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Die Polarfahrt

Hampton Sides , Rudolf Mast
Fester Einband: 584 Seiten
Erschienen bei mareverlag, 07.03.2017
ISBN 9783866482432
Genre: Biografien

Rezension:

Juli 1879: 33 Männer brechen zu einer Expedition auf, die ihr Leben maßgebend beeinflussen und verändern wird. Einige werden nicht zurückkehren…
Es ist der Traum des Nordpols und der Theorie des offenen Polarmeers, dem der Kapitän George DeLong und seine Mannschaft folgen. Doch was als Abenteuer beginnt, wird schnell zu einem Alptraum, als die USS Jeannette im Packeis stecken bleibt und über zwei Jahre eingeschlossen ist. Hampton Sides erzählt in „Die Polarfahrt“ (mare) über den Kampf ums Überleben im ewigen Eis und schreibt eindrücklich über den Versuch der 33 Männer, wieder nach Hause zurückzukehren.

Der Nordpol: Er war lange eine der großen Sehnsuchtsorte der Schiffsnationen und kostete vielen mutigen Männern das Leben. Viele wurden gefunden, viele sind für immer verschollen, doch was bestehen bleibt, sind die Geschichten um Mut, Angst und eiserne Willen, die alle verbindet. Akribisch recherchiert, präsentiert der amerikanische Journalist und Autor Hampton Sides mit „Die Polarfahrt“ ein spannendes Werk Weltgeschichte. Detailliert geht er hierbei auf alles ein, was den Weg der USS Jeannette beeinflusste. Angefangen vom ersten Plan rund um DeLong und Geldgeber James Gordon Bennett Jr. (Herausgeber des New York Herald) bis hin zu Kauf und Bearbeitung des Schiffes und der Auswahl der Crew gibt der Autor einen kompletten Einblick in die „Vorwehen“ der Expedition. Höhepunkte sind definitiv die Jahre auf See, dennoch ist dieses Buch eine vielseitige Erzählung, die gerade dadurch noch einmal umso spannender ist, da sie wirklich so passierte.

Die einstige Faszination, den Nordpol zu erzwingen und das Land nördlich von Sibirien und Grönlands zu erschließen – ja gar sogar die Nordwestpassage zu entdecken – setzt sich in „Die Polarfahrt“ fort. Der mare-Verlag steht für hochklassige Literatur mit dem Meer als Angelpunkt und hat mit dem vorliegenden Buch erneut gezeugt, wie gefährlich dieses sein kann, insbesondere im Norden. In einer einfachen und verständlichen Sprache hat Sides hierfür ein regelrechtes Gesamtkunstwerk geschaffen, das nichts in der Geschichte auslässt und trotz der vielen Tragödien immer sachlich bleibt.

„Die Polarfahrt“ ist nicht nur ein Buch für Entdecker*innen, sondern für alle, die noch immer an den Geschichten des Nordpols hängen – Geschichten, die unsere Welt über ein Jahrhundert lang beschäftigten, Familien auseinanderriss und aus denen Helden entsprangen.

 

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Wikmans Zöglinge

Jaan Kross , Irja Grönholm
Fester Einband: 580 Seiten
Erschienen bei Osburg Verlag, 01.02.2017
ISBN 9783955101299
Genre: Romane

Rezension:

Tallinn, 1938: In der estnischen Hauptstadt besucht Jaak Sirkel das renommierte Wikmansche Gymnasium. Die Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sind für die jungen Männer geprägt von einer seltenen Unbeschwertheit und einem nur kurz währenden Nationalbewusstsein. Die Schüler verbringen den Alltag mit Streichen an Lehrern, versuchen Prüfungen zu umgehen und treffen sich mit neuen Freundinnen.

„Hier war die Vergangenheit über einen langen Zeitraum so bedrückend, dass jetzt, gerade jetzt – gestern, heute, morgen -, Männer und Frauen, Ideen und Taten, geboren werden müssen, auf denen sich dereinst unsere Größe begründen will. Und ich will – und Sie müssen wollen – dass das Wikmansche Gymnasium einen rühmlichen Anteil daran hat.“

Jan Kross` „Wikmans Zöglinge“ (Osburg Verlag) ist ein Klassiker der estnischen Literatur. Der Autor präsentiert in seinem Roman eine Welt, wie sie in Estland des 20. Jahrhunderts immer nur kurz Bestand hatte. Die Schüler seiner Geschichte zählten zur ersten Generation, die innerhalb eines estnischen Staates aufwuchs. Immer wieder geriet Estland zuvor als Spielball zwischen die Fronten der jeweiligen Mächte, bis das Land nach dem Ersten Weltkrieg zu einem eigenen Staat wurde. Jahrhunderte lang war die Kultur des Landes durch andere Sprachen wie deutsch und russisch geprägt, doch zur Zeit des Wikmanschen Gymnasiums ist es auch erstmals das estnische Bewusstsein, das das Land prägt und durch das die großen Romane des Landes entstehen. Jan Kross selbst veröffentlichte noch einen zweiten Band des vorliegenden Romans, der bisher jedoch nicht auf Deutsch übersetzt wurde und indem die Zeit des Zweiten Weltkrieges geschildert wird.

Das Wikmansche Gymnasium ist ein Haus der Ideale, an dem strenge Prinzipien herrschen. Der Abschlussjahrgang rund um Jaak Sirkel halten sich zwar an diese Prinzipien, tun allerdings alles, um sich den Schulalltag zu erleichtern. So wird alles daran gesetzt, unangekündigte Prüfungen zu verhindern oder die Noten ohne viel Aufwand auf ein „sehr gut“ zu bringen. Der Alltag am Gymnasium ist zwar streng organisiert, dennoch spielt „Wikmans Zöglinge“ mit viel Komödiantik und gegenseitigen Respekt. Die Schüler sollen an Zucht und Ordnung nicht brechen, sondern mit ihnen lernen und somit zu einer neuen starken Generation für das Heimatland heranwachsen.

Jaak Sirkel steht gemeinsam mit seinen Mitschülern kurz vor dem Abitur. Doch was zu einem Wechsel in das Erwachsenenleben werden soll, wird auch zu einem Kampf an der Front des Zweiten Weltkrieges, an der die Schüler auf verschiedenen Seiten kämpfen. Zwar bestimmen die letzten beiden Schuljahre einen Großteil des Romans, dennoch sind die letzten kurzen Kapitel die Höhepunkte, wenn sich die einstigen Klassenkameraden 1943 wiedertreffen – geteilt durch unterschiedliche politische Ansichten, verbunden durch viele verschiedene Schicksale. Kross spielt hier bewusst mit einem Bruch in der Geschichte, wenn er, zuvor alles detailliert beschreibend, plötzlich einige Jahre überspringt und die Leser in das kalte Wasser schmeißt.

„Wikmans Zöglinge“ ist ein monumentales Werk, das das Augenmerk auf ein kleines Land setzt, dessen Einwohner lange für ihre eigene Kultur und Geschichte kämpfen mussten. Der Roman schafft es bemerkenswert gut, in eine scheinbar harmlose Schulgeschichte elementare Identitätsfragen mit denen der Pubertät zu verweben und einer ganzen verlorenen Generation eine Stimme zu geben.

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Der Regengott und andere Erzählungen

Alvydas Šlepikas , Markus Roduner
Buch: 160 Seiten
Erschienen bei Mitteldeutscher Verlag, 01.03.2017
ISBN 9783954628131
Genre: Romane

Rezension:

„Der Regengott und andere Erzählungen“ von Alvydas Šlepikas (mitteldeutscher verlag) beinhaltet verschiedene Kurzgeschichten, die sich mit dem Leben der Bewohner eines litauischen Dorfes befassen. Pünktlich zum Gastlandstatus Litauens auf der Leipziger Buchmesse ist diese Sammlung damit ein idealer Einstieg in die litauische Literatur.

„Der Regengott und andere Erzählungen“ fängt scheinbar harmlos an. Das Dorf ist umgeben von der Natur und das Leben hier geprägt von den verschiedensten Einwohnern. Die ersten Kurzgeschichten vermitteln so den Eindruck einer funktionierenden Gesellschaft, in der es zwar hier und da Ausbrüche gibt, die aber dennoch fast schon Bullerbü-artig erscheint. Man feiert Feste, trifft sich zu Traktorrennen und lässt die Kinder frei herumstromern. Zur Mitte des Buches zeigen sich dann die gängigen Motive: Neid, Missgunst, Eifersucht und Streit sowohl unter Familien als auch unter Nachbarn. Wie auch in anderen Dörfern trügt die Idylle. Alkoholismus, Diebstahl und Schlägereien finden auch hier ein Zuhause und die Geschichten werden düsterer. Zum Ende hin rutscht der Autor dann in eine surreale Ebene, wenn beispielsweise eine einnehmende Mutter auf dem Weg nach Hause von einem Monster verschlungen wird oder ein Feuerfuchs ein Kind zum verstorbenem Vater führt.

Eindrucksvoll gelingt es Šlepikas, das Dorfleben zu porträtieren, sodass das litauische Leben auf dem Land gar nicht mehr so fremdartig und weit erscheint. Die Kurzgeschichten des Autors machen definitiv Lust auf mehr und seinen Roman „Mein Name ist Maryte“, der im September ebenfalls im mitteldeutschen verlag erschien, habe ich gleich auf meine Wunschliste gepackt. Šlepikas´ Geschichten laden ein, ein Stück litauische Gesellschaft mitzuerleben und sich von den Figuren anstecken zu lassen. Sie alle haben ihre Wünsche und Träume und obwohl die Hauptstadt Vilnius nicht weit ist und mit dem modernen Großstadtleben lockt, scheint im Dorf die Zeit stehengeblieben zu sein. Mir haben die Kurzgeschichten insgesamt sehr gut gefallen und ich empfehle sie gerne weiter.

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Der Mann mit dem Saxofon

Sibylle Schleicher
Fester Einband: 408 Seiten
Erschienen bei Klöpfer & Meyer, 22.02.2017
ISBN 9783863514419
Genre: Romane

Rezension:

In "Der Mann mit dem Saxofon" von Sibylle Schleicher (Klöpfer&Meyer) rekapituliert die Hauptfigur Hannah ihre Erlebnisse in Lwiw (deutsch: Lemberg) in der Ukraine. In erster Linie als Schauspielerin für einen Filmdreh eingeladen, lernt sie hier bereits zu Anfang den älteren Saxofonspieler Aaron kennen, mit dem sie von nun an eine einzigartige Zeit verbringt. Schnell fühlt sie sich zu ihm hingezogen, doch die Ereignisse um den mysteriösen Aaron und die komplizierten Dreharbeiten für eine tragische Überlebensgeschichte während des Holocaust lassen sie nicht zur Ruhe kommen.  "Der Mann mit dem Saxofon" ist ein Roman der großen Dialoge, die die Geschichte tragen. Ab der ersten Begegnung besteht zwischen Hannah und Aaron eine spezielle Verbindung, in der Aaron immer federführend agiert und Hannah dazu bringt, Dinge zu offenbaren, über die sie nie sprechen wollte. Ihre Arbeit in Lwiw ist eine Flucht vor den letzten Momenten in Deutschland, vor der möglichen Schuld am Tod ihres Geliebten, einer gescheiterten Ehe und einem Sohn, mit dem sie nichts verbindet. Hannah lässt sich von Aaron leiten. Treffpunkte sind die verschiedenen Löwen Lembergs, die das Stadtbild prägen und auch Aaron als Anführer der Gespräche symbolisieren. Es geht um Identität und Schuld - Aaron ist auf der Suche des Grabes seines Vaters, denn nur so, glaubt er, kann er seine jüdischen Wurzeln entdecken.  "Nur weil meine Landsleute die Synagoge zerstört haben, muss ich doch nicht gegen Juden sein."  Während Hannah durch die Mischung aus den Rückblicken und vielen Tagebuchauszügen sämtliche Gefühle und Gedanken freigibt, ist Aaron ein verschlossenes Buch. Sibylle Schleicher spielt hier auch mit kriminalistischen Elementen, wenn der Roman langsam die Verbindungen zwischen Hannahs und Aarons Treffen mit den Dreharbeiten überschneidet und der Leser schneller als Hannah erahnen kann, welche Geschichte hinter Aaron steckt. Aaron als Figur ist nicht unbedingt ein Sympathieträger. Während Hannah sehr verletzlich ist, wirkt Aaron oft überheblich und nutzt seine Bildung, um Hannah einzuschüchtern. Nicht nur mit ihm muss Hannah sich mit der Vergangenheit und die Erbschuld der Deutschen auseinandersetzen, auch während des Filmdrehs kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen ihr und dem Team.  "Der Mann mit dem Saxofon" ließ mich zwiegespalten zurück. Einerseits vermittelt der Roman eine sehr atmosphärische Stimmung und befasst sich mit der jüdischen Vergangenheit Galiziens, andererseits können sich die Dialoge zwischen Hannah und Aaron stellenweise auch sehr in die Länge ziehen. Die bereits erwähnte Sympathie zu den Figuren kam bei mir nicht so recht auf, wodurch die Geschichte mit meinem Leseprozess auch etwas an Spannung verlor. Positiv hervorheben möchte ich die Gespräche, die sich mit existenziellen Fragen des Lebens befassen (Was ist Liebe? Was bedeutet Identität? Wie kann man mit der Vergangenheit umgehen?) und viele kluge Gedanken und Überlegungen beinhalten. Dass Schleicher sich hier vorab auch inbesondere mit der jüdischen Vergangenheit Lwiws beschäftigt hat, spürt man auf jeder Seite.

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roman, kräfte

Superheldinnen

Barbi Markovic
Flexibler Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Residenz, 16.02.2016
ISBN 9783701716623
Genre: Romane

Rezension:

Barbi Marković ` „Superheldinnen“ (Residenz Verlag) ist die Geschichte dreier junger Frauen, die, aus Belgrad und Sarajevo kommend, versuchen, in Wien ihre Leben zu bestreiten. Besonderheit von Mascha, Direktorka und der Ich-Erzählerin ist ihre spezielle Fähigkeit: Sie können ihre Mitmenschen dadurch beeinflussen, dass sie für Glück Schicksalsblitze senden, während die Bösen mit Auslöschungen bestraft werden können.

„Superheldinnen“ schildert die Handlung rund um einen wöchentlichen Cafébesuch der drei, die sich zwar auf weniger als 24 Stunden begrenzt, für alle Figuren aber einen Wendepunkt in ihrem Leben darstellt. Was dieser Wendepunkt ist, möchte ich nicht verraten, es ist jedoch ein Handlungsverlauf, der mich überraschte und die Richtung lange im Unklaren hielt. Spannend waren die Zwischensequenzen, die kurze Einblicke in die jeweiligen Heimatstädte inklusive Wien geben und als Gedankenstrom erzählt werden.

„Wir drei waren aus den Hauptstädten benachbarter Länder hierhergezogen und hielten uns nach Kräften über Wasser, wobei wir ständig nach der bürgerlichen Mittelschicht schielten, der wir uns zugehörig fühlten, mit dem Herzen jedenfalls, nicht jedoch mit dem Budget.“

Antiheldinnen ist das Stichwort für den Roman, denn die drei Protagonistinnen sind im Gegensatz zu Superhelden wie Batman, Superman und Co. drei Frauen, die kein schillerndes Leben führen. Sie kämpfen mit den Geistern der Vergangenheit, mit ihrer Herkunft und den damit verbundenen Vorurteilen und mit dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Für den Moment bilden sie eine Gemeinschaft, die dennoch höchst fragil erscheint und aus der jede jederzeit ausbrechen kann. Ihre Superkräfte heben sie zwar ab, aber können sie nicht in die gewünschte obere Gesellschaftsschicht bringen.

Marković verknüpft in ihrer Erzählung eine fantastische Geschichte, die aufgrund der zutiefst realistischen Elemente gar nicht so fantastisch wirkt. Die Schicksalsblitze und Auslöschungen treten hier in den Hintergrund und stehen für die tieferen Konflikte der Figuren. Sie können das Leben anderer beeinflussen und stehen alle vor der Frage, ob auch sie in ihr eigenes Leben eingreifen sollten und in welcher Form. Mithilfe der Auslöschung ist es möglich, Menschen verschwinden – aus der Erinnerung und dem Leben der anderen entfernt – und diese an anderer Stelle mit einem neuen Leben wiederauferstehen zu lassen. Was bedeutet diese Fähigkeit nun für Menschen, die gerne ein anderes Leben führen würden, an einem anderen Ort, mit einem anderen Schicksal?
Man kann wohl viel in diese Handlung reininterpretieren, von der bloßen Geschichte dreier Frauen mit übersinnlichen Fähigkeiten bis hin zum Migrationsdrama, das sich unter der Oberfläche abspielt. Klar ist auf jeden Fall, dass Mascha, Direktorka und die Ich-Erzählerin unterhaltsame Figuren sind, die sich von der ersten Seite an nach oben kämpfen, Opfer bringen können und stark sein wollen. „Superheldinnen“ ist ein interessanter Roman, der auf jeden Fall heraussticht und mir gut gefallen hat.

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familie, roman, ü4, single, glück

Ins Glück gebloggt

Gabriela Kasperski
Flexibler Einband: 236 Seiten
Erschienen bei Storybakery by text n'bild GmbH, 10.10.2016
ISBN 9783906847061
Genre: Romane

Rezension:

Gabriela Kasperskis Roman "Ins Glück gebloggt" unterhält mit vielseitigen Charakteren, unvorhersehbaren Wendungen und viel Humor. Ich hatte sehr viel Spaß beim Lesen und kann dieses Buch definitiv nicht nur für Frauen ü40 empfehlen.

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kurden, flüchtlinge, gefangenschaft, kurdistan, freundschaft

Der letzte Granatapfel

Bachtyar Ali , Ute Cantera-Lang , Rawezh Salim
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Unionsverlag, 17.05.2016
ISBN 9783293004993
Genre: Romane

Rezension:

„Der letzte Granatapfel“ von Bachtyar Ali (Unionsverlag) ist die Geschichte des irakisch-kurdischen Revolutionskämpfers Muzafamis, der nach einundzwanzig Jahren im Gefängnis die Freiheit erlangt. Die lange Zeit hat ihm sein Leben und seine Identität genommen, doch einen Hoffnungsschimmer gibt es: Es ist sein verlorener Sohn Saryasi, den er suchen will, um seinen Lebensmut wieder zu erlangen.

„Wir vier leisteten einen Schwur, einander niemals anzulügen. Dazu gingen wir zu einem weit entfernten Baum, er ist der Baum unserer Freundschaft und Aufrichtigkeit zueinander. Wir nannten ihn ´der Welt letzter Granatapfelbaum´“.

Alis Erzählung ist eine, die sicher von vielen kurdischen Mythen beeinflusst wurde und ganz langsam in die Handlung einsteigt. Es ist nicht nur die simple Suche nach dem Sohn, die „Der letzte Granatapfel“ prägt, sondern vielmehr ein komplexes Geflecht aus Charakteren, die auch immer etwas märchenhaftes an sich haben. Da gibt es den nach der Wahrheit suchenden jungen Mann mit einem Glasherz Mohamadi, die weißen Schwestern Schadaryai und Laulami, die sich ewige Zweisamkeit und Jungfräulichkeit schwören, den blinden Nadimi, der auf der Suche nach Heilung ist – Alis Charaktere sind vielfältig und spannend. Sie beleben eine Erzählung, die erst nach und nach die geballte Kraft offenbart, die sie in sich trägt und die vielen Nebenstränge zu einem großen Ganzen zusammenfügt.

„Mir sagte der Granatapfelbaum, ich solle jene Wege suchen, die ich finden muss.“

Muzafamis Leben scheint verloren, doch das, wofür er nun nach der Revolution und der Gefangenschaft kämpft, ist die Suche nach der Identität, nach der Heimat und der Familie. Das Land, das er einst kannte, existiert nicht mehr. Die jahrelangen Kämpfe im Irak um die Rechte der Kurden haben aus dem einstigen Zuhause Ruinen und die Menschen zu Flüchtlingen gemacht die alle mit den Bildern der Vergangenheit leben müssen. Doch Ali erzählt die Handlung nicht nur aus der Perspektive Muzafamis, sondern lässt kapitelweise auch die anderen Figuren rund um Muzafamis Sohn und dessen Freunden zu Wort kommen. Auch sie haben ihre Heimat verloren und kämpfen im Alltag um ihren Stand in der Gesellschaft. Besondere Symbolik hat hier der bereits im Titel integrierte Granatapfelbaum, der für alle eine eigene Botschaft innehat und zum Zeichen für Freundschaft, Vertrauen und Freiheit wird.

„Reine unschuldige Menschen können da draußen nicht überleben. Eine schmutzige Krankheit hat die Welt überfallen. Eine namenlose Krankheit, die man nicht beschreiben kann.“

Trotz dem „Der letzte Granatapfel“ mit vielen Konflikten umgeht, ist Alis Sprache immer poetisch. Im Verlauf der Handlung wird sie zwar rauer, dennoch versteht der Autor es meisterlich, die politischen Botschaften und die schweren Zeiten der Protagonisten so zu verpacken, das sie wie aus einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht entsprungen zu sein schein. Damit gelingt ihm eine faszinierende Erzählung, die mich an den Stil von Carlos Ruiz Zafon erinnerte.
Wie aus einem Sohn drei werden und ob Muzafami die Geheimnisse der Vergangenheit aufdeckt, das muss jeder selber erlesen. Es sei lediglich gesagt, das der Roman definitiv empfehlenswert ist.  Ich habe „Der letzte Granatapfel“ fast in einem Rutsch durchgelesen, da mich die Figuren nicht losgelassen haben und bleibe nun mit vielen Bildern im Kopf, die mich noch lange begleiten werden.

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Ich bin sie

Naira Gelaschwili , Lea Wittek
Fester Einband: 169 Seiten
Erschienen bei Verbrecher, 03.01.2017
ISBN 9783957322302
Genre: Romane

Rezension:

Naira Gelaschwilis „Ich bin sie“ ist die Geschichte der 12-jährigen Nia, die sich in den älteren Nachbarsjungen Gogi verliebt. Jeden Tag beobachtet sie ihn von seinem Fenster aus, folgt ihm und geht ganz in ihrer unglücklichen Liebe auf. 50 Jahre später begibt sich Nia auf die Suche nach ihrem einstigen Bekannten und reflektiert ihre jugendliche Sehnsucht.

„Ich bin sie“ war in Georgien ein großer Erfolg und gewann den wichtigsten Literaturpreis des Landes – für mich absolut zurecht. Mit viel Gefühl erzählt die Autorin von einer großen Liebe, die voller Schmerz ausgelebt wird. Wohl jeder wird sich in diesem Roman wiederfinden – an das Gefühl, zum ersten Mal verliebt zu sein, an den Liebeskummer, wenn diese Liebe nicht erwidert wird und daran, wenn sich alles plötzlich anders anfühlt. Nias Gefühle werden durch viele wunderschöne Gedichte unterstützt, die diese liest und die erwachsene Nia später mit ihren Studenten analysiert. Allein schon wegen dieser Gedichte ist „Ich bin sie“ Poesie und Ausdruckskraft pur.

„Deine Fernseins Nähe, die ewig übermächtige,
betäubt den Sinn, Waldrose, betörende!“

Liebesgeschichten können und müssen in der Literatur nicht immer erfüllt werden. In „Ich bin sie“ ist der Geliebte auf der anderen Hofseite zwar nah, aber dennoch ferner denn je. Nia verliert sich ganz in ihren Gefühlen. Sie schreibt „Ich liebe dich“ in den Schnee, bindet eine Blume an die Türklinke seiner Wohnung und stellt Essen vor die Haustür und versucht so, die Distanz zu überbrücken. Wenn sie ihn mit anderen Frauen sieht, verliert sie den Boden unter den Füßen und wird zu einem für ihre Familie unausstehlichen Wrack. Einzig ihrer älteren Cousine Zisana kann sie sich anvertrauen, wenn auch diese die kindlichen Verfolgungsjagden nicht lange mitmacht. Nia tut alles, um  nur einen kurzen Blick auf Gogi zu erhaschen und verliert so den Blick für ihr Umfeld. Alles dreht sich nur um Gogi.

„Ich bin sie“ besteht aus knapp 170 Seiten einer schmerzhaften Liebe. Durch die wechselnden Erzählperspektiven aus Ich-Erzählerin, auktorialem Erzähler und der direkten Anrede bricht Gelaschwili die Barriere zu den Lesern runter und schafft so nicht nur durch die geschilderten Gefühle Nias eine authentische Bindung für alle, die das Buch lesen. Trotz Nias Alter ist die Sprache immer auf einem hohen Niveau und unterstreicht das erzählerische Können der Autorin. Wer die große literarische Liebe sucht, wird sie hier finden!

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Ausgewählte Werke von Annemarie Schwarzenbach / An den äussersten Flüssen des Paradieses

Annemarie Schwarzenbach , Roger Perret
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Lenos, 02.11.2016
ISBN 9783857874703
Genre: Sonstiges

Rezension:

Mit „An den äussersten Flüssen des Paradieses“ haben der Lenos Verlag und Roger Perret eine beeindruckende Sammlung von Reiseberichten veröffentlicht, die die Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach von 1933 bis 1942 über ihre Begegnungen und Erfahrungen in Europa, Russland, im Nahen Osten und in den USA verfasst hat. Schwarzenbach spannt den Bogen hierbei in poetischer Sprache von märchenhaften Beschreibungen der Landschaften in Syrien, dem Libanon, dem Iran und Irak bis zur sozialkritischen Studie in den USA und Europa.

Schwarzenbachs Sammlung und Reiselust entstand zu einer Zeit, als die Welt kurz vor dem Abgrund stand. Während sich Europa und die USA für den Krieg rüsten und der Antisemitismus den ganzen Kontinent beherrscht, sind auch die Tage des idyllischen Paradieses in Vorderasien gezählt. Durch Schwarzenbachs Texte offenbart sich eine Welt, die es heute nicht mehr gibt, in der die USA so für die Schriftstellerin und Journalistin zu einem düsteren und dreckigen Lebensumfeld werden, während sie voller Sehnsucht Richtung Orient blickt. Immer wieder reflektiert sie in ihren Erzählungen auch den Zustand des Reisens und des „Immerweiterziehens“.

„Dies ist […] die größte Gefahr einer langen Reise: Da man beständig aufbricht oder die Zeit möglichst nützlich und ohne allzu große Ermutigungen ausfüllt bis zum nächsten Aufbruch und dann jedesmal wieder abrechnet, als sei es endgültig, so ist man sich ständig bewusst, dass Tage derart vergehen und dann Monate, und dass ganze Leben nur aus einer kleinen Zahl solcher Unternehmungen besteht.“

Mit viel Mut stürzt sich die Autorin in ihre Reisen, zu einer Zeit, als man nicht so einfach in ein Flugzeug stieg, um einen anderen Kontinent zu besuchen. Die Sammlung aus dem Lenos Verlag zeigt Schwarzenbach als eine zerrissene Seele, die immer zwischen dem Zuhause und dem Fernen schwankt, während ihr Heim, die neutrale Schweiz, vom Zweiten Weltkrieg umringt wird. Immer scheint sie auf der Suche zu sein und kommt nicht an ihr Ziel. Zeit nimmt sie sich lediglich für die wunderschönen Beschreibungen von Sonnenuntergängen, kleinen Dörfern und Wanderungen in der Natur, die die erste Hälfte dieses Buches ausmachen und dann relativiert werden, wenn Schwarzenbach über ihre Reisen nach Deutschland, in das Baltikum und die Tschechoslowakei schreibt. „An den äussersten Flüssen des Paradieses“ wird somit zu einer Reportage, die zum Träumen einlädt, aber auch die bittere Realität nicht verschweigt und zum Nachdenken anregt.

Mich haben die kurzen Länderstudien sehr begeistert und beeindruckt. Konnte ich mir durch die authentischen Beschreibungen des Orients die Marktplätze in Syrien und Co. bildhaft vorstellen und fast schon den Wüstenwind auf meiner Haut spüren, werden die Berichte auch dadurch besonders interessant, wenn diese von Briefauszügen an Schwarzenbachs Freunde und Tagebuchauszüge begleitet werden. Für „An den äussersten Flüssen des Paradieses“ möchte ich eine große Empfehlung aussprechen!

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Edwin Mullhouse

Steven Millhauser , Sabrina Gmeiner
Fester Einband: 472 Seiten
Erschienen bei Septime Verlag, 25.05.2015
ISBN 9783902711328
Genre: Romane

Rezension:

 In dem Roman schreibt Jeffrey Cartwright als Biografie aufgebaut über das Leben seines Kinderfreundes Edwin Mullhouse, den er für einer der größten Schriftsteller seiner Zeit hält. Von der Geburt an sind beide die besten Freunde und über 468 Seiten erzählt Jeffrey in bewunderter Weise von den verschiedenen Stationen seines Freundes. Vom ersten Wort, dem ersten Schritt, bis hin zur ersten Liebe und dem ersten Roman „Cartoons“, den Edwin schreibt, ist Jeffrey hautnah dabei und skizziert diese Momente in seinem Bericht. Auch in der letzten Nacht ist er an Edwins Seite und beendet mit dieser die Biografie.

Als Leserin bin ich gemeinsam mit Edwin und Jeffrey aufgewachsen und konnte mich in einigen Situationen wiederfinden. Millhauser schafft es in diesem Roman wunderbar, sich auf die Charaktere einzulassen und diese authentisch wiederzugeben. Zwar wirkt gerade Jeffrey manchmal etwas alter, als er in Wirklichkeit ist (denn er beginnt mit der Biografie direkt nach dem Tod Edwins), doch sowohl er als auch Edwin scheinen in der Entwicklung weiter fortgeschritten zu sein, als manch andere in ihrem Alter. Edwin ist nicht unbedingt ein Sympathieträger, dennoch konnte ich ihn und seine Eigenarten in mein Herz schließen, nicht zuletzt durch die intensive Zeit, die man mit den Freunden verbringt. In einer Bewertung des Buches auf Goodreads habe ich gelesen, dass der Rezensent diesen Roman als Jugendlicher gelesen und anschließend so gut wie vergessen hat. Als er es dann wieder zur Hand nahm, fiel ihm auf, dass „Edwin Mullhouse“ mittlerweile zu seinen Lieblingen gehört. Diese Meinung kann ich voll und ganz verstehen, denn die Erzählung mag über die Seiten manchmal langweilig, manchmal sehr schleppend erscheinen, doch am Ende steht das Gefühl, ein halbes Leben miterlebt zu haben und wenn man den Roman mit der letzten Seite beendet, bleibt eine merkwürdige Stimmung zurück. Der Titel und Klappentext impliziert schon die Tatsache, dass Edwin nur 11 Jahre alt sein wird, wenn er stirbt, dennoch habe ich gehofft, dass es doch noch eine Wendung geben könnte – die leichte Magie, die „Edwin Mullhouse“ nicht ganz so realistisch macht. Was das Ende und den Tod Edwins so besonders macht, muss jeder selbst herausfinden und das lohnt sich auf jeden Fall! Von mir bekommt der Roman 4 Sterne mit eventueller Steigerung über die Monate, denn wie auch der Goodreadsrezensent glaube ich, dass auch ich nach einiger Zeit noch mehr gefallen an der Geschichte finden werde.

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Zaubernacht

Steven Millhauser , Sabrina Gmeiner
Fester Einband
Erschienen bei Septime Verlag, 05.09.2016
ISBN 9783902711540
Genre: Romane

Rezension:

Die Novelle „Zaubernacht“ handelt von einer einzigen Nacht, in der sich die verschiedensten Menschen aufmachen, um die dunklen Stunden zum Tag werden zu lassen. Eine Jungsgruppe bricht in die Bibliothek ein, um sich zu unterhalten, ein Liebespaar trifft sich, eine Mädchengruppe bricht in Häuser ein, um Essen zu stehlen und die Botschaft „Wir sind eure Töchter“ zu hinterlassen. Doch neben den realen Personen erwachen auch Figuren des nachts zum Leben, so genießt eine Schaufensterpuppe ihre Freiheit und wandelt durch die Straßen, während die älteren, vergessenen Puppen auf den Dachböden zum Takt des Mondes tanzen.

Steven Millhauser erzählt mit „Zaubernacht“ verträumte Geschichten der Dunkelheit, die mal real, mal mystisch wirken. Die 142 Seiten lesen sich wie in einem Rausch, in dem die Erzählungen durch die Stunden um Mitternacht verbunden sind. Millhauser schafft eine Atmosphäre, die aus der Zeit, zu der die meisten Menschen schlafen, eine ganz besondere macht. Die wenigen Seiten reichen aus, um diverse Welten entstehen zu lassen und den Wunsch zu erwecken, die Figuren auch einmal bei Tage kennenzulernen – wer weiß, vielleicht erschafft Steven Millhauser ja auch einmal den „Zaubertag“? Aus einer Novelle werden in „Zaubernacht“ viele noch viel kleinere, die sicher jede eine Novelle an sich wert wären.

Ich habe „Zaubernacht“ fast in einem Rutsch durchgelesen und möchte 4 Sterne vergeben. Ursprünglich sollten es 3,5 sein, doch beim Schreiben dieser Rezension viel mir außer dem Punkt, dass es nicht mein neues Lieblingsbuch werden wird, nicht viel mehr ein, was ich kritisieren möchte, daher ist dieser halbe Tag keines Abzuges wert. Die Novelle ist für all die empfehlenswert, die gerne in kurzen Erzählungen schwelgen und sich fallen lassen möchten – fallen lassen in eine Welt, die existiert, aber in „Zaubernacht“ dennoch surreal erscheint.

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Mitternachtsweg

Benjamin Lebert
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 17.09.2016
ISBN 9783455650938
Genre: Romane

Rezension:

„Mitternachtsweg“ (Atlantik) ist eine Geschichte, die sich über die Jahrzehnte zieht. Es ist die Geschichte einer großen Liebe, die tödlich endet und niemandem, der sich mit der Tragödie beschäftigt, loslassen kann. Benjamin Lebert („Crazy“) hat mit seinem Roman eine moderne Mysterygeschichte geschaffen, die mich an den Stil von Carlos F. Zafon erinnerte. Alles beginnt mit einem einfachen Zeitungsartikel über den Sylter Friedhof für am Strand angespülte Leichen, die nicht identifiziert werden konnten. Der Journalist Peter Maydell ist fasziniert von den gruseligen und makaberen Geschichten des Kriminalistik-Studenten Johannes Kielland, bis dieser ihm eines Tages von einer besonders intensiven Begegnung mit Helma Brandt berichtet, in der eine längst verstorbene Person, ein furchtbares Geheimnis und ein sich immer wiederholendes Schicksal eine Rolle spielen.

Es ist schwer, die Handlung von „Mitternachstweg“ zusammenzufassen, ohne zu viel zu verraten. An dem Roman gefiel mir von Beginn an der im Klappentext angesprochene Lokalbezug zu Sylt, der in Verbindung mit dem Inhalt sofort eine winterliche Atmosphäre an dunklen, windigen Stränden  auferstehen lässt und somit die ideale Umgebung schafft. Leberts Sprache ist einfach und klar verständlich. Mit simplen Worten lässt er Situationen lebendig werden, die von der rauen Atmosphäre der Küsten Norddeutschlands getragen werden. Seit den ersten Sätzen umgibt die Figuren ein mysteriöser Schimmer, der nie zu übertrieben wirkt. „Mitternachtsweg“ driftet nie zu sehr in eine Geistergeschichte ab, sondern hält immer die richtige Balance zwischen Spannung und Realität. Ich mag Geistergeschichten durchaus sehr, doch gerade die versuchte Sachlichkeit in den Roman hat mich gepackt.  Bin ich normalerweise kein Fan von Geschichten in Geschichten, hat es mir umso mehr gefallen, dass sich am Ende glaubhaft alle Zusammenhänge zwischen den Figuren gezeigt haben.

„Mitternachtsweg“ bekommt von mir 3,5 von 5 Sternen. Der kurzweilige Roman war nicht unbedingt etwas komplett neues, konnte mich aber über die Lesezeit durchgehend gut unterhalten und die Spannungskurve konstant oben halten. Die 236 Seiten habe ich innerhalb eines Tages auf mehreren längeren S- und U-Bahn-Fahrten durchgelesen, während sich draußen der Herbst zeigte. Ein Tag vor Halloween war „Mitternachtsweg“ der ideale Begleiter und ich kann mir gut vorstellen, dass je kälter und ungemütlicher es wird, der Roman den Lesern umso besser gefallen wird.

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Geisterroman

Gabriele Weingartner
Fester Einband
Erschienen bei Limbus Verlag, 15.09.2016
ISBN 9783990390856
Genre: Romane

Rezension:

Der Zug von Berlin nach Prag beginnt zu fahren und alles läuft ohne Probleme, bis er schließlich durch einen Schneesturm stoppen muss und stehen bleibt. An Bord befinden sich Klara, die die Leiche ihrer verstorbenen Schwester nach Hause überführen möchte und der Kafka-Forscher Slavomir, der auf dem Weg zu einem Vortrag ist. Gabriele Weingartners Roman„Geisterroman“ (Limbus Verlag) startet in einem scheinbar alltäglichen Setting, bis der Stopp plötzlich zu einer obskuren Situation wird, als klar wird: Die Richtung des Zuges stimmt noch, doch die Zeitlinie hat sich plötzlich verschoben. Es ist der 18. Juli 1917 und zwischen den „normalen“ Passagieren vermischen sich Franz Kafka, Anton Kuh und weitere illustre Gestalten…

Gabriele Weingartners Roman erweckte nach Lesen der Inhaltsbeschreibung sofort mein Interesse. Kafka zählt zu meinen Lieblingsautoren und durch meine Bachelorarbeit konnte ich mich intensiv mit seinem Leben und seinen Werken beschäftigen. Schon beim anfänglichen Durchblättern fiel mir auf, dass Weingartners Quellen meinen sehr ähnelten (beispielsweise die dreibändige Kafkabiografie von Rainer Stach, die ich sehr empfehle) und ich dadurch umso mehr von der Geschichte erwartete.
„Geisterroman“ konnte mich schnell von seiner besonderen Mischung aus Familientragödie (Klara) und den vielen Fakten über Kafka und seine Verbindungen (Slavomir) überzeugen. Für Kafka-Kenner werden weiterhin viele Details eingebunden, die sich in den Geschichten und im Verhalten der Charaktere ähneln. Als Beispiele sind hier die schwierigen Verhältnisse zu den Eltern, der Druck durch Außenwelt und innere Gefühle, die Verlorenheit in der Gesellschaft und das Scheitern von Beziehungen zu nennen – viel baut Weingartner in „Geisterroman“ ein. Meisterhaft schafft sie eine skurrile Atmosphäre, die von ihren einzigartigen Charakteren lebt und bei der nie genau sicher ist, ob es sich gerade um einen Traum oder die Wirklichkeit handelt.

„Kafkaesk“ ist ein Begriff, der oft verwendet wird, wenn surrealen Elemente aufeinandertreffen. Auch „Geisterroman“ erscheint kafkaesk. Besonders ab dem Moment, wenn Klara im Zug des Jahres 1917 auf ihren Exmann trifft, den sie seit 30 Jahren nicht mehr gesehen hat, kann sich der Leser nicht mehr sicher sein, was ihn noch erwartet – alles scheint möglich. Manchmal mutet Weingartner einem etwas zu viel zu, wenn sie sämtliche Biografien und Erzählelemente – Rückblicke, Gedanken, Fakten – aneinanderreiht, dennoch geht ihr Konzept meiner Meinung nach auf. „Geisterroman“ ist anspruchsvoll und unterhaltsam zugleich. Karla und Slavo sind ausgefeilte Charaktere, die beide überzeugend und interessant sind. Gerne hätte Weingartner noch ein paar Kapitel vor Beginn der Fahrt ergänzen können, dennoch erscheint der Fokus auf diese eine Fahrt genau richtig, denn genau diese ist es, die die Grenzen aufbricht und für kurze Zeit  zu einem eigenen Kosmos wird.

Ich hatte sehr viel Spaß mit diesem Roman und ich werde mir die weiteren Erzählung Gabriele Weingartners, die ebenfalls im Limbus Verlag  erschienen sind, definitiv noch einmal genauer ansehen. Ich möchte 4 von 5 Sternen vergeben. Kleine Abzugpunkte gibt es für die vorher genannten vielen Details, die den Roman teilweise überladen.

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Der Schwarze See

Hella S. Haasse , Gregor Seferens , Gregor Seferens
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Lilienfeld Verlag, 01.09.2016
ISBN 9783940357571
Genre: Romane

Rezension:

„Der schwarze See“ von Hella S. Haasse (Lilienfeld Verlag) ist die Geschichte einer Freundschaft in den Zwanziger und Dreißiger Jahren, die von Rassentrennung und einer kolonialen Herrschaft auf Java durch die Niederländer geprägt ist. Urug und der Ich-Erzähler wachsen gemeinsam auf einer Plantage auf, der eine ist Sohn eines Arbeiters, der andere ist der Sohn des Plantagenverwalters. Trotz der gemeinsamen Jahre driften sie nach und nach auseinander, bis der Kontakt durch die inneren und äußeren Umstände schließlich abbricht. Als der Protagonist nach einer langen Zeit in das befreite Land zurückkehrt, ist nichts mehr, wie es war – aus der Freundschaft ist Feindschaft geworden.

Wie besteht eine Freundschaft, die für Außenstehende von Anfang den Charakter einer Diener-Herrscher-Beziehung hat? Die scheinbar von Anfang an für den einen eine ungeplante Freiheit bedeutet, für den Anderen eine Herunterstufung? Die niederländischsprachige Autorin Hella S. Haasse wuchs selber im heutigen Indonesien auf und erlebte die Probleme zwischen Einheimischen und Besitzern hautnah mit. In ihrem Roman gelingt ihr eine intensive Einsicht in die Konflikte Javas. Ihr Protagonist kämpft mit dem Gefühl, als Kind und Jugendlicher privilegiert zu sein, aber dennoch nicht dazuzugehören. In Urug findet er einen Freund, der sich ihm nach und nach anpassen und seinen Hintergrund verleugnen wird, doch letztendlich ist seine Herkunft, die ihn zurückbleiben lässt, als der Ich-Erzähler zum Studieren in die Niederlande geht. Haasse erzählt die eindringliche Geschichte einer Freundschaft, die direkt in die Realität ihrer Zeit übertragen werden könnte. Die Beziehung von Arbeitern zu Verwaltern der Plantagen, die sich bis in die nächsten Generationen ziehen, sind wichtiger Bestandteil ihrer Beschreibung und auch die Frage, was den Menschen voneinander trennt, wird indirekt aufgegriffen. Es ist der einheimische Urug, der schon durch seine Herkunft scheitert, ebenfalls aufzusteigen, während dem niederländische Protagonisten alles in die Wiege gelegt wird. Gleichzeitig fehlt dem Ich-Erzähler, im Gegensatz zu Urug, der familiäre Zusammenhalt. Ist er mit Urugs Familie unterwegs, wird er zwar als höher stehend behandelt, dennoch erfährt er aber mehr Geborgenheit als bei seinem Vater, der sich mehr und mehr entfremdet.

„Der schwarze See“ ist ein wichtiges fiktionales Zeugnis einer vergangenen Zeit und beschreibt auf nur 120 Seiten plus kurzem Nachwort die Problematik einer ganzen Jahrzehnte währenden Kultur und wie die bloße Herkunft über den gesamten Verlauf des Lebens entscheiden kann und dazu führt, dass man automatisch einer Gruppe zugeordnet wird, die man nicht mehr verlassen kann. Haasses Erzählung ist schnell gelesen, doch es lohnt sich, weiter hinter die Kulissen des tropischen Paradieses zu blicken. Themen wie die Ausbeutung durch die niederländischen Kolonien und der regelrechten Inbesitznahme der Einheimischen werden nur am Rand angeschnitten, doch sie schwingen immer mit. 120 Seiten sind es, auf denen eine scheinbar leichte Geschichte erzählt wird, die so viel aussagt. Spannung wurde für mich dabei zwar nicht unbedingt erzeugt, zu vorhersehbar erschien die Entwicklung der Charaktere, dennoch möchte ich 4 von 5 Sternen vergeben –für ein Buch, das wie eine kleine Einführung wirkt in ein Thema, das selbst auf 1000 Seiten nicht abgeschlossen wäre – für ein Buch, dass von einer Freundschaft handelt, die zu dieser Zeit nicht existieren konnte.

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Exploded View. Johannesburg

Ivan Vladislavic , Thomas Brückner
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Osburg Verlag, 01.08.2016
ISBN 9783955101169
Genre: Romane

Rezension:

In „Exploded View Johannesburg“ (Osburg Verlag) erzählt der Autor Ivan Vladislavic in 4 Kurzgeschichten von dem Alltag in Johannesburg, Südafrika. Er schreibt über einen Mann, der die Volkszählung durchführt und dabei nicht vorankommt, illegalen Siedlern und Südafrikanern, die noch vor Fertiggestellung der Häuser diese besetzen und einem Künstler – sie alle prägen Johannesburg und Johannesburg prägt sie.

Südafrika ist für viele trotz der Geschichte des Landes und der immer wiederkehrenden politischen Konflikte ein Land der Träume. Sonne, Strand und Natur sind die Attribute, die Urlauber ihm zuweisen. In seinem Buch berichtet Vladislavic nicht von diesen Glanzseiten, sondern von den Hintergründen und von Menschen, die dieses Paradies am Laufen halten. Trotz Beendigung der Apartheid spürt man in den vier Geschichten deutlich eine Grenze, die sich nicht nur durch schwarz und weiß schiebt. Der Autor erlaubt kurze Einblicke in den Alltag verschiedener Südafrikaner, die mit dem Umbruch und dem Aufbruch kämpfen. Interessanterweise habe ich hierbei nach der Lektüre nicht unbedingt die einzelnen geschilderten Schicksale im Kopf, sondern eher eine große Mischung der Geschichten, die alle von einer gewissen Trostlosigkeit und Nüchternheit geprägt sind. Vladislavic will nicht, dass der Leser sich in den Figuren wiederfindet, sondern ihnen lediglich als stiller Beobachter – ähnlich wie in einer unkommentierten Reportage – folgt und dann ohne Probleme wieder verlässt. Besonders spannend war für mich die Handlung um den massiven Siedlungsbau rund um und in Johannesburg, in denen die Menschen neben den illegalen Siedlungen, die parallel entstehen, in halbfertigen Häusern wohnen, um die Nachbarn davon abzuhalten, auch die neuen Häuser zu besetzen. Oder die Erzählung von Simeon, der mit seinen Genocide-Projekten Krieg zu Kunst macht und diesen dafür sogar an sich selbst inszeniert…

„Exploded View Johannesburg“ ist nicht unbedingt ein Buch, das Spaß macht. Teilweise erscheint es wie eine Feldstudie und beinhaltet auch immer eine Ohnmacht, die in den Geschichten mitschwingt. Vladislavic schafft es in 4 kurzen Erzählungen, eine „Bestandsaufnahme“ Südafrikas wiederzugeben, die immer ein wenig zwischen Frieden und Gefahr schwankt und mich als Leserin mit vielen Fragen zurücklässt. Wo sind die Lösungen und gibt es diese überhaupt? Wo die glückliche Zukunft? Und vor allen Dingen: Wie kann ich dieses Buch in einer Rezension zusammenfassen, ohne das es zu oberflächlich und/oder verwirrend wirkt? Wie kann ich diese ganz bestimmte Stimmung in „Exploded View Johannesburg“ wiedergeben, wenn ich sie mir selber nicht richtig klar machen kann? So richtig mag es mir nicht gelingen, daher der Appell: Lest die Geschichten und werdet selber für kurze Zeit zum Einwohner Johannesburgs.
4 von 5 Sternen möchte ich vergeben – für Kurzgeschichten, die mich nicht unbedingt berührt, aber ein Blick in vier Leben gegeben haben, die mich interessiert haben und nach wie vor interessieren.

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paris, weltausstellung, historischer roman, historisch, 1889

Der Turm der Welt

Benjamin Monferat
Fester Einband: 704 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Wunderlich, 26.08.2016
ISBN 9783805250931
Genre: Historische Romane

Rezension:

Nach „Welt in Flammen“ ist nun der zweite historische Roman des Autors Benjamin Monferat (Pseudonym von Stephan M. Rother) bei Wunderlich (Rowohlt) erschienen. In „Der Turm der Welt“ geht es um fiktive Ereignisse rund um die Pariser Weltausstellung 1889. In der Metropole tummeln sich über eine Million Menschen, um diese zu bestaunen. Doch nicht alle wollen die Exponate, allen voran den Turm des Architekten Eifel, bewundern, mitten in die heile Welt geht die Drohung, zum Ende der Ausstellung mit Hilfe eines Anschlages die Welt in die Tiefe zu stürzen. Schon bald befinden sich nicht nur die französischen Ermittler in dem Verwirrspiel rund um Intrigen und Macht, auch die Briten und Deutschen mischen mit und müssen bald an einem Strang ziehen, um das Chaos zu verhindern.

1889 ist die politische Lage in Europa angespannt. Es herrscht Frieden, dennoch sind die Beziehungen insbesondere zwischen Frankreich, Großbritannien und Deutschland geprägt von Misstrauen. Die Weltausstellung soll die Stärke des Kontinents zeigen, während die politischen Figuren im Hintergrund die Fäden ziehen. Jeder Auftritt der internationalen Vertreter ist sorgsam geplant, denn jeder Patzer oder Fauxpas könnte der Anfang eines neuen Krieges sein. Mitten in diese Angespanntheit setzt Monferat die Leser. Es ist nicht hinderlich, hier ein wenig Vorwissen über die historischen Vorgänge in Europa zu haben, doch der Autor schafft es, die Verbindungen scheinbar mühelos einzubinden und den verschiedenen Charakteren ihren Platz auf der politischen Karte zu geben. Er springt hierbei von der einfachen französischen Hotelbesitzerin bis hin zum Prinzen Englands. Jeder hat seine Rolle in dem großen Spiel in Paris und wie auch in „Welt in Flammen“ erzählt Monferat die Geschichte über die 700 Seiten aus den verschiedenen Blickwinkeln der Figuren. Einige Charaktere haben wirklich existiert, einige sind erfunden. In „Der Turm der Welt“ wird zwar eine fiktive Geschichte erzählt, die aber in ihren kleinen Begebenheiten durchaus so hätte stattgefunden können, die politische Anspannung auf jeden Fall.

Hatte mich „Welt in Flammen“ vollends begeistert, konnte mich „Der Turm der Welt“ leider nicht ganz überzeugen. Zu einigen Charakteren fehlte mir der Zugang und es waren teilweise zu viele. Gerade zum Ende hin, wenn alle aufeinandertreffen, hätte ich mir einen Register gewünscht, denn so wurde der Showdown für mich dadurch verlangsamt, dass ich immer wieder kurz überlegen musste, mit welcher Figur ich es gerade zu tun hatte und was diese bisher ausgemacht hat. Die Geschichte muss sehr aufmerksam gelesen werden, denn viele kleine Details fügen sich nach und nach zusammen. Sicher habe ich einige Auflösungen verpasst, da ich hier der Handlung auf den vielen Seiten teilweise nicht mehr konzentriert gefolgt war. Meine Meinung ist daher auch meinem Leseverhalten geschuldet. Der Roman hatte zudem einige Längen, sodass sich einige Passagen sehr gezogen haben. In „Welt der Flammen“, indem es um die letzte Reise des Orientexpress während des Zweiten Weltkrieges geht, konnte Monferat seine Erzählkraft auf den eingeengten Kosmos des Zuges begrenzen, mit seinem neuen Roman rückt eine ganze Stadt in den Fokus. Vielleicht war es gerade diese konzentrierte Enge, die mir im ersten Roman besser gefallen hat. Ich möchte „Der Turm der Welt“ 3 von 5 Sternen geben und eine Leseempfehlung für die aussprechen, die historische Romane mögen, welche sich an politischen Verknüpfungen orientieren.

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Nacht auf die Handfläche

Kai Gutacker
Fester Einband: 140 Seiten
Erschienen bei Das Wunderhorn, 15.08.2016
ISBN 9783884235447
Genre: Romane

Rezension:

„Nacht auf die Handfläche“  ist die erste Buchpublikation des 1990 geborenen Autors Kai Gutacker, das im Verlag Das Wunderhorn erschienen ist. Inhalt sind verschiedenen Kurzgeschichten, die Episoden aus dem Leben erzählen und auf beeindruckende Weise den Eindruck vermitteln, der Autor wäre eine ältere Person mit deutlich mehr Lebenserfahrung, denn die Art, wie Gutacker seine Figuren beschreibt und sie lebendig werden lässt, zeugt von einer ausgesprochenen Reife und Erzählkunst.

In 13 Kurzgeschichten entführt Gutacker die Leser in kleine Momente verschiedener Leben. Er berichtet  von einem gealterten Showmaster, jungen Medizinstudenten in Brasilien und einem Familienstreit, der in der Gründung einer Restaurantdynastie ausartet. Diese sind manchmal aus dem Leben gegriffen und manchmal überspitzt dargestellt. Sie alle machen Spaß und obwohl ich nicht sehr oft zu Kurzgeschichtensammlungen greife, war „Nacht auf die Handfläche“ eine kleine Schatztruhe für mich. Gutacker versteht sein Handwerk und haucht jeder Figur Leben ein. Realistisch beschreibt er die Gefühlswelten seiner Protagonisten und lässt dabei noch viel für die Fantasie der Leser offen. Hat er eine Erzählung detailliert begonnen,  hat er keine Angst davor, diese schnell abzubrechen, sodass flüchtige Situationen entstehen, denen ich gerne weiter gefolgt wäre.

Da ist der Uniprofessor, der fremden Leuten Bucheinkäufe stiehlt oder die junge Frau, die nach dem Jackpot eines Kunden in dem Casino, wo sie arbeitet, alle Hoffnungen auf diesen setzt und dann bitterlich enttäuscht wird ­ – die Figuren in Gutackers Erzählungen sind verbunden durch das Schicksal, das ihnen Schnippchen des Lebens stellt und das unausweichlich ist. Sie alle sind keine Helden und geraten in obskure, aber auch realistische Situationen. Ob diese so stattfinden? Wer weiß. Sind es nicht gerade diese skurillen Momente des Lebens, die dieses so spannend und authentisch machen?
Gutachter greift mit diesem Buch tief in die Wundertüte und bedient sich dabei gängiger Motive. Das Rad der Erzählung wurde nicht neu erfunden, aber er schafft es, diese Motive neu zusammenzusetzen. Somit sind 13 beeindruckende und tolle Kurzgeschichten entstanden, die unterhalten und Spaß machen. Ich möchte dem Band daher 4,5 von 5 Sternen geben und bin gespannt, was wir von Gutacker noch hören werden. Gerne hätte er noch einige Geschichten an das 144 Seiten lange Büchlein ranhängen können.

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30er und 40er jahre, patchworkfamilie, new york, historisch, liebesgeschichte

Straus Park

P. B. Gronda , Marlene Müller-Haas
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 27.06.2016
ISBN 9783630875040
Genre: Romane

Rezension:

In „Straus Park“ des flämischen Autors P.B. Gronda (Luchterhand Literaturverlag) geht es um die Vergangenheit zweier Familien und wie diese bis in die Gegenwart nachwirkt. Nach dem Tod seiner Eltern ist Amos Grossmann in ein psychisches Loch gefallen. Er nimmt nichts mehr ernst, nicht die Ehe zu seiner Frau Farren, noch das Geld, das ihm seine reiche Familie vererbt hat und das aus dem Handel mit Kunst stammt. Als er dann auf die englische Kunsthistorikerin Julie trifft und sich in sie verliebt, scheint es ihm zum ersten Mal wieder mit etwas ernst zu sein. Doch das Glück hält nicht lange, denn Julie ist verlobt und die Vergangenheit holt beide ein.

Gronda erzählt die Geschichte um Amos und dem ewigen Suchen in seinem Leben in 2 Ebenen. Erfahren wir in der Gegenwart vom untätigen Tagesablauf des jungen Mannes, in dem er vor sich hin lebt, ist es die Vergangenheit im Amsterdam des Zweiten Weltkrieges, über die in der Mitte des Romans berichtet wird und in der seine jüdischen Großeltern Charlotte und Markus um ihr Leben kämpfen. Doch Charlotte und Markus haben sich mit dem ersten Tag in ihrem Amsterdamer Versteck auseinandergelebt. Ohne zu viel von der Handlung verraten zu wollen, kann ich sagen, dass mich insbesondere hier das Verhalten der beiden Eheleute abgeschreckt hat. Während Markus still und leise vor sich hinlebt, lässt sich Charlotte ausgerechnet mit einem deutschen Befehlshaber ein und verrät ihre eigenen Leute. Für mich war der Einstieg in beide Ebenen sehr schwer. Im Mittelpunkt stehen immer Amos und Julie und erst am Schluss wird enthüllt, dass die beiden mehr als nur die Gefühle füreinander verbinden. Weder zu Amos, noch zu Julie konnte ich einen Zugang finden und auch die Erzählung in der Vergangenheit konnte mich nicht näher zu ihnen bringen oder Sympathie auslösen.

Wer ist Amos? Wer war Charlotte? Beide spielen mit den Gefühlen derer, die sie lieben und über beide wurde in meinem Empfinden sehr kalt berichtet. „Straus Park“ zeigt, wie uns die Taten der Vorfahren prägen und verbinden, doch in diesem Roman ist es eine negative Art, dies zu verdeutlichen. Julie gerät mitten in einen unausgesprochenen Konflikt, dessen Teil sie bereits ist und die Auflösung über die Verbindung von Amos und Julie am Ende war für mich keine große Kunst, eher erschien sie mir sehr einfach konstruiert.

Ich kann „Straus Park“ leider nur 2 von 5 Sternen geben. Ich möchte nicht von Langeweile sprechen, dennoch konnte mich der Roman nicht unterhalten und in die Handlung ziehen. Alles, was Amos und seine Familie umgibt und geprägt hat, hat mich beinahe abgestoßen und mir fehlte das Interesse an den Protagonisten. Ich hatte mir sehr viel mehr von dem Roman erhofft, denn das Vermischen von Vergangenheit und Gegenwart klang sehr interessant. „Straus Park“ soll von Liebe und Verrat, von Schuld und Überlebenswillen handeln, doch diese Aspekte waren mir insgesamt zu viel und im Roman zu gewollt eingebunden.

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kalifornien, usa

Ein Jahr in Kalifornien

Kerstin Zilm
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Verlag Herder, 16.08.2016
ISBN 9783451068829
Genre: Sachbücher

Rezension:

Hatte mich „Ein Jahr in Prag“ als weitere Neuerscheinung dieser Reihe sehr überzeugt, war die Kalifornien-Ausgabe von Kerstin Zilm eher enttäuschend. Klar ist, dass Zilm einen Traum lebt. Als Korrespondentin in Los Angeles ist sie immer am Nabel des Geschehens und es überrascht nicht, dass ihr Jahr direkt mit der Oscar-Verleihung anfängt. Interview mit Richard Gere? Check! Haus am Strand? Check! Lange Autofahrten vorbei an den Buchten mit der Chance, Wale und Delfine zu sehen? Check! Es ist möglicherweise auch der Neid, der aus mir spricht, aber ich hätte mir gewünscht, über ein etwas reflektiertes Bild des Lebens in der Metropole berichtet zu bekommen. Zilm scheint es eher darauf abgesehen zu haben, die positiven Vorzüge ihres kalifornischen Lebens wiederzugeben und diese sind natürlich nicht zu verachten. Ich hatte während der Lektüre das Gefühl, als würde etwas verschwiegen werden. Was ist mit der hohen Luftverschmutzung, mit den hohen Mieten?  Wie geht man mit der immer währenden Fröhlichkeit im Showbiz um? Wie lernt man neue Leute kennen? Während ihres Jahres in Kalifornien halten sich Zilms Bekanntschaften eher zurück, mir fehlte die Gesellschaft und Geselligkeit, die von den neu gewonnen Freunden und Bekannten im fremden Land geprägt wird. Das Jahr in Kalifornien klingt toll, doch müsste ich mich entscheiden, würde meine Wahl dann doch eher auf Prag fallen.

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prag, reisebericht, tschechien

Ein Jahr in Prag

Corinna Anton
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Verlag Herder, 16.08.2016
ISBN 9783451068621
Genre: Sachbücher

Rezension:

Als ich das letzte Mal vor zwei Jahren in Prag war, fielen mir sofort die Unmengen an Touristen auf, die das historische Zentrum verstopften. Nirgendwo war man vor den Fahnen schwenkenden Tourguides sicher und auch wir schlossen uns einer „Free Tour“ an, um die Stadt zu erkunden. Corinna Anton erzählt ihr Jahr in Prag aus einer ganz anderen Perspektive und meidet eben diese vollen Touristenhotspots. Sie ist immer auf der Suche nach neuen Geschichten, die sie für ihre Reportagen verwenden kann und interviewt so den Eigentümer eines kubistischen Kiosks, besucht das erste Obdachlosenheim Prags und unterhält sich mit älteren Damen über Politik und die Gesellschaft. Die Liebe zur Hauptstadt Tschechiens merkt man ihr von der ersten Seite an und ich war sehr beeindruckt, wie schnell sich die Autorin durch ihre erlernten Sprachkenntnisse und ihren starken Willen ein neues Leben in Prag aufgebaut hat. Anton bindet viele liebevolle Details ihrer Traumstadt ein. Sie schreibt über das tschechische Bier, den Prager Frühling und die Eigenarten der tschechischen Sprache und vermittelt so ein anregendes Bild dieser Stadt, in der man sich als Tourist immer durch die Masse kämpfen muss und stets Außenseiter bleibt. Mich hat diese „Ein Jahr in…“-Ausgabe sehr angesprochen, da sie genau das vermittelt hat, was ich mir von der Reihe wünsche; interessante Infos gemischt mit dem alltäglichen Leben, wie es nur „Daueranwohner“ begreifen. Nur einmal wagt Anton den Sprung in ein touristisches Highlight Prags, als sie mit einer Segway-Tour an den Sehenswürdigkeiten vorbeirast und zugeben muss, dass das Touristsein doch auch manchmal ein klein wenig Spaß bringen kann. Ich kann die Prag-Ausgabe nur empfehlen, denn die Liebe zu dieser Stadt und ihren Einwohnern kommt hier auf jeder Seite zur Geltung und gibt zudem Anreiz, Prag von einer komplett neuen Seite kennenzulernen.

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Die Farben des Nachtfalters

Petina Gappah , Patricia Klobusiczky
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Arche, 26.08.2016
ISBN 9783716027509
Genre: Romane

Rezension:

Petina Gappahs Roman „Die Farben des Nachtfalters“ (Arche)handelt von der Albinofrau Memory, die nach einer Verurteilung zum Tode in Simbabwes Gefängnis Chikurubi sitzt und mit der Unterstützung einer amerikanischen Journalistin ihre Geschichte erzählt. So schreibt sie über ihre Erinnerungen – von ihrer Kindheit, die geprägt war von einem liebevollen Vater und einer unberechenbaren Mutter, den Verkauf ihrer Person als Neunjährige an den reichen weißen Großgrundbesitzer Lloyd Hendricks und schlägt so die Brücke zu den Grundsteinen ihrer Verurteilung und ihres Leids.

Positiv aufgefallen ist mir in der Übersetzung sofort die Verschriftlichung des Erwachsenwerden Memorys, die ihre Erinnerungen an ihre Kindheit auch sehr kindlich und unschuldig wiedergibt und sich dann mit zunehmenden Alter immer weiter an eine reifere Sprache anpasst. Mit dieser Sprache wächst sie noch einmal auf, reflektiert das Geschehen und schafft eine sehr persönliche Atmosphäre. Durch das Erzählen ihrer Erinnerungen wird sie dazu gezwungen, Situationen anders zu beurteilen. Der Originaltitel „The Book of Memory“ passt in meinem Empfinden viel besser zur Handlung als der deutsche, impliziert er doch sowohl das Notizbuch, in dem Memory alles aufschreibt und gleichzeitig den Inhalt des Selbigen. Nach und nach erfahren die Leser mehr über das Zusammenleben mit ihrer Familie und dem Bruch, der sich nach dem Verkauf an den homosexuellen Lloyd durch ihr Leben zieht. Lloyd gibt ihr alles; ein Heim, eine gute Ausbildung und kümmert sich liebevoll um das heranwachsende Mädchen. Sie beide sind Außenseiter und was sie zu anfangs verbindet, wird sie später trennen und sogar zum Tode Lloyds führen, für den Memory angeklagt wird. Diese Verurteilung zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung. Nach und nach kommen immer mehr Details hervor und bis zum Schluss war ich mir nicht sicher, ob Memory zu recht in der Todeszelle sitzen könnte. Am Ende steht die große Auflösung – über den Verkauf der jungen Memory und den Mord an Lloyd – gleichzeitig gibt es aber ein offenes Ende.

Ihr ganzes Leben lang hat sich Memory gefragt, woher ihre Alpträume einer aus dem Wasser kommenden und sie verschlingenden Chimäre kommen und warum ihre Eltern sie verlassen haben. Gerade die Auflösung dieser Fragen ist es, die für mich am Ende etwas zu viel war und zu plötzlich. Auch der viele Wechsel zwischen Memorys Erinnerungen und der Gegenwart im Gefängnis geschah manchmal zu heftig.  Die Passagen mit ihren Mitgefangenen waren trotz der Ernsthaftigkeit sehr leicht und locker, doch auch hier wurde nicht unbedingt das Bild eines „berüchtigten Gefängnisses“ wiedergegeben, wie ich es mir vorgestellt hätte. Man könnte fast denken, Memorys Aufenthalt in Chikurubi sei durch die netten Mithäftlinge und die vergleichsweise freundlichen Wärterinnen eigentlich recht angenehmen. Insgesamt kann ich „Die Farben des Nachtfalters“ daher leider „nur“ 3 von 5 Sternen geben.

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familie, vater-tochter-beziehung, lebensgeschichte

Vater des Regens

Lily King , Sabine Roth
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 29.08.2016
ISBN 9783406698057
Genre: Romane

Rezension:

Nach „Euphoria“ ist nun mit „Vater des Regens“ der nächste Roman von Lily King als Übersetzung im C.H. Beck Verlagerschienen. Entführte die Autorin die Leser in ihrem letzten Buch in die Welt der Anthropologie und verknüpfte die exotische Welt Papua-Neugineas mit Beziehungsgeflechten, hat sie sich für „Vater des Regens“ eine bodenständige Kleinstadt an der amerikanischen Ostküste ausgesucht. Im Mittelpunkt steht eine Vater-Tochter-Beziehung, die in drei Teile eingeteilt ist und verschiedene Zeiten beleuchtet. So beginnt sie mit der Trennung der Eltern, die die elfjährige miterleben muss und endet über zwanzig Jahre später.

Es ist der Pool im Garten der Familie, der der Mittelpunkt des Geschehens ist und den Gardiner extra für seine Tochter Daley gebaut hat. Hier versammelt sich die Nachbarschaft, hier werden Partys gefeiert und Schwimmstunden gegeben. Lily King eröffnet ihre Geschichte mit der sofortigen Gewissheit, dass diese Idylle ein Ende hat. Dass die Mutter sich trennen und den Sommer mit ihrer Tochter bei den Großeltern verbringen wird, ist bereits bewusst, nur der Vater ist ahnungslos. Gardiner ist ein lebenslustiger Mensch, den Daley vergöttert. Es ist erstaunlich, mitanzusehen bzw. zu lesen, wie schnell diese Beziehung im Folgenden auseinanderbricht. Schnell haben Vater und Mutter neue Partner kennengelernt und Daley steht plötzlich ohne Anker da. Es ist ausgerechnet die Mutter von Daleys bestem Freund, die sich von nun an mit ihren Kindern am Pool räkelt und die des Vaters neue Familie wird. Der Abstieg beginnt langsam. Daley fühlt sich immer weniger geliebt, Gardiner trinkt immer mehr, die Familien werden immer zerrütteter. Ihr einstiges Zuhause wird für Daley immer mehr zu einer Farce und sie wünscht sich nichts sehnlicher, als die Anerkennung ihres Vaters zu bekommen. Es tut weh, diesen Abstieg mitzuerleben, der aus der Ich-Perspektive Daleys erzählt wird. Die Autorin hat es mit nur wenigen Situationen am Anfang geschafft, die Liebe des Vaters und der Tochter so darzustellen, dass ich mir wünschte, sie würde alles umkehren. Doch das Happy-End folgt nicht.

Die Handlung springt nach dem erfolgreichen Studium Daleys. Ihren Vater hat sie schon lange nicht mehr gesehen, zu fremd sind sie sich geworden, als der Anruf ihres älteren Bruders Garvey sie erneut nach Hause holt. Ihr Vater hat erneut seine Frau verloren, die ihn verlassen hat und droht abzustürzen. Trotz der Differenzen und des Auseinanderlebens ist es Daley, die ihrem Vater zu Hilfe kommt und Struktur in sein Leben bringt. Angetrieben von der Hoffnung, aus ihrem Vater einen selbstständigen Mann zu machen, lässt sie alles zurück und gibt sich ganz für Gardiner auf. Die Passage ist geprägt von Misstrauen und Vorwürfen, dennoch wird das Band der beiden immer enger. Lily King schafft hier eine einzigartige Atmosphäre und zeigt erneut, wie gut sie mit Charakteren spielen kann. Es passiert nicht viel über die Seiten, aber zwischen den Zeilen steht so vieles – die Liebe zur Familie, die Aufgabe und Hoffnung, Verrat und Schuld. Als King dann einen erneuten Sprung wagt, ist es für mich beinahe unerträglich gewesen, die erneute Trennung Daleys und Garviners zu vernehmen.

„Vater des Regens“ ist ein zutiefst bewegender Roman, in dem man sich an die kleinen Lichtblicke klammert. Lily Kings Erzählung ist nicht aufregend oder außergewöhnlich. Sie bedient sich eher den gängigen Formen, schafft es aber dabei, eine neue Gefühlswelt zu erwecken und die Leser zu damit beeindrucken. Ich habe mit den Charakteren mitgefiebert und fühlte mich mit ihnen verbunden, von mir gibt es dafür 4 von 5 Sternen.

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Briefe aus Amerika

Joachim Zelter
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Klöpfer & Meyer, 25.07.2016
ISBN 9783863514235
Genre: Romane

Rezension:

Joachim Zelters „Briefe aus Amerika“ aus demKlöpfer & Meyer Verlag handelt von einem frisch promovierten Absolventen, der aus der deutschen Provinz an die Yale-Universität geschickt wird, um Deutsch zu unterrichten. Hier angekommen, erlebt er eine obskure Situation nach der nächsten und schildert diese in kürzeren Passagen.

Scheinbar vollkommen willenlos wird der Protagonist von seinem Professor für die renommierte Universität vorgeschlagen und tritt das Abenteuer USA an. So richtig überzeugt scheint auch er nicht zu sein und bestätigt so immer wieder die Fragen seiner Mitmenschen „Warum Amerika?“. In diesem Warum-Zustand verweilt anschließend die gesamte Erzählung. Zelter lässt seinen Protagonisten auf viele wunderliche Personen treffen, obwohl dieser während der gesamtem Erzählspanne merkwürdig allein bleibt und komplett für sich steht. Da gibt es die Nachbarin, die ihre Dienste als Prostituierte anbietet, die andere Nachbarin wiederum, die jeden Tag brav Zuhause auf den Ehemann wartet, der schon längst angehauen ist, den gefeierten Deutsch-Professor, der alle in den Schatten stellt – die Hauptfigur bewegt sich in einem wilden Kosmos und schafft es nicht, sich wirklich zu integrieren. Zelters Sprache bleibt hierbei sehr sachlich, sodass man das Gefühl hat, der Protagonist ließe alles auf sich zukommen.

Frei nach dem Motto  „Was muss, das muss“ hangelt er sich so von einer Woche in die nächste ohne einen wirklichen Plan zu haben. Als Lehrer an der Yale? Was sich viele andere wünschen, wird für den Protagonisten eigentlich sofort zum Alptraum – die Wohnung ist schäbig, die Studenten wollen nicht richtig (und wie soll er überhaupt Deutsch lehren, wenn seine einzige Antwort auf komplizierte Grammatikfragen die es, dass es nun einmal so sei…) und die Stadt überzeugt auch nicht.

Zelter, der selbst ein Austauschjahr an der Yale verbrachte überspitzt die Situationen im Verlauf der Handlung immer mehr, sodass es am Schluss nur noch zur Katastrophe kommen kann. Am Ende steht erneut die Frage des Warums und danach, was Wirklichkeit und was Lüge ist. Wer hier einen ernsthaften Einblick in die Welt der Eliteuniversität erwartet, der ist sicher enttäuscht – auch mein Interesse war zu anfangs eher durch die Erfahrungen des Autors geweckt. So ganz packen konnte mich der Roman leider nicht. Der beworbene „Kultroman“ war für mich kein Highlight, hat mich aber mit den schrägen Ereignissen und den skurrilen Figuren unterhalten und damit definitiv seinen Zweck erfüllt – ich gebe dafür 3,5 von 5 Sternen.

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Elf Arten, das Eis zu brechen

Hans Christoph Buch
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 28.07.2016
ISBN 9783627002305
Genre: Romane

Rezension:

„Elf Arten, das Eis zu brechen“ von Hans Christoph Buch aus der Frankfurter Verlagsanstalt ist eine wilde Aneinanderreihung von Geschichten, die auf den ersten Blick scheinbar nur sehr lose miteinander zu verknüpfen sind. In diesen wagt sich der Romancier zum ersten Mal an die Einbindung seiner Familie, in der laut Klappentext ein dunkles Geheimnis „nicht besprochen, sondern verschwiegen werden soll“. Dabei unterteilt er alles in drei Grundkapitel: „Wo bin ich?“, „Woher komme ich?“ und „Wohin gehe ich?“

„Wo bin ich?“ – Als Verfasser von Reportagen bereiste Buch auch viele gefährliche Regionen, die in diesen Kapiteln angerissen werden. So berichtet er von Reisen nach Russland, Kambodscha und Haiti, in denen er sich von Geheimdiensten verfolgt fühlt, sich mit Opfern der Roten Khmer trifft und auch seine eigene familiäre Vergangenheit einbezieht, wenn es um seine Großmutter in Port-au-Prince geht, deren erste Verlobung aufgelöst werden muss, weil die NSDAP dem deutschen Verlobten aufgrund der Hautfarbe Jeanne Buchs die Vermischung der Rassen durch eine Hochzeit untersagte. Wirken die ersten Erzählungen noch literarisch, basiert die Passage der Vorfahren Buchs aus zusammengestellten Briefen und Dokumenten. Für mich ist dieser Teil der stärkste, ist er mir am meisten im Gedächtnis geblieben und macht klar, wo Buch passend zur Kapitelüberschrift in seinem Leben steht.  Weiterhin vermittelt er kurze, aber spannende Einblicke in das Leben seiner Interviewpartner.

„Woher komme ich?“ – Eigentlich hätte schon die „haitische Passage“ hier dazugehört, doch Buch zieht den Kreis enger und berichtet von seinen Eltern, denen er nach seinen Tod mit Erinnerungen gedenkt, aber ebenfalls nicht Halt macht vor Dingen, die lieber verborgen geblieben wären. Es ist eine sehr ehrliche Art zu berichten, wenn Buch in einer Form ohne Punkt und Komma von den Gedanken über seine Mutter schreibt und über die Dinge, die er mit ihr verbindet. Leider konnten mich die Kapitel nicht wirklich mitreißen, da die Erzählungen in meinem Empfinden sehr sachlich abgehandelt werden und mich nicht berühren konnten.

„Wohin gehe ich?“ – Die Frage, wohin Buch mit dem dritten und letzten Kapitel geht, habe ich mir während der Lektüre leider auch gestellt. Er sucht seinen Alten Ego, den Ornithologen Hans Busch und reist zur Antarktis. Ab diesen Moment wurde mir der Text leider zu wirr und ich wusste nicht genau, was mir der Autor gerade eigentlich sagen soll. Ist es real, skurril oder eine Komödie?

11 Arten, das Eis zu brechen – 11 Kapitel, die Buch in drei Teile gliedert. Dem Autor ist es wunderbar gelungen, seine Texte mit klaren Überschriften zu definieren, dann aber zu Erzählungen zu greifen, die scheinbar doch nichts mit diesen zu tun haben und deren Sinn sich der Leser erst erarbeiten muss. Ich hatte während des Lesens das Gefühl, mir würde ein Puzzleteil zur Entschlüsselung fehlen – der Geistesblitz, der mich klar sehen beziehungsweise lesen lässt. „Elf Arten, das Eis zu  brechen“ war mein erstes Buch des Autors und ich fürchte, dass sich dieses nicht als Einsteiger eignet. Hatte mich schon das wirklich tolle Cover mit einem Kunstwerk von Caspar David Friedrich angelockt, konnte mich der Klappentext komplett davon überzeugen, das Buch lesen zu wollen. Leider hatte ich nach der Lektüre das Gefühl, etwas ganz anderes gelesen zu haben, als angekündigt war. Noch immer weiß ich nicht so recht, was ich da eigentlich vor mit hatte. Eine Reisereportage? Eine Biografie? Eine Sammlung wilder Kurzgeschichten? Ich kann dieser Mischung leider nur 2,5 von 5 Sternen geben, aber trotzdem eine Leseempfehlung aussprechen, da ich mir sicher bin, dass „Elf Arten, das Eis zu brechen“ zu den Texten gehört, die das Publikum spalten. Was mir gefehlt und nicht gefallen hat, ist für viele sicher eine grandios unterhaltsame und spannende Lektüre, intelligent ist sie allemal.

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pieter steinz, rezension, kultur, rezensionsexemplar, europa

Typisch Europa

Pieter Steinz , Christiane Burkhardt
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Knaus, 12.09.2016
ISBN 9783813507287
Genre: Sachbücher

Rezension:

Was verbindet die Europäer über ihre Landesgrenzen hinaus? Welche Literaturhelden, Kunstwerke, Lieder und Begriffe stoßen auch tausende Kilometer von ihrem Ursprungsort entfernt auf Begeisterung? Pieter Steinz beschreibt in der Einleitung seine jahrelange Suche nach den 100 Ikonen Europas. Als Kunst- und Literaturkritiker hat er diese auf die Künste beschränkt und in 8 Kategorien eingeteilt (Architektur, Bildende Künste, Musik etc. – der Block „Verschiedenes“ bietet Platz für den „Rest“). Diese Einteilung mit offensichtlicher Auslassung wichtiger großer Bereiche wie den Naturwissenschaften, der Politik oder der Religion kann bereits zu Beginn auf Kritik stoßen, zu Recht weist der Autor jedoch darauf hin, dass die Einbeziehung eben dieser Bereiche zu einer Ausuferung des Buches geführt hätte und es bereits andere Werke mit diesem Inhalt gibt. Für mich ist die Runterbrechung auf 100 Stationen der Künste Europas genau das richtige um unseren Kontinent gedanklich zu bereisen. Steinz verbindet hierbei die Popkultur mit der Hochkultur und zieht so ein faszinierendes Bild durch die Jahrhunderte, in denen sich die Beatles und Beethoven in nichts nachstehen.

„Typisch Europa“ ist kein Buch, das man in einem Rutsch liest. Es lädt vielmehr dazu ein, immer wieder darin zu blättern, kurze Passagen zu lesen und neue Stationen zu entdecken. Essays fassen einzelne Themen noch einmal zusammen, sodass zu den 100 Ikonen noch ganze Themenblöcke einbezogen und eingeführt  werden, so beispielsweise die britischen Rätsel-Krimis oder die Romantik. Durch die vielen Bildern und dem Register wird das Sachbuch sehr gut abgerundet, Highlight sind die Landkarten, auf denen Routen der europäischen Kulturgeschichte (z.B. Literatur, Musik und Architektur) eingezeichnet sind.  „Typisch Europa“ ist kein Lexikon oder Lehrbuch, es ist eher eine spielerische Einführung in die Kulturgeschichte Europas, die auch mit Klischees arbeitet und wild hin und her springt. Das BILLY-Regal hat hier ebenso seinen festen Platz wie der Eurovision Song Contest und neben der italienischen Renaissance-Malerei wird natürlich auch die sogenannte „Anti-Kunst“ mit Dadaismus eingebunden.

Pieter Steinz hat mit „Typisch Europa“  eine großartige kleine Welt geschaffen, in der sich die Leser wiederentdecken. Pippi Langstrumpf, Harry Potter oder Tim und Struppi – sie haben meine Kindheit und Jugend ebenso geprägt wie viele andere in ganz Europa auch und es ist wunderbar, diese Figuren unter den 100 Ikonen wiederzufinden und so eine ganz persönliche Beziehung zu der Kultur Europas nachvollziehen zu können. Beim bloßen Durchblättern stachen schon so viele Kapitel und Bezeichnungen hervor, die mich an meine eigenen Erfahrungen, Reisen und Interessen erinnerten und die Grenzen Europas verschwimmen ließen. Ich vergebe sehr gerne 5 von 5 Sternen und freue mich sehr, noch viel mehr neues und altes aus diesem Buch herausziehen zu können.

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