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Elian und Lira – Das wilde Herz der See

Alexandra Christo , Petra Koob-Pawis
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 20.07.2018
ISBN 9783423762205
Genre: Jugendbuch

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: Elian und Lira - Das wilde Herz der See
Autor: Alexandra Christo
Verlag: dtv (20. Juli 2018)
Genre: Fantasy
ISBN-10: 3423762209
ISBN-13: 978-3423762205
ASIN: B07D2ZZZYN
Originaltitel: To Kill a Kingdom
Seitenzahl: 384 Seiten
Preis: 16,99€ (Kindle-Edition)
18,95€ (Gebundene Ausgabe) 
 
 
Inhalt:

"Lügen sind keine Antwort."
"Aber sie klingen viel besser als die Wahrheit"


Lira ist die Tochter der Meereskönigin. Jahr für Jahr ist sie dazu verdammt, einem Prinzen das Herz zu rauben. Doch dann begeht sie einen Fehler und ihre Mutter verwandelt sie zur Strafe in die Kreatur, die sie am meisten verabscheut – einen Menschen. Und sie stellt Lira ein Ultimatum: Bring mir das Herz von Prinz Elian oder bleib für immer ein Mensch.
Elian ist der Thronerbe eines mächtigen Königreichs. Doch das Meer ist der einzige Ort, an dem er sich wirklich zu Hause fühlt. Er macht Jagd auf Sirenen, vor allem auf die eine, die so vielen Prinzen bereits das Leben genommen hat. Als er eines Tages eine junge Frau aus dem Ozean fischt, ahnt er zunächst nicht, wen er da an Bord geholt hat.
Bald wird aus Misstrauen jedoch Leidenschaft und das Unerwartete geschieht – die beiden verlieben sich ineinander.


Bewertung:
 
Schon immer hatten Geschichten, die die Verlockung des Meeres, den Ruf des Abenteuers in sich hatten, eine besondere Anziehungskraft auf mich. Schon als ich das Cover dieser Geschichte zum ersten Mal sah war mir klar: dieses Buch muss ich lesen! Insgesamt erwartete mich eine wundervolle, atmosphärische Geschichte voller Abenteuer und Leidenschaft, die jedoch auch einige Schwächen aufweist.


"In den Abgründen unserer Seele sind Elian und ich gar nicht so verschieden. Zwei Königreiche erlegen uns beiden Verantwortung auf, der wir uns nicht gewachsen fühlen. Wir sind gefesselt: er an ein Land und ein vorgezeichnetes Leben, ich an das mörderische Erbe meiner Mutter. Und beide vernehmen wir den Lockruf des Ozeans: ein Lied von Freiheit und Sehnsucht."


Das Cover ist auf den ersten Blick ein wahrhaftiger Eye-Catcher und in der Gesamtkonstruktion definitiv stimmig, je länger ich es jedoch betrachte, desto weniger gefällt es mir. Natürlich ist da zum einen das Bild eines Mädchens, das mit den blauen Augen, den Sommersprossen und den roten Haaren wohl Lira darstellen soll. Wie schon so oft erwähnt stören mich Modelbilder auf Buchcover immer, außerdem finde ich nicht, dass auf Lira in der Geschichte ein besonderer Fokus liegt. Auf dem Bild links sieht es zum anderen aus, als würden feine, blau-weiße Linien das Mädchen als Wellen umspielen. In echt sind es jedoch breite, glitzernde Streifen, die relativ wenig mit Wellen gemein haben. Nichtsdestotrotz gefallen mir die düstere Ausstrahlung des Covers und die große, gefächerte Muschel, die jedes Kapitel überschreibt. Vielleicht wäre es hier aber eine Bereicherung gewesen, motivisch näher am Original zu bleiben.

Erster Satz: "Ich habe ein Herz für jedes Jahr meines Lebens."

Mit diesem treffenden und eingängigen Satz steigen wir in das Schicksal der Sirene Lira ein, die weit im ganzen Reich als "Fluch der Prinzen" bekannt ist, da sie jedes Jahr im Monat ihres Geburtstages das Herz eines jungen Prinzen raubt. Als sie auf der Jagd mit ihrer Cousine Kahlia ihre Sammlung aus 17 Herzen zu früh um ein weiteres ausbaut, zieht sie den Zorn ihrer Mutter auf sich. Eigentlich kein Problem, wäre diese nicht die allmächtige Meereskönigin, die auf Unterordnung durch Furcht und Schrecken baut, anstatt auf Treue und Loyalität durch Akzeptanz und Respekt. Als sie daraufhin ihres Gesangs, ihrer unglaublichen Schönheit und Stärke beraubt als schwacher Mensch auftaucht, ist das Meer nicht länger ihr Freund, sie nicht länger auf der Jagd und der Sirenenjäger und Prinz Elian nicht länger ihre Beute sondern ihr Retter. Als dieser die wehrlose, junge Frau aus dem Meer fischt, ahnt er nicht, dass sich hinter dem hübschen Gesicht und der großen Klappe in Wahrheit das Monster verbirgt, dass zu jagen er sich zur Aufgabe gemacht hat. Doch als Lira immer menschlicher wird und Eigenschaften wie Treue, Hilfsbereitschaft und Freundschaft nicht länger als Schwäche abtun kann, erkennt sie die Tragweite der Schreckensherrschaft ihrer Mutter und muss sich entscheiden, wer sie sein will...


"Keto schuf uns als wildes Kriegsvolk, aber erst die Meeresköniginnen gaben ihren Hass als Erbe an uns weiter. Königinnen wie meine mutter, die ihre Kinder zu seelenlosen Kriegerinnen formte. (…) Ist es das, was Menschsein bedeutet? Sich in Gefahr begeben, um jemand anderen zu schützen?"


Zuerst einmal muss ich sagen, dass ich wirklich beeindruckt davon bin, wie viel Handlung, Entwicklung und Emotion Alexandra Christo in diesen kurzen 382 Seiten unterbekommt. Selbstverständlich sind einige Lücken im Setting zu finden und viele der interessanten Königreiche werden nur kurz genannt, mit einer groben Charakterisierung abgetan, die oft fast schon klischeehaft wirkt. Außerdem gehen auch viele Nebencharaktere im Sog der Handlung ein wenig unter, die Liebesgeschichte, die Entwicklung von Hass zu Leidenschaft - ging mir zu plötzlich und schnell von statten und gerade am Ende tauchen ein paar Handlungen der Protagonisten auf, die für mich nicht logisch waren.


"Wir sind Splitter desselben Spiegels. Zwischen uns liegen Welten, doch (…) die Grenzen sind verschwommen. Dies hat Elian in einer einzigen Sekunde geschafft, mit etwas, das ihm so leichtfällt wie das Atmen: Er hat gelächelt. Nicht, weil ich Qualen litt, vor ihm den Kopf neigte oder mich seinen Launen unterwarf wie bei meiner Mutter. Er hatte gelächelt, weil er mich gesehen hat, wie ich frei und dem Tod entronnen zu ihm zurückkehren wollte."


Doch was erwarte ich von solch einem kurzen Roman? Eine ausgearbeitete Herr-der-Ringe-Welt mit zig Handlungssträngen und Hintergrundgeschichten? Nein! Es ist bei Fantasy dieser Kürze immer eine große Herausforderung eine Welt aufzubauen, die mehr ist, als bloße Kulisse der Handlung, während genügend von letzterer vorhanden ist und auch Zeit bleibt, die Protagonisten zu entwickeln. Und das schafft die Autorin wunderbar, sodass ihr noch die Zeit bleibt, viele der erzählten Legenden über die Königshäuser als Lüge aufzudecken und großpolitischen Angelegenheiten und Intrigen anzusprechen. In vielen kurzen Szenen und dem daraus resultierenden hohen Tempo entführt sie uns in ein Reich voller bunter Völker, düsterer Legenden von blutrünstigen Monstern und strahlenden Helden, die einen unerbittlichen Kampf zwischen Meer und Land ausfechten. Gerade durch die vielen Gegensätze von glänzenden Königshäuser über die Sirenenjagd auf rauer See, auf einer abenteuerlichen Reise auf dem Piratenschiff Saad bis zum höchsten Punkt des Landes, zu einem der größten Schätze der Welt wird die Geschichte spannend gehalten, auch wenn ihr Ausgang schon recht früh kein Rätsel mehr ist.


"Ein Prinz darf von Mythen und Legenden umrankt sein", erklärt er mir. "Aber er kann nicht in ihnen leben. Er muss in der echten Welt leben und dort den Stoff für die Erzählungen liefern." Er sieht mich ernst an. "Du solltest weniger auf Märchen hören, Elian, sonst wirst du am Ende selbst nichts weiter sein als ein Märchen."


Die Geschichte wird abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Elian und Lira erzählt, was jedoch nur mit einem Schriftartwechsel angekündigt wird. Das ist zum Teil recht verwirrend, da hätte ich mir eine eindeutigere Kennzeichnung gewünscht. Die beiden Protagonisten haben mir aber sehr gut gefallen. Obwohl sie auf unterschiedlichen Seiten stehen, sind sie gar nicht so verschieden. Beiden werden ihre Freiheit und die Möglichkeit zur vollständigen Entfaltung durch die Verantwortung ein Reich zu führen und dessen Ansprüchen zu genügen gehemmt. Lira wurde von ihrer Mutter, der Meereskönigin, von klein auf zu einem Monster gemacht: Der Fluch der Prinzen. Zwischen dem Bedürfnis, ihre Mutter stolz zu machen, eine würdige Nachfolgerin zu sein und dem Ruf ihres Gewissens und der Gewissheit, etwas ändern zu wollen fühlt sie sich zunehmend hin und her gerissen, bis sie entscheidet, dass sie kein Monster mehr sein will. Doch ohne ihre Grausamkeit, ihre Kraft, ihr Gesang - was bleibt denn da noch übrig?


"Ich dachte, ich müsse meinem Reich etwas beweisen. Aber was? Dass ich genauso bin wie sie? Das Tod und Grausamkeit mir mehr bedeuten als Gnade? Dass ich an jedem Verrat begehe, auch wenn er noch so treu ist? (…) Ich denke an Crestell, die Kahlia vor mich beschützt und ihr eigenes Leben geopfert hat. "Werde die Königin, die wir brauchen."


Elian ist ebenfalls der nächste Thronfolger seines Königreichs, dem goldenen Midas. Doch anstatt sich mit ätzenden Hofangelegenheit zu langweilen, folgt er dem Ruf des Meeres tief in seinem Herzen und zieht als Sirenenjäger durch die Meere. Auch wenn die Welt ihn als den Piratenprinz sieht, der als hoffnungsloser Abenteurer verlacht ist, hat er in seiner Crew eine Familie, in der Saad ein Zuhause, in dem Dasein als Pirat ein Frieden gefunden, den er in seiner wirklichen Heimat nie gefühlt hat. Doch als er sich um sein größtes Ziel zu erreichen auf schmutzige Deals einlassen muss, die ihn sein Königreich kosten könnten, muss er sich entscheiden, wer er sein will: Pirat oder Prinz, oder vielleicht doch etwas Besonderes dazwischen...?


"Glaubst du wirklich daran, dass Mörder aufhören können, Mörder zu sein?"
"Ich möchte es glauben." Seine Stimme klingt so anders als die des selbstbewussten Prinzen bei unserer ersten Begegnung. Er ist nicht der Mann, der ein Schiff kommandiert, oder der Sohn, der ein Land regieren soll. Er ist weder das eine noch das andere, und doch ist er beides zugleich. Sein wahres Ich ist irgendwo dazwischen, wo nur ich es sehen kann."



Durch den jeweils anderen schaffen die beiden es, sich ihrer Rolle bewusst zu werden und frei zu entscheiden, was sie tun und lassen wollen. Auch wenn die Liebesgeschichte sich erst gar nicht und dann sehr schnell entwickelt, mochte ich das sarkastische Zusammenspiel der beiden und habe sehr gerne zugesehen, wie die beiden sich selbst und dem jeweils anderen immer näher kommen.


"Nur damit du es weißt", sage ich zu Lira. "Wenn du mich belügst, werde ich dich vielleicht töten."
Lira streckte das Kinn vor. Ihr Blick ist rebellisch und ihre gen sind zu blau, um ihnen standzuhalten. Im ersten Moment bin ich mir nicht sicher, ob sie eine Antwort parat hat, aber dann fährt sie mit der Zunge über die Lippen und ich weiß, dass sie den süßen Vorgeschmack auf das genießt, was sie mir gleich an den Kopf werfen wird.
"Vielleicht", sagt sie, währen das schummrige Licht sich an ihre Haut schmiegt, "töte ich dich zuerst."



Durch den zielsicheren Schreibstil der jungen Autorin bekommt jede Szene eine eindeutige Funktion und wir werden durch die bildhafte Sprache immer tiefer ins wilde Herz der See gezogen, bis wir -wie ein Matrose dem Gesang einer Sirene- dem Bann der Geschichte erliegen. Dabei wird eine recht düstere, spannungsgeladene, abenteuerliche, mitreißende Atmosphäre geschaffen, die jedoch an einigen Stellen etwas bröckelt, wenn sich seltsame "Lücken", Unstimmigkeiten in Szenen, auftun, die holprig wirkten. Das kann ich leider nicht besser in Worte fassen, es könnte auch an der Übersetzung liegen. Nichtsdestotrotz wird uns hier eine düstere Adaption des Kunstmärchens "Die kleine Meerjungfrau" von Hans Christian Andersen präsentiert. Mit einem Unterschied: die Liebe, die eigentlich nicht erwidert werden kann, gewinnt hier nach einem epischen Kampf am Ende doch.



Fazit:

Alexandra Christos düstere Adaption des Kunstmärchens "Die kleine Meerjungfrau" entführt in ein Reich voller bunter Völker, dunkler Legenden von blutrünstigen Monstern und strahlenden Helden, die einen unerbittlichen Kampf zwischen Meer und Land ausfechten. Eine atmosphärische Geschichte voller Abenteuer und Leidenschaft!

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Tags: abenteuer, blutrünstige monster, freiheit, kunstmärchenadaption, legenden, liebe, lied der sirenen, magie, meer, sehnsucht, strahlende helden   (11)
 

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Hass im Fadenkreuz

Tatjana Flade
Flexibler Einband: 300 Seiten
Erschienen bei edition oberkassel, 05.07.2018
ISBN 9783958131408
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: Hass im Fadenkreuz
Autor: Tatjana Flade
Verlag: edition oberkassel (5. Juli 2018)
Genre: Romantischer Thriller
ISBN-10: 3958131409
ISBN-13: 978-3958131408
ASIN: B07DPTKNS3
Seitenzahl: 300 Seiten
Preis: 7,99€ (Kindle-Edition)
12€ (Taschenbuch)
Weitere Bände: "Herz im Fadenkreuz)


Inhalt:


Nachdem die illegale Anti-Terroreinheit IFFAR aufgeflogen ist, ist Scharfschütze Lysander (Lys) in Kambodscha untergetaucht. In Berlin schwimmt ein rechtspopulistischer Parteichef auf einer Erfolgswelle und bereitet sich auf die nächsten Wahlen vor. Deshalb beschließen die ehemaligen Auftraggeber der IFFAR, die Einheit zu reaktivieren. Lys erklärt sich zu diesem letzten Auftrag bereit, auch um Esther wiederzusehen. Esther aber gerät ins Visier der rechtsradikalen Terrororganisation »Thule Kämpfer«, weil die sich an Lys und seinen Kameraden rächen wollen …


Bewertung:


Nachdem mich Tatjana Flade schon mit ihrem Fantasy-Roman "Im Zeitschatten von Mondthal" überzeugen konnte und nach dem ersten Teil der Reihe "Herz im Fadenkreuz" noch einige Fragen offen blieben, war es für mich keine Frage, ob ich dieses Buch lesen werde. Und nach spannenden, mitreißenden 300 Seiten, auf denen ich mitgelitten, mich gefreut und ab und zu auch gegruselt habe, kann ich auch für die Fortsetzung der Geschichte meine Leseempfehlung aussprechen.

Das Cover ist ganz im Stil des ersten Bandes gehalten. War bei Teil 1 noch "Pützchens Markt" in Bonn im Fadenkreuz der Waffe zu sehen, zeigt das Gewehr nun auf ein junges Pärchen, das angedeutet im Hintergrund zusehen ist. Der Titel sticht auf dem verschwommenen Hintergrund mit der klaren, weißen Schrift sofort ins Auge und komplettiert die Gestaltung, die schon gleich auf den ersten Blick Spannung weckt.


Erster Satz: "Draußen klapperte es, Schlüssel klirrten und der Riegel schepperte."


Die Fortsetzung beginnt einige Wochen nach dem letzten Teil mit einer kurzen aber aufsehenerregenden Szene aus der Justizvollzugsanstalt Straubing. Mit dem Mord an dem Rechtsterroristen geht die Geschichte um linken und rechten Terror, Gewalt und Gewalteinsatz um Gewalt zu verhindern und das zwischen den Fronten verwirrte Deutschland weiter.
Nachdem vereitelten Anschlag auf den Jahrmarkt in Bonn wurde die illegale Antiterroreinheit IFFAR aufgelöst und Lys musste in Kambodscha untertauchen. Als die Wogen um den IFFAR Skandal sich zu glätten beginnen und der rechtspopulistische Parteichef Daniel Kraußler immer beliebter wird, beschließt der ehemalige Auftraggeber, die Einheit zu reaktivieren. Lys ist das gerade recht, denn er leidet sehr unter der Trennung mit Esther, die in Bonn zurück blieb. Während Lys und Esther versuchen, wie ein normales Paar zusammen zu sein, tritt die rechtsradikale Terrororganisation "Thule Kämpfer" wieder auf den Plan. Denn nach dem vereitelten Anschlag hat der Anführer Voigt noch eine Rechnung mit Lys offen. Und wer wäre da ein geeigneteres Ziel als die unschuldige Esther...


"Der Schmerz, der einem anderen Menschen zugefügt wird, kann mehr wehtun als der eigene."


Die Geschichte wird in kurzen Abschnitten aus verschiedenen Perspektiven an verschiedenen Orten auf der Welt erzählt und springt zwischen den Fronten genauso sehr wie zwischen unseren beiden Hauptpersonen Esther und Lys. Gerade zu Beginn lassen sich die Bedeutungen mancher Handlungsstränge noch nicht ganz nachvollziehen und zusammen mit dem eher gemächlichen Tempo ergibt sich ein eher langsamer Start in die Geschichte. Nachdem dann aber die ersten Ereignisse losgetreten wurden, nimmt der Thriller sowohl zwischenmenschlich, moralisch, politisch als auch handlungsmäßig immer mehr Fahrt auf, bis sie auf ein unvermeidlich scheinendes Ende zusteuert...


"Ich habe Angst", flüsterte sie.
"Du musst keine Angst haben. Es ist alles in Ordnung."
"Das stimmt nicht. Ich habe das Gefühl, dass alles auseinanderbricht. Gestern kam die Nachricht von der Ermordung des Grünen-Politikers. Als ich am Mittwochabend nach Hause gefahren bin, haben zwei Männer Obdachlose in der U-ahn attackiert. Die Demo in Bonn wurde zur Massenschlägerei. Überall ist diese Gewalt, ich halte das nicht mehr aus." (…)
"Und du bist auch ein Teil dieser Gewalt."


Durch die vielen Perspektivwechsel und kurzen Einblicke in das Leben verschiedener Menschen wird langsam immer mehr Spannung aufgebaut, was durch Tatjana Flades schmucklosen aber präzisen Stil unterstützt wird. Dabei bekommen wir immer wieder Appetithäppchen anderer Perspektiven vorgesetzt, haben jedoch einen deutlichen Fokus auf die beiden Hauptpersonen, die abwechselnd als personale Erzähler berichten. Sehr schön finde ich außerdem, dass wir mehr über Lys´ Vergangenheit erfahren und auch Esther sich weiter entwickelt. Auch wenn sie gegen jegliche Art von Terror ist, unterstützt sie die Vorgehensweise der IFFAR in keinster Weise. Sie liebt Lys zwar, erträgt jedoch die ständige Angst um ihn, die Vorstellung, dass er Menschen ermordet und die ganzen Geheimnisse nicht länger. Während ihre Liebe sie in Band 1 noch relativ blind hat werden lassen, traut sie sich hier mehr, Lys die Meinung zu sagen und zeigt dabei eine lobenswerte Haltung, Werte und viel Mut als es hart auf hart kommt.


"Ich halte diesen Hass nicht mehr aus!"


Auch Lys´ Beweggründe kann man als Leser durchaus nachvollziehen. So handelt er, wo der Rechtsstaat gehemmt ist und geht mit Gewalt gegen den Rechtsterror vor - seiner Meinung nach die letzte und einzige Möglichkeit. Doch Esther ist sich ganz und gar nicht sicher, ob Gewalt wirklich eine Lösung sein kann, ob Terror zur Terrorbekämpfung eingesetzt werden darf, wann oder ob überhaupt Morde legitim sein können und ob es nicht sogar notwendig für eine Demokratie ist, dass sie auch Rechtspopulisten aushalten kann, ohne dass das System zusammenbricht. Ihr seht, es kommen eine Menge diskutabler Grundsätze auf und in mitten des politischen Kreuzfeuers steht das junge Paar, das unter dem ständigen Schweigen, den Geheimnissen, der Ungewissheit und den unterschiedlichen Wertvorstellungen zu leiden hat.


"Manche Dinge müssen getan werden, ob sie uns gefallen oder nicht", flüsterte er. Sie wollte seine Umarmung abschütteln und gleichzeitig wollte sie, dass er sie noch fester hielt. Angst, Wut und Hilflosigkeit vermischten sich und brachen wie eine Welle über sie herein."


Allgemein hat für mich die unheimliche Aktualität des Themas die Anziehungskraft der Geschichte ausgemacht. Mit Terroranschlägen, der Bedrohung durch Rechtsradikale, Problem-Parteien und viel Misstrauen und Gewalt gegen alles, was anders ist als die Norm, ist die Zukunft, die die Autorin wohl gesehen hat, als sie das Buch schrieb, doch sehr nahe gerückt. Es ist wirklich traurig, wie man immer wieder allzu bekannte Situationen wiedererkennen muss, Gedankengänge und Handlungen präsentiert bekommt, die von der Realität nicht weit entfernt liegen. Und so hat es mich noch viel mehr berührt und betroffen zurück gelassen, wenn Lys und seine Freunde einen Parteitag der rechtsradikalen "Partei für ein sauberes Bayern" in Blut und Asche aufgehen lassen oder planen, den Parteichef und Spitzenkandidat der "Deutsche Partei für Recht und Freiheit" zu ermorden. Denn insgeheim werden sich viele Leser dabei erwischen, die Taten der IFFAR nicht ganz so abwegig zu finden, wie man das eigentlich sollte. Insgesamt wird also die Frage aufgeworfen, wie wir alle mit der wachsenden rechten Gesinnung und Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung umgehen sollen. Natürlich hat die Geschichte darauf keine Antwort, aber durch dieses nur wenig überspitze Szenario wird uns klargemacht, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen. Den Rest müssen wir wohl selbst herausfinden... Und wer darauf keine Lust hat - es gibt wahrscheinlich auch noch eine weitere Fortsetzung!

"Warum laufen Kraußler und seiner Partei so viele Leute nach?" "Weil er einfache Rezepte und schnelle Lösungen verspricht." (…) "Die Leute nehmen die Gefahr nicht ernst genug und dann ist es zu spät!"


Fazit:

Ein hochaktueller Thriller über ein junges Paar zwischen Gewalt, Hass und Terror. Spannend, nachdenklich, provokant!

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Tags: gewalt, hass, liebe, linksextremismus, provokant, rechtsextremismus, spannung, terror, thriller   (9)
 

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Ein Schatz aus Papier und Magie

Traci Chee , Sylke Hachmeister
Fester Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 28.06.2018
ISBN 9783551583550
Genre: Jugendbuch

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: Ein Schatz aus Papier und Magie
Autor: Traci Chee
Genre: Fantasy
Verlag: Carlsen (28. Juni 2018)
ASIN: B077PWZBS4
ISBN-10: 3551583552
ISBN-13: 978-3551583550
Originaltitel: The Speaker
Seitenzahl: 544 Seiten
Preis: 12,99€ (Kindle-Edition)
18,99€ (Gebundene Ausgabe)
Weitere Bände: "Ein Meer aus Tinte und Gold";
"Die Schlacht um Wörter und Blut"
 
 

Inhalt:

"Meine Liebe ist für neugierige Blicke unsichtbare. Doch das Herz wird sie immer finden."

Nach der schmerzhaften Begegnung mit der Wache flüchten Sefia und Archer sich in den Schutz der Wälder. Doch vor den qualvollen Bildern der Vergangenheit gibt es kein Entkommen. Um diese zu vertreiben, beschließen sie, die Organisation der Impressoren zu zerschlagen und die gefangenen Jungen zu befreien. Doch jeder Kampf macht Archer mehr und mehr zu dem unerbittlichen Krieger, der er früher war. Sefia will ihm beistehen und sucht in ihrem Buch nach Antworten. Denn Archers Schicksal stellt nicht nur ihre Freundschaft auf die Probe – auch die Sicherheit Kelannas steht auf dem Spiel.


Bewertung:
 
Schon nach dem ersten Teil der Trilogie um das Buch von Kelanna "Ein Meer aus Tinte und Gold" war ich hin und weg von diesem wundervollen Märchen für Erwachsene, das in eine wundervoll schreckliche Welt aus Wasser, Schiffen und Magie entführt. Doch spätestens nach diesem grandiosen Mittelteil, der ästhetische Gestaltung, herzzerreißende Gefühle und brutale Action zu einer unvergesslichen Geschichte vereint, bin ich ein absoluter Fan von Traci Chee.


"Dass du dir eine bessere Welt wünschst, macht dich nicht zu einem schwachen Menschen.
Es macht dich zu einem Menschen, den die Welt braucht."



Ganz besonders hervorheben will ich zu Beginn wieder die Gestaltung, die ein einziger Traum in Silber ist und zusammen mit dem ersten Cover zu den schönsten aber vor allem zu den passendsten Gestaltungen ist, die ich jemals gesehen habe. Ganz im Zentrum des Bildes steht wieder das alte Buch mit den vergilbten Seiten, aus dessen Tiefen eine Burg zuwachsen scheint, auf welche ein Mädchen mit wehenden Kleidern zu reitet - das Mädchen als Leserin oder als Gelesene, als Teil der Geschichte, die kein Anfang und kein Ende hat. Der Titel umrahmt dieses Bild wieder in schwarzen Schnörkeln und komplettiert die Gestaltung, die super zu Band 1 passt. Im Gegensatz zu der warmen, lebendigen Ausstrahlung von Band 1 verströmt das Silber eine kältere, klinischere Faszination, die angesichts der heftigeren Handlung und brutaleren Atmosphäre definitiv gerechtfertigt ist. Besonders gut gefallen hat mir aber auch wieder die Gestaltung innerhalb der Buchdeckel. Dort erwarten unser prüfendes Leserauge jede Menge liebevoll gestaltete Überraschungen wie zum Beispiel wieder eine geheime Botschaft, die zwischen den Zeilen versteckt an uns gerichtet ist:

"Dies ist ein Wort und ein Zauberspruch
- ein festes Versprechen oder ein Vertrauensbruch.
Hältst du die Macht der Worte in den Händen,
kannst du deinen Namen zum Guten wenden.
Bist du Held oder Schurke?
Spitzel oder Retter?
Manche Titel sind Lüge.
Andere sind Netter.
Jetzt hast du Sprache, kannst dein Wesen bestimmen,
doch für die Erwählten gibt es kein Entrinnen"


Von einer herausnehmbaren Klappkarte von Kelanna, über eine kleine, handgeschriebene Notiz, den Plan der Wache für den Roten Krieg, kurzen Briefen, geheimnisvolle Zeichen, vergilbt erscheinende, hervorgehobene Auszüge aus dem Buch, verschiedene Schriftarten bis zu versteckten Botschaften ist alles dabei um unser Gehirn auf Trab zu halten und unser Leserherz zu erfreuen! So werden wir auf ungewohnt aktive Weise mit in das Geschehen mit einbezogen und werden Teil dieser Geschichte, sowie Sefia Teil der ihrseits gelesenen Geschichte wird. Die Autorin spielt hier mit dem Grundgedanken einer Geschichte, eines Buches, wirft die philosophische Frage in den Raum, ob wir bloß Teil einer Geschichte sind, die andere lesen und schafft gleichzeitig eine Hymne an das Lesen an sich. Ganz große Klasse!


Erster Satz: "Archer träumte schon wieder, und in seinen Träumen hatte er keinen Namen."


Die Geschichte um die Bedeutung von Geschichten beginnt mit einem kurzen Prolog aus Archers Traumperspektive. Schon in den ersten Sätzen bekommen wir auf eindrucksvolle Art und Weise geschildet, dass Sefia und Archer zwar der Wache mit dem Buch entkommen konnten, jedoch für immer auf der Flucht sein werden. Auf der Flucht vor den Häschern der Wache aber vor allem auf der Flucht vor der Schuld, der Vergangenheit, der Gewalt, die beide immer wieder einholen. Als sie schließlich auf eine Gruppe Impressoren treffen, die einige Jungen gefangen halten, beschließen die beiden, dass sie nicht länger passiv auf der Flucht sein können und befreien die Jungen. Schnell muss Sefia jedoch feststellen, dass die Jungen, die dasselbe Trauma wie Archer erlitten haben, von ihren Erfahrungen und ihrer Wut vereint zu einer Einheit zusammenwachsen, deren innerster Kern zwar Verständnis und Respekt aber vor allem auch eines ist: Blutdurst! Getrieben vom Verlangen nach Rache ziehen die Blutritzer - wie sie sich bald nennen - in den Kampf um alle Impressoren ganz Deliennes zu vernichten. Doch während sie ihrem Ziel immer näher kommen, entfernen sich die beiden treuen Begleiter immer mehr voneinander und gleichzeitig rückt auch die schlussendliche Entscheidung näher, welche Rolle Sefia und Archer im roten Krieg spielen wollen. Denn wenn Archer der Junge aus der Prophezeiung wäre, stünde sein Schicksal schon fest. Bald muss sie sich entscheiden, was sie alles dafür aufgeben würde, um das Schicksal zu ändern, denn Sefia steht ein Schatz auf der Seite: ein machtvoller Schatz aus Papier und Magie....


"Meine Familie hat damit angefangen", sagte sie. "Ich werde dir helfen, es zu beenden." Er strich über seine Narbe. Unter den Fingerspitzen spürte er, wie sein Blut bei der Aussicht auf künftige Kämpfe pochte. "Aber wenn wir Impressoren erledigen", warnte sie, "wir Tanin davon Wind bekommen und dann macht sie Jagd auf uns." Archer nickte und verzog den Mund zu einem Lächeln. "Soll sie doch. Wir veranstalten unsere eigene Jagd!"


Nachdem Band 1 recht gemächlich und unbestimmt in die Geschichte startete und noch viele Fragezeichen im Raum schwebten, ist diese Handlung deutlich zielgerichteter. Trotzdem wird hier ein für einen Fantasy-Roman sehr langsames aber wunderbar flüssiges und intensives Tempo eingehalten. Ganz besonders schön fand ich wieder die verschiedenen Handlungsstränge, die in verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten spielen, sich aber nach und nach alle zu einem Gesamtbild verflechten. Immer wieder erfahren wir hier mehr über die Geschichte Keleannas, die Pläne der Wache, die wahre Rolle Sefias Eltern und die Vergangenheit Archers. Mit jeder neuen Wendung, mit jedem neuen Schritt in eine andere Richtung, mit jeder neuen Enthüllung, mit jedem Kapitel wird dieses Buch um ein wundervolles Detail reicher und die Handlung um einen Hauch komplexer. Man kann vielleicht kritisieren, dass in diesem Buch ein bisschen viel Hin- und Her die Handlung beherrscht, doch gerade diese chronische Unentschlossenheit, die rastlose Suche nach dem richtigen Weg und das sich Entfernen und wieder Aufeinander zugehen der Protagonisten macht das Feinfühlige der Geschichte aus. Durch den geschickt verschlungenen Aufbau der Geschichte und dem tollen Setting, das abwechslungsreich und wunderbar detailreich ausgearbeitet ist, wird die Geschichte zu einem kleinen Gesamtkunstwerk!


"Das Meer war ein prachtvolles, stürmisches Wesen, blauer als der Himmel, mit silbernen Wellenkämmen und Flügeln aus Gischt und Nebel. Seine Stimmen waren weiße Vögel mit schwarz gefleckten Flügeln und das tiefe Dröhnen von Wasser gegen Fels."


Vor allem zeichnet diese Reihe jedoch die hinreißende Atmosphäre aus, die unter anderem durch den besonderen Schreibstil von Traci Chee generiert wird. Die bildgewaltige Sprache schafft es, die schöne Vielseitigkeit Kelannas und ihrer Bewohner in Worte zu bannen, sie mit Vergleichen greifbar zu machen und sie mit ergreifenden Metaphern direkt in unserem Herzen zu verankern. Dabei kreiert sie einen eigentlich abstrusen Mix aus brutaler Düsternis und süßen Träumen. Noch nie habe ich eine Geschichte gelesen, in der düstere Gedanken so dicht neben zärtlicher, verborgener Liebe liegen, in der neben der brutalen Welt noch so viel Platz für sehnsuchtsvoller Melancholie ist, in der auf der einen Seite spannende Abenteuer locken während ein Wort weiter schon der tiefe Abgrund wartet. Trotz dass diese Teil handlungsintensiver, blutiger und epischer ist, beschert er uns dennoch einen zarten, vorsichtigen Blick auf die Charaktere und enthüllt mit einfühlsamen Gefühlsbeschreibungen die Abgründe der menschlichen Seele.


"Als sie ihn fand war er ein Nichts gewesen - kein Mensch und kaum ein Tier. Er hatte sich neu erschaffen müssen, um Archer zu werden: der Junge ohne Vergangenheit und mit einer strahlenden Zukunft an der Seite seiner Retterin. Aber jetzt, da ihm wieder einfiel, was er alles getan hatte, konnte er nicht einfach Archer sein. Oder das namenlose Tier aus seinen Erinnerungen. Oder der Junge, der er vorher gewesen war. Ganz gleich, wer er jetzt war, er wusste, dass er sie nicht verdient hatte."



Durch den teils auktorialen Erzähler und teils personalen Erzähler bekommen wir die Möglichkeit, unsere lesenden Blicke über alle Zeiten, über alle Königreiche Kelannas und in etliche Köpfe schweifen zu lassen und gleichzeitig globale, lokale, zwischenmenschliche und innerpersonelle Entwicklungen im Auge zu behalten.

Sefia ist immer noch die Hauptprotagonistin und mit ihrer verständnisvollen, mutigen, herzlichen, sensiblen, selbst bestimmten, gewitzten Art einfach liebenswert. Hier macht sie jedoch eine leise, zaghafte Entwicklung durch, die sie auf eine ganz neue Betrachtungsebene hebt. War sie zuvor von ihrem Durst nach Rache für den Tod ihrer Eltern und der Entführung ihrer Tante getrieben, leidet sie nach der Begegnung mit der Wache unter der Wahrheit, dass ihre eigenen Eltern Schuld am Leid sind, dass Archer und so vielen anderen widerfahren war. Als ihre Tochter nimmt sie einen Teil der Schuld auf sich und will als Ausgleich verstehen, wieder gut machen und vor allem: Archer beschützen, egal was auf dem Spiel steht.


"Wer bist du dann?"
Er strich ihr über die Innenseite des Handgelenks. "Ich... ich weiß nicht. Manchmal bin ich einer von ihnen." Er machte eine Kopfbewegung zum Lager, wo Frey und die Jungs immer noch feierten. "Ich habe eine Mission, ein Ziel. Aber dann wieder... bin ich der Killer, den du im Dschungel gefunden hast, der ohne Namen, und ich will etwas kaputt machen, zerstören... aber so will ich nicht mehr sein." Jede Stelle, die er berührte, kribbelte vor Wärme, und als er das Gesicht zu ihr neigte, war Sefia von dem Schwung seines Kinns und seiner Lippen gebannt. (…)
"Wer möchtest du dann sein?", flüsterte sie. Sanft fuhr er ihr über die Wange.
"Ich will gut sein. Ich will ganz sein. Ich will der Junge sein, den du verdienst!"



Doch da dieser mit seiner Bestimmung kämpft und immer mehr zu dem Menschen wird, der er nie sein wollte, stellt sich das als schwieriger heraus, als gedacht. Nachdem der junge Mann von seiner Familie weggerissen, zum Kämpfen ausgebildet und zum Töten gezwungen wurde, hat es eine ganze Weile und viel Unterstützung durch Sefia benötigt, um wieder den Menschen in sich zu entdecken. Doch immer noch ist da dieser geschlagene, gebrochene Teil in ihm, der nach Blut schreit. Und als er das Echo dieses Bedürfnisses in den Gesichtern der befreiten Jungen sieht, wächst in ihm immer mehr der Drang zu kämpfen an und es stellt sich die Frage, ob er nicht ungewollt in die Hände der Wache spielt, wenn er dem unerbittlichen Krieger, den die Prophezeiung vorsieht, immer ähnlicher wird.


"Bei den schwierigen Fragen gibt es kein Richtig. Da gibt es nur das,
womit du am besten leben kannst."



Ein wunderbarer Seitenstrang der Handlung sind wieder die Abenteuer von Käpt´n Lees auf seinem Schiff, die "Strömung der Zuversicht". Schon im ersten Teil habe ich den geheimnisvollen Käpt´n genau wie seine Crew, dem starken Zimmermann Ross, dem blinden und doch nicht orientierungslosen Ersten Steuermann, dem mutigen Lind, der geschickten Doc, dem missmutigen Jigo, dem begabten Cooky, der jungen Vorsängerin Jules mit der wunderschönen Stimme und vielen weiteren besonderen Persönlichkeiten, ins Herz geschlossen. Doch während Käpt´n Lees in Band 1 mit wahnwitzigen Abenteuern versucht hat, auf Teufel komm raus in den Köpfen der Menschen als Erinnerung zu überleben und somit unsterblich zu sein, bewegt ein Einwand seiner ersten Vorsängerin ihn zum Umdenken: Ist er ein Mensch, der es würdig ist, sich an ihn zu erinnern? Um sicherzugehen, dass er sich seinen Platz in der Geschichte auch wirklich verdient hat, beginnt er die Gesetzlosen um sich zu vereinen um dem Krieg ein für alle mal ein Ende zu setzen...


"Das wird eine Herausforderung", sagte Dimarion.
"O ja."
"Mühsam."
"Ja."
"Und unbedeutend."
"Ja."
Dimarion bohrte seinen Stock in den Sand. "Ich kenne dich lange genug, Käpt´n. Du machst keine unbedeutenden Sachen. Sie sichern dir nicht deinen Platz in der Geschichte."
"Ich weiß" (…) "Aber sie machen dich zu einem Menschen, der einen Platz in der Geschichte verdient hat!"



Nebenbei verfolgen wir auch wieder Tanin, deren Geschichte und Beweggründe genau wie der genaue Hintergrund der Machenschaften der Wache genauer durchleuchtet werden. Und während sie in Band 1 klar als Antagonistin gesehen werden konnte, wird die Ambivalenz hier immer größer und dem Leser fällt es immer schwerer, sie für ihre Taten zu verurteilen. Sehr bereichert hat die Geschichte auch die vielen neuen Charaktere, die durch die Blutritzer ihren Teil in der Handlung finden. Der Anführer Kaito, die willensstarke Frey, die Brüder Versil und Aljan, alle haben sie einen Platz in meinem Herz gefunden!


"Wir waren tot, aber jetzt stehen wir wieder auf. Was geschrieben steht, trifft immer ein!"


Ein ganz neuer Handlungsstrang, der mich sehr gefreut und auch sehr berührt hat ist die Geschichte um den König von Delienne: letzter der Linie Corabelli - Eduoar, der einsame König. Als König steht er dem Plan der Wache im Weg und muss deshalb aus dem Verkehr gezogen werden. Darauf ist der galante Diener, sein bester Freund Arcadimon angesetzt. Doch in ihm kämpfen schon zu lange widersprüchliche Gefühle, zu große Zweifel, als dass er den Mann ermorden könnte, der gleichzeitig sein größtes Glück und sein schlimmstes Verderben ist....


"Kälte ergriff Arcadimons Herz. (…)
Nein.
Nein.
Nein. (…)
"Dir gehört die Liebe eines Corabellis", flüsterte Ed. "Für uns sind Liebe und Tod eins."



Insgesamt streben alle Handlungsstränge auf die Frage nach dem Schicksal und ob man es abwenden kann zu. Inwiefern unsere liebgewonnenen Protagonisten ihrer Bestimmung entgehen und zu einem guten Ende finden können, werden wir aber leider erst in Band 3 erfahren, welcher am 25. April 2019 erscheinen wird. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt!



Fazit:

Die Frage nach dem Schicksal kann dieses wundervolle Märchen für Erwachsene zwar nicht beantworten, dennoch verzaubert es durch seine brutale Düsternis und süßen Träumen. Auf der einen Seite handlungsintensiver, blutiger und epischer, enthüllt es auf der anderen mit einfühlsamen Gefühlsbeschreibungen die Abgründe der menschlichen Seele.

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Tags: abenteuer, abgründe der menschlichen seele, einfach nur wow, episch, gewalt, kampf, liebe, magie, märchenhaft, traum   (10)
 

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Seelentanz

Lucy Haien
Flexibler Einband: 36 Seiten
Erschienen bei Books on Demand, 04.06.2018
ISBN 9783752835502
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: Seelentanz - Die Farben des Lebens
Autor: Lucy Haien
Verlag: Books on Demand (4. Juni 2018)
ASIN: B07DW286BR
ISBN-10: 3752835508
ISBN-13: 978-3752835502
Seitenzahl: 36 Seiten
Preis: 1,99€ (Kindle-Edition)
3,99€ (Taschenbuch)

 

Inhalt:

Die Gedichte in ‚Seelentanz‘ sind so bunt wie das Leben selbst, bestehend aus einer Farbpalette reich an Gedanken und Gefühlen. Sie sind verträumt, drücken starke Emotionen aus und spenden Trost. Thematisiert werden unter anderem Liebe, Mut und Hoffnung, aber auch Tod und Vergänglichkeit. Sowohl Schönheit als auch Gewalt der Natur dienen Lucy Haien oft als Inspirationsquelle und werden poetisch verarbeitet.


Bewertung:


Gedichte sind die schönste Form, mit deren Hilfe man seine Gefühle ausdrücken kann. Wie schon die Autorin in ihrem Vorwort schreibt, gewähren sie oft einen direkten Einblick in die Seele, was notwendig ist, um andere wirklich zu erreichen. Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich bemerkt habe, dass Lyrik noch viel mehr ist als unverständliches Geschwafel voller aufgeblasener Stilmittel, die es zu interpretieren gilt und finde es sehr schade, dass in der Schule solch ein Bild vermittelt wird. In diesem Gedichtband bekommen wir aber mal wieder ein gutes Beispiel dafür, dass Gedichte vor allem eines können: aufbauen, berühren, konfrontieren, beschäftigen und bestätigen. Und gerade weil Lucy Haien es hier mit Versmaß, Reimschema und Co nicht ganz so ernst nimmt, kann diese farbenfrohe Hymne an das Leben ihre ganze Wirkung entfalten!


Das Cover ist sehr schlicht mit dem schwarzen Hintergrund und der dezenten Motive. Neben dem farbigen Umriss eines Kopfes kommt der kleine weiße Titel gut zur Geltung und gibt einen passenden Rahmen für die 32 Seiten Gedichte, die 25 kleine Gedichte, Gedanken und Geschichten enthalten.

"Du bist das Jetzt, das Hier,
du bist das Sein,
willst sein, kannst nur sein
-existieren,
auf der Wiesen,
auf der grünen,
weichen Wiese
unter dem azurblauen Himmel."
(Sommerwind, Seite 19)



Thematisch springen die Gedichte im ganzen Spektrum des Lebens herum - von philosophisch anmutenden Gedanken über die Vergänglichkeit des Lebens über eine Ode an die Königin des Gemüses (das Möhrchen) bis zu einem Appell an den Traummann lässt Lucy Haien nichts aus. Sie bedient sich dabei viel der Natur, lässt auf den Winter direkt den Sommer folgen und hinterlässt insgesamt nach jedem kleinen Gedicht ein warmes Gefühl. Auch in Länge und Stil variieren die Gedichte stark. Allgemein ist die Form jedoch sehr modern gehalten, in freien Reimen mit sehr kurzen Sätzen und vielen Ellipsen. Mal Monolog, mal Ode mal Gedankenstrom - eins bleibt jedoch immer gleich: der lebensbejahende Kern der Gedichte.


Natürlich gab es wie bei jedem Gedichtband auch das ein oder andere Gedicht, das mich nicht angesprochen hat, doch der Großteil hat mich begeistert. Zwischen versteckten Witzen und Aufmunterungen lassen sich auch immer wieder Parallelen zu den Werken berühmter Philosophen wie zum Beispiel Nietzsche oder Kafka erkennen. Insgesamt schafft die Autorin es wunderbar, Grundstimmung, Spannung und Aussage kurz und präzise zu erfassen. Er scheint das zu treffen, was man schon immer mal empfunden hat, aber nie in logische Sätze fassen konnte. Man sollte die Gedichte aber immer mal wieder zwischendurch genießen und auf gar keinen Fall -so wie ich- alle auf einmal Lesen, denn auch wenn jedes Gedicht einen ganz eigenen Charme hat, ist das Muster doch irgendwann bekannt.

"Ich will
meine Flügel ausbreiten
in die Luft emporschwingen
schreien - aber vor Glück
alles entflammen und zerstören
was mich zerstörte"
(Leben - ist es nur ein Traum, Seite 9)



Fazit:

Diese farbenfrohe Hymne an das Leben bezaubert mit kleinen Portionen Leben, Liebe und Aufmunterung.

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Tags: freude, gedichte, leben, liebe, lyrik, tod, traum   (7)
 

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Nixenmagier

Helen Dunmore
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei cbj, 01.03.2011
ISBN 9783570400371
Genre: Jugendbuch

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: Nixenmagier
Autor: Helen Dunmore
Verlag: cbj (28. März 2011)
Genre: Fantasy
ISBN-10: 3570400379
ISBN-13: 978-3570400371
Seitenzahl: 336 Seiten
Altersempfehlung: Ab 10 Jahren
Weitere Bände: Nixenblut; Nixenfluch
Preis: 7,99€ (Taschenbuch)
 

Inhalt:

Eigentlich wollte Sapphy sich vom Meer und ihrem Freund Faro, dem jungen Wassermagier, fernhalten, da ruft dessen Lehrmeister Saldowr sie zu sich: Der Gezeitenknoten - ein magischer Stein in der Tiefe des Meeres, der die Gezeiten lenkt - ist dabei, sich aufzulösen. Einzig Sapphy, halb Mensch, halb Nixe, vermag ihn wieder zusammenzusetzen und zu verhindern, dass eine riesige Flutwelle die Küste zerstört. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt...


Bewertung:

Schon nach Band 1 war ich positiv überrascht, von dieser kraftvollen Geschichte, die uns hier in Form der fantastischen Meerestrilogie geboten wird. Da ich gleich alle drei Teile bei mir im Schrank stehen habe, konnte ich gleich nach dem Beendigen des ersten Teiles zur Fortsetzung greifen und weiter lesen. Es erwartete mich wieder eine Geschichte, die sehr langsam und gemächlich startete, von der ich auch ein wenig mehr erwartet hätte, die mich aber mit einer liebevoll gestalteten Charakterentwicklung und Action am Ende unterhalten konnte.

Zu diesem Cover habe ich wieder genau dasselbe zu sagen, wie bei Band 1. Im Vergleich mit den kreativen und definitiv aufmerksamkeitserregenden Covermotiven der ersten Ausgabe kann das Motiv mit dem angedeuteten Mädchengesicht und dem blauen Lippenstift leider überhaupt nicht mithalten. Stattdessen wird mit den überspitzen farbigen Akzenten und den dunklen Rändern eher ein falscher Eindruck von der Handlung erzeugt. Denn auch wenn unsere Charaktere hier ein wenig älter sind, würde ich die Geschichte dennoch für Mädchen und Jungs ab 10 Jahren empfehlen. Durch den Titel wird die Zusammengehörigkeit der Reihe nochmals unterstrichen, den Titel der Erstausgabe "Indigo - Im Bann der Gezeiten" finde ich jedoch immer noch passender. Insgesamt kann ich also überhaupt nicht verstehen, warum es notwendig war, die Trilogie nochmals unter einem neuen Namen und in einem neuen Gewand herauszubringen.

Erster Satz: "Indigo bei Nacht."

Ihr erinnert euch - Indigo ist die Mer-Bezeichnung für die Unterwasserwelt der Ozeane, in die Sapphy zusammen mit ihrem Bruder Conor nach dem Verschwinden ihres Vaters eingetaucht ist. Die Geschichte beginnt einige Monate nachdem Ende des ersten Bandes und die Geschwister wohnen nun mit ihrer Mutter und deren Freund Roger in der nächstgelegenen Stadt St. Pirans. Trotz der Distanz zu ihrer früheren Heimat lassen die Erinnerungen an den verschollenen Vater die Familie nicht zur Ruhe kommen. Während Conor Freunde findet und sich immer besser mit seinem neuen Leben abfindet, fällt es Sapphy sehr schwer, loszulassen. Vor allem, weil sie immer wieder den Ruf des Meeres hört und sich von dessen Sog nicht losreißen kann, ist es für sie unmöglich, von der Suche nach ihrem Vater abzulassen. Doch als sie ihn eines Tages wirklich findet, bringt er ihr nicht die gewünschte Botschaft: der Gezeitenknoten am Grunde des Meeres beginnt sich zu lösen und alle Bewohner der Küste befinden sich in schrecklicher Gefahr...


"Du trägst sie in dir, mein Mädchen, die Gaben beider Seiten, und es gibt zwei Möglichkeiten, sie einzusetzen. Entweder reißen sie doch in zwei Teile, oder sie heilen das, was der Heilung bedarf. Harte Zeiten werden kommen. Unruhige Zeiten..."


Wieder beginnen wir sehr langsam und ruhig mit dem Leben der Familie in der Stadt. Eigentlich hatte ich erwartet, dass wir nach der ruhigen Einführung des ersten Teiles hier direkt in das nächste Abenteuer entführt werden, doch die ganze Reihe scheint in diesem zurückhaltenden, zarten Ton gehalten zu sein. Unterstützt wird dies durch den gleichgebliebenen eher einfachen Schreibstil, der jedoch trotzdem Situationen und Gefühle auf den Punkt zu bringen weiß. Dadurch entsteht auch die kraftvolle, durchdringende Atmosphäre, die den Hauptanteil an der Sogwirkung des Buches trägt.

Wieder lässt und Helen Dunmore die Emotionen ihrer Protagonisten nachfühlen und porträtiert auf unglaublich einfühlsame und intelligente Art und Weise die Probleme heutiger Teenager. So begleitete ich Sapphy und Conor wieder sehr gerne auf ihr Abenteuer, bei dem sich sowohl ruhige Familienszenen, wilde Abenteuer und sanftmütiger Entdeckergeist abwechseln. Vor allem die liebevolle Beziehung zwischen Conor und Sapphy und deren Entwicklung in Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein haben mir hier sehr imponiert.


"Dann tat Mum etwas Unerwartetes. Sie kniete sich vor meinen Stuhl und schlang die Arme um mich. Sie drückte so fest zu, dass es wehtat - als würde sie mich nie wieder loslassen wollen. "Werde nicht so schnell erwachsen, Sapphy", flüsterte sie mir ins Ohr. (…) Ich drückte sie auch an mich. Fest. Es war ein wunderbares Gefühl, denn dieses eine Mal, da bin ich mir ganz sicher, dachte sie weder an Roger noch an ihre Arbeit oder Dad, nicht einmal an Conor, sondern ausschließlich an mich."


Gegen Ende der Geschichte kommen dann immer mehr abenteuerliche Elemente Indigos zum Vorschein. Wir dürfen zusammen mit den beiden Geschwistern, Faro und Elvira den Lehrmeister Saldowr kennenlernen, welcher den machtvollen Gezeitenknoten hütet, erfahren mehr über die Geschichte der geheimnisvollen Granny Carne, treffen in den Tiefen des Ozeans auf einen Wal, der schlechte Witze macht und retten die Küste vor einer Flutwelle. Na wenn das mal kein Abenteuer ist ;-)


"Ach wäre ich doch in Indigo
und teilte die salzige See
in den tiefsten Fluten,
wo weder Liebe noch Leid
mich bedrücken…"


Fazit:

Eine etwas ruhigere Fortsetzung, als ich erwartet hätte. Nichtsdestotrotz wird der Leser durch eine hinreißende Charakterentwicklung, spannende Abenteuer und die magische Atmosphäre gut unterhalten.
Ich bin gespannt, was Helen Dunmore uns in ihrem dritten Teil präsentiert!

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Tags: abenteuer, freundschaft, loyalität, magie, meer, zugehörigkeit   (6)
 

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99 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 9 Rezensionen

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Nixenblut

Helen Dunmore ,
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei cbt, 28.03.2011
ISBN 9783570400364
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Allgemeines:

Titel: Nixenblut
Autor: Helen Dunmore
Verlag: cbj (28. März 2011)
Genre: Fantasy
Seitenzahl: 320 Seiten
ISBN-10: 3570400360
ISBN-13: 978-3570400364
Preis: 7,99€ (Taschenbuch)
Weitere Bände: Nixenmagier; Nixenfluch
 

Inhalt:

Als Sapphy an der Küste Cornwalls auf den Meerjungen Faro trifft, der sie in die Tiefen des Meeres mitnimmt, spürt sie: Derselbe Sog, der ihren Vater ein Jahr zuvor in die Welt der Nixen und Wassermagier gelockt hat, zieht auch sie dorthin. Denn in ihr fließt das Blut der Nixen – sie gehört der Welt der Meerwesen ebenso an wie der der Menschen. Als eine Gruppe von Tauchern die heiligen Gefilde der Meermenschen zu zerstören droht, muss Sapphy sich entscheiden, zu welcher Welt sie gehören will…


Bewertung:

Geschichten über das Meer, Schiffe und Abenteuer, die alle Grenzen sprengen haben schon immer eine besondere Faszination für mich gehabt. So musste ich natürlich auch Helen Dunmores fantastische Meerestrilogie lesen, welche vor ein paar Jahren ja durch alle Welt gegeistert ist. Und auch wenn ich aufgrund des Covers eine etwas andere Geschichte erwartet hätte, war ich doch positiv überrascht von dieser kraftvollen Geschichte, die ich geboten bekommen habe.


Erster Satz: "Man findet die Meerfrau von Zennor in der Zennor Church, wenn man weiß, wo man nachschauen muss."

Band 1 und 2 der Reihe erschienen schon einmal unter dem Titel "Indigo - Im Sog des Meeres", Band 3 ist jedoch nur in der neuen Auflage zu haben. Das finde ich sehr schade, da mir die kreativen und definitiv aufmerksamkeitserregenden Covermotive der ersten Ausgabe deutlich besser gefallen, als das Bild meiner Ausgabe. Mit dem angedeuteten Mädchengesicht mit dem blauen Lippenstift und vor allem mit den dunklen Ränder wirkt es für mich einfach nur billig und nicht der süßen Kinder-Geschichte entsprechend, die uns im Inneren erwartet. Außerdem würde ich diese Geschichte auch unbedingt Jungs empfehlen, weshalb ich die Aufmachung hier wirklich übertrieben finde. Den Titel finde ich zwar durchaus passend, unter dem alten Titel konnte ich mir jedoch mehr vorstellen!


"Die Dornbüsche ähneln gekrümmten Gestalten. Die weißen Handtücher an der Wäscheleine, gleichen Gespenstern. Der Mond scheint so hell, dass man ohne weiteres den Pfad finden könnte, der zur Bucht hinunterführt. Manchmal bildet der Mond selbst einen Pfad auf dem Meer, der so echt aussieht, als könne man auf ihm bis zum Horizont laufen..."


Die Geschichte beginnt mit dem Verschwinden von Sapphys Vater, der eines Tages von einer Fischtour nicht mehr zurückkehrt. Er sei ertrunken, wird ihr und ihrem älteren Bruder Conor gesagt, doch die beiden können das nicht glauben. So kannte ihr Dad doch alle Strömungen des umliegenden Meeres auswendig und manövrierte noch durch den wildesten Sturm. Als die beiden dann eines Tages in ihrer Lieblingsbucht auf zwei geheimnisvolle Meerwesen treffen, die sich Mer nennen und anstatt von Beinen eine robbenähnliche Flosse haben, fühlen sie sich in ihrer Annahme bestätigt. Bald spürt Sapphy denselben Sog, gegen den auch ihr Vater Tag für Tag hat ankämpfen müssen. Immer mehr gerät sie zwischen die Fronten von Indigo und der Erde, die einen ewigen Kampf um die Vorherrschaft austragen und muss sich schließlich entscheiden, wo sie hingehören will...


"Muss ich mich auch entscheiden? Die Frage rauscht in meinem Kopf wie das Geräusch der Wellen, die an den Strand schlagen und sich wieder zurückziehen. Dad hat einmal gesagt: "Ist es nicht ein wunderbarer Gedanken, Saph, dass die Wellen unser ganzes Leben lang an den Strand schlagen, genau wie die Herzen in unseren Körpern? Es hört nie auf. Und wenn unsere Herzen aufhören zu schlagen, dann werden die Wellen weiter kommen und gehen, wie sie es immer getan haben, bis zum Ende der Welt."


Das Buch beginnt viel ruhiger, als ich es jemals gedacht hätte. Wir stürzen uns nicht Hals über Kopf in ein Abenteuer sondern werden ganz langsam in das Familienleben der Trewhellas eingeführt, dass so grausam auseinander gerissen wird. Mit unglaublich einfühlsamer Stimme beschreibt Helen Dunmore die Emotionen eines Mädchens, deren ganze Welt auseinanderbricht, als ihr Vater verschwindet, ihr Mutter in Arbeit versinkt und ihr Bruder sich immer mehr von ihr abzugrenzen scheint. Erst durch die Entdeckung der neuen Welt - Indigo - findet sie wieder Antrieb und etwas, in dem sie ganz in ihrem Element ist. Wundervoll zu sehen ist dabei, wie sich die liebevolle Beziehung zwischen Conor und Sapphy entwickelt und wie viel Wahrheit und Authentizität in der anrührenden Familiengeschichte steckt.


"Wenn jemand dich plötzlich verlässt, hast du das Gefühl, ein Riss ginge durch dich hindurch oder dir würde etwas fehlen. Seit Dad weg ist, bin ich unvollständig, und auch er ist unvollständig. Doch ich frage mich, ob die beiden Teile noch zusammenpassen, wenn ich ihn gefunden habe. Und ich werde ihn finden. Das ist mehr als ein Versprechen. Es ist ein Schwur!"


Auch wenn die Protagonisten viel jünger als ich waren, konnte ich viele ihrer Probleme wunderbar nachempfinden. Sehr intelligent hat die Autorin hier Themen verpackt, mit denen wohl jeder etwas anfangen kann: zwischen den Welten stehen, nicht wissen, wo man hingehört, mit dem Verlust eines Familienmitglieds fertig werden, sich von der Familie abgrenzen, über sich hinauswachsen - all diese Dinge fließen in das ruhige Abenteuer ein und machen es so besonders!


"Das Meer brüllt wie ein Löwe direkt unter deinen Füßen, währen du spürst, wie der Granit unter den Wellen erbebt. Conor hat Recht. Die Luft und Indigo sind beide sehr nah. Und an diesem Strand treffen sie aufeinander. Conor und ich befinden uns an der Grenze zwischen den beiden Welten."


Dabei wird die magische Anziehungskraft des wilden, wunderschönen und quietschlebendigen Ozeans auf wundervolle Art und Weise verkörpert. Sehr bald spüren auch wir Leser den Sog von Indigo, was weniger durch komplizierte oder besondere Sprache - der Schreibstil ist hier in der Tat eher einfach gehalten - sondern einfach durch die kraftvolle, durchdringende Atmosphäre erreicht wird. Dabei kommt die Geschichte ganz ohne die typischen Liebesprobleme aus. Es gibt auch kein Mord, kein Totschlag, keine Gier, kein Hass - wir erleben einfach nur das ungewöhnliche Abenteuer eines besonderen Geschwisterpaares, das in eine neue, wunderschöne, aber auch beängstigende Welt eintaucht. Auch die typischen Meerjungfrauen-Klischees werden gar nicht erst aufgerollt. Wir treffen hier keine singenden Schönheiten mit Kämmen und glitzernden Fischschwänzen an sondern werden von einem Meerjungen in ein komplexes Ökosystem eingeführt, das unter dem Missbrauch der Menschen sehr zu leiden hat.


"Ach wäre ich doch in Indigo
und teilte die salzige See
in den tiefsten Fluten…"
Vielleicht ist es dort, wo Dad sich jetzt aufhält: in den tiefsten Fluten. Er ist in Indigo und dort werde ich ihn finden!"



Fazit:

Durch die dunkle, mystische aber wunderschöne Atmosphäre wird ein starker Sog ausgebildet, sodass wir in der Strömung dieses einfühlsamen Abenteuers ins wundervolle Indigo mitgerissen werden. Ein Abenteuer für alte und junge Leser, für Mädchen und Jungen, der Lust auf mehr macht.

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Nixenfluch

Helen Dunmore
Flexibler Einband: 350 Seiten
Erschienen bei cbj, 01.03.2011
ISBN 9783570400357
Genre: Kinderbuch

Rezension:  
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Pfaeux

K.C. Zwilling
Flexibler Einband: 300 Seiten
Erschienen bei epubli, 20.04.2018
ISBN 9783746718187
Genre: Fantasy

Rezension:

Allgemeines:


Titel: Pfaeux - Die Rückkehr der Magien
Autor: K.C. Zwilling
Verlag: neobooks (11. Mai 2018)
Genre: Fantasy
ASIN: B07CJVT8GQ
ISBN-10: 374671818X
ISBN-13: 978-3746718187
Seitenzahl: 300 Seiten
Preis: 1,99€ (Kindle-Edition)
10,99€ (Taschenbuch)

 

Inhalt:

Lila. So verfärben sich die Augen der fünfzehnjährigen Lia nach der Begegnung mit einem mysteriösen Vogel, dem Pfaeux, eine Mischung aus Phönix und Pfau. Dieser ist eines der sieben Lichttiere, die den Menschen die sieben Magien gebracht haben, von denen jede durch eine spezielle Augenfarbe gekennzeichnet ist. Doch bis zu diesem Zeitpunkt waren die Magien mehr als ein Jahrzehnt lang erloschen. Warum sind sie zurückgekehrt? Und was hat das alles mit dem Auftauchen des gefährlichen rotäugigen Mannes und seiner neuen, achten Magie zu tun? Zusammen mit dem silberäugigen Alois und seinem goldäugigen Bruder Ares beginnt Lia die Suche nach Antworten, die sie zu den Sitzen der Magien in verschiedene Länder führt.


Bewertung:


Schon das Cover hat eine ganz besonders magische Ausstrahlung! Auch wenn ich kritisieren muss, dass mir das abgebildete Gesicht viel zu erwachsen ist, um mit meinem Bild von Lia übereinstimmen zu können und ich generell keine Gesichter auf Cover mag, finde ich dieses Cover ganz wunderbar gestaltet. Mit der golden glänzenden Schrift, die auf dem dunklen Hintergrund wunderbar zur Geltung kommt, wird der Titel unterstrichen, durch die große Pfauenfeder mit den lila-silbernen Spitzen wird das Hauptmotiv der Geschichte mit eingebracht. Besonders gelungen finde ich die Buchrückseite, deren Hintergrund aus violetten Federn gebildet wird. Wirklich toll!


Erster Satz: "Hellgoldene Sonnenstrahlen durchfluteten den Nachmittagshimmel, an den sich schon viel zu früh der Mond geschlichen hatte, ganz so, als könnte er es nicht erwarten die kommende Nacht mit seinem eigenen silbernen Licht zu füllen."


Nach einem kurzen, spannungserweckenden Prolog beginnt die Geschichte, die auf ihren kurzen 300 Seiten immer wieder mit Setting-Wechsel, spannenden neuen Charakteren und Wendungen verblüfft. Wir lernen die junge Lia kennen, die ganz alleine da steht, nachdem ihre Pflegemutter nach einem ominösen Hausbrand im Koma liegt. Als sie dann auch noch im Wald auf einen wunderschönen Vogel trifft, der ihr seine Magie schenkt, von einem rotäugigen Mann verfolgt und von einem silberäugigen Jungen gerettet wird, verliert sie komplett die Orientierung. Mit einem Mal ist alles, was sie kannte zerstört und stattdessen tut sich vor ihr eine komplett neue Welt auf, in der sieben verschiedene Magien existieren - und Lia scheint Teil dieser Welt zu sein. Doch warum sind die Magien durch sie zurückgekehrt, was hat es mit dem Mann mit den roten Augen und dem ominösen Schatten auf sich und warum scheint Lia so wichtig zu sein? Auf der Suche nach Antworten reist das junge Mädchen zusammen mit dem silberäugigen Alois und dessen goldäugigem Bruder Ares über den Globus und besucht verschiedene Magien. Doch auch der Schatten kommt viel herum...


"Silber, Blau, Gold, Rosa, Grün, Türkis", wiederholte Lia und blätterte das Buch erneut durch.. "Aber wo ist...", murmelte sie vor sich hin. Und dann sah sie, wonach sie gesucht hatte. "Lila", hauchte sie. Da war er wieder, der seltsame Vogel. Goldene Federn, die sich mit lilafarbenen vermischen und die schillernden, an den äußeren Spitzen silbrigen, Pfauenfedern an den Enden der Flügel und des Schwanzes, deren Innerstes zugleich einen Hauch von Rosa aufwies. Das war es. Der Vogel mit den unnatürlich lilafarbenen Augen (…)"


Die Charaktere sind alle wunderbar ausgearbeitet und in ihrer Vielfalt ambivalent. Zwar lässt sich ganz klar sagen, dass es noch Entwicklungsbedarf gibt und wir bei einem 300seitigen Fantasy Abenteuer nicht mit tiefgründigen Charakterisierungen rechnen können, die Gefühle und Gedanken der Protagonisten werden uns trotzdem verständlich und berührend näher gebracht. Auch wenn manche Personen wohl nur Teil der Handlung sind, um eine bestimmte Rolle auszufüllen, habe ich mich gut amüsiert. Aufgefallen ist mir das manchmal recht unterschiedliche Verhalten der Protagonisten - mal reifer, mal kindlicher - wodurch sich ihr Alter schwer abschätzen lässt. Ob das Absicht war, weiß ich nicht, aber dadurch ist die Geschichte sowohl für jüngere Fantasy-Leser als auch für Jugendliche und Vorleser geeignet.

"Hoch leuchtend am Himmel,
Hell silbern bei Nacht,
Erhellen Strahlen die Berge,
Wie ein Hüter, der über sie wacht.

Dort unten am Gipfel,
Ein winziges Wesen steht´s schlief,
Sucht den Schutz des Mondes,
Den gegen Feinde es rief.

Jahrhundert um Jahrhundert,
Nährt er es durch sich,
Bis die erste silbrige Schwinge,
Seinen Rücken durchbricht.

Hat Schuppen wie Fische,
Der Panzer aus Stahl,
Funkenfeuer im Innern,
Silberhell jeder Strahl."


Sehr gerne bin ich mit Lia über den Globus vom bergigen Thalbach Anwesen in Deutschland über das blumige Einhornschloss der Ensoileillés bis ins kalte Polargebiet bei den Valtamerisons, die mit den Narwalen zusammen leben. Mit vielen innovativen Ideen und einem wunderbar ausgearbeiteten Spannungsbogen, lotst uns K. C. Zwilling unbeschwert durch die Geschichte und mit ihrem flüssigen, leicht zu lesenden Schreibstil ist man nur allzu bald am Ende der süßen Geschichte angekommen. Besonders die vielen Hintergrundgeschichten und Gedichte, die uns in die Welt der Magien tiefer einführen, als ich erwartet hätte, haben mir sehr gute gefallen! Durch geschickte Andeutungen und viele offene Fragen und Anknüpfungspunkte lässt die Autorin Stoff für eine Fortsetzung übrig und macht mit einem Cliffhanger am Ende Lust auf mehr!

"Geschichten und Erinnerungen sind etwas Schönes, etwas Kostbareres. Aber man sollte ihnen nicht ständig nachhängen, sonst verpasst man die Wunder im eigenen Leben."


Fazit:

Ich freue mich schon darauf, was K.C. Zwilling noch alles mit Lia, Alois, Rosa, Ares und Co. vorhat und empfehle dieses herzliche Fantasy-Abenteuer an alle, die aus ihrem Alltag in eine magische, bunte Welt fliehen möchten, in der alles möglich erscheint!

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Tausend strahlende Sonnen

Khaled Hosseini
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 03.02.2014
ISBN 9783596030934
Genre: Romane

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: Tausend strahlende Sonnen
Autor: Khaled Hosseini
Verlag: FISCHER (3. Februar 2014)
Genre: Historiendrama
ISBN-10: 3596030935
ISBN-13: 978-3596030934
ASIN: B00HWMVMRE
Seitenzahl: 400 Seiten
Originaltitel: A Thousand Splendid Suns
Preis: 9,99€ (Kindle-Edition)
10,90€ (Taschenbuch)
12€ (Gebundene Ausgabe)
 
 

Inhalt:

Mariam ist fünfzehn, als sie aus der Provinz nach Kabul geschickt und mit dem dreißig Jahre älteren Schuhmacher Raschid verheiratet wird. Jahre später erlebt Laila, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, ein ähnliches Schicksal. Als ihre Familie bei einem Bombenangriff ums Leben kommt, wird sie Raschids Zweitfrau. Nach anfänglichem Misstrauen werden Mariam und Laila zu engen Freundinnen. Gemeinsam wehren sie sich gegen Raschids Brutalität. Während der Taliban-Herrschaft überstehen sie die Bombardierungen, Hunger und physische Gewalt - und ihre Stärke wächst ins schier Unermessliche...



Bewertung:

Schon seit ich "Traumsammler" von ihm gelesen habe, gehört Khaled Hosseini für mich zu den Größen der Gegenwartsliteratur. Doch mit diesem ergreifenden Roman über das Schicksal zweier Frauen in Afghanistan lässt er den Vorgängerroman weit hinter sich zurück und geht mit der grausamen Intensität der rücksichtslosen Unterdrückung und Verachtung der Gesellschaft gegenüber Frauen unter die Haut und trifft mit der hoffnungsvollen Liebe der beiden Frauen, die ihnen die Stärke zum Überdauern verlieht, direkt ins Herz!

Erster Satz: "Mariam war fünf, als sie zum ersten Mal das Wort "harami" hörte."


Das Cover lässt mit der gelb-roten Farbgebung, der kahlen Landschaft und den vereinzelten Blättern im oberen Bereich auf die drückende Hitze Afghanistans schließen und greift mit der einsamen, leicht vornübergebeugten, verschleierten Frauensilhouette im Vordergrund das Hauptthema des Buches auf. Ganz besonders berührend finde ich jedoch den Titel "Tausend strahlende Sonnen", welcher von einem Gedicht von Saib-e-Tabrizi abgeleitet ist, welches in verschiedenen Zusammenhängen mehrmals im Buch zitiert wird. Sehr bald wird klar, wofür die strahlenden Sonnen stehen: für die Schönheit Afghanistans, die Liebe und die Hoffnung, die den Menschen über die schweren Zeiten hinweghelfen.


„Nicht zu zählen sind die Monde, die auf ihren Dächern schimmern,
noch die tausend strahlenden Sonnen, die verborgen hinter Mauern stecken.“


Die in vier Teile unterteilte Geschichte beginnt mit der Kindheit Mariams in einem kleinen Ort nahe Herat in der Mitte Afghanistans. Sehr sensibel, einfühlsam und mit großer Intensität erzählt Khaled Hosseini, wie die 15jährige Mariam nach dem Tod ihrer Mutter von ihrem Vater mit einem doppelt so alten Schuhmacher verheiratet wird und unterwürfig Missachtung, Misshandlung aushalten muss und auf ihrer Suche nach Liebe und Anerkennung nur Ablehnung, Schmerz und Unterdrückung findet.
Auf dem Tiefpunkt ihres Lebens lassen wir sie vorübergehend alleine, wie die restliche Welt auch und widmen uns stattdessen der jungen Laila. Während Mariam als unehelicher Bastard in ärmlichen Verhältnissen in ländlichem Gebiet aufgewachsen ist, ist Laila Teil eines gut situierten Lehrers und kann im lebendigen Kabul zur Schule gehen und zur selbst bestimmten, gebildeten Frau heranwachsen. An ihrer Seite steht der einbeinige aber sonst lebensfrohe Tarik, mit dem sie seit Kindertagen ein Herz und eine Seele ist und der mit vorschreitendem Alter ganz neue Gefühle in Laila weckt. Als jedoch der Krieg losbricht, ihre Familie von einer Bombe zerfetzt wird und Tarik mit seiner Familie ins Ausland fliehen muss, bleibt sie alleine zurück - und schwanger. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als zu heiraten und als sich ihr viel älterer Nachbar anbietet, sie zur Zweitfrau zu nehmen, zieht sie kurzerhand bei Raschid und Mariam ein.
Im nun folgenden dritten Teil dürfen wir mit verfolgen, wie die beiden Frauen von Fremden, zu Rivalinnen, zu Geduldeten, zu Verbündeten werden und wie sich langsam eine Verbindung zwischen den beiden aufbaut, die auf tiefem Verständnis, Verbundenheit und Liebe fußt. Durch Laila findet Mariam endlich ihre Ankerkennung und Liebe und wird durch diese von ihrer Isolation befreit, bekommt die Kraft, Grenzen zu überwinden, ihre Verletzlichkeit zu entblößen und sich schließlich selbst zu opfern, damit Laila ein besseres Leben führen kann...


"Sie würde im Herzen ihrer Mutter keinen solchen Eindruck hinterlassen wir ihre Brüder, denn Mamis Herz war wie ein fahler Sandstrand, auf dem Lailas Spuren von den Wellen des Kummers, die darüber hinwegbrandeten, immer wieder weggespült wurden."


Während wir in der Erzählung um Mariam und Lailas Schicksal versinken, wird uns beiläufig die Geschichte Afghanistans von den 1970er Jahren bis zur Ära des 11. Septembers erzählt, wobei die persönliche Geschichte mit der historischen untrennbar verwoben wird. Dadurch sind die Aufruhr im Land, die Revolution, die Bombardierungen, die Machtergreifungen, die Unterdrückungen, die Gesetzesänderungen, die Kämpfe, eng mit Lailas und Mariams Geschichte verbunden, was Afghanistan, genauer Kabul, zu mehr als nur einer Kulisse macht. Ohne Fakten unter die Nase gerieben zu bekommen erhalten wir hier einen umfassenden Eindruck von dem Leid und der Ungerechtigkeit, die die Bevölkerung dieses Landes erdulden mussten und bauen nebenbei eine persönliche Beziehung zu dem stark gebeutelten Land auf, die weiteres Wegsehen eigentlich unmöglich macht! Das Auf und Ab, der von Fremdbestimmung, Unterdrückung, Gewalt aber auch aus Liebe entsprungener Willenskraft, geprägten Geschichte um die beiden Frauen, ist dabei repräsentativ für das Schicksal des gebeutelten Afghanistans. An jeder Kleinigkeit, Feinheit, scheinbaren Belanglosigkeit und in jedem Nebensatz, den der Autor über dieses Land schreibt, kann man seine Liebe und Faszination für die Kultur und Landschaft und die Menschen dort ablesen. Es werden gleichsam die schönsten und hässlichsten Seiten des Heimatlandes des Autoren präsentiert, die dunkle Zeit der Invasionen der Sowjets, der Amerikaner und der Taliban findet unkommentiert und objektiv einen Platz genau wie starke Frauenfiguren, der Nationalstolz und Traditionen. Doch das Land ist mehr als nur Kulisse, es ist Ursprung und Herzstück dieser Geschichte und das konnte selbst ich spüren, die mit der arabischen Welt keinerlei Verbindung habe.


"Tja, meine jungen Freunde, das ist das Schicksal unseres Landes", sagte der Chauffeur und schnippte eine Zigarettenkippe aus dem Fenster. "Ein Eroberungsfeldzug nach dem anderen. Mazedonier, Sassaniden, Araber, Mongolen. Und jetzt die Russen. Aber wir sind wie die Festungsmauer da drüben. Ramponiert und kein schöner Anblick, aber immer noch stehend."



Während "Drachenläufer" als Vater-Sohn-Geschichte verstanden wird, kann "Tausend strahlende Sonnen" als Mutter-Tochter-Geschichte gelesen werden, da die Beziehung der beiden Frauen, die vom Alter her Mutter und Tochter sein könnten, im Mittelpunkt steht. Bezeichnend ist, dass sie sich an mehreren Stellen im Buch als Mutter und Tochter ausgeben. Mit den beiden bekommen wir zwei sehr starke Frauenfiguren vorgesetzt, mit deren Träumen, Gefühlen und ihrem täglichen Kampf ums Überleben ich mich gut identifizieren konnte, auch wenn sie komplett anderen kulturellen Kreisen entstammen. Es ist ganz wundersam, wie viel Seele Hosseini seinen Figuren zuspricht und auf welche tiefgründige Art er es versteht, uns ihr Innersten darzubringen, ihre Ecken und Kanten, Runzeln und Falten wenn sie menschlich, grausam oder bemitleidenswert handeln und sie zutiefst verstanden darstellt.

Dabei kreist der Roman um ein sehr aktuelles Thema. Berichte über Ehrenmorde, Genitalverstümmelungen, Steinigungen wegen Ehebruchs, die Zugangsverweigerung zu Bildung und Erziehung, Arbeit und Gesundheitsversorgung und die zwanghafte Verschleierung lassen keinen Zweifel an der bedrückenden Situation von Frauen in einigen muslimischen Staaten. Die Geschichte sensibilisiert für die Unterdrückung der Frauen, weist jedoch gleichzeitig die Forderung nach mehr Druck durch den Westen zurück. Denn durch äußeren Zwang für gleiche Rechte zu sorgen, missachtet die Komplexität der kritisierten Gesellschaft. Der Roman gibt allen hinter einer Burka versteckten Frauen ein Gesicht und lässt mich mein Weltbild neu überdenken. Ich muss zugeben, dass ich bis vor wenigen Tagen auch noch mit einer leisen Gefühlsmischung aus Mitleid und Missbilligung an komplett verschleierten Frauen vorbeigelaufen bin und nicht verstanden habe, was für ein kultureller Druck hinter diesem Thema steht - auch bei Familien in Deutschland. Ich für meinen Fall werde auf jeden Fall für immer einen anderen Blickwinkel auf die Frau in Burka am Straßenrand haben.


"So wie eine Kompassnadel immer nach Norden zeigt, wird der anklagende Finger eines Mannes immer eine Frau finden. Immer. Denk daran, Mariam."



Ganz besonders schön ist, dass wir es hier mit einer berührenden Liebesgeschichte zu tun haben, die trotz all der furchtbaren Grausamkeiten im Großteil der Handlung hoffnungsvoll, warmherzig und schön anmutet. Auch wenn die beiden Frauen in absolut unglücklichen Verhältnissen leben und keinerlei Perspektiven zu haben scheinen, ist es letztlich die Liebe, die bei Hosseini siegt. Der Autor schafft es, gleichzeitig sehr still und eindringlich; distanziert und emotional; dramatisch und ruhig zu sein und sich in jeder erdenklichen Situation an die Protagonisten anzupassen. Dabei zwingt er den Leser niemals in eine bestimmte Richtung oder beantwortet wertende Fragen nach Unterlassung, Schuld, Preis oder Sühne. Stattdessen erlebt er, beobachtet, fühlt, erkennt und beschreibt, überlässt es aber dem Leser, über das Erfahrene nachzudenken und zu urteilen. Immer wieder stößt man auf kluge Dialoge und liest Sätze, die einen noch lange beschäftigen, während man dieser Geschichte folgt, die zeitweise fast ungemütlich und teilweise schwer zu ertragen ist, so viel Schmerz und Wahrheit, wie sie enthält.

Hosseinis Schreibstil ist wie seine Erzählweise einem Chamäleon gleich: er passt sich an. Mal leuchtend poetisch, mal sparsamer und farblich gedeckt, mal ausschweifend, mal aufs Wesentliche reduziert, aber immer sehr inhaltlich direkt und sprachlich dabei wundervoll verschachtelt und durchdacht. Dabei schafft er es die Geschichte auf eine Art und Weise zu erzählen, die klar macht, dass man einem Leben lauscht, welches genauso gelebt werden muss und auch bei schwierigem Inhalt ein gutes Gefühl zu vermitteln. Vor allem das Ende rührte mich zu Tränen, auch wenn uns hier kein typisches Happy End erwartet.

"Sie ist hier, zwischen den frisch gestrichenen Wänden, in den neu gepflanzten Bäumen, in den Wolldecken, die die Kinder wärmen, in diesen Kissen und Büchern und Stiften. Im Lachen der Kinder. Vor allem aber ist Mariam in ihrem eigenen Herzen, wo sie so ell wie tausend Sonnen leuchtet."


Fazit:

Der Roman geht mit der grausamen Intensität der rücksichtslosen Unterdrückung und Verachtung gegenüber den beiden Frauen unter die Haut und trifft mit der hoffnungsvollen Liebe, die Mariam und Laila die Stärke zum Überdauern verlieht, direkt ins Herz! Ein ergreifender Roman, der seinesgleichen sucht!

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Girl on the Train - Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich.

Paula Hawkins , Christoph Göhler
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 24.05.2017
ISBN 9783734100512
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Allgemeines:

Titel: Girl on the Train - Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich
Autor: Paula Hawkins
Genre: Thriller
Verlag: Blanvalet (15. Juni 2015)
ISBN-10: 3734100518
ISBN-13: 978-3734100512
ASIN: B00TOFDJTG
Originaltitel: The Girl on the Train
Seitenzahl: 464 Seiten
Preis: 9,99€ (Kindle-Edition)
12,99€ (Taschenbuch)
 

Inhalt:

Jeden Morgen pendelt Rachel mit dem Zug in die Stadt, und jeden Morgen hält der Zug an der gleichen Stelle auf der Strecke an. Rachel blickt in die Gärten der umliegenden Häuser, beobachtet ihre Bewohner. Oft sieht sie ein junges Paar: Jess und Jason nennt Rachel die beiden. Sie führen – wie es scheint – ein perfektes Leben. Ein Leben, wie Rachel es sich wünscht.
Eines Tages beobachtet sie etwas Schockierendes. Kurz darauf liest sie in der Zeitung vom Verschwinden einer Frau – daneben ein Foto von »Jess«. Rachel meldet ihre Beobachtung der Polizei und verstrickt sich damit unentrinnbar in die folgenden Ereignisse ...


Bewertung:

Aufgrund des Hypes, der sich nach der Veröffentlichung um diese Geschichte ergeben hat, habe ich mir ein gebrauchtes Exemplar dieses Buches vor einiger Zeit auf einem Flohmarkt zugelegt und bin nun im Urlaub endlich dazu gekommen es zu lesen. Doch obwohl ich geringe Erwartungen, viel Zeit und entspannte Geduld mitgebracht habe, konnte ich mit diesem Buch einfach nicht warm werden. Aufgrund des Klapptextes und der ganzen, kursierenden Werbung hatte ich einen rasanten Thriller erwartet. Was auf mich zukam war jedoch ein träger, gefühlsduseliger und unreflektierter Lebensbericht über die dramatischen und weniger dramatischen Probleme dreier Frauen und deren kleinkarierten Verstrickungen als eine von ihnen verschwindet. Ich kann schon verstehen, dass viele Leser diese Geschichte mögen können und will ihr gerade für das Ende auch nicht die Spannung absprechen - mich konnte sie jedoch einfach nicht überzeugen.

Das Cover ist ... passend. Das ist das erste Adjektiv, dass mir zur Gestaltung einfallen ist. Nicht etwa wunderschön oder mystisch oder interesseweckend, kein besonderer Eye-Catcher, aber auch nicht langweilig - mit dem Titel im Verwischt-Look und den Andeutungen eines fahrenden Zuges ist es thematisch einfach passend. Der Titel ist ebenfalls stimmig gewählt, für mich ist jedoch der Untertitel viel zu reißerisch für die Geschichte, genau wie der Klapptext, der es schafft in sieben Zeilen einfach gar nichts über die Geschichte zu verraten, sodass ich mit völlig falschen Erwartungen an die Geschichte gegangen bin.

Erster Satz: "Da liegt ein Kleiderhaufen an den Gleisen."

Nach zwei kurzen, vorgeschobenen Szenenausschnitten, die bei mir jedoch mehr für Verwirrung als für angenehmes Gruseln gesorgt haben, steigen wir in das klägliche Leben der ausgelaugten Rachel ein, die auf ihren alltäglichen Zugfahrten nach London und wieder zurück stets ein ganz bestimmtes Haus an den Bahngleisen beobachtet. Das junge Paar, das dort lebt, stellt sie sich schwerverliebt und voller Harmonie vor - und ist geschockt, als sie eines Tages die Frau in zärtlicher Umarmung mit einem anderen Mann sieht. Kurz darauf ist die Frau verschwunden. Rachel ahnt Böses und nimmt Ermittlungen auf. Für die junge Alkoholikerin, der nach Scheidung und Jobverlust, geplagt von Gedächtnisverlusten und ihrem unkontrollierten Verhalten im Suff ein Ziel im Leben fehlt, ergibt sich so das Gefühl, endlich mal wieder gebraucht zu werden und an etwas beteiligt zu sein. Wie sehr sie selbst und ihr Exmann mitsamt neuer Familie in das tragische Schicksal des jungen Paares verstrickt sind, ahnt sie zu dem Zeitpunkt noch nicht. Doch als sie bei ihren Nachforschungen hinter etliche dunkle Geheimnisse kommt, werden in ihr längst vergessene Erinnerungen wach - unter anderem auch welche der Nacht, in der die junge Megan verschwand...

Die Geschichte wird von Anfang an aus zwei Perspektiven erzählt: Rachel erzählt aus der Ich-Perspektive von ihrem verkorksten Leben und wie sich dieses nach dem Verschwind von Megan ändert, während wir zeitgleich aus der Sicht Megans geschildert bekommen, was vor ihrem Verschwinden geschah. Nach einem guten Drittel der Geschichte kommt dann als weiterer erzählender Handlungsstrang noch Anna, die neue Frau von Rachels Exmann Tom, hinzu. Zu Beginn hatte ich große Probleme damit, in die Geschichte reinzukommen, da wir hier drei scheinbar langweilige Vorstadtleben charakterisiert bekommen und die Protagonistin einem echt auf die Nerven gehen kann. Mir ist schon bewusst, dass ich das der Autorin nicht vorwerfen kann, immerhin ist Rachel -genau wie die anderen Frauen auch- nicht als Sympathieträgerin angelegt. Mich in die Geschichte einzufinden, in der eigentlich außer endlose Zugfahrten und zwanghaft wiederholte Handlungen nichts passiert, erleichterte diese Erkenntnis jedoch keineswegs.


"Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mich zu erinnern versuche, wann mich zuletzt ein Mensch berührt hat und sei es nur ein Umarmung oder ein vom Herzen kommender Händedruck, und dann krampft sich mein Herz zusammen."


Verwirrend sind auch die Zeitwechsel und Zeitsprünge. Während Anna und Rachel in der Gegenwart erzählen, liegen Megans Handlungen immer einige Monate zurück. Schwierig wird das erst, wenn sich die Handlungen überschneiden und man sich bei Schlüsselszenen aus Megans Erzählperspektive plötzlich zum Verständnis an scheinbare Belanglosigkeiten aus Rachels Perspektive von ganz am Anfang erinnern muss. Zudem ist der Thriller episodenhaft erzählt und lehnt sich in der Szenenauswahl an die Fahrtzeit Rachels Züge an: morgens und abends. Was dazwischen geschieht verschwindet - sofern nicht später kurz nacherzählt - im Nebel.

Ein zusätzlich erschwerender Punkt ist, dass diese Geschichte ganz eindeutig auf ein weibliches Publikum ausgelegt ist. Die wichtigsten Krisenthemen, aus denen dieser Thriller seine Spannung schöpft sind unerfüllte Kinderwünsche, der Stress eine gute Mutter zu sein, Kindersterblichkeit, Ehekrisen, Affären, häusliche Gewalt, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus. Dabei liegt ein wichtiger Schwerpunkt auf den Gefühlen der einzelnen Frauen - die Männer bleiben bessere Lückenfüller. Da ich mich jedoch mit keiner der Frauen identifizieren konnte, fand ich die Gefühlsduselei etwas zu dick aufgetragen und blieb während des Lesens ein eher kritischer Beobachter, der sich einfach nicht so recht auf die Geschichte einlassen konnte. Immer wieder eingestreute, neue Erkenntnisse kommen zu spät und zu fad um noch überraschen oder entsetzen zu können. So entwickelte die Geschichte erst nach guten 200 Seiten so etwas wie Anziehung oder Spannung auf mich. Die Seiten zuvor waren mir zu undurchsichtig, belanglos, langatmig - schlicht unnötiges Geplänkel.

Auch der Schreibstil konnte nicht dazu beitragen, dass ich doch noch gefesselt wurde. Diese Geschichte wird ja oft mit "Gone Girl" von Gillian Flynn verglichen, was ja auch von der grundsätzlichen Handlung und Thematik nahe liegt. Mit jeder weiteren Seite, die ich gelesen habe, kam mir dieser Vergleich jedoch lächerlicher vor: denn "Girl on the Train" fehlt sowohl der psychologische Witz als auch die dunkle Grundatmosphäre von "Gone Girl" und während letzteres durch viele geschliffene Sätze und Dialoge glänzt, ist es mit Tiefgründigkeit in Paula Hawkins nüchternem und schnörkellosen Schreibstiel nicht weit her. Flüssig, ja. Einfach zu lesen, auch. Aber besonders und mitreißend? Wohl eher nicht.

"Wenn wir träumen betreten wir eine Welt, die ganz und gar uns gehört."

Wie schon erwähnt ist es mit der Sympathie für die Protagonisten auch nicht weit her. Das ist grundsätzlich kein Problem - wäre die Geschichte nicht so darauf ausgelegt, dass wir Leser mit den Charakteren mitfühlen und von unseren Emotionen geleitet Vermutungen anstellen, wer wohl wirklich hinter Megans Tod stecken kann. Denn sehr schnell ist klar, dass sich in dem kleinen Kreis der uns näher bekannten Personen ein Mörder befinden muss:

Ist es unsere problembehaftete Hauptprotagonistin Rachel, die sich bis zur Besinnungslosigkeit trinkt, deshalb ihren Job verloren hat, armselig untergemietet lebt, Geldsorgen hat, in ihrer Traumwelt lebt, nicht zu sich selbst steht, sich gehen lässt und ihren geliebten Exmann Tom einfach nicht loslassen kann?
War es Scott, der eigentlich so bedingungslos liebende Ehemann, der jedoch zu starker Eifersucht und Kontrollwut leidet, der Megans Emails überprüft und ihre Post gelesen hat und auch von Gewalt nicht abgeneigt zu sein scheint?
Oder vielleicht war es doch der ausländische Psychotherapeut Kamal Abdic, bei dem Megan in Therapie war, der mehr über sie und ihre Vergangenheit weiß, als ihr eigener Mann und mit dem sie so gerne eine Affäre angefangen hätte?
Oder der betrügerische, lügende und doch so charmante Tom, der Rachel abserviert hat und nun mit seiner neuen Frau und einem Kind im gemeinsamen Haus lebt?
Oder die perfektionistische Anna, die Rachel an Toms Seite abgelöst hat, sich von dieser gestalkt fühl, Angst um ihr Kind hat und auch Megan nicht vertraut hat?
Oder war es doch Megan selbst: eine scheinbar glücklich verheiratete Frau, die dennoch mit ihren eigenen Dämonen kämpft und mehr Geheimnisse zu verbergen hat, als man auf den ersten Blick denkt?
Wir Leser versinken in einem undurchsichtigen Strudel an Motiven, Hass, Liebe, Eifersucht und einer Menge anderer niederer Gefühle, die jede unserer drei erzählenden Frauen, ihre Ehemänner, Ex-Männer und Liebhaber zu potentiellen Mördern machen...

Das Ende, dass nach einem Finale erfolgt, das -wie der Rest der Geschichte auch- unspektakulär, langsam und auf seltsame Weise bedacht wirkt, hat mich mit einem Lächeln im Gesicht zurückgelassen. Nicht nur, weil ich mich nun endlich einer anderen Geschichte widmen kann, oder weil die aufgedeckte Wahrheit mich besonders überrascht oder entsetzt hätte, sondern weil die Autorin es in wenigen Sätze geschafft hat, allen verkorksten Charakteren noch auf die Schnelle das Ende zu geben, das sie verdient haben.


Fazit:

Ein eher mittelmäßiger Thriller, der mit seinem langatmigen Einstieg, dem schnörkellosen, einfachen Stil und den unsympathischen Charakteren nicht gerade glänzt, dennoch aber mit einem spannenden Ende unterhalten kann.
Für Freunde des Genres würde ich lieber Anderes wie unbedingt "Gone Girl" von Gillian Flynn empfehlen, wer aber auf der Suche nach einem ruhigen, überschaubaren Thriller für Zwischendurch ist, soll gerne zu dieser Geschichte greifen!

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Das Parfum

Patrick Süskind
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 25.03.2015
ISBN 9783257069334
Genre: Romane

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders
Autor: Patrick Süßkind
Verlag: Diogenes (1994)
Seitenzahl: 336 Seiten
ISBN-10: 3257228007
ASIN: B009GGWFUM
ISBN-13: 978-3257228007
Preis: 14,90€ (Gebundene Ausgabe)
12€ (Taschenbuch)
9,99€ (Kindle-Edition)


Inhalt:

"Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier erzählt werden. Er hieß Jean-Baptiste Grenouille, und wenn sein Name im Gegensatz zu den Namen anderer genialer Scheusale, wie etwa de Sades, Saint-Justs, Fouchés, Bonapartes usw., heute in Vergessenheit geraten ist, so sicher nicht deshalb, weil Grenouille diesen berühmteren Finstermännern an Selbstüberhebung, Menschenverachtung, Immoralität, kurz an Gottlosigkeit nachgestanden hätte, sondern weil sich sein Genie und sein einziger Ehrgeiz auf ein Gebiet beschränkte, welches in der Geschichte keine Spuren hinterlässt: auf das flüchtige Reich der Gerüche."


Diskussion:

Mittlerweile ist "Das Parfum" ja zu einem Werk von Weltliteratur geworden, dass nicht nur an Schulen sondern auch an Unis akribisch untersucht und in seine Bestandteile zerlegt wird, so wie Grenouille das mit den Düften tut. Ich halte von dieser sezierenden Herangehensweise nichts da ich finde, dass ein Buch immer ganzheitlich wirken muss - so wie auch ein Duft. Gerade aus diesem Grund will ich im Rahmen der Klassiker Challenge ganz unvoreingenommen an Klassiker herangehen und sie lesen wie eine zu bewertenden Geschichte mit Schwächen und Stärken und nicht wie ein glorifiziertes Meisterwerk, welches es nicht zu bewerten sondern nur zu verstehen gilt.

Entgegen meiner Erwartung, es hier mit einem schwer zu lesenden, veralteten Sprachstil zu tun zu haben, bin ich erstaunlich schnell in die Geschichte hineingekommen, welche wunderbar bildreich, metaphorisch und vor allem höchst lebendig erzählt wird. Dabei sind die Schilderungen an manchen Stellen derb, grausam; an anderen wiederum filigran, zart und umschmeichelnd - eben wechselhaft wie die Gestalt der Gerüche - mal ein übelkeitserregender Gestank, mal ein sanfter, lieblicher Duft. Auch wenn ich also immer mal wieder über Wörter gestolpert bin, die man nicht unbedingt kennen muss und mich in einem der vielen endlose Schachtelsätze verloren habe, die sich manchmal bis über eine ganze Seite erstrecken, muss ich doch meinen Hut vor der virtuosen Erzählkunst Patrick Süskinds ziehen, welche mich ein ums andere Mal sprachlos zurückgelassen hat. Im Laufe der Geschichte, die wir von einem auktorialen Erzähler präsentiert bekommen, sind mir auch immer wieder subtile Ironie, leise Andeutungen von Gesellschaftskritik und einer Parodie auf die Aufklärung, Anflüge von märchenhaften Vergleichen aufgefallen, sowie Anlehnungen an die Schöpfungsgeschichte oder Größen der Weltliteratur wie Goethes "Faust" oder "Der Zauberlehrling". Alles in allem also genug Futter für übereifrige Literaturstudenten aber subtil genug um den durchschnittlichen Leser nicht zu verwirren.


 "Da gebot der Große Grenouille Einhalt dem Regen. Und es geschah. Und er schickte die milde Sonne seines Lächelns über das Land, worauf sich mit einem Schlag die millionenfache Pracht der Blüten erschloss, von einem Ende des Reichs bis zum anderen, zu einem einzigen bunten Teppich, geknüpft aus Myriaden von köstlichen Duftbehältern. Und der Große Grenouille sah, dass es gut war, sehr, sehr gut. (...) Also sprach der Große Grenouille und segelte, während das einfache Duftvolk unter ihm freudig tanzte und feierte, mit weitausgespannten Flügeln von der goldenen Wolke herab über das nächtliche Land seiner Seele nach Haus in sein Herz."


Der wohl einzig wichtige Protagonist dieser Geschichte ist der geniale Parfümeur, widerborstige "Zeck" und kaltblütige Mörder Jean-Baptiste Grenouille. Alle anderen Charaktere sind bloß episodenhaft wichtig für die Handlung und verschwinden nach ihrem kurzen Auftritt häufig in das Reich der Toten. Und obwohl Grenouille von Anfang an als "eine der genialsten und abscheulichsten Gestalten" der Epoche charakterisiert wird und durch den Titel schon gleich seine kommenden Morde im Raum stehen wird er vom Autor vielfältiger und schillernder gezeigt, als ich es jemals für möglich gehalten hätte.

Bei aller Dummheit und Grobheit, die dem ungebildeten Grenouille nachgesagt wird hat er eine hervorstechende, wundersame Gabe in die Wiege gelegt bekommen. den absoluten Geruchssinn. Seine Nase vermag alles und jeden wahrzunehmen, jeden erdenklichen und abwegigen Dufthauch oder Gestank auf dieser Erde, welchen er in seine Bestandteile aufspaltet und tief in seinem Inneren verwahrt. Von einer Kindesmörderin unter einem versifften Marktstand geboren wandert der Junge Grenouille von Amme zu Amme, über das Waisenhaus von Madame Gaillard, bis zum Gerber Grimal. In den ersten Jahren seines Lebens wird der Junge nur herumgeschubst, ungeliebt weitergereicht und als abstoßend, verschlagen und unheimlich charakterisiert. Auf seinen Jagdzügen durch das Brodem von Paris findet er seine einzige Freiheit darin, neue Gerüche zu entdecken. Doch auch wenn er als debil und nur auf seine Gerüche fixiert erscheint, erkennt man bald, dass in ihm eine nicht zu unterschätzende Intelligenz verborgen liegt, wenn es darum geht, seine Ziele zu erreichen. So reicht es ihm bald nicht mehr aus, Gerüche nur wahrnehmen und in seinen Fantasien zusammenbringen zu können - er will auch handfest mit ihnen experimentieren und sie erfahrbar machen. Das bringt ihn schließlich zum in die Jahre gekommenen Parfümeur Baldini, der ihn nach anfänglichen Zweifeln zu sich als Lehrling nimmt. Jean-Baptiste erfindet für den alten Parfümeur viele verschiedene Düfte und erlernt von ihm im Gegenzug die wichtigsten Strategien um Düfte einzufangen und herzustellen: das Aufschreiben der Duftformeln, die Kunst des Seifenkochens aus Schweinefett, des Handschuhnähens, des Pudermischens und des Destillieren von Gerüchen. Aber das Destillieren von Gerüchen reicht Grenouille nicht, denn nicht alle Gerüche lassen sich mit diesem Verfahren festhalten. Also verlässt er Baldini und lebt erst einige Jahre auf dem Berg Plomb du Cantal. Dort erkennt er, dass er selbst keinen Geruch besitzt, was ihn verstört und verängstigt. Das höchste seiner Ziele ist es nun, sich einen eigenen Geruch zu kreieren, wofür er in der Stadt Grasse andere Arten, einen Duft festzuhalten erlernen muss. Und als er dort auf ein Mädchen mit dem wunderschönsten Eigengeruch trifft, den er jemals gerochen hat, wächst in ihm eine ganz andere Idee: um voll und ganz geliebt zu werden will er sich ihren Duft aneignen und zu dem vollkommensten und schönsten Parfüm verarbeiten, welches je ein Mensch gerochen hat...


"Hunderttausend Düfte schienen nichts mehr wert vor diesem einen Duft. Dieser eine war das höhere Prinzip, nach dessen Vorbild sich die anderen ordnen mussten. Er war die reine Schönheit."


Das Grenouille für sein höheres Ziel zum Mörder wird tut der seltsamen Sympathie und dem leisen Mitleid, dass durch die Geschichte hinweg in mir für ihn geweckt wurde, gruseliger Weise keinen Abbruch. Ist er noch so krank und abstoßend - er bleibt unsere Identifikationsfigur und der Mittelpunkt der Geschichte. Viele Gedankengänge erkennen wir Leser wieder, seine Suche nach seinem eigenen Geruch, nach sich selbst, sein Drang, geliebt und verehrt zu werden - all das wird den meisten Lesern nicht fremd sein. Und so wird die Annäherung an diesen ambivalenten Charakter zu einem wackligen Balanceakt zwischen Abscheu und Bewunderung für den Mörder und das Genie Grenouille.

Die Handlung fußt hier eigentlich nur auf der Lebensgeschichte des Protagonisten, ist dabei aber keineswegs arm an Wendungen, Spannung und etlichen Kuriositäten. Während wir Grenouille durch sein Leben begleiten blitzen immer wieder andere Facetten des Romans ans Licht: mal mutet die Geschichte eher wie ein Kriminalroman an, dann wir es mehr zum Roadnovel, dann zum Psychothriller mit Horrorelementen, bevor wieder das Gesellschaftsbild eines historischen Romans in den Vordergrund rückt. Und gerade dieser Wechsel der Handlung, die verschiedenen Darstellungsweisen der Episoden Grenouilles Leben, welche wohl jeden Versuch, das Werk in ein genaues Genre einordnen zu wollen, zum scheitern verurteilen, machen dieses Buch so spannend. In gut recherchierten 320 Seiten stellt Süskind das Frankreich des 18. Jahrhunderts, die facettenreiche und viel z stiefmütterlich behandelte Welt der Düfte und die Entwicklung der psychischen Befindlichkeiten eines ungewollten Kindes, das hinter der Maske eines hochbegabten Parfümeurs zum berechnenden Serienmörder wird, in spannender und unterhaltsamer Weise dar.


Fazit:

"Das Parfum" ist ein Buch voller genialer Gegensätze: es ekelt, es erschreckt, es fasziniert, es widert an, es begeistert, es erregt...
Ich denke, die Literaturbranche stimmt mir zu, wenn ich diesen Roman als Klassiker betitle, wer immer es jedoch in welcher Absicht auch immer liest, wird in der Vielseitigkeit der Geschichte ganz unterschiedliche Ansätze und Andeutungen finden und nicht zuletzt durch die wundervolle Sprache unterhalten werden.

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Save Me

Mona Kasten
Flexibler Einband: 446 Seiten
Erschienen bei LYX, 23.02.2018
ISBN 9783736305564
Genre: Liebesromane

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: Save me
Autor: Mona Kasten
Verlag: LYX (23. Februar 2018)
Genre: Young Adult
ISBN-10: 3736305567
ISBN-13: 978-3736305564
ASIN: B071RYJPHG
Seitenzahl: 416 Seiten
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 16 - 17 Jahre
Preis: 9,99€ (Kindle-Edition)
12,90€ (Broschiert)
Weitere Bände: Save you; Save us
 

Inhalt:

Sie kommen aus unterschiedlichen Welten.
Und doch sind sie füreinander bestimmt.


Geld, Glamour, Luxus, Macht - all das könnte Ruby Bell nicht weniger interessieren. Seit sie ein Stipendium für eine der renommiertesten und teuersten Privatschulen Englands - das Maxton Hall College - erhalten hat, versucht sie vor allem eins: unsichtbar zu sein und ihren Mitschülern so wenig wie möglich aufzufallen. Vor allem von James Beaufort, dem heimlichen Anführer der Schule, hält sie sich fern. Er ist zu arrogant, zu reich, zu attraktiv. Während Rubys größter Traum ein Studium in Oxford ist, scheint er nur für die nächste Party zu leben. Doch dann findet Ruby etwas heraus, das sonst niemand weiß - etwas, das den Ruf von James' Familie zerstören würde, sollte es an die Öffentlichkeit geraten. Plötzlich weiß James genau, wer sie ist. Und obwohl sie niemals Teil seiner Welt sein wollte, lassen ihr James - und ihr Herz - schon bald keine andere Wahl ...


Bewertung;

Nach dem ich die "Again"-Reihe von Mona Kasten wirklich geliebt habe, war von Anfang an klar, dass ich auch die "Maxton Hall"-Reihe unbedingt lesen muss. Jetzt bin ich mit Band 1 durch und rein objektiv und sachlich betrachtet ist "Save me" wohl ein oberflächlicher, klischeehafter Millionärsroman, den die Welt nicht braucht - aber ganz ehrlich: die Geschichte hat mir trotzdem gefallen! ;-) 

Zuerst mal wieder zum Cover. Auch wenn ich es mit der recht schlichten Gestaltung ohne nennenswerte Motive nicht unbedingt als Eye-Catcher bezeichnen würde, gefällt mir der Fokus auf dem Titel und die Kontrastierung der beiden Seiten, die langsam ineinander übergehen recht gut. Die obere Hälfte des Hintergrundes glitzert in goldenen Partikeln während die untere Hälfte in einem schlichten Weiß gehalten ist. Dadurch wird wunderbar die Gegenüberstellung der beiden im Buch dargestellten Welten verkörpert: die vor Glamour und Prunk glitzernde Welt der Oberschicht und die schlichte aber gemütliche Welt der Mittelschicht, aus der Ruby kommt. Nichtsdestotrotz finde ich das Cover -gerade auch in Anbetracht der sehr ähnlich gestalteten Folgebänden- nicht gerade einfallsreich.


Erster Satz: „Mein Leben ist in Farben unterteilt.“


Ohne besondere Umschweife werden wir in das Leben der 17-jährigen Ruby Bell eingeführt, die mit ihrem Stipendium für die angesehene Privatschule Maxton Hall und den sich ansammelnden Pluspunkten durch ihr Engagement im Veranstaltungskomitee der Schule, ihrem Traum von einem Studium in Oxford sehr nahe ist. Ganz nach ihrer Devise "Bloß nicht auffallen" hat sie es geschafft, für ganze zwei Jahre unsichtbar für den Großteil der Schülerschaft vor sich hin zu lernen und mit Bestleistungen die Erfüllung ihres Studientraumes Näherrücken zu sehen. Doch als sie durch Zufall auf ein gut verstecktes Geheimnis der reichen Familie Beaufort aufmerksam wird, ist es mit ihrer hart erkämpften Unsichtbarkeit vorbei - sie rückt in die Aufmerksamkeit des Königs der Schule, James Beaufort, der alles dafür tun würden, damit das Geheimnis nicht ans Licht kommt. Doch obwohl er sich wie ein verwöhnter Snob aufführt und wild auf ihren Gefühlen herumtrampelt, beginnt Ruby hinter die Fassade der glamourösen High-Society-Familie zu schauen und entdeckt dort heftigen Druck, konservative Zwänge, fiese Intrigen und gewalttätige Geheimnisse - und langsam beginnt sie zu vermuten, dass hinter James´ rücksichtslosem Machogehabe vielleicht etwas mehr stecken könnte...


“Er scheint jeden Ort, an den er geht, zu seinem Reich zu machen. Die Schule, das Lacrosse-Feld, dieses Geschäft. Ob das auch passiert, wenn er eine Eisdiele betritt? Vielleicht würde ich das bei Gelegenheit austesten müssen.”


Ich muss zugeben, dass sich die Zusammenfassung anhört wie ein Remix bekannter Geschichten aus dem Genre: reicher, verwöhnter Bad-Boy mit Geheimnissen trifft auf armes, unerfahrenes Mädchen, erst Ablehnung und dann BOOM, die große Liebe. Ja, da kann man wirklich einige Klischees und Parallelen zu anderen Geschichten sehen, aber dennoch hat das Buch ein gewisses etwas, dass es besonders und anziehend macht. Gerade dass die Geschichte sich zu Beginn so viel Zeit nimmt, um uns in die Hintergründe der Geschichte einzuführen, dabei aber noch einiges offen lässt, hat mir gut gefallen. Selbstverständlich merkt man der Geschichte an, dass sie zu einer Trilogie gestreckt werden soll und bekommt deshalb weniger spannende Szenen deutlich aufgebauschter vorgesetzt, als zu erwarten gewesen wäre, während an manch anderen Stellen hingegen recht oberflächlich erzählt wird um noch Potential für genauere Fortführungen in den Folgebänden übrig zu lassen, dennoch finde ich den ansteigenden Spannungsbogen wunderbar ausgearbeitet.


"Sobald man Dinge einmal ausgesprochen hat, gibt man ihnen Raum, in dem sie sich entfalten und echt werden können."


Der Schreibstil ist typisch Mona Kasten: flüssig zu lesen, voller Anspielungen direkt aus dem Leben und dabei gleichzeitig sanft und eindringlich. Auch wenn mir hier einige unrunde Stellen und Szenenwiederholungen genau wie etliche Tippfehler aufgefallen sind, hat das nicht meinen Lesefluss beeinträchtigt und ich konnte trotz einiger Szenen, die mich gestört haben, das Buch in einem Rutsch durchlesen. Und das ist die große Stärke ihrer Bücher, die vielleicht nicht unbedingt alle tiefsinnig sind und das auch nicht sein müssen: wir haben es hier mit einer emotional berührenden, mitreißenden Geschichte zu tun, bei der die Seiten wie im Flug vorbeifliegen und man schneller als einem lieb ist auf der letzten Seite angelangt ist.


“Die Art, wie sie ihre Ordner fest im Arm hielt, ihre zielstrebigen Schritte, das vorgereckte Kinn. Sie sah aus, als würde sie in einen Kampf ziehen.”


Anders als bei ihren Vorgängergeschichten hat sich Mona Kasten hier dafür entschieden, abwechselnd aus der Sicht von James und Ruby zu erzählen, wodurch wir beiden näher kommen und ihre Handlungsweisen und Entscheidungen besser nachvollziehen können. Besonders gut gefallen hat mir an der Hauptperson Ruby, dass sie kein schwaches Opfer mit einer ganzen Latte aus Problemen ist, sondern eine emanzipierte, selbstbewusste, zielstrebige junge Frau darstellt, die genau weiß, was sie will und sich von nichts und niemandem herumschubsten lässt. Wir erleben Ruby als eine sehr engagierte, strebsame 17-Jährige, die sich klare Ziele gesetzt hat und mir so sofort ans Herz gewachsen ist - nicht zuletzt auch wegen ihrem süßen Ordnungstick und ihrer Liebe zu To-do-Listen, in der ich mich sofort wiedererkannt habe. Im Gegensatz zu etlichen pseudoromantischen, charakterlosen Dummchen, die einen Hang zum Stockholm-Syndrom zu besitzen scheinen, wird hier endlich mal eine starke Frau im Young Adult Genre präsentiert, die auch ohne ihren männlichen Gegenpart charakterisiert werden kann und eigene Interessen und Ziele hat. Das ist erfrischend neu zu lesen!


"Ich kann James Beaufort nicht bloß nicht ausstehen. Ich verabscheue ihn. Ihn und alles, wofür er steht. Wie er lebt - ohne Rücksicht oder Angst vor Konsequenzen. Wenn man den Namen Beaufort trägt, ist man unantastbar."


James hingegen ist leider erstmal die typische Verkörperung eines reichen Bad Boys. Mit seinen jungen 18 Jahren, als erfolgreicher Lacrosse-Spieler, Erbe eines milliardenschweren Modeimperiums und König des Colleges, verkörpert er alles, was Ruby nicht ausstehen kann: Überheblichkeit, Macht, Rücksichtslosigkeit. Während Ruby strebsam und motiviert ist, scheint James ohne Rücksicht auf Verluste und ohne festes Ziel vor Augen durch sein Leben zu taumeln. Fehltritte werden durch Drohungen und Bestechungsgeld ausgebügelt. Also ein junger Mann, der sich alles erlauben kann und dem das Glück mit dem Geld seiner Eltern schon in die Wiege gelegt wurde? Wohl eher nicht! Bald bekommen Ruby und auch wir Leser einen Vorgeschmack davon, wie einschränkend, belastend und erdrückend es sein kann, wenn die ganze Welt auf einen blickt. Anders als gedacht, steht ihm die Welt nicht offen, sondern eine genau geplante Zukunft erwartet ihn, weshalb er sich lieber in Partys, Alkohol und Drogen verliert, als gerade aus nach vorne zu blicken. Aufgrund seines Hintergrundes und seines Verhaltens gegenüber Ruby weckte er abwechselnd Mitleid und Abscheu in mir, was unsere Annäherung zu einer wahren Berg-und-Tal-Fahrt machte. Abschließend gesagt mochte ich ihn dann doch, obwohl er sich mit seinen etlichen Fehltritten nah an einer Grenze bewegt, an der Versöhnung mit mir als Leser wirklich schwierig wird.


„Vergebung kann niemals falsch sein. 〈…〉 Vergebung ist ein Zeichen von Größe und Stärke. Wenn man sich jahrelang im Zorn verliert und sich selbst kaputtmacht, ist man nicht besser als die Person, die einem unrecht getan hat.“


Der Verlauf der Geschichte steuert trotz einiger Rückfälle und Umwege zielstrebig auf das Zusammenkommen Rubys und James´ zu und gipfelt dann in einer leidenschaftlichen Liebesnacht. Dass Mona Kasten der Geschichte am Ende noch eine sehr vorhersehbare Wendung zum Schlechten hineindrücken musste, um den Lesern das Warten auf den zweiten Teil zu vermiesen, fand ich wirklich unnötig - aber so funktioniert dieses Genre nun mal. Insgesamt hätte ich von Mona Kasten doch ein wenig mehr erwartet, bin aber sehr gespannt, was sie aus der Geschichte noch alles macht und bin mir sicher, dass sie ihren Weg finden wird.



Fazit:

Ein typisches, nicht gerade originelles New Adult Märchen, dass aber dennoch mit einer mitreißenden, berührenden Atmosphäre, einer bewegenden, dramatischen Liebesgeschichte und einem intensiven, emotionalen Schreibstil unterhalten konnte. Insgesamt ein solider Auftakt, von dem ich leider ein wenig mehr erwartet hätte.

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166 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 87 Rezensionen

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Das Böse in deinen Augen

Jenny Blackhurst , Sabine Schilasky
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 27.04.2018
ISBN 9783404176892
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: Das Böse in deinen Augen
Autor: Jenny Balckhurst
Verlag: Bastei Lübbe (27. April 2018)
Genre: Psychothriller
ISBN-10: 3404176898
ISBN-13: 978-3404176892
ASIN: B0774RZ3HH
Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 16 Jahren
Originaltitel: The Foster Child
Seitenzahl: 432 Seiten
Preis: 8,99€ (Kindle-Edition)
11€ (Taschenbuch)
 

Inhalt:

Niemand hat Angst vor einem kleinen Mädchen, oder doch?

Als die Kinderpsychologin Imogen Reid den Fall der elfjährigen Ellie Atkinson übernimmt, weigert sie sich, den seltsamen Gerüchten um das Mädchen zu glauben. Ellie sei gefährlich, so heißt es. Wenn sie wütend wird, passieren schreckliche Dinge. Imogen hingegen sieht nur ein zutiefst verstörtes Kind, das seine Familie bei einem Brand verloren hat und ihre Hilfe benötigt. Doch je näher sie Ellie kommt, desto merkwürdiger erscheint ihr das Mädchen. Dann erleidet auch Imogen einen schrecklichen Verlust - und sie fürchtet, dass es ein Fehler war, Ellie zu vertrauen -


Bewertung:
 
Ich lese zurzeit sehr gerne Psychothriller, weil ich einfach fasziniert von dem Dunklen Gruseln der Atmosphäre bin und habe aus diesem Grund auch zum neusten Werk von Jenny Blackhurst gegriffen, von der ich schon viel Gutes gehört habe. Leider konnte mich das Buch nicht gänzlich überzeugen, gerade weil mir das zum Großteil gefehlt hat, was für mich einen Psychothriller ausmacht: der Gruselfaktor.

„Eins zwei, Ellie kommt vorbei.
Drei vier, verschließe deine Tür“



Schon das Cover ist eine Sache für sich. Auf den ersten Blick finde ich es auf schaurige Art wunderschön mit dem filigranen Metallkäfig, den blutroten Rosen und dem schillernden Schmetterling vor verblichener, grauer Tapete. Wunderbar wird hier die Diskrepanz zwischen süßer Unschuld und blutiger Grausamkeit dargestellt. Leider haben weder Blumen, noch ein Käfig noch ein Schmetterling etwas mit dem Buch zu tun. Eventuell könnten die Motive eine schlechte Anspielung auf Ellis in einem Glas gefangene Motte sein, aber ansonsten kann ich mir da keine Verbindung herleiten. Wenn man aber einfach nur die Optik und die atmosphärische Wirkung in Betracht zieht, ist die Gestaltung sehr gut gelungen. Den Titel finde ich gerade im Vergleich zum englischen Original auf den Punkt getroffen, genau wie der Klapptext, der Interesse weckt, ohne zu viel zu verraten. Zur inneren Gestaltung kann ich nur sagen, dass mich die unvollständigen Perspektiven Angaben über jedem Kapitel äußerst verwirrt haben. Über einigen Absätzen steht in kursiver Schrift der Name der erzählenden Person, bei anderen Abschnitten aber nicht. Ob das Absicht ist, weiß ich nicht.

Doch nun zur Geschichte. Nach einem meiner Meinung nach nicht besonders mitreißenden Prolog, der vor allem durch die vielen Namen verwirrt und einen wichtigen Teil der Handlung vorgreift, tauchen wir in das Leben von Imogen Reid ein, die nach 20 Jahren mit ihrem Mann zurück in ihr altes Heimatdorf Gaunt zieht. Die Kinderpsychologin hat dort die schlimmsten Jahre ihres Lebens verbracht und als sie nach dem Tod ihrer Mutter nach so langer Zeit wieder zurückkehrt, scheint das Dorf sie vergessen zu haben, es lauern jedoch immer noch dunkle Schatten in jeder Ecke. Als sie gleich am ersten Tag die 11jährige Ellie Atkinson, die einen Brand überlebt hat, bei der ihre Familie ums Leben gekommen ist, bei einem dubiosen Zwischenfall kennenlernt, erkennt sei sich in dem einsamen, traumatisierten Mädchen wieder und nimmt sich ab sofort ihrer an. Als Pflegekind findet sie zwar physisch ein neues Zuhause bei der Familie Jefferson, durch schreckliche Gerüchte verunsichert und für grausame Zufälle verantwortlich gemacht, steht sie jedoch bald am Rande der Gesellschaft, mit einem Fuß im Abgrund. Imogen ist von der beginnenden Anfeindung und der Hexenjagd entsetzt und versucht alles, um dem Mädchen zu helfen. Und doch kann auch sie nichts gegen ihr mieses Bauchgefühl tun, dass sie vor dem Bösen in den Augen des Mädchens warnt...


„Ellie fixiert Miss Gilbert mit ihren dunklen Augen und würzt ihre Worte mit jeder Unze Hass, die sie in diesem Moment empfindet: „Meinetwegen beobachten Sie mich ruhig, Miss Gilbert. Aber seien Sie vorsichtig, denn ich habe das Gefühl, dass ich noch sehr viel länger hier sein werde als Sie.“


Die Hauptquelle der Spannung der Geschichte ist die Tatsache, dass man bis fast zum Ende ständig hin und her schwankt was Ellies Schuld anbelangt. Zu Beginn erscheint die Angst der Bewohner Gaunts wie eine kleingeistige Überreaktion, denn einem jungen Mädchen vorzuwerfen, es könne mit der Kraft ihrer Gedanken schlimmer Dinge passieren lassen, wenn sie wütend ist, scheint absurd. So denkt auch Imogen, die alle für ihre Ängste verurteilt und eine engere Verbindung zu Ellie aufbaut. Doch mit laufender Handlung werden sowohl wir Leser als auch Imogen immer unsicherer, was ihre Unschuld anbelangt. Ebenso unheimlich wie berührend wird dargestellt, wie die Psychologin zwischen Bauchgefühl und klarem Verstand, Vertrauen und Zweifel, Zuneigung und Angst wankt und in Ellie mit jedem weiteren Menschen, der sie aufgibt, weiter in den Abgrund zu fallen scheint...


"Sie liegen da falsch, wenn Sie denken, dass ich mich Ihrer kleinen Hexenjagd auf ein Mädchen anschließe, das bereits durch die Hölle gegangen ist! Sie alle hier machen mich krank, und ich werde alles tun, was ich kann, damit Ellie vor euch Irren sicher ist!"


Besonders ist an dieser Geschichte auch die kritische Spitze mit der gezeigt wird, wie leicht sich eine ganze Gemeinschaft aufwiegeln, Weltbilder zerstören und Menschen manipulieren lassen und wie leicht Vertrauen durch grausige Zufälle erschüttert werden kann. Doch neben der Ellie-Frage klaffen in dieser Geschichte leider noch sehr viele Lücken auf. Gerade am Anfang werden wir mit lahmem Geplänkel zu unterhalten versucht und werden langsam an die einzelnen Charaktere herangeführt, was sich sehr bald als schwierig herausstellt, da Imogen fast noch mehr Geheimnisse umranken als Ellie und bald klar wird, dass die Psychologin selbst eine Therapie bitter nötig hätte. So stehen wir Leser zwischen unprofessionellen Entscheidungen Imogens, halbgaren Andeutungen über die beiden Hauptcharaktere und gemeinem Mobbing Ellies Mitschüler und werden mit der Frage konfrontiert, wo die Geschichte denn überhaupt hinführen soll.


"Ellie hat Angst: Angst vor den Schreien, die sie geweckt hatten, Schreie, von denen sie nun weiß, dass sie in ihrem Kopf waren, und sie hatte Angst davor, wo sie gewesen war und warum sie sich nicht erinnerte, ihr Bett verlassen zu haben. Und sie hatte Angst davor, was sie getan haben könnte."


Der Schreibstil war zwar flüssig und gut zu lesen, Szenen mit spannendem Gruselpotential werden aber nur mäßig bis gar nicht ausgenutzt um das Rätselraten um die seltsamen Vorfälle aufzupeppen. Die Autorin lässt ihre Charaktere selbst immer wieder Bezüge zu Stephen Kings "Carrie" ziehen, was in eine Mysterythriller Richtung weisen würde. Gerade aber neben einem solchen Kultthrillern fehlte hier einfach die Atmosphäre und auch wenn durchaus Spannung durch die kurzen Kapitel, Szenen- und Erzählerwechsel und hohem Erzähltempo aufkommt, bleiben ein Gruselfaktor und eine grundsätzliche Faszination für die Geschichte aus. Atmosphärisch hätte man hier meiner Meinung nach viel mehr machen können. Gerade auch da durch die psychische Labilität fast aller Protagonisten ein Sympathieträger fehlt und gegen Ende die Story sehr unrund wirkte, kam bei mir das Gefühl auf, als würde irgendetwas fehlen. Sehr schade!


"Man kann nicht immerzu die Welt retten. Manchmal muss man einfach sich selbst retten!"



Fazit:


Ein durchaus interessanter Psychothriller, dem jedoch Atmosphäre und Gruselfaktor fehlen. Schade, dass aus den vielen spannenden Elementen nicht mehr gemacht wurde!

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Ein Meer aus Tinte und Gold

Traci Chee , Sylke Hachmeister
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 30.04.2018
ISBN 9783551317285
Genre: Jugendbuch

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: Ein Meer aus Tinte und Gold
Autor: Traci Chee
Verlag: Carlsen (20. Oktober 2016)
ISBN-10: 3551317283
ISBN-13: 978-3551317285
ASIN: B01ELXD7ZG
Originaltitel: The Reader
Preis: 9,99€ (Kindle-Edition)
9,99€ (Taschenbuch)
17,99€ (Gebundene Ausgabe)
Seitenzahl: 480 Seiten
Weitere Bände: "Ein Schatz aus Papier und Magie";
"Die Schlacht um Wörter und Blut"
 

Inhalt:

„Du hast die Wahl, Sefia. Lenk deine Zukunft oder lass dich von der Zukunft lenken."

Seit Sefias Vater ermordet wurde, kämpft sie mit ihrer Tante Nin ums Überleben. Aber dann wird Nin entführt und die einzige Spur zu ihr ist ein Buch: ein scheinbar nutzloser Gegenstand in einem Land, in dem fast niemand um die Existenz des geschriebenen Wortes weiß. Doch kaum berührt Sefia das makellose Papier, spürt sie eine magische Verbundenheit und lernt die Zeichen zu deuten. Das führt sie auf eine gefährliche Reise – und an die Seite eines stummen Jungen, der selbst voller Geheimnisse steckt.


Bewertung:

"Es war einmal und es wird eines Tages sein. So fangen alle Geschichten an."

Mit diesem Satz beginnt das wundervolle Märchen für Erwachsene, das neben seinem liebevoll gestalteten Aussehen auch durch Komplexität der Handlung, einen hinreißenden Schreibstil und berührende Charaktere entzückt. Ein kleines Kunstwerk!

Wie schon viele Leser vor mir will ich unbedingt das umwerfende Cover hervorheben. Ohne übertreiben zu wollen ist es denke ich das schönste aber vor allem passendste Cover, das ich je gesehen habe. Aus einem dynamisch wirkenden Meer aus goldenen Wellen ragt ein altes Buch mit vergilbten Seiten im Zentrum des Bildes hervor. Zwischen umher schwirrenden Buchstaben läuft die Silhouette eines Mädchens auf ein Schiff zu, welches am Rand des Buches vorbei fährt. Der Titel umrahmt dieses Bild in schwarzen Schnörkeln. Mal von der wunderschönen, warmen, lebendigen Ausstrahlung des Hintergrunds abgesehen, die das Buch zum absoluten Eye-Catcher macht, passen auch alle gezeigten Elemente ganz toll zur Handlung: das Piratenschiff, das den Rand der Welt erforscht, das Mädchen als Leserin oder als Gelesene, die goldenen Fäden der magischen Welt, die alle auf das Buch zurück laufen. Einzig und allein dass Archer nirgendwo zu sehen ist, könnte ich hier kritisieren. Das Cover ist ansonsten eine perfekte Verkörperung des Titels und der geheimen Botschaft, die zwischen den Zeilen versteckt an uns gerichtet ist:

"Dies ist ein Buch und ein Buch ist eine Welt
und ein Wort ist ein Samen, der Bedeutung enthält.
Seiten aus Meer und Ränder als Land
sind Völker und Leben in deiner Hand.
Doch prüf deine Welt und dein Dasein hier
wird zu Meeren aus Tinte zum Haus aus Papier.
Kennst du dich selbst oder hast du geirrt?
Bist du Leser oder der, der gelesen wird?"

Und nicht nur das Cover hebt diesen Fantasy-Roman von der Masse anderer ab. Auch innerhalb der Buchseiten erwarten unser prüfendes Leserauge jede Menge liebevoll gestaltete Überraschungen. Von einer Karte von Kelanna, eine kleine, handgeschriebene Notiz über hintersinnig geschwärzte Zeilen, schwarze Fingerabdrücke, geheimnisvolle Zeichen, vergilbt erscheinende, hervorgehobene Auszüge aus dem Buch, verschiedene Schriftarten bis zu versteckten Botschaften ist alles dabei um unser Gehirn auf Trab zu halten und unser Leserherz zu erfreuen! So werden wir auf ungewohnt aktive Weise mit in das Geschehen mit einbezogen und wird als Leser Teil dieser Geschichte, sowie Sefia Teil der ihrseits gelesenen Geschichte wird. Die Autorin spielt hier mit dem Grundgedanken einer Geschichte, eines Buches, wirft die philosophische Frage in den Raum, ob wir bloß Teil einer Geschichte sind, die andere lesen und schafft gleichzeitig eine Hymne an das Lesen an sich. Ganz große Klasse!


"Magie. Ihr war, als spähte sie an den Rändern der Sterne vorbei und sähe, was dahinter lag."



Nach einem kurzen Prolog beginnt die Geschichte um die Bedeutung von Geschichten im Herz von Kelannas, in Oxszini. Auf den willigen Leser warten 480 Seiten in einer eine wundervollen und schrecklichen Welt aus Wasser, Schiffen und Magie, in der das geschriebene Wort mit einem wertvollen Buch lange Zeit verschollen ist und Geschichten nur von Mund zu Mund weitergegeben werden. Dass Sefia schon bald Teil einer Geschichte mit unermesslichem Ausmaß werden soll, ahnt sie noch nicht, als sie mit ihrer Tante Nin auch noch den letzten Familienangehörigen verliert. Nachdem ihre Mutter an einer Krankheit verstarb und ihr Vater von geheimnisvollen Verfolgern getötet wurde, befand sie sich mit der alten Schmiedin immer auf der Flucht um etwas zu beschützen, von dem sie nicht einmal weiß, wozu es eigentlich gut sein soll.


"Wir müssen in Zukunft besser aufpassen." Da lächelte er. Ein echtes, warmes Lächeln, das ihn selbst zu überraschen schien. Als hätte er nicht gewusst, dass er das noch konnte. Sein Lächeln war ganz weich.
"Wir"
(...) Sie umfasste ihre Knie, ihre Augen glänzten im Dämmerlicht. Dann würden sie es zusammen machen, sie und Archer. Herausfinden, wofür das Buch gut war. Nin retten. Diejenigen finden, die ihr Leben zerstört hatten - und Rache üben."



Als in einer verhängnisvollen Nacht ihre Tante Nin von denselben dunklen Häschern entführt wird, die auch ihren Vater verfolgt haben, wird sie aus ihrer Untätigkeit gerissen. Um ihre Tante zu finden und ihre gesamte Familie zu rächen muss sie endlich hinter das Geheimnis des Gegenstandes kommen, den sie besitzt und der so wertvoll zu sein scheint, dass Morde dafür begangen werden. Zusammen mit dem stummen Kämpfer Archer begibt sie sich auf eine Suche nach der Wahrheit, die sie durch die vier Königreiche, über das innere Meer bis in die Hände des grausamen Piraten Sarakeen führt. Doch noch weiß sie nicht, dass sie den Schlüssel schon in ihren Händen hält. Denn als sie den seltsamen, in Leder gebundenen Kasten aufschlägt, verraten der nur flüchtig lesen gelehrten Sefia die ersten Worte den Namen für das Objekt. "Dies ist ein Buch", kann sie entziffern. Vier Worte, die ihr Leben komplett verändern sollen, denn was dieses Buch birgt sind unzählige Worte, die sich zu Sätzen, zu Geschichten formen - die Geschichte ganz Kelannas....


"Wenn sie in Kelanna trauern, erzählen sie Geschichten - als könnten sie dich dadurch bei sich behalten. Sie glauben, dass du, wenn man die Geschichten nur oft und lange genug erzählt, lebendig bleibst - wenn auch nur in der Erinnerung."


In recht langsamen aber wunderbar flüssigem und intensivem Tempo nimmt die originelle Geschichte ihren Lauf. Zwar hat man die Grundidee, ein Buch zur Mitte der Handlung zu machen in Klassikern wie "Tintenherz" oder "Die unendliche Geschichte" schon einmal gelesen, was dieser Roman aber damit macht, lässt sich klar von den schon existierenden Fantasy-Romanen abgrenzen. Mit dem geschickt verschlungenen Aufbau und dem tolles Setting, das abwechslungsreich und wunderbar detailreich ausgearbeitet ist, ohne dabei die Handlung zu bremsen, wird die Story zum kleinen Gesamtkunstwerk, das mitreißend und abenteuerlich erzählt wird. Der Schreibstil spielt in der Atmosphärenbildung eine sehr wichtige Rolle. Durch bildhafte aber dennoch lockere, leichte Sprache, bei der immer ein Hauch an sehnsuchtsvoller Melancholie mitschwingt, erscheint die ganze Geschichte wie ein sanfter Traum oder ein Märchen. Denn aufgrund der eigentlich abstrusen Mischung von einfühlsamen Gefühlsbeschreibungen und emotionaler Kälte, makabrer Gewalt und süßen Träumen, lockendem Abenteuer und dunkler Realität bekommt diese Geschichte eine intensive Grundstimmung, die berührt und verzaubert!

"Archer kniete neben ihr und strich mit den Fingerspitzen über ihr Gesicht. Jede Stelle, die er berührte glühte vor Wärme, und die trostlose Kälte ihres Herzens bekam Risse. Sie nahm seien Hand und hielt sie an ihre Wange, Haut an Haut."


Besonders spannend wird die Geschichte durch die verschiedenen Handlungsstränge, die in verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten spielen, sich aber nach und nach alle zu einem Gesamtbild verflechten. Durch den auktorialen Erzähler bekommen wir einen Einblick in die Gefühlswelt ganz unterschiedlicher Persönlichkeiten. Im Vordergrund steht die junge Sefia, die ihre Eltern sterben sehen musste, nichts gegen die Entführung ihrer Tante tun konnte und sich nun von Rachedurst, Neugier und Überlebenswillen getrieben auf die Suche nach der Wahrheit begibt. Sie ist ein absoluter Vorzeigecharakter der Fantasy-Literatur: verständnisvoll, mutig, herzlich, sensibel, selbst bestimmt, gewitzt und einfach nur liebenswert. Es ist wirklich schwer, sie nicht zu mögen!


"Es war, als wäre sie die ganze Zeit ausgesperrt gewesen und hätte durch einen Türspalt den Blick auf eine magische Welt erhascht. Doch das Buch war der Schlüssel."


An ihrer Seite steht Archer, den sie auf ihrer Reise eingesperrt in eine dunkle, enge Kiste findet, rettet und kurzerhand mitnimmt. Ohne dass er ein Wort reden kann, versteht Sefia, dass auch ihm das Schicksal böse mitgespielt hat und hilft dem geschlagenen, gebrochenen, zum Töten ausgebildeten jungen Mann, wieder menschlich zu werden und sich selbst wieder zu finden. Es ist herzzerreißend schön mit anzusehen, wie die beiden sich langsam näherkommen und sich bald ohne Worte verständigen und sich gegenseitig Halt geben können.


"Er spürte in seinem Inneren das wütende, stinkende Wesen, das nach Blut dürstete, seine hohlen Wangen unter Haut. Aber vielleicht musste er nicht so sein. Vielleicht konnte sich dafür entscheiden, ein ganzer Mensch zu sein: Archer, Jäger, Beschützer, Artischockenputzer, Spieler, Schiffsjunge, Quarzbesitzer, Freund. Dieser Gedanke begann in ihm zu reifen, langsam zunächst, dann jedoch schneller und heftiger, bis es heiß in ihm brodelte. Vielleicht hatte er eine Wahl."


Neben Archer und Sefia betrachten wir so auch noch die Abenteuer von Käpt´n Lees auf seinem Schiff, die "Strömung der Zuversicht", welche von kannibalischen Knochen über lebendige Inseln bis zum Rand der Welt und darüber hinaus führen. Den geheimnisvollen Käpt´n habe ich sehr schnell genau wie seine Crew, dem starken Zimmermann Ross, dem blinden und doch nicht orientierungslosen Ersten Steuermann, dem mutigen Lind, der geschickten Doc, dem missmutigen Jigo, dem begabten Cooky und dem fröhlichen Kallinago und vielen weiteren besonderen Persönlichkeiten, ins Herz geschlossen. Außerdem bekommen wir durch kurze Einschübe einen Einblick in die Sicht der Verfolger und erfahren durch den jungen Bibliotheks-Lehrling Lon und die angehende, tödliche Jägerin Mareah etwas über einen rätselhaften Orden, welcher es auf die Kontrolle der Menschheit und ein Monopol auf Wissen und Macht abgesehen hat...

"Sie ritzte den Satz mit der Messerspitze an den verborgenen Stellen des Waldes ein, in die höchsten Äste der größten Bäume: Dies ist ein Buch.
Oder sie schrieb auf die Steine eines zugeschütteten Lagerfeuers: Dies ist ein Buch.
Und sie malte es sich unsichtbar auf den Arm, auf das gebeugte Knie: Dies ist ein Buch. Ein Buch. Ein Buch. Ein Buch.
Sie wusste ja nicht, dass die Leute, die hinter ihr her waren, überall nach Spuren suchten: in den höchsten Bäumen, auf vergrabenen Steinen. Sie lechzten nach dem Buch wie Hungernde nach Essen. Krank vor Sehnsucht folgten sie ihr."



Das Ende der Geschichte erschien mir im Vergleich zum Rest ein wenig zu lasch und ist der einzige Grund, warum ich keine 5 Sterne vergeben will. Der Tod einer Hauptperson geschieht sehr schnell und ohne jegliche Bedeutung, die schlussendliche Auflösung der Zusammenhänge ist zu kurz und auch die wichtige Entwicklung, dass Archer endlich seine Stimme wieder findet, wird nur nebenbei abgehakt. Ansonsten mochte ich das relativ offen endende Finale, denn ich muss ja gar nicht mehr lange auf Band 2 warten ;-) Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, wie es mit den Charakteren weiter geht und werde die Geschichte gespannt weiter verfolgen.

„Ein Zuhause ist das, was du dazu machst. Es kann ein Schiff sein. Oder das, was du Tag für Tag auf dem Rücken trägst. Oder deine Familie. Oder vielleicht nur ein Mensch, den du über alles liebst. Das ist zu Hause."


Fazit:

Ein kleines Gesamtkunstwerk, das durch den wundervollen Schreibstil, die komplexe Handlung und die mitschwingende sehnsuchtsvolle Melancholie wie ein sanfter Traum erscheint. Die intensive Grundstimmung entsteht durch die eigentlich abstruse Mischung von einfühlsamen Gefühlsbeschreibungen und emotionaler Kälte, makabrer Gewalt und süßen Träumen, lockendem Abenteuer und dunkler Realität und baut auf spannenden, originellen Charakteren. Ich bin verzaubert!

Vielen lieben Dank an den Carlsen Verlag für das Rezensionsexemplar zur Neuauflage als Taschenbuch!

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Gone Girl - Das perfekte Opfer

Gillian Flynn , Christine Strüh
Fester Einband: 832 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 23.07.2015
ISBN 9783596520725
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: Gone Girl - Das perfekte Opfer
Autor: Gillian Flynn
Genre: Thriller
Verlag: FISCHER (24. Juli 2014)
ISBN-10: 3596188784
ISBN-13: 978-3596188789
ASIN: B00C2J1US8
Originaltitel: Gone Girl
Seitenzahl: 592 Seiten
Preis: 16,99€ (Taschenbuch)
19,99€ (gebundene Ausgabe)
9,99€ (Kindle-Edition)
 
 

Inhalt:

„Was denkst du gerade, Amy?” Diese Frage habe ich ihr oft während unserer Ehe gestellt. Ich glaube, das fragt man sich immer wieder: Was denkst du? Wer bist du? Wie gut kennt man eigentlich den Menschen, den man liebt? "


Genau diese Fragen stellt sich Nick Dunne am Morgen seines fünften Hochzeitstages, dem Morgen, an dem seine Frau Amy spurlos verschwindet. Die Polizei verdächtigt sogleich Nick. Amys Freunde berichten, dass sie Angst vor ihm hatte. Er schwört, dass das nicht wahr ist. Dann erhält er sonderbare Anrufe. Was geschah mit Nicks wunderbarer Frau Amy?


Bewertung:

Erster Satz: "Wenn ich an meine Frau denke, fällt mir immer ihr Kopf ein."

Schon der erste Satz des wohl meist gehyptesten Thriller der letzten 5 Jahre wirkt grotesk und subtil gruselig. Und genau diese zwei Adjektive haben mich die letzten 2 Wochen begleitet. So lange habe ich nämlich gebraucht, um diesen Hochkaräter endlich durch zu haben. Das lag vielleicht auch an meiner wenigen Zeit, der vielen Arbeit und meinem Stress, aber in erster Linie lag es wohl an dem absolut kranken und verstörenden Inhalt der Geschichte. Ich will gar nicht abstreiten, dass das Buch trotzdem eine dunkle Anziehungskraft ausströmt und sich gerade gegen Ende als geniales Meisterwerk entpuppt, dennoch ist es nichts, was man unter einer leichten Lektüre verstehen würde: sehr psychologisch, verstörend und schlau.

Schon das Cover hat eine geheimnisvolle Wirkung auf mich gehabt. Meine Ausgabe ist einheitlich schwarz (die neuere ist dunkelblau), was sich herrlich mit dem grellen, lachsfarbenen Titel beißt, der in großen Lettern in der Mitte des Covers thront. Die Wirkung des Covers machen jedoch die weißen Fasern aus, die scheinbar willkürlich ins Bild hineinragen und sehr an helle Haare erinnern, ohne genau sagen zu können, was es wirklich darstellt. Ohne ein genaueres Motiv zu haben, kommt hier also das Gefühl von einer Abwesenheit auf, als wäre die Person, denen die Haare gehören gerade aus dem Bildausschnitt gerannt. Eine passende Assoziation, wie ich finde. Etwas seltsam finde ich dagegen die Unterteilung der Geschichte in drei unregelmäßig große Teile mit rätselhaften Namen.

Unter der Überschrift "Junge verliert Mädchen" aus der Sicht von Nick Dunne am "Tag als,...", wie es in der Kapitelüberschrift immer so schön heißt, beginnt die Geschichte. Zuerst erscheint der Alltag des etwas emotional distanzierten Ehepaares ganz normal und durch Tagebucheinträge aus der Sicht Amy Dunnes wird mit der süßen Vorgeschichte eines schönen und erfolgreichen Journalistenehepaares in New York ein normales Durchschnittsleben suggeriert. Als dann aber Amy aus scheinbar heiterem Leben verschwindet und eine Menge rätselhafte Hinweise auf Nick als Täter hindeuten, müssen sowohl die Ermittler als auch Nick das Eheleben umkrempeln um herauszufinden, was wirklich passiert ist. Während zu Beginn Nick als komplett unfähig einen Mord begangen zu haben dasteht, kommen im mittleren Teil der Geschichte durch Amys fortschreitende Tagebucheinträge immer mehr erschreckende Details über die letzten Jahre der Ehe ans Licht. Von beiden Seiten, von Amy durch ihre Tagebucheinträge und aus Nicks Perspektive nach ihrem Verschwinden dürfen miterleben, wie Liebe langsam in Genervt-Sein, Ekel, Abscheu und schließlich Hass umschlagen kann, wenn man sich besser kennt als jeden anderen Menschen auf der Welt. Das zuvor gemäßigte Bild eines glücklichen Paares bekommt Risse und bricht dann gnadenlos auseinander - die Story, die zuvor langsam vor sich hin geplätschert war und sich viel Zeit für eine langatmige Einleitung und ausführliche Beschreibungen der Charaktere genommen hat - wird zu einem rabenschwarzen und bitterbösen Beziehungs-Thriller.


"Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, wenn man seinem Partner, seinem Seelenpartner endlich sein wahres Selbst zeigt, und er kann es nicht leiden? So nahm der Hass seinen Anfang"


Durch die verschiedenen zeitlichen und personellen Perspektiven bekommt die sonst so statische Geschichte, die sich bloß mit dem zeitlichen Rahmen von etwa einem Monat nach Amys Verschwinden befasst, die nötige Dynamik. Mit jedem Tagebucheintrag kommen neue Dinge über die fünf Jahre Ehe ans Licht und unser Verständnis für Amy und unsere Zweifel bezüglich Nicks Ehrlichkeit wachsen. Doch so einfach macht es uns die Autorin nicht. Mit vielen krassen 360 Grad Wendungen zerstört sie immer wieder das Bild, das wir uns von den Protagonisten gemacht hat und enthüllt ganze Textteile als weiteren strategischen Zug in dem Spiel zwischen Amy und Nick, das mit den Gefühlen der Leser genau wie mit den Ermittlern spielt, auf die voreingenommene öffentliche Meinung setzt und keinen geringeren Einsatz als ihr jeweiliges Leben hat. Schnell findet man sich mitten in einer einzigen Verwirrung aus Wahrheit und Lüge wieder, bei der Liebe und Hass genauso eng zusammen liegen wie Berechnung und Zufall, wie Schuld und Unschuld...

Einen besonderen Touch erhält diese originelle Achterbahnfahrt der getäuschten Erwartungen und Gefühle durch den wundervollen Schreibstil von Gillian Flynn. Ich habe noch nie ein Buch gelesen, dass so viele eiskalte Enthüllung menschlicher Eigenarten enthält und durch präzise Beobachtungen verschiedene Verhaltensmuster aufdeckt, unter denen man sich selbst von Zeit zu Zeit wiedererkennt. So wird das Ehepaar, dass sich auf perfide Weise das Leben zur Hölle macht zum Beispiel für ein typisches Spiel um Macht und die vielen kleinen Kämpfe ein übersteigertes Abbild dessen, was wir uns jeden Tag mit unseren Mitmenschen liefern: ein Mix aus Undankbarkeit, Gönnerhaftigkeit, dem Traum vom "weißen Ritter" und der Projektion von Selbstverachtung. Die Art und Weise, wie Gillian Flynn hier menschliche Abgründe präsentiert und ungeschönt berichtet, was Menschen sich gegenseitig antun können, ist wirklich einzigartig und verblüffend klug.

Dabei werden wirklich interessante Fragen gestellt. Neben der altbekannten Problematik um die wirkliche Bedeutung von Liebe werden auch Persönlichkeitsstörungen angezeichnet und die Frage gestellt, wie natürlich der Wechsel unserer Rollen ist und ob wir nicht alle gelegentlich ohne es zu bemerken andere Rollen einnehmen, um etwas zu bekommen, was wir wollen, nur um langsam daran zugrunde zu gehen. Besonders interessant sind hier natürlich die Charaktere. Die beiden Protagonisten Amy und Nick und ihre Beziehung zueinander sind natürlich das Kernstück der Geschichte. Beide haben auf verschiedene Weise in ihrer Kindheit nicht das erfahren können, was sie gebraucht hätten und sind so zu sozial inkompetenten Personen geworden, die im Laufe der Geschichte unterschiedlich viel Schuld auf sich laden. Und gerade weil die beiden es nicht darauf anlegen, die Sympathie des Lesers zu ergattern, wirken sie so echt, so authentisch und so krass realistisch! Obwohl Nick eigentlich der Haupterzähler ist, liegt der Schwerpunkt doch auf dem "Gone Girl", auf Amy.

Während Nick von der lieblosen Beziehung zu seinem misogynen Vater geprägt wurde und dadurch zu einem unsicheren Jungen mit dem krankhaften, allen anderen zu gefallen und jeder Konfrontation auszuweichen geworden ist, hatte Amy eine weitaus bessere Beziehung zu ihren Eltern. Als letzter und schließlich geglückter Versuch nach etlichen Fehlgeburten ein Kind zu bekommen, steht sie unter dem Druck, immer perfekt zu sein. Dazu kommt dass Rand und Marybeth Elliott, nach Jahrzehnten der Ehe immer noch verliebt, eine gemeinsame Buchreihe namens "Amazing Amy" herausgebracht haben, deren Hauptperson ein übermenschlich perfektes Mädchen ist, das stets die richtigen Entscheidungen trifft und mit allem fertig wird, was das Leben so liefert. Kein Wunder dass Amy Elliott Dunne zur fleischgewordenen Amazing Amy erzogen wird und das elterliche Projekt in der Wirklichkeit abzubilden versucht, ohne jemals eine eigene Persönlichkeit finden zu können. So kommt es, dass sie krankhaft in verschiedene Rollen schlüpft und versucht, um jeden Preis die liebenswürdige und perfekte "Amazing" Amy zu sein, auch wenn sie dadurch narzisstische, autoritäre und psychopathische Züge annimmt.

"Haben Sie ihre Frau getötet, Nick?"

Tja, das könnt ihr nur herausfinden, wenn ihr das Buch lest. Vor allem wegen des grandiosen Finales lohnt sich die Lektüre auf jeden Fall! "Gone Girl" war sicherlich nicht das letzte Buch von Gillian Flynn, dass bei mir eingezogen ist.


Fazit:

Krass ungeschönt, klug verworren und clever konstruiert: ein geniales Meisterwerk von einem rabenschwarzen und bitterbösen Beziehungs-Thriller.

Schaut doch mal auf meinem Blog vorbei:

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Die Insel der besonderen Kinder

Ransom Riggs , Silvia Kinkel
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.09.2016
ISBN 9783426520260
Genre: Fantasy

Rezension:

  Allgemeines:

Titel: Die Insel der besonderen Kinder
Autor: Ransom Riggs
Genre: Fantasy
Verlag: Knaur (1. August 2013)
ISBN-10: 342651057X
ISBN-13: 978-3426510575
ASIN: B005UL2GEM
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 16 Jahre
Seitenzahl: 416 Seiten
Preis: 9,99€ (Kindle-Edition)
14,99€ (Taschenbuch)
18,99€ (Gebundene Ausgabe)
Weitere Bände: Die Stadt der besonderen Kinder
Die Bibliothek der besonderen Kinder
 

Inhalt:

Manche Großeltern lesen ihren Enkeln Märchen vor. Was Jacob von seinem Opa hörte, war etwas ganz anderes: Abraham erzählte ihm von einer Insel, auf der abenteuerlustige Kinder mit besonderen Fähigkeiten leben, und von Monstern, die auf der Suche nach ihnen sind … Erst Jahre später, als sein Großvater unter mysteriösen Umständen stirbt, erinnert Jacob sich wieder an die Schauergeschichten und entdeckt Hinweise darauf, dass es die Insel wirklich gibt. Er macht sich auf die Suche nach ihr und findet sich in einer Welt wieder, in der die Zeit stillsteht und er die ungewöhnlichsten Freundschaften schließt, die man sich vorstellen kann. Doch auch die Ungeheuer sind höchst real – und sie sind ihm gefolgt …


Bewertung:

Diese besondere Geschichte habe ich vor etwa einem Jahr während des großen Hypes gelesen und vor Kurzem bemerkt, dass ich gar keine Rezension verfasst habe. Das muss ich jetzt natürlich sofort nachholen und habe dafür gerne nochmal reingelesen. Und auch wenn die Story ganz offen gesagt einige Schwächen hat, gibt die wundervolle Atmosphäre der Geschichte doch etwas, was dieses Buch besonders macht und selbst zu einem magischen Rückzugsort in der ermüdenden Realität macht.


"Ist nicht Schlaf, ist nicht Tod;
Die zu sterben scheinen, leben
Das Haus, in dem du geboren wurdest
Freunde deiner Jugend
Alter Mann und junges Mädchen
Des Tages Mühsal und sein Lohn
Sie alle vergehen
Fliehen in die Fabeln
Können nicht gehalten werden."


Schon das Cover hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Mit dem alten Foto, dass ein schwebendes Mädchen zeigt, wird sowohl der Fantasy-Aspekt mit den besonders begabten Kindern gleich angerissen und durch die starken Kontraste und das düstere Flaschengrün bekommen wir einen ersten Eindruck von der mystischen, gruseligen Stimmung der Geschichte. Die spielerische Umrandung und der Titel passen dabei auch ganz wunderbar ins Bild. Das wirklich besondere an der Gestaltung liegt aber im Inneren der Geschichte verborgen. Immer wieder werden mysteriöse, alte Fotografien seitenfüllend in Schwarz-Weiß eingewebt. Die gruseligen Kinderfotos verstärken die leicht abgedrehte, düstere und doch magische Stimmung und helfen dabei, die beschriebenen Fähigkeiten besser vorstellen zu können. Der Autor hat hier sein Hobby, alte Fotos zu sammeln, wunderbar als Inspiration genutzt, die auch dem Leser dienlich ist, ganz in die Geschichte einzutauchen.


Erster Satz: "Gerade als ich mich an den Gedanken zu gewöhnen begann, dass dieses Leben keine großen Abenteuer für mich bereithalten würde, geschah etwas Seltsames."


Mit diesen Worten von Jacob Portman, nimmt er uns mit in sein gewöhnliches Leben in Florida, dass plötzlich durch seltsame Vorkommnisse auf den Kopf gestellt wird. Schon immer hat ihm sein Großvater Abraham fantastische Geschichten erzählt, in denen besondere Kinder vorkommen, ("da gab es ein Mädchen, das konnte fliegen, einen Jungen, in dem Bienen lebten, Bruder und Schwester, die mühelos Felsblöcke zu stemmen vermochten..."), die von gruseligen Monstern gejagt werden. Doch bis er eines Tages seinen toten Opa in seinem Haus findet und auch den Mörder auf frischer Tat ertappt, schenkt er den Gruselgeschichten kein Glauben. Doch was soll das grausame Wesen mit den drei Tentakeln, die aus dem Mund hängen sonst sein, als der perfekte Beweise für die Wahrheit in den Geschichten seines Opas? Doch als er seinen Eltern von der schrecklichen Entdeckung und seinem Verdacht erzählt, glauben diese ihm kein Wort und schicken ihn zu einem Psychiater. Als dann jedoch auch noch ein Brief auftaucht, der seine Annahmen stützt und die Bedeutung von Abrahams letzten Worten untermauern, wird ihm klar: er muss dem Rätsel nachgehen und die Insel der besonderen Kinder besuchen. Als er schließlich seine Eltern davon überzeugt, Urlaub auf der Insel Cairnholm zu machen, macht er eine Entdeckung, die sein Leben für immer verändert und ihn direkt in ein gruseliges Abenteuer stürzt...


''Ich lief nicht weit, spazierte nur gemächlich um den Garten herum und betrachtete den Himmel, der jetzt klar war und an dem Millionen Sterne funkelten. Sterne waren ebenfalls Zeitreisende. Wie viele dieser uralten Lichtpunkte waren wohl der letzte Nachhall längst vergangener Sonnen? Wie viele waren bereits geboren, aber ihr Licht war noch nicht bei uns eingetroffen? Wenn alle Sonnen außer unserer heute Nacht erloschen, wie viele Menschalter würde es dauern, bis wir merkten, dass wir allein waren? Ich hatte immer gewusst, dass der Himmel voller Geheimnisse steckt, bisher hatte ich jedoch nicht geahnt, wie viele es erst auf der Erde gab.''


Die Geschichte beginnt relativ ruhig mit dem geregelten Leben Jacobs, nimmt jedoch relativ schnell Fahrt auf. Auch wenn das Erzähltempo immer relativ gemächlich bleibt, wird durch das Geheimnis und das Grauen der Monster schnell eine starke Grundspannung aufgebaut. Und wenn die Story Line an manchen Stellen ein wenig löchrig wirkt und in den Entwicklungen der Handlung wieder mal eine gewisse Seltsamkeit liegt, die Skepsis und Zurückhaltung bei mir verursacht hat, trösten vor allem die vielen originelle Ideen, über eine aufkommende Langatmigkeit hinweg. Denn gerade von der unterschwelligen Merkwürdigkeit der ganzen Geschichte lebt die besondere Atmosphäre des Buches. Während über der Insel eine dunkle Maske aus Schlamm, Blut und Regen liegt, die alles ein wenig verzerrt, surreal und schräg wirken lässt und selbst das Paradies der Zeitschleife, wo die Kinder ihre ewige Kindheit fernab von den alltäglichen Sorgen genießen, von den Bomben, die jeden Tag aufs Neue auf das Waisenhaus einregnen, ins Trügerische gezogen wird, baut Ransom Riggs einen wundervollen Sog von Spannung, Grusel und Fantastik auf.


"Drohend und düster tauchte sie vor uns auf, bewacht von Tausenden kreischender Vögel. Sie sah aus wie eine uralte, von Riesen erschaffene Festung."


Der Schreibstil nimmt dafür einen wichtigen Stellenwert ein. Auch wenn von besonders malerischen Umrahmungen keine Rede sein kann, sondern die Umwelt eher pragmatisch und in komischen Vergleichen und Metaphern beschrieben wird (z.B. "der Himmel hatte die Farbe einer frischen Prellung"), ist die Geschichte atmosphärisch doch sehr dicht. Viele der Beschreibungen wirken in ihrer Absurdität abstoßend und anziehend zu gleich.

Besonders spannend fand ich auch, dass Ransom Riggs das Grauen des Zweiten Weltkrieges auf spielerische Art und Weise in eine Schauergeschichte übersetzt zu haben scheint. Die Verfolgung von Menschen mit besonderen Merkmalen, die Bomben, die Ablehnung der Inselbewohner, all das erinnert an ein realistisches Porträt der Zeit - nur einige Jahrzehnte später in einem anderen geschichtlichen Rahmen. Besonders innovativ empfand ich auch die Darstellung der Monster, die gerne selbst wieder menschlicher werden wollen und dazu unbedingt die besonderen Kinder benötigen. Die genaueren Umstände werden hier noch nicht genau geklärt - dafür gibt es schließlich auch noch Band 2 und 3 der Geschichte.


"Immer wieder gab es dumpfe Explosionen, die ich in meiner Brust wie das Schlagen eines zweiten Herzens spürte, gefolgt von Wellen glühender Hitze, als würde jemand direkt vor mir einen Ofen öffnen und schließen."


Die Charaktere werden von vielen Rezensenten als zu platt und unausgearbeitet kritisiert. Meiner Meinung nach sind sie jedoch genau das, was sie sein sollen: Kinder. Natürlich tun sie seltsame Dinge, verhalten sich sprunghaft, scheinen charakterlich noch sehr unausgegoren zu sein, doch das ist doch genau das, was Kinder ausmacht. Sie sind liebenswert, in ihrer Entwicklung jedoch unfertig und das kann man dem Buch sehr schön anmerken. Da die Geschichte ein Jugendbuch für die Altersgruppe zwischen 12 und 16 darstellt, ist es meiner Meinung nach vielmehr eine Stärke, dass wir einen direkten Blick auf die Charaktere ermöglicht bekommen, der keineswegs wertend oder tiefgründig sein muss. Lediglich in Bezug auf die wirklich unnötige Liebesgeschichte kann ich der Mehrheit der anderen Rezensenten zustimmen: die schadet der Glaubwürdigkeit der Story mehr, als dass sie nutzt.


"...Sie waren die Götter in diesem seltsamen kleinen Universum, und ich war ihr Gast..."


Das Ende scheint mit einem kurzen Showdown nicht recht zum gemäßigten Rest passen zu wollen und auch ganz am Ende bleibt einiges offen. Umso mehr freue ich mich jetzt auf die Fortsetzungen, die in nächster Zeit unbedingt bei mir einziehen müssen.


Fazit:

Ein mystischer Auftakt einer originellen Reihe, die durch beiläufige Spannung, surrealem Grusel und innovativer Fantastik einen wundervollen Sog ausbildet. Oft ist die Geschichte in ihrer Absurdität abstoßend und anziehend zugleich und wird selbst zu einem magischen Rückzugsort in der ermüdenden Realität.


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20 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

When it's Real – Wahre Liebe überwindet alles: Roman

Erin Watt
E-Buch Text: 480 Seiten
Erschienen bei Piper ebooks, 01.03.2018
ISBN 9783492979924
Genre: Liebesromane

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: When it´s real - Wahre Liebe überwindet alles
Autor: Erin Watt
Verlag: Piper (3. April 2018)
Genre: Young Adult
ISBN-10: 3492061087
ISBN-13: 978-3492061087
ASIN: B077BVV3DT
Originaltitel: When it's Real
Seitenzahl: 480 Seiten
Preis: 12,99€ (Broschiert)
9,99€ (Kindle-Edition)
 

Inhalt:

Unter normalen Umständen hätten sich Oakley und Vaughn wohl nie kennengelernt. Während sich die siebzehnjährige Vaughn seit dem Tod ihrer Eltern um ihre Geschwister kümmern muss, ist das Leben des neunzehnjährigen Oakley eine einzige Party. Als Popstar hat er sich nicht nur eine Bad-Boy-Attitüde zugelegt, sondern auch jede Menge Groupies. Dann beschließt sein Management, dass er dringend ein besseres Image braucht. Vaughn soll ein Jahr lang Oakleys Freundin spielen. Doch die beiden können sich auf den Tod nicht ausstehen. Während die gesamte Presse rätselt, wer das neue Mädchen an Oakleys Seite ist, muss sich Vaughn fragen: Kann sie sich selbst treu bleiben in dieser Welt voller Glitzer, Glamour und Gerüchte?


Bewertung:
 
Zum Ende meiner lang ersehnten Ferien habe ich noch dringend eine schöne, kitschige Liebesgeschichte gebraucht. Als ich im Verlagsprogramm von Piper "When it´s real" vom Autorenduo Erin Watt gefunden habe, habe ich beschlossen, den zweien eine Chance zu geben und mir das Buch angefragt. Aufgrund der grenzwertigen Geschichte von der "Paper"-Reihe, habe ich von Erin Watt bislang eher Abstand gehalten. Mit ihrem neuen Einzelband über die Liebe zwischen einem Rockstar und einem gewöhnlichen Mädchen haben die beiden bewiesen, dass sie auch etwas ruhigere und einfühlsamere Young Adult Romane schreiben können. Ich habe die Geschichte an einem einzigen Mittag weggelesen und auch wenn ich einige Kritikpunkte anzubringen habe, ist die Geschichte doch überraschend mitreißend und authentisch.

Das Cover ist für meinen Geschmack eine Spur zu kitschig. Wunderbar verträumt wirkt der türkisgrüne Hintergrund mit den helleren Lichtpunkten und auch die sprühenden Funken der Wunderkerze passen schön ins Bild. Das goldene Herz, das aus vielen einzelnen Glitter-Partikeln besteht, ging mir dann aber doch eine Spur zu weit. Da gefällt mir das Orginalcover, das im Grunde dasselbe Motiv zeigt - eine herzförmige Wunderkerze vor einem blauen Himmel - viel besser. Auch der Untertitel ist für mich nicht besonders passend. Gleich auf dem Cover von "wahrere Liebe" zu reden finde ich sowieso immer ein wenig fragwürdig und so viel zum Überwinden wird den beiden Protagonisten hier auch nicht vorgesetzt. Anfangs war ich auch von dem Haupttitel gar nicht begeistert. Im letzten Drittel des Buches wird jedoch klar, worauf sich der Titel bezieht: ein Song, den Oakley für seine Angebetete schreibt. Eine Besonderheit in der inneren Gestaltung des Romans sind die Auszüge aus sozialen Netzwerkkanälen, wie Fankommentare oder Beiträge von Promi-Blogs, die zu jedem Kapitelbeginn die Geschehnisse kommentieren und somit die Durchsichtigkeit der Geschehnisse verdeutlicht.
Insgesamt eine stimmige Gestaltung, die für mich jedoch ein wenig zu kitschig ist.


Erster Satz: "Bitte sag mir, dass jedes Mädchen da drin volljährig ist"


Wir platzen ohne Prolog oder Vorwort in das scheinbar unbesorgte Partyleben des berühmten Rockstars und Mädchenschwarms Oakley Ford, den das Leben als Celebrity mit jedem Tag mehr abstumpft, wenn die Begeisterung der Massen seine eigene Stimme übertönt. Kein Wunder dass der begabte Musiker seit zwei Jahren kein neues Album mehr herausgebracht hat, unter einer Kreativblockade leidet und außer Skandalen keine Schlagzeilen mehr produziert. Als eine Chance auf die Zusammenarbeit mit dem bekannten Musikproduzenten Donovan King anklopft, auf die er schon seit einer Ewigkeit wartet, stellt ihn sein Manager Jim vor ein Ultimatum: er muss sich ein besseres Image verschaffen und endlich erwachsen werden, oder sein Stern am Promihimmel ist schon wieder verglüht, bevor er überhaupt richtig aufgestiegen war. Als der Star widerwillig zustimmt, besorgt ihm sein PR-Team eine Fake Freundin, die als "ganz normales Mädchen von nebenan" für ein Jahr die Frau an seiner Seite sein soll, um mit einer unschuldigen und süßen Liebesgeschichte seinen Ruf zu verbessern.
Mit Vaughn Bennett, der Schwester einer Angestellten in der Presseagentur Jims, findet Oakleys Team dann die perfekte Kandidatin. Als Waisenkind, das zusammen mit ihrer älteren Schwester ihre beiden jüngeren Brüder großzieht, ist sie eine Verkörperung von Unschuld und Anstand. Um ihre finanzielle Lage aufzubessern, ihren Brüdern eine Collegeausbildung zu ermöglichen und ihre Schwester zu entlasten, willigt sie schließlich ein, unwissend, wie sehr diese Entscheidung ihr Leben verändern wird...


"Die Hälfte aller Male, die du den Mund aufmachst, würde ich die am liebsten eine Ohrfeige geben." Vaughn lächelt mich verlegen an. "Aber wenn du singst, ... dann fällt es mir wirklich schwer, dich zu hassen."



Eigentlich bekommen wir hier den Inbegriff eines typischen Young Adult Romans mit Bad Boy und normalem Mädchen vorgesetzt. Und wie erwartet: die Geschichte steckt auch voller Klischees und Oberflächlichkeit und verrät schon auf den ersten zwanzig Seiten ihren Ausgang. Doch da gibt es etwas, was die Geschichte von den anderen Rockstarromanzen abhebt. Auf der ungewöhnlichen Basis einer Fake-Beziehung entwickelt sich langsam und authentisch eine zarte, brave Beziehung zwischen den beiden. Es gibt kein dramatisches Hin-und-Her, keine unlogischen Liebe-auf-den-ersten-Blick-Szenarien und auch keine wilden Liebesszenen. Während die beiden von Paparazzi umschwärmt werden, täglich ein Liebes- und Shitstorm in den sozialen Netzwerken über die beiden hinwegfegt und eine gesellschaftliche Kluft die beiden trennt, nähern sie sich langsam an, bis zwischen den beiden Gefühle entstehen, die eine kleine reale, wahrhaftige Insel in all dem Fake und Schein der Promiwelt darstellt.


"Das hier ist keine Show. Es ist echt und schrecklich und wundervoll zugleich."


Die hohe Anziehungskraft der Geschichte resultiert dabei weniger aus handlungsbezogenen Spannungsbögen sondern resultieren eher aus der prickelnden Mischung von
Glamour, High Society, den Schattenseiten des Ruhms, unmöglicher Leidenschaft und ungeahnter Verletzlichkeit. Der Schreibstil der beiden Autorinnen ist dabei unauffällig durchschnittlich und liest sich leicht und flüssig. An manchen Stellen kommt der Lesefluss jedoch gelegentlich ins Stocken, was aber auch an der Übersetzung liegen könnte.

Erzählt werden die Kapitel abwechselnd aus der Sicht von Vaughn und Oakley, was durch ein großes Wasserzeichen mit der Aufschrift "Er" oder "Sie" deutlich gemacht wird. Durch die Ich-Perspektiven auf beiden Seiten bekommen wir alle Gefühle und Gedanken hautnah mit, die Möglichkeit, Gefühle einer der beiden Protagonisten vor dem Leser zu verstecken, um irgendwelche Wendungen hervorrufen zu können ist damit jedoch nur auf das Aussetzen der Erzählperspektive beschränkt. Dadurch ist schon von Anfang an klar, in welche Richtung sich die Story entwickeln wird und auch die herzlose Bad-Boy-Fassade Oakleys lässt sich vor den Lesern nicht lange halten. Dadurch erscheinen beide Charaktere nicht besonders tiefgründig und entwickeln sich auch nicht groß weiter. Man erfährt außerhalb der Handlungsebene, die sich vor allem auf die Beziehung zwischen Oakley und Vaughn bezieht, nicht besonders viel über die Charaktere und auch andere Figuren bleiben eher blass. Bei Young Adult Geschichten ist das jedoch leider häufig so, weshalb ich gar nicht groß etwas anderes erwartet habe. Wenn man realistische und gut ausgearbeitete Charakterstudien oder knisternde Spannung haben will, muss man einfach in einem anderen Genre suchen. Dafür wartet dieses Genre mit intensiven Emotionen auf. So auch hier: ich musste Oakley und Vaughn einfach sofort ins Herz schließen und mit fiebern, auch wenn mein Verstand kritisch herumgemäkelt hat.


"Sie verändert dich" Ich ignoriere ihn einfach und schreibe weiter, dass mein Herz ein Schrottplatz ist, in dem lauter nutzlose, verbrannte Teile herumliegen. "So was schaffen nur ganz besondere Menschen"


Für Vaughn hatte das Leben bisher erst wenig Zucker bereit: sie hat bereits früh ihre Eltern verloren und versucht seitdem gemeinsam mit ihrer älteren Schwester und ihren jüngeren Zwillingsbrüdern über die Runden zu kommen. Halt findet sie bei ihrem Freund W, der immer für sie da ist, dafür aber auch Gegenleistungen erwartet. In Oakley sieht sie zuerst einen verwöhnten Idioten und kann ihn nicht ausstehen, langsam merkt sie jedoch, dass auch er mit seinem Leben nicht glücklich ist und dass berühmt-sein harte Arbeit ist. Mit ihrer naiven, aufrichtigen und doch starken Art schleicht sich langsam in sein Herz, da sie vor allem eines ist: real, echt, ungekünstelt. Auffallend ist bei ihrem Charakter, dass wir nur sehr wenig über sie erfahren, was über die Handlung herausgeht. Was sind ihre Hobbies, wovor hat sie am meisten Angst, wovon träumt sie? Sie ist und bleibt das durchschnittliche, nette Mädchen, dass alle in ihr sehen. Gerade weil sie jedoch nicht besonders umwerfend aussieht, einen brillanten Stil hat oder über hervorragende Talente verfügt, können wir uns als Leser sehr gut mit ihr identifizieren.


"Du hast gesagt, dass in deinem Leben alles fake ist. Aber das sind wir nicht. Wir beide sind echt. Das zwischen uns ist verdammt echt."


In Oakley trifft Vaughn auf einen Charakter, der zwar gegensätzlicher nicht sein könnte, sie jedoch ganz wunderbar ergänzt und in ihr etwas ganz Neues sieht. Der hochgelobte Musiker führt eigentlich ein absolutes Traumleben: er ist berühmt, kann sich jeden Luxus leisten, die ganze Welt liebt ihn und er kann seine kühnsten Träume verwirklichen. Dennoch merken wir relativ schnell, dass er im Grunde genommen recht unzufrieden mit seinem Leben ist, da der Ruhm auch eine Menge Einschränkungen mit sich bringt So kann er nie spontan irgendwo hinfahren, ohne dass er eine riesige Menschentraube um sich schert, er kann sich auf niemanden verlassen, weil alle in ihm nur eine Möglichkeit sehen, nach oben zu kommen oder für ihn schwärmen, ohne ihn wirklich zu kennen, er wird von der ganzen Welt geliebt und muss dennoch von denen Ablehnung erfahren, die ihm am Wichtigsten sind: seine stinkreichen und berühmten Eltern, mit denen er kaum Kontakt hat. Im Grunde ist er also relativ einsam und führt kaum ein reicheres Leben wie Vaughn. Als diese in ihr Leben tritt sieht er zuerst alles, was sie nicht ist: kein Model, keine Berühmtheit, kein Fan, doch als sie beginnt, mehr von ihm zu verlangen, als Rockstar zu sein, hinter seiner Fassade herumgräbt und erstaunlich andere Seiten an ihm zum Vorschein bringt, beginnt er sich zu fragen, was wirklich in ihm steckt.


"Es ist genauso, wie ich es mir immer gewünscht habe. Besser, als wenn fünfzigtausend Leute deinen Namen brüllen. Schöner, als ein ausverkaufter Madison Square Garden, in dem das Publikum deine Songtexte mitsingt. Herrlicher als der beste Song aller Zeiten."



So steuert die Geschichte gemächlich auf ein Happy End zu, woran auch die kaum einfallsreiche und unnötige Wendung vor Schluss nichts ändern kann. Im Gegenteil: die fragwürdige Entwicklung, die den Protagonisten in typischer Young Adult Manier scheinbar noch mal einen Stein in den Weg legt, wird dann viel zu schnell aufgelöst und hierlässt am Ende eine gerunzelte Stirn.


Fazit:

Auch diese Geschichte erfindet das Genre, in dem sie steht, keineswegs neu. Die Rockstarromanze kommt jedoch erstaunlich zart und brav daher und auf der ungewöhnlichen Basis einer Fake-Beziehung entwickelt sich langsam und authentisch eine ehrliche Liebe in all dem Fake und Schein unserer Gesellschaft. Kein Meisterwerk, jedoch unterhaltsam, mitreißend und mitfühlend erzählt.

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Die Götter von Asgard

Liza Grimm
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.03.2018
ISBN 9783426522523
Genre: Fantasy

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: Die Götter von Asgard
Autor: Liza Grimm
Verlag: Knaur (1. März 2018)
Genre: Fantasy
ISBN-10: 3426522527
ISBN-13: 978-3426522523
ASIN: B077CYKL2D
Seitenzahl: 304 Seiten
Preis: 10,99€ (Kindle-Edition)
12,99€ (Taschenbuch)
 

Inhalt:

"Heldentum besteht nicht nur daraus das Böse zu bekämpfen. Vor allem sollen Helden das Gute beschützen."


Was sagt man zu jemandem, der behauptet, einen vor dem Zorn der Götter schützen zu wollen? Natürlich glaubt die Studentin Ray kein Wort von dem Gerede der mysteriösen Kára über eine Prophezeiung und das mögliche Ende Asgards. Stattdessen ergreift sie die Flucht. Und läuft dabei Tyr in die Arme, der sie auf Anhieb fasziniert. Ray ahnt nicht, dass Tyr als Odins Gesandter um jeden Preis verhindern soll, dass die Prophezeiung eintrifft. Als sich auch noch Loki, Gott der Listen und Heimtücke, in die Geschehnisse einmischt, muss Ray auf einer abenteuerliche Reise ins Reich der Götter und Riesen herausfinden, ob sie wirklich eine Heldin sein kann.


Bewertung:

Ich bin auf die Geschichte durch den Verlagsnewsletter von Knaur aufmerksam geworden, war aber ein wenig verwirrt ob der geringen Länge der Geschichte, als das Buch angekommen ist. Der Klapptext kündigt ein Abenteuer in den verschiedenen Welten des nordischen Weltenbaumes an, aufgrund der knapp 300 Seiten war ich aber von Anfang an eher skeptisch. Was die Autorin schlussendlich aus der Geschichte gemacht hat, hat mich doch überrascht. Auf wenigen Seiten präsentiert sie uns ein originelles, spannendes Abenteuer einer jungen Heldin, die in einer fremden Welt mit ihren tiefsten Ängsten und Träumen konfrontiert wird und auf dem Weg nach Niflheimr lernt, an sich zu glauben. Auch wenn die Geschichte ihr Potential nicht ganz ausgenutzt hat, konnte sie mich überzeugen!


"Ich bin nicht mehr die, die ich war, als ich München verlassen haben. Aber ich weiß nicht, ob mir mein neues Ich gefällt." "Menschen verändern sich stetig", antwortete Thor, und Ray war überrascht, dass er das Gespräch mit ihr suchte. "Das macht euch so besonders"


Das Cover ist ganz in eiskalten Blau- und Weißtönen gehalten und entführt so gleich in die nordische Kälte von Niflheimr, der Welt der Eisriesen. Die glänzende Klinge und die verschneiten Knospen oder Beeren, die das Schwert auf zarten Ästen umranken runden das Bild ab und versetzen in eine sagenumwobene Stimmung. Dazu passt der dunkelblaue Titel mit den verschlungenen Linien ganz wunderbar, der sich durch die Größe der Buchstaben gut vom Grund abhebt, ohne aufdringlich zu wirken. Auch der Titel an sich passt gut zum Inhalt, einzig der Klapptext ist vom zeitlichen Ablauf ein wenig verwirrend. Insgesamt aber trotzdem eine stimmige und hübsche Gestaltung!

Erster Satz: "Trotz des lauten Schreis lief der Webstuhl weiter."


Mit diesem Satz beginnt die Geschichte in einem kurzen Prolog. Als die Nornen den Goldenen Faden entdecken, der für das Auftauchen eines neuen Helden steht und laut einer alten Prophezeiung das Ende der bekannten Götterwelt einläuten wird, schlägt die ansonsten müßige Feierlaune in Asgard in Unruhe um. Tyr, ein Sohn des Allvater Odins soll wieder Ruhe in die Götterhallen bringen, indem er den neuen Helden auf der Erde findet und zur Beseitigung dem Schicksal überlässt. Die junge Architekturstudentin Ray weiß davon noch nichts und besonders heldenhaft fühlt sie sich schon gar nicht, so hat sie doch erst am Morgen eine entscheidende Prüfung vermasselt und muss wohl auch diesen Studiengang bald an den Nagel hängen. Als sie in ihrem Frust die junge, lebensfrohe Kára trifft, die ihr ein aufregendes Abenteuer verspricht, zieht die Studentin nur zu gerne mit ihr nach Berlin, um dem Leistungsdruck und dem Ärger ihrer Eltern zu entgehen. Doch als Kára ihr von einer mysteriösen Prophezeiung erzählt und ein geheimnisvoller Mann auftaucht, der behauptet der Gott Loki zu sein, muss sie sich eingestehen, dass sie mitten in einer neuen Welt voller Intrigen, Problemen, Gefahren gelandet ist und dies erst der Anfang einer langen Reise ist, die alles verändern soll...

„Der Glanz eines neuen goldenen Fadens, der den Webstuhl befällt,
besiegelt das Ende der bekannten Götterwelt.
Sobald der König der Riesen fällt,
beginnt das Ende der bekannten Götterwelt.
Wenn niemand das Heldentum gefangen hält,
ist es das Ende der bekannten Götterwelt.“


Das Setting wechselt während der Geschichte sehr schnell. Wir beginnen in München der unglücklichen Ray zu folgen, begleiten sie auf ihrer überstürzten Reise nach Berlin, verfolgen, wie sie angesichts der vielen seltsamen Umstände, mit denen sie dort konfrontiert wird, immer misstrauischer wird und schließlich von Loki mit nach Asgard genommen wird. Von dort aus begleiten wir sie auf einer Reise durch unterschiedliche Reiche des Weltenbaumes Yggdrasil und treffen auf etliche Figuren der nordischen Mythologie. So lernen wir die beiden bekanntesten Söhne Odins Tyr und Thor kennen, die hier um die Aufmerksamkeit des Göttervater Odins kämpfen. Dabei werden sowohl wichtige Legenden wie Thors Kampf mit der Midgardschlange oder Tyrs Bekämpfen des Fenriswolfes, bei dem er seine rechte Hand verliert oder der bevorstehende Weltuntergang, inklusive Tod der Götter, welchen sie Ragnarök nennen, angesprochen.


"Das Gras unter ihren Füßen war weich, und die Luft roch angenehm frisch. Dennoch war Ray sich nur zu deutlich der lauernden Gefahr bewusst, denn die intensiven Farben, die prunkvollen Gebäude und der unbeschreibliche Himmel erinnerten sie bei jedem Atemzug daran, dass sie in einer anderen Welt war. In einer Welt, in der eine falsche Handlung den Tod bedeuten konnte..."



Neben den Göttern treffen wir auf die Walküren, Odins Sendboten, Hexen, die drei Nornen, Nachtmahre, Zwerge, Elfen, Irrlichter, Nixen, Geister, Eisriesen und einen Höllenhund. Wer also glaubt es wird langweilig - vor irgendeinem übernatürlichen Wesen können die Protagonisten sich immer fürchten.
Da ich schon immer sehr interessiert in Mythologie war und mich vor allem die nordische fasziniert, musste ich das Buch natürlich unbedingt lesen. Und auch wenn vielleicht noch ein bisschen mehr Hintergrundinformationen und Beschreibungen hilfreich gewesen wären, finde ich die Art und Weise, wie die nordischen Sagen und Legenden hier aufgearbeitet wurden, wirklich super.


"Sie wollte nicht wie Anna sein. Sie war stärker, und genau das musste sie ihren Eltern beweisen. Immer wieder hatten sie ihr gesagt, dass sie zu eigenbrötlerisch war. Zu seltsam. Sie musste ihren Eltern zeigen, dass man, dass sie auch ganz alleine ihr Ziel erreichen konnte."



Was die Konstruktion der Handlung angeht, so ist sie manchmal ein wenig unstringent. Auch wenn die Geschichte wirklich spannend und ereignisreich verläuft und auch an Vielseitigkeit einiges zu bieten hat, steuert der Plot nicht wirklich auf einen Höhepunkt zu und viele Handlungsstränge und Entwicklungen werden zu kurz und unrund abgewürgt. Auf 300 Seiten ist wohl nicht zu erwarten, dass wir seitenlange Aktionszenen und tiefgründige Hintergrundgeschichten aufgetischt bekommen, letzten Endes hätte man hier noch mehr Potential ausschöpfen können. Nichts desto trotz begleitet man Ray sehr gerne auf ihrer Reise, bei der sie mit jeder Herausforderung und Erfahrung mehr zur prophezeiten Heldin wird. Die liebevollen Ideen und die viele Stärke, die Ray an den Tag legt, wenn sie sich immer wieder ihrer Angst stellt und lernt, an sich selbst zu glauben, trösten dann gut über einige Wiederholungen und kleinere Fragwürdigkeiten hinweg.


"Am liebsten wäre sie geflohen, aber etwas in ihr fing an zu glühen. Die Art, wie Kára sie ansah, war Ray vollkommen fremd. Ihre neue Freundin glaubte wirklich daran, dass Ray diesen Kampf gewinnen konnte. Eine Walküre, die schon unzählige Schlachten geschlagen und Helden gesehen hatte, glaubte daran, dass Ray einen Riesen besiegen konnte. Es war das erste Mal, dass jemand wirklich an die glaubte und es war die einzige Chance, um ihr Leben zu retten."


Protagonistin ist hier eindeutig Ray, die aus personaler Erzählperspektive erzählt, sodass wir ihre Gedanken und Gefühle erfahren können. An einigen Stellen schweift der Erzählstrang zwar von ihr ab zu anderen Charakteren, bei diesen bleibt die Erzählhaltung jedoch relativ neutral, was eine gewisse Distanz schafft. Auch wenn wir nicht besonders viel von Ray erfahren, hat sie mir als junge Protagonistin, die es nicht schafft, ihr Leben in den Griff zu bekommen und ihre eigenen Träume zu verwirklichen, gut gefallen. Erst einmal scheint es undenkbar, dass das planlose und naive Mädchen, dass unter ihrer perfekten Schwester leidet, eine Heldin wird, doch mit Hilfe von ihren Freunden, der Walküre Kára und Tyr, dem Gott des Kampfes und Sieges, schafft sie es in der anderen Welt vom hilflosen Spielball der Götter zur Heldin zu werden. Auch wenn sie manchmal Dinge tut, die man nicht wirklich nachvollziehen kann, fand ich sie in ihrer Rolle sehr authentisch.
Auch wenn die anderen Charaktere mehr Rahmenfiguren bleiben, die zwar hübsch und hilfreich sind, jedoch während der Handlung recht farblos und blass bleiben, war ich mit der Charakterdarstellung der Geschichte soweit zufrieden.


"Die farbigen Wirbel aus Sternenglanz erinnerten sie nur entfernt an die billigen Schwarz-Weiß-Kopien aus dem Erdkundeunterricht. Kein Foto der Welt hätte sie auf die gewaltige und atemberaubende Schönheit dieses Himmelszeltes vorbereiten können. Galaxien. Unzählige. Sie schienen zum Greifen nah."



Interessant ist dann noch der Schreibstil, der gleichzeitig locker, humorvoll und modern ist, dabei jedoch nicht auf die Beschreibungen verzichtet, die notwendig sind, um uns die verschiedenen bereisten Welten und getroffenen Wesen vor Augen zu führen. Mit schwungvollem Elan schlägt Liza Grimm ein flottes Tempo an, gerade am Ende hätte ich mir für die Geschichte jedoch gewünscht, dass sie sich ein wenig mehr Zeit nimmt.

In meinen Augen ist da Potential für eine Fortsetzung, die es aber erstmal nicht geben wird. Die Autorin verrät aber in einem ihrer YouTube-Videos, dass sie gerade dabei ist, an einem Prequel zu arbeiten. Würde mich freuen!


"Trotz der Gefahren war sie froh, diesen Weg gegangen zu sein, dessen wurde sie sich jetzt bewusst Sie fühlte sich innerlich stärker, und auch wenn ihre Knie blutverkrustet waren und sie sich vor der bevorstehenden Aufgabe fürchtete, wusste sie doch, dass es sich gelohnt hatte. Was sie in den letzten Tagen erlebt hatte, konnte ihr niemand mehr nehmen. Ihr Selbstbewusstsein, ihre Erkenntnisse, ihre Entscheidungen - mit alldem war wir gewachsen, und sie wusste, dass sie mehr gesehen hatte als alle anderen Menschen Midgards."



Fazit:

Unterhaltsam, spannend, fantasievoll:
Eine aufregende Geschichte einer jungen Heldin, die in einer fremden Welt mit ihren tiefsten Ängsten und Träumen konfrontiert wird und auf dem Weg nach Niflheimr lernt, an sich zu glauben.

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Das Reich der sieben Höfe - Sterne und Schwerter

Sarah J. Maas , Alexandra Ernst
Fester Einband: 752 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 09.03.2018
ISBN 9783423762069
Genre: Jugendbuch

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: Das Reich der sieben Höfe - Sterne und Schwerter
Autor: Sarah J. Maas
Verlag: dtv (9. März 2018)
Genre: Fantasy
ASIN: B077JZLXGH
ISBN-10: 3423762063
ISBN-13: 978-3423762069
Originaltitel: A Court of Wings and Ruin
Preis: 14,99€ (Kindle-Edition)
21,95€ (Gebundene Ausgabe)
Seitenzahl: 752 Seiten
Weitere Bände: "Das Reich der sieben Höfe - Dorne und Rosen";
"Das Reich der sieben Höfe - Flammen und Finsternis"
 
 

Inhalt:

"Ich sehe dich, Rhys. Ich sehe dich, wie du bist. Und es gibt nichts an dir, was ich nicht mit jeder Faser meines Seins liebe."


Feyre hat ihren Seelengefährten gefunden. Doch es ist nicht Tamlin, sondern Rhys. Trotzdem kehrt sie an den Frühlingshof zurück, um mehr über Tamlins Pläne herauszufinden. Er ist auf einen gefährlichen Handel mit dem König von Hybern eingegangen und der will nur eins – Krieg. Feyre lässt sich damit auf ein gefährliches Doppelspiel ein, denn niemand darf von ihrer Verbindung zu Rhys erfahren. Eine Unachtsamkeit würde den sicheren Untergang nicht nur für Feyre, sondern für ganz Prythian bedeuten. Doch wie lange kann sie ihre Absichten geheim halten, wenn es Wesen gibt, die mühelos in Feyres Gedanken eindringen können?


Bewertung:
 
Nur um das gleich mal klarzustellen: Ich LIEBE diese Reihe!!! Schon die Throne-of-Glass Reihe der Autorin war für mich ein absolutes Highlight, doch nach dem unglaublichen zweiten Teil "Das Reich der sieben Höfe - Flammen und Finsternis" war ich mir sicher: diese Reihe hat eine gute Chance sogar diesen All-time-Favourite zu übertreffen. Als ich dann nach langem und sehnsüchtigen Warten endlich das Finale der Geschichte in den Händen hielt, habe ich mich zuerst fast nicht getraut, es zu lesen, denn ich wusste: Wenn ich den Band fertig habe, ist diese Geschichte zu Ende und ich muss Feyre, Rhysand und all den anderen für immer Lebewohl sagen. Tja, dann konnte ich aber doch einfach nicht widerstehen und habe das Buch in ein paar Tagen durch gesuchtet. Vornweg nur so viel: was diese Autorin erschaffen hat, gleicht an Bildgewalt und Schreibstil, einem wahren Epos und ist definitiv würdig verfilmt zu werden. Ich kann gar nicht sagen wie sehr ich diese Welt und ihre Bewohner liebe und jeden Lesemoment genossen habe!

Das Cover reiht sich in der Gestaltung ganz wunderbar in die Reihe ein und wirkt gleichzeitig weniger verspielt wie die ersten beiden Teile. War Feyre zuvor noch in einem bunten, mädchenhaften Kleid in einem Setting zusehen, dass von Ästen oder Bäumen begrenzt und von süßen Vögeln oder Schmetterlingen umrahmt wurde, sieht man die Protagonistin hier unter dem schmucklosen funkelnden Sternenhimmel in einem schwarzen Kleid stehen, dass der High Lady des Hofes der Nacht definitiv würdig ist. Um sie herum fliegen die dunklen Raben Hyberns, bereit dazu, sie anzugreifen. Wo zuvor noch sanfte Farben gewesen waren, ist hier nur grau und schwarz zu sehen. Insgesamt vermittelt das Cover mit dem wunderhübschen, durchsichtigen Buchumschlag eine düstere, magische Kriegsstimmung mit einem Hauch Untergang und Dunkelheit. Schön ist auch das mitgelieferte Lesezeichen in der Form einer Feder. Auch wenn mir die englischen Titel allesamt bessergefallen, ist doch auch der deutsche hier ganz gut getroffen!

Erster Satz: "Nach den Kriegstrommeln kamen die Schreie der Überlebenden und das Summen der Fliegen."

Das große Finale der Fantasy Saga beginnt mit einem kurzen Prolog aus der Sicht Rhysands aus dem Krieg vor dem Errichten der Mauer. Mit schonungslosen Schilderungen und klaren Worten bereitet uns die Autorin hiermit auf die dunklen Zeiten vor, die vor dem Leser und den Protagonisten liegen, denn nun - fünf Jahrhunderte später - steht ein neuer Krieg an und auch dieser wird schreckliche Opfer fordern. Um bestmöglich auf den Kampf gegen Hybern vorbereitet zu sein, war Feyre nach den schrecklichen Ereignissen um den Kessel herum im vergangenen Teil an den Frühlingshof zu Tamlin zurückgekehrt um den High Lord, den sie einst so innig geliebt hatte, bei seinem Bündnis mit dem entfernten, gefährlichen Königreich auszuspionieren. Während sie das traumatisierte Mädchen spielt, schafft sie es gekonnt, unauffällig Keile in den Hof ihres Ex-Geliebten zu treiben und von Frühlingsstimmung kann keine Rede mehr sein. Als zwei königliche Abgesandte aus Hybern und die Verräterin Ianthe dazukommen, eskaliert die Situation langsam und Feyre rettet sich einmal mehr in Rhysands Arme. Doch auch das gibt ihr nur wenig Aufschub. Auch im behaglichen Rahmen Velaris´ ist der heranrückende Krieg zu spüren und der innere Kreis muss mit der Suche nach Verbündeten beginnen: ein Treffen aller High Lords scheint eben so unvermeidlich wie Bündnisse mit äußerst gefährlichen, uralten Kreaturen, auch wenn diese unerfüllbare Forderungen stellen und alles nach einem Opfer schreit...

Die Geschichte ist in drei Teile geteilt, wovon der erste, "Prinzessin der Aasfresser" auf dem Frühlingshof spielt. Für alle, denen nach dem Ende des zweites Teiles das Herz fast stehen geblieben wäre - keine Angst, dieser Teil endet nach 110 Seiten schon wieder und geht mit einer 400seitigen Ausführung über die Kriegsvorbereitung und Bündnisschließung weiter, bevor wir uns dann auf einen 200seitigen Kampf freuen dürfen, der noch einmal alles auf den Tisch holt, was die beiden Teile zuvor angesprochen haben. Bis zum Beginn des letzten Teiles, in dem wir vor allem viele epische Szenen und Action serviert bekommen, ist die Handlung eigentlich wenig spektakulär. Die "Queen of Fantasy" spielt hier vor allem mit den inneren Dämonen ihrer Charaktere und setzt auf die brodelnde Vorkriegsstimmung, die unter anderem von unheilvollen Ankündigungen, überraschende Wendungen und der Dynamik der Charaktere lebt.

"Meine Stimme war rau. "Wir sind im Krieg. Wir haben nur wenige Verbündete, und die, die wir haben, vertrauen uns nicht." Ich schaute ihnen allen in die Augen - meiner Schwester, Lucien, Mor, Azriel und Cassian. Dann Amren. Zum Schluss meinem Seelengefährten. Ich drückte noch einmal seine Hand, denn ich spürte, wie die Schuld ihre Klauen in sein Innerstes schlug. "Ihr alle habt den Krieg erlebt. Und ihr habt ihn überlebt. Aber ich glaube, wir sind von vornherein zum Scheitern verurteilt, wenn wir zulassen, dass uns etwas entzweit."


Dabei lernen wir endlich alle High Lords Prythians kennen: Helion, der strahlende High Lord des Hofes des Tages, der sanftmütige Thesan vom Hof des Morges, der kompromissbereite Tarquin vom Sommerhof, den wir schon zuvor treffen durften, der eiskalte Kallias vom Winterhof, der mitleidslose Beron vom Herbsthof und schließlich Tamlin vom Frühlingshof, der einfach nur wütend ist. Wütend, weil Feyre ihm schon wieder zugunsten Rhysands verlassen und seinen Hof dabei in Zwietracht und Zerstörung zurückgelassen hat, wütend, weil er ein Bündnis mit einem Sadisten geschlossen hat und er eigentlich gar keinen Krieg wollte.

Doch nicht nur mit den High Lords treten ungeahnte neue Mächte und Möglichkeiten auf den Plan, auch uralte Wesen, die wir schon zuvor zu fürchten gelernt haben, werden wieder auf den Plan gerufen. So bekommt die Weberin einen zweiten Auftritt, genau wie der Knochenschnitzer und eine unheimliche Macht, die Feyre vom Grund einer alten Bibliothek befreite. Und auch hinter das Geheimnis um Amren dürfen wir endlich dahinter kommen. Immer mehr und neue Asse schüttet sich Sarah J. Maas aus dem Ärmel, es werden verborgene Königinnen gesucht, ganze vergessene Königreiche kommen ins Spiel, Pakte mit alten Freude und neuen Verbündete geschmiedet, sie alle kämpfen mit Feyres Schwestern und ihrer Familie vom Hof der Träume für das, was ihnen alles bedeutet: ihr Leben, der Frieden, ihr Land.


"Es war nicht nur der Verlust von Leben, der ein Land zerriss. Es waren die geschundenen Seelen, die zurückblieben. Ich konnte nach Velaris heimkehren, konnte erleben, wie Frieden geschaffen und Städte neu aufgebaut wurden. Aber diese Schlacht, dieser Krieg würde mich für immer verändern. Der Krieg würde mich begleiten, noch lange, nachdem er geendet hatte, wie eine unsichtbare Narbe, die vielleicht verblassen, aber nie vollständig verschwinden würde. Aber für meine Heimat, für Prythian, für die Welt der Sterblichen und für das Leben so vieler würde ich es wieder tun. Immer und immer wieder."



Wieder hat mich das Buch eiskalt erwischt und immer wieder aufs Neue entsetzt. So langsam zweifle ich wirklich an meinem "Plot-Näschen", das mir eigentlich immer ganz gut beim Voraussehen von Wendungen geholfen hatte. Nachdem mich die Autorin nun schon so oft überrascht, mich mit ihren Wendungen glatt an der Nase herum geführt und die Handlung in eine unerwartete Richtung gelenkt hat, dachte ich so langsam, nun hätte ich alles überblickt und das Muster verstanden - und dann kam wieder so eine Überraschung, die ich einfach nicht voraussehen konnte und wieder eine... Eine nach der anderen haute sie raus, sodass ich einfach nur sprachlos war und nur staunen konnte, was sich unsere liebe Frau Autorin da mal wieder für uns ausgedacht hatte. Vor allem eine Entwicklung gegen Ende hat mich dazu gebracht, entsetzt auf und ab zu hüpfen, "Nein!", "Nein!", "Nein, das hat sie nicht wirklich gemacht!", zu brüllen, sodass mich meine Eltern seltsam anschauten, und nochmals die ganzen Ereignisse in allen Teilen zu überdenken.


"Sein lustvolles Stöhnen erfüllte das Zelt und übertönte das Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden. Leben und Tod, so nah beieinander, beide unser ständiger Begleiter. Ich feierte die Liebe, die wir hatten, mit meinen Händen, mit meinem Mund, mit meinem ganzen Körper, und ich hoffte, dass dieses Stück Leben, das wir darboten, dieses strahlende Licht zwischen uns, den Tod in Schach halten würde.



Leider gab es trotz des fast 800seitigen Umfangs und den vielen interessanten Geschehnissen einige Vorkommnisse, die sehr am Rande behandelt, Geheimnisse, die im Schnelldurchlauf aufgeklärt und Probleme, die mit einem kurzen Ausflug beseitig werden. Zum Beispiel über Lucians Suche nach Vassa hätte ich gerne noch mehr erfahren, Feyres Blick in den Ouroboros wird auf eine Nacherzählung für Rhys verlegt und auch Elains Gefangenschaft wird sehr schnell gelöst. Auch wenn ich der Geschichte das keinesfalls böse nehmen kann, hätte Sarah J. Maas die Geschichte ohne Probleme ein wenig umstrukturieren und zu einer Quadrologie werden lassen können. Dann wäre der Abschied von Prythian und all seinen magischen Bewohnern noch ein wenig vertagt gewesen. Aber auch so wird durch ein flottes und beschwingtes Erzähltempo verhindert, dass auf den vielen Seiten auch nur der Hauch von Langweile aufkommt.


"Du fürchtest dich nicht", knurrte Rhys. "Denk daran, dass du ein Wolf bist. Und einen Wolf fängt man nicht."


Ohne den außergewöhnlichen Schreibstil Sarah J. Maas´, den ich hier zum wiederholten Male noch einmal würdigen will, hätte die Geschichte einiges eingebüßt. Wie für die ganze Reihe gibt es ein Wort, das ihr erstaunliches Talent Worte in Sätzen so zu platzieren, dass sie der Geschichte alleine durch den Schreibstil ein imposantes Auftreten verleihen, super beschreibt: EPISCH. Durch ihre teils sehr außergewöhnliche Wahl der Worte und einer intensiven Szenenbeschreibung, fühlt man sich oft, als würde man einem Film zusehen, der vor den eigenen Augen abläuft. Ein wunderbarer Film voller Action, Gefühle und Hintergrund und mit genialen Schauspielern...
Manche Fantasy-Welten werden einmal aufgebaut und dann spielt sich die Handlung in diesem statischen Bühnenbild ab. Doch nicht bei dieser Reihe: Ständig verändert sich der Fokus, der Blickwinkel, der Handlungsort der Geschichte, es werden neue Dinge aufgenommen, bestehende ändern sich - eine stetige Entwicklung, die die Geschichte so perfekt und schlüssig erweitert, dass aus dem roten Fanden, ein rotes Band wird. Das ist eine Fähigkeit, für die ich Sarah J. Maas immer bewundern werde: ihre zusammenhängende Darstellung der Welt, die immer komplexer, verschachtelter und geheimnisvoller wird, mit jedem Charakter und Handlungsstrang der dazukommt. Dabei verliert sie nie das Wesentliche aus den Augen und überlädt die Story auch nicht - sie pickt sich einzelne interessante Aspekte gekonnt heraus, welche dann weiter gesponnen und vernetzt werden, bis ein umwerfendes Gesamtergebnis entsteht!


"Früher hatte ich immer gedacht, der Tod sei eine Art friedliche Heimkehr, ein süßes, trauriges Wiegenlied, das mich ins Jenseits begleiten würde. Jetzt wusste ich, dass mich keine süße Melodie erwartete. Das Wiegenlied des Todes war das eintönige Brummen von Fliegen, denn Fliegen und Maden waren seine Handlanger."


Und noch etwas lässt dieses Werk aus der Fantasy-Branche herausstechen: die wunderbaren Charaktere, die ans Herz gehen wie kaum in einem anderen Roman.
Wieder setzt uns die Autorin als erzählende Figur eine starke, weibliche Kämpfernatur vor, die in ihrer Entwicklung einem Phönix gleicht: zuerst lernten wir Feyre Archeron als armer, hilfloser Mensch kennen, der seine Familie mit Jagd im Wald überm Wasser zu halten versucht und durch Zufall in die Welt der Fae hineingerät. Am Frühlingshof durch die Liebe und Aufmerksamkeit Tamlins wird sie vom ungestümen Mädchen zur Dame, die weiß, wie sie ihre Talente einsetzten muss, weswegen sie auch in der Lage ist, die Hölle unter dem Berg Amaranthas zu überleben, auch wenn sie dort herumgeschoben wird, wie eine Schachfigur und schließlich stirbt, nur um als Fae wieder aufzuerstehen und langsam ihren Platz an der Seite Rhysands, ihres Seelengefährten findet und dann als High Lady in die Schlacht zu ziehen und sich selbst zu finden - die starke, unerschütterliche Frau, die sie eigentlich schon immer gewesen war und das durch die Kraft der sieben High Lords ihre Asche abgeschüttelt hat und neu geboren wurde. Schon immer habe ich sie für ihre Willenskraft, ihre Kämpfernatur und ihr scheinbar unerschütterliches Vertrauen bewundert. Hier schafft sie es jedoch endgültig das zaghafte Mädchen in ihr abzuschütteln und ganz zur High Lady an Rhysands Seite zu werden...


"Wo sind wir hier?" Wir alle schauten Lucien an. "Zu Hause", sagte ich. "Das ist mein Zuhause." Ich sah, wie er alles in sich aufnahm. Keine Dunkelheit. Keine Schreie. Kein Blut, kein Moderngestank, sondern der Duft von Meer und Zitronen. Das Gelächter von Kindern. Das größte Geheimnis in der Geschichte von Prythian. "Das ist Velaris", sagte ich. "Die Stadt des Sternenlichts." Er schluckte. "Und du bist die High Lady des Hofes der Nacht."


Ja Rhysand, ... der liebevolle Rhys, der mächtige High Lord des Hofes der Nacht. Es fällt mir wirklich schwer Worte zu finden, die diesem wundervollen Charakter auch nur annähernd gerecht werden. Sarah J. Maas schafft es hier alle Klischees und Vorgaben an männliche Protagonisten zu sprengen und das Ergebnis ist ein authentischer, ehrlicher Charakter, den man einfach Lieben und verstehen muss. Mit jeder Seite habe ich mich mehr in ihn verliebt und mir von Herzen ein glückliches Ende gewünscht. Auch wenn er in der Vergangenheit als Herr der Finsternis nach außen eine grausame Maske trug und landesweit gefürchtet wird, ist er dem Bad Boy Klischee so weit entfernt, wie man es nur sein kann. Wie Feyre sehr schnell herausgefunden hat verbirgt sich hinter der kalten Fassade, die alle außer seinem Hof der Träume, seiner verborgenen Stadt Velaris und seiner Familie zu sehen bekommen, ein verletzliches Herz, zarte Hoffnung, leidenschaftlicher Einsatz, aufopferungsvolle Treue und viel Liebe zu seiner Familie. Genau wie Feyre leidet auch er immer noch sehr unter den Jahren an Amaranthas Hof und würde alles dafür tun, um einen weiteren Krieg zu verhindern. Auch seine Fassade fallen lassen und der ganzen Welt zeigen, wer die wirklichen Herrscher der Nacht sind: sanftmütige, aber mächtige Kreaturen, die man gerne zum Freund und ungerne zum Feind haben will.


"Rhys blickte uns alle an, die wir hier auf dieser sonnengeküssten Wiese versammelt waren. Unsere Familie. Unser Hof. Der Hof der Träume. (...) Er wischte mir sanft die Tränen weg, die über meine Wange rollten "Ich glaube, dass alles genau so passiert ist, wie es passieren sollte. Damit ich dich finden konnte.(...) Wir gehen heute in den Kampf und wir werden den Tod erst dann als unausweichlich annehmen, wenn wir in die Anderswelt treten. Wir werden für das Leben kämpfen. Und für die Zukunft. (...) Es gibt in meinem Leben keine größere Freunde und Ehre als die, euch gekannt zu haben."


Sarah J. Maas begeht zum Glück nicht den große Fehler, den die meisten Finalbände so schwächeln lassen: die Nebencharaktere als ´fertig charakterisiert´ zu definieren und sie zu feststehenden Rollen zu zwingen, die ganz als Statisten im Kampf untergehen. Im Gegenteil, gerade im Mittelteil nimmt die Autorin sich besonders viel Zeit um Amren, Mor, Azriel, Cassian, Nesta, Elain, Lucien und all die anderen weiter aufeinander los zu lassen. Gerade für Tamlin, der nachdem ich ihn in Band 1 recht gut leiden konnte in meiner Sympathieskala ziemlich weit abgestürzt ist, konnte ich dank einiger Handlungen noch ein wenig mehr Sympathie und vor allem Mitleid aufbringen. Es wird aber auch im inneren Kreis viel gestritten, innig geliebt, gekämpft und offenbart. Man erfährt, was es mit der Spannung zwischen Azril und Mor auf sich hat, blickt hinter das, was der Kessel aus Nesta und Elain gemacht hat und stößt auf den ein oder anderen Abgrund in den Leben der anderen. Und auch wenn sie nicht immer einer Meinung sind und sich häufig zoffen, sind sie doch alle eine Familie und halten zueinander, wenn es hart auf hart kommt. Und genau deshalb haben sie auch eine Chance zu gewinnen, so schlecht es auch aussieht.
Während der endlosen Kämpfe, Machtspielchen, magischen Intrigen und der vielen Liebe, die die Charaktere dazu bringt, immer weiter zu machen, auch wenn es eigentlich schon verloren ist, lehrt uns die Geschichte, was wirklich wichtig im Leben ist. Sie zeigt uns, dass in jedem von uns etwas Besonderes steckt, dass wir alles schaffen können, wenn wir nur genug Vertrauen, Durchhaltevermögen und Kraft besitzen. Wenn wir immer wieder aufstehen, uns helfen lassen und vor allem: uns selbst vergeben. Feyre findet erst zu ihrer wahren Stärke, als sie im Spiegel von Anfang und Ende ihr wahres Selbst erblickt, mit aller Monstrosität und Schönheit und alles an ihr akzeptiert.


"Wir verdienen es, glücklich zu sein", sagte er. Das hatte ich einst zu ihm gesagt, nach dem Angriff auf Velaris, auf dem Dach des Stadthauses. "Und ich werde mit allen Mitteln um dieses Glück kämpfen." "Wir werden darum kämpfen", sagte ich rau. "Wir gemeinsam!"


Dann noch ein letzter Punkt, über den wir reden müssen: das fulminante Finale dieses Teil! Ich weiß nicht, wann mich das letzte Mal ein Buch so unter Strom gesetzt hat. Emotion ist die eine Sache, Spannung und krasse Dramatik sind die anderen. Die letzten Seiten waren so außergewöhnlich mitreißend, überraschend, spannend, actionreich, richtungsändernd und eindrucksvoll, sodass ich es wahrscheinlich nie vergessen werde. Alleine für diese eine Szene sollte dieses Buch schon 5 Sterne bekommen! Eine Wendung jagt die nächste, man hat eigentlich durchgängig Gänsehaut, Tränenausbrüche und unkontrollierte Zuckungen, sodass ich bestimmt die Gehirnströme einer Epileptikerin hatte, als die letzten Seiten durch mein Hirn jagten. Spätestens ab jetzt ist diese Reihe zu meiner "all time favourite Geschichte" geworden und ich konnte dem actionreichen, dramatischen und unglaublich tragischen Schluss nur gebannt folgen, zu ängstlich, verliebt, hoffnungslos, erleichtert, geschockt, traurig, wütend und beeindruckt war ich - beeindruckt von der unglaublichen Geschichte dieser jungen Autorin, die hier ihr perfektes Ende findet. Auch wenn wenige Fragen ungeklärt bleiben, bin ich mir deshalb noch nicht sicher, ob ich den Zwischenband "A Court of Frost and Starlight" und die danach folgende Spin Off Reihe, die demnächst auf englisch erscheinen werden, lesen will.

Zum Schluss noch mein Lieblingszitat:

"Rhys trat zu mir und nahm meine Hand. Er ganz in Schwarz -die siegreiche Nacht - und ich der strahlende Stern. Er die milde und schreckliche Dunkelheit, ich das reine Licht, das durch seine Schatten zum Glitzern gebracht wurde."


Fazit:

Dieses Finale ist atemberaubend, episch, tief berührend und eine krasse Steigerung zu den Vorgängern auf allen Linien. Lebt, bangt, kämpft und liebt mit Feyre, Rhysand und ihrer Familie, so wie ich es getan habe und diese Geschichte wird immer ein Teil von euch sein!

Schaut doch mal auf meinem Blog vorbei:

www.w0rdw0rld.blogspot.com

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In Ewigkeit

Ian Cushing
Flexibler Einband: 196 Seiten
Erschienen bei epubli, 11.03.2018
ISBN 9783746706955
Genre: Romane

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: In Ewigkeit
Autor: Ian Cushing
Verlag: epubli (11. März 2018)
Genre: Roman
ISBN-10: 3746706955
ISBN-13: 978-3746706955
Preis: 9,99€ (Taschenbuch)
4,49€ (Kindle-Edition)
Seitenzahl: 196 Seiten
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 0 Monate und älter
Weitere Bände: 5 Minuten - Ein Tagebuch 

 

Inhalt:

"Falls Sie mir Glauben schenken, vermag ich nicht weniger zu erreichen, als dass Ihre Seelen in Ewigkeit gerettet werden."

Nach einem Neuanfang in seinem Leben verliert er plötzlich alles, was für ihn noch Bedeutung hat. Inmitten dieses emotionalen Chaos hat er ein phantastisches Erlebnis, aber besitzt er tatsächlich als einziger Mensch das Wissen um das letzte große Geheimnis oder ist es nur ein Traum?


Bewertung:
 
Nachdem ich im August des vergangenen Jahres schon das Vergnügen hatte, durch "5 Minuten - Ein Tagebuch" mit den Fragen nach dem Sinn des Lebens konfrontiert wurde, jedoch mit der existenzialistischen Weltsicht nur wenig anfangen konnte, habe ich durch diese Neuauflage der Geschichte in anderem Rahmen noch einmal die Möglichkeit bekommen, einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Hier wird im Grunde genommen das ursprüngliche Tagebuch um eine weitere Dimension der Geschichte erweitert, wodurch alles in anderem Licht erscheint. Das ursprüngliche Buch ist nun nach dem erscheinen der neuen Version nicht mehr einzeln erhältlich, entspricht aber dem zweiten Unterkapitel des Romans.


"Is this the end of the beginning?
Or the beginning of the end?
Losing control or are you winning?
Is your life real or just pretend?"
- Black Sabbath - End of the beginning -


Mit was lässt es sich bei einer solch komplizierten Geschichte schöner einsteigen als mit dem glasklaren, wunderschönen und intelligenten Cover? Wie auch beim Vorgänger dominiert ein einheitliches Schwarz das Cover, dezent durchbrochen durch die filigrane Schrift von Autorenname und Titel. Wie auch der Klapptext ist letzterer knapp, stimmig und interesseweckend. Durch die ansonsten schlichte Gestaltung kommt die Illustration im Zentrum des Bildes in ihrer - wie der Autor es nennt - "morbiden Schönheit und Tiefgründigkeit" wunderbar zur Geltung, wobei ich ihm vollkommen zustimme. Verschlungene Dornenzweige, die mit ihren Verästelungen, Blütentriebe und Spinnfäden schön und schrecklich zugleich sind, formen ein gleichmäßiges Unendlichkeitszeichen, welches die Thematik des Titels aufnimmt. Auch die Seiten, die den Roman in zwei Abschnitte teilen, tragen dieses Zeichen. Der bekannte Künstler Karmazid, von dem die Illustration stammt, hat hier ein wirkliches Kunstwerk geschaffen, das die Gedanken über Tod, Schönheit und Ewigkeit der Geschichte wunderbar auf den Punk trifft. Einzig mit der Altersempfehlung, 0 Monate und älter bin ich absolut nicht einverstanden. Auch wenn ich ahne, dass sie eine Art Scherz sein soll, fände ich ab 16 Jahren doch angebrachter ;-)


Erster Satz: "Ich habe eine Geschichte zu erzählen; eine Geschichte, die mir vielleicht niemand glauben wird, was ich durchaus verstünde, denn auch ich vermag an manchen Tagen nicht zu glauben, was mir geschehen ist."


Mit diesem Satz steigen wir in einem kurzen Prolog in den ersten Teil des Romans ein, welcher unmittelbar nach den Ereignissen in Teil 2 spielt. Aufgezogen wird dieses Prequel als autobiografisch erscheinendes Manuskript eines Mannes, der nach einer schweren Sinnkrise in der Freiheit der Spontanität und Ungebundenheit eine neue Lebensweise entdeckt hat. Mit seiner sogenannten 5-Minuten-Regel hat er sich darauf verschrieben, nicht weiter als 5 Minuten in die Zukunft zu denken um instinktiv sein Leben voranzubringen und frei von Angst und Zweifel zu sein. Wenn man wie ich nicht von den traumatischen und teilweise wahnsinnig anmutenden Ereignisse des zweiten Teiles scheint man es hier mit einem lebensfreudigen, aufgeschlossenen Menschen zu tun zu haben, der sein Leben in vollen Zügen genießen kann. Als ein Schicksalsschlag seinem neuen Leben eine Pause versetzt und er eine fantastische Begegnung dritter Art erlebt, wirft dass all seine Überzeugungen über den Haufen. Während er noch mit dem Verlust seines besten Freundes zurecht werden muss, sieht sich plötzlich mit der Lösung eines Urgeheimnisses konfrontiert: die Frage nach dem Jenseits...


"Es ist dein Paradies und gleichzeitig auch deine Hölle. Du bist zu Lebzeiten der Architekt deiner Kathedrale im Himmelreich."


Der Sprachstil ist ruhig und niveauvoll gehalten und spiegelt die nüchterne, bedrückende Lebenshaltung des Tagebuchschreibers wieder. Viel Zynismus, intelligente Anspielungen und innovativen Sprachbilder umrahmen diese Geschichte, die so viel in ihren knapp 200 Seiten beinhaltet: ein wenig Drama, Philosophie, Mystery, Thriller-Elemente - die Geschichte ist facettenreich und so wird sie auch präsentiert.


"Mein letzter Anker hatte sich aus dem lockeren Sand des Lebens losgerissen und ich fühlte mich wie ein Boot, das ohne Steuer und Ruder auf das offene Meer getrieben wurde und ohne Ziel und Plan drohte, in Seenot zu geraten."


Interessant ist an diesem Roman neben dem Inhaltlichen vor allem der Aufbau und die unterschiedlichen Erzählweisen. Die 9 Kapitel des ersten Teiles werden mit passenden Songzitaten einiger bekannter und weniger bekannter Rock-/Metal-Bands untermauert und haben einen grundlegend positiven Ton. Hingegen ist der zweite Teil in Tagebuchform geschrieben und gewähnt uns Leser einen Einblick in die Vorgeschichte des namenslosen Protagonisten. Beginnt man mit dem zweiten Teil bekommt die nachdenkliche Stimmung schnell einen dunkleren, amoralischeren Klang. Gerade der Wechsel und die Tatsache, dass der erste Teil wie als Art ergänzende Erklärung vorangestellt ist, macht es leichter, die nachfolgende Erzählung zu ertragen und zu verstehen.



"Was, wenn man merkt, dass alles keinen Sinn macht? Wenn man versteht, dass alles, was man während seines Lebens macht und schafft, am großen Tod scheitern wird? Wenn man nicht gerade Goethe, Hesse oder Metallica heißt und der Geschichte somit etwas hinterlässt, sind Milliarden Leben sinnlos. So wie meines. Im kleinsten Kreis kann man das Leben seiner Familie, Freunde und Kollegen beeinflussen und bestenfalls bereichern, aber wenn ich nicht da wäre, wäre es ein anderer."


Was ist das Leben? Welchen tieferen Sinn hat es? Diese Fragen stellen wir uns als Menschheit häufig und es gibt verschiedene Antworten und Wege, sich der Frage zu stellen. Der anonyme Verfasser des Tagebuchs beantwortet diese Sinn-Frage zunächst ganz im Sinne des Existenzialismus: keinen. Im Laufe des Tagebuchs wird die Stimmung immer drückender, düsterer während wir Zeuge werden, wie der Mann haltlos alle Moral und Überzeugungen ablegt und sein Leben immer weiter auf die Eskalation zusteuert. Im Gegensatz zum gemäßigten, nachdenklichen, fast schon zarten ersten Part, haben wir es hier mit einem erschreckenden, spannenden Lebenskrimi zu tun, der jedoch vor allem Sinnlosigkeit und Selbstzweifel übermittelt.

Existenzialismus lässt sich als Gefühl von "kosmischer Verlorenheit" beschreiben – die schier unheilbare Empfindung von Einsamkeit und Fremdheit, überhaupt von der Absurdität des Lebens. Auch der Protagonist hier verehrt Camus, Sartre und Hesse, denkt, dass das Leben an sich sinnlos ist und spürt diesen Daseins-Schmerz, der ihn auch dazu bringt, Morde zu begehen. Auch wenn ich selbst mit dem Existenzialismus nichts anfangen kann und deshalb auch den zweiten Teil als alleinstehende Geschichte nicht wirklich gut finden konnte, muss ich zugeben, dass wir ihm große Werke in Musik und Malerei, sowie in Literatur und Philosophie verdanken.


"Wieder lichtete sich der Nebel eines universalen, religiösen und philosophischen Problems: Gut und Böse in Form von zwei Gegenspielern existieren nicht. Du kannst alles sein, was du willst; es liegt alles in dir."


Der Autor selbst würde seinen Roman gerne als Schauerliteratur im Andenken an Größen wie Edgar Allan Poe, Howard Phillips Lovecraft oder Stephen King sehen, was ich teilweise bekräftigen kann. Dieser Roman ist gruselig ohne blutrünstig zu sein, nachdenklich ohne ins lahm philosophierende abzurutschen und spannend ohne unnützes Drama zu benötigen. Der namenlose Protagonist wechselt vom Held zum Antiheld, wieder zurück, bis man als Leser irgendwann versteht, dass diese Kategorien hier eigentlich gar nicht so wichtig sind. Vielmehr zählt hier das Bild des Erzählers auf sich selbst. Spannend ist dazu auch, dass er zu keinem Zeitpunkt einen Namen bekommt. Der Autor hat hier eine Geschichte geschaffen, die nicht einfach herunter zu lesen ist und bei dem man bestimmt nicht alles akzeptierend abnicken kann, sie ist jedoch Anlass zum Nachdenken und bringt dazu, sich mit seiner eigenen Lebenssicht auseinander zu setzen. Um die Geschichte und ihre Hintergründe wirklich gänzlich verstehen zu können, muss man sich ein wenig mit Philosophie auskennen, bereit sein, damit zu beschäftigen und sich auch selbst hinterfragen können. Auch wenn ich auch hier oft mit der Stirn gerunzelt habe, hat mir dieser Rahmen für die Geschichte weitaus besser gefallen und ich kann sie nun getrost mit einem vorsichtigen Daumen hoch weiterempfehlen.


"Als wir still in der Abenddämmerung saßen und einen guten Whisky tranken, flüsterten die Berge und leise zu, dass wir nicht so töricht sein sollten, uns über die kleinen Ungereimtheiten des Lebens zu ärgern. Diese Ärgernisse, de uns Menschen so wichtig erschienen, dass wir pausenlos von ihnen reden müssen, sind nur ein Wimpernschlag im Leben eines Gebirges. Diese Weisheit gab mir das Gefühl der Freiheit und hat mich tief geprägt und gleichzeitig bestätigt, denn mir war schon immer bewusst, dass Bescheidenheit im Leben die wertvollste und zugleich eine rare Tugend ist."


Abschließend möchte ich mit einem Zitat enden, das mein Leseerlebnis eigentlich ziemlich genau auf den Punkt bringt:

"War das nicht vollkommen verrückt? Nicht verrückter, als die anderen Erzählungen und Vorstellungen über das Leben nach dem Tod, denke ich."




Fazit:


Auch wenn ich auch hier oft mit der Stirn gerunzelt habe, hat mir diese facettenreiche und nachdenkliche Geschichte, die auf ihren knapp 200 Seiten so vieles beinhaltet - ein wenig Drama, Philosophie, Mystery, Thriller-Elemente - recht gut gefallen und ich kann sie nun getrost mit einem vorsichtigen Daumen hoch weiterempfehlen.


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Das dunkle Herz

Lukas Hainer
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2018
ISBN 9783492704724
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Allgemeines:

Titel: Das dunkle Herz
Autor: Lukas Hainer
Verlag: ivi (1. März 2018)
Genre: Fantasy
ISBN-10: 3492704727
ISBN-13: 978-3492704724
ASIN: B077BVCJ9C
Preis: 12,99€ (Kindle-Edition)
16€ (Gebundene Ausgabe)
Seitenzahl: 384 Seiten
 

Inhalt:

Während einer Gedenkfeier für ihren verschwundenen Bruder wird Anna schwarz vor Augen, und sie erwacht am Rande einer verlassenen Wüstenstadt. Als alle Versuche scheitern, Kontakt zu ihren Eltern aufzunehmen, sucht sie in der Stadt nach Antworten und stößt auf weitere Ankömmlinge, unter ihnen der junge Nick. Bald entbrennt ein Kampf ums Überleben, sowohl mit ihrer unwirtlichen Umgebung als auch unter den Gestrandeten selbst. Während die Spannungen eskalieren und es sogar zu Toten kommt, findet Anna plötzlich Hinweise auf ihren Bruder – ist es möglich, dass er noch lebt? Als sie der Spur folgen, stoßen Nick und sie auf ein furchtbares Geheimnis, das dieser Ort und seine Bewohner hüten: das dunkle Herz. Und plötzlich geht es um weit mehr als nur um ihr eigenes Schicksal.


Bewertung:

Als ich diese Geschichte in der Verlagsvorschau des Piper Verlages gefunden und vom dunklen Herz gelesen habe, hatte ich mich sofort auf ein spannendes Mystery-Abenteuer gefreut. Nach etwa 30 Seiten musste ich jedoch feststellen, dass sich diese Geschichte in eine ganz andere Geschichte entwickelt und mehr zu einem Abenteuer über einen Haufen Kinder in einer verlassenen Wüstenstadt wird, die um Zusammenhalt und Vertrauen ringen.

Das Cover ist sehr ansprechend gestaltet. Das verwaschene Grau gibt einen unruhigen, düsteren Hintergrund, welcher in Kombination mit dem schwarzen, dynamischen Fleck im Zentrum des Bildes und den ebenfalls schwarzen Naturmotiven, den Bäumen und Vögel, ein geheimnisvolles und stimmiges Gesamtbild ergibt. Der Titel ist in einem blassen Bronzeton gehalten, welcher auch das Lesebändchen schmückt und gleichzeitig das einzige Fleckchen Farbe in dem sonstigen Grau-Schwarzen Bild darstellt. Besonders schön sind die verwaschenen Cover - Motive, die die Innenseiten der Buchdeckel zieren und die schwarzen Flecken, die den Hintergrund für die jeweilige Kapitelüberschrift bilden. Auch wenn die gesamte Gestaltung auf eine viel düsterere und magischere Geschichte hindeutet, passt das Gesamtbild sehr gut und sieht darüber hinaus wunderschön aus. Einzig das helle Orange auf der Innenseite der Klapplaschen des Covers passt meines Erachtens nicht so ganz.

Erster Satz: "Der alte Mann schritt durch die staubigen Straßen der Stadt."

Aus der Sicht des alten Mannes beginnt die Geschichte mit einem vielversprechenden, mysteriösen Prolog. Während diese geheimnisvolle Person über alte Zeiten und die Zukunft nachsinnt, entstehen schon Bilder im Kopf des Lesers und es klingt an, wie sich die Geschichte entwickeln könnte. Dass die Erzählung dann gleich weiter nach Deutschland in eine Kirche während einer Trauerfeier zur 14jährigen Anna springt, ist ein starker Kontrast. Mit Ausnahme ihres seit 10 Jahren vermissten Bruders Ben ist bei der Familie Engel alles gewöhnlich und zuerst kann man keine Parallele zur staubigen Wüstenstadt aus dem Prolog erkennen. Als dann jedoch wie jedes Jahr die Trauerglocken für den verschwundenen Sohn läuten, wird Anna schwarz vor den Augen und sie erwacht in glühender Hitze unter einem orangenen Horizont wieder. Zusammen mit einigen anderen Menschen aller Altersgruppen und Nationalitäten ist sie an einem Ort gestrandet, der außerhalb jeglicher Realität zu liegen scheint. Ganz fremd und irgendwie falsch kommt er ihr vor, was auch an den Resten der Zivilisation liegt, die überall zu sehen sind. Als sie auf eine andere Gruppe und schließlich auf eine organisierte Gesellschaft aus Ankömmlingen trifft, scheint ihr Schicksal erstmal weniger aussichtslos zu sein. Doch was verbirgt der gnadenlose Anführer Álvaro? Wohin sind all die Menschen verschwunden, die an diesem Ort gelebt haben? Was hat es mit der grauenvollen Kälte auf sich, die die Kinder manchmal spüren? Und wie können sie wieder nachhause gelangen? Als Anna zusammen mit ihren neuen Freunden den Fragen nachgeht, trifft sie auf ein tief verborgenes, gut gehütetes, dunkles Geheimnis...


"Hast du das auch gespürt?", fragte sie in, als er bei ihr angekommen war und legte sich die Hand auf die Brust, wo die Beklemmung am Schlimmsten gewesen war. Er nickte. "Irgendwas ist da unten. Und es will raus."


Während die Charaktere in der sengenden Hitze umher irren baut die meiste Spannung eigentlich auf den Fragen rund um den geheimnisvollen Ort auf. Da aber kaum Lösungen der Fragen und weitere Entwicklungen rund um die Grundidee in Aussicht gestellt werden, legt sich im Laufe der Geschichte diese erzeugte Spannung immer weiter und die eigentliche Handlung muss die ganze Last der Story tragen. Während unsere Protagonisten also durch die Wüste irren, nach Wasser, Essen und nicht zuletzt ihrer Freiheit suchen, rückt das Geheimnis um das dunkle Herz immer weiter in den Hintergrund, bis es nur eine schemenhafte Bedrohung wird, in die Ecke gedrängt und absolut nebensächlich. Leider schafft dieses es auch nicht im Laufe der Seiten aus dieser Ecke herauszukommen und eine zentrale Rolle einzunehmen.

So bleibt die Handlung leider sehr eindimensional und stellt in erster Linie den Überlebenskampf und die Machtstrukturen innerhalb der Gruppen dar. Dazu wäre jedoch auch jedes andere Setting genügend gewesen, hier leidet die Story eher darunter, dass das Setting nicht wirklich lebendig wird. Über den Großteil der Handlung sind die Protagonisten viel zu sehr mit sich selbst und ihren Streitigkeiten beschäftigt, um den Ort, an dem sie gestrandet sind und die Gefahren, vor denen sie stehen wirklich erkunden zu können, weshalb diese auch für den Leser sehr unspektakulär bleiben. Natürlich werden immer wieder neue Dinge aufgeführt, einzelne Entdeckungen werden jedoch immer nur am Rande behandelt und schnell als selbstverständlich abgetan. Das ging so weit, dass einige Details der Handlung plötzlich fehl am Platz wirkten. Annas wieder auferstehender Bruder oder die wild bewachsenen Hallen mit einer Horde an unabhängig lebenden Kindern sind ebensolche Faktoren, bei denen ich nicht genau weiß, wie ich ihnen gegenüberstehen soll. Keiner der Protagonisten scheint an irgendetwas zu zweifeln, das fantastische Setting bringt alle dazu, seltsame Dinge zu akzeptieren, was ich leider nicht konnte. Durch die fehlenden Informationen und Entwicklungen rund um die Grundidee der fantastischen Wüstenstadt, ist mein Interesse an dieser Idee langsam zurückgegangen, woran auch der angenehme Schreibstil nicht mehr viel ändern konnte. Auch wenn relativ plastisch beschrieben wird, wird das Potential des Geheimnisses rund um das dunkle Herz nicht genutzt.


"Etwas tat sich unter der Erde, der Alte hatte es gespürt. Etwas war dort in Aufruhr geraten und das war neu. Er glaubte nicht, dass es das dunkle Herz war. Das schwarze Böse schlummerte dort unten, denn noch waren die Fesselnd strak, die es seit so langer Zeit an diesem Ort hielten. Nein, was sich dort regte, fühlte sich anders an und der Alte konnte nur Vermutungen anstellen, was geschehen war."



Dass die Fantasy-Komponente dieser Geschichte geradezu armselig ist hat mich natürlich enttäuscht. Sehr spannend wiederum ist aber, dass diese Lücke platz lässt für Gruppendynamik und genauen Studien von Machtstrukturen. Während der alte Mann und die dunkle Macht unter der Stadt eher am Rande bleiben zeigt sich, dass der Mensch sich wieder einmal selbst der größte Feind ist. Habgier, Machtzwang und Unterdrückung drohen die Gestrandeten zu entzweien und fordern viele unnötige Opfer. Bald findet Anna heraus, dass die einzige Möglichkeit zur Flucht in einem Bündnis liegt. Zusammen mit ihren Freunden muss sie es schaffen, alle Streitigkeiten beizulegen und die gesamte Gruppe vereint vors dunkle Herz zu führen. Eine nahezu unmögliche Aufgabe angesichts des angestauten Hasses... doch die einzige Chance um dem Albtraum zu entfliehen.


"Der Alte spürte den Wind und hörte auf die Geräusche der neuen Bewohner, die er brachte. Da war das Zirpen und Rascheln von Insekten, en flatternder Flügelschlag, irgendwo ein erschöpftes Grunzen. In der Ferne konnte er zwei Schemen auf der Mauer erkennen, Wachen, die sie aufgestellt hatten. Bald würde die Dunkelheit sie verschlucken..."


Genau wie die Geschichte bleiben auch die Charaktere leider sehr eindimensional. Der große Fehler hier ist die schiere Masse an Protagonisten, die alle kurz angerissen werden, die aber keinerlei Tiefe besitzen. Selbst von Anna, die aus der personalen Erzählperspektive erzählt und bei der die Innensicht uns auch in Gefühle und Gedanken einweiht, konnte ich mir im Laufe der Handlung nur ein grobes Bild machen und keine wirkliche Beziehung zu ihr aufbauen. Interessant ist einzig und allein ihre Beziehung zu ihrem großen Bruder, von dem sie sich nie wirklich verabschieden konnte, da er einfach verschwunden ist und in dessen Verschwinden einen dunklen Schatten über ihre Familie geworfen hat, in dem sie 10 Jahre leben musste, ohne sich wirklich an ihn erinnern zu können. Durch ihren Aufenthalt in der Stadt bekommt sie endlich die Möglichkeit mit den Gefühlen in sich aufzuräumen und ihn richtig loszulassen.

Die anderen Charaktere wie Nick, Jelena, Lev, Álvaro, Eric, Peter, Sinan, Kyle oder Poppin - um nur mal einen Bruchteil aller Namen zu nennen, mit deren Auseinanderhaltung wir konfrontiert werden - werden einfach grob nach ihrer Stellung in der Gruppe und ein oder zwei vagen Charakterzügen charakterisiert. Auch wenn natürlich klar ist, dass auf 380 Seiten kein vollständiges Bild von 10 Personen entstehen kann, fand ich die Charakterzeichnung gerade für ein Jugendbuch, das von so etwas immer besonders stark lebt, etwas flach. Der unnötigste Punkt ist jedoch wieder wie so oft die hastig dazu gedichtete Liebesgeschichte zwischen Anna und Nick, die die Geschichte absolut nicht gebraucht hätte.


"Álvaro knetete wieder seine Handschuhe, wie bei den Reden vor der Versammlung. "Wir sind nicht die ersten Bewohner hier, bei Weitem nicht, und wir müssen zusehen, dass von uns mehr übrig bleibt als von all den anderen! Was immer mit uns geschehen ist, wie müssen überleben. Egal, was es kostet!"



Trotz der ganzen Kritik will ich dem Buch gar nicht seine Originalität und die Spannung absprechen, die gerade gegen Ende nochmals aufleben darf. Am Ende ist jedoch die Umsetzung der Grundidee leider ein wenig unrund und die Lösung des Problems wird auf einen eventuell nächsten Band vertröstet.



Fazit:

Ein interessantes Abenteuer über eine Ansammlung an Menschen verschiedener Nationalitäten und Gesinnungen, die in einer verlassenen Wüstenstadt um Zusammenhalt und Vertrauen ringen. Leider wird das Potential der Grundidee und des Settings nicht ausgeschöpft und auch die Charaktere bleiben ein wenig blass.


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The Shape of Water

Guillermo del Toro , Daniel Kraus , Kerstin Fricke
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.03.2018
ISBN 9783426523070
Genre: Fantasy

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: The Shape of Water
Autoren: Guillermo del Toro und Daniel Kraus
Verlag: Knaur (1. März 2018)
Genre: Fantasy
ISBN-10: 3426523078
ISBN-13: 978-3426523070
ASIN: B077D259H1
Seitenzahl: 432 Seiten
Originaltitel: The Shape of Water
Preis: 14,99€ (Kindle-Edition)
16,99€ (Broschiert)
 

Inhalt:


Ein geheimes US-Militärlabor 1963:


Im streng gesicherten Labortrakt F-1 wird eine Kreatur aus dem Amazonas gefangen gehalten, deren Erforschung einen Durchbruch im Wettrüsten des Kalten Krieges liefern soll. Doch eines Nachts entdeckt die Reinigungskraft Elisa das Wesen, das halb Mann und halb Amphibie ist. Die stumme junge Frau tut etwas, woran noch kein Wissenschaftler gedacht hat: Sie bringt dem Wasserwesen die Gebärdensprache bei und beginnt so entgegen aller Regeln eine vorsichtige, geheime Freundschaft mit ihm. Als sie erfährt, dass das »Projekt« schon bald auf dem Seziertisch enden soll, muss Elisa alles riskieren, um ihren Freund zu retten…


Bewertung:
 
Durch den gleichnamigen Film, der gerade in den Kinos läuft und bei der diesjährigen Oscarverleihung mehrere der beliebten Awards abgestaubt hat bin ich erstmals auf diese ungewöhnliche Geschichte aufmerksam geworden, die die unmögliche Beziehung zweier gequälter und komplett unterschiedlicher Liebenden beschreibt. Obwohl ich mit einem exotischen Schreibstil und einer unkonventionellen Geschichte gerechnet hat, haben mich meine Erwartungen nicht auf dieses bildgewaltige Epos vorbereitet, das gleichermaßen mit herzergreifenden Bildern wie auch grauenhaft realen Details zu bestechen weiß.


"Dabei hält sie die Tüte wie eine Trophäe, ihre Trophäe dafür, dass sie dieser atemberaubenden Vernichtung in die Augen gesehen und überlebt hat. Sie ist außer sich, atemlos, beinahe weinend, beinahe lachend."



Schon das Cover entführt ins Element Wasser und öffnet die Tür in eine Welt, in der Realität und Fantasie ganz nahe beieinander liegen. Eine Animation, die durch die zarte Machart an ein Gemälde erinnert, zeigt Elisa, die verträumt und mit geschlossenen Augen in den Armen der Meereskreatur liegt. Sowohl die blau-grüne Farbe als auch die sanft leuchten Lichtpunkte, die von dem Wesen ausgehen, erzeugen ein romantisch-mysteriösen Flair. Der Titel, der wunderbar passt und zum Glück nicht ins Deutsche übersetzt wurde, ist durch filigrane, weiße Großbuchstaben gut vom Hintergrund abzulesen und auch für die fühlenden Finger gut zu ertasten. Auch Buchrücken, Deckel und Leselaschen sind im blau-grünen Meeresstil gehalten und komplettieren die Darstellung. Ganz besonders toll sind die wunderschönen und sehr passenden Zeichnungen von James Jean, welche wenige Szenen schmücken und die Kapitelbilder, die die Geschichte abgesehen von den Kapiteln in 4 Teile unterteilen. Insgesamt eine ganz wundervolle Gestaltung!


Erster Satz: "Richard Strickland liest den Auftrag von General Hoyt in elftausend Fuß Höhe."


Die Geschichte beginnt ohne Umschweife mit der ätzenden Suche des Antagonisten Richard Strickland im wilden Dschungel Brasiliens nach dem mysteriösesten Wesen aller Zeiten: halb Mensch, halb Amphibie, wird es von den Einheimische als Gott verehren und "Deus Brânquia", also Kiemengott, genannt. Um in einem US Militärlabor genauer untersucht zu werden und Vorbild für die Entwicklung neuartiger Waffentechnologien im Kalten Krieg, soll er eingefangen und nach Baltimore in Maryland gebracht. Doch dieses Vorhaben wird zu einem langwierigen und kräftezehrenden Unterfangen, bei dem Stricklands Menschlichkeit verloren zu gehen droht. Als er schließlich die wundervolle Kreatur findet, will er nichts lieber, als endlich zu seiner Familie in die Normalität zurückzukehren. Doch General Hyot stellt ihn auch weiterhin für die Überwachung des Wesens ab. So gerät der Naturgott ins Kreuzfeuer Stricklands Hasses und er hofft nichts weiter, als es endlich töten zu können. Doch er hat die Rechnung ohne die stumme Reinigungsfrau Elisa gemacht. Eigentlich soll die junge Frau den streng gesicherten Labor Trakt F-1 nur saubermachen, als sie jedoch die Kreatur erblickt, die in dem Tankt mitten im Raum untergebracht wird, verändert sich ihr Leben einschneidend. Tief ergriffen von der Schönheit und Anmut des fremden Wesens beginnt sie, ihn jede Nacht zu besuchen und langsam die Gebärdensprache beizubringen - der Anfang einer ganz besonderen Verbindung, einer Liebe, die über Worte, Konventionen und die menschliche Art hinausgeht...


"Elisa weiß, dass sie auch einmal dieses Ding im Wasser gewesen ist. Sie war die Stimmlose, von der sich die Männer genommen haben, was sie wollten, ohne nach ihren Wünschen zu fragen. Aber sie kann gütiger sein. Sie kann ein Gleichgewicht herstellen. Sie kann tun, was kein Mann je bei ihr versucht hat: Sie kann kommunizieren. Und so geht sie weiter, bis si emit den Beinen gegen den sechzig Zentimeter hohen Rand des Beckens stößt. (...) Und das Wasser reagiert..."


Nachdem die Geschichte mit Stricklands Reise durch den dichten Amazonas Regenwald eingestiegen ist, werden zunächst in langsamem, dahinplätscherndem Tempo die erzählenden Charaktere nacheinander vorgestellt. Mit jedem Kapitel kommt ein weiterer Erzählstrang hinzu, der eine andere kleine Welt beschreibt, jedoch immer auf irgendeine Art und Weise auf den "Deus Brânquia" zurück zu führen ist. Durch die vielen verschiedenen Sichtweisen und Perspektiven entsteht ein stilles Mosaik einzelner kleiner Nischen in der Gesellschaft Baltimores, das langsam zu einem schillernde Gesamtbild verwischt. Das Erzähltempo ist dabei sehr langsam und behutsam. Durch die vielen Gegensätze und Facetten der Geschichte, wird jedoch jedes Kapitel, jede Seite, jeder Satz und jedes Wort zu einem wichtigen Bestandteil der Geschichte, der gleichzeitig von Verzweiflung, Perspektivlosigkeit und Unterdrückung durchdrungen ist, jedoch auch einen Hauch Hoffnung, Willensstärke und Freude über kurze Begegnungen zweier Außenseiter in sich trägt. Besonders eindrücklich und facettenreich ist auch die Zeit proträtiert, in der die Geschichte spielt: die brodelnde Spannung des kalten Krieges klingt an und Weltbilder im Konflikt über Rassismus und die Rolle der Frau werden problematisiert.


"Das Licht, dieses unglaubliche Licht, eine sinfonische Antwort auf das lilafarbene Leuchten der Schnulzensänger, das blaue Pulsieren des Rock´n´Roll, das dumpfe Gelb der Countrymusic und das blinkende Orange des Jazz. Wie er es zuließ, dass sie die Finger um seine schloss, dass sie beide für einen Augenblick nicht Gegenwart und Vergangenheit, nicht Mensch und Kreatur, sondern Frau und Mann waren."


Ein weiterer Punkt, den dieser Roman von anderen abhebt, ist der wundervoll bildgewaltige Schreibstil. Voller Metaphern, Farben, Dynamik und Emotionen werden Szenen Leben eingehaucht und neben anrührend schönen gibt es etliche abstoßend grausame Abschnitte, welche durch den schonungslos direkten Stil noch verstörender wirken. Dabei wird mit vielen inneren Monologen gearbeitet und es gibt wenige Dialoge, was wirklich in Situationen versetzt, in denen die stumme Protagonistin mit ihrem Körper kommuniziert. Leider ist die Übersetzung häufig holprig-unelegant und stellenweise einfach fehlerhaft, was teilweise doch die besondere Atmosphäre gestört hat.

Vor dem Stil und dem langsamen Erzähltempo lebt die Geschichte vorrangig von den Charakteren. Neben Elisa gibt es noch etliche andere, ungewöhnliche Charaktere, die alle in irgendeiner Hinsicht leiden. Im Grunde ist das Buch eine Charakterstudie, die ein Haufen vom Leben enttäuschter und von der Öffentlichkeit ausgestoßener Menschen porträtiert, die durch den wunderschönen Kiemengott neuen Antrieb finden und langsam lernen, dass die Wichtigste Wertschätzung, die man erhalten kann, von sich selbst kommt. Dabei würde ich noch nicht einmal sagen, dass Elisa eindeutig im Vordergrund steht. In regelmäßigen Abständen wechselt die personale Erzählperspektive mit Innensicht von einem Protagonisten zum nächsten. Sogar das Wesen darf zweimal kurz erzählen. Das ist natürlich immer ein Risiko, die Gratwanderung zwischen unzivilisiertem Tier und rationalem Menschen realistisch darzustellen. Die Besonderheit hier: wir bekommen einen Gedankenstrom aus der "Wir"-Perspektive ohne Satzzeichen vorgesetzt.


"///Es ist gut es ist Blut Fell Sehnen Knochen Herz Liebe und wir essen und wir sind stärker und wir fühlen den Fluss wieder alle Götter den Klauengott den Scherengott den Baumgott alle von uns sind Teil des Knotens es gibt kein du es gibt kein ich es gibt nur wir wir wir wir///"


Elisa Esposito hatte nie ein einfaches Leben. Die junge Frau wurde als Kleinkind vor einem Waisenhaus abgesetzt und musste unter dem grausamen Drill einer fanatischen Oberin aufwachsen. Ein paar lange Narben an ihrem Hals machten sie seit jeher stumm - ein verheerender Nachteil in einer Welt, in der derjenige das Beste bekommt, der am lautesten danach schreit. Elisa hingegen ist schüchtern, lebt zurückgezogen und erträgt still jede noch so kleine Demütigung und Unterdrückung, die sie bei ihrer einfachen Tätigkeit als Putzfrau inmitten eines Männerdomizils erfahren muss. Ihr einziger Akt der Rebellion findet sie in dem Tragen von bunten Schuhen. Als sie jedoch auf das Wasserwesen trifft, das sie als erste Person richtig wahrzunehmen scheint und sie versteht, auch wenn sie nicht reden kann, ändert sich ihre Einstellung drastisch. Aus ihrem gesteigerten Selbstbewusstsein schöpft sie Kraft und als ihrem Freund der Tod auf dem Seziertisch droht, legt sie ihr Mauerblümchen-Dasein ab und lässt mit einer spektakulären Rettungsaktion die Stille in ihr zu Musik werden.


"Sie kommt sich so klein vor, so herrlich winzig in so einem riesigen, wundervollen Universum, und sie schlägt unter Wasser die Augen auf, um die Realität nicht zu vergessen. (...) Sie lächelt und hat Wasser im Mund. Endlich tanzt sie, tanzt sie wirklich, wird durch einen überschwemmten Ballsaal geführt und muss keinen falschen Schritt fürchten, da ihr Partner sie festhält und sie an jeden Ort begleitet, an den sie gehen muss."



Halt erfährt sie vor allem durch Zelda Fuller, welche ebenfalls als Putzkraft im Occam- Militärlabor arbeitet. Die quirlige und kräftige Frau ist Elisas einzige Freundin und Vertraute und steht ihr als Übersetzerin der Gebärdensprache im Alltag zur Seite. Ihr Handicap: ihre dunkle Hautfarbe. Es ist bewundernswert, wie sie sich immer wieder über ihre Grenzen heraus entwickelt, für Elisa einsteht, auch wenn sie das den eigenen Kragen kosten kann und ihr Leben vertrauensvoll in die Hände ihrer jungen Freundin legt. Ganz leise klingt hier die Rassismus Problematik an, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch lange nicht bewältig ist.

Der in die Jahre gekommene Künstler Giles Gunderson ist ebenfalls eine verlorene Gestalt und Außenseiter in der modernen Gesellschaft. Mit seinen drei Katzen, dem unpassenden Toupet und vor allem seiner Homosexualität ist er ebenso wenig akzeptiert, wie Elisa und Zelda, weshalb er auf seine alte Tage noch immer in einem kleinen Zimmer neben Elisa über einem kleinen Kino wohnt. Für die Werbeagentur Klein & Saunders malt er Werbeplakate, die jedoch in der aufstrebenden Welt immer weniger Aufmerksamkeit bekommen. Als Elisa erstmals von der Kreatur aus Labor F-1 erzählt, tut er das als Fantasie ab, als er jedoch erkennt, wie wichtig sie für Elisa zu sein scheint, lässt er sich auf einen halsbrecherischen Plan ein und findet schließlich die künstlerische Inspiration, die er sein Leben lang gesucht hat...


"Sie hatte das Kinn so hochgehoben, dass sie fast auf alle herabblickte, und genau das tut Giles auch: er baut sich ein großartiges, notweniges Fantasiegebilde seiner Bedeutung auf. Sie haben nichts gemeinsam - sie die junge Ehefrau, und er der alte Gentleman - , und doch hat Lainie eine Sekunde lang den Eindruck, dass es keine zwei Menschen auf der Welt gibt, die sich ähnlicher sind als sie."



Dmitri Hoffstetler ist geschätzter Wissenschaftler in Occam und für das Wohlergehen des Devoniers verantwortlich, wie er die Kreatur nennt. Als Spion Russlands lebt er während des Projekts jedoch gefährlich und haust aus Sicherheitsgründen in einem kahlen, unpersönlichen Haus. Mit seinen Eltern als Druckmittel wurde er lange genug in Amerika festgehalten, dass er seine eigene Herkunft anzweifelt und zwischen den Welten festsitzt, ohne wirklich dazuzugehören. Schon fast am Ende seines Lebenswillens angelangt, rettete ihn die Forschung an dem wunderschönen Wesen aus seiner Ausweglosigkeit und gibt seinem einsamen Leben wieder einen Sinn. Allein seinem Mitgefühl und seiner Großherzigkeit ist es zu verdanken, dass Elisas Befreiungsversuch überhaupt fruchtet. Im Grunde ist es mit der Geschichte genau, wie ein ehemaliger Student von ihm einmal sagte: alle Charaktere sind wie einsame Planeten, die sich auf ihren Bahnen bewegen, bis ihre Ellipse die eines anderen Himmelskörper kreuzt.


"Beeil dich", flüsterte Giles. Sie weint, aber das tut der Himmel auch; das ganze Universum weint, die Menschen, die Tiere, das and und das Wasser, alle weinen um die Einheit zwischen zwei verschiedenen Wesen, die beinahe besiegelt wurde, letzten Endes jedoch keinen Bestand hat."



Richard Strickland hingegen gehört als hohes Tier in der US-Army eigentlich nicht den geächteten Außenseitern an. Seit er jedoch in Korea Dinge getan hat, die ihn vor das Kriegsgericht bringen könnten, ist er abhängig von seinem Vorgesetzten General Hyot und muss jeden Befehl mit akribischer Genauigkeit ausführen. Was ihn zu Beginn der Geschichte im Dschungel noch eiskalt, gefühlslos und grausam wirken ließ, wird bald zum beginnenden Wahnsinn. Während vor allem Hass in dem Mann wächst, der ob der Kriegsverbrechen in Korea und dem vergossenen Blut im Dschungel des Amazonas langsam seinen Verstand verliert, ist bei mir langsam ein wenig Mitgefühl gekeimt. Es ist auf der einen Seite widerlich, aus seiner Perspektive zu lesen, zusehen zu müssen, wie seine angenähten Finger genau wie seine Menschlichkeit immer weiter verfaulen, während er militärische Strenge walten lässt, den Kiemengott foltert und auf alle willkürlich hinabblickt. Auf der anderen Seite kann man jedoch verstehen, warum er den Verstand verloren hat, das Geschrei in seinem Kopf mit Schmerztabletten beruhigen will und sich einfach nach der kontrollierten Stille sehnt. Er ist ein ambivalenter Charakter, für den es eigentlich nur im Tod die Erlösung gibt. Es muss enden, wie es begonnen hat: Kiemengott gegen Dschungelgott...


"Er steht am Bug, nackt, mit ausgestreckten Armen, angepeitscht vom Regen, und ruft ihn. Keiner weiß, wie lange. Tage, vielleicht sogar Wochen. Endlich erhebt sich an einer seichten Stelle der Deus Brânquia, die Blutsonne, die die Serengeti schuf, das uralte Auge der Eklipse, der aufplatzende Ozean aus dem eine neue Welt hervorbricht, der unersättliche Gletscher, der Gischtspritzer, der Bakterienbiss, der wimmelnde Einzeller, die speiende Spezies, die strömenden Gefäße zum Herzen, die Erektion des Berges, die schwankenden Schenkel der Sonnenblume, das graue Fell der Demütigung, das rosafarbene schwärende Fleisch, die Nabelschnur, die uns mit dem Ursprung verbindet. Er ist all das und noch viel mehr."


Elaine Strickland, seine Frau, ist sinnbildlich für das damalige Frauenbild zu sehen. Zuerst immer nur Hausfrau und Mutter gewesen, findet sie während der Abwesenheit ihres Mannes eine ungeahnte Freiheit und Eigenverantwortung, die sie vermisst, als er wieder aus Brasilien zurückkommt. Langsam beginnt sie zu verstehen, dass sie als Frau im Wandel der Zeiten ihre Chance ergreifen muss und tastet sich durch eine Anstellung immer weiter zu gesteigertem Selbstbewusstsein heran, bis sie es schließlich schafft, ihren Mann zu verlassen, der es einfach nicht mehr schafft in die Realität und zu ihr zurückzufinden.

Langsam schließt sich ein Kreis um alle Charaktere, die sich durch den Matsch ihres Lebens kämpfen und in einer letzten Nacht, in dem ein heftiges und regenreiches Unwetter die Stadt überschwemmt, endlich frei kommen. Für mich war eigentlich von Anfang an klar, dass es für Elisa und den Kiemengott eigentlich kein glückliches Ende geben kann, die Lösung der Autoren hat mich dann sehr positiv überrascht. Auf ihre eigene tragische Art bekommt diese ungewöhnliche und tiefgreifende Liebesgeschichte ein wunderschönes Ende, das jedem Charakter die gewünschte Erlösung schenkt, die er angestrebt hat.

Zum Abschluss noch mein Lieblingszitat:

"Sie streckt die Hand nach ihm aus. Nach sich selbst. Da gibt es keinen Unterschied. Hetzt versteht sie es. Sie hält ihn, er hält sie, sie halten einander und alles ist dunkel, alles ist Licht, alles ist hässlich, alles ist schön, alles ist Schmerz, alles ist Trauer, alles ist nie, alles ist für immer."




Fazit:

Ein bildgewaltiges Epos, das gleichermaßen mit herzergreifenden Bildern wie auch grauenhaft realen Details zu bestechen weiß. Eine gewiefte Charakterstudie, die ein Haufen vom Leben enttäuschter und von der Öffentlichkeit ausgestoßener Menschen porträtiert, die durch den wunderschönen Kiemengott neuen Antrieb finden und die unmögliche Beziehung zweier gequälter und komplett unterschiedlicher Liebenden beschreibt.


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Fanatisch

Patricia Schröder
Fester Einband: 380 Seiten
Erschienen bei Coppenrath, 05.02.2018
ISBN 9783649624547
Genre: Jugendbuch

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: Fanatisch
Autor: Patricia Schröder
Verlag: Coppenrath (5. Februar 2018)
Genre: Thriller
ISBN-10: 3649624540
ISBN-13: 978-3649624547
ASIN: B079C1LNXZ
Seitenzahl: 368 Seiten
Preis: 12,99€ (Kindle-Edition)
17,95€ (Gebundene Ausgabe)
 

Inhalt:

„Stelle dich niemals gegen den göttlichen Willen! Es könnten furchtbare Dinge geschehen.“

Sechs Mädchen verschwinden spurlos und kehren nach sechs Tagen völlig unvermittelt nach Hause zurück – in einheitlicher Kleidung, mit einer genähten Wunde an der Hand und alle sechs schweigen beharrlich. Religiöse Fanatiker haben sie auf grausame Weise biblischen Ritualen unterzogen. Nara ist eine der Geiseln gewesen und auch sie darf kein Wort sprechen. Denn der Entführer hat gedroht, ihrem Bruder etwas anzutun. Doch warum wurde gerade sie auserwählt? Langsam erkennt Nara, dass ihr Martyrium Teil eines größeren Plans ist, in dem sie eine besondere Rolle spielt. Und nur wenn sie es rechtzeitig schafft, sich in die fanatische Gedankenwelt des Täters zu vertiefen, kann sie das große angekündigte Unheil verhindern.


Bewertung:
 
Nachdem ich mit Begeisterung den Jugendbuchbestseller "Blind Walk" und die "Meeresflüstern"-Trilogie von Patrica Schröder geschrieben hat, womit sie nach zahlreichen Kinderbüchern auch im Jugendbuch Genre Erfahrungen sammelte, musste ich den neuen Thriller von ihr natürlich auch lesen. Der Klapptext wies auf eine spannende, beklemmende Sekten-Geschichte hin, was die Story dann auch gehalten hat.


„Du bist schuldig. Du musst büßen.“


Das Cover ist mit dem dunkel-violetten Hintergrund und den hellen Lichteffekten zwar nicht besonders reich an verschiedenen Motiven, hat jedoch durchaus Atmosphäre. Gerade in Verbindung mit dem dunklen, großen Titel und dem weißen Kreuz, dass als "T" des Schriftzuges fungiert, entsteht schon gleich eine dynamische, bedrohliche Stimmung. Der Titel passt auch ganz wunderbar. Unter dem Einband ist die gebundene Ausgabe in einem einfachen lila-grau-Ton gehalten. Große Überschriften, die entweder die Zeit oder die gerade anstehende Gabe ankündigen, unterteilen die Geschichte in mittellange Abschnitte. Kapitel im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Durch gelegentliche Mails, Textnachrichten oder Zeitungsartikel wird der Erzählstil etwas aufgelockert. 


Erster Satz: "Es gibt Dinge, die darf man nicht den falschen Leuten überlassen."


Mit einem kurzen Prolog aus der erfrischenden Du-Perspektive erfahren wir von dem Plan eines religiösen Fanatikers, die Ketzer zu strafen und ein Zeichen der Herrlichkeit Gottes in die Welt zu tragen. Was diese pathetischen Worte mit der jungen Protagonistin Nara zu tun haben, wird zuerst nicht klar. Die iranisch stämmige Deutsche lebt den ganz normaler Alltag eines Teenagers: Schule, erste Liebe, Freundschaften, Familie - alles scheint einen gewohnten und harmlosen Gang zu nehmen. Als eines Tages ein Zettel droht, dass schlimme Dinge geschehen werden, wenn sie sich gegen den göttlichen Willen stellt, ist sie erst versucht, das als harmlosen Streich abzutun. Das Verschwinden ihres Hundes Mister Ibrahim, weitere Drohungen und Textnachrichten mit Andeutungen über den kommenden Tod ihres kleinen Bruders Sinan sprechen aber eine ganz andere Sprache. Um dem ganze ein Ende zu setzen und die Gefahr von Sinan abzuwenden, folgt sie schließlich der Anweisung, sich um 1 Uhr am 19. Juli in einem verlassenen Stadtgebiet auf ein Treffen einzulassen und kreuzt dort mit ihrem Sandkastenfreund Jamie auf. Bevor sie jedoch irgendetwas herausfinden kann, bekommt sie eins übergebraten und wacht erst wieder in einem dunkeln Verlies auf, wo außer der Dunkelheit, der klaustrophobische Enge und körperlichen Bedürfnissen wie Hunger und Durst vor allem eines quält: die Ungewissheit und die Angst, einer verrückten Gruppe hilflos ausgeliefert zu sein...


"Ja, ich bin sentimental. Vor allem aber bin ich innerlich wund. Niemals hätte ich gedacht, dass die Seele so sehr schmerzen kann. Es ist kein Herzensleid, sondern geht viel tiefer. So tief, dass ich nicht bis auf den Grund zu sehen vermag."


Bevor man es überhaupt richtig wahrnehmen konnte, wurde aus dem harmlosen, ruhigen Teenageralltag, mit dem wir in die Geschichte starteten, ein immer bedrohlicher und beklemmender erscheinendes Szenario. Schließlich landen wir als Leser in einem dunklen, quadratischen Raum und müssen uns mit Nara der Willkür der Entführer stellen und darum kämpfen, nicht an der Stille und dem Alleinsein in dem Gefängnis zu zerbrechen. Was nach wenigen Tagen noch als pure Grausamkeit aussieht, nimmt bald ein genaueres Muster an und Nara beginnt einen Plan zu erahnen, den die Entführer mit ihnen durchführen wollen. Einen Plan, der es vorsieht, sie von ihrer Schuld reinzuwaschen, in dem sie die 6 entführten Mädchen den Werken der Barmherzigkeit unterziehen...

Szenarien, in denen Religionen von Manischen als Vorschub benutzt werden und hingebungsvoller Glaube zum Fanatismus wird, haben immer eine ganz eindringliche Tragik an sich. Auch wenn die Idee nicht vollständig neu ist, wird hier mit den Werken der Barmherzigkeit eine neue Dimension aufgerollt. Mit den sechs Gaben, an denen man als Mensch laut der christlichen Lehre vor dem Weltenrichter am jüngsten Tag gemessen wird, rollt die Autorin einen wichtigen Grundsatz des christlichen Glaubens aus. Was aber ursprünglich als barmherzige Akte der Nächstenliebe gedacht war, wird hier auf ekelhafte Weise pervertiert. Für jede der sechs Gaben haben die Entführer eine kleine feine Überraschung für die sechs Mädchen parat: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde aufnehmen, Nackte Kleiden, Gefangene besuchen, klingt ja im Grunde alles ganz nett, doch was wird geschehen, wenn die siebte Gabe in die Tat umgesetzt wird: Tote begraben?


"Jamie?" Zitternd lauschte ich in die Dunkelheit. Wenn da noch jemand war - müsste ich ihn dann nicht hören?
Aber da war nichts.
Kein Atmen.
Kein Stöhnen.
Keine Antwort.
Er ist nicht da, Nara. Du bist allein."


Der Geschichte besticht vor allem durch die Gefühle der Protagonisten und wird durch die erdrückende, beklemmende Atmosphäre vorangetrieben. Die Spannung entsteht hier weniger durch die Handlung. Der Zeitungsartikel zu Beginn zum Beispiel greift schon einen Teil der Handlung vor und auch der Klapptext verrät schon über zwei Drittel der Handlung, das macht jedoch weiter nichts, da es vorrangig um die Gefühle bei der Handlung geht. Demnach ist die primäre Spannungsquelle nicht, ob sie es schafft, aus ihrem Gefängnis zu entkommen, da schon von Beginn an feststeht, dass die Mädchen nach 6 Tagen freigelassen werden sondern viel mehr, wer nun hinter der Entführung steckt, wie Nara damit umgeht und es schafft, auch weiterhin den Beeinflussungen der Fanatikern zu entkommen. Auch wenn ich schon von Beginn an einen Verdacht hatte (der sich am Ende auch leider bestätigt hat), weiß Patricia Schröder uns durch gezielte Irreführungen und Wendungen geschickt in eine falsche Richtung zu lenken.


"Sie hat schon immer gelogen, wenn es nützlich für sie war. Sich nicht um die Gebote geschert und sich schuldig gemacht. Aber das wird sich nun ändern. Jetzt, da du den Sinn hinter all dem, den göttlichen Plan und deine Bestimmung erkannt hast.
Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub."



Der jugendliche und erfahrene Sprachstil der Autorin ermöglicht ein schnelles Lesen und die einfachen aber eindringlichen Dialoge versetzen ohne Umschweife in die jeweils präsentierte Situation. Dabei nimmt Patricia Schröder in ihrer Wortwahl und Schilderung kein Blatt vor den Mund, sondern beschreit ganz ungeschönt die Umstände der Gefangenschaft. Wenn sich dabei die Gefangenen erbrechen müssen oder tagelang in ihren eigenen Exkrementen liegen, wird auch das nicht schnell abgetan, sondern als Element genutzt, um dem Leser die volle Tragweite der Schonungslosigkeit der Entführer zu zeigen.


"Wer tat uns so etwas an? Und warum? Womit hatte meine Familie das verdient? Nein, falsch! - Was hatte ich verbrochen, dass ich jemand glaubte, meiner Familie so sehr wehtun zu müssen?"
(...) Das war erst der Anfang"



Wie schon erwähnt erzählt hier vorrangig Nara aus der Ich-Perspektive von ihren Erlebnissen, wodurch wir als Leser ganz nah an denn Ereignissen dran sind. Wir erfahren aus erster Hand, wie sehr sie mit ihrer Angst zu kämpfen hat - Angst um ihre Familie, Angst vor ihrer Schuld, Angst vor der Allmacht ihrer Peiniger und schließlich auch Angst davor, herauszufinden, wer wirklich dahintersteckt. Ihre tapfere, manchmal zornige und doch rationale Art, mit der Situation umzugehen, verhindert eine Überdramatisierung und ein Abrutschen der Geschichte ins Makabre. Manchmal ist die Intensität ihrer Angst und Verzweiflung schier überwältigend und man bewundert die 17-jähirge ein Stück weit für ihre Stärke, sich nicht zerbrechen zu lassen. Auch wenn sie manchmal Dinge tut, die nicht rational sind, kann man ihre Empfindungen in fast allen Belangen gut nachempfinden und mit ihr leiden und bangen.


"Sinan", krächzte ich, umschlang meine Knie und schloss die Augen. Mein kleiner, lieber, süßer Bruder. "Charlie." Du Beste, Schönste und Verrückteste von allen. "Mam", wisperte ich und wiegte mich sanft hin und her. "Pa." Oh mein Gott, wie sehr ich euch vermisse!!"



Etwas schade ist, dass viele Nebenfiguren nur grob charakterisiert und schnell wieder übergangen werden. So erfahren wir nicht besonders viel über die Schicksale der anderen 5 Mädchen, während Charlotte als die typische beste Freundin und Jamie als der wunderbare Sandkastenfreund abgestempelt werden. In Anbetracht der späteren Entwicklung dieser Freundschaften, hätte eine genauere Betrachtung vielleicht schon Sinn gemacht. Was wiederum sehr spannend ist, sind die zwei anderen Perspektiven, die hier zeitweise angeführt werden. Die oben schon genannte Du-Perspektive bildet eine erfrischende Abwechslung zu den sonstigen konventionellen Erzählformen und konfrontiert den Leser immer wieder mit abgedrehten Weitsichten und hinterlistigen Plänen, die einem gestörten Glauben entspringen, während die Er-Perspektive hier das große Rätsel darstellt. Da keine Namen genannt werden, wird in der letzteren Erzählhandlung nur von einem weiteren Gefangenen berichtet, der seinen Peiniger offenkundig kennt. Von Anfang an ist klar, dass einer der beiden Jamie sein muss und der andere Tobias Herrmann, welche der beiden Perspektiven nun wer auskleidet, bleibt jedoch offen...


"Am Ende lag die Entscheidung bei dir: Gott oder Satan. Du hast Letzteren gewählt. Und so blieb mir keine andere Wahl, als über das Zeichen der sechs Werke der Barmherzigkeit hinaus noch eine siebte hinzuzufügen, die gnädigste aller Gaben: die Erlösung im Licht."



Am Ende angelangt kann ich sagen, dass der Thriller neben all der Spannung und den abgedrehten Weltverbesserer-Ideen der Sekte vor allem leise gegen Fremdenhass, Islamophobie und für mehr Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Kulturen wirbt. Und auch wenn die Hintergründe der Geschichte am Ende viel zu schnell und überstürzt geklärt werden und ich mir eine ausführlichere Auflösung und einen spektakuläreren Showdown gewünscht hätte, bleibt am Schluss ein beklemmendes Gefühl.


Fazit:

Ein beklemmender Jugendthriller, welcher auf eindrückliche Art die möglichen Folgen von Fanatismus, Fremdenhass und Islamophobie verdeutlicht. Spannend, schonungslos und sadistisch, wenn auch nicht ohne Schwächen.

Schaut doch mal auf meinem Blog vorbei:

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Das Haus am Sunset Lake

Tasmina Perry , Babette Schröder
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 16.07.2018
ISBN 9783734105067
Genre: Liebesromane

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: Das Haus am Sunset Lake
Autor: Tasmina Perry
Verlag: Blanvalet Verlag (16. Juli 2018)
Genre: Roman
ISBN-10: 3734105064
ISBN-13: 978-3734105067
ASIN: B077BWZQCT
Originaltitel: The House on Sunset Lake
Seitenzahl: 416 Seiten
Preis: 9,99€ (Taschenbuch)
8,99€ (Kindle-Edition)
 

Inhalt:

"Ob er wohl auch über den See blickte, die Lichter der Party betrachtete, und so traurig und voller Bedauern war wie sie? Sie bezweifelte es. Jim Johnsons Herz war ungestüm und leidenschaftlich - das gehörte zu den Dingen, die sich am meisten an ihm mochte. Wenn ihm etwas wichtig war, dann setzte er sich ganz und gar dafür ein."

Savannah 1995: Ein herrlicher Sommer liegt vor Jennifer Wyatt, als sie mit dem Collegeabschluss in der Tasche nach Casa D'Or zurückkehrt – der verwunschenen Südstaatenplantage am Sunset Lake, die seit Generationen im Besitz ihrer Familie ist. Zwanzig Jahre später ist Casa D’Or verlassen, und Jennifer hat die Tür zu ihrer Vergangenheit fest verschlossen. Zu schmerzlich sind die Erinnerungen an jenen letzten Sommer. Doch dann tritt plötzlich Jim wieder in ihr Leben – der Mann, dem sie damals ihr Herz schenkte. Das Wiedersehen wühlt alte Erinnerungen auf und enthüllt die dunklen Geheimnisse, die das Haus seit jenem tragischen Sommer birgt …


Bewertung:

Der Blanvalet Verlag hat zusammen mit der Brigitte und der Flow letztes Jahr die Hello Sunshine Kampagne ins Leben gerufen, bei denen Blogger die Chance bekommen, ihre Rezensionen zu ausgewählten Sommerlektüren in einer der Zeitschriften zu veröffentlichen. Ich habe da natürlich gerne mitgemacht und mir "Das Haus am Sunset Lake" ausgesucht, welches ich euch nun vorstellen möchte.

Schon das Cover entführt mit der sommerlichen, magischen Ausstrahlung in das subtropische Savannah in Georgia. Mit dem großen, schimmernden See, der von einigen Nebelfetzen umwölkt das Zentrum des Covers ziert und der steilen, bewachsenen Uferböschung inklusive Holzsteg, wird die warme, verträumte Atmosphäre des Settings sehr treffen angerissen. Auch der kleine Umriss einer Frau im legeren Sommerkleid passt gut ins Bild und soll vermutlich Jennifer Wyatt darstellen. Der Titel, der in unaufdringlichem Weiß die Mitte des Bildes einnimmt, passt zwar gut, klingt meiner Meinung nach für diese wunderbare Geschichte ein wenig unspektakulär. Etwas mit mehr Seele wie zum Beispiel "Casa D´Or", hätte mir wahrscheinlich mehr zugesagt. Nichtsdestotrotz ein ansprechendes und atmosphärisches Titelbild, das super in die Story einstimmt.

Erster Satz: "Wer jemals einen Sommer in der Casa D´Or verbracht hat, wird ihn nie vergessen, die Erinnerungen bleiben für immer lebendig."


 So beginnt die Geschichte mit einem kurzen Prolog: eine nicht genauer definierte Person reißt die besonderen Erlebnisse des Sommers 1995 an, nur um uns dann auf 20 Jahre später zu vertrösten. Schon in den ersten Zeilen wird klar, dass dieser Sommer alle Beteiligten für immer verändert hat und unsere Aufgabe als Leser ist es auf den kommenden 416 Seiten, die Erzählung aus der Gegenwart 2015 mit den kurzen Rückblenden aus jenem vergangenen Sommer zu einem einheitlichen Bild zu verweben und somit die vergangenen Geschehnisse zu rekonstruieren. Anders als der Klapptext es vermuten lässt, tauchen wir dazu zuerst in das Leben des Immobilienmaklers Jim Johnson ein. Mit fast 40 ist der gutaussehende Mann zwar nicht alleine, weil er jedoch immer noch seiner Jugendliebe hinterhertrauert, ist er in erste Linie mit seiner Arbeit verheiratet. Wie der Zufall es will, bringt ihn seine Arbeit für die Hotelkette Omari wieder genau an den Ort, an dem alles angefangen hat: die Casa D´Or im Süden der USA. An diesem ganz besonderen Ort lernte er die reiche Jennifer kennen, die aber aufgrund des Milieuunterschieds, der begrenzten Zeit und ihres Freundes Connors unerreichbar für ihn scheint. Was im Laufe der Monate in Savannah zwischen den beiden passierte, bleibt erstmal unklar. Doch als Jim Jennifer nach all den Jahren wieder trifft, kommt die scheinbar verarbeitete Geschichte wieder hoch und die beiden scheinen eine neue Chance zu bekommen...


"Im Laufe der Jahre habe ich meinen mit dem Frieden geschlossen, was geschehen ist. Was dich und mich angeht, so hatten wir einen perfekten Sommer, eine perfekte Liebesgeschichte, die in der Zeit stehengeblieben ist. Denn wenn du nicht aus Savannah abgereist wärst, wenn wir zusammengeblieben wären, wären wir genau wie all die Paare im Domina geworden, die einander nichts mehr zu sagen haben und sich nur über das köstliche Essen unterhalten. So wie es ist, waren und werden wir immer unglaublich sein."


Auch wenn diese Geschichte wohl mehr Wohlfühlroman ist, als tiefgründiges Drama, konnte die mal herzerwärmend schöne, mal frustrierend tragische Geschichte einiges an Spannung aufbauen. Gerade dadurch, dass die Erzählweise nicht stringent und chronologisch ist, ist Platz für Wendungen, falsche Annahmen und Spekulationen. Gerade wenn geklärt scheint, was sich ereignet hat, kommt eine weitere Intrige ans Licht, weitere Charaktere werden bloßgestellt und verletzende Enthüllungen werfen die Handlung in der Gegenwart wieder zurück. So wird auf sehr sensible Art und Weise eine Grundspannung aufgebaut. Dadurch, dass Jennifer in der Vergangenheit aus ihrer Perspektive erzählen darf, während wir die Erlebnisse der Gegenwart aus Jims Sicht dargestellt bekommen, ist die Identifikation mit den Charakteren nicht besonders schwer und die vielen Gefühle, die immer wieder hochkochen, machen die Geschichte zu einem intensiven Leseerlebnis.


"Mit Schindeln gedeckte Häuser standen hinter Palmen, Palisadenzäunen und weiten Rasenflächen. Und als die Straße ein Sumpfgebiet kreuzte, bewunderte Jim die lebendigen Farben, die Seebinsen und die scharfen Schatten der Limonen, die sich vor dem karibisch blauen Himmel abzeichneten. (...) Die Casa D´Or war bloß ein Haus, eine Ansammlung aus Holz, Stein und Schiefer, doch es warf einen so langen Schatten auf sein Leben, dass es ihm übernatürlich vorkam..."


Das wahre Herzstück des Buches ist jedoch die verwunschene Atmosphäre, die über dem Sommer 1995 liegt und eng mit dem spannenden Setting verbunden ist. Wie schon erwähnt entführt der Roman den Leser ins entfernte Savannah, welches mit der historischen Altstadt, ihren begrünten Plätzen, den vielen restaurierten Häusern aus der Kolonialzeit und der wunderbaren Natur als eine der schönsten Städte der USA gilt. Spätestens seit Filmen wie "Forrest Gump" oder "Vom Winde verweht" haftet dieser Region in den Köpfen von Lesern einen Hauch von Romantik an, auch wenn das eigentlich gegen die dunklen Seiten der Region spricht: der skrupellose Sklavenhandel in der Baumwollhochburg, der Sezessionskrieg, das blutige Ende des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges - der malerische Touch Savannahs weiß geschickt über das viele Blut hinwegzutäuschen, da hier schon vergossen wurde. Durch den bodenständigen aber präzisen Schreibstil Tasmina Perrys wird genau diese Stadt hier lebendige Kulisse einer tragischen Geschichte. Durch passend gewählte Beschreibungen der Landschaft kommt das südliche Flair der Casa D´Or gut zur Geltung und man kann die prickelnde Verheißung des Sommers spüren, während man mit Jim und Jen durch endlose Eichenalleen mit spinnwebenartigem Dschungelmoos läuft, einen der historischen Friedhöfe besucht, Gatsby-Partys im historischen "Haus aus Gold" feiert oder sich einfach nur vom Charme des Sonnenaufgangs bezaubern lässt.


"Ich spüre ein Gewitter nahen, über dem See ziehen dunkle Wolken auf. In deinem Zimmer brennt noch Licht - ich sehe es auf der anderen Seite des Wassers funkeln, und wenn ich die Augen zusammenkneife, kann ich deine Umrisse erkennen, die mich mit ihren verbotenen Verheißungen locken. Ich will dich sehen, bevor der Regen kommt."


Das zweite Standbein der Storyline sind die Charaktere. Auch wenn es neben Jim und Jennifer noch eine ganze Menge an facettenreichen Nebencharakteren gibt, die mal mehr und mal wenig genau charakterisiert werden, sind die zwei unanfechtbar die Protagonisten. Abwechselnd erzählen sie von Gefühlen, die zwar 20 Jahre auseinanderliegen und immer wieder von unterschiedlichen Zufällen unterbrochen werden, jedoch im Grunde unangetastet bleiben. Schon ganz am Anfang ist klar, dass die beiden zusammengehören, auch wenn das Schicksal sie immer wieder auseinanderreißt und ihnen Steine in den Weg legt. Besonders vielschichtig und interessant lässt sie der direkte Vergleich ihrer Persönlichkeiten zwischen 1995 und 2015 wirken. Als Leser ist es gleichzeitig schwierig und spannend, den enormen Entwicklungssprung der beiden zu verfolgen und am Ende zu verstehen, dass die beiden selbst die Charakterstudie und ein Teil des Dokumentarfilmes "21" widerspiegeln, welchen Jennifer drehen möchte: auf der einen Seite die naiven Träume, Ängste und Vorstellungen der Jugend von der Zukunft, auf der anderen Seite die realistischen Entwicklungen der selben Personen nach 20 Jahren.


"Der Mond glänzte auf dem Wasser, und sie ließ die Schultern hängen. Zu Beginn des Sommers war sie aus New York geflohen, um Klarheit über ihr Leben zu gewinne, und jetzt, zwei Monate später, schien ihr alles verwirrender als jemals zuvor."


Rückblickend ist keiner von beiden dort angekommen, wo er es sich gewünscht hatte: Jim hat durch die Erlebnisse der Vergangenheit einen Realitätsschock erlitten und von seinen Träumen, Musiker zu werden abgesehen. Stattdessen ist er erfolgreicher Immobilienmakler geworden, nachdem er auch für das Bankgeschäft gearbeitet hat. Für den kreativen, jungen Jim undenkbar. Jennifer hingegen hat ebenfalls ihren Traum, einen Film zu drehen, aufs Eis gelegt und hat versucht, ganz in ihrer Rolle als reiche Ehefrau Connors aufzugehen und ihre Muse in der Organisation von Spendenveranstaltungen zu finden. Dass keiner von beiden wirklich glücklich ist, zeigt sich, als sie sich wieder treffen und alle alten Gefühle mit neuer Intensität zurückkommen. Doch schaffen sie es, die Gespenster der Vergangenheit zu überwinden? Es hat mich sehr mitgerissen, wie es die beiden immer wieder zueinander hin zieht, auch wenn sie der Rest der Welt in verschiedene Richtung zu zerren scheint.


"Du hast ein echtes Talent, weißt du das?"
"Wofür?"
"Das Leben aufregend erscheinen zu lassen, und voller Möglichkeiten."
"Die Leute behaupten, sie wären gefangen, aber im Allgemeinen bauen wir uns unsere Käfige selbst. Manchmal muss man nur wissen, wann man Nein und wann man Ja sagen muss."
"Ja", flüsterte sie, als er sie küsste."



Im Laufe der Geschichte mischen sich immer dunklere Wahrheiten in das zuvor so positive Bild und zerstören die Idee des perfekten Sommers gründlich, während langsam leisere Töne aufkommen und am Ende das vollständige Mosaik umrahmen. Dann ist es sogar in Ordnung, dass das Ende im Epilog ein wenig kitschig und erzwungen wirkt - was geht schließlich auch über ein ausgesprochen glückliches Ende nach 416 Seiten bangem Hoffen...?


"Die Wahrheit. Das ist ein großes Wort, nicht?", sagte Jim nachdenklich. "Ich weiß noch, dass ich meinen Vater einmal gefragt habe, was es bedeutet, und er sagte: Das, was richtig ist." (...) "Sie verdient es, glücklich zu sein", erklärte Sarah fest. Eine Weile schwiegen sie.
"Ich weiß, wie sie glücklich werden kann. Und du auch.", sagte sie dann leise und auf einmal war eine tiefe Trauer zwischen ihnen. Jom hatte das Gefühl, dass etwas zu Ende ging, wie das letzte Wispern des Sommers an einem Septemberabend."


Fazit:

Eine magische Geschichte über die schicksalshaften Folgen eines Sommers. Ein Hauch von Melancholie, viel Liebe, Schmerz und eine Menge "Vom Winde verweht"-Atmosphäre, die vor allem durch das südliche Flair der Casa D´Or geschaffen wird, machen diese Geschichte zu einem intensiven Leseerlebnis!

Lest selbst was in dem ominösen Sommer von 1995 passiert ist, geht auf die magische Reise nach Savannah und lasst euch auf die vielen Emotionen der Geschichte ein - ihr werdet es nicht bereuen!

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In dieser ganz besonderen Nacht

Nicole C. Vosseler
Flexibler Einband: 576 Seiten
Erschienen bei cbj, 09.02.2015
ISBN 9783570402610
Genre: Kinderbuch

Rezension:

 Allgemeines:

Titel: In dieser ganz besonderen Nacht
Autor: Nicole C. Vosseler
Verlag: cbj (25. Februar 2013)
Genre: Fantasy
ISBN-10: 357015534X
ISBN-13: 978-3570155349
ASIN: B00AM5HTNY
Seitenzahl: 576 Seiten
Preis: 8,99€ (Kindle-Edition)
14,99€ (Gebundene Ausgabe)
 

Inhalt:

"Eingehüllt in das sanfte Strömen von Dunst und Nebel, in seinem Duft nach grünen Moos und sonnengetrocknetem Treibholz, schloss ich die Augen und ließ mich von dem zarten Lufthauch seiner Finger in den Schlaf streicheln."

Eine hinreißend romantische Geistergeschichte vor der beeindruckenden Kulisse San Franciscos
Nach dem Tod ihrer Mutter muss Amber, die in einer deutschen Kleinstadt gelebt hat, nach San Francisco ziehen – zu ihrem Vater, den sie kaum kennt. Sie fühlt sich einsam und verlassen. Eines Abends begegnet sie dort in einem leer stehenden Haus Nathaniel, einem seltsam gekleideten Jungen. Er scheint der Einzige zu sein, der sie versteht. Aber er bleibt merkwürdig auf Distanz. Als Amber den Grund dafür erfährt, zieht es ihr den Boden unter den Füßen weg: Nathaniel stammt aus einer anderen Zeit und die beiden können niemals zusammenkommen. Doch in einer ganz besonderen Nacht versuchen die beiden das Unmögliche …


Bewertung:

"Für all die verwaisten Seelen dieser Welt, die darum kämpfen, wieder heil und ganz zu werden."

Schon mit der Widmung hatte mich dieses Buch gepackt, welches auf eine gewisse Weise wunderschön, todtraurig und liebevoll aufbauen ist, wie es nur ganz wenige Geschichten können. Kennt ihr Bücher, die man einfach nicht aus der Hand legen kann und bei deren Lektüre einem durchgängig ein verträumtes "Hach" auf den Lippen liegt? Diese Geschichte ist genau so ein Buch. Auch wenn ich von Nicole Vosseler noch kein einziges Buch gelesen und dieses auch nur auf einem Flohmarkt mitgenommen habe, werde ich mir unbedingt mehr von dieser Autorin besorgen!


Das Cover ist ganz in einem warmen Blau gehalten, welches in der Mitte durch den großen Vollmond aufgehellt wird, vor dem sich zwei Silhouetten ausmachen lassen, die sich an der Hand halten und langsam zu verwischen scheinen.. Unter dieser angedeuteten Szene schwebt der Titel in verschnörkelten Lettern und komplettiert dieses schöne Bild. Auch wenn ich die Gestaltung wirklich wunderschön finde, fehlt dem Cover meiner Meinung nach das gewisse Etwas. Titel und Klapptext passen hingegen wunderbar. Was mir an der Gestaltung zusätzlich noch sehr zugesagt hat, sind die relativ kurzen Kapitel und die Unterteilung in 3 Teile. Auch die Zitate, die auf kunstvolle Art und Weise passend mit eingewebt werden, haben den Gesamteindruck angenehm unterstrichen.


Erster Satz: „Wenn man stirbt, so heißt es, zieht das ganze Leben an einem vorbei.“


So steigt Amber in eine Art Prolog ein, in dem sie dem Leser von ihrem kommenden Tod berichtet. Ganz schonungslos werden wir hier also gleich in den ersten Sätzen vor vollendete Tatsachen gestellt, was der Spannung jedoch keinen Abbruch tut. Im Gegenteil: man ist nur noch angespannter und will wissen, wie wohl der Weg bis zum Ende aussehen mag. Der wirkliche Beginn zeiht sich dann ein wenig hin und konzentriert sich vor allem auf die Trauer, die Wut und die Angst, die Amber angesichts des Umzugs nach San Francisco empfindet. Grundsätzlich spricht ja nichts dagegen, in die aufregende Stadt in den USA zu ziehen, doch wohl nicht unter diesen Umständen: Ambers Mutter ist gerade erst an Krebs verstorben und schon verliert sie auch noch ihr gewohntes Umfeld, im Zuge ihres Umzugs zu ihrem Vater, den sie gar nicht kennt, auf einen völlig neuen Kontinent. Nur langsam findet sie Anschluss und fühlt sich sehr einsam angesichts des noch schmerzenden Verlusts ihrer Mutter und dem Zusammenleben mit einem Mann, der zwar ihr Vater ist, den sie aber eigentlich gar nicht kennt.


"Das ganze Weltall ist voll schwarzer Löcher, die gigantische Sterne einsaugen und verschwinden lassen können. Aber wenn man im Alltag selbst mal eines brauchen könnte, ist natürlich nie eines da."


Als Amber dann eines abends vor einem Übergriff einer kriminellen Bande fliehen muss, stößt sie auf eine alte, verlassene Villa und trifft dort Nathaniel. Dass diese Begegnung ihr ganzes Leben verändern soll, weiß sie noch nicht, als sie über die Schwelle des Hauses tritt, doch schon bei ihrer ersten Begegnung ahnt sie, dass er ein dunkles Geheimnis birgt: obwohl er aussieht wie ein normaler Junge, stammt er aus der selben Zeit wie das Haus, das ihm Obdach bietet - dem 19. Jahrhundert. Obwohl die beiden in zwei völlig verschiedenen Welten leben, kommen sie sich in kurzer Zeit näher als andere Menschen in ihrem ganzen Leben und je näher Amber ihn kennenlernt, desto näher kommt sie durch ihn auch wieder dem Leben - eigentlich eine seltsame Ironie, wo er doch tot ist...


"Zeit ist......
zu langsam für die, die warten,
zu flüchtig für die, die sich fürchten,
zu lang für die, die trauern,
zu kurz für die , die sich freuen.
Aber für die, die lieben,
ist Zeit Ewigkeit."
-Henry Van Dyke-



Erzählt wird aus Ambers Sicht aus der Ich-Perspektive, es gibt aber auch ab und an Passagen aus der Sicht Nathaniels, welche durch kursiv geschriebene Abschnitte gekennzeichnet sind. Auf diese Art und Wiese bekommen wir mit, wie sich Amber durch das Treffen mit Nathaniel verändert und wie sie langsam immer mehr ins Leben zurückkehrt. Es ist überraschend berührend und zu keinem Zeitpunkt seltsam oder unnatürlich, dass sich Amber in Nathaniel verliebt, auch wenn er eigentlich ein Geist und für sie somit unerreichbar ist. Die vielen Gefühle, die aus jeder Ritze des Buches zu tropfen scheinen, machen das Lesen zu einer sehr mitreißenden und intensiven Erfahrung, die wirkliche Stärke dieser Geschichte, die mich überrascht hat, ist aber die Handlung, welche sich überraschenderweise nicht wie viele andere Romantasy-Romane ausschließlich von der Liebesgeschichte beeinflussen lässt, sondern ist auffallend gut durchdacht ist. So werden immer wieder neue Aspekte mit eingebracht, die die Handlung komplettieren und weiter entwickeln, sodass durch diese Dynamik verhindert wird, dass das Buch kitschig wird. Gerade die Mischung aus traurigen und witzigen Szenen macht auf eindringliche Art und Weise klar, wie nahe Trauer und Glück beieinander liegen.


"Schattengleich schwebte er auf mich zu und sah dabei doch schwer und massiv aus. Wie das Wechselspiel von Licht und Schatten Knochen, Muskeln und Fleisch herausmodellierte, wirkte er auf mich durch und durch lebendig."


Durch Nicole C. Vosselers atmosphärische Sprache lebt diese traurige, melancholische Liebesgeschichte voller Seele immer wieder aufs Neue auf. Auch wenn der Schreibstil an manchen Stellen zu ausschweifend wird, sodass man sich in unnötigen Details verliert, sorgt die bilderreiche und ausführliche Art, Situationen aufzustellen dafür, dass wir in alle Situationen gut herein finden und auch abstrakte Gefühle gut nachempfinden können. Vor allem das Setting San Franciscos lässt sie bildreich vor den Augen ihrer Leser auferstehen. Im Nachwort ist zu lesen, dass die Autorin das Setting auf einer Reise für sich entdeckt hat. Die vielen ausführlichen Schilderungen der Stadt und die vielen Handlungsorte, die fast an eine Sight-Seeing-Tour erinnern, lassen auf eine gute Recherchearbeit schließen und weckten in mir den Wunsch, auch einmal diese faszinierende Stadt zu besuchen: einmal selbst den Strand Richtung Golden Gate Bridge entlang laufen, ins Getümmel am Fisherman's Wharf eintauchen und mit einem der Cable Cars über die Stadt düsen.


"... Wie eine heranwogende Meereswelle war es, wenn sie sich dem Haus näherte, ein tiefes, dunkles Rauschen, das in ein helles Schäumen und Sprudeln überging, und dann konnte ich meist schon hören, wie sie durch den Korridor rannte..."


Neben dem Stil lebt die Geschichte auch von den Charakteren. Amber ist eine wunderbare Protagonistin, die durch ihren Verlust gleich als emotionaler und authentischer Charakter eingeführt wird. Wir sehen zu, wie sie lernen muss, mit dem Tod ihrer Mutter umzugehen, während sie die Einsamkeit in dieser großen, anonymen Stadt plagt. Ihre langsam entstehende Beziehung zu ihrem Vater und neue Freundschaften helfen ihr dabei, endlich ihrer Trauer auf den Grund zu gehen.


„Ich bin tot, Amber. Lange schon. Eine verlorene Seele. Dazu verdammt, als Schatten unter euch Lebenden gefangen zu sein. Und ich weiß nicht einmal, weshalb.“



In Nathaniel findet sie zunächst ein wandelndes Mysterium, das ihre Neugierde weckt und dem sie auf den Grund gehen will. Wie kommt es, dass er seltsame Klamotten trägt, seine Ausdrucksweise manchmal von der Norm abweicht und sie sich nicht berühren können. Als sie dem geheimnisvollen, einfühlsamen und sensiblen jungen Mann immer näher kommt, findet sie heraus, dass er tot ist und als Geist auf dieser Welt festgehalten wird. Doch warum fühlt sie sich von dem gutaussehenden Typen trotzdem angezogen und hat ihre Beziehung überhaupt eine Chance? Die wachsende Beziehung zwischen Amber und Nathaniel bildet das Herzstück des Buches, auch wenn sie nicht die gesamte Handlung dominiert. Überraschend glaubhaft ist es der Autorin gelungen, eine Beziehung zwischen Mensch und Geist darzustellen. Ein Problem: die beiden können sich nicht einmal berühren. Nur in einer ganz besonderen Nacht, der Nacht auf Allerheiligen, sind die Seelen der Verstorbenen präsenter, wodurch Nathaniel Amber auch körperlich näher kommen kann. Die Konsequenzen dieser ganz besonderen Nacht sind jedoch für beide nicht vorhersehbar...


"Ich wollte, ich musste ihn sehen; ich musste, wollte ihn so vieles fragen.
Musste.
Wollte.
MUSSTE."


Auch die Nebencharaktere sind lebendig und authentisch dargestellt und bestechen vor allem durch leise und ruhige Töne. Vor allem Ambers Vater und ihre neuen Freunde, die auch Geister sehen können, haben es mir angetan. Auf wundervolle Art und Weise wird beschrieben, wie fünf Personen, die eigentlich gar nichts gemeinsam haben, zu einer funktionierenden Einheit werden, vereint durch das Geheimnis, das sie teilen. Der punkige Asiat Matt, das dunkelhäutige, gutaussehende Sportler-Ass Shane, das zunächst abweisend wirkende Goth Girl Abby und die quirlige Holly, die einen kleinen Esoterik-Laden betreibt und sich nicht um gesellschaftliche Konventionen schert können alle die Geister von Verstorbenen sehen und stehen Amber zur Seite.

Natürlich klingt schon von Anfang an ein wenig vom Ende mit, was die Autorin schlussendlich dann aber daraus gemacht hat, hat mir sehr gut gefallen. Mit einer Art bittersüßem Kompromiss gibt sie dieser Geschichte um die erste Liebe, das Loslassen von Menschen, die man liebt und eigenen Erfahrungen mit dem Tod einen wunderschönen und runden Abschluss.


„Du leuchtest“, flüsterte ich erstaunt und schwenkte staunend meine Hand sacht hin und her. „Das bist du“ raunte er mir ins Ohr. „Du lässt mich leuchten.“

Kurzer Tipp: Schaut mal in den Buchtrailer rein, welcher mit dem Spot des Jahres ausgezeichnet wurde und dessen Sand-Art-Grafiken einfach gewürdigt werden müssen!


Fazit:

Diese melancholische Liebesgeschichte voller Seele ist auf eine ganz gewisse Art wunderschön, todtraurig und liebevoll aufbauend, wie es nur ganz wenige Geschichten können. Ein faszinierender Schreibstil, viele interessante Ideen und eine tolle Protagonisten-Auswahl lässt dieses Buch aufleben und zu etwas ganz Besonderem werden.

Schaut doch mal auf meinem Blog vorbei:

www.w0rdw0rld.blogspot.com

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