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Debütantenball - Aktuellste Gegenwartsliteratur an der Uni Gießen

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Andreas Stichmann - Jackie in silber (3 Beiträge)

Ein LovelyBooks-Nutzer 17.10.2009, 20:49 Uhr
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3 Ergebnisse
Ein LovelyBooks-Nutzer 05.11.2009, 09:28 Uhr

Also zunächst einmal schließe ich mich der Aussage von Manuel, dass in einem Kurzgeschichten-Band natürlich nicht alle Erzählungen gleich gut sein können und den Leser gleich stark ansprechen an.
Dennoch haben mir die Erzählungen insgesamt sehr gut gefallen.
Besonders ansprechend finde ich u.a. auch die sprachliche Gestaltung der Geschichten, denn so kann man sich viele der beschriebenen Situationen und Figuren, aufgrund der detailreichen Beschreibungen durch die Verwendung zahlreicher Adjektive so wahnsinnig gut bildlich vorstellen und ein Schmunzeln bleibt dabei oft auch nicht aus. Dies ist z.B. in "Malealea" der Fall, wenn es heißt: "Irgendwann kommt ein aknevernarbtes Gesicht auf mich zu, ein kleiner, sehr breiter Mann in einer abgewetzten Bomberjacke. Augen hat er kaum" (S.51).

 
Marco_611 02.11.2009, 13:53 Uhr

Mit „Jackie in Silber“ legt Andreas Stichmann, geboren 1983 in Bonn, seine erste eigenständige Veröffentlichung vor. Auf 138 Seiten findet der Leser elf Erzählungen über scheiternde Helden, wie der Klappentext verspricht; Geschichten, betrachtet aus einer neuen Perspektive, schillernd an ungewohnten Stellen, witzig, ohne mit Humor durch die Luft zu wedeln, und gespickt mit Sätzen, mit denen man sofort seine Wohnung schmücken wolle. Stichmanns scheiternde Helden liefen im Scheitern zur Höchstform auf, heißt es.
Tatsächlich ist es jedoch schwer, in „Jackie in Silber“ diese scheiternden Helden auszumachen. Ein Held ist derjenige, der sich durch einen inneren Wunsch oder äußere Umstände dazu gezwungen sieht, die Schranken des Alltags zu durchbrechen. Einer, der die Kräfte, denen er sich entgegenstemmt, letztendlich bezwingt oder von ihnen bezwungen wird. Durch dieses Ringen um eine bessere Existenz entsteht Konflikt, und Konflikt ist das Fundament einer jeden Erzählung.

Zu behaupten, Stichmanns Erzählungen böten keine Konflikte, wäre falsch. Aber sie werden nicht konsequent zu Ende entwickelt. In mehreren Geschichten stürzt Stichmann seine Protagonisten in Konflikte, die sich nur bis zu einem gewissen Grad entwickeln. Anstatt den sich steigernden Herausforderungen mit Entschlossenheit entgegenzutreten, entziehen sich die Figuren der Konfrontation und lassen das Schicksal einfach über sich hereinbrechen. Das lässt sie nicht einmal zu scheiternden Helden werden. Sie sind überhaupt keine Helden. Sie können an den Konflikten nicht zugrunde gehen, da sie der Konfrontation ausweichen und ihr Schicksal akzeptieren. Stichmann verdirbt sich selbst die Pointen seiner Kurzgeschichten, indem er die Erzählungen zu früh auflöst. Dies findet sich in Geschichten wie „Wasserleiche“, „die Blumen“ oder „Malealea“, die bis zu einem konfliktträchtigen Wendepunkt gesteigert werden, wo sie Stichmann ohne Andeutungen auf ein „und dann“ zu einem nichtssagenden Ende führt. „Warum habe ich das überhaupt gelesen?“, ist die dominierende Frage, die dem Leser nach der Lektüre jener Geschichten durch den Kopf geht.
Völlig konfliktfrei, wenn auch nicht handlungsarm, ist die Geschichte „Hey Hoppmanns“, in der es um die titelgebende Jackie in Silber geht. Konfliktpotential, wie etwa eine Dreiecksbeziehung, Eifersucht oder eine Liebesgeschichte, wird hier nur angedeutet, die Geschichte nach einem Wendepunkt zum Ende geführt, ohne dass Konflikt entstanden wäre. Die ganze Erzählung wirkt wie ein emotionsloser Ereignisbericht.
Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass sich unter Stichmanns Erzählungen auch gute finden. „Der Goldbarrenmann“ ist eine davon. Ein bis zur Pointe konsequent geführter Plot über den Erzähler und seinen Vater, die dem schnellen Reichtum in Form eines Fernsehgewinnspiels nachjagen. Gekonnt lässt Stichmann den Erzähler Anteil am Schicksal der Protagonisten nehmen, schürt Erwartungen und weiß am Ende zu überraschen. Er trifft den richtigen Nerv in einer Zeit, in der immer mehr TV-Sendungen dem naiven Zuschauer den schnellen Gewinn verheißen und ihn die wahren Herausforderungen des Alltags vergessen lassen.

So unterschiedlich wie seine Erzählungen, so unterschiedlich ist auch Stichmanns Stil. Angepasst an die Themen seiner Geschichten lässt er Er-, Ich- und sogar Du-Erzähler zu Wort kommen, die das Erzählte durch ihre spezielle Sicht auf die Ereignisse bereichern. Stichmann schätzt kurze, nüchterne Sätze, leicht verständlich und trotzdem immer wieder von originellen Metaphern und Vergleichen durchsetzt: „Kurz darauf komme ich in die Küche, aber da sitzt nur Elfrun und liest Zeitung, als wäre die Zeit eine Fliege, die man totschlagen kann.“ „Frau Jensch hat ein ganz teigiges Gesicht, wie eine Maske, unter der sich ein Schauspieler versteckt.“ Leider lässt diese Nüchternheit die Texte oft trostlos wirken, was in Anbetracht scheiternder Helden aber ebenso gewollt sein kann.
Schwer hat sich Stichmann dagegen mit den Dialogen getan und seine Schwäche auf diesem Gebiet könnte auch ein Grund sein, weshalb er insgesamt eher sparsam damit umgeht. Die Möglichkeit, Figuren durch Dialoge Profil zu verleihen und sie zu charakterisieren, nimmt er nicht konsequent wahr. Die Personen heben sich sprachlich kaum voneinander ab, was den Eindruck der Nüchternheit und Emotionslosigkeit verstärkt. Misslungen sind sie Stichmann vor allem in seiner zweiten Erzählung „Wasserleiche“, in der die Figuren durch ständige Namenswiederholungen nur noch wie gefühllose Roboter klingen: „»Ich bin ein Mensch, der zu seinen Träumen steht, Dennis.« »Was für Lieder möchtest du denn singen, wenn du eine Sängerin bist, Lilly?« »Liebeslieder und Lieder, die auf Partys laufen, Dennis.« » Das ist ein schöner Traum, Lilly […]« »Veräppeln kann ich mich alleine, Dennis.« » Also gut, ich möchte Pilot werde, Lilly.« »Du lügst.« »Na gut, dann sage ich es dir ehrlich, Lilly, […]« »Auf dem Mond war aber schon einer, Dennis.«“

Stichmanns Texte sind herrlich ironisch und entlocken dem Leser hin und wieder ein Schmunzeln. Wirklich witzig, dass man plötzlich laut auflachend das ganze Bahnabteil auf sich aufmerksam macht, sind sie aber nicht. Dafür gewinnt man den Eindruck, der analytische Blick des Autors reiche aus, um bis auf die Molekularebene unserer Welt herabzusehen, und in seinen Erzählungen, in denen er beispielsweise die Sicht eines Menschen auf die Welt mit dem Blick durch ein Fenster vergleicht, lässt er uns an seinen Erkenntnissen teilhaben. Dann entstehen in der Tat Sätze, „mit denen man sofort seine Wohnung schmücken möchte“ (Klappentext).

Andreas Stichmann studiert seit 2005 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, der einzigen Hochschule in Deutschland, die sich der Heranbildung von Autoren verschrieben hat. „Jackie in Silber“ ist ein würdiges Debüt, auch wenn es nicht an den Erfolg eines Saša Stanišić (Finalist um den Deutschen Buchpreis 2006, "Wie der Soldat das Grammophon repariert") heranreichen wird, und beweist, dass Stichmann in Leipzig gut aufgehoben ist. Dennoch ist es keine Anthologie gleichwertiger Erzählungen. Unter ihnen finden sich gute und weniger gute und der Leser, der um Stichmanns Biographie weiß, wird das Gefühl nicht los, als halte er ein „Best of“ gesammelter „Hausarbeiten“ in der Hand.
Der Autor Thomas Pletzinger – zufälligerweise selbst Abgänger des Deutschen Literaturinstituts – wird im Klappentext zitiert mit: „Andreas Stichmann hat nicht einfach ein Buch geschrieben – er hat eine Rakete gebaut!“ … auf deren Zündung man wohl noch bis zu Stichmanns nächster Veröffentlichung wird warten müssen.

 
Ricardo Caeiro Pessoa 01.11.2009, 21:07 Uhr

Andreas Stichmann: Jackie in Silber. Erzählungen

„Ein Hauch von Zauber in entzauberter Welt“ – zartbitterer Zauber
"Kokosnüsse, Sonne, Busen, noch Fragen?’

Dass die Figuren in Stichmanns elf kurzen Erzählungen gerade in ihrem „Scheitern zur Höchstform“ auflaufen, darüber sind sich Rezensionen und Klappentext einig. Doch nicht das Scheitern selbst steht im Mittelpunkt, sondern das, was diesem vorausgeht: die Suche nach etwas, nach Sehnsucht, Anerkennung, Nähe, Liebe, Sex, Abenteuer, nach dem Ausbrechen aus dem engen Korsett des Immergleichen.

So lernen wir in der Erzählung 'Die Blumen' die Figur des 'Marcel' als verantwortungsbewussten, hilfsbereiten Zeitgenossen kennen, der sich täglich um die alte Frau Jensch, seine Nachbarin kümmert und der Wert auf freundliches, respektvolles Miteinander legt. Eigentlich entdecken wir nichts Besonderes an Marcel. Bis er eines Tages, nach einigen merkwürdigen Begegnungen mit der ungeratenen, flegelhaften, Kunst studierenden Enkelin von Frau Jensch und deren langhaarigem Freund, zu den dreien mit einer Flasche Branntwein hinübergeht und beginnt, flotte, aber doch altmodisch wirkende Sprüche zu reißen: „Zur Mitte, zur Titte, zum Sack, zack, zack!“. Doch die Runde schaut ihn nur „belämmert“ an. Als er schließlich aufs Ganze geht und Strippoker vorschlägt, muss er feststellen, dass ihn niemand wirklich beachtet. In der Nacht sitzt Marcel wieder vor seiner Staffelei, trinkt seinen Branntwein selbst und malt sein Blumenwiesenbild. „Wenn es fertig ist, soll es aussehen, als könnte man geradewegs hineingehen und zwischen den großen, knallroten Blumen verschwinden.“

Oder nehmen wir 'Alleinstehende Herren', die erste Erzählung des Buches – in welcher übrigens stellenweise die seltene Erzählform in der zweiten Person auftritt: „Du schreitest durch das pudrige Licht der Laternen, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Du siehst imaginäre Passanten laufen, grüßt mit dem Nicken eines Generals“. Auf der Inhaltsebene werden dem Leser „drei Freunde in der Welt“ vorgestellt, drei Versager, die durch den Tag stapfen auf der Suche nach Wärme und Liebe. Jeden Tag treffen sie sich, um die Zeit auszufüllen. Immer lockere Phrasen auf der Zunge. Keiner kann so „schön potztausend sagen“ wie Henneberg - oder warst es nicht doch Du? Nach einem Streit – Thema: Mädels – will Henneberg sich davonstehlen, mit Koffer und Hawaiihemd in einem Taxi zum Flughafen. Die Freunde suchen ihn: „’Henneberg, du kannst doch nicht einfach verdampfen!’. ’Wieso? Haltet ihr mich für spießig? Ich fliege jetzt für immer nach Bora Bora, ihr Fürze! Kokosnüsse, Sonne, Busen, noch Fragen?’ ... ’Hula, Hula’, lacht Henneberg und tanzt ein paar Schrittchen. ’Tutti Frutti’, sagt er. Doch dann friert er plötzlich ein.“ Die drei gehen wieder nach Hause: „Ihr seid drei Freunde in der Welt, man erwartet Wärme“. Alleinstehende Herren ist keine Erzählung über gescheiterte Helden auf Odyssee, sondern über drei ineinander greifende Existenzen, die in einem langen Gähnen aufgehen. Gerade ihre scheinbare Belanglosigkeit macht sie interessant. Es ist das Unbesondere an allen Figur, das beeindruckt, wenn sich das Leben wieder einmal anfühlt wie sich in die Länge ziehende Kaugummireste an den Schuhen im Hochsommer.

In allen elf Erzählungen finden sich Figuren, die immer wieder scheitern werden, auf je eigene Art - auch wenn die Erzählung zu Ende ist, so mag man denken. Dabei machen sie keinen großen Lärm um ihr Scheitern. (nachtr. Ergänzung: Das Scheitern bzw. das, was diesem vorausgeht, hat nun aber mehr etwas passives an sich, als würden sie von einem Magneten zurückgehalten ihre Linie fortsetzen müssen; es sind tatsächlich keine Figuren, die in dem Sinne scheitern, dass sie vehement ein bestimmtes Ziel verfolgen und dieses endgültig nicht erreichen; vielleicht, da stimme ich Marco - s.o. - zu, ist der Begriff des Scheiterns, zumindest in seiner herkömmlichen Konnotation, wirklich fehl am Platze; es ist eher teils der Wunsch, teils das Sehnen wie oben beschrieben, subjektiv-existentiell Unerfülltes, das aber nicht immer so recht artikuliert wird, sondern sich er zwischen den Zeilen herauslesen lässt). Frances kündigt unaufgeregt ihren Tod an (Frances stirbt), Bob lag ohnehin schon immer im Sterben (Bussardweg), Jackie wirkt in ihrem silbernen Kleid ein bisschen wie ein Star, trägt es aber nicht mehr nachdem sie in die Psychiatrie eingeliefert worden war (Hey Hoppmanns). Es passiert nichts funkelnd Großes, ihr Leben findet statt und sie sind mittendrin. Es wirkt tragisch ohne allzu tragisch zu sein, teils bedrückend, stellenweise aber auch wieder komisch. Diese eigenartige Mischung beim Lesen der Geschichten von durchaus auch liebenswürdigen Versagern verdankt sich dem ganz besonderen lakonischen, zartbitteren Ton von Stichmanns Texten. Der Autor erweist sich hier als brillanter Erzähler direkter, szenischer Texte und des Beschreibens von Standbildern. Er erzählt die große Welt banaler Alltäglichkeiten, die doch das Wesentliche ausmachen, auf kleinem Raum. Darin liegt die Mehrdeutigkeit seiner Texte: zwischen Komik und Tragik, Ernst und Witz. Bei aller Wehmütigkeit, die sich beim Lesen durchaus einstellen kann, bringt der unangestrengte Humor einen „Hauch von Zauber in entzauberter Welt“. Dies gepaart mit solch beeindruckenden Sätzen, phänomenologischen Kleinoden, wie in der Erzählung Malealea: „...schließlich gibt es auch so allerhand Geräusch, dazu die öligen Schwingen einer sich blind und raupenförmig herumtastenden, im Kreis kriechenden, schwubbelig schwabbeligen Zeit. Ich denke: Jetzt ist Entspannung angesagt! Wenn schon Tourist sein, dann wenigstens entspannt, und was sind schon zehn Stunden? Die Zeit kaut und äst uns und häutet sich und kratzt sich eine sirrende Sekunde vom Kinn ...“.

Für Jackie in Silber erhielt der 1983 in Bonn geborene Debütant Andreas Stichmann 2009 den Clemens Brentano-Preis. In der Begründung der Jury, in der neben Literaturkritikern auch Studierende des germanistischen Instituts der Universität Heidelberg sitzen, heißt es: „Andreas Stichmann streift mit distanzierter Neugier durch ein Panoptikum skurriler Figuren und erzählt zeitgenössische lakonische Geschichten“.

Der Erzählband bietet kurzweilige Lektüre, die es in sich hat. Form und Inhalt harmonieren auf wunderbare Weise. [nachtr. Ergänzung: sicherlich unterscheiden sich die jeweiligen Erzählungen, haben unterschiedliche Stärken und Schwächen; in einer Gesamtrezension kann diese aber nur unzureichend darsgestellt werden; hierfür müsste man die Erzählungen je eigens beurteilen]. Ob es Stichmann auch vermag, Figuren, Konstellationen und Abläufe in einem Roman komplexer auszugestalten? Man darf gespannt sein auf das Folgewerk.
Ich jedenfalls, das konnte man wohl heraushören, bin begeistert. Wie steht's bei euch?

 
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Erstellt von Ein LovelyBooks-Nutzer am 17.10.2009
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