BluevanMeer

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    Cover des Buches Durch die Nacht9783832183653

    Bewertung zu "Durch die Nacht" von Stig Sæterbakken

    Durch die Nacht
    BluevanMeervor einem Monat
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    Cover des Buches Labyrinth9783442758388

    Bewertung zu "Labyrinth" von Burhan Sönmez

    Labyrinth
    BluevanMeervor einem Monat
    Traurig und poetisch

    Boratin ist ein junger Musiker, Nacht für Nacht spielt er mit seiner Bluesband in den Clubs. Doch jetzt wacht er nach einen Selbstmordversuch im Krankenhaus auf und sein bisheriges Leben ist komplett aus seiner Erinnerung gelöscht. In Istanbul macht er sich auf die Suche nach sich selbst.

    Boratin kehrt als neuer Mensch aus dem Krankenhaus zurück. Er findet sich in einer Wohnung wieder, an die er sich nicht erinnert. Er sieht Möbel, die ihm nichts bedeuten, Schallplatten, die er nicht kennt und er führt Gespräche mit Menschen, die seine Freund*innen waren, aber er erinnert sich nicht mehr an sie. Auch an seine Schwester, die ihn aus Anatolien anruft und bittet, nach Hause zu kommen, hat er keine Erinnerung mehr. Er spielt ihr einen Menschen vor, den es nicht mehr gibt, denn sie weiß nicht, was passiert ist. Für sie spielt er Boratin, der in Istanbul lebt, einer Stadt, die sich nicht verändert hat und nicht verändern wird. Denn der Bosporus ist noch da und die Möwen sind es auch. Seine Band spielt die Blueslieder ohne ihn, denn er kann sich nicht mehr an seine poetischen Texte erinnern. 

    Dass alles seine Richtigkeit haben muss, dass er wirklich in seiner Wohnung ist und das Istanbul seine Stadt ist, wird ihm von seinem besten Freund Bek versichert. Bek hat ihn im Krankenhaus besucht und wird so etwas wie ein Fremdenführer und gleichzeitiger Experte für Boratins Leben. Aber warum Boratin sich in den Tod stürzen wollte, kann Bek ihm nicht beantworten. Stattdessen versucht er immer wieder den alten Boratin aufzuwecken.  Bek nimmt ihn mit in Restaurants, bringt ihn mit alten Freund*innen zusammen, organisiert ein Treffen mit der Frau, die Boratin früher liebte. Aber nichts triggert seine Erinnerung oder hilft gegen die Amnesie. 

    "Zunächst, wenn man jung ist, malt man sich die Zukunft aus, entwirft Utopien, hegt Hoffnungen. Die Zukunft ist lang, und alles ist möglich. Gegen Ende des Lebens sind dann die Möglichkeiten ausprobiert und erschöpft."

    Was bedeutet Zeit, was bedeutet Identität, was bedeutet Zugehörigkeit, wenn es nichts mehr gibt, auf das man sich beziehen könnte? Boratin ist irritiert, dass überall in der Stadt Plakate des Sultans hängen, bis er feststellt, dass es sich um den "aktuellen" Sultan handelt. Gegenwart und Vergangenheit geraten ihm immer wieder durcheinander. Dadurch ist Labyrinth nicht nur eine Geschichte über eine Amnesie eines Musikers, sondern auch ein poetischer Kommentar  zur politischen Lage in der Türkei. Boratin gelingt es von Null zu beginnen, weil er sich keiner Erinnerung stellen muss. Keinen Krisen, keinen Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land. Labyrinth hat deshalb auch allegorischen Charakter, aber am Ende dieses traurigen Buches ist auch so etwas wie ein Hoffnungsschimmer zu finden. Die Liebe weist einen Weg aus der Krise und Boratin lernt junge Demonstrant*-innen kennen, die geplant haben, die Plakate des Sultans zu vernichten. In dieser schwierigen Situation, sind es am Ende auch die eigenen Texte, die Boratin retten werden. Auch wenn sie vielleicht eine andere Bedeutung haben, als zuvor. Es ist die Sprache, die ihm einen Weg aus dem Labyrinth bahnt, in dem er gefangen ist und es ist sein eigenes Lied, das ihm einen Ausweg bietet.

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    Cover des Buches Lovecraft Country9783446258204

    Bewertung zu "Lovecraft Country" von Matt Ruff

    Lovecraft Country
    BluevanMeervor einem Monat
    Kurzmeinung: Am Anfang verwirrend, steigert sich die Erzählung, deren Einzelkapitel eher short stories gleichen, deutlich und bekommt ein furioses Finale
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    Cover des Buches Bell und Harry9783446261990

    Bewertung zu "Bell und Harry" von Jane Gardam

    Bell und Harry
    BluevanMeervor einem Monat
    Wohlfühlbuch deluxe

    Die britische Bestseller-Autorin Jane Gardam lässt in „Bell und Harry“ Menschen aus der Stadt und Dorfbewohner vom Land  aufeinander treffen. Das kann nicht ohne Reibereien funktionieren.

    Bell ist am Anfang der Geschichte acht Jahre alt. Er lebt in einer einsamen Gegend, viele Häuser sind verlassen. Überraschend wird eines der Häuschen an eine Familie aus London vermietet. Sein neuer Nachbar heißt Harry und beide werden gute Freunde.

    Jane Gardam erzählt in neun Kapiteln Geschichten vom Leben auf dem Land, die für die Städter ziemlich befremdlich sind. Wenn früh Morgens das Heu eingefahren wird, ist die Familie aus London genervt, die Dorfbewohner*innen wiederum können nicht verstehen, warum Harrys Papa nur seine Ruhe will.

    Aber die Abenteuer der Jungs sind noch vielfältiger. Sie unternehmen Ausflüge in unterirdische Stollen und müssen gerettet werden, sie verirren sich im Schneesturm, sie erleben winterliche Naturschauspiele von denen ihnen Harrys Opa berichtet hat und sie treffen sich heimlich Nachts im Wald.

    Jane Gardam schreibt sehr überzeugend von Dorftraditionen, skurrilen Gestalten auf dem Land und einer Freundschaft zwischen zwei Jungs, die ein ganzes Leben hält. Als nach Jahren überraschend ein Unbekannter im Dorf auftaucht, der Anspruch auf "Harrys" Häuschen erhebt, schlägt die Dorfgemeinschaft zurück.

    Mir haben die Geschichten gefallen, gerade weil Gardam sehr gekonnt die kindliche Perspektive ihrer Protagonist*innen einfängt. Bell und Harry ist ein ziemliches Wohlfühlbuch, das ich in einem Rutsch gelesen habe.

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    Cover des Buches Die Optimisten9783961610778

    Bewertung zu "Die Optimisten" von Rebecca Makkai

    Die Optimisten
    BluevanMeervor einem Monat
    Kurzmeinung: Selten hat mich ein Buch so bewegt, ganz groß.
    Die Optimisten

    Die us-amerikanische Autorin Rebecca Makkai erzählt in ihrem Roman "Die Optimisten" von Liebe, Freundschaft und den katastrophalen Auswirkungen der AIDS-Epidemie in den 1980er Jahren in Chicago. Yale ist ein Glückskind. Beruflich läuft es für ihn fantastisch. Er hat einen interessanten Job in einer Galerie und ist einem Glückstreffer auf der Spur. Eine ältere Dame hat ihre Gemäldesammlung zur Verfügung gestellt und er hat die Chance sich zu profilieren, denn die Gemälde könnten wertvoll sein. Außerdem plant er mit seinem langjährigen Freund Charlie ein kleines Haus zu kaufen. Rebecca Makkai gelingt es absolut nachvollziehbar und authentisch, die Gruppe verschiedenen Figuren und ihre Lebensentwürfe zu schildern. Eigentlich wollen alle nur ein ganz normales Leben führen, sich verlieben, einen sicheren Job haben. Und dann kommt eine Krise, die niemand vorhersehen konnte.

    Die Geschichte beginnt mit einer Trauerfeier. Nico, ein 25-jähriger Grafikdesigner ist an Aids gestorben und Yale weiß, dass Nico nicht der letzte sein wird. Auf der Trauerfeier kommen alle Freunde zusammen, versuchen sich Mut zuzusprechen und nicht aufzugeben. Immer mehr Männer in Yales Umfeld werden krank, entfernte Bekannte oder gute Freunde. Warum sie so schnell sterben, weiß niemand genau. Man besucht sie im Krankenhaus und sie sehen aus wie "ein Außerirdischer, ein Auschwitz-Gerippe, ein aus dem Nest gefallenes Vogelbaby". Es gibt keinen Impfstoff gegen die Krankheit und keine funktionierende Therapie. Mitte der 1980er Jahre befindet sich die Aids-Krise auf dem Höhepunkt. Bis zur Einführung der hochaktiven antiretroviralen HAART-Therapie im Jahr 1996, die Leben retten könnte, werden erst viele Jahre vergehen. 

    Yale und Charlie führen eigentlich eine perfekte Beziehung, sie halten zusammen, sie sind füreinander da. Doch Nicos Tod ist erst der Auftakt. Ihre Freunde sterben. Charlie leitet als Herausgeber ein queeres Magazin, Yale hat seine Arbeit in der Galerie. Doch auch hier begegnen ihnen Vorurteile. Mit jedem Tag, der vergeht, fühlen sie sich hilfloser. Niemand weiß, wen es als nächstes treffen wird. Yale erlebt die Zeit als so traumatisch und verstörend, dass er einmal formuliert, es entstünde gerade "das Bewusstsein dafür, die Reste seines Herzens zu schützen, die bei jeder Trennung, jedem Scheitern, jeder weiteren Beerdigung, jedem Tag auf der Erde in immer kleinere Fetzen gerissen wurden". Nicos Schwester Fiona versucht für alle da zu sein, sie hat nicht nur Nico in seinen letzten Stunden begleitet, sie ist auch für seinen Freund da und viele andere schwer Erkrankte, die sie pflegt. 

    Makkai hat aber nicht nur einen Roman über die 1980er Jahre geschrieben. Die Geschichte setzt sich bis ins Paris der Gegenwart fort. 2015 befindet sich Fiona in Paris, hier sucht sie ihr Enkelkind. Ihre Tochter Claire hat sich einem dubiosen Guru angeschlossen und keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. Fiona ist durch die Erlebnisse der Vergangenheit gezeichnet. In Paris besucht sie einen alten Freund von früher. Richard ist Fotograf und bereitet eine Ausstellung mit Bildern aus den 1980er Jahren vor. Hier schließt sich der Kreis und Fiona sieht seit langer Zeit wieder Bilder ihres verstorbenen Bruders und seiner Freunde. Kann Fiona die Vergangenheit hinter sich lassen und  Claire ihr verzeihen? Gerade als Fiona in Paris angekommen ist, ereignet sich der Terroranschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo. 

    Man könnte jetzt argumentieren, dass eine so komplexe Geschichte vielleicht ein bisschen zu viel ist. Tatsächlich erschien mir während des Lesens, die Geschichte von Yale und Charlie und ihren Freunden sehr viel stärker und nachvollziehbarer als die Geschichte der Gegenwart.  Es ist etwas schräg, den Roman im Moment zu lesen, denn die Unsicherheit, die manche Figuren befällt, während andere sich gar nicht erst einschränken lassen wollen, weil es einen doch eh erwischt, wecken starke Assoziationen zur gegenwärtigen Situation. Es ist eine ziemliche emotionale Achterbahnfahrt, davon zu lesen, wie die Freunde auf neue Erkenntnisse der Medizin hoffen, gleichzeitig ihr Leben nicht unterbrechen wollen, andererseits panische Angst davor haben, sich mit anderen zu treffen, da niemand genau über die Verbreitung des Virus und die Ansteckungswege Bescheid weiß. Je länger man den Roman aber verfolgt, desto wichtiger und interessanter wird die Figur Fiona, die beide Zeitebenen miteinander verbindet. 

    "Die Optimisten" ist ein Roman voller Abwechslung und Gefühlen, die im starken Kontrast zueinanderstehen und interessanten geschichtlichen Parallelen, die sich auftun. Nora, die ältere Dame, die Yale entdeckt, lebte in den 1920er Jahren in Paris und traf dort viele Künstler*innen, die später Weltruhm erlangten. Unter anderem hat sie für Modigliani Modell gesessen. Durch die Schenkung ihrer Bilder möchte sie aber auch unbekannten und vergessenen Künstler*innen ein Denkmal setzen, an die sich niemand mehr erinnern kann. Denn viele Freunde und Bekannte von Nora sind im Ersten Weltkrieg gefallen.

    Wartet man nicht eigentlich permanent darauf, dass die Welt aus den Fugen gerät? Wenn die Verhältnisse stabil sind, dann immer nur vorübergehend.

    Makkai hat einen Roman geschrieben, der auf so vielen unterschiedlichen Ebenen berührt und dabei beste Pageturnerqualität bietet, ohne trivial zu sein. Es geht um Liebe, Verlust und Familie, aber auch um Freundschaft und füreinanderdasein. Gleichzeitig wird durch die zweite Erzählebene auch deutlich, dass die Zeit nicht alle Wunden heilen kann und wie wichtig es ist, sich an die Vergangenheit zu erinnern. Sehr bewegend und ganz ganz groß.


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    Cover des Buches Vorbereitung auf das nächste Leben9783716027455

    Bewertung zu "Vorbereitung auf das nächste Leben" von Atticus Lish

    Vorbereitung auf das nächste Leben
    BluevanMeervor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Eine moderne Liebesgeschichte zwischen gesellschaftlich abgehängten Menschen in den USA. Unfair und tragisch, dabei deprimierend gut.
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    Cover des Buches Der Defekt9783036958217

    Bewertung zu "Der Defekt" von Leona Stahlmann

    Der Defekt
    BluevanMeervor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Ein grandioses Debüt über Schmerz und Lust und die Suche nach dem richtigen Platz für sich selbst. Poetisch, zärtlich und echt.
    Der Defekt

    Mina ist 16 Jahre alt und lebt in einem Dorf, irgendwo in der süddeutschen Provinz. Sie fühlt schon lange, dass sie anders ist als andere Menschen, anders als ihre Freundinnen. Sie kann sich diesen "Defekt" nicht erklären. Als sie im Sommer den eigenbrödlerischen Vetko kennenlernt, entdeckt sie, was dieser Defekt ausmacht, der sie unverhofft aus ihrem langweiligen und doch eintönigen Leben in neue Sphären der Lust katapultiert. Gemeinsam mit Vetko spürt sie einem Geheimnis nach, das sie schon seit Kindertagen für sich behält. Als kleines Kind entdeckte sie beim Griff in die Brennesseln, dass Schmerz und Lustempfinden für sie zusammengehören. Und Vetko scheint der einzige zu sein, der ihr genau das geben kann, was sie sucht.

    In starken Bildern und einer poetischen Sprache erzählt Leona Stahlmann davon, wie es ist anders zu sein und sich auf die Suche nach der eigenen sexuellen Identität zu machen, die immer wieder auch das Austarieren von Grenzen für Mina selbst und auch für Vetko bedeutet. Und auch wenn es Mina am Anfang nicht so auffällt, muss sie entdecken, dass Vetko genau so auf sie angewiesen ist wie sie auf ihn. Auch in einer Beziehung, die durch Dominanz des einen Partners geprägt ist, herrscht nicht automatisch Grenzenlosigkeit.

    Mich hat der Roman sehr begeistert, weil sehr gekonnt die Psychologie und sexuelle Spannung der besonderen Beziehung zwischen Mina und Vetko beschrieben wird, ohne dass die Geschichte jemals plump oder voyeuristisch wäre. Im Gegenteil. Ganz behutsam schildert Stahlmann diese Beziehung außerhalb der vermeintlichen sexuellen Norm, frei von belehrenden Untertönen. Mina befindet sich in diesem Sommer auf dem langen Weg der Selbstakzeptanz, der gerade erst begonnen hat.Ein grandioses Debüt über Schmerz und Lust und die Suche nach dem richtigen Platz für sich selbst. Poetisch, zärtlich und echt.

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    Cover des Buches Von schlechten Eltern9783608504286

    Bewertung zu "Von schlechten Eltern" von Tom Kummer

    Von schlechten Eltern
    BluevanMeervor 2 Monaten
    Ein atmosphärischer Trauerprozess

    Ein Mann trauert und versucht sich gleichzeitig um seinen Sohn zu kümmern. Nachts fährt er Taxi und erinnert sich an seine verstorbene Frau. 

    Die Nähe von Figur und Autor ist bewusstes Stimittel ,bereits in seinem vorigen Roman, widmete sich Kummer in einer Art autobiografischen Fiktion seiner Frau und ihrer gemeinsamen Zeit. Und ja, dann gab es noch diese Debatte um fiktionale Interviews oder literarisierte Interviews, in jedem Fall liegt Kummer die Nähe zur Realität auf seine Weise aus, hier trägt der Erzähler den selben Namen wie der Schriftsteller, aber hier geht es um das Danach. Wie geht man damit um, wenn ein geliebter Mensch stirbt?


     In Von schlechten Eltern begleiten wir aber nicht nur diesen Trauerprozess, der wie ein Roadmovie funktioniert, in dem es stetig voran, aber irgendwie auch ins nichts geht, der Roman thematisiert auch die Auswirkungen der Globalisierung.

    Der Erzähler ist in der Nacht unterwegs, über Autobahnen und durch Tunnel, entlang der Berge, quer durch die Schweiz. Tom ist Fahrer im Luxussegment, mit der Limousine holt er wichtige Gäste vom Flughafen ab und versucht so diskret zu sein, wie möglich. Er ist Chaffeur von afrikanischen VIPs und Diplomat*innen, manche schleppen Geldkoffer mit sich, manche sind redselig, manche wollen in die Berge gefahren werden, um sich vom höchsten Punkt des Gipfels in den Tod zu stürzen.

    Morgens ist er wieder Zuhause, so früh, dass sein Sohn, der 12 Jahre alt ist, nichts von seinem Job bemerkt. Sie frühstücken, Vincent geht zur Schule. Die Nachbarn stellen eine Gefährdungsanzeige beim Jugendamt. Tom fährt weiter und lässt während der Fahrten, die Gedanken zu seiner Frau schweifen. Es wirkt unfertig, dieses Leben. Nicht nur, weil Nina, die an Krebs starb, fehlt. Der Ich-Erzähler lebte lange im Ausland, ist gerade erst aus der USA in die Schweiz zurückgekommen - eine Gemeinsamkeit, die der Erzähler mit dem Schriftsteller teilt. In den USA lebt im Roman weiterhin einer der Söhne, er ist 18, die Gesprächchats sind kurz, der Kontakt sporadisch. Warum, fragt man sich.

    Wahrscheinlich, weil die Trauer diesen gelähmten Erzähler sonst auffressen würde, statt mit seinen Söhnen zu kommunizieren, zieht er sich in die Nacht und auf die Autobahn zurück, 30 Jahre liebte er Nina, in der Nacht spricht sie zu ihm. Von schlechten Eltern ist deshalb auch so ein treffender Titel, weil Tom in diesen Gesprächen dem Tod näher ist als dem Leben, seiner Frau näher als den Söhnen. Die Angst, dass der Erzähler mit voller Absicht in der Dunkelheit verschwindet, die Klippe hinunter fährt, in den dunklen See geht und nicht zurückkommt, diese Atmosphäre zieht sich durch das ganze Buch.

    Und eine andere Ebene mischt sich in die Geschichte. Der Sohn, der noch da ist, ist Toms Erinnerung an Nina. Tom beobachtet ihn im Schlaf, er will ihm nahe sein, er beschreibt ihn mit großer Gefühlsregung, die mitunter in eine schräge Obsession zu kippen droht. Gerade auch, wenn Tom sich an seine eigene Kindheit erinnert. Ist das der erste Schritt in Richtung eines Übergriffs oder die überbordende Trauer, die Tom die verlorengegangene Nähe zu seiner Frau im Bett seines Sohnes suchen lässt? Es passiert nichts offensichtliches, aber offensichtlich ist, dass Tom seinen Sohn dringender in diesem Prozess braucht, als dieser ihn...

    Das alles vor dem Hintergrund einer dystopisch anmutenden Schweiz, die nur aus Nacht und Bergen und Straßen besteht, sorgt für eine beeindruckende und atmosphärische Erzählung, in der am Ende nicht immer klar ist, was Tom sich vorstellt und mit welchen Dämonen der Vergangenheit ringt und was gerade tatsächlich passiert.

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    Cover des Buches Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt9783791525402

    Bewertung zu "Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt" von Nicola Yoon

    Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt
    BluevanMeervor 2 Monaten
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    Cover des Buches Wir holen alles nach9783257071306

    Bewertung zu "Wir holen alles nach" von Martina Borger

    Wir holen alles nach
    BluevanMeervor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Fantastisch erzählt, die Seiten fliegen nur so dahin.
    Leise und eindrücklich

    Eigentlich ist nichts passiert. Doch, es ist etwas passiert. Nein, doch nicht. Oder doch? In dem Roman Wir holen alles nach stehen zwei Frauen im Mittelpunkt, die sich nicht immer richtig verhalten. Es ist eine Geschichte über das, was Menschen voreinander verbergen und die subjektiven Theorien, die sie trotzdem übereinander haben. Man glaubt etwas, über eine andere Person, doch ob es zutrifft weiß man nicht.  

    Ellen ist Rentnerin und lebt in München. Hier wohnt sie gemeinsam mit ihrem Hund, gibt Nachhilfe, um sich ihre Rente aufzubessern und trägt jeden Morgen die Zeitung aus. Ihre Kinder leben schon lange nicht mehr Zuhause. Ellen versucht die Welt immer ein Stückchen besser zu machen. Sie versucht auf Plastik zu verzichten, sie isst wenig Fleisch. Bereits mit 40 Jahren war sie Witwe, sie hat sich an ein Leben alleine gewöhnt. Und sie glaubt, immer das Richtige zu tun.

    Doch dann passiert es. Sie bekommt einen neuen Nachhilfeschüler. Elvis ist in der Grundschule und nicht so gut in Deutsch. Ellen hilft Elvis, Elvis hilft ihr. Sie gehen gemeinsam mit dem Hund spazieren, kochen und machen Hausaufgaben. Ellen gewöhnt sich sehr schnell an ihre Rolle als Ersatz-Omi und daran, dass Elvis regelmäßig zu ihr nach Hause kommt. Elvis ist manchmal sehr traurig, das macht Ellen große Sorgen. Stimmt etwas bei ihm Zuhause nicht? 

    Sina ist die Mutter von Elvis. Sie hat einen stressigen Job, sie versucht sich um Elvis zu kümmern und sie braucht Zeit für ihren neuen Partner Torsten. "Wir holen alles nach!", das sind ihre Worte, das sagt sie oft zu Elvis. Denn viel Zeit hat sie nicht für ihren Sohn. Torsten hatte ein Alkoholproblem, aber ist seit einiger Zeit trocken. Das behauptet er zumindest. Sina erlebt hautnah mit, wie die Scheidung mit Torstens Exfrau abläuft und wie wenig er seine Kinder sehen kann. Das macht sie traurig. Sie glaubt daran, dass Torsten mit Elvis alles besser machen kann. Aber dann wird sie von Ellen angesprochen, die sich Sorgen um Elvis macht und es steht ein ungeheuerlicher Verdacht im Raum. Wie soll Sina reagieren? Gegenüber dieser Frau, die sie braucht und auf die sie trotzdem neidisch ist, denn sie verbringt mehr Zeit mit Elvis und warum hat sie, seine Mutter, nichts gemerkt? 

    Martina Borger gelingt es meisterhaft und psychologisch sehr feinsinnig, die Verdachtsmomente der beiden Frauen und ihre Reaktionen darauf, auszuloten. Wie verhält sich Ellen gegenüber Elvis? Was macht sie mit dem Verdacht gegenüber Torsten? Wie reagiert Sina gegenüber Torsten? Was sollen sie tun, wenn Elvis nicht spricht? Aus dieser ungünstigen Ausgangslange entwickelt sich ein feingesponnenes Netz aus Gerüchten, Verdächtigungen, unausgesprochenen Anschuldigungen, die alle Beteiligten verändern werden. Der Roman ist sehr leise erzählt und trotzdem genau. Wie auf einem Seziertisch nimmt Martina Borger die Gefühle der beiden Frauen auseinander und eine unheilvolle Kettenreaktion entsteht. Ich konnte den Roman kaum zur Seite legen und das hatte ich nach den ersten Kapiteln nicht erwartet. Ein leiser Roman, sehr gelungen und eindrücklich erzählt.






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