steffchen3010

steffchen3010s Bibliothek

380 Bücher, 158 Rezensionen

Zu steffchen3010s Profil
Filtern nach
382 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(41)

61 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 35 Rezensionen

alzheimer, kreuzfahrt, familie, krankheit, venedig

Tage zwischen Ebbe und Flut

Carin Müller
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.09.2016
ISBN 9783426519738
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(65)

99 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 53 Rezensionen

frankreich, liebe, sommer, strand, le touquet

Die vier Jahreszeiten des Sommers

Grégoire Delacourt , Claudia Steinitz
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 16.07.2016
ISBN 9783455600414
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(17)

27 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

glück, sammlung, zweite chance, roman, trostloses leben

Das Bild aus meinem Traum

Antoine Laurain , Sina de Malafosse
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 14.10.2016
ISBN 9783455650457
Genre: Romane

Rezension:

„Die Dinge bewahren die Erinnerung derjenigen, die sie besessen haben. (…) Wenn sie alt sind, bewahren sie Seelen.“

Zitat, Seite 27

Pierre-François Chaumonts Herz schlägt für das Sammeln alter Dinge. Jeder Gegenstand aus seiner privaten Sammlung erzählt eine Geschichte und birgt die Erinnerungen seines Vorbesitzers in sich. Als Pierre-François in seinem Pariser Stammauktionshaus Drouot auf ein geheimnisvolles Gemälde aus dem 18. Jahrhundert stößt, trifft ihn jedoch fast der Schlag: es zeigt ihn selbst.

Seine ausgiebige Recherche führt ihn in ein Dorf in Burgund, wo er zu seinem Verwundern als verlorengeglaubter Graf von Mandragore wiedererkannt wird. Er soll das Schloss und die Seite von Gräfin Mélaine de Rivaille wieder mit Leben erfüllen, die seit Jahren auf ihren verschwundenen Gatten wartet. Für den Pariser Anwalt, dem Eheglück und Freude am Beruf nie wirklich vergönnt waren, öffnet sich damit eine Tür in ein neues Leben. Ein Leben, das ihm bereits im Traum begegnet ist.

„Dieses Porträt von mir, das zweieinhalb Jahrhunderte zuvor angefertigt worden war und nun in meinem sechsundvierzigsten Lebensjahr auftauchte, war der Wendepunkt eines vor langer Zeit begonnenen Anhäufens von Dingen. Jahr um Jahr, Gegenstand um Gegenstand, Rechnung um Rechnung, bis zu diesem späten Vormittag im Saal 8 des Auktionshauses Drouot.“

Zitat, Seite 19

Zweieinhalb Jahrhunderte trennen Pierre-François von dem erstandenen Portät. Und dennoch zeigt es zweifellos ihn. Die Ähnlichkeit zum Porträtierten liegt klar auf der Hand, selbst wenn das hämische Gelächter seiner Ehefrau und seinen Freunden eine andere Geschichte erzählt. Er hat seine ganzen Reserven geopfert, um das Gemälde zu ergattern. Denn es scheint nicht nur die Seele seines Vorbesitzers in sich zu bergen, sondern auch einen Teil seiner.

Während seiner Recherche wird Pierre-François von einem immer wiederkehrenden Traum heimgesucht, dessen Ende verschwimmt. Bis er auf das Wappen einer Adelsfamilie in Rivaille stößt, vergehen zahlreiche Tage und Nächte. Sein Weg zum Weingut der Rivaille scheint sein Leben bereits auf völlig neuen Kurs zu lenken, der ihn in den Rosengarten des Anwesens, in die Arme der jungen Gräfin Mélaine de Rivaille, führt.

Antoine Laurains Romane sind nicht nur bezaubernd anzusehen, sondern auch genauso reizend zu lesen. Nahezu federleicht und unschuldig schweben seine Zeilen an dir vorbei, und hinterlassen vorerst nur eine leicht-süßliche Duftnote, deren schweres Aroma sich erst mit der Zeit vollends entfaltet.

Nach „Liebe mit zwei Unbekannten“ und „Der Hut des Präsidenten“ verzaubert Laurain seine Leser nun zum dritten Mal mit „Das Bild aus meinem Traum“. Eine Geschichte, die sich um ein geheimnisvolles Portätgemälde und dessen Ursprung dreht, und dennoch um so viel mehr. In wechselnden Zeitabschnitten erzählt Laurain von der Reise eines Mannes, der sich in einem Leben voller Oberflächlichkeiten und Reichtum verloren hat. Wie ein Kleidungsstück legt er es ab und streift sich eine völlig neue Identität über, die ihm zu neuer Lust und Liebe verhilft.

Es ist eine zweite Chance, für die Laurain seinen Protagonisten weit gehen lässt. Ein gefährliches Spiel aus dreister Hochstapelei und dem unbändigen Wunsch nach Leben. Doch das Schicksal macht auch nicht Halt vor einem Laurain. Und so wartet auf den Leser ein unerwartetes Ende, das dem Roman nicht nur eine gehörige Portion Ironie, sondern auch Realität einhaucht. Ein Laurain, wie man ihn kennt.

„Ohne es zu wissen, verschwand ich bereits.“

Zitat, Seite 94

  (5)
Tags: leben, liebe, portät, sammlung, schicksal   (5)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

2 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

roman, meer

Das Buch vom Meer oder Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen

Morten A. Strøksnes
E-Buch Text: 368 Seiten
Erschienen bei Deutsche Verlags-Anstalt, 29.08.2016
ISBN 9783641198824
Genre: Sonstiges

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(35)

49 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 30 Rezensionen

helden, liebe, coming of age, edel und electric, roman

Wir waren keine Helden

Candy Bukowski
E-Buch Text: 236 Seiten
Erschienen bei edel & electric, 01.07.2016
ISBN 9783960290063
Genre: Romane

Rezension:

„Das Leben ist kein Geschenk. Das ist völliger Unsinn. Es ist ein Gutschein. Und das Einzige, worum es geht, ist, ihn einzulösen, bevor er verfällt.“

Zitat aus dem Buch

Schon das Cover von Candy Bukowskis Romandebüt hat mich umgehauen. Der Tiger verleiht ihm so viel Kraft, Lebendigkeit und Ausdrucksstärke, das man bereits vor dem Lesen vermutet, dass sich dahinter eine charakterstarke Geschichte verbirgt. Das und noch viel mehr. Ein Roman, zum Bersten gefüllt mit Leben.

„Wir waren keine Helden“ ist ein Coming of Age Roman. Die Geschichte, die in den rebellischen 80ern „am Arsch der Welt“ beginnt, strandet irgendwann im nordischen Hamburg. Es geht um Protagonistin Sugar. Eine Frau, die mit Vollgas durchs Leben brettert und dabei stets mit vollem Körpereinsatz dabei ist. Doch ihr Einsatz bringt nicht nur Glücksmomente, sondern auch zahlreiche Niederlagen mit sich. Heftige Momente. Die, in denen man ungedämpft am Boden aufkommt und nicht weiß, ob man je wieder aufstehen kann.

Während Sugar anfangs mit Punker Pete durchs Leben zieht, gesellen sich mit den Jahren Luke und Silver dazu. Männer, die sie ihr Leben lang begleiten und es entscheidend prägen. Doch die Suche nach dem großen Glück und der einzig wahren Liebe verlangt ihr alles ab. Sie wird zu einem Kraftakt in 236 Seiten. Einer, bei der man bis zur letzten Seite mitfiebert; mit pochendem Herzen, heißen Wangen und jede Menge Adrenalin im Blut.

„Der eine, lange, unwiederholbare Moment. Einer von denen, die du dein ganzes Leben lang immer wieder mal vermisst. Der als verblichene Schwarz-Weiß-Fotografie irgendwo in deiner rechten Herzkammer steckt. Nicht im Portemonnaie wie all der andere, vermeintlich wichtige Kram. Das kleine, riesengroße Sepiaglück, mit den richtigen Menschen im richtigen Moment. Das man nicht halten kann, nur bewahren.“

Zitat aus dem Buch

Candy Bukowski ist ein grandioses Romandebüt gelungen. Ihre schonungslosen Zeilen treffen dich mit all ihrer emotionalen Härte. Sie sind berauschend, wortgewaltig und erschreckend ehrlich. Viele Zeilen begleitete ich mit einem zustimmenden Nicken, während mich andere bis ins Mark erschütterten. Sugars Leben ist kein leichtes Spiel, eine ständige Achterbahnfahrt mit allen Hochs und Tiefs. Ein Leben, das irgendwie auch Bukowskis ist. Denn es offenbart die Erlebnisse der Autorin selbst, zu deren Veröffentlichung sie sich nun entschloss.

Doch es kommt noch viel mehr zum Vorschein. Denn neben all der Härte werden Bukowskis Zeilen von Melancholie, aber auch von Hoffnung begleitet. So hangelt sich die Protagonistin bedächtig an ihr entlang. Lernt, trotz Schicksalshaftigkeit des Lebens das Gute nie aus den Augen zu verlieren. Der unkonventionelle Schreibstil der Autorin verleiht den Zeilen dabei nicht nur eine sehr authentische, sondern auch persönliche Note.

„Wenn du einen wachen Moment hast, dann fallen sie dir wieder ein, die ganz großen Geschichten, in den ganz großen Lederbändchen aus gegerbter Menschenhaut mit Lesebändchen aus geflochtenem Erinnerungshaar. Mit all dem Seufzen und Sehnen zwischen den handgeschriebenen Seiten und dem Schönsten. Dem immer wieder schönsten Schluss von allen.“

Zitat aus dem Buch

„Wir sind keine Helden“ ist kein Spaziergang durch den Paradiesgarten Eden. Es ist eine Ode an das Leben mit all seinen Facetten. Eine lehrreiches Abenteuer und eine spannende Entwicklungsreise einer jungen Frau, deren jugendlicher Panzer langsam aber sich einem reiferen und erwachseneren weicht. Der Roman präsentiert sich dabei mithilfe von unterschiedlichen Zeitetappen und den dazugehörigen Songs der damaligen Zeit. Würde ihr Roman als Soundtrack vertont werden, würde sein Beat mit voller Dröhnung durch die Boxen wummern. Mein absolutes Lesehighlight in 2016!

 „Manchmal ist es bedeutend einfacher, unvorstellbare Dinge zu tun, als man dachte. Wenn all die sperrigen Wenn und Aber aus dem Weg geknickt und all die sinnbefreiten Konjunktive vom Herz gerissen wurden, dann läuft es schon irgendwie in die richtige Richtung. In eine zumindest.“

Zitat aus dem Buch

  (2)
Tags: einsamkeit, entwicklungsreise, erwachsensein, leben, liebe, schicksal   (6)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(30)

65 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

roman, geschichten, kurzgeschichten, liebe, venedig

Der Wörterschmuggler

Natalio Grueso ,
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 15.08.2015
ISBN 9783455600193
Genre: Romane

Rezension:

Als Bruno Lapastide, Zeit seines Lebens als Vagabund, Charmeur und leidenschaftlicher Geschichtenerzähler im Land unterwegs, in Venedig die geheimnisvolle Japanerin Keiko kennenlernt, ist es wie um ihn geschehen. Doch um ihr Herz zu gewinnen, bedarf es viel mehr Einsatz als sonst. Denn was die junge Japanerin mit dem scheuen Lächeln und den honigfarbenen Augen betört, ist nicht sein Charme, sondern vielmehr das geschriebene Wort.

„Für sie zählten einzig und allein die Worte, der geschriebene Vers, das zu Papier gebrachte Gefühl.“

Zitat, Seite 11

Jeden Abend bei Sonnenuntergang öffnet Keiko die Briefe ihrer zahlreichen Verehrer. In ihrem Briefkasten stecken Umschläge voll unbändiger Lyrik, klarer Worte und purer Leidenschaft. Auch die Briefe von Lapastide gesellen sich dazu. Während seiner Reisen um die Welt hat der Abenteurer so viele Geschichten gesammelt, dass es ihm ein Leichtes erscheint, seine Mitbewerber auszustechen. Mit seinen raffinierten Zeilen will er das Herz der jungen Japanerin ganz für sich gewinnen.

„Wörter waren der einzige Schlüssel, der die Türen zum Paradies öffnete. (…) Um die Schwelle des magischen Bordells von Dorsoduro zu überschreiten, musste man etwas gänzlich Wohlklingendes erschaffen, Verse, Gedichte oder wundersame Geschichten ersinnen, die berührten. Nur wer es schaffte, Keikos Herz zu liebkosen, erwarb sich auch das Privileg, ihren Körper zu liebkosen.“

Zitat, Seite 225

Doch schon bald ringt der leidenschaftliche Geschichtenerzähler um Worte und die Quelle der Inspiration versiegt. Wird es ihm dennoch gelingen, Keikos Herz zu erobern?

„Der Wörterschmuggler“ birgt nicht nur eine, sondern zahlreiche Geschichten in sich. Er erzählt von einem Geschichtenerzähler, der sich seiner Eindrücke als Weltenbummler bedient, um eine ganz besondere Frau zu berühren. Denn die Japanerin Keiko lässt sich von Worten betören. Als Gegenleistung bietet sie ihren Körper. Für eine Nacht.

Doch Lapastide will Keiko ganz für sich alleine haben und so schreibt er sich die Finger wund. Er erzählt von einer Zeit, in der man Wörter schmuggelt, weil man für sie bezahlen muss und ein Junge sie braucht um dem Mädchen seines Herzens seine Liebe zu gestehen; von einem Mann, der Bücher wie Medizin fürs Leben verschreibt, und damit so manches Schicksal mitbestimmt oder von einem berühmten Moderator, der seine Karriere opfert, um den Herzenswunsch seines Großvaters zu erfüllen. Geschichten voller Leidenschaft. Lebendig. Schräg. Fantasievoll.

Natalio Gruesos Debüt ist alles, aber definitiv nicht alltäglich. Die darin verborgenen Geschichten sprudeln vor Kreativität und Lebendigkeit und lesen sich nicht nur atmosphärisch, sondern auch noch erstaunlich leicht. Viele Zeilen wirken im ersten Moment unbekümmert, obwohl sie von erstaunlicher Tiefe und Einsamkeit getränkt sind. Der Autor, der Regisseur am Teatro Espanol und am Institut für Performing Arts of the City of Madrid ist, versteht es, seine einzelnen Geschichten raffiniert ineinander zu verschachteln. Wie Puzzleteile setzt er sie  Stück für Stück aneinander und präsentiert den „Wörterschmuggler“ als großes Ganzes.

Während wir den Protagonisten Lapastide sehr gut kennenlernen, bleibt die Japanerin Keiko geheimnisumwoben und unnahbar. Ihr Wesen verzaubert nicht nur Lapastide, sondern auch den Leser, weshalb wir uns Seite für Seite durch die Geschichte locken lassen, in der Hoffnung mehr über sie zu erfahren.

Gruesos Geschichte begegnet uns wie eine Gutenachtgeschichte am Abend, die Eltern ihren Kindern vorlesen, um sie ins Land der Träume zu begleiten. Sie lummelt dich ein, bettet dich in ein weiches Nest aus federleichten Zeilen und wohliger Wärme.

„Abschiede sind stets seltsame Augenblicke. Sie sind geprägt von einer Nostalgie gegenüber dem Erlebten, nicht Wiederholbaren, von der Aufregung angesichts der ungewissen Zukunft, der neuen Vorhaben und der kommenden Abenteuer. Auch von dem Glück über die Freunde, die wir gewonnen haben, und von der Melancholie, die uns unweigerlich überfällt, wenn etwas zu Ende geht, wenn ein Kapitel unseres Lebens abgeschlossen wird.“

Zitat, Seite 165

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

rivera expres, lebe, riviera, schicksal, liebe

Riviera Express

Gaëlle Josse , Mayela Gerhardt
Flexibler Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 14.05.2016
ISBN 9783455651089
Genre: Romane

Rezension:

Der sagenumwobene Riviera Express verkehrt zwischen Frankreich und Moskau. In fünf Tagen durchkreuzt er sieben Länder und passiert dabei rund dreißig Stationen. Eine Reise, die niemals dieselbe ist. Denn es sind die Lebensgeschichten seiner Passagiere, die sie so besonders macht. Ihre Geschichten verflechten sich mit der des Zugs, spinnen ihr weitreichendes Netz über seine Gleise.

Auch das Leben von Anna und Irina, zweier Frauen, die im Abstand von über einem Jahrhundert mit dem Riviera Express reisen, lenkt der Zug in eine neue Richtung.

März, 1881: Voller Hoffnung steigt Anna in Nizza in den Zug. Sie fiebert der Endhaltestelle St. Petersburg entgegen. Dort möchte sie Dimitri endlich ihre Liebe gestehen. Dem Mann, der in ihr etwas sieht, das vielen anderen verborgen bleibt.

März, 2012: Irina reist in entgegengesetzte Richtung nach Nizza. Sie wird dort ihren zukünftigen Mann Enzo treffen, den sie bisher nur aus Briefen kennt. Für die mittellose Frau verkörpert er die Chance auf ein besseres Leben.

Doch es ist nicht nur die Erfüllung ihrer Träume, denen die Frauen mit jedem Kilometer näher kommen, sondern auch ihrem tiefen Inneren. Eine hochemotionale Reise gerät ins Rollen.

„Unsere Existenz wird durch das geprägt, was wir erlebt haben, durch die Ereignisse, die uns zugestoßen sind, die uns geformt oder für immer beschädigt haben. Ein scheinbar unbedeutender Vorfall kann sich ewig auswirken, so wie sich an der Wasseroberfläche kreisförmige Wellen bilden, noch lange nachdem der geworfene Stein im See verschwunden ist.“

Zitat, Seite 133/134

Gaëlle Josses Reise mit dem Riviera Express hat mich wirklich beeindruckt. Was Josse auf bescheidenen 140 Seiten an Emotionen aufwirbelt, füllt locker ein ganzes Leben. Ihr Roman, der sich über zwei Jahrhunderte erstreckt, begegnet dem Leser trotz emotionaler Schwere angenehm charmant und teilweise poetisch.

Als Riviera Express hat man mehrere Fernzüge bezeichnet, die zwischen 1900 und 1993 von diversen Städten im nördlichen Mitteleuropa zur Riviera fuhren. Bis 1993 war der Riviera Express ein von der CIWL betriebener Luxuszug zwischen Berlin und der Riviera. Er galt als einer der bekanntesten Luxuszüge. Die Reise in Josses Roman ist jedoch stark geprägt von der Gesellschaftsschicht seiner Protagonistinnen, die in Abteilen unterschiedlicher Klasse reisen.

„Ein seltsames Gefühl, morgens an irgendeinem Ort aufzuwachen, ohne zu wissen, wo. Ein eigenartiger Schwebezustand; mein Körper scheint losgelöst von seinen Bezugspunkten, von seinen Gewohnheiten, seinen Gesten. Als begänne das Leben ganz von vorn, doch plötzlich führt mir ein Gedanke, ein Detail, ein Objekt, auf das sich mein Blick richtet, vor Augen: Nein, alles ist noch genau wie zuvor, und ich nehme mein altes Leben wieder auf – wie ein Kleiderstück, das man am Vorabend auf einem Stuhl zurückgelassen hat.“

Zitat, Seite 57

Anna ist die Tochter einer reichen russischen aristokratischen Familie. Sie steigt im März 1881 gemeinsam mit ihrer Familie in den Zug um die Rückreise nach St. Petersburg anzutreten. Das gehobene Ambiente im Luxusabteil des Zuges ist ihnen wohlvertraut, man genießt hochwertige Kost und frönt dem Leben.

Irina hingegen, mittellos und alleinreisend, steigt im März 2012 in St. Petersburg in den Riviera Express, um ihrem bisherigen Leben zu entfliehen und in Nizza ein neues Leben zu beginnen. An der Seite eines Mannes, den sie nur aus Briefen kennt und der ihr dennoch bereits so nah zu stehen scheint, wie niemand anderes, will sie in eine bessere Zukunft starten.

Die Besonderheit dieser Reise liegt nicht im jeweiligen Ziel, sondern vielmehr in der Reise selbst. Denn während der Fahrt nimmt eine hochemotionale und schicksalsgetränkte Entwicklung ihren Lauf, die das Leben seiner Passagiere auf neuen Kurs lenkt.

Dank der Übersetzung von Mayela Gerhardt, die Josses französisches Original „Noces de Neige“ übersetzte, ist das Werk der zahlreich ausgezeichneten Autorin nun auch in Deutsch verfügbar. Josse erzählt uns auf höchst sensible Weise eine russisch-französische Geschichte die uns gleichermaßen berührt, wie entsetzt. Gekonnt spielt sie mit den Lebensgeschichten zweier Frauen, die sich zwar in erster Linie markant voneinander unterscheiden, letztendlich aber ineinander fließen. Sie sind beide von der Suche nach Glück und wahrer Liebe bestimmt.

„Geben Sie auf ihre Seele Acht, sie ist es, die uns Schönheit verleiht. Ihre Güte allein macht Sie schön, und zwar verlässlicher und andauernder als ein frischer Teint oder eine schmale Taille.“

Zitat, Seite 112

  (4)
Tags: lebe, liebe, rivera expres, riviera, schicksal, zugreise   (6)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(47)

81 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

irland, geschichten, humorvoll, reisebericht, heinrich böll

Irisches Tagebuch

Heinrich Böll
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei dtv, 23.03.2011
ISBN 9783423195041
Genre: Romane

Rezension:

„Es gibt dieses Irland: wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor.“

Vorwort von Heinrich Böll

Am 23. September 1954 macht sich der 36-jährige Kölner Schriftsteller und spätere Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll (Nobelpreis für Literatur, 1972) auf den Weg nach Irland. Ein hochverschuldeter Hausbau und sein Erfolg machen ihn müde, weshalb er vom Alltagsstress fliehen und auf der grünen Insel Ruhe finden will.

Die Erlebnisse während seiner Reise hält er in Reiseberichten fest, die er anfangs für eine Zeitung schreibt, später aber in einem Buch zusammenfasst. Sein „Irisches Tagebuch“, das 1957 erscheint, löst einen wahren Touristenboom aus und lockt zahlreiche Deutsche auf die Insel Irland, die im Osten von der Irischen See, im Westen und Süden vom Atlantik umgeben ist.

Die kleine Republik, die so viel Bodenfläche wie Bayern, aber weitaus weniger Einwohner hat, gilt bis Mitte der 50er Jahre als eine der ärmsten Gegenden Westeuropas. Kartoffeln, Butter und Milch sind die wertvollsten Güter im Kampf ums Überleben. Ihre Menge bestimmt das Schicksal zahlreicher Iren. Viele Familien zerbrechen an der Lebensmittelknappheit, die es unmöglich macht, die Sprösslinge über Wasser zu halten.

Von 1845 – 49 wird Irland von der Kartoffelkrankheit und einer daraus resultierenden großen Hungersnot heimgesucht, die bis zu 1,5 Millionen Leute das Leben kostet. Der einzige Reichtum des Landes ist der Torf, der sicherstellt, dass das Feuer im Kamin weitertanzt und die Häuser mit einer wohligen Wärme erfüllt werden. An Whiskey, Tabak und Guinness, denen man sich heute an jeder Ecke Irlands hingibt, ist zu dieser Zeit kaum zu denken. Auch der Tee gilt in Irland lange Zeit als Luxusgut, weswegen es noch heute als unhöflich gilt, eine Einladung zu einer Tasse Tee abzulehnen.

„Gleicht der kontinentale Tee einem vergilbten Postscheckbrief, so gleicht er auf diesen Inseln westlich von Ostende den dunklen Tönen auf russischen Ikonen, durch die es golden durchschimmert, bevor die Milch ihm eine Farbe ähnlich der Hautfarbe eines überfütterten Säuglings verleiht; auf dem Kontinent serviert man den Tee dünn, aber aus kostbarem Porzellan, hier gießt man aus ramponierten Blechkannen gleichgültig ein Engelsgetränk zu des Fremden Labsal, und spotbillig dazu, in dicke Steinguttassen.“

Zitat, Seite 17

Dennoch ist das gläubige Land, das stark von der römisch-katholischen Kirche geprägt ist, offenbar ein Nährboden für bedeutende Schriftsteller. Neben James Joyce, der sich mit seinen Kurzgeschichten in „Dubliners“, vor allem aber mit seinem Roman „Ulysses“ einen Namen macht, zählen Oscar Wilde, Bram Stoker, Jonathan Swift oder auch George Bernard Shaw (Nobelpreis für Literatur, 1925) zu den bekanntesten irischen Autoren.

Es sind aber besonders Joyce Werke, insbesondere die Geschichte eines Juden im katholischen Dublin in „Ulysses“, die Böll so stark beeindrucken, dass er auf den Spuren vergangener Tage über die „Insel der Heiligen“, wie man sie dank der Bekehrung durch den heiligen St. Patrick bezeichnet, zieht.

„Langsam stach die Morgensonne weiße Häuser aus dem Dunst heraus, ein Leuchtfeuer bellte rotweiß dem Schiff entgegen, langsam schnaufte der Dampfer in den Hafen von Dun Laoghaire. Möwen begrüßten ihn, die graue Silhouette von Dublin wurde sichtbar, verschwand wieder: Kirchen, Denkmäler, Docks, ein Gasometer: zögernde Rauchfahrten aus einigen Kaminen: Frühstückszeit, für wenige nur: noch schlief Irland.“

Zitat, Seite 15

Später mietet sich Böll ein Cottage auf Achill Island im Nordwesten Irlands, die neben der Hauptinsel als größte Insel Irlands zählt. Gemeinsam mit seiner Familie bezieht er das Cottage über 4 Jahre für jeweils 4 Monate. Irland wird für Böll zur zweiten Heimat. Insgesamt reist der Kölner 14 Mal auf die grüne Insel, wird deshalb von den Inselbewohnern zum „Ehren-Iren“ ernannt.

Obwohl Bölls „Irisches Tagebuch“ kein Reiseführer, sondern ein literarisches Werk ist, übt es aufgrund seiner atmosphärischen und unterhaltsamen Berichterstattung eine ungeheure Faszination aus. Es hat mir vortrefflich als Inspirationsquelle bei meiner diesjährigen Irland-Urlaubsplanung gedient. Bölls Berichterstattung entflammt nicht nur Fernweh, sondern versorgt dich auch mit interessanten Hintergrundinformationen, die mir persönlich bei meinem Streifzug über die Insel zu Nutze kamen.

Es ist ein Werk, das von Armut und der Macht der katholischen Kirche stark geprägt ist. Es begeistert und erschüttert in gleichem Maße und hilft dem Leser, die Hintergründe des Landes und die Gepflogenheiten seiner Inselbewohner besser zu verstehen. Mir ist unbegreiflich, dass es mir erst jetzt, fast 60 Jahre nach seiner Veröffentlichung, in die Hände rutscht. Fest steht nämlich, dass dieser Bücherkauf eine Bereicherung für mich und mein Bücherregal war. Sicherlich werde ich noch häufiger in Bölls Werk blättern, wenn die Sehnsucht nach der grünen Insel wieder einmal so groß ist, dass ich sie nur mit Bölls atmosphärischen Zeilen stillen kann.

„Dunkelheit hing über Dublin: alles, was es zwischen Schwarz und Weiß an grauen Tönen gibt, hatte sich am Himmel sein eigenes Wölkchen ausgesucht, der Himmel war bedeckt wie mit einem Gefieder unzähliger Graus: kein Streifen, kein Fetzchen vom irischen Grün.“

Zitat, Seite 21/22

  (4)
Tags: dublin, heinrich böll, irland, literatur, reiseberichte, tagebuc   (6)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(23)

48 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 11 Rezensionen

liebe, hemingway, kuba, ernest hemingway, paris

Als Hemingway mich liebte

Naomi Wood , Gerlinde Schermer-Rauwolf , Robert A. Weiß
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 10.03.2016
ISBN 9783455405590
Genre: Romane

Rezension:

„Write drunk; edit sober.“

Ernest Hemingway

Es waren vier Frauen, die das Leben von Ernest Hemingway primär bestimmten. Hadley, Fife, Mary und Marty. Neben zahlreichen Affären waren sie es, die den nach Leidenschaft, Alkohol und Erfolg dürstenden Schriftsteller ein Stück seines Weges begleiteten.

Während sich die Frauen dem Schriftsteller vollends hingaben, rauschte der exzentrische Womanizer ungeniert durchs Leben, durchlief berauschende Hochs und verzweifelte Tiefs. Was 1926 im südfranzösischen Antibes begann, wo Hemingway sich mit seiner ersten Frau Hadley und deren Freundin Fife zurückzog, findet 1961 sein jähes Ende.

Naomi Wood erschafft aus Briefen authentischer Quellen eine atmosphärische Geschichte um einen der wohl berühmtesten Schriftsteller, die von den Blickwinkeln der Frauen Hemingways und der Pariser Bohème bestimmt ist. Eine Geschichte, die sowohl leiser als auch herzergreifend tragischer Natur ist.

„Keiner sagte etwas. Ach ja, sie hat vergessen, dass Erfolg sich entweder mühelos einstellt oder gar nicht. Es muss stets spielerisch bleiben. Eine immerwährende Cocktailstunde. Als bestünde das Leben nur aus schmachtender Jugend oder ständigem Vergnügen. Harte Arbeit war nichts für Leute von ihrem Schlag.“

Zitat, Seite 87

Ernest Hemingway galt als einer der erfolgreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Der Exzentriker, der mit seinem brausenden Temperament und seinen literarischen Werken die Pariser Bohème der 20er Jahre mitbestimmte, gilt auch heute noch als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Literaturgeschichte. Seine Novelle „Der alte Mann und das Meer“, die in Hemingways Wahlheimat Kuba spielt, hat ihm 1953 und 1954 nicht nur zu Pulitzer- und Literaturnobelpreis verholfen, sondern sorgt auch heute noch für die anhaltend verehrende Haltung der Kubaner, die ihm Museen, Literaturfestivals und Münzen widmen.

Doch in Naomi Woods „Als Hemingway mich liebte“ soll nicht Hemingway, sondern vielmehr seine vier Ehefrauen im Mittelpunkt stehen. Der Schriftsteller nimmt in dem knapp 350 Seiten umfassenden Roman tatsächlich nur eine Nebenrolle ein. Denn Wood widmet nicht ihm, sondern seinen Ehefrauen jeweils ein Kapitel des Romans. Sie präsentiert uns dadurch Hemingways Leben aus der Sicht wechselnder Perspektiven. Die Beziehungen, die dank Woods Kapitelzuordnung zwar jeweils einer Frau, aber nicht unbedingt einem Anfang bzw. Ende zuzuordnen sind, fließen dennoch schon bald ineinander über.

„Oben im Badezimmer teilen die Flügel des Spiegels ihr Gesicht. In diesen zweidimensional wirkenden Zwillingsbildern sieht sie aus wie ein Kind. Doch unendlich viele betrogene Frauen starren sie aus den tieftraurigen schwarzen Augen an. (…) Nesto. Sie will nichts außer ihren Ehemann. An der kalten Keramik des Waschbeckens stützt sie sich ab, als ließe sich das so in ihrem Kopf schwirrende Karussel zum Stillstand bringen: Fife, Martha, Hadley – die ganze Gruppe taumelt vorüber -, ein nicht endender Reigen aus Ehefrauen und Geliebten, mit fadenscheinigem Lächeln und teigigem Teint.“

Zitat, Seite 166/167

Der Weiberheld, der sich Zeit seines Lebens durchweg mehrgleisig vergnügte, scheint nicht nur besonders exzentrischer, sondern auch sehr leichtfertiger Natur gewesen zu sein. Das spiegelt sich zumindest im Umgang mit seinen Frauen wieder. Bereits im ersten Kapitel, als der Schriftsteller sich gemeinsam mit Ehefrau Hadley und seiner Geliebten Fife in der südfranzösischen Sonne rekelt, ist dies zu spüren. Hemingway nahm was sich ihm darbot. Er sah, nahm und liebte und schien nicht im Mindesten daran interessiert, wieviele Herzen er damit brach; geschweige denn, wie viel Verzweiflung und Wut er in den Frauen entflammte.

Trotz oder gerade wegen seines lange auf sich wartenden Erfolges als Schriftsteller verlor er sich zunehmend in Alkohol, Depressionen und unberechenbaren Wutausbrüchen. Der Selbstmord seines Vaters haftete an ihm wie eine klaffende Wunde, die niemals wirklich verheilte und die Persönlichkeit Hemingways entscheidend prägte. Diese markanten Ecken und Kanten Hemingways veranschaulicht Wood mithilfe einer sehr bildhaften und damit lebendigen Sprache, weswegen ich ihm in diesem Roman keine Sympathien zusprechen konnte. Auch die unterschiedlichen Persönlichkeiten von Hemingways Ehefrauen sind Wood vortrefflich gelungen. Jede blickt auf die gemeinsame Zeit mit dem Schriftsteller auf seine Weise zurück. Keine Ehefrau gleicht der anderen, und dennoch verbindet sie alle das Gleiche: ihre Leidenschaft. Sie lieben, verzweifeln und kämpfen. Die eine mehr, die andere weniger.

„Als Hemingway mich liebte“ ist eine ruhige, aber dennoch nicht minder faszinierende Reise durch Hemingways Leben. Wie Glieder eines Kettenkarussels schweben alle Figuren aneinander vorbei, scheinen Teil eines großen Ganzen und dennoch eigenständig zu sein. Woods Geschichte, die von der Faszination um den berühmten Schriftsteller, einer knisternder Atmosphäre und alkoholbeschwipster Luft erfüllt ist, hat mich nicht nur wegen Woods unaufdringlichen, lebendigen und emotionalen Beschreibungen, sondern auch als harmonisches Gesamtwerk überzeugt.

„Als sie sich wiedersahen, am Hafen von Boulogne-sur-Meer erklärte sie, sie werde den Rest ihres Lebens nicht mehr von seiner Seite weichen. Erst später wünschte sie sich, er hätte ihr dasselbe versprochen.“

Seite 144

  (8)
Tags: boheme, hemingway, kuba, paris   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

abkehr, inseln, einsamkeit

Der Mann, der Inseln liebte - Erzählung

David Herbert Lawrence
Fester Einband: 80 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 15.08.2015
ISBN 9783455405491
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(23)

36 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

meer, trauern, familie, zot, fantasie

Der Sommer, in dem wir das Leben neu erfanden

Fabio Genovesi , Mirjam Bitter
Flexibler Einband: 574 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 11.04.2016
ISBN 9783458176718
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(37)

51 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 36 Rezensionen

tod, liebe, sex, trauer, cadaqués

Auch das wird vergehen

Milena Busquets , Svenja Becker
Fester Einband: 170 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 08.02.2016
ISBN 9783518425275
Genre: Romane

Rezension:

"Ich wäre gerne mit dir zusammen gestorben, im selben Zimmer wie du, im selben Augenblick. (...) Ich wäre gern dort gewesen, hätte gern deine Hand gehalten bei unserem Ende. Denn ich bewege mich auf dem Terrain der Lebenden, mehr oder weniger heiter, mehr oder weniger allein, aber einen Fuß habe ich immer dort, wo du bist."

Zitat, Seite 167

Schmerz und Kummer sind genauso vergänglich wie Begeisterung und Glück. Davon war Blancas Mutter überzeugt. Doch als Blanca ihre Mutter mit Anfang Vierzig verliert, will sich der Kummer um ihren Tod einfach nicht legen. Sie plant den Rückzug nach Cadaqués, in den Sommerfamiliensitz nördlich der Costa Brava, dem Ort, der seit jeher für Freiheit steht.

Umgeben von ihren liebsten Menschen; den Kindern, ihren Exmännern, den engsten Freunden und ihrem Geliebten will sie sich von ihrer Trauer um die Mutter lösen und ins Leben zurückfinden. Doch selbst der mediterrane Überschwang der spanischen Mittelmeerküste kann Blanca nicht wirklich mitreißen. Überall streifen ihre Gedanken zu der Verstorbenen, deren Anwesenheit für Blanca über all die Jahre so selbstverständlich war.

In den Armen zahlreicher Männer, im Dunst glimmender Joints und im scheinbar unbekümmerten Miteinander ihrer engsten Vertrauten gelingt es ihr für klitzekleine Augenblicke zurück ins Hier und Jetzt zu finden. Es ist der zwanghafte Versuch einer Trauernden, mit aller Macht in das ausgelassene Leben von früher zurückzukehren, wo die Zukunft noch hoffnungsvoll auf der Oberfläche des spanischen Mittelmeers glitzerte.

"Leichtigkeit ist eine Form von Eleganz."

Zitat, Seite 51/52

Es ist die Geschichte eines Abschieds, der langsamer und intensiver nicht sein könnte. Milena Busquets zweiter Roman, der nun unter dem Titel "Auch das wird vergehen" auf Deutsch erschienen ist, ist wie die Melodie eines Songs, dessen unbeschwerte, mitreißende, aber auch melancholische und heftige Töne auf dich übergehen, und dich hin- und herreißen.

Er erzählt von der Protagonistin Blanca, Anfang Vierzig, Mutter zweier Kinder, ungebunden, attraktiv und leidenschaftlich, die sich in ihrer Trauer um die verstorbene Mutter wieder in ein Kind verwandelt. Blanca schwimmt in einem Meer aus Selbstmitleid, einer quälenden Trauer um den Verlust ihrer scheinbar einzig wirklichen Konstante im Leben: ihrer Mutter.

"Jeden Moment , denke ich, während ich im Rückspiegel die Kinder beobachte, die lachen und gleichzeitig zanken, jeden Moment kann ich enttarnt und zu ihnen nach hinten auf die Rückbank geschickt werden. Ich bin ein Erwachsenen-Fake, alle meine Bemühungen, den Pausenhof zu verlassen, sind krachend gescheitert, ich empfinde genau das, was ich mit sechs Jahren empfunden habe, sehe dasselbe wie eh und je, das hüpfende Hündchen, dessen Kopf in einer Erdgeschosswohnung auf- und abtaucht, den Großvater, der seinen Enkel an die Hand nimmt, die gutaussehenden Männer mit eingeschaltetem Radar, das Funkeln meiner klimpernden Armreife, wenn sie einen Sonnenstrahl einfangen, die einsamen Alten, die knutschenden Pärchen, die Bettler, die lebensmüden alten Frauen, die schnurstracks und trotzig im Schneckentempo über die Straße gehen, die Bäume. Jeder von uns sieht etwas anderes, jeder von uns sieht immer dasselbe, und was wir sehen, sagt alles über uns. Und instinktiv lieben wir diejenigen, die dasselbe sehen wie wir."

Zitat, Seite 47/48

In Cadaqués, einem alten spanischen Fischerdorf Nahe der französischen Grenze, das eng mit Salvador Dali aber auch mit der Autorin selbst verbunden ist, will sich Blanca von ihrem Seelenleid befreien und ins Leben zurückfinden. Ohne Rücksicht auf Verluste stürzt sie sich ins Leben. Gibt sich Drogen, Sex und Alkohol hin wie eine Ertrinkende. Nur in jenen Momenten der Unbefangenheit scheint sie sich von ihren Gedanken an die Mutter lösen zu können.

In ihrem inneren Monolog mit der Verstorbenen, durch die sich die Geschichte dem Leser offenbart, kommt die innere Zerrissenheit von Blanca deutlich zum Vorschein. Eine Frau, die sich im einen Moment selbst zurecht weist und im anderen wieder völlig in ihren Kummer versinkt. Obwohl Blancas Trauer um ihre Mutter verständlich ist, missfällt mir die Eigendynamik ihrer Figur manchmal ein wenig. Das unvernünftige, völlig egoistische und dramatische Wesen, das weder Rücksicht auf seine Kinder nimmt, noch den Werten seiner Freunde Respekt zollt. Doch dieses Gebaren gewährt zeitgleich auch einen tiefen Einblick in das Innere einer Frau, die vor der Vernunft und den Regeln des Lebens zu fliehen versucht. Ihre häufige Abwesenheit und spürbare Einsamkeit inmitten des Trubels verdeutlicht wie gefährlich nahe jemand dem Tod kommen kann, selbst, wenn er mitten im Leben steht.

"Du hast mir das irre Lachen geschenkt, die Freude am Leben, die völlige Hingabe, den Spaß an jedem Spiel, die Abneigung gegen alles, was in deinen Augen das Leben kleiner machte und einem die Luft nahm. (...) Und den Sinn für Gerechtigkeit. Die Aufsässigkeit. Das überwältigende Erkennen von Glück in den Momenten, wenn man es in den Händen hält und ehe es wieder davonfliegt."

Zitat, Seite 168

Die atmosphärischen Beschreibungen des alten Fischerdorfes Cadaqués gelingen Busquets in ihrem Roman so gut, dass man die nahezu grenzenlose Freiheit dieses Ortes förmlich spüren kann. Ich vergrabe für eine Weile meine Füße im sonnenwarmen Sand und wärme mein Gemüt in der Hitze des Landes. Es scheint mir völlig legitim, dass Busquets Cadaqués eine tragende Rolle, eine Hauptfigur, in ihrer Geschichte zuspricht. Die intensive und faszinierende Atmosphäre dieses Ortes mag wohl einer der Gründe sein, warum bis in die 80er dort zahlreiche Künstler-Kommunen anzutreffen waren.

Busquets ist ein liebevoller und melancholischer Abschied gelungen, ein autobiografischer Roman, in dem sich nicht nur Protagonistin Blanca, sondern auch Busquets selbst, von ihrer Mutter, der Schriftstellerin Esther Tusquets, verabschiedet. Ein Roman, für den die Meinungen der Leser gehörig auseinanderzugehen scheinen und den ich persönlich sehr gerne gelesen habe.

"Jeder besitzt doch ein Leitmotiv, einen roten Faden, einen Refrain, einen eigenen Duft, der ihn einhüllt, eine Hintergrundmusik, die ihn immer begleitet, unveränderlich, manchmal gedämpft, aber beständig und unausweichlich."

Zitat, Seite 45

  (10)
Tags: cadaqués, leben, liebe, sinn des lebens, tod, trauer, verlust   (7)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(71)

130 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 45 Rezensionen

zirkus, frankreich, zigeuner, familie, roman

Der Zirkus der Stille

Peter Goldammer
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 16.04.2016
ISBN 9783455600438
Genre: Romane

Rezension:

“Leben ist, wenn etwas dazwischenkommt.”

Zitat, Seite 246

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wächst Thaïs Leblanc bei ihrer Großmutter, der unvergleichlichen Madame Viktoria, im Zirkus auf. Ihre Kindheit ist von glitzernden Kostümen, magischen Zaubertricks und einer scheinbaren Unbeschwertheit begleitet. Doch bei Thaïs weicht die kindliche Faszination für den Zirkus einer Abscheu für das eigenartige Künstlervölkchen, das aus ihrer Großmutter eine egozentrische Künstlerin macht, die nur noch mithilfe von Alkohol und Tabletten in den Schlaf findet.

Mit ihrer Volljährigkeit entscheidet sich Thaïs deshalb der verhassten Zirkuswelt den Rücken zu kehren um in Paris ein neues Leben zu beginnen. Ein normales Leben, in dem sie selbst die Hauptrolle spielt und nicht von der Berühmtheit eines anderen Menschen überschattet wird. Doch als ihre Großmutter stirbt, wird Thaïs von ihrer schmerzhaften Vergangenheit eingeholt und muss erneut nach Arles reisen, um sich um deren Nachlass zu kümmern.

Das ominöse Testament von Madame Viktoria schickt Thaïs auf die Suche nach dem wundersamen cirque perdu, einem Zirkus, der seiner glänzenden Zeit hinterherzutrauern scheint und sich in die Stille zurückgezogen hat. Doch was Thaïs hinter seinem verwilderten Vorhang entdeckt, ist überraschenderweise keine ausgeleierte Zirkusshow, sondern vielmehr das Leben selbst.

“Papó, welches große Kunststück lehrst du mich denn? Womit darf ich in der Manege auftreten? Er bedeutete mir mit einem Nicken näher zu kommen. Als ich mich zu ihm gebeugt hatte, flüsterte er mir ins Ohr: Leben.”

Zitat aus dem Buch

Goldammer ist mit seinem “Der Zirkus der Stille” ein wirklich eindringliches Debüt gelungen, das auch mit leisen Tönen beim Leser Gehör findet. Entgegen der Vermutung, dass es sich hier um eine klassische Zirkusgeschichte handelt, präsentiert er uns eine melancholische Entdeckungsreise mit magischem Flair und den Wesenszügen eines modernen Märchens. Eine Geschichte, die eng mit dem Zirkus verwoben ist, sich aber abseits der Manege abspielt.

In seiner Geschichte widmet er sich einer jungen Frau, die ihre gesamte Kindheit im Schatten ihrer großen Großmutter steht. Einer Pferde-Dresseurin im silber-weiß glitzernden Kostüm, die selbst mit abnehmender Ausdruckskraft auf ihr Enkelkind herabblickt. Thaïs, die sich all die Jahre ein inniges Verhältnis zu ihrer Großmutter herbeisehnt, entwickelt durch deren Exzentrik eine immer tiefergehende Abneigung für die schillernde Zirkuswelt.

“Hätte mich je ein Mensch gefragt – was nie jemand tat – , wie ich mich in diesem wunderbaren Moment gefühlt habe, er hätte eine ganz andere Geschichte zu hören bekommen: Für mich zeigte die Aufnahme ein verstörtes kleines Mädchen, das ein wildgewordener Zirkusaffe angesprungen hatte, um ihm ins Gesicht zu beißen.“

Zitat, Seite 7

Thaïs flüchtet nach Paris. Sie stürzt sich in eine scheinbar glückliche Beziehung und einen Job, in dem sie Frauen Brautkleider verkauft. Doch als sie zur Beerdigung von Viktoria nach Arles zurückkehrt, beginnt ihre Überzeugung, glücklich zu sein, langsam aber stetig zu schwinden. Im Haus ihrer Großmutter wird Thaïs von einer merkwürdigen Wehmut erfasst, die sie auf die gemeinsame Zeit mit Viktoria zurückblicken lässt. Diese melancholischen Rückblicke verleihen der verstorbenen Großmutter während der gesamten Geschichte sehr lebendige Züge.

Doch Thaïs erliegt nicht nur im Haus ihrer Großmutter starken Gefühlsschwankungen, sondern wird auch im Beisein der sonderbaren Zirkustruppe des cirque perdu und einer Reihe an wundersamen, scheinbar zufälligen und schicksalsgetränkten Gegebenheiten, zunehmend nachdenklicher. Mit Papó, dem alten Zirkusdirektor des cirque perdu, und einem recht wortkargen Rumänen durchläuft sie nicht nur ein besonderes Trauerritual um ihre Großmutter, sondern auch eine Art Mutprobe für ihren großen Auftritt im cirque perdu.

“Eine Manege ist ein Ort, der einem eine neue Welt eröffnet, weil man dort das absolute Staunen lernt.”

Zitat aus dem Buch

Was mir an Goldammers Zeilen sehr gut gefällt, ist sein dichter atmosphärischer Schreibstil, der den Leser sehr schnell mitten ins Geschehen zieht. Der Schauplatz und die Figuren des Romans nehmen dadurch schnell Form und Farbe an. Und auch wenn sich die Geschichte größtenteils sehr philosophisches liest, schimmert ein realistischer, fast schon kritischer Blick auf die Dinge durch. Denn es bleiben auch die Klischees, die Künstlern oft nachgesagt werden, nicht ungeachtet. Auch Thaïs ist durch ihre neuen Freunde oft Blicken voller Argwohn und Abscheu ausgesetzt.

Doch während Goldammer Thaïs und den Zirkusleuten besonders viel Aufmerksamkeit schenkt, wendet er manch anderen Figuren der Geschichte nur einen oberflächlichen Blick zu und stellt damit ihre Daseinsberechtigung im Roman in Frage. Thaïs Freund Daniel zum Beispiel, in dessen Nähe man Thais Persönlichkeitsveränderung sehr offensichtlich bemerkt, lässt Goldammer nur in einem sehr blassen Licht durchschimmern.

“Der Zirkus der Stille” beschenkt seine Leser mit keiner fantastischen Zirkusshow, sondern vielmehr einem Blick hinter die Fassade, hinter das Offensichtliche. Es ist eine Geschichte, die zum In-sich-gehen und dem Ordnen seiner Gefühle anregt. Sie widmet sich der Versöhnung, Selbstverwirklichung und der Erkenntnis, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben keinen Applaus brauchen.

“Wir sind alle Gauner, die durchs Leben rennen und versuchen, so viel Liebe zu stehlen, wie sie nur kriegen können, ohne selbst welche zu geben – weil uns niemand beibringt, dass wir nur ernten, was wir gesät haben.”

Zitat, Seite 209

  (13)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(174)

404 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 88 Rezensionen

liebe, familie, freundschaft, verantwortung, schule

Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance

Estelle Laure , Sophie Zeitz
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei FISCHER KJB, 10.03.2016
ISBN 9783737353267
Genre: Jugendbuch

Rezension:

“Wir sind allein, Wrenny und ich. Fürs Erste zumindest. Wren und Lucille. Lucille und Wren. Ich tue, was ich tun muss. Keiner darf uns trennen. Das heißt, so normal wie möglich weitermachen. So tun als ob. Auch wenn nichts weiter weg von normal sein könnte. Normal ist mit Dad verschwunden.”

Zitat, Seite 7

Eigentlich hat Lu viel Wichtigeres zu tun, als sich in den vergebenen Zwillingsbruder ihrer besten Freundin zu verlieben. Denn als ein schreckliches Ereignis seinen Schatten auf ihre Familie wirft, muss die siebzehnjährige Lu das Ruder der Familie übernehmen. Der verkorkste Vater verschwindet in Therapie und die psychisch labile Mutter im Nirgendwo. Zurück bleiben zwei völlig verstörte Mädchen, die fortan nur noch sich selbst haben. Aber das darf keiner wissen.

Damit sie nicht getrennt werden, tun die beiden Geschwister so, als wär alles normal. Sie belügen Nachbarn, Lehrer und Bekannte und klammern sich verzweifelt an eine schwindende Hoffnung: die baldige Rückkehr der Mutter. Doch als die Lebensmittelvorräte knapp werden und die Rechnungen sich gefährlich stapeln, muss Lu handeln. Sie sucht sich einen Job und schleust sich und ihre Schwester Wren damit notdürftig durchs Leben. Doch Lu ist wütend und verletzt. Keine Eltern der Welt lassen ihre Kinder einfach im Stich! Ihre schon.

Und als wäre das alles noch nicht genug, ist da noch Digby, der Zwillingsbruder ihrer besten Freundin Eden, in dessen Nähe Lus Herz heftig zu pochen beginnt. Ein Gefühlsausbruch, den sie sich nicht leisten kann. Nicht jetzt. Aber wer kann sich der Liebe schon verwehren, wenn sie direkt vor der Tür steht? Denn gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance.

“Ich denke nicht an Mom, außer manchmal beim Aufwachen. Dann sehe ich ihre hellblauen Augen, ohne Licht, so wie sie waren, bevor sie ging. Nach dem Aufwachen ist mein Schutzwall am schwächsten. Ich brauche eine Sekunde. Atme. Starre in ihre Augen. Und dann falte ich sie zusammen. Falte sie einmal, weil sie uns allein gelassen hat, zweimal, weil sie nicht zurückgekommen ist, falte ihre Augen dreimal, bis sie ganz klein ist, zwei bedeutungslose Punkte, und dann puste ich sie weg.”

Zitat, Seite 69

Es liegt klar auf der Hand, dass Lu nicht gut auf das Schicksal zu sprechen ist. Erst dreht ihr Vater durch und verschwindet in Therapie, dann nimmt sich die Mutter eine zweiwöchige Auszeit und überlässt die Geschwister sich selbst. Keiner hat die siebzehnjährige Lu gefragt, ob sie damit einverstanden ist. Ob sie sich der Verantwortung, alleine für ihre kleine Schwester zu sorgen, überhaupt gewachsen fühlt. Doch ehe sie reagieren kann, ist die Mutter weg. Sang- und klanglos.

Estelle Laure staffelt ihre Geschichte in Tagen. Sie beginnt am vierzehnten Tag. Dem Tag, an dem die Mutter zurückkehren und das Leben von Lu und Wren wieder zurück in die Normalität finden sollte. Eigentlich. Denn dass die Mutter nicht wiederkommt, hat Lu bereits geahnt und nun packt sie die schockierende Realität am Kragen. Die Verzweiflung wächst. Vor allem bei Lu, die der schrecklichen Tatsache ins Auge blicken muss, dass das Jugendamt sie und Wren trennen könnte, wenn irgendjemand davon Wind bekommt.

“Nur weil man den Riss nicht sieht, heißt es nicht, dass er nicht da ist.”

Zitat, Seite 98 

Die Ausgangssituation von Laures Debüt gefiel mir wirklich gut. Zwei Geschwister, die nach dem Verschwinden der Eltern fortan auf sich alleine gestellt sind. Die sie innig lieben und hilflos aneinanderklammern. Die Angst davor haben, getrennt zu werden. Wie sich die ältere Lu einen Job suchen muss, um die vielen Rechnungen zu begleichen und ihnen Essen kaufen zu können. Der verzweifelte Versuch ihrem Leben wieder Normalität zu verleihen, obwohl es alles andere als normal verläuft.

Auch der Entwicklungsprozess der siebzehnjährigen Lu kommt in Laures Debüt sehr deutlich zum Vorschein. Die neue Rolle zwingt Lu viel zu schnell dazu, erwachsen zu werden und damit auch ihre eigenen Interessen hintenanzustellen. Lus Verliebtheit zu Digby, die anfänglich sehr kitschig und naiv herüberkommt, erscheint mir daher auch irgendwie passend. Sie macht deutlich, worum sich die Gedanken eines Teenagers eigentlich drehen sollten und dass das Leben eben seinen eigenen Rhythmus hat. Lus anfängliche Verliebtheit für Digby weicht mit der Zeit einer sehr intensiven Verbundenheit, die mir sehr gefallen hat. Einer Beziehung, die Lu Halt und Zuflucht schenkt, auch wenn der Zeitpunkt ganz und gar nicht richtig scheint.

“Ich schlage die Hände vors Gesicht. Zähle bis drei. Nehme die Hände weg. Nein, es ist alles noch da, die gleiche Welt, das gleiche Leben.”

Zitat, Seite 79

Aufs Ganze gesehen konnte mich “Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance” dennoch nicht ganz überzeugen. Was so vielversprechend begann, verlor nämlich irgendwann an Struktur. Es erschien mir fast so, als hätte die Autorin plötzlich selbst vergessen, worum es in ihrem Roman geht. Sie nimmt Nebenstränge auf, die mir deplatziert und unnötig erscheinen und vergisst dabei völlig, ihre Grundgedanken zu Ende zu denken.

So lässt sie den Leser mit Fragen zurück, deren Antworten essenziell sind, um den inhaltlich sehr gewichtigen Ausgangspunkten gerecht zu werden: Häusliche Gewalt, verantwortungslose Eltern, hilflose Kinder. Laure setzt ihrer Geschichte vielmehr unnötige Dramatik hinzu, die in meinen Augen mit der eigentlichen Geschichte gar nichts mehr zu tun haben. So ist das offene Ende kein wirklicher Cliffhanger, sondern vielmehr ein jäher Spalt, der den Leser verzweifelt in die Tiefe seiner eigenen Gedanken zieht.

Auch wenn Laures Debüt sich sehr lebendig und intensiv präsentiert, bußt es damit an Glaubwürdigkeit ein. Vielleicht hätte sie ihren Gedanken lieber noch etwas mehr Raum schenken sollen, um ihrem Roman die Tiefe zu verleihen, die er verdient hätte.

“Vertrauen. Was heißt das überhaupt? Wenn du einem Menschen vertraust, drückst du ihm ein Messer in die Hand, das er dir in den Bauch rammen kann. So viel weiß ich.”

Zitat, Seite 30

  (8)
Tags: familie, freundschaft, leben, liebe, schicksal, teenager, verantwortung, zusammenhalt   (8)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(422)

869 Bibliotheken, 17 Leser, 2 Gruppen, 201 Rezensionen

liebe, tod, italien, anne freytag, jugendbuch

Mein bester letzter Sommer

Anne Freytag
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.03.2016
ISBN 9783453270121
Genre: Jugendbuch

Rezension:

„Ich bin wie ein unbeschriebenes Blatt, das der Wind vor seiner Zeit davonträgt.“

Zitat, Seite 21

Als Tessa mit siebzehn erfährt, dass sie nicht mehr lange zu leben hat, zerplatzen all ihre Träume wie Seifenblasen. Immer hat sie auf den perfekten Augenblick gewartet: für den perfekten Jungen und den perfekten Kuss. In der Annahme, alle Zeit der Welt zu haben, hat sie ihre Chancen verstreichen lassen.

Das stimmt Tessa traurig. Sie ist wütend und verletzt. Hasst ihre Eltern dafür, dass sie ihr diesen entscheidenden Hinweis all die Jahre vorenthalten haben. Wer wird sich nach ihrem Tod schon noch an sie erinnern? An das unscheinbare Mädchen ohne Führerschein, Abi und ein erstes Mal.

Doch sie hat nicht mit Oskar gerechnet. Dem ersten Jungen, der sie wirklich sieht und der ihr Herz höher schlagen lässt. Und egal wie sehr Tessa ihn wegstößt, er weicht nicht mehr von ihrer Seite. Mit seinem klapprigen Volvo will er ihr das pure Leben zeigen und beschert ihnen dabei den besten letzten Sommer ihres Lebens.

„Musik überdauert alles. (…) Vielleicht verhält es sich mit der Liebe genauso.“

Zitat, Seite 76

Zugegeben, ich bin ein Gefühlsdusel. Ich hab’s mit Geschichten, die tief unter die Haut gehen, die dir Gänsehaut über die Arme jagen, dich mit Glücksgefühlen durchströmen und dich bis zur absoluten Lächerlichkeit grinsen oder schluchzen lassen. Es ist daher nicht groß verwunderlich, dass ich mich in Anne Freytags Jugendbuchdebüt “Mein bester letzter Sommer” schon nach wenigen Zeilen verliebt habe. Denn es ist eine Geschichte, die dich erfasst wie ein Rausch.

Mit siebzehn erfährt Tessa dass sie nicht einfach nur krank, sondern sterbenskrank ist. Ihre gesamte Kindheit verbrachte sie in Krankenhäusern. Der kindlichen Unbeschwertheit wich stetige Angst. Tessa bot ihrem Schicksal dennoch die Stirn, begegnete ihm mit Entschlossenheit und scheinbar grenzenloser Willensstärke. Schließlich hat sie noch so viele Träume: sie will Musik studieren, ihren Führerschein machen und die Liebe ihres Lebens finden. Doch die Kombination aus einer fehlenden Lungenschlagader und einem löchrigen Herzen bremst die Verwirklichung dieser Träume aus. Tessa bleiben nur noch wenige Wochen. Vielleicht mehr, vielleicht weniger.

Tessa Enttäuschung und Traurigkeit verwandelt sich schon sehr bald in Wut und Schmerz. Sie kann es nicht fassen, dass man ihr die Wahrheit all die Jahre vorenthalten hat. Das entscheidende Detail, an dem ihr gesamtes Leben hängt und das alles von Grund auf verändert. Nichts scheint nun noch etwas wert zu sein. Auch nicht ihre Bemühungen, auf den richtigen Moment zu warten. Sie fühlt sich um ihre Zukunft beraubt. Ihr Leben hängt an einem einzigen seidigen Faden.

„Wenn dich dieser eine Mensch berührt, der dich berührt, bleibt die Welt stehen. Deine Beine laufen weiter und deine Lungen atmen, obwohl du nicht mehr kannst, und alles, was du spürst, ist diese Berührung. Haut auf Haut, wie ein Flüstern zwischen Körpern.“

Zitat, Seite 74

Als Oskar in Tessas Leben tritt, scheint es genau der richtige und zugleich schlechteste Zeitpunkt der Welt zu sein. Denn einerseits nimmt ihre Begegnung Tessas Schicksal ein bisschen an Schwere, andererseits wird ihre wachsende Liebe von der Unausweichlichkeit des Todes überschattet. Mich hat Freytags lebendiges Zusammenspiel dieser beiden Komponenten wirklich fasziniert. Glück und Unglück liegen nah beieinander. Doch auch wenn der Tod auf allen Seiten präsent ist, gelingt es Freytag ihn mit einer reizenden Unbeschwertheit auszublenden. Das Gefühl von schier grenzenloser Freiheit breitet sich aus und macht ihren gemeinsamen Sommer zum besten letzten Sommer ihres Lebens.

So wandern wir mit Tessa und Oskar nahezu leichtfüßig durch Italien, schlecken cremiges Eis in der Mittagshitze, düsen im Einkaufswagen über den Mailänder Domplatz und bestaunen vom Dach des alten Volvos den funkelnden Sternenhimmel. Die Liebe, die dabei zwischen Freytags Protagonisten wächst, ist von schonungsloser Offenheit und Respekt, aber auch von Angst und Unsicherheit begleitet. Mit ihr reift die schüchterne verschlossene Tessa zu einer mutigen und aufgeschlossenen Persönlichkeit.

“Ich dachte, Liebe ist eine Illusion. Kitschig und überbewertet. Aber wenn man es genau nimmt, kann man Liebe gar nicht genug überbewerten.”

Zitat, Seite 343

Freytags Botschaft liegt dabei klar auf der Hand. Lebe jeden Moment, als wäre es dein letzter. Und zwar kompromisslos. Wir alle warten viel zu oft auf den perfekten Augenblick und vergessen dabei völlig, dass wir bereits mittendrin stecken. Dass das Leben auch dann passiert, während wir im Stillen noch darauf warten.

Obwohl ich normalerweise nicht sehr nah am Wasser gebaut bin, habe ich gerade gegen Ende der Geschichte Rotz und Wasser geheult, weil sie so unfassbar traurig und schön zugleich ist. Es ist eine jener Geschichten, durch die man glückstrunken durchrauscht und sich wünscht, dass sie nie zu Ende geht.

“Das Leben wird nicht definiert von den Momenten, in denen du atmest, sondern von denen, die dir den Atem rauben.”

Zitat, Seite 24

  (12)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(35)

67 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 18 Rezensionen

koma, liebe, leben, familie, freundschaft

Das Traumbuch

Nina George
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Knaur, 17.03.2016
ISBN 9783426653852
Genre: Romane

Rezension:

„Das hier ist die Realität. Kein Buch, kein Nerd-Wettbewerb. Das dort, das wummernde Monstrum, die Fragen von Dr. Saul, Henris Sauerstoffmaschine, die achtmal in der Minute Luft in ihn hineinstößt und wieder heraussaugt. Das ist die Wirklichkeit.“

Zitat, Seite 370

Es gibt Geschichten, die dich mit unverminderter Wucht ins Leben schmeißen. Dies hier ist so eine. Denn Nina Georges neuestes Werk ist schonungslos. Es ist schicksalsgetränkt, dramatisch und ergreifend schön zugleich. Eine Geschichte, wie sie das Leben schreibt.

Ich hatte geahnt, dass das scheinbar sorglose Cover nur wenig von dem Inhalt wiederspiegelt, der sich hinter dem Buchdeckel verbirgt. Doch auf das riesige Konstrukt, das dahinter zum Vorschein kam, war auch ich nicht vorbereitet. Georges Geschichte, auf die ich seit ihrem Erfolgsroman „Das Lavendelzimmer“ sehnsüchtig warte, ist auf einer völlig neuen Ebene angesiedelt. Einer hochemotionalen Ebene, mit der die Autorin über sich selbst hinausgewachsen ist. Denn George, die ihr vorangegangenes Buchprojekt abbricht, weil sie nicht in die Geschichte findet; beweist mit ihrem Traumbuch nicht nur Mut, sondern auch schonungslose Offenheit.

Die Geschichte, in der auch persönliche Erlebnisse der Autorin verwoben sind (u.a. der Verlust des Vaters) widmet sich ernsten Themen, über die sicherlich nicht jeder lesen möchte. George spricht das aus, worüber viele schweigen. Es sind Dinge wie ein künstliches Koma, Verlust und Tod. Auf der Suche nach dem Platz im Leben wandern wir auf einem schmalen Grat zwischen Leben und Tod, zwischen liebevoller Hingabe und zweifelnder Unsicherheit, zwischen Liebe und Pflichtgefühl. Wir wechseln zwischen den Welten. Geben uns Tagträumereien hin und blicken aus der Ferne in die Realität. Durchlaufen “Was wäre wenn? – Szenarien.

Nina George ist Synästhetikerin. Sie nimmt Zahlen und Klänge als Farben, und Menschen, Orte oder Stimmungen intensiver wahr als andere. Diese besondere Gabe hat auch der 13-jährige Sam, der neben Henri und Eddie zu den Hauptfiguren der Geschichte zählt. Seine Mitschüler bezeichnen ihn als vulgo Synnie-Idiot, selbst seine Mutter findet nur schwer Zugang zu dem hochbegabten Jungen, der schon als Säugling zu weinen begann, wenn ihn die negativen Gefühle eines Ortes wie aus dem Nichts überfielen.

„Ihre Stimme flutete mich, ein Klang wie ein Geruch, der Duft von Rosmarin im Regen, traurig, gedämpft. Ich spürte, wie lieb sie mich in diesem Augenblick hatte, ich merkte es daran, dass ich auf einmal atmen konnte, richtig atmen, wie auf dem höchsten Gipfel der Welt. Das nasse Knäuel, das sonst in meiner Brust ist, war fort.“

Zitat, Seite 21

Sam ist es auch, der täglich am Krankenhausbett von Henri sitzt und dem Erwachen seines nahezu unbekannten Vaters entgegenfiebert, als dieser nach einem Unfall und einem achtminütigen Tod ins künstliche Koma versetzt wird. Durch die Rettungsaktion eines kleinen Mädchens gerät Henri in die Zielgerade eines heranfahrenden Lkws und wird dadurch frontal erfasst. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Auch Eddie findet sich in Henris Krankenhauszimmer wieder. Eigentlich hat die Verlegerin eines Phantastik-Verlages mit ihrem ehemaligen Geliebten längst abgeschlossen. Dem Mann, der ihr vor zwei Jahren das Herz brach, weil er ihre Gefühle nicht zu erwidern vermochte. Ihr Herz schlägt längst für einen anderen Mann. Warum sollte ausgerechnet sie über Leben und Tod entscheiden?

„Ich sitze auf dem Boden und lege mir den Mut auf wie Make-up. Ich trenne all meine miteinander ringenden, hadernden, sich gegenseitig im Weg stehenden Regungen säuberlich voneinander, bis nur noch die entscheidenden drei übrig bleiben. Ich konzentriere mich, um sie zu halten, und verbiete allen anderen Emotionen ihnen zu nahe zu kommen. (…) Ich atme ein und denke: Zärtlichkeit. Ich atme tiefer ein und beschwöre: Mut. Ich atme ein und erbitte: Lass mich wie Sam sein.“

Zitat, Seite 192

Als Eddie auf Sam trifft, ist es, als verpasse ihr das Leben eine schallende Ohrfeige. Denn Henri hat ihr nie von seinem Sohn erzählt, einem Kind, zu dem sie eine besondere Nähe entwickelt und das ihre verlorengeglaubten Gefühle zu Henri wieder zum Leben erweckt. Ihre Begegnung öffnet ihr die Augen, klart ihren Blick auf erschreckende Weise auf.

Henri, der Zeit seines Lebens als Kriegsreporter arbeitete, und sich vor dem Unfall auf dem Weg zu Sam befand, kämpft indes verzweifelt um seine Rückkehr ins Leben. In der Zwischenwelt begegnet er nicht nur engen Vertrauten, sondern auch einem Mädchen, das die Geschichte Aller primär beeinflussen wird.

„Es ist wie eine Wunde, die ich selbst bin, es ist wie das Lachen, das noch darauf wartet, gehört zu werden, es ist diese wilde Hoffnung auf ein Leben mit ihr, und eine entsetzliche Angst, es ohne sie aushalten zu müssen.“

Zitat, Seite 227 (Sams Zeilen)

George ist eine Gefühlsvirtuosin. Mit ihrem Traumbuch gewährt sie uns einen tiefen Einblick in die Seele der Menschen und beweist damit einmal mehr, dass die Gefühlswelt genau ihr Ding ist. Ihre Geschichte ist wie eine Fahrt mit einem turbulenten Gefühlskarussell, das während dem Lesen an Fahrt aufnimmt und unsere Gefühlsregungen wie Konfetti durch die Luft wirbelt. So finden nicht nur Tränen der Trauer, sondern auch der Freude ihren Weg über unsere Wangen.

Der Autorin gelingt damit ein weiteres Herzensbuch, das sicherlich nicht jeden, aber genau die richtigen Leser für sich gewinnen wird. Es ist poetisch, tiefgründig und unendlich berührend. Eine Geschichte, in der sie es uns überlässt, woran wir glauben, was Traum und was Realität ist, und wie sich die Geschichte entwickelt. Denn jede Geschichte beginnt erst mit seinen Lesern zu leben und entführt sie zu entlegensten Winkeln; selbst, wenn das Konstrukt das Gleiche ist.

„Das ist die Magie der Literatur. Wir lesen eine Geschichte, und danach ist etwas anders. Was, das wissen wir nicht, oder warum, durch welchen Satz, das wissen wir auch nicht. Und dennoch hat sich die Welt verwandelt und wird nie mehr dieselbe sein wie vorher. Manchmal merken wir es erst Jahre später, dass ein Buch der Riss in unsere Realität war, durch den wir, nichtsahnend, entkommen sind aus Kleinheit und Mutlosigkeit.“

Zitat, Seite 111

  (8)
Tags: bestimmung, familie, freundschaft, koma, leben, liebe, parallelwelt, schicksal, suche, to, verlust, zwischenwelten   (12)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(103)

177 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 22 Rezensionen

usa, roadtrip, genie, vater, las vegas

Fast genial

Benedict Wells
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 23.04.2013
ISBN 9783257241983
Genre: Romane

Rezension:

Die größten Komplexe hatten die Menschen, die im Pine-Tree-Trailerpark draußen am Stadtpark hausten. Es waren Verrückte, Verlierer oder kaputte Familien, und selbst die meisten Kinder wirkten seltsam verstört, mit raspelkurzen Haaren, schlechten Zähnen und einem debilen Gesichtsausdruck, den man nur bekam, wenn einem das Leben die Unwissenheit ins Gesicht getackert hatte.“

Zitat, Seite 17/18

Nach der Scheidung seiner Mutter wohnt Francis mit ihr in einem schäbigen Trailer Park am Stadtrand von Claymont. Während Stiefvater Ryan mit Halbbruder Nick in New York ein schönes Leben lebt, träumt Francis Nacht für Nacht von einem besseren Leben. Hofft, das mittellose Leben mit seiner manisch depressiven Mutter eines Tages hinter sich lassen und einer besseren Zukunft entgegenblicken zu können.

Doch als die Mutter erneut in ein depressives Loch fällt, und Francis sie einweisen lassen muss, schwindet auch seine letzte Hoffnung. Im Flur der Nervenklinik trifft er auf die Patientin Anne-May: Jung, wild und scheinbar so verrückt wie seine Mutter. Und doch ist da etwas in ihrem Blick, das ihn nicht mehr loslässt. Er verliebt sich Hals über Kopf in sie, besucht sie fortan jeden Tag.

Wenige Wochen später, die Mutter als genesen eingestuft, findet Francis sie unmittelbar nach einem Selbstmordversuch auf ihrem Zimmer. Als Francis ihren von Tabletten betäubten Körper sieht, will er nur noch weg. Weg von ihr, weg von Claymont, weg von seinem beschissenen Leben. Und als er im eigentlichen Abschiedsbrief seiner Mutter endlich die Hintergründe zu seinem leiblichen Vater erfährt, scheint ihm der Zeitpunkt dafür genau richtig.

Doch der Brocken, den der Brief Francis offenbart, ist schwer zu schlucken. Denn Francis ist ein Frozen Angel. Ein Retortenbaby, das aus der „Samenbank der Genies“ stammt. Einer Samenbank renommierter Spender, allesamt Menschen mit erhöhtem IQ.

Wenig später sitzt Francis mit Anne-May und seinem Kumpel Grover in einem alten Chevy in Richtung Westen. Er muss seinen Vater finden, der für Francis zum Symbol eines besseren Lebens wird.

„Es gab diese Momente im Leben, in denen alles einen Sinn bekam und in denen man von einer auf die andere Sekunde wusste, was man zu tun hatte. Francis sah die Dinge nun klar: Er musste seinen Vater finden. Alles würde sich ändern, wenn er ihn traf. Er würde aus seinem Drecksleben in Claymont ausbrechen und den Leuten endlich zeigen, dass er doch kein Versager war. (…) Durch den Brief seiner Mutter hatte Francis eine zweite Chance erhalten.“

Zitat, Seite 81

Schon komisch, dass mir der in München geborene Jungautor so lange kein Begriff war. Denn Benedict Wells kann bereits mit 31 Jahren auf vier erfolgreiche Romane und eine Verfilmung mit deutscher Starbesetzung (“Becks letzter Sommer”) zurückblicken. So ist es nicht verwunderlich, dass ich nach seinen neuesten Roman “Vom Ende der Einsamkeit“ und meinem bisherigen Jahreshighlight einfach noch nicht genug von seinen Geschichten hatte. Irgendwie musste ich weiter auf der Wells-Welle  reiten und mich direkt auf den Vorgängerroman stürzen. Und das schien genau richtig!

Denn in “Fast genial” schleudert mich Wells nahezu ungebremst in Grovers Chevy und damit direkt neben Protagonist Francis, seinem Kumpel Grover und Patientin Anne-Mey. Unser gemeinsames Ziel scheint vorerst Los Angeles zu sein, dem Ort, wo nicht nur Francis Vater, sondern auch die Hoffnung zu wohnen scheint.

„In dieser Nacht schien alles möglich. Mehr als tausend Meilen von zu Hause entfernt berauschten sie sich an ihrer Freiheit.“

Zitat, Seite 117

Doch das Leben spielt Roulette und macht aus der Reise einen abgefahrenen Road Trip mit unbestimmten Ziel. Wir taumeln durchs schillernde Las Vegas, schlafen in schäbigen Motels, treffen auf weitere Retortenbabies um letzten Endes mitten im Nirgendwo zu stranden. Es wird ein irrer Abenteuertrip, der nicht nur einen Haufen Dreck, sondern auch allerhand Emotionen aufwirbelt und damit für unvorhergesehene Spannungen und Offenbarungen sorgt.

Wells nimmt sich während dieser Reise nicht nur Zeit, sich der Thematik um die “Samenbank der Genies”, die 1980 tatsächlich existierte und Francis Geschichte erzählt; sondern auch dem nerdigen Grover und der emotional labilen Anne-May zu widmen. Sie alle werden Teil von einem unvergesslichen Abenteuer. Dem Abenteuer ihres Lebens.

Um die Entwicklung des Romans nicht vorweg zu nehmen, möchte ich an dieser Stelle keine weiteren Details der Reise offenbaren. Die Geschichte hat alles, was ein guter Unterhaltungsroman braucht. Sie reißt mit, sie stimmt nachdenklich und unterhält. Es dreht sich dabei um so viel mehr, als man es anfangs vermutet. Denn neben der Suche nach Francis Vater, begegnen wir auch den Wirren der Liebe, Freundschaft und der verzweifelten Suche nach Zugehörigkeit.

Und so glitt ich dahin, sicher und geräuschlos, auf Benedicts Welle, fand vertraute Komponenten wieder und lerne eine jüngere Facette des Autors kennen, die nicht minder beeindruckt. Somit bahnt sich ein weiterer Wells Roman einen Weg in mein Bücherregal und schmiegt sich ganz harmonisch an seine Diogenes – Geschwister.

 „Objektiv gesehen ist der Tod das Beste, was den Menschen passieren konnte. Er zwingt sie, sich dem Leben zu stellen, jede Sekunde davon zu genießen und sich zu verwirklichen. Er ist das einzig richtige Ende, notwendig und ein starker Antrieb. (…) Subjektiv gesehen ist der Tod natürlich scheiße.“

Zitat, Seite 187

  (9)
Tags: bestimmung, leben, retortenbab, roadmovie, samenban, usa, vater   (7)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(286)

515 Bibliotheken, 9 Leser, 1 Gruppe, 109 Rezensionen

einsamkeit, liebe, verlust, tod, familie

Vom Ende der Einsamkeit

Benedict Wells
Fester Einband: 355 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 24.02.2016
ISBN 9783257069587
Genre: Romane

Rezension:

„Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.“

Zitat, Seite 136

Jules, Marty und Liz erfahren eine behütete Kindheit, bis ein tragischer Unfall ihr Leben von Grund auf verändert. Die familiäre Geborgenheit muss einem Internat weichen, in dem die Geschwister fortan nicht nur ohne ihre Eltern, sondern auch ohne einander aufwachsen. Denn die unterschiedlichen Standorte ihrer Klassen ermöglichen ihnen nur noch seltenen Kontakt. Über die Jahre werden sie sich so fremd, dass nur ihre gemeinsame Vergangenheit sie noch miteinander zu verbinden scheint.

Der elfjährige Jules, früher draufgängerisch und selbstgewusst, verarbeitet diese Entwicklung nur schwer. Vor allem der Verlust seiner großen Schwester Liz lastet schwer auf ihm. Er wirkt zunehmend abwesend, flüchtet sich in seine Traumwelten und findet kaum Zugang zu seinen Mitschülern. Nur in der Nähe der geheimnisvollen Alva, die selbst ein düsteres Geheimnis in sich zu tragen scheint, fühlt er sich auf Anhieb wohl. Dass zwischen ihnen nicht nur freundschaftliche Gefühle herrschen, erkennt Jules erst viele Jahre später.

Denn auch Jules und Alva sollen sich über viele Jahre verlieren, ehe sie sich mit Mitte Dreißig, Alva bereits verheiratet, wiedersehen und das Gefühl von damals wieder aufflammt. Doch die Vergangenheit scheint präsenter denn je und holt sie mit unverminderter Wucht in die Realität zurück.

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist bereits der vierte Roman des in München geborenen Benedict Wells. Der jüngste Romanautor des Diogenes Verlag, von dem mir bisher tatsächlich noch kein Buch in die Hände gefallen war, scheint tatsächlich für das Schreiben geboren worden zu sein. Selten habe ich eine Geschichte gelesen, die so erschreckend ehrlich, aufwühlend und herzerwärmend schön zugleich war, dass ich sie mit gefühlt einem Atemzug inhaliert habe.

Es sind daher zahlreiche Post-Its, die an seinem Werk kleben. Das bemerkt auch Benedict, als er mir mein Exemplar bei seiner Livestream-Lesung in München abnimmt und meine angestrichenen Textstellen überfliegt. Zeilen, die von Verlust, Einsamkeit und Liebe geprägt sind und die ich für immer festhalten musste, weil sie mich so berührt und fasziniert haben. Gedanken, in denen sich die Persönlichkeit von Jules, dem Protagonisten und Erzähler der Geschichte, wiederspiegelt.

„Im Radio liefen Chansons, und führ einen Moment war es wie früher, nur dass zwei Menschen fehlten. Es war wie früher, nur dass nichts mehr wie früher war.“

Zitat, Seite 72

Wells gelingt in dem für ihn wichtigsten Roman, der sieben Jahre reifen musste, eine zeitlose Geschichte, die nicht nur von der Entwicklung der Geschwister Jules, Marty und Liz, sondern auch von einer großen Liebesgeschichte geprägt wird. Er erzählt von Trauer und vor allem von der Einsamkeit, die sich nach dem frühen Verlust der Eltern in den Geschwistern, vor allem aber in Jules breit macht. Immer wieder driftet er ab, lebt gedanklich das unbeschwerte Leben von früher weiter; kann die schreckliche Tatsache, seine Eltern für immer verloren zu haben, nicht wirklich akzeptieren. Während Marty, der lange Zeit als Freak galt, eine positive Entwicklung durchläuft und sich als erfolgreicher Unternehmer und Ehemann beweist, sucht auch Liz lange nach ihrer Rolle im Leben. Sie kompensiert ihre Trauer mit Drogen, Alkohol oder ihrer Rebelligkeit; verliert jahrelang den Kontakt zu ihren Geschwistern.

„Täglich wartete ich auf ein Zeichen von Liz, auf einen erklärenden Brief, eine Karte oder einen Anruf. Wie ein Schiffbrüchiger, der unermüdlich an den Knöpfen seines Funkgeräts dreht, in der Hoffnung, endlich auf eine Stimme zu stoßen. Doch alles, was von meiner Schwester kam, war jahrelanges Rauschen.“

Zitat, Seite 74

Doch als Jules der rothaarigen Alva begegnet, ist es wie um ihn geschehen. Es ist ihre sanfte Stimme, ihr hübsches blasses Gesicht, vor allem aber ihr schiefer Schneidezahn, den sie beim Lachen immer verbergen will, den er besonders an ihr liebt. In der Nähe des nachdenklichen Mädchens fühlt er sich wohl, ähnlich geborgen, wie bei seinen Eltern. Dass langsam aber sicher Gefühle in ihm sprießen, die über bloße Freundschaft hinausgehen; gesteht er sich, aus Angst sie zu verlieren, lange nicht ein. Irgendwann ist es zu spät und Alva fort. Doch Wells lässt Jules und Alva erneut einander finden. Denn auch Jahre später, als Alva mit dem russischen Schriftsteller Romanow verheiratet ist, scheint ihre Sehnsucht zueinander nicht erloschen.

„Da war eine Vertrautheit zwischen uns, die unendlich schien; wie zwei Spiegel, die einander spiegelten.“

Zitat, Seite 274

Wells erzählt seine Geschichte mithilfe von unterschiedlichen Zeitabschnitten, die er fließend ineinander übergehen lässt. So begegnen wir nicht nur dem erwachsenen Jules, sondern auch seinem früheren Ich. Seine melancholischen Zeilen reißen uns mit, lassen seine Gefühle der Trauer, Einsamkeit und Liebe auch die unseren werden und uns nur schwer von der Geschichte lösen. Lange hallt sie in mir nach, diese emotionale Lebensreise, die am Ende der Einsamkeit endet und zu meinem ersten Jahreshighlight wird.

Es gab Dinge, die ich nicht sagen, sondern nur schreiben konnte. Denn wenn ich redete, dann dachte ich, und wenn ich schrieb, dann fühlte ich.“

Zitat, Seite 233

  (19)
Tags: einsamkeit, entwicklun, familie, freundschaft, leben, liebe, schicksal, trauer, verlust   (9)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(14)

22 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 12 Rezensionen

michael ende, momo, jim knopf, eskapismusdebatte, biografie

Michael Ende

Birgit Dankert
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Lambert Schneider, 01.01.2016
ISBN 9783650401229
Genre: Biografien

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(112)

171 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 53 Rezensionen

frankreich, paris, hut, magie, antoine laurain

Der Hut des Präsidenten

Antoine Laurain , Claudia Kalscheuer
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 18.01.2016
ISBN 9783455650228
Genre: Romane

Rezension:

„Die wichtigsten Ereignisse unseres Lebens sind immer die Folge einer Verkettung winziger Details.“

Zitat, Seite 28

Es ist nicht irgendein Hut, der in der Brasserie liegenbleibt und in den Besitz des Pariser Buchhalters Daniel Mercier übergeht. Es ist der schwarze Filzhut des französischen Staatsoberhauptes François Mitterrand.

Ein Hut, der mindestens genauso mächtig scheint, wie der Präsident selbst. Denn er soll den Köpfen, die ihn fortan tragen, eine geheimnisvolle Macht und Entschlossenheit verleihen, die so manch unausgesprochenes Wort und ausstehende Entscheidung in die Freiheit entlässt.

So verweilt der Hut nicht lange bei seinem neuen Besitzer Daniel, sondern wandert frohen Mutes weiter. Er soll auch die unglücklich verliebte Fanny Marquant, den ausgebrannten Parfümier Pierre Aslan und den desillusionierten Bernard Lavallière erreichen, um ihrem Leben eine völlig neue Richtung zu schenken. Wie eine schicksalshafte Fügung formieren sich die Ereignisse im Leben seiner Träger neu. Es scheint fast so, als bedarf es nur eines schlichten Hutes, um das Leben vieler Menschen von Grund auf zu verändern.

„Ein Hut auf dem Kopf verleiht einem eine unleugbare Autorität über die, die keinen tragen.“

Tristan Bernard

Müde und niedergeschlagen betritt Buchhalter Daniel Mercier die kleine Pariser Brasserie, um seine Sorgen mit ein paar erlesenen Austern einer Meeresfrüchteplatte Royal und einer gut-temperierten Flasche Pouilly-Fuissé wegzuspülen. Dass am Nebentisch eine Gruppe der einflussreichsten Männer Frankreichs Platz genommen hat, bemerkt er erst, als ihre Gesprächsfetzen zu ihm dringen und sein Blick bei niemand Geringerem als Präsident François Mitterand hängenbleibt.

Von da an lauscht Daniel gebannt ihren Gesprächen und wünscht sich nichts sehnlicher, als der Vierte ihrer illustren Runde zu sein. Als sie gehen, schwelgt er noch lange in der Erinnerung dieser Begegnung, weswegen er erst viel später entdeckt, dass Mitterand seinen schwarzen Filzhut vergessen hat. Mit pochendem Herzen nimmt er den Hut an sich und setzt damit eine magische Entwicklung in Gang, die das Leben vieler von Grund auf verändern soll.

Es ist eine unleugbare Tatsache, dass Antoine Laurains Roman nicht nur reizend anzusehen, sondern auch genauso zu lesen ist. Denn das Buch, das sich mit seinem wunderschönen Cover optisch an den Erstling „Liebe mit zwei Unbekannten“ anlehnt, beherbergt nicht nur magische Hutbegegnungen, sondern auch ein zauberhaftes Porträt von Paris der 80er Jahre. Mit viel Liebe zum Detail, einer Prise Magie und lebendiger Ausdruckskraft schenkt uns Laurain Momentaufnahmen der besonderen Art.

Kaum hat man die ersten Seiten des Buches umgeschlagen, wird man schon vom Zauber des Hutes erfasst. Mit spielerischer Leichtigkeit schwebt er von Seite zu Seite und damit auch von Person zu Person. Seine Reise beginnt bei Daniel Mercier, einem unscheinbaren Buchhalter, der so viel mehr in Petto hat, als es zunächst scheint. Es ist das Tragen des Hutes, das in Daniels Innerem einen Schalter umlegt und ihm plötzlich Autorität und Selbstbewusstsein verleiht. Mit einer ungewohnt strategischen Vorgangsweise, überrascht er nicht nur die Kollegen und den Finanzchef des Unternehmens, sondern allen voran sich selbst.

„Er schloss die Augen und atmete ein, bis die immaterielle Verbindung in seinen Körper drang, das Blut erreichte, seine Venen füllte, sich mit seinen Blutkörperchen vermischte und sein ganzes Wesen durchströmte, die schlafenden Schätze der alexandrinischen Bibliothek, die er in sich trug, wiederbelebte, die Bibliothek, die an einem Abend Ende der siebziger Jahre abgebrannt war und deren Glutwolke Pierre Aslans Genie fortgeblasen hatte.“

Zitat, Seite 113/114

Auch bei Parfümeur Pierre Aslan macht der Hut des Präsidenten Halt. Aslans letzte Geruchskomposition liegt bereits acht Jahre zurück. Die Nase des einst so großartigen Geruchsvirtuosen scheint längst einer alltäglichen gewichen, sein Alltag – geprägt von unbefriedigenden Gesprächen mit Analytiker Dr. Fremenberg und den mitleidsvollen Blicken seiner Frau. Seine Person ist in Vergessenheit geraten, er scheint gefangen in der Eintönigkeit seines so drist gewordenen Lebens. Doch als Aslan den Hut auf der Bank im Park entdeckt und ihn mit nach Hause nimmt, verabschiedet er sich mehr und mehr von den Geistern der vergangenen acht Jahre. Sein feines Gespür für Düfte kehrt zurück und beschert ihm einen Duft von kristalliner Vollkommenheit, die Engelsnote.

Man glaubt es kaum, dass es ein schlichter Filzhut ist, mit dem Laurain seine Leser verzaubert. Mit einer unglaublichen Eigendynamik lässt er ihn durch die Zeilen schweben, als wenn er vom Wind des Schicksals getragen wird. Er wird zur symbolischen Leitfigur der Geschichte, die ihn bereits im Titel trägt. Er ist es, der den Menschen den nötigen Schubs in die richtige Richtung gibt und ihnen den Glauben an sich selbst zurückgibt.

Während ich kurz auf zwei Figuren von Laurains Geschichte zu sprechen gekommen bin, weil sie mit Daniel beginnt und der Halt bei Pierre zu meinen liebsten zählt, möchte ich die Momentaufnahmen von Fanny und Bernard unerwähnt lassen. Es sollte das Bestreben der Leser sein, die Geschichte selbst zu entdecken und diesen Abschnitten jungfräulich zu begegnen. Denn gerade bei Bernard handelt es sich sicherlich um die anspruchsvollste Episode des Buches, die sich zeitgleich auch als feine Skizze von Paris der 80er Jahre präsentiert. Laurain geht in diesem Abschnitt unter anderem auf die politische und kulturelle Situation Frankreichs ein.

Laurains Geschichte entfaltet während dem Lesen seine besondere Wirkung. Die Reise des Hutes präsentiert sich wie eine runde Sache. Ein harmonischer Kreislauf, der sich durch das Zusammentreffen von Anfang und Ende wieder zu schließen scheint. Darüber hinaus begeistert mich der französische Autor mit einem sehr ungewöhnlichen Ende und zeigt mir damit einmal mehr, dass meine Schwierigkeiten mit vorangegangenen Geschichten französischer Autoren nicht dem landestypischen Naturell, sondern vielmehr den Geschichten selbst zuzuordnen ist. Chapeau, lieber Monsieur Laurain!

„Er spürte dunkel, dass dem Hut noch etwas vom Präsidenten anhaftete, in einer immateriellen Form, vielleicht als Mikropartikel, aber diesem Etwas wohnte der Hauch des Schicksals inne.“

Zitat, Seite 44

  (18)
Tags: hut, leben, liebe, paris, schicksal   (5)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(70)

173 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 48 Rezensionen

hypochonder, tod, krankheit, humor, roman

Die sieben Tode des Max Leif

Juliane Käppler
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 11.01.2016
ISBN 9783426517253
Genre: Romane

Rezension:

“Ich bin ein Kerl, verdammt! Ich trinke Espresso und keinen Kakao. Ich trage Sneaker und keine Sandalen. Weder Bienen noch Spinnen lassen mich in Panik geraten, höchstens ein aus dem Zoo ausgebrochener, halb verhungerter Tiger. Wenn ich was toll finde, sage ich “toll” und nicht “supi”, und ist was blöd, dann finde ich es scheiße und nicht schitti. Komme ich mal in die Verlegenheit zu kochen, dann landen alle Zutaten frei Schnauze in der Pfanne. Ein Kochbuch besitze ich nämlich nicht. Genauso wenig wie einen Föhn, einen Motorroller oder lila Klamotten. (…) Weil ich ein Kerl bin!”

Zitat, Seite 45

Eigentlich hat Max Leif alles, was man(n) braucht. Als Besitzer eines eigenen Plattenlabels genießt er ein Leben auf der Überholspur: schicke Wohnung, fette Autos und Geld wie Heu. Drei Mal die Woche putzt seine russische Putzfrau Jekaterina die Bude plitzeblank und  Popsternchen Claudia wärmt ihm das Bett.

Doch als sein bester Freund Paul ganz plötzlich stirbt und Claudia sich mit dem Gärtner vergnügt, ziehen düstere Wolken über Max’ Leben auf. Irgendwie war das alles aber auch zu schön, um wahr zu sein!

Max ist sich sicher, dass das nur Vorboten sind. Denn schon bald wird auch er aus dem Leben scheiden und zwar so plötzlich wie sein Freund Paul. Sein plötzliches Fieber kann nur eine HIV-Infektion, der schmerzende Magen eine exotische Seuche und seine permanente Müdigkeit die Schlafkrankheit sein. Weder die Diagnosen von Dr. Bärbeißer, noch die Besänftigungsversuche seiner Freunde kommen gegen Max Einbildung, bald das Zeitliche zu segnen, an. Und so trennt er sich von Plattenlabel, Fuhrpark und Geld. Schließlich sollte so ein Abgang aus dem Leben perfekt geplant sein!

“Ich will nicht länger über meine Scheiß-Lungen nachgrübeln. Auch nicht über meine Scheiß-Venen oder mein Scheiß-Herz. Eine Mücke im Zimmer sollte für mich nicht zu einem Elefanten werden, und wenn jemand niest, sollte ich freundlich “Gesundheit” sagen, statt Desinfektionsmittel inhalieren zu wollen. Vor allen Dingen aber sollte ich nicht halb ersticken, nur weil ich nicht weiß, wie ich etwas sagen soll. Ich sollte es einfach sagen!”

Zitat, Seite 265

Zugegeben, ich stand Juliane Käpplers Roman anfangs sehr skeptisch gegenüber. Eigentlich werde ich nämlich mit Geschichten, die extrem überspitzt geschrieben sind, nicht wirklich warm. Nach einigen Empfehlungen und positiven Besprechungen im Netz war ich aber so angefixt, dass ich unbedingt selbst herausfinden wollte, wie schlecht es um Max Leif steht.

“Die sieben Tode des Max Leif” beginnt als angenehm leichtfüßiger und humorvoller Roman, dessen Seiten wie im Nu verfliegen. Denn Käpplers Zeilen sind von schwarzem Humor und Sarkasmus getränkt und ganz nebenbei auch von einem überraschend rauen Ton, den ich vielmehr einem Autor als einer Autorin zugeordnet hätte. Durch diesen Aspekt haucht Käppler ihrem Protagonisten sehr authentisch Leben ein.

Seite um Seite werden wir Zeuge wir von Max hypochondrischen Anfällen, die schier kein Ende zu nehmen scheinen. Schon bald hat er sich in ein verheerendes Geflecht von Einbildungen verheddert, aus dem er sich so schnell nicht wieder befreien kann. Was als Angst vor dem Tod beginnt, entwickelt sich zur manischen Krankheitssuche und bestimmt schon bald das Leben des Protagonisten. Google wird zu seinem besten Freund. Seine Selbstdiagnosen sind dabei so herrlich überzogen, dass man sich vor Lachen kaum einkriegt.

Doch gegen Mitte des Romans schleicht sich fast unbemerkt ein neuer Ton in Käpplers Zeilen ein. Ein ehrlicher Ton, der erschüttert, ergreift und nachdenklich stimmt und dem Roman plötzlich viel mehr Tiefe verleiht, als man es jemals vermutet hätte. Käppler hält uns deutlich vor Augen, dass wir den Dingen, die im Leben wirklich zählen, manchmal viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken und unsere Lebenszeit an unwichtige Details verschwenden.

Neben Max widmet sich die Autorin auch zahlreichen Nebendarstellern, die alle Teil von Max Leben werden. So begegnen wir der drolligen Jekaterina Poljakow, Max‘ Putzfrau, die ihre russisch deutschen Anekdoten in die Runde wirft wie eine Marktverkäuferin auf dem Fischmarkt; Maja, der mürrischen Barista in Max Espresso-Stammbar; Dr. Ingrid Bärbeißer, der Ärztin, die Max bei seinen regelmäßigen Besuchen ordentlich die Leviten liest und letztendlich Machete, einem echten ostdeutschen Unikat, der während des gesamten Romans versucht, Max mit seinen Versicherungen zu beglücken.

Käppler kreiert mit „Die sieben Tode des Max Leif“ einen wilden Hypochonder-Cocktail, der die unterschiedlichsten Gefühlsregungen in uns hervorruft. Ich hätte gerne noch so einen Drink, aber bitte geschüttelt, und nicht gerührt!

  (10)
Tags: freundschaft, hypochonder, krankheit, leben, liebe, sinn des lebens, tod   (7)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(124)

227 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 70 Rezensionen

altes land, hamburg, gabriella engelmann, liebe, neuanfang

Apfelblütenzauber

Gabriella Engelmann
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.04.2015
ISBN 9783426515778
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(73)

177 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 50 Rezensionen

tod, verlust, trauer, alter, roman

Noch so eine Tatsache über die Welt

Brooke Davis ,
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 01.07.2015
ISBN 9783956140532
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(71)

446 Bibliotheken, 46 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

abenteuer, liebe, bibliothek, identität, studium

S. - Das Schiff des Theseus

J. J. Abrams , Doug Dorst , V. M. Straka ,
Fester Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.10.2015
ISBN 9783462047264
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(88)

189 Bibliotheken, 14 Leser, 0 Gruppen, 17 Rezensionen

donna tartt, der distelfink, roman, gemälde, new york

Der Distelfink

Donna Tartt , ,
Flexibler Einband: 1.024 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 19.10.2015
ISBN 9783442473601
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 
382 Ergebnisse