takabayashis Bibliothek

61 Bücher, 61 Rezensionen

Zu takabayashis Profil
Filtern nach
61 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(45)

62 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 44 Rezensionen

hollywood, krimi, skandal, drogen, fatty arbuckle

Der Mann, der nicht mitspielt

Christof Weigold
Fester Einband: 640 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 15.02.2018
ISBN 9783462051032
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein dicker Schinken, aber keine Sekunde langweilig!
Hardy Engel, ein deutscher Einwanderer aus Mannheim, versucht im Jahr 1921 in Hollywood sein Glück als Schauspieler. Aber außer kleineren Statistenrollen hat er noch nichts an Land ziehen können. Der Ex-Polizist und Kriegsveteran braucht dringend eine Einnahmequelle und bietet daher seine Dienste als Privatdetektiv an.
Ein hübscher Rotschopf namens Pepper heuert ihn an, um ihre verschwundene Mitbewohnerin Virginia zu suchen. Und schon steckt Hardy ganz tief drin im Hollywood-Sumpf - nichts ist wie es scheint, es wird gelogen, vertuscht, gehurt, gesoffen (trotz oder gerade wegen der Prohibition), gekokst, vergewaltigt und gemordet ... Harvey Weinsteins Vorläufer waren auch nicht besser!
In der damaligen, noch relativ jungen, Filmindustrie wimmelt es von Einwanderern, viele Deutsche, aber noch mehr Osteuropäer dominieren die Szene.
Der sympathische Protagonist Hardy findet die junge Frau, die er suchen soll, kurz darauf ist sie jedoch tot. Außerdem gibt es im Umfeld des Falles drei weitere Tote. Hardy verbeißt sich in den Fall, bekommt Ärger mit den Vertretern einiger Filmstudios, lässt sich von einem tollen Job als Sicherheitschef bei Universal ködern, um schlussendlich festzustellen, dass Korruption ihm einfach nicht liegt und sein Bedürfnis, die Wahrheit aufzudecken, größer ist als sein Wunsch nach einem komfortablen Leben.
Spannend geschrieben und gut recherchiert, zeichnet der Autor ein authenthisch wirkendes Bild der damaligen Zeit. Als bekennende Cineastin hatte ich viele Aha-Erlebnisse und habe mich bestens unterhalten gefühlt, denn dieser Krimi ist ganz großes Kino. Ich habe ihn ziemlich schnell verschlungen und freue mich auf den zweiten Band!

  (1)
Tags: 20er jahre, filmindustrie, hollywood, krimi, metoo   (5)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(83)

109 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 77 Rezensionen

krimi, sauerland, spieluhr, mord, linus geschke

Das Lied der toten Mädchen

Linus Geschke
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 12.01.2018
ISBN 9783548289311
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Das Buch ist der dritte Band einer Serie, lässt sich aber auch ohne Kenntnis der ersten Bände gut und ohne Verständnisprobleme lesen.
Der Journalist Jan Römer ist ein sympathischer Protagonist, der mit privaten Problemen zu kämpfen hat (Ex-Frau, Sorgerecht für den elfjährigrn Sohn) und sich beruflich mit unaufgeklärten Kriminalfällen beschäftigt. Seine Kollegin "Mütze" hat einen interessanten 20 Jahre alten Fall ausgegraben, den sich die beiden genauer vornehmen wollen. Eine Neunzehnjährige in einem roten Kleid war 1997 in einem abgelegenen Waldstück im Sauerland tot aufgefunden worden und eine neben ihr liegende Spieluhr spielte "Hush, Little Baby". Der Täter konnte nie gefunden werden.
Die beiden Journalisten beginnen ihre Recherchen im Umfeld der Toten, sprechen unter anderem mit der Mutter, einem Lehrer, dem Exfreund und 2 Freundinnen der Toten und stoßen auf einen erstaunlichen Zusammenhang mit der Tätigkeit des Verfassungsschutzes. Und am Ende gelingt es ihnen tatsächlich, diesen "cold case" aufzuklären.
Sehr spannend und sehr überzeugend, wie die beiden sich Schritt für Schritt an die Auflösung heranarbeiten und auch immer wieder falsche Schlüsse ziehen. Man lässt sich auch als Leser immer wieder auf falsche Fährten locken, der Ausgang ist nicht vorhersehbar und kam für mich völlig überraschend. Ein ungewöhnlicher Krimi, der die Spannung bis zum Ende aufrechterhalten kann.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(77)

117 Bibliotheken, 8 Leser, 2 Gruppen, 64 Rezensionen

liebe, deutschland, arktis, diogenes verlag, olga

Olga

Bernhard Schlink
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 12.01.2018
ISBN 9783257070156
Genre: Romane

Rezension:

          Ein Buch, das in drei - recht unterschiedliche - Teile geteilt ist. Im ersten Teil lernen wir die Titelfigur Olga als Kind kennen. Zeit: Irgendwann in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Sie kommt aus einer armen Familie und wächst zunächst in Breslau, später dann, nach dem frühen Tod der Eltern, bei ihrer Großmutter in Pommern auf. Dort verbindet sie bald eine Freundschaft mit Herbert und Viktoria, den Kindern des wohlhabendsten Mannes des Ortes. Olga und Herbert werden beide ausführlich beschrieben, aber auf eine irgendwie distanzierte Weise. Olga ist extrem lernbegierig und wissensdurstig, Herbert liebt die Weite des Landes, er geht nie, er rennt immer. Die beiden verlieben sich ineinander, aber Herberts Eltern, die Olga in Kindheitstagen als Spielkameradin geduldet hatten, könnten sie nie als Herberts Ehefrau akzeptieren. Außerdem ist Olga sehr beschäftigt damit, ihre Ausbildung zur Lehrerin abzuschließen und Herbert gibt seinem Bewegungsdrang nach und unternimmt Reisen und Expeditionen in unterschiedliche Teile der Welt. Trotzdem verbindet die beiden eine innige Beziehung und sie verbringen so viel Zeit wie möglich miteinander.
Am Ende des ersten Teils wird klar, wer der Erzähler ist, nämlich ein Mann, in dessen Familie Olga später als Näherin gearbeitet hat. Damit beginnt der zweite Teil, in dem der Mann - damals noch ein Kind - über seine Beziehung zu Olga (für ihn zuerst noch "Fräulein Rinke")  bis zu ihrem Tod als Neunzigjährige berichtet. Er weiß viel über Olga, aber es bleiben doch Geheimnisse, die ihm keine Ruhe lassen. Dann, im dritten Teil, gelingt es ihm, alte Briefe von Olga an Herbert zu finden und nun hören wir endlich Olga selbst sprechen. Dieser Teil ist erheblich emotionaler und die Puzzleteile fügen sich für den Leser zusammen.
Natürlich kann Bernhard Schlink gut schreiben, keine Frage. Aber obwohl es sich um durchaus interessante Lebensgeschichten vor dem Hintergrund von fast 100 Jahren deutscher Geschichte handelt, kamen die Figuren mir nicht nahe. Dies ist kein Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte, im Gegenteil, beim Mittelteil habe ich irgendwann eine Pause eingelegt und zwischendurch einen Krimi gelesen ... Erst im letzten Teil des Romans wurde ich emotional involviert, da hat mich das Buch gepackt, und ich konnte Anteil nehmen am Schicksal dieser Frau. Der Roman ist nicht schlecht, aber insgesamt doch etwas unbefriedigend.
       

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(88)

109 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 89 Rezensionen

krimi, berlin, havelland, profiler, strichermilieu

Dunkel Land

Roxann Hill
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 13.11.2017
ISBN 9783959671385
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Das ist doch einmal ein ungewöhnliches (und zuerst eher unfreiwilliges) Ermittlerteam: Der aus adliger Familie stammende Profiler, der aufgrund einer Schussverletzung Probleme mit seinem Kurzzeitgedächtnis hat und die junge Literaturwissenschaftlerin in Geldnöten, die gerade Adoptivmutter für die Tochter ihrer verstorbenen Schwester geworden ist, von ihrem Partner verlassen wurde, ihren Unijob verloren hat und als "Kindermädchen" für den Adelsspross eingestellt wurde. Wobei sie Kindermädchen wörtlich verstanden hatte und nicht darauf gefasst war, einen Erwachsenen zu betreuen. Und auch nicht darauf, mit ihm einen gräßlichen Mordfall aufzuklären ...
Der Prolog hätte mich warnen sollen - ich hasse die in letzter Zeit bei zahlreichen Autoren immer populärer werdende Angewohnheit, den Täter selbst sprechen zu lassen! Außerdem handelt es sich um extrem grausame Morde im Berliner Strichermilieu. Ansonsten kommt der Krimi allerdings eher cosymäßig daher, ja hat sogar eine Tendenz zur Liebesschmonzette. Verena Hofer ist hin und weg, als sie zum ersten Mal in Carl von Wuthenows violette (!) Augen schaut.
Ich hatte gemischte Gefühle bei der Lektüre, die anfängliche Begeisterung legte sich allmählich. Das Setting (Gut Wuthenow in Brandenburg) und die Ausgangslage fand ich ganz spannend, auch die übrigen Protagonisten (die Angestellten in Wuthenow, Kommissar und Staatsanwältin) ganz interessant, die Verbrechen waren mir für einen Cosy-Krimi zu grausam (perverse Serienmörder versuche ich zu meiden), die Interaktion der Protagonisten untereinander hatte etwas zu wenig Konflikte und die Verdächtigen kamen aus der Klischeekiste. Alles in allem bin ich hin und hergerissen, werde aber dem sympathischen Ermittlerduo noch eine zweite Chance geben, wenn (falls?) die Serie fortgesetzt wird.

  (3)
Tags: adliger profiler, berlin, fontan, gut wuthenow in brandenburg, literaturwissenschaftlerin, ribeck, strichermilieu   (7)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(72)

99 Bibliotheken, 3 Leser, 3 Gruppen, 65 Rezensionen

krimi, norwegen, frankreich, mord, munch

Kreuzschnitt

Øistein Borge , Andreas Brunstermann
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Droemer Taschenbuch, 01.09.2017
ISBN 9783426306048
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Bogart Bull, Ermittler bei der Kripo Oslo, hat eine schwere Zeit hinter sich - seine Frau und seine Tochter sind von einem jungen Vergewaltiger aus steinreicher Familie, den Bull überführt und ins Gefängnis gebracht hatte, vorsätzlich angefahren und getötet worden. Daraufhin hatte er sich in den Alkohol geflüchtet, hatte sich dann aber von den vereinten Kräften seines Vaters und seiner Chefin zu einer Entziehungskur überreden lassen. Nun verordnet ihm seine Chefin ein neues Betätigungsfeld: er soll bei einem Projekt von Europol mitarbeiten, bei dem es darum geht, die örtliche Polizei zu unterstützen, wenn es um Mordfälle an Ausländern geht.
Mittlerweile ist in Südfrankreich der außerordentlich vermögende norwegische Geschäftsmann Axel Krogh in seiner Villa ermordet und geschändet aufgefunden worden. Außer einem unsignierten Bild von Edvard Munch scheint nichts zu fehlen, die anwesenden Freunde und Familienmitglieder haben alle ein Alibi.
In Rückblenden in das Jahr 1943, in denen es um deutsche Besatzer und Mitglieder der französischen Résistance geht, erschließt sich dem Leser allmählich, dass es einen Zusammenhang zwischen dem heutigen Verbrechen und den damaligen Geschehnissen geben muss.
Eine noch weiter zurückliegende Erzählebene erklärt die Entstehung und Geschichte des Munch-Bildes, das während eines Sommeraufenthaltes - heute würde man sagen Workshop - von Matisse, Munch und 5 anderen Malern gemalt wurde.
Kommissar Bull uns sein französischer Partner werden relativ schnell miteinander warm und arbeiten sehr gut zusammen, doch letztendlich ist es Bull, der die entscheidenden Erkenntnisse hat.
Sehr locker und gut geschriebener, und, auch wenn der Ermittler ein eher tragisches Schicksal hat, tendenziell amüsanter Krimi aus Norwegen, nicht so düster und schwerblütig wie skandinavische Krimis sonst oft sind. Gute, knappe Charakterisierungen der auftretenden Personen, die größtenteils sympathisch wirken. Sehr spannende Geschichte, deren Auflösung bis zum Ende nicht vorhersehbar ist. Falls Kommissar Bull noch weitere Fälle aufklären sollte, werde ich ihn mit Sicherheit dabei begleiten.

  (2)
Tags: bogart bull, deutsche besatzer, edvard munch, krimi, norwegen, résistance, südfrankreich, zweiter weltkrieg   (8)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(67)

122 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 61 Rezensionen

moskau, hotel, gentleman, russland, hausarrest

Ein Gentleman in Moskau

Amor Towles , Susanne Höbel
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 08.09.2017
ISBN 9783471351468
Genre: Romane

Rezension:

Graf Alexander Iljitsch Rostov, der Verfasser des Gedichts "Wo ist es jetzt", wäre wohl als Angehöriger der adligen Klasse standrechtlich erschossen worden, wenn er nicht als Urheber jenes Gedichts von einigen hohen Funktionären als Held der vorrevolutionären Zeit geschätzt würde, so dass das Notstandskomitee des Volkskommissariats ihn stattdessen zu lebenslangem Hausarrest im Hotel Metropol verurteilt. Allerdings muss er seine bisher bewohnte Suite verlassen, in ein winziges Dachkämmerchen umsiedeln und muss sich aus Platzmangel von diversen Besitztümern verabschieden. Gleichwohl nimmt dieser russische Gentleman die Veränderungen seiner Situation gelassen hin und feiert sein Überleben mit einigen Hotelangestellten und seinen letzten zwei Flaschen Cognac in seinem schäbigen Kämmerchen. Immerhin hat er einen Attachékoffer mit 52 Gläsern retten können.
Erst am nächsten Morgen wird ihm vollends bewusst, wie eingeschränkt sein Lebensraum in Zukunft sein wird.
»Mein Roman erzählt von Gefangenschaft und Widerstand, von Bildung, Höflichkeit und Integrität. Und von der Bestimmung, die jeder für sich finden muss.« beschreibt der Autor Amor Towles sein Werk.
Der Graf versteht es, ohne Murren sein Schicksal anzunehmen und mit einigem Erfindungsreichtum das beste daraus zu machen. Er darf das Hotel nicht mehr verlassen, doch die Welt kommt zu ihm. Späterhin beginnt er als Kellner im eleganten Hotelrestaurant zu arbeiten und bildet mit Emile dem Chefkoch und Andrei dem Maitre d'hotel ein einflussreiches Triumvirat, die Seele des Restaurants. Die beiden so wie auch Marina die Näherin werden ihm zu guten Freunden.
Zu Beginn des Romans 1922 ist Alexander Anfang 30, am Ende 1954 ist er Mitte 60.
Die Nutzung des Hotels und die Besucher des Restaurants spiegeln den Verlauf der jüngeren russischen Geschichte. Ein alter Freund sagt einmal zu Alexander, dass er wohl der glücklichste Mensch in ganz Russland sei. Und tatsächlich hat er trotz der Einschränkungen ein erfülltes Leben geführt. Zwei kleine Mädchen haben viel Raum in seinem Leben eingenommen: erst Nina, die mutterlos mit ihrem Vater im Hotel lebt und Alexander in die Welt hinter den Kulissen des Hotels einführt. Nina wächst heran und verschwindet wieder, kommt aber eines Tages zurück und vertraut ihm ihre Tochter an, die er dann wie seine eigene Tochter aufzieht.
Towles erzählt diese Geschichte mit leiser Ironie und feinem Humor ohne durchgehenden Handlungsfaden, in vielen liebevoll geschilderten Episoden voller Atmosphäre. Der Graf ist mir ans Herz gewachsen, eine rundum sympathische Figur, dessen Jahre im Hotel Metropol ich mit großem Lesevergnügen verfolgt habe. Am Ende des Romans erwartet den Leser noch ein Paukenschlag, der ihn beglückt und zufrieden zurücklässt - und mit leichtem Bedauern darüber, dass das Buch schon zu Ende ist. Für mich einer der schönsten Romane seit langem!

  (3)
Tags: russische revolution   (1)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(18)

22 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 18 Rezensionen

mord, schule, schweden, nordschweden, krimi

Der Fall Kallmann

Håkan Nesser , Paul Berf
Fester Einband
Erschienen bei btb, 30.10.2017
ISBN 9783442757282
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Bisher habe ich noch nie etwas von Hakan Nesser gelesen, weil mir die Tristesse und Brutalität der mir bekannten skandinavischen Krimis irgendwann so gegen den Strich gingen, dass ich dieses Genre vermied.
Ein Fehler, wie sich nun herausstellt, denn dieser Roman hat mit den gängigen Schwedenthrillern nichts gemein. Eigentlich ist es gar kein typischer Kriminalroman, eher ein Sittengemälde aus einer nordschwedischen Kleinstadt mit tiefen Einblicken in den Schulalltag an einer Gesamtschule.
Ein kauziger, jedoch ziemlich beliebter Schwedischlehrer, Eugen Kallmann, ist unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Die Polizei konstatiert einen Unfall und schließt den Fall. Doch im Kollegium und bei den Schülern zweifeln viele an der Unfalltheorie.
Leon Berger, Kallmanns Nachfolger, nach dem Unfalltod seiner Frau und seiner Tochter aus Stockholm hierher geflüchtet, findet in Kallmanns altem Schreibtisch dessen Tagebücher. Er kann der Versuchung nicht widerstehen, darin zu lesen.
Die Handlung des Romans wird aus der Sicht von mehreren Leuten erzählt, hauptsächlich sind das diese vier: Leon, der Mathematiklehrer Igor, die Beratungslehrerin Ludmilla und die fünfzehnjährige Schülerin Andrea, die irgendwie ein Angelpunkt der Geschichte zu sein scheint.
Die drei Lehrerkollegen schließen sich zusammen und "ermitteln". Alle drei haben die Tagebücher gelesen und rätseln an deren Inhalt herum. Was ist Wahrheit, was Fiktion? Hat Kallmann wirklich ale Elfjähriger seine Mutter ermordet, weil sie seinen Vater betrogen hatte? Kann es tatsächlich sein, dass Kallmann niemandem mehr in die Augen schaute, weil er in den Augen erkennen konnte, ob jemand schon einmal gemordet hat? Offensichtlich hatte er einen Mörder erkannt und plante, in welcher Form auch immer, diesen zu "richten".
Durch die Berichte aus unterschiedlichen Perspektiven erschließen sich die Puzzleteile allmählich, so dass das Buch doch den Sog eines Kriminalromans entwickelt und man (also ich jedenfalls) das Buch nicht mehr weglegen kann und die ganze Nacht durchlesen muss.
Großartig geschriebener Gesellschaftsroman, der uns zeigt, dass sich sogar im liberalen Schweden rassistische, fremdenfeindliche Tendenzen ausbreiten und dass "Multikulti" auch dort nicht immer reibungslos funktioniert.
Der Roman lässt sich viel Zeit (immerhin 570 Seiten) und wir lernen auch die Hauptcharaktere ziemlich gut kennen. Wenn dann endlich alle Puzzleteile zusammenpassen ist man als Leser zufrieden, wenn auch etwas traurig.
Ein fulminantes Werk, unbedingte Leseempfehlung!

  (2)
Tags: fremdenfeindlichkeit, schulalltag, schweden   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(83)

120 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 71 Rezensionen

krimi, england, weihnachten, mord, klassiker

Geheimnis in Rot

Mavis Doriel Hay , Barbara Heller
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 20.12.2017
ISBN 9783608961898
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Klett-Cotta hat mit "Geheimnis in Rot" seine feine kleine Krimi-Edition fortgesetzt mit schön gestaltetem Leinen-Cover und Lesebändchen. Den deutschen Titel finde ich nicht so gelungen, der Originaltitel "The Santa Klaus Murder" gefällt mir besser.
Dieser letzte von nur drei Krimibänden, die die Autorin Mavis Doriel Hay insgesamt geschrieben hat, wurde im Jahr 1936 veröffentlicht, stammt also aus dem goldenen Zeitalter der britischen Kriminalliteratur.
Familienoberhaupt Sir Osborne Melbury hat wie üblich seine gesamte Familie samt Anhang zur verlängerten Weihnachtsfeier eingeladen. Schnell kriegen wir mit, dass er ein despotischer Vater ist, der seine Kinder nach seiner Pfeife tanzen lässt und sich auf unerträgliche Weise in ihr Leben einmischt. Liebesheiraten werden nicht geduldet, es muss standesgemäß und - vor allem - gewinnbringend geheiratet werden. Und weil alle hoffen, in seinem Testament großzügig bedacht zu werden, hat er sie alle weiterhin am Gängelband. Deshalb herrscht unter seinen Gästen auch nicht gerade die passende Weihnachtsstimmung! Und als Sir Osborne dann erschossen in seinem Arbeitszimmer aufgefunden wird, ist daher fast jeder verdächtig.
In den ersten Kapiteln berichten unterschiedliche Gäste über den Hergang der Ereignisse, dann übernimmt vorwiegend Colonel Halstock die Berichterstattung. Halstock ist ein hochrangiger Polizist und Freund der Familie, der in der Nachbarschaft wohnt. Speziell in den ersten Kapiteln bekommen wir einen guten Überblick über die Charaktere und die Probleme der einzelnen Familienmitglieder.
Die Aufklärung geht Schritt für Schritt voran mit zahlreichen Befragungen und Suchaktionen in klassischer Manier. Das liest sich durchaus spannend und zuweilen auch witzig, aber selbst mir als erklärtem Fan von Cozy-Krimis hätte es von den beiden Zutaten Spannung und Humor gerne noch etwas mehr sein dürfen. Daher gibt es von mir nur vier von fünf Sternen für diesen Krimi, der sich natürlich hervorragend als Weihnachtsgeschenk eignet.

  (3)
Tags: klassiker, krimi, landhauskrimi, weihnachten   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(60)

69 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 58 Rezensionen

südtirol, brenner, mord, krimi, commissario grauner

Nachts am Brenner

Lenz Koppelstätter
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 05.10.2017
ISBN 9783462050080
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Grauner, Commissario und Teilzeitbauer, und sein neapolitanischer Kollege Saltapepe werden auf den Brenner gerufen. Seit der Öffnung der Grenzen durch die EU ist der einst so wichtige Grenzposten zur Bedeutungslosigkeit verkommen - fast ausgestorben. Die Leiche, zu der sie gerufen wurden, ist ein über 80jähriger alter Mann, der brutal hingerichtet wurde. Beim Durchsuchen der Wohnung, stößt Grauner auf eine Visitenkarte, die eine Verbindung zur nie aufgeklärten Ermordung seiner Eltern herstellt. Er weiht Saltapepe als Einzigen ein und ermittelt unorthodox in eigener Sache in seinem persönlichsten Fall.
Es ist ein komplizierter Fall, d.h. eigentlich sind es mehrere Fälle, die sich überschneiden. Es geht um Liebesbeziehungen, Schmuggel, zwielichtige Immobiliengeschäfte und Verbrechen aus der Nazizeit, unter anderem die grausame Behandlung der Insassen einer Nervenheilanstalt. Grauner besucht die unterschiedlichsten Leute, wie z.B. die Kartenspielkumpane des alten Mannes, eine in strenger Klausur lebende Klarissin, einen Konditor, einen in Berlin lebenden Historiker (dafür schafft er es sogar, seine Flugangst zu überwinden) und den Hausmeister eines ehemaligen psychiatrischen Sanatoriums. Leider gibt es danach noch mehrere Mordopfer unter den von Grauner verhörten Zeugen, daher befindet er sich in einem Wettlauf gegen die Zeit. Saltapepe hingegen verfolgt andere Spuren, u.a. in einem hinter der Grenze in Österreich liegenden Fernfahrerpuff "Der siebente Himmel".
Im Finale werden dann die diversen Verbrechen befriedigend aufgeklärt, es bleiben keine losen Enden. Und Grauner ist am Ende endlich die Dämonen seiner Familiengeschichte los.
Der Roman ist etwas düster, aber gut geschrieben, und für etwas befreiende Komik wird durch das so gegensätzliche Gespann Grauner/Saltapepe gesorgt. Mir haben schon die ersten beiden Bände gut gefallen und den dritten Band fand ich sehr komplex und außerordentlich spannend.

  (3)
Tags: naziverbrechen, regionalkrimi, südtirol   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(54)

59 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 56 Rezensionen

trauer, raf, schuld, vergangenheit, hamburg

In einem anderen Licht

Katrin Burseg
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 08.09.2017
ISBN 9783471351406
Genre: Romane

Rezension:

Miriam, trauernde Witwe des Fotoreporters Gregor, der im Irak vor 2 Jahren durch einen unglücklichen Zufall ums Leben kam, versucht ihr Leben als Journalistin und nun alleinerziehende Mutter zu meistern. Die Sartorius-Stiftung hat ihr bei der Trauerarbeit geholfen. Nun hat sie im Rahmen ihrer Arbeit mit dieser vermögenden Wohltäterin zu tun, es geht um eine Preisverleihung für eine würdige Hilfsorganisation. Miriam schafft es tatsächlich, nach hartnäckigem Drängen einen Interviewtermin mit der pressescheuen Dorothea Sartorius zu bekommen. Soll sie der Stiftungspräsidentin auch die Frage stellen, die ihr in täglichen anonymen Briefen nahegelegt wird? "Fragen Sie Dorothea nach Marguerite!"
Sie fragt, und Dorothea Sartorius nennt ihr einen Namen, außerdem erzählt sie von dem Ort an der Schlei, wo sie 1977 ihren Mann kennengelernt hat. Miriam fängt an zu recherchieren und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. War die Wohltäterin von heute tatsächlich damals im Umfeld der Baader-Meinhof-Gruppe aktiv gewesen?
Das Buch zum 50. Jahrestag der Schleyer-Entführung! Sehr fesselnd verknüpft die Autorin die Ereignisse des "Deutschen Herbstes" mit der persönlichen Geschichte von den 2 Frauen und deren moralischem Dilemma. Das liest sich äußerst spannend. Ein bisschen genervt haben mich die Männer in Miriams Umgebung, wahre Traummänner, zu gut, um wahr zu sein. Einmal Nardim, der algerische Wirt des Bistros in ihrem Haus, der zu einem guten Freund wird, und dann Bo, der Gaukler, bei dem Miriams Sohn Max über Ostern das Bauen von Drachen lernen soll. Ein Gutmensch, wie er im Buche steht. Der kleine Max verliebt sich in ihn als Vaterfigur und auch seine Mutter hat diesem Prachtexemplar wenig entgegenzusetzen, vergisst durch ihn immer mal wieder ihre Trauer. Der schwarze Rabe in ihrem Herzen war zuerst ein schönes Bild, das dann aber für meinen Geschmack etwas überstrapaziert wurde. Etwas zu viele Zufälle helfen Miriam bei ihrer Recherche, aber trotzdem habe ich den Roman mit Genuss gelesen. Die Aufarbeitung einer wichtigen Phase der deutschen Geschichte und um Klassen besser als die sonst gängigen sogenannten Frauenromane.

  (2)
Tags: baader-meinhof-gruppe, deutscher herbst (raf), liebesroman, zeitgeschichte   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(52)

67 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 42 Rezensionen

tod, familie, roman, britischer humor, vater

Der Vater, der vom Himmel fiel

J. Paul Henderson , Jenny Merling
Fester Einband
Erschienen bei Diogenes, 23.08.2017
ISBN 9783257069877
Genre: Romane

Rezension:

Lyle Bowman war schon ein ziemlich alter Mann, doch er starb keines natürlichen Todes, sondern aufgrund einer kleinen, aber tragischen Verwechslung. Bei seiner Beerdigungsfeier ist die Teilnehmerzahl sehr überschaubar - nur 10 Personen. Die Feier beginnt mit Verspätung, weil Lyles Sohn Billy hofft, dass auch sein Bruder Greg teilnehmen wird. Der Pfarrer hält eine prosaische, kurze Predigt, dann gibt es eine - eher unpassende - Gesangseinlage von Billys Tochter Katy. Am Ende dieser Darbietung betritt plötzlich ein blonder Surfer mit Flip-Flops und Bermudashorts die Kirche: Greg, den sein Bruder Billy seit sieben Jahren nicht mehr gesehen hat, ist doch noch aus den USA angekommen!
Aus dem Blickwinkel von Greg erfahren wir allmählich mehr über diese merkwürdige Familie mit all ihren Macken. Als Katalysator lässt Henderson den toten Vater, der seine Familienangelegenheiten noch regeln möchte, noch einmal für 20 Tage als nur für Greg sichtbaren Geist zurückkehren. Die beiden reden miteinander, wie sie es zu Lyles Lebzeiten nie getan haben, und er bittet seinen Sohn, sich um Onkel Frank und seinen Bruder Billy zu kümmern, bzw. beide irgendwie wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Es geht um Selbsterkenntnis und Familienzusammenhalt, und auch um Erwachsenwerden.
Das alles wird mit feiner Ironie geschildert, hier gibt es keinen schenkelklopfenden Brachialhumor, sondern subtilen, britischen Humor vom Feinsten. Dem Autor gelingt eine ausgewogene Balance zwischen Ernst, Melancholie und Trauer auf der einen und einer humorvollen, leichten Tonart auf der anderen Seite. Dies ist ein Buch über Männer und ihre Beziehungen untereinander, die Frauen haben nur Nebenrollen z. B. als verehrte, tote oder als nervende, dominante Ehefrauen. Und diese Männer sind nicht unbedingt sympathisch, wachsen einem aber im Laufe der Lektüre mit ihren Schwächen, Ängsten und skurrilen Eigenarten doch ans Herz. Ein liebenswerter Roman, der einen rührt und zum Schmunzeln bringt.

  (2)
Tags: britischer humor, england, familie, männer, tod   (5)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(94)

117 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 87 Rezensionen

spanischer bürgerkrieg, spanien, spionage, bürgerkrieg, franco

Der Preis, den man zahlt

Arturo Pérez-Reverte , Petra Zickmann
Fester Einband: 295 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 10.09.2017
ISBN 9783458177197
Genre: Historische Romane

Rezension:

Man könnte sagen, Falcó, der Spion in Zeiten des spanischen Bürgerkriegs ist zu cool – oder aber nicht cool genug. Zuerst fand ich ihn ganz interessant, so eine Art Humphry Bogart-Typ, nur, dass der sich dann doch immer noch als Schlawiner mit einem goldenen Herzen erweist, der am Ende das „Richtige“ tut. Das ist bei Falcó nur ansatzweise der Fall.

Er arbeitet für die Faschisten, für Franco, aber nicht etwa aus politischer Überzeugung, sondern weil es ihn zufällig auf diesen Weg verschlagen hat, er gut darin ist und darüber hinaus das Abenteuer und den Nervenkitzel liebt. Außerdem ist er ein Mann mit Geschmack und Stil, ein eleganter Lebemann und beziehungsunfähiger Frauenheld - ein Sympathieträger ist er nicht. Dazu ist er zu skrupellos, zu brutal und zu „Macho“. Warum er so ist, wie er ist, das erfährt man leider nicht und deshalb kann man ihn auch nicht verstehen.

Ein Anführer der Falangisten soll in Alicante aus kommunistischer Haft befreit werden und Falcó wird dorthin geschickt, um die Aktion zu koordinieren. Schon die Reise dorthin durch die feindlich besetzte Zone ist gefährlich und abenteuerlich. In Alicante trifft er dann seine Mitstreiter: ein idealistisches Geschwisterpaar und die mysteriöse Eva Rengel. Sie bereiten den Anschlag vor und dabei kommen Falcó und Eva sich näher. Doch dann kommt alles ganz anders als geplant und Falco erkennt, dass er nur als Marionette in diesem Spiel von Verrat und Gegenverrat gedient hat. Seine Menschenkenntnis hat ihn im Stich gelassen, er hat sich getäuscht, vor allem auch in Eva.

Der Roman hat alles, was ein solider Agententhriller braucht, zündet aber trotzdem nicht so richtig. Das mag an der mangelnden Charakterisierung der Figuren - vor allem der Hauptfigur - liegen, wir wissen zwar viel über seinen Stil, aber nur wenig über seine Persönlichkeit. Und im Vergleich zu z.B. James Bond oder den Figuren aus den Krimis von Lawrence Block fehlt bei der Beschreibung der augenzwinkernde Humor, der einen dazu bringt, den Helden ihre Fehler schmunzelnd zu vergeben.

  (2)
Tags: doppelspie, spanischer bürgerkrieg, spionage, verrat   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(71)

121 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 67 Rezensionen

england, zweiter weltkrieg, musik, frauenchor, singen

Der Frauenchor von Chilbury

Jennifer Ryan , Andrea O´Brien
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2017
ISBN 9783462048841
Genre: Romane

Rezension:

Da die Männer alle im Krieg sind, wird der Kirchenchor von Chilbury mangels männlicher Stimmen kurzerhand aufgelöst. Aber das lassen sich die Frauen nicht bieten und schaffen es gegen alle Widerstände, einen Frauenchor ins Leben zu rufen.
Die Geschichte wird in Form eines Briefromans erzählt, bzw. finden wir nicht nur Briefe, sondern auch Tagebucheinträge der unterschiedlichsten Frauen und Mädchen, wodurch wir eine Menge erfahren über das Dorfleben und die Leichen, die so manch ein Bewohner im Keller hat. Eine verwitwete Krankenschwester, die 13jährige Tochter des Landadligen, ihre kokette und verwöhnte 18jährige Schwester und die skrupellose Hebamme des Ortes, sind die Hauptbrief- bzw. Tagebuchschreiberinnen.
Das, worum es der Autorin meines Erachtens hauptsächlich geht, ist die allmähliche Emanzipation der Frauen in diesen Kriegszeiten, da sie aufgrund der Abwesenheit der Männer viele Dinge selbst in die Hand nehmen müssen und plötzlich bemerken, dass sie das auch sehr gut - wenn nicht gar besser - können. Zusätzlich stärkt das gemeinsame Singen ihren Lebensmut.
Wir bekommen einen Einblick in das nervenaufreibende Leben zu Kriegszeiten und der Autorin gelingt es, mit leichter Hand durchaus ernste Situationen zu skizzieren. Mal muss man schmunzeln, mal kämpft man mit den Tränen. Das Dorfleben und die Scheinheiligkeit und Doppelmoral der damaligen Zeit werden sehr gut beschrieben. Die einzelnen Manuskripte erzählen eine fortlaufende Geschichte, die fesselt und sich im Laufe der Handlung zu einem regelrechten Pageturner entwickelt - ich jedenfalls mochte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Die Figuren sind mir während der Lektüre richtig ans Herz gewachsen, so dass ich sie am liebsten noch länger
begleitet hätte. Ich mag Briefromane! Den Stil finde ich sehr reizvoll, vor allem da die unterschiedlichen Autoren jeweils ihre ganz eigene Diktion haben.
Ein sehr unterhaltsamer, warmherziger, informativer Roman, weit entfernt von der sogenannten "Frauenliteratur", und eine ganz klare Leseempfehlung!

  (2)
Tags: emanzipation, england, frauenchor, roman, zweiter weltkrieg   (5)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(160)

234 Bibliotheken, 3 Leser, 4 Gruppen, 142 Rezensionen

paris, brief, hamburg, realität, briefe

Der Brief

Carolin Hagebölling
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 09.06.2017
ISBN 9783423261463
Genre: Romane

Rezension:

Was für ein Einstieg! Einen so spannenden Anfang eines Romans findet man selten.
Die in Hamburg lebende Journalistin Marie erhält einen Brief von einer Freundin aus Kindheitstagen, allerdings steht unter ihrem Namen eine Pariser Adresse auf dem Umschlag. Die Freundin, die Marie schon lange nicht mehr gesehen hat, hat auf dem Umschlag eine Berliner Adresse angegeben, wohnt jedoch immer noch in Maries Heimatort, wie Marie von ihrer Mutter weiß. Auch hat sie nur einen Sohn, erwähnt aber in dem Brief noch eine Tochter, Amelie. Außerdem einen Victor, bei dem es sich um Maries Partner zu handeln scheint. Aber in Wirklichkeit lebt diese mit ihrer Freundin Johanna zusammen.
Dieser seltsame Brief, in dem auch Erinnerungen, die nur Sie selbst und Christine teilen, erwähnt werden, beunruhigt sie so sehr, dass sie schließlich Christine besucht. Diese bestreitet, etwas mit dem Brief zu tun zu haben und reagiert mit Tränen und Zorn darauf, Denn tatsächlich wollten sie und ihr Mann ein zweites Kind haben, sie hatten sich auch schon für den Namen Amelie entschieden, bis Christine dann eine Fehlgeburt hatte ... Christine wirft Marie hinaus und will nichts mehr mit ihr zu tun haben.
Doch einige Zeit später bekommt Marie einen Brief von Christine: im Umschlag liegt ein kleiner Zettel von Christine, die sich weitere solcher Scherze verbittet und ein Brief von Marie an Christine aus Paris. In ihrer Handschrift ... darin erwähnt sie eine Gehirnoperation zur Entfernung eines Aneurysmas!
Marie fährt tatsächlich nach Paris und lernt auch den Galeristen Victor kennen, der ihr sehr vertraut vorkommt. Danach wird es immer verworrener, Marie pendelt, genau wie ihre Freundin Christine zwischen ihren zwei Leben hin und her, hat tatsächlich ein Aneurysma, das operativ entfernt wird, bekommt ein Baby von Victor und trennt sich von Johanna. Eine plausible Erklärung wird nicht geliefert, das Ende ist ausgesprochen antklimaktisch und die Personen haben mich nicht mehr interessiert. Was die Autorin dem Leser sagen will, hat sich mir nicht erschlossen.

  (2)
Tags: 2 lebensentwürfe, briefe, hamburg, paris, parrallelwelten   (5)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(133)

201 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 117 Rezensionen

krimi, duisburg, polizeiseelsorger, ruhrgebiet, seelsorger

Glaube Liebe Tod

Peter Gallert , Jörg Reiter
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 12.05.2017
ISBN 9783548288918
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Martin Bauer ist Pollizeiseelsorger in Köln, denn die Arbeit als Gemeindepfarrer hatte ihm nicht gelegen. Der Roman startet furios, wenn Bauer einen Polizeibeamten davon abhalten soll, sich von einer hohen Brücke in den Rhein zu stürzen, was ihm - mit vollem Körpereinsatz - auch gelingt. Nur leider stürzt der gerettete Beamte am Abend desselben Tages von einem Parkhaus zu Tode; alle halten es für Suizid, nur Bauer ist davon nicht überzeugt.
Es gibt diverse Erzählstränge in diesem Krimi, die sich immer wieder kreuzen. Junge Bulgarinnen werden gegen ihren Willen nach Deutschland verschleppt und zur Prostitution gezwungen. Und wenn sie Ärger machen, werden sie "entsorgt". Der tote Polizeibeamte hatte eine Verbindung zum Rotlichtmilieu, gegen ihn wurde intern wegen Korruption ermittelt. Die Verbindung zwischen ihm und dem Chef von mehreren Kölner Bordellen ist eine alte, wie sich herausstellt. Für seinen halbwüchsigen Sohn Tilo, der seinen Vater immer als Helden verehrt hatte, bricht eine Welt zusammen. Bauer hat ein Vertrauensverhältnis zu Tilo entwickelt, seinetwegen mischt er sich immer wieder in die Ermittlungen ein, auch wenn er bei seinen Vorgesetzten damit aneckt. Und bei seiner Frau: denn da ist noch die Sorge um seine Tochter - nicht viel älter als Tilo - die heimlich zum Demonstrieren zum G8-Gipfel in Deauville gefahren ist, und seine Frau findet, dass er sich zu wenig darum kümmert.
Gut und spannend geschrieben, zum Finale hin vielleicht ein wenig zu dramatisch und überfrachtet, aber insgesamt eine interessante und fesselnde Lektüre um diesen ungewöhnlichen Protagonisten, der einen zum Glück nicht mit endlosen religiösen Erörterungen langweilt.

  (2)
Tags: köln, krim, polizeiseelsorger, rotlichtmilieu   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(81)

120 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 69 Rezensionen

freundschaft, hautfarbe, rassismus, london, großbritannien

Swing Time

Zadie Smith , Tanja Handels
Fester Einband: 640 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 17.08.2017
ISBN 9783462049473
Genre: Romane

Rezension:

Die Leseprobe hatte mir gut gefallen: Im Prolog kehrt die (namenlos bleibende) Ich-Erzählerin unter merkwürdigen Umständen und anscheinend eher unfreiwillig nach London zurück. Unter ihren E-Mails findet sie eine seltsame Nachricht: "Jetzt weiß end­lich jeder, wer du wirklich bist." Zitat: "Eine Nachricht, wie man sie von einer gehässigen Siebenjährigen mit einer klaren Vorstellung von Gerechtigkeit bekommt. Und wenn man einmal ausblendet, wie viel Zeit dazwischen lag, dann war es ja auch genau das." Und damit erinnert sie sich an das Jahr 1982, in dem sie ihre spätere Freundin Tracey beim Ballettunterricht kennenlernte. Beide sind Kinder eines Schwarzen und eines weißen Elternteils und fühlen sich sofort zu einander hingezogen. Traceys Mutter ist weiß, unattraktiv und bewundert ihre Tochter, die sie gern herausputzt. Die Mutter der Ich-Erzählerin ist schwarz, will höher hinaus im Leben und besitzt einen unbedingten Stilwillen.
Tracey ist eine begabte Tänzerin, die plattfüßige Ich-Erzählerin eher nicht. Trotzdem kommen die beiden sich näher. Smith skizziert mit wenigen Pinselstrichen die unterschiedlichen Familienkonstellationen, das Verhältnis zu Mutter und Vater, das Verhältnis der Eltern untereinander.
So weit, so gut. Doch dann geht es in den Zeitebenen ständig hin und her, die Ich-Erzählerin hatte zwischenzeitlich zehn Jahre lang einen Job als persönliche Assistentin einer erfolgreichen Sängerin namens Aimee und jettet mit dieser und deren Entourage zwischen London, den USA und Afrika hin und her. Dort, in einem unbenannten afrikanischen Land beaufsichtigt sie den Aufbau einer Mädchenschule - ein Charity-Projekt von Aimee.
Die Autorin schreibt sehr gut, einzelne Passagen sind sehr interessant, aber insgesamt ist der Roman sehr unrund, vermochte mich nicht wirklich zu fesseln. Im Gegenteil, ich habe mich mehr oder weniger durch die gut 600 Seiten gequält, immer in Versuchung, abzubrechen; das ging soweit, dass ich nach zwei Dritteln erst einmal einen Krimi zur Entspannung dazwischen geschoben habe. Ich wollte doch noch wissen, wie es ausgeht und habe dann die restlichen 200 Seiten relativ schnell geschafft. Leider war das Ende eher nichtssagend und unbefriedigend und viele Fragen blieben offen. Vor allem die: Was wollte die Autorin uns mit diesem Buch sagen? Ganz offensichtlich hat das Buch eine starke autobiographische Komponente. Außerdem geht es um die Probleme und Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß, darum, was es bedeutet, von gemischtrassigen Eltern abzustammen, um Freundschaft, Bildung, sozialen Auf-, bzw. Abstieg, Entwicklungshilfeprojekte, die an der Realität vorbeigehen, und und und ... Vielleicht hat Zadie Smith sich da etwas zu viel vorgenommen, sie verzettelt sich und geht nicht wirklich in die Tiefe. Auch bietet sich keine der Personen als Identifikationsfigur an, man bleibt eher distanziert, niemand ist wirklich sympathisch. Am rätselhaftesten war für mich Traceys Verhalten, dafür fehlte es mir an Erklärungen.
Der Roman ist nicht schlecht, dafür kann die Autorin zu gut schreiben, aber empfehlen würde ich ihn auch niemandem.

  (2)
Tags: armut, bildung, entwicklungshilfe, gemischtrassige abstammung., gesellschatsroman, probleme zwischen schwarz und weiß   (6)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(56)

61 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 54 Rezensionen

krimi, steiermark, martin schult, kriminalroman, berlin

Dem Kroisleitner sein Vater

Martin Schult
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 14.07.2017
ISBN 9783550081743
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein Krimi ganz nach meinem Herzen mit einer gehörigen Portion Witz!
Es fängt in Berlin an, wo sich Polizeiobermeister Frassek gerade für ein Bewerbungsgespräch anzieht und dabei über sein Leben nachdenkt.
Dann geht's weiter in Sankt Margarethen in der Steiermark, wo ein unidentifizierter mürrrischer deutscher Tourist (natürlich der Frassek) beim Kroisleitner Karl ein Paar Wanderschuhe kauft. Nachdem wir ein paar weitere schrullige Einheimische kennengelernt haben, verbreitet sich plötzlich die Nachricht, dass "dem Kroisleitner sein Vater" tot am Berg oben gefunden wurde. Der ist schon stolze 104 Jahre alt, scheint aber trotzdem nicht eines natürlichen Todes gestorben zu sein.
Zuerst wird dieser mürrische deutsche Tourist verdächtigt, doch im weiteren Verlauf wird aus dem Verdächtigen Frassek der Ermittler Frassek. Congenial ist die Zusammenarbeit mit der neugierigen Wirtin Lissi (manchmal auch Sissi genannt) Valentiner. Weitere Verwirrung schafft das Eintreffen von Emma Kornfeld in ihrer alten Heimat. Sie hat gerade ein Leben als erfolgreicher Popstar in London hinter sich gelassen, wo sie ihre Popstar-Persona Amy Cornfield hat sterben lassen.
Es offenbart sich, dass fast jeder Dorfbewohner die sprichwörtliche Leiche im Keller hat, dass der alte Kroisleitner so etwas wie der König des Dorfes war und alle auf seinen Rat hörten, der zwar immer gut gemeint, aber nicht unbedingt immer gut war.
Zum Verbrechen kam es, wie so häufig, aus menschlicher Gier, außerdem geht es um eine unerfüllte große Liebe und vermeintliche Verwandschaftsverhältnisse. Mit Hilfe von Lissi und dann auch noch von seinem Berliner Kollegen Sprotz samt Ehefrau (auf dem Weg zum Urlaub an der Adria bei Frassek hängen geblieben) gelingt es Frassek den Fall zu lösen.
Der Stil erinnert mich ein wenig an die Alpenkrimis von Jörg Maurer, die ich über alles liebe. Seltsamerweise gab es beim letzten Maurer genau wie hier jemanden, der seiner eigenen Beerdigung beigewohnt hat, hier war es "Amy Cornfield". Das ganze ist sehr witzig und unterhaltsam geschrieben, doch auch die Spannung kommt nicht zu kurz. Und es ist nicht nur ein Alpenkrimi, sondern zusätzlich noch ein spaßiger Culture Clash zwischen den Berlinern und den Österreichern. Ich habe das Buch mit größtem Vergnügen gelesen und freue mich schon auf den nächsten Frassek, den es ja hoffentlich geben wird!

  (4)
Tags: frassek, regionalkrimi, steiermark   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(48)

64 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 32 Rezensionen

krimi, provence, frankreich, mord, matisse

Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild

Pierre Martin
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 02.05.2017
ISBN 9783426520321
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Isabelle Bonnet und ihr Assistent Apollinaire haben ihr Revier im provenzalischen Fragolin abgeschlossen und wollen Betriebsferien machen, doch schon am ersten Urlaubstag kommen 2 neue Fälle auf den Tisch: ein offizieller Fall wird ihr von ihrem Pariser Chef Balancourt übertragen, dem der Tod eines Staatssekretärs nicht ganz koscher erscheint. Und ein inoffizieller Fall ergibt sich dadurch, dass ein „neu entdeckter“ Matisse, auf den Bürgermeister Thierry für sein neues kleines Museum ein Auge geworfen hat, sich als Fälschung erweist, unter deren Oberfläche ein Hilferuf versteckt ist. Der polizeibekannte, talentierte Kunstfälscher De Jong teilt darin mit, dass er entführt worden sei und gezwungen werde, Fälschungen zu produzieren. Und er macht einige vage Angaben zur Identifizierung seines Aufenthaltsortes.

Aber die Kommissarin hat nicht nur 2 Fälle, sondern auch 2 Verehrer (zeitweise sogar 3, als ein amerikanischer Literaturprofessor sein Interesse bekundet). Den Bürgermeister von Fragolin, mit dem sie sogar eine Weile liiert war, bis er es nicht lassen konnte, sie mit einer anderen zu betrügen, und den Kunstsammler und Lebemann Rouven, den sie sehr mag, dessen Jet-Set-Welt aber eigentlich nicht die Ihre ist.

Die Ermittlungen verlaufen eher provenzalisch gemütlich mit häufiger Einkehr in Restaurants und Cafés, viel gutem Essen und einem Café hier, einem Rosé dort, und auch mal einem Pétanque-Spiel auf dem Dorfplatz. Apollinaire übernimmt eher die Internet-Recherchen, während Isabelle Befragungen durchführt. Zwischendurch überrascht sie uns aber auch mit regelrechten Actionszenen, bei denen die ehemalige Pariser Anti-Terror-Spezialistin zeigt, was in ihr steckt. Auch bevorzugt sie zeitweise recht unorthodoxe Ermittlungsmethoden. Balancourt bezeichnet Isabelle immer als „seinen besten Mann“ und in der Tat wirkt ihr Verhalten oft eher etwas männlich, auch in den Beziehungen zu ihren beiden Verehrern.

Die beiden Fälle hängen nicht – wie von mir anfänglich vermutet – zusammen. Den Fall um den toten Staatssekretär löst die Kommissarin schnell und elegant und serviert Balancourt den Schuldigen auf dem Silbertablett. Der Fall des entführten Kunstfälschers nimmt ganz unerwartete Wendungen, die für mich nicht vorhersehbar waren, erst ganz kurz vor Schluss begann ich zu ahnen, in welche Richtung es geht.

Ich kenne schon die ersten drei Bände der Serie und das Ermittlerduo ist mir inzwischen richtig ans Herz gewachsen, die taffe, aber emotional doch auch verletzliche Isabelle und der linkische, etwas sonderliche Apollinaire, dem in diesem Band ein versehentlicher Meisterschuss gelingt. Auch über das Wiedersehen mit den vertrauten Dorfbewohnern freue ich mich. Als Liebhaberin von Regional- und besonders von Cosy-Krimis, bin ich voll auf meine Kosten gekommen. Pierre Martin schreibt spannungsreich, mit viel Humor, Lokalkolorit und eingestreuten französischen Redewendungen. Was will man mehr von einem sommerlichen Krimi? Selbst wenn man gerade nicht in die Provence reisen kann, so kommt bei der Lektüre – vielleicht auf dem Balkon mit einem Gläschen Rosé – die richtige Urlaubsstimmung auf.

 

  (4)
Tags: krimi, madame le commissaire, provence, regionalkrimi   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(76)

90 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 66 Rezensionen

provence, krimi, rache, folter, gerichtsmediziner

Gefährlicher Lavendel

Remy Eyssen
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 07.04.2017
ISBN 9783548289069
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Grausame Morde passieren in und um Le Lavandou, der zweiten Heimat des Gerichtsmediziners Leon Ritter. Bei den Obduktionen kann er feststellen, dass die Opfer nicht einfach ermordet worden waren, sondern gefoltert wurden, um ihren Tod so langwierig und schmerzvoll wie möglich zu machen.
Die Polizei hat sofort einen Verdächtigen festgenommen, doch Leon ist nicht überzeugt und ermittelt eigenmächtig weiter. Seine erste Theorie, wer und was hinter dem Verbrechen steckt, ist recht abenteuerlich, und er veranlasst Isabelle – stellvertretende Chefin der örtlichen Polizei und seine Freundin – eine Exhumierung einer vor 20 Jahren beerdigten Leiche zu erwirken; leider ein Schlag ins Wasser! Aber die Richtung stimmte schon in etwa, und am Ende ist es wieder Leon, der das Verbrechen aufklärt.
Ich habe schon die ersten beiden Bände der Serie gelesen und mag das südfranzösische Flair, die verschrobenen Dorfbewohner und Boulespieler, die persönliche Geschichte von Leon und Isabelle und deren Tochter Lilou – und all diese Zutaten eines gemütlichen Cosys sind auch hier wieder reichlich vorhanden. Nur dass die Verbrechen von Mal zu Mal grausamer und brutaler werden passt irgendwie nicht so recht dazu. Ich kann diesem Drang nach minutiöser Beschreibung grauenhafter Verstümmelungen nichts abgewinnen! Da lese ich möglichst schnell drüber weg … Insgesamt jedoch ein netter, solider und auch zum Ende hin sehr spannender Regionalkrimi. Aber der Autor sollte sich entscheiden, in welchem Genre er eigentlich schreiben will. Aus Loyalität vergebe ich doch noch einmal 4 Sterne und hoffe, dass der nächste Fall nicht ganz so blutrünstig ausfällt.

  (5)
Tags: gerichtsmedizin, provence, regionalkrimi   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(131)

333 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 104 Rezensionen

liebe, england, freundschaft, ruth hogan, verlorene dinge

Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge

Ruth Hogan , Marion Balkenhol
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 19.05.2017
ISBN 9783471351475
Genre: Romane

Rezension:

Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen, einmal in der Jetztzeit (minus ein paar Jahre) und einmal 1974 und die Zeit danach. Am Ende stellt sich auf wundersame Weise eine Verbindung zwischen den beiden Erzählsträngen her.
So eine leicht skurrile Geschichte kann eigentlich nur aus England kommen. Der Witwer Anthony Peardews sammelt Gegenstände, die jemand verloren hat, seien sie auch noch so unbedeutend.
Er etikettiert sie sorgfältig und archiviert sie in seinem Arbeitszimmer. Das tut er, seit er etwas, für ihn äußerst Bedeutsames, verloren hat, ein Liebespfand seiner Verlobten, die vor vielen Jahren ums Leben kam. In seinem tiefsten Inneren hofft er wohl, dass jemand irgendwo genau so liebevoll wie er selbst mit diesem Fundstück umgeht.
Seit einigen Jahren hat er Laura, einer verlorenen Seele, Asyl gegeben, bzw. eine Stelle als Assistentin und Haushälterin. Anthony ist Schriftsteller und sie hilft ihm, seine Manuskripte zu tippen. Für Laura, die aus einer unglücklichen Ehe geflüchtet ist, ist dieser Job ein Rettungsanker.
Im zweiten Erzählstrang von 1974 geht es um Eunice, die eine Stelle bei einem Verleger antritt, der von allen nur Bomber genannt wird. Zwischen den beiden entwickelt sich eine lebenslange, tiefe Freundschaft, sogar Liebe, wenn auch nur platonisch, denn Bomber ist schwul.
Anthony stirbt und hinterlässt Laura das Vermächtnis, sich um seine Fundstücke zu kümmern und zu versuchen, die Besitzer zu finden und eventuell ein gebrochenes Herz zu heilen. Bei der Durchsicht der Gegenstände findet sie heraus, dass viele seiner Fundstücke ihn zu – häufig recht wehmütigen – Geschichten animiert haben. Anthonys zwischendurch immer wieder eingestreuten Kurzgeschichten verdeutlichen knapp und präzise menschliche Schicksale.
Mit Hilfe von Sunshine, einem jungen Mädchen mit Down-Syndrom aus der Nachbarschaft, und von Freddy, dem Gärtner, nimmt Laura diese herkulische Aufgabe in Angriff. Obwohl Laura nicht an Geister glaubt, kann sie sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Therese, Anthonys Verlobte, im Hause herumspukt, um Laura einen Fingerzeig zu geben.
Eine wunderbare, etwas märchenhafte Geschichte, bei der einem ganz warm ums Herz wird. Es gibt ein Happy End, alles fügt sich mehr oder weniger zum Besten, aber ich habe es nie als Kitsch empfunden, denn dazu gibt es doch zu viele durchaus realistische Momente. Wir dürfen miterleben, wie die Hauptfigur Laura aufgrund ihrer neuen Aufgabe, des sicheren Hortes in Anthonys Haus und durch Freundschaft und Liebe allmählich wieder ihre Mitte findet. Ein Wohlfühlroman, der einen manchmal auch zu Tränen rührt, meistens aber glücklich macht.

  (6)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(81)

112 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 70 Rezensionen

freundschaft, liebe, leben, england, london

Als wir unbesiegbar waren

Alice Adams , Eva Kemper
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 19.06.2017
ISBN 9783832198411
Genre: Romane

Rezension:

Das Buch begleitet das Leben von vier Freunden im Zeitraum von 1995 bis 2015.
Es beginnt im Sommer 1995 in Bristol, an einem trägen Nachmittag vor den Sommerferien. Die vier Freunde die in der Sonne faulenzen, diskutieren und trinken sind Eva, das Geschwisterpaar Sylvie und Lucien, und Benedict, Sohn wohlhabender Eltern und Physiker mit Leib und Seele.
Eva, die im Mittelpunkt des Romans steht, kommt aus einer langweiligen Kleinstadt und ist nach dem frühen Tod der Mutter allein mit ihrem Vater aufgewachsen. Ihre Freundin Sylvie studiert Kunstgeschichte und scheint das Zeug zu einer erfolgreichen Künstlerin zu haben. Ihr Bruder Lucien, der nicht studiert und irgendwelchen unklaren Tätigkeiten nachgeht, gehört durch sie auch zur Gruppe. Zwischen Eva und Lucien besteht eine erotische Spannung – am Ende jenes trägen Sommernachmittags 1995 haben sie ein einziges Mal eine Nacht miteinander verbracht. Benedict leidet unter seinen unerwiderten Gefühlen für Eva, die sich wiederum nach Luciens Zuneigung verzehrt.
Dann werden sie 1997 nach Abschluss des Studiums in alle Winde verstreut: Die Geschwister begeben sich auf große Reise, Eva geht als Trainee zu einer Investmentbank nach London, während Benedict zur Promotion in Bristol bleibt.
Wir treffen die vier in unterschiedlichen Zeitabständen immer wieder. Es ist interessant zu erleben, wie sich die Rollenverteilung in der Gruppe verändert. Eva, die in jungen Jahren sehr unsicher war und sich als langweiliges, unattraktives Trampel sah, entwickelt sich während ihrer Karriere als erfolgreiche Bankerin zu einer starken, kompetenten und selbstsicheren jungen Frau. Die strahlende Sylvie hingegen, von Eva früher immer bewundert, kriegt die Kurve nicht und schlägt sich mit wechselnden Jobs durch. Sie, deren Zukunft so vielversprechend schien, fühlt sich mehr und mehr als Versagerin. Ganz zu schweigen von Lucien, ihrem Bruder, dem Frauenheld, der das Leben so lässig und leicht nimmt und mit Drogengeschäften das große Geld macht – bis er plötzlich auf die Nase fällt. Benedict geht seinen Weg als Wissenschaftler, aber kommt nicht darüber hinweg, dass er für Eva immer nur „der gute Freund“ ist.
Kurz gesagt, das Leben nimmt häufig eine ganz andere Wendung als erwartet, wir erleben, zusammen mit den vier Freunden Glücksmomente und Schicksalsschläge, Aufstieg und Fall im Verlauf dieser 20 Jahre. Lange dauert es, bis sie ihren jeweiligen Platz im Leben gefunden haben und endlich erwachsen geworden sind. Aber sie sind auch nach 20 Jahren immer noch Freunde, auch wenn sie sich zwischenzeitlich immer wieder mal aus den Augen verloren haben.
Mir hat der Erzählstil von Alice Adams gut gefallen, ich fand es spannend, dem wechselhaften Schicksal der vier Freunde zu folgen in diesem unkitschigen und nicht vorhersehbaren Roman. Der Autorin gelingt es meines Erachtens sehr gut, mit kurzen Momentaufnahmen die Entwicklung der einzelnen Personen aufzuzeigen. Gute Unterhaltung mit Niveau!

  (3)
Tags: entwicklungsroman   (1)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(89)

106 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 82 Rezensionen

wien, carlotta fiore, krimi, oper, österreich

Die unbekannte Schwester

Theresa Prammer
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 07.04.2017
ISBN 9783471351390
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Als erstes: Bei dieser Reihe ist es erheblich wichtiger, die Bücher in chronologischer Reihenfolge zu lesen, als bei anderen Krimiserien; denn, wie schon bei den ersten beiden Bänden, spielt Lottas Privatleben eine große Rolle in den Fällen, und wenn man die Vorgeschichte nicht kennt, dürfte das ziemlich verwirrend sein.

Lotta arbeitet mit dem Ex-Polizisten Konrad Fürst zusammen, der, wie wir inzwischen wissen, ihr leiblicher Vater ist. Aufgewachsen ist sie bei Maria Fiore, einer weltberühmten Opern-Diva, die eine behinderte Tochter hatte, mit der sie sich nicht schmücken konnte. Deshalb hatte sie kurzerhand ein niedliches Mädchen auf einem Rummelplatz entführt, ihre Tochter ins Heim gesteckt und hatte Lotta als eine präsentable Tochter aufgezogen. Leider hatte ihr Lotta aufgrund ihres mangelnden Gesangstalentes einen Strich durch die Rechnung gemacht. Irgendwann war sie dem goldenen Käfig entflohen und hatte den Kontakt mit der Mutter (die vor 6 Jahren verstorben ist) komplett abgebrochen. Die Entführung, die ehrgeizige und selbstsüchtige Mutter und deren Art, ihre Tochter zu behandeln, haben Lotta zu einer ziemlich ramponierten Persönlichkeit werden lassen, deren soziale Kompetenz zu wünschen lässt.

Nun hatte sich ja in Carlottas Leben in den ersten 2 Teilen einiges zum Guten gewandelt: sie hatte in Konrad ihren Vater gefunden, hatte sich klargemacht, dass Maria Fiore nicht ihre Mutter war, hatte Henriette wiedergefunden – ihre quasi Schwester, Fiores echte Tochter – und last but not least einen liebevollen Mann, den Kommissar Hannes Fischer, getroffen, mit dem sie zusammenlebt und einen kleinen Sohn hat.

Ein Problem besteht darin, dass Hannes und sie nun Kollegen sind, denn Polizeichef Krump hat sein Versprechen wahrgemacht und hat Lotta und Konrad eingestellt. Lotta, die vor Jahren eine Ausbildung bei der Polizei angefangen hatte, dann aber wegen eines Suizidversuchs von der Schule flog, wird von den Kollegen nicht freundlich aufgenommen. Man vermutet Kungelei dahinter, dass sie ohne entsprechende Ausbildung eine Stelle bekommen hat. Und die Kollegen halten sie natürlich für Maria Fiores Tochter, denn sie hat ihr Verhältnis zu Konrad nicht publik gemacht.

Lotta und Konrad sind beide sehr ungewöhnliche und interessante Ermittlerfiguren. Lotta ist noch nie eine Sympathieträgerin für mich gewesen, aber sie hat mich interessiert. In diesem Buch fand ich sie aber ziemlich enervierend, ihre ewige Geheimniskrämerei, ihr ständiges Lügen, ihr Misstrauen, ihre Eifersucht wurden mir etwas zu viel. Sie beantwortet fast prinzipiell jede Frage mit einer Lüge. Es gibt im Buch Protokolle von Therapiesitzungen – Lotta geht zwar zur Therapie, belügt aber auch die Therapeutin, benimmt sich absolut therapieresistent!

Über den Fall will ich nichts erzählen, er ist aufs innigste mit Lottas Geschichte verwoben. Und Lotta gelingt es, den Mörder zu überführen. Im Mittelpunkt steht ihre Psyche, aber im letzten Drittel nimmt der Krimi richtig Fahrt auf und wird sehr spannend. Möglicherweise ist das der letzte Band der Reihe, denn nun sind für Carlotta alle Ungereimtheiten ihrer Vergangenheit geklärt, und in ihrem Leben läuft alles einigermaßen rund: denn in einer weiteren Therapiesitzung hatte sie sich doch auf eine Hypnosebehandlung eingelassen und dabei waren wichtige Erinnerungslücken gefüllt worden. Und im Zuge ihrer Ermittlungstätigkeit während einer Fernseh-Talk Show hatte sie ihre großen Geheimnisse öffentlich gelüftet. Also, Ende gut, alles (mehr oder weniger) gut und möglicherweise das Ende der Geschichte.

Auch wenn mir das Verhalten der Protagonistin hin und wieder gegen den Strich gegangen ist, so war es dennoch insgesamt eine spannende, interessante und lohnende Lektüre.

  (3)
Tags: carlotta fiore, konrad fürst, wien   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(69)

79 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 65 Rezensionen

toskana, krimi, italien, maremma, mord

Die Morde von Morcone

Stefan Ulrich
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 12.05.2017
ISBN 9783548289243
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Münchner Anwalt Robert Lichtenwald versucht in einem Sabbatjahr in seinem Häuschen in der Toskana mit seiner veränderten Lebenssituation klarzukommen: Seine Frau hat ihn verlassen, seine Tochter absolviert ein soziales Jahr in Bolivien, und er fühlt sich allein und überflüssig.

Doch bald ist er in Morcone in der Maremma mehr in eine Mordermittlung involviert, als ihm lieb ist.

Eines Morgens holt ihn der Grundbesitzer, der Conte, auf dessen Anwesen sein Bauernhaus liegt, zu einer Wanderung ab, und sie landen bei der malerischen Ruine einer Abtei aus dem 12. Jahrhundert. Dort stoßen sie plötzlich auf die Leiche einer Straßenprostituierten, eines Hermaphroditen, in dessen Haut ein großes „L“ geritzt ist.

Robert lernt die Lokalreporterin Giada Bianchi kennen, die ihn sogleich in ihre Recherchen einspannt. Es geschehen noch weitere Morde im Ort, den Opfern wird jedes Mal ein Buchstabe in die Haut geritzt. Die ermittelnden Carabinieri kommen nicht gut voran, während Giada und Robert so einiges herausfinden. Es geht bei den Morden um die sieben Todsünden

In einer anderen Rezension schreibt jemand, schon auf Seite 40 gewusst zu haben, wer der Täter ist. Das kann ich nicht bestätigen, erst nach etwa zwei Dritteln wies allmählich vieles auf eine Person hin, das schien mir aber vom Autor durchaus so gewollt zu sein. Ganz kurz vor Schluss serviert uns der Autor noch einen „Red Herring“, der einen noch einmal an der vermuteten Identität des Täters zweifeln lässt.

Ich fand den Krimi ganz nett und spannend, wenn auch nicht begeisternd: die beiden Hauptfiguren sind sympathisch, wir lernen viele Dorfbewohner kennen, es gibt eine stringente Krimihandlung und als Sahnehäubchen etwas italienisches Flair. Falls eine Serie daraus werden sollte, würde ich dem 2. Band durchaus noch eine Chance geben.

  (4)
Tags: regionalkrimi, savonarola, sieben todsünden, toskana   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(59)

99 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 40 Rezensionen

krimi, mord, kommissar jennerwein, humor, alpenkrimi

Im Grab schaust du nach oben

Jörg Maurer
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei FISCHER Scherz, 27.04.2017
ISBN 9783651025189
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Kommissar Jennerwein und seine Truppe werden – wie alle anderen verfügbaren Polizisten – zum Einsatz beim G7-Gipfel eingeteilt, der heuer im Bindestrich-Kurort stattfindet.

Und wer sich da alles tummelt! Geheimdienste aller Herren Länder, Demonstranten von friedensbewegt bis schwarzer Block, Blogger, Jäger, Auftragskiller, Privatdetektive, Mafiosi, Doubles von Politikern und Schauspielern …

Es beginnt mit der äußerst amüsant geschilderten Beerdigung eines gewissen Ropfmartl Hansi mit Kodizill und allen Schikanen inklusive 7 Böllerschüssen aus antiken Kanonen. Wobei es dann nur 6 Salutschüsse waren, eine der Kanonen hatte eine Ladehemmung …

Im Rückblick erfährt man dann auch, wer dieser Ropfmartl Hansi eigentlich ist und wie es zu der Bestattung kam. Die Graseggers (lieb gewordene alte Bekannte) sind natürlich auch wieder mit von der Partie, obwohl sie mit Berufsverbot belegt sind und daher leider die Beerdigung nicht ausrichten dürfen. Am Arbeitsstil des amtierenden Bestatters lassen sie jedenfalls kein gutes Haar.

Eine Familie Glöckl, Besitzer eines Senf-Imperiums und leidenschaftliche Jäger spielen auch eine große Rolle. Nur ein Familienspross, Ronny Glöckl, ist gegen die Jagd und auch gegen kapitalistische Wirtschaftspraktiken. Deshalb befindet er sich auch im Camp der G7-Gegner und nicht bei der Testamentseröffnung von Onkel Jeff im Kreise der Familie.

Es gibt durchaus eine Krimihandlung, aber auch viele Nebenstränge, einer witziger als der andere. Wer einen simpel gestickten Alpenkrimi sucht, mag etwas verwirrt sein von dieser Vielfalt und vielleicht auch enttäuscht von der Kriminalstory.

Denn eindeutig tritt das komödiantische Element und die sozialkritische Satire gegenüber der Krimihandlung hier noch stärker in den Vordergrund als in den Vorgängerbänden. Mich hat das nicht gestört, ich habe mich glänzend amüsiert über dieses Feuerwerk an skurrilen Ideen (eine Bäckerei, die sich in Anpassung auf das G7-Publikum auf Wurftorten spezialisiert hat - eine Geschichte des Türen-Werfens - das Profugium - die (frei erfundenen?) Ausdrücke aus der Jägersprache -  die Beziehungen zwischen Mafia und Hypnose - die Blog-Einträge in perfekt gelungenem Blogger-Jargon - die Bereitschaftspolizisten in voller Kampfmontur, die im Präsidium aus Ungeschick eine Glastür zu Bruch bringen - und und und …) und über den reinen Slapstick wie in der Szene, die sich nach dem Diebstahl des Portemonnaies einer bayerischen Bedienung abspielt. Vermutlich kann man dem Roman auch ohne Kenntnis der vorherigen Bände folgen, aber wirklich genüsslich goutieren kann man ihn wohl besser als eingefleischter Jennerwein-/Maurer-Fan. Der intelligente Humor lässt sich nie auf das Niveau seichter Unterhaltungsromane herab.

Da staunt man nicht schlecht, ein Verwirrspiel ersten Ranges, aberwitzige Ideen, absurde Nebenschauplätze – vorhersehbar ist da wirklich nichts.  Und eine Mordsgaudi es zu lesen. Es gibt nur wenige Bücher, die ich mit so großem Vergnügen lese, wie die Alpenkrimis von Jörg Maurer!

 

  (3)
Tags: alpenkrimi, garmisch-partenkirche, gesellschaftskritik, hubertus jennerwein, jörg maurer, regionalkrim, schwarzer humor   (7)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(56)

65 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 54 Rezensionen

japan, tokio, liebe, krieg, spionage

Demnächst in Tokio

Katharina Seewald
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Europa Verlag , 27.03.2017
ISBN 9783958901063
Genre: Romane

Rezension:

Deutschland in der Nazizeit: Die 18jährige Elisabeth lebt mit ihrer ängstlichen Mutter und dem despotischen Vater - einem strammen Nazi - in einer süddeutschen Kleinstadt. Eines Tages wird sie vom Vater mehr oder weniger verkauft; der hat eingewilligt, dass sie ganz plötzlich Ernst Wilhelm, den mit 39 Jahren noch unverheirateten Sohn seines Chefs, des Fabrikanten von Traunstein, heiraten soll, der dann nach der Zeremonie sofort nach Japan aufbricht und sich mit "Demnächst in Tokio" von ihr verabschiedet.
Elisabeth werden die Zusammenhänge erst später klar, da sie noch recht naiv ist, aber der Leser erfährt, bzw. erahnt bald, was es mit dieser Eheschließung auf sich hat. Die offizielle Begründung der Familie von Traunstein lautet, dass Ernst sich wegen seines Jobs an der Tokioter Botschaft schnell verheiraten muss, denn unverheiratete Diplomaten werden nicht gern gesehen. Doch tatsächlich geht er so überstürzt nach Tokio, weil seine Famile quasi am Vorabend des sogenannten Röhm-Putsches noch rechtzeitig gewarnt worden war. Ernst stand politisch dem Ex-Kanzler von Schleicher nah, und die Familie hatte gerade noch früh genug erfahren, dass eine Säuberungsaktion bevorstand und Beziehungen spielen lassen, um ihn an der deutschen Botschaft unterzubringen. Außerdem ist Ernst homosexuell, was der Leser sofort ahnt, Elisabeth aber erst sehr viel später versteht.
Im Grunde ist es eine Coming of Age-Story: Elisabeths abenteuerliche Reise nach Japan, das kameradschaftliche Zusammenleben mit ihrem neuen Ehemann, das fremde Land, das Leben in Diplomatenkreisen und wie sie allmählich lernt, die Rolle als Dipomatengattin auszufüllen. Außerdem fühlt sie sich von ihrem Vater befreit und genießt den ungewohnten Wohlstand.
Und dann tritt noch Ernsts bester Freund Alexander in ihr Leben, ein verwegener Journalist, der sich wenig um Konventionen schert und mit dem sich eine Art Ménage à trois entwickelt. Die Autorin verrät im Nachwort, dass diese Figur dem real existierenden Spion Richard Sorge nachempfunden ist. Die Traunsteins halten sich von 1934 - 1942 in Japan auf und wir erfahren viel über die deutsche, die japanische und die Weltpolitik dieser Zeit. Danach folgen noch einige Jahre im Pekinger Exil, die jedoch nur en passant geschildert werden, und dann ein kurzer Abriss des weiteren Lebens im Nachkriegsdeutschland.
Es beginnt damit, dass Elisabeths Tochter Karoline überraschend für ein Interview nach Japan reisen muss und Elisabeth - mittlerweile weit über 90 Jahre alt - dadurch den Anstoß zu dem schon längst überfälligen Bericht für ihre Tochter über die Tokioter Zeit, die Art ihrer Ehe  und einige andere Geheimnisse gibt. Der Roman besteht hauptsächlich aus einem langen Brief an Karoline.
Obwohl ich nicht mehr die Jüngste bin, fiel es mir als heutiger Leserin schon schwer, die Denk- und Verhaltensweisen dieser Zeit nachzuvollziehen, die ja noch viel stärker von Tabus geprägt wurden, z.B. erschien mir Elisabeths Naivität manchmal als zu extrem und fast unglaubwürdig. Trotzdem hat mir der Roman sehr gut gefallen, er bietet einen spannenden Einblick in eine ander Zeit und eine andere Welt.
Ein gut recherchierter, spannender historischr Roman mit viel Gefühl, Drama und Exotik.

  (4)
Tags: 2 weltkrieg, coming of age, historischer roman, japan, nazizeit, spion, tokio   (7)
 
61 Ergebnisse

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach!

Hol dir mehr von LovelyBooks