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ddr, flucht, jugendwerkhof, 1989, abgehauen

Abgehauen

Grit Poppe
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Dressler, 01.01.2012
ISBN 9783791516332
Genre: Jugendbuch

Rezension:

1989: in der DDR brodelt es. Die Unzufriedenheit der Bürger ist groß. Als Ungarn am 10. September die Grenze öffnet, verlassen die Menschen zu Tausenden das Land. Und auch im Inland gehen immer mehr Menschen auf die Straße und fordern das Ende der SED-Herrschaft und einen Neuanfang.
Hinter den Stacheldraht bewerten Mauern des geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau ist davon freilich nichts zu spüren. Zwangssport, Demütigungen und Akkordarbeit sind dort an der Tagesordnung. Auch die sechszehnjährige Gonzo ist der Willkür der sadistischen Erzieher hilflos ausgeliefert. Schon als Säugling von der Mutter ins Heim gegeben ist Torgau das Ende ihrer Odyssee durch die Kinder- und Spezialheime der Jugendhilfe der DDR. Sie gilt als renitent, „schwer erziehbar“, eine Dauerentweicherin. In Torgau soll Gonzo endgültig gebrochen werden und dafür sind den Erziehern alle Mittel recht. Als sie ihre einzige Freund Anja (die Heldin aus Poppes Vorgängerroman „Weggesperrt“) schützen möchte, landet sie im Dunkelarrest.
Aber Gonzo kämpft. Sie übersteht die Zeit im Arrest, sie übersteht Torgau. Als sie in ihren Stammjugendwerkhof zurück gebracht werden soll, gelingt ihr die Flucht. Was nun folgt, ist fast ein kleiner Road Trip durch die DDR. Sie trifft auf einige skurrile Menschen, die ihr unerwartet freundlich begegnen. Und dann stolpert sie über René, der, wie sie, auf der Flucht ist. Aber er hat ein Ziel: die Prager Botschaft.
„Abgehauen“ ist der Nachfolger von Grit Poppes bereits 2009 erschienen und mehrfach ausgezeichneten Romans „Weggesperrt“ und ist sogar noch spannender und dramatischer als der Vorgänger. Die Figuren, insbesondere Gonzo, sind sehr komplex und scheinen mit viel Sensibilität entwickelt worden zu sein. Gonzo ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von Anja: sie ist desillusioniert, unabhängig und zu tiefst misstrauisch. Während ihrer Flucht reagiert sie häufig abweisend auf Menschen, schließlich muss sie ständig fürchten, entdeckt und zurück ins Heim, vielleicht sogar zurück nach Torgau gebracht zu werden. Auch zu René fasst sie nur sehr langsam vertrauen. Über das, was sie erlebt hat, spricht sie nicht.
Die Autorin macht es leicht, sich in Gonzo einzufühlen. Ihre Handlungen sind in Anbetracht dessen, was sie erlebt hat stets nachvollziehbar. Ihre Vergangenheit macht es ihr schwer, Vertrauen aufzubauen und Bindungen einzugehen. Als sie erfährt, dass Renés Vater im Westen lebt, distanziert sie sich von ihm, aus Angst davor verletzt zu werden, wenn er sie wieder verlässt.
Grit Poppe mischt in ihrem Roman Fiktion und Fakten. Gonzos Geschichte mag erfunden sein, aber ihre Erlebnisse beruhen auf Tatsachen. In Torgau haben zwischen 1964 und 1989 über 4000 Jugendlich im Alter zwischen 14 und 20 eingesessen. Viele leiden bis heute unter den Misshandlungen.
Auch der Teil der Handlung, der in der Prager Botschaft spielt, ist der Realität sehr nahe. Zu der Zeit, als Gonzo und René in der Botschaft eintreffen, ist sie bereits ein improvisiertes Flüchtlingslager. Für alles muss Angestanden werden, Essen, Toiletten, Duschen. Die Atmosphäre, die dort geherrscht haben muss, wird auf den Seiten wunderbar eingefangen: Anspannung und Hoffnung werden abgelöst von Frustration und Niedergeschlagenheit. Sehr eindringlich beschreibt die Autorin auch die häufig tragischen Szenen, die sich am Zaun um die Prager Botschaft abgespielt haben und deren Zeugin Gonzo wird.
„Abgehauen“ ist ein wirklich bemerkenswertes Buch: häufig tragisch, manchmal komisch und immer spannend, lässt es den Leser auch lange nach der letzten Seite nicht los.
Auch über 20 Jahre nach dem Ende der DDR steht die Aufarbeitung der vielen Verbrechen die im Namen des Regimes verübt worden sind noch am Anfang. Über das was in Torgau und anderen Heimen wie Bad Freienwalde geschehen ist, wurde größtenteils geschwiegen. Erst in den letzten Jahren kommen endlich Einzelheiten ans Licht. Auch Dank Grit Poppes ausführlich recherchierten Romanen „Weggesperrt“ und „Abgehauen“, die dieses dunkle Kapitel der DDR-Geschichte auch jungen Lesern zugänglich machen. Es bleibt zu hoffen, dass sich auch andere Bundesländer dem Beispiel Baden-Württembergs anschließen und sowohl die Thematik als auch diese Bücher in den Lehrplan aufnehmen.

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