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AndreasKueck

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    Cover des Buches Alibi für einen König (ISBN: 9783311300359)

    Bewertung zu "Alibi für einen König" von Josephine Tey

    Alibi für einen König
    AndreasKueckvor 13 Tagen
    Kurzmeinung: Krimi oder doch kein Krimi: Eine Geschichtsstunde der besonderen Art…!
    Krimi oder doch kein Krimi: Eine Geschichtsstunde der besonderen Art…!

    Inspector Alan Grant vom Scotland Yard liegt nach einem berufsbedingten Unfall mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus, starrt zur Decke und langweilt sich. „Von Hundert auf Null“ wurde er aus seinem aktiven Berufsleben in die stupide Monotonie eines Krankenhausalltags katapultiert. So fühlt er sich äußerst nutzlos, was sich deutlich auf seine Laune auswirkt. Diese wird zunehmend schlechter – sehr zum Leidwesen des Pflegepersonals und seines Besuchs. Dabei versucht besonders die reizende Marta Hallard ihn mit dem neusten Klatsch und Tratsch aus der Welt des Theaters (Schließlich ist sie eine gefragte Schauspielerin.) zu unterhalten. Aber selbst die Histörchen über ihre junge Kollegin, die sich auf der letzten Amerika-Tournee den Erben eines Haushaltswaren-Imperiums geangelt hat, und der ihr über den großen Teich bis nach London gefolgt ist, können ihn nicht zerstreuen. Und so appelliert Marta an den kriminalistischen Instinkt von Grant, der sich in der Vergangenheit besonders durch das Studieren von Gesichtern hervorgetan hat, und liefert ihm eine Sammlung von Porträts zeitgenössischer wie historischer Persönlichkeiten. Eher Lustlos blättert Grant durch die Porträts, bis das Bild von Richard III ihn in seinen Bann zieht. König Richard III regierte das Land von 1483 bis zu seinem Tod im Jahre 1485, und „Dank“ der Tragödie aus der Feder von William Shakespeare wird er als skrupelloser Machtmensch gesehen, der angeblich rücksichtslos seine beiden minderjährigen Neffen tötete, nur um sich weiterhin den Thron zu sichern. Grants Interesse ist geweckt. Doch die Ausbeute an Geschichtsbüchern, die ihm das Pflegepersonal zur Verfügung stellen kann, deckt nur notdürftig seinen Wissensdurst – im Gegenteil: Vielmehr keimt in Grant der Verdacht, dass der König zu Unrecht verschmäht wurde. Da kommt Marta auf die glorreiche Idee, ihm Brent Carradine, eben jenen Erben eines Haushaltswaren-Imperiums, an die Seite zu stellen. Carradine ist momentan chronisch unterbeschäftigt und gerne bereit unter der Führung von Grant im British Museum zu recherchieren. Beide Männer stürzen sich mit Elan in die Aufgabe und graben Erstaunliches zu Tage…!

    Hinter dem Pseudonym Josephine Tey versteckt sich die schottische Autorin Elizabeth MacKintosh, die sehr zurückgezogen lebte und öffentliche Auftritte scheute. Vielmehr ließ sie ihre Kriminalromane für sich sprechen. „Alibi für einen König“ belegt Platz 1 auf der Liste der 100 besten Kriminalromane der Autorenvereinigung „Crime Writers’ Association“ und wurde im Jahre 1969 mit dem „Grand prix de littérature policière“ geehrt. Dabei ist auch dieser Roman – wie auch schon "Nur der Mond war Zeuge" – wahrlich kein typischer Kriminalroman.

    Tey verzichtet gänzlich auf die bekannten Zutaten eines klassischen Krimis. Vielmehr spielt der gesamte Roman ausschließlich im Krankenzimmer von Alan Grant und zieht seine Spannung aus den Dialogen der handelnden Personen. Humorvoll stellt Tey hier die unterschiedlichen Charaktere unserer beiden Helden gegenüber: Während Grant diesen „Fall“ eher analytisch aus der Sicht des erfahrenen Kriminologen betrachtet, lässt Carradine sich gerne von seinem jugendlichen Elan leiten.

    So lässt Tey ihren Hauptprotagonisten bzw. seinen Kompagnon sich durch die Standardwerke der britischen Geschichte ackern und scheut – ganz im Sinne der Wahrheitsfindung – nicht davor zurück, Widersprüchliches aufzudecken und Ungereimtheiten offenzulegen.

    Da ich kein Fachmann in Bezug auf die britische Geschichte bin, nehme ich die genannten Fakten, historischen Tatsachen und literarischen Verweise als authentisch hin. So kann ich über die Fülle der Zitate, die von der Autorin scheinbar akribisch recherchiert wurden, nur staunen und ihr dafür meine Hochachtung aussprechen.

    Damit dieser Krimi nicht zu einer langweiligen wie auch langatmigen Unterrichtsstunde zur britischen Geschichte verkommt, erfreut die Autorin uns mit markanten Protagonist*innen, die durchaus den gängigen Klischees der Entstehungszeit des Romans entsprechen. Doch dies betrachte ich weniger als Nachteil. Vielmehr trägt dieser Umstand zum liebenswerten Flair dieses Krimis bei, zumal Tey ihre Held*innen charmant porträtiert und in sowohl amüsanten wie auch geschliffenen Dialogen miteinander agieren lässt.

    Ich bin so froh, dass, neben all den Ostfriesenmördern und skandinavischen Psycho-Killern, die klassische Kriminalliteratur seit einiger Zeit eine Renaissance erfährt und (hoffentlich) weiterhin einen sicheren Platz bei rührigen Verlagen, im Buchhandel und somit auch im heimischen Bücherregal findet.

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    Cover des Buches Der Boulevard des Schreckens (ISBN: 9783956145094)

    Bewertung zu "Der Boulevard des Schreckens" von Moritz Hürtgen

    Der Boulevard des Schreckens
    AndreasKueckvor 21 Tagen
    Kurzmeinung: Durchaus interessanter Genre-Mix aus Medienschelte, Realsatire und Gesellschaftskritik…!
    Durchaus interessanter Genre-Mix aus Medienschelte, Realsatire und Gesellschaftskritik…!

    Da hat sich Volontär Martin Kreutzer arg weit aus dem Fenster gelehnt, als er gegenüber seinem Chefredakteur Oliver Michels und der Leiterin des Feuilletons Linda Hellwig vollmundig behauptet, er könne ein Exklusiv-Interview mit dem momentan angesagtesten Performance-Künstler Lukas Moretti ergattern. Denn schließlich wären er und Moretti miteinander bekannt – Ja! – er würde sogar so weit gehen und behaupten, sie wären seit der gemeinsamen Studienzeiten miteinander befreundet. Während Hellwig eher misstrauisch reagiert, ist Michels sofort Feuer und Flamme und schickt den selbsternannten „Star-Reporter“ nach München zum neuen Stern am Künstlerhimmel. Und natürlich reagiert Moretti auf das Erscheinen von Martin Kreutzer wie erwartet: Er kann sich weder an ihn noch an eine gemeinsame Studentenzeit erinnern, und für ein Interview für dieses rechtsversiffte Schmierenblatt steht er nie und nimmer zur Verfügung. Kreutzer ist verzweifelt. Zumal ihm seine Chefin Linda Hellwig telekommunikativ im Nacken sitzt, will heißen, sie droht ihm via Handy Höllenqualen an, sollte er nicht liefern. Und so greift er in seiner Not zu einer Lüge, hämmert ein fiktives Interview in die Tastatur seinen Laptops, schickt dieses zur Redaktion und fällt danach in einen unruhigen Schlaf. Am nächsten Morgen ist nichts mehr wie am Abend zuvor! Am nächsten Morgen wird bekannt, dass die Leiche von Lukas Moretti neben Gleisen in der Nähe seines Heimatortes gefunden wurde. Chefredakteur Michels ist begeistert. Seine Redaktion ist exklusiv im Besitz des absolut letzten Interviews von Lukas Moretti, und so schickt er seinen journalistischen Gold-Jungen Kreutzer zum Ort des Geschehens zwecks Hintergrund-Recherche: Fotos vom Fundort der Leiche, Statements der Einsatzkräfte, Interviews der trauernden Hinterbliebenen etc. Und Martin Kreutzer macht sich – gezwungenermaßen – auf den Weg und findet sich unvermittelt in einem Kaleidoskop der menschlichen Absonderlichkeiten wieder…!

    Nachdem ich seinen amüsanten Gedichtband "Angst vor Lyrik" wahrlich genossen habe, war ich sehr gespannt auf den Erstlings-Roman von Moritz Hürtgen und stürzte mich – nachdem das Rezensionsexemplar mich erreichte – voller Vorfreude in die Handlung. Doch irgendwie fremdele ich leider mit diesem Werk. Die bissige Ironie, die in der Kürze der Verse so fulminant witzig zündete, wirkte auf mich in der Langstrecke eines Romans eher unangenehm. Zumal auch die Figuren wenig Sympathie ausstrahlten, vielleicht auch wenig Sympathie ausstrahlen sollen.

    Dabei liefert Hürtgen durchaus einen interessanten Mix aus Medienschelte, Realsatire und Gesellschaftskritik und nimmt dabei Anleihen an den Kriminalroman. Die Geschehnisse im Hotel riefen in mir zudem Assoziationen an Stephen Kings „Shining“ hervor. Hinter jeder Ecke, signitiv nach jeder gelesenen Seite lauerte wieder eine neue turbulente Entwicklung und trieb so die Handlung weiter voran.

    Doch als naiv Unbeteiligter fragte ich mich, ob der Autor mit seiner Schilderung bewusst schamlos übertreibt oder eher die brutale Realität der Medienlandschaft mit ihren manischen Protagonisten und menschenverachtenden Methoden beschreibt. Letzteres würde mich eher ängstigen, für ersteres fehlte mir trotz aller Überhöhung eine Spur mehr Humor (bzw. ein Humor, den ich erkennen und verstehen konnte). Ein amüsiertes wie erleichterndes Auflachen beim Lesen hätte mir zwischendrin durchaus gutgetan.

    So legte ich den Roman bedauerlicherweise mit zwiespältigen Gefühlen aus den Händen: Ich fand ihn nicht schlecht. Doch die Verwirrung, die er in mir auslöste, behielt dabei leider die Oberhand. Schade!

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    Cover des Buches Das fliegende Klassenzimmer (ISBN: 9783855356072)

    Bewertung zu "Das fliegende Klassenzimmer" von Erich Kästner

    Das fliegende Klassenzimmer
    AndreasKueckvor einem Monat
    Kurzmeinung: Ein wunderbarer Seelentröster für kleine und große Leser*innen...!
    Ein wunderbarer Seelentröster für kleine und große Leser*innen...!

    Während ich mich mit "Gesang zwischen den Stühlen" beschäftigte, schaute ich auch auf das Gesamtwerk von Erich Kästner und machte gedanklich einen Haken hinter jedem von mir schon gelesenen Buch. Plötzlich stockte ich abrupt, als mein Blick auf den Titel des Kinderbuches „Das fliegende Klassenzimmer“ fiel. Erstaunt blinzelte ich mit den Augen und konnte es selbst kaum fassen: Ich hatte diese Geschichte doch tatsächlich noch nie gelesen. Natürlich kenne ich den Inhalt, denn schließlich zählt der Film von 1954 zu meinen Lieblingen. Doch gelesen…! Ich nahm mir fest vor, dies in naher Zukunft nachzuholen.

    An dem Sonntag vor 10 Tagen war es dann soweit: Der Freitag zuvor war ein sehr ungewöhnlicher Tag – herausfordernd, emotional, beinah surreal – und entließ mich mit vielen unterschiedlichen Gedanken ins Wochenende. Trotz intensivem Austausch mit meinem Gatten, ließen mich diese Gedanken nicht los, und ich lief in den folgenden Tagen mit vielfältigen Gefühlen durch die Wohnung. Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, meiner Seele eine kleine Streicheleinheit zu gönnen. So griff ich zu „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner und war für Stunden nicht mehr ansprechbar. Bei der Lektüre überrollte mich eine warme Woge der Menschlichkeit, wie es nur Kästner vermag, und Tränen rannen über meine Wangen.

    Unsere Geschichte spielt in einem oberbayrischen Internat kurz vor den Weihnachtsferien. In mehreren Episoden lernen wir unsere fünf jungen Helden kennen, die sehr unterschiedlich die Vorweihnachtszeit erleben. Johnny ist ganz mit der Inszenierung seines selbstgeschriebenen Stücks „Das fliegende Klassenzimmer“ beschäftigt, bei dem natürlich alles seine Freunde mitwirken. Der starke Matthias geht keiner Keilerei aus dem Weg und hat vor nichts Angst, außer er könnte zu wenig zu essen bekommen. Sein Kumpel Uli schämt sich dafür umso mehr darüber, dass er so furchtsam ist. Um nicht als Hasenfuß zu gelten, stellt er sich einer gefährlichen Mutprobe. Klassenprimus Martin leidet still, als er erfahren muss, dass er zu Weihnachten nicht nach Hause fahren kann: Aufgrund der Arbeitslosigkeit des Vaters ist kein Geld für die Fahrkarte übrig. Und der intelligente Sebastian versucht aufkommende Empfindungen hinter Rationalität zu verbergen, die aber immer wieder mit der Realität kollidiert. Sie alle haben – neben dem regulären Schullalltag – ihre kleinen Sorgen und großen Kümmernisse zu bewältigen. Die väterliche Figur nimmt in dieser Geschichte der von allen verehrte Hauslehrer Dr. Johann „Justus“ Bökh ein, der warmherzig die Belange „seiner“ Jungs sowohl mit Humor als auch mit dem nötigen Ernst begegnet. Ihm wird eine besondere Weihnachtsüberraschung zuteil, als die Jungs ihn zu dem s.g. „Nichtraucher“ führen, der in einem ausrangierten Eisenbahnwagon in der Nähe der Schule lebt. Besagter „Nichtraucher“ entpuppt sich als sein alter Freund Robert Uthofft, der nach einem harten Schicksalsschlag den Kontakt zu „Justus“ abgebrochen hatte. Doch eine Geschichte, die um und an Weihnachten spielt, wäre keine richtige Weihnachtsgeschichte, wenn am Ende nicht alles gut würde…!

    Könnt Ihr Euch vorstellen, wie schwierig es ist, die Inhaltsangabe für eine Geschichte zusammenzuschustern, in der so viel passiert? Wo anfangen? Was ist relevant? Was kann ausgelassen werden? Kann überhaupt etwas ausgelassen werden? Greifen die vielen kleinen Episoden nicht nahtlos ineinander und verknüpfen sich erst so zu einem Ganzen? Ergibt nicht erst das Zusammenfügen der einzelnen Puzzle-Teile am Ende ein harmonisches Bild? Mein stümperhaftes Ergebnis (siehe oben) kann somit nur bruchstückhaft die Handlung wiedergeben.

    Eingebettet ist die Geschichte in einer Rahmenhandlung, in der der Schriftsteller u.a. von der Schwierigkeit berichtet, im Sommer eine Winter-Geschichte zu schreiben. Gleichzeitig lässt er ebenso seine persönliche Haltung zur Kinderliteratur einfließen…

    „Schließlich nahm ich ein Kinderbuch vor, das mir der Verfasser geschickt hatte, und las darin. Aber ich legte es bald wieder weg. So sehr ärgerte ich mich darüber! Ich will euch auch sagen, warum. Jener Herr will den Kindern, die sein Buch lesen, doch tatsächlich weismachen, dass sie ununterbrochen lustig sind und vor lauter Glück nicht wissen, was sie anfangen sollen! Der unaufrichtige Herr tut, als ob die Kindheit aus prima Kuchenteig gebacken sei. Wie kann ein erwachsener Mensch seine Jugend so vollkommen vergessen, dass er eines Tages überhaupt nicht mehr weiß, wie traurig und unglücklich Kinder zuweilen sein können? […] Es ist nämlich gleichgültig, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint oder weil man, später einmal, einen Freund verliert. Es kommt im Leben nie darauf an, worüber man traurig ist, sondern nur darauf, wie sehr man trauert. Kindertränen sind, bei Gott, nicht kleiner und wiegen oft genug schwerer als die Tränen der Großen.“ (Original-Zitat aus dem Roman)

    Mit diesen Sätzen beschreibt Erich Kästner sehr schön das, was seine Kinderbücher ausmacht: Er macht seinen jungen Leser*innen nichts vor. Zwar dramatisiert er nicht aber vermeidet auch die Verharmlosung. Seine jugendlichen Held*innen dürfen (!) unangenehme Situationen erfahren. Bei ihm dürfen sie leiden und trauern aber auch froh und glücklich sein. Er wertet bzw. entwertet die Gefühle seiner jungen Protagonisten nicht. Das Leben – insbesondere das Leben eines Kindes – ist nicht immer Himmelhochjauchzend mit Heiteitei und Ringelrein. Vielmehr deckt er die scheinheilige Doppelmoral von Autor*innen, Verleger*innen und erwachsenen Leser*innen auf, die sich über Schilderungen in Kinderbüchern, die ihnen zu radikal-realistisch erscheinen, echauffieren, dabei aber völlig ausblenden, dass die Wirklichkeit, auf die so manche Kinder leider prallen müssen, deutlich radikaler ist.

    Und trotz aller gesellschaftskritischen und satirischen Aspekte in seinen Werken bleibt Kästner durch und durch der Menschenfreund, der nichts unversucht lässt, um die Tugenden im menschlichen Miteinander hochzuhalten: Freundschaft und Liebe, Toleranz und Loyalität, Mitgefühl und Fürsorge.

    Und dies gelingt ihm – sowohl in seinen Kinderbüchern wie auch in den Werken für Erwachsene – auf ganz unnachahmlicher Weise: Ohne den erhobenen Zeigefinger der Moral, vielmehr ganz sanft, beinah in homöopathischen Dosen pflanzt er seine Botschaft in mich hinein und justiert meine sozialen Antennen neu.

    Ich spüre, da ist jemand, der versteht. Ich atme befreit auf und weiß, es ist nun gut.

    Wenn ich Kästner lese, wird meine Seele getröstet!

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    Cover des Buches Alter schützt vor Scharfsinn nicht (ISBN: 9783455014617)

    Bewertung zu "Alter schützt vor Scharfsinn nicht" von Agatha Christie

    Alter schützt vor Scharfsinn nicht
    AndreasKueckvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Christies Spätwerk - leider mit Schwächen...!
    Christies Spätwerk - leider mit Schwächen...!

    Tommy und Tuppence Beresford sehnen sich nach einem ruhigen Plätzchen, wo sie sich nach all den aufregenden Jahren, in denen sie für den Secret Service gearbeitet haben, entspannt zurückziehen und ihren verdienten Lebensabend genießen können. Das kleine Cottage mit Namen „Lorbeerhaus“ scheint dafür wie geschaffen. Neben einigen Möbeln blieb auch eine große Anzahl an Büchern von den div. Vorbesitzern zurück. So stürzt sich Tuppence voller Begeisterung in die Sichtung und Sortierung der literarischen Schätze und schwelgt dabei in Erinnerungen an vergangene Lesefreuden. Doch in einer alten Ausgabe von Robert Louis Stevensons „Der schwarze Pfeil“ erregen plötzlich einzelne rot unterstrichene Buchstaben ihre Aufmerksamkeit. Akribisch blättert sie Seite für Seite weiter und reiht Buchstabe für Buchstabe aneinander…

    M-a-r-y J-o-r-d-a-n i-s-t k-e-i-n-e-s n-a-t-ü-r-l-i-c-h-e-n T-o-d-e-s g-e-s-t-o-r-b-e-n
    E-s w-a-r e-i-n-e-r v-o-n u-n-s

    …lautet die geheimnisvolle Nachricht, die – laut Signatur auf der ersten Seite – der junge Alexander Parkinson wahrscheinlich schon vor Jahrzehnten in diesem alten Buch versteckt hatte. Tuppence wäre nicht sie selbst, wenn dies nicht Ihre Neugier wecken würde. Sie brennt darauf, Ermittlungen anzustellen und in die Vergangenheit des Hauses und seiner ehemaligen Bewohner einzutauchen. Tommy reagiert da deutlich reservierter. Erst als er bei einem Spaziergang über dem örtlichen Friedhof zufällig über den Grabstein von Alexander Parkinson stolpert und so erfährt, dass der Junge schon im zarten Alter von 14 Jahren verstorben ist, regen sich bei ihm Zweifel. Gemeinsam reaktivieren sie ihre Spürnasen und versuchen die geheimnisvollen Umstände von Mary Jordans Tod aufzudecken. Ein Umstand, der anscheinend von einigen Bewohnern im Dorf nicht gerne gesehen wird…!

    Jaja, das Alter macht auch vor unseren „Partners in Crime“ nicht halt: Unsere Helden haben nun schon das Pensionsalter erreicht, und mit ihnen gemeinsam ist auch ihre Schöpferin gealtert. Im Jahr der Veröffentlichung (1973) war Mrs. Christie schließlich auch schon stolze 83 Jahre alt. In diesem Alter ist verständlicherweise kein Mensch mehr auf der Höhe seiner Schaffensphase, und dies merkt man diesem Roman leider auch an.

    Irgendwie plätscherte die Handlung nur so vor sich hin. Mir schien es, als würde der Roman mit belanglosen Dialogen und dem Einführen von Personen, die für den Fortlauf der Handlung gänzlich unerheblich waren, nur künstlich aufgebläht. So war für mich bedauerlicherweise ein Spannungsaufbau ebenso kaum wahrnehmbar wie der Humor in der Charakterisierung der Personen.

    Zum ersten Mal ertappte ich mich bei dem Gedanken, einen Christie-Krimi unbeendet zur Seite zu legen – ein Umstand, den ich als Fan nie hätte für möglich gehalten.

    Doch dann überraschte Mrs. Christie mich mit Passagen, wo ihre alte Brillanz wieder zutage kam, sie mich mit geschliffenen Dialogen erfreute, oder ich gebannt ihren Ausführungen zum damaligen Zeitgeschehen folgte. Das Füllen der Lücken zwischen diesen Passagen würde ich wohlwollend als routiniert aber wenig inspiriert bezeichnen.

    Bei diesem Spätwerk vermisste ich schmerzlich den Glanz ihrer vergangenen Romane. Doch ich kann ihr dies großmütig verzeihen: Werden wir nicht alle älter? Müssen wir uns mit dem Alter nicht alle von Fähigkeiten verabschieden? Doch ich hege die Hoffnung, dass ich dann imstande sein werde, dem eigenen Lebensabend weise und voller Gelassenheit entgegenzusehen…

    …ebenso wie die Helden dieses Romans, die „Partners in Crime“ Tommy und Tuppence!

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    Cover des Buches Professor Unrat (ISBN: 9783499100352)

    Bewertung zu "Professor Unrat" von Heinrich Mann

    Professor Unrat
    AndreasKueckvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Heinrich Manns satirisch-böse Abrechnung auf das biedere Bürgertum...!
    Heinrich Manns satirisch-böse Abrechnung auf das biedere Bürgertum...!

    Da er Raat hieß, nannte die ganze Schule ihn Unrat. Nichts konnte einfacher und natürlicher sein. Der oder jener Professor wechselten zuweilen ihr Pseudonym. […] Unrat aber trug den seinigen seit vielen Generationen, der ganzen Stadt war er geläufig, seine Kollegen benutzen ihn außerhalb des Gymnasiums und auch drinnen, sobald er den Rücken drehte. […] Man brauchte nur auf dem Schulhof, sobald er vorbeikam, einander zuzuschreien: „Riecht es hier nicht nach Unrat?“ Oder: „Oho! Ich wittere Unrat!“ Und sofort zuckte der Alte heftig mit der Schulter […] und sandte schief aus seinen Brillengläsern einen grünen Blick, den die Schüler falsch nannten und der scheu und rachsüchtig war: der Blick eines Tyrannen mit schlechtem Gewissen, der in den Falten der Mäntel nach Dolchen späht. (Original-Zitat aus dem Roman)

    …doch besagter Professor Unrat kann seinen Verleumdern „nichts beweisen“. Diese Schmach nagt an ihm und lässt ihn umso tyrannischer mit seinen Mitmenschen umgehen. Zumal in seinem Weltbild sie alle unwert erscheinen, um von seinem „Spiritus Rector“ zu profitieren. Besonders hat er die Schüler Lohmann, von Ertzum und Kieselack auf den Kieker, deren provokant selbstbewusste Art ihn anwidert und seinen Hass schürt. Zudem hegt er den Verdacht, dass sie die unflätige Verballhornung seines Namens weiter provozieren und sich zudem in zwielichtigen Etablissements aufhalten, um dort die Gesellschaft von unmoralischen Weibsbildern zu suchen. Dies gilt es, erbarmungslos aufzudecken, um die schändlichen Übeltäter von der Schule zu verbannen. So heftet sich der Professor an die Fersen seiner Schüler und landet in der Vergnügungskneipe „Der blaue Engel“, in der die Künstlerin Fröhlich Nacht für Nacht das Publikum in ihren Bann zieht. Unversehens verfällt auch der so tugendhaft erscheinende Professor dem herben Charme der jungen Schönen. Beide gehen eine toxische Verbindung ein: Mit der Liaison mit der Künstlerin Fröhlich verbannte er das von ihm so verhasste Schüler-Trio in seine Schranken. Gleichzeitig nutzt er ihre reizvolle Attraktivität, indem sie ihm Sirenen-gleich seine ehemaligen wie aktuellen Peiniger anlockt, die er dann genüsslich in den finanziellen wie auch gesellschaftlichen Ruin zieht. Die Künstlerin Fröhlich sieht ihre Verbindung deutlich pragmatischer: Für sie bedeutet die Ehe mit dem Professor in erster Linie einen gesellschaftlichen Aufstieg, wirtschaftliche Absicherung und einen Hauch von Ehrbarkeit. Dabei versucht sie verzweifelt die manischen Wutausbrüche ihres Gatten zu zügeln. Doch dessen unberechenbares Temperament machen sie zum Gespött in der ganzen Stadt und reißt schlussendlich beide hinab in den Abgrund…!

    In nur wenigen Monaten schrieb Heinrich Mann seinen (späteren) Erfolgsroman, der 1905 veröffentlicht werden sollte. Seine Kritik an der damaligen Gesellschaft, die ein scheinheilig-biederes Bürgertum propagierte aber dieses gleichzeitig nicht glaubwürdig zelebrierte, fand nicht die ungeteilte Begeisterung der Leserschaft. Vielmehr hielt der Autor den Leser*innen einen Spiegel vor, der höchst unvorteilhaft das eigene Denken und Handeln offenbarte. Fleiß, Zucht und Ordnung galten als erstrebenswerte Tugenden, die nur von den wenigsten Bürgerinnen und Bürger erreicht werden konnten. Mehrheitlich wurde verlogen versucht, den Schein zu wahren, und mit Erleichterung auf potenzielle Übeltätet mit dem Finger gezeigt, um von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken.

    Mann beschreibt sehr eindringlich den Untergang eines von seinen Mitmenschen verspotteten Spießbürgers, der sich moralisch über alle/s stellt, dennoch leidenschaftlich den Reizen eines leichten Frauenzimmers verfällt und somit seine gesellschaftliche Stellung verspielt. Während er seine Protagonist*innen in den Dialogen an den Konventionen des Bürgertums festhalten lässt, offenbart er in den inneren Monologen die wirkliche Meinung der Figuren. Und gerade diese inneren Monologe erzeugen eine vibrierende Dynamik in der Geschichte: Als Leser fühlte ich mich wie durch einen Sog in die Geschichte hineingezogen. Seite für Seite bäumt sich die Handlung immer weiter hinauf in die Höhe, um dann am Ende – beinah unspektakulär – in sich zusammenzufallen.

    Manns Sprache mutet charmant altmodisch an und spiegelt deutlich den Duktus des wilhelminischen Kaiserreichs wider. Er verwendet Satzkonstellationen, die beim Lesen aufmerken lassen, und verwendet Worte an Stellen, die für unser heutiges Empfinden ungewohnt erscheinen.

    Mit der Figur des Professor Unrats schuf Heinrich Mann einen Prototyp des Tyrannen, der unbarmherzig, menschenverachtend und ohne Mitgefühl agiert, dessen Untergang allerdings vorbestimmt scheint. Sein Roman ist für mich ein Paradebeispiel für Gesellschaftskritik in der Literatur, die so versuchte, Einfluss auf politische Situationen zu nehmen.

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    Cover des Buches Gesang zwischen den Stühlen (ISBN: 9783038820116)

    Bewertung zu "Gesang zwischen den Stühlen" von Erich Kästner

    Gesang zwischen den Stühlen
    AndreasKueckvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Ironisch – politisch – gesellschafts-kritisch – menschlich...!
    Ironisch – politisch – gesellschafts-kritisch – menschlich...!

    Was auch immer geschieht:
    Nie dürft ihr so tief sinken,
    von dem Kakao, durch den man euch zieht,
    auch noch zu trinken.

    Mit „Was auch geschieht!“ beginnt Kästners Gedichtband, der erstmals im Jahre 1932 erschien: Sein „Gesang zwischen den Stühlen“ könnte auch als Gesang zwischen zwei Weltkriegen, zwischen zwei Gesellschaftsformen, zwischen dem Tanz auf dem Vulkan und dem Schwimmen gegen die brauen Flut, zwischen zwei Leben eines Literaten verstanden werden.

    Kästner spielt mit dem Versmaß und variiert mit der Länge der Gedichte. Thematisch deckt er eine große Bandbreite ab und reimt über alltägliches, politisches, philosophisches wie auch persönliches. Teilweise deutet er seine Meinung nur an und versteckt die Kritik hinter Verse, die scheinbar unbedeutende Normen beschreiben, die gesellschaftlich akzeptiert und somit wenig hinterfragt werden. Kästner hinterfragt: Feingeistig, ironisch und gesellschafts-kritisch legt er die Schwachpunkte offen.

    So hinterfragt er z. Bsp. im Gedicht „Brief an meinen Sohn“ die klassische Rollenverteilung in der Erziehung. In „Das Riesenspielzeug“ weist er auf die damalige hohe Zahl von jugendlichen Erwerbslosen hin, die ohne Perspektive nur allzu empfänglich für den Lockruf der Nazis waren. Im Gegenzug wechselt er in „Ein Quartaner denkt beim Anblick des Lehrers“ die Sichtweise: Wie kann ein Lehrer ein gutes Vorbild sein, wenn der Schüler, den er auf das Leben vorbereiten soll, gesellschaftlich über ihm steht und dessen Summe an Taschengeld höher ist als das Salaire des Lehrers?

    In „Sozusagen in der Fremde“ beschreibt er mit bitterem Ton die Vereinsamung des Einzelnen, obwohl dieser von Menschenmassen umringt scheint. Bei „Die deutsche Einheitspartei“ führt er die Daseinsberechtigung eben dieser ad absurdum, indem er das Widersinnige und die Sinnlosigkeit bloßlegt. Mit „Das ohnmächtige Zwiegespräch“ wirft der Autor einen beängstigenden Blick in die nahende Zukunft und beendet hiermit diese Vers-Sammlung von insgesamt 47 Gedichten.

    Und je mehr ich Gedicht für Gedicht lese, je mehr ich mich in Kästners Prosa vertiefe, umso mehr verdichtet sich in mir der Verdacht, dass es sich hier weniger um einen volltönenden, schönstimmigen Gesang (wie der Titel fälschlicherweise versprechen könnte) handelt. Vielmehr versteckt sich hinter Kästners Versen ein zwar scharfzüngiger aber auch tottrauriger Ab-Gesang, der ein Ausblick gab auf die folgenden Jahre, die alles verändern sollten.

    Und so bitter seine Verse auch klingen mögen, so brutal er den literarischen Finger auf die offenen Wunden der Gesellschaft legt, so blickt er mit einer melancholischen Heiterkeit doch auch voller Verständnis auf die Menschheit.

    Denn schließlich war er ja einer von ihnen: ein Mensch unter Menschen…!

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    Cover des Buches Anatevka (ISBN: 9783934029408)

    Bewertung zu "Anatevka" von Barbara Kindermann

    Anatevka
    AndreasKueckvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Charmante Nacherzählung: Teil 2...!
    Charmante Nacherzählung: Teil 2...!

    Es war schon erstaunlich, dass nach dem fulminanten Erfolg von MY FAIR LADY im Oktober 1961 erst etliche Jahre ins Land ziehen mussten, bis endlich wieder ein Broadway-Musical das Publikum in Deutschland wie im Sturm eroberte. 19 Jahre nach Ende des dritten Reiches hielt 1968 ausgerechnet mit ANATEVKA (im engl. Original: Fiddler On The Roof) ein Musical, dass das Leben der Juden in einem Schtetl in der Ukraine thematisiert, Einzug in die deutsche Populärkultur. Nach Beendigung der erfolgreichen Uraufführungs-Serie incl. Tournee wurde das Stück von anderen Theatern übernommen und ist bis heute ein gern gesehener Gast auf den Spielplänen.

    Nach einer langen Zeit der Distanzierung bot dieses Musical einen Zugang zur jüdischen Kultur, der sich nicht auf die Gräueltaten des Nazi-Regimes reduzieren ließ. Es durfte wieder gelacht, geweint und geklatscht werden. Der lange Weg der „Normalisierung“ zwischen Juden und Deutschen hat im ukrainischen Dorf ANATEVKA angefangen. Wir werden sehen, wo und wann er endet. Der „Fiedler auf dem Dach“ – inspiriert durch Bilder Marc Chagalls – wurde so zum Symbol für Überlebenswillen und Lebensmut und wird hoffentlich weiterhin seiner Geige sehnsuchtsvolle Klänge entlocken.

    Was läge da näher, als dass sich der Kindermann-Verlag nach MY FAIR LADY nun diesem Werk annimmt. Auch diesmal kam die gelungene Nacherzählung aus der Feder der Verlagsgründerin Barbara Kindermann. Und auch diesmal blieb sie dem schon bei MY FAIR LADY eingeschlagenen Weg treu und präsentiert uns die wichtigsten Handlungsstränge mit gelungenen Porträts der Charaktere. Ebenso lässt sie in die Dialoge immer wieder die Lyrik der Songs einfließen und bietet uns so die Möglichkeit, parallel zum Lesen die Songs anzuhören. Dabei gelingt es ihr ganz hervorragend, sowohl den melancholisch-traurigen als auch den humorvoll-unbeschwerten Ton des Original-Buches zu treffen.

    Jenny Brosinski scheint von den Kunstwerken Marc Chagalls inspiriert worden zu sein, ohne dass sie diese kopiert. Sie findet ihren ganz eigenen Stil, spielt in ihren Illustrationen mit Proportionen und Perspektiven und lässt ihre Figuren mal bunt, mal sphärisch-durchsichtig erscheinen. Für jede dieser Figuren schuf sie ein individuelles Erscheinungsbild, das den Charakter treffend widerspiegelt. Dadurch wirken ihre Zeichnungen sowohl liebenswert als auch skurril und fordern so die Aufmerksam des Betrachtenden ein.

    Leider sind bisher keine weiteren illustrierten Nacherzählungen unter der Rubrik „Weltmusicals für Kinder“ im Kindermann-Verlag erschienen. Schade, denn das bisherige Duo hätte es verdient, – gemeinsam mit anderen Werken – zu einer Reihe bzw. Serie heranzuwachsen.

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    Cover des Buches Schweinkram (ISBN: 9783803112873)

    Bewertung zu "Schweinkram" von Alan Bennett

    Schweinkram
    AndreasKueckvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: „No sex please, we're British!“ – dafür geht’s aber heiß her!
    „No sex please, we're British!“ – dafür geht’s aber heiß her!

    „No sex please, we’re British!“

    …lautete der Titel einer englischen Film-Klamotte aus den 70ern und wurde so zum geflügelten Wort für die Engländer im Umgang mit der Erotik. Doch der Meister der Short-Stories beweist immer wieder aufs Neue, dass sich hinter der Fassade vom konformistischen Spießbürgertum so manche Absonderlichkeit versteckt.

    MRS. DONALDSON ERBLÜHT – Mrs. Donaldson lebt ein ruhiges, wenig ereignisreiches Leben in ihrem kleinen Stadthaus. Als Witwe hat sie ein bescheidenes doch regelmäßiges Auskommen, das sie sich mit gelegentlichen Auftritten als „SP“ (simulierter Patient) an der nahen Uni-Klinik aufbessert. Der dortige Oberarzt Dr. Ballantyne praktiziert diese Art der Ärzteausbildung, um seine Student*innen durch Rollenspiele praxisnah an die Realität heranzuführen. Auch durch die Vermietung von Zimmern an Studenten füllt sich Mrs. Donaldsons Haushaltskasse. Als das junge Paar eines Tages knapp bei Kasse ist, macht es ihr ein pikantes Angebot: Sie würden sie bei ihrem Liebesspiel zusehen lassen, wenn sie ihnen dafür im Gegenzug die fällige Miete erlassen würde. Mrs. Donaldson ist zu höflich, um diese freundliche Einladung ausschlagen zu können. Schließlich ist sie ja ein hilfsbereiter Mensch. Und wenn sie durch diesen kleinen Gefallen den jungen Menschen ermöglicht, die Schulden bei ihr zu tilgen, was spricht dann dagegen? Doch der praktizierte Voyeurismus bleibt für sie nicht ohne Folgen, denn er kurbelt ihre Lebensgeister an, setzt Phantasien frei und beeinflusst so ihr Auftreten in der Öffentlichkeit. Diese Veränderung bleibt auch Dr. Ballantyne nicht verborgen…!

    MRS. FORBES WIRD BEHÜTET – Mrs. Forbes ist empört: Ihr über alles geliebter, ach so wunderbarer Sohn Graham will heiraten. Aber warum er sich ausgerechnet diese unscheinbare Betty ausgesucht hat, bleibt ihr ein Rätsel. Schließlich könnte ihr Liebling mit seinem blendenden Aussehen und seinem bestechenden Charme nun wirklich jede haben. Aber nun gut, Betty soll es eben sein. Wahrscheinlich schlagen da die Gene ihres langweiligen Ehegatten durch. Was Mrs. Forbes nicht ahnt und sie zudem in eine tiefe Krise gestürzt hätte, ist der Umstand, dass ihr geliebter Prinz so ganz nebenbei auch noch mit div. Callboys die Kissen zerwühlt. Einer dieser Liebesdiener schreckt allerdings vor Erpressung nicht zurück und bringt Graham in arge Bedrängnis. Doch Betty mag zwar unscheinbar sein, aber sie ist nicht dumm. Sie kennt ihren egomanischen Gatten und seine Geheimnisse sehr genau, und weiß diese, für sich zu nutzen. Während ihre eigenen Bedürfnisse dank ihres zärtlichen Schwiegervaters aufs Beste befriedigt werden, nimmt Mrs. Forbes unwissentlich den Service des Lovers/ Erpressers ihres Sohnes in Anspruch…!

    Seit ich "Die souveräne Leserin" gelesen hatte, ist Alan Bennett für mich ein Garant für exzellente Erzählkunst. In seinen Geschichten offenbart er immer wieder gerne die Abgründe seiner Figuren, die diese verzweifelt zu verbergen versuchen. Doch hinter den Masken der scheinbaren Normalität verstecken sich so manche Absurditäten des Lebens.

    Insbesondere die erste „unziemliche Geschichte“ zeugt von Bennetts Brillanz und lässt sein Können als Drehbuchautor erstrahlen: Mit fein pointierten Dialogen agieren die Protagonist*innen Kammerspiel-artig und lassen so vor meinem inneren Auge eine bühnenreife Szenerie entstehen. Beinah schamhaft verfolgte ich die frivolen Taten der Hauptdarstellerin und hatte das Gefühl, dass ich selbst der Spanner wäre, der durch das Loch in der Wand dem Treiben im Nebenzimmer zusieht. Doch dank des delikaten Humors des Autors blieb mir für allzu viel Prüderie keinen Platz.

    Doch auch die zweite Geschichte amüsierte mich sehr, da sie auf ironische aber doch respektvolle Art die menschlichen (Un-)Tiefen offenlegt, moralische Defizite sichtbar macht und humorvoll das Heuchlerische der Gesellschaft demaskiert. Alle Personen spielen in dieser Geschichte eine Rolle, belügen sich gegenseitig und scheinen irgendwie trotzdem (oder gerade deswegen) mit dieser Situation zufrieden zu sein.

    Alan Bennett blickt mit Sympathie hinter die Kulissen der bürgerlichen Normalität. Er blickt direkt in die Seelen normaler Menschen, in denen so vieles nicht der Norm entspricht. Und gerade dieser Umstand macht seine Figuren so nahbar, so echt, so wahrhaftig. Denn wer von uns entspricht schon der Norm? Und was ist das überhaupt: die Norm?

    Doch als Kenner wie auch Freund kennt Bennett sich mit der menschlichen Spezies aus. Er weiß Bescheid und versteht…!

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    Cover des Buches Schloss Gripsholm (ISBN: 9783458361565)

    Bewertung zu "Schloss Gripsholm" von Kurt Tucholsky

    Schloss Gripsholm
    AndreasKueckvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Tucholskys „Lächeln einer Sommernacht“ in verführerischer Kombination mit Traxlers charmanten Illustrationen…!
    Tucholskys „Lächeln einer Sommernacht“ in verführerischer Kombination mit Traxlers charmanten Illustrationen…!

    „Nun möchte ich doch aber wieder einmal die schöne Literatur pflegen. Haben Sie gar nichts? Wie wäre es denn mit einer kleinen Liebesgeschichte?“ lässt Kurt Tucholsky in einem fiktiven Briefwechsel seinen Verleger Ernst Rowohlt ihn bitten. Doch eine schnöde Liebesgeschichte wäre dem Satiriker und Gesellschaftskritiker Tucholsky zu simpel: „Dann doch lieber eine kleine Sommergeschichte.“ gibt er als Zugeständnis. Und so lässt er aus seiner Feder diese biografisch anmutende aber nie bewiesene Geschichte fließen. Es ist Sommer, und der Urlaub steht vor der Tür, den unser Ich-Erzähler Kurt mit seiner momentanen Flamme Lydia in Schweden verbringen möchte. Dort angekommen beziehen sie ihr Feriendomizil im altehrwürdigen Schloss Gripsholm, genießen die Landschaft, die Ruhe und ganz besonders einander. Ihre Sommerfrische wird aufs Angenehmste gestört als sie nacheinander Besuch erhalten. Als erstes taucht Kurts alter Kamerad und Freund Karlchen auf, nach dessen Abreise nistet sich Lydias Freundin Billie bei ihnen ein. Die malerische Umgebung und die wärmende Sonne in Kombination mit dieser Leichtigkeit des Augenblicks bleiben nicht ohne Wirkung: Während es bei Karlchens Besuch nur sehr sachte zwischen den Anwesenden knistert, entfaltet sich der erotische Zauber dieser Sommernächte bei Billies Besuch in seiner Vollendung. Dieses „Savoir-vivre“ erhält allerdings einen kleinen Dämpfer durch das Schicksal eines kleinen Mädchens, das im nahen Kinderheim lebt und unter dem Terror der sadistischen Heimleitung Frau Adriani leidet. Unvermutet träufelt nun die Realität in die Postkarten-Idylle der jungen Leute. Sie handeln: Nach Rücksprache mit der in der Schweiz lebenden Mutter des Kindes, befreien sie dieses aus der quälenden Tyrannei und begleiten es wieder nach Hause…!

    Es scheint ja recht wenig zu passieren, und doch kitzelt Kurt Tucholsky aus diesem Wenigen ein Höchstmaß an Unterhaltung heraus. Seine Dialoge sind von einer intelligenten Leichtigkeit, voller Amüsement und doch mit ernsten Untertönen. Das Schloss Gripsholm in Schweden bildet für diese Erzählung die perfekte Kulisse – fremdländisch aber nicht zu exotisch, europäisch und trotzdem urwüchsig. Das alte Gemäuer hat im Laufe der Jahrhunderte sicher schon viel gesehen, viel erlebt, und somit ist ihm nichts Menschliches fremd. Was kümmern ihm da die erotischen Eskapaden einiger junger Menschen bzw. deren Shakespeare-haften Verwirrungen a là „Ein Sommernachtstraum“? Übrigens: Ich war sehr überrascht über die geschmackvolle Offenherzigkeit und darüber, wie der Autor diese Episode elegant in die Handlung einfließen lässt. Schließlich stammte die Geschichte aus dem Jahre 1931, der Spätzeit der Weimarer Republik, und die s.g. sexuelle Revolution war noch in weiter Ferne.

    Mit ironischem Witz, einem kleinen Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Sympathie porträtiert Tucholsky seine Figuren aufs Vortrefflichste. So bedenkt er „Kurt“ liebevoll mit einem drögen Literaten-Charme, während er „Lydia“ – als Offenbarung des ewig Weiblichen – patent, wortgewannt, entscheidungsfreudig aber auch ein Stück weit pragmatisch erscheinen lässt. Die jeweiligen Freunde „Karlchen“ und „Billie“ bilden dabei den gegensätzlichen und gleichzeitig ergänzenden Gegenpart. Sie übernehmen die wichtige Funktion, im Zusammenspiel mit unserem Helden/ unserer Heldin, noch unbekannte Charakterzüge zu offenbaren, um so mehr von ihren Persönlichkeiten zu zeigen. Allen ist gemein, dass sie sehr großherzig einander zugewandt sind bzw. miteinander umgehen. Und diese Großherzigkeit spiegelt sich ebenso in ihrem offenen Geist wieder.

    Es wirkt beinah so, als hätte es Tucholsky eine große Freude bereitet, die Figur der „Frau Adriani“ zu entwickeln und in ihr all die negativen Attribute zu vereinen, die man gemeinhin mit einem Machtmenschen verbindet. Die „Macht“ ist ihnen Lebenssinn und –zweck. Durch die „Macht“ werden sie definiert. Nehme ihnen die „Macht“, und es wird nichts übrig bleiben, da ihnen andere (menschliche) Tugenden fremd sind. Tucholsky vermeidet wohltuend, das allzu Bedrohliche dieser Figur in den Vordergrund zu stellen. Vielmehr wirkt „Frau Adriani“ wie eine Karikatur, auf der man erschaudernd einen Blick wirft und sich gleichzeitig ein Lachen nicht verkneifen kann.

    Wirkt die Geschichte oberflächlich eher leicht, so verbirgt sie unter dieser Leichtigkeit durchaus auch eine Ernsthaftigkeit. Sprachlich schenkt der Autor uns literarische Kabinettstückchen: So lässt er uns an fein beobachteten Erlebnissen teilhaben und frönt gekonnt-fröhlich der Formulierkunst, indem er den Berliner Dialekt mit Plattdeutsch mischt oder Begriffe eine andere Deutung gibt.

    Illustrator Hans Traxler findet für seine Bilder genau den richtigen „Ton“ – vielmehr Farbton. Mit klarem Strich und schwungvollen Rundungen gelingt ihm für jede Figur eine eigene, unverwechselbare Physiognomie, die viel von deren Charakter preisgibt. Auch die erotische Komponente der Geschichte versteht er bestens mit pikanter Sinnlichkeit darzustellen.

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    Cover des Buches Parker Pyne ermittelt (ISBN: 9783455013641)

    Bewertung zu "Parker Pyne ermittelt" von Agatha Christie

    Parker Pyne ermittelt
    AndreasKueckvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Christies eher unbekannter Ermittler: eine lohnende Wiederentdeckung…!
    Christies eher unbekannter Ermittler: eine lohnende Wiederentdeckung…!

    „SIND SIE GLÜCKLICH? WENN NICHT, DANN WENDEN SIE SICH AN MR PARKER PYNE, 17 Richmond Street.“

    …ist in einer schlichten Annonce in den Kleinanzeigen der Times zu lesen. Mr Parker Pyne, rund, klein und kahl, wirkt nun so gar nicht wie der Ritter in schimmernder Rüstung, der auf seinem edlen Ross herbeieilt, um die holde Maid aus ihrem Unglück zu befreien. Und trotzdem kennt er sich mit den menschlichen Höhen und Tiefen aus – zumindest theoretisch, da er 35 Jahre lang Statistiken bei einer staatlichen Behörde erstellt hat. Nun ist er in Rente und möchte die Theorie in der Praxis anwenden. Und so melden sich auf seine Annonce recht unterschiedliche Typen, um seine Dienst in Anspruch zu nehmen: Da ist die enttäuschte Hausfrau, die Angst hat, ihren Gatten an eine Jüngere zu verlieren. Oder der unbefriedigte Soldat, der nach seiner Pensionierung den Nervenkitzel in seinem Leben vermisst. Auch dem unscheinbaren Büroangestellten, der einmal nur aus seiner Bedeutungslosigkeit entfliehen wollte, konnte geholfen werden. Und selbst in seinem Urlaub ist Mr Parker Pyne nicht sicher vor Avancen, Aufträge zu übernehmen: Sei es, dass er die Hintergründe einer Entführung aufdeckt oder verschwundene Perlen seiner entzückenden Besitzerin zurück bringt. Parker Pyne scheint immer dort zur Stelle, wo Not am Mann bzw. an der Frau herrscht…

    Es ist wahrlich erstaunlich: Selbst mir als bekennender Christie-Fan ist ein von ihr kreierter Ermittler durch die Lappen gegangen. Ach, was sage ich – er war mir schlicht und ergreifend nicht bekannt! Doch man möge mir verzeihen: Schließlich tauchte der kleine, rundliche Statistiker nur in dieser Sammlung von 12 Kurzgeschichten auf bzw. gönnte sich zudem noch mit 2 weiteren Geschichten einen Abstecher zur Anthologie „Die mörderische Teerunde“. Aus welchen Gründen der Atlantik-Verlag die beiden „abtrünnigen“ Geschichten bei der Neu-Auflage von „Parker Pyne ermittelt“ nicht berücksichtigte, entzieht sich leider meiner Kenntnis.

    Doch zurück zu unserem Helden, der so wenig Heldenhaftes an sich hat: Beinah erhält man den Eindruck, als wäre Mr Parker Pyne ein Vorläufer des weltbekannten Hercule Poirot – allerdings in einer gemilderten Version. Zumal in beiden Settings dieselben Personen auftauchen: Auch Paker Pyne beschäftigt eine Miss Lemon als Sekretärin, und Christies „alter Ego“, die Kriminalschriftstellerin Ariadne Oliver gibt sich ebenso in einer Geschichte die Ehre (leider ist diese Geschichte nicht in dieser Sammlung enthalten). Doch ein Blick auf die Entstehungsjahre lehrt uns Besseres: So erblickte Hercule Poirot schon im Jahre 1920 das Licht der literarischen Welt, während Parker Pyne sich erst 1934 an die Öffentlichkeit wagte.

    Alles in allem ist Pyne weniger pedantisch sondern vielmehr von einer bewundernswerten Gelassenheit. Auch versteht er es mit seiner sympathischen Art, sein Gegenüber eher für sich einzunehmen, die ihn allerdings aufgrund seines eher durchschnittlichen Äußeren gerne unterschätzen. Spielen die ersten 6 Fälle noch in London bzw. in dessen Umgebung, wo Parker Pyne sich auf ein Team von bemerkenswerten Charakteren verlassen kann, zieht es ihn in den nachfolgenden 6 Geschichten alleine zwecks Urlaub in die Fremde. Gänzlich auf sich gestellt löst er aber auch dort vor den verführerischen Kulissen von Ägypten, Syrien oder Griechenland die verzwicktesten Rätsel.

    Alles in allem vereinigt dieses Buch eine Sammlung kleiner, feiner Unterhaltungs-Krimis, die mir beim Schmökern eine Menge Kurzweile geschenkt haben, zum Miträtseln einluden und mit so manchem unvorhersehbaren Twist überraschten. So manches Mal hatte sich die Geschichte recht verworren in eine Richtung entwickelt, dass ich mich mittendrin „auf halber Lese-Strecke“ fragte „Wie kommt er (Parker Pyne) bzw. vielmehr sie (Agatha Christie) aus dieser Nummer wieder raus?“.

    Doch wen wundert’s: Gemeinsam schafften sie es jedes Mal auf’s Wunderbarste!

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