Schwer beeindruckt - Bücher zum Angeben

Stefan Mesch ist Literaturkritiker und freier Journalist und schreibt auf seinem Blog über Bücher: “Ich mag Romane. Ich mag Genre- und Unterhaltungsliteratur. Doch ich habe Angst vor vielen Büchern, für die man besonderes Experten- oder Vorwissen braucht: Philosophie? Soziologie? Technologiekritik? Formale Experimente und Avantgarde? Viele Bücher, die mir empfohlen wurden, habe ich lange nicht gelesen – weil ich dachte: „In diesen Fachbereichen bin ich kein Experte. Kann ich solchen Büchern überhaupt folgen? Ohne besonderes Vorwissen, Recherche?“

Für Lovelybooks stelle ich fünf Titel vor, bei denen ich vorher dachte: Das lesen vor allem Experten, Liebhaber, Streber. Bücher, die mir Angst machten… aber mich dann fesselten, überraschten. Sie sind zwar anspruchsvoll. Aber verständlich! Und sie endlich zu lesen, hat mir viel mehr gegeben als abverlangt: Schwere Bücher – überraschend leicht. Bücher zum Angeben. Bücher, nach denen ich erleichtert sage: „Nur Mut! Es lohnt sich.“

(Das ist meine erste Buchliste seit Jahren, auf der nur Männer stehen. Vielleicht, weil ich vor Büchern von Frauen weniger Angst habe: Autorinnen treten meist weniger arrogant oder besserwisserisch auf. Es gibt auch Frauen, bei denen ich denke: „Wow. Das ist bestimmt schwere Kost!“ Hannah Arendt, Gertrude Stein, Ann Cotten. Doch vor Büchern von Männern drücke ich mich oft viel länger.)”

Mehr Buchlisten von Stefan gibt es auf www.stefanmesch.wordpress.com

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Diese Angeber-Bücher empfiehlt Stefan

Watchmen
3. Platz in der Community-Liste

Mit 24 fing ich an, amerikanische Heldencomics zu lesen: Wonder Woman, Superman, Starman. 1986 erschien „Watchmen“: 12 Hefte in einem Sammelband, mit steifen Zeichnungen, trostlosen Farben und einer oft zähen, düsteren Geschichte. „Watchmen“ ist etwas anspruchsvoller als z.B. „Batman“. Doch ich hörte jahrelang immer nur: „Ein Meisterwerk! Erst dieser Comic hat gezeigt, wozu Superheldencomics in der Lage sind! Besser geht es nicht.“ Das ist Quatsch. Vor 30 Jahren war „Watchmen“ ein wichtiges Signal: Superhelden wurden „erwachsen“, politischer, literarischer. Auch heute ist der Comic, trotz der grauen Grundstimmung, lesenswert. Ich selbst aber war vor allem froh, ihn endlich abgehakt zu haben. Denn jahrelang hatte ich Angst, dass ich zu wenig über Helden weiß, um „Watchmen“ zu verstehen. Dabei ist alles verständlich, einsteigerfreundlich, nicht wesentlich anspruchsvoller als eine Folge „Jessica Jones“ oder „Arrow“. Nur eben: Der Grund, dass es heute anspruchsvolle Folgen „Jessica Jones“ oder „Arrow“ GIBT.

Geschlossene Gesellschaft
1. Platz in der Community-Liste

In Klasse 12 konnte ich Psychologie- und Philosophie-Kurse wählen. Im Studium dann Psychologie oder Philosphie als Nebenfach. Psychologie begeistert mich heute noch. Doch ich weiß immer noch nichts über Kierkegaard, und verwende in meinen Texten nie Worte wie „hegelianisch“ oder „poststrukturalistisch“. Philosoph Jean-Paul Sartre hat eine eigene philosophische Richtung - den Existenzialismus. Wie bei Albert Camus, Simone de Beauvoir sind auch Sartres erfundene Geschichten meist vor allem Mittel zum Zweck, um existenzialistische Ideen auszumalen. Deshalb sind viele dieser Bücher recht schulisch, trocken, konstruiert. „Geschlossene Gesellschaft“ aber ist ein herrlich kluges, schnelles, psychologisches Theaterstück über zwei Frauen und einen Mann, die nach dem Tod im selben Zimmer sitzen: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Kein Interesse an Philosophie? Ganz egal. Einfach lesen! Oder noch besser: drei Ausgaben leihen – und mit zwei Freunden laut vorlesen, in verteilten Rollen.

Fahles Feuer
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„Lolita“ ist ein verstörendes Buch – doch auf jeder Seite gibt es 15 Witze, Anspielungen, ironische Details. Denn Autor Vladimir Nabokov liebte Kreuzworträtsel. Seine fast 30 Romane sind voller versteckter Tricks und Überraschungen, und wer genau liest, wird dauernd belohnt, mit Frechheiten und Humor, absurden Spielereien. Der wildeste Roman, „Fahles Feuer“, ist ein langes Gedicht: Ein Collegeprofessor verlor seinen Sohn und fragt sich, ob der tote Schüler als Geist Kontakt aufnehmen will. Hinter diesem (traurigen, ernsten, geheimnisvollen) Text stehen unprofessionelle, bekloppte Fußnoten: Der Nachbar des Professors stahl den Text, will ihn veröffentlichen. Seine Theorie: Es geht gar nicht um tote Kinder und Geister – in Wahrheit erzählt das Gedicht seine eigene Lebensgeschichte: Die eines schwulen weltfremden Königs, der aus dem Schloss bis nach Amerika floh und sich in einen Collegeprofessor mit totem Sohn verliebte. „Fahles Feuer“ ist ein kackfreches, schlaues, trauriges Puzzle mit doppeltem, drei- und vierfachem Boden. Erschienen 1962. Um Jahrzehnte seiner Zeit voraus!

Die granulare Gesellschaft - Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst
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Internet: Segen oder Fluch? Mich langweilen bittere Bücher, die nur aufzählen wollen, welche Probleme das Netz nach sich zieht. Und mich langweilen Bücher, die neue Möglichkeiten euphorisch beschreiben – oft viel zu ausführlich, zu einseitig, zu schnell veraltet. Christoph Kucklick schreibt kein Pro- oder Anti-Buch zur Digitalisierung. Er zeigt grundsätzlicher, WAS sich da gerade ändert, und wie tief diese Veränderung greift: So viele Systeme erfassen so viele neue Daten, dass wir plötzlich ganz neue Dinge ablesen und verstehen können. Die Welt wird feiner, differenzierter, „granularer“. Auf knapp 270 Seiten, in einfacher Sprache und mit originellen, manchmal brillanten Beispielen zeigt ein deutscher Journalist, wie dieser Datenreichtum unsere Wirklichkeit und unser Verständnis für die Wirklichkeit verfeinert. Besser: dieses eine Buch lesen - als jede Woche drei, vier kurze, zu kurz gedachte Zeitungsartikel. Ein Muss!

Lesarten des Populären
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Ich bin Diplom-Kulturwissenschaftler. Doch was das heißt, „Kulturwissenschaft“, weiß ich vor allem aus zwei kurzen australischen Büchern aus den 80er Jahren: „Reading Popular Culture“ und „Understanding Popular Culture“. Literaturkritiker sagen oft: Aus anspruchsvollen Werken kann man viel herauslesen. Bei seichter Unterhaltung aber fehlt ein doppelter Boden: Alles ist dort direkt, geheimnislos, eindimensional. John Fiske widerspricht. Er zeigt: Richtig erfolgreich, populär wird vor allem jene Massenware, Popmusik, Unterhaltung, die Widersprüche offen hält und ganz verschiedene Interpretationen und Lesarten zulässt. Ist Madonna feministisch? Oder sexistisch? Handelt „The Walking Dead“ von Mitgefühl – oder vom Recht des Stärkeren? In kurzen, klaren Beispielen zeigt Fiske, wie komplex auch „seichte“ Unterhaltung sein kann. Und, was ihre vielen offenen Fragen den Fans und der Gesellschaft gibt, bringt, bieten.

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