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528 Bibliotheken, 8 Leser, 3 Gruppen, 25 Rezensionen

paris, freundschaft, liebe, frankreich, magersucht

Zusammen ist man weniger allein

Anna Gavalda , Ina Kronenberger
Fester Einband: 653 Seiten
Erschienen bei Gruner + Jahr, 05.03.2010
ISBN 9783570197134
Genre: Romane

Rezension:


"Sie hatte einen Ort gefunden, an dem sie gerne lebte. Einen seltsamen Ort, ausgefallen wie die Leute, die darin wohnten."
Die junge, magersüchtige Camille arbeitet trotz großem künstlerischem Talent in der Putzkolonne. Der stotternde, zurückhaltende Philibert ist ein historischer Einstein und scheint seinem Habitus nach selbst aus einer anderen Zeit zu stammen. Der permanent wütende Feinschmeckerkoch Franck interessiert sich neben gutem Essen nur für Frauen und Motorräder - und für seine Großmutter Paulette, die an Alzheimer erkrankt, aber nicht die geringste Lust auf das Altersheim hat. Schicksalhaft kreuzen sich die Lebenswege dieser vier grundverschiedenen Menschen, die alle irgendwie auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft sind. Und bald finden sie sich wieder in einer höchst ungewöhnlichen Wohngemeinschaft inmitten von Paris, in der geliebt, gelacht, geweint, debattiert, gekocht, gemalt und gestritten wird.
Schon vor zehn Jahren ist "Zusammen ist man weniger allein" in Deutschland erschienen und ich habe diesen wundervollen Roman erst jetzt gelesen. Manchmal hat man Schätze im Buchregal stehen und fragt sich nach dem Lesen, warum man nicht schon früher danach gegriffen hat. Ich könnte mir vorstellen es lag daran, dass ich die Verfilmung mit Audrey Tautou schon gesehen hatte - ein Freund hatte mir die DVD geschenkt - und sie mich nicht so wirklich aus den Socken gehauen hat. Ganz anders das Buch.
Anna Gavalda zeichnet mit ihrem Buch skurrile, liebenswürdige Charaktere, die man sofort ins Herz schließt und ungern wieder gehen lässt. Besonders Philibert hat es mir angetan, die gute Seele der Wohngemeinschaft, so herrlich kauzig, unschuldig und wunderbar.

"Und Camille beeilte sich, dieses Lächeln festzuhalten, die belustigte Verzückung eines Jungen, der die Geschichte Frankreichs zerpflückte wie andere ein drittklassiges Pornoheft."
Die Autorin schreibt dabei in einfacher Sprache, aber so lebendig, dass man versucht ist zu glauben es gäbe sie wirklich - Camille, Franck, Paulette und Philibert. Wie realitätsnah die ganze Geschichte ist, sei mal dahingestellt. Das Thema Magersucht - und ihre Überwindung - scheint mir hier doch etwas fernab der Realität. Allerdings kenne ich mich mit dem Thema auch nicht wirklich gut genug aus um das beurteilen zu können.
Eins steht fest: die Charaktere in ihrem Alltag zu begleiten, sich gemeinsam mit ihnen zu entwickeln, ihnen dabei zuzusehen, wie sie voneinander lernen und sich gegenseitig das Leben retten, macht einfach große Freude.

"... wenn intellektuell sein heißt, sich zu bilden, erschüttert zu sein, verstehen zu wollen, wie alles zusammenhängt, damit man etwas weniger dumm ins Bett geht als am Abend zuvor, dann fordere ich dies für mich ein: Nicht nur bin ich dann eine Intellektuelle, ich bin auch noch stolz darauf."
"Zusammen ist man weniger allein" ist ein Buch über Freundschaft, Liebe und Zusammenhalt. Es ist ein Buch über die Höhen und Tiefen des Lebens.
Wer sich nicht von vielen Dialogen abschrecken lässt (bei denen man manchmal erst auf den zweiten Blick erkennt, wer gerade spricht) - und wer auf herzerfrischende, romantische Geschichten mit kauzigen Charakteren steht, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

"Laß die Geschirrtücher und das Frottee in derselben Schublade, das Leben ist viel netter mit ein bißchen Chaos."
Über die Autorin
"Anna Gavalda, 1970 in der Nähe von Paris geboren, ist eine der erfolgreichsten französischen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Sie studierte Literatur und arbeitete als Lehrerin, bis sie mit ihrem ersten Buch schlagartig berühmt wurde. Die Verfilmung ihres Bestsellerromans ›Zusammen ist man weniger allein‹ erreichte ein großes Publikum in ganz Europa. Anna Gavalda lebt mit ihren zwei Kindern bei Paris."

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Tags: alter, familie, freundschaft, intelligen, krankheit, liebe, magersucht, paris, wohngemeinschaft   (9)
 

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47 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

finanzkrise, non-profit-organisation, familie, heyne verlag, kampf gegen kohlemagnaten

Anklage

John Grisham , Kristiana Dorn-Ruhl , Bea Reiter , Imke Walsh-Araya
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Heyne, 11.07.2016
ISBN 9783453438422
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Samantha Kofer führt ein erfolgreiches Leben als Anwältin in New York. Doch dann kommt das Jahr 2008 und mit ihm der große Crash an den Finanzmärkten. Nicht nur an der Wall Street verlieren die Leute ihre Jobs, sondern auch scharenweise Anwälte landen auf den Straßen. Plötzlich steht Samantha ohne Job da - und ohne Perspektive... Bis sie in einer Pro-Bono-Anwaltskanzlei im 2000-Seelen-Ort Brady, in Virginia, landet und sich mit den Ängsten und Sorgen der Menschen in der Kohleregion konfrontiert sieht. Hier erlebt Samantha eine Verwandlung, vom Aktenhengst zu einer Anwältin, die nicht länger nur Datenrecherchen für Immobiliengeschäfte durchführt, sondern sich mit echten Menschen und ihren Problemen konfrontiert sieht - und zum ersten Mal im Leben im Gerichtssaal steht. Hin und her gerissen, ob sie in der tiefsten Provinz ihren verlorenen New Yorker Lifestyle betrauern, oder sich über die Sinnhaftigkeit ihrer Aufgabe und ihre neu gewonnene Freiheit ohne 90-Stunden-Woche freuen soll, gerät Samantha unwillentlich in die Machenschaften der Kohleindustrie - und muss plötzlich um ihr eigenes Leben bangen.

Von John Grisham habe ich bereits mehrere Bücher gelesen, aber lange lange ist's her. "Die Firma", "Die Jury" oder "Die Akte" gehören zu den ersten "Erwachsenenromanen" die ich gelesen habe - und haben mir damals sehr gut gefallen. Ich mochte den Schreibstil des Autors, der zu den bekanntesten Thrillerautoren der Gegenwart zählt und dessen Justizthriller regelmäßig Schauplatz spannender Konflikte sind. Nicht umsonst wurden seine Bücher zum großen Teil verfilmt - oder?!

Nun habe ich dank dem Gewinn einer LovelyBox den ersten Grisham der letzten 20 Jahre gelesen. In "Anklage" erfahren die Leser diesmal eine Menge über den Bergkuppentagebau und seine skrupellosen Machenschaften, über die amerikanische Kohleindustrie und ihre furchtbaren Auswirkungen auf Mensch und Natur. Könnte eine gute Story sein. Das Buch lässt sich auch gut lesen und Langeweile kommt nicht auf - soweit trügt mich meine Erinnerung an den Schreibstil des Autors also nicht... Doch irgendwie will auch keine rechte Spannung aufkommen. Viele kleinere und größere Fälle werden angerissen, viele Charaktere gezeichnet... doch ich konnte das große Ganze nicht wirklich erkennen. Die Handlung und auch die Charaktere bleiben oft flach und eben "angerissen" - und selbst für Protagonistin Samantha will sich bei mir keine rechte Sympathie einstellen. Weder die Liebesszenen, noch die Szenen in der Kanzlei, dem Gericht oder die Beschreibungen über den Raubbau an der Natur haben mich gepackt, waren mir einfach zu nüchtern. Das Ganze endet dann auch recht enttäuschend ohne einen einzigen echten Knaller - und ohne dass ich mich mit einem der Charaktere identifizieren konnte.

Mir drängt sich die Vermutung auf, dass die Romane den Ansprüchen meines 13-jährigen Ich's noch genügt haben, meinem 34-jährigen Ich jedoch nicht mehr. Oder John Grisham hat sein Talent zum Schreiben in den 80er und 90er Jahren einfach besser genutzt. Ich müsste nochmal einen der Romane von damals lesen, um das herauszufinden.

Mein Fazit: Man kann den Roman lesen, muss es aber nicht. Und ich denke, es werden wieder 20 Jahre ins Land gehen, bevor ich den nächsten Grisham lese... Immerhin hatte ich nicht das Bedürfnis, den Roman abzubrechen und habe mich trotz aller Kritik nicht gelangweilt - von mir gibt's daher knappe 3 Sterne.


Über den Autor

John Grisham praktizierte zehn Jahre als Strafverteidiger und politischer Funktionär im Parlament von Mississippi, bevor er 1986 mit "Die Jury" einen seiner größten Erfolge fertigstellte. Lange Zeit suchte er vergeblich nach einem Verlag und verkaufte in der ersten Auflage nur 5.000 Exemplare. Doch vom Schreiben ließ er sich dadurch nicht abhalten. Erst mit "Die Firma" gelang ihm 1988 der Durchbruch auf den Bestsellerlisten. Zeitgleich mit "Die Akte" wurde auch "Die Jury" nochmal neu aufgelegt. Seit diesem Jahr schreibt der Autor jedes Jahr ein Buch und führt regelmäßig die Bestsellerlisten an. John Grisham lebt zurückgezogen mit siener Frau und den Kindern in Charlottesville, Virginia und Oxford, Mississippi.

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Tags: anwalt, beruf, familie, finanzkrise, justiz, kohleindustrie, krankheit, leidenschaft, new york, schadenersat, virginia   (11)
 

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(374)

630 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 63 Rezensionen

paris, liebe, new york, roman, krimi

Nachricht von dir

Guillaume Musso , Eliane Hagedorn , Bettina Runge
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Piper, 11.06.2013
ISBN 9783492302944
Genre: Romane

Rezension:  
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(136)

350 Bibliotheken, 20 Leser, 6 Gruppen, 18 Rezensionen

kalter krieg, ken follett, ddr, stasi, jahrhunderttrilogie

Kinder der Freiheit

Ken Follett , Dietmar Schmidt , Rainer Schumacher , Tina Dreher
Flexibler Einband: 1.216 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 11.03.2016
ISBN 9783404173204
Genre: Historische Romane

Rezension:  
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(174)

289 Bibliotheken, 8 Leser, 5 Gruppen, 40 Rezensionen

musik, lehrer, freundschaft, liebe, münchen

Becks letzter Sommer

Benedict Wells
Fester Einband: 453 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 01.09.2008
ISBN 9783257066760
Genre: Romane

Rezension:

"Sie sind hier, weil Sie keine Entscheidungen treffen. Und das ist schlecht. Denn wenn Sie es nicht tun, dann tut's das Leben für Sie. Und das Leben trifft oft die schlechteren Entscheidungen."
Robert Beck steckt in einer Art Midlifecrisis. Er ist Ende 30 - und statt gefeierter Rockstar ist er gelangweilter Lehrer geworden. Beck sträubt sich gegen feste Bindungen, sein kaltschnäuziger Vater ist tot und seine Mutter möchte er nicht einmal mehr zur Beerdigung sehen. Die einzige emotionale Konstante in seinem Leben ist sein deutschafrikanischer, psychisch labiler und hypochondrischer Freund Charlie, mit dem er abends um die Häuser zieht.
Doch dann trifft Beck auf zwei Menschen, die sein Leben für immer verändern sollen. Lara - die Frau, die eigentlich gar nicht sein Typ ist und trotzdem die erste, mit der Beck vielleicht länger als drei Monate zusammen sein möchte. Und sein Schüler Rauli Kantas, musikalisches Ausnahmetalent. Plötzlich schöpft Beck Hoffnung, dass sein Leben vielleicht doch kein Ende in der Mittelmäßigkeit finden muss, dass er noch immer groß rauskommen kann - und nimmt den geheimnisvollen Rauli unter seine Fittiche. Mit sehr viel Eigennutz und einer gehörigen Portion Neid macht Beck sich daran, Rauli zu einer großen Musikerkarriere zu verhelfen. Doch der junge Litauer kämpft gegen seine eigenen Dämonen - und bald ist ganz und gar nicht mehr klar, wer hier eigentlich wen instrumentalisiert.
"Wie einfach und kompliziert es ist. Ich brauche nur vier oder fünf Tasten in der richtigen Reihenfolge zu spielen, und schon hab ich einen Welterfolg. Auf der anderen Seite ist es viel wahrscheinlicher, dass ich mein Leben lang die falschen Tasten in der falschen Reihenfolge spielen werde."
Als sein Kumpel Charlie dann auch noch einen psychischen Zusammenbruch erleidet und seine Beziehung zu Lara in den Sternen steht, findet sich Beck plötzlich wieder auf einem verrückten Roadtrip quer durch Europa - von München bis nach Istanbul - und konfrontiert mit der Frage, was er eigentlich mit seinem Leben anfangen möchte.
"Vielleicht gewinnen Sie ja auch gar nichts dabei. Nur eines steht fest: Wenn Sie es nicht tun, verlieren Sie."
Nachdem ich 'Vom Ende der Einsamkeit' verschlungen und zu meinem neuen Lieblingsbuch erkoren hatte, war natürlich klar, dass ich mir auch die vorherigen Werke von Benedict Wells zulegen musste. 'Becks letzter Sommer' ist sein Debütroman und als solchen fand ich ihn schon ziemlich beeindruckend. Der Autor hat einfach ein grundlegendes Talent für Sprache und Dialoge - und auch ein Talent, fundamentale Fragen und Ängste des Lebens einzupflechten - ohne seine Leser emotional zu überfrachten.
"Stell dir vor", sagte sie. "Vierundneunzig Jahre alt. Das muss ein tolles Gefühl sein." "Nein", sagte Beck. "Ich glaube, das ist ein ganz beschissenes Gefühl. {...} Du bist einsam, alle um dich herum sind tot, für neue Freunde bist du zu alt. Dir tut alles weh. Du gehst abends ins Bett, siehst noch fern, dann legst du deine Brille auf den Nachtisch und knipst das Licht aus. Und du weißt, dass du am nächsten Morgen vielleicht nicht mehr aufwachst. {...} Und es gibt keinen Ausweg, keinen Vertrag, den man verlängern kann. Deine Zeit ist um."
Was Benedict Wells in 'Vom Ende der Einsamkeit' in Perfektion gelungen ist, findet sich hier andeutungsweise. Jedoch muss ich bekennen, dass mich das Buch und seine Charaktere nicht so gepackt haben wie im neuesten Werk. Das wäre aber für einen Debütroman auch ziemlich viel verlangt - zumal meine Messlatte nach 'Vom Ende der Einsamkeit' wohl auch recht hoch lag. Schade fand ich, dass die besuchten Städte während des Road Trips nur am Rande erwähnt werden und nicht wirklich atmosphärisch rüber kommen.
Die wesentlichen Themen des Lebens scheinen Wells zu beschäftigen. So geht es auch in diesem Buch um Ängste und Einsamkeit, um Freundschaft und Liebe, um Verlust und die Angst vorm Tod, um Talent, Mut und Selbstverwirklichung.
"Auf einmal hielt er es nicht mehr aus. Er stand ruckartig auf, wollte irgendwas tun, irgendwas verändern. Seine Fäuste waren geballt. Da war so viel Wille.Eine Weile stand er einfach nur so da und wollte.Dann setzte er sich wieder hin und sah fern."
'Becks letzter Sommer' ist ein tragikomischer Roman über unerfüllte und erfüllte Träume, über Freundschaft und Neid, über die Liebe, die Musik und das Leben an sich - schräg, humorvoll und scharfsinnig. Ich vergebe 4 Sterne.
Über den Autor
"Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Im Alter von sechs Jahren begann seine Reise durch drei bayerische Internate. Nach dem Abitur 2003 zog er nach Berlin. Dort entschied er sich gegen ein Studium und widmete sich dem Schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vielbeachtetes Debüt ›Becks letzter Sommer‹ erschien 2008, wurde mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet und 2015 fürs Kino verfilmt. Sein dritter Roman ›Fast genial‹ stand monatelang auf der Bestsellerliste. Nach Jahren in Barcelona lebt Wells inzwischen wieder in Berlin."

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Tags: abenteuer, angst, einsamkeit, leben, lebenswege, lehrer, liebe, münche, musik, mut, selbstverwirklichung, talent, tod, träume, verlust   (15)
 

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157 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 35 Rezensionen

syrien, liebe, exil, damaskus, flucht

Sophia oder Der Anfang aller Geschichten

Rafik Schami
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 24.08.2015
ISBN 9783446249417
Genre: Romane

Rezension:


"Die wahre Religion aber sei die Liebe, und die kenne weder Krieg noch Rassismus, noch Inquisition."
40 Jahre nach seiner Flucht aus Syrien kehrt Salman in seine Heimat Damaskus zurück. Nie hat sie ihn losgelassen - diese Stadt, die so unberechenbar und doch so wunderschön ist. Obwohl Salman in Rom, mit seiner italienischen Frau und seinem Sohn eine neue Heimat gefunden hat, obwohl die Geschäfte mehr als gut laufen, fühlt er eine tiefe Sehnsucht nach seinem Vaterland und die Gewissheit, dass er diese Reise antreten muss. Er weiß, dass es für ihn gefährlich werden kann, denn in Syrien gilt er als gesuchter Mann.
Salman nimmt uns mit auf seine Reise in die Vergangenheit, lässt uns eintauchen in das Land Syrien - von den Nachkriegsjahren bis zum Beginn des Arabischen Frühlings. Er lässt uns teilhaben an den Streifzügen durch seinige einstige Heimat Damaskus, doch Salman findet nicht mehr die Stadt aus seiner Kindheit vor, nicht die Stadt, die ihn in den letzten 40 Jahren in seinen Gedanken begleitet hat.

„Was für eine Gesellschaft hat der Assad-Clan in dieser Fabrik der Angst produziert? Die Syrer, das lauteste Volk des Orients, sind heute gebrochen, leise und feige. Sie kriechen und gehorchen.“
Die Leser lernen Salmans wunderbare, laute Familie kennen, seine Nachbarn, seine Freunde - und seine Feinde. Denn sein Cousin Elias, dem er einst das Leben gerettet hat und der inzwischen ein hochrangiger Offizier beim Geheimdienst ist, hat noch eine Rechnung mit ihm offen. Als Salman eines Tages sein Fahndungsfoto in der Zeitung entdeckt, muss er untertauchen und dabei jede Hilfe in Anspruch nehmen, die er kriegen kann...
Der Roman erzählt von der Geschichte Syriens, vom syrischen System mit seinen zersplitterten Geheimdienst-Apparaten und von den Menschen, die unter diesem Regime leben müssen. Er erzählt von Brutalität und Angst, aber auch von Widerstand und Menschlichkeit vor dem Hintergrund politischer Ereignisse in Syrien.

"In den arabischen Ländern wird es keine Veränderung geben, solange nicht die Struktur der Sippe zerschlagen wird, die uns körperlich und geistig versklavt. Die Sippe baut auf Gehorsam und Loyalität und pfeift auf Demokratie, Freiheit oder die Würde der Menschen. Sie durchdringt und zersetzt alles wie ein Pilz. Zuckerbrot und Peitsche: Ein bisschen Geborgenheit bietet sie gegen ein bisschen Würde..."
"Sophia" ist aber dennoch kein politischer Roman im eigentlichen Sinne, sondern in erster Linie eine große Hommage an die Liebe. Das Buch zeigt sie in all ihren Faszetten. Es erzählt von den ersten Frühlingsgefühlen und der Leidenschaft des Kennenlernens. Es erzählt von Untreue und Versuchung. Es erzählt von Ehe, Familiengründung und Mutterliebe. In einem zweiten Erzählstrang erleben die Leser außerdem die unglaubliche Liebesgeschichte von Karim und Aida. Wunderschön sind Rafik Schamis Beschreibungen über Liebe und Leidenschaft bis ins hohe Alter und man wünscht sich nichts sehnlicher, als diese Leidenschaft ebenfalls bis ins hohe Alter zu spüren.
Sophia ist daher auch ein Roman über starke Frauen, über Heimatliebe und Familie. Anfangs noch im Unklaren erkennt man im Laufe der Geschichte, dass Sophia, Salmans Mutter, die leise Heldin des Romans ist und das verbindende Element - eben der Anfang aller Geschichten.

Ist es nicht wundervoll, ein Buch aufzuschlagen und sich gleich in den ersten Satz zu verlieben?
Es ist mein erstes Buch von Rafik Schami - übrigens ein Synonym das "Damaszener Freund" bedeutet - und ich habe mich gleich in die orientalische Erzählweise des Autors verliebt. Trotz blumiger Worte wirkt sie überhaupt nicht kitschig, sondern einfach nur wunderschön. Sie lässt einen eintauchen in die Geschichte, in die Schicksale und in die Orte, die Schami mit seinen Worten zum Leben erweckt. Und so spürt man auch ganz deutlich die Liebe zu seiner Heimatstadt Damaskus, die er selbst seit 45 Jahren nicht mehr betreten kann. Gerade deshalb fand ich es beeindruckend, mit welcher Genialität es dem Autor gelingt, die Stadt vor dem inneren Auge des Lesers entstehen zu lassen, wie er sie mit seinen Worten zu Leben erweckt. Und Schami weiß wovon er spricht. Als er in einem Interview gefragt wurde, was seinen Protagonisten Salman dazu treibt nach Damaskus zu reisen, obwohl er weiß dass diese Reise gefährlich werden kann, antwortete Schami:

"Es ist die Wunde des Exils. Auch ich stand 2009 kurz vor der Rückkehr, ich bekam ein sehr verführerisches Angebot von der syrischen Regierung, doch im letzten Augenblick habe ich abgelehnt, weil ich das Spiel durchschaut habe. Heute bin ich froh, dass ich meiner Eitelkeit nicht gefolgt bin."
Die Stimmung des heutigen Syriens musste der Autor daher in den Medien und in Gesprächen mit Oppositionellen unterschiedlichster Anschauungen einfangen.
Im gesamten Buch ist fühlbar, dass Rafik Schamis Herz sowohl für den Orient als auch für den Westen schlägt. Und so sind auch die Handlungsorte des Romans gewählt: Damaskus, Homs, Beirut, Heidelberg und Rom. Viele Kapitel sind mit passenden Sprichwörtern versehen, die sowohl dem Arabischen als auch dem christlichen Abendland entstammen, und die einen aus tiefster Seele mitten ins Herz treffen.
Der Autor versteht es, die verschiedenen Erzählstränge gekonnt zu einem gemeinsamen Nenner zu verknüpfen.  Dem Leser bietet sich eine unglaubliche Themenvielfalt: Krieg, Politik, Verfolgung, Flucht und Exil, Drama, Spannung, Angst, Verlust - und das alles beherrschende Thema: die Liebe.
Kurzum: UNBEDINGT LESEN!
Über den Autor
Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und flüchtete 1971 nach Deutschland. Seine Bücher wurden in 24 Sprachen übersetzt und sind mehrfach ausgezeichnet. Schami ist in vielen Genres zuhause. Bei Hanser erschienen außer "Sophia" seine Romane "Die dunkle Seite der Liebe", "Das Geheimnis des Kalligraphen" und "Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte". Im Hanser Kinderbuch erschienen außerdem "Das Herz der Puppe" und "Meister Marios Geschichte". 

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Tags: damaskus, diktatur, exil, familie, flucht, freundschaft, gesellschaft, glaube, heimat, leben, leidenschaft, liebe, revolution, schicksa, syrien, terror, tod, verlust, verrat, widerstand, zusammenhalt   (21)
 

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244 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 18 Rezensionen

new york, liebe, zukunft, musso, roman

Vielleicht morgen

Guillaume Musso , ,
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Piper, 09.11.2015
ISBN 9783492307680
Genre: Romane

Rezension:  
Tags: betrug, liebesgeschichte, new york, schicksal, täuschung, thriller, tod, zusammenhänge mysteriös   (8)
 

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1.518 Bibliotheken, 15 Leser, 12 Gruppen, 118 Rezensionen

afghanistan, freundschaft, krieg, taliban, verrat

Drachenläufer

Khaled Hosseini , ,
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag Taschenbuch, 11.11.2004
ISBN 9783833301490
Genre: Romane

Rezension:  
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103 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

liebe, new york, für zwischendurch, mädchenbuch, chiclit

Der Rosie-Effekt

Graeme Simsion , Annette Hahn
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 25.08.2016
ISBN 9783596521180
Genre: Liebesromane

Rezension:  
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(173)

304 Bibliotheken, 8 Leser, 1 Gruppe, 80 Rezensionen

meer, hamptons, emma sternberg, erbschaft, roman

Fünf am Meer

Emma Sternberg
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.05.2016
ISBN 9783453421639
Genre: Liebesromane

Rezension:  
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11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

kinderbuch, afrika, tiere, freundschaft, abenteuer

Wir sind nachher wieder da, wir müssen kurz nach Afrika

Oliver Scherz , Barbara Scholz
Flexibler Einband: 112 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 22.12.2016
ISBN 9783551315625
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Als Mama eines dreijährigen Sohnes, kommen mir natürlich so einige Kinderbücher unter. Für unseren Urlaub in Südafrika hat meine Schwiegermama unserem Sohn Finn ein Kinderbuch geschenkt, das mich total begeistert hat. Ach ja, und unserem Sohn hat es auch gefallen :-).

Was tut man, wenn die Eltern nicht Zuhause sind und nachts ein aus dem Zoo ausgebrochener Elefant ans Fenster klopft, der gerne nach Afrika möchte? Genau, man begleitet ihn. In elf wunderschönen Abschnitten erzählt der Spiegel Bestsellerautor Oliver Scherz die Geschichte von Abuu, dem Elefanten, der unbedingt die Steppe und seine Familie in Afrika kennenlernen möchte.

Aber leider weiß Abuu nicht, wo Afrika liegt – und so beschließen die 5-jährige Marie und ihr großer 7-jähriger Bruder Joscha kurzerhand, ihn zu begleiten. Immerhin hat Joscha einen Globus – und so weit kann Afrika ja wohl nicht sein. So begeben sich die drei auf eine spannende Reise – über Berge, Flüsse und Meere, durch die Wüste und den Dschungel bis ins ferne Afrika.

„Marie! Guck dir die Bäume an!,“ sagt Joscha. Aber Marie kann vor lauter Hören nichts sehen. Aus dem Dickicht kommen die seltsamsten Rufe. Es klingt als würden sich Affen durchkitzeln und als hätten Vögel Schluckauf und als würden Frösche rülpsen. Das Unterholz knistert und es kracht in den Baumwipfeln.“

Während ihrer Reise treffen sie auf die wildesten Kreaturen – auf Bären und Riesenkraken, auf Kamele, Chamäleons, Affen, Nashörner, Schlangen und Löwen.

„Der Bär hat eine Narbe auf der Nase und sein Fell ist struppig. Sein Blick ist gefährlich und seine Zähne sind gelb. Joscha nimmt Marie bei der Hand. „Keine Angst. Ich kenne Bären“, sagt Abuu. Denn er kennt Bernhard. Bernhard wohnt im Bärenhaus im Zoo. Neben dem Elefantengehege.“

Die wilden Tiere schließen die drei Reisenden natürlich schnell ins Herz – und helfen ihnen auf ihrem Weg nach Afrika. Denn auch Elefanten brauchen eine Familie. Immer wieder erzählen Joscha und Marie den Tieren ihre Geschichte.

„Und so rutschen sie Abuus Rüssel hinunter und erzählen mit Händen, Füßen, Fingern und Zehen und allem, was sie bewegen können, ihre Geschichte. Die Geschichte vom Elefanten, der aus dem Zoo ausbricht, um seine Familie endlich zu sehen. Dem kein Gebirge zu hoch ist und kein Fluss zu lang. Der im Meer verloren geht und trotzdem wieder auftaucht. Den selbst die listige Wüste von seinem Weg nicht abbringen kann. Als Joscha und Marie die Krake mit den acht Armen nachmachen und ihre Lider zu Schlitzen verziehen, werden die Augen der Tiere noch größer. So eine Geschichte hat man im Dschungel bisher nie zu hören oder zu sehen bekommen. Die Schimpansen kreischen, die Schlangen fallen sprachlos von den Bäumen und das Chamäleon schnalzt laut mit seiner klebrigen Zunge.“

Ein wunderschönes Kinderbuch über Abenteuer, Freundschaft, Tiere, ferne Länder – und natürlich über Geschwisterliebe. Wir mussten es jeden Abend vorlesen und haben es während unserer Reise wahrscheinlich um die vier mal gelesen. Und selbst mir wurde es dabei nicht langweilig. Ein tolles Kinderbuch, wunderschön illustriert, das auch die Erwachsenen begeistert.

„Der Bär hat schon vieles gesehen. Wölfe, Adler, Bienenstämme. Von Affen hat er einmal gehört. Geschwister aber sind ihm neu. {…} „Wenn man ganz alleine ist, schläft man nicht gut ein…“, sagt der einsame Bär, und Marie versteht ihn gut. {…} „Leben Geschwister immer zusammen?“ „Ja“, antworten Joscha und Marie gleichzeitig. Sie machen fast alles gemeinsam. Ein Leben ohne einander können sie sich gar nicht vorstellen.“

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Tags: abenteuer, afrika, freundschaft, geschwister, kinderbuch, tiere   (6)
 

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

fliegen, unterstützun, tiere, freundschaft, abenteuer

Fips, der kleine Nasenbär

Sybille Hein , Sybille Hein
Fester Einband: 32 Seiten
Erschienen bei Beltz, J, 07.03.2012
ISBN 9783407794543
Genre: Kinderbuch

Rezension:

„Weil Fips, der kleine Nasenbär, furchtbar gern ein Flugtier wär, sammelt er schon lange Zeit für ein buntes Federkleid. Strauß und Storch und Kakadu, gaben auch schon was dazu. Selbst der Pfau, der eitle Geck, schenkt ne schöne Feder weg.“

In ihrem wunderschönen Bilderbuch erzählt Sybille Hein die Geschichte vom kleinen, wagemutigen Nasenbär Fips und seinem großen Traum vom Fliegen. Fips lebt mit vielen Tieren aus aller Welt in einem Zoo, möchte aber so gerne nach Hause, zu Mama und Papa nach Südamerika. Die anderen Zootiere unterstützen Fips natürlich tatkräftig dabei – jeder auf seine eigene Weise. Ob er es schafft? Lest selbst.

Ein wunderschönes Bilderbuch über das Wahrwerden von Wünschen und dass man gemeinsam alles erreichen kann – mit herrlichen Reimen und wunderbar illustriert.

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Tags: abenteuer, famili, fliegen, freundschaft, tiere, träum, unterstützun, zusammenhalt   (8)
 

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Die Angst, der Buddha und ich

Doris Iding
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Nymphenburger, 15.03.2013
ISBN 9783485014052
Genre: Biografien

Rezension:  
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73 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

liebe, literatur, kinder, abgründe, familie

Die Deutschlehrerin

Judith W. Taschler
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Droemer Taschenbuch, 01.12.2014
ISBN 9783426304099
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


"Sein ganzes Leben hängt von dieser einen Entscheidung ab! Warum kann man nicht mehrere Entwürfe seines Lebens versuchen und sich dann für einen entscheiden? Ein Leben ist, als hätte man keines! Wenn man sich falsch entschieden hat und sich das im Alter eingestehen muss, wie schrecklich muss das sein."
Sechzehn Jahre lang sind sie ein Paar, die engagierte Deutschlehrerin Mathilda Kaminski und der Schriftsteller Xaver Sand - bis Mathilda eines Abends nach Hause kommt und er nicht mehr da ist. Sechzehn Jahre später sehen sich die beiden durch einen vermeintlichen Zufall wieder - und arbeiten ihre gemeinsame und getrennte Vergangenheit auf. Was ist damals passiert? Wieso hat Xaver Mathilda verlassen und was passierte in der Zeit danach? In E-Mails und Zwiegesprächen reden die beiden über Liebe & Hass, über Ehrgeiz & Schwermut, über Komplexe & Eitelkeit, über Eheleben & Familie, über Ängste & Abgründe. Ein vielschichtiges Beziehungspuzzle mit überraschenden Wendungen.
Was Mathilda Kaminski und Xaver Sand verbindet ist die Liebe zur Literatur und zum Erfinden von Geschichten. Und so ist auch der Roman eine ganz große Geschichte, die sich aus vielen kleinen Geschichten wie ein Puzzle zusammen setzt. Oft habe ich beim Lesen Mitleid mit Mathilda, schäme mich auch manchmal für sie - und bin dann doch wieder von ihr beeindruckt. Xaver findet mein Verständnis und gleichzeitig meine Verständnislosigkeit. Ich glaube ein bisschen Mathilda und Xaver steckt in jedem von uns.

"Wie lange würde es dauern, dachte sie sich, bis er ihre Unzulänglichkeiten bemerken und sich aus dem Staub machen würde?  {...} Bevor er zu ihr kam, plagte sie sich oft eine Stunde lang, ihr Zimmer, das Abendessen und sich selbst so herzurichten, dass alles zwar gepflegt und ordentlich aussah, dennoch wie zufällig - und flippig - wirkte und auf gar keinen Fall konventionell rüberkam. Xaver hasst Konventionalität. {...} Wenn sie zusammen waren, beobachtete sie ihn, speicherte jede noch so kleine Bemerkung von ihm in ihrem Gedächtnis, sie wollte ihn so schnell wie möglich gut und genau kennen, welche Musik gefiel ihm?, welche Bücher beeindruckten ihn?, was waren seine Träume?, wie stellte er sich sein Leben vor? Und vor allem: Welcher Typ von Frau war seine Traumfrau? Alles wollte sie von ihm wissen, um darauf reagieren zu können."
Die Geschichte von Mathilda und Xaver ist so ganz anders als alles was ich bisher gelesen habe - und ich möchte hier nicht zu viel vorwegnehmen. Sie ist ein bisschen Krimi und ein bisschen Thriller, sie ist ein Drama und eine große Liebesgeschichte. Immer wieder gelingt es Judith Taschler, mich beim Lesen zu überraschen. Die Erzählweise ist ungewöhnlich, mit wechselnden Perspektiven und eingeschobenen Erzählsträngen. Mal schreiben sich Mathilda und Xaver E-Mails, mal sind sie gedanklich für sich, mal im Zwiegespräch, mal erzählen sie sich Geschichten. Durch den raffinierten Sichtwechsel kann man sich nie so ganz sicher sein, was Lüge und was Wahrheit ist und wo die Geschichte hinführen wird. Ganz großes Kino.

"Jeder Mensch trägt in sich ein Motiv, ein Thema, das die Partitur und Melodie seines Lebens prägt. Meistens ist es so, dass dieses Motiv stark verwoben ist mit der Herkunft und sich dann über das gesamte Leben ausbreitet und stärker wird. Man schafft es nicht, davon loszukommen, ganz egal, wie sehr man sich bemüht, es zumindest blasser werden zu lassen. Manchen Menschen ist ihr Lebensthema durchaus bewusst, zumindest in gewissen Lebensphasen, manchen wiederum nicht, oft deshalb nicht, weil sie nicht in der Lage sind, es sich einzugestehen. Und oft umspielt ein zweites Motiv das erste und gibt ihm die besondere, persönliche Note.”

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wien, sigmund freud, österreich, freud, freundschaft

Der Trafikant

Robert Seethaler
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 04.11.2013
ISBN 9783036959092
Genre: Romane

Rezension:

Österreich im Jahr 1937 - kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges: Der 17-jährige Franz Huchel muss seine dörfliche Heimat verlassen um in Wien sein Glück zu suchen. Er beginnt eine Lehre in einer Trafik, und begegnet dort Sigmund Freud. Der junge Trafikant und der alte Psychoanalytiker entwickeln eine Faszination füreinander und Franz sucht regelmäßig Rat beim bekannten "Deppendoktor" - in Fragen des Lebens und der Liebe. Während Franz in sein neues Leben hinein findet, setzen unaufhaltsam die gesellschaftlichen Veränderungen durch den zunehmenden Einfluss der Nationalsozialisten in Österreich ein. Sie werden das Leben des naiven Trafikanten grundlegend verändern.
Eines vorab: Falls es euch so ergeht wie mir und ihr keine Ahnung habt was ein Trafikant überhaupt ist: ein Trafikant arbeitet in einem Tabakwaren- und Zeitungsgeschäft - bei uns in Köln würden wir es auch als Büdchen bezeichnen ;-) .
Über verschiedene Empfehlungen bin ich auf Robert Seethalers Roman aufmerksam geworden - und bin hin und her gerissen wie ich ihn denn nun finde. Seethalers Sprache ist schnörkellos, melodisch und leichtfüßig. Der Autor schafft es stimmungsvoll, seine Leser in das Wien der späten 30er Jahre zu versetzen - und gewährt uns dabei immer wieder kleine Einblicke, wie der einziehende Nationalsozialismus sich auf das Leben, den Alltag und die Gedanken der Menschen ausgewirkt hat. Wir erleben den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Und wem es ergeht wie mir, das heißt wer ebenfalls eine Bildungslücke bei sich feststellt, der verspürt nach der Lektüre den Drang, mehr über die geschichtlichen Details und Zusammenhänge zu erfahren. Mühelos gelingt es Seethaler, die unfassbaren Schrecken der damaligen Zeit mit einer erzählerischen Leichtigkeit einzupflechten. Dabei werden die Ereignisse und Hintergründe allenfalls angerissen. Jedoch denke ich, das lag in der Absicht des Autors. Es handelt sich ja auch nicht um eine geschichtliche Abhandlung, sondern um einen fiktiven Roman. Die Dialoge und Gedankenaufzeichnungen schwanken zwischen Humor, Melancholie und Nüchternheit. Seethaler schafft es zu vermitteln, wie damals der ganz normale Alltag und die unglaublichen Gräuel der aufkeimenden Nazizeit Hand in Hand gingen.

"Drei Wochen später, am Morgen des 17. Mai 1938 kündigte sich der Sommer an. Ein angenehm laues Lüftchen trieb die Nachtkühle aus den Straßen und über die Donau weit in die Schwechater Ebenen hinaus. Überall in der Stadt gingen die Fenster auf, Decken und Polster wurden ausgeschüttelt, und Daunenfedern schwebten durch die Luft wie weiße Blüten. In der Früh standen vor den Bäckern die Schichtarbeiter und die Hausfrauen Schlange, und es roch nach frischen Semmeln und Kaffee. [...] Im Keller der Gestapo-Dienststelle, in der ehemaligen Wäscherei des Hotels Metropol, mussten sich fünfzehn jüdische Geschäftsleute nackt ausziehen und mit den Händen über dem Kopf auf die Abholung zum Einzelverhör warten. In der Mitte des Raums waren ihre Kleider zu einem Haufen zusammengeworfen, dessen Spitze eine Mütze bildete, kariert und zerknautscht wie die Mütze eines amerikanischen Stummfilmkomikers. Am Gleis II des Wiener Westbahnhofts saßen vierhundertzweiundfünfzig politische Gefangene zusammengedrängt in den hinteren Waggons eines Sonderzugs und warteten auf die Abfahrt nach Dachau. Am gegenüberliegenden Bahnsteig saßen eine alte Frau und ein kleiner Bub nebeneinander auf einer Bank und bissen abwechselnd von einem großen Butterbrot ab."
Toll finde ich auch die Wiener Schmäh sowie die Einblicke in das Leben als Trafikant, bevor der Nationalsozialismus mit voller Wucht in Österreich einschlägt und die Medien infiltriert. Einen Einblick in die Welt von Zeitungen, Zigarren, Schlagzeilen und Gewohnheiten. Und wie Franz beginnt, das Weltgeschehen zu verfolgen, die Zeitungsartikel zu analysieren und bemerkt, das sein wachsendes Wissen die Dinge sowohl leichter als auch komplizierter macht.

"Nach ein paar Wochen schließlich konnte er die Zeitungen fast flüssig lesen, wenn nicht von vorne bis hinten, so doch zumindest zum größeren Teil. Und obwohl ihn die unterschiedlichen, manchmal sogar völlig gegensätzlichen Standpunkte und Sichtweisen gehörig durcheinanderbrachten, bereitete ihm die Lektüre doch auch irgendwie ein gewisses Vergnügen. Es war eine Ahnung, die da zwischen den vielen Druckbuchstaben herausraschelte, eine kleine Ahnung von den Möglichkeiten der Welt."
Jetzt wisst ihr warum ich hingerissen bin. Was ist es nun, was mich hergerissen hat? Ich würde sagen es sind die Charaktere. Mit keinem konnte ich so richtig warm werden. Da wäre Franz mit seinem reinen Herzen und seiner Naivität, dessen Kindlichkeit nicht so recht zu einem 17-jährigen heranwachsenden Mann passen will. Die illegale Böhmin Anezka, in die sich Franz verliebt, konnte sich ebenfalls nicht in mein Herz schleichen. Zu flach, zu einfältig. Auch die eindeutige Unterteilung des Romans in Gut und Böse - der gute einbeinige Trafikanten-Lehrmeister Otto und der böse Fleischermeister von nebenan - ist mir zu einfach gewählt. Das Einpflechten der Figur Sigmund Freuds in die Handlung empfinde ich als tolle Idee; die Umsetzung hat mich jedoch nicht ganz überzeugt. Freud, eine faszinierende vielschichtige Persönlichkeit, Begründer der Psychoanalyse und laut Wikipedia einer der "einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts", kommt hier etwas faszettenlos mit zu flachen Lebensweisheiten daher.

"Die richtige Frau zu finden ist eine der schwierigsten Aufgaben in unserer Zivilisation. Und jeder von uns muss sie vollkommen alleine bewältigen. Wir kommen alleine zur Welt,  und wir sterben alleine.  [...] Wir müssen uns immer wieder fragen, was wir möchten  und wohin wir wollen. Anders gesagt: Du musst deinen eigenen Kopf bemühen. Und wenn dir der keine Antworten gibt, frag dein Herz."
Normalerweise ist es ein K.o.-Kriterium, wenn die Charaktere im Buch nicht restlos überzeugen. Ich bin aber dennoch sehr froh, das Buch gelesen zu haben. Es hat mich zum Nachdenken gebracht und zum Recherchieren - und ließ sich trotz der charakterlichen Schwächen wunderbar lesen. Ich bin nun wieder ein bisschen schlauer und weiß, wie es den Nationalsozialisten gelungen ist, Österreich noch vor Beginn des zweiten Weltkrieges in das Deutsche Reich zu integrieren. Und ich habe im Nachgang viel erfahren über das Leben und Leiden des Juden Sigmund Freud. Da ich keine 3,5 Sterne vergeben kann, bin ich mal großzügig und runde auf auf 4 :-) .

Über den Autor
Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, wurde 2007 für seinen Roman »Die Biene und der Kurt« mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet. Er erhielt zahlreiche Stipendien, schrieb Drehbücher und Romane. Bislang erschienen: »Die weiteren Aussichten« und »Jetzt wirds ernst«. Robert Seethaler lebt und schreibt in Wien und Berlin.

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Tags: deutschland, freundschaft, gesellschaft, liebe, nationalsozialismus, österreich, sigmund freud, sonderling, wien, zeitunge, zigarren   (11)
 

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leben, berge, roman, tod, einsamkeit

Ein ganzes Leben

Robert Seethaler
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 18.01.2016
ISBN 9783442482917
Genre: Romane

Rezension:


"Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde. Doch auf die Zeit dazwischen, auf sein Leben, konnte er ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen, großen Staunen."
Nachdem "Der Trafikant" - na ja - OK war, mich aber ja nicht so vollkommen von den Socken hauen konnte, habe ich dem neuen Buch von Robert Seethaler - und dem neuen Protagonisten - eine Chance gegeben. Zum Glück kann ich da nur sagen. "Ein ganzes Leben" ist ein großartiges Buch über das Leben selbst, über seine Höhen und Tiefen - und über die ganz einfachen Momente des Glücks.
Andreas Egger ist ein einfacher Bursche, der in einem Dorf in den Alpen aufwächst. Von seinem Pflegevater in der Kindheit zum Krüppel geprügelt, wächst er doch zu einem gestandenen Mann heran, der harte Arbeit nicht scheut, sich durch's Leben schlägt und sich an den kleinen Dingen im Leben erfreut. Egger verliebt sich in Marie, und um seiner großen Liebe etwas bieten zu können, schließt er sich einem Arbeitstrupp an, der die erste Seilbahn der Region baut und damit den Fortschritt ins Tal bringt. Zufrieden mit sich und dem Leben wünscht sich Egger, das Leben möge immer so bleiben. Doch so soll es nicht kommen...
Klar, Andreas Egger ist ein Eigenbrötler, der nicht viel spricht, und manchmal auch nicht viel denkt. Seethaler scheint einen Hang zu Außenseitern zu haben. Sein Protagonist ist anständig, eifrig und steckt sich im Leben keine hohen Ziele. Manchmal ist Egger mir etwas zu einfach. Obwohl der Roman - wie auch schon Der Trafikant - zu Zeiten des zweiten Weltkrieges spielt, findet der Krieg nur als Nebenschauplatz Erwähnung. Egger kriegt nicht viel mit vom Weltgeschehen und hinterfragt es auch nicht. Trotzdem finde ich in dem Buch auch viel Weisheit. Immer wieder mit dem Tod konfrontiert - in den Bergen, beim Seilbahnbau, im Krieg und in Gefangenschaft - lernt Egger das Leben zu akzeptieren und die Momente des Glücks zu ehren.

"Man kann einem Mann seine Stunden abkaufen, man kann ihm seine Tage stehlen oder ihm sein ganzes Leben rauben. Aber niemand kann einem Mann auch nur einen einzigen Augenblick nehmen."
Ich habe dieses Buch gelesen wie im Rausch - an einem Vormittag. Es ist eine einfache und gerade deshalb ergreifende Erzählung über den Sinn des Lebens. Was ist es, was wirklich im Leben zählt? Ist ein Leben nur erfüllt, wenn der Mensch viel gesehen, viel erlebt, viel besessen hat - wenn er Spuren hinterlassen hat? Müssen wir nach dem Außergewöhnlichen streben, um unseren Leben einen Sinn zu geben? Oder ist es nicht vielmehr außergewöhnlich, wenn wir lernen jeden noch so kleinen Moment des Glücks zu schätzen und in bescheidener Zufriedenheit alt werden? Ich finde, das ist eine gute Frage, über die es sich lohnt nachzudenken - und die bestimmt nicht für jeden gleich zu beantworten ist. Glücklich ist, wer sich selbst findet - wie auch immer dieses Selbst aussehen mag.
Seethalers Roman ist aber auch eine Hommage an die Schönheit der Alpen und eine Liebeserklärung an die Berge. Und er lässt uns daran teilhaben, wie der Einzug des technischen Fortschritts innerhalb nur einer Generation das Leben und unseren Alltag komplett verändert hat. Ich kann nur jedem empfehlen es zu lesen.

Über den AutorRobert Seethaler, 1966 in Wien geboren, wurde 2007 für seinen Roman »Die Biene und der Kurt« mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet. Er erhielt zahlreiche Stipendien, schrieb Drehbücher und Romane. Bislang erschienen: »Die weiteren Aussichten« und »Jetzt wirds ernst«. Robert Seethaler lebt und schreibt in Wien und Berlin.

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Tags: alpe, glück, krieg, leben, lebenswege, liebe, schicksal, sinn des lebens, tod, trauer, verlust   (11)
 

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raj-waisen, hongkong, anwalt, england, liebe

Ein untadeliger Mann

Jane Gardam ,
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 24.08.2015
ISBN 9783446249240
Genre: Romane

Rezension:


"Er war sagenhaft sauber. Geradezu ostentativ sauber. Der Rand seiner Fingernägel war reinweiß. Die wenigen Haare unter den Fingerknöcheln waren immer noch golden und wirkten stets wie frisch shamponiert, ebenso wie sein lockiges, immer noch rötlich braunes Haupthaar."
Edward Feathers ist ein Mann ohne Fehl und Tadel, stets adrett, höflich, mustergültig, formvollendet. In seinem Leben scheint einfach alles mühelos gelungen zu sein. Gesegnet mit hoher Intelligenz und gutem Aussehen, verlässt 'Old Filth' als junger Mann London und steigt in Hongkong zum einflussreichen Kronanwalt und später zum Richter des British Empire auf. Er wird ein vermögender Mann und lebt mit seiner Ehefrau Betty angesehen und erfolgsgekrönt in China, bis er sich im beschaulichen Dorset in Südwestengland zur Ruhe setzt. Doch ist das Leben des Edward Feathers wirklich so geradlinig verlaufen? Wer hat ihn überhaupt wirklich gekannt? Als seine Betty stirbt, bewahrt er wie gewohnt seine Haltung. Doch eines Morgens setzt er sich ans Lenkrad seines Wagens und begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit, um sich und sein zurück liegendes Leben zu ergründen.
Mit großem Einfühlungsvermögen und einem grandiosen Sinn für Ironie lässt Jane Gardam uns teilhaben am bewegenden Leben des Edward Feathers. Obwohl er kauzig ist und irgendwie ein Sonderling, schließt man 'Old Filth' schnell ins Herz und taucht ein in ein außergewöhnliches und faszinierendes Leben im untergehenden British Empire.

"Ich werde Historiker. Das ist mein Plan. Das ist die einzige Hoffnung – dass wir lernen, wie wir das geworden sind, was wir sind. Ich meine, Primaten. Aggressionen. Das Empire geht unter. Es säuft ab. Das wird ein ziemliches Chaos, wenn es verschwunden ist, und wir werden dann kein besseres Volk sein."
Fast 90 Jahre ist sie alt, diese großartige Autorin. Ihren Roman "Old Filth" hat Jane Gardam bereits 2004 geschrieben. Warum es so lange gedauert hat, bis sie auch hierzulande Anerkennung erfährt, ist mir schleierhaft. Gardam hat ihren Roman den Raj-Waisen gewidmet, die wie ihr Protagonist in der Kindheit aus den Kolonien gerissen und von ihren Eltern getrennt in die Heimat geschickt wurden.
Obwohl der Roman anspruchsvoll ist mit seinen Spitzen und Rückblenden, lässt er sich doch federleicht lesen. Es geht um Menschlichkeit, Empathie und schicksalhafte Erlebnisse und Begegnungen. Dem ein oder anderen mag es an Spannung oder Zuspitzung fehlen, aber ich fand die erfrischende, sehr britische und sehr ironische Erzählweise großartig. Wer skurile, kauzige Charaktere mag und gerne einen Blick ins britische Leben zu Zeiten des Empires erhaschen möchte, dem sei "Ein untadeliger Mann" wärmstens empfohlen. Ich habe ihn schnell ins Herz geschlossen, den eigenbrötlerischen Edward Feathers und ihn sehr gerne beim Rückblick auf sein Leben begleitet.
"Ein untadeliger Mann" ist ein großartiges Buch über die Diskrepanz zwischen Schein und Sein. Ein Buch über die Upper Class im untergehenden British Empire, voller Humor, Ironie und Gefühl. Das Schöne: der Fortsetzungsroman der Trilogie "Eine treue Frau" ist bereits im März erschienen.

Über die AutorinJane Gardam wurde 1928 in North Yorkshire geboren und lebt in East Kent. Als einzige Schriftstellerin wurde sie gleich zweimal mit dem Whitbread/ Costa Award ausgezeichnet. Mit Ein untadeliger Mann stand sie auf der Shortlist des Orange Prize.

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Tags: anwalt, british empire, ehe, ein hartes leben, einsamkeit, empathie, england, freundschaft, gesellschaft, hong kong, krieg, lebenswege, liebe, london, malaysia, raj waisen, schicksal, sonderling, trauer, verlust, waisen   (21)
 

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mord, thriller, alkoholismus, zug, london

Girl on the Train

Paula Hawkins , Christoph Göhler
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 03.10.2016
ISBN 9783764506018
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Kennst du die Person, die dir am nächsten steht? Schon seit Hitchcocks Zeiten ist das das zentrale Thema zahlreicher Psychothriller. So auch in diesem Thrillerdebüt von Paula Hawkins, in dem es gilt, das Rätsel um eine verschwundene Frau zu lösen. Die Paralellen zu Gillian Flynns „Gone Girl“ sind unübersehbar. Und doch ist es offensichtlich erfolgreich gelungen, auf diesen Zug aufzuspringen. Ich persönlich finde die Idee hinter dem Buch gut, wenn auch abgekupfert, die Umsetzung ist in meinen Augen jedoch nicht durchweg ausgereift.

Jeden Morgen pendelt die am Leben gescheiterte Rachel mit dem Zug nach London und beobachtet dabei das Leben und die Häuser anderer Menschen. Rachel ist Alkoholikerin, immer wieder hat sie Blackouts und kann sich danach an nichts erinnern. Von ihrem Mann Tom für eine Andere verlassen und von ihrem Arbeitgeber gekündigt, flüchtet sich Rachel während ihrer täglichen Zugfahrten in eine Fantasiewelt. Besonders ein junges Paar hat es ihr dabei angetan und sie fantasiert sich in dessen scheinbar perfekt idyllisches Leben – ein Leben wie Rachel selbst es sich wünscht. Doch nichts ist so idyllisch wie es scheint, denn eines Tages verschwindet die Frau, die Rachel jeden Tag beobachtete – ihr Name ist Megan – spurlos. Rachel mischt sich in die Ermittlungen ein und gerät in einen Strudel aus Ereignissen, in denen die Verpflechtungen ihres eigenen Lebens mit dem von Megan nach und nach zutage treten.

Es gibt zweifellos Menschen, die ihr eigenes Leben nicht leben, sondern sich eine Fantasiewelt erschaffen, in der sie ein anderes, perfekteres Leben führen. Und es gibt Menschen, die mehr wollen und auch mit mehr niemals zufrieden sein werden. Menschen, die auf der ständigen Suche nach Selbstbestätigung denken, sie müssen der Mittelpunkt des Universums sein und die dabei ungehemmt Andere verletzen. Und Menschen, die ein glückliches Leben führen und trotzdem in der Lage sind, für einen Kick alles zu zerstören.

Also, psychologisch sicherlich zum Teil tiefgründig – auch schriftstellerisch finde ich das Debüt vielversprechend. Hawkins schafft es, die inneren Konflikte der Protagonistinnen lebhaft und nachvollziehbar darzustellen. Die Sprache ist flüssig, spannend und gut lesbar.

Dennoch, wechselnde Perspektiven und Zeitsprünge können zwar an sich eine gute Idee sein, stören in ihrer Häufigkeit und in der Umsetzung dann doch hin und wieder den Lesefluss. Während das Seelenleben der drei Protagonistinnen gut dargestellt wird, sind die psychologischen Hintergründe der männlichen Charaktere nicht ganz so nachvollziehbar. Als Frau fiel es Hawkins vielleicht leichter, das weibliche Innenleben zu beleuchten.

Ich bin hin und hergerissen wie ich Girl on the train finde und ob ich den Hype nachvollziehen kann. Es ist zweifellos ein solider Thriller und Paula Hawkins hat es schon geschafft mich bei der Stange zu halten. Aber irgendetwas stört mich dennoch und zu 100 Prozent fesseln konnte das Buch mich nicht.

Vielleicht stört mich daran, dass es keiner der Charaktere geschafft hat, das ich ihn/sie so richtig ins Herz schließen konnte. Klar, die ambivalenten Gefühle, die Protagonistin Rachel hervorruft, machen das Ganze irgendwie spannend – eben mal was anderes – und Bücher leben schließlich davon, dass die Protagonisten sich immer wieder in Schwierigkeiten manövrieren. Mal halbwegs sympathisch, aber meistens einfach ziemlich bemitleidenswert habe ich mich für Rachel dennoch zuviel fremd geschämt und fand sie insgesamt zu schwach. Unzählige Wiederholungen der Charakterschwächen ließen einen doch immer mal wieder mit den Augen rollen.

Nach etwa der Hälfte des Buches beschlich mich der Verdacht, wer Täter/in sein könnte, der sich dann auch bestätigt hat (ich will hier nichts vorweg nehmen). Das Buch blieb trotzdem lesenswert – wenn auch nicht bis zur letzten Seite.

Ich muss sagen das ich Gillian Flynns ‚Gone Girl‘, mit dem dieser Thriller ja oftmals auf eine Stufe gestellt wurde, wesentlich besser fand. Dennoch kann ich eine Leseempfehlung für diesen Debütroman aussprechen und werde mir wahrscheinlich auch das nächste Werk von Paula Hawkins kaufen. Alles in allem vergebe ich 3 Sterne.

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1.517 Bibliotheken, 42 Leser, 3 Gruppen, 160 Rezensionen

john green, freundschaft, roadtrip, liebe, margos spuren

Margos Spuren

John Green , Sophie Zeitz
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 19.06.2015
ISBN 9783423086448
Genre: Jugendbuch

Rezension:

„Was für ein heimtückischer Fehler zu glauben, ein Mensch wäre mehr als ein Mensch.“

Der 18-jährige Quentin Jacobsen, genannt Q, lebt mit seinen Eltern in Orlando, Florida – und steht kurz vor seinem Highschool Abschluss. Seit er ein kleiner Junge war, ist Q in das Nachbarsmädchen – Margo Roth Spiegelman – verliebt, wird aber seit Jahren von ihr ignoriert.

Margo scheint eine ganz besondere junge Frau zu sein. Sie ist beliebt und wird von allen bewundert. Immer wieder reißt sie von zuhause aus, um Abenteuer zu erleben. Quentin hingegen gehört in der Schule eher zu den Außenseitern. Er liebt die Routine und Vorhersehbarkeit, die sein Leben ihm bietet.

Doch eines Nachts steht plötzlich Margo Roth Spiegelman vor seinem Fenster – und nimmt ihn mit auf ein nächtliches Abenteuer. Zum ersten Mal bricht Q aus seiner Routine aus, leiht sich den Wagen seiner Eltern und erlebt mit Margo eine aufregende unvergesliche Nacht. Doch am nächsten Tag ist Margo verschwunden. Ist sie wieder ausgerissen – oder steckt mehr dahinter? War Margo vielleicht nicht die lebenslustige, abenteuerliche, mutige Frau, die Quentin sein Leben lang verehrt hat?

Quentin macht sich – gemeinsam mit seinen beiden spleenigen besten Freunden, Radar und Ben, und mit Margos bester Freundin Lacey auf die Suche. Sie folgen Margos Spuren und begeben sich auf einen abenteuerlichen Roadtrip, der sie quer durch die USA führt.

In diesem dritten Roman von John Green geht es um die erste Liebe, um Freundschaft, um Authentizität und um die Entscheidung, wer man sein und was man mit seinem Leben anfangen möchte. Ich finde den Roman dabei sehr gelungen. Es macht Spaß ihn zu lesen und den jungen Quentin auf seiner Reise ins Leben zu begleiten. Green schafft Charaktere, die man sofort ins Herz schließt. Die Sprache ist flüssig, gut lesbar und voller Humor. An einigen Stellen musste ich tatsächlich laut lachen.

Das Buch ist aus der Sicht des Highschoolschülers Quentin geschrieben, den wir in der Übergangszeit ins College begleiten dürfen.

„Der Abschied war schwer bis ich ihn hinter mir hatte. Dann war das Leichteste auf der Welt.“

Auch wenn einen das Buch nicht gerade vor Spannung die Nägel runterkauen lässt, macht es doch Freude es zu lesen und zu erleben, wie Quentin beginnt durch seine Ermittlungen zu Margos Wesen – und auch zu sich selbst zu finden. Die Dialoge sind sehr humorvoll und die Freundschaft der drei Jungs lässt einem das Herz aufgehen.

Nicht so überzeugt hat mich allerdings die Auflösung des Rätsels um die verschwundene Margo. Margo verliert bei mir nach und nach an Sympathie und so ganz nachvollziehen konnte ich die – mir etwas zu gewollt pilosophische – Lösung (von der ich hier nicht zuviel verraten möchte) nicht ganz.

Margos Spuren ist ein gelungener Jugendroman, der meines Erachtens nicht nur für jugendliche Leser empfehlenswert ist. Mir mit meinen 33 Jahren hat er auch gefallen. Das Buch ist irgendwie melancholisch und lustig zugleich und beschreibt gut die Ängste und Sehnsüchte, die das Erwachsenwerden begleiten. Auch wenn mich das Ende nicht überzeugt hat, kann ich eine klare Leseempfehlung für diesen Roman aussprechen und vergebe knappe 4 Sterne.

„Viel zu lange hatte ich Margo nicht richtig zugehört – hatte sie schreien sehen und gedacht, sie lachte.“

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Tags: abenteuer, erwachsen werden, familie, florida, freundschaft, lebenswege, liebe, usa   (8)
 

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freundschaft, gesellschaftskritisch, camp, lebenslauf, loyalität;

Die Interessanten

Meg Wolitzer ,
Flexibler Einband: 608 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 26.07.2016
ISBN 9783832163396
Genre: Romane

Rezension:  
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diamanten, beruf, frauen, j. courtney sullivan, lebenswege

Die Verlobungen

J. Courtney Sullivan , Henriette Heise
Flexibler Einband: 592 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag Taschenbuch, 13.07.2015
ISBN 9783833310140
Genre: Romane

Rezension:

„A diamond is forever“ - Um diesen wohl bekanntesten und langlebigsten Slogan der Werbebranche rankt sich der Roman „Die Verlobungen“ von J. Courtney Sullivan.

Während in Deutschland nach wie vor eher der Goldring die ewige Liebe symbolisiert, ist in den USA der diamantene Verlobungsring das Maß aller Dinge. Ob arm oder reich, ob jung oder alt. Wer etwas auf sich hält, wer seine Frau liebt, der gibt sein dreifaches Monatsgehalt aus, um die Frage aller Fragen mit einem Diamanten zu besiegeln. Doch dieses Bedürfnis, seine (ewige?) Liebe durch einen teuren Diamanten zu symbolisieren ist kein Urbedürfnis der Menschheit. Es wurde kreiert, von der Werbebranche über Jahrzehnte hinweg in die Köpfe gepflanzt. Und das mit Erfolg.

„In den letzten neun Jahren hatte De Beers Millioen für Werbung ausgegeben, die den Namen der Firma nicht erwähnte. Den Diamantlieferanten nie direkt zu benennen war eines der wichtigsten Prinzipien der De-Beers-Werbung. {…} Sie warf einen Blick auf das neueste Strategiepapier: Es geht um Massenpsychologie, denn unser Ziel ist es, den diamantenen Verlobungsring zu eier psychologischen Notwendigkeit zu machen. Zielgruppe: etwa siebzig Millionen Menschen im Alter von fünfzehn aufwärts, deren Weltsicht wir in unserem Sinne beeinflussen wollen. Na dann war ja alles klar.“

Der Roman erzählt die Lebens- und Liebesgeschichten von vier verschiedenen Paaren denen nur eines gemein ist:  die Verbindung zum diamantenen Verlobungsring. Mit großen Geschick und mit Leichtigkeit lässt die Autorin ihre Leser über verschiedene Jahrzehnte hinweg in das Leben und die Liebe der Protagonisten abtauchen. Es fällt leicht, sich in die Figuren hineinzuversetzen, die so verschieden sind und einem doch sofort alle ans Herz wachsen. Evelyn, deren Sohn Frau und Kinder für eine neue Liebe verlässt. James, der sich und seine Familie gerade so über Wasser hält und sich wünscht, ihr mehr bieten zu können. Kate, die das Konstrukt der Ehe für Irrsinn hält, nun aber Trauzeugin ihrer homosexuellen besten Freunde wird. Und Delphine, die in Paris alles zurücklässt – Mann, Geschäft und Heimat – um ihrer Leidenschaft zu folgen und mit einem jungen Musiker nach New York zu gehen.

Die Geschichte lässt den Leser nachdenklich zurück in einer Welt, in der Hochzeiten den Wert eines Kleinwagens haben und Menschen für Blutdiamanten sterben. Doch es ist keineswegs ein deprimierendes Buch. Im Gegenteil. Es lässt uns nachdenken, ohne dabei an Leichtigkeit und Humor zu verlieren.

Der ungewöhnliche Lebensweg der Frances Gerety, die sich in den 40er Jahren gegen die Ehe und für die Karriere in der damals größten Werbeagentur Ayer entschieden hat – und der Blick hinter die dortigen Kulissen – fasziniert. Frances Gerety kann als Peggy Olson des wirklichen Lebens gelten, denn genau wie Peggy in der Fernsehserie „Mad Man“ bahnt sich Frances als erste weibliche Werbetexterin ihren Weg nach oben. Ihr Slogan “A Diamond Is Forever”, den sie in einer schlaflosen Nacht für den Diamantlieferanten De Beers entworfen hat – und der seit dem Jahr 1948 jede Diamantwerbung ziert – wurde 1999, zwei Wochen bevor Frances Gerety im Alter von 83 Jahren starb, zum Jahrhundertslogan gekürt.

Und nicht nur in der Werbeindustrie zeigt die Autorin empirische Milieukenntnis. Sie entführt ihre Leser auch in die Welt der klassischen Musik, den Berufsalltag von Rettungssanitätern in den USA und auf den Weg zur Gleichberechtigung homosexueller Paare.

Ein absolut lesenswerter Roman – irgendwo zwischen Gesellschaftsroman und Unterhaltungsliteratur – der die verschiedenen Erzählstränge gekonnt zu einem gemeinsamen Nenner verknüpft. Kein Wunder, dass sich Reese Witherspoon bereits die Filmrechte an diesem Werk gesichert hat. Ich vergebe sehr gute 4 Sterne.

„Kate starrte in das Innere des Diamanten und fragte sich, woher er gekommen war. Dabei dachte sie noch viel weiter zurück als Jeffrey: Wer hatte ihn wo aus dem Gestein gerissen? Wie viele Finger hatte er während des vergangenen Jahrhunderts geziert? Die meisten seiner Besitzer waren mittlerweile vermutlich tot, und ihre Liebe war mit ihnen gestorben.“

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hochzeit, judentum, london, liebe, freiheit

Die Hochzeit der Chani Kaufman

Eve Harris ,
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 26.08.2015
ISBN 9783257300208
Genre: Romane

Rezension:

London im Jahr 2008. Sie haben sich einander versprochen, obwohl sie sich erst viermal gesehen haben – die 19-jährige Chani Kaufman und der angehende Rabbiner Baruch Levy. Beide wissen, ihr Leben wird sich von Grund auf ändern. Doch was sie genau erwartet, davon haben sie wenig Ahnung. Denn in ihrer geschlossenen jüdisch-orthodoxen Welt wissen die beiden kaum etwas vom anderen Geschlecht oder von Sexualität. Wie funktioniert die Ehe? Wie funktioniert Sex? Und vor allem: wie funktioniert Glück?

Eve Harris gibt in ihrem sensationellen Debüt einen tiefen Einblick in eine in sich geschlossene jüdische Welt des 21. Jahrhunderts, die einen staunend – und teilweise schockiert – zurück lässt. In einem hinreißenden Erzählstil lässt sie uns am Leben von Chani und Baruch – sowie Rivka, der Frau eines Rabbis – und ihren Familien teilhaben. Dabei lernen wir nicht nur das orthodoxe Judentum im Europa des 21. Jahrhunderts kennen. Wir erhaschen auch einen kleinen Einblick in das Jerusalem der 80er Jahre, der einen wünschen lässt, man würde darüber mehr erfahren.

„Und dennoch hielt Jerusalem hier etwas für sie bereit, etwas, das ihren Puls beschleunigte und ihre Sinne entfachte, wie sehr sie auch an der Existenz Gottes zweifelte. Die Stadt pulsierte mit tausend verschiedenen Stimmen, tausend verschiedenen, sehnsüchtigen Seelen: Muslime, Juden, Christen. Ihre Mauern vibrierten mit Gottes Namen.“

Chani Kaufman wächst auf in einer jüdisch-orthodoxen Gemeinde in London. Ihren Verlobten hat sie vier mal gesehen, berührt hat sie ihn noch nicht. Nicht einmal die Hand dürfen die beiden sich geben bevor sie nicht verheiratet sind. Wie der Körper eines Mannes aussieht, das hat Chani nur durch einen – für ihre Lehrerin unglücklichen – Zufall erfahren. Wie das mit dem Sex funktionieren soll, bleibt für sie trotzdem ein Rätsel.

Obwohl Chani gläubig und ihren Eltern ergeben ist, ist sie doch anders als viele Mädchen in ihrer Gemeinde. Denn sie stellt sich – und anderen – Fragen. Sie will sich nicht zufrieden geben mit einer arrangierten Ehe ohne Liebe. Sie will nicht enden wie ihre Mutter, mit sieben Kindern, aber hoffnungslos überfordert, ausgelaugt und unglücklich.

„Alle höchst fromm, alle auf der Suche nach einem guten jiddische Mädchen, die ihnen Tscholent kochte und ihnen am Schabbes die Kerzen anzündete. Eine Instantfrau – bloß noch Wasser hinzufügen. Keiner von ihnen interessierte sich dafür, wer sie war.  {…}  In ihrer Welt verliebten sich die Menschen nicht. Sie wurden in die Ehe begleitet. Sie trafen sich, sie heirateten, und dann bekamen sie Kinder. Und irgendwann, unterdessen, lernten sie sich kennen.“

In Chanis Welt ist es nicht unüblich, sieben Geschwister zu haben, denn Verhütung ist nicht erlaubt. Den Nachwuchs nach allen Regeln der Religion großzuziehen – und zu verheiraten – dem widmen die Eltern, oft bis zur Erschöpfung, ihr Leben.

„Ihre Mutter war zu einer Maschine geworden, deren Teile abgenutzt waren und knirschten. Früher war sie schlank gewesen, eine geschmeidige Frau, fröhlich und flink. Über die Jahre hatte sich ihr Bauch aufgebläht und war wieder erschlafft, wie der Kehlsack eines Ochsenfrosches. Heute war das Licht in ihren Augen erloschen. Sie war eine Fremde geworden, ein erschöpfter Berg erschlafften Fleisches, der ohne Pause stillte, beruhigte, tätschelte oder fütterte.“

Wie muss es sein, in einer Gemeinschaft zu leben, in der Glaube und Tradition das Wichtigste im Leben sind? Umgeben zu sein von Freiheit und Individualismus, aber nicht daran teilhaben – und höchstens heimlich davon träumen zu können?

„Wie lebten andere Menschen? Fühlten und dachten sie wie sie selbst? Wie war es wohl, sich frei in der Welt zu bewegen, ohne über jede Handlung und ihre spirituellen Konsequenzen nachdenken zu müssen? Entfernte Verwandte ihres Vaters führten in Amerika ein säkulares Leben. Bei der Vorstellung, was sie sie alles fragen würde, sollte sich die Gelegenheit ergebe, wurde ihr ganz schwindelig.“

Humorvoll und tragisch lässt Eve Harris den Leser das jüdische Leben erleben – gefangen in einer Welt zwischen Religion und Weltlichkeit, Tradition und Moderne.

Ich habe diesen Roman verschlungen. Er hat mich sprachlos gemacht und mich spüren lassen, wie wenig ich eigentlich von einer der ältesten Religionen weiß und verstehe. Neben aller Befremdung, die man beim Lesen gegenüber den starren Traditionen empfindet, kann man die Beweggründe doch auch nachempfinden.

„… wir haben eine Wahl. Unsere Identität zu bewahren, indem wir die Tradition aufrechterhalten. Unser Erbe zu bewahren, obwohl so viele von uns dafür gestorben sind. Oder Hitlers Arbeit fortzusetzen, indem wir vergessen, wer wir sind, und unserem Erbe den Rücken zu kehren. Es ist so viel einfacher, ein modernes Leben zu führen, zu essen, was man will, zu heiraten, wen man will, und an Schabbes Fernsehen zu schauen. Aber jedes Mal, wenn jemand dem Judentum den Rücken zukehrt, ist es ein weiterer Sieg für diejenigen, die uns tot gewünscht haben und das noch immer tun.“

Der Roman weckt in mir den Wunsch, mehr über das Judentum und die unterschiedlichen Strömungen zu erfahren. Er ist voller Humor, Empathie, Staunen und Neugier und sehr lehrreich. Völlig zu recht war dieses Buch auf der Longlist des Man Booker Price. Ich vergebe 5 Sterne.

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buddhismus, spiritualität, lebenswege, religion, achtsamkeit

Wer loslässt, hat zwei Hände frei

Master Han Shan , Master Han Shan
Flexibler Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 20.05.2011
ISBN 9783404602049
Genre: Biografien

Rezension:

„Ist es möglich, dauerhaftes Glück in uns zu verankern? Können wir inneres Wohlbefinden erlangen, das nicht von äußeren Umständen abhängt? Gibt es wahres Glück das nur uns alleine gehört?“

Der faszinierende, aber für mich nicht durchweg überzeugende, Lebensweg eines Millionärs, der all seinen Reichtum verschenkte und den Sinn des Lebens suchte.

Der deutsche Ingenieur Hermann Ricker geht mit 23 Jahren nach Singapur und steigt dort zum Spitzenmanager auf. Die Mentalität der Menschen und die östliche Lebensweise faszinieren und begeistern ihn – und er lernt, sie nutzbringend im Unternehmen einzusetzen.  Schon bald profitiert er vom Auftrieb der boomenden Wirtschaft und gründet sein eigenes Unternehmen. Er expandiert und erzielt Jahresumsätze in Millionenhöhe. Der Autor schreibt, schon damals sei es ihm wichtig gewesen, alles im Fluss zu halten, so dass Kunden und Lieferanten ihre Abschlüsse mit gutem Gefühl tätigten. Er meditiert und übt sich in Achtsamkeit, besucht Klöster und verinnerlicht die buddhistische Lebensweise zunehmend. Das Geld sei nachrangig gewesen. Und dennoch verdient er Millionen, besitzt Penthäuser, eine Yacht und teure Autos. Als er eines Nachts in seinem Jaguar verunglückt und nur knapp dem Tod entgeht, ändert sich sein Leben von Grundauf. Hermann Ricker beginnt, den Sinn des Lebens und seinen materiellen Reichtum zu hinterfragen. Wozu all der Reichtum, all der Besitz – wo wir doch bei unserem Tode ohnehin nichts mitnehmen können?

„Wenn wir festhalten an dem, was wir besitzen oder zu sein glauben, machen wir uns selbst zu einem Sklaven, der unaufhörlich damit beschäftigt ist, den Strom der Vergänglichkeit aufzuhalten. Wir werden zu einem Damm, der vergeblich versucht, das Wasser zu stauen, anstatt uns fröhlich und glücklich von der Strömung des Flusses tragen zu lassen. Wer aber loslässt, der hat zwei Hände frei. Loslassen macht uns frei und unabhängig. Es erlaubt uns, unsere Kraft nicht mit dem Festhalten von oder an Dingen zu vergeuden, die wir ohnehin nicht bewahren können. Stattdessen können wir sie dazu nutzen, um uns so tief wie möglich in den Fluss zu begeben.“

Er entschließt sich dazu, all seinen Besitz wegzugeben, überschreibt seine Firma seinen engsten Mitarbeitern, verschenkt sein Vermögen und seine Immobilien. Drei Gewänder, ein Paar Slipper, ein Schirm, ein Moskitozelt, Instantnudeln und Waschzeug – sein einziger verbliebener Reichtum. Aus Hermann Ricker wird der Bettelmönch Ophaso („Hell erleuchtet mit innerem Wissen“). Zwei Jahre lang lebt er allein auf Don Savan, einer Insel im Nordosten Thailands und anschließend acht Jahre lang in einem Waldtempel, meditiert – manchmal 15 Stunden am Tag – und lebt von dem, was ihm bei seinen Ausflügen aufs Festland in die Bettelschale gefüllt wird. Dabei ist er überrascht, wie selbstverständlich die Thailänder zum Geben bereit sind. Ja, das sie es sogar selbst als Geschenk ansehen, Anderen etwas geben zu dürfen.

„Ich staune, über welches Potenzial wir Menschen verfügen, wenn das Miteinander im Zentrum unseres Handelns steht“.

Wer loslässt hat zwei Hände frei. Nach diesem Prinzip ist auch das 10-jährige Mönchs-Dasein nur eine Etappe auf dem Weg des Hermann Ricker. Er möchte sein Wissen weitergeben und nach Europa tragen – unvereinbar mit dem Leben eines buddhistischen Mönches. Er lässt seine Mönchskutte los – und aus dem Mönch Ophaso wird Master Han Shan („großer Berg“). Durch eine zufällige Fügung erhält er ungenutztes Land, das er in ein Retreat Center verwandelt. In Nava Disa („Fenster zum Himmel“) möchte er Menschen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, nach sich selbst und nach Entschleunigung unterstützen. Auch heute noch ist er für das Zentrum tätig – und trägt in Vorträgen seine gewonnene Weisheit nach Europa.

Master Han Shan lässt mich mit seinem ersten Buch (inzwischen hat er weitere zum Thema Achtsamkeit und Loslassen geschrieben) zwiegespalten zurück. Einerseits ist sein Lebensweg zweifellos beeindruckend und das Buch regt dazu an, über das eigene Leben, die eigenen Werte nachzudenken und sich zu fragen, ob man nicht viel zu viel Ballast mit sich herumträgt. Leben wir nicht tatsächlich viel zu wenig im Augenblick? Unsere Gedanken verweilen ständig in der Vergangenheit und schweifen in die unsichere Zukunft – und dadurch verpassen wir eigentlich ständig die Gegenwart – das Leben.

„Das Wissen um das Nichtwissen anzuwenden, damit richtig umzugehen, ja, sein Leben danach auszurichten, ist die hohe Kunst der Lebensführung.“

Seit Kurzem interessiere ich mich sehr für Buddhismus und Meditation. Ich bin Laie, was die buddhistische Lehre und den Buddhismus in Asien angeht. Doch ich stelle mir schon die Frage, wie es Hermann Ricker gelingen konnte, die übliche langjährige formale Mönchsausbildung auszulassen und quasi pro forma und über Nacht von einem Abt zum Mönch ernannt zu werden, zu dessen Kloster er ansonsten kaum einen Bezug hat.

Zum anderen kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich Master Han Shan irgendwie eher selbst beweihräuchert – auch wenn er gerade das Gegenteil behauptet. Während es im ersten Teil des Buches darum geht, wie gut und beliebt er als Manager war, setzt sich die zweite Buchhälfte in gleichem Stil beim Mönchs-Dasein fort. Meiner Ansicht nach geht es in all seinen Lebenslagen um seinen Erfolg, um seine Beliebtheit, um seine Weisheit. Er spricht von Energiefeldern, von Meditation, von Singapur, Thailand und dem Buddhismus – aber verbleibt dabei meines Erachtens zu sehr in Allgemeinplätzen. Irgendwie dringt das Geschriebene nicht gänzlich zu mir durch und war mir zu wenig konkret.

Ich stelle mir auch die Frage, wie Master Han Shan zu seinem jetzigen Titel gekommen ist? Hat er sich diesen selbst verliehen statt – wie normalerweise üblich – nach langer Schulung von einem Meister? Das Ablegen der Mönchskutte nach zehn Jahren ist Master Han Shan nur eine halbe Seite wert. Daher kann hier nur spekuliert werden.

Ich habe letztlich nicht den Eindruck, dass dies ein wirklich spirituelles Buch ist, das einen nah an die Lehren Buddhas bringt – sondern vielmehr das weitere Erfolgszeugnis eines relativ ich-bezogenen Managers. Denn letztlich ist er das doch nach wie vor. Das Nava-Disa-Resort klingt für mich nach einem wachsenden Unternehmen, das auf rund 200.000 Quadratmetern und in komfortablen Bungalows innere Weisheit und Frieden zu Hotelpreisen verspricht. Generell ist da ja nichts gegen einzuwenden. Aber irgendwie will das Bild, das Hermann Ricker von sich vermitteln möchte und das, das in meinem Kopf von ihm entsteht, nicht so recht zusammen passen.

Vielleicht tue ich Master Han Shan aber auch Unrecht. Immerhin positiv zu erwähnen ist, dass das Retreat Center nach eigenen Angaben auch der sozialen Unterstützung für die einheimische Bevölkerung dient. Mit den Beiträgen werden umliegende Tempel, Schulen, förderungswürdige Studenten und bedürftige Familien unterstützt und Einheimische zu überdurchschnittlichen Löhnen beschäftigt.

Es handelt sich bei diesem Buch für mich eher um einen interessanten Lebensbericht mit einigen wenigen tieferen Einblicken. Ich bereue nicht das Buch gelesen zu haben, bin aber dennoch nicht vollends von Master Han Shans Weisheit überzeugt. 3 Sterne.

Mehr Informationen zu Master Han Shan und dem Retreat Center gibt’s unter www.navadisa.com.

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Tags: achtsamkeit, buddhismus, glaube, leben, lebenswege, meditation, religion, spiritualität   (8)
 

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selbstverwirklichung, tagebuch, glück, sabbatical, selbstoptimierung

Neuland

Ildikó von Kürthy ,
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Wunderlich, 18.12.2015
ISBN 9783805250863
Genre: Sachbücher

Rezension:

Die Hälfte des Lebens ist vorbei. War sie das nun, die bessere Hälfte? Oder erwartet uns in der zweiten Lebenshälfte noch etwas Großes? Worum geht es eigentlich im Leben? Um gutes Aussehen? Um Gelassenheit? Um Selbstverwirklichung? Darum Gutes zu tun? Oder nur darum, sein Leben so lange wie irgend möglich zu verlängern?

„Alle Frauen in der Lebensmitte sind auf der Suche. Aber es gibt kaum eine, die genau weiß, wonach sie eigentlich sucht. Nach dem Sinn des Lebens? Nach Selbstbewusstsein, Gelassenheit, Achtsamkeit? Nach einem neuen Mann oder lieber doch nur nach einer neuen Haarfarbe? Wie eine panische Büffelherde fegt eine riesige Schar sich selbst verwirklichender Frauen rund um den Globus. Und wer nicht mindestens Yoga macht oder eine Gluten-Unverträglichkeit vorzuweisen hat, verhält sich verdächtig.“

Ildikó von Kürthy ging für ihr neues Werk ein ganzes Jahr lang auf die Suche nach dem Sinn des Lebens. Ob sie ihn gefunden hat? Es sei soviel gesagt: Ob Schweigekloster und Meditation, Entschlackung am Tegernsee oder Yoga mit Ralf Bauer, ob Botox und Fettvereisung, gluten- und zuckerfreie Ernährung, knallhartes Sportprogramm oder radikale Typveränderung, ob Burlesque-, Selbstverteidigungs- oder Rhetorikkurs, ob Stil- und Organisationsberatung, Überlebenstraining oder sogar die Begleitung Sterbender im Hospiz – ausprobiert hat die Autorin vieles.

Neun Herausforderungen stehen auf ihrer To Do-Liste: Kein Alkohol, kein weißer Zucker, keine Kohlenhydrate nach 18 Uhr, nichts neues zum Anziehen und keine Einkäufe im Internet bei Großhändlern, strenge digitale Diät, einen Sommer lang so dünn, so blond und so schön wie möglich sein und dann mal sehen, ob sich das lohnt, Sport 4-6 mal die Woche sowie Ruhe und Konzentration durch Yoga und Meditation.

Nachdem ich während des Lesens von ihrem Buch „Unter dem Herzen: Ansichten einer neugeborenen Mutter“ viel und herzhaft gelacht und mich als frisch gebackene Mama oft selbst wiedererkannt habe, musste ich mir natürlich auch dieses Buch aus dem Leben der Autorin kaufen.

Ich persönlich finde Kürthys Schreibstil sehr unterhaltsam. Lustig und oft knallhart ehrlich. Ich habe wieder oft gelacht. Aus diesem Grund habe ich das Buch gerne zur Hand genommen und ziemlich schnell durchgelesen. Auch wenn ich mich dieses Mal nicht ganz so oft selbst wiedergefunden habe. Es drehte sich für mich doch etwas zu sehr darum, schlank und schön zu sein. Das es in der Kategorie „Ratgeber und Selbsthilfe“ eingeordnet wird, finde ich daher auch ziemlich übertrieben. Ok, ein paar Dinge habe ich mitgenommen für mein Leben. Beispielsweise meditieren, um den Geist zur Ruhe zu bringen und sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren. Die Zitate, die sie aus ihren Seminaren, gelesenen Büchern und Experteninterviews weitergibt, sind zum Teil wirklich lesenswert.

„Achtsam sein heißt, das gewohnheitsmäßige Denken zu unterbrechen und den Ist-Zustand wertfrei wahrzunehmen. Ihr braucht nicht alles zu glauben, was euch durch den Kopf geht. {…} Innehalten schenkt Freiheit. Das Jetzt ist unser wahres Zuhause.“

Und dabei ist es einfach amüsant, Ildikó von Kürty bei ihren Selbstfindungsversuchen zu beobachten und ihre ersten Meditationsversuche mitzuerleben. Auch in ihrer Beschreibung zur Gratwanderung zwischen Genuss und Verzicht, Völlerei und Maß finde ich mich hervorragend wieder.

„Maßlosigkeit in ein vernünftiges Maß bringen, aber trotzdem Dummheiten machen und Regeln brechen: Darum geht es. Die Mischung muss stimmen zwischen Ordnung und Unordnung, zwischen Vernunft und Unvernunft, zwischen Gemüse und Nikotin, grünem Tee und grauem Burgunder. {…} Entscheidend ist nicht, dass man alle Genüsse aufgibt, sondern dass man die Herrschaft über sie behält.“

Daran arbeite ich selbst gerade noch, wenn ich mir abends eine Tüte Chips öffne und dazu Schokoladenriegel esse ;-).

Also, gespickt mit der einen oder anderen Lebensweisheit, ist das Buch von Frau von Kürthy in erster Linie unterhaltsam. Zumal die meisten ihrer Selbstfindungsversuche für die Ottonormalfrau unerschwinglich und wohl auch kaum geeignet sind, den Sinn des Lebens für sich zu entdecken. Botox, Fettvereisung, Haarverlängerung, Entschlackungskur mit der Prominenz. Bleibt nur zu hoffen, dass ihre Investitionen sich mit dem Buchverkauf wieder amortisieren.

Bedenklich finde ich Kürthys Verallgemeinerungen was uns Frauen, aber auch die Männerwelt, angeht. Wenn man das so liest, könnte man denken wir seien alle ziemlich oberflächlich und auf Äußerlichkeiten bedacht – als würden alle Frauen ihre Antworten auf existenzielle Fragen des Lebens in Haarverlängerungen, Botox und Idealgewicht suchen. Ich kenne ehrlich gesagt keine. Aber ich verkehre auch nicht in der Hanseatischen Upperclass.

„Botox ist wie Facebook: Wenn du nicht mitmachst, bist du Außenseiter. {…} Sind die Zeiten vorbei, in denen die Zeit noch ungestraft Zeichen hinterlassen durfte?“

Es gibt auch einige (wenige) tiefgründigere und traurige Abschnitte, wie die Mithilfe im Hospiz, auch wenn  die Autorin hier nicht ganz so viel Zeit investiert wie in ihre Schönheitsbestrebungen.

„Reue erlebt sie selten, wenn sie an den Sterbebetten sitzt. Aber in völligem Einvernehmen mit sich und der Welt sterben auch nur wenige. „Kaum einer geht gerne,“ sagt Schwester Jeanette. „Es ist schwer, loszulassen, und auch wenn das Leben unerträglich geworden ist, hängen die meisten an ihm. Einige wenige sterben weise und voll innerem Frieden. Das sind die großherzigen Menschen, die in sich selber ruhen. {…} Man stirbt so, wie man gelebt hat.“

Irritierend fand ich, dass ich Zitate aus früheren Büchern wiedererkannt habe – und ich habe erst zwei Bücher der Autorin gelesen. Den Frauenromanen von Ildikó Kürthy wollte ich – nachdem ich ihren Schreibstil so toll fand – auch eine Chance geben und habe mir „Sternschanze“ gekauft. Leider. Ich fand ihn nämlich nicht besonders gelungen und sehr oberflächlich und flach. Aber das nur by the way. Dennoch: ihre Kolumnen und ihr Buch „Unter dem Herzen“ finde ich genial.

Die große Überraschung zum Schluss bleibt in „Neuland“ meines Erachtens aus. Wenn man aber außer Acht lässt, dass es sich in Kürthys Jahr (und Leben?) viel um Oberflächlichkeiten dreht und nicht jedes Wort ganz so ernst nimmt, dann kann man sich beim Lesen köstlich amüsieren. Hin und wieder sind mir ihre Pointen allerdings auch etwas zu gewollt witzig und provozierend.

„Im männlichen Gehirn, das Mutter Natur ja übersichtlich und platzsparend eingerichtet hat, wurden beide Bedürfnisse in einem Bereich angesiedelt. Wenn ein Mann also eine attraktive Frau sieht, wird der Teil seines Gehirns aktiviert, der ansonsten für Hunger zuständig ist. {…} In jedem Mann steckt ein beknackter Affe. Richtig. Aber jedem beknackten Affen steht ein dummes Huhn gegenüber, das sich beeindrucken lässt. Ich kann nur sagen, was das angeht, passen Männer und Frauen hervorragend zusammen.“

Alles in allem eine leichte, unterhaltsame Lektüre, die immerhin die eine oder andere Weisheit durchblicken lässt, aber nicht als genereller Lebensratgeber herhalten kann. Da ich keine 3,5 Sterne vergeben kann, runde ich eher ab auf 3 .

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Tags: achtsamkeit, gesundheit, leben, meditation, schönheit, selbstverwirklichung   (6)
 

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flüchtling, asyl, deutschland, asylanten, irak

Ohrfeige

Abbas Khider
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 01.02.2016
ISBN 9783446250543
Genre: Romane

Rezension:


"Stumm und starr vor Angst hockt sie in ihrem Drehstuhl, als hätte die Ohrfeige sie betäubt. {...} Was bedeutet es für mich, wenn ich weder in der Heimat noch in der Fremde leben darf? Frau Schulz?"
Karim kommt aus dem Irak - und er ist stinksauer. Er hat seiner Sachbearbeiterin Frau Schulz in der Ausländerbehörde etwas mitzuteilen. Doch wie so oft will sie ihm nicht richtig zuhören. Um sich Gehör zu verschaffen, verpasst Karim Frau Schulz eine Ohrfeige, fesselt sie an ihren Stuhl - und erzählt ihr seine Geschichte...
In "Ohrfeige" setzt sich Autor Abbas Khider mit der Situation junger Asylbewerber in Deutschland am Anfang des neuen Jahrtausends auseinander. Als der junge Iraker diesen Roman vor vier Jahren begonnen hat, konnte er noch nicht ahnen, welche Brisanz er bei seiner Veröffentlichung haben wird. Wie ergeht es jungen Asylsuchenden, wenn sie in ihrer neuen "Heimat" ankommen? Wie fühlen sie sich? Mit welchen Hürden haben sie zu kämpfen? Was erleben sie in den Mühlen deutscher Behörden? Und welche Zukunftsaussichten haben sie?
Aus der Sicht des jungen Irakers Karim erleben die Leser verschiedene Stufen des Asylverfahrens und die Odysee, die Flüchtlinge erleben bis sie hier eine dauerhafte Heimat finden - oder eben auch nicht. Während seiner verschiedenen Stationen in Bayern kreuzen zahlreiche Flüchtlinge Karims Weg - jeder mit seiner eigenen Geschichte. Mehr oder weniger gemeinsam versuchen sie Erlebtes hinter sich zu lassen, sich auf ihr neues Leben in diesem fremden Land einzulassen - und den Alltag und die Hürden der Bürokratie zu meistern. Aber das ist leichter gesagt als getan - wenn einen die deutsche Bürokratie zum Nichtstun verdammt. Kein Sprachkurs, keine Arbeit, keine Wohnung.

"Im Exil entstehen so viele seltsame Probleme und Rätsel, auf die man als normaler Mensch nie kommen würde. Schwierigkeiten aller Art brechen so plötzlich und unerwartet wie Naturkatastrophen über einen herein. Wir sind komplett ausgeliefert. Um zu überleben und nicht vollständig wahnsinnig zu werden, brauchen wir die Vermittler, die Mafiosi, die Geldgeilen, die Schmuggler, die bestechlichen Polizisten und Beamten, wir benötigen all die Blutegel, die von unserer Situation profitieren wollen."
Die Leser tauchen ein in eine beeindruckende Geschichte aus Hoffnung, Verzweiflung, Ausgrenzung, Bürokratie und endlosem Warten und Bangen. Dennoch verliert Karim nicht seinen Humor - und das wirre soziale Gefüge und die vielen, zum Teil skurrilen, Charaktere im Asylbewerberheim lassen einen auch immer wieder schmunzeln. Man fragt sich unweigerlich, wie viel von dem Roman der Autor wirklich erlebt haben könnte. Allerdings fragt man sich ebenfalls unweigerlich, ob Khider tatsächlich das deutsche System so erlebt hat wie im Buch beschrieben. Mir erscheinen Khiders Beschreibungen Deutschlands oft so stereotypisch. Polizisten sind grausam, rassistisch und voreingenommen und Beamten sind bürokratisch, gefühl- und anteilnahmslos. Es ist wohl leider nicht ganz unwahrscheinlich. Ich hoffe aber sehr, dass Abbas Khider hier absichtlich eine sehr überzogene Darstellung gewählt hat.

"Den irakischen Behördenapparat habe ich beizeiten hassen gelernt, weil er so chaotisch und bürokratisch ist wie eine göttliche Strafe, die keine Gnade kennt. Nun aber gab mir die stumpfsinnige entseelte deutsche Verwaltung wirklich den Rest. Ich war schon nach wenigen Minuten des Nachdenkens erschöpft von all den Stolpersteinen, die ich umgehen musste, und versuchte an einer Lebensgeschichte zu basteln, die das Gesetz anerkennen würde."
Der Schreibstil des Autors hat mir sehr gefallen - flüssig, knapp, kurzweilig und leicht satirisch. Der Autor verwendet für seine Geschichte überwiegend einfache Worte, aber sie ist komplexer als sie beim ersten Durchlesen erscheint. Sie erzählt vom Leben und von den Träumen junger Männer, die in der Fremde zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit schwanken, zwischen Humor und Aggression, zwischen Rückhalt und Verzweiflung. Bewusst lässt der Khider die Deutschen nicht zu Wort kommen in seinem Roman. Er soll die Augen öffnen für die Sicht der Asylsuchenden - und das gelingt ihm ganz hervorragend. Die ewig gleichen Gesichter im Asylantenheim, der Wunsch nach Kontakt zu Einheimischen, die verzweifelte Suche nach Abwechslung, die Sprachprobleme, die fehlende Zukunftsperspektive.

"Andere, normale Bürger waren wie Fabelwesen aus einem fernen Märchenland für uns, die wir bei unseren Streifzügen durch die Stadt beobachten konnten oder durch den Zaun hindurch sahen, der das Asylantenheim umgab. Hellhäutige Menschen aller Art, vermummt in dicke, warme und schöne Kleidung, die sehr gepflegt aussahen. Saubere Kinder, hübsche Mütter, stolze Väter."
Ganz bewusst spielt Abbas Khider auch mit den Asylgründen. Denn Karim ist gar kein politisch Verfolgter. Er ist aus ganz anderen Gründen aus seinem Land geflüchtet. Doch mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Die Geschichte findet ihren Ausklang in den Zeiten nach dem 11. September 2001.

"Nach diesem verdammten Tag wurde der wichtigste Ausdruck für uns Araber in Deutschland: verdächtig. Ich hätte niemals gedacht, dass Terroristen, die sich in den Bergen des Hindukusch in Afghanistan versteckt hielten, mit ihren Anschlägen in den USA mein Leben im bayrischen Niederhofen komplett auf den Kopf stellen könnten. Aber auch das ist wohl Globalisierung."
Schade, ich wäre sehr gerne zur Autorenlesung gegangen, als der Autor im Literaturhaus in Köln war - und hätte Abbas Khider einige Fragen zu seinem Werk gestellt. Leider konnte ich an dem Tag nicht. Dafür habe ich aber einen Artikel im Feuilleton der FAZ gelesen, in dem Julia Encke ein interessantes Interview mit dem Autor geführt hat - über das Buch, Khiders eigene Erlebnisse und wie er zum Thema Flüchtlingsproblematik steht.
Ich kann den Roman empfehlen und finde ihn sehr lesenswert.

"Wir sind alle wie die geschmacklosen und billigen Produkte aus dem Ausland, die man bei Aldi und Lidl finden kann. Wir werden mit dem Lastwagen hierhergeschleppt wie Bananen oder Rinder, werden aufgestellt, sortiert, aufgeteilt und billig verkauft. Was übrig bleibt, kommt in den Müll."

Über den Autor
Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren und mit 19 Jahren wegen seiner politischen Einstellung verhaftet. Nach seiner Entlassung floh er 1996 aus seinem Heimatland und hielt sich als illegaler Flüchtling in verschiedenen Ländern auf, bevor er 2000 seine Heimat in Deutschland fand. Hier studierte er Literatur und Philosophie. "Ohrfeige" ist bereits der vierte Roman des jungen Irakers. 2008 erschien sein Debütroman "Der falsche Inder". Seine Romane verfasst der Autor nicht in seiner Muttersprache, sondern in Deutsch. Er wurde bereits mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Nelly-Sachs-Preis und dem Hilde-Domen-Preis. Abbas Khider lebt und arbeitet in Berlin.

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