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37 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 12 Rezensionen

krimi, weihnachten, britischer krimi, 1936, klassiker

Geheimnis in Rot

Mavis Doriel Hay , Barbara Heller
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 14.10.2017
ISBN 9783608961898
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Klett-Cotta hat mit "Geheimnis in Rot" seine feine kleine Krimi-Edition fortgesetzt mit schön gestaltetem Leinen-Cover und Lesebändchen. Den deutschen Titel finde ich nicht so gelungen, der Originaltitel "The Santa Klaus Murder" gefällt mir besser.
Dieser letzte von nur drei Krimibänden, die die Autorin Mavis Doriel Hay insgesamt geschrieben hat, wurde im Jahr 1936 veröffentlicht, stammt also aus dem goldenen Zeitalter der britischen Kriminalliteratur.
Familienoberhaupt Sir Osborne Melbury hat wie üblich seine gesamte Familie samt Anhang zur verlängerten Weihnachtsfeier eingeladen. Schnell kriegen wir mit, dass er ein despotischer Vater ist, der seine Kinder nach seiner Pfeife tanzen lässt und sich auf unerträgliche Weise in ihr Leben einmischt. Liebesheiraten werden nicht geduldet, es muss standesgemäß und - vor allem - gewinnbringend geheiratet werden. Und weil alle hoffen, in seinem Testament großzügig bedacht zu werden, hat er sie alle weiterhin am Gängelband. Deshalb herrscht unter seinen Gästen auch nicht gerade die passende Weihnachtsstimmung! Und als Sir Osborne dann erschossen in seinem Arbeitszimmer aufgefunden wird, ist daher fast jeder verdächtig.
In den ersten Kapiteln berichten unterschiedliche Gäste über den Hergang der Ereignisse, dann übernimmt vorwiegend Colonel Halstock die Berichterstattung. Halstock ist ein hochrangiger Polizist und Freund der Familie, der in der Nachbarschaft wohnt. Speziell in den ersten Kapiteln bekommen wir einen guten Überblick über die Charaktere und die Probleme der einzelnen Familienmitglieder.
Die Aufklärung geht Schritt für Schritt voran mit zahlreichen Befragungen und Suchaktionen in klassischer Manier. Das liest sich durchaus spannend und zuweilen auch witzig, aber selbst mir als erklärtem Fan von Cozy-Krimis hätte es von den beiden Zutaten Spannung und Humor gerne noch etwas mehr sein dürfen. Daher gibt es von mir nur vier von fünf Sternen für diesen Krimi, der sich natürlich hervorragend als Weihnachtsgeschenk eignet.

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Tags: klassiker, krimi, landhauskrimi, weihnachten   (4)
 

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55 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 44 Rezensionen

südtirol, brenner, mord, commissario grauner, krimi

Nachts am Brenner

Lenz Koppelstätter
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 05.10.2017
ISBN 9783462050080
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Grauner, Commissario und Teilzeitbauer, und sein neapolitanischer Kollege Saltapepe werden auf den Brenner gerufen. Seit der Öffnung der Grenzen durch die EU ist der einst so wichtige Grenzposten zur Bedeutungslosigkeit verkommen - fast ausgestorben. Die Leiche, zu der sie gerufen wurden, ist ein über 80jähriger alter Mann, der brutal hingerichtet wurde. Beim Durchsuchen der Wohnung, stößt Grauner auf eine Visitenkarte, die eine Verbindung zur nie aufgeklärten Ermordung seiner Eltern herstellt. Er weiht Saltapepe als Einzigen ein und ermittelt unorthodox in eigener Sache in seinem persönlichsten Fall.
Es ist ein komplizierter Fall, d.h. eigentlich sind es mehrere Fälle, die sich überschneiden. Es geht um Liebesbeziehungen, Schmuggel, zwielichtige Immobiliengeschäfte und Verbrechen aus der Nazizeit, unter anderem die grausame Behandlung der Insassen einer Nervenheilanstalt. Grauner besucht die unterschiedlichsten Leute, wie z.B. die Kartenspielkumpane des alten Mannes, eine in strenger Klausur lebende Klarissin, einen Konditor, einen in Berlin lebenden Historiker (dafür schafft er es sogar, seine Flugangst zu überwinden) und den Hausmeister eines ehemaligen psychiatrischen Sanatoriums. Leider gibt es danach noch mehrere Mordopfer unter den von Grauner verhörten Zeugen, daher befindet er sich in einem Wettlauf gegen die Zeit. Saltapepe hingegen verfolgt andere Spuren, u.a. in einem hinter der Grenze in Österreich liegenden Fernfahrerpuff "Der siebente Himmel".
Im Finale werden dann die diversen Verbrechen befriedigend aufgeklärt, es bleiben keine losen Enden. Und Grauner ist am Ende endlich die Dämonen seiner Familiengeschichte los.
Der Roman ist etwas düster, aber gut geschrieben, und für etwas befreiende Komik wird durch das so gegensätzliche Gespann Grauner/Saltapepe gesorgt. Mir haben schon die ersten beiden Bände gut gefallen und den dritten Band fand ich sehr komplex und außerordentlich spannend.

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Tags: naziverbrechen, regionalkrimi, südtirol   (3)
 

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46 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 39 Rezensionen

trauer, raf, vergangenheit, liebesroman, schuld

In einem anderen Licht

Katrin Burseg
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 08.09.2017
ISBN 9783471351406
Genre: Romane

Rezension:

Miriam, trauernde Witwe des Fotoreporters Gregor, der im Irak vor 2 Jahren durch einen unglücklichen Zufall ums Leben kam, versucht ihr Leben als Journalistin und nun alleinerziehende Mutter zu meistern. Die Sartorius-Stiftung hat ihr bei der Trauerarbeit geholfen. Nun hat sie im Rahmen ihrer Arbeit mit dieser vermögenden Wohltäterin zu tun, es geht um eine Preisverleihung für eine würdige Hilfsorganisation. Miriam schafft es tatsächlich, nach hartnäckigem Drängen einen Interviewtermin mit der pressescheuen Dorothea Sartorius zu bekommen. Soll sie der Stiftungspräsidentin auch die Frage stellen, die ihr in täglichen anonymen Briefen nahegelegt wird? "Fragen Sie Dorothea nach Marguerite!"
Sie fragt, und Dorothea Sartorius nennt ihr einen Namen, außerdem erzählt sie von dem Ort an der Schlei, wo sie 1977 ihren Mann kennengelernt hat. Miriam fängt an zu recherchieren und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. War die Wohltäterin von heute tatsächlich damals im Umfeld der Baader-Meinhof-Gruppe aktiv gewesen?
Das Buch zum 50. Jahrestag der Schleyer-Entführung! Sehr fesselnd verknüpft die Autorin die Ereignisse des "Deutschen Herbstes" mit der persönlichen Geschichte von den 2 Frauen und deren moralischem Dilemma. Das liest sich äußerst spannend. Ein bisschen genervt haben mich die Männer in Miriams Umgebung, wahre Traummänner, zu gut, um wahr zu sein. Einmal Nardim, der algerische Wirt des Bistros in ihrem Haus, der zu einem guten Freund wird, und dann Bo, der Gaukler, bei dem Miriams Sohn Max über Ostern das Bauen von Drachen lernen soll. Ein Gutmensch, wie er im Buche steht. Der kleine Max verliebt sich in ihn als Vaterfigur und auch seine Mutter hat diesem Prachtexemplar wenig entgegenzusetzen, vergisst durch ihn immer mal wieder ihre Trauer. Der schwarze Rabe in ihrem Herzen war zuerst ein schönes Bild, das dann aber für meinen Geschmack etwas überstrapaziert wurde. Etwas zu viele Zufälle helfen Miriam bei ihrer Recherche, aber trotzdem habe ich den Roman mit Genuss gelesen. Die Aufarbeitung einer wichtigen Phase der deutschen Geschichte und um Klassen besser als die sonst gängigen sogenannten Frauenromane.

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Tags: baader-meinhof-gruppe, deutscher herbst (raf), liebesroman, zeitgeschichte   (4)
 

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56 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 38 Rezensionen

familie, britischer humor, roman, england, tod

Der Vater, der vom Himmel fiel

J. Paul Henderson , Jenny Merling
Fester Einband
Erschienen bei Diogenes, 23.08.2017
ISBN 9783257069877
Genre: Romane

Rezension:

Lyle Bowman war schon ein ziemlich alter Mann, doch er starb keines natürlichen Todes, sondern aufgrund einer kleinen, aber tragischen Verwechslung. Bei seiner Beerdigungsfeier ist die Teilnehmerzahl sehr überschaubar - nur 10 Personen. Die Feier beginnt mit Verspätung, weil Lyles Sohn Billy hofft, dass auch sein Bruder Greg teilnehmen wird. Der Pfarrer hält eine prosaische, kurze Predigt, dann gibt es eine - eher unpassende - Gesangseinlage von Billys Tochter Katy. Am Ende dieser Darbietung betritt plötzlich ein blonder Surfer mit Flip-Flops und Bermudashorts die Kirche: Greg, den sein Bruder Billy seit sieben Jahren nicht mehr gesehen hat, ist doch noch aus den USA angekommen!
Aus dem Blickwinkel von Greg erfahren wir allmählich mehr über diese merkwürdige Familie mit all ihren Macken. Als Katalysator lässt Henderson den toten Vater, der seine Familienangelegenheiten noch regeln möchte, noch einmal für 20 Tage als nur für Greg sichtbaren Geist zurückkehren. Die beiden reden miteinander, wie sie es zu Lyles Lebzeiten nie getan haben, und er bittet seinen Sohn, sich um Onkel Frank und seinen Bruder Billy zu kümmern, bzw. beide irgendwie wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Es geht um Selbsterkenntnis und Familienzusammenhalt, und auch um Erwachsenwerden.
Das alles wird mit feiner Ironie geschildert, hier gibt es keinen schenkelklopfenden Brachialhumor, sondern subtilen, britischen Humor vom Feinsten. Dem Autor gelingt eine ausgewogene Balance zwischen Ernst, Melancholie und Trauer auf der einen und einer humorvollen, leichten Tonart auf der anderen Seite. Dies ist ein Buch über Männer und ihre Beziehungen untereinander, die Frauen haben nur Nebenrollen z. B. als verehrte, tote oder als nervende, dominante Ehefrauen. Und diese Männer sind nicht unbedingt sympathisch, wachsen einem aber im Laufe der Lektüre mit ihren Schwächen, Ängsten und skurrilen Eigenarten doch ans Herz. Ein liebenswerter Roman, der einen rührt und zum Schmunzeln bringt.

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Tags: britischer humor, england, familie, männer, tod   (5)
 

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103 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 77 Rezensionen

spanischer bürgerkrieg, spanien, spionage, bürgerkrieg, franco

Der Preis, den man zahlt

Arturo Pérez-Reverte , Petra Zickmann
Fester Einband: 295 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 10.09.2017
ISBN 9783458177197
Genre: Historische Romane

Rezension:

Man könnte sagen, Falcó, der Spion in Zeiten des spanischen Bürgerkriegs ist zu cool – oder aber nicht cool genug. Zuerst fand ich ihn ganz interessant, so eine Art Humphry Bogart-Typ, nur, dass der sich dann doch immer noch als Schlawiner mit einem goldenen Herzen erweist, der am Ende das „Richtige“ tut. Das ist bei Falcó nur ansatzweise der Fall.

Er arbeitet für die Faschisten, für Franco, aber nicht etwa aus politischer Überzeugung, sondern weil es ihn zufällig auf diesen Weg verschlagen hat, er gut darin ist und darüber hinaus das Abenteuer und den Nervenkitzel liebt. Außerdem ist er ein Mann mit Geschmack und Stil, ein eleganter Lebemann und beziehungsunfähiger Frauenheld - ein Sympathieträger ist er nicht. Dazu ist er zu skrupellos, zu brutal und zu „Macho“. Warum er so ist, wie er ist, das erfährt man leider nicht und deshalb kann man ihn auch nicht verstehen.

Ein Anführer der Falangisten soll in Alicante aus kommunistischer Haft befreit werden und Falcó wird dorthin geschickt, um die Aktion zu koordinieren. Schon die Reise dorthin durch die feindlich besetzte Zone ist gefährlich und abenteuerlich. In Alicante trifft er dann seine Mitstreiter: ein idealistisches Geschwisterpaar und die mysteriöse Eva Rengel. Sie bereiten den Anschlag vor und dabei kommen Falcó und Eva sich näher. Doch dann kommt alles ganz anders als geplant und Falco erkennt, dass er nur als Marionette in diesem Spiel von Verrat und Gegenverrat gedient hat. Seine Menschenkenntnis hat ihn im Stich gelassen, er hat sich getäuscht, vor allem auch in Eva.

Der Roman hat alles, was ein solider Agententhriller braucht, zündet aber trotzdem nicht so richtig. Das mag an der mangelnden Charakterisierung der Figuren - vor allem der Hauptfigur - liegen, wir wissen zwar viel über seinen Stil, aber nur wenig über seine Persönlichkeit. Und im Vergleich zu z.B. James Bond oder den Figuren aus den Krimis von Lawrence Block fehlt bei der Beschreibung der augenzwinkernde Humor, der einen dazu bringt, den Helden ihre Fehler schmunzelnd zu vergeben.

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Tags: doppelspie, spanischer bürgerkrieg, spionage, verrat   (4)
 

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95 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 57 Rezensionen

england, zweiter weltkrieg, singen, musik, frauenchor

Der Frauenchor von Chilbury

Jennifer Ryan , Andrea O´Brien
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2017
ISBN 9783462048841
Genre: Romane

Rezension:

Da die Männer alle im Krieg sind, wird der Kirchenchor von Chilbury mangels männlicher Stimmen kurzerhand aufgelöst. Aber das lassen sich die Frauen nicht bieten und schaffen es gegen alle Widerstände, einen Frauenchor ins Leben zu rufen.
Die Geschichte wird in Form eines Briefromans erzählt, bzw. finden wir nicht nur Briefe, sondern auch Tagebucheinträge der unterschiedlichsten Frauen und Mädchen, wodurch wir eine Menge erfahren über das Dorfleben und die Leichen, die so manch ein Bewohner im Keller hat. Eine verwitwete Krankenschwester, die 13jährige Tochter des Landadligen, ihre kokette und verwöhnte 18jährige Schwester und die skrupellose Hebamme des Ortes, sind die Hauptbrief- bzw. Tagebuchschreiberinnen.
Das, worum es der Autorin meines Erachtens hauptsächlich geht, ist die allmähliche Emanzipation der Frauen in diesen Kriegszeiten, da sie aufgrund der Abwesenheit der Männer viele Dinge selbst in die Hand nehmen müssen und plötzlich bemerken, dass sie das auch sehr gut - wenn nicht gar besser - können. Zusätzlich stärkt das gemeinsame Singen ihren Lebensmut.
Wir bekommen einen Einblick in das nervenaufreibende Leben zu Kriegszeiten und der Autorin gelingt es, mit leichter Hand durchaus ernste Situationen zu skizzieren. Mal muss man schmunzeln, mal kämpft man mit den Tränen. Das Dorfleben und die Scheinheiligkeit und Doppelmoral der damaligen Zeit werden sehr gut beschrieben. Die einzelnen Manuskripte erzählen eine fortlaufende Geschichte, die fesselt und sich im Laufe der Handlung zu einem regelrechten Pageturner entwickelt - ich jedenfalls mochte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Die Figuren sind mir während der Lektüre richtig ans Herz gewachsen, so dass ich sie am liebsten noch länger
begleitet hätte. Ich mag Briefromane! Den Stil finde ich sehr reizvoll, vor allem da die unterschiedlichen Autoren jeweils ihre ganz eigene Diktion haben.
Ein sehr unterhaltsamer, warmherziger, informativer Roman, weit entfernt von der sogenannten "Frauenliteratur", und eine ganz klare Leseempfehlung!

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Tags: emanzipation, england, frauenchor, roman, zweiter weltkrieg   (5)
 

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226 Bibliotheken, 3 Leser, 4 Gruppen, 141 Rezensionen

paris, brief, hamburg, realität, briefe

Der Brief

Carolin Hagebölling
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 09.06.2017
ISBN 9783423261463
Genre: Romane

Rezension:

Was für ein Einstieg! Einen so spannenden Anfang eines Romans findet man selten.
Die in Hamburg lebende Journalistin Marie erhält einen Brief von einer Freundin aus Kindheitstagen, allerdings steht unter ihrem Namen eine Pariser Adresse auf dem Umschlag. Die Freundin, die Marie schon lange nicht mehr gesehen hat, hat auf dem Umschlag eine Berliner Adresse angegeben, wohnt jedoch immer noch in Maries Heimatort, wie Marie von ihrer Mutter weiß. Auch hat sie nur einen Sohn, erwähnt aber in dem Brief noch eine Tochter, Amelie. Außerdem einen Victor, bei dem es sich um Maries Partner zu handeln scheint. Aber in Wirklichkeit lebt diese mit ihrer Freundin Johanna zusammen.
Dieser seltsame Brief, in dem auch Erinnerungen, die nur Sie selbst und Christine teilen, erwähnt werden, beunruhigt sie so sehr, dass sie schließlich Christine besucht. Diese bestreitet, etwas mit dem Brief zu tun zu haben und reagiert mit Tränen und Zorn darauf, Denn tatsächlich wollten sie und ihr Mann ein zweites Kind haben, sie hatten sich auch schon für den Namen Amelie entschieden, bis Christine dann eine Fehlgeburt hatte ... Christine wirft Marie hinaus und will nichts mehr mit ihr zu tun haben.
Doch einige Zeit später bekommt Marie einen Brief von Christine: im Umschlag liegt ein kleiner Zettel von Christine, die sich weitere solcher Scherze verbittet und ein Brief von Marie an Christine aus Paris. In ihrer Handschrift ... darin erwähnt sie eine Gehirnoperation zur Entfernung eines Aneurysmas!
Marie fährt tatsächlich nach Paris und lernt auch den Galeristen Victor kennen, der ihr sehr vertraut vorkommt. Danach wird es immer verworrener, Marie pendelt, genau wie ihre Freundin Christine zwischen ihren zwei Leben hin und her, hat tatsächlich ein Aneurysma, das operativ entfernt wird, bekommt ein Baby von Victor und trennt sich von Johanna. Eine plausible Erklärung wird nicht geliefert, das Ende ist ausgesprochen antklimaktisch und die Personen haben mich nicht mehr interessiert. Was die Autorin dem Leser sagen will, hat sich mir nicht erschlossen.

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Tags: 2 lebensentwürfe, briefe, hamburg, paris, parrallelwelten   (5)
 

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194 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 114 Rezensionen

krimi, duisburg, polizeiseelsorger, ruhrgebiet, seelsorger

Glaube Liebe Tod

Peter Gallert , Jörg Reiter
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 12.05.2017
ISBN 9783548288918
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Martin Bauer ist Pollizeiseelsorger in Köln, denn die Arbeit als Gemeindepfarrer hatte ihm nicht gelegen. Der Roman startet furios, wenn Bauer einen Polizeibeamten davon abhalten soll, sich von einer hohen Brücke in den Rhein zu stürzen, was ihm - mit vollem Körpereinsatz - auch gelingt. Nur leider stürzt der gerettete Beamte am Abend desselben Tages von einem Parkhaus zu Tode; alle halten es für Suizid, nur Bauer ist davon nicht überzeugt.
Es gibt diverse Erzählstränge in diesem Krimi, die sich immer wieder kreuzen. Junge Bulgarinnen werden gegen ihren Willen nach Deutschland verschleppt und zur Prostitution gezwungen. Und wenn sie Ärger machen, werden sie "entsorgt". Der tote Polizeibeamte hatte eine Verbindung zum Rotlichtmilieu, gegen ihn wurde intern wegen Korruption ermittelt. Die Verbindung zwischen ihm und dem Chef von mehreren Kölner Bordellen ist eine alte, wie sich herausstellt. Für seinen halbwüchsigen Sohn Tilo, der seinen Vater immer als Helden verehrt hatte, bricht eine Welt zusammen. Bauer hat ein Vertrauensverhältnis zu Tilo entwickelt, seinetwegen mischt er sich immer wieder in die Ermittlungen ein, auch wenn er bei seinen Vorgesetzten damit aneckt. Und bei seiner Frau: denn da ist noch die Sorge um seine Tochter - nicht viel älter als Tilo - die heimlich zum Demonstrieren zum G8-Gipfel in Deauville gefahren ist, und seine Frau findet, dass er sich zu wenig darum kümmert.
Gut und spannend geschrieben, zum Finale hin vielleicht ein wenig zu dramatisch und überfrachtet, aber insgesamt eine interessante und fesselnde Lektüre um diesen ungewöhnlichen Protagonisten, der einen zum Glück nicht mit endlosen religiösen Erörterungen langweilt.

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Tags: köln, krim, polizeiseelsorger, rotlichtmilieu   (4)
 

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104 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 67 Rezensionen

freundschaft, hautfarbe, rassismus, london, großbritannien

Swing Time

Zadie Smith , Tanja Handels
Fester Einband: 640 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 17.08.2017
ISBN 9783462049473
Genre: Romane

Rezension:

Die Leseprobe hatte mir gut gefallen: Im Prolog kehrt die (namenlos bleibende) Ich-Erzählerin unter merkwürdigen Umständen und anscheinend eher unfreiwillig nach London zurück. Unter ihren E-Mails findet sie eine seltsame Nachricht: "Jetzt weiß end­lich jeder, wer du wirklich bist." Zitat: "Eine Nachricht, wie man sie von einer gehässigen Siebenjährigen mit einer klaren Vorstellung von Gerechtigkeit bekommt. Und wenn man einmal ausblendet, wie viel Zeit dazwischen lag, dann war es ja auch genau das." Und damit erinnert sie sich an das Jahr 1982, in dem sie ihre spätere Freundin Tracey beim Ballettunterricht kennenlernte. Beide sind Kinder eines Schwarzen und eines weißen Elternteils und fühlen sich sofort zu einander hingezogen. Traceys Mutter ist weiß, unattraktiv und bewundert ihre Tochter, die sie gern herausputzt. Die Mutter der Ich-Erzählerin ist schwarz, will höher hinaus im Leben und besitzt einen unbedingten Stilwillen.
Tracey ist eine begabte Tänzerin, die plattfüßige Ich-Erzählerin eher nicht. Trotzdem kommen die beiden sich näher. Smith skizziert mit wenigen Pinselstrichen die unterschiedlichen Familienkonstellationen, das Verhältnis zu Mutter und Vater, das Verhältnis der Eltern untereinander.
So weit, so gut. Doch dann geht es in den Zeitebenen ständig hin und her, die Ich-Erzählerin hatte zwischenzeitlich zehn Jahre lang einen Job als persönliche Assistentin einer erfolgreichen Sängerin namens Aimee und jettet mit dieser und deren Entourage zwischen London, den USA und Afrika hin und her. Dort, in einem unbenannten afrikanischen Land beaufsichtigt sie den Aufbau einer Mädchenschule - ein Charity-Projekt von Aimee.
Die Autorin schreibt sehr gut, einzelne Passagen sind sehr interessant, aber insgesamt ist der Roman sehr unrund, vermochte mich nicht wirklich zu fesseln. Im Gegenteil, ich habe mich mehr oder weniger durch die gut 600 Seiten gequält, immer in Versuchung, abzubrechen; das ging soweit, dass ich nach zwei Dritteln erst einmal einen Krimi zur Entspannung dazwischen geschoben habe. Ich wollte doch noch wissen, wie es ausgeht und habe dann die restlichen 200 Seiten relativ schnell geschafft. Leider war das Ende eher nichtssagend und unbefriedigend und viele Fragen blieben offen. Vor allem die: Was wollte die Autorin uns mit diesem Buch sagen? Ganz offensichtlich hat das Buch eine starke autobiographische Komponente. Außerdem geht es um die Probleme und Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß, darum, was es bedeutet, von gemischtrassigen Eltern abzustammen, um Freundschaft, Bildung, sozialen Auf-, bzw. Abstieg, Entwicklungshilfeprojekte, die an der Realität vorbeigehen, und und und ... Vielleicht hat Zadie Smith sich da etwas zu viel vorgenommen, sie verzettelt sich und geht nicht wirklich in die Tiefe. Auch bietet sich keine der Personen als Identifikationsfigur an, man bleibt eher distanziert, niemand ist wirklich sympathisch. Am rätselhaftesten war für mich Traceys Verhalten, dafür fehlte es mir an Erklärungen.
Der Roman ist nicht schlecht, dafür kann die Autorin zu gut schreiben, aber empfehlen würde ich ihn auch niemandem.

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Tags: armut, bildung, entwicklungshilfe, gemischtrassige abstammung., gesellschatsroman, probleme zwischen schwarz und weiß   (6)
 

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60 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 54 Rezensionen

krimi, steiermark, martin schult, kriminalroman, berlin

Dem Kroisleitner sein Vater

Martin Schult
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 14.07.2017
ISBN 9783550081743
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein Krimi ganz nach meinem Herzen mit einer gehörigen Portion Witz!
Es fängt in Berlin an, wo sich Polizeiobermeister Frassek gerade für ein Bewerbungsgespräch anzieht und dabei über sein Leben nachdenkt.
Dann geht's weiter in Sankt Margarethen in der Steiermark, wo ein unidentifizierter mürrrischer deutscher Tourist (natürlich der Frassek) beim Kroisleitner Karl ein Paar Wanderschuhe kauft. Nachdem wir ein paar weitere schrullige Einheimische kennengelernt haben, verbreitet sich plötzlich die Nachricht, dass "dem Kroisleitner sein Vater" tot am Berg oben gefunden wurde. Der ist schon stolze 104 Jahre alt, scheint aber trotzdem nicht eines natürlichen Todes gestorben zu sein.
Zuerst wird dieser mürrische deutsche Tourist verdächtigt, doch im weiteren Verlauf wird aus dem Verdächtigen Frassek der Ermittler Frassek. Congenial ist die Zusammenarbeit mit der neugierigen Wirtin Lissi (manchmal auch Sissi genannt) Valentiner. Weitere Verwirrung schafft das Eintreffen von Emma Kornfeld in ihrer alten Heimat. Sie hat gerade ein Leben als erfolgreicher Popstar in London hinter sich gelassen, wo sie ihre Popstar-Persona Amy Cornfield hat sterben lassen.
Es offenbart sich, dass fast jeder Dorfbewohner die sprichwörtliche Leiche im Keller hat, dass der alte Kroisleitner so etwas wie der König des Dorfes war und alle auf seinen Rat hörten, der zwar immer gut gemeint, aber nicht unbedingt immer gut war.
Zum Verbrechen kam es, wie so häufig, aus menschlicher Gier, außerdem geht es um eine unerfüllte große Liebe und vermeintliche Verwandschaftsverhältnisse. Mit Hilfe von Lissi und dann auch noch von seinem Berliner Kollegen Sprotz samt Ehefrau (auf dem Weg zum Urlaub an der Adria bei Frassek hängen geblieben) gelingt es Frassek den Fall zu lösen.
Der Stil erinnert mich ein wenig an die Alpenkrimis von Jörg Maurer, die ich über alles liebe. Seltsamerweise gab es beim letzten Maurer genau wie hier jemanden, der seiner eigenen Beerdigung beigewohnt hat, hier war es "Amy Cornfield". Das ganze ist sehr witzig und unterhaltsam geschrieben, doch auch die Spannung kommt nicht zu kurz. Und es ist nicht nur ein Alpenkrimi, sondern zusätzlich noch ein spaßiger Culture Clash zwischen den Berlinern und den Österreichern. Ich habe das Buch mit größtem Vergnügen gelesen und freue mich schon auf den nächsten Frassek, den es ja hoffentlich geben wird!

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Tags: frassek, regionalkrimi, steiermark   (3)
 

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57 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 32 Rezensionen

krimi, provence, mord, matisse, madame le commissaire

Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild

Pierre Martin
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 02.05.2017
ISBN 9783426520321
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Isabelle Bonnet und ihr Assistent Apollinaire haben ihr Revier im provenzalischen Fragolin abgeschlossen und wollen Betriebsferien machen, doch schon am ersten Urlaubstag kommen 2 neue Fälle auf den Tisch: ein offizieller Fall wird ihr von ihrem Pariser Chef Balancourt übertragen, dem der Tod eines Staatssekretärs nicht ganz koscher erscheint. Und ein inoffizieller Fall ergibt sich dadurch, dass ein „neu entdeckter“ Matisse, auf den Bürgermeister Thierry für sein neues kleines Museum ein Auge geworfen hat, sich als Fälschung erweist, unter deren Oberfläche ein Hilferuf versteckt ist. Der polizeibekannte, talentierte Kunstfälscher De Jong teilt darin mit, dass er entführt worden sei und gezwungen werde, Fälschungen zu produzieren. Und er macht einige vage Angaben zur Identifizierung seines Aufenthaltsortes.

Aber die Kommissarin hat nicht nur 2 Fälle, sondern auch 2 Verehrer (zeitweise sogar 3, als ein amerikanischer Literaturprofessor sein Interesse bekundet). Den Bürgermeister von Fragolin, mit dem sie sogar eine Weile liiert war, bis er es nicht lassen konnte, sie mit einer anderen zu betrügen, und den Kunstsammler und Lebemann Rouven, den sie sehr mag, dessen Jet-Set-Welt aber eigentlich nicht die Ihre ist.

Die Ermittlungen verlaufen eher provenzalisch gemütlich mit häufiger Einkehr in Restaurants und Cafés, viel gutem Essen und einem Café hier, einem Rosé dort, und auch mal einem Pétanque-Spiel auf dem Dorfplatz. Apollinaire übernimmt eher die Internet-Recherchen, während Isabelle Befragungen durchführt. Zwischendurch überrascht sie uns aber auch mit regelrechten Actionszenen, bei denen die ehemalige Pariser Anti-Terror-Spezialistin zeigt, was in ihr steckt. Auch bevorzugt sie zeitweise recht unorthodoxe Ermittlungsmethoden. Balancourt bezeichnet Isabelle immer als „seinen besten Mann“ und in der Tat wirkt ihr Verhalten oft eher etwas männlich, auch in den Beziehungen zu ihren beiden Verehrern.

Die beiden Fälle hängen nicht – wie von mir anfänglich vermutet – zusammen. Den Fall um den toten Staatssekretär löst die Kommissarin schnell und elegant und serviert Balancourt den Schuldigen auf dem Silbertablett. Der Fall des entführten Kunstfälschers nimmt ganz unerwartete Wendungen, die für mich nicht vorhersehbar waren, erst ganz kurz vor Schluss begann ich zu ahnen, in welche Richtung es geht.

Ich kenne schon die ersten drei Bände der Serie und das Ermittlerduo ist mir inzwischen richtig ans Herz gewachsen, die taffe, aber emotional doch auch verletzliche Isabelle und der linkische, etwas sonderliche Apollinaire, dem in diesem Band ein versehentlicher Meisterschuss gelingt. Auch über das Wiedersehen mit den vertrauten Dorfbewohnern freue ich mich. Als Liebhaberin von Regional- und besonders von Cosy-Krimis, bin ich voll auf meine Kosten gekommen. Pierre Martin schreibt spannungsreich, mit viel Humor, Lokalkolorit und eingestreuten französischen Redewendungen. Was will man mehr von einem sommerlichen Krimi? Selbst wenn man gerade nicht in die Provence reisen kann, so kommt bei der Lektüre – vielleicht auf dem Balkon mit einem Gläschen Rosé – die richtige Urlaubsstimmung auf.

 

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Tags: krimi, madame le commissaire, provence, regionalkrimi   (4)
 

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(75)

88 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 65 Rezensionen

provence, krimi, rache, folter, gerichtsmediziner

Gefährlicher Lavendel

Remy Eyssen
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 07.04.2017
ISBN 9783548289069
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Grausame Morde passieren in und um Le Lavandou, der zweiten Heimat des Gerichtsmediziners Leon Ritter. Bei den Obduktionen kann er feststellen, dass die Opfer nicht einfach ermordet worden waren, sondern gefoltert wurden, um ihren Tod so langwierig und schmerzvoll wie möglich zu machen.
Die Polizei hat sofort einen Verdächtigen festgenommen, doch Leon ist nicht überzeugt und ermittelt eigenmächtig weiter. Seine erste Theorie, wer und was hinter dem Verbrechen steckt, ist recht abenteuerlich, und er veranlasst Isabelle – stellvertretende Chefin der örtlichen Polizei und seine Freundin – eine Exhumierung einer vor 20 Jahren beerdigten Leiche zu erwirken; leider ein Schlag ins Wasser! Aber die Richtung stimmte schon in etwa, und am Ende ist es wieder Leon, der das Verbrechen aufklärt.
Ich habe schon die ersten beiden Bände der Serie gelesen und mag das südfranzösische Flair, die verschrobenen Dorfbewohner und Boulespieler, die persönliche Geschichte von Leon und Isabelle und deren Tochter Lilou – und all diese Zutaten eines gemütlichen Cosys sind auch hier wieder reichlich vorhanden. Nur dass die Verbrechen von Mal zu Mal grausamer und brutaler werden passt irgendwie nicht so recht dazu. Ich kann diesem Drang nach minutiöser Beschreibung grauenhafter Verstümmelungen nichts abgewinnen! Da lese ich möglichst schnell drüber weg … Insgesamt jedoch ein netter, solider und auch zum Ende hin sehr spannender Regionalkrimi. Aber der Autor sollte sich entscheiden, in welchem Genre er eigentlich schreiben will. Aus Loyalität vergebe ich doch noch einmal 4 Sterne und hoffe, dass der nächste Fall nicht ganz so blutrünstig ausfällt.

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Tags: gerichtsmedizin, provence, regionalkrimi   (3)
 

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(124)

293 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 100 Rezensionen

liebe, freundschaft, ruth hogan, england, verlorene dinge

Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge

Ruth Hogan , Marion Balkenhol
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 19.05.2017
ISBN 9783471351475
Genre: Romane

Rezension:

Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen, einmal in der Jetztzeit (minus ein paar Jahre) und einmal 1974 und die Zeit danach. Am Ende stellt sich auf wundersame Weise eine Verbindung zwischen den beiden Erzählsträngen her.
So eine leicht skurrile Geschichte kann eigentlich nur aus England kommen. Der Witwer Anthony Peardews sammelt Gegenstände, die jemand verloren hat, seien sie auch noch so unbedeutend.
Er etikettiert sie sorgfältig und archiviert sie in seinem Arbeitszimmer. Das tut er, seit er etwas, für ihn äußerst Bedeutsames, verloren hat, ein Liebespfand seiner Verlobten, die vor vielen Jahren ums Leben kam. In seinem tiefsten Inneren hofft er wohl, dass jemand irgendwo genau so liebevoll wie er selbst mit diesem Fundstück umgeht.
Seit einigen Jahren hat er Laura, einer verlorenen Seele, Asyl gegeben, bzw. eine Stelle als Assistentin und Haushälterin. Anthony ist Schriftsteller und sie hilft ihm, seine Manuskripte zu tippen. Für Laura, die aus einer unglücklichen Ehe geflüchtet ist, ist dieser Job ein Rettungsanker.
Im zweiten Erzählstrang von 1974 geht es um Eunice, die eine Stelle bei einem Verleger antritt, der von allen nur Bomber genannt wird. Zwischen den beiden entwickelt sich eine lebenslange, tiefe Freundschaft, sogar Liebe, wenn auch nur platonisch, denn Bomber ist schwul.
Anthony stirbt und hinterlässt Laura das Vermächtnis, sich um seine Fundstücke zu kümmern und zu versuchen, die Besitzer zu finden und eventuell ein gebrochenes Herz zu heilen. Bei der Durchsicht der Gegenstände findet sie heraus, dass viele seiner Fundstücke ihn zu – häufig recht wehmütigen – Geschichten animiert haben. Anthonys zwischendurch immer wieder eingestreuten Kurzgeschichten verdeutlichen knapp und präzise menschliche Schicksale.
Mit Hilfe von Sunshine, einem jungen Mädchen mit Down-Syndrom aus der Nachbarschaft, und von Freddy, dem Gärtner, nimmt Laura diese herkulische Aufgabe in Angriff. Obwohl Laura nicht an Geister glaubt, kann sie sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Therese, Anthonys Verlobte, im Hause herumspukt, um Laura einen Fingerzeig zu geben.
Eine wunderbare, etwas märchenhafte Geschichte, bei der einem ganz warm ums Herz wird. Es gibt ein Happy End, alles fügt sich mehr oder weniger zum Besten, aber ich habe es nie als Kitsch empfunden, denn dazu gibt es doch zu viele durchaus realistische Momente. Wir dürfen miterleben, wie die Hauptfigur Laura aufgrund ihrer neuen Aufgabe, des sicheren Hortes in Anthonys Haus und durch Freundschaft und Liebe allmählich wieder ihre Mitte findet. Ein Wohlfühlroman, der einen manchmal auch zu Tränen rührt, meistens aber glücklich macht.

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110 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 68 Rezensionen

freundschaft, liebe, leben, england, london

Als wir unbesiegbar waren

Alice Adams , Eva Kemper
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 19.06.2017
ISBN 9783832198411
Genre: Romane

Rezension:

Das Buch begleitet das Leben von vier Freunden im Zeitraum von 1995 bis 2015.
Es beginnt im Sommer 1995 in Bristol, an einem trägen Nachmittag vor den Sommerferien. Die vier Freunde die in der Sonne faulenzen, diskutieren und trinken sind Eva, das Geschwisterpaar Sylvie und Lucien, und Benedict, Sohn wohlhabender Eltern und Physiker mit Leib und Seele.
Eva, die im Mittelpunkt des Romans steht, kommt aus einer langweiligen Kleinstadt und ist nach dem frühen Tod der Mutter allein mit ihrem Vater aufgewachsen. Ihre Freundin Sylvie studiert Kunstgeschichte und scheint das Zeug zu einer erfolgreichen Künstlerin zu haben. Ihr Bruder Lucien, der nicht studiert und irgendwelchen unklaren Tätigkeiten nachgeht, gehört durch sie auch zur Gruppe. Zwischen Eva und Lucien besteht eine erotische Spannung – am Ende jenes trägen Sommernachmittags 1995 haben sie ein einziges Mal eine Nacht miteinander verbracht. Benedict leidet unter seinen unerwiderten Gefühlen für Eva, die sich wiederum nach Luciens Zuneigung verzehrt.
Dann werden sie 1997 nach Abschluss des Studiums in alle Winde verstreut: Die Geschwister begeben sich auf große Reise, Eva geht als Trainee zu einer Investmentbank nach London, während Benedict zur Promotion in Bristol bleibt.
Wir treffen die vier in unterschiedlichen Zeitabständen immer wieder. Es ist interessant zu erleben, wie sich die Rollenverteilung in der Gruppe verändert. Eva, die in jungen Jahren sehr unsicher war und sich als langweiliges, unattraktives Trampel sah, entwickelt sich während ihrer Karriere als erfolgreiche Bankerin zu einer starken, kompetenten und selbstsicheren jungen Frau. Die strahlende Sylvie hingegen, von Eva früher immer bewundert, kriegt die Kurve nicht und schlägt sich mit wechselnden Jobs durch. Sie, deren Zukunft so vielversprechend schien, fühlt sich mehr und mehr als Versagerin. Ganz zu schweigen von Lucien, ihrem Bruder, dem Frauenheld, der das Leben so lässig und leicht nimmt und mit Drogengeschäften das große Geld macht – bis er plötzlich auf die Nase fällt. Benedict geht seinen Weg als Wissenschaftler, aber kommt nicht darüber hinweg, dass er für Eva immer nur „der gute Freund“ ist.
Kurz gesagt, das Leben nimmt häufig eine ganz andere Wendung als erwartet, wir erleben, zusammen mit den vier Freunden Glücksmomente und Schicksalsschläge, Aufstieg und Fall im Verlauf dieser 20 Jahre. Lange dauert es, bis sie ihren jeweiligen Platz im Leben gefunden haben und endlich erwachsen geworden sind. Aber sie sind auch nach 20 Jahren immer noch Freunde, auch wenn sie sich zwischenzeitlich immer wieder mal aus den Augen verloren haben.
Mir hat der Erzählstil von Alice Adams gut gefallen, ich fand es spannend, dem wechselhaften Schicksal der vier Freunde zu folgen in diesem unkitschigen und nicht vorhersehbaren Roman. Der Autorin gelingt es meines Erachtens sehr gut, mit kurzen Momentaufnahmen die Entwicklung der einzelnen Personen aufzuzeigen. Gute Unterhaltung mit Niveau!

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Tags: entwicklungsroman   (1)
 

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103 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 82 Rezensionen

wien, carlotta fiore, krimi, oper, österreich

Die unbekannte Schwester

Theresa Prammer
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 07.04.2017
ISBN 9783471351390
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Als erstes: Bei dieser Reihe ist es erheblich wichtiger, die Bücher in chronologischer Reihenfolge zu lesen, als bei anderen Krimiserien; denn, wie schon bei den ersten beiden Bänden, spielt Lottas Privatleben eine große Rolle in den Fällen, und wenn man die Vorgeschichte nicht kennt, dürfte das ziemlich verwirrend sein.

Lotta arbeitet mit dem Ex-Polizisten Konrad Fürst zusammen, der, wie wir inzwischen wissen, ihr leiblicher Vater ist. Aufgewachsen ist sie bei Maria Fiore, einer weltberühmten Opern-Diva, die eine behinderte Tochter hatte, mit der sie sich nicht schmücken konnte. Deshalb hatte sie kurzerhand ein niedliches Mädchen auf einem Rummelplatz entführt, ihre Tochter ins Heim gesteckt und hatte Lotta als eine präsentable Tochter aufgezogen. Leider hatte ihr Lotta aufgrund ihres mangelnden Gesangstalentes einen Strich durch die Rechnung gemacht. Irgendwann war sie dem goldenen Käfig entflohen und hatte den Kontakt mit der Mutter (die vor 6 Jahren verstorben ist) komplett abgebrochen. Die Entführung, die ehrgeizige und selbstsüchtige Mutter und deren Art, ihre Tochter zu behandeln, haben Lotta zu einer ziemlich ramponierten Persönlichkeit werden lassen, deren soziale Kompetenz zu wünschen lässt.

Nun hatte sich ja in Carlottas Leben in den ersten 2 Teilen einiges zum Guten gewandelt: sie hatte in Konrad ihren Vater gefunden, hatte sich klargemacht, dass Maria Fiore nicht ihre Mutter war, hatte Henriette wiedergefunden – ihre quasi Schwester, Fiores echte Tochter – und last but not least einen liebevollen Mann, den Kommissar Hannes Fischer, getroffen, mit dem sie zusammenlebt und einen kleinen Sohn hat.

Ein Problem besteht darin, dass Hannes und sie nun Kollegen sind, denn Polizeichef Krump hat sein Versprechen wahrgemacht und hat Lotta und Konrad eingestellt. Lotta, die vor Jahren eine Ausbildung bei der Polizei angefangen hatte, dann aber wegen eines Suizidversuchs von der Schule flog, wird von den Kollegen nicht freundlich aufgenommen. Man vermutet Kungelei dahinter, dass sie ohne entsprechende Ausbildung eine Stelle bekommen hat. Und die Kollegen halten sie natürlich für Maria Fiores Tochter, denn sie hat ihr Verhältnis zu Konrad nicht publik gemacht.

Lotta und Konrad sind beide sehr ungewöhnliche und interessante Ermittlerfiguren. Lotta ist noch nie eine Sympathieträgerin für mich gewesen, aber sie hat mich interessiert. In diesem Buch fand ich sie aber ziemlich enervierend, ihre ewige Geheimniskrämerei, ihr ständiges Lügen, ihr Misstrauen, ihre Eifersucht wurden mir etwas zu viel. Sie beantwortet fast prinzipiell jede Frage mit einer Lüge. Es gibt im Buch Protokolle von Therapiesitzungen – Lotta geht zwar zur Therapie, belügt aber auch die Therapeutin, benimmt sich absolut therapieresistent!

Über den Fall will ich nichts erzählen, er ist aufs innigste mit Lottas Geschichte verwoben. Und Lotta gelingt es, den Mörder zu überführen. Im Mittelpunkt steht ihre Psyche, aber im letzten Drittel nimmt der Krimi richtig Fahrt auf und wird sehr spannend. Möglicherweise ist das der letzte Band der Reihe, denn nun sind für Carlotta alle Ungereimtheiten ihrer Vergangenheit geklärt, und in ihrem Leben läuft alles einigermaßen rund: denn in einer weiteren Therapiesitzung hatte sie sich doch auf eine Hypnosebehandlung eingelassen und dabei waren wichtige Erinnerungslücken gefüllt worden. Und im Zuge ihrer Ermittlungstätigkeit während einer Fernseh-Talk Show hatte sie ihre großen Geheimnisse öffentlich gelüftet. Also, Ende gut, alles (mehr oder weniger) gut und möglicherweise das Ende der Geschichte.

Auch wenn mir das Verhalten der Protagonistin hin und wieder gegen den Strich gegangen ist, so war es dennoch insgesamt eine spannende, interessante und lohnende Lektüre.

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Tags: carlotta fiore, konrad fürst, wien   (3)
 

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75 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 64 Rezensionen

toskana, krimi, italien, todsünden, mord

Die Morde von Morcone

Stefan Ulrich
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 12.05.2017
ISBN 9783548289243
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Münchner Anwalt Robert Lichtenwald versucht in einem Sabbatjahr in seinem Häuschen in der Toskana mit seiner veränderten Lebenssituation klarzukommen: Seine Frau hat ihn verlassen, seine Tochter absolviert ein soziales Jahr in Bolivien, und er fühlt sich allein und überflüssig.

Doch bald ist er in Morcone in der Maremma mehr in eine Mordermittlung involviert, als ihm lieb ist.

Eines Morgens holt ihn der Grundbesitzer, der Conte, auf dessen Anwesen sein Bauernhaus liegt, zu einer Wanderung ab, und sie landen bei der malerischen Ruine einer Abtei aus dem 12. Jahrhundert. Dort stoßen sie plötzlich auf die Leiche einer Straßenprostituierten, eines Hermaphroditen, in dessen Haut ein großes „L“ geritzt ist.

Robert lernt die Lokalreporterin Giada Bianchi kennen, die ihn sogleich in ihre Recherchen einspannt. Es geschehen noch weitere Morde im Ort, den Opfern wird jedes Mal ein Buchstabe in die Haut geritzt. Die ermittelnden Carabinieri kommen nicht gut voran, während Giada und Robert so einiges herausfinden. Es geht bei den Morden um die sieben Todsünden

In einer anderen Rezension schreibt jemand, schon auf Seite 40 gewusst zu haben, wer der Täter ist. Das kann ich nicht bestätigen, erst nach etwa zwei Dritteln wies allmählich vieles auf eine Person hin, das schien mir aber vom Autor durchaus so gewollt zu sein. Ganz kurz vor Schluss serviert uns der Autor noch einen „Red Herring“, der einen noch einmal an der vermuteten Identität des Täters zweifeln lässt.

Ich fand den Krimi ganz nett und spannend, wenn auch nicht begeisternd: die beiden Hauptfiguren sind sympathisch, wir lernen viele Dorfbewohner kennen, es gibt eine stringente Krimihandlung und als Sahnehäubchen etwas italienisches Flair. Falls eine Serie daraus werden sollte, würde ich dem 2. Band durchaus noch eine Chance geben.

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Tags: regionalkrimi, savonarola, sieben todsünden, toskana   (4)
 

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93 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 35 Rezensionen

krimi, mord, kommissar jennerwein, humor, alpenkrimi

Im Grab schaust du nach oben

Jörg Maurer
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei FISCHER Scherz, 27.04.2017
ISBN 9783651025189
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Kommissar Jennerwein und seine Truppe werden – wie alle anderen verfügbaren Polizisten – zum Einsatz beim G7-Gipfel eingeteilt, der heuer im Bindestrich-Kurort stattfindet.

Und wer sich da alles tummelt! Geheimdienste aller Herren Länder, Demonstranten von friedensbewegt bis schwarzer Block, Blogger, Jäger, Auftragskiller, Privatdetektive, Mafiosi, Doubles von Politikern und Schauspielern …

Es beginnt mit der äußerst amüsant geschilderten Beerdigung eines gewissen Ropfmartl Hansi mit Kodizill und allen Schikanen inklusive 7 Böllerschüssen aus antiken Kanonen. Wobei es dann nur 6 Salutschüsse waren, eine der Kanonen hatte eine Ladehemmung …

Im Rückblick erfährt man dann auch, wer dieser Ropfmartl Hansi eigentlich ist und wie es zu der Bestattung kam. Die Graseggers (lieb gewordene alte Bekannte) sind natürlich auch wieder mit von der Partie, obwohl sie mit Berufsverbot belegt sind und daher leider die Beerdigung nicht ausrichten dürfen. Am Arbeitsstil des amtierenden Bestatters lassen sie jedenfalls kein gutes Haar.

Eine Familie Glöckl, Besitzer eines Senf-Imperiums und leidenschaftliche Jäger spielen auch eine große Rolle. Nur ein Familienspross, Ronny Glöckl, ist gegen die Jagd und auch gegen kapitalistische Wirtschaftspraktiken. Deshalb befindet er sich auch im Camp der G7-Gegner und nicht bei der Testamentseröffnung von Onkel Jeff im Kreise der Familie.

Es gibt durchaus eine Krimihandlung, aber auch viele Nebenstränge, einer witziger als der andere. Wer einen simpel gestickten Alpenkrimi sucht, mag etwas verwirrt sein von dieser Vielfalt und vielleicht auch enttäuscht von der Kriminalstory.

Denn eindeutig tritt das komödiantische Element und die sozialkritische Satire gegenüber der Krimihandlung hier noch stärker in den Vordergrund als in den Vorgängerbänden. Mich hat das nicht gestört, ich habe mich glänzend amüsiert über dieses Feuerwerk an skurrilen Ideen (eine Bäckerei, die sich in Anpassung auf das G7-Publikum auf Wurftorten spezialisiert hat - eine Geschichte des Türen-Werfens - das Profugium - die (frei erfundenen?) Ausdrücke aus der Jägersprache -  die Beziehungen zwischen Mafia und Hypnose - die Blog-Einträge in perfekt gelungenem Blogger-Jargon - die Bereitschaftspolizisten in voller Kampfmontur, die im Präsidium aus Ungeschick eine Glastür zu Bruch bringen - und und und …) und über den reinen Slapstick wie in der Szene, die sich nach dem Diebstahl des Portemonnaies einer bayerischen Bedienung abspielt. Vermutlich kann man dem Roman auch ohne Kenntnis der vorherigen Bände folgen, aber wirklich genüsslich goutieren kann man ihn wohl besser als eingefleischter Jennerwein-/Maurer-Fan. Der intelligente Humor lässt sich nie auf das Niveau seichter Unterhaltungsromane herab.

Da staunt man nicht schlecht, ein Verwirrspiel ersten Ranges, aberwitzige Ideen, absurde Nebenschauplätze – vorhersehbar ist da wirklich nichts.  Und eine Mordsgaudi es zu lesen. Es gibt nur wenige Bücher, die ich mit so großem Vergnügen lese, wie die Alpenkrimis von Jörg Maurer!

 

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Tags: alpenkrimi, garmisch-partenkirche, gesellschaftskritik, hubertus jennerwein, jörg maurer, regionalkrim, schwarzer humor   (7)
 

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65 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 54 Rezensionen

japan, tokio, liebe, krieg, spionage

Demnächst in Tokio

Katharina Seewald
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Europa Verlag , 27.03.2017
ISBN 9783958901063
Genre: Romane

Rezension:

Deutschland in der Nazizeit: Die 18jährige Elisabeth lebt mit ihrer ängstlichen Mutter und dem despotischen Vater - einem strammen Nazi - in einer süddeutschen Kleinstadt. Eines Tages wird sie vom Vater mehr oder weniger verkauft; der hat eingewilligt, dass sie ganz plötzlich Ernst Wilhelm, den mit 39 Jahren noch unverheirateten Sohn seines Chefs, des Fabrikanten von Traunstein, heiraten soll, der dann nach der Zeremonie sofort nach Japan aufbricht und sich mit "Demnächst in Tokio" von ihr verabschiedet.
Elisabeth werden die Zusammenhänge erst später klar, da sie noch recht naiv ist, aber der Leser erfährt, bzw. erahnt bald, was es mit dieser Eheschließung auf sich hat. Die offizielle Begründung der Familie von Traunstein lautet, dass Ernst sich wegen seines Jobs an der Tokioter Botschaft schnell verheiraten muss, denn unverheiratete Diplomaten werden nicht gern gesehen. Doch tatsächlich geht er so überstürzt nach Tokio, weil seine Famile quasi am Vorabend des sogenannten Röhm-Putsches noch rechtzeitig gewarnt worden war. Ernst stand politisch dem Ex-Kanzler von Schleicher nah, und die Familie hatte gerade noch früh genug erfahren, dass eine Säuberungsaktion bevorstand und Beziehungen spielen lassen, um ihn an der deutschen Botschaft unterzubringen. Außerdem ist Ernst homosexuell, was der Leser sofort ahnt, Elisabeth aber erst sehr viel später versteht.
Im Grunde ist es eine Coming of Age-Story: Elisabeths abenteuerliche Reise nach Japan, das kameradschaftliche Zusammenleben mit ihrem neuen Ehemann, das fremde Land, das Leben in Diplomatenkreisen und wie sie allmählich lernt, die Rolle als Dipomatengattin auszufüllen. Außerdem fühlt sie sich von ihrem Vater befreit und genießt den ungewohnten Wohlstand.
Und dann tritt noch Ernsts bester Freund Alexander in ihr Leben, ein verwegener Journalist, der sich wenig um Konventionen schert und mit dem sich eine Art Ménage à trois entwickelt. Die Autorin verrät im Nachwort, dass diese Figur dem real existierenden Spion Richard Sorge nachempfunden ist. Die Traunsteins halten sich von 1934 - 1942 in Japan auf und wir erfahren viel über die deutsche, die japanische und die Weltpolitik dieser Zeit. Danach folgen noch einige Jahre im Pekinger Exil, die jedoch nur en passant geschildert werden, und dann ein kurzer Abriss des weiteren Lebens im Nachkriegsdeutschland.
Es beginnt damit, dass Elisabeths Tochter Karoline überraschend für ein Interview nach Japan reisen muss und Elisabeth - mittlerweile weit über 90 Jahre alt - dadurch den Anstoß zu dem schon längst überfälligen Bericht für ihre Tochter über die Tokioter Zeit, die Art ihrer Ehe  und einige andere Geheimnisse gibt. Der Roman besteht hauptsächlich aus einem langen Brief an Karoline.
Obwohl ich nicht mehr die Jüngste bin, fiel es mir als heutiger Leserin schon schwer, die Denk- und Verhaltensweisen dieser Zeit nachzuvollziehen, die ja noch viel stärker von Tabus geprägt wurden, z.B. erschien mir Elisabeths Naivität manchmal als zu extrem und fast unglaubwürdig. Trotzdem hat mir der Roman sehr gut gefallen, er bietet einen spannenden Einblick in eine ander Zeit und eine andere Welt.
Ein gut recherchierter, spannender historischr Roman mit viel Gefühl, Drama und Exotik.

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Tags: 2 weltkrieg, coming of age, historischer roman, japan, nazizeit, spion, tokio   (7)
 

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100 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 64 Rezensionen

fbi, nero wolfe, new york, krimi, detektiv

Es klingelte an der Tür

Rex Stout , Conny Lösch , Jürgen Kaube
Fester Einband: 248 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 11.03.2017
ISBN 9783608981117
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nero Wolfe, Privatdetektiv, aber auch passionierter Orchideenzüchter und Feinschmecker, ist die graue Eminenz, der Strippenzieher im Hintergrund, sein Adlatus Archie Goodwin berichtet als teilnehmender Beobachter und Ich-Erzähler über seine Fälle - nicht unähnlich Sherlock Holmes' Dr. Watson. Dann gibt es noch Wolfes Schweizer Leibkoch Fritz, und alle drei residieren in Nero Wolfes New Yorker Brownstone, in dem sich auch sein Büro befindet. Archie erledigt hauptsächlich die Beinarbeit, während Nero das Haus nur verlässt, wenn es gar nicht zu vermeiden ist und die meisten Probleme von seinem Schreibtisch aus löst. Wir schreiben das Jahr 1965.
In diesem Fall beauftragt die vermögende Witwe Bruner den Detektiv, gegen das FBI zu ermitteln, eine fast unlösbare Aufgabe; denn wie soll man gegen eine Institution ermitteln, deren klandestine Aktionen offiziell nie stattgefunden haben?
Die Witwe war nach der Lektüre des Buches "Das unbekannte FBI" so begeistert, dass sie fand, es müsse unter die Leute gebracht werden. Kurz entschlossen erwarb sie 10.000 Exemplare und versandte diese an ausgewählte Adressaten wie Kabinettsangehörige, Richter, Gouverneure, Senatoren, Redakteure etc.
Unangenehmerweise werden jetzt sie und ihre Kinder beschattet, ihre Telefonleitungen wurden angezapft, Freunde und Mitarbeiter wurden verhört, ihr Haus steht unter permanenter Beobachtung und allmählich wird ihr das alles zu viel! Wenn überhaupt jemand dem FBI Einhalt gebieten könne, dann sei es Nero Wolfe.
Wolfe will den Fall als völlig unlösbar ablehnen, wird dann aber doch bei seiner Eitelkeit gepackt, denn eigentlich gibt es für einen Nero Wolfe keine unlösbaren Aufgaben. Und das mehr als großzügige Honorar, das in Aussicht gestellt wird, ist auch nicht zu verachten.
Wie der große Detektiv diese schwierige Aufgabe angeht und ob es ihm tatsächlich gelingt, diesen Fall zum Abschluss zu bringen, lässt sich in Archies humorvoller Schilderung aufs Amüsanteste verfolgen. Und in der aktuellen Politik sind Lauschangriffe ein mindestens genau so brisantes Thema wie damals ...
Ich habe das englische Original nicht gelesen, aber die deutsche Neuübersetzung erscheint mir sehr gelungen und trifft den richtigen Ton. Die bibliophile Aufmachung des Leinenbändchens ist auch sehr ansprechend. Also genau das Richtige für Liebhaber klassischer Krimis mit viel Humor und skurrilem Personal!

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Tags: fbi, klassiker, krimi, nero wolfe   (4)
 

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85 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 63 Rezensionen

physik, einstein, gott, albert einstein, urknall

Das Einstein Enigma

J.R. Dos Santos , Paula Porter
Flexibler Einband: 608 Seiten
Erschienen bei luzar publishing, 23.03.2017
ISBN 9783946621003
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Roman wird vom Verlag als Spionagethriller vermarktet, die Wahl des deutschen Titels lässt etwas Ähnliches wie den Da Vinci Code vermuten. Es fängt auch ganz spannend an, so wie der Verlagstext es verspricht: „Kairo, 2006.
Der portugiesische Kryptanalyst Tomás Noronha soll ein mysteriöses Manuskript entschlüsseln. Sein Titel? Die Gottesformel. Sein Autor? Albert Einstein. Was auf dem Spiel steht? Nichts weniger als die Anleitung für den Bau einer billigen Atombombe.
Wider Willen wird Tomás als Doppelagent des Iran und der CIA in eine internationale Spionageaffäre verwickelt und kommt im Rahmen seiner Ermittlungen einem der größten Rätsel der Welt auf die Spur: dem wissenschaftlichen Beweis für die Existenz Gottes.“
Nach den ersten Kapiteln tritt allerdings die Thrillerhandlung immer mehr in den Hintergrund, und es geht um endlos lange Diskurse mit diversen Wissenschaftlern, in denen der Protagonist, selbst Historiker, von anderen Kapazitäten über physikalisch-philosophische Sachverhalte belehrt wird und immer abwechselnd „Das verstehe ich nicht“ bzw. „Ja, das weiß ich“ sagen darf. Mir erscheint der Roman ein Vorwand zu sein, um eine populärwissenschaftliche Abhandlung zu publizieren. Es geht von Einsteins allgemeiner und spezieller Relativitätstheorie, über die Heisenberg’sche Unschärferelation, Schrödingers Katze, den Urknall, die Chaostheorie, schwarze Löcher usw. bis zu den Fragen nach einem freien Willen des Menschen, dem Sinn des Lebens und der Existenz Gottes. Schön und gut, auch einigermaßen allgemein verständlich formuliert, aber dem Spannungsniveau definitiv abträglich.
Im Gegensatz zu Dan Brown (dessen Romane ich keinesfalls für Meisterwerke halte), schafft der Autor es nicht, die beiden Komponenten stimmig zu koordinieren. Beim Da Vinci Code geht es ja auch teilweise um wissenschaftliche Erkenntnisse, aber diese sind so in die Handlung eingebaut, dass sie zum Spannungsaufbau beitragen.
Zuerst war ich noch geduldig und gewillt, den physikalischen, philosophischen und religionswissenschaftlichen Ausführungen zu folgen, doch je mehr diese in den Vordergrund traten, desto ungeduldiger überflog ich die Seiten. Mich erinnerte das ein wenig an Karl May, der ja hin und wieder auch in seinen Büchern lange religionsphilosophische Diskurse eingebaut hat, die ich als jugendliche Leserin genervt überschlagen habe. Die handelnden Protagonisten scheinen den Autor am Ende gar nicht mehr zu interessieren, und auch als Leser ist es einem dann ziemlich egal, was aus Tomás und Ariana wird.
Den anderen, zum Teil sehr positiven Rezensionen, kann ich mich nicht anschließen, für mich hat der Autor sein Thema verfehlt. Oder der Verlag hat die falsche Marketingstrategie gewählt.

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Tags: philosophi, physik, religionswissenschaft   (3)
 

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(81)

106 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 80 Rezensionen

kuba, spanien, mexiko, liebe, mexico

Wenn ich jetzt nicht gehe

María Dueñas , Petra Zickmann
Fester Einband: 589 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 06.03.2017
ISBN 9783458177029
Genre: Romane

Rezension:

... Und man könnte noch mehr Genres anfügen, z.B. Historischer Roman, denn das alles beinhaltet dieses Buch.
Es ist die Geschichte von Mauro Larrea, der als junger Mann nach dem Tod seiner Ehefrau mit seinen zwei kleinen Kindern zu neuen Ufern aufgebrochen war, von Spanien in die Neue Welt, nach Mexiko-Stadt. Wir befinden uns in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und lernen ihn als Mann in den Vierzigern kennen. Durch harte Arbeit und viel Geschäftssinn hat er es zu Wohlstand und Ansehen gebracht. Doch just in diesem Moment erhält er eine katastrophale Nachricht: sein amerikanischer Geschäftspartner ist verstorben und seine Investitionen haben sich in Luft aufgelöst, die von ihm bezahlten Maschinen wird er nie erhalten. Für ein großes Geschäft hatte er alles, was er besaß, eingesetzt, hatte sich verschuldet, und hat nun alles verloren. Seine Tochter ist gut verheiratet und erwartet ihr erstes Kind, aber sein Sohn, der auch demnächst in eine gute mexikanische Familie einheiraten soll,macht ihm Sorgen; er ist ein Luftikus und Rebell und wurde deshalb für ein Jahr nach Europa geschickt, um sich die Hörner abzustoßen. Mauro bangt nun, dass diese Ehe nicht zustande käme, wenn sein Ruin bekannt würde. Deshalb bricht er überstürzt auf, um irgendwie die Grundlagen für einen Neuanfang zu schaffen.
Als erstes verschlägt es ihn nach Kuba, nach Havanna und später dann weiter zurück nach Spanien, nach Jerez in Andalusien. Und immer ist sein Schicksal eng verbunden mit der Familie Montalvo, zuerst durch die künftigen Schwiegereltern seines Sohnes, denn die Schwester des Schwiegervaters lebt in Kuba und ist mit einem Spross der Familie Montalvo verheiratet. In Spanien dann lernt er die faszinierende Soledad Montalvo kennen, die allerdings mit einem - sehr viel älteren - englischen Sherry-Händler verheiratet ist.
Abenteuer, Liebe, Intrigen und Verrat, alles ist drin in diesem großartigen und spannenden Roman, ein wenig hat mich die Atmosphäre an den Grafen von Monte Christo erinnert, denn ähnlich episch geht es in dieser Geschichte zu. Toll geschrieben, keine seichte Schmonzette, hat mich dieses Buch von Anfang an gefesselt, und während des letzten Drittels konnte ich gar nicht mehr mit dem Lesen aufhören. Nur an einer Stelle hatte ich das Empfinden, dass hier etwas zu viel des positiven Zufalls zusammenfabuliert worden war, aber das tat dem Lesegenuss keinen Abbruch. Und der deutsche Titel gefällt mir nicht - im Original heißt das Buch La Templanza, das ist der Name des Weingutes der Familie Montalvo in Jerez. Das hätte man vielleicht einfach so stehen lassen können. Aber das sind nur unwesentliche Kleinigkeiten. Alles in allem ein großes Lesevergnügen, volle Punktzahl und absolute Kaufempfehlung!

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107 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 56 Rezensionen

brasilien, historischer roman, portugal, österreich, liebe

Der grüne Palast

Peggy Hohmann
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 10.03.2017
ISBN 9783548613529
Genre: Historische Romane

Rezension:

In diesem Briefroman geht es auf eher heitere Art um ein großes Drama. Ein Reigen von teils tatsächlichen, teils fiktiven Figuren sind die Briefeschreiber. Die Hauptperson, die im Mittelpunkt der Geschichte steht, ist die Habsburger Erzherzogin Leopoldine von Österreich. Ferner ihr Vater, Kaiser Franz I., und erheblich bedeutender, der Fürst von Metternich. Leopoldines Gesellschafterin und Freundin, die Gräfin Lazansky, ca. 10 – 15 Jahre älter als die Erzherzogin. Und Leopoldines Lieblingsschwester, Marie–Louise, Herzogin von Parma, Ehefrau von Napoleon Bonaparte. Last but not least der Marquis de Marialva, ein portugiesischer Diplomat und Metternichs Freund und Verbündeter.
Das Drama besteht in der Zwangsverheiratung der Töchter und Söhne von Monarchen aus Gründen der Staatsraison, ohne Rücksicht auf deren Wünsche und Träume, in diesem Fall der jungen Leopoldine mit dem portugiesischen Kronprinzen Dom Pedro, dessen Schwachpunkte man ihr wohlweislich verschwiegen hat. Erschwerend hinzu kommt, dass die portugiesische Königsfamilie seit zehn Jahren nicht mehr in Portugal residiert, sondern auf der Flucht vor Napoleon nach Brasilien gegangen ist. Metternich und Marialva haben diese Heiratspläne geschmiedet, von denen beide Länder zu profitieren hoffen. Der jungen Frau steht also auch eine unendlich lange Reise bevor, auf der wir sie begleiten. Diese Ziele werden nicht unbedingt erreicht, da die Welt in permanenter Veränderung begriffen ist und antimonarchistische, republikanische Revolten auf dem Vormarsch sind.
Die Form des Briefromans lässt die unterschiedlichsten Stimmen erklingen, und wir erfahren viele historische Tatsachen quasi nebenbei. Der Ton ist zumeist eher heiter, teilweise aber auch herzzerreißend traurig. Vor den Augen des Lesers entwickelt sich das romantische junge Mädchen zur welterfahrenen Frau.
Der Autorin ist es – soweit ich das beurteilen kann – gut gelungen, den Ton einer anderen Zeit zu treffen, und eine mitreißende Geschichte zu erzählen, die mich von Anfang bis Ende gefesselt hat. Und das auf sehr unterhaltsame Weise. Mich hat der Roman ein wenig an Désirée von Annemarie Selinko erinnert, den ich als Teenager geradezu verschlungen habe, und durch den ich einiges an geschichtlichem Wissen erwarb, mit dem ich in der Schule glänzen konnte.
Ein sehr empfehlenswerter Schmöker, den man gar nicht mehr aus der Hand legen möchte!

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147 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 69 Rezensionen

liebe, alter, roman, einsamkeit, kent haruf

Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf , Pociao
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 22.03.2017
ISBN 9783257069860
Genre: Romane

Rezension:

Von takabayashi

Eines Tages klingelt die siebzigjährige verwitwete Addie Moore bei ihrem ebenfalls verwitweten Nachbarn Louis Waters und macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: da sie beide schon viel zu lange allein seien, wolle sie ihn bitten, bei ihr zu übernachten und mit ihr zu reden. Es gehe ihr nicht um Sex, sondern darum, die Nacht zu überstehen. Es gemütlich und warm zu haben. Zusammen im Bett zu liegen, die ganze Nacht. Denn die Nächte seien am schlimmsten.
Louis bittet sich etwas Bedenkzeit aus, ruft aber Addie am nächsten Tag an und besucht sie am selben Abend, um die Nacht bei ihr zu verbringen. Sie unterhalten sich lange. Dann schläft Addie ein, doch er ist ziemlich aufgeregt und kann nicht schlafen, auch wenn er sich bei ihr wohl fühlt. Am frühen Morgen geht er nach Hause, fühlt sich aber krank, so dass er Addie anruft und für die kommende Nacht absagt. Auf sie wirkt das wie eine Ausrede.
Als es ihm am nächsten Tag noch schlechter geht, lässt er sich untersuchen und wird mit einer Harninfektion ins Krankenhaus eingewiesen. Addie hat er nicht benachrichtigt, aber nachdem sie herausgefunden hat, wo er ist, besucht sie ihn im Krankenhaus. Und beide versichern sich, dass sie das Experiment fortführen wollen, sobald er wieder gesund ist.
Von da an verbringen sie regelmäßig die Nächte beieinander und erzählen sich von ihrem Leben. Addies Sohn Gene, der in der Großstadt lebt, bringt seinen Sohn Jamie zu seiner Mutter, als seine Frau ihn verlassen hat. Der kleine Junge ist ziemlich verstört, aber Addie und Louis kümmern sich liebevoll um ihn, so dass er allmählich Zutrauen zu ihnen fasst und sich wohlzufühlen beginnt. Besonders Louis hat immer wieder gute Einfälle, z.B. hat er die Idee, aus dem Tierheim einen Hund für den Kleinen zu besorgen, der auch prompt zu dessen bestem Freund wird. Die drei machen Ausflüge, Picknicks etc. und genießen diese harmonische gemeinsame Zeit.
Die Dorfbewohner zerreissen sich kurzzeitig die Mäuler über diese "unmoralische Affäre", beruhigen sich aber bald wieder. Wirklich harter Widerstand kommt dann erst von Gene, als er Jamie nach ein paar Wochen wieder abholt und dann erst mitkriegt, dass Addie und Louis eine Beziehung haben.
Ein kurzer Roman aus dem ländlichen Amerika, in dem zwei alte Leute die Grenzen der Konvention überschreiten und ihr Leben dadurch wieder interessanter und erfreulicher gestalten. Eine schöne Idee. Der Wermutstropfen ist Addies eigener Sohn, der sich als Moralapostel aufspielt und seine Mutter unter Druck setzt, anstatt sich darüber zu freuen, dass es ihr gut geht.
Das Buch ist schnell gelesen, die beiden Protagonisten sind sympathisch, hinterlassen allerdings keinen bleibenden Eindruck, und ich blieb als Leser eher distanzierter Beobachter. Das etwas traurige Ende, das ich so nicht erwartet hatte, hat mich etwas enttäuscht - ich finde, es passt nicht zu dem Rest der Geschichte.

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Tags: alter, einsamkei, liebe   (3)
 

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374 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 182 Rezensionen

mord, psychologie, krimi, manuskript, erinnerungen

Das Buch der Spiegel

E.O. Chirovici , Werner Schmitz , Silvia Morawetz
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 27.02.2017
ISBN 9783442314492
Genre: Romane

Rezension:

Der Roman ist in drei Teile mit drei verschiedenen Erzählern gegliedert. Im ersten Teil erhält der New Yorker Literaturagent Peter Katz eines Tages eine Email von einem gewissen Richard Flynn, der sich und seine Lebensgeschichte in seinem Anschreiben präzise, kurz und knapp vorstellt. Das gefällt dem Agenten, der den Schreiber gleich irgendwie sympathisch findet und deshalb die angehängte Leseprobe ausdruckt und mit nach Hause nimmt.
In dem eingesandten Manuskript geht es um Erinnerungen des Autors aus dem Jahre 1987, als er Student in Princeton war und in seiner Wohnung plötzlich eine neue Mitbewohnerin namens Laura aufkreuzte. Die beiden verbrachten viel Zeit miteinander, und im Nachhinein glaubt der Autor, dass er sich fast sofort in Laura verliebt hatte, es aber zuerst noch gar nicht selbst bemerkte. Die Psychologiestudentin Laura stellt Richard ihrem guten Freund und bewunderten Mentor Professor Wieder vor, und der Professor bietet Richard den Job an, seine Bibliothek zu ordnen und katalogisieren.
Die eingesandte Leseprobe endet damit, dass Professor Wieder ermordet aufgefunden wird und Richard Flynn andeutet zu wissen, wer der Mörder gewesen sei. Peter Katz will auch den Rest des Manuskripts lesen, das ihn sehr gefesselt hat, aber das erweist sich als schwierig. Denn der Autor, der todkrank war, ist inzwischen verstorben. Katz möchte den Roman veröffentlichen, er wittert einen Erfolg.
Da er nicht so viel Zeit auf die Recherche verwenden kann, heuert er den Journalisten John Keller für weitere Nachforschungen an, aus dessen Perspektive Teil zwei erzählt wird. Keller sucht viele verschiedene Leute aus dem Umfeld von Richard Flynn, Laura Baines und Professor Wieder auf, trägt Unmengen an Material zusammen, das sich jedoch als äußerst widersprüchlich erweist. Nach einiger Zeit gibt er frustriert auf, schreibt einen Abschlussbericht für Katz und übergibt seine gesamten Unterlagen dem pensionierten Polizisten Roy Freeman, der seinerzeit die Ermittlungen im Mordfall Wieder leitete, ihn aber nicht aufklären konnte. Keller hatte Freeman während seiner Recherche kennengelernt und von ihm auch die Fallakte bekommen.
Im dritten Teil verbeißt Freeman sich noch einmal in den Fall und kann ihn dann auch tatsächlich lösen.
Das zentrale Thema des Romans ist die Subjektivität von Erinnerungen - wie weit kann man sich auf seine Erinnerung verlassen? Erinnert man sich wirklich an Ereignisse aus seiner frühen Kindheit oder bildet man sich nur ein, sich zu erinnern, weil einem die Ereignisse so oft erzählt worden sind?
Das erste Drittel des Romans fand ich richtig spannend, doch dann kann diese Spannung nicht durchgängig aufrecht erhalten werden, die Ermittlungen ziehen sich dann doch etwas in die Länge, bleiben aber immer noch interessant. Die tatsächliche Auflösung wirkte dann etwas antiklimaktisch auf mich. Das Buch ist flüssig geschrieben und liest sich gut. Und auch wenn meine anfängliche große Begeisterung sich im Verlauf der Lektüre gelegt hat, ist es mir doch 4 Sterne wert.

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Tags: erinnerung, princeton, psychologie, thriller   (4)
 

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südfrankreich, krimi, flüchtlinge, wein, weinberg

Gefährliche Ernte

Yann Sola
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462048698
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wie schon der erste Roman um den Gastronomen und Kleinganoven Perez aus Banyuls-sur-Mer hat mir "Gefährliche Ernte" sehr gut gefallen. Genau meine Art von Krimi mit viel Humor, Lokalkolorit, aktuellen Bezügen und natürlich auch Spannung - und einem ungewöhnlichen Ermittler, ein Cosy eben, nichts für Fans von Hard-Boiled Thrillern.
In Band 2 spielt Perez' Vater eine größere Rolle - sofern er in Band 1 überhaupt erwähnt wurde, ich kann mich nicht daran erinnern. Perez und seinen Vater, der die Familie verlassen hat, als Perez noch ein Kind war, verbindet keine verwandtschaftliche Zuneigung, eher eine Art unfreiwillige Komplizenschaft. Denn Perez braucht die Hilfe seines Vaters bei der Produktion, Lagerung und Abfüllung des edlen und kostspieligen Creus-Weins, den er angeblich aus Spanien bezieht, den er in Wirklichkeit aber selbst herstellt. Dieser Wein ist seine größte und beste Einnahmequelle, die er bedroht sieht, als ein Toter im Weinberg seines Vaters gefunden wird, der als letzte Lebensäußerung das Wort Creus von sich gegeben hat. Es hilft alles nichts - Perez muss der Polizei bei der Aufklärung des Falles zuvorkommen, um seinen Wein aus dem Fokus der Aufmerksamkeit herauszuhalten.
In einer Nebenhandlung geht es um den Heiratswunsch seiner geliebtenTochter, die den eigentlich sympathischen und herzensguten Wirtssohn genannt "die Bhnenstange" heiraten will, der aber nicht der hellste aller Köpfe zu sein scheint. Perez und seine Exfrau sind aus unterschiedlichen Gründen gegen diese Verbindung und versuchen, diese zu verhindern.
Als handelnde Personen treten außerdem Perez' deutsche Lebensgefährtin Marianne und deren Tochter und sein algerischer Kumpel Haziem auf, der sich als Koch und Geschäftsführer um Perez' Restaurant Conill kümmert.
Im Zuge der Ermittlungen stößt Perez auf Menschenhandel mit Flüchtlingen und auf unsaubere Machenschaften in Kreisen des FN, des Front National von Marine Le Pen.
Am Ende Schluss gelingt es Perez, mit Hilfe seines Schwiegersohns in spe, der sich als Computer-Fiffikus erweist, maßgeblich zur Aufklärung des Falles beizutragen und die Geschichte endet mit einer großen und harmonischen Hochzeitsfeier.
Ich freue mich auf Perez' nächsten Fall!

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Tags: menschenschmuggel, perez, regionalkrimi, südfrankreich, wein   (5)
 
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