AndreasKuecks avatar

AndreasKueck

  • Mitglied seit 02.03.2018
  • 8 Freunde
  • 183 Bücher
  • 175 Rezensionen
  • 183 Bewertungen (Ø 4,61)

Rezensionen und Bewertungen

Filtern:
  • 5 Sterne130
  • 4 Sterne40
  • 3 Sterne8
  • 2 Sterne5
  • 1 Stern0
  • Sortieren:
    Cover des Buches Mord in Sussex (ISBN: 9783608964745)

    Bewertung zu "Mord in Sussex" von John Bude

    Mord in Sussex
    AndreasKueckvor 3 Tagen
    Kurzmeinung: …Wiederentdeckung eines charmanten Krimi-Klassikers!
    …Wiederentdeckung eines charmanten Krimi-Klassikers!

    Ist ein Mord ohne Leiche immer noch ein Mord? Oder ist es nicht vielmehr ein ungeklärter Vermisstenfall? Diese Fragen stellt sich auch Superintendent Meredith als in der Grafschaft Sussex in direkter Nachbarschaft der imposanten Kalksandsteinfelsen der Wagen von John Rother verlassen aufgefunden wird: Die Windschutzscheibe ist zertrümmert, das Armaturenbrett beschädigt, und in unmittelbarer Nähe des Wagens findet sich die blutbefleckte Mütze des Vermissten. Ins Visier der Ermittlungen gerät sehr schnell sein Bruder William Rother, mit dem der Vermisste gemeinsam einen Brennofen für Bau-Kalk betreibt. Der Verdacht erhärtet sich, als in der Asche der Brennöfen menschliche Knochen entdeckt werden. Zudem können Überreste der Kleidung eindeutig dem Vermissten (Toten?) zugeordnet werden. Meredith arbeitet fieberhaft daran, aus der Fülle an Indizien dem Bruder die Tat nachzuweisen. Doch anstatt dass diese Fülle für Klarheit sorgt, tauchen immer mehr Ungereimtheiten auf und sorgen für Verwirrung. Als dann William Rother tot am Fuße des Kalksteinbruchs aufgefunden wird, droht der Fall Meredith gänzlich aus den Händen zu gleiten…!

    Die Briten scheinen ein kriminalistisch veranlagtes Völkchen zu sein: Wie sonst lässt sich diese Fülle an talentierten Kriminal-Autor*innen erklären, die dieses Land bisher hervorgebracht hat. John Bude (Pseudonym von Ernest Carpenter Elmore) zählte in der so genannten „Goldenen Zeit“ zu den renommiertesten Schriftstellern und verfasste mehr als 30 Kriminalromane. Umso bedauerlicher ist der Umstand, dass er bei uns beinah gänzlich unbekannt zu sein scheint. So sind die Bemühungen des Klett-Cotta Verlags, diese Krimi-Klassiker wieder auszugraben, umso höher zu bewerten.

    John Bude entschied sich bei der Entwicklung seiner Hauptperson gegen die damals vorherrschende Trend: Sein Superintendent Meredith erscheint dabei sehr menschlich. Er ist kein Superhirn mit legendären grauen Zellen oder übersensibelen Sinnen. Meredith verlässt sich auf Logik, gesundem Menschenverstand und den Fähigkeiten des Polizei-Apparats. So steckt er eben auch einige herbe Rückschläge ein und muss darum bei seinem Vorgesetzten (zähneknirschend) zu Kreuze kriechen. Im Gegenzug empfindet er es nicht unter seiner Würde, die Hilfe von Untergebenen, Privatpersonen oder Zeugen in Anspruch zu nehmen, und auch für die Ideen der Jugend (in Person seines kriminalistisch interessierten Sohnes) hat er ein offenes Ohr. Alles in allem ist Budes Schnüffler so herrlich normal – Ja! – beinah durchschnittlich: kein einsamer Wolf, keine Alkoholexzesse, kein Zynismus – doch dafür hat er Humor.

    Ebenso „normal“ ist auch der Schreibstil von John Bude: Literarische Eskapaden sucht man vergebens. Vielmehr liefert er einen gut konstruierten Krimi mit einigen überraschenden Wendungen. Auch die Zeichnung des Settings und die Charakterisierung der Personen gelingen ihm sehr unterhaltsam und ansprechend. Der Leser ist dabei nie klüger als der Ermittler: Wenn schon, dann tappen sie gemeinsam im Dunkeln – in bester „Whodunit“-Manier.

    Am Schluss bleibt er dann doch der damals gängigen Praxis treu: Er überlässt am Ende seinem rührigen Detektiv die Bühne, um den Fall in all seinen Facetten nochmals Revue passieren zu lassen und so dem Leser die Auflösung effektvoll zu präsentieren. Auch hier: In bester „Whodunit“-Manier…! Aber genau so wünsche ich es mir bei einem der guten, alten Krimi-Klassiker.

    Kommentieren0
    1
    Teilen
    Cover des Buches Ruthchen schläft (ISBN: 9783311300052)

    Bewertung zu "Ruthchen schläft" von Kerstin Campbell

    Ruthchen schläft
    AndreasKueckvor 17 Tagen
    Kurzmeinung: …charmante Feel-Good-Geschichte!
    …charmante Feel-Good-Geschichte!

    Was ist „Familie“? Kann mir mal bitte jemand diesen Begriff definieren? Es ist gar nicht so einfach, oder? Eine Familie besteht eben nicht mehr nur aus der klassischen Konstellation „Vater/Mutter/Kind(er)“. Da wird zwischen biologischer Familie und Wahl-Familie unterschieden, denn in der Zwischenzeit gibt es beinah unzählige Familien-Konstellationen: So bunt wie das Leben, so individuell wie die Menschen, so vielfältig sind die Familien-Zusammensetzungen. Auch für mich setzt sich eine Familie nicht unbedingt aus Blutsverwandten zusammen: Nur weil ich mit einem Menschen verwandt bin, bedeutet es nicht, dass dieser Mensch ein Teil meiner Familie ist. Zu meiner Familie gehören Menschen, die an meinem Leben Anteil nehmen, mich fraglos unterstützen und ebenso fraglos von mir unterstützt werden. Es sind Menschen, die mir gut tun, und denen ich hoffentlich ebenso gut tue, meine Familie…!!!

    Frau Lemke lebt schon ihr ganzes Leben in dem Mietshaus, das Georg von seinem Opa geerbt hat. Bei ihr hat er seine Geburtstage gefeiert und sich geborgen gefühlt. Frau Lemke ist seine Familie. Doch nun wird Frau Lemke langsam gebrechlich, und alles scheint ihr beschwerlicher zu fallen. Ihr (blöder) Sohn möchte, dass seine Mutter zu ihm nach New York zieht. Nur solange ihre alte Katze Ruthchen noch lebt, darf sie in ihrem Zuhause in Berlin bleiben. Darum muss gut auf Ruthchen aufgepasst werden, damit sie ein möglichst biblisches Alter erreicht. Doch Ruthchen will bei diesem Plan partout nicht mitspielen und stirbt – einfach so…! Doch was wäre, wenn Ruthchen weiterhin auf dem Sofa liegen und schlafen würde? New York ist weit weg: Wie soll Frau Lemkes blöder Sohn dahinterkommen? So macht sich Georg auf den Weg zum Tierpräparator und stößt auf eine TierpräparatorIN: Caro ist so völlig anders als die Frauen, die er bisher kennengelernt hat, und krempelt sein Leben gehörig um. Zudem scheint New York wohl doch nicht so weit weg zu sein, wie er dachte: Plötzlich steht Frau Lemkes blöder Sohn vor der Tür…!

    Manchmal brauche ich sie einfach – diese federleichten Geschichte, bei denen ich schon nach wenigen Seiten weiß, dass alles gut ausgehen wird. Dies ist so eine Geschichte! Und dabei möchte ich nicht, dass der Ausdruck „federleicht“ eventuell als ein Synonym von „seicht“ verstanden und somit verwechselt wird. Denn damit würde ich dem Erstlingswerk von Autorin Kerstin Campbell Unrecht tun und ihm nicht gerecht werden.

    Campbell ist eine wunderbare Symbiose aus gut gezeichneten Figuren, einer einnehmenden Handlung und detaillierter Milieuzeichnung gelungen. Die Konflikte der Protagonist*innen werden mir glaubhaft vermittelt. Ich fühle mit, aber ich leide nicht. Es zu lesen „tut mir nicht weh“. Der Autorin gelingt das Kunststück, dass ich als Leser mit diesem zusammengewürfelten Haufen Charaktere, aus dem sich langsam eine originell-unkonventionelle Familie formt, Sympathie empfinden kann (Ja, auch mit Frau Lemkes blöden Sohn!).

    So fließt die Handlung zügig dahin, da Campbell sich nicht mit erzählerischem Ballast aufhält. Sie beschränkt sich auf das Wesentliche, was der Handlung gut bekommt und somit auf mich frisch – beinah „entschlackt“ – wirkt. Ich erhalte genügend Einblicke in die Motivationen der Protagonist*innen, ohne dass diese in epischer Breite ausgewalzt werden. Vielmehr sorgt sie – trotz der durchaus vorhandenen Dramatik – für eine ausreichende Wohlfühl-Atmosphäre. So entfleuchte mir am Ende meiner Lektüre ein wohliger Seufzer: Alles ist gut, Georg feiert wieder bei Frau Lemke seinen Geburtstag,…

    …und Ruthchen liegt wie eh und je auf ihrem Kissen und schläft!

    Kommentieren0
    0
    Teilen
    Cover des Buches HAMBURG NOIR (ISBN: 9783782212571)

    Bewertung zu "HAMBURG NOIR" von Tom Krausz

    HAMBURG NOIR
    AndreasKueckvor einem Monat
    Kurzmeinung: …eine originelle Hommage an Hamburg in atmosphärischen Bildern!
    …eine originelle Hommage an Hamburg in atmosphärischen Bildern!

    Wann waren wir zuletzt in unserer Lieblingsstadt: Hamburg – meine/ unsere Perle!? War es tatsächlich zuletzt am 24. September 2019, als wir an einem lauen Spätsommerabend (oder evtl. war es auch schon ein Frühherbstabend) im Stadtteil St. Georg auf dem Bürgersteig vor den geöffneten Fenstern eines italienischen Restaurants saßen und uns unsere Pizzen munden ließen. Anschließend machten wir uns auf den Weg, um nur ein paar hundert Meter weiter im Ohnsorg-Theater die wunderbare Komödie Een Mann mit Charakter uns anzusehen. Es scheint mir, als wäre dies in einem anderen Leben, in einer anderen Welt passiert: Und stimmt es etwa nicht, dass sich unser Leben und unsere Welt seitdem massiv verändert haben? Meine Sehnsucht nach Hamburg versuche ich mit Filmen, Serien und Büchern (natürlich nur notdürftig) zu stillen!


    Es war wieder einer dieser Tage: Privatdetektiv Paul Ness saß untätig in seinem Büro, rauchte eine Lucky Strike nach der anderen und haderte mit seiner chronischen finanziellen Unterversorgung, als plötzlich das Telefon klingelt. Ein Unbekannter bietet ihm einen lukrativen Auftrag an: Er soll seine untreue Ehefrau aufspüren, die zusammen mit einem anderen Kerl und dem stattlichen Sümmchen von 50.000 in bar abgehauen ist. Ness’ Ermittlungen führen ihn einer Schnitzeljagd gleich durch die ganze Stadt. Schnell merkt er, dass auch andere dunkle Gestalten Interesse am Verbleib der verschwundenen Frau haben. Auch die verführerische Ruth Schöller, angebliche Freundin der Verschwundenen, verhält sich verdächtig und weckt – trotz immenser Anziehungskraft – sein Misstrauen. Ein Privat-Schnüffler muss eben immer und überall auf der Hut sein…!


    Bisher war mir Fotograf Tom Krausz durch seine künstlerische Kooperation mit Elke Heidenreich bekannt. So haben beide u.a. an dem opulenten Bildband „Schlafes Mörder“ zusammengearbeitet, in dem sie versuchten, dem Mythos um Shakespeare’s Macbeth mit eigen(willig)en Texten und Bildern näher zu kommen. Vor einigen Jahren durften wir die Live-Performance erleben, die durch das Zusammenspiel von Text, Bild und musikalischer Untermalung beeindruckte.


    Im vorliegendem Fall ist nun Krausz beides in Personalunion: Autor und Fotograf. Zudem vereint er zwei seiner Herzensangelegenheiten in diesem Buch: seine Liebe zum Krimi Noir und zu seiner Heimatstadt Hamburg.


    Der Autor Krausz scheint den Text bewusst im Stil der kriminalistischen Groschenromane gehalten zu haben, wo echte „hardboiled detectives“ als einsame Rächer durch die Straßen der Großstadt ziehen. Die Lektüre bereitete mir als Leser durchaus eine Menge Spaß. Da verzeihe ich ihm auch so manche unglaubwürdige Entwicklung im Plot: Entweder gelangt wie durch Zauberhand eine Nachricht in die Manteltasche unseres Protagonisten und führt ihn so unversehens zur nächsten heißen Spur, oder die verführerisch-verruchte Femme Fatal taucht „zufällig“ immer dann auf, wenn es für ihn brenzlig wird und rettet ihn somit aus dieser verzwickten Situation. Krausz lässt unseren Held in dieser geradezu kruden Story durch die Straßen der Hansestadt hetzen, liefert dadurch reichlich Gelegenheiten, seine Kamera gekonnt einzusetzen und lenkt den Fokus so auf die Stadt mit all ihren unterschiedlichen Facetten.


    Hamburg ist – „the one an only“ – der Star und spielt in dieser Kriminalgeschichte die einzige Hauptrolle. So rückt der Fotograf Krausz auch „seine“ Stadt gekonnt in Szene: In atmosphärischen Schwarz-Weiß-Fotos kitzelt er den Reiz der Metropole hervor, entblättert ihren rauen Charme und schafft somit eine Ästhetik, die mich an alte TV-Serien wie „Stahlnetz“ erinnerte, bei der einige Folgen im Hamburg der Nachkriegsjahre gedreht wurden. Dank dieser kriminalistischen Schnitzeljagd tauchen auf den Fotos so viele mir bekannt Orte auf, dass ich ganz verzückt in Erinnerungen schwelge: von St. Pauli bis zum Jungfernstieg, vom alten Elbtunnel bis zum Heidi-Kabel-Platz, von der Außen- über die Binnenalster bis zur Gurlittstrasse im Stadtteil St. Georg, wo sich übrigens unser Stammhotel befindet…!


    Dank Krausz’ stimmungsvollen Fotos begebe ich mich vor meinem inneren Auge auf eine lustvolle imaginäre Wanderschaft durch die Straßen seiner/ meiner/ unserer Perle an der Elbe!

    Kommentieren0
    0
    Teilen
    Cover des Buches Sulwe (ISBN: 9783948230180)

    Bewertung zu "Sulwe" von Lupita Nyong'o

    Sulwe
    AndreasKueckvor einem Monat
    Kurzmeinung: …berührendes Plädoyer für ein liebevolleres Miteinander!
    …berührendes Plädoyer für ein liebevolleres Miteinander!

    Vorwort: Vor einiger Zeit blieb ich beim Zappen durch die Fernsehprogramme beim Sender „arte“ hängen. Dort lief eine Reportage über eine Studie in den USA. Dabei wurden Kindern mit dunkler Hautfarbe zwei Puppen gezeigt. Die eine Puppe hatte eine helle Haut, die andere Puppe hatte einen dunklen Haut-Ton. Die Kinder, die zwischen 4-6 Jahre alt waren, wurden gefragt, welche Puppe sie schöner fänden. Alle zeigten auf die „weiße“ Puppe. Dann wurden sie gefragt, welchen Haut-Ton sie mit schlecht/böse verbinden. Ausnahmslos alle Kinder zeigten auf die „schwarze“ Puppe. Bei der dritten Frage, welche Puppe ihnen selbst ähnlich sieht, blieb mir als Zuschauer beinah das Herz stehen. Alle Kinder deuteten auf die dunkle Puppe und wirkten dabei ängstlich, traurig und verzweifelt. Einige Kinder brachen sogar in Tränen aus. Mir selbst liefen in dem Moment die Tränen über das Gesicht, und ich fragte mich, was in unserer Gesellschaft – verdammt nochmal – so schief läuft, dass diese kleinen unschuldigen Menschenkinder mit einem solchen Stigma aufwachsen müssen. Am liebsten hätte ich jedes von ihnen in die Arme genommen, getröstet und ihnen gesagt, dass sie ganz außergewöhnliche, einzigartige und wundervolle Geschöpfe sind.

    Sulwe ist traurig: Sie sieht so ganz anders aus wie ihre Familie. Während Mama, Papa und ihre Schwester viel hellere Haut haben, ist ihre Haut mitternachtsfarben. Und wegen dieser Hautfarbe wird sie in der Schule gehänselt und ausgegrenzt. All ihre Versuche, ihre Haut aufzuhellen, schlagen fehl. Sogar ihr Gebet an den lieben Gott bleibt scheinbar ungehört. Mama versucht sie zu trösten, erklärt ihr, dass das Leuchten der Schönheit von innen kommt, und erinnert sie an die Bedeutung ihres Namens: Stern! In der gleichen Nacht erscheint Sulwe eine Sternschnuppe und lädt sie zu einer Reise in die Vergangenheit ein. Seit ewigen Zeiten gab es zwei Schwestern, die sich sehr lieb hatten, und gänzlich unterschiedlich waren. Sie hießen „Tag“ und „Nacht“ und waren sehr glücklich miteinander. Aber die Menschen behandelten die Schwestern sehr unterschiedlich: Während sie „Tag“ verehrt, verfemten sie „Nacht“. „Nacht“ war darüber so traurig, dass sie ihre Schwester verlies. Fortan war immer nur „Tag“, doch die Menschen erkannten, dass sie beide Schwestern brauchen, und jede Schwester für sich ihre eigene unverwechselbare Schönheit hat. Und als Sulwe am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie erkannt, dass zur Schönheit eines Menschen mehr gehört als der Ton seiner Haut…!

    Diversität: Dieser Begriff ist momentan in aller Munde. Beinah drängt sich mir der Eindruck auf, dass alles und jeder – von Institutionen bis Prominente – sich mit diesem Begriff schmückt, um möglichst hipp und weltoffen zu wirken. Vieles Gutes wurde durchaus schon erreicht, doch einiges erscheint mir auch wie Augenwischerei. Die weltweiten Ereignisse der jüngsten Vergangenheit offenbaren schmerzlich, dass noch vieles zu tun ist…!

    Autorin Lupita Nyong’o legt gemeinsam mit Illustratorin Vashti Harrison ein wunderbares Bilderbuch vor, dass die Realität eines kleinen Mädchens zwar nicht beschönigt aber durchaus kindgerecht abmildert: Rassismus und Mobbing ist leider auch schon für Kinder real existent. Dabei verpacken sie Sulwes Reise in stimmige Texte und stimmungsvolle Bilder. Nyong’o spiegelt in ihren Texten glaubhaft den Alltag eines Kindes, lässt dabei den Humor nicht vermissen und wählt für Sulwes nächtliches Abenteuer einen märchenhaften Ton. Harrison bedient sich für ihre Illustrationen vornehmlich bei den Farbgruppen „blau-violett“ und „gelb-gold“ und schafft durch diese Kontrastierung, die Farben in all ihren Schattierungen wirken zu lassen. Zudem ist die Haptik des Einbands angenehm samtig, und der überlegte Einsatz von Gold und Glitzer macht das Bilderbuch sehr edel. Auch die weiteren gestalterischen Details überzeugen: So sind die Muster der Vorsatzpapiere den Kleidern der Schwestern „Tag“ und „Nacht“ nachempfunden, ein Poster liegt ebenso bei, und ein Hinweis verweist auf ein Malbuch zum Download.

    Lupita Nyong’o und Vashti Harrison ist gemeinsam ein berührendes Plädoyer für ein liebevolleres Miteinander gelungen, das ebenso ein Statement für Toleranz und Akzeptanz setzt. Jetzt braucht es von diesem wichtigen Bilderbuch nur noch eine Variante für Jungs, damit auch sie eine entsprechende Identifikationsfigur haben. Aber vielleicht ist es auch schon „in Arbeit“…!

    Kommentieren0
    0
    Teilen
    Cover des Buches Vier Hörspiele (ISBN: 9783867177221)

    Bewertung zu "Vier Hörspiele" von Agatha Christie

    Vier Hörspiele
    AndreasKueckvor einem Monat
    Kurzmeinung: Agatha Christie – Hörspiele Teil 2: Spannende Krimi-Adaptionen im Retro-Charme…!
    Agatha Christie – Hörspiele Teil 2: Spannende Krimi-Adaptionen im Retro-Charme…!

    Hallo! & Herzlich Willkommen!

    …zum 2. Teil meiner Vorstellungsrunde mit Hörspiele, die nach Werken aus der Feder von Agatha Christie entstanden sind. Ich durfte in den letzten Tagen einige sehr entspannte, kuschelige Stunden vor dem CD-Player verbringen und muss Euch gestehen, ich habe wieder Blut geleckt. Natürlich nur im übertragenen Sinn, auch wenn meine Formulierung gar wunderbar zum kriminalistischen Grund-Tenor dieser Rezension passt.

    Diesmal kommt es auch endlich zu der langersehnten Begegnung mit Christies exzellenten Spürnasen Hercule Poirot und Jane Marple. Beiden wurde schon – sowohl in Film wie auch Fernsehen – von div. außergewöhnlichen Schauspieler*innen eine filmische Gestalt gegeben, sodass ich nun sehr gespannt auf das reine auditive Erleben war.

    Als Schmankerl dürfen wir uns zudem auf „Die Fuchsjagd“ freuen, besser bekannt unter dem Titel „Die Mausefalle“. Mit diesem Theaterstück schrieb Agatha Christie Theatergeschichte, da dieser Krimi seit 1952 ohne Unterbrechung im Londoner West End zu sehen war. Um diese Erfolgsgeschichte (hoffentlich nur vorübergehend) zu unterbrechen, bedurfte es einer weltweiten Pandemie, aufgrund derer alle Theater schließen mussten.

    Ich hoffe sehr, dass dieser Zustand sich in absehbarer Zeit verbessert, damit kulturelle Einrichtungen wieder die Türen für ihr Publikum öffnen, und wir alle endlich wieder Kultur genießen dürfen.

    Vier Hörspiele von Agatha Christie

     CD 1/ Der Mord an Roger Ackroyd oder Alibi (1956)/ Regie: Wolfgang Schwade/ mit Joseph Offenbach, Charles Regnier, Hans Paetsch, Herbert Steinmet, Liselotte Willführ, Inge Stolten u.a.

    Mit diesem Werk sorgte Agatha Christie für Unruhe bei ihrer Leserschaft: Nicht nur, dass sie für die Erzählperspektive nicht die Sicht des Kriminalisten wählte, zudem gönnte sie sich einen weiteren literarischen Kniff, den ich hier allerdings nicht verraten möchte. So bleibt die Hörspielfassung dem Original treu, indem die Geschichte aus Sicht von Dr. Sheppard erzählt wird. So wirkt das Hörspiel beinah wie eine Lesung in der einige Dialog-Passagen eingestreut wurden.

    Charles Regnier trägt hierbei die „vokale“ Haupt-Last und wirkt als Dr. Sheppard beinah analytisch-unbeteiligt, das der Rolle durchaus zugute kommt. Joseph Offenbach haucht dem belgischen Meisterdetektiv mit charmantem Akzent eine agile Lebendigkeit ein. Kaum sprach Hans Paetsch als Roger Ackroyd seine ersten Sätze, schon fühlte ich mich in meine Kindheit zurück versetzt: Diese unverwechselbare Stimme erklang schon bei unzähligen Märchen-Hörspielen. Mit Hinweis auf den Titel dieses Krimis, war der Genuss, diese markante Stimme wieder hören zu dürfen, leider nur von kurzer Dauer.

    CD 2/ Die Fuchsjagd oder Die Mausefalle (1958)/ Regie: Willy Purucker/ mit Kurt Ludwig, Ernst Hochstätter, Ilse Petri, John Pauls-Harding, Eleonore Noelle, Peter Vogel u.a.

    Ein einsames und von der Außenwelt abgeschnittenes Setting + eine überschaubare Anzahl an Protagonist*innen + ein Mord = die/der Mörder*in befindet sich unter den Anwesenden. Agatha Christie hat diesen Plot gerne in unzähligen Variationen und Abwandlungen bemüht – und dies sehr erfolgreich. Denn nichts schürt die Ängste der Beteiligten mehr, als die Gewissheit, dass das Böse direkt unter ihnen weilt.

    Diese Hörspielproduktion punktet mit einem homogenen Ensemble und der Kunst des Tonmeisters, der mit stimmigen Hintergrundgeräuschen und einer gekonnten Abmischung geschickt eine räumliche Atmosphäre schafft. Warum allerdings die wunderbare Charakter-Schauspielerin Lina Carstens als Mrs. Boyle weder auf dem CD-Beiblatt noch im Nachspann Erwähnung fand, ist mir absolut unverständlich.

    CD 3+4/ Mord im Pfarrhaus (1970)/ Regie: Otto Kurth/ mit Erika von Thellmann, Hans Quest, Ingrid Capelle, Elmar Wepper, Edith Hancke, Hanne Wieder, Jürgen Goslar, Wolfgang Weiser, Alf Tamin, Günter Sauer, Carin Braun, Paula Denk u.a.

    Dieses Hörspiel ist wohl am prominentesten besetzt, hatte ich doch zu den meisten Namen sofort ein Gesicht vor Augen. Aber garantieren prominente Namen auch ein den Hörer*innen zufriedenstellendes Ergebnis? In diesem Fall: Ja! Sie tun es!

    Erika von Thellmann gibt mit pointierter Stimme ein destingiertes Fräulein (!) Marple, die mit einer selbstbewussten Aufdringlichkeit Gefahr läuft, als Klatschbase verschrien zu werden. Hans Quest und Ingrid Capelle geben ein stimmiges Pfarrers-Ehepaar ab, dem trotz Wahrung der christlichen Tugenden allzu menschliches nicht fremd scheint. Elmar Wepper komplementiert als Neffe Dennis mit jugendlichem Elan die Familie. Hanne Wieder und Jürgen Goslar als (un)heimliches Liebespaar konnten als Film- und Fernsehschaffende eine beachtliche Karriere vorweisen und schöpfen so scheinbar mühelos aus dem Fundus ihrer darstellerischen Erfahrungen. Ein Umstand, der auch der Interpretation ihrer Rollen zugutekam. Den allzu „dramatischen“ Grundton des Stücks lockert Edith Hancke als Hausperle Mary mit ihren humorvollen Auftritten auf.

    Und auch in diesem Fall gilt mein Dank dem hervorragenden Tonmeister, der abermals wieder ganze Arbeit leistete, indem er dieses Hör-Erlebnis durch sein Können abrundete.

    CD 4/ Die spanische Truhe (1994)/ Regie: Reinhard Prosser und Gerda Eisendle/ mit Gustl Weishappel, Alexandra Tichy, Signe Seidel, Helma Gautier, Klaus Martin Heim u.a.

    Hercule Poirot, der Zweite: In dieser Hörspiel-Adaption einer Kurzgeschichte schlüpft Gustl Weishappel vokal in die Rolle unseres Meisterdetektivs und konnte mich bedauerlicherweise mit seiner Darbietung nicht völlig überzeugen.

    Weishappel ist durchaus ein talentierter Sprecher, nur für die Rolle des Hercule Poirot halte ich ihn für keine optimale Wahl. So wirkt Weishappels Interpretation des kleinen, agilen Belgiers eher gemütlich, beinah väterlich und somit wenig dynamisch. Auch interpretiert Alexandra Tichy die Rolle der patenten Sekretärin Miss Lemon eher unangebracht spröde. Alle anderen Sprecher*innen liefern solide aber wenig spektakuläre Leistungen.

    Alles in allem ist dies – von den bisher angehörten und rezensierten Hörspielen – die schwächste Adaption eines Christie-Klassikers.

    Kommentieren0
    0
    Teilen
    Cover des Buches Drei Hörspiele (ISBN: 9783867177245)

    Bewertung zu "Drei Hörspiele" von Agatha Christie

    Drei Hörspiele
    AndreasKueckvor einem Monat
    Kurzmeinung: Agatha Christie – Hörspiele Teil 1: Unterhaltsame und nostalgische Hörerlebnisse…!
    Agatha Christie – Hörspiele Teil 1: Unterhaltsame und nostalgische Hörerlebnisse…!

    Abends, wenn es eigentlich schon Zeit war, um zu schlafen, gab es für mich als Kind nichts gemütlicheres, als eingekuschelt in meiner Daunendecke einer Hörspiel-Kassetten zu lauschen: Die drei ???, 5 Freunde und TKKG waren auch hier meine bevorzugten Helden. Selten empfand ich meine Kindheit friedvoller als in diesen raren Momenten.

    Daran musste ich denken, als ich zwei Hörspiel-Editionen mit Werken meiner Lieblings-Autorin entdeckte. Hörbücher begeistern mich ja eher weniger, aber vielleicht könnte ich mit diesen Hörspielen das Gefühl der Vergangenheit wieder heraufbeschwören.

    Es handelt sich hierbei um eine abwechslungsreiche Auswahl, die hauptsächlich beliebte Christie-Geschichten beinhaltet aber auch mit zwei eher unbekannteren Erzählungen neugierig macht auf ihre Werke abseits des Bekannten. Allen Einspielungen ist gemein, dass jeweils ein talentiertes Ensembles aus renommierten Darsteller*innen, die einigen Hörer*innen aus Theater, Film und Fernsehen bekannt sein dürften, zum Einsatz kam. Da hier tief und erfolgreich in den Archiven der Rundfunkanstalten gewühlt wurde, dürfen wir uns an Einspielungen aus den 50ern, 60ern, 70ern und 90ern sowie aus dem Jahre 2000 erfreuen. Doch gänzlich unabhängig vom Alter der Aufnahme ist die Tonqualität exzellent.

    Gefallen haben mir alle (!) Hörspiele. Dabei konnte ich durchaus Unterschiede im Vortrag wahrnehmen: Die Sprecher*innen aus den 50er Jahren klingen anders als ihre Kolleg*innen aus dem Jahre 2000. Der Sprachduktus war damals ein anderer als heutzutage – wen wunder’s: Zwischen der Entstehungszeit beider Aufnahmen liegt beinah ein halbes Jahrhundert. Doch in jedem Fall war es für mich eine helle Freude, Könner*innen ihres Fachs zu lauschen, die noch sprechen konnten und die Kunst des Vortragens beherrschten. Darum werde ich auch weniger auf den Inhalt der jeweiligen Geschichte sondern vielmehr auf die Art des Vortrages eingehen.

    Abschließend möchte ich einen Appell an Euch richten: Bitte holt Euch die alten Hörspiel-Schinken! Es lohnt sich, weil es so viel Spaß bringt. Ich saß eingekuschelt in einer Decke mit einem Becher Tee in meiner Hand und lauschte gespannt, und – Ja! – ich habe einen Hauch der friedvollen Kinderzeit nochmals erahnen dürfen.

    Drei Hörspiele von Agatha Christie

    CD 1/ Zeugin der Anklage (1995)/ Regie: Reinhard Prosser und Gerda Eisendle/ mit Peter Fröhlich, Sonja Sutter, Reiner Friedrichsen, Karl Michael Vogler, Klaus Martin Heim u.a.

    „Was war zuerst da: die Henne oder das Ei?“ stellte ich in meinem Beitrag "Agatha Christie – Zeugin der Anklage/ Erzählung und Theaterstück im Vergleich" mir selbst die Frage und lieferte in einem Atemzug auch die Antwort. Aus einem Theaterstück wurde ein Film: Dank Billy Wilders exzellenter Verfilmung mit den Schauspiellegenden Charles Laughton, Marlene Dietrich und Tyrone Power ist diese Geschichte sicherlich vielen bekannt. Andere Verfilmungen könnten es gegenüber diesem cineastischen „Schwergewicht“ durchaus schwer haben, sich zu behaupten.

    Aus einem Theaterstück wurde aber auch ein Hörspiel: Nun neige ich zum Glück nicht dazu, unterschiedliche Formate miteinander zu vergleichen. So konnte ich relativ neutral dieser Hörspiel-Adaption lauschen, die mit einer stimmigen Geräuschkulisse und dem passenden Einsatz von Hall in den Gerichtsszenen für Atmosphäre sorgt. Leider sind sich die Stimmen von Karl Michael Vogler (Sir Wilfrid Robarts) und Reiner Friedrichsen (Anwalt Mayhew) zu ähnlich, um prägnante Akzente zu setzten. Dafür trumpft Klaus Martin Heim als Staatsanwalt Myers mit markanter Stimme auf. Peter Fröhlich mimt den (scheinbar) Unschuldigen glaubwürdig zwischen Naivität und Fassungslosigkeit. Doch mein Hauptaugenmerk (Oder sollte es eher „Haupt-ohren-merk“ lauten?) lag bei Sonja Sutter in der Rolle der Titelgeberin: Mit fein nuancierter Sprache liefert sie eine äußerst gelungenes Rollenporträt und überzeugte mich somit völlig in dieser Doppelrolle. „Welche Doppelrolle?“ werdet Ihr Euch vielleicht jetzt fragen. Die Lösung erfahrt Ihr beim Anhören dieses Hörspiels!

    CD 2/ Die Stimme aus dem Grab (1961)/ Regie: Paul Land/ mit Julia Costa, Ernst Fritz Fürbringer, Edith Heerdegen, Charles Wirths, Tessy Kuhls u.a.

    „Christie goes Mystery“ könnte der Untertitel zu dieser Geschichte durchaus lauten. Diesmal meldet sich eine Ehefrau telefonisch aus dem Jenseits und erschreckt ihren Ehemann nebst neuer Gattin.

    Ernst Fritz Fürbringer als James Brent, Julia Costa als seine Gattin Pamela und Edith Heerdegen als „Stimme aus dem Grab“ tragen die Hauptlast in dieser mysteriösen Geschichte und meistern dies sehr unterhaltsam. Die Stimmfarben der Sprecher*innen und die zeittypische musikalische Untermalung sorgen sehr charmant für ein nostalgisches Flair.

    CD 2/ Legale Tricks (2000)/ Regie: Dieter Carls/ mit Angelika Bartsch, Bernt Hahn, Sibylle Kuhne, Claus-Dieter Clausnitzer u.a.

    In dieser spannenden Geschichte spielen – außer Angelika Bartsch als Julia und Bernt Hahn als Sir Luke – alle anderen Personen eher eine untergeordnete Rolle. So mutet dieses Hörspiel auch eher als Kammerspiel an, indem sich die beiden genannten Hauptprotagonisten in ihren Dialogen die Bälle hin und her werfen.

    Bernt Hahn mimt den arroganten Womanizer mit anfänglich beinah öligem Charme, bis er wimmernd erkennt, dass er in eine Falle getappt ist. Angelika Bartsch setzt ihre Stimme absolut überlegt ein und schafft mit ihrer differenzierten Betonung, gekonnt Akzente zu platzieren. So gibt sie die verführerische Femme Fatal mit dunklem Geheimnis sowohl äußerst überzeugend wie auch bedrohlich.

    Kommentieren0
    0
    Teilen
    Cover des Buches Maigrets Pfeife (ISBN: 9783311131014)

    Bewertung zu "Maigrets Pfeife" von Georges Simenon

    Maigrets Pfeife
    AndreasKueckvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: …klein, fein, Simenon!
    …klein, fein, Simenon!

    Was kann ich nur tun, wenn sich meine Leselust auf einem noch nie dagewesenen Tiefpunkt befindet, ich mit Mühe knapp 20 Seiten von einem Roman gelesen habe, den die Buchhändlerin meines Vertrauens mir warm/wärmer/wärmstens ans Herz gelegt hatte, und zudem einige Ereignisse vor/an/nach Ostern mich und meinem Liebsten herausforderten? Auf Biegen und Brechen am besagten Roman weiterlesen und ihn mir vielleicht dadurch verleiten? Ganz sicher nicht…! Vielmehr habe ich selbst die Anspannung aus diesem Zustand genommen, indem ich mich einer kleinen Krimi-Erzählung aus der Feder von Georges Simenon gewidmet habe.

    Wo hat er sie nur gelassen? Kommissar Maigret sucht seine Lieblingspfeife, die ihm seine Frau vor 10 Jahren zum Geburtstag schenkte und die er immer nur „die gute alte Pfeife“ nennt. Er sucht die Räumlichkeiten des Kommissariats ab, geht von Zimmer zu Zimmer, von Platz zu Platz – selbst an Orten, die er an diesem Tag bisher nicht aufgesucht hatte, schaut er nach seiner Pfeife…! Doch nirgends ist sie zu finden. Dabei war der Tag bisher völlig ruhig und ereignislos verlaufen. Selbst Besucher hatten sich nicht ins Kommissariat verirrt. Bis auf… – Ja! – da war diese ältere Frau mit ihrem Sohn gewesen, die wirres Zeug über einen angeblichen Eindringling, der in ihrer Abwesenheit ihre Wohnung durchsucht, redete. Er hatte ihr nicht so genau zugehört. Allerdings kam ihm der Sohn, ein junger Mann von 17 Jahren, durchaus etwas absonderlich vor und reagierte verdächtig, als er Maigrets Namen hörte. Nachdem ihn die Beiden verlassen hatten, vermisste er seine Pfeife. Er wird dieser unangenehmen Frau und ihrem Sprössling einen Besuch abstatten. Als Vorwand könnte er Ermittlungen im Interesse der Familie im Fall „unbekannter Eindringling“ vorschieben und dabei unauffällig nach seiner Pfeife Ausschau halten. Und vielleicht ist an dieser abstrusen Geschichte mit dem Eindringling doch etwas dran…!

    Es war genau die richtige Entscheidung: Ich saß in einer Wolldecke eingewickelt auf dem Sofa, neben mir stand eine Tasse Kaffee, und mein Blick wanderte während der Lektüre hin und wieder zum Fenster nach draußen, wo sich das April-Wetter abwechslungsreich austobte. Dank dieser knapp 70 Seiten wurde ich ins Frankreich Ende der 40er Jahre katapultiert, um dem hochgeschätzten Ermittler bei seinem kniffeligen Fall zu „assistieren“. Simenon galt als Vielschreiber, der sein Metier in jungen Jahren durch das Verfassen von so genannten Groschenromanen erlernte. Seine Werke sind aber weit davon entfernt, um als Trivial-Literatur abgekanzelt zu werden. Vielmehr war er ein Meister im Kreieren atmosphärisch dichter Handlungsort und im Erschaffen eines kauzig-kantigen Personals. Dabei sucht der geneigte Leser die Personen der Upperclass vergeblich, vielmehr liefert Simenon glaubhafte Porträts der einfachen Leute und liefert somit eine realistisch anmutende Milieu-Studie aus einer längst vergangenen Zeit.

    Mein positiver Gesamteindruck zu diesem kleinen Büchlein im Retro-Design rundete der Kampa-Verlag mit einem Nachwort vom Übersetzer Karl-Heinz Ott und einer Reminiszenz von Peter Ustinov, der amüsant von seinen Begegnungen mit dem großen Meister Simenon berichtet, äußerst gelungen ab.

    Kommentieren0
    0
    Teilen
    Cover des Buches Die Tode meiner Mutter (ISBN: 9783314105616)

    Bewertung zu "Die Tode meiner Mutter" von Carla Haslbauer

    Die Tode meiner Mutter
    AndreasKueckvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Do Re Mi Fa So La Ti Do: ...meistens ziemlich normal!
    Do Re Mi Fa So La Ti Do: ...meistens ziemlich normal!

    Meine Mutter ist manchmal lieb und manchmal böse, manchmal leise und manchmal laut. Trotzdem ist meine Mutter einfach „nur“ meine Mutter. Auch wenn sie für ihr Leben gerne stirbt. Denn meine Mutter ist Opernsängerin, und da stirbt man eben sehr oft. Doch meistens ist sie ziemlich normal!

    Die Mama unserer kleinen Ich-Erzählerin ist eine ganz außergewöhnliche Frau: Meistens ist sie eine Mutter, wie jede andere auch. Doch wenn sie sich für die Arbeit vorbereitet, dann hören es auch die Nachbarn. Und während andere Mütter vielleicht in einem Büro oder Geschäft arbeiten, geht diese Mutter ins Theater, verkleidet sich und stirbt als Mimi, Violetta oder Desdemona unter vokal-artistischem Einsatz einen höchst dramatischen Bühnentod. Ihre Tochter sitzt dann sehr stolz im Publikum, vergießt vielleicht ein Tränchen oder muss auch mal lautstark Partei ergreifen, wenn ihrer Mutter zu arg mitgespielt wird.

    Autorin und Illustratorin Carla Haslbauer wuchs selbst als Tochter einer Opernsängerin auf und kann somit in dieser Geschichte auf Selbsterlebtem zurückgreifen. Dies spiegelt sich einerseits in der Absurdität wieder, wenn die Mutter in unterschiedlichen Aufmachungen und somit Persönlichkeiten mit ihren Kindern z.Bsp. Einkaufen geht. Andererseits spricht gerade aus dem normalen Umgang der Kinder zu dieser Absurdität eine große Herzlichkeit. „Die Tode meiner Mutter“ entstand als Abschlussarbeit zu ihrem Studium in „Illustration Fiction“ an der Design & Kunst-Hochschule in Luzern und ist somit ihr erstes Bilderbuch. Ihre Illustrationen wirken wie Bleistiftzeichnungen, die sich – ähnlich wie die Vokale bei den Stimm-Übungen der Mutter – leicht über das Papier verteilen und somit perfekt unperfekt voller skurriler Details erscheinen. Während der Alltag in frischen Farben daherkommt, wird die Bühnenwelt in dramatisch-dunklen Nuancen getaucht. Amüsiert habe ich mich auch über das Kuschelhäschen der Tochter, das – einem Running Gag gleich – unserer kleinen Ich-Erzählerin im Alltag zur Seite steht und deren Emotionen widerspiegelt.

    Carla Haslbauer ist ein federleichtes Bilderbuch gelungen, das Kindern die Angst vor der hehren Kunst nimmt und somit die Welt der Oper auf spielerische Art näher bringt. So begreift schon jedes Kind:

    In der Oper wird mit einem Messer im Rücken zuallererst gesungen und dann gestorben!

    Kommentieren0
    2
    Teilen
    Cover des Buches Das Versprechen (ISBN: 9783257228120)

    Bewertung zu "Das Versprechen" von Friedrich Dürrenmatt

    Das Versprechen
    AndreasKueckvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: …anders, doch ebenso grandios wie der Film!
    …anders, doch ebenso grandios wie der Film!

    Am Anfang stand das Wort,…

    …und Wort für Wort entstand ein Drehbuch: Im Jahre 1958 lieferte Friedrich Dürrenmatt die Vorlage für den Film „Es geschah am hellichten Tag“ in der Regie von Ladislao Vajda und brachte so in der von Heimatfilmen, Dramen und Musikkomödien dominierten Kinos eine neue Nuance. Die Erzählweise des Films wirkt unaufgeregt, ruhig, beinah spröde. Die Spannung resultiert aus dem fiebrigen Warten auf die bevorstehende Tat, da der Regisseur sich einem Kniff bediente, den sein prominenter Kollege Alfred Hitchcock schon zur Perfektion beherrschte: Suspence – das Publikum weiß immer mehr als der Kriminal! Zudem überzeugte der Film mit einer exzellenten Besetzung bis in die kleinsten Rollen.

    Nach einem Vortrag des Ich-Erzählers über das Verfassen von Kriminalromane wird er von Dr. H., dem pensionierten Kommandanten der Kantonspolizei Zürich angesprochen, der seine Ausführung kritisch zu widerlegen versucht. Hierzu lädt er den Ich-Erzähler ein, ihn an die Schauplätze eines realen Verbrechens, das sich vor Jahren ereignet hatte, zu begleiten. Während dieser Fahrt berichtet Dr. H. von dem Fall der kleinen Gritli Moser, die, wie schon zwei Mädchen vor ihr in anderen Kantonen, von einem bis dahin Unbekannten mit einem Rasiermesser ermordet wurde. Schnell erhärtete sich der Verdacht gegenüber dem Hausierer, der die Leiche des Kindes gefunden hatte. Nach einem stundenlangen Verhör gestand er, begann danach in der Zelle allerdings Selbstmord. Alle waren erleichtert, dass dieses brutale Verbrechen so schnell aufgeklärt werden konnte. Nur der scheidende Kommissär Matthäi, der sich schon auf dem Sprung Richtung Delegation nach Jordanien befand, zweifelte an der Schuld des Hausierers und stellte ohne Unterstützung der Polizei eigene Nachforschungen an. Hierzu pachtete er an einer stark frequentierten Straße, die die einzelnen Kantone miteinander verbindet, eine Tankstelle und stellte zusätzlich eine junge Frau als Hauswirtschafterin ein. Ihre kleine Tochter präsentierte er – wie ein rotes Tuch dem Stier – dem Mörder als Köder. Nun blieb ihm nichts weiter übrig, als zu warten…!

    Wer den Film kennt und liebt wird über den Roman evtl. überrascht sein. Naja, vielleicht auch nicht…! Dürrenmatt wäre nicht er, hätte er sein Drehbuch einfach 1:1 in einen Roman verwandelt. Zudem er sich vom fertigen Film und seiner Besetzung nicht besonders angetan zeigte und sich ein anderes, realitätsnahes Ende gewünscht hätte. So korrigierte er literarisch die Fehler an dieser Geschichte, die seiner Meinung nach bei der filmischen Umsetzung entstanden sind.

    Aber was genau hat er denn nun verändert? Eigentlich nicht viel: Er bleibt der Geschichte in ihrer Grundstruktur treu. Er wechselt „nur“ den Blickwinkel, schaltet das künstliche Licht der Filmstudios aus und betrachtet alles unter Tageslicht. Kommissär Matthäi zeigt sich in seiner Charakterisierung weit entfernt vom Gut-Menschen, offenbart sich als zynisch und verbohrt und wirkt so manchmal beinah unangenehm real. Die jahrelange Auseinandersetzung des Jägers mit dem Psychogram des Gejagten nimmt Einfluss auf seine Persönlichkeitsentwicklung, seine Haltung gegenüber nahestehenden Menschen und seine Stellung innerhalb der Gesellschaft. Die Identität des Mörders bleibt dem Kommissär Zeitlebens verborgen. Diese Gnade des Wissens und die damit verbundene Erlösung werden Matthäi nicht zuteil. Es scheint wie Ironie und darum so bösartig, dass Dr. H., der durch Zufall erfährt, wer für die Morde verantwortlich war und somit die Gründe nennen kann, warum die Mordserie abrupt aufhörte, seinem ehemaligen Mitarbeiter dies verschweigt und dafür umso bereitwillig dem namenlosen Ich-Erzähler Auskunft erteilt.

    „Das Versprechen“, den Mörder ihrer Tochter zu finden, das Matthäi der Mutter der ermordeten Gritli Moser gibt, schwebt wie ein Damoklesschwert über das weitere Leben des Kommissärs und lässt ihn in seinem weiteren Handeln manisch vorgehen: Da die Identität des Täters ihm vorenthalten wird, hofft er vergebens auf Erlösung. Dürrenmatt arbeitet gerne mit solchen bildhaften Metaphern, um Personen zu beschreiben oder Situationen zu skizzieren. So lässt er das Mädchen immer wieder in einem „roten Röcklein“ in Erscheinung treten und will mit der Wahl dieser Signal-Farbe nicht nur die offensichtlich blutige Kindestötung symbolisieren sondern deutet auch einen vorangegangenen Missbrauch an. Wie eine immer wieder aufgezogene Spieluhr singt das Kind in einer infantilen Monotonie das Lied „Mariechen saß auf einem Stein“. So wirkte sie auf mich als Leser beängstigend entmenschlicht, vielmehr wie eine Sache, ein Gegenstand, der begehrt wird, eine schöne Spieluhr, die bei allzu grobem Gebrauch durchaus zerbricht…!

    Mit diesem „Requiem auf den Kriminalroman“ befreite Dürrenmatt die Vorlage aus der „filmischen Fiktion“. Obwohl ich selbst den Wunsch des Publikums nach Gerechtigkeit und der trügerischen Sicherheit, dass das Böse verliert und das Gute triumphiert, nur zu gut nachvollziehen kann (und ich den Film nach wie vor großartig finde). Bevor ich erstmals den Roman gelesen habe, hatte ich mir zuerst nochmals den Film angesehen und gestehe, dass diese Kombination einen besonderen Reiz auf mich ausübte. Mir schien es beinah, als hätte ich durch die Kenntnis beider Kunstformen ein „allmächtiges“ Wissen erlangt, das ich nicht hätte, wäre mir nur eine von beiden bekannt.

    Aber seine „literarische Realität“ als Totengesang zu titulieren halte ich doch für stark übertrieben. Ganz im Gegenteil: Dieser gelungene Kriminalroman rüttelt auf, packte und fesselte mich und ermöglichte mir so neue Blickwinkel auf eine mir schon lange bekannte Geschichte.

    Kommentieren0
    1
    Teilen
    Cover des Buches Frauen und Leidenschaften (ISBN: 9783837142037)

    Bewertung zu "Frauen und Leidenschaften" von Elke Heidenreich

    Frauen und Leidenschaften
    AndreasKueckvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: …intelligente Texte einer intelligenten Frau!
    …intelligente Texte einer intelligenten Frau!

    Frauen und Leidenschaften: Wer könnte darüber besser berichten als Elke Heidenreich. Schlummern doch in ihrer Brust so einige Leidenschaften, die sie – sehr zur Freude ihres Publikums – regelmäßig aus dem besagten Schlummer erweckt und ans Licht der Öffentlichkeit bringt. Ihre wohl größte Leidenschaft ist das Schreiben, und so hat sie zu einigen Veröffentlichungen für/von/mit/über Frauen schon einige Vor- und Nachworte verfasst.

    Anlässlich ihres 75. Geburtstags vor drei Jahren nahm sie diese Texte nochmals zur Hand, entstaubte sie und las sie erstmals ein (eine weitere ihrer Leidenschaften). Denn diese Texte sind viel zu schade, um in Büchern oder Anthologien in Vergessenheit zu geraten, da es sich zudem um Themen handelt, die sie (O.-Ton!) „leidenschaftlich bewegen“. Sie ist eine Frau, die viel liest, viel schreibt, gerne am Meer lustwandelt, sich Rosen schenken lässt und ihr Leben mit einem Mops teilt (…hin und wieder durchaus auch mit einem Mann, aber der bessere Lebensbegleiter bleibt der Hund!).

    Und schon sind wir mitten drin im Geschlechter-Clinch. Zu jedem Thema verdeutlicht die Autorin uns äußerst überzeugend, dass Frauen und Männer aufgrund ihrer unterschiedlichen Programmierung rein genetisch nicht zusammen passen können (Diese Tatsache war mir als schwuler Mann durchaus schon seit geraumer Zeit bewusst). Und so kontert sie gegenüber den Dichtern und Denkern, Seebären, Rosenkavalieren und Hundehaltern unter all den Männern auf der Welt höchst unterhaltsam und kurzweilig. In ihren eleganten Ausführungen lässt sie Sprüche, Zitate und Anekdoten einer Vielzahl an Literat*innen einfließen, die ich mir leider nicht ansatzweise merken konnte und mir darum – ungewöhnlich für ein Hörbuch – eine Anlage mit Quellenverweise gewünscht hätte. Hängen geblieben ist mir (wie könnte es auch anders sein) ihr Zitat von Erich Kästners „Marktanalyse“, das – schon im Jahre 1949 veröffentlicht – so herrlich genüsslich die akademische Hochnäsigkeit mancher Männer ad absurdum führt:

    Der Kunde zur Gemüsefrau: „Was lesen Sie denn da, meine Liebe? Ein Buch von Ernst Jünger?“
    Die Gemüsefrau zum Kunden: „Nein, ein Buch von Gottfried Benn. Jüngers kristallinische Luzidität ist mir etwas zu prätentiös. Benns zerebrale Magie gibt mir mehr.“

    Sollte hier nun der Eindruck entstehen, dass die Autorin bei ihren Ausführungen die Männer nicht allzu gut wegkommen lässt, dann kann ich versichern „Ja, es stimmt!“, aber bei jedem Seitenhieb auf das angeblich starke Geschlecht ist ein schelmisches Augenzwinkern ebenso wahrnehmbar.

    Mit diesem Hörbuch beweist Elke Heidenreich abermals, dass sie eine brillante Vorleserin ist, die mit Intelligenz, Humor und (Selbst-)Ironie zu begeistern weiß. Zu gerne würde ich sie wieder einmal bei einer Live-Lesung hören und sehen: ein Erlebnis, das bisher eine ungetrübte Freude bei mir hinterließ. Bis es endlich soweit ist, erfreue ich mich weiter an diesem Plädoyer für die starken, talentierten und selbstbewussten Frauen dieser Welt…!

    Kommentieren0
    1
    Teilen

    Über mich

    Lieblingsgenres

    Romane, Krimis und Thriller, Jugendbücher, Kinderbücher, Humor, Klassiker, Gedichte und Dramen

    Mitgliedschaft

    Freunde

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Hol dir mehr von LovelyBooks