurückließen. Álvarez schreibt so authentisch und einfühlsam über sein geschundenes Land, dass 35 Tote bei mir Bewunderung für das leidgeprüfte kolumbianische Volk und tiefe Dankbarkeit für die gesicherten Verhältnisse in unserem Land auslöste. Ein schönes Gefühl.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Goat Mountain

David Vann ,
Flexibler Einband: 270 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.01.2016
ISBN 9783518466469
Genre: Romane

Rezension:

Oft genug verlässt man sich beim Bücherkauf auf Altbewährtes. Das ist nichts Schlechtes aber manchmal muss man auch blind zugreifen, um sich noch selber überraschen zu können. Über „Goat Mountain“ wusste ich nichts, David Vann kannte ich nicht, der Text auf der Rückseite zudem allenfalls nebulös-ansprechend. Ich vertraute also meinem Bauch und wurde belohnt mit einem wuchtigen Buch, das auf Anhieb zu einem meiner absoluten Lieblinge avancierte.


Der erste Satz
"Staub wie Puder auf der Luft und der Tag eine rötliche Erscheinung."

Nordkalifornien. Nahezu unberührte, ungezähmte Natur. Für den namenlosen 11-jährigen Ich-Erzähler soll es ein besonderes Wochenende werden. Zusammen mit Vater, Großvater und einem Freund der Familie bricht er auf zu einem Jagdausflug in das Stammland seiner indianischen Familie. Elf Jahre sind alt genug, um den ersten Hirsch erlegen zu dürfen. Frauen fehlen in dieser Geschichte, es geht also rauh her. Archaische Männlichkeitsituale ersetzen offen gezeigte familiäre Zuneigung.

Am Jagdplatz angekommen, entdeckt der Vater auf dem benachbarten Hügel einen Wilderer und reicht seinem Sohn das Gewehr, damit er durch das Zielfernrohr einen Blick auf den Mann werfen kann. Sekunden später zerreißt ein Schuss die Stille und der Wilderer ist tot. Der Sohn ist zum Mörder geworden. Die erste Panik weicht einem Schock. Wie konnte das passieren? Es war kein Unfall; mit voller Absicht hat er abgedrückt und zeigt keine Reue. Hirsch oder Wilderer – wo ist da schon der Unterschied? Vor allem war es ein guter Schuss. Wie nun damit klar kommen? Die Frage, was man da groß gezogen hat, drängt sich auf und setzt sich mit Widerhaken im Kopf fest. Eine Rückkehr zum bisherigen Leben erscheint ausgeschlossen. Damit allein ließe sich trefflich ein Buch füllen und genau das hatte ich auch erwartet. Vann will aber noch mehr – und er kann auch mehr.

An der Art des Umgangs mit dem Leichnam entzündet sich ein Streit, der Vater und Großvater unwiderruflich entzweit. Der Vater will ihn bestatten und seinen Sohn für die Tat sühnen lassen. Das ist inakzeptabel für den Großvater, der in jedem Mann in alttestamentarischer Hinsicht einen Sprössling Kains sieht, der das archaische Begehren zu töten unauslöschlich seit Generationen in sich trägt. Moral und Gesetze sind nur künstlich geschaffene Regeln, die einer Gemeinschaft das Zusammenleben erleichtern. Der menschliche Trieb ist eine Instanz über allem. Was freilich nicht heißt, dass er seinen Enkel nicht per Selbstjustiz strafen will.

Ohne an dieser Stelle zuviel vorwegnehmen zu wollen, ist das der eigentliche Konflikt des Buches. Ist die Gier Blut zu vergießen in der menschlichen Natur verankert oder im Laufe der Jahrtausende anerzogen? Vann versteht es meisterlich, diesem zunehmend philosophischem Konflikt Leben und menschliche Tragik einzuhauchen, der dramaturgisch korrekt nur im Fiasko enden kann. Bis es soweit ist, bleibt der 11-Jährige erstaunlich reflektionsarm und vor allem eines – ein Kind. Ein Kind, das unter der Zurückweisung durch seinen Vater leidet und hören will, dass alles wieder gut sei. Ein Kind, das unter der Wegnahme seines Gewehrs mehr leidet als unter seinem Gewissen. Beim Lesen fragte ich mich oft, was dieses Kind für ein Erwachsener werden würde.

Es ist Vonn zu verdanken, dass er den enstehenden Kloß im Hals ein Stück weit schrumpfen lässt, als der Ich-Erzähler doch noch lernt, was es heißt zu töten. Der langersehnte Hirsch taucht auf und wird dilettantisch erlegt. Der Tötungsprozess zieht sich über viele Seiten hin und changiert zwischen Abscheu und Faszination. Auge in Auge mit seinem Opfer verliert das Töten jede verharmlosende Distanz und wird zu dem was es ist – dreckig, brutal und vor allem endgültig.

"Zerrissenes Zwerchfell in den Resten eingesackt, Lunge schaumig, ein Orangestich im Rot. Als wäre unser Atem Schaum, Erinnerung wiederum ans Meer, an unsere Ursprünge. Und das Herz hing da starr, weiß marmoriert mit tausend Miniaturmustern, die über seine Oberfläche hinaufkrochen, jede Faser Muskel, Blut und Fett. (…) Ich schlug die Zähne in die Wand dieses Herzens, und es war so glitschig und gummiartig, dass ich es fest an mein Gesicht drücken musste. Zähne dafür nicht gemacht, nicht scharf genug, also schüttelte ich beim Beißen den Kopf und riss an diesem Muskel. Mein Messer auf der Erde, das Herz in beiden Händen, und ich wurde wieder zum Tier gemacht, mit geschlossenen Augen und mahlendem Kiefer und dem Geschmack von Blut und Fleisch in meinem Mund. Jetzt bist du ein Mann, sagte mein Großvater. Jetzt bist du ein Mann, sagte mein Vater."

Goat Mountain ist kein Buch, das man nebenbei liest. Vann ist ein unglaublich intelligenter Erzähler, der seiner Geschichte mehr Tiefe verleiht als ich streckenweise ertragen konnte. Den existenzialistisch aufgeladenen Konflikt zwischen Jesus und Jahwe, zwischen Moral und archaischer Gewalt hätte ich gerne zugunsten einer emotionaleren Auseindersetzung zwischen Vater und Sohn eingetauscht. So ist es nun aber abseits der individuellen Katastrophe ein Buch über die kollektive menschliche Natur und die Frage nach eigener Verantwortung. Vann hat das großartig gemacht und dafür meine volle Bewunderung verdient.

Was bleibt?

Wirklich hervorragende Literatur versteht es, Gelesenes zum eigenen Erfahrungsschatz hinzuzufügen. Goat Mountain ist in dieser Hinsicht große Literatur. Ich hatte nie ein Gewehr in der Hand und habe Blutrausch nachempfunden, ich habe nie auf einen Menschen geschossen und bin zum Mörder geworden. Sehr viel mehr können Bücher nicht leisten und ich bin für diese Bereicherung sehr dankbar.

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