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36 Bibliotheken, 10 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

entwicklungsroman, sommer, freundschaft, treue, liebe

Als wir unbesiegbar waren

Alice Adams , Eva Kemper
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 19.06.2017
ISBN 9783832198411
Genre: Romane

Rezension:

Das Buch begleitet das Leben von vier Freunden im Zeitraum von 1995 bis 2015.
Es beginnt im Sommer 1995 in Bristol, an einem trägen Nachmittag vor den Sommerferien. Die vier Freunde die in der Sonne faulenzen, diskutieren und trinken sind Eva, das Geschwisterpaar Sylvie und Lucien, und Benedict, Sohn wohlhabender Eltern und Physiker mit Leib und Seele.
Eva, die im Mittelpunkt des Romans steht, kommt aus einer langweiligen Kleinstadt und ist nach dem frühen Tod der Mutter allein mit ihrem Vater aufgewachsen. Ihre Freundin Sylvie studiert Kunstgeschichte und scheint das Zeug zu einer erfolgreichen Künstlerin zu haben. Ihr Bruder Lucien, der nicht studiert und irgendwelchen unklaren Tätigkeiten nachgeht, gehört durch sie auch zur Gruppe. Zwischen Eva und Lucien besteht eine erotische Spannung – am Ende jenes trägen Sommernachmittags 1995 haben sie ein einziges Mal eine Nacht miteinander verbracht. Benedict leidet unter seinen unerwiderten Gefühlen für Eva, die sich wiederum nach Luciens Zuneigung verzehrt.
Dann werden sie 1997 nach Abschluss des Studiums in alle Winde verstreut: Die Geschwister begeben sich auf große Reise, Eva geht als Trainee zu einer Investmentbank nach London, während Benedict zur Promotion in Bristol bleibt.
Wir treffen die vier in unterschiedlichen Zeitabständen immer wieder. Es ist interessant zu erleben, wie sich die Rollenverteilung in der Gruppe verändert. Eva, die in jungen Jahren sehr unsicher war und sich als langweiliges, unattraktives Trampel sah, entwickelt sich während ihrer Karriere als erfolgreiche Bankerin zu einer starken, kompetenten und selbstsicheren jungen Frau. Die strahlende Sylvie hingegen, von Eva früher immer bewundert, kriegt die Kurve nicht und schlägt sich mit wechselnden Jobs durch. Sie, deren Zukunft so vielversprechend schien, fühlt sich mehr und mehr als Versagerin. Ganz zu schweigen von Lucien, ihrem Bruder, dem Frauenheld, der das Leben so lässig und leicht nimmt und mit Drogengeschäften das große Geld macht – bis er plötzlich auf die Nase fällt. Benedict geht seinen Weg als Wissenschaftler, aber kommt nicht darüber hinweg, dass er für Eva immer nur „der gute Freund“ ist.
Kurz gesagt, das Leben nimmt häufig eine ganz andere Wendung als erwartet, wir erleben, zusammen mit den vier Freunden Glücksmomente und Schicksalsschläge, Aufstieg und Fall im Verlauf dieser 20 Jahre. Lange dauert es, bis sie ihren jeweiligen Platz im Leben gefunden haben und endlich erwachsen geworden sind. Aber sie sind auch nach 20 Jahren immer noch Freunde, auch wenn sie sich zwischenzeitlich immer wieder mal aus den Augen verloren haben.
Mir hat der Erzählstil von Alice Adams gut gefallen, ich fand es spannend, dem wechselhaften Schicksal der vier Freunde zu folgen in diesem unkitschigen und nicht vorhersehbaren Roman. Der Autorin gelingt es meines Erachtens sehr gut, mit kurzen Momentaufnahmen die Entwicklung der einzelnen Personen aufzuzeigen. Gute Unterhaltung mit Niveau!

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Tags: entwicklungsroman   (1)
 

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88 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 67 Rezensionen

wien, carlotta fiore, mord, krimi, reihe

Die unbekannte Schwester

Theresa Prammer
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 07.04.2017
ISBN 9783471351390
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Als erstes: Bei dieser Reihe ist es erheblich wichtiger, die Bücher in chronologischer Reihenfolge zu lesen, als bei anderen Krimiserien; denn, wie schon bei den ersten beiden Bänden, spielt Lottas Privatleben eine große Rolle in den Fällen, und wenn man die Vorgeschichte nicht kennt, dürfte das ziemlich verwirrend sein.

Lotta arbeitet mit dem Ex-Polizisten Konrad Fürst zusammen, der, wie wir inzwischen wissen, ihr leiblicher Vater ist. Aufgewachsen ist sie bei Maria Fiore, einer weltberühmten Opern-Diva, die eine behinderte Tochter hatte, mit der sie sich nicht schmücken konnte. Deshalb hatte sie kurzerhand ein niedliches Mädchen auf einem Rummelplatz entführt, ihre Tochter ins Heim gesteckt und hatte Lotta als eine präsentable Tochter aufgezogen. Leider hatte ihr Lotta aufgrund ihres mangelnden Gesangstalentes einen Strich durch die Rechnung gemacht. Irgendwann war sie dem goldenen Käfig entflohen und hatte den Kontakt mit der Mutter (die vor 6 Jahren verstorben ist) komplett abgebrochen. Die Entführung, die ehrgeizige und selbstsüchtige Mutter und deren Art, ihre Tochter zu behandeln, haben Lotta zu einer ziemlich ramponierten Persönlichkeit werden lassen, deren soziale Kompetenz zu wünschen lässt.

Nun hatte sich ja in Carlottas Leben in den ersten 2 Teilen einiges zum Guten gewandelt: sie hatte in Konrad ihren Vater gefunden, hatte sich klargemacht, dass Maria Fiore nicht ihre Mutter war, hatte Henriette wiedergefunden – ihre quasi Schwester, Fiores echte Tochter – und last but not least einen liebevollen Mann, den Kommissar Hannes Fischer, getroffen, mit dem sie zusammenlebt und einen kleinen Sohn hat.

Ein Problem besteht darin, dass Hannes und sie nun Kollegen sind, denn Polizeichef Krump hat sein Versprechen wahrgemacht und hat Lotta und Konrad eingestellt. Lotta, die vor Jahren eine Ausbildung bei der Polizei angefangen hatte, dann aber wegen eines Suizidversuchs von der Schule flog, wird von den Kollegen nicht freundlich aufgenommen. Man vermutet Kungelei dahinter, dass sie ohne entsprechende Ausbildung eine Stelle bekommen hat. Und die Kollegen halten sie natürlich für Maria Fiores Tochter, denn sie hat ihr Verhältnis zu Konrad nicht publik gemacht.

Lotta und Konrad sind beide sehr ungewöhnliche und interessante Ermittlerfiguren. Lotta ist noch nie eine Sympathieträgerin für mich gewesen, aber sie hat mich interessiert. In diesem Buch fand ich sie aber ziemlich enervierend, ihre ewige Geheimniskrämerei, ihr ständiges Lügen, ihr Misstrauen, ihre Eifersucht wurden mir etwas zu viel. Sie beantwortet fast prinzipiell jede Frage mit einer Lüge. Es gibt im Buch Protokolle von Therapiesitzungen – Lotta geht zwar zur Therapie, belügt aber auch die Therapeutin, benimmt sich absolut therapieresistent!

Über den Fall will ich nichts erzählen, er ist aufs innigste mit Lottas Geschichte verwoben. Und Lotta gelingt es, den Mörder zu überführen. Im Mittelpunkt steht ihre Psyche, aber im letzten Drittel nimmt der Krimi richtig Fahrt auf und wird sehr spannend. Möglicherweise ist das der letzte Band der Reihe, denn nun sind für Carlotta alle Ungereimtheiten ihrer Vergangenheit geklärt, und in ihrem Leben läuft alles einigermaßen rund: denn in einer weiteren Therapiesitzung hatte sie sich doch auf eine Hypnosebehandlung eingelassen und dabei waren wichtige Erinnerungslücken gefüllt worden. Und im Zuge ihrer Ermittlungstätigkeit während einer Fernseh-Talk Show hatte sie ihre großen Geheimnisse öffentlich gelüftet. Also, Ende gut, alles (mehr oder weniger) gut und möglicherweise das Ende der Geschichte.

Auch wenn mir das Verhalten der Protagonistin hin und wieder gegen den Strich gegangen ist, so war es dennoch insgesamt eine spannende, interessante und lohnende Lektüre.

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Tags: carlotta fiore, konrad fürst, wien   (3)
 

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50 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 35 Rezensionen

toskana, krimi, todsünden, maremma, stefan ulrich

Die Morde von Morcone

Stefan Ulrich
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 12.05.2017
ISBN 9783548289243
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Münchner Anwalt Robert Lichtenwald versucht in einem Sabbatjahr in seinem Häuschen in der Toskana mit seiner veränderten Lebenssituation klarzukommen: Seine Frau hat ihn verlassen, seine Tochter absolviert ein soziales Jahr in Bolivien, und er fühlt sich allein und überflüssig.

Doch bald ist er in Morcone in der Maremma mehr in eine Mordermittlung involviert, als ihm lieb ist.

Eines Morgens holt ihn der Grundbesitzer, der Conte, auf dessen Anwesen sein Bauernhaus liegt, zu einer Wanderung ab, und sie landen bei der malerischen Ruine einer Abtei aus dem 12. Jahrhundert. Dort stoßen sie plötzlich auf die Leiche einer Straßenprostituierten, eines Hermaphroditen, in dessen Haut ein großes „L“ geritzt ist.

Robert lernt die Lokalreporterin Giada Bianchi kennen, die ihn sogleich in ihre Recherchen einspannt. Es geschehen noch weitere Morde im Ort, den Opfern wird jedes Mal ein Buchstabe in die Haut geritzt. Die ermittelnden Carabinieri kommen nicht gut voran, während Giada und Robert so einiges herausfinden. Es geht bei den Morden um die sieben Todsünden

In einer anderen Rezension schreibt jemand, schon auf Seite 40 gewusst zu haben, wer der Täter ist. Das kann ich nicht bestätigen, erst nach etwa zwei Dritteln wies allmählich vieles auf eine Person hin, das schien mir aber vom Autor durchaus so gewollt zu sein. Ganz kurz vor Schluss serviert uns der Autor noch einen „Red Herring“, der einen noch einmal an der vermuteten Identität des Täters zweifeln lässt.

Ich fand den Krimi ganz nett und spannend, wenn auch nicht begeisternd: die beiden Hauptfiguren sind sympathisch, wir lernen viele Dorfbewohner kennen, es gibt eine stringente Krimihandlung und als Sahnehäubchen etwas italienisches Flair. Falls eine Serie daraus werden sollte, würde ich dem 2. Band durchaus noch eine Chance geben.

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Tags: regionalkrimi, savonarola, sieben todsünden, toskana   (4)
 

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69 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 26 Rezensionen

mord, jörg maurer, krimi, alpenkrim, alpenkrimi

Im Grab schaust du nach oben

Jörg Maurer
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei FISCHER Scherz, 27.04.2017
ISBN 9783651025189
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Kommissar Jennerwein und seine Truppe werden – wie alle anderen verfügbaren Polizisten – zum Einsatz beim G7-Gipfel eingeteilt, der heuer im Bindestrich-Kurort stattfindet.

Und wer sich da alles tummelt! Geheimdienste aller Herren Länder, Demonstranten von friedensbewegt bis schwarzer Block, Blogger, Jäger, Auftragskiller, Privatdetektive, Mafiosi, Doubles von Politikern und Schauspielern …

Es beginnt mit der äußerst amüsant geschilderten Beerdigung eines gewissen Ropfmartl Hansi mit Kodizill und allen Schikanen inklusive 7 Böllerschüssen aus antiken Kanonen. Wobei es dann nur 6 Salutschüsse waren, eine der Kanonen hatte eine Ladehemmung …

Im Rückblick erfährt man dann auch, wer dieser Ropfmartl Hansi eigentlich ist und wie es zu der Bestattung kam. Die Graseggers (lieb gewordene alte Bekannte) sind natürlich auch wieder mit von der Partie, obwohl sie mit Berufsverbot belegt sind und daher leider die Beerdigung nicht ausrichten dürfen. Am Arbeitsstil des amtierenden Bestatters lassen sie jedenfalls kein gutes Haar.

Eine Familie Glöckl, Besitzer eines Senf-Imperiums und leidenschaftliche Jäger spielen auch eine große Rolle. Nur ein Familienspross, Ronny Glöckl, ist gegen die Jagd und auch gegen kapitalistische Wirtschaftspraktiken. Deshalb befindet er sich auch im Camp der G7-Gegner und nicht bei der Testamentseröffnung von Onkel Jeff im Kreise der Familie.

Es gibt durchaus eine Krimihandlung, aber auch viele Nebenstränge, einer witziger als der andere. Wer einen simpel gestickten Alpenkrimi sucht, mag etwas verwirrt sein von dieser Vielfalt und vielleicht auch enttäuscht von der Kriminalstory.

Denn eindeutig tritt das komödiantische Element und die sozialkritische Satire gegenüber der Krimihandlung hier noch stärker in den Vordergrund als in den Vorgängerbänden. Mich hat das nicht gestört, ich habe mich glänzend amüsiert über dieses Feuerwerk an skurrilen Ideen (eine Bäckerei, die sich in Anpassung auf das G7-Publikum auf Wurftorten spezialisiert hat - eine Geschichte des Türen-Werfens - das Profugium - die (frei erfundenen?) Ausdrücke aus der Jägersprache -  die Beziehungen zwischen Mafia und Hypnose - die Blog-Einträge in perfekt gelungenem Blogger-Jargon - die Bereitschaftspolizisten in voller Kampfmontur, die im Präsidium aus Ungeschick eine Glastür zu Bruch bringen - und und und …) und über den reinen Slapstick wie in der Szene, die sich nach dem Diebstahl des Portemonnaies einer bayerischen Bedienung abspielt. Vermutlich kann man dem Roman auch ohne Kenntnis der vorherigen Bände folgen, aber wirklich genüsslich goutieren kann man ihn wohl besser als eingefleischter Jennerwein-/Maurer-Fan. Der intelligente Humor lässt sich nie auf das Niveau seichter Unterhaltungsromane herab.

Da staunt man nicht schlecht, ein Verwirrspiel ersten Ranges, aberwitzige Ideen, absurde Nebenschauplätze – vorhersehbar ist da wirklich nichts.  Und eine Mordsgaudi es zu lesen. Es gibt nur wenige Bücher, die ich mit so großem Vergnügen lese, wie die Alpenkrimis von Jörg Maurer!

 

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Tags: alpenkrimi, garmisch-partenkirche, gesellschaftskritik, hubertus jennerwein, jörg maurer, regionalkrim, schwarzer humor   (7)
 

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52 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 41 Rezensionen

japan, tokio, liebe, krieg, spionage

Demnächst in Tokio

Katharina Seewald
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Europa Verlag , 27.03.2017
ISBN 9783958901063
Genre: Romane

Rezension:

Deutschland in der Nazizeit: Die 18jährige Elisabeth lebt mit ihrer ängstlichen Mutter und dem despotischen Vater - einem strammen Nazi - in einer süddeutschen Kleinstadt. Eines Tages wird sie vom Vater mehr oder weniger verkauft; der hat eingewilligt, dass sie ganz plötzlich Ernst Wilhelm, den mit 39 Jahren noch unverheirateten Sohn seines Chefs, des Fabrikanten von Traunstein, heiraten soll, der dann nach der Zeremonie sofort nach Japan aufbricht und sich mit "Demnächst in Tokio" von ihr verabschiedet.
Elisabeth werden die Zusammenhänge erst später klar, da sie noch recht naiv ist, aber der Leser erfährt, bzw. erahnt bald, was es mit dieser Eheschließung auf sich hat. Die offizielle Begründung der Familie von Traunstein lautet, dass Ernst sich wegen seines Jobs an der Tokioter Botschaft schnell verheiraten muss, denn unverheiratete Diplomaten werden nicht gern gesehen. Doch tatsächlich geht er so überstürzt nach Tokio, weil seine Famile quasi am Vorabend des sogenannten Röhm-Putsches noch rechtzeitig gewarnt worden war. Ernst stand politisch dem Ex-Kanzler von Schleicher nah, und die Familie hatte gerade noch früh genug erfahren, dass eine Säuberungsaktion bevorstand und Beziehungen spielen lassen, um ihn an der deutschen Botschaft unterzubringen. Außerdem ist Ernst homosexuell, was der Leser sofort ahnt, Elisabeth aber erst sehr viel später versteht.
Im Grunde ist es eine Coming of Age-Story: Elisabeths abenteuerliche Reise nach Japan, das kameradschaftliche Zusammenleben mit ihrem neuen Ehemann, das fremde Land, das Leben in Diplomatenkreisen und wie sie allmählich lernt, die Rolle als Dipomatengattin auszufüllen. Außerdem fühlt sie sich von ihrem Vater befreit und genießt den ungewohnten Wohlstand.
Und dann tritt noch Ernsts bester Freund Alexander in ihr Leben, ein verwegener Journalist, der sich wenig um Konventionen schert und mit dem sich eine Art Ménage à trois entwickelt. Die Autorin verrät im Nachwort, dass diese Figur dem real existierenden Spion Richard Sorge nachempfunden ist. Die Traunsteins halten sich von 1934 - 1942 in Japan auf und wir erfahren viel über die deutsche, die japanische und die Weltpolitik dieser Zeit. Danach folgen noch einige Jahre im Pekinger Exil, die jedoch nur en passant geschildert werden, und dann ein kurzer Abriss des weiteren Lebens im Nachkriegsdeutschland.
Es beginnt damit, dass Elisabeths Tochter Karoline überraschend für ein Interview nach Japan reisen muss und Elisabeth - mittlerweile weit über 90 Jahre alt - dadurch den Anstoß zu dem schon längst überfälligen Bericht für ihre Tochter über die Tokioter Zeit, die Art ihrer Ehe  und einige andere Geheimnisse gibt. Der Roman besteht hauptsächlich aus einem langen Brief an Karoline.
Obwohl ich nicht mehr die Jüngste bin, fiel es mir als heutiger Leserin schon schwer, die Denk- und Verhaltensweisen dieser Zeit nachzuvollziehen, die ja noch viel stärker von Tabus geprägt wurden, z.B. erschien mir Elisabeths Naivität manchmal als zu extrem und fast unglaubwürdig. Trotzdem hat mir der Roman sehr gut gefallen, er bietet einen spannenden Einblick in eine ander Zeit und eine andere Welt.
Ein gut recherchierter, spannender historischr Roman mit viel Gefühl, Drama und Exotik.

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Tags: 2 weltkrieg, coming of age, historischer roman, japan, nazizeit, spion, tokio   (7)
 

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91 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 59 Rezensionen

fbi, nero wolfe, new york, krimi, detektiv

Es klingelte an der Tür

Rex Stout , Conny Lösch , Jürgen Kaube
Fester Einband: 248 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 11.03.2017
ISBN 9783608981117
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nero Wolfe, Privatdetektiv, aber auch passionierter Orchideenzüchter und Feinschmecker, ist die graue Eminenz, der Strippenzieher im Hintergrund, sein Adlatus Archie Goodwin berichtet als teilnehmender Beobachter und Ich-Erzähler über seine Fälle - nicht unähnlich Sherlock Holmes' Dr. Watson. Dann gibt es noch Wolfes Schweizer Leibkoch Fritz, und alle drei residieren in Nero Wolfes New Yorker Brownstone, in dem sich auch sein Büro befindet. Archie erledigt hauptsächlich die Beinarbeit, während Nero das Haus nur verlässt, wenn es gar nicht zu vermeiden ist und die meisten Probleme von seinem Schreibtisch aus löst. Wir schreiben das Jahr 1965.
In diesem Fall beauftragt die vermögende Witwe Bruner den Detektiv, gegen das FBI zu ermitteln, eine fast unlösbare Aufgabe; denn wie soll man gegen eine Institution ermitteln, deren klandestine Aktionen offiziell nie stattgefunden haben?
Die Witwe war nach der Lektüre des Buches "Das unbekannte FBI" so begeistert, dass sie fand, es müsse unter die Leute gebracht werden. Kurz entschlossen erwarb sie 10.000 Exemplare und versandte diese an ausgewählte Adressaten wie Kabinettsangehörige, Richter, Gouverneure, Senatoren, Redakteure etc.
Unangenehmerweise werden jetzt sie und ihre Kinder beschattet, ihre Telefonleitungen wurden angezapft, Freunde und Mitarbeiter wurden verhört, ihr Haus steht unter permanenter Beobachtung und allmählich wird ihr das alles zu viel! Wenn überhaupt jemand dem FBI Einhalt gebieten könne, dann sei es Nero Wolfe.
Wolfe will den Fall als völlig unlösbar ablehnen, wird dann aber doch bei seiner Eitelkeit gepackt, denn eigentlich gibt es für einen Nero Wolfe keine unlösbaren Aufgaben. Und das mehr als großzügige Honorar, das in Aussicht gestellt wird, ist auch nicht zu verachten.
Wie der große Detektiv diese schwierige Aufgabe angeht und ob es ihm tatsächlich gelingt, diesen Fall zum Abschluss zu bringen, lässt sich in Archies humorvoller Schilderung aufs Amüsanteste verfolgen. Und in der aktuellen Politik sind Lauschangriffe ein mindestens genau so brisantes Thema wie damals ...
Ich habe das englische Original nicht gelesen, aber die deutsche Neuübersetzung erscheint mir sehr gelungen und trifft den richtigen Ton. Die bibliophile Aufmachung des Leinenbändchens ist auch sehr ansprechend. Also genau das Richtige für Liebhaber klassischer Krimis mit viel Humor und skurrilem Personal!

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Tags: fbi, klassiker, krimi, nero wolfe   (4)
 

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69 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 49 Rezensionen

physik, einstein, gott, bibel, urknall

Das Einstein Enigma

J.R. Dos Santos , Paula Porter
Flexibler Einband: 608 Seiten
Erschienen bei luzar publishing, 23.03.2017
ISBN 9783946621003
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Roman wird vom Verlag als Spionagethriller vermarktet, die Wahl des deutschen Titels lässt etwas Ähnliches wie den Da Vinci Code vermuten. Es fängt auch ganz spannend an, so wie der Verlagstext es verspricht: „Kairo, 2006.
Der portugiesische Kryptanalyst Tomás Noronha soll ein mysteriöses Manuskript entschlüsseln. Sein Titel? Die Gottesformel. Sein Autor? Albert Einstein. Was auf dem Spiel steht? Nichts weniger als die Anleitung für den Bau einer billigen Atombombe.
Wider Willen wird Tomás als Doppelagent des Iran und der CIA in eine internationale Spionageaffäre verwickelt und kommt im Rahmen seiner Ermittlungen einem der größten Rätsel der Welt auf die Spur: dem wissenschaftlichen Beweis für die Existenz Gottes.“
Nach den ersten Kapiteln tritt allerdings die Thrillerhandlung immer mehr in den Hintergrund, und es geht um endlos lange Diskurse mit diversen Wissenschaftlern, in denen der Protagonist, selbst Historiker, von anderen Kapazitäten über physikalisch-philosophische Sachverhalte belehrt wird und immer abwechselnd „Das verstehe ich nicht“ bzw. „Ja, das weiß ich“ sagen darf. Mir erscheint der Roman ein Vorwand zu sein, um eine populärwissenschaftliche Abhandlung zu publizieren. Es geht von Einsteins allgemeiner und spezieller Relativitätstheorie, über die Heisenberg’sche Unschärferelation, Schrödingers Katze, den Urknall, die Chaostheorie, schwarze Löcher usw. bis zu den Fragen nach einem freien Willen des Menschen, dem Sinn des Lebens und der Existenz Gottes. Schön und gut, auch einigermaßen allgemein verständlich formuliert, aber dem Spannungsniveau definitiv abträglich.
Im Gegensatz zu Dan Brown (dessen Romane ich keinesfalls für Meisterwerke halte), schafft der Autor es nicht, die beiden Komponenten stimmig zu koordinieren. Beim Da Vinci Code geht es ja auch teilweise um wissenschaftliche Erkenntnisse, aber diese sind so in die Handlung eingebaut, dass sie zum Spannungsaufbau beitragen.
Zuerst war ich noch geduldig und gewillt, den physikalischen, philosophischen und religionswissenschaftlichen Ausführungen zu folgen, doch je mehr diese in den Vordergrund traten, desto ungeduldiger überflog ich die Seiten. Mich erinnerte das ein wenig an Karl May, der ja hin und wieder auch in seinen Büchern lange religionsphilosophische Diskurse eingebaut hat, die ich als jugendliche Leserin genervt überschlagen habe. Die handelnden Protagonisten scheinen den Autor am Ende gar nicht mehr zu interessieren, und auch als Leser ist es einem dann ziemlich egal, was aus Tomás und Ariana wird.
Den anderen, zum Teil sehr positiven Rezensionen, kann ich mich nicht anschließen, für mich hat der Autor sein Thema verfehlt. Oder der Verlag hat die falsche Marketingstrategie gewählt.

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Tags: philosophi, physik, religionswissenschaft   (3)
 

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103 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 75 Rezensionen

spanien, kuba, mexiko, liebe, mexico

Wenn ich jetzt nicht gehe

María Dueñas , Petra Zickmann
Fester Einband: 589 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 06.03.2017
ISBN 9783458177029
Genre: Romane

Rezension:

... Und man könnte noch mehr Genres anfügen, z.B. Historischer Roman, denn das alles beinhaltet dieses Buch.
Es ist die Geschichte von Mauro Larrea, der als junger Mann nach dem Tod seiner Ehefrau mit seinen zwei kleinen Kindern zu neuen Ufern aufgebrochen war, von Spanien in die Neue Welt, nach Mexiko-Stadt. Wir befinden uns in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und lernen ihn als Mann in den Vierzigern kennen. Durch harte Arbeit und viel Geschäftssinn hat er es zu Wohlstand und Ansehen gebracht. Doch just in diesem Moment erhält er eine katastrophale Nachricht: sein amerikanischer Geschäftspartner ist verstorben und seine Investitionen haben sich in Luft aufgelöst, die von ihm bezahlten Maschinen wird er nie erhalten. Für ein großes Geschäft hatte er alles, was er besaß, eingesetzt, hatte sich verschuldet, und hat nun alles verloren. Seine Tochter ist gut verheiratet und erwartet ihr erstes Kind, aber sein Sohn, der auch demnächst in eine gute mexikanische Familie einheiraten soll,macht ihm Sorgen; er ist ein Luftikus und Rebell und wurde deshalb für ein Jahr nach Europa geschickt, um sich die Hörner abzustoßen. Mauro bangt nun, dass diese Ehe nicht zustande käme, wenn sein Ruin bekannt würde. Deshalb bricht er überstürzt auf, um irgendwie die Grundlagen für einen Neuanfang zu schaffen.
Als erstes verschlägt es ihn nach Kuba, nach Havanna und später dann weiter zurück nach Spanien, nach Jerez in Andalusien. Und immer ist sein Schicksal eng verbunden mit der Familie Montalvo, zuerst durch die künftigen Schwiegereltern seines Sohnes, denn die Schwester des Schwiegervaters lebt in Kuba und ist mit einem Spross der Familie Montalvo verheiratet. In Spanien dann lernt er die faszinierende Soledad Montalvo kennen, die allerdings mit einem - sehr viel älteren - englischen Sherry-Händler verheiratet ist.
Abenteuer, Liebe, Intrigen und Verrat, alles ist drin in diesem großartigen und spannenden Roman, ein wenig hat mich die Atmosphäre an den Grafen von Monte Christo erinnert, denn ähnlich episch geht es in dieser Geschichte zu. Toll geschrieben, keine seichte Schmonzette, hat mich dieses Buch von Anfang an gefesselt, und während des letzten Drittels konnte ich gar nicht mehr mit dem Lesen aufhören. Nur an einer Stelle hatte ich das Empfinden, dass hier etwas zu viel des positiven Zufalls zusammenfabuliert worden war, aber das tat dem Lesegenuss keinen Abbruch. Und der deutsche Titel gefällt mir nicht - im Original heißt das Buch La Templanza, das ist der Name des Weingutes der Familie Montalvo in Jerez. Das hätte man vielleicht einfach so stehen lassen können. Aber das sind nur unwesentliche Kleinigkeiten. Alles in allem ein großes Lesevergnügen, volle Punktzahl und absolute Kaufempfehlung!

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81 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 48 Rezensionen

brasilien, historischer roman, österreich, portugal, liebe

Der grüne Palast

Peggy Hohmann
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 10.03.2017
ISBN 9783548613529
Genre: Historische Romane

Rezension:

In diesem Briefroman geht es auf eher heitere Art um ein großes Drama. Ein Reigen von teils tatsächlichen, teils fiktiven Figuren sind die Briefeschreiber. Die Hauptperson, die im Mittelpunkt der Geschichte steht, ist die Habsburger Erzherzogin Leopoldine von Österreich. Ferner ihr Vater, Kaiser Franz I., und erheblich bedeutender, der Fürst von Metternich. Leopoldines Gesellschafterin und Freundin, die Gräfin Lazansky, ca. 10 – 15 Jahre älter als die Erzherzogin. Und Leopoldines Lieblingsschwester, Marie–Louise, Herzogin von Parma, Ehefrau von Napoleon Bonaparte. Last but not least der Marquis de Marialva, ein portugiesischer Diplomat und Metternichs Freund und Verbündeter.
Das Drama besteht in der Zwangsverheiratung der Töchter und Söhne von Monarchen aus Gründen der Staatsraison, ohne Rücksicht auf deren Wünsche und Träume, in diesem Fall der jungen Leopoldine mit dem portugiesischen Kronprinzen Dom Pedro, dessen Schwachpunkte man ihr wohlweislich verschwiegen hat. Erschwerend hinzu kommt, dass die portugiesische Königsfamilie seit zehn Jahren nicht mehr in Portugal residiert, sondern auf der Flucht vor Napoleon nach Brasilien gegangen ist. Metternich und Marialva haben diese Heiratspläne geschmiedet, von denen beide Länder zu profitieren hoffen. Der jungen Frau steht also auch eine unendlich lange Reise bevor, auf der wir sie begleiten. Diese Ziele werden nicht unbedingt erreicht, da die Welt in permanenter Veränderung begriffen ist und antimonarchistische, republikanische Revolten auf dem Vormarsch sind.
Die Form des Briefromans lässt die unterschiedlichsten Stimmen erklingen, und wir erfahren viele historische Tatsachen quasi nebenbei. Der Ton ist zumeist eher heiter, teilweise aber auch herzzerreißend traurig. Vor den Augen des Lesers entwickelt sich das romantische junge Mädchen zur welterfahrenen Frau.
Der Autorin ist es – soweit ich das beurteilen kann – gut gelungen, den Ton einer anderen Zeit zu treffen, und eine mitreißende Geschichte zu erzählen, die mich von Anfang bis Ende gefesselt hat. Und das auf sehr unterhaltsame Weise. Mich hat der Roman ein wenig an Désirée von Annemarie Selinko erinnert, den ich als Teenager geradezu verschlungen habe, und durch den ich einiges an geschichtlichem Wissen erwarb, mit dem ich in der Schule glänzen konnte.
Ein sehr empfehlenswerter Schmöker, den man gar nicht mehr aus der Hand legen möchte!

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104 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 58 Rezensionen

alter, liebe, einsamkeit, roman, kent haruf

Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf , Pociao
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 22.03.2017
ISBN 9783257069860
Genre: Romane

Rezension:

Von takabayashi

Eines Tages klingelt die siebzigjährige verwitwete Addie Moore bei ihrem ebenfalls verwitweten Nachbarn Louis Waters und macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: da sie beide schon viel zu lange allein seien, wolle sie ihn bitten, bei ihr zu übernachten und mit ihr zu reden. Es gehe ihr nicht um Sex, sondern darum, die Nacht zu überstehen. Es gemütlich und warm zu haben. Zusammen im Bett zu liegen, die ganze Nacht. Denn die Nächte seien am schlimmsten.
Louis bittet sich etwas Bedenkzeit aus, ruft aber Addie am nächsten Tag an und besucht sie am selben Abend, um die Nacht bei ihr zu verbringen. Sie unterhalten sich lange. Dann schläft Addie ein, doch er ist ziemlich aufgeregt und kann nicht schlafen, auch wenn er sich bei ihr wohl fühlt. Am frühen Morgen geht er nach Hause, fühlt sich aber krank, so dass er Addie anruft und für die kommende Nacht absagt. Auf sie wirkt das wie eine Ausrede.
Als es ihm am nächsten Tag noch schlechter geht, lässt er sich untersuchen und wird mit einer Harninfektion ins Krankenhaus eingewiesen. Addie hat er nicht benachrichtigt, aber nachdem sie herausgefunden hat, wo er ist, besucht sie ihn im Krankenhaus. Und beide versichern sich, dass sie das Experiment fortführen wollen, sobald er wieder gesund ist.
Von da an verbringen sie regelmäßig die Nächte beieinander und erzählen sich von ihrem Leben. Addies Sohn Gene, der in der Großstadt lebt, bringt seinen Sohn Jamie zu seiner Mutter, als seine Frau ihn verlassen hat. Der kleine Junge ist ziemlich verstört, aber Addie und Louis kümmern sich liebevoll um ihn, so dass er allmählich Zutrauen zu ihnen fasst und sich wohlzufühlen beginnt. Besonders Louis hat immer wieder gute Einfälle, z.B. hat er die Idee, aus dem Tierheim einen Hund für den Kleinen zu besorgen, der auch prompt zu dessen bestem Freund wird. Die drei machen Ausflüge, Picknicks etc. und genießen diese harmonische gemeinsame Zeit.
Die Dorfbewohner zerreissen sich kurzzeitig die Mäuler über diese "unmoralische Affäre", beruhigen sich aber bald wieder. Wirklich harter Widerstand kommt dann erst von Gene, als er Jamie nach ein paar Wochen wieder abholt und dann erst mitkriegt, dass Addie und Louis eine Beziehung haben.
Ein kurzer Roman aus dem ländlichen Amerika, in dem zwei alte Leute die Grenzen der Konvention überschreiten und ihr Leben dadurch wieder interessanter und erfreulicher gestalten. Eine schöne Idee. Der Wermutstropfen ist Addies eigener Sohn, der sich als Moralapostel aufspielt und seine Mutter unter Druck setzt, anstatt sich darüber zu freuen, dass es ihr gut geht.
Das Buch ist schnell gelesen, die beiden Protagonisten sind sympathisch, hinterlassen allerdings keinen bleibenden Eindruck, und ich blieb als Leser eher distanzierter Beobachter. Das etwas traurige Ende, das ich so nicht erwartet hatte, hat mich etwas enttäuscht - ich finde, es passt nicht zu dem Rest der Geschichte.

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Tags: alter, einsamkei, liebe   (3)
 

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319 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 165 Rezensionen

mord, psychologie, krimi, manuskript, roman

Das Buch der Spiegel

E.O. Chirovici , Werner Schmitz , Silvia Morawetz
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 27.02.2017
ISBN 9783442314492
Genre: Romane

Rezension:

Der Roman ist in drei Teile mit drei verschiedenen Erzählern gegliedert. Im ersten Teil erhält der New Yorker Literaturagent Peter Katz eines Tages eine Email von einem gewissen Richard Flynn, der sich und seine Lebensgeschichte in seinem Anschreiben präzise, kurz und knapp vorstellt. Das gefällt dem Agenten, der den Schreiber gleich irgendwie sympathisch findet und deshalb die angehängte Leseprobe ausdruckt und mit nach Hause nimmt.
In dem eingesandten Manuskript geht es um Erinnerungen des Autors aus dem Jahre 1987, als er Student in Princeton war und in seiner Wohnung plötzlich eine neue Mitbewohnerin namens Laura aufkreuzte. Die beiden verbrachten viel Zeit miteinander, und im Nachhinein glaubt der Autor, dass er sich fast sofort in Laura verliebt hatte, es aber zuerst noch gar nicht selbst bemerkte. Die Psychologiestudentin Laura stellt Richard ihrem guten Freund und bewunderten Mentor Professor Wieder vor, und der Professor bietet Richard den Job an, seine Bibliothek zu ordnen und katalogisieren.
Die eingesandte Leseprobe endet damit, dass Professor Wieder ermordet aufgefunden wird und Richard Flynn andeutet zu wissen, wer der Mörder gewesen sei. Peter Katz will auch den Rest des Manuskripts lesen, das ihn sehr gefesselt hat, aber das erweist sich als schwierig. Denn der Autor, der todkrank war, ist inzwischen verstorben. Katz möchte den Roman veröffentlichen, er wittert einen Erfolg.
Da er nicht so viel Zeit auf die Recherche verwenden kann, heuert er den Journalisten John Keller für weitere Nachforschungen an, aus dessen Perspektive Teil zwei erzählt wird. Keller sucht viele verschiedene Leute aus dem Umfeld von Richard Flynn, Laura Baines und Professor Wieder auf, trägt Unmengen an Material zusammen, das sich jedoch als äußerst widersprüchlich erweist. Nach einiger Zeit gibt er frustriert auf, schreibt einen Abschlussbericht für Katz und übergibt seine gesamten Unterlagen dem pensionierten Polizisten Roy Freeman, der seinerzeit die Ermittlungen im Mordfall Wieder leitete, ihn aber nicht aufklären konnte. Keller hatte Freeman während seiner Recherche kennengelernt und von ihm auch die Fallakte bekommen.
Im dritten Teil verbeißt Freeman sich noch einmal in den Fall und kann ihn dann auch tatsächlich lösen.
Das zentrale Thema des Romans ist die Subjektivität von Erinnerungen - wie weit kann man sich auf seine Erinnerung verlassen? Erinnert man sich wirklich an Ereignisse aus seiner frühen Kindheit oder bildet man sich nur ein, sich zu erinnern, weil einem die Ereignisse so oft erzählt worden sind?
Das erste Drittel des Romans fand ich richtig spannend, doch dann kann diese Spannung nicht durchgängig aufrecht erhalten werden, die Ermittlungen ziehen sich dann doch etwas in die Länge, bleiben aber immer noch interessant. Die tatsächliche Auflösung wirkte dann etwas antiklimaktisch auf mich. Das Buch ist flüssig geschrieben und liest sich gut. Und auch wenn meine anfängliche große Begeisterung sich im Verlauf der Lektüre gelegt hat, ist es mir doch 4 Sterne wert.

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Tags: erinnerung, princeton, psychologie, thriller   (4)
 

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49 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 45 Rezensionen

südfrankreich, krimi, flüchtlinge, wein, weinberg

Gefährliche Ernte

Yann Sola
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462048698
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wie schon der erste Roman um den Gastronomen und Kleinganoven Perez aus Banyuls-sur-Mer hat mir "Gefährliche Ernte" sehr gut gefallen. Genau meine Art von Krimi mit viel Humor, Lokalkolorit, aktuellen Bezügen und natürlich auch Spannung - und einem ungewöhnlichen Ermittler, ein Cosy eben, nichts für Fans von Hard-Boiled Thrillern.
In Band 2 spielt Perez' Vater eine größere Rolle - sofern er in Band 1 überhaupt erwähnt wurde, ich kann mich nicht daran erinnern. Perez und seinen Vater, der die Familie verlassen hat, als Perez noch ein Kind war, verbindet keine verwandtschaftliche Zuneigung, eher eine Art unfreiwillige Komplizenschaft. Denn Perez braucht die Hilfe seines Vaters bei der Produktion, Lagerung und Abfüllung des edlen und kostspieligen Creus-Weins, den er angeblich aus Spanien bezieht, den er in Wirklichkeit aber selbst herstellt. Dieser Wein ist seine größte und beste Einnahmequelle, die er bedroht sieht, als ein Toter im Weinberg seines Vaters gefunden wird, der als letzte Lebensäußerung das Wort Creus von sich gegeben hat. Es hilft alles nichts - Perez muss der Polizei bei der Aufklärung des Falles zuvorkommen, um seinen Wein aus dem Fokus der Aufmerksamkeit herauszuhalten.
In einer Nebenhandlung geht es um den Heiratswunsch seiner geliebtenTochter, die den eigentlich sympathischen und herzensguten Wirtssohn genannt "die Bhnenstange" heiraten will, der aber nicht der hellste aller Köpfe zu sein scheint. Perez und seine Exfrau sind aus unterschiedlichen Gründen gegen diese Verbindung und versuchen, diese zu verhindern.
Als handelnde Personen treten außerdem Perez' deutsche Lebensgefährtin Marianne und deren Tochter und sein algerischer Kumpel Haziem auf, der sich als Koch und Geschäftsführer um Perez' Restaurant Conill kümmert.
Im Zuge der Ermittlungen stößt Perez auf Menschenhandel mit Flüchtlingen und auf unsaubere Machenschaften in Kreisen des FN, des Front National von Marine Le Pen.
Am Ende Schluss gelingt es Perez, mit Hilfe seines Schwiegersohns in spe, der sich als Computer-Fiffikus erweist, maßgeblich zur Aufklärung des Falles beizutragen und die Geschichte endet mit einer großen und harmonischen Hochzeitsfeier.
Ich freue mich auf Perez' nächsten Fall!

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Tags: menschenschmuggel, perez, regionalkrimi, südfrankreich, wein   (5)
 

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29 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 22 Rezensionen

berlin, mord, entführung, korruption, insolvenz

Stumme Hechte

Rainer Wittkamp
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei GRAFIT, 12.04.2016
ISBN 9783894254698
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wieder ist Rainer Wittmann ein vielschichtiger, spannender und temporeicher, gleichzeitig aber auch amüsanter Krimi mit viel Witz gelungen.

Sein Ermittler, Martin Nettelbeck, muss dieses Mal einen Fall aufklären, in den vier hochrangige Polizeibeamte verwickelt sind. Die vier kennen sich seit der Ausbildung und waren unter ihren Mitstudenten als "Die Viererbande" bekannt. Obwohl aus unterschiedlichen Ecken Deutschlands stammend, haben sie es geschafft, über viele Jahre ihre Freundschaft zu pflegen, indem sie sich zwei Mal im Jahr treffen. In Berlin soll eine Konferenz stattfinden, an der alle vier teilnehmen, und diese Gelegenheit haben sie zu einer gemeinsamen Radtour vor Beginn der Konferenz genutzt. Auf einem Campingplatz nahe Berlin wird am frühen Morgen einer der vier Freunde tot aufgefunden. Mord oder Selbstmord? Das bleibt ziemlich lange unklar. Die anderen Freunde haben nach einem alkoholgetränkten Abend tief geschlafen und (angeblich?) nichts von den nächtlichen Geschehnissen mitgekriegt.

Während es Nettelbeck und seinen Kollegen immer klarer wird, dass es sich um einen Mord handelt, wird ihnen von höherer Stelle im LKA nahegelegt, den Fall als Selbstmord möglichst schnell abzuschließen, um das Image der Polizei nicht zu beschmutzen.

Und Nettelbecks Situation wird noch komplizierter, denn die Tochter seiner Lebensgefährtin wird entführt. Wie sich später herausstellt von einer psychisch labilen jungen Frau, die gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde; sie gibt dem Polizisten die Schuld an all ihrem Leid und will sich so an ihm rächen.

Die Handlung ist spannend bis zum rasanten Ende und immer wieder wird man als Leser durch unverhoffte Wendungen in die Irre geschickt. Die Auflösung ist vom Autor gut konzipiert und für den Leser absolut nachvollziehbar. Die kurzen Kapitel mit den damit verbundenen häufigen Perspektivwechseln verleihen dem Roman ein enormes Tempo.

"Stumme Hechte" ist der vierte Band einer Reihe um Kommissar Nettelbeck. Es ist nicht unbedingt erforderlich, die Vorgängerbände zu kennen. Für mich war es der zweite nach "Frettchenland". Viele der Protagonisten waren mir schon vertraut. Alle Charaktere sind gut und lebensecht beschrieben, Nettelbeck und sein Team wirken sympathisch und menschlich. Inhaltlich hat mir die gelungene Mischung aus Privatem und Ermittlungstechnischem sehr gut gefallen.

Fazit: Diesen zugleich spannenden und humorvollen Krimi kann ich uneingeschränkt empfehlen!

 

 

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Tags: berlin, korruption, martin nettelbeck, spannung   (4)
 

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(63)

75 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 59 Rezensionen

altötting, krimi, bayern, fastenopfer, anton leiss-huber

Fastenopfer

Anton Leiss-Huber
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 13.01.2017
ISBN 9783548288314
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Warum wurde der Verwalter des "Tilly-Benefiziums° ermordet? Und was ist überhaupt das "Tilly-Benefizium"? Die zweite Frage wird gleich ganz zu Anfang des Romans beantwortet, die Antwort auf die erste Frage steht als Auflösung ganz am Ende.
Kommissar Max Kramer ist gebürtiger Altöttinger, der allerdings nach langer Abwesenheit erst vor kurzem in den Heimatort zurückgekehrt ist. Sein Side-Kick ist der Kollege Fritz Fäustl, ein
Leberkäs-Semmel-Süchtiger. Da er Protestant ist, darf er auch in der Fastenzeit Fleisch essen - nur: woher nehmen in Bayern in der Fastenzeit?
Der Krimi spielt im klerikalen Milieu - einige der Akteure sind ein Monsignore und seine verschrobene Haushälterin Fräulein Schosi (ein krimierprobtes Klischee, aber was soll's, wenn es doch schließlich zu erheiternden Einlagen führt); letztere hat ihren Monsignore gerade auf Low Carb-Diät gesetzt, was diesem gar nicht behagt. Ferner haben wir als Graue Eminenz im Hintergrund den Bischof von Passau, der das "Tilly Benifizium" als Altersruhesitz ins Auge gefasst hat, sowie als maßgeblich aktive Mitaufklärerin, Maria Evita, Max Kramers Ex, die sich jetzt ganz Gott widmen will und als Novizin im Nonnenkloster residiert. Jedoch gewinnt man als Leser den Eindruck, dass das nicht von Dauer sein kann, denn Maria Evita ist ein rebellischer Geist, der nur schwer von der Notwendigkeit einiger Glaubensregeln zu überzeugen ist. Außerdem scheint die Beziehung zwischen ihr und Max doch noch nicht so ganz abgeschlossen zu sein ...
Ferner haben wir den - auch kirchenahen - Frauenbund, dem Fräulein Schosi und die imposante Schwiegermutter des Mordopfers angehören. Es treten also zahlreiche Personen auf, die alle gut gezeichnet sind.
Im Laufe der Handlung bekommt man immer mehr Hinweise und ahnt schon in etwa, in welche Richtung der Fall sich entwickelt. Es geht um Kunstraub. Nicht unspannend, aber das große Plus dieses Krimis ist nicht die Spannung, sondern sein Lokalkolorit, sein skurriles Personal und sein Humor. Ich habe mich von diesem Regionalkrimi sehr gut unterhalten gefühlt!

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79 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 57 Rezensionen

luxemburg, krimi, 2. weltkrieg, frankreich, xavier kieffer

Gefährliche Empfehlungen

Tom Hillenbrand
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 12.01.2017
ISBN 9783462049220
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

In der neuesten Episode der Ermittlungen von Xavier Kieffer geht es nicht um ein brisantes lebensmitteltechnisches Thema wie man es sonst gewohnt war, also z. B. Thunfisch, Olivenöl oder Geschmacksverstärker, nichtsdestotrotz besteht doch ein Zusammenhang mit dem kulinarischen Kontext. Der dem Guide Michelin nachempfundene Restaurantführer Guide Bleu aus dem Hause Gabin steht im Mittelpunkt der Geschichte.

Xavier Kieffer, der luxemburgische Koch, ist seiner Freundin Valerie Gabin zuliebe,
der er bei der Eröffnungsfeier des neuen Gabin-Gebäudes zur Seite stehen soll, zu Besuch in Paris.
Beim Festakt kommt es zum Eklat: Der französische Präsident - guter Freund von Valerie der er ist - hält gerade eine Rede, als ein veganer Protestler die Veranstaltung stört. Er wird überwältigt und abgeführt, aber gleichzeitig kommt es zu einem kurzen Stromausfall; Dunkelheit, beginnende Panik, das Licht geht wieder an und Valerie schickt per Ansage alle Gäste nach Hause! Später stellt sich heraus, dass ein Dieb den Stromausfall genutzt hat, um in dieser Zeit eine kostbare Leihgabe, nämlich den äußerst raren Guide Bleu von 1939 zu entwenden.

Nachdem es im Zusammenhang mit dem Diebstahl einen Todesfall gegeben hat, beginnt Xavier auf Bitte des Präsidenten wieder zu ermitteln, obwohl er von Anfang an das Gefühl hat, dass dieser Fall eine Nummer zu groß für ihn ist.

In einem parallelen Handlungsstrang geht es um einen amerikanischen Geheimdienstler im zweiten Weltkrieg, der eine Ausgabe des Guide Bleu von 1939 zum Decodieren der verschlüsselten Nachrichten verwendet, die er über Radio Londres erhält.

Damit beginnt eine spannende Jagd auf verbliebene Exemplare des 39er Guide Bleu und die Suche nach der Erklärung, warum es für irgendjemanden so wichtig erscheint, alle vorhandenen Exemplare verschwinden zu lassen. Das wird spannend geschildert und hin und wieder mit mundwässerndem Küchen-Latein gespickt (z. B. weiß ich jetzt, warum ich die Haut einer Entenbrust nie so schön knusprig hinbekomme, wie ich möchte: weil ich keinen Salamander (Küchengerät) habe!)

Mich hat auch dieser Band wieder sehr gut unterhalten! Hillenbrand trifft wie immer die richtige Mischung aus "Menscheln" + Kulinarik (Xavier holt nachts noch ein paar Zutaten aus seinem Pariser Stammcafé und zaubert ein Essen für Valerie) und zeitgeschichtlichen bzw. tagespolitischen Zusammenhängen, gewürzt mit etwas Humor (wir begegnen z.B. dem schon aus einem früheren Band bekannten argentinischen "Küchen-Leonardo"), um uns einen spannenden, kulinarischen Krimi anzubieten.

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Tags: 2. weltkrieg, geheimdienst, kulinarischer krimi, luxemburg, paris, restaurantführer   (6)
 

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214 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 92 Rezensionen

new york, familie, geschwister, usa, erbschaft

Das Nest

Cynthia D'Aprix Sweeney , Nicolai Schweder-Schreiner
Fester Einband: 410 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 13.02.2017
ISBN 9783608980004
Genre: Romane

Rezension:

Das attraktive Cover zeigt vier unterschiedliche Vögel, was sehr gut zum Titel "Das Nest" passt. Offensichtlich Sinnbild für die vier Geschwister Plumb - ziemlich "schräge Vögel", wie sich schnell zeigt. Vater Leonard Plumb - ein Selfmade Man - hatte sich etwas dabei gedacht, als er verfügt hatte, dass seine Kinder ihn nicht direkt nach seinem Tode beerben sollten, sondern erst am vierzigsten Geburtstag der jüngsten Tochter; sie sollten lernen, auf eigenen Füßen zu stehen, sollten sich nicht zu lebensuntüchtigen Nichtstuern entwickeln und das Geld nur als ein Zubrot ansehen. Allerdings hatte Leonard nicht voraussehen können, dass Cousin George, der den Fonds managte, dies so geschickt tat, dass die Summe sich vervielfachte.
Und auch sonst hatte die Taktik nicht funktioniert: Leo, Jack, Bea und Melody lebten in Erwartung des Fonds, den sie "das Nest" nannten, auf zu großem Fuße und verschuldeten sich zunehmend.
Leo hatte in jungen Jahren ein Literaturmagazin gegründet, war kreativ und engagiert bei der Sache, bis ihn die Arbeit zu langweilen begann. Er verkaufte sein Imperium, und brachte mit seiner jungen Ehefrau aus wohlhabender Familie sein Vermögen in rasantem Tempo durch. Mit Alkohol, Drogen, und auch vielen Frauen, als seine Ehefrau ihn zu langweilen begann.
Jack hat einen Antiquitätenladen, liebt den Luxus und beleiht hinter dem Rücken seines Ehemanns ihr gemeinsames Sommerhaus, denn sein Laden macht nur Verluste.
Bea lebt eher bescheiden und hat keine finanziellen Probleme, hatte als junge Schriftstellerin Erfolg mit einigen Erzählungen, die hauptsächlich vom Leben des von ihr bewunderten großen Bruders Leo handelten, kämpft aber nun schon seit über zehn Jahren mit einer Schreibblockade.
Melody, die Jüngste, hatte nur einen mittelmäßigen Bürojob, bevor sie Walter heiratete, schwanger wurde und Zwillinge gebar. Von diesem Zeitpunkt an wurde sie eine hingebungsvolle Mutter, die stets nur das Beste für ihre Kinder wollte: die Familie bewohnt auf ihr Drängen hin ein viel zu teures Haus, die Töchter, die sie zwanghaft kontrolliert, sollen an den besten (und deshalb naturgemäß auch teuersten) Colleges studieren.
Und dann passiert ein von Leo verschuldeter Unfall, bei dem die junge mexikanische Kellnerin schwer verletzt wird, die der gelangweilte, unter Einfluss von Alkohol und Koks stehende Leo bei der Hochzeitsfeier eines Verwandten abgeschleppt hatte.
Da greift Francie, die Mutter der Geschwister ein, die nie eine gute Mutter war. Sie handelt nicht aus mütterliche Fürsorge, sondern aus Sorge um den Namen der Familie, der bei Bekanntwerden dieser Geschichte von der Presse in den Schmutz gezogen würde. Sie hat als Einzige bei einem familiären Notfall die Berechtigung, an "das Nest" heranzukommen, und nutzt den Großteil des Geldes dafür, das Schweigen der Kellnerin durch eine großzügige Abfindung zu erkaufen.
Die restlichen Geschwister befinden sich in heller Aufregung: Leo muss ihnen das Geld zurückgeben. Der Zeitpunkt der Auszahlung naht, Melodys vierzigster Geburtstag steht vor der Tür.
Der Roman ist sehr flott, witzig und bissig geschrieben, bei der Beschreibung ihrer Charaktere kommt keiner der vier Plumbs besonders gut weg. Sie sind versnobt, unreif, unselbständig und in unterschiedlichem Maße rücksichtslos. Jeder hat vorrangig seine eigenen Interessen im Auge, hat den tiefsitzenden Anspruch auf das Familienvermögen, man hat Kontakt zu den Geschwistern, aber sieht sie nicht als Freunde an.
In jedem Kapitel steht immer wieder eine andere Person im Mittelpunkt, teilweise auch Nebenfiguren, so dass sich einem allmählich das gesamte Plumb-Universum erschließt.
Man schüttelt zwar als Leser häufig den Kopf, folgt den Figuren aber trotzdem gerne bei ihren diversen Machenschaften und findet sie nicht total unsympathisch. Die große Familienkrise führt zu einem gewissermaßen verspäteten Erwachsenwerden der Geschwister und schweißt die Familienbande wieder etwas enger zusammen.
Ein toller Debutroman, ein großer Wurf! Die Autorin beschreibt und entlarvt eine gewisse Schicht der amerikanischen Gesellschaft, die Intelligenzia und Glitterati, die Welt von Woody Allen, im engeren Sinne die New Yorker Schickeria.
Gegen Ende konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen, habe mir die Nacht um die Ohren geschlagen, bis ich fertig war. Ein großes Lesevergnügen!

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

familie, erben, new york

Das Nest

Cynthia D'Aprix Sweeney
E-Buch Text: 410 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 29.10.2016
ISBN 9783608100150
Genre: Sonstiges

Rezension:

Das attraktive Cover zeigt vier unterschiedliche Vögel, was sehr gut zum Titel "Das Nest" passt. Offensichtlich Sinnbild für die vier Geschwister Plumb - ziemlich "schräge Vögel", wie sich schnell zeigt. Vater Leonard Plumb - ein Selfmade Man - hatte sich etwas dabei gedacht, als er verfügt hatte, dass seine Kinder ihn nicht direkt nach seinem Tode beerben sollten, sondern erst am vierzigsten Geburtstag der jüngsten Tochter; sie sollten lernen, auf eigenen Füßen zu stehen, sollten sich nicht zu lebensuntüchtigen Nichtstuern entwickeln und das Geld nur als ein Zubrot ansehen. Allerdings hatte Leonard nicht voraussehen können, dass Cousin George, der den Fonds managte, dies so geschickt tat, dass die Summe sich vervielfachte.
Und auch sonst hatte die Taktik nicht funktioniert: Leo, Jack, Bea und Melody lebten in Erwartung des Fonds, den sie "das Nest" nannten, auf zu großem Fuße und verschuldeten sich zunehmend.
Leo hatte in jungen Jahren ein Literaturmagazin gegründet, war kreativ und engagiert bei der Sache, bis ihn die Arbeit zu langweilen begann. Er verkaufte sein Imperium, und brachte mit seiner jungen Ehefrau aus wohlhabender Familie sein Vermögen in rasantem Tempo durch. Mit Alkohol, Drogen, und auch vielen Frauen, als seine Ehefrau ihn zu langweilen begann.
Jack hat einen Antiquitätenladen, liebt den Luxus und beleiht hinter dem Rücken seines Ehemanns ihr gemeinsames Sommerhaus, denn sein Laden macht nur Verluste.
Bea lebt eher bescheiden und hat keine finanziellen Probleme, hatte als junge Schriftstellerin Erfolg mit einigen Erzählungen, die hauptsächlich vom Leben des von ihr bewunderten großen Bruders Leo handelten, kämpft aber nun schon seit über zehn Jahren mit einer Schreibblockade.
Melody, die Jüngste, hatte nur einen mittelmäßigen Bürojob, bevor sie Walter heiratete, schwanger wurde und Zwillinge gebar. Von diesem Zeitpunkt an wurde sie eine hingebungsvolle Mutter, die stets nur das Beste für ihre Kinder wollte: die Familie bewohnt auf ihr Drängen hin ein viel zu teures Haus, die Töchter, die sie zwanghaft kontrolliert, sollen an den besten (und deshalb naturgemäß auch teuersten) Colleges studieren.
Und dann passiert ein von Leo verschuldeter Unfall, bei dem die junge mexikanische Kellnerin schwer verletzt wird, die der gelangweilte, unter Einfluss von Alkohol und Koks stehende Leo bei der Hochzeitsfeier eines Verwandten abgeschleppt hatte.
Da greift Francie, die Mutter der Geschwister ein, die nie eine gute Mutter war. Sie handelt nicht aus mütterliche Fürsorge, sondern aus Sorge um den Namen der Familie, der bei Bekanntwerden dieser Geschichte von der Presse in den Schmutz gezogen würde. Sie hat als Einzige bei einem familiären Notfall die Berechtigung, an "das Nest" heranzukommen, und nutzt den Großteil des Geldes dafür, das Schweigen der Kellnerin durch eine großzügige Abfindung zu erkaufen.
Die restlichen Geschwister befinden sich in heller Aufregung: Leo muss ihnen das Geld zurückgeben. Der Zeitpunkt der Auszahlung naht, Melodys vierzigster Geburtstag steht vor der Tür.
Der Roman ist sehr flott, witzig und bissig geschrieben, bei der Beschreibung ihrer Charaktere kommt keiner der vier Plumbs besonders gut weg. Sie sind versnobt, unreif, unselbständig und in unterschiedlichem Maße rücksichtslos. Jeder hat vorrangig seine eigenen Interessen im Auge, hat den tiefsitzenden Anspruch auf das Familienvermögen, man hat Kontakt zu den Geschwistern, aber sieht sie nicht als Freunde an.
In jedem Kapitel steht immer wieder eine andere Person im Mittelpunkt, teilweise auch Nebenfiguren, so dass sich einem allmählich das gesamte Plumb-Universum erschließt.
Man schüttelt zwar als Leser häufig den Kopf, folgt den Figuren aber trotzdem gerne bei ihren diversen Machenschaften und findet sie nicht total unsympathisch. Die große Familienkrise führt zu einem gewissermaßen verspäteten Erwachsenwerden der Geschwister und schweißt die Familienbande wieder etwas enger zusammen.
Ein toller Debutroman, ein großer Wurf! Die Autorin beschreibt und entlarvt eine gewisse Schicht der amerikanischen Gesellschaft, die Intelligenzia und Glitterati, die Welt von Woody Allen, im engeren Sinne die New Yorker Schickeria.
Gegen Ende konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen, habe mir die Nacht um die Ohren geschlagen, bis ich fertig war. Ein großes Lesevergnügen!

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29 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 26 Rezensionen

brühe, suppe, gesund, rezepte, lecker

Brühe

Vicki Edgson , Heater Thomas
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Jan Thorbecke Verlag, 19.09.2016
ISBN 9783799510981
Genre: Sachbücher

Rezension:

Als überzeugter Suppenkasper war ich sehr gespannt auf dieses Kochbuch: die Grundrezepte für verschiedene Brühen finde ich sehr gut, wobei ich selbst vermutlich z.B. Wildgeflügel- und Krustentierbrühe eher nicht brauche, aber Gemüse-, Hühner- und Rinderbrühe, und vielleicht auch Fisch- und Zwiebelgemüsebrühe könnten schon öfter zum Einsatz kommen. Brühen sind seit jeher Grundlage für eine Vielzahl von Gerichten und das Buch zeigt eine Auswahl von Rezepten , die auf Brühe basieren. Zwei durchaus schmackhafte Suppen auf Basis einer Gemüsebrühe habe ich schon nachgekocht: einmal aus der Rubrik "Und nun probieren Sie einmal ..." eine provenzalische Gemüsesuppe mit Pistou, die sehr gut schmeckte; allerdings fand ich es irritierend, dass im ganzen Buch kein Rezept für Pistou enthalten ist! Klar, man weiß ungefähr, was das ist, bzw. kann es im Internet nachschlagen, aber das empfinde ich doch als ein Manko. Das andere Rezept war ein asiatischer Gemüseeintopf mit Reisnudeln, der mir auch gut gefiel.
Die Aufmachung ist sehr ansprechend mit schönen, appetitanregenden Fotos, die Anordnung und Auswahl der Rezepte wirkt etwas unsystematisch und willkürlich, ich fand es teilweise recht schwierig Rezepte, die mir beim ersten Durchblättern aufgefallen waren, wiederzufinden. Auch sind die Rezepte nicht so übersichtlich dargestellt, wie man es aus manch anderem Kochbuch kennt. Endgültig beurteilen kann ich das Buch erst, wenn ich noch mehr Rezepte ausprobiert habe, aber auf jeden Fall gibt es noch eine ganze Menge Gerichte darin, die ich mal nachkochen möchte. Einstweiliges Fazit: optisch ansprechendes Kochbuch mit schönen Fotos, interessanter Grundidee, bisschen viel Füllmaterial (wer sich ein Suppenkochbuch kauft braucht nicht überzeugt zu werden, dass Brühe gesund ist), mit etwas unklarer Rezeptauswahl und Systematik, aber doch mit vielen reizvollen Rezepten.

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Tags: brüh, kochbuch, soulfood, suppe   (4)
 

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45 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 35 Rezensionen

europa, china, reisebericht, kultur, christoph rehage

Neuschweinstein - Mit zwölf Chinesen durch Europa

Christoph Rehage
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei MALIK, 17.10.2016
ISBN 9783890294353
Genre: Sachbücher

Rezension:

Der Autor, seines Zeichens Sinologe und Verfasser eines Buches über China und - vor allem - zahlreicher Internetbeiträge hat einen gewissen Bekanntheitsgrad in China erreicht, was sein Ansinnen, sich "unauffällig" einer chinesischen Reisegruppe auf Europa-Trip anzuschließen, etwas erschwert.

Er fährt nach Peking, und versucht dort, eine entsprechende Reisegruppe aufzutreiben. Schließlich ist eine Reisegruppe gefunden und er hält den Reisevertrag in der Hand, der erstaunliche Hinweise und Ermahnungen enthält, z. B. "Nehmen Sie Rücksicht auf Ihre Umgebung, indem Sie am Büfett Verschwendungen vermeiden: Essen Sie zuerst Ihren Teller leer, und nehmen Sie sich dann nach. Wenn man all die Speisen, die einem zusagen, für sich selbst zurücklegt, dann ist das ein unhöfliches und selbstsüchtiges Verhalten."

Beim Zusammentreffen mit der Gruppe auf dem Flughafen, sind die Reisegenossen zunächst eher reserviert. Doch das ändert sich bald und die kleine Gruppe um Reiseleiter Huang akzeptiert ihn schnell als gleichwertigen Teilnehmer, zumal er sich durch seine Sprachkenntnisse gut eingliedert.

Rehage schafft es, den Standpunkt der Gruppe und nicht den des außenstehenden Beobachters einzunehmen, er schreibt immer "wir", nicht "sie" und "ich", es gelingt ihm, die Eindrücke und Befindlichkeiten seiner Mitreisenden einfühlsam zu schildern. Nebenbei erfahren wir einiges über China und die chinesische Politik.

Die Reise startet an einem Sonntagmorgen im winterlichen und menschenleeren München, kreuzt Österreich, um dann in Italien in Venedig, Florenz und Rom Station zu machen. Dann geht es in die Schweiz, nach Luzern und auf einen schneebedeckten Berg, als Höhepunkt nach Paris und zum Abschluss nach Frankfurt.

Es macht Spaß mitzuerleben, wie sich freundschaftliche Beziehungen zu den einzelnen Mitgliedern der Reisegruppe entwickeln, die er dann drei Monate später alle an ihren jeweiligen Heimatorten besucht. Amüsant fand ich auch die Bezeichnungen, die er für seine Mitreisenden gefunden hatte, bevor er ihre Namen kannte.

Dieses warmherzige Buch ist unterhaltsam, witzig und informativ, macht sich nie lustig über seine Protagonisten. Ein sympathisches Buch, das uns mit der Erkenntnis zurücklässt, dass Chinesen auch nur Menschen, und uns gar nicht so fremd sind. Ein positives Zeichen in unserer leider so fremdenfeindlichen Zeit und ein Buch, dem ich viele Leser wünsche.

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Tags: chinesen, europa, gruppenreise, reisebericht   (4)
 

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154 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 87 Rezensionen

adenauer, schwarzwald, israel, bühlerhöhe, nachkriegszeit

Bühlerhöhe

Brigitte Glaser
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 12.08.2016
ISBN 9783471351260
Genre: Romane

Rezension:

Die in Deutschland geborene Rosa Silbermann wird von einem Mossadagenten aus ihrem Kibbuz in Israel geholt. Sie wird für einen Sonderauftrag gebraucht: mit dem versierten Agenten Ari Goldberg als ihrem Pseudoehemann soll sie im Luxushotel Bühlerhöhe Quartier beziehen, um den dort urlaubenden Bundeskanzler Adenauer vor einem möglichen Cherutattentat zu schützen.
In der Bühlerhöhe kontrolliert derweil die Hausdame Sophie Reisacher zusammen mit einem Sicherheitsoffizier Adenauers Suite. Die Hausdame musste 1945 das Elsass verlassen und sucht in der Bühlerhöhe ihre Chance zum gesellschaftlichen Aufstieg.
In Baden-Baden wartet Rosa vergeblich auf ihren "Ehemann" Ari und bricht dann schließlich ohne ihn zur Bühlerhöhe auf. Als Kind war sie mit ihren Elter, ihrem Großvater und ihrer älteren Schwester Rachel häufig dort, weshalb sie dem Mossad prädestiniert für diesen Auftrag erscheint. Kindheitserinnerungen werden wach.
Auf dem Weg von Israel nach Deutschland hatte sie in Tanger Zwischenstation bei Rachel gemacht, die dort lebt, weil sie es in Israel nicht ausgehalten hat. Mit ihrer Hilfe hatte Rosa sich in Tanger mit der entsprechenden Garderobe für den Aufenthalt in einem Nobelhotel ausgestattet. In Rückblenden erfahren wir allmählich mehr vom Schicksal der jüdischen Familie Silbermann.
Rosa Silbermann und Sophie Reisacher sind die Hauptpersonen dieses Romans. Sie sind umgeben von diversen Männern - die illustre Gesellschaft besteht aus Ex-Nazis, windigen Geschäftsleuten, Opportunisten, Traumatisierten und Spionen, und jeder verfolgt seine ganz eigenen Interessen.
Dann trifft endlich Konrad Adenauer ein, den es zu beschützen gilt ... oder umzubringen, je nach Blickwinkel.
Wir begegnen zahlreichen Personen und einem Kaleidoskop aus Nebenhandlungen, durch die ein Mosaik dieser Zeit entsteht, deren Aufbruchsstimmung, aber auch deren Mief man förmlich spürt. Die Erzählweise vermag durchgehend zu fesseln und ist teilweise spannend wie ein Thriller. Zeitgeschichte so spannend aufgearbeitet, dass ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen konnte.

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Tags: adenauerära, attentatsversuch, mossad, spionage, zeitgeschichte   (5)
 

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63 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 55 Rezensionen

krimi, england, austern, küste, roman

Pearl Nolan und der tote Fischer

Julie Wassmer , Sepp Leeb
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 15.07.2016
ISBN 9783471351383
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Pearl Nolan, Wirtin eines kleinen Seafood-Restaurants im südenglischen Küstenort Whitstable, fühlt sich von der Arbeit als Restaurantchefin nicht ganz ausgefüllt, besonders, seit ihr Sohn Charlie zum Studium nach Canterbury gezogen ist. Deshalb versucht sie, sich ein zweites Standbein mit ihrer eigenen Detektei aufzubauen. Die ehemalige Polizistin musste den Beruf aufgeben, als sie in sehr jungen Jahren schwanger geworden war. Jetzt möchte sie endlich in ihrem Traumberuf arbeiten, auch wenn ihre Mutter Dolly - ein Spät Hippie - absolut dagegen ist.

Mittags im Restaurant erreicht sie der Anruf eines potentiellen Klienten, der ungeduldig vor der verschlossenen Tür ihres Büros wartet. Sie eilt dorthin und trifft auf einen übergewichtigen Mann mit nordenglischen Akzent, der sie beauftragen will, die Finanzlage eines Schuldners zu überprüfen, in dessen Austernzucht er investiert hat. Als Pearl erfährt, um wen es sich handelt, lehnt sie den Auftrag ab. Denn der Austernfischer Vinnie ist Ihr Lieferant. Als sie Vinnie telefonisch nicht erreichen kann, beschließt sie, ihn auf seinem Boot aufzusuchen. Leider findet sie dort nur noch seine Leiche...

Und so kommt es, dass Pearl doch zu ermitteln beginnt. Dabei trifft sie auf Chief Inspector Mike McGuire, vor kurzem von London nach Canterbury versetzt. Zuerst misstrauen sich die beiden und arbeiten eher gegeneinander, doch nach einer Weile wird beiden klar, dass eine Zusammenarbeit sie weiterbringen würde.

Weitere Personen der Handlung: Pearls Mutter Dolly, experimentierfreudiger Freigeist mit schrillem Kleidungsgeschmack, die Serviererin Ruby, Pearls Sohn Charlie, dessen italienische Freundin Tizzy, eine bildschöne und ganz reizende Sängerin, die bei Pearl leichte Anwandlungen von Eifersucht auslöst, ein Immobilienhai mit Familie, ein korrupter Beamter und viele andere mehr.

In der Mitte gab es mal einen leichten Hänger für mich, aber dann nimmt der Krimi wieder Spannung und Tempo auf. Die Wendung am Schluss kam sehr überraschend und nicht vorhersehbar. Der Schreibstil ist flott und witzig, aber nicht seicht - wie sollte es auch anders sein bei einer BBC-Drehbuchautorin! Ein solider Cozy-Krimi mit britischer Atmosphäre, leicht skurrilem Personal und einem Touch Kulinarik.

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Tags: austern, krimi, küste, südengland   (4)
 

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35 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 32 Rezensionen

berlin, musik, klarstein, band, mord

Der kalte Saphir

Michael Düblin
Fester Einband: 340 Seiten
Erschienen bei Verlag Johannes Petri, 02.06.2016
ISBN 9783037840986
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein absolut faszinierendes Buch! Mich als Berlinerin bestach vor allem auch der Schauplatz Berlin in den 70er Jahren, einem Jahrzehnt, das auch für mich persönlich prägend war, und die Darstellung der damaligen Musikszene und der Energie, die in der Luft lag.

Als die erfolgreiche Nachwuchsjournalisten Jule Sommer als Reporterin für das Musikmagazin "Schall" den Tontechniker Sebastian Winter in seinem griechischen Exil besucht, ist die Stimmung spannungsgeladen. Lange hat sie sich um diesen Interview-Termin bemühen müssen, bevor er endlich einwilligte.

Winter war der Tontechniker der legendären Deutschrockgruppe Klarstein, deren scheinbar unaufhaltsamer Aufstieg ein jähes Ende nahm, als Jerome - der charismatische Frontmann und Sänger - im Keller der Kreuzberger "Villa" erschossen und blutüberströmt aufgefunden wurde. Gefunden hatte ihn Zed, seine Freundin und Drummerin der Gruppe, die dann Sebastian hinzugerufen hatte. Soweit ist der Vorgang bekannt, der Mord konnte jedoch nie aufgeklärt werden. Jule Sommer hofft nun, diesen Fall endgültig lösen zu können, was ihrer kometenhaften Karriere noch mehr Schub verleihen würde.

Die Handlung springt zwischen der Interviewsituation in der Gegenwart und Winters Erzählungen aus der Vergangenheit hin und her. Hinzu kommt noch ein Bericht über eine Reise Winters vor nicht allzu langer Zeit, einer Art Schnitzeljagd, die er zusammen mit Nils, dem Sohn des Musikalienhändlers, mit dem das Schicksal der Band aufs Engste verknüpft war, unternommen hat.

Das Interview geht die ganze Nacht hindurch, Sommer und Winter (die Namenswahl finde ich etwas zu bedeutungsschwanger) belauern sich gegenseitig, versuchen einander auszuloten. Die Journalistin und wir als Leser bekommen viele Informationen und rätseln, worauf das ganze hinauslaufen wird und wer Jerome tatsächlich ermordet hat. Alles ist anders, als es zunächst erscheint. Ein brillianter, sehr atmosphärischer Roman, der sich wie ein Krimi liest - so spannend, dass man ihn nicht aus der Hand legen mag. Unbedingte Leseempfehlung!

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Tags: 70er jahre, berlin, krimi, musikindustrie   (4)
 

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86 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 58 Rezensionen

provence, krimi, roger blanc, frankreich, capitaine roger blanc

Brennender Midi

Cay Rademacher
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 07.06.2016
ISBN 9783832198190
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Im dritten Band dieser Provence-Krinireihe wird Capitaine Blanc - erst vor kurzem aus Paris in die Provence versetzt -  zur Nachtschicht vor dem 1. September verdonnert, dem Tag von "la rentrée", dem Ende der Sommerferien. Viele Franzosen kehren erst auf den letzten Drücker aus den Ferien zurück und auf den Autobahnen, Landstraßen und an den Tankstellen ist die Hölle los, die Gendarmerie ist im Dauereinsatz.
Dann ein Anruf von seinem Freund und Kollegen Marius Tonon. Ein Absturz eines Kleinflugzeugs auf einen Olivenhain, der Pilot ist tot. Blanc soll zur Absturzstelle kommen, denn es handelt sich um ein Militärflugzeug. Dort trifft Blanc auf Colonel Duret von der nahegelegenen Militär-Flugschule, einen Mann von der Flugunfalluntersuchungsbehörde, den Besitzer des Olivenhains und erbitterten Gegner der Flugschule Monsieur Bondard und dessen Angestellten Tahar Marouani. Der hatte den Absturz beobachtet. Dann erscheint die ewig bekiffte, aber sehr effiziente Gerichtsmedizinerin Fontaine Thezan auf der Bildfläche und gibt ihre vorläufige Einschätzung des Todesfalles  ab.
War es ein Unfall oder Mord? Die Zeugenaussagen sind widersprüchlich. War der abgestürzte Pilot im Nebenberuf Drogenkurier? Und in welchem Zusammenhang dazu steht der 2. Tote, der kurze Zeit später im Olivenhain gefunden wird. Capitaine Blanc sucht Unterstützung bei den Drogenfahndern in Marseille und gewinnt dort einen neuen Freund.
Natürlich geht auch das Techtelmechtel mit Madame le Juge, Aveline Vialaron-Allègre weiter, die unseligerweise die Ehefrau von Blancs Widersacher ist, dem Parlamentarier, der seine Versetzung in den Süden veranlasst hatte, weil er bei der Aufklärung von Korruptionsfällen etwas zu erfolgreich war.
Das ist sehr spannend geschildert und nimmt dann in einem furiosen Finale eine ganz andere Wendung als die, die man als Leser erwartet / vorausgeahnt hatte.  Flüssiger und lakonischer Schreibstil, sympathisches Personal, ein wenig Humor und Lokalkolorit, eine zeitgemäße und spannende Handlung und voilà - fertig ist ein gut lesbarer, unterhaltsamer Regionalkrimi, der die Reiselust befeuert. Die ersten beiden Bände muss man nicht unbedingt gelesen haben, um in diesen Krimi einsteigen zu können, aber schöner ist es schon, wenn man sie kennt.

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Tags: capitaine blanc, isis, krimi, provence   (4)
 

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provence, krimi, mumie, remy eyssen, mord

Schwarzer Lavendel

Remy Eyssen
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 15.04.2016
ISBN 9783548287010
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die deutsche Studentin Susan, die zur Weinlese nach Le Lavandou in der Provence gekommen ist, erwacht gefesselt und geknebelt auf einem Resopaltisch in einer Garage. Sie versucht sich zu erinnern, wie sie dorthin gekommen ist. Und sie denkt an ihre Zwillingsschwester Anna, die immer genau weiß, was in jeder Situation zu tun ist. Dann bemerkt sie, dass eine Infusionsnadel in ihrem Arm steckt. Da ist plötzlich ein Mann. Ein Tuch senkt sich auf ihr Gesicht und durch ihre Adern rinnt ein feuriger Schmerz ...
Dr. Leon Ritter, in Frankreich arbeitender Gerichtsmediziner aus Deutschland, hat von seiner achtzigjährigen Tante Odette überraschenderweise einen Weinberg geschenkt bekommen. Wie sich herausstellt, gibt es bei diesem Geschenk einen kleinen Haken, dessen Regelung Leon jedoch im Laufe des Romans gelingt. Dr. Ritter war vor ca. einem Jahr in die Provence gekommen, um nach dem Unfalltod seiner geliebten Frau Sarah hier einen Neuanfang zu versuchen. Aus dem zuerst nur vorläufig gemieteten Zimmer bei Isabelle Morell - ihres Zeichens stellvertretende Polizeichefin von Le Lavandou - und ihrer fünfzehnjährigen Tochter Lilou ist mittlerweile ein dauerhaftes Quartier geworden.
In der Zwischenzeit ist bei Isabelle auf dem Revier eine deutsche Studentin namens Anna aufgetaucht. Sie vermisst ihre Zwillingsschwester Susan. Die Polizei kann noch nichts machen, für eine Vermisstenanzeige ist es zu früh.
Dann entdeckt Leon in einem Schuppen auf seinem Weinberg eine Frauenleiche, besser gesagt eine Mumie; denn die Leiche ist mit Formalin konserviert worden und vergleichsweise unversehrt. Es lässt sich feststellen, dass sie seit 4 Jahren tot ist und schließlich gelingt es auch, sie zu identifizieren. Und vor zehn Jahren gab es einen ähnlichen Fall in Aix-en-Provence. Durch zähes Nachforschen gelingt es Leon, einen Zusammenhang zwischen beiden Fällen herzustellen, was Polizeichef Zerna gar nicht gefällt: Ermittlungen sind Sache der Polizei und nicht des Gerichtsmediziners. Aber Leon sieht seine Tätigkeit nicht so limitiert - er denkt schließlich mit! Zu allem Überfluss muss Zerna auch noch akzeptieren, dass ihm eine aus Toulon entsandte Kommissarin vor die Nase gesetzt wird.
Es gibt jede Menge Verdächtige: den Metzger Guy Pelletier, dessen Frau Gästezimmer vermietet. Wie sich herausstellt, hat sowohl Susan dort gewohnt, als auch vor 4 Jahren eine andere Studentin, als die die mumifizierte Leiche aus Leons Weinberg identifiziert werden kann. Dann ist da der eitle und geltungssüchtige Dr. Bernard Ravier, der sich gern an junge Studentinnen heranmacht und der junge, geistig etwas gestörte Frédéric. Der Verlauf des Falls und seine Auflösung sind sehr dramatisch und spannend.
Sympathisches - schon aus Band 1 der Reihe bekanntes - Personal, viel Lokalkolorit, eine Prise Humor und ein spannender Mordfall - genau meine Art von Krimi!

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Tags: krimi, le lavandou, leon ritter, provence   (4)
 

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türkei, deutschland, identitätssuche, istanbul, heimat

Wieso Heimat, ich wohne zur Miete

Selim Özdogan
Fester Einband
Erschienen bei Haymon Verlag, 27.06.2016
ISBN 9783709972380
Genre: Romane

Rezension:

Nach einem fulminanten Einstieg hat das Buch für mich leider nicht gehalten, was es versprach: Den Rückblick auf das Kennenlernen von Krishna Mustafas Eltern im Pudding Shop in Istambul und den Verlauf ihrer kurzen Ehe fand ich wunderbar geschrieben, komisch und authentisch. Die Eltern lebten erst in Istanbul, zogen dann aber, als der Sohn ins schulpflichtige Alter kam, auf Wunsch der Mutter nach Freiburg um, damit ihm der Besuch einer deutschen Schule ermöglicht wurde. Bald danach folgte der Niedergang der Beziehung, der türkische Vater kehrt nach Istanbul zurück, Mutter und Sohn bleiben in Freiburg.
Die deutsche Mutter war auf dem Rückweg von Indien auf dem Hippie Trail in Istanbul gelandet und der Name Krishna verdankt sich ihrem Vorleben. Nun ist besagter Krishna Mustafa 24 Jahre alt, seine Freundin Laura hat ihn verlassen, weil er nicht weiß, was er will, weil er seine Identität suchen muss, wie sie meint und jetzt hat er mit seinem Cousin das Zimmer getauscht und befindet sich auf einem Selbstfindungstrip in Istanbul.
Die Wohnung seines Cousins ist eine Studenten-WG, bewohnt von Isa, einem depressiven Studenten, der aus Verzweiflung über die politischen Verhältnisse in der Türkei kaum noch das Haus verlässt, und einem Studentenpärchen, das an einem Dokumentarfilm über die Proteste im Gezi Park arbeitet.
Krishna flaniert durch Istanbul, spricht mit den unterschiedlichsten Leuten und philosophiert vor sich hin. Zu seiner Unterstützung gibt es zwischengeschaltete Kapitel mit dem Chor der Einäugigen. Zum Teil alles etwas verwirrend, da die direkte Rede in keiner Weise gekennzeichnet wird. Es gibt durchaus zwischendurch witzige Stellen und auch Sätze, die einen zum Nachdenken anregen. Aber der Text wurde für mich nie zu einem Ganzen, einem Roman eben.
Krishna hat eine irritierende Angewohnhet: er versteht Redewendungen immer wörtlich. Das mag als Stilmittel einige Male ganz interessant sein, nervt aber auf Dauer und verhindert die Identifikation mit diesem "begriffsstutzigen" Wesen. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass der Autor das als Stilmittel einsetzt und selbst nicht so naiv und begriffsstutzig ist, wie sein Protagonist. Die Krönung war, wie Krishna in seiner Naivität unwissentlich alles dafür tut, im Internet wie ein angehender Terrorist zu erscheinen, so dass er ins Visier des BND gerät. Und als er von seinen Freunden aufgefordert wird, sich zu wehren und gewisse Texte im Internet löschen zu lassen, verweigert er sich in seiner blauäugigen Art. Vermutlich habe ich die Intention des Autors nicht verstanden, aber jedenfalls ging dieser Simplicissimus mir immer mehr auf die Nerven und gegen den Strich. Ich musste zwischendurch erst einmal zwei andere Bücher lesen, bis ich mich dazu durchringen konnte, das Buch zu Ende zu lesen. Und weiß immer nocht nicht, worauf das Ganze hinauslaufen soll. Schade, nach dem viel versprechenden Anfang hatte ich mehr erwartet!

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Tags: deutsche hippiemutter, gezi-park, identitätssuche, istanbul, türkischer vater   (5)
 
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