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15 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

2. weltkrieg, thomas mann, gedankengänge, exil, exilliteratur

Der Brief des Zauberers

Britta Böhler
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 17.02.2014
ISBN 9783351035730
Genre: Romane

Rezension:

„Not und Widrigkeit sind keine Hindernisse für den Schöpfergeist. Vielleicht sind sie sogar notwendige Voraussetzungen.“

Der Schriftsteller Thomas Mann (1875-1955) gönnte sich mit seiner Familie zu Zeiten Hitlers Machtergreifung nach langen Reisen Erholung außerhalb Deutschlands. 1933 blieben seine Werke bei der Bücherverbrennung zwar verschont, dennoch wird ihm eine Heimkehr abgeraten, weshalb er sich bald im Schweizer Exil widerfindet – mit einem Bruchteil seiner Habe.

„Man fühlt sich unbedeutend und nichtig, wenn man sich die Erde zwischen all den anderen Gestirnen vorstellt. Ein klitzekleines Sandkorn, nicht mehr. Und ein Menschenleben ist nicht einmal ein Blinzeln in der Gewaltigkeit des Weltalls.“

Zwei Jahre sind vergangen, ihn traf noch nicht das Schicksal der anderen Exilanten, die in Deutschland nicht mehr veröffentlichen dürfen. Doch nun möchte auch er Stellung nehmen – dieses Buch handelt nicht von Thomas Mann als Autor, sondern er als Mensch mit Ängsten und inneren Zerwürfnissen tritt in den Vordergrund. Drei Tage ringt Mann mit der Entscheidung den „Korrodi-Brief“ zu veröffentlichen.

„Wo ich bin, ist Deutschland.“

Britta Böhler legt ein gut recherchiertes Debut vor, welches uns Buddenbrooks’ Autor aus einfühlsamer Perspektive betrachten lässt. So interessant die Geschichte auch ist, so banal ist der Schreibstil. Ob eine bewusste Vereinfachung erzielt wurde oder Roman mit Sachbuch verwechselt wurde, bliebt offen. Die Lektüre liest sich schnell, Kenntnisse über Manns Werk sind dabei nicht vonnöten; vielmehr eignet es sich als blumige Ergänzung zu dessen Biographie. Trotz der vielversprechenden Idee bleibt die Lektüre unbefriedigend.  

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34 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

liebe, trauer, koma, liebeserklärung, rashid

Kleine Lichter

Roger Willemsen
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 01.11.2007
ISBN 9783596510276
Genre: Romane

Rezension:

„Liebe. Ich sehe dem Wort nach, wie es in der Dämmerung flattert. Wie wird es in deiner Nacht ankommen? Herrscht da noch die wirkliche Welt? A propos: Sehen zwei Raupen einen Schmetterling fliegen. Sagt die eine: In so ein Outfit kriegst du mich nie! Lachst du? Das stammt aus der wirklichen Welt.“

Roger Willemsen (*1955 in Bonn) war mir kein Begriff. Damals. Ich war zu Gast bei meiner liebsten Freundin in einer Stadt, in der man das Salz des Meeres riechen kann. Dieses Buch stand im Bücherregal, es zog mich magisch an, ich verschlang es. Und kaufte es mir nach. Ich ordne Lektüren ungern Namen und Bildern zu, wenn sie mir noch unbekannt sind – so bleibt der Zauber für mich erhalten und ich bin vorurteilsfrei. Als ich nun nach der Lektüre das Autorenportrait entdeckte, war ich schockiert: all diese poetisch filigranen Sprachkreationen einer Frau, denen ich mich so verbunden fühlte, die mich antrieben, mich fliegen lehrten, stammten von einem Mann! Ab dieser Sekunde beschloss ich Willemsen mehr Platz im Bücherregal einzuräumen.

„Ich habe Heimweh nach dir.“

Valerie bespricht Kassetten für ihren Freund Rashid, der seit sechs Monaten im Koma liegt. Sie lässt ihre gemeinsame Zeit wieder auferstehen, Gedanken werden wie Puzzleteile sorgsam zusammengesucht und es entsteht ein Gemälde mit unendlich vielen filigranen Feinheiten, dass jeder Pinselstrich verzaubert. Kitschig? Oh nein, nie habe ich etwas Schöneres aus solch einem Ideengerüst gemeißelt gesehen!

„Nie habe ich aufhören wollen, dich kennenzulernen.“

Rührend, weil sie nie eine Antwort erhält, sich selbst unterhält, definiert – man spürt ihre Rebellion, wie sie leidet, sehnsüchtig wartet, analysiert, theoretisiert, in ihrem Kummer hin und hergerissen ist. Es liest sich wie ein Notizbuch oder gar Tagebuch und vermittelt somit einen sehr intimen Leseeindruck.

„Mit der Liebe beginnt die Angst vor ihr.“

Doch es ist nicht immer sanft und weich, ganz im Gegenteil: Valerie zupft jede Nuance auseinander und fügt sie neu zusammen – macht vor keinem Tiefpunkt halt, wie sie auch die Höhepunkte nicht vergisst. Diese sprachlich ausgefeilte Liebe ist so unglaublich real getroffen und in einem poetischen Ton eingefangen, dass dieser eine nie gehörte Saite im Herzen zum Klingen bringt.

„Du fehlst, und ich kann nicht aufhören, dagegen zu rebellieren. An schlimmen Tagen war ich, bevor du auf der Bildfläche erschienst, überzählig in der Welt. Mit dir war mein menschenleeres Leben vorbei, und ich fing an, ein ganz anderes Leben zu führen: unseres.“

Keine durchkonstruierte Handlung, ein durchgehender Monolog und viele, viele schwelgende Gedanken. Ein Buch, welches polarisiert. Doch man darf nicht zu viel erwarten, sondern sollte sich treiben lassen, das Denken sein lassen und es in diesem Fall Valerie überlassen – sich damit begießen und schwebend daraus hervorgehen. Man sollte romantisch veranlagt sein, um diese Lektüre genießen zu können.

„Verstehst du, so verstanden liebt man erst, wenn man die Liebe überwunden, die Einsamkeit gesehen, die Fremdheit erfahren hat und sie dann immer noch will, die Liebe. Das ist es. Man erringt die Liebe, indem man sie überwindet.“

Ja, es ist wieder einmal die Liebe, die im Zentrum steht, nein, gar jedes Wort, jede Tätigkeit einhüllt. Doch ist es ein Liebesbrevier von einer poetischen Sorte, die gleichzeitig bestrebt ist aus der Rolle zu fallen und die Liebe an sich neu zu definieren. Es zu versuchen. Dabei auch gerne zu fallen, die Wunden zu studieren und daraus lernen aufzustehen. Ein zartes Buch, was jederzeit droht zu zerbrechen – wie die Protagonistin. Und dennoch könnte der Titel nicht passender sein: hoffnungsvolle Lichtblicke, die die Lektüre streicheln und einen Glanz zurücklassen, in welchem sich jeder spiegeln kann.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

buc, ab5jahre

Knigi

Benjamin Sommerhalder
Fester Einband: 24 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 26.03.2014
ISBN 9783257011708
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Das kleine Gespenst Knigi bekommt zu seiner Geburtstagsnacht ein Buch geschenkt, doch leider kann er es nicht lesen – alle Seiten sind weiß. Knigi ist in dem Alter, in dem Menschenkinder das ABC erklimmen. Da der kleine Geist ebenso wissbegierig ist, sucht er nach Möglichkeiten die Lektüre für sich zu erschließen.
Nach einigen Misserfolgen ereignet sich das Unverhoffte...

Der Grafiker Benjamin Sommerhalder (*1977 in Aarau) gründete 2001 den Verlag Nieves, der sich weitestgehend auf Künstlerbücher und Zines spezialisiert.
„Knigi“ ist sein erstes Buch, in welchem er sich als Autor und Illustrator beweist.

Das zunächst in Schwarz-Weiß gestaltete Buch begeistert mit liebevollen Illustrationen. Die Lektüre ist kurz, einfach und prägnant, doch nicht minder wirkungsvoll.
Knigi vermittelt auf wundervolle Weise den Wert der eigenen Phantasie und schleicht sich augenzwinkernd in unser Herz. Bemerkenswert ist darüber hinaus die Figur an sich: Kein Mensch mit bestimmtem Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe; kein Tier, keine Pflanze – sondern ein Geist. Es wird nicht selektiert, sondern auf minimalistische Weise eine Figur erschaffen, welche sich in jede Kultur integrieren lässt.

Ein schmaler Band mit Witz und Charme, der sich auf das Wesentliche konzentriert und nicht mit überladenen Details ablenkt: In der Kürze liegt ja bekanntlich die Würze.
Ein Geschenk für Jung und Alt – Im Frühling unseres Lebens lernen wir die Zeichen des Alphabets zu verstehen und zu nutzen, im Herbst ernten wir die Früchte und rufen uns in Erinnerung, wie wichtig Phantasie ist, mit der wir einst im Frühling spielten. 

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476 Bibliotheken, 9 Leser, 1 Gruppe, 47 Rezensionen

freundschaft, japan, liebe, haruki murakami, vergangenheit

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Haruki Murakami , Ursula Gräfe
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 03.01.2014
ISBN 9783832197483
Genre: Romane

Rezension:

„Alles hat seine Grenzen. Auch das Denken. Man sollte diese Grenzen respektieren, aber sich auch nicht fürchten, sie zu durchbrechen.“

Der Kult-Autor Murakami hat wieder einen Bestseller ausgespuckt. Und leider liest es sich so auch. Im Zentrum des Geschehens steht Tsukuru Tazaki, der rückblickend seine Jugend mit seinen besten Freunden erzählt und tiefe Wunden aufreißt. Doch denen muss er sich nun stellen. Die Farbensymbolik, die bereits beim Umschlagdesign des Buches aufgegriffen wird, zieht sich durch die gesamte Lektüre. Die Story ist vielversprechend, aber leider nicht tiefgehend genug. Der Protagonist bezeichnet sich als farblos, weil sein Name nicht wie die seiner Freunde im Farbspektrum zu finden ist. Die Freundschaft zerbricht eines Tages und wird zum Gegenstand der Lektüre. Wäre Tazaki Künstler und kein Ingenieur, hätte das sogar interessant werden können – im tiefsten Leid Großes erschaffen. Doch dem ist nicht so, Tazaki erklärt jedem genau, welchen Beruf er ausübt und selbst gen Ende bleibt der Leser nicht mit hohlen Vergleichen verschont. Charakter-Klischees werden ebenso bedient, tiefsinnige Gespräche bleiben dabei leider zu selten.

„Freies Denken heißt im Grunde, sich auch von seinem Körper zu trennen. Sein Gefängnis zu verlassen, die Ketten zu sprengen und sich in die reinen Höhen der Logik emporzuschwingen.“

Der Titel von Murakamis neustem Werk klingt vielversprechend, die hochwertige Verarbeitung des Buches vom Dumont-Verlag ebenfalls. Das Buch ist auch sehr flüssig zu lesen, doch trotz philosophischer Gedankenflüge und unterschwelliger Spiritualität bleiben die Dialoge leer. Zuweilen hoffte ich, es läge nur an der Übersetzung, aber im Angesicht der vielversprechenden Idee die Thematik unterzubringen, schleppt sich die Geschichte zunächst dahin, um anschließend in rasender Geschwindigkeit ein Ende zu finden – und sich mit der Vergangenheit in Wohlwollen auszusöhnen. Abgründe werden aufgezeigt und im selben Atemzug wird sich versöhnt. Die Belohnung für all das ist – wie soll es anders sein: eine Frau. Originalität ist anders.
Die Geschichte bietet so viel Potenti
al, doch der Autor verliert sich, es wirkt lieblos. Hoffentlich hat der Nachfolger wieder mehr zu bieten.
Für Murakami-Verehrer sicherlich ein Muss im Bücherschrank, für mich eignet es sich aufgrund der kreativen und hochwertigen Verarbeitung lediglich als dekoratives Schmuckstück – ohne Inhalt.

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uckermark, heimat, brandenburg, dorfgemeinschaft, deutscher buchpreis 2014

Vor dem Fest

Sasa Stanisic
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 10.03.2014
ISBN 9783630872438
Genre: Romane

Rezension:

„Es sollte uns sowieso immer um das Tun gehen und nicht um das Warum, und das mit dem Nutzen – wer mag überhaupt beurteilen, was einen hat und was nicht?“

Stanišićs Roman spielt in Fürstenfelde, einem Dorf in der Uckermark, das sich auf das Annenfest vorbereitet. Dabei wandert der Erzähler zwischen den Ich-Perspektiven der Bewohner hin und her, nimmt deren Sprache an. Die verschiedensten Charaktere kommen zu Wort, tragen ihre Geschichte huckepack: Herr Schramm, der doch nur eine rauchen will. Johannes, der die Glöcknerprüfung absolvieren möchte. Frau Kranz, die malt. Eine Fähe auf Nahrungssuche. Die depressive Frau Schwermuth, die die Vergangenheit im Haus der Heimat betreut. Der stumme Suzi. Und einige mehr.

„Meine Mu wiegt doppelt so viel wie mein Pa. Sie wiegt 130 Kilo. Im Frühling kommen 30 Kilo schwere Gedanken dazu. Dann legt sich meine 160-Kilo-Mu in die Narzissen im Garten, weil im Liegen die dunkeln Wolken circa hundertsechzig Zentimeter weiter weg sind.“

Stanišić skizziert seine Charaktere meisterhaft, legt ihnen ein Gewand aus Ironie und Zynismus um und verschwindet hinter der nächsten Ecke um zu beobachten, was geschieht. Souverän schenkt er ihnen Raum und gibt ihnen Licht. Wir kennen jeden dieser Charaktere – irgendwoher. Deshalb finden wir so leicht Zugang, denn des Autors Feder zeichnet Tiefgründigkeit, die von einfachen Menschen formuliert werden und dann verschwinden. Wie so oft im Leben. Doch wir als Leser nehmen sie wahr – wie wir Gedankengänge unserer älteren Zeitgenossen bewundern, die ihnen ihre Lebensgeschichten einhauchen, ohne sich dessen allzu oft bewusst zu werden. Dabei frei von Geltungsdrang – als ginge es um ein Backrezept. Und wir verstummen, schließen diesen oder jenen Satz ein. Alltäglichkeit, die mithilfe der Sprache verzaubert.

„In Wilfried Schramms Haushalt finden sich im Schnitt mehr Gründe gegen das Leben als gegen das Rauchen.“

„Vor dem Fest“ vermittelt eine Leichtigkeit und dennoch wurde ich von einer Traurigkeit übermannt. Stille. Man gelangt in ein Dorf, was wie ausgestorben wirkt, kein Mensch verweilt auf der Straße. Es ist langweilig. Altbacken. Erdrückend. Traurig. Diese Assoziationen überrollten mich während der gesamten Lektüre und ich konnte nicht entkommen, gleich wie schnell ich lief. Erst nach Tagen nähere ich mich wieder einigen Sätzen, bin entzückt von den Formulierungen, Gedanken. Warum war ich also traurig? Vermutlich weil der Fährmann tot war. Gleich zu Beginn. Ich mag es nicht, wenn ich Menschen nicht kennenlernen darf, über die so viel Schönes gesagt wird.

„Der lange eiserne Schlag verstummt. Um die Fähe wird es so still, dass sie die Stille schmeckt. Wenn alles still ist, schmeckt die Stille wie alles auf einmal.“

Frau Kranz’ Bilder erfassen all die Details, es scheint, als sei das Buch ein einziges Gemälde – der Leser darf selbst entscheiden, ob ihm der Pinselstrich gefällt.
Mittelpunkt in der Gemeinde: ein historisches Archiv im Haus der Heimat. Es stellt Verbindungspunkt zwischen Gegenwart und Vergangenheit dar – es wird sogar eingebrochen. In die Vergangenheit. Oder aus ihr heraus?

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musik, geige, nationalsozialismus, liebe, hamburg

Das letzte Land

Svenja Leiber
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.03.2014
ISBN 9783518424148
Genre: Romane

Rezension:

„Auch Ruven nimmt Abschied, aber davon weiß er noch nichts, weil man mit neun immer nur weiß, dass was kommt, und darüber das Gehen nicht merkt.“

Anfang des 20. Jahrhunderts, ein Dorf im Norden Deutschlands.
Ruven Preuk, der jüngste Sohn des Stellmachers Niels Preuk, zeigt schon im Kindesalter eine große musikalische Begabung, die dem Zufall sei Dank entdeckt wurde.

„Gespannt wie sein Bogen drückt der Streicher das Kreuz durch und schwenkt die Geige, als könne nun die Musik nicht anders, als sich ihm aufs Instrument zu werfen.“

Ruven ist besessen, nahezu abgekapselt vom restlichen Geschehen und nimmt zunehmend eine Sonderstellung im Dorf ein. Anfänglich mit Spott übersät, bleibt ein gewisser Stolz auf Kultur auf dem Land nicht verborgen. So gehen die Jahre dahin, die Geige scheint mit dem Jungenkörper verwachsen, so untrennbar sind sie beide.
Der erste Weltkrieg bricht aus und Niels Preuk, sowie andere Männer des Dorfes brechen auf.

„Dem Bien geht es nicht gut. Passen wir auf uns auf, mein Junge, damit uns nicht auch die Sonne verloren geht. Unserem Land leuchtet schon längst nichts mehr.“

Ruven wird erwachsen, zieht in die Stadt, verschreibt sich gänzlich der Geige, kommt zurück, geht wieder und zieht nach Hamburg. Doch der nächste Krieg lässt nicht allzu lange auf sich warten. Und nimmt Ruven mit.
Seit Kindheit an ist der Protagonist ein sehr stiller Charakter, denkt in Noten, ein Perfektionist, unausgeglichen, unzufrieden mit der Welt.
Svenja Leiber versteht es all die Charaktere sensibel zu umfassen, ihre Skizzen lassen erahnen, doch schreiben nie vor:

„Das war ein ganz und gar anderer Ruven, als der, der am Vormittag in die Stadt aufgebrochen war. Und etwas kroch sie dabei an, und sie musste einmal kurz in die Speisekammer und sich mit der Schürze übers Gesicht, weil da dieser große Abschied also an die Tür klopfte, und abends, als ihr im Bett nochmals die Augen überliefen, da hat Niels neben ihr gelegen und an die Decke geschaut, und dann hat er nach ihrer Hand gegriffen, wie seit Jahren nicht, und sie hat gesagt, das sei eben das Schlimme am Muttersein, dass man seit der Geburt immer nur Abschied nehme.“

Man wird sanft in die Szene hineingeschoben, als wäre man beteiligt, als bräuchte man den exakten Wortlaut nicht, dass die Mutter weint, denn die Augen sind Zeugen genug. Drum wird es umschrieben, jedoch durch eine Blume, die zauberhaft duftet – und dank des Dialekts dennoch so bodenständig ist. Eine herrlich schöne Mischung.

„Nicht Kraft, sondern Mut braucht man, um wirklich anzufangen. In dem Moment, wo du anfängst, tritt der Ton vor dich hin, und du hörst deine eigene Musik. Du hörst das, was an dir Musik ist. Es kann einen um den Verstand bringen, weil man plötzlich ahnt, was wir sind – ja, ich glaube nämlich, wir sind zum größten Teil Musik!“

Das Jungtalent wird erkannt und gefördert, ihm haftet eine Seele an, die berührt und dennoch bleibt Ruven ein Künstlergenie im Stillen. Traurig erinnert man sich an zahlreiche andere Künstlerportraits und möchte ihn berühmt sehen, dass all sein inneres Leid nicht umsonst gewesen war. Oder nicht? Ist es nicht die Stille, die an Wahrhaftigkeit allem voraus ist?

„Wir glauben immer, wir müssten uns die Zukunft einkaufen. Aber ich sage dir, die Zukunft, die kriegen wir umsonst. Die kommt mit langen Beinen.“

So begegnen wir in der Lektüre auch einem Kunstsammler, der zu Zusammenkünften einlädt, die Reichen und Schönen durch seine Galerie führt, auch Maler mit großem Vergnügen bei sich speisen lässt. Zu letzteren Gästen gehört ein norwegischer Künstler, der die Atmosphäre mit einer dunklen Melancholie beschwingt. Philosophie und Politik dominieren die Tischgespräche, die den Roman im Zeitgeschehen platzieren:

„Das Entscheidende ist aber, dass man die Langeweile selbst nur schwer erträgt. Da fängt man lieber einen Krieg an, zur Not gegen sich selbst. Man greift an, um nicht von etwas Unerhörtem angegriffen zu werden.“

Die Autorin schuf ein Künstlerportrait in der Spanne eines gesamten Lebens, begleitete den Protagonisten durch jede Lebensphase hindurch und beschreibt minutiös Gedanken, Gefühle, Handlungen ohne dem Leser je etwas wegzunehmen: seine Phantasie!
Das Gefährliche an Musikerromanen ist das Aufzwängen eines Charakters in dessen Instrument – Klischees, die bedient werden und trotz aller musikwissenschaftlichen Kenntnisse des Autors nicht berühren. Doch hier ist es anders. Man wird beladen mit Aphorismen, wir schreien nach Nachschub, denn wir sind als Leser beteiligt und genießen den Rausch an Phantasie, die freigesetzt wird – minder aufgrund der Geschichte selbst – die ohne Frage sehr berührt – sondern vielmehr weil sich die Autorin der Sprache als Kunstwerk selbst bedient.

„Der Tod ist das Nadelöhr, durch das der Mensch hindurchmuss, um an die Sonne zu kommen.“

Der Dialekt und all die blumigen Umschreibungen im Kontext unseres heutigen Sprachgebrauchs sind anfänglich gewöhnungsbedürftig, doch es verzaubert, lächelnd liest man ungewohnte Passagen ein zweites, drittes Mal und versucht sich diese Wortverzweigungen zu verinnerlichen, einzuschließen in seine Gedanken um zur rechten Zeit Gebrauch von ihnen zu machen.
Der Tod schleicht sich verkleidet immer wieder heimlich in die Geschichte hinein, hält die Zeit an und kitzelt den Künstler, fordert ihn heraus, spielt mit ihm, hält ihm den Spiegel vor – sehr zum Leid des Künstlers – doch bewegende Höhepunkte für den Leser. Ein Roman, der mit Vorsicht zu genießen ist, denn man fühlt, ja leidet gar mit dem Protagonisten, den man von seiner Kindheit bis ins Totenbett begleitet.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die Ruhelosen

Michèle Minelli
Flexibler Einband: 768 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 09.09.2013
ISBN 9783746629773
Genre: Romane

Rezension:

Eine opulente Familienchronik erstreckt sich über 150 Jahre und umfasst drei Familien, dessen Wurzeln ihrer acht Generationen sich über mehrere Länder verzweigen.
Der Stammbaum am Ende des Buches ist eine große Hilfe zur Orientierung und Koordinierung der zahlreichen Charaktere, die kommen und gehen, wie es ihnen beliebt.
Den Bogen zur Gegenwart übernimmt Aude, die der sechsten Generation entspringt. Erst gen Ende beschäftigt sich die Lektüre mit ihren Nachforschungen ihrer Familiengeschichte.

„In seinem Kopf waren die Gedanken zu einer wilden Jagd aufgebrochen, die er in ein Stillleben versuchte zu verwandeln, in etwas, das Sinn ergab.“

Als wäre dies der Leitspruch des Buches. Die drei Familien ziehen von Generation zu Generation „wie Zugvögel“ durch die Zeit und durch die Länder, bis sie sich unabhängig voneinander – zufällig – an verschiedenen Orten in der Schweiz niederlassen.
Die leichte Lektüre ist durchtränkt von Beziehungen hier und Streitigkeiten dort: zwischen Mann und Frau, Eheleuten und Kindern, alle gegen jeden. Neid, Wollust, Unzucht. Perückenmacher, Musiker, Kaufleute. Und vieles mehr. Es treten sehr, sehr viele Charaktere auf. Und in dieser großen Masse kann niemand recht begeistern. Wichtige politische Ereignisse der Zeit finden auf engem Raum Platz, während gepuderte Frauen einen ganzen Saal mit ihren Perücken einnehmen dürfen.

„Sie in ihrem weißen Tüllkleid mit der taubengrauen Schlaufe unter der Brust und dem himmelblauen Blütenkranz, der sich durch ihr Haar zog, und die runde Sonne am Himmel oben, die dieses Glück mit heißen, gleißenden Strahlen guthieß.“

Die Kapitel sind kurz und nichtssagend, nehmen an anderer Stelle wieder ihre Fährte auf, doch der Leser tappt etwas im Dunkeln, da bei all den vielen, barockschmucken Aufzählungen von den Farben und Formen der Puderdöschen, Spangen und dem Interieur das Wesentliche verschwimmt.
Die Sprache ist poetisch, beschwingt, leicht, gefällt auf den ersten Blick – keine Frage – doch leider ist es nur die Hülle, die glänzt.

Die Autorin Michèle Minelli erzählt zum Teil autobiographisch, stellte Recherchen an, in welchen sie durch Europa reiste, Andenken sammelte, Interviews führte und sich davon inspirieren ließ. Man möchte fast Erbarmen haben bei all den vielen Nachforschungen – auch beim Anblick der wenigen, aber durchaus positiven Rezensionen...
Doch ich spreche ja wie immer nur von mir. Denn das Cover passt zur Geschichte, es ist eben ein Frauenschmöker. Ohne Anspruch. Habe gehört, manche mögen das. 

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

island, menschen, schicksal, liebe, einsam

Sommerlicht, und dann kommt die Nacht: Roman

Jón Kalman Stefánsson
E-Buch Text: 320 Seiten
Erschienen bei Piper (com), 16.04.2013
ISBN 9783492961219
Genre: Romane

Rezension:

„Und wie groß ist der Abstand zwischen Leben und Tod, gibt es da überhaupt einen Abstand, und wenn ja, was bedeutet das dann? Messen wir ihn in Kilometern oder in Gedanken, und gibt es welche, die es hinüber schaffen – und auch wieder zurück?“

Wir betreten ein Dorf in Island und ziehen von Haus zu Haus. Jedes Kapitel eine andere Familie, ein anderer Charakter mit ihren eigenen Geschichten, die in ihrer Skurrilität liebenswürdiger nicht sein könnten. Höhepunkte und Abgründe erleben wir, doch irgendwann fällt es schwer zu (ver-)urteilen, denn wir beginnen den Menschen und seine Sehnsüchte und Schwächen zu verstehen. Über all dem werden wir von einer Stimme begleitet, die die Szenerie aus dem Off kommentiert und auf höherer Ebene kritisiert – doch im poetisch-philosophischen Sinne, dass wir uns ertappt fühlen: Wir erkennen uns in jedem Charakter und in jeder Geschichte ein Stück weit wieder.

„Die Zeit vergeht und strömt dabei durch uns hindurch, deshalb altern wir.“

Ein abgeschiedenes Dorf, welches wir über Jahre hinweg beobachten dürfen: das Fernsehen und das Internet halten Einzug; Familien gehen in die Brüche; neue Paare finden sich; die Einsamen bleiben einsam. Die Zeit scheint still zu stehen und der Zeitgeist holt die Bewohner nur im Schneckentempo ein, doch ist der Alltag eine einzige Metapher der Gesellschaft auf diese kleine Welt übertragen – und bietet Raum für Kritik: „Einst war die Religion das Opium, sie war das Mittel zum Zweck und die Hoffnung, dann kam die Wissenschaft, der Traum von einer besseren Welt, kürzere Entfernungen zwischen den Menschen, so ändert sich alles. Die Tage vergehen, ganze Zeitalter, und in unserer Epoche ist der Glaube kaum mehr als ein sonntäglicher Kirchgang, die Wissenschaft gehört den Wissenschaftlern, der Traum von der besseren Welt schlummert auf dem neuen Sofa.“

Tenor des Buches ist die Vergänglichkeit der Zeit und der Wert dessen in einem Menschenleben. Wie verbringen wir unser Dasein – welchen Idealen eifern wir hinterher? Warum grenzen wir einen einst erfolgreichen Unternehmer mit harmonischer Familie aus, weil er eines Tages keinen Sinn mehr im Bisherigen sah und sich Höherem widmete? Ist es idiotisch sich vor einem Geist zu fürchten? Was ist überhaupt „erlaubt“? Doch die Zeit ist nicht nur vergänglich, sie scheint an Geschwindigkeit zugenommen zu haben.

„Wozu habe ich gelebt, fragte unsere Tante auf dem Totenbett, und wir öffneten den Mund, um eine Antwort zu geben, ohne eine zu kennen, doch da war sie schon tot, denn der Tod ist uns einen guten Schritt voraus.“

Schon der Name, der Autor, der Ort lassen auf eine sanfte poetische Lektüre schließen und man wird nicht enttäuscht. Die Melancholie legt sich darüber wie eine zweite Haut, drängt sich dabei nicht in den Vordergrund. Es ist ein Buch, welches zu Regentropfen erklingt und eine Atmosphäre erschafft, die uns nach Ruhe sehnen lässt. Und der Roman ist voll davon. Diese wird zeitweilig durch Erotikszenen belebt, doch in all diesen beschriebenen Trieben und einzelnen Schicksalen lässt sich dennoch eine gewisse Stille wahrnehmen: die urige Sehnsucht des Menschen nach Nähe

„Die schwersten Ketten spürt man erst, wenn sie von einem abfallen.“

Ein Buch vollbepackt mit Nordlicht-Esprit, Witz und Tiefe – kein Epochenroman, keine Jahrhundertlektüre, doch eine für den jetzigen Moment: zum Innehalten. Nach der Lektüre kehrt trotz aller kritischen Fragen, die uns anstoßen, gar wachrütteln, sanft streicheln, Ruhe ein. Ein sehr ästhetisches Buch.

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bashert, itsik malpesch, buch, pogrom, religion

Bibliothek der unerfüllten Träume

Peter Manseau , Kathrin Razum
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 01.11.2011
ISBN 9783423140461
Genre: Romane

Rezension:

„Mach dir die Sprache zur Heimat, Itsik. Und mach sie dir auch zur Geliebten. Wenn du das tust, wirst du nie heimatlos sein und nie an gebrochenem Herzen leiden, das schwöre ich dir.“

Dies ist die Geschichte von Itsik Malpesch. Der jüdische Dichter wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in einer Pogromnacht in Russland geboren – ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt. Die Lage für die Familie spitzt sich in den folgenden Jahren zu, bis Itsik in jungen Jahren nach Amerika auswandert.

“Ich verließ Chaims Unterschlupf noch am selben Abend und wanderte acht kalte Stunden lang durch die Straßen, denn ich wollte lieber in meiner eigenen Sprache erfrieren, als an einem Ort sein, wo ich nicht einmal das Wort für Wärme kannte.”

Hoffnungsträger seiner traurigen Seele ist die vier Jahre ältere Sascha Bimko, die auch in der Nacht seiner Geburt anwesend war. Er glaubt an Bestimmung, sie sei seine bashert, der Begriff hat sich auch mir ins Hirn gebrannt. Fortan schwebt sie wie ein Engel über jede Tätigkeit, jeder Gedanke scheint von ihr durchtränkt. Doch Sascha weiß sehr lange nichts davon.

„Haben Worte nicht immer dann die größte Macht, wenn wir sie einsetzen, um uns selbst davon zu überzeugen, dass das, was wir wahrnehmen, die Realität ist? Wenn ein Junge einen Schwur tut, denkt er nicht daran, was das alles mit sich bringen könnte; ja, er denkt überhaupt nicht. Und doch werden seine Worte, indem er sie formt und ausspricht, zur Wahrheit.“

In 22 Kapiteln, die mit hebräischen Schriftzeichen betitelt sind, wechseln sich Itsiks Erinnerungen mit der „Gegenwart“ ab – parallel dazu wird ein amerikanischer Student in den Fokus gerückt, der in den 90er Jahren als katholischer Religionswissenschaftler unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Archivar in einer jüdischen Bibliothek wird.

„Wer weiß denn schon, ob ein Autor bleibt, wer er war, wenn er für sich selbst unlesbar wird? Woran soll man das erkennen? Seine Worte werden zu einem Esel, der einem Hund geboren wurde.“

Die Vergangenheit verschmilzt mit der Gegenwart, denn Itsik möchte sein Lebenswerk veröffentlichen, der Amerikaner soll es übersetzen. In den folgenden Kapiteln wird die Sprache selbst auseinandergenommen, als Medium interpretiert, Wortmalerei betrieben. Es wird poetisch, philosophisch, für Bibliophile ein Genuss!

„Schon“, sagte ich. „Aber wir haben uns ja nicht völlig verändert. Wir sind immer noch Juden, nicht wahr?“
„Wir sind das, wozu uns das Leben macht“, sagte Schweig.

Der Autor Peter Manseau studierte Religionswissenschaften und Literatur, ist nicht jüdischen Glaubens, doch hat mit diesem Werk zu Recht den National Jewish Book Award erhalten. Wem Religionen völlig fremd sind, wird keinen Zugang zu diesem Werk finden, denn eine gewisse Offenheit ist Voraussetzung um all diese fein komponierten Emotionen empfangen zu können.

„Was spielt es für eine Rolle, wie lange die Nacht ist, wenn eine Kerze angezündet wird?“

Meine erste Lektüre dieses Romans ist einige Zeit her, doch ich bin nach wie vor verliebt wie am ersten Tag! Trotz grausamer Szenen, grauem Schleier der Traurigkeit, ist dieses Werk der Inbegriff von Hoffnung – getragen durch die Liebe zu einem Mädchen, was fern aller äußerlichen Kriterien einer Beziehung steht, sondern allein aus den Erinnerungen wächst und im blinden Gehorsam seiner Seele folgt.

„Geheimnisse brauchen Gesellschaft, und sie brauchen Nahrung. Man muss Geheimnisse mit weiteren Geheimnissen nähren. Wenn man nicht für Nachschub sorgt, wenden sie sich gegen einen, das weißt du doch?“

Plötzlich bemerkt man in sich den Drang sich der hebräischen Sprache zu bemächtigen – einfach, weil die Schriftzeichen geheimnisvoll auf uns hinauf schauen und ergründet werden möchten.
Virtuos komponierte Figuren, Emotionen werden getragen von Worten, die Tiefgang vermitteln und dabei unglaublich fein bleiben. Ist es Zufall oder Schicksal? Diese Frage  rotiert, verfängt sich in den Antworten und bringt für die Fragenden weitlaufende Konsequenzen. Spannend. Doch das Werk ist nicht einzuordnen, es scheint alles zu umfassen, in gleichem Maße intelligent, vermittelnd, witzig, als auch grob und grausam zu sein. Darüber hinaus ist es eine bewegende Liebesgeschichte, die zu Tränen rührt.
Ein emotional sehr bewegendes Meisterwerk! Nach der Lektüre möchte man sein/e bashert suchen und festhalten.

„Du hast das ganze Wissen, das du fürs Leben brauchst, schon in dir. Es muss nur erschlossen werden.“

Trotz all der lauten Gewalt und den romantischen Melodien auf der anderen Seite des Ufers, spuckt das Werk keine großen Töne, sondern ist auf eigene Art wundersam still. Harfenklänge schaffen einen goldenen Schleier, in denen Schatten tanzen. Nach der Lektüre ist man aufgewühlt, ohja, doch ganz tief unten macht sich eine Befriedung breit, die keineswegs sättigt, sondern wundersam beruhigt.

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(30)

55 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 24 Rezensionen

portugal, nelkenrevolution, musik, familie, schicksal

Wohin der Wind uns weht

João Ricardo Pedro , Marianne Gareis , João Ricardo Pedro
Fester Einband: 229 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.03.2014
ISBN 9783518424292
Genre: Romane

Rezension:

„So wie man das Haus kennt, in dem man wohnt, wo man selbst im Dunkeln oder mit geschlossenen Augen seinen Weg findet. Nur von Erinnerung geleitet. Von einer Erinnerung, die eigentlich gar keine war. Eher ein Erkennen.“

Duarte wächst inmitten der Erzählungen des Vaters und Großvaters auf – sowohl beseelt glücklich, als auch einschneidend trostlos schwanken die Erinnerungen von einem Pol zum anderen und finden stets wieder ihre Mitte: Duarte selbst.

„Nicht ich habe angefangen, Klavier zu spielen. Das waren meine Hände.“

Beethovens 26. Klaviersonate erklingt beim Verfassen dieser Zeilen, bringt uns Duarte näher, der der ganze Stolz seines Umfelds ist – er wird für sein Klavierspiel bewundert und kann dem selbst dennoch nicht ebenso viel abgewinnen wie seine Zuhörer. Vielmehr sortiert, nein, sammelt er Noten wie Trophäen, stellt sich eine Bibliothek zusammen, denkt mehr über das Leben der Komponisten nach, als sich in deren Schaffen zu verlieren. Und wenn er es dann doch tut, ist das sein persönliches Verderben.

„Waise zu sein, heißt, für immer an einem Caféhaustisch zu sitzen und zu warten.“

Das Klavier tritt erst im Verlauf der Handlung auf, sodass sensible Leser nach Mordsszenarien und stellenweise vulgärem Vokabular anfangs sehnlichst auf Verschnaufpausen hoffen. Der allwissende Erzähler schwebt stets über den Protagonisten Duarte, der Dreh- und Angelpunkt des Familienepos ist – die Fäden führen zu ihm und stets von ihm weg. Sieben Kapitel, die wiederum in einzelne Abschnitte unterteilt sind, wechseln stetig den Schauplatz und würfeln alles durcheinander, was sich erst am Schluss mithilfe von alten Briefen des Großvaters zusammenfügt.

„Der Soldat Manteiro fragte, wieso man alles über einen Menschen vergessen könne und sich doch an jeder Nuance des Gesichts erinnere.“

Der Roman erscheint zunächst verwirrend, zu verstrickt und verzettelt, zu schwer beladen für den Zweck mehrere Generationen zu skizzieren. Die Handlung durchläuft viele Jahrzehnte, doch bei dieser knappen Seitenzahl in einem entsprechend hohen Tempo, dass der Leser sich unbarmherzig zurückgelassen fühlt, wo er doch just in dem Moment anfing, diese oder jene Szenerie zu mögen und sich häuslich zu machen. Diese Enttäuschung wird in der zweiten Hälfte des Buches hinweggefegt – die Handlung macht kehrt, nimmt den Leser an die Hand, streichelt Duartes Mutter in minutiösen Umschreibungen ihrer Handlungen, sucht nach Aufklärung, nach Vergebung. Es wird poetischer, minutiöser, ruhiger, doch büßt keineswegs an Spannung ein. Zwischen jedem Kapitelwechsel steht die Zeit kurz still, die Karten werden neu gemischt und die Perspektive ändert sich: es erhält jemand anderes die Aufmerksamkeit des allwissenden Erzählers.

„Es ist erstaunlich, wie viel mehr Kraft bestimmte Geschichten doch erlangen, wenn wir vorher wissen, wie sie enden.”

Die Rahmenhandlung schließt sich, ein Brief erklärt sich selbst und wir beginnen zu verstehen. Zeitweilige vulgäre Ausdrucksweisen, die doch aber nur Geschmacksfrage sind; ein etwas zu kurz geratener Generationenepos, der aber auf Fortsetzung hoffen lässt; ein Buchtitel, der im Original weitaus passender ist, doch dafür im Deutschen einen Überraschungseffekt während der Lektüre hinterlässt – kleine Schwächen, die aber, wo man den Autor nun kennengelernt hat, entschädigen lassen.
Von Zeit zu Zeit überrascht Pedro mit einem Regenguss an Ironie oder eine melancholische Traurigkeit verdunkelt den Horizont – nie gezwungen, sondern stets unvorhergesehen.
Ein überaus überraschender Roman, der viel Potential zeigt. Anfänglich schleicht sich Skepsis ein, doch spätestens nach der letzten Seite nimmt Überraschung ihren Platz ein. Und wenn man noch eine Nacht darüber geschlafen hat, betrachtet man das Cover und denkt: ein gelungenes Debut!

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ISBN 9783630620930
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